Giacomo Casanova Erinnerungen, Band 3 Übersetzer: Heinrich Conrad Inhalt Erstes Kapitel Ich erhalte ein Nachtlager im Hause des Sbirrenführers. – Ich verbringe dort eine köstliche Nacht und erlange Kräfte und Gesundheit zurück. – Ich gehe in die Messe; peinliches Zusammentreffen. – Ich bin gezwungen, mir mit Gewalt sechs Zechinen zu Verschaffen. – Ich bin außer Gefahr. – Ankunft in München. – Valbis spätere Schicksale. – Ich reise nach Paris. – Meine Ankunft. – Mordversuch gegen Ludwig den Fünfzehnten. Zweites Kapitel Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten. – Der Generalkontrolleur Herr de Boulogne. – Der Herzog von Choiseul. – Der Abbé de la Ville. – Herr du Vernay. – Einrichtung der Lotterie. – Mein Bruder kommt von Dresden nach Paris und wird in die Malerakademie aufgenommen. Drittes Kapitel Graf Tiretta aus Treviso. – Abbé Ceste, – Die angebliche Nichte des Papstes, Gräfin Lambertini, – Tiretra bekommt einen Spitznamen. – Tante und Nichte. – Gespräch am Kaminfeuer. – Hinrichtung des Königsmörders Damiens, – Tiretas Irrtum, – Zorn der Frau *** – Versöhnung. – Ich bin glücklich mit Fräulein de la Meure. – Sylvias Tochter. – Fräulein de la Meure verheiratet sich, – Meine Eifersucht und verzweifelter Entschluß. – Glücklicher Umschlag. Viertes Kapitel Abbé de la Ville. – Abbé Galiani. – Charakter der neapolitanischen Mundart. – Ich reise mit einem geheimen Auftrag nach Dünkirchen. – Ich fahre über Amiens nach Paris zurück. – Unbesonnene Streiche. – Herr de la Bretonnière. – Mein Bericht gefällt; ich erhalte fünfhundert Louis. – Betrachtungen. Fünftes Kapitel Graf de la Tour d'Auvergne und Frau d'Urfé. – Camilla. – Meine Leidenschaft für die Geliebte des Grafen; lächerliches Abenteuer, das mich heilt – Der Graf von St.-Germain Sechstes Kapitel Frau von Urfé macht sich irrtümliche und widerspruchsvolle Begriffe von meiner Gewalt. – Mein Bruder verheiratet sich; ich entwerfe an seinem Hochzeitstag einen neuen Plan. – Ich gehe im Auftrage der Regierung in Geldangelegenheiten nach Holland. – Der Jude Boas gibt mir eine Lehre. – Herr von Affry. – Esther. – Ein anderer Casanova. – Ich finde Teresa Imer wieder. Siebentes Kapitel Mein Glück in Holland. – Ich kehre mit dem jungen Pompeati nach Paris zurück. Achtes Kapitel Schmeichelhafter Empfang von Seiten meiner Gönner. – Frau von Urfé verliert die Besinnung. – Frau X. C. V. und ihre Familie. – Frau du Rumain. Neuntes Kapitel Fortsetzung meiner Liebelei mit dem reizenden Fräulein X. C. V. – Vergebliche Abtreibungsversuche. – Das Aroph. – Flucht des Fräuleins und Eintritt in ein Kloster. Zehntes Kapitel Neue Zwischenfälle. – J.J. Rousseau. – Ich gründe ein Handelsgeschäft. – Castel-Bajac. – Man hängt mir einen Kriminalprozeß an. – Herr von Sartines. Elftes Kapitel Ich werde verhört. – Ich gebe dem Gerichtsschreiber dreihundert Louis. – Die Hebamme und Castel-Bajac werden ins Gefängnis gesetzt. – Fräulein X.C.V. bringt einen Knaben zur Welt und nötigt ihre Mutter, mir Genugtuung zu geben. – Mein Prozeß wird eingestellt. – Fräulein X.C.V. reist nach Brüssel ab und geht mit ihrer Mutter nach Venedig, wo sie eine große Dame wird. – Meine Arbeiterinnen. – Frau Baret. – Ich werde bestohlen, eingesperrt und wieder in Freiheit gesetzt. – Ich reise nach Holland. – Das Buch »vom Geist« von Helvetius. – Piccolomini. Zwölftes Kapitel Porträt der angeblichen Gräfin Piccolomini. – Streit, Zweikampf. – Ich sehe Esther und ihren Vater Herrn d'O. wieder. – Esther ist immer noch von der Kabbala begeistert; gefälschter Wechsel Piccolomims; Folgen. – Ich werde überfallen, und bin in Gefahr, ermordet zu werden. – Orgie mit zwei Paduanerinnen; Folgen davon. – Ich enthülle Esther ein großes Geheimnis. – Ich mache die Umtriebe des Betrügers St.-Germain zuschanden. – Seine Flucht. – Manon Baletti wird mir untreu; sie schreibt mir einen Brief, worin sie mir ihre Heirat meldet; meine Verzweiflung; Esther verbringt einen ganzen Tag mit mir. – Sie erhält Manons Porträt und meine Briefe an diese. – Heiratsgedanken. Dreizehntes Kapitel Ich kläre Esther auf. – Ich reise nach Deutschland. – Mein Abenteuer in der Nähe von Köln. – Die Frau des Bürgermeisters. – Ich mache ihre Eroberung. – Ball in Bonn. – Freundliche Aufnahme von Seiten des Kurfürsten von Köln. – Frühstück in Brühl. – Erste Vertraulichkeit. – Ich erscheine ohne Einladung bei einem Souper des Generals Ketteler. – Ich bin glücklich. – Abreise von Köln. – Die kleine Toscana. – Das Kleinod. – Ankunft in Stuttgart. Vierzehntes Kapitel Das Jahr 1760. – Die Maitresse Gardella. –Porträt des Herzogs von Württemberg. – Mein Diner bei der Gardella und dessen Folgen. – Unglückliche Begegnung. – Ich spiele und verliere viertausend Louis. – Prozeß. – Glückliche Flucht. – Meine Ankunft in Zürich. – Eine Kirche, die von Jesus Christus selbst geweiht worden ist. Fünfzehntes Kapitel Ich beschließe Mönch zu werden. – Ich beichte. – Zwei Wochen Aufschub. – Der abtrünnige Kapuzinermönch Giustiniani. – Ich ändere meinen Entschluß; was mich dazu veranlaßt. – Übermütiger Streich im Gasthof. – Mittagessen mit dem Abt. Sechzehntes Kapitel Meine Abreise von Zürich. – Komisches Erlebnis in Baden. – Solothurn. – Herr von Chavigny. – Herr und Frau von ***. – Ich spiele Komödie. – Ich stelle mich krank, um mein Glück zu beschleunigen. Siebzehntes Kapitel Mein Landhaus. – Frau Dubois, – Die niederträchtige Lahme spielt mir einen bösen Streich. – Meine kummervolle Lage. Achtzehntes Kapitel Fortsetzung des vorigen Kapitels. – Meine Abreise von Solothurn. Neunzehntes Kapitel Bern. – Die Matte. – Frau de la Saone. – Sarah, – Meine Abreise. – Murten. Zwanzigstes Kapitel Albrecht von Haller. – Mein Aufenthalt in Lausanne. – Lord Roxburgh. – Die junge Saconai. – Bemerkungen über die Schönheit. – Die junge Theologin. Einundzwanzigstes Kapitel Herr von Voltaire; meine Unterhaltungen mit dem großen Mann. – Ein Auftritt gelegentlich einiger Verse des Ariosto. – Der Herzog von Villars. – Der Syndikus und die drei Schönen. – Wortgefecht bei Voltaire. – Aix in Savoyen. – Der Marquis Desarmoises. Erstes Kapitel Ich erhalte ein Nachtlager im Hause des Sbirrenführers. – Ich verbringe dort eine köstliche Nacht und erlange Kräfte und Gesundheit zurück. – Ich gehe in die Messe; peinliches Zusammentreffen. – Ich bin gezwungen, mir mit Gewalt sechs Zechinen zu Verschaffen. – Ich bin außer Gefahr. – Ankunft in München. – Valbis spätere Schicksale. – Ich reise nach Paris. – Meine Ankunft. – Mordversuch gegen Ludwig den Fünfzehnten. Als Pater Valbi ziemlich weit fort war, stand ich auf. Ich sah in kurzer Entfernung auf einem Hügel einen Schäfer seine Herde weiden; zu ihm ging ich, um mir einige notwendige Auskünfte zu verschaffen, und fragte ihn: »Lieber Freund, wie heißt dieses Dorf?« »Valdepiadene, gnädiger Herr.« Ich war überrascht; denn ich hatte einen viel größeren Weg zurückgelegt, als ich geglaubt hatte. Ich fragte hierauf nach dem Namen der Besitzer von fünf oder sechs Häusern, die ich in der Runde liegen sah, und zufällig waren es lauter mir bekannte Personen, die ich jedoch nicht durch mein Erscheinen in Ungelegenheiten bringen durfte. Ich fragte ihn auch nach dem Namen eines Palazzos, den ich sah, und er sagte mir, er gehöre der Familie Grimani, deren Oberhaupt, der Staatsinquisitor, sich gerade in jenem Augenblick dort aufhalten mußte; ich hatte mich also sehr in acht zu nehmen und durfte mich dort nicht blicken lassen. Auf meine letzte Frage endlich, wem ein rotes Haus gehörte, das ich in der Ferne sah, antwortete er mir, es gehöre dem sogenannten Capitano della campagna oder mit anderen Worten dem Anführer der Sbirren. Ich war aufs höchste überrascht, aber ich sagte kein Wort weiter, grüßte den guten Schäfer und ging mechanisch hügelabwärts. Noch jetzt kann ich nicht begreifen, welcher Instinkt mich gerade auf dieses Haus zulenkte, von dem mich die Vernunft sowohl wie die Furcht hätte fernhalten sollen. Ich ging stracks auf das Haus los, und ich kann der Wahrheit gemäß versichern, daß dies ohne bestimmten Willen geschah. Wenn es wahr ist, daß jeden Menschen eine unsichtbare Intelligenz lenkt, ein wohltätiger Geist, der uns zum Glück führt, wie es dem Sokrates zuweilen geschah – so muß ich meinem Schutzgeist den unwiderstehlichen Antrieb zuschreiben, der mich in das Haus gerade des Menschen führte, den ich am meisten fürchten mußte. Wie dem auch sei, es war der kühnste Schritt, den ich je in meinem Leben tat. Ohne Zögern und mit völlig unbefangener Miene trat ich ein. Auf dem Hofe sah ich einen kleinen Jungen, der mit einem Kreisel spielte; ich ging zu ihm heran und fragte ihn, wo sein Vater sei. Statt mir zu antworten, rannte das Kind fort und rief seine Mutter, und einen Augenblick darauf sah ich eine sehr hübsche schwangere junge Frau erscheinen, die mich sehr höflich fragte, was ich von ihrem Manne wünsche, der leider nicht zu Hause sei. »Es tut mir recht leid, daß mein Gevatter nicht zu Hause ist; doch ich bin sehr erfreut, in diesem Augenblick die Bekanntschaft seiner schönen Gattin zu machen.« »Ihr Gevatter? Ich spreche also mit Seiner Exzellenz Herrn Vetturi? Er hat mir gesagt, daß Sie die große Güte gehabt und ihm versprochen haben, bei dem Kinde, das ich unter dem Herzen trage, Gevatter stehen zu wollen. Ich bin entzückt, Sie kennen zu lernen, und mein Mann wird untröstlich sein, daß er nicht zu Hause war.« »Ich hoffe, er wird bald zurückkommen, denn ich will ihn bitten, mir für heute nacht Unterkunft zu geben. Ich wage in dem Zustand, in welchem Sie mich sehen, sonst nirgendwo hinzugehen.« »Sie sollen das beste Bett im Hause haben, und ich werde Ihnen ein recht gutes Nachtessen besorgen; mein Mann wird sich bei Eurer Exzellenz für die uns erwiesene Ehre bedanken, sobald er wieder daheim ist. Vor kaum einer Stunde ist er mit allen seinen Leuten fortgegangen, und ich erwarte ihn erst in drei oder vier Tagen zurück.« »Warum wird er denn so lange ausbleiben, meine reizende Gevatterin?« »Wissen Sie denn nicht, daß zwei Gefangene aus den Bleikammern entsprungen sind? Der eine ist ein Patrizier, der andere ein Privatmann, namens Casanova. Mein Mann hat von Messer-Grande einen Brief erhalten, worin ihm befohlen wird, sie zu suchen. Wenn er sie findet, wird er sie nach Venedig bringen; wenn nicht, so wird er wieder nach Hause kommen. Aber er wird sie mindestens drei Tage lang suchen.« »Das tut mir außerordentlich leid, meine liebe Gevatterin; aber ich möchte Ihnen nicht zur Last fallen, zumal da ich das Bedürfnis habe, sofort zu Bett zu gehen.« »Dies kann augenblicklich geschehen; meine Mutter wird Sie bedienen. Aber was haben Sie denn an Ihren Knien?« »Ich habe in den Bergen auf der Jagd einen Sturz getan und mir dabei einige böse Risse zugezogen. Ich habe Blut verloren und bin dadurch sehr geschwächt worden.« »Oh, oh, mein armer Herr; aber meine Mutter wird Sie wieder gesund machen.« Sie rief ihre Mutter und sagte ihr alles, was ich brauchte; dann entfernte sie sich. Die hübsche Polizistenfrau hatte nicht den Geist ihres Gewerbes; denn die Geschichte, die ich ihr erzählt hatte, sah doch sehr nach einem Märchen aus. Zu Pferde in weißen Seidenstrümpfen! Auf der Jagd in einem Taffetrock! Ohne Mantel, ohne Bedienten! Ihr Mann wird sie ausgelacht haben, als er heimkam; aber Gott möge sie für ihr gutes Herz und für ihre gütige Unwissenheit belohnen! Ihre Mutter sorgte für mich mit einer Höflichkeit, wie ich sie nur bei Personen von vornehmstem Range hätte erwarten können. Die ehrwürdige mitleidige Frau sprach wie eine Mutter zu mir und nannte mich nur mehr ihren Sohn, während sie meine Wunden verband. Dieses Wort tat meinen Ohren wohl; es bereitete mir eine köstliche Empfindung und trug nicht wenig zu meiner Heilung bei. Wenn mir meine Lage nicht so große Sorge gemacht hätte, würde ich ihr ihre Pflege auf das unzweideutigste durch Höflichkeit und Dankbarkeit vergolten haben; aber der Ort, wo ich mich befand, und die Rolle, die ich spielte, beschäftigten meine Gedanken so ernstlich, daß ich für nichts anderes Sinn hatte. Die gute Mutter untersuchte meine Knie und meine Hüfte und sagte mir dann in liebevollem Tone, ich müßte mich entschließen, ein wenig zu leiden, aber ich könnte mich darauf verlassen, daß ich am nächsten Tage geheilt sein würde; ich müßte mir nur angefeuchtete Tücher auf meine Wunden legen lassen und dann ganz ruhig in meinem Bett liegen und mich bis zum andern Morgen nicht rühren. Ich versprach ihr geduldig zu leiden und alles zu tun, was sie wünschte. Man trug mir ein gutes Abendessen auf; ich aß und trank mit gutem Appetit. Hierauf ließ ich mich von ihr verbinden und schlief unter ihren Händen ein. Wahrscheinlich hat sie mich wie ein Kind ausgezogen; als ich erwachte, wußte ich von nichts mehr. Jedenfalls hatte ich kein Wort mehr zu ihr gesprochen, ja nicht einmal mehr einen Gedanken gehabt. Ich hatte gut gegessen; aber ich tat es nur, weil mein Magen es verlangte und weil ich neue Kräfte sammeln mußte. Als ich einschlief, wich ich nur einer unwiderstehlichen Gewalt: ich war körperlich so geschwächt, daß ich bei allem, was ich tat, mir nicht das geringste denken konnte. Es war sechs Uhr abends, als ich zu Nacht speiste, und als ich am anderen Morgen erwachte, hörte ich es sechs schlagen. Mir war zu Mute, als wäre ich von einem Zauber umfangen. Als ich richtig wach und bei Besinnung war, nahm ich schnell meine Verbände ab und sah zu meinem Erstaunen, daß meine Wunden trocken waren und mir nicht mehr den geringsten Schmerz bereiteten. Ich ordnete meine Haare und zog mich in weniger als fünf Minuten an. Meine Zimmertür war nicht verschlossen; ich stieg die Treppe herab und ging quer über den Hof zum Tor hinaus, ohne auf zwei Männer zu achten, die im Hofe standen und nur Sbirren sein konnten. Mit schnellen Schritten entfernte ich mich von diesem Ort. Ich hatte dort die wohlwollendste Gastfreundschaft, die aufrichtigste Höflichkeit, die liebevollste Pflege gefunden; mehr als dies: ich hatte dort meine Gesundheit und meine Kräfte wieder erlangt; aber mit einem unwillkürlichen Gefühl des Entsetzens dachte ich an die Gefahr, der ich mit knapper Not entronnen war. Unwillkürlich schauderte ich, und noch heute, nach so vielen Jahren, schaudere ich bei dem Gedanken an die Gefahr, in die ich mich so unvorsichtig begeben hatte. Ich war erstaunt, daß ich das Haus hatte betreten können, und noch mehr, daß ich es hatte wieder verlassen können. Es schien mir unmöglich zu sein, daß man mich nicht verfolgte. Fünf Stunden lang lief ich durch die Wälder und über die Berge; ich begegnete nur ein paar Bauern und sah mich nicht ein einziges Mal um. Es war noch nicht Mittag, als plötzlich der Klang einer Glocke mich veranlaßte, stehen zu bleiben. Ich befand mich auf einer Anhöhe; indem ich mich nach der Gegend umblickte, aus der die Glockenklänge kamen, sah ich unten im Grunde ein Kirchlein, in das viele Leute hineingingen, um die Messe zu hören. Mir kam der Gedanke, sie ebenfalls anzuhören; mein Herz empfand das Bedürfnis, seine Dankbarkeit für den sichtlichen Schutz auszudrücken, den ich von der Vorsehung empfing, und obgleich mir die ganze Natur ein des Schöpfers würdiger Tempel war, so zog mich doch die Gewohnheit zur Kirche hin. Wenn der Mensch in Not ist, erscheint ihm alles, was ihm in den Sinn kommt, als eine göttliche Eingebung. Es war Allerseelentag. Ich stieg ins Tal hinab, trat in die Kirche ein und sah dort zu meiner großen Überraschung Herrn Marcantonio Grimani, den Neffen des Staatsinquisitors, mit seiner Gattin, Frau Maria Visani. Sie waren nicht weniger erstaunt als ich. Ich machte ihnen eine Verbeugung, die sie erwiderten. Nachdem ich die Messe angehört hatte, ging ich hinaus. Herr Grimani folgte mir allein, holte mich kurz darauf ein und sagte: »Was machen Sie hier, Casanova? Wo ist Ihr Kamerad?« »Ich habe ihm das bißchen Geld, das ich hatte, gegeben, um sich auf einem anderen Wege in Sicherheit zu bringen, während ich ohne einen Heller in der Tasche auf diesem Wege durchzukommen suche. Wenn Eure Exzellenz mir eine Unterstützung geben wollten, würde ich leichter mein Ziel erreichen.« »Ich kann Ihnen nichts geben; aber Sie werden unterwegs Einsiedler finden, die Sie nicht werden Hungers sterben lassen. Aber erzählen Sie mir doch, wie es Ihnen gelingen konnte, aus den Bleikammern auszubrechen.« »Die Erzählung würde interessant sein, aber auch lang, und unterdessen könnten die Einsiedler die Nahrungsmittel essen, die mich vor dem Hungertode bewahren sollen.« Nach dieser ironischen Antwort machte ich ihm eine tiefe Verbeugung und setzte meinen Weg fort. Trotz meiner dringenden Geldbedürftigkeit machte es mir Vergnügen, daß er mir das Almosen abgeschlagen hatte. Ich dünkte mich viel adliger als die Exzellenz, die mich an die Wohltätigkeit der Einsiedler verwies. Später, in Paris, hörte ich, daß seine Frau, als sie die Sache erfuhr, ihn ausschalt und ihm seine Hartherzigkeit vorwarf. Es ist nicht zweifelhaft, daß Gefühle des Wohlwollens und der Großmut öfter in den Frauenherzen wohnen als in den unsrigen. Bis Sonnenuntergang wanderte ich immer weiter. Müde, mit wunden Füßen und zum Sterben hungrig, machte ich bei einem einsam liegenden Hause von gutem Aussehen Halt. Ich fragte nach dem Herrn des Hauses. Die Pförtnerin antwortete mir, er sei nicht anwesend, er sei zu einer Hochzeit jenseits des Flusses gegangen und werde erst in zwei Tagen zurückkommen; aber er habe ihr beim Fortgehen gesagt, sie solle seine Freunde gut aufnehmen. – Vorsehung! Glück! Zufall! – wie man will. Ich trat ein; man gab mir ein gutes Abendessen und ein gutes Bett. Aus der Adresse mehrerer Briefe ersah ich, daß ich mich im Hause des Herrn Rombenchi, Konsuls von ich weiß nicht mehr welcher Nation, befand. Ich schrieb ihm einen Brief, den ich ihm versiegelt zurückließ. Nachdem ich sehr gut gegessen und geschlafen, stand ich auf und zog mich sorgfältig an, dann ging ich; leider konnte ich der guten Haushälterin kein Zeichen meiner Erkenntlichkeit zurücklassen. Ich ging über den Fluß, indem ich so tat, wie wenn ich nur einen Spaziergang machte, und versprach, bei meiner Rückkehr zu bezahlen. Nach einem fünfstündigen Marsch aß ich zu Mittag in einem Kapuzinerkloster, das ich als eine unter allen Umständen sehr nützliche Einrichtung erkannte. Nachdem ich mich gestärkt hatte, machte ich mich wieder frisch und kräftig auf den Weg und marschierte rüstig bis drei Uhr nachmittags. Dann machte ich Halt bei einem Hause, das, wie ich erfuhr, einem Herrn gehörte, der mein Freund war. Ich trat ein und fragte, ob der Herr zu Hause sei; man zeigte mir das Zimmer, worin er sich, mit Schreiben beschäftigt, allein befand. Ich eilte auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Er aber machte bei meinem Anblick eine Gebärde des Entsetzens und sagte mir, unter Angabe von nichtigen und beleidigenden Gründen, ich solle mich sofort entfernen. Ich setzte ihm meine Lage und meine Geldnot auseinander und bat ihn um sechzig Zechinen gegen einen Wechsel, den Herr Bragadino bestimmt einlösen würde. Er antwortete mir, er könne mir nicht helfen, ja mir nicht einmal ein Glas Wasser anbieten, denn er fürchte beim Tribunal in Ungnade zu fallen, wenn man mich in seinem Hause sehe. Er war ein Mann von etwa sechzig Jahren, ein Börsenmakler, der mir sehr zu Dank verpflichtet war. Seine hartherzige Weigerung machte auf mich einen ganz anderen Eindruck als die des Herrn Grimani. Ob nun Zorn, Unwille, Wut mich übermannten oder ob ich der Stimme der Vernunft und Natur folgte, genug, ich packte ihn am Kragen, setzte ihm meinen Spieß auf die Brust und bedrohte ihn laut mit dem Tode. Am ganzen Leibe zitternd, zog er einen Schlüssel aus der Tasche, zeigte auf einen Sekretär und sagte, da drinnen liege Geld; ich brauche nur zu nehmen, soviel ich haben wolle. Ich befahl ihm, selber zu öffnen. Er gehorchte und zog eine Schublade auf, worin Goldstücke fagen. Ich befahl ihm, mir sechs Zechinen aufzuzählen. »Sie haben sechzig von mir verlangt.« »Ja, als ich als freundschaftliches Darlehen sie zu bekommen erwartete. Jetzt aber, da ich gezwungen bin, sie mir mit Gewalt zu verschaffen, will ich nur sechs haben, und Sie bekommen keinen Wechsel. Man wird sie dir in Venedig wieder geben, wohin ich berichten werde, wozu du mich gezwungen hast, du elender erbärmlicher Feigling!« »Ich bitte Sie um Verzeihung und flehe Sie an: nehmen Sie alles!« »Nein, nichts mehr. Ich gehe jetzt und rate dir, mich ruhig ziehen zu lassen; wenn du mich zur Verzweiflung treibst, kehre ich um und zünde dir das Haus an!« Ich verließ das Haus und marschierte zwei Stunden, bis der Einbruch der Nacht und die Müdigkeit mich zwangen, in einem Bauernhause Unterkunft zu suchen. Ich bekam ein schlechtes Abendbrot und schlief auf Stroh. Am Morgen kaufte ich einen alten Überrock und mietete einen Esel, um meinen Weg fortzusetzen; in der Nähe von Feltre kaufte ich ein Paar Stiefel. In diesem Aufzug passierte ich die zerfallene Festung, die man La Scala nennt. Es stand dort eine Schildwache, die mir nicht einmal die Ehre erwies, mich nach meinem Namen zu fragen, was mir, wie der Leser mir glauben wird, außerordentlich angenehm war. Ich nahm nun ein Wägelchen mit zwei Pferden und kam noch bei guter Tageszeit in Borgo di Valsugana an, wo ich Valbi in dem von mir bezeichneten Gasthof fand. Wenn er mich nicht angeredet hätte, würde ich ihn nicht erkannt haben. Ein weiter Überrock und ein Schlapphut, den er über einer dicken baumwollenen Mütze trug, machten ihn völlig unkenntlich. Er sagte mir, er habe die Sachen von einem Bauern gegen meinen Mantel eingetauscht, sei unangefochten über die Grenze gekommen und habe in Vorgo gut gelebt. Er war so freundlich, mir zu versichern, daß er mich nicht erwartet habe; denn er habe nicht geglaubt, daß es mir mit meinem Versprechen, ihn aufzusuchen, ernst gewesen sei. – Vielleicht hätte ich wohl daran getan, ihn in seiner Erwartung nicht zu täuschen. Ich verbrachte den nächsten Tag im Gasthof und schrieb, ohne das Bett zu verlassen, mehr als zwanzig Briefe nach Venedig, darunter zehn oder zwölf Rundschreiben, in denen ich erzählte, was ich hatte tun müssen, um mir die sechs Zechinen zu verschaffen. Der Mönch schrieb unverschämte Briefe an seinen Oberen, Vater Barbarigo, und an seine Brüder, die Patrizier; an die Zofen aber, die ihn ins Unglück gestürzt hatten, schrieb er Liebesbriefe. Ich ließ die Tressen von meinem Rock abnehmen und verkaufte meinen Hut, um mich zugleich eines Luxus zu entledigen, der nicht zu meiner augenblicklichen Lage paßte; denn er war zu auffällig. Die nächste Nacht schlief ich in Pergine, wo mich ein junger Graf Dalberg aufsuchte, der auf irgend eine Weise erfahren hatte, daß wir Flüchtlinge aus den venetianischen Gefängnissen seien. Von Pergine fuhr ich nach Trient und von dort nach Bozen. Hier wandte ich mich, da ich Geld brauchte, um Kleider und Wäsche kaufen und meine Reise fortsetzen zu können, an einen alten Bankier namens Mensch. Er gab mir einen sicheren Mann, den ich mit einem Briefe für Herrn von Bragadino nach Venedig schickte, und führte mich in einen guten Gasthof, wo ich die sechs Tage bis zur Rückkehr des Boten im Bett zubrachte. Er brachte mir hundert Zechinen, von denen ich zunächst Kleider für meinen Kameraden und dann auch für mich selber kaufte. Dieser unglückselige Balbi gab mir jeden Tag neuen Anlaß, seine Gesellschaft unerträglich zu finden. Unaufhörlich redete er davon, daß ich ohne ihn niemals hätte entfliehen können und daß ich, meinem Versprechen gemäß, ihm die Hälfte des Vermögens schuldete, das ich etwa in Zukunft erwerben würde. Er war in alle Mägde verliebt, und da weder seine Gestalt noch sein Gesicht danach angetan waren, jungen Mädchen gefallen zu können, so bekam er von ihnen weiter nichts als tüchtige Ohrfeigen, die er mit musterhafter Geduld hinnahm, und die ihn niemals nur für vierundzwanzig Stunden bessern konnten. Dies machte mir zuweilen Spaß, zugleich aber litt ich darunter, an einen Menschen von so gemeinem Wesen gekettet zu sein. Wir nahmen die Post und kamen am dritten Tage in München an, wo ich im Gasthof zum Hirsch abstieg. Ich fand dort zwei junge Venetianer, von der Familie Contarini, die sich in Begleitung des Grafen Pompei aus Verona seit einiger Zeit dort aufhielten; da ich jedoch nicht mit ihnen bekannt und nicht mehr darauf angewiesen war, unterwegs Eremiten zu finden, um leben zu können, so machte ich mir nicht die Mühe, sie zu besuchen und ihnen meine Aufwartung zu machen. Etwas anderes war es mit der Gräfin Coronini, die ich in Venedig im Kloster Santa Giustina gekannt hatte und die sehr gut bei Hofe angeschrieben war. Die erlauchte Dame, die damals siebzig Jahre alt war, empfing mich sehr gut und versprach mir, mit dem Kurfürsten zu sprechen, um mir Schutzrecht zu verschaffen. Am nächsten Tage erfüllte sie ihr Versprechen und sagte mir, Seine Hoheit sähe keinen Grund, der ihn verhindern könnte, mir den sicheren Aufenthalt in seinen Staaten zu verwehren; für Balbi dagegen gäbe es in Baiern keine Sicherheit, weil er als flüchtiger Somaske von den Münchener Somasken reklamiert werden könnte; mit Mönchen wünsche aber Seine Hoheit nichts zu tun zu haben. Die Gräfin riet mir daher, ihn sobald wie möglich aus der Stadt zu schaffen und anderswo unterzubringen, weil ihm sonst seine ehrenwerten Brüder, die Mönche, unfehlbar einen bösen Streich spielen würden. Ich fühlte mich in meinem Gewissen verpflichtet, für den unglücklichen Menschen zu sorgen, und suchte daher den Beichtvater des Kurfürsten auf, um von ihm für Balbi eine Empfehlung nach irgend einer Stadt Schwabens zu erbitten. Der Beichtvater war ein Jesuit und verleugnete denn auch nicht das edle Benehmen seiner Brüder in Loyola: er empfing mich außerordentlich schlecht und sagte mir so ganz obenhin, in München kenne man mich gründlich. Ich fragte ihn in festem Ton, ob er mir damit etwas Gutes oder etwas Schlechtes sagen wolle; er antwortete mir nicht und ließ mich stehen. Ein anderer Priester sagte mir, der Beichtvater sei fortgegangen, um sich ein Wunder anzusehen, wovon die ganze Stadt spreche. »Was ist das für ein Wunder, Hochwürden?« »Die Witwe des Kaisers Karl des Siebenten, deren Leichnam noch in einem Saale des Schlosses öffentlich ausgestellt ist, hat ganz warme Füße.« »Vielleicht ist irgend etwas da, was ihr die Füße wärmt?« »Sie können sich selber von dem Wunder überzeugen.« Man sieht nicht jeden Tag ein Wunder. Ich durfte daher die Gelegenheit nicht versäumen, entweder etwas Erbauliches zu sehen oder zu lachen; nach dem einen war ich ebenso begierig wie nach dem anderen. Ich wünschte mich rühmen zu können, ein Wunder gesehen zu haben, das für mich um so interessanter war, da ich unglücklicherweise stets an kalten Füßen gelitten habe. Ich eilte daher, die erhabene Tote mir anzusehen. Sie hatte in der Tat warme Füße; aber ich sah, daß dies ganz einfach zuging, indem Ihre verstorbene Majestät mit den Füßen einem in sehr geringer Entfernung stehenden, glühend heißen Ofen zugekehrt war. Ein Tänzer, der mich kannte und den die Neugier mit anderen Leuten an diesen Ort gelockt hatte, trat auf mich zu, beglückwünschte mich zu meiner gelungenen Flucht und sagte mir, die ganze Stadt spreche mit Interesse davon. Diese Nachricht war mir angenehm; denn es ist immer gut, das Publikum zu interessieren. Der Jünger Terpsichorens lud mich zum Essen ein, und ich nahm mit Vergnügen an. Er hieß Michele de l'Agata, und seine Frau war die schöne Gardela. Ich hatte sie vor sechzehn Jahren bei jenem alten Malipiero gekannt, der mir Stockschläge gegeben hatte, weil ich mit Teresa geschäkert hatte. Die Gardela war eine berühmte Tänzerin geworden und immer noch schön; sie war entzückt, mich zu sehen und aus meinem Munde die Erzählung meiner mühseligen Flucht zu vernehmen. Sie interessierte sich für den Mönch und erbot sich, mir einen Empfehlungsbrief für ihren Freund, den Domherrn Bassi aus Bologna, Vorsteher des Domkapitels von St. Moritz in Augsburg, zu geben. Ich nahm dieses mit Dank an, und sie schrieb den Brief sofort, indem sie mir versicherte, ich brauche mich um den Mönch nicht mehr zu kümmern, denn sie sei sicher, daß der Domherr für ihn sorgen und ihm sogar seine Begnadigung in Venedig verschaffen werde. Hoch erfreut, ihn auf eine so anständige Art los werden zu können, eilte ich in unseren Gasthof, erzählte ihm alles und gab ihm den Brief, indem ich ihm versprach, ich würde ihn nicht in Stich lassen, falls der Domherr ihn nicht gut aufnehmen sollte. Ich besorgte ihm einen guten Wagen und ließ ihn am nächsten Tage in aller Frühe abreisen. Vier Tage darauf schrieb Balbi mir, der Domherr habe ihn nach Wunsch empfangen, habe ihm Wohnung in seinem eigenen Hause gegeben, habe ihn als Abbate gekleidet und ihn dem Fürstbischof von Darmstadt vorgestellt. Er habe ihm Schutz bei den Behörden der Stadt verschafft und ihm außerdem versprochen, ihn bei sich behalten zu wollen, bis er in Rom seine Entlassung aus dem geistlichen Stande und damit freie Rückkehr nach Venedig erwirkt hätte; denn sobald er nicht mehr Mönch wäre, würde er auch nicht mehr in den Augen des Tribunals der Staatsinquisitoren schuldig sein. Pater Balbi schloß seinen Brief mit der Bitte, ich möchte ihm einige Zechinen Taschengeld schicken; denn er sei zu vornehm, um den Domherrn um Geld zu bitten, und dieser sei, so schrieb der Undankbare, nicht vornehm genug, ihm welches anzubieten. Ich antwortete ihm nicht. Da ich nun allein war und meine Ruhe hatte, dachte ich allen Ernstes an die Wiederherstellung meiner Gesundheit. Infolge der vielen Leiden, die ich durchgemacht hatte, litt ich an Anfällen von Nervenkrämpfen, die einen beunruhigenden Charakter anzunehmen drohten. Ich setzte mich auf strenge Diät, und in drei Wochen befand ich mich vollkommen wohl. In der Zwischenzeit kam aus Dresden Madame Rivière mit ihrem Sohn und ihren beiden Töchtern; sie ging nach Paris, um dort die Älteste zu verheiraten. Der Sohn hatte etwas gelernt und konnte für einen vorzüglich gebildeten jungen Mann gelten. Die älteste Tochter, die einen Schauspieler heiraten sollte, verband mit dem hübschesten Gesicht, das man sich nur denken konnte, ein großes Talent für den Tanz, spielte meisterhaft Klavier und bewegte sich mit größter Anmut und allen Reizen der Jugend in der guten Gesellschaft. Die liebenswürdige Familie war sehr erfreut, mich wiederzusehen, und ich schätzte mich glücklich, als Madame Rivière, meinen Wünschen zuvorkommend, mir zu verstehen gab, daß meine Gesellschaft bis Paris ihnen sehr angenehm sein würde. Sie wollte nichts davon hören, daß ich einen Anteil der Reisekosten trüge, sondern ich mußte das Geschenk von ihr annehmen, wie sie es mir anbot. Da ich die Absicht hatte, mich in Paris niederzulassen, so nahm ich diesen Glücksfall als ein Vorzeichen, daß bei meiner Abenteurerlaufbahn, in die ich mich zu stürzen gedachte, das Glück mir zur Seite stehen würde. Paris ist die einzige Stadt der Welt, wo die blinde Göttin denen ihre Gaben spendet, die sich ihr anvertrauen und die Umstände zu benutzen wissen. Ich irrte mich nicht, wie der Leser zu seiner Zeit sehen wird; aber die Huld des Glückes war mir unnütz, weil ich durch meinen Leichtsinn alles zuschanden machte. Unter den Bleidächern hatte ich in fünfzehn Monaten alle Schwächen meines Charakters genau erkannt; aber ich hätte dort viel länger bleiben müssen, um Grundsätze anzunehmen, die mich von diesen Schwächen hätten heilen können. Madame Rivière wollte mich also mitnehmen, aber sie konnte ihre Abreise nicht aufschieben, und ich brauchte noch acht Tage Zeit, weil ich aus Venedig Briefe und Geld erwartete. Sie versprach mir, acht Tage in Straßburg zu bleiben, und wir verabredeten, daß ich sie dort einholen sollte, wenn es mir möglich wäre. Sie verließ München am achtzehnten Dezember. Zwei Tage nach ihrer Abreise erhielt ich aus Venedig den erwarteten Wechsel. Ich beeilte mich, meine Schulden zu bezahlen, und reiste dann sofort nach Augsburg ab, weniger um dort Balbi zu sehen, als um den liebenswürdigen Domherrn kennen zu lernen, der mir die Sorge um ihn abgenommen hatte. Sieben Stunden nach meiner Abfahrt in München kam ich in Augsburg an und begab mich sofort zu dem großmütigen Geistlichen. Er war nicht zu Hause, aber ich fand Balbi als Abbate gekleidet und mit weiß gepuderter Frisur, die ihm zu seiner kastanienbraunen Gesichtsfarbe sehr unvorteilhaft stand. Balbi war noch keine vierzig Jahre alt, aber er war häßlich: er hatte eines jener Gesichter, auf denen sich niedrige Gesinnung, Feigheit, Frechheit und Bosheit ausspricht; auch der Klang seiner Stimme und seine Manieren machten einen sehr abstoßenden Eindruck. Ich fand ihn gut untergebracht, gut bedient und gut gekleidet; er hatte Bücher und alles, was man zum Schreiben braucht. Ich wünschte ihm Glück zu seiner augenblicklichen Lage und sprach meine Freude aus, daß ich ihm alle diese Annehmlichkeiten hätte verschaffen können und daß er obendrein noch die Hoffnung hätte, bald Weltgeistlicher zu werden. Aber anstatt mir zu danken, machte der undankbare Mensch mir den Vorwurf, ich hätte auf geschickte Weise mich seiner entledigt. Endlich sagte er mir: da ich nach Paris ginge, müßte ich ihn mitnehmen, denn in Augsburg langweile er sich zu Tode. »Was würden Sie denn in Paris anfangen?« »Was werden Sie selber dort anfangen?« »Ich werde aus meinen Talenten Nutzen ziehen.« »Und ich aus den meinigen.« »Dann brauchen Sie mich also nicht und können auf eigenen Füßen stehen. Die Personen, die mich mit nach Paris nehmen, würden wahrscheinlich von mir nichts wissen wollen, wenn ich Sie bei mir hätte.« »Sie haben mir versprochen, mich nicht zu verlassen!« »Kann ein Mensch sich verlassen nennen, wenn er alles Notwendige hat und seine Zukunft gesichert ist?« »Alles Notwendige! Ich habe keinen Heller.« »Wozu brauchen Sie Geld? Sie haben gutes Essen, gute Wohnung, Kleider, Wäsche, Bedienung und alles, was dazu gehört. Wenn Sie Geld für Ihre kleinen Vergnügungen nötig haben, warum verlangen Sie nicht welches von Ihren Kameraden, den Mönchen?« »Von Mönchen Geld verlangen? Die nehmen Geld, aber sie geben keines.« »Bitten Sie Ihre Freunde.« »Ich habe keinen.« »Da sind Sie zu beklagen; aber wenn Sie keine Freunde haben, so ist wohl anzunehmen, daß Sie selber niemals der Freund eines Menschen gewesen sind. Sie sollten Messen lesen; dies wäre für Sie ein gutes Mittel, sich Geld zu verschaffen.« »Ich bin nicht bekannt.« »So müssen Sie warten, bis Sie bekannt werden; dann werden Sie die verlorene Zeit bald wieder einholen.« »Dies sind lauter leere Worte. Sie werden mir einige Zechinen hier lassen.« »Ich habe keine übrig.« »Warten Sie, bis der Domherr wieder kommt. Morgen ist er zurück; dann können Sie mit ihm sprechen und ihn überreden, mir Geld zu leihen. Sie können ihm sagen, ich werde es ihm zurückzahlen.« »Ich werde nicht auf ihn warten, denn ich reise sofort weiter. Aber selbst wenn er jetzt hier wäre, so würde ich nicht so unverschämt sein, ihm zu sagen, daß er Ihnen Geld geben sollte, da er in seiner Großmut schon so viel getan hat und selbst am besten weiß, daß Sie alles haben, was Sie brauchen.« Nach diesem ärgerlichen Gespräch ging ich fort und fuhr mit der Post weiter. Ich war sehr wenig erfreut, einem Elenden ein so großes Glück verschafft zu haben, dessen er so wenig würdig war. Im folgenden März erhielt ich einen Brief von dem edlen und großmütigen Domdechanten Bassi. Er schrieb mir, Balbi sei mit einer seiner Mägde durchgegangen und habe eine Summe Geldes, eine goldene Uhr und zwölf silberne Bestecke mitgenommen; er wisse nicht, wohin er sich gewandt habe. Gegen Ende desselben Jahres erfuhr ich in Paris, daß der unredliche Mensch in Chur, der Hauptstadt von Graubünden, Zuflucht gesucht habe. Er habe gebeten, ihn in die calvinistische Kirche aufzunehmen und als rechtmäßigen Gatten der bei ihm befindlichen Dame anzuerkennen; bald aber habe die Gemeinde bemerkt, daß der Neubekehrte nichts verstehe, und habe ihn aus der reformierten Kirche wieder ausgestoßen. Als er kein Geld mehr gehabt, habe seine Frau, die frühere Magd, ihn tüchtig durchgeprügelt und dann verlassen. Er habe nicht mehr gewußt, was anfangen, und habe den verzweifelten Entschluß gefaßt, nach Brescia zu gehen. Diese Stadt gehört zur Republik Venedig. Er stellte sich dem Gouverneur vor, nannte ihm seinen Namen und erzählte ihm seine Flucht. Er schilderte ihm seine Reue und bat ihn flehentlich, ihn unter seinen Schutz zu nehmen und ihm Begnadigung zu erwirken. Der Schutz des Podestà bestand zunächst darin, daß er den reuigen Sünder zuerst ins Gefängnis bringen ließ; hierauf fragte er beim Tribunal an, was er mit ihm anfangen solle. Das Tribunal schickte ihm Befehl, den Pater Balbi in Ketten nach Venedig bringen zu lassen. Dort übergab Messer-Grande ihn dem Tribunal, das ihn wieder unter die Bleidächer bringen ließ. Den Grafen Asquino fand er dort nicht mehr; diesen hatte das Tribunal ein paar Monate nach unserer Flucht mit Rücksicht auf sein hohes Alter in die Quattro bringen lassen. Fünf oder sechs Jahre später hörte ich, daß das Tribunal den unglückseligen Mönch, nachdem es ihn noch zwei Jahre unter den Bleidächern in Haft gehalten hatte, in sein Kloster zurückschickte. Der Obere fürchtete die Ansteckungsgefahr des räudigen Schafes; er versetzte ihn in das Kloster des Ordens, das bei Feltre einsam auf einer Anhöhe liegt. Dort blieb Balbi aber nur sechs Monate. Er brannte durch und ging nach Rom, um sich dem Papst Rezzonico zu Füßen zu werfen. Dieser sprach ihn seiner Sünden ledig und entband ihn von seinem Mönchsgelübde. Balbi wurde Weltgeistlicher und konnte infolgedessen nach Venedig zurückkehren; dort lebte er in Ausschweifung und Armut. Er starb als Diogenes, aber ohne den Geist des Mannes von Sinope, im Jahre 1783. Ich traf in Straßburg Frau Rivière und ihre reizende Familie und wurde von ihnen mit aufrichtigster Freude begrüßt. Wir wohnten in dem ausgezeichneten Gasthof zum »Heiligen Geist« und verbrachten mehrere Tage in Fröhlichkeit und herzlichem Einvernehmen. Dann fuhren wir in einer ausgezeichneten Berline nach der einzigen Stadt, der Weltstadt Paris. Ich machte es mir zur Pflicht, für heitere Stimmung zu sorgen, da ich ja zu den Kosten der Reise nichts beitragen durfte. Die Reize des Fräulein Rivière entzückten mich; aber ich hätte gegen die Rücksicht, die ich einer achtenswerten Familie schuldete, und gegen die Dankbarkeit zu verstoßen geglaubt, wenn ich mir einen einzigen verliebten Blick hätte entschlüpfen lassen, oder wenn ein einziges Wort meine Gefühle verraten hätte. Obwohl mein Alter wenig danach angetan war, glaubte ich die Rolle des Familienvaters spielen zu müssen; ich widmete der liebenswürdigen Familie alle Sorgfalt, die man aufwenden kann, wenn man sich auf einer langen Reise einer angenehmen Gesellschaft, eines bequemen Reisewagens, einer vorzüglichen Tafel und eines ausgezeichneten Bettes würdig zeigen will. Am Mittwoch, den 5. Januar 1757, kamen wir in Paris an. Ich stieg bei meinem Freunde Baletti ab, der mich mit offenen Armen empfing und mir versicherte, er hätte mich erwartet, obgleich ich ihm nicht geschrieben; denn er hätte sich gesagt, daß ich infolge meiner Flucht so schnell wie möglich und so weit wie möglich mich von Venedig entfernen müßte und daß ich natürlich keinen anderen Aufenthaltsort wählen würde, als Paris, wo ich zwei Jahre hindurch auf die angenehmste Weise verlebt hätte. Freude herrschte im ganzen Hause, sobald man meine Ankunft erfuhr. Niemals bin ich aufrichtiger geliebt worden, als von dieser interessanten Familie. Mit Entzücken umarmte ich den Vater und die Mutter, die ich in jeder Beziehung so wiederfand, wie ich sie im Jahre 1752 verlassen hatte. Der Anblick ihrer Tochter aber überraschte mich; als ich fortging, war sie ein Kind; jetzt fand ich sie als erwachsenes schönes Mädchen wieder. Fräulein Baletti war fünfzehn Jahre alt; sie war schön geworden; ihre Mutter hatte sie sorgfältig erzogen und ihr die besten Lehren gegeben. So besaß sie alles, was eine kluge, anmutige und talentvolle Mutter einer geliebten Tochter von ausgezeichneten Anlagen geben kann: Tugend, Anmut, Talente und jene gute Lebensart, die in jedem Stande nächst dem Taktgefühl die wertvollste Eigenschaft ist. Nachdem ich mir eine hübsche Wohnung ganz in der Nähe der befreundeten Familie besorgt hatte, nahm ich eine Droschke und fuhr nach dem Hotel Bourbon, um mich dem Herrn Abbé de Vernis vorzustellen, der damals Minister des Auswärtigen war; ich hatte gute Gründe, von der Protektion des Ministers mein Glück zu erwarten. Ich komme an; er ist nicht da, er ist in Versailles. In Paris muß man noch mehr als anderswo eifrig hinter seinen Geschäften her sein. Man muß, wie ein alltägliches aber sehr richtiges Sprichwort lautet, das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Ich war ungeduldig, zu erfahren, wie mich der gefällige Liebhaber meiner schönen M. M. aufnehmen würde; darum ging ich stracks nach dem Pont Royal, nahm ein Kabriolett und kam um halb sieben in Versailles an. Mißgeschick! Unsere Wagen hatten sich unterwegs gekreuzt und mein sehr bescheidenes Gefährt hatte nicht die Blicke Seiner Exzellenz auf sich gezogen. Herr de Bernis war mit dem neapolitanischen Gesandten, Grafen Castillana, nach Paris zurückgekehrt; ich beschloß also sofort ebenfalls zurückzufahren. Ich stieg wieder in meinen Wagen; aber kaum am Schloßgitter angekommen, sah ich eine Menge Menschen in augenscheinlich großer Verwirrung nach allen Seiten hin durcheinander laufen und hörte rechts und links rufen: »Der König ist ermordet! Man hat den König ermordet!« Mein Kutscher bekam einen Schreck und wollte weiter fahren; aber man hielt den Wagen an, ließ mich aussteigen und in die Wachtstube eintreten, wo sich bereits andere Leute befanden. In weniger als drei Minuten waren mehr als zwanzig Personen beisammen, alle sehr erstaunt über ihre Verhaftung, und alle ebenso schuldig wie ich. Ich wußte nicht, was ich davon denken sollte, und da ich nicht an Hexerei glaubte, so wähnte ich zu träumen. Düster und schweigend standen wir da und sahen einander an; niemand wagte ein Wort zu sprechen. Alle sahen überrascht und betroffen aus; denn jeder hatte Furcht, obgleich er sich unschuldig fühlte. Die peinliche Lage dauerte jedoch nicht lange; denn fünf Minuten darauf trat ein Offizier ein, bat uns höflich um Entschuldigung und sagte uns: »Meine Herren, Sie sind frei. Der König ist verwundet, und man hat ihn in seine Gemächer getragen. Der Mörder, den niemand kennt, ist verhaftet. Man sucht überall Herrn de la Martinière.« Ich stieg wieder in meinen Wagen und fühlte mich sehr glücklich, als ich wieder darin saß. Ein sehr gut gekleideter junger Mann mit angenehnien Gesichtszügen trat an mich heran und bat mich dringend, ihm gegen Bezahlung des halben Fahrpreises einen Platz abzutreten; trotz den Geboten der Höflichkeit schlug ich ihm dies ab. Vielleicht war dies unrecht von mir; zu jeder anderen Zeit würde ich mir ein Vergnügen daraus gemacht haben, ihm einen Platz anzubieten; aber es gibt Augenblicke, wo die Klugheit uns nicht erlaubt, höflich zu sein. Ich brauchte ungefähr drei Stunden zur Rückfahrt, und während dieser kurzen Spanne Zeit wurde ich von mindestens zweihundert Kurieren überholt, die in gestrecktem Galopp dahinsprengten. Jede Minute sah ich einen neuen, und jeder Kurier rief laut die Nachricht aus, die er zu überbringen hatte. Was die ersten ausriefen, wußte ich bereits selber; am Ende aber erfuhr ich, daß dem König zu Ader gelassen und daß seine Wunde nicht lebensgefährlich wäre, und schließlich, daß die Wunde leicht wäre, und daß Seine Majestät sogar nach Trianon gehen könnte, wenn Sie Lust hätte. Mit dieser ausgezeichneten Neuigkeit versehen, begab ich mich zu Sylvia und fand die ganze Familie bei Tisch, denn es war noch nicht elf Uhr. »Ich komme von Versailles,« sagte ich ihnen. »Der König ist ermordet.« »Durchaus nicht! Er könnte nach Trianon gehen oder auch nach seinem Hirschpark, wenn er Lust hätte. Herr de la Martinière hat ihm zur Ader gelassen und hat ihn sehr wohl gefunden. Der Mörder ist verhaftet; der unglückliche Mensch wird verbrannt, mit glühenden Zangen gezwickt und lebendig gevierteilt werden.« Diese Nachricht wurde von Sylvias Dienerschaft schnell weiter verbreitet, und eine Menge von den Nachbarn kamen, um sie aus meinem eigenen Munde zu hören. Ich mußte zehnmal dieselbe Sache wiederholen, und das Stadtviertel verdankte es mir, daß es eine ruhige Nacht verbringen konnte. Zu jener Zeit bildeten die Pariser sich ein, ihren König zu lieben; wenigstens taten sie so aus Überzeugung und aus Gewohnheit. Heute sind sie aufgeklärter und werden nur einen solchen Herrscher lieben, der wirklich das Glück der Nation will und weiter nichts als der erste Bürger eines großen Volkes ist; und hierin wird nicht nur Paris in seinem Kreis, sondern ganz Frankreich an Liebe und Dankbarkeit wetteifern. Könige wie Ludwig der Fünfzehnte sind unmöglich geworden; sollte dennoch wieder ein solcher auftreten, so würde trotz allen Anstrengungen einer an seiner Erhaltung interessierten Partei die öffentliche Meinung bald über ihn ihr Urteil gefällt und seine Sitten verdammt haben, bevor er durch seinen Tod in das Gebiet der Weltgeschichte eingetreten wäre – jener Weltgeschichte, welche Könige und Staatsmänner niemals aus den Augen verlieren sollten! Zweites Kapitel Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten. – Der Generalkontrolleur Herr de Boulogne. – Der Herzog von Choiseul. – Der Abbé de la Ville. – Herr du Vernay. – Einrichtung der Lotterie. – Mein Bruder kommt von Dresden nach Paris und wird in die Malerakademie aufgenommen. So bin ich also wieder in meinem einzigen Paris, das ich von nun an als meine Heimat betrachten muß, da ich an Rückkehr in jene andere, die mir der Zufall der Geburt gegeben hat, nicht mehr denken darf – eine undankbare Heimat, die ich aber trotzdem immer noch liebe, sei es, daß das Vorurteil unsere Gedanken und unsere Liebe mit Zaubermacht an jene Orte fesselt wo unsere Kinderjahre verflossen sind und wo wir unsere erste Eindrücke empfangen haben, sei es, daß Venedig in der Tat Reiz hat, die nur ihm allein eigen sind. Aber dieses ungeheure Paris ist ein Ort des Elends oder des Glücks, je nachdem man sich zu benehmen weiß; auf mich wird es ankommen, den günstigen Wind zu benutzen. Paris war mir nicht fremd; wie meine Leser wissen, hatte ich mich schon zwei Jahre lang dort aufgehalten. Aber ich muß gestehen, daß ich damals nichts anderes zu tun gehabt hatte, als die Zeit tot zu schlagen; ich hatte mich nur um mein Vergnügen bekümmert, und demgemäß war mein Leben verlaufen. Ich hatte die Göttin des Glücks nicht umworben, und deshalb hatte sie mir auch nicht ihr Heiligtum geöffnet. Jetzt aber fühlte ich, daß ich sie mit größerer Ehrerbietung behandeln mußte; ich mußte mich an ihre Günstlinge heranmachen, die sie mit ihren Gaben überhäufte. Je näher man der Sonne kommt, desto mehr verspürt man die wohltätigen Wirkungen ihrer Strahlen. Dies wußte ich, und ich sah, daß ich, um etwas zu erreichen, alle meine körperlichen und geistigen Kräfte aufbieten mußte. Ich durfte es nicht versäumen, Bekanntschaften mit großen und einflußreichen Persönlichkeiten anzuknüpfen. Ich mußte Selbstbeherrschung üben und mich zu der Partei derer halten, deren Wohlwollen meinen Interessen nützlich sein konnte. Um mich mit Erfolg diesen Betrachtungen entsprechend verhalten zu können, war es für mich wichtig, alles zu vermeiden, was man in Paris schlechte Gesellschaft nennt. Ich mußte auf alle meine alten Gewohnheiten verzichten und alle Ansprüche fallen lassen, wodurch ich mir hätte Feinde machen können; denn diese hätten natürlich nicht verfehlt, mich als einen wenig zuverlässigen Menschen hinzustellen, den man nicht wohl mit Aufträgen von einiger Bedeutung betrauen könnte. Diese Gedanken waren, wie ich glaube, sehr richtig, und ich hoffe, daß der Leser vollkommen meiner Meinung sein wird. »Ich werde«, sagte ich zu mir, »zurückhaltend in meinem Benehmen und in meinen Reden sein; dadurch werde ich mir einen guten Ruf erwerben, dessen Früchte nicht ausbleiben können.« Meine augenblicklichen Bedürfnisse machten mir keine Sorgen; denn ich konnte auf ein Monatsgeld von dreihundert Franken rechnen, die mein Adoptiv-Vater, der gute und freigebige Herr von Bragadino, mir schicken wollte. Diese Summe mußte mir in Erwartung eines Bessern einstweilen genügen; denn in Paris kann man mit geringen Kosten leben und doch eine gute Figur spielen, wenn man sich etwas einzuschränken versteht. Das Wesentliche war für mich, stets gut gekleidet zu sein und eine anständige Wohnung zu haben, denn in allen großen Städten kommt es auf das äußere Auftreten an: nach diesem wird man zunächst beurteilt. In Verlegenheit brachten mich nur die dringlichen Bedürfnisse des Augenblicks; denn ich hatte, offen herausgesagt, weder Kleider noch Wäsche – mit einem Wort: nichts. Wenn man sich meiner Beziehungen zum französischen Gesandten in Venedig erinnert, so wird man es ganz natürlich finden, daß mein erster Gedanke war, mich an ihn zu wenden. Er war damals im Glück, und ich kannte ihn gut genug, um auf ihn rechnen zu können. Überzeugt, daß der Schweizer mir sagen würde, Seine Exzellenz sei beschäftigt, bewaffnete ich mich mit einem Brief und begab mich gleich am nächsten Morgen in das Palais Bourbon. Der Schweizer nahm meinen Brief, und ich gab ihm meine Adresse an; weiter war nichts nötig, und ich ging wieder. Überall, wohin ich kam, mußte ich meine Flucht erzählen; das wurde für mich eine wahre Anstrengung, die beinahe ebenso ermüdend war wie die Flucht selbst; denn ich brauchte zu meiner Erzählung zwei Stunden, selbst wenn ich gar nichts ausschmückte. Meine Lage verlangte jedoch von mir, gefällig gegen die Neugierigen zu sein; denn ich mußte annehmen, daß sie alle die freundlichste Teilnahme für mich empfänden. Wenn man gefallen will, so ist es im allgemeinen gewiß das sicherste Mittel, bei allen, mit denen man zu tun hat, eine wohlwollende Gesinnung vorauszusetzen. Ich speiste bei Sylvia zu Abend. Es ging dort ruhiger her als am Abend zuvor, und ich konnte mit den Zeichen der Freundschaft, die man mir erwies, sehr wohl zufrieden sein. Ich ging früh nach Hause; denn ich war ungeduldig, zu sehen, was der Minister auf meinen Brief mir antworten würde. Ich brauchte nicht lange zu warten; schon um acht Uhr erhielt ich von ihm ein Briefchen, worin er mich auf zwei Uhr nachmittags zu sich bat. Wie man sich denken kann, war ich pünktlich. Ich wurde von Seiner Exzellenz auf das zuvorkommendste empfangen. Herr von Bernis sprach seine Freude darüber aus, daß ich meine Schwierigkeiten siegreich überwunden hätte und daß er in der Lage wäre, mir nützlich sein zu können. Er sagte mir, M. M. habe ihm meine Flucht mitgeteilt und er habe stets gehofft, daß mein erster Besuch in Paris, wohin ich natürlich mich hätte begeben müssen, ihm gelten würde. Er zeigte mir den Brief, worin M. M. ihm meine Verhaftung meldete, und einen andern, worin sie ihm meine glückliche Flucht mitteilte; aber alle Einzelheiten beruhten auf reiner Phantasie. M. M. war entschuldbar, denn sie hatte nur schreiben können, was man ihr gesagt hatte, und es war nicht leicht, in Venedig etwas Wahres über meine Flucht zu erfahren. Die reizende Nonne schrieb ihm: jetzt, da sie keine Hoffnung mehr habe, einen der beiden Männer wieder zu sehen, die allein sie an das Leben fesselten und auf deren Liebe sie hätte rechnen können, sei ihr das Dasein zur Last geworden, und sie fühle sich unglücklich, daß sie keine Zuflucht mehr bei der Frömmigkeit finden könnte. »C. C. besucht mich oft,« schrieb sie; »aber leider ist meine liebe Freundin mit ihrem Mann durchaus nicht glücklich.« Ich sagte Herrn von Bernis, die Umstände meiner Flucht aus den Bleikammern, wie unsere Freundin sie ihm mitgeteilt habe, seien durchaus falsch; ich würde mir daher die Freiheit nehmen, eine ausführliche Schilderung niederzuschreiben. Er bat mich dringend, dieses Versprechen zu halten, und versicherte mir, er werde M. M. eine Abschrift schicken. Zugleich drückte er mir auf die anmutigste Art eine Rolle von hundert Louis in die Hand, indem er mir sagte, er werde an mich denken und mir sofort Bescheid geben, wenn er mir etwas mitzuteilen habe. Im Besitze genügender Mittel, dachte ich nunmehr zunächst an meine Ausstattung. Sobald ich die nötigen Einkäufe gemacht hatte, ging ich an die Arbeit. Acht Tage darauf schickte ich meinem großmütigen Beschützer meine Geschichte zu. Ich schrieb ihm, er möchte davon so viele Abschriften machen lassen, wie er wünschte, und von diesen nach seinem Gutdünken Gebrauch machen, um die Persönlichkeiten, die mir nützlich sein könnten, zu meinen Gunsten zu interessieren. Drei Wochen später ließ der Minister mich rufen und sagte mir, er habe mit dem venetianischen Gesandten, Herrn Erizzo, über mich gesprochen. Dieser habe ihm gesagt, er werde mir keine Unannehmlichkeiten bereiten; aber er habe keine Lust, sich mit den Staatsinquisitoren zu überwerfen, und werde mich deshalb nicht empfangen. Da ich ihn nicht brauchte, war diese Zurückhaltung mir keineswegs unangenehm. Herr von Bernis teilte mir hierauf mit, er habe meine Geschichte der Frau Marquise de Pompadour gegeben, die sich meiner noch erinnere; er versprach mir, die erste Gelegenheit zu benützen, um mich der einflußreichen Dame vorzustellen. »Sie können, mein lieber Casanova, sich Herrn de Choiseul und dem Generalkontrolleur de Boulogne vorstellen; Sie werden gut aufgenommen werden, und wenn Sie ein bißchen Kopf haben, können Sie von dem letzteren große Vorteile erwarten. Er selber wird Ihnen die nötigen Hinweise geben, und Sie werden die Wahrheit des Sprichwortes erkennen: Wer angehört wird, erreicht seinen Zweck. Trachten Sie irgend etwas zu erfinden, was den königlichen Finanzen günstig ist, aber vermeiden Sie verwickelte und chimärische Sachen; schreiben Sie es auf, und wenn es nicht allzu lang ist, werde ich Ihnen meine Meinung darüber sagen.« Ich verließ den Minister zufrieden und dankbar, aber ich war in großer Verlegenheit, wie ich passende Mittel ausfindig machen sollte, um die Einkünfte des Königs zu vermehren. Ich verstand von den Finanzen gar nichts. Soviel ich auch meine Einbildungskraft abquälte, alles, was mir einfiel, lief auf neue Steuern hinaus, also auf verhaßte oder törichte Mittel, die ich nach gründlicher Überlegung selber wieder verwarf. Mein erster Besuch galt Herrn von Choiseul, sobald ich erfuhr, daß er in Paris war. Er empfing mich an seinem Putztisch, an dem er schrieb, während sein Kammerdiener ihn frisierte. Er trieb die Höflichkeit so weit, seine Arbeit mehrere Male zu unterbrechen, um Fragen an mich zu richten. Aber während ich diese beantwortete, schrieb Seine Exzellenz ruhig weiter, wie wenn ich gar nicht vorhanden wäre, und ich bezweifle sehr, daß er den Sinn meiner Auseinandersetzungen erfaßte, obgleich er zuweilen so tat, als ob er mich ansähe. Offenbar waren seine Augen und seine Gedanken nicht mit dem gleichen Gegenstand beschäftigt. Trotz dieser sonderbaren Art, Leute oder wenigstens mich zu empfangen, war Herr von Choiseul ein sehr geistvoller Mann. Als sein Brief fertig war, sagte er mir italienisch: »Herr von Bernis hat mir einen Teil der Geschichte Ihrer Flucht erzählt; sagen Sie mir doch, wie Sie es angefangen haben, um glücklich herauszukommen?« »Gnädiger Herr, die Geschichte ist ein bißchen lang; ich brauche mindestens zwei Stunden dazu, und Eure Exzellenz scheinen mir sehr beschäftigt zu sein.« »Erzählen Sie sie mir abgekürzt.« »Wenn ich es auch noch so kurz mache, brauche ich trotzdem zwei Stunden.« »Sparen Sie die Einzelheiten für ein anderes Mal auf.« »Das einzige Interessante bei der Geschichte sind gerade die Einzelheiten.« »Oho, man kann alles abkürzen, soviel man will, und eine Geschichte braucht deshalb fast gar nicht an Interesse zu verlieren.« »Sehr wohl. Es würde mir übel anstehen, hiergegen den geringsten Einwand zu erheben. Ich werde also dem gnädigen Herrn erzählen, daß die Staatsinquisitoren mich in die Bleikammern einsperren ließen; daß es mir nach fünfzehn Monaten und fünf Tagen gelang, das Dach zu durchbrechen; daß ich unter tausend Schwierigkeiten durch eine Dachluke in die Kanzlei geriet, deren Tür ich erbrach; daß ich hierauf auf den Markusplatz ging, mich nach der Anlegestelle begab und eine Gondel nahm, die mich nach dem Festland brachte, von wo ich nach Paris kam, wo ich die Ehre habe, Ihnen meine Verbeugung zu machen.« »Aber was sind die Bleikammern?« »Gnädiger Herr, um dies zu erklären, brauche ich mindestens eine Viertelstunde.« »Wie haben Sie es gemacht, um nach dem Dach durchzubrechen?« »Das kann ich Ihnen in weniger als einer halben Stunde nicht sagen.« »Warum ließ man Sie gefangen setzen?« »Die Erzählung dieses Umstandes würde lang sein, gnädiger Herr.« »Ich glaube. Sie haben recht. Das Interessanteste der Geschichte kann nur auf den Einzelheiten beruhen.« »Wie ich mir die Freiheit nahm, Eurer Exzellenz zu bemerken.« »Ich muß nach Versailles; aber Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie mich zuweilen besuchen. Unterdessen, Herr Casanova, überlegen Sie sich, worin ich Ihnen gefällig sein kann.« Die Art, wie Herr von Choiseul mich empfing, hatte mich gekränkt, und ich war sehr ärgerlich darüber gewesen; aber das Ende unseres Gesprächs und besonders der herzliche Ton seiner letzten Worte beruhigten mich, und als ich ihn verließ, war ich, wenn auch nicht ganz zufrieden, so doch wenigstens nicht mehr ärgerlich. Ich begab mich von dem hohen Herrn unmittelbar zum Herrn von Boulogne und fand in ihm einen ganz anderen Mann als den Herzog, sowohl in seinen Manieren wie in seiner Haltung. Er empfing mich sehr höflich und machte mir sofort ein Kompliment über die hohe Meinung, die Herr von Bernis von mir und von meinen Kenntnissen auf dem Gebiete der Finanzen habe. Ich fühlte, daß niemals ein Kompliment weniger begründet gewesen war, und es fehlte nicht viel, so hätte ich laut aufgelacht. Mein guter Geist ließ mich ernst bleiben. Bei Herrn von Boulogne war ein alter Herr, dessen Züge den Stempel des Genies trugen und der mir Ehrfurcht einflößte. »Teilen Sie mir Ihre Ansichten schriftlich oder mündlich mit,« sagte der Generalkontrolleur zu mir. »Sie werden mich sehr geneigt finden, auf Ihre Ideen einzugehen. Herr Paris du Vernay hier braucht zwanzig Millionen für seine Militärschulen. Es handelt sich darum, diese Summe zu finden, ohne den Staat zu belasten und ohne den königlichen Schatz zu leeren.« »Nur ein Gott, mein Herr, hat schöpferische Gewalt.« »Ich bin kein Gott,« fiel Herr du Vernay ein; »trotzdem habe ich zuweilen etwas geschaffen; aber alles ist ganz anders geworden.« »Alles ist schwieriger geworden, das weiß ich; aber trotz den Schwierigkeiten habe ich eine Operation im Kopf, die dem König jährlich hundert Millionen einbringen würde.« »Und wieviel würde diese Einnahme dem Könige kosten?« »Nichts als die Kosten des Einziehens.« »So würde also die Nation diese Einnahme liefern?« »Gewiß, natürlich; aber freiwillig.« »Ich weiß, woran Sie denken.« »Das würde mich sehr wundern, mein Herr; denn ich habe über meinen Gedanken mit keinem Menschen gesprochen.« »Wenn Sie sich nicht anderweitig verpflichtet haben, so erweisen Sie mir die Ehre, morgen bei mir zu dinieren. Ich werde Ihnen Ihren Plan zeigen, den ich schön finde, der aber nach meiner Meinung auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen wird. Trotzdem können wir ja einmal darüber plaudern, und wir werden dann sehen. Werden Sie kommen?« »Ich werde die Ehre haben.« »Schön; ich werde Sie in Plaisance erwarten.« Als er fort war, pries Herr von Boulogne mir das Talent und die Rechtschaffenheit des alten Herrn. Er war der Bruder des Herrn de Montmartel, der nach einer geheimen Chronik der Vater der Frau von Pompadour war, denn er liebte Frau Poisson zu gleicher Zeit wie Herr le Normand. Vom Hause des Generalkontrolleurs begab ich mich nach den Tuilerien, um im Park spazieren zu gehen und über die letzte Schicksalsfügung nachzudenken. Man sagt mir, man brauche zwanzig Millionen; ich rühme mich, hundert geben zu können, ohne die geringste Ahnung zu haben, wie dies möglich sein werde – und ein berühmter Finanzkünstler ladet mich zum Diner ein, um mir zu beweisen, daß er meinen Plan kennt: es war etwas scherzhaft Seltsames dabei; aber das Ganze entsprach meiner Denk- und Handlungsweise. »Wenn er mir die Würmer aus der Nase ziehen will, so kann ich es mit ihm aufnehmen. Wenn er mir seinen Plan mitteilt, so steht es völlig bei mir, zu sagen, daß er sich geirrt, oder daß er richtig geraten habe, je nach dem, was mir der Augenblick eingeben wird. Wenn ich von dem Gegenstand etwas zu verstehen glaube, werde ich vielleicht irgend etwas Neues vorbringen; wenn ich nichts davon verstehe, werde ich mich in ein geheimnisvolles Schweigen hüllen, und zuweilen tut auch dieses seine Wirkung. Auf jeden Fall darf ich das Glück nicht von mir stoßen, wenn es mir günstig sein will.« Abbé Bernis hatte mich Herrn von Boulogne gegenüber nur deshalb als Kenner des Finanzwesens bezeichnet, um ihn leichter zugänglich zu machen; denn sonst würde er mich vielleicht nicht empfangen haben. Es tat mir leid, daß ich nicht wenigstens die Fachausdrucke beherrschte; denn damit kann man sich oft aus der Verlegenheit ziehen, und gar mancher hat seinen Weg gemacht, der anfangs auch nicht mehr wußte. Aber gleichviel, ich hatte mich einmal darauf eingelassen: es galt gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und im übrigen war ich der Mann dazu, zuversichtlich aufzutreten. Immerhin war ich etwas traurig und nachdenklich, als ich am nächsten Tage in einen Lohnwagen stieg und dem Kutscher sagte, er solle mich nach Plaisance zu Herrn du Vernay fahren. Plaisance liegt eine kurze Strecke jenseits von Vincennes. Bald hielt ich vor der Tür des berühmten Mannes, der vor vierzig Jahren Frankreich vor dem Abgrund gerettet hatte, in den das Lawsche System es hinabzustürzen drohte. Ich trat ein und fand ihn vor einem großen Feuer, umgeben von sieben oder acht Personen, denen er mich vorstellte, indem er ihnen meinen Namen nannte und mich als Freund des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten und des Generalkontrolleurs bezeichnete. Hierauf stellte er mir die Herren einzeln vor, indem er mir eines jeden Namen und Titel sagte; ich bemerkte, daß vier Finanzintendanten unter ihnen waren. Nachdem ich jedem meine Verbeugung gemacht hatte, weihte ich mich dem Kultus des Harpokrates und war ganz Auge und Ohr, ohne mir jedoch meine Aufmerksamkeit allzu sehr merken zu lassen. Die Unterhaltung war allerdings nicht besonders interessant; denn man sprach zuerst von der Seine, die damals zugefroren war und fußdickes Eis hatte. Dann kam der Tod des Herrn von Fontenelle an die Reihe; hierauf wurde davon gesprochen, daß Tamins nicht gestehen wolle und daß der Prozeß dem Könige fünf Millionen kosten werde. Endlich sprach man vom Kriege und rühmte Herrn von Soubise, den der König zum Oberbefehlshaber seiner Heere ausersehen hatte. Ein natürlicher Übergang führte auf die Kosten, die der Krieg verursachen würde, und auf die Mittel, wie diese Kosten gedeckt werden könnten. Ich hörte zu und langweilte mich; denn alle ihre Reden waren dermaßen mit Fachausdrücken gespickt, daß ich niemals recht ihren Sinn erfassen konnte. Wenn jemals Schweigen einem Menschen Nichtigkeit hat verleihen können, so mußte meine anderthalbstündige Ausdauer mich in den Augen der Herren als eine sehr bedeutende Persönlichkeit erscheinen lassen. Gerade in dem Augenblick, wo ich das Gähnen nicht mehr zurückhalten konnte, wurde zur Tafel gerufen; wieder saß ich anderthalb Stunden bei Tisch, ohne den Mund zu einem anderen Zweck zu öffnen, als um einer ausgezeichneten Mahlzeit reichliche Ehre anzutun. Einen Augenblick, nachdem der Nachtisch aufgetragen war, lud Herr du Vernay mich ein, mit ihm in ein Nebenzimmer zu kommen, während die anderen Gäste bei Tische blieben. Ich folgte ihm, und wir gingen durch einen Saal, wo wir einen gut aussehenden Mann von etwa fünfzig Jahren fanden, der uns in ein Kabinett begleitete, wo Herr du Vernay ihn mir unter dem Namen Casalbigi vorstellte. Nachdem unmittelbar darauf noch zwei Finanzintendanten eingetreten waren, überreichte Herr du Vernay mir lächelnd und mit der liebenswürdigsten Miene ein Folioheft mit den Worten: »Hier, Herr Casanova, ist Ihr Plan.« Ich nahm das Heft und las die Aufschrift: Lotterie von neunzig Zahlen, deren Gewinne bei monatlicher Ziehung nur auf fünf Zahlen fallen können usw. Ich gab ihm das Heft zurück und sagte mit der größten Sicherheit: »Mein Herr, ich gestehe, dies ist allerdings mein Plan.« »Mein Herr, man ist Ihnen zuvorgekommen; der Plan ist von Herrn Casalbigi, den Sie hier sehen.« »Ich bin entzückt – nicht, daß man mir zuvorgekommen ist, sondern daß ich, wie ich sehe, ebenso denke wie Herr von Casalbigi. Aber wenn Sie den Plan nicht angenommen haben, darf ich es wagen, Sie nach Ihren Gründen zu fragen?« »Man führt gegen den Plan mehrere sehr triftige Gründe an, auf die uns nur sehr unbestimmte Antworten gegeben worden sind.« »Ich sehe,« sagte ich kühl, »in der ganzen Welt nur einen einzigen Grund, der dagegen sprechen könnte: daß nämlich der König seinen Untertanen das Spielen nicht erlauben wollte.« »Dieser Grund kommt, wie Sie begreifen werden, nicht in Betracht; der König wird seinen Untertanen erlauben zu spielen, soviel sie wollen. Aber werden sie spielen?« »Ich wundere mich, daß man daran zweifeln kann – vorausgesetzt natürlich, daß die Gewinner sicher sind, ihr Geld zu erhalten.« »Nehmen wir also an, daß sie spielen werden, sobald sie sicher sind, daß eine Kasse zur Auszahlung vorhanden ist – aber wie wollen Sie die Mittel beschaffen?« »Die Mittel? Nichts einfacher als dies: königlicher Schatz; Verfügung des Ministerrats. Mir genügt es, wenn die Nation annimmt, daß der König imstande sei, hundert Millionen zu zahlen.« »Hundert Millionen?« »Jawohl! man muß blenden.« »Aber damit Frankreich glaubt, oder damit wir Frankreich zu dem Glauben bringen, daß der König hundert Millionen bezahlen könne, muß man die Möglichkeit annehmen, daß er sie verlieren kann. Nehmen Sie diese Möglichkeit an?« »Ja, gewiß nehme ich sie an; aber dieser Fall könnte erst dann eintreten, nachdem man mindestens hundertfünfzig Millionen eingenommen hätte, und dann wäre die Verlegenheit nicht groß. Als Kenner politischer Berechnungen, mein Herr, können Sie dies nicht leugnen.« »Ich stehe nicht allein. Geben Sie zu, daß schon bei der ersten Ziehung der König eine ungeheure Summe verlieren kann?« »Ich gebe es zu, mein Herr; aber zwischen der Möglichkeit und der Tatsache liegt ein unendlicher Spielraum; und ich wage zu behaupten, daß es für einen völligen Erfolg der Lotterie keinen größeren Glücksfall geben könnte, als wenn der König bei der ersten Ziehung eine erhebliche Summe verlöre.« »Wie, mein Herr? Aber dies wäre ja ein großes Unglück!« »Ein wünschenswertes Unglück. Man rechnet mit moralischen Einflüssen wie mit anderen Möglichkeiten. Wie Sie wissen, sind alle Versicherungsgesellschaften reich. Ich werde Ihnen vor allen Mathematikern Europas beweisen, daß, da Gott sich neutral verhält, der König unbedingt bei dieser Lotterie eins auf fünf gewinnen muß. Dies ist das Geheimnis. Geben Sie zu, daß gegen einen mathematischen Beweis die Vernunft nichts einwenden kann?« »Das gebe ich zu. Aber sagen Sie mir, warum das Castelletto nicht für einen sicheren Gewinn des Königs garantieren kann.« »Das Castelletto so wenig wie irgend ein Mensch auf der Welt kann eine offenkundige und vollkommene Sicherheit dafür geben, daß der König stets gewinnen wird. Übrigens ist das Castelletto nur dazu da, eine, zwei oder drei Nummern vorläufig in einem gewissen Gleichgewicht zu halten, wenn sie übermäßig besetzt sind, so daß ihr Herauskommen dem Lotteriehalter einen beträchtlichen Verlust verursachen könnte. Das Castelletto erklärt dann die Nummern für gesperrt; für einen sicheren Gewinn könnte es Ihnen nur dann garantieren, wenn die Ziehung solange hinausgeschoben würde, bis alle Chancen gleichmäßig besetzt wären. Aber dann würde die Lotterie nicht gehen; denn man müßte vielleicht ganze Jahre warten. Außerdem muß man bekennen, daß in diesem Fall die Lotterie zu einer Halsabschneidern, zum offenbaren Diebstahl würde. Was sie davor schützt, daß ein ehrenrühriger Vorwurf gegen sie erhoben werden kann, ist die Bestimmung, daß jeden Monat unbedingt eine Ziehung stattfindet; denn dadurch ist das Publikum sicher, daß der Lotteriehalter verlieren kann.« »Werden Sie die Güte haben, in voller Versammlung ebenso zu sprechen und Ihre Gründe geltend zu machen?« »Mit großem Vergnügen werde ich dies tun.« »Werden Sie auf alle Einwendungen antworten?« »Ich glaube, es versprechen zu können.« »Wollen Sie mir Ihren Plan einreichen?« »Ich werde diesen erst hergeben, wenn man sich entschlossen hat, ihn anzunehmen, und wenn man mir die angemessenen Vorteile zugesichert hat, um die ich bitten werde.« »Aber Ihr Plan kann doch nur derselbe sein wie dieser hier.« »Das bezweifle ich. Ich sehe Herrn Casalbigi zum ersten Male, und da er mir seinen Plan nicht mitgeteilt hat und von dem meinigen keine Kenntnis hat haben können, so ist es gewiß schwierig, wenn nicht gar unmöglich, daß wir in allen Punkten übereinstimmen sollten. Übrigens gebe ich in meinem Plan an, wieviel der König ungefähr jährlich gewinnen muß, und weise dies unwiderleglich nach.« »Man könnte also die Unternehmung an eine Gesellschaft abgeben, die dem König eine bestimmte Summe bezahlen würde?« »Ich bitte um Verzeihung.« »Warum nicht?« »Aus folgendem Grunde: Die Lotterie kann nur gedeihen, wenn das Publikum zu ihren Gunsten eingenommen ist. Dies wird unfehlbar der Fall sein. Ich möchte mit der ganzen Sache nichts zu tun haben, wenn sie von einer Gesellschaft ausginge, die, um ihren Gewinn zu vermehren, vielleicht daran denken könnte, alle möglichen Operationen vorzunehmen; dadurch würde der Zuspruch des Publikums vermindert werden.« »Ich sehe nicht ein, inwiefern.« »Auf tausend verschiedene Arten, die ich Ihnen ein anderes Mal auseinandersetzen werde und worüber Sie, dessen bin ich sicher, dasselbe Urteil fällen werden wie ich. Kurz und gut, wenn ich mich mit der Sache befassen soll, muß es eine königliche Lotterie sein oder gar keine.« »Herr von Casalbigi ist derselben Meinung wie Sie.« »Dies freut mich außerordentlich, aber es wundert mich durchaus nicht; denn indem er wie ich darüber nachgedacht, hat er zu dem gleichen Ergebnis kommen müssen.« »Haben Sie das Personal für das Castelletto zur Hand?« »Dazu brauche ich nur intelligente Maschinen, und an diesen fehlt es in Frankreich nicht.« »Wie hoch nehmen Sie den Gewinn an?« »Auf zwanzig vom Hundert. Wer dem König einen Taler von sechs Franken bringt, bekommt fünf zurück, und ich verspreche Ihnen, daß ceteris paribus der Zulauf ein derartiger sein wird, daß die ganze Nation dem König zum mindesten 500 000 Franken zahlen wird. Ich werde dies vor einem Komitee nachweisen, vorausgesetzt, daß dieses aus Mitgliedern besteht, die keine Umschweife machen, sondern gerade aufs Ziel losgehen, sobald ich die Richtigkeit meiner Berechnungen greifbar nachgewiesen habe.« Ich fühlte mich imstande, Wort halten zu können, und diese innere Gewißheit beglückte mich. Ich ging einen Augenblick hinaus und fand, als ich wieder eintrat, alle Herren in Gruppen beieinander stehen und sehr ernsthaft über den Plan sprechen. Casalbigi trat auf mich zu und fragte mich freundschaftlich, ob ich in meinen Plan auch den Quaterno vorgesehen habe. »Das Publikum,« antwortete ich ihm, »muß sogar das Recht haben, den Quino zu spielen; ich mache jedoch in meinem Plan die Einsätze stärker, denn man wird auf den Viertreffer und Fünftreffer nur spielen können, wenn man gleichzeitig auch die Ternos besetzt.« »In meinem Plan lasse ich den einfachen Quaterno zu, mit einem Gewinn von fünfzigtausend auf eins.« »Es gibt in Frankreich gute Rechner, mein Herr, und wenn sie nicht den Gewinn für alle Chancen gleich finden, werden sie sich diesen Umstand zunutze machen.« Casalbigi schüttelte mir herzlich die Hand und sagte mir, er wünschte, wir könnten einmal miteinander sprechen. Ich erwiderte seinen Händedruck und sagte, ich würde es mir zur Ehre anrechnen, seine nähere Bekanntschaft zu machen. Nachdem ich Herrn du Vernay meine Adresse gegeben hatte, verabschiedete ich mich von der Gesellschaft; ich sah mit Befriedigung auf allen Gesichtern, daß ich den Anwesenden einen vorteilhaften Begriff von meiner Intelligenz beigebracht hatte. Drei Tage später ließ Herr von Casalbigi sich bei mir melden; ich empfing ihn auf das liebenswürdigste und versicherte ihm, ich hätte mich nur deshalb noch nicht bei ihm eingefunden, weil ich befürchtet hätte, ihm lästig zu fallen. Er erwiderte meine höflichen Komplimente und sagte mir, die freie Art, wie ich gesprochen, hätte auf die Herren Eindruck gemacht. Er wäre überzeugt, daß wir die Lotterie unter sehr vorteilhaften Bedingungen durchsetzen könnten, wenn ich mich beim Generalkontrolleur darum bemühen wollte. »Dies glaube ich; aber der Vorteil, den sie selber davon haben würden, wäre noch viel größer, und trotzdem haben die Herren es gar nicht eilig damit, denn sie haben mich noch nicht rufen lassen. Die Sache steht bei ihnen; denn für mich ist sie nur von untergeordneter Bedeutung.« »Sie werden unzweifelhaft heute etwas Neues hören; denn ich weiß, daß Herr de Boulogne mit Herrn de Courteuil über Sie gesprochen hat.« »Schön; aber ich versichere Ihnen, ich habe ihn nicht darum gebeten.« Nachdem wir noch einige Augenblicke geplaudert hatten, bat er mich in freundschaftlichster Weise, bei ihm zu speisen. Ich nahm die Einladung an, denn sie war mir im Grunde sehr angenehm. Im Augenblick, wo wir fortgehen wollten, überbrachte man mir einen Brief von Herrn de Bernis. Der liebenswürdige Abbé schrieb mir: wenn ich am nächsten Tage nach Versailles kommen könnte, würde er mich der Frau Marquis de Pompadour vorstellen, und ich würde auch Herrn de Boulogne sehen. Dieser Zufall war mir außerordentlich angenehm. Weniger aus Eitelkeit als aus Berechnung zeigte ich diesen Brief Herrn von Casalbigi, und ich sah mit Vergnügen, daß er große Augen machte, als er ihn las. »Sie haben«, sagte er, »alles was Sie brauchen, um Herrn du Vernay sogar zwingen zu können, Ihre Lotterie zu genehmigen, und Ihr Glück ist gemacht, falls Sie nicht etwa so reich sind, daß es für Sie nicht darauf ankommt.« »Man ist niemals reich genug, um einen großen Vorteil von sich zu weisen, besonders wenn man sich schmeicheln kann, ihn nicht der Protektion zu verdanken.« »Das ist vernünftig gedacht. Wir geben uns schon seit zwei Jahren eine unmenschliche Mühe, um unser Projekt durchzusetzen; aber man kommt uns immer nur mit dummen Einwänden, die Sie im Nu zu Staub zerrieben haben. Ihr Plan kann aber doch unmöglich von dem unsrigen abweichen. Folgen Sie meinem Rat und vereinigen Sie sich mit uns, denn allein werden Sie auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen. Seien Sie überzeugt, die intelligenten Maschinen, die Sie brauchen, werden Sie in Paris nicht finden. Mein Bruder wird die ganze Last der Arbeit auf sich nehmen, und Sie können alle Vorteile der Direktion genießen und dabei ein lustiges Leben führen.« »Ich bin nicht habsüchtig, und die Teilung des Gewinns würde keine Schwierigkeiten machen. Aber sind denn Sie nicht der Urheber des Plans, den ich gesehen habe?