Giacomo Casanova Erinnerungen, Band 2 Übersetzer: Heinrich Conrad Inhalt Erstes Kapitel Ich finde Giulietta wieder und bei ihr den angeblichen Grafen Celi, der inzwischen Graf Alfani geworden ist. – Ich beschließe nach Neapel zu reisen. – Ein Erlebnis, das mich auf einen anderen Weg bringt. Zweites Kapitel Ich kaufe einen schönen Wagen und reise mit dem alten Hauptmann und der jungen Französin nach Parma. – Ich sehe Genoveffa wieder und schenke ihr ein Paar schöne goldene Armbänder. – Ich bin ratlos wegen meines Verhältnisses zu meiner Reisegefährtin. – Selbstgespräch. – Unterhaltung mit dem Hauptmann. – Zwiesprache mit der Französin. Drittes Kapitel Ich reise als glücklicher Mann von Bologna ab. – Der Hauptmann trennt sich von uns in Reggio, wo ich mit Henrietten die Nacht verbringe. – Unsere Ankunft in Parma. – Henriette legt wieder weibliche Kleider an. – Unser gegenseitiges Glück. – Ich finde Verwandte von mir, gebe mich aber nicht zu erkennen. Viertes Kapitel Ich nehme trotz Henriettens Widerstreben eine Loge in der Oper. – Herr Dubois kommt zu uns zum Essen; Eulenspiegelstreich, den ihm meine Freundin spielt. – Betrachtungen Henriettens über das Glück. – Wir gehen zu Dubois; wunderbares Talent, das meine Freundin dort entfaltet. – Herr Dutillot. – Prachtvolles Hoffest im herzoglichen Park. Verhängnisvolle Begegnung. – Ich habe eine Zusammenkunft mit dem Günstling des Infanten, Herrn Antoine. Fünftes Kapitel Henriette empfängt Herrn d'Antoine. – Ich verliere diese liebenswürdige Frau, die ich bis Genf begleite. – Ich kehre über den St. Bernhard nach Parma zurück. – Brief Henriettens. – Meine Verzweiflung. – De la Haye schließt sich mir an. – Ärgerliches Abenteuer mit einer Schauspielerin und dessen Folgen. – Ich werde fromm. – Bavois. – Mystifikation eines renommistischen Offiziers. Sechstes Kapitel Ich erhalte gute Nachrichten aus Venedig, kehre dorthin zurück und nehme de la Haye und Bavois mit mir. – Wir werden von meinen drei Freunden ausgezeichnet aufgenommen; ihre Überraschung, als sie mich als ein Muster von Frömmigkeit sehen. – Bavois bringt mich zu meinem früheren Lebenswandel zurück. – De la Haye als echter Heuchler. – Abenteuer mit dem Mädchen Marchetti. – Ich gewinne in der Lotterie. – Ich finde Baletti wieder. – De la Haye verläßt den Palazzo Bragadino. – Ich reise nach Paris ab. Siebentes Kapitel Komisches Erlebnis auf der Durchreise in Ferrara. – Meine Ankunft in Paris. Achtes Kapitel Meine Lehrzeit in Paris. – Portraits. – Eigentümlichkeiten. – Allerlei. Neuntes Kapitel Meine Tapereien in der französischen Sprache; meine Erfolge: meine zahlreichen Bekanntschaften. – Ludwig der Fünfzehnte. – Ankunft meines Bruders in Paris. Zehntes Kapitel Mein Handel mit der Pariser Justiz. – Fräulein Vesian. Elftes Kapitel Die schöne O'Morphi. — Der Schwindelmaler. — Ich mache bei der Herzogin von Chartres kabbalistische Berechnungen. — Ich verlasse Paris. — Mein Aufenthalt in Dresden. Zwölftes Kapitel Mein Aufenthalt in Wien. – Josef der Zweite. – Abreise nach Venedig. Dreizehntes Kapitel Ich gebe das von Wien mitgenommene Porträt heraus. – Ich gehe nach Padua; Abenteuer auf der Rückreise; Folgen dieses Abenteuers. – Ich finde Teresa Imer wieder. – Ich mache die Bekannschaft von Fräulein C.C. Vierzehntes Kapitel Fortgang meiner Liebschaft mit der schönen C. C. Fünfzehntes Kapitel Forstsetzung meiner Liebschaft mit C. C. – Herr von Bragadino hält für mich um die Hand des jungen Mädchens an. – Ihr Vater sagt nein und schickt sie in ein Kloster. – De la Haye. – Ich verliere im Spiel. – Teilhaberschaft mit Croce, die mich wieder zu Geld bringt. – Verschiedene Erlebnisse. Sechzehntes Kapitel Ich komme wieder zu Gelde. – Mein Abenteuer in Dolo. – Analyse eines langen Briefes von meiner Freundin. – Übler Streich, den P. C. mir in Vicenza spielt. – Tragikomischer Aufritt im Gasthof. Siebzehntes Kapitel Croce wird aus Venedig ausgewiesen. – Sgombro. – Sein niederträchtiges Verbrechen und sein Tod. – Meiner geliebten C. C. stößt ein Unglück zu. – Ich erhalte einen anonymen Brief von einer Nonne und antworte darauf. – Liebeshandel. Achtzehntes Kapitel Die Gräfin Coronini. – Liebesverdruß. – Versöhnung. – Erste Zusammenkunft. – Philosophische Abschweifung. Neunzehntes Kapitel Fortsetzung des vorigen Kapitels. – Erstes Beisammensein mit M. M.– Brief von C. C. – Meine zweite Zusammenkunft mit der Nonne in meinem prachtvollen Kasino in Venedig. – Ich bin glücklich. Zwanzigstes Kapitel Fortsetzung des vorigen Kapitels. – Besuch im Sprechzimmer des Klosters und Unterhaltung mit M. M. – Ein Brief von ihr und meine Antwort darauf. – Neue Zusammenkunft im Kasino von Murano unter den Augen ihres Liebhabers. Einundzwanzigstes Kapitel Ich schenke M. M. mein Bild. – Ihr Gegengeschenk. – Ich gehe mit ihr in die Oper. – Sie spielt und bringt mich wieder zu Gelde. – Philosophische Unterhaltung mit ihr. – Brief von C. C.; sie weiß alles. – Ball im Kloster; meine Heldentaten als Pierrot. – Anstelle von M. M. kommt C. C. ins Kasino. – Dumme Nacht, die ich mit ihr verbringe. Zweiundzwanzigstes Kapitel Ich bin in großer Gefahr, in den Lagunen zu ertrinken. – Briefe von E. E. und R. R. – Versöhnungsbeisammensein im Kasino von Murano. – Ich erfahre den Namen von R. R.s Freund und erkläre mich einverstanden, ihn und unsere gemeinsame Geliebte zum Abendessen in mein Kasino einzuladen. Dreiundzwanzigstes Kapitel Ich soupiere selbdritt mit dem französischen Gesandten, Herrn von Bernis – Ein Vorschlag von M. M., den ich annehme. – Folgen davon. – C. C. wird mir untreu, ich kann mich jedoch nicht darüber beklagen. Vierundzwanzigstes Kapitel Herr von Bernis reist ab und überträgt mir alle Rechte auf sein Kasino. – Er gibt mir weise Ratschläge, die ich sehr schlecht befolge. – Ich bin in Gefahr, mit M. M. zu ertrinken. – Der englische Gesandte Murray. – Wir haben kein Kasino mehr; unsere Zusammenkünfte hören daher auf. – M. M. wird schwer krank. – Zorzi und Condulmer. – Tonina. Fünfundzwanzigstes Kapitel Fortsetzung des vorigen. – M. M. wird wieder gesund. – Ich kehre nach Venedig zurück. – Tonina tröstet mich. – Abschwächung meiner Liebe zu M. M. – Doktor Righelini. – Eigentümliches Gespräch mit ihm. – Folgen dieser auf M. M. bezüglichen Unterhaltung. – Herrn Murrah wird sein Irrtum benommen, und er wird gerächt. Sechundzwanzigstes Kapitel Das Abenteuer mit der falschen Nonne nimmt einen scherzhaften Ausgang. – M. M. erfährt, daß ich eine Geliebte habe. – Sie wird an dem elenden Capucefalo gerächt. – Ich ruiniere mich im Spiel; auf M. M.s Veranlassung verkaufe ich nach und nach alle ihre Diamanten; aber das Glück bleibt hartnäckig mir feindlich gesinnt. – Ich trete Tonina an Murray ab, der sie auf Lebenszeit versorgt. – An ihre Stelle tritt ihre Schwester Barberina. Siebenundzwanzigstes Kapitel Die schöne Kranke wird von mir geheilt. – Komplott gegen mich. – Die junge Gräfin Bonafede. – Die Erberia. – Haussuchung. – Gespräch mit Herrn Bragadino. – Ich werde auf Befehl der Staatsinquisitoren verhaftet. Achtundzwanzigstes Kapitel Unter den Bleidächern. – Erdbeben. Neunundzwanzigstes Kapitel Verschiedene Zwischenfälle. – Haftgenossen. – Vorbereitungen zur Flucht. – Überführung in einen anderen Kerker. Dreißigstes Kapitel Die unterirdischen Gefängnisse, genannt: I pozzi – Lorenzos Rache. – Ich trete in Briefwechsel mit einem andere Gefangenen, dem Pater Balbi; sein Charakter. – Ich verabrede mit ihm meine Flucht. – Listiges Verfahren, um ihn meinen Spieß bekommen zu lassen. – Es gelingt. – Man gibt mir einen niederträchtigen Menschen zur Gesellschaft; sein Porträt. Einunddreißigstes Kapitel Soradacis Verrat. – Ich mache ihn dumm. – Pater Balbi vollendet glücklich seine Arbeit. – Ich verlasse mein Gefängnis. – Unangebrachte Bedenken des Grafen Asquino. – Aufbruch zur Flucht. Zweiunddreißigstes Kapitel Ich verlasse meinen Kerker. – Lebensgefahr auf dem Dach. – Ich verlasse den Dogenpalast, schiffe mich ein und gelange aufs Festland. – Pater Balbi bringt mich in große Gefahr. – Ich muß eine List anwenden, um mich für den Augenblick von ihm zu trennen. Anhang Casanovas Flucht und die Kritiker Erstes Kapitel Ich finde Giulietta wieder und bei ihr den angeblichen Grafen Celi, der inzwischen Graf Alfani geworden ist. – Ich beschließe nach Neapel zu reisen. – Ein Erlebnis, das mich auf einen anderen Weg bringt. Als ich nach einem kurzen Spaziergang in meinen Gasthof in Cesena zurückkam, gab der Wirt mir den Theaterzettel, worauf vier Vorstellungen der Metastasioschen Dido im Spadatheater angekündigt wurden. Da ich sah, daß weder unter den Künstlern noch unter den Künstlerinnen Bekannte von mir waren, entschloß ich mich, mir die Abendvorstellung anzusehen und erst am anderen Morgen mit der Post abzureisen. Mich stachelte immer noch ein kleines bißchen Furcht vor der Inquisition, und es war mir, wie wenn sie mir schon dicht auf den Hacken säße. Bevor ich den Zuschauerraum betrat, ging ich in das Ankleidezimmer der Schauspielerinnen, und die erste kam mir recht appetitlich vor. Sie war Bologneserin und hieß Narici. Ich begrüßte sie und fragte sie nach einigen Komplimenten, ob sie frei sei. »Ich bin«, antwortete sie, »nur der Direktion gegenüber verpflichtet.« »Haben Sie einen Liebhaber?« »Nein.« »Ich erbiete mich als solchen, wenn Sie Lust haben.« Sie lächelte spöttisch und sagte: »Ach, nehmen Sie mir doch vier Karten zu den vier Vorstellungen ab.« Ich zog zwei Zechinen aus meiner Börse, die ich absichtlich so hielt, daß sie sehen mußte, wie gut sie gespickt war; dann nahm ich die vier Karten, gab sie ihrer Zofe, die hübscher war als sie, und ging ohne weiter ein Wort zu sagen. Sie rief mich zurück; ich tat aber, als hörte ich sie nicht, und nahm mir einen Parkettplatz. Da ich alles höchst mittelmäßig fand, stand ich nach dem ersten Ballet auf, um fortzugehen. Als ich dabei zufällig einen Blick auf die große Loge warf, sah ich zu meinem großen Erstaunen den Venetianer Manzoni mit der berühmten Giulietta, deren famosen Ball mit der Ohrfeige der Leser wohl noch in Erinnerung haben wird. Da ich sah, daß man mich nicht bemerkte, fragte ich meinen Nachbar, wer wohl die schöne Dame mit den vielen Diamanten sei. Er antwortete mir: »Das ist Signora Querini aus Venedig; der Eigentümer des Theaters, General Graf Spada, den Sie an ihrer Seite sehen, hat sie aus seiner Heimat Faenza hierher gebracht.« Es freute mich sehr, daß Herr Querini sie endlich geheiratet hatte, aber ich dachte nicht daran, mich ihr zu nähern – aus Gründen, die der Leser ebenso wenig vergessen haben wird wie die Vorfälle, als ich sie auf ihr Verlangen als Abbaten verkleiden mußte. Ich wollte also gehen; aber im selben Augenblick gewahrte sie mich und winkte mich heran. Ich kam; da ich aber nicht bekannt sein wollte, sagte ich ihr leise, ich nenne mich Farussi. Manzoni sagte mir, ich spräche mit Ihrer Excellenz Signora Querini. »Ich weiß es«, sagte ich zu ihm, »aus einem Brief, den ich aus Venedig erhielt, und ich wünsche der gnädigen Frau von Herzen Glück dazu.« Giulietta verstand mich, machte mich auf der Stelle zum Baron und stellte mich dem Grafen Spada vor. Sofort lud der Herr mich sehr liebenswürdig ein, in seine Loge zu kommen. Nachdem er mich gefragt hatte, wober ich käme, wohin ich ginge und so weiter, bat er mich, ihm die Ehre zu erweisen und bei ihm zu Nacht zu speisen. Vor zehn Jahren war er Giuliettas Freund in Wien gewesen, als Maria Theresia in Anbetracht des bösen Einflusses ihrer Reize sie ausweisen zu müssen glaubte. Sie hatte in Venedig die Bekanntschaft mit ihm erneuert und hatte ihn veranlaßt, sie zu einer Vergnügungspartie mit sich nach Bologna mitzunehmen; und ihr alter Anbeter, Herr Manzoni, der mir dies alles erzählte, begleitete sie, um Herrn Querini über ihre gute Aufführung berichten zu können. Er war allerdings kein sehr gut gewählter Tugendwächter. In Venedig wollte sie überall die Meinung verbreiten, daß Herr Querini sie im Geheimen geheiratet habe; aber in einer Entfernung von fünfzig Meilen hielt sie diese Formalität nicht für angebracht, und der General hatte sie bereits dem ganzen Adel von Cesena als Signora Querini Papozze vorgestellt. Ubrigens hätte Herr Querini unrecht gehabt, wenn er auf den General eifersüchtig gewesen wäre, denn dieser war ein so alter Bekannter, daß es nicht darauf ankommen konnte, wenn er der Schönen den Hof machte. Übrigens gilt es bei gewissen Frauen als ausgemacht, daß ein Mann, der als neuester Liebhaber sich auf einen alten Bekannten eifersüchtig zeigt, nur ein Dummkopf sein kann und als solcher zu behandeln ist. Giulietta hatte mich schnell gerufen, weil sie ohne Zweifel meine Indiskretion fürchtete; als sie aber sah, daß ich ebenfalls die ihrige zu fürchten hatte, da beruhigte sie sich; ich war so vernünftig, sie von Anfang an mit allen ihrem Stande schuldigen Rücksichten zu behandeln. Beim General fand ich zahlreiche Gesellschaft und ziemlich hübsche Frauen. Da ich Giulietta nicht sah, fragte ich Herrn Manzoni nach ihr, und er sagte mir, sie sitze am Pharaotische und verliere ihr Geld. Ich ging in den Spielsaal und sah sie zur Linken des Bankhalters sitzen, welcher bei meinem Anblick erbleichte. Er war der angebliche Graf Celi. Er bot mir ein Buch Die dreizehn Karten, die der Spieler benützt, um darauf seine Einsätze zu machen. an, ich wies es höflich zurück, nahm aber Giuliettas Anerbieten an, Halbpart mit ihr zu spielen. Sie hatte etwa fünfzig Zechinen vor sich liegen; ich gab ihr ebenso viel und setzte mich neben sie. Nach Schluß der Taille fragte sie mich, ob ich den Bankhalter kenne, und ich bemerkte, daß er es gehört hatte. Ich sagte Nein. Die Dame, die zu meiner Linken saß, sagte mir, es sei der Graf Alfani. Eine halbe Stunde später hatte Frau Querini ein Sept et le va von achtzig Zechinen auf einer Karte stehen Sie hatte also auf die Karte dreimal gewonnen und den ursprünglichen Satz von zehn Zechinen nebst den Gewinnen stehen lassen. , und der Abzug war entscheidend; ich stand auf und heftete meine Blicke auf die Hände des Bankhalters. Trotzdem schlug er die Volte und die Signora verlor. Im selben Augenblick kam der General und holte Sie zu Tisch; sie ließ den Rest ihres Goldes liegen und stand auf; nach dem Dessert kehrte sie an den Spieltisch zurück und verlor alles. Ich belebte das Mahl durch eine Menge kleiner Geschichten und feiner Scherze und gewann mir dadurch die Freundschaft der ganzen Gesellschaft, ganz besonders die des Generals. Als er von mir gehört hatte, ich ginge nur um einer verliebten Laune willen nach Neapel, beschwor er mich, einen Monat bei ihm zu verbringen und ihm zuliebe meine Laune zu opfern. Sein Bitten war jedoch vergeblich; denn da mein Herz leer war, so drängte es mich, Lucrezia und Teresa wiederzusehen, von deren Reizen ich nach fünf Jahren nur noch eine verworrene Erinnerung hatte. Doch erklärte ich mich bereit, die vier Tage in Cesena zu bleiben, die er noch dort verbringen wollte. Als ich mich am anderen Morgen anzog, sah ich den Feigling Alfani-Celi erscheinen. Ich empfing ihn mit einem spöttischen Lächeln, indem ich ihm sagte, ich hätte ihn erwartet. Da mein Friseur anwesend war, antwortete er nichts; sobald wir aber allein waren, fragte er mich: »Welche Gründe können Sie haben, mich zu erwarten?« »Meine Gründe sind Wahrscheinlichkeiten, die Sie im einzelnen hören werden, sobald Sie mir hundert Zechinen aufgezählt haben, was Sie sofort tun werden.« »Hier sind fünfzig, die ich Ihnen überbringen wollte; mehr können Sie nicht verlangen.« »Ich nehme fie als Abzahlung an; aber ich warne Sie im Guten, sich heute abend nicht beim Grafen einzufinden, denn Sie werden dort nicht empfangen werden; und das wird man mir zu verdanken haben.« »Ich hoffe, Sie werden es sich überlegen, ehe Sie eine solch schlechte Handlung begehen.« »Ich habe es mir bereits genügend überlegt. Aber schnell, machen Sie, daß Sie fortkommen!« Es klopfte an meiner Tür, und der angebliche Alfani verschwand, ohne daß ich nötig hatte, ihm meine Aufforderung zu wiederholen. Der neue Besucher war der neue Kastrat, der mich im Auftrag der Narici zum Essen einladen sollte. Ich fand die Einladung spaßhaft und nahm sie lachend an. Dieser Kastrat und Komiker hieß Niccola Peretti und behauptete, der Enkel eines natürlichen Sohnes von Sixtus dem Fünften zu fein, was sehr leicht möglich sein kann. Fünfzehn Jahre später werde ich von ihm sprechen. Beim Eintreten sah ich den Grafen Alfani, der mich ganz gewiß nicht erwartete; mir kam die Idee, er müsse mich für seinen bösen Geist halten. Er begrüßte mich mit großer Höflichkeit und bat mich, zwei Worte unter vier Augen mit mir sprechen zu dürfen. »Ich gebe Ihnen noch fünfzig Zechinen«, sagte er zu mir; »aber als Ehrenmann können Sie diese nur annehmen, um sie Frau Querini wiederzugeben: wie aber wollen Sie sie ihr auszahlen, ohne ihr zu sagen, daß Sie mich zu dieser Rückerstattung genötigt haben? Sie werden fühlen, welche Folgen dies haben könnte.« »Ich werde sie ihr übergeben, wenn Sie nicht mehr hier sind; unterdessen werde ich verschwiegen sein; aber hüten Sie sich, in meiner Gegenwart das Glück zu verbessern, denn ich würde Ihnen einen bösen Streich spielen.« »Verdoppeln Sie meine Bank, und Sie bekommen Halbpart.« »Ihr Vorschlag ist eine Beleidigung.« Ich erhielt die fünfzig Zechinen und versprach ihm, das Geheimnis zu bewahren. Bei der Schauspielerin war zahlreiche Gesellschaft, besonders junge Leute, die nach dem Essen sämtlich ihr Geld verloren. Ich spielte nicht, und dadurch fühlte die Schöne sich enttäuscht; denn sie hatte mich nur eingeladen, weil sie dachte, ich müßte auch einer von derselben Sorte sein, wie die anderen. Als einfacher Zuschauer hatte ich die Gelegenheit, zu beobachten, wie sehr Mohammed recht hatte, daß er alle Glücksspiele verbot. Am Abend nach der Oper legte der Graf eine Bank auf; ich spielte und verlor zweihundert Zechinen; doch konnte ich mich deswegen nur an die Launen des Glücks halten; Frau Querini gewann. Am nächsten Abend sprengte ich vor dem Abendessen beinahe seine Bank; gleich nach dem Essen ging ich zu Bett, da ich mich müde fühlte und mit meinem Gewinn zufrieden war. Am nächsten Morgen in der Frühe ging ich zum General und erfuhr, daß sein Adjutant dem angeblichen Alfani die Karten ins Gesicht geworfen hatte und daß sie sich mittags treffen sollten. Ich suchte den Offizier auf seinem Zimmer auf und bot mich ihm als Sekundanten an, indem ich ihm versicherte, es würde kein Blut vergossen werden. Er dankte mir und sagte mir bei Tisch, ich hätte richtig geraten, denn der Graf Alfani wäre nach Rom abgereist. »Nun,« sagte ich zur Gesellschaft, »so werde ich Ihnen heute abend eine Bank legen.« Nach dem Essen nahm ich Frau Querini auf die Seite, erzählte ihr die Geschichte und reichte ihr die fünfzig Zechinen, die ich für sie aufbewahrt hatte. »Sie wollen«, antwortete sie mir, »mit Hilfe dieses Märchens mir fünfzig Zechinen zum Geschenk machen, aber ich will sie nicht – ich habe kein Geld nötig.« »Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich den Spitzbuben gezwungen habe, sie mir wiederzugeben und zugleich mit ihnen die anderen Zechinen, die er von mir hatte.« »Das kann wohl sein, aber ich will Ihnen nicht glauben; merken Sie sich übrigens, daß ich nicht dumm genug zu sein glaube, um mich betrügen, geschweige denn bestehlen zu lassen.« Die Philosophie verbietet, zu bereuen, daß man eine gute Handlung vollbracht hat; aber es kann erlaubt sein, sich darüber zu ärgern, wenn durch böswillige Auslegung versucht wird, einem einen Vorwurf daraus zu machen. Am Abend nach der letzten Vorstellung legte ich, meinem Versprechen gemäß, beim General eine Bank auf; ich verlor einige Zechinen, aber man erwies mir viel Liebes. Dies ist ein viel süßeres Gefühl, als wenn man gewinnt, vorausgesetzt, daß der Spieler sich nicht in der Notwendigkeit befindet, auf sein Geld sehen zu müssen. Graf Spada, der eine Zuneigung zu mir gefaßt hatte, bat mich, mit ihm nach Brisighetta zu gehen, aber ich widerstand, denn ich wollte durchaus nach Neapel reisen. Am andern Morgen wurde ich durch einen furchtbaren Spektakel aufgeweckt, den man fast unmittelbar vor meiner Zimmertür vollführte. Ich sprang aus dem Bett und öffnete meine Tür, um zu sehen, was los wäre. Ich sah eine Bande von Sbirren und einen anständig aussehenden Mann, der auf lateinisch aus vollem Halse auf dies Gezüchte, eine wahre Pest Italiens, schimpfte, sowie auf den dabeistehenden Wirt, der die Schändlichkeit begangen hätte, ihnen die Tür zu öffnen. Ich fragte den Wirt, worum es sich handle, und der Kerl antwortete mir: »Dieser Herr, der dem Anschein nach nur Latein spricht, liegt mit einem Mädchen im Bett, und die Häscher des Bischofs sind gekommen, um festzustellen, ob sie seine Frau ist; die Sache ist ganz einfach; ist es seine Frau, so braucht er es den Leuten nur durch irgend ein Zeugnis zu beweisen, und alles ist in Ordnung; ist sie es aber nicht, so muß er freilich sich gefallen lassen, mit dem Mädchen ins Gefängnis zu gehen; dazu wird es jedoch nicht kommen, denn ich verpflichte mich, mittels zwei oder drei Zechinen die Sache gütlich beizulegen. Ich werde mit ihrem Anführer sprechen, und alle die Leute hier werden sofort gehen. Wenn Sie Latein sprechen, so gehen Sie hinein und bringen Sie ihn zur Vernunft.« »Wer hat die Zimmertür gesprengt?« »Man hat sie nicht gesprengt, sondern ich habe sie geöffnet; das ist meine Pflicht.« »Solche Pflicht mag ein Straßenräuber haben, aber nicht ein ehrenwerter Wirt.« Entrüstet über eine derartige Niedertracht glaubte ich mich in die Sache einmischen zu müssen. Die Nachtmütze auf dem Kopf, trat ich ein und erzählte dem Herrn alle einzelnen Umstände dieser Schererei. Er antwortete mir lachend: erstens könnte man überhaupt nicht wissen, ob die Person, die neben ihm im Bett liege, eine Frau wäre, denn man hätte sie nur als Offizier gekleidet gesehen; zweitens wäre er der Meinung, daß kein Mensch ihn zwingen könnte, Rechenschaft darüber abzulegen, ob sie seine Frau oder seine Geliebte wäre, angenommen, daß die im Bette liegende Person überhaupt ein Weib wäre. »Übrigens«, fuhr er fort, »bin ich entschlossen, nicht einen einzigen Taler auszugeben, um diese Geschichte zu erledigen; ich werde das Bett nicht eher verlassen, als bis meine Tür wieder verschlossen ist. Sobald ich angezogen bin, werde ich Ihnen eine hübsche Entwicklung der Komödie zeigen: ich werde die ganze Spitzbubenbande mit Säbelhieben hinausjagen.« Ich blickte mich um und sah in der einen Ecke des Zimmers einen Säbel und eine ungarische Tracht, die wie eine Uniform aussah. Ich fragte ihn, ob er Offizier sei. »Ich habe«, antwortete er, »meinen Namen und Stand in das Fremdenbuch des Wirtes eingeschrieben.« Erstaunt über die Frechheit des Wirts, befragte ich diesen, und er gab zu, daß es die Wahrheit wäre; aber nichtsdestoweniger behielte doch das geistliche Gericht das Recht, darüber zu wachen, daß kein Ärgernis stattfände. »Der Schimpf, den Sie dem Offizier angetan haben, wird Ihnen teuer zu stehen kommen, Herr Wirt!« Zur Antwort lachte er mir ins Gesicht. Ärgerlich, daß solch ein gemeiner Kerl mich zu verhöhnen wagte, wurde ich Feuer und Flamme für die Sache und fragte den Offizier, ob er das Vertrauen zu mir hätte, mir für ein paar Augenblicke seinen Paß zu geben. »Ich besitze zwei und kann Ihnen sehr wohl den einen anvertrauen.« Mit diesen Worten zog er den Paß aus seiner Brieftasche und übergab ihn mir; er war vom Kardinal Albani unterschrieben. Der Offizier war Hauptmann in einem ungarischen Regiment der Kaiserin und Königin. Er kam von Rom nach Parma, um Herrn Dutillot, dem ersten Minister des Infanten, Herzog von Parma, Depeschen vom Kardinal Alessandro Albani zu überbringen. In diesem Augenblick kam mit lautem Fluchen ein Kerl ins Zimmer und bat mich, dem Herrn zu sagen, er möchte sich mit den Leuten auseinandersetzen, denn er wollte abreisen und könnte nicht länger warten. »Wer sind Sie?« – Er antwortete mir, er wäre der Fuhrmann, mit dem der Hauptmann abreisen sollte. Ich sah nun, daß es sich um eine abgekartete Geschichte handelte, und bat den Offizier, die Angelegenheit mir zu überlassen, ich würde sie in Ehren zu Ende führen. »Machen Sie alles, wie Sie wollen,« antwortete er mir. Ich wandte mich nun zum Fuhrmann und sagte zu ihm: »Bringen Sie den Koffer des Herrn Hauptmann herauf; Sie werden bezahlt werden.« Sobald der Koffer im Zimmer war, zog ich acht Zechinen aus meiner Börse und gab sie ihm, nachdem ich eine Quittung auf den Namen des Hauptmanns erhalten hatte, der nur deutsch, ungarisch und lateinisch sprach. Der Fuhrmann ging, und mit ihm verschwanden, sehr verblüfft, die Sbirren, mit Ausnahme von zweien, die im Saal blieben. »Herr Hauptmann,« sagte ich zum Ungarn, »wollen Sie, bitte, bis zu meiner Rückkehr in Ihrem Bett bleiben, ich gehe zum Bischof, um diesem die Sache vorzutragen und ihm klar zu machen, daß er Ihnen eine Genugtuung schuldet. Übrigens ist General Spada in Cesena und ...« Er ließ mich nicht ausreden. »Ich kenne ihn!« rief er, »und hätte ich gewußt, daß er hier ist, so hätte ich dem Schuft von Wirt, der dem Gesindel meine Tür geöffnet hat, eine Kugel durch den Kopf gejagt!« Ich zog mich in aller Hast an und begab mich unfrisiert und im Überrock zum Bischof, wo ich großen Lärm schlug und die Dienerschaft beinahe mit Gewalt zwang, mich in sein Zimmer zu führen. Der Lakai an der Tür sagte mir, Seine Gnaden lägen noch im Bett. »Einerlei! Ich habe keine Zeit zum Warten.« Ich schob ihn zur Seite und trat ein. Ich erzählte dem Prälaten die ganze Geschichte, indem ich den Wirrwarr im Zimmer des fremden Herrn in den lebhaftesten Farben schilderte, auf die Unbilligkeit eines derartigen Vorgehens hinwies und gegen die Polizeischikanen wetterte, die sich einfach über Menschen- und Völkerrechte hinwegsetzten. Der Bischof antwortete mir nicht, aber er befahl, mich in seine Kanzlei zu führen. Ich fand den Kanzler und wiederholte ihm, was ich bereits dem Bischof gesagt hatte, aber in wenig maßvollen Worten, die mehr aufreizend als besänftigend wirken mußten und durchaus nicht dazu angetan waren, die Freilassung des Offiziers herbeizuführen. Ich verstieg mich bis zu Drohungen und sagte, wenn ich der Offizier wäre, so würde ich eine eklatante Genugtuung fordern. Der Priester lachte mir ins Gesicht. Das war gerade was ich wollte. Er fragte mich, ob ich vielleicht nicht ganz richtig im Kopfe sei, und sagte mir, ich solle mich an den Anführer der Sbirren wenden. »An ganz andere, Herr Abbate! an ganz andere, als einen Anführer der Sbirren!« Hocherfreut, die Angelegenheit verschlimmert zu haben, ging ich fort und begab mich geraden Weges zu General Spada. Man sagte mir, er sei vor acht Uhr nicht sichtbar, und ich kehrte nach dem Gasthof zurück. Aus dem Feuer, das mich beseelte, aus dem Eifer, womit ich mich der Angelegenheit angenommen hatte, hätte man schließen können – und ich könnte meine Leser bei diesem Glauben lassen – daß meine Entrüstung nur von dem Abscheu herrührte, womit ich sah, wie eine zügellose, unsittliche und schikanöse Polizei sich eine schändliche Verfolgung gegen einen Fremden erlaubte. Aber warum sollte ich einen wohlwollenden Leser hintergehen? Ich schulde ihm die Wahrheit, die ich ihm versprochen habe. Ich will also sagen, daß ich allerdings wirklich Entrüstung verspürte; was mich aber zu so heißem Eifer anspornte, war ein mehr persönlicher Grund; ich stellte mir das unter der Bettdecke verborgene Mädchen als entzückend vor; ich brannte vor Ungeduld, ihr Gesicht zu sehen, das ohne Zweifel die Scham ihr verboten hatte, mir zu zeigen. Sie hatte mich gehört, und mein Selbstbewußtsein erlaubte mir nicht, daran zu zweifeln, daß sie von mir eine bessere Meinung gefaßt hätte als von ihrem Hauptmann. Da die Zimmertür offen geblieben war, trat ich ein und erstattete dem Hauptmann Bericht über alles, was ich getan hatte. Ich versicherte ihm, es werde im Laufe des Tages in seinem Belieben stehen, auf Kosten des Bischofs abzureisen, denn der General würde ihm auf jeden Fall volle Genugtuung verschaffen. Er dankte mir herzlich, gab mir meine acht Dukaten wieder und sagte, er würde erst am nächsten Tage abreisen. »Was für ein Landsmann«, fragte ich ihn, »ist Ihr Reisekamerad?« »Er ist Franzose und spricht nur seine Sprache.« »Sie sprechen also französisch?« »Kein Wort.« »Das ist scherzhaft; Sie spielen also Pantomime?« »Absolut.« »Da tun Sie mir leid; denn das ist eine schwere Sprache.« »Soweit es sich um die feineren Abstufungen der Gedanken handelt, allerdings; aber in materieller Hinsicht verstehen wir uns ausgezeichnet.« »Kann ich Sie bitten, mit Ihnen frühstücken zu dürfen?« »Fragen Sie ihn, ob ihm das Vergnügen machen wird.« »Liebenswürdiger Begleiter des Herrn Hauptmanns,« sagte ich zu ihr, »wollen Sie mich als dritten zu Ihrem Frühstück zulassen?« Sofort sah ich unter der Decke einen entzückenden, frischen, lachenden Kopf mit aufgelösten Haaren hervorkommen, der trotz seiner Männernachtmütze einem Geschlecht angehörte, ohne welches der Mann das unglücklichste Tier auf der Erde sein würde. Entzückt über diese anmutige Erscheinung, sagte ich ihr, ich hätte das Glück gehabt, mich für sie zu interessieren, bevor ich sie noch gesehen hätte; jetzt aber, da ich das Vergnügen hätte, sie zu sehen, könnte mein Eifer, ihr nützlich zu sein, sich nur verdoppeln. Sie antwortete mir mit einer Grazie und Lebhaftigkeit des Geistes, wie sie nur ihrer liebenswürdigen Nation eigen sind, und gab mir mein Kompliment mit einer Freiheit des Ausdrucks zurück, von der ich ganz entzückt war. Da meine Bitte genehmigt war, ging ich hinaus, um das Frühstück zu bestellen und sie allein zu lassen, damit sie sich in ihrem Bett aufrecht setzen könnten; denn sie waren entschlossen, das Bett nicht eher zu verlassen, als bis ihre Türe wieder verschlossen wäre. Der Kellner kam. Ich trat wieder ein und sah meine hübsche Französin im blauen Überrock und nachlässig als Mann frisiert, aber selbst in diesem Anzug entzückend. Ich konnte es kaum erwarten, sie aufgestanden zu sehen. Während des Frühstücks unterbrach sie mit keinem Wort den Offizier, der fortwährend auf mich einsprach und dem ich gar nicht oder nur halb zuhorchte, denn ich war förmlich wie behext. Sofort nach dem Frühstück ging ich zum General und erzählte ihm die Geschichte mit einigen Übertreibungen, die darauf berechnet waren, seine militärische Eitelkeit zu stacheln. Ich sagte ihm: wenn er nicht Ordnung schaffte, wäre der Offizier entschlossen, einen reitenden Boten an seinen Beschützer, den Kardinal, zu schicken. Aber meine Beredsamkeit war überflüssig, denn der General wünschte, daß die Priester um die Himmelsangelegenheiten sich bekümmerten und die Nase nicht in die Angelegenheiten dieser Welt steckten. »Ich werde«, sagte er, »dies Possenspiel zum guten Ende führen, indem ich daraus eine Sache von höchster Wichtigkeit mache.« »Gehen Sie in den Gasthof,« sagte er zu seinem Adjutanten, »und laden Sie den Offizier und seinen Kameraden zum Mittagessen ein. Hierauf begeben Sie sich zum Bischof und teilen ihm mit, der Offizier, dem ein blutiger Schimpf widerfahren wäre, würde nicht eher abreisen, als bis er eine glänzende Genugtuung und die Summe Geldes empfangen werde, die er selbst als Entschädigung bestimmen würde. Sagen Sie ihm, daß ich, der General, dies mitteilen ließe, und daß im übrigen alle Ausgaben, die der Offizier hier machen würde, auf Rechnung des Bischofs gingen.« Welcher Genuß für mich, bei diesem Befehl zugegen zu sein! Denn voller Eitelkeit betrachtete ich mich als Urheber desselben. Ich ging mit dem Adjutanten fort und stellte ihn dem Hauptmann vor. Dieser empfing ihn mit der Freude eines Soldaten, der einen Kameraden sieht. Der Adjutant lud ihn und seinen Freund ein und sagte ihm, er möchte aufschreiben, welche Genugtuung und Entschädigung er verlangte. Die Sbirren waren verschwunden, sowie sie den Adjutanten des Generals gesehen hatten. Ich gab dem Hauptmann Papier, Feder und Tinte, und er schrieb seine Forderung in einem für einen Ungarn recht guten Latein nieder. Der brave Mann wollte durchaus nur dreißig Zechinen verlangen, obwohl ich in ihn drang, er solle hundert fordern. Auch in bezug auf die Genugtuung war er viel zu bescheiden; denn er verlangte nur, daß der Wirt und die Sbirren ihn in Gegenwart des Adjutanten auf den Knien um Verzeihung bitten sollten. Er drohte dem Bischof, er würde einen reitenden Boten nach Rom an den Kardinal Alessandro schicken, wenn ihm sein Verlangen nicht binnen zwei Stunden erfüllt würde, und er würde auf seine Kosten in Cesena bleiben und täglich zehn Zechinen berechnen. Der Offizier ging. Einen Augenblick darauf trat der Wirt ehrfurchtsvoll ein und sagte dem Hauptmann, er sei frei; als aber dieser ihm durch mich sagen ließ, er sei ihm zwanzig Stockhiebe schuldig, machte er schnell, daß er hinauskam. Ich ließ die beiden allein, um mich anzukleiden, da ich mit ihnen zum General gehen wollte, der uns zum Essen eingeladen hatte. Eine Stunde später sah ich sie in sehr gut sitzenden Uniformen. Die Französin trug eine Phantasieuniform, aber eine sehr elegante; ich gab sofort meinen Plan der Reise nach Neapel auf und beschloß mit ihnen nach Parma zu gehen. Die Schönheit der hübschen Französin hatte mich bereits ganz gefangen genommen. Der Hauptmann streifte bereits die sechzig, und ich fand natürlich, daß ein solches Paar sehr schlecht zu einander passe. Ich setzte mir in den Kopf, mein Vorhaben müsse sich auf freundschaftliche Weise erreichen lassen. Der Adjutant kam mit einem Priester von der bischöflichen Kanzlei zurück, und dieser sagte dem Hauptmann, die von ihm geforderte Genugtuung und Entschädigung würde ihm zu teil werden; doch müßte er sich mit fünfzehn Zechinen begnügen. »Dreißig oder nichts!« antwortete der Ungar trocken. Er erhielt sie, und alles war erledigt. Da dieser schöne Sieg meinen Bemühungen zu verdanken war, trug er mir die Freundschaft des Hauptmanns und seiner schönen Begleiterin ein. Um sofort zu bemerken, daß der Reisekamerad des Hauptmanns kein Mann war, brauchte man nur die Hüften zu sehen. Sie war ein zu schönes Weib, um für einen Mann gelten zu können. Gewiß haben die Frauen sehr unrecht, wenn sie durch Verkleidung eine Ähnlichkeit mit uns Männern erreichen wollen; denn sie gestehen dadurch, daß ihnen einer der schönsten Vorzüge ihres Geschlechtes fehlt. Kurz vor Essenszeit begaben wir uns zum General, der sich beeilte, die beiden Offiziere allen anwesenden Damen vorzustellen. Keine von ihnen ließ sich täuschen; da jedoch alle bereits die Geschichte kannten, so waren sie entzückt, mit dem Helden der Komödie zusammen zu speisen, und alle behandelten den jungen Offizier, wie wenn er ein Mann gewesen wäre, die Herren dagegen bezeigten ihm Huldigungen, die seinem wirklichen Geschlecht besser entsprachen. Nur Signora Querini schmollte; denn da die schöne Französin die ganze Aufmerksamkeit auf sich lenkte, so litt die Eitelkeit der Venetianerin unter der Vernachlässigung. Sie richtete das Wort nur an sie, um mit ihrem Französisch großzutun, das sie in der Tat ziemlich gut sprach. Der arme Hauptmann sagte beinahe kein Wort, denn kein Mensch hatte Lust, Latein zu sprechen, und der General hatte ihm nicht viel auf Deutsch zu sagen. Ein alter Abbate, der mit bei Tische war, suchte den Bischof zu rechtfertigen, indem er versicherte, der Wirt und die Sbirren hätten nur auf Befehl des heiligen Offiziums so gehandelt. »Aus diesem Grunde«, sagte er, »befinden sich in den Gasthöfen keine Türriegel, damit die Fremden sich nicht einschließen können. Die Inquisition will durchaus nicht erlauben, daß jemand mit einer anderen Frau schläft, als mit seiner eigenen.« Zwanzig Jahre später fand ich in Spanien alle Türen mit einem Riegel von außen versehen, so daß die Reisenden sich im Gasthof wie in einem Gefängnis befanden und allen Plackereien nächtlicher Haussuchungen ausgesetzt waren. Diese Krankheit ist in Spanien so tief eingewurzelt, daß sie eines Tages die ganze Monarchie zu verschlingen droht, und es wäre gar nicht zu verwundern, wenn eines Tages der Großinquisitor den König schöre und sich auf dessen Thron setzte. Zweites Kapitel Ich kaufe einen schönen Wagen und reise mit dem alten Hauptmann und der jungen Französin nach Parma. – Ich sehe Genoveffa wieder und schenke ihr ein Paar schöne goldene Armbänder. – Ich bin ratlos wegen meines Verhältnisses zu meiner Reisegefährtin. – Selbstgespräch. – Unterhaltung mit dem Hauptmann. – Zwiesprache mit der Französin. Die Unterhaltung war belebt, und der junge weibliche Offizier beschäftigte alle Anwesenden, selbst Signora Querini, obgleich sie sich nicht viele Mühe gab, ihren geheimen Verdruß zu verbergen. »Ich finde es eigentümlich,« sagte sie zu ihm, »daß Sie miteinander leben können, ohne jemals ein Wort zusammen zu sprechen!« »Warum eigentümlich, gnädige Frau? Wir verstehen uns ausgezeichnet; denn bei dem, was wir miteinander abzumachen haben, ist das Wort sehr wenig notwendig.« Bei dieser sehr anmutig und lebhaft gegebenen Erwiderung brach die ganze Gesellschaft in Lachen aus, ausgenommen allerdings Signora Giulietta Querini, die dummerweise die Zimperliche spielte und die Antwort zu deutlich fand. »Ich kenne«, sagte sie zum jungen Offizier, »nichts, was man ohne Hilfe des Wortes oder der Feder abmachen könnte.« »Sie werden entschuldigen, gnädige Frau, es gibt dergleichen; das Spiel zum Beispiel.« »Ja, spielen Sie denn miteinander?« »Wir tun gar nichts anderes: wir spielen Pharao, und ich halte die Bank.« Die Feinheit dieser ausweichenden Antwort wurde allgemein gewürdigt; das Gelächter begann von neuem, und Giulietta lachte wie alle anderen. »Aber,« sagte der General, »gewinnt denn die Bank viel?« »Ach, der Gewinn ist so unbedeutend, daß es nicht der Mühe verlohnt, davon zu sprechen.« Natürlich dachte niemand daran, dem biederen Hauptmann diese Bemerkung zu übersetzen. Die ganze Unterhaltung bewegte sich von nun an in diesem pikanten Ton, und als die Gesellschaft auseinanderging, waren alle entzückt von der Anmut und dem Witz des reizenden Offiziers. Gegen Abend begab ich mich unmittelbar vor der Abreise zum General, um mich von ihm zu verabschieden; ich wünschte ihm gute Reise. »Leben Sie wohl,« antwortete er mir, »ich wünsche Ihnen ebenfalls gute Reise und viel Vergnügen in Neapel.« »Dorthin reise ich jetzt nicht; ich habe meine Pläne geändert und gehe nach Parma, wo ich den Infanten zu sehen wünsche. Zugleich gedenke ich den beiden Offizieren als Dolmetscher zu dienen, da sie sich nicht untereinander und im Verkehr mit den Leuten verständlich machen können.« »Ich verstehe; und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich es ebenso machen.« Ich verabschiedete mich auch von Frau Querini, die mich bat, ihr von Bologna aus zu schreiben. Ich versprach es ihr, mit der Absicht, es nicht zu tun. Die junge Französin hatte mich interessiert, als sie unter der Bettdecke versteckt lag; sie hatte mir gefallen, sobald sie mich ihr Gesicht sehen ließ, und noch viel mehr, als ich sie angekleidet gesehen hatte. Sie hatte mich vollends für sich gewonnen, als sie bei Tisch eine Art von Geist entfaltete, den ich sehr liebe, den man in Italien selten findet, der aber in Frankreich ziemlich allgemein dem schönen Geschlecht eigen ist. Ihre Eroberung schien mir nicht schwierig, und ich dachte daher aus die Mittel und Wege dazu. Ohne eitel zu sein, durfte ich glauben, daß ich besser zu ihr paßte, als ihr alter Ungar, der ja für sein Alter ein reizender Herr war, aber immerhin die Sechzig streifte, während mir meine dreiundzwanzig Jahre aus allen Zügen leuchteten. Mir schien, ich brauchte von Seiten des Offiziers kein Hindernis zu besorgen, denn er gehörte allem Anscheine nach zu den Menschen, die die Liebe als reine Phantasiesache ansehen, sich daher leicht in die Umstände finden und sich gerne den Verhältnissen anpassen, wie eben der Zufall sie bietet. Das Glück konnte mir keine günstigere Gelegenheit zur Erreichung meines Zieles bieten, als daß es mich zum Reisegenossen dieses schlecht zusammenpassenden Paares machte. Ich hielt es für unmöglich, zurückgewiesen zu werden, denn mein Anerbieten, sie zu begleiten, mußte ihnen sehr angenehm sein, da sie für sich allein nicht imstande waren, sich einen einzigen Gedanken mitzuteilen. Des Erfolges gewiß, beschloß ich, das Abenteuer zu wagen, und fragte, sobald wir uns im Gasthof sahen, den Offizier, ob er nach Parma mit der Post oder mit anderer Fahrgelegenheit zu reisen gedächte. »Da ich keinen eigenen Wagen habe, fahre ich lieber mit der Post.« »Ich besitze einen sehr bequemen Reisewagen und biete Ihnen die beiden Rücksitze an, wenn meine Gesellschaft Ihnen angenehm ist.« »Das ist ja geradezu ein Glück! Tun Sie mir die Liebe und machen Sie Henrietten den Vorschlag!« »Wollen Sie, gnädige Frau, mich die Ehre haben lassen, Sie nach Parma zu begleiten?« »Ich würde entzückt sein, denn dann könnten wir doch wenigstens sprechen. Aber, mein Herr, nehmen Sie sich in acht, Ihre Aufgabe wird nicht leicht sein; denn Sie werden oft genötigt sein, es mit uns beiden aufzunehmen.« »Das werde ich mit großem Vergnügen tun; es tut mir nur leid, daß die Reise so kurz ist. Wir können beim Nachtessen darüber sprechen, unterdessen gestatten Sie, daß ich Sie verlasse, um einige Geschäfte zu erledigen.« Diese Geschäfte betrafen einen Wagen, den ich bis dahin nur in der Einbildung besaß. Ich begab mich ins adlige Kaffeehaus; wie wenn der Zufall selbst sich in meinen Dienst gestellt hätte, teilte man mir mit, es stehe ein Wagen zum Verkauf, aber niemand wolle ihn haben, weil er zu teuer sei. Man verlange zweihundert Zechinen dafür, und er hatte nur zwei Sitze mit einem Strapontin. Es war gerade das, was ich suchte. Ich ließ mich nach der Remise führen und sah dort einen prachtvollen englischen Wagen, der zweihundert Guineen gekostet haben mußte. Der Graf, dem der Wagen gehörte, war beim Abendessen; ich ließ ihn bitten, er möchte auf keinen Fall den Wagen vor dem nächsten Morgen verkaufen, und kehrte sehr befriedigt in meinen Gasthof zurück. Beim Essen sprach ich mit dem Hauptmann nur so viel, wie nötig war, um mit ihm abzumachen, daß wir am nächsten Tage nach dem Mittagessen abreisen wollten; die ganze übrige Unterhaltung war nur ein Zwiegespräch zwischen Henrietten und mir. Ein reizendes Zwiegespräch: Es lehrte mich einen anmutigen Witz kennen, der mir bis dahin unbekannt gewesen war, denn ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, mich mit einer Französin zu unterhalten. Ich fand die junge Frau mit jedem Augenblick entzückender, und da ich trotzdem in ihr doch immer nur eine Abenteuerin erblicken konnte, so war ich ganz erstaunt, edle und zarte Gefühle an ihr zu entdecken, die nur die Frucht einer guten Erziehung sein konnten. Ich verwarf jedoch diesen Gedanken sofort, als er in mir aufstieg; denn er paßte nicht zu den Absichten, die ich auf sie hatte. So oft ich das Gespräch auf den Offizier zu bringen versuchte, wich sie meinen Andeutungen mit einem feinen Takt aus, der mich in Erstaunen setzte und trotzdem mir sehr gefiel, weil sie es so anmutig machte. Immerhin wich sie nicht aus, als ich folgende Frage stellte: »Sagen Sie mir wenigstens, gnädige Frau, ob der Hauptmann Ihr Gemahl oder Ihr Vater ist?« – »Keins von beiden!« antwortete sie mir lächelnd. – Hiermit gab ich mich zufrieden, denn im Grunde brauchte ich ja nicht mehr zu wissen. Der brave alte Herr war eingeschlafen; als er aufwachte, wünschte ich ihnen gute Nacht und ging zu Bett, das Herz voller Liebe und den Kopf voller Pläne. Ich sah, daß alles die denkbar günstigste Wendung nahm, und ich war überzeugt, daß ich Erfolg haben würde; denn ich war dreiundzwanzig Jahre alt, besaß Gold, die glänzendste Gesundheit und viel Mut. Das Abenteuer erschien mir um so köstlicher, da ich in drei oder vier Tagen die Entscheidung sehen mußte. Am nächsten Morgen ging ich in aller Frühe zum Besitzer des Wagens, dem Grafen Dandini; unterwegs kam ich am Laden eines Goldschmieds vorbei und kaufte ein paar Armbänder aus venetianischer Goldkette, jedes fünf Ellen lang und von seltener Feinheit. Sie sollten zu einem Geschenk dienen, das ich für Genoveffa bestimmte. Graf Dandini erkannte mich sofort, als er mich sah. Er hatte mich in Parma bei seinem Vater gesehen, der damals während meiner Studienzeit Pandekten vortrug. Ich kaufte von ihm den Wagen unter der Bedingung, daß er ihn mir um ein Uhr nachmittags durch seinen Sattler in gutem Zustande schicken sollte. Nachdem ich diesen Handel abgeschlossen hatte, begab ich mich zu Franzia; Genoveffa war außer sich vor Freude, als ich ihr die Armbänder gab: in ganz Cesena gab es kein Mädchen, das schönere hatte. Mittels dieses Geschenkes brachte ich mein Gewissen zur Ruhe; denn ich bezahlte damit vierfach die Ausgaben, die ich vielleicht durch meinen zehn-, zwölftägigen Aufenthalt ihrem Vater verursacht. Indessen waren diese Armbänder nicht das wichtigste Geschenk, das ich ihrer Familie machte. Ich ließ den Vater schwören, daß er auf mich warten und sich nicht mit angeblichen Magiern einlassen wolle, um den Schatz zu heben, selbst wenn zehn Jahre vergehen sollten, ohne daß er mich sähe, oder von mir hörte. »Denn«, sagte ich ihm, »nach der Vereinbarung, die ich mit den Erdgeistern, die den Schatz bewachen, getroffen habe, wird bei dem ersten von anderen, als von mir unternommenen Versuch die Kiste mit dem Schatz in die doppelte Tiefe versinken: das heißt in eine Tiefe von fünfunddreißig Klaftern, und dann würde ich selber, um sie wieder an die Oberfläche zu befördern, zehnmal so viel Arbeit haben als jetzt. Jch kann Ihnen nicht genau den Zeitpunkt angeben, zu dem ich wiederkehren werde, denn er hängt von mehreren Kombinationen ab, über die ich nicht Herr bin. Aber erinnern Sie sich unserer festen Abmachung, daß Ihr Schatz nur von mir gehoben werden darf!« Ich begleitete diese Ratschläge mit Verwünschungen, die ihn mit dem Untergang seiner ganzen Familie bedrohten, wenn er seinen Eid nicht hielte. Ans diese Art machte ich alles wieder gut: anstatt den wackeren Mann zu betrügen, wurde ich sein Wohltäter, indem ich ihn gegen Schwindler schützte, die es weniger auf seine Tochter, als auf seine Taler würden abgesehen haben. Ich habe ihn niemals wiedergesehen, und er muß längst gestorben sein; aber nach dem Eindruck, den ich auf seinen Geist gemacht zu haben glaube, müssen seine Nachkommen noch jetzt auf mich warten; denn der Name Farussi muß in diesem Hause unsterblich geblieben sein. Genoveffa begleitete mich bis an das Stadttor; dort küßte ich sie herzlich und fühlte dabei, daß das Gewitter nur einen vorübergehenden Einfluß auf mich geübt hatte, aber ich war vernünftig, und ich wünsche mir noch jetzt Glück dazu. Beim Abschied glaubte ich ihr sagen zu müssen: wenn ich binnen drei Monaten nicht zurückkäme, wäre ihre Jungfernschaft zu meinem Zauberwerk nicht mehr notwendig, und ich riete ihr, sich zu verheiraten, sobald sie Gelegenheit dazu hätte. Sie vergoß etliche Tränen, versprach mir aber, meine Ratschläge zu befolgen. Der Leser wird, wie ich hoffe, finden, daß ich meine Zaubergeschichte auf eine vornehme Art zu Ende brachte. Ich wünsche mir selber Glück dazu, wenn ich auch nicht wage, mich meines Verhaltens allzusehr zu rühmen; denn ich denke, wenn ich nicht zufällig Besitzer einer reich gespickten Börse gewesen wäre, so wäre ich recht wohl imstande gewesen, den armen Franzia lachenden Mundes zugrunde zu richten. Ich will nicht die Frage aufwerfen, ob nicht jeder andere kluge und lebenslustige junge Mann an meiner Stelle ebenso gehandelt haben würde; aber ich bitte meine Leser, diese Frage sich selber vorzulegen. Daß ich Capitani die Schwertscheide des heiligen Petrus ein wenig teuerer verkaufte, als sie eigentlich wert war, das tut mir – ich muß es gestehen – bis zur Stunde noch nicht leid; denn erstens glaubte Capitani, mich hineinzulegen, indem er die Scheide als Pfand annahm, zweitens hat sein Vater, der Herr Pfalzgraf, bis an sein Lebensende diese Scheide für kostbarer gehalten als den schönsten Diamanten der ganzen Welt. In diesem Glauben ist er gestorben, und so ist er als reicher Mann gestorben; ich aber werde arm sterben. Möge der Leser entscheiden, wer von uns beiden das bessere Geschäft gemacht hat. – Doch nun zurück zu meinen künftigen Reisegefährten! In den Gasthof zurückgekehrt, betrieb ich mit einer Eile, die meinen Wünschen entsprach, alle Vorbereitungen zu unserer Abreise. Henriette brauchte nur den Mund zu öffnen, so entdeckte ich eine neue Vollkommenheit an ihr; denn ihr Geist bezauberte mich noch weit mehr als ihre Schönheit. Mir schien, als sähe der alte Hauptmann mit Vergnügen, daß ich mich mit ihr beschäftigte, und alles deutete darauf hin, daß Henrietten die ihr von mir erwiesenen Aufmerksamkeiten angenehm waren; mit einem Wort, mir schien es klar und deutlich zu sein, daß sie durchaus nichts dagegen haben würde, ihren alten Liebhaber mit mir zu vertauschen. Mit dieser Hoffnung durfte ich mir um so eher schmeicheln, da ich in physischer Beziehung alle Eigenschaften besaß, die einen Musterliebhaber zieren können, und da ich den Eindruck eines sehr reichen Mannes machte, obgleich ich keinen Bedienten hatte. Ich sagte ihr, ich gäbe das doppelte aus, um das Vergnügen zu haben, keinen solchen Menschen mit mir herumschleppen zu müssen; indem ich mich selber bediente, hätte ich stets die Genugtuung, stets nach meinem Gefallen bedient zu werden, und hätte dabei den Vorteil, keinen Spion und keinen Privilegierten auf dem Halse zu haben. Henriette zeigte volles Verständnis für diese Gründe, und dies machte mich noch verliebter als zuvor. Der brave ungarische Kapitän bestand darauf, mir den Betrag des Postgeldes bis Parma vorauszuzahlen. Nach dem Mittagessen reisten wir ab, doch gab es zuvor einen Wettstreit der Höflichkeit um die Plätze: er verlangte, daß ich neben Henrietten einen Rücksitz einnehmen sollte. Der Leser wird jedoch begreifen, wieviel angenehmer mir der Platz ihr gegenüber sein mußte; und da ich meine Rechnung dabei fand, bestand ich um so eifriger darauf, daß der Klappsitz mir zuteil würde. So hatte ich den doppelten Vorteil, einen Sieg der Höflichkeit davonzutragen und das reizende von mir angebetete Wesen beständig vor Augen zu haben. Mein Glück wäre zu groß gewesen, hätte ich gar keine Unannehmlichkeiten zu erdulden gehabt; aber wo gäbe es Rosen ohne Dornen? Wenn die reizende Französin einen jener Scherze machte, die aus dem Munde ihrer Landsmänninnen so natürlich klingen, und wenn ich dann über den Witz lachen mußte, da tat das trübselige Gesicht des armen Ungarn mir leid, und um ihn an meinem Vergnügen teilnehmen zu lassen, versuchte ich, ihm die hübschen Bemerkungen der geistvollen Henriette ins lateinische zu übersetzen. Meine gute Absicht gelang mir jedoch nicht, ich sah vielmehr sein Gesicht immer länger werden, wie wenn das von mir Erzählte ihm geschmacklos vorkäme. Dies zwang mich, mir selber einzugestehen, daß ich nicht so gut lateinisch spräche wie sie französisch; und das war richtig. Wenn man fremde Sprachen lernt, ist das letzte, was man begreift, ihr Geist; und dieser Geist ist immer am wesentlichsten bei scherzhaften Bemerkungen. Ich habe beim Lesen von Terenz, Martial und Plautus erst zu lachen begonnen, als ich dreißig Jahre alt war. Da etwas an dem Wagen entzwei gegangen war, machten wir in Forli halt, um ihn ausbessern zu lassen. Nachdem wir sehr heiter zu Abend gespeist hatten, ging ich in ein besonderes Zimmer, um mich zu Bett zu legen. Ich war ganz erfüllt von dem Bilde des reizenden Weibes, das mich immer mehr fesselte. Henriette war mir während der ganzen Fahrt so sonderbar vorgekommen, daß ich es nicht wagte, in einem zweiten Bett zu schlafen, das in ihrem Zimmer stand. Ich fürchtete, das Mädchen könnte auf den Einfall kommen, seinen alten Freund zu verlassen und sich zu mir zu legen, und ich wußte nicht, wie der brave Hauptmann den Scherz würde aufgenommen haben. Ich wollte allerdings das reizende Geschöpf in meinen Besitz bringen, aber ich wollte auch, daß alles in freundschaftlicher Weise abgemacht würde, denn ich empfand eine gewisse Achtung vor dem Offizier. Das junge Mädchen besaß nur den Männeranzug, den es auf dem Leibe trug, außerdem nicht den geringsten Toilettengegenstand, den eine Frau nötig hat, nicht einmal ein Hemd! Sie trug die Hemden des Hauptmanns. Eine solche Lage war so neu für mich, daß sie mir rätselhaft vorkam. Wir kamen nach Bologna. Von dem guten Essen, das wir am Abend zu uns nahmen, und von dem Feuer, das immer heißer in meinem Herzen brannte, in eine angeregte Stimmung versetzt, fragte ich sie, durch welches sonderbare Abenteuer sie die Freundin des prächtigen alten Herrn geworden sei, der mehr danach angetan scheine, ihr Vater, als ihr Liebhaber zu sein. »Wenn Sie das zu wissen wünschen«, antwortete sie mir lachend, »so lassen Sie sich die ganze Geschichte von ihm selbst erzählen; aber sagen Sie ihm, er solle nichts auslassen.« Natürlich folgte ich ihrer Aufforderung; und nachdem sich der gute Hauptmann durch Zeichensprache vergewissert hatte, daß seine Erzählung der liebenswürdigen Französin nicht mißfallen würde, begann er folgendermaßen: »Ein mir befreundeter Offizier wurde nach Rom geschickt, um einen Auftrag auszurichten; ich nahm einen sechsmonatlichen Urlaub und begleitete ihn. Mit großem Vergnügen ergriff ich die Gelegenheit, eine Stadt zu sehen, deren Name durch die großen Erinnerungen, die er erweckt, einen machtvollen Klang bewahrt hat. Ich zweifelte nicht, daß dort von der guten Gesellschaft ganz allgemein Latein gesprochen würde und daß diese Sprache dort zum mindesten ebenso verbreitet wäre, wie in Ungarn. Hierin habe ich mich sehr unangenehm getäuscht, denn kein Mensch spricht Latein, nicht einmal die Geistlichen, die nur darauf Wert legen, daß sie es schreiben können, was in der Tat mehrere mit großer Reinheit zu tun verstehen. Ich befand mich also in Rom in großer Verlegenheit, und mit Ausnahme meiner Augen fanden meine Sinne dort nur sehr geringe Beschäftigung. Seit einem Monat langweilte ich mich in der alten Stadt, die einstmals die Königin der Welt war, da gab Kardinal Albani meinem Freunde Depeschen für Neapel. Vor seiner Abreise empfahl er mich Seiner Eminenz so eindringlich, daß der Kardinal mir versprach, ich solle binnen wenigen Tagen Briefschaften zur Beförderung an den Infanten Herzog von Parma, Piacenza und Guastalla erhalten; zugleich sagte er mir, meine Reise würde mir bezahlt werden. Da ich den Hafen zu sehen wünschte, der im Altertum Centum Cellae und jetzt Civita vecchia heißt, machte ich mir die freie Zeit, die mir noch blieb, zunutze und begab mich mit einem Führer, der Latein sprach, dorthin. Als ich am Hafen spazieren ging, sah ich aus einer Tartane einen alten Offizier aussteigen und in seiner Begleitung dieses junge Mädchen in derselben Kleidung, in der Sie sie hier vor sich sehen. Sie machte großen Eindruck auf mich; aber ich würde nicht mehr an sie gedacht haben, wäre nicht der Offizier in demselben Gasthof abgestiegen, wo auch ich eingekehrt war, und hätte er nicht eine Wohnung erhalten, in die ich unwillkürlich hineinsehen mußte, sobald ich einen Blick aus meinem Fenster warf. Am Abend sah ich sie an demselben Tisch einander gegenübersitzen und zu Nacht essen, wobei der Offizier nicht ein einziges Mal ein Wort an sie richtete. Nach dem Essen stand das Mädchen auf und ging hinaus, ohne daß ihr Begleiter seine Augen von einem Brief erhob, den er, wie es mir vorkam, mit großer Aufmerksamkeit las. Eine Viertelstunde darauf schloß der Offizier die Fenster, das Licht wurde ausgelöscht, und ohne Zweifel gingen die Herrschaften zu Bett. Als ich am anderen Morgen nach meiner Gewohnheit in aller Frühe aufgestanden war, sah ich den Offizier ausgehen, und das Mädchen blieb allein im Zimmer. Ich sagte meinem Cicerone, den ich zu gleicher Zeit als Bedienten benutzte, er möchte dem als Offizier gekleideten Mädchen sagen, wenn sie mit mir eine Stunde zusammen sein wollte, würde ich ihr zehn Zechinen geben. Er richtete den Auftrag aus und überbrachte mir den Bescheid, sie habe ihm in französischer Sprache geantwortet, sie würde gleich nach dem Frühstück nach Rom abreisen, und dort würde ich leicht Mittel und Wege finden, mit ihr zu sprechen. »Ganz gewiß werde ich«, fuhr mein Führer fort, »vom Vetturino erfahren, wo sie absteigt, und ich werde nicht vergessen, mich danach zu erkundigen.« Wirklich reiste sie mit dem Offizier ab; ich selber kehrte am gleichen Morgen nach Rom zurück. Am zweiten Tage nach meiner Rückkunft übergab der Kardinal mir meine an den herzoglichen Minister Dutillot adressierten Depeschen mit einem Paß und dem nötigen Reisegeld, indem er mir sehr liebenswürdig sagte, ich brauchte mich nicht zu beeilen. Ich dachte schon gar nicht mehr an die schöne Abenteuerin, da sagte mir zwei Tage vor meiner Abreise mein Cicerone, er habe ihre Wohnung entdeckt, und sie sei immer noch in der Gesellschaft desselben Offiziers. Ich sagte ihm, er möchte versuchen, sie zu sehen, und ihr sagen, daß ich am zweitnächsten Tage abreisen müßte. Sie ließ mir antworten: wenn ich ihr die Stunde meiner Abreise mitteilen wolle, würde sie dicht vor der Stadt auf mich warten und zu mir in den Wagen steigen, um mit mir weiterzufahren. Ich fand diese Anordnung sehr sinnreich und ließ ihr im Laufe des Tages mitteilen, wann ich abreisen und wo ich sie vor der Porta del popolo erwarten würde. Sie war pünktlich zur Stelle, und wir haben uns seitdem nicht mehr verlassen. Sobald sie im Wagen neben mir saß, gab sie mir zu verstehen, daß sie mit mir zu speisen wünschte. Sie können sich denken, wie mühsam wir uns verständigten; aber wir errieten gegenseitig unsere Gedanken mit Hilfe von Gebärden, und ich nahm ihren Vorschlag mit Vergnügen an. Wir speisten sehr heiter miteinander, wobei wir manchmal sprachen, ohne uns zu verstehen; nach dem Dessert aber verstanden wir uns ausgezeichnet. Ich glaubte, damit sei die Sache zu Ende; aber stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich ihr die zehn Zechinen geben wollte und sie diese entschieden zurückwies und mir vollkommen verständlich bedeutete, sie wollte lieber mit mir nach Parma gehen, wo sie etwas zu erledigen hätte, und nach Rom wollte sie nicht zurückkehren. Da das Abenteuer mir nicht mißfiel, so willigte ich ein; es tat mir nur leid, ihr nicht begreiflich machen zu können, daß ich nicht imstande wäre, sie gegen Gewalt zu beschützen, falls man sie etwa verfolgen könnte, um sie nach Rom zurückbringen zu lassen. Leid tat es mir auch, daß ich infolge unserer gegenseitigen Unkenntnis der Sprache des anderen Teiles auf keine Gesprächsunterhaltung hoffen durfte; auch hätte es mir viel Vergnügen gemacht, mir ihre Erlebnisse erzählen zu lassen, die, wie ich vermute, interessant sind. Wie Sie sich denken können, habe ich keine Ahnung, wer sie ist. Ich weiß nur, daß sie angeblich Henriette heißt, daß sie nur Französin sein kann, daß sie sanft ist wie ein Lamm, daß sie allem Anscheine nach eine gute Erziehung genossen hat und daß sie vollkommen gesund ist. Sie muß Geist und Mut haben, denn das haben wir beide bemerken können – ich in Rom und Sie in Cesena an der TafeL des Generals. Wenn sie Ihnen ihre Geschichte erzählen und Ihnen erlauben würde, mir diese ins Lateinische zu übersetzen, so sagen Sie ihr, würde sie mir damit viel Vergnügen machen; denn ich bin ihr aufrichtiger Freund, und ich kann Ihnen versichern, daß es mir großen Kummer machen wird, wenn wir in Parma uns werden trennen müssen. Sagen Sie ihr, bitte, auch, ich würde ihr die dreißig Zechinen geben, die ich vom Bischof von Cesena erhalten habe, und wenn ich reich wäre, so würden sich die Zeugnisse meiner Zärtlichkeit und innigen Zuneigung nicht hierauf beschränken. Und nun, mein Herr, bitte ich Sie, ihr dies alles auf französisch recht deutlich auseinander zu setzen.« Ich fragte sie, ob nicht etwa eine große Genauigkeit meiner Ubertragung ihr peinlich sei, und nachdem ich die Versicherung bekommen hatte, daß sie im Gegenteil eine solche wünschte, erzählte ich ihr Wort für Wort alles wieder, was der Hauptmann mir gesagt hatte. Mit dem edelsten Freimut, dem ein leichter Anflug von Scham einen erhöhten Reiz verlieh, bestätigte mir Henriette die Wahrheit der Erzählung ihres Freundes; sie bat mich jedoch, ihm zu sagen, daß sie seine Wißbegierde in bezug auf ihre Erlebnisse nicht befriedigen könnte. »Sagen Sie ihm, bitte, daß derselbe Grundsatz, der mir nicht erlaubt, zu lügen, mir verbietet, die Wahrheit zu sagen. Versichern Sie ihm ferner, daß ich von den dreißig Zechinen, die er mir zu geben gedenkt, nicht eine einzige annehmen werde, und daß er mich betrüben würde, wenn er auf seinem Anerbieten bestände. Ich wünsche, daß er nach unserer Ankunft in Parma mich für mich allein wohnen läßt, wo mir's gut dünkt, daß er sich nicht danach erkundigt, was aus mir geworden sein mag, und daß er, sollte er zufällig mir begegnen, seiner Güte die Krone aufsetzt, indem er tut, als kenne er mich nicht.« Zum Schluß dieser kleinen Ansprache, die sie mit großem Ernst und in einem bescheidenen und fest entschlossenen Ton vorgebracht harte, umarmte sie ihren alten Freund auf eine Art, die mehr von Gefühl als von Zärtlichkeit sprach. Der Offizier, der nicht wußte, aus welchem Anlaß sie ihn plötzlich küßte, war sehr betroffen, als ich ihm den Inhalt von Henriettens Rede wiedergegeben hatte. Er bat mich, ihr zu sagen, daß er nur dann ihr ohne Widerstreben gehorchen könne, wenn er wüßte, daß sie nach ihrer Ankunft in Parma unbedingt über alles für ihre Bedürfnisse Notwendige verfügen zu können sicher wäre. »Sie können ihm versichern,« sagte sie mir, »daß er sich über mein Schicksal durchaus nicht zu beunruhigen braucht.« Dieses Gespräch machte uns alle drei traurig; lange Zeit saßen wir mit niedergeschlagenen Augen da, ohne ein einziges Wort zu sprechen; als ich endlich, der peinlichen Situation müde, aufstand und ihnen gute Nacht wünschte, sah ich, daß Henriettens Gesicht ganz glühend rot war. Sobald ich in meinem Zimmer war, begann ich, von dem lebhaftesten Gefühl der Liebe, Uberraschung und Unruhe bewegt, laut mit mir selber zu sprechen, wie ich es stets tue, wenn ich von irgend einem Gedanken ganz und gar durchdrungen bin. Der stumme Gedanke genügt mir dann nicht: ich muß sprechen. Ich halte diese Selbstgespräche mit der größten Lebhaftigkeit und vergesse schließlich ganz, daß ich allein bin. Ich war Henrietten gegenüber vollständig mit meinem Latein zu Ende. »Wer ist denn dieses Mädchen«, rief ich aus, »das die erhabensten Gefühle mit allen Anzeichen zynischer Sittenlosigkeit vereinigt? In Parma, sagt sie, will sie unbeachtet bleiben, ihre eigene Herrin sein, und ich habe nicht das Recht mir zu schmeicheln, daß sie mir nicht dasselbe Gebot auferlegen wird, das sie dem Offizier auferlegt hat. Fahrt also wohl, meine Hoffnung, mein Geld und meine Zukunftsträume! Aber wer kann sie sein? Sie muß entweder in Parma einen Geliebten oder Gatten haben, oder sie muß einer achtbaren Familie angehören, oder sie will in grenzenlosem Leichtsinn auf ihre Reize vertrauend das Schicksal herausfordern, sie in den tiefsten Abgrund der Verworfenheit zu stürzen, oder sie irgend einen vornehmen Herrn finden zu lassen, den sie vor ihren Triumphwagen spannen kann. Einen solchen Plan könnte nur eine Wahnsinnige oder eine Verzweifelte haben, und in solchem Fall scheint Henriette mir nicht zu sein. Andererseits freilich besitzt sie gar nichts; aber wie wenn sie mit allem reichlich versehen wäre, will sie nichts von einem ehrenwerten Mann annehmen, der das Recht hat, ihr eine Hilfe anzubieten, die sie mit Fug ohne Erröten annehmen könnte, da sie ohne Erröten Gefälligkeiten für ihn gehabt hat, die ihr nicht von der Liebe geboten waren. Glaubt sie vielleicht gar, daß es eine geringere Schande sei, sich den Wünschen eines Mannes zu ergeben, den man nicht kennt und der kein zärtliches Gefühl einflößen kann, als wenn man ein Geschenk von einem Freunde empfängt, dem man selber hohe Achtung zollt, und besonders in einem Augenblick, wo man ohne alle Hilfsmittel sozusagen sich auf der Straße befindet und noch dazu mitten in einer fremden Stadt, deren Sprache man nicht einmal kennt? Möchte sie vielleicht dadurch den Fehltritt rechtfertigen, den sie mit dem Hauptmann begangen hat, etwa ihm zu verstehen geben, daß sie sich ihm nur hingegeben hat, um dem Offizier zu entrinnen, der sie zu Rom in seinem Besitz hatte? Aber sie muß doch ganz sicher sein, daß der Hauptmann keine andere Meinung haben kann; denn er ist doch offenbar zu vernünftig, als daß man ihm die Einbildung zutrauen kann, einem solchen Mädchen eine lebhafte Leidenschaft eingeflößt zu haben, das ihn in Civita vecchia ein einziges Mal am Fenster gesehen hatte. Sie konnte aber wohl recht haben und durfte sich ihm gegenüber für gerechtfertigt halten – nicht aber mir gegenüber; denn, klug wie sie war, mußte sie recht gut wissen, daß ich nicht mit ihnen gereist sein würde, wenn sie mir keine Gefühle eingeflößt hätte; und sie mußte unbedingt wissen, daß es für sie nur ein einziges Mittel gab, Verzeihung zu erlangen. Sie mag wohl Tugenden gehabt haben, aber sie besitzt nicht jene Tugend, die mich verhindern müßte, nach der einzigen Belohnung zu streben, die ein Mann von der Frau erwarten kann, in die er verliebt ist. Wenn sie glaubt, mir gegenüber die erhabene Tugend spielen und mich zum besten haben zu können, so glaube ich, erfordert von mir meine Ehre, ihr zu beweisen, daß sie sich täuscht.« Nach diesem Selbstgespräch, das meine Erregung noch gesteigert hatte, entschloß ich mich, am nächsten Morgen vor der Abreise eine Erklärung herbeizuführen. »Ich werde sie um dieselben Gefälligkeiten bitten, die ihr alter Hauptmann so leicht von ihr erhalten hat, und wenn sie mir diese abschlagen sollte, werde ich mich dafür rächen, indem ich noch vor unserer Ankunft in Parma ihr eine kalte und schneidende Verachtung bezeige.« Es schien mir handgreiflich zu sein, daß sie mir wahre oder falsche Zärtlichkeitsbeweise nur verweigern könnte, wenn sie eine Tugend zur Schau trug, die sie nicht besaß; da nun diese Tugend nur erheuchelt war, so dachte ich, ich dürfte mich von ihr nicht zum Narren halten lassen. Was den Offizier anbetraf, so war ich nach dem, was er mir gesagt hatte, sicher, daß er's nicht übel auffassen würde, wenn ich mich erklärte; denn als Mann von gesundem Menschenverstand konnte er sich nur neutral verhalten. Zufrieden mit den vor mir selber vorgebrachten Gründen und fest in meinem Entschluß, schlief ich ein. Henriette beschäftigte meine Gedanken zu sehr, als daß ihr Bild mich nicht auch im Traum hätte beschäftigen sollen ; aber dieser Traum, der die ganze Nacht dauerte, trug so stark das Gepräge der Wahrheit, daß ich bei meinem Erwachen sie noch an meiner Seite suchte; und meine Phantasie war derart von den Wonnen dieser Nacht erfüllt, daß ich, wäre nicht meine Tür verriegelt gewesen, überzeugt gewesen wäre, sie hätte mich während meines Schlafs verlassen, um wieder ihren Platz an der Seite des Ungarn einzunehmen. Bei meinem Erwachen fand ich, daß der fortgesetzte Traum dieser glücklichen Nacht mich rasend in das schöne Weib verliebt gemacht hatte. Es konnte auch nicht anders sein. Der Leser stelle sich einen armen Teufel vor, der todmüde und sterbenshungrig sich hinlegt: er unterliegt dem Schlaf, dem gebieterischsten aller Bedürfnisse, aber er glaubt im Traum vor einer reich besetzten Tafel zu sitzen. Nun, was geschieht? Was geschehen muß. Sein Magen ist noch lebhafter angeregt als am Tage vorher und läßt ihm keine Ruhe mehr: er muß seinen Hunger befriedigen, oder er wird vor Erschöpfung sterben. Ich zog mich an mit dem festen Entschluß, mich des Besitzes der Schönen, die mich entflammte, zu versichern, bevor wir noch in den Wagen stiegen. »Wenn es mir nicht glückt,« sagte ich zu mir, »so fahre ich nicht weiter.« – Um aber nicht den guten Ton zu verletzen, und um mir einem ehrenwerten Mann gegenüber keine Vorwürfe machen zu müssen, war es – das fühlte ich – meine Pflicht, mich vor allen Dingen mit meinem Reisekameraden auseinanderzusetzen. Hier glaube ich, von meinen Lesern einen jener vernünftigen, ruhigen und kaltblütigen Leute, die den sogenannten Vorteil gehabt haben, eine Jugend ohne starke Leidenschaften zu verbringen, oder auch einen von jenen, die im Alter gezwungenerweise vernünftig geworden find, ausrufen zu hören: »Kann man denn einer Kleinigkeit soviel Wichtigkeit beimessen?« Das Alter hat meine Leidenschaften beruhigt, indem es sie unvermögend gemacht hat, aber mein Herz ist nicht gealtert und mein Gedächtnis besitzt die ganze Frische der jungen Iahre. Ich bin, lieber Leser, weit davon entfernt, Dinge dieser Art als reine Kleinigkeiten anzusehen, und es ist mein ganzer Kummer, daß ich nicht bis zu meinem Tode aus ihnen die Hauptangelegenheit meines Lebens machen kann. Als ich angezogen war, ging ich in das Zimmer meiner beiden Reisegenossen. Nachdem ich ihnen ein Kompliment über ihr gutes Aussehen gemacht hatte, sagte ich dem Offizier, ich wäre in Henrietten stark verliebt und wollte ihn fragen, ob er es mir übelnehmen würde, wenn ich sie zu überreden versuchte, meine Geliebte zu werden. Ich sagte: »Was sie nötigt, Sie zu bitten, daß Sie sie in Parma für sich allein gehen lassen, wie wenn Sie sie gar nicht kennten, kann nur ein Liebhaber sein, den sie wahrscheinlich dort zu finden hofft; wenn Sie nun mich eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen lassen wollen, so schmeichle ich mir, sie überreden zu können, daß sie mir diesen Geliebten aufopfert. Gibt sie mir einen abschlägigen Bescheid, so bleibe ich hier; Sie gehen mit ihr nach Parma, lassen meinen Wagen auf der Post und schicken mir eine Bestätigung, damit ich jederzeit darüber verfügen kann.« »Gleich nach dem Frühstück«, antwortete der wackere Hauptmann mir, »werde ich ausgehen, um mir das Institut anzusehen, und Sie bleiben mit ihr allein. Versuchen Sie mit ihr Ihr Ziel zu erreichen; ich würde mich außerordentlich freuen, wenn sie in Ihre Hände überginge. Beharrt sie bei dem Entschluß, den sie kundgegeben hat, so werde ich hier leicht einen Fuhrmann finden, und Sie können Ihren Wagen behalten. Ich danke Ihnen für Ihr Anerbieten, und ich werde mich mit Bedauern von Ihnen trennen.« Entzückt, daß ich bereits den halben Weg zurückgelegt hatte und daß die Lösung der Frage nicht mehr fern war, fragte ich meine schöne Französin, ob sie nicht Lust hätte, die Sehenswürdigkeiten von Bologna zu besichtigen. »Ich möchte es gern, wenn ich Kleider hätte, wie sie sich für mein Geschlecht schicken. Aber so wie ich bin, habe ich kein Vergnügen daran, mich vor der ganzen Stadt sehen zu lassen.« »Sie werden also nicht ausgehen?« »Nein!« »Ich werde Ihnen Gesellschaft leisten.« »Das wird mich sehr freuen.« Wir frühstückten in fröhlicher Laune selbdritt; dann ging der Hauptmann aus. Sobald er fort war, sagte ich zu Henriette, ihr Freund ginge aus, um mich mit ihr allein zu lassen, weil ich ihm gesagt hätte, daß ich unter vier Augen mit ihr sprechen müßte. »Sie haben ihm gestern den Befehl gegeben, sofort nach unserer Ankunft in Parma Sie zu vergessen, sich nicht nach Ihnen zu erkundigen und so zu tun, als ob er Sie nicht kennte, falls er zufällig Ihnen begegnen sollte; betrifft dieser Befehl auch mich?« »Einen Befehl habe ich ihm nicht gegeben; dazu habe ich nicht das Recht, und ich würde mich niemals so weit vergessen; ich habe nur eine Bitte an ihn gerichtet, nur einen Dienst zu erweisen, den ich meiner Verhältnisse wegen von ihm erwarten muß. Da er durchaus kein Recht hat, mir diese Bitte abzuschlagen, so habe ich nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß er sie mir erfüllen würde. Was nun Sie anbetrifft, so hätte ich ganz gewiß nicht versäumt, die gleiche Bitte auch an Sie zu richten, wenn ich hätte denken können, daß Sie irgendwelche Absichten auf mich hätten. Sie haben Freundschaft für mich an den Tag gelegt; aber Sie müssen fühlen, daß, wenn in meiner Lage die Fürsorge, die der Hauptmann mir angedeihen lassen wollte, mir schaden konnte, die Ihrige nur noch mehr würde schaden können. Da Sie Freundschaft für mich hegen, so hätten Sie dies alles wohl ahnen können.« »Da Sie wissen, daß ich Freundschaft für Sie empfinde, so müssen Sie auch erraten, daß es mir nicht möglich ist, Sie ohne Geld, ohne Hilfsmittel in einer Stadt allein zu lassen, wo Sie sich nicht einmal verständlich machen können. Glauben Sie wirklich, daß ein Mann, dem Sie die innigste Freundschaft eingeflößt haben, Sie im Stich lassen könne, nachdem er Sie kennen gelernt und aus Ihrem eigenen Munde erfahren hat, in welcher Lage Sie sich befinden? Wenn Sie dies glauben, so haben Sie keinen rechten Begriff von der Freundschaft, und wenn ein solcher Mann Ihrer Bitte nachgibt, so ist er nicht Ihr Freund.« »Ich bin überzeugt, daß der Hauptmann mein Freund ist, und Sie haben es ja selber gehört: er wird mich vergessen.« »Ich weiß nicht, von welcher Art die Freundschaft ist, die dieser brave Mann für Sie vielleicht empfindet, und ich weiß auch nicht, wie weit die Macht geht, die er über sich selber ausübt; aber so viel weiß ich: wenn er Ihnen den Gefallen erweisen kann, worum Sie ihn gebeten haben, so ist seine Freundschaft von einer ganz anderen Art, als die meinige; denn ich glaube Ihnen sagen zu müssen, daß es mir nicht nur nicht möglich ist, Ihnen leichten Herzens den eigentümlichen Gefallen zu tun, in der Lage, in der ich Sie erblicke, Sie Ihrem Schicksal zu überlassen, sondern daß es mir, wenn ich nach Parma gehe, überhaupt unmöglich ist, zu tun, was Sie von mir wünschen; denn ich liebe Sie auf eine solche Art, daß Sie mir entweder versprechen müssen, die meinige werden zu wollen, oder daß ich hier bleiben muß. Sie werden also mit dem Hauptmann allein nach Parma reisen; denn ich fühle, daß ich der unglücklichste Mensch werden würde, wenn ich Sie noch weiter begleitete. Ich könnte es nicht ertragen, Sie mit einem anderen Liebhaber, mit einem Gatten, oder im Kreise Ihrer Familie zu sehen; mit einem Wort, es wäre mir unerträglich, wenn ich Sie nicht beständig sehen und mit Ihnen zusammen leben könnte. Vergessen Sie mich–das sind drei Worte, die man leichthin ausspricht; aber, schöne Henriette, wenn Vergessen einem Franzosen möglich ist, so besitzt ein Italiener–wenn ich nach mir urteilen darf–nicht ein solches eigentümliches Talent. Mit einem Wort, Madame, mein Entschluß steht fest: Sie müssen die Güte haben, sich jetzt zu erklären und mir zu sagen, ob ich Sie nach Parma begleiten oder ob ich hier bleiben soll. Antworten Sie mit ja oder nein. Wenn ich hier bleibe, so ist alles in Ordnung. Ich reise morgen nach Neapel ab, und ich bin sicher, daß ich von der Leidenschaft genesen werde, die Sie mir eingeflößt haben; aber wenn Sie mir sagen, daß ich Sie nach Parma begleiten kann, dann müssen Sie mir die Versicherung geben, daß ich Ihr Herz ganz und gar besitzen werde. Ich will alleiniger Besitzer Ihrer Reize sein; doch mögen Sie immerhin die Bedingung stellen, daß Sie erst dann mich vollkommen glücklich machen, wenn Sie finden, daß ich durch meine Aufmerksamkeiten für Sie mich dessen würdig gemacht habe. Treffen Sie Ihre Wahl, bevor der allzu glückliche, brave Hauptmann zurückkommt; er weiß alles; ich habe ihm alles gesagt.« »Was hat er geantwortet?« »Daß er entzückt sein würde, Sie meiner Obhut zu überlassen. Doch was bedeutet dieses Lächeln?« »Ich bitte Sie, lassen Sie mich lachen; niemals in meinem Leben habe ich etwas von einer derartigen rasenden Liebeserklärung gehört. Eine Liebeserklärung sollte wohl lebhaft, aber sie muß auch zärtlich und sanft sein; begreifen Sie wohl, was es heißt, in einer solchen Erklärung einer Frau zu sagen: Madame, eins von beiden! Wählen Sie auf der Stelle! – Hahaha!« »Ich begreife es vollkommen. Es ist nicht sanft, es ist nicht galant, es ist nicht pathetisch. Aber es ist leidenschaftlich. Bedenken Sie, daß es sich um eine ernste Sache handelt und daß ich mich niemals in einer derartigen Lage befanden habe. Fühlen auch Sie, in welcher peinlichen Lage ein Verliebter sich befindet, der im Nu einen Entschluß fassen muß, der sogar über Leben und Tod entscheiden kann! Beachten Sie, daß ich trotz der Glut meiner Leidenschaft in keiner Weise einen Verstoß gegen Sie begehe; daß der Entschluß, den ich fassen werde, wenn Sie bei Ihrer Meinung verharren, keine Drohung ist, sondern eine heldenmütige Selbstüberwindung, die mich Ihrer vollen Achtung würdig machen muß. Endlich bitte ich Sie, zu bedenken, daß wir keine Zeit zu verlieren haben. Das Wort »wählen Sie!« darf Ihnen nicht schroff erscheinen; im Gegenteil, es legt ja in Ihre Hände die Entscheidung über mein Schicksal wie über das Ihrige. Um sich zu überzeugen, daß ich Sie liebe, möchten Sie doch nicht etwa, daß ich wie ein Tölpel mich Ihnen zu Füßen werfe und Sie weinend bitte, Mitleid mit mir zu haben; nein, Madame, es würde Ihnen ohne Zweifel mißfallen und würde mich nicht zum Ziel führen. Ich bin gewiß, daß ich den Besitz Ihres Herzens verdiene; drum bitte ich Sie um Liebe und nicht um Mitleid. Wenn ich Ihnen nicht gefalle, so trennen Sie sich von mir! Aber lassen Sie mich abreisen; denn wenn Sie noch Mitgefühl haben und wünschen, daß ich Sie vergesse, so erlauben Sie, daß ich fern von Ihnen diesen Kampf leichter bestehe. Wenn ich mit Ihnen nach Parma gehe, kann ich nicht für mich einstehen, denn dort würde ich in einer Art von Verzweiflung sein. Ich bitte Sie um die Gnade: Überlegen Sie sich dies! Sie werden sehen, daß Sie mir ein unverzeihliches Unrecht antun würden, wenn Sie mir sagten: ›Kommen Sie nach Parma; aber ich bitte Sie, versuchen Sie nicht, mich dort zu sehen.‹ Geben Sie zu, daß Sie billigerweise mir so etwas nicht sagen können.« »Ich gebe es zu, wenn es wahr ist, daß Sie mich lieben.« »Gott sei gelobt! Ja, seien Sie überzeugt, daß ich Sie ganz aufrichtigen Herzens liebe; also wählen Sie und sprechen Sie das Urteil!« »Also immer noch in demselben Ton?« »Ja.« »Aber wissen Sie auch, daß Sie aussehen, wie wenn Sie zornig wären?« »Nein; denn dies ist nicht der Fall; ich befinde mich nur in einer Art von Paroxysmus. Dies ist für mich ein entscheidender Augenblick, und ich schwebe in einer entsetzlichen Ungewißheit. Ich muß meinem eigentümlichen Schicksal und den verfluchten Sbirren von Cesena fluchen; denn ohne diese hätte ich Sie niemals gesehen.« »Es tut Ihnen also leid, mich kennen gelernt zu haben?« »Ja – Habe ich denn da nicht sehr recht?« »Ganz und gar nicht; denn ich habe noch nichts entschieden.« »Ich beginne aufzuatmen; denn ich wette, Sie werden mir sagen, daß ich mit Ihnen nach Parma kommen soll.« »Ja, kommen Sie nach Parma!« Drittes Kapitel Ich reise als glücklicher Mann von Bologna ab. – Der Hauptmann trennt sich von uns in Reggio, wo ich mit Henrietten die Nacht verbringe. – Unsere Ankunft in Parma. – Henriette legt wieder weibliche Kleider an. – Unser gegenseitiges Glück. – Ich finde Verwandte von mir, gebe mich aber nicht zu erkennen. Der Leser wird erraten, daß die Szene sich sofort änderte. Das Zauberwort: Kommen Sie nach Parma! war eine glückliche Peripetie, und ich ging sofort vom drohenden zum zärtlichen, vom strengen Ton zum sanften über. Ja, ich fiel ihr zu Füßen, umschlang liebend ihre Knie und küßte sie ihr voll Zärtlichkeit und Dankbarkeit. Keine Spur mehr von dem zornigen und drohenden Tone, der so wenig zum sanftesten aller Gefühle paßt. Zärtlich, unterwürfig, dankbar schwor ich ihr, ich würde von ihr keine einzige Gunstbezeigung, nicht einmal einen Handkuß verlangen, bevor ich ihre Liebe verdient hätte. Das göttliche Weib war angenehm überrascht, mich so schnell vom Tone der Verzweiflung zur lebhaftesten Zärtlichkeit übergehen zu sehen; und sie sagte mir mit einem Ausdruck, der noch zärtlicher war als der meine, ich möchte doch aufstehen. »Ich bin überzeugt,« sagte sie mir, »daß Sie mich lieben, aber glauben Sie auch, daß ich alles tun werde, was von mir abhängt, um mir Ihre Beständigkeit zu sichern.« Selbst wenn sie mir gesagt hätte, daß sie mich ebenso sehr liebte wie ich sie, so hätte sie mir doch damit nicht mehr gesagt; denn diese Worte drückten alles aus. Ich hielt meine Lippen auf ihre schöne Hand gepreßt, als der Hauptmann wieder eintrat. Er beglückwünschte uns in dem Ton der größten Aufrichtigkeit, und ich sagte ihm mit strahlendem Gesicht, ich würde die Pferde bestellen. Ich ging hinaus, ihn mit ihr allein lassend, und bald darauf machten wir uns vergnügt und zufrieden auf den Weg. Vor unserer Ankunft in Reggio sagte der ehrenwerte Kapitän zu mir, nach seiner Meinung erfordere der Anstand, daß wir ihn allein nach Parma reisen ließen; denn wenn er mit uns zusammen ankäme, würde das Anlaß zu allerlei Bemerkungen geben, man würde Fragen an ihn richten und man würde überhaupt viel mehr über uns sprechen, als wenn wir allein ankämen. Henriette sowohl wie ich fanden diese Gründe sehr vernünftig, und wir entschlossen uns auf der Stelle, die Nacht in Reggio zu verbringen und ihn in einem Postwagen nach Parma fahren zu lassen. Nachdem dies alles besprochen war, wurde sein Koffer auf das Wägelchen geladen, das man ihm lieferte. Er sagte uns Lebewohl und fuhr ab, nachdem er uns noch versprochen hatte, am nächsten Tage mit uns zu Mittag zu essen. Das Verhalten des biederen Ungarn mußte meiner Freundin ebenso sehr gefallen, wie mir, denn unser Zartgefühl nötigte uns, in seiner Gegenwart uns eine große Zurückhaltung aufzuerlegen. Wie wäre uns bei der veränderten Sachlage möglich gewesen, in Reggio in demselben Gasthofe zu wohnen? Henriette hätte in Ehren nicht mehr das Bett des Hauptmanns teilen können; sie hätte sich aber auch nicht in das meinige legen können, ohne den Anstand zu verletzen. Wir hätten alle drei über eine solche Zurückhaltung gelacht; wir hätten sie lächerlich gefunden und uns dennoch ihr unterworfen. Die Liebe ist eine Feindin der Scham, obgleich sie oft Dunkelheit und Geheimnis sucht; aber wenn die Liebe sich schämen muß, fühlt sie sich erniedrigt und verliert sofort drei Viertel ihrer Würde und einen großen Teil ihres Reizes. Man wird leicht begreifen, daß Henriette und ich nur glücklich sein konnten, wenn wir uns die Erinnerung an den braven Hauptmann fern hielten. Wir speisten unter vier Augen zu Abend; ich war berauscht von meinem Glück, das mir zu groß erschien, und war doch traurig. Aber Henriette hatte mir nichts vorzuwerfen, denn auch sie schien traurig zu sein. Es war im Grunde nur Verlegenheit; denn wir liebten uns, aber wir hatten keine Zeit gehabt, uns kennen zu lernen. Wir sprachen wenig; es fiel keine einzige pikante oder interessante Bemerkung; unsere Reden kamen uns selber abgeschmackt vor, und deshalb versenkten wir uns lieber in unsere Gedanken. Wir wußten, daß wir die Nacht zusammen verbringen würden; aber wir hätten befürchtet, indiskret zu sein, wenn wir eine Anspielung darauf gemacht hätten. Welche Nacht! Was für ein Weib war diese Henriette, die ich so sehr geliebt habe, die mich so glücklich gemacht hat! Erst drei oder vier Tage darauf erkühnte ich mich, sie zu fragen, was sie ohne Geld und ohne Bekanntschaften in Parma würde angefangen haben, wenn ich mich gescheut hätte, ihr meine Liebe zu erklären. Sie antwortete mir, sie würde wahrscheinlich in die entsetzlichste Verlegenheit geraten sein; aber sie wäre überzeugt gewesen, daß ich sie liebte, und hätte vorausgesehen, daß es so kommen würde, wie es denn auch wirklich gekommen wäre. Da sie ungeduldig gewesen wäre, zu erfahren, wie ich über sie dächte, so hätte sie mich gebeten, dem Offizier ihren Entschluß zu verdolmetschen; denn sie hätte gewußt, daß er sich diesem nicht widersetzen und auch nicht weiter hätte mit ihr zusammen sein können. Da sie ferner mich nicht in die Bitte mit einbegriffen hätte, die sie durch mich an den Hauptmann richtete, so hätte sie es unmöglich gefunden, daß ich sie nicht hätte fragen sollen, ob ich ihr nicht irgendwie von Nutzen sein könnte. Auf diese Weise würde sie meine Gesinnungen kennen gelernt und danach dann ihren Entschluß gefaßt haben. Endlich sagte sie mir noch: wenn sie zugrunde gegangen wäre, so hätten daran ihr Gatte und ihr Schwiegervater schuld gehabt; das wären Ungeheuer. In Parma angekommen, gab ich auf der Torwache wieder den Namen Farussi an, den ich auch in Cesena geführt hatte; es war der Familienname meiner Mutter. Henriette schrieb mit eigener Hand Anne d'Arci, Französin. Während wir die Fragen des Torschreibers beantworteten, bot ein gewandter und artiger junger Franzose mir seine Dienste an; er sagte mir, statt in der Post abzusteigen, würde ich gut tun, zu d'Adremont zu gehen, wo ich Wohnung und Küche nach französischer Art und die besten französischen Weine bekäme. Da ich sah, daß der Vorschlag Henrietten gefiel, ließ ich mich hinführen, und wir erhielten eine ausgezeichnete Wohnung. Ich nahm den Bedienten zu einem bestimmten Tagelohn an und traf ganz genaue Abmachungen mit dem Herrn d'Adremont. Hierauf besorgte ich selber eine Remise für meinen Wagen. Nachdem ich noch einen Augenblick eingetreten war, um meiner Freundin zu sagen, daß wir uns zum Mittagessen wiedersehen würden, und dem Lakaien, daß er im Vorzimmer auf meine Befehle warten sollte, ging ich allein aus. Parma stand unter der Zuchtrute einer neuen Regierung; ich konnte daher mit Fug annehmen, daß es überall von Spionen in allen möglichen Formen wimmeln würde, und wollte deshalb keinen Lakaien auf den Fersen haben, der mir vielleicht mehr geschadet als gedient hätte. Ich war in der Heimatstadt meines Vaters, wo ich keinen Menschen kannte; aber obwohl ich allein war, war ich doch sicher, daß ich nicht lange Zeit brauchen würde, um mich zurecht zu finden. Als ich die Straßen betrat, kam es mir vor, als wäre ich nicht mehr in Italien. Von den Vorübergehenden hörte ich nur französisch oder spanisch sprechen und die Leute, die sich nicht dieser Sprachen bedienten, flüsterten sich dem Anscheine nach ihre Bemerkungen ins Ohr. Ich ging aufs Geratewohl die Straße entlang, um ein Wäschegeschäft zu suchen; denn nach einem solchen mich erkundigen wollte ich nicht; schließlich fand ich das Gewünschte. Ich trat ein und sagte zu einer guten dicken Matrone, die an der Kasse saß: »Madame, ich möchte einige Einkäufe machen.« »Mein Herr, ich werde jemanden holen lassen, der französisch spricht.« »Das ist unnötig, ich bin Italiener.« »Gott sei gelobt! Denn nichts ist heutzutage so selten!« »Warum selten?« »Sie wissen also nicht, daß Don Filippo angekommen und daß seine Gemahlin, Madame de France, unterwegs ist?« »Ich gratuliere Ihnen dazu. Das muß den Handel beleben; es bringt Geld unter die Leute, und man wird jedenfalls alles finden.« »Allerdings; aber alles ist teuer, und wir können uns nicht an diese neuen Gebräuche gewöhnen; es ist ein schlechtes Gemisch von französischer Freiheit und spanischem Zwang, das macht uns die Köpfe ganz wirbelig. – Was für Wäsche wünschen Sie?« »Vor allen Dingen muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich nicht handle, also nehmen Sie sich in acht: wenn Sie mich überteuern, komme ich nicht wieder. Ich brauche feine Leinwand für vierundzwanzig Frauenhemden, Barchent zu Unterröcken und Miedern; Mousselin; Battist zu Taschentüchern und noch andere Sachen, von denen ich hoffe, daß Sie sie haben; denn da ich Fremder bin, so weiß Gott, in was für Hände ich fallen werde.« »Sie werden nur in gute Hände fallen, wenn Sie mir Ihr Vertrauen schenken wollen.« »Ich denke, Sie verdienen es; ich vertraue mich also Ihnen an. Sie müssen mir auch Näherinnen besorgen, die bei der Dame, die sich in größter Eile alles Notwendige anfertigen lassen muß, auch auf dem Zimmer arbeiten können.« »Und Kleider?« »Kleider auch; dazu Hüte, Mäntelchen, mit einem Wort alles. Nehmen Sie an, daß sie nackt sei.« »Wenn sie Geld hat, so bürge ich Ihnen dafür, daß sie alles bekommt, was sie wünschen kann; ist sie jung?« »Sie ist vier Jahre jünger als ich und ist meine Frau.« »Ach, Gott segne sie! Sie haben Kinder?« »Nein, meine liebe Dame; aber das wird schon kommen, denn wir arbeiten dran.« »Das versteht sich. Ach wie mich das freut! Mein Herr, ich werde Ihnen die Perle aller Schneiderinnen schicken. Unterdessen machen Sie sich den Spaß und suchen Sie aus, was Sie brauchen.« Ich nahm das beste, was sie hatte, und bezahlte. Unterdessen war die Schneiderin angekommen; ich gab der Besitzerin des Ladens meine Adresse an, bat sie, mir Kleiderstoffe zuzuschicken, und sagte der Schneiderin und ihrer Tochter, die sie begleitet hatte, sie möchten mit mir kommen. Sie nahmen die Wäsche, die ich gekauft hatte, und wir gingen. Unterwegs kaufte ich seidene und leinene Strümpfe und bestellte einen Schuster, der neben dem Gasthof wohnte. Und nun kam ein köstlicher Augenblick: Henriette, der ich vorher nichts gesagt hatte, besah sich alles mit einem Ausdruck vollkommener Befriedigung, aber ohne irgendwelche Selbstsucht zu verraten. Sie bewies mir ihre Erkenntlichkeit durch zartfühlende Lobsprüche über meine Auswahl und über die Schönheit der von mir gekauften Gegenstände. Sie war deshalb nicht fröhlicher als zuvor; aber auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Zärtlichkeit, der mehr wert war, als alle Dankbarkeit. Der Lohndiener war mit den Schneiderinnen eingetreten; Henriette sagte ihm freundlich, er möchte hinausgehen und warten, bis er wieder hereingerufen würde. Die Schneiderin ging an die Arbeit, der Schuster nahm Maß, und ich sagte ihm, er möchte uns Pantoffeln holen. Eine Viertelstunde darauf kam er zurück, und mit ihm trat unberufen auch der Lohndiener ein. Der Schuster sprach französisch und erzählte Henrietten allerlei komische Geschichten; plötzlich unterbrach sie ihn und fragte den Bedienten, der sich ganz gemütlich im Zimmer aufhielt, was er denn wolle? »Nichts, gnädige Frau; ich bin nur hier, um Ihre Befehle entgegenzunehmen.« »Habe ich Ihnen nicht gesagt, man würde Sie rufen, sobald man Sie brauche?« »Ich möchte wissen, wer von Ihnen beiden mein Herr ist.« »Keiner!« rief ich lachend. »Hier haben Sie Ihren Tagelohn; gehen Sie!« Als der Schuster bemerkte, daß die gnädige Frau nur französisch sprach, empfahl er ihr einen Sprachlehrer. »Aus welchem Lande stammt er?« fragte Henriette. »Er ist Vlame, gnädige Frau,« sagte Meister St. Crispin, »und er ist ein Gelehrter von ungefähr fünfzig Iahren. Er soll, wie man sagt, ein sehr tugendhafter Mann sein. Er nimmt drei Lire für eine Stunde und das doppelte für zwei Stunden, und er läßt sich nach jeder Unterrichtsstunde bezahlen.« »Lieber Freund,« fragte Henriette mich, »möchtest du, daß ich diesen Lehrer annehme?« »Ich bitte dich darum, liebes Herz; es wird dich unterhalten.« Der Schuster empfahl sich mit dem Versprechen, daß er ihr am nächsten Morgen den Vlamen zuschicken werde; die Schneiderinnen arbeiteten tüchtig. Während die Mutter zuschnitt, nähte die Tochter; da aber eine einzige nicht viel schaffen konnte, sagte ich der Mutter, sie würde uns einen Gefallen tun, wenn sie uns eine zweite Nähterin besorgte, die französisch spräche. »Sie sollen sie,« antwortete sie, »noch heute haben. Zugleich erlaube ich mir, Ihnen meinen Sohn als Bedienten anzubieten. Wenn Sie ihn nehmen, so haben Sie weder einen Dieb noch einen Spion um sich herum, und er weiß sich ganz leidlich auf französisch auszudrücken.« »Ich glaube, lieber Freund,« sagte Henriette zu mir, »wir würden gut tun, ihn zu nehmen.« Dies war genug, um meine sofortige Zustimmung zu veranlassen; denn für einen Mann, der liebt, ist der geringste Wunsch des geliebten Wesens allerhöchster Befehl. Die Mutter holte ihn und kam mit ihm und der halbfranzösischen Nähterin zurück; diese war für meine Göttin eine Erleichterung und ein wahrer Zeitvertreib. Der Sohn der Schneiderin war ein junger Mensch von achtzehn Jahren, ziemlich gut unterrichtet, sanft, bescheiden und von angenehmen Gesichtszügen. Ich fragte ihn nach seinem Namen; er antwortete mir, er heiße Caudagna. Wie der Leser weiß, stammte mein Vater aus Parma, und er hat vielleicht nicht vergessen, daß eine seiner Schwestern einen Caudagna geheiratet hatte. – Es wäre scherzhaft, sagte ich bei mir selber, wenn diese Schneiderin meine Tante und mein Bedienter mein leiblicher Vetter wäre! Aber schweigen wir! – Henriette fragte mich, ob es mir recht wäre, wenn die Schneiderin mit uns äße. – »Ich bitte dich, angebetete Henriette, recht sehr, mich in Zukunft nicht mehr zu beschämen, indem du derartige Kleinigkeiten von meiner Einwilligung abhängig machst. Sei versichert, meine zärtliche Freundin, daß meine Einwilligung deinen geringsten Handlungen vorauseilen wird, wenn das möglich ist!« Sie dankte mir mit einem Lächeln. Ich zog hierauf eine Börse aus meiner Tasche und sagte ihr: »Da hast du fünfzig Zechinen; bezahle selber alle Kleinigkeiten, die du nötig hast, und die ich nicht erraten habe.« Sie nahm das Geld, indem sie mir versicherte, daß ich ihr ein großes Vergnügen mache. Einen Augenblick, bevor wir uns zu Tische setzten, kam unser guter, ungarischer Hauptmann. Henriette lief ihm entgegen, um ihn zu umarmen, indem sie ihn ihren lieben Papa nannte, und ich folgte ihrem Beispiel, indem ich ihn meinen Freund nannte. Meine liebe Gattin bat ihn, alle Tage zu uns zum Essen zu kommen. Als der brave Soldat alle die weiblichen Wesen sah, die für Henrietten zu arbeiten hatten, empfand er eine außerordentliche Befriedigung die sich deutlich auf allen seinen Zügen ausdrückte. Er wünschte sich Glück, daß er seine Abenteuerin so gut untergebracht hatte, und seine Freude erreichte ihren Höhepunkt, als ich ihm sagte, daß ich ihm mein Glück verdankte. Wir hatten eine ausgezeichnete und fröhliche Mahlzeit. Ich bemerkte, daß Henriette lecker und mein alter Offizier ein Feinschmecker war. Auch ich war beides in nicht geringem Maße, und ich fühlte mich imstande, ihnen die Spitze zu bieten. Wir genossen verschiedene ausgezeichnete Weine, die Herr d'Adremont mir mit Recht gerühmt hatte, und hatten auf diese Weise eine ganz reizende Mahlzeit. An meinem jungen Bedienten gefiel mir die Ehrerbietung, womit er uns alle bediente, und seine Mutter ebensowohl, wie die Herrschaft. Seine Schwester und die anderen Nähterinnen hatten für sich allein gegessen. Beim Nachtisch meldete man uns die Wäschehändlerin mit einer anderen Frau und eine Modistin, die französisch sprach. Die andere hatte Muster für alle möglichen Arten von Kleidern bei sich. Ich ließ Henriette Hüte, Mützen, Besätze und so weiter nach ihrem Belieben bestellen, aber ich bestand darauf, bei der Auswahl der Kleider ein Wort mitsprechen zu dürfen; indessen bequemte ich mich dabei dem Geschmack meiner anbetungswürdigen Freundin an. Ich nötigte sie, Stoff zu vier Kleidern auszuwählen, und ich fühle noch jetzt, daß ich ihr Dank schuldete für ihre Gefälligkeit, sie anzunehmen; denn je mehr ich mir das Herz des reizenden Weibes errang, desto mehr fühlte ich mein Glück sich steigern. So verbrachten wir den ersten Tag, an welchem wir unmöglich mehr hätten tun können, als wir taten. Als wir am Abend allein miteinander aßen, kam es mir vor, als entdeckte ich eine Wolke von Traurigkeit auf ihrem hübschen Gesicht; ich sagte es ihr. »Mein Freund,« antwortete sie mir mit einem Ton in ihrer Stimme, der mir ins Herz drang: »du gibst viel Geld für mich aus; und wenn du es tust, damit ich dich noch mehr lieben soll, so sage ich dir zum voraus: dieses Geld ist verloren; denn ich liebe dich nicht mehr, als vorgestern, aber ich liebe dich von ganzer Seele. Alles, was du über die einfache Notwendigkeit hinaus tust, kann mir nur dadurch Vergnügen machen, daß ich immer mehr sehe, wie sehr du meiner würdig bist; aber, um dich zu lieben, wie du es verdienst, bedarf ich solcher Beweise nicht.« »Ich glaube es, geliebte Freundin, und wünsche mir Glück zu meinem Glück, wenn du fühlst, daß deine Zärtlichkeit einer Steigerung nicht fähig ist. Aber laß auch du, angebetetes Weib, dir sagen, daß ich nur deshalb so handle, um dich immer noch mehr zu lieben, wenn mir dies möglich ist. Ich wünsche dich in dem ganzen Staat deines Geschlechts glänzen zu sehen, und wenn mich etwas bekümmert, so ist es nur das Gefühl, daß ich nicht imstande bin, dich so glänzen zu lassen, wie du es verdienst. Wenn es dir Vergnügen macht, liebe Freundin, muß ich da nicht entzückt darüber sein?« »Du darfst nicht daran zweifeln, daß es mir großes Vergnügen macht; und in gewisser Weise hast du recht, da du gesagt hast, daß ich deine Frau bin. Aber wenn du nicht sehr reich bist, so wirst du fühlen, welche Vorwürfe ich mir machen muß.« »Ach, mein Engel, laß mich doch, ich bitte dich, mich für reich zu halten, und glaube selber, daß du unmöglich die Ursache meines Ruins sein kannst; du bist nur zu meinem Glück geboren. Denke an weiter nichts, als daß du mich niemals verläßt, und sage mir, ob ich darauf hoffen kann.« »Ich wünsche es, mein zärtlicher Freund, aber wer kann auf die Zukunft zählen! Bist du frei? Hängst du von irgend jemandem ab?« »Ich bin frei im vollen Sinne des Wortes, und ich hänge von niemandem ab, als einzig und allein von dir, meine köstliche Herrin.« »Ich wünsche dir Glück dazu, und meine Seele freut sich dessen; niemand kann dich mir entreißen, aber leider kann ich, wie du weißt, von mir nicht dasselbe sagen. Ich bin überzeugt, daß man mich sucht, denn ich weiß, daß man sich leicht meiner bemächtigen wird, sobald man mich entdeckt. Ach, wie unglücklich werde ich sein, wenn es ihnen gelingt, mich deinen Armen zu entreißen!« »Du machst mich zittern! Kannst du dieses Unglück hier befürchten?« »Nein – ich müßte denn von irgend jemandem gesehen werden, der mich kennt.« »Ist es wahrscheinlich, daß dieser Irgendjemand hier in Parma ist?« »Das scheint mir schwer möglich zu sein.« »Dann laß uns doch nicht unsere Zärtlichkeit durch eine Furcht beunruhigen, die, wie ich hoffe, sich nicht bewahrheiten wird. Vor allem, liebenswürdige Freundin, sei fröhlich, wie du es in Cesena warst!« »Ich will es mit aufrichtigerem Herzen sein, lieber Freund; denn in Cesena war ich unglücklich, und jetzt bin ich glücklich. Fürchte nicht, daß du mich traurig finden wirst; denn Fröhlichkeit ist der Grundzug meines Charakters.« »Ich glaube, in Cesena mußtest du jeden Augenblick befürchten, von dem Offizier eingeholt zu werden, dem du in Rom durchgegangen warst.« »Durchaus nicht, es war mein Schwiegervater, der, davon bin ich sicher überzeugt, nicht die geringsten Schritte getan hat, um zu erfahren, wohin ich gegangen sei. Er kann nur sehr froh gewesen sein, daß er mich los wurde. Nein, ich war unglücklich, weil ich einem Mann zur Last fiel, den ich nicht lieben konnte, mit dem ich nicht einmal einen Gedanken austauschen konnte. Obendrein konnte ich mir nicht einmal einbilden, daß ich ihn glücklich machte; denn ich hatte ihm nur eine Phantasie eingeflößt, die er auf zehn Zechinen bewertet hatte. Ich mußte fühlen, daß diese Phantasie nach ihrer Befriedigung bei seinem Alter nicht wieder erwacht war und daß ich ihm nur lästig sein konnte, denn offenbar war er nicht reich. Mein geheimer Kummer wurde noch durch eine klägliche Denkweise vermehrt: ich hielt mich für verpflichtet, ihm Liebkosungen zu erweisen, er seinerseits hielt es vielleicht für seine Pflicht, mir diese zu vergelten, und nun hatte ich Angst, er könnte seine Gesundheit opfern, und dieser Gedanke war für mich eine wahre Qual. Wir empfanden gegenseitig keine Liebe zueinander und legten uns aus Höflichkeit einen dummen Zwang auf. Wir vergeudeten an ein vermeintliches Gebot des Anstandes, was man nur der Liebe geben soll. Sehr peinlich war mir auch ein Gedanke, der mir oft die Schamröte ins Gesicht trieb: ich fürchtete, man könnte annehmen, daß der Mann mich seines Vorteils wegen mit sich führte; denn wenn ich darüber nachdachte, so mußte ich mir sagen, daß ein solches Urteil, so falsch es war, nicht einer gewissen Wahrscheinlichkeit entbehrte. Diesem Gefühl hast du ohne Zweifel meine Zurückhaltung zuzuschreiben; denn ich befürchtete, du möchtest diese beschimpfende Meinung von mir bekommen, wenn du in meinen Blicken den Eindruck lesen könntest, den du auf mich gemacht hattest.« »Diese Zurückhaltung war also nicht von Stolz veranlaßt?« »Nein, ich muß dir gestehn, dies war nicht der Fall; denn du konntest über mich nur das Urteil fällen, das ich verdiente. Ich beging die dir bekannte Torheit, weil mein Schwiegervater mich in ein Kloster stecken wollte, was durchaus nicht nach meinem Geschmack war. Übrigens, mein Freund, erlaube mir, dir meine Geschichte zu verschweigen.« »Ich achte dein Geheimnis, mein Engel; fürchte nicht, daß ich dir in dieser Hinsicht lästig fallen werde; laß uns uns lieben und laß uns nicht durch Furcht vor der Zukunft unser gegenwärtiges Glück stören!« Am anderen Morgen war ich nach der glücklichsten Nacht verliebter als am Tage vorher. Und so verbrachten wir drei Monate in einem Freudentaumel des Glücks. Um neun Uhr ließ der italienische Sprachlehrer sich melden. Ich sah einen Mann von achtbarem Aussehen, höflich, bescheiden, wenig, aber gut sprechend, zurückhaltend in seinen Antworten und wohlunterrichtet nach der altmodischen Art. Wir plauderten, und ich mußte darüber lachen, daß er mir mit ganz überzeugter Miene sagte, ein Christ könne das Kopernikussche Weltsystem nur als eine gelehrte Hypothese zulassen. Ich antwortete ihm, dieses System könne nur das System Gottes sein, da es das der Natur sei, und die heilige Schrift sei nicht das Buch, woraus die Christen Physik lernen könnten. Er verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, woran ich Tartüff erkannte, und wenn es sich nur um mich gehandelt hätte, so hätte ich den armen Menschen fortgeschickt; aber wenn er Henrietten unterhalten und ihr die italienische Sprache beibringen konnte, so war das alles, was ich von ihm verlangen konnte. Meine teuere Gattin sagte ihm, Sie würde ihm jeden Tag Sechs Lire für zwei Unterrichtsstunden geben: die Lira von Parma hat einen Wert von fünf französischen Sous; seine Lektionen waren also nicht teuer. Sie nahm am selben Tage ihren ersten Unterricht und gab ihm nach Beendigung desselben zwei Zechinen, um ihr einige Romane zu kaufen, deren Wert bereits anerkannt sei. Während meine teuere Henriette ihre Stunde nahm, machte ich mir den Spaß, mit der Schneiderin zu plaudern, um mich zu vergewissern, ob wir miteinander verwandt wären. »Welchen Beruf hat Ihr Mann?« »Er ist Haushofmeister beim Marchese Lissa.« »Lebt Ihr Vater noch?« »Nein, mein Herr, er ist tot.« »Wie lautete sein Familienname?« »Scotti.« »Und hat Ihr Mann noch Vater und Mutter?« »Sein Vater ist tot, aber Seine Mutter lebt noch bei ihrem Oheim, dem Domherrn Casanova.« Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Die gute Frau war meine Base im zweiten Grade, und ihre Kinder waren meine Neffen und Nichten. Meine Nichte Gianettina war nicht hübsch, aber sie sah aus wie ein braves Mädchen. Ich setze mein Gespräch mit der redseligen Mutter fort. »Sind die Parmesaner zufrieden, daß sie Untertanen eines spanischen Prinzen geworden sind?« »Zufrieden? Da müßte man leicht zufriedenzustellen sein, denn wir befinden uns in einem wahren Labyrinth. Alles ist auf den Kopf gestellt: wir wissen nicht mehr, woran wir sind. Glückliche Zeit, da das Haus Farnese regierte, du bist nicht mehr! Ich war vorgestern in der Komödie, und das ganze Haus lachte aus vollem Halse über Harlekin. Nun denken Sie sich: Don Filippo, unser neuer Herzog, der ganz gut in seinem Spanien hätte bleiben können, machte alle möglichen Anstrengungen, um sich das Lachen zu verhalten, und wenn er durchaus einmal herausplatzen mußte, steckte er das Gesicht in seinen Hut, damit man es nicht sehe; denn man sagt, das Lachen mache die Haltung eines spanischen Infanten von Spanien zuschanden, und wenn er seine Freude nicht verberge, wäre er für immer entehrt. Was sagen Sie dazu? Können solche Sitten uns passen – uns, die wir so gerne lachen? Oh! Der gute Herzog Antonio, Gott habe ihn selig, war ganz gewiß ein großer Fürst, wie dieser, und er verbarg es seinen Untertanen nicht, wenn er lustig war; denn er lachte zuweilen so herzlich, daß man ihn auf der Straße hörte. Jetzt sind wir in einen unglaublichen Wirrwarr hineingeraten, und seit drei Monaten weiß in Parma kein Mensch mehr, wieviel Uhr es ist.« »Hat man denn die Uhren zerstört?« »Das nicht; aber seitdem Gott die Welt erschaffen hat, ist die Sonne stets um dreiundzwanzigeinhalb untergegangen, und um vierundzwanzig Uhr hat man das Angelus geläutet: alle braven Leute wußten, daß dann die Kerze angezündet wurde. Jetzt aber ist es ganz unbegreiflich. Die Sonne ist verrückt geworden, denn sie geht jeden Tag zu verschiedener Zeit unter. Unsere Bauern wissen nicht mehr, zu welcher Stunde sie zu Markt gehen müssen. Man nennt das eine Regulierung; aber wissen Sie, warum? Weil jetzt jedermann weiß, daß man um 12 Uhr zu Mittag ißt. Eine schöne Regulierung, meiner Seel! Zur Zeit der Farnese aß man, wenn man Appetit hatte, und so war es viel besser.« Ich fand dies Gerede freilich etwas sonderbar, aber doch vernünftig im Munde einer Frau aus dem Volke; denn ich bin in der Tat der Meinung, daß eine Regierung niemals mit Gewalt Gebräuche zerstören sollte, die durch jahrelange Gewohnheit eingewurzelt sind, und daß unschuldige Irrtümer nur Schritt um Schritt zerstört werden dürfen. Henriette hatte keine Uhr; ich wollte mir den Genuß bereiten, ihr eine zu schenken, und ging in dieser Absicht aus; aber nachdem ich eine sehr schöne Uhr gekauft hatte, dachte ich auch an Ohrringe, einen Fächer und eine Menge hübscher Kinkerlitzchen, und kaufte diese ebenfalls. Sie empfing alle diese Gaben der Liebe mit einer feinfühlenden Zärtlichkeit, die mir eine große Wonne war. Ihr Lehrer war noch bei ihr, als ich zurückkam. »Ich hätte«, sagte er zu mir, »Madame in Heraldik, Geographie, Geschichte und sphärischer Geometrie unterrichten können, aber sie weiß das alles schon. Madame hat eine sehr sorgfältige Erziehung erhalten.« Der Lehrer hieß Valentin de la Haye. Er sagte mir, er sei Ingenieur und Professor der Mathematik. Ich werde in diesen Memoiren viel von ihm zu sprechen haben, und mein Leser wird ihn besser durch seine Handlungen kennen lernen, als durch ein Porträt, das ich von ihm entwerfen könnte. Ich will nur soviel beiläufig sagen, daß er ein würdiger Schüler Escobars, ein wahrer Tartüff war. Wir speisten heiter mit unserem Ungarn. Henriette war immer noch als Offizier gekleidet, und ich brannte vor Verlangen, sie als Frau zu sehen. Am nächsten Tage sollte ihr ein Kleid gebracht werden; Unterröcke und Hemden hatte sie schon. Henriette sprühte von Geist und feinem Witz. Die Modistin, eine Lyonerin, trat eines Morgens ein und sagte: »Madame und Monsieur, ich habe die Ehre, Ihnen guten Tag zu wünschen.« »Warum«, fragte meine Freundin sie, »sagen Sie nicht Monsieur und Madame?« »Ich habe stets gesehen, daß man in der Welt den Damen die erste Ehre erweist.« »Aber von wem erstreben wir diese Ehren?« »Von den Männern natürlich.« »Und Sie sehen nicht, daß die Frauen sich lächerlich machen, wenn sie nicht den Männern dieselben Ehren erweisen, die sie von ihnen verlangen? Damit sie es uns gegenüber niemals an Höflichkeit fehlen lassen, müssen wir darauf halten, ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen.« »Gnädige Frau,« sagte die feine Lyonerin, »ich halte Ihre Lektion für ausgezeichnet und werde sie mir zunutze machen; Monsieur und Madame, ich bin Ihre ergebene Dienerin.« Dieser weibliche Zungenkampf versetzte mich in heitere Stimmung. Diejenigen, die da glauben, eine Frau genüge nicht, um einen Mann durch alle vierundzwanzig Stunden des Tages glücklich zu machen, haben niemals eine Henriette besessen. Das Glück, das mich ganz und gar erfüllte – der Ausdruck ist nicht übertrieben – war viel vollkommener, wenn ich mich mit ihr unterhielt, als wenn ich sie in meinen Armen hielt. Sie hatte viel gelesen, sie besaß viel Takt und natürlichen Geschmack; ihr Urteil war sicher, und ohne gelehrt zu sein, sprach sie logisch wie ein Mathematiker, aber leichthin und anspruchslos, und in alles mischte sie jene natürliche Anmut, die jedem Dinge Reiz verleiht. Da sie niemals die Absicht hatte, mit ihrem Geist zu prunken, so begleitete sie, wenn sie einmal eine bedeutende Bemerkung machte, diese mit einem Lächeln, das ihren Worten einen Anstrich von Frivolität gab und sie zugleich für jedermann verständlich machte. Hierdurch machte sie sogar solche Leute geistreich, die gar keinen Geist besaßen, und gewann dadurch alle Herzen. Eine Schönheit ohne Geist bietet der Liebe nur den materiellen Genuß ihrer Reize; eine geistreiche Häßliche dagegen fesselt durch die Reize ihres Geistes und läßt schließlich dem Manne, den sie für sich einnimmt, nichts mehr zu wünschen übrig. Wie mußte ich mich also fühlen, der ich eine Henriette besaß? Glücklich, dermaßen glücklich, daß ich mein Glück nicht mehr ermessen konnte! Man frage eine Schönheit ohne Geist, ob sie gerne einen kleinen Teil ihrer Reize gegen eine hinreichende Menge Geist vertauschen wolle. Wenn sie nicht heuchelt, wird sie sagen: Nein, ich bin zufrieden mit dem, was ich habe, – aber warum ist sie zufrieden? Weil sie ihr Bedürfnis nicht empfindet. Man frage eine geistreiche Häßliche, ob sie ihren Geist gegen Schönheit vertauschen wolle. Sie wird ohne Zögern nein sagen. Warum? Weil sie ihren Geist kennt und weiß, daß dieser ihr alles andere ersetzt. Eine geistreiche Frau, die nicht dazu geschaffen ist, einen Mann glücklich zu machen, ist die gelehrte Frau. Gelehrsamkeit ist für eine Frau nicht angebracht, denn sie beeinträchtigt die Sanftheit ihres Charakters, ihre Lieblichkeit, jene zarte Schüchternheit, die dem weiblichen Geschlecht so viele Reize verleiht; übrigens hat noch niemals eine Frau es im Wissen über gewisse Grenzen hinausgebracht, und der Wortschwall gelehrter Frauen imponiert nur Dummköpfen. Keine einzige große Entdeckung ist von einer Frau gemacht worden. Das weibliche Geschlecht entbehrt jener geistigen Kraft, die ein Ausfluß der körperlichen Kraft ist; aber im Ziehen einfacher Vernunftschlüsse, an Zartheit des Gefühls und an vielen Verdiensten, die mehr dem Herzen als dem Geist zuzuschreiben sind, da sind die Frauen uns weit überlegen. Wirf einer geistvollen Frau einen Sophismus an den Kopf, sie wird ihn nicht zu erklären wissen, aber sie wird trotzdem sich nicht davon betrügen lassen; und wenn sie es dir auch nicht sagt, so wird sie dich doch fühlen lassen, daß sie etwas derartiges von sich weist. Der Mann dagegen, der diesen Sophismus unlösbar findet, nimmt ihn schließlich wörtlich, und in dieser Hinsicht ist die gelehrte Frau vollständig Mann. Welch eine schwer zu ertragende Bürde wäre eine Dacier! Gott behüte jeden braven Mann davor. Als die Kleidermacherin kam, sagte Henriette mir, ich dürfte ihrer Umwandlung nicht beiwohnen; sie forderte mich auf, spazieren zu gehen, bis sie wieder sie selbst geworden wäre. Ich gehorchte; denn wenn man liebt, ist es eine wahre Verdoppelung des Glückes, den geringsten Wunsch des angebeteten Wesens zu erfüllen. Da mein Spaziergang kein bestimmtes Ziel hatte, trat ich bei einem französischen Buchhändler ein und machte dort die Bekanntschaft eines geistreichen Buckligen; und bei dieser Gelegenheit muß ich sagen, daß nichts so selten ist, wie ein Buckliger ohne Geist. Diese Erfahrung habe ich in allen Ländern gemacht. Nicht, daß der Geist bucklig machte – denn es sind, Gott sei Dank, nicht alle geistreichen Leute bucklig. Aber man kann als einen im allgemeinen gültigen Satz aufstellen, daß der Buckel Geist verleiht; denn die kleine Zahl von Buckligen, die wenig oder gar keinen Geist haben, macht die Regel nicht zu schanden. Der Bucklige, um den es sich hier handelt, hieß Dubois-Châteleraux. Er war ein geschickter Kupferstecher und zugleich Münzdirektor des Infanten-Herzogs von Parma, obgleich dieser kleine Fürst eine eigene Münze nicht besaß. Ich verbrachte eine Stunde mit diesem geistreichen Buckligen, der mir mehrere von ihm selbst gestochene Kupfer zeigte; hierauf ging ich ins Hotel zurück, wo ich unsern Ungarn traf, der darauf wartete, daß Henriette sichtbar sein würde. Er wußte nicht, daß sie uns in Frauenkleidern empfangen würde. Die Tür öffnet sich, und eine reizende Frau begrüßt uns mit einer Verbeugung voller Anmut, die ebenso weit entfernt ist von der Steifheit wie von der Freiheit, die mit der militärischen Tracht verbunden sind. Ihr Anblick brachte uns außer Fassung: wir verloren wirklich die Haltung. Sie lud uns ein, uns an ihre Seiten zu setzen, warf dem Hauptmann einen Blick voller Freundschaft zu und drückte mir die Hand mit einer Zärtlichkeit voll innigen Gefühles, aber ohne jene äußerliche Vertraulichkeit, die ein junger Offizier sich erlauben kann, ohne der Liebe Abbruch zu tun, die sich aber für eine wohlerzogene Frau nicht schickt. Ihre edle und züchtige Haltung nötigte mich zu einem gleichen Benehmen, ohne mir darum einen Zwang anzutun; denn sie spielte keine Komödie, und da sie nur ihr natürliches Temperament wieder annahm, war es mir nicht schwierig, mich ihrem Benehmen anzupassen. Ich betrachtete sie mit einer Art von Bewunderung. Hingerissen von einem Gefühl, über das ich mir nicht Rechenschaft abzulegen versuchte, ergriff ich ihre Hand, um sie ihr zu küssen; aber bevor ich diese an meine Lippen führen konnte, reichte sie mir ihren schönen Mund, und niemals hat ein Kuß mir so köstlich gedünkt. »Bin ich denn nicht immer noch dieselbe?« fragte sie mich in einem Ton voll innigen Gefühles. »Nein, meine göttliche Freundin! Sie sind es nicht mehr, in meinen Augen nicht mehr, denn es ist mir unmöglich, Sie zu duzen. Sie sind nicht mehr jener geistreiche, aber freie Offizier, der der Signora Querini antwortete, Sie spielten Pharao, Sie hielten die Bank, aber der Gewinn wäre so klein, daß es nicht der Mühe verlohne, davon zu sprechen.« »Ganz gewiß würde ich in meinen Frauenkleidern solche Worte nicht noch einmal zu sagen wagen. Indessen, mein Freund, ich bin deswegen nicht weniger deine Henriette – Henriette, die in ihrem Leben drei tolle Streiche begangen hat, von denen ohne dich der letzte mich zugrunde gerichtet haben würde; nun aber nenne ich ihn einen reizenden tollen Streich, weil er Ursache ist, daß ich dich kennen gelernt habe.« Diese Worte machten auf mich einen so starken Eindruck, daß ich nahe daran war, mich ihr zu Füßen zu werfen und sie dafür um Verzeihung zu bitten, daß ich sie nicht mehr respektiert hätte. Aber Henriette bemerkte meinen Zustand und begann, um diesem pathetischen Auftritt ein Ende zu machen, unseren guten Hauptmann zu schütteln, der wie ein versteinertes Bild dasaß. Er schämte sich, eine Frau dieser Art wie eine Abenteuerin behandelt zu haben, denn an eine Täuschung seiner Sinne konnte er nicht glauben. Er sah sie ganz verwirrt an und machte unaufhörlich ehrfurchtsvolle Verbeugungen, wie wenn er dadurch sein Unrecht wieder gut machen wollte. Sie aber schien ihm zu sagen, jedoch ohne den allergeringsten Vorwurf: »Es ist mir recht lieb, daß ich nach deiner jetzigen Meinung doch mehr als zehn Zechinen wert bin.« Wir setzten uns zu Tisch, und sie spielte die Dame des Hauses mit einer Leichtigkeit des Benehmens, die von langer Gewohnheit zeugte. Sie behandelte den Hauptmann als geehrten Freund und mich als geliebten Gatten. Der Hauptmann bat mich, ihr zu sagen, wenn er sie so in Civita vecchia gesehen hätte, als sie aus der Tartane ausstieg, wäre es ihm niemals eingefallen, seinen Cicerone zu ihr zu schicken. »Oh! Sage ihm, davon sei ich fest überzeugt; aber es ist doch recht eigentümlich, daß ein Weiberfähnchen mehr Achtung einflößt als eine Uniform.« »Bitte, schmähe nicht auf diese Uniform, denn ihr verdanke ich mein Glück!« »Ja,« sagte sie zu mir mit einem liebenswürdigen Lächeln, »wie ich den Sbirren von Cesena.« Lange blieben wir bei Tisch mit reizenden Bemerkungen, die sich alle auf unser gegenseitiges Glück bezogen; und nur die Verlegenheit, in der sich der biedere Ungar zu befinden schien, machte schließlich unserer artigen Unterhaltung und unserem Mahle ein Ende. Viertes Kapitel Ich nehme trotz Henriettens Widerstreben eine Loge in der Oper. – Herr Dubois kommt zu uns zum Essen; Eulenspiegelstreich, den ihm meine Freundin spielt. – Betrachtungen Henriettens über das Glück. – Wir gehen zu Dubois; wunderbares Talent, das meine Freundin dort entfaltet. – Herr Dutillot. – Prachtvolles Hoffest im herzoglichen Park. Verhängnisvolle Begegnung. – Ich habe eine Zusammenkunft mit dem Günstling des Infanten, Herrn Antoine. Das Glück, dessen ich genoß, war zu vollkommen, um dauerhaft sein zu können; es mußte mir entrissen werden. Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor! Nachdem die Gemahlin des Infanten Don Filippo, Madame de France, angekommen war, sagte ich Henrietten, ich wollte eine Loge in der Oper mieten, und wir würden alle Tage hingehen. Sie hatte mir mehrere Male gesagt, daß die Musik ihre größte Leidenschaft sei, und ich bezweifelte nicht, daß sie voll Freuden auf meinen Plan eingehen würde. Sie hatte noch keine italienische Oper gesehen und mußte neugierig sein, auch diesen Teil von Italiens Ruhm kennen zu lernen. Man denke sich meine Überraschung, als ich von ihr den Ausruf hörte: »Wie, lieber Freund, du wünschest, daß wir jeden Tag in die Oper gehen?« »Ich denke, liebe Freundin, wenn wir nicht hingingen, würden wir den bösen Zungen Stoff zum Reden geben. Wenn du jedoch nicht gerne hingehst, so weißt du, daß nichts dich dazu zwingt. Tu dir keinen Zwang an. Ich ziehe die süßen Gespräche mit dir hier im Zimmer dem schönsten Engelkonzert vor.« »Ich liebe die Musik rasend, mein zärtlicher Freund; aber ich zittere unwillkürlich bei dem bloßen Gedanken, daß wir ausgehen sollen.« »Wenn du zitterst, so bebe ich; aber wir müssen in die Oper gehen oder von hier abreisen: gehen wir nach London, oder anders wohin! Befiehl – ich bin bereit, alles zu tun, was du willst.« »Nimm eine Loge, die nicht allzusehr den Blicken ausgesetzt ist.« »Du entzückst mich, und du sollst zufriedengestellt werden.« Ich nahm eine Loge im zweiten Rang; da jedoch das Theater klein war, so konnte eine hübsche Frau schwerlich unbemerkt bleiben; dies sagte ich ihr. »Ich glaube nicht,« antwortete sie mir, »daß ich irgend eine Gefahr laufe, denn in der Fremdenliste, die du mir zu lesen gegeben hast, habe ich keinen einzigen bekannten Namen gefunden.« Henriette ging also mit mir in die Oper; sie hatte kein Rot aufgelegt, und in der Loge brannten keine Kerzen. Am ersten Abend wurde eine komische Oper gegeben; die Musik von Buranello war ausgezeichnet und die Schauspieler sehr gut. Meine Freundin bediente sich ihres Glases nur, um die Vorgänge auf der Bühne zu beachten, und niemand achtete auf uns. Da das Finale des zweiten Aktes ihr sehr gefallen hatte, versprach ich ihr die Noten zu verschaffen; ich wandte mich an Dubois, um sie mir zu besorgen. Da ich glaubte, daß Henriette Klavier spielte, bot ich ihr eins an; aber sie sagte mir, sie hätte dies Instrumentt niemals spielen gelernt. Bei unserem vierten oder fünften Besuch kam Herr Dubois in die Loge; da ich ihn meiner Freundin nicht vorstellen wollte, so begnügte ich mich damit, ihn zu fragen, worin ich ihm zu Diensten sein könnte. Er überreichte mir die Noten, die ich bei ihm bestellt hatte; ich bezahlte ihm den Preis, indem ich ihm für seine Gefälligkeit dankte. Da wir uns der herzoglichen Loge gegenüber befanden, fragte ich ihn gesprächsweise, ob er bereits die Bilder ihrer Hoheiten angefertigt habe. Er antwortete mir, er habe bereits zwei Medaillen gemacht, und ich bat ihn, sie mir in Gold zu bringen. Er versprach es mir und ging. Henriette hatte ihn nicht einmal angesehen; dies war in der Ordnung, da ich ihn nicht vorgestellt hatte. Am nächsten Tage jedoch ließ er sich bei uns melden, während wir bei Tisch saßen. Herr de la Hane, der mit uns speiste, beglückwünschte uns zu der Bekanntschaft des Herrn Dubois und stellte ihn, als er eingetreten war, sofort seiner Schülerin vor. Natürlich mußte Henriette ihn jetzt freundlich empfangen, und sie benahm sich dabei ausgezeichnet. Nachdem sie ihm für die Partitur gedankt hatte, bat sie ihn, ihr auch noch einige andere Melodien zu besorgen, und der Künstler ging auf diese Bitte ein wie auf eine, die ihm viel Vergnügen machte. »Mein Herr,« sagte Dubois zu mir, »ich nahm mir die Freiheit, zu Ihnen zu kommen, um Ihnen die Medaillen zu zeigen, nach denen Sie mich fragten: hier sind sie.« Auf der einen befanden sich der Infant und seine Gemahlin, die andere trug nur das Bild von Don Filippo. Die heiden Medaillen waren von vollendet schöner Arbeit, und wir lobten sie mit Recht. »Die Arbeit ist unbezahlbar,« sagte Henriette zu ihm; »aber das Gold kann man gegen anderes tauschen.« »Gnädige Frau,« antwortete bescheiden der Künstler, »sie wiegen sechzehn Zechinen.« Sie zählte ihm diese sofort auf und lud ihn ein, er möchte ein anderes Mal schon zur Suppe kommen. Unterdessen war der Kaffee gebracht worden, und Henriette lud ihn ein, ihn mit uns zu trinken. Im Augenblick, wo sie den Zucker in seine Tasse tun wollte, fragte Henriette ihn, ob er den Kaffee süß liebe. »Ihr Geschmack, gnädige Frau,« antwortete der galante Bucklige, »wird ganz gewiß auch der meinige sein.« »Sie haben also erraten, daß ich ihn stets ohne Zucker trinke; es freut mich sehr, daß Sie diesen Geschmack mit mir teilen.« Mit diesen Worten reichte sie ihm sehr anmutig die Tasse ohne Zucker, bediente hierauf de la Hane und mich, indem sie uns reichlich Zucker gab, und füllte ihre eigene Tasse in derselben Weise, wie die des Herrn Dubois. Ich hatte Mühe, nicht laut herauszuplatzen; denn meine boshafte Französin, die sonst den Kaffee nach Pariser Art, das heißt sehr süß, trank, schlürfte ihren bitteren Trank mit einer Miene, wie wenn er ihr den größten Genuß bereitete, und zwang dadurch den Herrn Münzdirektor, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Der feine Bucklige war nun zwar für sein fades Kompliment bestraft; aber er war darum nicht verlegen, sondern lobte die Güte des Kaffees und behauptete sogar, diese sei die einzig richtige Art, das herrliche Aroma zu genießen. Als nun Dubois und de la Haye fort waren, lachten wir über diesen Streich, »aber«, sagte ich zu ihr, »du wirst das erste Opfer deiner Bosheit sein, denn wenn er hier bei uns speist, wirst du genötigt sein, deine Rolle noch weiter zu spielen, um dich nicht zu verraten«. »Ach, ich werde leicht ein Mittel finden, meinen Kaffee tüchtig gezuckert zu trinken und trotzdem ihn auch fernerhin die Schale der Bitternis leeren lassen.« Nach einem Monat sprach Henriette geläufig italienisch, und dies verdankte sie mehr der beständigen Übung mit meiner Base Gianetta, die sie als Zofe bediente, als den Unterrichtsstunden des Herrn de la Haye; denn durch den Unterricht lernt man nur die Regeln, zum Sprechen aber braucht man Übung. Ich habe diese Erfahrung an mir selber gemacht. Ich lernte in der allzukurzen Zeit, da ich das Glück hatte, im vertrauten Umgange mit dieser anbetungswürdigen Frau zu leben, mehr Französisch, als ich bei Dalacqua gelernt hatte. Wir waren zwanzigmal in der Oper gewesen, ohne eine einzige Bekanntschaft gemacht zu haben, und wir lebten glücklich in der vollen Bedeutung des Wortes. Ich ging nur mit Henrietten aus, und wir benutzten stets einen Wagen. Wir waren für niemanden zu sprechen, und daher kannte mich kein Mensch. Seit der Abreise unseres guten Ungarn war Herr Dubois der einzige, der zuweilen zu uns zum Essen kam; de la Haye dagegen war unser täglicher Tischgenosse. Dubois war sehr neugierig, wer wir seien; aber er war schlau und verriet sich nicht. Übrigens waren wir zurückhaltend ohne Ziererei, und seine Neugier kam nicht auf ihre Rechnung. Eines Tages erzählte er uns von dem Glanz, der nach der Ankunft von Madame de France am Hofe des Infanten herrsche, und von dem Andrang von Fremden beiderlei Geschlechtes, die zurzeit in Parma seien. Sich sodann besonders zu Henrietten wendend, sagte er: »Die fremden Damen, die wir hier gesehen haben, sind uns zum größten Teil unbekannt.« »Vielleicht würden, wenn sie es nicht wären, viele von ihnen sich nicht zeigen.« »Das ist sehr wohl möglich, gnädige Frau; aber ich versichere Ihnen, selbst wenn sie durch ihre Schönheit oder durch ihren Putz auffallen sollten, so gehen doch die Wünsche unserer Herrscherfamilie dahin, daß volle Freiheit herrsche. Ich hoffe denn auch, gnädige Frau, daß wir die Ehre haben werden, Sie bei Hofe zu sehen.« »Das wird wohl kaum angehen; denn ich finde es überaus lächerlich, wenn eine Frau zu Hofe geht, ohne vorgestellt zu sein; besonders wenn sie Anspruch darauf hat, sich vorstellen zu lassen.« Auf diese letzten Worte, die Henriette etwas stärker betont hatte, wußte der kleine Bucklige nichts zu erwidern; meine Freundin benützte die hiedurch entstandene Pause und gab dem Gespräch eine andere Wendung. Nach seinem Fortgehen lachten wir über die Niederlage, die die Neugier unseres Gastes erlitten hatte; aber ich sagte zu Henrietten, sie müsse wirklich allen verzeihen, die sie neugierig mache; denn... Sie schnitt mir das Wort ab, indem sie mein Gesicht mit zärtlichen Küssen bedeckte. So im Glück schwelgend und jeden Augenblick uns selber genügend, lachten wir über die griesgrämigen Philosophen, welche leugnen, daß es ein vollkommenes Glück auf Erden gibt. »Was wollen denn, Freund, jene Hohlköpfe, die da behaupten, das Glück sei nicht dauerhaft? Was verstehen sie unter diesem Wort? Wenn man ihm den Sinn von beständig, unsterblich, unaufhörlich gibt, so hat man recht; da aber der Mensch selber dies nicht ist, so kann in natürlicher Schlußfolgerung das Glück es ebensowenig sein. Jedes Glück ist dauernd schon dadurch, daß es vorhanden ist; und um dauernd zu sein, braucht es nur vorhanden zu sein. Versteht man aber unter vollkommenem Glück eine Reihenfolge verschiedenartiger und niemals unterbrochener Freuden, so hat man unrecht; denn indem wir nach jedem Vergnügen die Ruhe eintreten lassen, die dem Genuß folgen muß, verschaffen wir uns die Zeit, den glücklichen Zustand in seiner Wirklichkeit zu erkennen; oder mit anderen Worten: diese notwendigen Augenblicke der Ruhe sind eine wahre Quelle von Genüssen; denn durch sie kosten wir die Wonnen der Erinnerung, die alle Genüsse verdoppeln. Der Mensch kann nur glücklich sein, wenn er bei eigenem Nachdenken sich dafür hält, und nachdenken kann er nur, wenn er ruhig ist; in Wirklichkeit wäre er also ohne diese Ruhe nie ganz glücklich. Der Genuß muß also, um ein Genuß zu sein, aufhören, sich zu betätigen. Was will man also mit diesem Wort dauerhaft sagen? Wir haben alle Tage einen Augenblick, wo wir den Schlaf herbeiwünschen; dieser ist ein Abbild der Nichtexistenz. Und trotzdem: wird man leugnen wollen, daß es ein Vergnügen ist? Nein; zum mindesten kann man dies, scheint mir, ohne Inkonsequenz nicht tun; denn sobald der Schlaf sich zeigt, ziehen wir ihn allen denkbaren Genüssen vor; aber dankbar können wir ihm erst sein, wenn er uns wieder verlassen hat. Wer behauptet, niemand könne sein ganzes Leben lang glücklich sein, der spricht ein wenig leichtfertig. Die Philosophie lehrt das Geheimnis, sich ein solches Glück aufzubauen; doch gilt die Bedingung, daß man von körperlichen Leiden verschont sein muß; ein Glück, das in solcher Gestalt ein ganzes Leben dauert, läßt sich mit einem Blumenstrauß vergleichen, der aus tausend Blüten zusammengesetzt und der so schön und so gut ausgewählt ist, daß man ihn für eine einzige Blume halten könnte. Inwiefern wäre es also unmöglich, daß wir hier unser ganzes Leben verbrächten, genau so, wie wir jetzt einen Monat hier zugebracht haben: immer wohlauf, immer mit einander zufrieden, ohne jemals eine Leere oder ein Bedürfnis zu empfinden? Und um dieses Glück zu gründen, das sicherlich ein sehr großes Glück wäre, brauchten wir nur in hohem Alter, von unseren süßen Erinnerungen sprechend, zu sterben. Ganz gewiß, ein solches Glück wäre dauerhaft gewesen. Der Tod würde es nicht unterbrechen; er würde ihm ein Ende machen: wir könnten uns nur für unglücklich halten, insofern wir nach unserem Tode ein anderes, unglückliches Leben befürchten; und diese Idee scheint mir abgeschmackt zu sein, denn in ihr läge ein Widerspruch mit der Idee der Allmacht und göttlichem Vaterliebe.« So philosophierte meine reizende Henriette mit mir lange köstliche Stunden über Gefühle. Sie philosophierte besser als Cicero in seinen Tusculanen; aber sie gab zu, daß dieses dauerhafte Glück, dessen Idee uns entzückte, nur zwischen zwei Wesen bestehen könnte, die miteinander zusammenlebend beständig ineinander verliebt, dazu gesund an Körper und Geist, aufgeklärt und reich genug wären, endlich einigermaßen den gleichen Geschmack, den gleichen Charakter und das gleiche Temperament hätten. Glücklich die Liebenden, bei denen der Geist an die Stelle der Sinne treten kann, wenn diese der Ruhe bedürfen! Hierauf kommt der süße Schlaf, und dieser dauert so lange, bis die physische Harmonie wieder hergestellt ist. Beim Erwachen sind zuerst die Sinne wieder da, stets bereit, sich von neuem zu betätigen. Für den Menschen gelten dieselben Bedingungen wie für das Weltall; man könnte sogar sagen, es ist vollständige Identität vorhanden. Denn wenn wir das Weltall ausschalten, gibt es keinen Menschen mehr, und wenn wir den Menschen ausschalten, gibt es kein Weltall mehr. Denn angenommen, es gäbe nur unbelebte Materien, wer könnte sich einen Begriff davon machen? Ohne die Idee: nihil est, denn die Idee ist das wesentlichste von allem; Ideen aber hat nur der Mensch; übrigens können wir, wenn wir von der Form Abstand nehmen, uns nicht mehr die Existenz der Materie vorstellen, und umgekehrt. Ich war mit Henrietten ebenso glücklich, wie dies anbetungswürdige Weib es mit mir war: wir liebten uns mit allen unseren Kräften; wir genügten einander vollkommen; wir lebten ganz und gar in und für einander. Sie wiederholte mir oft die hübschen Verse des guten Lafontaine: Soyez-vous l'un à l'autre un monde toujours beau Toujours divers, toujours noveau. Tenez-vous lieu de tout: comptez pour rien le reste. Seid euch einander eine Welt, Stets schön, verschieden stets, stets neu; Seid alles euch für euch allein, Und alles andre sei euch einerlei! Und wir lebten nach diesem Rat; denn niemals unterbrach ein Augenblick der Langweile oder der Erschlaffung unser Glück; niemals fühlten wir ein Rosenblatt in der Seligkeit, deren wir genossen. Am Tage nach dem Schluß der Oper speiste Dubois bei uns; nach dem Essen sagte er uns, er habe für den nächsten Tag den ersten Sänger und die erste Sängerin eingeladen, und es käme nur auf uns an, wenn wir die schönsten Arien, die sie auf der Bühne gesungen, nochmals hören wollten. Sie würden in einem gewölbten Saal seines Landhauses singen, der für die Entfaltung ihrer Stimmen außerordentlich günstig wäre. Henriette dankte ihm vielmals, bemerkte jedoch, daß sie eine zarte Gesundheit hätte und sich daher von einem Tage zum andern zu nichts verpflichten könnte; hierauf gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. Sobald wir allein waren, fragte ich sie, warum sie sich nicht bei Dubois unterhalten wolle? »Ich würde hingehen, mein lieber Freund, und sogar mit sehr großem Vergnügen, wenn ich nicht fürchtete, dort irgend jemanden zu treffen, der mich erkennen und dadurch mein Glück zerstören könnte, dessen ich genieße.« »Wenn du irgend einen neuen Anlaß zur Furcht hast, so tust du recht, vorsichtig zu sein; wenn es aber nur eine unbestimmte Bangigkeit ist, mein Engel, warum willst du dich dann eines wahren und recht unschuldigen Vergnügens berauben? Wenn du wüßtest, welche Freude ich empfinde, wenn ich sehe, daß du ein Vergnügen hast, besonders wenn ich dich beim Anhören guter Musik in einer Art von Verzückung sehe!« »Nun mein Herz, du sollst nicht glauben, daß ich weniger mutig sei als du; wir werden zu Dubois gleich nach dem Essen gehen; vorher werden die Sänger nicht auftreten. Außerdem, mein Freund, hat er, da er nicht auf uns rechnet, niemand eingeladen, der neugierig wäre, mit mir zu sprechen. Wir werden hingehen, ohne es ihm zu sagen und ohne daß er uns erwartet; wir bereiten ihm gewissermaßen eine freundschaftliche Überraschung. Er hat uns gesagt, er werde in seinem Landhause sein, und Caudagna weiß, wo dieses ist.« Aus ihren Worten sprachen Vorsicht und Liebe, zwei Dinge, die so selten miteinander vereint sind. Ich antwortete ihr mit einer Umarmung, worin ebensoviel Bewunderung wie Zärtlichkeit lag, und am anderen Tage um vier Uhr nachmittags begaben wir uns zu Herrn Dubois. Zu unserer Überraschung fanden wir ihn allein mit einem hübschen Mädchen, das er uns als seine Nichte vorstellte. »Ich bin entzückt, Sie zu sehen,« sagte er zu uns; »da ich aber nicht auf das Glück zu hoffen wagte, Sie bei mir zu haben, so habe ich aus dem geplanten Mittagsmahl ein kleines Abendessen gemacht, und ich hoffe recht sehr, daß Sie dieses gütigst mit Ihrer Gegenwart beehren werden. Die beiden Virtuosi werden gleich kommen.« So waren wir also wider Willen genötigt, am Abendessen teilzunehmen. »Haben Sie«, fragte sie, »viele Gäste eingeladen?« »Sie werden sich«, antwortete er mit Siegermiene, »in einer Ihrer würdigen Gesellschaft bewegen. Es tut mir nur leid, keine Damen eingeladen zu haben.« Auf diese galante und zartfühlende Bemerkung, die sich im besonderen an Henriette richtete, antwortete meine Freundin ihm mit einer Verbeugung, die sie mit einem Lächeln begleitete. Ich sah mit Vergnügen den Ausdruck der Befriedigung auf ihrem Gesicht. Aber ach, sie verbarg darunter nur das peinliche Gefühl, das sie empfand. Ihre große Seele wollte sich nicht unruhig zeigen, und ich drang nicht in ihre inneren Gedanken ein, weil ich glaubte, daß ich etwas zu befürchten hätte. Ich hätte anders gedacht und gehandelt, wenn ich ihre ganze Geschichte gekannt hätte; ich hätte sie nicht in Parma gelassen, sondern wäre mit ihr nach London gegangen, und sie wäre darüber hocherfreut gewesen. Sehr bald kamen die beiden Sänger; es waren Laschi und Fräulein Baglioni, die damals sehr hübsch war. Nach und nach kamen alle Gäste an. Es waren alle Franzosen und Spanier und lauter Herren in mittleren Jahren. Von Vorstellung war nicht die Rede, und nun bewunderte ich den Takt des liebenswürdigen Dubois. Da aber alle gewandte Hofleute waren, so verhinderte dieser Verstoß gegen die Etikette nicht, daß meiner Freundin alle Ehren erwiesen wurden; sie empfing dieselben mit jener Leichtigkeit und Weltgewandtheit, die man nur in Frankreich kennt; und selbst dort nur in der besten Gesellschaft – ausgenommen allerdings einige Provinzen, wo der Adel, den man mit Unrecht die gute Gesellschaft nennt, ein wenig zu sehr den ihn kennzeichnenden Hochmut zutage treten läßt. Das Konzert begann mit einer prachtvollen Symphonie; hierauf sang das Künstlerpaar mit viel Geschmack und Talent ein Duett. Dann kam ein Schüler des berühmten Vandini und spielte ein Cello-Konzert, das großen Beifall fand. Der Beifall dauerte noch an, als plötzlich Henriette aufstand, auf den jungen Künstler zutrat, ihm sein Cello aus der Hand nahm, indem sie mit bescheidener aber zuversichtlicher Miene ihm sagte, sie wolle das Instrument noch mehr zur Geltung bringen. Ich fiel aus den Wolken. Sie setzte sich auf den Platz des jungen Mannes, nahm das Cello zwischen ihre Beine und bat das Orchester, das concerto noch einmal zu beginnen. Das tiefste Schweigen trat ein, ich aber zitterte wie Espenlaub und war einer Ohnmacht nahe. Zum Glück waren alle Blicke auf Henrietten gerichtet, und kein Mensch sah mich an. Auch sie sah nicht nach mir hin; sie wagte es nicht; denn wenn sie einen Blick ihrer schönen Augen auf mich geworfen hätte, so würde sie den Mut verloren haben. Da ich sie indessen sich nicht zum Spielen in Positur setzen sah, begann ich mir mit der Hoffnung zu schmeicheln, sie habe nur einen liebenswürdigen Scherz machen wollen. Aber als ich sie den ersten Bogenstrich tun sah, bekam ich so starkes Herzklopfen, daß ich zu sterben glaubte. Man stelle sich jedoch meine Gefühle vor, als nach dem ersten Satz wohlverdienter Beifall das Orchester gänzlich übertönte! Dieser schnelle Übergang von äußerster Furcht zu überschwenglicher Freude versetzte mich in eine Erregung, die dem heftigsten Fieber glich. Der Beifall schien auf Henrietten gar keinen Eindruck zu machen; ohne ihre Augen von den Noten abzuwenden, die sie zum erstenmal sah, spielte sie hintereinander noch sechs Sätze mit derselben Vollkommenheit. Als sie ihren Platz verließ, machte sie der Gesellschaft kein Zeichen des Dankes für ihren Beifall, sondern wandte sich mit liebenswürdiger Miene zum jungen Künstler und sagte ihm mit einem freundlichen Lächeln, sie habe niemals auf einem besseren Instrument gespielt. Dann wandte sie sich zur Gesellschaft und sprach: »Ich bitte Sie, die kleine Eitelkeit zu entschuldigen, die mich veranlaßt hat, Ihre Geduld eine halbe Stunde lang zu mißbrauchen.« Dieses würdevolle und zugleich anmutige Kompliment brachte mich vollends aus der Fassung, und ich verschwand in den Garten, um dort, wo niemand mich sehen konnte, zu weinen. »Wer ist denn diese Henriette!« rief ich, mit gerührtem Herzen, Tränen vergießend; »was ist das für ein Schatz, den ich besitze!« Mein Glück schien mir zu groß, als daß ich seiner würdig Sein könnte. In diese Betrachtungen versunken, die mir meine Tränen doppelt wonnig machten, wäre ich noch lange im Garten geblieben, wenn mich nicht Dubois selber geholt hätte. Er fand mich trotz dem nächtlichen Dunkel, das in dem Baumgang herrschte, worin ich träumte. Er war unruhig wegen der Ursache meines Verschwindens; ich beruhigte ihn jedoch, indem ich ihm sagte, ein leichter Schwindel- anfall habe mich genötigt, hinauszugehen, um frische Luft zu schöpfen. Unterwegs hatte ich Zeit, meine Tränen zu trocknen; doch konnte ich die Röte meiner Augen nicht beseitigen, und diese wurde zum Glück nur von Henrietten bemerkt, die mir sagte: »Ich weiß, mein Engel, was du da draußen gemacht hast!« Sie kannte mich und konnte leicht erraten, welchen Eindruck dieser Abend auf mein Herz gemacht hatte. Dubois hatte bei sich die angenehmsten Kavaliere des Hofes versammelt und das Abendessen, das er ihnen gab, war ohne jede Verschwendung eingerichtet, aber ebenso delikat wie gut zusammengestellt. Ich saß Henrietten gegenüber, die als einzige Dame natürlich alle Aufmerksamkeiten auf sich lenkte; aber sie hätte nur gewinnen können, wäre sie von einem Kranze von Damen umgeben gewesen, die sie ganz gewiß überstrahlt hätte, ohne anderer Hilfsmittel zu bedürfen, als ihrer Schönheit, ihres Geistes und ihrer vornehmen Manieren. Sie verlieh der Mahlzeit Reiz durch den Zauber, den sie über die Unterhaltung verbreitete. Dubois sprach nicht; aber er strahlte vor Stolz, daß es ihm gelungen war, eine so anziehende Schönheit bei sich zu Gast zu haben. Mit großer Gewandheit sagte sie jedem etwas Liebenswürdiges, und sie besaß so viel Geist, daß sie niemals etwas Hübsches sagte, ohne mich mit hineinzuziehen. Zwar trug ich meinerseits Unterwürfigkeit, Ergebenheit und Ehrfurcht vor meiner Göttin zur Schau; aber sie wollte, daß ein jeder erriete, ich wäre ihr Orakel. Man konnte sie für meine Frau halten; aber so, wie ich mich gegen sie verhielt, mußte dies doch unwahrscheinlich vorkommen. Als das Gespräch auf die beiderseitigen Vorzüge der französischen und der spanischen Nation kam, beging Dubois die Übereilung, Sie zu fragen, welcher Nation sie den Vorzug gäbe. Die Frage war im höchsten Grade indiskret, denn die Hälfte der Gesellschaft waren Spanier und die andere Hälfte Franzosen. Henriette sprach jedoch so gut, daß die Spanier hätten Franzosen und die Franzosen Spanier hätten sein mögen. Unersättlich fragte Dubois sie weiter, wie sie über die Italiener dächte. Ich zitterte. Ein gewisser Herr de la Combe schüttelte mißbilligend den Kopf; aber meine Freundin wich der Frage nicht aus. »Was soll ich Ihnen über die Italiener sagen?« fragte sie; »ich kenne nur einen einzigen; wenn ich alle nach dem einen beurteile, wird mein Urteil sicher sehr günstig für sie lauten. Aber ein einziges Beispiel kann nicht für eine Regel gelten.« Unmöglich hätte sie besser antworten können. Ich aber tat, wie der Leser sich wohl denken kann, als hätte ich nichts gehört, und um den indiskreten Dubois davon abzuhalten, noch weiter zu fragen, brachte ich das Gespräch auf etwas anderes, indem ich einige gleichgültige Fragen an ihn stellte. Die Unterhaltung kam auf die Musik, und bei dem Anlaß fragte ein Spanier Henriette, ob sie außer Cello noch irgend ein anderes Instrument spiele. »Nein,« antwortete sie ihm, »ich hatte nur für dieses Neigung. Ich lernte es im Kloster meiner Mutter zu Gefallen, die es recht leidlich spielte; und wenn mein Vater es nicht in aller Form befohlen hätte und dabei vom Bischof unterstützt worden wäre, würde die Oberin es mir niemals erlaubt haben.« »Welchen Grund konnte denn wohl die Abtissin haben, es Ihnen zu verbieten?« »Die fromme Braut des Herrn behauptete, ich könnte Cello nur in einer unanständigen Stellung spielen.« Bei diesen Worten bissen die Spanier sich auf die Lippen, die Franzosen aber lachten laut heraus und sparten nicht mit ihren Epigrammen gegen die gewissenhafte Nonne. Nach einigen Minuten machte Henriette eine leichte Bewegung, wie wenn sie um Erlaubnis bäte, aufstehen zu dürfen. Wir standen alle auf, und wenige Augenblicke darauf gingen wir. Es drängte mich, mit der Göttin meiner Seele allein zu sein; ich richtete hundert Fragen an sie, ohne ihr Zeit zum Antworten zu lassen. »Ah, du hattest wohl recht, meine Henriette, daß du nicht hingehen wolltest, denn du warst sicher, daß du mir Feinde machen mußtest. Man muß mich verabscheuen; aber ich lache darüber: du bist meine ganze Welt. Grausame Freundin! Du hast mir beinahe das Leben gekostet mit deinem Cello; denn ich konnte deine Zurückhaltung nicht für natürlich halten und habe geglaubt, du seist wahnsinnig geworden. Als ich dich aber dann hörte, habe ich hinausgehen müssen, um meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Sie haben mich von dem furchtbaren Druck erleichtert, den ich empfand. Sage mir jetzt, ich beschwöre dich, welche Talente hast du sonst noch? Verheimliche mir keins, denn du könntest mich töten, wenn du sie plötzlich in überraschender Weise zum Vorschein brächtest.« »Ich habe keine anderen Talente, mein Herz; ich habe mein Säckchen gleich auf einmal geleert; jetzt kennst du deine Henriette ganz und gar. Wenn du mir nicht vor einem Monat zufällig gesagt hättest, daß du gar keinen Geschmack an Musik findest, so hätte ich dir gewiß erzählt, daß ich sehr gut Cello spiele; aber ich kenne dich: wenn ich es dir gesagt hätte, hättest du dich beeilt, mir ein Instrument zu beschaffen, und deine Freundin will sich nicht mit etwas unterhalten, was dich langweilt! Gleich am nächsten Tage erhielt sie ein ausgezeichnetes Cello. Weit entfernt, mich jemals zu langweilen, bereitete sie mir dadurch jedesmal einen neuen Genuß; und ich glaube behaupten zu können, daß ein Mensch, der Abneigung gegen Musik hat, unbedingt ein leidenschaftlicher Freund derselben werden wird, wenn die ausübende Person es zur Meisterschaft darin gebracht hat und wenn diese Person von ihm angebetet wird. Die menschliche Stimme des Cellos übertrifft die jedes anderen Musikinstrumentes; sie drang mir jedesmal ins Herz, wenn meine Freundin spielte. Diese war davon überzeugt und verschaffte mir jeden Tag den Genuß. Jch war von ihrem Talent so entzückt, daß ich ihr vorschlug, Konzerte zu geben; sie war aber so vorsichtig, nicht darin einzuwilligen. Leider konnten wir trotz ihrer Vorsicht den Willen des Schicksals nicht ablenken. Der verhängnisvolle Dubois besuchte uns am Tage nach seinem hübschen Abendessen, um uns zu danken und die Lobsprüche einzuheimsen, die wir ihm über sein Konzert, sein Essen und über seine gewählte Gesellschaft machten. »Ich sehe voraus, gnädige Frau,« sagte er zu Henriette, »daß ich große Mühe haben werde, mich gegen die dringenden Bitten zu wehren, womit man mich bestürmen wird, um Ihnen vorgestellt zu werden.« »Ihre Mühe, mein Herr, wird nicht groß sein; wie Sie wissen, empfange ich niemanden.« Dubois wagte nicht mehr, von Vorstellung zu sprechen. An demselben Tage erhielt ich einen Brief vom jungen Capitani, der mir mitteilte, er sei als Besitzer des Messers und der Scheide des heiligen Petrus bei Franzia gewesen mit zwei Magiern, die versprochen hätten, den Schatz zu heben. Zu seiner großen Überraschung habe man ihn nicht empfangen wollen; er bat mich, ihm zu schreiben und in eigener Person hinzugehen, wenn ich einen Anteil am Schatz haben wollte. Wie man sich denken kann, blieb der Brief unbeantwortet; aber eins möchte ich gern meinen Lesern sagen: Ich empfand die größte Freude darüber, daß es mir gelungen war, den ehrenwerten, aber einfältigen Landmann vor den Betrügern zu schützen, die ihn zugrunde gerichtet haben würden. Seit jener Abendgesellschaft bei Dubois war ein Monat verflossen, und wir waren während dieser Zeit an Geist und Sinnen glücklich gewesen; denn niemals hatte ein einziger leerer Augenblick uns zum Gähnen veranlaßt. Unser einziges Vergnügen außerhalb des Hauses war eine Spazierfahrt vor der Stadt bei schönem Wetter. Da wir niemals ausstiegen und an keinem öffentlichen Ort verkehrten, so hatte niemand versuchen können, uns kennen zu lernen, oder es hatte jedenfalls niemand Gelegenheit dazu finden können, obgleich meine Freundin vielleicht bei den Personen, mit denen uns der Zufall, besonders auf des Herrn Dubois' Abendgesellschaft, zusammengeführt hatte, einige Neugier erregt hatte. Henriette war mutiger und ich war zuversichtlicher geworden, nachdem wir gesehen hatten, daß weder im Theater noch bei jener Gesellschaft jemand sie erkannt hatte. Sie fürchtete nur den hohen Adel. Als wir eines Tages vor dem Colornotor spazieren fuhren, begegneten wir dem Herzog mit seiner Gemahlin, die nach der Stadt zurückfuhren. Einen Augenblick später kam ein anderer Wagen, worin Dubois und ein uns unbekannter Herr saßen. Kaum war unser Wagen bei dem ihrigen vorbeigefahren, da stürzte eines von unseren Pferden. Der Herr, der neben Dubois saß, ließ seinen Wagen anhalten, um uns Hilfe zu schicken. Während das Pferd wieder auf die Beine gebracht wurde, trat er mit vornehmem Anstand an unseren Wagen heran und machte Henrietten ein den Umständen angemessenes Kompliment. Als feiner Höfling, der sich stets auf Kosten anderer in ein günstiges Licht zu setzen bestrebt war, ließ Dubois sich die Gelegenheit nicht entgehen, ihr zu sagen, es sei der Minister, Herr Dutillot. Meine Freundin antwortete nur mit der üblichen Neigung des Kopfes. Als das Pferd wieder auf seinen Beinen stand, setzten wir unsere Spazierfahrt weiter fort, nachdem wir uns bei den Herren für ihre Liebenswürdigkeit bedankt hatten. Eine so gewöhnliche Begegnung hätte im gewöhnlichen Lauf der Dinge eigentlich keine Folgen haben sollen; aber oft führen kleine Ursachen die größten Ereignisse herbei! Am anderen Tage kam Dubois zu uns zum Frühstück. Er sagte uns sofort ohne die mindesten Umschweife, Herr Dutillot sei entzückt über den glücklichen Zufall, der ihm das Vergnügen verschafft habe, uns kennen zu lernen, und habe ihn beauftragt, uns um die Erlaubnis zu bitten, daß er uns besuchen dürfe. »Die gnädige Frau oder mich?« fragte ich sofort. »Beide.« »Sehr freundlich. Aber jedes für sich; denn Madame hat, wie Sie wissen, ihr Zimmer und ich das meinige.« »Ja, aber sie liegen so dicht beieinander.« »Das gebe ich zu. Ich muß Ihnen jedoch sagen, daß ich, soweit ich in Betracht komme, zu Seiner Exzellenz eilen werde, wenn der Herr Minister mir irgend einen Befehl zu geben oder eine Mitteilung zu machen hat; ich bitte Sie, ihm dies zu sagen. Was Madame anbetrifft, so ist sie ja selber zugegen; sprechen Sie mit ihr; denn ich, mein lieber Herr Dubois, bin nur ihr sehr untertäniger Diener.« Henriette sagte ihm lachend und höflich: »Mein Herr, ich bitte Sie, Herrn Dutillot meinen Dank zu sagen und ihn zu fragen, ob er mich kennt.« »Ich bin überzeugt, gnädige Frau, daß er Sie nicht kennt.« »Sehen Sie? Er kennt mich nicht und will mir doch einen Besuch machen! Räumen Sie mir ein, daß ich ihm einen eigentümlichen Begriff von mir geben würde, wenn ich ihn empfinge. Sagen Sie ihm: obgleich niemand mich kennt und ich keines Menschen Bekanntschaft suche, bin ich doch keine Abenteuerin, und folglich kann ich nicht die Ehre haben, ihn zu empfangen.« Dubois fühlte, daß er ein Versehen gemacht hatte, und schwieg. Während der folgenden Tage besuchte er uns mehrmals, aber wir fragten ihn nicht, wie der Minister unsere Absage aufgenommen hätte. Drei Wochen später war der Hof in Colorno; es wurde ein prachtvolles Fest gegeben, und jedermann hatte freien Zutritt zum Park, der die ganze Nacht beleuchtet sein sollte. Der fatale bucklige Dubois hatte uns soviel von diesem Fest gesprochen, daß wir Lust bekamen, hinzugehen; das war für uns der Adamsapfel. Dubois begleitete uns. Wir fuhren den Tag vorher hinaus und nahmen Wohnung im Gasthof. Gegen Abend gingen wir im Park spazieren, und der Zufall wollte, daß auch die höchsten Herrschaften mit ihrem Gefolge sich dort befanden. Madame de France machte nach dem Brauch des Hofes von Versailles meiner Henriette im Vorübergehen eine Verbeugung, ohne jedoch stehen zu bleiben. Bei diesem Anlaß fielen meine Blicke auf einen Kavalier, der neben dem Infanten Don Luis ging und meine Freundin aufmerksam ansah. Bald darauf kehrten wir um und begegneten demselben Kavalier, der uns eine tiefe Verbeugung machte und Dubois bat, ihn eine Minute anzuhören. Sie unterhielten sich eine volle Viertelstunde, indem sie hinter uns hergingen; wir wollten den Park verlassen, als der fremde Herr den Schritt beschleunigte und, nachdem er mich sehr höflich um Entschuldigung gebeten harte, Henrierten fragte, ob er die Ehre habe, von ihr gekannt zu sein. »Ich erinnere mich nicht, jemals die Ehre gehabt zu haben, Sie zu sehen.« »Das genügt, Madame; ich bitte Sie recht sehr um Entschuldigung.« Dubois sagte uns, der Herr sei ein vertrauter Freund des Infanten Don Luis; er habe geglaubt, die gnädige Frau zu kennen, und deshalb ihn gebeten, ihn ihr vorzustellen. Dubois habe ihm gesagt, sie heiße d'Arci, und wenn er sie kenne, so bedürfe er seiner nicht, um Ihr einen Besuch zu machen. Herr d'Antoine habe ihm geantwortet, der Name d'Arci sei ihm nicht bekannt; er wolle sich aber nicht gerne irren. »In dieser Ungewißheit«, fuhr Dubois fort, »hat er sich selbst vorgestellt, um Aufklärung zu erhalten; gegenwärtig aber muß er überzeugt sein, daß er sich getäuscht hat.« Nach dem Essen kam Henriette mir unruhig vor, und ich fragte sie, ob sie nicht etwa nur so getan habe, als kenne sie Herrn d'Antoine nicht. »Ich versichere dir, mein Freund, es war keine Verstellung. Ich kenne seinen Namen; es ist der einer berühmten Familie der Provence; aber seine Person ist mir gänzlich unbekannt.« »Ist es möglich, daß er dich kennt?« »Er mag mich vielleicht gesehen haben; aber ganz gewiß habe ich niemals mit ihm gesprochen; denn dann hätte ich ihn erkannt.« »Diese Begegnung beunruhigt mich; und mir scheint, sie ist auch dir nicht gleichgültig.« »Ich gestehe es.« »Verlassen wir Parma, wenn es dir recht ist, und gehen wir nach Genua. Sobald meine Sache beigelegt ist, reisen wir dann nach Venedig.« »Ja, mein lieber Freund, wir werden dann ruhiger sein. Ich glaube jedoch nicht, daß wir uns zu beeilen brauchen.« Am übernächsten Tage kehrten wir nach Parma zurück, und zwei Tage darauf übergab mein Bedienter mir einen Brief, indem er mir sagte, der Läufer, der ihn gebracht hätte, warte im Vorzimmer. »Dieser Brief«, sagte ich zu Henriette, »beunruhigt mich.« Sie nahm ihn, öffnete ihn, las ihn und reichte ihn mir mit den Worten: »Ich glaube, Herr d'Antoine ist ein Ehrenmann; ich hoffe daher, wir haben nichts zu befürchten.« Der Brief lautete folgender- maßen: »Entweder bei Ihnen, oder bei mir, oder an irgend einem anderen Ort, den Sie mir gütigst bezeichnen wollen, bitte ich Sie, mein Herr, mir Gelegenheit zu geben, mich mit Ihnen über etwas zu unterhalten, das Sie sehr interessieren muß. Ich habe die Ehre (und so weiter) .... d'Antoine.« Der Brief war überschrieben: An Herrn de Farussi. »Ich glaube,« sagte ich zu meiner Freundin, »ich muß ihn sehen; aber wo?« »Weder hier noch in seiner Wohnung, sondern im herzoglichen Park. Deine Antwort darf nur Stunde und Ort deiner Ankunft enthalten.« Ich setzte mich an den Schreibtisch und teilte ihm mit, daß ich mich um halb Zwölf im herzoglichen Park einfinden würde, indem ich ihn bat, mir eine andere Stunde zu bezeichnen, falls die von mir genannte ihm nicht passen sollte. Ich kleidete mich sofort an, um pünktlich zur verabredeten Zeit fertig zu sein; in der Zwischenzeit bemühten wir beide uns, ruhig zu erscheinen, aber wir konnten uns trüber Ahnungen nicht erwehren. Ich war pünktlich zur Stelle und fand, daß Herr d'Antoine bereits vor mir gekommen war. Er sagte zu mir: »Ich bin genötigt gewesen, mir die Ehre, die Sie mir erweisen, zu verschaffen, weil ich kein sichereres Mittel ausfindig machen konnte, Frau d'Arci diesen Brief zuzustellen, den ich Sie ihr zu übergeben bitte. Wollen Sie es mir, bitte, nicht übelnehmen, daß ich den Brief Ihnen versiegelt übergebe. Wenn ich mich täusche, so ist es nichts gewesen, und der Brief braucht nicht einmal beantwortet zu werden; wenn ich mich jedoch nicht getäuscht habe, so muß die gnädige Frau allein bestimmen, ob sie Ihnen den Brief zeigen will. Aus diesem Grunde übergebe ich ihn Ihnen versiegelt. Wenn Sie wirklich ihr Freund sind, so muß der Inhalt des Briefes Sie sicher ebenso interessieren wie die gnädige Frau. Kann ich darauf rechnen, daß Sie so freundlich sein werden, ihr den Brief zu übergeben?« »Mein Herr, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.« Hierauf trennten wir uns, nachdem wir uns gegenseitig eine tiefe Verbeugung gemacht hatten, und ich ging eilends nach meinem Gasthof zurück. Fünftes Kapitel Henriette empfängt Herrn d'Antoine. – Ich verliere diese liebenswürdige Frau, die ich bis Genf begleite. – Ich kehre über den St. Bernhard nach Parma zurück. – Brief Henriettens. – Meine Verzweiflung. – De la Haye schließt sich mir an. – Ärgerliches Abenteuer mit einer Schauspielerin und dessen Folgen. – Ich werde fromm. – Bavois. – Mystifikation eines renommistischen Offiziers. Das Herz schwer von Sorgen kam ich nach Hause und berichtete sofort Henrietten alles, was mir Herr d'Antoine gesagt hatte; hierauf übergab ich ihr seinen Brief, der vier Seiten lang war. Sie las ihn aufmerkfam in sichtlicher Erregung und sagte mir dann: »Lieber Freund, nimm es nicht übel, aber die Ehre zweier Familien erlaubt mir nicht, dich diesen Brief lesen zu lassen; ich sehe mich gezwungen, Herrn d'Antoine zu empfangen, der mein Verwandter zu sein behauptet.« »So beginnt also jetzt«, rief ich aus, »der letzte Akt! Furchtbarer Gedanke! Mir naht das Ende eines allzu vollkommenen Glückes! Ich Unglücklicher! Wozu brauchte ich so lange in Parma zu bleiben! Welche Verblendung! Von allen Städten der Welt, Frankreich ausgenommen, war Parma die einzige, die ich fürchten mußte; und hierhin habe ich dich geführt, während ich mit dir nach jedem anderen Ort gehen konnte; denn du kanntest keinen anderen Willen als den meinen. Meine Schuld ist um so größer, da du mir niemals deine Befürchtungen verhehlt hast. Ach, warum habe ich diesen verhängnisvollen Dubois bei uns eingeführt! Mußte ich nicht voraussehen, daß seine Neugier uns früher oder später Unheil bringen würde! Und ich kann diese Neugier nicht einmal verdammen, denn sie ist vollkommen natürlich. Ich kann nur allen Vollkommenheiten schuld geben, mit denen die Natur dich begabt hat! Vollkommenheiten, die mich glücklich gemacht haben und die mich jetzt in einen Abgrund der Verzweiflung stürzen werden, denn ach, ich sehe die entsetzlichste Zukunft voraus!« »Ich bitte dich, mein zärtlicher Freund, sieh nichts voraus und mäßige dich. Laß uns unsere ganze Vernunft anwenden, um über den Ereignissen zu stehen. Ich werde auf diesen Brief nicht antworten; aber du mußt ihm schreiben, er möge morgen um drei Uhr in seinem Wagen hierherkommen, und du mußt ihn bitten, sich anmelden zu lassen.« »Ach, welch qualvolles Opfer legst du mir auf?« »Du bist mein bester, mein einziger Freund; ich verlange nichts, ich lege dir keinen Zwang auf; aber würdest du dich weigern ...« »Nein, niemals, nichts! Verfüge über mich im Leben und Sterben!« »Ich wußte deine Antwort voraus, du wirst bei mir sein, wenn er kommt; aber nachdem du dich anstandshalber einige Augenblicke unterhalten hast, wirst du unter irgend einem Vorwand in ein Zimmer gehen und uns allein lassen. Herr d'Antoine kennt meine ganze Geschichte; er kennt meine Verfehlungen, aber auch meine Gründe, und er weiß, daß er als Ehrenmann und als Verwandter mich vor jedem Schimpf bewahren muß. Er wird nur im Einverständnis mit mir handeln, und wenn er daran denken sollte, gegen die Bedingungen zu verstoßen, die ich ihm vorschreiben werde, so werde ich nicht nach Frankreich gehen, sondern dir folgen, wohin du willst, und dir mein ganzes übriges Leben widmen. Bedenke jedoch, lieber Freund, daß verhängnisvolle Umstände es dahin bringen können, daß wir unsere Trennung als den besten Entschluß betrachten müßten. Wir müssen stark sein, um diesen Entschluß zu fassen und hoffen zu können, daß wir nicht unglücklich werden. Vertraue auf mich und sei überzeugt, ich werde meine Maßnahmen zu treffen wissen, um mir den Anteil von Glück zu sichern, dessen ich werde genießen können, nachdem ich des einzigen Menschen beraubt bin, dem jemals meine ganze zärtliche Liebe gegolten hat. Du wirst, das erwarte ich von deiner großen Seele, in derselben Weise für deine Zukunft sorgen, und ich bin gewiß, daß du Erfolg haben wirst. Unterdessen laß uns alle traurigen Vorgefühle von uns fern halten, die die Augenblicke verdüstern könnten, die uns noch beschieden sind.« »Ach, warum sind wir nicht sofort nach der verhängnisvollen Begegnung mit diesem unseligen Günstling des Fürsten abgereist.« »Wir hätten vielleicht sehr übel daran getan; denn möglicher Weise würde alsdann Herr d'Antoine sich entschlossen haben, meiner Familie seinen Eifer zu beweisen, indem er Nachforschungen angestellt hätte, um uns zu entdecken. Hierdurch hätte ich Gewalttätigkeiten ausgesetzt werden können, die du nicht geduldet haben würdest und die uns beide ins Unglück gestürzt haben würden.« Ich tat alles, was sie wollte; aber von diesem Augenblicke an begann unsere Liebe traurig zu werden, und die Traurigkeit ist eine Krankheit, die schließlich die Liebe tötet. Wir saßen oft stundenlang einander gegenüber, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Nur Seufzer brachen aus unserer Brust hervor, trotz allen Anstrengungen, die wir machten, sie zurückzuhalten. Als am andern Morgen Herr d'Antoine kam, befolgte ich genau die Weisung, die sie mir gegeben hatte, und verbrachte allein sechs tödlich lange Stunden, zum Schein mit Schreiben beschäftigt. Meine Tür stand offen, und in dem Spiegel meines Zimmers konnten wir uns gegenseitig sehen. Sie verbrachten diese sechs Stunden mit Schreiben, indem sie sich von Zeit zu Zeit unterbrachen, um über, ich weiß nicht was, zu sprechen; aber ihre Besprechung mußte sehr wichtig sein. Der Leser kann sich leicht die Qualen dieser Tortur ausdenken: ich konnte nicht erraten, worum es sich handelte, aber ich wußte, daß mein Glück zerstört wäre. Sobald der furchtbare d'Antoine gegangen war, kam Henriette zu mir, und als ich sah, daß ihr die Tränen hoch in den Augen standen, stieß ich einen Seufzer aus, auf den sie sich bemühte, mit einem Lächeln zu antworten. »Ist es dir recht, lieber Freund, wenn wir morgen abreisen?« »Oh, Himmel, gewiß ist es mir recht! Wohin soll ich dich führen?« »Wohin du willst; aber wir müssen in vierzehn Tagen wieder hier sein.« »Hier, traurige Illusion!« »Ja leider! Ich habe mein Wort gegeben, in Parma zu sein und hier die Antwort auf einen von mir geschriebenen Brief zu empfangen. Du kannst dich darauf verlassen, daß wir keinerlei Gewalttat zu befürchten haben; aber ich kann es hier nicht länger aushalten.« »Ach, und ich verfluche den Augenblick, wo mein Fuß diese Stadt betreten hat; ist es dir recht, daß wir nach Mailand gehen?« »Nach Mailand? Sehr schön.« »Da wir unglücklicherweise hierher zurückmüssen, können Caudagna und seine Schwester mit uns gehen.« »Vortrefflich.« »Laß mich nur machen; sie bekommen einen Wagen für sich und nehmen dein Violoncello mit; mir scheint, du müßtest Herrn d'Antoine mitteilen, wohin du gehst.« »Mir scheint im Gegenteil, ich bin ihm darüber keine Rechenschaft schuldig; um so schlimmer für ihn, wenn er einen Augenblick daran zweifeln kann, daß ich mein Wort halten werde.« Am nächsten Tage packten wir die zu einer vierzehntägigen Abwesenheit notwendigen Sachen ein und reisten ab. Wir kamen in unfroher Stimmung, ohne daß wir unterwegs etwas erlebt hätten, in Mailand an und blieben dort, ganz für uns allein, vierzehn Tage; wir sahen dort kein anderes Gesicht, als den Gastwirt, einen Schneider und eine Schneiderin. Ich machte meiner Henriette ein Geschenk, einen Luchspelz, den sie sehr wert hielt. Henriette fragte mich aus Zartgefühl niemals nach dem Zustand meiner Börse; ich wußte ihr Dank dafür; aber ich trug auch Sorge, sie niemals ahnen zu lassen, daß diese der Erschöpfung nahe war; bei unserer Rückkehr nach Parma hatte ich noch drei bis vierhundert Zechinen. Am Tage nach unserer Rückkehr lud Herr d'Antoine sich ohne Umstände zum Essen ein. Nach dem Kaffee ließ ich ihn mit seiner Verwandten allein. Ihre Verhandlung dauerte ebensolange wie die erste, und es wurde dabei beschlossen, daß wir uns trennen müßten. Sobald d'Antoine fort war, kam sie zu mir und sagte es mir, und lange ließen wir in düsterem Schweigen unsere Tränen zusammenfließen. »Wann werde ich mich von dir trennen müssen, heißgeliebtes Weib?« »Fasse dich, mein zärtlicher Freund: wir trennen uns in Genf, wohin du uns führen wirst. Besorge mir morgen eine passende Kammerjungfer. Mit ihr werde ich mich von Genf aus an meinen Bestimmungsort begeben.« »Wir werden also noch einige Tage zusammen verbringen! Ich kenne nur Dubois, dem ich mich anvertrauen könnte, um mir eine anständige Person zu besorgen, und es ist mir ärgerlich, daß dieser neugierige Mensch durch sie erfahren könnte, was dir nicht lieb wäre.« »Er wird nichts erfahren; denn in Frankreich nehme ich eine andere.« Dubois fühlte sich geehrt durch den Auftrag und kam drei Tage darauf zu Henrietten, um ihr eine Frau in mittleren Jahren vorzustellen; sie war ziemlich gut angezogen und wußte sich anständig zu benehmen. Aber sie war arm und daher glücklich, eine Gelegenheit zu finden, um nach ihrer französischen Heimat zurückzukehren. Ihr Mann, ein früherer Offizier, war vor einigen Monaten gestorben und hatte sie von allem entblößt zurückgelassen. Henriette nahm sie in ihren Dienst und sagte ihr, sie möchte sich bereit halten, jeden Augenblick abreisen zu können, sobald Dubois ihr Bescheid geben würde. Am Tage vor unserer Abreise kam Herr d'Antoine zu uns zum Essen; beim Abschied gab er Henrietten einen geschlossenen Brief für Genf. Wir reisten von Parma mit Einbruch der Nacht ab und hielten nur in Turin zwei Stunden an, um einen Bedienten anzunehmen, der uns bis Genf begleiten sollte. Am nächsten Tage überschritten wir den Mont-Cenis in Sänften, zu Tal fuhren wir im Bergschlitten. Am fünften Tage kamen wir in Genf an und stiegen im Gasthof zur Wage ab. Am nächsten Tage gab Henriette mir einen Brief an den Bankier Tronchin, der, sobald er ihn gelesen hatte, mir sagte, er werde mir persönlich tausend Louis überbringen. Ich ging nach Hause, und wir setzten uns zu Tische. Wir saßen noch beim Essen, als der Bankier sich melden ließ. Er gab uns die tausend Louis in Gold und sagte Henrietten, er werde ihr zwei Leute besorgen, für die er bürgen könne. Sie antwortete ihm, sie würde abreisen, sobald sie den Wagen hätte, den er nach dem ihr von mir überbrachten Brief besorgen sollte. Er versicherte ihr, am nächsten Tage würde alles bereit sein, und empfahl sich. Es war ein furchtbarer Augenblick. Wir saßen, wie zu Eis erstarrt, unbeweglich in düsterem Schweigen; tiefste Traurigkeit drückte uns zu Boden. Endlich brach ich das Schweigen, um ihr zu sagen, der Wagen, den Herr Tronchin ihr liefern würde, könnte unmöglich so bequem und sicher sein, wie der meine. Ich bäte sie daher, diesen zu nehmen; ich würde in dieser Gefälligkeit ein Zeichen der Fortdauer ihrer Liebe sehen. »Ich werde dafür, liebe Freundin, den Wagen nehmen, den der Bankier dir liefert.« »Ich willige ein, lieber Freund; es wird für mich eine Herzenserleichterung sein, noch einen Gebrauchsgegenstand zu besitzen, der dir gehört hat.« Mit diesen Worten steckte sie mir fünf Rollen mit je hundert Louis in die Tasche. Ein schwacher Trost für mein Herz, das durch die grausame Trennung zerrissen war. Während der letzten vierundzwanzig Stunden bestand unsere Beredsamkeit nur in Trauern, Seufzern und jenen banalen, aber energischen Ausrufen, die zwei glücklich Liebende an die allzu strenge Vernunft richten, die sie inmitten ihres Glücks zwingt, sich auf ewig zu trennen. Henriette suchte mir mit keiner Hoffnung zu schmeicheln, um meine Qual zu mildern; im Gegenteil: »Da nun einmal die Notwendigkeit uns zwingt, uns zu trennen,« sagte sie, »so bitte ich dich, mein einziger Freund, erkundige dich niemals nach mir; und solltest du jemals zufällig mir begegnen, so tue, als kenntest du mich nicht.« Sie gab mir hierauf einen Brief für Herrn d'Antoine, ohne mich zu fragen, ob ich nach Parma zurückkehren würde; aber selbst wenn ich nicht die Absicht gehabt hätte, so würde ich mich doch auf der Stelle dazu entschlossen haben. Sie bat mich auch, von Genf erst abzureisen, nachdem ich einen Brief empfangen hätte, den sie mir von der ersten Haltestelle, wo sie die Pferde wechseln würde, zu schicken gedächte. Mit Tagesanbruch reiste sie ab; sie hatte bei sich ihre Gesellschaftsdame, ein Lakai saß auf dem Bock und ein anderer ritt als Kurier voran. Ich folgte ihr mit den Augen, solange ich den Wagen sehen konnte, und stand noch lange Zeit, nachdem meine Augen schon nichts mehr sahen, unbeweglich immer auf demselben Fleck; denn alle meine Gedanken galten nur dem teueren Wesen, das ich verlor, und die ganze Welt war in meinen Augen nichts mehr. In mein Zimmer zurückgekehrt, befahl ich dem Kellner, nicht früher bei mir einzutreten, als bis die Pferde, die Henrietten entführt hatten, wieder zurück wären. Ich legte mich zu Bett, in der Hoffnung, der Schlaf werde meiner bedrängten Seele, die meine Tränen nicht beruhigen konnten, zu Hilfe kommen. Der Postillon kam erst am nächsten Tage zurück; er war bis Châtillon gewesen. Er überbrachte mir einen Brief, worin ich nur das traurige Wort Adieu fand. Der Mann sagte mir, sie seien ohne den geringsten Unfall in Châtillon angekommen, und die gnädige Frau habe sogleich ihren Weg nach Lyon fortgesetzt. Da ich von Genf erst am nächsten Tag abreisen konnte, verbrachte ich allein auf meinem Zimmer einen der traurigsten Tage meines Lebens. Ich entdeckte auf einer der Fensterscheiben folgende Worte, die sie mit der Spitze eines ihr von mir geschenkten Diamanten eingeritzt hatte: Du wirst auch Henrietten vergessen! Diese Prophezeiung war nicht dazu angetan, mich zu trösten; aber welche Ausdehnung gab sie dem Wort: Vergessen! Sie konnte damit nur meinen, daß mit der Zeit die tiefe Wunde vernarben würde, die sie meinem Herzen geschlagen hatte, und sie hätte diese nicht noch zu vertiefen brauchen, indem sie mir diese Art von Vorwurf machte. Nein, ich habe sie nicht vergessen, denn noch jetzt, da mein Kopf mit weißen Haaren bedeckt ist, ist ihr Andenken ein wahrer Balsam für mein Herz. Wenn ich bedenke, daß ich auf meine alten Tage nur in Erinnerung glücklich bin, so finde ich, daß mein langes Leben mehr glücklich als unglücklich gewesen sein muß, und nachdem ich Gott gedankt habe, der die Ursache aller Ursachen ist, wünsche ich mir Glück, mir selber gestehen zu können, daß das Leben ein Gut ist. Am andern Morgen reiste ich mit einem Bedienten, den Herr Tronchin mir empfahl, nach Italien zurück. Trotz der schlechten Jahreszeit wählte ich den Weg über den St. Bernhard, den ich in drei Tagen mit sieben Mauleseln überstieg. Diese trugen mich, meinen Bedienten, meinen Koffer und den Wagen, der für die reizende Frau, die ich unwiederbringlich verloren hatte, bestimmt war. Ein Mensch, der von einem großen Schmerz niedergedrückt wird, hat den Vorteil, daß ihm sonst nichts lästig erscheint; es ist eine Art von Verzweiflung, die auch ihre Vorteile hat. Ich spürte nichts von Hunger und Durst, nichts von dem Frost, der die Natur in diesem schrecklichen Teil der Alpen zu Eis erstarren ließ, nichts von den Strapazen, die mit diesem mühseligen und gefährlichen Alpenübergang untrennbar verbunden sind. Ich kam bei ziemlich guter Gesundheit in Parma an und stieg in einer schlechten Herberge ab, weil ich hoffte, daß mich dort niemand kennen würde. In dieser Erwartung wurde ich jedoch getäuscht; denn ich traf hier de la Haye, der in einem Kämmerchen neben dem meinen wohnte. Überrascht über das Wiedersehen mit mir, machte er mir ein langes Kompliment, um mich auszuhorchen, ich enttäuschte jedoch seine Neugier, indem ich ihm sagte, ich wäre müde und wir würden uns wiedersehen. Am nächsten Tage ging ich aus, um Herrn d'Antoine Henriettens Brief zu überbringen. Er öffnete ihn in meiner Gegenwart und fand darin einen andern Brief mit meiner Adresse eingeschlossen; diesen übergab er mir, ohne ihn zu lesen, obwohl er offen war. Später fiel ihm ein, es könnte vielleicht die Absicht seiner Verwandten gewesen sein, daß er ihn lesen sollte, weil sie ihn nicht versiegelt hätte. Er bat mich daher, von dem Brief Kenntnis nehmen zu dürfen, was ich ihm mit Vergnügen erlaubte, nachdem ich ihn selber gelesen hatte. Er las ihn und sagte mir, als er ihn zurückgab, mit großer Herzlichkeit, ich könnte bei jeder Gelegenheit über ihn und seinen Kredit verfügen. Henriettens Brief lautete folgendermaßen: »Mein einziger Freund! Ich habe Dich verlassen müssen; aber vermehre nicht Deinen Schmerz, indem Du an den meinigen denkst. Laß uns so vernünftig sein, uns vorzustellen, daß wir einen angenehmen Traum gehabt haben, und laß uns nicht über unser Schicksal klagen; denn niemals ist ein köstlicher Traum so lang gewesen. Wir können uns rühmen, volle drei Monate uns gegenseitig vollkommen glücklich gemacht zu haben. Es gibt wohl kaum zwei Menschen, die dasselbe von sich sagen können. Laß uns uns niemals vergessen; laß uns recht oft die glücklichen Augenblicke unserer Liebe uns zurückrufen, um sie in unseren Seelen zu erneuern, die trotz der Trennung in dieser Erinnerung ebenso hohen Genuß finden werden, wie wenn unsere Herzen Brust an Brust klopften. Erkundige Dich nicht nach mir; und wenn Du durch Zufall erfahren Solltest, wer ich bin, so beachte es nicht. Ich werde Dir Freude bereiten, indem ich Dir mitteile, daß ich in meine Angelegenheiten gute Ordnung gebracht habe und daß ich nun für den Rest meiner Lebenszeit so glücklich sein werde, wie ich es nur kann, da ich Dich nicht mehr habe. Ich weiß nicht, wer Du bist; aber ich weiß, daß kein Mensch auf der Welt Dich besser kennt als ich. Ich werde in meinem Leben keinen Liebhaber mehr haben, aber ich wünsche, daß Du es Dir nicht einfallen läßt, mir darin nachzuahmen. Ich wünsche, daß Du noch andere liebst, ja sogar, daß Deine gute Fee Dich eine andere Henriette finden lasse. Leb wohl, leb wohl!