Lord George Byron Die beiden Foscari. Eine historische Tragödie.     Der Vater ist weich, aber der Regent entschlossen. – Kritik.     Personen des Dramas. Francesco Foscari, Doge von Venedig. Jacopo Foscari, dessen Sohn. Giacomo Loredano, Patrizier. Marco Memmo, Haupt der Vierzig. Barbarigo, Senator. Marina, Gemahlin des jüngeren Foscari. Senatoren. Rath der Zehen. Trabanten. Diener. Scene: Der Dogenpalast in Venedig. Erster Act. Erster Auftritt Saal im Dogenpalast. Loredano und Barbarigo treten von verschiedenen Seiten herein. Loredano Wie ist's mit dem Gefangenen? Barbarigo . Er ruht Vom Foltern aus. Loredano . Die Stunde ist vorüber, Die gestern wurde festgesetzt für des Verhörs Erneuerung. Wir wollen in Den Rath und auf den Wiedervorruf drängen. Bardarigo . Nein! Laßt ihm einige Minuten noch, Daß die verrenkten Glieder er erhole. Er wurde durch die Folter gestern zu Sehr angestrengt und kann uns bleiben, wenn Man jetzt schon wieder mit beginnt. Loredano . Und dann? Bardarigo . Ich gebe Euch nicht nach an Liebe zur Gerechtigkeit, noch auch an Haß auf diese Ehrgeiz'gen Foscaris, den Vater wie Den Sohn und ihre ganze böse Rasse; Doch hat der arme Schelm schon mehr gelitten, Als auch die härteste Natur erträgt. Loredano . Und sein Verbrechen dennoch nicht gestanden. Barbarigo . Vielleicht auch keins verübt. Jedoch gestand Den Brief er zu, an Mailands Herzog, und Was er erlitt, sühnt diese Schwachheit halb. Loredano . Wir wollen sehn. Barbarigo . Ihr, Loredano, treibt Den anererbten Haß denn doch zu weit. Loredano . Wie so, zu weit? Barbarigo . Bis zur Vernichtung, mein' ich. Loredano . Wenn sie vernichtet sind, mögt Ihr so sprechen. Wir wollen in den Rath. Barbarigo . So wartet doch! Der Amtsgenossen Zahl ist noch nicht voll; Noch fehlen zwei, bis wir beginnen können. Loredano . Wol auch der Doge, der den Vorsitz führt? Barbarigo . Nein! Der ist stets mit mehr als Römerstärke Der Erste im Kollegium des Processes, Der seinen letzten, einz'gen Sohn betrifft. Loredano . Des letzten, ja! Barbarigo . Und rührt Euch nichts? Loredano . Meint Ihr, Er fühl's? Barbarigo . Er zeigt es nicht. Loredano . Das hab' ich wohl Bemerkt – der alte Hund! Barbarigo . Doch hörte ich, Daß gestern er, als er zurückgekehrt Nach seiner Wohnung, auf der Schwelle noch In Ohnmacht sank, der arme, alte Mann! Loredano . So fängt es doch zu wirken an? Barbarigo . Das Werk Ist Eures halb. Loredano . Und sollte ganz es sein. Mein Vater und mein Oheim sind nicht mehr. Barbarigo . Ich las ihr Epitaph, das sagt, daß sie, Gestorben sei'n an Gift. Loredano . Der Doge sprach's Einst aus: er werde nie als Herrscher hier Gedeihn, bis todt sei Peter Loredano. Da wurden beide Brüder plötzlich krank, Und Herrscher ist er nun. Barbarigo . Ein unglücksel'ger! Loredano . Was soll Der sein, der uns zu Waisen macht? Barbarigo . Doch that der Doge wirklich dies? Loredano . Er that's. Barbarigo . Wo ist der sichere Beweis? Loredano . Wenn ins Geheim ein Fürst Etwas betreiben will, Wird uns Beweis und Klage schwer gemacht, Doch hab' ich von dem ersteren so viel, Daß ich der zweiten nicht bedarf. Barbarigo . Jedoch Ihr werdet es gesetzlich thun? Loredano . Mit all Dem Reste von Gesetz, den er uns ließ. Barbarigo . Doch derart ist in unsrem Staate das Gesetz, daß die Genugthuung hier leichter Als irgendwo errungen wird. – Ist's wahr, Daß Ihr in Euer Handelsbuch – denn hier Treibt ja der höchste Adel selbst Geschäfte – Geschrieben habt: »Der Doge Foscari Ist mit dem Tod von Vater und von Ohm, Von Marco und Pietro Loredan Bei mir in Schuld?« Loredano . So schrieb ich, ja! Barbarigo. Und wann Löscht Ihr die Schuld? Loredano . Wenn sie bezahlt. Barbarigo . Und wie? (Zwei Senatoren gehen über die Bühne nach dem Saal des Raths der Zehen.) Loredano . Ihr seht, die Zahl ist voll. So folgt mir jetzt. ( Loredano ab .) Barbarigo ( allein ). Dir folgen? Deinem Schreckenspfad bin ich Schon lang gefolgt, wie eine Woge der, Die vor ihr hinfegt, folgt und gleich gefräßig Daß Wreck verschlingt, das kracht im Sturm, wie auch Die Aermsten, die in dem geborst'nen Rumpf, Durch dessen Rippen Wellen stürzen, schrein Doch ach! das Schicksal dieses Sohns und Vaters Könnt' selbst den Elementen Einhalt thun. Ich aber muß drauf los wie sie. Ich wollt', Ich könnt' es so erbarmungslos und blind Wie sie! – Da kommt er ja! – Schweig' still, mein Herz! Er ist dein Feind und muß dein Opfer werden. Willst du für Leute klopfen, die dich fast Zermalmt? (Wachen treten mit dem gefangenen Fozcari herein.) Trabant . Laßt ihn hier ruhn! – Herr! nehmt Euch Zeit. Jacopo Foscari . Ich dank' dir, Freund. Ich bin sehr schwach. Doch ziehst Du Zank dir zu. Trabant . Ich will's riskiren, Herr! Jacopo Foscari . Du bist recht gut. Ich fand wol Mitleid schon, Doch nicht Barmherzigkeit. Dies ist die erste. Trabant . Und könnte leicht die letzte sein, wenn die, Die uns regieren, sähn – Barbarigo ( tritt gegen die Wache vor ). Hier sieht es Einer. Doch fürchte nichts. Ich werde dir nicht Richter Noch Kläger sein. Zwar ist die Stunde aus, Doch wart' nur auf den letzten Schlag. Auch ich Bin von den Zehn, und da ich selbst hier harr' Des Glockenschlags, rechtfertige ich euch Durch meine Gegenwart. Sobald der Ruf Erschallt, gehn wir zusammen hin. – Gebt mir Auf den Gefangenen wohl Acht. Jacopo Foscari . Weß Stimme Ist dies? – Ha, Barbarigo! unser Feind Und einer meiner Richter! Barbarigo . Diesen Feind, – Wenn ich es bin – dir auszugleichen sitzt Dein Vater unter deinen Richtern. Jacopo Foscari . Ja, Er richtet mich. Barbarigo . Drum halte ein Gesetz Nicht für zu hart, das solche Nachsicht übt Und einem Vater eine Stimme gibt In so gewicht'ger Sache wie das Heil Des Staats. Jacopo Foscari . Und seines Sohns. – Es ist mir schwach. Ich bitt' Euch, laßt mich einen Augenblick Ans Fenster gehn, das nach dem Wasser sieht, Um etwas Luft zu schöpfen. (Ein Officier tritt ein, der Barbarino etwas zuflüstert.) Barbarigo ( zu der Wache ). Laßt ihn hin! Nicht weiter darf ich mich mit ihm verplaudern; Ich hab' schon durch das kurze Zwiegespräch Die Pflicht verletzt, und muß es wieder gut In dem Gerichtssaal machen. (Barbarino ab.) (Die Wachen führen Iacopo Foscari an das Fenster.) Trabant . Hier ist's offen. Wie ist es Euch? Jacopo Foscari . Wie einem Knaben. – O Venedig! Trabant . Und die Glieder? Jacopo Foscari . Glieder? Ach Wie trugen oft sie über diese Flut, Die blaue, mich, wenn in der Gondel ich Kanal entlang in kind'scher Wettfahrt flog, Und wenn maskirt als junger Gondolier Ich mitten unter heitern Streitgenossen, Die edel waren wie ich selbst, nun in Die Wette fuhr im Stolze meiner Kraft, Indeß der Schönen Menge, adlige Wie aus dem Volk, mit holdem Lächeln uns, Mit lautem Wunsch und Wehn des Taschentuchs Und Händeklatschen bis zum Ziel gespornt! Wie hab' ich oft mit froh'rem Arme noch Und kühnrer Brust zertheilt die rauhe Woge, Mit Schwimmers Schlag die Wellen treibend weg Von nassen Haar, und das verweg'ne Salz Von meinen Lippen lachend, die's geküßt, Wie man ein Weinglas küßt, und auf die Flut Gehoben mich, wenn sie sich hob, und stolzer Je höher sie mich hob, und oft wie toll Mich in des Abgrunds gläsern Grün gestürzt, Zu Muscheln und zu Seetang tief hinab, Von denen ungesehn, die oben waren, Und die drob Furcht ergriff. Dann kehrte ich Mit einer Handvoll Zeichen als Beweis, Daß ich die Tiefe abgesucht, zurück, Und triumphirend that ich einen Schlag, Der weithin klatschte, holte tief den Athem, Den ich so lang verhalten, theilte dann Den Schaum, der um mich schwamm, und schoß dahin Wie Meeresvögel leicht! – Da war ich Knabe! Trabant . Seid nun ein Mann. Nie war noch nöthiger Des Mannes Kraft. Jacopo Foscari ( aus dem Gitter schauend ). Mein schönes, einziges Venedig! – Das heißt Athmen! Deine Luft, Die Seeluft deiner Adria, wie fächelt Mein Antlitz sie! Dein Wind fühlt wie verwandt Mit meinen Adern sich und kühlet sie Zur Ruh'. Wie anders war der heiße Wind Der schrecklichen Cycladensee, der dort In Candia um meinen Kerker blies Und mir das Herz so krank gemacht. Trabant . Ich seh' Die Farben wieder kehren Eurer Wange. Der Himmel geb' Euch Stärke, zu ertragen, Was man noch mehr Euch auferlegen mag. Ich mag nicht denken dran! Jacopo Foscart . Sie werden doch Nicht wieder mich verdammen? Nein! Sie mögen Mich weiter schrauben! Kräftig bin ich noch. Trabant . Gesteht, so bleibt die Folter Euch erspart. Jacopo Foscari . Ach einmal – zweimal früher schon gestand Ich ja, und sie verbannten mich. Trabant . Sie werden Dies dritte Mal Euch tödten. Jacopo Foscari . Mögen sie's! So werd' ich in der Heimat doch begraben. Weit besser, Asche hier als anderswo Ein lebend Ding. Trabant . Könnt Ihr so sehr den Boden, Der Euch doch hasset, lieben? Jacopo Foscari . Wie? Der Boden? Nein, 's ist des Bodens Saat, die mich verfolgt. Doch meine Heimat nimmt mich einst In ihren Schooß, wie eine Mutter thut. Mehr will ich nicht als in Venedig hier Ein Grab, ein Kerkerloch, gleichviel, nur sei Es hier. Ein Officier tritt ein. Officier . Bringt den Gefangenen herein. Trabant . Ihr hört die Ordre, Herr. Jacopo Foscari . Ja, ja! Ich bin An solche Ladungen gewöhnt: es ist Das dritte Mal, daß sie gefoltert mich. Leih' mir den Arm. ( Zu dem Trabanten .) Officier . Nehmt meinen, Herr! Es ist Ja meine Pflicht, stets nahe Euch zu sein. Jacopo Foscari . Ihr – Ihr seid Der, der über meine Marter Die Aufsicht gestern führte – Fort! – Ich geh' Allein! Officier . Wie's Euch beliebt, Signor. Ich habe Das Urtheil nicht gemacht; doch durfte ich Dem Rath nicht ungehorsam sein, als er.– Jacopo Foscari . Dich hieß, auf ihre Mordbank mich zu spannen. Ich bitte dich, berühr' mich nicht – das heißt, Jetzt nicht! Die Zeit wird kommen, wo sie den Befehl erneu'n; bis dahin bleibe mir Vom Leib. Wenn ich auf deine Hände schau', Gerinnt das Blut mir, meine Glieder zittern Im Vorgefühl des Renkens; kalte Tropfen Schwitzt meine Stirn', als ob – – doch weiter nur! Ich hab's ertragen – kann's noch weiter tragen. – Wie sieht mein Vater aus? Officier . Wie jeder Zeit. Jacapo Foscari . So thut die Erde, thut des Himmels Plan, Das Blau des Oceans, der Glanz, der Stadt Und ihrer Dome Pracht, der Lärm des Markts. Selbst hierher dringt der Leute frohes Summen Bis in die Säle jener Unbekannten. Die herrschen hier, bis zu den Unbekannten, Unzähligen, die man hier still verdammt, Vertilgt. – Ja, Alles sieht so aus wie sonst, Mein Vater selbst! Mit Foscari fühlt Niemand, Selbst nicht ein Foscari. – Ich folge Euch. (Jacopo Foscari, Officier und Wachen ab.) Memmo und ein anderer Senator treten auf. Memmo . Er ist schon fort, so kamen wir zu spät. Glaubt Ihr, die Zehen sitzen heute lang? Senator . Sie sagen, der Gefangene sei sehr Verstockt und bleibe fest bei dem, was er Zuerst gestand. Mehr weiß ich nicht. Memmo . Das ist Schon viel. Man birgt ja die Geheimnisse Des Schreckensaals so gut vor uns, die doch Die ersten Nobili des Staats, wie vor Dem Volk. Senator . Wir hören die Gerüchte nur, Wie Geistersagen, die man mit Ruinen Verknüpft, und die man niemals recht beweist Und doch, auch nie ganz Lügen straft. Man weiß So wenig davon, was im Staat geschieht, Als von des Grabes unenthüllten Tiefen. Memmo . Doch mit der Zeit gewinnen einen Schritt Im Wissen wir, und ich erwarte einst Auch Einer von den Zehn zu sein. Senator . Wo nicht Gar Doge ? Memmo . Nein! Wenn ich's vermeiden kann. Senator . Doch ist's des Staates erster Rang, und kann Gesetzlich wol erstrebt, gesetzlich auch Erreicht von Edeln werden, die drum werben. Memmo . Und solchen überlaß ich's gern. Wenn auch Geborner Edler bleibt mein Ehrgeiz doch Beschränkt. Ich möchte lieber nur ein Theil Des festen, königlichen Zehners sein Als jener Einer, wenn er auch von Gold. – Wer kommt denn da? – Die Frau des Foscari! Marina mit weiblicher Begleitung tritt auf. Marina . Wie? Keiner hier? – Doch nein! Da sind noch Zwei. Doch sind es Senatoren. Memmo . Edle Dame, Gebietet über uns. Marina . Gebieten? ich? Mein ganzes Leben war nur eine Bitte, Und eine – die vergeblich war! Memmo . Verstehn Kann ich Euch wohl, doch Euch nicht Antwort geben. Marina ( heftig ). Ja, Niemand darf hier Antwort geben als Gefolterte, und Niemand fragen als Die – Memmo ( unterbricht sie ). Hochgeborne Frau! Bedenke, wo Du bist. Marina . Wo bin ich denn? In dem Palast Des Vaters meines Manns. Memmo . Im Schloß des Dogen. Marina . Und Kerker seines Sohns! O ich vergaß Es nicht! Und wenn nicht frische, bittere Erinn'rung mich gemahnt, wär' dankbar dem Erlauchten Memmo ich, daß auf die Wonnen Des Orts er mich verwies. Memmo . Beruhigt Euch! Marina ( sieht zum Himmel ). Ich thu's. Doch du – o ew'ger Gott! – kannst du Noch dulden solche Welt? Memmo . Dein Gatte kann Noch freigesprochen werden. Marina . Ja im Himmel, Da ist er's schon! – Ich bitt' Euch, Herr Senator, Sprecht nicht davon. Ihr seid ein Mann des Amts, Der Doge auch. Ihm steht der Sohn jetzt auf Dem Spiel, der Gatte mir – wenn er noch lebt! Da drinnen sehn sie oder sahen sich Vor einer Stunde erst noch Aug' in Aug' Als Richter und als Angeklagter. – Wird Er ihn verdammen? Sprecht! Memmo . Ich glaube nicht. Marina . Doch wenn er's nicht thut, gibt es Leute hier, Die Beide richten werden. Memmo . Ja, sie können's. Marina . Und Macht und Wille ist bei ihnen gleich An Schlechtigkeit. – Mein Gatte ist verloren! Memmo . Noch nicht. Recht richtet in Venedig nur. Marina . Wär's so, bestand' Venedig nicht. Doch mag's Bestehn, wofern der Gute dann erst stirbt, Wenn ihm die Stund' schlägt der Natur; doch schneller Schlägt die der Zehn und ihr zu folgen ist Uns Pflicht. – O weh'! Ein Schmerzenslaut! (Ein schwacher Schrei innen.) Senator . Horch! Memmo . 