« »Er ist von meinem Bruder.« »Werde ich die Ehre haben, ihn zu sehen?« »Selbstverständlich. Er ist körperlich krank, aber sein Geist ist vollkommen frisch. Wir wollen sofort zu ihm gehen.« Ich fand einen Mann von wenig appetitlichem Aussehen, denn er war von einer Art Aussatz bedeckt; aber dieser verhinderte ihn nicht, gut zu essen, zu schreiben und alle körperlichen und geistigen Geschäfte vollkommen zu verrichten; er sprach gut und war von sehr heiterer Laune. Er ließ sich vor keinem Menschen sehen, nicht nur deshalb, weil seine Krankheit ihn entstellte, sondern auch, weil er sehr häufig ein unwiderstehliches Bedürfnis hatte, sich bald hier, bald da zu kratzen. Und da es in Paris für etwas Entsetzliches gilt, sich zu kratzen, einerlei ob dies aus Bedürfnis oder aus Gewohnheit geschieht, so zog er den Annehmlichkeiten eines geselligen Verkehrs das Glück vor, nach Herzenslust seine Nägel zu gebrauchen. Er sagte gerne, er glaube an Gott und dessen Werke, und er sei überzeugt, Gott habe ihm die Nägel nur gegeben, um sich durch sie die einzige mögliche Erleichterung zu verschaffen, wenn ihn das Jucken beinahe rasend mache. »Sie glauben also an einen Zweck der Schöpfung, und ich wünsche Ihnen Glück dazu; aber ich glaube, Sie würden sich auch dann kratzen, wenn Gott vergessen hätte, Ihnen Nägel zu geben.« Über meine Bemerkung lachte er und sprach dann von unserer Angelegenheit. Ich sah bald, daß er ein sehr kluger Mann war. Er war der ältere der beiden Brüder und unverheiratet. Er war ein großer Rechner, gewandt in allen Finanzoperationen, kannte den Handel aller Nationen, war Gelehrter, Historiter, Schöngeist, Dichter und großer Freund der Weiber. Er war gebürtig aus Livorno, war bei der Gesandtschaft in Neapel Attaché gewesen und mit Herrn de l'Hôpital nach Paris gekommen. Sein Bruder war ebenfalls talentvoll und kenntnisreich; aber er erkannte mit Recht die Überlegenheit des älteren an. Er zeigte mir einen Haufen Schriften, worin er alle Probleme seiner Lotterie gelöst hatte, und sagte zu mir: »Wenn Sie glauben, alles machen zu können, ohne meiner zu bedürfen, so mache ich Ihnen mein Kompliment, aber ich denke, Sie werden sich da einer trügerischen Hoffnung hingeben. Denn wenn Sie keine praktische Erfahrung haben, und nicht über Leute verfügen, die bereits eingearbeitet sind, so wird Ihre Theorie nicht hinreichend sein. Was werden Sie machen, wenn Sie die Bewilligung durchgesetzt haben? Ich erlaube mir, Ihnen einen Rat zu geben: Wenn Sie vor dem Komitee sprechen, so setzen Sie einen bestimmten Termin fest, über welchen hinaus Sie alle Verantwortlichkeit ablehnen; mit andern Worten, drohen Sie sofort damit, sich von der Sache gänzlich zurückzuziehen; sonst bekommen Sie es sicherlich mit kleinlichen und widerhaarigen Geistern zu tun, und die Sache wird von einem Termin zum anderen, bis zu den griechischen Kalenden verschoben werden. Anderseits kann ich Ihnen versichern, daß es Herrn du Vernay sehr angenehm sein wird, wenn wir zusammenhalten. Was Ihre Theorie anbetrifft, daß die Gewinne bei allen Chancen verhältnismäßig gleich sein müssen, so hoffe ich Sie zu überzeugen, daß dies beim Quaterno nicht der Fall sein darf.« Ich war sehr gerne bereit, mich mit den Herren zu einigen, schon aus dem sehr triftigen Grunde, weil ich sie gar nicht entbehren konnte; aber ich hütete mich wohl, sie dies merken zu lassen. Ich ging mit dem jüngeren Bruder nach dessen Privatwohnung hinunter, und er hatte die Freundlichkeit, mich vor dem Essen seiner Frau vorzustellen. Ich fand bei ihr eine in Paris sehr bekannte alte Dame, die Generalin La Mothe, berühmt durch ihre frühere Schönheit und ihre Gicht; und eine andere bejahrte Dame, die man in Paris Baronin Blanche nannte und die noch die Geliebte des Herrn de Vaux war; eine andere, die als Frau Präsidentin angeredet wurde, und eine vierte, schön wie der Tag, eine Piemontesin Frau Razzetti, die Gattin eines Geigers von der Oper; man sagte von ihr, daß der Intendant der Oper, Herr de Fondpertuis, ihr den Hof mache. Wir setzten uns zu Tisch, aber ich spielte eine traurige Figur, weil der Lotterieplan alle meine Gedanken beherrschte. Am Abend bei Sylvia fand man mich zerstreut und unaufmerksam, und ich war es auch, trotz dem zärtlichen Gefühl, das mir die junge Baleti einflößte, und das mit jedem Tage neue Kraft gewann. Am nächsten Morgen fuhr ich zwei Stunden vor Sonnenaufgang nach Versailles. Herr de Bernis empfing mich lachend mit den Worten, er möchte wetten, daß ich ohne ihn von meinen hohen Kenntnissen auf dem Gebiete der Finanzen niemals eine Ahnung gehabt haben würde. »Wie mir Herr de Boulogne sagte, haben Sie Herrn du Vernay in Erstaunen gesetzt, und dieser gilt im allgemeinen für einen der besten Köpfe in ganz Frankreich. Ich rate Ihnen, mein lieber Casanova, diese Bekanntschaft nicht zu vernachlässigen, sondern ihm in Paris fleißig den Hof zu machen. Übrigens kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß die Lotterie genehmigt weiden wird; dies wird auf Ihre Anregung geschehen, und Sie müssen darauf bedacht sein, für sich Vorteil daraus zu ziehen. Sobald der König auf die Jagd gegangen ist, finden Sie sich in den kleinen Gemächern ein; ich werde Sie der berühmten Marquise vorstellen, sobald mir der Augenblick günstig erscheint. Hierauf dürfen Sie nicht versäumen, sich in das Ministerium des Auswärtigen zu begeben und sich in meinem Auftrage dem Herrn Abbé de la Ville vorzustellen. Er ist der erste Geheimrat, und Sie werden von ihm gut aufgenommen werden.« Herr von Boulogne versprach mir, er werde das Dekret wegen Einrichtung der Lotterie erscheinen lassen, sobald Herr du Vernay ihm mitgeteilt hätte, daß das Komitee der Militärschule einverstanden wäre. Er forderte mich auf, ihm auch etwaige andere Vorschläge auf dem Gebiete der Finanzen mitzuteilen. Um zwölf Uhr begab Frau von Pompadour sich mit dem Prinzen Soubise nach den kleinen Gemächern, und mein Beschützer beeilte sich, die große Dame auf mich aufmerksam zu machen. Sie machte mir eine tiefe Verbeugung, trat auf mich zu und sagte mir, die Geschichte meiner Flucht hätte sie sehr interessiert. »Die Herren da oben,« sagte sie lächelnd zu mir, »sind sehr zu fürchten. Gehen Sie zuweilen zum venetianischen Gesandten?« »Ich kann ihm meine Ehrerbietung nicht deutlicher bezeugen, Madame, als indem ich ihn nicht brauche.« »Ich hoffe. Sie werden jetzt daran denken, sich dauernd bei uns niederzulassen.« »Es wäre mein sehnlichster Wunsch, Madame; aber ich habe Protektion nötig, und ich weiß, daß man solche in diesem Lande nur dem Talent gewährt. Dies entmutigt mich.« »Ich glaube im Gegenteil, Sie können alles hoffen; Sie haben gute Freunde. Ich werde mit Vergnügen die Gelegenheit ergreifen, Ihnen nützlich zu sein.« Da mit diesen Worten die schöne Marquise sich zum Gehen wandte, hatte ich kaum noch Zeit, meinen Dank zu stammeln. Ich begab mich dann zum Abbé de la Ville, der mich außerordentlich freundlich empfing und mir versicherte, er würde an mich denken, sobald sich die Gelegenheit böte. Versailles war ein wundervoller Ort, aber ich konnte dort nur Komplimente und keine Einladung erwarten; daher ging ich denn von Herrn de la Ville sogleich in einen Gasthof, um dort zu essen. Als ich mich zu Tisch setzen wollte, redete ein sehr gut aussehender Abbé, wie man in Frankreich sie zu Dutzenden findet, mich an und fragte mich, ob es mir recht wäre, wenn wir zusammen speisten. Die Gesellschaft eines liebenswürdigen Menschen ist mir niemals unangenehm gewesen. Ich nahm daher seinen Vorschlag höflich an. Sobald wir einander gegenüber saßen, machte er mir ein Kompliment über die zuvorkommende Art, womit Herr de la Ville mich behandelt hätte. »Ich war zugegen und schrieb gerade einen Brief; so konnte ich alle verbindlichen Worte hören, die der Herr Abbé Ihnen sagte. Dürfte ich mir erlauben, Sie zu fragen, mein Herr, wer Ihnen Zutritt bei dem liebenswürdigen Herrn verschafft hat?« »Wenn Herr Abbé großen Wert darauf legen, dies zu erfahren, so kann ich es Ihnen wohl sagen.« »Einfache Neugier.« »Und von meiner Seite einfache Diskretion, wenn ich schweige.« »Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen.« »Recht gern.« Ich hatte dem indiskreten Neugierigen den Mund gestopft; er sprach nur noch von gleichgültigen und unangenehmen Dingen. Da ich in Versailles nichts mehr zu tun hatte, traf ich gleich nach dem Essen meine Vorbereitungen zur Rückfahrt, als der Abbé mich um Erlaubnis bat, mit mir fahren zu dürfen. Obgleich die Gesellschaft von Abbés kaum besser als die von Dirnen ist, sagte ich ihm: ich beabsichtige nach Paris in einem öffentlichen Wagen zu fahren und hätte ihm daher durchaus keine Erlaubnis zu geben; ich würde im Gegenteil mit Vergnügen sehen, wenn er mein Reisegefährte wäre. In Paris angekommen, trennten wir uns, nachdem wir uns gegenseitig einen Besuch versprochen hatten, und ich ging zu Sylvia, bei der ich zu Abend speiste. Die ebenso gute wie interessante Dame wünschte mir Glück zu meinen Bekanntschaften und forderte mich dringend auf, mir diese warm zu halten. In meiner Wohnung fand ich einen Brief von Herrn du Vernay, der mich bat, am nächsten Tage um elf Uhr in die Militärrschule zu kommen. Schon um neun Uhr erschien Casalbigi, um mir guten Morgen zu sagen und mir im Auftrag seines Bruders ein großes Blatt zu überbringen, woraus die ganze Berechnung der Lotterie in einer Form stand, daß ich sie ohne weiteres dem Komitee vorlegen konnte. Es war eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die auf bekannte Zahlen angewendet war, so daß durch sie bewiesen wurde, was ich bisher nur behauptet hatte. Die Sache lief darauf hinaus, daß das Lotteriespiel in Verlust und Gewinn vollkommen im Gleichgewicht gewesen wäre, wenn man statt fünf Zahlen ihrer sechs gezogen hätte. Indem man nur fünf zog, hatte man die mathematische Gewißheit, zwanzig auf hunder zu gewinnen. Hieraus folgte natürlich, daß die Lotterie nicht hätte bestehen können, wenn man sechs Nummern gezogen hätte; denn vom Gewinn mußten vor allen Dingen die Regiekosten bestritten werden, die sich damals auf hunderttausend Taler belaufen mußten. Das Glück schien es sich zur Aufgabe zu machen, mich auf den richtigen Weg zu bringen; denn diese Tabelle war für mich ein wahres Geschenk vom Himmel. Ich war also fest entschlossen, mir dieses willkommene Hilfsmittel zunutze zu machen. Nachdem ich noch von Casalbigi einige Auskünfte erhalten hatte, die ich mit einer Miene anhörte, wie wenn mir alles längst bekannt sei, begab ich mich nach der Militärschule, wo sofort nach meiner Ankunft die Konferenz eröffnet wurde. Herr d'Alembert war in seiner Eigenschaft als großer Arithmetiker gebeten worden, der Sitzung beizuwohnen. Dies wäre nicht für notwendig gehalten worden, wenn Herr du Vernay allein gewesen wäre; aber es waren im Komitee eigensinnige Köpfe, die das Ergebnis einer politischen Berechnung nicht anerkennen wollten, und daher den offenbaren Augenschein leugneten. Die Konferenz dauerte drei Stunden. Nachdem ich in kaum einer halben Stunde mit meinem Vortrag fertig geworden war, faßte Herr von Courteuil alles von mir Gesagte zusammen; hierauf machte man mir eine halbe Stunde lang alle möglichen Einwendungen, die ich mit der größten Leichtigkeit widerlegte. Ich sagte: die Kunst des Rechnens sei im allgemeinen nichts anderes als die Kunst, aus mehreren bekannten Größen eine andere bis dahin unbekannte Größe zu bestimmen. Dieselbe Erklärung treffe auch für eine moralische Berechnung genau so zu wie für eine mathematische. Ich wies nach, daß ohne diese Gewißheit niemals Versicherungsgesellschaften auf der Welt hätten sein können; diese seien alle reich und blühend und lachten über das Glück und über die Schwachköpfe, die dessen Einwirkung fürchteten. Zum Schluß sagte ich den Herren, deren Mehrzahl noch zu schwanken schien: kein Gelehrter und ehrenwerter Mann könne die Leitung einer solchen Lotterie übernehmen, wenn er dafür garantieren sollte, daß sie bei jeder Ziehung gewinnen würde. Sollte jemand so kühn sein, mit solcher Versicherung vor sie hinzutreten, so müßten sie ihn hinauswerfen. Denn entweder würde er sein Wort nicht halten, oder, wenn er es hielte, so wäre er ein Schelm. Dies wirkte. Niemand erwiderte etwas, und Herr du Vernay stand auf und sagte, man könne ja auf alle Fälle die Lotterie jederzeit wieder eingehen lassen. Als ich diese Worte hörte, fühlte ich, daß die Sache gewonnen war. Alle Anwesenden unterzeichneten das Protokoll, das Herr du Vernay ihnen vorlegte, und entfernten sich. Ich selber machte einen Augenblick später Herrn du Vernay meine Verbeugung; er schüttelte mir freundschaftlich die Hand, und ich ging. Am nächsten Tage kam Casalbigi zu mir und brachte mir die angenehme Nachricht, die Sache sei beschlossen und man warte nur noch auf die Ausfertigung des Dekrets. »Ich bin entzückt über den Erfolg,« sagte ich zu ihm, »und verspreche Ihnen alle Tage zu Herrn von Boulogne zu gehen, um die Übertragung der Regie an Sie zu betreiben, sobald ich von Herrn du Vernay erfahren habe, was man mir bewilligen wird.« Wie man sich denken kann, ließ ich mich keine Mühe verdrießen; denn ich wußte wohl, daß bei großen Herren Versprechen und Halten zweierlei ist. Man bot mir sechs Lotteriebureaus an, die ich natürlich gerne annahm, dazu ein Jahrgeld von viertausend Franken, die auf den Ertrag der Lotterie angewiesen wurden. Diese Summe entsprach den Zinsen eines Kapitals von hunderttausend Franken, das ich mir auszahlen lassen konnte, sobald ich auf meine Bureaus verzichtete; denn dieses Kapital diente als Bürgschaft für mich. Acht Tage darauf erschien die Verordnung. Die Regie erhielt Casalbigi mit einem Gehalt von dreitausend Franken für jede Ziehung, einem Jahrgeld von viertausend Franken wie ich, und dem Hauptbureau der Unternehmung im Gebäude der Lotterie selbst in der Rue Montmartre. Casalbigis Bezüge waren viel höher als die meinigen, aber ich war nicht neidisch darauf, denn ich wußte recht wohl, daß er ein Anrecht darauf hatte. Von meinen sechs Bureaus verkaufte ich sofort fünf für je zweitausend Franken. Das sechste eröffnete ich mit großem Luxus in der Rue St. Denis und übergab es meinem Kammerdiener als Geschäftsführer. Er war ein sehr intelligenter junger Italiener, der beim Gesandten in Neapel, dem Fürsten de la Catolica, Kammerdiener gewesen war. Der Tag der ersten Ziehung wurde festgesetzt, und man zeigte an, daß die Gewinne acht Tage nach der Ziehung im Hauptbureau der Lotterie ausbezahlt würden. Um die Kundschaft anzulocken und mein Bureau vor den anderen auszuzeichnen, ließ ich Plakate anschlagen, daß die Gewinne der von mir unterzeichneten Lose schon vierundzwanzig Stunden nach der Ziehung in meinem Bureau erhoben werden könnten. Dadurch vermehrte ich den Zuspruch der Spieler und zugleich in sehr beträchtlicher Weise meine Einkünfte; denn ich hatte sechs Prozent von der Einnahme. Etwa fünfzig Vorsteher der anderen Bureaus waren dumm genug, sich bei Casalbigi zu beschweren, daß ich durch mein Verfahren ihre Einnahmen schmälere; aber der Regisseur wies sie ab, indem er ihnen sagte, sie brauchten es ja nur ebenso zu machen wie ich, wenn sie die Mittel dazu hätten. Meine erste Einnahme betrug vierzigtausend Franken. Eine Stunde nach der Ziehung brachte mein Geschäftsführer mir die Liste und zeigte mir, daß wir siebzehn bis achtzehntausend Franken zu bezahlen hatten. Alle Gewinne waren Auszüge oder Amben, und ich übergab ihm das erforderliche Geld, um sie auszuzahlen. Durch meine Maßregel machte, ohne daß ich daran gedacht hatte, mein Geschäftsführer sein Glück; denn jeder Gewinner gab ihm ein Trinkgeld, und ich verlangte von ihm natürlich nicht, daß er dieses mit mir teilte. Die Gesamteinnahme betrug zwei Millionen, und die Regie gewann sechshunderttausend Franken. Paris allein hatte vierhunderttausend Franken zur Einnahme beigetragen. Für das erstemal ein recht schöner Erfolg. Am Tage nach der Ziehung speisten Casalbigi und ich bei Herrn du Vernay, und ich hatte das Vergnügen, ihn sich darüber beklagen zu hören, daß wir zuviel gewonnen hätten. Paris hatte nur achtzehn oder zwanzig Ternen, aber diese brachten der Lotterie einen glänzenden Ruf ein, obgleich sie nur klein waren. Schon begann die Spielwut zu wirken, und es war leicht vorauszusehen, daß bei der nächsten Ziehung die Einnahme doppelt so groß sein würde. Der scherzhafte Krieg, den man bei Tisch gegen mich führte, versetzte mich in gute Laune; Casalbigi sagte, ich hätte durch einen kühnen Gedanken mir ein Jahreseinkommen von hunderttausend Franken verschafft; aber die anderen Lotterieeinnehmer würden den Schaden davon haben. »Solche Schläge habe ich oft gemacht,« sagte Herr du Vernay, »und habe mich für gewöhnlich gut dabei gefunden; übrigens steht es jedem Einnehmer frei, es ebenso zu machen wie Herr Casanova, und dadurch kann der Ruf an einer Einrichtung, die wir ihm ebensowohl wie Ihnen verdanken, nur gewinnen.« Bei der zweiten Ziehung nötigte ein Terno von vierzigtausend Franken mich, Geld zu leihen; meine Einnahme hatte sechstausend betragen; da ich aber am Tage vor der Ziehung meine Kasse abliefern mußte, konnte ich nur aus meinen eigenen Mitteln zahlen, und ich erhielt das Geld erst acht Tage darauf zurück. In allen großen Häusern, die ich besuchte, und in den Theatern gaben alle möglichen Leute mir Geld und baten mich, nach meinem Gutdünken für sie zu spielen und ihnen Lose zu geben; denn kein Mensch verstand noch etwas von dem Spiel. Infolgedessen nahm ich die Gewohnheit an, Lose von allen Arten oder vielmehr zu allen Preisen bei mir zu tragen und davon jedem nach seiner Wahl abzugeben. Jeden Abend kam ich mit goldgefüllten Taschen nach Hause. Dies war ein ungeheurer Vorteil, eine Art Vorrecht, das ich allein genoß; denn die anderen Lotterieeinnehmer waren keine Angehörigen der guten Gesellschaft und fuhren nicht im eigenen Wagen wie ich. In großen Städten beurteilt man im allgemeinen den Wert eines Menschen nach dem Glanz, der ihn umgibt. Mein Luxus verschaffte mir überall Eintritt, und ich hatte überall offenen Kredit. Die Lotterie ist für den Privatmann eine beschwerliche Last; denn die Lockmittel, die sie bietet, entbehren fast jeden tatsächlichen Inhaltes; aber sie ist sehr gewinnbringend für die Regierungen, die in aller Bequemlichkeit die Habsucht oder Begehrlichkeit des Publikums ausbeuten. Ich habe jetzt meinen Lesern von meinem Erfolg auf diesem Gebiete genug gesagt und werde von der Lotterie erst wieder sprechen, wenn ich etwas zu berichten habe, was für meinen Lebenslauf von Wichtigkeit ist. Ich muß jetzt einmal für einen Augenblick umkehren. Ich hielt mich kaum seit einem Monat in Paris auf, als mein Bruder Francesco, mit dem ich im Jahre 1752 von dort abgereist war, bei mir anlangte. Er kam mit Frau Silvestre aus Dresden, wo er vier Jahre lang nur seiner Kunst gelebt und alle schönen Schlachtenbilder der berühmten kurfürstlichen Galerie kopiert hatte. Wir sahen uns beide mit gleicher Freude wieder. Als ich ihm aber anbot, durch den Einfluß meiner vornehmen Bekannten seine Aufnahme in die Akademie zu erleichtern, sagte er mir mit dem Stolz eines Künstlers, der sich seines Wertes bewußt ist: er danke mir, aber er wolle seinen Erfolg nur seinem Talent verdanken. »Die Franzosen haben mich einmal zurückgewiesen, und ich bin weit entfernt, ihnen dies übel zu nehmen, denn heute würde ich mich selber ablehnen, wenn ich nicht mehr könnte als damals; aber ich weiß, wie sehr sie das Talent lieben, und ich rechne daher heute auf eine bessere Aufnahme.« Seine Zuversicht gefiel mir, und ich wünschte ihm Glück dazu; denn ich bin stets der Meinung gewesen, daß das wahre Verdienst zuerst sich selber Gerechtigkeit widerfahren lassen muß. Francesco malte wirklich ein schönes Bild, das er im Louvre ausstellte; er wurde daraufhin einstimmig in die Akademie aufgenommen. Sie erwarb das Gemälde für zwölftausend Franken. Mein Bruder wurde berühmt und verdiente in sechsundzwanzig Jahren beinahe eine Million; trotzdem richteten unvernünftige Ausgaben, ein übertriebener Luxus und zwei unglückliche Heiraten ihn zugrunde. Drittes Kapitel Graf Tiretta aus Treviso. – Abbé Ceste, – Die angebliche Nichte des Papstes, Gräfin Lambertini, – Tiretra bekommt einen Spitznamen. – Tante und Nichte. – Gespräch am Kaminfeuer. – Hinrichtung des Königsmörders Damiens, – Tiretas Irrtum, – Zorn der Frau *** – Versöhnung. – Ich bin glücklich mit Fräulein de la Meure. – Sylvias Tochter. – Fräulein de la Meure verheiratet sich, – Meine Eifersucht und verzweifelter Entschluß. – Glücklicher Umschlag. Zu Anfang März des Jahres 1757 erhielt ich einen Brief von meiner teuren Frau Manzoni; er wurde mir von einem jungen Mann von gutem Aussehen, edlem und freundlichem Gesicht überbracht, den ich an seinem Auftreten sofort als Venetianer erkannte. Es war der junge Graf Tiretta aus Treviso, den Frau Manzoni mir empfahl, indem sie mir schrieb, er werde mir seine Geschichte erzählen, und ich könne mich darauf verlassen, daß er aufrichtig sein würde. Die verehrte Dame schickte mir durch den jungen Mann eine kleine Kiste, worin sich alle meine Papiere befanden; denn sie war überzeugt, daß sie mich nicht mehr wiedersehen könne. Ich empfing Tiretta aufs beste und sagte ihm, er hätte mir keine bessere Empfehlung bringen können, als die einer Dame, der ich stets in Freundschaft und Dankbarkeit zugetan wäre. »Und nun, Herr Graf, da Sie mir gegenüber vollkommen unbefangen sein können, wollen Sie mir sagen, wodurch ich ihnen nützlich sein kann.« »Ich brauche Ihre Freundschaft und vielleicht Ihre Börse, oder zum mindesten Ihre Protektion.« »Auf meine Freundschaft und Protektion können Sie rechnen, und meine Börse steht zu Ihrer Verfügung.« Tiretta sprach mir seine Dankbarkeit aus und fuhr fort: »Vor einem Jahre vertraute der Magistrat meiner Vaterstadt mir ein Amt an, das für mein Alter gefährlich war. Man machte mich und zwei junge Edelleute von gleichem Alter zu Verwaltern des Leihhauses. Die Freuden des Karnevals verleiteten uns zu großen Ausgaben; wir hatten kein Geld und nahmen welches aus der Kasse, in der Hoffnung, das Geld vor der Rechnungsabnahme wieder hineinlegen zu können. Unsere Hoffnung war vergebens. Die Väter meiner beiden Kameraden waren reicher als der meinige; sie retteten sie, indem sie sofort den von ihnen genommenen Teil bezahlten. Da ich nicht zahlen konnte, beschloß ich vor der mich erwartenden Schande und Strafe zu fliehen. Frau Manzoni hat mir geraten, mich Ihnen in die Arme zu werfen, und hat mir eine kleine Kiste mitgegeben, die ich Ihnen noch heute zustellen werde. Ich bin erst gestern in Paris angekommen und besitze nur zwei Louis, etwas Wäsche und den Anzug, den ich auf dem Leibe trage. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, kerngesund und fest entschlossen, alles zu machen, um als anständiger Mensch leben zu können. Leider verstehe ich nichts; denn ich habe keine meiner Gaben in einer Weise ausgebildet, daß ich Nutzen daraus ziehen könnte. Ich spiele die Flöte, aber nur als gewöhnlicher Liebhaber. Ich kenne nur meine Muttersprache und besitze keine wissenschaftliche Bildung. Was glauben Sie unter diesen Umständen mit mir anfangen zu können? Ich muß noch hinzufügen, daß ich nicht hoffen darf, von irgend einem Menschen die geringste Hilfe zu empfangen, am allerwenigsten von meinem Vater; denn um die Ehre der Familie zu retten, wird er über mein Erbteil verfügen, und ich muß unwiderruflich auf dieses verzichten.« Die Erzählung des Grafen hatte mich natürlich überrascht, aber seine Aufrichtigkeit hatte mir gefallen; übrigens war ich entschlossen, der Empfehlung der Frau Manzoni Folge zu geben, und ich fühlte mich außerdem geneigt, einem Landsmann nützlich zu sein, der im Grunde nur eine schwere Unbesonnenheit begangen hatte. »Lassen Sie zunächst Ihr Gepäck in das Zimmer neben dem meinigen bringen und lassen Sie sich etwas zu essen und zu trinken geben. Ich trage alle Kosten, bis ich etwas Passendes für Sie finde, über das Geschäftliche sprechen wir morgen; denn da ich niemals zu Hause esse, komme ich gewöhnlich spät heim, und ich glaube kaum, daß ich heute noch einmal die Ehre haben werde, Sie zu sehen. Für den Augenblick bitte ich Sie, mich zu entschuldigen, denn ich muß arbeiten; sollten Sie spazieren gehen wollen, so hüten Sie sich vor schlechten Bekanntschaften; vor allen Dingen vertrauen Sie sich keinem Menschen an. Sie lieben wohl das Spiel?« »Ich verabscheue es; denn es ist zur Hälfte an meinem Unglück schuld.« »Und den Rest haben die Weiber gemacht, nicht wahr?« »Oh! da haben Sie ganz recht geraten: die Weiber!« »Tragen Sie es ihnen nicht nach, sondern lassen Sie sie für das bezahlen, was sie Ihnen zuleide getan haben.« »Recht gern; wenn ich nur solche Frauen finde.« »Wenn Sie in dieser Hinsicht nicht allzu zartfühlend sind, können Sie in Paris leicht Ihr Glück machen.« »Was nennen Sie zartfühlend? Ich könnte niemals den gefälligen Freund des Fürsten machen.« »Wer spricht denn davon? Unter einem zartfühlenden Menschen verstehe ich jemanden, der nicht ohne Liebe zärtlich sein kann, einen, der...« »Ach so! In dieser Hinsicht ist das Zartgefühl bei mir nur Nebensache. Ich weiß, daß eine alte Schachtel mit goldenen Augen mich jederzeit zärtlich wie einen Seladon finden wird.« »Bravo! Dann wird es sich machen.« »Ich wünsche es.« »Werden Sie zum Botschafter gehen?« »Gott soll mich behüten! Was sollte ich bei ihm anfangen? Ihm meine Geschichte erzählen? Auf die kann ich nicht stolz sein. Außerdem könnte er sich's vielleicht einfallen lassen, mir Scherereien zu bereiten.« »Das könnte er auch tun, wenn Sie nicht zu ihm gingen; aber ich glaube nicht, daß er sich um Sie bekümmern wird.« »Das ist die einzige Gnade, die ich von ihm wünsche.« »Alle Welt trägt jetzt in Paris Trauer, mein lieber Graf. Alle gehen Sie zu meinem Schneider hinauf, der im zweiten Stock wohnt, und lassen Sie sich einen schwarzen Anzug machen. Sagen Sie ihm, daß ich Sie schicke, und daß Sie bis morgen bedient sein wollen. Leben Sie wohl.« Gleich darauf ging ich aus; erst gegen Mitternacht ging ich nach Hause und fand in meinem Zimmer die mir von Frau Manzoni geschickte Kiste, worin sich meine Manuskripte befanden und alle Porträts, die mir teuer waren; denn ich habe niemals eine Tabaksdose verpfändet, ohne vorher das Bild herauszunehmen. Am andern Morgen stellt sich mein Tiretta ganz in Schwarz gekleidet mir vor und spricht mir seine Genugtuung über sein verändertes Aussehen aus. »Sehen Sie, in Paris ist man flink.« »In Treviso hätte ich mindestens acht Tage auf den Anzug warten müssen.« »Treviso, mein Lieber, ist nicht Paris.« In diesem Augenblick meldet man mir den Abbé de la Coste. Ich erinnerte mich dieses Namens nicht, befahl jedoch, ihn eintreten zu lassen, und sah jenes Priesterchen, mit dem ich in Versailles zu Mittag gegessen hatte, als ich beim Abbé de la Ville gewesen war. Nachdem wir die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht hatten, beglückwünschte er mich zum Erfolge meiner Lotterie. Hierauf sagte er mir, er habe gehört, daß ich im Hotel de Cologne für mehr als sechstausend Franken Lose abgegeben hätte. »Allerdings; ich trage stets für mehrere tausend Franken Lose in meiner Brieftasche.« »Nun, so werde ich ebenfalls für tausend Taler nehmen.« »Sobald es Ihnen beliebt. Wenn Sie in meinem Bureau vorsprechen wollen, können Sie sich die Nummern aussuchen.« »Daraus mache ich mir nichts; geben Sie selber mir Lose, die Sie gerade hier haben.« »Sehr gerne; Sie können sich unter diesen hier welche aussuchen.« Er wählte Lose für dreitausend Franken und bat mich dann um Papier, um mir eine Anweisung zu schreiben. »Wozu eine Anweisung? Davon kann nicht die Rede sein, Herr Abbé; ich gebe meine Lose nur gegen bares Geld.« »Aber Sie können sich darauf verlassen, daß Sie morgen den Betrag haben werden.« »Davon bin ich vollkommen überzeugt; aber Sie müssen ebenso fest überzeugt sein, daß Sie morgen die Lose haben werden. Diese sind in meinem Bureau eingetragen, ich kann also nicht anders handeln.« »Geben Sie mir welche, die nicht eingetragen sind.« »Unmöglich; solche habe ich nicht.« »Warum nicht?« »Weil ich sie, wenn sie gewännen, aus meiner eigenen Tasche bezahlen müßte, und dazu habe ich nicht die geringste Lust.« »Ich glaube. Sie könnten es riskieren.« »Ich glaube doch wohl nicht. Es würde auf eine Gaunerei hinauslaufen.« Der Herr Abbé merkte, daß er bei mir nichts erreichen konnte; er wandte sich nun an Tiretta, sprach mit ihm schlechtes Italienisch und schlug ihm zuletzt vor, ihn einer Frau von Lambertini, der Witwe eines Neffen des Papstes, vorzustellen. Der Name, die Verwandtschaft und das plötzliche Anerbieten des Abbé machten mich neugierig; ich sagte ihm, mein Freund wäre einverstanden und ich würde die Ehre haben, mit von der Partie zu sein. Wir fuhren hin. Vor der Tür der angeblichen Nichte des heiligen Vaters in der Rue Christine stiegen wir aus und gingen hinauf. Ich sah eine Frau, der ich trotz ihrer jugendlichen Haltung unbedenklich ihre vierzig Jahre gab; sie war ein bißchen mager, hatte schöne schwarze Augen eine schöne Haut, war lebhaft, übermütig, sehr lachlustig und konnte recht wohl noch einen Liebhaber neugierig auf sie machen. Ich war schnell mit ihr vertraut, brachte sie zum Schwatzen und fand, daß sie weder Witwe noch eine Nichte des Papstes war. Sie war aus Modena und eine echte Abenteuerin von Beruf und Neigung. Diese Entdeckung zeigte mir zur Genüge, wes Geistes Kind der Abbé war, der uns bei ihr eingeführt hatte. Ich glaubte in den Augen meines Trevisaners zu lesen, daß er neugierig auf die Schöne war. Ich lehnte daher ab, als sie uns zum Essen einlud, indem ich sagte, ich sei bereits gebunden; Tiretta aber, der meine Gedanken erraten hatte, nahm die Einladung an. Kurz darauf entfernte ich mich mit dem Abbé, den ich am Quai de la Ferraille absetzte, und fuhr zu Casalbigi, bei dem ich mich zum Essen einlud. Nach Tisch nahm Casalbigi mich auf die Seite und sagte mir, Herr du Vernay habe ihn gebeten, mich darauf aufmerksam zu machen, daß es mir nicht erlaubt wäre, Lose für meine eigene Rechnung auszugeben. »Herr du Vernay hält mich also für einen Dummkopf oder für einen Betrüger! Da ich weder das eine noch das andere bin, werde ich mich bei Herrn de Boulogne darüber beschweren.« »Das wäre unrecht von Ihnen; denn es ist doch keine Beleidigung, wenn man Sie auf etwas aufmerksam macht.« »Sie selber, mein Herr, beleidigen mich, indem Sie mir eine derartige Warnung geben; aber verlassen Sie sich darauf, dies wird nicht zum zweitenmal geschehen.« Casalbigi gab sich die größte Mühe, mich zu beruhigen, und es gelang ihm schließlich, mich zu überreden, mit ihm zu Herrn du Vernay zu gehen. Der gute alte Herr entschuldigte sich bei mir, als er meinen Zorn sah, und sagte mir, ein Abbé namens de la Coste habe ihm mitgeteilt, daß ich mir solche Eigenmächtigkeit erlaube. Ich war empört und erzählte sofort den Vorfall von demselben Morgen, wodurch Herr du Vernay sich ein Urteil über den Charakter dieses Menschen bilden konnte. Ich habe den Abbé nicht wieder gesehen, sei es, daß er von meiner Entdeckung Wind bekommen hatte, sei es, daß ein glücklicher Zufall ihn davor bewahrte, mir zu begegnen; aber ich habe erfahren, daß er drei Jahre darauf zu lebenslänglicher Galerenstrafe verurteilt wurde, weil er Lose einer Lotterie von Trévaux verkauft hatte, die niemals existiert hatte. Am andern Morgen suchte Tiretta mich auf und sagte mir, er komme erst gerade nach Hause. »Sie haben also die Nacht hindurch gebummelt, Herr Leichtfuß?« »Ja, die Gesellschaft der Päpstin hat mich gefesselt, und ich habe die ganze Nacht bei ihr zugebracht.« »Sie haben nicht befürchtet, ihr lästig zu fallen?« »Ich glaube, sie war im Gegenteil sehr befriedigt von dem Vergnügen, das meine Unterhaltung ihr bereitet hat.« »Ich stelle mir vor, Sie haben Ihre ganze Beredsamkeit aufbieten müssen.« »Sie ist mit meiner Beredsamkeit so zufrieden, daß sie mich gebeten hat, eine Wohnung bei ihr anzunehmen und ihr zu erlauben, daß sie mich dem Herrn le Noir, der, wie ich glaube, ihr Liebhaber ist, als ihren Vetter vorstelle.« »Sie werden also ein Trio bilden; werden Sie aber auch untereinander harmonieren?« »Das ist ihre Sache. Sie behauptet, der Herr werde mir eine gute Anstellung bei der Steuerverwaltung verschaffen.« »Haben Sie angenommen?« »Ich habe das Anerbieten nicht abgelehnt, aber ich habe ihr gesagt, ich könne keinen Entschluß fassen, ohne vorher Sie, meinen Freund, um Rat zu fragen. Sie beschwor mich, Sie einzuladen, am Sonntag bei ihr zu speisen.« »Ich werde mit Vergnügen kommen.« Wirklich ging ich am Sonntag mit meinem Freunde zu ihr, und sobald die tolle Päpstin uns sah, fiel sie Tiretta um den Hals und nannte ihn ihren lieben Grafen Sixfois; diesen Spitznamen behielt er während seines ganzen Pariser Aufenthaltes. »Was hat meinem Freunde diesen schönen Titel verschafft, meine Gnädigste?« »Seine erotischen Heldentaten! Er ist Herr eines Lehens, wie es in Frankreich wenige gibt, und ich bin stolz darauf, dessen Herrin zu sein.« »Ich lobe Ihren edlen Ehrgeiz.« Sie erzählte mir nun ihre Liebestaten mit einer Offenheit, die mir zeigte, daß die angebliche Nichte des Papstes gänzlich vorurteilsfrei war. Dann sagte sie mir, sie wolle ihren Vetter bei sich wohnen lassen und habe bereits die Einwilligung des Herrn le Noir, der ihr gesagt habe, daß er über diese Anordnung sehr erfreut sei. »Herr le Noir,« so schloß die schöne Lambertini, »wird uns heute nach dem Essen besuchen, und ich brenne vor Ungeduld, ihn dem Herrn Grafen Sixfois vorzustellen.« Nach dem Essen sprach sie immerzu von der Rüstigkeit meines Landsmanns, und es kam so weit, daß er, ohne sich zu genieren und vielleicht sogar recht zufrieden, mich zum Zeugen seiner Tapferkeit zu machen, sie zum Schweigen brachte. Ich gestehe, daß ich bei diesem Anblick nicht das geringste verspürte; da ich jedoch nicht umhin konnte, die athletische Körperbildung des Grafen zu sehen, so erkannte ich, daß er sicher sein konnte, überall sein Glück zu machen, wo er Frauen von unabhängigem Vermögen finden würde. Gegen drei Uhr sah ich zwei Damen in reiferen Jahren erscheinen, denen die Lambertini mit Eifer ihren Grafen Sixfois vorstellte. Erstaunt über diese Benennung erkundigten sie sich nach der Bedeutung derselben, und nachdem die Heldin ihnen etwas abseits die Sache erklärt hatte, wurde mein Freund in ihren Augen eine sehr interessante Erscheinung. »Unglaublich«, sagten die Matronen, den Grafen beäugelnd, und Tiretta schien ihnen mit seinen Blicken zu antworten: »Versuchen Sie's nur, meine Damen.« Bald darauf hielt ein Fiaker vor der Tür und eine ältere dicke Dame mit einem außerordentlich hübschen jungen Mädchen trat ein. Ein blasser Herr in schwarzem Anzug und runder Perücke folgte. Nach zärtlichem Umarmen stellte die Nichte des Papstes ihren Vetter, den Grafen Sixfois, vor. Der Name schien die alte Frau zu verwundern, aber die Lambertini ersparte sich diesmal eine Erklärung. Nur fand man es merkwürdig, daß ein Mann, der kein Wort französisch konnte, sich in Paris aufzuhalten wagte, und noch mehr, daß er trotz seiner Unkenntnis der Sprache mit der größten Zuversicht unaufhörlich kauderwelschte, worüber man sich um so mehr belustigte, da ihn kein Mensch verstand. Nach einer kurzen gleichgültigen Unterhaltung schlug die angebliche Nichte des Papstes eine Partie Brelan vor. Sie bot mir an, mich zu beteiligen; da ich mich jedoch entschuldigte, bestand sie nicht weiter darauf, und verlangte nur, daß ihr lieber Vetter neben ihr säße und mit ihr Halbpart spielte. »Er kennt zwar die Karten nicht,« sagte sie, »aber das macht nichts; er wird es lernen, ich übernehme seine Erziehung.« Da die junge Dame, deren Schönheit mir aufgefallen war, vom Spiel nichts verstand, bot ich ihr einen Stuhl vor dem Kaminfeuer an, indem ich um die Ehre bat, ihr Gesellschaft leisten zu dürfen. Sie nahm den Stuhl an, und die alte Dame, mit der sie gekommen war, sagte mir lachend, ich würde schwerlich einen geeigneten Gesprächsstoff für ihre Nichte finden. Dann setzte sie sehr höflich hinzu: »Ich zähle auf Ihre Liebenswürdigkeit und hoffe, daß Sie sie entschuldigen werden. Sie ist erst vor einem Monat aus dem Kloster gekommen.« Ich versicherte ihr, es würde nach meiner Meinung wohl nicht schwierig sein, sich mit einer so liebenswürdigen Dame zu unterhalten; inzwischen begann das Spiel, und ich nahm neben der hübschen Nichte Platz. Seit einigen Minuten saß ich neben ihr, ohne zu sprechen und nur ihre Schönheit bewundernd, als sie mich fragte, wer der schöne Herr wäre, der so komisch spräche, »Es ist ein Kavalier aus meiner Heimat, der wegen eines Ehrenhandels seine Vaterstadt verlassen hat.« »Er spricht eine schnurrige Sprache.« »Das ist wahr; aber in Italien wird die französische Sprache wenig gepflegt. Hier wird er sie bald lernen, und dann wird man sich nicht mehr über ihn lustig machen. Es tut mir leid, ihn in dieses Haus geführt zu haben, denn in weniger als vierundzwanzig Stunden hat man ihn mir verdorben.« »Wieso denn verdorben?« »Das wage ich Ihnen nicht zu sagen; denn vielleicht möchte es Ihrer Tante nicht recht sein.« »Ich glaube kaum, daß ich meiner Tante etwas wiedersagen werde; aber vielleicht finden Sie meine Frage indiskret.« »O nein, mein gnädiges Fräulein, durchaus nicht! Da Sie es wünschen, so werde ich Ihnen aus der Sache kein Geheimnis mehr machen. Frau Lambertini hat ihn nach ihrem Geschmack gefunden; sie hat die Nacht mit ihm verbracht und hat ihm zum Zeichen der Befriedigung, die er ihr bereitet hat, den lächerlichen Spitznamen Graf Sixfois verliehen. Das ist die Geschichte. Ich ärgere mich darüber, denn mein Freund war bisher kein Wüstling.« Man wird mit Recht erstaunt sein, daß ich es wagte, in solcher Weise mit einem jungen Mädchen zu sprechen, das kaum das Kloster verlassen hatte; aber ich selber wäre noch mehr erstaunt gewesen, ^) auch nur an die Möglichkeit zu denken, daß ich bei einer Lambertini ein anständiges Mädchen finden könnte. Ich heftete meine Augen auf die meiner schönen Gesprächspartnerin und sah ihr hübsches Gesicht sich mit der Röte der Scham überziehen; aber auch dieses Anzeichen erschien mir noch zweifelhaft. Man denke sich meine Überraschung, als ich zwei Minuten darauf sie fragen hörte: »Aber mein Herr, was hat denn der Name Graf Sixfois damit zu tun, daß er bei der gnädigen Frau geschlafen hat?« »Gnädiges Fräulein, die Sache ist ganz einfach. Mein Freund hat in einer einzigen Nacht eine Leistung vollbracht, wozu ein Ehemann bei seiner Frau oft sechs Wochen nötig hat.« »Und Sie halten mich für dumm genug, daß ich unser Gespräch meiner Tante hinterbringen würde; glauben Sie nur das nicht!« »Aber ich habe mich noch über etwas anderes geärgert.« »Sagen Sie es mir; aber warten Sie einen Augenblick.« Man kann sich wohl denken, was die reizende Nichte nötigte, sich zu entfernen. Als sie wieder hereinkam, stellte sie sich hinter den Stuhl ihrer Tante und sah Tiretta scharf an. Mit flammenden Augen kam sie wieder zu mir, setzte sich auf ihren Stuhl und sagte: »Nun, was ist das andere, worüber Sie sich geärgert haben?« »Darf ich es wagen, Ihnen alles zu sagen?« »Sie haben mir soviel gesagt, daß Sie, wie mir scheint, keine Bedenken mehr zu haben brauchen.« »Nun, so will ich Ihnen denn sagen: er hat heute gleich nach dem Essen in meiner Gegenwart sie...« »Wenn Ihnen das mißfallen hat, so sind Sie offenbar eifersüchtig auf ihn.« »Ganz und gar nicht! Aber ich habe mich beschämt gefühlt und zwar wegen eines Umstandes, den ich Ihnen nicht zu erklären wage.« »Ich glaube, Sie machen sich mit Ihren ,»ich wage nicht« über mich lustig.« »Gott soll mich behüten, nein, mein Fräulein! So will ich Ihnen also sagen: es hat mich beschämt, daß Frau Lambertini mich nötigte, mit eigenen Augen zu bemerken, daß mein Freund um zwei Zoll größer ist als ich.« »Oh, da hat man Ihnen aber etwas weisgemacht, denn Sie sind größer als Ihr Freund.« »Es handelt sich nicht um diese Größe, mein gnädiges Fräulein, sondern eine andere, die Sie sich wohl denken können; und in dieser Beziehung ist mein Freund wahrhaft ungeheuerlich.« »Ungeheuerlich! Aber was tut denn das Ihnen? Ist es nicht besser, wenn man nicht ungeheuerlich ist?« »Da haben Sie gewiß recht; aber gewisse Frauen, denen Sie nicht ähneln, lieben in dieser Hinsicht das Ungeheuerliche.« »Dies finde ich lächerlich, sogar verrückt; oder ich müßte denn keine klare Vorstellung von der Sache haben, um mir eine Größe denken zu können, die man ungeheuerlich nennen kann. Ich finde es eigentümlich, daß so etwas Sie hat beschämen können.« »Sie hätten es nicht geglaubt, als Sie mich sahen?« »Als ich bei meinem Eintritt Sie sah, dachte ich natürlich nicht an dergleichen; übrigens sehen Sie so aus, als ob Sie sehr regelmäßig gebildet wären; wenn Sie jedoch wissen, daß Sie es nicht sind, so beklage ich Sie.« »Es wäre für mich eine Demütigung, Sie hierüber im Zweifel zu belassen: bitte sehen Sie und urteilen Sie selber!« »Aber jetzt sind Sie selber das Ungeheuer! Sie machen mir Angst!« Bei diesen Worten schoß ihr das Feuer glühend ins Gesicht; sie stand auf und trat hinter den Stuhl ihrer Tante. Ich rührte mich niht, denn ich war sicher, daß sie bald wiederkommen würde. Für dumm oder auch nur unschuldig konnte ich sie durchaus nicht halten. Ich nahm an, daß sie sich nur als unverdorben aufspielen wollte, übrigens war ich entzückt, den Augenblick so geschickt benutzt zu haben. Ich hatte sie dafür bestraft, daß sie mich hatte hinters Licht führen wollen; und da ich sie reizend fand, so freute ich mich, daß die Strafe ihr unmöglich hatte unangenehm sein können. An ihrem Geist konnte ich nicht wohl zweifeln, denn unser ganzes Gespräch war von ihr gelenkt worden, und meine Worte und Handlungen waren nur eine Folge ihrer beharrlichen Fragen gewesen. Sie stand noch keine fünf Minuten hinter dem Stuhl der dicken Tante, da verlor diese ein Brelan. Da sie doch irgend jemand dafür verantwortlich machen mußte, so sagte sie: »Geh' doch, kleines Dummchen, du bringst nur Unglück; außerdem ist es unartig von dir, den Herrn, der so freundlich ist, dir Gesellschaft zu leisten, allein zu lassen.« Die liebenswürdige Nichte antwortete nichts; aber sie kam lächelnd zu mir zurück und sagte: »Wenn meine Tante wüßte was Sie getan haben, hätte sie mich nicht der Unhöflichkeit beschuldigt.« »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut. Ich möchte Ihnen meine Reue darüber beweisen; aber ich könnte es nur dadurch tun, daß ich mich entfernte. Wenn ich nun dies täte, würden Sie es mir übelnehmen?« »Wenn Sie gehen, wird meine Tante sagen, ich sei ein ganz dummes Ding, ich langweile Sie.« »Wünschen Sie also, daß ich bleibe?« »Gehen können Sie nicht.« »Sie hatten also bis zu diesem Augenblick keine klare Vorstellung von dem, was ich Ihnen gezeigt habe?« »Ich hatte nur einen verworrenen Begriff davon. Erst vor einem Monat hat meine Tante mich aus dem Kloster genommen wo ich seit meinem siebenten Jahre war.« »Und wie alt sind Sie jetzt?« »Siebzehn. Man wollte mich überreden, den Schleier zu nehmen aber ich fühlte durchaus keine Lust zur Klostermuckerei und widersetzte mich.« »Sind Sie mir böse?« »Ich sollte es sein, aber ich erkenne an, daß es meine eigene Schuld ist, und bitte Sie nur, verschwiegen zu sein.« »Darauf können Sie sich verlassen; wenn ich es nicht wäre würde ich selber zuerst darunter leiden.« »Sie haben mir eine Lehre gegeben, die ich mir für die Zutunft merken werde. Aber so hören Sie doch auf oder ich gehe.« »Nein, bleiben Sie; es ist schon zu Ende.« Ich hatte ihre hübsche Hand ergriffen und sie hatte sie mir überlassen, ohne sich etwas dabei zu denken. Als sie sie zurückzog, war sie ganz erstaunt, daß sie ihr Taschentuch gebrauchen mußte. »Was ist denn das?« »Es ist das kostbarste Gut beider Geschlechter. Es ist das, was ewig die Welt erneut.« »Ich verstehe. Sie sind ein ausgezeichneter Lehrer; bei Ihnen machen die Schüler schnelle Fortschritte, und Sie geben Ihnen Unterricht mit einem wahren Schulmelstergesicht. Muß ich Ihnen für Ihren Eifer danken?« »Nein, aber Sie müssen mir nicht böse sein wegen allem Vorgefallenen. Ich würde es niemals gewagt haben, so weit zu gehen, sofern mich nicht schon bei Ihrem ersten Anblick das Gefühl überwältigt hätte.« »Soll ich hierin eine Liebeserklärung sehen?« »Ja, göttliche Freundin; sie ist kühn, aber aufrichtig. Wenn sie nicht gleichzeitig dem Herzen und einem unüberwindlichen Gefühl entspränge, wäre ich Ihrer und meiner selbst unwürdig.« »Kann ich glauben, was Sie sagen?« »Ja, mit vollem Vertrauen, aber sagen Sie mir, ob ich hoffen kann, daß Sie mich lieben werden?« »Ich weiß es nicht. Nur soviel weiß ich jetzt, daß ich Sie verabscheuen sollte; denn durch Sie habe ich in weniger als einer Stunde einen Weg zurückgelegt, den ich erst nach meiner Heirat begehen zu dürfen glaubte.« »Sind Sie böse darum?« »Ich muß es wohl sein, obgleich ich fühle, daß ich über eine Sache, an die ich bis jetzt gar nicht zu denken gewagt hatte, nunmehr ganz genau Bescheid weiß. Aber wie kommt es, daß Sie jetzt ruhig und anständig geworden sind?« »Weil wir jetzt vernünftig sprechen, und weil die Liebe nach dem Übermaß der Lust Ruhe verlangt. Aber sehen Sie mal!« »Wie? Noch einmal? Ist das der Schluß des Unterrichts?« »Es ist die natürliche Fortsetzung desselben.« »Aber wie kommt es, daß Sie mir jetzt keine Angst mehr machen?« »Der Soldat gewöhnt sich ans Feuer.« »Ich sehe, das unserige wird erlöschen.« Mit diesen Worten nahm sie ein Holzscheit, um das Feuer zu schüren, und da sie dabei in einer außerordentlich günstigen Stellung gebückt stand, wagte ich mit kühner Hand den Vorhof des Tempels zu berühren; ich fand die Tür so dicht verschlossen, daß ich sie hätte erbrechen müssen, um in das Heiligtum einzutreten. Meine Schöne stand voll Würde auf, setzte sich wieder hin und sagte sanft und mit tiefem Gefühl, sie sei ein Mädchen von Stande und glaube Achtung beanspruchen zu dürfen. Ich tat, als sei ich verwirrt, und entschuldigte mich tausendmal. Bald nahm denn auch ihr reizendes Gesicht wieder den Ausdruck von Ruhe und Heiterkeit an, der ihr so gut stand. Ich sagte ihr, trotz der Reue, die ich über meine Verfehlung empfände, wäre ich glücklich, die Gewißheit erlangt zu haben, daß sie bisher noch keinen Sterblichen glücklich gemacht hätte. »Glauben Sie mir,« sagte sie, »wenn einmal ein Mann durch mich glücklich wird, so wird es nur der Gatte sein, dem ich mein Herz und meine Hand schenke.« Ich ergriff ihre Hand, die sie mir überließ, und bedeckte sie mit Küssen. Während dieser so angenehmen Beschäftigung meldete man Herrn le Noir, der sich erkundigen wollte, was die Nichte des Papstes ihm zu sagen hätte. Herr le Noir war ein Mann in mittleren Jahren, von einfachem und bescheidenem Äußern. Er bat die Anwesenden höflich, sich nicht stören zu lassen. Als die Lambertini mich ihm vorstellte, fragte er mich, ob ich der Künstler sei; als er jedoch erfuhr, daß ich der ältere Bruder wäre, machte er mir ein Kompliment über die Lotterie und über die hohe Meinung, die Herr du Vernay von mir hätte. Am meisten interessierte ihn jedoch der Vetter, den die schöne Nichte des Papstes ihm unter seinem wahren Namen als Graf Tiretta vorstellte; denn seine neue Würde hätte ohne Zweifel auf Herrn le Noir keinen sehr günstigen Eindruck gemacht. Ich nahm das Wort und sagte ihm, der Graf sei mir ganz besonders von einer von mir hochverehrten Person empfohlen worden, und er sei genötigt gewesen, wegen eines Ehrenhandels seine Vaterstadt vorübergehend zu verlassen. Die Lambertini setzte hinzu, sie wünsche ihn in ihrem Hause wohnen zu lassen, habe es jedoch nicht tun wollen, bevor sie wisse, ob Herr le Noir damit einverstanden sei. »Sie sind, Madame,« sagte der ehrenwerte Mann zu ihr, »unumschränkte Herrin in Ihrem Hause, und ich werde sehr erfreut sein, den Herrn Grafen in Ihrer Gesellschaft zu sehen.« Da Herr le Noir sehr gut italienisch sprach, gab Tiretta die Spielpartie auf, und wir setzten uns zu vieren an das Kaminfeuer, wo meine neue Eroberung Gelegenheit erhielt, ihren Geist leuchten zu lassen. Herr le Noir besaß viel gesunden Menschenverstand und besonders eine große Welterfahrung. Er ließ sie von ihrem Kloster erzählen, und als sie ihren Namen genannt hatte, sprach er viel von ihrem Vater, den er sehr gut gekannt hatte. Er war Rat im Parlament zu Rouen gewesen und war sein ganzes Leben lang in sehr gutem Ruf gestanden. Das junge Mädchen war mehr als mittelgroß; ihre Haare waren von einem schönen Blond, und auf ihrem sehr regelmäßigen Gesicht malten sich, trotz der Lebhaftigkeit ihrer Augen, Unschuld und Bescheidenheit. Ihr Anzug gestattete alle Linien ihres schönen Körpers zu verfolgen und man bemerkte mit gleichem Vergnügen die Eleganz ihres Wuchses wie die vollkommene Schönheit zweier Halbkugeln, die über die Enge ihres Gefängnisses zu seufzen schienen. Obgleich Herr le Noir kein Wort über alle diese Vollkommenheiten sagte, konnte ich doch leicht sehen, daß er sie auf seine Art nicht weniger lebhaft bewunderte als ich. Er verabschiedete sich Punkt acht Uhr, und eine halbe Stunde darauf entfernte sich die dicke Tante mit ihrer liebenswürdigen Nichte und dem blassen Herrn, der mit ihnen gekommen war. Ich blieb nun auch nicht länger und nahm Tiretta mit, der der Nichte des Papstes versprach, schon am nächsten Morgen zu ihr zu ziehen. Er hielt Wort. Drei oder vier Tage darauf erhielt ich von Fräulein de la Meure – so hieß die schöne Nichte – einen Brief, den sie nach meinem Bureau adressiert hatte. Er lautete folgendermaßen: »Meine Tante, Frau ***, eine Schwester meiner verstorbenen Mutter, ist fromm, spielsüchtig, reich, geizig und ungerecht. Sie liebt mich nicht, und da es ihr nicht gelungen ist, mich zur Nonne zu machen, will sie mich an einen reichen Kaufmann in Dünkirchen verheiraten, den ich nicht kenne und den sie nebenbei bemerkt ebensowenig kennt wie ich. Der Heiratsvermittler hält große Lobreden über ihn; aber das ist ja nicht zu verwundern, denn ein Händler muß ja natürlich seine Ware loben. Der Herr in Dünkirchen begnügt sich mit einer Jahresrente von zwölfhundert Franken als Mitgift; dafür bietet er die Gewißheit, daß er mir bei seinem Tode ein Erbteil von hundertfünfzigtausend Franken hinterlassen wird. Sie müssen wissen, daß nach dem Testament meiner verstorbenen Mutter meine Tante verpflichtet ist, mir an meinem Hochzeitstage fünfundsiebzigtausend Franken auszuzahlen. Wenn das, was zwischen uns vorgefallen ist, mich nicht in Ihren Augen verächtlich gemacht hat, so biete ich Ihnen meine Hand und mein Herz mit fünfundsiebzigtausend Franken und einer gleichen Summe beim Tode meiner Tante. Antworten Sie mir nicht; denn ich wüßte nicht, wie oder durch wen ich Ihren Brief erhalten könnte. Sie können mir am Sonntag bei Frau Lambertini mündlich antworten. Dadurch erhalten Sie vier Tage Zeit, um sich diese wichtige Sache zu überlegen. Ich weiß zwar von mir nicht genau, ob ich Sie liebe; aber soviel weiß ich, daß ich um meiner selbst willen Sie jedem andern Manne vorziehen muß. Ich fühle, daß es mir ein Bedürfnis ist, Ihre Achtung zu gewinnen, wie Sie das Bedürfnis haben müssen, die meinige zu erlangen; aber ich bin sicher, daß Sie mir das Leben angenehm machen werden und daß ich stets meine Pflichten getreu werde zu erfüllen wissen. Wenn Sie der Meinung sind, daß das Glück, wonach ich mich sehne, zu Ihrem Glück wird beitragen können, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie einen Advokaten nötig haben werden; denn meine Tante ist geizig und prozeßsüchtig. Wenn Sie sich für die Annahme meines Vorschlages entscheiden, werden Sie mir, bevor Sie das geringste unternehmen, eine Zuflucht in einem Kloster beschaffen müssen, denn sonst würde ich mich schlechter Behandlung ausgesetzt sehen, und dies will ich vermeiden. Sollte mein Vorschlag Ihnen nicht passen, so bitte ich Sie um eine Gnade, die Sie mir nicht abschlagen werden und wofür ich Ihnen herzlich dankbar sein werde: Sie werden versuchen, mir nicht wieder zu begegnen, indem Sie sorgfältig alle Orte vermeiden, wo Sie annehmen können, mich zu treffen. So werden Sie mir helfen, Sie zu vergessen, und dies ist das mindeste, was Sie mir schuldig sind. Sie müssen fühlen, daß ich nur glücklich sein kann, wenn ich Ihre Gattin werde oder Sie vergesse. Leben Sie wohl! Ich bin sicher, Sie Sonntag zu sehen.« Dieser Brief rührte mich. Ich fühlte, daß er von einem Gefühl von Tugend, Ehre und Klugheit eingegeben war. Ich entdeckte, daß das reizende Mädchen noch mehr Klugheit als Schönheit besaß. Ich errötete, daß ich sie verführt hatte, und hätte mich des Todes schuldig gefühlt, wenn ich ihre Hand ausgeschlagen hätte, die sie mir auf so vornehme Weise anbot. Übrigens ließ auch die Geldgier, obgleich erst in zweiter Linie, mich einen wohlgefälligen Blick auf eine Mitgift werfen, die größer war, als ich sie vernünftigerweise beanspruchen konnte. Trotz alledem schauderte ich bei dem Gedanken an die Ehe, für die ich mich nicht berufen fühlte. Ich kannte mich zu gut, um nicht zu wissen, daß ich in einer regelrechten Ehe unglücklich werden müßte und daß es mir folglich trotz dem besten Willen von der Welt unmöglich sein würde, eine Frau glücklich zu machen, die vertrauensvoll die ganze Sorge um ihr Lebensglück in meine Hände gelegt hätte. Daß ich während der vier Tage, die sie mir verständigerweise als Bedenkzeit gelassen hatte, nicht zu einem Entschluß kommen konnte, gab mir die Gewißheit, daß ich nicht in sie verliebt war. Trotzdem war ich so schwach, daß es mir unmöglich war, mich zur Ablehnung ihres Anerbietens zu entschließen, wie ich es doch hätte tun sollen, und daß es mir noch weniger möglich war, ihr dies mit einem Freimut zu sagen, der mir in ihren Augen nur hätte Ehre machen können. Während dieser vier Tage waren meine Gedanken ganz und gar von einem einzigen Umstand in Anspruch genommen; ich empfand bittere Reue, sie beschimpft zu haben, denn ich fühlte für sie Achtung und Ehrerbietung. Trotz alledem aber war es mir nicht möglich, zu dem Entschluß zu kommen, den ihr von mir angetanen Schimpf wieder gut zu machen. Der Gedanke, daß sie mich hassen würde, war mir unerträglich; aber der Gedanke, mich zu fesseln, war mir verhaßt. So befand ich mich denn in der Lage eines Menschen, der sich gezwungen sieht, einen Entschluß zu fassen, und sich doch nicht dazu überwinden kann. Ich fürchtete, mein böser Geist könnte mich vielleicht verlocken, das Stelldichein zu versäumen, indem ich in meiner gedankenlosen Weise in die Oper oder anderswohin ginge. Ich beschloß daher, schon zum Mittagessen zu der Lambertini zu gehen, und behielt mir im übrigen meine Entscheidung vor. Die fromme Nichte des Papstes war in der Messe, als ich in ihre Wohnung kam. Ich fand Tiretta, der zu seinem Vergnügen die Flöte blies. Sobald er mich sah, legte er das Instrument hin und eilte auf mich zu, um mich zu umarmen. Hierauf gab er mir das Geld wieder, das ich für seinen Anzug bezahlt hatte. »Du hast also Geld in der Tasche, lieber Freund; ich spreche dir dazu meinen Glückwunsch aus.« »Sprich mir lieber dein Beileid aus, mein Lieber; denn es ist gestohlenes Geld, und ich bereue, es angenommen zu haben, obgleich ich am Diebstahl nicht mitbeteiligt bin.« »Wie? gestohlenes Geld?« »Ja, hier wird betrogen, und ich bin abgerichtet worden, an dem Betrieb teilzunehmen; aus falscher Scham nehme ich meinen Anteil von dem traurigen Gewinn. Meine Wirtin und drei oder vier Weiber derselben Art nehmen den Freiern das Geld ab. Dieses Gewerbe ist mir widerwärtig, und ich fühle, daß ich es nicht lange mehr mitmachen werde. Eines oder des andern Tages wird man mich totschlagen oder ich werde irgend einen totschlagen, und in beiden Fällen wird es mir das Leben kosten; ich gedenke daher dieses Halsabschneiderhaus sobald wie möglich zu verlassen.« »Dazu kann ich dir nur raten, lieber Freund; ja noch mehr, ich fordere dich dringend auf es zu tun. Gehe lieber heute als morgen.« »Ich will nichts überstürzen; denn Herr le Noir ist ein Ehrenmann; er ist mein Freund und hält mich für den Vetter des unglückseligen Weibes. Er hat von ihrem niederträchtigen Gewerbe keine Ahnung; wenn er aber den Grund meines Fortgehens hörte, würde er natürlich etwas merken, vielleicht würde er sie sogar verlassen. In fünf oder sechs Tagen werde ich einen Vorwand finden; dann werde ich sofort zu dir zurückkehren.« Die Lambertini dankte mir, daß ich mich so freundschaftlich ohne Umstände bei ihr zum Essen eingeladen hätte; sie sagte mir, Fräulein de la Meure und ihre Tante würden ebenfalls kommen. Ich fragte sie, ob sie noch immer mit meinem Freunde Sixfois zufrieden sei, und sie antwortete mir: »Er wohnt zwar nicht immer in seinem Lehen, aber trotzdem bin ich immer noch entzückt von ihm; übrigens verlange ich als gute Lehnsherrin nicht zu viel von meinen Vasallen.« Ich lobte ihre Weisheit, und so fuhren wir fort zu scherzen, bis die beiden Gäste kamen. Fräulein de la Meure konnte kaum das Vergnügen verhehlen, das mein Anblick ihr machte. Sie war in Halbtrauer und war in ihrem Kleide, das die Weiße ihrer Haut zur Geltung brachte, so schön, daß ich mich jetzt noch wundere, daß dieser Augenblick nicht über mein Schicksal entschieden hat. Tiretta, der uns verlassen hatte, um sich umzuziehen, kam wieder zu uns. Da mich nichts hindern konnte, den liebenswürdigen Mädchen meine Neigung zu bezeigen, hatte ich für sie alle möglichen Aufmerksamkeiten. Ich sagte der Tante, ich fände ihre Nichte so hübsch, daß ich auf den Junggesellenstand verzichten würde, wenn ich eine Lebensgefährtin wie sie finden könnte. »Meine Nichte ist höflich und freundlich, mein Herr, aber sie hat weder Geist noch Religion.« »Vom Geist will ich nichts sagen,« rief die Nichte; »aber daß ich keine Religion haben soll, das, liebe Tante, ist ein Vorwurf, den man mir im Kloster niemals gemacht hat.« »Das will ich gerne glauben; denn die Klosterdamen sind Jesuitinnen.« »Aber was tut denn das, Tante?« »Viel, liebe Nichte; man kennt die Jesuiten und ihre Anhänger; das sind lauter Leute ohne Religion, und es handelt sich um die göttliche Gnade. Aber sprechen wir lieber von etwas anderem. Ich wünsche nur, daß du deinem künftigen Gatten gefallen mögest.« »Aber gnädige Frau, wird denn Fräulein de la Meure sich in nächster Zeit verheiraten?« »Ihr Zukünftiger soll Anfang des nächsten Monats eintreffen.« »Ist es ein Herr vom Parlament?« »Nein, aber ein sehr wohlhabender Kaufmann.« »Herr le Noir hat mir erzählt, das gnädige Fräulein sei die Tochter eines Parlamentsrats, und ich dachte nicht, daß Sie eine Mißheirat zulassen würden.« »Es wird keine Mißheirat sein, mein Herr. Was heißt überhaupt Mißheirat? Der Zukünftige meiner Nichte ist adelig, denn er ist ein Ehrenmann. Ich bin überzeugt, es wird nur an ihr liegen, wenn sie nicht vollkommen glücklich mit ihm wird.« »Gewiß; wenn das Fräulein ihn liebt.« »Oh, die Liebe kommt mit der Zeit von selbst.« Da diese Unterhaltung dem jungen Mädchen, das schweigend zuhörte, nur peinlich sein konnte, brachte ich das Gespräch darauf, daß eine außerordentlich große Menschenmenge der Hinrichtung des Königsmörders Damiens auf dein Grèveplatz beiwohnen würde. Da ich sie alle sehr neugierig fand, dieses entsetzliche Schauspiel anzusehen, so bot ich ihnen ein großes Fenster an, von wo wir alles beobachten könnten. Die Damen nahmen mein Anerbieten eifrig an, und ich versprach ihnen, sie rechtzeitig abzuholen. Ich hatte kein Fenster, aber ich wußte, daß in Paris, wie überall, für Geld alles zu haben ist. Nach dem Essen schützte ich ein Geschäft vor und entfernte mich. Ich warf mich in den ersten Fiaker, der mir begegnete, und war eine Viertelstunde später Besitzer eines schönen Fensters im Zwischenstock, das ich für drei Louis mietete. Ich bezahlte voraus und ließ mir eine Quittung geben, worin ein Abstandsgeld von sechshundert Franken festgesetzt war. Nachdem ich das Geschäft besorgt hatte, beeilte ich mich, zur Gesellschaft zurückzukehren, und fand sie beschäftigt, eine Partie Piquet zu spielen. Fräulein de la Meure, die nichts vom Spiel verstand, langweilte sich beim Zusehen. Und da ich mit ihr zu sprechen wünschte, trat ich zu ihr heran, und wir zogen uns nach dem andern Ende des Saales zurück. »Ihr Brief, meine reizende Freundin, hat mich zum Glücklichsten der Sterblichen gemacht. Sie zeigen darin einen Geist und einen Charakter, die Ihnen die Verehrung jedes verständigen Menschen gewinnen müssen.« »Mir liegt nur an der Liebe eines Einzigen; von den anderen genügt mir die Achtung.« »Sie werden meine Frau werden, Engelsfreundin! Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich die glückliche Kühnheit segnen, der ich es verdanke, daß Sie mir den Vorzug vor so vielen anderen geben, von denen Sie keine Zurückweisung zu befürchten brauchten, selbst wenn Sie nicht eine Mitgift von fünfzigtausend Talern hätten; denn diese sind nichts im Vergleich mit Ihren persönlichen Eigenschaften und mit Ihrer verständigen Denkweise.« »Es ist mir recht lieb, daß Sie eine so gute Meinung von mir haben.« »Könnte es wohl anders sein? Jetzt, da Sie meine Gefühle kennen, brauchen wir nichts zu überstürzen. Vertrauen Sie sich mir nur an.« »Sie werden meiner Lage eingedenk sein.« »Wie könnte ich sie vergessen! Geben Sie mir Zeit, ein Haus zu mieten, es einzurichten und eine Stellung zu erlangen, die mich würdig erscheinen läßt, Ihnen meinen Namen zu geben. Bedenken Sie, daß ich jetzt nur bei anderen Leuten in einem Zimmer zur Miete wohne, daß Sie Verwandte haben und daß ich mich schämen müßte, bei einem so wichtigen Schritt als Abenteurer zu erscheinen.« »Sie haben gehört, daß mein sogenannter Zukünftiger sehr bald kommen wird.« »Gewiß, dies ist mir nicht entgangen.« »Sie können sich darauf verlassen, daß man das Geschäft sehr beschleunigen wird, sobald er hier ist.« »Aber doch nicht so sehr, daß ich nicht in weniger als vierundzwanzig Stunden Sie von jeder Tyrannei befreien könnte, ohne daß Ihre Tante erführe, daß der Streich von mir ausginge. Ich kann Ihnen versichern, reizende Freundin, daß der Minister der auswärtigen Angelegenheiten Ihnen eine unverletzliche Zufluchtsstätte in einem der besten Klöster von Paris verschaffen wird, sobald er sicher ist, daß Sie nur mich zum Gatten haben wollen. Er wird Ihnen ebenfalls einen Anwalt besorgen, und wenn das Testament in richtiger Form abgefaßt ist, so wird Ihre Tante sehr bald Ihnen Ihre Mitgift auszahlen und den Rest der Erbschaft hypothekarisch sicherstellen müssen. Seien Sie ruhig und lassen Sie den Kaufmann aus Dünkirchcn nur kommen. Unter allen Umständen können Sie darauf zählen, daß ich Sie nicht in der Verlegenheit lassen werde, und daß Sie an dem Tage, den man für die Unterzeichnung des Vertrages ansetzen wird, nicht mehr im Hause Ihrer Tante sein werden.« »Ich ergebe mich und vertraue mich Ihnen völlig an; aber führen Sie bitte nicht einen Umstand an, der mein Zartgefühl zu sehr verletzt. Sie haben gesagt, ich würde Ihnen den Vorschlag, mich entweder zu heiraten oder niemals wiederzusehen, nicht gemacht haben, wenn Sie sich nicht vorigen Sonntag jene Freiheit genommen hätten.« »Hatte ich unrecht?« »Ja, wenigstens in gewisser Hinsicht. Sie müssen fühlen, daß es von mir sehr unbesonnen gewesen wäre, Ihnen so geradezu meine Hand anzubieten, wenn ich nicht einen zwingenden Grund gehabt hätte. Aber unsere Heirat hätte auch auf einem ganz anderen Wege zustande kommen können; denn, jetzt darf ich es Ihnen sagen, ich würde Ihnen unter allen Umständen den Vorzug vor jedem anderen gegeben haben.« Ihre Worte beschämten mich, ich ergriff ihre Hand und küßte sie mehrere Male zärtlich und achtungsvoll. Ich bin überzeugt, wenn in diesem Augenblick ein Notar und ein Priester dagewesen wären, um uns den ehelichen Segen zu erteilen, so hätte ich sie augenblicklich geheiratet. Ganz in unsere Zärtlichkeit versunken und nur mit uns selber beschäftigt, wie Liebende es immer sind, hatten wir gar nicht auf einen entsetzlichen Lärm geachtet, der sich am anderen Ende des Saales erhoben hatte. Endlich glaubte ich jedoch, mich einmischen zu müssen, verließ meine Braut und trat zu der anderen Gesellschaft, um Tiretta zu beruhigen. Ich sah auf dem Tisch einen offenen Kasten, der Kleinodien von verschiedenem Wert enthielt. Zwei Männer stritten sich mit Tiretta, der ein Buch in der Hand hielt. Ich sah sofort, daß es sich um eine Lotterie handelte; aber warum stritt man sich? Tiretta sagte mir, die beiden Herren seien Gauner, die ihm mit Hilfe dieses Buches, das er mir gab, dreißig oder vierzig Louis abgewonnen hätten. »Mein Herr,« sagte einer der beiden Spieler zu mir, »dieses Buch enthält eine Lotterie, bei welcher alles auf das ehrlichste berechnet ist. Es besteht aus zwölfhundert Blättern, von denen zweihundert gewinnen; tausend sind leer. Auf jedes Gewinnblatt folgen fünf verlierende Blätter. Wer spielen will, muß einen Taler setzen und mit der Spitze einer Nadel auf gut Glück zwischen die Blätter des Buches stechen. Man öffnet das Buch an der Stelle, die die Nadel getroffen hat, und wenn es ein weißes Blatt ist, so hat der Spieler verloren; wenn dagegen das Blatt eine Nummer trägt, so gibt man ihm den entsprechenden Gegenstand oder zahlt ihm den Wert, der daneben vermerkt ist. Bedenken Sie mein Herr, daß der geringste Gewinn zwölf Franken kostet und daß Gewinne bis zu sechshundert Franken dabei sind und sogar ein Hauptgewinn von zwölfhundert Franken. Seit einer Stunde spielt die Gesellschaft, und wir haben mehrere wertvolle Gegenstände verloren. Die gnädige Frau – hierbei zeigte er auf die Tante meiner schönen Freundin – hat einen Ring im Werte von sechs Louis gewonnen; da sie aber bares Geld vorzog und weiterspielte, hat sie sie wieder verloren.« »Jawohl,« rief die Tante, »ich habe sie verloren, und die Herren mit ihrem vermaledeiten Spiel haben von uns allen gewonnen. Das ist ein Beweis, daß ihr Spiel der reine Betrug ist.« »Es ist ein Beweis,« sagte Tiretta, »daß die Herren Gauner sind.« »Aber, meine Herren,« sagte einer von den Spielern, »in diesem Fall sind die Lotterieeinnehmer der Militärschule es ebenfalls.« Auf diese Worte hin gab Tiretta ihm eine Ohrfeige. Ich warf mich zwischen die beiden Streiter und gebot ihnen Ruhe, um der Sache ein Ende zu machen. »Alle Lotterien«, sagte ich, »sind vorteilhaft für die Spielhalter; aber an der Spitze der Lotterie der Militärschule steht der König, und ich bin ihr Haupteinnehmer. Kraft dieser Eigenschaft nehme ich den Kasten in Beschlag und lasse Ihnen die Wahl: entweder geben Sie der ganzen Gesellschaft das unrechtmäßig gewonnene Geld zurück und ich lasse Sie mit Ihrem Kasten ziehen; oder ich lasse einen Polizeigefreiten holen, der Sie auf mein Verlangen in das Gefängnis bringen wird. Morgen wird Herr Berryer über den Fall aburteilen; denn ihm selber werde ich morgen früh das Buch überbringen. Wir werden sehen, ob wir nötig haben, uns als Gauner zu betrachten, weil Sie welche sind.« Da sie sahen, daß sie es mit einem Stärkeren zu tun hatten und bei längerem Widerstande nur verlieren könnten, so entschlossen sie sich mit ziemlich guter Miene, das ganze gewonnene Geld zurückzuzahlen und vielleicht sogar das doppelte; denn sie mußten vierzig Louis zurückerstatten, obgleich sie schworen, nur zwanzig gewonnen zu haben. Die Gesellschaft bestand aus so trefflichen Personen, daß ich mir kein Urteil erlauben will. Tatsächlich war ich ziemlich geneigt, der Behauptung der beiden Schwindler Glauben zu schenken. Aber ich war ärgerlich und wollte sie dafür bezahlen lassen, daß sie die Kühnheit gehabt hatten, einen Vergleich zu ziehen, der im Grunde sehr richtig war, mir aber im höchsten Grade mißfiel. Diese Gereiztheit war es ohne Zweifel, die mich veranlaßte, ihr Buch zurückzubehalten, obgleich ich durchaus kein Recht hatte, es zu behalten. Vergebens baten sie mich inständig, es ihnen zurückzugeben. Der Ton, den ich gegen sie anschlug, mein zuversichtliches Wesen, meine Drohungen, und vielleicht auch Furcht vor einer Einmischung der Polizei in unseren Streit – dies alles bewirkte, daß sie sich schließlich glücklich schätzten, wenigstens ihren Kasten wieder zu erhalten. Als sie fort waren, fingen die Damen, diese zarten Wesen, sie zu bemitleiden an. »Sie hätten ihnen wohl auch ihre Fibel wieder geben können«, sagten sie zu mir. »Gewiß, meine Damen, und Sie ihr Geld.« »Aber sie hatten es uns unrechtmäßig abgenommen.« »Alles? Außerdem war der Gebrauch ihres Buches ebenso unrechtmäßig. Indem ich es ihnen abnahm, habe ich ihnen einen Dienst geleistet.« Sie verstanden die Ironie, und das Gespräch wandte sich anderen Gegenständen zu. Am anderen Morgen in aller Frühe suchten meine beiden Lotteriespieler mich auf. Um mich zu erweichen, schenkten sie mir ein schönes Kästchen mit vierundzwanzig herrlichen Figuren von Meißner Porzellan. Eine solche Beredsamkeit war unwiderstehlich, und ich glaubte, ihnen ihr Buch wieder geben zu müssen. Doch tat ich es nicht ohne die Drohung, sie ins Gefängnis bringen zu lassen, wenn sie noch weiterhin ihr Gewerbe in Paris trieben. Sie versprachen mir, es künftighin unterlassen zu wollen, obgleich sie dabei ohne Zweifel die Absicht hatten, ihr Wort nicht zu halten; aber daraus machte ich mir wenig. Im Besitz eines für einen Liebhaber wertvollen Geschenkes beschloß ich nun, es dem Fräulein de la Meure anzubieten, und brachte es ihr noch an demselben Tage. Ich wurde ausgezeichnet empfangen, und die Tante überhäufte mich mit Danksagungen. Der achtundzwanzigste März war der Tag, an welchem Damiens seine Todesqual erleiden sollte. Ich holte die Damen in der Frühe bei der Lambertini ab, und da mein Wagen uns kaum alle faßte, so nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoß, und so fuhren wir auf den Grèveplatz. Die drei Damen drängten sich in dem von mir gemieteten Fenster so gut zusammen, wie es ging, und nahmen die Vorderreihe ein; sie standen gebückt und stützten sich mit ihren Armen auf, damit wir über ihre Köpfe hinweg sehen könnten. Das Fenster hatte zwei Tritte oder Stufen und die Damen waren auf die zweite geklettert. Um über sie hinwegsehen zu können, waren wir genötigt, auf derselben Stufe zu stehen, denn die erste Stufe war nicht hoch genug. Ich führe meinen Lesern diese Einzelheiten nicht ohne Grund an; denn sonst könnten sie kaum die Einzelheiten erraten, die ich verschweigen muß. Wir besaßen die Standhaftigkeit, vier Stunden lang dem entsetzlichen Schauspiel zuzusehen. Damiens Hinrichtung ist so bekannt, daß ich davon nicht zu sprechen brauche; die Erzählung würde zu lang sein, und außerdem gehen mir derartige Greuel gegen die Natur. Damiens war ein Fanatiker, der ein gutes Werk zu vollbringen und den Himmel zu verdienen glaubte. Deshalb hatte er Ludwig den Fünfzehnten zu ermorden versucht; obwohl er ihm nur eine leichte Hautwunde beigebracht hatte, wurde er mit glühenden Zangen zerrissen, wie wenn er das Verbrechen wirklich ausgeführt hätte. Ich mußte von der Todesqual dieses Opfers der Jesuiten den Blick abwenden und mußte mir die Ohren zuhalten vor dem gellenden Geschrei des Unglücklichen, der nur noch seinen halben Leib hatte. Aber die Lambertini und die dicke Tante waren nicht im geringsten bewegt; rührte dies von der Grausamkeit ihrer Herzen her? Ich mußte mich stellen, wie wenn ich ihnen glaubte, als sie mir sagten, der Mordversuch des Ungeheuers hätte sie mit solchem Abscheu erfüllt, daß sie nicht das Mitleid verspürt hätten, womit der Anblick der unerhörten Qualen, die man ihn leiden ließ, sie sonst natürlich erfüllt haben würde. Tatsache ist es, daß Tiretta die fromme Tante während der ganzen Dauer der Hinrichtung auf eine sonderbare Art beschäftigt hielt, und vielleicht war er die Veranlassung, daß die tugendhafte Dame keine Bewegung zu machen, ja nicht einmal den Kopf umzuwenden wagte. Da er unmittelbar hinter ihr stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihren Rock hochzuheben, um nicht darauf zu treten. Dies war natürlich ganz in der Ordnung. Als ich aber bald darauf einmal zufällig zu ihnen hinüber sah, bemerkte ich, daß Tiretta die Vorsicht zu weit getrieben hatte. Ich wollte weder meinen Freund stören, noch die Dame in Verlegenheit bringen; daher wandte ich den Kopf zur Seite und stellte mich in unauffälliger 6g Weise so hin, daß meine schöne Freundin nichts bemerken konnte; so hatte es die gute Dame recht bequem. Ich hörte zwei Stunden hintereinander ein Rascheln, und da ich die Sache sehr spaßhaft fand, so besaß ich die Ausdauer, mich während dieser ganzen Zeit nicht zu rühren. Ich bewunderte innerlich Tirettas guten Appetit und seine Frechheit; aber noch mehr bewunderte ich die schöne Ergebung der frommen Tante. Als zum Schluß dieser langen Sitzung Frau *** sich umdrehte, sah ich mich ebenfalls um und blickte Tiretta an; er war frisch, munter und ruhig, wie wenn gar nichts gewesen wäre; die liebe Tante aber schien mir nachdenklicher und ernsthafter zu sein als gewöhnlich. Sie hatte sich in der unangenehmen Zwangslage befunden, ihre Gefühle zu verbergen und alles mit sich geschehen zu lassen, um nicht der Lambertini Anlaß zum Lachen und ihrer jungen Nichte, die solche Mysterien noch nicht kennen durfte, Anlaß zum Ärgernis zu geben. Wir brachen auf. Nachdem ich die Nichte des Papstes vor ihrem Hause abgesetzt hatte, bat ich sie, mir Tiretta für ein paar Stunden zu überlassen, und fuhr mit Frau *** nach ihrer Wohnung in der Rue St.-André-des-Arts. Sie bat mich, sie am nächsten Morgen zu besuchen, da sie mir etwas mitzuteilen habe, und ich bemerkte, daß sie beim Abschied meinen Freund nicht grüßte. Wir gingen zum Essen zu Laudel ins Hotel de Russie, wo man für sechs Franken ausgezeichnet speiste. Ich dachte mir, mein Tollkopf müßte es sehr nötig haben, seine Kräfte wieder herzustellen. »Was hast du hinter der Frau *** gemacht?« »Ich bin überzeugt, weder du noch sonst jemand hat etwas gesehen.« »Daß sonst niemand etwas gesehen hat, ist möglich; ich aber bemerkte den Anfang deiner Manöver, und da ich die Fortsetzung voraussah, stellte ich mich so, daß ihr weder von der Lambertini noch von der hübschen Nichte gesehen werden konntet. Ich errate, womit du dich beschäftigt hast, und gestehe, daß ich deinen derben Appetit bewundere. Aber mir scheint, das arme Opfer ist ärgerlich.« »Oh, das ist nur Zimperlichkeit einer älteren Dame. Sie kann sich ja stellen, als sei sie ärgerlich, aber da sie sich während der zwei Stunden, die die Sitzung dauerte, vollständig ruhig verhalten hat, so bin ich überzeugt, daß sie bereit sein würde, sofort wieder anzufangen.« »Im Grunde glaube ich das auch; aber vielleicht glaubt sie aus Eitelkeit, du habest die Achtung vor ihr aus den Augen gelassen; und allerdings...« »Die Achtung, lieber Freund? Aber muß man, denn nicht stets die Achtung gegen die Frauen verletzen, wenn man etwas bei ihnen erreichen will?« »Das weiß ich wohl; aber es ist doch ein großer Unterschied, ob man es allein unter vier Augen tut oder ganz offen vor anderen Leuten.« »Gewiß; aber da die Tat viermal wiederholt wurde, ohne daß sie den geringsten Widerstand leistete, so darf ich doch wohl ihr völliges Einverständnis annehmen?« »Deine Logik ist sehr gut; aber du siehst doch, daß sie mit dir schmollt, Übrigens will sie morgen mit mir sprechen, und da wird das Gespräch sicherlich auf dich kommen.« »Das ist möglich; aber ich glaube nicht, daß sie von diesem kleinen Scherz mit dir sprechen wird; da wäre sie ja verrückt.