« Fünfzehn Jahre später sah ich das anbetungswürdige Weib wieder. Wie das zuging, wird der Leser sehen, wenn wir so weit sind. Ich ging nach Hause. Die Zukunft war mir gleichgültig, und in eine tiefe Traurigkeit versunken, schloß ich mich ein und legte mich zu Bett. Meine Niedergeschlagenheit bewirkte eine Art von Betäubung. Das Leben war mir nicht zur Last, aber nur, weil ich nicht daran dachte; und ich würde daran gedacht haben, wenn ich mir auch nur im geringsten aus dem Leben etwas gemacht hätte. Ich befand mich in einem Zustande völliger Apathie. Sechs Jahre später befand ich mich in einer ähnlichen Lage; aber da war nicht die Liebe an meinem Leiden schuld, sondern das berüchtigte und schreckliche Gefängnis unter den Bleidächern von Venedig. Nicht viel besser war ich daran im Jahre 1768, als man mich in das Gefängnis Buen Retiro in Madrid warf. Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden war meine Erschöpfung sehr groß; aber sie war mir nicht unangenehm, und in meiner Geistesverfassung hatte der Gedanke, daß ich an einer Steigerung der Erschöpfung vielleicht sterben könnte, seine Reize für mich. Ich sah mit Freuden, daß niemand mich belästigte, um mir Essen anzubieten, und ich wünsche mir Glück, meinen Bedienten entlassen zu haben. Nach weiteren vierundzwanzig Stunden war meine Schwäche so groß, daß ich schon für verhungert gelten konnte. In diesem Zustand befand ich mich, als de la Haye an meine Tür klopfte. Ich hätte nicht geantwortet, wenn er nicht beim Klopfen gesagt hätte, man müsse unbedingt mit mir sprechen. Ich öffnete, obgleich ich mich kaum auf den Beinen halten konnte, und legte mich sofort wieder zu Bett. »Ein Fremder,« sagte er, »der einen Wagen braucht, möchte den Ihrigen kaufen.« »Ich will ihn nicht verkaufen.« »Entschuldigen Sie gütigst, wenn ich Sie gestört habe; aber Sie sehen krank aus.« .. »Ja, ich habe nötig, daß man mich in Ruhe läßt.« »Was haben Sie denn für eine Krankheit?« Er trat an mein Bett, ergriff meine Hand und fand meinen Puls außerordentlich schwach. »Was haben Sie gestern gegessen?« »Seit zwei Tagen nichts, Gott sei Dank!« Er ahnte sofort die Wahrheit, geriet in Besorgnis und beschwor mich, eine Fleischbrühe zu mir zu nehmen. Er war in seinem Zureden so eindringlich und so teilnahmsvoll, daß ich ebensosehr aus Schwäche, wie aus Langeweile mich überreden ließ. Ohne ein einziges Wort von Henrietten zu sagen, hielt er mir eine Predigt über das zukünftige Leben, über die Eitelkeit dieser Welt, die wir gleichwohl dem Himmel vorzögen, und über unsere Pflicht, niemals unser Leben anzutasten, das uns nicht gehörte. Ich hörte ihn an, ohne zu antworten; aber ich hörte ihn immerhin an; de la Haye machte sich sogleich diesen Vorteil zunutze, erklärte, er würde mich nicht verlassen, und bestellte eine kleine Mahlzeit. Ich hatte weder die Kraft, noch den Willen, Widerstand zu leisten; und sobald das Essen aufgetragen war, nahm ich eine Kleinigkeit zu mir. De la Haye rief Viktoria und beschäftigte sich den ganzen Tag nur damit, mich durch scherzhafte Bemerkungen aufzuheitern. Den nächsten Tag verbrachte er wieder mit mir, denn diesmal hatte ich ihn gebeten, mir beim Essen Gesellschaft zu leisten. Es kam mir vor, als habe meine Traurigkeit nicht abgenommen, aber das Leben schien mir doch wieder dem Tode vorzuziehen; und in Anbetracht, daß ich ihm vielleicht die Erhaltung meines Lebens verdankte, faßte ich Freundschaft für ihn. Man sehe, wie meine Zuneigung den höchsten Grad erreichte, und der Leser wird jedenfalls höchst erstaunt sein, auf welche Weise dies zuging. Drei oder vier Tage darauf machte Dubois, dem de la Haye alles gesagt hatte, mir einen Besuch und lud mich ein, mit ihm auszugehen. Ich ging in die Komödie, wo ich die Bekanntschaft einiger korsischer Offiziere machte, die in Frankreich im Regiment Royal Italien gedient hatten; auch lernte ich einen jungen Sizilianer namens Paterno kennen, den größten Brausekopf, den man sich denken konnte. Der junge Mensch war in eine Schauspielerin verliebt, die ihn zum besten hielt; er machte mir Spaß durch die Aufzählung aller ihrer anbetungswürdigen Eigenschaften und wegen der schlechten Behandlung, die sie ihm widerfahren ließ; denn obgleich sie ihn zu jeder Stunde in ihrer Wohnung empfing, wies sie ihn schroff zurück, so oft er ihr irgend eine Gunst rauben wollte. Nebenbei richtete sie ihn zugrunde, indem sie fortwährend Diners und Soupers in kleinem Kreise geben ließ, ohne daß er irgend einen Vorteil dabei gehabt hätte. Er hatte mich schließlich neugierig gemacht, und nachdem ich mir die Schöne auf der Bühne angesehen und sie nicht übel gefunden hatte, beschloß ich, sie kennen zu lernen, und Paterno machte sich ein Vergnügen daraus, mich bei ihr einzuführen. Ich fand sie entgegenkommend, und da ich wußte, daß sie nichts weniger als reich war, so bezweifelte ich nicht, daß fünfzehn oder zwanzig Zechinen mehr als hinreichend sein würden, um sie zahm zu machen. Ich sprach mich darüber zu Paterno aus, aber er antwortete mir lachend: Wenn ich ihr einen derartigen Vorschlag zu machen wagte, würde sie meine Besuche nicht mehr annehmen. Er nannte mir Offiziere, die sie nicht mehr hätte sehen wollen, um sie für derartige Anträge zu bestrafen. »Immerhin wäre es mir recht lieb,« schloß er, »wenn Sie den Versuch machen und mir nachher wahrheitsgemäß sagen wollten, wie er abgelaufen ist.« Ich fühlte meine Eitelkeit gestachelt und versprach es ihm. Ich besuchte sie in ihrem Ankleidezimmer, und als sie gelegentlich die Schönheit meiner Uhr lobte, sagte ich ihr, es läge nur an ihr, um den und den Preis in ihren Besitz zu gelangen. Sie antwortete mir, dem Katechismus ihres Handwerks entsprechend: ein anständiger Mensch könne derartige Anträge einem anständigen Mädchen nicht machen. »Solchen, die es nicht sind, biete ich nur einen Dukaten«, sagte ich ihr, und damit ging ich. Als ich Paterno ihre Bemerkung erzählte, war er vor Freude außer sich; aber ich wußte, woran ich war, denn cosi son tutte, und trotz ihren Aufforderungen ging ich nicht mehr zu ihr zum Abendessen; diese Soupers waren sehr langweilig und die ganze Familie der Schauspieler machte sich dabei über den Dummkopf lustig, der die Kosten bestritt. Sieben oder acht Tage darauf sagte Paterno mir, die Schauspielerin hätte ihm den Vorfall genau so wie ich erzählt und hätte ihm gesagt, ich besuchte sie nicht mehr, weil ich Angst hätte, daß sie mich beim Wort nähme, wenn ich meinen Antrag erneuerte. Ich beauftragte ihn, ihr zu sagen, ich würde sie wieder besuchen, aber nicht, um ihr Anträge zu machen, sondern um die Anträge zu verachten, die sie mir vielleicht machen würde. Mein Hasenfuß richtete den Auftrag so gut aus, daß die Schauspielerin ganz gereizt ihm sagte, er möchte mich zu einem Besuch bei ihr herausfordern. Fest entschlossen, sie noch am gleichen Abend von meiner Verachtung zu überzeugen, ging ich nach dem zweiten Akt eines Stückes, worin sie nicht mehr auftrat, in ihre Loge. Sie schickte einen Herrn fort, den sie bei sich hatte, und sagte, sie hätte mit mir zu sprechen; dann verschloß sie die Tür, setzte sich graziös auf meinen Schoß und fragte mich, ob ich sie wirklich so sehr verachtete. In einer derartigen Lage hat man nicht den Mut, eine Frau zu beleidigen; statt zu antworten, ging ich grade auf die Sache los, ohne auch nur jenen Widerstand zu finden, der den Appetit schärft. Trotzdem ließ ich auch bei dieser Gelegenheit, wie immer, mich von einem Gefühl betölpeln, das ganz unangebracht ist, wenn ein kluger Mann sich dummerweise mit Frauenzimmern dieser Sorte einläßt; ich gab ihr zwanzig Zechinen, und ich muß gestehen, das war ein teuerer Preis für nagende Reue. Sie war sehr zufrieden, und wir lachten miteinander über Paternos Dummheit, der nicht zu wissen schien, daß Herausforderungen dieser Art stets so enden. Am anderen Tage traf ich den armen Sizilianer und sagte ihm, ich hätte mich sehr gelangweilt und wollte nicht mehr hingehen. Ich hatte in der Tat diese Absicht; aber ein sehr triftiger Grund, den die Natur mir drei Tage darauf auseinandersetzte, zwang mich, ihm nicht nur aus einfachem Ekel Wort zu halten. Aber obgleich es mir höchst peinlich war, mich in einer solchen entehrenden Lage zu befinden, so glaubte ich doch nicht das Recht zu haben, mich darüber zu beklagen: ich sah im Gegenteil in diesem Unglück nur eine gerechte Strafe dafür, daß ich mich einer neuen Lais hingegeben, nachdem ich das Glück besessen hatte, eine Henriette zu besitzen. Da mein Fall nicht in das Gebiet der Empirie fiel, so glaubte ich mich Herrn de la Haye anvertrauen zu müssen, der alle Tage mit mir speiste, da er mir seine Armut nicht zu verhehlen suchte und mir durch sein Alter und seine Erfahrung ehrwürdig war. Er besorgte mir einen geschickten Chirurgen, der auch Zahnarzt war. Gewisse, ihm bekannte Symptome zwangen ihn, mich dem Gott Merkur zu weihen; und diese Kur nötigte mich, der Jahreszeit wegen sechs Wochen lang das Bett zu hüten. Es war während des Winters 1749. Während ich von einer häßlichen Krankheit genas, impfte de la Haye mir eine andere ein, die kaum besser, oder vielleicht sogar schlimmer war, und von der ich nicht geglaubt hätte, angesteckt werden zu können. Der Vlame, der mich nur frühmorgens eine Stunde verließ, um, wie er sagte, seine Andacht zu verrichten, machte mich zum Frömmler und zwar in solchem Grade, daß ich ihm zugab, ich müßte mich glücklich schätzen, mir eine Krankheit zugezogen zu haben, die der erste Anlaß gewesen wäre zur Rettung meiner Seele. Ich dankte Gott mit Inbrunst und vollkommen aufrichtig, daß er sich Merkurs bedient hätte, um meinen bis dahin von Finsternis umhüllten Geist zum reinen Licht der Wahrheit zu führen. Ohne Zweifel war dieser in meiner Vernunft sich vollziehende Wechsel der Weltanschauung eine Wirkung der durch das Quecksilber hervorgerufenen Schwächung. Dieses unreine und stets bösartige Mittel hatte mir dermaßen den Geist geschwächt, daß ich wie blödsinnig war und mir einbildete, ich wäre bisher in einem großen Irrtum befangen gewesen. Ich faßte daher in meiner neuen Weisheit den Entschluß, in Zukunft einen ganz anderen Lebenswandel zu führen. De la Haye weinte oft zum Troste mit, wenn er mich in meiner Zerknirschung weinen sah, die er mit unbegreiflicher Geschicklichkeit meiner armen, kranken Seele einzuflößen verstanden hatte. Er sprach mit mir vom Paradies und von den Dingen der anderen Welt, wie wenn er persönlich dort gewesen wäre, und ich lachte ihn nicht aus! Er hatte mich daran gewöhnt, auf meine Vernunft zu verzichten. Um aber auf diese göttliche Gabe verzichten zu können, ist es notwendig, daß man ihren Weg nicht mehr erkennt; man muß dumm geworden sein. Ein Beispiel: Eines Tages sagte er mir, man wisse nicht, ob Gott die Welt in der Tagundnachtgleiche des Frühlings oder des Herbstes geschaffen habe. »Angenommen, daß eine solche Schöpfung stattgefunden hat,« antwortete ich ihm trotz dem Quecksilber, »ist diese Frage an sich kindisch; denn die Jahreszeit kann immer nur für einen Teil der Erde gelten.« De la Haye hielt mir entgegen, meine Ideen seien heidnisch, und ich dürfte solche Vernunftschlüsse nicht mehr ziehen. Ich gab nach. Der Mann war Jesuit gewesen; aber er wollte dies nicht nur nicht zugeben, sondern er konnte nicht einmal vertragen, wenn man davon sprach. Eines Tages verführte er mich vollends, indem er mir sein Leben erzählte. »Nachdem ich meine Schulbildung empfangen und mit einigen Erfolgen Wissenschaften und Künsten obgelegen hatte, verbrachte ich zwanzig Jahre als Mitglied der Universität Paris. Hierauf diente ich dem Heere im Geniekorps; seitdem habe ich dem Publikum mehrere Werke geschenkt, die anonym erschienen sind; man bedient sich derselben in allen Schulen zum Unterricht der Jugend. Nachdem ich mich vom Dienst zurückgezogen hatte, habe ich, da ich vermögenslos bin, die Erziehung mehrerer junger Leute geleitet, von denen einige heutzutage in der Welt mehr durch ihre Sitten denn durch ihre Gaben glänzen. Mein letzter Schüler war der Sohn des Marchese Botta. Jetzt habe ich keine Stellung mehr und lebe, wie Sie sehen, im Vertrauen auf Gott. Vor vier Jahren machte ich die Bekanntschaft des Baron Bavois aus Lausanne, eines Sohnes des Generals Bavois, der ein Regiment des Herzogs von Modena kommandierte und der später das Unglück hatte, zu viel von sich reden zu machen. Der junge Baron, wie sein Vater Calvinist, war kein Freund des müßigen Lebens, das er im väterlichen Hause hätte verbringen können; er bat mich, ihm denselben Unterricht wie dem Marchese Botta zu geben, damit er die militärische Laufbahn einschlagen könnte. Ich war hocherfreut, seine schönen Anlagen ausbilden zu können, und gab alles andere auf, um mich ganz und gar dieser Beschäftigung widmen zu können. Bald entdeckte ich, daß er in betreff der Religion wohl wußte, daß er im Irrtum lebte; er hielt nur aus Familienrücksichten an Seinem Glauben fest. Sobald ich sein Geheimnis kannte, war es mir leicht, ihm zu zeigen, daß seine höchsten Interessen auf dem Spiele ständen, indem sein Seelenheil davon abhinge. Diese Wahrheit leuchtete ihm ein, und er überließ sich ganz meiner liebevollen Fürsorge. Ich ging mit ihm nach Rom, wo ich ihn dem Papste Benedikt dem Vierzehnten vorstellte, der ihm nach feinem Glaubenswechsel eine Leutnantsstelle bei den Truppen des Herzogs von Modena verschaffte. Leider hat mein teurer Proselyt, der erst fünfundzwanzig Jahre alt ist, monatlich nur sieben Zechinen, von denen er nicht leben kann; denn seit seinem Religionswechsel empfängt er gar nichts mehr von seinen Verwandten, denen seine sogenannte Abtrünnigkeit ein Greuel ist. Er würde sich gezwungen sehen, nach Lausanne zurückzukehren, wenn ich ihn nicht unterstützte. Da ich aber leider arm und stellungslos bin, kann ich ihn nur mit den Almosen unterstützen, die ich ihm verschaffe, indem ich mich an die Börse der mir bekannten guten Seelen wende. »Mein Schüler, der ein dankbares Herz hat, möchte gerne seine Wohltäter kennen; aber sie wollen nicht bekannt sein, und sie haben recht; denn um verdienstlich zu sein, muß das Almosen von jedem Gefühl der Eitelkeit frei sein. Ich habe, Gott sei Dank, durchaus keinen Anlaß zur Eitelkeit. Ich bin überglücklich, daß ich an einem jungen, prädestinierten Mann Vaterstelle vertreten kann und daß ich als schwaches Werkzeug in Gottes Hand zur Rettung seiner Seele beigetragen habe. Der gute und schöne Jüngling setzt all sein Vertrauen in mich und schreibt mir regelmäßig jede Woche zweimal. Die Diskretion erlaubt mir nicht, Ihnen seine Briefe mitzuteilen, aber Sie würden vor Rührung weinen, wenn Sie sie läsen. An ihn habe ich gestern die drei Louis geschickt, die ich von Ihnen bekam.« Mit diesen Worten stand mein Bekehrer auf und trat ans Fenster, um seine Tränen zu trocknen. Ich war gerührt und voll Bewunderung für die Tugend de la Hayes und seines Zöglings, der, um seine Seele zu retten, sich in die harte Notwendigkeit versetzt sah, von Almosen zu leben. Ich weinte ebenfalls und sagte in meiner erwachenden Frömmigkeit, ich wollte nicht nur nicht von ihm genannt sein, sondern wünschte nicht einmal die Summen zu kennen, die er für ihn entnähme; ich bäte ihn demgemäß, über meine Börse zu verfügen, ohne mir Rechenschaft abzugeben. Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, so kam de la Haye mit offenen Armen auf mich zu und küßte mich. Indem ich das Wort des Evangeliums buchstäblich befolgte, sagte er mir, bahnte ich mir den Weg zum Himmel. Der Geist ist vom Körper abhängig; dies ist ein Vorrecht der Materie. Mit leerem Magen wurde ich Fanatiker, und in der Höhlung, die durch das Quecksilber in meinem Hirn entstanden war, fand der Enthusiasmus eine Zufluchtsstätte. Ohne Herrn de la Haye ein Wort davon zu sagen, begann ich, an meine drei Freunde, die Herren Bragadino usw. pathetische Briefe über meinen Tartüff und seinen Zögling zu schreiben, und teilte ihnen dadurch meinen Fanatismus mit. Wie du weißt, mein lieber Leser, verbreitet nichts sich so rasch wie die Pest, und was ist der Fanatismus jeder Art anders, als eine Pestkrankheit des Geistes? Ich ließ sie ahnen, daß das Wohlergehen unserer Gesellschaft von der Angliederung dieser beiden tugendhaften Persönlichkeiten abhinge. Ich ließ es sie ahnen, aber da ich Jesuit wurde, ohne es zu wissen, so sagte ich es ihnen nicht geradezu: es war besser, wenn der Gedanke von diesen einfachen aber tatsächlich tugendhaften Männern auszugehen schien. »Gott will,« schrieb ich ihnen – denn die Betrügerei muß sich stets mit dem Schilde dieses heiligen Namens decken – »daß Sie alle Ihre Kräfte aufbieten, um in Venedig eine ehrenvolle Anstellung für Herrn de la Haye und einen Platz in dem von ihm gewählten Beruf für den jungen Bavois zu beschaffen.« Herr von Bagadino schrieb mir, Herr de la Haye könne mit mir in seinem Palazzo wohnen, und Bavois könne an seinen Protektor, den Papst, schreiben und ihn bitten, ihn an den venetianischen Gesandten zu empfehlen; dieser werde darüber an den Senat schreiben, und dann könne Bavois gewiß sein, daß er eine gute Stelle erhalten werde. Es war damals die Frage des Patriarchats von Aquileja in der Schwebe, worüber die Republik gemeinsam mit dem Kaiser von Österreich zu entscheiden hatte. Da dieser jedoch das jus elegendi für sich allein in Anspruch genommen hatte, war Papst Benedikt zum Schiedsrichter ernannt worden. Da der Papst seinen Spruch noch nicht gefällt hatte, so war es klar, daß die Republik bei einer Empfehlung von ihm das größte Entgegenkommen gezeigt haben würde. Während diese Angelegenheit schwebte und wir einen Brief aus Venedig erwarteten, der uns über die Wirkung der Empfehlung Seiner Heiligkeit berichtete, hatte ich ein kleines komisches Erlebnis, das ich meinen Lesern nicht vorenthalten darf: Zu Beginn des Monats April war ich von meiner letzten Wunde geheilt und hatte meine alte Gesundheit wiedererlangt. Ich ging täglich mit meinem Bekehrer in die Kirchen und versäumte keine einzige Predigt. Ich verbrachte aber auch die Abende mit ihm im Kaffeehaus, wo wir stets recht gute Gesellschaft von Offizieren fanden. Unter ihnen war auch ein Provençale, der die ganze Gesellschaft durch seine Aufschneidereien unterhielt und durch die Erzählung seiner militärischen Laufbahn, durch die er sich im Dienste mehrerer Mächte, besonders in Spanien, ausgezeichnet hätte; da er amüsant war, so taten alle, als glaubten sie ihm jedes Wort, damit seine Erzählungen nicht ins Stocken kämen. Als ich ihn eines Tages aufmerksam ansah, fragte er mich, ob ich ihn kenne. »Ob ich Sie kenne? Das will ich meinen! Haben wir nicht zusammen an der Schlacht bei Arbela teilgenommen?« Bei diesen Worten erhob sich allgemeines Gelächter; der Prahlhans geriet jedoch nicht aus der Fassung und sagte eilig: »Ei, meine Herren, was finden Sie denn daran lächerlich? Ich war da, und der Herr kann mich da wohl gesehen haben; es kommt mir in der Tat so vor, als erkenne ich ihn wieder.« Hierauf nannte er mir das Regiment, wo wir gedient hatten; wir umarmten uns und machten uns schließlich gegenseitig ein Kompliment über das Glück, uns in Parma wiederzutreffen. Nach diesem wirklich komischen Auftritt entfernte ich mich, begleitet von meinem unzertrennlichen Bekehrer. Am nächsten Tage saß ich noch mit meinem Freunde bei Tisch, als der provençalische Prahlhans, den Hut auf dem Kopf, in mein Zimmer trat und sagte: »Mein Herr von Arbela, ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen: beeilen Sie sich und folgen Sie mir. Wenn Sie Angst haben, so nehmen Sie soviel Freunde mit, wie Sie wollen; ich bin für ein halbes Dutzend gut.« Ich springe auf, ergreife ein Pistol; schlage auf ihn an und sage in festem Ton: »Niemand hat das Recht, in meinem Zimmer meine Ruhe zu stören: Hinaus! oder ich schieße Ihnen eine Kugel durch den Kopf!« Mein Provençale zieht seinen Degen und fordert mich heraus, ihn zu ermorden; aber im selben Augenblick wirft de la Haye sich zwischen uns, indem er dabei scharf auf den Fußboden aufstampft. Der Wirt kommt herauf und droht dem Offizier, er würde die Wache holen lassen, wenn er nicht augenblicklich ginge. Er ging, indem er ausrief, ich hätte ihn öffentlich beleidigt, und er würde dafür sorgen, daß die Genugtuung, die ich ihm dafür schulde, ebenso öffentlich wäre wie die Beleidigung. Da ich sah, daß die Sache eine tragische Wendung nehmen konnte, besprach ich mich nach seinem Fortgehen mit de la Haye über die Mittel, eine gütliche Beilegung herbeizuführen; aber wir brauchten uns nicht lange den Kopf zu zerbrechen, denn eine halbe Stunde darauf erschien ein Offizier des Infanten-Herzogs von Parma und befahl mir, mich sofort nach der Hauptwache zu begeben, wo der Platzmajor, Herr de Bertolan, mit mir zu sprechen hätte. Ich bat de la Haye, mich als Zeuge sowohl für die von mir im Kaffeehaus geäußerten Worte wie für die Vorfälle in meiner Wohnung zu begleiten. Ich kam zum Major, bei dem ich mehrere Offiziere fand; unter ihnen auch Herrn Prahlhans. Herr de Bertolan war ein geistvoller Mann; er lächelte leise, als er mich erblickte. Dann aber sagte er mir mit dem größten Ernst: »Mein Herr, da Sie sich über diesen Offizier in der Öffentlichkeit lustig gemacht haben, so ist es nur recht und billig, daß Sie ihm die öffentliche Genugtuung geben, die er verlangt; als Platzmajor sehe ich mich genötigt, eine solche von Ihnen zu fordern, damit die Sache freundschaftlich beigelegt werden kann.« »Herr Major,« antwortete ich, »es kann durchaus keine Rede davon sein, daß ich dem Herrn Genugtuung zu geben habe; denn es ist nicht wahr, daß ich mich über ihn lustig gemacht und ihn dadurch beleidigt habe; ich habe ihm gesagt, es komme mir so vor, als hätte ich ihn in der Schlacht bei Arbela gesehen, und ich habe daran nicht mehr zweifeln dürfen, als er selber mir gesagt hat, daß er nicht nur dort gewesen sei, sondern mich sogar wiedererkenne.« »Ja,« unterbrach mich der Offizier, »aber ich habe Rodela verstanden und nicht Arbela, und jedermann weiß, daß ich dort gefochten habe; Sie aber haben Arbela gesagt, und Sie können das nur in der Absicht gesagt haben, um sich über mich lustig zu machen; denn es ist mehr als zweitausend Jahre her, daß diese Schlacht geliefert wurde; dagegen fand die bei Rodela in Afrika zu unserer Zeit statt, und ich diente dort unter dem Befehl des Herzogs von Montemar.« »Zunächst, mein Herr, kann es Ihnen nicht zukommen, über meine Absichten zu urteilen; aber ich bestreite Ihnen gar nicht, daß Sie bei Rodela gewesen sind, da Sie es sagen. Hiermit ändert sich jedoch die Szene, und nunmehr verlange ich eine Genugtuung für mich, wenn Sie zu leugnen wagen, daß ich an der Schlacht bei Arbela teilgenommen habe. Ich diente dort unter dem Herzog von Montemar, denn, soviel ich weiß, war dieser nicht dabei; aber ich war Adjutant Parmenios, unter dessen Augen ich verwundet wurde. Sollten Sie von mir verlangen, Ihnen die Narbe zu zeigen, so werden Sie begreifen, daß ich dies nicht könnte; denn der Leib, den ich damals hatte, ist nicht mehr vorhanden, und in demjenigen, den ich heute trage, bin ich erst dreiundzwanzig Jahre alt.« »Das scheint mir lauter Unsinn zu sein; aber jedenfalls habe ich Zeugen, daß Sie sich über mich lustig gemacht haben, denn Sie haben mir gesagt, Sie hätten mich in dieser Schlacht gesehen und, Potz Blitz! das ist nicht möglich, denn ich war nicht dabei. Auf alle Fälle verlange ich Genugtuung.« »Und ich ebenfalls. Unsere Rechte sind zum mindesten gleich, wenn die meinigen nicht gar besser sind; denn Ihre Zeugen sind auch die meinigen; und die Herren werden aussagen, daß Sie behauptet haben, Sie hätten mich bei Rodela gesehen; und Potz Blitz! das ist nicht möglich, denn ich war nicht dabei.« »Ich kann mich geirrt haben.« »Ich auch; und folglich haben wir gegenseitig nichts voneinander zu verlangen.« Der Major biß sich auf die Lippen, um nicht laut herauszulachen, und sagte: »Mein lieber Herr, ich kann nicht finden, daß Sie das geringste Recht haben, Genugtuung zu verlangen, da der Herr, genau wie Sie, zugibt, daß er sich geirrt haben kann.« »Aber,« antwortete der Offizier, »ist es glaubhaft, daß er sich bei der Schlacht bei Arbela befunden hat?« »Der Herr überläßt es Ihnen, dies zu glauben oder nicht zu glauben; gerade, wie er das Recht hat, zu sagen, daß er dort war, bis Sie ihm das Gegenteil bewiesen haben. Wollen Sie von ihm verlangen, daß er darum den Degen zieht?« »Davor soll mich der liebe Gott bewahren. Lieber will ich die Sache als erledigt erklären.« »Nun, meine Herren, so bleibt mir nur noch übrig, Sie aufzufordern, sich als zwei Ehrenmänner zu umarmen.« Dies taten wir sehr herzlich. Am nächsten Tage kam der Provençale ein bißchen verlegen zu mir und lud sich zum Mittagessen ein; ich nahm ihn freundlich auf. So endete diese komische Geschichte zur großen Befriedigung des Herrn de la Haye. Sechstes Kapitel Ich erhalte gute Nachrichten aus Venedig, kehre dorthin zurück und nehme de la Haye und Bavois mit mir. – Wir werden von meinen drei Freunden ausgezeichnet aufgenommen; ihre Überraschung, als sie mich als ein Muster von Frömmigkeit sehen. – Bavois bringt mich zu meinem früheren Lebenswandel zurück. – De la Haye als echter Heuchler. – Abenteuer mit dem Mädchen Marchetti. – Ich gewinne in der Lotterie. – Ich finde Baletti wieder. – De la Haye verläßt den Palazzo Bragadino. – Ich reise nach Paris ab. Jeden Tag gewann de la Haye mehr Herrschaft über meinen geschwächten Geist; jeden Tag nahm ich fromm an Messe, Offizium und Predigt teil. Da erhielt ich aus Venedig einen Brief, der mir meldete, meine Angelegenheit habe den üblichen Lauf aller dieser Dinge genommen, das heißt, sie sei in Vergessenheit geraten. Durch einen zweiten Brief des Herrn von Bragadino erfuhr ich, der Minister vom Wochendienst habe dem Botschafter geschrieben, er könne dem Heiligen Vater versichern, man werde dem Baron Bavois, sobald er sich melden sollte, eine Anstellung bei den Truppen der Republik geben, mittels deren er anständig leben und bei guter Ausführung es zu den höchsten Würden bringen könne. Durch diesen Brief erfüllte ich das Herz des Herrn de la Haye mit Freude, und ich steigerte diese auf ihren Höhepunkt, als ich ihm sagte, jetzt könnte mich nichts mehr hindern, in meine Heimat zurückzukehren. Infolgedessen beschloß er, nach Modena zu reisen und sich mit seinem Neubekehrten über das Verhalten zu besprechen, das dieser in Venedig beobachten müßte, um sich den Weg zum Glück zu bahnen. Auf mich konnte er sich in jeder Beziehung verlassen; er sah, daß ich Fanatiker war, und er wußte, daß der Fanatismus eine unheilbare Krankheit ist, solange die Ursachen fortbestehen. Da er mit nach Venedig ging, so hoffte er bestimmt, das Feuer erhalten zu können, das er selber angezündet. Er schrieb also an Bavois, er werde zu ihm kommen. Zwei Tage später nahm er Abschied von mir; er zerfloß in Tränen, hielt die schönsten Lobreden auf die Tugenden meiner Seele, nannte mich seinen teuren Sohn und versicherte mir, er habe sich erst dann an mich angeschlossen, nachdem er in meinen Gesichtszügen den göttlichen Charakter des Auserwählten gelesen habe. Wie man sieht, waren seine Behauptungen nicht übertrieben. Einige Tage nach de la Hayes Abreise verließ ich Parma in meinem Wagen, den ich in Fusina ließ; von dort begab ich mich nach Venedig. Ich war ein volles Jahr fort gewesen, und meine Freunde empfingen mich wie ihren Schutzengel. Sie bekundeten die größte Ungeduld, die beiden Auserwählten ankommen zu sehen, deren Bekanntschaft ich ihnen in meinen Briefen verheißen hatte. Eine Wohnung für de la Haye war im Palazzo selbst zurecht gemacht worden, und da aus politischen Gründen mein Vater einen Fremden, der noch nicht im Dienst der Republik stand, nicht bei sich aufnehmen konnte, so hatte er für Bavois zwei hübsche Zimmer in der Nachbarschaft besorgt. Sie waren außerordentlich überrascht, als sie die wunderbare Veränderung bemerkten, die mit mir in bezug auf meinen sittlichen Wandel vorgegangen war. Alle Tage war ich in der Messe, oft bei der Predigt; ich machte das vierzigstündige Gebet mit, Kasinos besuchte ich gar nicht, sondern nur das Kaffeehaus, wo sich fromme Leute von bekanntem gutem Lebenswandel versammelten. Stets saß ich über meinen Büchern, wenn ich nicht in Gesellschaft meiner drei Freunde war. Indem sie meinen gegenwärtigen Lebenswandel mit meinen früheren Sitten verglichen, erstaunten sie und wußten nicht, wie sie der Vorsehung danken sollten, deren unbegreifliche Wege sie bewunderten. Sie segneten die Verbrechen, die mich gezwungen hatten, ein Jahr fern von meiner Vaterstadt zu verbringen. Ihre höchste Freude erregte es, als ich alle meine Schulden bezahlte, ohne einen Heller von Herrn de Bragadino zu verlangen, der mir seit einem Jahr nichts gegeben und mit frommer Gewissenhaftigkeit Monat für Monat das mir bewilligte Taschengeld für mich auf die Seite gelegt hatte. Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr die braven Leute sich freuten, als sie sahen, daß ich niemals zum Spiel ging. Zu Anfang des Monats Mai erhielt ich einen Brief von de la Haye. Er teilte mir mit, er würde sich mit dem teuren Sohn seiner Seele einschiffen, um sich den Befehlen der achtungswerten Persönlichkeiten, denen ich ihn angekündigt hätte, zur Verfügung zu stellen. Da uns die Ankunftszeit des Marktschiffs von Modena bekannt war, begaben wir uns alle zu ihrem Empfang, mit Ausnahme des Herrn de Bragadino, der an jenem Tage im Senat war. Wir traten vor ihm in seinen Palazzo ein, und als er uns alle beisammen fand, bereitete er den Neuangekommenen den schönsten Empfang. De la Haye hatte mir hunderterlei mitzuteilen, aber ich hörte ihm kaum zu, so sehr beschäftigte mich der Baron Bavois. Er war eine so ganz andere Persönlichkeit wie die, die ich mir nach der mir gemachten Schilderung vorgestellt hatte, daß meine Begriffe von ihm völlig in Verwirrung gerieten. Ich mußte ihn drei Tage lang studieren, bevor ich mich zu einer wirklichen freundschaftlichen Annäherung entschließen konnte. Ich muß meinen Lesern sein Bild zeichnen: Baron Bavois war ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe, hübschem Gesicht, sehr gut gewachsen, blond. Er war von stets gleichmäßigem Wesen, sprach gut und geistvoll und wußte sich mir einer gewandten Bescheidenheit auszudrücken, die ihm sehr gut stand. Seine Gesichtszüge waren angenehm und regelmäßig, seine Zähne sehr schön, seine sehr dichten Haare waren sehr gut gepflegt und dufteten nach den Wohlgerüchen, mit denen er sie behandelte. Über diesen jungen Mann, der weder in seinem Wesen noch in seiner äußeren Erscheinung dem Bilde glich, das man sich nach de la Hayes Schilderung gemacht, waren meine drei Freunde sehr erstaunt; indessen hatte darunter die gute Aufnahme, die sie ihm bereiteten, in keiner Weise zu leiden, denn ihren reinen Seelen war es unmöglich, ein ungünstiges Urteil zu fällen, da sie doch von seinen Sitten einen so schönen Begriff haben mußten. Sobald de la Haye in seiner prachtvollen Wohnung untergebracht war, führte ich den Baron in die für ihn bestimmte, wohin ich bereits seine Sachen hatte schaffen lassen. Als er sich so gut bei sehr ehrenwerten Bürgersleuten untergebracht sah, die im voraus zu seinen Gunsten eingenommen waren und ihn mit Auszeichnung behandelten, umarmte er mich zärtlich, indem er mich seiner vollen Dankbarkeit versicherte. Er sagte mir, er fühle sich von tiefem Dank durchdrungen für alles, was ich für ihn getan hätte, ohne ihn zu kennen, und wovon de la Haye ihn genau in Kenntnis gesetzt hätte. Ich tat, als wüßte ich von nichts. Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte ich ihn, womit er in Venedig seine Zeit zu verbringen gedächte, bis seine Anstellung ihm eine geregelte, amtliche Tätigkeit gäbe. »Ich hoffe,« antwortete er mir, »wir werden uns angenehm amüsieren, denn ich bezweifle nicht, daß unsere Neigungen überein stimmen.« In der Verdummung, zu der Merkur und de la Haye mich gebracht hatten, wäre ich in Verlegenheit gewesen, diesen Worten auf der Stelle ihre richtige Bedeutung beizulegen, obgleich sie doch im übrigen leicht verständlich waren, aber wenn ich auch in diesem Fall an der Oberfläche blieb, so bemerkte ich doch sofort, daß er den beiden Töchtern seiner Wirtin gefallen hatte. Sie waren weder hübsch noch häßlich; aber er war liebenswürdig gegen sie wie ein Mann, der sich darauf versteht. Ich nahm es jedoch nur für übliche Höflichkeit; soweit war ich bereits durch meinen Mystizimus heruntergekommen. Für den ersten Tag führte ich meinen Baron nur auf den Markusplatz und ins Kaffeehaus, wo wir bis zum Abendessen blieben. Er hatte sein tägliches Gedeck bei Herrn de Bragadino. Während der Mahlzeit glänzte er durch hübsche Bemerkungen, und Herr Dandolo verabredete mit ihm die Stunde, um ihn am nächsten Tage abzuholen und ihn dem Kriegsminister vorzustellen. Nach dem Abendessen brachte ich ihn wieder nach Hause; ich fand die beiden jungen Mädchen hocherfreut, daß ihr stolzer Herr keinen Bedienten hatte, denn sie hofften, ihn überzeugen zu können, daß er eines solchen entbehren könne. Am anderen Tage, kurz vor der verabredeten Zeit, begleitete ich zu ihm die Herren Dandolo und Barbaro, die ihn dem Minister vorstellen sollten. Wir fanden ihn bei der Toilette unter zarter Hand der ältesten Schwester, die ihn frisierte. Sein Zimmer duftete vom Geruch der Pomade und der Essenzen, mit denen er sich parfümieren ließ. Dies sprach nicht gerade für einen kleinen Heiligen; indessen nahmen meine beiden Freunde doch keinen Anstoß daran, obgleich ich ihre Überraschung wohl bemerkte, denn sie waren auf eine derartige Galanterie bei einem Neubekehrten nicht gefaßt gewesen. Ich hätte beinahe laut herausgelacht, als Herr Dandolo mit salbungsvoller Miene sagte, wenn wir uns nicht ein bißchen beeilten, hätten wir keine Zeit mehr, in die Messe zu gehen, und als Bavois ihn überrascht fragte, ob denn Feiertag wäre. Herr Dandolo machte keine Bemerkung dazu, sondern sagte einfach nein; und an den folgenden Tagen war von der Messe nicht mehr die Rede. Als er fertig war, ließ ich sie allein gehen und schlug selber einen anderen Weg ein. Ich sah die Herren erst beim Mittagsessen wieder, wo man sich über den Empfang unterhielt, den der Weise dem jungen Baron bereitet hatte; am Nachmittag führten meine beiden Freunde ihn zu Damen ihrer Verwandtschaft, die alle von ihm entzückt zu sein schienen. In weniger als acht Tagen hatte er so viele Bekanntschaften, daß er keine Langeweile mehr zu fürchten brauchte; während dieser acht Tage erkannte ich aber auch vollkommen seinen Charakter und seine Denkweise. Ich hätte ein so langes Studium nicht nötig gehabt, wenn ich nicht vorher die Überzeugung vom Gegenteil gehabt hätte, oder vielmehr, wenn nicht meine Verstandeskräfte durch meine Frömmelei belastet gewesen wären. Bavois liebte Weiber, Spiel und Verschwendung, und da er arm war, waren die Frauen seine hauptsächlichste Hilfsquelle; Religion hatte er überhaupt nicht, und da er kein Heuchler war, so machte er kein Hehl daraus. »Wie haben Sie,« fragte ich ihn eines Tages, »so wie Sie sind, einen de la Haye hintergehen können?« »Gott soll mich davor bewahren, irgend einen Menschen zu hintergehen! De la Haye kennt vollkommen meine Weltanschauung und Denkweise; aber als frommer Mann, der er ist, hat er eine schöne Liebe zu meiner Seele gefaßt, und ich habe ihn gewähren lassen. Er hat mir Wohltaten erzeigt, ich bin ihm dankbar dafür. Ich liebe ihn um so mehr, da er mich niemals mit Unterhaltungen über Glaubenssätze und über mein Seelenheil langweilt, für das Gott, unser guter Vater, auch ohnehin schon gesorgt haben wird. Dies ist ein Übereinkommen zwischen uns, und so leben wir als gute Freunde miteinander.« Das Spaßhafte an der Sache war, daß Bavois, während ich seinen Charakter zu erkennen suchte, mir, ohne sich etwas dabei zu denken, den Kopf wieder zurecht setzte. Ich errötete darüber, daß ich mich von einem Jesuiten hatte betölpeln lassen, der trotz seiner ausgezeichnet gespielten Rolle des vollkommenen Christen nur ein abgefeimter Heuchler war. Ich nahm sofort meine früheren Gewohnheiten wieder auf. Doch kommen wir noch einmal auf de la Haye zurück! Der Ex-Jesuit, dem im Grunde nur an seinem eigenen Wohlleben etwas lag, der aber schon alt war und infolgedessen für das weibliche Geschlecht keine Neigung mehr hatte, war gerade der Mann dazu, meine drei einfachen und gutmütigen Freunde zu bezaubern. Da er mit ihnen nur von Gott, Engeln und ewigem Ruhm sprach und mit großer Ausdauer sie in die Kirche begleitete, so erschien er ihnen bewunderungswürdig. Sie konnten kaum den Augenblick erwarten, wo er sich entdecken würde; denn sie bildeten sich ein, er wäre zum mindesten ein Rosenkreuzer oder der Eremit von Carpegna, der mich die Kabbala gelehrt und mir den unsterblichen Paralis bescherte. Sie waren bedrückt, da ich ihnen durch deutliche Worte des Orakels verboten hatte, jemals in Gegenwart des alten Herrn von meiner Wissenschaft zu sprechen. Dies verschaffte mir, wie ich vorausgesehen hatte, viele freie Zeit, die ich sonst ihrer frommen Leichtgläubigkeit hätte widmen müssen; übrigens hätte ich fürchten müssen, daß de la Haye, so wie ich ihn beurteilte, sich niemals herbeigelassen hätte, an derartigen Albereien teilzunehmen, und daß er, um sich in ihren Augen ein Verdienst zu erwerben, hätte versuchen können, ihnen die Täuschung zu benehmen, um mich zu verdrängen. Ich bemerkte bald, daß ich vorsichtig gehandelt hatte; denn in weniger als drei Wochen hatte der schlaue Fuchs sich dermaßen zum geistigen Leiter meiner drei Freunde gemacht, daß er nicht nur glaubte, er hätte mich nicht mehr nötig, um seinen Einfluß auf sie zu behaupten, sondern er wäre sogar imstande, mich über den Haufen zu stoßen, sobald er Lust hätte. Dies war eine Schwäche von ihm; ich erkannte es klar und deutlich, sowohl an dem Stil, worin er mit mir sprach, wie auch an seinem veränderten Benehmen gegen mich. Er fing schon an, mit meinen drei Freunden häufig Unterredungen zu haben, bei denen ich nicht zugegen war, und er hatte sich bei mehreren Familien vorstellen lassen, die ich nicht besuchte. Er spielte sich bereits als Jesuiten auf und erlaubte sich, wenn auch mit honigsüßen Worten, Bemerkungen zu machen, daß ich zuweilen die Nacht an Orten verbrächte, von denen die Freunde nichts wußten. Dies begann mich zu ärgern; besonders daß er mir seine salbungsvollen Predigten bei Tisch in Gegenwart meiner Freunde und seines Neubekehrten machte. Er tat, als wollte er mich beschuldigen, daß ich diesen verführte. Er suchte einen scheinbar scherzhaften Ton anzuschlagen; aber ich ließ mich nicht mehr von ihm an der Nase führen. Ich glaubte, diesem Spiel ein Ende machen zu müssen, und machte ihm in dieser Absicht einen Besuch auf seinem Zimmer. Ich trat mit den Worten ein: »Ich komme, um als aufrichtiger Anbeter des Evangeliums, unter vier Augen und ohne jemanden etwas hören zu lassen, Ihnen zu sagen, was ich Ihnen später vor den anderen sagen werde: Hüten Sie sich wohl, in Gegenwart meiner drei Freunde die geringste Bemerkung über den Lebenswandel zu machen, den ich mit Bavois führe. Unter vier Augen werde ich Ihnen stets mit Vergnügen zuhören.« »Sie haben unrecht, daß Sie einfache Scherze ernst nehmen.« »Ob ich unrecht oder recht habe, darum handelt es sich nicht. Warum richten Ihre Anspielungen sich niemals gegen Ihren neuen Glaubensgenossen? Seien Sie in Zukunft vorsichtig oder gewärtigen Sie von meiner Seite, im Scherz, eine Antwort, die ich Ihnen gestern erspart habe, die Sie aber bei der nächsten Gelegenheit mit Zinseszinsen mitten ins Gesicht bekommen sollen.« Hiermit grüßte ich ihn und ging. Wenige Tage darauf verbrachte ich mehrere Stunden mit meinen Freunden und Paralis, und mein Orakel schrieb ihnen vor, alle Vorschläge, die Valentin ihnen etwa machen würde, stets nur nach Anhörung meiner Meinung auszuführen. Valentin war der kabbalistische Name des Escobarschülers. An ihrem Gehorsam meinen Befehlen gegenüber brauchte ich nicht zu zweifeln. De la Haye bemerkte bald eine gewisse Veränderung und wurde zurückhaltender. Bavois, dem ich meinen Schritt erzählte, war erfreut und lobte mein Vorgehen. Er war ebenso wie ich überzeugt, daß ihm de la Haye nur aus Schwachheit oder aus Selbstsucht nützlich gewesen wäre, das heißt, daß er für seine Seele nichts getan haben würde, wenn der Jüngling nicht ein hübsches Gesicht gehabt hätte oder wenn der Alte sich nicht aus seiner angeblichen Bekehrung ein Verdienst hätte machen wollen. Da Bavois sah, daß man seine Anstellung von Tag zu Tag hinauf schob, trat er in den Dienst des französischen Botschafters. Infolgedessen konnte er nicht mehr zu Herrn Bragadino gehen, durfte nicht einmal mehr mit de la Haye verkehren, weil dieser im Hause des Senators wohnte. Es ist eins der strengsten Gesetze der höchsten Polizei der Republik, daß die Patrizier und ihre Familien durchaus keine Verbindung mit den Häusern der fremden Gesandten unterhalten dürfen. Der Entschluß, den Bavois hatte fassen müssen, verhinderte jedoch meine Freunde nicht, sich für ihn zu verwenden; und es gelang ihnen auch, ihm eine Anstellung zu verschaffen, wie man später sehen wird. Der Gatte Cristinas, die ich niemals aufsuchte, lud mich ein, mit ihm in ein Kasino zu gehen, wo seine Tante und seine Frau verkehrten; diese hatte ihm schon ein Pfand ihrer gegenseitigen Zuneigung geschenkt. Ich folgte seiner Einladung und fand Cristina reizend. Sie sprach schon so gut venetianisch wie ihr Mann. Ich machte in diesem Kasino die Bekanntschaft eines Chemikers, der in mir den Wunsch erregte, Unterricht in der Chemie zu nehmen. Ich ging in sein Haus und traf dort ein junges Mädchen, das mir gefiel. Sie war seine Nachbarin und kam ganz einfach, um seiner alten Frau Gesellschaft zu leisten, bis sie zu einer bestimmten Stunde von einer Magd nach Hause geholt wurde. Ich hatte ihr nur ein einziges Mal Komplimente gemacht, noch dazu im Beisein der alten Frau des Chemikers. Zu meiner Überraschung sah ich sie mehrere Tage lang nicht und sprach darüber auch mein Erstaunen aus; da erzählte mir die gute Frau, augenscheinlich habe ihr Vetter, ein Abbate, bei dem sie wohnte, erfahren, daß ich sie jeden Abend bei ihnen treffe, sei darauf eifersüchtig geworden und erlaube ihr nicht mehr, zu kommen. »Ein Vetter, der Abbate und eifersüchtig ist?« »Er läßt sie nur an Feiertagen ausgehen, um die erste Messe zu hören, und zwar in der Kirche Sancta Maria Mater Domini, die keine zwanzig Schritte von seinem Hause liegt. Er ließ sie zu uns gehen, weil kein Mensch uns besuchte; ohne Zweifel wird die Magd ihm gesagt haben, daß Sie in unser Haus kommen.« Als Feind der Eifersüchtigen und als sehr eifriger Freund meiner eigenen verliebten Launen, schrieb ich an diese Base: wenn sie um meinetwillen ihren Vetter verlassen wollte, würde ich ihr ein Haus geben, worin sie ihre eigene Herrin wäre. Ich würde ihr Gesellschaft und alle Annehmlichkeiten besorgen, die Venedig bieten könnte. Ich übergab ihr diesen Brief während der Messe und bedeutete ihr, sie würde mich am nächsten Feiertage wiedersehen, um mir Antwort geben zu können. Ich war pünktlich am vereinbarten Ort, und ihre Antwort lautete dahin: da der Abbate ihr Tyrann wäre, so würde sie sich glücklich schätzen, seinen Händen entrinnen zu können; sie könnte sich jedoch nur entschließen, mir zu folgen, wenn ich sie heiraten wollte. Zum Schluß sagte sie mir: wenn ich diese ehrenhafte Absicht hätte, so brauchte ich nur mit ihrer Mutter Giovanna Marchetti zu sprechen, die in der Stadt Lusia, dreißig Miglien von Venedig, wohnte. Dieser Brief reizte meine Eitelkeit, und ich ging sogar so weit, mir einzubilden, daß sie mir dies im Einverständnis mit dem Abbate geschrieben hätte. Ich glaubte also, man wollte mir eine Falle stellen. Im übrigen fand ich diesen Heiratsantrag lächerlich und faßte den Entschluß, mich zu rächen. Da ich jedoch zuvor alles wissen mußte, beschloß ich, mich zur Mutter des Mädchens zu begeben. Sie war sehr geschmeichelt durch meinen Besuch, besonders, als ich ihr den Brief ihrer Tochter mitgeteilt hatte und ihr sagte, ich wollte sie heiraten, könnte mich aber dazu nicht entschließen, solange sie beim Abbate wohnte. »Der Abbate«, erzählte mir die Mutter, »ist ein weitläufiger Verwandter von mir. Er lebte ganz allein in seinem Hause in Venedig und sagte mir vor zwei Iahren, er brauche unbedingt eine Haushälterin. Er bat mich um meine Tochter, indem er mir versicherte, in Venedig könnte sie leicht eine Gelegenheit finden, sich zu verheiraten. Er bot mir eine schriftliche Verpflichtung an, worin genau festgesetzt ist, daß er ihr bei ihrer Heirat alle seine Möbel geben werde, die auf tausend Dukaten geschätzt worden sind. Zugleich setzte er sie zur Erbin eines kleinen Gutes ein, das er hier hat und das ihm jährlich hundert Dukaten einbringt. Da der Handel mir vorteilhaft schien und meine Tochter damit zufrieden war, so übergab er mir die notariell abgeschlossene Urkunde, und meine Tochter reiste mit ihm nach Venedig. Ich weiß, daß er sie wie eine Sklavin hält; aber sie hat es selber so gewollt. Übrigens können Sie sich vorstellen, daß ich den sehnlichsten Wunsch habe, sie verheiratet zu sehen; denn solange ein Mädchen keinen Mann hat, ist sie so vielen Nachstellungen ausgesetzt, daß eine arme Mutter niemals ruhig sein kann.« »Kommen Sie also mit mir nach Venedig; befreien Sie sie aus den Händen des Abbate, und ich werde sie heiraten. Sonst kann ich es nicht machen; denn wenn ich sie aus seinen Händen empfinge, würde ich mich entehren.« »Oh, durchaus nicht, denn er ist mein Vetter, wenngleich nur im vierten Grade. Außerdem ist er Priester, der täglich die Messe liest.« »Sie machen mich lachen, gute Mutter! Man weiß wohl, daß ein Abbate die Messe liest, ohne sich darum gewisse Kleinigkeiten zu versagen. Nehmen Sie sie mit sich, sonst verzichten Sie darauf, sie jemals verheiratet zu sehen.« »Wenn ich sie mit mir nehme, wird er ihr niemals seine Möbel geben und wird vielleicht sein Gut verkaufen.« »Das ist meine Sache. Ich werde sie so aus seinen Händen befreien, daß Sie mit allen Seinen Möbeln zu mir übergeht. Und zu allem werde ich Sein Landgut bekommen; wenn Sie mich kennten, würden Sie nicht daran zweifeln. Kommen Sie mit! Ich versichere Ihnen, Sie werden in vier bis fünf Tagen wieder hier sein.« Sie las noch einmal den Brief, den ihre Tochter ihr geschrieben hatte, dann sagte sie mir, sie sei eine arme Witwe und habe kein Geld für die Reise nach Venedig, viel weniger für die Rückreise. »In Venedig wird es Ihnen an nichts fehlen; für alle Fälle nehmen Sie hier die zehn Zechinen.« »Zehn Zechinen; da kann ich also mit meiner Schwägerin reisen!« »Reisen Sie mit wem Sie wollen! Aber lassen Sie uns abfahren, damit wir in Chiozza zu Abend essen können. Morgen essen wir in Venedig, und ich werde alles bezahlen.« Am nächsten Morgen um zehn Uhr kamen wir in Venedig an, und ich brachte die beiden Frauen im Castello in einem Hause unter, dessen erster Stock gänzlich unmöbliert war. Hier ließ ich sie allein, nachdem ich mich mit der notariellen Urkunde des Herrn Vetters und Abbaten bewaffnet hatte. Ich ging zum Mittagessen bei meinen Freunden, denen ich sagte, ich hätte wegen einer wichtigen Angelegenheit die Nacht in Chiozza verbracht. Nach dem Essen ging ich zu einem Sachwalter, Marco de Lesse; dieser sagte mir: Wenn die Mutter eine Eingabe an den Vorsitzenden des Rates der Zehn machte, würde sie sofort polizeilichen Beistand erhalten, um ihre Tochter mit allen Möbeln, die im Hause wären, der Gewalt des Priesters zu entreißen; sie könnte diese hinschaffen lassen, wohin sie wollte. Ich trug ihm auf, das Schriftstück zurecht zu machen; am andern Morgen in der Frühe würde ich mit der Mutter wiederkommen, die es in meiner Gegenwart unterzeichnen und mit sich nehmen würde. Am Morgen in aller Frühe ging ich mit der Mutter hin; von dort begaben wir uns in den Ratssaal, wo sie dem Oberhaupt des Rates ihre Eingabe überreichte. Eine Viertelstunde darauf erhielt ein Gerichtsbote Befehl, sich mit der Mutter in das Haus des Priesters zu begeben und sie in Besitz ihrer Tochter zu setzen ; zugleich könnte sie alle Möbel aus dem Hause entfernen. Der Befehl wurde buchstäblich ausgeführt. Ich befand mich mit der Mutter in einer Gondel am Ufer des dicht am Hause liegenden Platzes. Wir hatten einen großen Kahn bei uns, den die Sbirren mit allen Möbeln des Hauses beluden. Als dies alles gemacht war, sah ich die Tochter kommen, die sehr überrascht war, mich in der Gondel zu finden. Ihre Mutter umarmte sie und sagte ihr, ich würde schon am nächsten Tage ihr Gatte werden. Sie antwortete ihr: dies freue sie sehr und sie habe ihrem Tyrannen nur sein Bett und seine Kleider gelassen. Wir kamen in Castello an, wo ich alle Möbel abladen ließ; hierauf aßen wir zu mittag, und ich sagte den Damen, sie müßten nach Lufia gehen und mich dort erwarten; ich würde kommen, sobald ich meine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hätte. Ich verbrachte den Nachmittag in fröhlicher Unterhaltung mit meiner Zukünftigen. Sie sagte uns, der Abbate wäre gerade beim Ankleiden gewesen, als man ihm den Befehl des Rates vorgelegt und ihn aufgefordert hätte, bei Todesstrafe die Ausführung desselben zuzulassen; nachdem der Abbate mit dem Anziehen fertig gewesen wäre, wäre er ausgegangen, um seine Messe zu lesen, und alles hätte sich ohne den geringsten Widerstand vollzogen. »Meine Tante«, fügte sie hinzu, »hat mir gesagt, daß meine Mutter mich in der Gondel erwartete. Aber sie hat nichts davon erwähnt, daß auch Sie dort wären; ich hatte keine Ahnung, daß der Streich von Ihnen ausginge.« »Hiermit, meine Schöne, gab ich Ihnen den ersten Beweis meiner Zärtlichkeit.« Bei diesen Worten lächelte sie vor Vergnügen. Ich sorgte dafür, daß wir ein gutes Abendessen und ausgezeichnete Weine erhielten; und nachdem wir zwei Stunden bei Tisch im Schoße der Freude verbrachten, die Bacchus erregt, verbrachte ich vier andere Stunden damit, unter vier Augen mit meiner Zukünftigen zu scherzen. Am Morgen frühstückten wir, und nachdem ich das ganze Gepäck auf eine Peote hatte laden lassen, die ich zu diesem Zweck gemietet und vorausbezahlt hatte, übergab ich der Mutter noch zehn Zechinen, und sie reisten alle drei sehr fröhlich ab. Nachdem ich so diese Angelegenheit zu meinem Ruhm und zu meiner völligen Befriedigung erledigt sah, ging ich nach Hause. Die Sache war mit zu viel Lärm in Szene gesetzt worden, als daß sie meinen Freunden hätte unbekannt bleiben können; sie bezeigten mir daher, als sie mich sahen, ihre Traurigkeit und Überraschung. De la Haye umarmte mich mit einer Miene voll tiefer Betrübnis, aber solches Gefühl kostet ihm nichts; es war für ihn wie ein Harlekinskleid, das er mit der größten Leichtigkeit anlegte. Nur Herr de Bragadino lachte von ganzem Herzen und sagte den anderen, sie verständen nichts davon; dieses ganze Abenteuer lasse auf irgend etwas Großes schließen, das nur den höheren Intelligenzen bekannt sei. Da ich selber nicht wußte, welchen Begriff sie eigentlich von dieser Geschichte sich machten, und überzeugt war, daß sie die näheren Umstände nicht kannten, so lachte ich mit Herrn Bragadino, sagte aber nichts. Ich befürchtete nichts und hatte Spaß an dem ganzen Gerede; in dieser Stimmung setzten wir uns zu Tisch, und Herr Barbaro war der erste, der in freundschaftlichem Tone sagte, er wolle doch hoffen, daß ich mich nicht den Tag vorher verheiratet hätte. »Man sagt also, daß ich mich verheiratet habe?« »Jedermann sagt es und überall. Sogar die Mitglieder des Rats glauben es, und sie haben recht, es zu glauben.« »Um ein Recht zu solchem Glauben zu haben, müßte man dessen gewiß sein; und das sind die Herren nicht; sie sind nicht unfehlbar, so wenig wie irgend ein Wesen auf der Welt, mit Ausnahme Gottes; und ich sage Ihnen, sie befinden sich im Irrtum. Ich liebe es, ein gutes Werk zu tun und mich für mein Geld zu amüsieren, aber nicht um den Preis meiner Freiheit; wenn Sie etwas über meine Angelegenheiten wissen wollen, so können Sie es allein von mir erfahren; auf die Stimmen der öffentlichen Meinung gebe ich nichts.« »Aber,« sagte Herr Dandolo, »du hast die Nacht mit deiner sogenannten Frau zugebracht?« »Ohne Zweifel; aber über das, was ich während dieser Nacht gemacht habe, bin ich keinem Menschen Rechenschaft schuldig. Sind Sie nicht auch meiner Meinung, Herr de la Haye?« »Ich bitte Sie, mich nicht nach meiner Meinung zu fragen, denn ich weiß nichts davon. Ich will Ihnen jedoch sagen, daß man die Stimme der öffentlichen Meinung nicht so sehr verachten darf. Die zärtliche Liebe, die ich für Sie empfinde, ist schuld, daß das Gerede mir Kummer macht.« »Woher kommt es denn, daß das Gerede Herrn von Bragadino, der ganz gewiß mich zärtlicher liebt als Sie, keinen Kummer macht?« »Ich achte Sie; aber ich habe auf meine Kosten gelernt, die Verleumdung zu fürchten. Man sagt, um sich eines Mädchens zu bemächtigen, das bei seinem Oheim, einem würdigen Priester, lebt, hätten Sie eine Frau zu dem Zweck bezahlt, daß sie sich als ihre Mutter ausgäbe und die gewaltsame Hilfe des Rates in Anspruch nähme, damit Sie das Mädchen bekämen. Der Gerichtsbote des Rates schwört darauf, Sie wären mit der angeblichen Mutter in der Gondel gewesen, als das Mädchen sie betreten hätte. Man sagt, die Urkunde, auf Grund deren Sie dem guten Pater, dem würdigen Geistlichen, seine Möbel haben fortnehmen lassen, sei gefälscht, und man tadelt Sie, daß Sie die erste Behörde des Staates als Werkzeug zu diesem Verbrechen benutzt haben. Endlich fagt man: selbst wenn Sie das Mädchen geheiratet haben werden – was unfehlbar der Fall sein muß – so werden die Mitglieder des Rats sich doch nicht beruhigen, weil Sie verwerfliche Mittel gebraucht haben, um zu Ihrem Ziele zu gelangen.« »Das war eine sehr lange Ansprache, mein Herr,« sagte ich kalt zu ihm; »aber lassen Sie sich sagen, daß ein vernünftiger Mensch, der eine Kriminalgeschichte mit so viel abgeschmackten Umständen gehört hat, nicht mehr vernünftig ist, wenn er das wiederholt, was er gehört hat; denn, wenn die Geschichte verleumderisch ist, wird er dadurch zum Mitschuldigen des Verleumders.« Nach dieser Art Abfertigung, über die der Jesuit errötete und deren Mäßigung meine Freunde bewunderten, bat ich ihn mit bezeichnender Miene, er möchte doch meinetwegen ganz ruhig sein; er könnte überzeugt sein, daß ich die Gesetze der Ehre kennte, und daß ich soviel Vernunft hätte, um mich richtig benehmen zu können. Er sollte nur die Leute über mich reden lassen, genau so, wie ich es machte, wenn ich böse Zungen schlecht von ihm sprechen hörte. Das Geschichtchen amüsierte die Stadt fünf oder sechs Tage lang; dann wurde der Vorfall vergessen. Da ich jedoch niemals nach Lusia ging und auf keinen der Briefe antwortete, die das Fräulein Marchetti mir schrieb, auch ihrem Boten das Geld nicht übergab, um das sie mich bat, so entschloß sie sich zu einem Schritt, der vielleicht nicht ohne Folgen hätte bleiben können, indessen glücklicherweise doch keine Folgen hatte. Eines Tages erschien Ignazio, der Gerichtsbote des gestrengen Tribunals der Staatsinquisitoren, bei mir, als ich noch mit meinen drei Freunden, de la Haye und drei anderen Gästen bei Tisch saß; er sagte mir höflich, der Ritter Contarini dal Zoffo wünschte mich zu sprechen und würde am nächsten Tage um die und die Stunde in seinem Hause in Madonna dell' Orto anwesend sein. Ich stand auf und sagte ihm mit einer Verbeugung, ich würde nicht verfehlen, mich nach den Befehlen Seiner Exzellenz zu erkundigen; er ging. Ich hatte keine Ahnung, was der hohe Herr von meiner kleinen Perfon wollen mochte; jedenfalls war die Botschaft danach angetan, um uns in eine gewisse Bestürzung zu versetzen; denn der Herr, der mich zu sehen wünschte, war Staatsinquisitor, und das sind Vögel, die selten etwas Gutes bedeuten. Herr von Bragadino, der als Mitglied des Rates der Zehn ebenfalls Staatsinquisitor gewesen war und die Gewohnheiten dieser Herren kannte, sagte mir, ich hätte nichts zu befürchten. »Da Ignazio in Straßenkleidern war, so ist er nicht als Bote des gestrengen Tribunals gekommen, und Herr Contarini will nur als Privatmann mit dir sprechen, da er dir sagen läßt, daß du dich in seinem Palazzo einzufinden hast, und dich nicht nach seinem Amtszimmer bestellt. Er ist ein strenger Greis, aber gerecht. Du mußt offen mit ihm sprechen und vor allen Dingen die Wahrheit einräumen; denn wenn du sie leugnetest, so würdest du Gefahr laufen, deine Sache zu verschlechtern.« Diese Belehrung gefiel mir und war mir notwendig. Pünktlich zur bestimmten Zeit begab ich mich zum Staatsinquisitor; sobald ich erschien, meldete man mich, und er ließ mich nicht warten. Ich trat ein. Seine Exzellenz saß auf einem Stuhl und musterte mich eine Minute lang von oben bis unten, ohne ein Wort zu sagen. Hierauf klingelte er und befahl seinem Kammerdiener, die beiden Frauen eintreten zu lassen, die im Nebenzimmer wären. Ich wußte sofort, worum es sich handelte, und sah ohne die geringste Überraschung Mutter Marchetti und ihre Tochter eintreten. Seine Exzellenz fragte mich nun, ob ich die beiden Personen kennte. »Ich muß sie wohl kennen, gnädiger Herr; denn die eine wird meine Frau sein, sobald sie mich durch ihre Aufführung überzeugt hat, daß sie dieser Ehre würdig ist.« »Ihre Aufführung ist gut, sie wohnt bei ihrer Mutter in Lusia. Sie haben sie getäuscht. Warum schieben Sie die Heirat mit ihr hinaus? Warum besuchen Sie sie nicht? Sie antworten nicht auf ihre Briefe und lassen sie in bedrängten Umständen.« »Ich kann sie, gnädiger Herr, erst heiraten, wenn ich meinen Unterhalt verdiene; und dies wird in drei oder vier Iahren der Fall sein, wo ich durch die Protektion des Herrn von Bragadino, meiner einzigen Stütze, eine Anstellung erhalten werde. In der Zwischenzeit muß sie als anständiges Mädchen von ihrer Arbeit leben. Ich werde sie nicht eher heiraten, als bis ich hiervon überzeugt bin; vor allen Dingen muß ich die Gewißheit haben, daß sie nicht mehr mit dem Abbate, ihrem Vetter im vierten Grade, zusammenkommt. Ich gehe nicht zu ihr, weil mein Berichterstatter und mein Gewissen mir dies verbieten.« »Sie verlangt, daß Sie ihr ein Heiratsversprechen in aller Form geben und daß Sie für ihren Unterhalt sorgen.« »Gnädiger Herr! Nichts verpflichtet mich, ihr ein solches Versprechen zu geben; und da ich selber nichts habe, so kann ich ihr auch nichts zum Leben geben; sie muß sich ihren Unterhalt verschaffen, in dem sie mit ihrer Mutter arbeitet.« »Als sie bei ihrem Vetter war,« sagte die Mutter, »fehlte es ihr an nichts; sie wird zu ihm zurückkehren.« »Wenn sie wieder zu ihm geht, werde ich mir keine Mühe mehr um sie geben; Eure Exzellenz werden dann einsehen, daß ich recht gehabt habe, sie nicht heiraten zu wollen, bevor ich sicher wäre, daß sie einen keuschen Lebenswandel führte.« Der Richter sagte mir, ich könnte gehen, und damit war die Sache erledigt. Ich habe von der Sache nicht mehr sprechen hören; mein Bericht über das Gespräch mit dem Inquisitor erheiterte Herrn von Bragadino und seine Tischgenossen. Zu Beginn des Karnevals 1750 gewann ich in der Lotterie einen Terno von dreitausend Dukaten kurant; das Glück machte mir dies Geschenk in einem Augenblick, wo ich es nicht nötig hatte; denn ich hatte den Herbst über Bank gehalten und gewonnen. Wir spielten in einem Kasino, das kein venetianischer Nobile zu besuchen wagte, weil einer der Bankhalter zum Hause des spanischen Gesandten, des Herzogs von Montalegro, gehörte. Die Adligen belästigten die Bürgerlichen; und dies wird stets der Fall sein unter einer aristokratischen Regierung, wo die Gleichheit tatsächlich nur unter den Regierenden selber vorhanden ist. Da ich die Absicht hatte, eine Reise nach Frankreich zu machen, übergab ich Herrn von Bragadino tausend Zechinen. Ich besaß die Standhaftigkeit, den ganzen Karneval zu verbringen, ohne mein Geld im Pharao zu riskieren. Ein sehr ehrenwerter Patrizier hatte mich mit einem Viertel an seiner Bank beteiligt und übergab mir in den ersten Tagen der Fastenzeit eine ziemlich bedeutende Summe. Etwa um Mittfasten kam mein Freund Baletti von Mantua nach Venedig zurück. Er war am Theater St. Moses engagiert, um dort während des Himmelfahrt-Iahrmarktes das Ballett zu leiten. Er hatte noch sein Verhältnis zu Marina, aber sie wohnten nicht zusammen. Sie machte die Eroberung eines englischen Iuden, namens Mender, der viel Geld für sie ausgab. Dieser Iude erzählte mir Neuigkeiten von Teresa, die er in Neapel gekannt hatte und bei der er in gutem Andenken stand. Seine Nachrichten interessierten mich, und ich wünschte mir Glück, daß Henriette mich verhindert hatte, sie aufzusuchen, als ich dies beabsichtigte; denn ich hätte mich leicht wieder in sie verlieben können, und Gott weiß, wie es dann geworden wäre. Um jene Zeit wurde Bavois als Hauptmann im Dienst der Republik angestellt; er machte sein Glück, wie ich gehörigen Orts berichten werde. De la Haye übernahm die Erziehung eines jungen Nobile, namens Felice Calvi, mit dem er einige Zeit darauf nach Polen ging. Drei Jahre später sah ich ihn in Wien wieder. Ich gedachte auf meiner Reise zunächst den Jahrmarkt zu Reggio zu besuchen, dann nach Turin zu gehen, wo aus Anlaß der Heirat des Herzogs von Savoyen mit einer spanischen Infantin, einer Tochter Philipps des Fünften, ganz Italien versammelt war; von dort wollte ich nach Paris reisen, wo in der Erwartung eines Prinzen, den die Frau Dauphine gebären sollte, prachtvolle Feste in Vorbereitung waren. Baletti hatte die Absicht, dieselbe Reise zu machen, da er von seinen Eltern nach Hause berufen wurde; seine Mutter war die berühmte Sylvia. Er sollte im Italienischen Theater tanzen und dort die ersten Rollen als jugendlicher Liebhaber spielen. Ich konnte mir keine angenehmere Gesellschaft denken, da er imstande war, in Paris mir tausend Vorteile und zahlreiche Bekanntschaften zu verschaffen. Ich verabschiedete mich von meinen drei tugendhaften Freunden, indem ich ihnen versprach, in zwei Jahren zurückzukommen. Ich ließ meinen Bruder Francesco als Schüler des Schlachtenmalers Simonetti aus Parma zurück, ich versprach ihm, an ihn zu denken, wenn ich in Paris wäre, wo das Genie stets sicher ist, sein Glück zu machen, und es besonders damals war. Der Leser wird sehen, wie ich ihm Wort hielt. Ich ließ in Venedig auch meinen Bruder Giovanni zurück, der dorthin zurückgekehrt war, nachdem er mit Guarienti ganz Italien bereist hatte. Er stand im Begriff, nach Rom abzureisen, wo er vierzehn Jahre lang als Schüler von Raphael Mengs blieb. Er ging 1764 nach Dresden zurück und starb dort 1795. Baletti reiste vor mir ab, und ich verließ Venedig am 1. Juli 1750, um in Reggio mit ihm zusammenzutreffen. Ich war sehr gut ausgerüstet, reichlich mit Geld versehen und sicher, daß es mir daran niemals fehlen würde, wenn ich mich gut aufführte. Wir werden bald sehen, mein lieber Leser, wie du hierüber urteilen wirst; oder vielmehr ich werde es nicht sehen, denn ich weiß, daß du darüber erst wirst urteilen können, wenn dein Urteil für mich keine Bedeutung mehr hat. Siebentes Kapitel Komisches Erlebnis auf der Durchreise in Ferrara. – Meine Ankunft in Paris. Punkt zwölf Uhr mittags setzte die Peote mich bei Pontelagoscuro ab; ich nahm sofort einen Wagen, um zur Essenszeit in Ferrara zu sein; dort stieg ich im Gasthof San Marco ab. Von einem Kellner geführt, stieg ich in den ersten Stock hinauf, als plötzlich ein fröhlicher Lärm, der aus einem offenen Saal herauskam, meine Neugier erregte. Ich wollte sehen, was da los wäre, steckte meinen Kopf ins Zimmer hinein und sah ein Dutzend Herren und Damen an einer reichbesetzten Tafel sitzen. Die Heiterkeit erklärte sich also ganz einfach, und ich wollte meinen Weg fortsetzen, als ich plötzlich angehalten wurde. Eine schöne Frauenstimme rief: »Ah! da ist er ja!« Und im selben Augenblick stand die Dame auf, kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu und umarmte mich. Dabei rief sie: »Schnell! Legt ein Gedeck neben mir auf und laßt seinen Koffer in dieses Zimmer bringen!« Zu einem jungen Mann, der inzwischen hereingetreten war, sagte sie: »Nun, ich hatte dir ja gesagt, er würde heute oder morgen eintreffen.« Sie führte mich an den Tisch und hieß mich an ihrer Seite niedersetzen, nachdem ich von allen Gästen begrüßt worden war, die sich mir zur Ehre von ihren Plätzen erhoben hatten. »Mein lieber Vetter,« sagte sie zu nur, »Sie müssen guten Appetit haben.« Bei diesen Worten trat sie mir auf den Fuß. »Hier stelle ich Ihnen meinen Bräutigam vor, und hier sehen Sie meinen Schwiegervater und meine Schwiegermutter, die übrigen Anwesenden sind sämtlich Freunde des Hauses. Aber, mein lieber Vetter, wie kommt es denn, daß meine Mutter nicht mit Ihnen zusammen angekommen ist?« Der Augenblick war also da, daß ich sprechen mußte! »Ihre Mutter, meine liebe Base, wird spätestens in drei oder vier Tagen hier sein.« Ich glaubte anfangs, das eigentümliche Geschöpf nicht zu kennen; als ich sie aber näher ansah, schien es mir, als wären ihre Gesichtszüge mir bekannt. Es war die Catinella, eine sehr bekannte Tänzerin, mit der ich aber niemals ein Wort gesprochen hatte. Ich sah sofort, daß sie mich eine Stegreifrolle in einem Stück eigener Erfindung spielen ließ und daß sie wahrscheinlich meiner bedurfte, um die Lösung herbeizuführen. Das Ungewöhnliche hat mir stets gefallen, und da meine Base hübsch war, ging ich gerne auf das Spiel ein, da ich nicht daran zweifelte, daß ich meine Belohnung dafür erhalten würde. Es galt, meine Rolle gut zu spielen und vor allen Dingen mich nicht bloßzustellen; ich schützte daher großen Hunger vor, und dadurch gewann sie die Zeit, in halben Andeutungen zu mir zu sprechen, so daß ich wußte, woran ich war, und keinen Schnitzer mehr begehen konnte. Sie begriff sofort die Gründe meiner Zurückhaltung und gab mir ein Pröbchen ihres Geistes, indem sie, bald zu diesem, bald zu jenem sich wendend, alles sagte, was ich zu wissen brauchte. Ich erfuhr, daß die Heirat erst nach Ankunft ihrer Mutter stattfinden könne, die ihr ihre Kleider und Diamanten bringen sollte. Ich erfuhr ferner, daß ich der Kapellmeister war, der nach Turin reiste, um die Musik zu der Oper zu komponieren, die bei der Hochzeitsfeier des Herzogs von Savoyen gespielt werden sollte. Diese letztere Entdeckung machte mir viel Vergnügen, denn ich sah, daß ich durchaus keine Schwierigkeit haben würde, am nächsten Tage abzureisen; infolgedesen fand ich Geschmack an meiner Rolle. Allerdings, wenn ich nicht auf einen süßen Lohn gezählt haben würde, wäre es recht wohl möglich gewesen, daß ich der Gesellschaft gesagt hätte, meine angebliche Base sei verrückt; aber die Catinella, obgleich an die dreißig, war sehr hübsch und außerdem berühmt wegen ihrer Liebesabenteuer – Gründe genug, um mich geschmeidig wie einen Handschuh zu machen. Die als Schwiegermutter bezeichnete Dame, die mir gegenüber saß, schenkte, um mir eine Ehre zu erweisen, ein Glas Wein ein und bot es mir an. Ich hatte mich bereits in meine Rolle hineingelebt und streckte die Hand aus, um ihr das Glas abzunehmen; dabei bemerkte sie, daß ich die Hand ein wenig gekrümmt hielt, und fragte mich: »Was haben Sie denn, mein Herr?« »Ach weiter nichts, gnädige Frau; eine leichte Verstauchung, die durch ein bißchen Ruhe von selber wieder besser werden wird.« Bei diesen Worten lachte Catinella laut auf und rief, das täte ihr leid, denn dadurch würde die Gesellschaft des Vergnügens beraubt, mich Klavier spielen zu hören. »Ich finde es eigentümlich, liebe Base, daß Sie darüber lachen.« »Ich lachte, weil es mich an eine vorgeschützte Verstauchung erinnerte, die ich mir vor zwei Jahren zulegte, um nicht tanzen zu müssen.« Nach dem Kaffee sagte die Schwiegermutter, als eine Frau, die ganz genau wußte, was sich gehört: Fräulein Catinella hätte ohne Zweifel mit mir über ihre Familienangelegenheiten zu sprechen; man müßte uns also miteinander allein lassen. Alle empfahlen sich. Als ich mit Catinella in dem Zimmer allein war, das sie mir neben dem ihren hatte zurecht machen lassen, warf sie sich auf ein Kanapee und überließ sich einer unmäßigen Heiterkeit. Dann sagte sie: »Obgleich ich Sie nur dem Namen nach kenne, bin ich doch sicher, daß ich mich auf Sie verlassen kann; aber Sie werden sehr gut daran tun, morgen wieder abzureisen. Ich bin hier seit zwei Monaten ohne einen Pfennig Geld. Ich habe nur ein paar Kleider und etwas Wäsche bei mir, und diese Sachen hätte ich verkaufen müssen, um zu leben, wenn ich nicht zum Glück den Sohn des Hauses in mich verliebt gemacht hätte. Ich habe ihm mit der Hoffnung geschmeichelt, seine Frau zu werden und ihm eine Mitgift im Werte von zwanzigtausend Talern in Diamanten ins Haus zu bringen, die ich angeblich in Venedig habe und die meine Mutter mir bringen soll. Meine Mutter hat nichts und weiß nichts von der ganzen Geschichte; sie wird sich also nicht von der Stelle rühren.« »Aber sage mir, schöne Unbesonnene, ich bitte dich, wie wird der Ausgang dieser Posse sein? Ich sehe einen tragischen voraus.« »Du irrst dich, der Ausgang wird komisch und sehr lächerlich sein. Ich erwarte jeden Augenblick den Grafen von Ostein, den Bruder des Kurfürsten von Mainz. Er hat mir von Frankfurt aus geschrieben; von dort ist er abgereist, und er muß jetzt in Venedig sein. Er wird mich abholen, um mich mit sich nach der Messe von Reggio zu nehmen, und wenn mein Bräutigam sich einfallen lassen sollte, unangenehm zu werden, so würde er ihn verprügeln und ihm meine Zeche zahlen; aber ich will, daß er weder Prügel noch Geld bekommt. Im Augenblick meiner Abreise werde ich ihm leise ins Ohr sagen, ich würde wiederkommen, und damit wird alles in Ordnung sein; denn um ihn glücklich zu machen, brauche ich ihm nur zu versprechen, ihn nach meiner Rückkehr heiraten zu wollen.« »Ausgezeichnet! Du bist geistvoll, wie ein Engel; ich aber werde nicht deine Rückkehr abwarten, um dich zu heiraten; unsere Hochzeit muß sofort stattfinden.« »Welche Torheit! Warte doch wenigstens bis zur Nacht!« »Auf keinen Fall! Ich glaube schon den Wagen des Grafen zu hören. Wenn er nicht kommt, so verlieren wir dadurch nichts für die Nacht.« »Du liebst mich also?« »Rasend! Und wenn auch nicht; aber deine Komödie ist wahrhaftig wert, daß man dich anbetet. Laß uns keine Zeit verlieren!« »Du hast recht; es ist eine Episode, und eine um so hübschere, da sie improvisiert ist.« Ich erinnere mich noch, daß ich sie reizend fand. Gegen Abend bekamen wir Besuch von der ganzen Gesellschaft, und man sprach davon, einen Spaziergang in der frischen Luft zu machen. Während wir mit den Vorbereitungen hiezu beschäftigt waren, rasselte plötzlich ein sechsspänniger Wagen heran. Catinella sah aus dem Fenster und sagte allen Anwesenden, sie möchten sich zurückziehen; der Ankömmling wäre ein Fremder, der ihretwegen käme; das wisse sie bestimmt. Alle gingen; mich aber schob sie in mein Zimmer und schloß mich ein. Die Berline hielt tatsächlich vor dem Gasthof, und ich sah einen Herrn aussteigen, der viermal so dick war wie ich und von vier Bedienten unterstützt wurde. Er kam herauf und trat bei der zukünftigen Gattin ein; mir blieb zu meiner Belustigung nichts weiter als die Genugtuung, das Glück beim Schopf gepackt zu haben, das Vergnügen, ihre ganze Unterhaltung mit anzuhören, und die Annehmlichkeit, durch eine Spalte alles anzusehen, was Catinella mit der schwerfälligen Fleischmasse anzustellen wußte. Schließlich begann diese dumme Unterhaltung mich doch zu langweilen, denn sie dauerte fünf Stunden hintereinander. Diese wurden zunächst mit Liebesszenen ausgefüllt. Hierauf wurden Catinellas Kleider zusammengepackt und auf die Berline geladen; endlich speisten die beiden zu Abend und leerten in großen Zügen zahlreiche Flaschen Rheinwein. Um Mitternacht reiste der Graf von Ostein ab, wie er gekommen war, und entführte dem Sohn des Wirtes den Gegenstand seiner Liebe. Während dieser ganzen langen Zeit kam niemand in mein Zimmer, und ich hütete mich wohl zu rufen. Ich fürchtete, entdeckt zu werden, und ich wußte nicht, wie der deutsche Prinz die Sache würde aufgenommen haben, wenn er erfahren hätte, daß er während der schwerfälligen Bezeigungen seiner Zärtlichkeit einen verborgenen Zeugen gehabt hatte; denn diese machten keinem der beiden Beteiligten Ehre und lieferten mir reichen Stoff zu Betrachtungen über die Armseligkeiten des Menschengeschlechts. Nach der Abreise der Heldin bemerkte ich durch meine Türritze den armen geprellten Liebhaber und rief ihn herbei, um mir zu öffnen. Der arme Tölpel antwortete mir mit kläglicher Stimme, das Schloß müsse erbrochen werden, denn das Fräulein habe den Schlüssel mitgenommen. Ich bat ihn, dies unverzüglich tun zu lassen, denn ich hätte Hunger. Sobald ich frei war, brachte man mir etwas zu essen, und der arme Junge leistete mir Gesellschaft. Er sagte mir, das Fräulein habe einen freien Augenblick gefunden, um ihm zu versichern, sie werde in sechs Wochen zurück sein; sie habe dabei geweint und ihn zärtlich geküßt. »Der Prinz wird ihre Rechnung bezahlt haben?« »Durchaus nicht; wir hätten auch das Geld gar nicht angenommen, wenn er es uns angeboten hätte; meine Braut hätte sich beleidigt gefühlt; denn Sie können sich gar nicht vorstellen, wie nobel sie denkt.« »Was sagt ihr Vater zu ihrer Abreise?« »Mein Vater denkt immer schlecht; er sagt, sie wird nicht wiederkommen, und meine Mutter hält es mehr mit seiner Ansicht als mit der meinigen. Aber Sie, Herr Kapellmeister, was sagen Sie dazu?« »Wenn sie es Ihnen gesagt hat, so wird sie ohne Zweifel wiederkommen.« »Ja, wenn sie nicht die Absicht hätte, wiederzukommen, hätte sie es mir nicht versichert.« »Ganz recht! Das nenne ich vernünftig sprechen!« Mein Abendessen bestand aus dem Reste der Mahlzeit, die der Koch des Grafen für seinen Herrn zubereitet hatte, und ich trank eine Flasche ausgezeichneten Rheinweins, den Catinella auf die Seite geschmuggelt hatte, um ihren künftigen Gatten damit zu bewirten; dieser aber glaubte sie nicht besser verwenden zu können, als indem er seinen zukünftigen Vetter damit bewirtete. Nach dem Abendessen nahm ich die Post und reiste ab, nachdem ich dem unglücklichen Verlassenen die Versicherung gegeben, ich würde alles tun, was mir nur irgend möglich wäre, um meine Base zu überreden, daß sie so bald wie möglich zurückkäme. Ich wollte bezahlen, aber er weigerte sich durchaus, irgend etwas anzunehmen. In Bologna kam ich eine Viertelstunde nach Catinella an; ich stieg im selben Gasthof ab wie sie und fand eine Gelegenheit, ihr zu berichten, was ihr Bräutigam mir gesagt hatte. In Reggio kam ich vor ihr an; aber es war mir unmöglich, mit ihr zu sprechen, denn sie verließ keinen Augenblick ihren mächtigen und ohnmächtigen Gebieter. Nach Schluß der Messe, bei der mir nichts Bemerkenswertes begegnete, verließ ich Reggio mit meinem Freunde Baletti, und wir gingen nach Turin, das ich gerne kennen lernen wollte; denn als ich das erstemal mit Henrietten dort durchgereist war, hatte ich mich nur so lange aufgehalten, um die Pferde zu wechseln. In Turin fand ich alles gleichermaßen schön: Stadt, Hof, Theater und Frauen, in erster Linie die Herzogin von Savoyen. Aber ich mußte unwillkürlich lachen, als man mir sagte, die Polizei sei ausgezeichnet; denn ich sah die Straßen voll von Bettlern. Dieser Polizei galt jedoch die Hauptsorge des Königs, der sehr klug war, wie uns die Weltgeschichte lehrt. Hier muß ich gestehen, daß ich so einfältig war, über die lächerliche Figur des Monarchen in Erstaunen zu geraten. Da ich niemals in meinem Leben einen König gesehen hatte, hatte ich mir die verschrobene Idee in den Kopf gesetzt, ein König müsse in seinen Gesichtszügen einen sehr seltenen Ausdruck an Schönheit oder an Majestät tragen, mit einem Wort etwas, was ihn den übrigen Menschen überlegen erscheinen ließe. Für einen denkenden, jungen Republikaner war meine Auffassung nicht ganz und gar dumm; aber ich kam sehr schnell von ihr zurück, als ich diesen König von Sardinien sah: denn er war häßlich, bucklig, mürrisch und unvornehm in seinen geringsten Bewegungen. Ich erkannte wohl, daß man König sein könne, ohne ein ganzer Mensch zu sein. Ich hörte auf der Bühne die Astrua und Gaffarello, diese beiden herrlichen Stimmen, und ich sah die Geoffroy tanzen, die ein sehr ehrenwerter Tänzer, namens Bodin gerade um dieselbe Zeit heiratete. Während meines Turiner Aufenthaltes störte keine verliebte Neigung den Frieden meiner Seele; doch hatte ich mit der Tochter meiner Wäscherin ein Erlebnis, das ich nur deshalb hier erwähne, weil es auf eine sonderbare Art meine physikalischen Kenntnisse vermehrte. Das Mädchen war sehr hübsch, und wenn ich auch nicht gerade in sie verliebt war, so wünschte ich doch, mit ihrer Huld beglückt zu werden. Meine Bemühungen, ein Stelldichein von ihr zu bekommen, waren vergeblich; dies ärgerte mich ein wenig, und ich erkühnte mich eines Tages zu einem Versuch, mich mit ein bißchen Gewalt in ihren Besitz zu setzen. Zu diesem Zweck verbarg ich mich am Fuße einer Hintertreppe, die sie hinaufsteigen mußte, um zu mir zu gelangen, in einem Augenblick, wo ich wußte, daß sie bald erscheinen mußte. Es gelang mir, sie zu überraschen, und halb meinem Zureden, halb meinem Angriff nachgebend, befand sie sich im Nu in der günstigsten Lage, und ich war am Werk. Aber im ersten Augenblick der Vereinigung ertönte eine starke Explosion, die meinen Eifer bedeutend herabsetzte, besonders da das junge Mädchen mit der Hand das Gesicht verdeckte, wie wenn sie ihre Schamröte verbergen wollte. Ich glaubte sie durch einen zärtlichen Kuß beruhigen zu müssen und fing von neuem an. Aber großer Gort, ein noch stärkerer Knall, mit Geruch verbunden, traf im selben Augenblick mein Ohr und meine Nase. Ich fuhr fort – ein drittesmal, ein viertesmal genau dasselbe! Und so ging es bei jeder Bewegung mit der Regelmäßigkeit eines Chronometers, der bei einem Musikstück den Takt bezeichnet. Dieses seltsame Phänomen, die Verwirrung des armen Mädchens, unsere Stellung, alles dies erschien mir so komisch, und ich mußte dermaßen lachen, daß ich gezwungen war, jeglichen Versuch aufzugeben. Beschämt und verwirrt lief das junge Mädchen davon, und ich suchte sie nicht zurückzuhalten. Seit diesem Tage wagte sie sich nicht mehr vor mir sehen zu lassen. Ich blieb, nachdem sie fort war, länger als eine Viertelstunde auf der Treppe sitzen und dachte über das Komische eines Auftritts nach, der noch jetzt in der Erinnerung meine Heiterkeit erregt. Ich glaube, das Mädchen hatte seine Keuschheit diesem eigentümlichen Gebrechen zu verdanken, und wenn dieses dem ganzen weiblichen Geschlecht gemeinsam wäre, so würde es viel weniger galante Frauen geben – wir müßten dann eben andere Organe haben; denn einen Augenblick des Genusses auf Kosten des Hör- und Riechsinnes kaufen zu müssen, das wäre zu teuer bezahlt. Baletti hatte es eilig, nach Paris zu kommen, wo in Erwartung der Geburt eines Herzogs von Burgund prachtvolle Feste in Vorbereitung waren; denn die Frau Dauphine sah ihrer Niederkunft entgegen. Er überredete mich mit leichter Mühe, meinen Aufenthalt in Turin abzukürzen. Wir reisten ab und gelangten in fünf Tagen nach Lyon, wo ich eine Woche blieb. Lyon ist eine sehr schöne Stadt, wo zu meiner Zeit keine drei oder vier adligen Häuser den Fremden offen standen, dafür fand man aber bei den Kaufleuten, Fabrikanten und Großhändlern, die viel reicher waren als die Adligen die beste Aufnahme, und die Gesellschaft lebt dort auf einem ausgezeichneten Fuß. Man findet dort Zuvorkommenheit, Höflichkeit, offenes Wesen und guten Ton, ohne die Steifheit und den dummen Hochmut, der, abgesehen von einigen ehrenvollen Ausnahmen, in den adligen Häusern der Provinz herrscht. Allerdings steht der Ton nicht auf der Höhe des Pariser; aber man gewöhnt sich an ihn. Der Reichtum Lyons beruht auf dem guten Geschmack und der Wohlfeilheit, und die Gottheit, der die Stadt ihr Gedeihen verdankt, ist die Mode. Sie wechselt jedes Jahr, und ein Stoff, dem der Tagesgeschmack einen Wert von dreißig verleiht, gilt im nächsten Iahr nur noch zwanzig oder fünfzehn. Dann schickt man ihn ins Ausland, wo er als neueste Mode gerne gekauft wird. Die Lyoner bezahlen ihren Zeichnern, die Geschmack haben, große Gehälter; das ist das Geheimnis. Die Billigkeit beruht auf der Konkurrenz, die eine befruchtende Quelle von Reichtümern und eine Tochter der Freiheit ist. Daher muß ein Staat, der einen blühenden Handel haben will, diesem volle Handlungsfreiheit lassen; er muß nur darauf achten, Hinterziehungen zu verhindern, die vielleicht von dem privaten Interesse, das oft in falscher Auffassung befangen ist, erfunden werden können, um das allgemeine Interesse zu schädigen. Die Regierungen müssen das Maß aichen, dessen sich die Bürger dann nach Belieben bedienen mögen. Ich fand in Lyon die berühmteste Kurtisane von Venedig. Man war allgemein der Ansicht, niemals ihresgleichen gesehen zu haben; ihr Name war Ancilla. Wer sie sah, begehrte ihrer, und sie hatte ein so gutes Herz, daß sie sich keinem versagen konnte; denn wenn alle Männer sie einzeln liebten, so vergalt sie ihnen dies, indem sie sie alle zusammen liebte, und dabei war der Eigennutz bei ihr ein Beweggrund, der durchaus in zweiter Linie kam. Venedig hat stets Kurtisanen gehabt, die mehr durch ihre Schönheit berühmt waren, als durch ihren Geist; die hervorragendsten waren zu meiner Zeit diese Ancilla, und eine andere, namens Spina; beide waren Töchter von Barkarolen, beide starben in jungen Jahren an ihrer übermäßigen Hingabe an einen Beruf, der in ihren Augen ihnen einen Adelstitel verlieh. Ancilla wurde mit zweiundzwanzig Jahren Tänzerin, und Spina wollte Sängerin sein. Ein berühmter Tänzer aus Venedig, namens Campioni, bildete die schöne Ancilla zu der ganzen Anmut aus, wozu ihre vollkommenen körperlichen Schönheiten sie veranlagten, und heiratete sie. Spina hatte als Lehrer einen Kastraten, der aus ihr nur eine mittelmäßige Sängerin machen konnte; in Ermangelung von Talent sah sie sich gezwungen, sich die Hilfsmittel ihres Körpers zunutze zu machen, um leben zu können. Ich werde noch Gelegenheit haben, über Ancilla vor ihrem Tode zu sprechen. In Lyon war sie damals mit ihrem Mann; sie kamen aus England zurück, wo sie auf dem Hay-Market-Theater großen Beifall gefunden hatten. Sie hatte in Lyon nur zu ihrem Vergnügen Halt gemacht, und sobald sie sich gezeigt hatte, sah sie zu ihren Füßen die ganze glänzende Jugend, die ihr jeden Wunsch erfüllte, um ihr zu gefallen. Am Tage gab es Vergnügungsausflüge, abends glänzende Gastmähler, nachts große Pharaobank. Der Bankhalter war ein gewisser Don Giuseppe Maratti, derselbe, den ich bei der spanischen Armee unter dem Namen Don Bepe il Cadetto gekannt hatte, der einige Iahre darauf sich den Namen Afflissio beilegte und später ein sehr schlechtes Ende nahm. Diese Bank gewann in wenigen Tagen 300 000 Franken. In einer Stadt mit einem Hof würde eine derartige Summe durchaus kein Aufsehen erregt haben, aber in einer Stadt, die durchaus nur Handels- und Industriestadt war, beunruhigte sie alle Familienväter und Geschäftsinhaber. Die schwarze Bande von jenseits der Alpen mußte daher bald an ihre Abreise denken. In Lyon verschaffte ein ehrenwerter Herr, dessen Bekanntschaft ich bei Herrn de Rochebaron machte, mir die Huld, zur Teilnahme an dem erhabenen Krimskrams der Freimaurerei zugelassen zu werden. Ich kam als Lehrling nach Paris und wurde dort einige Monate später Geselle und Meister. Die Meisterschaft ist sicherlich der höchste Grad der Freimaurerei, denn alle anderen, die man mich in der Folge hat erlangen lassen, sind nur angenehme Erfindungen, die wohl einen symbolischen Wert haben, aber zur Würde des Meisters nichts hinzufügen. Keinem Menschen auf der Welt kann es gelingen, alles zu wissen, aber jeder, der sich begabt fühlt und der sich einigermaßen über seine geistige Kraft Rechenschaft abzulegen weiß, muß so viel wie möglich kennen zu lernen suchen. Ein junger Mensch von guter Herkunft, der auf Reisen die Welt und die sogenannte große Gesellschaft kennen lernen will und der sich nicht in gewissen Fällen hinter seinesgleichen zurückgesetzt und von der Teilnahme an allen ihren Vergnügungen ausgeschlossen sein will, muß sich in die sogenannte Freimaurerei einweihen lassen, wäre es auch nur, um, wenn auch bloß oberflächlich, zu erfahren, was sie ist. Die Freimaurerei ist eine Wohlfahrtseinrichtung, die zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten wohl auch als Deckmantel für verbrecherische und umstürzlerische Umtriebe hat dienen können. Aber, du lieber Gott! was ist denn nicht mißbraucht worden! Hat man nicht gesehen, wie die Jesuiten unter der geheiligten Agide der Religion den vatermörderischen Arm blinder Fanatiker bewaffneten, um Könige zu treffen? Jeder Mensch von einiger Bedeutung, ich will sagen: jeder, dessen gesellschaftliche Stellung sich durch Verdienst, Wissen oder Vermögen auszeichnet, kann Maurer werden, und viele sind es! Wie kann man nun annehmen, daß derartige Vereinigungen, deren Mitglieder sich selber das Gesetz auferlegen, intra muros niemals über Politik, Religion und Regierung zu sprechen, die in ihren Reden sich nur moralischer oder kindlicher Symbole bedienen – wie kann man, sage ich, annehmen, daß solche Vereinigungen, worin ja die Regierungen ihre Geschöpfe haben können, in einem Maße gefährlich erscheinen können, daß Herrscher und Päpste sie in Acht und Bann tun? übrigens verfehlt dies vollständig seinen Zweck, und der Papst wird mit all seiner Unfehlbarkeit nicht verhindern, daß durch die Verfolgungen die Freimaurerei eine Bedeutung erlangt, die sie ohne dieselben vielleicht niemals errungen haben würde. Die Geheimtuerei liegt in der Natur des Menschen; alles was sich der Menge in einer geheimnisvollen Form darstellt, wird stets die Neugier stacheln und wird umworben werden, mag man auch im übrigen völlig überzeugt sein, daß hinter dem Schleier oft nur ein Nichts sich birgt. Also: ich rate jedem jungen Mann von guter Herkunft, der die Welt sehen will, sich als Freimaurer aufnehmen zu lassen; aber ich fordere ihn zugleich auf, in der Wahl der Loge sorgfältig zu sein; denn obgleich in der Loge schlechte Gesellschaft keinen wirksamen Einfluß üben kann, so kann sie doch dort anzutreffen sein, und der Kandidat muß sich vor gefährlichen Verbindungen hüten. Wer sich nur unter die Freimaurer aufnehmen läßt, um das Geheimnis des Ordens kennen zu lernen, der hat sehr zu befürchten, daß er unter der Kelle alt werden wird, ohne jemals seinen Zweck zu erreichen. Es gibt allerdings ein Geheimnis; aber dieses ist dermaßen unverletzlich, daß es niemals ausgesprochen oder einem Menschen anvertraut wurde. Wer an der Oberfläche der Dinge haftet, der glaubt, das Geheimnis bestehe in Worten, Zeichen und Berührungen; oder endlich, das große Wort werde erst beim höchsten Grad offenbar: Irrtum. Wer das Geheimnis der Freimaurerei errät – denn man erfährt es stets nur, indem man es errät – der gelangt zu dieser Kenntnis nur durch häufigen Besuch der Logen, durch Nachdenken, Urteilen, Vergleichen und Schlüsseziehen. Er vertraut das Geheimnis selbst seinem besten Freund in der Freimaurerei nicht an; denn er weiß, daß es keinen Zweck haben würde, es ihm ins Ohr zu flüstern, weil jener doch nicht das Talent haben würde, Vorteil daraus zu ziehen, wenn er es nicht erraten hätte, wie er selber. Er schweigt, und das Geheimnis bleibt stets Geheimnis. Alles, was in der Loge geschieht, muß geheim sein; diejenigen aber, die mit einer unehrenhaften Indiskretion sich kein Gewissen daraus gemacht haben, die Vorgänge in den Logen zu enthüllen – die haben das Wesentliche nicht enthüllt: sie kannten es nicht; denn wenn sie es gekannt hätten, so würden sie sicherlich das Zeremoniell nicht verraten haben. Die Neugier, die heutzutage die Laien bewegt, ich meine diejenigen, die nicht Maurer sind, ist von derselben Art, wie einst die Neugier der Griechen, die nicht zu den in Eleusis zu Ehren der Ceres gefeierten Mysterien zugelassen wurden. Aber die eleusinischen Mysterien interessierten ganz Griechenland, und alle hervorragenden Männer der damaligen Gesellschaft bestrebten sich, zugelassen zu werden; die Freimaurerei dagegen umfaßt außer einer großen Zahl hochverdienter Männer eine Menge Lumpen, die keine Gesellschaft anerkennen dürfte, weil sie in sittlicher Beziehung der Abschaum des Menschengeschlechtes sind. Über den Geheimdienst der Ceres wurde lange Zeit ein undurchdringliches Schweigen bewahrt, weil er in solcher Verehrung stand. Was konnte man übrigens enthüllen? Die drei Worte, die der Oberpriester zu den Eingeweihten sagte. Aber welchen Zweck hätte das gehabt? Dadurch wäre nur der Indiskrete entehrt worden; denn er enthüllte nur barbarische Worte, die von der großen Masse nicht verstanden werden konnten. Ich habe irgendwo gelesen, die heiligen und geheimen drei Worte der eleusinischen Mysterien hätten bedeutet: Wachet und tut nichts Böses. Die geheiligten und geheimen Worte der verschiedenen Freimaurergrade sind ungefähr gerade ebenso verbrecherisch. Die Einweihung dauerte neun Tage; die Zeremonien waren sehr eindrucksvoll, und die Gesellschaft war sehr ehrenwert. Wie Plutarch uns berichtet, wurde Alkibiades zum Tode verurteilt und sein ganzes Vermögen eingezogen, weil er mit Politian und Theodor gegen die Eumolpiden in seiner Wohnung die großen Mysterien lächerlich zu machen gewagt hätte. Man verlangte sogar, er sollte von den Priestern und Priesterinnen verflucht werden. Aber der Fluch wurde nicht ausgesprochen, weil eine Priesterin sich weigerte, indem sie erklärte: Ich bin Priesterin um zu segnen, nicht um zu fluchen. Erhabene Worte! Sie enthalten eine Lehre der Moral und der Weisheit, die der Papst mißachtet, die aber das Evangelium lehrt und der Heiland der Welt vorschreibt. Einer gewissen Klasse von Kosmopoliten gilt heutzutage nichts für wichtig, wie ihr nichts heilig ist. Bottarelli veröffentlicht in einer Druckschrift alle Bräuche der Freimaurer, und man begnügt sich, zu sagen, der Kerl ist ein Lump. Man wußte es zum voraus. In Neapel machen ein Fürst und Herr Hamilton im Hause des letzteren das Wunder des heiligen Januarius; ohne Zweifel lachen sie darüber, und viele andere lachen mit ihnen. Aber der König tut so, als wisse er nicht, daß er auf seiner königlichen Brust einen Ordensstern trägt, der um die Figur des heiligen Januarius herum die Inschrift hat: In sanuine toedus. Heutzutage ist alles unlogisch, und nichts hat mehr Bedeutung; trotzdem wird man gut tun, immer weiter vorwärts zu gehen; denn wenn man auf halbem Wege einhalten wollte, so wäre das noch schlimmer. Wir reisten von Lyon aus mit der Schnellpost und brauchten fünf Tage, um nach Paris zu gelangen. Baletti hatte seiner Familie mitgeteilt, wann er abreisen würde; sie kannte also den Augenblick unserer Ankunft. Wir waren unserer acht im Postwagen und saßen sehr unbequem; denn es war ein großer Rumpelkasten von ovaler Gestalt, so daß niemand einen Eckplatz hatte, denn den gab es nicht. Wäre dieser Wagen in einem Lande erfunden worden, wo von Gesetzes wegen Gleichheit herrschte, so wäre dieses Mittel sehr spaßhaft gewesen. Ich fand ganz einfach die Gründe für die Einführung eines solchen Wagens sehr schlecht angebracht; aber ich war in fremdem Lande, und so schwieg ich. Würde es übrigens mir als Italiener gut angestanden haben, nicht alles Französische zu bewundern, besonders in Frankreich selbst? Ovaler Wagen: ich beugte mich ehrfürchtig vor der Mode, während ich sie zugleich verfluchte, denn die eigentümliche Bewegung des Wagens übte auf mich dieselbe Wirkung aus, wie das Rollen eines Schiffes auf bewegter See. Übrigens hing der Wagen in sehr guten Federn; aber selbst ein starkes Rütteln würde mir viel weniger lästig gewesen sein. Da der Wagen bei schneller Fahrt sich auf und ab wiegte, hatte man ihn Gondel genannt; aber ich war Kenner, und ich fand nicht die geringste Ähnlichkeit mit jenen von zwei kräftigen Ruderern vorwärts bewegten venetianischen Gondeln, die so schnell und so sanft dahingleiten. Die Bewegung wirkte aus mich so stark, daß ich alles, was ich im Magen hatte, wieder von mir geben mußte. Infolgedessen erblickte man in mir schlechte Gesellschaft, aber man sagte es mir nicht: ich war in Frankreich und unter Franzosen, die die Gebote der Höflichkeit kannten. Man begnügte sich damit, mir zu sagen, ich hätte zuviel zu Abend gegessen; und ein Pariser Abbé sagte zu meiner Verteidigung, ich hätte einen schwachen Magen. Hierüber wurde nun disputiert. Schließlich riß mir die Geduld, und ich sagte: »Meine Herren, Sie haben sämtlich unrecht: ich habe einen ausgezeichneten Magen, und ich habe überhaupt nicht zu Abend gegessen.« Auf diese Bemerkung hin sagte mir ein älterer Herr in honigsüßem Ton: ich dürfte den Herren nicht sagen, sie hätten unrecht; wohl aber hätte ich ihnen sagen können, sie hätten nicht recht, ähnlich wie Cicero, der den Römern nicht sagte, daß Catilina und seine Mitverschworenen tot wären, sondern daß sie gelebt hätten. »Ist das nicht dasselbe?« »Ich bitte um Verzeihung, mein Herr, das eine ist höflich, das andere nicht.« Hierauf begann er nur einen langen Vortrag über die Höflichkeit zu halten, den er damit schloß, daß er mit lachender Miene mich fragte: »Ich denke mir, der Herr ist Italiener?« »Ja, das bin ich; aber würden Sie mir das Vergnügen machen, mir zu sagen, woran Sie das erkannt haben?« »Oh! an der Aufmerksamkeit, womit Sie mein langes Geschwätz angehört haben.« Alle lachten. Entzückt von seiner Originalität begann ich, ihm Schmeicheleien zu sagen. Er war Erzieher eines Knaben von zwölf oder dreizehn Jahren, der neben ihm saß. Ich machte ihn mir während der ganzen Reise zunutze, um mir von ihm Unterricht in französischer Höflichkeit geben zu lassen, und als wir uns trennen mußten, nahm er mich freundschaftlich beiseite und sagte mir, er wolle mir ein kleines Geschenk machen. »Was denn?« »Sie müssen das Wörtchen non, von dem Sie bei allen möglichen Gelegenheiten häufigen Gebrauch machen, aufgeben und sozusagen vergessen. Non ist kein französisches Wort; statt dieser unhöflichen Sitte sagen Sie lieber: pardon. Non ist ein ein Dementi; unterlassen Sie, es zu gebrauchen, mein Herr, oder halten Sie sich bereit, alle Augenblicke Degenstöße auszuteilen und zu bekommen.« »Ich danke Ihnen, mein Herr; Ihr Geschenk ist kostbar, und ich verspreche Ihnen, in meinem ganzen Leben nicht mehr non zu sagen.« Während der ersten zwei Wochen meines Pariser Aufenthalts kam es mir vor, als machte ich die größten Fehler, denn ich hörte gar nicht mehr auf, um Verzeihung zu bitten. Eines Abends im Theater glaubte ich sogar, es wolle jemand Händel mit mir anfangen, weil ich ihn in unangebrachter Weise um Verzeihung gebeten hätte. Im Parkett trat mir ein junger Stutzer auf den Fuß, und ich beeilte mich, ihm zu sagen: »Verzeihung, mein Herr!« »Mein Herr, verzeihen Sie selber!« »Nein, Sie!« »Nein, Sie!« »Ei, mein Herr, verzeihen wir uns alle beide und umarmen wir uns!« Mit dieser Umarmung war der Streit beigelegt. Während der Reise war ich eines Abends in der Gondel vor Ermüdung eingeschlafen; plötzlich wurde ich stark am Arme geschüttelt, und mein Nachbar sagte mir: »Ach, mein Herr, sehen Sie doch dieses Schloß!« »Ich sehe es. Nun?« »Ach, ich bitte Sie, finden Sie es nicht ...?« »Ich finde nichts daran; und was finden denn Sie selber daran?« »Es wäre weiter nicht erstaunlich, wenn es nicht vierzig Wegstunden von Paris läge. Aber hier! Ah, werden meine Maulaffen von Landsleuten mir glauben, daß es vierzig Meilen von der Hauptstadt ein so schönes Schloß gibt? Wie unwissend ist man doch, wenn man nicht gereist ist!« »Da haben Sie recht.« Der Mann war selber Pariser und Maulaffe im Grunde seiner Seele, wie nur ein Gallier zu Caesars Zeit. Indessen, wenn die Pariser vom Morgen bis zum Abend Maulaffen feil halten und sich über alles amüsieren, so mußte ein Fremder wie ich es ihnen darin weit zuvortun. Der Unterschied zwischen ihnen und mir bestand darin, daß ich gewöhnt war, die Dinge zu sehen, wie sie sind, und daß ich daher überrascht war, sie oft unter einer Maske zu sehen, die sie ihrem Wesen nach veränderte; ihre Überraschung dagegen rührt oft davon her, daß man sie ahnen läßt, was unter der Maske verborgen ist. Was mir bei dieser Reise nach Paris sehr gefiel, waren die prachtvollen Straßen, das unsterbliche Werk Ludwigs des Fünfzehnten; die Sauberkeit der Gasthöfe, das gute Essen, das man in ihnen bekommt, die Schnelligkeit, womit man bedient wird, die ausgezeichneten Betten, die bescheidene Miene der Person, die bei Tisch aufwartet. Meistens ist dies die tüchtigste von den Töchtern des Hauses, und ihre anstellige Miene, bescheidene Haltung, Sauberkeit und guten Manieren flößen dem schamlosesten Wüstling Achtung ein. Welcher Italiener sieht wohl mit Vergnügen unsere Kellner in Italien mit ihren frechen Gesichtern und ihrer Unverschämtheit? Zu meiner Zeit wußte man in Frankreich gar nicht, was Überfordern ist: es war wirklich das Vaterland der Fremden. Allerdigs mußte man leider oft Handlungen eines abscheulichen Despotismus sehen: lettres de cachet usw.; es war der Despotismus eines Königs. Seither haben die Franzosen den Despotismus des Volkes. Ist dieser weniger abscheulich? Wir aßen in Fontainebleau zu Mittag, und zwei Meilen vor Paris bemerkten wir eine Berline, die uns entgegenfuhr. Als sie dicht bei uns war, rief Baletti dem Kutscher zu, er solle halten. In dem Wagen saß seine Mutter; sie empfing mich wie einen Freund, den sie erwartete. Es war die berühmte Schauspielerin Sylvia. Als ich ihr vorgestellt wurde, sagte sie zu mir: »Ich hoffe, mein Herr, der Freund meines Sohnes wird die Güte haben, heute abend bei uns zu speisen.« Ich nahm die Einladung an, machte ihr eine Verbeugung und stieg wieder in die Gondel, während Baletti bei seiner Mutter in der Berline blieb. So setzten wir die Reise fort. Bei meiner Ankunft in Paris fand ich einen Bedienten Sylvias mit einem Mietswagen, der mich nach meiner Wohnung brachte, um dort meine Sachen abzulegen; hierauf gingen wir zu Baletti, der ganz in der Nähe wohnte. Baletti stellte mich seinem Vater vor, der sich Mario nannte; Mario und Sylvia waren die Namen, die Herr und Frau Baletti in den von ihnen gespielten Stegreifkomödien führten; die Franzosen hatten damals die Gewohnheit, die italienischen Schauspieler nur mit den Namen zu bezeichnen, die sie auf der Bühne trugen. »Guten Tag, Herr Harlekin; guten Tag, Herr Pantalon!« so grüßte man die Herren, die diese Rollen spielten. Achtes Kapitel Meine Lehrzeit in Paris. – Portraits. – Eigentümlichkeiten. – Allerlei. Zur Feier der Ankunft ihres Sohnes gab Sylvia ein glänzendes Souper, bei welchem sie alle ihre Verwandten vereinigte, und dies war für mich eine glückliche Gelegenheit, ihre Bekanntschaft zu machen. Balettis Vater, der krank gewesen war und sich auf dem Wege der Genesung befand, nahm nicht an dem Feste teil, aber seine ältere Schwester war anwesend. Sie war unter ihrem Theaternamen Flaminia in der Republik der Wissenschaften durch einige Übersetzungen bekannt geworden; aber weniger deshalb hatte ich Lust, sie gründlich kennen zu lernen, als wegen der in ganz Italien bekannten Geschichte von dem Pariser Aufenthalt dreier bekannter Männer der Literatur. Diese drei Gelehrten waren der Marchese Maffei, Abbate Conti und Pietro Giacomo Martelli, die sich wegen ihrer Ansprüche auf die Huld der Schauspielerin verfeindet haben sollen. Als Gelehrte schlugen sie sich mit ihren Federn: Martelli schrieb gegen Maffei eine Satire, worin er ihn unter dem Anagramm Femia bezeichnete. Da ich dieser Flaminia als Kandidat der literarischen Republik vorgestellt worden war, glaubte sie mich ehren zu müssen, indem sie sich mit ihrer Unterhaltung ganz besonders an mich wandte; aber sie hatte unrecht, denn ich fand an ihr Gesicht, Ton, Stil unangenehm, kurz und gut alles, sogar den Ton ihrer Stimme. Sie sagte es mir zwar nicht, gab es mir aber zu verstehen, daß sie als eine Berühmtheit der literarischen Welt wohl wisse, daß sie zu einem Insekt spräche. Sie gab allen ihren Aussprüchen etwas Apodiktisches, und sie glaubte in einem Alter von sechzig Jahren und mehr das Recht dazu zu haben, besonders einem jungen Neuling von fünfundzwanzig Jahren gegenüber, der noch keine Bibliothek bereichert hatte. Um ihr den Hof zu machen, sprach ich mit ihr über den Abbate Conti und zitierte bei irgend einem Anlaß zwei Verse dieses tiefen Denkers. Die Gnädige verbesserte mir mit gütiger Miene die Aussprache des Wortes scevra, das getrennt bedeutet, indem sie mir sagte, es müsse sceura ausgesprochen werden; sie fügte hinzu, es würde mir jedenfalls nicht unangenehm sein, in Paris schon am ersten Tage meiner Ankunft etwas gelernt zu haben; mit diesem Tag begänne ein neuer Zeitabschnitt meines Lebens. »Gnädige Frau, ich bin hierher gekommen, um zu lernen und nicht um zu verlernen, und Sie werden mir erlauben, Ihnen zu sagen, daß man scevra mit v sagen muß und nicht sceura mit u; denn dieses Wort ist eine Zusammenziehung von sceverra.« »Es kommt darauf an, wer von uns beiden sich irrt.« »Sie, gnädige Frau; denn Ariosto reimt scevra mit perscevra, einem Wort, das Schlecht mit sceura zusammenklingen würde, denn dieses ist gar nicht italienisch.« Sie wollte ihre Behauptung verteidigen, aber ihr Mann, ein alter Herr von achtzig Iahren, sagte ihr, sie hätte unrecht. So schwieg sie dann, aber von diesem Augenblick an sagte sie jedem, der es hören wollte, ich sei ein Betrüger. Ihr Gatte, Luigi Riccoboni, wurde Lelio genannt. Er hatte im Jahre 1716 die Truppe nach Paris in den Dienst des Herzogs-Regenten gebracht. Er war ein verdienstvoller Mann. Er war früher sehr schön gewesen und genoß mit Recht der allgemeinen Achtung, sowohl wegen seines Talentes wie wegen der Reinheit seiner Sitten. Während der Mahlzeit war meine Hauptbeschäftigung, Sylvia zu studieren, die auf der Höhe ihres Ruhmes stand; nach meiner Meinung übertraf sie alles, was man über sie gedruckt hatte. Sie war ungefähr fünfzig Jahre alt, hatte einen eleganten Wuchs, edlen Gesichtsausdruck, gewandte Manieren, sie war liebenswürdig, lachlustig, fein in ihren Bemerkungen, entgegenkommend gegen jedermann, geistvoll und durchaus anspruchslos. Ihr Gesicht war ein Rätsel; denn es flößte ein sehr lebhaftes Interesse ein, gefiel allgemein und hatte trotzdem bei näherer Prüfung nicht einen einzigen ausgesprochenen schönen Zug. Man konnte nicht sagen, daß sie schön sei; aber ganz gewiß wäre es niemand eingefallen, sie häßlich zu finden; trotzdem gehörte sie nicht zu jenen Frauen, die weder schön noch häßlich sind; denn sie hatte ein gewisses unbeschreiblich Interessantes an sich, das in die Augen sprang und fesselte. Aber wie war sie denn nun eigentlich? Schön – aber schön nach Gesetzen, die einem jeden unbekannt waren, der sich nicht durch unwiderstehliche Gewalt zu ihr hingezogen fühlte und sie lieben mußte, der infolgedessen nicht den Mut hatte, sie zu studieren, und nicht die Ausdauer, sie schließlich doch kennen zu lernen. Sylvia war der Abgott Frankreichs, und ihr Talent war die Stütze aller Komödien, die die größten Schriftsteller für sie verfaßten, besonders Marivaux. Ohne sie wären diese Komödien nicht auf die Nachwelt gekommen. Man hat niemals eine Schauspielerin gefunden, die sie hätte ersetzen können, denn diese hätte alle Vorzüge vereinigen müssen, die Sylvia in ihrer schwierigen Kunst besaß: Beweglichkeit, Stimme, Geist, Gesichtsausdruck, Haltung und eine große Kenntnis des menschlichen Herzens. Alles an ihr war Natur, und die Kunst, die diese Natur vervollkommnete, blieb stets verborgen. Zu den eben erwähnten Eigenschaften fügte Sylvia noch eine andere hinzu, die ihr einen neuen Glanz verlieh, obwohl sie auch ohne diesen Vorzug auf der Bühne stets an erster Stelle geglänzt haben würde: ihre Aufführung war stets makellos. Sie wollte nur Freunde haben, niemals Liebhaber. Somit lachte sie eines Vorrechtes, dessen sie hätte genießen können, das sie aber in ihren eigenen Augen verächtlich gemacht haben würde. Dieser Aufführung verdankte sie den Ruf einer achtbaren Frau in einem Alter, wo ein solcher allen ihren Berufsgenossinnen lächerlich oder gar beleidigend hätte erscheinen können. Zahlreiche Damen von höchstem Range beehrten sie mehr noch mit ihrer Freundschaft, als mit ihrer Protektion. Niemals wagte das launenhafte Parkett Sylvia auszuzischen, nicht einmal in den Rollen, die ihm nicht gefielen; man sagte einmütig, die berühmte Schauspielerin sei eine Frau, die hoch über ihrem Beruf stehe. Sylvia war der Meinung, daß ihre gute Aufführung ihr nicht als Verdienst angerechnet werden könnte, denn sie wußte, daß sie auch deshalb so ehrbar war, weil ihr Selbstgefühl bei dieser Ehrbarkeit seine Rechnung fand; deshalb zeigte sie niemals Stolz oder Überlegenheit in ihren Beziehungen zu ihren Kolleginnen, obgleich diese sich wenig draus machten, durch Tugend berühmt zu werden, sondern zufrieden waren, wenn sie durch ihre Begabung oder ihre Schönheit glänzten. Sylvia hatte sie alle gern und wurde von allen wiedergeliebt; sie ließ ihrem Verdienst öffentlich Gerechtigkeit widerfahren und lobte sie aufrichtig; aber man fühlte, daß sie dabei nichts verlor, denn da sie sie an Talent übertraf und ihr Ruf unantastbar war, konnten die anderen sie nicht in den Schatten stellen. Die Natur hat dieser einzigen Frau zehn Jahre ihres Lebens geraubt; denn im Alter von sechzig Jahren, zehn Jahre nach unserer Bekanntschaft, wurde sie schwindsüchtig; das Pariser Klima spielt den italienischen Schauspielerinnen ziemlich oft solche Streiche. Zwei Jahre vor ihrem Tode sah ich sie die Rolle der Marianna im Marivaurschen Stücke spielen, und trotz ihrem Alter und ihrem Zustand war die Illusion vollständig. Sie starb in meiner Gegenwart, ihre Tochter umschlungen haltend; fünf Minuten vor ihrem Verscheiden gab Sie ihre letzten Ratschläge. Sie erhielt ein ehrenvolles Begräbnis in Saint-Sauveur, ohne daß der ehrwürdige Geistliche den geringsten Widerspruch erhob; im Gegenteil, dieser würdige Seelenhirte, der von der unchristlichen Unduldsamkeit seiner meisten Amtsbrüder weit entfernt war, sagte: Trotz ihrem Beruf als Schauspielerin sei sie doch eine gute Christin gewesen, und die Erde sei die gemeinsame Mutter von uns allen, wie Jesus Christus der Heiland der ganzen Welt sei. Du wirst mir verzeihen, lieber Leser, daß ich, ohne jede Absicht, ein Wunder zu vollbringen, dich zehn Jahre vor Sylvias Tode an ihrem Begräbnis habe teilnehmen lassen; hiefür werde ich dir diese Mühe ersparen, wenn wir so weit sind. Ihre einzige Tochter, die sie zärtlich liebte, saß bei Tisch neben ihrer Mutter; sie war damals erst neun Jahre alt. Ganz in Anspruch genommen von der Aufmerksamkeit, die ich ihrer Mutter widmete, beachtete ich sie damals gar nicht; sie sollte mich aber später beschäftigen. Nach dem Abendessen, das sehr lange dauerte, begab ich mich zu meiner Wirtin, Frau Quinson, bei der ich mich sehr gut aufgehoben fand. Als ich am anderen Morgen erwachte, kam Frau Quinson in mein Zimmer und sagte mir, es wäre ein Bedienter draußen, der mir seine Dienste anbieten wollte. Ich ließ ihn eintreten und sah einen Menschen von sehr kleinem Wuchs, was mir nicht gefiel. Ich sagte es ihm. »Meine Kleinheit, mein Prinz, wird Ihnen dafür bürgen, daß ich nicht Ihre Kleider anziehen werde, um auf Liebesabenteuer auszugehen.« »Wie heißen Sie?« »Wie Sie wollen!« »Wie? Ich frage nach dem Namen, den Sie führen!« »Ich habe gar keinen. Jeder Herr, dem ich diene, gibt mir einen nach seinem Gefallen, und ich habe in meinem Leben mehr als fünfzig gehabt. Ich werde bei Ihnen den Namen führen, den Sie mir geben.« »Aber Sie müssen doch einen Familiennamen haben?« »Ich habe niemals Familie gehabt. In meiner Jugend hatte ich einen Namen; aber in den zwanzig Jahren, seitdem ich diene und mit meinem Herrn auch meinen Namen wechsele, habe ich ihn vergessen.« »Nun, ich werde Sie Esprit nennen.« »Sie erweisen mir eine große Ehre.« »Holen Sie mir für diesen Louis Kleingeld!« »Hier, mein Herr.« »Ich sehe, Sie sind reich.« »Ganz zu Ihren Diensten.« »Bei wem kann ich mich nach Ihnen erkundigen?« »Im Stellenvermittlungsbureau. Übrigens wird Frau Quinson Ihnen Auskunft über mich geben können: ganz Paris kennt mich.« »Das genügt. Ich gebe Ihnen täglich dreißig Sous; ich kleide Sie nicht, Sie schlafen, wo Sie wollen, und stehen jeden Morgen um sieben Uhr zu meinem Befehl.« Baletti besuchte mich und bat mich, täglich bei ihm zu essen. Ich ließ mich nach dem Palais Royal führen und ließ Esprit am Eingang. Neugierig auf diesen so viel gepriesenen Ort, begann ich zunächst alles ein bißchen zu beobachten. Ich sah einen ziemlich schönen Garten, Alleen von großen Bäumen, Wasserbecken, hohe Häuser rundherum, viele spazierengehende Herren und Damen und überall Verkaufsstände, wo man neuerschienene Druckschriften, wohlriechende Wässer, Zahnstocher und allerlei kleinen Kram haben konnte. Ich sah eine Menge Strohstühle, die für einen Sou vermietet wurden; Zeitungsleser, die im Schatten saßen, Freudenmädchen und Herren, die allein oder in Gesellschaft frühstückten, und Kaffeekellner, die schnell eine durch Gesträuch verdeckte kleine Treppe herauf und hinunter liefen. Ich setzte mich an einen kleinen Tisch; sofort kam ein Kellner und fragte mich, was ich wünschte. Ich verlangte Wasserschokolade; er brachte mir eine abscheulich schlechte in einer prachtvollen Vermeiltasse. Ich bestellte Kaffee, wenn er guten hätte. »Ausgezeichneten! Ich habe ihn selber gestern gemacht.« »Gestern? Den will ich nicht.« »Unsere Milch ist ausgezeichnet!« »Milch? Die trinke ich niemals. Machen Sie mir eine Tasse Kaffee mit Wasser!« »Mit Wasser? Solchen machen wir nur nachmittags. Wollen Sie eine gute Fruchtcreme, eine Karaffe Mandelmilch?« »Jawohl! Mandelmilch.« Ich fand das Getränk ausgezeichnet und beschloß, es täglich zum Frühstück zu nehmen; ich fragte den Kellner, ob es etwas Neues gäbe; er antwortete, die Dauphine sei mit einem Prinzen niedergekommen. Ein Abbé, der dicht nebenan an einem Tische saß, sagte zu ihm: »Unsinn! sie hat eine Prinzessin zur Welt gebracht.« Ein Dritter trat heran und sagte: »Ich komme eben von Versailles; die Dauphine hat weder einen Prinzen noch eine Prinzessin geboren.« Er sagte mir, ich schiene ihm ein Fremder zu sein, und als ich ihm geantwortet hatte, ich sei ein Italiener, begann er mit mir über den Hof, die Stadt, die Schauspiele zu sprechen und erbot sich schließlich, mich überall hin zu begleiten. Ich dankte ihm, stand auf und ging. Der Abbé begleitete mich und sagte mir die Namen aller Mädchen, die im Garten spazieren gingen. Ein junger Mann begegnet ihm, sie umarmen sich, und der Abbé stellt ihn mir als einen gelehrten Kenner der italienischen Literatur vor. Ich sprach mit ihm italienisch; er antwortete mir geistvoll, aber ich mußte über seinen Stil lachen und sagte ihm den Grund. Er sprach nämlich genau in der Art des Boccaccio. Meine Bemerkung gefiel ihm; aber ich überzeugte ihn bald, daß man nicht so sprechen dürfte, obschon die Sprache dieses alten Schriftstellers vollkommen wäre. In weniger als einer Viertelstunde waren wir gute Freunde, weil wir bemerkten, daß wir dieselben Neigungen hatten. Er war Dichter, ich war es auch; er war neugierig auf die italienische Literatur, ich auf die französische. Wir tauschten unsere Adressen aus und versprachen uns gegenseitig, uns zu besuchen. In einer Ecke des Gartens sah ich viele Leute, die unbeweglich dastanden und die Nase in die Luft streckten. Ich fragte meinem neuen Freund, was es denn da Wunderbares gäbe? »Man paßt auf den Meridian auf; jeder hat seine Uhr in der Hand, um sie auf punkt 12 zu stellen.« »Gibt es denn nicht überall einen Meridian?« »Freilich; aber der vom Palais Royal ist der genaueste.« Ich lachte laut auf. »Warum lachen Sie?« »Weil es unmöglich ist, daß nicht alle Meridiane gleich sind. Da haben Sie eine Pariser Gedankenlosigkeit nach allen Regeln.« Er dachte einen Augenblick nach, lachte dann ebenfalls und lieferte mir reichlichen Stoff, an den guten Parisern Kritik zu üben. Wir verließen das Palais Royal durch das Haupttor, und ich sah eine Menge Leute vor einem Laden sich drängen, der das Zeichen einer Zibetkatze trug. »Was ist das?« »Da werden Sie wieder einmal lachen. Alle diese guten Leute warten darauf, daß sie an die Reihe kommen, um sich ihre Tabaksdose füllen zu lassen.« »Gibt es denn keinen anderen Tabakshändler?« »Tabak wird überall verkauft; aber seit drei Wochen will man nur noch den Tabak von der Zibetkatze.« »Ist er dort besser als anderswo?« »Vielleicht nicht so gut! Aber seitdem die Herzogin von Chartres ihn in die Mode gebracht hat, will man keinen andern mehr.« »Aber wie hat sie es gemacht, ihn in die Mode zu bringen?« »Sie hat zwei- oder dreimal ihre Kutsche vor dem Laden halten lassen, um ihre Dose füllen zu lassen, und hat der jungen Person, die sie ihr wieder hinausbrachte, öffentlich gesagt, ihr Tabak sei der beste in ganz Paris. Die Müßiggänger, die sich stets am Wagenschlag eines Prinzen ansammeln, und wenn sie ihn auch hundertmal gesehen hätten, oder wenn er so häßlich wäre wie ein Affe, wiederholten in der Stadt die Worte der Herzogin, und mehr war nicht nötig, um alle Schnupfer der Hauptstadt auf die Beine zu bringen. Die Frau wird sich ein Vermögen erwerben, denn sie verkauft täglich für mehr als hundert Taler Tabak.« »Die Herzogin hat natürlich keine Ahnung, welche Wohltat sie der Frau erzeigt hat.« »Im Gegenteil, es ist eine Kriegslist von ihr. Die Herzogin interessiert sich für die junge Frau, die sich erst kürzlich verheiratet hat; sie wollte ihr auf eine zarte Art Gutes tun und ist auf dieses Mittel verfallen, das ja auch vollkommen eingeschlagen hat. Sie können nicht glauben, was für wackere und gute Leute die Pariser sind; Sie sind im einzigen Lande der Welt, wo es ganz einerlei ist, ob der Geist Wahres oder Falsches zu Markte bringt: er kann auf beide Arten sein Glück machen; denn im ersten Fall wird er von den geistreichen und verdienstvollen Leuten anerkannt, im zweiten ist stets die Dummheit da, bereit, ihn zu belohnen. Die Dummheit ist nämlich charakteristisch für Paris, und das Erstaunliche bei der Sache ist, daß diese Pariser Dummheit eine Tochter des Geistes ist. Es ist daher auch kein Paradox, wenn man sagt, daß der Franzose klüger sein würde, wenn er weniger Geist hätte. Die Götter, die man hier anbetet, obgleich man ihnen keine Altäre errichtet, sind die Neuigkeit und die Mode. Ein Mensch braucht nur auf der Straße schnell zu laufen, und alles läuft hinter ihm her Die Menge bleibt erst stehen, wenn man entdeckt, daß der Mann verrückt ist; aber solche Entdeckungen können niemals ein Ende nehmen, denn wir haben hier eine Menge von Leuten, die von Geburt an verrückt sind, aber noch für vernünftig gelten. Der Tabak der Zibetkatze ist nur ein schwaches Beispiel, wie der geringfügigste Umstand eine große Menschenmenge an einem Ort zusammenbringen kann. Eines Tages kam der König auf der Jagd nach Neuilly und bekam Lust auf ein Glas Ratafia. Er hält vor der Tür der Schenke an, und der allerglücklichste Zufall will es, daß der arme Schenkwirt wirklich eine Flasche hatte. Der König trank ein Gläschen und verlangte darauf ein zweites, indem er sagte, er habe in seinem ganzen Leben keinen so köstlichen Ratafia getrunken. Dies war mehr als genug, um den Ratafia des braven Wirtes von Neuilly in den Ruf zu bringen, er sei der beste in ganz Europa: Der König hatte es gesagt. Es kehrten denn auch ununterbrochen die glänzendsten Gesellschaften bei dem armen Schenkwirt ein; dieser ist heutzutage ein sehr reicher Mann und hat an derselben Stelle ein prachtvolles Haus bauen lassen. Es trägt eine ziemlich komische Inschrift, die wir einem der vierzig Unsterblichen verdanken: Ex liquidis solidum. Welches ist die Gottheit, die dieser Schenkwirt anbeten muß? Die Dummheit, die Leichtfertigkeit und die Lachlust.« »Mir scheint,« versetzte ich ihm, »diese Art von Beifall, den man den Meinungen des Königs, der Prinzen von Geblüt usw. zollt, ist eher ein Beweis für die Liebe der Nation, die sie anbetet; denn die Franzosen halten ja geradezu diese Leute für unfehlbar.« »Ganz gewiß erweckt alles, was hier bei uns vorgeht, in den Fremden den Glauben, das Volk bete seinen König an; aber die Denkenden unter uns erkennen schließlich bald, daß es keine bare Münze ist; denn der Hof zählt dabei nicht mit. Wenn der König nach Paris kommt, schreit alles: Es lebe der König!, weil eben ein Tagedieb damit den Anfang macht, oder weil irgend ein Polizist in der Menge das Zeichen dazu gegeben hat; aber diese Rufe haben keine Bedeutung, sie gehen aus lustiger Stimmung hervor, manchmal auch aus Furcht, und es fällt dem König gar nicht ein, sie für bare Münze zu nehmen. In Paris fühlt er sich gar nicht behaglich, und er befindet sich viel besser in Versailles inmitten von 25000 Mann, die ihn vor der Wut desselben Volkes beschützen, das am Ende auch einmal vernünftig werden und ebensogut schreien könnte: Es sterbe der König! Ludwig der Vierzehnte wußte dies sehr wohl, und es hat einigen Räten der großen Kammer das Leben gekostet, daß sie davon zu sprechen wagten, die Generalstände einzuberufen, um für die Ubel, unter denen der Staat litt, Abhilfe zu schaffen. Frankreich hat niemals seine Könige geliebt, mit Ausnahme Ludwigs des Heiligen, Ludwigs des Zwölften und des guten und großen Heinrichs des Vierten; und bei diesem war die Liebe des Volkes ohnmächtig und nicht imstande, ihn vor dem Dolch der Jesuiten zu bewahren, dieser verfluchten Rasse, die ebensosehr die Feinde der Völker wie die der Könige sind. Der jetzige König, ein schwacher Mann, den seine Minister am Gängelbande führen, sagte einmal nach einer überstandenen Krankheit ganz aufrichtig: »Ich bin erstaunt über die lauten Freudenbezeigungen aus Anlaß meiner Genesung, denn ich kann mir nicht vorstellen, warum man mich so liebt«. – Viele Könige könnten dasselbe sagen, zum wenigsten, wenn das Maß der Liebe sich nach dem Maße des von ihnen geleisteten Guten richten würde. Man hat den naiven Ausspruch des Herrschers in den Himmel erhoben, aber ein philosophischer Hofmann hätte ihm sagen müssen, man liebe ihn so sehr, weil er den Beinamen des Vielgeliebten trage.« »Den Beinamen oder Spitznamen? Findet man übrigens bei Ihnen philosophische Hofleute?« »Philosophen nein; denn das sind zwei Dinge, die einander ausschließen, wie Licht und Schatten; aber es gibt bei uns geistreiche Leute, die aus Ehrgeiz und Eigennutz in die Zügel beißen.« Unter solchen Gesprächen führte Herr Patu – so hieß mein neuer Bekannter – mich bis an die Tür von Sylvias Haus, zu deren Bekanntschaft er mir Glück wünschte; hier trennten wir uns. Ich fand die liebenswürdige Schauspielerin in schöner Gesellschaft. Sie stellte mich allen Anwesenden vor und nannte mir die Namen jedes einzelnen. Der Name Crébillon erfüllte mich mit Freude. »Wie, mein Herr,« rief ich, »so schnell glücklich? Seit acht Jahren bezaubern Sie mich; seit acht Jahren wünschte ich Sie kennen zu lernen. Bitte hören Sie!« Und nun deklamierte ich ihm die schönste Stelle aus Cenobia und Rhadamiste, die ich in Blankverse übersetzt hatte. Sylvia freute sich über das Vergnügen, das Crébillon empfand, als er mit achtzig Jahren sich in einer Sprache hörte, die er kannte und wie seine eigene liebte. Er deklamierte die gleiche Szene auf französisch und hob höflich die Stellen hervor, bei denen ich nach Seiner Meinung ihn verschönert hatte. Ich dankte ihm, ohne mich jedoch von dem Kompliment fangen zu lassen. Wir setzten uns zu Tisch, und da man mich fragte, was ich denn in Paris Schönes gesehen hätte, erzählte ich alles, ausgenommen meine Unterhaltung mit Patu. Nachdem ich sehr lange gesprochen hatte, sagte Crébillon, der besser als alle anderen den von mir eingeschlagenen Weg, um die guten und schlechten Seiten seiner Nation kennen zu lernen, erkannt hatte, folgendes zu mir: »Für einen ersten Tag, mein Herr, finde ich Ihre Beobachtungen vielversprechend, und ohne Zweifel werden Sie sehr schnelle Fortschritte machen. Sie erzählen gut, und Sie sprechen französisch auf eine Art, daß Sie sich vollkommen verständlich machen; aber alles, was Sie sagen, ist nur verkleidetes Italienisch. Man hört Ihnen mit Interesse zu, und durch die Neuheit Ihrer Sprechweise fesseln Sie doppelt die Aufmerksamkeit Ihrer Zuhörer. Ich muß Ihnen sogar sagen, daß diese Sprechweise danach angetan ist, den Beifall der Hörer zu gewinnen; denn sie ist eigenartig und neu, und Sie befinden sich in dem Lande, wo man dem Eigenartigen und Neuen nachläuft. Aber Sie müssen sich schon von morgen ab die größte Mühe geben, unsere Sprache gut sprechen zu lernen; denn in zwei oder drei Monaten werden dieselben Leute, die Ihnen heute Beifall klatschen, anfangen, sich über Sie lustig zu machen.« »Ich glaube es, mein Herr, und fürchte es; der Hauptzweck meiner Reise nach Paris ist ja auch, mich mit aller Kraft auf das Studium der französischen Sprache zu verlegen; aber mein Herr, wie soll ich es anfangen, einen Lehrer zu finden? Ich bin ein unerträglicher Schüler: fragelustig, neugierig, hartnäckig, unersättlich. Und angenommen, ich könnte wirklich den richtigen Lehrer finden, so bin ich nicht reich genug, um ihn bezahlen zu können.« »Seit sechzig Jahren, mein Herr, suche ich einen solchen Schüler, wie Sie sich soeben selbst geschildert haben; und ich werde Sie sogar bezahlen, wenn Sie zu mir kommen und Unterricht bei mir nehmen wollen. Ich wohne im Marais in der Rue des douze portes; ich besitze die besten italienischen Dichter. Ich werde Sie diese ins Französische übersetzen lassen und werde Sie niemals unersättlich finden.« Voller Freuden nahm ich an. Ich war in großer Verlegenheit, wie ich ihm meine Dankbarkeit ausdrücken sollte; aber das Anerbieten trug den Stempel der Aufrichtigkeit, ebenso wie die wenigen Worte, mit denen ich darauf antwortete. Crébillon war ein Riese; er war sechs Fuß hoch; um drei Zoll größer als ich. Er aß gut und erzählte in scherzhafter Weise und ohne dabei zu lachen. Er war berühmt wegen seiner witzigen Aussprüche und war ein ausgezeichneter Gesellschafter; aber er verbrachte sein Leben in seinem Hause, ging selten aus und empfing fast niemals Besuch, weil er immer die Pfeife im Munde hatte und von etwa zwanzig Katzen umgeben war, mit denen er den größten Teil des Tages spielte. Er hatte eine alte Haushälterin, eine Köchin und einen Bedienten. Seine Haushälterin dachte an alles, ließ es ihm an nichts fehlen und legte ihm niemals Rechnung über sein Geld ab; dieses hatte sie ganz allein in Händen, weil er niemals etwas von ihr verlangte. In seinen Gesichtszügen ähnelte Crébillon einem Löwen oder einem Kater, was dasselbe ist. Er war königlicher Zensor, und diese Stelle machte ihm Spaß, wie er mir sagte. Seine Haushälterin las ihm die Werke vor, die bei ihm eingereicht wurden,und sie unterbrach die Vorlesung,wenn sie glaubte, daß etwas seine Zensur verdiente. Zuweilen waren sie aber auch verschiedener Meinung, dann wurde ihr Streit wirklich komisch. Eines Tages hörte ich, wie die Haushälterin jemand mit den Worten wegschickte: »Kommen Sie nächste Woche wieder; wir haben noch keine Zeit gehabt, Ihr Manuskript zu prüfen.« Ein ganzes Jahr lang ging ich dreimal wöchentlich zu Herrn Crébillon, und ich lernte von ihm alles Französisch, das ich weiß; aber es ist mir stets unmöglich gewesen, mich von meinen italienischen Wendungen frei zu machen. Ich bemerke sie sehr gut, wenn ich ihnen bei anderen begegne; aber sie fließen mir beim Schreiben aus der Feder, und es will mir nicht gelingen, sie zu fühlen. Ich bin überzeugt, daß ich es niemals dahin bringen werde, sie zu erkennen, ebensowenig, wie ich jemals habe herausfinden können, worin die fehlerhafte Latinität bestehe, die man dem Titus Livius zum Vorwurf macht. Ich machte aus irgend einem Anlaß einen Achtzeiler in freien Versen und zeigte ihn Herrn Crébillon, um ihn mir von diesem verbessern zu lassen. Er las die Verse aufmerksam und sagte mir: »Die acht Verse sind gut und sehr richtig, der Gedanke ist schön und sehr poetisch, die Sprache ist vollkommen; und trotzdem ist der Achtzeiler schlecht.« »Wieso denn?« »Das weiß ich nicht. Es fehlt ein gewisses Etwas. Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Mann, Sie finden ihn schön, wohlgewachsen, liebenswürdig, geistreich, mit einem Wort vollkommen, obgleich Sie den strengsten Maßstab anlegen. Eine Frau kommt dazu, sieht ihn, betrachtet ihn und geht, indem sie Ihnen sagt, der Mann gefalle ihr nicht. \>Aber welchen Fehler finden Sie denn?\< – \>Keinen. Aber er mißfällt mir.\< Sie wenden sich wieder zu jenem Mann, prüfen ihn noch einmal und finden, daß man, um ihm eine Engelsstimme zu geben, ihm das genommen hat, was den Mann ausmacht; und so müßten Sie einräumen, daß ihr unbewußtes Gefühl der Frau das Richtige eingegeben hatte.« Durch dieses Gleichnis erklärte Crébillon mir eine fast unerklärliche Sache; denn wirklich, nur der Geschmack und das Gefühl können eine Erscheinung erklären, die aller Regeln spottet. Wir sprachen bei Tisch viel von Ludwig dem Vierzehnten, um dessen Huld Crébillon fünfzehn Jahre sich beworben hatte, und er erzählte uns ganz eigentümliche Anekdoten, die kein Mensch kannte. Unter anderem versicherte er uns, die siamesischen Gesandten seien Betrüger gewesen, die von der Madame de Maintenon bezahlt gewesen wären. Er sagte uns, er hätte seine Tragödie Cromwell nicht vollendet, weil der König ihm eines Tages gesagt habe, er solle seine Feder nicht dazu mißbrauchen, einen Schelm zu verherrlichen. Crébillon sprach mit uns auch über seinen Catilina, er sagte, er halte das Drama für das schwächste unter allen seinen Stücken; aber das Stück hätte nur gut werden können, wenn er Caesar als jungen Mann auf die Bühne gebracht hätte, und das hätte er nicht gewollt; denn dadurch würde Caesar lächerlich gewirkt haben, gerade wie Medea lächerlich wirken müßte, wenn man sie als junges Mädchen vor ihrer Bekanntschaft mit Jason auftreten ließe. Dem Talent Voltaires zollte er großes Lob, aber er beschuldigte ihn des Diebstahls; denn er hätte ihm die Senatsszene gestohlen. Doch sei er ein geborener Historiker und ganz der Mann dazu, Weltgeschichte sowohl wie Tragödien zu schreiben; leider verfälschte er die Geschichte, indem er sie mit kleinen Geschichtchen, Märchen und Anekdötchen anfülle, bloß um die Lektüre interessant zu machen. Nach Crébillon war der Mann mit der eisernen Maske ein Märchen, er sagte, Ludwig der Vierzehnte habe ihm dies mit eigenem Munde versichert. Am Abend dieses Tages gab man im italienischen Theater das Drama Cenie von Frau von Grafigny. Ich ging zeitig hin, um einen guten Platz im Amphitheater zu bekommen. Mich interessierten die Damen, die ganz mit Diamanten bedeckt in den vordersten Logen Platz nahmen, und ich beobachtete sie aufmerksam. Ich trug einen schönen Anzug, aber an meinen offenen Manschetten und meinen ganz bis unten herabgehenden Knöpfen erkannte ein jeder mich als Fremden, denn diese Mode gab es in Paris nicht. Während ich so dastand und auf meine Art Maulaffen feil hielt, trat ein reich gekleideter Herr, der dreimal so dick war wie ich, an mich heran und fragte mich höflich, ob ich fremd sei. Ich bejahte, und er fragte weiter, wie ich Paris fände. Während ich das Loblied von Paris fang, betrat eine mit Edelsteinen bedeckte, riesige Dame die Loge nebenan. Ihr ungeheuerer Umfang verblüffte mich, und ich sagte dummerweise zu dem Herrn: »Was ist denn das für ein dickes Schwein?« »Die Frau dieses dicken Schweins.« »Oh, mein Herr, ich bitte Sie eine Million mal um Entschuldigung!« Aber mein dicker Herr brauchte meine Entschuldigung nicht; weit entfernt, böse zu sein, wollte er vor Lachen platzen. Edle und glückliche Wirkung der praktischen und natürlichen Philosophie, von der die Franzosen unter dem Anschein der Leichtfertigkeit zum Glück des Lebens einen so edlen Gebrauch machen! Ich war in Verzweiflung, und der dicke Herr hielt sich den Bauch vor Lachen. Endlich steht er auf und verläßt das Amphitheater; einen Augenblick darauf sehe ich ihn in die Loge treten und mit seiner Frau sprechen. Ich wagte nicht, ihnen ins Gesicht zu sehen und beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Plötzlich sah ich die Dame in die Heiterkeit ihres Gemahls einstimmen und herzlich lachen. Ihre Heiterkeit vermehrte noch meine Verlegenheit, und ich beschloß, fortzugehen. Plötzlich aber hörte ich mich rufen: »Mein Herr! Mein Herr!« Ich konnte nicht hinausgehen, ohne unhöflich zu sein, und trat an ihre Loge heran. Nun bat er mich mit ernster Miene und im edelsten Ton um Verzeihung, daß er so übermäßig gelacht habe. In der liebenswürdigsten Weise lud er mich ein, ich möchte ihm die Ehre erweisen, an demselben Abend noch bei ihm zu esen. Ich dankte ihm höflich und entschuldigte mich, indem ich ihnen sagte, ich sei schon eingeladen. Er wiederholte seine dringenden Aufforderungen, und auch seine Frau lud mich in der zuvorkommendsten Weise ein. Um sie zu überzeugen, daß ich mich nicht unter einem leeren Vorwand ihrer Einladung zu entziehen suchte, sagte ich ihnen endlich, ich würde bei Sylvia erwartet. »Ich bin überzeugt, Sie frei machen zu können, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist. Ich werde persönlich zu ihr gehen.« Es wäre unhöflich von mir gewesen, nicht nachzugeben. Er stand auf, ging hinaus und kam wenige Augenblicke darauf mit meinem Freunde Baletti wieder, der mir sagte, meine Mutter wäre entzückt, daß ich so schöne Bekanntschaften machte, und sie erwartete mich am nächsten Tage zum Mittagessen. Dann nahm mein Freund mich auf die Seite und sagte mir, der Herr sei der Generalsteuereinnehmer, Herr de Beauchamp. Als der Vorhang gefallen war, reichte ich der gnädigen Frau meinen Arm, wir stiegen alle drei in eine prachtvolle Equipage und fuhren nach ihrem Palais. Es herrschte dort der Überfluß, oder vielmehr die Verschwendung, die man in Paris bei allen Leuten dieser Klasse findet: große Gesellschaft, hohes Kartenspiel, prachtvolles Essen und ungezwungene Heiterkeit bei Tisch. Das Souper dauerte bis ein Uhr nachts; die Kutsche der gnädigen Frau brachte mich nach Hause. Dieses Haus stand mir während der ganzen Zeit meines Pariser Aufenthaltes offen, und ich darf nicht versäumen zu sagen, daß es mir von großem Nutzen war. Wenn man sagt, ein Fremder langweile sich in Paris während der ersten vierzehn Tage, so hat man recht; denn man braucht Zeit, um eingeführt zu werden; ich jedoch hatte das Glück, schon in den ersten vierundzwanzig Stunden nach Wunsch untergebracht zu sein, und konnte daher gewiß sein, daß ich mich behaglich fühlen würde. Am nächsten Morgen besuchte Patu mich und schenkte mir seine Prosalobrede auf den verstorbenen Marschall von Sachsen. Wir gingen miteinander aus und machten einen Spaziergang im Garten der Tuilerien, wo er mich der Madame Boccage vorstellte, die eine gute Bemerkung über den Marschall von Sachsen machte: »Es ist eigentümlich, daß wir nicht ein De profundis für diesen Mann sagen können, der der Anlaß war, daß wir so oft Te Deum gesungen haben.« Von den Tuilerien führte Patu mich zu einer berühmten Opernsängerin, Fräulein Le Fel, dem Liebling von ganz Paris und Mitglied der königlichen Akademie der Musik. Sie hatte drei reizende Kinder im zartesten Alter, die im Hause herumhüpften. »Ich bete sie an!« sagte sie zu mir. »Sie verdienen es wegen ihrer Schönheit,« antwortete ich ihr, »obgleich jedes Kind einen verschiedenen Ausdruck hat.« »Das will ich wohl glauben! Der älteste ist der Sohn des Herzogs von Annecy, der zweite ist der Sohn des Grafen Egmont, und der jüngste stammt von Maison-Rouge, der kürzlich die Romainville geheiratet hat.« »Ach, entschuldigen Sie bitte; ich glaubte, Sie seien die Mutter von allen dreien.« »Sie haben sich durchaus nicht getäuscht; ich bin es.« Bei diesen Worten sah sie Patu an und brach mit ihm in ein Gelächter aus, das mich zwar nicht zum Erröten brachte, aber mich über meinen Schnitzer aufklärte. Ich war Neuling und noch nicht gewöhnt Frauen sich gewisse Vorrechte der Männer anmaßen zu sehen. Fräulein Le Fel war jedoch nicht schamlos; sie gehörte sogar zur guten Gesellschaft; aber sie war, wie man so sagt, über Vorurteile erhaben. Hätte ich die Sitten der Zeit besser gekannt, so würde ich gewußt haben, daß derartige Dinge ganz in der Ordnung waren, und daß die großen Herren, die auf solche Weise ihre edle Nachkommenschaft ausstreuten, ihre Kinder in den Händen der Mutter ließen, denen sie dafür beträchtliche Erziehungsgelder auszahlten. Diese Damen lebten daher um so behaglicher, je mehr eigene Kinder sie ansammelten. Infolge meiner Unbekanntheit mit den Pariser Sitten machte ich zuweilen böse Mißgriffe, und Fräulein Le Fel würde ohne Zweifel nach der täppischen Antwort, die ich mir hatte zuschulden kommen lassen, jedem ins Gesicht gelacht haben, der ihr gesagt hätte, ich besäße Geist. An einem anderen Tage war ich beim Ballettmeister der Oper, Lani. Ich sah dort fünf oder sechs junge Personen von dreizehn oder vierzehn Jahren, die alle von ihren Müttern begleitet wurden und alle das bescheidene Aussehen hatten, das von einer guten Erziehung spricht. Ich sagte ihnen Schmeicheleien, und sie antworteten mir mit niedergeschlagenen Augen. Als eine von ihnen über Kopfweh klagte, bot ich ihr mein Riechfläschchen an, und eine von ihren Kameradinnen sagte zu ihr: »Du hast gewiß nicht gut geschlafen.« – »Oh! Das ist es nicht,« antwortete meine Agnes; »aber ich glaube, ich bin schwanger.« Auf diese unerwartete Antwort von Seiten einer jungen Person, die ich nach ihrem Alter und nach ihrem Aussehen für eine Jungfrau gehalten hatte, bemerkte ich: »Ich glaubte nicht, daß Madame verheiratet wären.« Sie sah mich einen Augenblick überrascht an, wandte sich dann zu ihrer Freundin, und beide lachten aus vollem Halse. Beschämt, aber mehr ihret- als meinerwegen, ging ich fort, fest entschlossen, nicht mehr freiwillig an Tugend bei einer Klasse von Weibern zu glauben, wo sie so selten ist. Bei Kulissennymphen Schamhaftigkeit zu suchen oder auch nur zu vermuten, dazu muß man doch gar zu einfältig sein; sie suchen eine Ehre darin, gar keine Scham zu haben, und machen sich über jeden lustig, der ihnen noch welche zutraut. Patu machte mich mit allen Mädchen bekannt, die in Paris in einigem Rufe standen. Er liebte das schöne Geschlecht, aber zum Unglück für ihn hatte er kein Temperament wie ich, und die Liebe zum Vergnügen kostete ihm in jungen Jahren das Leben. Wäre er am Leben geblieben, so hätte er Voltaire nicht viel nachgegeben; aber mit dreißig Jahren bezahlte er der Natur den verhängnisvollen Tribut, dem niemand entrinnt. Ich erfuhr von dem Gelehrten ein Geheimnis, das mehrere französische junge Literaten anwenden, um einer ganz vollkommenen Prosa sicher zu sein, wenn sie etwas schreiben wollen, was eine möglichst schöne Prosa erfordert, wie zum Beispiel Nachrufe, Leichenpredigten, Widmungsvorreden und dergleichen. Ich entriß ihm dieses Geheimnis gewissermaßen durch Überraschung. Als ich eines Morgens bei ihm war, sah ich auf seinem Tisch mehrere lose Blätter, die mit zweisilbigen Blankversen beschrieben waren, ich las etwa ein Dutzend davon und sagte ihm dann, die Verse seien zwar schön, aber sie zu lesen bereite mir mehr Mühe als Genuß. »Es sind die gleichen Gedanken, wie in dem Nachruf auf den Marschall von Sachsen, aber ich gestehe dir, daß die Prosa mir viel mehr Vergnügen macht.« »Meine Prosa hätte dir nicht so gut gefallen, wenn sie nicht vorher in Blankversen geschrieben gewesen wäre.« »Du hast dir da eine große Mühe rein vergebens gemacht.« »Von Mühe ist nicht die Rede, denn Blankverse machen mir keine. Man schreibt sie wie Prosa.« »Du glaubst also, die Prosa wäre schöner, wenn du sie deinen eigenen Versen entnimmst?« »Daran ist nicht zu zweifeln; sie wird schöner und ich sichere mir den Vorteil, daß alsdann meine Prosa nicht von jenen Halbversen wimmelt, die dem Schriftsteller aus der Feder fließen, ohne daß er's merkt.« »Ist dies ein Fehler?« »Ein sehr großer, ein unverzeihlicher; eine Prosa, die mit unbeabsichtigten Versen gespickt ist, ist schlechter als eine prosaische Poesie.« »Allerdings müssen Verse, die sich als Parasiten in eine Trauerrede eingeschlichen haben, sich übel ausnehmen.« »Ganz gewiß. Nimm zum Beispiel Tacitus; dessen Geschichtswerk beginnt mit dem Satz: Urbem Romam a principio reges habuere. Dies ist ein sehr schlechter lateinischer Hexameter, den der große Historiker ganz gewiß nicht absichtlich gemacht hat und den er bei der Durchsicht seines Werkes nicht entdeckt hat; denn ohne allen Zweifel hätte er dann dem Satz eine andere Wendung gegeben. Ist nicht auch die italienische Prosa schlecht, wenn man unbeabsichtigte Verse darin findet?« »Sehr schlecht. Aber ich muß dir sagen, daß viele armselige Geister absichtlich Verse anbringen, weil sie sie dadurch wohlklingender zu machen gedenken. Es ist im allgemeinen gerade dieser Klingklang, den ihr uns zum Vorwurf macht. übrigens bist du, glaube ich, der einzige, der sich diese Mühe macht.« »Der einzige? Nein gewiß nicht. Alle Schriftsteller, denen wie mir Blankverse keine Mühe machen, wenden dieses Mittel an. Frage Crébillon, den Abbé de Voisenon, La Harpe, frage wen du willst, und man wird dir dasselbe sagen wie ich. Voltaire ist der erste, der in den kleinen Stücken, worin seine Prosa zauberhaft ist, dieses Mittel angewandt hat. Dazu gehört zum Beispiel die Epistel an Madame du Châtelet: sie ist prachtvoll. Lies sie, und wenn du einen einzigen Halbvers darin findest, so magst du sagen, ich habe unrecht.« Dieses Gespräch machte mich neugierig, und ich fragte Crébillon danach; er sagte mir dasselbe, aber er versicherte mir, daß er selber es nie getan habe. Patu konnte es kaum erwarten, mich in die Oper zu führen, um zu sehen, welchen Eindruck dieses Schauspiel auf meinen Geist machen würde. Ein Italiener muß es allerdings außerordentlich finden. Man gab eine Oper, Venetianische Feste, deren Titel mich interessierte. Wir gingen für unsere vierzig Sous ins Parterre, wo man, obgleich man stehen mußte, gute Gesellschaft traf, denn dieses Schauspiel war das Lieblingsvergnügen der Franzosen. Nachdem ein ausgezeichnetes Orchester eine in ihrer Art sehr schöne Ouvertüre gespielt hatte, ging der Vorhang auf, und ich sah eine schöne Dekoration, die den Markusplatz von der kleinen Insel San Giorgio darstellte; aber ich sah zu meinem Verdruß den Dogenpalast zu meiner Linken und den großen Glockenturm zu meiner Rechten: also genau umgekehrt wie in Wirklichkeit. Über diesen komischen Fehler, der in unserem Jahrhundert nicht vorkommen sollte, mußte ich lachen, und Patu, dem ich den Grund sagte, lachte ebenfalls darüber. Die Musik war zwar schön nach dem alten Geschmack, aber sie unterhielt mich nur im Anfang ein bißchen, weil sie mir neu war, später langweilte sie mich. Die Gesangssprache ermüdete mich bald durch ihre Eintönigkeit und durch die am unrechten Ort hervorgestoßenen lauten Schreie. Diese Gesangssprache der Franzosen ersetzt nach ihrer Behauptung die griechische Gesangssprache und unser Rezitativ, das sie abscheulich finden, das sie aber lieben würden, wenn sie unsere Sprache verständen. Die Handlung stellte einen Karnevalstag dar, an welchem die Venetianer maskiert auf dem Markusplatz spazieren gehen. Auf der Bühne traten Liebhaber, Kupplerinnen und Mädchen auf, welche Intriguen anknüpften und wieder lösten. Die Kostüme waren sonderbar und falsch; aber das ganze war unterhaltend. Besonders über eins mußte ich herzlich lachen, und es war auch für einen Venetianer sehr lächerlich: ich sah nämlich aus den Kulissen den Dogen und die zwölf Mitglieder des Rates, alle in sonderbaren Talaren herauskommen und einen großen Rundtanz aufführen. Plötzlich hörte ich das Parterre heftig Beifall klatschen; es erschien ein großer und schöner Tänzer in Maske und mit einer ungeheueren schwarzen Perücke, die ihm über den halben Oberleib herabfiel; bekleidet war er mit einem vorne offenen Talar, der bis an die Absätze reichte. Patu sagte mir mit einer Art von Verehrung: »Das ist der unnachahmliche Duprès.« Ich hatte von ihm sprechen hören und paßte genau auf. Ich sah die schöne Gestalt mit abgemessenen Schritten sich vorwärts bewegen; vorne auf der Bühne angekommen, erhob der Tänzer langsam seine gerundeten Arme, bewegte sie voller Anmut, streckte sie aus, verschränke sie, machte leichte und genaue Fußbewegungen, kleine Schritte, einen Kreuzsprung, eine Pirouette und verschwand hierauf wie ein Zephyr. Das Ganze hatte keine halbe Minute gedauert. Beifallsklatschen, Bravorufen von allen Ecken und Enden des Saales! Ich war darüber erstaunt und fragte meinen Freund nach dem Grunde. »Der Beifall gilt der Anmut unseres Dupès und der göttlichen Harmonie seiner Bewegungen. Er ist sechzig Jahre alt, und wer ihn vor vierzig Jahren gesehen hat, der findet, er sei immer noch der gleiche.« »Wie? Er hat niemals anders getanzt?« »Er kann nicht besser getanzt haben; denn die Entwicklung, die du gesehen hast, ist vollkommen, und was kennst du, das über das Vollkommene hinausginge?« »Nichts, das heißt, vorausgesetzt, daß die Vollkommenheit nicht nur eine relative ist.« »Hier ist sie absolut. Duprès macht immer dasselbe, und jeden Tag glauben wir es zum erstenmal zu sehen. Das ist die Macht des Schönen und des Guten, des Erhabenen und des Wahren. Dieser Tanz ist eine Harmonie; er ist der echte Tanz, von dem ihr in Italien keinen Begriff habt.« Beim Ende des zweiten Aktes erschien von neuem Duprès, das Gesicht von einer Maske verdeckt. Er tanzte nach einer anderen Melodie, machte aber in meinen Augen genau das gleiche. Er trat bis dicht an die Rampe vor und stand einen Augenblick in einer vollendet schön gezeichneten Stellung da. Patu verlangte von mir, ich solle ihn bewundern; ich gab es ihm zu; plötzich hörte ich im Parterre hundert Stimmen rufen: »Ah, mein Gott, mein Gott, er entwickelt sich, er entwickelt sich!« Er schien allerdings ein elastischer Körper zu sein, der sich entwickelte und dadurch größer erschien. Ich machte Patu glücklich, indem ich ihm sagte, Duprès besitze wirklich in allem eine vollendete Anmut. Unmittelbar darauf sah ich eme Tänzerin, die wie eine Furie über die Bühne raste und Kreuzsprünge nach rechts und nach links und nach allen Richtungen machte, jedoch nur von geringer Höhe. Trotzdem wurde sie mit einer Art von Wut beklatscht. »Dies ist«, sagte Patu zu mir, »die berühmte Camargo. Ich wünsche dir Glück, mein Freund, daß du noch rechtzeitig nach Paris gekommen bist, um sie zu sehen, denn sie hat ihr zwölftes Lustrum hinter sich!« Ich gab zu, daß ihr Tanz wunderbar sei. »Sie ist«, fuhr mein Freund fort, »die erste Tänzerin, die auf unserem Theater gewagt hat, Sprünge zu machen; denn vor ihr taten die Tänzerinnen das nicht. Bewunderungswürdig aber ist, daß sie keine Unterhosen trägt.« »Verzeihung, ich sah ...« »Was hast du gesehen? Das war ihre Haut, die allerdings nicht von Lilien und Rosen ist.« »Die Camargo«, sagte ich zu ihm mit zerknirschter Miene, »gefällt mir nicht. Duprès ist mir lieber.« Ein alter Bewunderer, der links neben mir stand, sagte mir, in ihrer Jugend habe sie den Baskensprung und sogar Gargouillade gemacht, und man habe niemals ihre Schenkel gesehen, obgleich sie mit bloßen Beinen tanzte. »Aber wenn Sie niemals ihre Schenkel gesehen haben, wie können Sie dann wissen, daß sie keine Trikots trug?« »Oh! Das sind Dinge, die man wohl wissen kann; ich sehe, der Herr ist hier fremd.« »Oh! In dieser Beziehung sehr fremd.« Was mir sehr an der französischen Oper gefiel, das war die Schnelligkeit, womit auf einmal alle Dekorationen auf einen Pfiff hin gewechselt wurden. Hiervon hat man in Italien gar keinen Begriff. Entzückend fand ich auch den Beginn des Orchesters mit einem Bogenstrich; aber der Dirigent mit seinem Taktstock, der mit rasenden Bewegungen nach rechts und links schlug, wie wenn bloß durch die Kraft seines Armes alle Instrumente ganz von selber gehen müßten – der war mir geradezu ekelhaft. Ich bewunderte auch die Stille der Zuschauer, was für einen Italiener ganz selten war; denn mit vollem Recht ärgert man sich in Italien über den Lärm, der dort gemacht wird, während die Künstler singen; und man kann gar nicht genug hervorheben, wie lächerlich dann das Schweigen ist, das auf diesen Lärm folgt, sobald die Tänzer auftreten; man möchte sagen, daß die Italiener ihre ganze Intelligenz in den Augen haben. Übrigens gibt es in der ganzen Welt kein Land, wo der Beobachter nichts Sonderbares und Unvernünftiges finden könnte, und zwar einfach deshalb, weil er vergleichen kann; die Einheimischen können diese Fehler nicht bemerken. Alles in allem genommen, machte die Oper mir Spaß; mein ganzes Herz aber gewann die französische Komödie. Hier sind die Franzosen wirklich in ihrem Element; sie spielen meisterhaft, und die anderen Völker dürfen ihnen nicht die Palme streitig machen, welche Geist und guter Geschmack ihnen zusprechen müssen. Ich ging alle Tage in die Komödie, und obgleich manchmal nicht zweihundert Zuschauer anwesend waren, gab man doch die klassischen Stücke, und in ausgezeichneter Darstellung. So sah ich den Menschenfeind, den Geizhals, den Tartüff, den Spieler, den Prahler und viele andere; und obgleich ich sie oft sah, glaubte ich sie stets zum erstenmal zu sehen. Ich kam gerade noch rechtzeitig nach Paris, um Sarasin, die Dangeville, die Dumesnil, die Gaussin, die Clairon, Preville, zu sehen; auch lernte ich mehrere Schauspieler kennen, die sich vom Theater zurückgezogen hatten und von ihren Ruhegeldern lebten, aber immer noch die Gesellschaft bezauberten, die die bei sich empfingen. Unter anderen lernte ich die berühmte Le Vasseur kennen; ich besuchte diese Damen mit Vergnügen, und sie erzählten mir außerordentlich merkwürdige Anekdoten. Sie waren im allgemeinen sehr dienstbereit und zwar in jeder Beziehung. Eines Tages saß ich in einer Loge mit der Vasseur, man gab eine Tragödie, worin ein hübsches Mädchen die stumme Rolle einer Priesterin spielte. »Wie hübsch sie ist!« sagte ich zu ihr. »Ja, reizend. Sie ist die Tochter des Künstlers, der den Vertrauten spielt. Sie ist sehr liebenswürdig in Gesellschaft und verspricht sehr viel.« »Ich würde gern ihre Bekanntschaft machen.« »O mein Gott, das ist nicht schwierig. Ihr Vater und ihre Mutter sind sehr ehrenwerte Leute, und ich bin überzeugt, sie werden entzückt sein, wenn Sie sich bei ihnen zum Abendessen einladen. Sie werden Ihnen nicht lästig fallen, sie werden zu Bett gehen und Sie frei mit ihrer Tochter bei Tisch plaudern lassen, solange Sie Lust haben. Sie sind in Frankreich, mein Herr, und hier kennt man den Wert des Lebens und sucht es zu genießen. Wir lieben den Genuß und schätzen uns glücklich, wenn wir den Genuß verschaffen können.« »Diese Denkweise ist reizend, gnädige Frau; aber wie könnte ich wohl die Stirn haben, mich zum Essen einzuladen bei Leuten, die ich gar nicht kenne und die mich ebensowenig kennen?« »O du lieber Gott, was sagen Sie da? Wir kennen alle Welt! Sie sehen doch, wie ich Sie behandle. Nach der Aufführung werde ich Sie vorstellen, und die Bekanntschaft wird gemacht sein.« »Ich werde Sie bitten, mir diese Ehre ein anderes Mal zu erweisen.« »Wann Sie wollen.« Neuntes Kapitel Meine Tapereien in der französischen Sprache; meine Erfolge: meine zahlreichen Bekanntschaften. – Ludwig der Fünfzehnte. – Ankunft meines Bruders in Paris. Alle italienischen Schauspieler in Paris wollten mich bei sich zu Gaste haben, um mir ihre Herrlichkeit zu zeigen. Ich wurde bei allen prachtvoll bewirtet. Carlin Bertinazzi, der Lieblingsschauspieler von ganz Paris, der die Harlekinrollen spielte, erinnerte mich daran, daß er mich vor dreizehn Jahren in Padua gesehen hätte, als er mit meiner Mutter von Petersburg zurückgekehrt wäre. Er gab mir ein glänzendes Mahl im Hause der Frau de la Caillerie, bei der er wohnte. Diese Dame war in ihn verliebt. Ich machte ihr ein Kompliment über vier reizende Kinder, die um uns herum sprangen. Ihr anwesender Gatte antwortete mir: »Es sind Herrn Carlins Kinder.« »Das ist wohl möglich, mein Herr; aber einstweilen tragen Sie Sorge für sie; und da sie Ihren Namen führen, so müssen sie Sie als ihren Vater ansehen.« »Ja, so wird es nach dem Gesetz wohl sein; aber Carlin ist zu anständig, um sich nicht sofort ihrer anzunehmen, wenn es mir passen sollte, mich ihrer zu entledigen. Er weiß wohl, daß sie von ihm sind, und meine Frau wäre die erste, sich darüber zu beklagen, wenn er es nicht zugeben wollte.« Der Mann war durchaus nicht ein sogenannter guter Trottel; weit gefehlt; aber da er die Sache sehr philosophisch ansah, so sprach er mit Ruhe und sogar mit einer Art Würde darüber. Er liebte Carlin als Freund, und Verhältnisse dieser Art waren zu jener Zeit in Paris unter Leuten einer gewissen Klasse gar nicht selten. Zwei große Herren, Boufflers und Luxembourg, hatten in aller Freundschaft ihre Frauen getauscht, und beide hatten Kinder von ihnen. Die kleinen Boufflers hießen Luxembourg, und die kleinen Luxembourgs trugen den Namen Boufflers. Die Abkömmlinge dieser Bankerte sind noch heute unter demselben Namen bekannt. Nun, wer des Rätsels Lösung kannte, der lachte mit Recht darüber, und die Erde hörte darum nicht auf, sich nach den Gesetzen der Schwerkraft zu bewegen. Der reichste von den italienischen Komödianten war Pantalon, Vater von Coraline und Camille und bekannter Wucherer. Auch er war so freundlich, mich zu einem Essen in seine Familie einzuladen, und seine beiden Töchter entzückten mich. Coraline wurde vom Prinzen von Monaco unterhalten, dem Sohn des Herzogs von Valentinois, der noch am Leben war, und Camille war in den Grafen Melfort verliebt, den begünstigten Liebhaber der Herzogin von Chartres, die um diese Zeit durch den Tod ihres Schwiegervaters Herzogin von Orléans wurde. Coraline war nicht so lebhaft wie Camille, aber hübscher. Ich begann ihr zu unpassenden Stunden, als ein Mensch ohne Bedeutung, den Hof zu machen; aber diese Stunden gehörten auch dem offiziellen Liebhaber. Ich war also zuweilen gerade in dem Augenblick bei ihr, wo der Prinz zu Besuch kam. Bei dem ersten derartigen Zusammentreffen machte ich meine Verbeugung und ging; in der Folge aber bat man mich zu bleiben; denn für gewöhnlich wissen Fürsten sich nur zu langweilen, wenn sie mit ihren Geliebten unter vier Augen sind. Wir speisten zusammen zu Abend, und sie hatten die Aufgabe, mir zuzuhören, während die meinige war, zu essen und zu erzählen. Ich glaubte dem Prinzen meine Aufwartung machen zu müssen und wurde von ihm ausgezeichnet aufgenommen; eines Morgens aber sagte er mir, sobald er mich eintreten sah: »Ach, es freut mich sehr, Sie zu sehen, denn ich habe der Herzogin de Rufé versprochen, Sie bei ihr einzuführen; wir wollen gleich hingehen.« Aha; noch eine Herzogin! Ich sagte: Mit gutem Wind! Vorwärts! Wir steigen in einen Diable, wie man einen Wagen nannte, der damals modern war, und sind um elf Uhr vormittags bei der Herzogin. Leser, wenn ich ganz wahrheitsgetreu wäre, würde das Portrait, das ich von dieser geilen Megäre entwerfen müßte, dich entsetzen. Stelle dir ein mit roter Schminke bemaltes Gesicht vor, auf dem sich sechzig Winter angesammelt haben, eine mit Finnen bedeckte Haut, ein hohlwangiges, fleischloses Gesicht, eine ekelhafte Physiognomie, die von der Ausschweifung mit dem Brandmal der Häßlichkeit gestempelt war. Die Herzogin lag wollüstig auf einem Sofa ausgestreckt und rief bei meinem Erscheinen mit rasender Freude: »Ah, aha! Das ist ein hübscher Junge! Du bist reizend, Prinz, daß du ihn zu mir gebracht hast. Setz dich hierher, mein Junge!« Ich gehorchte respektvoll, aber ein Pestgeruch von Moschus, der mich an einen Leichnam erinnerte, hätte mich beinahe ohnmächtig gemacht. Die infame Herzogin hatte sich aufgerichtet und zeigte einen entblößten häßlichen Busen, vor dem der Tapferste hätte Angst bekommen können. Der Prinz schützte ein Geschäft vor und ging, indem er mir sagte, er würde mir in einigen Augenblicken seinen Diable schicken. Sobald wir allein sind, streckt das geschminkte Gerippe seine Arme aus, ehe ich Zeit hatte mich zu besinnen, und preßt seine feuchten Lippen auf meine Wange, daß mich ein Schauder durchläuft; eine ihrer Hände verirrt sich in der unanständigsten Weise, und sie sagt: »Laß doch mal sehen, mein Hühnchen – hast du denn auch einen schönen ....?« Ich zitterte; ich sträubte mich. »Ach was, sei doch nicht kindisch!« rief die neue Messalina; »bist du denn noch so neu?« »Das nicht, meine Gnädige, aber ....« »Nun? was denn?« »Ich habe....« »Oh, der häßliche Mensch!« rief sie, indem sie mich losließ; »was hätte mir da passieren können!« Ich benutzte den günstigen Augenblick, nahm meinen Hut und verschwand, so schnell ich nur konnte; ich hatte nur Angst, der Türhüter würde mich nicht hinauslassen. Ich nahm einen Fiaker und fuhr zu Coraline, um ihr die Geschichte zu erzählen. Sie lachte sehr darüber und gab mir recht, daß der Prinz mir einen sehr bösen Streich gespielt hätte. Sie lobte die Geistesgegenwart, womit ich einen Hinderungsgrund vorgeschützt hatte; aber sie setzte mich nicht in Stand, sie zu überzeugen, daß ich der Prinzessin was vorgelogen hatte. Immerhin unterhielt ich noch einige Hoffnung, denn ich vermutete, daß sie mich nur nicht für verliebt genug hielt. Drei oder vier Tage darauf aß ich mit ihr allein zu Abend; bei dieser Gelegenheit vertrat ich meine Sache so beredt und verlangte schließlich in so deutlichen Ausdrücken meinen Abschied, daß sie mich auf den nächsten Tag vertröstete. »Der Prinz«, sagte sie zu mir, »wird erst morgen von Versailles zurückkommen, also gehen wir morgen ins Kaninchengehege, speisen miteinander allein, jagen mit dem Frettchen und fahren voll Vergnügen nach Paris zurück.« »Vortrefflich!« Am nächsten Tage um zehn Uhr steigen wir in ein Kabriolet und kommen bei der Barriere an. Im Augenblick, wo wir sie passieren wollen, erscheint ein Vis-à-vis mit einer fremden Livree, und der Herr, der darinnen sitzt, ruft plötzlich: »Halt! Halt!« Es war der Chevalier de Wirtemberg, der, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, Coralinen Komplimente zu machen begann; hierauf steckte er den ganzen Kopf zum Wagen hinaus und sagte ihr etwas ins Ohr. Sie antwortete ihm auf dieselbe Art, wandte sich dann zu mir, schüttelte mir die Hand und sagte lachend: »Ich habe eine große Sache mit dem Prinzen vor. Gehen Sie allein ins Kaninchengehege, mein lieber Freund; essen Sie dort zu Mittag, jagen Sie und besuchen Sie mich morgen.« Zugleich steigt sie aus, steigt in das Vis-à-vis ein, und ich bleibe zurück, wie Lots Weib – aber nicht unbeweglich. Leser, wenn du dich einmal in einer ähnlichen Lage befunden hast, so wirst du dir leicht vorstellen können, von welcher Wut ich gepackt wurde; wenn du etwas Derartiges niemals erlebt hast, um so besser für dich; aber dann ist es überflüssig, daß ich versuche, dir einen Begriff davon zu geben: du würdest mich nicht verstehen. Das Kabriolet war mir zum Abscheu geworden, ich sprang heraus und sagte dem Kutscher, er solle zum Teufel fahren. Dann nahm ich den ersten Fiaker, den ich fand, und fuhr geraden Weges zu Patu, dem ich wutschäumend mein Abenteuer erzählte. Anstatt mich zu beklagen oder in meine Entrüstung einzustimmen, lachte Patu, vernünftiger als ich, über mein Abenteuer, und sagte zu mir: »Mir wäre es sehr lieb, wenn mir so etwas passiert wäre; denn nun bist du gewiß, daß bei dem nächsten Zusammensein die Schöne dein sein wird.« »Ich will sie nicht mehr; ich verachte sie zu sehr.« »Du hättest sie früher verachten sollen; aber da diese Sache nun einmal erledigt ist – was meinst du dazu, wenn wir zum Essen ins Hotel du Roule gingen, damit du dich schadlos halten kannst?« »Wahrhaftig, dein Vorschlag ist ausgezeichnet: vorwärts!« Das Hotel du Roule war in ganz Paris berühmt, aber ich kannte es noch nicht. Die Besitzerin hatte es elegant eingerichtet und hielt darin zwölf bis vierzehn auserlesene Nymphen; außerdem fand man alle Bequemlichkeiten, die man nur wünschen kann: guten Tisch, gute Betten, Sauberkeit, Einsamkeit in herrlichen Gartenanlagen. Ihr Koch war ausgezeichnet und ihre Weine vorzüglich. Sie nannte sich Madame Paris, was ohne Zweifel ein angenommener Name war, der aber vollständig genügte. Sie wurde von der Polizei beschützt; ihr Haus lag ziemlich weit von Paris entfernt; sie konnte daher sicher sein, daß die Besucher ihrer Wohltätigkeitsanstalt Leute waren, die über der Mittelklasse standen. Die innere Einrichtung war genau geregelt, und für jedes Vergnügen war ein vernünftiger Tarif angesetzt; man bezahlte sechs Franken für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf für ein Mittagessen und das doppelte für eine Nacht. Ich fand das Haus weit über seinem Rufe stehend und freute mich, daß ich nicht nach dem Kaninchengehege gegangen war. Wir steigen in einen Fiaker, und Patu sagt zum Kutscher: »Nach Charente!« »Ich verstehe, Herr.« Nach einer halbstündigen Fahrt hielt der Wagen vor einer Torfahrt, über welcher man las, »Hotel du Roule«. Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit großem Schnurrbart kommt aus einer Seitentür hervor und mustert uns mit ernster Miene. Er hält uns für anständige Leute, denn er öffnet, und wir treten ein. Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, die aber noch Spuren einstiger Schönheit zeigte, trat uns entgegen, begrüßte uns höflich und fragte uns, ob wir bei ihr zu speisen wünschten. Auf unsere bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, wo wir vierzehn junge Mädchen sahen, sämtlich schön und gleichmäßig mit Mousselinkleidern angetan. Bei unserem Erscheinen standen sie auf und machten eine sehr anmutige Verbeugung. Alle waren ungefähr von demselben Alter, einige blond, andere schwarz oder braun: für jeden Geschmack war etwas vorhanden. Wir musterten sie, indem wir zu jeder einige Worte sagten, und trafen unsere Wahl. Die beiden Auserwählten stießen einen Freudenruf aus, umarmten uns mit einer Wollust, die ein Neuling hätte für Zärtlichkeit halten können, und zogen uns in den Garten, um dort die Zeit zu verbringen, bis man uns zum Essen rufen würde. Der Garten war groß und in künstlerischer Weise so angelegt, daß er der Liebe dienen konnte oder, wenn nicht der Liebe, so doch den Freuden, die die Liebe ersetzen müssen. Frau Paris sagte zu uns: »Nun, meine Herren, genießen Sie der schönen Luft und der Sicherheit in jeder Beziehung; mein Haus ist der Tempel der Ruhe und der Gesundheit.« Die von mir gewählte Schöne hatte etwas von Coraline an sich, und dieser Umstand ließ sie mich entzückend finden. Aber mitten in der süßesten Beschäftigung rief man uns zum Essen. Wir wurden recht gut bedient und fühlten uns durch die Mahlzeit zu neuen Taten aufgelegt, als mit der Uhr in der Hand die Einäugige erschien und uns meldete, daß unsere Partie zu Ende sei. Das Vergnügen wurde auf Zeit berechnet. Ich sagte ein Wörtchen zu Patu, der erst einige philosophische Betrachtungen anstellte, dann aber sich an die Frau Direktorin wandte und zu ihr sagte: »Wir werden die Portion noch einmal bestellen und den Lohn dafür verdoppeln.« »Ganz wie Sie wollen, meine Herren!« Wir gehen wieder in den Saal, treffen unsere Wahl und beginnen unseren neuen Spaziergang. Gerade wie das erstemal wird uns durch die strenge Pünktlichkeit der Dame die Freude gestört. »Ah, das ist aber doch zu stark, Madame!« »Lieber Freund, laß uns zum drittenmal hinaufgehen, zum drittenmal wählen und hier die Nacht verbringen.« »Ein köstlicher Plan, den ich von ganzem Herzen unterschreibe.« »Und billigt Madame Paris den Plan?« »Ich selber hätte ihn nicht besser machen können, meine Herren; er ist von Meisterhand entworfen.« Nachdem wir im Saal unsere neue Wahl getroffen hatten, machten alle anderen sich über die ersten lustig, die uns nicht hätten fesseln können; diese aber sagten, um sich zu rächen, wir seien Schmachtlappen. Ich war über meine neue Wahl ganz erstaunt. Ich hatte eine wahre Aspasia genommen, und ich dankte dem Zufall, daß ich sie die beiden ersten Male übersehen hatte, weil ich hierdurch die Aussicht hatte, sie vierzehn Stunden hintereinander zu besitzen. Diese Schönheit hieß St.-Hilaire; sie ist dieselbe, die unter diesem Namen in England berühmt wurde, wohin ein reicher Lord das Jahr darauf sie führte. Erst war sie beleidigt, daß ich sie weder beim ersten- noch beim zweitenmal ausgezeichnet hatte, und sah mich stolz und verächtlich an; aber es gelang mir bald, ihr begreiflich zu machen, daß dies ein Glücksfall sei, weil sie infolgedessen um so länger mit mir zusammenbleiben würde. Da fing sie an zu lachen und wurde reizend. Das Mädchen hatte Geist, Bildung und Talent – mit einem Wort alles, was nötig war, um in der von ihr eingeschlagenen Laufbahn Erfolg zu haben. Während wir zu Abend aßen, sagte Patu zu mir auf italienisch, er hätte sie gerade für sich wählen wollen, als ich sie genommen hätte, und am anderen Morgen sagte er mir, er habe die ganze Nacht geschlafen. Die St.-Hilaire war sehr zufrieden mit mir und brüstete sich damit ihren Freundinnen gegenüber. Sie war Veranlassung, daß ich mehrere Besuche im Hotel du Roule abstattete, die ausschließlich ihr galten. Sie war ganz stolz darauf, mich gefesselt zu haben. Diese Besuche wurden Ursache, daß meine Liebe zu Coraline sich abkühlte. Ein venezianischer Musiker namens Guadagni, schön, tüchtig in seiner Kunst und geistvoll, wußte sie drei Wochen nach meinem Bruch mit ihr für sich zu gewinnen. Der schöne Jüngling, der nur den äußeren Anschein der Manneskraft besaß, machte sie neugierig und wurde schuld an ihrem Bruch mit dem Prinzen, der sie auf frischer Tat ertappte. Coraline wußte ihn jedoch zu besänftigen; einige Zeit darauf versöhnten sie sich wieder und zwar so aufrichtig, daß ein Püppchen das Resultat war. Es war ein Mädchen, dem der Prinz den Namen Adelaide und eine Aussteuer gab. Nach dem Tode seines Vaters, des Herzogs von Valentinois, verließ der Prinz sie endgültig, um Fräulein de Brignola aus Genua zu heiraten. Coraline wurde die Geliebte des Grafen de la Marche, des Späteren Prinzen von Conti. Coraline lebt nicht mehr; ebensowenig ein Sohn, den sie von ihm hatte und den der Prinz zum Grafen Monréal ernannte. Die Frau Dauphine brachte eine Prinzessin zur Welt, die mit dem Titel Madame de France geschmückt wurde. Im August fand im Louvre die öffentliche Gemäldeausstellung der Mitglieder der königlichen Malerakademie statt, und da ich dort kein einziges Schlachtenbild sah, beschloß ich, meinen Bruder nach Paris zu rufen. Er lebte in Venedig und hatte Talent für diesen Zweig der Malerei. Da Paroselli, der einzige Schlachtenmaler Frankreichs, gestorben war, so glaubte ich, Francesco könnte Erfolg haben und sein Glück machen. Ich schrieb infolgedessen an Herrn Grimani und an meinen Bruder, und es gelang mir, sie zu überzeugen; indessen kam er erst zu Beginn des nächsten Jahres nach Paris. Ludwig der Fünfzehnte liebte leidenschaftlich die Jagd und hatte die Gewohnheit, jedes Jahr sechs Wochen in Fontainebleau zu verbringen. Mitte November war er stets wieder in Versailles. Diese Reise kostete ihm oder vielmehr Frankreich fünf Millionen. Er nahm alles mit sich, was zur Unterhaltung aller auswärtigen Gesandten und seines zahlreichen Hofes beitragen konnte. Daher folgten ihm die Mitglieder der italienischen und französischen Komödie und seine Künstler und Künstlerinnen von der Oper. Während dieser sechs Wochen war Fontainebleau viel glänzender als Versailles; trotzdem fielen die Pariser Vorstellungen der Oper, des französischen und des italienischen Theaters nicht aus, so zahlreich waren die Mitglieder dieser Bühnen. Balettis Vater, dessen Gesundheit wiederhergestellt war, sollte mit Sylvia und der ganzen Familie nach Fontainebleau gehen. Sie luden mich ein, sie dorthin zu begleiten und bei ihnen in einem Hause zu wohnen, das sie gemietet hatten. Die Gelegenheit war schön; das Anerbieten kam von Freunden, und ich glaubte es nicht abschlagen zu dürfen, denn ich hätte mir niemals eine bessere Gelegenheit verschaffen können, den ganzen Hof Ludwigs des Fünfzehnten und alle fremden Gesandten kennen zu lernen. Ich stellte mich Herrn de Morosini vor, der heutzutage Prokurator des heiligen Markus ist und damals Botschafter der Republik in Paris war. Am ersten Tage, wo eine Oper gegeben wurde, erlaubte er mir, ihn zu begleiten. Man spielte eine Musik von Lulli. Ich saß im Parkett genau unterhalb der Loge der Pompadour, die ich nicht kannte. Beim ersten Auftritt sah ich die berühmte Le Maur auf der Bühne erscheinen und hörte sie einen so unerwarteten Schrei ausstoßen, daß ich glaubte, sie sei verrückt geworden. Ich lachte darüber in aller Unschuld, denn ich dachte nicht, daß irgendjemand mir dies übelnehmen könnte. Ein Kavalier mit blauem Ordensband, der neben der Marquise saß, fragte mich in schroffem Ton, aus welchem Lande ich wäre. Ich antwortete im selben Ton: »Aus Venedig.« »Ich bin dort gewesen und habe sehr über das Rezitativ Ihrer Oper gelacht.« »Ich glaube es Ihnen, mein Herr, und bin ich überzeugt, daß es keinem Menschen eingefallen ist, Sie am Lachen zu verhindern.« Über meine etwas schneidende Antwort lachte Frau von Pompadour; sie fragte mich, ob ich wirklich von da unten wäre? »Von wo da unten?« »Von Venedig.« »Venedig, Madame, liegt nicht da unten, sondern da oben.« Diese Antwort fand man noch sonderbarer als die erste, und die ganze Loge beriet sich darüber, ob Venedig da unten oder da oben liege. Offenbar fand man, daß ich recht hätte, denn ich wurde nicht weiter angegriffen. Ich hörte nun der Oper zu, ohne zu lachen; da ich aber einen Schnupfen hatte, brauchte ich oft mein Taschentuch. Derselbe Herr mit dem blauen Ordensband richtete von neuem das Wort an mich und sagte mir, offenbar schlössen die Fenster meines Zimmers nicht gut. Dieser Herr, den ich nicht kannte, war der Marschall Richelieu. Ich antwortete ihm, er irre sich; meine Fenster seien calfoutrées. Sofort brach die ganze Loge in ein lautes Gelächter aus, und ich saß ganz verdutzt da, denn ich fühlte sofort mein Versehen: ich hätte aussprechen sollen: calfeutrées. Aber diese eu und ou sind eine wahre Qual für die meisten Angehörigen fremder Nationen. Eine halbe Stunde später fragte Herr von Richelieu mich, welche von den beiden Hauptdarstellerinnen ich am schönsten fände. »Diese da, mein Herr.« »Aber sie hat häßliche Beine.« »Man sieht sie nicht, mein Herr; außerdem, wenn ich die Schönheit einer Frau prüfe, schiebe ich zu allererst die Beine beiseite.« Dieses zufällig hingeworfene Wort, an dessen Tragweite ich gar nicht gedacht hatte, machte die ganze Loge neugierig, mich kennen zu lernen. Der Marschall erfuhr von Herrn Morofini, wer ich sei, und dieser sagte mir im Auftrag des Herzogs, ich würde ihm Vergnügen machen, wenn ich mich ihm vorstellte. Mein zufällig gemachter Witz wurde berühmt, und der Herr Marschall empfing mich in der liebenswürdigsten Weise. Unter den fremden Gesandten schloß ich mich besonders einem Botschafter des Königs von Preußen, Lordmarschall von Schottland, Keith, an. Ich werde noch Gelegenheit haben, von ihm zu sprechen. Am Tage meiner Ankunft in Fontainebleau ging ich allein zu Hofe; ich sah Ludwig den Fünfzehnten, den schönen König, zur Messe gehen; ich sah die ganze königliche Familie und alle Hofdamen, deren Häßlichkeit mich ebensosehr überraschte, wie die Turiner Hofdamen mich durch ihre Schönheit überrascht hatten. Um so mehr erstaunte mich inmitten aller dieser Häßlichen der Anblick einer wirklichen Schönheit. Ich fragte, wer diese Dame sei. Ein Kavalier, der neben mir stand, antwortete mir: »Es ist Frau von Brionne, deren Tugendhaftigkeit noch größer ist als ihre Schönheit; denn es gibt nicht nur keine Skandalgeschichten über sie, sondern sie hat nicht einmal der Lästersucht den geringsten Anlaß geliefert, etwas über sie zu erfinden.« »Vielleicht hat man nur nichts über sie erfahren.« »Oh, mein Herr, bei Hofe erfährt man alles.« Ich schlenderte allein in den inneren Gemächern umher, als ich plötzlich ein Dutzend häßliche Damen sah, die eher zu laufen als zu gehen schienen: sie standen so unsicher auf ihren Beinen, daß sie fortwährend vornüber zu fallen schienen. Da ein Herr in meiner Nähe stand, so trieb mich die Neugier, ihn zu fragen, woher die Damen kämen und warum sie so merkwürdig gingen. »Sie kommen von der Königin, die gleich zum Essen gehen wird, und sie sind so schlecht auf den Füßen, weil ihre Schuhe sechs Zoll hohe Absätze haben, weshalb sie mit krummen Knieen gehen müssen, um nicht auf die Nase zu fallen.« »Warum tragen sie keine niederen Absätze?« »Es ist Mode.« »Oh, die dumme Mode!« Ich betrete aufs Geradewohl eine Galerie und sehe den König vorüberkommen, den einen Arm der Länge nach auf die Schultern des Herrn d'Argenson gestützt. »Oh Knechtschaffenheit!« dachte ich bei mir selber; »kann ein Mensch sich dazu hergeben, in solcher Weise das Joch zu tragen? Und kann ein Mensch sich so hoch über alle anderen erhaben glauben, daß er derartige Manieren annimmt?« Ludwig hatte den schönsten Kopf, den man nur sehen kann, und er trug ihn mit ebensoviel Anmut wie Majestät. Niemals ist es dem geschicktesten Maler gelungen, den Ausdruck dieses wundervollen Kopfes wiederzugeben, wenn der Herrscher ihn wohlwollend zur Seite wandte, um jemanden anzusehen. Seine Schönheit und seine Anmut rissen auf den ersten Blick zur Liebe hin. Als ich ihn sah, glaubte ich, der idealen Majestät begegnet zu sein, die ich zu meiner Enttäuschung an dem König von Sardinien nicht gefunden hatte. Ich bezweifelte nicht, daß Frau von Pompadour in dieses schöne Gesicht verliebt war, als sie sich um die Bekanntschaft ihres Gebieters bemühte. Vielleicht täuschte ich mich; aber wer König Ludwigs Gesicht sah, der mußte so denken. Ich kam in einen prachtvollen Saal und sah dort etwa ein Dutzend auf und abgehender Hofkavaliere und eine Tafel für mindestens zwölf Personen, die jedoch nur für eine einzige Person hegerichtet war. »Für wen ist dieses Gedeck?« »Für die Königin. Dort kommt sie.« Ich sah die Königin von Frankreich; sie hatte kein Rot aufgelegt und war einfach gekleidet, den Kopf mit einer großen Mütze bedeckt. Ihr Gesicht war alt und ihre Miene fromm. Sie trat an den Tisch heran und dankte freundlich zwei Nonnen, die einen Teller mit frischer Butter hinsetzten. Die Königin nahm Platz und sofort stellten die zwölf Hofkavaliere sich zehn Schritte vom Tische entfernt in einem Halbkreis auf. Ich gesellte mich zu ihnen, indem ich ihr ehrfurchtsvolles Schweigen nachahmte. Ihre Majestät begann zu essen, ohne jemanden anzusehen, denn sie hielt die Augen auf ihren Teller gesenkt. Eine Speise, die ihr vorgesetzt wurde, schmeckte ihr; sie ließ sich zum zweitenmal davon geben und nun durchmaßen ihre Augen den Halbkreis vor ihr, ohne Zweifel, um zu sehen, ob nicht unter diesen Beobachtern jemand wäre, dem sie über ihre Leckerhaftigkeit Rechenschaft geben müßte. Sie fand ihn und sagte: »Herr von Löwendal!« Auf diesen Anruf trat eine prächtige Männergestalt vor, neigte den Kopf und sagte: »Madame.« »Ich glaube, dieses Ragout ist ein Hühnerfrikassee.« »Ich bin derselben Ansicht, Madame«. Nach dieser Antwort, die im ernstesten Ton gegeben wurde, fuhr die Königin fort, zu essen, und der Marschall begab sich, rückwärts schreitend, wieder auf seinen Platz. Die Königin beendete ihre Mahlzeit, ohne ein weiteres Wort zu sagen, und kehrte in ihre Gemächer zurück, wie sie gekommen war. Ich dachte bei mir selber, wenn die Könige von Frankreich alle ihre Mahlzeiten in derselben Weise abhielten, so würde ich niemanden um die Ehre beneiden, ihr Tischgenosse zu sein. Ich war entzückt, den berühmten Kriegsmann gesehen zu haben, dem Bergen-op-Zoom sich hatte ergeben müssen, aber mit innerem Schmerz hatte ich's angehört, daß ein so großer Mann auf eine Frage wegen eines Hühnerfrikassees in demselben Tone antworten mußte, worin ein Richter ein Todesurteil ausspricht. Um diese Anekdote bereichert, gab ich sie bei Sylvia während eines ausgezeichneten Diners zum besten, bei dem ich die Auslese der angenehmen Gesellschaft fand. Einige Tage später war ich wieder früh morgens um zehn im Schloß und bildete mit einer Menge von Hofkavalieren Spalier, um das stets wieder neue Vergnügen zu haben, den König in die Messe gehen zu sehen; zu diesem Vergnügen muß ich noch ein zweites erwähnen, nämlich den ganzen Busen und die ganzen Schultern seiner Töchter Mesdames de France entblößt zu sehen. Plötzlich bemerkte ich die Cavamacchie, die ich in Cesena zuletzt unter dem Namen der Signora Querini gesehen hatte. Wenn ihr Anblick mich überraschte, so war sie nicht weniger erstaunt, mich an einem solchen Ort zu sehen. Der Marquis de St.