'S war Ein Schrei! Marina . Nein, nein! von meinem Gatten nicht! Nicht Foscari's! Memmo . Die Stimme kam mir – Marina . Nein! Er war es nicht! Er schrein! Sein Vater müßt' Das thun! nicht er! nicht er! – Stumm wird er sterben. (Wiederholtes schwaches Stöhnen innen.) Memmo . Schon wieder – Marina . Seine Stimme? – Ja, so scheint's, Doch glaub' ich's nicht. Und sollt' er schaudern auch, So kann ich doch zu lieben ihn nicht lassen. Doch nein! – es muß ein fürchterlicher Schmerz Gewesen sein, der einen Seufzer ihm Entriß. Senator . Da du für den Gemahl so fühlst, Warum willst du, daß übermenschlich Weh Er schweigend trag'? Marina . Wir haben unsre Qual Zu tragen all'. Ich ließ das große Haus Der Foscari nicht menschenleer und öd, Vernichten sie auch gleich den Dogen jetzt Und seinen Sohn. Und minder litt ich nicht, Da Denen ich, die aus sie folgen werden, Das Leben gab, als sie, wenn sie's verlassen. Zwar freudig war mein Schmerz, doch packte er So heftig mich, daß ich hätt schreien mögen, Doch that ich's nicht, denn meine Hoffnung war, Daß Helden ich gebär', und wollte nicht Mit Thränen grüßen sie. Memmo . Horch! Alles ist Jetzt still. Marina . Vielleicht ist Alles nun vorbei. Doch will ich es nicht glauben; nein! er hat Sich aufgerafft und trotzt dem Rath. Ein Officier tritt hastig ein. Memmo . Was gibt's? Was sucht Ihr, Freund? Officier . 'Nen Arzt! In Ohnmacht sank Der Angeklagte hin. (Officier ab.) Memmo . Signora! 's wird Doch besser sein, Ihr ziehet Euch zurück. Senator ( bietet ihr seinen Beistand an ). Ich bitt' Euch, thut's. Marina . Hinweg! ich will zu ihm! Memmo . Bedenkt, Signora! Niemand als die Zehn Und ihre Diener dürfen in den Saal. Marina . Wohl weiß ich, daß, wer ihn betritt, nicht so Wie er dort eintrat – Mancher nie mehr – kehrt, Doch sollen sie den Eintritt mir nicht wehren. Memmo . Ach, hohe Frau, damit erreicht Ihr nur, Daß grausam man zurück Euch weist und länger In Ungewißheit läßt. Marina . Wer kann mich hemmen? Memmo . Die, deren Pflicht es ist. Marina . Ist's ihre Pflicht, Zu treten auf jed' menschliches Gefühl Und jedes Band, das Mensch an Menschen kettet. Dem Teufel selbst es gleich zu thun, der einst Durch tausend Foltern es vergelten wird. Ich gehe doch! Memmo . Unmöglich ist's. Marina . Das wird Sich zeigen gleich. Verzweiflung trotzet selbst Der Tyrannei; es ist etwas in meiner Brust, Das einen Weg durch einen Wald von Speeren Mir bahnen könnt'; und glaubt Ihr, ein paar Schergen Versperrten mir den Pfad? Weg! Laßt mich ein! Dies ist des Dogen sein Palast; ich bin Das Weib des Dogensohns, des Dogensohns, Der schuldlos ist. Das sollen sie jetzt hören! Memmo . Das wird die Richter mir noch mehr erbittern. Marina . Was wären das für Richter, wenn sie je Dem Zorn gefolgt? Wer so thut, ist ein Mörder. Laßt mich hinein! (Marina ab.) Senator . Die arme Frau! Memmo . 'S ist der Verzweiflung Wahn! Sie lassen sie nicht 'rein. Senator . Und thun sie's auch, sie rettet nicht den Gatten. (Der Officier eilt mit einem Arzt über die Bühne.) Memmo . Ich dachte kaum, daß so viel Mitleid bei Den Zehn noch sei, daß sie ihm Hilfe holten. Senator . Mitleid? Ist's Mitleid denn, wenn sie den Armen Ins Leben wieder rufen, da's ein Glück Für ihn doch war', wenn in der Ohnmacht, die Sich sein erbarmt – als letztes Mittel, das Dem armen Leib noch gegen die Gewalt Der Schmerzen blieb – zum Tode er entflöh'? Memmo . Es wundert mich, daß sie nicht gleich ihn richten. Senator . Das wäre gegen ihre Politik! Sie wollen, daß er leb', weil er den Tod Nicht scheut, und ihn verbannen, weil sie wissen, Daß jedes Land, wo nicht die Heimat ist, Ihm als ein groß Gefängniß nur, ja selbst Ein jeder Athemzug in fremder Luft Als langsam Gift erscheint, das an ihm nagt, Doch ihn nicht tilgt. Memmo . Der Schein bestätigt die Vergehn, doch er gesteht sie nicht. Senator . Nichts als Den Brief, den, wie er sagt, an Mailands Herzog Mit Fleiß er richtete, weil er gewußt, Er wird' in des Senates Hände fallen Und nach Venedig wieder dann er selbst Geführt. Memmo . Doch als ein Schuldiger. Senator . Jawol! Doch nach der Heimat; und das war, wie er Gesteht, ja Alles, was er wollt'. Memmo . Man hat Ihn der Bestechung angeklagt, und das Ward ihm bewiesen. Senator . Nicht ganz klar. Auch die Beschuldigung des Mords fiel durch die Beichte Des Nicola Erizzo. eh' er starb, Der eingestand, daß er den letztverstorb'nen Präses der Zehn erschlug. Memmo . Warum dann spricht Man ihn nicht frei? Senator . Darüber mögen sie Gott Rechenschaft einst geben! Wohlbekannt Ist's ja, daß Almoro Donato, wie Gesagt, aus Rache von Erizzo ward Erdolcht. Memmo . Dann muß in diesem seltsamen Prozeß mehr stecken, als die scheinbaren Verbrechen des Beklagten uns enthüllen. Da kommen Zwei der Zehn, gehn wir bei Seite. (Memmo und der Senator ab.) Loredano und Barbarigo treten auf. Barbarigo . Das war zu viel! Glaubt mir, es war nicht recht, Daß das Verhör gleichwol ward fortgesetzt. Loredano . So sollte denn die Sitzung aufgehoben Und die Gerechtigkeit in ihrem Gang Verhalten werden, weil ein Weib herein In unsere Berathung brach? Barbarigo . Nein, nein! Ihr wißt es wohl, das mein' ich nicht. Ihr saht, Wie dem Gefang'nen war. Loredano . Und hatte er Sich nicht erholt? Barbarigo . Um bei der leisesten Erneuerung von Neuem hinzusinken. Laredano . Man hat es nicht versucht. Barbarigo . Ihr murrt umsonst. Des Rathes Mehrheit stimmte gegen Euch. Loredano . Das dank' ich Euch und diesem kind'schen Dogen. Durch eure würd'gen Stimmen im Verein Ward meine todt gemacht. Bardarigo . Ich bin ein Richter. Doch muß ich Euch gestehn, daß jener Theil Den unsrer ernsten Pflicht, der vorschreibt, daß Gefoltert werde und daß wir das Ding Mit ansehn sollen, mir den Wunsch erregt – Loredano . Nun was? Barbarigo . Daß Ihr zuweilen fühlen möchtet, Was ich stets fühle. Loredano . Geht! Ihr seid ein Kind: Schwach in Empfindung wie auch im Entschluß, Von jedem Windhauch hin- und herbewegt, Erschüttert, wenn ein Seufzer trifft das Ohr, Von einer Thräne gar erweicht, zerschmolzen! Ein saub'rer Richter für Venedigs Staat, Ein Staatsmann, würdig der Genoß zu sein Von meiner Politik! Barbariga . Er weinte nicht. Loredano . Er schrie doch zwei Mal laut. Barbarigo . Ein Heiliger Hätt' das gethan, selbst mit dem Glorienschein Vor sich, wenn solch ein Marterwerkzeug ward An ihm versucht, wie man an jenem that. Doch flehte er nicht um Barmherzigkeit, Kein Wort, kein Winseln kam von ihm, nicht um Zu bitten schrie er zwei Mal so, nein! nur Aus Schmerz; es folgte drauf kein Flehn. Laredano . Doch oft Hat zwischen seinen Zähnen er gemurmelt, Nur unverständlich blieb's. Barbarigo . Das hört' ich nicht. Ihr standet näher bei. Loredano . Das that ich, ja. Barbarigo . Zu meinem Staunen auch bedünkte mich, Als ob gerührt Ihr wäret und zuerst Nach Hilfe rieft, da er in Ohnmacht sank. Loredano . Ich glaubte, diese Ohnmacht sei sein letztes. Barbarigo . Und hast du mir nicht oft gesagt, daß sein Und seines Vaters Tod dein höchster Wunsch? Loredano . Doch wenn er schuldlos stürb', das heißt, eh' er Bekannt die Schuld, würd' man ihn ja bedauern. Barbarigo . Wie? möchtest du selbst sein Gedächtniß kränken? Loredano . Und möchtest du, daß sein Vermögen an Die Kinder falle, wie es muß, wenn er Unüberwiesen stirbt? Barbarigo . Krieg auch mit ihnen? Loredano . Mit seinem ganzen Haus, bis nicht mehr ist Seins oder meins! Barbarigo . Und seines bleichen Weibs Gewalt'ger Schmerz und seines alten Vaters Zurückgedrängter Jammer, der zwar selten Durch leises Schaudern nur erkennbar wird, Durch ein Paar zähe Tropfen, die er bald Wegwischt in ernster Ruh' – dies rührt Euch nicht? (Loredano ab.) Wie Foscari in seinem Schmerz ist er: In seinem Hasse stumm. Der arme Junge Hat mehr durch dieses Schweigen mich bewegt, Als ein Geschrei, das noch so laut, gethan. Erschütternd war der grause Augenblick, Als sein verstörtes Weib bis in den Saal Der Sitzung drang und sah, was wir, die wir Schon lang gewöhnt an solche Scenen sind, Kaum anzusehn vermocht. Nicht denken darf Ich dran, sonst streicht dies Mitgefühl Für unsern Feind sein früher Unrecht aus Und ich verlier' den Sinn für eine Rache, Die Loredano sich und mir ersann. Doch meiner Rachgier wär' ein minder Maß, Als er erstrebt, genug; drum möchte ich Zu mild'rer Ansicht seinen Haß bestimmen. Zwar für den Augenblick hat Foscari Ein kurzes Stündchen Frist, das auf Ersuchen Der altern Herrn im Rath ihm ward gewährt, Die ohne Zweifel seines Weibs Erscheinen Und seiner Leiden Unmaß so geführt. – Da kommen sie! Wie schwach und hin! – Ich kann Nicht schaun dies Jammerbild. Fort, fort! – Vielleicht Läßt Loredano dennoch sich erbitten. (Barbarigo ab.) Zweiter Act. Erster Auftritt. Saal im Dogenpalast. Der Doge und ein Senator. Senator . Beliebt's Euch jetzt zu unterzeichnen oder Wollt den Vertrag Ihr lieber morgen schließen? Doge . Nein, jetzt! Ich übersah es gestern; 's braucht Nur meine Unterschrift. Die Feder, bitte! (Der Doge setzt sich und unterzeichnet.) Hier, Herr! Senator (sieht auf das Papier) . Ihr habt vergessen, Hoheit! 'S ist Nicht unterzeichnet. Doge . Nicht? Ach ja! Ich seh's. Das Alter macht die Augen schwächer nur. Ich sah nicht, daß die Feder ich nicht rief Genug ins Faß getaucht. Senator (taucht die Feder ein und legt das Papier vor den Dogen). Auch zittert Euch Die Hand. Erlaubet, Hoheit, daß – Doge . Jetzt ist's Gethan. Ich danke Euch. Senator . Der so von Euch Und von den Zehn genehmigte Vertrag Verleiht Venedig Frieden. Doge . Lange hat's Sich seiner nicht erfreut; gleich lange mög' Es anstehn jetzt, bis zu den Waffen es Von Neuem greift. Senator . Fast vierunddreißig Jahr' Hat's unaufhörlich mit dem Türken oder Den italien'schen Mächten sich verkämpft. Der Staat bedarf jetzt ein'ger Ruh'. Doge . Gewiß! Ich fand die Republik als Königin Des Meers, und lasse als die Herrin sie Der Lombardei. Es ist ein Trost für mich, Daß ihrem Diademe ich die Perlen Von Brescia und Ravenna beigefügt. Crema und Bergamo sind ebenfalls Ihr zugesellt. So wuchs ihr Reich zu Land, So lang ich die Regierung führte, stets, Indessen sie zur See nicht schwacher ward. Senator . Sehr wahr! Ihr habt des Landes vollen Dank Verdient. Doge . Vielleicht. Senator . Den man bethät'gen sollt'. Doge . Herr! Ich hab' nicht geklagt. Senator . Hoheit, verzeiht! Doge . Weshalb? Senator . Mir blutet's Herz für Euch. Doge . Für mich, Signor? Senator . Und auch für Euern – Doge . Still! Senator . Es muß Heraus, Hoheit! Zu viel Verpflichtungen Hab ich für Euch und Euer ganzes Haus Ob alter und ob neuer Freundlichkeit, Um jetzt nicht tief für Euern Sohn zu fühlen. Doge . War Euer Auftrag dies? Senator . Wie so, Hoheit? Doge . Ihr schwatzt von Dingen, die Ihr nicht versteht. Doch der Vertrag ist unterzeichnet. Kehrt Mit ihm zu Dem zurück, der Euch geschickt. Senator . Wie Ihr befehlt! – Ich hatt' den Auftrag noch Vom Rath, Euch zu ersuchen, daß die Stund', Wo er von Neuem sich vereinen soll, Ihr anberaumen mögt. Doge . Sagt ihnen: wann sie wollen! Gleich jetzt, in diesem Augenblick, wofern Es ihnen recht. Ich bin des Staates Diener., Senator . Sie möchten Zeit zur Ruhe Euch vergönnen. Doge . Ich brauch' nicht Ruh', das heißt, nicht solche Ruh', Die einer Stunde Zeit dem Staate nimmt. Sie mögen sich versammeln, wann sie wollen. Wo ich auch bin und was, man wird mich finden. (Senator ab.) (Der Doge bleibt in Gedanken versunken sitzen.) Ein Diener tritt auf. Diener . Hoheit! Doge . Was gibt's? Diener . Es bittet um Gehör Die edle Dame Foscari. Doge . Bitt' sie Herein! – Unglückliche Marina! Aermste! (Diener ab.) (Der Doge sitzt schweigend wie zuvor.) Marina tritt ein. Marina . Ich habe kühn in Eure Heimlichkeit, Mein Vater, mich gedrängt. Doge . Ich habe keine Für dich, mein Kind! Befiehl nur über mich, So oft der Staat mich nicht in Anspruch nimmt. Marina . Ich möcht' von Ihm Euch unterhalten, Vater. Doge . Von Eurem – Eh'gemahl? Marina . Und Eurem Sohn. Doge . Fahr fort, mein Kind. Marina . Die Zehen hatten die Erlaubniß mir ertheilt, daß ich den Gatten Für eine Anzahl Stunden pflegen dürf'. Doge . Die hattet Ihr. Marina . Sie ist zurückgenommen. Doge . Von wem? Marina . Den Zehn! – Als wir die Seufzerbrücke Erreicht und eben ich mit Foscari Passiren wollt', trug, einzulassen mich, Der finstre Wächter dieses Gangs Bedenken. Man schickte einen Boten zu den Zehn, Doch da die Sitzung aufgehoben war Und ich kein schriftlich Document besaß, Ward mit dem Beisatz ich zurückgewiesen, Daß insolang' das hohe Tribunal Nicht neu versammelt sich, des Kerkers Wand Uns trennen müsst'. Doge . So ist's. Die Form ward in Der Eil', womit die Sitzung man vertagt, Ganz übersehn, und ungewiß ist, wann Sie wieder aufgenommen wird. Marina . Wann wieder Sie aufgenommen wird! Und wenn es dann Geschieht, so werden sie ihn wieder foltern; Und mit Erneuerung der Folter muß Ihr Wiedersehen Mann und Weib erkaufen, Das heiligste der Bande unterm Himmel! O Gott! Kannst du das dulden?! Doge . Kind! Marina (herb) . Nennt mich Nicht Kind! Bald habt Ihr keine Kinder mehr Und Ihr verdient auch keine! Ihr, die Ihr So ruhig sprechen könnt' von einem Sohn, Deß Schicksal blut'ge Thränen Spartern selbst Entriß! Wenn diese, ihre Söhne nicht Beweint, die in der Schlacht gefallen waren, Wo steht geschrieben, daß sie stückweis sie Zu Grunde gehen sahn, und ihnen nicht Zur Rettung eine Hand gereicht? Doge . Ihr seht, Ich kann nicht weinen. Ach ich wollt', ich könnt's! Doch wenn jed' weißes Haar auf diesem Haupt Ein junges Leben wär', mein Herzogshut Das Diadem der Welt, und dieser Ring, Wodurch ich mit dem Meere mich vermählt, Ein Talisman, den Ocean zu zähmen, Ich gäbe Alles hin für ihn – Marina . Er könnt' Mit weniger gewiß gerettet werden. Doge . Die Antwort zeigt mir nur, wie wenig Ihr Venedig kennt. Woher auch solltet Ihr Es kennen? Ach! Sein innerstes Geheimniß Kennt es ja selber nicht. – Hört mich jetzt an! Die, die auf Jacopo sich stürzen, haben's Auf seinen Vater gleichfalls abgesehn. Doch rettete des Vaters Untergang, Glaubt mir, noch nicht den Sohn. Sie streben auf Verschiednem Weg dem gleichen Ziele zu, Und dieses Ziel – doch haben sie's noch nicht Erreicht. Marina . Doch Euch zermalmt. Doge . Auch das noch nicht, So lang' ich leb'. Marina . Und Euer Sohn? Wie lang' Wird er noch leben? Doge . Er? – Trotz Allem, was Geschehn, hoff' ich, so viele Jahre noch Wie ich, sein Vater, that, und glücklicher. Der Unbesonnene! voll Ungeduld Und weib'scher Sehnsucht, wieder heimzukehren, Hat durch den Brief er Alles sich verderbt: Ein Hauptverbrechen, das der Vater nicht, Der Doge nicht abschwächen, läugnen kann! Hätt' nur ein wenig, wenig länger er Sein candiotisches Exil ertragen, So hätt' ich Hoffnung; doch er hat sie selbst Zerstört. Jetzt muß er doch zurück. – Marina . In das Exil? Doge . So sagte ich. Marina . Und darf ich jetzt Nicht mit ihm gehn? Doge . Ihr wisset wohl, daß Euch Der Rath der Zehn die Bitte zwei