« »Warum nicht? Kennst du denn die Frommen nicht? Sie sind in der Schule der Jesuiten erzogen, die ihnen oft guten Unterricht auf diesem Gebiete erteilen, und da ergreifen sie mit großer Freude die Gelegenheit, einem dritten derartige Bekenntnisse zu machen. Diese Bekenntnisse, die reichlich mit verstellten Tränen gewürzt sind, besonders wenn die frommen Damen häßlich sind, geben ihnen in ihren eigenen Augen einen Firnis von Heiligkeit.« »Nun, mein Lieber, so mag sie doch mit dir sprechen. Wir werden ja sehen.« »Es könnte wohl sein, daß sie eine Genugtuung verlangen wird; da werde ich mit Vergnügen die Vermittlung übernehmen.« »Wahrhaftig, du machst mich lachen! Ich sehe nicht ein, auf welche Art von Genugtuung sie Anspruch machen könnte, wenn sie nicht etwa nach dem Recht der Wiedervergeltung mich bestrafen will; dies aber ist kaum anders möglich, als durch einen Rückfall in denselben Fehler. Wenn das Spiel nicht nach ihrem Geschmack gewesen wäre, brauchte sie mir nur einen Fußtritt zu geben, der mich auf den Rücken geworfen hätte.« »Damit hätte sie aber auch deinen Angriff auf sie bekannt gegeben.« »Nun, genügte denn nicht die geringste Bewegung, um diesen zu vereiteln? Aber sie war sanft wie ein Lamm und hielt ganz still – es war die leichteste Sache von der Welt.« »Die Geschichte ist im höchsten Grade komisch. Aber hast du auch beachtet, daß die Lambertini ebenfalls mit dir schmollt? Vielleicht hat sie die Geschichte mit angesehen und ist darob gekränkt.« »Die Lambertini schmollt mit mir aus einem anderen Grunde: ich habe mich offen von ihr losgesagt und werde noch heute Abend ausziehen.« »Allen Ernstes?« »Auf mein Wort. Es kam so: gestern abend brachte eine alte Spitzbübin aus Genua einen jungen Mann, der bei der Steuer angestellt ist, zu uns zum Essen mit. Nachdem er im Häufeln vierzig Louis verloren hatte, warf er meiner Wirtin die Karten ins Gesicht und nannte sie eine Diebin. In der Aufwallung nahm ich den Leuchter und löschte ihm die Kerze im Gesicht aus, wobei ich ihm beinahe ein Auge ausgestoßen hätte; glücklicherweise aber traf ich nur die Wange. Er lief nach seinem Degen; ich hatte den meinigen schon gezogen, und hätte die Genueserin sich nicht zwischen uns geworfen, so hätte es zu Mord und Totschlag kommen können. Als der arme junge Mann seine Wange im Spiegel sah, wurde er so wütend, daß man ihn nur durch die Rückgabe seines Geldes besänftigen konnte. Sie zahlten es ihm zurück, obgleich ich mich widersetzte; denn in der Rückerstattung lag zum mindesten ein stillschweigendes Eingeständnis, daß sie ihm das Geld auf betrügerische Weise abgenommen hatten. Dies führte, nachdem der junge Mann fortgegangen war, zu einem sehr hitzigen Streit zwischen der Lambertini und mir. Sie sagte mir, wenn ich mich nicht eingemischt hätte, wäre nichts geschehen und wir hätten unsere vierzig Louis noch; der junge Mann hätte ja sie und nicht mich beleidigt. Die Genueserin sagte: wenn wir kaltblütig gewesen wären, hätten wir ihn noch für lange Zeit behalten; jetzt aber wisse der liebe Gott allein, was er mit dem Brandfleck im Gesicht noch alles anfangen werde. Die gemeinen Reden der beiden Prostituierten langweilten mich, und ich sagte ihnen, sie sollten sich zum Kuckuck scheren. Da setzte sich aber meine Wirtin aufs hohe Pferd, und erlaubte sich mir zu sagen, ich sei nur ein Bettler. Wäre nicht Herr le Noir dazu gekommen, so wäre es ihr schlecht gegangen; denn ich hatte schon meinen Stock in der Hand; als sie Herrn le Noir sahen, baten sie mich zu schweigen; aber ich war zu wütend und sagte dem Ehrenmann: seine Geliebte hätte mich einen Bettler genannt; sie wäre weiter nichts als eine Prostituierte; ich wäre nicht ihr Vetter und überhaupt nicht mit ihr verwandt, und ich würde noch am gleichen Tage ausziehen. Nachdem ich diese Rede hervorgesprudelt hatte, lief ich hinaus und schloß mich in mein Zimmer ein. In ein paar Stunden werde ich meine Sachen abholen, und morgen früh werde ich mit dir frühstücken.« Tiretta hatte recht; er hatte eine edle Seele und einige jugendliche Unbesonnenheiten durften ihn nicht dahinbringen, sich in den Schlamm des Lasters zu stürzen. Solange ein Mann keine entehrende Handlung begangen hat, solange sein Herz an den Verirrungen seines Kopfes nicht mitschuldig ist, kann er mit Ehren auf den Weg der Pflicht zurückkehren. Ich würde von der Frau dasselbe sagen, wenn das Vorurteil nicht zu laut gegen sie spräche, und wenn die Frau nicht sich mehr durch ihr Herz als durch ihren Kopf bestimmen ließe. Nachdem wir gut gegessen und köstlichen Sillery geschlürft hatten, trennten wir uns, und ich brachte den Abend mit Schreiben zu. Am anderen Morgen machte ich einige Besorgungen und ging dann gegen Mittag zu der betrübten Frommen, die ich in Gesellschaft ihrer entzückenden Nichte fand. Wir sprachen einen Augenblick von Regen und schönem Wetter; hierauf sagte sie meiner Freundin, sie möge uns allein lassen, da sie mit mir zu sprechen habe. Ich war auf den Auftritt vorbereitet und wartete ohne ein Wort zu sagen, bis sie das Schweigen brechen würde, das jede Frau in ihrer Lage einige Augenblicke beobachtet. Endlich begann sie: »Sie werden überrascht sein, mein Herr, über das, was ich Ihnen sagen und anvertrauen werde; denn es ist eine Klage unerhörter Art, die ich Ihnen vorzutragen mich entschlossen habe. Der Fall ist gewiß im höchsten Grade heikel, und ich habe mich nur entschlossen, weil ich schon beim ersten Anblick eine hohe Meinung von Ihnen gefaßt habe. Ich halte Sie für verständig und verschwiegen und vor allen Dingen für einen Mann von Ehre und guten Sitten; endlich glaube ich, daß Sie von echter Religion durchdrungen sind. Wenn ich mich täusche, so wird es ein Unglück geben. Ich fühle mich zu tief getränkt, und da es mir nicht an Mitteln fehlt, so werde ich mich an ihm zu rächen wissen. Dies wird Ihnen leid tun, da Sie sein Freund sind.« »Beklagen Sie sich über Tiretta, gnädige Frau?« »Ja über keinen anderen.« »Und was hat er sich gegen Sie zuschulden kommen lassen?« »Er ist ein Schurke, der mir einen beispiellosen Schimpf angetan hat.« »Dessen hätte ich ihn nicht für fähig gehalten.« »Ich glaube es Ihnen; denn Sie sind ein Mann von guten Sitten.« »Aber welcher Art ist denn die Beschimpfung, über die Sie sich beklagen? Sie können sich auf mich verlassen, gnädige Frau.« »Mein Herr, ich werde es Ihnen nicht sagen; denn das ist unmöglich; aber ich hoffe, Sie werden es erraten. Gestern bei der Hinrichtung des vermaledeiten Damiens hat er zwei Stunden lang seine Stellung hinter mir auf unerhörte Weise mißbraucht.« »Ich verstehe; ich errate, was er gemacht hat, und Sie brauchen mir nichts weiter darüber zu sagen. Sie sind mit Recht erzürnt, und ich verurteile ihn, denn es war hinterlistig von ihm; aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß der Fall doch nicht ohne Beispiele dasteht, ja daß er nicht einmal selten ist. Ich glaube sogar, man kann ihn der Liebe oder dem Zufall der Lage oder der allzugroßen Nähe des verführerischen Feindes zugute halten, besonders wenn der Sünder jung und heißblütig ist. Übrigens ist es ein Verbrechen, das sich auf gar manche Art wieder gut machen läßt, wenn die Parteien sich nur einigen. Tiretta ist Junggeselle, Edelmann, schön und im Grunde ein sehr anständiger Mann; eine Heirat wäre also sehr wohl möglich.« Ich wartete einen Augenblick auf eine Antwort; als ich aber sah, daß die Beleidigte schwieg, was mir ein gutes Zeichen zu sein schien, so fuhr ich fort. »Wenn eine Heirat nicht Ihrer Denkweise entspricht, kann er sein Vergehen durch eine beständige Freundschaft sühnen, die Ihnen seine Reue beweisen und ihn Ihrer Verzeihung würdig machen wird. Bedenken Sie, gnädige Frau: Tiretta ist ein Mensch und daher allen Schwächen der Menschheit unterworfen. Bedenken Sie ferner, daß auch Sie schuldig sind.« »Ich, mein Herr?« »Ja, gnädige Frau, aber ohne Ihre Absicht; denn Sie sind nur mittelbar die Veranlassung, daß Ihre Reize seine Sinne verführt haben. Indessen ist es mir durchaus nicht zweifelhaft, daß ohne den Einfluß Ihrer Reize der Vorfall nicht eingetreten sein würde, und ich glaube, daß dieser Umstand dazu beitragen kann, ihm Ihre Verzeihung zu erwirken.« »Meine Verzeihung. Sie sind ein geschickter Anwalt, mein Herr; aber ich will Ihnen gerne Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß alles, was Sie mir soeben gesagt haben, einer christlichen Seele entspringt. Indessen Ihre ganze Beweisführung stützt sich auf eine falsche Voraussetzung. Sie kennen die Tatsache nicht; aber wie könnte man sie auch erraten?« Frau *** brach in Tränen aus. Ich war ganz ratlos und wußte nicht mehr, was ich denken sollte. Sollte er ihr die Börse gestohlen haben? dachte ich bei mir selber, dazu ist er doch nicht imstande, oder ich würde ihm eine Kugel durch den Kopf schießen. Warten wir ab! Bald trocknete die trauernde Fromme ihre Tränen und fuhr fort: »Sie denken an ein Verbrechen, das man, wenn auch schwer, immerhin noch mit der Vernunft in Einklang bringen kann und für das sich, wie ich zugeben will, eine angemessene Buße finden ließe; was aber der rohe Mensch mir angetan hat, ist eine Niederträchtigkeit. Ich möchte am liebsten gar nicht mehr daran denken können, denn es ist in der Tat, um wahnsinnig darüber zu werden.« »Großer Gott! was höre ich! Ich schaudere! Sagen Sie mir, bitte, ob ich auf der richtigen Spur bin?« »Ich glaube, ja; denn etwas Schlimmeres läßt sich wohl nicht denken. Ich sehe, Sie sind entsetzt; aber es ist so. Verzeihen Sie mir meine Tränen und suchen Sie deren Quelle nur in meinem Kummer und in der Schande, die ich auf mich gehäuft sehe!« »Und in der Religion.« »Gewiß, auch in dieser. Sie ist sogar die Hauptquelle, und ich ließ sie nur deshalb unerwähnt, weil ich fürchtete, Sie wären der Religion nicht ebenso zugetan wie ich.« »Ich hinge an ihr, so sehr ich nur kann, Gott sei gelobt; und nichts kann mich von ihr abwendig machen.« »So machen Sie sich darauf gefaßt, daß ich in Verdammnis verfalle! Denn ich will mich rächen.« »Nein, verzichten Sie darauf, gnädige Frau! Darin könnte ich Ihnen niemals beistehen; wenn Sie jedoch Ihren Plan nicht aufgeben wollen, so lassen Sie mich wenigstens nichts davon wissen. Ich verspreche Ihnen, meinem Freunde nichts zu sagen, obwohl er bei mir wohnt und daher die heiligen Gesetze der Gastfreundschaft mich verpflichten, ihm alles mitzuteilen.« »Ich glaubte, er wohne bei der Lambertini.« »Er ist gestern ausgezogen. Es war eine verbrecherische, höchst anstößige Verbindung. Ich habe ihn vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt.« »Was sagen Sie mir da?« »Die volle Wahrheit.« »Ich bin erstaunt und ich bin zugleich erbaut! Ich will nicht seinen Tod, mein Herr, aber geben Sie zu, daß mir eine Genugtuung gebührt.« »Dies gebe ich zu. Man behandelt eine liebenswürdige Französin nicht auf italienische Art, ohne für sein Vergehen eine glänzende Genugtuung zu geben; aber ich finde keine, die der Beleidigung entspräche. Doch halt! eine kenne ich, und ich mache mich anheischig, sie Ihnen zu verschaffen, wenn Sie sich damit begnügen wollen.« »Und was ist dies für eine Genugtuung?« »Ich werde den Schuldigen durch Überraschung in Ihre Hände liefern und ihn unter vier Augen Ihnen und Ihrem ganzen Zorn preisgeben; aber nur unter der Bedingung, daß ich ohne sein Wissen mich im Nebenzimmer befinde; denn ich bin vor mir selber dafür verantwortlich, daß sein Leben nicht in Gefahr ist.« »Damit bin ich einverstanden. Sie werden sich in diesem Zimmer aufhalten und werden ihn in dem anderen Zimmer, worin ich ihn zu empfangen gedenke, mit mir allein lassen. Aber er darf von Ihrer Anwesenheit keine Ahnung haben.« »Auf keinen Fall. Er wird nicht einmal wissen, daß ich ihn zu Ihnen führe; denn er darf nicht erfahren, daß ich in seinen hinterlistigen Streich eingeweiht bin. Sobald er hier ist und das Gespräch auf irgend ein Thema gebracht worden ist, werde ich mich unter einem beliebigen Vorwande entfernen.« »Wann gedenken Sie ihn mir zuzuführen? Ich kann es gar nicht erwarten, ihn aufs tiefste zu beschämen. Er soll mir zittern! Ich bin neugierig, die Gründe zu hören, die er in seinem Kauderwelsch vorbringen wird, um eine derartige Ausschweifung zu entschuldigen.« »Ich weiß es zwar nicht, aber es ist wohl möglich, daß Ihre Gegenwart ihn beredt macht, und das wünsche ich; denn es wäre mir eine Wonne, wenn Sie beide miteinander zufrieden wären.« Sie nötigte mich, mit ihr und dem Abbé des Forges, der um ein Uhr kam, zu Mittag zu essen. Der Abbé war ein Schüler des berühmten Bischofs von Auxerre, der noch lebte. Ich sprach bei Tisch so trefflich von der Gnade, ich zitierte so oft den heiligen Augustin, daß der Abbé und die Fromme mich für einen eifrigen Jansenisten hielten, obgleich ich doch ganz und gar nicht so aussah. Meine liebe Freundin, die liebenswürdige Nichte, sah mich während der ganzen Mahlzeit nicht ein einziges Mal an, und da ich annahm, daß sie ihre Gründe dafür haben würde, sprach ich meinerseits kein einziges Wort zu ihr. Nach dem Essen, das, nebenbei bemerkt, ausgezeichnet war, versprach ich der Beleidigten, ihr am nächsten Tage nach dem Schauspiel, das ich mit ihm besuchen würde, den Schuldigen mit gebundenen Händen und Füßen auszuliefern. Ich sagte ihr ferner, um sie völlig sicher zu machen, ich würde zu Fuß kommen und wäre überzeugt, daß er bei Abend das Haus nicht wieder erkennen würde. Als ich Tiretta wieder sah, nahm ich eine komisch ernste Miene an und warf ihm die entsetzliche Handlung vor, die er gegen eine fromme und in jeder Hinsicht ehrenwerte Frau verübt hätte. Aber der tolle Mensch fing an zu lachen, und ich würde mein Latein verloren haben, wenn ich ihn hätte Mores lehren wollen. »Wie? sie hat es über sich gebracht, dir die Sache zu entdecken?« »Du leugnest sie also nicht?« »Wenn sie es sagt, halte ich mich nicht für berechtigt, sie Lügen zu strafen. Aber ich schwöre dir bei meiner Ehre, ich bin der Sache nicht gewiß. In der Stellung, die ich einnahm, konnte ich unmöglich wissen, in welcher Wohnung ich Unterkunft fand. Übrigens werde ich sie beruhigen, denn ich werde mich bemühen recht kurz zu sein, um sie nicht warten zu lassen.« »Kurz! nur ja nicht! Damit würdest du alles verderben. Sei so lang wie möglich; das wird ihr angenehm sein; übrigens liegt es in deinem Interesse. Beeile dich nicht; auch ich werde dabei gewinnen; denn ich bin sicher, daß ich mich nicht langweilen werde, während du ihren Zorn in ein sanfteres Gefühl verwandelst. Denke daran, daß du von meiner Anwesenheit in ihrem Hause nichts wissen darfst; solltest du zufällig nur kurze Zeit bei ihr bleiben – was ich nicht glaube – so nimm einen Fiaker und fahre nach Hause. Du begreifst wohl, daß die fromme Dame gegen mich zum mindesten so höflich sein muß, mich nicht ohne Feuer und ohne Gesellschaft zu lassen. Vergiß nicht, daß sie wie du von guter Herkunft ist. Diese Damen von Stande haben zwar keine besseren Sitten als andere Frauen, denn sie sind wie jene von Fleisch und Blut, aber sie verlangen Rücksichten, die ihrem Stolz schmeicheln. Sie ist reich, sie ist fromm und außerdem wollüstig; suche ihre Freundschaft zu gewinnen, aber nicht hinterrücks, sondern vielmehr de faciem ad faciem, wie der König von Preußen sagt D'Alembert hat den großen König zu verbessern gewagt; fast hätte auch ich es getan. Aber dies wäre unüberlegt gewesen; denn wozu braucht ein König Latein zu können? Casanova . . Du machst vielleicht mit einem Schlage dein Glück. Wenn sie dich fragt, warum du die Nichte des Papstes verlassen hast, so hüte dich, ihr den Grund zu sagen oder auch nur anzudeuten. Deine Verschwiegenheit wird ihr gefallen. Endlich gib dir recht eifrig Mühe, deine schwarze Tat zu büßen.« »Ich brauche ihr nur die Wahrheit zu sagen; ich bin blindlings eingedrungen.« »Dieser Grund ist sehr originell, und es ist wohl möglich, daß eine Französin ihn gut findet.« Ich brauche dem Leser nicht zu sagen, daß ich Tiretta meine Unterhaltung mit der Matrone getreulich berichtete. Sollten einige zarte Seelen sich über den Vertrauensbruch entrüsten, so antworte ich ihnen, daß ich meine Versprechungen mit innerem Vorbehalt gegeben hatte; und wer nur ein bißchen von der Moral der Kinder des heiligen Ignatius kennt, der wird wohl wissen, daß mich dies vollkommen entlastet. Nachdem ich mit meinem Freunde alles genau verabredet hatte, gingen wir am nächsten Tage in die Oper und begaben uns von dort zu Fuß zu der tugendhaften Beleidigten, die uns voll hoher Würde, aber doch mit einer gewissen Liebenswürdigkeit empfing, in der ich ein sehr gutes Vorzeichen sah. »Ich speise niemals zu Abend,« sagte sie zu uns, »aber wenn Sie mich von Ihrem Besuch vorher benachrichtigt hätten, meine Herren, so würde ich für etwas gesorgt haben.« Nachdem ich ihr alle Neuigkeiten erzählt hatte, die ich im Foyer gehört, schützte ich ein Geschäft vor und bat sie, sie einige Augenblicke mit meinem Freunde allein lassen zu dürfen. »Wenn ich länger als eine Viertelstunde ausbliebe, mein lieber Graf, so warte nicht länger auf mich. Nimm einen Fiaker und fahre nach Hause; morgen werden wir uns wiedersehen.« Statt hinunterzugehen, trat ich in das Nebenzimmer, das einen Eingang vom Flur hatte. Zwei Minuten später sah ich meine reizende Freundin eintreten. Sie trug einen Armleuchter und war angenehm überrascht, mich zu sehen. »Ich weiß nicht, ob ich träume; aber meine Tante hat mir gesagt, ich möchte Sie nicht allein lassen und der Kammerjungfer sagen, daß sie erst hereinkommen sollte, wenn geklingelt werde. Ihr Freund ist bei ihr, und sie hat mir befohlen, leise zu sprechen, weil er nicht wissen solle, daß Sie hier seien. Darf ich erfahren, was diese sonderbare Geschichte bedeutet?« »Sie sind also neugierig?« »In diesem Falle allerdings; denn alle diese Geheimtuerei ist sehr danach angetan, die Neugier zu erregen.« »Sie sollen alles erfahren, mein Engel; aber es ist kalt hier.« »Meine Tante hat mir befohlen, ein gutes Feuer zu machen; sie ist plötzlich freigebig, ja sogar verschwenderisch geworden; denn sehen Sie doch nur: Wachskerzen!« »Das ist also etwas Neues?« »O, etwas sehr Neues, allerdings!« Als wir behaglich vor dem Feuer saßen, erzählte ich ihr die ganze Geschichte, die sie mit einer Aufmerksamkeit anhörte, wie nur ein junges Mädchen sie einer solchen Sache entgegenbringen kann; da ich aber gewisse Dinge ein wenig verschleiern zu müssen glaubte, begriff sie nicht recht, was für eines Verbrechens Tiretta sich schuldig gemacht hatte. Es war mir nicht unangenehm, ihr die Sache in klaren Ausdrücken verdeutlichen zu müssen, und um die Schilderung noch anschaulicher zu machen, begleitete ich sie mit einer Gebärdensprache, worüber sie lachte und zugleich errötete. Hierauf sagte ich ihr: da ich ihrer Tante eine Genugtuung für den erlittenen Schimpf hätte verschaffen müssen, so hätte ich es so eingerichtet, daß ich sicher wäre, mich mit ihr allein zu befinden, während mein Freund die alte Dame beschäftigte. Ich bedeckte ihr hübsches Gesicht mit verliebten Küssen, und da ich mir sonst keine Freiheiten herausnahm, empfing sie meine Umarmungen als Beweise für meine Zärtlichkeiten und für die Reinheit meiner Gefühle. »Lieber Freund,« sagte sie zu mir, »was Sie mir da sagen, macht mich ganz verwirrt; zweierlei kann ich dabei gar nicht verstehen. Wie hat Tiretta es angefangen, an meiner Tante ein Verbrechen zu begehen, dessen Möglichkeit ich wohl einsehe, wenn der angegriffene Teil damit einverstanden ist, das mir aber ohne dessen Einwilligung ganz unmöglich erscheint? Ich möchte daher glauben, daß sie vollkommen damit einverstanden war, wenn das Verbrechen wirklich verübt worden war.« »Sehr richtig; denn um den Angriff zu vereiteln, brauchte sie nur die Stellung zu verändern.« »Selbst dies war wohl nicht einmal nötig; denn es stand, wie mir scheint, vollkommen bei ihr, die Türe verschlossen zu halten.« »Hierin, liebe Freundin, täuschen Sie sich; denn ein rechter Mann verlangt weiter nichts, als die Beibehaltung derselben Stellung; dann ist der Eingang bald erzwungen. Außerdem, meine Liebe, glaube ich doch nicht, daß bei Ihrer Tante die Pforte so dicht verschlossen ist, wie ohne Zweifel bei Ihnen.« »Ich glaube, ich könnte alle Tirettas der ganzen Welt herausfordern. – Zweitens begreife ich nicht, wie meine fromme Tante Ihnen von diesem Schimpf hat erzählen können, denn wenn sie klug wäre, hätte sie voraussehen müssen, daß Sie darüber nur lachen können. Ferner, was für eine Genugtuung kann sie wohl von einem rohen, übermütigen Menschen erwarten, dem die ganze Sache vielleicht höchst gleichgültig ist? Ich glaube, er würde jeder Frau, die sich an der Stelle meiner Tante befunden hätte, den gleichen Schimpf anzutun versucht haben.« »Da haben Sie sehr recht; denn er hat mir gesagt, er sei blindlings hineingefahren und habe gar nicht gewußt, wohin er komme.« »Ihr Freund ist ein drolliger Mensch, und wenn alle Männer ihm gleichen, so bin ich vollkommen überzeugt, daß ich für sie nur Verachtung empfinden könnte.« »Über die Genugtuung, die Ihre Tante erwarten darf und vielleicht zu erlangen hofft, hat sie mir nichts gesagt; aber es ließe sich leicht erraten; wenn ich mich nicht täusche, wird sie darin bestehen, daß mein Freund ihr eine Liebeserklärung in aller Form machen wird, er wird sein Verbrechen mit Unwissenheit entschuldigen und wird es sühnen, indem er ihr richtiger Liebhaber wird, und ohne Zweifel wird die Hochzeit heute Nacht stattfinden.« »Oh, jetzt wird es aber wirklich komisch. Doch ich glaube nicht daran. Meine liebe Tante hält viel zu viel auf ihr Seelenheil. Und wie sollte denn der junge Mann auch in sie verliebt sein, oder auch nur eine solche Rolle spielen, wenn er ein Gesicht wie das ihrige vor Augen hat? Als er den tollen Streich beging, sah er es nicht. Haben Sie jemals ein so abstoßendes Gesicht gesehen, wie das meiner Tante? Eine kupferige Haut; Augen, aus denen geschmolzenes Wachs trieft; Zähne und ein Atem, vor denen jeder Mann den Mut verlieren muß. Sie ist wirklich ekelhaft.« »Dies, mein Herz, sind Kleinigkeiten für einen Burschen von fünfundzwanzig Jahren. In jenem Alter ist man stets zum Sturm bereit. Bei mir ist es anders, ich kann mich nur als Mann betätigen, wenn ich Reize finde wie die Ihrigen, die ich bald rechtmäßig zu besitzen hoffe.« »Sie werden in mir die zärtlichste Gattin finden, und ich bin überzeugt, daß es mir gelingen wird, Ihr Herz so zu fesseln, daß ich nicht mehr zu fürchten brauche es zu verlieren.« Eine Stunde war schon mit dieser angenehmen Unterhaltung verstrichen, und Tiretta war immer noch bei der Tante. Ich sah darin ein gutes Anzeichen für die Versöhnung; der Handel schien mir ernst geworden zu sein. Ich sagte es meiner reizenden Gesellschafterin und bat sie, mir etwas zu essen zu geben. »Ich kann Ihnen nichts weiter geben als Brot, Käse, Schinken und einen Wein, der, wie meine Tante behauptet, köstlich ist.« »Bringen Sie schnell dies alles herbei, denn ich bin zum Umfallen hungrig.« Leichtfüßig wie ein junges Reh deckte sie ein Tischchen für zwei Personen und trug alles auf, was sie hatte. Es war köstlicher Roquefortkäse und ein ausgezeichneter gekochter Schinken. Es war genug da für zehn Personen mit gutem Appetit; trotzdem, ich weiß nicht, wie wir's anfingen, aber es ist Tatsache: das ganze verschwand nebst zwei Flaschen eines Chambertin, den ich noch heute zu schmecken glaube. Die Augen meiner schönen Geliebten funkelten vor Vergnügen. Oh, was für ausgezeichnete Speisen sind doch Chambertin und Roquefort, um die Liebe zu kräftigen und eine knospende Liebe schnell zur Reife zu bringen! »Sind Sie nicht neugierig, zu wissen, was Ihre Tante seit zweieinhalb Stunden allein mit dem Herrn Sixfois macht?« »Vielleicht spielen sie; aber da ist ein kleines Loch, ich will einmal sehen. – Ich sehe nur die Kerzen mit zoll-langen Schnuppen.« »Habe ich es Ihnen nicht gesagt? Geben Sie mir eine Decke, ich werde mich auf dieses Kanapee legen, und Sie, liebe Freundin, gehen zu Bett. Aber zeigen Sie mir doch ihr Bett!« Sie ließ mich in ihr Kämmerchen eintreten, und ich sah ein hübsches Bett, einen Betschemel und ein großes Kruzifix. »Ihr Bett ist zu klein für Sie, mein Herz.« »Oh mein Gott, nein, ich liege ganz bequem darin.« Mit diesen Worten streckte sie sich der Länge nach aus. »Was für eine reizende Frau werde ich haben! Ach, rühren Sie sich doch nicht, lassen Sie sich von mir ansehen.« Und meine Hand berührte ein niedriges Mieder, ein wahres Gefängnis für zwei Halbkugeln, die über ihre Gefangenschaft zu seufzen schienen. Ich ging noch weiter; ich schnürte sie auf... denn wo hielt wohl die Begierde inne! »Mein Freund, ich kann mich nicht wehren; aber hinterher werden Sie mich nicht mehr lieben.« »Mein ganzes Leben lang.« Bald war der schönste Busen meinen glühenden Küssen preisgegeben. Meine Flamme entzündete die ihre; sie verlor alle Selbstbeherrschung und öffnete mir ihre Arme, indem sie mich versprechen ließ, sie zu schonen, und was verspricht man nicht! Hat man denn wohl die Zeit, sich zu überlegen, was man in solchen Augenblicken des Taumels verspricht? Die dem weiblichen Geschlecht anhaftende Scham, Furcht vor den Folgen, vielleicht auch ein gewisser Instinkt, der ihnen die natürliche Unbeständigkeit des Mannes enthüllt, können die Frauen wohl dazu veranlassen, solche Versprechungen zu formen; aber welches liebende Weib, wenn es wirklich liebt, vermöchte es, den Geliebten zur Schonung aufzufordern, wenn die Liebe jede Fähigkeit zum Denken gelähmt hat, wenn die ganze Lebenskraft nur in der Erfüllung der höchsten Begierde aufgeht? Es gibt keins. Nachdem wir eine Stunde mit verliebten Scherzen verbracht hatten, die sie um so mehr entflammten, da ihre Reize zum erstenmal der Berührung heißer Männerlippen und dem Gekose einer kecken Hand ausgesetzt waren, sagte ich zu ihr: »Ich bin in Verzweiflung, von dir scheiden zu müssen, ohne deinen Reizen die höchste Huldigung dargebracht zu haben, die sie verdienen.« Ein Seufzer war ihre Antwort. Es war kalt, das Feuer war erloschen, und ich sollte die Nacht auf dem Kanapee zubringen. »Gib mir eine Decke, mein Engel, und laß mich gehen; denn hier würde ich vor Frost und Liebe sterben, wenn du mich zur Enthaltsamkeit zwängest.« »Lege dich statt meiner ins Bett, Geliebter; ich werde das Feuer wieder anzünden.« Entzückend in ihrer nackten Schönheit stand sie auf. Sie legt ein Scheit ins Feuer, die Flamme knistert. Ich springe aus dem Bett und finde sie in einer Stellung, die ihre Formen wundervoll hervortreten läßt. Ich halte es nicht mehr aus. Ich schließe sie in meine Arme, sie vergilt Liebkosungen mit Liebkosungen, und wir versinken in Wollust bis der Tag heraufdämmert. Wir hatten vier oder fünf Stunden auf dem Kanapee verbracht. Endlich verließ sie mich, machte ein helles Feuer an und legte sich in ihrem Zimmer zu Bett. Ich blieb auf dem Kanapee und schlief fest bis zu Mittag. Ich wurde von Frau *** geweckt, die in einem galanten Morgenkleide erschien. »Sie schlafen noch, Herr Casanova?« »Ah guten Morgen, gnädige Frau. Was ist denn aus meinem Freunde geworden?« »Er ist jetzt auch der meinige.« »Ist das wirklich wahr?« »Ganz wahr; ich habe ihm verziehen.« »Und wie hat er es angefangen, sich eine so großmütige Verzeihung zu verdienen?« »Er hat mir augenscheinliche Beweise geliefert, daß er sich nur geirrt hatte.« »Das freut mich wirklich außerordentlich. Wo ist er?« »Er ist gegangen; Sie werden ihn in seiner Wohnung finden; aber sagen Sie ihm nicht, daß Sie die Nacht hier verbracht haben; denn er würde glauben, Sie hätten sie mit meiner Nichte zugebracht. Ich bin Ihnen unendlich verbunden und rechne auf Ihre Nachsicht, namentlich aber auf Ihre Verschwiegenheit.« »Darauf können Sie sich durchaus verlassen, denn ich glaube Ihnen dafür dankbar sein zu müssen, daß Sie meinem Freunde verziehen haben.« »Warum denn auch nicht? Der liebe junge Mann steht weit über allen anderen Menschen. Wenn Sie wüßten, wie er mich liebt! Ich bin ihm dankbar und habe ihn auf ein Jahr in Pension genommen; er bekommt gute Wohnung, gutes Essen und alles übrige.« »Eine reizende Anordnung! Sie haben jedenfalls den Preis der Pension abgemacht?« »Oh, dies wird auf freundschaftliche Art geregelt, wir werden dazu keiner Schiedsrichter bedürfen. Noch heute fahren wir nach La Villette, wo ich ein hübsches Häuschen besitze. Sie begreifen, im Anfang müssen wir uns so verhalten, daß wir den bösen Zungen möglichst wenig Anlaß zum Gerede geben. Mein Freund wird dort alle Annehmlichkeiten haben, und Sie, mein Herr, werden ein hübsches Zimmer und ein gutes Bett finden, so oft Sie uns mit Ihrem Besuch beehren und erfreuen. Nur eins tut mir leid: Sie werden sich dort langweilen; denn meine arme Nichte ist so mürrisch.« »Ihre Nichte, gnädige Frau, ist sehr liebenswürdig, sie hat mir gestern abend ein listliches Nachtmahl gegeben und mir bis drei Uhr früh gute Gesellschaft geleistet.« »Wirklich? Ich bewundere sie, denn wo hat sie etwas gefunden? Es war ja nichts da.« »Davon weiß ich nicht«, gnädige Frau, aber sie hat mir ein köstliches Abendessen gegeben, von dem nichts übrig geblieben ist, und nachdem sie mir gute Gesellschaft geleistet hat, ist sie zu Bett gegangen, und ich habe auf diesem ausgezeichneten Kanapee vorzüglich geschlafen.« »Ich bin herzlich erfreut, daß alles zu Ihrer wie zu meiner Zufriedenheit verlaufen ist; aber ich hätte niemals gedacht, daß meine Nichte so viel Geist hätte.« »Sie hat sehr viel Geist, gnädige Frau, wenigstens in meinen Augen.« »Sie sind Kenner. Wir wollen doch einmal nach ihr sehen. Sie hat sich eingeschlossen. – Mach doch auf! Warum riegelst du dich denn ein, Zimperliese? Was hast du denn zu befürchten? Herr Casanova ist ein Ehrenmann.« Die liebenswürdige Nichte öffnete die Tür und bat um Verzeihung, daß sie sich in so nachlässigem Anzug zeige. Aber in welchem Schmuck hätte sie so schön aussehen können! Sie war blendend. »Ei,« sagte die Tante zu mir, »sehen Sie sie? Sie ist nicht übel. Schade, daß sie so dumm ist! – Es war recht von dir, daß du dem Herrn etwas zu essen gabst, ich danke dir für diese Aufmerksamkeit. Ich habe die ganze Nacht gespielt, und wenn man spielt, denkt man nur an sein Spiel. Man vergißt alles, was nicht zur Partie gehört. Ich hatte es ganz vergessen, daß Sie hier waren; ich wußte nicht, daß Graf Tiretta zu Abend speist, und deshalb hatte ich nichts bestellt; aber in Zukunft werden wir soupieren. Ich habe den jungen Mann in Pension genommen. Er hat einen ausgezeichneten Charakter und viel Geist, und ich bin überzeugt, es dauert nicht lange, so spricht er gut französisch. Zieh dich an, Nichte; wir müssen packen. Wir werden heute nachmittag nach La Vilette fahren und dort das ganze Frühjahr verbringen. Noch eins, Nichte: es ist nicht nötig, daß du diese Geschichte meiner Schwester erzählst.« »Ich, Tante? Oh, gewiß nicht. Habe ich ihr übrigens die anderen Male etwas gesagt?« »Die anderen Male! Aber sehen Sie doch, wie dumm das Mädchen ist. Die anderen Male – klingt das nicht gerade, wie wenn so etwas nicht zum erstenmal passierte?« »So war es nicht gemeint; ich wollte sagen, ich erzähle ihr niemals von dem, was Sie machen.« »Schon gut, Nichte; aber du solltest doch lernen, dich richtig auszudrücken. Um zwei Uhr essen wir. Herr Casanova wird uns hoffentlich das Vergnügen machen, mit uns zu speisen, und gleich nach Tisch fahren wir ab. Tiretta hat mir versprochen, rechtzeitig mit seinem Köfferchen hier zu sein, und dieses wird mit unserem Gepäck zusammengehen.« Nachdem ich ihr versprochen hatte, pünktlich zu kommen, grüßte ich die Damen und begab mich schnell nach Hause, denn ich verspürte eine fast weibliche Neugier, zu erfahren, wie das große Einigungswerk sich vollzogen hatte. »Nun, mein lieber Tiretta, da hast du ja eine schöne Stelle. Sage mir schnell, wie es gegangen ist.« »Mein Lieber, ich habe mich auf ein Jahr verkauft: Monatlich fünfundzwanzig Louis, guten Tisch, gute Wohnung usw.« »Meinen besten Glückwunsch.« »Wenn du glaubst, daß es der Mühe wert ist...« »Keine Rosen ohne Dornen. Übrigens hat sie mir gesagt, du seiest ein übermenschliches Wesen.« »Um ihr dies zu beweisen, habe ich mich die ganze Nacht sehr angestrengt; aber ich bin fest überzeugt, daß du die Zeit besser angewandt hast als ich.« »Ich habe geschlafen wie ein König. Zieh dich an. Ich bin zum Mittagessen eingeladen und will dich nach La Villette abfahren sehen. Dort werde ich dich zuweilen besuchen; denn dein Liebchen hat mir gesagt, ich werde dort stets ein Zimmer haben.« Um zwei Uhr kamen wir an. Frau *** war als junges Mädchen gekleidet und spielte eine sonderbare Figur; aber Fräulein de la Meure war schön wie ein Stern. Die Liebe hatte ihr Wesen entwickelt und der Genuß ihr neues Leben eingehaucht. Wir aßen ausgezeichnet; denn die gute Dame kokettierte mit ihrem Essen wie mit ihrem Anzug. Aber an ihren Speisen war wenigstens nichts Lächerliches, während an ihrer Person alles überwältigend komisch war. Um vier Uhr fuhren sie mit Tiretta ab; ich aber verbrachte den Abend in der italienischen Komödie. Ich war in Fräulein de la Meure verliebt, aber Sylvias Tochter, deren Schönheit ich nur bei den Familienmahlzeiten genoß, schwächte diese Liebe ab, die mir nichts mehr zu wünschen übrig ließ. Wir beklagen uns über die Frauen, die uns ihre Gunst verweigern, obgleich sie verliebt und unserer Gegenliebe sicher sind. Aber wir haben unrecht; denn wenn sie uns lieben, müssen sie befürchten uns zu verlieren, indem sie uns zufriedenstellen; sie müssen also natürlicherweise alles, was in ihren Kräften steht, tun, um uns festzuhalten, und dies kann nur geschehen, indem sie unsere Begierden nach ihrem Besitz nähren. Begierden aber werden nur durch Entbehrungen genährt; der Genuß erstickt sie, denn man begehrt nicht, was man schon besitzt. Hieraus folgere ich, daß die Frauen recht haben, wenn sie sich unseren Wünschen versagen. Wenn aber bei beiden Geschlechtern die Begierden gleich sind, wie kommt es dann, daß niemals ein Mann sich einer Frau versagt, die er liebt und die ihn begehrt? Die Furcht vor den Folgen können wir nicht als Erklärung gelten lassen; denn diese Voraussetzung ist nicht allgemein gültig. Nach meiner Meinung ist der einzige Grund der, daß der Mann, der sich geliebt weiß, das Vergnügen, das er bereitet, höher schätzt als das, welches er empfängt; darum ist er stets bereit, Genuß mitzuteilen. Der Mann weiß auch, daß im allgemeinen die Frau, die der belebende Funke der Liebeslust getroffen hat, ihre Zärtlichkeit, Fürsorge und Anhänglichkeit verdoppelt. Die Frau dagegen, die nur an ihre eigenen Interessen denkt, legt mehr Wert auf die Wonne, die sie empfängt, als auf die, die sie bereitet. Aus diesem Grunde schiebt sie sie hinaus, so lange sie kann; denn wenn sie sich hingibt, fürchtet sie gerade das zu verlieren, woran ihr etwas liegt: ihr eigenes Vergnügen. Dieses Gefühl ist dem weiblichen Geschlecht eigentümlich; es ist die einzige Ursache der Koketterie, die die Vernunft den Frauen verzeiht, an Männern aber nur verdammen kann. Denn beim Mann ist Koketterie eine lächerliche Geckenhaftigkeit. Sylvias Tochter liebte mich und wußte, daß ich sie liebte, obgleich ich es ihr nie gesagt hatte; aber das Weib hat ein so feines Gefühl. Übrigens hütete sie sich wohl, mich dies merken zu lassen; denn sie hätte fürchten müssen, mich dadurch zu ermutigen, Gunstbezeigungen von ihr zu verlangen; sie fühlte sich nicht sicher, daß sie stark genug sein werde, mir solche abzuschlagen, und fürchtete meine Unbeständigkeit. Ihre Eltern hatten sie dem Musiker Clement bestimmt, der sie seit drei Jahren im Klavierspielen unterrichtete. Sie wußte es, und nichts hinderte sie, dieser Heirat zuzustimmen; denn wenn sie ihn gleich nicht liebte, sah sie ihn doch gern. Die meisten jungen Mädchen unterwerfen sich Hymens Joch, ohne daß Amor etwas damit zu tun hat, und sie finden dies nicht unangenehm. Sie fühlen, daß sie erst durch die Ehe etwas in der Welt bedeuten; sie verheiraten sich, um selbständig zu werden, um ein Hauswesen zu haben. Sie scheinen zu fühlen, daß ein Gatte kein Liebhaber zu sein braucht. In Paris herrscht diese Auffassung auch bei den Männern, und darum sind die meisten Ehen Konvenienzehen. Der Franzose ist eifersüchtig auf seine Geliebte, niemals auf seine Frau. Herr Clément war augenscheinlich verliebt in die junge Baletti, und diese war sehr erfreut, daß ich es bemerkte; denn sie zweifelte nicht daran, daß diese Gewißheit mich zu einer Erklärung veranlassen würde, und sie täuschte sich nicht. Die Abreise des Fräuleins de la Meure trug viel dazu bei, mich zu diesem Entschluß zu bringen, den ich bald bereute, denn nach meiner Erklärung wurde Clément verabschiedet, und nun war ich schlimmer daran als je zuvor. Der Mann, der einer Frau anders als pantominisch seine Liebe erklärt, muß noch zur Schule gehen. Drei Tage nach Tirettas Abreise brachte ich ihm seine Siebensachen nach la Vilette, und Frau *** sah mich mit Vergnügen. Der Abbé des Forges kam in dem Augenblick, wo wir uns zu Tische setzen wollten. Dieser Tugendbold, der sich in Paris sehr freundschaftlich gegen mich benommen hatte, beehrte mich bei Tische mit keinem einzigen Blick; ebenso benahm er sich gegen Tiretta. Ich machte mir sehr wenig aus dem guten Mann, aber mein Freund war weniger langmütig als ich und verlor schließlich die Geduld: beim Nachtisch stand er auf und bat Frau ***, sie möchte ihn freundlichst vorher benachrichtigen, wenn sie den Menschen zu Tisch haben würde. Alles stand auf, ohne ein Wort zu sagen, und der schweigsame Abbé ging mit der Hausfrau in ein Nebenzimmer. Tiretta zeigte mir sein Zimmer, das ich sehr hübsch fand, und das natürlich an das seiner Schönen anstieß. Während er seine Sachen ordnete, nahm Fräulein de la Meure mich mit, um mir meine Unterkunft zu zeigen. Es war ein sehr hübsches Kabinett im Erdgeschoß, und ihr Zimmer lag gegenüber. Natürlich machte ich sie darauf aufmerksam, daß ich sie leicht besuchen könnte, wenn alles im Bett läge; aber sie sagte mir, ich würde bei ihr schlecht aufgehoben sein und sie würde mir deshalb die Mühe ersparen, mein Zimmer zu verlassen. Ich fand diesen Vorschlag sehr bequem und hatte, wie man sich denken kann, gegen diese Anordnung nichts einzuwenden. Sie erzählte mir von den Torheiten, die ihre fromme Tante Tirettas wegen beging. »Sie glaubt, wir wüßten nicht, daß er bei ihr schläft.« »Sie glaubt es oder stellt sich, als ob sie es glaube.« »Das ist möglich. Heute früh klingelte sie um elf Uhr und befahl mir, ihn zu fragen, ob er eine gute Nacht gehabt habe. Ich gehorchte; da ich jedoch sein Bett unberührt sah, fragte ich ihn, ob er nicht zu Bett gegangen sei. ›Nein,‹ antwortete er mir, ›ich habe die ganze Nacht geschrieben; aber sagen Sie bitte Ihrer Tante nichts davon.‹ Das habe ich ihm natürlich versprochen.« »Liebäugelt er mit dir?« »Nein. Aber wenn auch? Wenn er nicht ganz dumm ist, muß er doch wissen, wie wenig ich mir aus ihm mache.« »Warum?« »Pfui! meine Tante bezahlt ihn! Sich verkaufen! Das ist ja gräßlich.« »Aber du bezahlst mich ja auch.« »Ja, aber in derselben Münze, die ich von dir empfange.« Die alte Tante glaubte, ihre Nichte hätte keinen Geist, und nannte sie immer dumm. Ich fand sie im Gegenteil sehr geistvoll; aber ich fand sie auch ebenso tugendhaft, und ich würde sie niemals verführt haben, wenn sie nicht in einem Kloster von Betschwestern erzogen worden wäre. Ich begab mich wieder zu Tiretta und verbrachte eine volle Stunde mit ihm. Ich fragte ihn, ob er mit seiner Stelle zufrieden wäre. »Die Sache macht mir kein Vergnügen; aber da sie mir keine Mühe kostet, so fühle ich mich nicht unglücklich.« »Aber ihr Gesicht.« »Ich sehe nicht hin, und was mir an ihr gefällt, ist die große Reinlichkeit.« »Schont sie dich?« »Sie fließt von Gefühl über. Heute früh hat sie den Morgengruß nicht angenommen, den ich ihr bringen wollte. Ich bin sicher, sagte sie zu mir, daß meine Weigerung dich schmerzen wird, aber deine Gesundheit ist mir teuer, und du mußt sie schonen.« Da der mürrische Abbé des Forges fortgegangen und Frau *** daher allein war, so gingen wir in ihr Zimmer. Sie behandelte mich wie einen Gevatter, war liebenswürdig gegen Tiretta und spielte das Kind auf eine Weise, daß einem bange werden konnte, Tiretta hielt ihr tapfer stand, und ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern. »Ich werde diesen dummen Abbé nicht mehr empfangen,« sagte sie zu ihm; »er sagte mir, ich wäre in dieser und in jener Welt verloren, und drohte mir, sich von mir loszusagen. Ich habe ihn beim Wort genommen.« Eine Schauspielerin namens Quinault, die die Bühne verlassen hatte und in der Nachbarschaft wohnte, kam zu Frau *** zu Besuch. Eine Viertelstunde später erschienen Frau Favart und der Abbé de Voisenon und ein bißchen später Fräulein Amelin mit einem sehr hübschen Knaben, den sie für ihren Neffen ausgab und Calabre nannte. Der junge Mensch sah ihr so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem anderen; darin sah sie jedoch keinen hinreichenden Grund, um sich als seine Mutter zu bekennen. Ein Piemontese, Herr Paton, der mit ihr gekommen war, legte eine Pharaobank, nachdem er sich lange hatte bitten lassen. In weniger als zwei Stunden gewann er allen Anwesenden ihr Geld ab, nur mir nicht, denn ich war so vernünftig, nicht zu spielen. Ich verbrachte meine Zeit viel besser mit meiner hübschen Geliebten. Ich hatte den Piemontesen durchschaut: er war offenbar ein Gauner. Tiretta aber war weniger klug als ich; denn er verlor all sein Geld und noch hundert Louis auf Wort. Als der Bankhalter eine gute Ernte gemacht hatte, legte er die Karten hin, und Tiretta sagte ihm in gutem Italienisch, er sei ein abgefeimter Spitzbube. Der Piemontese antwortete ihm mit der größten Kaltblütigkeit, er habe gelogen. Ich sah, daß das Ding ein böses Ende nehmen würde, und sagte ihm, Tiretta habe nur gescherzt. Ich nötigte meinen Freund, dies zuzugeben. Er tat es, doch lachte er dabei und ging hierauf in sein Zimmer. Acht Jahre später sah ich diesen Paton in St. Petersburg, und 1767 wurde er in Polen ermordet. An demselben Abend suchte ich Tiretta auf und gab ihm eine freundschaftliche aber ernste Ermahnung. Ich wies ihn darauf hin, daß er als Spieler stets von der Geschicklichkeit des Bankhalters abhängig sei; dieser könne ein Betrüger, aber zugleich ein tapferer Mann sein. Folglich setze er sein Leben aufs Spiel, wenn er ihn einen Betrüger zu nennen wage. »Soll ich mich also bestehlen lassen?« »Ja; denn du hast die freie Wahl. Es steht in deiner Macht, nicht zu spielen.« »Jedenfalls werde ich die hundert Louis nicht bezahlen.« »Ich rate dir, sie zu bezahlen, und sogar, ehe er sie von dir fordert.« »Du hast eine Gabe, einen zu allem, was du willst, zu überreden, selbst wenn man den besten Willen hat, sich um deine Ratschläge nicht zu bekümmern.« »Ja, mein Lieber, ich spreche eben die Sprache des Herzens und stütze mich dabei auf die Vernunft und, was noch besser ist, auf die Erfahrung.« Drei Viertelstunden darauf ging ich zu Bett, und es dauerte nicht lange, so erschien meine Geliebte. Diese Nacht war viel süßer als die erste; denn es ist oft schwierig, die erste Blüte zu pflücken, und wenn die Menschen im allgemeinen auf diese Wert legen, so geschieht es mehr aus Egoismus, als weil sie Genuß davon haben. Am nächsten Morgen frühstückte ich im Familienkreise und freute mich des rosigen Hauches, der die Wangen meiner schönen Freundin färbte. Hierauf kehrte ich nach Paris zurück. Drei oder vier Tage später kam Tiretta zu mir und sagte mir, der Kaufmann aus Dünkirchen sei angekommen. Frau *** habe ihn zum Essen eingeladen und wünsche, daß ich ebenfalls daran teilnehme. Ich war auf diese Nachricht vorbereitet, trotzdem stieg mir das Feuer ins Gesicht. Tiretta bemerkte es, erriet mich zum Teil und sagte: »Du bist in meine Nichte verliebt.« »Woran merkst du das?« »An deiner Überraschung, meln Lieber, und daran, daß du mir ein Geheimnis daraus zu machen suchst; aber Amor ist ein Indiskreter, der sich gerade durch sein Schweigen verrät.« »Du bist ein Weltweiser, mein lieber Tiretta. Ich werde mit euch speisen; aber denke an Harpokrates!« Er ging. Mir blutete das Herz. Einen Monat später wäre die Ankunft des Kaufmanns mir vielleicht erwünscht gewesen. Aber kaum den Rand der Lippen mit dem Nektar genetzt zu haben, und dann das kostbare Gefäß aus den Händen gleiten sehen! Noch jetzt denke ich daran, und diese Erinnerung ist nicht ohne Bitterkeit. Ich befand mich in einem Zustand schmerzlicher und wirklich peinvoller Ratlosigkeit. Dieser Zustand befiel mich regelmäßig, wenn ich mich in der Zwangslage befand, einen Entschluß fassen zu müssen, und es doch unmöglich tun konnte. Wenn sich der Leser schon in diesem Fall befunden hat, wird er erraten können, wie schmerzhaft meine Lage war. Ich konnte dieser Heirat nicht zustimmen, mich aber auch nicht entschließen, sie zu vereiteln, indem ich mich in den Besitz eines Weibes setzte, das ich dazu geschaffen glaubte, mich glücklich zu machen. Ich fuhr nach la Villette hinaus und war ein wenig überrascht, Fräulein de la Meure in einem ungewöhnlich eleganten Anzuge zu finden. »Ihr Bewerber«, sagte ich zu ihr, »wird aller dieser Pracht nicht bedürfen, um Sie reizend zu finden.« »Meine Tante denkt anders als Sie.« »Sie haben ihn noch nicht gesehen?« »Nein, ich bin neugierig auf ihn, obwohl ich auf Sie rechne und daher sicher bin, niemals seine Frau zu werden.« Einige Augenblicke darauf kam der Bräutigam mit dem Bankier Corneman, der bei diesem Handelsgeschäft den Makler gespielt hatte. Ich sah einen etwa vierzigjährigen schönen Mann von offenen Zügen, sehr gut, aber nicht gesucht gekleidet. Er stellte sich der Frau *** auf eine einfache, aber ungezwungene und höfliche Art vor, und sah seine Zukünftige erst an, als die Tante sie ihm vorstellte. Bei ihrem Anblick wurde seine Miene noch freundlicher, und er sagte ihr, ohne schöne Redensarten zu suchen, sondern voll Gefühl, er wünsche, daß der Eindruck, den er auf sie hervorbringen werde, ein wenig jenem gleichen möge, den sie in ihm erwecke. Sie antwortete auf diese Worte nur mit einer schönen Verbeugung, aber sie beobachtete ihn sehr aufmerksam. Das Essen wurde aufgetragen; man speiste, man sprach von tausend Dingen – aber von der Heirat kein Wort. Die beiden Brautleute sahen sich nur selten einmal zufällig an, aber sie wechselten kein Wort. Nach dem Essen zog das Fräulein sich auf sein Zimmer zurück, und die Tante ging mit dem Bankier und mit dem Zukünftigen in ihr Kabinett, wo sie eine zweistündige Unterredung hatten. Da die Herren an demselben Tage nach Paris zurückfahren mußten, ließ Frau *** ihre Nichte rufen und sagte in ihrer Gegenwart dem Bewerber, sie erwarte ihn am nächsten Tage zum Essen und sei sicher, daß ihre Nichte ihn mit Vergnügen sehen werde. »Nicht wahr, Nichte?« »Gewiß, liebe Tante, ich werde den Herrn mit Vergnügen wieder sehen.« Ohne diese Antwort würde der Herr Kaufmann abgefahren sein, ohne die Stimme seiner Zukünftigen gehört zu haben. »Nun, was sagst du zu deinem Gatten?« fragte die alte Dame. »Erlauben Sie mir, liebe Tante, Ihnen dies erst morgen zu sagen. Aber bei Tisch haben Sie die Güte, mich sprechen zu lassen; denn es kann wohl sein, daß mein Äußeres ihn nicht abgestoßen hat, aber er weiß noch nicht, ob ich richtig denke, und es wäre wohl möglich, daß mein Geist den geringen Eindruck zerstört, den vielleicht mein Gesicht gemacht hat.« »Ja, ich fürchte, daß du Dummheiten sagst und dadurch den guten Begriff zerstörst, den er von dir bekommen zu haben scheint.« »Man darf keinen Menschen täuschen, Tante; um so besser für ihn, Tante, wenn die Wahrheit ihm die Täuschung benimmt, und um so schlimmer für ihn und für mich, wenn wir uns zum Ehebunde entschließen, ohne uns zu kennen und ohne über unsere Denkweise das geringste Urteil haben zu können.« »Wie findest du ihn?« »Er scheint mir nicht übel, vielmehr liebenswürdig und recht stattlich; aber warten wir bis morgen. Vielleicht wird er dann nichts mehr von mir wissen wollen, denn ich bin ja so dumm!« »Ich weiß wohl, du glaubst, klug zu sein; aber das ist gerade das Schlimme; gerade die gute Meinung, die du von dir selber hast, ist an deiner Dummheit schuld; Herr Casanova ist allerdings der Meinung, daß du viel Geist habest.« »Vielleicht versteht er etwas davon.« »Nein, er macht sich über dich lustig, mein armes Kind.« »Ich glaube, das Gegenteil annehmen zu dürfen, liebe Tante.« »Sieh, das ist eben grade eine Dummheit in aller Form.« »Nehmen Sie es mir nicht übel, gnädige Frau, da bin ich anderer Meinung. Fräulein de la Meure hat recht, wenn sie glaubt, daß ich weit entfernt bin, mich über sie lustig zu machen, und ich wage Ihnen zu versprechen, daß sie morgen glänzen wird; die Gelegenheit dazu werden wir ihr bieten.« »Sie bleiben also; das freut mich. Wir werden eine Partie Piquet machen, und ich werde gegen Sie beide spielen. Meine Nichte muß mit Ihnen spielen, denn sie muß es lernen.« Tiretta bat sein Püppchen um Erlaubnis, ins Theater gehen zu dürfen. Wir waren also allein und spielten bis zum Abendessen. Als Tiretta wieder da war, lachten wir uns halb tot über die Art, wie er in seinem Kauderwelsch die Handlung des von ihm gesehenen Stückes erzählte. Hierauf trennten wir uns. Seit einer Viertelstunde wartete ich in meinem Zimmer in der süßen Hoffnung, meine Geliebte in ihrem hübschen Nachtkleide zu sehen; plötzlich sah ich sie ganz angekleidet bei mir eintreten. Dies überraschte mich und schien mir von übler Vorbedeutung zu sein. »Du bist erstaunt, mich angekleidet zu sehen,« sagte sie zu mir, »aber ich muß einen Augenblick mit dir sprechen; erst dann werde ich mich ausziehen. Sage mir ohne Umschweife, ob ich in diese Heirat einwilligen soll?« »Wie findest du den Herrn?« »Er mißfällt mir nicht.« »So nimm ihn doch.« »Das genügt. Lebe wohl! In diesem Augenblick hört unsere Liebe auf und unsere Freundschaft beginnt. Geh zu Bett; ich werde dasselbe tun. Lebe wohl!« »Nein, bleibe! Unsere Freundschaft wird morgen beginnen.« »Nein! Und wenn wir beide sterben müßten! Mein Entschluß wird mir schwer, aber er ist unwiderruflich. Wenn ich die Frau eines anderen werden soll, so muß ich mich vor allen Dingen vergewissern, daß ich seiner würdig sein werde. Vielleicht werde ich auch glücklich sein. Halte mich nicht zurück; laß mich gehen. Du weißt, wie sehr ich dich liebe.« »Einen Kuß wenigstens.« »Ach! Nein.« »Du weinst.« »Nein. Um Gottes willen laß mich gehen!« »Mein Herz, du wirst in deinem Zimmer weinen. Ich bin in Verzweiflung. Bleib! Ich werde dich heiraten.« »Nein, dazu kann ich mich nicht mehr bereit erklären.« Mit diesen Worten riß sie sich von mir los und lief hinaus. Ich war wie betäubt vor Scham und Schmerz. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge schließen. Ich verabscheute mich selber; denn ich wußte nicht, ob meine Schuld größer war, weil ich sie verführt, oder weil ich sie einem anderen überlassen hatte. Ich blieb am nächsten Tage zum Essen da, trotz meinem Herzenskummer und obwohl ich mir selber eine traurige Figur zu spielen schien. Fräulein de la Meure glänzte im Gespräch. Sie unterhielt sich mit ihrem Zukünftigen so vernünftig und geistvoll, daß er sichtlich von ihr entzückt war. Überzeugt, daß ich doch nichts Gescheites zu sagen wüßte, schützte ich nach meiner Gewohnheit Zahnschmerzen vor, damit ich nicht zu sprechen brauchte. Ich war traurig, träumerisch und krank infolge der schlaflosen Nacht, und ich gestand mir selber ein, daß ich verliebt, eifersüchtig und in Verzweiflung war. Das Fräulein sprach nicht ein einziges Wort mit mir, gönnte mir keinen einzigen Blick. Sie hatte recht; aber damals war ich weit entfernt, die Richtigkeit ihrer Handungsweise anzuerkennen. Das Mittagessen kam mir trostlos lang vor; ich glaube nicht, jemals ein peinlicheres mitgemacht zu haben. Sofort nach der Mahlzeit ging Frau *** mit ihrer Nichte und dem zukünftigen Neffen in ihr Kabinett. Eine Stunde darauf kam das Fräulein heraus und sagte uns, wir könnten ihr gratulieren; denn in acht Tagen würde sie verheiratet sein und sofort nach der Hochzeit würde sie ihrem Gatten nach Dünkirchen folgen. »Für morgen sind wir alle bei Herrn Corneman eingeladen; dort wird der Heiratsvertrag unterschrieben werden.« Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich nicht auf der Stelle tot niedersank. Es wäre mir unmöglich, genau zu schildern, welche Qualen ich litt. Bald nach dem Essen machte man den Vorschlag, in die Comédie Française zu gehen; aber ich entschuldigte mich mit dem Vorwand von Geschäften und fuhr nach Paris zurück. Als ich nach Hause kam, glaubte ich Fieber zu haben und ging zu Bett; anstatt jedoch die Ruhe zu finden, deren ich bedurfte, litt ich durch Reue und Gewissensbisse alle Höllenqualen. Der Gedanke wollte mich nicht loslassen, daß ich diese Heirat verhindern oder sterben müßte, überzeugt, daß Fräulein de la Meure mich liebte, glaubte ich, sie würde mir nicht widerstehen, wenn ich ihr nachwiese, daß ihre Weigerung mir das Leben kosten würde. Von diesen Gedanken erfüllt, stand ich auf und schrieb ihr den stärksten Brief, den eine heiße und empörte Leidenschaft nur eingeben kann. Nachdem ich hierdurch meinen Schmerz erleichtert hatte, ging ich wieder zu Bett und schlief bis zum Morgen. Gleich nach dem Erwachen ließ ich einen Dienstmann kommen und versprach ihm zwölf Franken, wenn er meinen Brief übergäbe und mir in anderthalb Stunden die Empfangsbescheinigung brächte. Mein Schreiben war einem Brief an Tiretta beigeschlossen, worin ich ihm mitteilte, daß ich nicht ausgehen würde, bevor ich eine Antwort erhalten hätte. Ich empfing diese vier Stunden später; sie lautete: »Es ist zu spät, lieber Freund; Sie haben mein Schicksal entschieden, ich kann nicht mehr zurück. Gehen Sie ruhig aus. Kommen Sie zum Essen zu Herrn Corneman und seien Sie überzeugt, in einigen Wochen werden wir beide uns glücklich fühlen, einen großen Sieg errungen zu haben. Unsere Liebe ist zu früh glücklich gewesen; sie wird nur noch in unserer Erinnerung fortleben. Ich flehe Sie an, mir nicht mehr zu schreiben.« Ich fühlte mich dem Tode nahe. Diese Weigerung und der noch grausamere Befehl, ihr nicht mehr zu schreiben, brachten mich in Wut. Ich sah in ihrem Verhalten nur Unbeständigkeit; ich glaubte, sie hätte sich plötzlich in den Kaufmann verliebt. Man stelle sich meinen Zustand vor: ich faßte den schrecklichen Entschluß, meiner Nebenbuhler zu töten. In meiner erhitzten Phantasie folgte ein gräßlicher Plan dem anderen; mein Geist, durch eine aufgeregte und nicht befriedigte Leidenschaft verblendet, ersann die wildesten Mittel, um mich zu rächen. Ich war eifersüchtig, aufgeregt und durch Zorn und vielleicht ebensosehr durch verletzte Eitelkeit halb von Sinnen; Scham und Verdruß hatten meine Vernunft zerstört. Das reizende Mädchen, das ich nur bewundern konnte, das ich nur höher hätte schätzen müssen, das ich angebetet hatte wie einen Engel, es erschien mir als ein Ungeheuer, das ich hassen mußte, als eine Treulose, die ich bestrafen mußte. Endlich verfiel ich auf ein sicheres Mittel, und obwohl ich mir nicht verhehlen konnte, daß es ein niederträchtiges Mittel war, ergriff ich es doch in meiner blinden Leidenschaft ohne Zögern. Ich beschloß, den Bräutigam bei Corneman, wo er wohnte, aufzusuchen, ihm alles zu erzählen, was zwischen dem Fräulein und mir vorgefallen wäre, und wenn diese Enthüllung nicht genügte, um ihn zum Verzicht auf seinen Heiratsplan zu bewegen, ihm zu sagen, daß einer von uns beiden sterben müßte; endlich aber ihn zu ermorden, wenn er meine Herausforderung nicht annähme. Als dieser entsetzliche Plan bei mir feststand, an den ich heute nur noch mit einem Schaudern des Abscheus denken kann, aß ich mit einem wahren Wolfshunger zu Abend, ging zu Bett und schlief ohne Unterbrechung bis zum Morgen. Beim Erwachen befand ich mich in derselben Stimmung und wurde dadurch in meinem Entschluß noch bestärkt. Schnell, aber sorgfältig kleidete ich mich an, steckte zwei wohlgeladene Pistolen in die Taschen und begab mich zu Herrn Corneman. Mein Nebenbuhler schlief noch. Ich wartete eine Viertelstunde, und während dieser Zeit bestärkten alle meine Gedanken mich in meinem Entschluß. Plötzlich erscheint mein Nebenbuhler im Schlafrock, kommt mit offenen Armen auf mich zu, umarmt mich und sagt zu mir in wohlwollendstem Ton: er habe meinen Besuch erwartet, denn da ich ein Freund seiner Braut sei, so glaube er, daß auch er mir freundschaftliche Gefühle eingeflößt habe; er werde stets die Gefühle meiner Braut für mich teilen. Das schöne Gesicht des wackeren Mannes, sein freies und offenes Wesen, die Wahrheit des Gefühls, das in seinen Worten lag – dies alles drückte mich nieder. Ich schwieg einige Augenblicke; ich wußte wirklich nicht, was ich ihm sagen sollte. Zum Glück ließ er mir völlig genügende Zeit, um wieder zu nur zu kommen; denn er sprach eine Viertelstunde lang, ohne zu bemerken, daß ich noch keine einzige Silbe gesagt hatte. Herr Corneman kam; es wurde Kaffee gebracht, und ich fand die Sprache wieder; aber ich konnte ihm jetzt nur noch einige höfliche Worte sagen, und ich wünsche mir noch heute Glück dazu. Die Krisis war vorüber. Wenn man aufmerksam darauf achtet, so wird man bemerken, daß die hitzigsten Charaktere einem zu stark angespannten Strick gleichen, der entweder zerreißt oder seine Spannkraft verliert. Ich habe mehrere Personen von diesem Schlage gekannt, unter anderen den Chevalier L., der so lebhaft war, daß er sich in Augenblicken der Aufregung dem Tode nahe fühlte. Wenn er in dem Augenblick, wo seine Wut losbrechen wollte, irgendeinen Gegenstand zertrümmern konnte, wurde er sofort wieder ruhig. Die Vernunft gewann wieder die Oberhand, und der wütende Löwe wurde ein Lamm, ein wahres Muster von Sanftmut. Nachdem wir eine Tasse Kaffee getrunken hatten, fühlte ich mich erleichtert und zugleich erstaunt; wir umarmten uns, und ich ging. Ich beobachte mich selbst mit der größten Verwunderung, aber ich war entzückt, meinen abscheulichen Vorsatz nicht ausgeführt zu haben. Mich demütigte nur die nicht zu leugnende Tatsache, daß ich es nur dem Zufall verdankte, wenn ich nicht eine ganz niederträchtige Handlung begonnen hatte und zum Verbrecher geworden war. Während ich planlos durch die Straßen ging, begegnete ich meinen Bruder; dieses Zusammentreffen beruhigte mich vollends. Ich ging mit ihm zu Sylvia zum Mittagessen und blieb dort bis Mitternacht Ich sah, daß die junge Baletti die Treulose in Vergessenheit bringen würde, wenn ich so vernünftig war, ein Wiedersehen vor ihrer Hochzeit zu vermeiden. Um mir dies leichter zu machen, fuhr ich am nächsten Tage nach Versailles, um den Ministern meine Aufwartung zu machen. Viertes Kapitel Abbé de la Ville. – Abbé Galiani. – Charakter der neapolitanischen Mundart. – Ich reise mit einem geheimen Auftrag nach Dünkirchen. – Ich fahre über Amiens nach Paris zurück. – Unbesonnene Streiche. – Herr de la Bretonnière. – Mein Bericht gefällt; ich erhalte fünfhundert Louis. – Betrachtungen. Eine neue Bahn eröffnete sich mir. Wiederum war mir das Glück hold. Ich besaß alle Mittel, um der blinden Göttin zu Hilfe zu kommen; aber mir fehlte eine wesentliche Eigenschaft: Ausdauer. Mein Leichtsinn, meine maßlose Vergnügungssucht zerstörten die guten Gaben, die ich von der Natur empfangen hatte. Herr von Bernis empfing mich wie gewöhnlich, das heißt weniger als Minister denn als Freund. Er fragte mich, ob ich nicht geneigt wäre, geheime Aufträge zu übernehmen. »Werde ich auch das nötige Talent dazu haben?« »Daran zweifle ich nicht.« »Ich fühle mich zu allem geneigt, womit ich auf anständige Weise Geld verdienen kann. Was mein Talent anbetrifft, so verlasse ich mich recht gern auf das Urteil Eurer Exzellenz.« Über diesen Schlußsatz lächelte er; das wollte ich gerade. Nach einigen beiläufigen Worten über alte Erinnerungen, die die Zeit noch nicht ganz verwischt hatte, sagte der Minister mir, ich möchte in seinem Namen den Abbé de la Ville aufsuchen. Dieser Abbé war sein erster Geheimrat, ein kalter, tiefer Politiker, die Seele des Ministeriums, und Seine Exzellenz hielt große Stücke auf ihn. Als Geschäftsträger im Haag hatte er dem Staat gute Dienste geleistet, und der dankbare König belohnte ihn, indem er ihm an seinem Todestage ein Bistum verlieh. Die Belohnung kam ein bißchen zu spät; aber Könige haben nicht immer Zeit, Gedächtnis zu haben. Der Erbe dieses braven Mannes war ein gewisser Garnier, ein Glückspilz. Er war früher Koch bei Herrn d'Argenson gewesen und hatte die beständige Freundschaft des Abbé de la Ville zu benutzen gewußt, um ein reicher Mann zu werden. Die beiden Freunde, die ungefähr gleichalterig waren, hatten ihre Testamente bei demselben Notare hinterlegt und sich gegenseitig zu Universalerben eingesetzt. Der Abbé de la Ville hielt mir einen kurzen Vortrag über die Natur der geheimen Aufträge. Nachdem er mir auseinandergesetzt hatte, wie klug damit betraute Personen sich benehmen müßten, sagte er mir, er werde mir Bescheid geben, sobald sich etwas Passendes für mich böte; hierauf lud er mich zum Essen ein. Bei Tische machte ich die Bekanntschaft des neapolitanischen Gesandtschaftssekretärs,Abbé Galiani. Er war ein Bruder des Marchese Galiani, von dem ich erzählen werde, wenn wir bei meiner Reise nach jenem schönen Lande angekommen sind. Abbé Galiani war ein sehr geistreicher Mann. Er besaß ein hervorragendes Talent, seinen ernsthaften Bemerkungen einen komischen Anstrich zu geben. Er sprach gut und stets ohne zu lachen und gab seinem Französisch den unwiderstehlichen neapolitanischen Akzent; daher war er in allen Gesellschaften, die er seiner Gegenwart würdigte und deren Zierde er war, außerordentlich beliebt. Der Abbé sagte ihm, Voltaire beklage sich, daß man seine Henriade in neapolitanische Verse so übersetzt habe, daß sie lächerlich geworden sei. »Voltaire hat unrecht,« sagte Galiani, »denn es liegt in der Natur der neapolitanischen Sprache; daß man sie nicht in Verse bringen kann, ohne daß etwas Lächerliches herauskommt. Wozu übrigens sich ärgern, wenn man Lachen erregt? Dieses ist nicht gleichbedeutend mit Spott; wer die Menschen vor Vergnügen zum Lachen bringt, ist stets sicher, geliebt zu werden. Stellen Sie sich nur den eigentümlichen Charakter der neapolitanischen Mundart vor! Wir haben eine Übersetzung der Bibel und eine der Ilias, und beide reizen zum Lachen.« »Von der Bibel will ich es gern glauben; aber von der Ilias überrascht es mich.« »Es ist aber doch wahr.« Ich kehrte erst am Tage vor der Abreise des Fräuleins de la Meure, die inzwischen Frau P. geworden war, nach Paris zurück. Ich glaubte nicht umhin zu können, Frau *** aufzusuchen, um meiner früheren Geliebten Glück und gute Reise zu wünschen. Ich fand sie fröhlich und vollkommen zufrieden; weit entfernt, mich zu ärgern, freute ich mich darüber; dies war ein sicheres Zeichen meiner völligen Heilung. Wir sprachen ganz ungezwungen miteinander, und ihr Gatte schien ein vortrefflicher Mann zu sein. Auf ihr Bitten versprach ich ihr, sie in Dünkirchen zu besuchen, obwohl ich nicht im entferntesten daran dachte, mein Wort zu halten; aber die Umstände fügten es anders. Tiretta blieb nun also allein mit seinem Püppchen. Sie wurde von Tag zu Tag verrückter und immer mehr in ihren Lindor verliebt, der ihr so zahlreiche Beweise seiner Liebe und Treue gab. Ich selber machte in dem ruhigen Leben, das ich nun führte, wie ein Schüler in platonischer Liebe meiner Manon Baletti den Hof, und diese gab mir täglich irgendeinen neuen Beweis der Fortschritte, die ich in ihrem Herzen machte. Die Gefühle der Freundschaft und Achtung, die mich mit ihrer Familie verbanden, schlossen jeden Gedanken an Verführung aus; da ich aber immer verliebter wurde und nicht daran dachte, um ihre Hand anzuhalten, so wurde es mir schwer, mir selber Rechenschaft zu geben, was ich eigentlich bezweckte; ich ließ mich gedankenlos gehen, wie ein unbewegter Körper, der von der Strömung fortgetrieben wird. Im Anfang des Monats Mai schrieb Abbé de Bernis mir, ich möchte ihn in Versailles aufsuchen, mich aber vorher beim Abbé de la Ville einfinden. Dieser empfing mich mit der Frage, ob ich mir wohl zutraue, acht oder zehn Kriegsschiffe, die auf der Reede von Dünkirchen lägen, zu besuchen, indem ich auf geschickte Weise mit den befehligenden Offizieren Bekanntschaft machte, so daß ich imstande wäre, ihm einen ausführlichen Bericht über die Verproviantierung jeder Art, die Anzahl der Matrosen jedes Schiffes, den Vorrat an Munition, die Verwaltung, die Polizei usw. einzureichen. »Ich werde den Versuch machen; nach meiner Rückkehr werde ich Ihnen den Bericht einreichen, und Sie werden mir sagen, ob ich meine Sache gut gemacht habe.« »Da es sich um eine geheime Sendung handelt, kann ich Ihnen keinen Brief geben; ich kann Ihnen nur eine glückliche Reise wünschen und Geld geben.« »Ich will kein Geld zum voraus, Herr Abbé; wenn ich wieder zurück bin, können Sie mir geben, was ich nach Ihrer Meinung verdient habe. Bis zur Abreise brauche ich mindestens drei Tage; denn ich muß mir erst einige Empfehlungsbriefe verschaffen.« »Nun, suchen Sie nur bis Ende des Monats wieder hier zu sein. Weiter ist nichts nötig.« An demselben Tage hatte ich im Palais Bourbon eine Unterhaltung mit meinem Beschützer; er bewunderte mein Zartgefühl, daß ich keine Vorauszahlung hatte annehmen wollen, und benutzte sogleich den Umstand, um mich in seiner vornehmen Weise zu nötigen, eine Rolle von hundert Louis anzunehmen. Seitdem habe ich mich nicht mehr in der Notwendigkeit befunden, die Börse des freigebigen Mannes in Anspruch zu nehmen, nicht einmal in Rom, wo ich ihn vierzehn Jahre später traf. »Da es sich um einen geheimen Auftrag handelt, mein lieber Casanova, so kann ich Ihnen keinen Paß geben; es tut mir leid, aber Sie würden sich dadurch verdächtig machen. Um diesem Übelstande abzuhelfen, werden Sie sich leicht unter irgendeinem Vorwand einen Paß vom Ersten Edelmann der Kammer verschaffen können. Am besten wird Ihnen hierbei Sylvia behilflich sein können. Sie sehen wohl ein, wie vorsichtig Sie sich benehmen müssen. Vermeiden Sie besonders, sich in irgendwelche Händel einzulassen; denn Sie wissen wohl, daß Ihnen eine Berufung auf Ihren Auftraggeber nichts nützen würde, falls Ihnen irgendetwas zustoßen sollte. Man würde gezwungen sein, Sie zu verleugnen; denn die einzigen anerkannten Spione sind die Gesandten. Vergessen Sie nicht, daß Sie mehr Zurückhaltung und Umsicht beobachten müssen als diese; daß Sie aber, wenn Sie Erfolg haben wollen, diese beiden Eigenschaften nicht merken lassen dürfen, sondern daß Sie ungezwungen und natürlich auftreten müssen, um Vertrauen zu erwecken. Wenn Sie mir nach Ihrer Rückkehr Ihren Bericht vorlegen wollen, ehe Sie ihn dem Abbé de la Ville einreichen, so werde ich Ihnen sagen, was etwa gestrichen oder hinzugefügt werden könnte.« Ganz voll von dieser Angelegenheit, von deren Bedeutung ich mir eine um so übertriebenere Vorstellung machte, als ich ein villiger Neuling war, sagte ich zu Sylvia, ich wünschte einige mir bekannte Engländer nach Calais zu begleiten und sie würde mir ein Vergnügen machen, wenn sie mir vom Herzog von Gesvres einen Paß verschaffte. Die würdige Dame, die mir gern in allen Dingen gefällig war, schrieb sofort einen Brief an den Herzog; sie sagte mir, ich müßte diesen selbst bestellen, weil derartige Pässe nur mit einer genauen Beschreibung der empfohlenen Person ausgestellt würden. Sie galten nur für die sogenannte Isle-de-France, aber sie wurden im ganzen Norden des Reiches anerkannt. Mit Sylvias Empfehlung versehen und von ihrem Mann begleitet, begab ich mich zum Herzog, der auf seinem Landgut St. Quen war; kaum hatte er den von mir überreichten Brief angesehen, so ließ er mir den Paß ausstellen. Nachdem dieses in Ordnung war, fuhr ich nach La Villette, um Frau *** zu fragen, ob sie mir etwas für ihre Nichte aufzutragen hätte. »Sie könnten ihr«, antwortete sie, »den Kasten mit den Porzellanfiguren bringen, wenn Herr Corneman sie noch nicht geschickt hat.« Ich suchte den Bankier auf, erhielt den Kasten und gab ihm hundert Louis gegen einen Kreditbrief auf ein Dünkirchener Haus, indem ich ihn bat, mich ganz besonders zu empfehlen, da ich zu meinem Vergnügen hinginge. Herr Corneman tat dies alles mit Vergnügen und ich reiste denselben Abend ab; drei Tage später stieg ich in Dünkirchen im Gasthof zur Conciergerie ab. Eine Stunde nach meiner Ankunft überraschte ich die liebenswürdige Frau P. auf die angenehmste Weise, indem ich ihr den Kasten nebst Grüßen von ihrer Tante überbrachte. Während sie mir ihren Mann lobte, der sie glücklich mache, trat dieser ein. Er war hocherfreut, mich zu sehen, und bot mir ein Zimmer an, ohne mich zu fragen, ob ich mich längere oder kürzere Zeit in Dünkirchen aufhalten werde. Ich dankte ihm natürlich, versprach ihm zuweilen zum Essen zu kommen und bat ihn, mich zu dem Bankier zu führen, an welchen mich Herr Corneman empfohlen hatte. Der Bankier hatte kaum meinen Brief gelesen, so zählte er mir hundert Louis auf und bat mich, ihn gegen Abend in meinem Gasthof zu erwarten; er werde mich mit dem Kommandanten abholen. Dieser, ein Herr de Barail, war sehr höflich, wie es die Franzosen im allgemeinen sind, und bat mich, nachdem er die üblichen Fragen an mich gerichtet hatte, mit ihm und seiner Gemahlin, die noch im Theater war, zu Abend zu speisen. Die Dame nahm mich ebenso freundlich auf wie ihr Mann. Nach dem ausgezeichneten Abendessen erschienen noch mehrere Personen, und man begann zu spielen; ich nahm jedoch nicht daran teil, da ich zuerst die Anwesenden studieren wollte, besonders mehrere Land- und Seeoffiziere, die sich unter der Gesellschaft befanden. Indem ich mit Vorliebe von allen europäischen Flotten sprach und mich für einen Kenner ausgab, da ich im Seeheere meiner kleinen Republik gedient hätte, so brauchte ich nur drei Tage, um nicht nur alle Linienschiffskapitäne persönlich kennen zu lernen, sondern sogar mit ihnen befreundet zu werden. Ich sprach ins Blaue hinein über den Bau von Kriegsschiffen und über die venetianische Art des Manövrierens und ich bemerkte, daß die braven Seeleute mir mit noch größerer Teilnahme zuhörten, wenn ich Dummheiten sagte, als wenn ich etwas Gutes vorbrachte. Am vierten Tage lud einer von diesen Kapitänen mich zum Essen an Bord seines Schiffes ein, und dies genügte für mich, um von allen anderen ebenfalls eingeladen zu werden. Der Kapitän, der mir die Ehre erwies, behielt mich den ganzen Tag bei sich. Ich zeigte mich neugierig nach allem, und Seeleute sind so vertrauensselig! Ich stieg in den Schiffsraum hinunter, stellte hundert Fragen und fand so viele junge Offiziere, die gerne wichtig taten, daß es mir keine Mühe machte, sie zum Plaudern zu bringen. Ich ließ mir im Vertrauen alles sagen, was ich für meinen Bericht nötig hatte; sobald ich am Abend zu Hause war, brachte ich sehr sorgfältig alle meine Beobachtungen, gute wie schlechte, zu Papier. Ich schlief nur vier oder fünf Stunden, und in vierzehn Tagen glaubte ich genügend Bescheid zu wissen. Von Liebeleien, Spiel und den Leichtfertigkeiten, denen ich mich für gewöhnlich hingab, war auf dieser Reise gar nicht die Rede; meine Sendung beschäftigte mich ganz und gar und lenkte alle meine Schritte. Ich dinierte nur ein einziges Mal bei Cornemans Bankier, einmal bei Frau P. in der Stadt und ein anderes Mal in einem hübschen Landhause eine Stunde von Dünkirchen, das ihr Gatte besaß. Sie fuhr mit mir hinaus, und bei meinem Zusammensein mit dieser Frau, die ich so sehr geliebt hatte, entzückte ich sie durch mein zartfühlendes Benehmen; denn ich bezeigte ihr nur meine ehrfurchtvolle Freundschaft. Da ich sie reizend fand und meine Verbindung mit ihr erst seit sechs Wochen zu Ende war, so war ich erstaunt über die Ruhe meiner Sinne, denn ich kannte mich selber zu gut, um meine Zurückhaltung meiner Tugend zuzuschreiben. Woher kam das? Ein italienisches Sprichwort, das die Natur erklärt, gibt den richtigen Grund an: La monna non vuol pensiere – Die Frau verträgt keinen anderen Gedanken, und mein Kopf war voll von solchen. Da ich mit meinem Auftrage fertig war, verabschiedete ich mich von allen Bekannten und setzte mich in meinen Postwagen, um nach Paris zurückzufahren. Zu meinem Vergnügen wählte ich einen anderen Weg als den, auf welchem ich gekommen war. Gegen Mitternacht verlangte ich auf irgendeiner Poststation Pferde, aber man machte mich darauf aufmerksam, daß die nächste Poststelle die Festung Aire sei, und daß man dort bei Nacht nicht Einlaß finde. »Pferde her!« rief ich; »ich werde mir öffnen lassen.« Man gehorchte mir, und bald waren wir vor dem Tor der Festung. Der Kutscher knallte mit der Peitsche. »Wer da?« »Kurier!« Nachdem man mich eine Stunde hatte warten lassen, öffnete man das Tor und sagte, ich müßte mit dem Kommandanten sprechen. Fluchend, wie wenn ich eine Person von Bedeutung wäre, gehorchte ich. Man führte mich vor den Alkoven eines Mannes, der mit einer eleganten Nachtmütze auf dem Kopf an der Seite einer sehr hübschen Frau im Bett lag. »Für wen sind Sie Kurier?« »Für niemanden; aber da ich es eilig habe...« »Genug. Wir werden morgen darüber sprechen; einstweilen bleiben Sie in der Wachtstube. Lassen Sie mich schlafen!« »Aber, Herr Kommandant...« »Bitte, jetzt kein aber; gehen Sie.« Man führte mich in die Wachtstube, wo ich die Nacht sitzend auf der Erde verbrachte. Sobald der Tag erscheint, mache ich Lärm. Ich schreie, ich fluche: ich will abreisen. Kein Mensch antwortet mir. Es schlägt zehn Uhr. Über alle Maßen ungeduldig, schreie ich den Offizier an und sage ihm: der Kommandant habe es allerdings in der Macht, mich ermorden zu lassen; aber man könne mir nicht Schreibzeug verweigern und müsse mir die Freiheit lassen, einen Kurier nach Paris zu schicken. »Bitte, wie ist Ihr Name, mein Herr?« »Hier ist mein Paß.« Er sagt mir, er werde ihn dem Kommandanten bringen; ich reiße ihm das Papier aus der Hand. »Wünschen Sie, daß ich Sie zu ihm führe?« »Gern.« Wir gehen. Der Offizier tritt zuerst ein und holt mich zwei Minuten darauf, um mich vorzustellen. Ich überreiche mit stolzer Miene und schweigend meinen Paß. Der Kommandant liest ihn, sieht mich prüfend an, um sich zu überzeugen, daß die Beschreibung stimmt, gibt mir den Paß zurück, sagt mir, ich sei frei, und befiehlt dem Offizier, mir Postpferde verabfolgen zu lassen. »Jetzt, Herr Kommandant, habe ich es nicht mehr so eilig. Ich werde einen Kurier nach Paris schicken und dessen Rückkehr abwarten. Indem Sie meine Reise verzögerten, haben Sie das Völkerrecht verletzt.« »Im Gegenteil, Sie haben es verletzt, indem Sie sich für einen Kurier ausgaben.« »Ich habe Ihnen im Gegenteil gesagt, ich sei es nicht.« »Ja, aber Sie haben es dem Postillon gesagt, und das genügt.« »Der Postillon hat gelogen; denn ich habe ihm nichts weiteres gesagt, als daß ich mir würde öffnen lassen.« »Warum haben Sie mir nicht Ihren Paß gezeigt?« »Warum haben Sie mir nicht die Zeit dazu gelassen? Übrigens werden wir ja in drei oder vier Tagen sehen, wer von uns beiden recht hat.« »Tun Sie, was Ihnen beliebt.