-Simon, erster Kammerherr des Prinzen Conde, reichte ihr den Arm. »Signora Querini! Sie hier!?« »Ich erinnere mich des Wortes der Königin Elisabeth: Pauper ubique jacet.« »Der Vergleich ist sehr richtig, gnädige Frau.« »Ich scherze, mein lieber Freund; ich komme hierher, um den König zu sehen, der mich nicht kennt; aber morgen wird der Gesandte mich vorstellen.« Sie trat fünf oder sechs Schritte von mir in die Reihe dicht bei der Tür, aus der der König heraustreten mußte. Seine Majestät erschienen, Herrn von Richelieu an Ihrer Seite und beäugelten die sogenannte Signora Querini. Ohne Zweifel gefiel sie ihm nicht, denn ohne stehen zu bleiben, sagte er zu seinem Freunde die bemerkenswerten Worte, die Giulietta hören mußte: »Wir haben hier schönere.« Nach dem Essen ging ich zum venetianischen Botschafter. Ich fand ihn beim Dessert in großer Gesellschaft. Zu seiner Rechten saß Frau Querini, die mir die schmeichelhaftesten und freundschaftlichsten Sachen sagte. Dies war ganz außerordentlich von Seiten einer hitzköpfigen Person, die durchaus keinen Anlaß hatte, mich zu lieben; denn sie wußte, daß ich sie gründlich kannte und daß ich verstanden hatte, mit ihr fertig zu werden. Ich durchschaute jedoch den Grund ihres ganzen Verhaltens und beschloß, sie nicht zu enttäuschen, sondern sogar eine edle Rache zu nehmen, indem ich ihr alle Dienste erwiese, die in meiner Macht ständen. Sie hatte das Gespräch auf Herrn Querini gebracht, und der Botschafter beglückwünschte sie dazu, daß er ihr durch die Heirat hätte Gerechtigkeit widerfahren lassen. »Dies wußte ich nämlich nicht,« setzte er hinzu. »Die Heirat ist aber schon länger als zwei Jahre her,« sagte Giulietta. »Das ist eine Tatsache,« nahm nun ich das Wort; »denn vor zwei Jahren hat General Spada sie unter dem Namen und mit dem Titel Ihrer Exzellenz Frau Querini dem ganzen Adel von Cesena vorgestellt, wo ich die Ehre hatte, mich aufzuhalten.« »Ich zweifle nicht daran,« fagte der Gesandte mit einem scharfen Blick auf mich; »denn Querini selber schrieb mir dies.« Als ich einige Augenblicke später mich verabschieden wollte, sagte der Gesandte, er hätte mehrere Briefe erhalten, deren Inhalt er mir mitteilen möchte, und bat mich, mit ihm in sein Arbeitszimmer zu treten. Dort fragte er mich, was man in Venedig zu dieser Heirat sagte. »Kein Mensch weiß ein Wort davon; man sagt sogar, der älteste des Hauses Querini werde eine Grimani heiraten, aber ich werde diese Nachricht nach Venedig schreiben.« »Was für eine Nachricht?« »Daß Giulietta wirklich Frau Querini ist, da Eure Exzellenz sie als solche dem König vorstellen werden.« »Wer hat Ihnen das gesagt?« »Giulietta selber.« »Es kann wohl sein, daß sie ihre Absicht geändert hat.« Ich erzählte ihm hierauf die Worte, die der König zu Herrn von Richelieu über Giulietta geäußert hatte. »Ach so!« sagte Seine Exzellenz; »jetzt errate ich auch, warum Giulietta ihm nicht mehr vorgestellt zu werden wünscht.« Später habe ich erfahren, Herr de St.-Quintin, der Geheimminister der Privatwünsche des Königs, sei nach der Messe zur schönen Venetianerin gekommen und habe ihr gesagt, der König von Frankreich müsse einen recht schlechten Geschmack haben, denn er habe sie nicht schöner gefunden, als mehrere andere Damen, die sich an seinem Hof befänden. Giulietta reiste am nächsten Tage von Fontainebleau ab. Ich habe zu Beginn meiner Memoiren von Giuliettas Schönheit gesprochen: sie hatte in ihren Gesichtszügen außerordentliche Reize; aber sie hatte schon recht lange Zeit davon Gebrauch gemacht, und so waren sie schon ein bißchen verblüht, als sie nach Fontainebleau kam. Ich sah sie in Paris beim Gesandten wieder, und sie sagte mir lachend, sie habe nur gescherzt, indem sie sich Frau Querini genannt und ich würde ihr Vergnügen machen, indem ich sie in Zukunft nur bei ihrem wahren Namen Gräfin Preati nennte. Sie bat mich, sie im Hotel du Luxembourg zu besuchen, wo sie wohnte. Ich ging oft hin, um mich über ihre Intrigen zu amüsieren, aber ich war zum Glück so vernünftig, mich niemals hineinzumischen. Sie verbrachte vier Monate in Paris, und sie hatte das Talent, den Sekretär der venetianischen Botschaft, Herrn Zanchi, einen liebenswürdigen, vornehmen und gebildeten Mann, verliebt zu machen. Sie machte ihn so verliebt, daß er entschlossen war, sie zu heiraten; aber in einer Laune, die ihr vielleicht später leid tat, behandelte sie ihn schlecht, und der Dummkopf starb aus Kummer darüber. Der Botschafter der Kaiserin Maria Theresia, Graf Kaunitz, fand Geschmack an ihr; desgleichen der Graf von Zinzendorf. Der Vermittler bei diesen flüchtigen Liebeleien war ein gewisser Abbé Guasco, der wenig von Plutus begünstigt und obendrein häßlich war, daher nur durch seine Gefälligkeiten hier und da eine Gunst erhoffen konnte. Der Mann jedoch, auf den sie es ernstlich abgesehen hatte und dessen Frau sie werden wollte, war der Graf St.-Simon; dieser Graf hätte sie geheiratet, wenn sie ihm nicht falsche Adressen angegeben hätte, bei denen er sich nach ihrer Herkunft erkundigen könnte. Die Familie Preati von Verona verleugnete sie natürlich, und Herr von St.-Simon, der trotz seiner Liebe sich noch einige gesunde Vernunft bewahrt hatte, besaß die Kraft, sie zu verlassen. Kurz und gut, Paris war kein Dorado für meine schöne Landsmännin; denn sie mußte dort ihre Diamanten als Pfand zurücklassen. Sie kehrte nach Venedig zurück und heiratete dort den Sohn des nämlichen Uccelli, der sie sechzehn Jahre früher aus dem Elend gezogen hatte. Vor zehn Jahren ist sie gestorben. Ich nahm immer noch meine französischen Unterrichtsstunden bei meinem guten alten Crébillon. Trotzdem wimmelte meine Sprache von Italianismen, und ich sagte oft in Gesellschaft das Gegenteil von dem, was ich ausdrücken wollte; aber meine Quiproquo liefen fast immer auf eigentümliche Scherze hinaus, die Erfolg hatten, und das beste dabei war, daß mein Jargon mir keinen Schaden tat, indem er mich nicht als Dummkopf erscheinen ließ. Er verschaffte mir im Gegenteil schöne Bekanntschaften. Mehrere Damen der ersten Kreise baten mich, sie Italienisch zu lehren, um, wie sie sagten, sich selber das Vergnügen zu verschaffen, mich Französisch zu lehren: bei diesem Austausch gewann ich mehr als sie. Frau Préodot, eine meiner Schülerinnen, empfing mich eines Tages in ihrem Bett, indem sie mir sagte, sie habe keine Lust, ihre Stunde zu nehmen, weil sie am Abend vorher Medizin genommen habe. Dummerweise einen italienischen Ausdruck wörtlich übersetzend, fragte ich sie im Ton der tiefsten Teilnahme, ob sie tüchtig entladen [R1: bien déchargé] habe. »Mein Herr, was fragen Sie da! Sie sind unerträglich.« Ich wiederhole meine Frage; neuer Zornausbruch auf Seiten der Dame: »Sprechen Sie niemals dies abscheuliche Wort aus!« »Sie mögen sich entrüsten, so viel sie wollen: es ist gerade das passende Wort.« »Im Gegenteil, höchst unpassend, mein Herr; aber lassen wir das Thema. Wollen Sie frühstücken?« »Nein, ich habe schon; ich habe ein Kaffee mit Savoyarden genommen.« »Ach, guter Gott! ich bin verloren! Was für ein rasendes Frühstück! Erklären Sie sich!« »Ich habe ein Kaffee genommen und zwei Savoyarden gegessen, die ich hineingetaucht, wie ich es jeden Morgen mache.« »Aber, das ist dumm, lieber Freund, ein Kaffee ist die Wirtschaft, worin man ihn verkauft; man trinkt eine Tasse Kaffee.« »Gut! Trinken Sie die Tasse; wir sagen in Italien ein Kaffee und haben so viel Witz, nicht zu glauben, daß dies die Wirtschaft sei.« »Er will durchaus recht haben! Und die beiden Savoyarden? Wie haben Sie denn die verschlungen?« »Ich habe sie in den Kaffee gesteckt, denn sie waren nicht größer als die, die Sie hier auf dem Tische haben.« »Und das nennen Sie Savoyarden? Sagen Sie Zwiebacke.« »In Italien nennen wir sie Savoyarden, weil man sie in Savoyen erfunden hat, und es ist nicht meine Schuld, wenn Sie geglaubt haben, ich hätte zwei Dienstleute von der Ecke verschluckt, große Bengel, die Sie in Paris Savoyarden nennen und die oft genug niemals in Savoyen gewesen sind.« In diesem Augenblick trat ihr Mann ein, und schleunigst erzählte sie ihm unsere ganze Unterhaltung. Er lachte sehr darüber, aber er gab mir recht. Während wir noch darüber sprachen, kam seine Nichte, ein junges Mädchen von vierzehn Jahren, sittsam, bescheiden und klug. Ich hatte ihr fünf oder sechs Unterrichtsstunden gegeben und da sie die italienische Sprache sehr liebte und sich unaufhörlich darin übte, so begann sie schon zu sprechen. Sie wollte mir ein Kompliment auf italienisch machen und sagte. »Signore, sono incantata di vi vedere in buona salute.« »Ich danke Ihnen, mein Fräulein; aber um zu übersetzen: ich bin entzückt, muß man sagen; ho piacere, und Sie zu sehen heißt: di vedervi.« »Ich glaubte, mein Herr, man müßte das vi vorsetzen.« »Nein, mein Fräulein, wir setzen es hinten.« Sofort platzen Herr Préodot und seine Frau los; das Fräulein ist verwirrt, ich aber war sprachlos und ganz verzweifelt, eine so ungeheure Dummheit gesagt zu haben, aber es war nun einmal geschehen. Schmollend nahm ich ein Buch, in der Hoffnung, ihr Gelächter würde doch einmal aufhören: es dauerte eine Woche. Meine unbeabsichtigte Zote wurde in ganz Paris belacht und verschaffte mir eine Art von Berühmtheit, die erst dann sich verminderte, als es mir allmählich gelang, die Bedeutung der Sprache besser kennen zu lernen. Crébillon lachte sehr über meinen Schnitzer und sagte mir, ein anderes Mal müßte ich aprés sagen und nicht derriére; aber warum haben auch nicht alle Sprachen denselben Geist! Übrigens, wenn die Franzosen sich über die Fehler erheiterten, die ich in ihrer Sprache machte, so vergalt ich es ihnen nicht übel, indem ich gewisse lächerliche Gebräuche bloßstellte. »Mein Herr,« sagte ich zu einem, »wie befindet sich Ihre Frau Gemahlin?« »Sie erweisen ihr viel Ehre!« »Ei, ich bitte Sie, um was für Ehre kann es sich handeln, wenn man nur von Gesundheit spricht?« Ich sehe im Boulognerwäldchen einen jungen Mann sein Pferd tummeln; er hat es aber nicht in der Gewalt, und schließlich wirft es ihn ab. Ich halte das Pferd an und eile dem jungen Mann zu Hilfe, der sich mit meiner Unterstützung wieder aufrichtet. »Haben Sie sich weh getan?« »O! danke mein Herr, im Gegenteil!« »Wie zum Teufel, im Gegenteil! Sie haben sich also wohlgetan, dann fangen Sie nur gleich wieder an, mein Herr!« Und tausend Widersinnigkeiten dieser Art! Aber so ist nun einmal der Geist der Sprache. Eines Tages war ich zum erstenmal bei der Frau Präsidentin de N., als ihr Neffe, ein glänzender Stutzer, eintrat; sie stellte mich ihm vor, indem sie ihm meinen Namen und meine Heimat nannte. »Wie, mein Herr, Sie sind Italiener? Meiner Seel, Sie sehen so gut aus, daß ich hätte wetten mögen, Sie seien Franzose!« »Mein Herr, bei ihrem Anblick bin ich in dieselbe Falle geraten. Ich hätte darauf schwören mögen, Sie seien Italiener.« Ich war bei Lady Lambert mit zahlreicher und glänzender Gesellschaft zum Diner. Man bemerkte einen Karneol, den ich am Finger trug und worauf mit großer Kunst der Kopf Ludwigs des Fünfzehnten eingeschnitten war. Mein Ring machte die Runde um den Tisch, und jeder fand die Ähnlichkeit verblüffend. Eine junge Marquise, die für besonders geistreich galt, fragte mich mit der ernstesten Miene: »Ist es wirklich eine Antike?« »Der Stein, gnädige Frau, ganz gewiß.« Alle lachten, mit Ausnahme der liebenswürdigen Zerstreuten, die gar nicht darauf achtete. Beim Nachtisch sprach man vom Rhinozeros, das für vierundzwanzig Sous auf dem Jahrmarkt von St.-Germain zu sehen war. »Gehen wir hin! Gehen wir hin!« Wir stiegen in unsere Wagen und kamen an. Dort machten wir einige Rundgänge durch die Alleen, bis wir den richtigen Ort fanden. Ich war der einzige Kavalier und hatte zwei Damen gegen die Belästigungen der Menge zu beschützen, und die geistreiche Marquise ging vor uns. Am Ende der Allee, wo das Tier, wie man uns gesagt harte, sich befinden sollte, saß ein Mann, um das Eintrittsgeld einzunehmen. Dieser Mann, in afrikanischer Tracht, war allerdings sehr dunkel von Hautfarbe und riesig dick; trotzdem aber hatte er doch menschliche Gestalt und sogar ausgesprochen männliche, und die schöne Marquise hätte sich eigentlich nicht irren dürfen. Aber in ihrer Gedankenlosigkeit geht sie auf ihn zu und fragt ihn: »Sind Sie, mein Herr, das Rhinozeros?« »Nur herein, Madame, nur herein!« Wir wären vor Lachen beinahe erstickt, besonders als nun die Marquise das Tier sah und sich verpflichtet fühlte, dessen Herrn um Entschuldigung zu bitten, indem sie ihm versicherte, sie hätte in ihrem Leben noch nie ein Rhinozeros gesehen, und er dürfte sich daher nicht beleidigt fühlen, wenn sie sich geirrt hätte. Eines Tages war ich im Foyer der italienischen Komödie, wohin in den Zwischenakten die vornehmsten Herren kamen, um mit den Künstlerinnen zu plaudern und zu lachen, die da sitzen und auf den Augenblick ihres Auftretens warten. Ich saß neben Coralinens Schwester, Camille, die ich zum lachen brachte, indem ich ihr süßen Unsinn erzählte. Ein junger Rat ärgerte sich darüber, daß ich sie beschäftigte, und griff mich auf eine sehr selbstgefällige Weise an, indem er eine Bemerkung kritisierte, die ich über ein italienisches Stück gemacht hatte; dabei erlaubte er sich, seine schlechte Laune zu zeigen, indem er meine Nation kritisierte. Ich gab ihm jede Bemerkung zurück, indem ich dabei die lachende Camilla ansah. Um uns herum stand ein ganzer Kreis und verfolgte aufmerksam das Gefecht, das bis dahin nur mit den Waffen des Witzes geführt wurde und nichts Unangenehmes hatte. Es schien aber ernst werden zu wollen, als der Stutzer die Rede auf die städtische Polizei brachte und zu mir sagte, seit einiger Zeit sei es gefährlich, bei Nacht zu Fuß durch die Pariser Straßen zu gehen. »Im Laufe des vorigen Monats haben auf dem Grèveplatz sieben am Galgen gebaumelt, darunter fünf Italiener; das ist erstaunlich.« »Dabei ist gar nichts erstaunlich,« versetzte ich, »denn anständige Leute lassen sich fern von ihrer Heimat hängen ; so wurden zum Beispiel im Laufe des letzten Jahres zwischen Neapel, Rom und Venedig sechzig Franzosen gehängt; fünfmal zwölf sind sechzig; es ist also, wie Sie sehen, nur ein Tauschgeschäft.« Die Lacher waren auf meiner Seite, und der schöne Herr Rat machte sich ein wenig verwirrt davon. Einer der Umstehenden fand meine Antwort gut, trat an Camille heran und fragte sie leise, wer ich sei. Damit war die Bekanntschaft gemacht. Es war Herr de Marigny. Ich war hocherfreut, seine Bekanntschaft zu machen, meines Bruders wegen, den ich jeden Tag erwartete. Herr von Marigny war Oberintendant der königlichen Gebäude, und die Malerakademie stand unter ihm. Ich sprach mit ihm über meinen Bruder, und er versprach mir huldvoll, ihn beschützen zu wollen. Ein anderer junger Kavalier, der mit mir in ein Gespräch geraten war, bat mich, ihn zu besuchen; es war der Herzog von Matalone. Ich sagte ihm, ich hätte ihn vor acht Jahren als Kind in Neapel gesehen, und ich hätte große Verpflichtungen gegen seinen Oheim Don Lelio; der junge Herzog war entzückt darüber, und wir wurden vertraute Freunde. Im Frühling l751 kam mein Bruder nach Paris und nahm Wohnung bei Frau Quinson, wo auch ich wohnte. Er begann mit Erfolg für Privatleute zu arbeiten; seine Hauptabsicht war jedoch, ein Gemälde zu vollenden, um es dem Urteil der Akademie zu unterbreiten. Ich stellte ihn daher Herrn de Marigny vor, der ihn ausgezeichnet aufnahm und ihn ermutigte, indem er ihm seine Protektion versprach. Infolgedessen legte mein Bruder sich wieder aufs Studium und betrieb es mit großem Eifer. Herr de Morosini war nach Venedig zurückgekehrt, und an seiner Stelle war Herr von Mocenigo Botschafter geworden. Ich war an ihn durch Herrn von Bragadino empfohlen, und er öffnete mir sein Haus, wie auch meinem Bruder; denn er hielt es sür seine Pflicht, diesen als Venetianer und als jungen Künstler zu beschützen, der durch sein Talent sein Glück zu machen suchte. Herr von Mocenigo war von sehr mildem Charakter. Er liebte das Spiel und verlor stets; er liebte die Frauen und war unglücklich, weil er sie nicht zu nehmen wußte. Zwei Jahre nach seiner Ankunft in Paris verliebte er sich in Madame de Colande und da er sich nicht ihre Gegenliebe erringen konnte, nahm er sich das Leben. Die Frau Dauphine gebar den Herzog von Burgund, und die Freudenfeste, die bei dieser Gelegenheit stattfanden, erscheinen mir heute unglaublich, wenn ich sehe, was dieseselbe Nation gegen ihren König macht. Die Nation will sich frei machen; ihr Ehrgeiz ist edel, denn der Mensch ist nicht geschaffen, um Sklave des Willens eines anderen Menschen zu sein; aber was wird aus dieser Revolution werden unter einer volkreichen, großen, geistvollen und leichtfertigen Nation? Die Zeit muß es uns lehren. Durch den Herzog von Matalone machte ich die Bekanntschaft der römischen Fürsten Don Marcantonio und Don Giambattista Vorghese, die sich in Paris amüsierten, wo sie ohne Verschwendung lebten. Ich hatte Gelegenheit zu bemerken, daß man diesen römischen Principi, wenn sie am Hof von Frankreich vorgestellt wurden, nur den Titel Marquis gab. Man verweigerte den Fürstentitel auch den russischen Fürsten, die sich bei Hofe vorstellen ließen. Man nannte sie Knees und das war ihnen einerlei; denn dieses Wort bedeutet Fürst. Der französische Hof war stets in dummer Weise kleinlich in bezug auf Titel. Man geizte und geizt noch jetzt mit dem einfachen Titel Monsieur, den man auf allen Straßen hört: Man sagt Monsieur zu jeder Person, die keinen Adelstitel führt. Ich habe beobachtet, daß der König seine Bischöfe nur mit Abbé anredete, obgleich diese Herren sehr viel aus ihre Titel halten. Wenn ein adeliger Herr seines Reiches nicht seinen Namen in die Liste der Kavaliere eintragen ließ, die dem Hofe ihre Dienste zur Verfügung stellten so tat er, als kenne er ihn nicht. Sein Hochmut war jedoch dem König Ludwig nur durch seine Erziehung eingeflößt; er war ihm nicht natürlich; wenn sein Gesandter ihm jemanden vorstellte, so zog der Vorgestellte sich mit der Gewißheit zurück, daß der König ihn gesehen hatte, aber das war auch alles. Im übrigen war der König sehr höflich, besonders gegen die Damen, auch gegen seine Mätressen bei öffentlichem Auftreten. Wer gegen sie den geringsten Verstoß beging, der fiel in Ungnade. Niemand besaß in höherem Maße als er die große königliche Tugend, die man Verstellung nennt. Er war ein getreuer Hüter eines Geheimnisses, und er war entzückt, wenn er sicher zu sein glaubte, daß niemand außer ihm es wüßte. Der Chevalier d'Eon ist ein kleines Beispiel dafür; denn der König allein wußte und hatte stets gewußt, daß er eine Frau war, und der ganze Streit des falschen Chevaliers mit dem Ministerium des Auswärtigen war eine Komödie, die der König zu seiner Belustigung sich bis zu ihrem Ende abspielen ließ. Ludwig war groß in allem, und er wäre ohne Fehler gewesen, hätte nicht die Schmeichelei ihn gezwungen, welche zu haben. Aber wie hätte er Fehler an sich erkennen können, wenn man ihm jeden Tag wiederholte, er sei der beste aller Könige. Ein König aber, von der Art, wie er nach dem, was man ihm sagte, sich selber vorstellen mußte, war etwas so weit über die gewöhnliche Menschheit Erhabenes, daß er sich berechtigt glauben mußte, sich für eine Art Gott zu halten. Trauriges Geschick der Könige! Erbärmliche Schmeichler tun beständig alles, was erforderlich ist, sie noch unter den gewöhnlichen Menschen herabzudrücken. Um diese Zeit bekam die Prinzessin von Ardore einen jungen Prinzen. Ihr Gemahl, der neapolitanischer Gesandter war, sprach den Wunsch aus, Ludwig der Fünfzehnte möchte Patenstelle übernehmen, und der König willigte ein. Er schenkte seinem Patensohn ein Regiment, aber die Mutter, die das Militär nicht liebte, wollte davon nichts wissen. Der Marschall von Richelieu erzählte mir, er habe den König niemals so herzlich lachen sehen, wie über diese eigentümliche Weigerung. Bei der Herzogin de Fulvie lernte ich Fräulein Gaussin, genannt Lolotte, kennen. Sie war die Geliebte des englischen Botschafters Lord Albemarle, eines geistreichen, sehr edlen und sehr freigebigen Mannes. Er beklagte sich eines Abends bei seiner Freundin, daß sie die Schönheit der Sterne priese, die am Himmelsgewölbe glänzten, da sie doch wüßte, daß er sie ihr nicht schenken könnte. Wäre Lord Albemarle Gesandter in Paris gewesen, als es zum Bruch zwischen Frankreich und England kam, er würde alle Streitigkeiten beigelegt haben, und der unglückliche Krieg, durch den Frankreich ganz Kanada verlor, hätte nicht stattgefunden. Es ist nicht zu bezweifeln, daß das gute Einvernehmen zwischen zwei Nationen fast immer von ihren Gesandten abhängt, die sie an den Höfen unterhalten, wo die Gefahr eines Zerwürfnisses droht. Über die Geliebte dieses edlen Lords herrschte nur eine Meinung. Sie hatte alle Eigenschaften, um seine Frau zu werden; die ersten Häuser Frankreichs haben nicht gefunden, daß der Titel einer Lady Albemarle notwendig sei, um sie mit Auszeichnung aufzunehmen, und keine Dame fand es anstößig, sie an ihrer Seite sitzen zu sehen, obgleich man wußte, daß sie keinen anderen Titel hatte, als den einer Geliebten des Lords. Sie war im Alter von dreizehn Jahren aus den Armen ihrer Mutter in die des Lords Albemarle übergegangen, und ihre Aufführung war stets achtungswert. Sie hatte Kinder, die der Lord anerkannte, und sie starb als Gräfin d'Eronville. Ich werde später von ihr sprechen. Bei Herrn de Mocenigo hatte ich auch Gelegenheit, die Bekanntschaft einer venetianischen Dame zu machen, der Witwe des englischen Ritters Winne. Sie kam mit ihren Kindern von London, wohin sie hatte gehen müssen, um ihnen die Erbschaft ihres verstorbenen Gatten zu sichern, da sie alle ihre Rechte darauf verloren haben würden, wenn sie sich nicht zur anglikanischen Religion bekannt hätten. Zufrieden mit dem Erfolge ihrer Reise, kehrte Sie jetzt nach Venedig zurück. Ihre älteste Tochter, ein Kind von zwölf Iahren, trug trotz ihrer Jugend auf ihrem schönen Gesicht alle Kennzeichen der Vollendung. Sie lebt heutzutage in Venedig als Witwe des Grafen Rosenberg, der dort als Gesandter der Kaiserin und Königin Maria Theresia starb. Sie glänzt durch ihr sittsames Leben und durch alle gesellschaftlichen Tugenden, mit denen sie geschmückt ist. Niemand findet an ihr einen anderen Fehler, als den, daß sie nicht reich ist; aber sie selber bemerkt dies nur daran, daß sie sich nicht in der Lage befindet, alles Gute zu tun, das sie tun möchte. Im folgenden Kapitel wird der Leser sehen, wie ich einen kleinen Handel mit der französischen Gerechtigkeit hatte. Zehntes Kapitel Mein Handel mit der Pariser Justiz. – Fräulein Vesian. Die jüngere Tochter meiner Wirtin, ein Mädchen von fünfzehn bis sechzehn Jahren, kam oft zu mir, ohne gerufen zu sein. Ich bemerkte bald, daß sie mich liebte, und ich wäre mir selber lächerlich vorgekommen, wenn ich gegenüber einer pikanten, lebhaften, liebenswürdigen Brünetten mit einer entzückenden Stimme den Grausamen hätte spielen wollen. Während der ersten vier oder fünf Monate kamen zwischen ihr und mir nur kindliche Scherze vor; eines Nachts aber kam ich sehr spät nach Hause und fand sie in tiefem Schlaf auf meinem Bett; ich glaubte sie nicht wecken zu dürfen, zog mich aus und legte mich neben sie. Sie verließ mich mit Tagesanbruch. Es war noch keine drei Stunden her, daß Mimi mich verlassen hatte, als eine Modistin mit einer reizenden Tochter mich besuchte und sich bei mir zum Frühstück einlud. Ich fand das junge Mädchen wohl eines Frühstückes würdig, da ich jedoch Bedürfnis nach Ruhe hatte, so bat ich sie, zu gehen, nachdem ich mich eine Stunde mit ihnen unterhalten hatte. Gerade als sie hinausgingen, traten Frau Quinson und ihre Tochter ein, um mein Bett zu machen. Ich zog meinen Schlafrock an und setzte mich an den Schreibtisch. »Oh, diese widerlichen Frauenzimmer!« rief plötzlich die Mutter. »Auf wen schimpfen Sie denn, Frau Quinson?« »Das Rätsel ist nicht sehr dunkel, mein Herr; sehen Sie nur, wie die Bettücher beschmutzt sind.« »Das tut mir leid, meine liebe Dame; aber wechseln Sie sie, und der Schaden wird beseitigt sein.« Sie ging hinaus, indem Sie Drohungen murmelte: wenn die Weiber jemals wiederkämen, würden Sie es mit ihr zu tun bekommen. Als Mimi mit mir allein war, machte ich ihr Vorwürfe über ihre Unvorsichtigkeit. Sie antwortete mir lachend, die Liebe habe diese Frauen gesandt, um die Unschuld zu beschützen. Von diesem Tage an tat Mimi sich keinen Zwang mehr an; sie teilte mein Bett, so oft sie Lust hatte und falls ich sie nicht etwa fortschickte. Am Morgen schlich sie sich dann unbemerkt wieder in ihr Zimmer. Nach vier Monaten aber teilte die Schöne mir mit, unser Geheimnis würde bald entdeckt werden. »Das tut mir leid,« antwortete ich ihr, »aber ich kann nichts dabei machen.« »Man muß an irgend eine Abhilfe denken.« »So denke dran.« »Woran soll ich denn denken? Ach, mag kommen, was will, ich denke überhaupt nicht mehr dran.« Etwa im sechsten Monat wurde die Rundung ihres Leibes so stark, daß ihre Mutter nicht mehr an der Sache zweifeln konnte; sie geriet in Wut und schlug das Mädchen, um auf diese Weise den Vater zu erfahren. Mimi nannte mich, und vielleicht log sie nicht. Im Besitze dieser Entdeckung stürzte Frau Quinson wie eine Furie zu mir ins Zimmer. Sie warf sich in einen Lehnsessel, um Atem zu schöpfen; dann überhäufte sie mich mit Schimpfworten und bedeutete mir schließlich, ich müßte ihre Tochter heiraten. Da ich wußte, worum es sich handelte, und der Sache schnell ein Ende machen wollte, so antwortete ich ihr auf ihre Aufforderung, ich sei bereits in Italien verheiratet. »So? Warum haben Sie dann meiner Tochter ein Kind gemacht?« »Ich versichere Ihnen, ich habe nicht die Absicht gehabt; wer hat Ihnen übrigens gesagt, daß gerade ich es gemacht habe?« »Sie selbst, mein Herr, und sie ist ihrer Sache gewiß.« »Ich wünsche ihr Glück dazu; aber ich, Madame, ich erkläre Ihnen, daß ich vollkommen zu schwören bereit bin, daß dies durchaus nicht sicher ist.« »Also?« »Also nichts. Wenn sie schwanger ist, wird sie ein Kind kriegen.« Sie ging unter Flüchen und Drohungen hinaus, und am nächsten Tage wurde ich vor den Kommissar des Viertels zitiert. Ich kam der Aufforderung nach und fand bei ihm Dame Quinson, mit allen möglichen Beweisstücken bewaffnet. Nach den üblichen einleitenden Protokollierungen fragte der Kommissar mich, ob ich zugebe, dem Mädchen Quinson den Schimpf angetan zu haben, worüber die anwesende Mutter sich beklagte? »Herr Kommissar, wollen Sie, bitte, Wort für Wort die Antwort niederschreiben, die ich Ihnen geben werde.« »Sehr gern.« »Ich habe Mimi, der Tochter der Klägerin, überhaupt keinen Schimpf angetan; zum Zeugnis berufe ich mich auf das Mädchen selbst, das für mich stets ebensoviel Freundschaft gehabt hat, wie ich für sie empfinde.« »Sie erklärt, von Ihnen schwanger zu sein.« »Das ist möglich, aber es ist nicht sicher.« »Sie sagt, es sei gewiß; denn sie versichert, außer Ihnen keinen Mann gesehen zu haben.« »Wenn das wahr ist, so ist sie unglücklich; denn in diesem Punkt kann kein Mann einer anderen Frau glauben, als seiner eigenen.« »Was hatten Sie ihr gegeben, um sie zu verführen?« »Nichts; denn weit entfernt, sie verführt zu haben, bin ich von ihr verführt worden; wir waren jedoch sofort einig, denn ich bin durch ein hübsches Weib leicht zu verführen.« »War sie unberührt?« »Dies zu wissen, bin ich weder vorher noch nachher neugierig gewesen; davon, mein Herr, weiß ich also nichts.« »Ihre Mutter verlangt von Ihnen eine Genugtuung, und das Gesetz verurteilt Sie.« »Ich habe der Mutter durchaus keine Genugtuung zu geben, und dem Gesetz werde ich mich nur unterwerfen, wenn man mir nachgewiesen und mich überführt hat, daß ich es verletzt habe.« »Sie sind dessen bereits überführt; denn finden Sie nicht, daß ein Mann, der in einem Hause, wo er wohnt, einem anständigen Mädchen ein Kind macht, dadurch die Gesetze der Gesellschaft verletzt?« »Ich gebe dies zu, wenn die Mutter hintergangen wird. Aber wenn diese selbe Mutter ihre Tochter einem jungen Mann ins Zimmer schickt, muß man da nicht annehmen, daß sie gesonnen ist, in Frieden alles hinzunehmen, was die Folge davon sein kann?« »Sie hat sie nur zu Ihnen hineingeschickt, um Sie zu bedienen.« »Sie hat mich ja auch genau so bedient, wie ich sie bedient habe; und wenn Frau Quinson sie heute abend zu mir schickt, und wenn es Mimi paßt, so werde ich sie bedienen, so gut es nur geht; aber niemals mit Gewalt und niemals außerhalb meines Zimmers, für das ich stets pünktlich die Miete bezahlt habe.« »Sie mögen sagen, was Sie wollen, aber Sie werden die Buße bezahlen.« »Ich zahle nur, was ich für recht halte, und ich werde nichts bezahlen; denn unmöglich kann eine Buße zu bezahlen sein, wo keine Rechtsverletzung vorliegt. Wenn man mich verurteilt, werde ich mich beschweren und werde bis zur höchsten Instanz gehen, bis mir Recht und Billigkeit zuteil wird; denn, mein Herr, ich weiß, daß ich, so wie ich nun einmal bin, niemals so ungeschickt und so jämmerlich sein werde, einem hübschen, jungen Mädchen meine Liebkosungen abzuschlagen, wenn sie mir gefällt und wenn sie darum in mein eigenes Zimmer kommt, besonders wenn ich fest überzeugt bin, daß sie mit der Einwilligung ihrer Mutter kommt.« Ich las das Protokoll durch, unterschrieb es und entfernte mich. Am nächsten Tage ließ der Polizeistatthalter mich rufen; nachdem er mich, die Mutter und die Tochter angehört hatte, sprach er mich frei und verurteilte die Mutter zur Bezahlung der Kosten. Dies verhinderte mich jedoch nicht, Mimis Tränen nachzugeben und ihrer Mutter die Kosten der Entbindung und des Wochenbettes zu vergüten. Sie bekam einen Jungen, der zum Besten der Nation ins Hotel Dieu geschickt wurde. Bald darauf entfloh Mimi aus der mütterlichen Wohnung, um im Theater der Messe von St.Laurent die Bretter der Bühne zu betreten. Da sie nicht bekannt war, fand sie ohne Mühe einen Liebhaber, der sie für eine Jungfrau hielt. Ich fand sie sehr hübsch, als ich sie einmal wieder traf. »Ich wußte ja gar nicht,« sagte ich zu ihr, »daß du musikalisch seiest.« »Ich bin es, wie alle meine Kameradinnen, von denen keine einzige eine Note kennt. Die Mädchen von der Oper verstehen auch nicht mehr davon, und trotzdem singt man zum Entzücken, wenn man ein bißchen Stimme und Geschmack hat.« Ich lud sie ein, mir und Patu ein Abendessen zu geben, und er fand sie reizend. Später wurde sie liederlich und verscholl. Um diese Zeit erhielten die Italiener die Erlaubnis, auf ihren Theatern Parodien von Tragödien und Opern zu geben. Ich lernte in diesem Theater die berühmte Chantilly kennen, die frühere Geliebte des Marschalls von Sachsen, die man Favart nannte, weil der Dichter dieses Namens sie geheiratet hatte. Sie sang unter donnerndem Beifall die Rolle des Tonton in der Oper Thetis und Peleus von Fontenelle. Sie bezauberte durch ihre Anmut und ihr Talent einen Mann von höchstem Verdienst, den Abbé de Voisenon, mit dem ich ebenso intim bekannt wurde, wie mit Crébillon. Alle Theaterstücke, die als Werke der Frau Favart gelten und deren Namen tragen, stammen von diesem berühmten Abbé, der nach meiner Abreise von Paris zum Mitglied der Akademie erwählt wurde. Ich pflegte eifrig eine Bekanntschaft, die ich zu schätzen wußte, und er beehrte mich mit seiner Freundschaft. Durch mich wurde der Abbé von Voisenon auf den Gedanken gebracht, Oratorien in Versen zu dichten; sie wurden zum erstenmal in den Tuilerien gesungen an den Tagen, wo die Theater aus religiösem Anlaß geschlossen sind. Dieser liebenswürdige Abbé, geheimer Verfasser mehrerer Komödien, hatte eine sehr zarte Gesundheit und einen sehr kleinen Körper: er war ganz Geist und Feinheit und berühmt wegen seiner treffenden scharfen Witzworte, die trotzdem niemanden beleidigten. Er konnte unmöglich Feinde haben, denn seine Kritik streifte kaum die Haut. Eines Tages kam er von Versailles zurück, und ich fragte ihn, was es neues gäbe: »Der König gähnt,« antwortete er mir, »weil er morgen ins Parlament kommen muß, um dort ein Lit de Justice zu halten.« »Warum nennt man das ein Lit de Justice?« »Das weiß ich nicht; vielleicht, weil die Justiz darauf schläft.« Ich fand das lebende Abbild des berühmten Schriftstellers in Prag wieder in der Person des Herrn Grafen Franz Hardegg, des gegenwärtigen bevollmächtigten Ministers des Kaisers am sächsischen Hofe. Abbé de Voisenon stellte mich Fontenelle vor, der damals dreiundneunzig Jahre alt war. Fontenelle war Schöngeist, liebenswürdiger Gelehrter, tiefer Kenner der Naturwissenschaften, berühmt durch seine witzigen Bemerkungen. Er konnte kein Kompliment machen, ohne es durch Geist und Liebenswürdigkeit zu beleben. Ich sagte ihm, ich käme eigens aus Italien, um ihn zu sehen. »Gestehen Sie, mein Herr,« antwortete er, »daß Sie recht lange haben auf sich warten lassen!« Eine höfliche und zugleich kritische Antwort, die auf geistreiche und zugleich feine Art die Lüge meines Komplimentes bloßstellte. Er schenkte mir seine Werke und fragte mich, ob die französischen Schauspiele mir gefielen; ich antwortete, ich hätte in der Oper Thétis et Pelée gesehen. Dieses Stück ist von ihm, und als ich mich sehr lobend darüber aussprach, antwortete er mir, es wäre eine tête pelée [R1: Glatzkopf]. »Ich war gestern im Français; man gab Athalie.« »Es ist das Meisterwerk Racines, und Voltaire hat mich mit Unrecht beschuldigt, ich hätte ihn kritisieren wollen, indem er mir ein Epigramm zuschrieb, dessen Verfasser niemals bekannt geworden ist; es endet mit den beiden sehr schlechten Versen: »Pour avoir fait pis qu'Ester, Comment diable as-tu pu faire ?« Ich habe erzählen hören, Herr de Fontenelle sei der zärtliche Freund von Frau de Tencin gewesen. Herr d'Alembert sei die Frucht ihres vertrauten Umganges und Le Rond sei nur sein Pflegevater gewesen. d'Alembert lernte ich bei Frau de Graffigny kennen. Der große Philosoph besaß das Geheimnis, niemals gelehrt zu erscheinen, wenn er sich in Gesellschaft liebenswürdiger Personen befand, die keine Ansprüche auf wissenschastliche Bildung machten, und er verstand die Kunst, Leute, die sich mit ihm unterhielten, geistreich zu machen. Als ich nach meiner Flucht aus den Bleikammern zum zweitenmal nach Paris kam, bereitete ich mir einen Freudentag, indem ich den liebenswürdigen und verehrungswürdigen Fontenelle wieder aufsuchte; aber er starb vierzehn Tage nach meiner Ankunft zu Beginn des Jahres 1757. Als ich zum drittenmal nach Paris zurückkam, mit der Absicht, dort meine Tage zu beschließen, zielte ich aus die Freundschaft des Herrn d'Alembert; aber er starb wie Fontenelle vierzehn Tage nach meiner Ankunft, gegen Ende des Jahres 1783. Heute fühle ich, daß ich Paris und Frankreich zum letztenmal gesehen habe. Die revolutionäre Bewegung des Volkes hat mich abgestoßen, und ich bin zu alt, um hoffen zu dürfen, daß ich deren Ende erleben werde. Der Gesandte des Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen am Versailler Hof, Graf von Looz, lud mich im Jahre 1751 ein eine französische Oper ins Italienische zu übertragen. Es sollte ein Werk sein, worin sich reiche Verwandlungen und große Balletts anbringen ließen, die jedoch mit dem Stoff in Verbindung stehen sollten. Ich wählte den Zoroaster des Herrn Cahusac. Ich mußte die Worte der Musik der Gesänge anpassen, was eine schwierige Sache ist. Daher blieb denn auch die Musik schön, aber die italienische Poesie war nicht gerade glänzend. Trotzdem ließ der freigebige Monarch mir eine schöne goldene Tabaksdose überreichen, und ich machte mit meiner Arbeit meiner Mutter ein großes Vergnügen. Etwa um diese Zeit kam Fräulein Vesian mit ihrem Bruder nach Paris. Sie war blutjung, gut erzogen, ganz unerfahren und im höchsten Grade schön und liebenswürdig; ihr Bruder war bei ihr; ihr Vater, früherer Offizier in französischen Diensten, war in seiner Vaterstadt Parma gestorben. Da sie als Waise ohne alle Mittel dastand, befolgte sie einen Rat, den man ihr gab, verkaufte alle Möbel und Wertsachen, die ihr Vater hinterlassen hatte, und begab sich nach Versailles, wo sie versuchen wollte, von der Gerechtigkeitsliebe und Güte des Königs ein kleines Jahrgeld für ihren Unterhalt zu erlangen. So wie sie aus dem Postwagen ausgestiegen war, nahm sie einen Fiaker und ließ sich nach einem Hotel garni in möglichster Nähe des italienischen Theaters fahren. Der Zufall fügte es, daß sie im Hotel de Bourgogne abstieg, wo ich wohnte. Am Morgen sagte man mir, in einem Zimmer neben dem meinigen seien zwei frisch angekommene Italiener, Bruder und Schwester; beide seien sehr hübsch, aber nur spärlich mit Gepäck versehen. Italiener, jung, arm, frisch angekommen – das war mehr als genug, um meine Neugier zu erregen. Ich gehe an ihre Türe, klopfe und ein junger Mann im Hemd öffnet mir, indem er sagt: »Mein Herr, ich bitte um Entschuldigung, daß ich in diesem Zustande ihnen aufmache.« »Im Gegenteil, ich habe mich bei Ihnen zu entschuldigen. Ich komme in meiner doppelten Eigenschaft als Nachbar und als Landsmann, um Ihnen meine Dienste anzubieten.« Auf der Erde lag eine Matratze; sie stellte das Bett vor, worin der junge Mann geschlafen hatte; ein Bett, das hinter Vorhängen verborgen den Alkoven ausfüllte, ließ mich erraten, wo die Schwester war. Ich bat sie um Entschuldigung, daß ich sie gestört hätte, ohne mich zu erkundigen, ob sie schon aufgestanden wäre. Ohne sich sehen zu lassen, antwortete sie mir, sie hätte, ermüdet von der Reise, ein bißchen länger geschlafen als gewöhnlich; aber sie würde aufstehen, wenn ich ihr Zeit lassen wollte. »Ich gehe auf mein Zimmer, Fräulein, und werde die Ehre haben, wiederzukommen, sobald Sie mich rufen lassen; ich wohne im Zimmer Nummer so und so viel.« Anstatt mich rufen zu lassen, erscheint eine Viertelstunde darauf in meinem Zimmer eine schöne, junge Person, die mir voll Anmut eine bescheidene Verbeugung macht, indem sie zu mir sagt, sie wolle mir meinen Besuch erwidern, und ihr Bruder werde sofort kommen. Ich danke ihr, indem ich sie einlade Platz zu nehmen, und spreche ihr meine volle Teilnahme aus. Ihre Dankbarkeit spricht sich noch mehr im Ton ihrer Stimme, als in ihren Ausdrücken aus; ich habe bereits ihr Vertrauen gewonnen, und sie schildert mir in naiver Weise, aber nicht ohne eine gewisse Würde, ihre kurze Lebensgeschichte oder vielmehr ihre Lage und schließt mit den Worten: »Ich muß mir im Laufe des Tages eine weniger teuere Wohnung verschaffen, denn ich habe nur noch sechs Franken übrig.« Ich frage sie, ob sie Empfehlungsbriefe habe, und sie zieht aus ihrer Tasche ein Paket von Papieren, das aus etwa sieben bis acht Leumunds- und Armutszeugnissen und einem Paß besteht. »Das ist also alles, was Sie haben, meine schöne Landsmännin?« »Ja, ich werde mich mit meinem Bruder dem Kriegsminister vorstellen, und ich hoffe, er wird Mitleid mit mir haben.« »Sie kennen niemanden?« »Niemanden, mein Herr! Sie sind in Frankreich der erste, dem ich meine Geschichte erzählt habe.« »Ich bin Ihr Landsmann, und Sie sind mir durch Ihre Lage ebensosehr wie durch Ihre Tugend empfohlen. Ich will Ihr Berater sein, wenn es Ihnen recht ist.« »Ach, mein Herr, wie großen Dank werde ich Ihnen schuldig sein!« »Gar keinen. Geben Sie mir ihre Papiere; ich werde sehen, was ich tun kann. Erzählen Sie Ihre Geschichte keinem Menschen. Man darf von Ihrer Lage keine Ahnung haben; vor allen Dingen verlassen Sie das Haus nicht. Hier haben Sie zwei Louis; ich leihe sie Ihnen, und Sie werden sie mir wiedergeben, wenn Sie dazu imstande sind.« Sie nahm das Geld in tiefer Dankbarkeit an. Fräulein Vesian war eine Brünette von sechzehn Jahren; interessant in der vollen Bedeutung des Wortes; sie sprach gut französisch und italienisch, hatte Formen, sehr anmutige Manieren und einen edlen Ton, der ihr viel Würde verlieh. Sie schilderte mir ihre Verhältnisse, ohne sich wegzuwerfen, aber auch ohne jenen Ausdruck von Schüchternheit, der von der Befürchtung hervorgerufen zu werden scheint, der Zuhörer möchte sich die ihm anvertraute Not zunutze machen. Sie trat weder zu demütig noch zu zuversichtlich auf; sie hatte Hoffnung und prahlte nicht mit ihrem Mut. In ihrer Haltung lag nichts, was darauf schließen ließ, daß sie mit ihrer Tugend paradieren wollte, obgleich sie eine Art Schamhaftigkeit an sich hatte, die auf jeden Eindruck machen mußte, der sich ungebührlich gegen sie hätte benehmen wollen. Ich verspürte diese Wirkung an mir selber; denn trotz ihrer schönen Augen, ihrem schönen Wuchs, der Frische ihrer Gesichtsfarbe, ihrer schönen Haut, trotz ihrem nachlässigen Hauskleid, mit einem Wort: trotz allem, was einen Mann in Versuchung führen kann und was in mir die glühendsten Begierden erregte, fühlte ich mich doch nicht einen Augenblick schwach werden: sie hatte mir ein Gefühl von Achtung eingeflößt, das mir Selbstbeherrschung verlieh, und ich nahm mir fest vor, nicht nur nichts gegen ihre Tugend zu unternehmen, sondern auf keinen Fall der erste zu sein, der sie auf einen schlechten Weg führte. Ich hielt es sogar für richtig, ein Gespräch dieser Art zurzeit zu vermeiden, weil ich dadurch vielleicht zu einem anderen Verfahren würde gebracht werden können. Ich sagte zu ihr nur folgendes: »Sie sind in eine Stadt gekommen, wo Ihr Geschick sich erfüllen muß, wo alle Vorzüge, mit denen die Natur Sie so reich ausgestattet hat, und die dazu bestimmt zu sein scheinen, Ihr Glück zu machen, im Gegenteil Anlaß zu Ihrem Untergang sein können; denn hier, meine liebe Landsmännin, verachten die Reichen alle Frauen von leichtfertigem Lebenswandel, mit Ausnahme derjenigen; die ihnen ihre Tugend geopfert haben. Wenn Sie tugendhaft sind und es bleiben wollen, so machen Sie sich darauf gefaßt, viel Elend zu erleiden, es sei denn, daß ein ganz besonders glücklicher Zufall Ihnen zu Hilfe käme. Wenn Sie aber über den sogenannten Vorurteilen zu stehen glauben, ich meine, wenn Sie zu allem bereit sind, um ein bequemes Leben führen zu können, so seien Sie wohl auf der Hut, daß Sie nicht betrogen werden. Mißtrauen Sie den goldenen, feurigen Worten, die ein Mann Ihnen sagen wird, um Ihre Huld zu gewinnen: glauben Sie seinen Worten nicht eher, als bis Sie Taten gesehen haben; denn nach dem Genuß erlischt das Feuer, und Sie werden sich betrogen sehen. Hüten Sie sich auch, an uneigennützige Gefühle bei den Männern zu glauben, die der Anblick Ihrer Reize überrascht: sie werden Ihnen falsche Münze in Überfluß geben, aber lassen Sie sich nicht so leicht verführen! Ich für meine eigene Person bin sicher, daß ich Ihnen nichts Böses tun werde, und ich hege die Hoffnung, Ihnen Gutes tun zu können. Damit Sie meinetwegen beruhigt sein können, werde ich Sie behandeln, wie wenn Sie meine Schwester wären; denn ich bin zu jung, um mich Ihnen gegenüber wie ein Vater zu verhalten, und ich würde nicht so zu Ihnen sprechen, wenn ich Sie nicht reizend fände.« Während ich noch sprach, trat ihr Bruder ein. Er war ein hübscher und wohlgewachsener Junge von achtzehn Iahren, aber er wußte sich nicht zu benehmen, sprach wenig, und sein Gesicht war ausdrucklos. Wir frühstückten zusammen, und auf meine Frage, zu welchem Beruf er die größte Neigung fühle, antwortete er mir, er sei zu allem bereit, um auf anständige Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen. »Haben Sie irgend ein Talent?« »Ich schreibe ziemlich gut.« »Das ist schon etwas. Wenn Sie ausgehen, so hüten Sie sich vor jedem Verkehr: gehen Sie in kein Kaffeehaus und sprechen Sie auf den öffentlichen Promenaden mit keinem Menschen. Essen Sie zu Hause mit Ihrer Schwester zusammen und lassen Sie sich eine kleine Kammer für sich geben. Schreiben Sie heute irgend etwas auf französisch; geben Sie es mir morgen früh, und wir werden dann sehen. Für Sie, Fräulein, sind hier Bücher, die ich Ihnen zur Verfügung stelle. Ich habe Ihre Papiere; morgen werde ich Ihnen irgend etwas berichten können, denn heute werden wir uns nicht mehr sehen, da ich für gewöhnlich sehr spät nach Hause komme.« Sie nahm einige Bücher, machte mir eine bescheidene Verbeugung und sagte in einem bezaubernden Ton, sie habe völlig Vertrauen zu mir. Ich hatte den besten Willen, ihr nützlich zu sein, und sprach daher überall, wohin ich an diesem Abend kam, nur von ihr und ihrem Anliegen, und überall sagten Herren und Damen mir: wenn sie hübsch wäre, würde sie unfehlbar ihren Zweck erreichen, indessen würde sie gut tun, sich recht eifrig zu bemühen. Den Bruder würde man wohl in irgend einem Bureau unterbringen, versicherte man mir. Ich bemühte mich eine Dame der großen Welt ausfindig zu machen, die bereit wäre, sie Herrn d'Argenson vorzustellen. Dies war der richtige Weg für sie, und ich fühlte mich imstande, während der notwendigen Wartezeit für sie zu sorgen. Ich bat Sylvia, sie möchte darüber mit Frau de Montconseil sprechen, die großen Einfluß auf den Kriegsminister hatte. Sie versprach es mir, wünschte aber zuvor das junge Mädchen kennen zu lernen. Ich kam gegen elf Uhr nach Hause, und da ich in dem Zimmer des jungen Mädchens noch Licht sah, so klopfte ich bei ihr an. Sie öffnete mir, indem sie mir sagte, sie sei in der Hoffnung, mich noch einmal zu sehen, nicht zu Bett gegangen; ich erzählte ihr alles, was ich getan hatte, und fand sie zu allem bereit und voller Dankbarkeit. Sie sprach über ihre Lage mit dem Ausdruck einer edlen Gleichgültigkeit, aber sie hatte diesen nur angenommen, um nicht in Tränen auszubrechen. Sie hielt die Tränen zurück, aber ihre feuchten Augen verrieten, welche Mühe ihr dies kostete. Wir plauderten zwei volle Stunden, und im Laufe des Gesprächs erfuhr ich, daß sie noch niemals geliebt hatte und daher eines Liebhabers würdig war, der sie angemessen entschädigte, falls sie in die Lage geraten sollte, ihm ihre Tugend zum Opfer bringen zu müssen. Es wäre lächerlich gewesen, den Anspruch zu erheben, daß diese Entschädigung in einer Heirat bestände: die junge Vesian hatte noch nicht ihren sogenannten Fehltritt begangen, aber sie war weit entfernt von der Tugendheuchelei gewisser Mädchen, welche sagen, sie würden es um alles Gold der Welt nicht tun, dabei aber gewöhnlich dem ersten Angriff bereits erliegen. Die Vesian wollte weiter nichts, als sich auf eine anständige und vorteilhafte Art ergeben. Ich stieß einen Seufzer aus, als ich sie ihre Bemerkungen machen hörte, die bei der Lage, worin ein strenges Schicksal sie gestürzt hatte, im Grunde doch sehr vernünftig waren. Ihre Aufrichtigkeit entzückte mich: ich glühte. Lucia von Paseano kam mir wieder ins Gedächtnis; ich erinnerte mich meiner Reue darüber, daß ich mir eine zarte Blume hatte entgehen lassen, die ein anderer, der ihrer weniger würdig war als ich, schleunigst gepflückt hatte. Sie stand vor meinen Augen wie ein Lamm, das vielleicht die Beute eines reißenden Wolfes werden würde. Sie war ihrer ganzen Erziehung nach nicht dazu bestimmt, in Schande zu versinken; sie hatte edle Gefühle, eine feine Bildung, aber trotz alledem konnte vielleicht ihre Unschuld durch einen unreinen Hauch unwiederbringlich vernichtet werden. Ich beklagte mich, nicht imstande zu sein, ihr Glück machen zu können, ohne daß sie Ehre und Tugend zu opfern brauchte. Ich fühlte, daß ich nicht imstande war, sie durch Verführung in meinen Besitz zu bringen, daß ich aber auch nicht ihr Tugendwächter sein konnte, und daß ich, wenn ich als ihr Beschützer auftrat, ihr mehr Schaden als Nutzen bringen mußte – mit einem Wort, daß ich vielleicht nur dazu beitragen würde, sie ganz und gar zugrunde zu richten, anstatt ihr helfen zu können, der peinlichen Lage zu entrinnen, in der sie sich befand. So saß sie denn nun neben mir, und ich sprach mit innigem Gefühl auf sie ein, sagte aber kein Wort von Liebe; doch küßte ich ihr zu oft die Hand und den Arm, ohne aber zu einem Entschluß kommen zu können; denn der erste Anfang hätte zu schnell zum Ende geführt und mich gezwungen, sie für mich zu behalten. Dann aber konnte sie nicht mehr hoffen ihr Glück zu machen, und für mich gab es kein Mittel mehr, mich ihrer wieder zu entledigen. Ich habe die Frauen rasend geliebt, aber ich habe ihnen stets die Freiheit vorgezogen; und wenn ich in Gefahr war, diese zu verlieren, bin ich immer wie durch einen Zufall gerettet worden. Ich hatte mit Fräulein Vesian etwa vier Stunden verbracht; heiße Flammen der Begier verzehrten mich, aber ich besaß die Kraft, mich zu beherrschen. Sie konnte meine Zurückhaltung nicht der Tugend zuschreiben, und sie wußte nicht, was mich verhindern konnte, auf das Endziel loszugehen; sie mußte mich daher entweder für impotent oder für krank halten. Als ich sie endlich verließ, lud ich sie für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Unsere Mahlzeit war sehr fröhlich, und als nach dem Essen ihr Bruder ausgegangen war, um einen Spaziergang zu machen, setzten wir uns ans Fenster und sahen die zahlreichen Equipagen, die nach dem italienischen Theater fuhren. Ich fragte sie, ob es ihr Spaß machen würde, ebenfalls hinzugehen; sie lächelte vor Glück, und wir machten uns auf den Weg. Ich besorgte ihr einen Platz im Amphitheater, wo ich sie allein ließ, indem ich ihr sagte, wir würden uns um elf Uhr zu Hause wieder sehen. Ich wollte nicht bei ihr bleiben, weil ich Fragen zu vermeiden wünschte, die man vielleicht an mich hätte stellen können; denn sie war zwar sehr einfach angezogen, aber gerade dadurch doppelt interessant. Nach der Vorstellung aß ich bei Sylvia zu Abend und ging dann nach Hause. Zu meiner Überraschung sah ich vor der Tür einen sehr eleganten Wagen halten. Ich fragte, was das für ein Wagen sei, und man antwortete mir, er gehöre einem jungen Kavalier, der mit Fräulein Vesian soupiert habe. So war sie also auf gutem Wege. Als ich am nächsten Morgen gleich nach dem Aufstehen aus dem Fenster sah, erblickte ich einen Fiaker, der im gleichen Augenblick vor dem Hotel anhielt; ein gut gekleideter junger Herr im Morgenanzug stieg aus, und unmittelbar darauf hörte ich ihn bei meiner Nachbarin eintreten. Nur Fassung! Mein Entschluß stand fest: ich spielte den Gleichgültigen, um mich selber zu täuschen. Ich kleidete mich zum Ausgehen an, und während ich mit meiner Toilette beschäftigt war, trat Vesian bei mir ein und sagte mir, er wage nicht, in das Zimmer seiner Schwester zu gehen, weil der junge Herr, der mit ihr gespeist habe, soeben eingetreten sei. »Das ist ganz in der Ordnung,« antwortete ich ihm. »Er ist reich und sehr hübsch, er will uns persönlich nach Versailles bringen und mir eine Anstellung verschaffen.« »Dazu wünsch' ich Ihnen Glück; wer ist er?« »Das weiß ich nicht.« Ich legte alle ihre Papiere in einen Umschlag und gab ihm diesen, um ihn an seine Schwester weiter zu befördern; hierauf ging ich aus. Als ich um drei Uhr nach Hause kam, übergab die Wirtin mir ein Briefchen von Fräulein Vesian, welche ausgezogen war. Ich ging auf mein Zimmer, öffnete den Brief und las folgende Worte: »Ich gebe Ihnen das Geld zurück, das Sie mir geliehen haben und danke Ihnen. Graf Narbonne interessiert sich für mich und will ganz gewiß mir wie auch meinem Bruder nur Gutes tun. Ich werde Sie von allem unterrichten und Ihnen die Adresse des Hauses angeben, wo ich auf seinen Wunsch wohnen soll und wo es mir, nach seiner Versicherung, an nichts fehlen wird. Ich lege den größten Wert auf Ihre Freundschaft und bitte Sie, mir diese zu bewahren. Mein Bruder bleibt hier, und mein Zimmer gehört mir noch für den ganzen Monat, denn ich habe alles bezahlt.« Aha! sagte ich bei mir selber, eine zweite Lucia von Paseano! Da bin ich also zum zweitenmal von meinem dummen Zartgefühl angeführt; denn ich sehe voraus, dieser Graf wird nicht ihr Glück machen. Nun, ich wasche meine Hände in Unschuld! Ich kleidete mich an und ging ins Französische Theater, um mich nach diesem Narbonne zu erkundigen. Gleich der erste, an den ich mich wandte, sagte mir, er sei der Sohn eines reichen Mannes, ein großer Wüstling und stecke bis über die Ohren in Schulden. Das waren ja schöne Auskünfte! Acht Tage lang besuchte ich alle Theater und öffentlichen Vergnügungsorte, in der Hoffnung, diesen Grafen Narbonne kennen zu lernen. Da mir dies jedoch nicht gelang, begann ich bereits, die Geschichte zu vergessen, als eines Morgens gegen acht Uhr Vesian bei mir eintrat und mir sagte, seine Schwester sei in ihrem Zimmer und wünschte mich zu sprechen. Ich ging sofort hinüber und fand sie traurig und mit rotgeweinten Augen. Sie sagte ihrem Bruder, er möchte spazieren gehen, und erzählte mir darauf folgendes: »Herr von Narbonne, den ich für einen Ehrenmann gehalten habe, weil ich darauf angewiesen war, einen solchen zu finden, setzte sich neben mich; ich saß noch auf dem Platz, wo Sie mich verlassen hatten. Er sagte mir, mein Gesicht interessiere ihn, und fragte mich, wer ich sei. Ich sagte ihm dasselbe, was ich Ihnen gesagt hatte. Sie versprachen mir, an mich zu denken, aber Narbonne sagte mir, er habe nicht nötig, daran zu denken, sondern könne gleich handeln. Ich glaubte ihm, und meine Vertrauensseligkeit hat mich betrogen: er hat mich hintergangen, er ist ein Schurke.« Tränen erstickten ihre Stimme; ich trat ans Fenster, um sie ungestört sich ausweinen zu lassen. Nach einigen Minuten setzte ich mich wieder neben sie: »Sagen Sie mir alles, meine liebe Vesian! Erleichtern Sie Ihr Herz durch eine freie Aussprache und quälen Sie sich nicht mit dem Gedanken, daß Sie mir gegenüber schuldig seien; denn im Grunde habe ich mehr Unrecht als Sie. Den Kummer, der Ihnen die Seele zerreißt, würden Sie nicht haben, wenn ich nicht die Unvorsichtigkeit begangen hätte, Sie ins Theater zu führen.« »Oh, sagen Sie doch das nicht; darf ich es Ihnen übel nehmen, daß Sie mich für eine vernünftige Person gehalten haben? Kurz und gut, das Ungeheuer versprach mir, in der liebevollsten Weise für mich sorgen zu wollen, unter der Bedingung, daß ich ihm einen unbestreitbaren Beweis meiner Zärtlichkeit und meines Vertrauens zu ihm geben wollte; dieses Zeichen des Vertrauens sollte darin bestehen, daß ich ohne meinen Bruder bei einer durchaus anständigen Frau in einem von ihm gemieteten Hause Wohnung nähme. Er bestand darauf, daß mein Bruder nicht mit mir käme, weil die böse Welt ihn für meinen Liebhaber hätte halten können. Ich ließ mich beschwatzen. Ich Unglückliche! Wie habe ich mich ihm hingeben können, ohne Sie um Rat zu fragen ! Er sagte mir, die ehrenwerte Frau, bei der er mich unterbrächte, würde mich nach Versailles bringen ; er selber aber würde dafür sorgen, daß auch mein Bruder dorthin käme, und er würde uns zusammen dem Minister vorstellen. Nach dem Abendessen ging er fort, indem er mir sagte, er würde am nächsten Morgen wiederkommen und mich mit einem Fiaker abholen. Er gab mir zwei Louis und eine goldene Uhr, und ich glaubte, von einem jungen Kavalier, der mir so viele Teilnahme bezeigte, ein solches Geschenk wohl annehmen zu dürfen. Die Frau, der er mich vorstellte, kam mir nicht so respektabel vor, wie sie nach seiner Behauptung sein sollte. Ich habe diese acht Tage bei ihr verbracht, ohne daß er etwas Entscheidendes für mich getan hätte. Er ging frei bei mir aus und ein, und sagte fortwährend: Morgen! Morgen aber hatte er immer irgend eine Abhaltung. Heute früh um sieben Uhr kam nun die Frau zu mir und sagte mir, der Herr sei gezwungen, aufs Land zu gehen; ein Fiaker würde mich nach dem Hotel zurückbringen, von wo er mich abgeholt hätte, und nach seiner Rückkehr würde er mich dort aufsuchen. Hierauf sagte sie mir mit verstellter trauriger Miene, ich müßte ihr die Uhr zurückgeben, weil der Herr Graf vergessen hätte, sie dem Uhrmacher zu bezahlen. Ich gab sie ihr augenblicklich wieder, ohne ein einziges Wort zu antworten, packte meine paar Habseligkeiten in mein Taschentuch, und bin vor einer halben Stunde wieder hier im Hause angelangt.« »Hoffen Sie ihn nach seiner Rückkehr vom Lande zu sehen?« »Ich ihn wiedersehen ! O mein Gott, warum habe ich ihn überhaupt jemals gesehen!« Sie weinte heiße Tränen, und ich gestehe, daß mich niemals ein junges Mädchen so wie sie im Ausdruck ihres Schmerzes gerührt hat. Mitleid trat an die Stelle der zärtlichen Gefühle, die sie mir vor acht Tagen eingeflößt hatte. Das niederträchtige Verhalten Narbonnes empörte mich dermaßen, daß ich ihn auf der Stelle zur Rechenschaft gezogen haben würde, wenn ich nur gewußt hätte, wo ich ihn allein antreffen könnte. Ich hütete mich wohl, das arme Mädchen nach der ausführlichen Geschichte ihres Aufenthalts bei der ehrenwerten Helfershelferin des Herrn von Narbonne zu befragen; ich erriet mehr, als ich zu wissen wünschte, und ich würde Fräulein Vesian gedemütigt haben, wenn ich eine solche Schilderung von ihr verlangt hätte. Übrigens erkannte ich die ganze Gemeinheit dieses Herrn Grafen in der Niedrigkeit, ihr die Uhr wieder abzunehmen, die ihr als Geschenk rechtmäßig gehörte, und die das unglückliche Mädchen nur zu wohl verdient hatte. Ich tat mein Möglichstes, um ihre Tränen zu stillen, und sie hat mich schließlich, ich möchte doch für sie ein Vaterherz haben, sie würde ganz gewiß nichts mehr tun, was sie meiner Freundschaft unwert machen könnte, denn sie wolle sich nur noch durch meine Ratschläge lenken lassen. »Ei was, meine Liebe! Jetzt müssen Sie nicht nur den unwürdigen Grafen und sein schurkisches Benehmen gegen Sie, sondern überhaupt den ganzen von Ihnen begangenen Fehltritt vergessen! Was geschehen ist, ist geschehen, denn gegen das Vergangene gibt es kein Mittel; aber beruhigen Sie sich und lassen Sie jenen schönen Ausdruck zurückkehren, der vor acht Tagen auf Ihren Zügen glänzte. Damals las man darauf Ehrenhaftigkeit, Unschuld, Aufrichtigkeit und jene edle Zuversicht, die in denen, die ihren Reiz kennen, das Gefühl erweckt. Dies alles muß sich wieder auf Ihrem Gesicht zeigen, denn nur dies erweckt die Teilnahme wackerer Menschen, und Sie haben es mehr denn je nötig, solche Teilnahme zu erregen. Auf meine Freundschaft kommt es wenig an; aber Sie können um so mehr auf diese zählen, da Sie, wie ich glaube, jetzt ein Recht darauf besitzen, das Sie vor acht Tagen noch nicht hatten. Ich bitte Sie, überzeugt zu sein, daß ich Sie nicht verlassen werde, bevor für Sie in angemessener Weise gesorgt ist. Für den Augenblick kann ich Ihnen nichts mehr sagen; aber seien Sie fest überzeugt, daß ich an Sie denken werde.« »Ach, lieber Freund, wenn Sie mir versprechen, an mich denken zu wollen, so verlange ich nichts mehr. Ich Unglückliche! Kein Mensch auf der Welt denkt sonst an mich!« Sie war so gerührt, daß sie in Ohnmacht fiel. Ich sprang ihr bei, ohne andere Menschen zur Hilfe zu rufen, und sobald sie wieder zur Besinnung gekommen und ein wenig ruhiger geworden war, erzählte ich ihr tausend wahre oder erdichtete Geschichtchen von den Schelmenstreichen der Leute, die in Paris nur darauf ausgehen, Mädchen zu betrügen. Um sie aufzuheitern, erzählte ich ihr auch scherzhafte Geschichten dieser Art, und zum Schluß sagte ich ihr, sie müsse dem Himmel dafür danken, daß ihr dies mit dem Grafen Narbonne zugestoßen sei, denn dieses Unglück würde dazu dienen, sie in Zukunft vorsichtiger zu machen. Während dieser langen Unterhaltung unter vier Augen kostete es mir nicht die geringste Mühe, mich aller Liebkosungen zu enthalten; ich berührte nicht einmal ihre Hand, denn ich empfand für sie kein anderes Gefühl als das eines zärtlichen Mitleids, und es war für mich eine wahre Freude, als ich nach zwei Stunden sie ruhig und entschlossen sah, ihr Unglück als Heldin zu ertragen. Plötzlich stand sie auf, sah mich mit einem Ausdruck bescheidener Zuversicht an und fragte. »Haben Sie heute nichts Dringendes vor?« »Nein, meine Teuere.« »Nun, dann haben Sie die Güte, mich irgendwohin außerhalb der Stadt zu führen, wo ich in Freiheit frische Luft atmen kann: dort wird mein Gesicht wieder den Ausdruck bekommen, den es nach Ihrer Meinung haben muß, um ein günstiges Vorurteil für mich zu erwecken, und wenn ich mir dann diese Nacht einen sanften Schlaf verschaffen kann, so werde ich – das fühle ich – doch wieder glücklich werden können.« »Ich bin Ihnen dankbar für dieses Zutrauen: ich will mich anziehen, und wir werden miteinander ausgehen. In der Zwischenzeit wird Ihr Bruder zurückkommen.« »Ach, was kommt es denn auf meinen Bruder an!« »Sehr viel. Bedenken Sie, meine liebe Vesian, Sie müssen Narbonne zwingen, sich seines Betragens zu schämen. Wenn er nun erführe, daß Sie an demselben Tage, wo er Sie fortgeschickt hat, mit mir allein aufs Land gegangen sind, so würde er triumphieren und würde selbstverständlich sagen, er hätte Sie nur so behandelt, wie Sie es verdienten. Wenn Sie aber mit Ihrem Bruder und mit mir, Ihrem Landsmann, zusammen sind, so geben Sie dadurch der üblen Nachrede und der Verleumdung keine Handhabe.« »Ich schäme mich, nicht selber so vernünftig gedacht zu haben. Wir werden warten, bis mein Bruder zurückkommt.« Dieser ließ nicht lange auf sich warten, ich ließ einen Fiaker kommen, und wir wollten eben abfahren, als Baletti kam, der mich besuchen wollte. Ich stellte ihn den jungen Leuten vor und lud ihn ein, den Ausflug mitzumachen. Er willigte ein, und wir fuhren ab. Da ich weiter keine Absicht hatte, als das junge Mädchen aufzuheitern, so sagte ich dem Kutscher, er solle nach Gros-Caillou fahren; dort bekamen wir ein ausgezeichnetes improvisiertes Mittagessen, bei dem es um so lustiger herging, je primitiver die Bedienung war. Da der junge Vesian einen etwas schweren Kopf bekommen hatte, machte er nach dem Essen einen kleinen Spaziergang, und ich blieb mit seiner Schwester und meinem Freunde allein. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß Baletti das junge Mädchen liebenswürdig fand, und ich beschloß, ihm vorzuschlagen, er solle sie tanzen lehren. Ich erzählte ihm von ihrer Lage und von dem Anlaß, der sie nach Paris geführt hätte; ich schilderte ihm, wie sie nur geringe Hoffnung hatte, vom König eine Pension zu erhalten, und daß sie sich in der Notwendigkeit befände, irgend einen Beruf zu ergreifen, um leben zu können. Baletti sagte, er sei bereit, alles für sie zu tun, und nachdem er ihren Wuchs und ihre Anlagen geprüft hatte, erklärte er: »Ich werde es möglich machen, Sie bei Lani als Figurantin im Opernballett unterzubringen.« »Dann müssen wir also«, sagte ich zu ihm, »gleich morgen anfangen, ihr Stunden geben zu lassen. Fräulein Vesian ist meine Nachbarin.« Die junge Vesian war ganz verblüfft über diesen Plan; sie lachte darüber sehr herzlich und rief aus: »Aber improvisiert man denn eine Operntänzerin wie einen Premierminister? Ich kann Menuett tanzen und habe so viel Gehör, daß ich einen Contre tanzen kann; im übrigen aber kann ich keinen Schritt machen.« »Die meisten Figurantinnen«, sagte Baletti, »können nicht mehr als Sie.« »Und wieviel soll ich von Herrn Lani verlangen? Mir scheint, sehr viel kann ich nicht beanspruchen.« »Nichts. Figurantinnen bei der Oper werden nicht bezahlt.« »Da bin ich ja dann freilich sehr viel weiter!« sagte sie mit einem Seufzer; »wie soll ich es denn anfangen, um zu leben?« »Machen Sie sich darum keine Sorgen. So wie Sie sind, werden Sie bald zehn reiche Herren finden, die sich um die Ehre bewerben werden, für das fehlende Gehalt Ersatz schaffen zu dürfen. Ihre Sache wird es sein, eine gute Wahl zu treffen, und ich bin überzeugt, es wird nicht lange dauern, so sehen wir Sie mit Diamanten bedeckt.« »Jetzt verstehe ich. Sie glauben, irgend ein großer Herr werde mich unterhalten.« »Ganz recht; und das wird viel besser sein, als ein Jahrgeld von vierhundert Franken, das Sie vielleicht nur um den Preis ebenso großer Opfer erhalten würden.« Ganz erstaunt sah sie mich an, ob das auch alles ernst gemeint oder etwa nur ein schlechter Witz sei. Als Baletti einmal auf einen Augenblick hinausging, sagte ich ihr, sie könnte gar keinen besseren Entschluß fassen, falls sie nicht etwa die traurige Ehre vorzöge, Kammerzofe bei irgend einer großen Dame zu werden. »Ich möchte es nicht einmal bei der Königin sein.« »Und Figurantin bei der Oper?« »Viel eher.« »Sie lachen?« »Es ist aber auch zum Totlachen. Geliebte eines großen Herrn, der mich mit Diamanten bedecken wird! Ich werde mir den ältesten aussuchen.« »Vortrefflich, meine Liebe; aber geben Sie ihm keinen Anlaß zur Eifersucht!« »Ich verspreche Ihnen, ich werde ihm treu sein. Aber wird er auch eine Anstellung für meinen Bruder finden?« »Zweifeln Sie nicht daran!« »Aber wer wird mir meinen Unterhalt geben, bis ich bei der Oper eintrete und bis mein alter Liebhaber sich einstellt?« »Ich, meine Liebe; ich, mein Freund Baletti und alle meine Freunde; und wir verfolgen dabei kein anderes Interesse, als daß wir Ihnen dienen möchten, in der Hoffnung, daß Sie sich vernünftig aufführen werden, und daß wir zu Ihrem Glück beitragen. Sind Sie davon überzeugt?« »Vollkommen. Ich habe mir vorgenommen, mich nur von Ihren Ratschlägen lenken zu lassen, und ich bitte Sie recht herzlich, stets mein bester Freund zu sein.« Mit Einbruch der Nacht kamen wir nach Paris zurück. Ich brachte meine Vesian nach Hause und begleitete Baletti zu seiner Mutter. Beim Abendessen nahm mein Freund Sylvia das Versprechen ab, zugunsten unseres Schützlings mit Herrn Lani zu sprechen. Sylvia sagte, dieser Plan wäre besser als die Bewerbung um ein elendes Jahrgeld, das man vielleicht doch nicht erhalten würde. Hierauf wurde von einem Projekt gesprochen, womit man sich damals trug und das darin bestand, sämtliche Plätze der Opernfigurantinnen und Chorsängerinnen zu verkaufen. Man ging sogar mit dem Gedanken um, hohe Preise dafür festzusetzen; denn man sagte, je teurer diese Plätze wären, in desto höherer Schätzung würden die Mädchen stehen, die sie kauften. In Anbetracht der skandalösen Sitten jener Zeit trug dieser Plan einen Anstrich von Weisheit; denn er hätte in gewisser Art eine Kaste emporgehoben, deren Mitglieder mit wenigen Ausnahmen sich mit ihrer Verächtlichkeit zu brüsten scheinen. Damals waren bei der Oper mehrere kaum noch leidlich zu nennende, sondern eher häßliche Figurantinnen, Sängerinnen sowohl wie Tänzerinnen, die nicht das geringste Talent hatten und trotzdem in behaglichem Wohlstand lebten; denn es ist nun einmal die allgemeine Meinung, daß ein Opernmädchen von Berufswegen auf Tugend und Anstand verzichten muß, wenn sie nicht vor Hunger sterben will. Wenn aber eine Neueintretende so geschickt ist, auch nur einen Monat anständig zu bleiben, so ist unzweifelhaft ihr Glück gemacht; denn alsdann suchen gerade die im Rufe eines ehrbaren Lebenswandels stehenden reichen Herren sich dieses Ausbundes von Tugendhaftigkeit zu bemächtigen. Diese Art Leute sind entzückt, wenn beim Erscheinen ihrer Schönen das Publikum ihre Namen nennt; sie lassen ihnen sogar einige Abweichungen vom Wege der Tugend durchgehen, wenn die Untreue nicht gar zu auffallend ist; übrigens gehört es zum guten Ton, niemals ohne Anmeldung zum Abendessen bei seiner Schönen zu gehen; man wird begreifen, wie vernünftig dieser Brauch ist. Gegen elf Uhr kam ich nach Hause, und da ich Fräulein Vesians Zimmertür offen sah, so trat ich bei ihr ein. Sie lag im Bett, aber sie sagte mir: »Ich werde aufstehen, denn ich wünsche mit Ihnen zu sprechen.« »Machen Sie keine Umstände; wir können auch so miteinander sprechen. Außerdem finde ich Sie schöner, so wie Sie sind.« »Das freut mich.« »Was haben Sie mir also zu sagen?« »Nichts; ich wollte nur gerne mit Ihnen über meinen künftigen Beruf sprechen. Ich werde also die Tugend hochhalten, um jemanden zu finden, der sie nur deshalb liebt, um sie zu zerstören.« »Das ist allerdings wahr; aber auf dieser Welt geht es ja mit allem so ähnlich. Der Mensch bezieht alles auf sich, und jeder ist ein Tyrann in seiner Art. Ich sehe mit Freuden, daß Sie auf dem Wege sind, Philosophin zu werden.« »Wie macht man es, um das zu werden?« »Man denkt.« »Muß man lange denken?« »Sein ganzes Leben lang.« »Man wird also niemals fertig?« »Niemals; aber man gewinnt dabei, soviel man überhaupt gewinnen kann, und man verschafft sich den ganzen Anteil von Glück, der einem überhaupt beschieden ist.« »Und wie wird dieses Glück empfunden?« »Es wird empfunden in allen Freuden, die der Philosoph sich verschafft, wenn er das Bewußtsein hat, sie sich durch eigene Mühe verschafft zu haben, besonders dadurch, daß er den Haufen von Vorurteilen abgestreift hat, die aus den meisten Menschen eine Schar großer Kinder machen.« »Was heißt Freude? Und was versteht man unter Vorurteilen?« »Freude nenne ich den wirklichen Sinnengenuß: eine vollständige Befriedigung alles dessen, was sie begehren, und wenn die erschöpften Sinne Ruhe verlangen, um entweder frischen Atem zu schöpfen, oder um neue Kräfte zu sammeln, dann verschafft die Phantasie neue Freuden. Ein Philosoph ist darum derjenige, der sich keine Freude versagt, es sei denn, daß sie noch größere Schmerzen hervorruft, und der sich neue Freuden zu schaffen weiß.« »Und Sie sagen, dies geschehe dadurch, daß man Vorurteile von sich abstreift? Sagen Sie mir doch, was Vorurteile sind, und wie es einem gelingt, sich von ihnen frei zu machen.« »Sie richten da eine Frage an mich, meine Liebe, auf die man nicht leicht antworten kann, denn die Moralphilosophie kennt keine größere Frage; das will sagen: keine Frage, die schwieriger zu lösen wäre. Daher dauert denn auch diese Lektion das ganze Menschenleben hindurch. Ich will Ihnen in aller Kürze nur so viel sagen, daß man Vorurteil jede sogenannte Pflicht nennt, die man nicht in der Natur begründet findet.« »Der Philosoph muß also vor allen Dingen die Natur studieren?« »Weiter hat er überhaupt nichts zu tun, und der Weiseste ist derjenige, der sich am wenigsten täuscht.« »Welcher Philosoph hat sich nach Ihrer Meinung am wenigsten getäuscht?« »Sokrates.« »Aber er hat sich geirrt?« »Ja, in der Metaphysik.« »Nun, daraus mache ich mir nichts, denn ich glaube wohl, er hätte dieses Studium entbehren können.« »Da irren Sie sich; denn die Moral selbst ist nur die Metaphysik der Physik. Alles ist Natur, und Sie können meinetwegen jeden Menschen einen Narren nennen, der Ihnen erzählen will, er habe eine neue Entdeckung auf dem Gebiete der Metaphysik gemacht. Aber wenn ich dieses Thema noch weiter behandeln wollte, meine Liebe, so würde ich vielleicht bald Ihnen dunkel erscheinen. Überstürzen Sie nichts! Denken Sie! Bringen Sie Ihre Grundsätze in Einklang mit einer gesunden Vernunft und behalten Sie stets Ihr Glück im Auge; so werden Sie schließlich glücklich sein.« »Der Unterricht, den Sie mir in diesem Augenblick gegeben haben, ist mir viel lieber als der, den ich morgen von Herrn Baletti erhalten soll; denn ich sehe voraus, daß ich mich dabei langweilen werde, und jetzt, in Ihrer Gesellschaft, langweile ich mich nicht.« »Woran bemerken Sie, daß Sie sich nicht langweilen?« »An meinem Wunsch, daß Sie nicht von mir gehen mögen.« »Wahrhaftig, meine liebe Vesian, niemals hat ein Philosoph besser die Langeweile definiert, als Sie vorhin. Welches Vergnügen! Wie kommt es, daß ich Lust habe, es Ihnen durch eine Umarmung zu bezeigen?« »Weil ohne Zweifel unsere Seele nur dann glücklich sein kann, wenn sie sich mit unseren Sinnen im Einklang befindet.« »Wie, göttliche Vesian! Ihr Geist entzückt mich.« »Sie, mein lieber Freund, haben ihn zur Entfaltung gebracht, und ich bin Ihnen dafür so dankbar, daß ich Ihren Wunsch teile.« »Was hindert uns, einen so natürlichen Wunsch zu befriedigen? In meine Arme!« Was für eine philosophische Lektion! Sie erschien uns so süß, und unser Glück war so vollkommen, daß wir bei Tagesanbruch uns noch immer umarmt hielten und daß wir erst beim Schein der Sonne bemerkten, daß die Tür die ganze Nacht offen geblieben war. Baletti gab ihr einige Unterrichtsstunden, und sie wurde bei der Oper angenommen; aber sie war nur zwei oder drei Monate lang Figurantin, da sie sich sorgfältig nach den Vorschriften richtete, die ich ihr gegeben hatte und die sie mit ihrem überlegenen Geist für einzig richtig erkannt hatte. Mit einem Narbonne gab sie sich nicht mehr ab; sie erhörte schließlich die Bewerbungen eines Kavaliers, der von allen anderen verschieden war, denn er begann damit, sie von der Bühne wegzunehmen. Dies hätte kein anderer getan, denn es war damals nicht guter Ton. Der Glückliche war der Herr Graf de Tressan oder Tréan — ich erinnere mich seines Namens nicht mehr genau. Sie führte sich sehr gut auf und blieb bei ihm bis zu seinem Tode. Jetzt spricht kein Mensch mehr von ihr, obwohl sie in sehr behaglichen Verhältnissen lebt; aber sie ist sechsundfünfzig Iahre alt, und in diesem Alter ist eine Frau in Paris so gut wie nicht mehr vorhanden. Von dem Augenblick an, wo sie das Hotel de Bourgogne verließ, sah ich sie nicht mehr. Als ich sie, mit Diamanten bedeckt, wieder sah, grüßten unsere Seelen sich vor Freude, aber ihr Glück lag mir zu sehr am Herzen, als daß ich es hätte wagen mögen, ihr nachzustellen. Ihr Bruder bekam eine Anstellung, aber ich verlor ihn aus den Augen. Elftes Kapitel Die schöne O'Morphi. — Der Schwindelmaler. — Ich mache bei der Herzogin von Chartres kabbalistische Berechnungen. — Ich verlasse Paris. — Mein Aufenthalt in Dresden. Als ich eines Tages mit meinem Freunde Patu auf der Messe Saint-Laurent war, bekam er den Einfall, mit einer vlamischen Schauspielerin, namens Morphi, zu soupieren, und er lud mich ein, mich daran zu beteiligen. Das Mädchen hatte für mich keinen Reiz; aber was tut man nicht einem Freund zuliebe? Ich stimmte also zu. Nachdem wir mit der Schönen gespeist hatten, bekam Patu Lust, die Nacht einer süßeren Beschäftigung zu widmen, und da ich ihn nicht verlassen wollte, so verlangte ich ein Kanapee, um darauf in Züchten die Nacht zu verbringen. Die Morphi hatte eine Schwester, einen kleinen Schmutzfinken von etwa dreizehn Jahren; diese sagte mir: wenn ich ihr einen kleinen Taler geben wollte, würde sie mir ihr Bett abtreten. Ich erklärte mich einverstanden, und sie führte mich in ein Kämmerchen, wo ich einen Strohsack auf vier Brettern fand. »Und das nennst du ein Bett, mein Kind?« »Ich habe kein anderes, mein Herr.« »So eins will ich nicht, und du bekommst deinen kleinen Taler nicht.« »Sie wollten sich also auskleiden?« »Selbstverständlich.« »Welch' ein Einfall! Wir haben gar keine Bettlaken.« »Du schläfst also ganz angezogen?« »O nein!« »Nun, so lege dich hin, wie du es sonst tust, und ich gebe dir den kleinen Taler.« »Warum denn?« »Ich will dich in diesem Zustand sehen.« »Aber Sie werden mir nichts tun?« »Ganz und gar nichts!« Sie legt sich auf den armseligen Strohsack und deckt sich mit einem alten Vorhang zu. Wie sie so daliegt, denke ich nicht mehr an ihre Lumpen; ich sehe nur noch eine vollendete Schönheit. Aber ich möchte sie ganz sehen. Ich treffe Anstalten, meinen Wunsch zu befriedigen; aber sie widersetzt sich. Ein Sechsfrankentaler macht sie gefügig, und da ich an ihr keinen anderen Mangel sehe als völlige Abwesenheit von Sauberkeit, so beginne ich sie eigenhändig abzuwaschen. Du wirst mir erlauben, lieber Leser, eine ebenso einfache wie natürliche Kenntnis vorauszusetzen: nämlich, daß in derartigen Fällen mit der Bewunderung eine andere Art von Beifallsbetätigung untrennbar verbunden ist. Zum Glück, und wie es auch nicht anders zu erwarten war, fand ich die kleine Morphi bereit, mich alles machen zu lassen mit Ausnahme des einzigen, woran mir nichts lag. Sie erklärte mir, das würde sie mir nicht erlauben, denn nach der Meinung ihrer Schwester wäre das fünfundzwanzig Louis wert. Ich antwortete ihr, über den Preis für diesen Hauptpunkt würden wir ein anderes Mal sprechen; vorläufig wollten wir ihn ganz außer acht lassen. Nachdem sie hierüber beruhigt war, stand alles übrige mir zur Verfügung, und ich fand an ihr eine trotz der Frühreife sehr ausgebildete Begabung. Die kleine Helene brachte ihrer Schwester getreulich die sechs Franken, die ich ihr gab, und erzählte ihr, wie sie sie sich verdient hatte. Als ich gehen wollte, kam sie zu mir und sagte mir, wenn ich Lust hätte, würde sie etwas vom Preise ablassen, denn sie brauche Geld. Ich antwortete ihr lachend, ich würde sie am nächsten Tage besuchen. Patu, dem ich mein Erlebnis erzählte, glaubte, ich übertriebe, und um ihm zu beweisen, daß ich ein Kenner weiblicher Schönheit sei, bestand ich darauf, daß er sich Helenen in derselben Stellung ansähe, worin ich sie gesehen hätte. Er gab zu, daß der Meißel des Praxiteles niemals etwas Vollkommeneres habe schaffen können. Weiß wie eine Lilie bot Helene das schönste Bild, das Natur und Malerkunst zusammen hervorzaubern könnten. Ihre schönen Züge hatten etwas so Liebliches, daß dem Beschauer ein unbeschreibliches Glücksgefühl, eine köstliche Ruhe sich in die Seele senkten. Sie war blond, und trotzdem hatten ihre herrlichen blauen Augen den ganzen Glanz der schönsten schwarzen Augen. Am nächsten Abend besuchte ich sie wieder; da ich mich jedoch zu dem geforderten Preise nicht verstehen wollte, machte ich mit der älteren Schwester ab, ich sollte für jeden Besuch zwölf Franken bezahlen, wofür mir die Benützung ihres Zimmers freistände; diese Abmachung sollte so lange gelten, bis ich Lust bekäme, ihr sechshundert Franken zu zahlen. Es war ein starker Wucher, aber die Morphi war von griechischer Abstammung und über leere Gewissensbedenken völlig erhaben. Ich hatte gar keine Lust, ihr diese hohe Summe zu geben, weil ich kein Verlangen nach dem Gegenwert empfand; was ich erhielt, war alles, was ich wünschte. Die ältere Schwester glaubte mich an der Nase zu führen, denn in zwei Monaten hatte ich dreihundert Franken ausgegeben, ohne etwas mit dem Mädchen gemacht zu haben ; sie schrieb diese Zurückhaltung meinem Geiz zu; ein sonderbarer Geiz! Ich bekam Lust, den herrlichen Mädchenleib im Bilde zu besitzen, und ein deutscher Künstler malte sie mir göttlich schön für sechs Louis. Die Stellung, die er sie einnehmen ließ, war entzückend. Sie lag auf dem Bauch, Arme und Busen auf ein Kissen aufgestützt, aber den Kopf so herumgedreht, wie wenn sie zu drei Vierteln auf dem Rücken gelegen hätte. Der geschickte und geschmackvolle Künstler hatte den unteren Teil ihres Leibes mit so viel Kunst und Wahrheit gemalt, daß man sich nichts Schöneres wünschen konnte. Ich war entzückt von diesem schönen Porträt, das sprechend ähnlich war, und ich schrieb darunter: O-Morphi – ein Wort, das zwar nicht homerisch, aber nichts destoweniger griechisch ist und Schöne bedeutet. Aber wer kann die geheimen Wege des Schicksals vorauswissen! Mein Freund Patu bekam Lust, eine Kopie des Bildes zu besitzen; einen so unbedeutenden Dienst schlägt man einem Freunde nicht ab, und derselbe Maler erhielt den Auftrag, sie anzufertigen. Nun wurde dieser Maler nach Versailles berufen; er zeigte dort unter mehreren Porträts auch dieses reizende Bild, und Herr de St.-Quentin fand es so schön, daß er nichts Eiligeres zu tun hatte, als es dem König zu zeigen. Als großer Kenner auf diesem Gebiet beschloß Seine Allerchristlichste Majestät, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, ob der Maler naturgetreu kopiert hätte, und wenn das Original ebenso schön war wie das Abbild, so wußte der Enkel des Heiligen Ludwig sehr wohl, was er damit anfangen könnte. Der gefällige Freund des Fürsten, Herr de St.-Quentin, wurde mit der Sache beauftragt: dies war sein Amt. Er fragte den Maler, ob das Original wohl nach Versailles gebracht werden könnte; der Künstler hielt dies für sehr leicht möglich und versprach ihm, sich danach zu erkundigen. Er kam infolgedessen zu mir, um mir den Vorschlag mitzuteilen, den ich entzückend fand; ich sprach darüber sofort mit der älteren Schwester, die vor Freude ganz außer sich war. Sie begann also sofort, ihre jüngere Schwester zu säubern, ließ ihr ein nettes Kleid machen, und zwei oder drei Tage darauf fuhren sie mit dem Maler nach Versailles, um das Abenteuer zu bestehen. Der Vermittler für die kleinen Vergnügungen des Königs hatte bereits seinem Kammerdiener Bescheid gesagt. Dieser nahm die beiden Frauenzimmer in Empfang und brachte sie nach einem Gartenhäuschen. Der Maler wartete in einem Gasthof den Ausgang seiner Vermittlung ab. Eine halbe Stunde darauf kam der König allein nach dem Gartenhaus, fragte die junge O-Morphi, ob sie Griechin sei, zog das Porträt aus seiner Tasche, sah die Kleine genau an und rief: »Ich habe niemals etwas Ahnliches gesehen!« Bald darauf setzte er sich, nahm die Kleine auf den Schoß und erwies ihr einige Liebkosungen; nachdem er sich mit seiner eigenen königlichen Hand überzeugt hatte, daß die Frucht noch nicht gepflückt worden war, gab er ihr einen Kuß. O-Morphi sah aufmerksam ihren Gebieter an und lächelte. »Worüber lachst du?« »Ich lache darüber, daß Sie einem Sechsfrankentaler so ähnlich sehen, wie ein Tropfen Wasser dem andern.« Über diese Naivität lachte der Monarch laut auf; hierauf fragte er sie, ob sie in Versailles bleiben wollte. »Das kommt auf meine Schwester an,« antwortete die Kleine; aber diese Schwester beeiferte sich, dem König zu sagen: ein größeres Glück könnte sie sich gar nicht wünschen. Der König schloß sie wieder ein und ging; aber eine Viertelstunde darauf kam St.-Quentin und holte sie ab. Er brachte die Kleine in eine Wohnung, wo eine Frau schon auf sie wartete; dann begab er sich mit der älteren Schwester zu dem deutschen Maler, dem er fünfzig Louis für das Porträt gab. Die Morphi bekam nichts. Er ließ sich nur ihre Adresse geben, indem er ihr versicherte, sie würde von ihm hören. Wirklich bekam sie schon am nächsten Tage tausend Louis. Der gute Deutsche gab mir fünfundzwanzig Louis für mein Porträt und versprach nur, das in Patus Besitz befindliche mit der größten Sorgfalt für mich zu kopieren. Ferner erbot er sich, mir umsonst alle Mädchen zu malen, deren Bild ich zu besitzen wünschte. Es war für mich ein wirkliches Vergnügen, die Freude zu sehen, womit die gute Vlamin die fünfhundert Doppellouis betrachtete, die wir ihr verschafft hatten. Angesichts dieses Reichtums wußte sie nicht, wie sie mir, den sie für den Urheber ihres Glückes hielt, ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte. Die junge Schöne O-Morphi – so nannte der König sie stets – gefiel dem Herrscher noch mehr durch ihre Naivität und ihr niedliches Wesen als durch ihre seltene Schönheit, die regelmäßigste, die ich nach meiner Erinnerung gesehen habe. Er wies ihr eine Wohnung in seinem Hirschpark an, der ein wirklicher Harem für den wollüstigen Monarchen war, und zu welchem nur Damen, die bei Hofe vorgestellt waren, Zutritt hatten. Nach einem Jahr bekam die Kleine einen Knaben, der wie so viele andere spurlos verschwand; denn solange die Königin Marie lebte, erfuhr man niemals, wohin Ludwigs außereheliche Kinder kamen. Drei Jahre später fiel die O-Morphi in Ungnade; doch ließ der König, als er sie fortschickte, ihr 400 000 Franken auszahlen, die sie einem bretonischen Offizier als Mitgift zubrachte. Als ich mich im Jahre 1783 in Fontainebleau befand, machte ich die Bekanntschaft eines reizenden jungen Mannes von fünfundzwanzig Jahren, der aus dieser Ehe entsprossen und das leibhaftige Ebenbild seiner Mutter war. Er hatte von ihrer Geschichte keine Ahnung, und ich glaubte ihn darüber nicht aufklären zu sollen. Ich schrieb meinen Namen in sein Notizbuch ein und bat ihn, seiner Frau Mutter meine Empfehlungen auszurichten. Eine Bosheit der Gräfin von Valentinois, der Schwägerin des Fürsten von Monaco, war schuld, daß die schöne O-Morphi in Ungnade fiel. Die in Paris sehr bekannte Dame sagte eines Tages zu der jungen Person, wenn sie dem König einen rechten Spaß machen wollte, müsse sie ihn nur einmal fragen, wie er seine alte Frau behandelte. Das junge Ding war zu einfältig, um die Falle zu bemerken, und stellte wirklich dem König diese unverschämte Frage. Entrüstet warf Ludwig ihr einen wütenden Blick zu und sagte zu ihr: »Unglückliche, wer hat dich angewiesen, diese Frage an mich zu richten?« Mehr tot als lebendig warf die arme O-Morphi sich ihm zu Füßen und sagte ihm die Wahrheit. Der König entfernte sich und sah sie niemals wieder. Die Gräfin von Valentinois erschien erst zwei Jahre später wieder bei Hofe. Der Herrscher wußte recht gut, wieviel er sich seiner Frau gegenüber als Gatte vorzuwerfen hatte; so wollte er sich wenigstens als König nichts vorzuwerfen haben, und wehe dem, der sich gegen die Königin vergaß. Die Franzosen sind ganz gewiß das geistreichste Volk Europas, und vielleicht der ganzen Welt; das hindert aber nicht, daß es keine andere Stadt gibt, wo Betrügerei und Scharlatanerie so leicht ihr Glück machen können, wie in Paris. Wenn die Sache herauskommt, spottet und lacht man darüber; aber schon ist ein neuer Marktschreier da, der alle anderen überruft und gute Geschäfte macht, bis auch an ihn die Reihe kommt, ausgepfiffen zu werden. Unbestreitbar ist diese Erscheinung eine Wirkung der Mode auf das liebenswürdige, geschickte und leichtfertige Pariser Volk. Etwas mag noch so unsinnig sein – wenn es nur überraschend ist, findet es bei der Menge Anklang; man fürchtet nämlich, für einen Dummkopf zu gelten, wenn man sagen würde: das ist unmöglich. In Frankreich wissen eigentlich nur die naturwissenschaftlichen Gelehrten, daß zwischen Können und Werden noch eine Unendlichkeit liegt; in Italien dagegen ist dieses Axiom jedermann bekannt, was freilich nicht besagen will, daß die Italiener über den Franzosen stehen. Ein Maler verdiente eine Zeitlang viel Geld dadurch, daß er etwas Unmögliches ankündigte: er wußte nämlich den Glauben zu erwecken, er könne das Bildnis einer Person malen, ohne sie zu sehen und nur auf die bloße Beschreibung hin. Er verlangte nichts weiter, als daß die Beschreibung peinlich genau sei. Solch ein Bildnis machte also dem Besteller, der die Person beschrieben hatte, mehr Ehre als dem, der sie gemalt hatte. Aus dieser Abmachung folgte aber auch, daß der erstere das Bild für ähnlich erklären mußte; denn wenn er dies nicht tat, so brachte der Maler die allergerechteste Entschuldigung vor; er sagte: wenn das Bildnis nicht ähnlich wäre, so träfe die Schuld den, der die Beschreibung gemacht hätte, denn dieser hätte eben nicht verstanden, die Seele des Malers mit dem Wesen jener Gesichtszüge zu erfüllen, die er auf die Leinwand bringen sollte. Ich war eines Abends bei Sylvia zum Essen, als jemand diese wunderbare Neuigkeit vorbrachte, und zwar nicht etwa als einen lächerlichen Scherz, sondern im Ton der festesten Überzeugung. Er erzählte, der Maler hätte schon mehr als hundert Porträts gemacht, die sämtlich sehr ähnlich wären; alle fanden dies wunderschön. Nur ich konnte mir das Lachen nicht verhalten und erlaubte mir zu sagen, die Sache sei lächerlich und unmöglich. Der Erzähler wurde ärgerlich und schlug mir eine Wette um hundert Louis vor. Hierüber mußte ich noch mehr lachen, denn der Vorschlag war nicht annehmbar, weil natürlich die Gefahr zu groß war, angeführt zu werden. »Aber die Porträts sind sehr ähnlich!« »Ich glaube es nicht; und wenn sie wirklich ähnlich sind, so liegt eine Gaunerei vor.« Sylvia war die einzige, die meine Meinung teilte. Der Erzähler wollte uns durchaus überzeugen und schlug uns vor, mit uns zum Maler zum Essen zu gehen. Wir nahmen an. Am nächsten Tage begaben wir uns zu dem Künstler und sahen bei ihm eine Menge von Bildnissen, die angeblich vollkommen ähnlich waren; da wir die Originale nicht kannten, so konnten wir dies nicht bestreiten. »Würden Sie, mein Herr,« fragte Sylvia ihn, »mir das Bild meiner Tochter malen, ohne sie zu sehen?« »Gewiß, gnädige Frau, wenn Sie sicher sind, mir ihre Gesichtszüge genau beschreiben zu können.« Wir wechselten einen Blick miteinander, und die Sache war erledigt. Der Maler sagte uns, seine Lieblingsmahlzeit sei das Abendessen, und wir würden ihm viel Vergnügen machen, wenn wir ihn oft mit unserer Gegenwart beehrten. Nach Art der Quacksalber führte er eine Menge von Anerkennungsschreiben und Zeugnissen aus Bordeaux, Toulouse, Lyon, Rouen usw. mit sich. Diese enthielten entweder Komplimente über die Vortrefflichkeit seiner Bildnisse oder Beschreibungen für neue Porträts, die man bei ihm bestellte. Übrigens bezahlte man ihm seine Bilder voraus. Zwei oder drei Tage darauf begegnete ich seiner hübschen Nichte, die mir verbindliche Vorwürfe machte, daß ich nicht zu ihrem Oheim zum Abendessen ginge. Diese Nichte war ein leckerer Bissen; ich fühlte mich durch den Vorwurf geschmeichelt und versprach ihr, schon am nächsten Tage zu kommen. In weniger als acht Tagen aber wurde die Sache ernsthaft; ich verliebte mich in sie. Die interessante Nichte jedoch, die ein geistreiches Mädchen war und sich nur amüsieren wollte, war nicht verliebt und bewilligte mir nichts. Indessen, da ich mich nun einmal gefangen sah, so hoffte ich; denn ich fühlte, daß dies das beste war, was ich tun konnte. Eines Tages war ich in meinem Zimmer und dachte an sie, während ich meinen Kaffee trank. Plötzlich ging die Tür auf, ohne daß jemand sich hatte anmelden lassen, und es erschien ein junger Mann. Ich erkannte ihn nicht; aber bevor ich Zeit gehabt hatte, irgend eine Frage zu stellen, sagte er zu mir: »Mein Herr, ich habe die Ehre gehabt, bei Maler Sanson mit Ihnen zu speisen.« »Ach ja! Entschuldigen Sie bitte, mein Herr, ich erkannte Sie nicht.« »Es ist kein Wunder; denn Sie hatten bei Tisch nur Augen für Fräulein Sanson.« »Das ist sehr leicht möglich; aber da Sie es bemerkt haben, so gestehen Sie, mein Herr, daß sie reizend ist.« »Das kann ich ohne weiteres gestehen; denn ich weiß es zu meinem Unglück selber nur zu gut.« »Sie sind also in sie verliebt?« »Ach ja! Leider!« »Leider? So erringen Sie doch ihre Gegenliebe!« »Hiernach strebe ich, mein Herr, seit einem Jahr. Ich begann gerade einige Hoffnung zu schöpfen, da kamen Sie, um mich in Verzweiflung zu stürzen.« »Ich, mein Herr, um Sie in Verzweiflung zu stürzen?« »Jawohl. Gerade Sie.« »Das tut mir sehr leid, aber ich kann nichts dabei tun.« »Es wäre indessen nicht schwer für Sie, sehr viel dabei zu tun, und wenn Sie es mir erlauben wollten, so würde ich Ihnen anraten, was Sie tun könnten, um mir einen großen Dienst zu erweisen.« »Sprechen Sie ganz ohne Rückhalt!« »Sie könnten in Zukunft ihrem Hause völlig fern bleiben.« »Der Vorschlag ist eigentümlich; indessen gebe ich zu, daß dies das einzige ist, was ich tun könnte, wenn ich wirklich Lust hätte, Ihnen einen Gefallen zu erweisen. Glauben Sie aber, daß es Ihnen dann gelingen wird, die Liebe der jungen Dame zu gewinnen?« »Das wird dann meine Sache sein. Gehen Sie nur nicht mehr hin. Für das übrige werde ich selber sorgen.« »Ich könnte möglicherweise Ihnen dies außerordentliche Entgegenkommen erweisen; aber wollen Sie mir gütigst zugeben, daß es doch recht eigentümlich ist, wie Sie mich für einen Mann halten konnten, dem man derartige Zumutungen stellen kann?« »Ich gestehe, mein Herr, daß dies allerdings eigentümlich erscheinen kann; aber ich habe Sie für einen vernünftigen und sehr klugen Mann gehalten und habe nach reiflicher Überlegung gedacht, Sie würden sich an meine Stelle versetzen und mich nicht unglücklich machen wollen. Andernfalls würden Sie auch nicht Ihr Leben aufs Spiel setzen wollen wegen einer jungen Dame, die Ihnen nur eine verliebte Laune einflößen kann, während ich mich mit allen Gedanken danach sehne, mein Schicksal mit dem ihrigen zu vereinen, mag es mich zum Glück oder Unglück führen.« »Aber wenn ich nun zufällig gerade wie Sie die Absicht hätte, das Mädchen heiraten zu wollen?« »Dann wären wir beide zu beklagen, und einer von uns müßte sterben, bevor der andere sein Ziel erreichte; denn solange ich lebe, wird Fräulein Sanson gewiß nicht die Frau eines anderen.« Da steht nun dieser stattliche junge Mann vor mir: bleich, ernst, marmorkalt, bis zur Raserei verliebt, macht mir mit überraschender Gemütsruhe halb vernünftige, halb verzweifelte Vorschläge, und noch dazu in meiner eigenen Wohnung. Dies gab mir zu denken. Ganz gewiß hatte ich keine Furcht vor dem jungen Mann; andererseits war ich zwar in Fräulein Sanson verliebt, fühlte mich aber doch nicht dermaßen entflammt, daß ich um ihrer schönen Augen willen einem Mitmenschen den Hals abschneiden oder mich von ihm hätte totschießen lassen mögen wegen einer solchen, noch in den ersten Anfängen befindlichen Liebschaft. Ohne dem jungen Mann zu antworten, ging ich wohl eine gute Viertelstunde lang in meinem Zimmer auf und ab und erwog bei mir selber die Frage: Was wird für mich in den Augen eines Nebenbuhlers rühmlicher und in meinen eigenen Augen achtungswerter sein? Soll ich mich kalten Bluts auf einen Kampf um Leben und Tod mit ihn einlassen oder soll ich mich voller Würde zurückziehen und ihm den Platz räumen? Die Eitelkeit sagte mir: Schlage dich! Die Vernunft sagte: Zwinge deinen Nebenbuhler, anzuerkennen, daß du vernünftiger bist als er. Endlich sagte ich in festem Ton zu ihm: »Was würden Sie von mir denken, mein Herr, wenn ich mich bereit erklärte, Fräulein Sansons Haus nicht mehr zu betreten?« »Ich werde sagen, mein Herr, daß Sie Mitleid mit einem Unglücklichen haben und daß Sie mich stets bereit finden werden, für Sie den letzten Tropfen meines Blutes zu vergießen, um Ihnen meine Dankbarkeit zu bekunden.« »Wer sind Sie?« »Ich heiße Garnier und bin der einzige Sohn des Weinhändlers Garnier in der Rue de Seine.« »Nun denn, Herr Garnier, ich werde nicht mehr zu Fräulein Sanson gehen. Seien Sie mein Freund.« »Bis in den Tod! Leben Sie wohl, mein Herr!« »Leben Sie wohl, seien Sie glücklich.« Fünf Minuten nach Garniers Fortgang trat Patu ein. Ich erzählte ihm den Vorfall; er fand, ich hätte wie ein Held gehandelt. »Ich hätte freilich«, fagte er, »nicht anders gehandelt wie du; aber ganz gewiß hätte ich mich nicht so wie Garnier benommen.« Ungefähr um dieselbe Zeit ließ Graf de Melfort, Oberst des Regiments Orléans, mich durch Camille, die Schwester der von mir nicht mehr besuchten Coraline, bitten, mittels meiner Kabbala zwei Fragen zu beantworten. Ich verfertigte zwei sehr dunkle aber vielsagende Antworten, versiegelte sie und gab sie an Camille, die mich bat, ich möchte am nächsten Tage mit ihr an einen Ort gehen, den sie mir nicht nennen könnte. Ich willigte ein und begab mich mit ihr nach dem Palais-Royal, wo sie mich über eine kleine Treppe zu den Gemächern der Frau Herzogin von Chartres führte. Nachdem wir ungefähr eine Viertelstunde gewartet hatten, kam die Herzogin und dankte Camillen in der liebenswürdigsten Weise dafür, daß sie mich mitgebracht hätte. Hierauf richtete sie das Wort an mich und sagte mir in sehr vornehmer Haltung, aber recht huldvoll, sie finde eine Menge Schwierigkeiten in den von mir gegebenen Antworten; sie hatte diese gleich mitgebracht und hielt Sie in der Hand. Ich empfand zunächst eine gewisse Verlegenheit darüber, daß die Fragen von Ihrer Hoheit herrührten; dann aber sagte ich ihr, ich wüßte zwar die Kabbala zu stellen, besäße jedoch nicht die Gabe, sie auszulegen; Sie müßte die Güte haben, neue Fragen zu stellen, wodurch die Antworten klarer werden könnten. Infolgedessen schrieb sie alles nieder, was sie nicht verstand und zu wissen wünschte. »Madame, Sie müssen sich die Mühe machen, die Fragen getrennt zu stellen; denn das kabbalistische Orakel antwortet nicht auf zwei Fragen zugleich.« »Nun, so stellen Sie doch selber die Fragen!« »Eure Hoheit werden mir verzeihen, aber alles muß von Ihnen eigenhändig geschrieben werden. Stellen Sie sich vor, Madame, Sie sprechen zu einer Intelligenz, die alle Ihre Geheimnisse kennt.« Von neuem begann sie zu schreiben und stellte etwa sieben oder acht Fragen. Sie las diese aufmerksam noch einmal durch und sagte dann in vornehmem und zugleich zutraulichem Ton: »Mein Herr, ich möchte gerne sicher sein, daß außer Ihnen niemand je erfährt, was ich hier niedergeschrieben habe.« »Madame können auf meine Ehre rechnen.« Ich las die Fragen aufmerksam durch und sah, daß ihr Wunsch berechtigt war; ich war sogar der Meinung, daß ich das Blatt Papier nicht in die Tasche stecken durfte; denn ich hätte es verlieren und sie und mich bloßstellen können. »Ich brauche, Madame, nur drei Stunden, um die Arbeit zu machen, und ich wünsche, daß Eure Hoheit vollkommen beruhigt sind. Wenn Sie anderes zu tun haben, können Sie mich hier allein lassen; nur darf ich von keinem Menschen gestört werden. Sobald ich fertig bin, werde ich alles versiegeln; Eure Hoheit wollen geruhen, mir zu sagen, wem ich den Brief übergeben soll.« »Mir selber oder der Frau von Polignac, wenn Sie diese kennen.« »Jawohl, Madame, ich habe die Ehre, sie zu kennen.« Die Herzogin gab mir ein kleines Feuerzeug, um eine Kerze anzuzünden, und entfernte sich mit Camille. Ich blieb allein hinter verschlossenen Türen, und drei Stunden darauf kam Frau de Polignac, als ich eben fertig geworden war; sie nahm die Papiere in Empfang, und ich ging. Die Herzogin von Chartres, eine Tochter des Prinzen Conti, war damals sechsundzwanzig Jahre alt. Sie besaß in hohem Maße jene Art von Geist, der eine Frau anbetungswürdig macht. Sie war lebhaft, vorurteilsfrei, lustig, witzig und liebte Scherz und Vergnügen, die sie einem langen Leben vorzog. »Kurz und gut« waren die Worte, die sie stets im Munde führte. Sie war ferner gut, freigebig, geduldig, nachsichtig und beständig in allen ihren Neigungen. Sie war hübsch, aber sie hielt sich schlecht, und sie lachte über den Tanzmeister Marcel, der ihr ihre Haltung abgewöhnen wollte. Beim Tanzen streckte sie den Kopf vor und richtete die Füße einwärts, und trotzdem war sie entzückend. Unglücklicherweise hatte sie in ihrem Gesicht Pickeln, die ihrer Schönheit großen Abbruch taten. Man glaubte, dies rühre von einem Leberleiden her; in Wirklichkeit aber war es verdorbenes Blut, das schließlich ihren Tod verursachte, dem sie bis zum letzten Augenblick ihres Lebens Trotz bot. Die Fragen, die sie an mein Orakel richtete, betrafen Herzensangelegenheiten; unter anderem wollte sie aber auch wissen, wie sie die entstellenden kleinen Pickeln vertreiben könnte. Meine Orakelsprüche waren dunkel in allen Punkten, von denen ich nicht die näheren Umstände kannte; sie sprachen jedoch klar und deutlich in bezug auf ihre Krankheit, und dadurch wurden sie ihr lieb und notwendig. Am nächsten Nachmittag schrieb Camille, wie ich erwartet hatte, ein Briefchen an mich, worin sie mich bat, ich möchte alles liegen lassen und um fünf Uhr im Palais-Royal in demselben Zimmer sein, in dem sie mich am vorhergehenden Tage verlassen hätte. Ich war pünktlich dort. Ein alter Kammerdiener, der auf mich gewartet hatte, entfernte sich sofort, und fünf Minuten darauf sah ich die reizende Prinzessin eintreten. Nachdem sie mir ein anmutiges Kompliment gemacht hatte, zog sie alle meine Antworten aus ihrer Tasche und fragte mich, ob ich Geschäfte hätte. »Eure Hoheit können überzeugt sein, daß ich niemals dringlichere Geschäfte haben werde, als Ihnen zu dienen.« »Sehr schön; ich werde auch nicht ausgehen, und wir wollen zusammen arbeiten.« Hierauf zeigte sie mir eine Menge Fragen, die sie bereits niedergeschrieben hatte; diese betrafen verschiedene Gegenstände, besonders aber das Heilmittel gegen die kleinen Geschwüre. Was ihr mein Orakel kostbar gemacht hatte, war etwas, was kein Mensch wissen konnte. Ich hatte meine Mutmaßungen angestellt und richtig geraten; hätte ich nicht erraten, so wäre es auch gleichgültig gewesen. Ich hatte an der gleichen Unannehmlichkeit gelitten, und ich verstand genug von der Arzneikunst, um zu wissen, daß der Versuch, eine Hautkrankheit durch örtliche Mittel gewaltsam zu heilen, ihr hätte den Tod bringen können. Ich hatte bereits geantwortet: Es bedürfe mindestens einer Woche, um sie von ihrer Krankheit wenigstens dem äußeren Anscheine nach zu heilen, zu einer gründlichen Genesung jedoch sei es erforderlich, daß sie ein Jahr lang sich genau nach gewissen Vorschriften richte. Wir verbrachten drei Stunden damit, das Orakel zu befragen, was sie tun sollte. Sie war neugierig, ob das Orakel das rechte wisse, und ging auf alles ein: acht Tage darauf waren alle häßlichen Pickel verschwunden. Ich ließ sie täglich ein gelindes Abführmittel nehmen, schrieb ihr vor, was sie essen sollte, und verbot ihr alle Schönheitsmittel; dagegen verordnete ich ihr, sich morgens und abends mit Wegerichwasser zu waschen. Das bescheidene Orakel befahl der Prinzessin, die gleichen Abspülungen an allen Stellen vorzunehmen, an denen sie die gleichen Wirkungen zu erzielen wünschte, und die Prinzessin gehorchte. Ich besuchte die Oper eigens an dem Tage, an dem die Herzogin mit einer glatten und rosigen Haut sich dort zeigte. Nach der Oper ging sie, begleitet von ihren vornehmsten Damen, in der großen Allee des Palais-Royal auf und ab, wo sie von allen Anwesenden freudig begrüßt wurde. Sie bemerkte mich und beehrte mich mit einem Lächeln. Ich war überglücklich. Nur Camille, Herr von Melfort und Frau von Polignac wußten, daß ich das Orakel der Prinzessin war. Der Erfolg machte mich sehr stolz; aber schon am nächsten Tage erschienen wieder einige Knötchen auf der schönen Haut der reizenden Frau, und schnell erging Befehl, ich hätte mich im Palais-Royal einzufinden. Der alte Kammerdiener, der mich nicht kannte, ließ mich in ein köstliches Boudoir eintreten, neben welchem sich ein Kabinett mit einer Badewanne befand. Bald erschien die Herzogin; ihre Miene war jedoch ein wenig traurig, denn sie hatte Knötchen auf der Stirne und am Kinn. In der Hand hielt sie einen Zettel mit einer Frage für mein Orakel; da diese nur kurz war, so beschloß ich, ihr ein Vergnügen zu machen und sie die Antwort selber finden zu lassen. Die von der Prinzessin übertragenen Zahlen machten ihr den Vorwurf, die vorgeschriebene Lebensweise außer acht gelassen zu haben, und sie gab zu, daß sie Liköre getrunken und Schinken gegessen habe. Ganz erstaunt aber war sie, die Antwort gefunden zu haben; denn sie konnte nicht begreifen, wie diese aus einer Zahlenreihe hatte hervorgehen können. Eine ihrer Frauen trat ein und flüsterte ihr etwas ins Ohr; sie befahl ihr einen Augenblick draußen zu warten, wandte sich hierauf zu mir und sagte: »Es wird Ihnen nicht unangenehm sein, mein Herr, hier einen Freund von Ihnen zu sehen, der ebenso zartfühlend wie verschwiegen ist.« Mit diesen Worten steckte sie schnell alle Papiere, die sich nicht auf ihre Krankheit bezogen, in die Tasche; dann rief sie. Ich sah einen Mann eintreten, den ich buchstäblich für einen Stallknecht hielt: es war Graf Melfort. Die Prinzessin sagte zu ihm: »Sehen Sie doch, Herr Casanova hat mich die Kabbala gelehrt!« Zu gleicher Zeit zeigte sie ihm die Antwort, die sie selber gefunden hatte, der Graf wollte es nicht glauben. Da rief sie: »Ei nun, wir müssen ihn überzeugen; was soll ich fragen?« »Was Eure Hoheit wollen.« Sie dachte einen Augenblick nach, zog dann aus ihrer Tasche ein Elfenbeindöschen hervor und schrieb: »Sage mir, warum diese Pomade bei mir keine Wirkung mehr übt?« Sie bildete die Pyramide, die Zahlenreihen und die Schlüssel, wie ich es ihr gezeigt hatte. Um die Antwort zu erhalten, lehrte ich sie Additionen und Subtraktionen machen, die aus den Zahlen hervorzugehen schienen, in Wirklichkeit jedoch rein willkürlich waren. Hierauf sagte ich ihr, sie möchte die Zahlen in Buchstaben übertragen; ich selber ging unter irgend einem Vorwand hinaus. Als ich glaubte, sie könnte mit ihrer Übertragung fertig sein, trat ich wieder ein und fand die Prinzessin in höchstem Erstaunen: »Oh, welche Antwort, mein Herr!« »Falsch vielleicht – aber, Madame, das kann vorkommen.« »Falsch? Göttlich! Sie lautet: Die Pomade wirkt nur auf die Haut einer Frau, die noch nicht geboren hat.« »Ich finde diese Antwort keineswegs erstaunlich, Madame.« »Ich glaube es. Sie wissen eben nicht, daß dies die Pomade ist, die der Abbé de Brosses mir vor fünf Jahren gab und die mich damals heilte: dies geschah zehn Monate, bevor ich mit dem Herzog von Montpensier niederkam. Ich würde alles hergeben, was ich auf der Welt habe, wenn ich lernen könnte, ganz allein diese erhabene Kabbala zu machen.« »Wie?« rief der Graf, »es ist jene Pomade, von der ich die Geschichte kenne?« »Eben diese.« »Das ist überraschend.« »Ich möchte noch eine Frage stellen mit Bezug auf eine Frau, deren Namen ich nicht zu nennen wünsche.« »Sagen Sie: die Frau, an die ich denke.« Sie stellte nun die Frage: was für eine Krankheit hat diese Frau? Ich ließ sie die Zahlen aufstellen und richtete es so ein, daß sie die Antwort erhielt: »Sie will ihrem Mann etwas weis machen.« Die Herzogin stieß einen lauten Ruf des Erstaunens aus. Da es schon sehr spät war, so wollte ich gehen, aber Herr von Melfort hatte inzwischen mit Ihrer Hoheit gesprochen und sagte mir, wir würden miteinander fortgehen. Dies taten wir denn auch, und unterwegs sagte er mir, die kabbalistische Antwort bezüglich der Pomade sei wirklich erstaunlich; er erzählte mir folgendes: »Die Frau Herzogin hatte, so hübsch wie sie war, im Gesicht so viele Pickeln, daß dem Herzog davor ekelte und er sich nicht überwinden konnte, sie als Gatte zu umarmen; so schmachtete denn die arme Prinzessin in vergeblichem Sehnen nach Mutterschaft dahin. Abbé de Brosses heilte sie mittels dieser Pomade, und mit einem atlasglatten Gesicht begab sie sich in die Loge der Königin im Französischen Theater. Gegenüber in der Loge des Königs befand sich der Herzog von Chartres, der keine Ahnung davon hatte, daß seine Frau im Theater war, denn sie besuchte dieses nur selten. Ohne die Herzogin zu erkennen, fand er sie schön und erkundigte sich, wer die Dame sei. Man sagte es ihm. Er wollte es nicht glauben, verließ die Loge des Königs, begab sich zu seiner Frau, sprach ihr seinen Glückwunsch aus und ließ ihr noch in derselbigen Nacht seinen Besuch anmelden. Das Ergebnis war, daß die Frau Herzogin neun Monate später den Herzog von Montpensier zur Welt brachte; dieser ist jetzt fünf Jahre alt und vollkommen gesund. Während der ganzen Dauer der Schwangerschaft behielt die Herzogin ein schönes Gesicht, aber sofort nach der Niederkunft kehrten die Knötchen zurück, und die Pomade ist ohne Wirkung geblieben.« Nachdem er mir diese Geschichte erzählt hatte, zog der Graf eine Schildpattdose mit dem sehr ähnlichen Porträt der Herzogin aus der Tasche und sagte zu mir: »Ihre Hoheit bittet Sie, ihr Porträt anzunehmen; und wenn Sie es fassen lassen wollen, so möchten Sie bitte, dies dazu nehmen.« Das dies war eine Rolle von hundert Louis. Ich nahm die Dose und die hundert Louis und bat den Grafen, Ihrer Hoheit meine volle Dankbarkeit auszusprechen. Das Porträt habe ich niemals fassen lassen, denn ich brauchte damals Geld zu anderen Zwecken. In der Folgezeit erwies die Herzogin mir mehrere Male die Ehre, mich rufen zu lassen, aber von einer Heilung ihres Leidens war nicht mehr die Rede: sie war außerstande, die erforderliche Enthaltsamkeit zu üben. Manchmal ließ sie mich fünf oder sechs Stunden hintereinander arbeiten, bald in dem einen Winkel, bald in dem anderen; dabei ging sie selber fortwährend ab und zu. Mittag- oder Abendessen ließ sie mir durch den guten alten Kammerdiener besorgen, der niemals den Mund auftat. Die Kabbala betraf nur geheime Angelegenheiten, über die sie aus Neugier näheres zu wissen wünschte; dabei entdeckte sie oftmals Wahrheiten, von denen ich selber nichts wußte. Sie wünschte, ich sollte ihr das Geheimnis beibringen; doch drängte sie mich niemals. Aber sie ließ mir durch Herrn von Melfort sagen: Wenn ich sie mein Geheimnis lehren wollte, so würde sie mir eine Stelle mit einem jährlichen Einkommen von fünfundzwanzigtausend Livres verschaffen. Leider war die Sache unmöglich. Ich war rasend in sie verliebt; doch erlaubte ich mir niemals, sie dies merken zu lassen: meine Eitelkeit hielt meine Liebe im Zügel. Ich befürchtete von ihrem Stolz gedemütigt zu werden – und vielleicht hatte ich unrecht. Soviel weiß ich: Es tut mir noch jetzt leid, auf eine dumme Furcht gehört zu haben. Allerdings erfreute ich mich mehrerer Vorrechte, die sie mir vielleicht entzogen haben würde, wenn sie meine Liebe gekannt hätte. Eines Tages wollte sie durch meine Kabbala erfahren, ob der Brustkrebs der Frau de la Popelinière heilbar sei; aus Laune ließ ich ihr antworten, die Dame hätte überhaupt keinen Krebs, sondern befände sich vollkommen wohl. »Wie?« rief sie, »ganz Paris glaubt ja daran, und sie läßt einen Arzt nach dem anderen kommen. Aber einerlei: ich glaube der Kabbala!« Am selben Tage traf sie bei Hofe den Herzog von Richelieu und sagte zu diesem, sie wisse bestimmt, daß Frau de la Popelinière gar nicht krank sei. Der Marschall, der in das Geheimnis eingeweiht war, sagte ihr, sie täusche sich. Sie aber schlug ihm eine Wette um hunderttausend Franken vor. Ich zitterte, als die Herzogin mir dies erzählte, und fragte sie ängstlich: »Hat er angenommen?« »Nein; aber er war erstaunt, und er muß, wie Sie wissen, eingeweiht sein.« Drei oder vier Tage darauf sagte sie mir mit triumphierender Miene, Herr von Richelieu habe ihr gestanden, daß der angebliche Krebs nur eine List sei, um das Mitleid ihres Gatten zu erregen, zu dem sie gerne zurückkehren wollte. Sie erzählte mir ferner, daß der Marschall ihr gesagt habe, er wolle gerne tausend Louis bezahlen, um zu erfahren, wie sie die Wahrheit entdeckt habe. »Wenn Sie die tausend Louis verdienen wollen,« sagte sie zu mir, »so werde ich ihm alles sagen.« »Nein, nein, Madame! Ich flehe Sie an, es nicht zu tun.« Ich fürchtete eine Falle. Ich kannte den Marschall als Hitzkopf, und die Geschichte von dem Loch in der Wand, durch das der Kavalier bei seiner Dame Einlaß gefunden hatte, war in ganz Paris bekannt; Herr de la Popelinière hatte selber dazu beigetragen, die Sache öffentlich zu machen, indem er sich weigerte, seine Frau wiederzusehen, und ihr nur eine Rente von zwölftausend Franken jährlich aussetzte. Die Herzogin von Chartres hatte reizende Gedichte auf dieses Ereignis gemacht, die jedoch außerhalb ihres vertrauten Kreises niemandem bekannt wurden, als dem König. Dieser hatte sie sehr gerne, obgleich sie ihm oft derbe Bemerkungen ins Gesicht warf. Eines Tages zum Beispiel fragte sie ihn, ob es wahr sei, daß der König von Preußen nach Paris kommen werde. Ludwig antwortete ihr, das Gerücht entbehre jeder Begründung. »Das tut mir sehr leid!« rief sie aus; »denn ich sterbe vor Verlangen, einen König zu sehen.« Mein Bruder hatte inzwischen mehrere Gemälde vollendet; er beschloß, eins davon Herrn de Marigny zu zeigen, und eines schönen Morgens begaben wir uns zu dem hohen Herrn, der im Louvre wohnte. Dort machten alle Künstler ihm ihre Aufwartung. Wir waren an diesem Morgen die ersten und warteten in einem Saal unmittelbar vor seinen Gemächern auf sein Erscheinen. Das Gemälde war zur Besichtigung ausgestellt; es war ein Schlachtstück im Geschmack von Bourguignon. Der erste Besucher, der erschien, blieb vor dem Bilde stehen, besah es aufmerksam und ging dann weiter, indem er bei sich selber sagte: »Schlecht!« Einen Augenblick darauf kamen zwei neue Besucher, sahen das Bild und sagten lachend: »Schülerarbeit!« Ich schielte nach meinem Bruder, der neben mir saß ; er schwitzte Blut und Wasser. Es dauerte keine Stunde, so war der Saal voll von Leuten, und ein jeder machte seine Witze über das unglückselige Bild. Mein armer Bruder fühlte sich dem Tode nahe und dankte Gott, daß ihn wenigstens kein Mensch kannte. Da er mir leid tat, so stand ich auf, um mit ihm in einen anderen Saal zu gehen, und sagte, nur um ihn zu trösten: Herr von Marigny würde kommen und sein Bild gut finden; dies würde dann eine Rache für alle beleidigenden Bemerkungen sein. Zum Glück war er nicht derselben Meinung, und so gingen wir schnell hinaus, stiegen in einen Fiaker und fuhren nach Hause, wo wir unserem Bedienten befahlen, das Bild wieder abzuholen. Sobald das arme Gemälde bei uns im Hause war, machte mein Bruder ein wirkliches Schlachtstück daraus, denn er durchbohrte es mit zwanzig Degenstößen. Sodann faßte er den Entschluß, sofort seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, Paris zu verlassen und an einem anderen Ort eine Kunst zu studieren, die er abgöttisch liebte. Wir beschlossen, uns nach Dresden zu begeben. Zwei oder drei Tage vor meinem Abschied von meinem reizenden Paris speiste ich allein bei denm Schweizer der Porte de Feuillants in den Tuilerien; er hieß Condé. Nach dem Essen brachte seine ziemlich hübsche Frau mir die Rechnung, worauf jeder Gegenstand mit dem Doppelten seines Wertes angesetzt war. Ich machte sie darauf aufmerksam, aber sie antwortete ziemlich kurz angebunden, es könnte kein Heller abgelassen werden. Ich bezahlte; da aber die Rechnung mit den Worten Femme Condé quittiert war, so nahm ich die Feder und schrieb hinter den Namen Condé: labré [R1: Condé-labré, also: con délabré.]. Ich ließ die Rechnung auf dem Tisch liegen und ging. Ohne weiter an meine Halsabschneiderin zu denken, ging ich in einer Allee spazieren, als plötzlich ein kleiner Mann, den Hut auf dem linken Ohr, einen riesigen Strauß im Knopfloch und ein langes Schlachtschwert an der Seite mit unverschämter Miene auf mich zutrat und ohne weitere Umschweife zu mir sagte, er habe Lust, mir die Gurgel abzuschneiden. »Na, mein Kerlchen, da müßten Sie aber auf einen Schemel steigen. Aber ich, ich werde Ihnen die Ohren abschneiden.« »Potz Blitz nochmal, mein Herr!« »Keine Rüpeleien! Sie brauchen nur mit mir zu kommen; ich werde es Ihnen sofort besorgen.« Mit großen Schritten ging ich nach dem Stern. Da ich dort keinen Menschen sah, drehte ich mich plötzlich um und fragte ihn, was er wollte und warum er mich angriffe. »Ich bin der Chevalier de Talvis; Sie haben eine ehrbare Frau beschimpft, die ich beschütze. Ziehen Sie!« Mit diesen Worten zog er seinen langen Degen. Ich tat das gleiche, legte aus, machte einen Ausfall und verwundete ihn an der Brust. Er sprang zurück und rief, ich hätte ihn in hinterlistiger Weise verwundet. »Du lügst, Lümmel! Und gib zu, daß du lügst, oder ich renne dir meinen Degen durch den Leib!« »Nicht doch! Nicht doch! Ich bin ja verwundet; aber ich werde von Ihnen Revanche verlangen, und wir werden den Stoß beurteilen lassen.« »Erbärmlicher Klopffechter! Wenn du nicht zufrieden bist, schneide ich dir die Ohren ab.« Ich ließ ihn stehen. Nach meiner Überzeugung war mein Stoß vollkommen regelrecht, denn er hatte den Degen vor mir in die Hand genommen, und wenn er sich nicht sofort deckte, so war es nicht meine Sache, ihn daran zu erinnern. Etwa Mitte August reiste ich mit meinem Bruder von Paris ab. Ich hatte zwei Jahre lang in der einzigen Stadt gelebt, hatte dort viel Vergnügen gefunden und keine andere Unannehmlichkeit, als daß ich zuweilen ein bißchen knapp bei Gelde war. Wir reisten über Metz, Mainz und Frankfurt, und kamen gegen Ende desselben Monats in Dresden an. Meine Mutter nahm uns mit der zärtlichsten Liebe auf und war entzückt über das Wiedersehen. Mein Bruder verbrachte vier Jahre in dieser hübschen Stadt mit beständigem Studium seiner Kunst; er kopierte in der kurfürstlichen Galerie alle schönen Schlachtenbilder der größten Meister. Nach Paris kehrte er erst zurück, als er die Gewißheit erlangt hatte, der Kritik die Spitze bieten zu können; ich werde später erzählen, wie wir fast zur gleichen Zeit dort ankamen. Was bis dahin gutes und schlechtes Glück abwechselnd für und gegen mich machten, das, mein lieber Leser, wirst du sehen. Das Leben, das ich bis zum Ende des Karnevals 1753 in Dresden führte, bietet nichts Besonderes. Um den Schauspielern und besonders meiner Mutter ein Vergnügen zu machen, verfaßte ich eine Tragikomödie, worin ich zwei Harlekins auftreten ließ. Es war eine Parodie der feindlichen Brüder von Racine. Der König lachte herzlich über die komischen Bosheiten, mit denen mein Stück gespickt war, und ich erhielt von ihm ein herrliches Geschenk. Er war prachtliebend und verschwenderisch, und er fand für diese Neigungen einen wunderbaren Helfer in dem berühmten Grafen von Brühl. Bald darauf reiste ich von Dresden ab. Ich ließ dort meine Mutter, meinen Bruder und meine Schwester zurück, die sich dem Hofklavierlehrer Peter August verheiratet hatte. Er ist vor Jahren gestorben und hat seine Witwe in behaglichem Wohlstand und seine Familie in glücklichen Verhältnissen zurückgelassen. Mein Dresdener Aufenthalt wurde mir denkwürdig durch ein Liebesangebinde, das ich mir, wie bereits frühere, durch sechswöchentliche Enthaltsamkeit vom Halse schaffte. Ich habe oft darüber nachgedacht, daß ich den größten Teil meines Lebens mit dem Streben verbrachte, mich krank zu machen; wenn ich dann meinen Zweck erreicht hatte, suchte ich ebenso eifrig wieder meine Gesundheit zu erlangen. Beides ist mir gleich gut gelungen; aber heute, da ich mich in dieser Hinsicht vollkommener Gesundheit erfreue, ist es mir schmerzlich, daß ich mich nicht mehr krank machen kann: das Alter, diese ebenso grausame wie unvermeidliche Krankheit, zwingt mich wider meinen eigenen Willen gesund zu sein. Die Krankheit, von der ich spreche und die wir Italiener sehr dummer Weise Franzosenkrankheit nennen – denn wir können mit vollem Recht den Anspruch erheben, sie zuerst eingeführt zu haben – diese Krankheit verkürzt nicht das Leben, obgleich sie unzerstörbare Spuren hinterläßt. Diese Narben, die vielleicht weniger ehrenvoll sind als die in den Kämpfen des Mars erworbenen, dürfen ihrem Träger kein Bedauern erwecken, wenn er sie mit Lust gewonnen hat. Ich hatte in Dresden häufig Gelegenheit, den König zu sehen; er liebte seinen Minister, den Grafen Brühl, weil sein Günstling das doppelte Geheimnis besaß, noch verschwenderischer zu sein als sein Gebieter, und ihm alles zu ermöglichen. Niemals war ein Monarch ein so abgesagter Feind der Sparsamkeit; er lachte über die Schelme, die ihn bestahlen, und gab viel aus, um viel lachen zu können. Da er nicht Geist genug hatte, um über die Dummheiten anderer Fürsten und über die Lächerlichkeiten des menschlichen Geschlechtes lachen zu können, so hatte er vier Spaßmacher in seinem Lohn; man nennt sie in Deutschland Narren, obgleich diese herabgekommenen Menschen für gewöhnlich klüger sind als ihre Herren. Diese Spaßmacher sind amtlich dazu angestellt, ihren Herrn durch alle möglichen Späße zum Lachen zu bringen; für gewöhnlich sind dies ekelhafte Fratzenschneidereien oder seichte Grobheiten. Zuweilen gewinnen jedoch diese berufsmäßigen Narren solchen Einfluß auf ihren Herrn, daß sie von ihm bedeutende Gnadenbeweise für Personen, für die sie sich interessieren, zu erwirken imstande sind. Infolgedessen werden sie von den ersten Familien ausgezeichnet behandelt. Welchen Menschen brächte nicht das Bedürfnis dazu, Niedrigkeiten zu begehen? Sagt nicht bei Homer Agamemnon, sie wären in einer Lage, daß sie solche begehen müßten? Und diese Herren lebten doch lange, lange vor uns. Dies scheint zu beweisen, daß zu allen Zeiten die Menschen sich von denselben Antrieben be- wegen lassen, nämlich dem Eigennutz. Man tut unrecht, wenn man sagt, Graf Brühl sei Sachsens Verderber gewesen, denn er war nur der getreue Diener der Wünsche und Neigungen seines Herrn. Er hat seine Kinder in Armut zurückgelassen, und damit ist sein Andenken hinreichend gerechtfertigt. Dresden hatte den glänzendsten Hof, den es damals in Europa gab. Die Künste standen in hoher Blüte. Galanterie sah man jedoch nicht. Denn König August war nicht galant, und die Sachsen sind nicht zur Galanterie veranlagt, wenn Ihnen nicht ihr Herrscher das Beispiel gibt. In Prag, wo ich nicht zu verweilen gedachte, bestellte ich nur einen Brief an den Opernunternehmer Locatelli; dann machte ich einen Besuch bei einer alten Bekannten, Frau Morelli, die ich liebte und bei der ich für zwei oder drei Tage alles fand, was mein Herz begehrte. Im Augenblick, da ich abreisen wollte, traf ich auf der Straße meinen Freund Fabris, der damals Oberst war. Er nötigte mich, mit ihm zu speisen. Ich umarmte ihn und machte ihm klar, daß ich sofort abreisen müßte. Vergeblich! »Du kannst heute abend mit einem meiner Freunde abfahren; ihr werdet den Postwagen einholen.« Ich mußte nachgeben und war nachher entzückt, daß ich's getan, denn wir verbrachten den ganzen Tag auf eine köstliche Weise. Fabris sehnte sich nach Krieg, und seine Wünsche wurden zwei Jahre später erhört. Er gewann in diesem Kriege großen Ruhm. Ich muß noch ein Wort über Locatelli sagen. Er war ein origineller Charakter, dessen Bekanntschaft zu machen sich verlohnte. Er hielt jeden Tag Tafel von dreißig Gedecken, und die Gäste bestanden aus feinen Schauspielern und Schauspielerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, sowie einigen Freunden. Mit vornehmer Würde führte er den Vorsitz beim leckeren Mahl; denn gutes Essen war seine Leidenschaft. Ich werde noch Gelegenheit haben, von ihm zu sprechen, wenn wir zu meiner russischen Reise kommen. In Petersburg traf ich ihn wieder; dort ist er vor kurzem im Alter von neunzig Iahren gestorben. Zwölftes Kapitel Mein Aufenthalt in Wien. – Josef der Zweite. – Abreise nach Venedig. So war ich also zum erstenmal in der österreichischen Hauptstadt. Ich war achtundzwanzig Jahre alt, gut mit Sachen versehen, aber ein bißchen knapp an Geld, weshalb ich bis zum Eintreffen eines auf Herrn von Bragadino gezogenen Wechselbetrages meine Ausgaben einschränken mußte. Der einzige Empfehlungsbrief, den ich hatte, war vom Dresdener Dichter Migliavacca an den berühmten Metastasio gerichtet, dessen Bekanntschaft zu machen ich sehr begierig war. Ich gab den Brief gleich am Tage nach meiner Ankunft ab und fand in einer stundenlangen Unterhaltung den Dichter noch gelehrter, als er in seinen Werken erscheint. Metastasio war außerdem so bescheiden, daß ich anfangs diese Bescheidenheit nicht für natürlich hielt; sehr bald aber überzeugte ich mich, daß sie vollkommen echt war, denn wenn er etwas von seinen Versen hersagte, war er der erste, der auf die guten Stellen und auf die Schönheiten aufmerksam machte. Dies tat er mit derselben Einfachheit, womit er schwache Partien hervorhob. Ich erwähnte seinen Lehrer Gravina, und er sagte bei dieser Gelegenheit fünf oder sechs noch ungedruckte Stanzen her, die er auf dessen Tod gedichtet hatte. Gerührt durch die Erinnerung an den Verlust seines Freundes und durch die Süßigkeit seiner eigenen Verse, hatte er während des Sprechens die Augen voll von Tränen. Als er geendet hatte, fragte er mich in einem Ton wahrhaft rührender Biederkeit: Ditemi il vero: si può dir meglio? – Sagen Sie mir die Wahrheit; kann man es besser ausdrücken? Ich antwortete, nur ihm selber stände es zu, dies für möglich zu halten. Als ich ihn hierauf fragte, ob seine schönen Verse ihm viele Mühe kosteten, zeigte er mir vier oder fünf Seiten Geschriebenes mit vielen Ausstreichungen. Es waren im ganzen nur vierzehn Verszeilen, und er versicherte mir, an einem Tage hätte er niemals mehr machen können. Er bestätigte mir damit eine mir schon bekannte Tatsache, nämlich die, daß gerade die Verse dem Dichter am meisten Mühe kosten, von denen der Durchschnittsleser glaubt, er habe sie nur so aus dem Ärmel geschüttet. »Welche von Ihren Opern«, fragte ich ihn, »lieben Sie am meisten?« » Attilio Regolo: ma questo non vuol già dire, che sia il migliore. – Attilius Regulus; aber damit ist noch nicht gesagt, daß sie die beste ist.« »Man hat in Paris Ihre sämtlichen Werke in französische Prosa übersetzt; aber der Herausgeber hat sich damit zugrunde gerichtet, denn man kann sie nicht lesen: dies beweist, wie erhaben und kräftig Ihre Poesie ist.« »Vor etlichen Jahren verlor ein anderer Dummkopf sein Vermögen, indem er Ariostos schöne Verse in französische Prosa übertrug. Ich lache, wenn jemand behauptet, ein Prosawerk könne Anspruch darauf erheben, für ein Gedicht zu gelten.« »Ich bin vollkommen Ihrer Meinung.« »Und mit Recht.« Hierauf erzählte er mir, er habe niemals eine Ariette gedichtet, ohne sie selber in Musik zu setzen; doch zeige er für gewöhnlich seine Musik keinem Menschen. »Es ist komisch,« fuhr er fort, »wie die Franzosen glauben können, daß es möglich sei, Verse einer bereits vorhandenen Musik anzupassen. Das ist gerade, wie wenn man einem Bildhauer sagte: Da hast du einen Marmorblock; mache mir eine Venus daraus. Aber ihr Gesicht muß zu erkennen sein, ehe du noch ihre Züge herausgemeißelt hast.« Bei einem Besuch der Hofbibliothek begegnete ich zu meiner großen Überraschung Herrn de la Haye mit zwei Polen und einem jungen Venetianer, der von seinem Vater ihm zur Vollendung seiner Erziehung übergeben worden war. Ich hatte geglaubt, er wäre in Polen, und das Wiedersehen mit ihm war mir angenehm, da es interessante Erinnerungen in mir erweckte. Ich umarmte ihn herzlich mehrere Male. Er sagte mir, er sei Geschäfte halber in Wien und werde im Laufe des Sommers nach Venedig kommen. Wir machten uns gegenseitig Besuche, und als ich ihm sagte, daß ich nicht recht gut bei Kasse sei, lieh er mir fünfzig Dukaten, die ich ihm kurz nachher zurückgab. Er teilte mir mit, daß sein Freund Bavois bereits Oberstleutnant in venezianischen Diensten sei, und diese Nachricht machte mir wirkliche Freude. Er hatte das Glück gehabt, von Herrn Morosini zu seinem Generaladjutanten erwählt zu werden, als dieser nach seinem Rücktritt vom Pariser Botschafterposten zum Grenzkommissar ernannt worden war. Ich war entzückt, zwei Menschen glücklich zu wissen, die mich als den ersten Urheber ihres Glückes ansehen mußten. In Wien erfuhr ich bestimmt, daß de la Haye Jesuit war, aber darüber durfte man mit ihm nicht sprechen. Da ich nicht wußte, wohin ich gehen sollte, jedoch große Lust hatte, mich zu amüsieren, so besuchte ich die Probe der Oper, die nach Ostern gegeben werden sollte; dort traf ich den mir von Turin her bekannten ersten Tänzer Bodin, der die schöne Geoffroi geheiratet hatte. Ferner traf ich dort den Gatten der schönen Ancilla, Campioni. Er sagte mir, er sei zur Trennung gezwungen gewesen, weil sie ihn zu öffentlich entehrt habe. Dieser Campioni war ein ebenso großer Spieler wie großer Tänzer; ich nahm Wohnung bei ihm. In Wien war alles schön. Viel Geld und viel Luxus. Aber infolge der Frömmelei der Kaiserin war es außerordentlich schwer, sich Cytherens Freuden zu verschaffen, besonders für Fremde. Eine Legion erbärmlicher Spitzel, die man mit dem schönen Namen Keuschheitskommissäre schmückte, waren die unerbittlichen Verfolger aller Mädchen. Die Herrscherin besaß in bezug auf die sogenannte illegitime Liebe nicht die erhabene Tugend der Duldsamkeit; fromm bis zur Bigotterie glaubte sie sich ein großes Verdienst vor Gott zu erwerben, indem sie den natürlichsten Trieb beider Geschlechter auf das kleinlichste verfolgte. Indem sie das Verzeichnis der Todsünden in ihre kaiserliche Hand nahm, glaubte sie über sechs von ihnen hinwegsehen zu dürfen, um nur die Wollust zu treffen, die ihr unverzeihlich schien. »Man kann«, sagte sie, »den Stolz verkennen, denn die Würde trägt sein Kleid. Der Geiz ist allerdings abscheulich; aber man kann sich dabei täuschen, denn er hat große Ähnlichkeit mit der Sparsamkeit. Der Zorn ist eine mörderische Krankheit, wenn er lostobt; aber auf Totschlag steht Todesstrafe. Die Völlerei mag vielleicht nur Leckerhaftigkeit sein, und diese Sünde wird von der Religion nicht bestraft; denn in guter Gesellschaft gilt sie sogar für einen Vorzug; übrigens ist sie vom Appetit abhängig, und wenn einer an einer Unverdaulichkeit stirbt, nun, so hat er eben seine Strafe weg. Der Neid ist eine niedrige Leidenschaft, die sich niemals offen kundgibt; um die Neidischen noch anders zu bestrafen als durch das ätzende Gift, das sie ohnehin verzehrt, müßte ich zunächst meinen ganzen Hof auf die Folter spannen lassen. Die Faulheit wird schon durch die Langeweile bestraft. Etwas anderes aber ist es mit der Unenthaltsamkeit; dieser kann meine keusche Seele nicht verzeihen, und ich erkläre ihr offenen Krieg. Mögen meine Untertanen alle hübschen Frauen hübsch finden, mögen die Frauen alles aufbieten, um hübsch auszusehen, möge man sich unterhalten, soviel man will. Das kann ich nicht verbieten; aber ich will nicht, daß man Begierden, von denen die Erhaltung der menschlichen Rasse abhängt, befriedigt, wenn man nicht in aller Form Rechtens verheiratet ist. Man wird daher alle jene Unglücklichen, die ihre Liebe und ihre von der Natur empfangenen Reize verkaufen, nach Temesvar schicken. Ich weiß wohl, man ist in dieser Hinsicht in Rom sehr milde; denn dort hat ja jede Eminenz ihre Geliebte, um ein größeres Verbrechen zu verhindern – das trotzdem doch nicht verhindert wird. Aber in Rom macht man dem Klima Zugeständnisse, die ich hier nicht zu machen brauche, denn hier ersetzen Flasche und Pfeife alle anderen Genüsse. (Die gekrönte Frau hätte hinzufügen können: und der Tisch, denn die Österreicher sind berühmt als gewaltige Fresser.) Auch Unordnungen, die in den Häusern vorkommen, werde ich nicht verschonen; sobald ich erfahre, daß eine Frau ihrem Gatten untreu ist, werde ich sie einfach einsperren lassen, mag man auch noch so viel behaupten, der Mann allein sei Herr über seine Frau; denn dieser Einwand ist nicht stichhaltig in meinen Staaten, wo die Ehemänner zu gleichgültig sind. Fanatische Ehemänner mögen meinetwegen schreien, soviel sie Lust haben, und mögen sich beklagen, ich entehre sie, indem ich ihre Frauen bestrafe; sie sind durch deren Untreue schon vorher entehrt.« »Aber, Madame, die Entehrung kann nur darin bestehen, daß sie bekannt wird; übrigens können Sie sich geirrt haben, obgleich Sie Kaiserin sind.« »Das weiß ich. Aber schweigen Sie! Ich gestehe Ihnen nicht das Recht zu, mir zu widersprechen.« Derartige Gründe müssen Maria Theresia bewogen haben. Aber obgleich ihr Entschluß nur aus Beweggründen der Tugend hervorgegangen war, entstanden daraus alle jene Niederträchtigkeiten, die die Henker von Keuschheitskommissären ungestraft in ihrem Namen begingen. Zu allen Stunden des Tages und in allen Straßen Wiens wurden alleingehende Mädchen, die oft nur ausgegangen waren, um sich in Ehren ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verhaftet und ins Gefängnis geschleppt. Es war eine Gemeinheit; denn wie konnte man wissen, daß das Mädchen zu einem Mann ging, um sich trösten zu lassen, oder daß sie auf der Straße einen Tröster suchte? Das war doch nicht so einfach. Ein Spion – die Polizei bezahlte ganze Scharen von solchen – folgte ihnen von fern, und da diese Halunken keine Uniform trugen, konnte man sie nicht erkennen. Die Folge war, daß man gegen jeden unbekannten Menschen mißtrauisch war. Wenn ein Mädchen in ein Haus eintrat, wartete der sie verfolgende Spion unten an der Tür, hielt sie an, sobald sie wieder herauskam, und nahm sie ins Verhör. Wenn das arme Ding ein verlegenes Gesicht machte, wenn sie nur einen Augenblick zögerte, eine Antwort zu geben, die den Spitzel befriedigte, brachte der Kerl sie ins Gefängnis, nachdem er zunächst ihr alles Geld und allen Schmuck abgenommen hatte; diese Wertgegenstände waren verloren, denn niemals gelang es, ihre Rückerstattung zu bewirken. Wien war in dieser Beziehung eine wahre Räuberhöhle, voll von privilegierten Spitzbuhen. Eines Tages drückte bei einem Straßenauflauf in der Leopoldstadt ein junges Mädchen mir eine goldene Uhr in die Hand, damit der Spion, der sie verfolgte und ins Gefängnis bringen wollte, sie nicht bekäme. Ich kannte das arme Mädchen gar nicht, aber ich hatte das Glück, sie einen Monat später wiederzusehen. Sie war hübsch und hatte durch mehr als ein Opfer ihre Freiheit wieder erlangt. Ich freute mich sehr, ihr ihre Uhr wiedergeben zu können, und verlangte keinen Lohn für meine Ehrlichkeit, obgleich die Schöne der Mühe wert war. Um den Belästigungen zu entgehen, gab es für die Mädchen nur ein Mittel: sie mußten gesenkten Kopfes und mit einem Rosenkranz in der Hand über die Straße gehen; denn alsdann durfte das ekelhafte Gezücht sich nicht erlauben, sie ohne weiteres zu verhaften. Es wäre ja möglich gewesen, daß sie in die Kirche gehen wollten, und in diesem Fall hätte Maria Theresia den Keuschheitskommissär hängen lassen. Diese Bande machte für die Fremden den Aufenthalt in Wien sehr unangenehm; denn es war schwer, selbst ganz natürliche Bedürfnisse zu befriedigen. Ich war sehr überrascht, als ich eines Tages in einem Gäßchen an der Mauer stand, von einem Strolch in runder Perücke angefahren zu werden, der mir sagte, ich sollte mich anderswohin scheren, sonst würde er mich verhaften lassen. »Und warum, bitte?« »Weil da links von Ihnen eine Frau ist, die Sie sehen kann.« Ich blickte auf und sah im vierten Stock den Kopf einer Frau, die mit einem Fernrohr wohl hätte unterscheiden können, ob ich Christ oder Jude war. Lachend kam ich dem Befehl nach. Ich erzählte mein Erlebnis überall, aber kein Mensch wunderte sich darüber, denn so etwas kam jeden Tag hundertmal vor. Um die Wiener Bräuche kennen zu lernen, aß ich bald hier bald dort. Als ich eines Tages mit Campioni zum Essen in den Gasthof zum Krebs ging, sah ich zu meiner großen Uberraschnng an der Gasttafel jenen Bepe il Cadetto sitzen, den ich während meiner Gefangenschaft beim spanischen Heere kennen gelernt, später in Venedig und dann noch in Lyon unter dem Namen Don Giuseppe Maratti wiedergesehen hatte. Campioni, der in Lyon sein Teilhaber gewesen war, umarmte ihn, sprach dann mit ihm abseits und sagte mir schließlich, der Herr habe seinen richtigen Namen wieder angenommen und heiße jetzt Graf Afflisio. Nach dem Essen werde man eine Pharaobank auflegen, woran ich beteiligt sein solle; man bitte mich daher, nicht zu spielen. Ich erklärte mich einverstanden. Afflisio gewann, und ein gewisser Hauptmann BecCaria warf ihm die Karten ins Gesicht – ein kleiner Scherz, woran der angebliche Graf bereits gewöhnt war und der daher nicht weiter auffiel. Nach dem Spiel gingen wir in ein Kaffeehaus, wo ein gut aussehender Offizier mich aufmerksam ansah. Endlich lächelte er, doch in einer Weise, die durchaus nichts Beleidigendes an sich hatte. »Mein Herr,« fragte ich ihn höflich, »über wen mögen Sie wohl lachen?« »Über Sie, mein Herr. Ich sehe, Sie erinnern sich meiner nicht.« »Es ist mir so, als müßte ich bereits die Ehre gehabt haben, Sie irgendwo zu sehen. Aber wo? Das kann ich nicht sagen.« »Vor neun Iahren, als ich auf Befehl des Fürsten Lobkowitz sie ans Tor von Rimini brachte.« »Sie sind Baron Vais!« »Ganz recht!« Wir umarmten uns, und er bot mir seine Freundschaft an, indem er mir versprach, mir in Wien alle nur möglichen Vergnügungen zu verschaffen. Ich nahm dies natürlich an, und an demselben Abend stellte er mich einer Gräfin vor, bei der ich die Bekanntschaft des Abbate Testagrossa machte, den man Grosse Tête (Dickkopf) nannte. Er war Gesandter des Herzogs von Modena und bei Hofe gern gesehen, weil er die Heirat eines Erzherzogs mit der Prinzessin Beatrice von Este vermittelt hatte. Ich machte dort auch die Bekanntschaft der Grafen Rockendorf und Sarrotin und mehrerer adliger junger Damen, die man nach der Etikette nur als Fräulein anreden darf. Auch war dort eine Baronin, die danach aussah, als ob sie ein lockeres Leben geführt hätte, die aber wohl noch gefallen konnte. Wir speisten zu abend, und ich wurde dabei fortwährend als Baron angeredet. Vergebens sagte ich, ich wäre kein Baron und hätte überhaupt keinen Titel. »Sie müssen doch irgend etwas sein«, antwortete man mir, »und weniger als Baron können Sie nicht sein. Sie müssen sich Baron nennen lassen, wenn Sie in Wien irgendwo in Gesellschaften zugelassen werden wollen.« »Nun so will ich denn meinetwegen Baron sein. Es hat ja nichts weiter auf sich.« Die Baronin gab mir bald zu verstehen, daß sie mich nach ihrem Geschmack finde und daß es ihr angenehm sein würde, wenn ich ihr den Hof machte. Ich besuchte sie schon am nächsten Tage, und sie sagte mir: »Wenn Sie gern spielen, so kommen Sie heute Abend.« Ich lernte bei ihr mehrere Spieler und drei oder vier Fräuleins kennen, die sich ohne Furcht vor Keuschheitskommissären dem Dienst der Venus geweiht hatten und ihrem Beruf so ergeben waren, daß sie ihrem Adel nichts zu vergeben glaubten, wenn sie für ihre Gefälligkeiten einen kleinen Lohn annahmen. Da merkte ich, daß die Herren Keuschheitskommissäre nur für solche unbequem waren, die nicht in guten Häusern verkehrten. Da die Baronin mir sagte, ich könne ihr meine Freunde vorstellen, so führte ich den Baron Vais, Campioni und Afflisio bei ihr ein. Der Graf spielte, hielt die Bank und gewann; Tramontini, den ich kennen gelernt hatte, stellte ihn seiner Frau vor, die Madame Tesi genannt wurde, und durch ihre Vermittlung machte Afflisio die ausgezeichnete Bekanntschaft des Prinzen von Sachsen-Hildburghausen. Dies war der Ausgangspunkt für die glänzende Laufbahn des Grafen eigener Mache; denn Tramontini, der sein Teilhaber bei allen großen Spielpartien geworden war, ließ durch seine Frau den Herzog bewegen, ihm zunächst den Rang eines Hauptmanns im Dienst Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Majestät zu verschaffen. Drei Wochen später trug Afflisio die Uniform mit seinen Rangabzeichen. Als ich von Wien abreiste, war er im Besitz von hunderttausend Gulden. Die Majestäten liebten das Spiel, aber sie setzten nicht. Der Kaiser ließ vielmehr eine Bank halten. Er war ein guter, prachtliebender und haushälterischer Fürst. Ich sah ihn einmal in vollem kaiserlichen Ornat und war überrascht, daß er spanische Kleidung trug. Ich glaubte Karl den Fünften zu sehen, der diese Etikette eingeführt hatte; sie war noch immer im Brauch, obwohl nach ihm kein Kaiser Spanier gewesen ist und Franz der Erste mit der spanischen Nation gar nichts gemein hatte. Später sah ich die gleiche Sonderbarkeit in Polen bei der Krönung von Stanislaus August Poniatowski, und die alten Paladine weinten vor Ärger, als sie diese Tracht sahen; aber sie mußten gute Miene zum bösen Spiel machen, denn unter dem russischen Despotismus war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als sich in Geduld zu fassen. Kaiser Franz der Erste war schön, und ich würde sein Gesicht stets angenehm gefunden haben, ob er nun ein Lodenwams oder den kaiserlichen Purpur getragen hätte. Er behandele seine Frau mit der größten Rücksicht und hinderte sie nicht, den Staat in Schulden zu stürzen, weil er die Kunst verstand, dessen Gläubiger zu werden. Er begünstigte den Handel, weil dieser ihm seine Kassen füllte. Er war galant, und die Kaiserin, die ihn stets nur ihren Herrn nannte, tat, als merkte sie nichts davon; denn sie wollte in der Welt nicht den Glauben aufkommen lassen, daß ihre Reize nicht mehr genügten, ihren erlauchten Gemahl zu fesseln, um so mehr, da man allgemein die Schönheit ihrer zahlreichen Nachkommenschaft bewunderte. Alle Erzherzoginnen, mit Ausnahme der ältesten, schienen mir schön; von den Knaben konnte ich nur den ältesten genauer beobachten; ich fand seine Gesichtszüge unglücklich, obwohl Abbé Dickkopf, der sich etwas auf seine physiognomischen Kenntnisse zugute tat, andrer Meinung war. »Was bemerken Sie,« fragte er mich eines Tages, »an der Physiognomie des Prinzen?« »Eigendünkel und Selbstmord.« Ich war ein guter Prophet; denn Josef der Zweite hat sich tatsächlich selbst getötet, allerdings absichtslos, und sein Eigendünkel war schuld daran, daß er es nicht merkte. Er wußte etwas; aber seine eingebildeten Kenntnisse zerstörten die, die er wirklich besaß. Besonders gern sprach er mit Leuten, die ihm nicht zu antworten wußten, weil sie von seinen Gründen geblendet waren, oder weil sie wenigstens so taten. Dagegen mied er Pedanten – wie er sie nannte – die durch ein gesundes Urteil das schlecht gezimmerte Gerüst seiner Meinungen umstießen. Als ich vor sieben Jahren in Laxenburg bei ihm war, sprach er mit berechtigtem Spott von einem Menschen, der mittels riesiger Summen und durch alle möglichen Kriechereien einen elenden Adelsbrief erworben hatte. Bei dieser Gelegenheit sagte er zu mir: »Ich verachte alle, die den Adel kaufen.« »Mit Recht. Aber was soll man von denen halten, die ihn verkaufen?« Nach dieser Frage drehte er mir den Rücken zu und hielt mich nicht mehr für würdig, ein Wort an mich zu richten. Der hohe Hert hatte eine Leidenschaft fürs Erzählen, und er erzählte in der Tat hübsch und wußte die Einzelheiten einer Anekdote geschickt auszuschmücken; aber er wollte durchaus seine Zuhörer lachen sehen, denn wer nicht zu seinen Späßen lachte, war in seinen Augen ein Dummkopf, und leider blieben gerade die ernst, die ihn am besten kannten. Er zog Brambillas Rat, der ihm schließlich den Tod brachte, den Meinungen der Ärzte vor, die ihm vernünftige Verhaltungsmaßregeln gaben. Übrigens hat niemand ihm Furchtlosigkeit abgestritten; aber von der Kunst des Regierens hatte er keine Ahnung, denn er hatte nicht die geringste Kenntnis vom menschlichen Herzen, und er wußte weder sich zu verstellen noch ein Geheimnis zu bewahren. Er hatte seine Gesichtszüge so wenig in der Gewalt, daß er nicht einmal sein Vergnügen zu verbergen wußte, wenn er eine Strafe verhängte. Wenn er jemand sah, dessen Züge ihm nicht gefielen, schnitt er stets ein Gesicht, das sehr übel aussah. Josef der Zweite ist einer wirklich furchtbaren Krankheit erlegen; denn er blieb bis zum letzten Augenblick bei vollem Bewußtsein, während er doch den unvermeidlichen Tod vor Augen sah. Ihm ist das Unglück widerfahren, alles bereuen zu müssen, was er getan hatte, und es nicht rückgängig machen zu können; teils weil das meiste nicht wieder gut zu machen war, teils weil er geglaubt hätte, sich zu entehren, wenn er aus Gründen der Vernunft zerstörte, was er aus Unvernunft geschaffen hatte; denn ohne Zweifel bewahrte er bis zum letzten Augenblick das Gefühl der seiner hohen Geburt anhaftenden Unfehlbarkeit, obgleich der schwankende Zustand seiner Seele ihm die Fehlbarkeit seiner Natur hätte zum Bewußtsein bringen müssen. Er hegte die größte Achtung für seinen Bruder, der heute an seiner Stelle regiert; trotzdem hatte er nicht den Mut, die wichtigen Ratschläge zu befolgen, die dieser ihm gab. In einer Regung von Seelengröße gab er dem geschickten und klugen Arzt, der ihm sein Todesurteil ankündigte, eine hohe Belohnung; aber in einer Schwäche entgegengesetzter Art hatte er einige Monate vorher die Ärzte und den Quacksalber belohnt, die ihm weismachten, er sei geheilt. Ferner hatte er das Unglück, genau zu wissen, daß man seinen Tod nicht betrauern würde – ein trostloser Gedanke, besonders für einen Herrscher. Seine von ihm innig geliebte Nichte starb vor ihm, und wenn die Personen seiner Umgebung ihn geliebt hätten, so würde ihm die herzzerreißende Nachricht erspart worden sein; denn es war handgreiflich, daß sein Ende unmittelbar bevorstand, und sein Groll wegen Vorenthaltens der Nachricht wäre daher nicht mehr zu fürchten gewesen. Ich war entzückt von dem Wiener Leben und von den Genüssen, die ich bei den schönen Fräuleins fand, deren Bekanntschaft ich bei der Baronin gemacht hatte. Kurz vor meiner Abreise aus der schönen Stadt traf Baron Vais mich beim Hochzeitsfest des Grafen Durazzo und lud mich zu einem Picknick in Schönbrunn ein. Wir fuhren hin, und ich war dort in keiner Weise enthaltsam; als wir nach Wien zurückkamen, hatte ich mir denn auch dermaßen den Magen verdorben, daß ich vierundzwanzig Stunden später dem Tode nahe war. Das letzte Fünkchen Vernunft, das ich in meinem erschöpften Zustand noch besaß, benutzte ich dazu, mir das Leben zu retten. Campioni und die Grafen Rockendorf und Sarrotin standen an meinem Bett. Sarrotin, mit dem ich sehr befreundet geworden war, hatte einen Arzt mitgebracht, obgleich ich auf das bestimmteste erklärt hatte, ich wollte keinen. Der neue Sangrado glaubte mir seine Kunst als Despot aufdrängen zu können und hatte einen Wundarzt kommen lassen, der mir gegen meinen Willen die Ader schlagen sollte. Ich war schon halb tot, aber einer mir selber unbegreiflichen Eingebung folgend, schlag ich die Augen auf und sah den Mann mit der Lanzette in der Hand und grade im Begriff, mir die Ader zu öffnen. »Nein, nein!« sagte ich und zog matt meinen Arm zurück; der Kerl aber wollte mir, wie der Arzt sich ausdrückte, auch gegen meinen Willen das Leben retten und packte von neuem meinen Arm. Grade in diesem Augenblick verspürte ich eine Belebung meiner Kräfte; ich streckte die Hand aus, ergriff eine meiner Pistolen, und die Kugel riß ihm eine seiner Locken vom Kopf. Dies genügte. Alle Anwesenden machten sich aus dem Staube, ausgenommen meine Magd, die nicht von mir ging, und mir soviel Wasser zu trinken gab, wie ich verlangte. Am vierten Tag war ich völlig wieder hergestellt. Mein Erlebnis gab allen Wiener Müßiggängern ein paar Tage lang Stoff zur Erheiterung, und Abbé Dickkopf versicherte mir. wenn ich den armen Wundarzt erschossen hätte, so wäre er eben tot gewesen und weiter nichts, denn die anwesenden Zeugen würden der Wahrheit gemäß erklärt haben, man hätte mir mit Gewalt zur Ader lassen wollen; demgemäß wäre ich also in der Notwehr gewesen. Von mehreren Seiten wurde mir auch berichtet, die Wiener Ärzte hätten die Ansicht ausgesprochen, daß ich nicht mit dem Leben davon gekommen wäre, wenn man mir Blut abgezapft hätte; hätte mein Wassertrinken mich nicht geheilt, so würden die klugen Leute genau das Gegenteil behauptet haben. Ich fühlte jedoch, daß ich mich in acht nehmen müßte, um nicht in der deutschen Hauptstadt krank zu werden. Denn höchstwahrscheinlicher Weise hätte ich nur mit großer Schwierigkeit einen Arzt gefunden. In der Oper suchten viele Leute meine Bekanntschaft zu machen; man sah in mir einen Mann, der sich mit Pistolenschüssen gegen den Tod gewehrt hatte. Ein Miniaturenmaler, Morol, der sehr an Indigestionen litt und schließlich auch an einer solchen starb, hatte nur die Lehre gegeben: um von dem Unwohlsein zu genesen, sei nichts weiter nötig, als reichliche Mengen Wasser zu trinken und Geduld zu haben. Er starb, weil man ihm in einem Augenblick zur Ader ließ, wo er keinen Widerstand leisten konnte. Meine Indigestion erinnerte mich an ein Witzwort eines Mannes, der sonst selten Witze machte, nämlich des Herrn von Maisonrouge. Er hatte sich eines Tages den Magen überladen und wurde sterbend nach Hause gebracht. Den Quinze-Vingts gegenüber mußte sein Wagen anhalten, weil einige Karren sich verfahren hatten; ein Armer trat an seinen Wagenschlag heran und bat ihn um ein Almosen, indem er sagte: »Ach, mein Herr, ich sterbe vor Hunger!« – »Ei, wie kannst du dich darüber beklagen, du Schelm,« antwortete ihm Maisonrouge stöhnend, »ich wollte, ich wäre an deiner Stelle.« Etwa um dieselbe Zeit machte ich die Bekanntschaft einer Mailänder Tänzerin; sie war klug, hatte ein ausgezeichnetes Benehmen, besaß literarische Kenntnisse und war vor allen Dingen sehr hübsch. Sie empfing in ihrem Salon gute Gesellschaft, mit der sie ausgezeichnet umzugehen wußte. Bei ihr lernte ich einen Grafen Christoph Erdödy kennen, einen liebenswürdigen, reichen und freigebigen Kavalier, ferner einen Fürsten Kinsky, der ein höchst anmutiger Harlekin war. Ich verliebte mich in das Mädchen, aber vergeblich, denn sie war in den Florentiner Tänzer Angiolino verschossen. Ich umwarb sie, aber sie machte sich über mich lustig; eine Theaterdame, die in irgend jemand verliebt ist, ist eine uneinnehmbare Festung, falls man nicht in der Lage ist, eine goldene Brücke zu schlagen. Ich war aber nicht reich. Trotzdem gab ich die Hoffnung nicht auf, sondern verbrannte ausdauernd meinen Weihrauch auf ihrem Altar. Meine Gesellschaft war ihr angenehm, denn sie zeigte mir die von ihr verfertigten Briefe, und ich hob deren Schönheiten hervor. Sie besaß von sich ein Miniaturbildnis von überraschender Ähnlichkeit. Am Tage vor meiner Abreise beschloß ich, aus Arger über meine verlorene Zeit und über die von mir in der Verliebtheit begangenen Dummheiten, ihr dies Bildnis zu stehlen. Ein schwacher Trost für einen Unglücklichen, der sich vergeblich um das Original bemüht hatte! Bei meinem Abschiedsbesuch sah ich das Kleinod liegen; ich steckte es ein und reiste damit nach Preßburg, wohin Baron Vais mich nebst zwei schönen Fräuleins zu einer Lustpartie eingeladen hatte. Als ich aus dem Wagen stieg, war der erste Mensch, dem ich sozusagen in die Arme lief, der Beschützer der Frau Condé-Labré, Chevalier Talvis, dem ich in Paris einen so tüchtigen Denkzettel gegeben hatte. Als er mich erkannte, ging er auf mich los und sagte ich sei ihm eine Revanchepartie schuldig. »Ich verspreche sie Ihnen,« erwiderte ich, »doch gehe ich niemals eine Partie um einer anderen willen auf: wir werden uns wiedersehen!« »Das genügt. Würden Sie mir die Ehre erweisen, mich den Damen vorzustellen?« »Recht gern; aber nicht auf der Straße.« Wir gingen in den Gasthof, er folgte uns. Da ich der Meinung war, der junge Mann, der im übrigen tapfer war wie nur irgend ein französischer Kavalier, könnte zu unserer Unterhaltung beitragen, so stellte ich ihn vor. Er wohnte seit ein paar Tagen in dem Wirtshaus, wo auch wir abgestiegen waren, und war in Trauer gekleidet. Er fragte uns, ob wir den Ball beim Fürstbischof besuchen würden. Wir wußten nichts von einem solchen, aber Vais bejahte seine Frage. »Man besucht den Ball«, sagte der Chevalier, »ohne vorgestellt zu sein, und deshalb gedenke auch ich hinzugehen, was ich sonst nicht könnte, denn mich kennt hier kein Mensch.« Hiermit ging er. Der Wirt, der erschien, um sich nach unseren Befehlen zu erkundigen, gab uns Auskunft über den Ball; da unsere schönen Fräuleins den Wunsch äußerten, hinzugehen, so erklärten wir uns bereit. Allen Leuten unbekannt, durchstreiften wir in voller Freiheit alle Räume des Palastes, bis wir schließlich zu einem großen Tisch gelangten, woran der Fürstbischof saß und eine Pharaobank hielt. Der Goldhaufe, den der edle Prälat vor sich hatte, mochte nach unserer Schätzung etwa dreizehn oder vierzehntausend Gulden betragen. Chevalier Talvis stand zwischen unseren beiden Damen und machte ihnen Komplimente, während Seine Gnaden die Karten mischten. Der Fürst ließ abheben, sah den Chevalier an und lud ihn freundlich ein, doch auch eine Karte zu besetzen. »Gern, gnädiger Herr; ich halte die Bank auf diese Karte.« »Gilt!« sagt der Bischof, um sich nicht den Anschein zu geben, als ob er Furcht hätte. Er zieht ab, die Karte des Chevaliers gewinnt, und mein glücklicher Franzose zieht in aller Seelenruhe das ganze Geld des Prälaten ein und stopft sich die Taschen damit voll. Der Bischof ist verblüfft; ein wenig zu spät die Dummheit erkennend, die er gemacht hat, sagt er zum Chevalier: »Und wenn Ihre Karte verloren hätte, mein Herr, wie würden Sie es angefangen haben, mich zu bezahlen?« »Gnädiger Herr, das wäre meine Sache gewesen.« »Mein Herr, Sie haben mehr Glück als Verstand.« »Das kann wohl sein, Euer Gnaden; aber das ist meine Sache.« Der Chevalier ging hinaus, ich folgte ihm und holte ihn unten an der Treppe ein. Nachdem ich ihm mein Kompliment gemacht hatte, bat ich ihn, mir hundert Kaiserdukaten zu leihen. Er zählte sie mir augenblicklich auf, indem er mir die Versicherung gab, er sei entzückt, mir diesen Dienst leisten zu können. »Ich werde Ihnen einen Schuldschein ausstellen.« »Unsinn, nichts von Schuldschein.« Ich steckte das Gold in die Tasche, ohne mich um die zahlreichen Masken zu bekümmern, die aus Neugier dem glücklichen Gewinner gefolgt und jetzt Zeugen des Vorfalls waren. Talvis entfernte sich, und ich ging wieder in den Spielsaal. Rockendorf und Sarrotin, die zufällig auf dem Ball waren, hatten erfahren, daß der Chevalier mir Geld gegeben hätte, und fragten mich, wer er wäre. Ich erzählte ihnen eine aus Wahrem und Falschem gemischte Geschichte und sagte ihnen schließlich, mit dem Gelde, das er mir gegeben, habe der Chevalier eine Schuld getilgt, die er noch von Paris her an mich gehabt habe. Sie mußten mir dies glauben oder doch wenigstens so tun. In unserem Gasthof erzählte uns der Wirt, der Chevalier sei Hals über Kopf zu Pferde davon gesprengt, und sein ganzes Gepäck hahe in einem Handköfferchen bestanden. Wir speisten zu Nacht, und zur Erheiterung des Mahles erzählte ich Vais und unseren schönen Fräuleins, auf welche Weise ich Talvis kennen gelernt und wie ich es angefangen hatte, meinen Anteil an der Beute zu erhalten. In Wien war, als wir zurückkehrten, die Geschichte bereits das Tagesgespräch, man lachte über den Gaskogner und ulkte über den Bischof. Die bösen Zungen verschonten auch mich nicht, aber ich tat, als verstände ich die Anzüglichkeiten nicht, denn ich hielt es für zwecklos mich zu verteidigen. Den Chevalier de Talvis kannte kein Mensch, und der französische Botschafter hatte niemals ein Wort von ihm gehört. Ich weiß nicht, ob er vielleicht später noch nach Preßburg hat von sich hören lassen. Nachdem ich von allen Freunden und Freundinnen Abschied genommen hatte, reiste ich endlich mit der Post von Wien ab; am vierten Tage übernachtete ich in Triest. Tags darauf schiffte ich mich nach Venedig ein, wo ich am Nachmittag des zweiten Tages vor Himmelfahrt ankam. Ich hatte das Glück, nach einer dreijährigen Abwesenheit meinen herrlichen Beschützer, den Herrn von Bragadino, und seine beiden unzertrennlichen Freunde zu umarmen; sie waren sehr erfreut, mich vollkommen gesund und stattlich ausgerüstet wieder zu sehen. Dreizehntes Kapitel Ich gebe das von Wien mitgenommene Porträt heraus. – Ich gehe nach Padua; Abenteuer auf der Rückreise; Folgen dieses Abenteuers. – Ich finde Teresa Imer wieder. – Ich mache die Bekannschaft von Fräulein C.C. Ich sah meine Vaterstadt mit jenem köstlichen Gefühl wieder, das alle wackeren Herzen empfinden, wenn sie die Stellen wieder begrüßen, wo sie die ersten dauernden Eindrücke empfangen haben. Ich hatte Erfahrungen gesammelt; ich kannte die Gebote der Ehre und der Höflichkeit; ich fühlte mich fast allen meinesgleichen überlegen und sehnte mich danach, meine alten Gewohnheiten wieder aufzunehmen; aber ich nahm mir vor, dabei in Zukunft mich mehr geregelt und zurückhaltend zu benehmen. Mit Vergnügen sah ich beim Bieten meines Arbeitszimmers, daß dort der Status quo in höchster Vollkommenheit aufrecht erhalten worden war. Eine fingerdicke Staubschicht, die auf meinen Papieren lag, bezeugte zur Genüge, daß keine unbefugte Hand diese berührt hatte. Am zweiten Tage nach meiner Ankunft überbrachte mir ein Barkarole einen Brief, gerade in dem Augenblick, als ich im Begriff war, auszugehen, um den Bucentoro zu begleiten, auf dem der Doge die gewohnte alljährliche Fahrt machen wollte, um sich der Adria zu vermählen, der Witwe so vieler Gatten, die trotzdem noch so frisch ist wie am Tage der Schöpfung. Der Brief war von einem jungen Nobile, Giovanni Grimani, dem es sehr wohl bewußt war, daß er kein Recht hatte, mich vor sich zu zitieren, und der mich daher sehr höflich bat, ich möchte doch freundlichst bei ihm vorsprechen, um einen Brief in Empfang zu nehmen, den er mir zu eigenen Händen zu übergeben beauftragt sei. Ich ging augenblicklich zu ihm, und nachdem wir die üblichen Komplimente ausgetauscht hatten, übergab er mir einen unversiegelten Brief, den er Tags zuvor erhalten hatte. Dieser Brief lautete: »Mein Herr, ich habe nach Ihrer Abreise vergeblich mein Porträt gesucht, und da ich nicht die Gewohnheit habe, Diebe bei mir zu empfangen, so bin ich überzeugt, daß es sich nur in Ihren Händen hefinden kann; ich bitte Sie, es der Person zu übergeben, von der Sie diesen Brief erhalten werden. Fogliazzi.« Zu meiner großen Freude hatte ich das Bild bei mir; ich zog es aus der Tasche und lieferte es sofort Herrn Grimani aus, der es mit großer Befriedigung, aber auch mit Überraschung in Empfang nahm; denn er hatte geglaubt, sein Auftrag werde schwieriger auszuführen sein. »Offenbar hat die Liebe Sie dazu getrieben, diesen kleinen Raub zu begehen,« sagte er zu mir. »Nun, ich wünsche Ihnen Glück, daß sie offenbar nicht sehr stark ist.« »Woraus schließen Sie das?« »Aus der Bereitwilligkeit, womit Sie das Bild herausgeben.« »Nicht jedem würde ich es so willig ausliefern.« »Dafür danke ich Ihnen, und ich bitte Sie, in Zukunft zum Ersatz für diese Liebe auf meine Freundschaft rechnen zu wollen.« »Ich schätze diese unendlich viel höher als das Porträt, ja sogar als das Original. Darf ich die Bitte wagen, ihr meine Antwort zuschicken zu wollen?« »Das verspreche ich Ihnen. Hier haben Sie Papier, schreiben Sie sie sofort; Sie brauchen sie nicht zu versiegeln.« Ich schrieb nun folgendes: »Indem er das Bildnis herausgibt, empfindet Casanova eine viel innigere Freude, als in dem Augenblick, wo er, von einer elenden phantastischen Laune angetrieben, die Torheit beging, es in die Tasche zu stecken.« Infolge des schlechten Wetters mußte die Wunderhochzeit auf den Sonntag verschoben werden, und da Herr von Bragadino am nächsten Tage nach Padua reiste, so begleitete ich ihn dorthin. Der liebenswürdige alte Herr überließ der Jugend die rauschenden Vergnügungen, die sich für ihn nicht mehr schickten, und verbrachte lieber in friedlicher Ruhe die Tage der venetianischen Feste, bei denen er sich nur noch langweilte. Am nächsten Sonnabend speiste ich mit ihm zusammen; nach dem Essen küßte ich ihm die Hand, ging dann nach der Post und nahm einen Wagen, um nach Venedig zurückzukehren. Wäre ich von Padua zwei Minuten früher oder später abgereist, so wäre alles ganz anders gekommen, und mein Leben hätte eine ganz andere Wendung genommen – wenn anders es wahr ist, daß unser Leben von Zufällen abhängt. Möge der Leser selber urteilen. Ich fuhr also in diesem verhängnisvollen Augenblick von Padua ab und begegnete bei Oriago einem Kabriolett, das mit zwei Postpferden bespannt in scharfem Trabe daher kam. In ihm saßen eine sehr hübsche Frau und ein Herr in deutscher Uniform. Einige Schritte von mir entfernt warf das neben dem Fluß entlangfahrende Kabriolett um, und die Frau, die über ihren Begleiter hinweggeschleudert wurde, schwebte in der größten Gefahr, in die Brenta zu rollen. Ich sprang aus meinem Wagen, ohne diesen erst halten zu lassen, und eilte der Dame zu Hilfe, indem ich zugleich mit züchtiger Hand die durch den Sturz verursachte Unordnung ihrer Kleider beseitigte. Ihr Begleiter war unversehrt aufgestanden; er eilte herzu und fand seine Schöne ganz verblüfft auf der Erde sitzen; doch rührte ihre Verwirrung weniger von dem Sturz her als von ihrer Scham wegen ihrer Entblößung; ich hatte in der Tat gesehen, was eine anständige Frau niemals einem Unbekannten zeigt. Bei ihren Dankesbeteuerungen, die so lange dauerten, als ihr und mein Postillon brauchten, um das Kabriolett wieder aufzurichten, nannte sie mich oft ihren Retter, ihren Schutzengel. Nachdem der Schaden wieder ausgebessert war, setzte die Dame ihre Fahrt nach Padua und ich die meinige nach Venedig fort, wo ich nach meiner Ankunft kaum noch so viel Zeit hatte, um mich zu maskieren, um in die Oper zu gehen. Am nächsten Morgen maskierte ich mich schon zu früher Stunde, um dem Bucentoro zu folgen, der bei dem schönen Wetter nach dem Lido fahren sollte, wo die große und lächerliche Feierlichkeit vor sich geht. Diese nicht nur eigentümliche, sondern geradezu einzige Feier hängt von dem Mut des Arsenaladmirals ab, denn dieser muß mit seinem Kopf dafür einstehen, daß beständig schönes Wetter sein wird. Der geringste widrige Wind könnte nämlich das Schiff zum Kentern bringen; dann ertränke der Doge mit dem ganzen durchlauchtigsten Senat, den fremden Gesandten und dem Nuntius des Papstes, des Trauzeugen dieser Ulkhochzeit, für die die Venetianer eine an Aberglauben grenzende Verehrung hegen. Das Unglück würde dadurch besonders empfindlich werden, daß ganz Europa darüber lachen und unfehlbar sagen würde, der Doge von Venedig habe endlich seine Ehe wirklich vollzogen. Ich trank entblößten Gesichtes meinen Kaffee unter den Prokurazien des Markusplatzes, als eine schöne weibliche Maske mir einen galanten Fächerschlag auf die Schulter gab. Da ich die Maske nicht kannte, achtete ich nicht sonderlich auf die Neckerei; ich trank meinen Kaffee aus, nahm meine Maske wieder vors Gesicht und ging nach dem Bestattungsquai, wo die Gondel des Herrn von Bragadino auf mich wartete. In der Nähe der Strohbrücke bemerkte ich dieselbe Maske, die aufmerksam das Bild eines für zehn Soldi zur Schau gestellten Ungeheuers betrachtete. Ich trat an sie heran und fragte sie, mit welchem Recht sie mich geschlagen habe. »Um Sie dafür zu strafen, daß Sie mich nicht kennen, nachdem Sie mir das Leben gerettet haben.« Ich erriet, daß sie die Schöne sein mußte, der ich am Tage vorher am Ufer der Brenta zu Hilfe gekommen war. Ich machte ihr mein Kompliment und fragte sie, ob sie mit dem Bucentoro hinausfahre. »Das würde ich gerne tun, wenn ich eine sichere Gondel hätte«, antwortete sie. Ich bot ihr die meinige an, die sehr groß war; sie beriet sich einen Augenblick mit ihrem ebenfalls maskierten Begleiter und nahm dann an. Als sie einsteigen wollten, lud ich sie ein, sich zu demaskieren, sie sagten mir jedoch, sie wünschten aus gewissen Gründen unerkannt zu bleiben. Hierauf bat ich sie, mir zu sagen, ob sie irgend einem Gesandten angehörten, denn in diesem Fall müßte ich sie, wenn gleich mit Bedauern, auszusteigen bitten; sie versicherten mir jedoch, sie seien Venetianer. Da die Gondel von den Bediensteten eines Patriziers geführt wurde, so hätte ich mich den Staatsinquisitoren gegenüber bloßstellen können, und dies wünschte ich zu vermeiden. Wir fuhren also denm Bucentoro nach; neben der Dame sitzend erlaubte ich mir einige Freiheiten, sie brachte mich jedoch etwas aus der Fassung, indem sie den Platz wechselte. Nach der Feierlichkeit kehrten wir nach Venedig zurück, und der Offizier sagte mir, ich würde sie zu Dank verpflichten, wenn ich ihnen die Ehre erweisen wollte, mit ihnen im »Wilden Mann« zu speisen. Ich nahm die Einladung an, denn ich war neugierig, die Dame kennen zu lernen; was ich von ihr bei dem Sturz gesehen hatte, machte diese Neugierde sehr erklärlich. Der Offizier ließ mich mit ihr allein und ging voraus, um das Essen zu bestellen. Sobald ich mit der Schönen allein war, sagte ich ihr unter dem Schutz der Maskensreiheit, ich sei in sie verliebt; ich besitze eine Loge in der Oper, die ich ihr zur Verfügung stelle, und wenn sie mir einige Hoffnung geben wolle, daß ich meine Zeit nicht verlieren werde, so sei ich bereit, während des ganzen Karnevals ihr zu dienen. Wenn sie aber die Absicht habe, grausam zu sein, so bitte ich sie, es mir offen heraus zu sagen. »Und ich bitte Sie, mir zu sagen, mit wem Sie zu tun zu haben glauben.« »Mit einer durchaus liebenswürdigen Frau, mögen Sie nun eine Prinzessin oder von niedrigstem Stande sein. Dabei wage ich zu hoffen, daß Sie mir schon heute Beweise Ihrer Güte geben werden; anderenfalls werde ich nach dem Essen die Ehre haben, mich Ihnen bestens zu empfehlen.« »Tun Sie, was Sie wollen, ich hoffe indessen, Sie werden nach dem Essen eine andere Sprache führen; denn der Ton, den Sie jetzt anschlagen, ist nicht gerade ermunternd. Mir scheint, man müßte sich doch erst kennen lernen, bevor man zu einer derartigen Auseinandersetzung kommt. Fühlen Sie das nicht?« »Gewiß fühle ich das; aber ich fürchte angeführt zu werden.« »Das ist ja recht eigentümlich. Und wegen dieser Furcht fangen Sie damit an, womit man sonst aufhört?« »Ich verlange für heute nur ein Wort der Ermutigung. Sagen Sie es mir, und Sie werden sehen, daß ich bescheiden, unterwürfig und verschwiegen bin.« »Mäßigen Sie sich!« Wir fanden den Offizier vor der Tür des »Wilden Mannes«, und wir gingen hinein. Sobald wir im Zimmer waren, nahm sie die Maske ab, und ich fand sie noch viel hübscher als am Tage zuvor. Der Form wegen mußte ich noch herausbringen, ob der Offizier ihr Gatte, ihr Liebhaber, ihr Verwandter oder ihr Zuhälter war; ich hatte schon so manches Abenteuer hinter mir und wünschte daher zu erfahren, von welcher Art dieses neu begonnene war. Wir gingen zu Tisch, und das Benehmen des Herrn und der Dame nötigte mich, Obacht auf mich selber zu geben. Ich bot daher ihm meine Loge an, und er nahm sie an; da ich aber gar keine hatte, so schützte ich nach dem Essen Geschäfte vor und ging fort, um mir eine zu besorgen. Ich mietete eine Loge in der Komischen Oper, wo damals Pertici und Laschi glänzten. Nach der Vorstellung gab ich ihnen ein Abendessen in einem Gasthof und brachte sie dann in meiner Gondel nach Hause, wobei ich unter dem Schutze des nächtlichen Dunkels von der Schönen alle Gunstbezeigungen erhielt, die man in Gegenwart eines dritten, auf den Rücksicht genommen werden muß, bewilligen kann. Als wir uns trennten, sagte der Offizier zu mir: »Sie werden morgen von mir hören.« »Wo und wie denn?« »Machen Sie sich darum keine Sorge.« Am nächsten Morgen meldete man mir einen Offizier; er war es selber. Nachdem wir die üblichen Komplimente ausgetauscht hatten, dankte ich ihm für die Ehre, die er mir am Tage vorher erwiesen hätte, und bat ihn, mir zu sagen, mit wem ich das Vergnügen hätte zu sprechen. Er antwortete mir hierauf in wohlgesetzten Worten, jedoch ohne mich anzusehen. »Ich heiße P. C. Mein Vater ist reich und steht bei der Börse in gutem Ansehen; wir sind jedoch entzweit. Ich wohne am Markusufer. Die Dame, die Sie sahen, ist eine geborene O.; sie ist die Frau des Maklers C., und ihre Schwester ist die Gattin des Patriziers P. M. Frau C. hat sich meinetwegen mit ihrem Gemahl entzweit, wie ich ihretwegen in Unfrieden mit meinem Vater lebe. Ich trage meine Uniform dank einem österreichischen Hauptmannspatent; doch habe ich niemals gedient. Ich habe die Ochsenlieferung für den Staat Venedig, und ich beziehe meine Ware aus Steiermark und Ungarn. Diese Unternehmung ist ein glattes Geschäft, das mir einen jährlichen Nutzen von zehntausend Gulden sichert. Aber eine unvorhergesehene Verlegenheit, der ich sofort abhelfen muß, ein betrügerischer Bankerott und außerordentliche Ausgaben sind schuld, daß ich mich augenblicklich in großer Geldnot befinde. Vor vier Jahren hörte ich von Ihnen sprechen, und seitdem hatte ich stets den Wunsch, Ihre Bekanntschaft zu machen ; ich glaube, der Himmel selber hat Sie vorgestern herbeigeführt. Ich bitte Sie daher ohne Zaudern um eine bedeutende Gefälligkeit, die uns zu innigster Freundschaft verbinden wird. Sie können mir beispringen, ohne das geringste Risiko einzugehen, indem Sie diese drei Wechsel akzeptieren; und Sie brauchen nicht zu befürchten, daß Sie sie einlösen müssen; denn ich gebe Ihnen dafür diese drei anderen, die vor den Ihrigen fällig sind. Außerdem verpfände ich Ihnen die Ochsenlieferung für das ganze Jahr; Sie könnten, wenn ich Ihnen nicht Wort hielte, alle meine Ochsen in Triest mit Beschlag belegen; auf einem anderen Wege können sie nämlich nicht kommen.« Ich war erstaunt über diese Rede und über den Plan, der mir auf unsicheren Füßen zu stehen schien und mir nur Verlegenheiten in Aussicht stellte; und vor solchen hatte ich Abscheu. Eigentümlich fand ich auch den Einfall dieses Menschen, sich einzubilden, ich würde leicht auf den Leim gehen, und mir daher den Vorzug vor hundert anderen zu geben, die er besser kennen mußte. Ich sagte ihm daher ohne Zögern, ich würde sein Anerbieten niemals annehmen. Er verdoppelte seine Beredsamkeit, um mich zu überzeugen, aber ich brachte ihn in Verlegenheit, als ich ihm sagte, ich müßte mich doch sehr darüber wundern, daß er mich allen seinen Bekannten vorzöge, da ich doch erst seit zwei Tagen die Ehre hätte, ihm bekannt zu sein. Er antwortete mir jedoch mit frecher Stirn: »Mein Herr, ich erkannte in Ihnen einen sehr klugen Mann und war daher überzeugt, Sie würden sofort das Vorteilhafte meines Anerbietens erkennen und daher ohne Schwierigkeit zur Annahme desselben bereit sein.« »Sie müssen sich jetzt überzeugt haben, daß Sie sich in Ihrer Annahme irrten, und Sie werden mich ohne Zweifel für einen Dummkopf halten, indem Sie jetzt sehen, daß ich von Ihnen angeführt zu werden fürchte, wenn ich auf Ihren Vorschlag einginge.« Er bat mich um Entschuldigung und ging, nachdem er mir noch gesagt hatte, er hoffe mich abends aus dem Markusplatz zu sehen; er werde mit Frau C. dort sein. Er hinterließ mir seine Adresse, indem er mir sagte, er habe ohne Wissen seines Vaters seine alte Wohnung im väterlichen Hause beibehalten. Dies hieß soviel, als daß ich seinen Besuch erwidern sollte; wäre ich vernünftig gewesen, so hätte ich mir dies geschenkt. Ich ärgerte mich, daß der Mensch seine Absichten gerade auf mich geworfen hatte, und verspürte durchaus keine Lust mehr, mein Glück bei seiner Schönen zu versuchen; denn es kam mir vor, als habe das Pärchen beschlossen, mich auszubeuten, und da ich nicht die geringste Lust hatte, mich ausbeuten zu lassen, so vermied ich es, am Abend auf dem Markusplatze mit ihnen zusammenzutreffen. Bei diesem Verhalten hätte ich bleiben sollen; am nächsten Tage aber trieb mich mein böser Geist, ihn zu besuchen; ich dachte, ein Höflichkeitsbesuch würde nichts zu bedeuten haben. Ein Bedienter führte mich in C.'s Zimmer; er empfing mich sehr liebenswürdig und machte mir freundliche Vorwürfe, daß ich mich am vorigen Abend nicht hätte sehen lassen. Hierauf sprach er wieder von seiner Unternehmung und zeigte mir einen ganzen Haufen von Papieren, was mich sehr langweilte. »Wenn Sie die drei Wechsel akzeptieren wollen,« sagte er, »mache ich Sie zum Teilhaber bei meinem Unternehmen.