Mal schon Versagt. Dies dritte Mal wird schwerlich sie Gewährt, da neue Fehler Eures Mannes Die strengen. Herren strenger noch gemacht. Marina . Streng? Sagt barbarisch! Diese alten Teufel In Menschenform, mit einem Fuß im Grab, Mit trübem Aug', das nur die Thräne kennt Des ekeln Greisenthums, mit spärlichem, Ergrautem Haar, mit Händen, die schon zittern, Mit stumpfem Kopfe und mit hartem Herzen Berathen, spinnen Ränke, löschen Leben, Als ob das Leben mehr nicht wär', denn ihr Längst in verfluchter Brust erloschenes Gefühl – Doge . Ihr wißt nicht – Marina . O ich weiß, ich weiß! Und Ihr auch solltet, wie mich dünkt, es wissen, Daß Teufel sie! Wie könnten Menschen denn, Die von dem Weib geboren und gesäugt, Die einst geliebt, von Liebe doch geschwatzt, Die zu geweihtem Band die Hand gereicht, Die ihre Kleinen auf dem Schooß gewiegt, Vielleicht in Schmerzen, in Gefahr und Tod Sich über sie gehärmt, die Menschen sind, Die's scheinen wenigstens, so thun wie an Den Euern sie gethan, und Ihr, Ihr selbst, Ihr, der Ihr sie noch treibt – Doge . Ich kann Euch das Verzeihn: Ihr wißt nicht, was Ihr sagt. Marina . Ihr wißt Es wohl, und fühlt doch nichts. Doge . Ich hab' so viel Erlebt, daß mich ein Wort nicht mehr berührt. Marina . Wer zweifelt dran? Ihr saht ja, wie das Blut Von Eurem Sohne floß und Euer Fleisch Hat nicht gezuckt. Was ist nach solchem Stück Noch eines Weibes Wort? Euch greift es mehr Nicht an, als Weiberthränen könnten! Doge . Weib! Ich sage dir, dein schreiend lauter Schmerz Heißt nichts, wenn in die Wage ich ihn leg' Mit dem – doch ich bedaure dich, du Arme! Marina. Bedaure meinen Gatten! ich brauch's nicht. Bedaure deinen Sohn! – Wie? du bedauern? Dies Wort ist deinem Herzen fremd, wie kam's Auf deiner Lippen Rand? Doge . Ich muß, so sehr Mir Unrecht dieser Vorwurf thut, ihn tragen. Doch läsest du – Marina . Doch nicht auf deiner Stirne? In deinem Aug', in deiner That? Wo soll, Wo werd' dies Mitgefühl ich lesen? Doge (deutet abwärts). Hier. Marina . Wie? in der Erd'? Doge . In die mich's zieht. Wenn sie Auf diesem Herzen liegt und leichter liegt, Läg' selbst ein Marmor drauf, als das, was jetzt Es drückt, wirst besser du mich kennen lernen. Marina . Bist meines Mitleids wirklich du so werth? Doge . Des Mitleids? Keiner brauche je dies Wort, Das schändliche, womit die Menschen nur Der Seele üppigen Triumph bemänteln, Um meinem Namen frech es anzupassen! Der Name, soll, insoweit ich ihn trug, Auch so verbleiben, wie ich ihn empfing. Marina . Wenn nicht die armen Kinder Dessen wären, Den du nicht retten kannst, vielleicht nicht willst, Wärst du der letzte, der ihn trägt. Doge . Ich wollt', Es wäre so! Ihm wäre besser, wenn Er nie geboren war', auch mir wär' besser. Ich sah mein Haus entehrt. Marina . Das ist nicht wahr! Ein wahrer, edler, zuverläss'ger Herz, Das mehr für Lieb' empfand und Treu', schlug nie In einer Menschenbrust! Ich möchte den Verbannten und verstümmelten Gemahl, Der unterdrückt zwar, doch entehrt nicht ist, Den arg zertretenen, lebendig oder todt, Nicht gegen irgend welchen Herrn und Ritter Der Fabel tauschen oder der Geschichte Und kämpfte eine Welt für seine Sache. Entehrt? – Er und entehrt! Ich sag' dir, Doge, Venedig ist entehrt! Sein Name wird Venedigs schlimmster Vorwurf sein, doch nicht Ob seines Thuns, o nein! ob seines Leidens. Ihr seid Tyrannen, seid Verräther! Ihr! Wenn Euer Land Ihr liebtet, wie dies Opfer, Das lieber zur Tortur in Ketten schwankt, Das lieber Alles wagt, als im Exil Zu sein, Ihr würfet Euch vor ihm zu Boden Und bätet ihn für Eure große Schuld Um Gnad'. Doge . Ja, wahrlich, Alles war er, was Ihr sagt; und leichter selbst ertrug den Tod Von zweien Söhnen ich, die Gott mir nahm, Als Jacop's Schimpf. Marina . Schon wieder dieses Wort! Doge . Ward er denn nicht verdammt? Marina . Und wird nur Schuld Verdammt? Doge . Die Zeit mag sein Gedächtniß säubern Von jedem Makel, hoffen möcht' ich es! Er war mein Stolz, – doch das ist jetzt umsonst. Kein Mann der Thränen war ich je, doch weinte Vor Glück ich damals, als er ward geboren. Von böser Vorbedeutung war dies Naß. Marina . Unschuldig ist er, sag' ich Euch! Und wär' Er es auch nicht, darf unser Blut und Haus In solchen bösen Augenblicken von Sich selbst zurück sich ziehn? Doge . Ich zieh' mich nicht Von ihm zurück; doch Hab' ich andre Pflichten Als die des Vaters noch. Der Staat hat mich Entheben dieser Pflichten nicht gewollt; Zwei Mal bat ich darum, doch ward es mir Versagt. So muß ich sie erfüllen denn! Ein Diener tritt auf. Diener . Botschaft vom Rath der Zehn. Doge . Wer ist der Bringer? Diener . Der edle Loredano. Doge . Er?! – Doch laß Ihn ein. (Diener ab.) Marina . Soll ich zurück mich ziehn?, Doge . Vielleicht Nicht nöthig ist's, wenn's Euern Mann betrifft, Wo aber, so – (Loredano tritt ein.) Nun Euer Wunsch, Signor? Loredano . Ich bringe den der Zehn. Doge . Sie haben den Gesandten gut gewählt. Loredano . 'S ist ihre Wahl, Die mich hieher geführt. Doge . Sie macht der Weisheit Der Räthe alle Ehr', nicht minder auch Der Artigkeit. – Macht fort! Loredano . Wir haben jetzt Beschlossen – Doge . Wir? Loredano . Der Rath der Zehen. Doge . Wie? Sie haben wieder sich versammelt, ohn' Es mir nur kund zu thun? Loredano . Weil Euer Herz Sie schonen wollten, Hoheit! Euer Alter. Doge . Das ist mir neu! Wann schonten beide sie? Doch danke gleichwol ihnen ich dafür. Loredano . Ihr wißt es wohl, sie haben ja das Recht, Beliebig vorzugehn, ob nun der Doge Anwesend ist, ob nicht. Doge . Es ist schon lang', Daß ich das weiß, lang' eh' ich Doge ward, Ja, eh' ich nur von solcher Ehre trimmte. Ihr braucht mich drum nicht zu belehren, Herr! Als Ihr noch Jüngling wart, saß ich bereits In diesem Rath. Loredano . Zu meines Vaters Zeit, Jawol! Ich hörte ihn und seinen Bruder, Den Admiral, gar oft das Gleiche sagen. Ihr werdet ihrer Euch erinnern, Hoheit? Sie starben beide schnell. Doge . Und wenn's so war, War's besser schnell zu sterben, als in Qual So hin zu leben. Loredano . Wohl! Doch ist den Meisten Ihr Leben auszuleben lieber noch. Doge . Und thaten sie es nicht? Loredano . Das weiß das Grab. Sie starben plötzlich, wie gesagt. Doge . Ist das So seltsam, daß das Wort mit Pathos Ihr Mir wiederholt? Loredano . So wenig seltsam, daß Nach meiner Ansicht nie natürlicher Ein Tod als ihrer war. Meint Ihr nicht auch? Doge . Was soll von eines Menschen Tod ich denken? Loredano . Daß einen Todfeind er vielleicht gehabt. Doge . O ich versteh' Euch! Euer Vater war Der meinige, und Ihr habt ihn beerbt. Loredano . Ihr wißt am besten, ob ich Grund dazu Gehabt. Doge . Ich weiß es: Eure Ahnen waren Mir feind; ich hörte häßliche Gerüchte, Auch las ich ihre Grabschrift, die ihr Sterben Dem Gift zuschreibt. Dies ist vielleicht so wahr Wie Epitaphe meistens sind und drum Auch grad' so fabelhaft. Loredano . Wer wagt dies zu Behaupten? Doge . Ich! – Wol waren Eure Ahnen So bittre Feinde mir, als nur ihr Sohn Sein kann, und ich war ihnen gleichfalls Feind. Doch war ich's offen stets und habe nie Im Rathe still gewühlt, noch Ränke in Der Republik gesponnen, noch geheim Durch Stahl und Tränklein je bedroht ein Leben. Beweis davon ist Eure Existenz. Loredano . Ich fürchte nichts. Doge . Ihr habt auch keinen Grund Bei einem Mann wie mir; doch wär' ich Der, Für den Ihr haltet mich, Ihr wäret längst Enthoben dem Gefühl der Furcht. Haßt nur So fort, mich kümmert's nicht. Loredano . Ich wußte nicht. Daß eines Edeln Leben in Venedig Des Dogen Zorn zu fürchten hat, das heißt, Auf offnem Weg. Doge . Mein lieber Herr, ich bin – War wenigstens – mehr als ein bloser Doge Nach Blut, nach Geist und Macht. Das wissen Die Recht wohl, die mich zu wählen einst gebangt Und die seitdem mit allem Fleiß gestrebt Zu Boden mich zu ziehn. Glaubt mir, wenn vor – Wenn seit – der Zeit ich Euch so hoch geschätzt, Daß mir an Eurer Abfahrt viel gelegen, So hätt' ein Wort von mir dienstbare Geister Genug in Gang gebracht, um Euch hinweg Zu wehn. Jedoch in allen Dingen hab' Die strengste Rücksicht ich gehegt; nicht nur Der Satzung halb, denn die habt ihr (und ich Verstehe unter »ihr« die Vielen, die Ihr mir vor Augen ruft) nicht wenig über Das Ziel hinausgedehnt, das ich, wenn ich Geneigt zum Hadern wär', als mein Gebiet In Anspruch nehmen könnt'. Doch wie gesagt, Mit Ehrerbietung, wie der Priester sie Entgegen seinem Hochaltare trägt, Hab' ich auf Kosten meines Blutes selbst Und meiner Ruh' und Sicherheit und Alles, Nur meiner Ehre nicht, die Satzungen, Das Wohl, den Stolz, das Heil des Staats gewahrt. – Und nun zu Eurem Auftrag, Herr! Loredano . Es ward Beschlossen, daß nicht fortgefahren mehr Mit Foltern werde, noch mit dem Verhör, Das nur beweist, wie sehr verstockt die Schuld (Die Zehn sehn ab vom strengeren Gesetz, Das Folter vorschreibt, bis daß Alles ist Bekannt, da eingestanden ja zum Theil Der Schuld'ge sein Vergehn und nicht geläugnet, Daß er den Brief an Mailands Herzog schrieb), Daß Jacob Foscari vielmehr in das Exil Und in der nämlichen Galeere zwar, Die ihn hierher getragen, kehren soll. Marina . Nun Gott sei Dank! So wird er doch nicht mehr Vor jenes schreckliche Gericht gestellt. Ich wollt', er dächte so wie ich: daß es Der beste Spruch, den nicht nur er, nein! Jeder, Der hier zu Hause, wünschen könnte, – sei, Aus solchem Lande eilig fortzukommen. Doge . Das heiß' ich nicht als Venezianerin Gedacht, mein Kind. Marina . Nein, weil's zu menschlich ist. Darf sein Exil ich theilen? Loredano . Davon sagten Die Zehn mir nichts. Marina . Das dachte ich mir wohl, Zu menschlich auch wär' das. Doch auch verboten Ward's nicht? Loredano . Es war die Rede nicht davon. Marina . Dann, Vater, könnt gewiß Ihr diese Gunst Für mich erlangen oder selbst gewähren. (Zu Loredano). Ihr aber, Herr, wollt meiner Bitte nicht Entgegen sein, daß meinen Gatten ich Begleiten darf. Doge . Versuchen will ich's wol. Marina . Und Ihr, Signor? Loredano . Signora, vorzugreifen Des Raths Vergnügen ziemt sich nicht für mich. Marina . Wie? Dem Vergnügen? Solch ein Wort für die Beschlüsse dieser – Doge . Tochter! weißt du wol, In wessen Gegenwart du Solches sagst? Marina . In meines Herrn und seines Unterthans. Loredano . Was? Unterthans! Marina . Oho! das ärgert Euch? Ihr haltet Euch für seines Gleichen wol? Allein, das seid Ihr nicht, und wärt es nicht, Wenn er ein Bauer wär'. Nun gut, auch Ihr Seid Fürst, ein fürstengleicher Edelmann, Signor! Was bin dann ich? Loredano . Der Sprößling ebenfalls Von einem edeln Haus. Marina . Und anvermählt. Gleich edlem Herrn. Weß Gegenwart somit Verböte mir, mich frei hier auszusprechen? Loredano . Die Gegenwart des Richters Eures Gatten. Doge . So wie die Rücksicht, die Ihr schuldig seid Auch dem geringsten Wort, das aus dem Mund Der Männer kommt, die in Venedig herrschen. Marina . Spart diese Lehre nur für eure Hasen, Die Handwerksleute, Krämer, Dalmatiner, Die Griechensklaven, die Tribut euch zahlen, Die stumpfen Bürger und maskirten Edeln, Für die Spione und Galeerensklaven, In deren Augen das Verschwindenlassen Um Mitternacht, und die Ertränkungen, Die finstern Kerker neben Glanzpalästen, Ja unterm stummen Wasserspiegel selbst, Die heimlichen Beratungen, die Sprüche, Die Niemand kennt, die schnellen Hinrichtungen, Die Seufzerbrücke, die Erdross'lungszimmer Und euer Folterzeug zu Wesen euch Aus einer andern schlechtern Welt gemacht. Spart sie für diese! Denn ich fürcht' euch nicht. Ich kenne euch, hab' euer Schlimmstes ja In diesem mehr als höllischen Prozeß, Den meinem armen Mann ihr angehängt, Erkannt, erprobt! Verfahrt mit mir, wie ihr Mit ihm verfahren seid; ihr thatet's schon, Indem ihr ihn mißhandeltet. Was hab' Zu fürchten ich von euch, selbst wenn ich wär' Von ängstlicher Natur, was, wie ich glaub', Ich doch nicht bin?! Doge . Ihr hört's: sie spricht verwirrt. Marina . Nicht klug, doch nicht verwirrt. Loredano . Signora! Worte, Die innerhalb der Wände fallen, trag' Ich weiter nicht als bis zu jener Schwelle; Die ausgenommen, die im Dienst des Staats Des Dogen Hoheit tauschet hier mit mir. Habt eine Antwort Ihr für mich, Herr Doge? Doge . Der Doge ja, vielleicht der Vater auch. Loredano . Nur an den Dogen lautet mein Geschäft. Doge . Dann sagt: der Doge werde seinen Sendling Sich selbst aussuchen oder in Person Dem Rath eröffnen, was ihm ziemlich schein'. Und was den Vater an – Loredano . Ich denk' des meinen! Lebt wohl! Ich küsse der erlauchten Frau Die Hand und neige vor dem Dogen mich. (Loredano ab.) Marina . Seid Ihr zufrieden nun? Doge . Ich bin, wie Ihr Mich seht. Marina . Und das ist ein Mysterium. Doge . Und das sind ja dem Menschen alle Dinge! Wer liest in ihnen, außer Der sie schuf? Die wen'gen Geister, jene hochbegabten, Die es verstehn, und die das ekle Buch, Den Menschen, lang studirt, und durchgespäht Die schwarzen blut'gen Blätter: Herz und Hirn, Sie lernen eine Zaubersprache nur, Die auf den Weisen, der sie ausgespürt, Rückwirkend fällt; denn jeden Fehl, den wir An Andern finden, haben wir ja selbst Und unser ganzer Vorzug ist nur Sache Des Glücks: Glückssache ist Geburt und Reichthum, Gesundheit, Leibesreiz. Drum sollten wir, Wenn wir auf unser Schicksal schmähn, bedenken, Daß uns das Schicksal nichts kann nehmen als Was es uns gab, das Uebrige war Blöße Und böse Lust und Gier und Eitelkeit, Das allgemeine Erbtheil nur, womit So gut es geht, wir uns verkämpfen müssen, Und das in niedrem Stand am wenigsten Uns drückt, wo Hunger jeden Trieb verschlingt Und an dies schmähliche Bedürfniß bindet, Und wo das uranfängliche Gebot: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du Dein Brod verzehren« jede Leidenschaft Fern hält und nur die Furcht vor Hunger kennt. Gemein und falsch und hohl ist Alles doch Vom ersten bis zum letzten Staub: die Urne Des Fürsten wie des Töpfers schwächst Gefäß. Auf Menschenhauch beruht auch unser Ruf, Auf weniger als Hauch noch, unser Leben, Nach Tagen zählet seine Dauer nur, Die Tage selbst nach kurzen Augenblicken; Auf Etwas gründet unser ganzes Sein, Das wir nicht sind. So sind wir Sklaven nur, Die Höchsten sind es wie die Niedrigsten, Und nichts bestimmt nach unsrem Willen sich: Ein Strohhalm bald und bald ein Sturm regiert Den Willen selbst. Und wenn wir eitel wähnen, Wir führen Andre, werden wir geführt Und stets zum Tod, der ebenso wie die Geburt ganz