« Ich ging; der Offizier führte mich nach der Post, und gleich darauf sah ich meinen Wagen kommen. Die Post war zugleich Gasthof; ich wandte mich an den Posthalter und sagte ihm, er solle mir einen Boten bereit halten, mir ein gutes Zimmer mit einem guten Bett geben und mir eine gute Fleischbrühe auftragen lassen. Später würde ich zu Mittag essen, und ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich gewohnt sei, gut zu leben. Ich ließ meinen Koffer und alle Sachen, die ich in meinem Wagen hatte, auf mein Zimmer bringen. Nachdem ich mich ausgezogen und gewaschen hatte, setzte ich mich zum Schreiben hin; nur wußte ich nicht, an wen ich schreiben sollte, denn im Grunde hatte ich unrecht. Aber ich hatte mich nun einmal darauf eingelassen, den Wichtigen zu spielen, und ich glaubte es meiner Ehre schuldig zu sein, die Rolle durchzuführen; zurückweichen konnte ich ja immer noch. Nur ärgerte ich mich, daß ich mich verpflichtet hatte, in Aire zu bleiben, bis der Kurier zurückkehrte, den ich in den Mond schicken wollte. Indessen, da ich die ganze Nacht kein Auge hatte schließen können, so hatte ich immerhin die Aussicht, zu Bett zu gehen und mich auszuruhen. Ich war im Hemde und trank gerade die Fleischbrühe, die man mir gebracht hatte, als ich den Kommandanten ganz allein eintreten sah. Sein Erscheinen überraschte mich und machte mir Vergnügen. »Das Vorgefallene tut mir leid, mein Herr, besonders deshalb, weil Sie Grund zur Klage zu haben glauben, während ich doch nur meine Pflicht getan habe; denn wie in aller Welt konnte ich annehmen, daß Ihr Postkutscher Sie ohne Ihren Befehl als Kurier ausgegeben hätte?« »Dies ist alles sehr schön, Herr Kommandant; aber Ihre Pflicht ging nicht so weit, mich aus Ihrem Zimmer zu weisen.« »Ich hatte Schlaf nötig.« »Ich befinde mich jetzt in dem gleichen Fall, aber die Höflichkeit verhindert mich, es ebenso zu machen wie Sie.« »Darf ich mir erlauben, Sie zu fragen, ob Sie jemals gedient haben?« »Ich habe zu Lande und zu Wasser gedient, und ich verließ den Dienst in einem Alter, wo viele erst anfangen.« »Dann müssen Sie wissen, daß man bei Nacht die Tore einer Festung nur königlichen Kurieren oder höheren militärischen Befehlshabern öffnet.« »Allerdings; aber sobald man das Tor einmal geöffnet hatte, war es geschehen; und wenn etwas nicht mehr zu ändern ist, kann man höflich sein.« »Sind Sie der Mann, sich anzukleiden und einen Spaziergangs, mit mir zu machen?« Sein Vorschlag gefiel mir um so mehr, als der Gedanke mich geärgert hatte, daß er mich mit hochmütigem Stolz behandelte. Schnell einen Degenstoß auszuteilen oder zu empfangen, hatte für mich großen Reiz, zumal da hierdurch alle Schwierigkeiten beseitigt wurden und ich aus aller Verlegenheit herauskam. Ich antwortete ihm ruhig und ehrerbietig, die Ehre mit ihm einen Spaziergang zu machen veranlasse mich, jedes andere Geschäft aufzuschieben. Ich bat ihn höflich, solange Platz nehmen zu wollen, bis ich mich schnell angezogen hätte. Ich zog meine Hosen an und warf die prachtvollen Pistolen, die ich in den Taschen hatte, auf das Bett; ich ließ den Friseur heraufkommen, und in zehn Minuten war ich mit dem Anziehen fertig. Ich schnallte meinen Degen um, und wir gingen. Ziemlich schweigsam durchschritten wir zwei oder drei Straßen, traten durch einen Torweg in einen Hof, den ich für einen Durchgang hielt, und hielten in der Ecke vor einer Türe still. Mein Führer lud mich ein, einzutreten, und ich sah mich plötzlich in einem schönen Saal mit zahlreicher Gesellschaft. Ich dachte gar nicht daran, mich zurückzuziehen, sondern fühlte mich sofort wie zu Hause. »Dies, mein Herr, ist meine Frau; und dies«, fuhr er ohne Unterbrechung fort, »ist Herr von Casanova, der mit uns speisen wird.« »Es freut mich außerordentlich, mein Herr; denn sonst würde ich Ihnen nie verziehen haben, daß Sie mich heute Nacht haben wecken lassen.« »Mein Vergehen habe ich allerdings grausam gebüßt, gnädige Frau; aber nachdem ich ein solches Fegefeuer überstanden habe, erlauben Sie mir nun, mich in diesem Paradiese glücklich zu fühlen.« Sie sah mich mit einem reizenden Lächeln an und lud mich ein, neben ihr Platz zu nehmen. Sie setzte ihre Spielpartie fort, zugleich aber auch die Unterhaltung mit mir, soweit eben die Aufmerksamkeit auf die Karten es erlaubte. Ich sah, daß ich nach allen Regeln der Kunst angefühlt worden war, aber die Mystifikation war so anmutig, daß ich nicht daran denken konnte, mich darüber zu ärgern. Mir blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zu machen, und dies fiel mir um so leichter, da ich mich auch mit aufrichtigem Vergnügen von der törichterweise auf mich genommenen Verpflichtung befreit sah, einen Kurier ins Blaue hineinzuschicken. Der Kommandant, seines Sieges froh und im geheimen stolz darauf, war plötzlich heiter geworden; er sprach von Kriegs-, Hof- und Staatsangelegenheiten und richtete oft das Wort an mich, mit jener Liebenswürdigkeit und Ungezwungenheit, die die gute Gesellschaft Frankreichs so trefflich mit der Beobachtung der Formen zu vereinigen weiß; man hätte schwerlich erraten können, daß jemals ein Streit zwischen uns vorgefallen war. Er hatte diese angenehme Lage herbeizuführen gewußt und war dadurch zum Helden des Stückes geworden; aber wenn ich auch nur in zweiter Reihe stand, so glänzte ich darum doch nicht weniger; denn aus allem ging hervor, daß ich einen alten höheren Offizier zu nötigen gewußt hatte, mir eine Genugtuung zu geben, die um so schmeichelhafter war, da sie bewies, daß ich ihm trotz meiner jugendlichen Unbesonnenheit Achtung eingeflößt hatte. Das Essen wurde aufgetragen. Da der Erfolg meiner Rolle nur davon abhing, wie ich sie spielte, so bin ich selten besser aufgelegt gewesen als bei diesem Essen, wo nur angenehme Gespräche geführt wurden; besonders ließ ich es mir angelegen sein, die Frau Kommandantin glänzen zu lassen. Sie war eine reizende Frau, sehr hübsch und noch jung, denn sie war mindestens dreißig Jahre jünger als ihr teurer Gatte. Von dem Mißverständnis, dem ich einen sechsstündigen Aufenthalt in der Wachtstube verdankte, wurde kein Wort gesprochen; aber beim Nachtisch hätte der Kommandant durch eine überflüssige Frozzelei beinahe etwas Böses angerichtet. »Es war sehr gütig von Ihnen, zu glauben, daß ich mich mit Ihnen schlagen würde. Ich habe Sie auf einen Leim gelockt.« »Wer sagt Ihnen, daß ich an ein Duell geglaubt habe?« »Gestehen Sie, Sie haben daran geglaubt.« »Ich bestreite es; denn zwischen glauben und vermuten ist ein großer Unterschied. Das eine ist positiv, das andere rechnet nur mit einer gewissen Möglichkeit, übrigens gebe ich zu, daß Ihre Einladung zu einem Spaziergang mich neugierig gemacht hatte, zu erfahren, worauf Sie hinauswollten, und ich bewundere Ihren Geist. Indessen werden Sie mir wohl glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß ich mich durchaus nicht für angeführt halte; ich fühle mich ganz im Gegenteil so befriedigt, daß ich Ihnen dankbar bin.« »Und wenn mir, mein Herr, nach dem Vorgefallenen noch ein Bedauern bleibt, so ist es das, Sie nicht noch länger besitzen zu können.« Das Kompliment war schmeichelhaft und ich würde darauf erwidert haben, wenn man nicht im selben Moment von Tische aufgestanden wäre. Am Nachmittag gingen wir spazieren; ich reichte der gnädigen Frau den Arm, und sie war entzückend; am Abend aber verabschiedete ich mich, und am nächsten Tage reiste ich in der Frühe ab, nachdem ich vorher noch meinen Bericht ins Reine geschrieben hatte. Um fünf Uhr morgens schlief ich in meinem Wagen, als ich geweckt wurde. Wir waren am Tore von Amiens. Der Lästige, der an meinem Wagenschlage stand, war ein Zollbeamter, gehörte also zu einer überall und nicht ohne Grund verabscheuten Menschenklasse; denn abgesehen davon, daß diese Leute im allgemeinen unhöflich und schikanös sind, so macht nichts die Sklaverei so fühlbar, wie ihr zudringliches Nachspüren, das sich sogar auf das Handgepäck und auf die geheimsten Kleidungsstücke erstreckt. Der Beamte fragte mich, ob ich nichts Verbotenes bei mir habe. Ich war schlechter Laune, wie jeder Mensch, der aus süßem Schlaf gerissen wird, um eine lästige Frage beantworten zu müssen; ich antwortete ihm fluchend: »Nein! Sie hätten mich wohl auch schlafen lassen können.« »Da Sie grob sind,« versetzte der Kerl, »so wollen wir doch mal sehen.« Er befahl dem Postillon, mit meinem Wagen hineinzufahren, und ließ meine Koffer abschnallen. Ich konnte ihn daran nicht hindern, ballte die Fäuste im Sack und schwieg. Ich merkte, welchen Fehler ich gemacht hatte, aber daran war nichts mehr zu ändern, übrigens hatte ich nichts Steuerpflichtiges und brauchte deshalb auch nichts zu befürchten; aber mein Ungestüm sollte mir zwei langweilige Stunden kosten. Das Vergnügen der Rache stand auf ihren unverschämten Gesichtern geschrieben. Zu jener Zeit waren die Steuerbeamten in Frankreich der Abschaum des gemeinsten Gesindels; aber wenn sie sich von vornehmen Leuten höflich behandelt sahen, setzten sie eine Ehre darein, umgänglich zu sein. Ein Vierundzwanzigsousstück freundlich ihnen in die Hand gedrückt, machte sie geschmeidig wie einen Handschuh. Sie machten den Reisenden ihre Verbeugung und wünschten ihnen gute Reise, ohne sie zu belästigen. Ich wußte das; aber es gibt Augenblicke, wo der Mensch ohne Überlegung handelt, und dies war mir passiert; dafür mußte ich nun leiden. Die Henkersknechte packten meine Koffer aus und breiteten sogar meine Hemden aus, weil ich nach ihrer Behauptung zwischen diesen englische Spitzen versteckt haben könnte. Nachdem sie alles durchsucht hatten, gaben sie mir meine Schlüssel wieder; aber damit war die Sache noch nicht zu Ende: mein Wagen mußte auch noch durchsucht werden. Der Halunke, der dies zu besorgen hatte, rief plötzlich Viktoria! Er hatte den Rest von einem Pfund Tabak gefunden, das ich nach der Hinreise nach Dünkirchen in St. Omer gekauft hatte. Sofort befahl der Cartouche der Bande mit triumphierender Stimme, meinen Wagen mit Beschlag zu belegen, und sagte mir, ich hätte außerdem zwölfhundert Franken Buße zu bezahlen. Nun war aber meine Geduld zu Ende. Ich überlasse es dem Leser, die Namen zu erraten, mit denen ich die Spitzbubengesellschaft belegte; aber gegen Worte waren sie gepanzert. Ich befahl ihnen, mich zum Intendanten zu führen. »Gehen Sie hin, wenn Sie Lust haben,« antworteten Sie mir; »hier haben Sie keinem was zu befehlen.« Umgeben von einer großen Anzahl von Neugierigen, die der Lärm angelockt hatte, lief ich mit langen Schritten wie ein Rasender in die Stadt. Ich trat in den ersten Laden ein, den ich offen fand, und bat den Besitzer, mich zum Intendanten führen zu lassen. Ich erzählte, was mir zugestoßen war, und ein anständig aussehender Mann, der sich in dem Laden befand, sagte mir, er werde das Vergnügen haben, mich selber zu ihm zu begleiten, indessen würde ich ihn wahrscheinlich nicht finden, weil man ihn ohne Zweifel schon benachrichtigt hätte. »Wenn Sie nicht bezahlen oder Bürgschaft stellen, werden Sie schwerlich aus dieser üblen Lage herauskommen.« Ich bat ihn, mich nur in die Stadt zu führen und im übrigen mich machen zu lassen. Er riet mir, nur das Gesindel, das mich begleitete, vom Halse zu schaffen, indem ich den Leuten einen Louis zum Vertrinken gäbe. Ich bat ihn, dies zu besorgen, gab ihm den Louis, und die Sache war bald in Ordnung. Der Herr war ein ehrenwerter Sachwalter, der seine Leute kannte. Wir kamen zum Intendanten; aber der Herr war nicht da, wie mein Führer richtig vorausgesehen hatte. Der Hausmeister sagte uns, der Intendant sei allein ausgegangen und würde erst nachts nach Hause kommen; wo der Herr speise, wisse er nicht. »Nun, so ist der Tag verloren,« sagte der Sachwalter. »Lassen Sie uns überall suchen, wo er sein kann; er muß doch bestimmte Gewohnheiten, er muß Freunde halben; wir werden ihn entdecken. Ich gebe Ihnen einen Louis für Ihren Tag; wollen Sie mir das Vergnügen machen, ihn mir zu opfern?« »Sie haben über mich zu verfügen.« Vier oder fünf Stunden lang suchten wir ihn vergeblich in zehn oder zwölf Häusern. Überall sprach ich mit den Herren und schilderte in übertriebenen Ausdrücken die Geschichte, die man mir auf den Hals geladen hatte. Man hörte mich an, man bedauerte mich; aber man konnte mir zum Troste nichts anderes sagen, als daß er ganz gewiß zum Schlafen nach Hause kommen würde und daß er mich dann wohl anhören müsse. Das konnte mir natürlich nichts nützen, und so setzte ich denn mein Suchen fort. Um ein Uhr führte mein Sachwalter mich zu einer alten Dame, die in der Stadt ein großes Ansehen genoß. Sie saß ganz allein bei Tisch. Nachdem sie mich aufmerksam angehört hatte, sagte sie mir sehr ruhig, sie glaube keine Indiskretion zu begehen, wenn sie einem Fremden den Aufenthaltsort eines Mannes verrate, der von Berufs wegen niemals unzugänglich sein dürfe. »Ich kann Ihnen also enthüllen, was kein Geheimnis ist. Meine Tochter sagte mir gestern Abend, sie sei bei Frau N. zum Mittagessen eingeladen, und der Intendant werde ebenfalls dort sein. Gehen Sie also sofort dorthin; Sie werden ihn bei Tische in der allerbesten Gesellschaft von Amiens finden; aber«, fügte sie lächelnd hinzu, »ich rate Ihnen unangemeldet einzutreten. Die Bedienten, die zur Aufwartung bei Tische aus- und eingehen, werden Ihnen den Weg zeigen, ohne daß Sie zu fragen brauchen. Sie werden einfach gegen seinen Willen mit ihm sprechen, und obgleich er Sie nicht kennt, wird er doch von Ihnen die ganz entsetzliche Geschichte hören, die Sie mir in Ihrem gerechten Zorn erzählt haben. Es tut mir nur leid, daß ich bei diesem hübschen Knalleffekt nicht zugegen sein kann.« Ich empfahl mich der ehrenwerten Dame, indem ich ihr meinen besten Dank aussprach, und begab mich in aller Eile mit meinem Sachwalter, der vor Müdigkeit kaum noch weiter konnte, nach dem mir bezeichneten Ort. Ohne die geringste Schwierigkeit trat ich mit der Dienerschaft und meinem Führer in den Saal, wo mehr als zwanzig Personen an einer reich besetzten Tafel saßen. »Entschuldigen Sie, meine Damen und Herren, wenn ich in dem schrecklichen Zustand, worin Sie mich sehen, mich gezwungen sehe, Ihre Ruhe und die Freude Ihres Festes zu stören!« Bei dieser Ansprache, die ich mit der Stimme eines Jupiters Tonans vorbrachte, sprangen alle Anwesenden auf. Meine Haare hingen mir um den Kopf; ich war schweißüberströmt; meine Blicke mußten denen einer Tisiphone gleichen. Man stelle sich die Überraschung vor, die mein Erscheinen in dieser zahlreichen Gesellschaft reizender Frauen und eleganter Kavaliere hervorbringen mußte. »Seit sieben Uhr früh suche ich von Tür zu Tür in allen Straßen dieser Stadt den Herrn Intendanten, den ich glücklicherweise endlich hier finde, denn ich weiß bestimmt, daß er hier ist, und wenn er Ohren hat, so weiß ich, daß er in diesem Augenblick mich hört. Daher sage ich ihm: er befehle sofort seinen niederträchtigen Trabanten, die meinen Wagen mit Beschlag belegt haben, daß sie mich freilassen, damit ich meine Reise fortsetzen kann. Wenn die Steuergesetze befehlen, daß ich für sieben Unzen Tabak, den ich zu meinem eigenen Gebrauch bei mir habe, zwölfhundert Franken bezahlen soll, so erkenne ich diese Gesetze nicht an und erkläre dem Herrn, daß ich keinen Heller bezahlen will. Ich werde hier bleiben und werde einen Kurier an meinen Gesandten schicken, der sich darüber beschweren wird, daß man an meiner Person in der Isle de France das Völkerrecht verletzt hat. Ich werde Genugtuung erhalten. Ludwig der Fünfzehnte ist so groß, daß er sich nicht zum Mitschuldigen eines so ungeheuerlichen Meuchelmordes wird machen wollen. Wenn man mir nicht die Genugtuung gewährt, die ich mit vollem Recht verlange, so wird hieraus eine Staatsangelegenheit entstehen; denn meine Republik wird Vergeltung üben, nicht, indem sie Franzosen wegen einiger Prisen Tabak ermorden läßt, sondern indem sie sie ohne Ausnahme ausweist. Hier steht geschrieben, wer ich bin; lesen Sie!« Schäumend vor Wut werfe ich meinen Paß auf den Tisch. Ein Herr ergreift ihn und liest ihn; ich weiß also, daß dies der Intendant ist. Mein Dokument ging von Hand zu Hand, und ich bemerkte Überraschung und Unwillen auf allen Gesichtern. Der Herr Intendant jedoch sagte mir hochfahrend: er sei in Amiens, um die Verordnungen ausfühlen zu lassen; ich könnte daher nur abreisen, wenn ich bezahlte oder Bürgschaft stellte. »Wenn dies Ihres Amtes ist, so müssen Sie meinen Paß als eine Verordnung betrachten, und ich fordere Sie auf, selber für mich Bürgschaft zu leisten, wenn Sie ein Edelmann sind.« »Leistet bei Ihnen der Adel Bürgschaft für Gesetzesübertreter?« »Bei uns erniedrigt der Adel sich nicht so weit, entehrende Ämter auszuüben.« »Im Dienste des Königs gibt es kein entehrendes Amt.« »Wenn ich zum Henker spräche, würde er mir dasselbe antworten.« »Mäßigen Sie Ihre Ausdrücke.« »Mäßigen Sie Ihre Handlungen! Erfahren Sie, mein Herr, daß ich ein freier Mann bin, daß ich Gefühl habe, daß man mich beschimpft hat, und vor allem, daß ich keine Furcht habe. Ich fordere Sie heraus, mich zum Fenster hinauswerfen zu lassen!« »Mein Herr,« sagt jetzt eine Dame in bestimmtem Ton zu mir, »in meinem Hause wirft man niemanden zum Fenster hinaus.« »Gnädige Frau, in seinem Zorn braucht der Mensch Ausdrücke, die sein Herz und sein Geist verleugnen; ich leide unter der Aufregung, in die eine schreiende Ungerechtigkeit mich versetzt hat, und ich bitte Sie fußfällig um Verzeihung, daß ich Sie beleidigt habe. Bedenken Sie gütigst, daß ich zum erstenmal in meinem Leben mich unterdrückt und beschimpft sehe, und zwar in einem Reiche, wo ich nur gegen gewalttätige Angriffe der Straßenräuber auf der Hut sein zu müssen glaubte. Für diese habe ich Pistolen, für die Herren da habe ich einen Paß; aber ich finde, daß er wertlos ist. Übrigens habe ich gegen Unverschämte stets meinen Degen. Wegen sieben Unzen Tabak, die ich vor drei Wochen in St. Omer gekauft habe, plündert dieser Herr mich aus und unterbricht meine Reise, während der König mir verbürgt, daß kein Mensch sie zu unterbrechen wagen darf; man verlangt von mir fünzig Louis; man liefert mich der Wut unverschämter Beamter aus, dem Gelächter einer frechen Volksmenge, von der der brave Mann, den Sie hier sehen, mich nur durch Geld befreit hat; ich sehe mich wie einen Verbrecher behandelt, und der Mann, der mich verteidigen, ja mich beschützen soll, verbirgt sich, versteckt sich vor mir, und fügt den von mir erlittenen Beschimpfungen noch neue hinzu! Seine Sbirren, die am Tor dieser Stadt Wache halten, haben meine Kleider durchwühlt, meine Wäsche und meine Spitzen zerknittert, um sich zu rächen und mich dafür zu bestrafen, daß ich ihnen nicht ein Vierundzwanzigsousstück gegeben habe. Was mir widerfahren ist, wird morgen die große Neuigkeit für das diplomatische Korps in Versailles, für ganz Paris sein, und in einigen Tagen wird man es in allen Zeitungen lesen. Ich will nichts bezahlen, weil ich nichts schuldig bin. Sprechen Sie, Herr Intendant: Soll ich einen Kurier an den Herzog von Gesvres schicken?« »Bezahlen Sie! Und wenn Sie das nicht wollen, so machen Sie, wozu Sie Lust haben.« »Leben Sie wohl, meine Damen und Herren, und Ihnen, Herr Intendant, sage ich: Auf Wiedersehen!« Im Augenblick, wo ich wie ein Rasender hinausstürzen wollte, hörte ich eine Stimme, die mir in gutem Italienisch zurief, ich möchte noch einen Augenblick warten. Ich kehrte um und erblickte einen Herrn in reiferen Jahren, der zum Intendanten sagte: »Befehlen Sie, den Herrn abreisen zu lassen; ich bürge für ihn. Verstehen Sie mich, Herr Intendant? Ich bürge für den Herrn. Sie kennen den Hitzkopf eines Italieners nicht. Ich habe in Italien den ganzen letzten Krieg mitgemacht, und da habe ich Gelegenheit gehabt, den Charakter des Volkes kennen zu lernen; übrigens finde ich, daß der Herr recht hat.« »Sehr wohl,« sagte der Intendant zu mir, »bezahlen Sie nur dreißig oder vierzig Franken im Bureau; denn es sind bereits Schreibgebühren aufgelaufen.« »Ich glaube Ihnen gesagt zu haben, daß ich keinen Heller bezahlen will, und ich wiederhole es Ihnen. Aber wer sind denn Sie,« wandte ich mich an den freundlichen alten Herrn, »daß Sie für mich Bürgschaft leisten wollen, ohne mich zu kennen?« »Ich bin Kriegskommissär, mein Herr, und heiße de la Bretonnière. Ich wohne in Paris im Hotel de Saxe, in der Rue du Colombier; übermorgen werde ich dort sein und Sie alsdann mit Vergnügen sehen. Wir werden zusammen zu Herrn Britard gehen, der mich, sobald ihm Ihre Angelegenheit auseinandergesetzt wird, von der Bürgschaft entbinden wird, die ich mit großem Vergnügen für Sie angeboten habe.« Nachdem ich ihm meine herzliche Dankbarkeit ausgesprochen und ihm versichert hatte, daß ich mich bestimmt bei ihm einfinden würde, richtete ich einige Worte der Entschuldigung an die Herrin des Hauses und an die übrigen Gäste und ging. Ich nahm meinen ehrenwerten Sachwalter mit mir zum Essen in den besten Gasthof der Stadt und gab ihm aus Dankbarkeit einen Doppellouisdor für seine Mühe. Ohne diesen Mann und den braven Kriegskommissär wäre ich in großer Verlegenheit gewesen: ich hätte den Krieg des irdenen Topfes gegen den eisernen geführt; denn gegen hohe Beamte bekommt man niemals recht, sobald die Willkür sich hineinmischt. Obgleich es mir nicht an Geld fehlte, hätte ich mich niemals dazu entschließen können, mir vor meinen offenen Augen von den elenden Spitzbuben fünfzig Louis stehlen zu lassen. Mein Wagen stand fertig eingespannt vor der Tür des Gasthofes; im Augenblick, wo ich einstieg, erschien einer von den Beamten, die mich visitiert hatten, und sagte mir, ich würde in meinem Wagen alles vorfinden, was darin gewesen wäre. »Das würde mich von Leuten Eures Schlages überraschen: werde ich auch meinen Tabak finden?« »Der Tabak, mein Prinz, ist konfisziert worden.« »Das tut mir Euretwegen leid; denn ich hätte Euch einen Louis gegeben.« »Ich werde den Tabak augenblicklich holen.« »Ich habe keine Zeit mehr zu warten. Los, Kutscher!« Am nächsten Tage kam ich in Paris an, und am vierten Tage ging ich zu Herrn de la Bretonnière, der mich aufs beste aufnahm. Er führte mich zum Generalpächter Britard, der ihn von seiner Bürgschaft entband. Herr Billard war ein sehr liebenswürdiger junger Mann; er errötete über die Behandlung, die ich erduldet hatte. Ich brachte meinen Bericht dem Minister ins Hotel Bourbon, und Seine Exzellenz widmete mir zwei Stunden und ließ mich alles Überflüssige streichen. Die ganze Nacht hindurch schrieb ich den Bericht ins Reine, und am nächsten Morgen brachte ich ihn nach Versailles zum Abbé de la Ville, der ihn mit kalter Miene durchlas und mir dann sagte, er werde mir das Ergebnis mitteilen. Einen Monat später erhielt ich fünfhundert Louis und hatte das Vergnügen, zu erfahren, daß der Marineminister, Herr de Crémille, meinen Bericht nicht nur vollkommen genau, sondern sogar sehr belehrend gefunden habe. Mehrere begründete Bedenken hielten mich ab, mich als Verfasser zu nennen, obwohl Herr von Bernis mir diese Ehre verschaffen wollte. Als ich ihm die beiden Abenteuer erzählte, die mir unterwegs zugestoßen waren, lachte er darüber; aber er sagte mir, die Tüchtigkeit eines Menschen, der mit einem geheimen Auftrag betraut sei, bestehe darin, sich niemals in Händel einzulassen; denn selbst wenn er das Talent habe, sich herauszuziehen, mache er doch von sich reden; und gerade dies müsse er sorgfältig vermeiden. Dieser Auftrag kostete der Marine zwölftausend Franken, und der Minister hätte alle Auskünfte, die ich ihm lieferte, sich leicht verschaffen können, ohne einen Heller dafür auszugeben. Der erste beste Offizier hätte ihn ebenso gut bedienen können wie ich und würde allen Eifer und alle Vorsicht aufgeboten haben, um sich sein Lob zu erwerben. Aber so waren damals in Frankreich alle Minister. Sie verschwendeten das Geld, das ihnen nichts kostete, um ihre Kreaturen zu bereichern. Sie waren Despoten; das Volk wurde mit Füßen getreten und kam für sie nicht in Betracht; der Staat war überschuldet, und die Finanzen befanden sich in dem schlechten Zustande, der unter diesen Umständen unvermeidlich war. Eine Revolution war notwendig, das glaube ich wohl; aber es brauchte keine blutige Revolution zu sein, es mußte eine moralische und patriotische sein. Doch der Adel und die Geistlichkeit fühlten nicht hochherzig genug, um einige für den König, den Staat und sie selber notwendige Opfer zu bringen. Sylvia fand meine Abenteuer in Aire und Amiens sehr scherzhaft, und ihre reizende Tochter zeigte sich sehr teilnehmend wegen der schlechten Nacht, die ich in der Wachtstube verbracht hatte. Ich sagte ihr, ich würde sie viel schmerzhafter gefunden haben, wenn ich eine Frau bei mir gehabt hätte. Sie antwortete mir, wenn diese Frau gut gewesen wäre, würde sie sich beeilt haben, meine Leiden mit mir zu teilen und dadurch zu lindern. Ihre Mutter machte sie jedoch darauf aufmerksam, daß eine ordentliche und kluge Frau zunächst meinen Wagen und meine Sachen in Sicherheit gebracht und dann sofort die nötigen Schritte getan hätte, um mir meine Freiheit zu verschaffen. Ich pflichtete ihr bei und machte der Tochter begreiflich, daß auf diese Art eine Frau am besten ihre Pflicht erfüllt. Fünftes Kapitel Graf de la Tour d'Auvergne und Frau d'Urfé. – Camilla. – Meine Leidenschaft für die Geliebte des Grafen; lächerliches Abenteuer, das mich heilt – Der Graf von St.-Germain Trotz meiner Liebe zur jungen Baletti verkehrte ich auch mit den käuflichen Schönheiten, die auf dem Straßenpflaster glänzten und von sich sprechen machten; am meisten aber beschäftigten mich die ausgehaltenen Frauen und jene, die nur als Sängerinnen und Tänzerinnen oder weil sie jeden Abend auf der Bühne Königinnen oder Zofen spielten, dem Publikum angehörten. Obwohl sie Anspruch auf guten Ton machten, beanspruchten sie auch große Freiheit und genossen ihre sogenannte Unabhängigkeit, indem sie sich bald Amor, bald Plutus ergaben, und häufig beiden zugleich. Da es nicht schwer ist, mit diesen Priesterinnen der Freude und der Verschwendung bekannt zu werden, so hatte ich mich bei mehreren eingenistet. Die Foyers der Theater sind Basare, wo die Liebhaber ihre Talente üben, um Liebesränke anzuspinnen, und ich hatte in dieser edlen Schule recht leidliche Fortschritte gemacht. Ich begann damit, daß ich der Freund ihrer anerkannten Liebhaber wurde, und dies gelang mir oft durch die Kunst, unbedeutend zu erscheinen. Allerdings mußte ich bei Gelegenheit als Günstling des Plutus erscheinen können; eine Börse in der Hand gleicht einem Fläschchen, dem für gewisse Nasen ein köstlicherer Duft entströmt als der Rose; und wenn es sich um einige goldene Knospen handelte, so war die Mühe stets geringer als das Vergnügen; denn ich war stets sicher, auf die eine oder andere Art meinen Lohn zu erhalten. Die Schauspielerin und Tänzerin bei der italienischen Komödie Camilla, die ich schon vor sieben Jahren in Fontainebleau geliebt hatte, fesselte mich besonders durch die Annehmlichkeiten, die ihr hübsches kleines Häuschen an der Barrière Blanche mir bot. Sie lebte dort mit dem Grafen Aigreville, der mir sehr zugetan war und meine Gesellschaft liebte. Er war ein Bruder des Marquis de Gamache und der Gräfin du Rumain; ein hübscher Junge, sehr gutmütig und ziemlich reich. Er war niemals so zufrieden, wie wenn er viele Besucher bei seiner Geliebten sah; ein eigentümlicher Geschmack, dem man selten begegnet, zugleich aber ein sehr bequemer Geschmack, der auf einen vertrauensvollen und wenig eifersüchtigen Charakter schließen läßt. Camilla liebte von Herzen nur ihn – eine ziemlich seltene Sache bei einer Schauspielerin und galanten Frau; aber geistvoll und weltgewandt wie sie war, brachte sie auch von den anderen, die Geschmack an ihr fanden, niemanden zur Verzweiflung. Sie war mit ihren Gunstbezeigungen weder geizig, noch verschwenderisch, und sie verstand das Geheimnis, sich von allen anbeten zu lassen; sie brauchte nicht zu befürchten, durch Mangel an Verschwiegenheit betrübt oder durch Treulosigkeiten gekränkt zu werden. Nächst ihrem Liebhaber zeichnete sie den Grafen de la Tour-d'Auvergne am meisten aus. Dieser Herr von sehr vornehmer Geburt vergötterte sie, und da er nicht reich genug war, um sie allein zu besitzen, so schien er mit dem Anteil, den sie ihm bewilligte, einigermaßen zufrieden zu sein. Er stand in dem Rufe, als Zweiter aufrichtig geliebt zu werden. Camilla unterhielt ihm so ziemlich ein kleines Mädchen, das sie ihm geschenkt hatte, als sie zu bemerken glaubte, daß er in sie verliebt sei; die Kleine war nämlich früher in ihrem Dienst gestanden. La Tour-d'Auvergne unterhielt sie in einem möblierten Zimmer in der Rue de Taranne in Paris, und er pflegte zu sagen, er liebe sie, wie man ein Bild liebe, weil er sie von seiner teuren Camilla habe. Der Graf brachte das junge Mädchen oft zu Camilla zum Essen mit. Sie war fünfzehn Jahre alt, einfach, arglos und ohne jeden Ehrgeiz. Sie sagte ihrem Liebhaber, sie würde ihm niemals eine Untreue verzeihen, außer mit Camilla; dieser glaubte sie ihn abtreten zu müssen, weil sie wußte, daß sie ihr ihr Glück verdankte. Ich wurde so verliebt in dieses junge Mädchen, daß ich oftmals nur deshalb zu Camilla ging, weil ich hoffte, sie dort zu finden und mich an ihren naiven Reden zu erfreuen, durch die sie die ganze Gesellschaft entzückte. Ich suchte meine Liebe nach Möglichkeit zu verbergen, aber sie war so groß, daß ich oft ganz traurig nach Hause ging; denn ich sah, daß ich auf den gewöhnlichen Wegen unmöglich von meiner Leidenschaft genesen konnte. Wenn man etwas geahnt hätte, so würde ich mich lächerlich gemacht haben, und Camilla hätte mich erbarmungslos ausgelacht. Ein spaßhafter Vorfall heilte mich auf ganz unerwartete Weise. Das Häuschen der liebenswürdigen Camilla lag an der Barrière Blanche. Als es eines Abends stark regnete, ließ ich einen Fiaker holen, um nach Hause zu fahren. Aber es war schon ein Uhr nachts, und an der Haltestelle war kein Wagen mehr zu finden. »Mein lieber Casanova,« sagte la Tour-d'Auvergne zu mir, »ich werde Sie mitnehmen und bei Ihrer Wohnung absetzen; dies wird mir keine Unbequemlichkeiten machen, obgleich mein Wagen nur zwei Plätze hat; meine Kleine wird sich auf unsere Knie setzen.« Natürlich nahm ich das Anerbieten an, und bald saßen wir im Wagen, der Graf zu meiner Linken und Babet auf unseren Knien. In meiner Liebesglut gedachte ich die Gelegenheit auszunutzen, und ohne Zeit zu verlieren – denn der Kutscher fuhr schnell – ergriff ich ihre Hand und gab ihr einen sanften Druck. Ich fühlte einen leisen Gegendruck; o Glück! Ich zog sie an meine Lippen und bedeckte sie mit stummen zärtlichen Küssen. Ich war ungeduldig, sie von meiner Glut zu überzeugen, und ich glaubte, ihre Hand würde mir einen süßen Dienst nicht verweigern ... aber im entscheidenden Augenblick sagte La Tour-d'Auvergne zu mir: »Ich bin Ihnen recht dankbar für eine in Ihrem Lande übliche Höflichkeit, deren ich nicht mehr würdig zu sein glaubte; hoffentlich ist es kein Mißverständnis.« Betroffen von diesen schrecklichen Worten streckte ich die Hand aus und fühlte seinen Rockärmel. Die größte Geistesgegenwart konnte mir in einem solchen Augenblicke nichts nutzen, zumal da ein stürmisches Gelächter unmittelbar auf diese Worte folgte; so etwas genügt, um den Unerschrockensten still zu machen. Ich konnte weder lachen, noch die Tatsache leugnen, und diese Lage war entsetzlich; sie wäre noch entsetzlicher gewesen, wenn nicht glücklicherweise die Dunkelheit meine Verwirrung verdeckt hätte. Babet fragte unaufhörlich den Grafen, warum er so lache; aber so oft er zu sprechen beginnen wollte, packte ihn das Gelächter von neuem, was mir im Grunde meines Herzens sehr angenehm war. Endlich hielt der Wagen vor meiner Tür; mein Bedienter öffnete den Schlag, und ich stieg eiligst aus, indem ich ihnen gute Nacht wünschte, was La Tour-d'Auvergne unter beständigem Lachen erwiderte. Ganz verdutzt ging ich auf mein Zimmer, und erst eine halbe Stunde später begann ich über den eigentümlichen Vorfall ebenfalls zu lachen. Unangenehm war mir nur die Aussicht auf die schlechten Witze, die man darüber machen würde; denn ich konnte natürlich vom Grafen keine Verschwiegenheit erwarten. Vernünftigerweise faßte ich den Entschluß, wenn auch nicht mit den Lachenden zu lachen, so doch wenigstens mich nicht über die Scherze zu ärgern, deren Zielscheibe ich werden mußte. Dies ist in Paris stets das beste Mittel, die Lacher auf seine Seite zu bringen. Ich ließ drei Tage hingehen, ohne den liebenswürdigen Grafen zu sehen; am vierten aber beschloß ich, gegen neun Uhr ihn aufzusuchen und um ein Frühstück zu bitten; denn Camilla hatte zu mir geschickt und sich nach meinem Befinden erkundigen lassen. Diese Geschichte durfte mich nicht von ferneren Besuchen bei ihr abhalten. Auch hätte ich gerne gewußt, wie man den Spaß aufgenommen hatte. Sobald la Tour-d'Auvergne mich sah, lachte er laut auf; ich stimmte ein, und wir umarmten uns herzlich, wobei er scherzhafterweise so tat, als ob er ein Mädchen wäre. »Mein lieber Graf, vergessen Sie diese Dummheit; es wäre kein Ruhm für Sie, mich anzugreifen; denn ich weiß nicht, wie ich mich verteidigen soll.« »Wie kommen Sie, mein Lieber, auf den Gedanken, sich verteidigen zu wollen? Wir alle haben Sie lieb und finden das komische Abenteuer köstlich; wir lachen jeden Abend darüber.« »Die Geschichte ist also allgemein bekannt?« »Zweifeln Sie daran? Das ist ja ganz selbstverständlich. Camilla lacht sich darüber zu Tode. Kommen Sie heute abend; ich bringe Babet mit, und wir werden über Sie lachen; denn sie behauptet, Sie hätten sich nicht getäuscht.« »Sie hat recht.« »Recht? Das erzählen Sie anderen! Sie sind zu gütig, aber ich glaube nichts davon. Aber tun Sie, was Sie für recht halten.« »Es ist das beste, was ich tun kann; aber in der Tat, nicht Ihnen wollte meine fiebernde Phantasie eine so glühende Huldigung darbringen.« Bei Tische scherzte ich, stellte mich erstaunt über die Indiskretion des Grafen und rühmte mich, von meiner Leidenschaft geheilt zu sein. Babet war darüber etwas verschnupft; sie nannte mich einen häßlichen Menschen und behauptete, ich sei durchaus nicht geheilt. Aber tatsächlich war ich es; denn nach dieser Geschichte fand ich keinen Geschmack mehr an ihr, knüpfte aber dafür eine innige Freundschaft mit dem Grafen an, der alle Eigenschaften besaß, um von jedem Menschen geliebt zu werden. Diese Freundschaft wäre indessen fast verhängnisvoll für mich geworden, wie der Leser sehen wird. Eines Abends bat mich La Tour-d'Auvergne im Foyer der italienischen Komödie, ihm hundert Louis zu leihen, die er mir am nächsten Samstag wiederzugeben versprach. »Ich habe nicht so viel; aber hier ist meine Börse; ihr Inhalt steht Ihnen zu Diensten.« »Ich brauche hundert Louis, mein Lieber, und zwar sofort; denn ich habe sie gestern abend bei der Fürstin von Anhalt verloren.« »Aber ich habe sie nicht.« »Ein Lotterieeinnehmer muß stets mehr als hundert Louis haben.« »Ganz recht; aber meine Kasse ist mir heilig, ich muß sie heute über acht Tage dem Kassierer abliefern.« »Dies hindert Sie ja nicht, sie Montag abzuliefern; denn Samstag werde ich Ihnen das Geld wieder geben. Nehmen Sie hundert Louis aus Ihrer Kasse und legen Sie mein Ehrenwort hinein. Glauben Sie, daß es hundert Louis wert ist?« »Hiergegen habe ich kein Wort einzuwenden; warten Sie hier einen Augenblick auf mich.« Ich eilte in mein Bureau, nahm die hundert Louis und brachte sie ihm. Der Samstag kam; kein Graf. Da ich zufällig gerade kein Geld hatte, versetzte ich am Sonntag morgen meinen Solitär und zahlte die hundert Louis zurück, die ich meiner Kasse schuldete. Am nächsten Tage übergab ich diese dem Kassierer. Drei oder vier Tage später kam la Tour-d'Auvergne im Amphitheater der Comédie française auf mich zu und entschuldigte sich bei mir. Ich zeigte ihm meine Hand und antwortete, ich hätte meinen Ring versetzt, um meine Ehre zu retten. Er sagte mir traurig, man habe ihm nicht Wort gehalten; aber er sei sicher, mir meine hundert Louis am nächsten Samstag wiedergeben zu können. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf.« »Ihr Ehrenwort liegt in meiner Kasse; gestatten Sie mir also, darauf nicht zu rechnen. Sie können mir die hundert Louis wiedergeben, wann Sie wollen.« Der Graf wurde bleich wie der Tod. »Mein Ehrenwort, lieber Casanova, ist mir teurer als mein Leben. Ich gebe Ihnen die hundert Louis morgen früh um neun, hundert Schritte vor dem Kaffeehause am Ende der Champs-Elysees. Ich werde sie Ihnen unter vier Augen geben; kein Mensch wird uns sehen. Ich hoffe, Sie werden kommen, um sie in Empfang zu nehmen, und werden Ihren Degen mitbringen. Auch ich werde meinen Degen haben.« »Wahrhaftig, Herr Graf, da lassen Sie mich einen Witz zu teuer bezahlen! Sicherlich erweisen Sie mir eine große Ehre; aber ich will Sie lieber um Verzeihung bitten, wenn dadurch dieser ärgerliche Handel beigelegt werden kann.« »Nein, ich habe viel mehr Unrecht als Sie, und dieses Unrecht kann nur mit der Klinge wieder gut gemacht werden. Werden Sie kommen?« »Ich kann es Ihnen nicht verweigern, so peinlich es mir auch ist, Ihnen ein solches Versprechen geben zu müssen.« Ich ging zu Sylvia, bei der ich traurig zu Abend speiste; ich hatte den vornehmen jungen Mann wirklich lieb, und die ganze Geschichte war doch nicht der Mühe wert. Wenn ich die Überzeugung hätte gewinnen können, daß ich im Unrecht wäre, so würde ich mich nicht geschlagen haben; aber von welcher Seite ich auch die Sache betrachtete, ich sah stets, daß nur die übergroße Empfindlichkeit des Grafen schuld war. Ich beschloß daher, ihm Genugtuung zu geben. Jedenfalls konnte ich nicht daran denken, das Stelldichein zu verfehlen. Ich betrat das Kaffeehaus einen Augenblick nach ihm; wir frühstückten, er bezahlte; hierauf gingen wir in der Richtung nach dem Stern zu. Als wir an einer Stelle waren, wo kein Mensch uns sehen konnte, zog er aus seiner Tasche eine Rolle von hundert Louis und gab mir diese mit sehr vornehmem Anstand. Dann sagte er mir, ein Degenstich müsse dem einen wie dem anderen genügen. Es war mir nicht möglich, ihm ein Wort zu erwidern. Er trat vier Schritte zurück und zog den Degen. Ohne ein Wort zu sprechen, machte ich es wie er. Ich legte mich aus, wir kreuzten die Klingen und im selben Augenblick stieß ich geradeaus. Ich war sicher, ihn an der Brust verwundet zu haben, trat zwei Schritte zurück und erinnerte ihn an sein Wort. Sanft wie ein Lamm senkte er den Degen, steckte die Hand in den Busen und zog sie blutbedeckt wieder hervor. Dann sagte er freundlich: »Ich bin zufrieden.« Ich sagte ihm die freundlichsten Worte, die ich finden konnte, während er sich sein Taschentuch auflegte. Ich untersuchte die Spitze meines Degens und sah zu meiner größten Zufriedenheit, daß er höchstens eine Linie tief eingedrungen sein konnte. Ich sagte es ihm und erbot mich, ihn zu begleiten. Er dankte mir und bat mich, verschwiegen zu sein und ihn in Zukunft als meinen aufrichtigen Freund anzusehen. Nachdem ich ihn unter Tränen umarmt hatte, ging ich sehr traurig nach Hause. Ich hatte eine derbe Lehre empfangen. Der Handel blieb völlig unbekannt, und acht Tage darauf soupierten wir zusammen bei Camilla. Einige Tage später erhielt ich von Abbé de la Ville für meine Mission nach Dünkirchen die bereits erwähnte Belohnung von fünfhundert Louis. Bei einem Besuch, den ich bei der liebenswürdigen Camilla machte, sagte sie zu mir, la Tour-d'Auvergne müsse wegen eines Hüftwehs zu Bett liegen. Wenn ich wollte, könnten wir ihm am nächsten Tage einen Besuch machen. Ich erklärte mich einverstanden und wir gingen hin. Nachdem wir gefrühstückt hatten, sagte ich in ernstem Tone zu ihm: wenn er mich gewähren lassen wollte, würde ich ihn heilen; denn sein Leiden wäre kein eigentliches Hüftweh, sondern ein feuchter Wind, den ich durch den Zauber Salomons und fünf Worte vertreiben würde. Er lachte, sagte mir aber, ich möchte nur tun, was ich wollte. »Ich werde also einen Pinsel kaufen.« »Ich werde einen Diener ausschicken.« »Nein, das geht nicht; denn ich muß sicher sein, daß nicht dabei gefeilscht worden ist; außerdem brauche ich noch einige Sachen aus der Apotheke.« Ich kaufte Salpeter, Schwefelblüte, Quecksilber und einen kleinen Pinsel. Als ich mit allen Sachen wieder da war, sagte ich zu ihm: »Ich brauche jetzt ein bißchen von Ihrem...; diese Flüssigkeit ist mir unentbehrlich, und zwar muß sie ganz frisch sein.« Camilla und er lachten aus vollem Halse. Ich aber blieb meiner Rolle als Scharlatan getreu und bewahrte meinen vollen Ernst. Ich gab ihm einen Becher und zog ehrbar den Bettvorhang zu. Er tat, was ich verlangte. Aus allen diesen Bestandteilen machte ich eine Mischung. Dann sagte ich zu Camilla, sie müßte ihm den Schenkel einreiben, während ich eine Beschwörung murmeln würde; aber ich machte sie darauf aufmerksam, daß alles verloren sein würde, wenn sie unglücklicherweise während der Handlung lachen sollte. Diese Drohung vermehrte noch die Heiterkeit der beiden, und ihr Gelächter war nicht mehr auszulöschen; denn im Augenblick, wo sie ihre Selbstbeherrschung wieder erlangt zu haben glaubten, sahen sie einander an und lachten schließlich nach einigen vergeblichen Anstrengungen von neuem los, so daß ich schon zu glauben begann, ich hätte etwas Unmögliches verlangt. Nachdem sie sich eine halbe Stunde lang die Seiten gehalten hatten, überwanden sie sich endlich, ernst zu werden und die unerschütterliche Ruhe nachzuahmen, deren Beispiel ich ihnen gab. La Tour-d'Auvergne war der erste, der sich beherrschte. Mit ernstem Gesicht bot er seinen Schenkel Camillen dar, die, mit einem Gesicht, wie wenn sie auf der Bühne eine Rolle spielte, den Kranken einzureiben begann, während ich halblaut Worte murmelte, die sie niemals hätten verstehen können, selbst wenn ich sie ganz deutlich ausgesprochen hätte; und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich sie selber nicht verstand. Beinahe hätte ich selbst die Wirksamkeit der ganzen Handlung zerstört, als ich die Grimassen sah, die das Pärchen schnitt, um ernst zu bleiben. Nichts konnte komischer sein als Camillens Gesicht. Endlich sagte ich ihnen, es sei jetzt genug gerieben, tauchte meinen Pinsel in die Mischung und zeichnete in einem Zuge den fünfzackigen Stern, das sogenannte Zeichen Salomons, auf den Schenkel, den ich hierauf mit drei Handtüchern umwickelte. Ich sagte ihm: wenn er vierundzwanzig Stunden ruhig im Bett liegen könnte, ohne die Tücher abzunehmen, so stände ich für seine völlige Heilung ein. Das Lächerlichste bei dem Ganzen war, daß weder der Graf noch Camilla mehr lachten, als ich fertig war. Sie sahen ganz verwundert aus; ich aber – ich glaubte das schönste Ding von der Welt vollbracht zu haben. Wenn man eine Lüge oft wiederholt, kann man schließlich dahin kommen, sie für Wahrheit zu halten. Einige Augenblicke nach dieser Operation, die ich ohne jede vorherige Absicht gewissermaßen instinktmäßig gemacht hatte, fuhren Camilla und ich in einem Fiaker ab; ich erzählte ihr tausend alberne Geschichten, die sie so aufmerksam anhörte, daß sie schließlich ganz verdutzt war, als ich sie bei ihrem Hause verließ. Einige Tage nachher, als ich diese Posse schon fast ganz vergessen hatte, hörte ich einen Wagen vor meiner Tür halten; ich blickte aus dem Fenster und sah la Tour-d'Auvergne leichtfüßig aus dem Wagen springen und in mein Haus hineingehen. »Sie waren Ihrer Sache sicher, lieber Freund,« sagte er, indem er mich umarmte; »deshalb haben Sie mich am Morgen nach Ihrer erstaunlichen Operation nicht einmal besucht, um nach meinem Befinden zu sehen.« »Natürlich war ich meiner Sache sicher, aber wenn ich Zeit gehabt hätte, würden Sie mich trotzdem gesehen haben.« »Sagen Sie mir, ob ich ein Bad nehmen darf.« »Kein Bad, solange Sie nicht wieder ganz hergestellt zu sein glauben.« »Ich werde Ihnen gehorchen. Alle Welt ist erstaunt über diese Heilung, lieber Freund, denn ich habe mich nicht enthalten können, dieses Wunder allen meinen Bekannten zu erzählen. Ich stoße allerdings auch auf Freigeister, die sich über mich lustig machen, aber ich lasse sie reden.« »Sie hätten verschwiegen sein sollen, denn Sie kennen doch Paris. Man wird mich als Scharlatan behandeln.« »Nicht alle denken so, und ich bin gekommen, um Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.« «Worum handelt es sich?« »Ich habe eine Tante, die wegen ihrer Kenntnisse in allen abstrakten Wissenschaften bekannt und anerkannt ist, eine große Chemikerin, geistvoll, sehr reich und alleinige Herrin über ihr Vermögen; ihre Bekanntschaft kann Ihnen nur nützlich sein. Sie stirbt vor Begierde, Sie zu sehen; denn sie behauptet, Sie zu kennen, und sagt, Sie seien nicht der, für den man Sie halte. Sie hat mich beschworen, Sie ihr zum Essen zu bringen, und ich hoffe, Sie werden die Güte haben, die Einladung anzunehmen. Meine Tante ist die Marquise d'Urfé.« Ich kannte diese Dame nicht, aber der Name d'Urfé machte sofort großen Eindruck auf mich; denn ich kannte die Geschichte des berühmten Anne d'Urfé, der am Ausgang des sechzehnten Jahrhunderts geglänzt hatte. Die Dame war die Witwe seines Urenkels, und ich begriff sehr wohl die Möglichkeit, daß sie durch ihren Eintritt in diese Familie alle erhabenen Lehrsätze einer Wissenschaft in sich aufgenommen hatte, für die ich mich sehr interessierte, obgleich ich sie für ein reines Hirngespinst hielt. Ich antwortete also meinem Freunde, ich stände ihm zu Befehl, doch nur unter der Bedingung, daß wir bei Tisch nur zu dritt wären. »Sie hält täglich offene Tafel von zwölf Gedecken, und Sie werden mit der allerbesten Gesellschaft der Hauptstadt speisen.« »Das wünsche ich eben gerade nicht, mein lieber Graf; denn ich verabscheue den Ruf eines Zauberers, in den Sie mich natürlich gebracht haben werden.« »Darum handelt es sich nicht; Sie sind bekannt und werden mit Leuten zusammen sein, die eine hohe Meinung von Ihnen haben.« »Wissen Sie das bestimmt?« »Die Herzogin von Lauraguais hat mir erzählt, daß Sie vor vier oder fünf Jahren oft ins Palais-Royal gekommen seien und dort ganze Tage bei der Herzogin von Orléans verbracht haben; Frau von Boufflers, Frau von Blois und sogar Frau von Melfort haben mir von Ihnen gesprochen. Sie haben unrecht, daß Sie nicht Ihre alten Gewohnheiten wieder aufnehmen. Was Sie an meinem Leibe gemacht haben, läßt keinen Zweifel daran zu, daß Sie ein glänzendes Vermögen erwerben können. Ich kenne in Paris hundert Personen von höchstem Range, Herren und Damen, die an derselben Krankheit leiden, von der Sie mich geheilt haben, und die Ihnen die Hälfte ihres Vermögens geben würden, wenn Sie sie heilten.« La Tour-d'Auvergne hatte ganz recht; aber da ich selber wohl wußte, daß die Wunderkur nur einem eigentümlichen Zufall zuzuschreiben war, so fühlte ich durchaus keine Lust, mich vor der Öffentlichkeit lächerlich zu machen. Ich sagte ihm daher, ich wolle durchaus nicht auffallen; er möge daher der Frau d'Urfé nur sagen, ich würde die Ehre haben sie zu besuchen, aber nur wenn keine andere Gesellschaft käme; sonst nicht. »Sie können mir Tag und Stunde anzeigen, zu denen es ihr angenehm wäre, meine Huldigungen anzunehmen.« Am selben Abend schon fand ich beim Nachhausekommen ein Briefchen des Grafen vor: er bestellte mich für den nächsten Mittag zwölf Uhr in die Tuilerien; er werde dort sein und dann mit mir zu seiner Tante gehen, die mich voll Ungeduld erwarte; das Diner werde nur für uns drei sein und die Marquise werde für keinen Menschen außer uns zu sprechen sein. Ich erschien ebenso pünktlich wie der Graf am verabredeten Ort, und wir gingen zur Frau von Urfé, die am Theatinerquai neben dem Hotel Bouillon wohnte. Frau d'Urfé war trotz ihrem Alter schön. Sie empfing mich mit der schönen Ungezwungenheit des alten Hofes zur Zeit der Regentschaft. Wir plauderten anderthalb Stunden von gleichgültigen Dingen, aber beiderseitig in der Absicht, uns zu studieren, wir wollten uns gegenseitig die Würmer aus der Nase ziehen. Es kostete mir keine Mühe, den Unwissenden zu spielen, denn ich war es in der Tat; Frau d'Urfé zeigte sich nicht neugierig, aber sie verriet, ohne es zu wollen, ihre Lust, gelehrt zu erscheinen. Dies war mir außerordentlich angenehm, denn ich war gewiß, daß sie mit mir zufrieden sein würde, wenn es mir gelänge, sie zufrieden mit sich selber zu machen. Um zwei Uhr trug man an einem Tisch zu drei Gedecken dasselbe Diner auf, woran sonst jeden Tag zwölf teilnahmen; über unser Tischgespräch läßt sich nicht viel sagen, denn wir sprachen nach dem Brauch der guten Gesellschaft, oder vielmehr der vornehmen Welt, nur über Nichtigkeiten. Nach dem Nachtisch verließ la Tour-d'Auvergne uns, um den Prinzen Turenne zu besuchen, der am Morgen ein starkes Fieber gehabt hatte. Als er fort war, begann Frau von Urfé mit mir über Chemie, Magie und ihren ganzen Kultus oder besser gesagt: über ihren ganzen Wahnwitz zu sprechen. Als wir auf das Große Werk zu sprechen kamen und ich aus Gutmütigkeit sie fragte, ob sie den Urstoff kenne, lachte sie nur aus Höflichkeit mich nicht aus, sondern sagte mir mit einem anmutigen Lächeln, sie besitze bereits den sogenannten Stein der Weisen und sei in allen großen Operationen bewandert. Hierauf zeigte sie mir ihre Bibliothek, die dem großen d'Urfé und seiner Frau Renata von Savoyen gehört hatte; aber sie hatte sie um Handschriften vermehrt, für die sie mehr als hunderttausend Franken ausgegeben hatte. Paracelsus war ihr Lieblingsautor; er war nach ihrer festen Überzeugung weder Mann noch Weib, aber auch kein Zwitter gewesen, und hatte das Unglück gehabt, sich mit einer zu starken Gabe seiner Panacee oder Universalmedizin zu vergiften. Sie zeigte mir ein kleines Manuskript, worin das Große Werk in französischer Sprache und in sehr deutlichen Ausdrücken beschrieben wäre. Sie sagte mir, sie halte es nicht unter Verschluß, weil es in Chiffern geschrieben sei, zu denen sie allein den Schlüssel besitze. »Sie glauben also nicht an die Steganographie, gnädige Frau?« »Nein, mein Herr; und wenn Sie es annehmen wollen, so schenke ich Ihnen gerne die Abschrift, die ich hier habe.« »Ich nehme sie um so dankbarer an, da ich ihren ganzen Wert kenne.« Von der Bibliothek gingen wir in das Laboratorium, das mich tatsächlich in Erstaunen setzte. Sie zeigte mir einen Stoff, den sie seit fünfzehn Jahren über dem Feuer hatte, und der noch vier oder fünf Jahre gekocht werden mußte. Es war ein Projektionspulver, das augenblicklich alle Metalle in das reinste Gold verwandeln sollte. Sie zeigte mir ein Rohr, durch welches die Kohle in den Ofen gelangte, um das Feuer stets in gleicher Stärke zu erhalten. Die Kohle gelangte durch ihr eigenes Gewicht stets nach und nach und in gleicher Menge in den Ofen, so daß sie diesen oft drei Monate lang nicht untersuchte, ohne daß das Feuer die geringste Veränderung erlitt. Die Asche wurde durch ein anderes sehr geschickt angebrachtes Rohr entfernt, das zugleich zur Luftzufuhr diente. Die Oxydierung des Quecksilbers war für diese wahrhaft erstaunliche Frau wirklich nur ein Kinderspiel. Sie zeigte mir oxydiertes Quecksilber und erbot sich, mir das Verfahren zu zeigen, wenn ich es wünschte. Hierauf zeigte sie mir den Baum der Diana, von dem berühmten Taliamed, dessen Schülerin sie war. Dieser Taliamedes war der Gelehrte Maillot, der nach ihrer Behauptung nicht in Marseille gestorben war, wie der Abbé le Mascrier fälschlich behauptet hatte; denn er lebte, und sie erhielt, wie sie mit einem leisen Lächeln hinzufügte, oftmals Briefe von ihm. »Wenn der Regent von Frankreich«, sagte sie, »auf ihn gehört hätte, so wäre er noch heute am Leben. Der liebe Regent! Er war mein erster Freund, von ihm erhielt ich den Namen Egeria, und er vermittelte meine Heirat mit dem Herrn d'Urfé.« Sie besaß einen Kommentar zum Raimundus Lullus, worin alles erklärt war, was Armand de Villeneuve nach Roger Baco und Geber, die nach ihrer Behauptung nicht tot waren, geschrieben hatten. Dieses kostbare Manuskript befand sich in einem Elfenbeinkasten, dessen Schlüssel sie sorgfältig verwahrt hielt; übrigens war ihr Laboratorium keinem Menschen zugänglich. Sie zeigte mir ein Fäßchen voll von Platina del Pinto, das sie in Gold verwandeln zu können behauptete, sobald sie Lust hätte. Herr Wood hatte es ihr im Jahre 1743 geschenkt. Sie zeigte mir Proben des Metalls in vier verschiedenen Gefäßen. In dreien lag das Platin unangegriffen von Vitriol-, Salpeter- und Salzsäure; im vierten jedoch hatte es der Einwirkung von Scheidewasser nicht widerstehen können. Sie schmolz es mittels eines Brennspiegels und behauptete, es sei das einzige Metall, das man nicht auf andere Weise schmelzen könne, und dies beweise, daß es über dem Golde stehe. Sie zeigte mir Platin, das mit Ammoniaksalz niedergeschlagen war, womit man Gold nicht niederschlagen kann. Sie hatte einen Faulen Heinz, der seit fünfzehn Jahren brannte. Ich sah, daß die Röhre mit schwarzen Kohlen gefüllt war, und schloß daraus, daß sie ihn vor ein paar Tagen nachgesehen hatte. Beim Hinausgehen trat ich an ihren Baum der Diana heran und fragte sie ehrerbietig, ob sie nicht zugebe, daß dies nur eine Spielerei zur Unterhaltung von Kindern sei. Sie antwortete voll Würde, sie habe ihn nur zur Unterhaltung aufgebaut, indem sie Silber, Quecksilber und Salpetersäure habe kristallisieren lassen; sie betrachte ihren Baum nur als eine metallische Vegetation, die im kleinen zeige, was die Natur im großen machen könne; aber sie fügte allen Ernstes hinzu, sie könne einen Baum der Diana machen, der ein wirklicher Baum der Sonne sein und goldene Früchte hervorbringen würde, die man ernten könnte und die wieder neue Früchte hervorbringen würden, bis ein gewisser Bestandteil ausginge, den sie den sechs Aussätzigen im Verhältnis zu ihrer Menge beimischen würde. Ich antwortete ihr in bescheidenem Tone, ich hielte die Sache nicht für möglich ohne das Projektionspulver. Frau von Urfé antwortete nur durch ein Lächeln. Hierauf zeigte sie mir eine Porzellanschüssel, worin sich Salpeter, Quecksilber und Schwefel befanden, und einen Teller, worauf ein kristallisiertes Salz lag. »Ich denke mir,« sagte die Marquise zu mir, »diese Bestandteile sind Ihnen bekannt?« »Ich kenne sie, wenn dieses Salz ein Niederschlag von Urin ist.« »Ganz recht.« »Ich bewundere Ihren Scharfsinn, gnädige Frau. Sie haben die Mischung analysiert, womit ich Ihrem Neffen den Fünfstern auf die Lende zeichnete; aber es gibt keinen Weinstein, durch den Sie die Worte erfahren könnten, durch die das Pentagramma erst Kraft erhält.« »Dazu ist kein Weinstein nötig, sondern nur das Manuskript eines Adepten, das ich in meinem Zimmer habe und Ihnen zeigen werde. Sie werden darin Ihre eigenen Worte finden.« Ich antwortete nur durch eine Neigung des Kopfes, und wir verließen das seltsame Laboratorium. Kaum waren wir in ihrem Zimmer angekommen, so nahm Frau d'Urfé ein kleines schwarzes Buch aus einem hübschen Kasten, legte es auf einen Tisch und begann einen Phosphor zu suchen. Während sie suchte, öffnete ich hinter ihrem Rücken das Buch und sah, daß es lauter Fünfecke enthielt; durch einen glücklichen Zufall stieß ich sofort auf den Talisman, den ich dem Grafen auf die Hüfte gemalt hatte. Rund herum standen die Namen der Planetengeister, mit Ausnahme des Saturn und des Mars. Schnell machte ich das Buch wieder zu. Die Planetengeister waren die des Agrippa, die ich kannte. Wie wenn ich nichts gesehen hätte, trat ich an sie heran, und bald fand sie den gesuchten Phosphor, bei dessen Anblick ich wirklich überrascht war; ich werde jedoch an einem anderen Orte davon sprechen. Die Marquise setzte sich auf ihr Kanapee, bat mich, neben ihr Platz zu nehmen, und fragte mich, ob ich die Talismane des Grafen von Trier kenne. »Von diesen habe ich niemals ein Wort gehört; aber ich kenne die des Polyphilus.« »Man behauptet, es seien dieselben.« »Das glaube ich nicht.« »Wir werden es erfahren, wenn Sie die Worte aufschreiben wollen, die Sie aussprachen, als Sie den Fünfstern auf die Lende meines Neffen zeichneten. Das Buch wird das gleiche sein, wenn ich in diesem hier Ihre Worte im Kreise um den selben Talisman herum geschrieben sehe.« »Dies wäre allerdings ein Beweis; ich werde sie aufschreiben.« Ich schrieb die Namen der Planetengeister auf. Die Marquise fand das Pentagramma und nannte mir die Namen. Ich spielte den Erstaunten, gab ihr mit einer Miene der Bewunderung mein Papier, und sie zeigte die größte Befriedigung, als sie die gleichen Namen las. »Wie Sie sehen, besaßen Polyphilus und der Graf von Trier die gleiche Wissenschaft.« »Ich werde dies zugeben, gnädige Frau, wenn Ihr Buch die Methode angibt, die unaussprechlichen Namen auszusprechen. Kennen Sie die Theorie der Planetenstunden?« »Ich glaube ja; aber diese sind hierbei nicht nötig.« »Unentbehrlich! Denn von ihnen hängt die Unfehlbarkeit ab. Ich habe das Salomonische Fünfeck dem Grafen de la Tour-d'Auvergne in der Stunde der Venus auf die Lende gemalt, und wenn ich nicht mit Araël, dem Geiste dieses Planeten, begonnen hätte, wäre mein Werk wirkungslos geblieben.« »Dies wußte ich nicht, und wer kommt nach Araël?« »Von der Venus muß man zum Merkur übergehen, vom Merkur zum Mond, vom Monde zum Jupiter und vom Jupiter zur Sonne. Wie Sie sehen, ist es der magische Kreis des Zoroasterschen Systems; ich überspringe Saturn und Mars, die die Wissenschaft bei dieser Operation ausschließt.« »Und wenn Sie nun zum Beispiel in der Stunde des Mondes begonnen hätten?« »Dann wäre ich vom Monde zum Jupiter gegangen, von diesem zur Sonne, von dieser zu Araël, das heißt: Venus, und hätte mit Merkur geschlossen.« »Wie ich sehe' mein Herr, handhaben Sie die Planetenstunden mit überraschender Leichtigkeit.« »Ohne dieses, gnädige Frau, kann man in der Magie nichts machen, denn zum Nachrechnen hat man keine Zeit. Aber es ist nicht so schwierig; ein Studium von einem Monat gibt jedem Anfänger die erforderliche Übung. Viel schwieriger ist der Kultus; denn er ist viel komplizierter. Aber auch ihn beherrscht man mit der Zeit. Ich gehe niemals aus, ohne vorher auszurechnen, wieviele Minuten die Stunde an dem betreffenden Tage hat, und ich achte stets darauf, daß meine Uhr vollkommen richtig geht; denn eine Minute mehr oder weniger ist entscheidend.« »Würden Sie die Gefälligkeit haben, mich diese Theorie zu lehren?« »Sie haben sie im Artephius und noch klarer bei Sandivoye.« »Ich besitze sie, aber sie sind lateinisch geschrieben.« »Ich werde sie Ihnen übersetzen.« »Wollen Sie so gütig sein? Sie werden mich glücklich machen.« »Sie haben mich Dinge sehen lassen, gnädige Frau, die mich zwingen. Ihnen nichts zu verweigern, und zwar aus Gründen, die ich Ihnen vielleicht morgen werde sagen können.« »Warum nicht heute?« »Weil ich zuvor den Namen Ihres Genius wissen muß.« »Sie wissen, daß ich einen Genius habe?« »Sie müssen einen haben, wenn Sie wirklich den Stein der Weisen besitzen!« »Ich besitze ihn.« »Leisten Sie mir den Ordenseid!« »Ich wage es nicht, und Sie wissen warum.« »Vielleicht morgen schon werde ich Ihnen jede Möglichkeit des Zweifels benehmen.« Dieser lächerliche Eid war kein anderer als der der Rosenkreuzer, den man sich gegenseitig nur ablegt, wenn man sich kennt. Frau von Urfé befürchtete also und mußte befürchten, eine Indiskretion zu begehen, und ich meinerseits mußte mich stellen, wie wenn ich dasselbe befürchtete. Der wahre Grund, weshalb ich ihn verlangte, war der, daß ich glaubte, Zeit gewinnen zu müssen; denn ich wußte ganz genau, was es mit diesem Eide auf sich hatte. Männer können ihn einander ablegen, ohne unanständig zu werden; aber einer Frau wie der Marquise d'Urfé mußte es einigermaßen widerstreben, ihn einem Manne zu leisten, den sie zum erstenmal sah. Sie sagte zu mir: »Wo wir diesen Eid in der Heiligen Schrift erwähnt finden, wird er durch die Worte bezeichnet: ›Er schwor, indem er ihm die Hand auf die Lende legte. Aber es ist nicht die Lende damit gemeint; daher findet man niemals, daß ein Mann einem Weibe auf die angegebene Weise schwört; denn das Weib hat kein Verbum.« Es war neun Uhr abends als der Graf de la Tour-d'Auvergne zu uns in das Zimmer trat, und er war nicht wenig erstaunt, mich noch bei seiner Tante zu finden. Er sagte uns: »Das Fieber meines Vetters ist stärker geworden; die Blattern sind ausgebrochen, und ich werde mich daher, liebe Tante, für mindestens einen Monat von Ihnen verabschieden; denn ich beabsichtige, mich mit dem Kranken einzuschließen.« Frau d'Urfé lobte seinen Eifer und gab ihm ein Säckchen gegen das Versprechen, es nach der Heilung des Prinzen ihr wiederzugeben. »Hänge es ihm um den Hals und verlasse dich darauf, daß der Ausbruch der Blattern glücklich vonstatten gehen und eine vollkommene Heilung erfolgen wird.« Er versprach es ihr, wünschte uns guten Abend und ging. »Ich weiß nicht, Frau Marquise, was Ihr Säckchen enthält; aber wenn es ein magisches Mittel ist, so habe ich kein Vertrauen zu seiner Wirkung, denn Sie haben ihm keine Vorschrift über die Stunde gegeben.« »Diesmal ist es ein Elektrum, und Magie und Planetenstunden haben nichts damit zu schaffen.« »Sie werden mir meine Bemerkung verzeihen.« Sie sagte mir, sie könne meine Zurückhaltung nur loben; aber sie sei überzeugt, daß ich mit ihrem kleinen Kreise nicht unzufrieden sein werde, wenn ich an demselben teilnehmen werde. »Ich werde Sie mit allen meinen Freunden bekannt machen, indem wir mit jedem einzelnen selbdritt speisen; so können Sie sich mit allen verständigen.« Ich nahm ihren Vorschlag an. Dieser Anordnung gemäß speiste ich am nächsten Tage mit einem Herrn Gérin und seiner Nichte, die das wissenschaftliche Trio nicht störte; aber weder er noch sie machten meine Eroberung. Am zweiten Tage speiste ich mit einem Irländer, namens Macartney, einem Physiker von der alten Art, der mich sehr langweilte. Am darauffolgenden Tage war mein Mitgast ein Mönch, der über Literatur redete; er sagte tausend Unverschämtheiten gegen Voltaire, den ich damals sehr liebte, und gegen den Geist der Gesetze, den ich bewunderte, und den der dumme Kuttenträger dem großen Montesquieu abstritt, um das erhabene Werk einem Mönch zuzuschreiben! Mit demselben Rechte hätte er die Schöpfung der Welt einem Kapuziner zuschreiben können. Am nächsten Tage ließ Frau von Urfé mich mit dem Chevalier d'Arzigny speisen, einem achtzigjährigen eitlen, geckenhaften und folglich lächerlichen Greise, den man den Alterspräsidenten der Stutzer nannte; aber da er am Hofe Ludwigs des Fünfzehnten gewesen war, so war er ziemlich interessant, denn er besaß die ganze Höflichkeit jener Zeiten, und sein Gedächtnis war voll von Anekdoten über den Hof des despotischen und prunkliebenden Königs. Der alte Herr ergötzte mich sehr durch seine Lächerlichkeit; er hatte sich rot geschminkt, seine Kleider waren mit Blumen bestickt und mit Flittern geschmückt, wie zu den Zeiten der Frau von Sévigné. Er behauptete, seiner Geliebten zärtlich ergeben zu sein; diese hielt für ihn ein Lusthäuschen, wo er täglich in Gesellschaft seiner Freundinnen zu Abend speiste, lauter reizender junger Mädchen, die um seinetwillen alle anderen Gesellschaften aufgaben; trotzdem geriet er nicht in Versuchung, ihr untreu zu werden, denn er schlief regelmäßig bei ihr. Trotz seiner Altersschwäche war der Chevalier d'Arzigny liebenswürdig. Er besaß eine Milde des Charakters, die allen seinen Worten den Anstrich einer Wahrheit verlieh, die er in seiner Laufbahn als Höfling wohl niemals gekannt hatte. Er war außerordentlich reinlich. Sein Knopfloch war stets von einem Strauß von stark duftenden Blumen geschmückt, z. B. Tuberosen, Narzissen und spanischem Jasmin. Seine falschen Haare waren mit Ambrapomade gesalbt; seine gemalten und parfümierten Augenbrauen und sein Elfenbeingebiß verbreiteten einen starken Duft, der der Marquise d'Urfé nicht unangenehm war, den ich jedoch kaum ertragen konnte. Ohne diese Unannehmlichkeit hätte ich mir wahrscheinlich seine Gesellschaft so oft wie möglich verschafft. Er war Epikuräer aus Überzeugung und besaß eine erstaunliche Gemütsruhe. Er sagte, er würde die Verpflichtung eingehen, sich jeden Morgen vierundzwanzig Stockschläge geben zu lassen, wenn er dadurch die Sicherheit erlangte, daß er innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden nicht sterben würde; und je älter er würde, desto mehr Prügel würde er auf sich nehmen. Ich denke, dies heißt man Lebenslust. Eines anderen Tages speiste ich mit Herrn Charon, Rat beim Höchsten Gericht und Berichterstatter in einem Prozeß der Frau von Urfé gegen ihre herzlich von ihr gehaßte Tochter, Frau du Châtelet. Der alte Rat war vierzig Jahre früher glücklicher Liebhaber der gelehrten Marquise gewesen; dank diesen alten Erinnerungen hielt er sich für verpflichtet, die Sache seiner früheren Geliebten zu unterstützen. In Frankreich glaubten damals die Beamten berechtigt zu sein, ihren Freunden oder Schützlingen aus Freundschaft oder Habsucht recht zu geben; sie hatten ihre Ämter gekauft und glaubten deshalb von Rechts wegen die Gerechtigkeit verkaufen zu können. Herr Charon langweilte mich wie die anderen, und dies war natürlich; denn der Unterschied zwischen uns war zu groß. Am nächsten Tage gab es ein anderes Bild: Ich unterhielt mich sehr gut mit einem jungen Rat, Herrn de Viarme, der mit seiner Frau zum Essen kam. Er war ein Neffe der Frau von Urfé und seine sehr hübsche Frau hatte Geist. Kurz und gut, es war ein liebenswürdiges Paar. Er war Verfasser der Vorstellungen an den König, eines Werkes, das ihm große Ehre eingetragen hatte und von ganz Paris eifrig gelesen worden war. Er sagte mir, ein Parlamentsrat habe sich von Berufs wegen allem zu widersetzen, was der König tun könne, selbst im Guten. Zur Rechtfertigung dieses Grundsatzes führte er dasselbe an, was die Minderheiten aller Volksvertretungen stets zur Begründung des Widerstandes vorbringen; ich brauche wohl meine Leser damit nicht zu langweilen. Die angenehmste Mahlzeit hatte ich in der Gesellschaft der Frau de Gergi, die mit dem unter dem Namen des Grafen St.-Germain berühmten Abenteurer kam. Er aß nicht, sondern sprach von dem Beginn der Mahlzeit bis zum Ende, und ich hätte es beinahe zum Teil ebenso gemacht wie er, denn ich aß ebenfalls nichts, sondern hörte ihm mit der grüßten Aufmerksamkeit zu. Es war allerding schwierig, einen Menschen zu finden, der besser gesprochen hätte als er. St.-Germain gab sich für einen Wundermann aus; er wollte verblüffen, und oft gelang ihm dies. Er sprach in bestimmtem Ton, aber so sorgfältig, daß er nicht mißfiel. Er war gelehrt, sprach tadellos die meisten Sprachen; war ein großer Musiker und Chemiker; hatte ein angenehmes Gesicht und wußte alle Frauen gefügig zu machen; denn er gab ihnen Schminken und Schönheitsmittel und erweckte in ihnen die Hoffnung, nicht etwa sie jünger zu machen – denn so bescheiden war er doch, daß er gestand, dies wäre ihm unmöglich –, wohl aber sie in dem Zustande zu erhalten, in dem er sie vorfand, und zwar mittels eines Wassers, das ihm nach seiner Behauptung viel Geld kostete, trotzdem aber von ihm nur verschenkt wurde. Er hatte die Gunst der Frau von Pompadour zu erwerben gewußt; sie hatte ihm eine Unterredung mit dem König verschafft, und er hatte für diesen ein hübsches Laboratorium eingerichtet; denn der liebenswürdige Monarch, der sich überall langweilte, glaubte sich zu unterhalten oder wenigstens ein bißchen die Langeweile zu vertreiben, indem er Farben herstellte. Der König hatte ihm eine Wohnung in Chambord angewiesen und ihm hunderttausend Franken zum Bau eines Laboratoriums gegeben; nach St.-Germains Behauptung wollte der König durch seine chemischen Produkte alle Fabriken Frankreichs zur Blüte bringen. Dieser eigentümliche Mann, der zum Betrüger allerersten Ranges wie geschaffen war, sagte im zuversichtlichsten Ton und so ganz beiläufig, er sei dreihundert Jahre alt, besitze das Allheilmittel, mache mit der Natur, was er wolle; er besitze das Geheimnis, Diamanten zu schmelzen und aus zehn oder zwölf kleinen ohne Gewichtsverlust einen großen vom reinsten Wasser zu machen. Alle diese Operationen waren für ihn nur Kleinigkeiten. Trotz seinen Aufschneidereien, lächerlichen Lügen und übertriebenen Seltsamkeiten konnte ich mich doch nicht überwinden, ihn unverschämt zu finden. Allerdings fand ich ihn auch nicht achtungswert, aber beinahe wider Willen und unbewußt fand ich ihn erstaunlich; denn ich war wirklich erstaunt über ihn. Ich werde noch Gelegenheit haben, von diesem Original zu sprechen. Nachdem mich Frau von Urfé alle diese Bekanntschaften hatte machen lassen, sagte ich ihr, ich würde die Ehre haben, bei ihr zu speisen, so oft sie es wünschte; aber ich bäte, daß wir nur unter vier Augen wären, ausgenommen wenn sie ihre Verwandten oder Herrn von St.-Germain zu Tisch hätte. Dessen Beredsamkeit und Prahlereien hatten nur wirklich Spaß gemacht; der sonderbare Mann kam oft in die besten Häuser der Hauptstadt zum Diner, rührte aber niemals etwas an, weil, wie er sagte, sein Leben von der Art seiner Nahrung abhinge, die außer ihm selber niemand kennen könnte. Man paßte sich dieser Schrulle ziemlich willig an, denn man war nur auf seine Reden neugierig, durch die er allerdings die Seele aller Gesellschaften wurde, an denen er teilnahm. Ich hatte inzwischen Frau von Urfé gründlich kennen gelernt. Sie glaubte steif und fest, ich sei ein vollendeter Adept, der sich nur nicht zu erkennen geben wolle. Fünf oder sechs Wochen darauf wurde sie in dieser phantastischen Idee vollends bestärkt, als sie mich fragte, ob ich das Manuskript mit der angeblichen Erklärung des Großen Werkes entziffert hätte. »Ja, ich habe es entziffert und folglich auch gelesen; aber ich gebe es Ihnen zurück und versichere Ihnen auf mein Ehrenwort, daß ich keine Abschrift davon genommen habe; denn ich habe nichts Neues darin gefunden.« »Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ohne den Schlüssel scheint mir dies unmöglich zu sein.« »Soll ich Ihnen den Schlüssel nennen?« »Ich bitte Sie darum.« Ich nannte ihr das Wort, das keiner Sprache angehörte. Meine Marquise war völlig starr vor Erstaunen und rief: »Das ist zu viel! das ist zu viel! Ich glaubte allein im Besitz dieses geheimnisvollen Wortes zu sein; denn ich bewahre es nur in meinem Gedächtnis, habe es niemals niedergeschrieben und bin völlig sicher, es niemals einem Menschen mitgeteilt zu haben.« Ich hätte ihr sagen können, daß die Berechnung, durch die ich das Manuskript entziffert hatte, mir natürlich auch den Schlüssel angegeben hätte; aber ich bekam den Einfall ihr zu sagen, ein Genius habe ihn mir enthüllt. Dieser Unsinn brachte eine sonst wirklich gelehrte und wirklich vernünftige Frau völlig unter meine Herrschaft. Wie dem auch sein möge, mein falsches Eingeständnis verlieh mir einen ungeheuren Einfluß auf Frau von Urfé; von diesem Augenblick an wurde ich der Herrscher ihrer Seele, und ich habe oft die Macht mißbraucht, die ich über sie hatte. Jetzt, da ich selber von den Illusionen zurückgekommen bin, die einst mein Leben begleiteten, denke ich nur noch errötend daran und büße dafür, indem ich mir die Verpflichtung auferlegt habe, in diesen Erinnerungen die volle Wahrheit zu sagen. Die große Selbsttäuschung der guten Marquise bestand darin, daß sie fest an die Möglichkeit glaubte, mit den Genien, den sogenannten Elementargeistern, Verkehr haben zu können. Sie hätte all ihr Hab und Gut dafür gegeben, um dieses Ziel zu erreichen, und sie hatte schon mit Betrügern zu tun gehabt, die sie bereits durch die falsche Hoffnung getäuscht hatten, ihr zur Erfüllung ihres Wunsches behilflich sein zu können. »Ich wußte nicht,« sagte sie zu mir, »daß Ihr Genius die Macht hat, den meinigen zur Enthüllung meiner Geheimnisse zu zwingen.« »Es war nicht nötig, Ihren Genius zu etwas zu zwingen; denn mein Genius ist seiner Natur nach allwissend.« »Weiß er auch, was ich als das größte Geheimnis in meiner Seele verschlossen halte?« »Ohne Zweifel; und er muß es mir sagen, wenn ich ihn frage.« »Können Sie ihn fragen, wann Sie wollen?« »Immer; vorausgesetzt, daß ich Papier und Tinte habe. Ich kann ihn sogar durch Sie befragen lassen, indem ich Ihnen seinen Namen sage.« »Und Sie würden ihn mir sagen?« »Es steht in meiner Macht, gnädige Frau; und um Sie davon zu überzeugen, sage ich Ihnen hiermit: mein Genius heißt Paralis. Stellen Sie schriftlich eine Frage an ihn, wie an irgend einen beliebigen Menschen; fragen Sie ihn z. B., wie ich Ihr Manuskript habe entziffern können, und Sie werden sehen, wie ich ihn zwingen werde, Ihnen zu antworten.« Vor Freude zitternd, stellt Frau von Urfé ihre Frage, schreibt sie in Zahlen nieder und bildet nach meiner Anweisung eine Pyramide. Ich lasse sie die Antwort finden, die sie selber in Buchstaben überträgt. Zunächst erhielt sie nur Konsonanten; aber mittels einer zweiten Operation, die die Vokale gab, fand sie die Antwort in sehr klarer Form. Die höchste Überraschung malte sich auf ihren Zügen: sie hatte aus der Pyramide das Wort gezogen, das den Schlüssel zu ihrem Manuskript bildete. Als ich ging, nahm ich ihre Seele, ihr Herz, ihren Geist, und was ihr noch an gesundem Menschenverstand geblieben war, mit mir. Sechstes Kapitel Frau von Urfé macht sich irrtümliche und widerspruchsvolle Begriffe von meiner Gewalt. – Mein Bruder verheiratet sich; ich entwerfe an seinem Hochzeitstag einen neuen Plan. – Ich gehe im Auftrage der Regierung in Geldangelegenheiten nach Holland. – Der Jude Boas gibt mir eine Lehre. – Herr von Affry. – Esther. – Ein anderer Casanova. – Ich finde Teresa Imer wieder. Der Prinz von Turenne war von den Blattern völlig genesen; Graf de la Tour-d'Auvergne hatte ihn daher wieder verlassen, und da er die Vorliebe seiner Tante für die abstrakten Wissenschaften kannte, so wunderte er sich nicht, daß ich bei ihr wie zu Hause war und ihr einziger Freund geworden war. Ich sah ihn, wie überhaupt alle Verwandten der Marquise mit um so größerem Vergnügen als Tischgäste, da mich ihr edles Benehmen gegen mich entzückte. Es waren ihre Brüder, die Herren von Pont-carré und de Viarme, der soeben zum Vorsteher der Kaufmannschaft erwählt worden war, sowie dessen Sohn. Die Tochter der Marquise war, wie ich bereits erzählte, Frau du Châtelet; aber ein unglücklicher Prozeß hatte sie zu unversöhnlichen Feindinnen gemacht; ihr Name wurde niemals erwähnt. Nachdem la Tour-d'Auvergne zu seinem Regiment hatte abgehen müssen, das in der Bretagne in Garnison lag, speisten die Marquise und ich fast alle Tage unter vier Augen, und ihre Leute sahen mich als ihren Mann an, obgleich dieses kaum denkbar erschien; aber sie glaubten es sich nur auf diese Weise erklären zu können, daß wir so lange Stunden miteinander verbrachten. Frau von Urfé hielt mich für reich und hatte sich in den Kopf gesetzt, ich hätte nur deshalb die Stellung bei der Lotterie angenommen, um unerkannt zu bleiben. Nach ihrer Meinung besaß ich nicht nur den Stein der Weisen, sondern stand auch mit allen Elementargeistern in Verkehr. Sie zog daraus den ganz natürlichen Schluß, daß es nur von mir abhinge, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen und Frankreich glücklich oder unglücklich zu machen. Daß ich inkognito bleiben mußte, erklärte sie sich aus meiner berechtigten Furcht, verhaftet und eingesperrt zu werden; denn dieses Schicksal mußte mir nach ihrer Meinung unfehlbar widerfahren, sobald der Minister erführe, wer ich in Wirklichkeit wäre. Diese Ungeheuerlichkeiten wurden ihr nachts von ihrem Genius offenbart; mit anderen Worten, es waren Träume ihrer erhitzten Phantasie, die ihr dann von ihrer betörten Vernunft als Wirklichkeiten dargestellt wurden. Auf den allereinfachsten Gedanken verfiel sie nicht – nämlich darauf, daß keine Macht der Erde mich hätte festhalten können, wenn ich wirklich die von ihr vermutete Gewalt gehabt hätte. Denn dann hätte ich ja alles vorausgesehen und gewußt; außerdem konnte meine Macht durch Schloß und Riegel nicht beschränkt werden, denn meine Kraft beruhte auf meinem Wissen, und dieses konnte kein Tyrann mir entreißen, ohne mich zu vernichten; mich zu vernichten aber mußte unmöglich sein, wenn mir die Macht der Geister zu Gebote stand. Alle diese Erwägungen waren ungeheuer einfach; aber Leidenschaft und Voreingenommenheit sind der Vernunft unzugänglich. Bei einem unserer Gespräche sagte sie mir eines Tages allen Ernstes, ihr Genius habe sie überzeugt, daß ich ihr den Verkehr mit den Geistern nicht verschaffen könne, weil sie Weib sei; denn die Geister könnten nur mit Männern Verkehr pflegen, deren Natur weniger unvollkommen sei. Ich könne aber mittels einer Operation, die mir bekannt sei, ihre Seele in den Leib eines männlichen Kindes übergehen lassen, das aus der philosophischen Paarung eines Unsterblichen mit einer Sterblichen oder eines gewöhnlichen Mannes mit einem Weibe von göttlicher Art hervorgegangen sei. Wenn ich geglaubt hätte, der Marquise ihren Irrtum benehmen und sie zu einem vernünftigen Gebrauch ihrer Kenntnisse und ihres Geistes zurücklenken zu können, so würde ich dies wahrscheinlich versucht haben, und dies wäre ein verdienstliches Wert gewesen; aber ich war überzeugt, daß ihre Betörung unheilbar war, und glaubte daher nichts Besseres tun zu können, als auf ihren verrückten Gedanken einzugehen und meinen Nutzen daraus zu ziehen. Wenn ich ihr als anständiger Mensch gesagt hätte, alle ihre Ideen seien albern, so würde sie mir nicht geglaubt haben; sie hätte angenommen, ich wäre neidisch auf ihre Kenntnisse; und wenn sie mich auch darum nicht für weniger gelehrt gehalten haben würde, so hätte ich doch in ihren Augen eingebüßt. Hiervon überzeugt, wußte ich nichts Besseres zu tun, als die Sache ihren Gang gehen zu lassen. Übrigens konnte ich mich in meinem Selbstgefühl nur geschmeichelt fühlen, daß eine berühmte Frau, die im Rufe bedeutender Kenntnisse stand, die mit den ersten Familien Frankreichs verwandt war, und außerdem aus ihren Wertpapieren ein noch höheres Einkommen hatte als die achtzigtausend Lires Rente, die ein herrliches Landgut und eine Anzahl schöner Häuser in Paris ihr eintrugen – daß eine solche Frau, sage ich, mich als den tiefsinnigsten Rosenkreuzer und als den Mächtigsten aller Sterblichen ansah. Ich wußte auf das bestimmteste, daß sie im Notfalle mir nichts hätte verweigern können; und obgleich ich keinen bestimmten Plan hatte, um mir ihre Reichtümer ganz oder zum Teil zunutze zu machen, so empfand ich doch ein gewisses Vergnügen bei dem Gedanken, daß es in meiner Macht stände, dies zu tun. Trotz ihrem ungeheuren Vermögen und ihrem Glauben, daß sie Gold machen könne, war Frau von Urfé geizig; denn sie gab jährlich kaum dreißigtausend Franken aus und spielte mit ihren Ersparnissen, die mehr als das Doppelte betrugen, an der Börse. Ein Börsenmakler brachte ihr Staatspapiere, wenn diese niedrig standen, und verkaufte sie wieder für sie, wenn der Kurs stieg. Da sie in der Lage war abzuwarten und die günstigsten Augenblicke der Baisse und Hausse benutzen konnte, so hatte sie ein beträchtliches Vermögen in Papieren erworben. Mehrere Male hatte sie gesagt, sie sei bereit, mir ihr ganzes Vermögen zu geben, um Mann zu werden, und sie wisse, daß dies nur von mir abhänge. Als sie eines Tages wieder in jenem Tone der Überzeugung, der so leicht ansteckt, mit mir darüber sprach, sagte ich ihr: ich müsse ihr gestehen, daß ich allerdings imstande sei, diese Operation zu vollziehen; ich könne mich aber nicht entschließen, sie an ihr vorzunehmen, weil ich zu diesem Zwecke genötigt sein würde, sie sterben zu lassen. Ich glaubte, diese Erklärung würde ihr die Lust benehmen, einen solchen Versuch zu machen; man stelle sich meine Überraschung vor, als ich sie sagen hörte: »Ich weiß es. Ich kenne sogar die Todesart, die mir beschieden sein würde, aber ich bin bereit.