« Durch diesen außerordentlichen Freundschaftsbeweis schenkte er mir nach seiner Behauptung fünftausend Gulden jährlich; meine ganze Antwort bestand jedoch darin, daß ich ihn bat, niemals mehr mit mir davon zu sprechen. Als ich mich verabschiedete, sagte er mir, er wolle mich seiner Mutter und Schwester vorstellen. Er ging und kam nach zwei Minuten mit ihnen wieder. Die Mutter war eine Frau von unbefangenem und ehrlichem Aussehen, die Schwester geradezu ein Muster von Schönheit. Ich war wie geblendet. Eine Viertelstunde darauf bat die allzu vertrauensselige Mutter mich um Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen; die Tochter aber blieb. Sie brauchte keine halbe Stunde, um mich völlig zu fesseln. Ich war bezaubert von allen ihren Vollkommenheiten, und ihr lebhafter Geist, von einer naiven, mir ganz neuen Art, ihre Unschuld und Treuherzigkeit, ihr natürliches und doch hohes Gefühl, ihre fröhliche und unschuldige Lebhaftigkeit, mit einem Wort ihr ganzes Wesen voll Schönheit, Klugheit und Unschuld – ein Wesen, dem ich niemals habe widerstehen können – dies alles machte mich zum Sklaven des vollkommensten Weibes, das die Phantasie sich ersinnen kann. Fräulein C. C. ging stets nur mit ihrer Mutter aus, welche fromm und trotzdem nachsichtig war. Zum Lesen hatte sie nur die Bücher ihres Vaters, der als verständiger Mann gar keine Romane besaß; sie aber brannte vor Begierde, grade Solche Bücher zu lesen. Sie hatte auch die größte Lust, Venedig kennen zu lernen; da kein Mensch ihr Haus besuchte, so hatte ihr auch noch niemand gesagt, daß sie ein wahres Wunder war. Während ihr Bruder mit Schreiben beschäftigt war, unterhielt ich mich mit ihr, besser gesagt: ich beantwortete die zahlreichen Fragen, die sie an mich stellte; dies konnte ich nur tun, indem ich ihre Begriffe, die sie zu ihrem eigenen großen Erstaunen als schon vorhanden erkannte, noch erweiterte; ihre Seele befand sich noch im Zustande des Chaos. Nur eins sagte ich ihr nicht: daß sie schön sei und ich mich im höchsten Grade für sie interessiere; ich hatte dies schon so vielen anderen vorgelogen und fürchtete grade bei ihr, mich durch solche Äußerungen verdächtig zu machen. Traurig und nachdenklich verließ ich ihr Haus; die seltenen Eigenschaften, die ich an der entzückenden Person entdeckt hatte, machten auf mich einen tiefen Eindruck, und ich nahm mir vor, sie niemals wiederzusehen; denn ich glaubte zu fühlen, daß ich nicht der Mann dazu war, ihr ganz und gar meine Freiheit zu opfern, indem ich sie zur Gattin verlangte; und doch hielt ich sie für geschaffen, mich glücklich zu machen. Jch hatte seit meiner Rückkehr Frau Manzoni noch nicht wiedergesehen und lenkte nun meine Schritte ihrer Behausung zu. Ich fand die würdige Frau genau so, wie sie immer zu mir gewesen war, und sie empfing mich in der freundschaftlichsten Weise. Sie erzählte mir, Teresa Imer, das hübsche Mädchen, um dessentwillen ich vor dreizehn Jahren von Herrn von Malipiero einen Hieb mit dem Rohrstock erhalten, sei soeben von Bayreuth zurückgekehrt, wo sie als Geliebte des Markgrafen ein Vermögen erworben habe. Da sie Frau Manzoni gegenüber wohnte, beschloß diese, sie auf scherzhafte Art zu überraschen, und ließ sie bitten, auf einen Augenblick herüber zu kommen. Wirklich kam sie einige Augenblicke darauf mit einem bildschönen achtjährigen Knaben an der Hand. Er war ihr einziges Kind und stammte von ihrem Mann, der in Bayreuth Tänzer war. Unsere Überraschung bei diesem Wiedersehen war ebenso groß wie unser Vergnügen an den Erinnerungen unserer Kinderjahre. Diese Erinnerungen konnten sich freilich nur auf Kindereien beziehen. Ich beglückwünschte sie zu dem erlangten Vermögen, und sie glaubte, nach dem äußeren Anschein urteilend, mir dies Kompliment erwidern zu müssen. Ihr Glück wäre jedoch von festerem Bestande gewesen als das meinige, wenn sie in den späteren Jahren sich vernünftig benommen hätte. Aber sie hatte Launen, von denen ich dem Leser fünf Jahre später erzählen werde. Sie war eine große Sängerin geworden; doch verdankte sie keineswegs ihr ganzes Vermögen ihrem Talent; ihre Reize hatten dazu mehr als alles andere beigetragen. Sie erzählte mir ihre Erlebnisse, zweifelsohne mit einigen Ausschmückungen, und wir trennten uns erst, nachdem wir zwei volle Stunden geplaudert hatten. Sie lud mich ein, ihr das Vergnügen zu machen und am nächsten Morgen bei ihr zu frühstücken. Der Markgraf ließe sie beobachten, wie sie sagte; aber da ich ein alter Bekannter wäre, so könnte ich keinen Verdacht erregen. Das ist die Redensart aller galanten Damen. Sie sagte mir ferner, ich könnte sie am selben Abend in ihrer Loge besuchen; Herr Papafava würde mich mit Vergnügen sehen. Dieser war ihr Pate. Am nächsten Tage ging ich schon in der Frühe zu ihr. Ich fand sie im Bett mit ihrem Sohn, der als wohlerzogener Knabe sofort aufstand und hinausging, als er mich neben ihrem Bett Platz nehmen sah. Ich verbrachte mit ihr drei Stunden, von denen die letzte – dessen erinnere ich mich noch – köstlich war; in fünf Jahren wird der Leser die Folgen davon kennen lernen. Ich sah sie während der vierzehn Tage, die sie in Venedig verbrachte, noch ein zweites Mal, und bei ihrer Abreise versprach ich ihr, sie in Bayreuth zu besuchen; ich habe ihr aber nicht Wort gehalten. Um diese Zeit mußte ich mich mit den Angelegenheiten meines nachgeborenen Bruders beschäftigen, der nach seiner Behauptung eine ganz göttliche Berufung zum Priestertum empfand; er brauchte aber dazu ein Vermögen. Unwissend, ganz unerzogen und ohne alle Vorzüge, außer einem hübschen Gesicht, erblickte er im geistlichen Stande sein Glück; er setzte große Hoffnungen auf das Predigen, wofür er nach der Behauptung der Frauen seiner Bekanntenkreise ein ausgesprochenes Talent besaß. Ich tat alle von ihm gewünschten Schritte, und es gelang mir, den Abbate Grimani dahin zu bringen, daß er ihm ein Einkommen aussetzte. Er war nämlich in unserer Schuld für alle Möbel unseres elterlichen Hauses, worüber er niemals Rechenschaft abgelegt hatte. Er übertrug ihm den lebenslänglichen Nießbrauch eines Hauses, und zwei Jahre später erhielt mein Bruder als Besitzer eines väterlichen Erbteils die Weihen. Übrigens war dieses Erbteil nur zum Schein vorhanden, denn das Haus war bereits in Höhe seines Wertes mit Hypotheken belastet; aber Herr Abbate Grimani war ein Stück Jesuit, und diesen heiligen Dienern Gottes sind alle Mittel recht, wenn sie ihnen nur Vorteil bringen. Ich werde von der Aufführung dieses unglücklichen Bruders sprechen, sobald wir an die Periode kommen, wo er in die Wechselfälle meines eigenen Lebens eintritt. Zwei Tage nach meinem Besuch bei P. C. traf ich ihn auf der Straße. Er sagte mir, seine Schwester spreche unaufhörlich von mir, sie habe von meinen Bemerkungen eine Menge behalten, und ihre Mutter sei entzückt, daß sie meine Bekanntschaft gemacht habe. »Sie wäre«, sagte er, »eine gute Partie für Sie, denn sie bekommt eine Mitgift von zehntausend Silberdukaten. Wenn Sie morgen zu mir kommen, können wir mit meiner Mutter und mit meiner Schwester Kaffee trinken.« Ich hatte mir vorgenommen, seine Wohnung nicht wieder zu betreten, aber ich hielt mir nicht Wort. Ubrigens kommt in dergleichen Fällen ein Mensch leicht dazu, seinem Vorsatz untreu zu werden. Ich verbrachte drei Stunden im Geplauder mit dem reizenden Kinde, und als ich von ihr ging, war ich verliebt bis über die Ohren. Beim Abschied sagte ich zu ihr, ich beneidete den Mann, der sie zur Frau gewinnen würde, und dieses Kompliment – das erste der Art, das ihr je gemacht wurde – bedeckte ihr schönes Gesicht mit hellster Röte. Als ich draußen war, prüfte ich den Charakter des Gefühles, das ich für sie empfand, und erschrak darüber, denn ich konnte C. C. gegenüber weder als ehrlicher Mensch noch als Wüstling handeln. Ich konnte mir nicht mit der Hoffnung schmeicheln, ihre Hand zu erlangen, und mir war zumute, als würde ich jeden erdolchen, der mir den Rat gäbe, sie zu verführen. – Ich empfand das Bedürfnis, mich zu zerstreuen; so ging ich spielen. Das Spiel ist zuweilen ein ausgezeichnetes Linderungsmittel gegen Aufregungen der Liebe. Ich spielte glücklich und ging mit einer goldgefüllten Börse nach Hause. Auf dem Heimweg begegnete mir in einem menschenleeren Gäßchen ein Mann, dem das Alter und noch mehr das Elend den Rücken gebeugt hatte. Näherkommend erkannte ich in ihm den Grafen Bonafede. Sein Anblick erregte mein Mitleid. Er erkannte mich ebenfalls und erzählte mir allerlei; zum Schluß aber schilderte er mir das Elend, worin er durch die Notwendigkeit, für den Unterhalt seiner zahlreichen Familie zu sorgen, sich befände. »Ich schäme mich nicht, Sie um eine Zechine zu bitten, von der ich fünf oder sechs Tage werde leben können.« Ich beeilte mich, ihm zehn zu geben, und hielt mit Mühe die Ausbrüche seiner Dankbarkeit zurück; aber ich konnte ihn nicht verhindern, Tränen zu vergießen. Beim Abschied sagte er mir, um sein Unglück voll zu machen, sei seine Tochter eine Schönheit geworden; sie wolle aber lieber sterben als ihre Tugend der Not opfern. »Ich kann«, so schloß er, »sie in diesen Gefühlen weder bestärken noch sie dafür belohnen.« Ich glaubte die Wünsche zu verstehen, die er in seiner Not hegen mußte, und ließ mir seine Adresse geben, indem ich ihm versprach, ihn besuchen zu wollen. Ich war neugierig zu sehen, was wohl aus einer Tugend geworden sein mochte, von der ich in den zehn Jahren, seitdem ich das Mädchen nicht gesehen, niemals eine große Meinung gehabt hatte. Am nächsten Tage ging ich hin. Ich fand ein Haus, worin fast jedes Hausgerät fehlte; das Mädchen war allein, was mich jedoch keineswegs überraschte. Die junge Gräfin hatte mich kommen sehen und empfing mich auf das liebenswürdigste oben an der Treppe. Sie war ziemlich gut gekleidet, und ich fand sie ebenso schön, lebhaft und liebenswürdig wie damals, als ich sie im Fort Sant' Andrea zum letztenmal gesehen hatte. Ihr Vater hatte ihr gesagt, daß ich sie besuchen würde, sie strahlte vor Freude und umarmte mich so zärtlich, wie man nur einen angebeteten Liebhaber umarmen kann. Sie führte mich in ihr Zimmer. Nachdem sie mir gesagt hatte, ihre Mutter liege krank im Bett und könne sich nicht sehen lassen, überließ sie sich einem neuen Freudenausbruch über das Glück, das ihr, wie sie sagte, unser Wiedersehen bereitete. Unter dem Vorwande der Freundschaft wurden stürmische Küsse gegeben und empfangen, die bald unsere Sinne entflammten, so daß mir schon nach der ersten Viertelstunde nichts mehr zu wünschen übrig blieb. Nachdem es geschehen war, mußten wir uns natürlich überrascht zeigen oder wenigstens stellen, und ehrenhalber konnte ich nicht umhin, der armen Gräfin zu versichern, daß ich in ihrer Hingabe nur das erste Pfand einer dauernden Liebe sehe. Sie glaubte mir dies oder tat doch so, wie übrigens auch ich in jenem Augenblick selber es glaubte. Als wir wieder ruhiger geworden waren, sprach sie mit mir von ihrer fürchterlichen Lage; sie erzählte mir, ihre Brüder trieben sich barfuß in den Straßen umher, und ihr Vater könnte ihnen tatsächlich nicht das tägliche Brot geben. »Sie haben also keinen Liebhaber?« »Wie? Einen Liebhaber? Welcher Mann hätte wohl den Mut, in einem derartigen Hause mein Liebhaber sein zu wollen? Und bin ich etwa dazu da, um schnöden Vorteils willen mich dem ersten besten für dreißig Soldi preiszugeben? Höher aber kann mich in Venedig niemand einschätzen, wenn er mich in diesem Hause sieht. Übrigens fühle ich keinen Beruf, mich zu prostituieren!« Eine Unterhaltung solcher Art ist nicht lustig, sie vergoß Tränen, und das Bild ihrer Traurigkeit im Verein mit der elenden Umgebung, die ich vor Augen hatte, war nicht danach angetan, meine Liebe wieder zu erwecken. Beim Abschied versprach ich ihr, wiederzukommen, und drückte ihr dabei zwölf Zechinen in die Hand. Sie war erstaunt über eine derartige Summe, niemals hatte sie sich so reich gesehen. Ich habe stets bedauert, ihr nicht das Doppelte gegeben zu haben. Am nächsten Tage besuchte P. C. mich und sagte mit freudestrahlendem Gesicht, seine Mutter habe ihrer Tochter erlaubt, mit ihm in die Oper zu gehen; die Kleine sei ganz entzückt davon, weil sie noch niemals dort gewesen sei, und wenn es mir Vergnügen mache, könne ich sie irgendwo erwarten. »Aber weiß Ihre Schwester denn, daß Sie mich als Teilnehmer zulassen wollen?« »Sie freut sich schon darauf.« »Und Ihre Frau Mutter? Weiß die es?« »Nein; aber wenn sie es erfahren sollte, wird es ihr nicht unangenehm sein, denn Sie haben ihr hohe Achtung eingeflößt.« »Ich will versuchen, eine Loge zu beschaffen.« »Vortrefflich. Erwarten Sie uns da und da.« Der Bursche sprach nicht mehr von Wechseln. Da er sah, daß ich seiner Dame nicht mehr den Hof machte, dagegen in seine Schwester verliebt war, so hatte er den schönen Plan ausgeheckt, mir diese zu verkaufen. Ich beklagte Mutter und Tochter, die einem solchen Subjekt ihr Vertrauen Schenkten, aber ich war nicht tugendhaft genug, die Einladung abzulehnen. Ich überredete mich sogar, daß ich, eben weil ich C. C. liebte, die Einladung annehmen müßte, um sie vor anderen Hinterhalten zu bewahren; denn wenn ich abgelehnt hätte, so würde er vielleicht einen weniger Gewissenhaften und Feinfühlenden gefunden haben, und dieser Gedanke war mir unerträglich. Mir schien, von meiner Seite hätte sie keinerlei Gefahr zu besorgen. Ich mietete eine Loge in der Oper San Samuele und erwartete sie lange vor der festgesetzten Zeit am verabredeten Orte. Sie kamen, und der Anblick meiner jungen Freundin entzückte mich. Sie war elegant maskiert, und ihr Bruder trug seine Uniform. Um das reizende Mädchen nicht der Gefahr auszusetzen, daß sie als Begleiterin ihres Bruders erkannt würde, ließ ich sie schnell in meine Gondel einsteigen. Er bat mich, ihn bei der Wohnung seiner Geliebten abzusetzen; sie wäre krank; wir möchten nur in unsere Loge gehen, er würde nachkommen. Zu meinem Erstaunen bekundete C. C. weder Überraschung noch Widerstreben, mit mir allein in der Gondel zu bleiben; über das Verschwinden ihres Bruders wunderte ich mich jedoch durchaus nicht, denn er verfolgte dabei offenbar seine Absichten. Ich sagte C. C., wir wollten bis zum Beginn der Vorstellung spazieren fahren; bei der starken Hitze müßte sie die Maske abnehmen. Dies tat sie denn auch augenblicklich. Ich hatte mir die Pflicht auferlegt, ihre Unschuld zu achten, und die edle Zuversicht, die aus ihren schönen Zügen und aus ihren vertrauensvollen Blicken leuchtete, die unschuldige Freude, die sie kundgab – dies alles vermehrte noch meine Liebe zu ihr. Natürlich konnte ich ihr nur von meiner Liebe sprechen, da aber dies ein heikler Punkt war, so wußte ich nicht, was ich sagen sollte; ich begnügte mich daher damit, ihr reizendes Gesicht zu betrachten, denn aus Furcht, ihre Schamhaftigkeit zu beunruhigen, wagte ich nicht, meine Blicke auf zwei knospende Halbkugeln zu heften, die von den Liebesgöttern selber gerundet waren. »Erzählen Sie mir doch irgend was!« rief sie; »Sie sehen mich ja nur immerfort an und sagen kein Wort; Sie bringen mir heute ein Opfer, denn mein Bruder hätte Sie sonst zu seiner Dame mitgenommen, die nach seiner Schilderung schön wie ein Engel sein muß.« »Ich habe die Dame gesehen.« »Sie muß sehr geistvoll sein.« »Das mag sein. Ich habe davon nichts bemerken können, denn ich war niemals bei ihr, und habe auch nicht die Absicht, sie je zu besuchen. Glauben Sie also ja nicht, schöne C., daß ich Ihnen das geringste Opfer bringe!« »Ich glaubte es; denn da Sie nicht sprachen, so dachte ich, Sie seien traurig.« »Wenn ich nicht zu Ihnen spreche, so geschieht es vor Bewegung über das Glück, das Ihr engelhaftes Vertrauen mir bereitet.« »Das freut mich außerordentlich. Aber wie sollte ich denn nicht Vertrauen zu Ihnen haben? Ich fühle mich bei Ihnen freier und viel sicherer als in Gegenwart meines Bruders. Meine Mutter selber sagt, man könne sich in Ihnen nicht täuschen, und Sie seien ganz gewiß ein hochanständiger Mann. Übrigens sind Sie unverheiratet; das war das erste, wonach ich meinen Bruder fragte. Erinnern Sie sich Ihrer Worte, Sie beneideten den, der mich zur Frau bekommen würde, um sein Glück? Ich sagte in demselben Augenblick, das Mädchen, das Sie einmal zum Gatten erhalte, werde die glücklichste Frau in ganz Venedig sein.« Diese Worte, die sie mit der unbefangensten Naivität und in einem von Herzen kommenden Ton der Aufrichtigkeit sagte, machten auf mich einen Eindruck, den ich schwer beschreiben kann. Leider konnte ich nicht wagen, den zärtlichsten Kuß auf die Rosenlippen zu drücken, die diese Worte ausgesprochen hatten; zugleich aber empfand ich einen köstlichen Genuß, mich von diesem Engel geliebt zu sehen. »Da also unsere Gefühle so übereinstimmen,« sagte ich, »so könnten wir, liebenswürdige C., das vollkommenste Glück erlangen, wenn wir untrennbar verbunden werden könnten. Aber ich könnte ja Ihr Vater sein!« »Sie mein Vater! Welch ein Unsinn! Wissen Sie denn nicht, daß ich vierzehn Jahre alt bin.« »Und wissen Sie nicht, daß ich achtundzwanzig zähle?« »Nun, welcher Mann Ihres Alters hätte wohl ein Kind, so alt wie ich! Ich muß lachen, wenn ich daran denke, daß ich ganz gewiß niemals Angst vor meinem Vater haben würde, wenn er Ihnen ähnlich sähe. Ich könnte mich dann ihm gegenüber gar nicht mehr zurückhalten!« Da es Zeit war, ins Theater zu gehen, so verließen wir die Gondel. Die Vorstellung nahm sie ganz und gar in Anspruch. Ihr Bruder erschien erst gegen Ende; so paßte es ihm in seinen Plan. Ich gab ihnen ein Abendessen in einem Gasthof, und über dem Vergnügen, das reizende Kind mit sehr gutem Appetit essen zu sehen, vergaß ich ganz, daß ich nicht zu Mittag gegessen hatte. Ich sprach während der ganzen Mahlzeit fast kein Wort, denn ich war liebeskrank und in einem Zustande der Erregung, der unmöglich lange dauern konnte. Zur Entschuldigung meines Schweigens schützte ich Zahnschmerzen vor; sie bedauerten mich und ließen mich schweigen. Nach dem Essen sagte P. zu seiner Schwester, ich sei in sie verliebt und würde Erleichterung verspüren, wenn sie mir erlaubte, sie zu küssen. Ihre ganze Antwort bestand darin, daß sie mit lachenden, kußheischenden Lippen sich mir zuwandte. Ich glühte; aber ich hatte solche Achtung vor dem unschuldigen ahnungslosen Geschöpf, daß ich sie nur auf die Wange küßte, noch dazu auf anscheinend ganz kalte Art. »Was ist das für ein Kuß!« rief da aber P. »Vorwärts, vorwärts, einen tüchtigen Liebeskuß!« Ich rührte mich nicht; der schamlose Kuppler war mir lästig. Aber seine Schwester wandte den Kopf zur Seite und sagte traurig: »Dränge ihn nicht, ich habe nicht das Glück, ihm zu gefallen!« Dieser Ausdruck brachte meine ganze Verliebtheit in Aufruhr; ich verlor die Selbstbeherrschung und rief feurig: »Wie, schöne C.? Sie wollen meine Zurückhaltung nicht dem Gefühl zuschreiben, das Sie mir eingeflößt haben? Sie glauben, Sie gefallen mir nicht? Wenn es nur eines Kusses bedarf, um Sie darüber zu beruhigen, so empfangen Sie ihn als Zeichen der innigen Gefühle, die ich für Sie empfinde.« Mit diesen Worten schloß ich sie in meine Arme, preßte sie liebestrunken an meine Brust und drückte ihr auf den Mund einen langen, glühenden Kuß, den ihr zu geben mich schon längst die Sehnsucht verzehrte. Aber an diesem Kuß merkte die schüchterne Taube, daß sie in die Klauen des Geiers gefallen war. Ganz erstaunt, auf diese Weise meine Verliebtheit entdeckt zu haben, entwand sie sich meinen Armen. Ihr Bruder klatschte beifällig in die Hände, während sie ihre Maske wieder vornahm, um ihre Verwirrung zu verbergen. Ich fragte sie, ob sie noch immer glaube, daß sie mir nicht gefalle. »Sie haben mich überzeugt; aber Sie dürfen mich nicht dafür strafen, daß Sie mir meinen Irrtum benommen haben.« Ich fand diese Antwort sehr zartfühlend, denn sie war ihr vom Gefühl eingegeben. Ihr Bruder aber war nicht damit zufrieden und erklärte sie für dummes Gerede. Wir legten unsere Masken an und gingen. Ich begleitete sie nach Hause und begab mich dann selber heim. Ich war sehr verliebt, im Grunde meines Herzens zufrieden und dennoch sehr traurig. Der Leser wird in den nächsten Kapiteln sehen, welchen Fortgang meine Liebschaft nahm und in welche Abenteuer ich durch sie geriet. Vierzehntes Kapitel Fortgang meiner Liebschaft mit der schönen C. C. Am nächsten Tage trat P. C. mit triumphierendem Gesicht in mein Zimmer und sagte mir, seine Schwester habe ihrer Mutter gesagt, wir liebten uns, und wenn sie sich verheiraten müßte, so könnte sie nur mit mir glücklich werden. »Ich bete Ihre Schwester an,« erwiderte ich ihm; »aber glauben Sie, daß Ihr Vater mir ihre Hand wird bewilligen wollen?« »Ich glaube, nein. Doch er ist alt. Einstweilen liebt euch nur ruhig. Meine Mutter erlaubt, daß sie heute abend mit uns die Oper besucht.« »Gut, mein lieber Freund, wir werden also hingehen.« »Ich sehe mich genötigt, Sie um einen kleinen Dienst zu bitten.« »Befehlen Sie über mich.« »Es ist ausgezeichneter Cyperwein billig zu verkaufen. Ich kann gegen einen Sechsmonatswechsel ein Faß bekommen. Ich bin sicher, dieses sofort mit Gewinn weiter verkaufen zu können; der Händler will jedoch eine Bürgschaft, und er will die Ihrige annehmen, wenn Sie sie für mich leisten wollen. Wollen Sie meinen Wechsel mit unterzeichnen?« »Mit Vergnügen.« Ich unterschrieb ohne Zaudern; denn welcher Verliebte auf Erden verweigerte wohl in solchem Fall einen Dienst jemandem, der ihn unglücklich machen könnte, um sich für die Weigerung zu rächen? Wir verabredeten uns hierauf für den Abend und trennten uns beide in zufriedener Stimmung. Nachdem ich mich angekleidet hatte, ging ich aus und kaufte ein Dutzend Paar Handschuhe, ebensoviel seidene Strümpfe und ein Paar gestickter Strumpfbänder mit goldenen Schnallen; ich freute mich schon darauf, meiner neuen Freundin dieses erste Geschenk zu machen. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich pünktlich zur Stelle war; aber als ich eintraf, sah ich sie bereits Umschau nach mir halten. Wären nicht P. C.'s Absichten mir verdächtig gewesen, so würde eine derartige Zuvorkommenheit mir geschmeichelt haben. Kaum war ich bei ihnen, so sagte P. C. zu mir, er habe Geschäfte und lasse mich darum mit seiner Schwester allein; im Theater werde er uns dann treffen. Als er fort war, sagte ich zu C. C., es bliebe uns nichts anderes übrig, als bis zum Beginn der Opernvorstellung in der Gondel spazieren zu fahren. »O nein!« rief sie; »gehen wir doch lieber in einen der Gärten auf der Zuecca!« »Sehr gern.« Ich nahm eine Überfahrtsgondel, und wir fuhren nach San Biagio zu einem Garten, den ich kannte; ich mietete ihn für eine Zechine auf den ganzen Tag, so daß niemand mehr hinein durfte. Es stellte sich heraus, daß wir beide noch nicht zu Mittag gegessen hatten; ich bestellte daher ein gutes Essen, und wir gingen in ein Zimmer, wo wir unsere Maskenkleider ablegten. Dann begaben wir uns wieder in den Garten. Die liebenswürdige C. C. hatte nur ein Taffetmieder und ein Röckchen von demselben Stoffe an; aber sie sah in dieser leichten Kleidung entzückend aus! Mein liebendes Auge drang durch diese Hüllen hindurch, und meine Seele sah sie nackt. Seufzend vor Lust und Begier hielt ich mich dennoch zurück. Leichtfüßig wie ein Reh sprang meine junge Begleiterin, die ein solches Glück noch nie genossen hatte, nach rechts und links über den Rasen zur Seite der langen Allee. Sie jauchzte in der Fröhlichkeit ihres Herzens; als sie aber bald still stehen mußte, weil ihr der Atem ausging, lachte sie laut darüber auf, daß ich in einer Art von Verzückung stillschweigend ihr zusah. Gleich darauf forderte sie mich zu einem Wettlauf heraus. Der Vorschlag gefiel mir, und ich nahm ihn an, doch fiel mir ein, ihm durch eine Wette noch einen erhöhten Reiz zu verleihen. Ich sagte daher: »Wer verliert, muß tun, was der Sieger befiehlt.« »Einverstanden.« Wir bestimmten das Ziel und liefen los. Ich war des Sieges sicher, aber ich wollte verlieren, um zu sehen, zu was für eine Strafe sie mich verurteilen würde. Sie lief sofort so schnell sie nur konnte, während ich meine Kräfte schonte; so kam sie denn vor mir ans Ziel. Während sie frischen Atem schöpfte, dachte sie darüber nach, was für eine Buße sie mir auferlegen könnte; plötzlich versteckte sie sich hinter einem Baum und sagte mir, ich solle ihren Ring suchen. Sie hatte ihn an ihrem Leibe versteckt und dadurch brachte sie ihre ganze Person in meinen Besitz. Ich fand das reizend, denn ich sah darin deutlich die schalkhafte Absicht; doch fühlte ich, daß ich meinen Vorteil nicht mißbrauchen durfte; ihr unbefangenes Vertrauen mußte vielmehr ermutigt werden. Wir setzten uns auf den Rasen, ich durchsuchte ihre Taschen, die Falten ihres Mieders und ihres Rockes, ihre Schuhe und endlich sogar ihre Strumpsbänder, die sie oberhalb der Knie trug. Da ich nirgends etwas fand, setzte ich mein Suchen fort, denn da der Ring sich auf ihrem Leibe befinden sollte, so mußte ich ihn doch irgendwo finden. Der Leser errät gewiß, daß ich das reizende Versteck, wo meine Schöne den Ring verborgen hatte, recht wohl ahnte; aber bevor ich ihn fand, mußte ich mir doch erst eine Menge von Genüssen verschaffen, die ich recht mit Wonne auskostete. Schließlich wurde der Ring im Gehege der beiden schönsten Hügel entdeckt, die jemals die Natur gewölbt hat. Aber ich war, als ich ihn hervorholte, so aufgeregt, daß meine Hand sichtlich zitterte. »Warum zittern Sie denn?« fragte sie. »Ich zittere vor Freude, weil ich den Ring gefunden habe, denn Sie hatten ihn so gut versteckt. Aber Sie sind mir Revanche schuldig, und diesmal werden Sie mich nicht besiegen!« »Das werden wir sehen!« Wir liefen, und da ich sie sich nicht sehr beeilen sah, so glaubte ich, ich könnte sie nach Belieben jederzeit einholen. Aber ich täuschte mich. Sie hatte Ihre Kräfte geschont, und als wir zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatten, legte sie sich plötzlich ins Zeug und gewann einen Vorsprung. Ich sah, daß ich verloren hatte. Da fiel mir eine List ein, die unfehlbar wirken mußte. Ich tat, als fiele ich der Länge nach hin, und stieß dabei einen Schmerzensschrei aus. Die arme Kleine blieb stehen und lief dann ganz erschreckt auf mich zu, um unter Ausrufen des Bedauerns mir beim Aufstehen zu helfen. Als ich wieder auf den Beinen war, fing ich plötzlich an zu lachen, lief davon und erreichte das Ziel lange vor ihr. Die reizende Läuferin fragte mich ganz verblüfft: »Haben Sie sich denn nicht verletzt?« »Nein, ich bin absichtlich hingefallen.« »Absichtlich? Um mich zu täuschen? Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Auf betrügerische Weise zu siegen, ist nicht erlaubt. Also habe ich nicht verloren.« »O doch! Sie haben verloren, denn ich habe das Ziel vor Ihnen erreicht. List gegen List! Gestehen Sie, daß auch Sie versucht haben, mich zu täuschen, indem Sie plötzlich schnell davon liefen.« »Das ist aber erlaubt; Ihre List dagegen, lieber Freund, ist von ganz anderer Art.« »Aber sie hat mir den Sieg verschafft, und: Vincasi per fortuna o per inganno Il vincer sempre p›u laudabil cosa. Ob du durch Glück, ob du durch Täuschung siegtest – Die Hauptsach' ist der Sieg: der ist stets rühmlich.« »Das habe ich oft meinen Bruder sagen hören, niemals aber meinen Vater. Nun, ich gebe zu, daß ich verloren habe. Befehlen Sie, legen Sie mir meine Buße auf: ich werde gehorchen.« »Warten Sie. Wir wollen uns setzen, denn ich muß erst nachdenken. –Ich verurteile Sie dazu, mit mir die Strumpfbänder zu tauschen.« »Die Strumpfbänder? Sie haben sie gesehen; sie sind häßlich und nichts wert?« »Einerlei; ich werde täglich zweimal an den geliebten Gegenstand denken, und ungefähr zu den gleichen Zeitpunkten werden Sie genötigt sein, an mich zu denken.« »Der Einfall ist sehr hübsch und für mich schmeichelhaft. Ich verzeihe Ihnen jetzt, daß Sie mich getäuscht haben. Hier sind meine häßlichen Strumpfbänder!« »Und hier die meinigen.« »Ach, mein lieber Betrüger, wie sind die schön! Welch hübsches Geschenk! Wie werden sie meiner Mutter gefallen. Ganz gewiß sind sie ein Geschenk, das Ihnen gemacht worden ist; denn sie sind ja ganz neu!« »Nein, es ist kein Geschenk. Ich habe sie für Sie gekauft, und ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich Sie dazu bringen könnte, sie anzunehmen. Die Liebe gab mir den Gedanken ein, sie als Preis eines Wettlaufes zu verwenden. Jetzt können Sie sich meinen Kummer vorstellen, als ich sah, daß Sie abermals gewinnen würden. Der Verdruß darüber gab mir eine Täuschung ein; aber diese gründete sich auf ein Gefühl, das Ihnen Ehre macht; denn gestehen Sie, Sie hätten doch ein gar zu schlechtes Herz gezeigt, wenn Sie mir nicht zu Hilfe geeilt wären!« »Und ich bin überzeugt, Sie hätten nicht von dieser List Gebrauch gemacht, wenn Sie hätten ahnen können, wie weh Sie mir damit getan haben.« »Sie nehmen also recht lebhaften Anteil an mir?« »Ich würde alles nur Menschenmögliche tun, um Sie davon zu überzeugen. Ich liebe über alle Maßen meine hübschen Strumpfbänder, ich will gar keine andern mehr tragen, und ich bürge Ihnen dafür, mein Bruder soll sie mir nicht stehlen!« »Wäre er denn dazu imstande?« »Oh, vollkommen! Besonders, wenn die Schnallen von Gold sind.« »Sie sind es; aber sagen Sie ihm nur, es sei vergoldetes Kupfer.« »Sie werden mir doch zeigen, wie diese hübschen Schnallen befestigt werden?« »Ja, ganz gewiß!« Wir gingen zum Essen. Nach dem Mahle, dem wir beide gleich viel Ehre antaten, wie ich mich noch jetzt erinnere, wurde sie immer lustiger und ich immer verliebter, aber auch um so beklagenswerter wegen des harten Gesetzes, das ich mir selber auferlegt hatte. Ungeduldig, ihre Strumpfbänder anzulegen, bat sie mich ihr zu helfen, aber in aller Unschuld und ohne jede kokette Nebenabsicht. Ein unschuldiges junges Mädchen, das trotz seinen fünfzehn Lenzen noch nicht geliebt hat und das weder mit anderen jungen Mädchen noch in der Gesellschaft verkehrt hat, ahnt nichts von der Heftigkeit der Liebesbegierden und ebensowenig von den Ursachen, wodurch solche hervorgerufen werden. Ganz gewiß hat sie keinen Begriff von den Gefahren eines Beisammenseins unter vier Augen. Wann der Naturtrieb sie zum erstenmal verliebt macht, glaubt sie, der Gegenstand ihrer Liebe sei jedes Vertrauens würdig, und sie glaubt dessen Liebe nur dadurch erringen zu können, daß sie ihm ein rückhaltloses Vertrauen bezeigt. Da sich herausstellte, daß ihre Strümpfe zu kurz waren, um die Bänder oberhalb der Knie befestigen zu können, so sagte sie mir, sie würde sie anlegen wenn sie längere Strümpfe trüge; geschickt diesen Umstand benutzend, zog ich die von mir gekauften Strümpfe aus der Tasche und es gelang mir, sie zur Annahme derselben zu bewegen. Fröhlich und voll Dankbarkeit setzte sie sich auf meinen Schoß und gab mir in ihrer überströmenden Freude so viele Küsse, wie sie ihrem eigenen Vater gegeben haben würde, wenn er ihr ein solches Geschenk gemacht hätte. Gewaltsam, immer wieder die Heftigkeit meiner Begierden unterdrückend, gab ich ihr die Küsse zurück; ich sagte ihr nur, ein einziger ihrer Küsse sei mehr wert als ein Königreich. Meine reizende C. C. zog ihre Strümpfe aus und legte ein Paar von den neuen an, die ihr bis an die Mitte des Oberschenkels reichten. Je unschuldiger ich sie fand, desto weniger wagte ich mich zu entschließen, mich dieser köstlichen Beute zu bemächtigen. Wir gingen wieder in den Garten hinunter, wo wir bis zum Abend lustwandelten; dann gingen wir in die Oper, wo wir unsere Masken nicht ablegten; denn da das Theater klein war, so hätte man uns erkennen können, und meine reizende Freundin war überzeugt, daß ihr Vater sie nicht mehr hätte ausgehen lassen, wenn er erführe, daß sie solche Vergnügungen mitmachte. Wir waren sehr erstaunt, ihren Bruder nicht zu sehen. Links von uns saß der spanische Gesandte, Marquis von Montalegre, mit seiner anerkannten Mätresse, Fräulein Bola, rechts von uns zwei Masken, ein Herr und eine Dame, die sich nicht demaskiert hatten. Diese beiden Masken sahen beständig zu uns hinüber, da aber meine junge Freundin ihnen den Rücken zukehrte, so konnte sie nichts davon bemerken. C. C. hatte während des Balletts das Operntextbuch auf die Logenbrüstung gelegt, plötzlich streckte der maskierte Herr die Hand aus und nahm es. Ich schloß daraus, daß wir ihm bekannt sein müßten, und sagte dies meiner Freundin, die sich umwandte und ihren Bruder erkannte. Die Dame konnte nur seine Freundin C. sein. Da P. C. die Nummer unserer Loge wußte, hatte er einfach die Nebenloge genommen; dies konnte er nicht ohne Absicht getan haben, und ich sah voraus, daß er seine Schwester mit der Frau zusammen essen lassen würde. Das ärgerte mich, aber ich konnte die Sache nur verhindern, wenn ich eine offene Aussprache herbeiführte. Und das wollte ich nicht; dazu war ich zu sehr verliebt. Nach dem zweiten Ballett kam er mit seiner Schönen in unsere Loge. Die üblichen Komplimente wurden ausgetauscht; damit war die Bekanntschaft geschlossen, und wir mußten zum Essen in sein Kasino gehen. Sobald die beiden Damen die Masken abgenommen hatten, umarmten sie sich, und P. C›s. Geliebte überhäufte meine junge Freundin mit Lobeserhebungen und zuvorkommenden Redensarten. Bei Tisch trug sie eine außerordentliche Liebenswürdigkeit zur Schau, und C. C., die von der Welt noch keine Ahnung hatte, kam ihr mit größter Ehrerbietung entgegen. Indessen merkte ich doch, daß C. trotz all ihrer Verstellungskunst den Verdruß durchblicken ließ, den ihr der Anblick der weit überlegenen Reize verursachte, die ich den ihrigen vorgezogen hatte. P. C. war von ausgelassener Lustigkeit und machte unaufhörlich fade Späße, über die nur seine Schöne lachte; ich in meiner schlechten Laune zuckte nur die Achseln darüber, und seine Schwester verstand nichts davon und antwortete ihm daher auch gar nicht darauf. So war denn unsere schlecht zusammengesetzte Quadrille nicht sehr ergötzlich. Beim Nachtisch küßte P. C., etwas von Wein erhitzt, seine Schöne und forderte mich auf, seinem Beispiel zu folgen und mit seiner Schwester das Gleiche zu tun. Ich antwortete ihm: da ich Fräulein C. C. wirklich liebte, würde ich mir solche Freiheiten nicht eher herausnehmen, als bis ich mir Anrechte auf ihr Herz erworben hätte. P. C. fing an darüber Scherze zu machen, aber C. gebot ihm Schweigen. Für diese anständige Handlungsweise dankbar, zog ich das von mir gekaufte Dutzend Handschuhe aus der Tasche, schenkte ihr sechs davon und bat meine Freundin, die anderen anzunehmen. P. C. stand hohnlachend vom Tisch auf, zog seine Geliebte, die ein bißchen im Weinberge des Herrn war, mit sich fort und warf sich mit ihr auf ein Kanapee. Da die Szene schlüpfrig wurde, stellte ich mich so hin, daß ich die Gruppe verdeckte und zog meine Freundin sanft in eine Fensternische hinein. Doch hatte ich nicht verhindern können, daß C. C. in einem Spiegel die Stellung der beiden Schamlosen sah. Sie war glühendrot im Gesicht; da ich aber nur ganz anständige Bemerkungen machte, so sprach sie von ihren schönen Handschuhen, die sie auf der Fensterbrüstung glattstrich. Nach seiner rohen Heldentat kam P. C. frech auf mich zu, um mich zu umarmen; seine schamlose Gefährtin folgte seinem Beispiel und küßte meine junge Freundin, indem sie sagte, sie sei überzeugt, daß sie nichts gesehen habe. C. C. antwortete ihr bescheiden, sie wüßte nicht, was sie hätte sehen können; aber ein Blick, den sie mir zusandte, ließ mich erraten, was sie dabei empfand. Wie mir selber dabei zumute war, das mag der Leser sich vorstellen, wenn er das Menschenherz kennt. Einen solchen Vorgang mußte ich ertragen in Gegenwart eines unschuldigen Mädchens, das ich anbetete! Und dabei mußte ich meine eigenen Begierden bekämpfen, um mich nicht gegen sie zu vergehen! Ich war wie auf glühenden Kohlen. Zorn und Entrüstung stritten in mir mit der Zurückhaltung, die geboten war, um mir das geliebte Wesen zu erhalten. Ich zitterte an allen Gliedern. Die Herren Erfinder der Hölle hätten gewiß auch diese Qual unter ihr Rüstzeug aufgenommen, wenn sie sie gekannt hätten. Der schamlose P. C hatte mit seinem rohen Streich mir einen großen Beweis seiner Freundschaft abzulegen geglaubt; aus der Entehrung seiner Geliebten und aus dem Zartgefühl seiner Schwester, die er der Prostitution preisgab, machte er sich eben gar nichts. Ich begreife noch jetzt nicht, wie ich es über mich gewann, ihn nicht zu erdrosseln. Als er am andern Tage mich besuchte, überschüttete ich ihn mit Vorwürfen; er suchte sich damit zu entschuldigen, daß er mir sagte, er würde es niemals getan haben, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, ich hätte bei unserem Alleinsein mit seiner Schwester bereits dasselbe gemacht, wie er vor unseren Augen mit seiner Geliebten. Meine Liebe zu C. C wurde mit jedem neuen Tage inniger und heißer, und ich war entschlossen, alles zu wagen, um sie davor zu schützen, daß ihr elender Bruder sie an irgend jemanden verhandelte, der vielleicht weniger bedenklich sein möchte als ich. Die Sache schien mir dringlich zu sein. Welch ein Greuel! Was für eine unerhörte Verführung! Welch seltsames Verfahren, um meine Freundschaft zu gewinnen! Dabei sah ich mich in die harte Notwendigkeit versetzt, dem Menschen gegenüber, den ich auf der ganzen Welt am tiefsten verachtete, mich zu verstellen. Ich hatte durch meine Erkundigungen erfahren, daß er überschuldet war und daß er in Wien, wo er Frau und Kinder hatte, Bankerott gemacht hatte; daß er in Venedig seinen Vater in Ungelegenheiten gebracht hatte, so daß dieser ihn aus dem Hause jagen mußte und nur aus Mitleid sich stellte, als wüßte er nicht, daß er immer noch dort wohnte. Er hatte seine Frau oder vielmehr seine Geliebte verführt; deren Mann wollte nichts mehr von Ihr wissen, und nachdem er ihr ganzes Vermögen verzehrt hatte, suchte er daraus Nutzen zu ziehen, daß sie sich prostituierte, denn er wußte nicht mehr aus noch ein. Seine arme Mutter, die ihn vergötterte, hatte ihm alles gegeben, was sie besaß, sogar ihre Schmucksachen und Kleider. Auch ich sah voraus, daß er mich von neuem wegen irgend eines Darlehens oder wegen einer Gutsage belästigen würde; aber ich war fest entschlossen, ihm alles abzuschlagen. Unerträglich war mir der Gedanke, daß C. C. die unschuldige Ursache meines Ruins werden und ihrem Bruder als Werkzeug dienen sollte, um seinen ausschweifenden Lebenswandel fortführen zu können. Von einem unwiderstehlichen Gefühl aufrichtiger Liebe angetrieben, suchte ich schon am nächsten Tage P. C. auf. Ich sagte ihm, daß ich seine Schwester mit den reinsten Absichten liebte, und machte ihm bemerklich, welche Qual er mir bereitet hätte, indem er alle Rücksichten und sogar jene Scham verletzt hätte, die auch der durchtriebenste Wüstling niemals außer acht lassen darf, wenn er Anspruch darauf machen will, zur guten Gesellschaft zu gehören. »Und sollte ich selbst«, so rief ich, »auf das Vergnügen verzichten müssen, Ihre engelsgleiche Schwester noch fürderhin zu sehen, so bin ich entschlossen, nicht mehr mit Ihnen zusammenzukommen; aber ich sage Ihnen, ich werde zu verhindern wissen, daß sie mit Ihnen ausgeht; denn es soll nicht von neuem irgendein niederträchtiger Handel mit ihr getrieben werden.« Abermals entschuldigte er sich mit seiner Trunkenheit; er habe auch nicht geglaubt, daß ich für seine Schwester eine Liebe empfände, die den Genuß ausschlösse. Er bat mich um Verzeihung, indem er mich weinend umarmte, und ich hätte mich vielleicht erweichen lassen, als plötzlich seine Mutter und Schwester eintraten und mir in überschwenglicher Weise für mein hübsches Geschenk dankten. Ich antwortete der Mutter, ich liebte ihre Tochter nur in der Hoffnung, daß sie sie mir zur Gattin geben würde. »In dieser Hoffnung, gnädige Frau, werde ich mit Ihrem Herrn Gemahl sprechen, sobald ich mir eine sichere Stellung errungen habe, die mich in Stand setzt, sie angemessen zu unterhalten und sie glücklich zu machen.« Mit diesen Worten küßte ich ihr die Hand; ich war dabei so bewegt, daß mir die Tränen über die Wangen rollten. Meine Tränen waren ansteckend, und die gute Mutter ließ auch die ihrigen fließen. Nachdem sie mir herzlich gedankt hatte, ließ sie mich allein mit ihrer Tochter und mit ihrem Sohn, der starr wie eine Bildsäule dastand. Es gibt auf der Welt viele Mütter dieser Art, und sehr oft sind dies gerade solche, die beständig keusch und züchtig gewesen sind: sie argwöhnen keine Täuschung, weil sie an sich selber keine anderen Beweggründe kennen als solche der Tugend; aber sie fallen fast alle ihrer Vertrauensseligkeit zum Opfer und der Zuversicht, die sie auf die von ihnen für rechtschaffen gehaltenen setzen. Die Worte, die ich der Mutter gesagt hatte, setzten die Tochter in Erstaunen; aber ihr Erstaunen wurde noch viel größer, als sie erfuhr, was ich zu ihrem Bruder gesagt hatte. Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, sagte sie ihm, mit jedem anderen außer mir würde sie verloren gewesen sein; sie würde an Stelle seiner Dame ihm nicht verziehen haben; denn sein Benehmen habe diese ebenso tief entehrt wie ihn selber. P. C. weinte; aber der falsche Kerl vermochte seinen Tränen stets nach Belieben zu gebieten. Es war Pfingstsonntag, und da deshalb im Theater keine Vorstellung war, so sagte er mir, wenn ich am nächsten Tage mich am selben Orte wie sonst einfinden wollte, würde er mir seine Schwester zuführen, und da die Ehre ihm nicht erlaubte, Frau C. allein zu lassen, so würden sie uns unsere volle Freiheit gönnen. »Ich gebe Ihnen meinen Schlüssel, und Sie bringen meine Schwester nach Hause, nachdem Sie mit ihr zu Abend gegessen haben, wo Sie Lust haben.« Mit diesen Worten gab er mir den Schlüssel, den zurückzuweisen ich nicht stark genug war, und ließ uns allein. Einen Augenblick nach ihm ging auch ich, indem ich meiner Freundin sagte, wir würden am andern Tage in den Garten auf der Zuecca gehen. »Mein Bruder«, sagte sie, »hat sich so anständig benommen, wie es unter diesen Umständen möglich war.« Pünktlich war ich am verabredeten Ort und da ich vor Liebe glühte, so sah ich voraus, wie es kommen würde. Ich hatte natürlich eine Loge in der Oper besorgt, aber bis zum Abend gingen wir in unseren Garten. Da Festtag war, saßen mehrere kleine Gesellschaften an getrennten Tischen. Wir wollten nicht mit anderen Leuten in Berührung kommen und beschlossen daher, in den Zimmern zu bleiben, die wir uns anweisen ließen, und von der Oper uns nur den Schluß anzusehen. Ich bestellte demgemäß ein gutes Abendessen. Wir hatten sieben Stunden vor uns, und meine reizende Freundin sagte mir, wir würden uns nicht langweilen. Sie warf ihr Maskenkleid ab, setzte sich auf meinen Schoß und sagte mir, ich hätte sie vollends erobert durch die Art und Weise, wie ich sie nach jenem abscheulichen Abendessen geschont hätte. Alle unsere Gespräche aber waren von Küssen begleitet, die immer feuriger und feuriger wurden. »Hast du gesehen,« fragte sie mich, »was mein Bruder mit seiner Dame machte, als sie sich rittlings auf ihn setzte? Ich sah es nur im Spiegel, aber ich konnte es mir wohl vorstellen.« »Hast du nicht befürchtet, ich könnte dich ebenso behandeln?« »Nein, das kann ich dir versichern! Wie hätte ich dies befürchten können? Ich weiß doch, wie sehr du mich liebst. Du würdest mich dadurch so gedemütigt haben, daß ich dich nicht mehr hätte lieben können. Wir sparen uns das solange auf, bis wir verheiratet sind, nicht wahr, mein lieber Freund! Du kannst dir gar nicht vorstellen, welche Freude ich empfand, als ich dich meiner Mutter gegenüber deine Gesinnungen erklären hörte. Wir werden uns ewig lieben. Aber da fällt mir ein, Liebster, erkläre mir doch die Worte, die auf den Strumpfbändern gestickt stehen.« »Ist eine Inschrift darauf? Das wußte ich gar nicht.« »O ja; sie ist französisch. Mache mir doch die Freude und lies sie.« Auf mir sitzen bleibend, machte sie das eine Strumpfband ab, während ich ihr das andere löste. Die beiden Verse hätte ich lesen sollen, ehe ich ihr das Geschenk machte, sie lauteten: En voyant chaque jour le bijou de ma belle, Vous lui direz, qu'amour veut, qu' il lui soit fidèle. Ihr, die ihr täglich meiner Schönen Kleinod seht, Sagt ihm: die Liebe will, daß sie in Treu besteht. Diese Verse waren ohne Zweifel sehr frei, aber sie schienen mir gut gemacht, komisch und geistvoll. Ich lachte laut auf und lachte noch lauter, als ich auf ihren dringenden Wunsch ihr den Inhalt übersetzen mußte. Da ihr der Gegenstand ganz neu war, mußte ich mich in eine Erklärung der Einzelheiten einlassen, wodurch wir beide in Feuer gerieten. »Ich werde nun nicht mehr wagen,« sagte sie, »meine Strumpfbänder irgend einem Menschen zu zeigen, und das tut mir leid.« Und da ich ein nachdenkliches Gesicht machte, fuhr sie fort: »Sage mir, woran denkst du?« »Ich denke, diese glücklichen Strumpfbänder genießen eines Vorzugs, den ich vielleicht niemals haben werde. Wie gerne möchte ich an ihrer Stelle sein. An diesem Wunsche werde ich vielleicht sterben, und ich werde glücklich sterben.« »Nein, mein Freund! Mir geht es ja genau wie dir, und ich bin überzeugt, daß ich leben werde. Ubrigens können wir ja unsere Heirat beschleunigen. Ich bin bereit, mich schon morgen mit dir zu verloben, wenn du willst. Wir sind frei, und mein Vater wird seine Einwilligung geben müssen.« »Da hast du recht; die Ehre würde ihn dazu zwingen. Ich beabsichtige jedoch, um ihm ein Zeichen meiner Ehrfurcht zu geben, ihn durch einen andern um deine Hand zu bitten; dann werden wir bald unser eigenes Heim haben. In acht oder zehn Tagen wird er meinen Antrag erhalten.« »Sobald schon? Du wirst sehen, er antwortet, ich sei zu jung.« »Und da hat er vielleicht recht.« »Nein, denn ich bin zwar jung, aber nicht zu jung, und ich bin überzeugt, ich kann deine Frau sein.« Ich befand mich auf glühenden Kohlen, und es war mir fast unmöglich, dem Feuer, das mich verzehrte, noch länger Widerstand zu leisten. »Oh, meine holde Geliebte,« rief ich aus, »bist du auch davon überzeugt, daß ich dich liebe. Hältst du mich für fähig dich zu betrügen? Bist du auch sicher, daß du niemals bereuen wirst, meine Gattin geworden zu sein?« »Ich bin dessen mehr als gewiß, mein Herz; denn du kannst mich nicht unglücklich machen wollen.« »Nun, so laß uns denn gleich in diesem Augenblick uns vermählen. Gott allein wird Zeuge unserer Schwüre sein, und einen besseren Zeugen können wir nicht haben, denn er kennt die Reinheit unserer Absichten. Schwören wir uns gegenseitig Treue, vereinigen wir unsere Geschicke und seien wir glücklich. Wir werden das Band unserer Zärtlichkeit, das uns vereint, durch die Zustimmung deines Vaters und durch die feierlichen Handlungen der Religion verstärken, sobald es uns möglich sein wird. Bis dahin aber sei mein! sei ganz und gar mein!« »Nimm mich hin, mein Freund! Ich verspreche Gott und dir: von diesem Augenblick an will ich mein ganzes Leben lang deine treue Gattin sein. Dies werde ich auch meinem Vater, dem Priester, der unseren Bund einsegnen wird, und überhaupt der ganzen Welt erklären.« »Und ich schwöre dir das Gleiche, meine zärtliche Freundin, und ich versichere dir, wir sind hiermit in unanfechtbarer Weise verheiratet. Komm in meine Arme und vollende mein Glück.« »O mein Gott! Ist es möglich, daß ich dem Glück so nahe bin!« Nachdem ich sie zärtlich umarmt hatte, ging ich hinaus und sagte der Wirtin des Kasinos, sie sollte uns das Essen erst bringen, wenn wir sie rufen würden, und möchte uns nicht stören. Inzwischen hatte meine reizende C. C. sich völlig angekleidet aufs Bett geworfen, aber ich sagte ihr, unangebrachte Hüllen schüchterten den Gott der Liebe ein, und machte in weniger als einer Minute aus ihr eine neue Eva, nackt und schön, wie wenn sie eben erst aus den Händen des allerhöchsten Schöpfers hervorgegangen wäre. Ihre atlasglatte Haut war von blendender Weiße, die durch ihr prachtvolles ebenholzschwarzes Haar, das sich über ihre Alabasterschultern gebreitet hatte, noch mehr hervorgehoben wurde. Ihre schlanke Gestalt, ihre breiten Hüften, ihre tadellos gerundete Büste, ihre Rosenlippen, ihre lebhaft angehauchte Hautfarbe, ihre großen Augen, die sanft schimmerten und im nächsten Moment sehnend aufblitzten – alles an ihr war von vollendeter Schönheit und bot meinen gierigen Blicken die ganze Vollkommenheit der Mutter der Liebesgötter dar, noch vermehrt durch den Zauber, den die Schamhaftigkeit über die Reize eines schönen Weibes ausbreitet. Ganz außer mir, begann ich schon zu fürchten, mein Glück sei nicht wirklich oder es werde der vollkommene Genuß ausbleiben, um es vollständig zu machen, da beliebte es dem schalkhaften Amor gerade in diesem so ernsten Augenblick mir Stoff zum Lachen zu bieten. »Sollte es etwa ein Gesetz sein,« fragte meine Gattin mich, »daß der Gatte sich nicht entkleiden darf?« »Nein, mein Engel, nein! Und wenn es ein solches gäbe, würde ich es zu barbarisch finden, um mich ihm zu unterwerfen.« Im Nu hatte ich alle Kleider von mir abgeworfen, und nun überließ sich meine Liebste allen Antrieben ihres Instinkts und ihrer Neugier; denn alles an mir war ihr neu! Gleichsam berauscht von dem Genuß, den ihre Augen hatten, preßte sie mich endlich heftig gegen ihren Busen und rief: »O Liebster, welcher Unterschied ist zwischen dir und meinem Kopfkissen!« »Deinem Kopfkissen, mein Herz? Aber du lachst ja – erkläre es mir doch!« »Es ist eine Kinderei. Aber du wirst doch nicht böse darüber sein?« »Böse? Könnte ich wohl im süßesten Augenblick meines Lebens dir böse sein?« »So höre denn! Seit mehreren Tagen konnte ich nicht einschlafen, wenn ich nicht mein Kopfkissen in den Armen hielt: ich liebkoste es, nannte es meinen lieben Mann. Ich stellte mir vor, es sei du, und wenn ich dann nach süßem Genuß unbeweglich dalag, schlief ich ein, und am Morgen beim Erwachen fand ich mein großes Kissen immer noch in meinen Armen.« Meine liebe C. C. wurde mit Heldenmut mein Weib, denn im Uberschwang ihrer Liebe wurde sogar der Schmerz ihr zur Wonne. Nachdem wir drei Stunden mit den süßesten Kämpfen verbracht hatten, stand ich auf und rief hinunter, man sollte uns das Essen bringen. Das Mahl war einfach, aber köstlich. Ohne zu sprechen sahen wir uns nur immer an, denn welche Worte hätten wir sagen können, um unsere Gefühle würdig auszudrücken. Wir fanden unser Glück übermenschlich, und wir gaben uns dem Genusse desselben hin in der Überzeugung, daß wir es nach unserm Belieben jederzeit erneuern könnten. Die Wirtin kam nach oben, um uns zu sagen, ob wir irgend etwas wünschten und ob wir nicht in die Oper gingen, die – wie sie gehört hätte – so schön sein sollte. »Sind Sie denn niemals drin gewesen.« »Niemals. Für Leute unseres Standes ist so etwas zu teuer. Meine Tochter ist aber so neugierig darauf, daß ich – Gott verzeih' mir! – daß ich glaube, sie würde ihre Jungfernschaft hingeben, um ein einziges Mal das Vergnügen zu haben, die Oper zu besuchen!« »Das wäre eine teure Bezahlung!« rief lachend meine kleine Frau. »Liebster, wir könnten sie doch glücklich machen, ohne daß es ihr so hoch zu stehen käme, denn das tut sehr weh!« »Ich dachte auch schon daran, Liebste. Da hast du den Logenschlüssel, du kannst ihn ihnen schenken.« Sie sagte darauf zur Wirtin: »Hier ist der Schlüssel zu einer Loge im Theater San Moisè. Sie kostet zwei Zechinen. Gehen Sie statt unserer hin und sagen Sie Ihrer Tochter, sie möchte ihre Rose für etwas Besseres aufsparen.« »Und damit Sie sich gut unterhalten können, Mütterchen,« sagte ich zu ihr, »haben Sie hier noch zwei Zechinen: lassen Sie Ihre Tochter sich recht gut amüsieren!« Die gute Frau war ganz verblüfft über die Freigebigkeit ihrer Gäste; sie lief eilends zu ihrer Tochter, wir aber wünschten uns Glück, daß wir auf diese Art uns in die Zwangslage versetzt hatten, uns wieder zu Bett legen zu müssen. Die Wirtin kam mit ihrer Tochter zurück, einer schönen und sehr appetitlichen Blonden, die ihren Wohltätern durchaus die Hand küssen wollte. »Sie wird sofort mit ihrem Schatz fortgehen,« sagte die Mutter zu uns; »er ist unten, aber ich werde sie nicht alleine gehen lassen, denn er ist ein Schlingel, ich gehe mit ihnen!« »Schön, gute Frau, aber wenn Sie wiederkommen, lassen Sie die Gondel warten, die Sie bringt; wir werden uns ihrer bedienen, um nach Venedig zurückzufahren.« »Was? Sie wollen hier bleiben, bis wir zurückkommen?« »Ja. Wir haben uns heute verheiratet.« »Heute! Gott segne Sie!« Als sie darauf an das Bett trat, um es zurechtzumachen, sah sie die ehrenvollen Beweise für die Jungfräulichkeit meiner Gattin. In einer freudigen Aufwallung lief Sie auf meine teure C. C. zu und umarmte Sie; hierauf begann sie eine Ansprache an ihre Tochter zu halten, indem sie ihr die Blutspuren zeigte, die nach ihrer Behauptung einer Neuvermählten unermeßliche Ehre machten. »Das sind ehrwürdige Zeichen,« rief sie, »die in unseren Tagen Hymen nur selten auf seinem Altare sieht!« Die Tochter schlug ihre schönen blauen Augen nieder und antwortete ihr, sie sei überzeugt, daß es bei ihrer Hochzeit genau ebenso sein werde. »Davon bin ich auch überzeugt; denn ich lasse dich nicht aus den Augen. Hole jetzt Wasser in dieser Schale und bringe es hierher; das reizende Bräutchen wird es nötig haben.« Die Tochter gehorchte. Nachdem dann die Frauen wieder hinausgegangen waren, legten wir uns wieder zu Bett, und mit unglaublicher Schnelligkeit vergingen vier Stunden in köstlichen Verzückungen. Unser letzter Kampf würde länger gedauert haben, wenn nicht meiner reizenden Freundin die Laune gekommen wäre, die Rollen zu tauschen und meine Stelle einzunehmen. Erschöpft von Glück und Genuß, schliefen wir ein und erwachten erst, als die Wirtin kam und uns sagte, daß die Gondel auf uns wartete. Sofort stand ich auf und öffnete ihr. Ich hoffte, es würde etwas zu lachen geben, wenn sie uns von der Oper erzählte. Dies überließ sie aber ihrer Tochter, die mit ihr heraufgekommen war; sie selber ging in die Küche, um Kaffee für uns zu machen. Die Blonde half meiner Freundin beim Ankleiden; dabei warf sie mir von Zeit zu Zeit Blicke zu, die mich auf den Gedanken brachten, sie möchte wohl mehr Erfahrung haben, als ihre Mutter vermutete. Die Augen meiner reizenden Freundin waren höchst verräterisch; sie trugen die unverkennbaren Spuren ihrer ersten Liebesleistungen; sie mußte aber auch wirklich nach einem solchen Kampf, wie sie ihn bestanden hatte, eine ganz andere geworden sein. Wir tranken recht heißen Kaffee, und ich sagte der Wirtin, sie solle für den nächsten Tag ein leckeres Essen bereit stellen. Dann gingen wir. Der Morgen begann zu grauen, als wir, um die neugierigen Gondelführer auf falsche Spuren zu locken, am Platz Santa Sofia an Land gingen. Wir trennten uns glücklich, zufrieden und völlig überzeugt, daß wir uns in allen Ehren verheiratet hätten. Ich ging mit dem festen Vorsatz zu Bett, durch das Orakel Herrn von Bragadino zu verpflichten, daß er mir in aller Form Rechtens die Hand meiner angebeteten C. C. verschaffte. Ich blieb bis Mittag im Bett; den Rest des Tages verbrachte ich damit, unglücklich zu spielen, wie wenn das Glück mir hätte kundtun wollen, daß es mit meiner Liebe nicht einverstanden sei. Fünfzehntes Kapitel Forstsetzung meiner Liebschaft mit C. C. – Herr von Bragadino hält für mich um die Hand des jungen Mädchens an. – Ihr Vater sagt nein und schickt sie in ein Kloster. – De la Haye. – Ich verliere im Spiel. – Teilhaberschaft mit Croce, die mich wieder zu Geld bringt. – Verschiedene Erlebnisse. Die Wonne, in die mich meine Liebe versetzte, hatte mich ziemlich unempfindlich gegen den erlittenen Verlust gemacht; mein Kopf war ganz von meiner liebenswürdigen Freundin eingenommen und schließlich gegen jeden Gedanken abgeschlossen, der nicht auf sie Bezug hatte. Meine Gedanken waren am nächsten Morgen mit ihr beschäftigt, als mit freudestrahlendem Gesicht ihr Bruder bei mir eintrat und mir sagte: »Ich bin überzeugt, Sie haben bei meiner Schwester geschlafen, und der Gedanke entzückt mich. Sie will es nicht zugeben, aber ihr Leugnen ist nutzlos. Ich werde sie heute mitbringen.« »Das wird mich sehr freuen, denn ich bete sie an, und ich werde bei Ihrem Herrn Vater auf eine Weise um ihre Hand anhalten lassen, daß er sie mir nicht wird abschlagen können.« »Ich will es wünschen, aber ich zweifle daran. Inzwischen sehe ich mich genötigt, Sie um einen neuen Dienst zu bitten. Ich kann gegen einen in sechs Monaten fälligen Wechsel einen Ring bekommen, der zweihundert Zechinen wert ist, und ich bin sicher, ihn noch heute für diesen Preis wieder verkaufen zu können. Ich brauche das Geld unbedingt; aber ohne Ihre Bürgschaft wird der Juwelier, der Sie kennt, mir den Ring nicht geben. Werden Sie mir diese Gefälligkeit erweisen? Ich weiß, Sie haben gestern verloren; wenn Sie sie brauchen, werde ich Ihnen hundert Zechinen abgeben, die Sie mir zurückzahlen, wenn der Wechsel fällig wird.« Wie hätte ich ihm den Dienst abschlagen können? Ich sah wohl, daß er mich prellen würde, aber ich liebte seine Schwester so heiß! Ich sagte daher zu ihm: »Ich bin bereit den Wechsel zu unterzeichnen; aber es ist unrecht von Ihnen, meine zärtliche Liebe zu Ihrer Schwester zu mißbrauchen.« Wir gingen aus; der Kaufmann nahm meine Bürgschaft an, und das Geschäft war abgemacht. Der Juwelier, der mich gar nicht kannte, oder doch nur dem Namen nach, glaubte mir ein Kompliment zu machen, und sagte zu P. C., gegen meine Bürgschaft stehe ihm sein ganzer Laden zur Verfügung. Das Kompliment machte mir wenig Vergnügen, aber es erklärte mir P. C.'s Schelmentalent, das ihn unter hundert den einen Dummen entdecken ließ, der ohne jeden Grund mir sein Vertrauen schenkte; denn ich hatte ja nichts. So wurde meine engelgleiche C. C., die allem Anschein nach mich nur glücklich machen konnte, die unschuldige Ursache meines Ruins. Mittags brachte P. C. seine Schwester zu mir. Ohne Zweifel nur um mir zu zeigen, daß er ein Ehrenmann sei – denn gerade die Spitzbuben geben sich Mühe darum – gab er mir den Wechsel für das auf meine Bürgschaft hin entnommene Faß Cyperwein zurück; zugleich versicherte er mir, bei unserem ersten Zusammentreffen werde er mir die hundert Zechinen übergeben, die er mir versprochen habe. Ich führte wie gewöhnlich meine Freundin nach der Zuecca; den Garten ließ ich schließen, und wir aßen in einer Laube. Meine C. C. schien mir noch schöner geworden zu sein, seitdem sie mir gehörte; Gefühle der Freundschaft mischten sich in unsere Liebe und erfüllten uns mit einer süßen Befriedigung, die sich in unseren Zügen widerspiegelte. Die Wirtin, die mich freigebig gefunden hatte, setzte uns Wildbret und Fische vor, und ihr blondes Töchterlein bediente uns bei Tisch. Sie entkleidete auch meine Freundin, als wir nach oben gegangen waren, um uns den Wonnen unserer jungen Ehe zu überlassen. Als wir allein waren, fragte meine Freundin mich, was es mit den hundert Zechinen auf sich hätte, die ihr Bruder mir bringen sollte; ich erzählte nun, was zwischen uns vorgegangen wäre. »Ich bitte dich herzlich, Liebster,« rief sie, »schlage ihm in Zukunft rundweg alles ab; der Unglückselige ist so überschuldet, daß er schließlich auch dich mit sich in den Abgrund reißen würde, dem er unrettbar verfallen ist.« Diesmal schienen unsere Genüsse uns von soliderer Art zu sein; wir kosteten sie inniger aus, sozusagen mit Verstand und Überlegung. »Ach, Geliebter,« rief sie aus, »tu doch dein Möglichstes, um mich zur Mutter zu machen, denn dann kann mein Vater nicht mehr den Vorwand brauchen, ich sei zu jung, um mich zu verheiraten.« Ich konnte ihr nur mit großer Mühe begreiflich machen, daß die Erfüllung dieses Wunsches – obgleich auch ich ihn hegte – nicht nur einzig und allein von uns abhänge; doch sei es bei unseren Anlagen wahrscheinlich, daß es früher oder später dazu kommen werde. Nachdem wir nach besten Kräften an der Vollbringung dieses großen Werkes gearbeitet hatten, verbrachten wir einige Stunden in einem köstlichen, tiefen Schlaf. Gleich nach unserem Erwachen ließ ich Kerzen und Kaffee bringen; hierauf gingen wir wieder ans Werk, in der Hoffnung, den gleichzeitigen Erguß herbeizuführen, der uns unser Glück sichern sollte. Mitten in den süßesten Liebesspielen überraschte uns die allzufrühe Morgenröte, und wir beeilten uns, nach Venedig noch früh genug zurückzukommen, um den Blicken der Neugier zu entgehen. Am Freitag wiederholten wir den Ausflug. Doch so viel Vergnügen ich auch heute daran finde, mich so glücklicher Augenblicke zu erinnern, so werde ich doch den Leser mit einer Ausmalung unserer neuen Genüsse verschonen. Ich will nur noch erwähnen, daß beim Abschied meine Freundin und ich unser letztes Gartenfest auf den folgenden Montag, den letzten Tag der Maskenfreiheit, festsetzten. Nur der Tod hätte mich abhalten können, mich pünktlich einzufinden, denn es konnte möglicherweise der letzte Tag unserer Liebesgenüsse sein. Nachdem am Montag morgen P. C. mir noch einmal Zeit und Ort bestätigt hatte, fand ich mich pünktlich ein. Schnell verging, trotz meiner Ungeduld, die erste Stunde, die zweite aber war von niederdrückender Langsamkeit. Trotzdem erwartete ich noch eine dritte, eine vierte Stunde, aber das ersehnte Paar kam nicht. Ich war in einer Gemütsverfassung, daß ich mir nur noch das gräßlichste Unglück ausmalte. Wenn C. C. nicht hatte ausgehen können, so hätte doch ihr Bruder kommen müssen, es mir zu sagen. Freilich war ja möglich, daß irgend ein unüberwindliches Hindernis ihn abgehalten hatte. Sie selber in ihrem Hause aufzusuchen war mir unmöglich; ich konnte es schon deshalb nicht, weil ich ja befürchten mußte, sie vielleicht unterwegs zu verfehlen. Endlich, im Augenblick wo die Kirchenglocken den Englischen Gruß läuteten, trat C. C. allein und maskiert auf mich zu. »Ich wußte bestimmt,« sagte sie, »daß du hier sein würdest. Darum ließ ich meine Mutter reden. Hier bin ich also. Du mußt ja halb tot vor Hunger sein. Mein Bruder hat sich den ganzen Tag nicht sehen lassen. Schnell jetzt nach unserm Garten, denn auch ich habe Bedürfnis etwas zu essen. Nachher wird uns die Liebe trösten für alles, was wir heute erduldet haben!« Dies alles hatte sie gesagt, ohne mir Zeit zu lassen, auch nur ein einziges Wörtchen dazwischen zu werfen. Ubrigens hatte ich nichts zu fragen; wir gingen und nahmen eine Gondel, um nach unserm Garten zu fahren. Es wehte ein schrecklicher Wind, eine Art Wirbelsturm, und da die Gondel nur einen einzigen Ruderer hatte, so schwebten wir tatsächlich in Gefahr. C. C. hatte keine Ahnung davon und trieb ihre Späße, wie wenn sie sich für den Zwang entschädigen wollte, den sie sich tagsüber hatte auferlegen müssen. Aber die Bewegungen, die sie machte, brachten den Bootsführer in Gefahr; wäre er ins Wasser gefallen, so hätte nichts uns retten können, und wir hätten den Tod gefunden statt der Wonne, die wir suchten. Ich sagte ihr, sie möchte sich ruhig verhalten; aber aus Furcht sie zu erschrecken, wagte ich ihr nichts von der Gefahr zu sagen, die uns bedrohte. Der Barkarole brauchte nicht dieselben Rücksichten zu nehmen und schrie uns mit Stentorstimme zu, wenn wir nicht ganz unbeweglich still säßen, wären wir alle drei verloren. Diese Drohung wirkte, und wir kamen unversehrt ans Ziel. Ich bezahlte den Schiffer überreichlich, und er lachte vor Freude, als er das Geld sah, das die Gefahr ihm eingebracht hatte. Wir verbrachten in unserm Kasino sechs glückselige Stunden, in denen wir zahlreiche Heldentaten der Liebe verrichteten; von Schlafen war diesmal keine Rede. Nur ein Gedanke störte unsere Freude: die Maskenzeit war vorüber, und wir wußten nicht, wie wir späterhin neue Liebeszusammenkünfte ermöglichen sollten. Wir verabredeten, daß ich am Mittwoch Vormittag ihrem Bruder einen Besuch machen sollte und daß sie dann wie gewöhnlich erscheinen würde. Wir verabschiedeten uns von der guten Gärtnersfrau, die uns ihr größtes Bedauern darüber aussprach, daß sie nun keine Hoffnung hätte, uns wieder bei sich zu sehen, und uns viel Glück und Segen wünschte. Hierauf brachte ich meine Freundin glücklich bis an ihre Tür und ging nach Hause. Nachdem ich mittags aufgestanden war, sah ich zu meiner großen Überraschung de la Haye mit seinem Schüler Calvi, der ein hübscher Junge, aber im vollsten Sinne des Wortes der Affe seines Hofmeisters war. Er ging, sprach, lachte genau so wie dieser; seine Sprache war genau wie die des Jesuiten: ein korrektes aber steifes Französisch. Eine derartige übertriebene Nachahmung fand ich skandalös, und ich hielt es für angebracht, dem Herrn de la Haye zu sagen, er müsse unbedingt seinem Zöglinge diese Manieren abgewöhnen, denn eine derartige unterwürfige Nachäfferei werde dem jungen Mann unfehlbar bitteren Spott zuziehen. Während ich meine Ansichten über diesen Punkt zum besten gab, erschien Baron Bavois; auch dieser war vollkommen meiner Meinung, nachdem er eine Stunde in der Gesellschaft des Jünglings verbracht hatte. Der junge Calvi starb zwei oder drei Jahre später. De la Haye, der von der Sucht besessen war, junge Leute zu erziehen, wurde ein paar Monate nach Calvis Tode Hofmeister des jungen Ritters Morosini, dessen Oheim Bavois sein Glück zu verdanken hatte. Dieser Oheim war damals Kommissär der Republik bei der Grenzregulierung mit Österreich, das bei dieser Gelegenheit vom Grafen Christiani vertreten wurde. Ich war über alle Maßen verliebt und glaubte daher einen Schritt nicht länger aufschieben zu dürfen, von dem, wie ich damals glaubte, mein Glück abhing. Ich bat daher nach dem Essen, sobald die Gesellschaft sich verabschiedet hatte, Herrn von Bragadino und seine Freunde, sich mit mir für zwei Stunden in einem Kabinett einzuschließen, zu welchem niemand Zutritt hatte. Ohne weitere Umschweife sagte ich ihnen dann, ich sei in C. C. verliebt und sei entschlossen, sie zu entführen, wenn sie nicht Mittel und Wege fänden, ihren Vater dahin zu bringen, daß er sie mir zur ehelichen Gattin gäbe. »Es handelt sich darum,« sagte ich zu Herrn von Bragadino, »mir eine Anstellung zu verschaffen, von der wir leben können, und für eine Summe von zehntausend Dukaten kurant, die das junge Mädchen als Mitgift erhalten würde, Bürgschaft zu leisten.« Sie antworteten mir, sie würden mit Vergnügen meinem Wunsche nachkommen, wenn Paralis ihnen die nötigen Weisungen gäbe. Mehr verlangte ich nicht. Zwei Stunden brachte ich damit hin, alle von ihnen gewünschten Zahlenpyramiden zu bauen, und schließlich kam dabei heraus, daß Herr von Bragadino in eigener Person den Vater für mich um die Hand seiner Tochter bitten sollte. Das Orakel erklärte diese Wahl damit, daß der Brautwerber derselbe sein müsse, der mit seinem ganzen augenblicklichen und künftigen Vermögen für die Mitgift zu bürgen habe. Da der Vater meiner Freundin zurzeit auf dem Lande war, so sagte ich ihnen, sie würden von seiner Rückkehr pünktlich benachrichtigt werden; sie müßten alle drei beisammen sein, wenn Herr von Bragadino seinen Antrag vorbrächte. Sehr zufrieden mit dem Ergebnis meiner Bemühungen begab ich mich am nächsten Morgen zu P. C. Die alte Frau, die mich einließ, sagte mir, der Herr sei nicht zu Hause, aber seine Frau Mutter werde kommen und mit mir sprechen. Sie kam gleich darauf mit ihrer Tochter, und beide schienen mir sehr traurig zu sein. Dies erfüllte mich mit bösen Vorahnungen. C. C. sagte mir, ihr Bruder sei im Schuldgefängnis, und es sei schwer, ihn freizumachen, weil die Summen, die er schulde, zu beträchtlich seien. Die Mutter sagte mir weinend, sie sei in Verzweiflung, daß sie für ihn im Gefängnis nicht den Unterhalt bestreiten könne. Sie zeigte mir einen Brief, den er ihr geschrieben hatte und in dem er sie bat, einen anderen beigeschlossenen seiner Schwester zu geben. Ich fragte meine Freundin, ob ich diesen lesen dürfe; sie gab ihn mir, und ich sah, daß er sie bat, bei mir für ihn zu bitten. Ich gab ihr den Brief zurück, indem ich ihr sagte, sie möchte ihm schreiben, daß es mir ganz unmöglich sei, etwas für ihn zu tun. Zugleich drang ich in die Mutter, sie möchte zu seiner Unterstützung von mir fünfundzwanzig Zechinen annehmen, von denen sie ihm eine oder zwei zurzeit zukommen lassen könnte. Sie nahm das Geld erst an, nachdem ihre Tochter sie sehr darum gebeten hatte. Nachdem diese wenig erquickliche Sache vorläufig erledigt war, berichtete ich ihnen über die Schritte, die ich getan hatte, um die Hand meiner Geliebten zu erhalten. Die alte Dame dankte mir; sie fand mein Vorgehen ehrenhaft und in der Ordnung; aber sie sagte mir, ich sollte mir keine Hoffnung machen, denn ihr Mann, der an seinen Plänen sehr fest hielte, hätte versprochen, sie erst im Alter von achtzehn Jahren zu verheiraten und zudem nur an einen Kaufmann. Wie sie mir sagte, sollte er noch am gleichen Tage nach Hause kommen. Als ich ging, steckte mir meine Liebste einen Zettel zu; sie schrieb darin, ich könnte ohne jede Besorgnis mittels des Schlüssels zur kleinen Tür, den ich schon hätte, um Mitternacht zu ihr kommen; ich würde sie im Zimmer ihres Bruders finden. Diese Botschaft machte mich überglücklich, denn trotz den Zweifeln der Mutter hoffte ich auf einen vollständigen Erfolg. Ich ging nach Hause und teilte Herrn von Bragadino mit, daß der Vater meiner angebeteten C. C. baldigst zurückkehren werde; sofort setzte der ehrwürdige alte Herr sich hin und schrieb in meiner Gegenwart einen Brief an ihn. Er bat ihn, ihm die Stunde anzugeben, wo er ihn aufsuchen könnte, um mit ihm über eine wichtige Angelegenheit zu sprechen. Ich bat ihn, diesen Brief erst am nächsten Tage abzuschicken. Wie der Leser sich denken kann, ließ ich um Mitternacht nicht auf mich warten. Ich gelangte ohne Hindernis ins Haus und fand meinen Engel, der mich mit offenen Armen empfing. »Du hast nichts zu befürchten,« sagte sie; »mein Vater ist wohl und munter angekommen, und im Hause schläft alles.« »Nur die Liebe nicht, die uns zur Freude ladet!« rief ich aus. »Sie wird uns beschützen, Geliebte, und morgen wird dein Vater von meinem würdigen Beschützer einen Brief bekommen.« Bei diesen Worten erschauderte C. C., sie hatte eine nur zu richtige Vorahnung. »Mein Vater,« sagte sie, »nach dessen Meinung ich jetzt noch ein bloßes Kind bin, wird seine Augen öffnen, und Gott weiß, was er tun wird, um über meine Aufführung sich Klarheit zu verschaffen. Jetzt sind wir glücklich – viel glücklicher noch, als damals bei unseren Besuchen auf der Zuecca, denn wir können uns ganz zwanglos jede Nacht sehen; aber was wird mein Vater tun, wenn er erfährt, daß ich einen Geliebten habe!« »Was kann er machen? Wenn er mich abweist, entführe ich dich, und der Patriarch kann uns den Hochzeitssegen nicht verweigern. Wir werden einander fürs ganze Leben angehören!« »Das ist mein glühendster Wunsch, und ich bin zu allem bereit um dies zu erreichen; aber, Geliebter, ich kenne meinen Vater!« Wir verbrachten zwei Stunden miteinander, aber diese vergingen mehr in Schmerzen als in Wonnen. Als ich ging, versprach ich ihr, die nächste Nacht wiederzukommen. Traurig verbrachte ich den übrigen Teil der Nacht; gegen Mittag sagte Herr von Bragadino mir, er habe dem Vater den Brief geschickt, und dieser habe ihm antworten lassen, er werde am anderen Tage persönlich in seinem Palazzo erscheinen, um seine Befehle entgegenzunehmen. Etwa um Mitternacht war ich wieder bei meiner Geliebten und berichtete ihr über alles Vorgefallene. C. C. sagte mir, die Zuschrift des Senators habe ihn sehr beschäftigt; denn da er niemals etwas mit Herrn von Bragadino zu tun gehabt hatte, so konnte er sich nicht denken, was wohl der hohe Herr von ihm wollte. Die Ungewißheit, eine Art Furcht und eine wirre Hoffnung raubten unseren Liebesfreuden während der zwei Stunden, die wir beisammen waren, viel von ihrer Lebhaftigkeit. Ich war überzeugt, daß der Vater meiner Freundin, Herr Ch. C., nach seiner Unterredung mit Herrn von Bragadino sofort nach Hause gehen würde; jedenfalls würde er seine Tochter scharf ausfragen und in ihrer Verlegenheit könnte C. C. sich verraten. Sie fühlte dies selber und war offenbar sehr bekümmert darüber. Dies beunruhigte mich über alle Maßen, und es war mir furchtbar, ihr keinen Rat geben zu können, denn ich konnte nicht voraussehen, wie der Vater die Sache aufnehmen würde. Selbstverständlich mußte sie gewisse Umstände, die ihm eine schlechte Meinung von uns beibringen konnten, ihm verschweigen; im großen und ganzen aber müsse sie ihm die Wahrheit sagen und sich ihm sehr gefügig zeigen. Ich war in einer eigentümlichen Lage; vor allen Dingen tat es mir leid, den entscheidenden Schritt getan zu haben, eben weil dieser ein unwiderrufliches Ergebnis herbeiführen mußte. Ich sehnte mich, vor allem aus der fürchterlichen Ungewißheit herauszukommen, und war erstaunt darüber, daß meine junge Freundin viel weniger unruhig war als ich. Wir trennten uns mit angstvollem Herzen, aber doch in der Hoffnung, daß wir in der nächsten Nacht uns wiedersehen würden. Das Gegenteil erschien mir als etwas Unmögliches. Am nächsten Nachmittag kam Herr Ch. C. zu Herrn von Bragadino. Ich ließ mich nicht sehen. Er verbrachte zwei Stunden mit meinen drei Freunden, und sobald er fort war, erfuhr ich, daß er geantwortet hatte, was die Mutter mir vorausgesagt, aber obendrein mit einem für mich sehr betrübenden Umstand: er wollte seine Tochter die vier Jahre, bis sie an eine Heirat denken könnte, in einem Kloster zubringen lassen. Gleichsam als eine Abschwächung seiner Weigerung hatte er ihnen gesagt; er könnte wohl unserer Verbindung zustimmen, wenn ich dann eine gesicherte Existenz hätte. Ich fand diese Antwort vernichtend; in der Verzweiflung, in der ich mich befand, wunderte ich mich denn auch nicht weiter, als ich in derselben Nacht die kleine Tür verschlossen fand. Mehr tot als lebendig ging ich nach Hause; dort verbrachte ich vierundzwanzig Stunden in der entsetzlichen Ratlosigkeit, in der man sich befindet, wenn man einen Entschluß fassen muß, aber nicht weiß welchen. Ich dachte an eine Entführung, aber ich entdeckte tausend Schwierigkeiten, durch die sie mißlingen konnte; da der Bruder im Gefängnis war, so war es sehr schwer, einen Briefwechsel mit meiner Frau einzurichten; denn dies war C. C. in meinen Augen in höherem Maße, als wenn wir den Segen eines Priesters erhalten und einen Vertrag vor dem Notar abgeschlossen hätten. Von tausend düsteren und verzweiflungsvollen Gedanken gequält, entschloß ich mich, am dritten Tag einen Besuch bei Frau C. zu machen. Eine Magd öffnete mir und sagte, die gnädige Frau sei aufs Land gegangen und man wisse nicht, wann sie zurück sein werde. Diese Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag; bewegungslos wie eine Bildsäule stand ich da. Denn ich sah jetzt gar kein Mittel mehr, mir auch nur die geringste Auskunft zu verschaffen. Ich gab mir Mühe, in Gegenwart meiner drei Freunde ruhig zu erscheinen; aber ich befand mich in einem bejammernswerten Zustand, von dem der Leser sich vielleicht einen Begriff machen wird, wenn ich ihm sage, daß ich mich entschloß, P. C. in seinem Gefängnis aufzusuchen, weil ich hoffte, durch seine Vermittlung irgend etwas erfahren zu können. Ich ging vergeblich; er wußte nichts, und ich wollte ihn auch nicht aufklären. Er erzählte mir eine Menge Lügen, die ich für bare Münze zu nehmen mich stellte. Nachdem ich ihm zwei Zechinen geschenkt hatte, verließ ich ihn mit dem Wunsch baldiger Befreiung. Ich zermarterte mir das Hirn, wie ich von dem Zustand meiner Geliebten Kenntnis erhalten könnte. Ich vermutete, daß sie sich entsetzlich unglücklich fühlen müßte, und machte mir die bittersten Vorwürfe, die Ursache davon zu sein. Ich hatte fast völlig Appetit und Schlaf verloren. Zwei Tage nach der Ablehnung meines Antrages waren Herr von Bragadino und seine beiden Freunde nach Padua gegangen, wo sie einen Monat verbringen wollten. Ich war allein im Palast geblieben, denn der traurige Zustand meiner Seele hatte es mir unmöglich gemacht, sie zu begleiten. Eine Ablenkung suchend, hatte ich gespielt und, da ich zerstreut war, beständig verloren; ich hatte alles verkauft, was nur irgend welchen Wert hatte, und war überall Geld schuldig. Hilfe hatte ich nur von meinen drei Wohltätern zu erwarten, aber ich schämte mich, ihnen meine Lage zu entdecken. Ich befand mich in einer Stimmung, wo man leicht zum Selbstmord kommt, und ich dachte grade daran, als ich mich vor einem Spiegel rasierte. In demselben Augenblick kam ein Bedienter und führte eine Frau ins Zimmer, die einen Brief für mich hatte. Die Frau kam näher und gab mir den Brief, indem sie fragte: »Sind Sie der Herr, an den der Brief überschrieben ist?« Ich sah den Abdruck eines Petschaftes, das ich C. C. gegeben hatte, und mir war, als sollte ich tot zur Erde sinken. Um mich zu beruhigen, sagte ich der Frau, sie möchte warten; ich wollte mich erst fertig rasieren; aber meine Hand versagte mir den Dienst. Ich legte das Schermesser hin, drehte der Botin den Rücken zu und las folgendes: »Bevor ich Dir ausführlich schreibe, muß ich erst mich vergewissern, ob die Frau sicher ist. Ich bin in diesem Kloster als Pensionärin, werde sehr gut behandelt und bin ganz gesund trotz der seelischen Erregung, worin ich mich befinde. Die Oberin hat Befehl, mich keinen Menschen sehen zu lassen und mir durchaus keine Korrespondenz irgend welcher Art zu erlauben. Indessen bin ich schon gewiß, daß ich trotz dem Verbot Dir werde schreiben können. Ich zweifle nicht an Deiner Treue, mein geliebter Gatte, und ich bin überzeugt, Du wirst niemals an einem Herzen zweifeln, worin Du ganz allein herrschest. Rechne darauf, daß ich mit dem größten Eifer alles tun werde, was Du befiehlst; denn ich gehöre Dir, und nur Dir allein. Antworte mir nur wenige Worte, bis wir unserer Botin sicher sind. Murano, den 12. Juni.« Das junge Mädchen hatte in kaum drei Wochen Weltweisheit gelernt; aber freilich war die Liebe ihre Lehrmeisterin gewesen, und nur die Liebe wirkt Wunder. Als ich den Brief meiner Freundin las, war mir zumute wie dem Verbrecher, der im Augenblick der Hinrichtung begnadigt wird, oder wie einem, der vom Tode wieder aufersteht. Ich brauchte mehrere Minuten Ruhe, um meine Besinnung und gewöhnliche Kaltblütigkeit wiederzugewinnen. Ich fragte die Frau, ob sie lesen könnte. »Ach ja, wenn ich das nicht könnte, Herr, da würde es mir ja sehr schlecht gehen. Wir sind unserer sieben Frauen im Dienst der frommen Nonnen von Murano. Jede von uns kommt einmal in der Woche an ihrem bestimmten Tage nach Venedig. Ich komme jeden Mittwoch und kann Ihnen in acht Tagen eine Antwort bringen, wenn Sie jetzt gleich einen Brief schreiben wollen.« »Sie können also Briefe besorgen, die die Nonnen Ihnen anvertrauen?« »Es gehört nicht zu meinem eigentlichen Dienst; da aber der wichtigste von allen unseren Aufträgen die getreue Briefbestellung ist, so könnte man uns nicht gebrauchen, wenn wir nicht imstande wären, die Adressen der uns anvertrauten Briefe zu lesen. Die Nonnen wollen sicher sein, daß wir nicht dem Peter einen Brief geben, der an Paul geschrieben ist. Unsere frommen Damen haben immer Angst, wir könnten einmal solch eine Tölpelei begehen. Sie werden mich also heute in acht Tagen zur selben Stunde sehen, aber geben Sie Befehl, daß Sie geweckt werden, wenn Sie schlafen sollten, denn die Minuten werden uns mit der Goldwage zugemessen. Vor allen Dingen verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit, solange Sie mit mir zu tun haben; denn wenn ich nicht schweigen könnte, käme ich um Brot und Lohn, und was sollte ich dann anfangen als Witwe mit vier Kindern, einem achtjährigen Knaben und drei hübschen Mädchen, von denen das älteste erst sechzehn Jahre ist. Sie können sie sehen, wenn Sie mal nach Murano kommen. Ich wohne neben der Kirche nach dem Garten zu, und ich bin immer zu Hause oder sonst für das Kloster beschäftigt; denn da gibt es fortwährend was zu tun. Das Fräulein – ich weiß ihren Namen noch nicht, denn sie ist erst seit acht Tagen bei uns – hat mir das Briefchen zugesteckt. Aber wie geschickt hat sie das gemacht! Oh, sie muß wohl ebenso klug sein, wie sie schön ist; denn drei Nonnen, die dabei waren, haben nichts gemerkt. Sie gab mir zugleich mit dem Brief diesen Zettel für mich. Ich lasse Ihnen den ebenfalls hier. Das arme Kind! Sie bittet mich um Verschwiegenheit; aber darauf kann sie sich auch verlassen. Schreiben Sie ihr, bitte, daß sie ganz ruhig sein könne; verbürgen Sie sich nur ganz unbesorgt für mich! Von den anderen möchte ich das nicht so gewiß sagen. Ich halte sie ja alle für ehrlich – denn Gott soll mich davor behüten, von meinem Nächsten Schlechtes zu denken –, aber sehen Sie, sie sind alle unwissend, und ganz gewiß schwatzen sie zum mindesten in der Beichte. Ich aber weiß, Gott sei Dank, recht gut, daß ich meinem Beichtiger nur meine Sünden gestehen muß; und einen Brief einer Christin an einen Christenmenschen zu bestellen, das ist keine Sünde. Ubrigens ist mein Beichtvater ein guter, alter Mönch, und ich glaube, er ist taub, denn der gute Mann antwortet mir niemals; aber wenn er taub ist, so ist das seine Sache und nicht meine!« Ich hatte nicht die Absicht, die Frau auszufragen; aber hätte ich das auch gewollt, so würde sie mir keine Zeit dazu gelassen haben; denn ohne daß ich eine Frage tat, erzählte sie mir alles, was zu erfahren ich nur wünschen konnte; sie verfolgte damit weiter keine Absicht, als daß sie mich dazu bewegen wollte, mich ausschließlich ihrer zu bedienen. Ich setzte mich sofort hin, um meiner lieben Eingesperrten zu antworten; ich hatte die Absicht, ihr, ihrem Wunsch gemäß, nur wenige Zeilen zu schreiben. Aber ich hatte nicht genug Zeit, um ihr so wenig zu schreiben. Mein Brief war ein Worterguß von vier Seiten, und es stand vielleicht weniger darin als auf der einen Seite ihres Briefes. Ich sagte ihr, ihr Brief habe mir das Leben gerettet, und fragte, ob ich hoffen dürfte, sie sehen zu können. Ich schrieb ihr, ich hätte der Botin eine Zechine gegeben, und eine zweite würde sie unter dem Siegel des Briefes finden; ich würde ihr so viel Geld schicken, wie sie nötig hätte. Ich bat sie, mir pünktlich jeden Mittwoch zu schreiben; sie könnte überzeugt sein, daß ihre Briefe niemals lang genug sein würden; sie müßte mir alles ganz ausführlich schildern, nicht allein wie es ihr ginge und was sie dort machen müßte, sondern auch wie sie darüber dächte, ihre Ketten zu sprengen und alle Hindernisse zu zerstören, die sich unserem beiderseitigen Glück entgegenstellen könnten; denn ich wäre ganz der Ihre, wie sie sagte, daß sie ganz und gar die Meine wäre. Ich riet ihr alle ihre Klugheit aufzubieten, um sich bei den Nonnen und Zöglingen beliebt zu machen, doch dürfte sie sich keiner anvertrauen, auch müßte sie niemals Unzufriedenheit darüber verraten, daß sie ins Kloster geschickt worden wäre. Ich lobte sie, daß sie so geschickt gewesen wäre, Mittel und Wege zu finden, um mir trotz dem Verbot zu schreiben, und machte sie darauf aufmerksam, daß sie sich ja niemals beim Schreiben ihrer Briefe überraschen lassen dürfte; denn wenn dies vorkäme, so würde man unfehlbar ihr Zimmer durchsuchen und alles Geschriebene, das man dort fände, ihr fortnehmen. »Verbrenne alle meine Briefe, Geliebte, und finde Dich mit der Notwendigkeit ab, oft zur Beichte zu gehen, aber uns niemals bloßzustellen. Schreib mir all Deinen Kummer; er geht mir noch mehr zu Herzen als Deine Freuden.« Ich versiegelte den Brief so, daß das Geldstück unter dem Siegel ganz unbemerkbar war; dann gab ich der Frau Geld, wobei ich ihr sagte, die gleiche Belohnung würde sie jedesmal erhalten, wenn sie mir einen Brief von meiner Freundin brächte. Als sie eine Zechine in ihrer Hand erblickte, fing die gute Frau vor Freuden zu weinen an; sie sagte mir, für sie gäbe es keine Klausur und sie könnte daher den Brief dem Fräulein geben, sobald sie mit ihr allein wäre. Der Zettel, den C. C. der Frau zugleich mit dem Brief übergeben hatte, lautete folgendermaßen: »Der liebe Gott hat mir den Gedanken eingegeben, mich an Euch, gute Frau, zu wenden und nicht an eine andere. Bestellt diesen Brief an seine Adresse und wenn die betreffende Person nicht in Venedig ist, so bringt ihn mir wieder. Ihr müßt der Person den Brief zu eigenen Händen übergeben und wenn Ihr sie findet, so werdet Ihr sofort eine Antwort erhalten, die Ihr mir erst dann übergeben dürft, wenn Ihr sicher seid, nicht beobachtet zu werden.« Die Liebe ist nur in der Hoffnung auf Genuß unvorsichtig; aber wenn es sich darum handelt, die Wiederkehr eines durch einen Unfall zerstörten Glückes herbeizuführen, so ist die Liebe so scharfsinnig, daß sie die kleinsten Umstände voraussieht. Der Brief meiner reizenden Frau bereitete mir die größte Freude; im Nu wandelte sich der tiefste Kummer zur höchsten Wonne. Ich war nun sicher, sie entführen zu können, und wären selbst die Mauern ihres Klosters mit Kanonen bestückt. Als die Botin fort war, dachte ich vor allem daran, wie ich die sieben Tage, die bis zum Empfang des zweiten Briefes vergehen mußten, am besten verbringen könnte. Nur das Spiel konnte mir Zerstreuung bringen, und alle meine Bekannten waren in Padua. Ich ließ meinen Koffer packen und sofort zum Burchiello bringen, der eben abfahren sollte. Ich selber fuhr nach Fusine und ritt von dort mit verhängten Zügeln nach Padua, wo ich in kaum drei Stunden vor dem Palazzo Bragadino eintraf. Mein teurer Beschützer kam im nämlichen Augenblick zum Mittagessen nach Hause. Er umarmte mich zärtlich und sagte, als er sah, daß ich ganz naß von Schweiß war: »Ich bin überzeugt, du hast es gar nicht so eilig.« – »Nein,« antwortete ich, »aber ich habe einen Bärenhunger.« Das brüderliche Dreiblatt freute sich von ganzem Herzen mich wiederzusehen, besonders als ich ihnen sagte, daß ich sechs Tage bei ihnen bleiben würde. De la Haye speiste mit uns; unmittelbar nach Tisch schloß er sich mit Herrn Dandolo ein, und sie waren zwei Stunden lang beisammen. Ich hatte mich während dieser Zeit schlafen gelegt, und Herr Dandolo kam an mein Bett, um mir zu sagen, ich sei gerade zur rechten Zeit angekommen, um wegen einer Angelegenheit, die ihn ganz persönlich betreffe, unser Orakel zu befragen. Er gab mir die Fragen und bat die Antworten darauf herauszubringen. Er wollte wissen, ob er gut daran tue, auf den Plan einzugehen, den de la Haye ihm vorgeschlagen habe. Die Antwort des Orakels lautete verneinend. Uberrascht stellte Herr Dandolo eine zweite Frage. Er fragte, welche Gründe den Geist Paralis zu seinem abschlägigen Bescheid bewögen. Ich baute die kabbalistische Zahlenpyramide und ließ daraus folgende Antwort hervorgehen: »Ich wollte Casanovas Meinung wissen, und da diese gegen de la Hayes Vorschlag war, so will ich von der Sache nichts mehr wissen.« Wie mächtig sind doch die Einbildungen! Der gute Mann freute sich, daß er die Schuld der Weigerung auf mich abwälzen konnte, und entfernte sich ganz befriedigt. Ich wußte nicht, worum es sich handeln mochte, und war nicht neugierig darauf; es widerstand mir nur, daß ein Jünger Loyolas sich einfallen ließ, bei meinen Freunden etwas ohne meine Vermittlung erreichen zu wollen, und ich wollte dem Intriganten bemerkbar machen, daß mein Einfluß größer war als der seinige. Hierauf zog ich mich an und ging in die Oper, wo ich mich an einen Pharaotisch setzte und all mein Geld verlor. Das Glück wollte mich immer noch fühlen lassen, daß es nicht immer mit der Liebe im Einklang ist. Meine Lage machte mir das Herz schwer; kummervoll ging ich zu Bett. Beim Erwachen sah ich de la Haye mit strahlender Miene vor mir stehen; mit dem Ausdruck der ergebensten Freundschaft versicherte er mir in übertriebener Weise, daß er die innigsten Gefühle für mich hege. Ich wußte, woran ich war, und wartete ruhig ab, wie sich die Sache weiter entwickeln würde. »Mein lieber Freund,« sagte er endlich, »aus welchem Grunde haben Sie Herrn Dandolo überredet, nicht auf meinen Vorschlag einzugehen?« »Was haben Sie ihm denn vorgeschlagen?« »Das wissen Sie ja.« »Wenn ich's wüßte, würde ich Sie nicht danach fragen.« »Er hat mir selber gesagt, Sie hätten ihm abgeraten.« »Daß ich ihm abgeraten habe, will ich zugeben; aber ich habe ihn keineswegs von seinem Entschluß abgebracht; denn wenn er entschlossen gewesen wäre, hätte er nicht nötig gehabt, mich um Rat zu fragen.« »Wie Sie wollen. Aber darf ich Sie bitten, mir Ihre Gründe anzugeben?« »Sagen Sie mir erst, worum es sich handelt.« »Hat er es Ihnen nicht selber gesagt.« »Das kann wohl sein. Aber wenn Sie wünschen, daß ich Ihnen meine Gründe sage, muß ich alles aus Ihrem Munde erfahren, denn er hat mit mir unter dem Siegel der Verschwiegen^ ge^ sprachen.« »Was soll diese Zurückhaltung?« »Jeder hat seine Grundsätze und seine Anschauungsweise. Ich habe von Ihnen eine zu gute Meinung, um nicht zu glauben, daß Sie es genau so machen würden wie ich; denn mir dünkt, ich habe Sie sagen hören, in geheimen Angelegenheiten müsse man sich vor Überrumpelungen sicherstellen.« »Ich bin nicht der Mann, einen Freund zu überrumpeln; aber im allgemeinen betrachtet, gebe ich zu, ist Ihr Grundsatz gut. Ich liebe Vorsicht. Nun also, es handelt sich um folgendes. Wie Sie wissen, ist Frau Tripolo Witwe geblieben und Herr Dandolo macht ihr angelegentlich den Hof, wie es schon zu Lebzeiten ihres Gatten zehn Jahre lang geschah. Die noch junge, schöne und frische Dame, die übrigens sehr anständig lebt, wünscht nun seine Frau zu werden. Sie hat sich mir anvertraut, und da ich diese Vereinigung nur für sehr lobenswert halten kann, sowohl vom weltlichen wie vom religiösen Standpunkt – denn wir sind ja alle Menschen, wie Sie wissen – so habe ich mich mit aufrichtigem Vergnügen der Sache angenommen. Ich glaube sogar bemerkt zu haben, daß Herr Dandolo diesem Heiratsplan geneigt war, als er mir sagte, er würde mir heute seine Antwort mitteilen. Ich wundere mich durchaus nicht, daß er Sie wegen der Angelegenheit um Rat gefragt hat, denn ein vorsichtiger Mann tut gut daran, einen verständigen Freund zu befragen, bevor er sich zu einem entscheidenden Schritt von solcher Wichtigkeit entschließt. Ich will Ihnen jedoch offen sagen, daß es mich erstaunt hat, wie eine solche Heirat nicht Ihre Billigung findet. Entschuldigen Sie, wenn ich zu meiner Aufklärung den Wunsch äußere, zu erfahren, warum Sie anderer Ansicht sind als ich.« Ich war hocherfreut, alles entdeckt zu haben, und gerade noch zur rechten Zeit gekommen zu sein, um meinen Freund, der die Güte selber war, von einer höchst lächerlichen Heirat zurückzuhalten. Ich antwortete meinem Tartüff, ich hätte Herrn Dandolo lieb und wäre, da ich dessen Temperament kennte, überzeugt, daß eine Heirat mit einer Frau wie Signora Tripolo sein Leben verkürzen würde. »Und darum werden Sie zugeben, daß ich als aufrichtiger Freund ihm abraten mußte. Erinnern Sie sich nicht, mir gesagt zu haben, daß derselbe Grund Sie davon abgehalten habe, sich zu verheiraten? Erinnern Sie sich nicht, daß Sie mir gegenüber in Parma sehr lebhaft zugunsten des Zölibats eintraten. Beachten Sie auch, bitte, daß jeder Mensch ein bißchen eigennützig ist, und daß auch ich dies ein bißchen sein und daher wohl daran denken darf, daß Herrn Dandolos Frau einen gewissen Einfluß auf ihn ausüben würde, und daß alles, was sie in dieser Hinsicht gewinnen würde, für mich einen Verlust zu bedeuten hätte. Sie sehen also wohl, daß es nicht natürlich wäre, wenn ich ihm zu einem Schritt raten würde, der ganz und gar zu meinem Nachteil wäre. Wenn Sie mir nachweisen können, daß die von mir angeführten Gründe nichtig oder sophistisch sind, so sprechen Sie. Dann werde ich Herrn Dandolo gegenüber alles zurücknehmen, was ich gesagt habe; Signora Tripolo wird nach unserer Rückkehr nach Venedig seine Frau werden; aber ich sage Ihnen vorher, ich ergebe mich nur, wenn Sie schlagende Beweise anführen können.« »Ich halte mich nicht für stark genug, Sie überzeugen zu können. Ich werde an Frau Tripolo schreiben, daß sie sich an Sie wenden muß.« »Schreiben Sie ihr das lieber nicht, denn sie würde glauben, Sie wollten sich über sie lustig machen. Glauben Sie denn, sie sei so dumm, um sich einbilden zu können, daß ich auf ihre Wünsche eingehen würde? Sie weiß, daß ich sie nicht liebe.« »Woher sollte sie denn wissen, daß Sie sie nicht lieben?« »Sie muß bemerkt haben, daß ich niemals den Wunsch hatte, mich von Herrn Dandolo bei ihr einführen zu lassen. Merken Sie sich: solange ich mit den drei Freunden zusammenlebe, werden sie keine Frau haben. Sie selber mögen sich verheiraten, soviel Sie Lust haben; ich verspreche Ihnen, Ihre Pläne nicht zu durchkreuzen; aber wenn Sie wünschen, daß wir Freunde bleiben, so geben Sie den Plan auf, mir meine Freunde zu verführen.« »Sie sind heute morgen sehr bissig!« »Ich hahe diese Nacht all mein Geld verloren.« »Da habe ich also einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Adieu!« Von diesem Tage an wurde de la Haye mein geheimer Feind, und er hat nicht wenig dazu beigetragen, mich zwei Jahre später unter die Bleidächer zu bringen, nicht etwa durch Verleumdungen – (denn ich glaube nicht, daß er, obgleich Jesuit, dessen fähig war; auch bei diesen Leuten findet man zuweilen Charakter) –, wohl aber durch mystische Bemerkungen frommen Leuten gegenüber. Ich glaube meine Leser darauf aufmerksam machen zu müssen, daß sie meine Erinnerungen lieber nicht lesen sollen, wenn sie derartige Leute gern haben; denn auf solches Gezücht Rücksichten zu nehmen, bin ich nicht der Mann. Von der schönen Heirat war nicht mehr die Rede. Herr Dandolo ging nach wie vor alle Tage zu seiner schönen Witwe, und ich ließ mir durch mein Orakel verbieten, jemals ihr Haus zu betreten. Im Augenblick, wo de la Haye mich verließ, kam ein junger Mailänder, Don Antonio Croce, zu mir zum Besuch. Ich hatte ihn in Reggio kennen gelernt; er war ein großer Spieler und abgefeimter Verbesserer widrigen Glücks. Er sagte mir, er habe mich mein Geld verlieren sehen und wolle mir einen Vorschlag machen, wie ich meinen Verlust wieder einbringen könne. Ich solle mich zur Hälfte an einer Bank beteiligen, die er in seiner Wohnung halten wolle; als Spieler habe er sieben oder acht reiche Ausländer zur Hand, die seiner Frau den Hof machten. »Du gibst mir dreihundert Zechinen in meine Bank und hilfst mir als Croupier. Ich habe ebenfalls dreihundert Zechinen, aber die genügen nicht, denn wir haben mit starken Spielern zu tun. Komm zu mir zum Essen; da wirst du ihre Bekanntschaft machen. Morgen ist Freitag, da können wir spielen, weil die Oper geschlossen ist. Verlaß dich darauf, wir werden Geld gewinnen, denn einem Schweden, namens Gilenspetz, können wir allein zwanzig tausend Zechinen abnehmen. Ich hatte keine Hilfe zu erwarten oder konnte sie wenigstens nur von Herrn von Bragadino erhoffen, und an diesen mich zu wenden, schämte ich mich. Ich fühlte wohl, daß Croces Vorschlag im strengeren Sinne nicht moralisch war und daß ich mich wohl in besserer Gesellschaft hätte befinden können. Aber wenn ich seinen Antrag abgelehnt hätte, so wären darum die Börsen von Signora Croces Anbetern nicht weniger schlecht behandelt worden: ein anderer hätte sich die Konjunktur zunutze gemacht. Meine sittlichen Begriffe waren nicht streng genug, um mich zu veranlassen, ihm meine Beihilfe als Adjutant zu verweigern und meinen Anteil am Kuchen auszuschlagen. Ich nahm also seine Einladung zum Essen an. Sechzehntes Kapitel Ich komme wieder zu Gelde. – Mein Abenteuer in Dolo. – Analyse eines langen Briefes von meiner Freundin. – Übler Streich, den P. C. mir in Vicenza spielt. – Tragikomischer Aufritt im Gasthof. Da nun einmal die Not, diese herrische Gebieterin und meine einzige Entschuldigung, mich so ziemlich zum Teilhaber eines Schnapphahns gemacht hatte, blieb nur noch die Schwierigkeit, die erforderlichen dreihundert Zechinen aufzutreiben; ehe ich jedoch hiermit mich beschäftigte, wollte ich erst die zum Rupfen ausersehenen Opfer und das Idol, an das sie ihre Huldigungen richteten, kennen lernen. Croce führte mich nach dem Prato della valle, wo wir im Kaffeehause die gnädige Frau von einem Kreise fremder Herren umringt fanden. Sie war hübsch; da jedoch ein Sekretär des kaiserlichen Gesandten Grafen Rosenberg sich ihr angeschlossen hatte, so wagte kein venetianischer Nobile sich in ihre Nähe. Die Herren, für die ich mich zu interessieren hatte, waren der Schwede Gilenspetz, der Engländer Mendex, von dem ich schon gesprochen habe, ein Hamburger und drei oder vier andere, auf die Croce mich aufmerksam machte. Wir hatten ein ausgezeichnetes Essen, und nach der Mahlzeit verlangten alle Gäste eine Pharaobank; aber Croce ließ sich nicht darauf ein; dies überraschte mich, denn als geschickter Spieler hätte er mit dreihundert Zechinen das Glück schon auf die Probe stellen können. Die Sache war mir verdächtig; er ließ mich jedoch nicht lange in der Ungewißheit, sondern führte mich in sein Kabinett und zeigte mir fünfzig doblones da ocho; dies machte mehr als dreihundert Zechinen Die Zechine galt etwa zwölf Franken, die Doblone ungefähr das siebenfache. . Als ich sah, daß der Glücksverbesserer mich nicht aufs Korn genommen hatte, um mich zu prellen, sagte ich ihm, ich würde die Summe beschaffen, und sofort lud er alle Anwesenden für den nächsten Tag zum Abendessen ein. Wir verabredeten, daß wir jeden Abend teilen wollten und daß er unbare Sätze nicht halten dürfte. Ich mußte also das Geld auftreiben, aber an wen sollte ich mich wenden? Ich wußte niemand, den ich darum hätte bitten können, außer Herrn von Bragadino. Der gute und großmütige alte Herr besaß die Summe nicht, denn seine Kasse war wie gewöhnlich leer; aber er fand einen Wucherer – zum Verderben der Jugend fehlt es ja leider nie an diesem Gezücht – und dieser gab mir auf einen von ihm mitunterzeichneten Schuldschein tausend venetianische Dukaten zu fünf Prozent monatlich; die Zinsen für den ersten Monat zog er sich gleich ab. Es war gerade die Summe, die ich brauchte. Ich fand mich zum Abendessen ein; Croce hielt bis zum Morgengrauen die Bank, und wir teilten uns sechzehn hundert Zechinen. Am nächsten Tage wurde wieder gespielt; Gilenspetz allein verlor zweitausend Zechinen, der Jude Mendex tausend. Dem Sonntag zu Ehren wurde eine Pause gemacht, aber am Montag gewann die Bank viertausend Zechinen. Am Dienstag speisten wir alle zusammen und gleich nach dem Essen begann wieder das Spiel; kaum aber waren ein paar Abzüge gemacht, da trat ein Polizeigefreiter des Podesta ein und sagte zu Croce, er habe Befehl, mit ihm zwei Worte unter vier Worte zu sprechen. Sie gingen miteinander hinaus; kurz darauf kam Croce mit etwas bestürztem Gesicht wieder herein und sagte uns, er habe soeben Befehl erhalten, nicht mehr in seiner Wohnung Bank zu halten. Die Schöne sank in Ohnmacht, die Spieler drückten sich, und ich folgte ihrem Beispiele, nachdem ich die Hälfte des auf dem Tische liegenden Goldes eingesteckt hatte. Ich hatte Furcht, es könnte noch schlimmer kommen; darum entfernte ich mich. Beim Abschied sagte Croce mir, wir würden uns in Venedig wiedersehen, denn er hätte Befehl erhalten, binnen vierundzwanzig Stunden den Ort zu verlassen. Ich war darauf gefaßt, denn er war allzubekannt; sein größtes Verbrechen aber war in den Augen des Podesta, daß er den Spielern ihr Geld abnahm, denn man wünschte, daß sie es ins Foyer der Oper trugen, wo die meisten Bankhalter venetianische Nobili waren. Bei abscheulichem Wetter ritt ich nach Einbruch der Nacht mit verhängten Zügeln davon; nichts hätte mich zurückhalten können, denn frühmorgens am nächsten Tage sollte ich einen Brief von meiner lieben Eingesperrten erhalten. Sechs Meilen vor Padua stürzte mein Pferd, und mein linkes Bein lag unter seinem Leibe. Ich hatte weiche Stiefel an und fürchtete mich verletzt zu haben. Der Postillon, der vor mir her ritt, hatte das Geräusch des Sturzes gehört; er eilte herbei und befreite mich; ich war unversehrt, aber mein Pferd war lahm. Ich machte von meinem Recht Gebrauch und bestieg das Pferd des Postillons, aber der unverschämte Kerl packte es am Gebiß und wollte mich nicht weiter reiten lassen. Ich suchte ihm klar zu machen, daß er im Unrecht sei, aber er wollte keine Vernunft annehmen und ließ mich nicht los. Da ich Eile hatte, nach Venedig zu kommen, brannte ich einen Pistolenschuß auf ihn los, traf ihn jedoch nicht; erschrocken lief er weg, und ich ritt Hals über Kopf davon. In Dolo angekommen, ging ich in den Stall und sattelte eigenhändig ein Pferd, das der Postillon, dem ich einen Taler geschenkt hatte, mir als vorzüglich bezeichnete. Man fand nichts dabei, daß mein anderer Postillon zurückgeblieben war, und wir ritten ab. Es war ein Uhr nachts; von dem Gewitterregen waren die Wege grundlos geworden, und es war so finster, daß man keine zwei Schritte weit sah. Der Morgen begann zu dämmern, als ich in Fusine ankam. Die Bootsknechte sagten mir, es werde ein neues Unwetter geben; ich aber trotzte jeder Gefahr, bestieg einen vierrudrigen Schleppkahn und kam heil und gesund, aber auch bis auf die Knochen durchnäßt, bei mir zu Hause an. Ich war noch keine Viertelstunde da, als die Botenfrau von Murano mir einen Brief übergab; sie sagte, in zwei Stunden würde sie wiederkommen, um die Antwort abzuholen. Der Brief war ein sieben Seiten langes Tagebuch, dessen wortgetreue Wiedergabe den Leser vielleicht langweilen würde; ich gebe daher nur einen Auszug. Nach der Unterredung mit Herrn von Bragadinò war C. C.'s Vater nach Hause gekommen, hatte Mutter und Tochter in sein Zimmer beschieden und hatte meine Geliebte freundlich gefragt, wo sie mich kennen gelernt hätte. Sie antwortete ihm, sie habe vier- oder fünfmal auf dem Zimmer ihres Bruders mit mir gesprochen: dort habe ich sie gefragt, ob sie damit einverstanden sei, meine Frau zu werden, und sie habe darauf geantwortet, dies hänge von ihrem Vater und von ihrer Mutter ab. Ihr Vater hatte darauf gesagt, sie sei noch zu jung, um ans Heiraten denken zu können; außerdem sei ich noch nicht in selbständiger Lage. Nachdem er diesen Machtspruch getan, ging er in das Zimmer seines Sohnes und verschloß die kleine Tür, desgleichen die zum Zimmer der Mutter führende Verbindungstür. Seiner Tochter befahl er, mir sagen zu lassen, sie sei aufs Land gegangen, falls ich bei ihr vorsprechen sollte, um ihr einen Besuch zu machen. Zwei Tage später suchte er sie auf und fand sie am Krankenbett ihrer Mutter sitzen. Er sagte ihr, ihre Muhme würde sie ins Kloster bringen, und dort würde sie als Pensionärin bis zu dem Augenblick bleiben, wo sie aus den Händen ihrer Eltern einen Gatten empfinge. Sie hatte ihm geantwortet, sie unterwerfe sich vollständig seinem Willen und gehorche ihm mit Freuden. Erfreut über ihre Gefügigkeit, versprach ihr Vater ihr, sie zu besuchen, und versicherte ihr, ihre Mutter werde ebenfalls kommen, sobald sie wieder gesund sei. Man hatte ihr ihr Bett und ihre Kleider ins Kloster geschickt; sie war sehr zufrieden mit ihrem Zimmer und mit der Nonne, der sie zugewiesen war und zu gehorchen hatte. Sie hatte ihr unter Androhung des päpstlichen Bannfluches, der ewigen Verdammnis und etlicher anderer Kleinigkeiten verboten, Briefe oder Besuche zu empfangen oder an irgend einen Menschen zu schreiben; indessen hatte ebendieselbe Nonne ihr Bücher, Papier und Tinte gegeben, und bei Nacht überschritt meine Freundin die Klosterregeln, indem sie mir alle diese Einzelheiten aufschrieb. Sie teilte mir mit, sie halte die Botin für verschwiegen und treu und sie glaube, daß sie es bleiben werde, denn sie sei arm und meine Zechinen seien ein kleines Vermögen für sie. Sie schrieb mir in scherzhaften Ausdrücken, die schönste von allen Nonnen des Klosters sei rasend in sie verliebt; sie gebe ihr täglich zweimal Unterricht in der französischen Sprache und habe ihr freundschaftlich verboten, Bekanntschaften mit den anderen Pensionärinnen anzuknüpfen. Diese Nonne sei erst zweiundzwanzig Jahre alt, sie sei schön, reich und freigebig; alle anderen Nonnen seien sehr rücksichtsvoll gegen sie. »Wenn wir allein sind,« – so schrieb mir meine Freundin – »gibt sie mir so zärtliche Küsse, daß du eifersüchtig auf sie werden würdest, wenn sie nicht ein Weib wäre.« Uber den Entführungsplan schrieb sie nur, sie halte die Ausführung desselben nicht für schwierig; doch müsse die Vorsicht uns raten, so lange zu warten, bis sie sich genügend mit der Örtlichkeit vertraut gemacht habe; bis jetzt kenne sie diese erst unvollkommen. Sie ermahnte mich zur Treue, als einer Bürgschaft der Beständigkeit, und bat mich schließlich, ihr mein Bildnis in einem Ring zu schenken, doch solle es geheim angebracht sein, so daß außer uns kein Mensch davon wisse. Ich könnte ihr den Ring durch ihre Mutter zukommen lassen; diese sei wieder genesen und gehe jeden Tag zur ersten Messe in ihre Pfarrkirche. Ihre gute Mutter werde hocherfreut sein, mich wiederzusehen, und werde alles tun, was ich von ihr verlangen könnte. »Übrigens«, so schloß sie, »hoffe ich binnen einigen Monaten in einem Zustande zu sein, der dem Kloster Ärgernis bereiten soll, wenn man mich durchaus nicht hinauslassen will.« Ich war grade mit meiner Antwort fertig, als die Botin Laura wieder kam, um sie abzuholen. Nachdem ich ihr die versprochene Zechine geschenkt hatte, gab ich ihr ein Paket mit Siegellack, Papier, Federn und Feuerzeug. Sie versprach es an meine Schöne zu bestellen. Meine Freundin hatte ihr gesagt, ich sei ihr Vetter, und Laura tat, als glaubte sie es. Da ich nicht wußte, was ich in Venedig anfangen sollte, und überdies der Meinung war, meine Ehre erforderte, daß ich mich in Padua sehen ließe, weil man sonst glauben könnte, ich hätte denselben Ausweisungsbefehl erhalten, wie Croce, frühstückte ich in aller Eile und nahm dann einen gestempelten Fahrschein bei der römischen Post. Denn ich rechnete damit, daß mein Pistolenschuß und das gelähmte Pferd die Posthalter vielleicht unmutig gemacht hätten; aber sie konnten mir, falls überhaupt Pferde vorhanden waren, diese nicht verweigern, sobald ich meinen Stempelschein vorzeigte. In bezug auf den Pistolenschuß hatte ich keine Angst, denn ich hatte den unverschämten Postillon absichtlich gefehlt; und selbst wenn ich ihn zur Strecke gebracht hätte, so wäre weiter nichts dabei gewesen. In Fusine nahm ich einen zweirädrigen Wagen, denn ich war so ermüdet, daß ich nicht hätte reiten können. So kam ich nach Dolo, wo man mich wiedererkannte und mir Pferde verweigerte. Ich machte Lärm, der Posthalter kam heraus und drohte mir, er würde mich verhaften lassen, wenn ich ihm nicht das von mir zu Schanden gerittene Pferd bezahlte. Ich antwortete ihm, wenn das Pferd tot wäre, so würde ich mit dem Posthalter in Padua darüber abrechnen; er aber hätte mir unverzüglich frische Pferde zu liefern. Mit diesen Worten zeigte ich ihm den respekteinflößenden Stempelschein. Bei dessen Anblick stimmte er den Ton bedeutend herab; doch sagte er, wenn er mir auch Pferde gäbe, so würde mir das nichts nützen, denn ich hätte den Postillon so schlecht behandelt, daß niemand mich würde begleiten wollen. "Nun, dann werden Sie selber mich begleiten!" rief ich. Er antwortete mir nicht, sondern lachte mir ins Gesicht und drehte mir den Rücken. Ich nahm zwei Zeugen und begab mich zu einem Notar, der ein Protokoll aufnahm, worin ich den Posthalter aufforderte, mir bei Buße von zehn Zechinen für jede Stunde Verzögerung sofort Pferde zu liefern. Der Postmeister war ohne Zweifel darauf bereits vorbereitet, denn sowie er von meinem Schriftstück Kenntnis genommen hatte, ließ er zwei wilde Pferde aus dem Stall bringen. Ich sah, daß er den Vorsatz hatte, mich unterwegs umzuwerfen, vielleicht sogar in den Fluß zu stürzen; aber ich sagte ganz kaltblütig zum Postillon, im selben Augenblick, wo er mich umwürfe, würde ich ihm eine Pistolenkugel durch den Kopf schießen; voller Angst führte er seine Pferde wieder in den Stall und erklärte seinem Herrn, er würde mich nicht fahren. Im selben Augenblick erschien ein Kurier und verlangte sechs Wagenpferde und zwei Reitpferde. Ich bedeutete dem Postmeister, daß niemand vor mir abreisen würde; sollte er Widerstand leisten wollen, so würde es zum Blutvergießen kommen; um die Drohung wirksamer zu machen, zog ich meine Pistolen hervor. Der Mann fluchte und wetterte. Da aber alle Anwesenden ihm unrecht gaben, so entfernte er sich. Fünf Minuten später kam auf einmal Croce in einer schönen Berline mit seiner Frau, einer Kammerjungfer und zwei Lakaien in großer Livree. Er stieg aus, wir umarmten uns, und ich sagte ihm mit betrübter Miene, er dürfe nicht vor mir weiterreisen. Ich erzählte ihm den Fall, er gab mir recht und schimpfte wie ein großer Herr, daß alles vor Furcht zitterte und bebte. Der Posthalter war verschwunden; seine Frau aber kam und befahl, mich zu bedienen. Inzwischen hatte Croce mir gesagt, ich täte gut daran, mich in Padua zu zeigen, denn dort ginge das Gerücht, ich wäre auf höheren Befehl abgereist. »Man hat außer mir auch Herrn de Goudoin, Oberst in modenesischen Diensten, ausgewiesen, weil er in seiner Wohnung Bank hielt.« Ich versprach ihm, im Laufe der nächsten Woche ihn zu besuchen; er war im Augenblick meiner Not gleichsam vom Himmel herab erschienen, um mir zu helfen. Er hatte an vier Spielabenden zehntausend Zechinen gewonnen, von denen ich die Hälfte erhielt. Schleunigst bezahlte ich meine Schulden und löste alle versetzten Wertsachen aus. Der Spitzbube hatte mir Glück gebracht, denn von Stund an verschwand das Pech, das sich bis dahin an meine Fersen geheftet hatte. Ich kam glücklich in Padua an, und der Postillon, der mich, vielleicht aus Angst, ausgezeichnet gefahren hatte, war mit mir zufrieden. Ich beschenkte ihn reichlich, weil ich mit derartigen Leuten nicht in Unfrieden leben wollte. Meine drei Freunde waren über meine Ankunft hocherfreut, denn meine eilige Abreise hatte sie sehr beunruhigt. Herr von Bragadino freilich hatte sich keine Sorgen gemacht, denn ich hatte ihm den Tag vor meinem Fortgehen meine Kassette übergeben; seine beiden Freunde dagegen glaubten an das in der Stadt umgehende Gerücht, daß der Podestà auch mir den Ausweisungsbefehl geschickt hätte. Sie hatten nicht bedacht, daß man gegen mich als venetianischen Bürger nicht eine derartige Zwangsmaßregel anwenden konnte, ohne sich den höheren Behörden gegenüber verantwortlich zu machen. Ich war müde; aber anstatt mich ins Bett zu legen, machte ich große Toilette und ging unmaskiert in die Oper. Ich sagte meinen Freunden, ich müsse mich zeigen, um das Geschwätz der bösen Zungen Lügen zu strafen. De la Haye bemerkte: »Ich freue mich außerordentlich, wenn alles, was man sich erzählt hat, unwahr ist; aber Sie haben ganz alleine Schuld, denn Ihre übereilte Abreise lieferte reichlichen Stoff zu Mutmaßungen.« »Und zur Verleumdung...« »Das kann sein ; aber das Publikum will alles wissen, und was es nicht erraten kann, erfindet es.« »Und Dummköpfe und Böswillige beeifern sich, diese Erfindungen zu verbreiten.« »Es steht aber doch fest, daß Sie den Postillon haben erschießen wollen. Ist das auch eine Verleumdung?« »Die größte von allen! Glauben Sie, eine sichere Hand könne unabsichtlich einen Mann auf Armlänge fehlen?« »Das ist freilich schwer denkbar; aber soviel ist doch mindestens gewiß, daß das Pferd tot ist und daß Sie es bezahlen werden.« »Nein. Nicht einmal, wenn es Ihr Pferd wäre, brauchte ich es zu bezahlen, denn der Postillon ritt vor mir. Sie wissen doch so viel – kennen Sie denn nicht die Postvorschrift? Übrigens war ich in Eile, denn ich hatte einer hübschen Frau versprochen, heute morgen mit ihr zu frühstücken, und eine solche Zusage darf man nicht brechen, wie Sie wohl wissen.« Herr de la Haye schien sich ein wenig verletzt zu fühlen durch die etwas beißende Ironie, mit der ich dieses Zwiegespräch würzte. Er war aber noch viel tiefer verletzt, als ich eine Rolle Zechinen aus der Tasche zog und ihm die Summe zurückgab, die er mir in Wien geliehen hatte. Man ist nie so schlagfertig, wie wenn man eine gutgespickte Börse in der Tasche hat; dann findet man so leicht das rechte Wort, es sei denn, daß man von einer stürmischen Leidenschaft umnebelt ist. Herr von Bragadino fand meine Absicht, mich unmaskiert in der Oper zu zeigen, sehr gut. Als ich im Parterre erschien, machte alles erstaunte Gesichter, und eine Menge von Leuten beglückwünschte mich, vielleicht aufrichtig, vielleicht auch nicht. Nach dem ersten Ballett ging ich in den Spielsaal und gewann in vier Taillen fünfhundert Zechinen. Halbtot vor Hunger und Müdigkeit ging ich nach Hause, um meinen Sieg bei den drei Freunden auszuposaunen. Freund Bavois, der grade da war, benutzte die Gelegenheit, um von mir fünfzig Zechinen zu borgen, die er mir niemals wiedergegeben hat; billigerweise muß ich allerdings sagen, daß ich sie niemals von ihm verlangt habe. Meine Gedanken waren stets mit meiner geliebten C. C. beschäftigt, und ich brachte den ganzen nächsten Tag damit zu, von einem geschickten Piemonteser Maler, der damals auf der Durchreise in Padua war und später in Venedig viel Geld verdiente, mein Miniaturbildnis malen zu lassen. Als dieses Porträt fertig war, malte er mir in der gleichen Größe eine hübsche Heilige Katharina, und ein geschickter Juwelier aus Venedig machte mir einen Ring von ganz ausgezeichneter Arbeit. Im Kasten war nur die Heilige sichtbar, aber ein fast unbemerkbarer blauer Punkt auf dem weißen Emailgrunde entsprach einer Feder, die mein Bild erscheinen ließ, sobald man mit einer Nadelspitze auf den Punkt drückte. Am Freitag wurde mir in dem Augenblick, wo wir vom Tisch aufstanden, ein Briefchen übergeben. Zu meiner großen Überraschung erkannte ich P. C.'s Handschrift. Er teilte mir mit, ich möchte ihn im Gatsthof zum Stern aufsuchen; er hätte eine Nachricht für mich, die mich sehr interessieren würde. Da ich dachte, es könnte wohl etwas sein, das seine Schwester beträfe, so ging ich sofort hin. Ich fand ihn mit Frau C. zusammen; nachdem ich ihm zu seiner Befreiung Glück gewünscht hatte, fragte ich ihn, was er mir denn mitzuteilen hätte. »Ich weiß bestimmt,« sagte er, »daß meine Schwester in einem Kloster ist, und ich werde Ihnen den Namen dieses Klosters sagen können, sobald ich wieder in Venedig bin.« Ich tat, als wüßte ich von gar nichts, und sagte ihm: »Sie werden mich sehr verbinden.« Aber diese Neuigkeit war nur ein Vorwand gewesen, um mich zu einem Besuch bei ihm zu bewegen, und sein großer Eifer hatte eine ganz andere Ursache als den Wunsch, mir zu Diensten zu sein. »Ich habe«, sagte er, »für fünfzehntausend Gulden meinen Proviantlieferungsvertrag auf drei Jahre verkauft; der Mann, mit dem ich dieses Geschäft abgeschlossen habe, erwirkte meine Freilassung aus dem Schuldgefängnis, indem er Bürgschaft für mich leistete; außerdem gab er mir einen Vorschuß von sechstausend Gulden in Gestalt von vier Wechseln.« Er zeigte mir die Papiere, die von einer mir unbekannten Unterschrift indossiert waren, die er als sehr gut pries, und fuhr dann fort: »Ich will in Vicenza für sechstausend Gulden Seidenstoffe kaufen, und ich werde den Fabrikanten diese Wechsel in Zahlung geben. Ich bin sicher, die Stoffe sehr schnell mit einem Gewinn von zehn aufs Hundert verkaufen zu können. Kommen Sie mit uns, ich gebe Ihnen für zweihundert Zechinen Stoffe ab, und auf diese Weise haben Sie Deckung für die Bürgschaft, die Sie so freundlich waren, für meinen Ring zu leisten. In vierundzwanzig Stunden ist alles erledigt.« Die Geschichte war nicht nach meinem Geschmack, aber ich ließ mich durch den Wunsch verblenden, für die von mir verbürgte Summe Deckung zu erhalten, denn ich sah voraus, daß ich diese früher oder später würde bezahlen müssen. »Wenn ich nicht mitgehe,« dachte ich bei mir selber, »verkauft er die Stoffe mit fünfundzwanzig Prozent Verlust, und ich bekomme gar nichts.« Ich versprach ihm also, ich würde kommen. Er zeigte mir verschiedene Empfehlungsbriefe an die ersten Häuser von Vicenza, und wir verabredeten, am nächsten Morgen in der Frühe abreisen zu wollen. Mit Tagesanbruch war ich im Stern. Ein vierspänniger Wagen fuhr vor, der Wirt kam mit seiner Rechnung, und P. C. bat mich, zu bezahlen. Die Rechnung betrug fünf Zechinen, darunter vier, die der Wirt dem Fuhrmann bezahlt hatte, mit dem sie von Fusine gekommen waren. Ich sah, daß ich geprellt wurde, machte aber gute Miene zum bösen Spiel und bezahlte; der Schelm war natürlich ohne einen Heller von Venedig abgereist. Wir fuhren ab und gelangten in drei Stunden nach Vicenza, wo wir im »Hut« abstiegen. Herr P. C. bestellte ein feines Mittagessen und ließ mich dann mit seiner Dame allein, um seine Fabrikanten aufzusuchen. Als ich mit ihr unter vier Augen war, begann sie mir in liebenswürdigem Ton Vorwürfe zu machen. »Seit achtzehn Jahren schon«, sagte sie, »liebe ich Sie, denn ich sah Sie zum erstenmal in Padua, als wir neun Jahre alt waren.« Ich erinnerte mich dessen wirklich nicht; aber es stimmte. Sie war die Tochter des mit Herrn Grimani befreundeten Antiquars, der mich bei der bösen Slavonierin untergebracht hatte. Ich mußte unwillkürlich lachen, denn mir fiel ein, daß ihre Mutter mich geliebt hatte. Nach kurzer Zeit erschienen Ladendiener und brachten Stoffe, bei deren Anblick Frau C.'s Gesicht sich erheiterte. In weniger als zwei Stunden war das ganze Zimmer voll davon, und P. C. kam mit zwei Handelsherren zurück, die er zum Essen eingeladen hatte. Frau C. glänzte durch liebenswürdige Neckereien, das Essen wurde aufgetragen, und köstliche Weine flossen in Strömen. Nachmittags wurden noch mehr Waren gebracht; P.C. einigte sich mit den Herren wegen der Preise. Aber er verlangte noch mehr Ware, und sie versprachen ihm, er solle sie am nächsten Tage erhalten, obgleich dieser ein Feiertag sei. In der Dämmerstunde kamen die Grafen; denn in Vincenza ist jeder Adlige Graf. P. C. hatte seine Empfehlungsbriefe bei ihnen abgegeben. Es war ein Velo, ein Sesso, ein Trento – lauter sehr liebenswürdige Herren. Sie luden uns ins adlige Kasino ein und C. glänzte dort durch ihre Reize und ihre Koketterie. Nachdem wir dort zwei Stunden verbracht hatten, lud P. C. alle anwesenden Herren zum Abendessen ein; größte Fröhlichkeit herrschte an der reichbesetzten Tafel. Mir war dies alles sehr langweilig, und infolgedessen war ich nicht liebenswürdig; darum sprach denn auch kein Mensch ein Wort mit mir. Ich ließ die lustige Gesellschaft bei Tisch sitzen, stand auf und ging zu Bett. Am anderen Morgen kam ich zum Frühstück herunter. Das Zimmer war ganz vollgepfropft von Waren, und es schien mir ausgeschlossen, daß P. C. diese mit seinen sechstausend Gulden bezahlen könnte. Er sagte mir, das ganze Geschäft würde den Tag darauf in Ordnung sein und wir wären zu einem Ball eingeladen, an dem der ganze Adel teilnehmen würde. Die Fabrikanten, mit denen er Geschäfte gemacht hatte, erschienen alle bei uns zum Essen, und das Mahl war wiederum mit größter Verschwendung hergerichtet. Wir gingen auf den Ball; aber es dauerte nicht lange, so ärgerte ich mich ganz ernstlich, denn alle Gäste sprachen mit C. und mit P. C., der lauter fades Zeug redete. Wenn ich aber mal den Mund aufmachte, tat man, als hörte man mich nicht. Ich forderte eine Dame zum Menuett auf; sie tanzte mit mir, hielt aber dabei ihre Blicke bald nach links, bald nach rechts gewandt und ließ mich die Rolle eines Strohmanns spielen. Man trat zu einem Kontertanz an und richtete es so ein, daß ich dabei ausgeschlossen wurde; dieselbe Dame, die meine Aufforderung abgelehnt hatte, tanzte mit einem andern. Wäre ich bei guter Laune gewesen, so hätte ich mir eine derartige Behandlung nicht gefallen lassen. Aber ich warf ihr nur einen Blick voller Verachtung zu, und zog es vor, den Ball zu verlassen und zu Bett zu gehen. Ich begriff nicht, welchen Grund der Adel von Vicenza haben konnte, mich auf solche Weise zu behandeln. Vielleicht ließ man mich deshalb links liegen, weil in P. C.'s Empfehlungsbriefen mein Name nicht genannt war; aber man hätte doch die einfachen Gebote der Höflichkeit kennen müssen! Ich fügte mich in Geduld, denn am andern Morgen sollten wir ohnehin abreisen. Am Montag schlief das vom Ball ermüdete Pärchen bis Mittag; nach dem Essen ging P. C. fort, um die von ihm ausgesuchten Stoffe zu bezahlen. Am Tage darauf, Dienstag, sollten wir abreisen, und in einer Art von Ahnung sehnte ich seufzend diesen Augenblick herbei. Die Grafen, die P. C. eingeladen hatte, waren entzückt von seiner Geliebten und erschienen zum Abendessen; ich vermied es jedoch, mich mit ihnen zu Tisch zu setzen. Dienstag früh wurde mir gemeldet, das Frühstück sei aufgetragen. Ich verspätete mich ein bißchen, der Kellner kam noch einmal und sagte mir, meine Frau Gemahlin bitte mich, ich möchte mich beeilen. Beim Wort Gemahlin gab ich dem armen Kerl eine tüchtige Ohrfeige; in meiner Wut verfolgte ich ihn mit Fußtritten die ganze Treppe hinunter; in vier Sprüngen war er unten, auf die Gefahr hin sich den Hals zu brechen! Wütend stürzte ich in das Zimmer, wo ich erwartet wurde, und fragte P. C., welcher Lump mich im Gasthof für den Gatten der gnädigen Frau ausgegeben habe. Er antwortete mir, er wisse nichts davon, aber im selben Augenblick kam der Wirt mit einem großen Messer in der Hand herein und fragte mich zornig, warum ich seinen Kellner die Treppe heruntergeworfen hätte. Schnell ergriff ich ein Pistol, legte auf ihn an und forderte ihn gebieterisch auf, mir zu sagen, wer mich in seinem Gasthof für den Gatten der Dame ausgegeben habe. Der Wirt erwiderte: »Herr Hauptmann P. C. selber hat es so ins Fremdenbuch eintragen lassen.« Kaum hörte ich dies, so packte ich den Unverschämten am Kragen und stieß ihn kräftig gegen die Wand; wäre nicht der Wirt dazwischen gekommen, so hätte ich ihm mit dem Pistolenkolben den Schädel zerschmettert. Die Schöne tat, als fiele sie in Ohnmacht – Damen von ihrer Sorte haben ja stets Tränen und Ohnmachtsanfälle bei der Hand; dabei schrie der elende P. C. fortwährend: »Es ist nicht wahr! Es ist nicht wahr!« Der Wirt lief hinaus und holte sein Fremdenbuch, hielt es mit wütendem Blick dem Feigling unter die Nase und forderte ihn auf, noch einmal zu sagen, daß nicht er selber diktiert hätte: P. C., kaiserlicher Hauptmann mit Herrn und Frau Casanova. Der Bursche antwortete, er habe ihn falsch verstanden, worauf der Wirt ihm das Buch so stark ins Gesicht schlug, daß er ganz betäubt gegen die Wand taumelte. Als ich sah, daß der elende Feigling sich diese erniedrigende Behandlung gefallen ließ, ohne daran zu denken, daß er einen Degen an der Seite trug, ging ich hinaus, indem ich den Wirt bat, mir eine zweispännige Kalesche nach Padua zu besorgen. Schamrot und wutschnaubend ging ich auf mein Zimmer; zu spät erkannte ich den ungeheuren Fehler, den ich begangen hatte, indem ich mich mit einem Halunken einließ. In aller Eile packte ich meinen Handkoffer Ich wollte grade gehen, als die C. in mein Zimmer trat. »Gehen Sie!« sagte ich zu ihr; »ich könnte in meiner Wut die Achtung vergessen, die ich Ihrem Geschlecht schuldig bin.« Unter strömenden Tränen warf sie sich auf einen Stuhl und flehte mich an ihr zu verzeihen; sie versicherte mir, sie sei unschuldig, denn sie sei nicht dabei gewesen, als der Schelm seine Angaben gemacht habe. Die Frau des Wirtes kam dazu und bestätigte diese Aussage. Mein Zorn tobte sich in Worten aus, und bald sah ich draußen den von mir bestellten Wagen mit zwei guten Pferden vorfahren. Ich ließ den Wirt kommen, um ihm meinen Anteil an der Zeche zu bezahlen; er antwortete mir, da ich nichts bei ihm bestellt hätte, wäre ich ihm auch nichts schuldig. Während wir darüber sprachen, erschien Graf Velo. »Ich möchte wetten, Herr Graf, Sie haben geglaubt, die Dame hier sei meine Frau?« »Das ist stadtbekannt.« »Wie? Himmeldonnerwetter! Und Sie haben das glauben können, da Sie wissen, daß ich allein in diesem Zimmer wohne, und zumal da Sie gesehen haben, wie ich vorgestern abend allein den Ball verließ und gestern nicht mitspeiste, sondern die Dame unter all den Herren allein ließ?« »Es gibt so bequeme Ehemänner.« »Ich glaube nicht wie ein solcher auszusehen, und Sie verstehen sich nicht auf Ehrenmänner; kommen Sie mit, ich werde es Ihnen beweisen!« Der Graf lief schnell die Treppe herunter und verließ den Gasthof. Die unglückliche C. war von Tränen halb erstickt; sie tat mir leid, denn Weibertränen sind eine Waffe, der ich in meinem Leben kaum je habe wiederstehen können. Ich überlegte mir, daß es nicht gut wäre, wenn ich fortginge, ohne etwas zu bezahlen; denn man konnte sich über mein Lärmschlagen lustig machen und mich in Verdacht haben, bei der Gaunerei mit im Bunde zu sein. Ich befahl daher dem Wirt, mir die Rechnung zu bringen; ich wollte die Hälfte bezahlen. Er ging fort, um sie zu holen. Plötzlich gab es eine neue Szene: Frau C. warf sich unter strömenden Tränen mir zu Füßen und rief, wenn ich sie im Stiche ließe, wäre sie verloren, denn sie hätte kein Geld und auch keine Sachen, die sie versetzen könnte. »Wie, gnädige Frau? Haben Sie nicht Wechsel in Höhe von sechstausend Gulden oder doch zum mindesten die Stoffe, die Sie für diesen Betrag gekauft haben.« »Stoffe sind nicht mehr da. Man hat sie alle wieder abgeholt, denn über die Wechsel, die sie sahen und die nach unserer Meinung bares Geld waren, haben die Fabrikherren nur gelacht. Sie haben alles wieder abholen lassen. Konnte man so etwas ahnen?« »Der Spitzbube! Er hat vorausgesehen, wie alles kommen würde, und darum hat er mich aufgefordert mitzukommen. Geschieht mir recht! Ich muß die Strafe für meinen Fehler erleiden.« Die Rechnung, die der Wirt mir brachte, belief sich auf vierzig Zechinen – eine Riesensumme für einen dreitägigen Aufenthalt, aber es waren dabei viele bare Auslagen des Wirtes. Ich begriff sofort, daß meine Ehre erforderte, die ganze Rechnung zu bezahlen, und zauderte daher keinen Augenblick. Doch war ich so vorsichtig, mir in Gegenwart von drei Zeugen eine Quittung ausstellen zu lassen. Hierauf gab ich dem Neffen des Wirts zwei Zechinen als Schmerzens- und Trostgeld für die erhaltenen Ohrfeigen und Fußtritte. Dagegen verweigerte ich die gleiche Summe der elenden C., die mich durch die Wirtin darum bitten ließ. So endigte dieses häßliche Abenteuer, das mir eine derbe Lehre gab, die ich eigentlich nicht mehr hätte nötig haben sollen. Zwei oder drei Wochen darauf erfuhr ich, Graf Trento habe das traurige Paar, mit dem ich nichts mehr zu tun haben wollte, auf seine Kosten abreisen lassen. Einen Monat später geriet P. C. abermals ins Gefängnis, da der Mann, der für ihn gutgesagt hatte, Bankerott machte. Er war schamlos genug, in einem langen Brief mich flehentlich um meinem Besuch zu bitten; ich antwortete ihm nicht. Unerweichlich war ich auch gegen die C., der ich alle ihre Bitten um eine Zusammenkunft standhaft abschlug; sie geriet in das tiefste Elend. Ich kehrte nach Padua zurück, wo ich mich aber nur solange aufhielt, wie nötig war, um meinen Ring abzuholen und mit Herrn von Bragadino zu speisen, der wenige Tage später nach Venedig zurückging. Die Botin aus dem Kloster brachte mir in früher Morgenstunde meinen Brief; ich las ihn begierig; er war zärtlich, enthielt aber nichts Neues. In meiner Antwort schilderte ich meiner Freundin in allen Einzelheiten den abscheulichen Streich, den ihr Taugenichts von Bruder mir gespielt hatte; zugleich teilte ich ihr mit, daß der Ring fertig sei, und beschrieb dessen geheime Einrichtung. Der mir von meiner C. C. gegebenen Anleitung folgend, begab ich mich eines schönen Morgens an einen Ort, von wo aus ich ihre Mutter in die Kirche eintreten sehen konnte. Ich betrat diese unmittelbar nach ihr, kniete neben ihr nieder und sagte ihr, ich müßte notwendig mit ihr sprechen. Sie folgte mir nach dem Kreuzgang. Nachdem ich versucht hatte, ihr Mut einzusprechen, indem ich ihr versicherte, ich gehörte mit unverletzlicher Treue ihrer Tochter an, fragte ich sie, ob sie diese nächstens besuchen würde? »Sonntag«, antwortete sie mir, »gedenke ich mein liebes Kind zu umarmen, ich werde ihr von Ihnen erzählen, und das wird sie sehr freuen; aber zu meiner tiefsten Betrübnis darf ich Ihnen nicht sagen, wo sie ist.« »Ich verlange gar nicht, daß Sie es mir sagen, gute Mutter. Erlauben Sie mir nur die Bitte, ihr diesen Ring zu übergeben. Er trägt das Bild ihrer Schutzheiligen, und Sie müssen sie ermahnen, ihn stets an ihrem Finger zu tragen; sie soll nur jeden Tag zu ihr beten, denn ohne ihren Beistand wird sie niemals meine Frau werden können. Sagen Sie ihr auch, daß ich meinerseits mich jeden Tag an den heiligen Jakob wende, indem ich ein Credo hersage.« Entzückt über meine frommen Gefühle und über die Aussicht, ihrer Tochter diese neue fromme Gesinnung einflößen zu können, versprach die gute Frau mir alle meine Wünsche zu erfüllen. Ich verabschiedete mich von ihr, indem ich sie bat, zehn Zechinen, die ich ihr übergab, ihrer Tochter für ihre kleinen Bedürfnisse zukommen zu lassen. Sie nahm das Geld, erklärte mir dabei jedoch, ihr Mann sorge dafür, daß seine Tochter am Notwendigen niemals Mangel leide. Der Brief, den mein Mädchen mir am nächsten Mittwoch schrieb, strömte über von den zärtlichsten und lebhaftesten Gefühlen. »Sobald ich allein bin,« schrieb sie, »ist flugs die Nadelspitze da, und die Heilige dreht sich herum, um meinen gierigen Küssen die holden Züge des Wesens darzubieten, das mein Alles ist. Unaufhörlich küsse ich Dich, selbst wenn diese oder jene Nonne mich überrascht, denn wenn sie mir zu nahe kommt, brauche ich nur den Deckel fallen zu lassen und meine gute Heilige verdeckt alles. Die Nonnen sind hocherbaut von meiner Frömmigkeit und von meinem Vertrauen auf den Schutz meiner heiligen Patronin, die, wie sie sagen, ganz und gar mein Abbild ist.« Es war nur ein aus freier Phantasie erschaffenes schönes Gesicht; aber meine liebe kleine Frau war so schön, daß Schönheit ihr stets ähnlich sah. Sie sagte mir, die Nonne, bei der sie französisch lerne, habe ihr fünfzig Zechinen für den Ring geboten, aber nur wegen der Ähnlichkeit des Bildnisses der Heiligen, nicht etwa aus Liebe zu ihrer Schutzheiligen; denn über diese mache sie sich lustig, indem sie ihr deren Lebensgeschichte vorlese. Sie dankte mir für die zehn Zechinen, die ich ihr geschickt hätte; denn da ihre Mutter ihr das Geld im Beisein mehrerer Nonnen übergeben hätte, so könnte sie jetzt allerlei Ausgaben machen, ohne den Verdacht der schwatzhaften und neugierigen Nonnen zu erwecken. Sie hatte Freude dran, den Pensionärinnen kleine Geschenke zu machen, und sah sich jetzt in der Lage, diese Neigung befriedigen zu können. »Meine Mutter«, so schrieb sie noch, »hat mir mit der höchsten Anerkennung von Deiner Frömmigkeit gesprochen. Sie ist ganz entzückt davon. Sprich mir bitte nicht mehr von meinem unwürdigen Bruder.« Vier oder fünf Wochen lang war in ihren Briefen nur von der heiligen Katharina die Rede. Sie schrieb, sie zittere jedesmal vor Angst, wenn sie sie der mystischen Neugier irgend einer alten Klosterschwester anvertrauen müßte, die den Ring, um ihn mit ihrer Brille besser sehen zu können, sich auf Zweifingerbreite vor die Augen hielte und unausgesetzt an dem Email herumwischte. »Ich zittere davor, daß sie einmal aus Zufall auf den kaum wahrnehmbaren Knopf drücken! Denn was sollte ich anfangen, wenn meine Heilige plötzlich ihren Blicken ein göttliches, aber ganz und gar nicht nach einem Heiligen aussehendes Gesicht darböte? Sage mir, wie hätte ich in einem solchen Falle mich zu verhalten?« Einen Monat nach P. C.'s zweiter Verhaftung legte der Kaufmann, bei dem ich mich für den Ring verbürgt hatte, mir meine Unterschrift vor. Ich traf mit ihm ein Abkommen, und er ließ mich in Ruhe, nachdem ich ihm zwanzig Zechinen bezahlt und ihm die alleinigen Ansprüche auf die Schuldforderung überlassen hatte. Der unwürdige P. C. belästigte mich von seinem Gefängnis aus unaufhörlich mit jammervollen Bettelbriefen. Croce war in Venedig und machte viel von sich reden. Er machte ein großes Haus, gab gute Gastmähler und hielt eine Pharaobank, an der die Dummköpfe ihre Börsen leerten. Da ich voraussah, wie es früher oder später kommen mußte, hatte ich sein Haus nicht betreten; wenn wir uns aber irgendwo trafen, behandelten wir uns wie gute Freunde. Seine Frau bekam einen Jungen, und er bat mich, ihn bei der Taufe zu halten; dies glaubte ich ihm nicht abschlagen zu dürfen; aber nach der Tauffeierlichkeit und dem darauf sich anschließenden Souper betrat ich das Haus meines Gevatters nicht mehr, und daran tat ich wohl. Nicht immer habe ich so verständig gehandelt. Siebzehntes Kapitel Croce wird aus Venedig ausgewiesen. – Sgombro. – Sein niederträchtiges Verbrechen und sein Tod. – Meiner geliebten C. C. stößt ein Unglück zu. – Ich erhalte einen anonymen Brief von einer Nonne und antworte darauf. – Liebeshandel. Mein Gevatter, der, wie gesagt, ein geschickter und kühner Verbesserer des Glücks war, machte in Venedig ausgezeichnete Geschäfte, und da er liebenswürdig war und der sogenannten guten Gesellschaft angehörte, so hätte er es noch lange Zeit in gleicher Weise treiben können, wenn er sich auf das Spiel beschränkt hätte; denn die Staatsinquisitoren hätten zuviel zu tun, wollten sie sich damit abgeben, die Toren anzuhalten, daß sie mit ihrem Vermögen haushalten, die Dummköpfe, daß sie verständig werden, und die Gauner, daß sie die Dummköpfe nicht betrügen. Aber Croce wurde aus einem ganz außerordentlichen Anlaß ausgewiesen, der ihm keine Ehre machte, gleichviel ob er in jugendlicher Unbesonnenheit oder aus sittlicher Verderbtheit gehandelt hatte. Ein edler Venetianer – edel von Geburt, sehr unedel von Sitten – ein gewisser Sgombro aus der Familie Gritti, verliebte sich in ihn, und Croce war nicht grausam gegen ihn, sei es, daß er sich einen Spaß machen wollte, sei es, daß er seinen Geschmack teilte. Unglücklicherweise wurde nicht die Zurückhaltung beobachtet, die der Anstand erfordert, und der Skandal wurde so öffentlich, daß die Regierung sich gezwungen sah, meinem Croce die Aufforderung zu schicken, er möge sofort die Stadt verlassen und sein Glück anderswo versuchen. Kurz nachher verführte der infame Sgombro seine beiden jungen Söhne. Zu seinem Unglück versetzte er den jüngeren in die Notwendigkeit, bei einem Arzt Hilfe zu suchen. Die niederträchtige Handlung wurde bekannt, und das arme Kind gestand, es habe nicht den Mut gehabt, gegen seinen Erzeuger ungehorsam zu sein. Mit Recht fand man, eine solche Unterwürfigkeit gehöre nicht zu den Pflichten, die ein Sohn seinem Vater gegenüber habe, und die Staatsinquisitoren schickten den scheußlichen Vater in die Zitadelle von Cattaro, wo er nach einjähriger Gefangenschaft starb. Die tödliche Wirkung der Luft, die man in Cattaro atmet, ist so bekannt, daß das Gericht nur solche Verbrecher dazu verdammt, die man nicht öffentlich zum Tode zu verurteilen wagt, weil man fürchtet, ein öffentlicher Prozeß würde zu großes Entsetzen erregen. Nach Cattaro schickte der Rat der Zehn vor fünfzehn Jahren den berühmten Advokaten Contarini, einen Nobile, der durch seine Beredsamkeit sich zum Herrn des großen Rates gemacht hatte und die Staatsverfassung ändern wollte. Er starb in Cattaro nach einem Jahr; von seinen Mitschuldigen hielt das Tribunal für genügend, nur vier oder fünf zu bestrafen und die anderen unbeachtet zu lassen. Diese kehrten denn auch aus Furcht stillschweigend zu ihrer Pflicht zurück. Der Sgombro, von dem ich vorhin sprach, hatte eine reizende Frau, die, wie ich glaube, noch lebt. Sie hieß Cornelia Gritti, war ebenso berühmt durch die Schönheit ihrer Gestalt wie durch die ihres Geistes und hat den Jahren zum Trotz sich ihre Schönheit bewahrt. Als sie durch den Tod ihres unwürdigen Gatten ihre eigene Herrin geworden war, hütete sie sich wohl, eine neue Ehe einzugehen; ihre Unabhängigkeit war ihr zu lieb. Da sie jedoch nicht unempfindlich gegen die Freuden der Liebe war, so erhörte sie die Bewerbungen der Anbeter, die sie nach ihrem Geschmack fand. Gegen Ende Juli weckte eines Montags bei Tagesanbruch mein Diener mich, indem er mir sagte, Laura wolle mich sprechen. Ich ahnte ein Unglück und ließ sie sofort eintreten. Sie übergab mir einen Brief, der folgendermaßen lautete: »Mein lieber Freund, ein Unglück, das mir gestern abend zugestoßen ist, macht mich untröstlich, und um so mehr, da ich gezwungen bin, es vor dem ganzen Kloster geheim zu halten. Ich habe eine schreckliche Blutung und weiß nicht, was ich anfangen soll, um das Blut zu stillen, denn ich habe nicht viel Wäsche, und Laura hat mir gesagt, ich würde eine große Menge nötig haben, wenn die Blutung andauern sollte; ich kann mich keinem Menschen anvertrauen außer Dir, und ich bitte Dich, mir soviel Weißzeug zu schicken, wie Du nur kannst. Du siehst, ich habe mich Laura anvertrauen müssen, denn sie allein kann zu jeder Stunde bei mir aus- und eingehen. Wenn ich sterbe, mein teurer Gatte, so wird das ganze Kloster erfahren, woran ich gestorben bin; aber ich denke an Dich und ich zittere. Was wirst Du in Deinem Schmerz anfangen? Ach, mein Herz, wie schade!« In aller Hast mich ankleidend, fragte ich Laura aus. Sie sagte mir ganz offen, es sei eine Frühgeburt, und wir müßten mit der größten Vorsicht handeln, um den Ruf meiner Freundin zu schonen. Übrigens brauchte sie weiter nichts als eine große Menge Wäsche; es hätte sonst nichts auf sich. Es waren die üblichen Redensarten, und sie besänftigten durchaus nicht die Angst, die ich empfand. Ich ging mit Laura zu einem Juden, dem ich eine Anzahl Bettlaken und zweihundert Handtücher abkaufte; nachdem ich alles in einen großen Sack gesteckt hatte, fuhr ich mit ihr nach Murano. Unterwegs schrieb ich meiner Freundin mit Bleistift, sie solle in Laura volles Vertrauen setzen; ich versicherte ihr, ich würde Murano nicht eher verlassen, als bis sie außer Gefahr wäre. Ehe wir ausstiegen, sagte Laura zu mir: damit ich nicht bemerkt würde, täte ich gut daran, mich bei ihr verborgen zu halten. Zu jeder anderen Zeit wäre das so gut gewesen, wie wenn sie den Wolf in die Hürde eingelassen hätte. Sie ließ mich in einem armseligen Kämmerchen im Erdgeschoß allein, brachte selber an ihrem Leibe soviel Weißzeug unter, wie sie nur verstecken konnte, und eilte dann zu der Kranken, die sie seit dem vorigen Abend nicht gesehen hatte. Ich hoffte, sie würde sie außer Gefahr finden, und sah sehnsüchtig dem Augenblick entgegen, wo sie mir diese Nachricht bringen würde. Sie war eine volle Stunde fort; endlich kam sie mit sehr traurigem Gesicht zurück und sagte mir, meine arme Freundin hätte während der Nacht viel Blut verloren; sie läge sehr schwach im Bett, und wir müßten sie Gottes Gnade empfehlen; denn wenn die Blutung nicht bald aufhörte, könnte sie unmöglich noch vierundzwanzig Stunden leben. Als ich die Wäsche sah, die sie unter ihrem Rock hervorzog, wich ich entsetzt zurück und glaubte mich dem Tode nahe. Eine wahre Schlächterei! Laura glaubte mich zu trösten, indem sie mir sagte, ich könnte sicher sein, daß das Geheimnis nicht verraten würde. »Ei, was macht mir das aus!« rief ich; »wenn sie nur am Leben bleibt, dann mag die ganze Welt wissen, das sie mein Weib ist!« In einem andern Augenblick hätte ich über die dumme Bemerkung der guten Laura lachen müssen ; aber in dieser traurigen Minute besaß ich nicht die Kraft dazu und auch nicht die Lust. »Die liebe Kranke«, sagte sie, »hat gelächelt, als sie Ihr Briefchen las; sie hat mir versichert, da Sie so dicht in ihrer Nähe seien, so werde sie nicht sterben.« Diese Worte taten mir wohl. Wie wenig ist doch nötig, um einen Menschen zu trösten oder seine Leiden zu mildern! »Wenn die Nonnen beim Essen sind,« fuhr Laura fort, »werde ich wieder hingehen und soviel Wäsche mitnehmen, wie ich tragen kann; unterdessen werde ich diese hier waschen.« »Hat sie Besuche gehabt?« »O, natürlich das ganze Kloster. Aber kein Mensch hat eine Ahnung.« »Aber bei dieser Hitze kann sie nur eine leichte Decke haben und man muß doch unbedingt die vielen Handtücher bemerken, die so großen Raum einnehmen.« »Das ist nicht zu befürchten, denn sie sitzt im Bett aufrecht.« »Was ißt sie?« »Nichts; denn sie darf nicht essen.« Bald darauf ging Laura fort und ich ebenfalls. Ich suchte einen Arzt auf, bei dem ich Zeit und Geld verlor, um mir ein langes Rezept schreiben zu lassen, das ich nicht verwenden konnte, denn dadurch würde die Sache sofort im ganzen Kloster bekannt geworden sein oder vielmehr in der ganzen Welt, denn Nonnengeheimnis dringt gar bald durch die Klostermauern. Übrigens wäre der Klosterarzt vielleicht der erste gewesen, aus Rachsucht das Geheimnis auszuplaudern. In Lauras Hause ging ich traurig wieder in meine armselige Kammer, und eine halbe Stunde später kam die Bötin mit Tränen in den Augen zurück und übergab mir einen fast unleserlichen Brief: »Ich habe nicht mehr die Kraft, Dir zu schreiben, denn ich werde immer schwächer; ich verliere all mein Blut und fange an zu glauben, daß meine Krankheit unheilbar ist. Ich überlasse mich Gottes Willen und danke ihm, daß meine Ehre nicht in Gefahr ist. Sei nicht zu traurig! Mein einziger Trost ist, daß ich Dich so dicht bei mir weiß. Ach, wenn ich Dich nur einen Augenblick sehen könnte, würde ich zufrieden sterben.« Der Anblick von einem Dutzend Tüchern, die Laura mir zeigte, machte mich erschaudern. Die gute Frau glaubte mich zu trösten, indem sie mir sagte, mit einer einzigen Flasche Blut könnte man ebenso viele Tücher völlig durchtränken. Meine Seele war nicht in der Stimmung, aus derartigen Versicherungen Trost zu schöpfen. Ich war in Verzweiflung und machte mir die furchtbarsten Vorwürfe, den Tod des unschuldigen Mädchens herbeigeführt zu haben. Ich warf mich auf ein Bett und blieb dort länger als sechs Stunden wie betäubt liegen, bis Laura mit etwa zwanzig blutgetränkten Servietten aus dem Kloster zurückkehrte. Da es inzwischen Nacht geworden war, konnte sie bis zum nächsten Morgen nicht wieder hingehen. Ich verbrachte eine entsetzliche Nacht, ohne etwas zu essen, ohne schlafen zu können; ich war mir selber zum Ekel und wies schroff die Pflege zurück, die Lauras Töchter mir anboten. Kaum war der Tag angebrochen, da kam Laura und sagte mir mit kläglicher Miene, meine Freundin blute nicht mehr. Ich glaubte sie sei tot, und schrie: »Sie lebt nicht mehr!« »Sie lebt, Herr! Aber ich fürchte, sie wird den Tag nicht überleben, denn sie ist völlig erschöpft; sie hat fast nicht mehr die Kraft, die Augen zu öffnen, und ihr Puls ist kaum noch zu spüren.« Ich atmete auf. Ich fühlte, mein Engel war gerettet. »Laura,« sagte ich, »diese Nachricht ist durchaus nicht schlecht, wenn die Blutung gänzlich aufgehört hat, so ist weiter nichts nötig, als ihr etwas leichte Nahrung zu geben.« »Man hat einen Arzt rufen lassen; er wird anordnen, was ihr gegeben werden soll; aber wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll – ich habe keine große Hoffnung.« »Gib mir nur die Versicherung, daß sie lebt!« »Ja, das versichere ich Ihnen; aber Sie werden begreifen, daß sie dem Doktor nicht die Wahrheit sagen wird, und Gott mag wissen, was er ihr verschreibt. Ich habe ihr ins Ohr geflüstert, sie solle keine Medizin einnehmen, und sie hat mich verstanden.« »Du bist ein göttliches Weib! Ja, wenn sie nicht von heute auf morgen an Schwäche stirbt, ist sie gerettet: Natur und Liebe werden sie geheilt haben!« »Das gebe Gott! Heute Mittag sehen Sie mich wieder.« »Warum nicht vorher?« »Weil ihr Zimmer voll von Leuten sein wird.« Ich war ganz schwach vor Erschöpfung; da ich aber stark sein mußte, um meine Hoffnung aufrecht zu erhalten, ließ ich mir etwas Essen zurechtmachen und setzte mich hin, meiner Freundin zu schreiben, damit sie den Brief in dem Augenblick erhielte, wo sie ihn lesen könnte. Die Augenblicke der Reue sind sehr traurig, und ich war wirklich zu beklagen. Ich hatte das größte Bedürfnis, Laura zu sehen, um zu erfahren, was der Arzt gesagt hätte. Ich hatte starke Gründe, über Orakel zu lachen; ich weiß nicht, woher diese Schwachheit kam, aber ich brauchte das Orakel des Arztes, und zwar vor allen Dingen ein günstiges Orakel. Lauras junge Töchter brachten mir das Essen, aber es war mir unmöglich, einen Bissen hinunterzubringen; doch machte es mir Spaß, die drei Schwestern mein Essen verschlingen zu sehen, sobald ich sie nur dazu eingeladen. Die älteste, ein sehr appetitlicher Bissen, schlug nicht ein einziges Mal ihre großen Augen zu mir auf; die beiden jüngeren kamen mir so vor, als ob sie wohl liebenswürdig sein könnten; aber ich beschäftigte mich mit ihnen nur, um mich noch tiefer in meine bittere Reue zu verbeißen. Endlich kam Laura, die ich schon mit der größten Ungeduld erwartet hatte; sie sagte mir, meine geliebte Kranke läge immer noch in demselben Zustand völliger Ermattung da; ihre Schwäche hätte den Arzt überrascht und er könnte sie sich nicht erklären. »Er hat ihr Stärkungsmittel und leichte Suppen verordnet, und wenn sie schlafen kann, wird sie nach seiner Behauptung sicher davonkommen. Der Doktor hat ferner angeordnet, daß nachts eine Wärterin bei ihr sein soll, und die Kranke hat ihre Hand nach mir ausgestreckt, wie wenn sie mich bezeichnen wollte. Jetzt verspreche ich Ihnen, sie Tag und Nacht nicht mehr zu verlassen, außer um Ihnen Bescheid zu bringen.« Ich dankte ihr und versprach ihr, sie reichlich zu belohnen. Mit großer Freude vernahm ich, daß die Mutter zum Besuch dagewesen, nichts bemerkt habe und sehr liebevoll und zärtlich gewesen sei. Ich fühlte mich viel ruhiger, gab Laura sechs Zechinen und jeder ihrer Töchter eine und aß etwas zu Abend; dann legte ich mich in eines der elenden Betten, die in demselben Zimmer standen. Als die beiden jüngeren mich im Bett sahen, zogen sie sich ohne Umstände aus und legten sich beide in das zweite Bett, das ganz dicht neben dem meinigen stand. Dies unschuldige Vertrauen gefiel mir. Die ältere, die wohl schon Erfahrungen hatte, legte sich im Nebenzimmer zu Bett; sie hatte einen Liebhaber, der sie binnen kurzem heiraten sollte. Ich war nicht vom Teufel des Fleisches besessen und ließ die Unschuld friedlich schlafen, ohne den geringsten Anschlag auf sie zu unternehmen. Am anderen Morgen in aller Frühe kam Laura und brachte Nachrichten, die ein Balsam für mich waren. Mit fröhlichem Gesicht sagte sie mir, die Kranke habe gut geschlafen, und sie würde gleich wieder hingehen, um ihr ein Süppchen zu geben. Ich war wie berauscht, als ich dies hörte, und Äskulaps Orakel schien mir tausendmal sicherer zu sein als das Orakel Apolls. Doch waren wir noch nicht so weit, Viktoria rufen zu können, denn meine Freundin mußte erst wieder zu Kräften kommen und all das verlorene Blut wieder ersetzen; dies konnten nur die Zeit und fortwährende sorgsame Pflege bewirken. Ich blieb noch acht Tage bei Laura und verließ Murano erst, als meine Freundin in einem vier Seiten langen Brief es mir sozusagen befohlen hatte. Laura weinte vor Glück, als sie sich von mir mit der ganzen schönen Wäsche beschenkt sah, die ich für meine C. C. gekauft hatte; und ihre Töchter weinten augenscheinlich darüber, daß sie in den zehn Tagen, die ich bei ihnen verbracht, mich nicht hatten verleiten können, ihnen einen einzigen Kuß zu geben. In Venedig nahm ich meine alten Gewohnheiten wieder auf; aber wie hätte ich bei meinem Naturell ohne ein wirkliches Liebesverhältnis glücklich sein können? Ich hatte kein anderes Vergnügen als das, jeden Mittwoch einen Brief von meiner lieben Gefangenen zu erhalten; sie ermutigte mich, auf sie zu warten, anstatt mich aufzufordern, sie zu entführen. Laura sagte mir, sie sei schöner geworden und ich starb vor Verlangen, sie zu sehen. Bald bot sich die Gelegenheit dazu, und ich ließ mir diese nicht entgehen. Eine Nonne sollte den Schleier nehmen, und diese Feierlichkeit zieht stets eine große Menge von Zuschauern herbei. Da infolgedessen die Nonnen viele Besuche empfangen, so war es wahrscheinlich, daß die Pfleglinge ebenfalls im Sprechzimmer sein würden. Es war keine Gefahr vorhanden, daß ich an diesem Tage mehr auffallen könnte als irgendein anderer, denn ich würde in der Menge völlig verschwinden. Ich begab mich also nach dem Kloster, ohne Laura etwas davon zu sagen und ohne meine kleine Frau vorher zu benachrichtigen, und ich glaubte, vor Aufregung umzusinken, als ich sie plötzlich auf vier Schritte vor mir stehen und mich in einer Art von Ekstase betrachten sah. Ich fand sie größer und mehr entwickelt, und sie schien mir schöner zu sein als früher. Ich hatte nur für sie Augen, sie nur für mich, und ich war der letzte, der den Ort verließ, der an diesem Tage mir als ein Tempel des Glücks erschien. Drei Tage darauf empfing ich einen Brief von ihr. Sie schilderte mir so glühend die Wonne, die meine Gegenwart ihr bereitet hätte, daß ich auf Mittel und Wege sann, ihr diese Freude so oft wie möglich zu verschaffen. Ich antwortete ihr sofort, sie würde mich an jedem Feiertag zur Messe in ihrer Kirche sehen. Dies machte mir keine Mühe. Ich sah sie nicht, aber ich wußte, daß sie mich sähe, und ihre Freude war auch die meine. Ich brauchte nichts zu befürchten, denn es war fast unmöglich, daß man in dieser Kirche, die nur von Bürgersleuten von Murano besucht wurde, mich hätte erkennen können. »Nachdem ich zwei oder drei Messen gehört hatte, nahm ich eine Uberfahrtsgondel, deren Bootsmann nicht neugierig sein konnte, mich zu kennen. Indessen war ich vorsichtig, denn ich wußte, daß C. C.s Vater wollte, seine Tochter sollte mich vergessen, und daß er sie Gott weiß wohin gebracht haben würde, wenn er nur den geringsten Argwohn gehabt hätte, daß ich ihren Aufenthalt wüßte. So dachte ich in der Furcht, daß mir jeder Verkehr mit meiner Freundin abgeschnitten werden könnte; aber ich kannte noch nicht den Charakter und die Schlauheit der frommen Töchter des Herrn. Ebensowenig glaubte ich, daß meine Person irgendetwas Auffallendes an sich haben könnte – wenigstens für ein Kloster nicht; aber ich war noch ein Neuling, der die Neugier der Frauen und besonders die Neugier müßiger Seelen nicht kannte. Bald hatte ich Gelegenheit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Ich hatte erst etwa einen Monat oder fünf Wochen lang meine Feiertagsbesuche gemacht, als meine liebe C. C. mir scherzend schrieb, ich sei das Rätsel des ganzen Klosters geworden, und zwar sowohl für die Pensionärinnen, wie für die Nonnen, selbst die ältesten nicht ausgenommen. Das ganze Chor warte auf die Minute, wo ich erscheinen würde; man stoße sich an, wenn man mich eintreten und das Weihwasser nehmen sehe. Man habe bemerkt, daß ich niemals nach dem Gitter blicke, hinter welchem die Klosterinsassen sitzen müßten, und daß ich niemals eine Frau ansehe, die die Kirche betrete oder verlasse. Die Alten sagten, ich müßte irgendeinen großen Kummer haben, von dem ich nur durch die Gnade ihrer heiligen Jungfrau mich zu befreien hoffte; die Jungen sagten, ich müßte ein Melancholiker oder ein Menschenfeind sein. Meine liebe Frau, die es besser wußte als die anderen und nicht auf Mutmaßungen angewiesen war, amüsierte sich sehr darüber und amüsierte auch mich, indem sie mir das alles erzählte. Ich schrieb ihr: wenn sie befürchtete, daß ich erkannt werden könnte, würde ich nicht mehr hingehen. Sie antwortete mir, ich könnte ihr keine schmerzlichere Entbehrung auferlegen, und sie bäte mich, nach wie vor zu kommen. Immerhin glaubte ich nicht mehr zu Laura gehen zu sollen, denn möglicherweise hätten die klatschhaften Betschwestern dies erfahren, und dadurch konnten sie viel mehr entdecken, als sie wissen durften. Aber diese Lebensweise mergelte mich aus und konnte nicht lange mehr so fortgehen. Ich war dazu geschaffen, eine Geliebte zu haben und mit ihr glücklich zu leben. Da ich nicht wußte, was ich anfangen sollte, spielte ich und gewann fast immer; trotzdem wurde ich infolge meiner unbefriedigten Stimmung zusehends magerer. Nachdem ich durch meinen Gevatter Croce in Padua fünftausend Zechinen gewonnen hatte, war ich dem Rat des Herrn von Bragadino gefolgt, hatte ein Kasino gemietet und hielt dort eine Pharaobank auf gemeinsame Rechnung mit einem Matador, der mich gegen die hinterlistigen Streiche gewisser gewalttätiger Aristokraten schützte, gegen deren Tyrannei ein einfacher Privatmann in meiner Vaterstadt stets unrecht bekommt. Als ich am Allerheiligentage des Jahres 1753 nach dem Anhören der Messe in eine Gondel steigen wollte, um nach Venedig zurückzufahren, sah ich eine Frau von der Art Lauras, die, als sie an mir vorüberging, mich ansah und einen Brief fallen ließ. Ich hob diesen auf und bemerkte, daß die Frau, als sie den Brief in meinen Händen sah, ruhig ihren Weg fortsetzte. Der Brief war ohne Aufschrift, das Siegel stellte eine Schlinge dar. Ich sprang schnell in die Gondel und sobald ich auf dem offenen Wasser war, brach ich das Siegel und las folgendes: »Eine Nonne, die seit dritthalb Monaten Sie jeden Feiertag in ihrer Kirche sieht, wünscht Ihre Bekanntschaft zu machen. Eine Broschüre, die Sie verloren haben und die durch Zufall in ihre Hände geraten ist, läßt vermuten, daß Sie französisch sprechen; wenn Sie jedoch vorziehen, ihr auf italienisch zu antworten, so können Sie dies tun, denn ihr kommt es vor allem auf Klarheit und Genauigkeit an. Sie ladet Sie nicht ein, sie ins Sprechzimmer rufen zu lassen, denn Sie wünscht, daß Sie Sie erst sehen, hevor Sie mit ihr sprechen; deshalb wird Sie Ihnen eine Dame bezeichnen, die Sie ins Sprechzimmer begleiten können. Diese Dame wird Sie nicht kennen und wird folglich nicht nötig haben, Sie vorzustellen, wenn Sie etwa zufällig wünschen sollten, nicht bekannt zu werden. Sollten Sie glauben, daß diese Art, eine Bekanntschaft zu schließen, nicht passend sei, So wird die Nonne Ihnen ein Kasino in Murano nennen, wo Sie sie an einem beliebigen von Ihnen zu bestimmenden Tage um sieben Uhr Abend allein finden werden. Sie können bei ihr zum Abendessen bleiben oder auch nach einer Viertelstunde sich entfernen, wenn Sie anderweitig zu tun haben. Würden Sie vielleicht lieber ihr in Venedig ein Abendessen geben? Bestimmen Sie Tag, Stunde und Ort, wohin sie kommen soll, und Sie werden Sie maskiert aus einer Gondel steigen sehen; nur müssen Sie maskiert und mit einer Laterne in der Hand allein am Ufer sein. Ich bin überzeugt, daß Sie mir antworten werden und daß Sie erraten, mit welcher Ungeduld ich Ihre Antwort erwarte; ich bitte Sie daher, diese morgen derselben Frau zu übergeben, von der Sie diesen Brief bekommen werden; Sie finden sie eine Stunde vor Mittag in der Kirche San Canciano am ersten Altar rechter Hand. Bedenken Sie, daß ich mich niemals zu einem Schritt entschlossen haben würde, der Ihnen einen ungünstigen Begriff von mir beibringen könnte, wenn ich Ihnen nicht ein edles Herz und einen hohen Geist zutraute.« Der Ton dieses Briefes, den ich wörtlich abschreibe, überraschte mich noch mehr als die Sache selbst. Ich hatte zu tun, aber ich ließ alles liegen, um mich in meinem Zimmer einzuschließen und zu antworten. Dem Anschein nach kam der Brief von einer überspannten Person, aber ich fand darin zugleich eine Art Würde und eine Originalität, die mich anzogen. Mir kam der Gedanke, es könnte wohl die Nonne sein, die meiner Freundin Unterricht gäbe. Sie hatte sie mir als schön, reich, galant und freigebig geschildert. Meine liebe Frau konnte irgendeine Unvorsichtigkeit begangen haben; tausend Gedanken gingen mir durch den Kopf; aber ich wies jeden Gedanken zurück, der nicht der mir zulächelnden Aussicht günstig war. Übrigens hatte meine Freundin mir geschrieben, die Nonne, die ihr französische Stunden gebe, sei nicht die einzige, die diese Sprache spreche. Ich konnte durchaus nicht annehmen, daß C. C. es mir nicht gesagt haben sollte, wenn sie ihrer Freundin etwas von unserem Geheimnis anvertraut hätte. Trotzdem konnte die Nonne, die an mich schrieb, wohl die schöne Freundin meiner kleinen Frau sein; es konnte aber auch eine ganz andere sein. Diese Möglichkeit setzte mich in eine ziemliche Verlegenheit. Schließlich glaubte ich ihr folgendes schreiben zu können, ohne mich bloßzustellen: »Ich antworte Ihnen französisch, Madame, und hoffe, daß mein Brief die Klarheit und Genauigkeit besitzen wird, von denen Sie mir ein Beispiel geben. Die Sache ist außerordentlich interessant, und sie scheint mir in Anbetracht der Umstände von der größten Wichtigkeit zu sein. Da ich nun antworten muß, ohne zu wissen, wem ich antworte, so begreifen Sie, meine Gnädigste, daß ich ein eitler Geck sein müßte, wenn ich nicht eine Mystifikation befürchtete, und daß ich daher auf der Hut sein muß. Wenn es also wahr ist, daß die Feder, die mir schrieb, von einer ehrenwerten Dame geführt wurde, die mir Gerechtigkeit widerfahren läßt, indem sie bei mir dieselben edlen Gesinnungen voraussetzt wie bei sich selber, so wird sie, wie ich hoffe, finden, daß ich ihr nicht anders antworten kann, als wie ich hiermit die Ehre haben werde zu tun. Wenn Sie, meine Gnädige, mich der Ehre für würdig gehalten haben, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, obgleich Sie nur nach dem äußeren Anschein sich ein Urteil über mich haben bilden können, so halte ich mich für verpflichtet, Ihnen zu gehorchen, sei es auch nur, damit Sie Ihren Irrtum einsehen können, falls ich Sie etwa ohne meinen Willen zu einem solchen verleitet haben sollte. Von den drei Wegen, die Sie mir gütigst vorgeschlagen haben, wage ich nur den ersten zu wählen, und zwar mit der Einschränkung, die Ihr durchdringender Geist mir angedeutet hat: ich werde eine Dame, die mich^ nicht kennt und mich daher nicht vorstellen kann, in Ihr Sprechzimmer begleiten. Urteilen Sie nicht zu strenge, meine Gnädigste, über die heiklen Gründe, die mich nötigen, mich nicht zu nennen, und empfangen Sie mein ehrenwörtliches Versprechen, daß ich Ihren Namen nur erfahren werde, um Ihnen Ehre zu erweisen. Wenn Sie es für angebracht halten, das Wort an mich zu richten, werde ich Ihnen nur mit den Bezeigungen tiefster Ehrfurcht antworten. Erlauben Sie mir die Hoffnung zu hegen, daß Sie allein an das Gitter kommen werden, und gestatten Sie mir, Ihnen nebenbei zu sagen, daß ich Venetianer und in der vollsten Bedeutung des Wortes mein freier Herr bin. Wenn ich nicht einen der beiden Vorschläge wähle, die mir an sich besser gefallen hätten als der erste – denn sie bedeuten für mich eine unendliche Ehre – so geschieht das, gestatten Sie mir, es zu wiederholen, einzig und allein deshalb, weil ich fürchte, zum besten gehalten zu werden. Aber diese beiden anderen Möglichkeiten sind ja nicht verloren, sobald Sie mich kennen und ich Sie gesehen habe. Ich bitte Sie, an meine Aufrichtigkeit zu glauben und meine Ungeduld nach der Ihrigen zu bemessen. Morgen werde ich mir zur selben Stunde und am selben Ort Ihre Antwort holen.« Ich begab mich nach der bezeichneten Stelle, fand die Liebesbötin, gab ihr meinen Brief und eine Zechine und sagte ihr, ich würde am nächsten Tage wieder ebendort sein, um die Antwort zu holen. Pünktlich war ich da und fand sie. Sobald sie mich sah, kam sie auf mich zu und gab mir die Zechine, die ich ihr geschenkt hatte, und einen Brief, indem sie mich bat, ich möchte diesen lesen und ihr dann sagen, ob sie auf Antwort zu warten hätte. Ich entfernte mich, um den Brief zu lesen, der folgendermaßen lautete: »Ich glaube, mein Herr, mich in keiner Hinsicht getäuscht zu haben. Ich verabscheue wie Sie die Lüge, wenn sie wichtige Folgen haben kann; aber ich betrachte sie nur als einen Spaß, wenn sie niemandem schaden kann. Sie haben von meinen drei Vorschlägen denjenigen gewählt, der Ihrem Geist am meisten Ehre macht. Ich achte die Gründe, die sie abhalten, sich zu erkennen zu geben, und schreibe der Gräfin S. beiliegenden Brief, den ich Sie zu lesen bitte. Wollen Sie ihn, bitte, versiegeln, ehe Sie ihn ihr überbringen; sie wird durch einen anderen Brief vorher davon in Kenntnis gesetzt sein. Gehen Sie zu ihr, wann es Ihnen paßt; Sie wird Ihnen die Stunde nennen, und Sie begleiten Sie in ihrer Gondel hierher. Die Gräfin wird keine einzige Frage an Sie richten, und Sie brauchen ihr durchaus keine Erklärung zu geben. Von einer Vorstellung ist nicht die Rede; da Sie aber bei dieser Gelegenheit meinen Namen erfahren werden, können Sie dann später maskiert kommen und nach mir fragen; lassen Sie mich im Namen der Gräfin ins Sprechzimmer rufen. Auf diese Weise wird unsere Bekanntschaft gemacht sein, ohne daß Sie sich einen Zwang anzutun brauchen und ohne daß Sie bei Nacht Zeit verlieren, die Ihnen vielleicht kostbar ist. Ich habe der Magd befohlen, auf Ihre Antwort zu warten, für den Fall, daß die Gräfin Ihnen nicht angenehm sein sollte, weil Sie Ihr vielleicht bekannt sind. Wenn meine Wahl Ihnen gefällt, sagen Sie dem Mädchen, Sie haben mir keine Antwort zu geben.« Da ich sicher war, daß Gräfin S. mich nicht kannte, sagte ich dem Mädchen, ich habe ihrer Herrin keine Antwort zu geben, und sie ging. Das Briefchen, das meine Nonne der Gräfin schrieb, und das ich dieser überbringen sollte, lautete: »Ich bitte Dich, liebe Freundim, zu einer Besprechung zu mir zu kommen, sobald Du Zeit hast und der Maske, die Dir diese Zeilen überbringt, eine Dir passende Stunde zu nennen, damit sie Dich begleiten kann. Sie wird pünktlich sein. Lebwohl; mit bestem Dank Deine Freundin.« Dieses Briefchen schien mir großartig zu sein durch den Geist der Intrigue, der daraus sprach, und mich dünkte, er habe etwas Erhabenes an sich, das mich sehr anzog, obgleich ich wohl fühlte, daß man mich eine Rolle spielen ließ, als ob man mir eine Gnade erwiese. In ihrem letzten Brief tat meine Nonne, als sei es ihr einerlei, wer ich wäre; sie billigte meine Wahl und heuchelte Gleichgültigkeit in bezug auf nächtliche Zusammenkünfte; aber sie schien gewiß zu sein, daß ich sie würde ins Sprechzimmer rufen lassen, nachdem ich sie gesehen hätte. Ich wußte schon, woran ich war, denn worauf sollte die Intrigue hinauslaufen, wenn nicht auf eine Liebschaft und ein Stelldichein? Indessen vermehrte ihre Sicherheit oder vielmehr ihre Zuversicht meine Neugier, und ich fühlte, daß sie ein Recht hatte, darauf zu hoffen, wenn sie jung und hübsch war. Es hätte nur an mir gelegen, die Sache um ein paar Tage hinauszuschieben und von C. C. zu erfahren, wer wohl die Nonne sein mochte; aber erstens wäre das unredlich gewesen, zweitens fürchtete ich mir damit das Abenteuer zu verderben, was mir vielleicht hinterher leid getan hätte. Sie sagte mir, ich möchte die Gräfin aufsuchen, wann es mir paßte; aber dies war nur geschehen, weil ihre Würde von ihr verlangte, sich nicht zu eifrig zu zeigen; außerdem konnte sie sich denken, daß ich selber ungeduldig sein würde. Sie schien mir in Dingen der Galanterie zu wohl bewandert zu sein, als daß ich sie für eine unerfahrene Anfängerin hätte halten können; ich fürchtete daher meine Zeit zu verlieren; aber mit dieser Möglichkeit fand ich mich ab und beschloß mich selber tüchtig auszulachen, wenn ich mich irgendeiner bejahrten Schönen gegenüber finden sollte. Ganz gewiß hätte ich nicht den geringsten Schritt getan, wäre ich nicht neugierig gewesen; ich wollte durchaus wissen, wie eine Nonne aussah, die sich erboten hatte, nach Venedig zu kommen und mit mir zu soupieren. Übrigens war ich sehr erstaunt über die Freiheit, deren die frommen Nonnen genossen, und über die Leichtigkeit, womit sie den Klosterbann zu brechen wußten. Um drei Uhr begab ich mich zur Gräfin und ließ ihr mein Briefchen zustellen; sie erschien und sagte mir, ich würde ihr ein Vergnügen bereiten, wenn ich am nächsten Tage zur selben Stunde wiederkäme. Wir machten uns gegenseitig eine schöne Verbeugung und trennten uns. Diese Gräfin war ein famoses Weib, zwar schon etwas über die Blüte hinaus, aber immer noch schön. Der nächste Tag war ein Sonntag, und ich versäumte nicht, zur Messe zu gehen. Ich war elegant gekleidet und frisiert und in der Phantasie bereits meiner lieben C. C. untreu; denn ich dachte mehr daran, mich der Nonne zu zeigen, mochte sie nun jung oder alt sein, als mich den Blicken meiner reizenden kleinen Frau darzubieten. Am Nachmittag legte ich wieder meine Maske an und ging um die verabredete Stunde zur Gräfin, die mich bereits erwartete. Wir stiegen in eine Gondel mit zwei Ruderern und kamen beim Kloster an, ohne von etwas anderem gesprochen zu haben als vom schönen Wetter. Am Gitter angekommen, ließ sie M. M. rufen. Dieser Name setzte mich in Erstaunen, denn seine Trägerin war berühmt. Man ließ uns in ein kleines Besuchszimmer eintreten, und einige Minuten später sah ich eine Nonne erscheinen, die geraden Weges auf das Gitter losging und auf einen Knopf drückte. Vier Fensterscheiben sprangen zur Seite und ließen eine geräumige Öffnung frei, durch die die beiden Freundinnen sich in aller Bequemlichkeit umarmen konnten. Unmittelbar darauf wurde das sinnreiche Fenster sorgfältig wieder verschlossen. Die Offnung war mindestens achtzehn Zoll im Geviert groß, und ein Mann von meinem Wuchs hätte bequem hindurchschlüpfen können. Die Gräfin setzte sich der Nonne gegenüber, und ich nahm ein wenig zur Seite Platz, jedoch so, daß ich ganz bequem eine der schönsten Frauen betrachten konnte, die man überhaupt zu sehen vermag. Ich bezweifelte nicht, daß es die Nonne war, die meiner lieben C. C. französische Stunden gab und von der diese mir gesprochen hatte. Vor Bewunderung war ich in einer Art von Bezauberung befangen, so daß ich kein Wort von ihrem ganzen Gespräch vernahm. Meine schöne Nonne richtete kein Wort an mich, sondern gönnte mir nicht einmal die Ehre eines einzigen Blickes. Sie konnte zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alt sein, und der Schnitt ihres Gesichtes war von der schönsten Form. Ihr Wuchs ging weit über Mittelmaß hinaus, ihre sehr weiße Gesichtsfarbe war ein wenig blaß, ihr Ausdruck edel und kühn, aber zugleich zurückhaltend und bescheiden; ihre wohlgeschnittenen Augen waren von schöner himmelblauer Farbe, ihre Miene war sanft und lachend, ihre Lippen waren schön und feucht von der süßesten Sinnlichkeit, ihre Zähne zwei Reihen Perlen vom glänzendsten Schmelz. Die Haare konnte ich ihrer Haube wegen nicht sehen; aber wenn sie welche hatte, mußten sie schön hellbraun sein; das konnte ich an den Augenbrauen sehen. Was mich am meisten entzückte, war ihre Hand und ihr Vorderarm, den ich bis zum Ellbogen sah. Der Meißel des Praxiteles hat niemals etwas schöner gerundetes, volleres und anmutigeres geformt. Trotz allem, was ich sah und erriet, bereute ich es nicht, die beiden Stelldichein ausgeschlagen zu haben, die die Schöne mir angeboten hatte, denn ich fühlte mich sicher, daß ich binnen wenigen Tagen sie besitzen würde, und es war mir ein Genuß, ihr meine Begierden zum Opfer weihen zu können. Ich sehnte mich nach dem Augenblick, wo ich mit ihr allein am Sprechgitter sein würde, und ich hätte ihr einen Schimpf angetan geglaubt, wenn ich nicht gleich am nächsten Tage hingegangen wäre, um ihr zu versichern, daß ich ihr alle Ge- rechtigkeit wiederfahren ließe, die sie verdiente. Sie sah mich während der ganzen Zeit nicht einen einzigen Augenblick an, aber diese Art von Zurückhaltung gefiel mir im Grunde. Plötzlich senkten die bei- den Freundinnen die Stimme, und Zartgefühl machte mir zur Pflicht, mich zu entfernen. Ihre geheime Unterhaltung dauerte eine Viertelstunde, die ich damit verbrachte, mir zum Schein ein Gemälde anzusehen. Nach Ablauf dieser Zeit umarmten sie sich wieder wie zu Anfang; die Nonne schloß das bewegliche Gitter wieder zu, drehte uns den Rücken und ging, ohne mir auch nur einen einzigen Blick zuzuwerfen. Auf der Rückfahrt nach Venedig wurde die Gräfin vielleicht meines Schweigens überdrüssig und sagte lächelnd zu mir: »M. M. ist schön und sehr geistvoll.« »Das eine habe ich gesehen, und das andere glaube ich.« »Sie hat kein Wort zu Ihnen gesagt.« »Da ich ihr nicht vorgestellt werden wollte, hat sie mich bestraft, indem sie so tat, als ob sie meine Anwesenheit gar nicht bemerkte.« Die Gräfin antwortete nicht, und wir kamen bei ihrem Hause an, ohne noch ein weiteres Wort auszutauschen. Ich verließ sie an der Tür, da eine schöne Verbeugung und die Worte: Leben Sie wohl, mein Herr! mir bedeuteten, daß ich nicht weiter mitzugehen hätte. Übrigens hatte ich dazu auch gar keine Lust; ich ging an einen anderen Ort, um meinen Gedanken über dieses eigenartige Abenteuer nachzuhängen, auf dessen Weiterentwicklung ich sehr gespannt war. Achtzehntes Kapitel Die Gräfin Coronini. – Liebesverdruß. – Versöhnung. – Erste Zusammenkunft. – Philosophische Abschweifung. Meine schöne Nonne hatte nicht mit mir gesprochen, und das war mir ganz recht; denn ich war so verblüfft, so von Bewunderung hingerissen, daß sie durch die unzusammenhängenden Antworten, die ich wahrscheinlich auf ihre Fragen gegeben hätte, vielleicht einen sehr niedrigen Begriff von meinem Geiste bekommen haben würde. Ich sah ein, daß sie überzeugt sein müßte, sie würde die Demütigung einer verneinenden Antwort nicht zu befürchten haben; aber ich bewunderte trotzdem ihren Mut, daß sie in ihrer Lage sich immerhin einer solchen Gefahr aussetzte. Ich konnte mir die Kühnheit nur schwer erklären, und ich begriff nicht, wie sie sich ihre Freiheit verschaffen konnte, deren sie sich offenbar erfreute. Ein Kasino in Murano! Die Möglichkeit, in Venedig mit einem jungen Mann unter vier Augen zu Nacht zu speisen! Dies alles war mir unklar, und ich kam schließlich zu der Annahme, daß sie einen offiziellen Liebhaber haben müßte, der seine Freude daran hätte, sie glücklich zu machen, indem er ihre Launen befriedigte. Dieser Gedanke verletzte allerdings meinen Stolz ein wenig; aber das Ergebnis war zu pikant, die Schöne selber zu anziehend, als daß ich mich nicht über meine Bedenken hätte hinwegsetzen sollen. Ich sah mich auf bestem Wege, meiner lieben C. C. untreu zu werden, oder ich war es vielmehr in Gedanken bereits; aber ich gestehe, daß ich trotz meiner Liebe zu dem reizenden Mädchen durchaus keine Gewissensbisse darüber verspürte. Mir schien, an einer Untreue dieser Art könnte sie keinen Anstoß nehmen, wenn sie sie zufällig entdecken sollte; denn diese kleine Abweichung vom Wege war nur dazu angetan, mich in Atem zu erhalten und mich ihr zu retten, denn dadurch konnte ich dem Kummer entgehen, der mich dahinsiechen ließ. Durch eine mit Herrn Dandolo verwandte Nonne war ich der Gräfin Coronini vorgestellt worden. Diese Gräfin war sehr schön gewesen und hatte viel Geist; als sie sich nicht mehr mit den Hofintriguen beschäftigen mochte, die bis dahin ihr ganzes Leben ausgefüllt hatten, zog sie sich ins Kloster Santa Giustina zurück, um dort die Ruhe zu suchen, nach der sie verlangte, als alles andere ihr zum Ekel geworden war. Da sie eines hohen Rufes genossen hatte, sah sie an ihrem Sprechgitter noch immer alle fremden Gesandten und die ersten Würdenträger der Republik. Die Kosten der Unterhaltung wurden auf beiden Seiten von der Neugierde bestritten; die Gräfin wußte in ihren Klostermauern alles, was in der Stadt vorfiel, und zuweilen behauptete sie sogar mehr zu wissen als dies. Die Dame nahm mich stets sehr gut auf, indem sie mich als jungen Menschen behandelte, dem sie jedesmal, wenn er sie besuchte, sehr angenehme moralische Lehren gab. Ich war sicher, bei geschicktem Verhalten irgendetwas über M. M. zu erfahren, und beschloß daher, gleich am nächsten Morgen nach meinem Besuch bei der schönen Nonne der Gräfin meine Aufwartung zu machen. Sie empfing mich auf die gewohnte Weise. Nachdem wir über allerlei Nichtigkeiten geplaudert hatten, wie man es in der guten Gesellschaft zu tun pflegt, bevor man zu einem vernünftigen Gespräch kommt, brachte ich die Unterhaltung auf die Klöster von Venedig. Wir sprachen von dem Geist und Ansehen einer Nonne, namens Celsi, die trotz ihrer Häßlichkeit in allen Angelegenheiten, die ihr am Herzen lagen, einen bedeutenden Einfluß ausübte. Hierauf unterhielten wir uns von der reizenden jungen Schwester Micheli, die den Schleier genommen hatte, um ihrer Mutter zu beweisen, daß sie die Klügere sei. Dann kam das Gespräch auf mehrere andere, von denen man sagte, daß sie galant seien, und ich nannte M. M., indem ich die Bemerkung machte, diese müsse wohl auch zu den galanten gehören, aber sie sei ein Rätsel. Die Gräfin antwortete mir lächelnd, im allgemeinen sei das allerdings richtig, aber das Rätsel bestehe nicht für alle Welt. »Unbegreiflich ist nur, warum sie die Laune gehabt hat, den Schleier zu nehmen, obgleich sie schön, reich, unabhängig, klug, sehr gebildet, und, soviel ich weiß, ein Freigeist ist. Sie nahm den Schleier ohne jeden körperlichen oder moralischen Grund, es war einfach eine Laune von ihr.« »Halten Sie sie für glücklich, Frau Gräfin ?« »Ja; wenn sie nicht etwa ihren Schritt bereut oder später dazu kommt, ihn zu bereuen. Sollte aber dieser Fall je eintreten, so halte ich sie für vernünftig genug, es niemanden merken zu lassen.« Die geheimnisvolle Miene der Gräfin brachte mich zu der Überzeugung, daß M. M. einen Liebhaber haben müsse. Ich beschloß jedoch, mir darüber nicht den Kopf zu zerbrechen, sondern maskierte mich und fuhr am Nachmittag nach Murano. An der Klosterpforte läutete ich und fragte klopfenden Herzens nach M. M.; ich käme im Auftrage der Gräfin S. Das kleine Sprechzimmer war geschlossen; die Pförtnerin zeigte mir ein anderes, in das ich eintreten sollte. Ich tat dies, nahm meine Maske ab, setzte mich und wartete auf das Kommen meiner Göttin. Mein Herz schlug Sturmmarsch. Ich wartete voll Ungeduld, und trotzdem war das Warten mir angenehm; denn ich fürchtete mich vor dem Augenblick der ersten Begegnung. Eine Stunde verging mir ziemlich schnell; dann aber begann mir das Warten doch ein bißchen lang zu werden. Ich dachte die Pförtnerin hätte mich vielleicht nicht richtig verstanden; daher klingelte ich nochmals am Eingang und fragte, ob man Schwester M. M. benachrichtigt hätte. Eine Stimme antwortete mir: Ja. Ich setzte mich wieder, und nach einigen Minuten kam eine zahnlose alte Nonne zu mir herein und sagte mir: »Mutter M. M. ist für den ganzen Tag beschäftigt.