ohne unsre Stimme kommt Und Wahl, so daß es ist, als ob wir schon In einer andern frühern Welt gefehlt Und dies die Hölle sei. Das Beste ist, Daß sie nicht ewig währt. Marina . Es sind dies Dinge, Die wir auf Erden nicht beurtheln können. Doge . Wie sollen wir einander dann beurtheln, Die wir von Erde Alle sind? und ich, Der ich berufen bin, den Sohn zu urtheiln!! Ich hab' mein Land getreu, ja ruhmreich selbst Regiert, ich weise auf die Probe hin: Die Karte dessen, was es war und ist; Ich habe unter meinem Regiment Das Reich verdoppelt, und zum Lohn dafür Hat nun Venedigs Dank mich isolirt. Marina . Und Foscari? Mir ist dies Alles gleich, Wenn nur bei Ihm ich bleiben darf. Doge . Ihr sollt's. Das werden sie mir doch nicht weigern können. Marina . Und wenn sie's thun, so flieh' ich weg mit ihm. Doge . Das darf nicht sein! Wohin auch wollt'st du fliehn? Marina . Das weiß ich nicht; es kümmert mich auch nicht: Nach Syrien, Aegypten, zu den Türken! Kurz irgend hin, wo frei wir athmen können, Wo wir nicht leben unter Späheraugen Und dieser Staatsinquisition entgehn. Doge . Du möchtest einen Renegaten zum Gemahl, und zum Verräther ihn verwandeln? Marina . Er ist es nicht! Der Staat ist der Verräther, Der seine Besten, Treuesten aus sich Verstößt; und Tyrannei ist gründlichster Verrath. Glaubst du etwa, ein Unterthan Nur sei Rebell? Der Fürst, der seine Pflicht Versäumt, der sie verletzt, dünkt schlechter mir Als selbst ein Räuberchef. Doge . Ich könnte nicht Auf mich solch einen Treubruch nehmen. Marina . Nein, Du dienst, gehorchst Gesetzen, gegen die Des Drako selbst ein Gnadenstrafbuch sind. Doge . Ich fand sie vor, ich machte sie nicht erst. Wär' ich ein Unterthan, ich fände wol Noch Theile aus, die der Verbess'rung fähig. Doch als ein Fürst möcht' meinem Haus zu Lieb' Ich niemals ändern, was von unsern Vätern Auf uns gekommen als Statut. Marina . War dies Zu ihrer Kinder Elend denn gemacht? Doge . Mit solcher Satzung hob Venedig sich Zu dem, was jetzt es ist, zu einem Staat, Der an Betrieb, an Dauer und an Macht, Ja selbst an Ruhm (denn Römergeister selbst Erzeugten wir!) mit Allem buhlen kann, Was die Geschichte uns von Rom und von Carthago's bester Zeit bewahrt, als noch Ihr Volk geleitet wurde von Senaten. Marina . Sagt lieber: seufzte unter Oligarchen. Doge . Vielleicht! Doch unterjochten sie die Welt! In solchem Staate muß der Einzelne, Sei ihm der höchste Rang auch zuerkannt, Sei er der Niedrigste, ganz ohne Namen, Gleichmäßig nichts sein, wenn die Politik, Die rücksichtslos nach Einem Ziele strebt, Erhalten werden soll in Kraft. Marina . Das heißt, Daß Ihr mehr Doge stets als Vater wart. Doge . Das heißt, daß ich mehr Bürger bin als Beides; Und hätten wir nicht seit Jahrhunderten Von solchen Bürgern Tausende gehabt, Wie wir, ich hoff's, auch künftig haben werden, So wär' Venedig keine Weltstadt worden. Marina . Verflucht sei solche Weltstadt, deren Satzung Die der Natur zertritt! Doge . Und hätt' ich so Viel Söhne als ich Jahre hab', ich hätte Sie alle dargebracht, nicht ohne es Zu fühlen, doch ich hätt' sie dargebracht Dem Dienst des Staats, um dessen Wunsch zur See, Im Feld zu kommen nach, ja wenn's sein müßt', Wie leider es gewesen, gäb' ich sie, Auch dem Exil, den Ketten – Schlimm'rem hin, Sobald's der Staat erheischt. Marina . Und solches Thun Wär' Lieb' zum Vaterland? Mir scheint es nur Die ärgste Barbarei. Besuchen will Ich meinen Gatten nun. Die weisen Zehn Befehden wol trotz aller Eifersucht Ein schwaches Weib nicht so, um 'nen Moment In seinen Kerker mich nicht einzulassen. Doge . Ich will es auf mich nehmen zu befehlen, Daß man Euch einläßt. Marina . Was soll Foscari Von seinem Vater aus ich sagen? Doge . Sagt, Daß er gehorche dem Gesetz. Marina . Sonst nichts? Wollt Ihr ihn nicht mehr sehen, eh' er geht? Es könnte leicht zum letzten Male sein. Doge . Zum letzten Mal! – Mein Sohn! Zum letzten Mal Noch schaun mein letztes Kind! Sag' ihm, ich komme. (Beide ab.) Dritter Act. Erster Auftritt. Gefängniß des Jacopo Foscari. Jacopo Foscari (allein). Kein Licht! nichts als der schwache Schein, der mir, Die Mauer zeigt, die von dem Echoruf Der Klagen nur getönt, von Seufzern nur Der langen Haft, vom Tritt von Füßen, dran Die Kette klirrte, von des Todes Röcheln Und der Verzweiflung Fluch! Und deshalb doch Bin nach Venedig ich zurückgekehrt; Mit einer schwachen Hoffnung freilich, daß Die Zeit, die ja den Marmor ausspült, auch Den Haß gespült aus diesen harten Herzen. Ich kannte aber diese Leute nicht Und muß mein eigen Herz hier nun verzehren, Das für Venedig mit der Sehnsucht schlug, Wie sie die Taube spürt fürs ferne Nest, Wenn heimwärts kehrend sie die Luft durchmißt, Die nackten Jungen zu begrüßen. (Nähert sich der Wand.) Was Für Zeichen sind hier in die harte Wand Gekritzelt? Werd' bei dem Dämmerschein ich sie Entziffern können? – Ha! Die Namen sind's Der Armen all', die vor mir hier geseufzt, Die Jahrszahl ihres Kummers, ihrer Wuth, Die kurzen Worte eines Grams, der für Die Meisten war zu schwer! Ihr Leben nun Enthält wie eine Grabschrift dieser Stein. Des armen Eingekerkerten Geschichte Ist in die Mauer seines Kerkers ein- Gekerbt wie die Erinn'rungszeichen von Verliebtem Volk in eines Baumes Rinde, Die Ihren theuern Namen zeigt und Seinen. Ach ich entziff're ein'ge Namen, die Mir wohl bekannt und auch gebranntmarkt sind Wie meiner jetzt, den ich hinzu will fügen. Er eignet gut für solche Chronik sich, Die nur das Unglück schreiben, lesen kann. (Er gräbt seinen Namen ein.) Ein Diener der Zehen tritt auf. Diener . Ich bringe Euch zu essen. Jacopo Foscari . Bitte, setzt Es hin! Ich bin nicht hungrig, doch die Lippe Ist mir versengt. Gebt Wasser! Diener . Da! Jacopo Foscari (nachdem er getrunken). Ich dank'. Es ist mir besser jetzt. Diener . Ich soll Euch melden, Daß Euer nächst Verhör verschoben sei. Jacopo Foscari . Bis wann? Diener . Das weiß ich nicht. – Auch hab' ich den Befehl, daß Eure hohe Frau Euch darf Besuchen. Jacopo Foscari . Ah! sie werden weich! Ich hatte Zu hoffen aufgehört; 's war hohe Zeit. Marina tritt ein. Marina . Geliebter Mann! Jacopo Foscari (umarmt sie). Mein theures Weib! Welch Glück! Mein einz'ger Freund! Marina . Wir scheiden nimmermehr! Jacopo Foscari . Wie? willst du meinen Kerker theilen? Marina . Ja, Die Folter und das Grab und jedes Ding Mit dir, jedoch das Grab zuletzt, denn dort Empfinden wir einander nicht; doch will Ich theilen auch noch das, und Alles lieber Als neue Trennung ja. Zu viel war's schon, Die erste überlebt zu haben. – Wie Ist dir? Was machen deine armen Glieder? Was frag' ich nur! Ach diese Blässe! Jacopo Foscari . Nein! Die Freude dich so bald, so unverhofft Zu sehn hat mir das Blut ins Herz zurück Gejagt und meine Wange deiner gleich Gemacht, denn du auch bist ja blaß, Marina! Marina . Es ist das Düster dieser ew'gen Keller, Die niemals einen Sonnenstrahl gekannt, Der bleiche Schein von jenes Dieners Fackel, Die mehr der Finsterniß verwandt scheint als Dem Licht und die des Kerkers trübem Dunst Noch beigesellet ihren Schwefeldampf, Der Alles, was ich schau, dein Auge selbst Umwölkt. Doch nein! Dein Auge nicht! – Das glänzt! Wie hell es glänzt! Jacopo Foscari . Und deins! Doch blendet mich Der Fackel Schein. Marina . Wie ohne ihn ich blind Gewesen wär'. Konnt'st du hier sehn? Jacopo Foscari . Zuerst Nicht recht, doch Zeit, Gewohnheit haben mich Vertraut mit dieser Finsterniß gemacht; Und jenes Flimmern, jenes graue Licht, Das durch die Spalten kommt, die hier der Wind Erschließt, that meinem Auge wohler als Nie volle Sonnenpracht, wenn alle Thürme Sie mir vergoldet, nur Venedigs nicht. Noch eben eh' du kamst, war ich daran Zu schreiben. Marina . Was? Jacopo Foscari . Hier meinen Namen, sieh! Da steht er unter Dessen Namen, der Woran mir ging, wenn Kerkerszahlen wahr. Marina . Und was geschah mit ihm? Jacopo Foscari . Es schweigt die Wand Vom End' des Menschen hier; doch scheint sie's uns Mit ziemlicher Gewißheit anzudeuten. So finstre Mauern wölbten jeder Zeit Nur über Todten sich, und solchen, die Es werden bald. Du fragst mich, was mit ihm Geschehn? – Ach! was mit mir geschehn, wird bald Man fragen wol, und gleiche Antwort haben: Ein zweifelhaft, ein schreckliches Vermuthen, Wofern nicht du erzählst, was mir geschehn! Marina . Ich sprechen über dich? Jacopo Foscari . Warum denn nicht? Es werden dann ja Alle von mir sprechen; Des Schweigens Tyrannei hält niemals an, Und wie man auch Ereignisse verberg', Des Edeln Seufzer geht durchs Leichentuch, Selbst Deß, der lebend ist verscharrt. Mir ist Mein Ruf nicht zweifelhaft, mein Leben nur; Doch ist um beide mir nicht bang. Marina . Dein Leben Ist sicher dir. Jacopo Foscari . Die Freiheit auch? Marina . Es kann Der Geist sich seine eig'ne schaffen. Jacopo Foscari . Ja, Das klingt recht schön; doch klingt es eben nur, Wie rührende Musik, die schnell vergeht. Der Geist ist viel, doch ist er lang' nicht Alles. Er stählte mich, die Aussicht auf den Tod Und wirklich Foltern schlimmer als der Tod (Wenn Tod ein tiefer Schlaf nur ist) zu tragen, Und nicht zu heulen, und nur so zu schrein, Daß meinen Richtern es mehr Schande war Als mir. Doch Alles ist dies nicht, es gibt Noch Dinge hier, die schmerzensvoller sind, Zum Beispiel dieses Kerkerloch, wo ich Viel Jahre athmen mag. Marina . Ach dieser Kerker Ist Alles, was von jenem großen Reich, Deß Fürst dein Vater ist, dem Sohn gehört. Jacopo Foscari . Ich trag's nicht leichter, wenn ich deß gedenke. Mein Schicksal ist nicht ungemein, denn Viele Umschließt ein Kerker ja, doch keiner gähnt So nah dem väterlichen Hans wie meiner. Doch manchmal geht mein Herz gar hoch, und Hoffnung Strömt dann aus diesen staubdurchwebten Strahlen, Die einzig unser Tageslicht hier bilden; Denn außer meines Kerkermeisters Fackel Und einer wundersamen Feuerfliege, Die in dem ries'gen Spinngewebe dort In letzter Nacht sich fing, sah ich hier nichts, Was einem Strahle glich. – Nur zu wohl weiß Ich, ach! wie weit der Geist uns halten kann. Mein Geist ist stark, ich hab' es schon bewiesen. Doch wenn man einsam lebt, dann läßt er nach; Gesellig ist das Herz. Marina . Ich werde bei Dir sein. Jacopo Foscari . Ach wär' es so! Doch haben sie Das nie gewährt und werden's nicht gewähren. Ich werde einsam sein, ohn' Mensch und Buch, Dies Lügenabbild jener Lügenbrut. Ich bat um solche menschlichen Gemälde, Die man Annalen und Geschichte nennt Und Mancher als ein Portrait uns vermacht; Sie wurden mir versagt. So ward die Wand Mein einzig Studium; ein treuer Bild Entwarf sie von Venedigs Machtgeschichte Mit allen ihren schwarzen Blättern mir Als jene Halle, die nicht weit von hier Mit Hunderten von Dogenbildern prangt, Mit ihren Thaten, ihren großen Tagen. Marina . Ich komme dir zu künden, was zuletzt Im Rath sie über dich beschlossen haben. Jacopo Foscari . Ich kenn' es schon. Sieh her! (Deutet auf seine gebrochenen Glieder.) Marina . Nichts mehr davon! Sie selbst stehn ab von dieser Scheußlichkeit. Jacopo Foscari . Nun? und –? Marina . Du sollst nach Candia zurück. Jacopo Foscari . Dann ist auch meine letzte Hoffnung hin. Ich konnte meines Kerkers Elend tragen; Hier war Venedig doch! Die Folter konnt' Ich tragen selbst, denn in der Heimatluft Lag Etwas noch, was meinen Geist erhob. Wie auf dem Meer das sturmgepeitschte Schiff Noch stolz die hohen Wogen übersteigt Und seinen Curs hält. Aber dort, so fern, Auf der verwünschten Insel, die von Sklaven, Ungläub'gen und Gefang'nen voll, wie ein Gestrandet Wreck, war mir, als ob die Seel' Im Busen mir verwelkte. Glied für Glied. Werd' ich dort untergehn, wenn man dahin Zurück mich schickt. Marina . Und hier? Jacopo Foscari . Sterb' ich auf ein Mal doch, auf bessere, weil kürz're Art. Hier könnten sie mir doch, der Väter Grab Nicht weigern, wie mein Heim sie mir versagt. Marina . O mein Gemahl! ich habe drum gebeten, Begleiten dich an jenen Ort zu dürfen, Und bin nicht ohne Hoffnung, daß sie's dulden. Dein Hang für diesen undankbaren Boden Der Tyrannei ist Leidenschaft, nicht Lieb' Zum Vaterland. Was mich betrifft, wenn ich Beruhigt dich und in der süßen Freiheit Der Luft und Erde wieder schauen könnt', Wollt' ich an Land nicht oder Klima kritteln. Der Wust von Kerkern und Palästen hier Dünkt mir kein Paradies; sein Dasein dankt's Unglücklichen Verbannten ja. Jacopo Foscari . Ich weiß, Wie unglückselig der Verbannte ist. Marina . Doch siehst du, wie, trotzdem vor dem Tartaren Sie nach den salz'gen Inseln hier geflohn, Die alte Geisteskraft, das ganze Erb' Von Rom, das ihnen blieb, hier nach und nach Ein Meeres-Rom Auch in Lady Morgans trefflichem Werke kommt der Ausdruck »Rom des Oceans« in der Anwendung auf Venedig vor. Mein Verleger kann bezeugen, daß meine Tragödie geschrieben und nach England versandt war, ehe ich das Werk der Lady Morgan gesehen hatte, das ich erst am 16. August erhielt. Ich beeile mich jedoch, dieses Zusammentreffen der Gedanken zu constatiren und die Originalität des Ausdrucks Derjenigen zu überlassen, die ihn zuerst vor das Publikum brachte. Ich bin in dieser Sache um so ängstlicher, als man mir mitgetheilt hat (denn selbst hab' ich nur zufällig etwas der Art gelesen), daß man mich in der letzten Zeit des Plagiarismus beschuldige. erschuf. Wenn Uebel so Zum Guten führen kann, darf dich es drücken? Jacopo Foscari . Wär' ich aus meinem Vaterland gezogen, Den Patriarchen gleich, und hätte mir Mit Hab' und Heerd' ein ander Land gesucht; Wär' ich vertrieben worden wie die Juden Aus Zion einst, wie unsre Väter dann Von Attila aus den ital'schen Au'n, Aus üpp'gem Land nach jener Inseln Oede, Hätt' meiner Heimat ich zwar ein'ge Thränen, Und viel Gedanken lange noch geweiht, Doch dann mit denen, die mit mir gekommen, Ein neues Heim, ein neues Reich erbaut. Vielleicht, daß Solches ich ertrug – doch bin Ich dessen nicht gewiß. Marina . Warum denn nicht? Es war das Schicksal von Millionen schon Und wird das Loos von Myriaden sein. Jacopo Foscari . Jawol! Doch hören wir nur von dem Schaffen Der Ueberlebenden im neuen Land, Von ihrem Wachsthum, ihrem Weitergang; Wer aber zählt die Herzen, die beim Scheiden In Schweigen brachen, oder nach der Hand, An jener Krankheit, die dem Fieberblick Des armen Exilirten grüne Felder, Der Heimat Flur, vorzaubert aus dem Meer Mit solcher Deutlichkeit, daß