« »Wirklich? Und was für eine Todesart wäre dieses?« »Ich werde an demselben Gift sterben, woran Paracelsus starb.« »Und glauben Sie, daß Paracelsus zur Hypostase gelangt ist?« »Nein; aber ich weiß auch, warum nicht.« »Wollen Sie mir dies wohl sagen?« »Weil er weder Mannn noch Weib war und weil eine gemischte Natur die Hypostase ausschließt; man muß um diese zu erreichen ganz das eine oder das andere sein.« »Das ist wahr. Aber wissen Sie, wie man dieses Gift bereitet? Wissen Sie, daß dies ohne Beihilfe eines Salamanders nicht möglich ist?« »Das kann sein; ich wußte es nicht. Ich bitte Sie, die Kabbala zu befragen, ob es in Paris eine Person gibt, die dieses Gift besitzt.« Ich konnte leicht erraten, daß sie im Besitze des Giftes zu sein glaubte; und ich ließ es ohne Zögern sie in der Antwort finden, die die Pyramide erteilte. Ich stellte mich erstaunt; sie aber sagte ganz stolz: »Sie sehen, es ist nur noch das Kind nötig, das das aus einem unsterblichen Geschöpf entsprossene männliche Verbum enthält. Ich habe die Belehrung empfangen, daß dieses nur von Ihnen abhängt, und ich glaube nicht, daß es Ihnen aus falschem Mitleid mit meinem alten Leichnam an dem nötigen Mut dazu fehlen kann.« Bei diesen Worten stand ich auf und trat an das nach dem Quai hinausgehende Fenster ihres Zimmers; dort stand ich eine gute Viertelstunde und dachte über ihre Tollheit nach. Als ich wieder an den Tisch zurückkam, wo sie sitzen geblieben war, sah sie mich aufmerksam an und sagte ganz gerührt: »Ist es möglich, lieber Freund? Ich sehe. Sie haben geweint.« Ich suchte ihr nicht ihren Irrtum zu benehmen, nahm meinen Degen und Hut und ging mit einem Seufzer hinaus. Ihr Wagen, der stets zu meiner Verfügung stand, hielt vor der Tür; ich stieg ein und fuhr auf den Boulevards spazieren, bis es Zeit war, ins Theater zu gehen; aber ich konnte mich nicht von dem Erstaunen erholen, in das diese außerordentliche Frau mich versetzt hatte. Mein Bruder war nach der Ausstellung eines von allen Kennern bewunderten Schlachtenbildes einstimmig in die Malerakademie aufgenommen worden. Die Akademie kaufte das Bild für fünfhundert Louis. Er hatte sich in Coralina verliebt und würde sie geheiratet haben, wenn sie ihm nicht untreu geworden wäre. Dies brachte ihn so sehr gegen sie auf, daß er acht Tage darauf, um ihr jede Hoffnung auf eine Aussöhnung zu benehmen, eine Figurantin vom Ballett der italienischen Komödie heiratete. Der Schatzmeister der geistlichen Pfründen, Herr von Sanci, richtete die Hochzeit aus; er hatte das Mädchen sehr gern, und aus Dankbarkeit für die gute Tat, die mein Bruder vollbrachte, indem er sie heiratete, verschaffte er ihm bei allen seinen Freunden Bestellungen auf Bilder; dadurch bahnte er ihm den Weg zu dem großen Vermögen und hohen Ansehen, die er sich erwarb. Der Bankier Corneman war auf der Hochzeit meines Bruders; er beschäftigte sich viel mit mir und sprach unaufhörlich von dem großen Geldmangel. Er bat mich dringend, mit dem Generalkontrolleur zu sprechen, um Mittel zur Abhilfe ausfindig zu machen, und sagte mir: wenn man einer Vereinigung von Amsterdamer Kaufleuten königliche Papiere zu einem anständigen Preise gäbe, so könnte man dafür Papiere irgend eines anderen Staates nehmen, dessen Kredit weniger erschüttert wäre als der französische; solche Papiere würden dann leicht zu verkaufen sein. Ich bat ihn, mit keinem anderen Menschen über die Sache zu sprechen, und versprach ihm, mich zu bemühen. Der Gedanke hatte mir eingeleuchtet, und ich beschäftigte mich die ganze Nacht damit. Schon am nächsten Tage begab ich mich nach dem Palais Bourbon, um mit Herrn von Bernis darüber zu sprechen. Er fand die Idee ausgezeichnet und riet mir, mit einem Empfehlungsbrief des Herzogs von Choiseul an den Gesandten im Haag, Herrn d'Affry, nach Holland zu reisen; man könnte diesem einige Millionen in königlichen Staatspapieren überweisen, um sie in bares Geld umzusetzen, wenn es mir gelänge, günstige Bedingungen zu erlangen. Er forderte mich auf, mich zunächst mit Herrn de Boulogne zu beraten, jedoch vor allen Dingen mit Zuversicht aufzutreten. »Sobald Sie nur kein Geld zum voraus verlangen, wird man Ihnen so viele Empfehlungsbriefe geben, wie Sie nur wünschen können.« Diese Unterredung stieg mir in den Kopf; noch am gleichen Tage suchte ich den Generalkontrolleur auf, der meinen Plan sehr gut fand und mir sagte, der Herzog von Choiseul würde am nächsten Tage im Invalidenhause sein; ich müßte ihn unverzüglich aufsuchen und ihm einen Brief übergeben, den er schreiben würde. »Ich werde unverzüglich für zwanzig Millionen Schatzanweisungen an unseren Gesandten schicken; sollte Ihr Unternehmen nicht den erhofften Erfolg haben, so wird er diese Papiere nach Frankreich zurücksenden.« »Er wird sie nicht zurückschicken, wenn man sich mit einem anständigen Preise begnügt.« »Der Friede wird geschlossen werden, das ist sicher; daher dürfen Sie die Papiere auch nur mit einem sehr geringen Verlust abgeben. Doch über diesen Punkt werden Sie sich mit dem Botschafter verständigen, der von uns alle erforderlichen Weisungen erhalten wird.« Ich fühlte mich von diesem Auftrag so geschmeichelt, daß ich die ganze Nacht vor Nachdenken nicht schlafen konnte. Ich ging ins Invalidenhaus, und Herr von Choiseul, der ja wegen seiner schnellen Entschlüsse berühmt war, hatte kaum den Brief des Herrn von Boulogne gelesen und sich einige Minuten mit mir über die Sache unterhalten, so ließ er einen Brief an Herrn d'Affro aufsetzen, den er las und unterzeichnete, ohne mir von dem Inhalt Kenntnis zu geben. Sobald der Brief versiegelt war, übergab er ihn mir und wünschte mir glückliche Reise. Ich beeilte mich, mir von Herrn von Berkenrode einen Paß ausstellen zu lassen, und verabschiedete mich an demselben Tage von Frau Baletti und allen meinen Freunden, außer der Marquise d'Urfé, mit der ich den ganzen nächsten Tag verbringen sollte. Ferner gab ich meinem treuen Geschäftsführer Vollmacht, alle Lose meines Lotteriebureaus zu unterzeichnen. Etwa einen Monat vorher hatte ein sehr hübsches und anständiges Mädchen aus Brüssel sich unter meiner Protektion mit einem italienischen Bildertrödler, namens Gaetano, verheiratet. Dieser eifersüchtige rohe Mensch mißhandelte sie ohne Sinn und ohne Verstand, und die reizende unglückliche Frau kam daher jeden Augenblick zu mir und beklagte sich. Ich hatte sie mehrere Male miteinander versöhnt und war gewissermaßen ihr Mittelsmann. Gerade an dem Tage, an dem ich meine Vorbereitungen zur holländischen Reise traf, kamen sie zu mir und luden sich bei mir zum Essen ein. Mein Bruder und Tiretta waren zufällig bei mir, und da ich noch immer als Junggeselle lebte, so nahm ich sie alle zu Laudel mit, wo man ausgezeichnet aß. Tiretta hatte seinen eigenen Wagen; er ruinierte seine Exjansenistin, die immer noch über alle Maßen in ihn verliebt war. Tiretta, der ein hübscher, lustiger Junge war und gerne einen Spaß machte, fing während des Essens an, mit der schönen Vlamin, die er zum erstenmal sah, zu kokettieren. Die gute Kleine dachte sich nichts Böses dabei und ging darauf ein; wir alle hätten darüber gelacht und alles wäre vortrefflich gegangen, wenn der Ehemann vernünftig und höflich gewesen wäre; aber der Unglückselige war eifersüchtig wie ein Tiger und schwitzte vor Wut. Er aß nicht, wechselte zehnmal in einer Minute die Farbe und warf seiner armen Frau fürchterliche Blicke zu, die ihr andeuten sollten, daß er keinen Spaß verstände. Zur Vervollständigung seines Unglücks trieb Tiretta auch noch seinen Spaß mit ihm. Ich sah voraus, daß es zu unangenehmen Auftritten kommen würde, und suchte seine Heiterkeit und seine Spottlust zu mäßigen; aber vergebens. Eine Auster fiel auf den schönen Busen der Frau Gaetano, und Tiretta, der neben ihr saß, schlürfte sie schnell und gewandt mit seinen Lippen fort. Wütend sprang Gaetano auf und versetzte seiner Frau eine so kräftige Ohrfeige, daß seine Hand nicht nur ihre Wange, sondern auch die ihres Nachbarn berührte. Nun wurde auch Tiretta wütend; er sprang auf, packte den Eifersüchtigen um den Leib und warf ihn zu Boden. Gaetano, der keine Waffe hatte, stieß mit Händen und Füßen um sich; wir ließen ihn machen, weil er uns nicht treffen konnte. Als der Kellner hinzukam, warfen wir den Flegel hinaus, um der Sache ein Ende zu machen. Seine Frau weinte bittere Tränen; sie blutete, wie auch Tiretta, aus der Nase und bat mich, sie irgendwo unterzubringen; denn sie fürchtete für ihr Leben, wenn sie zu ihrem Mann zurückkehrte. Ich ließ Tiretta und meinen Bruder zurück, stieg mit ihr in einen Fiaker und begleitete sie auf ihren Wunsch zu einem Verwandten, einem alten Sachwalter, der am Quai de Gèvres im vierten Stock eines sechsstöckigen Hauses wohnte. Der brave Mann empfing uns höflich, ließ sich die Geschichte erzählen und sagte: »Arm wie ich bin, kann ich leider für die Unglückliche nichts tun; aber wenn ich nur hundert Taler hätte, so würde ich alles in Ordnung bringen.« »Darauf soll es nicht ankommen«, sagte ich, zog dreihundert Franken aus der Tasche und gab sie ihm. »Hiermit, mein Herr, werde ich den Ehemann zu Grunde richten; es wird ihm niemals gelingen, zu erfahren, wo seine Frau ist.« Die Frau versicherte mir, der Alte werde sein Versprechen halten. Nachdem sie mich ihrer Dankbarkeit versichert hatte, verließ ich sie. Wenn ich wieder von meiner Reise zurück bin, wird der Leser erfahren, was aus ihr wurde. Als ich der Marquise d'Urfé mitteilte, daß ich im Interesse Frankreichs nach Holland ginge und in den ersten Tagen des Februars wieder zurück sein würde, bat sie mich, mehrere Aktien der Indischen Kompagnie von Gotenburg mitzunehmen und für sie zu verkaufen. Sie besaß Aktien im Werte von sechzigtausend Franken, die sie an der Pariser Börse nicht verkaufen konnte, weil dort kein Geld war. Außerdem wollte man ihr die Zinsen nicht mitbezahlen, und diese waren beträchtlich, denn seit drei Jahren war keine Dividende bezahlt worden. Da ich einverstanden war, ihr diesen Dienst zu leisten, so mußte sie mich zum Inhaber und sogar durch einen Verkaufsvertrag zum Eigentümer dieser Aktien machen; dies tat sie noch am gleichen Tage durch Erklärung vor einem Notar, zu dem wir uns zusammen begaben. In ihre Wohnung zurückgekehrt, wollte ich ihr eine Bescheinigung ausstellen, wodurch ich ihr das Eigentum an diesen Papieren sicherte und mich verpflichtete, bei meiner Umkehr nach Frankreich ihr den Wert zu übergeben; aber hiervon wollte sie nichts wissen, denn sie war fest von meiner Ehrlichkeit überzeugt. Ich ging zu Herrn Corneman, der mir einen Wechsel von dreitausend Gulden für den israelitischen Hofbankier Boas im Haag gab. Hierauf reiste ich ab. In zwei Tagen kam ich nach Antwerpen, wo ich eine segelfertige Jacht fand; ich schiffte mich ein und schlief am nächsten Tage in Rotterdam. Den Tag darauf begab ich mich nach dem Haag, wo ich im »Englischen Hof« abstieg und mich sodann Herrn d'Affry vorstellte. Als ich ankam, las er gerade den Brief von Herrn de Choiseul, der ihn von dem mir erteilten Auftrag unterrichtete. Er behielt mich zum Essen da, an welchem auch Herr von Kauderbach, der Resident des Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen, teilnahm. Er forderte mich auf, mir die größte Mühe zu geben, sagte mir jedoch, daß er am Erfolg zweifle, weil die Holländer aus guten Gründen glaubten, daß der Friede nicht so bald geschlossen werden würde. Von der Wohnung des Gesandten ließ ich mich zu Boas führen, den ich bei Tische im Kreise seiner zahlreichen und häßlichen Familie fand. Er las meinen Brief und sagte mir, er habe soeben auch von Herrn Corneman empfangen, der sich sehr lobend über mich ausspreche. Er sagte mir im Scherz, da es Weihnachtsabend wäre, würde ich ohne Zweifel das Jesuskindlein wiegen wollen; aber ich antwortete ihm, ich sei gekommen, um mit ihm das Fest der Makkabäer zu feiern; diese Bemerkung fand den Beifall der ganzen Familie, und er lud mich ein, ein Zimmer in seinem Hause anzunehmen. Ich nahm sein Anerbieten ohne Zögern an und sagte meinem Lakai, er solle mein Gepäck zum Bankier bringen lassen. Ehe ich ging, bat ich ihn noch, während der paar Tage, die ich in Holland zu bleiben gedächte, mich bei irgend einem guten Geschäft so etwa zwanzigtausend Gulden verdienen zu lassen. Er nahm die Sache ernst und antwortete mir, er wolle daran denken; die Sache sei sehr wohl möglich. Am anderen Morgen nach dem Frühstück sagte Boas zu mir: »Ich habe das gewünschte Geschäft für Sie; kommen Sie mit, ich will darüber mit Ihnen sprechen.« Er ging mit mir in sein Arbeitszimmer, wo er mir dreitausend Gulden in Gold und Wechseln auszahlte; dann sagte er, es läge nur an mir, binnen acht Tagen die bewußten zwanzigtausend Gulden zu verdienen. Ich war sehr überrascht über die Leichtigkeit, womit man in Holland Geld verdient, denn ich hatte mir mit dem Juden nur einen Spaß machen wollen; ich dankte ihm für diesen Beweis des Wohlwollens und hörte ihm zu. »Hier sehen Sie«, begann Boas, »eine Mitteilung, die ich vorgestern von der Münze erhielt. Man meldet mir, daß man vierhunderttausend Dukaten frisch geprägt hat und bereit ist, sie zum laufenden Preise des Goldes zu verkaufen, der glücklicherweise augenblicklich nicht hoch ist. Jeder Dukaten ist fünf Gulden und zwei und drei Fünftel Stüber wert. Hier ist der Wechselkurs auf Frankfurt am Main. Kaufen Sie die vierhunderttausend Dukaten, bringen oder schicken Sie sie nach Frankfurt, nehmen Sie dort Wechsel nach Amsterdam und Ihr Geschäft ist gemacht. Sie verdienen an jedem Dukaten ein und ein Neuntel Stüber, das macht 22 222 holländische Gulden. Sichern Sie sich die Dukaten noch heute; in acht Tagen haben Sie Ihren Gewinn flüssig. Da haben Sie, was Sie wünschen.« Ich war ein wenig erstaunt und sagte zu ihm: »Aber werden denn die Herren von der Münze nicht einige Schwierigkeiten machen, mir eine solche Summe anzuvertrauen, die mehr als vier Millionen Livres Tournois beträgt?« »Das werden sie natürlich tun, wenn Sie nicht gegen bar kaufen oder den Betrag in guten Papieren hinterlegen.« «Ich besitze, mein werter Herr, weder so viel Geld noch so viel Kredit.« »In diesem Falle werden Sie niemals zwanzigtausend Gulden in acht Tagen verdienen. Nach der Bemerkung, die Sie gestern machten, habe ich Sie für einen Millionär gehalten.« »Es tut mir wirklich sehr leid, daß Sie sich geirrt haben.« »Ich werde das Geschäft noch heute von einem meiner Kinder machen lassen.« Nachdem Herr Boas mir diese etwas derbe Lektion gegeben hatte, ging er in sein Kontor, und ich ging auf mein Zimmer, um mich umzukleiden. Herr d'Affry war in den englischen Hof gegangen, um mir einen Besuch zu machen; da er mich nicht gefunden hatte, schrieb er mir ein Briefchen und bat mich bei ihm vorzusprechen. Ich ging hin; er behielt mich zum Essen und teilte mir einen soeben erhaltenen Brief des Herrn de Boulogne mit. Dieser beauftragte ihn, mich die zwanzig Millionen nur mit einem Verlust von höchstens acht Prozent hergeben zu lassen, weil der Friede, so schrieb er, unmittelbar vor dem Abschluß stände. Wir lachten beide über diese scherzhafte Versicherung eines Pariser Verwaltungsbeamten, während wir in einem Lande, wo das Interesse den Blick für die Staatsangelegenheiten schärfte, das Gegenteil erfuhren. Als Herr d'Affry erfuhr, daß ich bei einem Israeliten wohnte, riet er mir, mich nicht mit Juden einzulassen; »denn«, sagte er, »im Handel ist der ehrlichste Jude nur der geringste Betrüger. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen eine Empfehlung an Herrn Pels in Amsterdam geben.« Dies nahm ich dankbar an. In der Hoffnung, mir beim Verkauf meiner Gotenburger Aktien behilflich sein zu können, stellte er mich dem schwedischen Gesandten vor, der mir eine Empfehlung an Herrn d'O. gab. Da ich die große Freimaurerversammlung am Johannes-Winterfest mitmachen wollte, so blieb ich bis zum Tage nach den Festen. Graf Tott, den ich im Haag traf, ein Bruder des Barons, der sein Glück im Serail verfehlte, führte mich ein. Es war mir sehr angenehm, diese Versammlung mitzumachen, zu der sich die Auslese der besten Gesellschaft von ganz Holland eingefunden hatte. Herr d'Affry stellte mich der Regentin vor, der Mutter des Statthalters, der erst zwölf Jahre alt war und den ich viel zu ernst für sein Alter fand. Die Mutter war eine sehr ehrenwerte und sehr leidende gute Frau; sie schlief beim Sprechen jeden Augenblick ein. Sie starb bald darauf, und als man die Leiche öffnete, fand man, daß sie die Gehirnwassersucht hatte, wodurch jedenfalls ihre große Schlafsucht veranlaßt worden war. Ich fand bei der hohen Dame den Grafen Philipp von Zinzendorf, der für die Kaiserin zwölf Millionen suchte, die er ohne Mühe zu fünf Prozent Zinsen fand. Im Theater saß ich neben dem türkischen Gesandten, der Herrn de Bonneval gekannt hatte. Ich glaubte, er würde sich totlachen, und das ging folgendermaßen zu: Man gab Iphigenie, das schöne Meisterwerk Racines. Mitten auf der Bühne stand die Statue der Diana. Am Ende eines Aktes ging Iphigenie mit ihren Priesterinnen hinaus, und als sie an dem Bilde der Göttin vorüberkamen, machten alle eine tiefe Verbeugung. Der Lampenputzer, ein guter holländischer Christ und vielleicht ein Spaßvogel, kam einen Augenblick darauf und machte der Bildsäule dieselbe Verbeugung. Hierüber erfreuten sich Parkett und Logen, und von allen Seiten des Theaters erscholl lautes Gelächter. Ich mußte dem Türken den Anlaß der Heiterkeit erklären, und er wurde darüber von einem solchen Lachkrampf ergriffen, daß ich glaubte, er würde platzen. Man mußte ihn fast besinnungslos, aber fortwährend lachend, hinaustragen und in seinen Gasthof schaffen. Ich gebe zu, es wäre vielleicht ein Zeichen von Dummheit gewesen, bei dem plumpen Spaß des Holländers vollkommen gleichgültig zu bleiben; aber nur ein Türke konnte darüber dermaßen lachen. Man könnte freilich mir vielleicht einwenden, daß ein großer griechischer Philosoph vor Lachen gestorben ist, als er ein zahnloses altes Weib Feigen essen sah. Hierauf würde ich antworten, daß zwischen einem Türken und einem Griechen, und besonders einem Griechen des Altertums, ein ungeheurer Unterschied ist. Wer viel lacht, ist glücklicher als einer, der gar nicht lacht; denn das Lachen erschüttert das Zwerchfell und wirkt günstig auf das Blut; aber ein jedes Ding will seine Zeit und alles muß mit Maß und Ziel geschehen. Ich fuhr in einem zweiräderigen Postwagen mit meinem Bedienten nach Amsterdam. Zwei Meilen vor der Stadt begegneten wir einem vierräderigen Wagen, der wie der meinige mit zwei Pferden bespannt war, und worin ein schöner junger Mann mit seinem Bedienten saß. Der Kutscher dieses Wagens rief dem meinigen zu, er solle ausweichen; mein Kutscher aber erwiderte, er könne dies nicht tun, weil er Gefahr laufe, mich in den Graben zu werfen. Der andere bestand jedoch auf seinem Verlangen. Ich wandte mich an den Herrn und bat ihn, seinem Kutscher zu befehlen, daß er mir ausweiche. »Ich fahre mit der Post, mein Herr; außerdem bin ich ein Fremder.« »Mein Herr,« erwiderte jener, »wir in Holland erkennen kein Postrecht an, und wenn Sie Fremder sind, so müssen Sie doch zugeben daß Sie weniger Rechte haben als ich, da ich mich in meinem Lande befinde.« Das Blut schoß mir ins Gesicht; ich öffnete mit der einen Hand den Wagenschlag, während ich mit der anderen den Degen ergriff, sprang in den knietiefen Schnee, zog blank und forderte den sonderbaren Holländer auf, mir Platz zu machen oder sich zu verteidigen. Er war ruhiger als ich und antwortete mir lächelnd, wegen einer so lächerlichen Ursache schlage er sich nicht; ich könne wieder einsteigen, er werde mir Platz machen. Der sichere, aber freundliche Ton des jungen Mannes hatte etwas an sich, was meine Teilnahme erregte. Ich stieg wieder in meinen Wagen und kam mit Einbruch der Nacht in Amsterdam an, wo ich im »Morgenstern«, einem ausgezeichneten Gasthofe, abstieg. Am nächsten Morgen ging ich auf die Börse, wo ich Herrn Pels fand, der mir sagte, er wolle sich meinen Vorschlag überlegen. In demselben Augenblick kam Herr d'O. dazu, der mich mit einem Kaufmann aus Gotenburg bekannt machte. Dieser erbot sich, mir meine sechzehn Obligationen mit zwölf Prozent Zinsen zu diskontieren; Herr Pels sagte mir jedoch, ich möchte warten, und versprach mir, mir fünfzehn zu verschaffen. Er lud mich zum Essen ein, und als er sah, daß ich seinen Kapwein ausgezeichnet fand, sagte er mir lachend, er mache ihn selber, indem er Bordeauxwein mit Malaga mische. Da Herr d'O. mich für den nächsten Tag eingeladen hatte, begab ich mich zu ihm und fand ihn mit seiner Tochter Esther, einem jungen Mädchen von vierzehn Jahren, die für ihr Alter sehr reif entwickelt und eine vollkommene Schönheit war, abgesehen von ihren Zähnen, welche unregelmäßig standen. Herr d'O. war Witwer und hatte nur diese Tochter, so daß Esther die Erbin eines ungeheuren Vermögens war. Ihr Vater, ein ausgezeichneter und sehr liebenswürdiger Mann, liebte sie abgöttisch, und sie verdiente es. Esther hatte eine sehr weiße, leicht gerötete Haut, ebenholzschwarzes Haar und die schönsten Augen, die man sich denken kann. Sie bezauberte mich. Ihr Vater hatte ihr eine glänzende Erziehung geben lassen; sie sprach tadellos französisch, spielte ausgezeichnet Klavier und las leidenschaftlich gern. Nach dem Essen zeigte Herr d'O. mir den unbewohnten Teil seines Hauses; denn seit dem Tode seiner immer noch geliebten Frau bewohnte er nur das sehr bequem eingerichtete Erdgeschoß. Er zeigte mir mehrere Zimmer, wo er einen wahren Schatz von altem Porzellan verwahrte. Wände und Fensterrahmen waren mit Marmortafeln verkleidet, jedes Zimmer von verschiedener Farbe, und die Fußböden, die mit herrlichen Perser Teppichen bedeckt waren, bestanden aus Mosaik. Der sehr große Speisesaal war ganz mit Alabaster bekleidet; die Tische und Kredenzschränke waren von Zedernholz. Das ganze Haus glich einem Marmorblock; denn das Äußere war ebenso wie das Innere damit bekleidet; es mußte ungeheure Summen gekostet haben. Am Sonnabend standen ein halbes Dutzend Mägde auf Leitern und wuschen die prachtvollen Mauern. Da diese Mädchen große Reifröcke trugen, mußten sie Hosen anziehen, denn sonst würden sich die neugierigen Vorübergehenden zu sehr für sie interessiert haben. Nachdem wir das Haus besichtigt hatten, gingen wir hinunter, und Herr d'O. ließ mich in dem Vorzimmer, wo er sonst mit seinen Schreibern arbeitete, mit Esther allein; an jenem Tage war niemand anwesend, weil Neujahrstag war. Nachdem sie mir eine Sonate auf dem Klavier vorgespielt hatte, fragte Fräulein d'O. mich, ob ich ins Konzert gehen würde. Ich antwortete ihr: da ich das Glück habe, bei ihr zu weilen, so könne das Konzert mich nicht anziehen. »Aber Sie, mein Fräulein, gedenken Sie hinzugehen?« »Ich würde es sehr gern besuchen, aber ich kann nicht allein gehen.« »Wenn ich es wagen dürfte, Ihnen meine Begleitung anzubieten ...aber ich darf ja nicht hoffen, daß Sie dies annehmen würden.« »Sie würden mir das größte Vergnügen machen. Und wenn Sie meinen Vater um Erlaubnis bäten, so bin ich fest überzeugt, er würde sie Ihnen nicht abschlagen.« »Sind Sie dessen gewiß?« »Vollkommen; denn da er Sie kennt, würde ein abschlägiger Bescheid eine Unhöflichkeit sein, und einer solchen ist mein Vater nicht fähig. Aber ich sehe. Sie kennen unsere Landessitten nicht.« »Das muß ich zugeben.« »Die jungen Mädchen genießen hier einer großen Freiheit; sie verlieren diese erst mit ihrer Verheiratung, Kommen Sie mit, Sie werden sehen.« Mir war unbehaglich zu Mute. Indessen eilte ich sofort zu Herrn d'O. und trug ihm mein Anliegen vor, wobei ich innerlich vor Furcht zitterte, er könnte es mir abschlagen. »Haben Sie einen Wagen?« »Jawohl.« »So brauche ich also nicht anspannen zu lassen, Esther!« »Lieber Vater!« »Zieh dich an, liebes Kind. Herr Casanova will die Freundlichkeit haben, dich ins Konzert zu führen.« »Das ist sehr liebenswürdig. Ich danke Ihnen, mein guter Papa.« Sie umarmte ihn und eilte hinaus, um sich umzukleiden. Nach einer Stunde erschien sie wieder, schön wie die Freude, die sich in allen ihren Zügen aussprach. Ich hätte sie gerne ein wenig gepudert gesehen; aber Esther war stolz auf das Ebenholzschwarz ihrer herrlichen Haare, die die Weiße ihrer Haut wundervoll zur Geltung brachten. Hauptsächlich um den Männern zu gefallen, legen die Frauen Wert auf eine sorgfältige Toilette; aber wie schlecht wissen die Männer im allgemeinen die Wirkung eines schönen Kleides zu beurteilen, im Vergleich zu dem angeborenen Geschmack der meisten Frauen! Ein Spitzentuch von höchster Schönheit verschleierte einen Alabasterbusen, bei dessen Anblick mir das Herz klopfte. Wir gingen hinunter; ich reichte ihr die Hand, um ihr beim Einsteigen in den Wagen zu helfen, und blieb stehen, weil ich glaubte, eine Kammerzofe oder Anstandsdame werde ihr folgen; als ich aber niemanden sah, stieg ich ebenfalls ein, und nachdem der Bediente den Wagenschlag geschlossen hatte, fuhren wir ab. Ich war ganz starr! Ein solcher Schatz allein mit mir! Ich war kaum imstande, einen Gedanken zu fassen. Ich fragte mich, ob ich mich erinnern solle, daß ich ein ausgemachter Wüstling sei, oder ob die Ehre von mir verlange, dies zu vergessen. Esther sagte mir fröhlich, wir würden eine Italienerin hören, die eine köstliche Stimme hätte; und als sie meine Einsilbigkeit bemerkte, fragte sie mich nach der Ursache. Ich wußte nicht, was ich ihr sagen sollte, und machte Ausflüchte; schließlich aber sagte ich ihr, sie erschiene mir als ein Schatz, dessen Hüter zu sein ich mich nicht würdig fühlte. »Ich weiß, daß man sonst überall ein junges Mädchen nicht allein mit einem jungen Mann ausgehen läßt; aber hier in Holland lehrt man uns tugendhaft zu sein und uns selber zu beschützen.« »Glücklich der Sterbliche, dem die Sorge für Ihr Glück zufallen wird! Und dreimal glücklich, wenn Sie Ihre Wahl schon getroffen haben!« »Nicht an mir ist es, diese Wahl zu treffen; dies geht meinem Vater an.« »Und wenn der, den er für Sie auswählt. Ihnen nicht gefällt, oder wenn Sie einen anderen lieben?« »Es ist nicht erlaubt, einen Mann zu lieben, bevor man weiß, ob er der bestimmte Gatte sein wird.« »Sie lieben also niemanden?« »Nein, ich habe noch nicht das Bedürfnis gefühlt.« »Ich kann Ihnen also die Hand küssen.« »Warum nur die Hand?« Sie zog ihre Hand zurück und bot mir ihre köstlichen Lippen. Ich erhielt einen Kuß, den sie mir in aller Bescheidenheit gab, der mir aber ins Herz drang. Meine Freude wurde allerdings ein wenig herabgestimmt, als sie mir sagte, sie würde auf meinen Wunsch dasselbe in Gegenwart ihres Vaters tun. Im Konzertsaal fand Esther eine Menge junger Freundinnen, lauter Töchter reicher Kaufleute, die einen hübsch, die anderen häßlich, alle aber neugierig zu erfahren, wer ich sei. Die schöne Esther, die weiter nichts als meinen Namen wußte, konnte keine befriedigende Antwort geben. Plötzlich bemerkte sie in einiger Entfernung ein blondes junges Mädchen; sie machte mich auf sie aufmerksam und fragte mich, wie ich sie fände. Natürlich antwortete ich ihr, ich möchte die Blonden nicht. »Trotzdem will ich Sie ihr vorstellen, denn möglicherweise ist sie Ihre Verwandte. Sie heißt wie Sie; der Herr dort ist ihr Vater. – »Herr Casanova,« sagte sie zu einem Herrn, »ich stelle Ihnen Herrn Casanova, einen Freund meines Vaters, vor.« »Ist es möglich? Mein Herr, ich möchte wohl, Sie wären der meinige, denn wir sind vielleicht Verwandte. Ich stamme aus der neapolitanischen Familie.« »Dann sind wir also Verwandte, obgleich nur entfernte; denn mein Vater war aus Parma. Haben Sie Ihren Stammbaum?« »Ich werde ihn wohl haben; aber ich lege offen gestanden keinen besonderen Wert darauf. Die Münze törichten Geburtsstolzes hat in einer Kaufmannsrepublik keinen hohen Kurs.« »Für vernünftige Leute ist es allerdings etwas sehr Nichtiges; aber trotzdem können wir uns wohl eine Viertelstunde unterhalten, nicht um damit zu prunken, sondern um nachher darüber zu lachen.« »Nun gewiß, gern!« »Ich werde die Ehre haben. Ihnen morgen einen Besuch zu machen, und werde Ihnen meine Ahnenreihe mitbringen. Würde es Ihnen unlieb sein, darin die Wurzel Ihres Stammbaumes zu finden?« »Im Gegenteil, es würde mir Vergnügen machen. Ich werde selber die Ehre haben, morgen bei Ihnen vorzusprechen. Dürfte ich Sie fragen, ob Sie zu Hause ein Geschäft haben?« »Nein, ich bin bei den Finanzen angestellt und diene der französischen Regierung. Ich bin an Herrn Pels empfohlen.« Herr Casanova winkte nun seiner Tochter und stellte sie mir vor. Sie war eng befreundet mit meiner reizenden Esther; ich setzte mich zwischen die beiden, und das Konzert begann. Nach einer schönen Symphonie, einem Violin- und einem Oboen-Konzert erschien die viel gerühmte Italienerin, die man Madame Trenti nannte. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich Teresa Imer erkannte, die Frau des Tänzers Pompeati, deren der Leser sich wohl noch erinnert. Ich hatte sie vor achtzehn Jahren kennen gelernt, und damals hatte der alte Senator Malipiero mir Stockschläge gegeben, weil wir kindliche Spiele miteinander getrieben hatten. Im Jahre 1753 hatte ich sie in Venedig wiedergesehen, und damals hatten wir uns ein bißchen ernsthafter belustigt. Sie war dann nach Bayreuth gereist, wo sie die Maitresse des Markgrafen war. Ich hatte ihr versprochen, sie zu besuchen, aber C. C. und meine schöne Nonne M. M. hatten mir weder Zeit noch Lust dazu gelassen. Da ich bald nachher unter die Bleidächer kam, so hatte ich an andere Sachen zu denken gehabt, als an mein Versprechen. Ich wußte mich zu beherrschen und ließ mir meine Überraschung nicht merken. Sie sang mit einer Engelsstimme eine Arie, die mit den Worten begann: Ecoti giunta alfiu, donna infelice! So bist du endlich da, unseliges Weib! – Worte, die eigens für die Gelegenheit gemacht zu sein schienen. Der Beifall wollte nicht enden. Esther erzählte mir, man wisse nicht, wer sie sei, aber man behaupte, sie habe eine berühmte Vergangenheit und befinde sich in sehr schlechten Umständen. »Sie bereist die holländischen Städte, singt in allen öffentlichen Konzerten und bekommt weiter nichts, als was die Zuhörer ihr auf den Teller legen, mit welchem sie zwischen den Sitzreihen herumgeht.« »Findet sie ihre Einnahme leidlich?« »Das bezweifle ich, denn alle haben schon das Eintrittsgeld bezahlt. Wenn sie dreißig oder vierzig Gulden einnimmt, so ist es viel, übermorgen wird sie im Haag sein, den Tag darauf in Rotterdam, darauf kehrt sie wieder hierher zurück. Seit mehr als sechs Monaten führt sie dieses Leben, und man hört sie stets wieder mit Vergnügen.« »Hat sie einen Liebhaber?« »Man behauptet, sie habe junge Leute in allen drei Städten; aber diese Geliebten bereichern sie nicht, sondern machen sie arm. Sie geht stets in schwarz, nicht nur weil sie Witwe ist, sondern auch wegen eines großen Kummers, den sie nach ihrer Behauptung gehabt hat. Sie werden sie bald durch die Reihen gehen sehen.« Ich zog meine Börse und zählte in meinem Muff zwölf Dukaten ab, die ich in Papier wickelte. Dabei klopfte mir das Herz auf eine Weise, die lächerlich war; denn ich sah keinen Anlaß zu irgend welcher Aufregung. Als Teresa an der Reihe vor der unserigen vorüberkam, heftete ich einen Augenblick meine Blicke auf sie und bemerkte, daß sie mich überrascht ansah. Ich wandte unauffällig den Kopf ab, um etwas zu Esther zu sagen. Als sie vor mir stand, legte ich ohne sie anzusehen mein Goldröllchen auf ihren Teller, und sie ging vorüber. Ein kleines Mädchen von vier bis fünf Jahren folgte ihr und kam, als sie am Ende der Reihe waren, zurück, um mir die Hand zu küssen. Ich konnte nicht verkennen, daß es mein Ebenbild war; aber ich verbarg das Gefühl, das ich empfand. Die Kleine stand unbeweglich vor mir und sah mich fest an. Ich war beinahe in Verlegenheit und fragte sie: »Willst du Zuckerplätzchen, mein schönes Kind?« Mit diesen Worten gab ich ihr meine Bonbonniere, die ich gerne hätte in Gold verwandeln mögen. Die Kleine nahm sie mit anmutigem Lächeln, machte mir einen Knix und ging. »Wissen Sie auch, Herr Casanova,« sagte Esther lächelnd zu mir, »daß dieses Kind Ihnen ähnelt, wie ein Tropfen Wasser dem anderen?« »Das ist wahr,« sagte nun auch Fräulein Casanova, »die Ähnlichkeit ist auffallend.« »Der Zufall bringt oft ohne jeden Grund Ähnlichkeiten hervor.« »Das ist möglich,« sagte Esther boshaft; »aber Sie erkennen doch die Tatsache als richtig an?« »Ich bin selber überrascht gewesen, obgleich ich über die Ähnlichkeit nicht so gut urteilen kann wie Sie.« Nach dem Konzert übergab ich Herrn d'O., der sich ebenfalls eingefunden hatte, seine Tochter und ging in meinen Gasthof. Ich wollte vor dem Schlafengehen noch eine Schüssel Austern essen, als plötzlich Teresa, ihre Kleine an der Hand haltend, vor mir stand. Obgleich ich ihren Besuch nicht am selben Abend erwartet hatte, war ich doch nicht überrascht, sie zu sehen. Natürlich stand ich auf, um sie willkommen zu heißen und zu umarmen, als sie plötzlich ohnmächtig auf ein Sofa sank. Ihre Ohnmacht konnte echt sein; jedenfalls tat ich, was die Umstände erheischten: ich brachte sie wieder zum Bewußtsein, indem ich sie mit frischem Wasser bespritzte und sie an Lucienwasser riechen ließ. Als sie wieder zu sich gekommen war, sah sie mich an, ohne ein Wort zu sprechen. Ihr Schweigen wurde mir unangenehm, und ich fragte sie, ob sie zu Nacht speisen wolle. Sie bejahte, ich klingelte und bestellte drei Gedecke und ein gutes Abendessen. Wir saßen bis sieben Uhr morgens bei Tische und erzählten uns unsere Glücks- und Unglücksfälle. Sie kannte meine letzten Abenteuer zum größten Teil; ich wußte von den ihrigen gar nichts, und sie brauchte fünf oder sechs Stunden, um sie mir zu erzählen. Sophie, so hieß die Kleine, schlief bis zum Morgen fest in meinem Bette; ihre Mutter sparte den besten Bissen ihrer langen Geschichte bis zum Schluß auf: sie sagte mir, Sophie sei meine Tochter, und zeigte mir ihren Taufschein. Die Geburt des Kindes stimmte mit der Zeit, zu der ich mit Teresa Umgang gehabt hatte, und die vollkommene Ähnlichkeit konnte mir kaum einen Zweifel lassen. Ich machte daher durchaus keine Schwierigkeiten, sondern sagte der Mutter, ich sei überzeugt, daß Sophie mir ihr Leben verdanke; und da ich mich in der Lage befinde, ihr eine gute Erziehung geben zu lassen, so sei ich bereit, dafür zu sorgen und Vaterstelle bei ihr zu vertreten. »Sie ist für mich ein zu kostbares Kleinod; ich müßte sterben, wenn ich mich von ihr trennen sollte.« »Aber wenn ich mich der Kleinen annehme, sichere ich ihr ein glückliches Los.« »Mein Sohn ist zwölf Jahre alt, lieber Freund; ich bin nicht in der Lage, ihm eine gute Erziehung zu geben; sorgen Sie für ihn anstatt für Sophie.« »Wo ist er?« »Er ist in Pension, oder vielmehr als Pfand in Rotterdam.« »Wieso als Pfand?« »Ja; denn man will ihn mir nicht herausgeben, wenn ich nicht dem, der ihn zu sich genommen hat, meine ganze Schuld bezahle.« »Wieviel sind Sie schuldig?« »Achtzig Gulden. Sie haben mir zweiundsiebzig gegeben; geben Sie mir noch vier Dukaten, so gehört mein Sohn Ihnen, und ich werde die glücklichste Mutter. Ich werde Ihnen meinen Sohn nächste Woche im Haag übergeben, wohin Sie ja kommen.« »Gut, meine teure Teresa; und hier haben Sie zwanzig Dukaten statt vier.« »Wir werden uns im Haag wiedersehen.« Ihre Dankbarkeit hatte keine Grenzen, aber ich empfand für sie nur Teilnahme und Mitleid, und meine Sinne blieben trotz ihren lebhaften Umarmungen kalt. Als sie sah, daß ihre leidenschaftlichen Ergüsse an mir verloren waren, seufzte sie, vergoß Tränen, nahm ihre Tochter und verließ mich mit einem Lebewohl, worin Zärtlichkeit und Verdruß sich mischten. Nachdem sie noch einmal wiederholt hatte, daß sie mir bestimmt ihren Sohn im Haag übergeben würde, entfernte sie sich. Teresa war zwei Jahre älter als ich; sie war noch hübsch, sogar schön; sie war blond, voller Geist und Talent; aber ihre Reize besaßen nicht mehr die erste Frische, und da ich für sie niemals etwas anderes empfunden hatte, als ein vorübergehendes Begehren, so war es nicht zu verwundern, daß sie keine Macht mehr über mich hatte. Ihre Erlebnisse während der sechs Jahre, seitdem ich sie zuletzt gesehen hatte, würden sicherlich meine Leser interessieren und würden eine meiner eigenen Geschichte würdige Episode bilden; ich würde sie gerne niederschreiben, wenn ich sicher wäre, mich der Umstände genau zu erinnern; aber da ich keinen Roman schreibe, so will ich, daß meine Schriften nur Wahres enthalten. Von dem verliebten und eifersüchtigen Markgrafen der Untreue überführt, war sie von ihm fortgeschickt worden. Sie hatte sich von ihrem Gatten Pompeati getrennt und war mit ihrem neuen Liebhaber nach Brüssel gegangen. Dort hatte Prinz Karl von Lothringen eine vorübergehende Laune für sie empfunden; durch ihn hatte sie ein eigentümliches Privilegium erhalten: er verschaffte ihr nämlich die Direktion aller Theater in den österreichischen Niederlanden. Dies war ein riesiges Unternehmen, das ihr ungeheure Kosten verursachte, so daß sie allmählich alle ihre Diamanten und Spitzen verkaufte und schließlich gezwungen war, nach Holland zu flüchten, um nicht ins Gefängnis zu kommen. Ihr Mann hatte sich in Wien in einem Wutanfalle infolge von Schmerzen in seinen Eingeweiden auf eine schreckliche Art das Leben genommen; er hatte sich mit einem Rasiermesser den Bauch aufgeschlitzt und sich selber die Eingeweide herausgerissen. Die Geschäfte, die ich hatte, gestatteten mir nicht, mich zu Bett zu legen. Herr Casanova machte mir einen Besuch und lud mich zum Mittagessen ein; er bat mich, ihn auf der Börse abzuholen. Dieses ist für einen Fremden wirklich ein wunderbarer Ort. Es gibt dort viele Millionäre, die wie Knoten aussehen. Jemand, der nur hunderttausend Gulden besitzt, ist so arm, daß er nicht für eigene Rechnung Geschäfte zu machen wagt. Ich fand auf der Börse Herrn d'O., der mich für den nächsten Tag zum Mittagessen nach seinem Lusthäuschen an der Amstel einlud. Herr Casanova bewirtete mich fürstlich. Nachdem er meinen Stammbaum gelesen hatte, der mir in Neapel so große Vorteile verschaffte, holte er den seinigen, der sich als genau gleich erwies; aber er machte sich nichts daraus und lachte nur darüber, ganz im Gegensatz zu Don Antonio in Neapel, der so hohen Wert darauf legte, und mir dies in so freundschaftlicher Weise bewies. Indessen bot mir auch Herr Casanova seine Dienste an und bat mich, in allen Fragen, die den Handel beträfen, mich um Auskunft an ihn zu wenden, wenn ich es nötig haben sollte. Seine Tochter erschien mir hübsch, und sie war es in der Tat; aber weder die Reize ihrer Person noch die ihres Geistes machten Eindruck auf mich. Mich beschäftigte nur Esther, und ich sprach beim Essen so viel von ihr, daß ich meine Kusine zu der Bemerkung veranlaßte, sie sei nicht hübsch. O Weiber! was ihr durchaus nicht verzeiht, ist die Schönheit. Eine Frau, welche weiß, daß sie hübsch ist, triumphiert, wenn sie einen Mann zum Schweigen bringen kann, der ihr eine andere rühmt, die nach ihrer Meinung sich mit ihr nicht vergleichen läßt. Fräulein Casanova war Esthers Freundin; trotzdem konnte sie nicht vertragen, daß ich ihre Vollkommenheiten pries. Nach dem Essen suchte ich wieder Herrn d'O. auf; er sagte mir, wenn ich ihm meine Obligationen mit fünfzehn Prozent geben wollte, würde er sie nehmen; ich würde dadurch die Kosten für Makler und Notar ersparen, und er würde einen günstigen Augenblick abwarten, um die Papiere wieder loszuschlagen. Da ich das Angebot vorteilhaft fand, schloß ich sofort ab; ich verkaufte ihm die Papiere unter Privatsiegel und nahm einen Wechsel an seine Ordre auf Tourton \& Baur. Nach dem Hamburger Wechselkurs erhielt ich zweiundsiebzigtausend Franken, während ich für die Obligationen mit den fünfzehn Prozent nur neunundsechzigtausend erwartet hatte. Dieser Extragewinn machte mir die größte Ehre bei Frau von Urfé, die vielleicht eine so große Uneigennützigkeit von meiner Seite nicht erwartet hatte. Am Abend fuhr ich mit Herrn Pels in einem Segelschlitten nach Zaandam. Ich fand diese Fahrt seltsam, aber wirklich köstlich. Der Wind war ziemlich stark und wir hatten fünfzehn englische Meilen in der Stunde machen können. Die Bewegung scheint so schnell wie die eines Pfeiles, der die Luft durchschneidet. Man kann sich kein bequemeres, solideres und gefahrloseres Fahrzeug denken. Niemand würde etwas dagegen haben, in einem solchen Segelschiff auf einem vollkommen glatten Eismeer eine Fahrt um die ganze Erde zu machen. Allerdings muß man den Wind von hinten haben, denn gegen den Wind oder mit Seitenwind kann man nicht segeln, da kein Steuerruder vorhanden ist. Ein großes Vergnügen und zugleich eine wirkliche Überraschung bereitete mir die Genauigkeit, womit die beiden Matrosen das Segel gerade im richtigen Augenblicke einzogen; denn der Schlitten lief noch eine weite Strecke fort und blieb genau am Ufer stehen. Hätte man das Segel eine Minute später heruntergelassen, so hätte der Schlitten am Ufer zerschellen können, so groß ist die Schnelligkeit der Bewegung. Wir aßen ausgezeichnete Barsche. Leider verhinderte der allzuheftige Wind uns, einen Spaziergang zu machen. Ich kam noch ein zweites Mal nach Zaandam; aber da dieser Ort allgemein bekannt ist als Zufluchtsstätte der holländischen Kaufleute, die, wenn sie Millionäre geworden sind, sich des Lebens auf ihre Art freuen wollen, so brauche ich nicht davon zu sprechen. Die Rückfahrt machten wir in einem schönen zweispännigen Schlitten, der Herrn Pels gehörte. Er behielt mich zum Abendessen bei sich, und ich verließ ihn erst um Mitternacht. Dieser Ehrenmann, dem Aufrichtigkeit und Freimut auf der Stirn geschrieben standen, sagte zu mir: da ich sein Freund und der des Herrn von O. geworden sei, so solle ich mich nicht der Gefahr aussetzen, mit meinem großen Geschäft in die Hände der Juden zu fallen, sondern solle mich rückhaltslos an sie beide wenden. Diese Mitteilung war mir angenehm; sie ebnete viele Schwierigkeiten für einen Neuling auf dem Gebiete der Finanzen. Man wird später sehen, welche Folgen daraus entstanden. Am nächsten Morgen ging ich schon in der Frühe bei dichtem Schneegestöber zum Herrn von O. und fand Esther in einer entzückenden Stimmung. Sie empfing mich sehr gut und zog mich in Gegenwart ihres Vaters damit auf, daß ich die ganze Nacht mit Madame Trenti verbracht hätte. Vielleicht hätte dies mich ein bißchen verlegen gemacht; aber ihr Vater sagte ihr, es sei nichts dabei, worüber man sich zu schämen hätte; denn nichts hindere einen Ehrenmann, das Talent zu lieben. Hierauf wandte er sich an mich: »Sagen Sie mir, bitte, Herr Casanova, wer ist diese Frau?« »Sie ist eine Venetianerin, deren Mann sich vor kurzer Zeit das Leben genommen hat; wir kannten uns schon als Kinder, aber seit sechs Jahren hatte ich sie nicht mehr gesehen.« »Sie sind gewiß angenehm überrascht gewesen, als Sie so unvermutet Ihre Tochter sahen?« fragte Esther mich. »Warum soll denn dies Kind meine Tochter sein? Madame Trenti hatte damals ihren Mann.« »O! die Ähnlichkeit ist zu auffallend! Außerdem sind Sie ja gestern Abend bei Herrn Pels eingeschlafen.« »Mein Einschlafen war sehr natürlich; denn ich hatte eine schlaflose Nacht verbracht.« »Ich beneide jeden, der sich einen süßen Schlaf zu verschaffen weiß; denn seit längerer Zeit wird ein solcher mir erst zu teil, nachdem ich stundenlang vergeblich auf ihn gewartet habe; und auch dann ist er mir nicht willkommen, denn beim Erwachen finde ich meinen Geist nicht freier, sondern fühle mich betäubt und von der Unlust bedrückt, die eine Folge der Ermüdung ist.« »Versuchen Sie einmal, Fräulein, sich eine Nacht hindurch die lange Geschichte von jemand, der Sie interessiert, und zwar aus seinem eigenen Munde, erzählen zu lassen, und ich verspreche Ihnen, Sie werden die nächste Nacht mit Vergnügen einschlafen.« »Dieser Jemand existiert nicht.« »Ja, weil Sie erst vierzehn Lenze zählen; später wird dieser Jemand vorhanden sein.« »Vielleicht; aber jetzt, glaube ich, brauche ich Bücher und den Beistand von jemand, der meine Wahl leiten könnte.« »Dies wäre nicht schwierig für jemand, der Ihren Geschmack kennt.« »Ich liebe Geschichte und Reiseschilderungen; aber wenn ein Buch mir gefallen soll, so muß ich sicher sein, daß keine Fabelei darin ist; denn beim geringsten Zweifel in dieser Hinsicht werfe ich das Buch fort.« »Nun, so glaube ich, Ihnen meine Dienste anbieten zu können; und wenn Sie diese freundlich annehmen wollen, so hoffe ich, Ihren Geschmack zu treffen.« »Ich nehme Ihr Anerbieten an; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich es niemals verzeihe, wenn man mir nicht Wort hält.« »So etwas brauchen Sie nicht zu befürchten; ich werde Ihnen vor meiner Rückkehr nach dem Haag bewiesen haben, daß ich halte, was ich verspreche.« Sie machte noch einige Scherze über das Vergnügen, das mir im Haag bevorstände, wo ich Madame Trenti wiedersehen würde. Ihre Offenheit und Fröhlichkeit und ihre außerordentliche Schönheit entflammten mich, und Herr d'O. lachte herzlich über den Krieg, den seine reizende Tochter gegen mich führte. Um elf Uhr bestiegen wir einen sehr bequemen und eleganten Schlitten und fuhren nach dem Lusthäuschen. Sie sagte mir, ich würde dort Fräulein Casanova mit ihrem Bräutigam finden. »Nichts,« erwiderte ich ihr, »kann mich so sehr interessieren wie Sie.« – Sie antwortete mir nicht, aber ich konnte leicht merken, daß meine Versicherung ihr angenehm war. Das Brautpaar kam uns trotz dem Schnee auf der Straße entgegen. Wir stiegen aus, legten unsere Pelze ab und betraten einen Salon. Ich sah den Bräutigam an; dieser musterte mich einen Augenblick und sagte dann Fräulein Casanova etwas ins Ohr. Diese lächelte und flüsterte Esther etwas zu. Esther aber ging zu ihrem Vater und sagte leise etwas zu ihm. Plötzlich lachten alle. Ich war überzeugt, daß es sich um mich handelte; aber ich spielte den Gleichgültigen, ich durfte mich durch ihr Lachen nicht verlegen machen lassen, und die Höflichkeit verlangte von mir, sie anzureden. »Man kann sich auch irren,« sagte Herr d'O.; »es ist sogar notwendig, die Sache aufzuklären. – Herr Casanova, ist Ihnen auf Ihrer Reise vom Haag nach Amsterdam nicht etwas Merkwürdiges begegnet?« Bei diesen Worten werfe ich meinen Blick auf den Bräutigam und errate, worum es sich handelt. »Nichts Merkwürdiges weiter als ein Zusammentreffen mit einem netten Herrn, der gerne mein Wägelchen im Graben sehen wollte, und den ich jetzt hier zu sehen glaube.« Bei diesen Worten verdoppelte sich das Lachen, und wir umarmten uns; nachdem er aber unser Zusammentreffen getreulich geschildert hatte, nahm seine Geliebte eine etwas zornige Miene an und sagte ihm, er hätte sich schlagen müssen. Esther war vernünftiger als sie und sagte, ihr Freund habe mehr Tapferkeit bewiesen, indem er Vernunft angenommen habe. Herr d'O. trat mit aller Entschiedenheit der Meinung seiner Tochter bei; die kriegerische Geliebte aber brüstete sich mit allerlei romantischen Ideen und fing an, mit ihrem Bräutigam zu schmollen. Infolgedessen eröffnete ich einen Krieg gegen sie, an welchem Esther viel Vergnügen fand. Um die frohe Stimmung wieder herzustellen, rief die reizende Esther lustig: »Vorwärts, hinaus! Legen wir unsere Schlittschuhe an und schnell hinaus auf die Amstel; denn ich fürchte, das Eis wird schmelzen.« Ich schämte mich, sie zu bitten, sie mögen mir dies erlassen, obwohl ich es sehr gerne getan hätte; aber was vermag nicht die Liebe! Herr d'O. verließ uns. Der Bräutigam des Fräulein Casanova schnallte mir Schlittschuhe an. Die Damen trugen kurze Röcke und zum Schutz gegen gewisse Unfälle schwarze Samthosen. Wir gingen nach dem Fluß hinunter, und da ich ein völliger Neuling war, so kann der Leser sich wohl vorstellen, welche Figur ich spielte. Da ich trotz meiner Ungeschicklichkeit durchaus weiter laufen wollte, so fiel ich zwanzigmal auf den Rücken und war in Gefahr, mir das Kreuz zu brechen. Ich hätte es aufgeben sollen; aber davon hielt die Scham mich ab, und ich hörte erst auf, als man zu meiner großen Freude uns zum Essen rief. Ich mußte das Vergnügen teuer bezahlen; denn als wir vom Tisch aufstehen wollten, war ich wie gelähmt an allen Gliedern. Esther bedauerte mich und sagte mir, sie würde mich wieder heilen. Sie lachten sehr, und ich ließ sie lachen, denn ich merkte, daß die ganze Schlittschuhpartie nur unternommen worden war, um auf meine Kosten zu lachen. Ich wollte Esther in mich verliebt machen, und deshalb spielte ich den Liebenswürdigen; denn ich war überzeugt, daß meine Gefälligkeit mich sicher zum Ziel führen würde. Den Nachmittag verbrachte ich mit Herrn d'O., während die jungen Leute bis zum Dunkelwerden allein auf der Amstel Schlittschuh liefen. Wir sprachen von meinen zwanzig Millionen, und ich erfuhr, daß ich sie nur bei einer Gesellschaft von Kaufleuten würde diskontieren können, die mir dafür andere Papiere in Tausch geben würden, und daß ich selbst bei dieser Operation gewärtig sein müßte, starke Verluste zu erleiden. Als ich ihm sagte, ich würde das Geschäft gerne mit der Indischen Kompagnie von Gotenburg abschließen, sagte er mir, er wolle mit einem Makler darüber sprechen und Herr Pels könne mir dabei sehr nützlich sein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, glaubte ich dem Tode nahe zu sein. Ich litt ein wahres Martyrium. Es kam mir vor, wie wenn der untere Teil des Rückgrates, das sogenannte Os sacurum , in Stücke zerbrochen sei, obwohl ich beinahe einen ganzen Topf Pomade, welche Esther mir zu dem Zweck gegeben hatte, zu Einreibungen verbraucht hatte. Trotz meinen Schmerzen hatte ich jedoch nicht das Versprechen vergessen, das ich ihr gegeben hatte. Ich ließ mich zu einem Buchhändler tragen und kaufte alle Bücher, von denen ich glaubte, daß sie sie unterhalten könnten. Ich schickte sie ihr, mit der Bitte, mir diejenigen, die sie vielleicht schon gelesen hätte, wieder zurückzusenden. Sie tat dies sofort und ließ mir mit vielem Dank sagen: wenn ich ein schönes Geschenk haben wolle, möchte ich sie vor meiner Abreise noch einmal besuchen, um sie zu umarmen. Es wäre unnatürlich gewesen, einer solchen Einladung nicht zu folgen. Ich besuchte sie daher in aller Frühe und ließ meine Postkutsche vor ihrer Tür warten. Ihre Gouvernante führte mich an ihr Bett, worin sie lachend und schön wie eine Venus lag. »Ich bin überzeugt,« sagte sie zu mir, »Sie wären nicht gekommen, wenn ich Ihnen nicht hätte sagen lassen, Sie möchten mich umarmen.« Kaum hatte sie dies gesagt, so preßte ich meine Lippen auf ihren Mund, auf ihre Augen und auf alle Züge ihres schönen Gesichtes. Als sie sah, daß während dieses süßen Liebesspiels meine Blicke auf ihren Busen fielen, erriet sie, daß ich den Versuch machen würde, mich desselben zu bemächtigen. Sofort hörte sie auf zu lachen, setzte sich zur Wehre und sagte boshaft zu mir: »Gehen Sie doch! Gehen Sie nach dem Haag und amüsieren Sie sich mit der schönen Trenti, die ein so hübsches Pfand Ihrer Zärtlichkeit besitzt.« »Teure Esther, ich reise nach dem Haag nur, um mit dem Gesandten über Geschäfte zu sprechen; spätestens in sechs Tagen werden Sie mich wiedersehen, und dann wird es mein einziges Bestreben sein, Ihnen meine Liebe zu beweisen und Ihnen zu gefallen.« »Ich rechne auf Ihr Wort; täuschen Sie mich nicht!« Sie reichte mir ihren Mund und gab mir einen so feurigen und süßen Abschiedskuß, daß ich mit der Gewißheit abreiste, ich würde nach meiner Rückkehr glücklich sein. Am Abend kam ich um die Stunde des Essens bei Boas an. Siebentes Kapitel Mein Glück in Holland. – Ich kehre mit dem jungen Pompeati nach Paris zurück. Unter den Briefen, die ich auf der Post fand, war auch einer vom Generalkontrolleur, der mir schrieb, Herr d'Affry habe für zwanzig Millionen königliche Wertpapiere in Händen und werde sie mit einem Verlust von höchstens acht Prozent hergeben. In einem zweiten Brief riet mir mein freundlicher Beschützer, Abbé von Bernis, die Papiere so vorteilhaft wie möglich zu verwenden; ich könne mich darauf verlassen, daß der Gesandte auf seinen Bericht vom Minister Befehl erhalten werde, dem Abschluß zuzustimmen, wenn der Preis nur nicht hinter dem zurückbliebe, was man an der Pariser Börse würde erhalten können. Boas war erstaunt über den vorteilhaften Verkauf meiner sechzehn Gotenburger Aktien; er sagte mir, er wolle sich verpflichten, mir die zwanzig Millionen gegen Aktien der Schwedisch-Indischen Kompagnie zu diskontieren, wenn ich den Gesandten veranlassen wollte, ein Schreiben zu unterzeichnen, wodurch ich mich verpflichten müßte, die französischen Staatspapiere mit zehn Prozent Verlust herzugeben und dafür die schwedischen Aktien zum Kurse von 115 zu übernehmen, wie ich meine sechzehn verkauft hätte. Ich würde seinem Vorschlage zugestimmt haben, wenn er nicht verlangt hätte, daß ich ihm drei Monate Zeit ließe, und daß mein Vertrag auch dann in Kraft bleiben müßte, wenn während dieser Zeit der Friede geschlossen werden sollte. Ich bemerkte bald, daß meine Interessen mich nach Amsterdam zurückriefen, aber ich hatte Teresa versprochen, sie im Haag zu erwarten, und ich wollte ihr mein Wort nicht brechen. Zum Glück kam sie schon am nächsten Tage; sie schrieb mir sofort, sie erwarte mich zum Souper. Ich erhielt ihr Briefchen im Theater, und der Bediente, der es mir überbrachte, sagte mir, er würde auf mich warten, um mich zu ihr zu führen. Ich schickte meinen Lakaien nach Hause und begab mich zu ihr. Der Führer ließ mich in einem armseligen Hause bis zum vierten Stock emporsteigen, und dort sah ich die seltsame Frau in einem Kämmerchen mit ihrer Tochter und mit ihrem Sohn. Ein Tisch, der mitten im Zimmer stand, war mit einem schwarzen Tuch bedeckt und zwei Kerzen zierten diese Art von Traueraltar. Da der Haag eine Residenzstadt ist, so war ich reich gekleidet, und mein glänzender Luxus bildete einen sehr traurigen Kontrast zu meiner ganzen Umgebung. Teresa in ihrem schwarzen Kleide, zwischen ihren beiden Kindern hinter diesem Tische sitzend, kam mir vor wie eine Medea. Man konnte nichts Schöneres und Interessanteres sehen, als diese beiden jungen Geschöpfe, die gewissermaßen der Schande und dem Elend geweiht waren. Ich schloß den Knaben in meine Arme und drückte ihn zärtlich gegen meinen Busen, indem ich ihn meinen Sohn nannte. Seine Mutter sagte ihm, von diesem Augenblick an müßte er in mir seinen Vater sehen. Der kluge Knabe erkannte mich wieder. Er erinnerte sich, mich in Venedig im Mai 1753 bei Frau Manzoni gesehen zu haben, und dies machte mir eine große Freude. Er war klein, schien aber von ausgezeichneter Körperbildung zu sein. Er war gut gewachsen und hatte ein kluges Gesicht. Er war dreizehn Jahre alt. Seine Schwester saß unbeweglich da und schien darauf zu warten, daß auch sie an die Reihe käme. Ich setzte sie auf meinen Schoß und erblickte in dem Vergnügen, das es mir machte, sie zu küssen, einen Fingerzeig, daß sie meine Tochter sei. Sie nahm meine Liebkosungen schweigend hin, aber es war leicht zu sehen, daß sie sich darüber freute, meine Teilnahme mehr zu erregen als ihr Bruder. Sie hatte nur ein sehr leichtes Röckchen an. Ich fühlte ihre hübschen Formen und küßte alle Teile ihres reizenden Körpers, entzückt, daß ein so liebenswürdiges Geschöpf mir sein Dasein verdankte. »Nicht wahr, liebe Mama, dieser schöne Herr ist derselbe, den wir in Amsterdam gesehen haben und den man für meinen Papa gehalten hat, weil ich ihm ähnlich sehe? Aber das ist nicht möglich, denn Papa ist ja tot.« »Das ist wahr, meine reizende Freundin, aber ich kann doch dein allerbester Freund sein; willst du mich?« »Oh, gewiß!« Und mit diesen Worten umschlang das liebe Kind mich mit seinen hübschen Ärmchen und gab mir tausend Küsse, die ich ihr mit Wonne zurückgab. Nachdem wir gelacht und gescherzt hatten, setzten wir uns zu Tisch, und die Heldin gab mir ein ausgezeichnetes Souper mit den allerbesten Weinen. »Ich habe«, sagte sie zu mir, »selbst den Markgrafen bei den kleinen Soupers, die ich ihm unter vier Augen gab, niemals besser bewirtet.« Um den Charakter ihres Sohnes keimen zu lernen, den ich mit nach Paris zu nehmen versprochen hatte, richtete ich oft das Wort an ihn und sah bald, daß er falsch, verschlossen und immer auf der Hut war; daß er seine Antworten sorgfältig überlegte, und daß sie infolgedessen niemals so klangen, wie sie gelautet haben würden, wenn er sich der Natur überlassen hätte. Alles, was er sagte, trug einen Anstrich von Höflichkeit und Zurückhaltung, der von ihm ohne Zweifel darauf berechnet war, mir zu gefallen. Ich sagte ihm, sein System könnte unter Umständen wohl gut sein, aber es gebe Augenblicke, wo der Mensch nur glücklich sein könne, wenn er sich von jedem Zwange frei mache, und nur in solchen Augenblicken könne man ihn liebenswürdig finden, wenn er es wirklich seiner Charakteranlage nach wäre. Seine Mutter sagte mir, im Glauben, ihn damit zu loben: seine vorzüglichste Eigenschaft sei die Verschwiegenheit; sie habe ihn daran gewöhnt, in allen Dingen und zu jeder Zeit verschwiegen zu sein; sie würde es daher ohne Schmerz ertragen, wenn er gegen sie ebenso zurückhaltend wäre wie gegen alle Welt. »Das ist abscheulich,« sagte ich ziemlich schroff zu ihr, »Sie haben vielleicht in Ihrem Sohn die kostbarsten Eigenschaften erstickt, mit denen möglicherweise die Natur ihn begabt hat. Er hätte ein Engel sein können, und Sie haben ihn auf den Weg gebracht, ein Ungeheuer zu werden. Ich kann nicht begreifen, wie ein Vater, und wäre er noch so zärtlich, Neigung für einen beständig zugeknöpften Sohn empfinden könnte.« Dieser etwas heftige Ausfall, der aber nur einem Gefühl der Liebe entsprang, die ich gerne für das Kind hätte empfinden mögen, schien die Mutter ganz betroffen zu machen. »Sage mir, liebes Kind, ob du dich imstande fühlst, zu mir das volle Vertrauen zu haben, das ein Vater von einem guten Sohne erwarten darf, und ob du versprechen zu können glaubst, mir gegenüber kein Geheimnis zu haben und keine Zurückhaltung zu üben?« »Ich verspreche Ihnen, daß ich lieber sterben als Sie belügen werde.« »Dies ist sein Charakter!« sagte die Mutter zu nur. »So groß ist der Abscheu vor der Lüge, den ich ihm einzuflößen verstanden habe.« »Sehr schön; aber indem Sie Ihrem Sohn einen berechtigten Abscheu vor der Lüge einflößten, konnten Sie ihm eine bessere Richtung geben, die ihn viel sicherer zum Glück geführt haben würde.« »Könnte man es denn besser machen?« »Sehr einfach. Man muß nicht Abscheu vor der Lüge einflößen, sondern man muß die Wahrheit lieben lehren, indem man sie im vollen Glänze ihrer Schönheit strahlen läßt. Dies ist das einzige Mittel, sich liebenswürdig zu machen, und wenn man in dieser Welt glücklich sein will, so muß man geliebt sein.« »Aber«, sagte der Kleine mit lachender Miene, die mir nicht gefiel, seine Mutter aber entzückte, »nicht lügen und die Wahrheit sagen ist das nicht dasselbe?« »Nein, gewiß nicht! Da fehlt sehr viel daran, denn um nicht zu lügen, brauchtest du nur nichts zu sagen, und würdest du damit die Wahrheit sagen? Du mußt mir deine Seele öffnen, mein lieber Sohn, mußt mir sagen, was in dir und um dich vorgeht, und mußt mir selbst das offenbaren, worüber du zu erröten hättest. Ich werde dir helfen das Erröten zu lernen, und in kurzem wirst du nicht mehr in Gefahr sein, die Enthüllung aller deiner Handlungen und Gefühle befürchten zu müssen. Wenn wir uns besser kennen lernen, mein Sohn, werden wir sehr bald sehen, ob wir zueinander passen. Denn du mußt wissen, es wäre mir unmöglich, dich als meinen Sohn anzusehen, bevor wir uns zärtlich lieben, und ich könnte niemals zugeben, daß du mich als deinen Vater ansähest, wenn du nicht in mir deinen besten Freund erblicktest. Du begreifst, daß ich die Aufgabe habe, dies alles zu entdecken; denn sei überzeugt, ich werde alle deine Gedanken zu erraten wissen, so fein du es auch anstellen magst, sie mir zu verbergen. Sollte ich dich als falsch oder mißtrauisch erkennen, so würde ich dich nicht lieben; und sicherlich würde dies zu deinem Nachteil sein. Sobald ich meine Geschäfte in Amsterdam erledigt habe, werden wir nach Paris abreisen. Ich fahre morgen und hoffe dich bei meiner Rückkehr von deiner Mutter selber über eine Anschauung belehrt zu sehen, die meinen Gefühlen und deinem Glück besser entspricht als deine jetzige.« Meine Tochter hatte ganz still allen meinen Worten zugehört; als ich zufällig sie ansah, bemerkte ich, daß ihre Augen schwer von Tränen waren, die sie nur mit Mühe zurückhielt. »Warum weinst du?« sagte ihre Mutter zu ihr; »das ist eine Dummheit.« Das Kind fiel ihr um den Hals und küßte sie. Da sah ich unzweifelhaft, daß ihr Lachen ebenso falsch gewesen war, wie ihre Tränen echt waren, denn diese entsprangen aus dem Gefühl. »Willst du auch mit mir nach Paris kommen?« fragte ich sie. »O gewiß, mein teurer Freund, von ganzem Herzen gern; aber nur mit Mama, denn ohne mich würde sie sterben.« »Und wenn ich es dir befehle?« sagte die Mutter. »Dann würde ich gehorchen; wie könnte ich aber fern von dir leben?« Bei diesen Worten tat meine liebe Tochter, wie wenn sie weinte. Ich sage: sie tat so; denn augenscheinlich sprach die Kleine gegen ihre Überzeugung, und ihre Mutter mußte dies ebenso gut bemerken wie ich. Mich schmerzte aufrichtig die falsche Erziehung, die die Mutter diesem kleinen Geschöpf gab, das mir viel Verstand und viel Gefühl zu haben schien. Ich nahm die Mutter beiseite und sagte ihr: »Wenn Sie Ihre Kinder dazu erzogen haben, um beständig Komödie zu spielen, so haben Sie dies sehr gut angefangen und Ihren Zweck nach Wunsch erreicht; wenn Sie aber wünschen, daß aus ihnen brauchbare Mitglieder der Gesellschaft werden, so haben Sie es verkehrt angefangen; denn Sie haben aus ihnen zwei angehende Ungeheuer gemacht.« Ich machte ihr die härtesten Vorwürfe, bis ich sah, daß sie trotz ihren Anstrengungen, sich zu beherrschen, in Tränen ausbrach. Sie erholte sich jedoch bald wieder und bat mich noch einen Tag im Haag zu bleiben, aber ich sagte ihr, es sei mir unmöglich ihren Wunsch zu erfüllen, und ging hinaus. Als ich gleich darauf wieder hinein kam, lief Sophiechen mir entgegen und sagte mit zärtlichem und liebevollem Ausdruck: »Wenn Sie mein Freund sind, so müssen Sie mir einen Beweis davon geben.« »Und welchen Beweis verlangst du, Kleine?« »Daß Sie morgen Abend mit mir speisen.« »Das kann ich nicht, liebe Sophie; denn ich habe es eben deiner Mutter abgeschlagen, und sie müßte natürlich beleidigt sein, wenn ich dir zusagte, was ich ihr verweigert habe.« »O nein, nein, lieber Freund! Sie wird nicht beleidigt sein, denn sie selber hat mir gesagt, ich solle Sie darum bitten.« Natürlich fing ich an zu lachen. Als aber ihre Mutter sie eine kleine Einfalt nannte und ihr Herr Bruder hinzufügte, er würde niemals eine derartige Indiskretion begangen haben, da wurde das arme Kind ganz bestürzt und fing beinahe an zu zittern. Ich beeilte mich sie zu beruhigen, wobei ich mich wenig darum bekümmerte, ob ich ihrer Mutter mißfiel; ich wies sie auf Grundsätze hin, die von den ihr bisher eingeimpften sehr verschieden waren; sie hörte sie mit einer Art von Begier an, welche bewies, daß ihr junges Herz noch dem Einfluß moralischer Erziehung zugänglich war. Nach und nach heiterten ihre Augen sich wieder auf; ich sah, daß ich Eindruck auf sie gemacht hatte; und obwohl ich nicht hoffen durfte, daß dieser Eindruck dauerhaft sein würde, da sie ja immer unter dem traurigen Einfluß ihrer Mutter blieb, so versprach ich ihr schließlich doch, am nächsten Abend bei ihr zu speisen. »Aber,« sagte ich zu ihr, »nur unter der Bedingung, daß du mir ein ganz einfaches Essen gibst mit einer einzigen Flasche Chambertin; denn du bist nicht reich.« »Das weiß ich wohl, mein lieber Freund; aber Mama hat mir gesagt, Sie werden alles bezahlen.« Über diese naive Antwort lachte ich laut auf, und ihre Mutter mußte trotz ihrem Ärger einstimmen. Die arme Frau hielt trotz ihrer Geriebenheit diese Naivität für Dummheit; ich aber erkannte in dem Kinde einen rohen Diamanten, der nur geschliffen werden mußte. Teresa sagte mir, der Wein koste ihr nichts; denn der Sohn des Bürgermeisters von Rotterdam liefere ihn ihr, und er werde am nächsten Abend mit uns speisen, wenn ich es erlaube. Ich antwortete ihr lachend, ich würde ihn mit Vergnügen sehen, und ging, nachdem ich meine Tochter, zu der ich große Liebe empfand, zärtlich geküßt hatte. Ich würde die größten Opfer gebracht haben, um sie von ihrer Mutter ausgeliefert zu erhalten; aber meine Bitten würden nutzlos gewesen sein, denn ich konnte mir wohl denken, daß sie sich in ihr eine Hilfsquelle für die Tage des Alters aufbewahrte. So denken fast alle Abenteuerinnen, und eine solche war Teresa in der vollen Bedeutung des Wortes. Ich gab Teresa zwanzig Dukaten, um meinen Adoptivsohn und meine kleine Sophie neu kleiden zu lassen. Meine Tochter warf sich, dem Gefühl ihrer Dankbarkeit folgend, in meine Arme und küßte mich mit Tränen in den Augen. Joseph wollte mir die Hand küssen, aber ich sagte ihm, ein Mann erniedrige sich, indem er einem anderen die Hand küsse; in Zukunft solle er mir seine Dankbarkeit nur bezeigen, indem er mich umarme, wie ein Sohn seinen Vater umarmen müsse. Im Augenblick, wo ich gehen wollte, zeigte Teresa mir eine kleine Kammer, worin die beiden Kinder schliefen. Ich erriet die Aufforderung, die darin lag, aber die Zeiten waren vorüber ... Esther beschäftigte mich ganz und gar. Am nächsten Abend fand ich bei meiner Komödiantin den Sohn des Bürgermeisters, einen hübschen Jungen von zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren, aber ohne Lebensart. Ich erlaubte ihm ja gerne Teresas Liebhaber zu sein, aber er mußte doch mir gegenüber ein Benehmen beobachten, auf das ich nach meiner Haltung und nach meinem Tone Anspruch erheben durfte. Sobald Teresa sah, daß er die Rolle des Herrn spielen wollte und daß sein Benehmen mich verletzte, behandelte sie ihn wie einen Schuhputzer, und er bemerkte dies sehr bald. Nachdem er die Speisen wegen ihrer Spärlichkeit bemäkelt und die Vorzüglichkeit der von ihm gelieferten Weine gepriesen hatte, ging er beim Nachtisch fort und ließ uns allein. Ich selber ging gegen elf Uhr, indem ich ihr versicherte, ich würde sie vor meiner Abreise noch einmal besuchen. Eine Fürstin Galitzin, geborene Cantimir, hatte mich zum Diner eingeladen, und diese Ehre kostete mir einen zweiten Tag. Am nächsten Morgen erhielt ich einen Brief von Frau d'Urfé mit einem Wechsel von zwölftausend Franken auf Boas. Sie schrieb mir, da ihre Aktien ihr nur sechzigtausend Franken kosteten, so wolle sie nichts daran verdienen; sie hoffe, ich werde ihr das Vergnügen machen und diese freundschaftliche Maklergebühr annehmen. Das Anerbieten war so vornehm gemacht, daß ich es nicht ablehnen konnte. Der ganze Rest ihres Berichtes war ein Mischmasch verrückter Hirngespinste. Sie schrieb mir, ihr Genius habe ihr offenbart, ich werde nach Paris mit einem jungen Knaben zurückkehren, der aus einer philosophischen Paarung entsprossen sei, und sie hoffe, ich werde Mitleid mit ihr haben. Eigentümlicher Zufall, der wohl dazu angetan war, die arme Frau in ihren Phantasien zu bestärken. Ich lachte im voraus über den Eindruck, den auf sie das Erscheinen von Teresas Sohn machen würde, der gewiß weder einer philosophischen noch einer einfachen Paarung entsprossen war. Boas zahlte mir meine zwölftausend Franken in Dukaten aus, und ich machte ihn mir dadurch zum Freunde; denn er dankte mir für diese Gunst, die ihm wahrscheinlich irgend einen Vorteil einbrachte. In Holland ist nämlich das Gold eine Ware, und alle Zahlungen werden dort in Silber oder in Papier gemacht. In jenem Augenblick stand das Agio ein wenig hoch, und deshalb wollte kein Mensch Dukaten haben. Nachdem ich bei der Fürstin Galitzin köstlich gespeist hatte, zog ich einen Überrock an und ging ins Kaffeehaus. Ich fand dort den jungen Bürgermeisterssohn, der gerade eine Partie Billard beginnen wollte. Er flüsterte mir ins Ohr, ich könnte auf ihn wetten. Da ich glaubte, er sei seiner Sache sicher, so dankte ich ihm und befolgte seinen Rat; nachdem er aber drei Partien hintereinander verloren hatte, so daß ich sein Spiel beurteilen konnte, begann ich gegen ihn zu wetten, ohne daß er es bemerkte. Nach drei Stunden hatte er etwa vierzig Partien verloren; er hörte auf und trat auf mich zu, um mir sein Bedauern auszusprechen. Er machte aber ein unbeschreiblich verblüfftes Gesicht, als ich ihm eine Handvoll Dukaten zeigte und ihm sagte, ich hätte gegen ihn gewettet und auf diese Weise meinen Nachmittag gut angewandt. Alle Anwesenden lachten ihn aus und machten sich über ihn lustig; er aber verstand keinen Spaß und lief in hellem Zorn über meine stichelnden Bemerkungen hinaus. Gleich darauf ging ich ebenfalls und begab mich zu Teresa, weil ich es ihr versprochen hatte. Am nächsten Morgen mußte ich nach Amsterdam abreisen. Teresa erwartete ihren Weinlieferanten, als ich ihr aber das Vorgefallene erzählt hatte, erwartete sie ihn nicht mehr. Ich nahm mein Töchterchen auf den Schoß und überhäufte sie mit Liebkosungen. Beim Abschied sagte ich ihnen, wir würden uns in drei Wochen oder spätestens in einem Monat wiedersehen. Als ich ganz allein, meinen Degen unter dem Arm, nach Hause ging, sah ich mich plötzlich beim schönsten Mondenschein von meinem armen gefoppten Bürgermeisterssohn angegriffen. »Ich bin neugierig,« sagte er zu mir, »ob Ihr Degen ebenso spitzig ist wie Ihre Zunge.« Ich suchte ihn zu beruhigen und zur Vernunft zu bringen und behielt meinen Degen in der Scheide, obgleich er blankgezogen und die Spitze gegen mich gerichtet hatte. »Sie haben unrecht,« sagte ich zu ihm, »den Scherz so übel zu nehmen; ich bitte Sie um Entschuldigung.« »Keine Entschuldigungen! Verteidigen Sie sich!« »Warten Sie bis morgen; beruhigen Sie sich; wenn Sie es wünschen, werde ich Ihnen im Billardsaal vor allen Anwesenden durch eine Ehrenerklärung Genugtuung geben.« »Ich will keine andere Genugtuung, als daß Sie sich schlagen; ich will Sie töten.« Um mir seinen festen Entschluß zu zeigen und mich auf eine Weise herauszufordern, daß ich nicht mehr zurückweichen konnte, gab er mir einen Schlag mit der flachen Klinge. Es ist der einzige, den ich in meinem Leben erhalten habe. Jetzt zog ich endlich den Degen; aber in der Hoffnung, daß er doch noch Vernunft annehmen werde, parierte ich nur zurückweichend und unter wiederholten Aufforderungen, von diesem törichten Kampf abzulassen. Mein Holländer aber hielt mein Benehmen für Furcht und stach wie besessen auf mich los. Schließlich brachte er mir einen Stoß bei, daß mir die Haare zu Berge standen: er durchstieß mir die Halsbinde auf der linken Seite, so daß der Degen hinten wieder herausfuhr; einen Drittel Zoll weiter einwärts, und es war um mich geschehen! Ich sprang zur Seite, und da die Gefahr mich zu einem anderen Verhalten zwang, so führte ich einen Primstoß und verwundete ihn an der Brust. Da ich sicher war, ihn getroffen zu haben, so fühlte ich meinen Zorn besänftigt und forderte ihn auf, aufzuhören. »Ich bin noch nicht tot,« schrie mein Gegner; »ich will Sie töten!« Dies war offenbar ein Lieblingsausdruck von ihm. Mit einer Art von Wut, aber wie ein wahrer Narr, stürzte er sich auf mich, und ich verwundete ihn viermal. Beim vierten Stich trat er zurück, sagte mir, er habe genug, und bat mich, ich möchte gehen. Ich entfernte mich mit großen Schritten und freute mich, als ich bei einer Untersuchung meines Degens sah, daß seine Wunden nur leicht waren. Ich fand Boas noch wach; nachdem er die Geschichte von mir gehört hatte, riet er mir, sofort nach Amsterdam abzureisen, obwohl ich ihm versicherte, daß die Wunden nicht tödlich seien. Ich folgte endlich seinen dringenden Bitten, und da meine Kutsche beim Stellmacher war, so gab er mir seinen Wagen, und ich befahl meinem Bedienten, am nächsten Morgen mit allen meinen Sachen mir nachzureisen und sie mir in den »Gasthof zur Alten Bibel« in Amsterdam zu bringen, wo ich wohnen wollte. Ich kam mittags in Amsterdam an, und mein Bedienter war am Abend da. Ich war neugierig, ob mein Zweikampf Lärm gemacht hatte; da er jedoch schon in der Frühe abgereist war, so hatte er nichts gehört. Es war mir sehr angenehm, daß man in Amsterdam erst nach acht Tagen etwas erfuhr. Dies war ein Glück für mich; denn obwohl der Vorfall sehr einfach war, so hätte er mir doch schaden können; der Ruf eines Raufboldes ist niemals eine gute Empfehlung bei Kaufleuten, mit denen man Geschäfte von einiger Wichtigkeit abschließen will. Wie der Leser sich denken kann, galt mein erster Besuch Herrn d'O. oder vielmehr seiner reizenden Tochter Esther; ihr brachte ich also meine Huldigung dar. Man wird sich erinnern, daß die Art unserer Trennung meine Glut noch mehr hatte anfachen müssen. Herr d'O. war nicht zu Hause; Esther aber saß an einem hübschen Tisch und schrieb. »Was machen Sie da, reizende Esther?