« Hierauf ging sie hinaus, ohne mir soviel Zeit zu lassen, daß ich ein einziges Wort hätte sprechen können. Dies war nun einer von den schrecklichen Augenblicken, wie sie einer, der Abenteuern nachjagt, zuweilen erlebt. Sie sind der bitterste Schmerz, den es gibt. Sie demütigen, schmettern nieder, töten! Ich fühlte mich erniedrigt. Meine erste Empfindung war größte Verachtung meiner selbst, die an Wut grenzte; mein zweites Gefühl war unwillige Verachtung der Nonne, über die ich das strenge Urteil fällte, das sie zu verdienen schien und das allein mich in meinem Schmerz tröstete. Wahnsinnig, elend, schamlos mußte ich sie nennen, um nur mich selbst zu trösten. So konnte sie gegen mich nur gehandelt haben, wenn sie das schamloseste aller Weiber und wenn sie jeder Vernunft bar war; denn die beiden Briefe, die ich von ihr hatte, genügten, um ihre Ehre zu vernichten, wenn ich hätte rächen wollen; und auf meine Rache mußte sie doch gefaßt sein. Sie mußte wahnsinnig sein, diese Rache herauszufordern. Ich hätte sie auch unbedingt für wahnsinnig gehalten, wenn ich nicht ihr Gespräch mit der Gräfin angehört hätte. Aber ich erhob mich aus dem Tumult von Scham und Zorn, der meine Seele niederbeugte, während einzelner heller Momente, die nur anbrachen. Zeit bringt Rat, sagte ich bei mir selber; sie bringt auch Ruhe, und durch Überlegung kommt Klarheit in die Gedanken. Im Grunde war es doch ein ganz gewöhnliches Erlebnis und es würde mir als solches von Anfang an erschienen sein, wenn nicht die Reize der Nonne und meine eigene Eitelkeit mich geblendet hätten. Schließlich fühlte ich, daß es nur an mir läge, über das Mißgeschick zu lachen, und daß kein Mensch würde merken können, ob ich wirklich aufrichtig darüber lachte oder nur so täte. Sophismen sind ja so schnell bei der Hand! Trotz allen diesen schönen Vorsätzen dachte ich aber doch an Rache. Nur durfte nichts Niedriges sich in diese einmischen. Ich wollte ihr nicht den Triumph gönnen, mich mit ihrem schlechten Spaß angeführt zu haben, und darum durfte ich mich nicht beleidigt zeigen. Sie hatte mir sagen lassen, sie wäre beschäftigt. So war mir meine Rolle vorgeschrieben, ich mußte den Gleichgültigen spielen. Ohne Zweifel sagte ich mir, wird sie ein anderes Mal nicht beschäftigt sein; aber sie soll es nur versuchen, mich noch einmal in ihr Netz zu locken! Ich werde ihr zeigen, daß ich über ihr schändliches Benehmen nur gelacht habe. Selbstverständlich mußte ich ihre Briefe zurückschicken; aber dies mußte mit einem Briefchen geschehen, dessen Galanterie ihr kein Lächeln der Befriedigung entlocken würde. Am unangenehmsten war es mir, daß ich verpflichtet war, in ihre Kirche zu gehen; aller Wahrscheinlichkeit nach wußte sie nicht, daß ich C. C. zuliebe hinging, und sie hätte sich einbilden können, ich käme nur in der Hoffnung, ihr Gelegenheit zu geben, daß sie sich bei mir entschuldigte und mit mir ein neues Stelldichein verabredete. Sie sollte an meiner Verachtung durchaus nicht zweifeln können ; außerdem glaubte ich, daß die Zusammenkünfte, die sie mir angeboten hatte, nur in ihrer Phantasie möglich wären und daß sie Sie mir nur vorgespiegelt hätte, um damit Eindruck auf mich zu machen. Mit dem Bedürfnis der Rache legte ich mich zu Bett; darüber nachdenkend schlief ich ein, und ich erwachte mit dem Entschluß, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Ich schrieb an sie; da ich aber sicher sein wollte, daß meinem Brief nicht der Liebesverdruß anzumerken wäre, der an mir nagte, so ließ ich ihn auf meinem Schreibtisch liegen, um ihn am nächsten Tag ruhigen Blutes nochmal zu lesen. Diese Vorsicht war gut, denn als ich vierundzwanzig Stunden später den Brief wieder durchlas, fand ich ihn unwürdig und zerriß ihn in tausend Fetzen. In dem Brief kamen Sätze vor, in denen sich meine Schwäche, meine Liebe, mein Verdruß verrieten, die daher nicht nur nicht sie gedemütigt, sondern im Gegenteil ihr Stoff geliefert hätten, sich über mich lustig zu machen. Am Mittwoch schrieb ich an C. C., triftige Gründe zwängen mich, die Messen in ihrer Klosterkirche nicht mehr zu besuchen. Hierauf verfaßte ich einen anderen Brief an meine Nonne, der am Donnerstag dasselbe Schicksal wie der vorige hatte, weil ich beim Durchlesen wieder die gleichen Mängel entdeckte. Es kam mir vor, als könnte ich überhaupt nicht mehr schreiben; nach Verlauf von zehn Tagen bemerkte ich, daß ich zu verliebt war, um mich anders ausdrücken zu können als wie mein Herz es verlangte: Sincerum est nisi vas, quodcunque in fundis acescit. Ist das Gefäß nicht rein, wird sicherlich sauer der Inhalt. M. M.s Gesicht hatte auf mich einen so tiefen Eindruck daß dieser nur durch das abstrakteste aller Wesen, die Zeit, verwischt werden konnte. In der dummen Lage, in der ich mich befand, war ich hundertmal in der Versuchung, zur Gräfin S. zu gehen und mich bei ihr zu beklagen; Gott sei Dank aber war ich so vorsichtig, niemals ihre Schwelle zu überschreiten. Der Gedanke, daß die unbedachte Nonne in tausend Ängsten schweben müßte, da in meinen Händen zwei Briefe sich befanden, die ihren guten Ruf vernichten und dem Kloster großen Schaden zufügen konnten – dieser Gedanke brachte mich endlich nach zehn Tagen zu dem Beschluß, ihr die Briefe mit folgendem Begleitschreiben zurückzuschicken: »Ich bitte Sie, mir zu glauben, Madame, daß ich nur aus reiner Vergeßlichkeit Ihnen Ihre beiden Briefe noch nicht zurückschickte. Sie finden sie anbei. Niemals habe ich daran gedacht, den Grund meines Wesens zu verleugnen und gegen Sie eine feige Rache auszuüben. Ich verzeihe Ihnen recht leicht die beiden riesigen Unbesonnenheiten, die Sie begangen haben, sei es, daß Sie dabei ganz gedankenlos Ihrer Natur gefolgt sind, sei es, daß Sie vielleicht sich über mich lustig machen wollten. Gestatten Sie mir jedoch, Ihnen den Rat zu geben, einem anderen gegenüber es nicht ebenso zu machen, denn Sie könnten an jemanden geraten, der nicht so zartfühlend wäre wie ich. Ich kenne Ihren Namen, ich weiß, wer Sie sind. Aber seien Sie ruhig, es ist so gut, wie wenn ich gar nichts wüßte. Übrigens ist es ja möglich, daß Sie meiner Verschwiegenheit wenig Wert beimessen; aber wenn das der Fall ist, so finde ich Sie sehr bedauernswert. Wie Sie sich wohl denken können, Madame, werden Sie mich nicht mehr in Ihrer Kirche sehen; aber seien Sie überzeugt, daß dies für mich kein Opfer bedeutet: ich brauche nur einfach anderswohin zu gehen, um die Messe zu hören. Doch muß ich Ihnen sagen, aus welchem Grunde ich künftighin nicht mehr in Ihrem Kloster erscheinen werde: Ich finde es ganz natürlich, wenn Sie zu den beiden von Ihnen begangenen Unbesonnenheiten noch eine dritte nicht minder große hinzugefügt haben: nämlich die, sich Ihrer Heldentaten einer Mitnonne gegenüber zu rühmen, und ich will Ihnen keinen Stoff liefern, in Ihrer Zelle oder in Ihrem Boudoir über mich zu lachen. Finden Sie es nicht allzu lächerlich, daß ich trotz den fünf oder sechs Jahren, die ich älter bin als Sie, noch nicht alle Scham abgestreift und noch nicht das ganze mir überkommene Anstandsgefühl mit Füßen getreten habe – oder, wenn Sie es lieber so ausgedrückt sehen wollen: daß ich noch einige Vorurteile mir bewahrt habe. Ich bin der Meinung, es gibt Vorurteile, die man niemals gänzlich von sich abschütteln darf. Lassen Sie sich, Madame, diesen kleinen Denkzettel gefallen, denn auch ich nehme ja gutmütig genug den hin, den Sie offenbar nur zum Spaß mir erteilt haben; ich verspreche Ihnen, ihn für mein ganzes Leben mir zur Lehre dienen zu lassen.« Ich hielt diesen Brief den Umständen nach für sehr zahm. Nachdem ich ihn fertig gemacht hatte, maskierte ich mich und suchte mir einen Forlanen oder Friauler, der mich nicht kennen konnte. Ich gab ihm eine halbe Zechine und versprach ihm den gleichen Betrag für den Augenblick, wo er mir melden würde, daß er den Brief richtig im Kloster auf Murano abgegeben hätte. Ich gab ihm alle nötigen Weisungen und nahm ihm das Versprechen ab, daß er sich entfernen würde, sobald er den Brief der Pförtnerin übergeben hätte, selbst wenn man ihm sagen sollte, daß er warten möchte. Ich muß hier bemerken, daß die Forlanen in Venedig Dienstmänner waren, die ein besonderes Vertrauen genossen; man hatte niemals gehört, daß einem von ihnen auch nur der geringste Vertrauensbruch vorgeworfen werden konnte. Dasselbe galt früher auch von den Savoyarden in Paris; aber alles wird anders auf dieser Welt. Ich begann die Geschichte zu vergessen – jedenfalls weil ich unbewußt dachte, ich hätte zwischen ihr und mir eine unüberschreitbare Schranke aufgerichtet. Da bemerkte ich zehn Tage später beim Verlassen der Oper denselben Forlanen mit seiner Laterne in der Hand. Ohne mir etwas dabei zu denken, rief ich ihn an und fragte ihn, ob er mich kenne. Die Maske behielt ich vor dem Gesicht. Er sah mich an, musterte mich von oben bis unten und verneinte meine Frage. »Hast du deinen Auftrag in Murano gut ausgerichtet?« »Ah, Gott sei gelobt, Herr, daß ich das Glück habe Sie zu finden. Ich habe Ihnen wichtige Dinge mitzuteilen. Ich habe Ihren Brief hingebracht, habe ihn abgeliefert, wie Sie mir's befohlen hatten, und bin sofort weggegangen, als ich ihn in den Händen der Pförtnerin sah, obgleich die Nonne mir sagte, ich möchte warten. Bei meiner Rückkehr fand ich Sie nicht mehr vor – aber einerlei. Am anderen Morgen in aller Frühe kam einer meiner Kameraden, der an der Klosterpforte gewesen war, als ich den Brief abgab, weckte mich auf und sagte mir, ich müßte nach Murano kommen, die Pförtnerin wollte durchaus mit mir sprechen. Ich ging hin. Nachdem ich ein paar Augenblicke hatte warten müssen, ließ die Schwester mich ins Sprechzimmer eintreten, wo eine Nonne, schön wie der Tag, länger als eine Stunde mich mit allen möglichen Fragen bestürmte, die sämtlich darauf hinausgingen, daß ich ihr sagen sollte, wer Sie wären, oder doch wenigstens, an welchem Orte ich Sie finden könnte. Wie Sie wissen, konnte ich ihr keine befriedigende Antwort geben. Schließlich ging sie hinaus, befahl mir aber zu warten und kam zwei Stunden darauf mit einem Brief wieder, den sie mir übergab. Sie sagte mir, wenn es mir gelänge, Brief an Sie zu bestellen und ihr eine Antwort zu überbringen, so würde sie mir zwei Zechinen geben. Unterdessen sollte ich, bis ich Sie aufgefunden hätte, jeden Tag ins Kloster kommen und ihr den Brief zeigen; dafür würde ich jedesmal vierzig Soldi erhalten. Bis jetzt habe ich auf diese Art zwanzig Lire verdient; ich fürchte sie wird des Dinges überdrüssig, und es steht nur bei Ihnen, guter Herr, mich zwei Zechinen verdienen zu lassen, indem Sie zwei Zeilen auf den Brief antworten.« »Wo ist dieser Brief?« Bei mir zu Hause, eingeschlossen; denn ich habe immer Angst, ich könnte ihn verlieren.« »Ja, wie soll ich ihn denn dann beantworten?« Haben Sie die Güte, hier auf mich zu warten; in weniger als einer Viertelstunde bin ich mit dem Brief wieder hier.« »Ich werde nicht auf dich warten, denn diese Antwort hat gar kein Interesse für mich. Aber sage mir, wie hast du der Nonne Hoffnung machen können, daß du mich auffinden würdest? Du bist ein Spitzbube; denn es ist nicht wahrscheinlich, daß sie dir den Brief anvertraut haben würde, wenn du ihr nicht Hoffnung gemacht hättest, du würdest mich ausfindig machen!« »Ich bin kein Spitzbube, denn ich habe genau ausgeführt, was Sie mir aufgetragen hatten. Aber ich habe ihr allerdings Ihren Anzug,Ihre Schnallen, Ihren Wuchs genau beschrieben; und ich versichere Ihnen, seit zehn Tagen sehe ich mir ganz genau jede Maske von Ihrer Figur an. Aber vergeblich. Jetzt erkenne ich allerdings Ihre Schuhschnallen wieder, ich glaube aber, Sie haben heute einen anderen Rock an. Ach, Herr! es kostet Ihnen doch nichts, eine einzige Zeile zu schreiben. Seien Sie doch so gut und warten Sie in dem Kaffeehause hier einen Augenblick auf mich!« Ich konnte meiner Neugier nicht länger widerstehen und entschloß mich, nicht auf ihn zu warten, wohl aber ihn nach seinem Hause zu begleiten. Ich brauchte nur zu schreiben: Ich habe den Brief erhalten. Damit verschaffte ich mir eine Genugtuung und ließ fogleich den Forlanen zwei Zechinen verdienen. Am nächsten Tage wechselte ich Schuhschnallen und Maske und konnte dann aller Nachforschungen lachen. Ich begleitete also meinen Fertanen bis an seine Tür; er ging hinein und brachte mir den Brief heraus. Ich gehe mit ihm in ein Wirtshaus, lasse mir ein Zimmer geben, ein gutes Feuer anmachen und sage dem Mann, er solle warten. Ich öffne den dicken Brief, und das erste, was meine Augen sehen, sind die beiden Briefe, die ich ihr zurückgeschickt hatte, um sie wegen der Folgen ihrer Unbesonnenheit zu beruhigen. Bei diesem Anblick bekam ich so heftiges Herzklopfen, daß ich mich setzen mußte: die Rücksendung der Briefe war ein sicheres Zeichen meiner Niederlage. Außer diesen beiden Briefen sah ich ein kleines Briefchen, das an M. M. überschrieben und mit S. unterzeichnet war. Ich las es, es enthielt nur folgende Worte: »Die Maske, die mich hin- und zurückbegleitete, hätte, glaube ich, überhaupt nicht den Mund aufgetan, wenn ich nicht die Bemerkung gemacht hätte, die Reize Deines Geistes seien noch verführerischer als die Deines Antlitzes. Er antwortete mir: Das eine habe ich gesehen, und das andere glaube ich. Ich fuhr fort, ich könnte nicht begreifen, warum Du gar nicht mit ihm gesprochen hättest, und er antwortete lächelnd: Ich wollte mich ihr nicht vorstellen lassen; sie hat mich dafür bestraft, indem sie von meiner Anwesenheit keine Notiz nahm. Das war unser ganzes Gespräch. Ich wollte Dir dies Briefchen heute früh schicken, aber es war mir unmöglich. Lebe wohl!« Nachdem ich dies Billett gelesen hatte, das genau der Wahrheit entsprach und der Nonne als Entlastungsbeweis dienen konnte, verminderte sich mein Herzklopfen. Die Aussicht, mich einer Ungerechtigkeit überführt zu sehen, entzückte mich; ich faßte Mut und las folgenden Brief: »Eine Schwachheit, die ich für sehr verzeihlich halte, machte mich neugierig, zu erfahren, was sie unterwegs zur Gräfin über mich gesagt hatten; ich benutzte einen günstigen Augenblick, um ihr unbemerkt zu sagen, sie möchte mir spätestens am nächsten Morgen Mitteilung darüber machen, denn ich sah voraus, daß Sie mir im Laufe des Nachmittags einen pflichtschuldigen Besuch abstatten würden. Ihr Briefchen, das ich Ihnen sende, mit der Bitte, es zu lesen, ist mir erst zugegangen, als Sie seit einer halben Stunde fort waren. Erstes Verhängnis. Da ich diesen Brief noch nicht erhalten hatte, als Sie mich rufen ließen, besaß ich nicht die Kraft, Ihren Besuch anzunehmen. Dies war eine gräßliche Schwachheit – die Sie aber, wie ich hoffe, für ebenso verzeihlich halten werden. Denn es war das zweite Verhängnis. Ich befahl der Laienschwester Ihnen zu sagen: ich sei für den ganzen Tag krank. Dies war eine sehr berechtigte Entschuldigung, einerlei, ob sie wahr oder falsch war; denn es war eine Anstandslüge, die durch die Worte: für den ganzen Tag als bloße Ausrede erkennbar war. Sie waren schon fortgegangen, und es war mir nicht mehr möglich, Sie zurückholen zu lassen, als das alberne alte Weib mir meldete, sie habe Ihnen gesagt, ich sei beschäftigt. Dies war das dritte Verhängnis! Sie können sich nicht vorstellen, was ich der dummen Nonne am liebsten alles gesagt und angetan hätte; aber hier im Kloster darf man gar nichts sagen oder tun; man muß Geduld haben und sich verstellen und noch obendrein Gott danken, daß die Versehen in Dummheit und nicht in Bosheit ihren Ursprung haben; denn das letztere kommt in Klöstern gar nicht selten vor. Ich sah sofort – wenigstens zum Teil – voraus, wie es denn auch wirklich gekommen ist; denn alles konnte wohl, glaube ich, menschliche Vernunft doch nicht voraussehen. Ich erriet, daß Sie sich für genasführt hielten, und daß Sie empört sein würden, und ich empfand darob einen unaussprechlichen Kummer; denn ich sah keine Möglichkeit, Ihnen vor dem nächsten Feiertag die Wahrheit kundzugeben. Mein Herz rief diesen Tag mit glühender Sehnsucht herbei: wie hätte ich wohl ahnen können, daß Sie den Entschluß fassen würden, nicht mehr in unsere Messe zu gehen. Geduldig trug ich mein Unglück bis zum nächsten Sonntag; aber als ich mich in meiner Hoffnung getäuscht sah, da wurde mein Schmerz unerträglich; und er wird mich töten, wenn Sie sich weigern, meine Rechtfertigung anzuerkennen. Ihr Brief hat mich völlig unglücklich gemacht, und ich werde meiner Verzweiflung erliegen, wenn Sie bei dem grausamen Entschluß beharren, von dem Ihr Brief mir spricht. Sie halten sich für gefoppt. Weiter können Sie nichts sagen. Aber wird nun dieser mein Brief Sie von Ihrem Irrtum überführen? Selbst wenn Sie glaubten, ich hätte Sie schmachvoll betrogen, so konnten Sie – dies müssen Sie zugeben! – mir einen so schrecklichen Brief doch nur schreiben, wenn Sie mich für ein gradezu abscheuliches Ungeheuer hielten, wie eine Frau von vornehmer Geburt und Erziehung es unmöglich sein kann. Ich lege die beiden Briefe wieder bei, die Sie mir zurückschickten, weil Sie glaubten, dadurch meine Unruhe zu beschwichtigen, die Sie aber grausamerweise einer ganz falschen Ursache zuschreiben. Ich verstehe mich besser als Sie auf Gesichter; seien Sie überzeugt: was ich tat, habe ich nicht aus Unbesonnenheit getan; denn ich habe Sie niemals auch nur einer unschönen Handlungsweise für fähig gehalten, geschweige denn einer Schlechtigkeit. Sie müssen in meinen Gesichtszügen nur die Seele eines schamlosen Tollkopfes entdeckt haben – und das bin ich nicht. Sie werden vielleicht an meinem Tode schuld sein oder zum mindesten mich für mein ganzes Leben unglücklich machen, wenn Sie es unterlassen, nun auch sich zu rechtfertigen; denn ich meinerseits glaube mich im vollsten Maße gerechtfertigt zu haben. Ich hoffe, Sie werden, selbst wenn Ihnen an meinem Leben nichts liegen sollte, doch einsehen, daß Ihre Ehre erheischt, mich zu einer Unterredung aufzusuchen. Kommen Sie selber und nehmen Sie alles zurück, was Sie mir geschrieben haben! Sie müssen es, und ich verdiene es! Sollten Sie nicht begreifen, wie verhängnisvoll Ihr Brief auf mich gewirkt hat, wie verhängnisvoll er auf das Herz jeder unschuldigen und nicht gradezu wahnwitzigen Frau wirken müßte – so könnte ich, trotz meinem Unglück, Sie nur bedauern; denn alsdann hätten Sie gar keine Kenntnis vom Menschenherzen. Aber ich bin gewiß, Sie werden wiederkommen – wenn es nur dem Mann, dem ich diesen Brief übergebe, gelingt, Sie aufzufinden. Leben Sie wohl! Ich erwarte von Ihnen Leben oder Tod!« Ich brauchte diesen Brief nicht zweimal zu lesen. Ich war verwirrt, verzweifelt. M.M. hatte recht. Ich ließ sofort den Friauler hereinkommen und fragte ihn, ob er am Morgen mit ihr gesprochen und ob sie krank ausgesehen hätte. Er antwortete mir, er hätte sie jeden Tag trauriger und abgespannter gefunden und sie hätte rote Augen. »Warte draußen auf mich!« Ich setzte mich zum Schreiben nieder und war erst bei Tagesanbruch mit meinem wortreichen Geschreibsel fertig. Mein Brief an das edelste Weib, das ich in meinem Ärger so falsch beurteilt hatte, lautete folgendermaßen: »Ich bin schuldig, Madame, und kann gar nichts zu meiner Verteidigung anführen. Von ihrer Unschuld aber bin ich vollkommen überzeugt. Ich wäre untröstlich, wenn ich nicht die süße Hoffnung hegte, meine Verzeihung zu erlangen, und Sie werden mir diese nicht verweigern, wenn Sie gütigst bedenken, was mich hat schuldig werden lassen. Ich sah Sie, Sie blendeten meine Augen, und ich konnte ein Glück nicht fassen, das mir als eine Chimäre erschien; ich glaubte, ich wäre in einem jener köstlichen Träume befangen, die beim Erwachen verschwinden. Erst vierundzwanzig Stunden später konnte ich Gewißheit erlangen, ob meine Zweifel wirklich unberechtigt wären; und wer könnte die Ungeduld schildern, womit ich auf diesen glücklichen Augenblick wartete. Endlich war er da, und von Begierde und Hoffnung getrieben flog mein Herz Ihnen entgegen, während ich im Sprechzimmer saß und die Minuten zählte. Eine Stunde verging mir jedoch ziemlich schnell; dies war eine natürliche Wirkung meiner Ungeduld und der Art von Rührung, in die mich der Gedanke versetzte, daß ich Sie würde eintreten sehen. Aber gerade in dem Augenblick, wo ich ganz sicher glaubte, ich würde das geliebte Gesicht sehen, dessen Züge sich auf den ersten Blick unauslöschlich in mein Herz eingegraben hatten – da sah ich die widerlichste alte Vettel, die mir mit kalter, mürrischer Miene sagte, Sie seien für den ganzen Tag beschäftigt. Ehe ich noch zu mir kommen konnte, war sie schon wieder fort. Stellen Sie sich meine Betäubung und alle meine Gefühle vor. Der Blitz hätte mich nicht plötzlicher und furchtbarer treffen können. Hätten Sie mir durch dieselbe Laienschwester zwei Zeilen geschickt, zwei Zeilen von Ihrer Hand – ich wäre, wenn auch nicht zufrieden, so doch gefaßt und Ihrem Willen gehorsam fortgegangen. Aber nun kommt ein viertes Verhängnis, das Sie bei Ihrer köstlichen pikanten Rechtfertigung nicht mit aufgeführt haben. Ich hielt mich für gefoppt, mein Stolz empörte sich und Entrüstung brachte für einen Augenblick meine Liebe zum Schweigen. Die Scham erstickte mich. Ich glaubte, jedermann müßte auf meinem Gesicht das ganze Entsetzen lesen, das ich in mir verspürte; ich sah in Ihnen nur ein entsetzliches Ungeheuer, in Engelsgestalt. Mein Geist war ganz über den Haufen geworfen, und nach elf Tagen verlor ich den kleinen Rest von Vernunft, der mir noch geblieben war. Dies muß ich wenigstens annehmen, denn an jenem Tage schrieb ich den Brief, über den Sie mit Recht sich beklagen, den ich aber damals für ein Meisterstück von Mäßigung hielt. Jetzt ist, hoffe ich, alles in Ordnung, und schon heute früh um elf Uhr werden Sie mich zärtlich, gehorsam und reuig zu Ihren Füßen sehen. Sie werden mir vergeben, himmlisches Weib, oder ich selber räche Sie für die Unbill, die ich Ihnen angetan habe. Nur um eine einzige Gnade wage ich Sie zu bitten: verbrennen Sie meinen Brief und lassen Sie zwischen uns niemals mehr von ihm die Rede sein. Ich habe ihn erst abgesandt, nachdem ich vier andere einen nach dem andern zerrissen hatte. Ermessen Sie daraus, in welcher Gemütsverfassung ich mich befand. Ich lasse den Dienstmann sofort nach Ihrem Kloster gehen, damit Ihnen beim Erwachen schon mein Brief übergeben wird. Der Mann würde mich niemals entdeckt haben, wenn mich nicht mein guter Geist getrieben hätte, ihn anzusprechen, als ich aus der Oper kam. Ich werde seiner nicht mehr bedürfen. Antworten Sie mir nicht und empfangen Sie die aufrichtigsten Beteuerungen eines Herzens, das Sie anbetet!« Als der Brief fertig war, rief ich meinen Friauler herein, gab ihm eine Zechine und ließ mir von ihm versprechen, sofort nach Murano zu fahren und der Nonne meinen Brief nur zu ihren eigenen Händen zu übergeben. Sobald er fort war, warf ich mich auf das Bett, aber vor Ungeduld und Sehnsucht konnte ich kein Auge zutun. Der Leser kann sich denken, daß ich in meiner Ungeduld pünktlich zur Stelle war. Man ließ mich in das kleine Sprechzimmer eintreten, wo ich sie zum erstenmal gesehen hatte, und bald kam sie. Als ich sie hinter dem Gitter sah, sank ich auf beide Knie nieder; aber sie bat mich schnell wieder aufzustehen, weil man mich sehen könnte. Ihr Gesicht war wie von Feuer übergossen, ihr Blick aber erschien mir himmlisch. Sie setzte sich, und ich nahm auf einem Stuhle ihr gegenüber Platz. So saßen wir mehrere Minuten lang und sahen uns an, ohne ein Wort zu sagen. Endlich brach ich jedoch das Schweigen, indem ich in zärtlichem aber halb ersticktem Ton sie fragte, ob ich auf meine Vergebung hoffen könnte. Sie streckt nur durch das Gitter hindurch ihre schöne Hand entgegen, und ich bedeckte diese mit Tränen und mit Küssen. »Unsere Bekanntschaft«, hub sie an, »hat mit einem heftigen Gewitter begonnen; hoffen wir, daß sie fortan vollkommen und auf die Dauer ruhig sein werde. Wir sprechen uns heute zum erstenmal, aber nach dem zwischen uns Vorgefallenen müssen wir uns gegenseitig vollkommen kennen. Ich hoffe, unser Bund wird ebenso zärtlich wie aufrichtig sein, und wir werden uns gegenseitig unsere Fehler zu vergeben wissen.« »Kann ein Engel wie Sie Fehler haben?« »Oh, lieber Freund, wer hätte denn keine?« »Wann werde ich das Glück haben können, Sie ohne allen Zwang und ganz der Freude meines Herzens folgend, von der Tiefe meiner Gefühle überzeugen zu dürfen?« »Wir speisen in meinem Kasino zu Abend, sobald Sie wollen; nur muß ich es zwei Tage vorher wissen. Oder auch: ich komme nach Venedig, und wir essen bei Ihnen, wenn Ihnen das nicht unbequem ist.« »Es würde nur mein Glück erhöhen. Ich glaube Ihnen sagen zu müssen, daß ich mich in sehr angenehmen Verhältnissen befinde; daß ich Geldausgaben nicht scheue, sondern im Gegenteil liebe. Alles aber, was ich habe, gehört dem Wesen, das ich anbete.« »Ihre Mitteilung, lieber Freund, ist mir sehr angenehm, um so angenehmer, da auch ich Ihnen sagen kann, daß ich reich bin und meinem Geliebten keinen Wunsch versagen kann.« »Sie haben aber gewiß schon einen?« »Ja ; und er ist es, der mich reich macht. Er ist mein unumschränkter Gebieter. Ich habe niemals Heimlichkeiten vor ihm. Wenn wir übermorgen unter vier Augen sind und ich ganz die Ihre bin, sollen Sie mehr darüber erfahren .« »Aber ich hoffe doch, Ihr Liebhaber . . .« »Wird nicht dabei sein – verlassen Sie sich darauf. Haben Sie auch eine Geliebte?« »Ich hatte eine. Aber ach, man hat sie nur mit Gewalt entrissen, und ich lebe seit sechs Monaten in vollkommenem Zölibat.« »Sie lieben sie noch?« »Ich kann nicht an sie zurückdenken, ohne sie zu lieben. Sie kommt Ihnen fast gleich an Schönheit und Reiz, aber ich sehe voraus, um Ihretwillen werde ich sie vergessen!« »Wenn Sie glücklich waren, beklage ich Sie aufrichtig. Man entriß sie Ihnen, und Sie flohen die Welt, um sich Ihrem Kummer hinzugeben. Ich habe Sie erraten; aber wenn es so kommt, daß ich mich des Platzes bemächtige, den sie noch in Ihrem Herzen einnimmt, dann, mein holder Freund, soll kein Mensch mich daraus vertreiben!« »Aber was wird Ihr Liebhaber dazu sagen?« »Er wird entzückt sein, mich mit einem Geliebten wie Sie zärtlich und glücklich zu sehen. Dies ist nun mal sein Charakter.« »Ein bewunderungswürdiger Charakter! Zu solchem Heroismus würde mir Charakter und Kraft fehlen.« »Was für ein Leben führen Sie in Venedig?« »Ich besuche Theatergesellschaften, Kasinos und kämpfe dort mit dem Glück, das mir bisweilen hold, bisweilen auch feindlich ist.« »Besuchen Sie die fremden Gesandten?« »Nein; ich stehe in allzu engen Beziehungen zu Patriziern; aber ich kenne sie alle.« »Wie kommt es, daß Sie sie kennen, da Sie doch nicht mit ihnen verkehren?« »Ich habe Sie im Ausland kennen gelernt: in Parma den spanischen Botschafter, Herzog von Montalegre; in Wien den Grafen Rosenberg; in Paris vor ungefähr zwei Jahren den französischen Botschafter.« »Es wird gleich Mittag läuten, lieber Freund, es ist Zeit, daß wir uns trennen. Kommen Sie übermorgen zur selben Stunde, und ich werde Ihnen die nötigen Unterweisungen geben, damit Sie abends mit mir zusammen speisen können.« »Unter vier Augen?« »Das versteht sich.« »Darf ich wagen, Sie um ein Unterpfand Ihres Versprechens zu bitten? Denn das Glück, das Sie mir verheißen, ist ja so groß!« »Was für ein Unterpfand wollen Sie?« »Daß Sie sich an das kleine Fenster stellen und mir erlauben, mich an die Stelle der Gräfin S. zu versetzen.« Sie stand auf und drückte mit dem anmutigsten Lächeln auf die Feder; nachdem ich den innigsten Kuß empfangen hatte, ging ich. Ihre Augen begleiteten mich bis an die Tür, und ihr liebevoller Blick hätte mich dort festgehalten, wenn sie nicht endlich gegangen wäre. Ich verbrachte die beiden Tage des Wartens in solcher Freude und Ungeduld, daß ich nicht essen noch schlafen konnte; mir schien, ich hätte noch niemals solches Glück in der Liebe gehabt, oder vielmehr: mir schien, als sollte ich zum erstenmal in meinem Leben wirklich glücklich sein. Meine neue Eroberung war von vornehmer Herkunft, war schön und geistvoll; aber zu diesen tatsächlichen Vorzügen kam noch ein eingebildeter hinzu, der nur mein Glück beinahe unfaßbar machte: ich hatte mit einer Vestalin zu tun. Eine verbotene Frucht wurde mir geboten, und wer wüßte nicht, daß seit Evas Tagen bis auf unsere Zeit gerade die verbotene Frucht uns immer am süßesten dünkt. Ich sollte einem allmächtigen Gatten ins Gehege kommen; und darum stand in meinen Augen M. M. hoch über allen Königinnen. Wäre nicht in diesen Augenblicken meine Vernunft von der Leidenschaft verblendet gewesen, So hätte ich wohl gesehen, daß diese Nonne auch nicht anders beschaffen sein konnte als alle die hübschen Frauen, die ich in den dreizehn Jahren gekannt, seitdem ich zum erstenmal das Schlachtfeld der Liebe betreten hatte. Aber welcher Verliebte würde sich wohl mit solchem Gedanken abgeben! Er weist ihn verächtlich von sich, wenn er ihm zufällig sich aufdrängen sollte. M. M. mußte durchaus hoch über der schönsten Frau der Welt stehen. Die animalische Natur – was die Chemiker das animalische Reich nennen – verschafft sich instinktmäßig die drei Mittel, die sie notwendig braucht, um sich in Ewigkeit fortzupflanzen. Diese Mittel sind drei wirkliche Bedürfnisse, die die Natur allen Geschöpfen eingepflanzt hat. Sie müssen sich nähren, und diese Notwendigkeit wäre eine dumme und verdrießliche Last für sie, wenn sie nicht die Empfindung des Hungers hätten und ein Vergnügen daran fänden, diesen zu befriedigen. Sie müssen ihre Art fortpflanzen; dies ist eine unumgängliche Notwendigkeit, in der sich die ganze Weisheit des Schöpfers offenbart; denn ohne Fortpflanzung und Vermehrung würde nach dem immer gültigen Gesetz der Entartung, des Vergehens und des Sterbens alles zunichte werden. Mögen nun der heilige Augustin und andere, die nicht vernünftiger sind als er, sagen, was sie wollen – die Geschöpfe würden sich mit der Arbeit der Fortpflanzung nicht befassen, wenn sie nicht ihr Vergnügen daran fänden und wenn das große Werk sie nicht durch einen unwiderstehlichen Reiz anzöge. Endlich haben alle Geschöpfe eine ganz entschiedene und unbewegliche Neigung, ihre Feinde zu vernichten. Und sicherlich kann es nichts Vernünftigeres geben; denn der Selbsterhaltungstrieb macht es ihnen zur Pflicht, die Zerstörung alles dessen, was ihnen schaden kann, mit allen Kräften zu wünschen und zu erstreben. Wenn nun aber auch diese Gesetze allgemein gültig sind, so handelt doch jede Art für sich allein. Die drei Empfindungen Hunger, Lustbegierde, Haß werden von den Tieren rein gewohnheitsmäßig befriedigt, und wir brauchen sie nicht zu den Genüssen zu rechnen; denn von Genuß kann nur im Bezug auf ein Individuum die Rede sein. Der Mensch allein ist mit vollkommenen Organen begabt; daher ist wirklicher Genuß nur ihm eigentümlich, denn mit der erhabenen Fähigkeit des Denkens begabt, erkennt er den Genuß: er sucht ihn, mischt ihn mit anderen Genüssen, vervollkommnet ihn und erweitert ihn durch Überlegung und Erinnerung. Ich bitte dich, lieber Leser: ärgere dich nicht und begleite mich noch ein bißchen weiter. Ich bin heute ja nur noch der Schatten des munteren Casanova. Ich schwatze gern. Aber wenn du mir deshalb davonliefest, so wäre das nicht höflich oder jedenfalls nicht nett von dir. Der Mensch ist nicht besser als ein Tier, wenn er sich den erwähnten drei Neigungen hingibt, ohne Vernunft und Urteil zu Hilfe zu rufen. Aber wenn die Neigungen durch ein geistiges Element ins Gleichgewicht gebracht werden, dann werden diese Empfindungen Genüsse, und zwar vollkommene Genüsse. Es ist ein unerklärliches Gefühl, durch das allein es uns möglich ist, sogenanntes Glück zu genießen, und das wir nur empfinden, ohne es beschreiben zu können. Ein mit Vernunft begabter sinnlicher Mensch verschmäht die Völlerei, weist mit Verachtung Ausschweifung und Wollust von sich und will nichts von jener brutalen Rache wissen, die der ersten Zornesaufwallung entspringt. Aber er ist lecker und befriedigt seinen Appetit nur auf eine Weise, die seiner Natur entspricht. Er ist verliebt, aber er genießt des geliebten Wesens nur, wenn er sicher ist, daß es seinen Genuß teilt, und dies kann nur der Fall sein, wenn ihre Liebe gegenseitig ist. Wenn ihm eine Beleidigung widerfährt, rächt er sich erst, nachdem er mit kaltem Blut die sichersten Mittel erwogen hat, die ihm die Rache zu einem Genuß machen. Wenn er zuweilen grausamer ist, so tröstet er sich, weil er mit Überlegung gehandelt hat; endlich ist zuweilen seine Rache so edel, daß sie im Verzeihen besteht. Bei solcher Auffassung sind die drei Wandlungen das Werk der Seele, die sich zur Dienerin der Leidenschaften macht, um Genuß davon zu haben. Wir erdulden zuweilen Hunger, um uns die Speisen, die ihn stillen sollen, besser schmecken zu lassen; wir verzögern den Liebesgenuß, um ihn lebhafter zu machen, und wir verschieben den Augenblick der Rache, um sie sicherer zu machen. Andererseits freilich kann man an einem verdorbenen Magen sterben; in der Liebe lassen wir uns oft durch Sophismen täuschen, und der Mensch, den wir vernichten wollen, entgeht oft unserer Rache. Aber Vollkommenes gibt es eben nicht, und dieses Risiko nehmen wir daher gern in den Kauf. Neunzehntes Kapitel Fortsetzung des vorigen Kapitels. – Erstes Beisammensein mit M. M.– Brief von C. C. – Meine zweite Zusammenkunft mit der Nonne in meinem prachtvollen Kasino in Venedig. – Ich bin glücklich. Nichts ist dem denkenden Menschen teurer als sein Leben, nichts kann ihm teurer sein. Trotzdem verstehen gerade die sinnlichsten Menschen, nämlich diejenigen, die vom Leben den höchsten Genuß zu haben trachten, am vollkommensten die schwierige Kunst, das Leben schnell verstreichen zu lassen und es abzukürzen. Nicht daß sie die Absicht hätten, es zu verkürzen, denn im Gegenteil, man möchte es ewig dauern machen, um ewig zu genießen; aber man wünscht, daß im Genießen das Lehen unmerklich verstreicht, und darin hat man recht – vorausgesetzt, daß man nicht gegen seine Pflichten verstößt. Doch darf der Mensch sich nicht einbilden, nur das als Pflicht ansehen zu können, was seinen Sinnen angenehm ist; dies wäre ein großer Irrtum, dem er schließlich wohl gar zum Opfer fallen könnte. Ich glaube, mein Lieblingsdichter Horaz irrte, als er zu Florus sagte: ... Nec metuam quid de me judicet heres Quod non plura datis inveniet. ... ich bin unbesorgt, wie einst urteile mein Erbe, Weil er nicht mehr vorfand, als vermacht war. Der ist der glücklichste Mensch, der sich die größte Menge Glück zu verschaffen weiß, ohne jemals seine Pflichten zu verletzen, und der unglücklichste ist der, der einen Beruf erwählt hat, in welchem er sich unaufhörlich in der traurigen Notwendigkeit befindet, Vorsichtsmaßregeln treffen zu müssen. Überzeugt, daß M. M. mir nicht ihr Wort brechen würde, begab ich mich gegen zehn Uhr vormittags ins Sprechzimmer und sah sie eintreten, sobald ich ihr gemeldet worden war. »Um Gotteswillen, lieber Freund, sind Sie krank?« »Nein, göttliche Freundin; aber es ist wohl möglich, daß ich so aussehe, denn die unruhige Erwartung meines Glückes greift mich furchtbar an. Ich habe Appetit und Schlaf verloren, und sollte mein Glück verschoben sein, so stehe ich nicht dafür, daß ich am Leben bleibe.« »Es ist nicht verschoben, lieber Freund; aber welch eine Ungeduld! Setzen wir uns. Hier ist der Schlüssel zum Kasino, wohin Sie sich begeben werden. Das Haus ist bewohnt, denn wir brauchen natürlich Leute zur Bedienung; aber niemand wird mit Ihnen sprechen, und Sie brauchen mit keinem Menschen zu sprechen. Sie werden maskiert sein und kommen erst um eineinhalb Uhr nachts [R1: Zwei Stunden nach Sonnenuntergang.], nicht früher. Sie steigen die Treppe hinauf, die der Haustür gegenüber ist, oben werden Sie beim Licht einer Laterne eine grüne Tür sehen, die Sie öffnen, um in die Wohnung zu gelangen. Diese wird erleuchtet sein. Im zweiten Zimmer werden Sie mich finden; sollte ich noch nicht da sein, so werden Sie ein paar Minuten auf mich warten; Sie können sich auf meine Pünktlichkeit verlassen. Sie können Ihre Maske ablegen und sich's bequem machen; Sie werden Bücher und ein gutes Feuer finden.« Die Beschreibung war klar und deutlich; ich küßte die Hand, die mir den Schlüssel zu diesem geheimnisvollen Tempel reichte, und fragte die reizende Frau, ob ich sie als Nonne sehen würde. »Ich gehe als Nonne aus dem Kloster, aber ich habe im Kasino eine vollständige Garderobe, um mich weltlich zu kleiden; ich kann mich sogar maskieren.« »Ich hoffe, Sie werden mir das Vergnügen machen, in ihrer Nonnentracht zu bleiben.« »Warum denn, bitte?« »Ich liebe so sehr, Sie in dieser Tracht zu sehen.« »Haha! Ich verstehe. Sie stellen sich meinen geschorenen Kopf vor, und der macht Ihnen angst. Aber beruhigen Sie sich, lieber Freund; ich habe eine Perücke, die so ausgezeichnet gemacht ist, daß sie der Natur nichts nachgibt.« »Gott, was sagen Sie da! Das bloße Wort Perücke ist niederschmetternd. Aber nein! Seien Sie versichert, ich werde Sie reizend finden, wie Sie auch erscheinen mögen. Nur setzen Sie die böse Perücke bitte nicht in meiner Gegenwart auf! Ach, ich beleidige Sie – Verzeihung! Ich bin in Verzweiflung, davon gesprochen zu haben. Sind Sie sicher, daß niemand Sie das Kloster verlassen sieht?« »Sie können sich selber davon überzeugen, wenn Sie um die Insel herumfahren und sich das Pförtchen ansehen, das auf das andere Ufer führt. Ich habe den Schlüssel zu einem Zimmer, das nach diesem Ufer hinaus liegt, und ich kann mich auf die Laienschwester verlassen, die mich bedient.« »Und die Gondel?« »Mein Freund bürgt mir für die Treue der Bootsführer.« »Was für ein Mann ist Ihr Liebhaber! Ich denke mir, er ist alt.« »Sie irren sich. Wenn das der Fall wäre, würde ich mich schämen. Er ist keine vierzig Jahre alt und besitzt alle Eigenschaften, um geliebt zu werden: Schönheit, Geist, sanften Charakter, vornehme Handlungsweise.« »Und er sieht Ihnen Ihre Launen nach?« »Was nennen Sie Launen? Vor einem Jahr hat er mich erobert, und vor ihm hatte ich niemals einen Mann gekannt, wie Sie der erste sind, der in mir phantastische Wünsche erregte. Als ich ihm diese gestand, war er erst ein wenig erstaunt, dann aber fing er an zu lachen und hielt mir in ein paar Worten vor, daß ich Gefahr liefe, an einen Indiskreten zu geraten. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn ich zum mindesten erst erfahren hätte, wer Sie wären, bevor ich weiter ginge; aber es war schon zu spät. Ich bürgte ihm für Sie, und natürlich lachte er darüber, daß ich so entschieden für jemanden eintrat, den ich gar nicht kannte.« »Wann haben Sie ihm alles gebeichtet?« »Vorgestern. Und ich habe ihm nichts verschwiegen. Ich habe ihm meine und Ihre Briefe gezeigt, und er hält Sie für einen Franzosen, obgleich Sie sich für einen Venetianer ausgeben. Er ist sehr neugierig, wer Sie wohl sein mögen. Aber seien Sie unbesorgt, ich verspreche Ihnen, niemals den geringsten Schritt zu tun, um dies zu erfahren.« »Und ebensowenig werde ich mich bemühen, zu erfahren, wer dieser Mann ist, der ebenso selten ist wie Sie! Ich bin in Verzweiflung, wenn ich daran denke, welchen Kummer ich Ihnen gemacht habe.« »Reden wir nicht mehr davon! Denn wenn ich selber recht nachdenke, sehe ich ein, daß nur ein Geck anders hätte handeln können.« Zum Abschied erhielt ich am Fensterchen ein neues Pfand ihrer Zärtlichkeit, und ihre Blicke geleiteten mich bis zur Tür. Am Abend begab ich mich zur bestimmten Stunde an den Ort unseres Stelldicheins. Genau ihren Weisungen befolgend, gelangte ich in einen Salon, wo ich meine neue Eroberung in der elegantesten Gesellschaftstoilette vorfand. Der Salon war durch Armleuchter erhellt, deren Schein von den Spiegeln zurückgeworfen wurde, und von vier schönen Kerzen, die auf einem mit Büchern bedeckten Tische standen. Sie erschien mir von einer ganz andersartigen Schönheit als früher, da ich sie als Nonne gesehen hatte. Sie trug eine Frisur mit einem prachtvollen Chignon; aber ich sah gar nicht näher danach hin, so unangenehm war mir der bloße Gedanke an eine Perücke, und ich hätte mich wohl gehütet, ihr ein Kompliment darüber zu machen. Ich warf mich vor ihr auf die Knie, um ihr meine lebhafte Dankbarkeit zu bezeigen, und küßte in Verzückung ihre schönen Hände, um damit den Liebeskampf einzuleiten, zu dem es ja kommen mußte; aber M. M. glaubte mir Widerstand entgegensetzen zu müssen. Wie reizend ist doch diese Weigerung einer verliebten Geliebten, die den Augenblick des Glückes nur deshalb hinausschiebt, um seine Wonnen besser auskosten zu können! Als zärtlicher, ehrerbietiger, zugleich aber kühner und unternehmender Werber, der seines Sieges gewiß war, mischte ich zarte Rücksicht mit feurigem Ungestüm. Dem allerschönsten Munde die heißesten Küsse raubend, glaubte meine Seele vor Wonne zu vergehen. Wir verbrachten zwei Stunden mit diesen einleitenden Kämpfen, und als diese aufhörten, wünschten wir uns beide Glück: sie, daß sie hatte widerstehen können; ich, daß ich meine Ungeduld zu mäßigen gewußt hatte. Wir hatten beide einen Augenblick der Ruhe nötig; sie erriet meine Wünsche und sagte zu mir: »Lieber Freund, ich habe einen Hunger, der mir Hoffnung gibt, daß ich dem Abendessen alle Ehre erweisen werde; willst du mir versprechen, mir die Spitze zu bieten?« Hierzu fühlte ich mich vollkommen imstande, und ich antwortete ihr: »Ja, das verspreche ich dir; nachher wirst du sehen, ob ich es mit Amor ebenso leicht aufzunehmen vermag wie mit Comus.« Sie klingelte, eine sehr gut gekleidete und sehr anständig aussehende Frau in mittleren Jahren kam herein, deckte einen Tisch für zwei Personen, stellte auf einen anderen, was wir brauchten, um uns selber bedienen zu können, und setzte uns dann acht Gerichte in Sèvresporzellanschüsseln auf silbernen Wärmpfannen vor. Es war eine leckere und reichliche Mahlzeit. Schon an den ersten Gerichten erkannte ich die französische Küche, und sie bestritt mir meine Wahrnehmung nicht. Wir tranken nur Burgunder und Champagner. Sie bereitete den Salat sauber und geschickt, und ich mußte bei jeder Bewegung ihre Anmut und Eleganz bewundern. Offenbar war ihr Liebhaber ein Kenner, der ihr alle diese Künste beigebracht hatte. Ich war neugierig, ihn kennen zu lernen, und als wir beim Punsch angelangt waren, sagte ich ihr: wenn sie meine Neugierde befriedigen wolle, sei ich bereit, ihr meinen Namen zu sagen. Sie antwortete mir jedoch: »Überlassen wir, lieber Freund, der Zeit die Befriedigung unserer gegenseitigen Neugierde!« M. M. hatte unter ihren Uhranhängseln ein kleines Bergkristallfläschchen von ganz genau der gleichen Form wie das, das ich an meiner Kette trug. Ich machte sie darauf aufmerksam, und da ich in meinem Fläschchen ein Wattebäuschchen mit Rosenöl hatte, gab ich es ihr zum Riechen. »Ich habe ebensolches,« sagte sie und ließ auch mich riechen. »Die Essenz ist sehr selten und kostet viel Geld.« »Deshalb ist sie auch nicht käuflich zu haben.« »Das ist wahr. Der Erzeuger dieser Essenz ist ein gekröntes Haupt, der König von Frankreich. Er hat ein Pfund davon hergestellt, das ihm dreißigtausend Livres gekostet hat.« »Mein Liebhaber hat das Rosenöl zum Geschenk erhalten und hat mir davon abgegeben.« »Frau von Pompadour hat ein Fläschchen voll durch Vermittlung des jetzigen hiesigen französischen Gesandten, Herrn von Bernis, an den venezianischen Gesandten in Paris, Herrn von Mocenigo, geschickt.« »Kennen Sie Herrn von Bernis?« »Ich hatte die Ehre, gerade an dem Tage, als er sich bei unserem Gesandten verabschiedete, mit ihm zusammen zu speisen. Herr von Bernis ist vom Glück begünstigt worden, und er hat es durch sein Verdienst an sich zu fesseln gewußt; er ist ebenso vornehm von Geist wie von Geburt; er ist, wie ich glaube, Graf von Lyon Die Mitglieder des Lyoner Domkapitels hatten sämtlich den Titel Graf von Lyon. . Ich erinnere mich, daß er wegen seines hübschen Gesichtes den Spitznamen Belle-Babet erhalten hat. Wir besitzen von ihm eine kleine Sammlung von Gedichten, die ihm Ehre machen.« Es war nahe an Mitternacht; wir hatten ausgezeichnet gegessen und saßen vor einem guten Feuer. Außerdem war ich verliebt in das Prachtweib und da die Zeit mich kostbar dünkte, wurde ich dringend. Aber sie sträubte sich immer noch. »Grausame Freundin!« rief ich aus; »hast du mir nur darum die Glückseligkeit versprochen, um mich alle Qualen des Tantalus erleiden zu lassen? Wenn du dich nicht der Liebe ergeben willst, so gib doch wenigstens der Natur nach. Wir haben ein köstliches Mahl eingenommen; laß uns jetzt zu Bett gehen!« »Bist du schläfrig?« »Nein, gewiß nicht; aber zu so später Stunde legt man sich zu Bett. Gestade, daß ich dich zu Bett bringe; ich werde neben deinem Kopfkissen sitzen oder ich werde hinausgehen, wenn du das wünschest.« »Wenn du von mir gingst, würdest du mir einen empfindlichen Schmerz bereiten.« »Der meinige wäre nicht geringer, glaube mir! Aber wenn ich nun bleibe – was machen wir dann?« »Wir können uns völlig angekleidet auf dieses Sofa ausstrecken.« »Angekleidet! Meinetwegen. Ich werde dich schlafen lassen können, wenn du es wünschest. Mir aber wirst du verzeihen, wenn ich nicht schlafe. Denn an deiner Seite schlafen zu sollen, noch dazu in meinen Kleidern – das heißt Unmögliches verlangen!« »Warte!« Sie steht auf, zieht mit einem leichten Ruck das Kanapee auseinander, holt Kissen, Tücher und Decken hervor, und im Handumdrehen ist ein prachtvolles, breites und bequemes Bett bereit. Sie nimmt ein großes Taschentuch und bindet es mir um den Kopf; dann gibt sie mir ein zweites und fordert mich auf, ihr denselben Dienst zu erweisen. Ich machte mich ans Werk, ohne mir meinen Abscheu vor ihrer Perücke merken zu lassen; da verschaffte eine köstliche Entdeckung mir die angenehmste Überraschung: statt einer Perücke hatte ich das allerschönste Haar in der Hand. Ich stieß vor Glück und Bewunderung einen lauten Schrei aus, über den sie herzlich lachte; dann sagte sie mir, einer Nonne liege keine weitere Verpflichtung ob, als ihre Haare vor den Augen der profanen Menge zu verbergen. Im selben Augenblick gab sie mir einen geschickten Stoß, so daß ich der Länge nach auf das Kanapee hinfiel. Ich sprang auf, hatte mich in einer Minute meiner Kleider entledigt und warf mich mehr auf als neben sie. Sie umschlang mich kräftig mit ihren beiden Armen, aber sie sagte, sie glaube, ich müsse ihr alle Leiden verzeihen, die sie mir durch ihr Widerstreben bereite. Ich hatte noch nichts Wesentliches erreicht; ich glühte; aber ich wußte meine Ungeduld zu beherrschen; ich glaubte noch nicht das Recht zu haben, Ansprüche geltend zu machen. Ich löste ihr fünf oder sechs Bandschleifen, und mein Herz pochte vor Wonne, als sie mich gewähren ließ und ich in den Besitz des schönsten Busens gelangte, den ich mit meinen Küssen bedeckte. Hierauf beschränkte sich auch ihre ganze Huld. Je mehr ich von ihrer vollkommenen Schönheit sah, desto glühender wurden meine Anstrengungen; aber vergeblich. Ermattet mußte ich den Kampf aufgeben, und sie gegen meinen Busen pressend, schlief ich endlich in ihren Armen ein. Ein rasselndes Geräusch weckte uns auf. »Was ist's?« rief ich emporfahrend. »Lieber Freund, wir müssen aufstehen; es ist Zeit für mich, ins Kloster zurückzukehren.« »Zieh dich an und gönne mir das Vergnügen, dich im Kleide der Heiligen zu sehen, denn du scheidest ja als Jungfrau von mir.« »Sei für diesmal zufrieden, mein süßer Schatz, und lerne von mir Enthaltsamkeit üben; ein anderes Mal werden wir glücklicher sein. Wenn ich fort bin, kannst du dich hier ausruhen, falls du nichts dringlicheres vor hast.« Sie klingelte, und es erschien dieselbe Frau, die am Abend gekommen war und die ohne Zweifel ihre Vertraute und geheime Vermittlerin bei ihren Liebesmysterien war. Nachdem meine Geliebte sich hatte frisieren lassen, zog sie ihr Kleid aus, schloß ihren Schmuck in einen Schrank ein und legte ein Nonnenmieder an, das ihre beiden prachtvollen Halbkugeln verbarg, die während dieser anstrengenden Nacht am meisten zu meinem Glück beigetragen hatten. Hierauf zog sie ihr Nonnenkleid an. Als die Vertraute hinausgegangen war, um den Gondolieren Bescheid zu sagen, küßte sie mich zärtlich und feurig und sagte: »Ich erwarte dich übermorgen; dann wirst du mir sagen, welche Nacht ich mit dir in Venedig verbringen soll. Und dann zärtlicher Freund, wirst du ganz glücklich sein, und ich auch. Leb wohl.« Glücklich, wenn auch nicht befriedigt, legte ich mich wieder hin und schlief bis zum Mittag. Ich verließ das Haus, ohne einen Menschen zu sehen, und begab mich, wohlmaskiert, zu Laura, bei der ich einen Brief von meiner teuren C. C. vorfand; er lautete folgendermaßen: »Ich gebe Dir hiermit, lieber Freund, ein Pröbchen meiner Denkungsart, und ich hoffe, daß diese mir nicht nur bei Dir nicht schaden wird, sondern daß Du dadurch die Überzeugung erlangen wirst, daß ich trotz meiner Jugend imstande bin, ein Geheimnis zu verwahren, und daß ich würdig bin, Deine Frau zu werden. Da ich Deines Herzens mich sicher weiß, so tadle ich Dich nicht wegen der Zurückhaltung, die Du mir gegenüber beobachtet hast, und da ich nur auf das eifersüchtig bin, was Deinen Geist ablenken und Dich zu einem geduldigen Ertragen unserer grausamen Trennung veranlassen kann, so muß ich mich über alles freuen, was Dir Vergnügen verschafft. Höre mich an! Als ich gestern einen Korridor entlang ging, ließ ich einen Zahnstocher fallen, den ich in der Hand hielt; um ihn wieder aufzuheben, mußte ich ein Taburett zur Seite schieben, und hierbei entdeckte ich eine Ritze in der Wand. Ich bin schon so neugierig geworden wie eine Nonne – denn dieses Laster ist im Müßiggange des Klosterlebens ganz natürlich – und legte schnell mein Auge an diese Ritze. Da sah ich nun – rate, wen? Dich, mein süßer Freund! Du unterhieltest Dich sehr lebhaft mit meiner reizenden Freundin, Mutter M. M. Du kannst Dir schwerlich meine Überraschung und meine Freude vorstellen! Diese beiden Gefühle wichen jedoch schnell der Furcht, daß ich gesehen werden und die Neugierde irgendeiner Indiskreten erwecken könnte. Schnell schob ich das Taburett wieder vor und entfernte mich. Sage mir alles, mein holder Freund – Du wirst mich glücklich machen! Wie sollte ich, die ich Dich mit aller Kraft meiner Seele liebe, nicht neugierig sein, Näheres über einen so fabelhaften Anblick zu erfahren! Sage mir, ob sie Dich näher kennt und wie Du sie kennen gelernt hast. Sie ist meine zärtliche Freundin, von der ich Dir schon schrieb, deren Namen zu nennen, ich aber nicht für nötig hielt. Sie unterrichtet mich im Französischen, und sie hat mir Bücher gegeben, durch die ich auf einem Gebiet, das nur sehr wenig Frauen vertraut ist, Kenntnisse gewonnen habe. Ohne sie, mein Freund, hätte man die Ursache des Unwohlseins entdeckt, das mir beinahe das Leben gekostet hätte. Sie gab mir sofort Wäsche und Tücher. Ihr verdanke ich meine Ehre. Aber zugleich mußte sie natürlich erfahren, daß ich einen Geliebten habe, wie übrigens auch ich weiß, daß sie einen hat! Wir sind aber alle beide nicht neugierig gewesen, tiefer in die Geheimnisse der anderen einzudringen. Mutter M. M. ist ein einziges Weib! Ich bin gewiß, teurer Freund, Ihr liebt euch; das kann nicht anders sein, denn Ihr kennt euch ja; aber da ich nicht eifersüchtig bin, so verdiene ich, daß Du mir alles sagst. Aber ich beklage Euch beide; denn alles, was Ihr zu tun vermögt, kann, fürchte ich, nur dazu dienen, Eure Leidenschaft anzureizen. Das ganze Kloster glaubt, Du seist krank, und ich, ich sterbe vor Verlangen, Dich zu sehen. Komme also doch mindestens ein einziges Mal. Lebe wohl!« Obwohl dieser Brief mir nur Achtung für C. C. einflößen konnte, machte er mich doch unruhig. Meiner teuren C. C. war ich zwar sicher, aber diese Ritze konnte uns anderen neugierigen Blicken preisgeben. Außerdem sah ich mich gezwungen, meiner liebenswürdigen und vertrauensvollen Freundin ein Märchen aufzubinden; denn Ehre und Zartgefühl erlaubten mir nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Ich antwortete ihr umgehend: ihre Freundschaft mit M. M. verlange, daß sie dieser sofort sage, sie habe sie im Sprechzimmer mit einem maskierten Kavalier plaudern sehen; ich wäre durch M. M.s Ruf neugierig geworden, sie kennen zu lernen, hätte mich unter einem falschen Namen melden und sie ins Sprechzimmer bitten lassen; sie solle sich ja hüten, ihr zu sagen, wer ich sei, doch könne sie ihr sagen, sie habe in mir den Herrn erkannt, der immer in ihre Kirche komme, um die Messe zu hören. Ich versicherte ihr dreist, von einem Liebesverhältnis zwischen M. M. und mir sei gar keine Rede; doch wolle ich nicht leugnen, daß ich sie für eine in jeder Hinsicht ausgezeichnete Frau halte. Am Tage der heiligen Katharina, dem Namenstag meiner lieben C. C., glaubte ich der reizenden Gefangenen, die nur um meinetwillen litt, das Vergnügen meines Anblicks verschaffen zu sollen. Als ich die Kirche verlassen hatte, bemerkte ich gerade in dem Augenblick, wo ich in eine Gondel stieg, einen Menschen, der mir folgte. Ich wurde argwöhnisch und beschloß, mir Aufklärung zu verschaffen. Der Mann nahm ebenfalls eine Gondel und fuhr mir nach. Das konnte reiner Zufall sein; um mich aber vor Überraschungen zu schützen, stieg ich in Venedig beim Palazzo Morosini del Giardino aus. Mein Mann stieg ebenfalls aus; nun war kein Zweifel mehr möglich. Ich ging durch den Palast hindurch und schlug die Richtung nach der Flandrischen Post ein. In einer engen Gasse blieb ich stehen und erwartete mit gezogenem Messer den Spion, packte ihn am Kragen, drückte ihn in eine Ecke, setzte ihm die Spitze des Messers an die Kehle und forderte ihn auf, mir zu sagen, was er von mir wollte. Er zitterte und wollte alles gestehen, als unglücklicherweise jemand das Gäßchen betrat. Der Spion entwischte mir, und ich erfuhr nichts; aber ich war überzeugt, daß dieser Kerl sich künftighin in respektvoller Entfernung halten würde. Zugleich jedoch fühlte ich, daß ein hartnäckiger Neugieriger leicht mußte herausbringen können, wer ich wäre. Ich beschloß daher nur noch maskiert oder bei Nacht nach Murano zu gehen. Am nächsten Tage sollte ich meine schöne Nonne sehen, um von ihr zu erfahren, wann sie mit mir in Venedig zu Abend essen würde; ich fand mich bereits in aller Frühe im Sprechzimmer ein. Sie erschien sofort, und die Freude stand ihr auf dem Gesicht geschrieben. Sie machte mir ein Kompliment darüber, daß ich mich wieder in ihrer Kirche hätte sehen lassen. Alle Nonnen wären entzückt gewesen, nach dreiwöchentlicher Abwesenheit mich wiederzusehen. »Die Äbtissin«, erzählte sie mir, »sprach mir ihre Freude darüber aus, daß du wieder gekommen wärest, und sagte mir, sie wäre sicher, daß sie herausbringen würde, wer du wärest.« Ich erzählte ihr nun den Vorfall mit dem Spion, und uns beiden erschien es höchst wahrscheinlich, daß dies wohl das Mittel gewesen sein möchte, wodurch die fromme Frau Näheres über mich hätte erfahren wollen. »Ich bin, göttliche Freundin, entschlossen, nicht mehr die Messe zu besuchen!« »Das wird für mich eine Entbehrung sein; aber in unserem gemeinsamen Interesse kann ich deinen Entschluß nur billigen.« Sie erzählte mir darauf von der verräterischen Ritze in der Wand ; »aber«, setzte sie hinzu, »sie ist bereits verstopft, und von dieser Seite brauchen wir nichts mehr zu befürchten. Ich wurde durch eine junge Pensionärin darauf aufmerksam gemacht, die ich sehr lieb habe und die sehr an mir hängt.« Ich bezeigte keine Neugier, den Namen dieser Freundin zu erfahren, und sie nannte ihn mir nicht. »Und nun, mein Engel, sage mir, ob mein Glück hinausgeschoben ist?« »Allerdings – aber nur um vierundzwanzig Stunden; die neueingetretene Schwester hat mich zum Abendessen auf ihr Zimmer eingeladen, und du begreifst, daß es keinen einleuchtenden Vorwand gibt, um so etwas abzulehnen.« »Du würdest ihr also nicht anvertrauen, daß ich den sehr berechtigten Wunsch hege, daß sie niemals zu Abend essen möge?« »Nein, gewiß nicht. Soweit geht in Klöstern das Vertrauen niemals. Außerdem, mein Freund, kann man eine derartige Einladung nur ausschlagen, wenn man den Wunsch hat, sich eine unversöhnliche Feindin zu machen.« »Kann man nicht sagen, man sei krank?« »Ja. Aber dann die Besuche?« »Ich verstehe; wenn du Besuche ablehntest, könnte man Verdacht schöpfen, daß du nicht im Kloster anwesend wärest.« »Solcher Verdacht wäre unmöglich. Denn hier glaubt man nicht an die Möglichkeit, daß eine von uns das Kloster verlassen kann.« »Du bist also die einzige hier, die dieses Wunder zuwege bringen kann?« »Verlaß dich drauf! Aber das Wunder wird hier, wie überall, vom Gelde bewirkt.« »Es bewirkt vielleicht noch andere.« »Die Zeiten sind vorüber. Aber sage mir, Liebling, wo willst du morgen abend zwei Stunden nach Sonnenuntergang auf mich warten?« »Könnte ich dich nicht hier bei deinem Kasino erwarten?« »Nein; denn mein Liebhaber selber wird mich nach Venedig bringen.« »Er selber?« »Ja, er selber.« »Das ist unglaublich.« »Aber wahr.« »Ich werde auf dem Platz San Giovanni e San Paolo hinter dem Denkmal des Bartolomeo von Bergamo auf dich warten.« »Ich habe den Platz und das Denkmal stets nur auf Abbildungen gesehen. Aber das genügt. Ich werde pünktlich kommen. Nur ein ganz abscheuliches Wetter könnte mich hindern, zu einem Stelldichein zu erscheinen, wozu mein Herz mich ruft.« »Und wenn solches Wetter einträte?« »Dann, lieber Freund, wäre nichts verloren; wir würden uns einfach wieder hier treffen und einen anderen Tag verabreden.« Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren, denn ich hatte ja noch gar kein Kasino. Ich nahm einen zweiten Ruderer an und war in weniger als einer Viertelstunde auf dem Markusplatz. Dann machte ich mich sofort auf die Suche. Wenn ein Sterblicher das Glück hat, in der Gunst des Gottes Plutus zu stehen, und wenn er nicht knauserig ist, so kann er sicher sein, daß ihm so ziemlich alles gelingen wird. Ich brauchte daher denn auch nicht lange zu suchen, um ein Kasino zu finden, wie ich es wünschte. Es war das schönste in ganz Venedig und dessen Umgebung; dafür war es natürlich auch das teuerste. Es hatte dem englischen Gesandten gehört, der es seinem Koch um billigen Preis überlassen hatte, als er von Venedig fortging. Der neue Besitzer vermietete es mir bis Ostern [R1: Also auf etwa 4 Monate.] für hundert Zechinen, die ich ihm im voraus zahlte unter der Bedingung, daß er persönlich mir die Diners und Soupers herstellte, die ich bei ihm zu bestellen Lust hätte. Ich hatte fünf Zimmer, die im besten Geschmack ausgestattet waren, und alles schien darauf berechnet zu sein, der Liebe, dem Vergnügen und den Freuden der Tafel zu dienen. Das Essen wurde durch ein blindes Fenster ins Speisezimmer besorgt; es war in die Wand eingelassen und mit einem drehbaren Speisenträger versehen, der die Offnung genau ausfüllte, so daß Herrschaft und Bedienung sich nicht sehen konnten. Dieser Speisesaal war mit prachtvollen Spiegeln, mit Kronleuchtern aus Bergkristall und mit Wandleuchtern aus vergoldeter Bronze geschmückt; ein herrlicher Standspiegel befand sich über einem Kamin aus weißem Marmor, der mit kleinen Vierecken aus chinesischem Porzellan ausgelegt war, worauf nackte Liebespaare in allen möglichen, die Phantasie entflammenden Stellungen abgebildet waren. Elegante und bequeme Sofas standen rechts und links vom Kamin. Nebenan befand sich ein achteckiges Zimmer, dessen Wände, Fußboden und Decke ganz und gar mit den schönsten venetianischen Spiegeln belegt waren, so daß das Liebespaar, welches dieses Gemach benutzte, alle seine Stellungen hundertfach vervielfältigt sah. Dicht daneben war ein schöner Alkoven mit zwei geheimen Zugängen; rechts ein elegantes Ankleidezimmer, links ein Boudoir, das für die Mutter der Liebesgötter hergerichtet zu sein schien, und ein Badezimmer aus karrarischem Marmor. Die Deckentäfelung war überall mit Malergold ausgelegt oder mit Blumen und Arabesken bemalt. Nachdem ich befohlen hatte, alle Leuchter mit Kerzen zu versehen und überall, wo es nötig war, die schönste Wäsche aufzulegen, bestellte ich das üppigste und leckerste Essen für zwei Personen; auf die Kosten sollte er nicht sehen und vor allen Dingen die ausgesuchtesten Weine besorgen. Hierauf ließ ich mir den Schlüssel zur Haustür geben und belehrte den Meister Koch darüber, daß ich beim Kommen wie beim Gehen von keinem Menschen gesehen zu werden wünschte. Ich bemerkte mit Vergnügen, daß die Stutzuhr im Alkoven mit einem Wecker versehen war; denn ich begann trotz aller meiner Liebe der Macht des Schlafes untertan zu werden. Nachdem im Hause alles nach meinen Wünschen angeordnet war, ging ich als aufmerksamer und zartfühlender Liebhaber hin und kaufte die schönsten Pantoffeln, die überhaupt zu haben waren, und eine Nachtmütze aus Alenconspitzen. Der Leser wird hoffentlich nicht finden, ich habe mich bei diesem Anlaß zu sehr um die Einzelheiten bekümmert; er möge bedenken, daß ich die vollkommenste Sultanin des Erdkreises zu Tische haben sollte und daß ich dieser vierten Grazie gesagt hatte, ich besäße ein Kasino. Durfte ich damit den Anfang machen, daß ich ihr einen schlechten Begriff von meiner Wahrheitsliebe gab? Zur bestimmten Stunde, zwei Stunden nach Sonnenuntergang, begab ich mich nach meinem Palais; man kann sich kaum vorstellen, was für ein erstauntes Gesicht der Herr französische Koch machte, als er mich allein ankommen sah. Da ich nicht alles erleuchtet fand, wie ich's befohlen hatte, machte ich ihm harte Vorwürfe und bedeutete ihm, daß ich es nicht liebte, etwas zweimal sagen zu müssen. »Ein anderes Mal werde ich nicht verfehlen, die Anordnungen des Herrn genau auszuführen.« »Tragen Sie das Essen auf.« »Der Herr haben für zwei bestellt.« »Servieren Sie für zwei und seien Sie für dieses Mal bei meiner Mahlzeit zugegen, damit ich Ihnen sagen kann, was ich gut oder schlecht finde.« Das Essen kam durch das Drehfenster in guter Ordnung herein, immer zwei Schüsseln zu gleicher Zeit. Ich machte meine Bemerkungen über alles, im Grunde aber fand ich alles ausgezeichnet: Wild, Störfisch, Trüffeln, Weine, Nachtisch; alles wurde in schönem Meißener Porzellan oder auf Silber serviert. Ich sagte ihm, er habe vergessen, harte Eier, Anschovis und verschieden gewürzte Essige aufzusetzen, um Salat zu machen. Er erhob die Augen zum Himmel, wie wenn er sich eines großen Verschuldens bezichtigen wollte. Nach einer Mahlzeit, die zwei Stunden dauerte und mir die Bewunderung meines Wirtes erwecken mußte, verlangte ich von ihm die Rechnung. Er brachte sie mir eine Viertelstunde später, und ich fand sie vernünftig. Ich entließ ihn und legte mich in das prachtvolle Bett, das im Alkoven stand. Das ausgezeichnete Abendessen verschaffte mir bald den süßesten Schlaf, der ohne Wirkung des Burgunders und Champagners mich wahrscheinlich würde geflohen haben, weil ich dann immerzu daran hätte denken müssen, daß ich die nächste Nacht an demselben Ort eine Göttin in meinem Besitz haben sollte. Ich erwachte erst am hellen Tage. Nachdem ich noch für den Abend das schönste Obst und Eis bestellt hatte, ging ich. Um einen Tag zu kürzen, den die Sehnsucht mir sehr lang erscheinen lassen mußte, spielte ich; ich sah mit Vergnügen, daß das Glück mich nicht weniger gut behandelte als die Liebe. Da nun alles so herrlich nach meinen Wünschen ging, machte ich mir eine Wonne daraus, mein Glück dem guten Geist meiner Nonne zuzuschreiben. Eine Stunde vor der bestimmten Zeit war ich am verabredeten Ort; die Nacht war kalt, aber ich spürte nichts vom Frost. Pünktlich zur abgemachten Stunde sah ich eine Barke mit zwei Rudern sich nähern; eine maskierte Person sprang heraus, sobald das Boot das Ufer berührt hatte. Sie sprach mit dem Bootsmann am Bug und schritt dann auf das Denkmal zu. Als sie näher kam, klopfte mein Herz vor Wonne; plötzlich aher bemerkte ich, daß die Maske ein Mann war. Ich wich ihr aus und machte mir im stillen Vorwürfe, daß ich meine Pistolen nicht eingesteckt hatte. Die Maske ging jedoch um das Denkmal herum, trat auf mich zu und streckte mir freundschaftlich die Hand entgegen; ich erkannte meinen Engel. Sie lachte über meine Überraschung und hängte sich an meinen Arm; ohne ein Wort zu wechseln gingen wir nach dem Markusplatz und von dort nach meinem Kasino, das nur etwa hundert Schritte vom Theater San Moiso entfernt lag. Ich fand alles nach Wunsch hergerichtet. Wir gingen nach oben, und schnell warf ich meinen Domino ab, M. M. aber machte sich einen Spaß daraus, in der Wohnung hin und her zu laufen und alle Winkel des entzückenden Liebesnestes zu durchstöbern. Sie war entzückt, daß ich von allen Seiten ihre anmutig geschmückte Person betrachtete, und sie bat mich, in diesem Schmuck die verschwenderische Güte ihres Liebhabers zu bewundern. Sie war überrascht von dem Wunder, daß sie, ohne sich zu rühren, ihre reizende Person in tausendfach verschiedener Art sah. Ihr Abbild, das von den Spiegeln, dank einer sinnreichen Anordnung der Kerzen, vervielfältigt wurde, bot ihr ein neues Schauspiel, von dem sie ihre Blicke nicht abwenden konnte. Auf einem Schemel sitzend, musterte ich voll Entzücken die ganze Eleganz ihrer Person. Sie trug einen Rock von rosenfarbenen. Samt mit goldenen Stickereien, eine dazu passende Weste mit überaus reicher Handstickerei; schwarze Atlaskniehosen; Schuhschnallen mit Brillanten, einen sehr wertvollen Solitär am kleinen Finger und an der anderen Hand einen Ring, dessen Kasten nur ein mit Kristall überdecktes Stückchen weißen Atlas aufwies. Ihre baüte [R1: Maske.] aus schwarzer Blonde war von auffallender Schönheit in bezug auf ihre Feinheit und das Muster. Damit ich sie besser ansehen könnte, stellte sie sich vor mich hin. Ich untersuchte auch ihre Taschen und fand darin: eine goldene Tabaksdose, eine reich mit Perlen besetzte Bonbonniere, ein goldenes Besteck, eine prachtvolle Lorgnette, Taschentücher vom allerfeinsten Battist, die mit den kostbarsten Essenzen nicht nur parfümiert, sondern geradezu getränkt waren. Ich bewunderte aufmerksam das reiche Material und die sorgfältige Arbeit ihrer beiden Uhren, ihrer Ketten und ihrer von kleinen Diamanten funkelnden Uhranhängsel; zum Schluß fand ich ein Pistol – aber es war ein englisches Feuerzeug aus reinem und schön poliertem Stahl. »Alles, was ich hier sehe, meine göttliche Freundin, reicht nicht annähernd an deine eigenen Vorzüge heran; aber ich kann mich nicht enthalten, dir meine Bewunderung auszusprechen für den erstaunlichen, ich möchte fast sagen: anbetungswürdigen Menschen, der dich offenbar überzeugen will, daß du in Wirklichkeit seine [R2: Hier natürlich im Sinn von Herrin.] Maitresse bist.« »Dies hat er mir gesagt, als ich ihn bat, mich nach Venedig zu bringen und hier allein zu lassen. ›Amüsiere dich,‹ sagte er; ›ich wünsche nur, daß der Mann, den du glücklich machen willst, sich dessen würdig erweist‹.« »Ich wiederhole: es ist ein erstaunlicher Mensch; es gibt keinen anderen von solchem Zuschnitt. Ein Liebhaber von solcher Art ist einzig, und ich fühle, daß ich es ihm nicht gleichtun kann, wie ich anderseits befürchte, daß ich mein Glück, das mich blendet, nicht verdiene.« »Erlaube mir, allein ins Nebenzimmer zu gehen und mich zu demaskieren.« »Sei freie Herrin deiner Wünsche.« Eine Viertelstunde darauf trat meine Geliebte wieder ein. Sie war als Mann frisiert, aber ihre langen Seitenlocken fielen ihr über die Wangen herab, und ihr mit einem schwarzen Bande zusammengehaltener Haarschopf reichte bis über die Kniekehlen hinab. In ihren Formen glich sie einem Antinous; hätte sie nicht ihren französischen Anzug getragen, so wäre die Illusion vollständig gewesen. Ich war wie verzaubert, und mein Glück erschien mir unbegreiflich. »Nein,« rief ich, »nein, anbetungswürdiges Weib, du bist nicht für einen Sterblichen geschaffen, und mir ist's, als fühle ich, daß du niemals mein sein wirst. Im Augenblick, wo ich dich besitzen soll, wird irgendein Wunder dich meiner Glut entreißen. Vielleicht wird dein göttlicher Gemahl, eifersüchtig auf einen einfachen Sterblichen, alle meine Hoffnungen zerstören. In einer Viertelstunde lebe ich vielleicht nicht mehr.« »Bist du rasend, mein Freund? Ich gehöre ja dir in diesem Augenblick, wenn du willst!« »Ah! Ob ich will! Ich habe zwar den ganzen Tag noch nichts gegessen – aber komm! Liebe und Glück werden meine Nahrung sein.« Sie fror. Wir setzten uns vor das Feuer. Ich konnte meine Ungeduld nicht mehr bemeistern und löste eine Brillantschnalle, die ihre Spitzenkrause zusammenhielt. Leser – es gibt so lebhafte und so süße Empfindungen, daß die Jahre kaum die Erinnerung daran verwischen und daß die Zeit sie niemals gänzlich zerstören kann. Mein Mund hatte ja schon diesen zauberhaften Busen mit Küssen bedeckt, aber das lästige Mieder hatte mir nicht erlaubt, ihn in seiner ganzen Vollkommenheit zu bewundern. Jetzt fühlte ich ihn frei von allem Zwang und von jeder überflüssigen Stütze: niemals habe ich einen schöneren gesehen, niemals einen schöneren berührt. Wären die beiden wunderbaren Halbkugeln der mediceischen Venus von Pronmetheus' Funken belebt worden, sie hätten vor denen meiner göttlichen Nonne verblassen müssen. Ich brannte vor Begierden, und ich schickte mich an, diese zu befriedigen, als meine Zauberin mich mit einem einzigen Wort beruhigte. »Warten wir bis nach dem Essen!« sagte sie. Ich klingelte. Sie erzitterte, aber ich sagte zu ihr: »Beruhige dich, Geliebte!« und zeigte ihr das Geheimnis. »Du wirst deinem Liebhaber sagen können, daß kein Mensch dich gesehen hat.« »Er wird deine Aufmerksamkeit bewundern und wird erraten, daß du kein Neuling in der Lebenskunst bist. Aber offenbar bin ich nicht die einzige, die mit dir sich dieses wonnigen Liebesnestes erfreut.« »Du irrst dich. Glaube mir auf mein Wort: Du bist die erste Frau, die ich hier gesehen habe. Du bist, angebetetes Weib, nicht meine erste Leidenschaft, aber du wirst meine letzte sein!« »Ich werde glücklich sein, wenn du beständig bist. Mein Liebhaber ist es. Er ist freundlich, gut und liebenswürdig; trotzdem blieb mein Herz stets leer, solange ich ihn kenne.« »Auch sein Herz muß leer sein; denn wenn seine Liebe von der Art der meinigen wäre, hättest du mich niemals glücklich gemacht.« »Er liebt mich, wie ich dich liebe. Und glaubst du, daß ich dich liebe?« »Das will ich sehr gerne glauben; aber du ließest mich nicht ...« »Schweig! Denn ich fühle, daß ich dir alles verzeihen könnte, wenn du nur nichts vor mir geheim hieltest. Die Freude, die mich in diesem Augenblick beseelt, entspringt mehr aus meiner Hoffnung, alle deine Wünsche erfüllen zu können, als aus dem Gedanken, daß ich mit dir eine köstliche Nacht verbringen werde. Sie wird die erste meines Lebens sein.« »Wie? Du hast niemals eine Nacht mit deinem Geliebten verbracht?« »Mehrere. Aber Freundschaft, Gefälligkeit und Dankbarkeit bestritten vielleicht alle Kosten; das Wesentliche, die Liebe, war ausgeblieben. Dabei ist mein Liebhaber dir ähnlich; er hat ein fröhliches Temperament, ähnlich dem deinen, und von Gesicht ist er sehr hübsch. Aber trotzdem – er ist nicht du! Ich halte ihn auch für reicher als dich, obwohl ich nach der Ausstattung deines Kasinos das Gegenteil annehmen könnte. Aber was macht die Liebe sich aus Reichtum! Und bilde dir nur nicht etwa ein, daß ich geringer von dir denke, weil du dir nicht den Heroismus zutraust, mir eine Extratour zu erlauben! Ich weiß, du würdest mich nicht so lieben, wie du zu meinem Entzücken mich liebst, wenn du mir sagtest, du könntest für eine Phantasie von mir dieselbe Nachsicht haben wie er.« »Wird er neugierig sein, die Einzelheiten dieser Nacht zu erfahren?« »Er wird mir ein Vergnügen zu machen glauben, indem er sich bei mir danach erkundigt, und ich werde ihm alles erzählen, ausgenommen die Umstände, die ihn beschämen könnten.« Nach dem Essen, das sie köstlich fand, bereitete sie Punsch, worauf sie sich trefflich verstand. Ich fühlte jedoch meine Ungeduld immer mehr anwachsen und sagte zu ihr: »Bedenke, daß wir nur sieben Stunden vor uns haben und daß wir uns selber betrügen würden, wenn wir sie bei Tisch verbrächten!\<\</p\> »Du sprichst weiser als Sokrates, und deine Beredsamkeit überzeugt mich. Komm!« Sie führte mich in das galante Ankleidezimmer; dort schenkte ich ihr die schöne Nachtmütze und bat sie, ihre Haare nach Frauenart zu ordnen. Sie empfing mein Geschenk mit Freuden und bat mich, ich möchte mich im Salon entkleiden; sie würde mich rufen, sobald sie im Bett läge. Ich brauchte nicht lange zu warten, denn wenn es sich um Genüsse solcher Art handelt, ist alles schnell getan. Trunken vor Liebe und Glück sank ich in ihre Arme, und sieben Stunden lang gab ich ihr die untrüglichsten Beweise meiner Liebesglut und der Gefühle, die sie mir einflößte. Ich lernte von ihr nichts neues in bezug auf das Materielle; aber viel an Seufzern, an Verzückungen, an Ekstasen, an Gefühlen, wie sie nur in einer empfindsamen Seele in den süßesten Augenblicken sich entwickeln. Ich brachte auf tausenderlei Art Abwechslung in den Genuß, und sie war erstaunt, sich für die Wollust noch empfänglicher zu finden, als sie selber geglaubt hatte. Endlich ließ der fatale Wecker sich hören. Wir mußten unseren Verzückungen Einhalt gebieten; aber ehe sie sich meinen Armen entwand, hob sie die Augen zum Himmel auf, wie wenn sie ihrem göttlichen Gebieter dafür danken wollte, daß sie es über sich vermocht hatte, mir ihre Leidenschaft zu erklären. Wir zogen uns an. Als ich ihr das schöne Spitzenhäubchen in die Tasche steckte, versicherte sie mir, sie würde es ihr Leben lang aufbewahren zur Erinnerung an das Glück, womit sie in dieser Nacht überströmt worden sei. Nachdem wir noch eine Tasse Kaffee getrunken hatten, verließen wir mein Kasino, und ich begleitete sie bis zur Piazza San Giovanni e San Paolo, wo ich ihr versprach, ich würde sie am übernächsten Tage besuchen. Nachdem ich sie sicher in ihre Gondel hatte einsteigen sehen, ging ich nach Hause und legte mich zu Bett. Zehn Stunden ununterbrochenen Schlafes gaben mir alle meine Kräfte zurück. Zwanzigstes Kapitel Fortsetzung des vorigen Kapitels. – Besuch im Sprechzimmer des Klosters und Unterhaltung mit M. M. – Ein Brief von ihr und meine Antwort darauf. – Neue Zusammenkunft im Kasino von Murano unter den Augen ihres Liebhabers. Wie ich's M. M. versprochen hatte, besuchte ich sie am dritten Tage; aber sobald sie das Sprechzimmer betrat, sagte sie mir, ihr Geliebter habe sich anmelden lassen, sie erwarte ihn jeden Augenblick und hoffe, mich am nächsten Tage wieder zu sehen. Ich ging also. In der Nähe der Brücke sah ich einen schlecht maskierten Kavalier aus einer Gondel steigen. Ich sah mir den Gondoliere an und bemerkte, daß er einer von den Leuten des französischen Gesandten war. »Also der ist's!« sagte ich zu mir selber. Ohne ihn anscheinend zu beobachten, sah ich ihn ins Kloster eintreten. Jetzt war kein Zweifel mehr möglich, und ich fuhr ganz entzückt über meine Entdeckung nach Venedig zurück; aber ich beschloß, meiner Geliebten nichts zu sagen. Am nächsten Morgen sah ich sie, und wir hatten folgendes Gespräch miteinander: »Mein Freund«, sagte sie, »kam gestern, um bis zum Weihnachtsfest Abschied von mir zu nehmen. Er geht nach Padua. Aber es sind alle Anordnungen getroffen, daß wir in seinem Kasino soupieren können, sobald wir Lust haben.« »Und warum nicht in Venedig?« »Er hat mich gebeten, während seiner Abwesenheit nicht nach Venedig zu gehen. Er ist klug und vorsichtig: ich durfte ihm seine Bitte nicht abschlagen.« »Das läßt sich hören. Wann werden wir miteinander speisen!« »Sonntag, wenn du willst.« »Wenn ich will – ist nicht gut gesagt. Denn ich will immer. Sonntag werde ich also in der Dämmerung hingehen, werde auf dich warten und mir die Zeit mit Lesen vertreiben. Hast du deinem Freund gesagt, daß du in meinem kleinen Palazzo nicht übel aufgehoben warst?« »Alles – er weiß alles. Aber mein Herz, eins beunruhigt ihn: er fürchtet die verhängnisvolle Schwangerschaft.« »Ich will sterben, wenn ich daran gedacht habe! Aber meine Liebe, bist du bei ihm nicht derselben Gefahr ausgesetzt?« »Nein, das ist ausgeschlossen.« »Ich verstehe. Da müssen wir also in Zukunft recht vernünftig sein. Da fällt mir ein: neun Tage vor Weihnachten hört die Maskenfreiheit auf. Da werde ich mich in der Gondel nach deinem Kasino begeben müssen; sonst könnte ich leicht von dem Spion erkannt werden, der mir schon einmal nachgegangen ist.« »Ja, das ist ein sehr verständiger Gedanke. Ich werde dir die Lage des Hauses am Kanal so beschreiben, daß du es leicht finden kannst. Ich hoffe, du wirst auch während der Fastenzeit kommen können, obwohl es, wie man sagt, Gottes Wille ist, daß wir dann unser Fleisch abtöten. Ist es nicht scherzhaft, daß es eine Zeit gibt, wo wir nach Gottes Willen uns wie toll belustigen sollen, und eine andere, wo wir ganz enthaltsam leben müssen, um ihm zu gefallen? Was kann denn nur dieser oder jener Gedenktag mit der Gottheit zu tun haben, und wie kann die Handlungsweise des Geschöpfes dem Schöpfer irgendetwas ausmachen, den meine Vernunft sich doch nur als unabhängig vorstellen kann? Mir scheint, wenn Gott den Menschen so geschaffen hätte, daß er ihn beleidigen könnte, so hätte der Mensch recht, wenn er alles täte, was Gott ihm verboten hatte, denn seine mangelhafte Anlage wäre Gottes Werk. Kann man sich vorstellen, daß Gott während der Fastenzeit traurig ist?« »Meine reizende Freundin, du sprichst ausgezeichnet. Aber willst du mir nicht sagen, wo du so denken gelernt hast? Wie hast du, in einem Kloster, über den Graben springen können?« »Mein Freund hat mir gute Bücher gegeben, die ich eifrig gelesen habe, und das Licht der Wahrheit hat die Finsternisse verscheucht, die meinen Blick umhüllten. Ich versichere dir: wenn ich über mich selber nachdenke, finde ich mein Glück, daß ich jemanden fand, der meinen Geist aufklärte, viel größer als mein Unglück, daß ich den Schleier nahm. Denn das größte Glück besteht ohne Zweifel darin, ruhig leben und ruhig sterben zu können; und darauf kann man kaum hoffen, wenn man auf das Gefasel hört, womit die Priester uns die Ohren sprengen.« »Ich bin ganz deiner Meinung. Aber ich bewundere dich. Denn einen Geist aufzuklären, der so voreingenommen sein mußte wie der deine, das kann nicht das Werk einiger Monate gewesen sein.« »Mir wäre ohne Zweifel das Licht viel später aufgegangen, wenn ich weniger von Vorurteilen erfüllt gewesen wäre. Ein dichter Vorhang trennte in meinem Geist die Wahrheit vom Irrtum, und nur die Vernunft konnte ihn zur Seite schieben; aber man hatte es mir ja zum Gesetz gemacht, diese arme Vernunft zu fürchten, sie mir fern zu halten, wie wenn ihre Fackel mich hätte verbrennen müssen, statt mich aufzuklären. Seitdem mir nachgewiesen wurde, daß ein vernünftiges Wesen sich nur von der Vernunft dürfte leiten lassen, habe ich mich rückhaltlos ihrer Führung überlassen, und die Binde, die mir die Wahrheit verbarg, ist von meinen Augen gefallen. Die Wahrheit zeigte sich mit Glanz, die Dummheit ist verschwunden, und ich brauche nicht zu befürchten, daß sie wieder die Oberhand gewinnt, denn jeden Tag werde ich stärker, und ich kann sagen, ich habe Gott erst zu lieben begonnen, seitdem ich mich von dem Begriff freigemacht habe, den die Priester mir von ihm gegeben hatten.« »Dazu wünsche ich dir Glück Du bist glücklicher gewesen als ich, denn du hast in einem Jahre einen längeren Weg zurückgelegt, als ich in zehn.« »Du hast also nicht damit begonnen, die Schriften von Lord Bolinbroke zu lesen? Vor fünf Monaten las ich Charons Buch ›De la sagesse‹, und unser Beichtvater bekam, ich weiß nicht wie, Kenntnis davon. Er wagte mir bei der Beichte zu sagen, ich müßte das Lesen derartiger Bücher aufgeben. Ich antwortete ihm: da mein Gewissen keine Unruhe empfände, könnte ich ihm nicht gehorchen. »Dann werde ich Sie nicht absolvieren,« versetzte er. »Ich werde trotzdem zum Abendmahl kommen,« sagte ich. – Hierüber ärgerte er sich, und da er nicht wußte, was er machen sollte, sprach er mit dem Bischof. Seine Eminenz besuchte mich, um mir klar zu machen, daß ich mich meinem Beichtvater fügen müßte. Ich antwortete ihm, wir hätten gegenseitige Pflichten: Die Aufgabe eines Priesters im Beichtstuhl wäre, mich anzuhören, mir eine angemessene Buße aufzuerlegen und mich freizusprechen; denn er dürfte sich nicht einmal erlauben, mir Ratschläge zu geben, wenn ich ihn nicht danach fragte. Der Beichtvater müßte jedenfalls Skandal vermeiden; wenn er sich aber sollte einfallen lassen, mir die Absolution zu verweigern – was er ja tun könnte – so würde ich trotzdem mit den anderen Nonnen zum Abendmahl gehen. Der Bischof sah, daß er bei mir sein Latein verlor, und befahl dem Beichtvater, mich nach meinem Gewissen handeln zu lassen. Dies war mir aber noch nicht genug. Mein Liebhaber verschaffte mir vom Papst ein Breve, das mich ermächtigt, zu beichten, bei wem ich will. Alle meine Mitschwestern sind eifersüchtig auf dieses Vorrecht; ich habe mich desselben aber nur ein einziges Mal bedient, gewissermaßen, um einen Präzedenzfall zu schaffen und mein Recht durch eine Tatsache zu bekräftigen; denn die ganze Geschichte ist nicht der Mühe wert. Ich beichte stets bei demselben Priester, und es wird ihm nicht schwer, mich zu absolvieren, denn ich sage ihm nur, was ich will.« »Wegen der Übrigen absolvierst du dich selber?« »Ich beichte Gott, der meine innersten Gedanken kennen und der allein darüber urteilen kann, ob meine Handlungen gut oder böse sind.« Ich erkannte aus diesem Gespräch, daß meine Schöne ein sogenannter Freigeist war. Ich war darüber keineswegs erstaunt, denn sie hatte ein noch größeres Bedürfnis, ihr Gewissen zu beschwichtigen, als ihre Sinnenlust zu befriedigen. Am Sonntag Nachmittag nahm ich eine Gondel mit zwei Ruderern und fuhr um die Insel Murano herum, um mir die Lage des Klosters von der Wasserseite einzuprägen und um mir die kleine Pforte zu merken, durch die meine Freundin das Kloster verließ. Es war verlorene Zeit und Mühe. Denn das Ufer, woran das Kloster lag, lernte ich erst während der Novene kennen und die kleine Pforte erst sechs Monate später, noch dazu mit Gefahr meines Lebens; ich werde davon sprechen, wenn wir so weit sind. Als die Stunde nahte, ging ich in den Tempel der Liebe. Während ich auf meine Göttin wartete, belustigte ich mich damit, mir die Bücher einer kleinen Bibliothek anzusehen, die sich im Boudoir befand. Sie waren nicht zahlreich, aber sorgsam ausgewählt und so recht des Ortes würdig. Man fand da alle Schriften gegen die Religion und alles, was die wollüstigsten Federn über die Freuden der Liebe geschrieben haben – verführerische Bücher, deren Stil den Leser in Flammen setzt und ihn nötigt, die Wirklichkeit zu suchen, von der sie nur das Abbild schildern. Mehrere reich gebundene Foliobände enthielten nur laszive Kupferstiche. Ihr großes Verdienst bestand weit mehr in der Reinheit der Zeichnung als in der Geilheit der Stellungen. Es waren die englischen Stiche zum ›Portier des Chartreur‹, die Bilder zu Meursius' Aloysia Sigea Toletana und andere, und alle waren von seltener Schönheit. Zahlreiche kleine Gemälde bedeckten außerdem die Wände des Kabinetts – lauter Meisterwerke in derselben Art wie die Kupferstiche. Seit einer Stunde war ich damit beschäftigt, alle diese Sachen mir anzusehen, und ihre Betrachtung hatte mich in eine nicht mehr zu bändigende Erregung versetzt, als ich meine schöne Geliebte in Nonnentracht eintreten sah. Ihr Anblick war nicht eben ein Beruhigungmittel, und ich rief daher: »Du kommst gerade im günstigsten Augenblick. Alle diese erotischen Bilder haben ein verzehrendes Feuer in meine Adern gegossen, und in deinem Nonnenkleide mußt du mir das Heilmittel gewähren, das meine Liebe von dir verlangt.« »Laß mich erst mein gewöhnliches Kleid anziehen, Liebster; in fünf Minuten bin ich ganz dein!« »In fünf Minuten werde ich schon glücklich gewesen sein; nachher kannst du gehen und dich umkleiden.« »Aber laß mich doch mich meiner Wollröcke entledigen, die ich nicht liebe.« »Nein, du mußt die Huldigung meiner Liebe in demselben Kleide empfangen, das du trugst, als du sie in mir wecktest.« Mit dem demütigsten Gesicht sprach sie ein: Fiat voluntas tua – Dein Wille geschehe, das sie mit dem wollüstigsten Lächeln begleitete; dann ließ sie sich auf ein Sofa niedersinken, und wir vergaßen einen Augenblick die ganze Welt. Nach dieser süßen Entzückung half ich ihr sich auskleiden, und bald verwandelte ein einfaches Kleid aus indischem Musselin meine liebenswürdige Nonne in eine ganz entzückende Nymphe. Nach emem köstlichen Mahl verabredeten wir uns, daß wir uns erst am ersten Tage der Novene wiedersehen wollten. Sie gab mir die Schlüssel zum Eingang von der Wasserseite und sagte mir, ich könnte bei Tage die Tür an einem aus dem Fenster unmittelbar darüber heraushängenden blauen Bande erkennen, damit ich mich abends nicht irrte. Ich versetzte sie in die höchste Freude, als ich ihr sagte, ich würde bis zur Rückkehr ihres Freundes einfach in ihrem Kasino wohnen bleiben. Während der zehn Tage, die ich in dem Hause verweilte, sah ich sie viermal, und jedesmal überzeugte ich sie, daß ich nur für sie lebte. Ich vertrieb mir die Zeit mit Lesen und indem ich an C. C. schrieb; aber meine Zärtlichkeit für diese war ruhig geworden. In den Briefen, die sie mir schrieb, interessierte mich am meisten, was sie von ihrer Freundin sagte. Sie tadelte mich, daß ich die Bekanntschaft mit M. M. nicht eifriger gepflegt hatte, und ich antwortete, ich hätte das nicht getan, weil ich befürchtet hätte, erkannt zu werden. Zugleich forderte ich sie auf, unverbrüchliches Schweigen zu beobachten. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, zwei Wesen gleichzeitig in gleichem Maße zu lieben. Auch bleibt die Liebe nicht auf ihrer Höhe, wenn man ihr zu reichliche Nahrung oder wenn man ihr gar keine gibt. Meine Leidenschaft für M. M. bewahrte immer dieselbe Stärke, weil ich sie stets nur unter der größten Gefahr, sie zu verlieren, besitzen konnte. »Es ist unmöglich,« sagte ich zu ihr, »daß nicht ein oder das andere Mal irgendeine Nonne das Bedürfnis verspürt, mit dir zu sprechen, während du gerade abwesend bist.« – »Nein,« antwortete sie mir, »das kann nicht vorkommen, denn jede Nonne muß das Recht haben, sich unzugänglich zu machen, und kein Recht wird im Kloster heiliger gehalten, selbst von Seiten der Abtissin. Nur der Ausbruch eines Brandes wäre zu fürchten, denn alsdann würde alles in schrecklichster Verwirrung sein, und es würde unnatürlich erscheinen, wenn eine Nonne ruhig in ihrer Zelle bliebe, während sie in so großer Gefahr schwebte: dadurch würde dann ohne Zweifel ihre Entweichung bekannt werden. Ich habe die Laienschwester, den Gärtner und eine andere Nonne auf meine Seite zu bringen gewußt; meine Gewandtheit im Bunde mit dem Gelde meines Geliebten hat dieses Wunder gewirkt. Mein Geliebter bürgt mir für die Treue des Kochs und seiner Frau, deren Obhut das Kasino anvertraut ist. Desgleichen ist er auch der beiden Gondoliere sicher; obwohl der eine vor ihnen unfehlbar ein Spion der Staatsinquisitoren ist.« Am Tage vor Weihnacht sagte sie mir, ihr Liebhaber würde zurückkommen; sie würde am Stefanstage [R1: 26. Dezember] mit ihm die Oper besuchen, und sie würden hierauf die Nacht miteinander verbringen. »Ich erwarte dich, mein süßer Freund, am letzten Tage des Jahres, und hier hast du einen Brief, den ich dich erst in deiner Wohnung zu lesen bitte.« Da ich also ausziehen mußte, um einem anderen Platz zu machen, schnürte ich in aller Herrgottsfrühe mein Bündel und verließ das Asyl, wo ich zehn Tage lang so hoher Wonnen genossen hatte. Ich begab mich nach dem Palazzo Bragadino und las dort folgenden Brief: »Du hast mich ein wenig verletzt, lieber Freund, als Du in bezug auf das Geheimnis, worin ich Dir gegenüber die Person meines Liebhabers hüllen muß, mir bemerktest, Du seist zufrieden, mein Herz zu besitzen, und lassest mir die volle Freiheit meines Geistes. Diese Scheidung von Herz und Geist erscheint mir als durchaus sophistisch, und wenn sie Dir nicht so erscheint, so mußt Du zugeben, daß Du mich nicht voll und ganz liebst. Denn unmöglich kann ich ohne Geist existieren, und unmöglich kannst Du mein Herz lieben, wenn es nicht mit meinem Geiste in Einklang steht. Wenn Deine Liebe sich mit dem Gegenteil begnügen kann, so ist sie nicht übermäßig zartfühlend. Da jedoch der Fall eintreten könnte, daß Du mich vielleicht überführen würdest, Dir gegenüber nicht mit der vollen Aufrichtigkeit gehandelt zu haben, die eine wahre Liebe einflößt und verlangen kann, so habe ich mich entschlossen, Dir ein Geheimnis zu entdecken, das meinen Freund betrifft, obwohl ich weiß, daß er fest auf meine Verschwiegenheit rechnet. Ich werde einen Verrat begehen, aber Du wirst mich darum nicht weniger lieben; denn da ich in der Zwangslage bin, zwischen euch beiden wählen und entweder den einen oder den anderen belügen zu müssen, so hat die Liebe den Sieg davongetragen. Aber bestrafe mich nicht dafür, denn ich habe meine Wahl nicht blindlings getroffen, und Du wirst die Gründe abwägen, die die Wagschale sich zu Deinen Gunsten senken ließen. Als ich mich nicht mehr imstande fühlte, meinem Verlangen nach Deiner näheren Bekanntschaft zu widerstehen, konnte ich nur dadurch zum Ziel gelangen, daß ich mich meinem Freunde offenbarte, und ich zweifelte keinen Augenblick an seiner gefälligen Hilfe. Er bekam von Deinem Charakter einen sehr vorteilhaften Begriff, als er Deinen ersten Brief las – einmal, weil Du das Sprechzimmer für unsere erste Zusammenkunft wähltest, ferner, weil Du sein Kasino in Murano Deinem eigenen vorzogst. Aber er bat mich auch um die Gefälligkeit, ihm zu erlauben, bei unserem ersten Beisammensein anwesend zu sein, und zwar in einem kleinen Kabinett, einem richtigen Versteck, von wo aus man, ohne selber gesehen zu werden, alles sehen kann, was im Salon vorgeht, und alles hören kann, was dort gesprochen wird. Du hast dieses Kabinett noch nicht gesehen, denn man kann dessen Vorhandensein unmöglich erraten; aber Du wirst es am Silvesterabend sehen. Sage mir, mein Herz, konnte ich dem Manne, der mir so großes Entgegenkommen zeigte, diesen eigentümlichen Wunsch versagen? Ich stimmte seiner Bitte zu, und da war es dann ganz natürlich, daß wir die Sache vor Dir geheim hielten. Jetzt weißt Du, daß mein Freund Zeuge war von allem, was wir während unserer ersten Liebesnacht taten und sagten. Aber laß Dich dies nicht verdrießen, denn ihm hat alles an Dir gefallen, Dein Benehmen sowohl wie die hübschen Bemerkungen, mit denen Du mich erheitert hast. Als das Gespräch auf ihn kam, hatte ich eine rechte Angst, Du könntest etwas sagen, was seinem Selbstgefühl nicht schmeichelhaft sein würde; glücklicherweise aber hat er nur lauter Schmeichelhaftes hören können. Hiermit, mein Herz, habe ich Dir aufrichtig meinen ganzen Verrat gebeichtet; aber als Verliebter und kluger Mann wirst Du ihn mir verzeihen und zwar um so leichter, da Du keinen Schaden davon gehabt hast. Mein Freund ist höchst neugierig zu erfahren, wer Du bist. Aber höre: in jener Nacht warst Du natürlich und ganz und gar liebenswürdig; wärst Du es auch gewesen, wenn Du gewußt hättest, daß Du Dich unter den Augen eines Zeugen befandest? Das ist nicht wahrscheinlich, und wenn ich Dich eingeweiht hätte, so würdest Du möglicherweise Dich gar geweigert haben, und vielleicht hättest Du recht gehabt. Jetzt, da wir uns kennen und da Du, wie ich hoffe, nicht mehr an unserer zärtlichen Liebe zweifelst, will ich mein Gewissen beruhigen und alles an alles setzen. Erfahre also, lieber Freund, daß am Neujahrsabend mein Geliebter im Kasino sein und daß er es erst am nächsten Morgen verlassen wird. Du wirst ihn nicht sehen, aber er wird uns sehen. Da er annimmt, daß Du von nichts wissest, so begreifst Du, wie natürlich in jeder Hinsicht Dein Benehmen sein muß; denn wenn Du nicht natürlich wärest, könnte er auf den Verdacht kommen, daß ich das Geheimnis verraten habe. Am meisten mußt Du auf Deine Worte acht geben. Mein Freund besitzt alle Tugenden mit Ausnahme der theologischen Tugend, die man Glauben nennt, und auf diesem Gebiet magst Du Dich nach Herzenslust ergehen. Über Literatur, Reisen, Politik wirst Du nach Deinem Belieben sprechen; in bezug auf Anekdoten brauchst Du Dich nicht zu genieren; Du kannst seiner Billigung gewiß sein. Jetzt, mein Freund, bleibt mir nur noch eins zu fragen: bist Du in der Laune, Dich in den Augenblicken, wo Du Dich der süßesten Wollust der Sinne überlieferst, von einem anderen Manne sehen zu lassen? Diese Ungewißheit ist jetzt meine Qual; und ich bitte Dich recht sehr: antworte mir mit einem Ja oder Nein. Begreifst Du, wie peinlich mir diese Befürchtung ist. Fühlst Du, wie schwer es mir werden muß, mich zu einem solchen Schritt zu entschließen. Ich sehe voraus, daß ich die nächste Nacht kein Auge schließen werde, denn ich werde keine Ruhe haben, bevor ich nicht Deine Antwort gesehen habe. Solltest Du glauben, in Gegenwart eines Dritten, zumal eines Unbekannten, nicht zärtlich sein zu können, so werde ich den Entschluß fassen, den die Liebe mir eingeben wird. Ich hoffe indessen, Du wirst kommen! Denn, wenn Du auch die Rolle des Liebenden nicht ganz vollkommen spielen solltest, so würde das weiter nicht schaden. Ich würde ihm einreden, Deine Liebe stände nicht mehr auf ihrem Höhepunkt.« Dieser Brief überraschte mich. Aber wenn ich es mir recht überlegte, fand ich meine Rolle schöner als die, die der Liebhaber zu spielen gedachte, und so lachte ich herzlich darüber. Ich gestehe indessen, ich würde nicht gelacht haben, wenn ich nicht gewußt hätte, von welcher Art der Mann war, den ich zum Zeugen haben sollte. Da ich wußte, daß meine Freundin in großer Unruhe war, und da ich sie beruhigen wollte, schrieb ich ihr sofort folgendes: »Du wünschest, göttliches Weib, daß ich Dir mit Ja oder Nein antworte. Voller Liebe zu Dir, will ich Dir meine Antwort noch vor Mittag zukommen lassen, damit Du ohne alle Unruhe essen kannst. Ich werde die Neujahrsnacht mit Dir verbringen, und ich versichere Dir, wir werden dem Freunde ein Schauspiel bieten, dessen Paphos und Amathunt sich nicht hätten zu schämen brauchen. Er wird nichts sehen und hören, was ihn auf die Vermutung bringen könnte, ich wäre in sein Geheimnis eingeweiht; und verlaß Dich drauf, ich werde meine Rolle nicht als Dilettant, sondern als Meister spielen. Wenn der Mensch die Pflicht hat, stets Sklave seiner Vernunft zu sein; wenn er, soweit es von ihm selber abhängt, nichts sich erlauben darf, ohne ihrer Führung zu folgen – so werde ich niemals zu begreifen vermögen, daß ein Mensch sich schämen kann, sich einem Freunde in einem Augenblick zu zeigen, wo Natur und Liebe ihn gleichermaßen begünstigen. Ich will Dir jedoch gestehen, daß Du übel daran getan haben würdest, mir das Geheimnis gleich beim erstenmal anzuvertrauen, und daß ich mich ohne Zweifel geweigert haben würde, in dieser Weise Dir gefällig zu sein. Nicht daß ich Dich damals weniger liebte, als ich Dich heute liebe – aber es gibt in der Natur so absonderliche Geschmacksverirrungen, daß ich mir vielleicht eingebildet hätte, es sei der Geschmack Deines Liebhabers, seinen Genuß im Anblick der Genüsse eines leidenschaftlichen und der süßesten Vereinigung sich schrankenlos hingebenden Liebespaares zu suchen. Dieser Gedanke hätte mir vielleicht einen unvorteilhaften Begriff von Dir gegeben und der Verdruß hätte vielleicht die Liebe abgekühlt, die Du mir eingeflößt hattest, die aber doch nur im ersten Entstehen begriffen war. Heute, meine reizende Freundin, liegt der Fall ganz anders, denn ich weiß vollkommen, welch einen Schatz ich in Deiner Liebe besitze. Aus allem, was Du mir über Deinen Freund erzählt hast, habe ich eine genaue Kenntnis seines Charakters gewonnen; ich liebe ihn und ich halte ihn für meinen Freund. Wenn Dich nicht ein Gefühl von Scham abhält, Dich in glühender zärtlicher Vereinigung mit mir von ihm sehen zu lassen, wie soll denn ich selber mich schämen; da doch im Gegenteil alles mich nur stolz machen kann. Ich kann, meine Göttin, weder darob erröten, daß ich Dich erobert habe, noch kann ich mich schämen, zu zeigen, mit welcher Freigebigkeit die Natur mir Schönheit und Kraft schenkte, die mir so lebhafte Genüsse geben und denen ich die Gewißheit verdanke, das von mir angebetete Weib an diesen Genüssen teilnehmen zu lassen. Ich weiß wohl, daß infolge eines Gefühls, das man natürlich nennt, das aber vielleicht nur ein Produkt der Zivilisation ist und aus jugendlichen Vorurteilen entspringt – ich weiß wohl, sage ich, daß es den meisten Menschen widerstrebt, sich in solchen Augenblicken sehen zu lassen. Diejenigen aber, die keine guten Gründe für solche Abneigung anführen können, müssen wohl etwas von der Natur der Katzen an sich haben; übrigens haben sie vielleicht recht gute Gründe und brauchen sich deshalb doch nicht für verpflichtet zu halten, sie irgend einem Menschen mitzuteilen, außer der Frau, die sich dadurch täuschen läßt. Ich entschuldige von ganzem Herzen alle diejenigen, die da wissen, daß sie nur das Mitleid der Zuschauer erregen würden; wir aber wissen, daß wir dieses traurige Gefühl gewiß nicht auslösen können! Alles, was Du mir von Deinem Freunde gesagt hast, gibt mir die Gewißheit, daß er unsere Genüsse teilen wird. Aber weißt Du auch, wie es kommen wird? Das Feuer unserer Leidenschaften wird die seine entflammen und – es tut mir leid um diesen ausgezeichneten Menschen – er wird nicht mehr an sich halten können, er wird sich mir zu Füßen werfen und mich bitten, ihm Dich abzutreten, die allein seine Erregung beruhigen kann. Was soll ich machen, wenn dieser Fall eintritt? Dich ihm überlassen? Ich könnte mich anstandshalber dessen nicht weigern; aber ich würde gehen, denn es wäre mir unmöglich, ruhiger Zuschauer zu sein. Leb also wohl, mein Engel, alles wird gut gehen. Bereite Dich auf den athletischen Kampf vor, den wir miteinander bestehen müssen, und verlasse Dich auf den Glücklichen, der Dich anbetet!« Ich verbrachte die sechs freien Tage mit meinen Freunden und im Ridotto, der zu jener Zeit am Stefanstage eröffnet wurde. Da ich nicht abziehen konnte – denn nur den Adligen war es erlaubt, im Patriziertalar die Bank zu halten –, so spielte ich morgens und abends und verlor beständig; denn wer nur setzt, muß verlieren. Der Verlust von vier- bis fünftausend Zechinen, die meinen ganzen Reichtum ausmachten, hatte aber nicht die Wirkung, meine Liebe abzukühlen, sondern schien ihr nur neue Glut zu verleihen. Gegen Ende des Jahres 1774 erließ der Große Rat ein Gesetz, das alle Glücksspiele verbot und dessen erste Wirkung darin bestand, daß der Ridotto geschlossen werden mußte. Dieses Gesetz war ein wirkliches Wunder. Als die Stimmzettel der Urne entnommen waren, sahen die Senatoren sich gegenseitig ganz verdutzt an. Sie hatten ein Gesetz beschlossen, das sie gar nicht beschließen konnten, denn drei Viertel der Abstimmenden wollten nichts davon wissen, und trotzdem waren drei Viertel der Stimmen zugunsten des Gesetzes. Man sagte, es sei ein Wunder des heiligen Markus, den der damalige Großkorrektor, jetzige Kardinal Monsignore Kardinal Flangini, und die drei Staatsinquisitoren darum angefleht hätten. Am verabredeten Tage erschien ich zur gewöhnlichen Stunde am gewöhnlichen Ort, und meine Freundin ließ mich nicht warten. Sie war im Kabinett, wo sie sich bereits hatte umkleiden können; sobald sie mich hörte, trat sie zu mir ins Zimmer. Sie war mit seltener Eleganz gekleidet. »Der Freund ist noch nicht auf seinem Posten; sobald er aber da ist, werde ich dir einen Wink mit den Augen geben.« »Wo ist denn dieses geheimnisvolle Kabinett?« »Dort! Betrachte die Rücklehne des Kanapees an der Wand. Alle diese in Reliefs gearbeiteten Blumen haben in der Mitte ein Loch, durch welches man von dem dahinter befindlichen Kabinett aus hindurchsehen kann. Dieses enthält ein Bett, einen Tisch und was jemand sonst noch braucht, der darin die Nacht verbringen und zu seiner Belustigung sich ansehen will, was hier im Salon vorgeht. Ich werde es dir zeigen, sobald du willst.« »Hat dein Liebhaber es so einrichten lassen?« »Nein, gewiß nicht; denn er konnte nicht voraussehen, daß er je davon Gebrauch machen würde?« »Ich begreife, daß solches Schauspiel ihm großes Vergnügen bereiten kann. Aber was wird er machen, wenn er in einem Augenblick, wo die Natur es gebieterisch fordert, dich nicht besitzen kann?« »Das ist seine Sache. Übrigens kann er ja gehen, wenn er sich langweilt, oder schlafen, wenn er müde wird. Aber wenn du dich nach deiner Natur benimmst, wird er sich nicht langweilen.« »Das werde ich tun; nur werde ich höflicher sein.« »Keine Höflichkeiten, bitte, bitte! Denn wenn du höflich bist – ade Natur! Wo hast du je gesehen, ich bitte dich, daß zwei Liebende in der vollen Raserei der Liebe daran denken, Höflichkeitsformen zu beobachten?« »Du hast recht, mein Herz; aber ich werde zart sein.« »Das lasse ich gelten; Zartgefühl verdirbt nichts. Aber sei nicht anders als sonst. Dein Brief hat mir Freude gemacht; du hast das Thema als Sachverständiger behandelt!« Meine Geliebte war, wie ich vorhin sagte, mit bemerkenswerter Eleganz gekleidet; aber ich hätte hinzufügen sollen, daß diese Eleganz die der Grazien war und der Einfachheit und Ungezwungenheit ihres Wesens keinen Abbruch tat. Auffallend fand ich nur, daß sie sich geschminkt hatte; doch gefiel es mir, weil sie die Schminke nach Art der Versailler Damen aufgelegt hatte. Der Reiz dieser Malerei besteht in der Nachlässigkeit, womit man sie auf die Wangen aufträgt. Man will gar nicht, daß dieses Rot natürlich aussehen soll; man legt es auf, um den Augen eine Lust zu bereiten; denn diese sehen darin Anzeichen einer Trunkenheit der Sinne, die ihnen außergewöhnliche Genüsse und zauberhafte Liebesrasereien verspricht. Sie sagte mir, sie habe sich dem Neugierigen zuliebe so geschmückt, denn er habe an dieser Art des Schminkens viel Vergnügen. »An diesem Geschmack«, sagte ich, »errate ich, daß er Franzose ist.« Bei diesen Worten gab sie mir einen Wink: der Freund war auf seinem Posten. Die Komödie begann: »Je mehr ich dich ansehe, mein Engel, desto mehr finde ich dich meiner Anbetung würdig.« »Aber du bist doch überzeugt, daß du nicht eine grausame Gottheit anbetest?« »Gewiß; deshalb bringe ich dir ja auch keine Opfer dar, um dich zu besänftigen, sondern um dich zu entflammen. Du wirst die ganze Nacht hindurch die Glut meiner Verehrung spüren!« »Du wirst mich nicht unempfindlich gegen deine Opfer finden.« »Ich würde sie sofort beginnen, aber ich glaube, um ihrer Wirksamkeit um so gewisser zu sein, müssen wir erst soupieren; denn ich habe heute noch nichts zu mir genommen als eine Tasse Schokolade und einen Salat von hartem Eiweiß mit Luccaöl und Räuberessig.« »Aber, lieber Freund, welche Torheit! Du mußt krank sein!« »Ja, in diesem Augenblick; aber ich werde mich vortrefflich befinden, wenn ich diese Eier eins nach dem anderen deiner liebenden Seele eingeflößt habe.« »Ich glaubte nicht, daß du Reizmittel nötig hättest.« »Wer hätte solche bei dir nötig! Aber ich habe eine begründete Furcht: sollte es mir zustoßen, daß das Zündhütchen Feuer finge, ohne daß der Schuß losginge – so würde ich mir eine Kugel durch den Kopf schießen.« »Mein lieber Schwarzkopf, das wäre gewiß ein Unglück; aber deswegen braucht man doch noch nicht in Verzweiflung zu geraten.« »Du meinst, ich brauchte nur einfach den Angriff zu erneuern?« »Natürlich!« Während wir uns mit solchen erbaulichen Gesprächen ergötzten, war der Tisch gedeckt worden, und wir nahmen Platz. Sie aß für zwei und ich für vier, denn unser ausgezeichneter Appetit wurde durch die Vortrefflichkeit der Speisen noch angespornt. Der prachtvolle Nachtisch wurde in Schüsseln von vergoldetem Silber aufgetragen, die zu den beiden vierarmigen Tischleuchtern paßten. Als sie bemerkte, daß ich deren Schönheit bewunderte, sagte sie: »Sie sind ein Geschenk von meinem Geliebten.« »Ein prachtvolles Geschenk. Hat er dir auch die Lichtputzer dazu gegeben?« »Nein.« »Danach möchte ich glauben, daß dein Freund ein großer Herr ist.« »Wieso denn?« »Große Herren wissen nicht, daß man die Kerzen putzt.« »Unsere Kerzen haben Dochte, die man nicht zu putzen braucht.« »Sage mir doch, von wem du dein Französisch gelernt hast?« »Vom alten La Forest. Ich war sechs Jahre lang seine Schülerin. Er hat mich auch Verse machen gelehrt. Aber weißt du – du kennst eine Menge Wörter, die ich niemals von ihm gehört habe, wie z. B. à gogo, frustratoire, rater, dorloter. Von wem hast du sie gelernt?« »Von der Pariser guten Gesellschaft und besonders von den Frauen.« Nachdem sie den Punsch bereitet hatte, machten wir uns den Spaß, Austern auf die wollüstigste Art zu essen, die nur zwei sich anbetenden Liebenden möglich ist. Wir schlürften sie abwechselnd einander aus dem Munde, nachdem wir sie auf die Zunge gelegt hatten. Wollüstiger Leser – iß Austern auf diese Art und sage, ob dieses nicht ohne Frage der Nektar der Götter ist! Endlich war genug getändelt; wir mußten an ausgiebigere Genüsse denken, und ich erinnerte sie daran. »Warte!« sagte sie; »ich werde das Kleid wechseln, in einem Augenblick bin ich dein.« Ich wußte nicht recht, was ich allein anfangen sollte, und stöberte in den Schubfächern ihres Schreibtisches herum. Mehrere Briefe, die ich fand, ließ ich unberührt; als ich aber eine Schachtel mit gewissen zur Verhütung der Empfängnis dienenden Futteralen fand, nahm ich den Inhalt an mich und legte an die Stelle des Gestohlenen folgende Verse: Enfants de l'amitié, ministres de la peur, Je suis l'Amour, tremblez! respectez le voleur! Et toi, femme de Dieu, ne crains pas d'ètre mère; Car si tu le deviens, Dieu seul sera le père. S'il est dit cependant, que tu veux te barrer, Parle: je suis tout prêt; je me ferai chatrer. Kinder der Freundschaft, Diener der Furcht, Ich bin Amor. Zittert! Respekt vor dem Dieb! Und du göttliche Braut, fürchte nicht Mutter zu werden, Denn wenn du es wirst, ist Gott allein der Vater. Doch, wenn du durchaus dich versperren willst – So sprich: Meine Mannheit zu opfern bin ich bereit! Es dauerte nicht lange, so kehrte meine Liebste, wie eine Nymphe gekleidet, zurück. Ein Kleid aus indischem Musselin, mit goldenen Lilien bestickt, ließ zum Entzücken ihre wollüstigen Formen hervortreten, und ihr Häubchen aus echten Spitzen war einer Königin würdig. Ich warf mich ihr zu Füßen und bat sie, mein Glück nicht länger zu verzögern. »Mäßige dein Feuer noch wenige Augenblicke,« sagte sie; »da ist der Altar, und in zwei Minuten wird das Opfer in deinen Armen liegen.« Sie ging auf den Schreibtisch zu und fuhr fort: »Du sollst sehen, wie weit die zartfühlende Sorgfalt meines Freundes sich erstreckt!« Sie holte die Schachtel hervor und öffnete sie; aber statt der gesuchten Überzieherchen fand sie meine Verse. Nachdem sie diese gelesen und dann laut noch einmal gelesen hatte, nannte sie mich einen Dieb, gab mir eine Menge Küsse und bat mich, ich möchte meine Beute wieder herausgeben. Aber ich stellte mich, als wüßte ich von nichts. Sie las meine Verse noch einmal, dachte einen Augenblick nach, sagte, sie wolle eine bessere Feder holen und ging hinaus. »Ich will dich in gleicher Münze bezahlen,« rief sie dabei lachend. Einen Augenblick darauf kam sie wieder und schrieb folgenden Sechszeiler: Ohne den Liebesgenuß zu verkürzen, Erfüllt meine Wünsche was du mir gestohlen; Geschützt vor Gefahr und darum zufrieden Schwelgt meine Seele in höchster Wollust Und willst in Sicherheit mit mir genießen du selbst, Gib mir, mein süßer Freund, der Freundschaft Gaben zurück. Einem solchen Angriff konnte ich unmöglich länger widerstehen, und ich gab ihr die Dinger zurück, die für eine der Venus opfernde Nonne so kostbar sind. Es hatte Mitternacht geschlagen. Ich zeigte ihr den sehnsüchtigen kleinen Helden, und sie machte das Sofa zurecht, indem sie sagte, im Alkoven wäre es zu kalt und wir wollten lieber im Salon schlafen. In Wirklichkeit traf sie diese Anordnung, damit wir dem neugierigen Liebhaber sichtbar wären. Leser! Jedes Gemälde braucht Schatten; auch das Schönste muß hier und da verschleiert werden. Um dir die fortwährend sich ändernde Szene zu schildern, die wir bis zur Morgendämmerung aufführten, müßte ich alle Farben von Aretinos reicher Palette zur Verfügung haben. Ich war glühend und kräftig, aber ich hatte es mit einer starken Gegnerin zu tun, und am Morgen nach dem Kampf waren wir völlig erschöpft. Ja, ich war in solchem Maße erschöpft, daß meine reizende Nonne sich ernstlich um mich beunruhigte. Sie hatte in der Tat während des letzten Opfers mein Blut auf ihren Busen spritzen sehen, und da sie auf eine solche Erscheinung nicht gefaßt war, erbleichte sie vor Schreck. Ich verscheuchte ihre Furcht durch allerlei Tollheiten, über die sie herzlich lachen mußte. Ich wusch ihren wundervollen Busen mit Rosenwasser, um ihn von dem Blut zu reinigen, das ihn zum erstenmal in ihrem Leben gefärbt hatte. Sie sprach mir ihre Furcht aus, sie könnte vielleicht einen Tropfen davon verschluckt haben; aber ich überzeugte sie leicht, daß dies nichts zu bedeuten hätte, selbst wenn es der Fall sein sollte. Sie zog ihr Nonnenkleid an und beschwor mich, zu Bett zu gehen und ihr noch vor meiner Rückkehr nach Venedig über mein Befinden zu schreiben. Auch sie wollte mir sogleich schreiben; erst nach einer halben Stunde hörte ich sie das Haus verlassen. Gewiß war sie die Zeit über bei ihrem Freunde geblieben. Es wurde mir leicht, ihr zu gehorchen, denn ich hatte das größte Bedürfnis nach Ruhe; ich schlief bis zum Abend. Als ich erwachte, teilte ich ihr schnell mit, daß ich mich ausgezeichnet wohl befände und vollkommen dazu aufgelegt wäre, unsern köstlichen Kampf von neuem zu beginnen. Ich bat sie, mir zu schreiben, wie es ihr ginge, und fuhr nach Venedig zurück. Einundzwanzigstes Kapitel Ich schenke M. M. mein Bild. – Ihr Gegengeschenk. – Ich gehe mit ihr in die Oper. – Sie spielt und bringt mich wieder zu Gelde. – Philosophische Unterhaltung mit ihr. – Brief von C. C.; sie weiß alles. – Ball im Kloster; meine Heldentaten als Pierrot. – Anstelle von M. M. kommt C. C. ins Kasino. – Dumme Nacht, die ich mit ihr verbringe. Meine liebe M. M. hatte den Wunsch geäußert, mein Bildnis zu besitzen; es sollte in der Art wie das von C. C. sein, aber größer, um es als Medaillon tragen zu können. Es sollte mit dem Bilde irgend eines Heiligen oder einer Heiligen bedeckt sein und eine unsichtbare Feder besitzen, um den Deckel aufspringen zu lassen, so daß das Bild zum Vorschein käme. Um mein Versprechen zu erfüllen, ging ich zu dem Maler, der mir das erste Miniaturbild angefertigt hatte. In drei Sitzungen erhielt ich das Gewünschte. Der gleiche Maler machte mir eine Verkündigung worauf der Engel Gabriel mit schwarzen Locken und die heilige Jungfrau als ein schönes blondes Weib dargestellt war, das ihm die Arme entgegenstreckte. Der berühmte Maler Mengs ahmte diese Idee nach in der Verkündigung, die er zwölf Jahre später in Madrid malte; ich weiß aber nicht, ob er die gleichen Gründe hatte wie mein Maler. Die Allegorie war genau von der gleichen Größe wie mein Bildnis, und der Goldschmied, der das Medaillon machte, brachte das heilige Bild so an, daß kein Mensch ahnen konnte, daß es nur als Hülle für einen ganz weltlichen Kopf dienen sollte. Am 2. Januar 1754 sprach ich, bevor ich mich ins Casino begab, bei Laura vor, um ihr einen Brief für C. C. zu übergeben und von meiner kleinen Frau einen zu empfangen, über den ich herzlich lachen mußte. Meine Nonne hatte das junge Mädchen nicht nur in die Mysterien der Sappho, sondern auch in die hohe Metaphysik eingeweiht, denn C. C. war ein Freigeist geworden. Sie schrieb mir, sie wolle ihrem Beichtvater nichts mehr von ihren Angelegenheiten sagen, und da sie ihm auch keine Lügen erzählen wolle, so sage sie ihm gar nichts mehr. »Er hat mir gesagt, daß ich ihm vielleicht deshalb nichts sage, weil ich wohl mein Gewissen nicht scharf genug prüfe, und ich habe ihm geantwortet, ich hätte ihm nichts zu sagen, aber wenn ihm was daran läge, so würde ich irgend eine Sünde nur zu dem Zweck begehen, um ihm etwas sagen zu können.« Ich fand die Antwort eines vollendeten Sophisten würdig und lachte recht vergnügt darüber. An demselben Tage empfing ich von meiner angebeteten Nonne folgenden Brief: »Ich schreibe Dir von meinem Bett aus, mein lieber Schwarzkopf, denn es ist mir unmöglich, mich aufrecht zu halten; ich fühle mich wie gerädert. Aber ich beunruhige mich nicht darum; etwas Ruhe wird mich heilen, denn ich esse gut und schlafe ausgezeichnet. Du hast mir Balsam in mein Blut gegossen durch die Mitteilung, daß das Vergießen des Deinigen keine bösen Folgen gehabt hat; ich werde mich am Dreikönigstage in Venedig selber davon überzeugen, das heißt: wenn Du willst. Du wirst mir darüber Bescheid geben. Solltest Du Dich meinen Wünschen ergeben, liebes Herz, so bitte ich Dich, mit mir in die Oper zu gehen. Übrigens denke daran, daß ich Dir für die Zukunft den Eiweißsalat streng verbiete; denn ich wünsche etwas weniger Genuß und dafür mehr Sicherheit in bezug auf Deine teure Gesundheit. Wenn Du künftighin nach Murano ins Kasino gehst, so frage, ob jemand da sei; und wenn man Dir bejahend antwortet, so entferne Dich; mein Freund wird es ebenso machen. Auf diese Weise lauft ihr keine Gefahr, euch zu begegnen; aber dieses etwas gezwungene Verhältnis wird nur noch kurze Zeit dauern, wenn es Dir recht ist, denn mein Freund ist ganz in Dich vernarrt und hat den brennenden Wunsch, Deine Bekanntschaft zu machen. Er sagte mir, er hätte es nie geglaubt, wenn er es nicht mit angesehen hätte, daß ein Mann solche Leistungen vollbringen könnte; aber er behauptet, Du forderst den Tod heraus, wenn Du Dich dem Liebesgenuß in solcher Weise hingibst; denn er versichert, das Blut, das Du vergossen habest, müsse aus dem Gehirn kommen. Aber was wird er sagen, wenn er erfährt, daß Du Dich darüber nur lustig machst! Paß auf, jetzt wirst Du aber lachen: er will Eiweißsalat essen, und ich soll Dich bitten, mir von Deinem Essig zu geben; denn er behauptet, in Venedig bekomme man nicht den richtigen. Er sagte mir, er habe eine köstliche Nacht verbracht, obwohl er wegen der Folgen unserer Liebeskämpfe Befürchtungen hege; denn er findet, daß meine Anstrengungen zu viel gewesen seien für die zarten Kräfte meines Geschlechtes. Das kann wohl sein, mein lieber Schwarzkopf, einstweilen bin ich ganz entzückt, mich selber übertroffen und eine so köstliche Probeleistung meiner Kraft abgelegt zu haben. Ohne Dich, mein Herz, hätte ich so hingelebt, ohne mich selbst zu erkennen, und ich frage mich, ob es möglich wäre, daß die Natur ein Weib hervorgebracht hätte, das in Deinen Armen gefühllos bleiben könnte, das nicht vielmehr an Deiner Brust ein neues Leben empfangen müßte. Es ist nicht genug, daß ich sage, ich liebe Dich: ich bete Dich an, ich vergöttere Dich, und meine Lippen schicken in der Hoffnung, den Deinigen zu begegnen, tausend Küsse in die Lüfte. Ich brenne vor Verlangen, Dein göttliches Bildnis zu besitzen, um in holder Täuschung das Feuer zu ersticken, das meine liebenden Lippen verzehrt. Ich hoffe, mein Bild wird Dir ebenso teuer sein, denn mich dünkt, die Natur hat uns beide füreinander geschaffen; und ich verwünsche den unseligen Augenblick, da ich aus eigenem Willen ein Hindernis unserer Vereinigung schuf. Ich schicke Dir anbei den Schlüssel zu meinem Schmuckschrank. Suche darin und nimm das Päckchen, das Du mit den Worten: »Für meinen Engel« bezeichnet finden wirst. Es ist ein kleines Geschenk, das ich Dir auf Wunsch meines Freundes als Gegengabe für das mir von Dir geschenkte herrliche Nachthäubchen verehre. Leb wohl!« Der kleine Schlüssel, der in dem Brief lag, gehörte zu einem Schränkchen, das sich im Boudoir befand. Ungeduldig zu erfahren, was das auf Veranlassung ihres Freundes mir gemachte Geschenk wohl sein möchte, öffnete ich sofort und fand ein Päckchen, das einen Brief und ein Lederkästchen enthielt. »Was Dir, wie ich hoffe,« – so hieß es in dem Brief, – »dies Geschenk wertvoll machen wird, ist das Bild einer Frau, die Dich anbetet. Unser Freund besaß zwei davon, aber seine Freundschaft für Dich hat ihm den glücklichen Gedanken eingegeben, das eine zu Deinen Gunsten herzugeben. Die Dose enthält mein Bild in doppelter Gestalt unter zwei verschiedenen Geheimverschlüssen: wenn Du den einen Boden der Tabaksdose der Länge nach zur Seite schiebst, wirst Du mich als Nonne sehen ; drückst Du hierauf auf die schmale Seite, so wirst Du einen Deckel auffpringen sehen, und dann werde ich mich Deinen Augen im Zustande der einfachen Natur darbieten. Unmöglich, mein holder Freund, kann jemals ein Weib Dich so geliebt haben, wie ich Dich liebe. Unser Freund schürt meine Leidenschaft durch die schmeichelhafte Anerkennung, womit er von Dir spricht. Ich vermag nicht zu entscheiden, welches für mich ein größeres Glück ist: einen solchen Freund oder einen solchen Geliebten zu besitzen, denn ich kann mir nicht vorstellen, wie ihr beide übertroffen werden könntet.« Das Lederkästchen enthielt eine Tabaksdose, und einige Körner spanischen Tabaks bewiesen, daß sie benutzt worden war. Ich befolgte die Anweisungen des Briefes und sah zunächst meine Geliebte als Nonne, stehend und halb im Profil dargestellt. Das zweite Bild zeigte sie mir nackt auf einem schwarzen Atlaspolster in der Stellung der Correggioschen Magdalena ausgestreckt. Sie blickte nach einem Amor, der seinen Köcher vor sich liegen hatte und anmutig auf ihren Nonnenkleidern saß. Es war ein so schönes Geschenk, daß ich mich desselben nicht für würdig hielt. Ich schrieb ihr einen Brief, die lebhafteste Dankbarkeit sich mit den Ausdrücken der glühendsten Liebe mischte. Das Schränkchen enthielt in seinen Schubläden alle ihre Diamanten und vier Börsen voll von Zechinen. Ich bewunderte ihr vornehmes Zutrauen und schloß das Schränkchen wieder zu, indem ich gewissenhaft alles an seinem Platze ließ. Dann fuhr ich nach Venedig zurück. Hätte ich mich der Herrschaft des Glückes entziehen können – ich meine: Hätte ich aufgehört zu spielen, so wäre ich in jeder Hinsicht glücklich gewesen. Mein Porträt war mit vollendeter Kunst gefaßt; da es dazu hestimmt war, am Halse getragen zu werden, befestigte ich es an sechs Ellen venezianischer Kette mit spanischer Masche und machte auf diese Art ein sehr vornehmes Geschenk daraus. Die geheime Feder lag in dem Ring, an welchem das Medaillon hing, wodurch es sehr schwer wurde, sie zu entdecken; man mußte kräftig und auf ganz bestimmte Art an dem Ring ziehen, um die Feder wirken zu lassen und das Bild zu entblößen. Wenn man das Medaillon wieder schloß, sah man nur die Verkündigung, und alsdann war es ein schönes Schmuckstück für eine Nonne. Am Abend des Dreikönigstages ging ich, mit meinem Medaillon in der Tasche, schon frühzeitig nach der Piazza San Giovanni e San Paolo und stellte mich als Schildwache an die schöne Bildsäule, die dem Helden Colleoni errichtet wurde, nachdem man ihn hatte vergiften lassen, wenn die Geheimgeschichte nicht lügt. Sit divus, modo non vivus ; Sei er Gott – aber tot ist ein Wort des aufgeklärten Despotismus, das stets gelten wird, solange es Könige gibt. Punkt zwei Uhr sah ich meine Geliebte aus der Gondel steigen, sie war in weiblicher Tracht und sehr gut maskiert. Wir besuchten die Oper im Teatro San Samuele; nach dem zweiten Ballett gingen wir nach dem Ridotto, wo es ihr viel Spaß machte, die adligen Damen sich anzusehen, die allein das Vorrecht hatten, sich mit entblößtem Gesicht hinzusetzen. Nachdem wir eine halbe Stunde in den Sälen herumspaziert waren, gingen wir in den großen Spielsaal. Sie blieb am Tische des Herrn von Mocenigo stehen, der zu jener Zeit der nobelste von den adligen Bankhaltern war. Da niemand bei ihm spielte, saß er in nachlässiger Haltung da und ließ sich von einer maskierten Dame, die ich erkannte, etwas ins Ohr erzählen. Es war Frau Pisani, und er war ihr Anbeter. M. M. fragte mich, ob ich spielen wollte, und ich antwortete: »Nein.« »Ich spiele mit dir halbpart,« sagte sie zu mir, und ohne meine Antwort abzuwarten, zog sie eine Börse hervor und setzte eine Rolle Gold auf eine Karte. Ohne sich in seinem Gespräch stören zu lassen, nahm der Bankhalter das Spiel Karten, mischte und zog ab; meine Freundin gewann ihre Karte und gewann noch einmal das Paroli. Der Bankier zahlte, nahm ein anderes Spiel Karten und plauderte ruhig weiter mit seiner Dame, obwohl meine Schöne jetzt vierhundert Zechinen auf ihrer Karte stehen hatte. M. M. sagte zu mir in gutem Französisch: »Unser Spiel ist nicht hoch genug, um den Herrn zu interessieren; wir wollen gehen.« Sie zog ihre Karte zurück, und ich strich das Geld ein und steckte es in meine Taschen, ohne Herrn Mocenigo zu antworten, der zu mir sagte: »Ihre Maske ist aber wirklich zu intolerant.« Ich ging meiner schönen Spielerin nach, die bereits von einem Kreise von Neugierigen umringt war. Bald darauf blieben wir am Tisch des Herrn Pietro Mareello stehen, eines liebenswürdigen jungen Kavaliers; neben ihm saß Signora Veniero, die Schwester des Herrn von Momolo. Meine Geliebte spielte und verlor fünf Goldrollen hintereinander. Als sie kein Geld mehr hatte, nahm sie ein paar Händevoll Gold aus meiner Tasche, und nach vier oder fünf Taillen lag die Bank in den letzten Zügen. Sie hörte auf, und der edle Bankhalter machte ihr mit einer Verbeugung ein Kompliment über ihr Glück. Nachdem ich das ganze gewonnene Geld eingesteckt hatte, reichte ich ihr den Arm und wir gingen; ich bemerke, daß einige Neugierige uns folgten, und nahm eine Überfahrtsgondel, die ich an irgend einem beliebigen Ort landen ließ. Auf diese Weise entzieht man sich in Venedig stets den allzu neugierigen Augen. Nach dem Essen zählte ich unsern Gewinn und fand, daß auf meinen Teil tausend Zechinen kamen. Aus dem Rest machte ich Rollen, und meine Freundin bat mich, diese zu dem anderen Geld in ihren kleinen Schrank zu legen. Als dieses erledigt war, zog ich mein Medaillon aus der Tasche und hängte es ihr um den Hals, was ihr die größte Freude machte. Nachdem sie sich lange damit abgemüht hatte, die Feder zu suchen, ohne sie jedoch entdecken zu können, zeigte ich ihr endlich das Geheimnis. Sie fand mein Bild sehr ähnlich. Da wir nur drei Stunden vor uns hatten, um sie den Mysterien der Liebe zu weihen, so bat ich sie um Erlaubnis, davon Gebrauch machen zu dürfen. »Ja,« sagte sie, »aber sei vernünftig! Unser Freund behauptet, du könntest auf der Stelle tot bleiben.« »Und warum glaubt er, daß du gegen diese Gefahr gefeit seist? Deine Verzückungen sind ja doch viel häufiger als die meinen.« »Er sagt, der Saft, den wir von uns geben, komme nicht aus dem Gehirn, wie bei euch, und die Zeugungsteile der Frau stehen nicht im Zusammenhange mit der Intelligenz. Hieraus folge, daß das Kind in bezug auf das Gehirn, das der Sitz der Vernunft sei, nicht von der Mutter abstamme, sondern vom Vater. Und dies scheint mir wahr zu sein. Bei dem so wichtigen Akt hat die Frau höchstens so viel Vernunft, wie sie selber notwendig braucht, und es bleibt ihr keine übrig, um dem Wesen, das sie erzeugt, einen Teil davon abzugeben.« »Dein Freund ist gelehrt. Aber höre, mir geht auf einmal ein Licht auf. Wenn diese Theorie richtig ist, so muß man offenbar den Frauen alle Torheiten verzeihen, die sie aus Liebe begehen, während der Mann unentschuldbar ist. Ich wäre in Verzweiflung, wenn ich schuld daran wäre, daß du Mutter würdest.« »Ich werde binnem kurzem wissen, ob es so ist. Und wenn es wirklich der Fall wäre – nun, um so besser! Ich habe meinen Entschluß gefaßt.« »Und was ist das für ein Entschluß?« »Mich gänzlich euch beiden zu überlassen! Ich bin sicher, daß weder du noch er mich im Kloster niederkommen lassen werdet.« »Dies wäre ein verhängnisvolles Ereignis, das unser ganzes Schicksal bestimmen würde. Ich würde dich nach England entführen und dort heiraten.« »Mein Freund glaubt, man könnte einen Arzt bestechen, der mir irgend eine erdichtete Krankheit zuschriebe und mir den Gebrauch von Mineralwasser in irgend einem Bade verordnete; dazu kann der Bischof seine Erlaubnis geben. In dem Badeort würde ich dann genesen und hierauf in mein Kloster zurückkehren. Aber viel lieber wäre es mir, wenn wir unsere Geschicke bis zum Tode vereinten. Sage mir, Freund, könntest du überall so wie hier nach deiner Bequemlichkeit leben?« »Leider nein, liebes Herz. Aber könnte ich mit dir unglücklich sein? Wir wollen hierauf zurückkommen, wenn es Zeit ist. Laß uns zu Bett gehen!« »Gern. Wenn ich ein Kind bekomme, will mein Freund als Vater dafür sorgen.« »Kann er sich vorstellen, daß er der Vater ist?« »Ihr könnt euch beide damit schmeicheln, es zu sein. Aber irgend eine Ähnlichkeit wird mir entdecken, wer der wirkliche Vater ist.« »Ja. Wenn es zum Beispiel mit der Zeit Verse zu machen versteht, so wirst du annehmen, daß es von ihm ist.« »Wer hat dir gesagt, daß er Verse machen kann?« »Gib zu, daß er die sechs machte, die du als Antwort auf meine Verse schriebst!« »Ich werde mich wohl hüten, eine solche Lüge zu sagen. Denn, seien sie nun gut oder schlecht, jedenfalls sind sie mein Gewächs. Damit du daran nicht länger zweifelst, will ich dich auf der Stelle überzeugen.« »O, das ist durchaus nicht nötig. Ich glaube dir auf dein Wort. Laß uns zu Bett gehen; dort mag Amor den Gott des Parnasses zum Zweikampf herausfordern.« »Gut. Aber nimm diesen Bleistift und schreib! Ich bin Apollo; sei du Amor! Je ne me battrai pas: je te cède la place Si Vènus est ma soeur, l'Amour est de ma race Je seis faire des vers. Un instant de perdu N'offense point l'Amour, si je l'ai convaincu." »Ich bitte dich kniefällig um Verzeihung, meine göttliche Freundin. Aber konnte ich soviel Talent bei einer jungen zweiundzwanzigjährigen Venetianerin vermuten, die noch dazu in einem Kloster erzogen worden ist?« »Ich bin unersättlich in meiner Begierde, mich immer mehr deiner würdig zu zeigen. Hast du mich geschickt im Spiel gefunden?« »So geschickt, daß der unerschrockenste Bankhalter vor dir zittern muß.« »Ich spiele nicht immer so glänzend; aber ich hatte dich zum Partner genommen, und darum forderte ich das Glück heraus. Warum hast du nicht gespielt?« »Weil ich vorige Woche viertausend Zechinen verloren habe. Deshalb hatte ich kein Geld bei mir. Morgen aber werde ich spielen, und das Glück wird mir günstig sein. Doch heute – siehe, ich habe hier ein Büchlein, das ich in deinem Boudoir fand. Es sind die Stellungen des Pietro Aretino. Ich will einige von ihnen mit dir darstellen.« »Der Gedanke ist deiner würdig; aber einige von den Stellungen sind unausführbar und sogar geradezu abgeschmackt.« Das Büchlein sind jedenfalls nicht die wollüstigen Gonetti, die Pietro Aretino zu den Raimondischen Stichen nach den Bildern des Giulio Romano schrieb (siehe meine Einleitung und Übersetzung in den »Dichtungen und Gesprächen des göttlichen Aretino«, Privatdruck 1903). Denn das Urteil, daß »unausführbare" Stellungen angegeben seien, trifft nur auf ein einziges Sonett, das sechste, zu. Dagegen passt die Kritik auf ein anderes Werkchen, das »Gespräch zwischen »Maddalena und Giulia«, das unter dem falschen Titel »La Putana errante« allgemein dem Aretino zugeschrieben wurde und ihm hauptsächlich zu seinem schlechten Ruf verholfen hat, aber ganz zweifellos nicht von ihm herrührt. In diesem Machwerk werden 35 Stellungen beschrieben, die zum Teil ganz töricht sind. (Eine Übersetzug befindet sich ebenfalls in den »Dichtungen und Gesprächen des göttlichen Aretino«.) Dr. H. Conrad »Das ist wahr, aber ich habe vier sehr interessante ausgewählt.« Mit diesen köstlichen Arbeiten verbrachten wir den Rest der Nacht bis zu dem Augenblick, wo der Wecker uns zur Trennung mahnte. Ich begleitete meine angebetete Nonne bis zu ihrer Gondel; dann legte ich mich zu Bett, aber ich konnte nicht schlafen. Ich stand auf und ging aus, um einige dringende Schulden zu bezahlen; denn einer der größten Genüsse, die nach meiner Meinung ein Verschwender sich verschaffen kann, ist die Bezahlung gewisser Schulden. Das Geld, das meine Geliebte für mich gewonnen hatte, brachte mir Glück, denn es verging kein Tag des Karnevals, ohne daß ich gewann. Drei Tage nach den. Dreikönigstage ging ich ins Kasino von Murano, um ein Dutzend Goldrollen in M. M.s Schränkchen zu legen; bei dieser Gelegenheit gab die Hausbesorgerin nur einen Brief, und einige Augenblicke vorher hatte ich durch Laura einen anderen von C. C. erhalten. Meine neue Geliebte schrieb mir über ihr Befinden und bat mich dann, mich bei meinem Goldschmied zu erkundigen, ob er nicht etwa einen Ring angefertigt hätte, dessen Kasten eine heilige Katharina, aber darunter zweifellos ein Porträt enthielte; sie wünschte das Geheimnis dieses Ringes zu erfahren. »Die Besitzerin«, schrieb sie, »ist eine junge und schöne Pensionärin, meine Freundin. Der Ring muß ein geheimes Fach haben, aber sie weiß selber nichts davon.« Ich antwortete ihr, ich würde ihren Wunsch buchstäblich erfüllen. Nun aber C. C.s Brief! Er brachte mich in eine recht spaßhafte Verlegenheit. Übrigens war er ganz frischen Datums, während M. M.s Brief schon zwei Tage alt war. »Ach, wie ich mich freue, mein liebes Männchen!« schrieb C. C. »Du liebst Mutter M. M., meine liebe Freundin. Sie hat ein Medaillon von gleicher Arbeit wie mein Ring, und sie kann es nur von Dir erhalten haben: ich bin überzeugt, daß unter der Verkündigung sich Dein geliebtes Bildnis befindet. Ich habe den Pinsel des Malers erkannt: es ist zweifelsohne derselbe, der auch meine Schutzheilige gemalt hat, und derselbe Goldschmied, der meinen Ring gefaßt hat, muß auch das Medaillon angefertigt haben. Ich bin völlig gewiß, daß Mutter M. M. das Geschenk von Dir hat. Ich war zufrieden damit, daß ich alles wußte, und wollte es darum nicht darauf ankommen lassen, sie zu betrüben, indem ich ihr sagte, daß ihr Geheimnis mir bekannt wäre. Aber meine liebe Freundin, die entweder offenherziger oder neugieriger ist, hat nicht so gehandelt wie ich. Sie sagte mir, sie sei überzeugt, daß die heilige Katharina nur dazu da sei, um einem Bilde meines Geliebten als Deckel zu dienen. Da es nicht gut anders ging, habe ich ihr gesagt, der Ring ist allerdings ein Geschenk von meinem Geliebten, aber ich wisse nichts davon, daß vielleicht sein Bild darin verborgen sei. »Wenn dies so ist,« sagte sie darauf zu mir, »und wenn es dir nicht unangenehm ist, so will ich versuchen, das Geheimnis zu entdecken, und du sollst dann auch das meinige erfahren.« Überzeugt, daß sie nichts finden würde, gab ich ihr den Ring, indem ich ihr sagte, eine solche Entdeckung würde mir große Freude machen. In demselben Augenblick wurde ich zu meiner Tante gerufen; ich ließ daher den Ring in M. M.s Händen, und diese gab ihn mir am Nachmittag zurück. Sie sagte, sie habe das Geheimnis nicht herausbringen können; aber sie glaube nach wie vor, daß eins vorhanden sei. Ich gebe Dir die Versicherung, daß sie von mir niemals etwas erfahren wird; denn wenn sie Dich sähe, würde sie alles erraten, und dann wäre ich genötigt, ihr zu sagen wer Du bist. Es tut mir leid, zu dieser Zurückhaltung ihr gegenüber gezwungen zu sein; aber es tut mir gar nicht leid, daß ihr beiden euch liebt. Ich bedaure nur von ganzem Herzen, daß ihr durch ein abscheuliches Gitter getrennt von eurer Liebe sprechen müßt. Wie herzlich gerne möchte ich, o mein Freund, Dir meinen Platz abtreten können. Da würde ich im Nu zwei Menschen glücklich machen! Lebe wohl.« Ich antwortete ihr, sie habe richtig erraten, daß das Medaillon ihrer Freundin ein Geschenk von mir sei und daß es mein Porträt enthalte; sie müsse aber das Geheimnis bewahren, und sie könne fest überzeugt sein, daß mein Freundschaftsverhältnis zu M. M. der Liebe, die mich für mein ganzes Leben an sie selber fessele, durchaus keinen Abbruch tue. Ich verhehlte mir vor mir selber nicht, daß ich den Mantel nach dem Winde trug und daß mein Verhalten nicht frei und offen war; aber ich suchte mich selber zu täuschen. Denn das ist und bleibt wahr: eine Frau, so schwach sie ist, ist durch das Gefühl, das sie einflößt, stärker als der stärkste Mann. Wie dem auch sei – ich beging die Schwäche, ein Liebesverhältnis noch weiter fortführen zu wollen, obgleich ich sah, daß es infolge des vertraulichen Verhältnisses zwischen den beiden befreundeten Nebenbuhlerinnen dem unvermeidlichen Ende zueilte. Laura hatte nur gesagt, daß an einem der nächsten Tage im großen Sprechzimmer des Klosters ein Ball stattfinden solle, und ich hatte beschlossen, maskiert hinzugehen, mich jedoch so zu verkleiden, daß meine beiden Freundinnen mich nicht erkennen könnten. Ich maskierte mich als Pierrot, da diese Tracht am besten Gestalt und Haltung verbirgt. Ich war sicher, daß meine beiden reizenden Geliebten hinter dem Gitter sitzen würden, und daß ich das Vergnügen haben würde, sie zu sehen und ganz in der Nähe miteinander zu vergleichen. In Venedig erlaubt man während des Karnevals dieses unschuldige Vergnügen in den Nonnenklöstern. Das Publikum tanzt im Sprechzimmer, und die Nonnen sitzen im inneren Raum hinter ihren Gittern und nehmen als Zuschauerinnen am Feste teil. Wenn der Tag zu Ende geht, ist auch der Ball aus; alles entfernt sich, und die armen Gefangenen sind noch lange glücklich in der Erinnerung an ihre Augenweide. Der Ball sollte am selben Tage stattfinden, für den ich mit M. M. ein Zusammentreffen im Kasino von Murano verabredet hatte; aber dies konnte mich nicht abhalten, das Fest zu besuchen: ich hatte das Bedürfnis, C. C. zu sehen. Wie ich schon bemerkte, verbirgt die Pierrottracht von allen Verkleidungen am besten Gestalt und Haltung. Sie bietet noch den weiteren Vorteil, daß unter der großen Mütze die Haare verborgen sind, und die weiße Gaze, die das Gesicht bedeckt, verhindert die Farbe der Augen und der Brauen zu entdecken. Damit jedoch die Kleider die Maske nicht in ihrer Bewegungsfreiheit hindern, darf man nichts darunter tragen, und zur Winterszeit ist ein einfacher Leinenanzug recht unangenehm. Aber daraus machte ich mir nichts; nachdem ich eine Suppe gegessen hatte, stieg ich in eine Gondel und fuhr nach Murano. Ich war ohne Mantel und in meinen Taschen hatte ich weiter nichts als mein Schnupftuch, meine Börse und den Schlüssel zum Kasino. Ich trat ein; das Sprechzimmer war voll von Menschen; aber dank meinem Anzug machte ein jeder mir gerne Platz, denn in Venedig sieht man außerordentlich selten einen Pierrot. Mit tölpelhaften Schritten, wie es der Charakter der Kleider erfordert, kam ich näher und stellte mich in den Ring, der sich um die Tanzenden gebildet hatte. Nachdem ich mir die Pulcinelle, die Pantaloni, die Arlechini und die Scaramucci angesehen hatte, ging ich an die Sprechgitter und sah hinter ihnen alle Nonnen und Pensionärinnen teils sitzen, teils stehen. Ich verweilte bei keiner im Besonderen, aber ich sah meine beiden Freundinnen nebeneinander stehen und sehr aufmerksam diesem festlichen Treiben zusehen. Dann machte ich die Runde durch den ganzen Saal; und wenn's mir beliebte, musterte ich die anderen Masken von oben bis unten. Ich wurde allgemein sehr beachtet. Schließlich machte ich mich an eine hübsche Arlechina heran, indem ich ihr linkisch die Hand bot, um mit ihr ein Menuett zu tanzen. Alles lachte und machte uns Platz. Meine Partnerin tanzte ausgezeichnet im Charakter ihrer Rolle und ich ebenso gut im Charakter der meinigen; ich brachte die ganze Gesellschaft zum Lachen. Nach dem Menuett tanzte ich mit der größten Lebendigkeit zwölf Furlanen. Ganz außer Atem, ließ ich mich hinsinken und tat, als ob ich schliefe; sobald man mich schnarchen hörte, ehrte alle Welt Pierrots Schlaf. Es wurde ein Kontertanz getanzt, der eine Stunde dauerte und in den ich mich lieber nicht einmischen zu sollen glaubte. Kaum aber war der Tanz zu Ende, so kam ein Arlechino und begann, auf die seinem Kleide gestattete Unverschämtheit pochend, mir mit derben Pritschenschlägen den Hintern zu bearbeiten. Die Pritsche ist Arlechinos Waffe. Da ich als Pierrot keine Waffe hatte, packte ich ihn am Gürtel und trug ihn laufend im ganzen Saal herum, während er immerzu mit seiner Pritsche auf mich los schlägt. Nun kommt seine Arlechina, das artige Mädchen, mit welcher ich getanzt, ihm zu Hilfe und schlägt gleichfalls auf mich los. Ich lasse ihn los, entreiße ihm seine Pritsche, setze hurtig seine Arlechina auf meine Schultern und treibe ihn mit verdoppelten Schlägen vor mir her – unter dem lauten Gelächter der Zuschauer und unter dem Geschrei Arlechinas, welche befürchtete, ich könnte fallen und dabei möchte die Versammlung ihren Taufschein sehen. Sie hatte recht. Denn plötzlich kam ein dummer Pulcinell von hinten und stellte mir ein Bein, so daß ich hinfallen mußte. Alle Welt zischte ihn aus. Ich aber sprang auf, und da ich mich sehr geärgert hatte, so begann ich ein regelrechtes Handgemenge mit dem Unverschämten. Er war von meiner Größe und wußte von seinen Kräften keinen Gebrauch zu machen. Ich warf ihn zu Boden und schüttelte ihn so derb, daß er seinen falschen Bauch und Buckel verlor. Unter lautem Gelächter der Gesellschaft und unter dem Händeklatschen aller Nonnen, die niemals ein solches Schauspiel gesehen hatten, benutzte ich einen günstigen Augenblick, drängte mich durch die Menge hindurch und verschwand. Ich war durchnäßt von Schweiß, und das Wetter war kalt; ich warf mich in eine Gondel, stieg aber beim Ridotto aus, um mich nicht zu erkälten. Ich hatte noch zwei Stunden Zeit, ehe ich ins Kasino auf Murano gehen konnte, und ich konnte es kaum erwarten, mich an der Überraschung meiner schönen Nonne zu ergötzen, wenn sie Monsieur Pierrot vor sich sehen würde. Ich brachte die beiden Stunden damit hin, daß ich an allen kleinen Banken spielte; ich gewann, verlor und beging tausenderlei Unfug, da ich sicher war, daß niemand mich kannte. So genoß ich der Gegenwart, forderte die Zukunft in die Schranken – und lachte über all die Toren, die ihre Vernunft nur dazu anwenden, Maßregeln gegen befürchtetes Unglück zu treffen und die damit alle Freude zerstören, die sie in der Gegenwart sich verschaffen könnten. Endlich schlug es zwei[R1: Zwei Stunden nach Sonnenuntergang.] und erinnerte mich, daß Amor und Comus mich zu neuen Genüssen riefen. Die Taschen voll von Gold und Silber verlasse ich den Ridotto, eile nach Murano, betrete das Heiligtum und sehe meine Göttin gegen den Kamin gelehnt. Sie war im Nonnenkleide. Um sie zu überraschen, schleiche ich auf den Fußspitzen näher. Ich sehe sie an – und bleibe wie versteinert stehen. Die Nonne, die ich vor mir sehe, ist nicht M. M. Es ist C. C. im Nonnengewande. Noch mehr erstaunt als ich, spricht sie keine Silbe, stößt nicht einmal einen Seufzer aus, macht keine Bewegung. Ich werfe mich in einen Lehnstuhl, um Zeit zu gewinnen und mich von meinem Erstaunen erholen zu können. Ihr Anblick hatte mich völlig vernichtet, und meine Seele war betäubt wie mein Körper; ich fühlte mich in einem Labyrinth, woraus es kein Entrinnen gab. . »Diesen Streich spielt mir M. M.«, sagte ich zu mir selber. »Aber wie hat sie's herausgebracht, daß ich C. C.s Geliebter bin? Hat diese das Geheimnis ausgeplaudert? Aber wenn sie mich verraten hat, wie kann sie dann die Stirn haben, sich vor meinen Augen sehen zu lassen? Wenn M. M. mich liebt, wie hat sie sich selber der Freude berauben können, mich hier zu sehen; wie kann sie sich durch ihre Nebenbuhlerin vertreten lassen? Als eine Gefälligkeit für mich kann ich dies nicht auffassen, denn soweit treibt man die Gefälligkeit nicht. Ich erblicke darin nur ein Zeichen der Verachtung, eine willkürliche Beleidigung.« Meine Eigenliebe bemühte sich Gründe aufzufinden, um die Möglichkeit einer solchen Verachtung zu leugnen; aber vergebens. Ich versank in eine finstere Erbitterung; ich hielt mich für gefoppt, betrogen, verachtet, und so verbrachte ich eine halbe Stunde in düsterem Schweigen. Ich verwandte kein Auge von C. C., die in ihrer Verlegenheit, weil sie nicht wußte, wem sie sich gegenüber befand, kein Wort hervorbrachte und kaum zu atmen wagte; denn sie konnte in mir bestenfalls den Pierrot wieder erkennen, den sie auf dem Ball gesehen hatte. Ich war in M. M. verliebt und nur um ihretwillen ins Kasino gegangen; darum war ich nicht in der Stimmung, mit dem Ersatz fürlieb zu nehmen, obgleich ich C. C. durchaus nicht verachtete, sie vielmehr zum mindesten ebenso hoch stellte wie M. M. Ich liebte sie zärtlich, ich betete sie an, aber in diesem Augenblick wollte ich nicht sie, und zwar deshalb nicht, weil ihre Anwesenheit mir sofort den Eindruck einer Mystifikation gemacht hatte. Mir wars, als beginge ich ein Verbrechen an mir selber, wenn ich mich dazu herbeiließe, C. C. Beweise meiner Liebe zu geben; ich sagte mir, meine Ehre verböte mir, zu solcher Täuschung meine Hand zu reichen. Außerdem war es mir, ohne daß es ganz deutlich mir zum Bewußtsein kam, im Grunde recht lieb, M. M. eine Gleichgültigkeit vorwerfen zu können, die wahrer Liebe fremd sein sollte, und ich wollte mich so benehmen, daß sie niemals sollte annehmen können, sie hätte mir mit ihrem Streich ein Vergnügen gemacht. Außerdem glaubte ich, M. M. sei in dem Kabinett und vielleicht ihr Freund mit ihr. Ich mußte einen Entschluß fassen, denn ich konnte nicht die ganze Nacht im Pierrotkostüm dasitzen, ohne ein Wort zu sprechen. Zuerst dachte ich daran, mich zu entfernen, zumal da weder C. C. noch ihre Freundin ganz sicher sein konnte, daß Pierrot und ich einundderselbe wären; bald aber verwarf ich diesen Einfall mit Abscheu, denn ich dachte an den tödlichen Schmerz, den C. C. empfinden würde, wenn sie erführe, daß ich der Pierrot wäre. Endlich fiel mir ein, sie möchte dieses wohl schon gar vermuten, und ich versetzte mich in das peinliche Gefühl, das ihr dieser Gedanke bereiten mochte. Ich hatte sie verführt; ich hatte ihr das Recht gegeben, mich ihren Gatten zu nennen. Diese Betrachtungen zerrissen mir das Herz. »Wenn M. M. im Geheimkabinett ist,« dachte ich bei mir, »wird sie sich selbst zeigen, sobald es Zeit ist.« Und so nahm ich denn das Taschentuch ab, das meine Gaze festhielt und zeigte mein Gesicht. Meine reizende C. C. stieß einen Seufzer aus und sagte: »Ich atme auf! Du mußtest es sein; mein Herz sagte es mir. Du schienst überrascht zu sein, als du mich sahst, mein Freund. Wußtest du denn nicht, daß ich dich hier erwarten würde?« »Nein, gewiß nicht. Ich wußte von gar nichts.« »Wenn du böse darüber bist, so bringt mich das in Verzweiflung. Aber ich habe keine Schuld.« »Angebetete Freundin, komm in meine Arme, und glaube niemals, daß ich böse auf dich sein kann! Ich bin entzückt, dich zu sehen; du bist immer meine geliebte Gattin. Aber ich bitte dich, befreie meine Seele aus einer grausamen Ungewißheit! Du kannst nicht hier sein, ohne mein Geheimnis verraten zu haben!« »Ich! Dazu wäre ich niemals imstande gewesen, und hätte ich darum sterben sollen!« »Wie kannst du denn hier sein? Wie hat denn deine gute Freundin es angefangen, alles zu entdecken. Niemand außer dir kann ihr gesagt haben, daß ich dein Gatte bin. Vielleicht hat Laura ....« »Nein, Laura ist treu, lieber Freund. Aber ich habe keine Ahnung . . . « »Aber wie hast du dich denn überreden lassen, in diesem Maskenaufzug hierher zu kommen? Du verläßt das Kloster – von diesem wichtigen Geheimnis hast du mir doch niemals ein Wort gesagt!" "Kannst du glauben, daß ich dir nicht sofort Bericht erstattet hätte, wenn ich nur ein einziges Mal außerhalb gewesen wäre? Vor zwei Stunden hab ich es zum erstenmal verlassen, und nichts ist so einfach, so natürlich, als wie ich dazu gekommen bin." "Erzähle mir das alles, liebe Freundin; meine Neugier ist aufs höchste gespannt." "Ich freue mich über diese Neugier und will dir alles anvertrauen. Du weißt, wie sehr M. M. und ich uns lieben. Aus allem, was ich dir schrieb, mußt du wissen, daß unser Verhältnis gar nicht zärtlicher sein könnte. Vor zwei Tagen bat nun meine liebe Freundin die Äbtissin und meine Tante, mich in ihrem Zimmer schlafen zu lassen, da ihre Laienschwester stark erkältet war und in den Krankensaal kam, um sich dort auszuhusten. Die Erlaubnis wurde ihr gewährt, und du kannst dir unsere Freude denken, als wir zum erstenmal in einem und demselben Bett schlafen konnten. Heute verließ meine liebe M. M. mit mir den festlichen Trubel unmittelbar nach deinem Fortgang aus dem Sprechzimmer, wo wir so herzlich über dich gelacht hatten, ohne die geringste Ahnung zu haben, daß der entzückende Pierrot unser lieber Freund wäre. Sobald wir allein waren, sagte sie mir, sie wünschte, daß ich ihr einen Dienst erwiese, von dem ihr Glück abhinge. Wie du dir wohl denken kannst, antwortete ich ihr, sie brauche nur zu sprechen. Sie öffnete hierauf eine Schublade und zog mir zu meinem großen Erstaunen die Kleider an, in denen du mich hier siehst. Sie lachte, und ich lachte auch, ohne zu wissen, worauf der ganze Scherz hinaus wollte. Als sie mich vollständig als Nonne verkleidet sah, sagte sie zu mir, sie wolle mir ein großes Geheimnis anvertrauen, und sie tue es ohne jede Furcht: 'Laß dir sagen, liebe Freundin,' fuhr sie fort, 'daß ich heute das Kloster verlassen wollte, um erst morgen früh zurückzukommen; jetzt aber ist es entschieden, daß nicht ich ausgehen werde, sondern daß du es tun wirst. Du brauchst nichts zu befürchten und hast keine Unterweisung nötig; denn ich bin sicher, daß du nicht in Verlegenheit geraten wirst. In einer Stunde wird eine Laienschwester hierher kommen, ich werde ihr heimlich zwei Worte sagen, und sie wird dich auffordern, mitzukommen. Du gehst mit ihr zur Hintertür hinaus, durch den Garten bis an das hintere Ufer. Hier steigst du in eine Gondel und sagst dem Gondoliere weiter nichts als die zwei Worte: Ins Kasino! In fünf Minuten wirst du dort sein, du steigst aus und gelangst in eine kleine Wohnung, wo du ein behagliches Feuer finden wirst. Du wirst dort allein sein und hast zu warten. – ›Auf wen?‹ fragte ich sie. – ›Mehr darfst du jetzt nicht wissen. Aber verlaß dich drauf, dir wird nichts Unangenehmes zustoßen: vertraue meinem Wort. Du wirst dort zu Abend essen und auch schlafen, wenn du Lust hast. Kein Mensch wird dich belästigen. Frage mich jetzt nichts weiter, denn ich kann dir nicht mehr sagen.‹ Dies, lieber Freund, ist die reine Wahrheit. Sage mir jetzt: was konnte ich nach dieser Rede machen? Ich hatte ihr ja mein Wort gegeben, daß ich alles tun würde, was sie wünschte. Kränke mich nicht durch Mißtrauen! Mein Mund kann nur die Wahrheit sprechen! Ich lachte und machte mich auf ein sehr angenehmes Abenteuer gefaßt. Als die Laienschwester kam, ging ich sofort mit ihr, und so bin ich hier. Nachdem ich mich dreiviertel Stunden gelangweilt hatte, sah ich Pierrot. Glaube mir: im Augenblick, da ich dich erscheinen sah, sagte mein Herz mir, daß du es seist: aber sofort darauf wurde ich wie von einem Blitz getroffen, als ich dich zurückschrecken sah. Denn da sah ich deutlich, daß du mich nicht zu finden erwartetest. Dein düsteres Schweigen erschreckte mich, und ich durfte nicht wagen, es zuerst zu brechen, um so weniger, da ich ja, trotz der Stimme meines Herzens, mich täuschen konnte. Unter Pierrots Maske konnte sich ein anderer verbergen als du, und ganz gewiß hätte ich einen anderen Mann an diesem Ort nur mit Abscheu sehen können. Bedenke, daß man seit acht Monaten mich gewaltsam des Glückes beraubt, dich zu umarmen! Und jetzt, da du von meiner Unschuld überzeugt sein mußt, laß mich dir Glück dazu wünschen, daß du dieses Kasino kennst. Du bist glücklich, und ich spreche dir meine Freude darüber aus. M. M. ist nächst mir das einzige Weib, das deiner Zärtlichkeit würdig ist. Sie ist die einzige, mit der ich deine Zärtlichkeit teilen kann. Ich beklagte dich. Jetzt beklage ich dich nicht mehr, und dein Glück macht mich glücklich. Umarme mich!« Ich wäre allzu undankbar, ja ich wäre ein Barbar gewesen, hätte ich sie nicht mit der innigsten Zärtlichkeit an mein Herz gedrückt. Denn dieser Engel an Güte und Schönheit war doch nur durch hochherzige Freundschaft mir zugeführt worden. Nachdem ich ihr wiederholt versichert hatte, daß ich nicht im geringsten mehr an ihrer Unschuld zweifle, sagte ich ihr, ich fände das Benehmen ihrer Freundin sehr zweideutig und könne es kaum in günstigem Sinne auslegen. Abgesehen von der Freude, die ihr Anblick mir bereite, habe ihre Freundin mir einen boshaften Streich gespielt, der mir durchaus mißfallen müsse, denn mir sei die Beleidigung, die darin liege, empfindlich fühlbar. »Da bin ich nicht deiner Meinung«, antwortete C. C. »Meine liebe M. M. wird auf irgend eine Art – wie, weiß ich nicht – herausgebracht haben, daß du vor deiner Bekanntschaft mit ihr mein Geliebter warst. Sie durfte wohl glauben, daß du mich immer noch liebtest, und da hat sie gedacht – denn ich kenne ihre Seele – sie könnte uns keinen größeren Beweis ihrer Liebe geben, als indem sie uns, ohne vorher etwas davon zu sagen, gerade das verschaffte, was zwei Liebende am heißesten wünschen müssen. Sie hat uns glücklich machen wollen, und ich kann ihr darob nicht böse sein.« »Du hast recht, daß du so denkst, liebe Freundin; aber ich befinde mich in einer ganz anderen Lage als du. Du hast keinen anderen Geliebten und kannst keinen haben; ich aber bin frei, und da ich dich nicht sehen konnte, vermochte ich M. M.s Reizen nicht zu widerstehen. Ich bin maßlos in sie verliebt, sie weiß es; und klug wie sie ist, hat sie das, was sie tat, nur tun können, um mir ihre Verachtung zu zeigen. Ich gestehe dir, daß dies mich aufs tiefste verletzt. Wenn sie mich liebte, wie ich sie liebe, hätte sie niemals darauf verfallen können, mir die empörende Höflichkeit zu erweisen und dich als ihre Stellvertreterin hierher zu schicken.« »Ich denke anders als du, lieber Freund. Ihre Seele ist ebenso vornehm, wie ihr Herz edel ist. So wenig wie ich es übel nehme, daß ihr euch liebt und euch zu beglücken wißt, so wenig nimmt sie es übel, daß wir uns lieben; sie ist im Gegenteil entzückt, uns zeigen zu können, daß sie sich dessen freut. Ohne Zweifel hat sie dir dartun wollen, daß sie dich um deiner selbst willen liebt, daß deine Freuden auch die ihrigen sind und daß sie nicht eifersüchtig darauf ist, wenn ihre beste Freundin ihre Nebenbuhlerin ist. Um dich zu überzeugen, daß du nicht böse sein darfst, weil sie unser Geheimnis entdeckt hat, läßt sie mich als ihre Stellvertreterin hierher kommen und erklärt dir dadurch, daß es ihr recht ist, wenn du dein Herz zwischen ihr und mir teilst. Du weißt wohl, daß sie mich liebt, und daß ich oft ihre Frau oder ihr kleiner Mann bin; und gerade so wie du nichts dabei findest, daß ich dein Nebenbuhler bin und sie oft so glücklich mache, wie es mir eben möglich ist, gerade so will sie nicht, daß du dir einbilden könntest, ihre Liebe gliche dem Haß. Denn dies tut die Liebe eines eifersüchtigen Herzens.« »Du sprichst wie ein Engel für die Sache deiner Freundin; aber, meine liebe kleine Frau, du siehst die Sache nicht in dem richtigen Licht. Du bist klug und reinen Herzens, aber du hast keine Erfahrung. M. M. hat mich nur aus Laune geliebt, und sie weiß wohl, daß ich nicht dumm genug bin, dies alles für bare Münze zu nehmen. Ich bin unglücklich. Und das ist ihr Werk!« »Da hätte ich also ebenfalls Grund, mich über sie zu beklagen; denn sie gibt mir zu erkennen, daß sie die Geliebte meines Liebhabers ist, und nachdem sie ihn mir weggenommen hat, kostet es ihr keine Überwindung, ihn mir zurückzugeben. Ohne Zweifel zeigt sie mir auch, daß sie die Zärtlichkeit, die ich für sie empfinde, gering schätzt denn sie bringt mich in die Lage, diese einem anderen zu bezeigen.« »Oh, liebes Herz, da denkst du aber falsch; denn die Beziehungen zwischen euch beiden sind von ganz anderer Art. Euer Liebesverhältnis ist nur eine Tändelei, eine Sinnestäuschung. Die Wonnen, die ihr miteinander genießet, schließen nicht jede andere Liebe aus. Damit ihr aufeinander eifersüchtig sein könntet, müßte eine von euch ein gleiches Liebesverhältnis mit einer anderen Frau haben. Aber M. M. könnte es dir nicht übel nehmen, wenn du einen Geliebten hättest, ebensowenig wie du, wenn sie einen hätte; vorausgesetzt natürlich, daß der Geliebte der einen nicht zugleich der der anderen ist.« »Dies aber ist gerade hier der Fall. Nein, du irrst dich. Wir sind gar nicht böse, daß du uns alle beide liebst. Habe ich dir nicht geschrieben, daß ich dir gerne meinen Platz abtreten möchte? Du mußt also glauben, daß auch ich dich gering schätze.« »Liebe Freundin, dein Wunsch, mir deinen Platz abzutreten, als du nicht wußtest, daß ich glücklich war, entsprang mehr deiner Freundschaft als deiner Liebe, und für jetzt muß es mir lieb sein, daß deine Freundschaft stärker ist als deine Liebe; aber ich habe allen Anlaß, darüber empört zu sein, daß dieses selbe Gefühl auch M. M. bewegt. Ich liebe sie, ohne sie heiraten zu können; begreifst du mich, mein Engel? Von dir bin ich sicher, daß du meine Frau sein wirst, und deshalb bin ich auch unserer Liebe sicher, denn sie wird wieder erwachen, sobald wir beisammen sind. Mit M. M.s Liebe ist es nicht das Gleiche; diese wird nicht wiederkehren. Ist es nicht demütigend für mich, daß ich ihr nur ein flüchtiges Gefühl habe einflößen können? Du freilich mußt sie anbeten. Sie hat dich in alle ihre Mysterien eingeweiht, und du schuldest ihr ewige Freundschaft und Dankbarkeit.« Es war Mitternacht geworden, und wir vergeudeten immer noch unsere Zeit mit derartigen Redereien, als die sorgsame Hausmeisterin kam und aus eigenem Antrieb uns ein ausgezeichnetes Abendessen brachte. Ich rührte nichts davon an; mir war das Herz zu schwer. Meine liebe kleine Frau aber speiste mit gutem Appetit. Ich mußte unwillkürlich lachen, als ich einen Eiweißsalat sah, und C. C. fand es spaßhaft, daß man die Dotter entfernt hatte. In ihrer Unschuld ahnte sie nichts von der Absicht ihrer Freundin, die die Zusammensetzung des Mahls angeordnet hatte. Während sie aß, sah ich sie genauer an, und ich konnte mir nicht verhehlen, daß sie schöner und reifer geworden war. C. C. war eine vollkommene Schönheit, trotzdem blieb ich kalt. Ich war stets der Meinung, daß es kein Verdienst ist, treu zu bleiben, wenn man wahrhaft liebt. Zwei Stunden vor Tagesanbruch setzten wir uns wieder vor den Kamin. C. C. sah, daß ich traurig war, und nahm die zarteste Rücksicht auf meine Lage. Sie erlaubte sich keine Neckerei, jede Gebärde war züchtig und anständig. Ihre Worte waren zärtlich und von einer gewissen Hingebung, und es lag in ihnen niemals auch nur ein leiser Vorwurf, den ich durch meine Kälte vielleicht verdient hätte. Zum Schluß unseres langen Gespräches fragte sie mich, was sie ihrer Freundin sagen sollte, wenn sie wieder im Kloster wäre. »Meine liebe M. M. erwartet mich fröhlich und voller Dankbarkeit für das kostbare Geschenk zu sehen, das sie mir heute Nacht zu machen glaubte; aber was wünschest du, daß ich ihr sage?« »Die volle Wahrheit. Vor allem verhehle ihr kein Wort von unserer Unterhaltung, sofern dein Gedächtnis sie aufbewahrt hat, und sage ihr im Besonderen, daß sie mich für lange Zeit unglücklich gemacht hat.« »Nein, damit würde ich ihr einen zu großen Kummer bereiten, denn sie liebt dich zärtlich; sie vergöttert ja das Medaillon, das dein Bild enthält. Ich werde im Gegenteil mein Bestes tun, um die Verstimmung zu beseitigen; und diese wird nicht lange dauern, denn meine Freundin hat gar kein Unrecht, und du bist nur gekränkt, aber ohne Grund. Ich werde dir meinen Brief durch Laura schicken, wenn du nicht etwa mir versprichst, ihn dir selber bei ihr abzuholen.« »Deine Briefe werden mir stets teuer sein; aber du wirst sehen, daß M. M. sich auf eine Rechtfertigung nicht wird einlassen wollen. Sie wird dir alles glauben, nur eins nicht!« »Das glaube ich auch. Du meinst, sie wird nicht glauben, daß wir so standhaft gewesen sind, eine ganze Nacht so unschuldig wie Bruder und Schwester miteinander zu verbringen. Wenn sie dich ebenso gut kennt wie ich, so wird ihr das unmöglich erscheinen.« »In diesem Fall sage ihr, wenn du willst, grade das Gegenteil.« »Glaube nur das nicht! Ich liebe die Lüge nicht, und ganz gewiß werde ich niemals eine Lüge solcher Art sagen! Dies wäre sehr schlecht angebracht. Ich habe dich nicht weniger lieb, o mein Freund, obgleich du mir in dieser Nacht nicht ein einziges Mal deine Liebe hast beweisen wollen.« »Glaube mir, süße Freundin, ich bin krank vor Kummer. Ich liebe dich von ganzer Seele, aber ich befinde mich in einer Lage ...« »Du weinst, mein Freund? Du? O' ich bitte dich, schone meines Herzens! Ich bin in Verzweiflung, daß ich dir vorhin das gesagt habe; aber sei gewiß, ich habe nicht die Absicht gehabt, dir wehe zu tun. Ich weiß bestimmt, in einer Viertelstunde wird auch M. M. weinen.« Der Wecker rasselte. Ich hatte keine Hoffnung, daß M. M. erscheinen würde, um sich zu rechtfertigen. So umarmte ich denn C. C. und gab ihr den Schlüssel zum Kasino, um ihn in meinem Namen M. M. zurückzugeben. Dann nahm ich meine Maske vor und ging, denn für meine Freundin war es Zeit, ins Kloster zurückzukehren. Zweiundzwanzigstes Kapitel Ich bin in großer Gefahr, in den Lagunen zu ertrinken. – Briefe von E. E. und R. R. – Versöhnungsbeisammensein im Kasino von Murano. – Ich erfahre den Namen von R. R.s Freund und erkläre mich einverstanden, ihn und unsere gemeinsame Geliebte zum Abendessen in mein Kasino einzuladen. Es war ein fürchterliches Wetter. Der Wind blies stark, und der Frost drang mir ins Mark der Knochen. Ich ging ans Ufer, spähte nach einer Gondel und rief die Bootführer. Doch vergebens. Den venetianischen Polizeigesetzen gemäß kann ein solcher Fall eigentlich niemals eintreten. Zwei Gondeln wenigstens müssen bei jeder Überfahrt zu allen Stunden dem Publikum bereit stehen; daß auch nicht eine Gondel anzutreffen ist, das ist fast nie der Fall. Aber heute verhielt es sich so. Kein Boot, kein Schiffer war da. Was tun? In einfache Leinwand gekleidet, konnte ich nicht gut bei solchem Wetter eine Stunde lang am Ufer herumspazieren. Hätte ich den Schlüssel gehabt, so wäre ich wahrscheinlich ins Kasino zurückgegangen; aber nun hatte ich die Strafe dafür zu leiden, daß ich ihn im Verdruß fortgegeben hatte. Der Wind riß mich beinahe fort, und ich konnte in kein Haus eintreten, um mich vor seiner Wut zu schützen. Ich hatte in meinen Taschen Dreihundert Filippen Wahrscheinlich Silbertaler des Herzogs Philipp von Parma. In einer Anmerkung der édition originale wird zwar gesagt es sei eine Münze im Werte von 15 Franks gewesen, aber in der Ausgabe von Schütz findet sich, wahrscheinlich von Casanova selbst, erläuternd bemerkt, ein Filippo gelte 11 Lire. Jedenfalls sind venezianische Lire gemeint, die ungefähr einen halben Frank wert waren. Demnach würde der Filippo genau dem römischen Scudo entsprechen, ungefähr 5,60 Franks. , die ich am Abend im Spiel gewonnen hatte, und eine Börse voll Gold. Unter diesen Umständen mußte ich die Diebe von Murano fürchten, sehr gefährliche Halsabschneider und entschlossene Mörder, die eine Art Straflosigkeit genießen und mißbrauchen, denn sie haben mehrere Privilegien, die ihnen die Regierung bewilligt hat, um den zahlreichen Spiegelfabriken und Glasbläsereien der Insel die nötige Anzahl Arbeiter zu erhalten. Damit sie nicht auswandern, gewährt die Regierung ihnen venezianisches Bürgerrecht. Ich mußte befürchten, einigen solchen Kerlen in den Weg zu laufen, die mich zum mindesten splitternackt würden ausgezogen haben; denn zufällig hatte ich nicht einmal den kleinen Dolch bei mir, den in meiner lieben Vaterstadt alle ehrlichen Leute tragen müssen, um ihr Leben zu verteidigen. In dieser ratlosen Stimmung glaubte ich plötzlich einen Lichtschimmer zu bemerken, der durch die Ritzen der Fensterläden eines Häuschens drang. Ich ging heran und klopfte bescheiden an den Laden. Eine Stimme ruft: »Wer klopft da?« und zugleich höre ich den Laden sich öffnen. »Was wollen Sie?« fragt mich ein Mann, ganz erstaunt über meinen Anblick. Ich sagte ihm mit ein paar Worten, in welcher Lage ich mich befände, drückte ihm zugleich einen Filippo in die Hand und bat ihn, mich eintreten zu lassen, damit ich vor dem schlechten Wetter geschützt wäre. Mein Taler wirkte jedenfalls mehr als meine Worte – genug, er öffnete mir die Tür, ich trat ein und bat ihn, indem ich ihm einen zweiten Filippo versprach, mir eine Gondel zu holen, die mich nach Venedig bringen könnte. Dem lieben Gott dankend, zog er sich in aller Eile an und entfernte sich mit der Versicherung, er würde mir sofort eine Gondel bringen. Ich blieb allein in einem armseligen Zimmer, wo seine ganze Familie in einem breiten elenden Bett lag und mit großen Augen mich und mein sonderbares Kostüm ansah. Eine halbe Stunde darauf kam der gute Mann wieder und meldete mir, die Schiffer wären am Ufer, aber sie verlangten vorherige Bezahlung. Ich erklärte mich einverstanden, gab ihm seinen Filippo, dankte ihm und ging. Ohne Besorgnis betrat ich die Gondel, als ich zwei kräftige Schiffer sah. Leicht stießen wir vom Ufer ab, ohne daß der Wind uns hinderte. Bis San Michele ging alles gut; sobald wir aber über die Insel hinaus waren, packte uns der Sturm mit solcher Wut, daß ich mich in Lebensgefahr sah, denn obwohl ein guter Schwimmer, traute ich mir doch nicht die Kräfte zu, mich schwimmend zu retten oder der Gewalt der Strömung Widerstand leisten zu können. Ich befahl den Schiffern, unter den Schutz der Insel zurückzukehren, aber sie antworteten mir, sie seien keine Memmen und ich sollte nur ruhig sein. Mit dem Charakter unserer Gondoliere bekannt, schwieg ich. Unterdessen folgte ein starker Windstoß dem anderen; die schaumgekrönten Wellen schlugen in die Gondel hinein, und meine beiden Ruderer konnten trotz ihrer Unerschrockenheit und Stärke das Boot nicht mehr lenken. Wir waren indessen nur noch hundert Schritt von der Mündung des Rio de' Gesuiti entfernt, als ein wütender Windstoß den vorderen Ruderer ins Meer schleuderte; doch klammerte er sich an die Gondel an und stieg ohne große Mühe wieder ein. Er hatte das Ruder verloren und nahm ein anderes; inzwischen war aber die Gondel schon weitab zur Seite getrieben. Die Gefahr war dringend, und ich hatte keine Lust, bei Neptun zur Nacht zu speisen. Ich warf eine Handvoll Filippen auf den Boden der Gondel und befahl den Schiffern, den felce, das Verdeck der Gondel, ins Wasser zu werfen. Der Klang des Silbers sowohl wie die dräuende Gefahr bewirkten, daß sie meinem Befehl sofort gehorchten. Der Wind fand nunmehr nur noch eine geringe Angriffsfläche, und meine Schiffer bewiesen dem Gott Aeolus, daß sie stärker waren als er; denn in weniger als fünf Minuten fuhren wir in den Rio de Mendicanti ein; vor dem Palazzo Bragadino ließ ich mich absetzen. Ich ging zu Bett und deckte mich gut zu, um meine natürliche Wärme wiederzugewinnen. Aber vergebens rief ich den süßen Schlaf herbei, der mich bald wieder in meine gewöhnliche Verfassung versetzt hätte. Fünf oder sechs Stunden später kamen Herr von Bragadino und seine beiden unzertrennlichen Freunde zu mir und fanden mich im Fieberdelirium. Trotzdem mußte mein wackerer Beschützer lachen, als er den Pierrotanzug auf dem Kanapee liegen sah. Sie wünschten mir Glück, daß ich so geschickt mich aus meiner üblen Lage befreit hätte, und ließen mich hierauf in Ruhe. Am Abend stellte sich ein so reichlicher Schweiß ein, daß man mir anderes Bettzeug geben mußte; am nächsten Tage wiederholte sich das Schwitzen, und ich phantasierte; am dritten Tage hörte das Fieber auf; ich war aber an allen Gliedern wie gelähmt und litt fürchterliche Schmerzen an einem Hexenschuß. Doch faßte ich mich in Geduld, denn ich fühlte, daß nur strenge Diät mir Erleichterung verschaffen könnte. Am Mittwoch kam die treue Botin Laura an mein Bett. Ich sagte ihr, ich könnte weder lesen noch schreiben, und bat sie, am folgenden Tage wiederzukommen. Sie legte die Briefe, die sie für mich hatte, auf ein Tischchen neben meinem Bette und entfernte sich, nachdem ich sie genugsam unterrichtet hatte, um C. C. über meinen Zustand Bescheid sagen zu können. Da ich mich abends ein wenig besser fühlte, befahl ich meinem Bedienten mich einzuschließen und öffnete C. C.s Brief. Das erste, was ich sah, und zwar mit großem Vergnügen sah, war der Schlüssel zum Kasino, den sie mir zurückschickte; es hatte mir bereits leid getan, daß ich ihn zurückgegeben, und es stieg in mir eine Ahnung auf, daß ich im Unrecht sein möchte. Der Anblick der Schlüssel erfrischte mir das Blut wie ein rechter Balsam. Das zweite, was mir nicht weniger angenehm war als die Rücksendung des kostbaren Schlüssels, war ein Brief von M. M., den ich begierig las, nachdem ich hastig das Siegel erbrochen hatte. Er lautete: »Die Einzelheiten, die Sie in dem Briefe meiner Freundin gelesen haben oder lesen werden, haben, wie ich hoffe, die Wirkung, daß Sie den Fehltritt, den ich beging, vergeben und vergessen sein lassen. Ich beging ihn wahrhaftig in aller Unschuld, denn ich hoffte im Gegenteil, Ihnen die größte Freude zu bereiten. Ich habe alles gesehen und gehört, und Sie wären gewiß nicht unter Zurücklassung des Schlüssels fortgegangen, wenn ich nicht unglücklicherweise eine Stunde vor Ihrem Gehen eingeschlafen wäre. Nehmen Sie den Schlüssel wieder an sich, und kehren Sie morgen abend ins Kasino zurück, da Sie, dem Himmel sei Dank, aus dem Sturm errettet worden sind. Ihre Liebe berechtigt Sie vielleicht, sich zu beklagen, aber sie gibt Ihnen kein Recht, eine Frau zu mißhandeln, die Ihnen ganz gewiß keine Geringschätzung bezeigt hat.« Hierauf las ich C. C.s Brief, den ich hier mitteile, weil er mir fehr interessant zu sein scheint: »Ich bitte Dich, lieber Gatte, mir diesen Schlüssel nicht zurückzuschicken – Du müßtest denn der grausamste aller Menschen geworden sein und ein Vergnügen daran finden, zwei Frauen zu quälen, die Dich mit heißer Glut lieben, und zwar nur um Deiner selbst willen lieben. Ich kenne Dein ausgezeichnetes Herz, und darum wage ich mich der Gewißheit hinzugeben, daß Du morgen Abend ins Kasino kommen und Dich mit M. M. aussöhnen wirst, die heute Abend nicht kommen kann. Du wirst sehen, daß Du unrecht hast, lieber Freund, und daß meine geliebte Freundin, weit entfernt Dich geringzuschätzen, im Gegenteil, auf der ganzen weiten Welt nur Dich sieht. Unterdessen teile ich Dir mit, was Du noch nicht weißt und jedenfalls mit großem Interesse vernehmen wirst: Unmittelbar nachdem Du bei dem entsetzlichen Unwetter, das mich mit der größten Angst um Dich erfüllte, fortgegangen warst, und in dem Augenblick, wo ich selber ins Kloster zurückkehren wollte, sah ich zu meiner höchsten Uberraschung meine liebe M. M. vor mir stehen. Sie hatte von einem Versteck aus jedes Wort gehört, das Du gesagt hattest. Mehrere Male war sie in Versuchung gewesen, sich zu zeigen, immer aber hatte die Furcht sie zurückgehalten, sie könnte zur unrechten Zeit erscheinen und dadurch eine Versöhnung verhindern, die nach ihrer Meinung zwischen zwei Menschen, die sich wirklich lieben, selbstverständlich ist. Zum Unglück hatte vor Deinem Fortgehen der Schlaf sie überwältigt, und sie erwachte erst vom Rasseln des Weckers, als es zu spät war, Dich zurückzuhalten, denn Du ranntest in der größten Hast davon, wie jemand, der einer großen Gefahr entfliehen will. Sobald ich sie sah, gab ich ihr den Schlüssel, den ich nicht kannte, und meine Freundin stieß einen tiefen Seufzer aus: »Ich werde dir alles erzählen, sobald wir zu Hause sind,« sagte sie. Wir fuhren in entsetzlichem Wetter heim, doch zitterten wir nur um Dich; an uns selber dachten wir kaum. Im Kloster angekommen, zog ich sofort meine gewöhnlichen Kleider wieder an, und M. M. ging zu Bett. Ich setzte mich neben ihr Kopfkissen, und nun erzählte sie mir folgendes: »Als die Tante dich abrief und du mir den Ring zurückließest, sah ich mir diesen so genau an, bis mir schließlich das kleine Pünktchen auffiel. Ich vermutete, daß dieses die Feder verbergen möchte, und nahm eine Nadel. Der Deckel sprang auf, und ich kann dir nicht beschreiben, wie innig ich mich freute, als ich sah, daß wir denselben Mann liebten, und wie leid es mir zugleich tat, als ich daran dachte, daß ich einen Eingriff in deine Rechte getan hatte. Im ganzen jedoch war ich von meiner Entdeckung entzückt und beschloß sofort, sie dahin auszunützen, daß ich dir das Vergnügen verschaffte, mit ihm zu soupieren. Ich machte den Kasten des Ringes wieder zu und gab ihn dir zurück, indem ich tat, als hätte ich nichts entdeckt. Ich dünkte mich in diesem Augenblick die glücklichste aller Frauen. Ich kannte dein Herz; ich wußte, daß du um die Liebe deines Geliebten zu mir wußtest, denn ich hatte dir in aller Unschuld sein Porträt gezeigt; ich sah mit Entzücken, daß du nicht eifersüchtig auf mich warst. Darum wäre ich mir selber verächtlich erschienen, wenn ich andere Gefühle hätte hegen können als du, um so mehr, da du ja ganz andere Ansprüche auf ihn hattest als ich. Den Grund, warum du stets seinen Namen vor mir geheim hieltest, erriet ich leicht – es konnte nur auf seinen Befehl geschehen sein, und ich bewunderte in deiner Verschwiegenheit die Vornehmheit deiner Gefühle und die Güte deines Herzens. Ich sagte mir, daß dein Geliebter jedenfalls uns beide zu verlieren fürchtete, wenn wir entdeckten, daß keine von uns beiden sein Herz ungeteilt besäße. Ich kann dir nicht beschreiben, welchen Kummer mir der Gedanke bereitete, daß du sein Bild in meinem Besitz gesehen hättest und trotzdem in deinem Benehmen völlig die Gleiche geblieben warst, obwohl es dir nicht zweifelhaft sein konnte, daß seine Liebe nicht mehr dir allein galt. Ich hatte nur noch einen Gedanken: ich wollte euch beiden beweisen, daß M. M. eurer Zärtlichkeit, eurer Freundschaft und eurer Achtung würdig ist. Mit unbeschreiblicher Befriedigung stellte ich mir vor, wie wir alle drei noch hundertmal glücklicher sein würden; denn vor einem geliebten Wesen etwas geheim halten zu müssen, ist unerträgliche Qual. Ich schickte dich an meiner Stelle, und dies erschien mir als ein Meisterstreich. Du erlaubtest mir, dich als Nonne zu kleiden; mit einer Bereitwilligkeit, die nur in deinem schrankenlosen Vertrauen zu mir ihresgleichen hat, gingst du in mein Kasino, ohne zu wissen, wohin du gingst. Kaum warst du ausgestiegen, so kehrte die Gondel zurück, und ich begab mich in ein Versteck, das unser Freund kennt, und von wo aus ich, ohne selber gesehen zu werden, alle eure Bewegungen beobachten und jedes eurer Worte hören konnte. Ich war die Urheberin der Komödie; so war es natürlich, daß ich ihr zuschaute, um so mehr da ich überzeugt war, daß ich nur durchaus Angenehmes würde zu sehen und zu hören bekommen. Eine Viertelstunde nach dir kam ich im Kasino an. Unmöglich kann ich dir beschreiben, wie überrascht und entzückt ich war, als ich dann den prächtigen Pierrot eintreten sah, über den wir im Besuchszimmer so herzlich gelacht hatten und den wir doch eigentlich instinktmäßig hätten erkennen sollen. Aber auf seinen ersten Anblick beschränkte sich auch alles Vergnügen, das ich gehabt habe. Furcht, Erstaunen, Unruhe begannen in demselben Augenblick, wo ich die Wirkung sah, die die getäuschte Erwartung auf ihn übte, und ich fühlte mich unglücklich. Unser Geliebter nahm die Sache krumm; verzweifelt lief er davon: er liebt mich noch, aber er denkt an mich nur noch, weil er mich zu vergessen sucht. Dies wird ihm nur zu sicher gelingen. Die Rückgabe des Schlüssels ist mir schon ein Zeichen, daß er nicht mehr ins Kasino kommen wird. O böse Nacht! Ich wollte doch nur drei Menschen glücklich machen. Wie ist es möglich, daß ich grade das Gegenteil bewirkt habe. Ich werde daran sterben, wenn es dir nicht gelingt, ihn zur Vernunft zu bringen; denn ich fühle, daß ich ohne ihn nicht leben kann. Ganz gewiß bist du in der Lage, ihm schreiben zu können; du kennst ihn, du weißt seinen Namen; bitte, schick ihm den Schlüssel zurück und schreib ihm einen Brief, der ihn dazu bewegt, morgen oder übermorgen ins Kasino zu kommen, um wenigstens noch einmal mit mir zu sprechen; ich hoffe, ihn von meiner Liebe und von meiner Unschuld zu überzeugen. Ruhe dich heute aus, liebste Freundin; morgen aber schreib ihm die volle Wahrheit. Habe Mitleid mit deiner armen Freundin und verzeih ihr, daß sie deinen Geliebten liebt. Ich werde ihm ebenfalls zwei Seiten schreiben, die du deinem Brief beischließen mußt. Ich bin schuld, daß er dich nicht mehr liebt; du müßtest mich hassen, und trotzdem bist du gütig und liebst mich noch. Ich bete dich an! Ich habe seine Tränen gesehen; ich habe gesehen, wie innig seine Seele liebt: jetzt kenne ich ihn! Ich wußte nicht, daß es Menschen gibt, die so lieben! Ich habe eine entsetzliche Nacht verbracht. Glaube nur nicht, ich zürnte dir, meine holde Freundin, darob, daß du ihm unser beider zärtliches Liebesverhältnis anvertraut hast; es ist mir durchaus nicht unangenehm, und ihm gegenüber war es nicht einmal eine Unvorsichtigkeit, denn er ist von Geist ebenso frei, wie von Herzen gut. Tränen erstickten ihre Stimme; ich versuchte sie zu trösten und versprach ihr von Herzen gern, an Dich zu schreiben. Sie hat den ganzen Tag kein Auge zugetan, ich aber habe vier Stunden lang fest geschlafen. Als wir aufgestanden waren, fanden wir das ganze Kloster voll von schlimmen Nachrichten, die uns näher angingen, als man glaubte. Man erzählte, eine Stunde vor Tagesanbruch sei ein Fischerboot in der Lagune untergegangen, zwei Gondeln seien gekentert und ihre Insassen ertrunken. Stelle Dir unsere Angst vor! Wir wagten keine Fragen zu stellen; aber die Stunde stimmte mit der Zeit, wo Du mich verlassen hattest, und wir zogen die allerschlimmsten Schlüsse. Wir gingen wieder in unsere Zelle, und M. M. fiel in Ohnmacht. Ich hatte mehr Mut als sie und sagte zu ihr, Du seist ein guter Schwimmer. Aber alle meine Worte beruhigten sie nicht, und fieberschauernd mußte sie sich zu Bett legen. In dieser traurigen Verfassung befanden wir uns, als meine Tante, die überhaupt sehr lustig ist, lachend bei uns eintrat und uns erzählte, daß in dem Sturm derselbe Pierrot, über den wir so viel gelacht hatten, beinahe ertrunken wäre. ›Ach, der arme Pierrot!