man den Armen Sie zu betreten kaum verhindern kann; An jener Stimmung, die aus Melodien So reiche Nahrung ziehet für den Gram Und für die Sehnsucht der Gebirgsbewohner, Wenn fern sie sind von ihren Schneegefilden, Von Fels und Wolken, daß das süße Gift Der Heimatträume sie allmählich frißt. Ihr nennt dies Schwäche; Stärke, sag' ich euch, Ist dies, die Mutter jedes Hochgefühls. Der, der nicht seine Heimat liebt, liebt nichts. Marina . Gehorch' ihr denn; sie ist's, die dich verstößt. Jacopo Foscari . Da steckt's! Es fällt wie einer Mutter Fluch Auf meine Seel', ein Cainszeichen steht Auf meiner Stirn'. Die Exilirten, die Du nanntest, zogen völkerweise fort, Sie hielten unterwegs sich an der Hand, Sie schlugen ihre Zelte bei einander, Ich bin allein! Marina . Du wirst es nicht mehr sein, Ich geh' mit dir. Jacopo Foscari . O theuerste Marina! Und unsre Kinder? Marina . Sie? – Ich fürchte sehr, Das Vorurtheil der schnöden Politik Des Staats, die Fäden nur in jedem Band Erblickt, die nach Belieben man zerreißt, Wird nicht gestatten, daß sie mit uns gehn. Jacopo Foscari . Und kannst du sie verlassen? Marina . Ja. Mit Schmerz, Doch kann ich sie, die Kind noch sind, verlassen, Um dich zu lehren, wen'ger Kind zu sein. O lerne dran, auch dein Gefühl bezwingen, Wenn es die höh're Pflicht von dir verlangt! Und tragen ist ja erste Pflicht hienieden. Jacopo Foscari . Und hab' ich etwa nichts ertragen? Marina . Viel! Zu viel von ungerechter Tyrannei, Und auch genug, jetzt nicht zurückzuschrecken Vor einem Loos, das im Vergleich zu dem, Was du ertragen in der letzten Zeit, Noch Gnade ist. Jacopo Foscari . – Ach du warst niemals noch Weit von Venedig weg, sahst niemals noch Die schönen Thürme nach und nach versinken, Daß jede Furche, die der Schiffskiel zog, Tief in dein Herz zu pflügen schien; sahst nie Den Abend sinken hinter jenen Kuppeln In seiner Glorie ruh'gem Goldesglanz, Erwachtest nie nach wildem Traumgesicht Vom Heimatland, und fandst es dann nicht mehr! Marina . Dies Alles theil' ich jetzt mit dir. Doch nun Laß an die Abfahrt von der theuren Stadt (Denn wie es scheint, mußt du sie eben lieben) Und von dem Prunkgemach, das dir ihr Dank Hier zugeschieden, denken. Für die Kinder Wird schon der Doge und mein Oheim sorgen. Wir müssen segeln, eh' die Nacht anbricht. Jacopo Foscari . Das ist sehr bald. Darf ich den Vater sehn? Marina . Du darfst. Jacopo Foscari . Und wo? Marina . Hier oder im Gemach Des Dogen selbst. Er sagte mir nicht wo. Ich wollt', du trügest dein Exil, wie er Es trägt. Jacopo Foscari . Tadl' ihn nicht drum! Ich murre hie Und da, jedoch er könnt' nicht anders thun. Hätt' irgend welches Mitgefühl er mir Gezeigt, so hätt' es den Verdacht der Zehn Nur auf sein greises Haupt herabgerufen Und meine Nöthen noch vermehrt. Marina . Vermehrt? Mit welcher Qual verschonten sie dich denn? Jacopo Foscari . Mit der, Venedig zu verlassen, ohn' Ihn oder dich zu sehn, was man mir leicht Versagen könnt' wie jenes erste Mal. Marina . Ja, das ist wahr! In so weit bin auch ich Des Staates Schuldnerin, und werd' noch mehr Es sein, wenn ich uns beide erst hinweg Auf freier Woge schwimmen seh', – hinweg! Hinweg! sei's bis an End' der Welt, von dieser Verhaßten, ungerechten – Jacopo Foscari . Fluch ihr nicht! Wer darf beschuldigen die Vaterstadt, Wenn ich hier schweig'? Marina . Die Menschen und die Engel! Das Blut der Tausende, das schon zum Himmel Geraucht; das Stöhnen Derer, die in Ketten, In Kerkern schrei'n; die Mütter, Weiber, Söhne, Die Väter und die Unterthanen all', Die diese zehn verwelkten Köpfe knechten, Vor Allem aber dies dein Schweigen selbst. Könntst Etwas du zu ihren Gunsten sagen, Wer würde preisen diese Stadt wie du? Jacopo Foscari . So wollen wir uns denn zur Abfahrt rüsten, Da es so sein muß. Wer kommt da? Loredano tritt mit zwei Dienern ein. Loredano (zu den Dienern). Zieht euch Zurück! Doch laßt die Fackel hier. (Die beiden Diener ab.) Jacopo Foscari . Willkommen, Sehr edler Herr! Ich hätte nicht geglaubt, Daß dieser trübe Ort so hohen Gast Anziehen könnt'. Loredano . 'S ist nicht das erste Mal, Daß diese Orte ich besucht. Marina . Es würde Das letzte auch nicht sein, fänd' jed' Verdienst Hienieden seinen Lohn. – Kommt Ihr, uns noch Zu schmähn? als Späher hier zu bleiben, oder Als Geisel gar für uns? Loredano . Von alle Dem Ist nichts mein Amt, sehr edle Frau. Ich bin Vielmehr hierher gesandt, um Eurem Gatten Der Zehn Entschließung amtlich mitzutheilen. Marina . Dies Liebeswerk ist schon gethan: er weiß. Loredano . Wie das? Marina . Ich hab's ihm mitgetheilt, nicht so Gelind vielleicht wie Euer fein Gefühl, Die Nachsicht Eurer Amtsgenossen wünschte; Jedoch er weiß es nun. Kommt Ihr, den Dank Zu holen? Nehmt ihn hin und geht! Die Nacht Des Kerkers ist auch ohne Euch noch tief, Und Schlangen gibt's, nicht wen'ger ekelhaft, Ob ehrlicher ihr Stich gleich ist. Jacopo Foscari . Ich bitte, Beruh'ge dich. Was nützen solche Worte? Marina . Sie sagen ihm, daß wir ihn völlig kennen. Loredano . Bewahren mög' die schöne Dame nur Das Vorrecht des Geschlechts. Marina . Ich habe Söhne, Die eines Tags Euch besser danken werden. Loredano . Ihr thuet wohl, sie weise zu erziehn. – Ihr, Foscari, kennt somit Euern Spruch? Jacopo Foscari . Rückkehr nach Candia? Loredano . So ist's! und zwar Auf Lebenszeit. Jacopo Foscari . Das ist nicht lang'. Loredano . Ich sagt': Auf Lebenszeit. Jacopo Foscari . Ich wiederhol's, das ist Nicht lang'. Loredano . Ein Jahr lang Haft in Canea, Dann Freiheit auf der ganzen Insel. Jacopo Foscari . Beides Ist gleich für mich: die Freiheit nachher wie Vorher die Haft. – Ist's wahr, daß mich mein Weib Begleiten darf? Loredano . Ja, wenn sie will. Marina . Wer hat Dies Recht mir ausgewirkt? Loredano . Ein Mann, der nicht Mit Weibern kämpft. Marina . Doch Männer niederdrückt. Gleichviel, ich dank' ihm für das einz'ge Gut, Das ich erbeten und genommen hätt' Von ihm und Leuten seiner Art. Loredano . Er nimmt Den Dank, wie er geboten wird, entgegen. Marina . Mög' er ihm wohl gedeihn! – Genug davon! Jacopo Foscari . Ist Euer ganzer Auftrag dies, Signor? Da wenig Zeit zur Vorbereitung bleibt Und Eure Gegenwart die Dame hier Nur reizt, die aus so hohem Haus wie Ihr – Marina . Aus höherem! Loredano . Wie? höherem? Marina . Ja, weil Es edler ist. Wir sagen »edles Roß«. Um seines Blutes Reinheit auszudrücken. So viel hab' ich, die Venezianerin, Die nicht viel Rosse, außer bronz'ne, sieht, Von jenen Venezianern doch gelernt, Die an Aegyptens und den Nachbarufern Arabiens fuhren. Und warum nun nicht Auch sagen: »edles Haus«? Hat Rasse Werth, So muß er aus den Eigenschaften, mehr Als Jahren zu entnehmen sein; und meine, Die gleich viel Jahre wie die Eure hat, Ist besser in der Production. – Schaut nicht So finster drein, geht in der Zeit zurück, Betrachtet Eures Stammbaums grünstes Blatt Und reifste Frucht, und dann erröthet, wenn Ihr Ahnen findet, die erröthen würden Ob solchem Sohn – du kalter, starrer Hasser! Jacopo Foscari . Schon wieder so, Marina! Marina . Ja! schon wieder! Seht Ihr denn nicht, daß er hierher nur kam, Um seinem Haß durch einen letzten Blick Auf unser Elend gütlich noch zu thun. Er soll es theilen drum. Jacopo Foscari . Das wäre schwer! Marina . Nichts leichter, und er theilt es auch. Jawol! Mag unter einer Marmorstirne er Die Pein, und unter höhn'scher Lippe bergen, Er theilt sie doch! Schon ein paar Worte Wahrheit Beschämen ja des Teufels Diener wie Den selbst. Ich habe einen Augenblick Die Seele ihm geglüht, wie bald für immer Das ew'ge Feuer sie behandeln wird. Sieh', wie von mir zurück er bebt, trotzdem Er Tod, Exil und Haft zu Händen hat, Die nach Gelüst auf uns er schleudern kann! Sie sind ihm Waffen, aber Harnisch nicht; Denn bis ins Inn're seiner kalten Brust Hab' ich gebohrt! Sein Zorn erschreckt mich nicht! Wir können sterben nur, doch er muß leben, Für ihn das schlimmste Loos! Denn jeder Tag Macht sich'rer ihn zum Eigenthum des Teufels. Jacopo Foscari . Das ist der reinste Wahnsinn. Marina . Mag es sein, Wer hat wahnsinnig uns gemacht? Loredano . Laßt sie, Es macht mir nichts. Marina . Ihr lügt! Ihr kamt hierher, Um herzlos über uns zu triumphiren, Mit kaltem Blick zu schauen unser Leid, Um uns vergeblich zu Euch flehn zu lassen, Um Euch zu weiden an der Thränen Strom, Um unsre Seufzer hämisch einzuheimsen, Den todten Rumpf zu schaun, zu dem nur Ihr Den Sohn des Fürsten, meinen Mann, gemacht, Auf dem Gefallenen herumzutreten,– Ein Thun, wovon der Henker ab sich kehrt, Wie Jedermann von ihm. Wie ist es nun? Wir sind so elend jetzt, als Eure Ränke Uns machen nur, als Rache wünschen konnte, Und wie ist's Euch zu Muth? Loredano . Wie einem Felsen. Marina . Ja, den ein Blitzstrahl traf: er fühlt es nicht Und splittert doch. – Komm, Foscari! laß uns Jetzt gehn und diesen Menschen hier allein In einer Zelle lassen, die zu oft Er schon bevölkert hat, doch nie so passend, Als wenn er selbst dereinst hier brüten wird. Der Doge tritt auf. Jacopo Foscari . Mein Vater! Doge (umarmt ihn) . Jacopo! mein Sohn – mein Sohn! Jacopo Foscari . Mein Vater noch! Wie lang' ist's her, daß ich Dich meinen – unsern Namen nennen hörte! Doge . Mein Sohn! O wüßtest du – Jacopo Foscari . Ich hab' nicht oft Gemurrt. Doge . Ich fühl's zu gut, daß du's nicht hast. Marina . Schau hierher, Doge! (Deutet auf Loredano. ) Doge . Nun, ich seh' den Mann, Was willst du damit sagen? Marina . Vorsicht, Doge! Loredano . Da dies die Tugend ist, die diese Dame Am meisten pflegt, so thut sie wohl daran, Sie zu empfehlen. Marina . Schlechter Mensch! nicht Tugend, Nur Politik muß sie von Allen sein, Die in Verkehr mit Schlechten treten müssen. Als solche nur empfehl' ich sie, wie ich Den warnen würde, der auf Nattern tritt. Doge . Ein überflüssig Warnen, Tochter! Längst Hab' Loredano ich gekannt. Loredano . Ihr mögt Ihn besser kennen lernen. Marina . Ja! denn schlechter Wär's denkbar nicht. Jacopo Foscari . Mein Vater, laß uns nicht Des Abschieds Stunde damit noch verlieren, Daß wir in Schelten uns ergehn, das doch Zu gar nichts führt. – Ist es – ist's wirklich denn Das letzte Mal, daß wir uns schaun? Doge . Du siehst Mein weißes Haar. Jacopo Foscari . Ich seh's, und fühle wohl, Daß nie so weiß das meine werden wird. Umarme mich, mein Vater! immer liebt' Ich dich, doch niemals mehr als jetzt. Hab' Acht Auf meine – deines letzten Kindes – Kinder, Laß sie dir sein, was ich dir eh'dem war, Und niemals werden, was ich jetzt dir bin. Kann nicht auch sie ich sehn? Marina . Nicht hier. Jacopo Foscari . Sie könnten An jedem Ort doch ihren Vater sehn. Marina . Ich möchte lieber, daß sie ihren Vater An einem Orte sähn, wo in die Lieb' Nicht Furcht sich mischte und ihr junges Blut Zu Eis geränn'. Sie nährten sich mit Lust, Sie schliefen süß und wußten nichts davon, Daß ein Geächteter ihr Vater sei. Wol weiß ich, daß sein traurig Schicksal auch Ihr Erbe einst kann sein, doch sei es erst Ihr Erb', nicht schon ihr gegenwärtig Theil. Für Liebe zwar empfänglich ist ihr Herz, Doch auch für Schreck, und dieser böse Dunst, Und jene Wellenschicht', die oberhalb Dem Orte fließt, wo wir jetzt stehn; die Zelle, So tief noch unterm Spiegel der Lagune, Die ihre Pest durch jede Spalte sendet, Könnt' sie entsetzen. Solche Atmosphäre Ist nicht für sie, wenn du auch gleich – und du – Am würdigsten, Ihr edler Loredano, Sie ohne weitern Nachtheil athmen mögt. Jacopo Foscari . Das hab' ich nicht bedacht, doch geb' ich's zu. So muß ich reisen, ohne sie zu sehn? Doge . Das nicht! sie warten dein auf meinem Zimmer. Jacopo Foscari . Und muß ich sie denn lassen alle, alle? Loredano . Ihr müßt. Jacopo Foscari . Nicht eins darf mit? Loredano . Sie sind des Staats. Marina . Ich dächte doch, sie wären mein. Loredano . Gewiß! In allen Dingen, die der Mutter sind. Marina . Das heißt in allen, die mir wehe thun: Wenn krank sie sind, werd' ich sie warten dürfen, Und sterben sie, dann darf ich sie begraben, Betrauern auch; doch leben sie, so müssen Sie Krieger sein und Senatoren, Sklaven, Auch wol Verbannte – wie Ihr wollt, und wenn Es Mädchen sind und reich, dann »Bräute«, wol Auch »Preise« für die Edeln. Wie der Staat Doch trefflich sorgt für seine Söhn' und Mütter! Loredano . Die Stunde naht, der Wind ist günstig jetzt. Jacopo Foscari . Wie könnt' Ihr hier das wissen, wo der Wind Doch nie in seiner muntern Freiheit bläst? Loredano . Es war so, da ich kam; und die Galeere Schwimmt einen Bogenschuß nur von der Riva Degli Schiavoni. Jacopo Foscari . Bitte, Vater! geht Voraus, bereitet meine Kinder vor, Den Vater noch zu sehn. Doge . Sei stark, mein Sohn! Jacopo Foscari . Ich werde mich bemühn. Marina . So lebe denn Zum wenigstens der schnöde Kerker wohl Und jener Mann, deß gutem Dienst zum Theil Du die vergangene Haft verdankst. Loredano . Und auch Die jetzige Erlösung. Doge . Er spricht wahr. Jacopo Foscari . Ich zweifle nicht; doch ist's nur Tausch von Ketten Um schwerere, was ich ihm danken kann. Er weis dies wohl, sonst hätte er den Tausch Nicht durchgesetzt. Doch soll's kein Vorwurf sein. Loredano . Es drängt die Zeit. Jacopo Foscari . Wer hätt' gedacht, daß ich So zögernd nur den Ort verlassen würd'! Wenn ich bedenk' jedoch, daß jeder Schritt Den ich nun thu', selbst aus dem Kerker hier, Auch aus Venedig führt, so schau' ich selbst Auf diese feuchte Wand zurück mit Pein Und – Doge . Keine Thränen, Sohn! Marina . Laßt sie nur fließen. Er weinte auf der Folter nicht, wo es Ihm Schande hätt' gebracht, jetzt können sie Ihm keine Schande machen. Nein! sie werden Sein Herz erleichtern nur, das allzu weich; Ich aber werde eine Stunde finden, Wo ich ihm trock'ne diese Thränen oder Hinzu die meinen füg'. Ich könnt' jetzt weinen, Doch möcht' ich keine Freude Dem da machen. Wir wollen weiter. – Doge! geht voran. Loredano (zum Diener). Die Fackeln her! Marina . Ja, leucht' uns nur, als wär's Ein Leichenzug und Loredano schritt' Gleich einem Erben trauernd hinterher. Doge . Mein Sohn, du bist noch schwach, nimm diese Hand. Jacopo Foscari . Ach muß die Jugend sich aufs Alter stützen! Ich sollte ja die Stütze sein von Euch. Loredano . Nehmt meinen Arm. Marina . Thu's nicht, mein Foscari! Er sticht. – Steht ab, Signor! seid überzeugt, Daß, wenn ein Griff von Euch uns aus dem Schlund, In den man uns gestoßen, heben könnt', Sich keine Hand von uns darnach würd' strecken. – Komm, Foscari! nimm diese Hand, die dir Der Altar gab; sie konnte dich nicht retten, Doch Stütze wird sie immerdar dir sein. (Alle ab.) Vierter Act. Erster Auftritt. Saal im Dogenpalast. Loredano und Barbarigo treten auf. Barbarigo . Ihr habt also Vertraun in diesen Plan? Loredano . Gewiß. Barbarigo . Hart ist's, bedenkt man seine Jahre. Loredano . Nennt's rücksichtsvoll vielmehr, daß man der Sorge Ihn um den Staat enthebt. Barbarigo . Es wird das Herz Ihm brechen, glaubt's! Loredano . In seinem Alter bricht Ein Herz nicht mehr. Er sah das seines Sohns Gebrochen halb, und außer einem Anfall Von Schwäche, die in dessen Kerker ihn Erfaßt, blieb er sich gleich. Barbarigo . Nach Außen, ja, Das geb' ich zu. Doch sah ich manchmal ihn In einer Ruh', die so des Trostes baar, Daß selbst der allerlautste Schmerz an ihm Nichts zu beneiden fand. – Wo ist er jetzt? Loredano . In seinem eignen Antheil des Palasts Mit seinem Sohne und dem ganzen Haus Der Foscari's. Barbarigo . Um Abschied wol zu nehmen? Loredano . Den letzten, ja! Bald soll er Abschied nehmen Auch von dem Dogenthum. Barbarigo . Wann schifft der Sohn Sich ein? Loredano . So bald der lange Abschied dort Zu End'. 