« »Eine Rechenaufgabe.« »Lieben Sie solche Aufgaben?« »Ich liebe leidenschaftlich alles, was Schwierigkeiten bietet und merkwürdige Resultate liefert.« »Ich werde Ihnen etwas zeigen.« Aus Scherz machte ich ihr zwei magische Quadrate, die ihr sehr gefielen. Zum Dank zeigte sie mir einige Kleinigkeiten, die ich bereits kannte, aber sehr interessant zu finden vorgab. Mein guter Geist brachte mich auf den Gedanken, ihr eine kabbalistische Berechnung zu machen. Ich sagte ihr, sie möchte schriftlich etwas fragen, was sie nicht wüßte und gerne erfahren möchte; sie würde nach einer gewissen Berechnung eine zufriedenstellende Antwort erhalten. Sie lächelte und fragte, weshalb ich so schnell nach Amsterdam zurückgekommen sei. Ich lehrte sie die Worte in Zahlen umsetzen, eine Pyramide daraus bauen und alles was dazu gehörte. Hierauf ließ ich sie die Zahlenantwort finden und diese in französische Worte umsetzen. Zu ihrer großen Überraschung fand sie, daß nichts anderes mich so schnell nach Amsterdam zurückgeführt habe als die Liebe. Ganz außer sich sagte sie zu mir: »Das ist erstaunlich, selbst wenn die Antwort nicht wahr sein sollte. Bitte sagen Sie mir, bei welchen Lehrern man eine so wunderbare Rechenkunst lernen kann.« »Diejenigen, die sie kennen, können sie keinem Menschen mitteilen.« »Woher kennen Sie sie denn?« »Ich habe sie ganz von selber aus einem kostbaren Manuskript gelernt, das mein Vater mir hinterlassen hat.« »Verkaufen Sie mir dieses Manuskript!« »Ich habe es verbrannt, und ich bin nicht berechtigt, mein Wissen einem anderen Menschen mitzuteilen, bevor ich das fünfzigste Lebensjahr erreicht habe.« »Warum gerade das fünfzigste?« »Das weiß ich nicht; aber ich weiß, daß ich Gefahr laufen würde, es zu verlieren, wenn ich vor diesem Alter es lehrte. Der Elementargeist, der zu dem Orakel gehört, würde sich davon trennen.« »Woher wissen Sie dies?« »Ich habe es aus demselben Manuskript erfahren.« »Sie können also alles erfahren, auch das Geheimste, was es auf der Welt gibt?« »Ja, ich könnte es, wenn nicht zuweilen die Antworten so dunkel wären, daß sie nicht zu verstehen sind.« »Da ja die Operation nicht lange dauert, würden Sie vielleicht die Gefälligkeit haben, mich die Antwort auf eine andere Frage finden zu lassen?« »Sehr gern; Sie können vollständig über mich verfügen, soweit nicht mein Genius es mir verbieten wird.« Sie fragte, welches ihr Schicksal sein würde, und das Orakel antwortete ihr, sie habe noch nicht den ersten Schritt getan, um ihrem Schicksal entgegenzugehen. Verwundert rief Esther ihre Gouvernante herbei; sie glaubte sie in Erstaunen zu setzen, indem sie ihr die beiden Orakel zeigte, aber die gute Schweizerin fand nichts Wunderbares darin. Esther ärgert sich, nannte sie einen Dickkopf und beschwor mich, ihr zu erlauben, noch eine Frage zu stellen. Da ich sicher war, ihr zu gefallen, so ermutigte ich sie dazu, und sie stellte folgende Frage: »Welche Person in Amsterdam liebt mich am meisten?« Das Orakel antwortete, kein Mensch liebe sie so zärtlich wie jener, der ihr das Leben gegeben habe. Die arme Esther, die doch sonst so klug war, sagte mir, ich hätte sie unglücklich gemacht und sie würde vor Kummer sterben, wenn es ihr nicht gelänge, diese Berechnung zu lernen. Ich antwortete nichts und tat, wie wenn ich sehr traurig wäre. Sie schrieb eine andere Frage nieder, wobei sie die Hand über das Papier hielt. Ich stand auf, wie wenn ich sie nicht belästigen wollte; aber während sie ihre Pyramide zurecht machte, warf ich im Auf- und Abgehen einen Blick auf das Papier und las ihre Frage. Nachdem sie alles so gemacht hatte, wie ich es ihr gezeigt, sagte sie zu mir, ich könnte wohl die Antwort ausziehen, ohne daß ich ihre Frage zu lesen brauchte. Ich gab dies zu, und sie bat mich errötend, ich möchte so freundlich sein. Ich erklärte mich einverstanden, aber nur unter der Bedingung, daß sie so etwas nicht zum zweitenmal von mir verlangen solle. Dies versprach sie mir. Da ich ihre Frage gelesen hatte, so war es mir leicht, darauf zu antworten. Sie hatte das Orakel um Erlaubnis gebeten, ihrem Vater alle von ihr gestellten Fragen zu zeigen, und das Orakel antwortete ihr: sie würde glücklich sein, solange sie es nicht für nötig hielte, vor ihrem Vater etwas geheim zu halten. Als sie diese Antwort sah, schrie sie laut auf vor Bewunderung und fand keine Ausdrücke stark genug, um mir meine Dankbarkeit auszusprechen. Ich verließ sie und ging auf die Börse, wo ich mit Herrn Pels lange über meine große Angelegenheit sprach. Am nächsten Morgen brachte ein schöner und sehr höflicher Mann mir einen Brief von Teresa; sie schrieb mir, er könnte mir vielleicht in meinen Handelsgeschäften nützlich sein. Er hieß Rigerboos. Sie schrieb mir, die Wunden des Bürgermeistersohnes wären sämtlich leicht, und ich hätte nichts zu befürchten, weil kein Mensch etwas von der Sache wüßte. Wenn ich Geschäfte im Haag hätte, sollte ich mich nur nicht abhalten lassen. Sie schrieb mir ferner, meine kleine Sophie spräche unaufhörlich von mir, und wenn ich wiederkäme, würde ich mit ihrem Sohn viel besser zufrieden sein. Ich bat Herrn Rigerboos, mir seine Adresse zu geben, und versicherte ihm, ich würde, wenn sich die Gelegenheit böte, volles Vertrauen in seine Rechtlichkeit setzen. Bald nachdem Rigerboos gegangen war, erhielt ich ein Briefchen von Esther, die mich im Namen ihres Vaters bat, den Tag bei ihr zu verbringen, wenn nicht etwa ein wichtiges Geschäft mich abhielte. Ich antwortete ihr: außer dem einen Geschäft, das ihr Vater kenne, hätte ich auf der ganzen Welt nichts Wichtigeres zu tun, als sie zu überzeugen, daß die Hoffnung, einen Platz in ihrem Herzen zu finden, mir das Höchste sei; sie könne daher sicher sein, daß ich nicht verfehlen würde, ihrer freundlichen Einladung Folge zu leisten. Ich ging also um die Mittagszeit zu Herrn d'O. und fand Esther und ihren Vater beschäftigt, die Berechnung zu prüfen, durch welche vernünftige Antworten aus der Pyramide hervorgingen. Sobald er mich sah, umarmte ihr Vater mich mit freudigem Gesicht und sagte mir, er sei sehr glücklich, eine Tochter zu besitzen, die meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken gewußt habe. »Ihre liebe Tochter wird leicht jeden Mann anziehen, der sie zu schätzen weiß.« »Sie schätzen sie also?« »Ich bete sie an.« »Umarmen Sie sie.« Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich mich nicht lange hätte bitten lassen; aber Esther ließ mir keine Zeit; ihre Arme ausbreitend und einen Ruf des Entzückens ausstoßend, fiel sie mir um den Hals und erwiderte mit naiver Lebhaftigkeit alle Küsse, die ich in wollüstigem Entzücken ihr gab. »Ich habe alle meine Geschäfte erledigt,« sagte Herr d'O. zu mir, »und ich habe den ganzen Tag für mich. Seit meiner Kindheit, lieber Freund, weiß ich, daß die Wissenschaft besteht, die Sie besitzen, und ich habe einen Juden gekannt, der mit ihrer Hilfe ein glänzendes Vermögen erwarb. Er sagte wie Sie, er könne seine Wissenschaft, bei Strafe sie selber zu verlieren, nur einer einzigen Person mitteilen; aber er schob diese Mitteilung so lange hinaus, daß er schließlich starb, ohne einem anderen seine Wissenschaft zu vererben; denn ein hitziges Fieber raffte ihn in wenigen Tagen hinweg. Ich hoffe, Sie werden es nicht machen wie dieser Jude. Inzwischen gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie nicht wissen, was Sie besitzen wenn Sie sich diesen Schatz nicht zunutze zu machen wissen.« »Sie nennen meine Wissenschaft einen Schatz; aber Sie besitzen einen tausendmal größeren.« Bei diesen Worten sah ich Esther an. »Sprechen wir jetzt nicht davon! Ja, ich nenne Ihre Wissenschaft einen großen Schatz.« »Aber verehrter Herr, mein Orakel gibt sehr dunkle Antworten.« »Dunkle Antworten! Die, die meine Tochter mir gezeigt hat, sind sehr klar.« »Offenbar ist sie glücklich im Fragestellen; denn davon hängt die Antwort ab.« »Wir werden nach Tisch sehen, ob ich dasselbe Glück habe, das heißt, wenn Sie die Gefälligkeit haben wollen, für mich zu arbeiten.« »Ich habe Ihnen nichts abzuschlagen, denn für mich ist der Vater untrennbar von seiner liebenswürdigen Tochter.« Bei Tische sprachen wir von allen möglichen anderen Dingen, nur nicht von meiner Wissenschaft, denn die Prokuristen aßen am Tische des Herrn d'O., unter ihnen sein Premierminister, ein plumper und häßlicher Mensch, der augenscheinlich Absichten auf meine schöne Esther hatte. Nach dem Essen zogen wir uns in Herrn d'O.s Privatkontor zurück, wo er zwei sehr lange Fragen aus der Tasche zog. Durch die erste wollte er erfahren, was er zu tun hätte, um in einer wichtigen Angelegenheit, deren Einzelheiten er auseinander setzte, von den Generalstaaten einen günstigen Urteilsspruch zu erlangen. Ich antwortete in wenig Worten und so dunkel, wie nur eine mit den betrügerischen Geheimnissen des Dreifußes innig vertraute Pythia, und ich überließ Esther die Mühen, diese Antwort zu übersetzen und einen Sinn herauszufinden. Anders mit der zweiten Frage! Ich war gewohnt, mich meinen ersten Eindrücken zu überlassen, und da es mir einfiel, eine klare Antwort zu geben, so tat ich es. Herr d'O. fragte, was mit einem Schiff der indischen Kompagnie geschehen sei; man kenne den Hafen, aus dem es abgesegelt sei, den Tag, an dem es ihn verlassen habe, aber man habe niemals wieder etwas davon gehört. Vor zwei Monaten schon hätte es ankommen müssen, und aus der Verzögerung schließe man, daß es untergegangen sei. Herr d'O. wollte nun wissen, ob das Schiff noch vorhanden oder ob es untergegangen sei usw. Da man keine Nachrichten habe, so wünsche die Gesellschaft, der es gehöre, einen Versicherer zu finden, der ihr zehn Prozent zahle; aber es finde sich niemand, der sich auf ein so gewagtes Unternehmen einlassen wolle, um so mehr, da ein vielleicht echter oder auch untergeschobener Brief von einem Kapitän der englischen Marine existiere, welcher behaupte, das Schiff sei vor seinen Augen auf offener See untergegangen. Ich muß hier meinen Lesern etwas gestehen, was ich natürlich Herrn d'O. nicht sagte. Getrieben von einer Unbesonnenheit, die ich mir selber nicht erklären kann, faßte ich meine Antwort so ab, daß sie im wesentlichen keinen Zweifel darüber ließ, daß das Schiff noch existiere, daß es keinen Schaden erlitten habe und daß man in sehr wenigen Tagen von ihm hören werde. Wohl nur, weil ich augenblicklich ein Bedürfnis spürte, mein Orakel bis zu den Wolken zu erheben, brachte ich es in Gefahr, um all sein Ansehen zu kommen. Wenn ich die Absichten des guten, leichtgläubigen Herrn d'O. hätte voraussehen können, so glaube ich allerdings, ich würde meine Prahlsucht im Zaum gehalten haben; denn ganz gewiß konnte mir nichts daran liegen, ohne jeden Nutzen für mich eine beträchtliche Bresche in sein Vermögen zu legen. Als er meine Antwort sah, wurde er ganz blaß und zitterte vor Freude. Er sagte uns, es sei von der größten Wichtigkeit, die Sache geheim zu halten; denn er sei entschlossen, sich so billig wie möglich die Versicherung des Schiffes zu verschaffen. Erschrocken über seinen Entschluß, von dem ich nur unangenehme Folgen voraussah, beeilte ich mich ihm zu sagen, ich könnte durchaus nicht dafür bürgen, daß das Orakel nicht vielleicht vollständig gelogen hätte. Ich würde vor Kummer sterben, wenn ich die unfreiwillige Ursache eines ungeheuren Verlustes sein sollte, den er erleiden könnte, wenn er einem Orakel traute, dessen geheimer Sinn vielleicht gerade das Gegenteil von dem Wortlaut bedeuten könnte. »Täuscht das Orakel Sie zuweilen?« »Ich bin oft sein Opfer gewesen.« Als Esther meine Unruhe sah, bat sie ihren Vater, doch lieber keinen Schritt zu unternehmen. Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen. Herr d'O. war nachdenklich; sein Kopf schien voll zu sein von dem Projekt, das seine Phantasie ihm als so aussichtsvoll hatte erscheinen lassen. Er sprach viel über die angebliche Macht der Zahlen und befahl seiner Tochter, ihm noch einmal alle ihre Fragen an das Orakel und die erhaltenen Antworten vorzulesen. Es waren sechs oder sieben, alle kurz und alle entweder scherzhafter oder moralischer, bestimmter oder zweifelhafter Auslegung fähig. Esther, die alle Pyramiden gemacht hatte, hatte durch meine mächtige Beihilfe bei der Erlangung der Antworten geglänzt, die ich sie nach meiner Laune hatte finden lassen. In der Freude seines Herzens über ihre Geschicklichkeit bildete ihr Vater sich ein, sie würde sich die geheime Wissenschaft leicht nur durch ihren Scharfsinn aneignen können. Die reizende Esther war von dieser Spielerei so eingenommen, daß sie ebenfalls beinahe von dieser Möglichkeit überzeugt war. Nachdem wir tödlich langweilige Stunden damit verbracht hatten, alle diese Antworten, die meine Wirte köstlich fanden, noch einmal durchzusprechen, speisten wir zu Abend. Beim Abschied sagte Herr d'O. zu mir: »Da morgen Sonntag ist, und dieser Tag dem Vergnügen und nicht der Arbeit geweiht sein muß, so hoffe ich, Sie werden uns das Vergnügen machen, den Tag mit uns in unserem hübschen Hause an der Amstel zu verbringen.« Sie waren hocherfreut, als ich die Einladung annahm. Ich mußte unwillkürlich über den Handelsgeist nachdenken, der das Denken einengt oder vielmehr es sozusagen ganz auf Spekulation und Gewinn beschränkt. Herr d'O. war doch sicherlich ein Ehrenmann, aber trotz seinem großen Reichtum beseelte ihn die Habsucht seines Standes. Ich fragte mich, ob ein Mann, der sich für entehrt halten würde, wenn er einen Dukaten stähle oder einen auf der Straße gefundenen dem bekannten Eigentümer nicht zurückgäbe – ob ein solcher Mann wirklich glauben könnte, ehrlich zu handeln, indem er mit einer kleinen Summe einen sehr großen Gewinn zu machen suchte, obwohl er die kleine Summe nicht riskierte, da er ja die Gewißheit hätte, daß ihm durch das Orakel die Existenz des Schiffes dargetan wäre und da dieses Orakel, an das er ja glaubte, sagte, daß man in wenigen Tagen Nachrichten von dem Schiff haben würde? Ganz gewiß war in seinem Vorgehen etwas Betrügerisches; denn es ist moralisch nicht erlaubt, ein Spiel zu spielen, bei welchem man des Gewinnes sicher ist. Aber dies ist der Geist des Handels. Ein Kaufmann verkauft eine Ware zum Zehnfachen des Ankaufspreises. Er rühmt sie als ausgezeichnet, obgleich er weiß, daß sie nichts taugt; aber er glaubt von Berufs wegen dieses Vorrecht zu haben, und infolgedessen ist sein Gewissen vollkommen ruhig. Die Juden, die Christen betrügen, denken genau so wie diese Kaufleute. Auf dem Heimwege kam ich bei einer Kneipe vorüber, und da ich viele Leute aus- und eingehen sah, so beschloß ich, mir einmal anzusehen, wie diese Lokale in Holland beschaffen wären. Großer Gott! es war eine entsetzliche Orgie; in einer Art von Kellerloch eine wahre Kloake des Lasters und der ekelhaftesten Ausschweifung. Der rauhe, mißtönende Klang von zwei oder drei Instrumenten, die das Orchester bildeten, versetzte die Seele in eine Art von widerstrebender Traurigkeit, wodurch diese Höhle vollends gräßlich wurde. Dazu war sie von dichtem Qualm schlechten Tabaks erfüllt und von einem erstickenden Geruch von Knoblauch und Bier, der jedem Munde entströmte. Nehmt dazu einen Haufen Matrosen und Männer aus der Hefe des Volkes, vermischt mit feilen Dirnen niedrigster Art, und ihr habt die Umrisse des gemeinsten Gemäldes, das die Augen eines Menschen beleidigen kann. Für die armen Matrosen und die Hefe des Volkes war dies ein Ort der Wonne, wo sie sich für ihre Entbehrungen während langer und mühevoller Seefahrt oder für das Elend ihrer täglichen Fronarbeit zu entschädigen glaubten. Unter den Weibern war nicht eine einzige erträgliche. Ich betrachtete stillschweigend dieses niederträchtige Schauspiel, als ein dicker Kerl von verdächtiger Miene, der wie ein Kesselflicker aussah und wie ein Bauer sprach, mich in schlechtem Italienisch fragte, ob ich für einen Stüber tanzen wolle. Ich sagte nein; aber ehe ich ging, zeigte er mir eine Venetianerin und sagte mir, ich könnte sie hinauf kommen lassen und mit ihr ein Glas Wein trinken. Neugierig, ob sie mir vielleicht bekannt wäre, trat ich auf sie zu; ich musterte sie aufmerksam und glaubte Züge zu sehen, die mir nicht unbekannt waren; doch konnte ich mich genauerer Umstände nicht erinnern. Ein Gefühl der Neugier trieb mich, neben ihr Platz zu nehmen und sie zu fragen, ob sie wirklich eine Venetianerin und ob sie schon lange von ihrer Heimat fort sei. – »Ungefähr achtzehn Jahre«, antwortete sie mir. Man brachte eine Flasche Wein; ich fragte sie, ob sie trinken wolle; sie nahm an und sagte mir: wenn ich Lust hätte, würde sie mit mir nach oben gehen. »Ich habe keine Zeit,« sagte ich; mit diesen Worten gab ich dem Kellner einen Dukaten; den Rest, den er mir herausgab, drückte ich der Unglücklichen in die Hand. Voller Dankbarkeit wollte sie mich umarmen; aber ich wehrte ab. »Sind Sie lieber in Amsterdam als in Venedig?« »Ach, nein! wenn ich in meiner Heimat wäre, würde ich nicht dieses schändliche Gewerbe treiben.« »Wie alt waren Sie, als Sie fortgingen?« »Erst vierzehn Jahre; und ich lebte glücklich bei meinem Vater und bei meiner Mutter, die vielleicht vor Kummer gestorben sind.« »Wer hat Sie verführt?« »Ein Schurke von einem Läufer.« »In welchem Stadtteil von Venedig wohnten Sie?« »Ich wohnte nicht in Venedig, sondern nicht weit von der Hauptstadt auf einem Landgut im Friaul.« Ein Landgut im Friaul ... vor achtzehn Jahren ... ein Läufer ... ich fühlte mich ergriffen ... ich sah das arme unglückliche Weib näher an und erkannte bald Lucia von Paseano. Unbeschreiblich peinlich war das Gefühl, das ich empfand. Ich nahm mich wohl in acht, mich ihr zu erkennen zu geben, und bemühte mich, eine gleichgültige Miene zu bewahren. Die Ausschweifung hatte ihr eigentlich noch jugendliches Gesicht gebrandmarkt und ihre Reize zerstört. Lucia, die zärtliche, hübsche, unschuldige, naive Lucia, die ich so sehr geliebt hatte, deren Unschuld ich aus Gefühl geschont hatte – sie war jetzt eine häßliche Vettel in einem Bordell! Dieser Gedanke war entsetzlich. Die Unglückliche trank wie ein Matrose, ohne mich anzusehen, ohne sich im geringsten darum zu bekümmern, wer ich sein möchte! Ich zog einige Dukaten aus meiner Börse und entfloh aus dieser ekelhaften Lasterhöhle, bevor sie nachsehen konnte, wieviel ich ihr gegeben hatte. In traurigster Stimmung legte ich mich zu Bett. Selbst unter den Bleidächern habe ich vielleicht niemals einen so unglücklichen Tag verbracht. Es kam mir vor, wie wenn ich an diesem Tage unter dem Einfluß eines unheilbringenden Gestirnes aufgestanden wäre. Ich war mir selber zum Ekel. Wenn ich an die unglückliche Lucia dachte, glaubte ich Gewissensbisse zu fühlen; aber wenn ich an Herrn d'O. dachte, verabscheute ich mich selbst. Ich sah in mir den Urheber eines ungeheuren Verlustes von drei- oder vierhunderttausend Gulden, den er erleiden würde, weil meine Kabbala ihn betört hatte. Die Furcht vor diesem Verlust machte mich mir selber hassenswert und entmutigte sozusagen die zärtliche Liebe, die ich für Esther empfand. Ich glaubte schon zu sehen, wie sie und ihr Vater meine unversöhnlichen Feinde geworden waren. Man kann nur lieben, wenn man Hoffnung hegt; mag diese mehr oder weniger begründet sein, immerhin muß sie die Aussicht bieten, daß die Liebe erwidert wird. Ich verbrachte die abscheulichste Nacht. Lucia, Esther, ihr Vater, – sie alle erschienen mir in meinen Träumen, sie alle haßten mich, und ich haßte mich selber. Ich sah Esther und ihren Vater durch meine Schuld, wenn auch nicht zu Grunde gerichtet, so doch beträchtlich in ihrem Vermögen geschädigt; ich sah Lucia, im Alter von nur zweiunddreißig Jahren durch das Laster vernichtet, eine Zukunft von Elend und Schmach vor sich! Mit Freuden sah ich den Morgen dämmern, denn das Licht machte mich ein wenig ruhiger. Wie entsetzlich ist die Finsternis für ein Herz, das von Gewissensbissen gefoltert wird! Ich stand auf, legte eine prunkvolle Kleidung an und ließ eine Kutsche kommen, um der Fürstin Galitzin, die im »Morgenstern« wohnte, meine Aufwartung zu machen. Sie war bereits ausgegangen und befand sich im Admiralitätshause. Ich fuhr dorthin und fand in ihrer Gesellschaft Herrn von Reischach und den Grafen Tott, welcher neue Nachrichten von meinem Freunde Pesselier empfangen hatte; bei diesem hatte ich seine Bekanntschaft gemacht, und er war bei meiner Abreise von Paris gefährlich krank gewesen. Da ich meine Kutsche fortgeschickt hatte, verließ ich das Admiralitätsgebäude zu Fuß und ging nach der Wohnung des Herrn d'O. an der Amstel. Meine überaus prächtigen Kleider ärgerten den holländischen Pöbel; ich wurde verhöhnt und ausgepfiffen. So ist ja die Canaille in allen Ländern! Esther sah mich vom Fenster aus, zog die Schnur und öffnete mir die Tür. Schnell sprang ich ins Haus und schloß die Tür wieder zu. Als ich eine Holztreppe hinaufging, stieß ich auf der vierten oder fünften Stufe gegen einen weichen Gegenstand. Ich sah hin und bemerkte eine grüne Brieftasche. Ich bückte mich, um sie aufzuheben, benahm mich aber dabei so ungeschickt, daß ich sie durch eine Öffnung stieß, die hinten an der Stufe, wahrscheinlich zur Beleuchtung einer darunter befindlichen Treppe, angebracht war. Ich hielt mich nicht weiter auf, sondern ging nach oben. Man empfing mich wie gewöhnlich, und da mein glänzender Anzug ihnen auffällig sein konnte, so erklärte ich ihnen die Veranlassung. Esther sagte mir lächelnd, ich sähe wie ein ganz anderer Mensch aus; aber trotz ihrem Lächeln glaubte ich zu bemerken, daß sie traurig waren. Die Gouvernante der hübschen Esther kam herein und sagte ihnen etwas auf holländisch, worüber meine Schöne augenscheinlich betrübt war; sie stand auf und gab ihrem Vater tausend Küsse. »Ich sehe, meine Freunde, Ihnen ist irgend ein Unglück zugestoßen. Wenn meine Gegenwart Ihnen lästig ist, so sagen Sie es mir ohne Umstände und erlauben Sie mir, mich zurückzuziehen.« »Das Unglück ist nicht so groß, ich habe mich schon damit abgefunden. Mir bleibt noch ein hinreichendes Vermögen, um meinen Verlust mit Geduld zu ertragen.« »Was für einen Verlust haben Sie erlitten, wenn ich fragen darf?« »Ich habe eine ziemlich reich gefüllte Brieftasche verloren, die ich vorsichtigerweise hätte zu Hause lassen sollen, denn ich brauchte sie erst morgen.« »Und Sie können sich nicht denken, wo Sie sie verloren haben?« »Ich kann sie nur auf der Straße verloren haben, und ich weiß nicht, wie das zuging. Sie enthält Wechsel auf hohe Summen, deren Bezahlung ich verhindern kann; außerdem aber auch Noten der Bank von England in hohem Werte, und diese sind verloren, denn sie lauten auf den Inhaber. Danken wir Gott für alles, liebe Tochter, und bitten wir ihn, uns den Rest zu erhalten und vor allen Dingen unsere Gesundheit; denn uns könnte wohl größeres Unglück zustoßen. Ich habe in meinem Leben viel größere Schläge erlitten und habe sie nicht nur überstanden, sondern auch den Verlust wieder gut gemacht. Sprechen wir also nicht mehr von diesem Unfall; ich will annehmen, ich hätte diesen Verlust durch einen Bankerott erlitten.« Während Herr d'O. so sprach, fühlte ich mein Herz von Freude überströmt, aber ich bewahrte den Ernst, der den Umständen entsprach. Ich hatte die fast sichere Gewißheit, daß die Brieftasche keine andere wäre, als jene, die ich ungeschickterweise durch das Treppenloch hindurchgestoßen hatte. Diese konnte also jedenfalls nicht verloren sein. Man begreift wohl, daß ich sofort auf den Gedanken kam, die Ehre für meine prachtvolle Entdeckung meiner kabbalistischen Wissenschaft zukommen zu lassen. Die Gelegenheit war zu schön, um sie zu vernachlässigen, besonders da ich noch die Folgen der während der Nacht ausgestandenen Ängste verspürte. Ich hatte gefürchtet, den Ehrenmann zu einem ungeheuren Verlust verleitet zu haben; nun aber wollte ich meinen Wirten einen großen Beweis von der Unfehlbarkeit meines Orakels geben. Wie viele Wunder sind auf dieselbe Weise zustande gekommen! Dieser Gedanke versetzte mich in gute Laune; ich begann zu scherzen und machte in meiner Fröhlichkeit so drollige Bemerkungen, daß Esther herzlich darüber lachte. Wir aßen köstlich und tranken Weine, die des feinsten Kenners würdig waren. Nach dem Kaffee sagte ich ihnen: wenn sie das Spiel liebten, könnte wir spielen; aber Esther antwortete, damit wäre eine kostbare Zeit verloren; sie wäre zu leidenschaftlich für die Pyramiden eingenommen und schlüge mir vor, uns damit zu unterhalten, wenn es mir recht wäre. Dies wollte ich gerade. Ich sagte also zu ihr: »Recht gern; es geschehe nach Ihrem Wunsche.« »Soll ich fragen, wo mein Vater seine Brieftasche verloren hat?« »Warum nicht? Es ist eine ganz angemessene Frage; stellen Sie sie.« Sie machte die Pyramide und erhielt die Antwort, die Brieftasche sei von keinem Menschen gefunden worden. Sie sprang vor Freude auf und fiel dem Vater um den Hals. »Wir werden die Brieftasche wieder finden, lieber Papa!« »Ich hoffe es wie du, liebe Tochter, denn diese Antwort ist recht tröstlich.« Esther überhäufte ihn mit Liebkosungen. »Ja,« sagte ich, »es ist allerdings einige Hoffnung vorhanden; aber das Orakel wird bei allen Fragen stumm bleiben ...« »Stumm? warum denn?« »... wenn Sie mir nicht so viele Küsse geben, wie Sie Ihrem lieben Papa gegeben haben!« »Oh! ich werde es schon zum Sprechen bringen!« sagte sie lachend; und mit diesen Worten fiel sie mir um den Hals und herzte und küßte mich, und ich erwiderte ihre Liebkosungen. Glückliche Zeiten! wenn ich an sie denke – und trotz dem abscheulichen Alter, das mich so wenig geeignet zur Liebe macht, denke ich so gerne an sie – wenn ich an sie denke, fühle ich mich verjüngt, und mein Leben schmückt sich wieder mit dem Zauber der Jugend, trotz der Wirklichkeit, die mich soweit davon entfernt. Endlich setzte Esther sich wieder hin und fragte, wo die Brieftasche sei. Die Pyramide antwortete mir, die Brieftasche sei in die Öffnung der fünften Treppenstufe gefallen. Herr d'O. sagte zu seiner Tochter: »Laß uns nachsehen, liebe Esther, ob das Orakel Wahrheit spricht!« Mit freudigen und hoffnungsvollen Gesichtern gingen beide nach der Treppe; ich folgte ihnen. Herr d'O. zeigte uns selber das Loch, durch das die Brieftasche gefallen sein sollte. Er zündete eine Kerze an, und wir stiegen in einen Keller hinunter, wo er bald die Brieftasche aufhob, die ins Wasser gefallen war. Hoch erfreut gingen wir wieder nach oben und nun sprachen wir eine Stunde lang in vollem Ernste über die Göttlichkeit des Orakels, das nach ihrer Meinung den Besitzer zum glücklichsten aller Menschen machen mußte. Er öffnete die Brieftasche und zeigte uns vierzig englische Schatzscheine zu je tausend Pfund Sterling. Zwei davon gab er seiner Tochter, und mich nötigte er ebenfalls zwei anzunehmen; aber ich nahm sie mit der einen Hand und gab sie mit der anderen an Esther weiter, indem ich sie bat, sie aufzubewahren; hierin willigte sie jedoch erst ein, als ich ihr drohte, ich würde sonst nicht mehr mit ihr an der Kabbala arbeiten. Ich sagte Herrn d'O., daß ich mehr auf seine Freundschaft Wert lege; er umarmte mich und schwor mir Freundschaft auf Tod und Leben. Indem ich der schönen Esther meine zweitausend Pfund Sterling übergab, war ich sicher, sie an mich zu fesseln; nicht durch Rücksicht auf ihren Vorteil, sondern durch Vertrauen. Das reizende Mädchen hatte in ihrem Wesen etwas so Sieghaftes, daß es mir vorkam, wie wenn mein Dasein an das ihrige gebunden wäre. Ich sagte zu Herrn d'O., am meisten läge mir am Herzen, meine zwanzig Millionen unterzubringen, aber mit geringem Verlust. »Ich hoffe Sie zufriedenstellen zu können,« sagte er zu mir; »aber Sie müssen oft bei mir sein, und darum, mein lieber Freund, müssen Sie von nun an in meinem Hause wohnen; betrachten Sie es als das Ihrige.« »Ich würde Ihnen zur Last fallen.« »Fragen Sie danach meine Tochter!« Da Esther ihre Bitten mit denen ihres Vaters vereinigte, so nahm ich den Vorschlag an; ich hütete mich wohl, ihnen zu verraten, wie glücklich mich dies machte, sondern begnügte mich damit, ihnen meine Dankbarkeit auszusprechen. Sie antworteten auf eine Weise, die mich überzeugte, daß ich ihnen wirklich einen Gefallen tat. Herr d'O. ging in sein Arbeitszimmer, und ich befand mich mit Esther allein. Ich gab ihr einen zärtlichen Kuß und sagte ihr, ich könnte nur glücklich sein, wenn sie mir ihr Herz schenkte. »Sie lieben mich also?« »Auf das allerzärtlichste, und ich bin zu allem bereit, um Sie davon zu überzeugen, wenn ich hoffen darf, daß Sie meine Liebe teilen werden.« Sie gab mir ihre Hand, die ich mit Küssen bedeckte, und sagte zu mir: »Sobald Sie bei uns wohnen, werden Sie leicht einen günstigen Augenblick finden, um meinen Vater um meine Hand zu bitten, und Sie werden keinen abschlägigen Bescheid zu befürchten haben; vor allen Dingen aber müssen Sie bei uns wohnen.« »Oh! geliebtes Weib, schon morgen werde ich kommen.« So unterhielten wir uns von unserer Liebe, Hoffnung und Zukunft in der süßesten Hingebung gegenseitigen Vertrauens; ich mußte wirklich aufrichtig verliebt sein, denn nicht der geringste unzüchtige Gedanke kam mir in der Gesellschaft dieses schönen Mädchens, von dem ich mich geliebt fühlte. Herr d'O. kam zurück und sagte uns beim Eintreten, wir würden am nächsten Tage eine große Börsennachricht hören. »Was für eine Nachricht denn, lieber Papa?« »Ich bin entschlossen, ganz allein für dreihunderttausend Gulden das verloren geglaubte Schiff zu übernehmen. Man wird sagen, ich sei verrückt; aber verrückt ist gerade, wer das sagt. Verrückt wäre ich, wenn ich noch den geringsten Zweifel hegen könnte, nachdem ich so augenscheinlich die Göttlichkeit des Orakels erkannt habe.« »Mein lieber Herr d'O., Sie machen mich zittern; ich habe Ihnen gesagt, daß das Orakel mich oft getäuscht hat.« »Dies hat nur dann der Fall sein können, lieber Freund, wenn Sie den richtigen Sinn nicht erfaßt hatten, wenn die Antworten zweideutig waren; aber in dem vorliegenden Falle lautet sie zum Greifen deutlich. Ich werde die drei Millionen Gulden gewinnen oder eine Summe verlieren, die mich nicht zu Grunde richtet.« Esther, die durch das Wiederfinden der Brieftasche begeistert und geblendet war, sagte ihrem Vater, er solle sich beeilen. Ich konnte nun nicht mehr zurück, aber meine Traurigkeit war wieder über mich gekommen. Herr d'O. bemerkte dies, streckte mir die Hand entgegen und sagte: »Wenn auch das Orakel dieses Mal gelogen hätte, so bliebe ich trotzdem Ihr Freund.« »Diese Versicherung tröstet mich,« sagte ich zu ihm; »aber da es sich hier um eine Angelegenheit von größter Bedeutung handelt, so erlauben Sie mir noch einmal das Orakel zu befragen, bevor Sie sich einem Verlust von dreihunderttausend Gulden aussetzen.« Dieser Vorschlag entzückte Vater und Tochter; sie wußten gar nicht, wie sie mir ihre Freude und ihre Dankbarkeit ausdrücken sollten, daß ich um ihre Interessen so besorgt wäre. Nun habe ich eine wirklich überraschende Tatsache zu berichten, die zum Glauben an eine unmittelbare Einwirkung des Schicksals verleiten könnte. Ohne Zweifel werde ich manchen ungläubigen Leser finden; aber da diese Erinnerungen erst an den Tag kommen werden, wenn ich nicht mehr auf dieser Welt bin, so habe ich kein Interesse daran, die Wahrheit zu schminken, zumal da ich nur schreibe, um mir meine Mußestunden zu verschönen. Mag daran glauben, wer will – folgendes ist die Tatsache in ihrer ganzen Einfachheit: ich schrieb selber die Frage nieder, baute die Pyramide und traf alle kabbalistischen Vorbereitungen, ohne mir von Esther dabei helfen zu lassen. Ich war erfreut, noch zur rechten Zeit eine große Unbesonnenheit verhindern zu können, und ich war fest entschlossen, dies zu tun. Es stand in meiner Macht, eine doppelsinnige Antwort aus meiner Feder fließen zu lassen; diese mußte Herrn d'O. den Mut nehmen und seinen Plan zum Scheitern bringen; ich hatte diesen Doppelsinn mir ausgedacht und glaubte bestimmt ihn in Zahlen ausgedrückt zu haben. Hiervon überzeugt, sagte ich zu Esther, die das Alphabet genau kannte, sie möchte selber die Antwort ausziehen und in Worte übertragen. Sie tat dies im Handumdrehen, und mam denke sich meine Überraschung, als ich sie die Worte lesen hörte: Quand il s'agit, d'un fait pareil, on ne doit ni craindre ni hésiter. Votre repentir serait trop douloureux. Wenn es sich um eine solche Sache handelt, darf man nicht fürchten noch zögern. Ihre Reue würde zu schmerzlich sein. Man wird begreifen, daß es eines weiteren nicht bedurfte. Vater und Tochter umarmten mich, und Herr d'O. sagte mir, sobald das Schiff erschiene, würde ich den zehnten Teil des Gewinnes erhalten. Ich konnte vor Überraschung nicht antworten; denn ich glaubte ganz bestimmt statt craindre und hésiter geschrieben zu haben: croire und hasarder . Aber so stark wirkt die Selbstverblendung auf einen voreingenommenen Geist, daß Herr d'O. in meinem Schweigen nur die Bestätigung der Unfehlbarkeit meines Orakels erblickte. Jedenfalls konnte ich nicht mehr zurück, und so ergab ich mich darein und überließ dem Zufall den Anteil, den er trotz allem unserem Streben nun einmal an unserem Geschick hat. Am nächsten Tage zog ich zu Esther in eine herrliche Wohnung, und am Tage darauf ging ich mit ihr allein ins Konzert, wo sie aufs geistreichste mich damit neckte, daß die Abwesenheit der Madame Trenti und meiner Tochter mir gewiß großen Schmerz machen müsse. Esther besaß mich ganz und gar; ich lebte nur in ihrer Anbetung und konnte mir ihre augenscheinliche Liebe nicht verhehlen; aber Esther hatte Grundsätze; ich besaß sie nicht und verging vor Sehnsucht und Schmachten. Fünf oder sechs Tage später teilte Herr d'O. mir das Ergebnis einer Besprechung mit, die er mit Herrn Pels und den Inhabern von sechs anderen Handelshäusern über meine zwanzig Millionen gehabt hatte. Sie boten zehn Millionen bar und sieben Millionen in fünf- und sechsprozentigen Papieren mit Abzug von einem Prozent Maklergebühr. Außerdem verzichteten sie auf eine Million zweihunderttausend Gulden, die die Französisch-Indische Gesellschaft der Holländischen Gesellschaft schuldete. Zu solchen Bedingungen konnte ich nicht abschließen, obgleich ich sie im Grunde in Anbetracht der Geldnot, worin sich damals der Staatsschatz Ludwigs des Fünfzehnten befand, für recht vernünftig hielt. Ich beeilte mich, eine Abschrift des Vorschlages an Herrn de Boulogne und an Herrn d'Affry zu schicken, indem ich sie um schnelle Antwort bat. Nach acht Tagen erhielt ich im Auftrage des Herrn de Boulogne einen eigenhändigen Brief von Herrn de Courteuil: ich solle derartige Vorschläge rundweg ablehnen und nach Paris zurückkommen, wenn ich keine besseren Bedingungen finden könnte. Man wiederholte mir, der Friede sei sicher, obwohl man in Holland darüber ganz entgegengesetzter Meinung war. Wahrscheinlich wäre ich sofort nach Paris abgereist, wenn nicht ein Umstand eingetreten wäre, der allerdings in der Familie, deren Mitglied ich sozusagen geworden war, nur mich allein in Erstaunen setzte. Herrn d'O.'s Mut war außerordentlich gewachsen, und wie wenn das Schicksal mich wider meinen Willen zum Propheten hätte machen wollen, hatte man seit drei Tagen an der Börse Nachrichten von dem verloren geglaubten Schiff erhalten, das Herr d'O. im Vertrauen auf mein Orakel für dreihunderttausend Gulden gekauft hatte. Das Schiff lag bei Madeira. Man denke sich Esthers Freude und besonders die meinige, als wir den braven Mann triumphierend eintreten sahen und von ihm die Glücksbotschaft vernahmen! »Ich habe«, sagte er zu uns, »das Schiff von Madeira nach dem Texel für eine Kleinigkeit versichert; Sie können also, lieber Freund, von diesem Augenblick an über ein Zehntel des Gewinnes verfügen, den ich Ihnen verdanke.« Der Leser kann sich vorstellen, wie angenehm mir dies war; was er sich jedoch nicht vorstellen kann – er müßte mich denn so genau kennen wie ich selber, und das ist unmöglich – ist die Verlegenheit, in die mich die folgenden Worte des Herrn d'O. versetzten: »Sie sind jetzt reich genug, um sich bei uns selbständig zu machen, und Sie sind sicher, in wenigen Jahren, bloß durch die Beschäftigung mit Ihrer Kabbala, ungeheuer reich zu werden. Ich werde Ihr Agent sein, lieber Freund; werden Sie mein Teilhaber, und wenn meine Tochter Ihnen gefällt und Sie haben will, so können Sie mein Sohn sein, sobald Sie wollen.« Freude und Glück leuchteten aus Esthers Augen; ich aber, der sie anbetete, ließ sie in den meinigen nur Überraschung lesen. Das Glück und der Zwang, den ich mir antun mußte, hatten mich stumpfsinnig gemacht. Ich konnte mir meine Gefühle selber nicht erklären, aber ohne Zweifel wirkte unbewußt in mir meine unüberwindliche Abneigung gegen die Ehe. Nach einem ziemlich langen Schweigen fand ich endlich die Sprache wieder und erging mich in Versicherungen der Dankbarkeit, des Glückes und der Liebe. Ich schloß mit der Bemerkung, daß ich trotz meiner zärtlichen Liebe zu Esther mich noch nicht binden könnte, sondern wegen der ehrenvollen Vertrauensangelegenheit, die die Regierung in meine Hände gelegt, erst nach Paris zurückkehren müßte; aber nach meiner Rückkehr nach Amsterdam wäre ich sicher, über mein Schicksal entscheiden zu können. Diese lange Auseinandersetzung hatte das Glück, ihnen zu gefallen. Esther zeigte sich sehr zufrieden, und wir verbrachten den Rest des Tages in fröhlicher Stimmung. Am nächsten Tage gab Herr d'O. mehreren Freunden ein prachtvolles Mittagessen; sie wünschten ihm Glück zu seinem glänzenden Geschäft, aber sie konnten sich seinen Mut nur dadurch erklären, wie sie sagten, daß er von der Anwesenheit des Schiffes bei Madeira Kenntnis gehabt haben müßte, obgleich sie andererseits nicht begreifen konnten, auf welche Weise er sich vor allen anderen diese Kenntnis verschafft haben möchte. Acht Tage nach diesem glücklichen Ereignis sagte er mir das Ultimatum in der Angelegenheit der zwanzig Millionen. Frankreich sollte bei dem Verkauf seiner Papiere nur neun Prozent verlieren, und ich sollte keine Maklergebühr erhalten. Ich schickte sofort eine Abschrift des Vertrages an Herrn d'Affry und bat ihn, sie unverzüglich auf meine Kosten an den Herrn Generalkontrolleur weiter zu befördern. Zugleich schrieb ich diesem, das Geschäft würde unwiderruflich scheitern, wenn er einen einzigen Tag zögerte, an Herrn d'Affry die Vollmacht zu schicken, deren ich zum Abschluß des Vertrages bedürfte. In demselben Sinne schrieb ich an Herrn de Courteuil und an den Herzog von Choiseul, indem ich sie darauf aufmerksam machte, daß ich selber bei dem Geschäft nichts verdiente, trotzdem aber es abzuschließen riete, weil es mir vorteilhaft schiene; übrigens wäre ich überzeugt, daß man mir in Versailles meine Kosten ersetzen und mir die Belohnung, die ich beanspruchen dürfte, nicht vorenthalten würde. Da Karneval war, fand Herr d'O. es angezeigt, einen Ball zu geben. Er lud dazu die ganze vornehme Gesellschaft von Amsterdam ein. Ball und Essen waren prachtvoll; Esther, mit Diamanten bedeckt, tanzte alle Kontertänze mit mir und bezauberte alle Gäste ebenso sehr durch ihre Anmut wie durch ihre Schönheit. Ich verbrachte alle meine Tage nur mit Esther, und jeden Tag wurden wir verliebter und unglücklicher, denn wir verzehrten uns einer Enthaltsamkeit, die uns immer mehr erregte, indem sie die Begierden steigerte. Esther liebte mich innig; aber sie war mehr aus Grundsatz als aus Temperament tugendhaft und gewährte mir nur unbedeutende Freiheiten. Verschwenderisch war sie nur mit Küssen; aber Küsse sind für die Liebe durchaus kein Heilmittel, sondern nur ein Reizmittel. Die Liebe machte mich rasend. Sie sagte mir, wie alle angeblich anständigen Mädchen, sie wäre überzeugt, daß ich sie nicht heiraten würde, wenn sie einwilligte, mich glücklich zu machen; sobald sie meine Frau wäre, würde sie ganz und gar die meine sein. Sie glaubte nicht, daß ich verheiratet wäre, denn ich hätte ihr zu bestimmt das Gegenteil versichert und diese Versicherung entspräche nur zu sehr ihren eigenen Wünschen; aber sie wäre überzeugt, daß ich in Paris ein inniges Verhältnis hätte. Ich gab dies zu und versicherte ihr, ich würde das Verhältnis gänzlich lösen, um nur noch ihr anzugehören und unsere Geschicke durch ein unauflösliches Band zu verknüpfen. Leider war dies eine Lüge; denn Esther und ihr Vater waren unzertrennlich, und dieser war erst vierzig Jahre alt. Ich konnte mich aber nicht mit dem Gedanken befreunden, mich unwiderruflich in Holland niederzulassen. Zehn oder zwölf Tage nach der Absendung des Ultimatums erhielt ich einen Brief von Herrn de Boulogne; er schrieb mir, Herr d'Affry habe alle von mir gewünschten Anweisungen erhalten, damit ich den Austausch der zwanzig Millionen abschließen könne. Der Herr Gesandte schickte mir einen Brief, der die Mitteilungen des Generalkontrolleurs bestätigte. Er ersuchte mich, meine Maßregeln genau zu treffen, denn er würde die königlichen Anweisungen nur gegen Empfang von achtzehn Millionen zweihunderttausend Franken in barem Gelde herausgeben. Da nun der schmerzliche Augenblick der Trennung nahe war, taten wir uns in den Ausdrücken unseres Bedauerns keinen Zwang mehr an und vergossen reichliche Tränen miteinander. Esther übergab mir den Wert der zweitausend Pfund Sterling, die ich durch das Wiederfinden der Brieftasche so leicht und unerwartet verdient hatte. Ihr Vater gab mir auf meinen Wunsch hunderttausend Gulden in Wechseln auf Tourton \& Baur und auf Pâris de Montmartel, und außerdem eine Quittung, die mich ermächtigte, bis zum Betrage von zweihunderttausend Gulden auf ihn selber zu ziehen. Im Augenblick der Abreise schenkte meine Esther mir fünfzig Hemden aus feinster holländischer Leinwand und fünfzig Taschentücher von Mazulipatam. Nicht die Liebe zu Manon Baletti, sondern eine dumme und lächerliche Eitelkeit, in dem prachtvollen Paris eine Rolle zu spielen, veranlaßte mich, Holland zu verlassen. Aber ich hatte nun einmal von Mutter Natur eine solche Anlage empfangen, daß fünfzehn Monate unter den Bleidächern nicht genügt hatten, mich von meiner Krankheit zu heilen. Wenn ich übrigens noch mehr darüber nachdenke, kann ich mich darüber nicht wundern; denn selbst die zahllosen Schicksalsschläge, die ich seither erlitt, haben diese Heilung nicht bewirkt. Es gibt körperliche und moralische Krankheiten, die unheilbar sind. Schicksal ist ein sinnloses Wort; denn wir selber bereiten uns unser Schicksal – trotz dem Wahlspruch der Stoiker: Volentem ducit, nolontem trahit – Willst du, so führt es dich; willst du nicht, so reißt es dich fort. Ich wäre zu nachsichtig gegen mich selber, wenn ich diesen Satz auf mich anwenden wollte. – Nachdem ich Esther geschworen hatte, ich würde vor dem Ende des Jahres zurückkehren, reiste ich mit einem Bevollmächtigten der Gesellschaft, die die französischen Papiere gekauft hatte, nach dem Haag. Boas empfing mich mit Erstaunen und Bewunderung. Er sagte mir, ich hätte ein Wunder vollbracht und sollte mich beeilen, nach Paris zurückzukehren, wäre es auch nur, um mich an dem Weihrauch der Glückwünsche zu berauschen. »Aber«, setzte er hinzu, »Sie können unmöglich diesen schönen Erfolg gehabt haben, wenn Sie nicht das Geheimnis besaßen, die Herren zu überzeugen, daß der Abschluß des Friedens nahe bevorstehe.« »Nein, ich habe ihnen durchaus nichts eingeredet, denn sie sind vom Gegenteil überzeugt; aber ich kann Ihnen versichern, daß der Friede in der Tat unmittelbar bevorsteht.« »Wenn Sie mir diese Versicherung schriftlich geben wollen, so schenke ich Ihnen fünfzigtausend Gulden in Diamanten.« »Ich bin der Sache ebenso gewiß wie der Gesandte; indessen glaube ich doch nicht, daß sie so sicher ist, daß Sie Ihre Diamanten riskieren könnten.« Am nächsten Tage brachte ich bei dem Gesandten alles in Ordnung und der Bevollmächtigte reiste nach Amsterdam zurück. Ich ging zu Teresa zum Abendessen und fand ihre Kinder sehr sauber gekleidet. Ich bat sie, mich am nächsten Tage in Rotterdam zu erwarten, um mir dort ihren Sohn zu übergeben; denn ich wollte den bösen Zungen keinen Anlaß zum Geschwätz geben, indem ich ihn vom Haag aus mitnahm. Bei Boas kaufte ich für vierzigtausend Gulden Diamanten und andere Kleinodien und versprach ihm, bei ihm abzusteigen, wenn ich wieder nach dem Haag käme. Ich habe ihm nicht Wort gehalten. Teresa sagte mir in Rotterdam, sie wisse, daß ich in Amsterdam eine halbe Million verdient habe; sie würde ihr Glück machen, wenn sie aus Holland fortgehen und sich in London niederlassen könnte. Sie hatte Sophie dazu abgerichtet, mir zu sagen, mein Glück sei eine Wirkung der Gebete, die sie an den lieben Gott gerichtet habe, damit er mich glücklich machen möge. Ich merkte die Absicht und lachte herzlich über die Schlauheit der Mutter und über die fromme Einfalt des Kindes; aber ich gab ihr nur hundert Dukaten und versprach ihr, ihr noch hundert zu schicken, sobald sie mir von London aus schriebe. Ich sah wohl; daß die Komödiantin die Summe recht bescheiden fand; aber ich ließ mich nicht rühren und gab ihr nicht mehr. Sie wartete den Augenblick ab, wo ich in den Wagen stieg, um mich zu bitten, ihr noch hundert Dukaten zu geben. Ich sagte ihr ins Ohr, ich würde ihr sofort tausend zahlen, wenn sie mir ihre Tochter herausgeben wollte. Sie dachte einen Augenblick nach, sagte mir aber dann, es wäre ihr unmöglich, sich von ihr zu trennen. »Ich weiß wohl warum«, antwortete ich ihr; dann zog ich eine Uhr aus der Westentasche, gab sie Sophie, küßte sie und fuhr ab. Am zehnten Februar kam ich in Paris an. Dort nahm ich mir eine prachtvolle Wohnung neben der Rue Montorgeuil. Achtes Kapitel Schmeichelhafter Empfang von Seiten meiner Gönner. – Frau von Urfé verliert die Besinnung. – Frau X. C. V. und ihre Familie. – Frau du Rumain. Während meiner kurzen Reise vom Haag nach Paris hatte ich vollkommen Zeit genug, zu bemerken, daß die Seele meines Pflegesohnes nicht so schön war wie sein Persönchen. Seine Mutter hatte, wie ich bereits erwähnte, besonders Wert darauf gelegt, ihn zur Verschwiegenheit zu erziehen. Es lag in ihrem eigenen Interesse, an ihrem Sohn diese Eigenschaft ganz besonders auszubilden; den Grund brauche ich meinen Lesern nicht zu sagen. Der Knabe war der Leitung seiner Mutter gefolgt; aber er hatte noch nicht Vernunft genug, um Maß zu halten. Er hatte die Verschwiegenheit übertrieben, und infolgedessen hatten sich dieser Eigenschaft bald drei große Fehler beigesellt: Verstellung, Mißtrauen und falsche Vertraulichkeit – ein schönes Trio von Lügen bei einem Menschen, der sich kaum dem Beginn der Geschlechtsreife näherte. Er sagte nicht nur nicht, was er wußte, sondern er stellte sich, wie wenn er wüßte, was er nicht wußte. Er fühlte, daß er undurchdringlich sein müßte, wenn ihm dies gelingen sollte; darum hatte er sich daran gewöhnt, seinem Herzen Schweigen zu gebieten und niemals etwas zu sagen, was er sich nicht zuvor im Geiste zurecht gelegt hatte. Er glaubte klug zu sein, wenn er Irrtum erregte, und da sein Herz keiner edlen Regung fähig war, so war der unglückliche Knabe allem Anschein nach dazu verdammt, niemals die Freundschaft kennen zu lernen und niemals einen Freund zu haben. Ich sah voraus, daß Frau von Urfé auf ihn rechnen würde, um ihre phantastische Mannwerdung zu vollbringen, und daß ihr Geist um so tollere Dinge aushecken würde, je mehr ich ihr aus seiner Herkunft ein Geheimnis machte. Deshalb befahl ich ihm, von seinen Verhältnissen nichts zu verbergen, wenn eine Dame, der ich ihn vorstellen würde, ihn im geheimen ausfragen würde. Er versprach mir Gehorsam; aber mein Befehl, aufrichtig zu sein, kam ihm unerwartet. In Paris galt mein erster Besuch meinem Gönner, den ich in zahlreicher Gesellschaft fand. Ich sah in seinem Kreise den venetianischen Gesandten, der so tat, als kenne er mich nicht. »Seit wann sind Sie in Paris?« sagte der Minister, indem er mir die Hand schüttelte. »Seit diesem Augenblick, ich steige eben aus dem Postwagen.« »Gehen Sie doch nach Versailles; Sie werden dort den Herzog von Choiseul und den Generalkontrolleur finden. Sie haben Wunder vollbracht; lassen Sie sich bewundern und besuchen Sie mich nachher. Sagen Sie dem Herrn Herzog, ich habe Voltaire einen Paß des Königs geschickt, der ihn zu seinem wirklichen Kammerherrn ernennt.« Man fährt nicht mittags nach Versailles; aber so redeten die Minister, wenn sie in Paris waren, wie wenn Versailles am Ende der Straße gelegen sei. Statt mich nach der prunkvollen Residenz der französischen Könige zu begeben, ging ich zur Frau von Urfé. Die Dame empfing mich mit den Worten: »Mein Genius hatte mir enthüllt, daß ich Sie noch heute sehen würde; ich bin entzückt über seine Zuverlässigkeit. Corneman hat mir gesagt, daß man das Gelingen Ihres Geschäftes in Holland als ein Wunder ansehe. Ich aber erblicke darin ein Wunder von ganz anderer Art; denn ich bin überzeugt, daß Sie selber die zwanzig Millionen übernommen haben. Die Staatspapiere sind im Steigen, und es werden im Laufe der Woche mindestens hundert Millionen umgesetzt werden. Sie werden keine Beleidigung darin erblicken, daß ich es gewagt habe, Ihnen ein so armseliges Geschenk zu machen; denn zwölftausend Franken sind für Sie eine Kleinigkeit. Sie werden darin nur meine Freundschaft erblicken, die sich gerne äußern wollte.« »Ich weiß ihre Sprache vollkommen zu würdigen.« »Ich werde dem Schweizer befehlen, niemanden vorzulassen; denn Ihre Rückkehr macht mich so glücklich, daß ich Sie ganz für mich allein haben muß.« Ich antwortete auf dieses schmeichelhafte Kompliment nur mit einer tiefen Verbeugung, und sie zitterte vor Freude, als ich ihr sagte, daß ich einen zwölfjährigen Knaben aus Holland mitgebracht hätte, den ich in der besten Schulanstalt von Paris unterzubringen gedächte, um ihm eine gute Erziehung geben zu lassen. »Ich nehme es auf mich, ihn bei Viar unterzubringen, wo meine Neffen sind. Wie heißt er? wo ist er? Ich weiß wohl, was dies für ein Knabe ist! Ich kann es gar nicht erwarten, ihn zu sehen. Warum, Herr Casanova, sind Sie nicht bei mir abgestiegen?« Ihre Fragen und Antworten folgten einander blitzschnell; es wäre mir unmöglich gewesen, auch nur eine Silbe dazwischen zu sprechen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Aber es war mir ganz recht, daß sie ihr erstes Feuer verprasselte; daher unterbrach ich sie auch nicht. Als ein Augenblick des Schweigens eingetreten war, sagte ich ihr, ich würde die Ehre haben, ihr am zweitnächsten Tag meinen Jüngling vorzustellen, denn der folgende Tag wäre für Versailles bestimmt. »Spricht dieser kostbare Knabe französisch? Sie müssen ihn unbedingt bei mir lassen, bis ich wegen der Erziehungsanstalt alles in Ordnung gebracht habe.« »Darüber werden wir übermorgen sprechen, gnädige Frau.« »Wäre doch dieses Übermorgen erst da!« Von Frau d'Urfé begab ich mich nach meinem Bureau, wo ich zu meiner Befriedigung alles vollkommen in Ordnung fand. Hierauf ging ich in die italienische Komödie. Sylvia spielte an diesem Abend; ich suchte sie in ihrem Ankleidezimmer auf, wo sie und ihre Tochter waren. »Lieber Freund,« sagte sie bei meinem Anblick, »ich weiß, Sie haben in Holland sehr gute Geschäfte gemacht, und ich wünsche Ihnen Glück dazu.« Ich überraschte sie angenehm, indem ich ihr sagte, ich hätte für die Tochter gearbeitet; Manon errötete und schlug auf recht bezeichnende Art die Augen nieder. »Zum Abendessen bin ich bei Ihnen; dann können wir in aller Behaglichkeit plaudern.« Ich verließ sie und ging ins Amphitheater. Welche Überraschung! In einer der ersten Logen sah ich Frau X. C. V. mit ihrer ganzen Familie. Ich werde meinen Lesern ein Vergnügen machen, indem ich hier ihre Geschichte erzähle. Frau X. C. V. war eine Griechin von Geburt und Witwe eines Engländers, von dem sie sechs Kinder hatte, darunter vier Töchter. Auf seinem Totenbett trat er zum katholischen Glauben über, da er nicht die Kraft hatte, den Tränen seiner Frau zu widerstehen. Da aber seine Kinder ein Kapital von vierzigtausend Pfund Sterling, das der Verstorbene in England hinterlassen hatte, nicht erben konnten, wenn sie sich nicht zur anglikanischen Kirche bekannten, so war die Familie nach London gegangen, wo die Witwe alle von den englischen Gesetzen verlangten Formalitäten erfüllt hatte. Was tut man nicht um des Geldes willen! Übrigens darf man Personen die wie in diesem Fall nur gesetzlich festgelegten Vorurteilen fremde, Nationen nachgeben, keinen Vorwurf machen. Wir befanden uns damals im Jahre 1758; fünf Jahre vorher hatte ich mich in Padua in die älteste Tochter verliebt, mit der ich Theater gespielt hatte, aber einige Monate später in Venedig befand Frau X. C. V. es für gut, mich von ihrer Gesellschaft auszuschließen. Ihre Tochter veranlaßte mich durch einen reizenden Brief, den ich noch jetzt mit Vergnügen lese, den mir von ihrer Mutter angetanen Schimpf ruhig zu ertragen. Ich muß übrigens gestehen, daß es mir damals um so leichter wurde, mich in Geduld zu fassen, weil ich mit meiner schönen Nonne M. M. und mit meiner reizenden C. C. beschäftigt war. Fräulein X. C. V. war damals freilich erst fünfzehn Jahre alt, aber eine vollkommene Schönheit und um so entzückender, da sie nicht nur ein reizendes Gesicht, sondern auch alle Vorzüge eines gebildeten Geistes besaß, der oft eine größere Anziehungskraft besitzt als alle körperlichen Vollkommenheiten. Graf Algarotti, der Kammerherr des Königs von Preußen, gab ihr Unterricht, und mehrere junge Patrizier suchten ihr Herz zu erobern. Der Bevorzugte schien der älteste Sohn der Familie Memmo di San Marcuola zu sein. Der junge Mann starb ein Jahr darauf als Prokurator von San Marco. Man kann sich denken, wie erstaunt ich war, diese Familie wieder zu sehen, die ich bereits aus den Augen verloren hatte. Fräulein X. C. V. erkannte mich sofort und zeigte mich ihrer Mutter; diese winkte nur mit dem Fächer, und ich suchte sie in ihrer Loge auf. Sie empfing mich auf das liebenswürdigste und sagte mir, sie seien nicht mehr in Venedig, und sie hoffe daher, daß ich ihr nicht das Vergnügen abschlagen werde, sie oft im Hotel de Bretagne in der Rue St.-André-des-Arts zu besuchen. Ich sagte ihr, ich wolle an Venedig nicht mehr denken, und da die Tochter ihre Bitten mit denen der Mutter vereinigte, so versprach ich ihrer Einladung Folge zu leisten. Ich fand Fräulein X. C. V. außerordentlich schön geworden, und meine Liebe, die fünf Jahre lang geschlummert hatte, erwachte mit einer Stärke, die ich nur der Vollendung vergleichen kann, zu der die Geliebte während dieser Zeit aufgeblüht war. Sie sagten mir, sie wollten vor ihrer Rückkehr nach Venedig sechs Monate in Paris verbringen. Ich erzählte ihnen, daß ich die Absicht hätte, mich dauernd in Paris niederzulassen, daß ich soeben von Holland zurück käme und daß ich am nächsten Tage nach Versailles fahren müßte, ihnen daher erst am folgenden Tage meine Aufwartung machen könnte. Zugleich bot ich ihnen meine Dienste an, indem ich durchblicken ließ, daß ich unter Umständen in der Lage wäre, ihnen sehr bedeutende zu leisten. Fräulein X. C. V. sagte mir, sie wisse, daß mein Erfolg in Holland mir Anspruch auf den Dank Frankreichs gebe; sie habe stets gehofft, mich wieder zu sehen, und meine berühmte Flucht aus den Bleikammern habe ihnen die größte Freude gemacht; »denn wir haben Sie immer geliebt.« »Von Seiten Ihrer Frau Mutter habe ich dies nicht immer bemerkt«, sagte ich leise zu ihr. »Sprechen wir nicht mehr davon,« antwortete sie halblaut; »wir haben alle Umstände Ihrer wunderbaren Flucht aus einem sechzehn Seiten langen Brief erfahren, den Sie an Herrn Memmo schrieben. Wir haben vor Freude gebebt und vor Furcht geschaudert.« »Und wie haben Sie erfahren, daß ich in Holland war?« »Herr de la Popelinière hat es uns gestern erzählt.« Der Generalpächter de la Popelinière, den ich sieben Jahre vorher in seinem Hause in Passy kennen gelernt hatte, kam gerade in dem Augenblicke, als Fräulein X. C. V. seinen Namen aussprach, in die Loge. Nachdem er mir eine leichte Verbeugung gemacht hatte, sagte er zu mir: »Wenn Sie auf dieselbe Art der Indischen Kompagnie zwanzig Millionen verschaffen können, werde ich Sie zum Generalpächter ernennen lassen, übrigens rate ich Ihnen, Herr Casanova, sich in Frankreich naturalisieren zu lassen, bevor man erfährt, daß Sie eine halbe Million verdient haben.« »Eine halbe Million! Ich möchte wohl, daß dies wahr wäre.« »Weniger können Sie nicht verdient haben.« »Ich versichere Ihnen, mein Herr, dies Geschäft richtet mich zugrunde, wenn man mir meine Maklergebühr vorenthält.« »Sie haben recht, daß Sie so sprechen. Übrigens möchte alle Welt Sie gerne kennen lernen, denn Frankreich hat Ihnen viel zu verdanken. Sie haben ein glückliches Steigen der Kurse bewirkt.« Nach dem Theater ging ich zu Sylvia und wurde dort wie ein Kind vom Hause gefeiert; aber auch ich gab ihnen Beweise, daß ich als solches angesehen werden wollte. Ich hatte das Gefühl, dem Einfluß ihrer beständigen Freundschaft mein ganzes Glück zu verdanken. Ich bat Vater, Mutter, Tochter und die beiden Söhne, die Geschenke anzunehmen, die ich für sie bestimmt hätte. Das reichste, das ich schon in der Tasche hatte, bot ich der Mutter, die es sofort ihrer Tochter gab. Es waren ein Paar Ohrringe mit Diamanten von größter Schönheit; ich hatte fünfzehntausend Franken dafür bezahlt. Drei Tage später gab ich ihr eine Kiste voll von prachtvollem Calencar, holländischer Leinewand und feinen Mechelner, und Alençonspitzen. Mario, der gerne rauchte, erhielt eine schöne goldene Pfeife. Eine schöne goldene Tabaksdose mit Emaille gab ich meinem Freunde, und dem jüngeren Sohn, den ich leidenschaftlich gerne hatte, eine Repetieruhr. Ich werde noch Gelegenheit haben, von diesem schönen Jungen zu sprechen, den seine natürlichen Eigenschaften weit über seinen Stand erhoben. War ich aber auch reich genug, um solche Geschenke zu machen? Nein. Ich wußte dies auch sehr gut; aber ich machte diese Geschenke in der Befürchtung, es später nicht mehr zu können, wenn ich mir die Gelegenheit entgehen ließe. Mit Tagesanbruch fuhr ich nach Versailles, und Herr von Choiseul empfing mich wie das erste Mal: er wurde gerade frisiert. Diesmal aber legte er die Feder hin, was mir bewies, daß ich in seinen Augen gewachsen war. Nachdem er mir eine anmutige leichte Verbeugung gemacht hatte, sagte er mir: wenn ich imstande zu sein glaubte, eine Anleihe von hundert Millionen Gulden zu vier Prozent zustande zu bringen, würde er mir einen ehrenvollen Rang zuweisen lassen, um mich bei meinen Unterhandlungen zu unterstützen. Ich antwortete ihm, ich würde mir die Sache überlegen, sobald ich gesehen hätte, welche Belohnung man für das bereits abgeschlossene Geschäft gäbe. »Aber man sagt allgemein, Sie haben zweihunderttausend Gulden verdient.« »Das wäre nicht übel; ein halbe Million Franken wäre ein hübscher Anfang; aber ich kann Eurer Exzellenz versichern, daß am Gerede nichts ist. Man bringe mir den geringsten Beweis bei, und ich werde mich bescheiden. Ich glaube die Maklergebühr beanspruchen zu können.« »Das ist wahr. Setzen Sie sich mit dem Generalkontrolleur darüber auseinander.« Herr von Boulogne unterbrach seine Arbeit, um mich auf das liebenswürdigste zu empfangen; als ich ihm aber sagte, er sei mir hunderttausend Gulden schuldig, lächelte er ironisch und sagte: »Ich wußte, daß Sie dreihunderttausend Franken in Wechseln auf Ihre Ordre bei sich haben.« »Allerdings; dies hat aber nicht das geringste damit zu tun, daß ich meinen Auftrag ausgeführt habe. Dies ist eine bewiesene Tatsache, und ich beziehe mich auf Herrn d'Affry. Übrigens habe ich einen unfehlbaren Plan, die königlichen Einkünfte um zwanzig Millionen zu vermehren, ohne daß diejenigen, die sie bezahlen werden, sich darüber beklagen können.« »Vortrefflich! Bringen Sie den Plan zur Ausführung, und ich verpflichte mich, Ihnen vom König ein Jahrgeld von hunderttausend Franken geben zu lassen und Ihnen den Adelsbrief zu verschaffen, wenn Sie Franzose werden wollen.« »Dies will überlegt sein.« Von Herrn de Boulogne begab ich mich nach den kleinen Gemächern, wo die Marquise von Pompadour gerade eine Ballettprobe abhalten ließ. Sobald sie mich sah, grüßte sie mich; ich trat näher, und sie sagte mir, ich sei ein geschickter Unterhändler, und die Herren da unten hätten mich nicht zu würdigen gewußt. Sie erinnerte sich immer noch der Worte, die ich in Fontainebleau vor acht Jahren im Theater zu ihr gesagt hatte. Ich antwortete ihr: alles Gute komme von oben, und ich hoffe, ebenfalls meinen Anteil zu erhalten, wenn ich so glücklich sei, ihre Billigung zu finden. Ich fuhr nach Paris zurück und begab mich in das Hotel Bourbon, um meinem Beschützer über dns Ergebnis meiner Reise zu berichten. Er riet mir, auch weiterhin gute Geschäfte für die Regierung zu machen; denn dies sei das sicherste Mittel, auch für mich selber gute Geschäfte zu machen. Ich erzählte ihm hierauf, daß ich im Theater die Familie X. C. V. getroffen habe, und er sagte mir, Herr de la Popelinière werde die älteste Tochter heiraten. Als ich nach Hause kam, fand ich meinen Sohn nicht mehr. Meine Wirtin sagte mir, eine vornehme Dame habe dem Herrn Grafen einen Besuch gemacht und ihn mitgenommen. Ich erriet, daß es Frau von Urfé war, und legte mich ohne Unruhe zu Bett. Am anderen Morgen in aller Frühe brachte mein Geschäftsführer mir einen Brief; er war von dem alten Sachwalter, dem Oheim von Gaetanos Frau, der ich mitgeholfen hatte, sich den Mißhandlungen ihres eifersüchtigen, rohen Gatten zu entziehen. Er bat mich, ihn im Gerichtspalast zu einer Besprechung aufzusuchen oder ihm einen Ort zu bestimmen, wo er mich treffen könne. Ich suchte ihn im Palast auf und der brave alte Mann sagte mir: »Meine Nichte hat sich in ein Kloster begeben müssen, von wo aus sie mit der Hilfe eines Parlamentsrates, der alle Kosten übernimmt, den Prozeß gegen ihren Gatten führt. Damit dieser einen guten Ausgang nehme, brauchen wir Sie, den Grafen Tiretta und die Bedienten, die bei dem blutigen Auftritt, der den Anlaß zur Klage bildet, zugegen waren.« Ich besorgte alles Notwendige, und vier Monate später machte Gaetano selber der Sache ein Ende durch einen betrügerischen Bankerott, der ihn nötigte, Frankreich zu verlassen. Ich werde später sagen, wo ich den unglücklichen Menschen wiederfand. Seine junge hübsche Frau bezahlte ihren Freund, den Parlamentsrat, in Liebesmünze. Sie zog in sein Haus und lebte glücklich mit ihm; vielleicht ist sie es noch – aber ich habe sie gänzlich aus den Augen verloren. Nach meiner Unterredung mit dem alten Sachwalter ging ich zu Frau ***, um ihr einen Besuch zu machen und Tiretta zu sehen. Ich fand ihn nicht zu Hause. Die Dame war immer noch verliebt in ihn, und er machte immer noch eine Tugend aus der Not. Ich hinterließ ihm meine Adresse und begab mich in das Hotel de Bretagne, um Frau X. C. V. meinen ersten Besuch zu machen. Sie liebte mich nicht, aber sie empfing mich trotzdem sehr wohlwollend. In Paris und in meinen augenblicklichen glücklichen Umständen mochte ich in ihren Augen wohl etwas mehr sein als in Venedig. Wer wüßte nicht, daß das Glänzende den Blick verblendet und bei den meisten Menschen den Platz einnimmt, der nur dem Verdienst gebührt! Bei Frau X. C. V. befand sich ein alter Grieche namens Zandiri, ein Bruder des kürzlich verstorbenen Haushofmeisters des Herrn von Bragadino. Ich sprach ihm mein Beileid aus, aber das dumme Vieh antwortete mir nicht. Für seine alberne Kälte entschädigten mich die Liebkosungen, mit denen die ganze Familie mich überhäufte. Das Fräulein, ihre Schwestern und ihre beiden Brüder überschütteten mich mit Freundschaftsbeweisen. Der älteste war erst vierzehn Jahre alt; er war ein reizender Junge, aber er überraschte mich durch die Unabhängigkeit, die er in seinem ganzen Wesen an den Tag legte. Er sehnte bereits den Augenblick herbei, wo er sich in dem Besitz seines Vermögens sehen würde, um sich allen Ausschweifungen zu überlassen, zu denen er die besten Anlagen hatte. Fräulein X. C. V. verband mit einer seltenen Schönheit die Ungezwungenheit und den Ton der besten Gesellschaft, und besaß außerdem noch Anlagen und gründliche Kenntnisse, die sie stets nur am rechten Ort und ohne jede Anmaßung zur Geltung brachte. Man konnte kaum näher mit ihr bekannt werden, ohne das zärtlichste Gefühl für sie zu empfinden; aber sie war keine Kokette, und ich bemerkte bald, daß sie in solchen, die nicht das Glück hatten, ihr zu gefallen, keine Hoffnung aufkommen ließ. Sie verstand es ohne Unhöflichkeit kalt zu sein; um so schlimmer für diejenigen, denen nicht durch ihre Kälte ihre Einbildungen benommen wurden. Während der einen Stunde, die ich bei ihr verbrachte, fesselte sie mich an ihren Wagen; ich gestand es ihr, und sie sagte mir, es sei ihr recht angenehm. Sie nahm in meinem Herzen den Platz ein, den acht Tage vorher Esther gehabt hatte; aber ich gestehe offen, daß Esther nur darum zurücktrat, weil sie abwesend war. Meine Neigung für Sylvias Tochter war von der Art, daß sie mich nicht abhalten konnte, mich in eine andere zu verlieben. In dem Herzen eines Wüstlings stirbt die Liebe, wenn sie keine Nahrung erhält, an einer Art von Auszehrung. Alle Frauen, die einige Erfahrung besitzen, wissen dies sehr wohl. Die junge Baletti war noch ganz neu in der Welt und konnte nichts davon wissen. Um ein Uhr kam ein edler Venetianer, Herr Farsetti, Komtur des Malteserordens, ein Gelehrter, der im Wahne der abstrakten Wissenschaften befangen war und ziemlich gute lateinische Verse schrieb. Wir sollten gerade zu Tisch gehen, und Frau X. C. V. beeilte sich, ein Gedeck für ihn auflegen zu lassen. Sie bat auch mich zu bleiben; da ich jedoch bei Frau von Urfé speisen wollte, so schlug ich für diesen Tag die Ehre aus. Herr Farsetti, der in Venedig viel mit mir verkehrt hatte, sah mich kaum an, und ich zahlte ihm in gleicher Münze heim, ohne jedoch den Hoffärtigen zu spielen. Er lächelte, als das Fraulein meinen Mut pries. Sie bemerkte es und fügte, gleichsam um ihn zu strafen, hinzu: ich hätte alle Venetianer gezwungen, mich zu bewundern, und die Franzosen legten Wert darauf, mich zu ihren Mitbürgern zählen zu dürfen. Herr Farsetti fragte mich, ob mir meine Stelle als Lotterieeinnehmer viel einbrächte. Ich antwortete ihm in gleichgültigem Ton: »Vollkommen genug, um meine Schreiber glücklich zu machen.« Er fühlte die Bedeutung meiner Antwort, und das Fräulein lächelte darüber. Ich fand meinen angeblichen Sohn bei Frau von Urfé, oder besser gesagt, in den Armen meiner lieben Geisterseherin. Sie bat mich tausendmal um Entschuldigung, daß sie ihn entführt habe, und ich gab der Sache eine scherzhafte Wendung, da dies das beste war, was ich tun konnte. Ich sagte zu dem kleinen Mann, er müsse Frau d'Urfé als seine Königin ansehen und dürfe nichts vor ihr geheim halten. »Ich habe ihn«, sagte sie zu mir, »bei mir schlafen lassen; aber ich werde mir dieses Vergnügen versagen müssen, wenn er mir nicht verspricht, in Zukunft artiger zu sein.« Ich fand dies köstlich, und der kleine Mann wurde dunkelrot, bat sie aber trotzdem, ihm zu sagen, womit er sie beleidigt haben könnte. »Wir werden«, sagte die Marquise zu mir, »den Grafen St. Germain zu Tische haben; ich weiß, daß dieses Original Ihnen Spaß macht, und ich wünsche, daß es Ihnen bei mir gefalle.« »Damit es mir bei Ihnen gefalle, gnädige Frau, brauche ich nur Sie selber; indessen bin ich Ihnen dankbar für Ihre freundlichen Aufmerksamkeiten.« St.-Germain kam und setzte sich, nach seiner Gewohnheit, nicht um zu essen zu Tisch, sondern um zu sprechen. Er erzählte mit unerschütterlicher Sicherheit unglaubliche Dinge; man mußte sich so stellen, als glaube man sie, denn er war stets Augenzeuge gewesen oder war selber der Held der Geschichte. Ich mußte aber doch laut auflachen, als er uns etwas erzählte, was ihm begegnet war, als er mit den Vätern des Konzils von Trient zusammen speiste. Frau von Urfé trug an ihrem Halse als Schmuckstück einen großen Magneten. Sie behauptete, dieser Magnet würde eines Tages den Blitz anziehen, und sie würde auf diese Weise zur Sonne aufsteigen. Ich hatte Lust, ihr zu sagen, daß sie dort sich nicht höher befinden würde, als auf unserem Planeten; aber ich beherrschte mich. Der berühmte Betrüger beeilte sich, ihr zu versichern, die Tatsache sei unbestreitbar, aber nur er besitze die Macht, die Stärke des Magneten um das tausendfache zu vermehren. Ich sagte ihm kühl, ich wäre bereit, um zwanzigtausend Taler zu wetten, daß er die Stärke des Magneten, den Frau von Urfé an ihrem Halse trüge, nicht einmal um das Doppelte vermehren würde. Frau von Urfé legte sich ins Mittel, um die Wette zu verhindern, und sagte mir nach Tisch unter vier Augen, ich würde verloren haben, denn St.-Germain wäre Magier. Wie man sich wohl denken kann, gab ich ihr recht. Einige Tage später reiste der angebliche Magier nach Chambord; der König hatte ihm dort eine Wohnung angewiesen und hunderttausend Franken ausgesetzt, um in aller Freiheit an seinen Farben arbeiten zu können, die den französischen Tuchfabriken die Überlegenheit gegenüber den Fabriken aller anderen Länder sichern sollten. St.-Germain hatte den Herrscher verführt, indem er ihm im Trianon ein chemisches Laboratorium einrichtete, wo er sich zuweilen amüsierte, obgleich seine Kenntnisse in der Chemie sehr unbedeutend waren; aber der König langweilte sich überall, ausgenommen auf der Jagd; der Hirschpark betäubte ihn nur, indem er ihn immer mehr abstumpfte; denn um eines Harems zu genießen, in den fortwährend die anziehendsten Schönheiten und oftmals Jungfrauen von zartestem Alter, bei denen der Genuß nicht so leicht war, aufgenommen wurden, hätte er ein Gott sein müssen, und Ludwig der Fünfzehnte war nur ein Mensch. Die Bekanntschaft des Adepten war dem Herrscher von der gefälligen Marquise vermittelt worden; sie hoffte, ihm die Langeweile zu vertreiben, indem sie ihm Geschmack an der Chemie beibrachte. Übrlgens glaubte Frau von Pompadour, von St.-Germain das Wasser der Jugend empfangen zu haben, und wollte ihm dafür irgend einen großen Vorteil verschaffen. Dieses Wunderwasser, von dem man genau die von dem Betrüger vorgeschriebene Menge einnehmen mußte, besaß nicht die Kraft, das Alter rückgängig zu machen, um neue Jugend zu verleihen (denn er gab zu, daß dies unmöglich sei), aber es besaß die Gabe – wenn man ihm glauben wollte – einen Menschen mehrere Jahrhunderte in statu quo zu erhalten. Dieses Wasser oder der Erfinder desselben hatte in der Tat, wenn auch nicht auf den Körper, so doch auf den Geist der berühmten Frau eingewirkt; sie hatte dem Monarchen versichert, sie fühle, daß sie nicht altere. Der König war ebenfalls von dem erhabenen Verdienste des Betrügers gänzlich eingenommen; denn er zeigte eines Tages dem Herzog von Zweibrücken einen zwölf Karat schweren Diamanten von reinstem Wasser, den er selber gemacht zu haben glaubte. »Ich habe«, sagte Ludwig der Fünfzehnte, »vierundzwanzig Karat kleinere Diamanten geschmolzen; daraus erhielt ich diesen hier, der durch das Schleifen auf zwölf Karat verkleinert worden ist.« Infolge dieser Voreingenommenheit hatte der König einem berühmten Abenteurer dieselbe Wohnung gegeben, die er vorher dem Marschall von Sachsen angewiesen hatte. Ich habe diese Anekdote aus dem eigenen Munde des Herzogs von Zweibrücken, der sie mir erzählte, als ich eines Tages in Metz die Ehre hatte, mit Seiner Hoheit und dem schwedischen Grafen Löwenhaupt zu Nacht zu speisen. Bevor ich Frau d'Urfé verließ, sagte ich ihr, der junge Knabe könnte wohl derjenige sein, durch den ihre Wiedergeburt bewirkt werden würde; aber sie würde alles verderben, wenn sie nicht seine Mannbarkeit abwartete. Der Leser wird sich wohl denken können, in welcher Absicht ich so sprach, nachdem ich den leisen Vorwurf gehört hatte, den sie ihm machte. Sie brachte ihn in der Anstalt von Viar unter, ließ ihm die besten Lehrer geben und schmückte ihn mit dem Namen eines Grafen Aranda, obwohl er in Bayreuth geboren war, und seine Mutter niemals mit einem Spanier dieses Namens Umgang gehabt hatte. Ich ließ drei oder vier Monate verstreichen, ehe ich ihn besuchte; denn ich befürchtete stets irgen welche Unannehmlichkeit wegen des Namens, den die Geisterseherin ihm ohne mein Wissen gegeben hatte. Tiretta besuchte mich in einer hübschen Kutsche. Er sagte mir, seine alte Geliebte wolle seine Frau werden, aber darein wolle er niemals willigen, obgleich sie ihm ihr ganzes Vermögen anbiete. Er hätte mit ihr nach Treviso gehen, dort seine Schulden bezahlen und ein angenehmes Leben führen können. Ich riet ihm dies, aber sein Schicksal hielt ihn ab, meinem Rat zu folgen. Ich wollte ein Landhaus mieten und entschied mich für eins, die Petite Pologne, das mir besser gefiel als mehrere andere, die ich mir ansah. Es war gut eingerichtet und lag nur hundert Schritte vor der Barrière de la Madeleine. Das Haus lag auf einer kleinen Anhöhe in der Nähe des königlichen Jagdreviers hinter dem Garten des Herzogs von Gramont, und der Besitzer hatte es Varsovie en bel air genannt. Es hatte zwei Gärten, von denen der eine in der Höhe des ersten Stockes lag, drei herrschaftliche Wohnungen, große Ställe, Remisen, Bäder, einen guten Keller und eine prachtvolle Küche mit vollständiger Einrichtung. Der Besitzer wurde der Butterkönig genannt und unterschrieb stets mit diesem Namen. Ludwig der Fünfzehnte hatte ihn ihm eines Tages gegeben, als er bei ihm abgestiegen war und seine Butter ihm ausgezeichnet gefallen hatte. Es war ein Seitenstück zum Dinde en Val des guten Heinrich. Der Butterkönig vermietete mir sein Haus für hundert Louis jährlich und gab mir eine ausgezeichnete Köchin, die Perle genannt, und in der Tat ein wirkliches Großkreuz des Küchenordens; er übergab ihr alle Möbel und das Tischgerät, das für ein großes Diner zu sechs Personen nötig war; außerdem verpflichtete er sich, mir jederzeit so viel Silbergeschirr, wie ich wünschte, zu einem Sou für die Unze, zu leihen. Ferner versprach er mir, alle von mir gewünschten Weine in erster Güte und billiger, als ich sie in Paris haben könnte, zu liefern. Dies konnte er tun, weil er keinen Eingangszoll zu bezahlen brauchte, der in Paris sehr hoch ist. Ich halte solche Zölle für höchst unpolitisch, weil sie besonders schwer auf den niederen Klassen lasten, denen man im Gegenteil stets die Mittel, möglichst billig zu leben, erleichtern sollte. Nachdem dies alles in Ordnung war, verschaffte ich mir in weniger als einer Woche einen guten Kutscher, zwei schöne Wagen, einen Stallknecht und zwei Lakaien. Die Marquise d'Urfé, der ich mein erstes Diner gab, war entzückt von meiner Wohnung; sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ich hätte alle diese Anordnungen nur ihr zuliebe getroffen, und ich beließ sie bei diesem Irrtum, der ihr angenehm war; denn ich bin der Meinung, man soll den Sterblichen nicht die Illusionen rauben, die sie glücklich machen. Ich ließ sie bei dem Glauben, der kleine Aranda, der junge Graf von ihrer eigenen Mache, gehöre zum Großen Orden; er sei für eine allen übrigen Menschen unbekannte Operation geboren, deren Geheimnis nur mir anvertraut sei – worüber allerdings kein Zweifel sein kann – und er müsse sterben, werde aber trotzdem weiterleben. All dieses aberwitzige Zeug entsprang ihrem Gehirn, das sich nur in den Regionen des Unmöglichen bewegte; man konnte nichts Besseres tun, als ihr in allem beizustimmen; hätte ich versucht, ihr ihren Irrtum zu benehmen, so würde sie mich des Mangels an Vertrauen beschuldigt haben; denn sie war überzeugt, daß sie alles nur durch die Enthüllungen ihres Genius wisse, der nur nachts zu ihr spreche. Ich begleitete sie nach ihrem Hause zurück, und sie schwelgte in der höchsten Seligkeit. Camilla schickte mir den Zettel eines kleinen Ternos, den sie in meinem Bureau gewonnen hatte; sie bat mich, zu ihr zum Abendessen zu kommen und das Geld mitzubringen; es waren, glaube ich, ungefähr tausend Taler. Ich folgte der Einladung und fand bei ihr alle ihre hübschen Freundinnen und deren Liebhaber. Nach dem Essen lud man mich ein, mit nach der Oper zu gehen; kaum waren wir dort angekommen, so verlor ich in dem Gedränge meine Gesellschaft. Ich war nicht maskiert. Bald sah ich mich von einem schwarzen Domino angegriffen, den ich leicht als eine weibliche Maske erkannte. Sie sagte mir mit Falsettstimme hundert Wahrheiten; dadurch machte sie mich neugierig, und ich wollte sie kennen lernen. Schließlich überredete ich sie, mit mir in eine Loge zu kommen; dort nahm sie ihre Maske ab, und ich sah zu meiner großen Überraschung X.C.V. »Ich bin«, sagte sie mir, »mit meiner Schwester, meinem ältesten Bruder und Herrn Farsetti auf den Ball gekommen; ich habe sie verlassen, um in einer Loge einen anderen Domino anzuziehen.