‹ sagte ich zu ihr; ›erzählen Sie's uns doch, liebe Tante! Ich freue mich wirklich, daß er heil davongekommen ist. Wer ist er? Weiß man das?‹ – ›O ja,‹ antwortete sie, ›man weiß alles, denn unsere eigenen Gondoliere haben ihn nach Hause geschafft. Der eine war eben hier und erzählte uns, Pierrot wäre die Nacht auf dem Ball bei den Briatis gewesen und hätte an der Anlegestelle keine Gondel gefunden, als er nach Venedig zurückfahren wollte; unsere Schiffer fanden sich bereit, für eine Zechine ihn überzusetzen. Der Gondoliere vom Vorderteil wurde durch einen Windstoß ins Meer geschleudert; da warf der brave Pierrot ein paar Hände voll Taler auf die Zenia und schmiß den felce ins Wasser. Der Wind hatte nun wenig Angriffsfläche mehr, und sie sind glücklich durch den Bettlerkanal nach Venedig hineingekommen. Die glücklichen Schiffer haben heute morgen dreißig Filippen unter sich geteilt, die sie in der Gondel fanden, außerdem haben sie noch das Glück gehabt, auch den felce wieder aufzufischen. Pierrot wird an Murano und den Ball bei Briati denken! Der Schiffer sagt, es sei der Sohn vom Herrn von Bragadino, dem Bruder des Prokurators; sie haben ihn halb tot vor Furcht und Frost nach dem Palazzo gefahren; er hatte nämlich nur seinen Leinenanzug angehabt und keinen Mantel bei sich.‹ Als meine Tante wieder gegangen war, sahen wir uns eine Weile an, ohne ein Wort zu sprechen; aber wir fühlten, daß diese Nachricht uns das Leben wiedergab. M. M. fragte mich lächelnd, ob Du wirklich Herrn von Bragadinos Sohn seist? ›Man kann sich das,‹ antwortete ich ihr, ›als nicht unmöglich vorstellen; aber sein Name läßt nicht darauf schließen, daß er ein Bastard des Herrn Senators, und noch weniger, daß er dessen ehelicher Sohn ist; Herr von Bragadino ist nämlich niemals verheiratet gewesen.‹ – ›Es würde mir,‹ sagte M. M., »sehr leid tun, wenn er sein Sohn wäre.« Ich glaubte nun nicht mehr umhin zu können, ihr Deinen wahren Namen zu sagen und ihr zu erzählen, welche Schritte Herr von Bragadino bei meinem Vater getan, um Dir meine Hand zu verschaffen, und daß ich eben infolge dieses Schrittes ins Kloster gesteckt worden wäre. So hat nun also, mein Herzallerliebster, Deine kleine Frau M. M. gegenüber keine Geheimnisse mehr, und ich hoffe, Du machst mir nicht den Vorwurf mangelhafter Verschwiegenheit; denn es ist besser, unsere liebe Freundin weiß die ganze Wahrheit, als daß sie ein Gemisch von Wahrheit und Lügen kennt. Sehr spaßhaft haben wir, wie Du Dir denken kannst, es gefunden, daß man ganz genau weiß, daß Du die Nacht auf dem Ball im Palazzo Briati gewesen bist. Wenn die Leute nicht alles wissen, erfinden sie was, und da tritt denn oft das Wahrscheinliche an Stelle des Wahren, und zuweilen kommt das sogar sehr gelegen. Wahr ist, daß diese Nachricht für unsere Freundin ein Balsam war; sie befindet sich jetzt vollkommen wohl. Sie hat eine sehr gute Nacht verbracht, und die Hoffnung, Dich im Kasino zu sehen, hat ihr ihre ganze Schönheit wiedergegeben. Sie hat diesen Brief drei oder viermal gelesen und mich stürmisch abgeküßt. Ich kann es kaum erwarten, ihr die Antwort zu geben, die Du ihr schreiben wirst. Die Botin wird darauf warten. Vielleicht werde ich Dich noch einmal im Kasino sehen, und ich bin überzeugt, dann wirst Du bei besserer Laune sein.« Es bedurfte so vieler Worte gar nicht, um mich zur Vernunft zu bringen. Als ich mit dem Lesen des Briefes fertig war, betete ich C. C. an und betete M. M. glühend an. Aber ach, ich war kreuzlahm, obwohl ich kein Fieber mehr hatte. Da ich sicher war, daß Laura am anderen Morgen in aller Frühe wiederkommen würde, so konnte ich es mir nicht versagen, an beide zu schreiben. Ich schrieb zwar nur wenig, aber doch genug, um ihnen die Gewißheit zu geben, daß über mein armes Hirn wieder die Vernunft herrschte. An C. C. schrieb ich, sie hätte ganz recht getan, ihrer Freundin meinen Namen zu sagen, um so mehr, da ich nicht mehr zu ihnen zur Messe käme und daher keinen triftigen Grund hätte, meinen Namen noch länger zu verhehlen. Im übrigen möchte sie überzeugt sein, daß ich mein ganzes Unrecht einsehe und daß ich M. M. vollgültigste Beweise dafür geben würde, sobald ich nur wieder imstande wäre, ihr Kasino aufzusuchen. An meine anbetungswürdige Nonne aber schrieb ich folgenden Brief: »Ich hatte C. C. den Schlüssel zu Deinem Kasino zurückgelassen, damit sie ihn Dir übergebe, meine reizende Freundin; ich tat es, weil ich glaubte, ich sei gefoppt, sei von dem angebeteten Wesen absichtlich mit Verachtung behandelt worden. In diesem Irrtum befangen, hielt ich mich für unwürdig, Dir wieder vor Augen zu treten, und ich zitterte vor Entsetzen trotz aller meiner Liebe. So wirkte auf mich eine Handlungsweise, die mir bewunderungswürdig erschienen wäre, wenn nicht meine Eitelkeit mir die Augen verblendet oder vielmehr gradezu meine Vernunft über den Haufen geworfen hätte. Mein Geist hätte auf gleicher Höhe mit dem Deinen stehen müssen, angebetete Freundin, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß dies nicht der Fall ist. Ich stehe in allem hinter Dir zurück – nur nicht an Leidenschaft, und davon werde ich Dich bei unserem ersten Wiedersehen überzeugen, indem ich Dich auf den Knien um großmütige Verzeihung bitten werde. Glaube mir, wundervolles Weib: wenn ich mich so heiß nach Genesung sehne, so geschieht es nur, um durch verdoppelte Liebe Dir zu beweisen, wie sehr ich mich meines Unrechts schäme. Nur die Schmerzen des Kreuzwehs haben mich verhindert, schon gestern Dein Briefchen zu beantworten, Dir mein Bedauern auszusprechen und Dir meine Liebe zu schwören, die Deine so schlecht von mir belohnte Hochherzigkeit nun zu verdoppelter Glut angefacht hat. Glaube mir, im Wogenschwall, im Augenblick des dräuenden Todes, galt mein Gedanke nur Dir, bedauerte ich weiter nichts, als daß ich Dich gekränkt hatte. Aber in dem Unglück, das mich bedrohte, angebetetes Weib, sah ich nur eine gerechte Strafe für mein Unrecht. Hätte ich nicht schnöderweise Dir den Schlüssel zum Kasino zurückgeschickt, so wäre ich zweifelsohne umgekehrt, und dann wäre mir die Strafe für meine Verfehlung und der Schmerz, den ich zum Lohn für meine Schuld erleiden muß, erspart geblieben. Ich danke Dir tausendmal, daß Du mich wieder zu mir selber gemacht hast; verlaß Dich drauf, in Zukunft werde ich besser auf meiner Hut sein; nichts wird mich in Zukunft dahin bringen können, je an Deiner Zärtlichkeit zu zweifeln. Aber was, angebetete Freundin, sagst Du zu C. C.s Benehmen? Ist sie nicht ein Engel in Menschengestalt, der nur in Dir seinesgleichen hat? Du liebst uns alle beide, und liebst uns mit gleicher Liebe. Nur ich bin schwach und unvollkommen, und ihr macht mich über mich selber erröten. Und doch fühle ich, daß ich für sie wie für Dich ohne Zögern mein Leben dahin geben würde. Mich plagt eine Neugier, die ich nicht dem Papier anzuvertrauen wage, die Du aber befriedigen mußt, sobald ich das Glück habe, Dich wiederzusehen. Ich werde froh sein können, wenn ich in acht Tagen imstande bin, ins Kasino zu kommen, das diesmal ein Sühnetempel für uns sein wird. Ich werde Dir zwei Tage vorher Bescheid geben. Einstweilen sei so freundlich, ein bißchen an mich zu denken und niemals an meiner zärtlichen Liebe zu zweifeln. Lebe wohl!« Als am nächsten Morgen Laura zu mir kam, saß ich im Bett aufrecht und war auf dem Wege der Besserung. Ich bat sie, C. C. mündlich zu sagen, daß es mir viel besser gehe; dann gab ich ihr den von mir geschriebenen Brief und erhielt dafür einen von meiner kleinen Frau, der einen anderen von M. M. als Beischluß enthielt. In diesen beiden Briefen stand weiter nichts als zärtliche Schwüre, Äußerungen der Besorgnis wegen meiner Gesundheit und heiße Wünsche baldiger Genesung. Nach sechs Tagen war ich wieder gesund; ich ging ins Kasino von Murano, und die Hausbesorgerin gab mir einen Brief von M. M. Sie schrieb, sie stürbe vor Ungeduld, mich wieder hergestellt und im Besitze ihres Kasinos zu wissen, das ich stets als mein Eigentum zu betrachten hätte. »Bitte, bitte, teile mir mit, wann Du wohl glaubst, daß wir uns wiedersehen können, einerlei, ob in Murano oder in Venedig; hierüber hast nur Du zu bestimmen. Verlaß Dich drauf, daß wir auch in Murano keinen Zeugen haben werden.« Ich antwortete ihr, wir würden uns am übernächsten Tage wiedersehen, und zwar im Kasino, von wo aus ich schreibe; denn an demselben Orte, wo ich sie gekränkt hätte, müßte ich ihre liebreiche Absolution empfangen. Ich brannte vor Verlangen sie wiederzusehen, denn ich schämte mich, daß ich ungerecht gegen sie hatte sein können, und ich wollte mein Unrecht gerne recht bald wieder gut machen. Wenn ich mir den Fall ruhig überlegte, schien es mir nach meiner Kenntnis ihres Charakters offenbar, daß ihre Handlungsweise nicht nur kein Zeichen von Mißachtung war, sondern im Gegenteil ein raffinierter Beweis einer Liebe, der einzig und allein nur mir galt. Seitdem sie entdeckt hatte, daß ich der Liebhaber ihrer jungen Freundin war, konnte sie doch nicht mehr annehmen, daß ich nur sie liebte. Wie ihre Liebe zu mir sie nicht verhinderte, dem Gesandten gefällig zu sein, so nahm sie an, ich konnte es wohl mit C. C. ebenso machen. Sie dachte nicht an die verschiedene Anlage der beiden Geschlechter und die Vorrechte, deren die Frauen genießen. Heute, da die Jahre meine Haare gebleicht und die Glut meiner Sinne abgetötet haben, läßt meine ruhiger gewordene Phantasie mich anders denken. Ich fühle wohl, daß meine schöne Nonne gegen die Scham und Bescheidenheit sündigte, die der schönste Schmuck der schöneren Hälfte des Menschengeschlechtes sind. Aber wenn diese wahrhaft einzige oder zum mindesten doch seltene Frau mit diesem Makel behaftet war, der mir damals als Tugend galt, so war sie jedenfalls frei von jenem abscheulichen Gift, das man Eifersucht nennt – eine unselige Leidenschaft, die den mit ihr behafteten unglücklichen Menschen verzehrt und den anderen, der sie hervorruft, und über den sie sich ergießt, mit ins Unglück reißt. Zwei Tage darauf, am 4. Februar 1754, hatte ich das Glück, zum erstenmal wieder mit meinem Engel allein zu sein. Sie trug ihre Nonnenkleider. Da wir uns beide schuldig fühlten, stürzten wir unwillkürlich gleichzeitig voreinander auf die Knie. Wir hatten beide gegen Gott Amor gesündigt – sie, indem sie ihn als ein Bübchen behandelte, ich, indem ich ihn wie ein Jansenist anbetete. Aber in welcher Sprache konnten wir die Entschuldigungen vorbringen, die wir uns aussprechen mußten? Konnten wir Verzeihung erbitten und gewähren? Der Kuß, diese stumme und doch so ausdrucksvolle Sprache, diese zarte und wonnevolle Berührung, die das Gefühl durch alle Adern jagt, die gleichzeitig die Empfindungen des Herzens und die Gedanken des Geistes ausspricht! Diese Sprache war die einzige, deren wir uns bedienten und ach, wie bald waren wir einig! Ungeduldig, uns die Aufrichtigkeit unserer Reue zu beweisen und das uns verzehrende Feuer zu löschen, standen wir auf dem Höhepunkte unserer zärtlichen Rührung endlich auf, ohne unsere Verschlingung zu lösen, und sanken auf das nahe Sofa. Dort lagen wir, bis zwei lange Seufzer sich lösten, die wir nicht hätten zurückhalten mögen, selbst wenn wir gewußt hätten, daß es der letzte sein müßte. So vollzog sich die glückliche Versöhnung. Die Ruhe, mit der das Bewußtsein der Befriedigung die Seele erfüllt, hatte sozusagen unser Glück verdoppelt, und wir lachten alle beide laut auf, als wir bemerkten, daß ich noch in Mantel und Maske war. Nachdem wir genug gelacht hatten, demaskierte ich mich und fragte sie, ob unsere Versöhnung wahrhaftig keinen Zeugen gehabt hätte. Sie nahm einen Armleuchter, ergriff meine Hand und sagte: »Komm mit!« Sie führte mich in die Kammer vor den großen Schrank, in dem ich bereits den Bewahrer des großen Geheimnisses vermutet hatte. Sie öffnete ihn und schob ein Brett zur Seite. Ich sah eine Tür vor uns, und durch diese betraten wir ein hübsches Kabinett, das mit allem ausgestattet war, was jemand, der mehrere Stunden darin verbringen wollte, nötig haben konnte. Über dem Sofa befand sich ein bewegliches Brett. M. M. schob es zur Seite, und durch zwanzig Löcher, die in kurzen Entfernungen nebeneinander angebracht waren, überblickte ich alle Teile des Zimmers und überzeugte mich, daß der neugierige Freund meiner Schönen in aller Bequemlichkeit die sechs Akte des Schauspiels hatte ansehen können, welches Natur und Liebe ihm bereitet hatten. Und ich denke, er wird mit den Schauspielern nicht unzufrieden gewesen sein. »Und nun«, sagte M. M., »will ich auch deine Neugierde befriedigen, die du vorsichtigerweise nicht dem Papier anvertraut hast.« »Aber du kannst doch gar nicht wissen ...« »Schweig, liebes Herz; die Liebe wäre nicht göttlich, wenn sie nicht zu ahnen wüßte: sie weiß alles! Ist es denn nicht wahr, daß du zu wissen wünschest, ob nicht in der verhängnisvollen Nacht, die mir so viele Tränen gekostet hat, mein Freund bei mir war?« »Ganz recht.« »Nun, also ja! Er war da, und du darfst deshalb nicht böse sein, denn er ist jetzt ganz und gar entzückt von dir. Er hat deinen Charakter, deine Liebe, deine Gefühle und deine Rechtschaffenheit bewundert. Er konnte nicht schweigen vor Erstaunen über die Richtigkeit meines instinktiven Gefühls, und er billigt vollkommen die Leidenschaft, die du mir eingeflößt hast. Er selber tröstete mich am Morgen, indem er mir versicherte, es sei unmöglich, daß du nicht zu mir zurückkehrtest, sobald ich dir meine Gefühle, die Lauterkeit meiner Absicht und meinen guten Glauben klargelegt hätte.« »Aber ihr müßt oft eingeschlafen sein, denn ohne selber ein lebhaftes Interesse zu haben, kann man unmöglich acht Stunden im Dunkeln verbringen, ohne ein Wort zu sprechen.« »Das lebhafteste Interesse hielt uns wach. Übrigens saßen wir nur dann im Dunkeln, wenn die Gucklöcher offen waren. Während wir zu Nacht speisten, war das Brett wieder vorgeschoben und wir hörten im tiefsten Schweigen alle eure Worte. Die Teilnahme, die meinen Freund wach hielt, übertraf, wenn das möglich ist, noch die, die ihr mir einflößtet. Er sagte mir, er habe nie zuvor eine solche Gelegenheit gehabt, das menschliche Herz zu studieren, du hättest gewiß noch niemals eine so schmerzliche Nacht verbracht. Du tatest ihm leid. Von C. C. waren wir entzückt. Es ist unbegreiflich, wie ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren mich so geschickt nur mit den Hilfsmitteln der Natur und der Wahrheit verteidigen konnte. Sie muß eine Engelsseele haben. Wenn du sie heiratest, wirst du eine göttliche Frau haben. Ihr Verlust wird mich unglücklich machen, aber dein Glück wird mich für alles entschädigen. Weißt du, lieber Freund: ich begreife nicht, wie du dich in mich hast verlieben können, da du sie kanntest, und ich begreife nicht, daß sie mich nicht verabscheut, seitdem sie weiß, daß ich ihr dein Herz geraubt habe! Meine C. C. hat wirklich etwas Erhabenes in ihren Gefühlen. Und weißt du, warum sie dir von unseren harmlosen Liebesscherzen erzählt hat? Es geschah, wie sie mir sagte, um ihr Gewissen von den Vorwürfen zu entlasten, die sie sich machte, weil sie in gewisser Weise dir untreu war.« »Glaubt sie mir volle Treue zu schulden, da sie doch weiß, daß ich so wenig treu bin?« »Sie ist außerordentlich zartfühlend und gewissenhaft; sie hält sich vollständig für deine Gattin und glaubte nicht das Recht zu haben, deinen Handlungen nachzuspüren, dagegen ist sie überzeugt, daß sie dir über jeden ihrer Schritte Rechenschaft abzulegen schuldig ist.« »Edles Mädchen!« Die umsichtige Hausbesorgerin hatte das Essen aufgetragen, und wir setzten uns zu Tisch. M. M. bemerkte nur, ich sei mager geworden. »Körperliche Leiden machen nicht fett,« antwortete ich ihr, »und seelische Schmerzen dörren den Menschen aus. Aber wir haben beide jetzt genug gelitten, und wir müssen vernünftig sein und dürfen keine Erinnerungen wachrufen, die uns Kummer machen können.« »Ja, lieber Freund, ich denke wie du, die Augenblicke, die der Mensch dem Unglück oder Leiden einräumen muß, werden ihm am Leben abgezogen, aber man verdoppelt sein Dasein, wenn man die Gabe besitzt, das Vergnügen jeder Art zu vervielfältigen.« Wir erheiterten uns mit der Erinnerung an die überstandenen Gefahren, an Pierrots Mummenschanz, an den Ball bei Briati, wo, wie man ihr erzählt halte, ein anderer Pierrot gewesen war. M. M. bewunderte die erstaunliche Wirkung der Verkleidung; »denn«, sagte sie, »der Pierrot vom Sprechzimmer kam mir größer und schlanker vor als du. Hättest du nicht zufällig die Klostergondel genommen und hättest du nicht den seltsamen Einfall gehabt, dich als Pierrot zu verkleiden, so hätte ich niemals erfahren können, wer du bist; denn meine Mitnonnen würden sich nicht für dein Schicksal interessiert haben. Ich war hocherfreut, als ich vernahm, daß du kein Nobile bist, wie ich befürchtet hatte; denn, wenn du es wärest, könnte mir auf die Länge der Zeit doch ein sehr schlimmes Mißgeschick zustoßen.« Ich wußte sehr gut, was sie zu befürchten hatte, aber ich stellte mich unwissend und sagte zu ihr: »Ich begreife nicht, was du könntest zu befürchten haben, wenn ich zum Adel gehörte.« »Mein lieber Freund, ich kann darüber mit dir nicht offen reden, wenn du mir nicht dein Wort gibst, daß du das tun wirst, worum ich dich bitten will.« »Was könnte mich verhindern, Geliebte, dir jeden Wunsch zu erfüllen – vorausgesetzt, daß er nicht meiner Ehre zu nahe tritt? Haben wir jetzt nicht alles gemein? Sprich, mein Herz! Sage mir deine Gründe und rechne auf meine zärtliche Liebe; sie bürgt dir dafür, daß ich alles tun werde, was dir Freude machen kann.« »Nun gut. Ich lade mich und meinen Freund bei dir in deinem Kasino zum Essen ein. Er stirbt vor Verlangen, dich kennen zu lernen.« »Und nach dem Essen? Da wirst du wohl mit ihm gehen?« »Du begreifst gewiß, daß dies aus Schicklichkeitsrücksichten der Fall sein muß.« »Und dein Freund weiß ohne Zweifel bereits, wer ich bin?« »Ich glaubte es ihm sagen zu müssen; denn sonst hätte er nicht gewagt, auf das Vergnügen zu hoffen, mit dir und zumal in deinem Kasino zu speisen.« »Jetzt hab ich's! Ich errate, daß dein Freund einer von den fremden Gesandten ist!« »Ganz recht.« »Aber ich darf doch gewiß hoffen, daß er mir die Ehre erweisen wird, sein Inkognito abzulegen?« »Das versteht sich von selbst. Ich werde dich in aller Form vorstellen und dir dabei seinen Namen und Rang nennen.« »Das ist ja herrlich, liebes Herz! Und konntest du unter solchen Umständen wirklich glauben, ich würde dir Schwierigkeiten machen, während du doch in Wirklichkeit mir selber gar kein größeres Vergnügen bereden könntest? Bestimme den Tag und glaube mir, ich werde ihn mit Ungeduld erwarten.« »Ich wäre deines Einverständnisses sicher gewesen, wenn du mich nicht an Zweifel gewöhnt hättest.« »Ich verdiene diese Spitze.« »Über die du aber doch hoffentlich nur lachen wirst. Unser Freund ist der französische Gesandte, Herr de Bernis. Er wird maskiert kommen, und sobald er die Maske abgenommen hat, stelle ich dich vor. Bedenke, daß du natürlich wissen mußt, daß er mein Liebhaber ist, daß du aber scheinbar glauben mußt, er wisse von unserem zärtlichen Einverständnis nichts.« »So will es der Anstand. Du wirst, hoffe ich, mit meiner Weltgewandtheit zufrieden fein. Dieses Souper bezaubert mich in dem bloßen Gedanken daran, und ich hoffe, in Wirklichkeit wird es mich noch mehr entzücken. Du hattest vollkommen recht, liebe Freundin, wenn der Gedanke, ich könnte Patrizier sein, dir Furcht einflößte, denn in diesem Fall würden die Herren Staatsinquisitoren, die gar zu oft ihren Eifer nur zur Schau tragen, unfehlbar sich eingemischt haben, und ich zittre bei dem Gedanken, was für entsetzliche Folgen dies hätte nach sich ziehen können. Ich wäre unter die Bleidächer gekommen, du wärest entehrt gewesen. Die Abrissin, das Kloster – gerechter Himmel! Ja, wenn du mir deine Befürchtungen mitgeteilt hättest, dann hätte ich dir gesagt, wer ich bin; dies konnte ich um so eher tun, da meine Zurückhaltung nur darin begründet lag, daß ich glaubte, ich könnte erkannt werden und C. C.s Vater würde sie alsdann in ein anderes Kloster bringen lassen. Aber kannst du mir sagen, an welchem Tage das Abendessen stattfinden soll? Ich bin wirklich ungeduldig, dies zu erfahren.« »Heute haben wir den vierten – nun, dann also in vier Tagen!« »Am achten also?« »Ja. Nach dem zweiten Ballett werden wir zu dir kommen. Beschreibe mir alles ganz genau, damit wir dein Kasino finden können, ohne jemanden fragen zu müssen.« Ich setzte mich an ihren Schreibtisch und schrieb genau auf, wie sie zu Lande und zu Wasser mein Kasino erreichen konnten. Glücklich über die Aussicht auf diese reizende Partie, bat ich meine Geliebte, sich zu Bett zu legen. Aber ich machte sie darauf aufmerksam, daß ich noch in der Genesung wäre und daher möglicherweise meine ersten Huldigungen nicht Amor, sondern Morpheus darbringen würde. Sich in die Umstände schickend, stellte sie den Wecker auf zehn Uhr, und wir legten uns in das Bett, das im Alkoven stand. Als wir erwachten, verlangte Amor seinen Teil, und er hatte sich nicht zu beklagen. Aber gegen Mitternacht schliefen wir mitten im Werk ein, Mund an Mund gepreßt. In dieser selben Stellung fanden wir uns am Morgen, als der Augenblick der Trennung da war. Aber obwohl die Zeit drängte, konnten wir uns doch nicht entschließen, uns Lebewohl zu sagen, ohne noch einmal der Venus ein Opfer darzubringen. Ich blieb nach dem Fortgehen meiner schönen Nonne im Kasino und schlief bis zum Mittag. Nachdem ich mich angekleidet hatte, fuhr ich sofort nach Venedig, und mein erstes Geschäft war, meinem Koch genaue Weisungen zu geben, damit das Souper am achten meiner und meiner Gäste würdig wäre. Dreiundzwanzigstes Kapitel Ich soupiere selbdritt mit dem französischen Gesandten, Herrn von Bernis – Ein Vorschlag von M. M., den ich annehme. – Folgen davon. – C. C. wird mir untreu, ich kann mich jedoch nicht darüber beklagen. Die Partie, die ich mit meiner lieben M. M. verabredet hatte, erfüllte mich mit der größten Freude, und dem Anschein nach hätte ich glücklich sein müssen. Aber ich war es nicht. Woher kam denn nun die Unruhe, die mich quälte? Woher sie kam? Von meiner unglückseligen Gewohnheit des Spielens. Diese Leidenschaft war tief in mir eingewurzelt: leben und spielen war für mich gleichbedeutend; da ich nun nicht Bank halten konnte, spielte ich im Ridotto als Ponte und verlor vormittags und abends. Dies machte mich unglücklich. Ohne Zweifel wird man mich fragen: warum spieltest du denn? Du hattest es doch nicht nötig, denn es fehlte bei dir an nichts, und du hattest soviel Geld, um jede Laune befriedigen zu können. Diese Frage würde mich in Verlegenheit bringen, wenn ich es mir nicht zum Gesetz gemacht hätte, die Wahrheit zu sagen. Nun, meine Herren Neugierigen: wenn ich trotz der fast sicheren Gewißheit des Verlierens spielte, obgleich vielleicht kein Mensch je empfindlicher gegen Spielverluste gewesen ist als ich, so geschah das, weil ich den Teufel des Geizes in mir hatte. Ich liebte das Geldausgeben, sogar die Verschwendung, aber das Herz blutete mir, wenn ich anderes Geld ausgeben mußte, als solches, das ich im Spiel gewonnen hatte. Dies war ein häßlicher Charakterfehler, lieber Leser – und ich will ihn nicht verteidigen. Wie dem auch sein möge – genug, in den vier Tagen des Wartens verlor ich alles Geld, das ich durch M. M. gewonnen hatte. An dem heißersehnten Tage begab ich mich nach meinem Kasino, wo ich zur verabredeten Stunde M. M. und ihren Freund erscheinen sah. Sie stellte ihn mir in aller Form vor, sobald er seine Maske abgenommen hatte. »Es drängte mich,« sagte der Gesandte, »die Bekanntschaft mit Ihnen zu erneuern, denn wie Madame mir sagt, haben wir uns in Paris gekannt.« Bei diesen Worten sah er mich prüfend an, wie jemand, der sich an einen zu erinnern sucht, den er aus den Augen verloren hatte. Ich sagte ihm zur Aufklärung, wir hätten niemals miteinander gesprochen, er würde daher mein Gesicht wohl nicht genau genug gesehen haben, um sich noch meiner Züge erinnern zu können. »Ich hatte die Ehre, bei Herrn von Mocenigo mit Eurer Erzellenz zu speisen; aber Sie waren beständig vom preußischen Gesandten, Lord Marishal, in Anspruch genommen, und ich hatte nicht den Vorzug, auch nur einen Augenblick Ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Da Sie vier Tage darauf nach Venedig abreisen sollten, so hatten Sie es eilig, und verabschiedeten sich fast sofort nach dem Essen. Seither habe ich nicht mehr die Ehre gehabt, Sie zu sehen.« »Jetzt besinne ich mich!« rief er; »ich erinnere mich, jemanden gefragt zu haben, oh Sie nicht der Gesandtschaftssekretär seien. Von heute an werden wir uns nicht mehr vergessen, denn die Mysterien, die uns verbinden, sind der Art, daß sie ein dauerndes inniges Verhältnis zwischen uns herstellen müssen.« Das seltene Pärchen machte sich's schnell bequem, und bald setzten wir uns zu Tisch. Selbstverständlich übernahm ich die Aufwartung. Der Minister war ein Feinschmecker; er fand meine Weine ausgezeichnet und war erfreut, als er hörte, daß ich sie vom Grafen Algarotti bezöge. Dieser stand in dem Ruf, die besten Keller zu haben. Mein Souper war lecker, reichlich und voller Abwechslung, und ich wartete dem schönen Paare auf wie etwa ein Privatmann, der seinen Fürsten und dessen Geliebte bei sich zu Tisch hätte. Ich sah M. M. entzückt über mein ehrerbietiges Benehmen ihr gegenüber und über meine Bemerkungen, die den Gesandten veranlaßten, mir mit größtem Interesse zuzuhören. Wenn auch der Gesprächston, einem ersten Zusammensein entsprechend, im ganzen ernst war, so schloß er doch seinen Scherz nicht aus, und auf diesem Gebiet war Herr de Bernis Franzose in der vollen Bedeutung des Wortes. Ich bin viel gereist und habe die Menschen als Individuen und als Masse gründlich studiert, aber wahre Geselligkeit habe ich nur bei den Franzosen gefunden; denn sie allein verstehen zu scherzen, und der feine und zarte Scherz, der die Unterhaltung belebt, macht den Reiz der Gesellschaft aus. Heitere Worte begleiteten das hübsche Souper während seiner ganzen Dauer; die liebenswürdige M. M. brachte geschickt das Gespräch auf den romanhaften Zufall, durch den sie meine Bekanntschaft gemacht hatte. Hierdurch kamen wir ganz natürlich auf meine Leidenschaft für C. C. zu sprechen, und sie entwarf von dem reizenden Mädchen eine äußerst interessante Schilderung, welcher der Gesandte so aufmerksam zuhörte, wie wenn er C. C. niemals gesehen hätte. Dies gehörte zu seiner Rolle, denn er wußte nichts von meiner Kenntnis des Umstandes, daß er meine dumme nächtliche Zusammenkunft mit ihr von seinem Versteck aus belauscht hatte. Er sagte zu M. M., sie würde ihm das allergrößte Vergnügen bereitet haben, wenn sie sie zu unserem Souper mitgebracht hätte. »Ich hätte«, antwortete die schlaue Nonne, »zu vielen Gefahren mich aussetzen müssen, und das Wagnis wäre zu groß gewesen. Aber,« fuhr sie fort, indem sie sich ebenso vornehm wie liebenswürdig an mich wandte, »wenn es Ihnen Freude macht, könnte ich Sie in meinem Kasino zum Souper mit ihr zusammenbringen, denn wir schlafen in demselben Zimmer.« Über dieses Anerbieten wunderte ich mich sehr; aber es war nicht der rechte Augenblick, mir meine Überraschung anmerken zu lassen. »Man kann, Gnädigste,« versetzte ich, »das Vergnügen, mit Ihnen zusammen zu sein, durch keinen anderen Umstand erhöhen; doch gestehe ich, daß ich gegen einen solchen Gunstbeweis nicht unempfindlich sein würde.« »Nun, ich werde daran denken.« »Aber,« sagte jetzt der Gesandte, »ich glaube, wenn ich an der Partie teilnehmen soll, so würden Sie doch gut tun, es ihr vorher zu sagen.« »Das ist nicht nötig,« sagte ich, »denn ich werde ihr schreiben, sie solle blindlings alles tun, was Madame ihr sagen werde. Ich werde mich dieser Pflicht schon morgen entledigen.« Dann bat ich den Gesandten, einem fünfzehnjährigen Mädchen gegenüber, das noch keine Welterfahrung besitze, recht nachsichtig zu sein. Hierauf erzählte ich ihm die Geschichte der O'Morphi, die ihm sehr viel Vergnügen machte. Er bat mich, ihm ihr Bild zu zeigen, und teilte mir mit, sie sei immer noch im Hirschpark, und der König, von dem sie schon ein Kind gehabt habe, sei immer noch entzückt von ihr. Um acht Uhr[R1 Etwa um Mitternacht.] verabschiedeten meine Gäste sich sehr befriedigt, und ich blieb allein in meinem Kasino. Am nächsten Morgen schrieb ich, um der schönen Nonne mein Versprechen zu halten, einen Brief an C. C. Daß eine vierte Person zugegen sein würde, erwähnte ich nicht. Ich gab Laura diesen Brief und ging sodann nach dem Kasino von Murano, wo die Hausbesorgerin mir folgenden Brief meiner M. M. einhändigte: »Ich würde, mein lieber Schatz, nicht auf eine ruhige Nacht hoffen können, wenn ich nicht noch vor dem Schlafengehen meine Seele von einem Gewissensbedenken befreie, das auf ihr lastet. Vielleicht hast Du dem Plan, mit unserer Freundin selbviert zu soupieren, nur aus einfacher Höflichkeit beigestimmt. Sei aufrichtig, mein Herz, denn wenn Du die Partie nicht gerne siehst, werde ich sie in Dunst aufgehen lassen, ohne Dich im mindesten bloßzustellen. Verlaß Dich auf mich! Bist Du jedoch von Herzen damit einverstanden, so wird alles der Verabredung gemäß vor sich gehen. Glaube mir, ich liebe Deine Seele noch inniger als Dein Herz, ich wollte sagen Deine Person. Addio.« Ihre Furcht war natürlich; aber eine falsche Scham hielt mich ab, mein Wort zurückzunehmen. M. M. kannte mich genau und packte mich als geschickte Taktikerin an meiner schwachen Seite. Ich antwortete ihr folgendes: »Ich hatte Deinen Brief erwartet, liebe Freundin – daran wirst Du nicht zweifeln; denn da Du mich gründlich kennst, so mußt Du wissen, daß ich auch Dich kenne. Ja, ich kenne Deinen Geist, und ich weiß, welchen Begriff Du Dir von dem meinigen machen mußt; denn durch meine Sophismen habe ich mich in Deinen Augen in meiner ganzen Schwachheit und Reizbarkeit gezeigt. Ich büße dafür, liebe Freundin, durch den Gedanken, daß ich Dir verdächtig geworden bin und daß dadurch Deine Zärtlichkeit sich ein wenig abgeschwächt haben muß. Bitte, vergiß meine Grillen, und glaube mir, daß in Zukunft meine Seele stets im Gleichklang mit der Deinen sein wird. Das verabredete Souper muß stattfinden; es wird mir ein Vergnügen sein, aber gestatte mir Dir zu sagen, daß ich meine Einwilligung mehr noch aus Dankbarkeit als aus Höflichkeit gegeben habe. C. C. ist Neuling, und es ist mir durchaus nicht unlieb, wenn sie anfängt, sich in der Welt bewegen zu lernen. In welcher Schule könnte sie besser aufgehoben sein als unter Deiner Vormundschaft. Ich lege sie Dir also ans Herz, und Du wirst mir eine Freude machen, wenn Du ihr auch fernerhin Deine freundschaftliche Fürsorge widmest und Deine Güte gegen sie noch verdoppelst – falls das überhaupt möglich ist. Ich fürchte nur, Du überredest sie, den Schleier zu nehmen; wenn dieser Fall einträte, würde ich auf ewig untröstlich sein. Dein Freund hat mich ganz und gar für sich eingenommen; er ist ein überlegener Mensch und wirklich reizend.« Hierdurch machte ich es mir also freiwillig unmöglich, noch zurückzutreten; aber viele Gedanken ließ meine Kenntnis des Menschenherzens mir durch den Kopf gehen. Ich begriff leicht, daß ohne Zweifel der Gesandte in C. C. verliebt war, daß er sich darüber mit M. M. ausgesprochen hatte und daß diese nicht in der Lage war, seiner Liebe Hindernisse in den Weg zu legen; gewiß hatte sie als getreue Schülerin des Herrn Gesandten sich zu allem hergeben müssen, was seiner Leidenschaft förderlich sein konnte. Natürlich konnte sie ohne meine Zustimmung nichts machen, und die Geschichte war ihr zu heikel erschienen, um mir so mirnichtsdirnichts die Partie vorschlagen zu mögen. Sie gingen daher auf Vereinbarung so vor, daß sie scheinbar ohne Absicht das Gespräch darauf brachten, und daß ich aus Höflichkeit; vielleicht sogar aus Uberzeugung, den Plan billigen und ihnen auf diese Weise ins Netz gehen mußte. Der Gesandte, dessen Beruf das Intrigieren war, hatte seine Absicht vollkommen erreicht; ich hatte ganz nach Wunsch auf den Köder angebissen. Mir blieb nichts weiter übrig als gute Miene znm bösen Spiel zu machen, teils um nicht als ganz dummer Tölpel dazustehen, teils um nicht einem Manne gegenüber, der mir unerhörte Vorrechte eingeräumt hatte, als undankbar dazustehen. Die Folge dieses ganzen Ränkespiels konnte jedoch eine Abkühlung meines Gefühls gegen die eine wie gegen die andere meiner beiden Geliebten sein. M. M. hatte dies alles vollkommen richtig empfunden, als sie nach Hause gekommen war, und um sich selber zu decken und jeder Gefahr vorzubeugen, hatte sie mir schleunigst geschrieben, sie würde den Plan, wenn ich diesen nicht billigen sollte, zum Scheitern bringen, ohne mich dabei bloßzustellen; aber sie wußte zum voraus, daß ich ihr Anerbieten nicht annehmen würde. Die Eitelkeit ist eine noch stärkere Leidenschaft als die Eifersucht. Sie verbietet es einem Menschen, der nicht für dumm gelten will, sich eifersüchtig zu zeigen, besonders einem anderen gegenüber, bei dem das Fehlen dieser niedrigen Leidenschaft glänzend hervortritt. Am nächsten Tage ging ich ziemlich früh ins Kasino und fand dort den Gesandten, der mich aufs freundschaftlichste empfing. Er sagte mir: wenn er mich in Paris gekannt hätte, würde er mich leicht bei Hofe haben einführen können, wo ich nach seiner Meinung mein Glück gemacht haben würde. Wenn ich heute zufällig daran denke, sage ich: das ist wohl möglich; aber was hätte es mir genützt? Ich wäre vielleicht wie so viele andere ein Opfer der Revolution geworden. Dies Los wäre ohne Zweifel auch ihm beschieden gewesen, wenn das Schicksal ihm nicht bestimmt hätte, im Jahre 1794 in Rom zu sterben. Er starb, wenn auch im Reichtum, so doch unglücklich; es sei denn, daß er vor dem Tode seine ganze Denkart geändert hätte; und das glaube ich nicht. Ich fragte ihn, ob es ihm in Venedig gefiele, und er antwortete mir, er müsse sich dort sehr wohl fühlen, da er sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreute und da er sich um teures Geld besser als irgendwo anders alle Annehmlichkeiten des Lebens verschaffen könnte. »Indessen bezweifle ich, daß man mich noch lange Zeit auf dem hiesigen Gesandtenposten lassen wird. Behalten Sie aber, bitte, dieses für sich; ich möchte M. M. nicht gerne betrüben.« Wir waren noch in dieser gewissermaßen vertraulichen Unterhaltung begriffen, als wir M. M. und ihre junge Freundin eintreten sahen. Diese fuhr überrascht zusammen, als sie mich mit einem anderen Herrn zusammen sah. Aber ich ermutigte sie, indem ich sie auf das zärtlichste empfing, und sie beruhigte sich vollständig, als sie sah, daß der Unbekannte entzückt war, sie sein an sie gerichtetes Kompliment in gutem Französisch beantworten zu hören. Dies gab ihnen beiden Gelegenheit, dem Wissen und der Geschicklichkeit der Lehrerin, von der sie die Sprache so gut gelernt hatte, ein hohes Lob zu zollen. C. C. war entzückend. Ihr lebhafter und doch bescheidener Blick schien mir zu sagen: du mußt mein sein! Zugleich wünschte ich sie glänzen zu sehen, und dieses doppelte Gefühl half mir eine schnöde Eifersucht überwinden, die sich ohne mein Zutun meiner bemächtigen wollte. Indem ich das Gespräch auf Themata brachte, von denen ich wußte, daß sie ihr vertraut waren, setzte ich sie in Stand, ihren natürlichen Geist zu entwickeln, und ich hatte die Genugtuung, sie glänzen zu sehen. Mit Beifall und Schmeicheleien überschüttet, angefeuert durch den Ausdruck der Befriedigung, die sie in meinen Blicken las, erschien C. C. Herrn von Bernis als ein wahres Wunder. Und ich – merkwürdige Widersprüche des menschlichen Herzens – ich freute mich dessen und zitterte doch zugleich davor, er könnte sich in sie verlieben! Welches Rätsel: ich arbeitete selber mit an einem Werk, um dessen willen ich jeden hätte ermorden können, der sich daran zu beteiligen wagte. Während des Mahles, das eines Königs würdig war, überhäufte der Gesandte C. C. mit allen erdenklichen Aufmerksamkeiten. Geist, Fröhlichkeit, Anstand und guter Ton führten den Vorsitz in unserem reizenden Verein; sie schlossen jene amüsanten Bemerkungen nicht aus, mit denen der französische Geist alle Gespräche zu würzen weiß. Ein kritischer Beobachter, der ohne uns zu kennen hätte erraten wollen, ob auch Liebe mit im Spiele wäre, hätte vielleicht so etwas vermuten, aber er hätte es niemals bestimmt behaupten können. M. M. verkehrte mit dem Gesandten nur im Ton und mit dem Benehmen einer Freundin; mir zeigte sie nur vollkommene Achtung und ihrer C. C. weiter nichts als schwesterliche Zärtlichkeit. Herr von Bernis war liebenswürdig, höflich und wohlwollend gegen M. M.; dies hinderte ihn aber nicht, fortgesetzt das größte Interesse für jede Bemerkung C. C.s an den Tag zu legen, indem er sie in ihrem günstigsten Licht erscheinen ließ und mit seinem Beifall sich jedesmal an mich wendete. Am besten spielte meine junge Freundin ihre Rolle; diese entsprach ihrer Natur; die Natur war schön, und so mußte C. C. denn wohl entzückend sein. Wir hatten fünf köstliche Stunden verbracht. Besonders der Gesandte schien sich ausgezeichnet unterhalten zu haben. Auf M. M.s Gesicht lag der Ausdruck der Freude über ihr Werk; ich steckte die Miene des zufriedenen Kritikers auf. C. C. strahlte vor Vergnügen, daß sie uns allen gefallen hatte; vielleicht war sogar ein Fünkchen Eitelkeit dabei, weil der Gesandte sich ganz besonders mit ihr beschäftigt hatte. Sie sah mich lächelnd an, und ich verstand vollkommen die Sprache ihrer Seele: sie wollte mir sagen, daß sie durchaus den Unterschied fühlte, der zwischen dieser Gesellschaft und jener anderen bestände, wobei ihr Bruder sich so ekelhaft roh benommen hatte. Nach Mitternacht war es Zeit zum Aufbruch; Herr de Bernis übernahm es, die Komplimente zu machen. Er dankte M. M. dafür, daß sie ihm das angenehmste Souper gegeben, das er je erlebte, und nötigte sie dadurch, ihm ein gleiches für den übernächsten Tag anzubieten. So ganz obenhin fragte er mich dabei, ob es mir nicht ebensoviel Vergnügen machen würde wie ihm. Konnte er an meiner Zustimmung zweifeln? Ich glaube es nicht, zumal da ich mich für verpflichtet halten mußte, ihm gefällig zu sein. Im herzlichsten Einvernehmen trennten wir uns. Als ich am anderen Morgen über dieses Mustersouper nachdachte, sah ich leicht ein, worauf das Ganze hinauslaufen mußte. Der Gesandte verdankte sein Glück lediglich dem schönen Geschlecht, da er im höchsten Grade die Kunst besaß, Gefühle der Liebe einzulullen. Da er von Natur sehr sinnlich war, fand er seine Rechnung dabei; denn er erregte Begierden, und dies verschaffte ihm Genüsse, wie sie seiner verfeinerten Art entsprachen. Ich sah ihn rasend verliebt in C. C., und er schien keineswegs der Mann zu sein, sich mit der Bewunderung ihrer schönen Augen zu begnügen. »Ganz gewiß hat er schon einen bestimmten Plan, dessen Ausführung M. M. wird übernehmen müssen, so aufrichtig auch ihre Liebe zu mir sein mag; sie wird sich dabei so geschickt und so fein benehmen, daß es mir wahrscheinlich an greifbaren Beweismitteln fehlen wird.« Obgleich ich keine Neigung fühlte, die Gefälligkeit weiter zu treiben, als man billigerweise von mir verlangen konnte, sah ich doch voraus, daß ich schließlich der Angeführte sein und daß meine arme C. C. einem Taschenspielerstückchen zum Opfer fallen würde. Ich konnte mich weder dazu entschließen, dies gutwillig geschehen zu lassen, noch dazu, dem Plan Hindernisse in den Weg zu legen. Auch hielt ich meine kleine Frau nicht für fähig, sich zu irgend einer Ausschreitung hinreißen zu lassen, die mir hätte mißfallen können, und darum wiegt ich mich in eine gewisse halbe Sicherheit ein, darauf vertrauend, daß es doch einige Schwierigkeiten machen würde, sie zu verführen. Dumme Einbildung! Eitelkeit und falsche Scham hinderten mich, von meinem gesunden Menschenverstand Gebrauch zu machen. Das ganze Ränkespiel versetzte mich in eine Art von Fieber, denn ich fürchtete die Folgen, und doch stachelte die Neugier mich dermaßen, daß ich selber die Entwickelung beschleunigte. Ich wußte, daß die zweite Auflage des Soupers jedenfalls nicht eine Wiederholung derselben Komödie bedeuten würde; ich sah voraus, daß es sehr beträchtliche Abänderungen geben würde. Um es kurz zu machen – ich glaubte, meine Ehre verlange von mir, mein Verhalten nicht zu ändern. Immerhin stand es bei mir, den Ton anzugeben, und ich nahm mir vor, alle Klugheit aufzubieten, um ihre Absichten zuschanden zu machen. Alle diese Überlegungen wiegten mich in eine halbe Zuversicht, zittern machte mich nur C. C.s Unerfahrenheit; denn mit allen Kenntnissen, die sie sich neuerdings erworben hatte, war sie doch immerhin noch Anfängerin. Sie konnte sich verpflichtet glauben, höflich zu sein, und diesen Glauben konnte man mißbrauchen. Diese Besorgnis war bald zerstreut durch mein Vertrauen zu M. M.s Zartgefühl. Sie hatte gesehen, in welcher Weise ich sechs Stunden mit dem jungen Mädchen verbrachte; sie wußte bestimmt, daß ich die Absicht hatte, sie zu heiraten: und so dünkte mich, ich dürfte sie eines so niedrigen Verrates nicht für fähig halten. Aber alle diese Überlegungen waren weiter nichts als Gedanken eines schwachen und sich vor sich selber schämenden Eifersüchtigen, und deshalb führten sie zu nichts. Ich mußte die Dinge gehen lassen und dann sehen, was zu tun wäre. Zur verabredeten Stunde war ich im Kasino und fand meine schönen Freundinnen vor dem Feuer sitzen. »Guten Abend, meine beiden Göttinnen! Wo ist unser liebenswürdiger Franzose?« »Er ist noch nicht gekommen,« antwortete M. M.; »aber kommen wird er ohne Zweifel.« Ich nahm die Maske ab, setzte mich zwischen sie und gab ihnen tausend Küsse, wobei ich sorgfältig darauf achtete, keine von ihnen zu bevorzugen; obgleich sie ja beide wußten, daß ich unbestreitbare Rechte auf sie beide hatte, blieb ich doch in den Schranken einer anständigen Zurückhaltung. Ich machte ihnen tausend Komplimente über ihre gegenseitige Zuneigung und bemerkte, daß sie sehr befriedigt waren, darüber nicht erröten zu brauchen. Länger als eine Stunde verbrachten wir mit galanten und freundschaftlichen Gesprächen, ohne daß ich mir, obwohl vor Liebe glühend, irgend eine Befriedigung meines Verlangens erlaubt hätte; denn M. M. zog mich mehr an als C. C., aber um alles in der Welt hätte ich das reizende Kind nicht kränken mögen. M. M. begann wegen des Ausbleibens des Herrn de Bernis einige Unruhe zu zeigen, da trat die Hausmeisterin ein und gab ihr einen Brief von ihm: »Ein Kurier,« schrieb er, »der vor zwei Stunden ankam, verhindert mich heute Nacht glücklich zu sein, denn ich bin genötigt, sie mit der Beantwortung der empfangenen Depeschen zu verbringen. Ich hoffe, daß Sie nicht nur mir verzeihen, sondern mich auch beklagen werden. Darf ich hoffen, daß Sie mir für Freitag das Vergnügen bewilligen, dessen das Schicksal mich heute beraubt? Lassen Sie mich dies morgen wissen. Ich wünsche Sie in derselben Gesellschaft zu finden, die ich Sie herzlich von mir zu grüßen bitte.« »Schade!« sagte M. M.; »aber es ist nicht seine Schuld, so werden wir zu dritt soupieren. Wirst du Freitag kommen?« »Gewiß, mit Vergnügen. Aber was hast du denn, meine liebe C. C.? Du machst ja ein ganz trauriges Gesicht.« »Traurig – nein. Das könnte höchstens wegen meiner Freundin sein; denn ich habe niemals einen so höflichen und zuvorkommenden Menschen gesehen.« »Nun, es freut mich sehr, meine Liebe, daß er Eindruck auf dich gemacht hat.« »Eindruck auf mich! Kann man denn gegen seine Vorzüge blind sein?« »Noch besser! Aber ich bin vollkommen mit dir einverstanden. Sage mir nur, ob du ihn liebst.« »Nun, wenn ich ihn liebte, so wäre damit noch nicht gesagt, daß ich es ihm gestehen würde. Übrigens bin ich gewiß, daß er meine Freundin liebt.« Mit diesen Worten stand sie auf und setzte sich M. M. auf den Schoß. Sie nannte sie ihre kleine Frau und meine beiden Schönen fingen an, sich auf eine Art zu liebkosen, daß ich mich hätte totlachen mögen. Weit entfernt, sie in ihrem Spiel zu stören, trieb ich sie noch an, um den Genuß eines Schauspiels zu haben, das ich seit langer Zeit kannte. M. M. nahm eine Mappe mit Kupferstichen, auf denen die wollüstigsten Stellungen abgebildet waren, und fragte mich mit einem bedeutungsvollen Augenzwinkern: »Ist es dir recht, wenn ich im Alkovenzimmer Feuer machen lasse?« Auf ihren Gedanken eingehend, antwortete ich: »Du wirst mir damit ein Vergnügen machen; das Bett ist ja so groß, daß wir alle drei ganz bequem darin liegen können.« Ich erriet, daß sie befürchtete, ich könnte ihren Freund im Verdacht haben, sich den Anblick unseres Trios verschaffen zu wollen ; sie wollte durch ihren Vorschlag diesen Verdacht beseitigen, ohne näher darauf einzugehen. Der Tisch wurde vor dem Alkoven gedeckt und das Essen aufgetragen. Wir aßen mit erstaunlichem Appetit, und die Damen blieben nicht hinter mir zurück. Während M. M. ihrer Freundin zeigte, wie der Punsch zubereitet wird, betrachtete ich mit Vergnügen die Fortschritte, die C. C.s Schönheit gemacht hatte. »Dein Busen«, sagte ich zu ihr, »muß in den letzten neun Monaten vollendet schön geworden sein.« »Er ist wie der meinige,« sagte M. M., »willst du selber darüber urteilen?« Da ich nicht nein sagte, machte sie sich ans Werk und schnürte ihrer Freundin, die sich das ruhig gefallen ließ, und sich selber das Mieder auf. In weniger als zwei Minuten sah ich vier wetteifernde Brüste vor mir, die um den Preis des Apfels streiten konnten, wie einst die drei Göttinnen. Es wäre dem schönen Paris schwer geworden, den Preis ohne Ungerechtigkeit zu vergeben. Brauche ich zu sagen, welches Feuer dieser entzückende Anblick durch meine Adern goß? Sogleich legte ich die Académie des Dames auf den Tisch und zeigte M. M. eine der Gruppen. Sie begriff meinen Wunsch und fragte: »Was meinst du, Liebste? Sollen wir diese Gruppe in Natur darstellen?« Ein zustimmender Blick war C. C.s Antwort; sprechen tat sie nicht – sie war noch nicht so kampfgewöhnt wie ihre Lehrmeisterin. Während ich fröhlich lachte, machten meine beiden Schönen sich bereit, und bald sahen wir uns alle drei im Zustande der einfachen Natur auf dem Bett. Zunächst blieb ich nur Zuschauer bei dem Scheinkampfe, den meine beiden Bacchantinnen miteinander ausfochten; ich freute mich ihrer Bewegungen und des Farbenkontrastes, denn die eine war blond, die andere schwarz. Bald aber war ich selber von allen Feuern der Wollust durchglüht: ich stürzte mich auf sie und ließ sie abwechselnd in Liebe und Glück ihre Seele verhauchen. Als wir alle drei bis zur Erschöpfung ermüdet waren, forderte ich sie auf, sich mit mir der Ruhe hinzugeben, und wir schliefen, bis der Wecker rasselte, den ich vorsorglich auf vier Uhr gestellt hatte. Wir waren sicher, die zwei Stunden, die uns bis zum Scheiden noch blieben, wohl anzuwenden. Beim Morgengrauen trennten wir uns; wir waren erschöpft und mußten zu unserer Demütigung uns dies eingestehen, aber zugleich waren wir miteinander zufrieden und voller Sehnsucht nach einer baldigen Wiederkehr der gleichen Wonnen. Als ich am anderen Morgen an diese allzu muntere Nacht zurück- dachte, fühlte ich Gewissensbisse. Wie üblich hatte die Liebe die Vernunft über den Haufen geworfen. M. M. wollte mich überzeugen, daß sie mich liebte; darum schmückte sie ihre Liebe mit allen Tugenden, auf die meine Liebe Wert legte: Ehre, Zartgefühl und Aufrichtigkeit. Aber ihr Geist war Sklave ihres Temperaments, und dieses riß sie zu Ausschweifungen fort. Auf solche zielten alle ihre Vorbereitungen ab, und sie wartete nur auf den Augenblick, wo sie mich zu ihrem Helfershelfer machen würde. Sie streichelte den Gegenstand ihrer Liebe, um ihn schmiegsam und fügsam zu machen, weil ihr Herz von ihren Sinnen beherrscht wurde und ihr keinen Vorwurf machte. Sie suchte sich selber zu täuschen, indem sie sich nicht eingestehen wollte, daß ich mich vielleicht darüber beklagen konnte, von ihr überrumpelt worden zu sein. Aber sie wußte, daß ich dies nur tun konnte, wenn ich mich als schwächer oder weniger tapfer bekannte, und sie rechnete auf mein Schamgefühl. Ich bezweifelte nicht im geringsten, daß das Ausbleiben des Gesandten absichtlich und mit ihr verabredet gewesen war. Ja noch mehr: für mich lag es auf der Hand, daß die beiden Verschwörer vorausgesehen hatten, ich würde ihren feinen Plan durchschauen und würde, an meiner empfindlichsten Stelle gepackt, nicht weniger hochherzig erscheinen wollen als sie. Der Gesandte hatte mir zuerst eine köstliche Nacht verschafft – wie konnte es mir beifallen, ihm eine gleiche vorzuenthalten? Meine Freunde hatten ganz richtig gerechnet; so sehr sich auch mein Gefühl dagegen auflehnte, so sah ich doch, daß ich für meine Person mich ihrem Siege nicht entgegenstellen durfte. C. C. machte ihnen keine Verlegenheit; sie waren ihres Sieges über sie gewiß, sobald ich sie nicht mehr durch meine Anwesenheit störte. Dafür hatte M. M. zu sorgen, die sie völlig unter ihre Herrschaft gebracht hatte. Das arme junge Ding! Ich sah sie auf schlechten Wegen – und ich war schuld daran! Ich seufzte vor Schmerz bei dem Gedanken, daß ich bei unserer letzten Orgie die beiden Mädchen nicht geschont hatte, und was wäre geschehen, wenn sie beide gleichzeitig sich in der Lage gesehen hätten, aus dem Kloster fliehen zu müssen! Ich sah bereits, wie ich sie alle beide auf dem Halse hatte, und die Aufsicht auf so reichen Segen war nicht glänzend! Es war ein sehr wenig angenehmes Zuviel des Guten. In diesem unglückseligen Widerstreit zwischen Vernunft und Vorurteil, Natur und Gefühl konnte ich zu keinem Entschluß kommen, ob ich am Souper teilnehmen sollte, oder nicht. »Wenn ich hingehe, wird die Nacht in vollkommenstem Anstand verlaufen; aber ich werde mich lächerlich machen, werde als eifersüchtig, undankbar, ja sogar unhöflich dastehen; bleibe ich fort, so ist C. C. verloren, wenigstens für mich; denn ich fühle, daß ich sie nicht mehr lieben werde, und jedenfalls kann von Heiraten nicht mehr die Rede sein.« Ich fühlte in meiner Ratlosigkeit, daß ich das Bedürfnis hatte, mich auf etwas Gewisseres als auf Wahrscheinlichkeiten zu stützen. Ich maskierte mich und ging stracks nach dem Palast des französischen Gesandten. Ich wandte mich an den Schweizer und sagte ihm, ich hätte einen Brief für Versailles und es wäre mir sehr angenehm, ihn dem Kurier mitgeben zu können, der zurückreisen sollte, sobald er die Depeschen von Seiner Exzellenz erhalten hätte. »Aber, mein Herr,« sagte der Schweizer, »seit zwei Monaten haben wir keinen außerordentlichen Kurier hier gehabt!« »Wie? Es muß doch gestern einer angekommen sein!« »Der müßte durch die Dachlucke oder den Schornstein gekommen sein; durch die Tür, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, ist keiner gekommen.« »Aber der Herr Gesandte muß die ganze Nacht gearbeitet haben.« »Das ist wohl möglich, aber nicht hier. Denn Seine Exzellenz hat beim spanischen Gesandten soupiert und ist erst sehr spät nach Hause gekommen.« Ich hatte richtig geraten; ein Zweifel war nicht mehr möglich. Der Würfel war gefallen, ich konnte in Ehren nicht mehr zurücktreten. C. C. mußte sich selber ihrer Haut wehren, wenn die Sache nicht nach ihrem Geschmack war; Gewalt würde man ihr ja nicht antun. Gegen Abend begab ich mich eigens nach Murano ins Kasino, um M. M. ein Briefchen zu schreiben. Ich bat sie, zu entschuldigen, daß eine wichtige Angelegenheit, die Herrn von Bragadino beträfe, mich verhinderte, die Nacht mit ihr und unseren beiden Freunden zu verbringen; ich bat sie, diese von mir zu grüßen und mich auch bei ihnen zu entschuldigen. Nachdem ich diese schöne Tat vollbracht hatte, fuhr ich nach Venedig zurück; um mich zu zerstreuen, ging ich in den Spielsaal und verlor die ganze Nacht hindurch. Am dritten Tage ging ich wieder nach Murano, da ich überzeugt war, dort einen Brief von M. M. vorzufinden. Wirklich gab die Hausmeisterin mir ein Päckchen, worin ich einen Brief von meiner Nonne und einen von C.C. fand, denn zwischen ihnen war jetzt alles gemein geworden. C. C. schrieb mir: »Es tat uns wirklich sehr leid, lieber Freund, als wir hörten, daß wir nicht das Glück haben würden, Dich zu sehen. Eine Viertelstunde darauf kam der Freund meiner teuren M. M.; auch ihm tat es sehr leid, als er Dein Briefchen las. Wir glaubten, wir würden ein sehr trübes Souper haben; aber die hübschen Bemerkungen unseres Kavaliers machten uns lustig, und Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie ausgelassen wir wurden, als wir Champagnerpunsch getrunken hatten. Unser Freund war ebenso ausgelassen wie wir, und wir verbrachten die ganze Nacht mit Trios, die uns nicht ermüdeten, sondern sehr belustigten. Ich versichere Dir, er ist ein reizender Mensch, den man liebhaben muß; aber er muß sich selber eingestehen, daß er in jeder Beziehung unter Dir steht. Sei überzeugt, daß ich Dich stets lieben werde und daß Du stets der Herr meines Herzens sein wirst.« Trotz meinem Verdruß mußte ich über diesen Brief lachen. Aber M. M.s Brief war noch viel eigentümlicher. Er lautete: »Ich bin überzeugt, mein Herz, Du hast aus reiner Höflichkeit gelogen; aber Du hattest erraten, daß ich das erwartete. Du wolltest damit unserm Freund ein prachtvolles Gegengeschenk machen für jenes, das Du von ihm erhalten hast, indem er sich nicht widersetzte, als deine M. M. Dir ihr Herz hingab. Du besitzest es ganz und gar, mein Freund, und Du würdest es auch ganz allein besitzen, wenn es nicht so süß wäre, die Freuden der Liebe mit allen Reizen der Freundschaft zu würzen. Es hat mir leid getan, Dich nicht zu sehen; aber ich habe wohl gefühlt, daß es nicht sehr lustig für uns geworden wäre, wenn Du dabei gewesen wärst; denn unser Freund hat trotz all seinem Geist doch noch einige ihm angeborene Vorurteile. C. C.s Geist ist jetzt so frei wie der unsrige, und ich schätze mich glücklich, daß Sie diese Wohltat mir verdankt. Auch Du mußt mir Dank dafür wissen, daß ich ihre Ausbildung vollendet und sie ganz und gar Deiner würdig gemacht habe. Recht gern hätte ich Dich in dem Versteck des Kämmerchens in unserer Nähe gehabt: ich bin überzeugt, Du hättest dort köstliche Stunden verbracht. Mittwoch werde ich in Deinem Kasino in Venedig mit Dir allein und ganz Dein sein: laß mich wissen, ob Du Dich zur gewöhnlichen Stunde beim Denkmal des Helden Colleoni einfinden wirst; willst Du nicht kommen, so bestimme mir irgend einen anderen Tag, der Dir paßt.« Ich mußte diese beiden Briefe im gleichen Ton beantworten, und trotz der Bitterkeit, die ich durch alle meine Adern strömen fühlte, mußten meine Antworten süß sein wie Honigseim. Dies kostete mir viel Überwindung; aber mir fiel zur rechten Zeit das Wort ein: Du hast's gewollt, George Dandin. Ich konnte mich nicht sträuben, die Strafe für meine Handlungen auf mich zu nehmen, und es ist mir niemals ganz klar gewesen, ob die Scham, die ich empfand, sogenannte falsche Scham war. Ich will denn auch dieses Problem ungelöst lassen. In meinem Brief an C. C. besaß ich den Mut oder die Unverschämtheit, ihr Komplimente zu machen und sie sogar zu ermutigen, sie möchte es so machen wie M. M.; ein besseres Vorbild könnte ich ihr nicht empfehlen. Meiner Nonne schrieb ich, sie würde mich pünktlich beim Denkmal finden; doch sagte ich ihr auch unter einer Menge von falschen Komplimenten, aus denen sie den Zustand meines Herzens hätte entnehmen können: ich bewunderte die vollendete Erziehung, welche C. C. durch sie erhalten hätte, aber ich wünschte mir Glück, nicht zur Folter des Beobachterpostens verdammt gewesen zu sein; denn ich fühlte, daß ich diese nicht hätte aushallen können. Pünktlich war ich am Mittwoch zur Stelle, und ich brauchte nicht lange auf M. M. zu warten. Sie kam als Mann verkleidet. »Heute Abend kein Theater!« rief sie; wir wollen nach dem Ridotto gehen und unser Geld verlieren oder verdoppeln.« Sie hatte sechshundert Zechinen bei sich, ich etwa hundert. Das Glück wandte uns den Rücken, und wir verloren alles. Ich hoffte, wir würden jetzt die Spielhölle verlassen, aber sie entfernte sich für einen kurzen Augenblick und kam mit einer Börse voll Gold wieder; ihr Freund, den sie zu finden gewußt, hatte ihr dreihundert Zechinen gegeben. Dieses Geld der Liebe oder der Freundschaft brachte ihr einen Augenblick Glück, denn sie gewann alles zurück, was wir verloren hatten ; aber aus Habsucht oder Unverstand spielten wir weiter und hatten bald keinen Heller mehr. Als wir durchaus nicht mehr weiter spielen konnten, sagte sie sofort: »Komm! Jetzt brauchen wir keine Räuber mehr zu fürchten. Auf zum Souper!« Sie war Nonne, Freigeist, Weltdame, Spielerin und ein wunderbares Weib in allem, was sie tat. Sie hatte zwölftausend Franken verloren, und ihre Laune war so ungetrübt, wie wenn sie beträchtlich gewonnen hätte. Allerdings hatte es ihr geringe Mühe gekostet, das verlorene Geld zu bekommen. Als wir allein waren, fand sie mich traurig und zerstreut, obgleich ich mir Mühe gab, es nicht merken zu lassen. Sie aber war genau so wie sonst: schön, glänzend, fröhlich und verliebt. Sie glaubte mich zu erheitern, indem sie mir die Vorgänge der mit C. C. und ihrem Freunde verbrachten Nacht in allen Einzelheiten erzählte; aber sie hätte ahnen müssen, daß dies ein Mißgriff von ihr war. Aber dies ist ein Irrtum, den alle Welt begeht. Er beruht auf einer falschen Anschauung: man nimmt an, daß die anderen in der gleichen Stimmung sind, in der man sich selber befindet. Ich war wie auf Kohlen und drehte und wand mich, um dem Thema auszuweichen und die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet zu bringen; denn die wollüstigen Einzelheiten, die sie mir mit besonderem Vergnügen beschrieb, verdrossen mich, und da Verdruß abkühlend wirkt, so fürchtete ich, ich würde vielleicht in dem bevorstehenden Liebeskampf eine traurige Figur spielen. Und wenn ein Liebender an seinen Kräften zweifelt, kann er fast immer annehmen, daß diese ihm versagen werden. Nach dem Essen legten wir uns im Alkoven zu Bett. Die Schönheit, die körperlichen und geistigen Reize, die Anmut und das Feuer meiner herrlichen Nonne verjagten bald meine schlechte Laune und versetzten mich in die beste Stimmung. Da die Nächte schon kürzer waren, verbrachten wir die ganzen zwei Stunden, die uns zu Gebote standen, in den süßesten Liebesspielen; dann trennten wir uns zufrieden und glücklich. Vorher bat M. M. mich noch, in ihr Kasino zu gehen, dort Geld zu holen und mit ihr auf Halbpart zu spielen. Ich tat es und nahm alles Geld, das ich fand. Damit spielte ich die Martingale, indem ich stets die Sätze verdoppelte; ich gewann bis zum Ende des Karnevals täglich. Ich hatte das Glück, niemals die sechste Karte zu verlieren; und wenn mir das passiert wäre, so hätte ich kein Spielkapital mehr gehabt, denn dieser sechste Satz betrug zweitausend Zechinen Der erste Satz betrug also etwa sechzig Zechinen und Casanova riskierte in seinen sechs Sätzen ungefähr 50 000 Franken. Ein kühnes »System«. . Ich freute mich, den Schatz meiner teuren Geliebten vermehrt zu haben. Sie schrieb mir, wir müßten anstandshalber am Rosenmontag selbviert soupieren, und ich erklärte mich bereit. Dieses Souper war zugleich mein letztes Beisammensein mit C. C. Sie war sehr vergnügt; als sie aber sah, daß ich meinen Entschluß gefaßt hatte und mich nur mit M. M. beschäftigte, machte sie es, ohne sich zu genieren, genau so wie ich und widmete sich ausschließlich ihrem neuen Liebhaber. Ich sah voraus, daß wir ein bißchen später unfehlbar uns gegenseitig im Wege sein würden, und bat daher M. M., es so einzurichten, daß wir getrennt wären; dies machte sie denn auch ganz vortrefflich. Nach dem Essen schlug der Gesandte vor, eine Pharaobank aufzulegen. Dieses Spiel kannten unsere Schönen nicht, denn im Ridotto wurde nur Bassette gespielt. Er ließ Karten kommen, legte hundert Doppellouisdor auf den Tisch und hielt die Bank, wobei er es so einzurichten wußte, daß C. C. die ganze Summe gewann. Es war das Nadelgeld, das er ihr schuldig zu sein glaubte. Das junge Mädchen war ganz verwirrt, sie wußte nicht, was sie mit all dem Golde anfangen sollte, und bat ihre liebe Freundin, es für sie aufzuheben, bis sie das Kloster verließe, um sich zu verheiraten. Als das Spiel zu Ende war, sagte M. M., sie habe Kopfweh und wolle sich im Alkoven zu Bett legen; mich bat sie, ich möchte sie einschläfern. Wir ließen also den Neuverliebten freie Hand, sich miteinander zu erlustigen. Als sechs Stunden später der Wecker uns mahnte, daß es Zeit zur Trennung sei, fanden wir sie schlafend einander in den Armen liegen. Ich selber hatte eine ruhige Nacht der Liebe verbracht; ich war mit meiner M. M. zufrieden und hatte nicht einen einzigen Augenblick an C. C. gedacht. Vierundzwanzigstes Kapitel Herr von Bernis reist ab und überträgt mir alle Rechte auf sein Kasino. – Er gibt mir weise Ratschläge, die ich sehr schlecht befolge. – Ich bin in Gefahr, mit M. M. zu ertrinken. – Der englische Gesandte Murray. – Wir haben kein Kasino mehr; unsere Zusammenkünfte hören daher auf. – M. M. wird schwer krank. – Zorzi und Condulmer. – Tonina. Obwohl ich C. C. infolge ihrer Untreue mit anderen Augen ansah als früher, und obwohl nicht mehr davon die Rede sein konnte, sie zu meiner Lebensgefährtin zu machen, so konnte ich mich doch nicht der Einsicht erwehren, daß es nur an mir gelegen hätte, sie vom Rande des Abgrunds zurückzuhalten; infolgedessen erkannte ich es als meine Pflicht, ihr stets als Freund treu verbunden zu bleiben. Wenn ich vernünftig gedacht hätte, wäre ich ohne Zweifel zu ganz anderen Entschlüssen in bezug auf sie gekommen. Ich hätte zu mir gesagt: ich habe ihr das Beispiel der Untreue gegeben, nachdem ich sie verführt habe; ich habe ihr befohlen, die Ratschläge ihrer Freundin blindlings zu befolgen, während ich doch wußte, daß M. M.s Rat und Beispiel sie verderben mußten; ich habe ihr ins Gesicht den stärksten Schimpf angetan, den man einer zartfühlenden Geliebten zufügen konnte. Wie könnte ich nach allem diesem so ungerecht sein wie der große Haufen und von einem schwachen Weibe mehr verlangen, als ein Mann, der sich mit seiner Stärke brüstet, leisten kann? Ich hätte mit solchem Urteil mich selber verdammt, und darum wäre ich auch ihr gegenüber derselbe geblieben. Aber ich glaubte über alle Vorurteile hoch erhaben zu sein und war doch dabei Sklave des allerniedrigsten, nämlich jenes Vorurteils, das sich der Stärke nur bedient, um Schwächere zu unterdrücken. Am Tage nach Fastnacht ging ich nach Murano und fand dort einen Brief von M. M., der zwei schlechte Nachrichten enthielt: C. C. hatte ihre gute Mutter verloren, und das arme Mädchen war darob in Verzweiflung. Außerdem war die Laienschwester von ihrer Erkältung genesen und hatte ihre Stelle wieder angetreten; dies nötigte ihre Freundin, sich in einem Augenblick zu trennen, wo das junge Mädchen des Trostes, den sie ihr spenden konnte, ganz besonders bedürftig war. C. C. war als Zimmergenosse zu ihrer Tante übergesiedelt, wozu die alte Nonne, die sie sehr lieb hatte, Erlaubnis von der Äbtissin erhalten hatte. Dieses Ereignis beraubte den Gesandten des Vergnügens, noch fernerhin mit ihr zu soupieren, und ich wäre hocherfreut gewesen, hätte der Zufall dieses Hindernis einige Tage früher eintreten lassen. Aber dies alles erschien mir geringfügig im Vergleich mit dem Unglück, das ich befürchtete: daß C. C. für die genossenen Wonnen mit einer neuen Schwangerschaft würde büßen müssen; ich betrachtete mich immerhin als erste Ursache ihres Unglücks und hätte mich daher für verpflichtet gehalten, sie niemals zu verlassen. Dies aber hätte mich in schreckliche Verlegenheiten bringen können. M. M. lud mich für auf den nächsten Montag mit ihrem Freunde zum Abendessen ein; ich kam und fand sie beide sehr traurig: er war betrübt, weil er seine neue Geliebte verloren hatte; sie weil sie ihre Freundin, die ihr den Zwang der Klostermauern erträglich gemacht hatte, nun nicht mehr bei sich hatte. Gegen Mitternacht verließ Herr von Bernis uns; beim Abschied sagte er mit sehr trauriger Miene, er fürchte wegen einiger wichtigen Unterhandlungen mehrere Monate in Wien verbringen zu müssen. Zugleich verabredeten wir, daß unsere Soupers jeden Freitag stattfinden sollten. Als wir allein waren, sagte M. M. zu mir, der Botschafter würde mir dankbar sein, wenn ich immer erst zwei Stunden später ins Kasino käme. Ich begriff: der geistvolle, liebenswürdige Lebemann hatte das sehr natürliche Vorurteil, sich den Ausbrüchen seiner Zärtlichkeit nur hingeben zu können, wenn er die Gewißheit hatte, allein zu sein. Herr von Bernis kam bis zu seiner Abreise nach Wien regelmäßig zu unseren Soupers und ging stets um Mitternacht fort. Von dem Versteck war keine Rede mehr, denn wir schliefen nur noch im Alkoven; übrigens hatte er vor meiner Ankunft Zeit genug zum Lieben gehabt, und somit waren seine Begierden gesättigt. M. M. fand mich stets verliebt, ja sogar noch feuriger als früher; denn da ich sie nur alle acht Tage sehen konnte und ihr treu war, so war die Ernte immer sehr reichlich. C. C.s Briefe, die sie mitbrachte, rührten mich zu Tränen; denn sie schrieb mir: nachdem sie das Unglück gehabt, ihre Mutter zu verlieren, könne sie auf die Freundschaft keines einzigen Verwandten mehr rechnen. Sie nannte mich ihren einzigen Freund, ihren einzigen Beschützer; sie schilderte ihren Kummer darüber, daß sie gar nicht mehr auf ein Wiedersehen mit mir hoffen dürfte, und beschwor mich, ihrer lieben Freundin stets treu zu bleiben. Als ich am Karfreitag ins Kasino kam, fand ich das Paar in tiefe Trauer versunken. Das Essen wurde aufgetragen; aber der Gesandte saß niedergeschlagen, mit stierem Blick da, aß nichts und sprach beinahe kein Wort; M. M. sah aus wie eine Bildsäule, die nur von Zeit zu Zeit durch irgend eine Federkraft bewegt wurde. Diskretion und Schicklichkeitsgefühl verboten mir irgend eine Frage an sie zu richten. Als aber M. M. uns allein gelassen hatte, sagte Herr von Bernis mir, sie sei betrübt und sie könne wohl Gründe dazu haben, denn er sei gezwungen, vierzehn Tage nach Ostern nach Wien zu reisen: »Ihnen kann ich's anvertrauen: ich glaube, es wird mir nicht leicht möglich sein, nach Venedig zurückzukehren; aber das dürfen wir ihr nicht sagen, denn es würde sie in Verzweiflung stürzen.« Bald darauf kam M. M. wieder herein; es war leicht zu sehen, daß sie geweint hatte. Nach einigen gleichgültigen Bemerkungen sagte Herr de Bernis, als er M. M. noch immer traurig sah: »Sei nicht traurig, liebe Freundin; meine Abreise ist unvermeidlich, aber ich komme bestimmt zurück, sobald ich das wichtige Geschäft erledigt habe, das mich nach Wien ruft. Das Kasino bleibt dir; aber, meine Liebe, aus Freundschaft und Vorsicht rate ich dir, es während meiner Abwesenheit nicht zu besuchen; denn wenn ich nicht mehr hier bin, kann ich auch nicht mehr auf die Treue der Gondoliere rechnen, die in meinem Dienst stehen, und ich bezweifle, daß es unserem Freund gelingen wird, unbestechliche Gondoliere zu finden. Ich will dir sogar nicht verschweigen, daß ich starke Gründe für die Annahme habe, unser Verkehr sei den Staatsinquisitoren bekannt, und sie übersehen ihn nur aus politischen Rücksichten. Ich will aber nicht dafür bürgen, daß das Geheimnis nicht bald enthüllt wird, wenn ich nicht mehr hier bin und wenn die Nonne, die deine Ausgänge begünstigt, erfährt, daß du nicht mehr um meinetwillen ausgehst. Die einzigen, für die ich dir bürgen kann, sind der Hausmeister und seine Frau. Diesen werde ich vor meiner Abreise befehlen, unseren Freund als mein zweites Selbst zu betrachten, und ihr werdet euch untereinander verständigen. Ich hoffe, bis zu meiner Rückkehr wird alles gut gehen, wenn ihr euch vernünftig benehmt. Ich schreibe dir durch meinen Hausmeister, seine Frau wird dir meine Briefe zustellen, wie sie es bisher getan hat, und du wirst dich desselben Weges bedienen, um mir zu antworten. Ich muß fort, zärtliche Freundin, aber mein Herz bleibt hier, und ich lasse dich bis zu meiner Heimkehr in den Händen eines Freundes, dessen Bekanntschaft gemacht zu haben mir eine große Freude und Beruhigung ist. Er liebt dich, er ist beherzt und erfahren; er wird dich keinen Fehltritt machen lassen!« Diese Rede erschütterte M. M. so sehr, daß sie uns bat, wir möchten sie gehen lassen; sie hätte das Bedürfnis, allein zu sein und sich zu Bett zu legen. Ehe sie ging, verabredeten wir noch, daß wir am nächsten Donnerstag soupieren wollten. Als wir allein waren, sagte der Gesandte zu mir: »Es ist unbedingt nötig, vor ihr geheimzuhalten, daß ich fortgehe, um nicht wiederzukehren. Ich werde mit dem österreichischen Kabinett an einem Vertrag arbeiten, von welchem ganz Europa sprechen wird. Ich bitte Sie, mir als Freund und ohne Rückhalt zu schreiben, und wenn Sie unsere gemeinsame Freundin lieben, so tragen Sie Sorge um ihre Ehre. Vor allen Dingen seien Sie, wenn es not tut, stark genug, sich allem zu widersetzen, was mit gewissen, leicht vorauszusehenden Gefahren verbunden ist, die auch für Sie verhängnisvoll sein würden. Sie wissen, wie es der Frau da Riva ging, die im Kloster S. Nonne war. Man ließ sie verschwinden, als man erfuhr, daß sie schwanger sei, und mein Vorgänger, Herr de Froulay, wurde kurze Zeit nachher darüber wahnsinnig und starb. I. I. Rousseau hat mir erzählt, er sei an Gift gestorben; aber der ist ein Gespensterseher, der alles in den schwärzesten Farben sieht. Ich für meine Person glaube, daß er vor Kummer starb, weil er nichts für die Unglückliche tun konnte; seither hat der Papst sie von ihrem Gelübde entbunden, sie hat sich verheiratet und lebt jetzt in Parma ohne Ehre und Ansehen. Lassen Sie die Gefühle der Liebe vor den Gefühlen einer aufrichtigen und vorsichtigen Freundschaft schweigen! Besuchen Sie M. M. zuweilen im Sprechzimmer, aber enthalten Sie sich jedes Besuches hier im Kasino, denn die Gondoliere werden Sie verraten. Die Gewißheit, daß sie nicht schwanger ist, vermindert beträchtlich meinen Kummer; aber gehen Sie mir zu, daß Sie recht unvernünftig gewesen sind! Sie haben einem furchtbaren Unglück die Stirn geboten! Bedenken Sie, zu welchen verzweifelten Entschlüssen Sie getrieben worden wären! Denn Sie hätten sie nicht verlassen – davon bin ich überzeugt. Sie glaubte, man könnte mit Abtreibungsmitteln die Gefahr beseitigen; aber ich habe ihr diesen Glauben benommen. Um Gottes willen, seien Sie in Zukunft vernünftig! Schreiben Sie mir alles, denn ich werde mich stets für ihr Geschick interessieren, nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern aus Liebe.« Wir fuhren zusammen nach Venedig zurück, wo wir uns trennten, und ich verbrachte den übrigen Teil der Nacht in großer Erregung. Am anderen Morgen schrieb ich einen Brief an unsere schöne Trauernde. Ich geizte nicht mit Trostsprüchen, von denen ich glaubte, daß sie sie aufrichten könnten, zugleich aber suchte ich sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß wir uns einer vorsichtigen Haltung befleißigten und jede Ausschreitung vermieden, die uns ganz und gar ins Unglück stürzen könnte. Den Tag darauf erhielt ich ihre Antwort. Aus jeder Zeile sprach die tiefste Verzweiflung. Die Natur hatte sie mit einem heißen Temperament begabt, und ihr Genußleben hatte dieses auf eine Weise entwickelt, daß das Kloster ihr unerträglich geworden war. Ich sah voraus, daß ich harte Kämpfe zu bestehen haben würde. Wir sahen uns am Donnerstag nach Ostern, und ich hatte ihr vorher geschrieben, daß ich erst um Mitternacht ins Kasino kommen würde. Sie hatte Zeit gehabt, mit ihrem Freund vier Stunden mit Klagen und wehmütigen Erinnerungen zu verbringen, und sie hatte dabei oft ihr grausames Geschick verflucht und ihren Eigensinn verwünscht, der sie dazu gebracht hatte, den Schleier zu nehmen. Wir speisten selbdritt; aber wir taten dem Essen keine Ehre an, obwohl es prachtvoll und lecker zubereitet war. Gleich nach Tisch ging der Gesandte fort; er bat mich, ich möchte dableiben, und ich tat dies, aber ohne im geringsten an die Freuden der Liebe zu denken. Denn Amor zündet seine Fackel nicht an, wenn zwei Liebende in Sorgen sind und tiefe Schmerzen leiden. M. M. war mager geworden, ihr Zustand erregte mein Mitleid und schloß jedes andere Gefühl aus. Ich hielt sie lange in meinen Armen und bedeckte sie mit zärtlichen und liebevollen Küssen, aber es lag mir fern, sie zu einer Erregung der Sinne zu verleiten, an der ihr Herz keinen Anteil hätte nehmen können. Sie sagte mir beim Abschied, jetzt hätte ich ihr bewiesen, daß ich sie wirklich liebte, und mit einem himmlischen Gesichtsausdruck bat sie mich zu bedenken, daß sie außer mir keinen Beschützer und Freund mehr hätte. Als wir die Woche darauf in gewohnter Weise beisammen waren, rief Herr von Bernis kurz vor dem Essen den Hausmeister herauf und stellte mir in dessen Gegenwart eine Urkunde aus, die er von ihm unterzeichnen ließ. Durch diese Schrift übertrug er mir seine Rechte auf die ganze Einrichtung des Kasinos und befahl ihm, mich in jeder Hinsicht als seinen Herrn zu betrachten. Wir verabredeten, uns zwei Tage darauf noch einmal zu einem Abschiedssouper zu vereinigen; aber als ich ankam, stand M. M. allein im Salon – bleich wie der Tod oder besser gesagt, weiß wie eine Statue aus karrarischem Marmor. »Er ist fort,« sagte sie, »und er läßt sich dir empfehlen. Verhängnisvoller Mensch! Vielleicht bin ich dazu verdammt, ihn niemals wiederzusehen. Ich glaubte ihn nur wie einen Freund zu lieben, und jetzt, da ich ihn verliere, sehe ich meinen Irrtum ein. Ehe ich ihn kannte, war ich nicht glücklich; aber ich hielt mich nicht für unglücklich. Jetzt aber bin ich's, das fühle ich!« Ich verbrachte die ganze Nacht mit ihr und versuchte durch die zartesten Aufmerksamkeiten ihren Schmerz zu lindern; aber es wollte mir nicht gelingen. Während dieser langen und schmerzlichen Nacht enthüllte sich mir ihr ganzer Charakter: so leidenschaftlich ihre Seele sich dem Genuß hingab, wenn sie sich glücklich glaubte, so haltlos überließ sie sich dem Schmerz, wenn das Glück ihr entwich. Sie sagte mir, zu welcher Stunde ich am nächsten Tage im Sprechzimmer sein sollte. Ich war entzückt, sie weniger traurig zu finden, als ich kam. Sie zeigte mir ein Briefchen, das ihr Freund von Treviso aus geschrieben hatte. Hierauf bat sie mich, sie wöchentlich zweimal zu besuchen; sie würde bald mit dieser, bald mit jener Nonne kommen; denn sie sähe voraus, daß meine Besuche die große Klosterneuigkeit werden würden, sobald man erführe, daß ich derselbe Kavalier sei, der die Messe in ihrer Kirche besuchte. Deshalb sollte ich mich auch unter einem anderen Namen anmelden lassen, damit C. C.s Tante keinen Verdacht schöpfte. »Indessen«, fügte sie hinzu, »soll mich dies nicht verhindern, allein zu kommen, wenn ich dir irgend etwas Besonderes zu sagen habe. Versprich mir, mein Freund, jede Woche mindestens einmal im Kasino zu essen und zu schlafen, und schreibe mir jedesmal ein Briefchen. Die Hausmeisterin wird es mir zustellen.« Es wurde mir nicht schwer, ihr dieses zu versprechen. So verbrachten wir vierzehn Tage ziemlich ruhig, bis ihre heitere Laune wieder erwachte und damit auch ihr Liebesbedürfnis so stark wurde wie früher. Während dieser Zeit erhielt ich von ihr eine Nachricht, die mir sehr wohl tat: C. C. war außer aller Gefahr. Wir waren immer noch beide sehr verliebt, und da wir keine andere als die uns nur noch mehr erregende Befriedigung hatten, uns durch ein Gitter hindurch zu sehen, so spannten wir unseren Geist auf die Folter, um ein Mittel ausfindig zu machen, wie wir in Freiheit und ohne Gefahr uns allein sehen könnten. »Auf die Treue der Gärtnersfrau«, sagte sie, »kann ich mich immer noch verlassen; ich kann aus- und eingehen, ohne befürchten zu müssen, daß ich gesehen werde, denn die zum Kloster gehörende Hinterpforte kann von keinem Fenster aus gesehen werden; übrigens gilt diese Tür für behext. Niemand kann mich sehen, wenn ich durch das Gärtchen nach dem hinteren Ufer gehe; auch glaubt man, daß dort kein Boot landen kann. Wir hätten weiter nichts nötig als eine einrudrige Gondel, und es scheint mir unmöglich, daß du nicht mit Hilfe vielen Geldes einen zuverlässigen Schiffer solltest auftreiben können.« Ich entnahm aus allen diesen Bemerkungen, daß sie mich im Verdacht hatte, kälter geworden zu sein, und dieser Verdacht schnitt mir ins Herz. »Höre,« sagte ich zu ihr, »ich selber werde der Schiffer sein; ich steige am Ufer aus, komme durch die Hintertür ins Kloster, und du bringst mich in dein Zimmer, wo ich die ganze Nacht mit dir verbringe und sogar den ganzen folgenden Tag, wenn du glaubst, mich verbergen zu können.« »Dieser Plan macht mir zu viel Angst: ich zittere bei dem bloßen Gedanken an die Gefahr, welcher du dich aussetzen könntest. Nein, ich würde zu traurig sein, wenn ich schuld wäre, daß du unglücklich würdest. Aber da du rudern kannst, so komme doch mit einem Boot; sage mir vorher so genau wie nur möglich die Zeit deiner Ankunft; die getreue Gärtnersfrau wird sich auf die Lauer legen, und ich lasse dich keine vier Minuten warten. Ich steige in dein Boot, wir fahren nach unserm lieben Kasino, und dort werden wir ohne Sorgen glücklich sein!« »Ich verspreche dir, darüber nachzudenken.« Um ihren Wunsch zu befriedigen, tat ich folgendes: ich kaufte ein kleines Boot, ohne ihr etwas davon zu sagen, und fuhr bei Nacht ganz allein um die Insel herum, um mir die Mauern des Klosters nach der Wasserseite zu anzusehen. Mit Mühe entdeckte ich eine kleine Tür, die nach meiner Meinung die einzige war, durch die sie das Kloster verlassen konnte; aber um von dort nach dem Kasino zu gelangen, mußte man um die halbe Insel herumfahren, und das war keine Kleinigkeit, denn man kam dabei ins offene Wasser, und mit einem einzigen Ruder brauchte ich bei der größten Anstrengung mindestens eine Viertelstunde zu der Fahrt. Ich war jedoch sicher, daß mir diese Fahrt gelingen würde, und teilte meinen Plan der schönen Nonne mit. Niemals ist vielleicht eine Nachricht mit größerer Freude aufgenommen worden. Wir stellten unsere Uhren überein und setzten die Zusammenkunft auf den nächsten Freitag fest. Am bestimmten Tage ging ich eine Stunde vor Sonnenuntergang nach San Francesco della Vigna, wo ich mein Boot in einem von mir gemieteten Bretterschuppen liegen hatte. Nachdem ich mein Boot in Ordnung gebracht und mich als Gondoliere verkleidet hatte, stieg ich auf und ruderte stracks nach dem Hinterpförtchen, das sich im Augenblick meiner Ankunft öffnete. M. M. kam heraus, und die Tür wurde hinter ihr wieder geschlossen. In ihren Mantel gehüllt, bestieg sie meinen zerbrechlichen Nachen, und in einer Viertelstunde waren wir bei unserem Kasino. M. M. schlüpfte schnell hinein, ich aber blieb noch draußen, um mein Boot mit einer Kette und einem Vorhängeschloß zu befestigen und dadurch vor den Dieben zu schützen, die sich bei Nacht ein Vergnügen daraus machen, so viele Gondeln zu stehlen, wie sie nur kriegen können. Obwohl das Rudern mir keine Beschwerde gemacht hatte, war ich doch durchnäßt vom Schweiß; dies hinderte aber meine angebetete Geliebte nicht, mir um den Hals zu fallen: die Dankbarkeit schien zur Liebe aufzufordern, und ich, ganz stolz auf meine Leistung, freute mich ihrer Verzückungen. Ich hatte nicht daran gedacht, daß ich nötig haben könnte, die Wäsche zu wechseln, und hatte deshalb keine mitgenommen; aber sie wußte dem Mangel schnell abzuhelfen. Ich zog mich aus, sie trocknete mich sorgsam mit ihrer zarten Hand ab und zog mir eins von ihren Hemden an, worin ich mich außerordentlich wohl fühlte. Wir hatten zu lange Zeit nicht einander genossen, als daß wir ans Essen hätten denken mögen, bevor wir der Liebe ein reichliches Opfer gebracht. Wir verbrachten zwei Stunden in der süßesten Trunkenheit der Sinne, und unsere Freuden dünkten uns lebhafter als beim erstenmal. Trotz meinem Feuer, trotz der Glut meiner Geliebten, wußte ich mich doch genügend zu beherrschen, um sie im Augenblick der Gefahr zu täuschen. Das Bild, das unser Freund mir entworfen hatte, stand mir zu deutlich vor den Augen. M. M. fand mich neu als Gondoliere; sie war lustig und ausgelassen und belebte unsere Genüsse durch allerlei verliebte Scherze; aber es war überflüssig, daß sie meine Glut noch anzufeuern suchte, denn ich liebte sie mehr als mich selber. Die Nacht war kurz, denn sie mußte um drei Uhr früh schon wieder im Kloster sein. Es schlug eins, als wir uns zu Tisch setzten. Zu unserem Entsetzen zog plötzlich ein Gewitter auf, während wir beim Essen waren. Die Haare standen uns zu Berge; wir konnten unsere Hoffnung nur darauf setzen, daß die Gewitter dieser Art selten länger als eine Stunde dauern. Auch hofften wir, es würde dem Gewitter kein allzu starker Wind folgen, was zuweilen vorkommt. Obwohl mutig und kräftig, hatte ich jedoch bei weitem nicht die Geschicklichkeit und Übung eines berufsmäßigen Schiffers. In weniger als einer halben Stunde war das Gewitter auf seinem Höhepunkt; Blitz folgt auf Blitz, der Donner rollt, und der Wind bläst mit furchtbarer Gewalt. Aber es dauerte kaum eine Stunde, und nach einem heftigen Platzregen klärte sich der Himmel auf. Leider aber war kein Mondschein. Es schlug zwei. Ich steckte den Kopf aus dem Fenster und fühlte einen starken Wind, der leider in der für uns ungünstigen Richtung wehte. Ma tiranno del mar Libeccio resta, Dieser Libeccio, den Ariost mit Recht den Tyrannen des Meeres nennt, ist der Südwestwind, in Venedig gewöhnlich Garbin genannt. Ich ließ mir nichts merken, aber ich bekam Angst. Ich sagte meiner Freundin, wir müßten unbedingt eine Stunde des Genusses der Vorsicht opfern. »Laß uns sofort abfahren, denn wenn der Wind stärker werden sollte, wäre es mir unmöglich, um die Spitze der Insel herumzukommen.« Sie sah die Notwendigkeit ein, meinem Rate zu folgen, und schloß nur noch ihren Schrank auf, weil sie Geld brauchte. Zu ihrer größten Freude fand sie ihren Schatz vervierfacht. Sie dankte mir, daß ich ihr nichts davon gesagt hätte, und versicherte mir, sie wollte weiter nichts als mein Herz. Hierauf gingen wir, sie stieg in mein Boot und legte sich lang auf den Boden, um die Bewegung nicht zu hindern. Voller Mut und Furcht trat ich in das Hinterteil und war in fünf Minuten glücklich um die Spitze herum. Aber hier wartete der Tyrann des Meeres auf mich! Bald merkte ich, daß im Kampfe mit dem unablässigen Andrang des Windes meine Kraft erlahmen würde. Ich ruderte aus Leibeskräften, aber ich erreichte weiter nichts, als daß mein Schiffchen wenigstens nicht zurückgetrieben wurde. Schon eine halbe Stunde war ich in dieser schlimmen Lage; ich fühlte meine Kräfte abnehmen und wagte doch nichts zu sagen. Ich war außer Atem und durfte doch nicht ans Ausruhen denken: das geringste Nachlassen hätte mich weit zurückgetrieben, und das Unglück wäre nicht wieder gutzumachen gewesen. M. M. lag unbeweglich im tiefsten Schweigen, denn sie fühlte, daß ich nicht imstande sein würde, ihr zu antworten. Ich begann uns für verloren anzusehen. Da bemerkte ich in der Ferne eine Barke, die schnell auf uns zukam. Welches Glück! Ich wartete, bis sie bei mir vorbei war, denn sonst hätten sie meine Stimme nicht hören können. Sobald ich sie aber in einer Entfernung von einigen Klaftern zu meiner Linken sah, schrie ich laut: »Zu Hilfe für zwei Zechinen!« Das Segel wird heruntergelassen, und von vier Rudern getrieben kommt die Barke auf uns zu. Als wir Seite an Seite liegen, bitte ich, man solle mir nur einen Mann ins Boot geben, der uns bis zur entgegengesetzten Spitze der Insel bringe. Man verlangt von mir eine Zechine zum voraus; ich gebe sie und verspreche die andere dem Mann zu bezahlen, sobald er mir geholfen habe, mein Ziel zu erreichen. In weniger als zehn Minuten sah ich mich dem Kloster gegenüber; aber mein Geheimnis war mir zu kostbar, um es auf eine Entdeckung ankommen zu lassen; erst als wir an der Ecke waren, bezahlte ich meinen Retter und entließ ihn. Ich kehrte nun um, und da der Wind jetzt günstig war, so erreichte ich leicht die kleine Pforte. M. M. stieg aus und sagte mir zum Abschied: »Geh ins Kasino und schlafe dort.« Ich fand ihren Rat sehr vernünftig und befolgte ihn. Da ich den Wind im Rücken hatte, kam ich ohne Anstrengung ans Ziel. Ich schlief bis zum Mittag. Gleich nach dem Aufstehen schrieb ich meiner Herzallerliebsten, ich befände mich wohl und wir würden uns am Sprechgitter wiedersehen. Nachdem ich mein Boot nach San Francesco zurückgebracht hatte, maskierte ich mich und ging auf den Ridotto. Am nächsten Tage kam M. M. allein an das Gitter. Wir stellten alle Betrachtungen an, zu denen das gestrige Ereignis Anlaß geben konnte; aber anstatt den Entschluß zu fassen, den die Klugheit uns eingeben mußte: nämlich uns nicht mehr der Gefahr auszusetzen, glaubten wir außerordentlich vernünftig zu sein, indem wir uns vornahmen, künftighin im selben Augenblick, wo wieder ein Gewitter aufziehen sollte, alles liegen zu lassen und sofort aufzubrechen. Allerdings mußten wir uns selber eingestehen, daß wir, wenn uns nicht der Gott der Liebe oder der Zufall die rettende Barke zugeführt hätte, nach dem Kasino hätten zurückkehren und dort bleiben müssen, denn M. M. konnte auf anderem Wege nicht ins Kloster hineinkommen, und wie würde sie später Einlaß gefunden haben? Ich hätte Venedig mit ihr verlassen müssen, und zwar auf Nimmerwiederkehr. Dann wäre mein Leben unwiderruflich an das ihrige gefesselt gewesen, und ohne Zweifel wären niemals die Ereignisse eingetreten, die schließlich dahin geführt haben, daß ich heute mit zweiundsiebzig Jahren in Dur meine Erinnerungen schreibe. Drei Monate lang fuhren wir in derselben Weise fort, uns allwöchentlich einmal zu sehen; unsere Verliebtheit war immer die gleiche, und niemals störte uns der geringste Unfall. M. M. konnte nicht umhin, dem Gesandten alles zu melden, was uns betraf; auch ich hatte versprochen, ihm zu schreiben und in meinen Berichten strenge bei der Wahrheit zu bleiben. In seiner Antwort wünschte er uns Glück zu unserer Errettung, aber er sagte uns voraus, daß wir dem Unglück nicht entrinnen würden, wenn wir nicht so vorsichtig wären, unsere Ausflüge ganz aufzugeben. Der englische Ministerresident Murray, ein schöner, geistvoller und gelehrter Mann, großer Liebhaber des schönen Geschlechtes, des Weines und der Tafelfreuden, unterhielt die schöne Ancilla, die mich in Padua mit ihm bekannt machte. Dieser wackere Mann wurde bald mein Freund, ungefähr in derselben Art wie Herr de Bernis, nur mit dem Unterschied, daß der Franzose gerne Zuschauer war, der Engländer dagegen selber das Schauspiel zu geben liebte. Ich war ihm stets ein erwünschter Zeuge seiner Liebestaten, bei denen er sich sehr wacker hielt, und die wollüstige Ancilla war entzückt, sich vor mir sehen zu lassen. Doch habe ich ihnen niemals das Vergnügen gemacht, mich in ihre Kämpfe einzumischen. Ich liebte M. M., aber ich muß gestehen, daß die Treue, die ich der schönen Nonne bewahrte, nicht lediglich meiner Liebe zu ihr zuzuschreiben war. Ancilla flößte mir trotz ihrer Schönheit ein gewisses Widerstreben ein: sie war stets heiser und beklagte sich beständig über einen stechenden Schmerz in der Kehle. Obgleich nun ihr Liebhaber sich wohl befand, so hatte ich doch Furcht, und nicht ohne Grund; denn die Krankheit, woran König Franz der Erste von Frankreich starb, brachte im folgenden Herbst auch sie ins Grab. Eine Viertelstunde, bevor sie ihre Seele aushauchte, vollbrachte ihr unerschrockener Brite, den geilen Bitten dieser neuen Messalina nachgebend, in meiner Gegenwart das letzte Opfer mit ihr, obwohl eine große Wunde im Gesicht sie scheußlich entstellte. Diese Tat eines wahrhaft heroischen Zynismus wurde in der ganzen Stadt bekannt, denn Murray selber erzählte sie überall und rief mich als Zeugen dafür an. Als die berüchtigte, aber wegen ihrer Schönheit mit Recht berühmte Kurtisane sich von einem inneren Leiden verzehrt fühlte, versprach sie einem Arzt, namens Lucchesi, der sie durch eine Quecksilberkur zu heilen versprach, hundert Louisdor. Aber auf dem Schuldschein, den sie über diesen Betrag ausstellte, bedang Ancilla ausdrücklich sich aus, daß sie das Geld nicht eher bezahlen würde, als bis besagter Lucchesi ein Liebesopfer mit ihr vollzogen hätte. Nachdem der Doktor sie kuriert hatte, so gut er konnte, verlangte er Bezahlung, wollte sich aber nicht der Bedingung des Vertrages unterwerfen. Ancilla bestand jedoch darauf, und der Streitfall kam vor Gericht. In England, wo jede ausdrückliche Vereinbarung erfüllt werden muß, würde Ancilla ihren Prozeß gewonnen haben; aber in Venedig verlor sie ihn. Der Richter erklärte in seinem Urteil, das Nichteinhalten einer strafbaren Bedingung tue der Gültigkeit des Vertrages keinen Abbruch. Ein weises Urteil – besonders in diesem Fall! Zwei Monate bevor die Ancilla von ihren Wunden in so abscheuerregender Weise entstellt wurde, bat mich mein Freund Memmo – der spätere Prokurator der Republik San Marcos – ihn bei ihr einzuführen. Als wir grade mitten in der schönsten Unterhaltung waren, kam plötzlich eine Gondel an, aus der wir den österreichischen Gesandten Graf Rosenberg steigen sahen. Memmo erschrak, denn ein venetianischer Nobile darf nirgendwo mit einem fremden Gesandten zusammentreffen, weil er sich schon durch die bloße Tatsache des Hochverrats schuldig macht; er verließ mit größter Hast Ancillas Salon, und ich folgte ihm; aber auf der Treppe begegnete er dem Gesandten, der laut auflachte, als er seine Verlegenheit sah, und dann seinen Weg fortsetzte. Augenblicklich stieg ich mit Memmo in seine Gondel, und wir fuhren stracks zum Sekretär der Staatsinquisitoren, Herrn Cavalli. Dies war das beste, was Memmo tun konnte, um den möglichen ärgerlichen Folgen der unangenehmen Begegnung auszuweichen, und es war ihm sehr angenehm, daß ich dabei war, um ihm bezeugen zu können, daß es sich um einen ganz einfachen Vorfall handelte, an welchem er völlig unschuldig war. Der Sekretär empfing Herrn Memmo mit einem Lächeln und sagte ihm, er habe recht gut daran getan, ohne Verzug ihm alles zu beichten. Sehr erstaunt über diesen Empfang erzählte Memmo ihm die kurze Geschichte des Zusammentreffens, und der Sekretär antwortete mit ernstester Miene, er zweifle nicht an der Wahrheit seiner Aussage, denn die Umstände deckten sich vollkommen mit dem, was ihm bekannt wäre. Die Antwort des Sekretärs gab uns viel zu denken, und wir sprachen lange über den Fall, als wir wieder draußen waren; wir kamen jedoch zu dem Ergebnis, daß Herr Cavalli vor unserem Eintritt in sein Haus tatsächlich nichts hätte wissen können und daß seine seltsame Ansprache nur daraus zu erklären wäre, daß die Staatsinquisitoren gewohnheitsmäßig den Glauben zu erregen suchten, ihnen könnte gar nichts auch nur einen Augenblick verborgen bleiben. Nach Ancillas Tode nahm Murray keine offizielle Geliebte mehr; aber wie ein Schmetterling umherflatternd, hatte er abwechselnd die hübschesten Mädchen von Venedig. Zwei Jahre später ging der liebenswürdige Epikuräer nach Konstantinopel, wo er zwanzig Jahre lang als Vertreter des Kabinetts von St. James bei der hohen Pforte wirkte. Jm Jahre 1778 kehrte er nach Venedig zurück in der Absicht, dort fern von den Geschäften seine Tage zu beschließen, aber er starb im Lazarett acht Tage vor Ablauf der vorgeschriebenen Quarantänezeit. Das Glück begünstigte mich immer noch im Spiel; meine Zusammenkünfte mit M. M. konnten nicht entdeckt werden, da ich selber den Schiffsmann machte und da die Nonnen, die um das Geheimnis wußten, selber ein zu großes Interesse an dessen Wahrung hatten; ich führte also ein sehr fröhliches Leben. Aber ich sah voraus, daß Herr von Bernis über kurz oder lang doch M. M. mitteilen würde, daß er nicht nach Venedig zurückkäme. Dann würde er die Leute, die er in Venedig noch in seinem Lohn hatte, abberufen, und wir hätten kein Kasino mehr. Ich wußte außerdem, daß ich nach Einbruch der schlechten Jahreszeit mein zerbrechliches Boot allein nicht mehr zu unseren Fahrten würde benutzen können. Als am ersten Montag des Oktobers die Theater geöffnet wurden und die Maskenfreiheit wieder begann, holte ich in meinem Kahn meine Geliebte ab und fuhr mit ihr nach unserem Kasino. Da die Nächte schon so lang waren, daß für die Freuden der Liebe eine reichliche Zeit blieb, nahmen wir zunächst ein ausgezeichnetes Abendessen zu uns. Hierauf überließen wir uns abwechselnd Cupidos Wonnen und Morpheus Armen. Plötzlich, während wir im süßesten Genuß schwebten, erweckte ein Geräusch vom Kanal her meinen Argwohn. Ich eilte ans Fenster und sah voll Überraschung und Wut ein großes Boot, das meinen Kahn im Schlepptau hinter sich herzog. Es gelang mir, meine erste Erregung niederzukämpfen und den Dieben zuzurufen, ich würde ihnen zehn Zechinen schenken, wenn sie mir mein Boot zurückgeben wollten. Offenbar glaubten sie mir nicht, denn sie lachten mich aus und fuhren ruhig weiter. Was konnte ich tun? Gegen die Diebe um Hilfe rufen? Um des Himmels willen nicht! Ihnen nachsetzen? Ich konnte ja nicht trockenen Fußes auf dem Wasser gehen. Ich war untröstlich, und M. M. hatte diesmal wirklich große Angst; denn sie sah keine Möglichkeit, wie ich Abhilfe schaffen könnte. Ohne noch weiter an unsere Liebesfreuden zu denken, zog ich mich schnell an; mein einziger Trost war, daß ich noch zwei Stunden vor mir hatte, um mir ein Boot zu besorgen. Ich hätte hundert Zechinen dafür bezahlt. Wenn ich eine Gondel hätte nehmen können, so wäre ja unsere Verlegenheit nicht groß gewesen; aber die Gondoliere hätten natürlich am nächsten Morgen in ganz Murano ausposaunt, daß sie eine Nonne in das und das Kloster gebracht hätten, und damit wäre für uns alles verloren gewesen. Es blieb mir also weiter nichts übrig, als mir für Geld einen Kahn zu beschaffen oder es ebenso zu machen, wie die Kerle, die mir den meinigen gestohlen hatten. Ich steckte meine Pistolen, meinen Dolch und eine Börse voll Gold in die Taschen, nahm ein Ruder und einen Bootshaken auf die Schulter und machte mich auf den Weg. Die Diebe hatten mit einer Speckfeile die Kette meines Bootes durchgefeilt. Dies Mittel konnte ich nicht anwenden; ich konnte nur darauf hoffen, durch einen glücklichen Zufall auf einen Kahn zu stoßen, der nur mit Stricken befestigt war. Bei der großen Brücke sah ich eine Menge Kähne; aber es waren Leute am Ufer, und so konnte ich nicht wagen, einen zu stehlen. Wie em Besessener lief ich den Kai entlang; da sah ich am Ende desselben eine Kneipe, die noch offen war. Ich trat ein und fragte, ob keine Schiffer da wären; der Kellner antwortete mir: »Es sind zwei da, aber sie sind beide betrunken.« Ich trat zu ihnen an den Tisch und sagte: »Wer will vier Lire verdienen und mich nach Venedig fahren?« »Ich!« »Ich!« »Ich heschwichtigte ihren Streit, indem ich dem betrunkensten vierzig Soldi gab; mit dem anderen ging ich hinaus.« Unterwegs aber sagte ich zu ihm: »Du bist zu betrunken; leih mir dein Boot, ich bring es dir morgen wieder.« »Ich kenne dich ja nicht.« »Ich werde dir zehn Zechinen dalassen, aber dein Boot ist ja nicht so viel wert; wer bürgt mir für dich.« »Kommen Sie mit, Herr!« Er ging mit mir nach der Kneipe zurück, und der Kellner leistete Bürgschaft für ihn. Hocherfreut ließ ich mich zu seinem Boot führen, das er mit zwei Haken und einem zweiten Ruder versah. Sehr vergnügt, daß er mich beschwindelt hatte, entfernte er sich, und ich war ebenso vergnügt, von ihm beschwindelt worden zu sein. Ich hatte eine Stunde dazu gebraucht, um das Unglück wieder gut zu machen; schnell fuhr ich nach dem Kasino, wo meine geliebte M. M. in Todesängsten auf mich wartete. Aber als sie mein freudestrahlendes Gesicht sah, erheiterte sich sofort auch ihr Antlitz. Ich brachte sie nach ihrem Kloster zurück und fuhr selber nach San Francesco, wo der Mann, der mir den Schuppen vermietet hatte, mich offenbar für verrückt hielt, als ich ihm sagte, ich hätte meinen Kahn gegen den von mir mitgebrachten vertauscht. Nachdem ich Maske und Domino angelegt hatte, ging ich in aller Eile nach Hause und legte mich zu Bett; denn die Schererei hatte mich ganz kaput gemacht. Etwa um dieselbe Zeit machte eine Schicksalsfügung mich mit dem Patrizier Marcantonio Zorzi bekannt; er war ein geistvoller Mann und berühmt wegen seiner scherzhaften Gedichte in venetianischer Mundart. Als leidenschaftlicher Theaterfreund strebte Zorzi nach der Ehre, zu Thaliens Priestern zu gehören; er schrieb eine Komödie, die das Publikum sich erlaubte auszupfeifen. Er hatte sich jedoch in den Kopf gesetzt, das Stück sei nur durch die Machenschaften des Abbate Chiari durchgefallen, der für das Theater Sant' Angelo schrieb. Infolgedessen verfolgte er alle Stücke des Abbate mit grimmigem Haß. Es kostete mich keine Uberwindung, mich dem Zorzischen Kreise anzuschließen, denn er hatte einen ausgezeichneten Koch und eine reizende Frau. Er wußte, daß ich Chiari als Dichter nicht liebte, und dies gefiel ihm, denn Herr Zorzi bezahlte sogar Leute, die ohne Barmherzigkeit und übrigens auch ohne Sinn und Verstand alle Stücke des geistlichen Komödiendichters auspfiffen. Ich machte mir den Spaß, sie in einer Art von damals sehr beliebten Knüttelversen, sogenannten Hammerversen, zu kritisieren, und Zorzi sorgte dafür, daß diese Verse in Abschriften verbreitet wurden. Dies schuf mir einen mächtigen Feind in der Person des Herrn Condulmer, der mich außerdem schon deshalb nicht leiden konnte, weil ich allem Anschein nach bei Frau Zorzi in Gunst stand, und dieser hatte er, bevor ich ins Haus kam, sehr eifrig den Hof gemacht. Übrigens konnte man es Herrn Condulmer nicht übelnehmen, wenn er mich nicht gern hatte, denn das Theater Sant' Angelo war zum guten Teil sein Eigentum, und der Durchfall der Stücke des dichtenden Abbate war ein großer Schaden für ihn, weil die Logen nur noch zu sehr billigen Preisen Besucher fanden; das Geldinteresse aber ist fast für jedermann eine conditio sine qua non . Der gute Herr Condulmer war sechzig Jahre alt, aber noch ein Mann in der Vollkraft, er liebte Weiber, Spiel und Geld. Er war sogar Wucherer, verstand aber die Kunst, für einen kleinen Heiligen zu gelten, denn er hielt darauf, jeden Morgen bei der Messe im Markusdom gesehen zu werden, und verfehlte niemals, vor dem Kruzifix zu weinen. Im folgenden Jahr wurde er Mitglied des Rates der Zehn und als solcher acht Monate lang Staatsinquisitor. In dieser hohen Stellung, die ihm eine diabolische Macht verlieh, wurde es ihm nicht schwer, seinen beiden Amtsgenossen einzureden, daß ich als Störer der öffentlichen Ruhe unter die Bleidächer müßte. Warte noch neun Monate, lieber Leser, und du wirst sehen! Zu Beginn des Winters vernahm man die erstaunliche Nachricht von dem zwischen den Häusern Frankreich und Österreich abgeschlossenen Bündnisvertrag, durch den das politische System Europas von Grund aus geändert wurde. Die Nachricht klang so unmöglich, daß die europäischen Mächte nicht daran glauben wollten. Ganz Italien mußte sich dieses Bündnisses freuen, denn es schützte das schöne Land hinfort vor der Gefahr, beim geringsten Streithandel zwischen den beiden Mächten sofort zum Kriegsschauplatz zu werden. Am meisten brachte alle denkenden Köpfe außer Fassung, daß dieser wundervolle Vertrag von einem jungen Diplomaten geplant und abgeschlossen worden war, der bis dahin nur für einen Schöngeist gegolten hatte. Er war im Jahre 1750 ganz im geheimen angesponnen worden, und die handelnden Personen waren Frau von Pompadour, Graf Kaunitz, der dafür den Fürstentitel erhielt, und der Abbé de Bernis, der erst im nächsten Jahre in weiteren Kreisen bekannt wurde, als der König ihn zum Gesandten in Venedig ernannte. Zweihundertvierzig Jahre hindurch hatten die Häuser Bourbon und Habsburg sich als Feinde bekämpft, als dieses Bündnis zustande kam; aber es war nicht von langer Dauer, denn es währte nur vierzig Jahre; und es ist auch nicht wahrscheinlich, daß jemals ein Vertrag zwischen zwei so wesentlich verschiedenen Höfen länger dauern wird. Abbé Bernis wurde einige Zeit nach dem Abschluß des Vertrages Minister des Auswärtigen; drei Jahre später stellte er das Parlament wieder her; dann wurde er Kardinal, fiel in Ungnade, kam als Gesandter nach Rom. Dort starb er. Mors ultima linea rerum est. Der Tod macht unter alles seinen Strich. Was ich hatte voraussehen müssen, traf ein; neun Monate nach seiner Abreise von Venedig zeigte er M. M. seine Abberufung an. Er tat es auf die zarteste Weise. Trotzdem traf der Schlag M. M. so hart, daß sie ihm wohl erlegen wäre, wenn ich sie nicht schon lange vorher auf die schonendste Art darauf allmählich vorbereitet hätte. Herr de Bernis sandte alle seine Instruktionen an mich. Alles, was sich im Kasino befand, sollte verkauft werden, und den Erlös sollte M. M. als freies Eigentum erhalten, nur die Bücher und Bilder sollte der Hausmeister ihm nach Paris bringen. Es war ein hübsches Brevier für einen Kardinal; aber wollte Gott, daß es keine für die Gesellschaft gefährlicheren gäbe! Während M. M. sich ihrem Schmerze überließ, führte ich die Aufträge des Herrn de Bernis aus, und gegen Mitte des Januars des Jahres 1755 hatten wir kein Kasino mehr. M. M. behielt für sich zweitausend Zechinen und ihren Schmuck, den sie später zu verkaufen gedachte, um sich eine Leibrente verschreiben zu lassen. Die Spielkasse ließ sie mir, denn wir spielten immer noch auf gemeinsame Rechnung; ich hatte damals dreitausend Zechinen. Wir konnten uns nur noch am Sprechgitter sehen. Bald darauf wurde sie vor Kummer schwer krank; als ich sie am zweiten Februar sah, trug sie auf ihrem Antlitz alle Anzeichen eines nahen Todes. Sie gab mir ihren Schmuckkasten mit allen Diamanten, all ihr Geld außer einer geringen Summe, alle anstößigen Bücher, die sie besaß, und alle ihre Briefe. Wenn sie nicht stürbe, sollte ich ihr alles zurückgehen, aber es sollte mein Eigentum sein, wenn sie, wie sie glaubte, der Krankheit erläge, die sie in den Gliedern spürte. Sie sagte mir, C. C. würde mir über ihren Zustand berichten, und bat mich, Mitleid mit ihr zu haben und ihr zu schreiben, denn meine Briefe würden ihr einziger Trost sein, und sie würde bis zu ihrem letzten Atemzuge wenigstens soviel Kraft behalten, um diese lesen zu können. Mit strömenden Tränen hörte ich ihre Worte, denn ich liebte sie abgöttisch. Ich versprach ihr, auf Murano zu wohnen, bis sie wieder gesund wäre. Ich ließ alle Sachen in eine Gondel legen, und fuhr nach dem Palazzo Bragadino, um alles sicher zu verschließen. Hierauf kehrte ich nach Murano zurück und beauftragte Laura, mir ein möbliertes Zimmer zu suchen, wo ich ungestört wohnen könnte. »Ich kenne«, sagte sie, »eine hübsche Wohnung mit Küche; Sie werden dort um billiges Geld gut wohnen und völlige Ruhe haben, und wenn Sie die Miete vorausbezahlen wollen, brauchen Sie nicht einmal zu sagen, wer Sie sind. Der alte Mann, dem das Haus gehört, wohnt im Erdgeschoß; er wird Ihnen alle Schlüssel geben, und Sie brauchen keinen Menschen zu sehen, wenn Sie nicht wollen.« Sie gab mir die Adresse; ich ging sofort hin und fand alles nach Wunsch. Ich bezahlte für drei Monate voraus, und alles war in Ordnung. Das Häuschen lag am Ende einer Sackgasse, die nach dem Kanal hinausging. Ich begab mich noch einmal zu Laura, um ihr zu sagen, daß ich ein Mädchen brauchte, um mir mein Essen zu holen und mein Zimmer in Ordnung zu halten ; sie versprach mir, bis zum nächsten Tage eins zu besorgen. Nachdem ich dies alles in Ordnung gebracht hatte, fuhr ich nach Venedig zurück und packte dort meinen Koffer, wie wenn ich eine lange Reise vorhätte. Nach dem Abendessen verabschiedete ich mich von Herrn de Bragadino und seinen beiden Freunden; ich sagte ihnen, ich würde wegen einer wichtigen Angelegenheit einige Wochen fortbleiben. Am anderen Morgen ging ich in meine neue Wohnung und fand dort zu meiner großen Überraschung Lauras Tochter Tonina, ein hübsches Kind von fünfzehn Jahren. Sie sagte mir errötend, aber mit einer gewissen Gewandtheit, die ich ihr nicht zugetraut hätte, sie erkühne sich, mich ebenso eifrig zu bedienen, wie ihre Mutter selber es nur könne. Ich war zu niedergeschlagen, um Laura für dieses hübsche Geschenk dankbar zu sein, und ich beschloß sogar, daß es anders sein sollte, als sie ohne Zweifel sich's gedacht hatte, da ihre Tochter doch nicht in meinem Dienst bleiben konnte. Der Leser wird sehen, wie derartige Entschlüsse standzuhalten pflegen. Vorläufig war ich nur freundlich gegen das junge Mädchen. »Ich bin von deinem guten Willen überzeugt,« sagte ich ihr; »aber ich muß erst mit deiner Mutter sprechen. Ich habe das Bedürfnis allein zu sein, denn ich muß den ganzen Tag schreiben, und ich werde erst heute Abend etwas essen. Besorge mir das Nötige!« Sie gab mir einen Brief, indem sie zu verzeihen bat, daß sie ihn nicht früher abgeliefert hätte. »Du darfst niemals vergessen, deine Aufträge auszurichten,« sagte ich zu ihr; »denn wenn du mir den Brief noch später gegeben hättest, wäre vielleicht ein großes Unglück entstanden.« Sie wurde rot, bat mich um Verzeihung und ging hinaus. Der Brief war von C. C. Sie schrieb mir, ihre Freundin liege zu Bett und der Arzt habe ein Fieber festgestellt. Ich verbrachte den Rest des Tages damit, daß ich in meinem Zimmer alles in Ordnung brachte und an C. C. und ihre leidende Freundin schrieb. Gegen Abend brachte Tonina mir Licht und sagte mir, mein Essen sei fertig. »Bediene mich,« sagte ich. Ich sah, daß sie nur ein Gedeck aufgelegt hatte, und ihre Bescheidenheit freute mich. Doch sagte ich ihr, sie möchte auch ein zweites auflegen, denn ich wünschte, daß sie mir bei Tisch stets Gesellschaft leistete. Ich wußte selber nicht, warum ich eigentlich so handelte; ich wollte mich nur freundlich zeigen und hatte gar keine Nebenabsichten dabei. Wie werden sehen, lieber Leser, ob es nicht eine von den Listen war, die der Teufel anwendet, um sein Ziel zu erreichen. Ich hatte keinen Appetit und aß deshalb nichts; doch fand ich alles gut, mit Ausnahme des Weines; Tonina versprach mir, für den nächsten Tag besseren zu besorgen. Hierauf legte sie sich im Vorzimmer zu Bett. Nachdem ich meine Briefe versiegelt hatte, wollte ich nachsehen, ob die Wohnungstür verschlossen wäre. Ich ging hinaus und sah Tonina im Bett liegen und friedlich schlafen oder wenigstens so tun. Ich hätte sie im Verdacht haben können, damit gewisse Absichten zu verfolgen, aber ich hatte mich noch niemals in einer solchen Lage befunden, und ich ermaß die Größe meines Kummers an der Gleichgültigkeit, womit ich das Mädchen ansah: sie war schön, und trotzdem fühlte ich, daß weder ihr noch mir die geringste Gefahr drohte. Am anderen Morgen erwachte ich sehr früh; ich rief sie, und sie trat vollkommen angezogen, und zwar sehr sauber gekleidet, bei mir ein. Ich gab ihr den Brief für C. C., worin sich der an M. M. als Einschluß befand, und sagte ihr, sie möchte ihn ihrer Mutter bringen und dann gleich zurückkommen, um mir Kaffee zu machen. »Ich werde heute zu Mittag essen, Tonina; besorge mir alles Nötige zur rechten Zeit.« »Ich selber habe Ihnen gestern das Abendessen zubereitet, und wenn Sie wollen, kann ich überhaupt für Sie kochen.« »Ich freue mich sehr, daß du das kannst; fahre nur so fort. Da hast du eine Zechine für die Ausgaben.« »Ich habe von der Zechine, die Sie mir gestern gaben, noch sechzehn Lire Eine Zechine (Wert etwa zwölf Franken) hatte vierundzwanzig venetianische Lire. übrig. Das reicht.« »Nein, den Rest schenke ich dir, und so werde ich es jeden Tag machen.« Ihre Freude war so groß, daß sie mir trotz meinem Abwehren die Hand küßte. Ich durfte meine Hand nicht zurückziehen und sie umarmen, denn ich fühlte, daß ich mir dann das Lachen nicht hätte verhalten können, und dies würde meinen Schmerz entehrt haben. Dieser zweite Tag verging wie der erste. Tonina freute sich, daß ich nichts mehr davon sagte, mit ihrer Mutter sprechen zu wollen; sie sah darin einen Beweis, daß ihre Dienste mir angenehm wären. Ich fühlte mich matt und fürchtete am anderen Morgen nicht rechtzeitig zu erwachen, um meinen Brief ins Kloster schicken zu können. Da ich jedoch Tonina nicht wecken wollte, wenn sie schlief, so rief ich sie leise. Sie stand sofort auf und trat, nur mit einem Unterröckchen bekleidet, bei mir ein. Ich tat, als sähe ich nichts, gab ihr meinen Brief und befahl ihr, diesen in der Frühe, ehe sie in mein Zimmer käme, ihrer Mutter zu bringen. Sie sagte, sie würde meinen Befehl ausführen, und ging. Ich mußte mir unwillkürlich sagen, daß sie sehr hübsch sei, und der Gedanke, wie leicht es dem jungen Mädchen sein würde, mich zu trösten, machte mich traurig und verwirrt. Mein Schmerz war mir teuer, und ich faßte den Entschluß, Tonina, die mich von ihm heilen konnte, mir fern zu halten. »Morgen«, sagte ich zu mir selber, »werde ich mit Laura sprechen, damit sie mir eine weniger verführerische Bedienung besorgt.« Aber guter Rat kommt über Nacht, und am anderen Morgen wappnete ich mich mit Sophismen, indem ich mir sagte, das junge Mädchen sei doch unschuldig an meiner Schwachheit, und ich dürfe sie nicht dafür strafen, indem ich ihr den empfindlichsten Verdruß bereitete. Wir werden sehen, lieber Leser, wohin dies alles noch führt. Fünfundzwanzigstes Kapitel Fortsetzung des vorigen. – M. M. wird wieder gesund. – Ich kehre nach Venedig zurück. – Tonina tröstet mich. – Abschwächung meiner Liebe zu M. M. – Doktor Righelini. – Eigentümliches Gespräch mit ihm. – Folgen dieser auf M. M. bezüglichen Unterhaltung. – Herrn Murrah wird sein Irrtum benommen, und er wird gerächt. Tonina war taktvoll und verständig; sie begriff, daß mein Zustand Schonung erheischte, und benahm sich mit vielem Zartgefühl. Sie ging stets erst zu Bett, nachdem sie meine Briefe in Empfang genommen und sich vergewissert hatte, daß ich ihrer nicht mehr bedurfte; sie betrat mein Zimmer nur noch in anständigem Anzug, und ich wußte ihr Dank dafür. Zwei Wochen lang ohne Unterbrechung stand es mit M. M. so schlecht, daß ich jeden Augenblick die Todesnachricht zu erhalten erwartete. Am Fastnachttage schrieb C. C. mir, ihre Freundin habe nicht mehr die Kraft gehabt, meinen Brief zu lesen; sie werde die letzte Ölung erhalten. Diese Nachricht traf mich so hart, daß ich nicht imstande war, das Bett zu verlassen. Ich verbrachte den ganzen Tag mit Weinen und Schreiben, und Tonina ging erst um Mitternacht von mir. Ich konnte die Nacht kein Auge schließen. Am Aschermittwoch erhielt ich in der Frühe einen Brief von C. C., daß der Arzt ihre Freundin aufgegeben hätte; diese könne höchstens noch etwa vierzehn Tage leben. Ein langsames Fieber zehre sie aus; sie sei unendlich schwach, da sie kaum ein bißchen Fleischbrühe hinunterbringen könne. Zum Unglück werde sie noch obendrein von ihrem Beichtvater gequält, der sie mit allen Schrecknissen des Todes ängstige. Ich konnte meinen Schmerz nur durch Schreiben erleichtern, und Tonina nahm sich zuweilen die Freiheit, mir zu bemerken, daß ich meinen Kummer künstlich nähre und noch an meinem Tode schuld sein werde. Ich fühlte selber, daß ich meinen Schmerz noch schärfer machte und daß das Bett, die mangelhafte Ernährung und das fortwährende Schreiben mich noch völlig wahnsinnig machen würden. Ich hatte mit meinem Kummer auch das arme Mädchen angesteckt; sie wußte nicht mehr, was sie mir sagen sollte, und ihre Hauptbeschäftigung bestand darin, mir die Tränen abzuwischen. Sie tat mir leid. Einige Tage später schrieb ich C. C.: wenn unsere Freundin sterben sollte, würde ich sie nicht überleben. Ich bat sie, ihr zu sagen: wenn sie wollte, daß ich mir aus meinem Leben noch irgend etwas machte, müßte sie mir versprechen, sich von mir entführen zu lassen, falls ich das Glück haben sollte, daß sie wieder gesund würde. »Ich habe«, so schrieb ich an C. C., »viertausend Zechinen und M. M.s Diamanten, die sechstausend wert sind. Dies ist ein genügendes Kapital, um uns überall in ganz Europa eine anständige Existenz zu sichern.« Am nächsten Morgen antwortete C. C. mir, meine Geliebte sei, nachdem sie ihr meinen Brief vorgelesen habe, in ein krampfartiges Delirium verfallen, sie habe die Besinnung verloren und drei Stunden lang auf französisch ein Selbstgespräch gehalten, vor welchem alle Nonnen davongelaufen sein würden, wenn sie es verstanden hätten. Ich war über diese Nachricht verzweifelt, und es fehlte gewiß nicht viel, so wäre ich in dieselbe Fieberraserei verfallen wie meine arme Nonne. Ihr Delirium hielt drei Tage an; sobald sie wieder bei Bewußtsein war, beauftragte sie ihre junge Freundin, mir zu schreiben, sie wüßte bestimmt, daß sie genesen würde, wenn ich ihr verspräche, meine Zusage zu halten und sie zu entführen, sobald ihre Gesundheit ihr erlauben würde, die Anstrengungen einer langen Reise zu ertragen. Natürlich antwortete ich ihr, sie könne sich um so mehr darauf verlassen, da auch mein Leben von der Ausführung dieses Planes abhinge. So täuschten wir beide uns gegenseitig in ehrlicher Überzeugung und wurden beide gesund, denn jeder Brief von C. C., der mir von M. M.s fortschreitender Genesung berichtete, war Balsam für mein Herz. Je ruhiger ich wurde, desto mehr besserte sich auch mein Appetit. Meine Gesundheit erstarkte von Tag zu Tage, und bald fand ich auch, ohne es selber zu wissen, meinen Spaß an Toninas naiven Reden. Sie hatte die Gewohnheit angenommen, erst zu Bett zu gehen, wenn sie mich eingeschlafen sah. Gegen Ende März schrieb M. M. selber mir, sie glaube jetzt außer Gefahr zu sein und werde bei entsprechender Pflege so weit sein, daß sie nach Ostern ihr Zimmer verlassen könne. Ich antwortete ihr, ich würde Murano nicht früher verlassen, als bis ich das Glück gehabt hätte, sie am Gitter zu sehen; dort könnten wir, ohne uns zu überstürzen, alles für die Ausführung unseres Planes verabreden. Seit sieben Wochen hatte Herr von Bragadino mich nicht mehr gesehen; er mußte unruhig um mich sein, und ich beschloß, ihn noch an demselben Tage zu besuchen. Nachdem ich zu Tonina gesagt hatte, ich würde nicht vor zehn Uhr abends nach Hause kommen, fuhr ich ohne Mantel nach Venedig; denn da ich mich im Domino nach Murano begeben hatte, hatte ich vergessen, einen Mantel mitzunehmen. Ich hatte achtundvierzig Tage im Zimmer verbracht, ohne ein einziges Mal auszugehen; ich hatte diese Tage fast alle in Kummer und Tränen verlebt und mehrere sogar ohne Essen und ohne Schlaf. Was ich durchgemacht hatte, schmeichelte meinem Selbstgefühl: ich war von einem jungen Mädchen bedient worden, das in allen Ländern Europas mit Recht für eine Schönheit gelten würde; sie war sanft wie ein Lamm, entgegenkommend und zartfühlend, und ich konnte mir, ohne für einen Gecken zu gelten, wohl einbilden, daß sie in mich verliebt wäre, oder zum mindesten, daß ich sie völlig bereit finden würde, mir zu gefallen. Trotzdem hatte ich der Macht ihrer jungen Reize widerstehen können, ja es war mir beinahe gelungen, ihren Einfluß überhaupt nicht mehr zu fürchten. Die Gewohnheit, sie stündlich zu sehen, hatte alle Gefühle von Liebe beseitigt, Freundschaft und Dankbarkeit schienen über jedes andere Gefühl gesiegt zu haben; denn ich mußte anerkennen, daß das reizende Kind mich auf das sorgsamste und eifrigste gepflegt hatte. Sie hatte ganze Nächte auf einem Lehnstuhl neben meinem Bett verbracht, hatte mich wie eine Mutter gepflegt und mir niemals Anlaß zu Klagen gegeben. Niemals habe ich ihr einen Kuß gegeben, niemals mir erlaubt, mich in ihrer Gegenwart zu entkleiden, und sie hatte, abgesehen von jenem ersten Mal, mein Zimmer stets nur anständig bekleidet betreten. Trotzdem wußte ich wohl, daß ich einen Kampf mit mir selber bestanden hatte, und ich war stolz auf meinen Sieg. Nur eins gefiel mir dabei nicht: ich war ziemlich fest überzeugt, daß weder M. M. noch C. C. jemals die Sache für möglich halten würden, wenn sie davon erführen, und daß selbst Laura, der ihre Tochter gewiß alles gesagt hatte, nicht daran glauben würde, wenn sie auch aus Gutmütigkeit so täte, wie wenn sie es glaubte. Ich trat bei Herrn von Bragadino gerade in dem Augenblick ein, als die Suppe aufgetragen wurde. Er empfing mich mit einem Ausruf der Freude und lachte darüber, daß seine Ahnung, ich würde sie auf solche Weise überraschen, sich erfüllt hätte. Außer meinen beiden anderen alten Freunden waren noch de la Haye, Bavois und der Arzt Righellini bei Tisch. »Wie? Ohne Mantel?« fragte Herr Dandolo mich. »Ja. Ich ging im Domino fort und dachte nicht daran, zur Vorsicht einen Mantel mitzunehmen.« Man lachte; dies störte mich aber nicht weiter, und ich setzte mich. Niemand fragte mich, wo ich gewesen wäre; denn selbstverständlich konnte nur ich selber dieses Thema berühren. Nur de la Haye, der vor Neugier fast aus der Haut gefahren wäre, konnte sich nicht enthalten, einige Anspielungen zu machen. »Sie sind so mager geworden,« sagte er zu mir, »daß die böse Welt sich Schlimmes dabei denken wird.« »Man wird doch hoffentlich nicht sagen, ich hätte meine Zeit bei den Jesuiten verbracht.« »Sie sind bissig. Man könnte vielleicht sagen, sie hätten die ganze Zeit im Krankenzimmer verbracht und dem Gott Merkur gehuldigt.« »Beruhigen Sie sich, werter Herr; um mich nicht einer so kühnen Beurteilung auszusetzen, werde ich noch heute Abend wieder abreisen.« »Oh, ich bin fest überzeugt, das werden Sie nicht tun.« »Glauben Sie mir, Herr de la Haye,« antwortete ich spöttisch, »ich lege auf Ihr Urteil zu hohen Wert, um mich nicht danach zu richten.« Als meine Freunde merkten, daß ich die Sache ernst nahm, schalten sie ihn aus, und der Aristarch wurde ein bißchen verlegen. Righellini war mit dem Gesandten Murray eng befreundet; er sagte mir freundlich, er könne es kaum erwarten, diesem mitzuteilen, daß ich wieder von den Toten auferstanden und daß das ganze über mich verbreitete Gerede falsch sei. Ich antwortete ihm: »Wir wollen zu ihm gehen, bei ihm zu Abend essen, und nach dem Essen fahre ich wieder ab.« Da ich sah, daß Bragadino und seine Freunde in Unruhe gerieten, versprach ich ihnen, am Markustage, den 25. April, wieder mit ihnen zu speisen. Als Murray mich sah, fiel er mir um den Hals und küßte mich wie ein guter Deutscher. Er stellte mich seiner Frau vor, und diese lud mich sehr höflich zum Abendessen ein. Murray erzählte mir eine Menge Lügengeschichten, die man über mein Verschwinden in Umlauf gesetzt hatte; und fragte mich unter anderem, ob ich einen kleinen Roman vom Abbate Chiari kenne, der gegen Ende des Karnevals erschienen sei. Da ich das Buch nicht kannte, schenkte er es mir; er versicherte mir, es werde mir Spaß machen, und er hatte recht. Es war eine Satire auf den Zorzischen Klüngel; mir hatte der armselige Abbate darin eine armselige Rolle zuerteilt. Ich steckte den Roman in die Tasche und las ihn erst einige Zeit später. Nach dem Abendessen, das sehr angenehm verlief, nahm ich eine Überfahrtsgondel und kehrte nach Murano zurück. Es war Mitternacht und sehr dunkel. So bemerkte ich nicht, daß die Gondel schlecht gedeckt und überhaupt in sehr üblem Zustand war. Ein kalter Staubregen rieselte herab, als ich die Gondel bestieg, und da der Regen immer stärker wurde, war ich bald durchnäßt. Das Unglück war nicht groß, denn ich war ja nicht weit von meinem Häuschen. Ich tastete mich die Treppe hinauf und klopfte an die Tür des Vorzimmers. Tonina erwartete mich nicht mehr und war schon zu Bett gegangen. Von meinem Klopfen aus dem Schlaf geschreckt, kam sie im Hemd und ohne Licht an die Tür, um mir aufzumachen. Da ich Licht brauchte, sagte ich ihr, sie möchte das Feuerzeug holen. Dies tat sie sofort, machte mich aber in bescheidenem und sanftem Ton darauf aufmerksam, daß sie nicht angezogen sei. »Wenn du nur bedeckt bist,« sagte ich, »so macht das nichts.« Sie antwortete nichts und hatte bald eine Kerze angezündet; als sie mich aber ganz durchnäßt sah, mußte sie lachen. »Ich brauche dich zu weiter nichts, liebes Kind, als um mir die Haare abzutrocknen,« sagte ich zu ihr. Schnell holte sie den Puder und begann, die Quaste in der Hand, ihre Arbeit. Aber ihr Hemd war zu kurz und oben sehr weit ausgeschnitten. Ein bißchen zu spät bereute ich, daß ich ihr nicht die Zeit gelassen hatte, sich anzukleiden. Ich fühlte, daß ich verloren war, um so mehr, da ihre beiden Hände beschäftigt waren und sie deshalb nicht ihr Hemd zuhalten konnte, um meinen Blicken zwei schwellende Apfel zu verbergen, die verführerischer waren, als die der Hesperiden. Was konnte ich tun, um sie nicht zu sehen? Die Augen schließen? Pfui doch! Ich gab der Natur nach und weidete meine Blicke mit solcher Gier, daß die arme Tonina ganz rot wurde. »Weißt du was?« sagte ich zu ihr, »nimm den Busenstreif deines Hemdes zwischen die Zähne; dann werde ich nichts mehr sehen.« Aber nun war es noch schlimmer als zuvor; ich hatte nur Öl ins Feuer gegossen. Da der Schleier sehr kurz war, sah ich die beiden Säulen ihrer Beine, ja beinahe den Fries. Ohne es zu wollen, stieß ich vor Überraschung und Wollust einen lauten Schrei aus. Tonina wußte nun nicht mehr, was sie anfangen sollte, um alle ihre Schönheiten meinen Blicken zu entziehen. Sie ließ sich auf das Sofa sinken; ich aber stand, in Liebesglut entflammt, vor ihr. Ich konnte zu keinem Entschluß kommen. »Nun?« sagte sie endlich, »soll ich hinausgehen, mich ankleiden und Sie dann fertig frisieren?« »Nein, setze dich auf meinen Schoß und verbinde mir die Augen.« Gehorsam kam sie meinem Befehl nach; aber der Funke hatte bereits gezündet. Ich konnte nicht mehr. Ich schloß sie in meine Arme, ohne noch an Blindekuhspiel zu denken, warf sie auf mein Bett und bedeckte sie mit Küssen. Als ich ihr schwor, ich würde sie ewig lieben, öffnete sie mir ihre Arme auf eine Art, die mir bewies, daß sie diesen Augenblick schon lange herbeigesehnt hatte. Ich pflückte die Rose und fand sie natürlich, wie immer, viel schöner als alle anderen, die ich gepflückt hatte, seitdem ich die fruchtbaren Felder der Liebe bestellte. Am Morgen beim Erwachen war ich in Tonina verliebt, wie ich noch kein Weib geliebt zu haben glaubte. Sie war aufgestanden, ohne mich zu wecken; sobald sie mich hörte, kam sie herein; ich schalt sie zärtlich aus, daß sie nicht auf den Morgengruß von mir gewartet hätte. Ohne mir zu antworten, gab sie mir M. M.s Brief. Ich nahm ihn und dankte ihr, legte aber den Brief beiseite, umschlang sie und zog sie neben mich. »Wie? Welch ein Wunder!« rief Tonina; »wie? Es drängt Sie nicht, den Brief zu lesen? Unbeständiger Mann! Warum hast du dich nicht schon vor sechs Wochen von mir heilen lassen? Wie bin ich glücklich! O herrlicher Regen! Ich mache dir gar keinen Vorwurf, geliebter Schatz; liebe mich nur, wie du die liebst, die dir jeden Tag schreibt, und ich werde zufrieden sein.« »Weißt du, wer sie ist?« »Eine Pensionärin, schön wie ein Engel; aber sie ist da drinnen im Kloster, und ich bin hier. Du bist mein Herr und wirst es so lange sein, wie du willst.« Ich war sehr froh, sie in ihrem Irrtum belassen zu können, und schwor ihr, ich würde sie ewig lieben. Da sie aber während unseres Gespräches aus dem Bett geschlüpft war, bat ich sie, sich wieder hinzulegen. Sie sagte mir jedoch, ich müßte im Gegenteil aufstehen, um guten Appetit zum Essen zu bekommen, denn sie wollte mir eine köstliche Mahlzeit auf venezianische Art vorsetzen. »Wer hat sie bereitet?« fragte ich. »Ich! Und ich habe in den fünf Stunden, seitdem ich aus dem Bett bin, meine ganze Kochkunst aufgeboten.« »Wie spät ist es denn?« »Ein Uhr vorbei.« Das Mädchen interessierte mich, setzte mich in Erstaunen. Das war nicht mehr meine schüchterne Tonina von gestern! Ihr Gesicht trug den triumphierenden Ausdruck, den das Glück verleiht, und jenen Schimmer von Befriedigung, den eine glückliche Liebe über das Antlitz einer jungen Schönheit gießt. Ich begriff nicht, daß ich nicht schon das erstemal, als ich sie bei ihrer Mutter sah, ihre Reize gewürdigt hatte. Aber damals war ich zu sehr in C. C. verliebt, mein Kummer war zu groß und Tonina war noch nicht so entwickelt gewesen. Ich stand auf, ließ mir von ihr eme Tasse Kaffee geben und bat sie, das Mittagessen um ein paar Stunden hinauszuschieben. Ich fand M. Ms Brief zärtlich, aber nicht so interessant wie am Tage vorher. Ich setzte mich sofort hin, um ihr zu antworten, und war sehr betroffen, als ich merkte, daß mir diese Aufgabe zum ersten Male peinlich war. Indessen lieferte mein kleiner Ausflug nach Venedig mir den Stoff, vier Seiten mit Worten zu füllen. Ich hatte mit meiner reizenden Tonina ein köstliches Essen. Ich sah in ihr gleichzeitig meine Frau, meine Geliebte und meine Haushälterin, und es war mir eine Wonne, um so geringen Preis glücklich zu sein. Wir saßen den ganzen Tag bei Tisch, sprachen von unserer Liebe und bezeugten sie uns gegenseitig durch tausend kleine Aufmerksamkeiten. Es gibt keinen reichhaltigeren und angenehmeren Gesprächsstoff, als wenn die Sprechenden beide gleichzeitig Richter und Partei sind. Sie sagte mir mit einer reizenden Aufrichtigkeit: sie habe wohl gewußt, daß sie mich nicht in sie verliebt machen könnte, weil ich bereits eine andere liebte, und deshalb habe sie mich nur durch eine Überraschung zu gewinnen hoffen dürfen; sie habe diesen Augenblick sofort kommen sehen, als ich ihr gesagt, sie brauche sich nicht zu bekleiden, um eine Kerze anzuzünden. »Bis auf diesen Angenblick«, schloß sie, »habe ich meiner Mutter die reine Wahrheit gesagt, aber sie hat mir niemals geglaubt; von nun an werde ich gar nichts mehr sagen.« Tonina hatte natürlichen Verstand, aber sie konnte weder lesen noch schreiben. Sie freute sich, daß sie reich geworden war – denn dafür hielt sie sich – ohne daß irgend jemand auf Murano etwas gegen ihre Ehre sagen konnte. Ich verbrachte zweiundzwanzig Tage mit dem reizenden Kinde, und ich zähle diese drei Wochen noch heute zu den glücklichsten meines Lebens. Das eben macht mir das Alter so schrecklich, daß ich mit meinem glühenden Herzen nicht mehr die nötige Kraft habe, mir einen einzigen solcher glücklichen Tage zu bereiten, wie ich sie jenem wonnigen Mädchen verdankte. Gegen Ende April sah ich M. M. am Sprechgitter; sie war abgemagert und sehr verändert, aber außer Gefahr. Bei dieser Zusammenkunfr gelang es mir, dank der Zuneigung und zärtlichen Teilnahme, die ich für sie empfand, mich so zu benehmen, daß sie unmöglich die Veränderung bemerken konnte, die meine neue Liebe in mir bewirkt hatte. Man wird mir hoffentlich ohne weiteres glauben, daß ich nicht so unvorsichtig war, sie merken zu lassen, daß ich den Fluchtplan aufgegeben hatte, auf den sie fester denn je rechnete. Ich hatte große Angst, sie könnte einen Rückfall bekommen, wenn ich ihr diese Hoffnung raubte. Ich behielt mein Kasino, das mir nur wenig kostete. Da ich M. M. jede Woche zweimal besuchte, so schlief ich an diesen beiden Tagen auf Murano und vergnügte mich mit meiner Tonina an den Freuden der Liebe. Am Markustage speiste ich meinem Versprechen gemäß bei meinen drei Freunden und ging nachher mit dem Doktor Righellini in das Sprechzimmer des Klosters delle Vergini, wo eine Jungfrau den Schleier nahm. Das Jungfrauenkloster steht unter der persönlichen Gerichtsbarkeit des Dogen, dem die Nonnen den Titel Durchlauchtigster Vater geben; sie gehören sämtlich den ersten venetianischen Familien an. Als ich dem Doktor Righellini die Mutter M. E. pries, die eine vollendete Schönheit war, flüsterte er mir ins Ohr, er mache sich anheischig, sie mir für Geld zu verschaffen, wenn ich neugierig auf sie sei. Hundert Zechinen für sie und zehn für den Kuppler waren der geforderte Preis. Er versicherte mir, Murray habe sie gehabt und könne sie jederzeit haben. Als er mich überrascht sah, fuhr er fort, es gäbe überhaupt keine Nonne in Venedig, die nicht für Geld zu haben wäre, wenn man es richtig anzufangen wüßte. »Murray hatte den Mut, fünfhundert Zechinen auszugeben, um sich eine auserwählt schöne Nonne von Murano zu verschaffen; sie wurde damals vom französischen Gesandten ausgehalten.« Obgleich meine Leidenschaft für M. M. im Schwinden war, fühlte ich doch mein Herz wie von einer eisigen Hand zusammengepreßt. Ich mußte die größte Willenskraft aufbieten, um gleichgültig zu erscheinen. Trotzdem war ich keinen Augenblick im Zweifel; ich war überzeugt, daß es sich nur um eine scheußliche Verleumdung handelte. Die Sache ging mich aber doch zu nahe an, als daß ich nicht alles hätte aufbieten sollen, Klarheit hineinzubringen. Ich antwortete daher Righellini mit dem ruhigsten Gesicht, es möchte wohl sein, daß man sich diese oder jene Nonne um Geld verschaffen könnte; aber es würde doch jedenfalls nur selten vorkommen, weil das Herauskommen aus dem Kloster doch zu schwierig wäre. »Wenn es sich bei der mit Recht wegen ihrer Schönheit berühmten Nonne von Murano um M. M. vom Kloster *** handelt, so glaube ich nicht nur nicht, daß Murray sie jemals gehabt hat, sondern ich bin auch überzeugt, daß sie niemals von Herrn de Bernis ausgehalten worden ist. Wenn der französische Gesandte sie gekannt hat, so kann er sie nur am Sprechgitter getroffen haben; und was man da anfangen kann, das weiß ich allerdings wirklich nicht.« Righellini war klug, und er war ein anständiger Mann; er antwortete mir in kühlem Ton, der englische Gesandte sei ein Ehrenmann, und er habe es von ihm selber gehört. »Wenn Murray mir die Sache nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hätte, würde ich es Ihnen von ihm selbst bestätigen lassen. Ich werde Ihnen verbunden sein, wenn Sie ihn niemals wissen lassen, daß ich mit Ihnen darüber gesprochen habe.« »Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen.« Am selben Abend speiste ich mit Righellini in Murrays Kasino. Die Geschichte lag mir am Herzen, und da ich die zwei Leute vor mir hatte, die mir die gewünschten Aufklärungen verschaffen konnten, so fing ich an, begeisterungsvoll die schöne M. E. zu preisen, die ich im Jungfrauenkloster gesehen hätte. Der Gesandte ging sofort auf das Thema ein und sagte: »Unter Maurern – Sie können sich den Genuß ihrer Reize verschaffen, wenn Sie eine gewisse Summe opfern wollen, die übrigens nicht allzu hoch ist; aber man muß eingeweiht sein.« »Man wird Ihnen etwas vorgeredet haben.« »Nein, man hat mir den Beweis geliefert, und die Geschichte war weniger schwierig, als Sie denken.« »Wenn man Ihnen den Beweis geliefert hat, so mache ich Ihnen mein Kompliment und zweifle nicht mehr daran. Ich beneide Sie um Ihr Glück, denn ich glaube nicht, daß man in Venedigs Klöstern eine zweite so vollendete Schönheit finden kann.« »Sie irren sich. Mutter M. M. vom Kloster *** auf Murano ist ganz gewiß schöner.« »Ich habe von ihr sprechen gehört und habe sie einmal gesehen; aber ich halte es nicht für möglich, sie sich für Geld zu verschaffen.« »Ich glaube doch!« sagte er lächelnd; »und wenn ich etwas glaube, so geschieht das aus guten Gründen.« »Sie setzen mich in Erstaunen. Trotzdem möchte ich wetten, daß man Sie getäuscht hat.« »Sie würden die Wette verlieren. Sie haben sie freilich nur einmal gesehen – aber würden Sie sie nach ihrem Bildnis wiedererkennen?« »Aber gewiß! Ihr Gesicht hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.« »Warten Sie!« Er stand auf, ging hinaus und kam eine Minute darauf mit einer Schachtel zurück, worin sich acht oder zehn Miniaturporträts befanden. Es waren lauter Brustbilder in gleicher Ausführung: aufgelöste Haare und entblößte Busen. »Da haben Sie seltene Schönheiten,« sagte ich zu ihm, »ohne Zweifel haben Sie sie näher gekannt.« »Allerdings; sollten Sie einige von ihnen erkennen, so seien Sie verschwiegen.« »Selbstverständlich. Diese drei kenne ich. Diese eine sieht M. M. ähnlich; aber geben Sie zu, daß man sie getäuscht haben kann; es sei denn, Sie hätten sie im Kloster selbst gehabt oder sie persönlich abgeholt; denn schließlich gibt es doch Frauen, die einander ähnlich sind.« »Wie sollte man mich denn getäuscht haben? Ich habe sie in ihrem Nonnenkleide hier in meinem Kasino gehabt und habe eine ganze Nacht mit ihr zugebracht. Ihr selber übergab ich eine Börse, die fünfhundert Zechinen enthielt; der ehrenwerte Kuppler bekam fünfzig.« »Ich denke mir, Sie werden ihr Besuche im Sprechzimmer gemacht haben, nachdem Sie sie hier gesehen haben.« »Nein, niemals; sie fürchtete nämlich, ihr offizieller Liebhaber möchte es erfahren. Wie Sie wohl wissen, war dies der französische Gesandte.« »Aber sie empfing ihn nur am Sprechgitter.« »Sie kam in weltlicher Kleidung zu ihm, so oft er es wünschte. Das weiß ich von demselben Menschen, der sie mir zuführte.« »Haben Sie sie mehrere Male kommen lassen.« »Nur ein einziges Mal. Dies genügt mir. Aber für hundert Zechinen kann ich sie haben, sobald ich will.« »Dies ist alles gewiß richtig, aber ich möchte fünfhundert Zechinen wetten, daß man Sie betrogen hat.« »In drei Tagen werde ich Ihnen Antwort geben.« Ich wiederhole nochmals: ich zweifelte keinen Augenblick, daß die ganze Geschichte ein ungeheurer Schwindel war; aber ich mußte Gewißheit darüber haben, denn ich schauderte bei dem bloßen Gedanken, daß es doch wahr sein könnte. Es wäre ein Verbrechen gewesen, daß mich von vielerlei Verpflichtungen freigemacht haben würde; aber ich war doch innerlich von ihrer Unschuld fest überzeugt. Sollte ich sie wirklich schuldig finden – was ja immerhin im Bereich der Möglichkeit lag – so wollte ich gerne fünfhundert Zechinen verlieren ; dieser Preis wäre nicht zu hoch gewesen für die Bereicherung meiner Menschenkenntnis durch eine so schreckliche Entdeckung. Mich folterte eine entsetzliche Unruhe, die vielleicht die ärgste Qual der Seele ist. Wenn der ehrenwerte Engländer das Opfer einer Mystifikation oder vielmehr einer Gaunerei gewesen war, so erforderte M. M.s Ehre gebieterisch von mir, ihm seine Täuschung zu benehmen, ohne sie bloßzustellen. Hierzu war ich denn auch fest entschlossen, und das Glück war mir günstig. Drei oder vier Tage darauf sagte Murray dem Doktor, er wünsche mich zu sehen. Wir gingen zu ihm, und er empfing mich mit den Worten: Die Sache ist in Ordnung; für hundert Zechinen bin ich sicher, die schöne Nonne zu bekommen.« »Gut, also wetten wir fünfhundert Zechinen!« »Nein, nicht fünfhundert, mein Lieber! Ich würde mich schämen, mit dieser totsicheren Wette Ihnen fünfhundert abzunehmen; aber die hundert, die sie mir kosten soll, will ich gerne gewinnen. Gewinne ich, so bezahlen Sie mir mein Vergnügen; verliere ich, so werde ich ihr nichts geben.« »Wann soll des Rätsels Lösung stattfinden.« »Mein Merkur hat mir gesagt, wir müssen einen Tag abwarten, wo Maskenfreiheit ist. Jetzt handelt es sich darum, wie wir es anfangen, um beide die notwendige Uberzeugung zu erlangen; denn sonst kann keiner von uns sich für verpflichtet halten, die Wette zu bezahlen. Diese Uberzeugung beiden zu verschaffen, scheint mir jedoch schwierig; denn wenn ich wirklich M. M. habe, so wäre es gegen meine Ehre, wenn sie Verdacht schöpfen könnte, daß ich ihr Geheimnis verraten hätte.« »Nein, das wäre allerdings eine unverzeihliche Gemeinheit. Ich habe folgenden Plan, der uns beiden Genugtuung verschaffen kann; denn nach seiner Durchführung wird jeder von uns, mag er gewonnen oder verloren haben, überzeugt sein, daß alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Sobald Sie im Besitz der echten oder falschen Nonne sind, verlassen Sie sie unter irgendeinem Vorwand und treffen sich mit mir an einem vorher vereinbarten Ort. Wir gehen zusammen nach dem Kloster, ich werde M. M. rufen lassen. Wenn Sie sie gesehen und mit ihr gesprochen haben, werden Sie doch überzeugt sein, daß die, die Sie in Ihrem Hause verlassen haben, eine Betrügerin ist.« »Gewiß, dann werde ich vollkommen überzeugt sein und werde mit dem allergrößten Vergnügen meine Wette bezahlen.« »Dasselbe kann auch ich Ihnen versichern. Ich werde also M. M. ins Sprechzimmer rufen lassen; wenn die Laienschwester uns sagt, sie sei krank oder beschäftigt, so gehen wir, und Sie haben gewonnen. Sie gehen zum Souper mit Ihrer Schönen, ich gehe anderswohin.« »Vortrefflich, da aber die Zusammenkunft nur bei Nacht stattfinden kann, so wäre es doch möglich, daß die Pförtnerin Ihnen antwortet, zu solcher Stunde lasse sie keine von den Schwestern mehr rufen.« »In diesem Fall würde ich ebenfalls verloren haben.« »Sie sind also sicher, daß sie kommen wird, wenn sie im Kloster ist?« »Das ist meine Sache. Ich wiederhole Ihnen: Wenn Sie sie nicht zu sprechen bekommen, erkläre ich mich für besiegt und habe hundert Zechinen verloren, oder auch tausend, wenn Sie wollen.« »Dies ist klar und deutlich gesprochen, mein lieber Freund, und ich danke Ihnen im voraus!« »Ich bitte Sie nur um eins: Seien Sie ganz pünktlich, und lassen Sie die Stunde nicht allzu unpassend für ein Kloster sein.« »Vielleicht eine Stunde nach Sonnenuntergang; genügt das?« »Ausgezeichnet.« »Ich werde auch dafür sorgen, daß die Maske an dem Orte bleibt, an welchen ich sie bestellen werde, auch wenn es wirklich die echte M. M. sein sollte.« »Sie wird nicht lange zu warten haben, wenn Sie sie in ein Kasino kommen lassen, das ich selber in Murano habe, und wo ich ein junges Mädchen besitze, in das ich verliebt bin. Ich werde dafür sorgen, daß sie an dem betreffenden Tage nicht anwesend ist, und werde Ihnen den Schlüssel zum Kasino geben. Ich werde sogar dafür sorgen, daß Sie ein ausgezeichnetes kaltes Abendessen vorfinden.« »Wundervoll! Aber ich muß dem Merkur den Ort bezeichnen können.« »Da haben Sie recht. Ich lade Sie für morgen Abend zum Essen ein; aber alles muß im größten Geheimnis vor sich gehen. Wir begeben uns in einer Gondel nach dem Kasino, und nach dem Essen verlassen wir das Haus durch die Straßentür; auf diese Art erfahren Sie, wie Sie zu Wasser und zu Lande hinkommen können. Sie brauchen Ihrem Zuführer nur die Anlegestelle und die Haustüre zu zeigen; an dem Tage, für welchen er Ihnen die Nonne verspricht, bekommen Sie den Schlüssel. Sie finden im Hause nur einen alten Mann, der im Erdgeschoß wohnt; er wird Sie weder beim Kommen noch beim Gehen bemerken. Meine Kleine wird nichts sehen und wird nicht gesehen werden, und alles wird vortrefflich gehen, darauf können Sie sich verlassen.« Der Engländer war hoch erfreut über alle diese Anordnungen und sagte zu mir: »Ich fange an, die Wette für verloren zu halten, aber das tut nichts: Ich werde mich über den Verlust ebenso sehr freuen, wie über den Gewinn.« Wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Am anderen Vormittag fuhr ich nach Murano, um Tonina Bescheid zu sagen, daß ich bei ihr zu Abend essen und zwei Freunde mitbringen würde. Da aber unser lieber Engländer ein ebenso großer Freund des Bacchus wie der Liebe war, so übergab ich meiner kleinen Hausfrau etliche Flaschen ausgezeichneten Weines. Tonina war entzückt, daß sie uns bewirten sollte, und fragte mich nur, ob meine beiden Freunde gleich nach dem Essen fortgehen würden?" »Ja, mein Schatz.« Bei dieser Antwort strahlte sie vor Vergnügen. Der Nachtisch lag ihr am Herzen. Von ihr ging ich nach dem Kloster, wo ich mit M. M. eine Stunde im Sprechzimmer verbrachte. Ich sah mit Vergnügen, daß sie jeden Tag gesünder und schöner wurde, und machte ihr mein Kompliment darüber. Am Abend fanden meine beiden Freunde sich pünktlich am verabredeten Ort ein; zwei Stunden nach Sonnenuntergang begaben wir uns nach meinem kleinen Kasino. Unser kleines Souper war köstlich, und meine Tonina entfaltete dabei ein anmutiges Benehmen, das mich entzückte. Welche Freude war es für mich, Righellini hingerissen und den Gesandten stumm vor Bewunderung zu sehen! Wenn ich verliebt war, war mein Ton nicht ermutigend für Freunde, dem Gegenstand meiner Liebe den Hof zu machen, aber ich war sehr nachsichtig und entgegenkommend, wenn die Zeit bereits meine Glut gemildert hatte. Etwa um Mitternacht trennten wir uns; ich begleitete Murray bis zu der Stelle, wo ich am Tage der Entscheidung auf ihn warten sollte; dann ging ich wieder nach Hause, um meiner reizenden Tonina die Ehre anzutun, die sie verdiente. Sie sprach mit hohem Lobe von meinen beiden Freunden und drückte immer wieder ihre Überraschung aus, daß der Engländer frisch und munter das Haus verlassen hatte, obgleich er für sich allein sechs Flaschen meines besten Weines geleert hatte. Murray sah aus wie ein von Rubens gemalter schöner Bacchus. Am Pfingstsonntag kam Righellini zu mir und sagte mir, der englische Gesandte habe mit M. M.s angeblichem Merkur alles für den übernächsten Tag verabredet. Ich gab ihm die Schlüssel zu meiner Wohnung in Murano und bat ihn, unserem Freunde zu sagen, daß ich mich pünktlich einfinden würde. Die Ungeduld verursachte mir ein außerordentlich unbequemes Herzklopfen, und ich verbrachte die beiden Nächte, ohne ein Auge schließen zu können; denn obwohl ich gewiß war, daß M. M. unschuldig sein mußte, war ich doch in der größten Unruhe. Aber woher kam denn diese Unruhe? Offenbar nur von meiner Ungeduld, den Gesandten seines Irrtums überführt zu sehen. M. M. mußte in seinen Augen geradezu eine Protistuierte sein; erst wenn er eingestehen mußte, daß er von Gaunern betrogen worden war, stand die Nonne wieder in allen Ehren da. Murray war ebenso ungeduldig wie ich, nur mit dem sehr begreiflichen Unterschiede, daß er das Abenteuer sehr komisch fand und herzlich darüber lachte, während es in meinen Augen entsetzlich tragisch war und ich vor Entrüstung darüber bebte. Am Dienstag Morgen fuhr ich nach Murano und sagte Tonina, sie möchte in mein Zimmer ein kaltes Abendessen bereit stellen, dessen Zusammensetzung ich angab. Ich befahl ihr zwei Gedecke aufzulegen und Kerzen auf den Tisch zu stellen; auch übergab ich ihr eine Anzahl Flaschen Wein. Ferner befahl ich ihr, sich am Abend im Zimmer des alten Hausherrn aufzuhalten und dieses erst wieder zu verlassen, wenn die Personen, die meine Wohnung benutzen sollten, wieder fort wären. Sie versprach mir Gehorsam und erlaubte sich keine einzige Frage. Ich ging nun in das Sprechzimmer des Klosters und ließ M. M. rufen. Sie hatte meinen Besuch nicht erwartet und fragte mich, warum ich nicht die Ausfahrt des Bucentoro mitmache; diese fand nämlich an jenem Tage statt, da das Wetter günstig war. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr antwortete, aber ich erinnere mich noch, daß sie meine Bemerkungen unzusammenhängend fand. Endlich kam ich auf den wichtigen Punkt zu sprechen, und sagte ihr, ich müßte sie um einen Dienst bitten, von welchem die Ruhe meiner Seele abhinge; aber sie müßte mir meine Bitte blindlings und ohne eine Frage zu stellen bewilligen. »Befiehl mein Herz, sei überzeugt, daß ich, soweit es von mir abhängt, dir nichts verweigern werde.« »Ich werde heute abend eine Stunde nach Sonnenuntergang kommen und werde dich an dieses Gitter rufen lassen: bitte, komm! Es wird ein anderer Herr bei mir sein; ich bitte dich, an diesen einige höfliche Worte zu richten; hierauf wirst du dich entfernen. Jetzt müssen wir noch einen Vorwand suchen, um die unpassende Stunde zu rechtfertigen.« »Ich werde dir deinen Wunsch erfüllen, aber du machst dir ja gar keinen Begriff, welche Schwierigkeiten mir das in unserem Kloster bereitet; denn mit Sonnenuntergang werden die Sprechzimmer geschlossen, und die Schlüssel befinden sich bei der Äbtissin. Da es sich jedoch nur um fünf Minuten handelt, so werde ich der Äbtissin sagen, ich erwarte einen Brief von meinem Bruder, den man mir erst heute Abend überbringen könne. Du wirst mir also einen Brief übergeben, damit die Nonne, die mich begleiten wird, bezeugen kann, daß ich nicht gelogen habe.« »Du wirst nicht allein kommen?« »Nein, darum wage ich nicht einmal zu bitten.« »Gut; aber richte es so ein, daß du irgendeine kurzsichtige Alte bei dir hast.« »Ich werde den Armleuchter in den Hintergrund des Zimmers stellen lassen.« »Nein, mein Engel, ich bitte dich recht sehr, tu das nicht! Du mußt ihn im Gegenteil so hinstellen lassen, daß du vollkommen deutlich gesehen werden kannst.« »Das ist sonderbar; aber ich habe dir blinden Gehorsam versprochen, und ich werde deshalb mit zwei Armleuchtern kommen. Darf ich hoffen, daß du bei unserem nächsten Zusammensein das Rätsel lösen wirst?« »Spätestens morgen wirst du alles mit allen Einzelheiten erfahren.« »Ich werde vor Neugier nicht schlafen können.« »Nein, mein Herz, schlafe ruhig und sei überzeugt, daß ich dir dankbar sein werde.« Der Leser wird glauben, nach diesem Gespräch müsse doch nun mein Herz vollkommen ruhig geworden sein. Aber weit entfernt davon! Als ich nach Venedig zurückfuhr, quälte mich die Furcht, Murray würde mir am Abend an der Tür des Domes, wo ich ihn erwarten sollte, sagen, sein Merkur hätte ihm die Nachricht gebracht, daß die Nonne die Zusammenkunft aufschieben müßte. Wenn dieser Fall eingetreten wäre, so hätte ich wohl nicht gerade M. M. in Verdacht gehabt; aber der Gesandte hätte glauben können, daß die Sache durch meine Veranlassung zum Scheitern gebracht wäre. Ganz gewiß hätte ich ihn dann nicht ins Sprechzimmer geführt, sondern wäre sehr traurig allein hingegangen. So verbrachte ich qualvoll den ganzen Tag, der mir unendlich lang vorkam. Am Abend steckte ich einen Brief in die Tasche und begab mich zum verabredeten Ort, wo ich auf den Gesandten warten sollte. Glücklicherweise war auch Murray sehr pünktlich. »Ist die Nonne da?« rief ich, sobald ich ihn erblickte. »Ja, lieber Freund. Wenn Sie wünschen, wollen wir ins Sprechzimmer gehen, aber Sie sollen sehen, man wird Ihnen sagen, sie sei krank oder beschäftigt. Wenn Sie wollen, können Sie noch von der Wette zurücktreten.« »Um Gottes willen nicht! Ich halte sehr viel auf diese hundert Dukaten! Vorwärts!« Wir klingelten an der Pforte; ich ließ M. M. rufen, und die Schließerin schenkte mir das Leben wieder, als sie mir sagte, ich würde erwartet. Ich betrat mit meinem lieben Engländer das Sprechzimmer und fand es von vier Kerzen erleuchtet. Wenn ich an diese Augenblicke zurückdenke, habe ich mein Leben lieb! Ich erkannte an dieser Anordnung nicht nur die Unschuld meiner edlen und hochherzigen Geliebten, sondern sah auch voll Bewunderung ihre scharfsinnige Klugheit. Murray war ernst geworden und lachte nicht mehr. Strahlend von Anmut und Schönheit trat M. M. ein; eine Laienschwester war bei ihr, beide trugen einen Handleuchter. Sie machte mir in sehr gutem Französisch ein sehr schmeichelhaftes Kompliment. Ich übergab ihr den Brief. Sie sah sich Aufschrift und Siegel an und steckte ihn in die Tasche. Dann dankte sie mir und sagte, sie würde den Brief sofort beantworten. Hierauf wandte sie sich zu meinem Begleiter: »Vielleicht bin ich schuld, mein Herr, daß Sie den ersten Akt der Oper verloren haben.« »Die Ehre, Sie einen Augenblick zu sehen, Madame, ist mehr wert, als alle Opern der Welt.« »Mir scheint, Sie sind Engländer?« »Ja, Madame.« »Die englische Nation ist heute die erste der Welt, denn sie ist frei und mächtig. Meine Herren, ich bin Ihre ganz gehorsame Dienerin.« Niemals hatte ich M. M. schöner gesehen, als in diesem Augenblick. Liebeglühend verließ ich das Sprechzimmer; mich erfüllte eine Freude ganz neuer Art, wie ich sie bis dahin noch nicht gekannt hatte. Mit großen Schritten eilte ich nach meinem Kasino, ohne mich um den Ministerresidenten zu bekümmern, der es nicht eben eilig hatte, mir zu folgen. Vor meiner Tür wartete ich auf ihn. »Nun,« sagte ich zu ihm, »sind Sie jetzt überzeugt, daß Sie betrogen worden sind?« »Seien Sie nur still! Wir werden noch Zeit genug haben, darüber zu sprechen. Kommen Sie mit hinauf!« »Ich soll mit hinaufkommen?« »Ich bitte Sie darum.« »Was soll ich denn vier Stunden mit dem Geschöpf anfangen, das da oben auf mich wartet?« »Wir wollen uns über sie lustig machen.« »Werfen Sie sie doch lieber hinaus!« »Nein; ihr Zuhälter soll morgen früh um zwei Uhr kommen und sie abholen. Sie würde ihn warnen, und er würde meiner gerechten Rache entgehen. Wir werden sie alle beide zum Fenster hinauswerfen.« »Mäßigen Sie sich! M. M.s Ehre erfordert, daß diese Geschichte nicht bekannt wird. Gehen wir meinetwegen hinauf; wir werden unseren Spaß haben. Ich bin neugierig, die Vettel zu sehen.« Murray trat zuerst ein. Sobald das Mädchen mich sah, hielt sie sich ein Tuch vors Gesicht und sagte dem Gesandten, sein Vorgehen sei unwürdig. Murray antwortete ihr nicht. Sie war nicht so groß wie M. M. und hatte sich in schlechtem Französisch ausgedrückt. Ihr Mantel und ihre Maske lagen auf dem Bette; außerdem aber war sie als Nonne gekleidet. Da mir viel daran lag, ihr Gesicht zu sehen, so bat ich sie freundlich, es mir zu zeigen. »Ich kenne Sie nicht,« sagte sie zu mir; »wer sind Sie?« »Sie sind in meinem Hause, und Sie wissen nicht, wer ich bin?« »Ich bin in Ihrem Hause, weil man mich verraten hat. Ich glaubte nicht, mit einem Schelm zu tun zu haben!« Auf dieses Wort hin gebot Murray ihr Schweigen, indem er sie mit dem Titel ihres ehrenwerten Gewerbes belegte. Das Frauenzimmer stand auf und wollte ihren Mantel nehmen, indem sie sagte, sie wolle jetzt gehen. Murray aber stieß sie zurück und bedeutete ihr, sie müßte noch warten, bis ihr edler Zuhälter käme; er riet ihr, keinen Lärm zu machen, wenn sie nicht Lust hätte, lieber ins Gefängnis zu wandern. »Ich ins Gefängnis!« Mit diesen Worten griff sie nach ihrem Rockschlitz ; schnell aber packte ich ihre eine Hand und Murray die andere. Wir stießen sie auf einen Stuhl und nahmen ihr die Pistolen ab, die sie in ihren Taschen hatte. Murray riß ihr heiliges Gewand vorne auseinander und zog einen acht Zoll langen Dolch daraus hervor. Die falsche Nonne weinte bitterlich. »Willst du«, fragte der Gesandte, »schweigen und dich ruhig verhalten, bis Capucefalo kommt, oder willst du sofort ins Gefängnis gehen?« »Und wenn er da ist?« »Dann versprech ich dir, dich laufen zu lassen.« »Mit ihm?« »Vielleicht.« »Gut; ich werde ruhig bleiben.« »Hast du noch Waffen?« Auf diese Frage antwortete das Weib damit, daß sie ihr Kleid und ihren Unterrock auszog; hätten wir sie gewähren lassen, so würde sie sich in den Zustand der Natur versetzt haben – ohne Zweifel in der Hoffnung, von unserer tierischen Sinnlichkeit zu erreichen, was sie von unserer Vernunft nicht erwarten durfte. Ich war aufs Höchste erstaunt, zu bemerken, daß sie nur eine ganz flüchtige Ähnlichkeit mit M. M. hatte. Ich sagte dies dem Gesandten, und er gab es zu; dafür mußte ich aber auch ihm zugeben, daß bei seiner Voreingenommenheit sein Mißgriff erklärlich wäre und daß mehr als einer an seiner Stelle auf denselben Leim gegangen wäre. Die Lust, eine Nonne zu besitzen, die von Berufs wegen und durch ein feierliches Gelübde, mag dies nun freiwillig oder gezwungen sein, den Freuden dieser Welt und besonders dem fleischlichen Verkehr mit dem anderen Geschlecht entsagt hat – diese Lust nach der verbotenen Frucht stachelt uns wie Eva die Begier nach dem Apfel und wächst noch durch die Schwierigkeiten, die die Durchbrechung des fatalen Klosterbannes bereitet. Es wird unter meinen Lesern wenige geben, die es nicht selbst empfunden haben, daß die Freuden, die am schwersten zu erlangen sind, am süßesten schmecken, und daß man oftmals etwas, wofür man sein Leben in die Schanze schlägt, weil es schwer zu erlangen ist, nicht einmal ansehen würde, wenn es sich von selber anböte. Leser, im nächsten Kapitel wirst du sehen, wie dieses burleske Abenteuer endet; laß uns beide mal einen Augenblick verschnaufen. Sechundzwanzigstes Kapitel Das Abenteuer mit der falschen Nonne nimmt einen scherzhaften Ausgang. – M. M. erfährt, daß ich eine Geliebte habe. – Sie wird an dem elenden Capucefalo gerächt. – Ich ruiniere mich im Spiel; auf M. M.s Veranlassung verkaufe ich nach und nach alle ihre Diamanten; aber das Glück bleibt hartnäckig mir feindlich gesinnt. – Ich trete Tonina an Murray ab, der sie auf Lebenszeit versorgt. – An ihre Stelle tritt ihre Schwester Barberina. »Wie machten Sie diese schöne Bekanntschaft?« fragte ich den Gesandten. »Vor sechs Monaten«, antwortete er mir, »stand ich mit unserem Konsul, Herrn Smith, den ich begleitet hatte, um uns irgendeine Zeremonie anzusehen, vor der Klosterpforte. Wir sprachen über zehn oder zwölf Nonnen, die bei uns vorübergegangen waren, und bei dieser Gelegenheit sagte ich zu ihm: ›Ich würde gerne fünfhundert Zechinen ausgeben, um einige Stunden mit der Mutter M. M. verbringen zu können.‹ – Der Graf Capucefalo hörte mich, sagte aber nichts. Herr Smith sagte mir, man könne sie nur am Sprechgitter sehen, wie der französische Gesandte, der ihr häufig Besuche mache. Am nächsten Tage kam Capucefalo zu mir und sagte mir, wenn ich im Ernst gesprochen habe, so sei er sicher, daß er mir an irgendeinem von mir zu bestimmenden Orte eine Liebesnacht mit der Nonne verschaffen könne, nur müsse sie sich darauf verlassen können, daß die Sache geheim bleiben werde. ›Ich habe soeben mit ihr gesprochen, und als ich Ihren Namen nannte, antwortete sie mir, sie habe Sie neben Herrn Smith stehen sehen und wolle gerne mit Ihnen soupieren, und zwar mehr aus Neigung als wegen der fünfhundert Zechinen. Ich bin der einzige, dem sie sich anvertraut, und ich bin es, der sie nach Venedig zum Kasino des französischen Botschafters begleitet, so oft sie diesen besuchen will. Sie brauchen nicht zu befürchten, daß Sie angeführt werden, denn Sie übergeben ihr selber die Summe erst dann, wenn Sie sie in ihrem Besitz haben‹.« Mit diesen Worten zog er ihr Bildnis aus der Tasche und zeigte es mir. Es ist dieses hier. Ich kaufte es ihm selber vierzehn Tage nach unserm Gespräch ab; das war zwei Tage, nachdem ich eine ganze Nacht mit dem reizenden Weibe verbracht zu haben glaubte. Die Schöne da kam maskiert, als Nonne gekleidet, und ich war so dumm und glaubte, einen Schatz zu besitzen. Mich ärgert nur, daß ich die Gaunerei nicht schon daran merkte, daß ich ihr Haar sah; denn ich wußte, daß die Nonnen ihre Haare kurzgeschnitten tragen müssen. Aber als ich das Frauenzimmer darauf aufmerksam machte, sagte sie mir, es stände ihnen frei, sie unter der Haube zu tragen, und ich war so dumm, es ihr zu glauben.« Ich wußte, daß in diesem Punkt Murray nicht getäuscht worden war, aber ich hielt mich nicht für verpflichtet, in diesem Augenblick meinen Engländer darauf aufmerksam zu machen. Murray hatte mir das Bild gegeben; ich hielt es in der Hand und verglich es mit dem Gesicht, das ich vor meinen Augen hatte. Die Schöne des Bildes war mit entblößtem Busen dargestellt, und als ich laut die Bemerkung machte, die Maler behandelten diese Partie immer nach Gutdünken, benutzte das schamlose Weib die Gelegenheit, um mir zu zeigen, daß die Kopie getreu sei. Ich wandte ihr den Rücken mit einem Ausdruck der Verachtung, der sie empfindlich hätte kränken müssen, wenn solche Geschöpfe überhaupt eines Gefühls von Scham fähig wären. Ich mußte unwillkürlich lachen, durch meine Beobachtungen während dieser Nacht zu finden, daß der alte Satz: Zwei Gegenstände, die einem dritten gleich sind, sind unter sich gleich, nicht immer richtig ist. Denn das Porträt ähnelte meiner M. M. sowohl wie der unwürdigen Kurtisane, die sich ihren Namen beilegte, und trotzdem hatten die beiden Frauen gar keine Ähnlichkeit miteinander. Ich teilte Murray meine Beobachtung mit, und er gab mir recht. Über dieses Thema philosophierten wir eine volle Stunde lang. Als wir gelegentlich erfuhren, daß M. M.s Stellvertreterin Innocencia hieß, bekamen wir Lust, einmal zu untersuchen, wie dieser Name zu ihrem Gewerbe paßte. Wir fragen sie daher, wie der Schelm es fertig gebracht hätte, sie zum Spielen der von ihr angenommenen Rolle zu veranlassen. Sie erzählte uns folgendes: »Seit zwei Jahren kenne ich den Grafen Capucefalo, und seine Bekanntschaft ist mir nützlich gewesen, er hat mir zwar selber kein Geld gegeben, aber ich habe viel an Leuten verdient, die er mit mir bekannt gemacht hat. Im Spätherbst vorigen Jahres sagte er mir eines Tages: wenn ich imstande wäre, in Kleidern, die er mir verschaffen würde, eine Nonne vorzustellen und als solche eine ganze Nacht mit einem Engländer zu verbringen, könnte ich hundert Zechinen verdienen. »Du hast nichts zu befürchten,« sagte er mir, »denn ich werde dich selber nach dem Kasino bringen, wo der Freier auf dich wartet, und werde dich gegen Morgen abholen, um dich nach deinem vorgeblichen Kloster zurückzubringen.« Er zeigte mir, wie ich mich zu benehmen hätte, und belehrte mich darüber, was ich zu antworten hätte, wenn mein Liebhaber mich über das Klosterleben ausfragen sollte. Nun, meine Herren, der Streich gefiel mir. Ich mußte im voraus darüber lachen und antwortete ihm, ich sei bereit. Wollen Sie übrigens bedenken, daß keine Frau meines Gewerbes der Versuchung widerstehen kann, hundert Zechinen zu verdienen. Ich fand die Geschichte ebenso spaßhaft wie gewinnbringend und forderte ihn daher auf, die nötigen Schritte zu tun, indem ich ihm zugleich versprach, ich würde meine Rolle ausgezeichnet spielen. Der Handel wurde abgemacht, und der Graf gab mir nun seine Instruktionen für das zu erwartende Gespräch. Er sagte mir, der Engländer würde natürlich nur von meinem Kloster sprechen und würde außerdem wohl Andeutungen über meine anderen Liebhaber machen; hierauf dürfte ich nicht eingehen, sondern müßte ihm lachend antworten, ich wüßte nicht, von wem er spräche; ich könnte ihm sogar sagen, ich wäre nur eine verkleidete Nonne, und ihm mit scherzhaften Bemerkungen auch meine Haare zeigen. »Er wird trotzdem dich für eine Nonne halten, und sogar für die Nonne, die er liebt; denn er wird überzeugt sein, daß du keine andere sein kannst.« Der Spaß leuchtete mir ein, und ich dachte nicht einen Augenblick daran, mich nach dem Namen der Nonne zu erkundigen, die ich vorstellen sollte, oder nach dem Namen des Klosters, dem ich angeblich angehörte. Das einzige, was mich interessierte, war der Lohn von hundert Zechinen. Darum habe ich, obwohl ich mit Ihnen eine reizende Nacht verbrachte und obwohl Sie nach meiner Meinung mehr verdienen bezahlt zu werden als selber zu bezahlen – darum, sage ich, habe ich mich nicht einmal erkundigt, wie Sie heißen oder wer Sie sind, und ich weiß dies selbst in diesem Augenblick noch nicht. Sie wissen, wie ich die Nacht verbracht habe; ich sagte Ihnen schon, daß ich sie köstlich fand, und ich versichere Ihnen, der Gedanke, mit Ihnen eine gleiche verbringen zu dürfen, machte mich glücklich. Sie haben mir fünfhundert Zechinen gegeben, aber ich mußte mich mit hundert begnügen, wie Capucefalo es mir vorher gesagt hatte; die anderen vierhundert nahm er für sich. Wie er mir sagte, wollten Sie mir für die heutige Nacht nur hundert geben, und damit war ich auch zufrieden. Sie haben alles entdeckt. Das tut mir leid, aber ich fürchte nichts; denn ich kann mich maskieren, wie ich will, und ich kann es nicht verhindern, wenn Leute, welche Lust auf mich haben, mich für eine Heilige halten. Wenn ihnen das Spaß macht – mir ist es einerlei. Sie haben Waffen bei mir gefunden; aber es ist jedem Menschen erlaubt, solche zu seiner eignen Verteidigung bei sich zu tragen. Ich finde mich in keiner Beziehung schuldig.« »Kennst du mich?« fragte ich sie. »Nein; ich sehe Sie jedoch oft unter meinen Fenstern vorbeigehen. Ich wohne in San Rocco, an der Brücke.« Die im Tone der Selbstverständlichkeit vorgetragene Erzählung des Frauenzimmers überzeugte uns, daß sie einfach ihr Gewerbe als durchtriebene Dirne ausgeübt hatte; Capucefalo aber schien uns, trotz seinem Grafentitel, den Schandpfahl verdient zu haben. Das Mädchen mußte zehn Jahre älter sein als M. M. Sie war hübsch; aber sie war blond, und meine schöne Nonne hatte Haare von herrlichem aschfarbigem Hellbraun; außerdem war M. M. mindestens um drei Zoll größer. Nach Mitternacht setzten wir uns zu Tisch und taten mit dem besten Appetit dem ausgezeichneten Imbiß, den meine Tonina für uns zurechtgestellt hatte, alle Ehre an. Wir waren so grausam, dem unglücklichen Frauenzimmer nicht einmal ein Glas Wein anzubieten; aber wir glaubten nicht anders handeln zu dürfen. Bei unseren Tischgesprächen machte mein fröhlicher Brite allerlei geistreiche Bemerkungen über meinen Eifer, ihn zu überzeugen, daß er nicht M. M.s Gunst genossen hätte. »Es wäre unnatürlich, daß Sie so großes Interesse an der Sache zeigten, wenn Sie nicht selber in die göttliche Nonne verliebt wären.« Ich antwortete ihm: »Wenn ich verliebt wäre, so wäre ich sehr zu bedauern, denn ich würde ja auf das schreckliche Sprechzimmer beschränkt sein.« »Ich würde gerne monatlich hundert Guineen zahlen,« sagte er zu mir, »um den Vorzug zu erlangen, ihr Besuche am Sprechgitter machen zu dürfen.« Bei diesen Worten gab er mir die hundert Zechinen, um die wir gewettet hatten. Er dankte mir dafür, daß ich sie ihm abgewonnen hätte, und ich steckte sie tapfer in meine Tasche. Zwei Stunden nach Mitternacht hörten wir leise an die Straßentür pochen. »Da kommt der Freund,« sagte ich; »seien Sie vernünftig; Sie können sich darauf verlassen, er wird alles gestehen.« Capucefalo tritt ein; er sieht Murray und die Schöne, bemerkt jedoch die Anwesenheit eines dritten erst, als er hört, daß der Schlüssel in der Tür zum Vorzimmer umgedreht wird. Da sieht er sich um und erblickt mich. Er kannte mich und sagte, ohne aus der Fassung zu geraten: »Ah! Sie sind es; nun meinetwegen. Sie fühlen die Notwendigkeit der Geheimhaltung.« Murray lachte und sagte ihm ruhig, er möchte sich setzen. Er hielt die Pistolen der Schönen in den Händen und fragte ihn, wohin er sie vor Tagesanbruch noch führen würde. »Nach ihrer Wohnung.« »Vielleicht auch nicht; denn es ist sehr wohl möglich, daß Sie alle beide von hier aus ins Gefängnis kommen.« »Nein, das fürchte ich nicht; die Geschichte würde zuviel Lärm machen, und die Lacher würden nicht auf Ihrer Seite sein. Vorwärts,« sagte er zu seiner Genossin, »zieh dich an und komm mit!« Der Gesandte blieb ruhig und kalt wie ein Engländer; er schenkte ihm ein Glas Chambertin ein, und der Halunke leerte es auf seine Gesundheit. Murray sah an seinem Finger einen schönen Brillantring; er lobte diesen und sagte, er möchte ihn gerne einmal sehen. Mit diesen Worten zog er den Ring herunter, prüfte ihn, fand ihn vollkommen und fragte den Grafen, wieviel er wert sei. Capucefalo antwortete etwas verlegen, er habe ihm vierhundert Zechinen gekostet. »Für diesen Preis behalte ich ihn,« sagte der Gesandte und steckte den Ring in die Tasche, der andere senkte den Kopf; Murray lachte über seine Bescheidenheit und sagte der Dirne, sie möchte sich anziehen und sich mit ihrem würdigen Spießgesellen entfernen. In einem Augenblick war sie fertig; beide machten eine tiefe Verbeugung und gingen. »Adieu, Nonnenkuppler!« rief der Gesandte ihm nach. Der Graf antwortete nicht. Als sie hinaus waren, umarmte ich Murray. Ich machte ihm ein Kompliment über seine Mäßigung und dankte ihm dafür; denn ein Skandal hätte nur drei Unschuldige in Ungelegenheit bringen können. »Seien Sie unbesorgt,« sagte er; »die Schuldigen werden ihre Strafe erhalten, ohne daß jemand eine Ahnung von der Ursache hat.« Ich ließ nun Tonina heraufkommen; der Engländer bot ihr ein Glas Wein an; aber sie dankte dafür bescheiden und mit großer Anmut. Murray sah sie mit flammenden Augen an; dann entfernte er sich, indem er mir in den wärmsten Worten seinen Dank aussprach. Die Geduld und die Selbstbeherrschung meiner armen Tonina waren auf eine harte Probe gestellt worden, und sie hatte Grund zur Annahme, daß ich ihr untreu gewesen sei; ich bewies ihr aber, daß ich mich geschont und für sie frischgehalten hatte. Wir blieben sechs Stunden im Bett, und als wir aufstanden, waren wir beide glücklich. Gleich nach dem Essen ging ich zu meiner edlen M. M. und erzählte ihr die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten. Sie hörte sie mit einer fast gierigen Aufmerksamkeit an, und auf ihrem Gesicht malten sich die verschiedenen Empfindungen, die sie dabei hatte. Mit großem Vergnügen erfuhr sie, daß die Maske, die mich in das Sprechzimmer begleitet hatte, der englische Gesandte war, aber sie bekundete die edelste Verachtung, als ich ihr sagte, er würde gerne monatlich hundert Guineen geben, um ihr Besuche machen und sich mit ihr im Sprechzimmer am Gitter unterhalten zu dürfen. Sie war ärgerlich auf ihn, daß er sich hatte einbilden können, sie in seinem Besitz gehabt zu haben, und daß er wirklich geglaubt hatte, das Bild, das er besaß, wäre das ihrige; denn nach ihrer Meinung hatte es nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr. Sie sagte mir mit einem feinen Lächeln, ich hätte ganz gewiß die falsche Nonne nicht meiner Kleinen gezeigt, denn diese hätte sich etwas Falsches dabei denken können. »Du weißt also, daß ich eine junge Magd habe.« »Ja, noch dazu eine sehr hübsche, Lauras Tochter. Wenn du sie liebst, ist mir das ganz recht, wie auch deiner C. C. Ich hoffe, du wirst es mir ermöglichen, sie einmal zu sehen; C. C. kennt sie schon.« Ich sah, daß ich mich nicht ausreden konnte, weil sie zuviel wußte; darum erzählte ich ihr kurz entschlossen ganz genau die Geschichte meiner neuen Liebschaft. Sie sprach mir ganz offen ihre Freude darüber aus, die gewiß nicht erheuchelt war. Als ich fortgehen wollte, sagte sie mir, ihre Ehre verlange, daß sie den Grafen Capucefalo ermorden lasse; der Elende habe sie so tödlich beleidigt, daß sie ihm nicht verzeihen könne. Um sie zu beruhigen, versprach ich ihr, ich würde selber für unsere gemeinsame Rache sorgen, wenn der Gesandte nicht im Laufe einer Woche mit dem Menschen fertig würde. Etwa um diese Zeit starb der Prokurator Bragadino, der Bruder meines Beschützers. Hierdurch wurde dieser sehr reich. Mit ihm mußte seine Familie erlöschen, und um dies zu verhindern, bekam eine Frau, die seine Geliebte gewesen war und ihm einen natürlichen Sohn geschenkt hatte, Lust, von ihm geheiratet zu werden. Durch diese Heirat wäre der Sohn legimitiert worden und hätte das Geschlecht fortpflanzen können. Der Senat hätte gegen Bezahlung einer kleinen Summe der Frau das Bürgerrecht zuerkannt, und alles wäre in Ordnung gewesen. Sie schrieb mir ein Briefchen, ich möchte doch einmal bei ihr vorkommen. Ich war neugierig, was wohl eine Frau von mir wünschen konnte, die ich weder von Adam noch von Eva her kannte, und wollte gerade hingehen, als Herr von Bragadino mich rufen ließ. Er bat mich, Paralis zu fragen, ob er in einer gewissen Angelegenheit den Rat des Herrn de la Haye befolgen solle; er habe diesem versprochen, mir nichts davon zu sagen, aber dem Orakel müsse sie ja trotzdem bekannt sein. Natürlich fiel das Orakel gegen den Jesuiten aus; es antwortete ihm, er dürfe nur seinem eigenen Gefühl folgen. Nachdem ich das besorgt hatte, begab ich mich zu der Dame. Sie weihte mich sofort in alles ein und stellte mir ihren Sohn vor. Sie sagte, wenn die Heirat zustande käme, würde man mir eine notarielle Verschreibung machen, wonach ich nach dem Tode des Herrn von Bragadino ein Landgut erhalten würde, das jährlich fünftausend Dukaten Kurant einbrächte. Natürlich erriet ich, daß es sich um dieselbe Angelegenheit handelte, welche de la Haye Herrn von Bragadino vorgeschlagen hatte; ohne Zögern antwortete ich ihr, ich könnte mich in diese Sache nicht einmischen, weil de la Haye sich vor mir damit beschäftigt hatte. Hiermit empfahl ich mich. Ich mußte es sonderbar finden, daß der Jesuit unaufhörlich hinter meinem Rücken Ränke spann, um meine alten Freunde zu verheiraten; denn vor zwei Jahren hätte er Herrn Dandolo verheiratet, wenn ich mich nicht dem widersetzt hätte. Mir war es vollkommen gleichgültig, ob die Familie Bragadino erlosch; dagegen lag mir das Leben meines Wohltäters sehr am Herzen, und ich war überzeugt, daß diese Heirat es bedeutend abgekürzt haben würde; denn er war damals dreiundsechzig Jahre alt und hatte einen gefährlichen Schlaganfall überstanden. Zum Essen hatte Lady Murray mich eingeladen – die Engländerinnen behalten den Titel Lady, wenn sie Töchter von Lords sind. Nach der Mahlzeit sagte der Gesandte mir, er habe Herrn Cavalli die ganze Geschichte von der falschen Nonne mitgeteilt, und der Sekretär der Staatsinquisition habe ihm gestern gesagt, es sei alles zu seiner Zufriedenheit erledigt worden. Graf Capucefalo sei nach seiner Heimat Kephalonien geschickt worden, und es sei ihm verboten, nach Venedig zurückzukehren; die Kurtisane sei verschwunden. Das Schöne oder vielmehr das Schreckliche bei diesem einfachen Verfahren ist, daß kein Mensch je den Grund erfährt, so daß die furchtbarste Willkür den Unschuldigen wie den Schuldigen treffen kann. M. M. war entzückt über diesen Ausgang, über den ich mich noch mehr freute als sie; denn es wäre mir unangenehm gewesen, meine Hände an diesem elenden Grafen besudeln zu müssen. Es gibt im Menschenleben Perioden, die man die fastes und die nefastes des Lebens nennen könnte. Ich habe dies auf meiner langen Laufbahn bestätigt gefunden, und ich war vielleicht besser als irgendein anderer Mensch in der Lage, die Wahrheit dieser Beobachtung zu erkennen. Ich hatte eine ziemlich lange Glücksperiode gehabt: lange hatte mich das Glück im Spiel begünstigt; ich war glücklich in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen, und in bezug auf Liebe blieb mir nichts zu wünschen übrig. Jetzt aber begann sich die Kehrseite der Medaille zu zeigen. Die Liebe begünstigte mich noch, aber das Glück im Spiel hatte sich gänzlich von mir losgesagt, und bald, lieber Leser, wirst du sehen, daß die Menschen mich nicht besser behandelten als die blinde Göttin. Das Schicksal hat seine Phasen wie der Mond, das Gute folgt auf das Böse wie das Unglück auf das Glück. Ich spielte immer noch meine Martingale, aber so unglücklich, daß ich bald keine Zechine mehr hatte. Da ich auf gemeinsame Rechnung mit M. M. spielte, mußte ich ihr Rechenschaft über den Stand meiner Finanzen ablegen. Auf ihr Drängen verkaufte ich nach und nach alle ihre Diamanten. Den Erlös verlor ich wieder; sie behielt für sich nur fünfhundert Zechinen für den Fall der Not zurück. Von Entführung war keine Rede mehr; denn wie hätten wir uns mittellos durch die Welt schlagen sollen? Ich spielte immer noch, aber nur in bescheidenem Maße, indem ich kleinen Spielern die Bank hielt. So wartete ich in bescheidenen Verhältnissen auf einen Umschwung des Glücks. Der englische Gesandte hatte mich in seinem Kasino mit der berühmten Fanny Murray soupieren lassen; dafür lud er eines Tages sich selber zu einem Souper in meinem Kasino auf Murano ein, das ich nur noch Toninas wegen beibehalten hatte. Ich tat ihm den Gefallen, ohne jedoch seine Großmut nachzuahmen. Er fand meine kleine Geliebte lustig und höflich, doch hielt sie sich in den Grenzen des Anstandes, womit sie ihm durchaus keinen Gefallen tat. Am nächsten Tage schrieb er mir folgendes: »Ich bin sterblich verliebt in Ihre Tonina. Wenn Sie mir sie abtreten wollen, bin ich bereit, sie auf folgende Weise zu versorgen: Ich gebe ihr eine Wohnung mit einer vollständigen Einrichtung, unter der Bedingung, daß ich sie dort besuchen kann, so oft es mir gefällt, und daß sie mir alle Rechte eines glücklichen Liebhabers einräumt. Ich halte ihr eine Zofe und eine Köchin und gebe ihr monatlich dreißig Zechinen für einen Tisch von zwei Personen; die Weine werde ich außerdem selber liefern. Ferner setze ich ihr eine Jahresrente von zweihundert Dukaten Kurant auf Lebenszeit aus, worüber sie verfügen kann, wenn sie ein Jahr mit mir gelebt hat. Ich lasse Ihnen acht Tage Zeit, lieber Freund, um mir Ihre Antwort mitzuteilen.