'S wird Zeit sein, sie aufs Neu' zu mahnen. Barbarigo . Laßt's gehn! Nehmt ihnen nichts von dem Moment. Loredano . O nein! wir haben Höheres zu thun. Heut' soll der letzte Tag sein, wo der Alte Als Doge herrscht, wie er der erste war Von seines Sohns Exil – das heiß' ich Rache! Barbarigo . Für mein Gefühl ist sie zu stark. Loredano . Sie ist Doch mäßig nur, nicht einmal Kopf um Kopf, Dies alte Rachemaß! Sie sind mir noch Das Leben meines Vaters, Oheims schuldig. Barbarigo . Hat nicht, der Doge es bestimmt geläugnet? Loredano . Gewiß. Barbarigo . Und hat dies Euern Argwohn nicht Erschüttert? Loredano . Nein! Barbarigo . Wenn die Entsetzung aber Durch unsrer Beider Einfluß auf den Rath Platz greifen soll, muß mit der Rücksicht sie Geschehn, die seinem Alter wir und Rang Und seinen Thaten schuldig sind. Loredano . So viel Der Förmlichkeit, als Ihr nur immer wollt, Wenn nur die Sache vor sich geht. Der Rath Mag auf den Knieen meinetwegen ihn (Wie Barbarossa einst den Papst) ersuchen, Daß er die Güte habe, abzudanken. Barbarigo . Doch wie, wenn er nicht will? Loredano . So wählen doch Wir einen Andern und erklären ihn Für Null. Barbarigo . Wird das Gesetz uns unterstützen? Loredano . Was da, Gesetz? Die Zehn sind das Gesetz; Und wär' es nicht, will ich für diesen Fall Der Geber des Gesetzes sein. Barbarigo . Auf Eure Verantwortung? Loredano . Hier gibt es keine, sag' Ich Euch. Wir haben wol die Macht dazu. Barbarigo . Doch bat um die Erlaubniß zwei Mal er, Zurück sich ziehn zu dürfen, und man hat's Ihm beide Mal versagt. Loredano . Grund um so mehr, Beim dritten Mal es nicht mehr zu versagen. Barbarigo . Wenn er nicht bittet drum? Loredano . Nun, so beweist's, Daß seine frühern Bitten Eindruck doch Gemacht. Wenn sie von Herzen kamen, wird Er dankbar sein; wo nicht, ist's eine Strafe Für seine Heuchelei. – Kommt, sie sind jetzt Beisammen wol; gehn wir in ihre Mitte. Streb' du dies eine Mal noch fest zum Ziel; Ich habe Gründe vorbereitet, die Gewiß sie an - und ihn ver treiben sollen. Wenn wir erst wissen, was sie davon halten Und was sie etwa einzuwenden haben, So bringt nur Ihr mit Eurer Zweifelsucht Kein Hemmniß her, und Alles wird gelingen. Barbarigo . Wüßt' ich gewiß, daß dies kein Vorspiel ist, Um dann den Vater ähnlich zu verfolgen, Wie mit dem Sohn man es gemacht, so wollt' Ich gern Euch unterstützen. Loredana . Er ist sicher, Ich sag' es Euch. Mit seinen fünf und achtzig Mag er, so lang' er will, sich weiter schleppen. Ich ziele nur nach seinem Thron. Barbarigo . Jedoch Entthronte Fürsten leben selten lang'. Loredano . Und Achtziger noch seltener. Barbarigo . Nun denn, Warum die wen'gen Jahre nicht noch warten. Loredano . Wir warteten schon lang' genug, und er Hat lang' genug gelebt. – Fort in den Rath! (Loredano und Barbarigo ab.) Memmo und ein Senator treten auf. Senator . Berufen zu den Zehn! Weshalb? Memmo . Die Zehn Allein vermöchten Das zu sagen; doch Sie pflegen ihre Absicht niemals lang' Voraus zu künden, eh' sie sie betreiben. Wir sind berufen, und das ist genug. Senator . Für sie, doch nicht für uns. Ich möchte wissen, Weshalb. Memmo . Das werdet Ihr sofort erfahren, Wenn Ihr gehorcht; wo nicht, so werdet gleichfalls Erfahren Ihr, warum Ihr's hättet sollen. Senator . Ich bin es nicht gemeint zu widerstreben. Jedoch – Memmo . Ein jed' »Jedoch« heißt hier Verräther. Laßt die Jedochs, wenn Ihr die Brücke nicht Betreten wollt, die Wen'ge gehn zurück. Senator . Ich schweig'. Memmo . Weshalb dann säumig sein? Es haben Die Zehn, um sie im Rath zu unterstützen, Zwei Dutzend Nobili aus dem Senat Sich beigesellt, Ihr seid und ich, darunter; Und wie mir scheint, ehrt uns die Wahl, die uns. In einen so erhab'nen Körper ruft. Senator . Sehr wahr. Ich, sag' nichts mehr. Memmo . Und da wir hoffen, Und Alle ja – ich meine Alle, die Von edlem Blut – auch billig hoffen dürfen, Einst Einer von den Zehn zu sein, so ist's Für die von dem Senat gewählten Edeln Nur eine Weisheitsschule, wenn sie so, Ob als Novizen auch, berufen sind, Um die Geheimnisse zu schaun. Senator . Laßt uns Sie schauen denn! Sie sind der Mühe werth, Ich bin's gewiß. Memmo . Ja, unser Leben werth, Wenn wir sie weiter sagen, und darum Für Euch und mich wol etwas werth. Senator . Ich hab' Um einen Platz in jenem Heiligthum Nicht nachgesucht; doch da man mich erwählt, Ob gegen meinen Willen auch, so werd' Ich. thun, was meine Pflicht. Memmo . Wir wollen als Die letzten nicht, dem Ruf der Zehn gehorchen. Senator . Noch sind nicht Alle da, doch theile ich Ganz Eure Ansicht drob. Laßt uns hinein. Memmo . Die Ersten sind bei ernstem Rath die Liebsten, Wir wollen nicht die Wenigstlieben sein. (Beide ab.) Der Doge, Jacopo Fascai und Marina treten auf. Jacopo Foscari . Ach Vater! muß und will ich scheiden, So bitt' ich doch, verschaff' die Gnade mir, Daß einst ich wieder heimwärts kehren darf, Sei es auch noch so spät. Ein Zeitpunkt sei Als Leuchtthurm aufgerichtet für mein Herz, Und sei er auch verknüpft mit jeder Buße, Ein Zeitpunkt, wo ich wiederkommen darf. Doge . Sohn Jacopo! gehorch' dem Landeswillen, Wir dürfen vorerst nicht nach Weitrem schaun. Jacopo Foscari . Doch rückwärts muß ich schaun. Ich bitte dich, Gedenke mein. Doge . Du warst mein liebstes Kind, Als ich noch viele hatt', wie könntest du. Mir wen'ger sein, seit du mein letztes bist? Doch wenn der Staat die ausgegrabene Asche Von deinen Brüdern, die im Grabe ruhn, In die Verbannung schicken wollt' und wenn Verzweiflungsvoll ihr Schatten mich umschwebte, Einhalt zu thun dem Werk, so müßt' ich doch Der Pflicht gehorchen, die all andre Pflicht Weit überragt. Marina . Mein Gatte, komm! Dies kann Ja nur verlängern unsern Schmerz. Jacopo Foscari . Man hat Uns ja noch nicht gemahnt. Die Segel der Galeeren sind noch nicht gelöst. Wer weiß, Noch ändern kann der Wind. Marina . Und wenn er's thut, Das ändert ihr Herz nicht, noch unser Loos, Das Steuer wird den Hafen bald verlassen. Jacopo Foscari . O Elemente, wo bleibt euer Sturm? Marina . Im Menschenherz. Kann nichts dir Ruhe geben? Jacopo Foscari . Nie richtete der Schiffer heiß'res Flehn Um günst'gen Wind an seinen Schutzpatron, Als ich an euch, Schutzheil'ge meiner Stadt, – Die ihr mit heil'grer Liebe nicht umfangt Als ich – jetzt richt', daß ihr der Adria Gewässer los laßt aus der Tiefe und Den Südwind reizt, des Sturmes mächt'gen Herrn. Bis mich die See zurück ans Ufer wirft Zerschellt als Leiche an das öde Lido, Mich mit dem Sand zu mischen dort, der säumt Das theure Land, das ich soll nicht mehr schaun. Marina . Und wünsch'st du dies, da ich doch bei dir bin? Jacopo Foscari . Nein, nicht für dich, du Gute, Allzuliebe! Mögst lang' du leben, um die Kinder noch, Die deine treue Lieb' für ein'ge Zeit Der Stütz' beraubt, als Mutter zu erziehn. Für mich jedoch mög' jeder Himmelswind Den Golf durchheulen und das Schiff zerwehn, Bis das erschrock'ne Schiffervolk zuletzt Auf mich das Auge in Verzweiflung, richtet, Wie einst die Tyrier mit Jonas thaten, Und mich, die Wogen zu besänftigen Als Opfer stürzt ins Meer. Dann wird die Well' Die mich erfaßt, mitleid'ger als der Mensch, Ans Heimatufer, wenn auch todt, mich tragen Und Fischervolk verscharren mich am Strand Der unter tausend Wrecks nicht eins bewahrt, Das so zertrümmert ist wie dieses Herz. Doch warum bricht es nicht? Was leb' ich noch? Marina . Um mit der Zeit dich zu ermannen, hoff' ich, Um Meister dieser Leidenschaft zu werden, Die doch nichts nützt. Bis jetzt warst du ein Dulder Und klagtest nicht; was ist doch gegen Folter Und Kerkerhaft, die schweigend du ertrugst, Des neue Leid? Jacopo Foscari . Drei – zehenfache Folter! Doch du hast Recht, sie muß ertragen werden, Gebt, Vater, Euern Segen mir. Doge . Ich wollt', Er nützte dir, doch gleichwol, nimm ihn hin! Jacopo Foscari . Vergib! Doge . Was? Jacopo Foscari . Meiner armen Mutter, daß Sie mich gebar, und mir, daß ich gelebt, Und Euch – wie ich es thu – daß Ihr das Leben Mir als mein Vater gabt. Marina . Was thatest du? Jacopo Foscari . Ich? Nichts! Ich habe wenig sonst in der Erinnerung als Schmerz und Gram; allein Ich ward so über das gewohnte Maß Hinaus gezüchtigt, heimgesucht, daß ich Für schlecht mich notgedrungen halten muß. Wenn es so ist, so möge, was ich hier Ertrug, vor Aehnlichem mich künftighin Bewahren. Marina . Fürchte nichts! Das ist für die Gespart, die dich gequält. Jacopo Foscari . Ich will's nicht hoffen. Marina . Nicht hoffen? Jacopo Foscari . Nein! Ich kann, was mir sie thaten, Nicht Alles ihnen wünschen. Marina . Alles, Alles Wünsch' diesen Teufeln ich! Mög' tausendfach Der Wurm, der niemals stirbt, an ihnen nagen! Jacopo Foscari . Sie können noch bereun. Marina . Und wenn sie's thun, So wird doch Gott der Teufel späte Reu Nicht gelten lassen. Ein Officier mit Wache tritt auf. Officier . Herr! Das Boot liegt am Gestad', der Wind hebt an, wir sind bereit Euch zu geleiten. Jacop Foscari . Und ich – mitzugehn. Noch einmal, Vater, deine Hand. Doge . Hier, Sohn! Ach wie die deine, zittert! Jacop Foscari . Nein! du irrst. Die deine zittert, Vater! – Lebe wohl! Doge . Leb' wohl! Ist noch etwas – ? Jacop Foscari . Nein! nichts. – Gebt mir Den Arm, mein lieber Herr. dem Officier.) Officier . Ihr werdet blaß. Ich will Euch führen – o wie blaß – he, Hilfe! bringt Wasser! Marina . Ach! er stirbt! Jacop Foscari . Ich bin bereit. Es schwimmt so seltsam mir – vor'm Aug'. Wo ist Die Thüre? Marina . Weg! – Ich will dich führen, Liebster! O Gott, wie schwach schlägt dieses Herz! – der Puls!! Jacop Foscari . Licht! Licht! Wo ist das Licht? – Mir ist so schwach. Officier . Vielleicht wird in der Luft es besser werden. Jacop Foscari . Ich zweifle nicht – Weib – Vater! – eure Hände! Marina . In, diesem feuchten zähen Griffe sitzt Der Tod: O Gott! Mein Foscari! Wie geht's? Jacop Foscari . Gut – gut! ( stirbt.) Officier . Er ist dahin. Doge . Und frei. Marina . Nein, nein! Er ist nicht todt! In diesem Herzen muß Noch Leben sein. Er konnte so mich nicht Verlassen. Doge . Tochter! sei – Marina . Schweig, alter Mann! Ich bin nicht Tochter mehr – dein Sohn ist ja Dahin. – O Foscari! Officier . Wir werden ihn Fortschaffen müssen. Marina . Halt, rührt ihn nicht an! Ihr Kerkerschergen! euer schuft'ger Dienst Hat mit dem Leben auch sein End', und geht Selbst unter eurem Mordgesetz nicht weiter Als bis zum Mord. Laßt diese Reste nur Den Händen, die zu ehren sie verstehn. Officier . Ich muß dem Rath es melden, um zu hören, Was er befiehlt. Doge . Künd' deinem Rath von mir, Dem Dogen an, daß keine Macht er mehr An diese Asche hab'. So lang' er lebte, Gehört' er ihm, wie es dem Unterthan Gebührt. Jetzt ist er mein! – Mein armer Sohn, Dem sie das Herz gebrochen! (Der Officier ab.) Marina . Ach! Und ich Muß leben! Doge . Deine Kinder leben, Tochter! Marina . Ja, meine Kinder leben und auch ich Muß leben, um sie zu erziehn, daß sie Dem Staat sich weihn und sterben wie ihr Vater. O welch ein Segen wär' Unfruchtbarkeit In dem Venedig hier! Hätt' sie beglückt Auch meine Mutter doch! Doge . O meine Kinder! O meine unglücksel'gen Kinder! Marina . Wie? Ihr fühlt es endlich? – Ihr? Wo ist er nun, Der Stoiker des Staats? Doge (wirft sich neben den Leichnam seines Sohnes). Hier! Marina . Ja, wein'! Ich glaubte erst, du habest keine Thränen. Du hast sie aufgespart, bis sie umsonst. Doch weine nur – er weint ja nimmer mehr! O nimmer – nimmer mehr! Loredano und Barbarigo treten auf. Loredano . Was gibt es hier? Marina . Der Teufel kommt, die Todten zu beschimpfen. Hinweg, du eingefleischter Satanas! Dies hier ist heil'ger Grund! Ihn decket jetzt Die Asche eines Märtyrers, und macht Zum Altar ihn. Geh' heim nach deinem Ort Der Qual! Barbarigo . Wir wußten nichts, Signora, von Dem traur'gen Fall. Der Zufall führte uns Auf unsrem Weg vom Rathe hier vorbei. Marina . Geht, geht! Loredano . Den Dogen suchten wir. Marina (zeigt auf den Dogen, der noch am Boden neben der Leiche seines Sohnes liegt). Er ist Beschäftigt wie ihr seht, – mit dem Geschäft, Das ihr für ihn zurecht gemacht. Seid ihr Zufrieden nun? Barbarigo . Wir sind es nicht gemeint, In seinem Schmerz zu stören einen Vater. Marina . O nein! ihr macht nur Schmerz, dann laßt ihr uns Darin. Doge (erhebt sich). Ich bin bereit, ihr Herrn. Barbarigo . Nein, nein! Nicht jetzt. Loredano . Doch war's ein wichtig Ding. Doge . Wenn so, So kann ich wiederholen nur: ich bin Bereit. Barbarigo . Jetzt soll's nicht sein, und wenn Venedig Wie ein zerbrechlich Schiff im Meere schwankte! Ich achte Euern Gram. Doge . Ich danke Euch. Wenn Ihr mir üble Zeitung bringt, so sagt Sie nur. Mich rührt sie jetzt nicht mehr als ihn, Den Ihr hier seht. Und ist sie gut, so sprecht Nur zu; Ihr braucht zu fürchten nicht, daß sie Mich trösten kann. Barbarigo . Ich wollt', sie könnte es! Doge . Ich sprech' zu Loredano, nicht zu Euch, Und er versteht mich. Marina . Ha, ich dachte mir's, Daß es so würde sein! Doge . Was meinst du? Marina . Da! Schau her! Es fängt das Blut zu fließen an Aus meines Foscari erstarrtem Mund. Das Blut fließt in des Mörders Gegenwart. (Zu Loredano) feiger