« »Sie müssen unruhig sein.« »Ich glaube es, aber ich werde ihrer Unruhe erst mit dem Schluß des Balles ein Ende machen.« Da ich mit ihr allein war und sicher sein konnte, daß sie die ganze Nacht bei mir bleiben würde, so fing ich an von meiner alten Liebe zu sprechen, und sagte ihr natürlich, diese sei stärker denn je wieder erwacht. Sie hörte mich mit der größten Sanftmut an und entzog sich nicht meinen Armen. Da sie meinen Angriffen nur schwachen Widerstand entgegensetzte, so merkte ich, daß das Schäferstündchen nur hinausgeschoben war. Ich glaubte daher mich für diesen Abend zurückhaltend zeigen zu müssen, und sie ließ mich merken, daß sie mir dafür dankbar war. »Ich vernahm in Versailles, mein liebes Fräulein, daß Sie Herrn de la Popelinière heiraten werden.« »Man glaubt es, und meine Mutter wünscht es. Der alte Generalpächter glaubt mich schon zu besitzen; aber er ist weit vom Ziel, denn ich werde niemals einwilligen.« »Er ist alt, aber sehr reich.« »Sehr reich und sogar freigebig; denn er setzt mir eine Million als Witwengeld aus, falls er ohne Kinder stirbt, und hinterläßt mir sein ganzes Vermögen, wenn ich ihm einen Nachkommen schenke.« »Es wird Ihnen nicht schwer werden, sich sein ganzes Vermögen zu verschaffen.« »Ich werde es niemals erhalten, denn ich will mich nicht unglücklich machen mit einem Manne, den ich nicht liebe und der mir mißfällt. Mein Herz ist anderswo gefesselt.« »Anderswo! Und wer ist der glückliche Sterbliche, dem Sie diesen Schatz geschenkt haben?« »Ich weiß nicht, ob der Mann, der meine Liebe besitzt, ein glückliches Schicksal hat. Ich liebe in Venedig, und meine Mutter weiß es; aber sie behauptet, ich würde nicht glücklich werden und jener, der mein Herz besitzt, dürfe nicht mein Gatte werden.« »Eine eigentümliche Frau, Ihre Mutter! Sie durchkreuzt stets Ihre Neigungen.« »Ich kann ihr darum nicht böse sein; sie irrt sich vielleicht, aber sie hat mich lieb. Es wäre ihr lieber, wenn ich die Frau des Herrn Farsetti würde, der sehr geneigt ist, seinem Malteserkreuz zu entsagen, um sich mir hinzugeben; aber ich verabscheue diesen Menschen.« »Hat er sich bereits erklärt?« »In sehr deutlichen Ausdrücken, und die Zeichen der Verachtung, die ich ihm unaufhörlich gebe, haben ihn nicht bewogen, von mir abzulassen.« »Er ist hartnäckig; aber ohne Zweifel haben Ihre Reize seine Augen verblendet.« »Dies mag sein, aber ich glaube, er ist zarten und edlen Gefühlen wenig zugänglich. Er ist ein widerwärtiger abergläubischer Mensch, boshaft, eifersüchtig und neidisch. Als er mich bei Tisch in den Ausdrücken, die Sie verdienen, von Ihnen sprechen hörte, hat er die Unverschämtheit so weit getrieben, in meiner Gegenwart meiner Mutter zu sagen, sie dürfte Sie nicht in ihrem Hause empfangen.« »Er verdiente, daß ich ihm Höflichkeit beibrächte, aber es gibt andere Mittel, ihn zu bestrafen. Ich biete Ihnen in allem, was in meiner Macht steht, ohne jeden Rückhalt meine Dienste an.« »Ach! Ich wäre überglücklich, wenn ich auf Ihre ganze Freundschaft rechnen könnte.« Der Seufzer, den sie ausstieß, setzte mich ganz in Feuer und Flammen. Ich versicherte ihr meine Ergebenheit und sagte ihr, ich stände mit fünfzigtausend Talern zu ihrer Verfügung und wäre bereit, mein Leben zu wagen, um mir ein Anrecht auf ihr Herz zu erwerben. Sie antwortete mir mit der lebhaftesten Dankbarkeit und umschlang mich zärtlich mit ihren Armen; unsere Lippen begegneten sich, aber ich fühlte einige Tränen ihren schönen Augen entrinnen, und aus Achtung für sie mäßigte ich das Feuer, das ihre Küsse in meinen Adern entzündeten. Sie bat mich, sie oft zu besuchen, und versprach mir, sie würde mit mir allein sein, so oft sie nur könnte. Dies war alles, was ich wünschen konnte, und nachdem ich ihr versprochen hatte, am nächsten Tage zu ihnen zum Essen zu kommen, trennten wir uns. Ich blieb noch eine Stunde im Saal; ich folgte ihren Schritten und schwelgte in dem Glück, ihr vertrauter Freund geworden zu sein. Hierauf kehrte ich zu meiner Petite Pologne zurück. Die Fahrt dauerte nicht lange; denn obwohl ich auf dem Lande wohnte, konnte ich in einer Viertelstunde in jedem beliebigen Viertel von Paris sein. Mein Kutscher war sehr tüchtig, und ich hatte ausgezeichnete Pferde, die ich nicht zu schonen brauchte. Sie waren aus dem königlichen Marstall, wahre Luxuspferde, und wenn ich eins verlor, konnte ich es für zweihundert Franken augenblicklich ersetzen. Dies war zuweilen nötig, denn eins der größten Vergnügen in Paris besteht im Schnellfahren. Da ich mich verpflichtet hatte, zu Frau X.C.V. zum Mittagessen zu kommen, so konnte ich nur wenige Stunden schlafen und ging dann im Überrock und zu Fuß aus. Der Schnee fiel in großen Flocken, und ich war vom Kopf bis zu den Füßen ganz weiß, als ich vor der gnädigen Frau erschien. Sie nahm mich lachend sehr gut auf und sagte mir, ihre Tochter habe ihr erzählt, wie sie mich gefoppt habe, und es sei ihr eine große Freude gewesen zu hören, daß ich an ihrem Familientisch teilnehmen wolle. »Leider ist heute Freitag, und Sie werden mager essen; indessen haben wir ausgezeichneten Fisch. Seien Sie so freundlich, bis angerichtet wird, meine Tochter zu besuchen, die noch im Bett liegt.« Ich ließ mir dies, wie man sich denken kann, nicht zweimal sagen; denn besonders im Bett ist ein hübsches Weib schön. Ich fand Fräulein X.C.V. aufrecht im Bette sitzend und schreibend, aber sie hörte sofort auf, als sie mich sah. »Wie, liebenswürdige Faulenzerin, noch im Bett?« »Ja, mein Freund, aus Faulheit und um freier zu sein.« »Ich fürchtete, Sie wären unwohl.« »Ich bin es wirklich ein bißchen, aber sprechen wir heute nicht davon. Ich werde eine Tasse Fleischbrühe trinken, weil die Leute, die dummerweise für den Freitag Fastenspeisen vorgeschrieben haben, mir nicht die Höflichkeit erwiesen haben, mich um meine Meinung zu befragen. Die Fastenkost sagt weder meinem Geschmack noch meiner Gesundheit zu; ich werde darum auch nicht aufstehen und nicht zu Tisch gehen, obgleich ich mich dadurch des Vergnügens berauben muß, Sie zu sehen.« Natürlich sagte ich ihr, ohne sie würde das Essen mir fade erscheinen, und ich log nicht. Da die Gegenwart ihrer Schwester sie nicht störte, nahm sie aus ihrer Brieftasche einen Brief in Versen, den ich ihr geschrieben hatte, als ihre Mutter mir ihr Haus verbot. Sie sagte ihn auswendig her und vergoß dann ganz gerührt einige Tränen. »Dieser verhängnisvolle Brief,« sagte sie zu mir, »den Sie ›Der Phönix‹ betitelt hatten, hat mein Schicksal bestimmt und wird vielleicht die Ursache meines Todes sein.« Ich hatte das Gedicht so genannt, weil ich darin, nachdem ich mein hartes Los beklagt, mit poetischer Übertreibung ihr geweissagt hatte, sie würde ihr Herz einem Sterblichen schenken, den man wegen seiner hervorragenden Eigenschaften den Phönix nennen würde. In hundert Versen beschrieb ich diese eingebildeten körperlichen und geistigen Vorzüge, und sicherlich konnte der Mensch, der sie alle in sich vereinigte, wohl angebetet werden, denn er mußte mehr einem Gott als einem Menschen gleichen. »Nun, ich verliebte mich in dieses Phantasiewesen«, fuhr Fräulein X.C.V. fort, »Überzeugt, daß es auf der Welt sein müsse, begann ich es zu suchen. Nach sechs Monaten glaubte ich diesen Mann gefunden zu haben. Ich schenkte ihm mein Herz, ich empfing das seine. Wir beten uns an; aber seit vier Monaten sind wir getrennt. Seit unserer Abreise von Venedig, während unseres Aufenthaltes in London und jetzt in Paris, wo wir uns seit sechs Wochen befinden, habe ich von ihm nur einen einzigen Brief erhalten. Aber ich klage ihn nicht an; ich weiß, es ist nicht seine Schuld. Ich bin in einer Zwangslage, kann keine Nachrichten von ihm erhalten und ihm keine geben.« Die Erzählung bestärkte meine Anschauung, daß die Handlungen, die den entscheidendsten Einfluß auf unser ganzes Dasein haben, gewöhnlich den unbedeutendsten Anlaß haben. Meine Epistel war nur eine mehr oder weniger gut ausgeführte poetische Laune, und das von mir geschilderte Wesen konnte unmöglich gefunden werden, denn es stand weit von allen menschlichen Vollkommenheiten. Aber ein Frauenherz schweift so weit und so schnell! Fräulein X.C.V. faßte meine Schilderung wörtlich auf. Sie hatte sich in eine Chimäre verliebt und wollte an deren Stelle ein lebendes Wesen setzen, ohne zu bedenken, daß ihre Phantasie unwissentlich einen unermeßlichen Schritt rückwärts machen mußte. Sobald sie sich aber eingebildet hatte, daß sie das Original des von meiner Muse gezeichneten phantastischen Porträts gefunden hatte, wurde es ihr nicht schwer, an ihm alle von mir geschilderten Eigenschaften zu entdecken, denn ihre Liebe legte sie ihm nach Herzenswunsch bei. Auch ohne meinen Brief würde Fräulein X.C.V. sich verliebt haben, aber auf eine andere Art, und ihre Liebe würde wahrscheinlich andere Folgen gehabt haben. Hienieden, und vielleicht da oben, ist alles Zusammentreffen; wir veranlassen Ereignisse, ohne dazu mitzuwirken. Alles, was uns geschieht, ist durchaus nur das, was uns geschehen muß; denn wir sind nur denkende Atome, und der Wind treibt uns dahin. Ich weiß wohl, daß mein Leser mich beschuldigen wird, mich zum Fatalismus zu bekennen; aber ich mache nur vom Naturrecht des Urteilens Gebrauch und bestreite keinem Menschen das gleiche Recht. Als angerichtet war, wurde ich gerufen, und wir hatten eine köstliche Mahlzeit von ausgezeichneten Seefischen, die Herr de la Popelinière geschickt hatte. Frau X.C.V. konnte als Griechin von beschränktem Geiste nur eine abergläubische Frömmlerin sein. Die an meisten entgegengesetzten Wesen, Gott und der Teufel, sind unfehlbar in dem Kopfe eines eitlen, schwachen, sinnlichen und ängstlichen Weibes vereinigt. Ein Priester hatte ihr gesagt, sie würde sich die ewige Seligkeit sichern, wenn sie ihren Gatten bekehrte; denn die heilige Schrift verspricht in aller Form Seele für Seele jedem Bekehrer, der einen Ketzer oder einen Heiden in den Schoß der Kirche führt. Da nun Frau X.C.V. ihren Gatten bekehrt hatte, so war sie über ihre Zukunft vollkommen beruhigt; sie brauchte nichts weiter dazu zu tun. Sie aß allerdings an den vorgeschriebenen Tagen Fastenspeisen, aber nur, weil sie diese der Fleischkost vorzog. Nach dem Essen begab ich mich wieder an das Bett des Fräuleins und blieb bei ihr bis um neun Uhr; ich hatte genügend Selbstbeherrschung, um meine Begierde zu zügeln. Meine Eitelkeit veranlaßte mich zu dem Glauben, daß ihre Gefühle nicht weniger heftig seien als meine Liebesglut, und ich wollte mich nicht weniger zurückhaltend zeigen als sie, obwohl ich schon damals wie jetzt wußte, daß dies bei einem Mann eine falsche Berechnung ist. Von der Gelegenheit gilt dasselbe wie vom Glück: man muß sie beim Schopf packen, sobald sie sich darbietet; sonst entschwindet sie für gewöhnlich ohne Wiederkehr. Da ich Farsetti nicht bei Tisch gesehen hatte, so vermutete ich einen Bruch und bat das Fräulein um Auskunft darüber; sie benahm mir jedoch meinen Irrtum, indem sie mir sagte, ihr Verfolger sei bis zum Wahnwitz abergläubisch und nichts könne ihn dazu bewegen an einem Freitag sein Haus zu verlassen. Der verrückte Mensch hatte sich von einer Zigeunerin wahrsagen lassen und hatte erfahren, ihm sei vom Schicksal bestimmt, an einem Freitag ermordet zu werden; um das ihm drohende Unglück abzuwenden, müsse er sich am Freitag völlig von der Welt abschließen. Man machte sich über ihn lustig, aber er blieb standhaft, und er hatte recht, die Leute reden zu lassen; denn er ist vor vier Jahren im Alter von siebzig Jahren ruhig in seinem Bette gestorben. Er glaubte beweisen zu können, daß das Schicksal des Menschen von seiner guten Aufführung, von seiner Klugheit und von seinen Vorsichtsmaßregeln zur Vermeidung vorausgesehenen Unglücks abhänge. Dies trifft für alle Fälle zu, nur nicht für den Fall, daß es sich um ein Horoskop im Sinne der Astrologen handelt: denn entweder ist das prophezeite Unglück vermeidlich – dann ist die Weissagung kindisch, oder das Horoskop gibt den Willen des Schicksals kund – dann können alle Vorsichtsmaßregeln nichts nützen. Der Ritter Farsetti war also ein Dummkopf, wenn er sich einbildete, irgend etwas bewiesen zu haben. Er hätte in den Augen vieler Leute viel bewiesen, wenn er jeden Tag ausgegangen und zufällig an einem Freitag ermordet worden wäre. Picus von Mirandola, der an die Astrologie glaubte, sagte: Astra influent, non cogunt – Die Gestirne üben einen Einfluß, aber keinen zwingenden. Daran zweifle ich nicht, aber hätte man an die Astrologie glauben müssen, wenn Farsetti an einem Freitag wäre ermordet worden? Nein, gewiß nicht. Graf d'Aigreville hatte mich seiner Schwester, der Gräfin du Rumain vorgestellt, die mich gerne kennen lernen wollte, seitdem sie von meinem Orakel gehört hatte. In wenigen Tagen gewann ich die Freundschaft ihres Mannes und ihrer jungen Töchter, von denen die älteste, Cotenfeau genannt, später Herrn von Polignac heiratete. Frau du Rumain war nicht nur hübsch, sondern sogar schön, aber man liebte sie besonders wegen ihrer Sanftmut, der Güte ihres Charakters, wegen ihrer Aufrichtigkeit und ihrer Bereitwilligkeit, ihren Freunden gefällig zu sein. Von herrlichem Wuchs, war sie eine Bittstellerin, deren Erscheinen allen Beamten in Paris imponierte. Ich machte bei ihr die Bekanntschaft der Frau de Valbelle, der Frau de Roncerolles, der Fürstin de Chimay und mehrerer anderer Damen, die damals in der sogenannten guten Gesellschaft die erste Rolle spielten. Obgleich Frau du Rumain sich nicht mit den abstrakten Wissenschaften beschäftigte, brauchte sie mein Orakel noch mehr als Frau von Urfé. Sie wurde mir sehr nützlich bei einer bösen Angelegenheit, die ich berichten werde. Am Tage nach meiner langen Unterhaltung mit Fräulein X.C.V. sagte mir mein Kammerdiener, ein junger Mensch wünsche mir einen Brief zu eigenen Händen zu übergeben. Ich ließ ihn eintreten. Auf meine Frage, wer ihn mit der Bestellung beauftragt habe, antwortete er mir, der Brief werde mich über alles aufklären, und er habe Befehl, auf meine Antwort zu warten. Der Brief lautete folgendermaßen: »Es ist jetzt zwei Uhr nach Mitternacht; ich habe Ruhe nötig, aber eine Last, unter der ich erliege, verhindert mich Schlaf zu finden. Das Geheimnis, das ich Ihnen, mein Freund, anvertrauen will, wird für mich keine Last mehr sein, sobald ich es in Ihren Busen niedergelegt habe. Ich werde mich erleichtert fühlen, sobald Sie der Mitwisser dieses Geheimnisses sind. Ich bin schwanger, und meine Lage bringt mich zur Verzweiflung. Ich habe mich entschlossen, Ihnen dies zu schreiben, weil ich fühle, daß es mir unmöglich sein würde, es Ihnen mündlich zu sagen. Gönnen Sie mir ein Wort der Erwiderung!« Man kann sich denken, wie mir beim Lesen dieses Briefes zumute war. Ich war wie versteinert und konnte nur die folgenden Worte schreiben: »Ich werde um elf Uhr bei Ihnen sein.« Ein Unglück kann nur dann wirklich groß genannt werden, wenn der, den es trifft, den Kopf darüber verliert. Das Eingeständnis, das Fräulein X.C.V. nur schriftlich machte, bewies mir, daß ihre wankende Vernunft einer Stütze bedurfte. Ich fühlte mich glücklich, daß sie vor allen anderen Menschen an mich gedacht hatte, und ich nahm mir vor, ihr beizustehen, und wenn ich mit ihr zugrunde gehen sollte. Kann man anders denken, wenn man liebt? Allerdings konnte ich mir die Unklugheit ihres Schrittes nicht verhehlen. Man muß auf alle Fälle entweder sprechen oder schweigen; das Gefühl, das einen unter ähnlichen Umständen die Feder dem Worte vorziehen läßt, kann nur einer falschen Scham entspringen, die im Grunde nur Feigheit ist. Wäre ich nicht in das liebenswürdige, unglückliche Mädchen verliebt gewesen, so wäre es mir leichter gewesen, ihr meine Dienste schriftlich zu verweigern als mündlich. Aber ich betete sie an. »Ja«, rief ich aus, »sie kann um so mehr auf mich rechnen, da ihr Unglück sie mir noch teurer macht.« Außerdem sagte mir ein geheimes Gefühl – ein Gefühl, das nicht weniger laut spricht, weil es scheinbar schweigt – daß mir meine Belohnung sicher wäre, wenn ich das Glück hätte, sie retten zu können. Ich weiß wohl, mehr als ein strenger Moralist wird dadurch einen Stein auf mich werfen; aber ich darf wohl bezweifeln, daß ein solcher je verliebt war; ich aber war es sehr. Ich stellte mich pünktlich ein und fand meine schöne Betrübte vor der Tür des Hotels. »Sie gehen aus? wohin?« »Zu den Augustinern in die Messe.« »Ist denn heute Freitag?« »Nein, aber meine Mutter verlangt, daß ich jeden Tag zur Messe gehe.« »Ich werde Sie begleiten,« »Ja, bitte. Geben Sie nur den Arm; wir wollen im Kreuzgang miteinander sprechen.« Fräulein X. C. V. war von ihrer Zofe begleitet, aber diese störte uns nicht; wir ließen sie in der Kirche und gingen in den Kreuzgang. Dort fragte das Fräulein mich sofort: »Haben Sie meinen Brief gelesen?« »Ja, gewiß! aber hier ist er, ich gebe ihn Ihnen zurück, verbrennen Sie ihn!« »Nein, ich will ihn nicht; verbrennen Sie selber ihn.« »Ich sehe. Sie haben viel Vertrauen zu mir; aber ich werde es auch nicht mißbrauchen.« »Davon bin ich überzeugt. Ich bin im vierten Monat schwanger; die Sache ist gewiß, und das bringt mich zur Verzweiflung.« »Seien Sie getrost, wir werden ein Mittel dagegen finden.« »Ja, ich überlasse mich ganz Ihnen; suchen Sie mich abortieren zu lassen!« »Niemals, meine Liebe; das ist eine Schändlichkeit.« »Ach, ich »weiß es wohl; aber es ist keine größere, als sich das Leben zu nehmen. Mir bleibt nur die Wahl, entweder den unglücklichen Zeugen meiner Schande zu vernichten oder mich zu vergiften. Das Mittel, um einen zweiten Plan auszuführen, besitze ich. Sie sind mein einziger Freund; von Ihnen hängt mein Schicksal ab. Sprechen Sie! Tut es Ihnen leid, daß ich Ihnen nicht den Ritter Farsetti vorgezogen habe?« Da sie mich sprachlos sah, schwieg sie plötzlich und hielt ihr Taschentuch an die Augen, um die Tränen zu trocknen, die diesen entströmten. Mir blutete das Herz. »Abgesehen von der Schändlichkeit, mein liebes Fräulein,« sagte ich zu ihr, »steht es nicht in unserer Gewalt, eine Frühgeburt herbeizuführen. Wenn die Mittel, die man anwendet, nicht gewaltsam sind, ist ihre Wirkung zweifelhaft; sind sie aber gewaltsam, so bringen sie das Leben der Mutter in die größte Gefahr. Niemals werde ich mich der Möglichkeit aussetzen, Ihr Henker zu werden; aber zählen Sie auf mich, ich werde Sie nicht verlassen. Ihre Ehre ist mir ebenso teuer wie Ihr Leben. Beruhigen Sie sich und nehmen Sie von Stund an an, ich befände mich in Ihrer Lage. Verlassen Sie sich darauf, ich werde Sie aus Ihrer üblen Lage befreien, ohne daß Sie nötig haben, Ihr Leben, für dessen Erhaltung ich das meinige hergeben würde, in Gefahr zu bringen. Unterdessen gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich beim Lesen Ihres Briefes unwillkürlich ein Gefühl der Freude darüber empfunden habe, daß Sie bei diesem so wichtigen Anlaß mir den Vorzug vor allen anderen gegeben haben. Sie haben sich nicht getäuscht, indem Sie Ihr Vertrauen auf mich setzten, denn in ganz Paris ist kein Mensch, der Sie so zärtlich liebt wie ich; und auf der ganzen Welt kann kein Mensch so lebhaft wünschen, Ihnen nützlich zu sein, wie ich. Spätestens morgen werden Sie beginnen, die Heilmittel einzunehmen, die ich Ihnen zubereiten werde; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie gar nicht vorsichtig genug in der Wahrung des Geheimnisses sein können; denn es handelt sich für uns darum, die strengsten Gesetze zu verletzen, es gilt unser Leben. Haben Sie sich vielleicht schon irgend jemandem anvertraut, etwa Ihrer Kammerzofe oder einer Ihrer Schwestern?« »Keinem Menschen außer Ihnen, mein Freund; nicht einmal dem Urheber meines Unglückes, ich schaudere, wenn ich daran denke, was meine Mutter sagen, was sie tun würde, sobald sie von meinem Zustande erführe. Ich fürchte, sie wird ihn erraten, wenn sie meine Taille beobachtet.« »Ihre Taille verrät noch gar nichts; sie hat noch nichts von ihrer Feinheit verloren.« »Aber sie wird mit jedem Tage unförmlicher werden, und darum müssen wir uns beeilen. Sie werden mir einen Wundarzt ausfindig machen, der mich nicht kennt, und werden mich zu ihm führen; er wird mir nach Belieben zu Ader lassen können.« »Solcher Gefahr werde ich mich nicht aussetzen; denn er könnte uns verraten. Ich selber werde Ihnen zu Ader lassen, die Sache ist leicht.« »Wie dankbar bin ich Ihnen! Mir ist schon, wie wenn Sie mir das Leben wieder schenkten; aber um eine Gefälligkeit bitte ich Sie: Führen Sie mich zu einer Hebamme, um sie um Rat zu fragen. Während des nächsten Opernballes können wir uns leicht zu einer solchen begeben, ohne bemerkt zu werden.« »Ja, liebe Freundin, aber es ist nicht notwendig, und ein solcher Schritt könnte uns bloßstellen.« »Durchaus nicht. In der Riesenstadt gibt es überall Hebammen, und wir können unmöglich erkannt werden, da es ja in unserer Macht steht, maskiert zu bleiben. Tun Sie mir den Gefallen! Die Ratschläge einer Hebamme können mir nur nützlich sein.« Ich hatte nicht die Kraft, ihr ihre Bitte abzuschlagen; aber ich bewog sie, bis zum letzten Ball zu warten, weil auf diesem gewöhnlich die Menge größer ist, wir also Aussicht hatten, ihn sicherer verlassen zu können. Ich versprach ihr, im schwarzen Domino mit einer weißen venezianischen Maske zu erscheinen, auf welche neben dem linken Auge eine Rose gemalt wäre. Sobald sie mich hinausgehen sähe, sollte sie mir folgen und in denselben Fiaker steigen, in den ich einsteigen würde. Alles ging so vor sich; aber wir werden noch darauf zurückkommen. Ich ging mit ihr nach Hause und speiste mit der Familie, ohne auf Farsetti zu achten, der ebenfalls mitaß, und der mich mit ihr hatte zurückkommen sehen. Wir sprachen kein Wort miteinander; er liebte mich nicht, und ich verachtete ihn. Ich muß hier einen schweren Fehler berichten, den ich beging und den ich mir heute noch nicht verziehen habe. Da ich mich verpflichtet hatte, Fräulein X. C. V. zu einer Hebamme zu begleiten, so hätte ich sie natürlich zu einer anständigen Matrone führen sollen; denn es handelte sich nur darum, diese wegen der Verhaltungsmaßregeln zu befragen, die eine Frau während ihrer Schwangerschaft beobachten mußte. Leider veranlaßte mich ein böser Geist eines Tages, als ich nach den Tuilerien wollte, durch die Rue St.-Louis zu fahren. Ich sah die Montigny mit einer hübschen Person, die ich nicht kannte, in ihr Haus eintreten. Aus Neugier ließ ich meinen Wagen halten und ging zu ihr hinauf. Nachdem ich mich amüsiert hatte, fiel mir die Angelegenheit des Fräulein X. C. V. ein, und ich bat die Frau, mir die Wohnung einer Hebamme zu sagen, da ich eine solche nach etwas fragen müßte. Sie bezeichnete mir ein Haus im Marais und sagte, ich würde dort die Perle aller Hebammen finden. Hierauf erzählte sie mir eine Menge Heldentaten, wodurch diese sich ausgezeichnet hätte, und die mir alle bewiesen, daß es ein nichtswürdiges Weib war. Da ich jedoch wußte, daß ich sie nicht zu unerlaubten Zwecken gebrauchen wollte, so wählte ich sie. Ich ließ mir ihre Adresse geben, und da ich nachts hingehen wollte, so sah ich mir gleich am nächsten Tage ihr Haus von außen an. Fräulein X. C. V. begann die Arzneien zu nehmen, die ich ihr brachte und die sie schwächen und dadurch das Werk der Liebe zerstören sollten; da sie aber gar keine Wirkung bemerkte, so war sie ungeduldig, eine Hebamme zu Rate zu ziehen. Die Nacht des letzten Opernballs kam heran; sie erkannte mich an dem verabredeten Zeichen, folgte mir hinaus und stieg mit mir in einen Fiaker. In kaum einer Viertelstunde befanden wir uns in der Wohnung des alten niederträchtigen Weibes. Eine Frau von etwa fünfzig Jahren empfing uns sehr beflissen und bot uns sofort ihre Dienste an. Das Fräulein sagte ihr, sie glaube schwanger zu sein und wolle gerne wissen, wie sie ihre Schwangerschaft bis zur Entbindung nach Möglichkeit verbergen könne. Das Weib antwortete ihr lächelnd, sie könne ihr ohne Umschweife sagen, daß sie gerne das Kind abtreiben möchte. »Für fünfzig Louis bin ich bereit, Ihnen zu dienen; davon ist die Hälfte im voraus zahlbar, um die Mittel einzukaufen, der Rest aber sofort nach dem glücklichen Gelingen. Da ich Ihrer Ehrlichkeit vertraue, so werden Sie auch der meinigen vertrauen. Geben Sie mir zuerst die fünfundzwanzig Louis und kommen Sie morgen wieder oder lassen Sie die Mittel mit der Gebrauchsanweisung abholen.« Nachdem sie dies gesagt hatte, hob sie dem Fräulein ohne Umstände die Röcke hoch, und diese bat mich schüchtern, ich möchte nicht hinsehen. Nachdem die Alte sie mit den Fingern untersucht hatte, ließ sie den Vorhang wieder fallen und sagte zu ihr, sie könne höchstens im vierten Monat schwanger sein. »Sollten meine Mittel unwirksam bleiben, was ich nicht glaube, so werde ich Ihnen andere Mittel angeben; auf alle Fälle gebe ich Ihnen Ihr Geld zurück, wenn es mir nicht gelingt, Sie vollkommen zufriedenzustellen.« »Daran zweifle ich nicht,« sagte ich zu ihr; »aber was sind das, bitte, für andere Mittel?« »Ich werde Ihnen Anweisung geben, den Fötus zu zerstören.« Ich hätte ja antworten können, daß es unmöglich ist, das Kind zu töten, ohne die Mutter tödlich zu verletzen; aber ich fühlte keine Lust, mich mit einem so gemeinen Geschöpf herumzustreiten. »Wenn Madame sich entschließt, Ihre Mittel zu nehmen,« sagte ich zu ihr, »so werde ich Ihnen morgen das zum Ankauf der Kräuter notwendige Geld bringen.« Ich gab ihr zwei Louis, und wir gingen. Fräulein X.C.V. sagte mir, sie halte das Weib für eine verruchte Verbrecherin; denn sie sei überzeugt, daß man die Frucht nicht zerstören könne, ohne das Leben der Trägerin in Gefahr zu bringen. Sie habe nur zu mir allein Vertrauen. Ich bestärkte sie in dieser Ansicht und suchte sie von dem Gedanken an strafbare Eingriffe immer mehr abzubringen; zugleich versicherte ich ihr abermals, daß ich ihr Vertrauen rechtfertigen würde. Plötzlich beklagte sie sich über die Kälte und sagte zu mir: »Hätten wir nicht noch Zeit, uns in der Petite Pologne ein wenig zu wärmen? Ich habe große Lust, Ihre hübsche Wohnung zu sehen.« Diese Laune überraschte mich und gefiel mir. Da die Nacht sehr dunkel war, konnte sie von den äußerlichen Schönheiten des Ortes nichts sehen; das Innere mußte ihr genügen, aber die Phantasie fliegt ja so schnell und so weit. Ich hütete mich, ihr meine Gedanken mitzuteilen; denn in der Liebe gibt es gewisse Gedanken, die man für sich behalten muß; aber ich glaubte tatsächlich, der Augenblick des Glückes sei da. Ich ließ den Fiaker am Pont-au-change halten, und wir stiegen aus; an der Ecke der Rue de la Feronnerie nahmen wir einen anderen Wagen; ich versprach dem Kutscher sechs Franken Trinkgeld, und in einer Viertelstunde hielt er vor meiner Tür. Ich klingle als Hausherr, die Küchenperle macht mir auf und meldet mir, es sei niemand dort. Ich wußte das sehr gut; aber es war bei uns so Gewohnheit. »Schnell, zünde ein Bündel Reiser an und gib uns irgend etwas, um dazu eine Flasche Champagner zu trinken.« »Einen Eierkuchen?« »Gut.« »Einen Eierkuchen, ausgezeichnet!« sagte das Fräulein. Sie war entzückend, und ihr lachendes Gesicht schien mir einen köstlichen Augenblick zu verkünden. Vor einem guten Feuer sitzend, nehme ich sie auf den Schoß, bedecke sie mit Küssen, die sie zärtlich erwidert, und bin dem Augenblick des Triumphes nahe, als sie mich mit der sanftesten Miene bittet, mich zu mäßigen. Ich glaubte ihr zu gefallen, indem ich ihr gehorchte, denn ich war überzeugt, sie wolle meinen Sieg nur verzögern, um ihn schöner zu machen, und werde sich nach dem Champagner ergeben. In ihren Zügen las ich Liebe, Sanftmut, Vertrauen und größte Dankbarkeit, und ich hätte mich geärgert, wenn sie hätte glauben können, ich wünschte Beweise der Zärtlichkeit oder einfache Gefälligkeit als Belohnung von ihr. Ich war so großmütig, nur Liebe zu verlangen. Als wir unser letztes Glas Champagner geleert hatten, standen wir auf, und halb mit Leidenschaft, halb mit sanfter Gewalt lege ich sie auf ein Sofa und umschlinge sie liebend mit meinen Armen; aber anstatt sich zu ergeben, widersetzt sie sich meinem Willen, zunächst durch sanfte Bitten, die ja für gewöhnlich den Angreifer nur noch unternehmender machen, dann durch ernsthafte Vorstellungen und endlich durch Anwendung ihrer Körperkräfte. Dies war zuviel; der bloße Gedanke an Vergewaltigung hat mich stets empört; denn ich denke noch heute, daß zwei Liebende in ihrer Vereinigung nur glücklich sein können, wenn sie sich in völligem Vertrauen einander hingeben. Ich führe alle möglichen Wunder an; ich spreche als Liebhaber, der zuerst bevorzugt, dann getäuscht, endlich verschmäht worden ist, schließlich sage ich ihr, sie habe mich auf grausame Weise enttäuscht; ich sehe sie schmerzlich bewegt, ich falle ihr zu Füßen, bitte sie um Verzeihung. »Ach«, sagte sie in traurigstem Tone zu mir, »ich bin nicht mehr Herrin meines Herzens und darum bin ich tausendmal mehr zu beklagen als Sie.« Ihre Tränen flossen in Strömen; ihr Kopf sank auf den meinigen, und mein Mund heftete sich an ihre Lippen. Aber das Stück war aus. Ich dachte nicht einmal an einen neuen Angriff, ich hätte einen solchen Gedanken mit Verachtung von mir gewiesen. Es folgte ein ziemlich langes Schweigen, dessen wir beide gleich sehr bedurften – sie, um das Gefühl der Scham zu ersticken; ich, um meiner Vernunft die Zeit zu geben, den Zorn zu beschwichtigen, der mir wohl berechtigt erschien. Dann legten wir unsere Masken wieder an und kehrten nach dem Opernhause zurück. Unterwegs wagte sie mir zu sagen, sie würde genötigt sein, auf meine Freundschaft zu verzichten, wenn ich einen solchen Preis dafür verlangte. »Die Gefühle der Liebe, mein Fraulein, müssen denen der Ehre nachstehen, und Ihre Ehre sowohl wie die meinige zwingt mich, Ihr Freund zu bleiben, wäre es auch nur, um Sie in Ihren eigenen Augen der Ungerechtigkeit zu überführen. Ich werde aus Ergebenheit tun, was ich gerne aus Liebe getan hätte, und ich werde lieber sterben, als mich in Zukunft noch einmal um Gunstbezeigungen zu bewerben, von denen ich annahm, daß Sie mich ihrer für würdig hielten.« Wir trennten uns im Opernhause, wo ich sie in dem ungeheuren Gedränge sofort aus den Augen verlor. Am nächsten Tage sagte sie mir, sie habe die ganze Nacht hindurch getanzt: vielleicht hoffte sie in der heftigen körperlichen Bewegung ein Heilmittel zu finden, das sie von der Medizin wohl nicht mehr erwartete. Ich kam in sehr schlechter Laune nach Hause. Vergeblich suchte ich nach Gründen, um meine Abweisung zu erklären, die mir demütigend und beinahe unglaublich erschien. Ich konnte die Beweggründe des Fräuleins X. C. V. mir nur erklären, indem ich Sophismen auf Sophismen häufte. Die gesunde Vernunft zeigte mir, daß ich schnöde beschimpft war, allen Anstandsrücksichten und sittlichen Vorurteilen unserer gesellschaftlichen Erziehung zum Trotz. Ich dachte an den Witz der Populia, die sich Verstöße gegen die eheliche Treue nur erlaubte, wenn sie schwanger war: Non tollo vectorem nisi navi plena – Ich nehme keinen Schiffer auf, wenn das Schiff nicht schon voll ist. Ich ärgerte mich, die Überzeugung erlangt zu haben, daß ich nicht geliebt wurde, und es schien mir meiner unwürdig zu sein, noch weiterhin ein Weib zu lieben, das ich nicht mehr zu besitzen hoffen konnte. Ich schlief mit dem Entschluß ein, mich dadurch zu rächen, daß ich sie ihrem Schicksal überließe; im entgegengesetzten Benehmen hätte sie allerdings Heroismus finden müssen, aber dies war mir gleichgültig. Ich glaubte, meine Ehre erfordere, mich von keinem Menschen zum besten haben zu lassen. Aber guter Rat kommt über Nacht. Als ich erwachte, war ich wieder ruhig und immer noch verliebt. Ich faßte einen neuen Entschluß: mich großmütig gegen die Unglückliche zu benehmen. Ohne mich war sie sicherlich verloren; ich mußte ihr also auch fernerhin meine Dienste widmen und mich gleichgültig gegen ihre Gunst zeigen. Die Rolle war nicht leicht; aber ich hatte den Mut, sie ausgezeichnet zu spielen, und die Belohnung kam später von selbst. Neuntes Kapitel Fortsetzung meiner Liebelei mit dem reizenden Fräulein X. C. V. – Vergebliche Abtreibungsversuche. – Das Aroph. – Flucht des Fräuleins und Eintritt in ein Kloster. Durch die Schwierigkeiten und den Zwang, den ich mir antun mußte, wuchs nur noch meine Liebe zu der reizenden Engländerin. Ich besuchte sie jeden Morgen, und da ich wirklich an ihrem Zustand Anteil nahm, meine Rolle eine ganz natürliche war, so konnte sie meinen Eifer, sie aus der Verlegenheit zu befreien, nur für das nehmen, was er war; denn da ich von der Glut, die ich für sie empfand, nichts mehr merken ließ, so mußte sie alles dem zartesten Gefühl zuschreiben. Sie ihrerseits schien mit meiner Veränderung zufrieden zu sein; aber es war recht wohl möglich, daß ihre Zufriedenheit nur eine scheinbare war; ich kannte die Frauen gut genug, um zu wissen, daß sie, selbst wenn sie mich nicht liebte, sich darüber ärgern mußte, daß ich mich so leicht mit meinem Schicksal abgefunden hatte. Eines Morgens machte sie mir inmitten eines leichtfertigen und unzusammenhängenden Geplauders ein Kompliment darüber, daß ich die Kraft gehabt hätte, mich zu überwinden; dann fügte sie lächelnd hinzu, meine Leidenschaft müßte nicht sehr stark gewesen sein, da sie in kaum acht Tagen so friedlich geworden wäre. Ich antwortete ihr ruhig: »Ich verdanke meine Heilung nicht der Schwäche meiner Leidenschaft, sondern meinem Selbstgefühl. Ich kenne mich, Fräulein, und glaube keine zu hohe Meinung von meinem Wert zu haben, wenn ich mich für würdig halte, geliebt zu werden. Natürlich habe ich mich gedemütigt und empört gefühlt, als ich mich überzeugte, daß Sie solchen Wert mir nicht zuerkennen. Kennen Sie, Fräulein, die Wirkung dieses doppelten Gefühls?« »Leider nur zu gut. Ihm folgt die Verachtung des Gegenstandes, der es hervorgerufen hat.« »Dies geht doch zu weit; wenigstens insofern ich in Betracht komme. Meiner Empörung folgte nur eine Rückkehr zur Besinnung und ein Plan, mich zu rächen.« »Sich zu rächen? Auf welche Art denn?« »Ich wollte Sie nötigen mich zu achten und Ihnen dabei zugleich beweisen, daß ich mich selbst zu beherrschen weiß und ein Glück, das ich heiß ersehnt habe, zu entbehren verstehe. Ob mir dies vollständig gelungen ist, weiß ich nicht; ich kann aber doch wenigstens heute Ihre Reize ansehen, ohne deren Besitz zu wünschen.« »Und ich denke mir, Sie finden die Erfüllung Ihrer Rache in meiner Achtung. Aber Sie haben sich getäuscht; denn Sie haben annehmen müssen, daß ich Sie nicht achte, und das ist falsch, denn ich achtete Sie vor acht Tagen nicht weniger als heute. Ich habe Sie nicht einen einzigen Augenblick für fähig gehalten, mich im Stich zu lassen, um mich dafür zu bestrafen, daß ich mich Ihrer Leidenschaft nicht hingeben wollte, und ich freue mich, Sie richtig erkannt zu haben.« Hierauf sprach sie mit mir von dem Opiat, das ich sie einnehmen ließ, und da sie keine Veränderung ihres Zustandes bemerkte, ihr Umfang vielmehr mit jedem Tag stärker wurde, so bat sie mich, ihr eine größere Dosis zu geben; aber ich hütete mich wohl, auf diese Bitten einzugehen; denn ich wußte, daß mehr als ein halbes Gran ihr das Leben hätte kosten können. Auch verbot ich ihr, sich zum drittenmal zur Ader zu lassen, weil sie sich damit sehr hätte schaden können, ohne doch ihren Zweck zu erreichen. Ihre Kammerzofe, die sie hatte ins Vertrauen ziehen müssen, hatte ihr zweimal durch einen Zögling von St.-Côme, der ihr Liebhaber war, die Ader schlagen lassen. Ich sagte ihr, sie müßte gegen solche Leute freigebig sein, um sich ihre Verschwiegenheit zu sichern; aber sie antwortete mir, solche Freigebigkeit sei für sie eine Unmöglichkeit. Ich bot ihr Geld an, und sie nahm fünfzig Louis an, indem sie mir sagte, sie würde mir diesen Betrag, dessen sie für ihren Bruder Richard bedürfte, zurückerstatten. Ich hatte das Geld nicht bei mir, schickte ihr aber noch am selben Tage eine Rolle von zwölfhundert Franken mit einem Briefe, worin ich sie herzlich bat, sich in jeder Notlage nur an mich zu wenden. Ihr Bruder erhielt wirklich den Betrag und hielt sich dadurch für berechtigt, mich um einen viel wichtigeren Dienst zu bitten; er kam nämlich am nächsten Tage zu mir, um sich zu bedanken, und bat mich um meinen Beistand in einer Angelegenheit, die für ihn von der größten Wichtigkeit sei. Als junger und ausschweifender Mensch war er an einen schlechten Ort geraten und hatte sich dort angesteckt. Er beklagte sich bitter über Herrn Farsetti, der ihm nicht einmal vier Louis hätte leihen wollen, unter dem Vorwande, daß er mit einer so ekelhaften Geschichte nichts zu tun haben möchte. Er bat mich, mit seiner Mutter darüber zu sprechen, damit sie ihn heilen ließe. Ich erfüllte seinen Wunsch; als aber seine Mutter erfuhr, worum es sich handelte, sagte sie mir, er befände sich schon zum dritten Male in diesem Zustand, darum wäre es besser, ihn darin zu lassen, als unnützerweise für seine Heilung Geld auszugeben; kaum geheilt, würde er sofort wieder den alten Lebenswandel beginnen. Sie hatte recht. Ich ließ ihn auf meine Kosten von einem geschickten Wundarzt behandeln, aber es dauerte nicht einen Monat, so fiel er in seine alte Sünde zurück. Der Jüngling hatte einen natürlichen Hang zu schmachvollen Ausschweifungen, denn schon mit vierzehn Jahren war er ein zügelloser Wüstling. Seine Schwester war nun im sechsten Monat schwanger, und ihre Verzweiflung wuchs in demselben Maße wie ihr Leib. Sie hatte den Entschluß gefaßt, ihr Bett nicht mehr zu verlassen, und ich war untröstlich, ihr nicht helfen zu können. Da sie mich von meiner Leidenschaft für sie vollkommen geheilt hatte, verkehrte sie mit mir wie mit einer vertrauten Freundin; sie ließ mich alle Teile ihres Leibes betasten, um mich zu überzeugen, daß sie es nicht mehr wagen könne, sich vor den Leuten sehen zu lassen. Ich spielte bei ihr die Rolle einer Hebamme; aber welche Überwindung kostete es mir, ruhig und gleichgültig zu erscheinen, während das Feuer, das mich verzehrte, aus allen meinen Poren drang! Ich konnte es nicht mehr aushalten. Sie sprach von Selbstmord in jenem Tone der Entschlossenheit, vor dem man erschaudert, weil er für eine reifliche Überlegung spricht. Ich war in einer schwer zu beschreibenden Verlegenheit, als plötzlich das Glück mir auf die scherzhafteste Art meine Ruhe wieder gab. Als ich eines Tages mit Frau von Urfé allein speiste, fragte ich sie, ob sie ein sicheres Mittel kenne, um ein junges Mädchen, das sich mit ihrem Liebhaber zu weit eingelassen, vor Schande zu bewahren. »Ein unfehlbares,« antwortete sie mir, »nämlich das Aroph des Paracelsus! Es ist nicht schwer anzuwenden. Sind Sie neugierig es kennen zu lernen?« Mit diesen Worten stand sie auf, ohne meine Antwort abzuwarten, und holte ein Manuskript, das sie mir übergab. Dieses starke Abtreibungsmittel war eine Art Salbe, bestehend aus Safran, Myrrhe und anderen Krautersäften, die mit Jungfernhonig gemischt waren. Um die erwartete Wirkung zu erzielen, war ein zylinderförmiges Instrument erforderlich, das mit einer sehr weichen Haut überzogen war, es mußte dick genug sein, um den ganzen Raum der Scheide auszufüllen, und lang genug, um den Eingang des Beckens zu berühren, das den Fötus enthält. Das Ende dieses Zylinders mußte reichlich mit Aroph bestrichen sein, und da dieser nur im Augenblick einer Erregung des Uterus wirken konnte, so mußte diese durch eine beischlafähnliche Bewegung hervorgerufen werden. Außerdem mußte die Operation eine ganze Woche lang mindestens fünf bis sechsmal täglich wiederholt werden. Ich fand das Rezept und die Operation so lächerlich, daß es mir unmöglich war, ernst zu bleiben. Ich lachte herzlich darüber, verbrachte aber trotzdem reichlich zwei Stunden damit, die spaßhaften Träumereien des Paracelsus zu lesen, woran Frau von Urfé fester glaubte als an die Wahrheiten des Evangeliums; hierauf las ich mit Vergnügen Boerhave, der von diesem Aroph wie ein vernünftiger Mensch spricht. Da ich, wie gesagt, das reizende Fräulein täglich mehrere Stunden und in voller Freiheit sah, da ich immer verliebt war und mir unaufhörlich Zwang antun mußte, so drohte das Feuer, das unter der Asche glomm, jeden Augenblick in helle Flammen auszuschlagen. Ihr Bild verfolgte mich ohne Unterlaß, sie war immerzu der Gegenstand meiner Gedanken, und ich überzeugte mich jeden Tag mehr, daß ich nicht eher Ruhe finden würde, als bis es mir gelänge, durch den völligen Besitz aller ihrer Reize meine Leidenschaft zu befriedigen. Als ich allein zu Hause war, beschloß ich dem Fräulein, an das ich unaufhörlich dachte, meine Entdeckung mitzuteilen, in der Hoffnung, daß sie vielleicht zur Einführung des Zylinders meiner bedürfen möchte. Ich begab mich gegen zehn Uhr zu ihr und fand sie wie gewöhnlich im Bett; sie weinte darüber, daß das Opiat, das ich sie nehmen ließ, keine Wirkung hatte. Der Augenblick erschien mir günstig, um mit ihr von dem Aroph des Paracelsus zu sprechen, das ich ihr als ein unfehlbares Mittel zum Erreichen des von ihr gewünschten Zweckes schilderte. Während ich ihr die Wirksamkeit dieses Mittels pries, kam mir der Einfall, hinzuzufügen, daß das Aroph, um ganz sicher zu wirken, mit männlichem Samen vermischt sein müsse, der noch nicht seine natürliche Wärme verloren habe. »Wenn diese Mischung«, sagte ich ihr, »täglich mehrere Male den Gebärmuttermund benetzt, so schwächt sie ihn dermaßen, daß die Leibesfrucht durch ihr eigenes Gewicht heraustritt.« An diese Einzelheiten schloß ich lange Reden an, um sie von der Wirksamkeit des Mittels zu überzeugen. Als ich sie nachdenklich geworden sah, sagte ich ihr: da ihr Geliebter abwesend sei, so müsse sie einen sicheren Freund haben, der bei ihr weile und ihr die Dosis so oft verabreiche, wie Paracelsus es vorschreibe. Plötzlich lachte sie laut auf und fragte mich, ob wirklich das von mir Gesagte nicht ein bloßer Spaß wäre. Ich gab mich verloren, denn die Albernheit des Mittels war handgreiflich, und wenn ihr gesunder Verstand sie dies erraten ließ, so mußten ihr unfehlbar auch meine Absichten verdächtig erscheinen. Aber was glaubt nicht eine Frau in ihrem Zustande! »Wenn Sie es wünschen, mein gnädiges Fräulein,« sagte ich zu ihr im Tone der Überzeugung, »werde ich Ihnen das kostbare Manuskript anvertrauen, worin alles, was ich Ihnen gesagt habe, ganz genau aufgezeichnet ist; außerdem können Sie das bündige Urteil sehen, das Boerhave darüber abgibt.« Diese Worte überzeugten sie, sie hatten auf sie wie mit Zaubergewalt gewirkt, und ich ließ ihre Überzeugung sich nicht abkühlen. »Das Aroph«, sagte ich zu ihr, »ist das stärkste Mittel zur Beförderung der monatlichen Reinigung.« »Und die monatliche Reinigung kann nicht eintreten, solange eine Frau schwanger ist; demnach muß das Aroph ein hervorragendes Mittel sein, um eine geheime Entbindung herbeizuführen. Können Sie es anfertigen?« »Gewiß; dies ist nicht schwer, denn es sind dazu nur einige Bestandteile nötig, die ich kenne, und aus denen man mit Honig oder frischer Butter eine Salbe bereiten muß. Aber es ist notwendig, daß diese Mischung den Gebärmuttermund gerade im Augenblick der höchsten Erregung berührt.« »Aber dann scheint mir, daß auch derjenige, der es verabreicht, lieben muß.« »Ohne Zweifel – wenn er nicht einfach ein Tier ist, das nur der körperlichen Erregung bedarf.« Sie schwieg lange Zeit. Obwohl sie ein kluges Mädchen war, hinderte sie doch die natürliche weibliche Schamhaftigkeit und die Unbefangenheit ihres Gemütes, an eine List zu denken, die ich ohne Schonung angewendet hatte, wie ich gestehen muß. Ich schwieg ebenfalls, weil ich erstaunt war, eine solche Fabel ohne vorherige Überlegung mit allem Anschein der Wahrheit vorgebracht zu haben. Endlich brach sie das Schweigen und sagte traurig zu mir: »Das Mittel scheint mir natürlich und wundervoll zu sein; aber ich muß darauf verzichten.« Hierauf fragte sie mich, ob die Zubereitung des Arophs längere Zeit beanspruche. »Höchstens zwei Stunden, wenn man englischen Safran haben kann, den Paracelsus dem orientalischen vorzieht.« In diesem Augenblick trat ihre Mutter mit dem Ritter Farsetti ein; nachdem wir einige nichtssagende Bemerkungen gewechselt hatten, lud sie mich zum Essen ein. Ich wollte ablehnen, aber das Fräulein sagte mir, sie würde mit uns speisen. Infolgedessen nahm ich die Einladung an, und wir verließen das Zimmer, um ihr Zeit zum Ankleiden zu lassen. Sie ließ nicht auf sich warten und erschien mit einer Nymphentaille. Ich war starr; kaum konnte ich meinen Augen trauen, und es fehlte nicht viel, so hätte ich geglaubt, von ihr angeführt zu sein; denn ich begriff nicht, wie sie es angefangen haben konnte, um bis zu einem solchen Grade die Fülle zu verbergen, die ich mit meinen eigenen Händen hatte berühren dürfen. Farsetti saß neben mir, und ich neben ihrer Mutter. Beim Nachtisch fragte das Fräulein, dem das Aroph im Sinn lag, ihren Tischnachbar, der sich für einen großen Chemiker ausgab, ob er es kenne. »Ich glaube,« sagte Farsetti mit selbstgefälliger Miene, »ich kenne es besser als irgend einer.« »Wozu dient es?« »Diese Frage ist zu unbestimmt.« »Was bedeutet das Wort?« »Aroph ist ein arabisches Wort, das ich nicht kenne. Man müßte im Paracelsus nachsehen.« »Das Wort«, sagte ich zu ihm, »ist weder arabisch noch hebräisch; es gehört eigentlich keiner Sprache an. Es ist aus zwei Wörtern zusammengezogen.« »Könnten Sie uns«, sagte der Ritter, »diese Worte nennen?« »Nichts leichter als das: Aro kommt von Aroma, und ph ist der Anfangsbuchstabe von philosophorum .« »Hat Paracelsus«, fragte Farsetti spitzig, »Ihnen diese Belehrung gegeben?« »Nein, mein Herr, ich verdanke sie Boerhave.« »Das ist ja komisch! Boerhave sagt dies nirgends; aber es gefällt mir, wenn man recht zuversichtlich zitiert!« »Lachen Sie nur, mein Herr,« rief ich stolz, »das steht Ihnen natürlich frei; aber hier ist der Prüfstein: nehmen Sie eine Wette an, wenn Sie es wagen. Ich mache niemals falsche Zitate, wie gewisse Leute, die von arabischen Wörtern sprechen.« Mit diesen Worten warf ich eine Börse voll Gold auf den Tisch, aber Farsetti, der seiner Sache nichts weniger als sicher war, antwortete mir verächtlich: er wette niemals. Das junge Fräulein freute sich über seine Verwirrung und sagte ihm, das sei das richtige Mittel, niemals zu verlieren, und neckte ihn mit seinem arabischen Wort. Ich steckte meine Börse wieder in die Tasche, tat, als ob ich einmal hinausgehen müßte, und schickte meinen Bedienten zu Frau d'Urfé, um den Boerhave zu holen. Dann setzte ich mich wieder zu Tisch und unterhielt mich heiter, bis mein Merkur zurückkam und mir das Buch brachte. Ich schlug es auf, und da ich es erst am Tage vorher benutzt hatte, fand ich sofort die Stelle wieder. Ich zeigte sie dem Ritter Farsetti und bat ihn, sich zu überzeugen, daß ich nicht mit angemaßter Zuversicht, sondern mit voller Gewißheit zitiert hätte. Anstatt das Buch zu nehmen, stand er auf und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen. »Er ist ärgerlich fortgegangen,« sagte die Mutter, »und ich möchte wetten, er wird nicht wieder kommen.« »Ich wette auf das Gegenteil!« rief die Tochter; »der morgige Tag wird nicht vorübergehen, ohne daß er uns mit seiner angenehmen Gegenwart beehrt.« Sie hatte richtig geraten. Farsetti wurde von diesem Tage an mein unversöhnlicher Feind und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, mir dies zu beweisen. Nach dem Essen gingen wir alle nach Passy zu einem Konzert, das Herr de la Popelinière veranstaltete. Er lud uns zum Abendessen ein. Ich fand dort Sylvia und ihre reizende Tochter, die mit mir schmollte, und nicht ohne Grund, denn ich hatte sie vernachlässigt. Der berühmte Wundermann, St.-Germain, erheiterte die Tischgesellschaft durch seine Prahlereien, die er sehr geistvoll und mit allem Anstande vorbrachte. Ich habe niemals einen geistreicheren, geschickteren und unterhaltenderen Betrüger gekannt. Am nächsten Tage schloß ich mich in meinem Hause ein und war für niemanden zu sprechen, weil ich eine Menge Fragen beantworten mußte, die Esther an mich gerichtet hatte. Auf alle jene, die den Handel betrafen, antwortete ich sehr dunkel, denn abgesehen von der Furcht, mein Orakel bloßzustellen, hätte ich es mir nie verzeihen können, ihrem Vater durch Erregung von Irrtümern einen Schaden zuzufügen. Der brave Mann war der anständigste von allen holländischen Millionären, aber er hätte sich zugrunde richten oder zum mindesten eine starke Bresche in sein Vermögen legen können, wenn er im Vertrauen auf meine Unfehlbarkeit sich Hals über Kopf in gewagte Unternehmungen gestürzt hätte. Esther war für mich, ich muß es gestehen, nur noch eine angenehme Erinnerung. Fräulein X. C. V. beschäftigte mich ganz und gar trotz meiner zur Schau getragenen Gleichgültigkeit, und ich sah nicht ohne Unruhe den Augenblick herannahen, wo sie ihren Zustand nicht mehr vor ihrer Familie hätte verbergen können. Ich bereute es, mit ihr von dem Aroph gesprochen zu haben, denn seit drei Tagen war es nicht mehr erwähnt worden, und es kam nicht mir zu, ein so zartes Thema wieder zur Sprache zu bringen; ich befürchtete sogar, daß ich ihren Verdacht erregt hätte und daß bei ihr das Gefühl der Achtung sich in ein für mich viel weniger schmeichelhaftes Gefühl verwandelt haben möchte. Ihre Verachtung hätte ich nicht ertragen können. Ich fühlte mich dermaßen gedemütigt, daß ich nicht den Mut hatte, sie aufzusuchen, und ich weiß nicht, ob ich mich überhaupt dazu entschlossen hätte, wenn sie mir nicht entgegengekommen wäre. Sie schrieb mir in einem Briefchen: sie habe keinen anderen Freund als mich und bitte um keinen anderen Freundschaftsbeweis, als daß ich sie jeden Tag besuche, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. Ich beeilte mich, ihr meine Antwort mündlich zu sagen. Ich versprach ihr, sie nicht im Stich zu lassen, und versicherte ihr, meine Freundschaft sei beständig und sie könne unter allen Umständen auf mich zählen. Ich hatte gehofft, sie würde von dem Aroph sprechen, aber vergebens. Ich glaubte, sie würde wohl reiflich darüber nachgedacht und es ganz richtig als eine Chimäre erkannt haben. Ich entschloß mich daher, auf dieses Hilfsmittel nicht mehr zu rechnen. »Ist es Ihnen recht,« fragte ich sie, »wenn ich Ihre Mutter und die ganze Familie einlade, in meinem Hause zu speisen?« »Dies würde mir viel Freude machen; es wäre ein Genuß, den ich mir etwas später nicht mehr werde verschaffen können.« Das Essen war prächtig und zugleich fein; ich hatte an den Kosten nichts gespart, und alles war für den feinsten Geschmack berechnet. Meine Gäste waren außer der Familie X. C. V. Sylvia, deren Tochter, die reizend war, ein italienischer Musiker namens Magali, in den eine Schwester meines Fräuleins verliebt war, und der Bassist Lagarde, den man in allen gewählten Gesellschaften traf. Das Fräulein war die ganze Zeit über von einer entzückenden Heiterkeit. Witzworte, gute Einfälle, pikante Anekdoten belebten das Mahl, und die Freude war in jeder Beziehung die Göttin des Festes. Wir trennten uns erst um Mitternacht, und vor dem Abschiednehmen fand das Fräulein Gelegenheit mich zu bitten, am nächsten Morgen in der Frühe bei ihr vorzusprechen, da sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Wie man sich denken kann, versäumte ich es nicht, der Einladung zu folgen. Schon vor acht Uhr war ich bei ihr. Ich fand sie sehr traurig, und sie sagte mir, sie sei in Verzweiflung: »Herr de la Popelinière verlangt den Abschluß der Heirat, und meine Mutter drängt mich dazu. Sie hat mir angekündigt, ich müsse den Vertrag unterzeichnen; ein Schneider werde kommen und mir zu neuen Kleidern Maß nehmen. Hierzu kann ich nicht einwilligen, denn es ist unmöglich, daß ein Schneider nicht meinen Zustand bemerkt. Ich bin entschlossen, mir lieber das Leben zu nehmen als mich vor meiner Niederkunft zu verheiraten oder mich meiner Mutter anzuvertrauen.« »Der Tod ist ein Hilfsmittel, das man immer noch anwenden kann; zu ihm darf man erst dann seine Zuflucht nehmen, wenn man andere Rettungsmittel erfolglos versucht hat. Von Herrn de la Popelinière können Sie sich, scheint mir, leicht frei machen: vertrauen Sie ihm Ihren Zustand an; er ist ein Ehrenmann und wird zurücktreten, ohne Sie bloßzustellen, denn es liegt in seinem eigenen Vorteil, das Geheimnis zu bewahren.« »Aber werde ich damit viel weiter sein? Und meine Mutter?« »Ihre Mutter? Ich übernehme es, sie zur Vernunft zu bringen.« »O mein Freund! wie wenig kennen Sie sie! Um der Ehre willen würde sie genötigt sein, mich verschwinden zu lassen; aber vorher würde ich von ihr Leiden zu erdulden haben, denen der grausamste Tod vorzuziehen wäre. – Aber wie kommt es, daß Sie gar nicht mehr vom Aroph sprechen? Sollte es nur ein Scherz gewesen sein? Das wäre grausam.« »Nein, ich halte es im Gegenteil für ein unfehlbares Mittel, obgleich ich seine wunderbaren Wirkungen niemals selber beobachtet habe. Aber welchen Zweck hätte es, mit Ihnen darüber zu sprechen? Sie haben gewiß erraten, daß mich Zartgefühl zum Schweigen zwang. Vertrauen Sie Ihren Zustand Ihrem Geliebten an; er ist in Venedig; schreiben Sie ihm, und ich erbiete mich, ihm die Botschaft in fünf oder sechs Tagen durch einen sicheren Mann zustellen zu lassen. Wenn er nicht reich ist, werde ich Ihnen das nötige Geld geben, damit er unverzüglich hierher kommen kann, um Ihnen Ehre und Leben zu retten, indem er Ihnen das Aroph beibringt.« »Der Plan ist schön, und Ihr Anerbieten ist großmütig, aber es läßt sich nicht ausführen. Sie würden daran nicht zweifeln, wenn Ihnen der Zusammenhang der ganzen Geschichte besser bekannt wäre. An ihn dürfen wir nicht denken, lieber Freund, aber nehmen wir an, ich könnte mich entschließen, das Aroph von einem anderen als von ihm zu empfangen – so sagen Sie mir: wie könnte ich es? Wenn nun wirklich mein Geliebter sich in Paris verborgen hielte, wäre es möglich, daß er acht Tage in aller Freiheit mit mir verbrächte, wie es doch ohne Zweifel nötig sein würde, um mir das Mittel beizubringen? Und selbst wenn dies ausführbar wäre, wie könnte er mir eine ganze Woche lang fünf- oder sechsmal täglich die Dosis verabfolgen! Sie sehen wohl, es ist nicht möglich, an dieses Heilmittel zu denken.« »Sie würden also, mein liebes Fräulein, um Ihre Ehre zu retten, sich entschließen, sich einem anderen hinzugeben?« »Ja, ganz gewiß – wenn ich sicher wäre, daß niemand etwas davon erführe. Aber wo ist dieser Mann? Halten Sie es für möglich, einen solchen zu finden, und glauben Sie, daß ich selbst in diesem Fall mich entschließen könnte, ihn holen zu lassen?« Ich wußte nicht, wie ich diese Worte auslegen sollte; denn Fräulein X. C. V. kannte meine Liebe zu ihr, und es erschien mir unnatürlich, daß sie daran denken sollte, mit großer Unbequemlichkeit in der Ferne zu suchen, was sie doch ganz in der Nähe finden konnte. Ich war geneigt zu glauben, daß sie gerne von mir gebeten wäre, mich zum Verabreicher des Mittels zu wählen, sei es um ihrem Schamgefühl ein so heikles Anerbieten zu ersparen, sei es, um sich das Verdienst zu erwerben, nur meiner Liebe nachzugeben, und mich dadurch zu größerer Dankbarkeit zu verpflichten. Aber ich konnte mich täuschen, und wollte mich nicht dem Schimpf und der Demütigung einer abschlägigen Antwort aussetzen. Andererseits konnte ich mir kaum vorstellen, daß sie die Absicht haben sollte, mich zu beleidigen. Da ich nicht wußte, zu welchem Heiligen ich meine Zuflucht nehmen sollte, um sie zu einer Erklärung zu zwingen, so stand ich mit einem schweren Seufzer auf, nahm meinen Hut, ging auf die Tür zu und rief: »Grausames Fräulein, ich bin unglücklicher als Sie!« Sie richtete sich in ihrem Bett auf und flehte mich an, zu bleiben, indem sie mich mit Tränen in den Augen fragte, wie ich mich für unglücklicher halten könne als sie. Eine gekränkte, aber gefühlvolle Miene annehmend, antwortete ich ihr, sie habe mich ihre Geringschätzung zu deutlich merken lassen, indem sie in ihrer traurigen Notlage mir einen Unbekannten vorzöge, den ich ihr ganz sicherlich nicht verschaffen würde. »Wie grausam Sie sind! wie ungerecht!« rief sie weinend. »Jetzt sehe ich wohl, daß Sie keine Liebe zu mir empfinden, da Sie aus meiner entsetzlichen Lage einen Triumph für sich machen wollen. Ich kann Ihr Vorgehen nur als einen Racheakt ansehen, der eines großmütigen Mannes wenig würdig ist.« Ihre Tränen rührten mich, und ich warf mich vor ihr auf die Knie und rief: »Da Sie doch wissen, liebes Fräulein, daß ich Sie anbete – wie können Sie mir wohl Rachepläne zutrauen? Sie müssen mich doch für unempfindlich halten, indem Sie mir mit klaren Worten sagen, daß Sie nicht wissen, an wen Sie sich in Abwesenheit Ihres Liebhabers wenden sollen, um sich aus der Verlegenheit zu retten!« »Aber sagen Sie mir, ob ich schicklicherweise nach meiner ersten Ablehnung mich an Sie wenden sollte? Mußte ich nicht befürchten, daß Sie der Notwendigkeit verweigern würden, was Ihre Liebe nicht hatte erreichen können?« »Sie glauben also, ein leidenschaftlich liebender Mann könne wegen einer Abweisung, deren Grund nur die Tugend sein kann, zu lieben aufhören? Lassen Sie mich Ihnen mein Herz offenbaren: ich habe allerdings glauben können, daß Sie mich nicht lieben – aber jetzt glaube ich gewiß zu sein, daß ich mich getäuscht habe und daß Sie mich unabhängig von der Zwangslage, in der Sie sich befinden, auch aus Gefühl glücklich gemacht haben würden; und weiter: Sie sind mir ohne Zweifel böse, daß ich mir das Gegenteil hatte einbilden können.« »Sie sind, mein lieber Freund, der getreue Dolmetsch meiner Gefühle. Aber wir müssen noch feststellen, wie wir in aller erforderlichen Freiheit zusammenkommen können.« »Sorgen Sie sich darum nicht; da ich Ihrer Zustimmung sicher bin, werde ich bald ein Auskunftsmittel gefunden haben. Unterdessen werde ich das Aroph zubereiten.« Ich hatte beschlossen, wenn es mir je gelingen sollte, das schöne Fräulein zur Anwendung meines Mittels zu überreden, nur Honig zu gebrauchen; die Anfertigung des Aroph konnte mich also nicht in Verlegenheit bringen. In dieser Beziehung war ich also beruhigt; andererseits aber befand ich mich in einem Labyrinth, aus dem ich mich nicht herauszufinden wußte. Ich sollte ohne Unterbrechung mehrere Nächte in beständiger Arbeit verbringen; ich fürchtete, mich über meine Kraft hinaus verpflichtet zu haben, und es war nicht möglich, etwas davon abzudingen, ohne die Schäferstündchen zu gefährden, die ich so mühsam in die Wege geleitet hatte; an den Erfolg des Aroph dachte ich natürlich nicht. Außerdem konnte die Operation nicht in ihrem Schlafzimmer stattfinden, da ihre jüngere Schwester ebenfalls dort schlief und deren Bett nicht weit von dem ihrigen entfernt stand; sie acht Nächte hintereinander in einen Gasthof zu führen, war unmöglich. Die Gottheit des Zufalls, die den Liebesverhältnissen gewöhnlich günstig ist, kam mir zu Hilfe. Als ich einmal hinaufgehen mußte, begegnete ich dem Küchenjungen; er erriet, was ich wollte, und bat mich, nicht weiter zu gehen, weil der Platz besetzt wäre. »Aber du kommst ja eben heraus.« »Allerdings, mein Herr; aber ich bin nur eingetreten und gleich wieder hinausgegangen.« »Nun, so werde ich warten, bis der Ort wieder frei ist.« »Oh! bitte, warten Sie nicht!« »Aha, ich verstehe, du Spitzbube; ich werde nichts sagen, aber ich will sie sehen.« »Sie wird nicht herauskommen; den»sie hat Sie gehört und sich eingeschlossen.« »Sie kennt mich also?« »Ja, und Sie kennen sie ebenfalls.« »Gut, geh nur und sei deinetwegen und ihretwegen unbesorgt.« Der Küchenjunge ging; ich begriff sofort, daß ich von dieser Begegnung Nutzen haben konnte. Ich ging hinauf und bemerkte durch eine Spalte des Fräuleins Kammerzofe Madeleine. Ich beruhigte sie, indem ich ihr zu schweigen versprach; sie öffnete; ich drückte ihr einen Louis in die Hand, und sie lief ein bißchen verlegen schnell weg. Gleich darauf ging ich wieder hinunter, und der Küchenjunge, der mich auf dem Treppenabsatz erwartete, bat mich, Madeleine zu veranlassen, daß sie ihm die Hälfte von dem Louis abgäbe. »Ich verspreche dir einen ganzen,« sagte ich zu ihm, »wenn du alles gestehen willst.« Dies tat der Bursche herzlich gern. Er erzählte mir seine Liebesgeschichte und sagte mir, er verbringe mit ihr alle Nächte in der Dachkammer; seit drei Tagen jedoch seien sie ihres Vergnügens beraubt, weil die gnädige Frau jetzt Wildbret dort aufbewahre und darum den Schlüssel abgezogen habe. Ich ließ mich von ihm hinführen und sah durch das Schlüsselloch, daß eine Matratze sehr gut Platz hatte. Ich gab dem Küchenjungen einen Louis und entfernte mich, um mir meinen Plan reiflich zu überlegen. Ich war der Meinung, daß das Fräulein im Einverständnis mit Madeleine leicht die Nacht in dieser Dachkammer verbringen könnte. Ich versah mich mit einem Dietrich und mehreren falschen Schlüsseln und legte in eine Blechdose mehrere Gaben des angeblichen Aroph, das heißt: Honig, den ich mit Hirschhorn vermischt hatte, um ihm Festigkeit zu geben. Am nächsten Morgen ging ich in das Hotel de Bretagne, um sofort meinen Dietrich zu versuchen, ich brauchte ihn nicht, denn schon der erste Schlüssel, den ich probierte, genügte, um das schadhafte Schloß zu öffnen. Stolz auf meine Entdeckung und auf meinen Erfolg ging ich zum Fräulein hinunter und sagte ihr mit ein paar Worten von allem Bescheid. »Aber, lieber Freund, ich kann mein Zimmer nur verlassen, indem ich durch die Kammer gehe, worin Madeleine schläft.« »Nun, mein Herz, so müssen wir das Mädchen auf unsere Seite bringen.« »Ihr mein Geheimnis anvertrauen?« »Ganz recht.« »Das würde ich niemals wagen.« »So übernehme ich es; der goldene Schlüssel öffnet alle Türen.« Sie war mit allem einverstanden, nur der Küchenjunge setzte sie in Verlegenheit; denn wenn er hinter unser Geheimnis gekommen wäre, so hätte er uns schaden können. Ich glaubte, ich würde ihn durch Madeleine gewinnen können, oder diese würde als kluges Mädchen uns den Jungen vom Halse schaffen können. Bevor ich ging, sagte ich dem Mädchen, ich hätte etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen, und bestellte sie nach dem Kreuzgang der Augustinerkirche. Sie kam pünktlich, und ich setzte ihr meinen Plan in allen Einzelheiten auseinander. Er war nicht schwer zu begreifen. Sie sagte mir, sie würde dafür sorgen, daß ihr eigenes Bett zur bestimmten Stunde in dem Boudoir von ganz neuer Art sei; aber sie fügte hinzu, damit wir ganz ruhig sein könnten, wäre es unbedingt notwendig, den Küchenjungen für uns zu gewinnen. »Er ist ein kluger Bursche, und ich glaube für seine Treue bürgen zu können; überlassen Sie es nur mir, die Sache in Ordnung zu bringen.« Ich gab ihr den Schlüssel und sechs Louis und befahl, ihre Herrin von allem zwischen uns Verabredeten zu unterrichten, sich mit ihr zu verständigen und die Dachkammer zu unserer Aufnahme bereit zu machen. Sie ging ganz vergnügt nach Hause. Eine Kammerzofe, die einen Liebsten hat, ist niemals so glücklich, wie wenn sie ihre Herrin in die Notwendigkeit versetzen kann, ihre Liebschaft zu beschützen. Am nächsten Morgen suchte der Küchenjunge mich in Klein-Polen auf; ich hatte dies erwartet. Bevor er sprechen konnte, sagte ich ihm, er solle vor der Neugier meiner Dienstboten auf der Hut sein und nicht ohne zwingenden Grund zu mir kommen. Er versprach mir, vorsichtig zu sein, und versicherte mir seine Ergebenheit. Er gab mir den Schlüssel zur Dachkammer und sagte mir, er habe sich einen anderen verschafft. Ich bewunderte und lobte seine Umsicht und schenkte ihm sechs Louis, die, wie ich sah, mehr wirkten als die schönsten Worte. Am nächsten Vormittag sah ich das Fräulein nur einen Augenblick, um ihr zu sagen, daß sie mich abends um zehn Uhr am bewußten Ort finden werde. Ich ging ziemlich frühzeitig dort hin, ohne von einem Menschen gesehen zu werden. Ich war im Überrock und hatte in den Taschen meine Schachtel mit dem Aroph, ein ausgezeichnetes Feuerzeug und eine Kerze. Ich fand in der Dachkammer eine gute Matratze, zwei Kopfkissen und eine warme Steppdecke, einen sehr nützlichen Gegenstand, denn die Nächte waren kalt, und wir mußten in den Pausen der Operation schlafen können. Um elf Uhr hörte ich ein leises Geräusch. Mir klopfte das Herz, was immer ein gutes Vorzeichen ist. Ich ging auf den Fußspitzen hinaus und meinem Fräulein entgegen. Ich beruhigte sie durch einen zärtlichen Kuß, führte sie in unser Schlafgemach, verrammelte die Tür und verhängte das Schlüsselloch, um für alle Fälle vor Überraschungen sicher zu sein und mich vor Neugierigen zu schützen. Als ich dann meine Kerze anzündete, wurde mein Fräulein unruhig. »Das Licht kann uns verraten, wenn jemand nach dem vierten Stock heraufkommt,« sagte sie zu mir. »Es ist nicht anzunehmen, daß jemand kommt; aber abgesehen davon, müssen wir es eben doch wagen; denn wie könnten Sie ohne Licht mir das Aroph auflegen?« »Nun, so werden wir die Kerze unmittelbar darauf auslöschen.« Ohne uns mit jenen Vorspielen zu unterhalten, die sonst, wenn man frei ist, in der Liebe so süß sind, entkleideten wir uns und gingen ernstlich an unsere Rollen, die wir mit der größten Vollkommenheit spielten. Ich sah aus wie ein Zögling von St. Côme, der eine Operation vornehmen will, sie wie eine Kranke, die sich in ihr Schicksal ergibt, nur mit dem Unterschied, daß in diesem Fall die Kranke die Vorbereitungen traf. Als der Opferpriester mit allem Nötigen ausgerüstet war, das heißt, als die weißen Hände meiner Engländerin mir das Aroph wie ein Priesterkäppchen aufgelegt hatten, nahm sie die günstigste Lage ein und erweiterte mit beiden Händen die Mündung, durch die das Mittel an den Ort gelangen sollte, wo sich die Vermischung mit dem Lebenssaft vollziehn sollte. Wirklich komisch würde einem Dritten, der uns hätte sehen können, der doktorale Ernst erschienen sein, den wir beide zur Schau trugen. Als die Einfühlung vollständig bewerkstelligt war, löschte das ängstliche Fräulein die Kerze aus; aber einige Minuten später mußte sie mir gestatten, sie wieder anzuzünden. Ich hatte mein Werk meisterhaft vollbracht, aber zu schnell, so daß meine Agnes, die im Anfang noch mit ihrer Angst zu tun hatte, im Rückstand geblieben war. Ich sagte ihr dienstfertig, ich sei hocherfreut noch einmal beginnen zu müssen, und der Ton, worin ich dieses Kompliment vorbrachte, brachte uns beide zu lautem Lachen. Bei der zweiten Operation ging es nicht so schnell wie bei der ersten, und diesmal hatte das Fräulein vollkommen Zeit, auch ihrerseits tüchtig mitzuarbeiten. Die Scham war dem Vertrauen gewichen, und als sie das an seinem Platze gebliebene Aroph untersuchte, machte sie mit der Spitze ihres hübschen Fingers auf den sehr deutlich erkennbaren Anteil ihrer Mitwirkung aufmerksam. Sodann sagte sie mir mit zärtlicher und zufriedener Miene, wir hätten, um den erhofften Erfolg zu erreichen, noch einen weiten Weg vor uns, und forderte mich auf, mich etwas auszuruhen. »Wie Sie sehen,« antwortete ich ihr, »bedarf ich dessen nicht, und ich denke, wir tun gut, wenn wir gleich wieder anfangen.« Sie fand ohne Zweifel diesen Grund überzeugend, denn sie machte sich sofort, ohne ein Wort zu erwidern, von neuem an die Arbeit. Hierauf überließen wir uns einem ziemlich langen Schlummer. Als ich erwachte, fühlte ich mich vollkommen frisch und beantragte eine neue Operation. Nachdem diese von ihr bewilligt und von mir tadellos ausgeführt worden war, bestimmte eine ökonomische Betrachtung meines vorsichtigen Fräuleins mich, meine Kräfte zu schonen, denn wir mußten uns auch für die folgenden Nächte bei Kräften erhalten. Gegen vier Uhr morgens verließ sie mich daher und ging leise nach ihrem Zimmer zurück; ich verließ mit Tagesanbruch das Haus unter dem Schutz meines Küchenmerkurs, der mich durch eine bis dahin unbekannte Nebentür entschlüpfen ließ. Nachdem ich ein Kräuterbad genommen hatte, machte ich gegen Mittag wie gewöhnlich dem Fräulein X. C. V. meine Aufwartung. Ich fand sie in einem eleganten Morgenkleide, das Lächeln des Glückes auf ihren Lippen, in ihrem Bett sitzen. Sie sprach mir von ihrer Dankbarkeit und dankte mir sofort und so feurig, daß ich, der ich mich mit Recht für ihren Schuldner hielt, allen Ernstes ärgerlich zu werden begann. »Begreifen Sie denn wirklich nicht, liebes Fräulein,« rief ich aus, »daß Ihre Danksagungen mich demütigen? Sie beweisen mir, daß Sie mich nicht lieben, oder, wenn Sie mich lieben, daß Sie meine Liebe nicht für so groß halten wie die Ihrige.« Schließlich wurden wir beide gerührt und hätten unsere gegenseitige Liebe ohne die Beihilfe des Arophs besiegelt, wenn nicht die Vorsicht uns zu Hilfe gekommen wäre. Wir waren in dem Schlafzimmer nicht sicher und wir hatten ja noch viel Zeit vor uns. So begnügten wir uns denn in Erwartung der Nacht mit den zärtlichsten Küssen. Meine Lage war sonderbar; denn obwohl ich das anziehende Mädchen sehr lieb hatte, machte ich mir doch nicht den geringsten Vorwurf darüber, sie getäuscht zu haben, um so weniger, da die Folgen nicht von Bedeutung sein konnten, denn der Platz war ja schon besetzt. Nur aus einem kleinen Rachegefühl verletzter Eitelkeit freute ich mich darüber, daß ich mir durch einen Betrug so hohe Genüsse verschaffte. Sie sagte mir, sie fühle sich gedemütigt, daß sie meinen Wünschen Widerstand geleistet habe, als sie mir durch ihre Hingabe einen echten Beweis ihrer Liebe hätte ablegen können, während sie jetzt voll Bitterkeit fühle, daß ich über ihre wirklichen Empfindungen einigen Zweifel hegen könne. Ich bemühte mich nach Kräften, sie zu beruhigen, und in Wirklichkeit machten meine Gefühle jeden Zweifel unnütz, denn ich hatte meinen Zweck so vollständig erreicht, wie ich es nur wünschen konnte. Aber einen Erfolg erreichte ich, zu welchem ich mir noch heute Glück wünsche: Während meiner nächtlichen Arbeiten, die freilich für den von ihr verfolgten Zweck sehr nutzlos waren, hatte ich das Glück, ihr soviel Vertrauen und Ergebung einzuflößen, daß sie aus eigenem Antriebe mir versprach, sich nicht mehr der Verzweiflung zu überlassen, sondern allem was kommen könnte zum Trotz sich nur mir zu überlassen und nur meine Ratschläge zu befolgen. Während unserer nächtlichen Gespräche wiederholte sie mir oft, sie fühle sich glücklich und werde es auch selbst dann sein, wenn das Aroph keine Wirkung haben sollte. Nicht als ob sie nicht das größte Vertrauen dazu gehabt hätte, denn sie hörte mit der Anwendung des unschuldigen Mittels erst bei den letzten Kämpfen auf, die wir mit einem beinahe fanatischen Eifer uns lieferten, wie wenn wir die Schale der Wollust bis auf den letzten Tropfen hätten leeren wollen. »Mein lieber Freund,« sagte sie zu mir, als wir uns zum letzten Male trennten, »was wir getan haben, scheint mir viel mehr geeignet zu schaffen, als zu zerstören, und wenn die Tür nicht schon hermetisch verschlossen gewesen wäre, so hätten wir wahrscheinlich dem kleinen Einsiedler gute Gesellschaft verschafft.« Ein Doktor der Sorbonne hätte nicht besser reden können. Drei oder vier Tage später fand ich sie nachdenklich, aber ruhig, sie sagte mir, sie habe alle Hoffnung verloren, ihrer Bürde vor der Zeit ledig zu werden; sie werde fortwährend von ihrer Mutter bedrängt und binnen sehr wenigen Tagen bleibe ihr keine andere Wahl mehr, als entweder ihren Zustand einzugestehen oder den Heiratsvertrag zu unterzeichnen. Sie könnte sich jedoch für keine dieser Möglichkeiten entschließen und wolle deshalb entfliehen. Sie bat mich, ihr dies zu ermöglichen. Ich war entschlossen, ihr behilflich zu sein. Dieser Entschluß stand völlig fest, aber ich wollte den äußeren Schein retten, denn ich hätte mir eine böse Geschichte an den Hals ziehen können, wenn man die Gewißheit erlangt hätte, daß ich sie empfing oder ihr die Mittel zur Flucht aus Frankreich verschafft hätte. Übrigens hatten wir beide niemals daran gedacht, uns durch unlösbare Bande für das ganze Leben zu vereinigen. Ich verließ sie sehr nachdenklich und begab mich nach den Tuilerien, wo ein geistliches Konzert stattfand. Es wurde eine von Mondonville komponierte Motette gespielt; der Text war vom Abbé Voisenon, dem ich den Stoff angegeben hatte: die Israeliten auf dem Berge Horeb. Die Dichtung war in freien Versen geschrieben und machte als etwas Neues in dieser Art Aufsehen. Als ich aus meinem Wagen stieg, bemerkte ich Frau du Rumain, welche allein aus dem ihrigen stieg. Ich eilte auf sie zu und wurde von ihr als ein guter Bekannter begrüßt: »Ich freue mich, Sie hier zu finden; es ist wirklich ein Glücksfall. Ich will mir die Neuigkeit anhören, und habe zwei reservierte Plätze; Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie den einen annehmen.« Ich fühlte den ganzen Wert einer so ehrenvollen Einladung und nahm sie natürlich an, obwohl ich meine Eintrittskarte in der Tasche hatte. Ich reichte ihr ehrerbietig meinen Arm, und wir nahmen zwei der besten Plätze ein. Man plaudert in Paris nicht, wenn man geistliche Musik hört, besonders wenn es etwas Neues ist. Frau du Rumain konnte also aus meinem notgedrungenen Schweigen während des Konzertes nicht auf den Zustand meiner Seele schließen, aber sie erriet ihn an meinen Gesichtszügen, als alles zu Ende war; denn ich sah niedergeschlagen und sorgenvoll aus, und dies war bei mir etwas Ungewöhnliches. »Herr Casanova,« sagte sie zu mir, »erweisen Sie mir den Gefallen, auf eine Stunde zu mir zu kommen, ich habe Ihnen einige kabbalistische Fragen zu stellen; Sie müssen sie mir lösen, denn sie liegen mir am Herzen; aber wir müssen uns beeilen, weil ich heute Abend außerhalb des Hauses speise.