« Ich antwortete ihm sofort, ich würde ihm in drei Tagen mitteilen, ob sein Vorschlag angenommen werden könnte; denn Tonina hätte eine Mutter, vor der sie große Ehrfurcht hätte und ohne deren Einwilligung sie wohl nichts tun würde ; übrigens wäre allem Anschein nach das junge Mädchen schwanger. Die Sache war für Tonina wichtig; ich liebte sie, aber schließlich wußte ich sehr gut, daß wir nicht unser ganzes Leben lang zusammen bleiben würden, und ich sah keine Möglichkeit, ihr eine solche Versorgung zu geben, wie sie ihr jetzt angeboten wurde. Ich schwankte daher keinen Augenblick, sondern fuhr noch am selben Tage nach Murano und sagte ihr alles. »Du willst mich also verlassen!« rief sie weinend. »Ich liebe dich, meine liebe Freundin, und gerade mein Vorschlag müßte dich davon überzeugen.« »Nein! ich kann nicht zweien angehören.« »Du wirst nur deinem neuen Liebhaber angehören, liebes Herz. Bedenke, es trägt dir eine stattliche Mitgift ein, durch die du eine gute Heirat machen kannst. Mir ist es, so lieb ich dich auch habe, ganz unmöglich, dich ebensogut zu versorgen.« »Laß mich heute weinen und nachdenken, und komm morgen abend zu mir zum Essen.« Ich erschien pünktlich, und sie sagte zu mir: »Ich finde, dein Engländer ist ein sehr schöner Mann, und wenn er venezianisch spricht, kann ich mir das Lachen nicht verhalten. Wenn meine Mutter einverstanden wäre, könnte ich ihn vielleicht lieben. Sollten wir nicht zueinander passen, so können wir uns ja nach Ablauf eines Jahres trennen, und ich habe dann ein Jahrgeld von zweihundert Dukaten.« »Ich freue mich, daß du die Sache so richtig beurteilst. Sprich mit deiner Mutter darüber.« »Das wage ich nicht, lieber Freund; solche Dinge sind zwischen Mutter und Tochter zu heikel zu behandeln; sprich du lieber mit ihr.« »Gern.« Ich hatte Laura nicht gesehen, seitdem sie mir ihre Tochter gegeben hatte. Sie brauchte keine Bedenkzeit, sondern sagte mir sofort hocherfreut, dank einem solchen Abkommen könnte ihre Tochter sie im Alter unterstützen; sie würde dann von Murano fortziehen, denn sie hätte keine Lust mehr zu dienen. Sie zeigte mir hundertdreißig Zechinen, die Tonina sich in meinem Dienst gespart und ihr zum Aufbewahren gegeben hatte. Toninas jüngere Schwester, Barberina, kam herein und küßte mir die Hand. Ich fand sie reizend und gab ihr alles Silbergeld, das ich bei mir hatte. Ich sagte Laura, daß ich sie in meiner Wohnung erwartete; sie kam denn auch sehr bald mir nach und gab ihrer Tochter ihren Segen. Sie empfahl sie der heiligen Katharina und sagte ihr, sie bäte nur um drei Lire täglich, damit sie nach Venedig ziehen und dort mit ihrer Familie leben konnte. Tonina fiel ihr um den Hals und versprach ihr dies. Nachdem diese wichtige Sache zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt war, besuchte ich M. M., die mir das Vergnügen machte, mit C. C. ins Sprechzimmer zu kommen. Ich fand sie traurig, aber schöner denn je. Sie war in Trauer, aber dies hinderte sie nicht, zärtlich zu sein. Sie konnte nur eine Viertelstunde im Sprechzimmer bleiben, weil sie fürchtete, beobachtet zu werden, denn es war ihr immer noch verboten, ihr Zimmer zu verlassen. Ich erzählte M. M., daß Tonina nach Venedig ziehen und mit Murray zusammenleben würde. »Das tut mir leid,« sagte sie; »denn jetzt, wo Tonina dich nicht mehr nach Murano zieht, werde ich dich noch weniger oft sehen als bisher.« Ich versprach ihr, ich würde sie stets fleißig besuchen. Aber was sind Versprechungen! Es nahte schon die Zeit, da wir für ewig getrennt werden sollten. Am selben Abend ging ich zu meinem Freund Murray und brachte ihm die gute Nachricht. Er umarmte mich in überströmender Freude und bat mich, am übernächsten Tag in seinem Kasino zu soupieren und Tonina mitzubringen, um sie ihm in aller Form zu übergeben. Natürlich erfüllte ich seinen Wunsch; denn da die Sache einmal entschieden war, wünschte ich sie bald beendigt zu sehen. Er übergab ihr in meiner Gegenwart die lebenslängliche Leibrente von zweihundert venezianischen Dukaten in Form einer Anweisung auf die Bäckerzunft. Kraft einer zweiten Urkunde verschrieb er ihr die ganze Einrichtung der Wohnung, die er ihr besorgt hatte, als ihr Eigentum, unter der Bedingung, daß sie ein Jahr lang mit ihm leben müßte. Die Vorschriften, die er ihr für ihr Verhalten gab, waren sehr liberal; er erlaubte ihr, mich als Freund zu empfangen und ihre Mutter und Schwestern zu besuchen, so oft sie Lust hätte. Tonina fiel ihm um den Hals, versicherte ihn ihrer Dankbarkeit und versprach ihm, alles aufzubieten, um ihm zu gefallen. Auf mich zeigend fügte sie hinzu: »Herrn Casanova werde ich empfangen – aber nur als Freundin; mehr wird er nicht verlangen.« Während dieser in ihrer Art wirklich rührenden Szene hielt sie mit Mühe ihre Tränen zurück; ich aber besaß nicht die Kraft, die meinigen zu verbergen. Sie machte durch Murray ihr Glück, aber ich war nicht lange Zeuge desselben. Warum, das werde ich später erzählen. Drei Tage darauf kam Laura zu mir; sie erzählte mir, sie sei bereits nach Venedig gezogen, und bat mich, sie zu ihrer Tochter zu begleiten. Ich verdankte der guten Frau zu viel, um ihr diesen Gefallen abschlagen zu können, und ging daher auf der Stelle mit ihr. Tonina dankte dem lieben Gott und dankte auch mir; ihre Mutter stimmte ein; denn sie wußte nicht recht, ob der liebe Gott für sie mehr getan hatte oder ich. Tonina sprach sich sehr lobend über Murray aus und machte mir keine Vorwürfe darüber, daß ich sie nicht besucht hätte; dies gefiel mir sehr. Als ich gehen wollte, bat Laura mich, sie in meiner Gondel mitzunehmen. Da wir bei dem Hause vorbeifahren mußten, wo sie sich eingemietet hatte, so bat sie mich, ihr das Vergnügen zu machen und einen Augenblick bei ihr einzutreten. Ich erfüllte ihren Wunsch, weil ich sie nicht gerne durch einen abschlägigen Bescheid kränken wollte. Zu meiner Ehre muß ich sagen, daß ich es nur aus Gefälligkeit tat und dabei gar nicht daran dachte, ich würde Barberina wiedersehen. Das junge Mädchen war ebenso hübsch wie ihre Schwester, obgleich in einer anderen Art. Sie fing an, mich neugierig zu machen. Auf dieser Schwäche beruht durchweg die Unbeständigkeit eines Mannes, der an ein lasterhaftes Leben gewöhnt ist. Wenn alle Frauen den gleichen Gesichtsausdruck, den gleichen Charakter und die gleiche Denk- und Ausdrucksweise hätten, so würden die Männer nicht nur niemals unbeständig, sondern überhaupt niemals verliebt sein. Man würde instinktmäßig sich eine Frau nehmen und bis zu ihrem Tode sich nur an sie halten; dann aber würde die ganze Einrichtung unserer Welt anders sein als jetzt. Das Neue ist der Tyrann unserer Seele. Wir wissen wohl, daß das, was wir nicht gesehen haben, ungefähr ebenso ist, wie das, was wir gesehen haben; aber wir sind neugierig, wir wollen uns davon überzeugen, und zu diesem Ende machen wir so viele Umstände, wie wenn wir bestimmt wüßten, daß wir etwas ganz Unvergleichliches finden würden. Die junge Barberina betrachtete mich als einen alten Bekannten, denn ihre Mutter hatte sie daran gewöhnt, mir die Hand zu küssen, sooft ich sie besuchte. Sie hatte sich mehr als einmal in meiner Gegenwart entkleidet, ohne zu denken, daß mich dies aufregen könnte; sie wußte, daß ihre Schwester und damit auch ihre ganze Familie durch mich ihr Glück gemacht hatte; natürlich hielt sie sich auch für hübscher als Tonina, weil sie eine weißere Haut und schöne schwarze Augen hatte. Sie hatte Lust, ihre Schwester zu ersetzen, und sie begriff, daß sie mich überrumpeln mußte, wenn ihr dies gelingen sollte. Ihr junger Verstand sagte ihr, daß ich mich niemals in sie verlieben könnte, wenn ich niemals zu ihr käme. Sie wußte, daß sie mich mit Sturm nehmen mußte, und da schien ihr das beste Mittel zu sein, bei passender Gelegenheit mir so weit entgegenzukommen, daß ihre Eroberung mir gar keine Mühe kostete. Alle diese Gedanken hatte sie aus sich selber; denn ich bin überzeugt, daß sie nicht von ihrer Mutter abgerichtet worden war. Laura war eine von jenen Müttern, deren es auf der Welt und besonders in Italien mehr als eine gibt: sie zog gerne ihren Nutzen aus der natürlichen Betriebsamkeit ihrer Töchter, aber sie würde niemals daran gedacht haben, sie auf den Pfad des Lasters zu bringen. Weiter ging ihre Tugend nicht. Nachdem ich ihre beiden Zimmer und die kleine Küche besichtigt und die Sauberkeit bewundert hatte, von der alles glänzte, fragte die kleine Barberina mich, ob ich nicht auch ihr Gärtchen ansehen wollte. Ich erwiderte, dies wollte ich gerne tun; denn in Venedig ist ein Garten eine Seltenheit. Ihre Mutter sagte ihr, sie sollte mir Feigen anbieten, wenn reife da wären. Das Gärtchen war etwa dreißig Fuß im Geviert groß, und es wuchs darin weiter nichts als Salat und ein sehr schöner Feigenbaum. Dieser trug jedoch wenig Früchte, und ich sagte zu ihr, ich sähe überhaupt keine. »Ich sehe welche oben in der Spitze,« sagte Barberina zu mir, »und wenn Sie mir die Leiter halten wollen, werde ich sie pflücken.« »Gut, tu das; die Leiter will ich schon halten.« Leichtfüßig steigt sie hinauf; um aber einige etwas zu weit entfernte Feigen erreichen zu können, streckt sie den Arm aus und biegt sich zur Seite, indem sie sich mit der anderen Hand an der Leiter festhält. »Meine liebe Barberina, wenn du wüßtest, was ich sehe!« »Was Sie bei meiner Schwester oft gesehen haben.« »Das stimmt; aber du bist hübscher als sie.« Die Kleine antwortete nicht, aber sie tat, wie wenn sie eine Feige nicht erreichen könnte, und setzte den einen Fuß auf einen höheren Zweig, wodurch sie mir den verführerischsten Anblick bot. Ich war hingerissen! Barberina bemerkte es und beeilte sich keineswegs. Endlich half ich ihr beim Heruntersteigen; dabei verirrte sich meine Hand, und ich fragte sie, ob die Frucht, die ich hielte, schon gepflückt wäre. Sie sah mich mit einem sanften Lächeln an und ließ mir soviel Zeit wie ich wollte, um mich zu überzeugen, daß sie vollkommen Jungfrau war. Schon war ich besiegt; ich empfing sie in meinen Armen, preßte sie verliebt an meine Brust und drückte auf ihre Lippen einen feurigen Kuß, den sie herzlich erwiderte. »Willst du, liebes Kind, mir schenken, was ich eben in der Hand hielt?« »Meine Mutter geht morgen nach Murano und bleibt den ganzen Tag dort; wenn Sie kommen, werde ich Ihnen nichts versagen.« Wenn ein noch unschuldiger Mund eine solche natürliche Sprache spricht, dann muß der Mann, an den sie gerichtet ist, glücklich sein; denn Begierden sind nur Qualen, sind tatsächliche Schmerzen, und nur darum ist uns der Genuß so wert, weil er uns von diesen Schmerzen erlöst. Dies beweist, daß diejenigen, denen ein wenig Widerstand lieber ist als ein sofortiges Eingehen auf ihre Wünsche, unrecht haben; allerdings ist allzu große Gefälligkeit oft ein Zeichen von Verderbtheit, und diese lieben die Männer nicht, so verderbt sie auch selber sein mögen. Wir gingen ins Haus zurück; ich umarmte Barberina in Gegenwart ihrer Mutter und sagte dieser, sie hätte in ihr ein wahres Juwel; über dieses Kompliment lachte sie vor Freuden. Ich gab dem reizenden Mädchen zehn Zechinen und entfernte mich sehr befriedigt; zugleich aber mit dem Schicksal hadernd, daß es mir nicht erlaubte, der reizenden Barberina sofort ein gleiches Los bieten zu können, wie ihrer Schwester. Tonina hatte mir gesagt, ich müßte anstandshalber doch wenigstens einmal bei ihr soupieren; ich ging an demselben Abend hin und fand dort Rhigellini und Murray. Das Souper war sehr nett, und ich bewunderte das vollkommene Einverständnis, das bereits unter dem neuen Liebespaar herrschte. »Ich mache Ihnen mein Kompliment,« sagte ich zu dem Gesandten, »daß Sie einen gewissen Geschmack verloren haben.« »Wenn ich etwas dergleichen verloren hätte, so würde dies mir sehr leid tun ; denn da müßte ich annehmen, daß ich im Niedergang wäre.« »Aber sie liebten doch früher der Liebe zu opfern, ohne ihre Geheimnisse zu verschleiern.« »Nicht ich liebte dies, sondern Ancilla, und da mir ihre Lust ebenso teuer war wie die meinige, so fügte ich mich gerne ihrem Geschmack.« »Ihre Antwort freut mich; denn ich gestehe Ihnen, es würde mir Uberwindung kosten, Ihren Liebeskämpfen mit Tonina zuzusehen.« Ich erwähnte gesprächsweise, daß ich keine Wohnung mehr in Murano hätte, und Righellini sagte mir, wenn ich wollte, könnte er mir eine sehr hübsche und billige an den Fondamenta Nuove beschaffen. Dieser Stadtteil liegt nach Norden und ist ebenso angenehm im Sommer wie unangenehm im Winter. Da er Murano gegenüberliegt, wohin ich jede Woche ein paarmal fahren mußte, so sagte ich dem Doktor, ich wollte mir die Wohnung gerne einmal ansehen. Gegen Mitternacht verabschiedete ich mich von dem reichen und glücklichen Engländer. Da ich den nächsten Tag mit meiner neuen Eroberung verbringen wollte, so ging ich gleich zu Bett, um frisch zu sein und mich leistungsfähig zeigen zu können. Ziemlich früh ging ich zu Barberina; sie empfing mich mit den Worten: »Meine Mutter kommt erst heute abend wieder, und mein Bruder ißt in der Schule zu Mittag. Wir werden also vollkommen ungestört sein. Hier habe ich ein gebratenes Huhn, Schinken, Käse und zwei Flaschen Scoppolo; wir essen aus dem Stegreif, sobald Sie Lust haben.« »Ich bin erstaunt, reizende Freundin; wie hast du dir ein so gutes Essen verschaffen können?« »Wir verdanken es meiner Mutter; ihr gebührt alles Lob.« »Du hast ihr also gesagt, was wir machen wollen?« »O nein! Doch nicht ganz! Denn ich weiß es ja selber nicht. Aber ich habe ihr gesagt, Sie würden mich besuchen, und habe ihr zugleich die zehn Zechinen gegeben.« »Und was hat dir deine Mutter gesagt?« »Sie hat gesagt, es wäre ihr gar nicht unlieb, wenn Sie mich ebenso lieben würden, wie Sie meine Schwester geliebt haben.« »Ich will dich noch mehr lieben, obgleich ich jene sehr lieb habe.« »Sie haben sie lieb? Warum haben Sie sie denn verlassen?« »Ich habe sie nicht verlassen; ich habe ja erst gestern bei ihr soupiert; nur leben wir nicht mehr als Liebespaar zusammen. Ich habe sie einem reichen Freunde abgetreten, der ihr Glück gemacht hat.« »Das ist ja sehr schön; ich verstehe es nur nicht ganz recht. Sagen Sie, bitte, Tonina, daß ich jetzt ihre Stelle einnehme. Und dann wäre es mir sehr lieb, wenn Sie ihr noch sagen wollten, Sie seien ganz gewiß, daß Sie der erste Mann seien, den ich geliebt habe.« »Und wenn sie sich über diese Nachricht ärgert?« »O, um so besser! Werden Sie mir das Vergnügen machen? Es ist das erste, worum ich Sie bitte.« »Ich verspreche es dir.« Nach diesem Gespräch frühstückten wir, dann gingen wir in vollkommener Eintracht zu Bett. Es war mehr, wie wenn wir dem Hymen, als wie wenn wir dem Amor unser Opfer brächten. Barberina kannte das Spiel noch nicht; ihre Ekstasen, ihre frischen und naiven Gedanken, die sie mir ungeschminkt mitteilte, ihre Unerfahrenheit oder vielmehr Unbeholfenheit entzückten mich. Mir war es, als berührte ich zum erstenmal den kostbaren Baum der Erkenntnis und als hätte ich niemals eine so saftige Frucht genossen. Meine kleine Nymphe würde sich geschämt haben, mich merken zu lassen, daß der erste Dorn ihr Schmerz bereitete; um mich zu überzeugen, daß sie nur die Rose genösse, überbot sie sich in Beteuerungen, daß sie die höchste Lust empfände. Dabei übertrieb sie jedenfalls, denn der erste Versuch ist doch stets mehr oder weniger schmerzhaft. Sie war noch nicht ganz erwachsen: die Rosen ihrer Brüste waren erst kaum sichtbare Knospen, und vollkommen reif war sie nur in ihrem Herzen. Nachdem mehr als ein Sturm tapfer unternommen und ausgehalten war, standen wir auf, um zu essen. Als wir dadurch neue Kräfte gewonnen hatten, bestiegen wir wieder den Altar der Liebe und weihten uns ihrem süßen Dienst, bis es Abend war. Als Laura nach Hause kam, fand sie uns angezogen und durchaus befriedigt. Ich schenkte noch Barberina zwanzig Zechinen, schwur ihr ewige Liebe und ging. Sicherlich hatte ich damals nicht die Absicht, meinen Schwüren untreu zu werden; aber die Ereignisse, die das Schicksal für mich in seinem Schoße trug, ließen sich nicht mit jenen Versprechungen vereinigen, die in einem Augenblick der Leidenschaft unwillkürlich meinem Munde entflossen waren. Am nächsten Morgen holte Righellini mich ab, um mir die Wohnung zu zeigen, von der er mir gesprochen hatte. Sie gefiel mir. Ich mietete sie sofort und bezahlte den Zins für das erste Viertejahr voraus. Das Haus gehörte einer Witwe, die zwei Töchter hatte. Der ältesten war gerade zur Ader gelassen worden. Righellini war ihr Arzt; er behandelte sie seit neun Monaten, ohne sie heilen zu können. Da er ihr seinen Besuch machen wollte, trat ich mit ihm ein; ich glaubte mich einer schönen Wachsstatue gegenüber zu befinden und rief in meiner Überraschung: »Sie ist schön – aber der Bildhauer müßte ihr Farben verleihen.« Die Statue antwortete darauf mit einem Lächeln, das göttlich gewesen wäre, wenn es auf Rosenlippen erschienen wäre. »Ihre Blässe«, sagte Righellini zu mir, braucht Sie nicht zu erstaunen; man hat ihr heute zum hundertundvierten Male die Ader geöffnet.« Ich machte eine sehr begreifliche Gebärde der Überraschung. Das schöne Mädchen war achtzehn Jahre alt, und die Natur hatte sie noch nicht mit der Wohltat der monatlichen Reinigung begabt; infolgedessen fühlte sie sich jede Woche drei- oder viermal dem Tode nahe, und das einzige Mittel, ihr Erleichterung zu verschaffen, bestand darin, daß man ihr die Ader öffnete. »Ich will sie aufs Land schicken,« sagte der Doktor; »dort werden eine reinere und schönere Luft und besonders mehr Bewegung besser wirken, als hier alle Arzneien.« Ich bat mir mein Bett noch für denselben Abend zurechtzumachen und entfernte mich mit Righellini. Er sagte mir, das einzige wirklich wirksame Heilmittel für das Mädchen wäre ein kräftiger Liebhaber. »Aber mein lieber Doktor, könnten denn Sie nicht auch ihr Apotheker sein, wie Sie ihr Arzt sind?« »Dieses Spiel wäre für mich zu riskant; denn ich könnte mich genötigt sehen, sie zu heiraten, und vor dem Heiraten habe ich Angst wie vor dem Feuer.« Zum Heiraten hatte ich zwar ebensowenig Lust wie mein Freund, der Doktor, aber ich war dem Feuer eben schon zu nahe gekommen. Im nächsten Kapitel wird der Leser sehen, wie ich das Wunder bewirkte, das der schönen Bleichsüchtigen die Farben der Gesundheit wieder schenkte. Siebenundzwanzigstes Kapitel Die schöne Kranke wird von mir geheilt. – Komplott gegen mich. – Die junge Gräfin Bonafede. – Die Erberia. – Haussuchung. – Gespräch mit Herrn Bragadino. – Ich werde auf Befehl der Staatsinquisitoren verhaftet. Ich ging zum Herrn von Bragadino zum Abendessen und bereitete dadurch dem würdigen und großmütigen Greise einen angenehmen Abend. So war es immer; ich machte ihn und seine beiden tugendhaften Freunde glücklich, so oft ich meine Mahlzeiten mit ihnen einnahm. Ich verließ sie frühzeitig und ging nach Hause, wo ich zu meiner großen Überraschung den Balkon meines Schlafzimmers besetzt fand. Eine junge Dame von schönstem Wuchs stand auf, als sie mich sah, und bat mich mit seinem Anstand um Verzeihung für die Freiheit, die sie sich genommen hätte. »Ich bin«, sagte sie mir, »die Statue von heute früh. Wir zünden abends der Mücken wegen keine Kerzen an; aber wenn Sie zu Bett gehen wollen, werden wir die Fenster schließen und gehen. Hier stelle ich Ihnen meine jüngere Schwester vor; meine Mutter ist bereits zu Bett.« Ich antwortete ihr, der Balkon stände stets zu ihren Diensten, und da es noch früh am Abend wäre, so bäte ich sie, meinen Schlafrock anziehen und ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen. Ihre Unterhaltungsgabe war reizend; sie bereitete mir zwei angenehme Stunden und blieb bis Mitternacht bei mir. Ihre junge Schwester zündete mir eine Kerze an; hierauf machten sie mir eine Verbeugung und entfernten sich, indem sie mir gute Nacht wünschten. Die Phantasie ganz von dem schönen Mädchen erfüllt, ging ich zu Bett; es wollte mir gar nicht in den Sinn, daß sie wirklich krank sein sollte. Sie unterhielt sich lebhaft und fröhlich; sie war gebildet, geistvoll und von angenehmen Manieren. Wenn ihre Krankheit wirklich nur durch das Mittel, das Righellini als das einzige bezeichnet hatte, geheilt werden konnte, so begriff ich nicht, daß sie in einer Stadt wie Venedig nicht längst geheilt worden war; denn trotz ihrer Blässe schien sie mir sehr würdig zu sein, einen Liebhaber zu fesseln, und sie war nach meiner Meinung zu klug, als daß sie sich nicht hätte entschließen sollen, in dieser oder jener Form das angenehmste Mittel zu nehmen, das die medizinische Fakultät überhaupt vorschreiben kann. Am anderen Morgen klingelte ich, weil ich aufstehen wollte; die jüngere Schwester trat ein und sagte mir, sie hätten im Augenblick kein Dienstmädchen, daher würde sie mir besorgen, was ich brauchte. Ich ließ mir außerhalb des Palazzo Bragadino nicht gerne von meinem Bedienten aufwarten, weil ich so größere Freiheit hatte. Nachdem das junge Mädchen eine kleine Handreichung gemacht hatte, fragte ich sie, wie es ihrer Schwester ginge. »Sehr gut; ihre Bleichsucht ist keine Krankheit, und sie hat nur dann Beschwerden, wenn der Atem ihr ausgeht. Sie hat sehr guten Appetit und schläft ebenso ausgezeichnet wie ich.« »Was ist das für ein Violinspiel, das ich da höre?« »Das ist der Tanzmeister, der meiner Schwester Unterricht gibt.« Ich zog mich schnell fertig an und ging hin, um sie mir anzusehen. Ihr Gesicht war von einem rosigen Hauch belebt, und ich fand sie reizend, obgleich ihr alter Lehrer sie mit eingebogenen Füßen tanzen ließ. Dem schönen Mädchen fehlte nur der Funke des Prometheus – die Farbe des Lebens. Ihre Blässe erinnerte zu sehr an den Schnee, sie tat dem Auge weh. Der Tanzlehrer bat mich, mit seiner Schülerin ein Menuett zu tanzen, und ich willigte ein, indem ich ihn bat, larghissimo zu spielen. Er meinte, dies würde die Signora zu sehr anstrengen; aber sie antwortete ihm schnell, sie wäre durchaus nicht so schwach und würde sehr gerne so tanzen. Sie tanzte sehr gut; schließlich aber mußte sie sich in einen Lehnstuhl werfen. »In Zukunft, mein lieber Ma[:e]stro,« sagte sie zu dem alten Herrn, »will ich nur noch larghissimo tanzen, denn ich glaube, diese schnelle Bewegung wird mir gut tun.« Als der Lehrer fort war, sagte ich zu ihr, ihre Lektionen seien zu kurz und ihr Lehrer lasse ihre schlechten Angewohnheiten durchgehen. Nun rückte ich ihr Füße, Schultern und Arme zurecht, zeigte ihr, wie sie anmutig die Hand zu reichen und die Knie nach dem Takt zu beugen hätte, mit einem Wort, ich gab ihr eine Stunde lang Unterricht in aller Form. Als ich sie ein wenig ermüdet sah, bat ich sie, sich zu setzen, und ging aus, um M.M. einen Besuch zu machen. Ich fand diese sehr traurig, denn C.C.s Vater war gestorben, und man hatte meine frühere Geliebte aus dem Kloster genommen, um sie mit einem Advokaten zu verheiraten. Beim Abschied hatte C.C. einen Brief für mich zurückgelassen, worin sie mir schrieb: wenn ich ihr versprechen wollte, sie zu heiraten, sobald ich dazu in der Lage wäre, würde sie auf mich warten und jeden anderen Antrag ablehnen. Ich antwortete ihr ohne Umschweife, ich hätte keine Stellung und auch keine Aussichten; ich ließe ihr daher volle Freiheit und riete ihr sogar, einen Bewerber, von dem sie glaubte, daß er sie glücklich machen könnte, nicht zurückzuweisen. Trotzdem heiratete C.C. einen gewissen N** erst nach meiner Flucht aus den Bleikammern, als niemand mehr hoffen konnte, mich wieder in Venedig zu sehen; ich sah sie erst neunzehn Jahre später wieder, und ich hatte den Schmerz, sie als unglückliche Witwe zu finden. Wenn ich jetzt in Venedig wäre, würde ich sie nicht heiraten, denn in meinem Alter ist eine Ehe eine Schamlosigkeit; aber ganz gewiß würde ich mit ihr das Bißchen, was ich habe, teilen und würde mit ihr wie mit einer zärtlich geliebten Schwester leben. Manche Frauen nennen die Männer treulos und beschuldigen sie der Unbeständigkeit. Wenn ich sie bei solchen Gelegenheiten versichern höre, die Männer versprächen ihnen ewige Treue, nur in der Absicht, sie zu täuschen, so gebe ich ihnen recht und stimme gern in ihre Klagen ein. Aber in Wirklichkeit kann keine Frau dies behaupten; denn in dem Augenblick, indem man liebt, verspricht man im allgemeinen nur, was das Herz einem eingibt; infolgedessen kommen diese Klagelieder mir im allgemeinen nur komisch vor. Leider lieben wir nur, ohne die Vernunft zu befragen, und wenn wir aufhören zu lieben, hat die Vernunft ebensowenig damit zu tun. Um diese Zeit erhielt ich einen Brief vom Abbé de Bernis; gleichzeitig hatte er auch an M. M. in demselben Sinne geschrieben. Er sagte mir, ich müßte mir die größte Mühe geben, unsere Nonne zur Vernunft zu bringen, und schilderte mir im einzelnen alle Gefahren, die damit verbunden wären, wenn ich sie entführte und mit ihr nach Paris ginge; denn all sein Einfluß könnte uns dort nicht die Sicherheit verbürgen, ohne welche man nicht auf Glück hoffen dürfte. Ich ging zu M. M., und wir tauschten unsere Briefe aus; sie weinte bittere Tränen und ihre Traurigkeit schnitt mir ins Herz. Das unglückliche reizende Weib flößte mir wirklich die innigste Teilnahme ein. Ich empfand noch immer eine heiße Liebe zu ihr, obgleich ich ihr tagtäglich untreu war. Wenn ich an jene glänzenden Augenblicke dachte, wo ich sie in den Verzückungen der Wollust gesehen hatte, konnte ich sie nur beklagen und ihr Schicksal bedauern; denn ich mußte an die Tage der Verzweiflung denken, die ihr noch bevorstanden. Als ich eines Tages sie besuchte, sagte sie zu mir: »Man hat heute eine Nonne begraben, die vorgestern an der Schwindsucht gestorben ist. Sie war erst achtundzwanzig Jahre alt und stand im Geruch der Heiligkeit. Sie hieß Maria Concetta. Sie kannte dich und sagte C. C. deinen Namen, als du damals an den Feiertagen bei uns die Messe hörtest. C. C. glaubte sie um Verschwiegenheit bitten zu müssen, aber die Nonne sagte ihr, du seiest ein sehr gefährlicher Mensch, vor dem ein junges Mädchen sich in acht nehmen müsse. C. C. erzählte mir dies alles, als nach der Pierrot-Maskerade dein Name bekannt wurde.« »Wie hieß diese Heilige, als sie noch in der Welt lebte?« »Martha?« »Jetzt verstehe ich.« Ich erzählte nun M. M. die ganze Geschichte meiner Liebschaft mit Nannetta und Martina, bis zu dem Brief, den diese mir zuletzt geschrieben und worin sie mir gesagt hatte, sie verdanke unmittelbar mir die ewige Seligkeit, die sie zu erwerben hoffe. Mit der Tochter meiner Wirtin unterhielt ich mich jeden Abend auf dem Balkon, und unsere Gespräche dauerten fast immer bis nach Mitternacht; ebenso regelmäßig gab ich ihr jeden Morgen eine Stunde Tanzunterricht. In acht oder zehn Tagen traten zwei Wirkungen ein, die allerdings nicht wohl ausbleiben konnten. Erstens hatte sie keine Anfälle von Atemnot mehr; zweitens verliebte ich mich in sie. Das natürliche Heilmittel hatte sich noch nicht eingestellt, aber es war doch nicht mehr nötig, ihr die Ader zu schlagen. Righellini machte nach wie vor seine Besuche; als er sah, wie sie sich immer mehr erholte, prophezeite er ihr, daß sie noch vor dem Herbst jener Wohltat der Natur teilhaftig sein würde, ohne die das Leben nur künstlich aufrecht erhalten werden könnte. Ihre Mutter sah in mir einen Engel vom Himmel, den der liebe Gott ihr gesandt hätte, um ihre Tochter gesund zu machen, und diese empfand eine Dankbarkeit, von der bei einem Weibe zur Liebe nur ein Schritt ist. Ich hatte sie veranlaßt, ihren alten Tanzmeister zu entlassen, und hatte eine sehr geschickte Tänzerin aus ihr gemacht. Als ich am zehnten oder zwölften Tage ihr gerade ihre Lektion geben wollte, blieb ihr plötzlich der Atem fort, und sie sank wie tot in meine Arme. Ich bekam einen heftigen Schreck; ihre Mutter aber, die daran gewöhnt war, sie in solchem Zustande zu sehen, ließ sofort den Bader holen, und ihre Schwester schnürte ihr das Mieder auf. Die Festigkeit ihres Busens, der keiner Farbe bedurfte, um vollendet schön zu sein, entzückte mich. Ich bedeckte ihr die Brust, indem ich ihr sagte, der Chirurg würde die Ader nicht richtig treffen, wenn er sie so entblößt sehe. Als sie aber fühlte, daß ich voll Entzückens meine Hand auf ihrem Busen liegen ließ, stieß sie mich sanft zurück und sah mich dabei mit einem sterbenden Blick an, der auf mich den tiefsten Eindruck machte. Der Bader kam und öffnete ihr eine Ader am Arm. Fast augenblicklich kam sie wieder zur Besinnung. Ihr waren höchstens vier Unzen Blut abgezapft worden; als nun ihre Mutter mir sagte, daß man ihr niemals mehr abzöge, sah ich, daß das Wunder nicht so groß war, wie Righellini behauptete: denn indem er ihr auf diese Weise zweimal wöchentlich zur Ader ließ, zapfte er ihr jeden Monat drei Pfund Blut ab: dies war die Blutmenge, die sie auf natürliche Weise verloren haben würde, wenn nicht die Gefäße verstopft gewesen wären. Die Natur, die stets auf ihre Erhaltung bedacht ist, bedrohte sie mit dem Tode, wenn man nicht so schnell wie möglich durch ein künstliches Mittel das Gleichgewicht wieder herstellte. Kaum war der Wundarzt fort, so sagte sie mir zu meinem großen Erstaunen: wenn ich einen Augenblick im Saal warten wollte, würde sie gleich kommen, um zu tanzen. Sie kam wirklich und tanzte, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre. Ihr Busen, dessen Schönheit zwei meiner Sinne sicher bezeugen konnten, hatte mich vollends entflammt. Mit Einbruch der Nacht kam ich wieder nach Hause und fand sie mit ihrer Schwester in ihrem Zimmer. Sie sagte mir, sie erwarte ihren Paten, der ein intimer Freund ihres Vaters gewesen sei und seit achtzehn Iahren jeden Abend eine Stunde bei ihnen verbringe. »Wie alt ist er?« »Uber die fünfzig hinaus.« »Ist er verheiratet?« »Ia; es ist der Graf Securo. Er liebt mich wie ein zärtlicher Vater, mit derselben zärtlichen Liebe, die er mir zeigte, als ich noch ein Kind war. Auch seine Frau kommt zuweilen und lädt mich zum Essen ein. Nächsten Herbst werde ich mit ihr aufs Land gehen, und ich hoffe, die gute Luft, die man dort atmet, soll mir gut tun. Mein Pate weiß, daß Sie bei uns wohnen, und ist damit einverstanden. Er kennt Sie nicht, aber wenn Sie wünschen, werden Sie seine Bekanntschaft machen.« Ihre Mitteilung machte mir Vergnügen, denn ich wurde dadurch in alles eingeweiht, ohne daß ich indiskrete Fragen zu stellen brauchte. Die Freundschaft des griechischen Grafen war offenbar eine Art Liebe. Er war der Mann der Gräfin S., die mich zwei Iahre vorher in das Kloster Murano eingeführt hatte. Ich fand den Grafen sehr höflich. Er dankte mir in väterlichem Tone für die Freundschaft, die ich seinem Patenkinde widmete, und bat mich, ihm das Vergnügen zu machen, am nächsten Tage mit ihm in seinem Hause zu speisen; er würde die Ehre haben, mich seiner Frau vorzustellen. Ich nahm die Einladung mit Vergnügen an; denn ich liebte Theateraffekte, und mein Zusammentreffen mit der Gräfin versprach mir einen sehr interessanten. Die Einladung war ein Zeichen von vornehmer Gesinnung, und meine schöne Schülerin war sehr erfreut, als ich nach dem Fortgehen des Grafen ihr sein Lob sang. »Mein Pate«, sagte sie mir, »hat alle erforderlichen Dokumente in den Händen, um sich von dem Hause Persico das Erbgut meiner Familie, das sich auf 40000 Silberdukaten beläuft, ausbezahlen zu lassen. Der vierte Teil dieser Summe gehört mir, und meine Mutter hat meiner Schwester und mir versprochen, ihren Anteil unter uns zu teilen.« Ich sah also, daß das Mädchen dem Manne, der sie heiraten würde, 15000 venetianische Silberdukaten mitbrachte. Ich erriet, daß das junge Mädchen durch ihr Vermögen mein Interesse erregen und daß sie mich verliebt machen wollte, indem sie mit ihren Gunstbezeigungen geizte; denn als ich mir einige Freiheiten erlaubte, verwies sie mir diese mit einem Tadel, worauf ich nicht zu antworten wagte. Aber ich nahm mir vor, sie auf andere Gedanken zu bringen. Am anderen Tage begleitete ich sie zu ihrem Paten, ohne ihr vorher zu sagen, daß ich die Gräfin bereits kannte. Ich glaubte, die Dame werde tun, wie wenn sie mich nicht kenne; aber ich irrte mich, denn sie empfing mich auf das freundlichste wie einen alten Bekannten. Dies überraschte offenbar den Grafen, aber er war zu sehr Weltmann, um sich seine Überraschung merken zu lassen. Immerhin fragte er sie, wo sie meine Bekanntschaft gemacht habe, und sie antwortete ihm mit weiblicher Schlagfertigkeit ohne die mindeste Verlegenheit, wir hätten uns vor ein paar Jahren auf der Mira gesehen. Damit war dies erledigt, und wir verbrachten den Tag in fröhlicher Geselligkeit. Gegen Abend nahm ich eine Gondel und fuhr mit dem Fräulein nach Hause. Um die Sache zu beschleunigen, erlaubte ich mir einige Liebkosungen. Es ärgerte mich, daß sie mir mit Vorwürfen darauf antwortete, und ich stieg daher nicht mit ihr aus, sondern fuhr weiter zu Tonina, bei der ich fast die ganze Nacht zubrachte, da der Gesandte erst sehr spät kam. Am anderen Morgen stand ich sehr spät auf, und es gab daher keine Tanzstunde; als ich sie nachher deshalb um Entschuldigung bitten wollte, sagte sie mir, ich möchte mir nur ja keinen Zwang antun. Am Abend saß ich bis tief in die Nacht hinein auf dem Balkon ; aber die Schöne kam nicht. Diese zur Schau getragene Gleichgültigkeit ärgerte mich; ich stand am anderen Morgen in aller Frühe auf, ging aus und kam erst nachts nach Hause. Sie war auf dem Balkon, aber ich hielt mich in respektvoller Entfernung und machte nur gleichgültige Bemerkungen. Am Morgen weckte mich ein lauter Lärm; ich stand auf, zog in aller Eile meinen Schlafrock an und lief in ihr Zimmer, um zu sehen, was es gäbe: ich fand sie sterbend. Ich brauchte nicht zu heucheln, um ihr Teilnahme zu bezeugen, denn ich empfand solche von ganzem Herzen. Wir waren im Anfang des Juli, die Hitze war sehr stark, und meine schöne Kranke war nur von einem dünnen Bettuch bedeckt. Sie konnte nur mit ihren Augen zu mir sprechen; aber in diesen lag, trotz ihrer Erschöpfung, etwas so Zärtliches! Ich fragte sie, ob sie Herzklopfen habe; gleichzeitig legte ich meine Hand auf ihr Herz, und meine Lippen drückten einen heißen Kuß auf ihre Brust. Dies war der zündende Funke: ihr Mund stieß einen Seufzer aus, der ihr wohl tat. Sie hatte nicht die Kraft, meine Hand wegzustoßen, die ich liebend auf ihr Herz preßte. Hierdurch ermutigt, drücke ich meine glühenden Lippen auf ihren sterbenden Mund, erwärme sie mit meinem Atem, und meine kecke Hand gleitet bis an das Heiligtum des Glücks. Sie machte eine Anstrengung, um mich zurückzustoßen. Ihre Stimme konnte nicht sprechen, aber ihr Auge sagte mir, wie tief sie sich beleidigt fühlte. Ich zog meine Hand zurück, und im selben Augenblick trat der Wundarzt ein. Kaum war die Ader geöffnet, so atmete sie wieder, und als die Operation fertig war, wollte sie aufstehen. Ich bat sie, im Bett liegen zu bleiben, und ihre Mutter schloß sich mir an. Endlich gelang es mir, sie zu überreden, indem ich ihr sagte, ich würde keinen Augenblick von ihr gehen und würde mir mein Essen an ihr Bett bringen lassen. Sie zog nun ein Mieder an und bat ihre Schwester, eine Taffetdecke über sie zu breiten, denn man sah sie wie durch einen Kreppschleier hindurch. Nachdem ich mein Essen bestellt hatte, setzte ich mich neben ihr Bett, ergriff ihre Hand und bedeckte diese mit Küssen. Ich sagte ihr, ich wüßte bestimmt, daß sie genesen würde, wenn sie lieben könnte. »Ach!« seufzte sie, »wen könnte ich wohl lieben, da ich doch nicht sicher bin, wiedergeliebt zu werden.« Ich ließ mir dieses Stichwort nicht entgehen und bestürmte sie mit galanten Worten, auf die mir ein leiser Seufzer und ein verstohlener liebender Blick antworteten. Ich legte meine Hand auf ihr Knie und bat sie, sie möchte mir erlauben, sie dort liegen zu lassen; dafür versprach ich ihr, nicht mehr verlangen zu wollen. Allmählich aber näherte ich mich dem Mittelpunkt und suchte ihr ein angenehmes Gefühl zu bereiten. »Oh, lassen Sie mich!« sagte sie voll Gefühl, indem sie sich zugleich zurückzog. »Vielleicht ist gerade das die Ursache meiner Krankheit.« »Nein, meine Freundin, nein!« sagte ich feurig zu ihr; »das kann nicht sein!« Und mein Mund erstickte auf ihren Lippen den Einwand, den sie mir machen wollte. Ich war innerlich entzückt, denn dieses Geständnis öffnete mir den Weg, und ich sah den Augenblick des Glückes nahe; ich fühlte mich sicher, sie heilen zu können, wenn der Doktor sich nicht über die Natur des Heilmittels täuschte. Ich schonte ihr Schamgefühl, indem ich mich unbescheidener Fragen enthielt; aber ich erklärte ihr meine Liebe, indem ich ihr versprach, nichts von ihr zu verlangen, als was sie selber für angebracht halten würde, um meiner Zärtlichkeit neue Nahrung zu geben. Man trug mir ein sehr gutes Essen auf, dem auch sie alle Ehre antat; hierauf sagte sie mir, sie fühle sich vollständig wohl; sie stand auf, und ich kleidete mich zum Ausgehen an. Als ich am Abend früh nach Hause kam, fand ich sie auf meinem Balkon. Ich saß ihr ganz dicht gegenüber, und wir beide sprachen nur mit Blicken und Seufzern. Indem ich begehrende Blicke über ihre Reize schweifen ließ, die durch Phoebes Licht noch anziehender wurden, teilte ich ihr die Glut mit, die mich verzehrte. Ich drückte sie liebend gegen meine Brust, und sie machte mich mit so viel Feuer und Hingebung glücklich, daß sie offenbar mehr eine Gunst zu empfangen, als mir eine zu gewähren glaubte. Ich vollzog das Opfer, ohne den Altar mit Blut zu beflecken. Als ihre Schwester kam und ihr sagte, es sei schon spät, antwortete sie ihr: »Geh zu Bett; die frische Nachtluft tut mir wohl, ich will sie noch ein wenig genießen.« Als wir allein waren, gingen wir zu Bett, wie wenn wir es seit Iahr und Tag so gewohnt wären. Wir verbrachten eine köstliche Nacht: mich belebte die Liebe und der Wunsch, sie gesund zu machen, sie aber die glühendste Wollust und die zärtlichste Dankbarkeit. Mit Tagesanbruch stand sie auf und ging in ihr Schlafzimmer, um sich in ihrem eigenen Bett auszuruhen, nachdem sie mich noch einmal mit tiefem Gefühl und unter Freudentränen umarmt hatte. Ich hatte ebenso wie sie Ruhe nötig, und infolgedessen fiel die Tanzstunde aus. Obgleich das reizende Mädchen im Augenblick des Genusses zu besinnungsloser Verzückung fortgerissen wurde, ließ ich doch nicht einen Augenblick die Vorsicht außer acht. Drei Wochen hintereinander hatten wir die köstlichsten Nächte, und ich hatte das Glück, sie völlig geheilt zu sehen. Ohne Zweifel würde ich sie geheiratet haben, wenn mir nicht gegen Ende desselben Monats ein Unglück zugestoßen wäre. Du wirst dich, lieber Leser, eines satirischen Roman es vom Abbate Chiari erinnern, den Herr Murray mir gegeben hatte; der Verfasser hatte mich darin ziemlich schlecht behandelt. Dieser Abbate Chiari war nicht besser oder vielleicht noch schlechter als seine meisten Kollegen. Ich hatte keinen Anlaß, mit ihm zufrieden zu fein, und hatte mich in diesem Sinne so offen ausgesprochen, daß der Herr Abbate Angst vor einer Tracht Prügel hatte und sich sehr in acht nahm. Etwa um diese Zeit bekam ich einen anonymen Brief. Man schrieb mir: anstatt an eine Züchtigung des Abbate zu denken, täte ich viel besser, an mich selber zu denken, denn ich würde von einem nahen Unglück bedroht. Man muß anonyme Briefschreiber verachten, aber man muß sich die Ratschläge, die man auf solche Art erhält, zuweilen zunutze zu machen wissen. Ich tat das nicht, und das war sehr unrecht von mir. Um diese Zeit machte ein gewisser Manuzzi meine Bekanntschaft, indem er sich erbot, mir Diamanten auf Kredit zu verschaffen, was mich veranlaßte, ihn in meiner Wohnung zu empfangen. Er war früher Steinschneider und jetzt Spion und Werkzeug der Staatsinquisitoren, im übrigen mir völlig unbekannt. Bei seinem Besuch sah er mehrere Bücher, die in meinem Zimmer herumlagen, unter anderen auch Handschriften, die von Magie handelten. Dummerweise machte seine Überraschung mir Spaß, und ich zeigte ihm meine Bücher, die den Verkehr mit den elementaren Geistern betrafen. Meine Leser werden wohl so freundlich sein, mir zu glauben, daß ich an die Wissenschaft dieser alten Scharteken nicht im geringsten glaubte; aber ich hatte sie und belustigte mich daran, wie man sich eben an den tausend Dummheiten belustigt, die aus hohlen Köpfen entsprungen sind. Einige Tage darauf kam der Verräter wieder und sagte mir, ein Neugieriger, den er mir nicht nennen könne, sei bereit, mir tausend Zechinen für meine fünf Bücher zu geben, aber er wolle sie vorher sehen, um zu wissen, ob sie echt seien. Da er sich verpflichtete, sie mir binnen vierundzwanzig Stunden zurückzubringen, und ich mir im Grunde gar nichts aus ihnen machte, vertraute ich sie ihm an. Er brachte sie mir wirklich am anderen Tage zurück, sagte mir aber, der Liebhaber halte sie für gefälscht. Einige Jahre später habe ich erfahren, daß er sie zum Sekretär der Staatsinquisitoren gebracht hatte, die auf diese Weise erfuhren, daß ich ein großer Zauberer wäre. In diesem verhängnisvollen Monat traf alles zusammen, um mich zu vernichten: Frau Memmo, die Mutter der Herren Andrea, Bernardo und Lorenzo Memmo, hatte sich in den Kopf gesetzt, daß ich ihre Söhne zum Atheismus verführte. Sie wandte sich an den alten Ritter Antonio Mocenigo, den Oheim des Herrn von Bragadino. Dieser konnte mich nicht leiden, weil ich nach seiner Behauptung seinen Neffen mit Hilfe meiner Kabbala verführt hätte. Die Sache war ernst und ein Auto da F['e] sehr wohl möglich, denn hier kam das heilige Officium in Betracht, und das ist eine Art von wildem Tier, mit dem man besser nichts zu tun hat. Da es ihm doch schwierig war, mich in die geistigen Gefängnisse der heiligen Inquisition einsperren zu lassen, so entschloß man sich, den Fall vor die Staatsinquisitoren zu bringen, und diese übernahmen es, einstweilen einmal Erkundigungen über meinen Lebenswandel einzuziehen. Antonio Condulmer, mein Feind in seiner Eigenschaft als Freund des Abbaten Chiari, war damals roter Staatsinquisitor; er benutzte die Gelegenheit, um mich als Störer der öffentlichen Ordnung hinzustellen. Ein Gesandtschaftssekretär, den ich einige Jahre später kennen lernte, hat mir erzählt, ein bezahlter Angeber und zwei Zeugen, die jedenfalls im Solde des gestrengen Tribunals standen, hätten mich angeklagt, nur an den Teufel zu glauben – wie wenn ein solcher alberner Glaube, falls er überhaupt existieren konnte, nicht mit Notwendigkeit den Glauben an Gott zur Voraussetzung hätte! Die drei Ehrenmänner versicherten unter ihrem Eide: wenn ich im Spiel verlöre, hörte man mich niemals Verwünschungen gegen den Teufel ausstoßen, während doch in solchem Augenblick alle gläubigen Christen zu fluchen pflegten. Außerdem wurde ich beschuldigt, ich äße alle Tage Fleisch, ginge nur an den hohen Feiertagen zur Messe und stände in dringendem Verdacht, der Freimaurerei anzugehören. Außerdem verkehre ich mit fremden Gesandten, und da ich mit drei Patriziern znsammenwohne, so sei es sicher, daß ich ihnen alle möglichen Staatsgeheimnisse entlocke und diese für das viele Geld verkaufe, das man mich verlieren sehe. Diese Beschuldigungen, von denen keine einzige begründet war, dienten dem gestrengen Tribunal als Vorwand, um mich als Feind des Vaterlandes und Verschwörer ersten Ranges zu behandeln. Seit mehreren Wochen wurde mir von Personen, denen ich hätte Vertrauen schenken müssen, der Rat gegeben, eine Reise ins Ausland zu machen, weil das Tribunal sich mit mir beschäftige. Dies besagte schon genug; denn in Venedig können nur die in Frieden leben, deren Existenz dem furchtbaren Gerichtshof unbekannt ist. Ich schlug jedoch starrköpfig alle Warnungen in den Wind. Wenn ich auf die Winke gemerkt hätte, die man mir gab, so wäre ich unruhig gewesen, und ich war ein Feind jeder Unruhe. Ich sagte mir: ich habe keine Gewissensbisse, also bin ich auch nicht schuldig, und wenn ich unschuldig bin, brauche ich keine Furcht zu haben. Ich war ein Dummkopf: so konnte wohl ein freier Mensch denken, aber in Venedig gab es keine freien Menschen. Was mich, ich kann es nicht leugnen, außerdem zum großen Teil davon abhielt, an ein mögliches Unglück zu denken, war das wirkliche Unglück, das mich Tag und Nacht verfolgte. Ich verlor Tag für Tag; ich hatte überall Schulden; ich hatte alle meine Kostbarkeiten versetzt, sogar meine Tabaksdosen, aus denen ich allerdings vorsichtigerweise die Porträts herausgenommen hatte. Diese hatte ich meiner Freundin, Frau Manzoni, anvertraut, die mir auch meine wichtigen Papiere und meine Liebesbriefe aufbewahrte. Ich bemerkte, daß man mir auswich. Ein alter Senator sagte mir eines Tages, man wisse, daß die junge Gräfin Bonafede infolge eines ihr von mir eingegebenen Liebestrankes wahnsinnig geworden sei. Sie war noch im Hospital und in ihren Wahnsinnsanfällen rief sie unter Verwünschungen unaufhörlich meinen Namen. Ich muß meinen Lesern diese Geschichte kurz erzählen: Diese junge Gräfin Bonafede, der ich wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Venedig einige Zechinen geschenkt hatte, wünschte mich zu veranlassen, ihr noch weitere Besuche zu machen, weil sie daraus großen Nutzen gezogen haben würde. Sie belästigte mich mit ihren Briefen, und ich hatte sie noch mehrere Male besucht und jedesmal einige Zechinen dortgelassen; ich hatte mich jedoch, mit Ausnahme des erstenmals, niemals dazu herbeigelassen, zärtlich mit ihr zu sein. Dann waren schon ein Jahr lang alle ihre Versuche an meiner Gleichgültigkeit abgeprallt. Da verfiel sie auf einen verbrecherischen Plan, dessen ich sie allerdings niemals habe überführen können, den ich ihr jedoch mit Fug und Recht zuschreiben darf. Sie schrieb mir einen Brief und bat mit hübschen Worten, sie wegen einer wichtigen Angelegenheit zu einer bestimmten Stunde zu besuchen. Aus Neugier, sowohl wie im Wunsch, ihr nützlich zu sein, ging ich hin; sobald sie mich eintreten sah, fiel sie mir um den Hals und sagte, die wichtige Angelegenheit sei die Liebe. Ich lachte herzlich darüber, und es gefiel mir, daß sie reinlicher war; denn infolgedessen kam sie mir auch hübscher vor. Sie brachte das Gespräch auf unsere Erlebnisse im Fort Sant André und wußte mich so lebhaft anzuregen, daß ich Lust bekam, ihren Wunsch zu erfüllen. Ich legte meinen Mantel ab und fragte sie, ob ihr Vater zu Hause sei. »Er ist ausgegangen,« antwortete sie. Ich mußte einen Augenblick hinausgehen; als ich zurückkam, irrte ich mich in der Tür und betrat das Nebenzimmer, wo ich zu meiner Überraschung den Grafen und zwei sehr übelaussehende Burschen erblickte. »Mein lieber Graf,« sagte ich zu ihm, »Ihre Tochter sagte mir soeben, Sie seien nicht zu Hause.« »Diesen Auftrag habe ich ihr gegeben, weil ich mit den Herren hier ein Geschäft abzumachen habe; ich werde es indessen an einem anderen Tage erledigen.« Ich wollte gehen, aber er schickte die beiden Menschen fort und behielt mich zurück. Er sagte mir, er sei entzückt, mich zu sehen, und begann dann mir die Geschichte von all seinem Elend zu erzählen – denn dieses war mehr als von einer Art. Die Staatsinquisitoren hatten ihm die bescheidene Pension entzogen, die er bis dahin gehabt hatte; er sah die Aussicht vor sich, mit seiner Familie auf die Straße gesetzt zu werden und um das tägliche Brot betteln zu müssen. Er sagte mir, er habe seit drei Jahren seinem Hauswirt nichts geben können; aber wenn er ihm nur ein Vierteljahr bezahlen könnte, so würde er einen Aufschub erhalten. Sollte jedoch der Hauswirt trotzdem darauf bestehen, so würde er während der Nacht ausrücken und anderswo eine Wohnung nehmen. Da es sich nur um zwanzig Dukaten Kurant handelte, zog ich sechs Zechinen aus der Tasche und gab sie ihm. Er umarmte mich unter Freudentränen, nahm seinen armseligen Mantel, rief seine Tochter, sagte ihr, sie möchte mir Gesellschaft leisten, und ging. Als ich mit der Gräfin allein war, untersuchte ich die Verbinddungstür zu dem Zimmer, worin ich vorhin mit ihr gewesen war, und entdeckte, daß sie nur angelehnt war. »Ihr Vater«, sagte ich zu ihr, »würde mich überrascht haben, und es läßt sich ja leicht erraten, was er und die beiden Sbirren, die bei ihm waren, getan haben würden. Das Komplott liegt klar zutage, und ich bin ihm nur durch einen sehr glücklichen Zufall entgangen.« Sie leugnete, weinte, schwor bei Gott und allen Heiligen, warf sich auf die Knie. Ich wandte den Kopf ab, nahm meinen Mantel und ging, ohne ein Wort zu sagen. Sie schrieb mir fortwährend Briefe, aber diese blieben unbeantwortet, und ich ging nicht mehr zu ihr. Es war im Sommer; die Hitze, die Leidenschaft, der Hunger und das Elend verdrehten ihren Kopf: sie wurde wahnsinnig und lief eines Tages um die Mittagsstunde nackt auf den Petersplatz und bat die Leute, die sie anhielten, sie möchten sie zu mir führen. Diese elende Geschichte wurde in der ganzen Stadt herumgebracht und bereitete mir viel Verdruß. Man sperrte die arme Unglückliche ein, und sie bekam erst fünf Jahre später ihre Vernunft wieder. Als sie aus dem Spital entlassen wurde, sah sie sich in die traurige Notwendigkeit versetzt, auf den Straßen zu betteln. Dasselbe Los hatten alle ihre Brüder, mit Ausnahme des ältesten, den ich zwölf Jahre später als gewöhnlichen Kadetten in der Garde des Königs von Spanien in Madrid wiederfand. Zu der Zeit, von der ich jetzt erzähle, war die Geschichte mit der jungen Gräfin schon ein Jahr alt; da aber für die bösen Absichten meiner Feinde auch ein bißchen zuviel nicht schaden konnte, so grub man die Geschichte aus der Vergessenheit wieder aus und schmückte sie mit Aufgebot aller Phantasie auf das schönste aus. So zogen sich immer schwerer die Wolken zusammen, aus denen der zerschmetternde Blitz auf mich hernieder fahren sollte. Im Juli 1755 erteilte das furchtbare Tribunal dem Messer-Grande den Befehl, sich meiner Person lebend oder tot zu versichern. So lautete die wilde Formel aller Verhaftbefehle von dem gestrengen Triumvirat; denn der geringste seiner Befehle enthält die Androhung der Todesstrafe für den Übertreter. Drei oder vier Tage vor meinem Namenstage, dem Jakobstag, schenkte M. M. mir mehrere Ellen Silberspitzen, um damit einen Taffetrock zu besetzen, den ich zu meinem Namenstage zum erstenmal anziehen wollte. Ich besuchte sie in meinem schönen neuen Anzug und sagte ihr, ich würde am nächsten Tage wiederkommen und sie bitten, mir Geld zu leihen; denn ich wußte nicht mehr, was ich anfangen sollte, um welches aufzutreiben. Sie besaß noch die fünfhundert Zechmen, die sie beiseite gelegt hatte, als ich ihre Diamanten verkaufte. Da ich sicher war, am nächsten Tage Geld zu bekommen, spielte ich die ganze Nacht hindurch und verlor fünfhundert Zechinen auf Wort. Mit Tagesanbruch fühlte ich das Bedürfnis, mich zu beruhigen, und ging nach der Erberia am Großen Kanal, der die Stadt durchfließt. Es ist der Gemüse-, Obst- und Blumenmarkt. An jedem einigermaßen schönen Morgen gehen viele Mitglieder der guten Gesellschaft auf der Erberia spazieren. Sie tun dies angeblich, um das Vergnügen zu haben, die Hunderte von Kähnen ankommen zu sehen, die mit Gemüsen, Obst und Blumen von den zahlreichen Inseln in der Nachbarschaft der Stadt kommen; aber jedermann weiß, daß es lauter junge Herren und Damen sind, die die Nacht mit den Freuden der Liebe oder der Tafel verbracht, oder die durch Unglück oder Unvorsichtigkeit und Spiel ihre letzte Hoffnung verloren haben: diese kommen hierher, um eine freiere Luft zu atmen und ihre Erregung zu besänftigen. Daß man an diesem Spaziergang Gefallen findet, beweist, wie sehr der Charakter einer Nation sich ändern kann. Die Venezianer von einst, die ebenso geheimnisvoll in ihrer Galanterie wie in ihrer Politik waren, sind von den Modernen verdrängt worden, die gerade daran Geschmack finden, daß sie alles vor der Öffentlichkeit betreiben. Die Kavaliere, die in Gesellschaft von Damen dorthinkommen, wollen den Neid ihrer Kameraden erregen, indem sie ihre Liebeserfolge zur Schau stellen. Wer allein kommt, fucht etwas zu entdecken oder andere eifersüchtig zu machen. Die Damen kommen eigentlich nur, um sich sehen zu lassen; ihnen ist es ganz recht, wenn alle Welt erfährt, daß sie sich nicht genieren. Übrigens kann an diesem Ort von Koketterie nicht die Rede sein, denn die Kleider sind oft in bösem Zustand. Es sieht fast so aus, als hätten sich die Damen verabredet, recht unordentlich zu erscheinen, um dadurch den Zuschauern Stoff zu allerhand Mutmaßungen zu geben. Die Kavaliere, an deren Armen sie erscheinen, geben durch unordentlichen Anzug und nachlässige Haltung zu erkennen, daß die Galanterie gegen Damen eigentlich veraltet und lästig sei: man soll in der unordentlichen Kleidung ihrer Begleiterinnen ein Zeichen ihres Triumphes erblicken. Kurz, es ist sozusagen guter Ton, bei diesem Morgenspaziergang recht abgespannt auszusehen, wie wenn man es sehr nötig hätte, sich zu Bett zu legen. Diese wahrheitsgetreue Beschreibung wird dir, mein lieber Leser, keinen sehr hohen Begriff von den Sitten meiner Landsleute geben; aber warum sollte ich in meinem Alter nicht die Wahrheit sagen? Übrigens liegt Venedig ja nicht am anderen Ende der Welt; es ist ein recht bekannter Ort, den die meisten Fremden besuchen, die die Neugier nach Italien lockt, und ein jeder kann sagen, ob meine Schilderungen übertrieben sind. Nachdem ich eine halbe Stunde auf der Erberia herumspaziert war, ging ich nach Hause. Da ich glaubte, alles liege noch im Bett, zog ich meinen Schlüssel aus der Tasche, um die Haustür zu öffnen; aber zu meiner großen Überraschung erwies sich dies als überflüssig, denn die Tür war offen und noch dazu das Schloß erbrochen. Ich ging nach oben, trat ein und fand die Damen außer Bett. Meine Wirtin erging sich in bitteren Klagen. »Messer-Grande«, sagte sie mir, »ist mit einer Bande von Sbirren gekommen und mit Gewalt in mein Haus eingedrungen. Er hat das unterste zu oberst gekehrt, um, wie er sagte, einen Koffer voll Salz zu suchen.« Das Salzschmuggeln war streng verboten. Er wußte, daß am Tage vorher von einer Gondel ein Koffer gebracht worden war. Dies war auch richtig, aber dieser Koffer gehörte dem Grafen Securo und enthielt nur Wäsche und Kleider. Nachdem Messer-Grande diesen Koffer gesehen, war er gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Er hatte auch mein Zimmer durchsucht. Sie sagte mir, sie verlange unbedingt eine Genugtuung. Damit hatte sie meiner Meinung nach recht, und ich versprach ihr, noch an demselben Tage mit Herrn von Bragadino darüber zu sprechen. Da ich sehr ruhebedürftig war, legte ich mich zu Bett; aber eine innere Unruhe, die ich dem im Spiel erlittenen Verlust zuschrieb, verhinderte mich am Einschlafen. Darum stand ich nach drei oder vier Stunden auf und ging zu Herrn von Bragadino. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und bat ihn, nachdrücklich eine eklatante Genugtuung zu fordern. Ich trug ihm lebhaft die Gründe vor, warum meine ehrenwerte Wirtin eine Genugtuung wünschte, die der Beleidigung angemessen war; denn die Gesetze mußten doch jeder Familie von untadelhafter Aufführung ihre Ruhe verbürgen. Meine Rede machte die drei Freunde sehr traurig, und der weise Greis sagte mir mit ruhiger aber nachdenklicher Miene, er würde mir nach Tische antworten. De la Haye speiste mit uns, aber er sprach während der ganzen Mahlzeit, die sehr traurig verlief, nicht ein einziges Wort. Sein Schweigen hätte mir bedeutsam erscheinen müssen, wenn ich nicht unter der Herrschaft eines bösen Geistes gestanden wäre, der mich verhinderte, von meiner gewöhnlichen Vernunft Gebrauch zu machen. Die Traurigkeit meiner drei Freunde schrieb ich der Freundschaft zu, die sie für mich empfanden. Meine Verbindung mit diesen drei ehrwürdigen Herren war stets für die ganze Stadt ein Gegenstand der Verwunderung gewesen. Alle waren sich darüber einig, daß die Sache nicht mit richtigen Dingen zugehen konnte, und so mußte denn irgendeine Zauberei im Spiel sein. Die drei Herren waren über alle Maßen tugendhaft und fromm: ich dagegen war nichts weniger als fromm, und es gab in Venedig keinen entschiedeneren Wüstling als mich. »Die Tugend«, sagte man, »kann wohl nachsichtig gegen das Laster sein, aber sie kann nicht ein Bündnis mit ihm schließen.« Nach dem Essen nahm Herr von Bragadino mich und seine beiden Freunde, die bei solchen Anlässen nicht fehlen durften, mit sich in sein Arbeitszimmer. Er sagte mir sehr ruhig: statt an Rache für den Schimpf zu denken, den Messer-Grande dem Hause angetan hätte, worin ich wohnte, sollte ich lieber darauf bedacht sein, mich in Sicherheit zu bringen. »Der Koffer voll Salz oder Gold ist nur ein Vorwand, mein lieber Freund; ohne Zweifel suchte man dich und glaubte dich zu finden. Da dein Schutzgeist es so gefügt hat, daß man dich verfehlte, so rette dich; morgen wird vielleicht keine Zeit mehr dazu sein. Ich bin acht Monate Staatsinquisitor gewesen und kenne den Stil, in welchen das Tribunal bei Verhaftungen verfährt. Man schlägt keine Türen ein, um einen Koffer voll Salz zu suchen. Vielleicht hat man gar gewußt, daß du nicht zu Hause warst, und ist deshalb hingegangen, um dir Zeit zur Flucht zu geben. Glaube meinem Rat, mein lieber Sohn: Fahre augenblicklich nach Fusina und reise von dort so schnell wie möglich nach Florenz. Dort bleibe, bis ich dir schreibe, daß du ohne Gefahr zurückkehren kannst. Solltest du kein Geld haben, so werde ich dir einstweilen hundert Zechinen geben. Sei vernünftig! Die Klugheit verlangt, daß du sofort abfährst.« In meiner Verblendung antwortete ich ihm, ich sei mir keiner Schuld bewußt und könne daher das Tribunal nicht fürchten; folglich könne ich auch seinen Rat nicht befolgen, obgleich ich diesen als sehr weise anerkenne. »Das gestrenge Tribunal«, antwortete er mir, »kann dich schuldig finden, ohne dir darüber Rechenschaft abzulegen. Frage dein Orakel, ob du meinen Rat befolgen sollst oder nicht!« Diese Mühe ersparte ich mir, weil ich die Lächerlichkeit meines Orakels am besten selber erkannte; doch sagte ich meinem Vater, um meine Weigerung zu mildern, ich befrage mein Orakel nur, wenn ich im Zweifel wäre. Endlich führte ich als letzten Grund an, durch meine Abreise würde ich ein Zeichen von Furcht geben und dadurch mich schuldig bekennen; denn ein Unschuldiger könne keine Gewissensbisse und folglich vernünftigerweise auch keine Furcht haben. Ich sagte zu ihm: »Wenn Schweigen die Seele des gestrengen Tribunals ist, so wird es Ihnen nach meiner Abreise unmöglich sein, zu erfahren, ob ich gut oder schlecht daran getan habe, die Flucht zu ergreifen. Dieselbe Vorsicht, die nach der Meinung Eurer Exzellenz mir abzureisen gebietet, wird mich verhindern, zurückzukehren. Soll ich also meiner Vaterstadt und allem, was mir teuer ist, auf ewig Lebewohl sagen? Nun machte er noch einen letzten Versuch und bot alles auf, um mich zu überreden, zum mindesten den Tag und die nächste Nacht in seinem Palazzo zu verbringen. Ich schäme mich noch heute, dem würdigen Greis, dem ich so viel Liebe und Dankbarkeit schuldete, diese Bitte abgeschlagen zu haben; denn der Palast eines Patriziers ist für die Häscher geheiligt; sie würden niemals wagen, die Schwelle eines solchen ohne ausdrücklichen Befehl des Tribunals zu überschreiten, und solcher Befehl wird niemals gegeben. Ich wäre also einem großen Unglück entgangen und hätte dem würdigen alten Herrn einen tiefen Kummer erspart. Ich war gerührt, als ich Herrn von Bragadino weinen sah, und vielleicht hätte ich seinen Tränen doch noch gewährt, was ich seinen Bitten und Vernunftgründen hartnäckig verweigert hatte. »Ich bitte Sie,« rief ich aus, »ersparen Sie mir den herzzerreißenden Anblick Ihrer Tränen!« Sofort nahm er alle seine Kraft zusammen. Er machte nur noch einige nebensächliche Bemerkungen, dann umarmte er mich mit einem Lächeln der Güte und sagte zu mir: »Vielleicht, mein Freund, ist es mir nicht mehr beschieden, dich zu sehen; aber Fata viam inveniunt – das Schicksal weist den Weg.« Ich umarmte ihn zärtlich und ging. Seine Voraussage traf ein, denn ich habe ihn nicht wiedergesehen; er starb elf Jahre darauf. Ich ging durch die Straßen, ohne die geringste Furcht zu empfinden, aber ich machte mir große Sorgen um meine Schulden. Ich hatte nicht den Mut, nach Murano zu gehen und M. M. ihre letzten fünfhundert Zechinen abzunehmen, die ich dann sofort an den Herrn hätte bezahlen müssen, der sie während der letzten Nacht mir abgewonnen hatte. Ich zog es vor, ihn um acht Tage Frist zu bitten, und ich tat wohl daran. Nachdem ich diesen peinlichen Besuch gemacht hatte, ging ich nach Hause. Ich tröstete meine Wirtin mit allen Gründen, die ich ausfindig machen konnte; dann umarmte ich ihre Tochter und ging zu Bett. Dies war am Abend des 25. Juni 1755. Und am Morgen des nächsten Tages betrat der schreckliche Messer-Grande mein Zimmer. Ich erwachte, sah ihn und hört ihn fragen, ob ich Giaccomo Casanova sei. »Ja, ich bin Casanova.« Er befahl mir, aufzustehen, mich anzukleiden und alles zu übergeben, was ich an eigenen und fremden Schriften hätte, und ihm zu folgen. »In wessen Auftrag geben Sie mir diesen Befehl?« »Im Auftrage des Tribunals.« Achtundzwanzigstes Kapitel Unter den Bleidächern. – Erdbeben. Wie kommt es, daß gewisse Worte eine eigentümliche Herrschaft auf die Seele ausüben? Wer kann diese Erscheinungen erklären? Noch am Tage vorher hatte ich mich so sehr mit meinem Mut gebrüstet und mich auf meine Unschuld berufen, aber das Wort Tribunal versteinerte mich, und ich hatte nur noch so viel Kraft, um mechanisch gehorchen zu können. Mein Sekretär stand offen; alle meine Papiere lagen auf einem Tisch, den ich zum Schreiben benutzte. »Nehmen Sie!« sagte ich zum Sendboten des furchtbaren Gerichtshofes, indem ich mit der Hand auf die Papiere zeigte, die den Tisch bedeckten. Er füllte damit einen Sack, den er einem Sbirren gab. Hierauf sagte er mir, ich hätte ihm auch die eingebundenen Manuskripte auszuliefern, die ich besitzen müßte, und ich zeigte ihm den Ort, wo sie lagen. Mir gingen die Augen auf. Ich sah jetzt klar und deutlich, daß der elende Manuzzi mich verraten hatte, der sich, wie ich vorhin erzählte, unter dem Vorwande, den Verkauf dieser Bücher vermitteln zu wollen, bei mir eingeschlichen hatte. Es waren der Schlüssel Salomonis, der Cecor-ben, die peccatrix, eine ausführliche Belehrung über die Planetenstunden, ferner die Beschwörungen, die erforderlich sein sollen, um mit den Dämonen der verschiedenen Rangstufen zu verkehren. Die Leute, welche wußten, daß ich diese Bücher besaß, hielten mich für einen großen Zauberer, und dies war mir nicht unangenehm. Messer-Grande nahm auch die Bücher, die ich auf meinem Nachttisch hatte, darunter Petrarca, Ariosto, Horaz, den Philosophe militaire, ein Manuskript, das Matilda Dieser Frauenname ist sehr rätselhaft; man möchte meinen, daß die Schenkerin des Manuskripts doch wohl nur M. M. sein könnte. Vielleicht war Matilda der Name, den sie in der Welt getragen hatte. Jedenfalls hieß sie im Kloster Maria Magdalena; dies steht durch das Zeugnis Bartholds, der in der Original-Handschrift die durchstrichenen, aber noch deutlich lesbaren Namen gesehen hat, unzweifelhaft fest. mir gegeben hatte, den Portier des Chartreux und den Aretin. Diesen hatte Manuzzi denunziert, denn Messer-Grande fragte mich ausdrücklich danach. Der Spion sah aus wie ein anständiger Mann, und dies ist eine notwendige Eigenschaft für das Geschäft, das er betrieb. Sein Sohn machte in Polen sein Glück, indem er eine Frau von Opeska heiratete, die er später ermordete. Dies behauptete man wenigstens. Beweise habe ich nicht dafür, und ich gehe sogar in der christlichen Liebe so weit, daß ich es nicht glaube, obgleich er der Tat sehr wohl fähig war. Während Messer-Grande meine Handschriften, Bücher und Briefe einheimste, zog ich mich mechanisch an, weder schneller noch langsamer als sonst. Ich wusch, rasierte und kämmte mich, zog ein Spitzenhemd und meinen schönen Anzug an. Und dies alles tat ich, ohne mir etwas dabei zu denken und ohne ein Wort zu sagen. Messer-Grande, der mich nicht einen Augenblick aus den Augen ließ, hatte nichts dagegen, daß ich mich anzog, wie wenn ich zu einer Hochzeit ginge. Als wir mein Zimmer verließen, sah ich zu meiner großen Überraschung etwa vierzig Sbirren im Vorzimmer: man hatte mir die Ehre erwiesen, diese Anzahl für notwendig zu halten, um sich meiner Person zu bemächtigen, während nach dem Satze: ne Hercules quidem contra duos , nur zwei nötig gewesen wären. Es ist eigentümlich, daß man in London, wo ein jeder tapfer ist, nur einen ausschickt, um einen Menschen zu verhaften, während man in meinem lieben Vaterlande, wo man im allgemeinen sehr feige ist, dreißig braucht. Vielleicht kommt es daher, daß ein Feigling als Angreifer mehr Furcht haben muß, als ein angegriffener Feigling; daher kann ein für gewöhnlich furchtsamer Mensch unter Umständen tapfer sein. Soviel ist sicher, daß man in Venedig oft einen einzelnen sich gegen zwanzig Sbirren verteidigen sieht, und daß er ihnen schließlich entrinnt, nachdem er sie tüchtig durchgebleut hat. Ich erinnere mich, daß ich in Paris einmal einem meiner Freunde half vierzig solchen Trabanten zu entkommen, und daß wir das ganze elende Gesindel in die Flucht schlugen. Messer-Grande ließ mich in eine Gondel steigen und setzte sich neben mich; vier Mann nahm er als Schutzwache mit. In seinem Hause angelangt, bot er mir Kaffee an, den ich ablehnte; dann schloß er mich in ein Zimmer ein. Hier schlief ich vier Stunden, wachte aber jede Viertelstunde auf, um Wasser zu lassen. Dies war eine eigentümliche Erscheinung; denn ich litt durchaus nicht an Harnzwang, es war sehr heiß, und ich hatte am Tage vorher zu Abend gespeist. Ich hatte früher einmal die Erfahrung gemacht, daß eine Überraschung durch eine Gewaltmaßregel auf mich wie ein starkes Betäubungsmittel wirkte; jetzt aber bemerkte ich, daß eine Überraschung noch höheren Grades harntreibend wirkte. Ich schenke diese Entdeckung den Ärzten: vielleicht gelingt es irgend einem Gelehrten, sie zur Erleichterung der Menschheit zu verwerten. In Prag mußte ich vor sechs Jahren herzlich lachen, als ich hörte, daß einige sehr zart besaitete Damen sich darüber entrüstet hätten, daß ich in meiner Flucht aus den Bleikammern, die ich damals bereits veröffentlichte, diese Einzelheit mitgeteilt hätte, die ich nach ihrer Meinung sehr gut hätte auslassen können. Vielleicht hätte ich sie aber auch ausgelassen, wenn ich einer Dame die Geschichte erzählt hätte; aber das Publikum ist keine hübsche Frau, die ich zu schonen wünschen könnte; meine Absicht zielt auf Belehrung. Übrigens sehe ich nichts Unpassendes bei der von mir berichteten Tatsache; denn Männer wie Frauen sind diesem Bedürfnis unterworfen, gerade so wie sie essen und trinken müssen; und wenn dabei etwas für empfindliche Nerven anstößig sein könnte, so wäre es höchstens der für unsere Eitelkeit peinliche Gedanke, daß wir dies Bedürfnis mit Kühen und Säuen gemein haben. Gegen drei Uhr trat der Sbirrenhäuptling ein und sagte mir, er habe Befehl, mich unter die Bleidächer zu bringen. Ohne ein Wort zu sagen, folgte ich ihm. Wir stiegen in eine Gondel und fuhren auf tausend Umwegen durch die kleinen Kanäle nach dem Großen Kanal. Am Gefängniskai stiegen wir aus. Nachdem wir mehrere Treppen hinaufgestiegen waren, gingen wir über eine geschlossene Brücke , die über den Rio di palazzo hinweg die Verbindung zwischen den Gefängnissen und dem Dogenpalast herstellt. Jenseits dieser Brücke befindet sich eine Galerie, die wir durchschritten. Dann kamen wir in ein Zimmer und von diesem in ein anderes, wo Messer-Grande mich einem Herrn vorstellte, der die Patrizierrobe trug. Dieser musterte mich vom Kopf bis zu den Füßen und sagte dann zu ihm: è quello, mettetelo in deposito! – Er ists, bringt ihn in Gewahrsam! Dieser Mann war der Sekretär der Inquisitoren, der wohlweise Domenico Cavalli, der sich augenscheinlich schämte, in meiner Gegenwart venetianisch zu sprechen, denn er gab seinen Befehl in toscanischer Mundart. Messer-Grande übergab mich nun dem Gefängniswärter der Bleikammern, der mit einem ungeheuren Schlüsselbunde dabeistand. Unter der Bedeckung von zwei Häschern ließ er mich zwei kleine Treppen hinabsteigen, die auf einen Korridor führten; von diesem gelangten wir durch eine verschlossene Tür in einen zweiten Korridor, von diesem in einen dritten, an dessen Ende der Wächter wieder eine Tür aufschloß. Diese führte zu einem schmutzigen Dachboden, der sechs Klafter lang und zwei Klafter breit war und durch eine sehr hoch oben befindliche Dachluke sein Licht empfing. Ich hielt diese Dachkammer für mein Gefängnis, aber ich befand mich im Irrtum, denn der Wächter nahm einen riesenhaften großen Schlüssel und öffnete eine dick mit Eisen beschlagene Tür, die nur dreieinhalb Fuß hoch war und in der Mitte ein rundes Loch von acht Zoll im Durchmesser hatte, und befahl mir einzutreten. Ich war gerade damit beschäftigt, mir eine eiserne Maschine anzusehen, welche fest in die dicke Mauer eingelassen war. Diese Maschine hatte die Form eines Hufeisens, war ungefähr einen Zoll dick und von dem einen Ende zum andern etwa fünf Zoll breit. Ich dachte darüber nach, wozu wohl diese schreckliche Maschine gebraucht werden möchte, da sagte der Schließer lächelnd zu mir: »Ich sehe, mein Herr, Sie möchten gerne wissen, wozu dieser Apparat dient, und ich kann Ihren Wunsch erfüllen. Wenn ihre Exzellenzen befehlen, daß irgend jemand erdrosselt werden soll, läßt man ihn, mit dem Rücken gegen dieses Halseisen, sich auf einen Schemel setzen; der Kopf befindet sich in einer solchen Lage, daß das Eisen die Hälfte seines Halses umspannt. Die andere Seite wird von einer Schnur umspannt, die durch dieses Loch läuft; die beiden Enden sind an der Achse eines Drehrades befestigt, und ein Mann dreht dieses Rad, bis der Patient seine Seele unserm Herrn und Gott übergeben hat, denn der Beichtvater geht Gott sei Dank nicht von seiner Seite, bis er den letzten Atemzug getan hat.« »Das ist sehr sinnreich, und ich denke mir, daß Sie der Mann sind, der die Ehre hat, das Rad zu drehen.« Er antwortete mir nicht, sondern winkte mir nur, ich solle eintreten. Dies tat ich, indem ich mich halb bis zur Erde bückte. Er schloß mich ein und fragte mich dann durch das vergitterte Loch in der Tür, was ich essen wolle. »Ich habe noch nicht daran gedacht,« antwortete ich ihm. Hierauf entfernte er sich, indem er sorgfältig alle Türen verschloß. Niedergeschlagen und halb betäubt stützte ich meine Ellenbogen auf die Brüstung des vergitterten Zellenfensters. Diefes war zwei Fuß hoch und ebenso breit; sechs Zoll dicke Eisenstangen kreuzten sich und bildeten sechzehn Öffnungen von etwa fünf Zoll im Geviert. Durch diese Offnung wäre mein Gefängnis ziemlich hell gewesen, aber ein anderthalb Fuß breiter Balken vom Dachgerüst befand sich unterhalb der Dachluke, die ich schräg gegenüber hatte, und fing das Licht ab, das ich von dem abscheulichen Dachboden her hätte erhalten können. Ich untersuchte beinahe tastend dieses traurige Loch, wobei ich den Kopf gesenkt halten mußte, denn es war nur fünfeinhalb Fuß hoch. Ich fand, daß es dreiviertel eines Quadrates von zwei Klaftern bildete. Das fehlende vierte Viertel wurde durch eine Art von Alkoven eingenommen, worin ein Bett stehen konnte; aber ich fand weder Bett noch Tisch noch Stuhl, noch überhaupt ein Möbel irgendwelcher Art, mit Ausnahme eines Kübels, dessen Zweck der Leser erraten kann, und eines an der Wand angebrachten Brettes, das einen Fuß breit war und sich vier Fuß hoch über dem Fußboden befand. Auf dieses Brett legte ich meinen Mantel von matter Seide, meinen so unglücklich eingeweihten Rock und meinen Hut, der mit spanischen Spitzen eingefaßt war und eine schöne weiße Feder trug. Die Hitze war fürchterlich und der Instinkt führte mich mechanisch an das kleine Gitterfenster, das die einzige Stelle war, wo ich meine Ellbogen aufstützen konnte. Die Dachluke konnte ich nicht sehen, aber in dem Licht, das durch diese Luke in den Dachboden fiel, sah ich Ratten von fürchterlicher Größe, die da nach Herzenslust herumspazierten; denn die häßlichen Tiere, deren Anblick mir verhaßt ist, kamen ohne die geringste Angst bis unter mein Gitterfenster. Bei diesem unangenehmen Anblick schloß ich schnell mittels eines inneren Ladens das runde Loch in der Mitte der Tür, denn bei einem Besuch von ihnen wäre mir das Blut erstarrt. Ich versank in die tiefste Träumerei, meine Arme auf die Fensterbrüstung aufgestützt. So verbrachte ich acht Stunden schweigend, ohne eine Bewegung zu machen. Beim Klang der Uhr, die die einundzwanzigste Stunde anzeigte, erwachte ich; ich wurde etwas unruhig, daß niemand kam, um mir etwas zu essen zu bringen und mir meine Sachen und die Möbel zu besorgen, die ich brauchte, um schlafen zu können. Mir schien, man hätte mir doch mindestens einen Stuhl, Brot und Wasser bringen müssen. Ich hatte keinen Appetit; aber konnte man das wissen? Und niemals in meinem Leben war mir der Mund so trocken und so bitter gewesen. Ich war jedoch überzeugt, daß vor Einbruch der Nacht irgend jemand erscheinen würde; als ich es aber vierundzwanzig schlagen hörte, wurde ich wütend; ich trommelte mit den Fäusten und stieß mit den Füßen gegen die Tür, fluchte und schrie. Nachdem ich dies länger als eine Stunde getrieben hatte, sah ich noch immer keinen Menschen und hatte nicht einmal ein Anzeichen, ob irgend einer mein Geschrei gehört hatte. Dichte Finsternis umgab mich. Aus Furcht, daß die Ratten in mein Gefängnis springen könnten, schloß ich das Gitterfenster und warf mich dann der Länge nach auf den Fußboden. Eine so grausame Vernachlässigung schien mir nicht natürlich zu sein, und ich kam zu dem Schluß, die barbarischen Inquisitoren hätten mir den Tod geschworen. Ich brauchte nicht länger darüber nachzudenken, womit ich eine so elende Behandlung verdient haben könnte; denn so sorgfältig ich auch meine Handlungen prüfte, so fand ich doch nicht den geringsten Anhaltspunkt. Ich war Wüstling, Spieler, kühn in meinen Worten und dachte grundsätzlich nur daran, mein Leben zu genießen; aber in all diesem sah ich kein Staatsverbrechen. Trotzdem sah ich mich wie einen Verbrecher behandelt, und in meiner Wut und Verzweiflung brauchte ich gegen die fürchterliche Tyrannei, die mich verfolgte, Ausdrücke, die zu erraten ich meinen Lesern überlassen muß, da der Anstand mir verbietet, sie hier zu wiederholen. Aber trotz der Aufregung, trotz dem Hunger, der sich fühlbar zu machen begann, trotz dem Durst, der mich verzehrte, trotz der Härte des Fußbodens, auf dem ich ausgestreckt war, forderte die erschöpfte Natur ihre Rechte, und ich schlief ein. Mein kräftiger Körper brauchte Schlaf; bei einem jungen und gesunden Menschen treten vor diesem gebieterischen Bedürfnis alle anderen zurück, und besonders in dieser Hinsicht kann man den Schlaf den Wohltäter der Menschheit nennen. Ich erwachte, als es Mitternacht schlug. Wie furchtbar ist das Erwachen, wenn es einen aus den Illusionen des Nichts reißt. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß ich drei Stunden verbracht hatte, ohne irgend einen Schmerz zu empfinden. Ich lag auf der linken Seite; ohne mich im übrigen zu rühren, streckte ich die rechte Hand aus, um mein Taschentuch zu erfassen, das ich, wie ich mich erinnerte, links von mir auf den Boden gelegt hatte. Ich taste danach – Gott! welche Überraschung! Meine Hand ergreift eine andere eiskalte Hand! Der Schreck durchfuhr mich vom Kopf bis zu den Füßen und mir standen die Haare zu Berge. Nie in meinem ganzen Leben ist mir ein solcher Schreck in die Seele gefahren; niemals hätte ich geglaubt, daß ich eine solche Angst haben könnte. Drei oder vier Minuten lag ich in einer Art von Betäubung, ich konnte mich nicht nur nicht bewegen, sondern nicht einmal denken. Als ich wieder etwas zu mir selbst gekommen war, glaubte ich, die Hand, die ich zu berühren gemeint hatte, könnte doch wohl nur in meiner erhitzten Phantasie vorhanden sein. In dieser Hoffnung streckte ich abermals die Hand aus – und fand wieder dieselbe kalte Hand. Entsetzt stieß ich einen gellenden Schrei aus; ich schob die Hand, die ich hielt, zur Seite, und zog schaudernd meinen Arm zurück. Bald jedoch wurde ich etwas ruhiger und konnte nachdenken. Ich kam zu dem Schluß, man müßte während meines Schlafes einen Leichnam an meiner Seite niedergelegt haben. Daß er nicht dagewesen war, als ich mich hingelegt hatte, wußte ich bestimmt. »Es wird«, sagte ich zu mir selber, »der Leichnam irgend eines Unglücklichen sein, den man erdrosselt hat, und man will mir auf diese Art das Schicksal zeigen, das auch mir bevorsteht. Dieser Gedanke brachte mich außer mir; ich wurde wild; an Stelle der Furcht trat die Wut, und ich streckte zum dritten Male meinen Arm nach der eisigen Hand aus. Ich packte sie fest, um mich von der abscheulichen Tatsache völlig sicher zu überzeugen. Ich wollte aufstehen; ich stützte mich auf meinen linken Ellbogen und fühlte, daß die Hand, die ich hielt, meine eigene war. Sie war von dem Gewicht meines Körpers und von der Härte des Fußbodens, der mir als Bettpfühl diente, völlig abgestorben und hatte Wärme, Beweglichkeit und Empfindung verloren. Dieses Erlebnis hatte zwar etwas Komisches an sich, aber es erheiterte mich keineswegs; es rief vielmehr die schwärzesten Gedanken in mir wach. Ich bemerkte, daß ich an einem Ort war, wo die Wahrheit falsch erscheinen müßte, da ja das falsche wahr erschien; wo der Verstand die Hälfte seiner Rechte verlor, und wo durch die krankhafte Phantasie die Vernunft entweder einer wesenlosen Hoffnung oder einer entsetzlichen Verzweiflung zum Opfer fallen mußte. Ich beschloß, in dieser Beziehung auf meiner Hut zu fein, und rief zum erstenmal in meinem Leben, im Alter von dreißig Jahren, die Philosophie zu Hilfe. Wohl trug ich alle ihre Keime in meiner Seele, aber ich hatte bis dahin nicht nötig gehabt, von ihr Gebrauch zu machen. Ich glaube, die meisten Menschen sterben, ohne jemals gedacht zu haben, und daran ist nicht sowohl Mangel an Geist und Vernunft schuld, sondern es ist eben einfach der notwendige Anstoß zur Erweckung der Denkfähigkeit niemals durch ein außerordentliches Ereignis hervorgebracht worden, das sie aus ihren Alltagsgewohnheiten herausreißt. Nach der gehabten Aufregung war an Schlaf nicht mehr zu denken. Aber warum hätte ich aufstehen sollen? Ich konnte ja wegen der niedrigen Decke nicht gerade stehen. Ich faßte also den Entschluß, der unter den obwaltenden Umständen der einzige vernünftige war, und blieb sitzen. So saß ich bis etwa vier Uhr morgens, als das Dämmerlicht des jungen Tages erschien. Um fünf sollte die Sonne aufgehen, und ich sehnte mich nach dem Tage; ein Vorgefühl, das ich für untrüglich hielt, sagte mir, daß man mich entlassen würde. Ich brannte vor Begier nach Rache; dies verhehlte ich mir nicht. Ich sah mich an der Spitze des Volkes die Regierung stürzen, die mich vergewaltigt; erbarmungslos metzelte ich alle Aristokraten nieder, alles mußte zu Staub zerrieben werden. Ich raste im Fieberwahn. Ich kannte die Urheber meiner Leiden und zerstörte in Gedanken die Quelle, aus der sie entsprang. Ich stellte das Naturrecht wieder her, wonach alle Menschen nur dem Gesetz gehorchen müssen und nur von ihresgleichen auf Grund der von ihnen anerkannten Gesetze gerichtet werden können; mit einem Wort: ich baute Luftschlösser. So geht es dem Menschen, wenn eine große Leidenschaft ihn bewegt. Er merkt es nicht, daß das, was ihn so in Bewegung setzt, nicht die Vernunft, sondern sein größter Feind, der Zorn ist. Ich brauchte weniger lange zu warten, als ich selber angenommen hatte, und dies beruhigte mich schon ein wenig. Um halb fünf wurde die tiefe Stille des Ortes, einer wahren Hölle für lebende Menschen, durch das Kreischen von Riegeln unterbrochen: man öffnete die Türen der Gänge, die man durchschreiten mußte, um bis zu mir zu gelangen. »Haben Sie nun Zeit gehabt, sich zu überlegen, was Sie essen wollen?« rief die rauhe Stimme meines Kerkermeisters mir durch das Guckloch zu. Man ist sehr glücklich, wenn die Unverschämtheit eines gemeinen Menschen sich nur unter der Maske von Spott und Hohn zeigt. Ich antwortete ihm, ich wünschte eine Reissuppe, Kochfleisch, Braten, Brot, Wein und Wasser. Ich bemerkte, daß der Lümmel erstaunt war, nicht die Klagen zu hören, die er erwartet hatte. Er ging und kam eine Viertelstunde darauf wieder, um mir zu sagen: »Ich wundere mich, daß Sie nicht ein Bett und die notwendigen Möbel haben wollen; denn wenn Sie sich einbilden, man habe Sie nur für eine Nacht hierher gebracht, so irren Sie sich.« »Bringen Sie mir also alles, was Sie für notwendig halten.« »Wo soll ich es holen? Da haben Sie Bleistift und Papier: schreiben Sie alles auf.« Ich schrieb ihm auf, wo er mir Hemden, Strümpfe, Kleider aller Art, ein Bett, einen Tisch und einen Stuhl holen sollte; außerdem verlangte ich die Bücher, die Messer-Grande mir abgenommen hatte, Papier, Federn usw. Als ich ihm dies alles vorgelesen hatte – denn der Kerl konnte nicht lesen – sagte er zu mir: »Streichen Sie aus, Herr, streichen Sie aus! Streichen Sie Bücher, Papier, Federn, Spiegel, Rasiermesser! Dies alles ist hier verbotene Ware. Dann geben Sie mir Geld, um Ihr Mittagessen zu kaufen.« Ich hatte drei Zechinen bei mir; davon gab ich ihm eine, und er ging. Er war eine Stunde lang, wie ich später erfuhr, in den verschiedenen Gängen beschäftigt, sieben andere Gefangene zu bedienen, die alle voneinander getrennt saßen, um jeden Verkehr zwischen ihnen unmöglich zu machen. Gegen Mittag kam der Schließer wieder; bei ihm befanden sich fünf Gefängnisknechte, die die Staatsgefangenen zu bedienen hatten. Er öffnete meinen Kerker, damit die von mir verlangten Möbel und mein Mittagessen hineingebracht werden konnten. Das Bett wurde im Alkoven untergebracht, und mein Essen auf einen kleinen Tisch gestellt; mein Besteck bestand aus einem Elfenbeinlöffel, den er für mein Geld gekauft hatte; Gabel, Messer und alle schneidenden Werkzeuge waren verboten. Zum Schluß sagte er mir: »Bestellen Sie, was Sie morgen essen wollen; denn ich kann nur einmal täglich, gleich nach Sonnenaufgang hierher kommen. Der hochedle Sekretär hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, er werde Ihnen passende Bücher schicken; die von Ihnen gewünschten sind verboten.« »Danken Sie ihm für die Gnade, daß er mich in ein Gefängnis allein gesetzt hat.« »Ich werde tun, was Sie wünschen; aber Sie haben unrecht, daß Sie sich auf solche Weise über ihn lustig machen.« »Ich mache mich nicht lustig; ich denke es ist doch wohl besser allein zu sein, als mit den Verbrechern zusammen zu sitzen, die sich hier oben befinden müssen.« »Wie, Herr, Verbrecher? Dafür würde ich mich bedanken! Hier sind nur ehrenwerte Leute, die man allerdings aus Gründen, die nur Ihren Exzellenzen bekannt sind, von der Gesellschaft getrennt halten muß. Man hat Sie allein gesetzt, um Sie noch härter zu bestrafen. Wollen Sie wirklich, daß ich in Ihrem Namen dafür danken soll?« »Das wußte ich nicht.« Der Dummkopf hatte recht; dies merkte ich sehr bald. Ein Mensch der allein eingesperrt ist, hat keine Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Wenn man an einem dunklen Ort allein ist, wo man nicht sehen kann, wohin nur einmal am Tage der Mann kommt, der das Essen bringt, wo man nur in gebückter Haltung herumgehen kann, dann ist man der allerunglücklichste Mensch. Man wünscht sich, wenn man daran glaubt, in die Hölle, nur um Gesellschaft zu haben. Dieses Gefühl ist so gebieterisch, daß ich schließlich mir sogar einen Mörder, einen Pestkranken, einen Bären als Kerkergenossen wünschte. Einsamkeit hinter Schloß und Riegel bringt einen Menschen zur Verzweiflung; aber um an die Wahrheit dieses Satzes zu glauben, muß man vielleicht selber die Erfahrung gemacht haben. Und solche Erfahrung zu machen, möchte ich selbst meinen Feinden nicht wünschen. Wenn ein wissenschaftlich gebildeter Mensch in meiner Lage Federn, Tinte und Papier erhält, vermindert sich sein Unglück um neun Zehntel; aber die Henker, die mich verfolgten, dachten nicht daran, mir Erleichterungen zu bewilligen. Als der Schließer fort war, stellte ich meinen Tisch unter das Loch, um ein wenig Licht zu haben, und setzte mich zum Essen hin, aber es war mir nicht möglich, mehr als ein paar Löffel Suppe hinunterzubringen. Ich war seit fast achtundvierzig Stunden nüchtern, und so war es nicht zu verwundern, daß ich krank war. Ich verbrachte den ganzen Tag in meinem Lehnstuhl sitzend und dachte nur an die Bücher, die man mir gnädigst versprochen hatte. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge schließen, denn die Ratten machten einen entsetzlichen Lärm, und die Turmuhr von San Marco schlug so betäubend laut, daß ich glaubte, sie müßte in meinem Zimmer sein. Diese doppelte Qual war aber nicht die einzige, die ich zu ertragen hatte. Ich glaube, wohl wenige Leser können sich einen Begriff von dem machen, was ich jetzt berichten will: Tausende von Flöhen belustigten sich an meinem ganzen Leibe. Die kleinen Insekten saugten mir mit unbeschreiblicher Hartnäckigkeit und Begier das Blut aus. Von ihren unaufhörlichen Stichen bekam ich geradezu Krämpfe; sie vergifteten mein ganzes Blut. Mit Tagesanbruch kam Lorenzo – so hieß mein Kerkermeister – ließ mein Bett machen und das Zimmer ausfegen und reinigen. Einer seiner Sbirren reichte mir Wasser, um mich zu waschen. Ich wollte in die Dachkammer hinausgehen, aber Lorenzo sagte mir, das sei nicht erlaubt. Er gab mir zwei dicke Bücher. Ich öffnete sie nicht, weil ich nicht sicher war, daß ich eine erste Regung des Unwillens hätte unterdrücken können, zu der sie mich vielleicht gereizt hätten, und die der Spion selbstverständlich seinen Herren hinterbracht hätte. Er ging, nachdem er mir mein Essen und zwei zerschnittene Zitronen hingesetzt hatte. Sobald ich allein war, aß ich schnell meine Suppe, um sie warm zu bekommen; hierauf trat ich mit einem Buch an meine Luke und sah mit Vergnügen, daß es mir möglich sein konnte, zu lesen. Ich sah mir den Titel an; er lautete: »Die mystische Stadt der Schwester Maria des Jesus, genannt d'Agrada«. Ich hatte keinen Begriff, was dies für ein Buch sein konnte. Das zweite war von einem Jesuiten namens Caravita. Dieser Jesuit, ein Heuchler, wie alle seinesgleichen, empfahl eine neue Anbetung zum heiligen Herzen unseres Herrn Jesu Christi. Von allen menschlichen Teilen unseres göttlichen Befreiers mußte man nach der Meinung des Verfassers gerade diesen besonders anbeten. Eigentümliche Idee eines unwissenden Narren, über die ich mich von der ersten Seite an ärgerte; denn das Herz schien mir kein ehrwürdigeres Eingeweide zu sein als Lunge, Magen oder irgend ein anderer Teil. Die mystische Stadt interessierte mich ein wenig. Ich las alles, was die aufgeregte Phantasie einer spanischen Jungfrau nur hervorbringen kann – einer spanischen Jungfrau, die über alle Maßen fromm, melancholisch, in der Einsamkeit ihres Klosters nur unwissende, heuchlerische, bigotte Pfaffen zu Ratgebern ihres Gewissens hatte. Alle ihre phantastischen und ungeheuerlichen Visionen waren mit dem schönen Namen Offenbarungen geschmückt. Als Liebhaberin und besonders innige Freundin der heiligen Jungfrau hatte sie von Gott selber den Befehl erhalten, das Leben seiner göttlichen Mutter zu beschreiben. Die erforderlichen Anweisungen, die kein Mensch irgendwo gelesen haben konnte, waren ihr vom Heiligen Geist erteilt worden. Sie begann das Leben Mariens nicht mit dem Tage ihrer Geburt, sondern mit dem ihrer unbefleckten Empfängnis im Schoße ihrer Mutter Anna. Diese Schwester Maria d'Agrada war Oberin eines Franziskanerinnenklosters, das sie selber in ihrer Vaterstadt gegründet hatte. Nachdem sie ausführlich alles erzählt hat, was ihre göttliche Heldin in den neun Monaten tat, die sie im Mutterleib verbrachte, teilt sie uns mit, daß sie im Alter von drei Jahren das Haus gefegt hätte. Dabei hätten ihr neunhundert Bediente geholfen, lauter Engel, die Gott selber zu diesem Dienst bestimmt hätte. Diese Engel standen unter dem besonderen Befehl ihres Fürsten Michael, der den Verkehr von ihr zu Gott und von Gott zu ihr besorgte. Das Erstaunliche an diesem Buche ist, daß der urteilsfähige Leser stets die Überzeugung haben muß, daß die mehr als fanatische Verfasserin nichts erfunden hat, denn so weit kann die Erfindung nicht gehen: alles ist in gutem Glauben, aus voller Überzeugung gesagt. Es sind Visionen eines überspannten Gehirns, das ohne einen Schatten von Stolz, trunken von Gott, nichts weiter zu enthüllen glaubt, als was der heilige Geist ihr eingibt. Dieses Buch war mit Erlaubnis der allerheiligsten und allerschrecklichsten Inquisition gedruckt. Ich konnte mich vor Erstaunen nicht fassen. Das Werk erregte oder vermehrte in meinem Geist durchaus keine fromme Glut oder auch nur einen einfachen Glaubenseifer, sondern veranlaßte mich im Gegenteil, alle, überhaupt alle unsere mystischen und sogar unsere dogmatischen Überlieferungen für Fabeln zu halten. Bücher wie dieses können nicht ohne Wirkung bleiben, denn z. B. ein Leser, dessen Geist für Eindrücke empfänglicher und mehr als der meinige dem Wunderbaren zugänglich ist, läuft Gefahr, Geisterseher und Graphomane zu werden, wie diese arme Jungfrau. Da ich mich mit irgend etwas beschäftigen mußte, so verbrachte ich eine volle Woche über diesem Meisterwerk der Unvernunft, das aus einem überspannten Gehirn hervorgegangen war. Ich hütete mich wohl, dem Schließer etwas über das schöne Werk zu sagen, aber ich begann allmählich mich selber davon beeinflußt zu fühlen. Sobald ich einschlief, spürte ich die Pest, womit Schwester d'Agrada meinen Geist ansteckte, der von Melancholie, schlechter Nahrung, Mangel an Luft und Bewegung und von der entsetzlichen Ungewißheit über das mir Bevorstehende geschwächt war. Über meine tollen Träume mußte ich lachen, wenn ich beim Erwachen mich ihrer erinnerte. Hätte ich das notwendige Schreibzeug gehabt, so würde ich sie aufgezeichnet haben, und vielleicht hätte ich in meinem Kerker ein Werk geschaffen, das noch verrückter gewesen wäre, als das von Herrn Cavalli so sinnreich für mich ausgewählte. Durch diese Erfahrung habe ich erkannt, wie sehr diejenigen sich täuschen, die dem menschlichen Geist eine gewisse positive Kraft zuschreiben; diese Kraft ist nur verhältnismäßig, und wenn ein Mensch sich selber gründlich beobachtete, würde er nur Schwäche in sich entdecken. Ich sah, daß der Mensch wohl wahnsinnig werden kann, obgleich es selten geschieht; denn unsere Vernunft gleicht dem Pulver, das zwar sehr leicht entzündlich ist, aber dennoch sich niemals entzündet, wenn es nicht mit einem Funken in Berührung kommt; das Buch der Spanierin besitzt alle Eigenschaften, um einen Menschen verrückt zu machen; aber damit das Gift diese Wirkung auf ihn übe, muß man ihn isolieren, – unter die Bleidächer stecken – und ihm jede andere Beschäftigung rauben. Als ich im November 1767 von Pampeluna nach Madrid reiste, hielt mein Fuhrmann Andrea Capello zum Mittagessen in einer Stadt von Alt-Castilien an. Ich fand sie so traurig und so häßlich, daß ich Lust bekam, ihren Namen zu erfahren. O! wie herzlich mußte ich lachen, als man mir sagte, es sei die Stadt Agrada. Hier also, sagte ich zu mir, hat das Gehirn der verrückten Heiligen das wunderbare Meisterwerk ausgeheckt, das ich ohne Herrn Cavalli niemals kennen gelernt hätte! Ein alter Priester, dem ich sofort die größte Achtung einflößte, als ich ihn nach der wahrheitsliebenden Geschichtsschreiberin der Muttergottes befragte, zeigte mir sogar den Ort, wo sie geschrieben hatte, und versicherte mir, Vater, Mutter, Schwester und alle Anverwandten der seligen Biographin seien lauter sehr große Heilige gewesen. Er sagte mir – und es war wahr, – daß die spanische Regierung in Rom ihre Heiligsprechung zugleich mit der des ehrwürdigen Palafox betreibe. Vielleicht war es diese mystische Stadt, die den Pater Malagrida das notwendige Talent verlieh, um das Leben der heiligen Anna zu schreiben, das ebenfalls vom heiligen Geist ihm diktiert wurde. Aber der arme Teufel von einem Jesuiten mußte dafür das Martyrium erleiden. Ein Grund mehr, um ihm die Heiligsprechung zu verschaffen, falls jemals die schreckliche Gesellschaft wieder auferstehen und zu der Allmacht gelangen sollte, die das geheime Ziel ist, wonach sie strebt. Nach neun oder zehn Tagen hatte ich kein Geld mehr. Lorenzo verlangte welches von mir. »Ich habe keins!« »Wo soll ich welches holen?« »Nirgendwo.« Was diesem unwissenden, habsüchtigen, schwatzhaften und neugierigen Menschen an mir auffiel, war mein Schweigen und meine Einsilbigkeit. Am nächsten Tage sagte er mir, das Tribunal bewillige mir täglich fünfzig Soldi; das Geld bleibe in seinen Händen, aber er würde mir jeden Monat Rechenschaft ablegen und den Überschuß nach meinem Wunsch verwenden. »Du wirst mir wöchentlich zweimal die Leydener Zeitung bringen.« »Unmöglich! das ist nicht erlaubt.« Fünfundsiebzig Lire monatlich waren mehr als ich brauchte, da ich nicht mehr essen konnte: die ungeheure Hitze und die durch schlechte Ernährung verursachte Erschöpfung hatten mich ganz entkräftet. Wir befanden uns in den Hundstagen: die Sonnenstrahlen fielen mit solcher Gewalt auf meinen Kerker, daß ich mich wie in einer Badestube befand. Der Schweiß rann an meinem armen Leibe rechts und links von dem Lehnstuhl, auf dem ich ganz nackt sitzen mußte, auf den Fußboden hinunter. Seit vierzehn Tagen schmachtete ich in dieser Hölle und hatte noch nicht eine einzige Darmentleerung gehabt. Nach Verlauf dieser fast unglaublichen Zeit verlangte die Natur nach ihrem Recht, und ich glaubte, mein letztes Stündlein sei gekommen. Die Hämorrhoidaladern waren derart angeschwollen, daß ihre Spannung mir unerträgliche stechende Schmerzen verursachte. Ich verdankte diesem traurigen Aufenthalt die Entwicklung des schmerzhaften Leidens, dessen Heilung mir seitdem niemals gelungen ist. Dieselben Schmerzen stellen sich von Zeit zu Zeit wieder ein, wenngleich weniger heftig; sie erinnern mich an die Ursache und tragen nicht dazu bei, mir die Erinnerung an diese Zeit angenehm zu machen. Wenn die Heilkunde uns nicht die Mittel lehrt, um alle Leiden zu heilen, so gibt sie uns dafür sichere Mittel an die Hand, uns Leiden von mehr als einer Art zuzuziehen. Diese Krankheit trug mir in Rußland Komplimente ein; dort legt man so großen Wert auf sie, daß ich mich nicht darüber zu beklagen wagte, als ich mich zehn Jahre später in jenem Lande aufhielt. Ganz ähnliches war mir in Konstantinopel begegnet; als ich einmal einen Schnupfen hatte und in Gegenwart eines Türken darüber klagte, stellte er die Betrachtung an, daß ein Christenhund eines solchen Glückes nicht würdig sei. Am fünfzehnten Tage befiel mich ein heftiges Fieber, und ich blieb im Bett liegen. Ich sagte Lorenzo nichts davon; als er aber am übernächsten Tage das ganze Essen, das er mir gebracht hatte, unberührt fand, fragte er mich, wie es mir ginge. »Sehr gut.« »Das ist nicht möglich, Herr, denn Sie essen nicht. Sie sind krank, und Sie werden die Großmut des Tribunals erkennen, das Ihnen Arzt, Wundarzt und Medizin umsonst besorgen wird.« Er ging und kam drei Stunden darauf ohne seine Trabanten wieder. Er trug eine Kerze in der Hand, und ihm folgte eine würdevolle Persönlichkeit: der Arzt. Ich lag in der Glut des Fiebers, das mich seit drei Tagen nicht verlassen hatte. Er trat an mein Bett und befragte mich. Ich sagte ihm, mit meinem Beichtvater und mit meinem Arzt spräche ich nur unter vier Augen. Der Doktor sagte zu Lorenzo, er solle hinausgehen, aber der Argus weigerte sich dessen. Nun ging der Arzt, in dem er mir sagte, ich sei in Lebensgefahr. Dies wünschte ich gerade; denn so wie es war, war das Leben nicht das höchste Gut für mich. Übrigens empfand ich eine gewisse Genugtuung in dem Gedanken, daß dadurch meine unbarmherzigen Verfolger vielleicht gezwungen wären, einzusehen, wie unmenschlich und schauderhaft die Behandlung war, mit der sie mich bedachten. Vier Stunden darauf hörte ich abermals das Geräusch der Riegel, und der Arzt trat wieder ein. Diesmal trug er selber die Kerze und Lorenzo blieb draußen. Ich war so schwach, daß ich meiner Schwäche eine wirkliche Ruhe verdankte. Die wohltätige Natur hat den wirklich kranken Menschen von den Qualen der Langeweile befreit. Ich war entzückt, daß mein niederträchtiger Kerkermeister draußen blieb; denn seitdem er mir das Halseisen erklärt hatte, verabscheute ich ihn. Ich brauchte keine Viertelstunde, um den Doktor von allem zu unterrichten. »Wenn Sie wieder gesund werden wollen,« sagte er zu mir, »dürfen Sie nicht mehr traurig sein.« »Schreiben Sie das Rezept und tragen Sie es zu dem einzigen Apotheker, der es anfertigen kann. Herr Cavalli ist der schlechte Arzt, der mir das »Herz Jesu« und die »Mystische Stadt« gegeben hat.« »Es ist sehr wohl möglich, daß Sie diesen beiden Giften das Fieber und die Hämorrhoiden verdanken. Ich werde Sie nicht verlassen.« Er ging erst, nachdem er eigenhändig eine sehr schwache Limonade zubereitet hatte, von der er mich aufforderte, recht oft zu trinken. Ich verbrachte die Nacht in halber Betäubung und träumte von tausend mystischen Dummheiten. Am nächsten Morgen kam er wieder mit Lorenzo und einem Wundarzt, der mir die Ader schlug. Er gab mir eine Flasche Fleischbrühe und eine Arznei, die ich am Abend einnehmen sollte. »Ich habe die Erlaubnis erhalten,« sagte er mir, »Sie in den Dachraum bringen zu lassen, wo die Hitze weniger stark und die Luft nicht so stickig ist wie hier.« »Ich verzichte auf diese Gnade, denn ich verabscheue diese Ratten, die Sie nicht kennen und die gewiß in mein Bett kommen würden.« »Welches Elend! Ich habe Herrn Cavalli gesagt, daß er Sie mit seinen Büchern beinahe getötet hätte; er hat mich beauftragt, sie ihm zurückzubringen und Ihnen dafür den Boëtius zu geben. Hier ist er.« »Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür; er ist besser als Seneca: er wird mir wohltun.« »Ich lasse Ihnen Gerstenwasser hier und ein sehr notwendiges Instrument; sehen Sie zu, daß Sie wieder gesund werden.« Er machte mir vier Besuche und brachte mich glücklich durch. Mein Temperament tat das übrige, und bald kehrte der Appetit zurück. Zu Anfang des September befand ich mich vollständig wohl; mich quälten keine anderen leiblichen Leiden als die fürchterliche Hitze, das Ungeziefer und die Langeweile – denn ich konnte nicht fortwährend Boetius lesen. Eines Tages sagte Lorenzo zu mir, ich hätte die Erlaubnis, meinen Kerker zu verlassen, um mich draußen zu waschen, während man mein Bett machte und ausfegte. Ich benutzte diesen Gnadenbeweis, um während der zehn Minuten, die das Aufräumen dauerte, mir Bewegung zu machen. Da ich sehr schnell hin und her lief, hatten die Ratten Angst und wagten sich nicht zu zeigen. An demselben Tage legte Lorenzo mir Rechenschaft über mein Geld ab; er war mir dreißig Lire schuldig, die ich leider nicht in die Tasche stecken durfte. Ich ließ sie ihm, indem ich ihm sagte, er solle dafür Messen für mich lesen lassen. Ich war überzeugt, daß er einen ganz anderen Gebrauch davon machen würde, und er dankte mir in einem Tone der Befriedigung, dem ich entnahm, daß er selber der Priester sein würde. Ebenso machte ich es jeden Monat, und ich habe niemals eine Quittung von einem Meßprediger gelesen. Lorenzo hatte Recht, daß er das Opfer in der Schenke vornahm; so hatte das Geld doch für einen Nutzen. Ich lebte so in den Tag hinein. Jeden Abend tröstete ich mich mit der Hoffnung, daß man mir am nächsten Tage meine Freiheit wiedergeben würde. Als ich mich jeden Tag in meiner Erwartung getäuscht sah, kam mein armer Kopf auf den Gedanken, es werde unfehlbar am ersten Oktober geschehen. An diesem Tage begann nämlich die Herrschaft der neuen Inquisitoren. Nach dieser schönen Berechnung mußte meine Haft bis zum Abgang der gegenwärtigen Inquisitoren dauern: aus diesem Grunde hatte ich niemals den Sekretär gesehen, der sonst ohne Zweifel mich besucht hätte, um mich zu verhören, auszuforschen, meiner Verbrechen zu überführen und schließlich mir mein Urteil zu verkünden. Gegen dies alles schien mir kein Einwand möglich, weil alles natürlich war; aber dieser Schluß war falsch unter den Bleidächern, wo nichts nach der natürlichen Beobachtung vor sich geht. Ich bildete mir ein, die Inquisitoren müßten meine Unschuld und ihre Ungerechtigkeit eingesehen haben und behielten mich nur noch der Form wegen im Gefängnis, um nicht ihren Ruf durch den Makel der Ungerechtigkeit zu beflecken. Infolgedessen zog ich den Schluß, sie würden mir die Freiheit wieder geben in dem Augenblick, wo sie das Zepter ihrer unerhörten Gewalt niederlegten. Mein Geist befand sich in einem Zustande so vollkommener Ruhe, daß ich mich imstande fühlte, ihnen zu verzeihen und die Beleidigung zu vergessen, die sie mir angetan hatten. Wie könnten wohl die Herren, so sagte ich zu mir, mich hier der Gnade ihrer Nachfolger überlassen, denen sie doch nichts Genügendes vorlegen könnten, um meine Verurteilung zu rechtfertigen? Ich fand es unmöglich, daß man mich hätte verurteilen und meinen Urteilsspruch hätte ausfertigen können, ohne mir ihn mitzuteilen, ohne mir auch nur den Grund meiner Haft anzugeben. Mein gutes Recht erschien mir unbestreitbar. Dementsprechend zog ich meine Folgerungen; aber ich hätte mich nicht auf die Gründe der Vernunft stützen dürfen, einem Tribunal gegenüber, das sich von allen Tribunalen der Erde durch Willkür und Eigenmächtigkeit unterscheidet. Es genügt, daß die Inquisitoren gegen irgend jemand ein Verfahren einleiten. Damit ist er schon schuldig, und wozu braucht man dann erst mit ihm zu sprechen? Und wenn man ihn verurteilt hat, wozu braucht man ihm sein Urteil verkünden? Seine Einwilligung ist nicht notwendig. Und so denken sie, es sei besser, einem Unglücklichen die Hoffnung zu überlassen; denn selbst wenn man ihm alles sagte, würde er darum nicht eine Stunde früher aus dem Gefängnis herauskommen. Wer weise ist, läßt sich in seine Angelegenheiten von anderen nicht hineinreden, und die Angelegenheiten des Tribunals von Venedig sind Richten und Verurteilen. Der Schuldige ist eine Maschine, die sich nicht in ihre Angelegenheiten zu mischen braucht, um daran mitzuwirken. Er ist ein Nagel, den man nur auf den Kopf zu schlagen braucht, um ihn in die Mauer zu treiben. Ich kannte zum Teil die Gebräuche des Kolosses, unter dessen Füßen ich lag; aber es gibt auf der Erde Dinge, die man nicht eher gut kennen kann, als bis man sie in eigener Erfahrung durchgemacht hat. Wenn unter meinen Lesern jemand ist, dem diese Regeln ungerecht erscheinen, so nehme ich ihn. das nicht übel; denn ich weiß, daß es allerdings vollkommen so aussieht. Aber er wolle mir gestatten, ihm zu sagen, daß diese Regeln als Teil der Staatsverfassung notwendig sind, weil ein Tribunal dieser Art nur durch sie bestehen kann. Die Aufrechterhalter sind Senatoren, die unter den geeignetsten ausgewählt werden und im Rufe stehen, tugendhafte Männer zu sein. Am letzten September verbrachte ich eine schlaflose Nacht; ich war entsetzlich ungeduldig, den neuen Tag erscheinen zu sehen, so sicher fühlte ich mich, daß ich an diesem Tage wieder meine Freiheit erlangen würde. Die Herrschaft der Schurken, die mich ihrer beraubt hatten, ging zu Ende; aber der Tag erschien, Lorenzo kam wie gewöhnlich und meldete mir nichts neues. Fünf oder sechs Tage lang war ich in Wut und Verzweiflung. Dann bildete ich mir ein, man wolle aus Gründen, die ich unmöglich ahnen könnte, mich auf Lebenszeit einsperren. Über diese scheußliche Idee mußte ich lachen, denn ich fühlte, daß ich nur noch sehr kurze Zeit Sklave zu bleiben brauchte, sobald ich beschlossen hätte, meiner Haft, wäre es auch mit Gefahr meines Lebens, ein Ende zu machen. Ich wußte, daß es mir gelingen würde, zu entfliehen oder den Tod zu finden. Zu Anfang November faßte ich ernstlich den Plan, mich gewaltsam aus einem Orte zu entfernen, wo man mich widerrechtlich festhielt, und dieser Plan wurde mein einziger Gedanke. Zunächst zerbrach ich mir den Kopf, um ein Mittel zu finden, wie ich meinen Plan ausführen könnte. Ich dachte mir wohl hundert aus, von denen eins immer kühner war als das andere; aber immer wieder tauchte ein neuer Plan auf, und ich verwarf wieder den, welchem ich zuletzt den Vorzug gegeben hatte. Während dieser mühevollen Arbeit meiner Einbildungskraft trat ein eigentümliches Ereignis ein, das mir zum Bewußtsein brachte, in welchem traurigen Zustande mein Geist sich befand. Ich stand in der Dachkammer und blickte nach oben nach der Dachluke und dem darunter befindlichen dicken Balken. Plötzlich sah ich diesen Balken schwanken oder vielmehr sich nach seiner rechten Seite drehen und dann langsam und gleichmäßig wieder in die alte Stellung zurückkehren. Da ich zugleich mein Gleichgewicht verlor, so erkannte ich, daß es ein Stoß von einem Erdbeben war. Lorenzo und die Sbirren, die in diesem Augenblick aus dem Kerker herauskamen, sagten mir, sie hätten gleichfalls eine schwankende Bewegung verspürt. Meine Stimmung war so, daß dieses Ereignis mich in eine freudige Stimmung versetzte, die ich aber in mir verschloß, ohne ein Wort zu sagen. Vier oder fünf Sekunden darauf wiederholte sich die gleiche Bewegung, und ich rief unwillkürlich: un utra! un altra, gran Dio! ma piu forte! – Noch einen! Noch einen, aber stärker! Die Sbirren entflohen entsetzt über diese vermeintliche Ruchlosigkeit eines verzweifelten Wahnsinnigen. Als sie fort waren, dachte ich über mich selber nach und fand, daß ich es zu den Möglichkeiten rechnete, ich könnte meine Freiheit wieder erlangen, indem der große Palast einstürzte: Das Riesengebäude mußte zusammenbrechen, und ich mußte heil und gesund und folglich frei auf dem Markusplatze anlangen, wo ich schlimmstenfalls unter ungeheuren Trümmermassen begraben worden wäre. In einer Lage wie die, worin ich mich befand, zählt man die Freiheit für alles und das Leben für nichts oder doch für sehr wenig. Im Grunde war ich bereits auf dem Wege, wahnsinnig zu werden. Dieses Erdbeben hing mit dem großen Erdbeben zusammen, wodurch zu gleicher Zeit Lissabon zerstört wurde. Neunundzwanzigstes Kapitel Verschiedene Zwischenfälle. – Haftgenossen. – Vorbereitungen zur Flucht. – Überführung in einen anderen Kerker. Damit der Leser meine Flucht aus den Bleikammern begreifen kann, muß ich ihn mit der Örtlichkeit bekannt machen. Die Bleikammern, die als Gefängnisse für die Staatsverbrecher dienen, sind weiter nichts als die Dachkammern des großen Palastes, und die Gefängnisse haben ihren Namen von den großen Bleiplatten, mit denen der Palast gedeckt ist. Man kann zu ihnen nur durch die Eingangstüren des Palastes oder durch das Gefangenenhaus oder endlich über die von mir bereits erwähnte Brücke, die sogenannte Seufzerbrücke, gelangen. Der Weg zu ihnen geht nur durch den Saal, worin die Staatsinquisitoren sich versammeln, und nur der Sekretär hat den Schlüssel dazu, den er dem Schließer nur für die kurze Zeit anvertraut, die dieser braucht, um morgens in aller Frühe die Gefangenen zu bedienen. Diese Bedienung findet bei Tagesanbruch statt, weil späterhin die Gefängnisknechte beim Kommen und Gehen zu sehr von den Leuten gesehen werden würden, die mit den Mitgliedern des Rates der Zehn zu tun haben. Dieser Rat versammelt sich nämlich jeden Tag in einem anstoßenden Saal, der sogenannten Bussola, und durch diesen Saal müssen die Wächter jedesmal hindurchgehen, wenn sie nach den Bleikammern wollen. Die Gefängnisse liegen verteilt in den Dachstühlen von zwei Fassaden des Palastes. Drei liegen nach Westen – dazu gehört auch das meinige – und vier nach Osten. Die Dachrinne der westlichen Seite führt in den Hof des Palastes; die andere führt senkrecht in den Kanal, den man Rio di Palazzo nennt. Die Gefängnisse dieser Seite sind sehr hell, und man kann in ihnen aufrecht stehen; dies ist nicht der Fall in dem Gefängnis, worin ich mich befand und das man la trave nennt, nach dem riesigen Balken, der mich des Lichtes beraubte. Der Fußboden meines Gefängnisses lag unmittelbar über der Decke des Saales der Inquisitoren, die sich dort gewöhnlich nur nachts versammeln, unmittelbar nach der täglichen Sitzung der Zehn, dessen Mitglieder sie alle drei sind. Ich kannte genau die Örtlichkeit und die stets sich gleichbleibenden Gewohnheiten der Inquisitoren. Das einzige Mittel zur Flucht oder wenigstens das einzige, wovon ich mir Erfolg versprach, war die Durchbohrung des Fußbodens meines Gefängnisses. Aber dazu waren Werkzeuge nötig, und das war eine schwierige Sache an einem Ort, wo jeder Verkehr mit der Außenwelt verboten war, wo man weder Besuche noch Briefwechsel mit irgend einem anderen Menschen erlaubte. Um einen Sbirren zu bestechen, hätte ich viel Geld haben müssen, und ich besaß nichts. Angenommen auch, der Schließer und die beiden Gefängnisknechte hätten sich gutwillig erwürgen lassen – denn ich hatte keine andere Waffe als meine Hände – so stand ein dritter Wächter stets vor der Korridortür Wache. Er hielt diese verschlossen und öffnete sie nur, wenn der Kamerad, der heraus wollte, ihm das Losungswort gab. Trotz allen Hindernissen beschäftigte ich mich doch nur noch mit dem Gedanken an meine Flucht, und da ich im Boëtius kein Mittel dazu fand, so las ich diesen nicht mehr. Ich war überzeugt, daß ich ein solches Mittel nur durch Nachdenken finden könnte, und deshalb erlaubte ich mir nicht den geringsten Gedanken, der sich nicht darauf bezog. Ich bin stets der Meinung gewesen, daß jemand, der es sich in den Kopf setzt, etwas zu erreichen, und der sich nur mit der Verfolgung dieses Planes beschäftigt, seinen Zweck erreichen muß, trotz allen Schwierigkeiten; dieser Mensch wird Großvezier oder Papst werden, oder er wird eine Monarchie umstürzen, vorausgesetzt, daß er zur rechten Zeit anfängt und daß er die erforderliche Klugheit und Ausdauer besitzt: denn das Glück verachtet das Alter; ohne Hilfe des Glücks kann man nichts hoffen, und darum bringen alte Leute es zu nichts mehr. Man muß, um Erfolg zu haben, auf sein Glück rechnen und über Fehlschläge sich hinwegsetzen; dies ist aber eine der schwierigsten politischen Berechnungen. Gegen Mitte November sagte Lorenzo zu mir, Messer-Grande habe einen neuen Gefangenen; der neue Sekretär, Herr Businello, habe ihm befohlen, ihn in den schlechtesten Kerker zu bringen, folglich werde er ihn zu mir bringen. Er versicherte mir, er habe ihm vorgestellt, daß ich es für eine Gnade betrachtet hätte, ein Gefängnis für mich allein zu haben. Der Sekretär hätte ihm geantwortet, ich würde doch wohl in den vier Monaten vernünftiger geworden sein. Diese Nachricht war mir nicht zuwider; noch weniger war es mir unangenehm, von dem Wechsel des Sekretärs zu hören. Dieser Pietro Businello war ein braver Mann, den ich in Paris kennen gelernt hatte, als er als Ministerresident der Republik nach London ging. Am Nachmittag hörte ich die Riegel kreischen. Lorenzo kam mit zwei Sbirren und brachte einen jungen Menschen, der ganz in Tränen aufgelöst war. Er nahm ihm die Handschellen ab, schloß die Tür wieder zu und ging, ohne ihm ein Wort zu sagen. Ich lag auf meinem Bett, wo er mich nicht sehen konnte. Seine Überraschung machte mir Spaß. Da er das Glück hatte, sieben oder acht Zoll kleiner zu sein als ich, konnte er aufrecht stehen. Zunächst betrachtete er meinen Lehnstuhl, den er ohne Zweifel zu seinem eigenen Gebrauch bestimmt glaubte. Dann sah er auf der Fensterbrüstung den Boëtius liegen; er nahm das Buch, öffnete es und warf es in einer Art von Verdruß wieder hin – jedenfalls, weil es lateinisch geschrieben war und ihm daher nichts nützen konnte. Nun setzte er die Untersuchung des Kerkers fort: er wandte sich nach links, tastete sich an der Wand entlang und war sehr überrascht, als er Kleider fand. Er kam an den Alkoven, streckte die Hand aus, berührte mich und bat ehrerbietig um Verzeihung. Ich lud ihn ein, Platz zu nehmen, und damit war unsere Bekanntschaft gemacht. »Wer sind Sie?" »Ich heiße Maggiorino und bin aus Vincenza. Mein Vater ist Kutscher im Hause Poggiana; er ließ mich bis zum elften Jahre in die Schule gehen, wo ich lesen und schreiben lernte; hierauf war ich fünf Jahre lang Lehrling bei einem Friseur und habe dieses Handwerk gut gelernt. Dann kam ich als Kammerdiener zum Grafen X. Seit zwei Jahren diente ich bei diesem Herrn, als seine einzige Tochter aus dem Kloster nach Hause kam. Man beauftragte mich, sie zu frisieren. Mit der Zeit verliebte ich mich in sie und flößte auch ihr eine Leidenschaft ein, die ebensogroß war wie die meinige. Nachdem wir uns hundertmal geschworen hatten, stets nur einander angehören zu wollen, geben wir dem gebieterischen Bedürfnis nach, uns gegenseitig unsere Zärtlichkeit zu beweisen. Die Folge war, daß bald der Zustand der jungen Gräfin unsere Verbindung verriet. Eine Dienerin des Hauses, eine fromme alte Person, entdeckte zuerst unser Einverständnis und den Zustand meiner Geliebten. Sie sagte ihr daher, sie müsse es ihrem Vater melden, aber es gelang meiner jungen Freundin, sie zum Schweigen zu bewegen, indem sie ihr die Versicherung gab, sie selber werde in der nächsten Woche ihm alles durch ihren Beichtvater sagen lassen. Sie teilte mir dies alles mit, und anstatt zur Beichte zu gehen, trafen wir unsere Vorbereitungen zur Flucht. Sie bemächtigte sich einer ansehnlichen Summe Geldes und einiger Diamanten, die ihrer verstorbenen Mutter gehört hatten, und heute Nacht sollten wir nach Mailand fahren. Aber gestern nach dem Essen wurde ich zum Grafen gerufen; er gab mir einen Brief und sagte mir, ich müßte sofort nach Venedig abreisen und diesen Brief an die Person, an die er adressiert sei, zu eigenen Händen abgeben. Er sprach so ruhig und gütig mit mir, daß ich nicht den geringsten Verdacht schöpfen konnte, was für ein Schicksal er mir zugedacht hatte. Ich holte meinen Mantel und nahm nur noch schnell von meiner kleinen Frau Abschied, indem ich ihr versicherte, ich werde bald wieder zurück sein. Sie war scharfsichtiger als ich, oder hatte sie auch nur ein Vorgefühl von meinem Unglück – genug, ihr wurde unwohl. Ich reiste in aller Hast nach Venedig und beeilte mich, den verhängnisvollen Brief zu bestellen. Man ließ mich auf die Antwort warten, und sobald ich sie erhalten hatte, ging ich in eine Schenke, um etwas zu mir zu nehmen. Ich wollte sofort wieder abreisen, um wieder bei meiner lieben Frau zu sein. Aber als ich aus der Kneipe herauskam, verhaftete man mich und brachte mich auf die Wache; dort behielt man mich bis zum Augenblick, wo man mich hierher brachte. Ich glaube, Herr, ich kann doch wohl die junge Gräfin als meine Frau betrachten.« »Sie irren sich.« »Aber die Natur . . .« »Die Natur verleitet den Menschen, der nur auf sie hört, nur dazu, Dummheiten zu machen, bis man ihn unter die Bleidächer steckt.« »Ich bin also unter den Bleidächern?« »Wie ich.« Der arme junge Mensch weinte bitterlich. Er war ein sehr hübscher Bursche, aufrichtig, anständig und über alle Maßen verliebt. Ich verzieh innerlich der Gräfin und verurteilte sehr entschieden ihren Vater, den Grafen, daß er seine Tochter der Versuchung des Verkehrs mit einem hübschen und sinnlichen jungen Menschen ausgesetzt hatte. Ein Schäfer, der den Wolf in seine Hürde einläßt, darf sich nicht beklagen, wenn seiner Herde Schaden geschieht. Seine Tränen und Klagen galten nicht ihm selber. Alle seine Gefühle gehörten nur seiner Freundin. Er glaubte, der Schließer werde wiederkommen, um ihm ein Bett und etwas zu essen zu bringen; ich benahm ihm diesen Irrtum und bot ihm von meinen Vorräten an. Ihm war das Herz so schwer, daß er nichts essen konnte. Am Abend gab ich ihm meinen Strohsack, und auf diesem verbrachte er die Nacht; denn obwohl er augenscheinlich sauber war, wollte ich ihn nicht mit mir zusammen schlafen lassen, weil ich die Wirkungen der Träume eines Verliebten fürchtete. Er sah seine Schuld nicht ein und begriff auch nicht, warum der Graf das Bedürfnis haben konnte, ihn öffentlich bestrafen zu lassen, um die Ehre seiner Tochter und seiner Familie dadurch zu retten. Am nächsten Tage brachte man ihm einen Strohsack und ein Essen für fünfzehn Soldi, die das Tribunal ihm aus Gnade oder Barmherzigkeit zukommen ließ; denn das Wort Gerechtigkeit war offenbar der Wirksamkeit dieser abscheulichen Behörde fremd. Ich sagte dem Schließer, mein Essen würde für uns beide genügen und er könnte das für den jungen Menschen bewilligte Geld darauf verwenden, für ihn auf seine Art Messen lesen zu lassen. Dies übernahm er gern. Nachdem er ihm Glück gewünscht hatte, daß er zu mir gekommen wäre, sagte er uns, wir könnten uns eine halbe Stunde lang in der Dachkammer Bewegung machen. Ich fand diesen Spaziergang ausgezeichnet für meine Gesundheit und für meinen Fluchtplan, den ich erst elf Monate später zur Ausführung bringen konnte. An dem einen Ende dieses Tummelplatzes der Ratten sah ich einen Haufen von alten Möbeln, die rechts und links von zwei großen Kisten auf den Fußboden geworfen waren; hinter ihnen lag ein großer Haufen von Papieren, die zu Heften zusammengenäht waren. Ich nahm ein Dutzend von diesen Heften an mich und sah, daß es Akten von Kriminalprozessen waren. Ich fand ihre Lektüre sehr unterhaltend ; denn es war mir erlaubt zu lesen, was man sicherlich seinerzeit sehr geheim gehalten hatte. Ich las eigentümliche Antworten auf verfängliche Fragen; die Akten betrafen Verführungen von Jungfrauen, zu weit getriebene Zärtlichkeiten von Vorstehern von Mädchenerziehungsanstalten, Verfehlungen von Beichtvätern gegen ihre Beichtkinder, päderastischen Verkehr von Schullehrern mit ihren Zöglingen, Unterschlagungen und Betrügereien von Vormündern. Einige von diesen Prozessen waren zwei- oder dreihundert Jahre alt; der altväterische Stil und die eigentümlichen Gebräuche jener Vorzeit unterhielten mich stundenlang. Unter den Möbeln, die auf der Erde lagen, sah ich einen Bettwärmer, eine Wärmflasche, eine Feuerschaufel und Feuerzange, alte Leuchter, irdene Töpfe und sogar eine Klistierspritze. Ich dachte mir, es müßte irgendein vornehmer Gefangener durch die Erlaubnis bevorzugt worden sein, alle diese Gegenstände benützen zu dürfen. Am meisten von allem aber interessierte mich ein ganz gerader, daumendicker, anderthalb Fuß langer eiserner Riegel. Ich rührte nichts an; denn meine Pläne waren noch nicht reif genug, um eine bestimmte Richtung anzunehmen. Eines Morgens gegen Ende des Monats holte man meinen Kameraden ab, und Lorenzo sagte mir, er sei in die Gefängnisse gebracht worden, die man i quattro nennt. Diese Gefängnisse befinden sich innerhalb des gewöhnlichen Gefangenenhauses und gehören den Staatsinquisitoren. Die dort eingesperrten Gefangenen haben das Vorrecht, den Schließer rufen zu dürfen, wenn sie etwas brauchen. Sie sind dunkel, aber es ist eine Öllampe vorhanden, um den Gefangenen Licht zu spenden. Feuersgefahr fürchtet man nicht, denn alles ist aus Marmor. Ich habe lange nachher erfahren, daß der arme Maggiorino in diesem Gefängnis fünf Jahre zubrachte und daß er von dort auf zehn Jahre nach Cerigo geschickt wurde. Ob er von dort jemals wieder freigekommen ist, weiß ich nicht. Er hatte mir gute Gesellschaft geleistet, und ich bemerkte dies, sobald er fort war, denn ich verfiel sogleich wieder in meine Traurigkeit. Ich hatte das Glück, daß man mir den bewilligten halbstündigen Spaziergang in der Dachkammer nicht wieder entzog. Ich machte mich nun daran, mir alle darin befindlichen Gegenstände aufmerksamer zu betrachten. Die eine von den beiden Kisten war ganz voll von schönem Schreib- und Zeichenpapier, von ungeschnittenen Federn und Bindfadenknäueln; die andere war zugenagelt. Ein Stück geglätteten schwarzen Marmors, einen Zoll dick, sechs Zoll lang und drei Zoll breit, lenkte meine Blicke auf sich; ich nahm es an mich, obgleich ich noch nicht wußte, was ich damit machen sollte, und versteckte es sorgfältig in meinem Kerker unter meinen Hemden. Acht Tage nach Maggiorinos Verschwinden sagte Lorenzo zu mir, ich würde allem Anschein nach bald wieder Gesellschaft haben. Der Mann war im Grunde nur ein Schwätzer, und es machte ihn ungeduldig, als er sah, daß ich niemals eine Frage an ihn richtete. Eigentlich hätte ihn das nicht ungeduldig machen dürfen, aber wo fände man wohl Menschen von ganz vollendeter Niederträchtigkeit? Es gibt allerdings welche, aber glücklicherweise sehr wenige, und diese muß man nicht in den niedrigen Klassen suchen. Da es meinem Kerkermeister durchaus nicht gelingen wollte, durch seine Zurückhaltung zu glänzen, bildete er sich ein, ich fragte ihn nur deshalb niemals, weil ich glaubte, er wüßte nichts. Dies stachelte seine Eitelkeit: um mir zu beweisen, daß ich mich irrte, fing er an zu schwätzen, ohne daß ich ihn fragte. So sagte er denn: »Ich glaube, Herr, Sie werden oft Besuche haben, denn jedes der anderen sechs Gefängnisse enthält bereits zwei Personen, die man nicht in die Quattro schicken kann.« Da ich ihm nicht antwortete, fuhr er nach einigen Augenblicken fort: »In die Quattro bringt man bunt durcheinander alle möglichen Leute, die zu einer ihnen unbekannten Strafe verurteilt worden sind. Die Gefangenen, die wie Sie in den Bleikammern unter meiner Obhut stehen, sind lauter Leute von der höchsten Auszeichnung und werden nur wegen Sachen bestraft, von denen die Neugierigen nichts erfahren sollen. Wenn Sie wüßten, Herr, welche Schicksalsgenossen Sie haben! Sie würden sich wundern, denn man sagt Ihnen mit Recht nach, daß Sie ein kluger Herr sind... aber Sie werden mir verzeihen... Sie wissen wohl, alle Klugheit nützt einem nichts, wenn man hier oben ist... Sie verstehen mich wohl... fünfzig Soldi täglich, das ist schon was... ein venetianischer Bürger bekommt drei Lire, ein Edelmann vier und ein ausländischer Graf acht. Ich muß das wohl wissen, denke ich, denn alles geht durch meine Hand.« Nun fing er an und sang sein eigenes Lob, und zwar in lauter Negativen: »Ich bin kein Dieb, kein Verräter, kein Lügner; ich bin nicht habgierig, nicht boshaft, nicht brutal wie alle meine Vorgänger, und wenn ich einen Schoppen zuviel getrunken habe, werde ich nur immer besser. Wenn mein Vater mich in die Schule geschickt hätte, so würde ich lesen und schreiben gelernt haben, und ich wäre vielleicht heute Messer-Grande; aber das ist nicht meine Schuld. Herr Andrea Diedo schätzt mich und meine Frau, die erst vierundzwanzig Jahre alt ist und die jeden Tag das Essen für Sie kocht, besucht ihn, wann sie will, und er läßt sie ohne Umstände eintreten, selbst wenn er im Bett liegt – eine Huld, die er keinem Senator erweist. Ich verspreche Ihnen, Sie sollen alle neuen Ankömmlinge erhalten; aber es ist immer nur für kurze Zeit; denn sobald der Sekretär aus ihrem eigenen Munde alles Wissenswerte vernommen hat, schickt er sie an ihren Bestimmungsort: in die Quattro, in irgend ein Fort oder nach der Levante. Wenn es Ausländer sind, bringt man sie über die Grenze; denn die Regierung glaubt nicht das Recht zu haben, über die Untertanen eines anderen Fürsten zu bestimmen, es wäre denn, daß sie in Diensten der Republik ständen. Die Milde des Tribunals ist ohnegleichen; es gibt auf der Welt kein Gericht, das seinen Gefangenen mehr Annehmlichkeiten gewährt. Man findet es grausam, daß das Tribunal nicht erlauben will, zu schreiben oder Besuche zu empfangen, aber das ist Unsinn, denn mit Schreiben und Besuch empfangen verliert man nur seine Zeit. Sie werden mir sagen, Sie hätten ja nichts zu tun; aber das können wir anderen nicht von uns sagen." So lautete ungefähr die erste Ansprache, womit der Halunke mich beehrte, und ich muß gestehen, er amüsierte mich. Ich sah, daß der Mensch, wenn er ein bißchen weniger dumm gewesen wäre, sicherlich viel boshafter gewesen wäre. Ich beschloß, mir seine Dummheit zunutze zu machen. Am anderen Tage führte man mir einen neuen Genossen zu, den man am ersten Tage genau so behandelte, wie man Maggiorino behandelt hatte. Ich merkte nun, daß ich mir einen zweiten Elfenbeinlöffel kaufen lassen mußte; denn da der neu Angekommene am ersten Tage nichts erhielt, so mußte ich die Honneurs des Hauses machen. Mein neuer Gefährte machte mir eine tiefe Verbeugung, denn durch meinen Bart, der bereits vier Zoll lang war, wirkte ich noch imponierender als durch meinen Wuchs. Lorenzo lieh mir oft eine Schere, um mir die Nägel zu schneiden, aber es war ihm bei strenger Strafe verboten, mich meinen Bart berühren zu lassen. Den Grund davon weiß ich nicht; aber ich hatte mich schließlich an meinen Bart gewöhnt, wie man sich an alles gewöhnt. Der Neue war ein Mann von fünfzig Jahren, ungefähr von meinem Wuchs, ein wenig gebeugt und mager. Er hatte einen großen Mund und schlechte Zähne; unter zwei dicken roten Augenbrauen sahen kleine graue Augen hervor, was ihm das Aussehen einer Eule gab. Der Eindruck wurde vervollständigt durch eine kleine Perücke von schwarzem Roßhaar, die einen sehr unangenehmen Ölgeruch verbreitete, und durch einen Rock von dickem grauen Tuch. Mein Essen nahm er an; aber er war zurückhaltend und sagte mir den ganzen Tag kein Wort. Ich machte es wie er und schwieg; denn ich war überzeugt, daß er bald die Sprache wiederfinden würde: dies war denn auch schon am nächsten Tage der Fall. Man brachte ihm in aller Frühe ein Bett, das ihm gehörte, und eine Handtasche voll Wäsche. Der Schließer fragte ihn, wie er mich gefragt hatte, was er essen wolle, und verlangte Geld, um es zu bezahlen. "Ich habe kein Geld." "Was? ein reicher Knopf wie Sie hat kein Geld?" »Ich habe keinen Soldo.« »Schön, da werde ich Ihnen Schwarzbrot und Wasser bringen. So gehört es sich.« Er ging und brachte gleich darauf anderthalb Pfund Schwarzbrot und einen Krug Wasser, stellte alles neben den Gefangenen, ging und schloß die Tür wieder zu. Als ich mit dem Gespenst wieder allein war, hörte ich ihn seufzen; ein mitleidiges Gefühl kam über mich, und ich brach das Schweigen: »Seufzen Sie nicht, mein Herr, Sie werden mit mir speisen; aber mir dünkt, Sie haben einen großen Fehler begangen, daß Sie ohne Geld hierhergekommen sind.« »Ich habe wohl welches, aber so etwas muß man diesen Harpyien nicht sagen.« »Schöne Klugheit, die Sie zu Wasser und Brot verurteilt! Kennen Sie den Grund ihrer Verhaftung?« »Jawohl ich kenne ihn und werde Ihnen in kurzen Worten meine Geschichte erzählen: Ich heiße Squaldo Nobili. Mein Vater war ein Bauer. Er ließ mich lesen und schreiben lernen und vererbte mir bei seinem Tode sein Häuschen und das bißchen Land, das dazu gehörte. Ich stamme aus dem Friaul; mein Dorf ist eine Tagereise von Udine entfernt. Ein Wildbach, der Corno, verwüstete oft meine kleine Besitzung; dies brachte mich zu dem Entschluß, sie zu verkaufen und mich in Venedig niederzulassen. Dies geschah vor zehn Jahren. Ich bekam für meinen Besitz 8000 Lire in schönen Zechinen, und da ich wußte, daß in unserer glücklichen Republik jedermann einer anständigen Freiheit genießt, so war ich überzeugt, ich könnte es zu einem kleinen Wohlstand bringen, indem ich mein Kapital nutzbar machte. Ich fing nun an, auf Pfänder auszuleihen. Da ich wußte, daß ich sparsam, gescheit und geschäftsgewandt bin, so entschloß ich mich gerade zu diesem Gewerbe. Ich mietete ein Häuschen in der Nähe des großen Kanals und richtete es ein. Hier lebte ich allein und sehr ruhig und fand mich nach Verlauf von zwei Jahren im Besitz von zehntausend Lire außer meinem Kapital, obwohl ich gut gelebt und nicht weniger als zweitausend für meine Bedürfnisse ausgegeben hatte. Ich sah mich nun auf gutem Wege, um mit der Zeit ein anständiges Vermögen zu erwerben, wenn ich so fortführe. Eines Tages hatte ich einem Juden zwei Zechinen auf mehrere Bücher geliehen, und unter diesen fand ich eines, das »Die Weisheit des Charon« betitelt war. Ich bemerkte nun, wie glücklich man ist, wenn man lesen kann; denn dieses Buch, das Sie vielleicht nicht kennen, ist ganz allein so viel wert wie alle anderen Bücher, denn es enthält alles, was der Mensch zu wissen braucht. Es benimmt ihm alle Vorurteile, die er in der Kindheit angenommen hat. Kennt man Charon, so gibt es keine Hölle mehr und kein Schreckbild eines künftigen Lebens; man öffnet die Augen, man erkennt den Weg zum Glück, man ist weise. Verschaffen Sie sich dieses Buch zum Lesen, und lachen Sie die Dummköpfe aus, die Ihnen sagen, daß dieser Schatz verboten sei!« Als ich diese eigentümliche Rede gehört hatte, wußte ich, woran ich mit dem Manne war. Den Charon hatte ich gelesen, aber es war mir unbekannt, daß er ins Italienische übersetzt war. Charon war ein großer Bewunderer von Montaigne; er glaubte sein Vorbild noch zu übertreffen, aber seine Bemühung war vergebens. Er hat mehrere Themata, die bei dem großen Philosophen regellos durcheinander geworfen sind, methodisch behandelt; aber als Priester und Theologe verdiente Charon die Verurteilung, die ihn traf. Er ist übrigens nicht viel gelesen worden, trotz dem Verbot, das für ihn hätte wirken müssen. Charon war so anmaßend, seinem Buch denselben Titel zu geben, wie dem biblischen Buche Salomonis; dies spricht nicht zugunsten seiner Bescheidenheit. Mein Gesellschafter fuhr folgendermaßen fort: »Charon befreite mich von den Gewissensbedenken, die ich bis dahin noch gehabt hatte, und von den falschen Vorstellungen, die man nur mit großer Mühe abstreift. Ich betrieb nun mein Geschäft so, daß ich mich in sechs Jahren im Besitze von zehntausend Zechinen sah. Sie dürfen sich hierüber nicht wundern, denn in dieser reichen Stadt bringen Spiel, Ausschweifung und Müßiggang alle Welt in unordentliche Vermögensverhältnisse. Es herrscht ein beständiger Geldmangel, und was die Narren verschwenden, benutzen die Klugen zu ihrem Vorteil. Vor drei Jahren bat ein Graf Serimano mich, fünfhundert Zechinen von ihm anzunehmen, sie in meinem Geschäft zu verwenden und ihm die Hälfte des Gewinnes zu geben, den ich mit dieser Summe erzielen würde. Er verlangte nur eine einfache Quittung, durch die ich mich verpflichtete, ihm auf sein Verlangen die gleiche Summe zurückzugeben. Nach einem Jahre gab ich ihm fünfundsiebzig Zechinen, was einer Verzinsung von fünfzehn aufs Hundert gleichkommt. Er gab mir eine Quittung darüber, zeigte sich aber unzufrieden. Er hatte unrecht; denn da es mir nicht an Geld fehlte, hatte ich mich des seinigen nicht bedient, um damit Geschäfte zu machen. Nach dem zweiten Jahr handelte ich aus reinem Edelmut wieder ebenso; aber es kam zwischen uns zu beleidigenden Worten, und er verlangte von mir die Rückzahlung der fünfhundert Zechinen. ›Gern,‹ sagte ich zu ihm, ›aber ich werde die hundertfünfzig davon abziehen, die Sie schon erhalten haben.‹ Dies machte ihn wütend, und er ließ mich durch einen Gerichtsvollzieher zur Bezahlung der ganzen Summe auffordern. Ein geschickter Anwalt übernahm meine Vertretung und wußte zwei Jahre lang den Prozeß günstig für mich zu erhalten. Vor drei Monaten sprach man mir von einem Vergleich. Ich weigerte mich; da ich jedoch einen Gewaltstreich fürchtete, wandte ich mich an den Abbate Giustiniani, den Sachwalter des spanischen Gesandten, Marques de Mont-Allegre; für eine kleine Extraentschädigung vermietete er mir ein Häuschen, das zum Botschafterpalast gehört, wo man also vor Überraschungen sicher ist. Ich war bereit, dem Grafen Serimano sein Geld wiederzugeben, aber ich beanspruchte, hundert Zechinen davon abziehen zu dürfen, die der Prozeß mich gekostet hatte. Vor acht Tagen kamen mein Anwalt und der des Grafen zu mir; ich zeigte ihnen zweihundertfünfzig Zechinen in meiner Börse und sagte ihnen, ich sei bereit, ihnen dieses Geld zu geben, aber nicht einen Soldo mehr. Sie entfernten sich, ohne ein Wort zu sagen, und sahen beide sehr unzufrieden aus; aber darum kümmerte ich mich nicht. Vor drei Tagen ließ Abbate Giustiniani mir sagen, der Botschafter habe es für gut befunden, den Staatsinquisitoren zu erlauben, bei mir eine Haussuchung vornehmen zu lassen. Ich hielt dies für unmöglich, da ich doch unter dem Schutz eines fremden Gesandten stand. Anstatt die Vorsichtsmaßregeln zu treffen, die sonst in solchen Fällen üblich sind, brachte ich nur mein Geld in Sicherheit und erwartete entschlossen den angekündigten Besuch. Mit Tagesanbruch kam Messer-Grande zu mir und verlangte dreihundertfünfzig Zechinen. Auf meine Antwort, ich hätte keinen Soldo, verhaftete er mich, und so bin ich hier.« Ich schauderte, aber weniger noch deswegen, weil ich mich in Gesellschaft eines solchen gemeinen Menschen sah, als weil ich erkannte, daß er mich für seinesgleichen hielt; denn wenn er einen anderen Begriff von mir gehabt hätte, so würde er mich ganz gewiß nicht mit seiner langen Geschichte beglückt haben. Ohne Zweifel nahm er doch an, daß ich ihm meinen Beifall zollen würde. Die törichten Reden, die ich während der drei Tage seines Aufenthaltes von ihm anhören mußte, während welcher er unaufhörlich von Charon sprach, bestätigten mir die Wahrheit des italienischen Sprichwortes: Guardati da colu che non ha letto che un libro solo – hüte dich vor dem, der nur ein einziges Buch gelesen hat. Das Buch des abtrünnigen Priesters hatte ihn zum Atheisten gemacht, und er rühmte sich dessen bei jeder Gelegenheit. Am Nachmittag kam Lorenzo und sagte ihm, er müsse mit ihm kommen, um mit dem Sekretär zu sprechen. Er zog sich in aller Eile an und nahm statt seiner Schuhe die meinigen, ohne daß ich es bemerkte. Eine halbe Stunde später kam er weinend zurück und zog aus seinen Schuhen zwei Börsen hervor, in denen sich dreihundertundfünfzig Zechinen befanden; diese brachte er, vom Schließer begleitet, dem Sekretär. Einige Augenblicke darauf kam er zurück, nahm seinen Mantel und ging. Lorenzo sagte mir, man habe ihn in Freiheit gesetzt. Ich dachte mir, und wohl mit Grund, der Sekretär habe ihn mit der Folter bedroht, um ihn zur Anerkennung und zur Bezahlung seiner Schuld zu bewegen. Wenn die Folter nur dazu angewendet würde, um solches zu bewirken, so wäre ich, der ich sie grundsätzlich verabscheue, der erste, der ihren Nutzen verteidigen würde. Am ersten Januar l756 erhielt ich meine Neujahrsgeschenke. Lorenzo brachte mir einen mit Fuchspelz gefütterten Schlafrock, eine wattierte seidene Decke und einen Fußsack von Bärenfell. Ich empfing diese Geschenke voller Freude, denn es herrschte eine Kälte, die ebenso schwer zu ertragen war, wie die Hitze, unter der ich im August hatte leiden müssen. Er sagte mir auch, der Sekretär teile mir mit, ich könnte monatlich über sechs Zechinen verfügen, um mir nach meinem Belieben Bücher zu kaufen und die Zeitung zu halten; dies wäre ein Geschenk des Herrn von Bragadino. Ich bat Lorenzo um einen Bleistift und schrieb auf ein Stück Papier: »Ich danke der Großmut des Tribunals und der Güte des Herrn von Bragadino.« Man muß sich selber in einer ähnlichen Lage befunden haben, um die Gefühle zu begreifen, die dieser Vorfall in meiner Seele erregte. Im ersten Gefühlsüberschwang verzieh ich meinen Verfolgern und hätte beinahe meinen Fluchtplan aufgegeben; so schwankend ist der Mensch, wenn das Unglück ihn zu Boden drückt und erniedrigt. Lorenzo sagte mir, Herr von Bragadino habe die drei Inquisitoren aufgesucht, habe sich mit Tränen in den Augen vor ihnen auf die Kniee geworfen und habe um die Gnade gefleht, mir dieses Zeichen seiner beständigen Liebe zukommen zu lassen, wenn ich noch am Leben sei. Die Inquisitoren seien gerührt gewesen und hätten es ihm nicht abschlagen können. Ich schrieb sofort die Titel der Werke auf, die ich zu haben wünschte. Als ich eines schönen Morgens meinen Spaziergang in der Dachkammer machte, fielen meine Blicke auf den Riegel, von dem ich schon gesprochen habe, und ich sah, daß sich eine ausgezeichnete Angriffs- und Verteidigungswaffe daraus machen ließ. Ich nahm den Riegel, verbarg ihn unter meinem Schlafrock und brachte ihn glücklich in meinen Kerker. Sobald ich allein war, nahm ich das Stück schwarzen Marmors, das ich ebenfalls bereits erwähnte, und erkannte bald, daß dies ein ausgezeichneter Schleifstein war; denn nachdem ich den Riegel eine Zeitlang auf diesem Stein gerieben hatte, sah ich, daß er auf der betreffenden Stelle vollkommen glatt abgeschliffen war. Ich war ein vollkommener Neuling in solcher Arbeit, aber ich war begierig, sie zu beginnen, weil ich dadurch ein Werkzeug erlangen konnte, das jedenfalls unter den Bleidächern gänzlich verboten war. Vielleicht trieb mich auch die Eitelkeit, mir eine Waffe anzufertigen, ohne ein einziges der dazu notwendigen Werkzeuge zu besitzen. Die Schwierigkeiten waren nur ein neuer Ansporn für mich. Diese Schwierigkeiten waren allerdings nicht gering, denn ich mußte den Riegel fast im Dunkeln auf der Fensterbrüstung reiben, ich konnte den Stein nur mit meiner linken Hand festhalten und hatte keinen Tropfen Öl, um den Stein anzufeuchten und das Eisen, das ich zuspitzen wollte, zu erweichen. Trotz alledem entschloß ich mich also zu der schweren Aufgabe. Statt des Öls diente mir mein Speichel, und ich arbeitete acht Tage, um acht pyramidenförmige Fassetten zu schleifen, die so zusammenliefen, daß sie eine vollkommene Spitze bildeten; die Fassetten waren anderthalb Zoll lang. Mit dieser Spitze bildete mein Riegel ein achtkantiges Stilet von so gleichmäßiger Arbeit, wie man sie von einem guten Schwertfeger nicht besser hätte verlangen können. Aber man kann sich kaum die Mühe und Anstrengungen vorstellen, die ich zu erdulden hatte. Ich mußte alle Energie aufbieten, um die unangenehme Arbeit ohne anderes Werkzeug als einen fortwährend wegwischenden Stein zu Ende zu bringen. Es war eine Arbeit, quam Siculi non invenere tyranni – wie die Tyrannen Siziliens sie nicht erfunden haben. Mein rechter Arm war so steif geworden, daß ich ihn fast nicht bewegen konnte. Der Ballen der linken Hand war ganz zerfleischt und bildete eine große Wunde – eine Folge der zahlreichen Blasen, die mir die Härte des Steins und die Länge der Arbeit verursacht hatten. Man macht sich kaum einen Begriff, welche Schmerzen es mir kostete, sie fertig zu machen. Ich war ganz stolz auf mein Werk, obgleich ich noch nicht daran gedacht hatte, auf welche Art ich es verwenden wollte. Meine erste Sorge war nun, das Werkzeug so zu verstecken, daß es selbst bei genauer Nachsuchung nicht zu finden wäre. Nachdem ich mir tausenderlei ausgedacht hatte, was alles nicht das rechte war, warf ich die Augen auf meinen Lehnstuhl, und es gelang mir, den Riegel so zu verbergen, daß es keinen Verdacht erregen konnte. So half mir die Vorsehung, den ersten Schritt zu einer Flucht zu tun, welche bewunderungswürdig, ja sogar wunderbar werden sollte. Ich gestehe, ich bin eitel darauf. Aber ich bin nicht eitel auf das Gelingen, denn das Glück hatte einen guten Anteil daran, sondern darauf bin ich eitel, daß ich das Ding für möglich hielt und daß ich den Mut hatte, trotz allen ungünstigen Aufsichten das Unternehmen zu wagen; denn wenn meine Pläne gescheitert wären, so hätte sich meine Lage unendlich verschlechtert und meine Rückkehr in die Freiheit wäre vielleicht für immer unmöglich geworden. Aus meinem Riegel war ein Spieß geworden, der die Dicke eines Spazierstockes hatte und etwa zwanzig Zoll lang war. Nachdem ich drei oder vier Tage darüber nachgedacht hatte, wozu ich ihn gebrauchen könnte, schien es mir das einfachste zu sein, unter meinem Bett ein Loch in den Fußboden zu machen. Ich war sicher, daß das Zimmer unter meinem Kerker kein anderes sein konnte als jenes, in dem ich damals Cavalli gesehen hatte. Ich wußte, daß dieses Zimmer jeden Morgen geöffnet wurde, und ich zweifelte nicht daran, daß ich durch ein Loch in der Decke leicht hinuntersteigen konnte, indem ich meine Bettücher aneinander knüpfte und sie am Bettfuß befestigte. Ich hätte mich unter den großen Tisch des Tribunals versteckt, wäre am Morgen sofort nach dem Öffnen der Tür hinausgelaufen und hätte mich in Sicherheit gebracht, bevor man mir hätte folgen können. Allerdings war es möglich, daß in diesem Saal sich ein Sbirre als Wache aufhielt; aber von diesem mußte mein Spieß mich schnell befreien. Der Fußboden konnte doppelt oder gar dreifach sein. Dies war eine große Verlegenheit; denn meine Arbeit konnte vielleicht zwei Monate dauern, und wie konnte ich die Gefängniswärter verhindern, den Fußboden zu fegen? Wenn ich es ihnen verbot, so erregte ich Verdacht, um so mehr, als ich der Flöhe wegen von ihnen verlangt hatte, daß sie alle Tage ausfegten. Der Besen hätte ihnen sofort meine Arbeit verraten. Es galt, ein Mittel zu finden, um diese Schwierigkeit zu überwinden. Ich verbot zunächst das Ausfegen, ohne einen Grund anzugeben. Nach acht Tagen befragte Lorenzo mich darum. Ich schützte vor, daß der Staub mir Beschwerden machte; ich bekäme davon heftige Hustenanfälle und es könnte mir einmal etwas Schlimmes zustoßen. »Ich werde den Fußboden besprengen lassen.« »Das wäre noch schlimmer, Lorenzo, denn von der Feuchtigkeit könnte ich einen Blutsturz bekommen.« Dies verschaffte mir eine Woche lang Ruhe; nach Verlauf dieser Zeit aber befahl der Kerl auszufegen. Er ließ das Bett in die Dachkammer bringen und zündete eine Kerze an, damit sorgfältiger ausgefegt werde, wie er sagte. Ich merkte, daß der Mann irgendwie Verdacht geschöpft hatte, aber es gelang mir, anscheinend völlig gleichgültig zu bleiben. Ich gab meinen Plan durchaus nicht auf, sondern dachte im Gegenteil nur desto stärker daran. Am nächsten Morgen brachte ich mir eine Wunde am Finger bei und machte damit mein ganzes Taschentuch blutig. Ich erwartete Lorenzo in meinem Bett und sagte ihm, sobald er kam, ich hätte einen so heftigen Hustenanfall gehabt, daß mir irgend ein Gefäß gesprungen wäre, und davon wäre all das Blut, das er sehe. Er solle mir einen Arzt kommen lassen. Der Doktor kam, verordnete einen Aderlaß und schrieb ein Rezept. Ich sagte ihm, an meinem Unglück wäre Lorenzo schuld, weil er durchaus hätte fegen lassen wollen. Er machte ihm Vorwürfe darüber und erzählte uns, wie wenn ich ihn darum gebeten hätte, die Geschichte von einem jungen Mann, der kürzlich aus derselben Ursache gestorben wäre. Er sagte nichts sei so gefährlich, als Staub einzuatmen. Lorenzo schwor bei allen Heiligen, er habe nur ausfegen lassen, um mir einen Gefallen zu tun, und versprach, es solle nicht wieder vorkommen. Ich lachte bei mir selber, denn der Doktor hätte seine Sache nicht besser machen können, selbst wenn ich ihn ins Einvernehmen gezogen hätte. Die dabei anwesenden Gefängnisknechte waren hoch entzückt und nahmen sich fest vor, nur noch bei solchen Gefangenen auszufegen, die sie ärgerten oder schlecht behandelten. Als der Arzt fort war, bat Lorenzo mich um Entschuldigung und versicherte mir, alle seine anderen Gefangenen befänden sich wohl, obgleich er regelmäßig bei ihnen ausfegen ließe. »Aber die Sache ist wichtig,« schloß er, »und ich werde sie darauf aufmerksam machen, denn ich betrachte sie alle als meine Kinder.« Der Aderlaß tat mir wohl, denn er gab mir meinen Schlaf wieder und heilte mich von den krampfartigen Zuckungen, die mich zuweilen zu erschrecken begannen. Ich hatte wieder Appetit, und meine Kräfte nahmen täglich zu. Aber der Augenblick, mich ans Werk zu machen, war noch nicht gekommen; der Frost war zu stark, und meine Hände konnten nicht längere Zeit den Spieß halten, ohne steif zu werden. Mein Unternehmen erforderte viel Überlegung. Ich mußte alles vermeiden, was sich leicht voraussehen ließ. Ich mußte kühn und unerschrocken sein, um jeden Vorteil wahrzunehmen, den der Zufall mir darböte. Wer so vorgehen muß wie ich, befindet sich in einer sehr unglücklichen Lage; aber das Unangenehme und Schreckliche derselben vermindert sich um die Hälfte, sobald man alles gegen alles riskiert. Die langen Winternächte waren fürchterlich für mich; denn ich mußte neunzehn tödlich lange Stunden im Finstern zubringen, und an den Nebeltagen, die in Venedig nicht selten sind, war das durch das Fenster einfallende Licht nicht stark genug, um dabei lesen zu können. Da kein fremder Gedanke meinen Geist beschäftigte, verfiel ich immer wieder auf meine Flucht; ein Gehirn aber, daß stets sich mit dem gleichen Gegenstand beschäftigt, kann leicht an einer Monomanie erkranken. Der Besitz einer elenden Küchenlampe hätte mich glücklich gemacht; aber wie sollte ich es anfangen, um mir solche Freude zu verschaffen! O edles Vorrecht des Denkens! Wie glücklich fühlte ich mich, als ich das Mittel gefunden zu haben glaubte, diesen Schatz zu erlangen! Um diese Lampe zu machen brauchte ich ihre einzelnen Bestandteile: ein Gefäß, Dochte, Öl, einen Feuerstein, einen Stahl, Zunder und Schwefelfaden. Das Gefäß konnte ein Tiegel sein, und ich besaß den, worin man mir Spiegeleier zubereitete. Unter dem Vorwand, das gewöhnliche Öl mache mir Beschwerden, ließ ich mir Lucca-Öl für meinen Salat kaufen. Meine baumwollene Steppdecke konnte mir Dochte liefern. Unter dem Vorwande, ich hätte heftige Zahnschmerzen, sagte ich zu Lorenzo, er müsse mir Bimstein besorgen; da er nicht wußte, was ich damit meinte, sagte ich ihm, ein Flintstein würde dieselben Dienste tun, wenn man ihn einen Tag in Essig liegen ließe; ich würde ihn dann eine Zeitlang auf den Zahn legen und das würde meine Schmerzen lindern. Lorenzo sagte mir, mein Essig sei ausgezeichnet und ich könne selber einen Stein hineinlegen. Mit diesen Worten zog er drei oder vier aus der Tasche und warf sie mir zu. Eine starke Stahlschnalle, die ich am Gürtel hatte, konnte mir als Feuerstahl dienen. Jetzt blieb mir noch übrig, Schwefel und Zunder zu beschaffen, und um diese beiden Gegenstände mußte ich alle meine Gedanken aufbieten. Endlich kam mir das Glück zu Hilfe. Ich hatte eine Art Röteln gehabt; nach der Heilung waren auf meinen Armen rote Flecken zurückgeblieben, die mir zuweilen ein Jucken verursachten. Ich sagte Lorenzo, er möchte den Arzt um ein Heilmittel bitten, und am nächsten Tage brachte er mir einen Zettel, den der Sekretär gelesen hatte. Der Doktor verordnete: »Einen Tag Diät und vier Unzen Süßmandelöl, und die Haut wird heilen; oder eine Einreibung mit Schwefelblüte; aber dieses örtliche Heilmittel ist gefährlich.« »Aus der Gefahr mache ich mir nichts,« sagte ich zu Lorenzo. »Kauft mir diese Salbe, oder bringt mir Schwefel; denn Butter habe ich hier, und ich werde mir die Salbe selber machen. Habt ihr Schwefelfäden? So gebt sie mir.« Zufällig hatte er solche in seinen Taschen. Er gab sie mir. Wie wenig braucht es doch, um einen Menschen, der im Unglück ist, Freude und Trost zu bereiten! Aber in meiner Lage waren freilich diese Schwefelfäden keine Kleinigkeit; sie waren ein wahrer Schatz für mich. Nun zerbrach ich mir mehrere Stunden lang den Kopf, um für das einzige, was mir noch fehlte, den Zunder, einen Ersatz zu schaffen, denn ich wußte nicht, unter welchem Vorwand ich ihn verlangen sollte. Da fiel mir ein, daß ich meinem Schneider gesagt hatte, er solle unter den Achseln meines Rockes Schwamm einlegen, damit der Stoff nicht vom Schweiß verdorben würde. Der ganz neue Rock hing vor mir. Mir klopfte das Herz. Der Schneider konnte vergessen haben, den Schwamm einzulegen. Ich schwebte zwischen Furcht und Hoffnung. Ich brauchte nur einen Schritt zu machen, um mir Gewißheit zu verschaffen; aber dieser Schritt war entscheidend, und deshalb wagte ich nicht, ihn zu tun. Endlich ging ich auf den Rock zu, aber ich fühlte mich so hoher Gnade beinahe unwürdig, fiel auf die Kniee und betete mit heißer Inbrunst zu Gott, der Schneider möchte meinen Befehl nicht vergessen haben. Nach diesem heißen Gebet nahm ich den Rock, schnitt das Futter auf und fand den Schwamm. Ich war wahnsinnig vor Freude. Es war nicht mehr als natürlich, daß ich Gott dankte: denn voll Vertrauen zu ihm hatte ich den Mut gehabt, meinen Schwamm zu suchen; so dankte ich ihm denn auch von ganzem Herzen. Als ich ein wenig später über diese Gnadenhandlung nachdachte, wünschte ich mir Glück, dem Antrieb meines dankbaren Herzens gefolgt zu sein, aber ich lachte mitleidig über meine eigene Dummheit, daß ich den Herrn aller Dinge gebeten hatte, mich den Schwamm finden zu lassen. Ich hätte dieses lächerliche Gebet nicht gesprochen, bevor ich unter die Bleidächer kam, und ich würde es auch heute nicht tun. Die Beraubung der körperlichen Freiheit führt zur Entartung der geistigen Fähigkeiten. Man muß Gott bitten, etwas zu gewähren, was der Natur entspricht, nicht aber, die natürliche Ordnung durch Wunder auf den Kopf zu stellen. Wenn der Schneider den Schwamm nicht unter die Achseln gelegt hatte, so konnte ich sicher sein, daß ich dort keinen finden würde; und wenn er ihn angebracht hatte, so konnte ich darauf rechnen, daß er auf keine Weise verschwunden war. Was wollte ich also vom Herrn der Natur? Der Sinn meiner ersten Bitte läßt sich durch die Worte wiedergeben: »Lieber Gott! mache, daß ich den Schwamm unter den Achseln finde, einerlei, ob der Schneider ihn eingenäht hat oder nicht!« Ohne Zweifel könnten manche Theologen und viele gute Leute meine Bitte fromm finden, denn sie würde ihnen auf dem Grunde des Glaubens zu beruhen scheinen und damit würden ste recht haben. Aber ich selber habe ebenfalls recht, wenn ich sie abgeschmackt und sogar strafbar finde; denn wenn wir allen Ernstes Gott um etwas bitten, was außerhalb der Ordnung der natürlichen Dinge liegt, so heißt das, ihn zum Diener unserer Leidenschaften machen zu wollen. Wenn ich aber Gott dafür gedankt hatte, daß mein Schneider nicht vergeßlich gewesen war, so fand ich mich im Einklang mit meiner gesunden Philosophie. Da ich nunmehr alle Bestandteile besaß, so hatte ich bald eine Lampe. Man stelle sich die Befriedigung vor, die ich darüber empfand, daß ich sozusagen aus Finsternis Licht geschaffen hatte, und die nicht weniger süße Befriedigung, die Befehle meiner niederträchtigen Verfolger zu übertreten. Es gab keine Nächte mehr für mich, aber auch keinen Salat; denn obgleich ich ihn sehr gerne aß, opferte ich ihn doch gerne dem Bedürfnis, das Öl für meine Beleuchtung zu sparen. Ich setzte nun den Beginn der schwierigen Durchbrechung des Fußbodens auf den ersten Montag der Fastenzeit an; denn ich befürchtete zu sehr, daß der Karnevalstrubel mir Besuche verschaffen könnte. Meine Vorsicht war klug. Am Faschingssonntag hörte ich mittags das Geräusch der Riegel und sah Lorenzo mit einem dicken Mann eintreten, in welchem ich den Juden Gabriele Schalon erkannte. Er war berühmt wegen seiner Geschicklichkeit, jungen Leuten Geld zu besorgen und sie dadurch in schlechte Händel zu bringen. Da wir uns kannten, begrüßten wir uns natürlich. Seine Gesellschaft konnte mir nicht angenehm sein; aber man hatte mich natürlich nicht vorher gefragt. Er sagte Lorenzo, er solle in seine Wohnung gehen und ihm sein Essen, ein Bett und alles Notwendige holen; der Schließer antwortete ihm aber, das hätte noch Zeit bis zum andern Tage. Dieser Jude war ein törichter Schwätzer, unwissend und dumm, außer in seinem Geschäft. Zunächst wünschte er mir Glück, daß man mich vor allen anderen bevorzugt habe, mit seiner Gesellschaft erfreut zu werden. Statt ihm zu antworten, bot ich ihm die Hälfte meines Essens an; er lehnte es ab, indem er mir sagte, er esse nur koscher und wolle lieber warten, um dafür zu Hause um so besser zu Abend zu essen. »Wann denn?« »Heute abend, haben Sie nicht gehört? Als ich mein Bett verlangte, sagte er mir, davon würden wir morgen sprechen. Dies will offenbar bedeuten, daß ich keins nötig habe. Finden Sie es wahrscheinlich, daß man einen Mann wie mich ohne Essen lassen kann?« »Mit mir hat man's so gemacht.« »Das mag sein; aber zwischen uns ist doch ein gewisser Unterschied. Außerdem haben die Inquisitoren einen Fehler begangen, indem sie mich verhaften ließen. Ich bin überzeugt, sie sind schon in Verlegenheit, wie sie ihren Fehler wieder gut machen sollen.« »Sie werden ihnen vielleicht eine Pension aussetzen; denn ein Mann von Ihrer Bedeutung muß gut behandelt werden.« »Da haben Sie ganz recht; es gibt an der Börse keinen Makler, der dem Handel mehr Nutzen brächte, als ich, und die fünf Ältesten haben von den Ratschlägen, die ich Ihnen gab, großen Nutzen gehabt. Meine Verhaftung ist ein ganz außerordentliches Ereignis, und der Zufall hat es so gefügt, daß dadurch auch Sie ihr Glück gemacht haben.« »Ach wirklich, wieso denn, bitte?« »Es wird kein Monat vergehen, und ich werde Sie frei machen. Ich weiß, auf welche Art und zu wem ich darüber zu sprechen habe.« »Ich rechne also auf Sie.« »Das können Sie.« Dieser blöde Gauner glaubte wirklich, er sei etwas. Er wollte mir erzählen, was man in der Stadt von mir sagte; da er aber nichts weiter wußte, als albernes Geschwätz von Dummköpfen gleicher Art, so langweilte er mich, und um ihn nicht mehr anhören zu müssen, nahm ich ein Buch. Der Kerl besaß die Frechheit, mich zu bitten, ich möchte doch nicht lesen. Seine Leidenschaft war sprechen; aber er sprach nur immer von sich selber. Ich wagte in Gegenwart dieses Viehs nicht, meine Lampe anzuzünden. Als es Nacht wurde, entschloß er sich, etwas Brot und Cyperwein anzunehmen; dann mußte er sich's auf meinem Strohsack bequem machen; der von allen neuen Ankömmlingen als Bett benützt wurde. Am nächsten Morgen bekam er ein Bett und Nahrungsmittel von zu Hause. Ich mußte diese elende Last zwei Monate lang erdulden; denn bevor er ihn in die Quattro schickte, mußte der Sekretär ihn mehrere Male verhören, um allerlei Gaunereien aufzuklären und ihn eine ganze Anzahl unerlaubter Verträge rückgängig machen zu lassen. Er gestand mir selber, daß er von Herrn Domenico Michele Renten gekauft hatte, die dem Käufer erst nach dem Tode des Vaters des Verkäufers gehören konnten. »Allerdings,« sagte er nur, »hat er sich einverstanden erklärt, fünfzig Prozent zu verlieren, aber man muß in Betracht ziehen, daß der Käufer hätte alles verlieren können, wenn der Verkäufer vor dem Vater gestorben wäre.« Als ich endlich sah, daß der verdammte Geselle nicht ging, entschloß ich mich, meine Lampe wieder anzuzünden, nachdem ich mir von ihm hatte versprechen lassen, daß er schweigen würde. Er hielt sein Versprechen nur, solange er bei mir war, denn Lorenzo erfuhr es. Glücklicherweise legte er keinen Wert darauf. Der Tölpel war mir wirklich zur Last, erstens weil ich seinetwegen nicht an meiner Flucht arbeiten konnte, zweitens weil er mich am Lesen hinderte. Er war anspruchsvoll, unwissend, abergläubisch, prahlerisch, ängstlich und zuweilen verzweifelt. Er meinte, ich sollte mit lautem Geschrei in seine Klagen einstimmen, so oft er vor Angst Tränen vergoß, und er wiederholte unaufhörlich, die Haft richte seinen guten Ruf zugrunde. Hierüber beruhigte ich ihn mit einer Ironie, die er nicht verstand, indem ich ihm versicherte, sein Ruf stehe schon so lange fest, daß er von dieser neuen Schlappe nichts zu fürchten habe. Er hielt dies für ein Kompliment. Er wollte nicht zugeben, daß er habsüchtig sei; eines Tages jedoch zwang ich ihn hierzu, indem ich ihm das Geständnis entriß, daß er bereit sein würde, sein ganzes Leben unter den Bleidächern zu verbringen, wenn die Inquisitoren ihm für jeden Tag der Haft hundert Zechinen geben wollten. Er war Talmudist wie alle heutigen Juden, und er wollte mich glauben machen, er sei sehr gelehrt in seiner Religion und hänge sehr an ihr; aber ich entlockte ihm eines Tages ein Lächeln der Zustimmung, als ich ihm sagte, er würde Moses abschwören, wenn der Papst ihn zum Kardinal machen wollte. Als Sohn eines Rabbiners besaß er große Kenntnisse im Zeremoniell seiner Religion; aber er glaubte, das Wesentliche der Religion bestehe in der Beobachtung der äußeren Form; eine Meinung, die ich bei den meisten Menschen gefunden habe. Dieser Jude war außerordentlich fett; drei Viertel seines Lebens verbrachte er im Bett, und da er oft bei Tage schlief, lag er nachts und ärgerte sich, daß er nicht schlafen konnte, um so mehr, da er meine ruhigen Atemzüge hörte. Eines Tages weckte er mich auf, als ich im schönsten Schlummer lag. »Was wollen Sie?« rief ich emporfahrend. »Mein lieber Freund, ich kann nicht schlafen; haben Sie Mitleid mit mir und lassen Sie uns ein bißchen plaudern.« »Und Sie nennen mich ihren Freund, abscheulicher Mensch? Ich glaube gern, daß Ihre Schlaflosigkeit eine wahre Qual für Sie ist; aber wenn Sie sich noch einmal einfallen lassen, mir das einzige Gut zu rauben, das ich habe, so stehe ich auf und erdrossele Sie!« rief ich in heller Wut. »Bitte, verzeihen Sie mir und verlassen Sie sich darauf, es wird nicht wieder vorkommen.« Vielleicht würde ich ihn nicht erwürgt haben; aber ganz gewiß hatte ich die größte Lust dazu. Ein Gefangener, der das Glück hat, im festen Schlafe zu liegen, ist während dieser Zeit kein Sklave mehr; im Schlafe fühlt er nicht die Last seiner Ketten. Ein Gefangener muß also den Unbescheidenen, der ihn aufweckt, als einen Henkersknecht ansehen, der ihn seiner Freiheit beraubt, um ihn wieder ins Elend zurückzustoßen; denn das Erwachen bringt ihn wieder zum Gefühl seines ganzen Unglücks. Dazu kommt noch, daß der schlafende Gefangene meistens träumt, daß er frei sei, gerade wie ein unglücklicher Hungernder im Traume sich an einer besetzten Tafel sitzen sieht. Ich wünschte mir Glück, daß ich meine große Arbeit nicht vor seiner Ankunft begonnen hatte, um so mehr, da er verlangte, daß ausgefegt würde. Als er es zum ersten Mal verlangte, mußte ich über die Gefängnisknechte lachen; sie sagten ihm nämlich, ich würde den Tod davon haben. Er bestand auf seiner Forderung, und da blieb mir denn nichts anderes übrig, als mich krank zu stellen; denn ich mußte in meinem eigenen Interesse entgegenkommend sein. Am Mittwoch der heiligen Woche meldete Lorenzo uns, am Nachmittag werde der Sekretär uns den üblichen Osterbesuch machen, um diejenigen zu beruhigen, die das Sakrament des heiligen Abendmahls zu empfangen wünschten, und um zu erfahren, ob sie nichts gegen den Kerkermeister vorzubringen hätten. »Also, meine Herren, wenn Sie sich über mich zu beschweren haben, so tun Sie es. Kleiden Sie sich vollständig an; denn dies verlangt die Etikette« Ich befahl Lorenzo, mir für den nächsten Tag einen Beichtiger kommen zu lassen. Ich zog mich vollständig an, und der Jude folgte meinem Beispiel; doch nahm er zum Voraus Abschied von mir, so sicher glaubte er zu sein, der Sekretär würde ihm die Freiheit wiedergeben, sobald er mit ihm gesprochen hätte. »Mein Vorgefühl,« sagte er zu mir, »ist von der Art derer, die mich noch niemals getäuscht haben.« »Ich wünsche Ihnen dazu Glück, aber machen Sie die Rechnung nicht ohne den Wirt.« Er verstand mich nicht. Der Sekretär kam. Sobald unser Kerker ausgestoßen war, lief der Jude hinaus und warf sich auf beide Kniee vor ihm nieder. Vier oder fünf Minuten lang hörte ich nur sein Weinen und Geschrei; denn der Sekretär sagte kein Wort zu ihm. Der Jude kam zurück, und Lorenzo sagte mir, ich solle herauskommen. Mit meinem acht Monate alten Bart und in einem Rock, der für Liebesabenteuer im Monat August gemacht worden war, mußte ich bei der herrschenden Kälte einen recht komischen Anblick darbieten. Ich schlotterte vor Frost, und dies war mir sehr unangenehm, denn ich fürchtete, der Sekretär könnte sich einbilden, daß ich vor Furcht zitterte. Da ich mich tief bücken mußte, um aus meinem Loch hinauszukriechen, so war die Verbeugung bereits gemacht. Ich richtete mich wieder auf, sah ihn mit ruhigem Gesicht an, ohne einen übelangebrachten Stolz zu zeigen, und wartete, daß er das Wort an mich richten würde. Der Sekretär schwieg ebenfalls, und so standen wir wie zwei Bildsäulen einander gegenüber. Als er nach zwei Minuten sah, daß ich nichts zu ihm sagte, grüßte der Herr Sekretär mich mit einer leichten Neigung des Kopfes und ging. Ich kehrte in meinen Kerker zurück, zog mich so schnell wie möglich aus und legte mich in mein Bett, um mich wieder zu erwärmen. Der Jude war erstaunt, daß ich dem Sekretär nichts gesagt hätte, während doch in Wirklichkeit mein Schweigen viel mehr gesagt hatte als sein feiges Geschrei. Ein Gefangener wie ich durfte nur vor seinem Richter den Mund auftun, um auf dessen Fragen zu antworten. Am grünen Donnerstag nahm ein Jesuit mir die Beichte ab, und zwei Tage darauf reichte ein Priester von San Marco mir das heilige Abendmahl. Meine Beichte schien dem lieben Sohne des heiligen Ignatius zu wortkarg zu sein, und er hielt es für angebracht, Ermahnungen an mich zu richten, bevor er mich ledig sprach. »Beten Sie zu Gott?« fragte er mich. »Vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen! Denn in der Lage, worin ich mich befinde, kann alles, was in mir vorgeht, mein Denken, meine Ungeduld und sogar jede Verirrung meines Geistes in den Angen der göttlichen Weisheit, die allein mein Herz sieht, nichts anderes als ein Gebet sein.« Der Jesuit lächelte leise und antwortete mit einer mehr metaphysischen als moralischen Auseinandersetzung, die mit meiner Bemerkung gar nichts zu tun hatte. Ich würde ihn in allen Punkten widerlegt haben, hätte er mich nicht durch eine Prophezeiung erstaunt, welche großen Eindruck auf mich machte. Er sagte: »Da Sie von uns die Relegion gelernt haben, so üben Sie sie wie wir, beten Sie wie wir und erfahren Sie, daß Sie erst am Tage des Heiligen, dessen Namen Sie tragen, von hier loskommen werden!« Nach diesen Worten erteilte er mir die Absolution und verließ mich. Es ist unglaublich, welchen Eindruck der Mann mir hinterließ; ich wehrte mich dagegen; aber es war mir unmöglich, mich von dem Gedanken frei zu machen. Ich machte mich ans Werk und nahm im Kalender alle Heiligen durch. Der Jesuit war der Gewissensrat des alten Senators Flaminio Corner, der damals Staatsinquisitor war. Der alte Herr war ein berühmter Schriftsteller, großer. Politiker, sehr fromm und Verfasser von Erbauungsbüchern und asketischen Schriften in lateinischer Sprache. Sein Ruf war ohne Makel. Da ich also erfahren hatte, daß ich am Tage meines Schutzheiligen mein Gefängnis verlassen sollte, und da ich annehmen durfte, daß der Jesuit, der es mir mitgeteilt hatte, es aus sicherer Quelle wußte, so freute ich mich vor allem, einen Schutzheiligen zu haben. Aber wer ist es? fragte ich mich. Das hätte mir selber der Jesuit nicht sagen können. Sankt Jakob vom Compo-Stella, dessen Namen ich trug, konnte es nicht sein; denn gerade am Tage dieses Heiligen hatte Messer-Grande meine Türe erbrochen. Ich nahm den Kalender her und fand als nächsten Heiligen Sankt Georg, der ja in einigem Rufe steht, an den ich aber niemals gedacht hatte. Ich hielt mich also an den heiligen Markus, dessen Fest auf den fünfundzwanzigsten des Monats fiel und dessen Schutz ich als Venetianer beanspruchen konnte. An ihn richtete ich nun meine Gebete, aber vergebens; denn sein Fest ging vorüber, und ich war immer noch eingesperrt. Nun wählte ich mir den heiligen Jakob, den Bruder Jesu Christi, der vor dem heiligen Philipp kommt, aber wiederum sah ich mich getäuscht. Dann wandte ich mich an den heiligen Antonius, der, wie man in Padua sagt, täglich dreizehn Wunder tut. Für mich tat er kein einziges. So ging ich von einem zum andern und gewöhnte mich unmerklich daran, auf den Schutz der Heiligen nur in der Weise zu hoffen, wie man auf alles hofft, das man wünscht. Ich glaubte nicht mehr daran und setzte zuletzt ein wahres Zutrauen nur in meinen heiligen Spieß und in die Kraft meiner Arme. Indessen hat die Verheißung des Jesuiten sich doch erfüllt, denn ich verließ die Bleikammern am Allerheiligentage, und ganz gewiß mußte, wenn ich einen Heiligen für mich hatte, dieser sich unter denen befinden, zu deren Ehre das Fest gefeiert wird. Vierzehn Tage nach Ostern befreite man mich von meinem lästigen Israeliten; anstatt nach Hause zu kommen, wurde der arme Teufel auf zwei Jahre in die Quattro geschickt; als er wieder loskam, ließ er sich in Triest nieder, wo er seine Tage beschloß. Sobald ich mich allein sah, ging ich eifrig ans Werk. Ich mußte mich beeilen, weil ich immer zu befürchten hatte, daß man mir irgend einen neuen Gast schickte, der ebenso lästig war, wie der Jude, und das Ausfegen verlangte. Ich schob mein Bett zur Seite, zündete meine Lampe an und warf mich platt auf den Fußboden; meinen Spieß hatte ich in der Hand und ein Tuch lag neben mir, um die Splitter des Fußbodens aufzunehmen. Ich mußte die Bretter dadurch zerstören, daß ich die Spitze meines Werkzeugs hineinbohrte. Die Stücke, die ich losbrach, waren anfangs nur so groß wie ein Weizenkorn, bald aber wurden sie größer. Das Brett war von Lärchenholz und sechzehn Zoll breit. Ich begann meine Arbeit an der Stelle, wo das Brett sich an ein anderes anfügte, und da kein Nagel oder eiserner Beschlag vorhanden war, so ging die Arbeit ganz glatt. Nach sechsstündiger Arbeit knotete ich mein Tuch zusammen und legte es auf die Seite, um es am nächsten Morgen hinter den Papierhaufen auszuleeren, der sich in der Dachkammer befand. Die Splitter bildeten einen vier- oder fünfmal größeren Umfang als das Loch, woraus ich sie hervorgeholt hatte. Die Krümmung mochte etwa dreißig Grad betragen und ihr Durchmesser zirka zehn Zoll. Ich rückte mein Bett wieder an seine Stelle, und als ich am nächsten Tage mein Tuch ausleerte, vergewisserte ich mich, daß meine Splitter nicht gesehen werden konnten. Am nächsten Tage hatte ich das erste Brett, das zwei Zoll dick war, durchbrochen; aber unter demselben fand ich ein zweites, das mir von derselben Beschaffenheit zu sein schien. In meiner Furcht, neue Besuche zu erhalten, verdoppelte ich meine Anstrengungen und war in drei Wochen mit drei Brettern fertig, aus denen der Fußboden bestand. Nun aber glaubte ich mich verloren, denn ich stieß auf eine Schicht von Marmorstücken, die man in Venedig Terrazzo marmorin nennt. Es ist der gewöhnliche Fußboden aller venetianischen Häuser, ausgenommen in den Wohnungen der Armen; denn selbst die vornehmsten Herren ziehen den Terrazzo dem schönsten Parkett vor. Ich war betroffen, als ich sah, daß mein Spieß nicht in diese zusammengekettete Masse eindrang. Dieses Hindernis hätte mich beinahe gänzlich entmutigt. Da fiel mir ein, daß nach Titus Livius Hannibal sich einen Weg durch die Alpen gebahnt, indem er die Felsen durch Hacken oder andere Werkzeuge zerbrechen ließ, nachdem er sie vorher mit Essig erweicht hatte. Ich glaubte, daß Hannibal dies nicht aceto vollbracht hätte, sondern aceta, was in seinem paduanischen Latein recht wohl dasselbe wie Ascia[R1 Zimmeraxt] bedeuten konnte; wer kann übrigens dafür bürgen, daß ein Abschreiber keine Fehler macht? Nichtsdestoweniger goß ich eine Flasche starken Weinessig, den ich besaß, in mein Loch hinein; und sei es nun die Wirkung des Essigs gewesen, sei es, daß ich ausgeruht war und mehr Kraft und Geduld zur Arbeit mitbrachte – genug, ich sah bald, daß ich die neue Schwierigkeit überwinden würde. Ich mußte nicht die Marmorstücke zerbrechen, sondern vielmehr mit der Spitze meines Werkzeugs den Kitt, der sie verband, zerpulvern. Bald bemerkte ich zu meiner großen Freude, daß die Hauptschwierigkeit nur an der Oberfläche lag. In vier Tagen war die ganze Mosaik zerstört, ohne daß die Spitze meines Spießes den geringsten Schaden gelitten hatte. Unter der Steinschicht fand ich wieder ein Brett, aber dies hatte ich erwartet. Es mußte meiner Meinung nach das letzte sein, das heißt: das erste von unten an gerechnet, in der Decke, die sich über dem Saal befand. Ich nahm es mit einiger Schwierigkeit in Angriff; denn da mein Loch zehn Zoll tief war, war die Handhabung meines Spießes schon recht unbequem. Tausendmal empfahl ich mich der Barmherzigkeit Gottes. Die Freigeister, welche behaupten, das Gebet sei nichts wert, wissen nicht, was sie sagen. Ich aber weiß aus Erfahrung, daß ich immer viel stärker war, nachdem ich zu Gott gebetet hatte. Dies genügt, um die Nützlichkeit des Gebetes zu erweisen, mag nun die Vermehrung der Kraft unmittelbar von Gott herrühren oder nur von dem Vertrauen, das man zu ihm hat. Am 25. Juni feiert allein auf der ganzen Welt die Republik Venedig die wunderbare Erscheinung des heiligen Markus unter der symbolischen Form eines geflügelten Löwen in der Kirche des Dogen. Man ist überzeugt, diese Erscheinung habe gegen Ende des elften Jahrhunderts stattgefunden; sie zeigte der hohen Weisheit des zu jener erleuchteten Zeit herrschenden Senates an, daß es angebracht sei, den heiligen Theodor, der nicht mehr Einfluß genug hätte, den Venetianern bei ihren Vergrößerungsplänen zu helfen, nunmehr auf die Seite zu schieben und dafür den Schüler des heiligen Petrus und des heiligen Paulus zu erwählen. An diesem Tage lag ich gegen drei Uhr nachmittags völlig nackt und schweißüberströmt glatt auf dem Bauch und arbeitete an der Fertigstellung meines Loches; neben mir stand meine angezündete Lampe, um mir bei der Arbeit zu leuchten. Plötzlich hörte ich zu meinem tödlichen Entsetzen den Riegel des ersten Korridors kreischen und dessen Tür sich öffnen. Entsetzlicher Augenblick! Ich blies die Lampe aus, ließ meinen Spieß im Loch, warf das Tuch mit den Holzsplittern hinein und brachte schnell, so gut ich es konnte, mein Bett in Ordnung, indem ich Strohsack und Matratze darüber hinwarf. Dann sank ich wie tot auf mein übriges Bettzeug hin. In demselben Augenblick öffnete sich die Tür meines Kerkers. Wäre er zwei Minuten früher gekommen, so hätte Lorenzo mich überrascht. Er wäre beinahe auf mich getreten; als ich aber einen Schmerzensschrei ausstieß, trat er zurück und rief: »Mein Gott, lieber Herr, Sie tun mir wirklich leid; man erstickt ja hier wie in einem Backofen. Stehen Sie auf und danken Sie Gott, der Ihnen ausgezeichnete Gesellschaft schickt! Nur herein, herein, Exzellenz!« sagte er zu dem Unglücklichen, der ihm folgte. Ohne auf meine Nacktheit Rücksicht zu nehmen, ließ der Kerl den Illustrissimo eintreten, der bei meinem Anblick entsetzt zurückwich, während ich vergeblich nach meinem Hemd suchte. Der Neue glaubte in die Hölle gekommen zu sein und rief: »Wo bin ich? In was für ein Loch steckt man mich, großer Gott! Welche Hitze! Welcher Gestank! Wer ist hier drinnen?« Lorenzo ließ ihn hinausgehen und bat mich, ein Hemd abzuziehen und einen Augenblick in die Dachkammer einzutreten. Dann sagte er dem neuen Gefangenen, er habe Befehl, ihm ein Bett und alles Notwendige zu besorgen, und lasse uns bis zu seiner Rückkehr in der Dachkammer; unterdessen werde der schlechte Geruch, der nur von Öl herrühre, sich aus dem Gefängnis verziehen. Welche Überraschung für mich, ihm diese letzten Worte sagen zu hören! In der Übereilung hatte ich versäumt, den Docht auszudrücken, nachdem ich die Lampe ausgeblasen hatte. Da Lorenzo mich nicht darüber befragte, so nahm ich an, er müsse alles wissen, und nur der unglückselige Jude hatte mich verraten können. Wie freute ich mich, daß er ihm nicht noch mehr hatte sagen können! In diesem Augenblick fühlte ich den Abscheu schwinden, den ich bisher gegen Lorenzo empfunden hatte. Nachdem ich ein Hemd angezogen und meinen Schlafrock übergeworfen, ging ich hinaus und fand meinen neuen Gefährten beschäftigt, mit Bleistift aufzuschreiben, was der Schließer ihm bringen sollte. Kaum war sein Blick auf mich gefallen so rief er aus: »Ah, Casanova!