Mörder an Gesetzes Hand! Sieh, wie der Tod selbst zeugt von deiner That! Doge . Mein Kind, das ist ein Wahngebild des Grams. Tragt ihn hinweg. den Dienern.) Ihr Herrn, wenn's euch gefällt, Will ich in einer Stunde euch vernehmen. Der Doge, Marina und die Diener mit dem Leichnam gehen ab. Barbarigo . Er darf jetzt nicht belästigt werden. Loredano . Doch! Hat er nicht selbst gesagt, nichts rühr' ihn an? Barbarigo . Das sind nur Worte; Schmerz braucht Einsamkeit. Ihn stören, hieße Barbarei. Loredano . Der Gram Nährt sich von seiner Einsamkeit; nichts wendet Ihn besser ab von trübem Traumgesicht Aus jener Welt, als wenn man manchmal ihn Zurück in diese wieder ruft. Der Mann Der Thätigkeit hat keine Zeit zu Thränen. Barbarigo . Und darum wollt den alten Mann Ihr jetzt Jedweder Thätigkeit berauben? Loredano . Nun, Beschlossen ist's einmal. Die Giunta und Die Zehn erhoben's zum Gesetz. Wer kann Sich dem Gesetz entgegen stellen? Barbarigo . Wer? Die Menschlichkeit. Loredano . Weil ihm der Sohn gestorben? Barbarigo . Und nicht einmal beerdigt noch. Loredano . Wenn wir Dies wußten, als die Sache noch im Gang, So hätte wol ein Aufschub gelten mögen, Nun, da sie fertig, ändert dies sie nicht. Barbarigo . Ich gebe meine Stimme nicht, Loredano . Ihr habt Zu allem Wesentlichen zugestimmt. Jetzt überlaßt das Weit're mir. Barbarigo . Warum Denn jetzt auf seine Thronentsagung drängen? Loredano . Des Einzelnen Gefühl darf nimmermehr Das, was dem Allgemeinen frommt, verhindern; Und was der Staat am heut'gen Tag beschließt, Darf morgen nicht zu Boden wieder fallen, Weil ein natürliches Ereigniß kam. Barbarigo . Ihr selbst habt einen Sohn. Loredano . Jawol, und hatt' Auch einen Vater einst. Barbarigo . Wie? immer noch So unerbittlich? Loredano . Immer noch. Barbarigo . So laßt Ihn wenigstens begraben seinen Sohn, Eh' wir mit dem Beschlusse ihn bedrängen. Loredano . Wenn er den Vater mir ins Leben ruft, Den Ohm, so stimm' ich zu. Man kann, wenn auch Bejahrt, von hundert Söhnen Vater sein, Kann scheinen so, und doch nicht ein Atom Von seinen Ahnen mehr dem Grab entreißen. Das Opfer ist nicht gleich: er sah die Söhne An Todesarten, die natürlich, sterben, Ich meine Väter an geheimnißvollem, Gewaltsamem Erkranken. Keines Gifts Bedient' ich mich, bestach auch keinen Meister In der zerstörungsschwangern Kunst des. Heilens, Um ihm den Weg zum ew'gen Heil zu kürzen. Und seine Söhn' – er hatte deren vier – Sind weggestorben, ohne daß ich mich Mit bösen Tränklein hab' befaßt. Barbarigo . Und bist Du denn gewiß, daß er damit sich einst Befaßt? Loredano . Vollkommen. Barbarigo . Und er scheint doch ganz Nur Offenheit zu sein. Loredano . Ja, so erschien Erst kürzlich er dem Carmagnuola auch. Barbarigo . Dem fremden, überwiesenen Verräther? Loredano . Denselben mein' ich. Als er nach der Nacht, Wo mit dem Dogen im Verein die Zehn Sein Todesurtheil festgestellt, den Dogen Bei Tagesanbruch traf und scherzend frug: Ob er ihm guten Tag dürf' wünschen oder Gut' Nacht? erwiderte der Doge ihm: Er habe in der That die Nacht durchwacht. In welcher – fügt' er artig lächelnd bei – Von ihm gar oft die Rede sei gewesen. Geschichtlich. Siehe Daru Bd. 2. So war es auch! Die Rede war vom Tod Des Carmagnuola damals schon gewesen, Den man beschloß, acht Monde eh' er starb. Der Doge, der ihn doch verurtheilt wußt', Er lächelte acht Monde lang ihm zu, Acht Monde Heuchelei, wie man sie nur Mit achtzig lernt. – und Carmagnuola starb. So that jetzt auch der junge Foscari Und seine Brüder, doch ich lächelte Nie über ihren Tod. Barbarigo . War Carmagnuola Befreundet Euch? Loredano . Er war der Schirm der Stadt: In seiner Jugend zwar ihr Feind, jedoch In seinem Mannesalter erst ihr Retter, Ihr Opfer dann. Barbarigo . Ach das scheint stets die Strafe Dafür zu sein, daß Städte man errettet. Der, gegen den wir handeln, rettete Die Stadt nicht nur, er fügte andre Städte Noch ihrer Herrschaft bei. Loredano . Die Römer (und Wir äffen sie ja nach) ertheilten Dem, Der eine Stadt erobert, eine Kron' Und eine Kron' auch Dem. der einen Bürger Im Treffen rettete. Der Lohn war gleich. Wenn wir die Städte nun, die Foscari Für uns gewonnen, durch die Bürger all, Die er zu Grunde schon gerichtet hat, Aufwägen wollten, spräche furchtbar laut Die Rechnung gegen ihn; wenn auch beschränkt Auf solchen Sonder-Hader nur, wie einst Er zwischen ihm und meinem Vater gohr. Barbarigo . Ihr seid entschlossen denn? Loredano . Was sollt' Mich anders stimmen? Barbarigo . Was mich anders stimmte. Ihr aber seid wie Marmor, und bewahrt Den Haß. Wenn Alles dann vollendet ist, Der alte Mann entsetzt, beschimpft sein Namen, Die Söhne alle todt, sein Haus gefallen Und Ihr und Eures Herr, wie schlaft Ihr dann? Loredano . Gesünder weit! Barbarigo . Ihr irrt, und werdet's sehn, Eh' Ihr bei Euern Vätern schlafen geht. Loredano . Sie schlafen nicht in dem verfrühten Grab Und werden's nicht, bis Foscari es füllt. Ich schau' sie jede Nacht, wie um mein Lager Sie grollend ziehn und gegen den Palast Des Dogen deutend, mich zur Rache spornen. Barbarigo . Krankhafte Phantasie! Es gibt ja nichts, Was mehr in Traumgestalten macht als Haß. Sein Gegentheil sogar, die Liebe, füllt Die Luft mit Wahngebilden nicht so sehr, Wie diese Herzenstollheit thut. Ein Officier tritt auf. Loredano . Wohin, Signor? Officier . Ich eile auf Befehl des Dogen Die Beisetzung des jungen Foscari Ins Werk zu setzen, Herr. Barbarigo . Ihr Grabgewölbe Ward oftmals in der letzten Zeit geöffnet. Loredano . Bald wird es voll sein und für immer dann Geschlossen werden. Officier . Kann ich gehn? Loredano . Ihr könnt's. Barbarigo . Wie trägt der Doge diesen letzten Schlag? Officier . Mit der Verzweiflung Festigkeit. Wenn Andre Zugegen sind, bleibt seine Lippe stumm, Doch manchmal seh' ich, wie sie sich bewegt; Und einmal oder zweimal hörte ich Vom Nebenzimmer aus, wie er die Worte: »Mein Sohn! mein Sohn!« doch hörbar kaum gemurmelt. Doch ich muß fort. (Officier ab.) Barbarigo . Der Schlag wird ganz Venedig Zu seinen Gunsten stimmen. Loredano . Richtig, Freund! Wir müssen eilen drum; und wollen jetzt Die Herrn zusammenrufen, die ihm den Beschluß des Rathes zu eröffnen haben. Barbarigo . Ich protestir' dagegen, daß dies jetzt Geschieht. Loredano . Wie Euch beliebt! Die Stimmen werd' Ich gleichwol sammeln drob; da wird sich zeigen, Ob Eure schwerer oder meine fällt. (Barbarigo und Loredano ab) Fünfter Act. Erster Auftritt Gemach des Dogen. Der Doge und ein Diener. Diener . Hoheit! des Rathes Abgesandte harren; Doch sagen sie, wenn Euch 'ne andre Stunde Genehmer wär', sei Euer Wille ihrer. Doge . Für mich sind alle Stunden gleich. Laßt sie Herein. (Der Diener ab.) Officier . Mein Fürst! ich that, was Ihr befahlt. Doge .. Wie war doch der Befehl? Officier . Ein trauriger. Ich sollte das Geleite des – Doge . Ja so! Ja, ja! Ich bitte um Entschuldigung. Es scheint, die Fassungskraft will mich verlassen. Ich werde alt – so alt fast, wie ich bin. Bis jetzt wußt' ich die Jahre zu bezwingen, Doch nun gewinnen sie die Oberhand. Die Deputation tritt ein. Sie besteht aus sechs Mitgliedern des großen Rathes und dem Präsidenten der Zehen. Doge . Was steht zu eurem Dienste, edle Herren? Präsident . In erster Linie drückt der Rath dem Dogen Sein Mitgefühl mit dessen letztem Leid – Doge . Genug! – genug davon! Präsident . Nimmt diesen Ausdruck Der Hochachtung des Dogen Herz nicht an? Doge . Ich nehm' ihn an, wie er gegeben. – Weiter! Präsident . Nachdem die Zehn mit einer vom Senat Gewählten Kommission von fünfundzwanzig Der ersten Nobili die ernste Lage Des Staates in Betracht gezogen hat, Wie auch die schweren Sorgen, die Euch jetzt Zweifach bedrücken müssen bei den Jahren, Die Ihr so lange Eurem Land geweiht, So haben sie für passend es erachtet, Mit aller Ehrfurcht Eure Weisheit (die, Erwägt sie's recht, uns Beifall geben muß) Nun zu ersuchen, auf den Dogenring, Den Ihr so lang und ehrenvoll getragen, Verzicht zu leisten. Zum Beweis, daß sie Nicht undankbar noch kalt für Eure Dienste Und Alter sind, gewähren sie Euch noch Zweihundert Golddukaten Ruhgehalt, Damit so glänzend. Euer Rücktritt sei, Als wenn ein Fürst zur Ruhe sich begibt. Doge . Hab' ich euch recht gehört? Präsident . Muß ich es noch- Mals sagen? Doge . Nein. – Seid Ihr zu Ende? Präsident . Ja. Wir lassen vierundzwanzig Stunden Euch, Die Antwort draus zu geben. Doge . Kaum so viel' Sekunden braucht's. Präsident . Wir ziehn uns jetzt zurück. Doge . Bleibt nur! denn vierundzwanzig Stunden werden An dem, was ich zu sagen hab', nichts ändern. Präsident . So sprecht! Doge . Als zwei Mal früher ich den Wunsch Euch kund gethan, mich von dem Dienst zurückzuziehn, ward mir's versagt; ja nicht nur dies: Ihr nahmt mir damals einen Eid selbst ab, Daß ich die Bitte nie erneuern woll'. Ich hab' geschworen, in dem Vollbetrieb Des Amts, wozu mein Land mich rief, zu sterben, Auf meine Ehre und auf mein Gewissen. Ich kann nicht brechen meinen Eid. Präsident . Wollt nicht Uns zwingen, zu befehlen Euch, statt daß Ihr unsern Wunsch erfüllt. Doge . Die Vorsehung Verlängert meine Tage, mich zu prüfen, Zu züchtigen. Doch Ihr habt nicht das Recht, Mir dieser Tage Länge vorzuwerfen, Da jede Stund' dem Land gewidmet war. Ich bin bereit, mein Leben ihm zu geben, Wie ich's mit Theurerem bereits gethan. Doch meine Dogenwürde hab' ich von Der ganzen Republik. Wenn sich der Wille Des ganzen Volks mir offenbart, dann werd' Ich euch entsprechen ganz. Präsident . Es thut uns leid, Daß eine bess're Antwort Ihr nicht habt. Allein es hilft Euch nichts. Doge . Ich unterwerfe Mich jedem Ding; doch thu' ich keinen Schritt Von selbst; nein – nie! Was ihr befehlen wollt. – Befehlt's! Präsident . So müssen wir mit dem Bescheid Zu denen, die uns hergesandt, zurück? Doge . Ihr hörtet mich. Präsident . Mit aller Ehrfurcht ziehn Wir uns zurück. (Die Deputation geht ab.) Ein Diener tritt auf. Diener . Hoheit! die edle Frau Marina bittet um Gehör. Doge . Ich steh' Zu Dienst. Marina tritt auf. Marina . Hoheit! wenn ich Euch stör' – vielleicht Ihr wäret gern allein. Doge . Allein?! Allein Bin immer ich, und käm' die ganze Welt Zu mir. Doch wollen wir's ertragen. Marina . Ja! Wir wollen's, und um Derer willen, die Noch sind, uns Mühe geben – ach! mein Gatte! Doge . Schick dich darein! Ich kann nicht trösten dich. Marina . Er hätte doch – so' liebend, so geliebt So wie gemacht für das Familienleben – Gebar ein ander Land ihn, leben können! Wer wäre so beglückt gewesen, so Beglückend als mein Foscari? Nichts fehlte Zu seinem, meinem Glück, als daß er nicht Ein Venezianer war. Doge . Noch Fürstensohn. Marina . Ja, Alles was die Menschen sonst beglückt Und hohem Ehrgeiz selbst Befried'gung gibt, Ward tödtlich ihm durch seltsames Geschick: Das Land und Volk, das er geliebt, der Fürst. Deß Erstgeborener er war, und der – Doge . Zum längsten nun ein Fürst gewesen ist. Marina . Wie das? Doge . Sie nahmen mir den Sohn. Nun gilt's Dem allzulang getrag'nen Diadem Und Ring. Sie mögen nur das Spielzeug nehmen. Marina . O die Tyrannen! und in solcher Stunde! Doge . Das ist die rechte Zeit; nur eine Stunde Zuvor hätt' ich's gefühlt. Marina . Und werdet Ihr's Eintränken nicht den Buben? O nur Rache! Doch Er, der selbst gehörig nur geschützt, Jetzt wieder Schutz Euch geben könnt', er kann Dem Vater nicht mehr helfen. Doge . Und er dürft's Auch nicht entgegen seinem Vaterland, Und hätt' er tausend Leben statt des einen – Marina . Das sie ihm todt gefoltert! Gut! dies mag Der reinste Patriotismus sein, doch ich Bin Weib: mein Gatte, meine Kinder, waren Mir Vaterland und Heim; ihn liebte ich, Wie liebt' ich ihn! Ich sah, wie er bestand Ein Martyrthum, wovor zurückgebebt; Die alten Märtyrer. Er ist dahin! Und ich, die gern mein Blut für ihn gegeben, Dürft' ihm nur Thränen weihn. O könnt' ich nur Heimgeben einst, was er erdulden mußte! Nun, nun! ich habe Söhne, die einst Männer – Doge . Der Schmerz verwirrt dich ganz! Marina . Ich glaubt', ich trüg's, Als ich durch solchen Druck gebeugt ihn sah; Ich glaubt', ich könnte eher todt ihn sehn, Als in so langer Haft. Ich bin gestraft Für den Gedanken nun! Ich wollt', ich läg' Im Grab bei ihm! Doge . Ich muß ihn nochmals sehn. Marina . Kommt mit. Doge . Ist er – Marina .. Ach unser Hochzeitbett Ist seine Bahre nun! Doge . Und Jacopo Liegt in dem Leichentuch! Marina . Kommt, alter Mann! (Der Doge und Marina ab.) Barbarigo und Loredano treten auf. Barbarigo (zu einem Diener) . Wo ist der Doge? Diener . Eben hat er sich Mit der erlauchten Wittwe seines Sohns Von hier entfernt. Loredano . Wohin? Diener . Nach dem Gemach, Wo dessen Leichnam ruht. Barbarigo . So gehn wir wieder. Loredano . Ihr dürft das nicht, bedenkt: wir haben den Ausdrücklichen Befehl der Giunta, sie Hier zu erwarten, und bei der Verhandlung Zu ihr zu stehn. Sie werden gleich nach uns Erscheinen hier. Barbarigo . Und werden sie den Dogen Zu solcher Antwort zwingen, wie sie wünschen? Loredano . Er wollte selbst, daß Alles rasch geschehe, Er gab die Antwort rasch; man muß jetzt ihm Das Gleiche thun. Die Würde bleibt ihm ja, Für sein Bedürfniß ist gesorgt; was will Er mehr? Barbarigo . In seinem Herzogsmantel sterben! Er hätte nicht mehr lang' gelebt. Ich that, Was ich gekonnt, die Ehren ihm zu retten, Und widersetzte mich dem Plan bis ganz Zuletzt, jedoch umsonst. Warum hat man Mich auserwählt, mit Euch hierherzugehn? Loredano . Weil man's für passend hielt, daß Einer, der 'Ne andre Ansicht aussprach, Zeuge sei, Damit nicht böse Zungen flüstern könnten, Die harte Mehrheit fürchte ihre That Vor Andrer Blick zu thun. Barbarigo . Und dann zugleich – Zu glauben hab' ich's Grund – um mich zu strafen Für meinen eiteln Widerstand. Ihr seid Erfind'risch, Loredano, in der Art, Wie Ihr Euch rächt, ja wahrhaft dichterisch, Und in der »Kunst zu hassen« ein Ovid. So dank' ich's Euch – (obschon das eine Sache Von mindrem Werth; doch Haß hat scharfe Augen) – Daß man als Folie für die Eifrigern Dem Auftrag Eurer Giunta mich gesellt, So wenig ich's gewünscht. Loredano . Wie? Meiner Giunta? Barbarigo . Ja, Eurer, denn sie spricht nur Eure Sprache, Harrt Eures Winkes, stimmt Euern Plänen zu Und thut, was Ihr verlangt. Ist sie nicht Eure? Loredano . Ihr redet unbedacht! Es wäre gut, Sie hörten Solches nicht von Euch. Barbarigo . Sie werden's Von lautern Stimmen einst als meiner hören. Schon sind sie über's Uebermaß der Macht Hinaus. Wo aber dies geschieht, erhebt Sich auch im schlechtesten, gemeinsten Staat Die tief verletzte Menschlichkeit, – und hemmt. Loredano . Ihr redet in den Tag hinein. Die Zeit Wird's lehren schon. – Da kommen unsre Leute. Die obige Deputation tritt ein. Präsident . Hat man's dem Dogen angesagt, daß wir Ihn sprechen wollen? Diener . Gleich soll er's erfahren. (Diener ab.) Barbarigo . Der Doge ist bei seinem Sohn. Präsident . Wenn dies Der Fall, so kann man ihn damit verschonen, Bis erst vorüber diese Trauerfeier. Wir kehren heim. Es ist noch morgen Zeit. Loredano (bei Seite zu Barbarigo). Des reichen Mannes Höllenfeuer fall' Euch auf die Zung', unlöschbar! ungelöscht! Ich möchte sie aus ihren Wurzeln reißen, Daß nichts Ihr drüber brächtet mehr als nur Noch blut'ge Seufzer, für dies Fluchgeschwätz. (Laut zu den Andern.) Ihr weise Herr'n, ich bitt', seid nicht zu schnell. Barbarigo . Seid menschlich nur! Loredano . Da kommt der Doge, seht! Der Doge tritt auf. Doge . Ich folge eurem Ruf. Präsident . Wir kommen noch Einmal, zu wiederholen unser erst Gesuch. Doge . Und ich, euch Antwort drauf zu geben. Präsident . Die ist – ? Doge . Die einz'ge, die es gibt; ihr habt Sie schon gehört. Präsident . So hört auch Ihr den letzten Unwiderruflich stehenden Beschluß. Doge . Zur Sache denn, zur Sache denn! ich kenne Von Alters her des Dienstes Form, die süße Vorrede zu dem bittern Akt. – Macht fort! Präsident . Ihr seid nicht Doge mehr; entledigt seid Des herzoglichen Herrschereides ihr; Ablegen sollt Ihr Euer Dogenkleid. Doch Eurer Dienste halb bewilligt Euch Der Staat den früher schon vermeldeten Gehalt. Drei Tage sind zum Auszug Euch Von hier gewährt, bei Strafe, daß man Euch All' Eure Habe confiscirt. Doge . Dies letzte, Ich sag's mit Stolz, vermehrte nicht den Schatz. Präsident . Antwort, Herr Doge! Loredano . Antwort, Foscari! Doge . Wenn ich vorausgesehen, daß mein Alter Dem Staate Nachtheil bringen könnt', so hätte Das Haupt der Republik gewiß sich nicht So undankbar gezeigt, um seine Würde Voranzustellen seinem Vaterland. Doch da dies Leben ihm so viele Jahre Nicht nutzlos war, so hätt' ich gerne ihm Die letzten Augenblicke noch geweiht. Doch da einmal gefaßt ist der Beschluß, So folge ich. Präsident . Wenn Ihr es wünscht, daß man Verläng're Euch die fraglichen drei Tage, So wollen wir zum Zeichen unsrer Achtung Auf acht sie gern' erstrecken. Doge . Nein, Signor! Nicht auf acht Stunden, nicht auf acht Minuten! Hier ist der Herzogsring (nimmt Ring und Mütze ab), das Diadem, So mag die Adria mit einem Andern Vermählen sich! Präsident . Geht nicht so rasch voran! Doge . Ich bin ja alt, Signor, und muß, um nur Langsam voranzukommen, bald mich regen. Mich dünkt, ich seh' ein Antlitz unter euch, Das ich nicht kenn'. – Senator! Euer Name, Der Ihr der Amtstracht nach ein Haupt der Vierzig? Memmo . Ich bin der Sohn von Marco Memmo, Herr. Doge . Ach Euer Vater war mein Freund; doch Söhn' Und Väter sind – – ja, ja! – Heda, Ihr Diener! Diener . Mein Fürst! Doge . Nicht Fürst! das sind des Fürsten Fürsten. (Deutet auf die Deputation der Zehen.) Trefft Anstalt, unverweilt hier auszuziehen. Präsident . Weshalb so schnell? Das gäbe Aergerniß. Doge (zu den Zehen). Dafür habt ihr nur einzustehn, ihr habt's Gewollt. (Zu den Dienern.) Ihr, rührt euch! Es ist eine Last Noch hier, die ihr mit Sorgfalt tragen wollt, Obschon sie jedes Harms enthoben ist. Doch selbst will ich besorgt drum sein. Barbarigo . Er meint Die Leiche seines Sohns. Doge . Und ruft Marina, Mein Kind! Marina tritt auf. Doge . Mach dich bereit, wir sollen trauern An andrem Ort. Marina . An jedem Ort. Doge . So ist's! Jedoch in Freiheit, ohne jene Späher, Die eifersüchtig um die Großen lungern. – Entlassen seid ihr Herrn. Was wollt ihr mehr? Wir gehen; fürchtet ihr etwa, daß wir Mitnehmen den Palast? Die alten Mauern, Zehnmal so alt wie ich – und ich bin alt – Sie dienten euch wie ich; und ich und sie Wir könnten was der Welt davon erzählen. Doch ruf' ich sie nicht an, auf euch zu stürzen, Sonst würden sie's, wie einst die Marmorsäulen Von Dago's Tempeldach auf Simson fielen Und seine Feinde, die Philisterfürsten. Denn solche Macht, glaub' ich, möcht' einem Fluch Wie meiner wär', wol inne wohnen, wenn Von Solchen er herausgefordert wird Wie ihr. Doch fluch' ich nicht. Lebt wohl, ihr Herren! Mög' euer nächster Doge besser sein Als euer jetz'ger ist. Loredano . Der jetzige Heißt Paschal Malipiero. Doge . Erst wenn ich Die Schwelle überschreite dieser Thür. Loredano . San Marco's große Glocke wird sogleich Zu seinem Eingang läuten. Doge . Erd' und Himmel! Ihr werdet widerhallen diesen Klang, Erleben muß ich das! Der erste Doge, Der solchen Schall für seinen Nachmann hört! Da war mein schlimmer Vormann glücklicher, Der finstere Faliero! Diese Schmach Blieb wenigstens dem Mann erspart. Loredano . Wie? Ihr Bedauert den Verräther? Doge . Ich beneid' Den Todten nur. Präsident . Hoheit! wenn Ihr durchaus Erpicht drauf seid, so übereilt zu räumen Den staatlichen Palast, so zieht Euch doch Zum wenigsten auf der geheimen Treppe, Die nach dem Landungsplatze führt, zurück. Doge . Das nicht! Ich steig' vielmehr die gleichen Stufen Hinab, die ich zur Herrschaft einst herauf Gestiegen bin – die Riesentreppe, wo Als Doge damals ich ward eingesetzt. Mich führte mein Verdienst herauf die Stufen, Der Feinde Bosheit treibt mich jetzt hinab. Hier ward vor fünf und dreißig Jahren ich Gekrönt und schritt durch dieses Haus, von dem Ich niemals dachte, wieder gehn zu müssen, Denn als ein Todter! – todt vielleicht, indem Ich dafür, stritt – doch nicht hinausgestoßen Von meinen Bürgern selbst. Doch kommt! Mein Sohn Und ich gehn heute ja zugleich, er in Sein Grab, und ich um meines zu erflehn. Präsident . Wie, Herr? so öffentlich? Doge . Ja, öffentlich Ward ich erwählt; so will ich abgesetzt Auch sein. – Marina, bist du fertig? Marina . Hier, Mein Arm! Doge . Und hier mein Stab; und so gestützt Zieh' ich hinaus. Präsident . Das darf nicht sein. Das Volk Wird's sehn! Doge . Das Volk! Es gibt kein Volk; das wißt Ihr wohl. Sonst würdet ihr es niemals wagen, Mit ihm und mir so umzugehn. Es gibt Nur Pöbel hier, deß Blicke euch vielleicht Mißliebig sind; doch der es nimmer wagt, Euch anders als im Herzen zu verfluchen. Präsident . Ihr sprecht in Leidenschaft, sonst – Doge . Ihr habt Recht. Ich sprach weit mehr, als ich gewöhnlich thu'. 'S ist eine Schwäche, die ich nicht gekannt, Und sie entschuldigt euch, denn sie beweist, Daß ich dem kind'schen Greisenalter nah'; Was eure That rechtfert'gen mag, wenn sie Auch nicht gesetzlich ist. Lebt wohl, ihr Herrn Barbarigo . Ihr sollt nicht scheiden, ohne ein Geleit Wie's Eurem frühern und dem jetz'gen Rang Gebührt. Wir wollen unsern Dogen noch Mit schuld'ger Ehrerbietung bis zu seinem Privatpalast geleiten. Nicht wahr, Brüder, Das thun wir? Mehrere Stimmen . Ja – ja – ja! Doge . Das sollt ihr nicht, In meinem Zuge nicht. Ich trat als Herr Hier ein, als Bürger zieh' ich aus, zwar aus Dem gleichen Thor, jedoch als Bürger nur. All solches eitles Schaugepränge wär' Mir schwere Kränkung nur, die um so mehr Dem Herzen wehe thät, weil so ein Gift Als Gegengift erschien'. Der Pomp gebührt Den Fürsten; ich bin Keiner mehr, das heißt, Ich bin's, doch nur bis an dies Thor. – Ha! (Die große Glocke von San Marco läutet.) Loredano . Horch! Barbarigo . Die Glocke – Präsident . Von San Marco, die die Wahl Herrn Malipiero's kündet. Doge . Wohl erkenn' Ich diesen Klang! Ich hört' ihn schon ein Mal, Das ist nun fünf und dreißig Jahre her, Auch damals war ich schon nicht Jüngling mehr. Barbarigo . Setzt Euch! Ihr zittert, gnäd'ger Herr! Doge . Es ist Die Todtenglocke meines armen Sohns. Mein Herz thut bitter weh! Barbarigo . Ich bitt' Euch, setzt Euch. Doge . Nein! – Mein Sitz hier war bisher ein Thron. Marina, komm! Marina . Sehr gern. Doge (geht einige Schritte und bleibt dann stehen). Mich dürstet sehr. Will Niemand mir ein Glas frisch Wasser bringen? Barbarigo . Ich – Marina . Ich – Loredano . Und ich. (Der Doge nimmt einen Pokal aus Loredano's Hand.) Doge . Ich nehm' es, Loredano, Aus Eurer Hand, die wol die passendste Für diese Stunde ist. Loredano . Wie das? Doge . Man sagt, Daß unser venezianisch Glas dem Gift So antipathisch sei, daß es zerspringe, Wenn etwas Gift'ges es berühr'. Ihr brachtet Den Humpen mir und er sprang nicht. Loredano . Nun denn? Vogt . 'S ist also unwahr, oder Ihr seid wahr. Ich meines Theils trau' allen beiden nicht, 'S ist eine eitle Mähr'. Marina . Ihr sprecht so kraus! Ihr thätet besser wol, Ihr setztet Euch Und ginget noch nicht fort. – O Gott! nun seht Ihr aus, wie es mein Gatte that. Barbarigo . Er sinkt! Herbei! – rasch! – einen Stuhl! – kommt ihm zu Hilfe! Doge . Die Glocke läutet – kommt – mein Hirn ist Feuer! Barbarigo . Ich bitt' Euch, stützet Euch auf mich! Doge . Nein, nein! Ein Fürst soll stehend sterben. – Armer Sohn! Die Arme weg! – O diese Glocke! (Der Doge sinkt um und stirbt.) Marina . Gott! Mein Gott! Barbarigo (zu Loredano) . Seht Euer Werk vollbracht. Präsident . Ist nicht Zu helfen mehr? Ruft nach dem Arzt! Diener . Es ist Vorbei. Präsident . Wenn so, soll seine Leichenfeier So sein, wie's seinem Namen, seinem Haus, Dem Rang und seiner Hingebung gebührt An jede Pflicht des Staats, so lang' sein Alter Es ihm vergönnte, ihr gerecht zu werden. Sagt, Brüder, soll's nicht also sein? Barbarigo . Er hat Das Unglück noch nicht durchgemacht, da, wo Er einst geherrscht, als Unterthan zu sterben, Drum sei sein Leichenfest das eines Fürsten. Präsident . Seid ihr mit einverstanden? Alle (außer Loredano) . Ja. Präsident . So sei Des Himmels Friede nun mit ihm. Marina . Verzeiht, Ihr Herrn, das dünkt mir Hohn. Kein Gaukelspiel Mehr mit dem armen Leib, den eben erst, Da eine Seele noch in ihm gelebt (Und eine Seel', die euer Reich vermehrt Und eure Macht so herrlich hat gemacht, Wie sein Ruhm strahlt) aus dem Palaste hier Verbannt, und mit erbarmungsloser Härte Von seinem Stuhl herabgerissen habt. Nun, da er diese Ehr' nicht mehr erkennt, Noch wenn er könnte, sie verstattete, Nun wollt ihr Herrn mit überflüß'gem Prunk Aus dem ein Schaustück machen, was ihr kaum Zertratet noch? Ein fürstlich Leichenfest Wär' Vorwurf nur für euch, und keine Ehr' Für ihn! Präsident . Wir nehmen nicht so schnell zurück, Was wir bestimmt, Signora. Marina . Ja, das weiß ich, Wenn es das Foltern Lebender betrifft. Doch, dächte ich, die Todten wären euch Entrückt, wenn Manche ohne Zweifel auch Gewalten überliefert sind, die denen, Die ihr auf Erden ausübt, höllisch gleichen. Laßt ihn jetzt mir; ihr hättet mir ja auch Den Bodensatz des Lebens, das ihr ihm So freundlich heute abgekürzt, gelassen. Es ist ja meine letzte Pflicht und mag Mir traur'gen Trost in meinem Jammer geben. Der Gram ist grillenhaft und liebt die Todten Und Grabesputz. Präsident . Und ihr besteht darauf? Marina . So thu ich, Herr! Wenn all sein Hab' und Gut Auch aufgebraucht ward in des Staates Dienst, So hab' ich doch mein Wittthum noch, das ich An seine Leichenfeier rücken will Und sie – (sie stockt erregt.) Präsident . Ihr thätet besser dran, wenn Ihr Für Eure Kinder Euer Gut bewahrtet. Marina . Ja, sie sind vaterlos, ich dank' es euch. Präsident . Wir können Euch die Bitte nicht gewähren. Es sollen seine Reste mit gewohnter Pracht Erst ausgestellt, dann, von dem neuen Dogen, Doch nicht als Doge eingekleidet, als Senator nur, zur Ruh' geleitet werden. Marina . Ich hab' von Mördern sagen hören, daß Sie ihre Opfer eingescharrt, doch nie Bis jetzt, daß so viel heuchlerischen Glanz An die Erschlag'nen sie gerückt. Die Venezianer scheinen ein besonderes Geschick besessen zu haben, ihren Dogen das Herz zu brechen. Ein zweites Beispiel in dieser Richtung bietet die Geschichte des Dogen Marco Barbarigo. Sein Nachfolger war sein Bruder Agostino Barbarigo, dessen Hauptverdienst sich aus folgenden Worten Darn's ergibt. – »Der Doge (Marco Barbarigo), verletzt, in seinem Bruder ständig einen Opponenten und so bittern Gegner zu finden, sagte eines Tags vor dem ganzen Rathe zu ihm: Messire Agostino, Ihr thut was Ihr nur könnt, um meinen Tod zu beschleunigen. Ihr schmeichelt Euch, mein Nachfolger zu werden' wenn die Andern Euch aber so gut kennen, wie ich Euch kenne, werden sie sich wohl hüten Euch zu wählen. – Hierauf erhob er sich voll Zorn und begab sich in sein Kabinet; wenige Tage später starb er. Dieser Bruder, gegen den er so in Zorn gerathen war, wurde gerade sein Nachfolger. Es war ein Verdienst, das man hoch anschlug, besonders bei Verwandten, wenn man sich in Opposition mit dem Haupt der Republik setzte.« Daru, Gesch. v. Venedig, Bd. 2. S. 533. Ich hörte Von Wittwenthränen – und auch ich vergoß Ja deren, Dank auch dafür euch! – ich hörte Von Erben auch in Trauertracht, ihr habt Dem Todten keine mehr gelassen; nun Wollt ihr der Erben Rolle spielen? Gut! Geschehe euer Wille denn, ihr Herrn, Wie einst, ich hoff's, des Himmels Will' geschieht. Präsident . Wißt Ihr, Signora, wem Ihr Solches sagt Und kennt Ihr die Gefahr von solchen Reden? Marina . Ich weiß das Erst're besser als ihr selbst, Das Letztere so gut wie ihr nur selbst, Und biete Beidem Trotz; wollt ihr noch mehr Begräbnisse? Barbarigo . Hört nicht ihr heftig Wort, Ihr Schicksal mög' entschuld'gen ihr Benehmen. Präsident . Wir wollen's nicht beachten. Barbarigo (zu Loredano, der in sein Taschenbuch schreibt). Ei was schreibst Du mit so ernster Stirne in dein Buch? Loredano (deutet auf den Leichnam am Boden). Daß er bezahlt mich hat. L'ha pagata. Geschichtlich. Siehe Geschichte Venedigs von P. Daru Bd. 2, S. 411. – Hier endet das Originalmanuscript. Die zwei weiteren Linien hat Gifford beigefügt. – Auf den Rand schrieb Lord Byron: »Wenn die zwei letzten Zeilen denen dunkel erscheinen sollten, die sich der historischen Tatsache im 1. Act, wo Loredanos Eintrag in sein Buch erwähnt ist, nicht erinnern, so kann man etwa noch folgende Zeilen als Schluß beifügen: Präsident . Wofür bezahlt' Er dich? Loredano . Für meines Vaters Tod, und Ohms Durch seines Sohnes und den eig'nen Tod. – Fragen Sie Gifford deshalb.« Präsident . Für welche Schuld? Loredano . Für eine alte, bei Natur und mir. (Der Vorhang fällt.)