« Ich erkannte sofort den Abbate Fenarolo aus Brescia, einen Mann von etwa fünfzig Jahren, liebenswürdig, reich und in der guten Gesellschaft beliebt. Er umarmte mich, und als ich ihm sagte, ich hätte eher ganz Venedig hier oben zu sehen erwartet als ihn, konnte er seine Tränen nicht zurückhalten, und auch ich weinte vor Rührung. Sobald wir allein waren, sagte ich ihm, ich würde ihm, wenn sein Bett gebracht würde, den Alkoven anbieten, aber ich bäte ihn, diesen nicht anzunehmen. Ferner bat ich ihn, er möchte nicht verlangen, daß ausgefegt würde; den Grund würde ich ihm später mitteilen. Er versprach mir, er werde alles aufs strengste geheim halten, und sagte mir, er schätze sich glücklich, daß man ihn zu mir geführt habe. Er erzählte mir ferner: da niemand das Verbrechen kenne, wegen dessen ich unter den Bleidächern sei, so wolle ein jeder es erraten. Die einen behaupteten, ich sei das Oberhaupt einer neuen Sekte; andere, Frau Memmo habe den Inquisitoren eingeredet, ich verführe ihre Söhne zum Atheismus; noch andere behaupteten, Antonio Condulmer habe mich als Staatsinquisitor wegen Störung des öffentlichen Friedens einsperren lassen, weil ich die Theaterstücke des Abbate Chiari ausgepfiffen habe und mit dem Gedanken umgegangen sei, eigens nach Padua zu reisen, um ihn zu töten. Alle diese Anschuldigungen waren bis zu einem gewissen Grade begründet und erhielten dadurch einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit; im Grunde aber waren sie alle vollständig falsch. Ich machte mir zu wenig aus der Religion, um mir mit der Begründung einer neuen den Kopf zu zerbrechen. Die geistvollen Söhne der guten Frau Memmo waren eher dazu angetan, zu verführen, als verführt zu werden, und der Herr von Condulmer hätte viel zu tun gehabt, wenn er alle Leute hätte einsperren lassen, die den Abbate Chiari auspfiffen. Diesem Abbate aber und Exjesuiten hatte ich verziehen, denn der berühmte Vater Origo, ebenfalls Exjesuit, hatte mich gelehrt, mich dadurch an Chiari zu rächen, daß ich in allen Gesellschaften Gutes von ihm sagte, wodurch die boshaften Zuhörer dazu angeregt wurden, tausend Satiren gegen ihn vorzubringen; so fand ich mich gerächt, ohne mir selber Mühe zu machen. Gegen Abend brachte man ein gutes Bett, schöne Wäsche, wohlriechende Wasser, ein gutes Abendessen und ausgezeichnete Weine. Der Abbate bezahlte den gewöhnlichen Tribut, d. h. er aß nichts. Dafür speiste ich ausgezeichnet für zwei. Sobald Lorenzo uns guten Abend gewünscht und bis zum nächsten Tage wieder eingeschlossen hatte, holte ich meine Lampe hervor, die ich leer fand, denn das Tuch hatte alles Öl aufgesaugt. Ich mußte darüber herzlich lachen, indem ich mir die Verwirrung vorstellte, die dadurch hätte hervorgerufen werden können, daß durch den Docht das Tuch angezündet worden und dadurch eine Feuersbrunst ausgebrochen wäre. Ich teilte meine Gedanken meinem Genossen mit, der darüber ebenfalls lachte; hierauf zündete ich meinen Lichtspender wieder an, und wir verbrachten die Nacht in sehr angenehmen Gesprächen. Folgendes war die Geschichte meiner Verhaftung: »Gestern nachmittag um drei Uhr stiegen Frau Alessandri, Graf Martinengo und ich in eine Gondel. Wir fuhren nach Padua, um dort die Oper zu sehen und dann sofort nach Venedig zurückzukehren. Während des zweiten Aktes trieb mich mein böser Geist, einen Augenblick in den Spielsaal zu gehen, wo ich das Unglück hatte, den österreichischen Gesandten Grafen Rosenberg mit abgenommener Maske zu sehen. Zehn Schritte von ihm stand Frau Ruzzini, deren Mann als Gesandter der Republik nach Wien gehen soll. Ich begrüßte beide und wollte mich entfernen, als der Gesandte laut zu mir sagte: ›Sie sind recht glücklich, daß Sie einer so liebenswürdigen Dame den Hof machen können. In solchen Augenblicken macht die Stellung, die ich hier einnehme, das schönste Land für mich zu einer Galere. Bitte sagen Sie ihr, die Gesetze, die mich hier verhindern, mit ihr zu sprechen, seien in Wien nicht in Geltung; dort würde ich sie nächstes Jahr sehen und ihr dann den Krieg erklären!‹ Frau Ruzzini sah, daß von ihr gesprochen wurde, und fragte mich, was der Graf gesagt habe; ich erzählte es ihr Wort für Wort. ›Antworten Sie ihm,‹ sagte sie zu mir, ›ich nehme die Kriegserklärung an, und wir werden sehen, wer von uns beiden am besten fechten kann.‹ Ich glaubte kein Verbrechen zu begehen, indem ich diese Antwort überbrachte, die doch im Grunde nur ein Kompliment war. Nach der Oper nahmen wir ein leichtes Abendessen zu uns; dann fuhren wir zurück und kamen um Mitternacht hier an. Ich wollte gerade zu Bett gehen, als ein Bote mir einen Brief überbrachte. Dieser enthielt den Befehl, mich um ein Uhr mittags in der Bussola einzufinden, da der Sekretär des Rates der Zehn, Herr Businello, mit mir zu sprechen habe. Erstaunt über einen solchen Befehl, der stets von schlimmer Vorbedeutung ist, und ärgerlich, ihm gehorchen zu müssen, begab ich mich zur bestimmten Stunde an den bezeichneten Ort; der Herr Sekretär würdigte mich nicht eines einzigen Wortes und befahl, mich hierher zu bringen.« Gewiß war der vom Grafen Fenarolo begangene Fehltritt nichts weniger als ein Verbrechen; aber es gibt Gesetze, die man in aller Unschuld übertreten kann, und deren Übertretung trotzdem strafbar ist. Ich wünschte ihm Glück dazu, daß ihm sein Verbrechen bekannt sei, und sagte ihm, man werde ihn nach achttägiger Haft entlassen und ihn zugleich bitten, sechs Monate in Brescia zu verbringen. »Ich glaube nicht,« sagte er zu mir, »daß man mich acht Tage hier läßt.« Ich beließ ihn bei seinem Glauben; aber meine Weissagung erfüllte sich. Ich beschloß, ihm gute Gesellschaft zu leisten, um seine Erbitterung über die Verhaftung zu lindern, und ich versetzte mich so vollständig in seine Lage, daß ich meine eigene völlig vergaß. Am nächsten Tage gleich nach Sonnenaufgang brachte Lorenzo Kaffee und einen Korb mit allem, was zu einem guten Mittagessen nötig ist. Der Abbate war sehr überrascht, denn er begriff nicht, wie man von ihm annehmen konnte, daß er zu solcher Stunde Lust zum Essen hätte. Man ließ uns eine Stunde in der Dachkammer spazieren gehen; hierauf schloß man uns wieder ein, und damit waren wir für den Tag erledigt. Die Flöhe, die uns peinigten, veranlaßten ihn, mich zu fragen, warum ich nicht ausfegen ließe. Unmöglich konnte ich ihn glauben lassen, daß ich an solcher Unsauberkeit Gefallen fände oder daß meine Haut härter sei als die seinige. Ich sagte ihm alles. Er war betrübt, mich gewissermaßen gezwungen zu haben, ihm ein so wichtiges Geständnis zu machen; aber er ermutigte mich, meine Arbeit eifrig fortzusetzen und sie womöglich noch an demselben Tage zu beendigen. Er wolle mir helfen, mich in den untern Saal herabzulassen und wolle hierauf den Strick wieder hoch ziehen; indessen wolle er seine eigene Angelegenheit nicht durch eine Flucht verschlimmern. Ich zeigte ihm das Modell einer Vorrichtung, mittels derer ich sicher war, das Bettuch, das mir als Strick dienen sollte, nach dem Gebrauch zu mir herunter zu ziehen; das war ein kleines Stäbchen, an dessen einem Ende ein langer Bindfaden befestigt war. Mein Strick sollte an meiner Bettstelle nur mittels dieses Stäbchens befestigt sein; der Bindfaden hing bis zum Fußboden des Inquisitorensaales hinunter; sobald ich unten war, machte ich mit einem Ruck das Stäbchen frei und die Bettücher fielen zu Boden. Er überzeugte sich von der sicheren Wirkung und wünschte mir Glück dazu. Diese Vorsichtsmaßregel war unerläßlich; denn wenn die Bettücher hängen geblieben wären, hätte ich durch sie sofort verraten werden müssen. Lorenzo wäre es augenblicklich gewahr geworden, wenn er durch den Saal der Gefängnisse ging. Dann hätte er mich sofort gesucht, gefunden und angehalten. Mein edler Genosse ließ sich von mir überzeugen, daß ich meine Arbeit aufschieben mußte; denn ich mußte vor einer Überraschung auf der Hut sein, da ich noch mehrere Tage brauchte, um das Loch fertig zu machen, das dem Schließer Lorenzo das Leben kosten sollte. Konnte wohl der Gedanke mich zurückhalten, daß ich meine Freiheit auf Kosten eines solchen Menschen erkaufte? Ich hätte ebenso gehandelt, und wenn auch meine Flucht allen Sbirren der Republik und sogar den Inquisitoren selber hätte das Leben kosten sollen. Sogar das Heiligste von allem, das Vaterland, wird ein Nichts dem Menschen, den es unterdrückt! Meine gute Laune hielt meinem Gefährten nicht alle Anfälle von Schwermut fern. Er liebte Frau Alessandri, vormals Sängerin und jetzige Geliebte oder Gattin seines Freundes Martinengo, und er wurde ohne Zweifel erhört; aber je glücklicher ein Liebhaber ist, desto unglücklicher wird er, wenn man ihn von der Geliebten fern hält. Er seufzte, er vergoß Tränen, und oft rief er aus, er liebe eine Frau, die ein Muster aller Tugenden sei. Ich beklagte ihn, und es fiel mir nicht ein, ihm zum Troste zu sagen, daß die Liebe nur eine Kleinigkeit sei. Dieser Trost, den oft die Toren Liebenden geben, ist kein Trost; es ist nicht einmal wahr, daß die Liebe nur eine Kleinigkeit ist. Die acht Tage, die ich ihm prophezeit hatte, vergingen sehr schnell. Ich verlor den lieben Gefährten, aber ich hielt mich nicht damit auf, ihm nachzutrauern: er bekam seine Freiheit wieder, und das war für mich Grund genug, mich zu freuen. Ich dachte nicht daran, ihn zur Verschwiegenheit zu ermahnen; der geringste Zweifel in dieser Hinsicht hätte seine schöne Seele beleidigt. Während der acht Tage, die er bei mir verbrachte, nährte er sich nur von Suppe, Früchten und Canarienwein; sein gutes Essen verzehrte ich, und dies machte ihm viel Freude. Beim Abschied schworen wir uns die innigste Freundschaft. Am nächsten Tage legte Lorenzo mir Rechnung über mein Geld ab. Es war ein Rest von vier Zechinen zu meinen Gunsten vorhanden, und er wurde gerührt, als ich ihm sagte, daß ich sie seiner Frau schenkte. Ich sagte ihm nicht, daß es Mietgeld für die Lampe sei, aber er konnte sich dies wohl denken. Ich nahm nun meine Arbeit wieder auf und setzte sie ohne Unterlaß fort; am 23. August sah ich sie fertig. Daß es so lange dauerte, daran war ein sehr natürliches Ereignis schuld: das letzte Brett durchbohrte ich mit der größten Vorsicht, indem ich ganz allmählich einen Splitter nach dem andern abhob, bis das Brett sehr dünn geworden war; als ich bis an die Oberfläche vorgedrungen war, legte ich mein Auge an ein kleines Loch, durch welches ich das Zimmer der Inquisitoren sehen mußte. Ich sah es auch wirklich, bemerkte aber zur gleichen Zeit einen Balken von etwa acht Zoll Dicke. Was ich immer gefürchtet hatte, war geschehen: ich war auf einen der Deckbalken gestoßen. Dies zwang mich, meine Öffnung nach der entgegengesetzten Seite zu erweitern; denn durch den Balken wäre der Durchgang so eng geworden, daß meine ziemlich kräftige Gestalt niemals hindurch gekonnt hätte. Ich vergrößerte also das Loch um ein Viertel, wobei ich zwischen Furcht und Hoffnung schwebte; denn es hätte wohl sein können, daß der Raum zwischen diesem bis zum nächsten Deckbalken nicht ausreichte. Als ich mit der Erweiterung fertig war, erlaubte ein zweites kleines Loch mir, festzustellen, daß Gott mein Werk gesegnet hatte. Die kleinen Löcher stopfte ich sorgfältig wieder zu, damit nichts in den Saal hinunterfalle und kein Strahl meiner Lampe von dort aus gesehen werden könne; denn dadurch wäre ich entdeckt worden und wäre verloren gewesen. Ich setzte meine Entweichung auf die Nacht vor dem Augustinustage fest, weil ich wußte, daß aus Anlaß dieses Festes der Große Rat sich versammelte und daß infolgedessen niemand sich in der Bussola befinden würde, die unmittelbar an das Zimmer stieß, durch das ich auf meiner Flucht hindurch mußte. Die Ausführung sollte also am 27. stattfinden; aber am Mittag des 25. August stieß mir ein Unglück zu, dessen Erinnerung mich noch jetzt schaudern macht, obgleich seitdem so viele Jahre verflossen sind. Genau um zwölf Uhr hörte ich das Geräusch der Riegel, und ich glaubte zu sterben; mich befiel ein so heftiges Herzklopfen, daß ich fürchtete, mein letzter Augenblick sei gekommen. Halb bewußtlos warf ich mich in meinen Lehnstuhl und wartete. Lorenzo trat in die Dachkammer ein und rief mir mit fröhlicher Stimme durch mein Gitterfenster zu: »Ich wünsche Ihnen Glück zu der guten Nachricht, die ich bringe.« Ich glaubte, er wollte mir melden, daß ich frei wäre, denn an etwas anderes dachte ich nicht. Ich erzitterte bei dem Gedanken; denn ich fühlte, daß durch die Entdeckung des Lochs meine Begnadigung rückgängig gemacht worden wäre. Lorenzo trat ein und sagte mir, ich solle mitkommen. »Wartet, ich werde mich anziehen.« »Das ist nicht nötig; denn Sie brauchen nur von diesem schlechten Gefängnis nach einem andern ganz neuen zu gehen, wo Sie durch zwei Fenster eine Aussicht über halb Venedig haben und wo Sie aufrecht stehen können.« »Ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe und sagte zu ihm: »Gebt mir Essig und sagt dem Sekretär, ich danke dem Tribunal für diese Gnade, aber ich bitte, mich hier zu lassen.« »Sie machen mich lachen, mein Herr! Sind sie verrückt geworden? Man will Sie aus der Hölle befreien und Sie ins Paradies bringen, und Sie weigern sich! Vorwärts, vorwärts! Der Befehl muß befolgt werden; stehen Sie auf! Ich werde Ihnen den Arm geben und werde durch die Knechte ihre Sachen und ihre Bücher hinüber bringen lassen.« Da ich sah, daß jeder Widerstand vergeblich war, stand ich auf. Ich fühlte eine große Erleichterung, als ich hörte, daß einem der Sbirren befohlen wurde, mir meinen Lehnstuhl nachzutragen: also folgte mir mein Spieß und mit ihm die Hoffnung. Gar zu gern hätte ich auch mein schönes Loch mitnehmen mögen, das mir so viele Mühe gekostet, und worauf ich so viele Hoffnungen gesetzt hatte, die nun alle verloren waren. Ich kann wohl sagen: als ich diesen schrecklichen Ort der Schmerzen verließ, blieb meine ganze Seele dort zurück. Auf Lorenzos Schultern gestützt, der durch seine dummen Späße mich zu erheitern glaubte, durchschritt ich zwei enge Korridore. Dann ging es drei Stufen hinab, und ich betrat einen sehr hellen Saal; in der linken Ecke desselben führte eine kleine Türe in einen anderen, zwei Fuß breiten und ungefähr zwölf Fuß langen Korridor, und in der Ecke war mein neues Gefängnis. Dieses hatte ein vergittertes Fenster nach dem Korridor hinaus, der durch zwei ebenfalls vergitterte Fenster sein Licht erhielt, und durch diese hatte man eine herrliche Aussicht bis zum Lido. Ich war in diesem traurigen Augenblick nicht in der Stimmung, mich daran zu freuen. Indessen sah ich später mit Vergnügen, daß durch dieses Fenster, wenn es offen war, ein sanfter und frischer Wind eindrang, der die unerträgliche Hitze milderte. Dies war ein wahrer Balsam für den Unglücklichen, der hier oben atmen mußte, besonders während der heißen Jahreszeit. Wie der Leser sich denken kann, fanden alle diese Beobachtungen erst später statt. Als ich mein neues Gefängnis betreten hatte, ließ Lorenzo meinen Lehnstuhl hineinstellen; dann entfernte er sich mit den Worten, den Rest meiner Sachen werde er mir bringen lassen. Zenos Stoizismus und die Ataraxie der Pyrrhonianer beschäftigen den Geist mit sonderbaren Vorstellungen. Sie werden gepriesen und belacht, bewundert und verspottet. Nur bedingungsweise halten die Gelehrten sie für möglich. Aber nach meiner Meinung kann jeder Richter über moralisch Mögliches und Unmögliches immer nur von sich selber sprechen; denn wenn man redlich ist, kann man eine innere Kraft nicht anerkennen, deren Keim man nicht in sich selber fühlt. Und so finde ich in mir selbst, daß der Mensch durch eine mühe- und kunstvoll erworbene Kraft vielleicht Wehklagen über den Schmerz unterdrücken und sich gegen seine ersten Anfälle erwehren kann. Aber dies ist auch alles. Das abstine et sustine – Enthaltsamkeit und Geduld kennzeichnet einen guten Philosophen. Aber die körperlichen Schmerzen, die ein Stoiker empfindet, werden denen eines Epikuräers nichts nachgeben. Die Schmerzen brennen heftiger den, der sie verbirgt, als den, der sich durch Klagen eine wirkliche Erleichterung verschafft. Der Mensch, der bei einem für ihn entscheidenden Ereignis gleichgültig erscheinen will, trägt nur den leeren Schein des Gleichmuts zur Schau, falls er nicht etwa blödsinnig oder verrückt ist. Der sich völliger Ruhe rühmt, der lügt – und Sokrates möge mir diese Bemerkung nicht übel nehmen. Ich will dem Zeus alles glauben, sobald er mir zeigt, daß er das Geheimnis gefunden hat, der Natur das Erbleichen und Erröten, das Lachen und Weinen zu verwehren. Unbeweglich wie eine Bildsäule saß ich in meinem Lehnstuhl und erwartete das Gewitter. Und doch hatte ich keine Furcht. Mich lähmte nur der niederschmetternde Gedanke, daß alle Mühe und Pläne verloren waren. Trotzdem empfand ich keine Reue, sondern nur Bedauern. Nicht an die Zukunft zu denken war der einzige Trost, den ich mir beschaffen konnte. Indem ich meine Gedanken zu Gott erhob, konnte ich nicht umhin, das neue Unglück, das mich traf, als eine Strafe anzusehen, die Gott selber mir sandte, weil ich nicht geflohen war, sobald die Mittel dazu bereit waren. Indessen, wenn ich auch anerkannte, daß ich drei Tage früher hätte entspringen können, so mußte ich doch die Strafe zu hart finden; denn ich hatte mein Unternehmen nur aus Vorsicht aufgeschoben, und dies schien mir eher eine Belohnung zu verdienen; denn wenn ich meiner eigenen Ungeduld gefolgt wäre, so hätte ich allen Gefahren getrotzt. Aus Gründen der Vernunft hatte ich meine Flucht auf den 27. August verschoben; um gegen diese Vernunft zu handeln, hätte es einer Offenbarung bedurft, und so verrückt hatte mich das Buch der Maria von d'Agrada noch nicht gemacht. Dreißigstes Kapitel Die unterirdischen Gefängnisse, genannt: I pozzi – Lorenzos Rache. – Ich trete in Briefwechsel mit einem andere Gefangenen, dem Pater Balbi; sein Charakter. – Ich verabrede mit ihm meine Flucht. – Listiges Verfahren, um ihn meinen Spieß bekommen zu lassen. – Es gelingt. – Man gibt mir einen niederträchtigen Menschen zur Gesellschaft; sein Porträt. In diesem Zustand voll ängstlicher Erwartung und Verzweiflung befand ich mich, als zwei Sbirren mir mein Bett brachten. Sie entfernten sich sofort wieder, um das übrige zu holen; aber es vergingen mehr als zwei Stunden, bevor ich jemanden wiedersah, obgleich die Tür meines neuen Gefängnisses offen geblieben war. Diese Verzögerung war nicht natürlich, und ich machte mir eine Menge Gedanken darüber; doch konnte ich zu einer festen Meinung nicht kommen. Ich wußte nur, daß ich alles zu befürchten hatte, und diese Gewißheit veranlaßte mich, alles aufzubieten, um in einen Zustand von Ruhe zu gelangen, der mich zum Widerstand gegen jedes Mißgeschick waffnete. Außer den Bleikammern und dem Quattro besitzen die Staatsinquisitoren noch neunzehn fürchterliche Gefängnisse. Sie befinden sich im Dogenpalast selber, unter der Erde, und sind entsetzliche Löcher für solche Unglückliche, die man nicht zum Tode verurteilen will, obgleich ihre Verbrechen sie einer solchen Strafe würdig erscheinen lassen. Alle Richter und Herrscher der Erde haben stets gewissen Verbrechern eine große Gnade zu erweisen geglaubt, indem sie ihnen das Leben lassen, während ihre Handlungen den Tod verdient hätten. Aber oft tritt an die Stelle dieses augenblicklichen Todesschmerzes eine Lage, die nur ein unaufhörliches Leiden und darum schlimmer als der Tod ist. Vom religiösen und philosophischen Standpunkt aus kann man diese Strafumwandlungen nur dann als eine Gnade betrachten, wenn auch der Unglückliche, dem sie zuteil werden, sie als solche ansieht; aber der Verbrecher wird sehr selten befragt, und so artet die angebliche Gnade oft in eine wahre Ungerechtigkeit aus. Diese unterirdischen Gefängnisse sind wahre Gräber; aber man nennt sie die Brunnen, weil in ihnen stets das Meerwasser zwei Fuß hoch steht; dieses dringt durch dasselbe Gitter ein, wodurch sie ein wenig Licht empfangen. Das Gitterfenster ist nur einen Quadratfuß hoch. Wenn der unglückliche Gefangene, der in diesen schmutzigen Kloaken zu leben verdammt ist, nicht beständig ein Salzwasserbad nehmen will, muß er den ganzen Tag auf einem Gestell sitzen, worauf ein Strohsack liegt und das ihm auch als Speiseschrank dient. Am Morgen gibt man ihm einen Krug Wasser, eine dünne Suppe und eine Portion Kommißbrot, das er sofort essen muß, wenn es nicht die Beute der großen Wasserratten werden soll, von denen diese entsetzlichen Höhlen wimmeln. Für gewöhnlich sind die Unglücklichen, die man in die Brunnen sperrt, auf Lebenszeit verurteilt, und zuweilen kommt es vor, daß einer ein hohes Alter erreicht. Ein Verbrecher, der in dem Brunnen starb, während ich unter den Bleidächern war, hatte siebenunddreißig Jahre dort unten verbracht, und er war vierundvierzig alt gewesen, als er gefangen gesetzt wurde. Da er überzeugt sein mußte, den Tod verdient zu haben, so hat er vielleicht die Umwandlung der Strafe als eine Gnade angesehen; denn es gibt Menschen, die nur den Tod fürchten. Er hieß Béguelin und war aus Frankreich gebürtig. Er hatte während des letzten Türkenkrieges im Jahre 1716 als Kapitän bei den Truppen der Republik gedient und stand unter dem Befehl des Marschalls Grafen Schulenburg, der den Großvezier nötigte, die Belagerung von Korfu aufzuheben. Béguelin diente dem Marschall als Spion: als Türke verkleidet ging er in das Lager der Moslin; zugleich aber bediente er auch den Großvezier. Er wurde dieser doppelten Spionage überführt, und gewiß erwies man ihm eine Gnade, indem man ihn in die Brunnen schickte, um dort zu sterben. Er hat da unten nur hungern und sich langweilen können; aber mit seinem gemeinen Charakter hat er sich vielleicht oft das Wort wiederholt: Dum vita superest bene est – wenn nur das Leben bleibt, ist alles gut. Ich sah auf dem Spielberge in Mähren noch viel fürchterlichere Kerker; in diese brachte man aus Barmherzigkeit Verbrecher, die zum Tode verurteilt waren, und niemals hat es einer ein Jahr lang darin aushalten können. Welche Barmherzigkeit! Während ich diese zwei tödlich langen Stunden wartete, kamen mir die düstersten Gedanken, und ich stellte mir alles mögliche Unglück vor. Natürlich bildete ich mir auch ein, man würde mich in eins dieser schrecklichen Löcher werfen, in denen der Unglückliche sich nur von trügerischen Hoffnungen nährt und ebenso unvernünftigen panischen Schrecken erliegt. Das Tribunal, das über die höchsten Höhen und über die tiefsten Tiefen des Palastes verfügt, war wohl imstande, jemanden, der dem Fegefeuer zu entrinnen versucht hatte, nunmehr in die Hölle zu schicken. Endlich hörte ich einige Schritte, und bald sah ich Lorenzo vor mir. Sein Gesicht war ganz verzerrt vor Zorn; er schäumte vor Wut und fluchte auf Gott und alle Heiligen. Er befahl mir, ihm die Hacke und die Werkzeuge herauszugeben, mittels deren ich den Fußboden durchbrochen hätte, und ihm den Sbirren zu nennen, der sie mir geliefert hätte. Ich antwortete ihm ganz kaltblütig und ohne mich zu rühren, ich wisse nicht, von wem er spreche. Auf diese Antwort hin befahl er, mich zu durchsuchen; ich stand aber mit entschlossenem Gesicht auf, zog mich selber ganz nackt aus und rief den Halunken drohend zu: »Tut was eures Amtes ist! Aber keiner unterstehe sich, mich anzurühren!« Man durchsuchte meine Matratzen, schüttete den Strohsack aus und befühlte die Polster meines Lehnstuhls; man fand nichts. »Sie wollen mir nicht sagen, wo die Werkzeuge sind, mit denen Sie das Loch gemacht haben; aber man wird Mittel finden, Sie zum Sprechen zu bringen!« »Wenn es wahr ist, daß ich irgendwo ein Loch gemacht habe, so werde ich sagen, daß Ihr selber mir die Werkzeuge dazu gegeben habt und daß ich Euch alles zurückgegeben habe.« Diese Drohung rief bei den Knechten, die bei ihm waren und die er wahrscheinlich durch irgendwelche Bemerkungen geärgert hatte, ein beifälliges Lächeln hervor. Er stampfte mit dem Fuß, raufte sich die Haare und lief wie ein Besessener zur Tür hinaus. Seine Leute kamen wieder und brachten mir alle meine Sachen, mit Ausnahme meines Steines und meiner Lampe. Nachdem er mein Gefängnis geschlossen hatte, machte er die beiden Fenster zu, durch die ich ein wenig Luft empfing. So fand ich mich in engen Raum eingesperrt, wo ich von nirgendsher auch nur ein bißchen Luft erhalten konnte. Dies nahm ich mir aber nicht stark zu Herzen, denn ich gestehe, daß ich der Meinung war, noch gut davon gekommen zu sein. Lorenzo war ein alter erfahrener Gefängniswärter; trotzdem kam er glücklicherweise nicht auf den Gedanken, meinen Lehnstuhl umzudrehen. So besaß ich denn immer noch meinen Spieß und dankte dafür der Vorsehung; denn ich glaubte ihn immer noch als das Werkzeug des Glücks betrachten zu dürfen, das mir früher oder später meine Freiheit verschaffen würde. Ich konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, teils wegen der Hitze, teils wegen der gehabten Aufregung. Mit Tagesanbruch kam Lorenzo und brachte mir ungenießbaren Wein, dazu Wasser, das kein Mensch trinken konnte. Dementsprechend war auch alles übrige: der Salat war vertrocknet, das Fleisch stank, und das Brot war härter als Schiffszwieback. Er ließ mein Zimmer nicht reinigen, und als ich ihn bat, die Fenster zu öffnen, stellte er sich taub; aber ein Sbirre klopfte mit einer Eisenstange überall gegen die Wände und auf den Fußboden, ganz besonders unter dem Bett. Ich sah das alles mit unerschütterlichem Gesicht mir an; dabei entging es mir nicht, daß der Sbirre nicht gegen die Decke klopfte, und ich sagte zu mir selber, auf diesem Wege werde ich die Hölle hier verlassen. Um jedoch diesen Plan ausführen zu können, mußte ich abwarten, daß Umstände einträten, die nicht von mir abhingen; denn ich durfte nichts machen, was Lorenzos Blicken ausgesetzt war. Das Gefängnis war ganz neu; die kleinste Schramme wäre sofort von meinen Wächtern bemerkt worden. Ich verbrachte einen fürchterlichen Tag, denn die Hitze war erstickend wie in einem Backofen, und außerdem waren die mir verabreichten Nahrungsmittel völlig ungenießbar. Das Schwitzen und der Mangel an Nahrung machten mich so schwach, daß ich weder lesen, noch umhergehen konnte. Am nächsten Tage bekam ich ebensolches Essen; vor dem fauligen Geruch des Kalbfleisches, das der Kerl mir brachte, wich ich entsetzt zurück. »Hast du,« rief ich, »Befehl erhalten, mich an Hunger und Hitze sterben zu lassen?« Er antwortete nicht und schloß meinen Kerker wieder zu. Am dritten Tage die gleiche Behandlung. Ich verlangte Bleistift und Papier, um dem Sekretär zu schreiben; keine Antwort. Verzweifelt aß ich meine Suppe und etwas Brot in Cyperwein getunkt. Ich beschloß, Kräfte zu sammeln, um mich am nächsten Tag an Lorenzo rächen zu können. Ich wollte ihm meinen Spieß durch die Kehle stoßen. In meiner Wut schien mir kein anderer Entschluß möglich zu sein. Die Nacht beruhigte mich, und als am andern Morgen der Henkersknecht erschien, begnügte ich mich damit, ihm zu sagen, ich würde ihn töten, sobald ich wieder frei wäre. Er lachte nur ob meiner Drohung und ging wiederum hinaus, ohne den Mund aufzutun. Ich begann zu glauben, er handle so auf Befehl des Sekretärs, dem er wahrscheinlich alles gemeldet hatte. Ich wußte nicht, was ich machen sollte: meine Geduld kämpfte mit meiner Verzweiflung. Meine Lage war fürchterlich, ich fühlte mich an Erschöpfung zugrunde gehen. Am achten Tage endlich übermannte mich die Wut: mit Donnerstimme nannte ich ihn in Gegenwart der Sbirren einen niederträchtigen Henker und befahl ihm, mir Rechnung über mein Geld abzugeben. Er antwortete mir kurz angebunden, ich würde die Abrechnung am nächsten Tage bekommen. Als er gehen wollte, ergriff ich den Kübel und tat, wie wenn ich ihn auf den Korridor ausgießen wollte. Er kam mir jedoch zuvor und befahl einem der Sbirren, mir den Kübel abzunehmen. Um den Geruch zu vertreiben, der sich unterdessen im Korridor verbreitet hatte, öffnete er ein Fenster, das er aber wieder schloß, sobald die Sache besorgt war, und ich blieb trotz meinem Geschrei in der Pestluft. Ich glaubte, daß ich diesen ekelhaften, aber unumgänglich notwendigen Dienst den Beleidigungen verdankte, die ich ihm gesagt hatte, und beschloß daher, ihn am nächsten Tage noch schlechter zu behandeln. Aber meine Wut legte sich, sobald ich ihn sah, denn bevor er mir meine Rechnung vorlegte, übergab er mir einen Korb voll Zitronen, den Herr von Bragadino mir schickte, und eine große Flasche mit Wasser, das gut zu sein schien; dazu ein sehr appetitliches gebratenes Huhn. Außerdem öffnete einer von den Sbirren die beiden Fenster. Als er mir meine Rechnung vorlegte, warf ich nur einen Blick auf die Gesamtsumme und sagte ihm, er solle den Rest seiner Frau geben mit Ausnahme einer Zechine. Diese befahl ich ihm den Sbirren zu geben, die mit ihm meine Aufwartung besorgten. Diese kleine Freigebigkeit gewann mir die Herzen der armen Teufel, die sich sehr eifrig bei mir bedankten. Sobald Lorenzo mit mir allein war, fing er an zu sprechen: »Sie haben mir bereits gesagt, daß Sie von mir selber die Werkzeuge erhalten haben, die Sie brauchten, um das Riesenloch zu machen. Danach bin ich also nicht mehr neugierig; aber würden Sie wohl die Gnade haben, mir zu sagen, wer Ihnen die notwendigen Bestandteile verschafft hat, um eine Lampe zu machen?« »Ihr selber.« »Oho; da bin ich paff! Was Sie da sagen, ist sehr kühn, aber nicht gescheit.« »Ich lüge nicht. Ihr selber habt mir mit Euren Händen alles gegeben, was ich brauchte: Öl, Feuerstein, Schwefelfäden, das übrige besaß ich schon.« »Sie haben recht; aber könnten Sie mich ebenso leicht auch davon überzeugen, daß ich Ihnen die Werkzeuge geliefert habe, um das Loch zu machen?« »Ganz gewiß; denn ich habe alles nur von Euch erhalten.« »Barmherzigkeit! Was höre ich da? Sagen Sie mir doch, wann ich Ihnen eine Hacke gegeben habe!« »Ich werde Euch alles sagen und ich werde die Wahrheit sagen, aber es wird nur in Gegenwart des Sekretärs geschehen.« »Ich will gar nichts mehr wissen, ich glaube Ihnen alles. Ich bitte Sie, schweigen Sie! Bedenken Sie, ich bin ein armer Mann und habe Kinder.« Er hielt sich mit beiden Händen den Kopf und ging hinaus. Ich wünschte mir von ganzem Herzen Glück, daß ich ein Mittel gefunden hatte, den Spitzbuben in Furcht zu setzen, dem ich nach dem Willen des Schicksals das Leben kosten sollte. Ich sah, daß sein eigenes Interesse ihn nötigte, seinen Herren kein Wort von dem Vorgefallenen zu sagen. Ich hatte Lorenzo befohlen, mir Maffeis Werke zu kaufen. Diese Ausgabe wurmte ihn, aber er wagte mir dies nicht offen herauszusagen, sondern fragte mich, warum ich denn immer noch neue Bücher brauchte, da ich schon so viele besäße. »Ich habe alles gelesen und brauche Neues.« »Ich werde Ihnen von einem der Gefangenen Bücher leihen lassen, wenn Sie ihm dafür die Ihrigen leihen wollen. Auf diese Weise sparen Sie Ihr Geld.« »Es sind vielleicht Romane, und die liebe ich nicht.« »Es sind wissenschaftliche Bücher; wenn Sie vielleicht glauben, Sie seien der einzige gute Kopf hier oben, so irren Sie sich.« »Nun, mir soll es recht sein; wir werden sehen. Da habt Ihr ein Buch, das ich auf gut Glück herleihe. Bringt mir dafür ein anderes.« Ich hatte ihm das Rationarium von Petau gegeben; vier Minuten später brachte er mir dafür den ersten Band von Wolff. Dies war mir recht angenehm; ich sagte ihm, ich wolle auf den Maffei verzichten, und darüber freute er sich sehr. Mich erfreute weniger das Lesen dieser gelehrten Bücher, als die günstige Gelegenheit, eine Korrespondenz mit einem anderen anknüpfen zu können, der mir bei meinem Fluchtplan, den ich bereits im Kopf entworfen hatte, behilflich sein konnte. Sobald Lorenzo hinaus war, schlug ich das Buch auf und war außerordentlich erfreut, als ich auf einem Blatte eine Umschreibung des Senecaschen Wortes: calamitiosus est animus futuri anxius – unglücklich die Seele, die sich um künftige Sorgen quält, in sechs guten Versen fand. Ich machte sofort ebenfalls sechs, und um diese niederschreiben zu können, ersann ich folgendes Mittel: Ich hatte den Nagel. meines kleinen Fingers wachsen lassen, um ihn als Ohrlöffel benützen zu können; ich schnitt ihn spitz zu, so daß er als Feder dienen konnte. Tinte hatte ich nicht, und ich wollte mich schon in den Finger stechen, um mit meinem Blut zu schreiben, als mir plötzlich einfiel, daß ich statt Tinte auch Maulbeerensaft benutzen könnte, und solchen hatte ich. Außer den sechs Versen schrieb ich das Verzeichnis der Bücher auf, die ich besaß, und legte es in den Rücken des gleichen Buches. Man muß wissen, daß in Italien die Bücher gewöhnlich in Pergament gebunden sind und zwar so, daß beim Öffnen der Rücken eine Tasche bildet. Unter den Rückentitel schrieb ich: latet – hier ist etwas versteckt. Ich war ungeduldig, eine Antwort zu erhalten; als daher Lorenzo am anderen Morgen erschien, sagte ich ihm, ich hätte das Buch gelesen und bäte die Person, mir ein anderes zu schicken. Einen Augenblick darauf hatte ich den zweiten Band in Händen. Kaum war ich allein, so schlug ich den Band auf und fand darin auf einem losen Blatt folgende Worte in lateinischer Sprache: »Wir sind zu zweien in demselben Gefängnis, und es macht uns den größten Spaß, zu sehen, daß die Unwissenheit eines habsüchtigen Kerkermeisters uns ein Vorrecht verschafft, das an diesem Ort beispiellos ist. Ich, der Schreiber dieses, bin Marino Balbi, venetianischer Nobile und Mitglied des Somaskenordens; mein Genosse ist der Graf Andrea Asquino ans Udine, der Hauptstadt des Friauls. Ich teile Ihnen in seinem Namen mit, daß alle Bücher, die er besitzt und deren Verzeichnis Sie im Rücken des Buches finden werden, Ihnen zu Diensten stehen; aber wir machen Sie darauf aufmerksam, mein Herr, daß wir außerordentlich vorsichtig sein müssen, um unseren Verkehr vor Lorenzo geheim zu halten.« Es war nicht eben zu verwundern, daß wir in der Lage, worin wir uns befanden, auf den gleichen Gedanken verfielen, nämlich uns gegenseitig das Verzeichnis unseres kleinen Büchervorrats mitzuteilen, und daß wir dafür den Rücken des Buches wählten: diesen Gedanken gab uns der gesunde Menschenverstand ein; aber ich fand es eigentümlich, daß er auf einem losen Blatt Vorsicht empfahl. Es schien unmöglich zu sein, daß Lorenzo nicht das Buch öffnete; dann hätte er das Blatt gesehen, und da er es nicht lesen konnte, hätte er es in die Tasche gesteckt, um sich von irgendeinem den Inhalt sagen zu lassen. So wäre alles schon im ersten Anfang entdeckt worden. Dies ließ mich darauf schließen, daß mein Korrespondent ein recht unbesonnener Mensch sein müßte. Nachdem ich das Bücherverzeichnis gelesen hatte schrieb ich, wer ich wäre, wie man mich verhaftet hätte, daß ich nicht wüßte, für welches Verbrechen man mich strafte, und daß ich hoffte, mich bald frei zu sehen. Balbi schrieb mir einen sechzehn Seiten langen Brief; der Graf Asquino schrieb nichts. Der Mönch erzählte mir all sein Mißgeschick: Seit vier Jahren saß er gefangen, und zwar weil er die Gunst von drei jungen Mädchen genossen hatte; er hatte von ihnen drei Kinder gehabt, die er aus Gutmütigkeit auf seinen Namen hatte taufen lassen. Das erstemal war er mit einer Strafpredigt seines Oberen davongekommen. Das zweitemal hatte man ihm eine scharfe Strafe angedroht, und das drittemal endlich hatte man ihn einsperren lassen. Der Vater Prior seines Klosters schickte ihm jeden Morgen sein Essen. Er sagte mir in seinem Brief, der Prior und das Tribunal seien Tyrannen, denn sie hätten keine Gewalt über sein Gewissen; er sei überzeugt gewesen, daß die drei Kinder von ihm seien, darum habe er als anständiger Mann sie nicht des Vorteils berauben dürfen, den ihnen vielleicht sein Name bringen könnte. Weiter sagte er mir, er habe nicht umhin gekonnt, seine Kinder öffentlich anzuerkennen, damit sie nicht verleumderischerweise anderen Vätern zugeschrieben würden, denn dies hätte dem guten Ruf der drei anständigen Mädchen geschadet, von denen er diese Kinder gehabt hätte; außerdem hätte er nicht die Stimme der Natur ersticken können, die zugunsten der unschuldigen Geschöpfe gesprochen hätte. Er schloß mit den Worten: »Es ist keine Gefahr vorhanden, daß mein Prior in denselben Fehler verfällt; denn seine Zärtlichkeit betätigt sich nur seinen Schülern gegenüber.« Der Brief genügte, um mich den Mann kennen zu lehren. Ein sonderbarer Kauz, sinnlich, in falschen Vorstellungen befangen, boshaft, dumm, unvorsichtig, undankbar – so zeigte er sich schon in diesem ersten Brief; denn nachdem er mir gesagt hatte, er würde sich ohne den siebenzigjährigen Grafen Asquino, welcher Bücher und Geld besäße, sehr unglücklich befinden, schrieb er zwei ganze Seiten voll, um mir Böses von ihm zu sagen und mir die Fehler und Lächerlichkeiten des alten Mannes zu schildern. Als freier Mann würde ich einem Menschen von diesem Charakter nicht geantwortet haben; aber unter den Bleidächern mußte ich mir alles zunutze machen. Ich fand im Rücken des Buches Bleistift, Federn und Papier, so daß ich nunmehr ganz bequem schreiben konnte. Er schrieb mir auch genaue Mitteilungen über alle Gefangenen, die sich damals unter den Bleidächern befanden oder während seiner vierjährigen Haft dort gewesen waren. Er sagte mir, der Gefängnisknecht Niccolo kaufe ihm im geheimen alles, was er wünsche, nenne ihm die Namen der Gefangenen und erzähle ihm, was er von ihnen wisse. Zum Beweise berichtete er mir alles, was er über mein Loch erfahren hatte: Man habe mich aus meinem Gefängnis herausgenommen, um den Patrizier Priuli dort unterzubringen. Lorenzo habe zwei Stunden dazu gebraucht, den von mir angerichteten Schaden wieder auszubessern; er habe dem Tischler, dem Schlosser und allen Wächtern bei Todesstrafe verboten, ein Wort davon zu sagen. »Noch einen Tag,« hatte der Wächter gesagt, »und Casanova wäre auf sinnreiche Art entflohen, Lorenzo aber wäre an den Galgen gekommen; denn obwohl er sich beim Anblick des Loches sehr erstaunt stellte, ist es doch nicht zweifelhaft, daß nur er die erforderlichen Werkzeuge geliefert haben kann, um eine so schwierige Arbeit auszuführen. Niccolo hat mir ferner gesagt,« fuhr mein Korrespondent fort, »daß Herr von Bragadino ihm tausend Zechinen versprochen hat, wenn er Ihnen bei einer Flucht behilflich sein kann. Lorenzo aber weiß dies und hofft sich die Belohnung ohne Gefahr verdienen zu können, indem er durch seine Frau Ihre Befreiung bei Herrn Diedo erwirkt. Von den Wächtern wagt keiner über den Vorfall zu sprechen, weil jeder befürchtet, Lorenzo würde, wenn es ihm gelänge, sich auszureden, sich dadurch rächen, daß er ihn wegjagen ließe.« Der Mönch bat mich, ihm die ganze Geschichte ausführlich zu erzählen und ihm zu sagen, wie ich mir die Werkzeuge verschafft hätte; auf seine Verschwiegenheit könne ich rechnen. An seiner Neugier zweifelte ich nicht, wohl aber sehr an seiner Verschwiegenheit, zumal schon aus seiner Bitte hervorging, daß er ein höchst indiskreter Mensch war. Indessen glaubte ich ihn gut behandeln zu müssen, denn er schien mir der Mann zu sein, alle meine Anordnungen auszuführen, um mir bei der Wiedererlangung meiner Freiheit zu helfen. Daher antwortete ich ihm. Plötzlich aber kam mir ein Verdacht, der mich veranlaßte, das von mir Geschriebene vorläufig nicht abzuschicken. Es fiel mir nämlich ein, dieser Briefwechsel könnte vielleicht ein Kniff von Lorenzo sein, um auf diese Weise zu erfahren, von wem ich die Werkzeuge erhalten und wo ich sie gelassen hätte. Um seinen Wunsch zu erfüllen, ohne mich bloßzustellen, schrieb ich ihm, ich hätte das Loch mit Hilfe eines starken Messers gemacht, das ich besäße, und das ich oben auf das Gesimse des Korridorfensters gelegt hätte. Mehr als drei Tage vergingen; ich war beruhigt, denn Lorenzo unterließ es, auf dem Gesimse nachzusuchen, was er unfehlbar getan haben würde, wenn er den Brief aufgefangen hätte. Übrigens schrieb Pater Balbi mir, er wisse, daß ich wohl ein solches Messer besitzen könne; denn Lorenzo habe ihm erzählt, daß man mich vor der Einsperrung nicht durchsucht habe. Lorenzo hätte keinen Befehl dazu empfangen; und dieser Umstand würde ihn vielleicht gerettet haben, wenn mir meine Flucht gelungen wäre; denn er behauptete: wenn er jemanden aus den Händen des Sbirrenführers erhielte, müßte er annehmen, daß er bereits durchsucht wäre. Messer-Grande seinerseits würde gesagt haben: er hätte mich aus meinem Bett steigen sehen und wäre daher sicher gewesen, daß ich keine Waffen bei mir haben konnte. Durch diesen Widerstreit wären sie vielleicht alle beide mit heiler Haut davon gekommen. Zum Schluß bat der Mönch mich, ich möchte ihm durch Niccolo, dem ich vertrauen könnte, mein Messer schicken. Die Leichtfertigkeit des Mönches schien mir unbegreiflich. Ich schrieb ihm, ich hätte durchaus keine Neigung, mich dem Niccolo anzuvertrauen, und mein Geheimnis wäre so wichtig, daß ich es nicht zu Papier bringen könnte. Seine Briefe machten mir immerhin Spaß. In einem derselben teilte er mir mit, warum Graf Asquino unter den Bleidächern war. Es war eigentümlich, daß man ihn trotz seinem unbehilflichen körperlichen Zustand dort behielt, denn er war ungeheuer dick und konnte sich kaum bewegen, da ein gebrochenes Bein schlecht wieder angeheilt war. Der Graf, der nicht reich war, übte in Udine den Advokatenberuf aus; kraft dieses Berufes verteidigte er im Stadtrat den Bauernstand gegen den Adel, der ihm mit gewohnter Anmaßung das Stimmrecht in den Provinzialversammlungen bestreiten wollte. Die Ansprüche der Bauern störten den öffentlichen Frieden und um sie durch das Recht des Stärkeren zur Vernunft zu bringen, wandten die Adeligen sich an die Staatsinquisitoren, und diese befahlen dem gräflichen Advokaten, die Vertretung seiner Klienten niederzulegen. Der Graf antwortete, das Stadtrecht ermächtige ihn, die Verfassung zu verteidigen, und verweigerte den Gehorsam. Die Inquisitoren ließen ihn trotz dem Stadtrecht verhaften, und seit fünf Jahren atmete er die heilsame Luft der Bleigefängnisse. Er bekam wie ich täglich fünfzig Soldi, durfte aber über sein Geld verfügen. Der Mönch, der niemals einen Heller hatte, sagte mir viel Böses über den Geiz seines Kameraden. Er teilte mir ferner mit, daß in dem Gefängnis jenseits des Saales zwei Edelleute aus den Sieben Gemeinden säßen, die sich ebenfalls wegen Ungehorsams in Haft befänden; einer von diesen wäre wahnsinnig geworden und würde in Ketten gehalten. Endlich schrieb er mir noch, daß in einem anderen Gefängnis zwei Notare säßen. Nachdem mein Verdacht gänzlich geschwunden war, hielt ich folgendes Selbstgespräch: Ich will um jeden Preis mir die Freiheit verschaffen. Der Spieß den ich besitze, ist ausgezeichnet; aber es ist mir unmöglich, mich desselben zu bedienen, weil jeden Morgen mein ganzes Gefängnis, mit Ausnahme der Decke, mit einer Eisenstange abgeklopft wird. Will ich also aus meinem Gefängnisse herauskommen, so muß es auf dem Wege der Decke geschehen. Dazu brauche ich aber ein Loch und ein solches kann ich von unten her nicht durchbrechen, und in einem Tage läßt sich diese Arbeit nicht machen. Ich brauche einen Gehilfen, und dieser kann dann mit mir entfliehen. Die Wahl konnte mich nicht in Verlegenheit bringen, denn sie konnte nur auf den Mönch fallen. Er war achtunddreißig Jahre alt, und wenn er auch nicht eben übermäßig klug war, so dachte ich doch, die Freiheitsliebe, das erste Bedürfnis des Menschen, würde ihm so viel Entschlossenheit leihen, daß er meine Befehle ausführen würde. Zunächst mußte ich mich entschließen, ihm alles anzuvertrauen, dann aber galt es ein Mittel auszudenken, um ihm meinen Spieß zuzustellen. Dies waren zwei schwierige Punkte. Vor allen Dingen fragte ich ihn, ob er die Freiheit zu erlangen wünsche und ob er bereit sei, alles zu unternehmen, um sie sich mit mir zu verschaffen. Er antwortete mir, sein Kamerad und er seien zu allem bereit, um ihre Ketten zu brechen; aber er fügte hinzu, es sei zwecklos, sich mit unausführbaren Fluchtplänen den Kopf zu zerbrechen. Er füllte vier lange Seiten mit einer Aufzählung der Gründe, die nach seinem armen Verstand die Ausführung unmöglich machten; der unglückliche Mensch sah nicht die geringste Aussicht auf Erfolg. Ich antwortete ihm, die allgemeinen Schwierigkeiten beschäftigten mich nicht; beim Entwerfen meines Planes hätte ich nur an die besonderen Schwierigkeiten gedacht, und diese würden sich überwinden lassen. Zum Schluß gab ich ihm mein Ehrenwort, ihn frei zu machen, wenn er sich verpflichten wollte, alle meine Vorschriften buchstäblich auszuführen. Das versprach er mir. Ich teilte ihm nun mit, daß ich einen zwanzig Zoll langen Spieß besäße; mit diesem müßte er die Decke seines Gefängnisses durchbrechen und hierauf ein Loch in der Mauer machen, die uns voneinander trennte. Durch dieses Loch würde er auf den Boden über meinem Gefängnis gelangen; er würde die Decke durchbrechen und mir dann helfen, durch das Loch hindurch zu kommen. »Wenn wir so weit sind, ist Ihre Arbeit getan und die meinige beginnt: Ich werde Sie und den Grafen Asquino befreien.« Er antwortete mir: wenn er mich aus meiner Zelle befreit hätte, so wäre ich gleichwohl immer noch im Gefängnis, und unsere Lage würde sich von der jetzigen nur dadurch unterscheiden, daß wir etwas mehr Platz hätten; wir würde ganz einfach uns auf den Dachböden befinden, und diese wären durch drei starke Türen verschlossen. »Dies weiß ich alles, mein ehrwürdiger Vater,« antwortete ich ihm; »aber wir werden auch nicht durch die Türen entfliehen. Mein Plan ist fertig, und ich bin des Erfolges gewiß. Ich verlange von Ihnen nur, daß Sie alles genau ausführen und sich aller Einwendungen enthalten. Denken Sie nur darüber nach, wie ich Ihnen am besten unser Befreiungswerkzeug zustellen kann, ohne daß der Überbringer Verdacht schöpft. Lassen Sie einstweilen durch den Kerkermeister vierzig oder fünfzig Heiligenbilder kaufen, die so groß sind, daß Sie damit die ganze Oberfläche Ihres Gefängnisses tapezieren können. Diese religiösen Bilder werden Lorenzo keinen Verdacht einflößen. Ihnen werden sie dazu dienen, das Loch zu verkleben, das Sie durch die Decke brechen müssen. Sie werden dazu mehrere Tage nötig haben, Lorenzo wird aber morgens nicht sehen können, was Sie am Tage vorher gemacht haben, denn Sie werden es mit einem Bilde zudecken. Wenn Sie mich fragen, warum ich es nicht selber mache, so antworte ich Ihnen: ich kann es nicht, weil unser Kerkermeister Verdacht auf mich hat; und dieser Grund wird Ihnen ohne Zweifel triftig erscheinen.« Obwohl ich den Mönch gebeten hatte, über ein Mittel nachzudenken, wie ich ihm am besten den Spieß schicken könnte, so beschäftigte ich mich doch unaufhörlich auch selber damit, ein solches zu finden. Und da kam mir ein glücklicher Gedanke, den ich sofort erfaßte. Ich sagte Lorenzo, er solle mir eine grade eben erschienene Foliobibel kaufen; es war die Vulgata mit der Übersetzung der Septuaginta. Ich hoffte, meinen Spieß im Rücken des großen Bandes verbergen und so dem Mönch schicken zu können; aber als ich das Buch bekam, sah ich, daß mein Spieß um zwei Zoll zu lang war. Mein Korrespondent hatte mir schon geschrieben, sein Gefängnis sei mit den Bildern austapeziert; ich hatte ihm meine Idee mit der Bibel mitgeteilt, und daß mir die Länge des Spießes Schwierigkeiten mache. Glücklich, auch einmal seinen Geist leuchten lassen zu können, verspottete er mich wegen der Dürre meiner Phantasie und schrieb mir: ich brauche doch einfach nur den Spieß in meinen Fuchspelz eingewickelt zu schicken. Lorenzo habe ihnen von dem schönen Pelz erzählt, und es werde gar keinen Verdacht erregen, wenn Graf Asquino den Wunsch äußere, sich ihn einmal anzusehen, weil er einen gleichen kaufen wolle. »Sie brauchen ihn mir nur zusammengefaltet zu schicken; Lorenzo wird ihn nicht öffnen.« Ich war vom Gegenteil fest überzeugt, schon deshalb, weil ein zusammengelegter Pelz viel unbequemer zu tragen ist. Um ihn jedoch nicht zu entmutigen und ihn zugleich zu überzeugen, daß ich nicht so leichtsinnig sei wie er, schrieb ich ihm, er solle den Pelz nur holen lassen. Lorenzo bat mich darum, ich gab ihm den Pelz zusammengelegt, aber ohne den Spieß und eine Viertelstunde darauf brachte er ihn mir zurück mit dem Bescheid, die Herren hätten ihn sehr schön gefunden. Der Mönch schrieb mir einen sehr wehleidigen Brief, worin er sich schuldig bekannte, mir einen schlechten Rat gegeben zu haben, aber er meinte, ich hätte diesen nicht befolgen sollen. Der Spieß wäre verloren, denn Lorenzo hätte den Pelz offen über dem Arm getragen. Durch dieses Unglück wäre aber jede Hoffnung vernichtet. Ich tröstete ihn, indem ich ihn über seinen Irrtum aufklärte, und bat ihn, in Zukunft weniger kühn in seinen Ratschlägen zu sein. Es mußte etwas geschehen, und ich entschloß mich daher, meinen Spieß doch unter dem Schutz der Bibel zu schicken. Dabei war allerdings eine Vorrichtung nötig, um den Träger des Riesenbuches zu verhindern, den Spieß zu entdecken. Ich machte nun folgendes: Ich sagte Lorenzo, zur Feier des Michaelistages wolle ich Makkaroni mit Käse essen; um dem Herrn, der mir freundlicherweise seine Bücher leihe, eine Anerkennung seiner Liebenswürdigkeit zu geben, wolle ich auch ihm eine große Schüssel Makkaroni schicken, und zwar wolle ich diese selber zubereiten. Lorenzo sagte mir, der Herr Graf wünsche das große Buch zu lesen, das drei Zechinen gekostet habe; dies war zwischen uns verabredet worden. »Sehr schön; ich werde es ihm zusammen mit den Makkaroni schicken; bringt mir nur die größte Schüssel, die Ihr im Hause habt, denn ich will die Sache im großen veranstalten.« Er versprach mir, er wolle mich nach Wunsch bedienen. Ich wickelte meinen Spieß in Papier und brachte ihn so im Rücken der Bibel unter, daß er auf beiden Seiten genau gleich weit hervorragte. Wenn ich nun auf die Bibel eine große Schüssel Makkaroni mit viel zerlassener Butter stellte, war ich sicher, daß Lorenzo die Enden des Spießes nicht würde sehen können; denn er mußte seine Blicke auf den Rand der Schüssel heften, um keine Butter über das Buch zu gießen. Ich setzte den Pater Balbi von allem in Kenntnis, indem ich ihm besonders empfahl, beim Abnehmen des Buches nicht ungeschickt zu sein und vor allen Dingen die beiden Gegenstände gleichzeitig zu nehmen, und nicht etwa eins nach dem anderen. Am Michaelistage kam Lorenzo früher als gewöhnlich mit einer Wärmpfanne voll von ganz heißen Makkaroni und mit allen erforderlichen Zutaten, um sie zurecht zu machen. Ich ließ ein großes Stück Butter zergehen, legte die Makkaroni auf die Schüssel und goß diese bis an den Rand mit Butter voll. Die Schüssel war riesig groß, viel größer als das Buch, worauf ich sie gestellt hatte. Dies alles vollzog sich an der Tür meines Gefängnisses; Lorenzo stand draußen auf dem Korridor. Sobald alles fertig war, hob ich forgfältig Bibel und Schüssel hoch, und zwar so, daß der Rücken des Buches dem Träger zugewandt war. Dann sagte ich Lorenzo, er solle seine Arme ausstrecken, solle sich in acht nehmen, daß keine Butter auf das Buch laufe, und solle das ganze schnell hintragen. Während ich ihm die beträchtliche Last auf die Arme legte, sah ich ihm fest auf die Augen und bemerkte mit dem größten Vergnügen, daß er seine Blicke nicht von der Butter abwandte, die er zu verschütten fürchtete. Er sagte mir, es wäre doch besser, erst die Schüssel hinzutragen; er würde dann zurückkommen und auch das Buch holen; aber ich antwortete ihm, dadurch würde das Geschenk an Wert verlieren, und es müßte alles zusammen gehen. Hierauf beklagte er sich, ich hätte zuviel Butter an die Makkaroni getan, und er sagte mir, indem er eine komische Grimasse schnitt: wenn er Butter verschüttete, so wäre er für den Schaden nicht verantwortlich. Sobald ich die Bibel auf den Armen des Kerls sah, fühlte ich mich des Erfolges gewiß; denn die Enden des Spießes waren nicht zu bemerken, wenn der Träger nicht eine starke Bewegung nach der Seite machte, und ich sah keinen Grund, warum er seine Augen von der Schüssel, die er doch im Gleichgewicht halten mußte, hätte abwenden sollen. Ich folgte ihm mit den Augen, bis ich ihn in den Vorraum des anderen Gefängnisses eintreten sah. Der Mönch schneuzte sich dreimal und gab mir dadurch das verabredete Zeichen, daß alles glücklich vonstatten gegangen war. Dies wurde mir von Lorenzo gleich darauf bestätigt. Pater Balbi ging nun sofort an die Arbeit und machte in acht Tagen ein hinreichend großes Loch; dieses verbarg er hinter einem Heiligenbild, das er mit Brotkrume anheftete. Am achten Oktober schrieb er mir, er habe die ganze Nacht an der Mauer gearbeitet, die unsere beiden Gefängnisse trennten, habe aber nur einen einzigen Stein ausbrechen können. Er übertrieb die Schwierigkeit, die Ziegel loszubrechen, die durch einen sehr festen Zement verkittet waren; aber er versprach mir, die Arbeit fortzusetzen, obwohl wir dadurch unsere Lage nur verschlimmern würden. Ich antwortete ihm, ich sei des Gegenteiles gewiß, er solle mir dies glauben und ausharren. Leider war ich ganz und gar nicht sicher; aber ich mußte so handeln oder alles aufgeben. Ich wollte heraus aus der Hölle, in der mich die entsetzlichste Tyrannei gefangen hielt; weiter wußte ich nichts. Nur vorwärts! hieß es für mich; ich war entschlossen, meinen Plan durchzusetzen und erst abzulassen, wenn ich auf unüberwindliche Schwierigkeiten stieße. Ich hatte in dem großen Buch der Erfahrung gelesen und hatte daraus gelernt, daß man bei großen Unternehmungen nicht zuviel bedenken darf, sondern daß man sie frisch ausführen und dabei auch darauf rechnen muß, daß bei jedem menschlichen Vorhaben das Glück das letzte Wort spricht. Hätte ich dem Pater Balbi diese hohen Geheimnisse der Moralphilosophie mitgeteilt, so hätte er mich für verrückt erklärt. Seine Arbeit war nur in der ersten Nacht schwierig, je weiter er vordrang, desto leichter wurde sie, und schließlich hatte er sechsunddreißig Ziegel ausgehoben. Am sechzehnten Oktober um zehn Uhr morgens hörte ich in dem Augenblick, wo ich gerade damit beschäftigt war, eine horazische Ode zu übertragen, über meinem Kopf ein Stampfen und drei leise Schläge. Dies war das verabredete Zeichen, um uns zu vergewissern, daß wir uns nicht geirrt hatten. Er arbeitete bis zum Abend und schrieb mir am nächsten Tage: wenn meine Decke nur zwei Bretter dick wäre, würde er am selben Tage mit der Arbeit fertig sein. Er gab mir die Versicherung, er würde darauf achten, daß das Loch kreisrund würde, wie ich gewünscht hatte, und daß er die Decke nicht beschädige. Dies war vor allen Dingen notwendig, denn das kleinste Loch in der Decke würde uns verraten haben. Er schrieb mir, er werde das Loch so machen, daß zur Vollendung der Arbeit dann nur eine Viertelstunde nötig sein werde. Ich setzte fest, daß ich am übernächsten Tage mein Gefängnis verlassen wollte, um es niemals wieder zu betreten; denn mit einem Kameraden fühlte ich mich gewiß, daß ich in drei oder vier Stunden ein Loch durch das Dach des Dogenpalast brechen könnte; von dort aus mußte ich dann alle Mittel benutzen, die mir der Zufall darbieten würde, um auf die ebene Erde zu gelangen. Aber ich war noch nicht so weit; mein böses Geschick hielt noch mehr als eine Schwierigkeit für mich bereit, die es zu überwinden galt. An demselben Tage, einem Montag, um zwei Uhr nachmittags hörte ich, während Pater Balbi an der Arbeit war, die Türe des neben meinem Gefängnis liegenden Saales sich öffnen. Ich fühlte all mein Blut zu Eis erstarren; doch hatte ich noch Geistesgegenwart genug, um durch zwei Schläge das verabredete Alarmzeichen zu geben, auf welches hin Pater Balbi schnell durch das Loch in der Wand kriechen, in seinen Kerker zurückkehren und alles in Ordnung bringen sollte. Weniger als eine Minute später schloß Lorenzo mein Gefängnis auf und bat mich um Verzeihung, daß er mir ein sehr schlechtes Subjekt zur Gesellschaft brächte. Dies war ein Mann von vierzig bis fünfzig Jahren: klein, mager, häßlich, schlecht gekleidet und mit einer schwarzen runden Perücke auf dem Kopf. Während ich ihn betrachtete, wurden ihm von zwei Sbirren die Fesseln abgenommen. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß der Mann ein Halunke war; denn Lorenzo hatte ihn in seiner Gegenwart als solchen bezeichnet, ohne daß diese Worte einen sichtbaren Eindruck auf ihn machten. Ich antwortete ihm: »Es steht dem Tribunal vollständig frei, zu tun, was es will.« Lorenzo ließ ihm einen Strohsack bringen und sagte ihm, das Tribunal bewillige ihm zehn Soldi für den Tag; hierauf schloß er uns zusammen ein. Ganz untröstlich über diesen bösen Streich des Schicksals, sah ich mir den Schuft an, den schon sein gemeines Gesicht als solchen verrriet. Ich war gerade im Begriff ihn zum Sprechen zu bringen, als er von selber anfing, indem er sich dafür bedankte, daß ich ihm hätte einen Strohsack geben lassen. Da ich die Absicht hatte, ihn für mich zu gewinnen, sagte ich ihm, er könne mit mir essen; er küßte mir die Hand und fragte mich, ob er trotzdem die zehn Soldi bekommen könnte, die das Tribunal ihm angewiesen hätte; ich bejahte dies. Hierauf warf er sich auf die Knie, zog einen riesigen Rosenkranz aus der Tasche und sah sich in allen Ecken des Gefängnisses um. »Was sucht Ihr?« »Sie werden mir verzeihen, Herr – aber ich suche irgendein Bild der heiligen Jungfrau, denn ich bin Christ. Wenn doch nur ein armseliges, kleines Kruzifix hier wäre; denn ich habe es niemals so nötig gehabt, mich dem heiligen Franz von Assisi zu empfehlen, dessen Namen ich unwürdigerweise trage.« Ich konnte mir kaum das Lachen verhalten; nicht wegen seiner christlichen Frömmigkeit – denn in Gewissens- und Glaubenssachen hat kein Mensch das Recht sich einzumischen – sondern wegen seiner eigentümlichen Ausdrucksweise. Ich sah, daß er mich für einen Juden hielt. Und um ihm seinen Irrtum zu benehmen, gab ich ihm schnell das Gebet der heiligen Jungfrau. Er küßte ihr darauf befindliches Bild, gab mir aber das Blatt zurück und sagte mir in bescheidenem Tone, sein Vater, der Galerenaufseher gewesen sei, habe es verabsäumt, ihn lesen lernen zu lassen. Er fügte hinzu, er sei Anhänger des heiligen Rosenkranzes, und erzählte mir eine Menge von Wundergeschichten, die ich mit einer Engelsgeduld anhörte. Er bat mich, ihm zu gestatten, daß er seinen Rosenkranz bete und dabei das Bild der Jungfrau ansehe. Als er damit fertig war, fragte ich ihn, ob er zu Mittag gegessen habe; er antwortete, er sei halbtot vor Hunger. Ich gab ihm alles, was ich hatte, und er verschlang es förmlich. Dazu trank er allen meinen Wein aus, und als er betrunken war, fing er an zu weinen und allen möglichen Unsinn zu schwatzen. Ich fragte ihn nach der Ursache seines Unglücks, und er erzählte mir folgendes: »Meine einzige Leidenschaft war stets der Ruhm Gottes und unserer heiligen Republik und pünktliche Befolgung ihrer Gesetze. Ich war stets aufmerksam auf die Übeltaten der Schelme, deren Gewerbe es ist, Leute zu betrügen, die Gebote des Staates zu übertreten und ihre Handlungen im Verborgenen zu begehen. Darum habe ich beständig getrachtet, ihre Geheimnisse zu entdecken, und habe stets alles, was ich entdecken konnte, getreulich dem Messer-Grande hinterbracht. Allerdings hat man mich stets dafür bezahlt; aber das Geld, das man mir gab, machte mir niemals soviel Freude wie die Genugtuung, die ich darüber empfand, etwas zum Ruhme des allerseligsten San Marco beitragen zu können. Stets lachte ich über das Vorurteil der Leute, die im Gewerbe eines Spions eine Schande sehen wollen. Dieser Name hat einen schlechten Klang nur in den Ohren solcher, die die Regierung nicht lieben; denn der Spion ist ein Freund des Staatswohles, eine Geißel der Verbrecher und ein treuer Untertan seines Fürsten. Wenn es galt, meinen Eifer auf die Probe zu stellen, hat das Gefühl der Freundschaft, das bei anderen Leuten vielleicht mitspricht, auf mich niemals den geringsten Einfluß geübt, noch weniger die sogenannte Dankbarkeit. Oft habe ich Verschwiegenheit geschworen, um irgend jemandem ein wichtiges Geheimnis zu entlocken, das ich dann gewissenhaft sofort hinterbracht habe. Dies konnte ich mit gutem Gewissen tun; denn mein Beichtvater, ein frommer Jesuit, hatte mir versichert, ich könnte das Geheimnis angeben, nicht nur deshalb, weil ich nicht die Absicht gehabt hätte, es zu bewahren, sondern auch, weil kein Eid bindend wäre, wenn es sich um das öffentliche Wohl handelte. Ich fühle, ich würde in meinem Eifer meinen eigenen Vater verraten und die Stimme der Natur zum Schweigen gebracht haben. Vor drei Wochen bemerkte ich, daß auf der kleinen Insel Isola, wo ich wohnte, zwischen vier oder fünf angesehenen Personen des Städtchens ein verdächtiger Verkehr stattfand. Ich wußte, daß sie mit der Regierung unzufrieden waren, weil die vornehmsten unter ihnen wegen einer entdeckten und beschlagnahmten Schmuggelware eine Gefängnisstrafe erlitten hatten. Der erste Kaplan, ein gebürtiger österreichischer Untertan, gehörte mit zur Verschwörung. Sie trafen sich abends im Wirtshaus in einem Zimmer, worin auch ein Bett stand; dort zechten und plauderten sie, bis sie nach Hause gingen. Entschlossen, die von ihnen geplante Verschwörung zu entdecken, faßte ich mir Mut und versteckte mich eines Tages, als ich sicher war von keinem Menschen gesehen werden zu können, unter dem Bett. Gegen Abend kamen meine Leute und begannen sofort ihr Gespräch. Sie sagten unter anderem, die Stadt Isola gehöre nicht zur Gerichtsbarkeit des heiligen Markus, sondern vielmehr zu der des Fürstentums Triest; denn sie könne keinesfalls als zum venetianischen Istrien gehörend angesehen werden. Der Kaplan sagte zum Leiter der Verschwörung, einem gewissen Pietro Paolo, wenn er und die anderen eine Schrift unterzeichnen wollten, so würde er persönlich zum kaiserlichen Botschafter gehen, und die Kaiserin würde nicht nur die Stadt in Besitz nehmen, sondern obendrein ihnen eine Belohnung bewilligen. Alle erklärten sich bereit, und der Kaplan erbot sich, am nächsten Tage die Schrift mitzubringen und dann sofort nach Venedig abzureisen, um sie dem Botschafter zu übergeben. Ich beschloß diesen niederträchtigen Plan zu vereiteln, obgleich einer der Verschworenen mein Gevatter war und infolge dieser geistlichen Verwandtschaft mir näher stand, wie wenn er mein leiblicher Bruder gewesen wäre. Als die Verschwörer fortgegangen waren, hatte ich Zeit genug, mich in Sicherheit zu bringen. Ich hielt es nicht für notwendig, mich noch ein zweites Mal zu verstecken und dadurch einer Gefahr auszusetzen, denn ich hatte genug entdeckt. Ich segelte noch in derselben Nacht ab und kam am nächsten Vormittag an. Ich ließ mir die Namen der sechs Rebellen aufschreiben, brachte sie dem Sekretär des Tribunals und erzählte ihnm alles, was ich gehört hatte. Er befahl mir, am nächsten Morgen in aller Frühe zu Messer-Grande zu gehen; dieser würde mir einen Menschen mitgeben, mit dem ich nach Isola zurückfahren sollte; ich müßte ihm den Kaplan zeigen, der wahrscheinlich noch nicht abgereist sein würde. Hierauf sollte ich mich um nichts mehr kümmern. Ich führte seinen Befehl aus und zeigte dem mir von Messer- Grande mitgegebenen Mann den Kaplan; dann ging ich meinen Geschäften nach. Nach dem Essen ließ mein Gevatter mich rufen, um ihn zu rasieren, denn ich bin Barbier; und als ich meine Arbeit getan hatte, gab er mir ein ausgezeichnetes Glas Refosco mit einigen Scheiben Wurst und jauste mit mir in guter Freundschaft. Da fiel es mir auf die Seele, daß er mein Gevatter war; unter echten Tränen ergriff ich seinen Arm und riet ihm, den Umgang mit dem Kaplan zu meiden und vor allen Dingen die bewußte Schrift nicht zu unterzeichnen. Er sagte mir, er sei mit dem Kaplan nicht mehr befreundet als mit irgendeinem anderen und schwor, auch er wisse nicht, von was für einer Schrift ich sprechen wolle, worauf ich ihm lachend sagte, ich hätte nur gescherzt. Ich ärgerte mich, einer augenblicklichen Rührung nachgegeben und dadurch einen so großen Fehler begangen zu haben. Am anderen Tage war weder der Mann noch der Kaplan zu sehen; acht Tage darauf fuhr ich nach Venedig und besuchte Messer-Grande, der mich ohne Umstände einsperren ließ; und so bin ich nun hier bei Ihnen, teurer Meister. Ich danke dem heiligen Franziskus, daß ich mich in der Gesellschaft eines guten Christen befinde, der hier aus Gründen sitzt, die ich nicht zu wissen brauche, denn ich bin nicht neugierig. Mein Name ist Soradaci, und meine Frau ist eine Legrenzi, Tochter eines Sekretärs des Rates der Zehn, die sich über das Vorurteil hinweggesetzt und mich der ganzen Welt zum Trotz geheiratet hat. Sie wird in Verzweiflung sein, da sie nicht weiß, was aus mir geworden ist; ich hoffe aber nur wenige Tage hier oben zu sein, denn ich kann hier wohl nur sein, weil der Sekretär mich zu seiner Bequemlichkeit hat einsperren lassen, um mich nach seinem Gutdünken jederzeit verhören zu können.« Ich schauderte bei dem Gedanken, mit welchem Ungeheuer ich zusammen war, aber ich fühlte zugleich, daß ich mich in einer heiklen Lage befand und ihn schonen mußte. Darum heuchelte ich wie ein Jesuit gefühlvolle Teilnahme, beklagte ihn, pries seine Vaterlandsliebe und prophezeite ihm, er werde in wenigen Tagen wieder frei sein. Ein paar Augenblicke später schlief er ein, und ich machte mir seinen Schlaf zunutze, um dem Vater Balbi alles zu erzählen und ihm klar zu machen, daß wir unbedingt unsere Arbeit unterbrechen müßten, um sie erst bei günstigerer Gelegenheit wieder aufzunehmen. Am nächsten Tage befahl ich Lorenzo, mir ein hölzernes Kruzifix, ein Bild der heiligen Jungfrau und das Porträt des heiligen Franziskus zu kaufen und mir zwei Flaschen Weihwasser mitzubringen. Soradaci verlangte von ihm seine zehn Soldi, und Lorenzo gab ihm mit verächtlicher Miene zwanzig. Ich trug ihm auf, mir in Zukunft viermal so viel Wein zu kaufen, dazu Knoblauch und Salz, Leckerbissen für meinen greulichen Kameraden. Als der Kerkermeister fort war, zog ich geschickt Balbis neuesten Brief aus dem Buch. Er schilderte mir darin sein Entsetzen. Er hatte geglaubt, alles sei verloren, und er wiederholte immer von neuem, welches Glück wir gehabt hätten, daß Lorenzo den Soradaci zu mir gebracht hätte. »Denn«, schrieb er, »wenn er ihn in unser Gefängnis gebracht hätte, würde er mich nicht gefunden haben, und dann wären vielleicht zum Lohn für unseren Fluchtversuch die Brunnen unser Los gewesen.« Aus Soradacis Erzählung ging für mich unzweifelhaft hervor, daß man ihn verhören würde; denn es schien mir klar zu sein, daß der Sekretär ihn nur deshalb eingesperrt hatte, weil er ihn in Verdacht der Verleumdung hatte. Ich entschloß mich nun, ihm zwei Briefe anzuvertrauen, die mir, wenn sie bestellt wurden, weder nützen noch schaden konnten, die aber zu meinen Gunsten wirken mußten, wenn der Verräter, woran ich nicht zweifelte, sie dem Sekretär auslieferte, um ihm einen Beweis seiner Treue abzulegen. Ich verbrachte zwei Stunden damit, diese beiden Briefe mit Bleistift zu schreiben. Am nächsten Tage brachte Lorenzo mir das Kruzifix, die beiden Bilder und das Weihwasser. Ich gab meinem Halunken tüchtig zu essen und sagte ihm dann: »Ich erwarte von Euch einen Dienst, wovon mein Glück abhängt; ich rechne auf Eure Freundschaft und auf Euren Mut; hier sind zwei Briefe, die ich Euch zu bestellen bitte, sobald Ihr in Freiheit seid. Mein Glück hängt von Eurer Treue ab; Ihr müßt diese Briefe verstecken, denn wenn man sie bei Eurer Freilassung in Eurem Besitz fände, wären wir alle beide verloren. Ihr müßt mir bei diesem Kruzifix und bei diesen Heiligenbildern schwören, daß Ihr mich nicht verraten werdet.« »Ich bin bereit, Herr, alles zu schwören, was Sie verlangen; ich bin Ihnen zu sehr zu Dank verpflichtet, als daß ich Sie verraten könnte.« Hierauf vergoß er reichliche Tränen, jammerte und wehklagte, er wäre ein unglücklicher Mensch, daß ich ihn im Verdacht haben könnte, einen Herrn verraten zu wollen, für den er sein Leben hingeben würde. Ich wußte, was ich davon zu halten hatte, aber ich spielte meine Komödie weiter. Ich gab ihm ein Hemd und eine Mütze, entblößte meinen Kopf und besprengte unsern Kerker und ihn selber lange reichlich mit Weihwasser. Dann ließ ich ihn unter sinnlosen Beschwörungen, die aber gerade darum seine Seele in Schrecken setzen mußten, einen furchtbaren Eid schwören. Nachdem er sich mittels dieser possenhaften Zeremonie eidlich verpflichtet hatte, meine Briefe an ihre Adresse zu bestellen, gab ich sie ihm. Er selber schlug vor, sie in das Rückenfutter seiner Weste einzunähen; ich ließ ihn gewähren. Ich war fest überzeugt, daß er bei der ersten Gelegenheit dem Sekretär meine Briefe ausliefern würde; darum hatte ich sie mit aller Kunst so abgefaßt, daß ihr Stil nicht meine List verraten konnte; sie konnte mir nur die Achtung des Tribunals und vielleicht dessen Gnade eintragen. Der eine war an Herrn von Bragadino überschrieben, der andere an Herrn Grimani. Ich sagte ihnen, sie möchten sich nicht über mein Schicksal beunruhigen, denn ich hätte allen Grund zur Hoffnung auf baldige Befreiung; wenn ich herauskäme, würden sie finden, daß die Strafe nur zu meinem Besten gewesen wäre; denn in ganz Venedig wäre kein Mensch, der der Besserung mehr bedürftig gewesen wäre als ich. Ich bat Herrn von Bragadino, mir Pelzstiefel für den Winter zn schicken, denn mein jetziges Gefängnis wäre so hoch, daß ich aufrecht stehen und darin herumgehen könne. Ich hütete mich wohl, den Soradaci ahnen zu lassen, daß meine Briefe so unschuldiger Natur waren; denn dann hätte er Lust bekommen können, eine anständige Handlung zu begehen und sie an ihre Adresse zu bestellen, und das wünschte ich durchaus nicht. Im nächsten Kapitel, lieber Leser, wirst du sehen, ob ein Eid auf die schwarze Seele meines gräßlichen Kameraden irgendwelche Wirkung üben konnte und wie sich das alte Wort bewährte: In vino veritas – im Wein ist Wahrheit. Der gemeine Mensch hatte sich in seiner Erzählung genau so geschildert, wie er war. Einunddreißigstes Kapitel Soradacis Verrat. – Ich mache ihn dumm. – Pater Balbi vollendet glücklich seine Arbeit. – Ich verlasse mein Gefängnis. – Unangebrachte Bedenken des Grafen Asquino. – Aufbruch zur Flucht. Seit zwei oder drei Tagen hatte Soradaci meine Briefe, als eines Nachmittags Lorenzo ihn holte, um ihn vor den Sekretär zu führen. Da er mehrere Stunden ausblieb, hoffte ich schon, ihn nicht wieder zu sehen, aber zu meiner großen Überraschung brachte man mir ihn gegen Abend zurück. Als Lorenzo wieder fortgegangen war, sagte der Kerl zu mir, der Sekretär habe ihn im Verdacht, den Kaplan gewarnt zu haben; denn der Priester sei niemals beim Gesandten gewesen und man habe kein Schriftstück bei ihm gefunden. Nach einem sehr langen Verhör habe man ihn in einen engen Kerker gebracht und ihn mehrere Stunden dort gelassen; dann habe man ihn abermals gefesselt und in Ketten vor den Sekretär geführt, dieser habe von ihm verlangt, er solle gestehen, daß er in Isola zu jemandem gesagt habe, der Priester werde nicht wiederkommen; dies habe er jedoch nicht gestehen können, denn so etwas habe er zu keinem Menschen gesagt. Der Sekretär sei der Sache müde geworden, habe geklingelt, und er sei von den Sbirren wieder zu mir gebracht worden. Diese Erzählung betrübte mich tief; denn ich sah klar und deutlich, daß der Unselige lange bei mir bleiben würde. Da ich Balbi von dem bösen Mißgeschick in Kenntnis setzen mußte, schrieb ich ihm während der Nacht; und da ich dies mehr als einmal tun mußte, gelang es mir schließlich durch die Übung, ziemlich richtig im Dunkeln zu schreiben. Am anderen Tage wollte ich mich überzeugen, daß ich mich in meinem Verdacht nicht getäuscht hatte. Ich sagte dem Spion, er sollte mir den Brief herausgeben, den ich an Herrn von Bragadino geschrieben hätte; ich müßte noch etwas hinzufügen. »Ihr könnt ihn dann sofort wieder einnähen.« »Das ist gefährlich, denn der Schließer könnte während dieser Zeit kommen, und dann wären wir verloren.« »Das macht nichts; gebt mir meine Briefe heraus.« Plötzlich warf das Scheusal sich mir zu Füßen, und schwor mir, bei seiner zweiten Vorführung vor den gestrengen Sekretär habe ihn ein heftiges Zittern befallen und er habe auf seinem Rücken, genau an der Stelle, wo die Briefe eingenäht gewesen seien, einen unerträglichen Druck verspürt. Der Sekretär habe ihn gefragt, warum er so zittere, und er habe nicht die Kraft gehabt, ihm die Wahrheit zu verhehlen. Dann habe der Sekretär geschellt, Lorenzo sei hereingekommen, habe ihm die Fesseln abgenommen, die Jacke ausgezogen und das Futter ausgetrennt. Der Sekretär habe die beiden Briefe gelesen und in eine Schublade seines Schreibtisches gelegt. Der Herr Sekretär habe ihm gesagt, wenn er die Briefe bestellt hätte, so würde man es erfahren haben, und das hätte ihm das Leben kosten können. Ich tat, als würde mir schlecht, bedeckte mein Gesicht mit den Händen, warf mich neben dem Bett vor dem Bilde der Jungfrau auf die Knie und verlangte von ihr in feierlichem Tone Rache an dem Schurken, der den heiligsten Eid gebrochen und mich verraten hätte. Hierauf legte ich mich auf mein Bett, drehte das Gesicht nach der Wand und besaß die Ausdauer, den ganzen Tag in dieser Stellung zu bleiben, ohne mich zu rühren, ohne auch nur ein Wort zu sprechen und ohne auf das Weinen, das Geschrei und die Unschuldsbeteuerungen des Halunken zu achten. Ich spielte ausgezeichnet meine Rolle in einer Komödie, deren Plan ich vollständig in meinem Kopf hatte. Während der Nacht schrieb ich Balbi, er solle Punkt ein Uhr mittags kommen, keine Minute früher oder später und in seiner Arbeit fortfahren, aber nur vier Stunden arbeiten, nicht eine Minute länger. »Unsere Freiheit hängt von Ihrer genauesten Pünktlichkeit ab, und Sie haben nichts zu befürchten.« Wir hatten den fünfundzwanzigsten Oktober, und es nahte der Zeitpunkt, wo ich meinen Plan ausführen oder ihn unwiderruflich aufgeben mußte. Die Staatsinquisitoren und der Sekretär verbrachten jedes Jahr die ersten drei Tage des Novembers an irgendeinem Ort des Festlandes. Lorenzo machte sich die Abwesenheit seiner Herren zunutze, betrank sich jeden Abend, schlief länger als sonst und erschien erst spät unter den Bleidächern. Dies wußte ich, und die Vorsicht verlangte, daß ich diesen Zeitpunkt zu meiner Flucht wählte; denn ich konnte überzeugt sein, daß meine Flucht erst spät am Morgen bemerkt wurde. Daß ich meinen Entschluß faßte, obgleich ich an der Verruchtheit meines Mitgefangenen nicht mehr zweifeln konnte, hatte noch einen anderen Grund, der mir wichtig genug erscheint, um ihn meinen Lesern nicht vorzuenthalten. Der größte Trost für einen Menschen, der sich in Not befindet, ist die Hoffnung, bald daraus befreit zu werden. Er sehnt das Ende seines Unglücks herbei und glaubt es durch seine Gebete zu beschleunigen; er würde alles mögliche tun, um genau die Stunde zu erfahren, die das Ende seiner Qual bedeutet. Leider kann niemand wissen, in welchem Augenblick ein Ereignis eintreten wird, das von dem Willen eines anderen abhängt, es sei denn, daß dieser andere selbst es ihm sagt. Der leidende Mensch wird ungeduldig und schwach und neigt unwillkürlich zum Aberglauben. Gott, sagt er zu sich, muß den Augenblick wissen, der meiner Not ein Ende machen wird; Gott kann erlauben, daß dieser Augenblick mir geoffenbart wird, einerlei, auf welche Weise. Wenn er erst einmal auf solche Gedanken verfallen ist, zögert er nicht mehr, das Schicksal zu befragen. Er wählt dazu ein Verfahren, das ihm seine Phantasie eingibt, und es kommt nicht darauf an, ob er mehr oder weniger fest an die Offenbarungen des von ihm gewählten Orakels glaubt. In diesem Geiste handelten die meisten von denen, die die Pythia oder die Eichen des Waldes von Dodona um Rat fragten; dieser Geist treibt auch in unsern Tagen diejenigen, die sich an die Kabbala wenden, oder die gewünschte Erleuchtung in einem Verse der Bibel oder des Virgil suchen, wodurch die Virgilianen so berühmt wurden, von denen so viele Schriftsteller uns berichten; derselbe Geist endlich beseelt auch die, welche fest überzeugt sind, durch die zufällige oder auf Berechnung beruhende Kombination eines elenden Spiels Karten Aufklärung aller ihrer Zweifel zu erhalten. In dieser Geistesverfassung befand ich mich. Da ich jedoch nicht wußte, durch welche Methode ich das Schicksal zwingen könnte, durch die Bibel das mir bestimmte Los, das heißt, den Augenblick der Wiedererlangung des unvergleichlichen Gutes der Freiheit, zu erfahren, so entschloß ich mich, das göttliche Gedicht des Meisters Lodovico Ariosto zu befragen: Ich hatte den »Rasenden Roland« hundertmal gelesen. Ich wußte ihn auswendig und selbst unter den Bleidächern entzückte er mich. Abgöttisch verehrte ich den Genius des großen Dichters, und er war nach meiner Meinung viel mehr als Virgil geeignet, mir mein Glück zu prophezeien. In diesem Sinne schrieb ich eine Frage auf, die an die vermeinliche Allwissenheit gerichtet war. Ich fragte sie, in welchem Gesange des Ariosto ich den Tag meiner Befreiung prophezeit finden würde. Ich bildete aus den Zahlen, die sich aus den Worten der Frage ergaben, eine umgekehrte Pyramide. Indem ich von jedem Zahlenpaar die Zahl neun abzog, fand ich die Endzahl Neun. Dies bedeutete also, daß die von mir gesuchte Prophezeiung sich im neunten Gesange befinden sollte. Dieselbe Methode befolgte ich, um Stanze und Vers festzustehen, und erhielt die Zahl Sieben für die Stanze und die Zahl Eins für den Vers. Ich nahm das Gedicht zur Hand, und das Herz klopfte mir so, wie wenn ich völlig an das Orakel geglaubt hätte. Ich öffnete das Buch, suchte und fand die Stelle: Fra il fin d'ottobre è il capo di novembre. Das genaue Zutreffen dieses Verses erschien mir wunderbar. Ich will nicht sagen, daß ich ganz fest daran glaubte, aber der Leser wird begreifen, daß ich alles aufbot, um das Orakel wahr zu machen. Das Eigentümliche an der Sache ist, daß zwischen dem Ende des Oktobers und dem Anfang des Novembers nur der Augenblick der Mitternacht liegt. Und genau mit dem Glockenschlage der Mitternacht vom einunddreißigsten Oktober auf den ersten November verließ ich mein Gefängnis, wie der Leser bald sehen wird. Übrigens bitte ich den Leser, mich trotz dieser Auseinandersetzung nicht für abergläubischer halten zu wollen als irgend einen anderen; er würde sich täuschen. Ich erzähle die Sache, weil sie wahr und weil sie außerordentlich ist und weil mir meine Flucht vielleicht nicht gelungen sein würde, wenn ich ihr keinen Wert beigemessen hätte. Der Fall lehrt jeden, der es noch nicht weiß, daß ohne die vorangegangenen Prophezeiungen mehrere wichtige Ereignisse niemals stattgefunden haben würden. Das Ereignis leistet der Prophezeiung den Dienst, die Prophezeiung wahr zu machen; tritt das Ereignis nicht ein, so wird die Weissagung hinfällig. Ich verweise den Leser auf die Weltgeschichte, wo er viele Ereignisse finden wird, die niemals eingetreten wären, wenn sie nicht vorhergesagt gewesen wären. Ich bitte, mir diese Abschweifung freundlichst zu verzeihen. Den ganzen Morgen bis zum Mittag verbrachte ich damit, auf den Geist des boshaften dummen Viehs einzuwirken, um seine schwache Vernunft in Verwirrung zu bringen, ihn durch wunderbare Vorstellungen zu verblüffen und ihn unschädlich für mich zu machen. Sobald Lorenzo uns allein gelassen hatte, sagte ich Soradaci, er solle seine Suppe essen. Der Schuft lag auf seinem Strohsack und hatte zu Lorenzo gesagt, er sei krank. Er hätte es nicht gewagt, zu mir zu kommen, wenn ich ihn nicht gerufen hätte. Er stand auf, warf sich der Länge nach vor meine Füße, küßte diese und sagte unter heißen Tränen, wenn ich ihm nicht verziehe, würde er an demselben Tage sterben müssen, denn er spürte schon die Rache der heiligen Jungfrau, die ich auf ihn herabbeschworen hätte. Er hätte schneidende Schmerzen in den Eingeweiden und sein Mund wäre voll von Geschwüren. Er zeigte mir diese, und ich sah, daß es Mundschwämmchen waren; ob er sie schon am Tage vorher gehabt hatte, weiß ich nicht. Ich gab mir keine große Mühe zu untersuchen, ob er mir die Wahrheit sagte; es lag in meinem Interesse, mich so zu stellen, als ob ich ihm glaubte, und ihn auf Gnade hoffen zu lassen. Der Verräter hatte vielleicht die Absicht, mich zu betrügen; und da ich selbst entschlossen war, ihn zu betrügen, so kam es darauf an, wer von uns beiden der geschicktere sei. Ich hatte einen Angriff gegen ihn vorbereitet, gegen den er sich schwerlich verteidigen konnte. Eine verzückte Miene annehmend, sagte ich zu ihm: ›Setze dich und iß deine Suppe. Nachher werde ich dir dein Glück verkünden. Denn wisse, heute bei Tagesanbruch ist mir die heilige Jungfrau des Rosenkranzes erschienen und hat mir befohlen, dir zu verzeihen. Du wirst nicht sterben, sondern wirst mit mir das Gefängnis verlassen.‹ Ganz verblüfft aß er knieend – denn er hatte keinen Stuhl – seine Suppe. Dann setzte er sich auf seinen Strohsack, um mich anzuhören. Ich sagte ihn ungefähr folgendes: »Der Kummer über deinen entsetzlichen Verrat bereitete mir eine schlaflose Nacht; denn meine Briefe müssen mich dazu verdammen, bis an mein Lebensende im Kerker zu bleiben. Erfüllt von diesem Gefühl, das eines Christen unwürdig ist – denn Gott befiehlt uns, zu vergeben – lag ich in meinem Bett; endlich versank ich vor Müdigkeit in Schlaf, und während dieses glücklichen Schlummers habe ich eine wirkliche Vision gehabt. Ich habe die heilige Jungfrau gesehen, diese Mutter Gottes, deren Bild du dort an der Wand siehst. Ich sah sie lebend vor mir stehen, und sie öffnete den Mund und sprach folgendermaßen zu mir: ›Soradaci ist Anhänger meines heiligen Rosenkranzes – er steht unter meinem Schutz, ich will, daß du ihm vergibst; dann wird der Fluch, den er auf sich gelenkt hat, seine Wirkung verlieren. Zur Belohnung für deine Großmut werde ich einem meiner Engel befehlen, menschliche Gestalt anzunehmen und vom Himmel herabzusteigen, um die Decke deines Gefängnisses zu durchbrechen und dich in fünf oder sechs Tagen frei zu machen. Dieser Engel wird heute mittag Punkt ein Uhr seine Arbeit beginnen und wird eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang aufhören, denn er muß noch bei hellem Tage in den Himmel zurückkehren. Wenn du, begleitet von meinem Engel, das Gefängnis verläßt, wirst du Soradaci mitnehmen und wirst für ihn sorgen, doch unter der Bedingung, daß er sein Spionengewerbe aufgibt. Du wirst ihm alles sagen.‹ Mit diesen Worten verschwand die heilige Jungfrau, und ich erwachte.« Während ich im Tone eines Verzückten und mit dem ernstesten Gesicht diese Worte sprach, beobachtete ich die Züge des Verräters. Er saß da wie versteinert. Ich nahm nun mein Gebetbuch, besprengte das ganze Gefängnis mit Weihwasser und stellte mich, wie wenn ich zu Gott betete, wobei ich von Zeit zu Zeit das Bild der Jungfrau küßte. Eine Stunde darauf fragte mich der Kerl, der bis dahin nicht den Mund aufgetan hatte, ganz plötzlich, wann der Engel vom Himmel herunter kommen würde und ob wir das Geräusch hören würden, das er beim Durchbrechen unseres Kerkers machen müßte. »Ich bin sicher, er wird um ein Uhr kommen; wir werden ihn arbeiten hören, und er wird zu der von der heiligen Jungfrau gesagten Zeit sich entfernen.« »Sie haben vielleicht nur geträumt.« »Ganz gewiß nicht. Fühlst du dich imstande, mir zu schwören, daß du das Spionieren aufgeben wirst?« Statt mir zu antworten, drehte er sich um und schlief ein. Er erwachte erst nach zwei Stunden und fragte mich sofort, ob er den von mir verlangten Eid noch aufschieben könnte. »Du kannst ihn aufschieben, bis der Engel kommt, um mich zu befreien; aber wenn du dann nicht unter deinem Eide deinem niederträchtigen Gewerbe entsagst, das dich hierher gebracht und dich noch an den Galgen bringen wird, so werde ich dich hier lassen. So lautet der Befehl der Mutter Gottes, die dir ihren Schutz entzogen hat.« Ich las auf seinem häßlichen Gesicht die Befriedigung, die er empfand; denn er war überzeugt, daß der Engel nicht kommen würde. Er schien mich zu bedauern. Mit Ungeduld erwartete ich den Glockenschlag; denn diese Komödie machte mir ungeheuren Spaß und ich war überzeugt, daß die Ankunft des Engels seine kümmerliche Vernunft gänzlich über den Haufen werfen würde. Mein Plan konnte nicht fehlschlagen, Lorenzo hätte denn vergessen müssen, das abzuliefern, und das war nicht möglich. Eine Stunde vor dem verabredeten Zeitpunkt sagte ich ihm, wir wollten zusammen essen. Ich trank nur Wasser, Soradaci aber trank allen Wein und aß zum Nachtisch den ganzen Knoblauch, den ich hatte, für ihn die größte Leckerei. Dadurch wurde seine Aufregung nicht wenig vermehrt. Im Augenblick, wo ich die Uhr schlagen hörte, warf ich mich auf die Knie und befahl ihm mit schrecklicher Stimme, es ebenso zu machen. Er sah mich mit einem irren Blick an, aber er gehorchte. Als ich das leise Geräusch hörte, das der Mönch beim Durchkriechen durch das Mauerloch machte, rief ich: »Der Engel kommt!« Ich warf mich platt auf den Bauch und gab ihm einen kräftigen Faustschlag, so daß er dieselbe Stellung einnahm. Das Zersplittern des Brettes machte ein starkes Geräusch. Eine Viertelstunde lang besaß ich die Geduld, in meiner unbequemen Stellung liegen zu bleiben. Unter anderen Umständen würde ich herzlich gelacht haben, wie das Vieh so unbeweglich da lag. Aber ich lachte nicht, denn ich vergaß keinen Augenblick meine löbliche Absicht, den Menschen ganz und gar verrückt oder wenigstens verdreht zu machen. Seine verworfene Seele konnte nur dadurch zur Menschlichkeit zurückgeführt werden, daß ich sie mit Schrecken überströmte. Endlich stand ich auf, doch kniete ich sofort wieder hin, indem ich ihm erlaubte, dieselbe Stellung einzunehmen. Dann ließ ich ihn dreiundeinehalbe Stunde lang den Rosenkranz herunterbeten. Von Zeit zu Zeit schlief er dabei ein, mehr durch die unbequeme Stellung als durch das eintönige Murmeln der Gebete ermüdet. Nicht ein einziges Mal wagte er es, mich zu stören. Zuweilen erkühnte er sich, einen verstohlenen Blick nach der Decke zu werfen oder mit verblüfftem Besicht dem Bilde der Jungfrau zuzuwinken. Dies alles war überwältigend komisch. Als ich die Uhr die fünfte Stunde schlagen hörte, sagte ich in halb feierlichem, halb frommem Ton zu ihm: »Wirf dich nieder; der Engel wird jetzt gehen.« Balbi kehrte in sein Gefängnis zurück, und wir hörten nichts mehr. Ich stand auf, sah den Elenden fest an und bemerkte auf seinen. Gesicht Verwirrung und Schrecken; darüber war ich entzückt. Ich sprach ein paar Worte mit ihm, um zu sehen, wie es mit seiner Vernunft bestellt wäre. Er vergoß strömende Tränen, und was er sagte, war so verworren und unzusammenhängend, daß es sich nicht beschreiben läßt. Er sprach von seinen Sünden, von seiner großen Frömmigkeit, von seinem Eifer für den heiligen Markus, von seinen Pflichten gegen die Republik, und diesen Verdiensten schrieb er die Gnade zu, die ihm von Maria widerfahren war. Mit salbungsvoller Miene mußte ich eine lange Geschichte von Wundern des Rosenkranzes anhören, welche seine Frau, deren Beichtvater ein Dominikaner war, ihm erzählt hatte. Schließlich sagte er mir, er sehe nur nicht ein, was ein unwissender Mensch, wie er, mir nützen könnte. »Du wirst in meinem Dienst stehen und wirst alles erhalten, was du nötig hast, ohne daß du das gefährliche Gewerbe eines Spions zu betreiben brauchst.« »Aber dann werden wir nicht mehr in Venedig bleiben können?« »Nein, natürlich nicht, der Engel wird uns in ein Land führen, das nicht dem heiligen Markus gehört. Bist du bereit, mir zu schwören, daß du dein schändliches Gewerbe aufgeben wirst? Und, wenn du schwörst, wirst du nicht etwa zum zweiten Mal meineidig werden?« »Wenn ich schwöre, werde ich sicherlich meinem Schwur treu sein, das ist ganz gewiß. Aber geben Sie zu, daß ohne meinen Eidbruch die heilige Jungfrau Ihnen nicht die hohe Gnade erwiesen hätte. Meine Untreue ist Ursache Ihres Glücks, Sie müssen mich also lieben und sich meines Verrates freuen.« »Liebst du Judas, der Jesum Christum verraten hat?« »Nein.« »Du siehst also: man verabscheut den Verräter und betet zugleich die Vorsehung an, die aus Bösem Gutes zu schaffen weiß. Bis jetzt bist du nur em Schurke gewesen; du hast Gott und seine jungfräuliche Mutter beleidigt, und ich werde deinen Eid nur annehmen, wenn du deine Sünden büßen willst.« »Welche Sünde habe ich begangen?« »Du hast durch Stolz gesündigt, Soradaci, indem du dachtest, ich sei dir Dank schuldig dafür, daß du mich verraten hast, indem du meine Briefe dem Sekretär abliefertest.« »Wie werde ich diese Sünde büßen können?« »Das werde ich dir sagen: Wenn morgen Lorenzo kommt, bleibst du auf deinem Strohsack liegen, das Gesicht nach der Wand gedreht, ohne auch nur die kleinste Bewegung zu machen und ohne Lorenzo einen Blick zuzuwerfen. Wenn er zu dir spricht, antwortest du ihm, ohne ihn anzusehen, du habest nicht schlafen können und müssest dich ausruhen. Versprichst du mir dies ohne Vorbehalt?« »Ich verspreche Ihnen, alles was Sie mir sagen, genau auszuführen.« »Schwöre es mir vor diesem heiligen Bilde! Schnell!« »Ich verspreche dir, allerheiligste Mutter Gottes, daß ich Lorenzo nicht ansehen und daß ich mich nicht auf meinem Strohsack rühren werde.« »Und ich, allerheiligste Jungfrau, ich schwöre dir bei dem Herzen deines göttlichen Sohnes: wenn ich Soradaci die kleinste Bewegung machen und Lorenzo anblicken sehe, werde ich mich sofort auf ihn werfen und ihn erbarmungslos zu deiner Ehre und zu deinem Ruhm erdrosseln.« Ich rechnete mindestens ebensosehr auf die Wirkung dieser Drohung als auf seinen Eid. Um mir jedoch eine möglichst große Gewißheit zu verschaffen, fragte ich ihn, ob er gegen diesen Schwur etwas einzuwenden hätte. Nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, antwortete er mir: nein, er sei vollkommen damit einverstanden. Hiermit war ich sehr zufrieden. Ich gab ihm nun zu essen und befahl ihm hierauf, sich niederzulegen, weil ich Schlaf nötig hätte. Sobald er eingeschlafen war, schrieb ich zwei Stunden lang an Balbi. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und sagte ihm, wenn die Arbeit weit genug vorgeschritten sei, so brauche er nur noch einmal zu kommen, um die Decke durchzubrechen. Ich teilte ihm mit, daß wir in der Nacht vom einunddreißigsten Oktober auf den ersten November entfliehen müßten und daß wir im ganzen vier sein würden. Diesen Brief schrieb ich am achtundzwanzigsten Oktober. Am nächsten Tage schrieb der Mönch mir, der kleine Verbindungsweg sei fertig und er brauche nur noch die letzte Schicht über meinem Gefängnis einzuschlagen; dies sei in vier Minuten geschehen. Soradaci hielt seinen Schwur; er tat, als ob er schliefe, und Lorenzo sprach ihn nicht einmal an. Ich verlor ihn nicht einen Augenblick aus dem Auge, und ich glaube, ich würde ihn erdrosselt haben, wenn er die geringste Bewegung mit dem Kopf gemacht hätte; denn um mich zu verraten, brauchte er nur Lorenzo zuzublinzeln. Der ganze Rest des Tages wurde Gesprächen über die erhabensten Gegenstände geweiht. Ich sprach so feierlich wie ich nur konnte, und in den übertriebensten Ausdrücken, und es war für mich ein Genuß, zu sehen, wie er immer fanatischer wurde. Außer diesen mystischen Reden rief ich auch noch die Dünste des Weines zu Hilfe. Von Zeit zu Zeit ließ ich ihn große Mengen trinken, bis ihn endlich der Rausch und die Müdigkeit übermannten und er in Schlaf sank. Obgleich seinem Kopf jedes metaphysische Denken fremd war und er seine Denkfähigkeit stets nur dazu gebraucht hatte, um Listen eines Spions zu ersinnen, brachte er mich doch einen Augenblick in Verlegenheit, als er mir sagte, er begreife nicht, warum ein Engel so viele Arbeit nötig habe, um uns unseren Kerker zu öffnen. Ich erhob meine Blicke zum Himmel oder vielmehr zur Decke meines traurigen Gefängnisses und sagte ihm: »Gottes Wege sind den Sterblichen unbekannt; außerdem arbeitet der Abgesandte des Himmels nicht als Engel, denn alsdann würde ein Hauch seines Mundes ihm genügen; er arbeitet als Mensch, dessen Gestalt er ohne Zweifel deshalb angenommen hat, weil wir nicht würdig sind, seine Gegenwart in seiner himmlischen Gestalt zu ertragen. Übrigens sehe ich voraus,« sagte ich als echter Jesuit, der sich jeden Umstand zunutze zu machen weiß, »daß der Engel, um uns für deinen boshaften Gedanken, der die heilige Jungfrau beleidigt hat, zu bestrafen, heute nicht kommen wird. Unglückseliger! Du denkst niemals wie ein frommer und gottesfürchtiger Ehrenmann, sondern stets wie ein verruchter Sünder, der es mit Messer-Grande und seinen Sbirren zu tun hat.« Ich hatte ihn zur Verzweiflung bringen wollen, und dies war mir gelungen. Er weinte heiße Tränen und sein Schluchzen erstickte ihn, als er ein Uhr schlagen hörte und der Engel nicht kam. Statt ihn zu beruhigen, suchte ich seine Verzweiflung noch zu vermehren, indem ich bittere Klagen ausstieß. Am nächsten Tage war er seinem Schwur gehorsam; denn als Lorenzo ihn nach seinem Befinden fragte, antwortete er, ohne den Kopf herumzudrehen. Am nächsten Tage betrug er sich ebenso, und auch am Morgen des einunddreißigsten Oktober, wo ich Lorenzo zum letzten Male sah. Ich gab ihm das Buch für Balbi, und ich hatte dem Mönch geschrieben, er solle um elf Uhr kommen und die Decke durchbrechen. Ich fürchtete jetzt nicht mehr, daß noch etwas dazwischen kommen könnte; denn wie ich von Lorenzo gehört hatte, waren die Inquisitoren und der Sekretär bereits aufs Land gefahren. Ich hatte nicht mehr die Ankunft eines neuen Gefangenen zu befürchten, und ich brauchte meinen niederträchtigen Halunken nicht mehr zu schonen. Es könnte wohl sein, daß meine Erinnerungen einem jener Prinzipienreiter in die Hände fallen, die sich mit kaltem Blut über alles mögliche erhitzen. Ein solcher könnte mich wohl wegen des Mißbrauchs verdammen, den ich mit den heiligen Mysterien trieb, und besonders deshalb, weil ich dem boshaften Dummkopf weis machte, die heilige Jungfrau sei mir erschienen. Ich möchte nicht gerne für schlechter gelten als andere, wenigstens nicht in der Meinung anständiger Leute, deren Intelligenz nicht durch ein überempfindliches Gewissen beschränkt ist: darum muß ich hier eine Art Verteidigungsrede halten, die meine Leser mir freundlichst wollen hingehen lassen. Da ich den Zweck verfolge, die Geschichte meiner Flucht mit allen Nebenumständen zu berichten, so habe ich mich für verpflichtet gehalten, nichts von dem auszulassen, was zum Gelingen meines Planes beigetragen hat. Ich will nicht sagen, daß diese Erzählung eine Beichte vorstellen soll, denn ich fühle mich durchaus von keiner Reue belastet; aber ich bin auch ebensoweit entfernt, mich mit meinem Vorgehen zu berühmen, denn nur widerwillig bediente ich mich des Betruges, und wenn ich zwischen diesen Mitteln und einem anderen edleren hätte wählen können, so würde ich nicht einen Augenblick geschwankt haben; das wird man mir wohl glauben. Übrigens würde ich, um meine Freiheit wieder zu erlangen, noch heutigen Tages das gleiche tun, und vielleicht noch viel mehr. Die Natur trieb mich, mir meine Freiheit wieder zu verschaffen, und die Religion konnte mir nicht befehlen, Sklave zu bleiben. Ich hatte keine Zeit zu verlieren, und es galt, einem Spion die Fähigkeit zu benehmen, mir zu schaden, indem er Lorenzo verriet, daß die Decke meines Gefängnisses durchbrochen wurde. Ich mußte ihn um so mehr fürchten, da er mich bereits einmal verraten hatte. Was mußte ich zu diesem Ende tun? Ich hatte nur zwei Mittel: entweder mußte ich handeln, wie ich es tat, indem ich die Seele dieses Halunken durch Schrecken lähmte; oder ich mußte ihn erdrosseln, wie jeder vernünftige und mutige, aber grausamere Mann es getan haben würde. Dies wäre für mich viel leichter und vollkommen gefahrlos gewesen; denn ich würde gesagt haben, er sei eines natürlichen Todes gestorben, und ganz gewiß machte man sich unter den Bleidächern zu wenig aus dem Leben eines solchen Menschen, um erst lange zu untersuchen, ob ich die Wahrheit gesagt hätte oder nicht. Wird unter meinen Lesern irgendeiner sein, der der Meinung ist, ich hätte besser daran getan, ihn zu erdrosseln? Wenn auch nur ein einziger unter ihnen dieser Meinung ist, wäre er auch ein Jesuit und sogar ein aufrichtig glaubender Jesuit, was nicht leicht vorkommen könnte, – so bitte ich Gott, ihn zu erleuchten. Seine Religion wird niemals die meinige sein. Ich glaube meine Pflicht getan zu haben, und der Sieg, der meine Mühe krönte, kann wohl als ein Beweis angesehen werden, daß die Vorsehung die von mir angewandten Mittel nicht mißbilligte. Der Eid, den ich mir von dem Schurken schwören ließ, war ohne Bedeutung, denn der Mann hatte sich nichts dabei gedacht; mein Schwur dagegen, daß ich immer für ihn sorgen wolle, wurde mir von ihm selber abgenommen, und so brauche ich nicht zu untersuchen, ob ich ihn gehalten haben würde, was ich allerdings nicht glaube. Er hatte nicht den Mut, mir zu folgen und mit mir zu fliehen. Ein Schuft wie Soradaci ist selten mutig. Übrigens konnte ich natürlich gewiß sein, daß seine Erregung nur bis zum Erscheinen des Paters Balbi dauern würde, der durchaus nicht wie ein Engel aussah. Dies mußte ihm beweisen, daß ich ihn betrogen hatte, und er mußte alles Vertrauen zu mir verlieren. Zum Schluß will ich nur noch meine Uberzeugung aussprechen, daß der Einzelne viel mehr recht hat, wenn er alles seiner Erhaltung aufopfert als die Fürsten, wenn sie auch nur den kleinsten Teil ihrer Staaten für ihre eigene Erhaltung opfern. Als Lorenzo fort war, sagte ich Soradaci, der Engel würde um elf Uhr eine Öffnung in die Decke unseres Kerkers machen. »Er wird eine Schere mitbringen, und du wirst mir und dem Engel den Bart abschneiden.« »Hat denn der Engel einen Bart?« »Ja, du wirst es sehen. Hierauf werden wir hinausgehen und durch das Dach des Palastes brechen; von da steigen wir auf den Markusplatz hinunter und von da gehen wir nach Deutschland.« Er antwortete nicht. Zu Mittag aß er allein, denn mir war Geist und Herz zu voll, um essen zu können. Ich hatte nicht einmal schlafen können. Die Stunde schlug – der Engel kam. Soradaci wollte sich auf den Boden werfen, aber ich sagte ihm, dies sei nicht nötig. In drei Minuten war das Loch fertig, das letzte Stück des Brettes fiel mir vor die Füße und Pater Balbi warf sich mir in die Arme. »Jetzt ist Ihre Arbeit fertig,« rief ich, »und die meinige beginnt.« Wir umarmten uns, und er gab mir den Spieß und eine Schere. Ich sagte Soradaci, er solle uns den Bart schneiden, und ich konnte das Lachen nicht zurückhalten, als ich sah, wie das Vieh mit offenem Munde dastand und den seltsamen Engel betrachtete, der wie ein Teufel aussah. Ich war ungeduldig, die Örtlichkeit zu untersuchen, und sagte dem Mönch, er möchte bei Soradaci bleiben; denn ich wollte diesen nicht allein lassen. Dann ging ich. Ich fand das Loch in der Mauer eng, aber ich zwängte mich hindurch. Nun war ich über dem Gefängnis des Grafen; ich ließ mich hinunter und umarmte herzlich den ehrwürdigen Greis. Ich sah, daß er seiner Gestalt wegen nicht imstande war, eine Flucht über ein abschüssiges und ganz mit Bleiplatten gedecktes Dach mitzumachen. Er fragte mich nach meinem Plan und sagte mir, nach seiner Meinung wäre ich wohl etwas leichtsinnig vorgegangen. »Ich will nur vorwärts, bis ich die Freiheit oder den Tod finde.« Er schüttelte mir die Hand und sagte: »Wenn Sie daran denken, nach dem Dach durchzubrechen, sich einen Weg über die Bleiplatten zu suchen und von dort aus herabzusteigen, so sehe ich keine Möglichkeit des Gelingens, wenn Sie nicht Flügel haben, und ich habe nicht den Mut, Sie zu begleiten; ich werde hier bleiben und für Sie zu Gott beten.« Ich ging wieder hinaus, um das große Dach zu untersuchen. Indem ich soweit wie möglich in den äußersten seitlichen Winkel hineinkroch, setzte ich mich schließlich auf das Dachgebälk, womit die Böden aller großen Paläste angefüllt find. Ich prüfte die Bretter mit der Spitze meines Spießes und hatte das Glück, sie halb vermodert zu finden. Bei jedem Stoß meines Spießes zerfiel in Staub, was ich berührte. Als ich sah, daß ich in weniger als einer Stunde ein hinreichend großes Loch machen konnte, begab ich mich in mein Gefängnis zurück und verbrachte dort vier Stunden damit, Tücher, Decken, Matratzen und Strohsack zu zerschneiden, um Stricke daraus zu machen. Alle Knoten machte ich selber und vergewisserte mich ihrer Festigkeit, denn ein einziger schlecht zugezogener Knoten hätte uns das Leben kosten können. Schließlich sah ich mich im Besitz von Stricken, deren Gesamtlänge hundert Faden betrug. Bei großen Unternehmungen gibt es gewisse Umstände, von denen alles abhängt und bezüglich deren der Anführer, der Erfolg haben will, sich auf keinen anderen Menschen verläßt. Als die Stricke fertig waren, packte ich meinen Rock, meinen seidenen Mantel, einige Hemden, Strümpfe und Taschentücher zusammen, und wir begaben uns alle drei in den Kerker des Grafen. Der gute alte Herr wünschte Soradaci Glück dazu, daß er in mein Gefängnis gesetzt worden wäre und nun so bald seine Freiheit zurückerlangen würde. Soradacis verdutztes Gesicht machte mich lachen. Ich tat mir keinen Zwang mehr an, denn ich hatte die Maske des Tartüff abgeworfen, die mir entsetzlich unbequem gewesen war, die ich aber doch des Halunken wegen hatte anlegen müssen. Er war sichtlich überzeugt, daß ich ihn betrogen hätte; aber er begriff von der ganzen Sache nichts, denn er konnte nicht erraten, wie ich mit dem angeblichen Engel verkehrt hatte, so daß ich ihn zur bestimmten Stunde kommen und gehen lassen konnte. Er hörte aufmerksam dem Grafen zu, der uns sagte, wir würden alle ins Verderben rennen, und als echter Feigling wälzte er schon in seinem Kopf den Plan, sich von der gefährlichen Reise loszusagen. Ich sagte dem Mönch, er möchte sein Paket machen; inzwischen würde ich das Loch nach dem Dach zu beendigen. Um acht Uhr abends hatte ich mein Loch fertig, ohne einer anderen Hilfe bedurft zu haben. Ich hatte die Bretter zu Staub zerstoßen, und die Öffnung war doppelt so groß, als nötig gewesen wäre. Die ganze Bleiplatte lag vor mir. Diese konnte ich nicht allein hochheben, weil sie vernietet war. Der Mönch half mir; indem ich den Spieß zwischen die Dachrinne und die Platte stieß, gelang es mir, die letztere loszumachen. Dann stemmten wir unsere Schultern gegen sie und bogen sie soweit um, daß wir hinauskriechen konnten. Ich steckte den Kopf durch das Loch und sah voll Schmerz, daß der Mond, der im ersten Viertel stand, eine große Helligkeit verbreitete. Dieses Mißgeschick mußte mit Geduld ertragen werden; wir mußten bis Mitternacht warten, bis der Mond verschwunden wäre, um unseren Antipoden zu leuchten, denn in einer so herrlichen Nacht mußte die ganze gute Gesellschaft auf dem Markusplatz sein, und darum konnten wir uns nicht auf dem Dache dem Mondschein aussetzen. Unsere Schatten wären auf den Markusplatz gefallen. Alle Augen hätten sich auf uns gerichtet, und das seltsame Schauspiel hätte unfehlbar die allgemeine Neugier erregt, besonders aber die des Messer-Grande und seiner Sbirren, die die einzigen Wächter über Venedig sind. Unser schöner Plan wäre gar bald durch ihren unangenehmen Eifer gestört worden. Ich entschied mich also, daß wir erst nach dem Untergang des Mondes das Dach betreten würden. Ich rief Gottes Hilfe an, aber ich verlangte keine Wunder. Den Launen des Glückes preisgegeben, mußte ich ihm möglichst wenig Angriffspunkte darbieten; wenn mein Plan scheitern sollte, so mußte ich wenigstens vor dem Vorwurf sicher sein, Fehler begangen zu haben. Der Mond mußte nach elf Uhr untergehen und die Sonne erhob sich erst um halb acht; so blieben uns bis zur Morgendämmerung sieben Stunden vollständiger Dunkelheit, während welcher wir handeln konnten. Wir hatten zwar eine harte Arbeit vor uns, aber in sieben Stunden mußten wir unser Ziel erreichen können. Ich sagte dem Pater Balbi, wir könnten drei Stunden mit dem Grafen Asquino verplaudern. Er möchte ihm vorher mitteilen, daß ich dreißig Zechinen nötig hätte, die ich ihn mir zu leihen bäte, da sie für mich vielleicht ebenso wichtig werden könnten, wie es für das bisher Vollbrachte mein Spieß gewesen wäre. Er richtete meinen Auftrag aus und kam in vier Minuten mit dem Bescheid zurück, ich möchte selber gehen, der Graf wünsche mit mir ohne Zeugen zu sprechen. Der arme alte Herr sagte mir sehr freundlich: um zu fliehen, brauchte ich kein Geld; er hätte keins; er hätte eine zahlreiche Familie, und wenn ich umkäme, wäre das Geld, das er mir gegeben hätte, verloren. Kurz und gut, er sagte noch eine Menge überflüssige Dinge gleicher Art, um damit seinen Geiz oder seine Abneigung gegen das Verleihen des Geldes zu bemänteln. Meine Antwort dauerte eine halbe Stunde. Ich führte ausgezeichnete Gründe an; aber diese sind stets machtlos gewesen, solange die Welt besteht; denn die schönsten rhetorischen Wendungen prallen von dem Stahlpanzer der zähesten aller Leidenschaften ab. Hier war nun der Fall des Nolenti baculus – wer nicht will, muß Prügel haben; aber ich war nicht grausam genug, gegen einen unglücklichen Greis Gewalt anzuwenden. Schließlich sagte ich ihm: wenn er mit mir fliehen wollte, würde ich ihn auf meinen Schultern tragen, wie Aneas seinen Vater Anchises; wenn er aber zurückbleiben wollte, um Gott um sein Geleit für uns zu bitten, so wäre sein Gebet inkonsequent; denn er würde zu Gott beten, eine Sache gelingen zu lassen, zu der er selber nicht einmal durch die einfachsten Mittel hätte beitragen wollen. Er antwortete mir, indem er Tränen vergoß. Ich wurde gerührt. Er fragte mich, ob zwei Zechinen mir genügen könnten; ich erwiderte ihm, mir müsse alles genügen. Er gab mir die zwei Zechinen, indem er mich bat, sie ihm zurückzugeben, wenn ich eine Runde über das Dach gemacht und gesehen hätte, daß es das vernünftigste für mich wäre, in mein Gefängnis zurückzukehren. Ich versprach es ihm, ein wenig überrascht, daß er von mir annehmen konnte, ich würde mich zur Umkehr entschließen. Er kannte mich nicht; ich war fest entschlossen, lieber zu sterben als an einen Ort zurückzukehren, den ich alsdann lebend nicht mehr verlassen hätte. Ich rief meine Kameraden, und wir legten unser ganzes Gepäck neben das Loch, nachdem ich die hundert Faden Stricke auf zwei Pakete verteilt hatte. Dann plauderten wir zwei Stunden lang und erinnerten uns nicht ohne Vergnügen an die verschiedenen Wechselfälle unseres Unternehmens. Die erste Probe, welche Vater Balbi mir von seinem edlen Charakter gab, bestand darin, daß er mir zehnmal wiederholte, ich hätte ihm mein Wort gebrochen; denn ich hätte ihm versichert, mein Plan wäre fertig und wäre sicher; dies wäre aber durchaus nicht der Fall: er sagte mir sehr frech, wenn er das vorausgesehen hätte, würde er mich nicht aus meinem Kerker befreit haben. Der Graf sagte mir ebenfalls mit dem ganzen Ernst seiner siebenzig Jahre: es sei das klügste von mir, von meiner waghalsigen Unternehmung zurückzutreten, denn gelingen könne es mir unmöglich; dagegen sei augenscheinlich größere Gefahr vorhanden, daß wir dabei unser Leben verlieren würden. Was er mir sagte, war eine richtige Advokatenrede; ich erriet gleich, daß die wahre Ursache seines Eifers die zwei Zechinen waren, die ich ihm hätte zurückgeben müssen, wenn es ihm gelungen wäre, mich zum Bleiben zu überreden. »Das mit Bleiplatten bedeckte Dach«, sagte er, »ist so abschüssig, daß Sie nicht darauf werden gehen können, denn Sie werden kaum imstande sein, sich aufrecht zu halten; das Dach ist allerdings mit sieben oder acht Dachluken versehen, aber diese sind sämtlich mit eisernen Stäben vergittert, und sie sind unzugänglich, weil sie alle weit vom Rande entfernt sind und weil man vor ihnen nicht festen Fuß fassen kann. Die Stricke, die Sie besitzen, werden Ihnen nichts nützen, weil Sie keine Stelle finden werden, um sie zu befestigen. Und selbst, wenn Sie eine solche Stelle finden sollten, so wäre Ihnen damit nicht geholfen; denn aus einer solchen Höhe kann ein Mensch nicht herabsteigen, weil er sich nicht festhalten kann, bis er unten ist. Sie müßten sich also den Strick um den Leib binden und einer von Ihnen dreien müßte seine beiden Kameraden, einen nach dem andern herunterlassen, wie einen Eimer oder ein Bündel Holz. Derjenige aber, der dies täte, müßte bleiben und in seinen Kerker zurückkehren. Wer von euch dreien fühlt sich wohl zu solchem barmherzigen, aber gefährlichen Werk bereit? Und selbst angenommen, einer von Ihnen wäre ein solcher Held, so sagen Sie mir doch, auf welcher Seite wollen Sie sich herunter lassen? Jedenfalls nicht nach dem Platz zu, denn da würde man Sie sehen; nach der Kirche zu ist es unmöglich, denn da würden Sie eingeschlossen sein; an die Seite nach dem Hof zu ist gar nicht zu denken, denn da würden Sie den Arsenalotti, die beständig die Runde machen, in die Hände fallen. Sie können also nur nach der Kanalseite hinuntersteigen, und haben Sie dort eine Gondel, die auf Sie wartet, oder ein Schiff? Nein. Sie werden also genötigt sein, ins Wasser zu springen und bis Santa Apollonia zu schwimmen; dort werden Sie in kläglichem Zustande ankommen und werden nicht wissen, wohin Sie weiter fliehen sollen. Bedenken Sie, daß Sie auf den Bleiplatten leicht ausrutschen können; und wenn Sie in den Kanal fallen, so sind Sie verloren, selbst wenn Sie schwimmen können wie die Haifische; denn infolge der Höhe des Gebäudes und der geringen Tiefe des Wassers kann der Sturz nur tödlich ablaufen. Sie werden zerschmettert werden, denn drei oder vier Fuß Wasser sind keine genügende Menge Flüssigkeit, um die Wirkung der Schwere aufzuheben, wenn Ihre Körper aus so großer Höhe herabfallen. Sie würden sich noch glücklich schätzen können, wenn Sie mit zerbrochenen Armen und Beinen unten ankämen.« Diese Rede, die unter den Umständen jedenfalls sehr unvorsichtig war, brachte mein Blut in heiße Wallung; indessen hatte ich Mut, ihn mit einer Geduld anzuhören, die sonst nicht meine Sache war. Die rücksichtslosen Vorwürfe des Mönches empörten mich, und ich hatte große Lust, sie schroff zurückzuweisen; aber ich fühlte, daß ich in einer knifflichen Lage war und leicht mein eigenes Werk zerstören konnte; denn ich hatte es mit einem Feigling zu tun, der imstande war, mir zu antworten: er sei nicht so verzweifelt, um es auf Leben und Tod ankommen zu lassen; ich möge also nur allein gehen. Wenn ich aber allein war, konnte ich mir keine Hoffnung auf Gelingen machen. So tat ich mir denn Gewalt an, und sagte ihnen in freundlichem Ton, ich sei des Erfolges meiner Unternehmung sicher, obgleich ich ihnen die Einzelheiten nicht mitteilen könne. »Ihre weisen Bedenken«, sagte ich zum Grafen Asquino, »werden mich zu vorsichtigem Handeln veranlassen. Ich habe Vertrauen zu Gott und meinen eigenen Kräften, und dadurch werde ich alle Schwierigkeiten überwinden.« Von Zeit zu Zeit streckte ich die Hand aus, um mich zu versichern, ob Soradaci noch da wäre, denn er sprach während der ganzen Zeit kein Wort. Ich lachte bei dem Gedanken, was wohl in seinem Kopf herumgehen mochte, nachdem er jetzt ganz sicher war, daß ich ihn getäuscht hatte. Etwa um halb elf Uhr sagte ich ihm, er möchte nachsehen, in welcher Himmelsgegend der Mond jetzt stände. Er gehorchte, kam sofort zurück und sagte mir, in anderthalb Stunden würde man den Mond nicht mehr sehen, und ein sehr dichter Nebel müßte die Bleidächer höchst gefährlich machen. »Es genügt mir,« antwortete ich ihm, »daß der Nebel kein Öl ist. Packe deinen Mantel mit einem Teil unserer Stricke zusammen. Wir müssen diese in gleiche Pakete verteilen.« Zu meiner größten Überraschung fühlte ich plötzlich, wie er meine Knie umfaßte, dann meine Hände ergriff und sie küßte. Weinend sagte er zu mir: »Ich flehe Sie an, verlangen Sie nicht meinen Tod! Ich weiß gewiß, daß ich in den Kanal fallen werde. Ich kann Ihnen nicht den geringsten Nutzen bringen. Ach! lassen Sie mich hier, und ich werde die ganze Nacht zum heiligen Franziskus für Sie beten. Es steht in Ihrer Macht, mich zu töten; aber niemals werde ich mich entschließen, Ihnen zu folgen.« Wie sehr er meinen eigenen Wünschen entgegenkam, das wußte der Dummkopf natürlich nicht! »Du hast recht, bleibe hier; aber ich erlaube es dir nur unter der Bedingung, daß du zum heiligen Franziskus betest. Vorher aber schaffe alle meine Bücher hierher, ich will sie dem Herrn Grafen hinterlassen.« Er gehorchte ohne Widerrede, und ohne Zweifel mit großer Freude. Meine Bücher waren mindestens hundert Taler wert. Der Graf sagte mir, er würde sie mir bei meiner Rückkehr wiedergeben. »Sie werden mich hier nicht wieder sehen, darauf können Sie sich verlassen. Die Bücher werden Sie für Ihre zwei Zechinen entschädigen. Daß der Halunke Soradaci nicht den Mut hat, mir zu folgen, ist mir höchst angenehm; er würde mich in Verlegenheit setzen. Außerdem ist der elende Mensch nicht würdig, mit dem Vater Balbi und mir die Ehre einer so schönen Flucht zu teilen.« »Das ist wahr,« sagte der Graf; »nur wäre es möglich, daß er morgen Anlaß hätte, sich dazu Glück zu wünschen.« Ich bat den Grafen um Feder, Tinte und Papier, die er trotz dem Verbot besaß; denn die Verbote bedeuteten nichts für Lorenzo, der für einen Taler den heiligen Markus selber verkauft haben würde. Ich schrieb hierauf nachstehenden Brief, den ich Soradaci übergab und den ich nicht wieder durchlesen konnte, weil wir uns im Dunkeln befanden. Ich begann mit dem Ausspruch eines schwärmerischen Kopfes, den ich in lateinischer Sprache niederschrieb: »Ich werde nicht sterben, sondern ich werde leben und werde das Lob des Herrn singen. Die Herren Staatsinquisitoren müssen alles tun, um einen Schuldigen mit Gewalt unter den Bleidächern festzuhalten. Der Schuldige, der so glücklich ist, nicht Gefangener auf Wort zu sein, muß ebenfalls sein Mögliches tun, um sich die Freiheit zu verschaffen. Ihr Recht hat zur Grundlage die Justiz; das Recht des Schuldigen ist die Natur. Und so wenig, wie Sie seiner Einwilligung bedürfen, um ihn einzusperren, kann er der Ihrigen bedürfen, um seine Freiheit wieder zu erlangen. Giacomo Casanova, der dieses in der Bitterkeit seines Herzens schreibt, weiß, daß er das Unglück haben kann, wieder eingefangen zu werden, bevor er den Staat verlassen und sich in ein gastliches Land in Sicherheit bringen kann. Dann wäre er wieder unter dem Richtschwert derer, denen er jetzt zu entfliehen sich anschickt. Aber wenn ihm dieses Unglück zustoßen sollte, so wendet er sich an die Menschlichkeit seiner Richter und bittet sie, ihm das gransame Los, dem er zu entfliehen sucht, nicht dadurch härter zu machen, daß sie ihn dafür bestrafen, der Stimme der Natur gefolgt zu sein. Wenn er wieder eingefangen wird, so bittet er, ihm alles zurückzugeben, was ihm gehört und was er in dem Kerker läßt. Wenn er aber das Glück hat, sein Ziel zu erreichen, so schenkt er alles dem Francesco Soradaci, der hier als Gefangener bleibt, weil er nicht den Mut hat, sich der Gefahr auszusetzen. Er zieht nicht wie ich die Freiheit dem Leben vor. Casanova bittet Ihre Exzellenzen, dem Unglücklichen dies Geschenk, das er ihm macht, nicht vorenthalten zu wollen. Geschrieben eine Stunde vor Mitternacht, ohne Licht, im Kerker des Grafen Asquino, am 31. Oktober 1756.« Ich sagte Soradaci, er solle diesen Brief nicht Lorenzo geben, sondern nur dem Sekretär in Person; denn er würde ihn ohne Zweifel rufen lassen, wenn er nicht gar selber hinaufkäme, wie es noch wahrscheinlicher wäre. Der Graf sagte zu ihm, die Wirkung meines Briefes wäre unzweifelhaft; aber er müßte mir alles wiedergeben, wenn ich zurückkäme. Der Dummkopf antwortete ihm, er wünsche mich wiederzusehen, um mir zu beweisen, daß er mir alles von Herzen gern zurückgeben werde. Aber es war Zeit, uns auf den Weg zu machen. Der Mond war nicht mehr zu sehen. Ich hängte dem Vater Balbi den auf ihn entfallenden Teil unseres Gepäcks um den Hals, so daß er auf der einen Seite die Hälfte unserer Stricke, auf der anderen seine eigenen Sachen trug. Ich machte es ebenso bei mir. Dann traten wir beide in Hemdärmeln, den Hut auf dem Kopf an die Offnung im Dache: e quindi uscimmo a rimirar le stelle und stiegen auf zum Wiedersehen der Sterne. (Dante) Zweiunddreißigstes Kapitel Ich verlasse meinen Kerker. – Lebensgefahr auf dem Dach. – Ich verlasse den Dogenpalast, schiffe mich ein und gelange aufs Festland. – Pater Balbi bringt mich in große Gefahr. – Ich muß eine List anwenden, um mich für den Augenblick von ihm zu trennen. Ich kroch zuerst hindurch, Balbi folgte mir. Soradaci, der uns bis an das Loch des Daches begleitet hatte, erhielt Befehl, die Bleiplatte wieder zurecht zu legen und hierauf zu seinem heiligen Franziskus zu beten. Ungeachtet des Nebels waren alle Gegenstände so ziemlich zu erkennen. Auf allen Vieren kriechend, packte ich mit fester Hand meinen Spieß, stieß ihn schräge in die Fuge zweier Bleiplatten und packte dann mit vier Fingern den Rand der von mir umgebogenen Platten. So kam ich allmählich bis an den First des Daches. Der Mönch, der mir folgte, hielt sich mit vier Fingern seiner rechten Hand an meinem Hosenbund fest. So befand ich mich in der unangenehmen Lage eines Lasttiers, das gleichzeitig ziehen und tragen muß, und noch dazu auf einem abschüssigen Dach, das von einem dichten Nebel schlüpfrig geworden war. Als wir diesen gefahrvollen Aufstieg erst zur Hälfte hinter uns hatten, rief der Mönch mir zu, ich solle halten; eins von seinen Paketen habe sich losgelöst, er hoffe aber, daß es nicht über die Dachrinne hinausgerutscht sei. Mein erster Gedanke war, ihm einen Fußtritt zu versetzen und ihn hinter seinem Paket herzuschicken. Gottseidank beherrschte ich mich und tat es nicht; die Strafe wäre für beide Teile zu hart gewesen, denn mir allein hätte meine Flucht unmöglich gelingen können. Ich fragte ihn, ob es das Paket mit den Stricken sei, er antwortete mir jedoch, es sei sein eigenes Päckchen, worin sich ein von ihm auf dem Dachboden gefundenes Manuskript befinde, das ihm großen Gewinn bringen werde. Ich sagte ihm, diesen Verlust müsse er ertragen; ein Schritt zurück könne uns ins Verderben stürzen. Der arme Mönch seufzte, und wir kletterten weiter. Nachdem wir mit außerordentlicher Anstrengung über fünfzehn oder sechzehn Platten hinaufgeklettert waren, kamen wir auf dem First an. Hier setzte ich mich bequem rittlings hin, und Pater Balbi machte es so wie ich. Wir saßen mit dem Rücken nach der kleinen Insel San Giorgio Maggiore, und hatten auf zweihundert Schritte vor uns die zahlreichen Kuppeln der Markuskirche, die zum herzoglichen Palast gehört; denn San Marco ist eigentlich nur die Kapelle des Dogen, und kein Monarch kann sich rühmen, eine schönere zu besitzen. Vor allen Dingen legte ich mein Bündel ab und forderte meinen Kameraden auf, das gleiche zu tun. Er legte seinen Pack Stricke so gut er konnte unter seine Schenkel; als er aber seinen Hut abnehmen wollte, der ihm lästig war, benahm er sich dabei ungeschickt; der Hut rollte von Platte zu Platte bis an die Dachrinne und folgte dem Kleiderpaket in den Kanal. Hierüber war mein armer Kamerad ganz verzweifelt, und er rief: »Böses Vorzeichen! Jetzt habe ich schon gleich im Anfang kein Hemd und keinen Hut mehr und habe noch dazu eine kostbare Handschrift verloren, die die interessante und gänzlich unbekannte Geschichte aller im Dogenpalast abgehaltenen Festlichkeiten enthielt.« Meine Wut hatte sich inzwischen gelegt, und ich sagte ihm ruhig: die beiden Unfälle hätten weiter nichts Außerordentliches an sich und könnten darum nur von einem abergläubischen Geist als böse Vorzeichen angesehen werden. Ich hielte sie nicht dafür und ließe mich durchaus nicht von ihnen entmutigen. »Sie müssen Ihnen, mein Lieber, zur Lehre dienen, daß Sie vorsichtig und vernünftig sind. Sie müssen daraus entnehmen, daß Gott uns ohne Zweifel beschützt; denn wäre Ihr Hut, statt nach der rechten Seite, nach der linken gefallen, so wären wir verloren gewesen, denn er wäre in den Palasthof gefallen. Dort hätten die Wachen ihn gefunden und dadurch notwendigerweise erkennen müssen, daß sich irgend jemand auf dem Dach befinden müßte. Und dann wären wir sofort wieder eingefangen gewesen. Nachdem ich einige Minuten lang nach rechts und links mich umgesehen hatte, sagte ich dem Mönch, er solle warten, bis ich zurückkäme, und sich nicht von der Stelle rühren. Nur meinen Spieß in der Hand haltend, ritt ich ohne Schwierigkeit den Dachfirst entlang. Fast eine Stunde lang untersuchte ich alle Dächer des Palastes, aber vergeblich; denn ich sah nirgends etwas, woran ich einen Strick hätte befestigen können. Ich war vollkommen ratlos. An den Kanal oder an den Palasthof war nicht zu denken, und die Kirche bot mir zwischen ihren Kuppeln nur tiefe Abgründe dar, die nach allen Seiten umschlossen waren. Um über die Kirche nach der Canonica zu gelangen, hätte ich über so abschüssige Dächer steigen müssen, daß ich keine Möglichkeit sah, diesen Weg zu wählen; denn natürlich verwarf ich sofort alles als unmöglich, was ich nicht für ausführbar hielt. Meine Lage erforderte kühnes Wagen, verbot aber jede Unvorsichtigkeit. Hier das Richtige zu treffen, war ungeheuer schwierig. Ein Entschluß mußte gefaßt werden: ich mußte entweder in meinen Kerker zurückkehren, um ihn vielleicht nie wieder zu verlassen, oder ich mußte mich in den Kanal stürzen. Da mir nur die Wahl zwischen diesen beiden Möglichkeiten blieb, so mußte ich vieles dem Zufall überlassen und vor allen Dingen irgend etwas tun. Mein Blick fiel auf eine Dachluke nach der Kanalseite. Sie war von der Stelle, von der ich ausgegangen war, weit genug entfernt, um mir die Annahme zu gestalten, daß der von ihr erhellte Dachboden nicht zum Bereich der Gefängnisse gehörte. Sie mußte auf einen Dachboden über irgendeiner der Wohnungen des Palastes führen, deren Türen ich natürlich offen gefunden haben würde. Ich war fest überzeugt, daß die Diener des Palastes, sogar die der Dogenfamilie, wenn sie uns bemerkt hätten, uns bereitwillig unsere Flucht erleichtert haben würden. Ganz gewiß hätten sie uns nicht der Gewalt der Inquisitoren ausgeliefert, selbst wenn sie in uns die größten Staatsverbrecher erkannt haben würden. So verhaßt war die Inquisition in den Augen aller Venezianer. Ich mußte nun diese Dachluke näher untersuchen. Indem ich mich vom First in grader Linie sachte herabgleiten ließ, befand ich mich bald rittlings auf dem kleinen Dach des Ausbaues. Mich mit beiden Händen am Rande festhaltend, streckte ich den Kopf vor und sah und fühlte ein kleines Gitter; hinter diesem befand sich ein Fenster mit Glasscheiben, die in Blei eingelassen waren. Das Fenster brachte mich nicht in Verlegenheit, aber das Gitter schien mir, so dünn es auch war, eine unüberwindliche Schwierigkeit darzubieten; denn ich glaubte es ohne Feile nicht beseitigen zu können, und ich hatte nur meinen Spieß. Ich wußte nicht, was ich machen sollte, und begann den Mut zu verlieren, als plötzlich das einfachste und natürlichste Ereignis meine Seele wieder aufrichtete. Philosophischer Leser, versetze dich bitte einen Augenblick in meine Lage! Stelle dir die Leiden vor, die ich fünfzehn Monate lang zu ertragen hatte; bedenke die Gefahren, denen ich auf einem Bleidach ausgesetzt war, wo die geringste falsche Bewegung mir mein Leben kosten konnte! Bedenke endlich, daß ich nur wenige Stunden vor mir hatte, um alle Schwierigkeiten zu besiegen, die bei jedem Schritt sich vermehren konnten; und bedenke, daß ich in dem doch sehr leicht möglichen Falle des Nichterfolges verdoppelte Strenge von Seiten eines ungerechten Tribunals erwarten mußte! Dann wird das Geständnis, das ich aufrichtig und wahrheitsgetreu dir machen will, mich in deiner Meinung nicht herabsetzen, besonders wenn du nicht vergissest, daß der Mensch in Unruhe und Not natürlich nicht halb so stark ist wie im Zustande unbekümmerter Ruhe. Die Turmuhr von San Marco, die in diesem Augenblick Mitternacht schlug, befreite mich mit einem heftigen Stoß aus dem Zustande der Ratlosigkeit, der mich lähmte. Diese Glockenschläge erinnerten mich daran, daß in demselben Augenblick der Allerheiligentag begann und daß dieser Tag der Festtag meines Schutzheiligen sein mußte, wenigstens wenn ich einen hatte; und die Weissagung des Jesuiten, der mir die Beichte abgenommen hatte, kam mir in den Sinn. Besonders aber, ich will es gestehen, erhöhte meinen Mut und vermehrte tatsächlich meine körperlichen Kräfte das weltliche Orakel, das ich von meinem lieben Ariosto empfangen hatte: Fra il fin d'ottobre è il capo di novembre. Wenn ein großes Unglück zuweilen einen kleinen Geist fromm macht, so ist es fast unmöglich, daß der Aberglaube nicht dazu beiträgt. Der Klang der Turmuhr erschien mir als ein sprechender Talisman, der mich zum Handeln aufrief und mir den Sieg verhieß. Meiner ganzen Länge nach ausgestreckt, den Kopf gegen das Gitter geneigt, stieß ich meinen Spieß in den Rahmen, in den es eingelassen war, und beschloß diesen ganz loszubrechen. In einer Viertelstunde gelang mir dies. Das Gitter befand sich unversehrt in meinen Händen, und ich legte es neben die Dachluke. Ohne Schwierigkeit zertrümmerte ich nun das Dachfenster, obgleich ich mir an der linken Hand eine stark blutende Verletzung zugezogen hatte. Mit Hilfe meines Spießes gelangte ich auf die vorhin beschriebene Art wieder auf den First und kehrte auf diesem an die Stelle zurück, wo ich meinen Kameraden zurückgelassen hatte. Ich fand ihn in wütender Verzweiflung. Er sagte mir die gröbsten Beleidigungen, weil ich ihn so lange allein gelassen hätte, und erklärte, er hätte nur bis Schlag ein Uhr gewartet, um in sein Gefängnis zurückzukehren. »Was dachten Sie denn von mir?« »Ich glaubte, Sie seien in irgend einen Abgrund gestürzt.« »Und Ihre Freude, die Sie doch darüber empfinden müssen, daß Sie mich wiedersehen, spricht sich nur in Beleidigungen aus?« »Was haben Sie denn so lange gemacht?« »Kommen Sie mit, Sie werden sehen!« Ich lud mir meine Pakete wieder auf und machte mich auf den Weg nach der Dachluke. Als wir uns dieser gegenüber befanden, berichtete ich Balbi genau über alles, was ich getan hatte, und beriet mich mit ihm, wie wir auf den Dachboden gelangen könnten. Dies war leicht für einen von uns, denn der andere konnte ihn an dem Strick herunter lassen; aber ich sah keine Möglichkeit, wie nachher der Zweite ihm folgen könnte, da der Strick sich nicht am Eingang der Dachluke befestigen ließ. Wenn ich einstieg und hinuntersprang, konnte ich Arme und Beine brechen, denn die Entfernung von der Dachluke bis zum Fußboden war mir unbekannt. Als ich ihm dies vernünftige Bedenken im freundlichsten Ton vorgestellt hatte, antwortete der Mensch mir: »Lassen Sie mich nur einstweilen hinunter, wenn ich unten bin, haben Sie Zeit genug, darüber nachzudenken, wie Sie mir folgen können.« Ich gestehe, daß ich in der ersten Entrüstung in Versuchung war, ihm meinen Spieß in die Brust zu stoßen. Ein guter Geist hielt mich zurück, und ich warf ihm mit keinem einzigen Wort seine niedrige Selbstsucht vor, sondern öffnete sofort mein Paket mit den Stricken. Nachdem ich ihm den Strick unter den Achseln fest um die Brust geschnürt hatte, ließ ich ihn mit den Füßen nach unten sich platt auf den Bauch legen und herunterrutschen, bis er auf der Dachluke ankam. Als er so weit war, sagte ich ihm, er solle bis ans Gesäß sich in die Öffnung hinunterlassen und sich mit den Händen am Rand festhalten. Als er dies getan hatte, rutschte ich wie früher über das Dach herunter, legte mich lang auf die Dachluke hin, zog den Strick straff an und sagte dem Mönch, er solle sich nun ohne Furcht loslassen. Unten angekommen, band er den Strick los; ich zog diesen hinauf und fand, daß die Höhe mehr als fünfzig Fuß betrug. Dies war zuviel, um den gefährlichen Sprung zu wagen. Des Mönches war ich nunmehr sicher. Er hatte fast zwei Stunden angstvoll auf dem Dachfirst verbracht, in einer, wie ich zugeben will, nicht eben Vertrauen erweckenden Lage. Er rief mir zu, ich solle ihm nur die Stricke herunter werfen; er wolle dann schon für das Weitere sorgen. Natürlich hütete ich mich, diesen dummen Rat zu befolgen. Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte. Auf eine Eingehung wartend, kletterte ich einstweilen nach dem Dachfirst zurück. Mein Blick fiel auf eine Stelle neben einer Kuppel, die ich noch nicht besucht hatte, und ich machte mich dorthin auf den Weg. Ich sah eine mit Bleiplatten bedeckte ebene Terrasse neben einer großen Dachluke mit zwei verschlossenen Läden. Auf dieser Terrasse stand ein Trog mit fertigem Mörtel, Mauergerät und eine Leiter, die mir lang genug zu sein schien, um auf ihr nach dem Dachboden hinunter steigen zu können, wo mein Kamerad mich erwartete. Dies genügte mir, um meinen Entschluß zu fassen. Ich befestigte meinen Strick an der ersten Sprosse und schleppte die unbequeme Last bis an die Dachluke. Nun galt es aber, die schwere Leiter, welche zwölf von meinen Klaftern Da Casanova 1,75m groß war, also ebensoweit klafterte, wären dies 21 m gewesen. Die Kritiker, nach deren Meinung Casanova sich bei der Schilderung seiner Flucht einiger Übertreibungen schuldig gemacht haben soll, haben auch die Länge dieser Leiter beanstandet. Ich sehe wirklich nicht ein, warum. Wenn die Leiter Casanova überhaupt etwas nützen sollte, mußte sie mindestens zwanzig Meter lang sein, da die Entfernung von der Dachluke bis zum Fußboden mehr als fünfzig Fuß betrug. Übrigens scheint mir bei den außerordentlichen Verhältnissen des Dogenpalastes das Vorhandensein einer so langen Mauerleiter durchaus nichts Merkwürdiges zu haben; die Höhe des Daches betrug 28m. lang war, in die Luke hineinzubringen. Die Schwierigkeiten, die mir dies machte, ließen mich bedauern, daß ich mich der Hilfe des Mönches beraubt sah. Ich hatte die Leiter so weit geschleppt, daß das eine Ende die Luke berührte, während sie um ein Drittel ihrer Länge über die Dachrinne hinausragte. Ich ließ mich bis auf die Luke herabgleiten, zog seitwärts die Leiter an mich heran und befestigte das Ende meines Strickes an ihrer achten Sprosse. Hierauf ließ ich sie wieder so weit hinunter, bis ihre Spitze sich unmittelbar neben der Luke befand. Ich bemühte mich nun, sie in diese hineinzubringen, aber es war mir unmöglich, sie weiter als bis zur fünften Sprosse eindringen zu machen; denn ihre Spitze stieß innen gegen das Dach der Luke an, und keine Kraft auf der ganzen Welt hätte sie tiefer hineingebracht, ohne entweder die Dachluke oder die Leiter zu zerbrechen. Hiergegen gab es nur ein einziges Mittel: ich mußte sie am anderen Ende lüpfen; durch die Neigung konnte die Spitze an dem Hindernis vorbeigelangen, und dann mußte die Leiter durch ihr eigenes Gewicht nach unten gleiten. Ich hätte allerdings die Leiter quer legen und meinen Strick an ihr befestigen können, um ohne Gefahr an ihr herabzugleiten. Aber dann wäre die Leiter dort liegen geblieben und hätte am anderen Morgen den Sbirren und Lorenzo den Ort verraten, wo wir uns vielleicht noch befunden hätten. Ich wollte es nicht riskieren, durch eine Unvorsichtigkeit die Frucht so vieler Mühen und Gefahren zu verlieren; um alle Spuren zu beseitigen, mußte die Leiter ganz und gar verschwinden. Da niemand da war, um mir zu helfen, entschloß ich mich, selber bis zur Dachrinne hinunterzusteigen, um die Leiter hochzuheben, und so meinen Zweck zu erreichen. Dies tat ich denn auch, aber unter so großer Gefahr, daß ich es nur einer Art von Wunder verdankte, wenn ich für meine Waghalsigkeit nicht mit dem Leben büßte. Ich ließ den Strick los, ohne mich weiter um die Leiter zu bekümmern; denn ich brauchte nicht zu befürchten, daß sie in den Kanal fallen würde; sie hing nämlich mit der dritten Sprosse an der Dachrinne fest. Meinen Spieß in der Hand, ließ ich mich nun bis zur marmornen Dachrinne heruntergleiten. Ich berührte diese mit meinen Fußspitzen, während ich platt auf dem Bauch lag. In dieser Stellung konnte ich mit Aufgebot aller Kraft die Leiter unten um einen halben Fuß anheben und sie zugleich vorwärts stoßen. Zu meiner großen Freude sah ich, daß sie um einen Fuß tiefer in die Dachluke eingedrungen war. Der Leser wird begreifen, daß hierdurch ihr Gewicht sich beträchtlich verminderte. Es galt nun, sie noch um zwei Fuß weiter hineinzubringen, indem ich sie um ebensoviel emporhob; denn sobald dies geschehen war, brauchte ich mich nur wieder auf das Dach der Luke zu legen, um mit Hilfe des Stricks die ganze Leiter hineinzubringen. Um sie nun soweit emporzuheben wie es nötig war, richtete ich mich auf meinen Knien auf. Aber infolge der Kraftanstrengung glitt ich aus und befand mich nur noch mit der Brust und den beiden Ellenbogen auf dem Dach. Entsetzlicher Augenblick! Noch jetzt schaudere ich bei der Erinnerung daran, und es ist dem Leser vielleicht nicht möglich, ihn sich in seiner ganzen Furchtbarkeit vorzustellen. Im Selbsterhaltungstriebe bot ich fast unbewußt alle meine Kräfte auf, um mich festzuhalten, und es glückte mir, ich möchte fast sagen: durch ein Wunder. Ich verlor keinen Augenblick die Kaltblütigkeit, und es gelang mir endlich, indem ich die ganze Kraft meiner Arme aufbot, mich hochzustemmen, so daß nunmehr mein Körpergewicht auf den Handgelenken ruhte, während ich mich zugleich auf den Unterleib aufstützte. Um die Leiter brauchte ich mir glücklicherweise keine Sorgen mehr zu machen, denn bei der ungeheuren Kraftanstrengung, die mir beinahe so teuer zu stehen gekommen wäre, hatte ich das Glück gehabt, sie um drei Fuß tiefer in die Dachluke hineinzustoßen, so daß sie nun unbeweglich feststand. Indem ich mich also auf meine Handgelenke und auf die Leistengegend zwischen Unterleib und Schenkeln aufgestützt am Rande der Dachrinne festhielt, sah ich, daß ich außer aller Gefahr sein würde, wenn ich mein rechtes Bein hochheben und erst das eine, dann das andere Knie auf die Dachrinne bringen könnte. Aber meine Leiden waren noch nicht zu Ende. Infolge der Anstrengung zogen sich meine Sehnen so stark zusammen, daß ein überaus schmerzhafter Krampf mich an allen Gliedern lähmte. Ich verlor jedoch nicht den Kopf, sondern hielt mich unbeweglich, bis der Anfall vorüber war: ich wußte, daß dies das beste Mittel gegen den Krampf ist, denn ich habe es oft an mir selber erprobt. Wie entsetzlich war dieser Augenblick! Nach zwei Minuten erneuerte ich ein wenig meine Anstrengungen und erreichte glücklich mit beiden Knien die Dachrinne. Nachdem ich Atem geschöpft hatte, hob ich vorsichtig die Leiter empor, bis sie endlich parallel mit dem kleinen Dach der Luke schwebte. Dies genügte mir, da mir die Gesetze des Gleichgewichts und des Hebels genügend bekannt waren. Ich nahm meinen Spieß wieder zur Hand und kletterte in gleicher Weise zur Dachluke empor. Mit Leichtigkeit brachte ich nun die ganze Leiter hinein, deren Ende mein Kamerad mit seinen Armen auffing. Ich warf meine Kleider, die Stricke und die Trümmer des ausgebrochenen Gitterrahmens auf den Boden und stieg auf der Leiter hinunter. Der Mönch empfing mich voller Freuden und brachte die Leiter auf die Seite. Mit den Armen umhertastend, untersuchten wir nun den dunklen Ort, an dem wir uns befanden; er war etwa dreißig Schritte lang und zwanzig Schritte breit. An dem einen Ende fanden wir eine Doppeltür, die aus eisernen Stäben bestand; dies war ein übles Vorzeichen. Als ich aber meine Hand auf die in der Mitte befindliche Klinke legte, gab diese dem Druck nach, und die Türe öffnete sich. Wir gingen zunächst an den Wänden entlang um den neuen Raum herum; als wir ihn aber durchqueren wollten, stießen wir auf einen großen Tisch, der von Stühlen und Lehnsesseln umgeben war. Wir gingen nach der Stelle zurück, wo wir Fenster gefunden hatten, und öffneten eines von diesen. Aber wir bemerkten beim Schimmer der Sterne nur Abgründe zwischen den Kuppeln des Doms. Ich dachte nicht einen Augenblick daran, hier herabzusteigen. Denn der Ort, wo ich mich befand, war mir unbekannt, und ich wollte wissen, wohin ich geriete. Ich machte das Fenster wieder zu; wir verließen den Saal und gingen nach dem Ort zurück, wo wir unser Gepäck hatten liegen lassen. Über alle Maßen körperlich und geistig erschöpft, ließ ich mich auf den Fußboden sinken; ich schob mir ein Paket Stricke unter den Kopf, und ein sanfter Schlummer bemächtigte sich meiner Sinne. Ich überließ mich ihm völlig willenlos; es wäre nur unmöglich gewesen, dem Schlaf zu widerstehen, selbst wenn ich gewußt hätte, daß er mir das Leben kosten würde. Ich erinnere mich noch jetzt sehr gut, welch ein wonniges Gefühl es für mich war, als ich einschlief. Ich schlief drei und eine halbe Stunde lang. Das Geschrei und das heftige Rütteln des Mönches vermochten mich kaum zu erwecken. Er sagte mir, es habe soeben fünf Uhr geschlagen und es sei ihm unbegreiflich, wie ich in der Lage, in der wir uns befänden, schlafen könnte. Ihm war das unbegreiflich, mir aber nicht: mein Schlaf war nicht freiwillig gewesen; ich hatte nur meiner erschöpften Natur nachgegeben und lag sozusagen in den letzten Zügen. Meine Erschöpfung konnte nicht überraschen: seit zwei Tagen hatte ich vor Aufregung nichts essen und kein Auge schließen können, und die Anstrengungen, die ich hatte machen müssen, gingen üher das hinaus, was ein Mensch unter gewöhnlichen Umständen leisten kann. Sie würden genügt haben, um auch die Kräfte eines jeden anderen Menschen vollkommen zu erschöpfen. Übrigens hatte dieser wohltätige Schlaf mir meine alte Kraft zurückgegeben, und in der Zwischenzeit war, wie ich mit großer Freude sah, die Dunkelheit so weit gewichen, daß wir zuversichtlicher und schneller handeln konnten. Sobald ich mich umgesehen hatte, rief ich aus: »Dieser Ort ist kein Gefängnis; es muß hier einen leicht zu findenden Ausgang geben.« Wir gingen nun nach der Wand, die der eisernen Tür gegenüberlag, und ich glaubte in einem sehr engen Winkel eine Tür zu erkennen. Ich betastete sie mit den Fingern und fand endlich ein Schlüsselloch. In dieses stieß ich meinen Spieß hinein und sprengte mit drei oder vier Stößen das Schloß. Wir betraten eine kleine Kammer, wo ich auf einem Tisch einen Schlüssel fand. Ich versuchte diesen an einer gegenüberliegenden Türe, drehte ihn herum, und fand, daß das Schloß offen war. Ich legte den Schlüssel wieder auf den Tisch, wo ich ihn gefunden hatte, und bat den Mönch, unsere Pakete zu holen. Dann verließen wir das Zimmer und befanden uns in einem Gange, worin Nischen ganz mit Papieren angefüllt waren. Es waren Archive. Ich entdeckte eine kleine, steinerne Treppe und ging diese hinunter; ich fand eine andere, ging diese ebenfalls hinunter und stieß auf eine Glastür. Diese öffnete ich und befand mich plötzlich in einem Saale, den ich kannte. Ich öffnete ein Fenster. Es wäre mir leicht gewesen herauszuklettern; aber dann hätte ich mich in dem Labyrinth der kleinen Höfe befunden, die die Markuskirche umgeben. Um Gottes willen nur nicht eine solche Torheit! Auf einem Schreibtisch sah ich ein eisernes Werkzeug mit runder Spitze und hölzernem Griff. Es diente dem Sekretär der Kanzlei dazu, die Pergamente zu durchbohren, um mittels eines Fadens das Bleisiegel anzuhängen. Ich nahm das Instrument an mich. Ich öffnete den Schreibtisch und fand die Abschrift eines Briefes, worin dem Provveditore von Korfu die Absendung von dreitausend Zechinen zur Ausbesserung der Festung gemeldet wurde. Ich suchte die Zechinen; sie waren nicht da. Gott weiß, mit welchem Vergnügen ich mich ihrer bemächtigt hätte, und wie ich den Mönch ausgelacht hätte, wenn er mich beschuldigt haben sollte, dadurch einen Diebstahl zu begehen. Ich hätte diese Summe als ein Geschenk vom Himmel angesehen, und hätte mich ganz aufrichtig nach dem Rechte des Eroberers als ihren Eigentümer betrachtet. Ich ging an die Tür der Kanzlei und steckte meinen Spieß in das Schlüsselloch. Aber in weniger als einer Minute erlangte ich die Gewißheit, daß es mir unmöglich sein würde, das Schloß zu sprengen, und nun entschloß ich mich schnell ein Loch durch den einen Türflügel zu brechen. Ich suchte mir die Stelle aus, wo das Holz am wenigsten Äste hatte. Schnell ging ich ans Werk und bohrte und spaltete mit schnellen Stößen meines Spießes das Holz, so gut ich konnte. Der Mönch half mir nach Kräften mit der dicken Ahle, die ich auf dem Schreibtische gefunden hatte. Aber er zitterte bei dem hallenden Lärm, den mein Spieß hervorbrachte, so oft ich ihn in das Holz stieß, und den man auf weite Entfernung hören mußte. Ich fühlte recht wohl die große Gefahr, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als es darauf ankommen zu lassen. Nach einer halben Stunde war das Loch groß genug, und dies war gut für uns; denn es wäre mir schwierig gewesen, es ohne eine Säge noch größer zu machen. Die Ränder dieses Loches sahen grausig aus; denn die starrten von Spitzen, an denen man sich die Kleider und die Glieder zerreißen konnte. Das Loch befand sich fünf Fuß über dem Boden. Wir stellten unter das Loch zwei Schemel nebeneinander und stiegen hinauf. Der Mönch kroch mit gekreuzten Armen und dem Kopf voraus in das Loch hinein; ich hielt ihn zuerst an den Schenkeln, dann an den Füßen fest, und es gelang mir, ihn durchzustoßen. Daß das Zimmer, in welches die Tür führte, dunkel war, machte mir keine Sorgen; denn ich kannte die Örtlichkeit. Als mein Kamerad draußen war, warf ich ihm unsere Decken zu; nur die Stricke ließ ich liegen. Dann setzte ich einen dritten Schemel auf die beiden ersten und stieg hinauf, so daß nunmehr das Loch sich in der Höhe meiner Schenkel befand. Ich kroch bis zum Unterleib hinein, obgleich mir dies große Schwierigkeiten machte, weil das Loch sehr eng war, weil ich keinen Stützpunkt für meine Hände hatte und weil mich niemand von hinten schieben konnte, wie ich den Mönch hindurchgeschoben hatte; ich sagte Balbi, er solle mich um den Leib packen und ohne Rücksicht an sich ziehen, wenn ich auch dabei in Fetzen ginge. Er gehorchte, und ich besaß die Sündhaftigkeit, den furchtbaren Schmerz zu ertragen, den mir die spitzigen Zacken des Holzes bereiteten, indem sie mir die Flanken und Schenkel zerrissen, so daß das Blut herunterströmte. Als ich endlich glücklich draußen war, nahm ich schnell mein Paket an mich, stieg zwei Treppen hinunter und öffnete ohne Schwierigkeit die Tür des Ganges, der zu der großen Tür der Königstreppe führt und neben welchem sich das Kabinett des Savio alla scrittura oder Kriegsministers befindet. Diese große Tür war verschlossen, wie es die des Archivsaales gewesen war, und ich sah auf den ersten Blick, daß ich ohne eine Ramme oder eine Sprengpatrone gegen diese Tür nichts ausrichten konnte. Mein Spieß, den ich in der Hand hatte, schien mir zu sagen: Hier ist es zu Ende, ich kann dir nichts mehr nützen; du kannst mich fortwerfen. Der Spieß war das Werkzeug meiner Freiheit; ich liebte ihn; er war würdig, als Dankopfer über dem Altar der Freiheit und Erlösung zu hängen. Darum behielt ich ihn. Vollkommen ruhig und gefaßt setzte ich mich auf einen Stuhl und sagte zum Mönch: »Setzen Sie sich ebenfalls! Mein Werk ist zu Ende; Gott oder das Glück müssen das übrige tun: Abbia, chi regge il ciel cura del resto, o la fortuna, se non tocca a lui. Laß für den Rest des Himmels Lenker sorgen Oder das Glück, wenn es nicht Ihn bekümmert. Ich weiß nicht, ob die Leute des Palastes heute, am Allerheiligentage und morgen, am Allerseelentage, zum Ausfegen kommen werden. Wenn einer kommt, so laufe ich hinaus, sobald die Tür sich öffnet, und Sie müssen mir auf dem Fuße folgen. Wenn aber niemand kommt, so rühre ich mich nicht von hier; und wenn ich vor Hunger sterben sollte, so ist eben nichts dabei zu machen.« Über diese Worte geriet der arme Mönch in eine fürchterliche Wut. Er nannte mich einen hirnverbrannten Narren, einen Verführer, Betrüger, Lügner; dies rührte mich nicht, ich ließ ihn schimpfen. Plötzlich schlug es sechs Uhr. Seit meinem Erwachen auf dem Dachboden war nur eine Stunde vergangen. Am wichtigsten war es nun für mich, mich völlig umzukleiden. Pater Balbi sah wie ein Bauer aus, aber er war unversehrt; seine Kleider waren nicht wie die meinigen zersetzt und mit Blut bedeckt; seine Weste von rotem Flanell und seine Hose von violettem Leder waren heil. Ich dagegen sah erbarmungswürdig aus – blutüberströmt und in ganz zerlumpten Kleidern. Über meinen Knien bluteten zwei tiefe Schrammen, die ich mir an der Dachrinne gerissen hatte; das Loch in der Kanzleitür hatte mir Weste, Hemd, Hosen, Hüften und Schenkel zerfetzt. Überall hatte ich fürchterliche Schrammen. Ich zerriß einige Taschentücher und verband mich damit, so gut es ging. Dann zog ich meinen schönen Anzug an, in welchem ich an dem kalten Herbsttage ziemlich komisch aussehen mußte. Ich ordnete meine Haare, so gut es eben gehen wollte, in meinen Haarbeutel, zog weiße Strümpfe an, legte in Ermangelung eines anderen ein Spitzenhemd an und zog noch zwei andere darüber. Taschentücher und Strümpfe steckte ich in meine Taschen und alles übrige warf ich in eine Ecke. Meinen schönen Mantel hängte ich dem Mönch um die Schultern, und der gute Mann sah aus, wie wenn er ihn gestohlen hätte. Ich mußte aussehen wie ein Kavalier, der einen Ball mitgemacht, hierauf die Nacht an einem schlechten Ort verbracht hatte und dort etwas zerzaust worden war. Nur die Verbände an meinen Knien, die man sah, stimmten nicht zu meiner etwas unangebrachten Eleganz. In diesem eleganten Aufzug, meinen schönen Hut mit spanischer Goldspitze und weißer Feder auf dem Kopf, trat ich an ein offenes Fenster. Einige Faulenzer, die (wie ich zwei Jahre später in Paris erfuhr) sich zufällig im Hof des Dogenpalastes befanden und sich wunderten, daß ein so vornehm gekleideter Herr wie ich zu solcher Stunde dort oben sein könnte, gingen zu dem Mann, der den Schlüssel zu diesem Saal hatte, und sagten ihm Bescheid. Er glaubte, er hätte vielleicht am Tage vorher jemand eingeschlossen, holte seinen Schlüssel und kam herauf. Ich ärgerte mich, daß ich mich am Fenster gezeigt hatte. Ich wußte nicht, daß gerade dies das größte Glück für mich war. Ich setzte mich wieder neben den Mönch und ließ mich von ihm ausschelten, als plötzlich ein Klirren von Schlüsseln an mein Ohr drang. Ganz aufgeregt sprang ich auf und spähte durch eine schmale Ritze, die sich glücklicherweise zwischen den beiden Türflügeln befand. Ich sah einen einzelnen Mann, ohne Hut, nur mit einer Perücke auf dem Kopf; er stieg langsam, einen großen Schlüsselbund in der Hand haltend, die Treppe herauf. Ich sagte dem Mönch in sehr ernstem Ton, er solle nicht den Mund auftun, sondern hinter mich treten und mir sofort folgen. Meinen Spieß hielt ich in der rechten Hand unter meinem Rock verborgen. Ich trat nun so vor die Tür, daß ich hinauskonnte, sobald sie geöffnet wurde. Ich betete zu Gott, daß der Mann mir keinen Widerstand leisten möchte; denn in diesem Fall hätte ich mich genötigt gesehen, ihn niederzustoßen, und dazu war ich entschlossen. Die Tür ging auf. Bei meinem Anblick stand der arme Mann wie versteinert da. Ohne mich aufzuhalten, ohne ein Wort zu sagen, machte ich mir seine Verblüffung zunutze und lief schnell die Treppe hinunter, der Mönch hinter mir her. Mit schnellen Schritten, aber nicht wie ein Fliehender, wandte ich mich nach der prachtvollen sogenannten Riesentreppe, ohne auf Balbi zu hören, der mir unaufhörlich zurief: »In die Kirche! in die Kirche!« Die Kirchentür war nur zwanzig Schritt von der Treppe entfernt; aber die Kirchen boten in Venedig verfolgten Verbrechern schon längst keine Sicherheit mehr, und deshalb nahm kein Mensch seine Zuflucht dorthin. Der Mönch wußte dies, aber in der Angst vergaß er es. Später sagte er mir, er habe mich nur deshalb aufgefordert, in die Kirche einzutreten, weil ihn ein religiöses Gefühl zum Altar hingezogen habe. »Warum sind Sie nicht allein hineingegangen?« »Ich wollte Sie nicht verlassen.« Er hätte lieber sagen sollen: ich wollte Sie nicht verlieren. Die Sicherheit, die ich suchte, lag jenseits der Grenzen der Durchlauchtigsten Republik, und dorthin hatte ich den Weg nunmehr angetreten. Im Geiste war ich schon da. Aber es galt auch noch körperlich dahin zu gelangen. Ich ging geraden Weges durch die Königstür des Dogenpalastes. Ohne einen Menschen anzusehen – dies ist das beste Mittel, um nicht beachtet zu werden – ging ich über den kleinen Markusplatz bis an das Ufer, bestieg die erste beste Gondel und sagte dem Gondoliere, der auf dem Hinterteil stand, ganz laut: »Ich will nach Fusina; rufe schnell noch einen zweiten Ruderer.« Es war einer ganz in der Nähe, und während die Gondel losgemacht wurde, warf ich mich auf das Mittelpolster, der Mönch dagegen setzte sich auf die Seitenbank. Die sonderbare Gestalt Balbis, ohne Hut und mit einem schönen Mantel auf den Schultern, dazu mein unzeitgemäßer Anzug, das alles mußte die Leute auf den Gedanken bringen, ich sei ein Scharlatan oder ein Astrologe. Sobald wir um das Zollhaus herumgefahren waren, begannen die Schiffer kräftig den Kanal der Giudecca entlang zu fahren, durch den man hindurch muß, um nach Fusina oder nach Mestre zu gelangen, wohin ich in Wirklichkeit wollte. Als wir über die Hälfte des Kanals hinaus waren, streckte ich den Kopf zum Fenster hinaus und fragte den hinteren Gondoliere: »Glaubst du, daß wir vor sieben Uhr in Mestre sind?« »Aber, Herr, Sie haben gesagt, Sie wollten nach Fusina.« »Du bist verrückt; ich habe gesagt: nach Mestre.« Der zweite Schiffer sagte mir, ich irrte mich, und mein dummer Mönch, als eifriger Christ und großer Freund der Wahrheit, wiederholte natürlich, ich hätte unrecht. Ich hatte Lust, ihm einen Fußtritt zu versetzen, zur Strafe für seine fürchterliche Dummheit; dann aber fiel mir ein, daß ja nicht jeder gescheit ist, der es gerne sein möchte. Ich lachte hell auf und gab zu, ich könnte mich vielleicht geirrt haben, in Wirklichkeit hätte ich aber die Absicht, nach Mestre zu fahren. Ich bekam keine Antwort; aber einen Augenblick später sagte der Gondelführer zu mir, er sei bereit, nach England zu fahren, wenn ich wollte. »Bravo! Also nach Mestre.« »Wir werden in drei Viertelstunden dort sein, denn Wind und Flut sind uns günstig.« Sehr zufrieden sah ich auf den Kanal zurück, der mir nie zuvor so schön erschienen war, besonders weil nicht ein einziges Boot hinter uns her fuhr. Der Morgen war herrlich, die Luft rein, die Sonne sandte uns ihre ersten wunderschönen Strahlen, und meine beiden jungen Schiffer ruderten kräftig und gewandt. Und als ich nun an die entsetzliche Nacht dachte, die ich durchgemacht, an die Gefahren, denen ich entronnen war, an den Ort, wo ich noch den Tag vorher ein Gefangener gewesen war, ferner an alle Fügungen des Zufalls, die mir günstig gewesen waren, und an die Freiheit, die ich eben zu genießen begann und die in ihrem vollen Glanze vor mir war – da überwältigte mich Dankbarkeit gegen Gott, der Überschwang der Gefühle erstickte mich fast, und ich brach in Tränen aus. Mein wunderbarer Kamerad, der bis dahin kein Wort gesagt hatte, als daß er den Schiffern recht gegeben hatte, glaubte mich trösten zu müssen. Er täuschte sich über die Ursache meiner Tränen, und die ungeschickte Art, wie er sich bei seinen Tröstungsversuchen benahm, hatte zur Folge, daß meine köstlichen Tränen in ein eigentümliches Lachen übergingen, das ihn auf eine andere, ebenso falsche Vermutung brachte: er glaubte, ich wäre wahnsinnig geworden. Der arme Mönch war dumm, wie ich bereits gesagt habe, und boshaft war er nur, weil er dumm war. Ich hatte mich in der harten Notwendigkeit befunden, mir seine Dummheit zunutze zu machen, aber er hätte mich durch sie beinahe ins Verderben gestürzt, wenn gleich ohne böse Absicht. Es war mir unmöglich, ihn zu überzeugen, daß ich den Schiffern, in der Absicht nach Mestre zu gehen, befohlen hätte, nach Fusina zu gehen; er sagte mir, dieser Gedanke könnte mir erst auf dem Kanal gekommen sein. Wir kamen in Mestre an. Auf der Post fand ich keine Pferde; aber im »Gasthof zur Glocke« waren eine Menge Fuhrleute, mit denen man ebenso gut fährt. Mit einem von ihnen machte ich ab, daß er mich in fünf Viertelstunden nach Treviso fahren sollte. In drei Minuten waren die Pferde eingespannt; in der Annahme, daß Balbi hinter mir stände, drehte ich mich um und sagte: »Steigen Sie ein.« Aber er war nicht da. Ich befahl einem Hausknecht, ihn herbeizuholen, und nahm mir vor, ihn tüchtig auszuscheren, selbst wenn er genötigt gewesen sein sollte, ein Bedürfnis zu befriedigen. Denn wir befanden uns in einer Lage, daß wir alle Bedürfnisse unterdrücken mußten, selbst solche der natürlichsten Art. Der Stallknecht kam zurück und sagte, er könnte den Mönch nicht finden. Ich war wütend. Ich dachte daran, ihn einfach im Stich zu lassen. Ich hätte es tun müssen; nur ein Gefühl der Menschlichkeit hielt mich davon ab. Ich steige wieder aus und erkundige mich; jedermann hat ihn gesehen, aber kein Mensch kann mir sagen, wo er ist oder wo er sein mag. Ich eile die Lauben der Hauptstraße hinunter, stecke instinktmäßig den Kopf zum Fenster eines Kaffeehauses hinein und sehe den unglückseligen Mönch am Schenktisch stehen, Schokolade trinken und mit der Kellnerin schäkern. Er sieht mich, zeigt mir das Mädchen, sagt mir, sie sei hübsch, und fordert mich auf, ebenfalls eine Tasse Schokolade zu trinken. Zugleich bittet er mich, für ihn zu bezahlen, denn er habe keinen Soldo bei sich. Ich unterdrücke meine Entrüstung und sage zu ihm: »Ich will keine, beeilen Sie sich!« Zugleich kneife ich ihn in den Arm, daß er vor Schmerz ganz blaß wird. Ich bezahle, und wir gehen. Ich zitterte vor Wut. Wir kamen nach der »Glocke« zurück und stiegen ein. Kaum aber waren wir zehn Schritte weit gefahren, so begegneten wir einem Einwohner von Mestre, einem gewissen Balbi Tomasi, einem guten Mann, der aber im Rufe stand, Beziehungen zu dem heiligen Offizium der Inquisition zu unterhalten. Er kannte mich, blieb stehen und rief mir zu: »Wie, Herr Casanova, Sie hier? Ich bin entzückt, Sie zu sehen. Sie sind also entflohen? Wie haben Sie das angefangen?« »Ich bin nicht entflohen; man hat mich entlassen.« »Das ist nicht möglich; denn ich war erst gestern abend bei Herrn Grimani und würde es erfahren haben.« Lieber Leser, du wirst dir leichter vorstellen können, in welchem Zustande ich mich in diesem Augenblick befand, als ich es dir schildern kann. Ich sah mich von einem Mann entdeckt, der, wie ich glaubte, bezahlt war, um mich zu verhaften, und der zu diesem Zweck nur einem von den Sbirren zuzuwinken brauchte, von denen es in Mestre wimmelte. Ich sagte ihm, er möchte leise sprechen, stieg vom Wagen herunter und bat ihn, mit mir ein bißchen zur Seite zu treten. Ich führte ihn hinter das Haus bis zu einem Graben, auf dessen anderer Seite freies Feld war. Als ich sah, daß niemand uns bemerkte, bewaffnete ich mich mit meinem Spieß und packte ihn am Kragen. Er sah meine Absicht, riß sich los, sprang über den Graben und lief aus Leibeskräften davon, ohne sich umzusehen. Sobald er einen gewissen Vorsprung gewonnen hatte, mäßigte er seinen Lauf, sah sich um und warf mir Kußhändchen zu, um mir anzudeuten, daß er mir gute Reise wünschte. Als ich ihn nicht mehr sah, dankte ich Gott, daß der Mann durch seine Gelenkigkeit mich davor bewahrt hatte, ein Verbrechen zu begehen; denn ich wollte ihn totstechen, und er hatte, wie es scheint, keine bösen Absichten. Ich war in einer fürchterlichen Lage. Ich war allein und befand mich in offenem Kriege mit den gesamten Streitkräften der Republik. Vor der Vorsicht mußte alles andere zurücktreten, und meine eigene Sicherheit gebot mir, kein Mittel außer acht zu lassen, um mein Ziel zu erreichen. Finster wie ein Mensch, der soeben einer großen Gefahr entgangen ist, warf ich dem jämmerlichen Mönch, der nun einsah, welcher Gefahr er uns ausgesetzt hatte, nur einen Blick der Verachtung zu und stieg wieder auf den Wagen. Ich dachte darüber nach, wie ich mir den Tölpel vom Halse schaffen könnte, und er saß da und wagte nicht den Mund aufzutun. Ohne weiteren Zwischenfall kamen wir in Treviso an, wo ich dem Postmeister sagte, er solle uns um zehn Uhr einen Zweispänner bereit halten. In Wirklichkeit hatte ich jedoch nicht die Absicht, mit der Post weiter zu reisen, erstens weil ich nich. so viel Geld hatte, zweitens weil ich verfolgt zu werden fürchtete. Der Gastwirt fragte mich, ob ich frühstücken wollte. Ich hatte es nötig, um mich bei Kräften zu erhaben; denn ich war halbtot vor Hunger. Aber ich hatte nicht den Mut, die Einladung anzunehmen: der Verlust einer Viertelstunde konnte verhängnisvoll für mich werden. Ich fürchtete, erwischt zu werden, und dessen hätte ich mich mein Leben lang geschämt, denn ein kluger Mann muß es auf freiem Felde mit viermalhunderttausend Mann aufnehmen können; wenn er sich nicht zu verstecken versteht, ist er ein Dummkopf. Ich ging zum Thomastor hinaus, wie wenn ich einen Spaziergang machen wollte. Eine Miglie blieb ich auf der Landstraße, dann aber schlug ich mich querfeldein. Ich war entschlossen, keine Straße mehr zu betreten, solange ich mich noch im Gebiet der Republik befände. Der kürzeste Weg führte über Bassano, aber ich wählte den längsten; denn es war nicht unmöglich, daß man am Ausgang des nächsten Weges auf mich wartete, während man wahrscheinlich nicht daran denken würde, daß ich über Feltre gehen würde; denn dies war der längste Weg, um in das Gebiet des Bischofs von Trient zu gelangen. Nachdem wir drei Stunden marschiert waren, ließ ich mich auf die Erde niedersinken. Ich konnte nicht mehr. Ich mußte etwas essen oder auf dem Platze sterben. Ich sagte dem Mönch, er möchte den Mantel neben mich legen und in ein nahes Bauernhaus gehen, sich gegen Bezahlung etwas Essen geben lassen und es mir bringen. Ich gab ihm das nötige Geld dazu. Er ging, aber er sagte mir, er hätte mich für mutiger gehalten. Der Elende wußte nicht, was Mut heißt, aber er war kräftiger als ich und hatte sich ohne Zweifel vor unserem Ausbruch tüchtig den Magen versorgt. Außerdem hatte er Schokolade getrunken; er war mager, er war Mönch, und Vorsicht und Ehrgefühl beunruhigten nicht seinen Geist auf Kosten seines Körpers. Obgleich das Haus kein Wirtshaus war, schicke die gute Bäuerin mir durch ein Mädchen ein reichliches Essen, das mir nur dreißig Soldi kostete. Als ich meinen Hunger gestillt hatte, fühlte ich, daß der Schlaf mich übermannen wollte, und machte mich fofort wieder auf den Weg, nachdem ich mich ziemlich genau nach der Richtung erkundigt hatte. Nach einem vierstündigen Marsch machte ich in der Nähe eines Dörfchens Halt und erfuhr, daß ich vierundzwanzig Meilen von Treviso entfernt war. Ich war völlig erschöpft; meine Schuhe waren zerrissen und meine Enkel geschwollen Ich hatte nur noch eine Stunde bis zum Dunkelwerden vor mir. Ich streckte mich in einem Wäldchen auf den Boden aus, bat Balbi, sich neben mich zu setzen, und hielt folgende Ansprache an ihn: »Wir müssen nach Borgo di Valsugana; dies ist der erste Ort jenseits der Grenzen der Republik. Wir werden dort ebenso sicher sein wie in London und können uns dort ausruhen. Aber um diesen Ort zu erreichen, müssen wir außerordentlich vorsichtig sein, und die erste Vorsichtsmaßregel ist die, daß wir uns trennen. Sie gehen durch die Wälder von Mantello, ich gehe über die Berge; Sie auf dem leichtesten und kürzesten Wege, ich auf dem längsten und schwierigsten; endlich bekommen Sie alles Geld, und ich behalte keinen Heller. Ich schenke Ihnen meinen Mantel; Sie tauschen diesen gegen einen Bauernrock und einen Hut ein, und dann wird ein jeder Sie für einen Bauern halten, denn zum Glück sehen Sie so aus. Hier ist alles Geld, das mir von den beiden Zechinen des Grafen Asquino übrig geblieben ist, es sind siebzehn Lire; nehmen Sie sie. Sie werden übermorgen Abend in Borgo sein; vierundzwanzig Stunden später komme ich an. Sie erwarten mich im ersten Gasthof linker Hand, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich kommen werde. Ich muß diese Nacht in einem guten Bett schlafen, und die Vorsehung wird mir helfen, ein solch es irgendwo zu finden. Aber ich muß ganz ruhig sein können, und dies ist unmöglich, solange Sie bei mir sind. Ich weiß gewiß, daß wir jetzt überall gesucht werden, und unsere Personen werden so genau beschrieben sein, daß man uns in jeder Herberge, die wir zusammen zu betreten wagten, sofort verhaften würde. Sie sehen, in welchem traurigen Zustande ich mich befinde, und daß ich mich unbedingt zehn Stunden ausruhen muß. Leben Sie also wohl! Gehen Sie und lassen Sie mich allein meiner Wege gehen; ich werde hier in der Nähe ein Nachtlager finden.« »Alles was Sie mir da sagen, habe ich längst erwartet. Ich habe Ihnen nichts darauf zu antworten, als daß ich Sie an das erinnere, was Sie mir versprachen, als ich mich von Ihnen überreden ließ, Ihr Gefängnis zu erbrechen. Sie versprachen mir, wir würden uns nicht mehr trennen. Geben Sie also die Hoffnung auf, daß ich Sie verlasse: Ihr Schicksal wird das meine sein, mein Schicksal das Ihrige. Wir werden ein gutes Nachtlager für unser Geld finden und brauchen nicht in einen Gasthof zu gehen; man wird uns nicht festnehmen.« »Sie sind also entschlossen, den guten Rat nicht zu befolgen, den ich Ihnen gegeben habe, weil die Klugheit es verlangt?« »Vollkommen entschlossen.« »Wir werden sehen!« Nicht ohne Mühe stand ich auf, maß seine Gestalt und verzeichnete seine Größe auf dem Boden; dann zog ich meinen Spieß aus der Tasche, hockte mich hin, so daß ich fast auf der linken Seite lag, und begann mit der größten Ruhe ein kleines Loch zu graben, ohne auf seine Fragen ein Wort zu erwidern. Nachdem ich eine Viertelstunde gearbeitet hatte, sah ich ihn traurig an und sagte zu ihm: »Als guter Christ halte ich mich für verpflichtet, Ihnen zu sagen, daß Sie Ihre Seele Gott empfehlen müssen; denn ich werde Sie tot oder lebendig hier begraben, und wenn Sie stärker sind als ich, so werden Sie mich begraben. Zu diesem verzweifelten Entschluß zwingt mich Ihr rücksichtsloser Eigensinn. Indessen können Sie sich noch entfernen, denn ich werde Sie nicht verfolgen.« Als ich sah, daß er mir nicht antwortete, machte ich mich wieder an die Arbeit. Ich muß doch gestehen, ich begann zu fürchten, daß der Dummkopf mich zum äußersten treiben würde; ich war aber fest entschlossen, mich seiner zu entledigen. Sei es, daß er Furcht hatte, sei es, daß er sich die Sache überlegt hatte – genug, er warf sich endlich neben mich. Da ich nicht wußte, was er beabsichtigte, bedrohte ich ihn mit meinem Spieß. Aber ich hatte nichts zu befürchten; denn er sagte zu mir: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.« Sogleich umarmte ich ihn, gab ihm all mein Geld und versprach ihm noch einmal, in Vorgo mit ihm zusammenzutreffen. Obwohl ich nun keinen Heller mehr hatte, und zwei Ströme überschreiten mußte, wünschte ich mir doch Glück, von der Gesellschaft eines Menschen von solchem Charakter befreit zu sein. Denn nun, da ich allein war, fühlte ich mich sicher, daß ich die Grenzen meiner geliebten Republik überschreiten würde. Anhang Casanovas Flucht und die Kritiker Casanova wurde, wahrscheinlich auf Betreiben Condulmers durch den Edelsteinschneider und gewerbsmäßigen Spion Manuzzi schon längere Zeit vor seiner Verhaftung beobachtet. Es liegen noch mehrere Briefe Manuzzis im Staatsarchiv zu Venedig; besonders die Briefe vom 17., 21. und 24. Juli 1755 brachen Casanova den Hals. Der Spion berichtet: Casanova sei ein Freimaurer, der sich über Einrichtungen der katholischen Kirche lustig mache und sich zum Atheismus bekenne; er verkehre täglich mit Zechkumpanen im Kaffeehause »Zum triumphierenden Roland« und im Weinhause »La Malvagia« und führe dort aufwieglerische Reden, stoße Lästerungen gegen Gott und die Heiligen aus, spreche auch häufig französisch, beschäftige sich mit Zauberei und Kabbala, lese Ariost, Horaz, Aretin und andere unzüchtige Schriften, wie z. B. den berüchtigten Portier des Chartreux, äußere sich abfällig über die hohen Staatsbeamten und habe gedroht, den Abbate Chiari, der ein Pamphlet gegen ihn veröffentlicht hatte, totzuschlagen. Die Angaben des Spions sind meistens sehr töricht und in ihrer Form sehr unbeholfen, doch dürfte besonders der Brief vom 21. Juli, worin Casanovas Zugehörigkeit zum Freimaurertum eingehend behandelt wird, die Inquisitoren bewogen haben, die Verhaftung anzuordnen. Die Mutter der jungen Herren Memmo klagte, wahrscheinlich hauptsächlich auch darüber, daß Casanova ihre Söhne in die Geheimnisse der Freimaurerei einweihe; wir finden wirklich die Herren Memmo noch später in den venezianischen Freimaurerlisten (vgl. Martinelli, gli ultimi cinquant' anni, p. 10). Der Brief Manuzzis ist, nebenbei bemerkt, die früheste Quelle zur Geschichte der Freimaurerei in Venedig. Sicher ist nun, daß die Brüder alle Mittel in Bewegung gesetzt haben, ihren Ordensgenossen zu befreien. Wahrscheinlich gelang es ihnen auch, den Kerkermeister Lorenzo Bassadonna zu bestechen. Dies war vielleicht der Grund, weshalb Lorenzo nach der Entdeckung des Loches im Fußboden wohlweislich schwieg. Sicherlich hat auch Herr von Bragadino alles aufgeboten, um seinem Pflegesohn Erleichterungen und vielleicht die Freiheit zu verschaffen. Ich halte es sogar für wahrscheinlich, daß der erste mißlungene Fluchtversuch den Inquisitoren bekannt wurde und daß sie seinen Gönnern zuliebe ein Auge zudrückten und ihn nicht in die Brunnen steckten. Hierauf aber beschränkt sich nach meiner Überzeugung die Förderung, die Casanova von außenher zuteil wurde. Ganz entschieden wende ich mich gegen einige Kritiker, die an der Hand von Akten haben nachweisen wollen, daß Casanova ohne besondere Schwierigkeiten den Kerker verließ und seine Entweichung, die vielleicht mit Einwilligung der Behörde erfolgte, als eine kühne Flucht nur maskierte. (!!) Diese Kritiker stützen sich besonders auf die Autorität des venetianischen Staatsarchivar, Abbate Fulin, der zweifellos ein sehr gelehrter Mann war und dem wir einige der wichtigsten Beiträge zur Casanovaforschung verdanken. Nach meiner Meinung ist aber zur Beurteilung dieser Frage weniger Gelehrsamkeit als gesunder Menschenverstand nötig. Sogar das von Casanova (u. anderen) berichtete Datum seiner Verhaftung ist von Fulin bestritten worden, weil auf der Rückseite des Manuzzischen Briefes vom 17. Juli der Sekretär der Inquisition außer anderem auf den Fall Casanova bezüglichen folgendes notiert hat: 27. Rifferta Missier di retenzione. Deshalb erklärt nun Fulin Casanovas Angabe, er sei am 26. verhaftet worden, für falsch. Die Notitz besagt aber doch nur, daß der Bericht über die Verhaftung am 27. eingegangen ist. Der Bericht des Messer-Grande lautete: 27. Juli 1755. – »Hochberühmte und hocherhabene Herren der Staatsinquisition. – In Befolgung der hochgeehrten Befehle Eurer Exzellenzen, habe ich meines Amtes gewaltet und den Giacomo Casanova ins Gefängnis abgeführt und habe in seiner Wohnung alle diese Papiere vorgefunden, die ich Euren Exzellenzen hiermit in tiefster Ehrfurcht übersende. Mattio Varuti Messer-Grande.« Wie Baschet dazu kam, das Datum an den Schluß zu setzen und statt des 27. den 25. Juli anzugeben, ist mir unbekannt. Das Datum des 27. Juli beweist nichts gegen Casanovas Angabe; denn es ist recht wohl denkbar, daß Messer-Grande seinen Bericht am Tage nach der Verhaftung aufsetzte und dann natürlich auch so datierte. Man kann wohl annehmen, daß Casanova einen solchen Tag genau in der Erinnerung hatte, zumal, da die Verhaftung an seinem Namenstag geschah. Gegen Casanova führen nun die Kritiker folgendes an: 1. Seine Flucht sei nicht wahrscheinlich, weil es außer ihm überhaupt nur Zweien gelungen sei, aus den Bleikammern zu entweichen, nämlich dem Giulio Tommaseo am 11. Novenber 1658 und dem Gaetano Lachi am 27. März 1785. Dies ist doch eine sehr eigentümliche Logik. Weil vorher und nachher einer es gekonnt, soll Casanova es nicht gekonnt haben! Waren denn die beiden genannten Herren an Mut und Gewandtheit Casanova soweit überlegen, daß er nicht einmal mit ihnen verglichen werden darf? Mir ist davon nichts bekannt, und den Herren Kritikern wohl auch nicht. 2. Es sind in den Archiven noch die Rechnungen über die Ausbesserungen der von Casanova und Balbi verursachten Schäden vorhanden. Die Kosten betrugen fast 4000 venetianische Lire, die vom Proto Giovanni Pastori auf 3236 venetianische Lire (etwa 1600 jetzige italienische Lire) herabgesetzt wurden. Hiervon waren für Holz 391 Lire, Eisen- und Schlosserarbeit 2002 Lire, Nägel 329 Lire, Tischlerarbeit 498 Lire, Glaser 16 Lire. Diese Zahlen sprechen doch offenbar für die Richtigkeit von Casanovas Angaben. Nach der Meinung jener Kritiker nicht. Die Rechnungen könnten auf Veranlassung der Inquisitoren zu hoch angesetzt sein, um dadurch fälschlich den Eindruck zu erregen, es habe sich um eine unter großen Schwierigkeiten ausgeführte Flucht gehandelt. – Bei wem sollte dieser Eindruck erregt werden? Beim Publikum, das doch die Rechnungen nie zu sehen bekam? Und Fälschung von Akten, der geheimen Staatsakten einer despotischen Regierung wie der venetianischen? Um solcher Kleinigkeit willen? Ich glaube, es verlohnt sich nicht, auch nur ein einziges Wort darüber zu verlieren. 3. Die milde Bestrafung des Schließers Lorenzo Bassadonna sei ein Beweis, daß die Behörde vorher um die Flucht gewußt und diese geduldet habe. Lorenzo wurde nämlich nur zu zehn Jahren Kerkers verurteilt; und zwar nicht wegen Fluchtbegünstigung, sondern wegen eines Totschlages, den er inzwischen begangen hatte. So die Kritiker. Dieser Totschlag ist mir nun allerdings sehr zweifelhaft. Er soll ihn inzwischen begangen haben. Wann denn? Wenn es vor Casanovas Flucht geschah, so mußte Lorenzo doch schon in Haft sein, und daß er nach der Entdeckung der Flucht des Gefangenen nicht einen Augenblick mehr auf freiem Fuße blieb, ist doch selbstverständlich. Es könnte höchstens ein früher begangener Totschlag gewesen sein, der etwa von einem der Sbirren angezeigt wurde, als Lorenzo nicht mehr zu fürchten war. Wenn nun aber Lorenzo nur wegen eines Totschlages und nicht wegen der Begünstigung bestraft worden wäre, so wäre dies doch ja auch nur in der Ordnung gewesen. Denn aus Casanovas Darstellung ergibt sich ja grade, daß Lorenzo an der Flucht keinen Anteil hatte. Konnten nicht auch die Inquisitoren zu diesem Ergebnis kommen? Aber war denn die Strafe milde? Zehn Jahre Kerker und zwar in den Brunnen waren im allgemeinen gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Casanova berichtet in der Fuite, daß Lorenzo nach einigen Monaten in den Brunnen gestorben sei. An welcher Krankheit, das wisse er nicht. Nach dem allgemeinen Glauben der Venetianer war die Krankheit, an der viele Gefangene so auffällig bald starben, weiter nichts als eine Anwendung jener sinnreichen Erdrosselungsmaschine, deren Einrichtung gerade Lorenzo unserem Casanova so wohlgefällig erklärt hatte. Ob das wirklich so gewesen ist, weiß ich natürlich nicht, aber die Herren Kritiker wissen es ebensowenig. Daß man gegen Casanova milde war, als er einmal aus dem Gefängnis ausgebrochen war, glaube ich allerdings auch. Denn seine Verfolgung wurde offenbar sehr lau betrieben, und dies ist recht wohl mit einem Wink von oben her zu erklären. Im übrigen war man gegen ihn wahrhaftig nicht milde gewesen. C. wurde ohne ein einziges Verhör, nach einer eilfertigen Untersuchung von etwa sechs Wochen, zu fünf Jahren verurteilt Unter dem 21. Aug. 1755, also erst vier Wochen nach der Verhaftung, befindet sich im Geschäftsjournal des Sekretärs der Inquisition folgender Eintrag: »Nachdem die sehr bedenklichen Missetaten des Giacomo Casanova, besonders öffentliche Schmähungen der heiligen Religion, zur Kenntnis Ihrer Exzellenzen gekommen sind, haben diese den Casanova verhaften und unter die Bleidächer bringen lassen.« – Eine spätere Handnote lautet: »Besagter Casanova wurde (am 12. Sept.) zu fünf Jahren unter den Bleidächern verurteilt.« das Urteil wurde ihm nicht verkündet und er mußte glauben, auf Lebenszeit verdammt zu sein. Dies ist das Ungeheuerliche. Auf mich macht auch die Schilderung der Gefangenschaft und Flucht den Eindruck jener inneren Wahrhaftigkeit, die unsern Casanova ziert. In einzelnen Kleinigkeiten mag er sich geirrt haben; daß er geflunkert hat, um sich interessant zu machen, glaube ich nicht. Er hätte gewiß recht herzlich über seine Kritiker gelacht, deren Kritik sich schon auf den ersten Blick als so oberflächlich und wenig stichhaltig erweist. Zudem haben die Herren, die an den Kleinigkeiten herumnörgeln, gar nicht begriffen, worin die Bedeutung von Casanovas Flucht eigentlich liegt. Ob die Inquisitoren seine Entweichung im Grunde nicht ungern sahen, das hatte für C. gar keine Bedeutung. Denn er wußte nichts davon. Er mußte alle Schwierigkeiten aus eigener Kraft überwinden. Daß er aus einem Nagel einen Spieß macht, Fußböden und Decken durchbricht, ist gar nichts. Dazu gehört nur Willens- und Muskelkraft. Hunderte haben vor und nach Casanova ähnliches und mehr vollbracht. Daß er in der gefahrvollsten Lage am Rande des Daches den Kopf nicht verlor – das ist schon mehr. Aber einen störrischen Dummkopf, wie den Pater Balbi, als Werkzeug zu der Flucht zu benutzen, einen Schuft wie den Soradaci vom Verrat abzuhalten – das gelingt nur einem Mann von dem unerschütterlichen Mute und der überlegenen Geistesgegenwart eines Casanova.