« Begreiflicherweise ließ ich mich nicht bitten; ich fuhr mit ihr nach Hause, und in weniger als einer halben Stunde waren meine Antworten fertig. Hierauf sagte die liebenswürdige Dame in wohlwollendstem Ton zu mir: »Was haben Sie denn, Herr Casanova? Sie sind nicht in Ihrer gewöhnlichen Stimmung, und wenn ich mich nicht täusche, erwarten Sie irgend ein großes Unglück. Sollten Sie vielleicht in der Lage sein, einen wichtigen Entschluß fassen zu müssen? Ich bin nicht neugierig; aber wenn ich Ihnen bei Hofe nützlich sein kann, so verfügen Sie über meinen Einfluß und zählen Sie auf mich. Ich werde, wenn die Sache dringlich ist, nötigenfalls morgen früh nach Versailles fahren; ich bin bei allen Ministern gut angeschrieben. Teilen Sie mir Ihren Kummer mit, lieber Freund; wenn ich ihn nicht lindern kann, werde ich ihn wenigstens teilen, verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit.« Diese Ansprache kam mir vor wie eine himmlische Stimme, wie eine Ermahnung eines guten Genius, mich dieser Dame anzuvertrauen, die beinahe meine Gedanken gelesen und mir in unzweideutigen Ausdrücken erklärt hatte, daß sie an meinem Glück großen Anteil nehme. Nachdem ich schweigend, aber mit dem Ausdruck unfehlbarer Dankbarkeit sie einige Augenblicke angesehen hatte, sagte ich zu ihr: »Ja, gnädige Frau, ich befinde mich in einer sehr kritischen Lage und stehe vielleicht im Begriff, mich zugrunde zu richten; aber Ihr Wohlwollen gibt mir meine Ruhe wieder, indem es mich einige Hoffnung schöpfen läßt; ich werde Ihnen meine Lage schildern. Ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen, das die Ehre unverletzlich macht; ich kann an Ihrer Verschwiegenheit so wenig zweifeln wie an Ihrer Güte. Wenn Sie dann mir gnädigst einen Rat erteilen wollen, so verspreche ich Ihnen, diesen zu befolgen, und ich schwöre Ihnen, niemals zu sagen, von wem ich ihn erhalten habe.« Nach dieser Einleitung, die sie mit der größten Aufmerksamkeit anhörte, erzählte ich ihr die ganze Geschichte mit allen Einzelheiten. Ich verschwieg ihr weder den Namen des Fräuleins noch irgend einen der Umstände, die mich nötigten, für sie einzutreten. Nur von dem Aroph und dessen Anwendung schwieg ich: die Sache erschien mir zu komisch, um sie in dieses ernste Drama hineinzumischen; aber ich gestand ihr, daß ich ihr in der Hoffnung, sie von ihrer Last zu befreien, Heilmittel verschafft hätte. Nach dieser wichtigen Mitteilung schwieg ich, und Frau du Rumain blieb fast eine halbe Stunde lang in Gedanken versunken. Endlich stand sie auf und sagte zu mir: »Ich werde bei Frau de la Marck erwartet; ich muß unbedingt hingehen, denn ich soll dort den Bischof von Montrouge treffen, mit dem ich etwas zu besprechen habe. Ich hoffe jedoch, ich werde Ihnen nützlich sein können. Bitte kommen Sie übermorgen um acht Uhr wieder; Sie werden mich allein finden; vor allen Dingen tun Sie keine Schritte, bevor Sie mich gesehen haben; leben Sie wohl.« Ich verließ sie voller Hoffnung und fest entschlossen, bei dieser heiklen Angelegenheit mich nur von ihrem Rat leiten zu lassen. Der Bischof von Montrouge, mit dem sie wegen einer wichtigen, mir sehr wohl bekannten Angelegenheit zu sprechen hatte, war der Abbé von Voisenon, den man so nannte, weil er oft dorthin ging. Montrouge ist ein Landhaus in der Nähe von Paris, das damals dem Herzog de la Vallière gehörte. Am nächsten Morgen besuchte ich mein liebes Fräulein; ich sagte ihr jedoch nur, daß ich die Hoffnung hätte, ihr in ein paar Tagen gute Nachrichten geben zu können. Ich war mit ihr zufrieden; denn sie zeigte sich gefaßt und vertrauensvoll. Den Tag darauf stellte ich mich pünktlich um acht Uhr bei meiner edlen Gönnerin ein. Der Schweizer sagte mir lächelnd, ich würde den Arzt bei der gnädigen Frau finden, dies hielt mich nicht ab, hinaufzugehen; er entfernte sich, sobald sie erschien. Es war der Doktor Herrenschwand, um den sich alle hübschen Frauen von Paris rissen. Der unglückliche Poinsinet brachte ihn im Cercle auf die Bühne, einem kleinen Einakter von sehr müßigem Werte, der jedoch zu seiner Zeit einen großen Erfolg hatte. »Mein lieber Betrübter,« sagte Frau du Rumain zu mir, sobald wir allein waren, »ich habe Ihre Sache in Ordnung gebracht. Nun aber müssen Sie mir ein unverletzliches Geheimnis bewahren. Nachdem ich über den Gewissensfall, den Sie mir anvertraut hatten, reiflich nachgedacht hatte, begab ich mich nach dem Kloster C., dessen Äbtissin meine Freundin ist. Ich vertraute ihr das Geheimnis an, da ich vollkommen sicher bin, daß sie nicht imstande ist, es zu mißbrauchen. Wir haben abgemacht, daß sie das Fräulein in ihr Kloster aufnehme und ihr eine gute Laienschwester zuteile, um sie im Wochenbett zu pflegen. Sie werden nicht leugnen,« bemerkte sie lachend, »daß die Klöster doch für etwas gut sind. Ihre Schutzbefohlene wird allein nach dem Kloster gehen und durch die Pförtnerin der Äbtissin einen Brief überreichen lassen, den ich Ihnen geben werde. Sie wird sofort eingelassen und in ein anständiges Zimmer gebracht werden. Sie wird niemals Besuche empfangen, und alle Ihre Briefe müssen durch meine Hände gehen. Die Äbtissin wird mir ihre Antworten schicken, und ich werde Ihnen diese eigenhändig übergeben. Sie begreifen, daß sie nur mit Ihnen Briefe wechseln darf, und Sie nur durch meine Vermittlung Nachrichten von ihr erhalten können. Sie müssen auf die gleiche Weise verfahren, und Ihre Briefe dürfen nicht adressiert sein. Ich habe der Äbtissin den Namen Ihres Fräuleins sagen müssen, aber den Ihrigen habe ich ihr nicht genannt, weil sie mich nicht danach gefragt hat. – Teilen Sie dies alles Ihrem jungen Fräulein mit; sobald sie bereit ist, melden Sie es mir, und ich werde Ihnen meinen Brief geben. Sagen Sie ihr, sie solle nur das Allernotwendigste mitnehmen und vor allen Dingen keine Diamanten oder wertvolle Schmucksachen mitbringen. Sie können ihr versichern, daß die Äbtissin sie von Zeit zu Zeit in freundschaftlicher Weise besuchen und daß sie ihr anständige Bücher geben wird. Sie wird, mit einem Wort, vorzüglich gepflegt und behandelt werden. Sagen Sie ihr auch, sie möge sich der Laienschwester, die sie bedienen wird, in keiner Weise anvertrauen; denn obwohl sie anständig und gut ist, ist sie doch eine Nonne, und das Geheimnis wäre vielleicht bei ihr nicht sicher; nach ihrer Niederkunft wird sie zur Beichte gehen und hierauf das Osterabendmahl erhalten. Die Äbtissin wird ihr ein Zeugnis in aller Form ausstellen, mit dem sie ohne Schwierigkeit sich wieder zu ihrer Mutter begeben kann; diese wird nur zu glücklich sein, sie wieder zu haben, und von der Heirat wird nicht mehr die Rede sein, um so weniger, da sie diese als Grund ihrer Entfernung angeben wird.« Nachdem ich ihr tausendmal gedankt und ihre kluge Vorsicht gelobt hatte, bat ich sie, mir den Brief sofort zu geben, da keine Zeit mehr zu verlieren sei. Dienstbereit setzte sie sich sofort an ihren Schreibtisch und schrieb folgendes: »Meine liebe Äbtissin! Die junge Dame, die Ihnen diesen Brief überbringen wird, ist jene, von der ich das Vergnügen hatte, mit Ihnen zu sprechen. Sie wünscht drei oder vier Monate unter Ihrem Schütze in Ihrem Kloster zu verbringen, um ihre Seelenruhe wieder zu erlangen, ihre Andacht zu verrichten und sicher zu sein, daß bei ihrer Rückkehr zu ihrer Mutter nicht mehr von einer Heirat die Rede sein wird, zu der sie sich nicht entschließen kann und die sie veranlaßt hat, sich für einige Zeit von ihrer Familie zu entfernen.« Nachdem sie mir den Brief vorgelesen hatte, übergab sie mir ihn unversiegelt, damit das Fräulein ihn lesen könnte. Die Äbtissin war eine Prinzessin, das Kloster daher vor jedem Verdacht sicher. Als ich den Brief von der Gräfin empfing, fühlte ich mich so von Dankbarkeit erfüllt, daß ich mich vor ihr auf die Knie warf. Die großmütige Dame wurde mir auch in der Folge noch sehr nützlich, wie ich später erzählen werde. Von Frau du Rumain begab ich mich stracks nach dem Hotel de Bretagne; das Fräulein hatte nur gerade soviel Zeit, mir zu sagen, daß sie für den ganzen Tag beschäftigt sei; sie werde aber abends um elf Uhr in die Dachkammer kommen, wo wir Zeit genug haben würden, uns zu unterhalten. Diese Mitteilung freute mich sehr, denn ich sah voraus, daß unser schöner Traum zu Ende sein und daß ich keine Gelegenheit mehr haben würde, mit ihr allein zu sein. Ehe ich das Haus verließ, sagte ich noch Madeleine ein Wörtchen; sie übernahm es, unserem Merkur Bescheid zu sagen, daß er alles in besten Stand setzen solle. Pünktlich war ich da und brauchte nicht lange auf meine Schöne zu warten. Nachdem ich ihr den Brief der Frau du Rumain vorgelesen hatte, deren Namen ich ihr verschwieg, ohne daß sie etwas Arges dabei fand, löschte ich das Licht aus. Ohne von dem Aroph noch zu reden, überließen wir uns dem Vergnügen, uns gegenseitig unsere Liebe zu beweisen. Als es am Morgen Zeit wurde, uns zu trennen, gab ich ihr mündlich alle Weisungen, die ich selber empfangen hatte. Wir verabredeten, daß sie um acht Uhr mit den notwendigen Sachen das Haus verlassen und in einem Fiaker bis zur Place Maubert fahren solle; von dort solle sie einen anderen bis zur Porte St.-Antoine nehmen, und von dort endlich einen dritten, der sie auf dem nächsten Wege zum Kloster zu bringen hätte. Ich bat sie, nicht zu vergessen, alle von mir empfangenen Briefe zu verbrennen und mir vom Kloster aus so oft wie möglich zu schreiben, ihre Briefe zu versiegeln, aber nicht zu adressieren. Sie versprach mir, meine Anordnungen pünktlich zu befolgen; hierauf nötigte ich sie, eine Rolle von zweihundert Louis anzunehmen, für die sie vielleicht Bedarf haben konnte, obgleich wir nicht voraussahen, auf welche Weise. Sie weinte, aber weniger über ihre eigene, sehr schwierige Lage, als über die bittere Verlegenheit, worin sie mich zurückließ. Ich beruhigte sie jedoch, indem ich ihr sagte, ich hätte viel Geld und mächtige Gönner. »Ich werde übermorgen zur verabredeten Stunde fortgehen,« sagte sie. Ich versprach ihr, am Tage zu ihrer Mutter zu gehen, wie wenn ich von nichts wüßte, und darauf ihr alles zu schreiben, was man über ihre Flucht sagen würde. Hierauf umarmten wir uns zärtlich, und ich ging. Ihr Schicksal beunruhigte mich sehr; sie war klug und entschlossen; aber wenn die Erfahrung fehlt, veranlaßt gerade unsere Klugheit uns sehr oft, große Dummheiten zu begehen. Am übernächsten Tage nahm ich einen Fiaker und ließ diesen an einer Straßenecke halten, wo sie vorbeikommen mußte. Ich sah sie ankommen, aus dem Wagen steigen, den Kutscher bezahlen und in einen Hausgang eintreten. Einige Augenblicke darauf kam sie heraus; sie trug ihr Päckchen in der Hand und hatte ihren Kopf in ein Tuch gehüllt. Ich sah sie in einen anderen Fiaker steigen, der sich sofort in der zwischen uns verabredeten Richtung entfernte. Hierdurch beruhigt und einigermaßen sicher, daß sie meine Weisungen genau befolgen würde, ging ich meinen Geschäften nach. Der nächste Tag war der Sonntag Quasimodo. Ich hielt mich für verpflichtet, mich im Hotel Bretagne sehen zu lassen; denn da ich vor der Flucht des Fräuleins täglich hingegangen war, konnte ich meine Besuche nicht einstellen, ohne den Verdacht zu bestärken, den man ohnehin gegen mich haben mußte. Aber wie peinlich war diese Aufgabe. Ich mußte heiter, mit ruhigem und völlig unverändertem Gesicht an einem Ort erscheinen, wo ich sicher war, Traurigkeit und Unruhe zu finden! Ich gestehe, dazu gehörte eine eiserne Stirn. Ich wählte die Stunde, wo die ganze Familie bei Tisch zusammen sein mußte, und ging sofort in den Speisesaal. Ich trat wie gewöhnlich mit lachendem Gesicht ein und setzte mich etwas rückwärts neben Frau X. C. V. Ich tat, wie wenn ich ihre Überraschung nicht bemerkte, obgleich diese deutlich genug war, denn ihr Gesicht war glühend rot. Einen Augenblick darauf fragte ich sie, wo das Fräulein sei. Sie drehte sich um, sah mich fest an und sagte kein Wort. »Sollte sie krank sein?« fragte ich sie. »Davon weiß ich nichts.« Ihr schroffer Ton war mir ganz recht, denn er berechtigte mich, eine ernste Miene anzunehmen. Ich blieb eine Viertelstunde lang nachdenklich und schweigend sitzen, indem ich den Überraschten und Erstaunten spielte. Hierauf stand ich auf und fragte sie, ob ich ihr irgendwie gefällig sein könnte; da ich nur einen kühlen Dank erhielt, verließ ich das Speisezimmer und ging zum Fräulein, wie wenn ich geglaubt hätte, sie in ihrem Zimmer zu finden. Ich fand dort nur Madeleine, die ich mit einem bedeutungsvollen Blick fragte, wo ihre Herrin sei. Sie antwortete mit der inständigen Bitte, ich selber möchte es ihr sagen, wenn ich es wüßte. »Ist sie allein ausgegangen?« »Ich weiß durchaus nichts, mein Herr, aber man glaubt, Sie wüßten alles. Ich bitte Sie, mich allein zu lassen.« Mich höchst erstaunt stellend, verließ ich langsamen Schrittes das Haus und stieg in meinen Wagen. Ich war sehr froh, daß ich diese peinliche Aufgabe hinter mir hatte. Es war natürlich, daß ich nach der Aufnahme, die ich gefunden hatte, mich für beleidigt hielt und mich in dieser Familie nicht mehr sehen ließ; denn mochte ich nun schuldig oder unschuldig sein, so wußte doch Frau X. C. V. ganz genau, daß die Art ihres Empfanges zu bedeutungsvoll war, als daß ich nicht hätte wissen sollen, woran ich wäre. Als ich zwei Tage darauf zu sehr früher Stunde an meinem Fenster stand, hielt ein Fiaker vor meinem Hause, und einen Augenblick darauf stiegen Frau X. C. V. und Herr Farsetti aus. Ich beeilte mich hinauszugehen, um sie zu empfangen, und dankte ihnen, daß sie gekommen seien, um sich zum Frühstück einzuladen. Ich tat, wie wenn sie nur zu diesem Zwecke gekommen sein könnten. Ich lud sie ein, vor einem guten Feuer Platz zu nehmen, und erkundigte mich nach der Gesundheit der gnädigen Frau. Sie antwortete jedoch nicht auf meine Frage, sondern sagte mir, sie sei nicht gekommen, um bei mir zu frühstücken, sondern um ernstlich mit mir zu reden. »Gnädige Frau, ich stehe Ihnen vollständig zur Verfügung; aber erweisen Sie mir doch die Ehre, Platz zu nehmen.« Sie setzte sich, Farsetti aber blieb stehen; ich drang nicht weiter in ihn, sondern beschäftigte mich nur mit Frau X. C. V. und bat diese, mir freundlichst zu sagen, womit ich ihr gefällig sein könnte. »Ich möchte Sie bitten, mir meine Tochter zurückzugeben, wenn sie in Ihrer Gewalt ist, oder mir zu sagen, wo sie ist.« »Ihre Tochter, gnädige Frau? Das weiß ich nicht. Haben Sie mich etwa in Verdacht, ein Verbrechen begangen zu haben?« »Ich beschuldige sie nicht einer Entführung; ich will Ihnen weder ein Verbrechen vorwerfen noch Ihnen drohen; ich will Sie ganz einfach bitten, mir einen Beweis Ihrer Freundschaft zu geben. Helfen Sie mir, meine Tochter heute noch wiederzufinden; Sie geben mir das Leben wieder! Ich bin überzeugt, Sie wissen alles. Sie waren Ihr einziger Vertrauter, ihr einziger Freund; sie verbrachte jeden Tag mehrere Stunden mit Ihnen. Es ist also unmöglich, daß sie Ihnen nicht alles anvertraut haben sollte. Haben Sie Mitleid mit einer trostlosen Mutter! Noch weiß kein Mensch etwas; geben Sie mir sie zurück, und alles soll vergeben und vergessen sein. Ihre Ehre wird gerettet werden.« »Gnädige Frau, ich begreife vollkommen Ihre Lage; Ihr Kummer rührt mich; aber ich wiederhole Ihnen: ich weiß von nichts.« Der Schmerz der armen Frau schnitt mir wirklich in die Seele; unter strömenden Tränen stürzte sie sich mir zu Füßen. Ich wollte sie aufheben, als Farsetti ihr in einem Tone der Entrüstung zurief, sie müßte sich schämen, sich vor einem Menschen von meiner Sorte zu demütigen. Sofort richtete ich mich auf, maß ihn von oben bis unten und sagte zornig: »Unverschämter! Erklären Sie sich: was meinen Sie mit dem Menschen von meiner Sorte!« »Man ist überzeugt, daß Sie alles wissen.« »Diejenigen, die davon überzeugt sind wie Sie, sind unverschämte Dummköpfe. Verlassen Sie augenblicklich mein Haus und erwarten Sie mich unten; Sie werden mich in einer Viertelstunde erscheinen sehen.« Mit diesen Worten hatte ich den Chevalier bei den Schultern gepackt; ich ließ ihn zwei- oder dreimal um sich selber drehen und warf ihn hinaus. Er kehrte sich um und rief Frau X. C. V. zu, sie solle mitkommen; diese aber, die sich inzwischen erhoben hatte, suchte mich zu beruhigen. »Sie müssen einem Manne verzeihen, der in meine Tochter verliebt ist; er will sie trotz ihrer Verirrung durchaus heiraten.« »Ich weiß es, gnädige Frau; aber er ist ohne Zweifel viel daran schuld, daß Ihre Tochter den traurigen Entschluß gefaßt hat, das mütterliche Haus zu verlassen; denn sie verabscheut ihn noch mehr wie den Generalpächter, den sie nicht leiden kann.« »Sie hat unrecht, aber ich verspreche Ihnen, es soll von dieser Heirat nicht mehr die Rede sein. Sie wissen alles, denn Sie haben ihr fünfzig Louis gegeben. Ohne diese hätte sie sich nirgendwohin wenden können.« »Das stimmt nicht, gnädige Frau.« »Leugnen Sie nicht, wir haben tatsächliche Beweise. Hier ist ein Stück Ihres Briefes!« Sie zeigte mir einen Fetzen von dem Brief, den ich ihrer Tochter geschrieben hatte, als ich ihr die fünfzig Louis für ihren ältesten Bruder schickte. Er enthielt folgende Zeilen: »Ich wünsche, diese elenden fünfzig Louis können Sie überzeugen, daß ich alles, selbst mein Leben gerne opfern würde, um Sie von meinen zärtlichen Gefühlen zu überzeugen.« »Ich bin weit entfernt, gnädige Frau, diesen Beweis meiner Neigung zu Ihrer Tochter ableugnen zu wollen; ich muß Ihnen aber zu meiner Rechtfertigung jetzt sagen, was ich sonst Ihr Leben lang vor Ihnen würde geheim gehalten haben: ich habe dem Fräulein diese Summe nur geschickt, um die Schulden Ihres ältesten Sohnes bezahlen zu können; er hat mir dafür in einem Briefe gedankt, den ich Ihnen zeigen könnte, falls Sie es wünschen sollten.« »Mein Sohn?« »Ihr Sohn, gnädige Frau.« »Ich werde Ihnen volle Genugtuung geben lassen.« Ohne mir zu einer Einwendung Zeit zu lassen, lief sie hinaus zu Farsetti, der im Hofe auf sie wartete, nötigte ihn wieder herein zu kommen und sagte ihm in meiner Gegenwart, was ich ihr eben vorhin mitgeteilt hatte. »Das ist nicht wahrscheinlich«, rief der Unverschämte. Ich sah ihn mit verächtlichem Blick an und sagte ihm, daß ich es verschmähe, ihn zu überzeugen, daß ich jedoch die gnädige Frau bitte, die Tatsache durch ihren Sohn selber bestätigen zu lassen. »Ich versichere Ihnen,« fügte ich hinzu, »daß ich Ihrer Tochter stets zugeredet habe, Herrn de la Popelinière zu heiraten.« »Wie können Sie es wagen, dies zu behaupten!« fiel Farsetti mir ins Wort; »Sie sprechen ja in Ihrem Brief von Ihren zärtlichen Gefühlen!« »Dies bestreite ich nicht; ich liebte sie und sagte es ihr gerne. Ich strebte nach der Ehre, ihrem Gemahl Hörner aufzusetzen und legte auf meine Weise die Grundlage zu meinem Bau. Meine Liebe, einerlei von welcher Art sie gewesen sein mag – und dies geht ja den Herrn nichts an – bildete für gewöhnlich den Stoff unserer langen Unterhaltungen. Wenn sie mir anvertraut hätte, daß sie fliehen wollte, so hätte ich sie entweder davon abgebracht, oder ich wäre mit ihr gegangen; denn ich war in sie verliebt, wie ich es noch jetzt bin. Niemals aber würde ich ihr Geld gegeben haben, um ohne mich fortzugehen. »Mein lieber Casanova,« sagte hierauf die Mutter, »ich will an Ihre Unschuld glauben, wenn Sie sich mit mir vereinigen wollen, um ihren Aufenthalt zu entdecken.« »Ich bin von Herzen gern bereit, Ihnen zu dienen, gnädige Frau, und ich verspreche Ihnen, meine Nachforschungen schon heute zu beginnen.« »Sobald Sie irgend etwas erfahren, so kommen Sie, bitte, zu mir und teilen Sie es mir mit.« »Sie können sich darauf verlassen.« Hiermit trennten wir uns. Um meine Rolle zu spielen, mußte ich als guter Schauspieler auftreten. Es war für mich wichtig, meinen öffentlichen Handlungen einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit zu geben, der zu meinen Gunsten sprach. Ich begab mich deshalb gleich am nächsten Tage zum Ersten Polizeirat, Herrn Chaban, um ihn aufzufordern, Nachforschungen wegen der Flucht des Fräuleins X. C. V. anzustellen. Ich hatte gedacht, durch diesen Schritt würde ich mich besser decken; aber der Beamte, der sein Geschäft gründlich verstand und der mich gern hatte, seitdem ich vor fünf oder sechs Jahren bei Sylvia seine Bekanntschaft gemacht hatte, lachte laut auf, als er hörte, zu welchem Zweck ich seine Dienste in Anspruch nehmen wollte. »Wünschen Sie wirklich allen Ernstes, daß die Polizei sich bemüht, den Ort zu erfahren, wo die hübsche Engländerin sich aufhält?« »Gewiß, mein Herr.« Ich begriff sofort, daß er mich zum Sprechen bringen wollte, damit ich mir eine Blöße gäbe; dies wurde mir zweifellos, als ich beim Hinausgehen Farsetti traf. Am nächsten Tage ging ich zu Frau X. C. V., um ihr über meine bisher erfolglosen Bemühungen Bericht zu erstatten. »Ich bin glücklicher als Sie,« sagte sie zu mir, »und wenn Sie mich nach dem Ort begleiten wollen, wo meine Tochter sich befindet, und mir helfen wollen, sie zur Rückkehr in mein Haus zu überreden, so bin ich des Erfolges sicher.« »Von ganzem Herzen, gnädige Frau,« antwortete ich ihr mit dem größten Ernst; »ich bin bereit, Sie überall hin zu begleiten.« Sie nahm mich beim Wort, zog ihren Mantel an, ließ sich meinen Arm geben und führte mich zu einem Fiaker. Dort gab sie mir eine Adresse und bat mich, ich möchte dem Kutscher befehlen, uns nach dem auf dem Zettel bezeichneten Ort zu fahren. Ich war wie auf glühenden Kohlen! Mir klopfte das Herz; ich hatte ein Gefühl, wie wenn ich ersticken sollte, denn ich erwartete die Adresse des Klosters zu lesen. Ich weiß nicht, was ich getan haben würde, wenn meine Befürchtung sich als richtig erwiesen hätte; aber ganz gewiß wäre ich nicht mit nach dem Kloster gegangen. Endlich las ich den Zettel, und meine Seele beruhigte sich, als ich darauf die Worte Place Maubert fand. Ich gab dem Kutscher die Adresse an, und wir fuhren ab; bald hielten wir vor einem dunklen unsauberen Gange, der keinen hohen Begriff von den Bewohnern des Hauses gab. Ich reichte ihr meinen Arm und verschaffte ihr durch viele höfliche Bitten die Befriedigung, sämtliche Wohnungen des fünfstöckigen Hauses besichtigen zu dürfen. Da diese vergebliche Nachforschung ihr nicht zur Auffindung der gesuchten Tochter verhelfen konnte, so erwartete ich, sie niedergebeugt zu sehen. Dem war jedoch nicht so; denn sie sah mich zwar betrübt, aber befriedigt an, und ihre Augen schienen mich um Verzeihung zu bitten. Sie hatte von dem Droschkenkutscher selber, dessen ihre Tochter sich bei der Abfahrt bedient hatte, erfahren, daß er sie vor diesem Hause abgesetzt hätte und daß sie in dem Gange verschwunden wäre. Sie sagte mir, der Küchenjunge habe ihr verraten, er sei zweimal bei mir gewesen, um mir Briefe von dem Fräulein zu bringen, und Madeleine behaupte unaufhörlich, sie wisse bestimmt, daß die Entflohene in mich und daß ich in sie verliebt sei. Sie spielten ihre Rollen vortrefflich. Sobald ich Frau X. C. V. nach Hause gebracht hatte, begab ich mich zu Frau du Rumain und erzählte ihr alle meine Erlebnisse; hierauf schrieb ich an die junge Eingesperrte und teilte ihr bis auf die geringsten Einzelheiten mit, was seit ihrem Verschwinden vorgefallen war. Nach drei oder vier Tagen schickte Frau du Rumain mir den ersten Brief des Fräuleins: sie schilderte die Ruhe, die sie genösse, und die lebhafte Dankbarkeit, die sie mir schuldig zu sein glaubte. Sie lobte die Äbtissin und die Laienschwester und nannte mir die Bücher, die man ihr gegeben hatte und die sie nach ihrem Geschmack fand. Sie teilte mir auch mit, was sie ausgegeben hatte, und sagte, sie sei vollkommen glücklich, abgesehen davon, daß sie auf Wunsch der Äbtissin ihr Zimmer nicht verlassen dürfe. Dieser Brief machte mir Freude; noch mehr aber freute ich mich, als ich den Brief las, den die Äbtissin an Frau du Rumain geschrieben hatte. Das junge Mädchen hatte ihre Zuneigung gewonnen; sie war unerschöpflich in ihrem Lob, pries ihre Sanftmut, ihren Geist und ihr edles Benehmen und versicherte ihrer Freundin, sie werde das unglückliche Kind jeden Tag besuchen. Ich war erfreut über die Zufriedenheit, die Frau du Rumain mir aussprach, und ihre Freude vermehrte sich noch, als sie den Brief des Fräuleins gesehen hatte, den ich ihr gab, nachdem ich ihn gelesen hatte. Kurz, unzufrieden waren nur die arme Mutter, der greuliche Farsetti und der alte Generalpächter, dessen Mißgeschick man sich schon in den Klubs, im Palais-Royal und in den Kaffeehäusern erzählte. Überall brachte man mich in die Geschichte hinein; da ich mich jedoch völlig sicher fühlte, so lachte ich über das müßige Geschwätz. Herr de la Popelinière fand sich bald als vernünftiger Mann mit seinem Schicksal ab, denn er machte aus diesem Abenteuer einen Einakter, den er selber schrieb und auf seiner kleinen Bühne in Paris aufführen ließ. Dieser Zug entsprach dem Charakter des Mannes, der sich drei Monate später durch Prokuration mit einem sehr hübschen Fräulein, der Tochter eines Ratsherrn in Bordeaux, verheiratete. Er starb ungefähr zwei Jahre später; seine Witwe war mit einem Sohne schwanger, der sechs Monate nach dem Tode seines Vaters zur Welt kam. Die unwürdige Erbin des reichen Mannes wagte es, die Witwe des Ehebruchs zu beschuldigen, und ließ das Kind für unrechtmäßig erklären, zur Schmach des Parlaments, das diesen ungerechten Spruch fällte, und zum großen Ärgernis für alle anständigen Leute in ganz Frankreich. Dieses Urteil war um so schändlicher, da der Leumund der Beschuldigten tadellos war und da das Parlament, das dieses allen göttlichen und menschlichen Gesetzen widersprechende Urteil erließ, kurz vorher sich nicht geschämt hatte, ein Kind für ehelich zu erklären, das elf Monate nach dem Tode des Gatten der Mutter geboren war. Etwa zehn Tage lang fuhr ich fort, die Mutter des Fräuleins zu besuchen; die kühle Aufnahme jedoch, die ich bei ihr fand, bestimmte mich zu dem Entschluß, nicht mehr hinzugehen. Zehntes Kapitel Neue Zwischenfälle. – J.J. Rousseau. – Ich gründe ein Handelsgeschäft. – Castel-Bajac. – Man hängt mir einen Kriminalprozeß an. – Herr von Sartines. Fräulein X. C. V. war seit einem Monat im Kloster, und man sprach schon nicht mehr von der Geschichte; ich glaubte daher, sie sei zu Ende, aber ich irrte mich. Unterdessen lebte ich lustig den Tag hinein, und das Vergnügen, das ich daran fand, mit vollen Händen zu verschwenden, ließ mich nicht an die Zukunft denken. Abbé de Bernis, dem ich regelmäßig einmal in der Woche meine Aufwartung machte, sagte mir eines Tages, der Generalkontrolleur erkundige sich oft nach mir und es sei unrecht von mir, ihn zu vernachlässigen. Er riet mir, an meine Ansprüche nicht mehr zu denken und ihm das von mir erwähnte Mittel mitzuteilen, wodurch ich die Staatseinkünfte zu vermehren gedächte. Ich legte auf den Rat eines Mannes, dem ich mein ganzes Glück verdankte, zu hohen Wert, als daß ich ihn nicht ohne Widerrede hätte befolgen sollen. Ich ging also zum Kontrolleur und gab ihm voll Vertrauen auf seine Rechtlichkeit meinen Plan. Es handelte sich um den Erlaß eines Gesetzes, wonach von jeder Erbschaft, die nicht vom Vater an den Sohn fiel, der Staat die vollen Einkünfte eines Jahres erhalten sollte. Jede notariell vollzogene Schenkung zwischen Lebenden sollte derselben Gebühr unterworfen sein. Mir schien, an diesem Gesetz könnte niemand Anstoß nehmen; denn ein Erbe brauchte sich nur vorzustellen, daß er ein Jahr später geerbt hätte. Der Minister war derselben Meinung wie ich; er sagte mir, mein Plan biete durchaus keine Schwierigkeiten, legte ihn in seine Geheimmappe und versicherte mir, mein Glück sei gemacht. Acht Tage darauf wurde er durch Herrn de Silhouette ersetzt, und als ich mich dem neuen Minister vorstellte, sagte er mir kalt, er würde mir Bescheid geben, sobald man daran dächte, das Gesetz zu erlassen. Dies geschah wirklich zwei Jahre darauf; aber man lachte mich aus, als ich mich für den Urheber erklärte und die Belohnung verlangte, auf die ich Anspruch hatte. Als kurze Zeit darauf der Papst starb, wurde zu seinem Nachfolger der Venetianer Rezzonico gewählt; dieser ernannte meinen Beschützer Bernis zum Kardinal. Seine Allergnädigste Majestät Ludwig der Fünfzehnte verbannte ihn zwei Tage, nachdem er das Barett aus seinen königlichen Händen empfangen hatte, nach Soissons: das ist die Freundschaft der Könige! Infolge der Ungnade, in die mein liebenswürdiger Abbé gefallen war, hatte ich keinen Beschützer mehr; aber ich hatte Geld und ertrug daher dieses Unglück mit ziemlicher Fassung. Herr de Bernis erstieg den Gipfel des Ruhmes, indem er alles zerstörte, was der Kardinal Richelieu geschaffen hatte, indem er im Einverständnis mit dem Fürsten Kaunitz den alten Haß der Häuser Habsburg und Bourbon in ein glückliches Bündnis umzuwandeln wußte und dadurch Italien von den Greueln des Krieges befreite, deren Schauplatz es jedesmal wurde, wenn die beiden Häuser einander in die Haare gerieten – was nicht selten vorkam. Diese Wohltat gab ihm Anspruch auf die Verleihung des ersten Kardinalhutes von Seiten des Papstes, der bei Abschluß des Vertrages Bischof von Padua gewesen und daher wohl in der Lage war, ihn zu beurteilen. Der edle Abbé, der vor einem Jahre in Rom starb, wo Pius der Sechste ihn besonders hoch schätzte, wurde vom Hofe verbannt, weil er dem König auf dessen Frage nach seiner Meinung geantwortet hatte, er glaube nicht, daß der Prinz Soubise der rechte Mann sei, seine Heere zu befehligen. Sobald die Pompadour es erfuhr – und zwar geschah dies von Seiten des Königs selber – wußte sie ihn in Ungnade zu stürzen. Alle Welt war damit unzufrieden, aber man tröstete sich bald durch boshafte Verse, und binnen kurzem war der neue Kardinal vergessen. So ist der Charakter dieser Nation: lebhaft, geistreich und liebenswürdig, fühlt sie weder ihr eigenes noch fremdes Unglück, sobald man die leichte Kunst besitzt, sie zum Lachen zu bringen. Zu meiner Zeit wurden die Verfasser von Epigrammen und Liedern gegen die Regierung und die Minister, oder auch nur gegen die Beischläferinnen des Königs, in die Bastille gesteckt. Dies aber hinderte die Schöngeister nicht, auch fernerhin zur Erheiterung der Gesellschaft beizutragen, und es gab manchen, der eine Ehre darin sah, wegen einiger Witze verfolgt zu werden. Ein Herr, der durchaus berühmt werden wollte – seinen Namen habe ich vergessen – eignete sich nachstehendes Gedicht des jüngeren Crébillon an und ließ sich lieber in die Bastille bringen, als daß er es verleugnet hätte. Crébillon war nicht der Mann, seine Erzeugnisse zu verleugnen; er sagte dem Herzog von Choiseuil, er habe genau ebensolche Verse gemacht; aber es sei ja möglich, daß auch der Gefangene sie gemacht habe. Dieser Witz erregte Heiterkeit, und der Verfasser des Sopha wurde nicht weiter belästigt. Grand Dieu! tout a changé de face! Jupin opinedu bonnet, Vénus au conseil a pris place, Plutus est devenu coquet, Mercure endosse la cuirasse Et Mars a le petit collet. Jupin = Jupiter (der König); Venus (die Pompadour); Plutus (Herr von Boulogne); Merkur (der Herzog von Richelieu); Mars (der Graf von Clermont, Abbé von St.-Germain-des-Prés). Der erlauchte Kardinal Bernis verbrachte zehn Jahre in seiner Verbannung, procul negotiis , aber nicht glücklich, wie er fünfzehn Jahre später in Rom mir es selber sagte. Man behauptete, es sei ein größeres Vergnügen, Minister als König zu sein; ich finde ceteris paribus diese Behauptung lächerlich, wenn ich ihre Wahrheit an mir selber prüfe, wie ich es ja doch tun muß. Dies heißt die Frage aufwerfen, ob die Unabhängigkeit besser oder schlechter sei als ihr Gegenteil. Unter einer despotischen Regierung, mit einem schwachen oder faulen König, der die Krone nur trägt, um das in Wirklichkeit herrschende Ministerium zu decken, mag dies zur Not als richtig gelten; aber sonst ist es überall unmöglich. Kardinal Bernis wurde nicht an den Hof zurückberufen, denn es ist niemals vorgekommen, daß Ludwig der Fünfzehnte einen in Ungnade gefallenen Minister von neuem berief. Aber nach Rezonicos Tode mußte er nach Rom zum Konklave gehen, und dort blieb er dann sein Leben lang als französischer Gesandter. Etwa um diese Zeit bekam Frau d'Urfé Lust, J.J. Rousseau kennen zu lernen. Wir fuhren nach Montmorency und machten ihm einen Besuch unter dem Vorwande, ihm Noten zum Abschreiben zu geben. Er lieferte ausgezeichnete Arbeit; man bezahlte ihm das Doppelte von dem, was andere Notenschreiber erhielten, dafür aber bürgte er für tadellose Ausführung. Zu jener Zeit lebte der berühmte Schriftsteller nur hiervon. Wir fanden einen Mann von einfacher und bescheidener Haltung. Was er sagte, war vernünftig, im übrigen aber war weder an seiner Person noch an den Äußerungen seines Geistes etwas Besonderes. Rousseau schien uns nicht das zu sein, was man einen liebenswürdigen Mann nennt; und da er keineswegs die auserlesene Höflichkeit der guten Gesellschaft besaß, so genügte dies für Frau von Urfé, um ihn ungeschliffen zu finden. Wir sahen auch die Frau, mit der er zusammen lebte und von der wir hatten sprechen hören, aber sie blickte uns kaum einmal an. Als wir fort waren, erheiterte das sonderbare Benehmen des Philosophen unsere Unterhaltung. Ich will hier den Besuch schildern, dem ihm Prinz Conti, der Vater des damaligen Grafen de la Marche machte. Der liebenswürdige Prinz begab sich allein nach Montmorency, ausdrücklich um einen angenehmen Tag mit dem Philosophen zu verbringen, der damals schon berühmt war. Er fand ihn im Park, ging auf ihn zu und sagte ihm, er komme, um das Vergnügen zu haben, mit ihm zu speisen und den Tag in zwangslosem Geplauder zu verbringen. »Eure Hoheit werden schlecht essen,« sagte Rousseau, »aber ich werde noch ein Gedeck auflegen lassen.« Der Philosoph geht, erteilt seine Befehle, kehrt zum Prinzen zurück und geht zwei oder drei Stunden mit ihm spazieren. Als es Zeit zum Essen war, führte er den Prinzen in einen Salon. Als dieser jedoch drei Gedecke erblickte, fragte er: »Wen wollen Sie denn mit uns speisen lassen? Ich dachte, wir würden allein essen.« »Der dritte, gnädiger Herr, ist mein anderes Ich. Es ist ein Wesen, das weder meine Frau, noch meine Geliebte, noch meine Magd, noch meine Mutter, noch meine Tochter und doch dies alles zugleich ist.« »Ich glaube es, mein Lieber; da ich aber nur hierher gekommen bin, um mit Ihnen allein zu speisen, so werde ich nicht mit Ihrem anderen Ich speisen und will Sie mit Ihrem Allem in Einem allein lassen.« Mit diesen Worten grüßte der Prinz ihn und ging. Rousseau suchte ihn nicht zurückzuhalten. Um dieselbe Zeit war ich Augenzeuge des Durchfalls einer französischen Komödie, Die Tochter des Aristides, von Frau von Graffigny, einer verdienstvollen Frau, die fünf Tage später vor Kummer über den Durchfall ihres Stückes starb. Der Abbé de Voisenon war ganz bestürzt darüber, denn er hatte unglücklicherweise seine Freundin ermutigt, das Stück aufführen zu lassen, und man glaubte sogar, daß er selber daran mitgearbeitet hätte, wie auch an der Cénie und den Lettres péruviennes . Ungefähr zur selben Zeit starb Rezzonicos Mutter vor Freude darüber, daß ihr Sohn Papst geworden war. Schmerz und Freude töten viel mehr Frauen als Männer, und dies beweist, daß jene nicht nur gefühlvoller, sondern auch viel schwächer sind. Als nach der Meinung der Marquise d'Urfé mein angeblicher Sohn in Viars Hause angemessen untergebracht war, bat sie mich, ihn mit ihr zusammen zu besuchen. Ich fand ihn wie einen Prinzen untergebracht, vorzüglich gekleidet, gehätschelt und beinahe ehrfurchtsvoll behandelt. Ich war erstaunt, denn dies ging nicht nur über meine Hoffnungen, sondern auch über meine Wünsche hinaus. Sie hatte ihm alle möglichen Lehrer gegeben, und außerdem ein vollkommen zugerittenes, sehr hübsches Pferdchen, damit er das Reiten lerne. Man nannte ihn den Herrn Grafen von Aranda. Ein sehr sauberes und sehr hübsches Mädchen von sechzehn Jahren, Viars Tochter, war beauftragt, ihn zu pflegen und zu beaufsichtigen; sie war ganz stolz darauf, sich die Erzieherin des Herrn Grafen nennen zu dürfen. Sie versicherte der Marquise d'Urfé, sie sorge ganz besonders für ihn; nach seinem Erwachen bringe sie ihm sein Frühstück ans Bett; hierauf kleide sie ihn an und verlasse ihn dann nicht mehr, bis sie ihn abends zu Bett bringe. Frau von Urfé lobte alles, empfahl verdoppelten Eifer und versprach dafür erkenntlich zu sein. Der kleine Mann aber war ganz glücklich und sagte mir dies unaufhörlich; ich witterte jedoch ein Geheimnis und nahm mir vor, ihn einmal allein zu besuchen, um es aufzuklären. Nach diesem Besuche sagte ich der Marquise, ich sei tief gerührt von ihren Freundlichkeiten und ich fände alles entzückend, abgesehen von dem Namen Aranda, der uns eines Tages verdrießliche Scherereien zuziehen könnte; aber sie antwortete mir, der Kleine habe genug gesagt, und man dürfe überzeugt sein, daß er ein Recht habe, diesen Namen zu tragen. »Ich hatte in meinem Schreibtisch ein Petschaft mit dem Wappen des Hauses Aranda; zufällig fiel es mir in die Hände, und ich zeigte es dem Kleinen, wie man einen Kinde ein Spielzeug zeigt. Kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, so rief er aus: ›Wie kommt es denn, daß Sie mein Wappen haben?‹ ›Ihr Wappen? Ich habe dieses Petschaft vom Grafen Aranda; aber wie könnten Sie mir beweisen, daß Sie zu dieser Familie gehören?‹ ›Fragen Sie mich nicht danach, gnädige Frau; meine Geburt ist ein Geheimnis, das ich niemals und keinem Menschen enthüllen darf.‹« Ich war sehr überrascht über einen solchen Schwindel und besonders über die Sicherheit des kleinen Gauners, die ich ihm nicht zugetraut hätte. Ich war neugierig, der ganzen Sache auf den Grund zu kommen, und ging ungefähr acht Tage darauf allein zu ihm. Ich fand meinen sogenannten Grafen in Gesellschaft des Herrn Viar, der aus der Unterwürfigkeit, womit das Kind zu mir sprach, schließen mußte, daß es mir angehörte. Er lobte seinen Zögling auf das höchste und sagte zu mir: er spiele vorzüglich die Flöte, tanze und fechte zum Entzücken, reite gut und schreibe ganz vorzüglich. Er zeigte mir Federn mit drei, fünf und sogar elf Spitzen, die der Knabe sehr kunstvoll geschnitten hatte, und bat mich, ihn in der Heraldik zu prüfen; diese für einen jungen Kavalier so notwendige Wissenschaft beherrsche niemand besser als er. Das Männchen begann nun in heraldischen Kunstausdrücken sein angebliches Wappen zu beschreiben, und ich hätte beinahe laut herausgelacht, weil ich fast gar nichts davon verstand, während er die Sache mit einer Wichtigkeit wie ein Krautjunker mit zweiunddreißig Ahnen behandelte. Aber mit wirklichem Vergnügen sah ich ihn seine verschiedenen Federn handhaben und mit erhobener Hand schreiben. Mit wunderbarer Geschicklichkeit zog er alle möglichen Arten von Linien, und zwar jedesmal so viele, wie die Feder Spitzen hatte. Ich sprach Viar meine Zufriedenheit darüber aus; bald darauf ließ er mich mit dem Kleinen allein, und wir gingen in den Garten. »Willst du so gut sein, mir zu sagen, wie du auf den verrückten Einfall gekommen bist, dich als Graf Aranda auszugeben?« Er antwortete mir, ohne im geringsten aus der Fassung zu kommen: »Ich gestehe, es ist ein toller Einfall; aber bitte, lassen Sie mich gewähren, denn dieser Einfall trägt hier dazu bei, mir Achtung zu verschaffen.« »Es ist ein Betrug, den ich nicht dulden kann; denn er kann ernste Folgen haben und uns alle beide bloßstellen. Es ist eine Schwindelei, deren ich dich in deinem Alter nicht für fähig gehalten hätte, mein guter Freund. Ich will wohl glauben, daß du es nur aus Unbesonnenheit getan hast, aber es kann dich mit den Gerichten in Konflikt bringen, und nach allem, was du zu Frau d'Urfé gesagt hast, weiß ich nicht recht, wie ich die Sache wieder gut machen soll, ohne daß deine Ehre angetastet wird.« Ich hörte mit meiner Strafpredigt erst auf, als er bittere Tränen vergoß und mich um Verzeihung bat: »Ich will lieber«, sagte er, »die Kränkung leiden, zu meiner Mutter zurückgeschickt zu werden, als die Schande der Frau d'Urfé zu gestehen, daß ich sie betrogen habe; und ich kann den Gedanken nicht ertragen, in dieser Pension zu bleiben, wenn ich den Namen ablegen muß, unter dem ich hier bekannt bin.« Ich sah, daß mit Zwang hier nichts auszurichten war, ich hätte ihn denn unter einem anderen Namen weit von Paris fortschicken müssen. Ich sagte ihm daher, er möchte sich beruhigen; ich würde darüber nachdenken, wie ich ihm und mir jede Unannehmlichkeit ersparen könnte. »Sage mir jetzt – aber sei aufrichtig – von welcher Art ist die Zärtlichkeit der jungen Viar für dich?« »Papa, ich glaube hier ist die Verschwiegenheit angebracht, die Sie und Mama mir empfohlen haben.« »Gut! Die Antwort sagt mir genug; aber ich finde, du weißt für einen Gelbschnabel recht viel. Übrigens, mein Freund, ist Verschwiegenheit nicht angebracht, wenn es sich um eine Beichte handelt, und ich fordere von dir durchaus eine Beichte.« »Nun denn, Papa, die kleine Viar liebt mich sehr, und sie beweist es mir auf alle möglichen Arten.« »Und du? Liebst du sie auch?« »Ja, ich liebe sie.« »Bleibt sie morgens lange bei dir?« »Wir sind den ganzen Tag zusammen.« »Sie ist dabei, wenn du zu Bett gehst?« »Ja, sie hilft mir beim Ausziehen.« »Tut sie sonst nichts?« »Das möchte ich Ihnen nicht sagen.« Ich war erstaunt über seine wohlgemessenen Antworten; und da ich genug wußte, um nicht mehr daran zweifeln zu können, daß sie vollkommen mit einander einig waren, so ermahnte ich ihn nur noch, seine Gesundheit zu schonen, und ging. Seit einiger Zeit konnte ich mich nicht von einem Gedanken losmachen, der mich fortwährend beschäftigte; er betraf eine Spekulation, die nach allen meinen Berechnungen gewinnbringend sein mußte. Es handelte sich darum, auf seidenen Stoffen durch Druck alle jene schönen Muster herzustellen, die in Lyon durch das langsame und schwierige Verfahren des Webens hergestellt werden. Man mußte daher zu viel billigeren Preisen einen großen Umsatz machen können. Ich besaß alle erforderlichen chemischen Kenntnisse und genügende Betriebsmittel, um den Erfolg der Unternehmung zu sichern. Ich hatte mich mit einem tüchtigen Mann besprochen, der das Technische sowohl wie den Handel verstand; er sollte der Leiter der Fabrik werden. Ich teilte meinen Plan dem Prinzen Conti mit, der mich ermutigte, ihn auszuführen, indem er mir seine Gunst und alle nur wünschenswerten Erleichterungen versprach. Dies brachte mich zum Entschluß. Ich mietete in der Gegend des Temple ein großes und schönes Haus für tausend Taler jährlich. Es enthielt einen geräumigen Saal, worin alle Arbeiterinnen arbeiten sollten; einen anderen großen Saal, der als Lagerraum diente, zahlreiche Zimmer, um meine Arbeiter und Angestellten unterzubringen, und eine sehr hübsche Wohnung für mich, für den Fall, daß ich Lust bekommen sollte, sie zu beziehen. Ich teilte mein Unternehmen in dreißig Aktien; davon gab ich fünf dem Zeichner, der das Ganze leiten sollte, und behielt die anderen fünfundzwanzig für mich, um über sie zugunsten von Teilhabern zu verfügen, welche entsprechende Kapitalien einlegen würden. Eine gab ich einem Arzt, den ich gegen Bürgschaft als Lagerverwalter anstellte, und der mit seiner ganzen Familie ins Haus zog. Ich nahm vier Bediente, eine Magd und einen Türhüter. Eine andere Aktie mußte ich meinem Buchhalter bewilligen, der mir zwei Schreiber besorgte und ebenfalls im Hause wohnte. Da mehrere Tischler, Schlosser und Maler von morgens bis abends an der Arbeit waren, so war in weniger als drei Wochen alles fertig. Ich überließ es dem Direktor, zwanzig junge Mädchen zum Bemalen der Stoffe anzustellen; diese sollten jeden Samstag ihren Lohn erhalten. Ich nahm dreihundert Stücke Tafft, Gros-de-Tours und Kamlotte von verschiedenen Arten auf Lager, um sie mit den Mustern bemalen zu lassen, deren Wahl ich mir vorbehalten hatte. Ich bezahlte alles bar. Mit dem Direktor hatte ich ausgerechnet, daß ich, wenn der Verkauf erst nach einem Jahre begänne, ungefähr dreihunderttausend Franken ausgeben müßte. Für alle Fälle hätte ich noch meine Aktien gehabt, welche leicht und sicher zu verkaufen waren; aber ich hoffte, niemals in diese Notwendigkeit zu geraten, denn ich rechnete auf ein Jahreseinkommen von mindestens zweihunderttausend Franken. Freilich verhehlte ich mir nicht, daß dieses Unternehmen mich zugrunde richten könnte, wenn mir der Absatz fehlte; aber wie hätte ich dies befürchten sollen, wenn ich die Schönheit meiner Stoffe sah und jeden Tag zu mir sagen hörte, ich dürfte sie nicht so billig verkaufen? Alles berechtigte mich daher zu den schönsten Hoffnungen. In weniger als einem Monat gab ich für die Einrichtung des Hauses ungefähr sechzigtausend Franken aus; außerdem hatte ich mich zu einer wöchentlichen Ausgabe von mehr als zwölfhundert Franken verpflichtet. Frau d'Urfé lachte herzlich, so oft sie mich sah, denn sie war überzeugt, daß diese ganze Unternehmung nur den Zweck hätte, die Neugierigen auf eine falsche Spur zu bringen und mein Inkognito zu wahren; sie ließ es sich nicht nehmen, daß ich nach Belieben Regen oder Sonnenschein machen könnte. Der Anblick von zwanzig mehr oder weniger hübschen Mädchen, von denen das älteste keine zwanzig Jahre alt war, erschreckte mich keineswegs – wie ich es hätte wünschen sollen – sondern machte mir vielmehr das größte Vergnügen. Ich glaubte inmitten eines Harems zu sein und sah mit Vergnügen ihr bescheidenes und unterwürfiges Wesen und die Aufmerksamkeit, womit sie dem Unterricht des Lehrers folgten, der sie bei ihrer Arbeit anleitete. Die am besten bezahlten verdienten täglich nur vierundzwanzig Sous, und alle standen im besten Ruf, denn sie waren von der bejahrten und frommen Frau des Direktors ausgewählt worden; sie hatte mich um diese Vergünstigung gebeten, und ich hatte sie ihr bewilligt, weil ich in ihr eine gefälllige Vermittlerin zu finden hoffte, falls ich Lust bekommen sollte, mir ihre Wahl zunutze zu machen. Manon Baletti teilte meine Freude nicht; sie zitterte, als sie mich im Besitze eines Harems sah; denn sie fühlte wohl, daß meine Tugend bald an irgend einer neuen Klippe scheitern würde. Sie war mir allen Ernstes böse, obwohl ich ihr versichert hatte, daß kein einziges Mädchen im Hause schliefe. Dieses Unternehmen erhöhte mich in meinen eigenen Augen und gab mir eine Wichtigkeit, die aus der begründeten Hoffnung auf ein glänzendes und wohlerworbenes Vermögen und zugleich aus dem Gedanken herrührte, daß ich einer ziemlich großen Anzahl von Menschen ihren Lebensunterhalt verschaffte. Aber dieses Glück war zu rein, als daß mir ein böser Geist nicht irgend etwas hätte in den Weg legen sollen. Schon seit drei Monaten war Fräulein X. C. V. im Kloster, und es nahte sich der Zeitpunkt ihrer Niederkunft. Wir schrieben uns jede Woche zweimal, und in dieser Hinsicht war ich vollkommen beruhigt. Von Herrn de la Popeliniére konnte nicht mehr die Rede sein, da er sich bereits verheiratet hatte, und da das Fräulein nach dem Verlassen des Klosters zu ihrer Mutter zurückkehren sollte, so war damit die Sache überhaupt erledigt. Aber während so alles dazu beitrug, mich in meiner Sicherheit zu bestärken, brach plötzlich die Flamme hervor, die unter der Asche glomm. Ich machte eines Tages einen Spaziergang in den Tuilerien, nachdem ich bei Frau von Urfé zu Mittag gespeist hatte. Nachdem ich ein paarmal die große Allee auf und ab gegangen war, bemerkte ich, daß eine alte Frau, die von einem schwarzgekleideten Manne, mit einem Degen an der Seite, begleitet war, mich prüfend betrachtete und ihre Beobachtungen ihrem Begleiter mitzuteilen schien. Da dies an einem viel besuchten öffentlichen Ort nicht auffallend war, so setzte ich meinen Spaziergang fort, ohne weiter darüber nachzudenken; als ich jedoch zurückkam, waren dieselben Menschen stehen geblieben, um mein Gesicht zu sehen. Ich sah sie jetzt ebenfalls genau an und erinnerte mich, den Mann in einer Spielhölle gesehen zu haben, wo er unter dem gascognischen Namen Castel-Bajac verkehrte. Ich kehrte um und erinnerte mich, nachdem ich mir das Gesicht der alten Hexe näher angesehen hatte, mit einiger Mühe, daß sie die Hebamme war, bei der ich mit Fräulein X. C. V. gewesen war, um sie wegen der Schwangerschaft um Rat zu fragen. Ich war überzeugt, daß sie mich erkannt hatte, glaubte jedoch, daß ich nichts zu befürchten hätte, und verließ einfach den Park, um an einem andern Ort spazieren zu gehen. Als ich zwei Tage darauf um elf Uhr in meinen Wagen steigen wollte, sah ich einen verdächtig aussehenden Menschen, der mir ein Papier hinhielt und mich aufforderte, es zu lesen. Ich öffnete es; da ich jedoch ein unleserliches Gekritzel sah, so gab ich es ihm zurück und sagte ihm, er möchte es mir vorlesen. Er tat es, und ich hörte eine Aufforderung, vor dem Polizeikommissär zu erscheinen, um mich wegen einer Klage zu verantworten, die die Hebamme Soundso, deren Namen ich vergessen habe, gegen mich eingereicht hätte. Obgleich ich leicht erraten konnte, worüber ich vernommen werden sollte, und überzeugt war, daß sie ihre Aussage nicht beweisen könnte, ging ich doch zu einem mir bekannten Anwalt und beauftragte ihn in aller Form mit meiner Vertretung. Ich sagte ihm, daß ich in Paris überhaupt keine Hebamme kenne oder je gekannt hätte. Er ging zum Kommissär und brachte mir am nächsten Tag eine Abschrift der Klage. Sie behauptete folgendes: ich sei in einer Nacht mit einer jungen Dame, die etwa im fünften Monat schwanger gewesen wäre, zu ihr gekommen. In der einen Hand hätte ich eine Pistole, in der anderen eine Rolle von fünfzig Louis gehalten und ihr nur die Wahl gelassen, entweder zu sterben oder die zwölfhundert Franken zu verdienen, indem sie der Dame das Kind abtriebe. Diese wäre, wie ich, im Domino gewesen, woraus hervorginge, daß wir vom Opernball gekommen wären. Aus Furcht hätte sie sich nicht rundweg weigern können, aber sie hätte noch genug Selbstbeherrschung gehabt, um mir zu sagen, daß sie die notwendigen Mittel nicht zur Hand hätte, jedoch für die nächste Nacht alles bereit halten würde. Wir hätten uns mit dem Versprechen entfernt, daß wir wiederkommen würden. Im Glauben, daß dies bestimmt geschehen würde, wäre sie sofort am anderen Morgen zum Herrn Castel-Bajac gegangen und hatte ihn gebeten, sich im Nebenzimmer verborgen zu halten, um sie vor Gewalttätigkeiten zu schützen und zugleich zu hören, was ich ihr sagen würde; aber sie hätte mich nicht mehr wiedergesehen. Sie würde nicht verfehlt haben, schon am nächsten Tage Anzeige zu erstatten, wenn sie gewußt hätte, wer ich wäre. Nachdem sie mich nun erst am Tage vorher in den Tuilerien wieder erkannt und Herr Castel-Bajac ihr meinen Namen gesagt hätte, hielte sie es für Gewissenspflicht, mich anzuzeigen, damit nach der Strenge des Gesetzes gegen mich verfahren würde und damit sie Genugtuung für den Schimpf erhielte, den ich ihr angetan hätte. Herr Castel-Bajac hatte als Zeuge unterschrieben. »Die Verleumdung ist offenbar,« sagte mein Anwalt zu mir, »zum mindesten spricht keine Tatsache für die Wahrheit der Beschuldigung, die das Weib gegen Sie erhebt. Ich rate Ihnen daher, die Sache vor den Kriminalpräsidenten zu bringen und durch ihn die Genugtuung zu erhalten, die Ihre Ehre verlangt.« Ich ermächtigte ihn, alles zu tun, was er für angemessen hielte; drei oder vier Tage darauf sagte er mir, der Beamte wolle mit mir unter vier Augen sprechen und erwarte mich um drei Uhr nachmittags. Wie man sich denken kann, fand ich mich pünktlich ein. Ich fand einen höflichen und überaus liebenswürdigen Herrn. Es war der berühmte Herr de Sartines, den der König zwei Jahre später zum Polizeistatthalter ernannte. Das Amt des Kriminalpräsidenten war eine käufliche Stelle, die Herr de Sartines wieder verkaufte, als der König ihn an die Spitze der Polizei berief. Sobald ich ihm meine Verbeugung gemacht hatte, lud Herr de Sartines mich ein, mich neben ihn Zu setzen, und sagte folgendes zu mir: »Mein Herr, ich habe Sie in unserem beiderseitigen Interesse gebeten, bei mir vorzusprechen, denn in dem Falle, worin Sie sich befinden, sind unsere Interessen untrennbar. In dem Prozeß, den man gegen Sie anstrengt, beschweren Sie sich mit Recht bei mir, wenn Sie unschuldig sind; vor allem aber müssen Sie mir die Wahrheit in vollstem Umfang sagen. Ich bin bereit, ohne Rücksicht auf mein Richteramt Ihnen zu helfen; aber Sie begreifen, daß man ihre Gegenpartei der Verleumdung überführen muß, um deren Schuld festzustellen. Ich wünsche von Ihnen eine außeramtliche und ganz vertrauliche Aufklärung, denn Ihr Fall ist bereits höchst bedenklich und von der Art, daß Sie trotz Ihrer Unschuld sich für verpflichtet halten können, um Ihrer Ehre willen Zurückhaltung zu beobachten. Ihre Gegner werden auf Ihr Zartgefühl keine Rücksicht nehmen. Sie werden Ihnen dermaßen zusetzen, daß Sie entweder eine entehrende Verurteilung über sich ergehen lassen müssen oder, um Ihre Unschuld zu beweisen, gegen Ihre eigene Überzeugung die Gebote der Ehre übertreten müssen. Ich mache Ihnen hiermit eine ganz vertrauliche Mitteilung. In gewissen Fällen steht mir die Ehre so hoch, daß ich ihr zu Liebe sogar die strengsten Vorschriften der Kriminaljustiz zurücktreten lasse. Vergelten Sie mir dieses mit Gleichem; schenken Sie mir volles Vertrauen, sagen Sie mir alles ohne Rückhalt und gewinnen Sie dadurch meine Freundschaft und mein Wohlwollen. Ich wage nichts, wenn Sie unschuldig sind, denn die Freundschaft wird mich niemals abhalten können, unparteiisch zu sein; wenn Sie aber schuldig sind, so beklage ich Sie; denn ich sage Ihnen, ich werde gerecht sein.« Nachdem ich ihm alles gesagt hatte, was das Gefühl mir angab, um ihm meine Dankbarkeit darzutun, versicherte ich ihm, ich sei durch keine Rücksicht auf Ehre verpflichtet, etwas zurückzuhalten, und brauche ihm daher außeramtlich nichts zu sagen. »Die Hebamme ist mir vollständig unbekannt; es kann nur eine Verbrecherin sein, die mit Hilfe eines ihrer würdigen Genossen Geld von mir erschwindeln will.« »Ich will es gerne glauben; aber wenn dies wahr ist, so begünstigt der Zufall das Frauenzimmer in merkwürdiger Weise, um für Sie den Beweis Ihrer Unschuld langwierig und schwierig zu machen: seit drei Monaten ist Fräulein X.C.V. verschwunden; man kennt Ihren vertrauten Umgang mit ihr; Sie besuchten sie zu jeder Stunde; Sie haben am Tage vor ihrem Verschwinden mehrere Stunden mit ihr verbracht, und man weiß nicht, wo sie ist. Jeder Verdacht kehrt sich gegen Sie, und Sie sind unaufhörlich von bezahlten Aufpassern umlauert. Die Hebamme hat mir gestern ihr Gesuch durch den Advokaten Vauversin einreichen lassen. Sie behauptet, die schwangere Dame, die Sie zu ihr geführt haben, sei dieselbe, wie die von Frau X.C.V. gesuchte. Die Anklägerin erklärt außerdem, Sie seien beide in schwarzen Dominos gewesen, und die Polizei hat bereits festgestellt, daß Sie wirklich beide in schwarzen Dominos auf dem Opernball gewesen sind, und zwar in derselben Nacht, in der Sie nach der Behauptung jenes Frauenzimmers sie aufgesucht haben; außerdem stimmen alle Berichte darin überein, daß Sie zusammen vom Ball verschwunden sind. Dies sind allerdings nur halbe Beweise; aber sie sind furchtbar.« »Warum sollte ich mich fürchten?« »Warum? Weil ein falscher Zeuge, der für Geld leicht zu finden ist, ohne Gefahr schwören kann, daß er Sie beide hat den Ball verlassen und in einen Fiaker steigen sehen. Ein Fiakerkutscher kann für ein bißchen Geld erkauft werden und bezeugen, daß er Sie zu der Hebamme gefahren hat. In diesem Fall würde ich mich gezwungen sehen, Sie verhaften zu lassen, um Sie zu zwingen, die Person zu nennen, die Sie zu Ihrer Anklägerin geführt haben. Bedenken Sie, man beschuldigt Sie der Abtreibung und es sind drei Monate verflossen, ohne daß die Familie den Zufluchtsort des Fräuleins hat entdecken können. Man hat gesagt, sie sei tot. Fühlen Sie nicht die ganze Bedeutung einer Anschuldigung wegen Mordes?« »Gewiß, mein Herr; aber wenn ich trotz meiner Unschuld zugrunde gehen sollte, so würde dies durch Ihr Urteil geschehen; dann wären Sie mehr zu beklagen als ich.« »Da haben Sie freilich recht; aber an Ihrem Schicksal würde dies doch nichts ändern, übrigens können Sie gewiß sein, daß ich Sie nicht unschuldig verurteilen würde; aber Sie würden vielleicht lange in einem Kerker schmachten müssen, bis Sie Ihre Unschuld beweisen könnten. Kurz, die Sache ist, wie Sie sehen, binnen vierundzwanzig Stunden sehr schlimm geworden, und in acht Tagen kann sie entsetzlich sein. Was meine Teilnahme zu Ihren Gunsten erregt hat, ist die Abgeschmacktheit der Anklage, über die ich habe lachen müssen; aber der Fall wird ernst durch die begleitenden Nebenumstände. Ich sehe die Wahrscheinlichkeit der Entführung; ich sehe, daß Liebe, und vor allem Ehre Sie zur Zurückhaltung zwingen. Ich habe beschlossen, mit Ihnen zu sprechen, und ich hoffe, Sie werden mir Ihr Herz rückhaltlos öffnen. Ich halte Sie für ganz unschuldig, und will Ihnen daher die Unannehmlichkeiten ersparen, die Ihnen drohen. Sagen Sie mir alles und seien Sie versichert, daß die Ehre des Fräuleins in keiner Weise leiden wird. Sollten Sie sich aber unglücklicherweise der Verbrechen schuldig fühlen, die man Ihnen zur Last legt, so rate ich Ihnen, Vorsichtsmaßregeln zu treffen, die Ihnen näher zu bezeichnen mir nicht zukommt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Sie in drei oder vier Tagen amtlich werde vorladen lassen; dann werden Sie mich nur als Richter sehen – gerecht, aber unparteiisch und streng, wie das Gesetz.« Ich war wie versteinert, denn diese Rede zeigte mir die Gefahr, worin ich schwebte, in ihrer ganzen Nacktheit. Ich fühlte, wie hohen Wert ich auf die wohlwollenden Anerbietungen dieses Ehrenmannes legen mußte, und ich sagte ihm mit zitternder Stimme: »Trotz meiner Unschuld sehe ich mich gezwungen, Ihre Güte zugunsten der Ehre des Fräuleins X.C.V. in Anspruch zu nehmen. Sie ist von jedem Verbrechen frei; aber sie läuft Gefahr, durch das Aufsehen, das diese unglückselige Geschichte machen wird, ihren guten Ruf zu verlieren. Ich weiß, wo sie ist, und ich kann Ihnen versichern, daß sie ihre Mutter nicht würde verlassen haben, wenn man sie nicht hätte zwingen wollen, einen Mann zu heiraten, den sie verabscheute.« »Aber dieser Mann ist jetzt verheiratet; sie braucht nur zu ihrer Mutter zurückzukehren, und Sie sind gerettet – falls nicht etwa die Hebamme auf ihrer Behauptung besteht, daß Sie dem Fräulein bei der Abtreibung behilflich gewesen sind.« »Ach, mein Herr, von Abtreibung ist gar nicht die Rede; aber andere Gründe verhindern sie, in den Schoß ihrer Familie zurückzukehren. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, bevor ich nicht eine Einwilligung erhalten habe, um die ich mich bemühen werde. Dann werde ich Ihnen die volle Aufklärung geben können, auf die Ihre edle Seele Anspruch hat. Bewilligen Sie mir die Ehre, mich übermorgen hier noch ein zweites Mal anzuhören.« »Ich verstehe; ich werde Sie sehr gerne anhören; ich danke Ihnen und wünsche Ihnen Glück. Leben Sie wohl.« Ich schwebte am Rande des Abgrundes, aber ich war fest entschlossen, lieber Frankreich zu verlassen, als das Geheimnis meiner lieben unglücklichen Freundin zu verraten. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich gerne die Geschichte mit Geld tot gemacht; aber dazu war keine Zeit mehr. Ich war überzeugt, daß Farsetti der Hauptschuldige an diesem Wirrwarr war, daß er mich beständig verfolgt und auch die Aufpasser bezahlt hatte, von denen Herr de Sartines mir gesprochen hatte. Er hatte mir auch den Advokaten Vauversin auf den Hals geschickt, und ich durfte nicht daran zweifeln, daß ihm kein Opfer zu teuer war, um mich zu verderben. Ich fühlte, daß ich nichts Besseres tun konnte, als mich Herrn von Sartines rückhaltlos anzuvertrauen; aber dazu bedurfte ich der Zustimmung der Frau du Rumain. Elftes Kapitel Ich werde verhört. – Ich gebe dem Gerichtsschreiber dreihundert Louis. – Die Hebamme und Castel-Bajac werden ins Gefängnis gesetzt. – Fräulein X.C.V. bringt einen Knaben zur Welt und nötigt ihre Mutter, mir Genugtuung zu geben. – Mein Prozeß wird eingestellt. – Fräulein X.C.V. reist nach Brüssel ab und geht mit ihrer Mutter nach Venedig, wo sie eine große Dame wird. – Meine Arbeiterinnen. – Frau Baret. – Ich werde bestohlen, eingesperrt und wieder in Freiheit gesetzt. – Ich reise nach Holland. – Das Buch »vom Geist« von Helvetius. – Piccolomini. Am Tage nach meiner ersten Unterredung mit Herrn de Sartines ging ich in aller Frühe zu Frau du Rumain. Da der Fall dringlich war, so nahm ich mir die Freiheit, sie wecken zu lassen. Sobald sie mich empfangen konnte, teilte ich ihr alles ganz genau mit. »Hier gibt es kein Schwanken, mein lieber Casanova!« sagte die liebenswürdige Dame zu mir, »wir müssen Herrn von Sartines alles anvertrauen, und ich werde bestimmt noch heute mit ihm sprechen.« In demselben Augenblick setzte sie sich an ihren Schreibtisch und bat den Kriminalpräsidenten um eine Unterredung für drei Uhr nachmittags. In weniger als einer Stunde brachte der Bediente die Antwort des Präsidenten, daß er sie erwarte. Wir verabredeten, daß ich sie am Abend wieder aufsuchen und dann von ihr den Erfolg ihres Besuches erfahren sollte. Um fünf Uhr war ich schon bei ihr, und ich brauchte nur wenige Augenblicke auf ihre Rückkehr zu warten. »Ich habe ihm alles enthüllt,« sagte sie; »er weiß, daß sie unmittelbar vor der Niederkunft steht, und er weiß, daß Sie nicht der Vater sind. Hierdurch stehen Sie im Lichte großen Edelmuts da. Ich habe Ihnen gesagt, daß das Fräulein sofort nach ihrer Entbindung und Wiederherstellung zu ihrer Mutter zurückkehren werde, ohne jedoch ihren Fehltritt zu gestehen, und daß das Kind an einen sicheren Ort gebracht werden würde. Sie haben nichts zu befürchten und können ruhig sein; da aber die einmal eingeleitete Sache ihren Lauf nehmen muß, so werden Sie für übermorgen vorgeladen werden. Ich rate Ihnen, den Gerichtsschreiber unter irgend einem Vorwand aufzusuchen und ihn zur Annahme einer Geldsumme zu bewegen.« Ich wurde vorgeladen und erschien. Ich sah Herrn von Sartines sedentem pro tribunali . Zum Schluß der Sitzung sagte er mir, er sei genötigt, gegen mich eine Vorladung zu persönlichem Erscheinen zu erlassen; ich dürfe wegen der Gültigkeitsdauer während dieser Vorladung mich weder von Paris entfernen noch mich verheiraten, denn durch einen schwebenden Kriminalprozeß werde das Zivilrecht zeitweilig aufgehoben. Ich antwortete ihm, ich würde weder das eine noch das andere tun. Bei dem Verhör gab ich zu, daß ich in der angegebenen Nacht den Opernball in einem schwarzen Domino besucht hätte; alles übrige aber leugnete ich. In bezug auf Fräulein X.C.V. erklärte ich, daß weder ich noch jemand von ihrer Familie sie jemals im Verdacht gehabt hätten, schwanger zu sein. Da meine Eigenschaft als Ausländer Vauversin auf den Gedanken bringen konnte, mich unter dem Vormund des Fluchtverdachtes verhaften zu lassen, so schien mir die Gelegenheit günstig zu sein, um den Gerichtsschreiber auf meine Seite zu bringen, und ich begab mich zu ihm. Nachdem ich ihm meine Befürchtung geäußert hatte, drückte ich ihm eine Rolle von dreihundert Louis in die Hand, über die ich natürlich keine Quittung verlangte, und sagte ihm, dieses Geld solle die Kosten des Prozesses decken, falls etwa diese von mir zu tragen wären. Er riet mir, Bürgschaftsstellung von Seiten der Hebamme zu verlangen, und ich beauftragte meinen Anwalt damit; aber vier Tage darauf ereignete sich folgendes: Ich ging auf dem Boulevard du Temple spazieren, als ein Dienstmann mir einen Brief übergab, worin ich die Mitteilung las, daß jemand, der fünfzig Schritte entfernt in einem Gange auf mich warte, mich zu sprechen wünsche. Ich dachte bei mir selber: das ist entweder ein Liebesabenteuer oder eine Herausforderung; sehen wir zu! Ich ließ meinen mir folgenden Wagen nur halten und ging nach dem angegebenen Ort. Zu meinem unbeschreiblichen Erstaunen sah ich den elenden Castel-Bajac vor mir. »Ich habe Ihnen nur zwei Worte zu sagen,« begann er, sobald er mich erblickte; »wir sind hier in Sicherheit; ich will Ihnen ein sicheres Mittel vorschlagen, Ihren Prozeß zu Ende zu bringen und dadurch viel Geld und Unruhe zu ersparen. Die Hebamme ist sicher, daß Sie der Herr sind, der mit einer schwangeren Dame bei ihr war; aber es tut ihr jetzt leid, daß man Sie beschuldigt, sie entführt zu haben. Geben Sie ihr hundert Louis; sie wird dem Gerichtsschreiber erklären, daß sie sich geirrt hat, und alles wird für Sie erledigt sein. Sie bezahlen ihr diese Summe erst, nachdem sie ihre Erklärung abgegeben hat: Ihr Wort genügt ihr. Kommen Sie mit mir zu Vauversin; ich bin sicher, er wird Sie überreden, meinen Vorschlag anzunehmen. Ich weiß, wo er ist; bitte folgen Sie mir in der Ferne.« Ich hatte ihn angehört, ohne ein Wort zu sagen, und ich war entzückt, mit welcher Unvorsichtigkeit die Spitzbuben in die Falle gingen. Ich sagte zu dem Gascogner Spion: »Gut, führen Sie mich.« Ich folgte ihm in das dritte Stockwerk eines Hauses der Rue aux Ours, wo ich den Advokaten Vauversin fand. Sobald dieser mich sah, kam er ohne weitere Vorreden zur Sache und sagte: »Die Hebamme wird mit einem Zeugen zu Ihnen kommen, in der Absicht, Ihnen ins Gesicht zu sagen, daß Sie der Herr sind, der mit einer Frau zu ihr gekommen ist und Abtreibungsmittel von ihr verlangt hat. Sie wird Sie nicht erkennen. Sie wird hierauf mit dem Zeugen zum Gerichtsschreiber gehen und wird zu Protokoll geben, daß sie sich getäuscht hat. Dies wird dem Herrn Kriminalpräsidenten genügen, um das Verfahren gänzlich einzustellen. Durch dieses Mittel sind Sie sicher, den Prozeß gegen die Mutter des Fräuleins zu gewinnen.« Da ich dies alles recht sinnreich ausgedacht fand, so sagte ich ihm ich würde täglich bis zwölf Uhr mittags im Temple sein. »Aber die Hebamme braucht hundert Louis.« »Das heißt, die ehrenwerte Frau bewertet ihren Meineid zu diesem Preise. Nun, gleichviel, ich verspreche sie, und Sie können auf mein Wort rechnen, aber ich werde die hundert Louis erst geben, wenn sie ihren Irrtum zu Protokoll gegeben hat.« »Das genügt, mein Herr, vorausgesetzt, daß Sie bereit sind, den vierten Teil der Summe voraus zu bezahlen; diesen habe ich für meine Kosten und als Honorar zu beanspruchen.« »Ich bin bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen, wenn Sie mir eine regelrechte Quittung darüber geben wollen.« Er zögerte anfangs; da ihm jedoch daran lag, das Geld zu erhalten, so tat er schließlich nach langem Hinundherreden, was ich wollte, und ich zählte ihm fünfundzwanzig Louis auf. Er dankte mir vielmals und sagte mir zuletzt, er werde mir, obwohl Frau X.C.V. seine Klientin sei, die besten Ratschläge geben, um alle ihre Maßnahmen zu vereiteln. Ich dankte ihm so lebhaft, wie wenn ich wirklich die Absicht gehabt hätte, von seinen Anerbietungen Gebrauch zu machen. Sobald ich zu Hause war, schrieb ich Herrn de Sartines alles Vorgefallene. Drei Tage darauf meldete man mir eine Frau und einen Mann, die mich zu sprechen wünschten. Ich ging hinaus und fragte die Frau, was sie wünsche. »Ich möchte Herrn Casanova sprechen.« »Der bin ich.« »So habe ich mich also getäuscht, mein Herr; ich bitte um Entschuldigung.« Ihr Begleiter lächelte und sie gingen. An demselben Tage erhielt die Gräfin du Rumain einen Brief von der Äbtissin, daß ihre Schutzbefohlene ein niedliches Bübchen zur Welt gebracht hätte und daß sie den Jungen nach einem Ort hätte bringen lassen, wo er die erste Pflege finden würde. Das Fräulein würde das Kloster erst nach sechs Wochen verlassen und würde dann mit einem Zeugnis, das sie gegen jede Unannehmlichkeit schützen müßte, zu ihrer Mutter zurückkehren. Bald nachher wurde die Hebamme ins Gefängnis gesteckt; Castel-Bajac wurde nach Bicêtre geschickt, und Vauversin wurde aus der Liste der Advokaten gestrichen. Die Verfolgungen der Frau X.C.V. gegen mich dauerten bis zum Wiedererscheinen ihrer Tochter; aber ich wußte, daß ich mich darum nicht zu beunruhigen brauchte. Das Fräulein kehrte gegen Ende August ins Hotel de Bretagne zurück und überbrachte ihrer Mutter ihr Zeugnis, worin die Äbtissin erklärte, sie sei vier Monate bei ihr gewesen, sei während dieser Zeit niemals ausgegangen und habe keinen einzigen Besuch empfangen. Dies war die volle Wahrheit; aber die Äbtissin schrieb außerdem, sie kehre nur darum zu ihrer Familie zurück, weil sie von den Verfolgungen des Herrn de la Popelinière nichts mehr zu befürchten habe, und hierin log die Nonne. Frau X.C.V. freute sich außerordentlich, ihre Tochter makellos wiederzusehen; diese wußte sie daraufhin zu veranlassen, sich persönlich zu Herrn de Sartines zu begeben und ihm das Zeugnis der Äbtissin zu zeigen, zu erklären, daß sie von jeder Verfolgung gegen mich absehe und bereit sei, mir volle Genugtuung zu geben, indem sie ihm sagte, ich wäre berechtigt, eine Entschädigung zu verlangen, aber man müsse, um nicht dem Rufe ihrer Tochter zu schaden, über alles Vorgefallene das strengste Schweigen bewahren. Die Mutter schrieb mir einen Brief, der mir die vollste Genugtuung bot; ich beeilte mich, diesen zu den Gerichtsakten zu geben, wodurch mein ärgerlicher Prozeß in aller Form beendigt wurde. Ich schrieb ihr meinerseits einen Glückwunsch, aber ich betrat ihr Haus nicht wieder, um die unangenehmen Auftritte zu vermeiden, die ein Zusammentreffen mit Farsetti vielleicht zur Folge gehabt hätte. Da das Fräulein nicht mehr in Paris bleiben konnte, wo alle Welt ihre Geschichte kannte, so erbot Farsetti sich, sie nebst ihrer Schwester Madeleine nach Brüssel zu bringen. Einige Zeit darauf holte ihre Mutter sie dort ab, und sie reisten nach Venedig, wo meine Geliebte drei Jahre später eine vornehme Dame wurde. Fünfzehn Jahre darauf sah ich sie als Witwe wieder; sie war ziemlich glücklich und stand in ehrenvollem Ansehen wegen ihres Ranges, ihres Geistes und ihrer gesellschaftlichen Talente; ich bin aber mit ihr in keinerlei Verbindung mehr gestanden. In vier Jahren wird der Leser sehen, wie und wo ich Castel-Bajac wieder fand. Gegen Ende desselben Jahres 1759 gab ich mehrere hundert Franken aus, um die Freilassung der Hebamme zu bewirken. Ich lebte mit fürstlichem Luxus, und man konnte mich für glücklich halten; aber ich war es nicht. Meine ungeheuren Ausgaben, meine übermäßige Verschwendungssucht, meine Genußsucht und Freigebigkeit ließen mich wider meinen Willen in näherer oder fernerer Zukunft Unannehmlichkeiten voraussehen. Meine Fabrik würde mich instand gesetzt haben, mein Leben noch lange in gleicher Weise fortzuführen, wenn nicht der unglückliche Krieg den Absatz gelähmt hätte; auch ich mußte notwendigerweise die allgemeine Geldknappheit verspüren, die in Frankreich in allen Ständen herrschte. Ich hatte vierhundert Stück bemalter Stoffe auf Lager, aber es war nicht wahrscheinlich, daß ich sie vor dem Frieden verkaufen konnte, und da dieser heißersehnte Friede erst in einer noch fernen Zukunft zu erwarten war, so drohte mir eine Art Ruin. In dieser Befürchtung schrieb ich an Esther, sie möge ihren Vater bewegen, die Hälfte des Betriebskapitals einzulegen, mir einen tüchtigen Geschäftsführer zu schicken und mein Teilhaber zu werden. Herr d'O. antwortete mir, wenn ich die Fabrik nach Holland verlegen wollte, so würde er alles auf sich nehmen und mir die Hälfte des Gewinnes geben; aber ich liebte Paris und ging auf diesen vorteilhaften Vorschlag nicht ein. Ich hatte es zu bereuen. Mein Haus Klein-Polen kostete mir viel Geld; die Hauptausgabe aber, die mich zugrunde richtete und die kein Mensch kannte, verursachten mir meine kleinen Arbeiterinnen; denn bei meinem Temperament und meiner Vorliebe für die Abwechslung waren zwanzig junge Mädchen, fast alle hübsch und alle verführerisch, wie es die Pariserinnen sind, für mich eine Klippe, woran meine Tugend täglich von neuem Schiffbruch leiden mußte. Ich war auf die meisten neugierig, und da ich nicht die Geduld hatte, durch langsames Vorgehen sie ebenfalls neugierig auf mich zu machen, so machten sie sich meine Ungeduld zunutze, um mir ihre Gunst so teuer wie möglich zu verkaufen. Das Beispiel der ersten diente ihnen allen zum Muster, um Haus, Möbel, Geld, Schmuck zu verlangen; und ich kannte zu wenig den Wert von hundert Louis, um mich dadurch von der Befriedigung einer Laune abhalten zu lassen. Meine Laune dauerte niemals länger als eine Woche; oft war sie schon nach drei oder vier Tagen verflogen, und natürlich schien mir stets die zuletzt gekommene meiner Aufmerksamkeiten am würdigsten zu sein. Sobald ich mein Auge auf eine neue geworfen hatte, sah ich die alten nicht mehr, aber ich fuhr fort, deren Ansprüche zu befriedigen, und diese gingen weit. Frau von Urfé, die mich für sehr reich hielt, hielt mich nicht von dieser Verschwendung zurück. Ich machte sie glücklich, indem ich durch meine Orakel ihre magischen Operationen unterstützte, in die sie sich von Tag zu Tag mehr verrannte, obgleich ihre Versuche niemals zum Ziele führten. Manon Baletti quälte mich durch ihre Eifersüchteleien und durch ihre berechtigten Vorwürfe. Sie konnte – und mit Recht – nicht begreifen, wie ich die Heirat mit ihr immer noch hinausschieben könnte, wenn ich sie wirklich liebte. Sie beschuldigte mich, sie zu täuschen. Ihre Mutter starb an der Schwindsucht in unseren Armen. Zehn Minuten vor ihrem letzten Atemzuge empfahl sie mir ihre Tochter, und ich gab ihr das ganz aufrichtige Versprechen, sie zu heiraten; aber das Schicksal, wie man es ja zu nennen pflegt, widersetzte sich stets dieser Absicht. Sylvia hatte mir die innigste Freundschaft eingeflößt; ich verehrte sie als eine ausgezeichete Frau, deren wohltätiges Herz und sittliche Reinheit sie der allgemeinen Achtung und Wertschätzung würdig machten. Ich blieb drei Tage lang in der Familie und teilte von ganzem Herzen die Trauer aller ihrer Mitglieder. Wenige Tage darauf verlor mein Freund Tiretta seine Geliebte, die an einer schmerzhaften Krankheit starb. Als sie ihr Ende nahen fühlte, beschloß sie Gott zu widmen, was sie den Menschen nicht mehr geben konnte; daher verabschiedete sie vier Tage vor ihrem Tode ihren Liebhaber, indem sie ihm einen wertvollen Ring und eine Börse mit zweihundert Louisdor schenkte. Tiretta schnürte sein Bündel und kam nach Klein-Polen, um mir die traurige Nachricht zu überbringen. Ich brachte ihn im Temple unter, und als er einen Monat darauf Lust bekam, sein Glück in Indien zu versuchen, billigte ich diesen Entschluß und gab ihm einen Empfehlungsbrief an Herrn d'O. in Amsterdam, der ihn in weniger als vierzehn Tagen auf einem Schiff der Gesellschaft, das nach Batavia segelte, als Schreiber unterbrachte. Bei guter Aufführung würde er reich geworden sein, aber er ließ sich in eine Verschwörung ein, mußte fliehen und erlebte seither manche Wechselfälle des Glücks. Von einem seiner Verwandten erfuhr ich, daß er im Jahre 1788 in Bengalen lebte; er war damals reich, konnte aber sein Vermögen nicht flüssig machen, um in seine Heimat zurückzukehren und dort sein Lebensende glücklich zu verbringe; was später aus ihm geworden ist, weiß ich nicht. Im Anfang des Monats November kam ein Küchenbeamter vom Hofe des Herzogs von Elboeuf mit seiner Tochter in meine Fabrik, um ihr ein Kleid für ihre Hochzeit zu kaufen. Ich war von ihrer Schönheit geblendet. Sie wählte ein Stück sehr glänzenden Atlasses, und ihr schönes Gesicht belebte sich vor Freude, als sie sah, daß ihr Vater mit dem Preise einverstanden war; groß aber war ihr Kummer, als der Verkäufer ihrem Vater sagte, er müsse das ganze Stück nehmen, weil ein Einzelverkauf nicht stattfinde. Ich konnte ihrem Schmerz nicht widerstehen, und um nicht zu ihren Gunsten eine Ausnahme zu machen, ging ich schnell in mein Privatzimmer. Hätte ich nur die Eingebung gehabt, das Haus zu verlassen, dann würde ich viel Geld gespart haben; aber freilich, welcher Freuden, welcher Genüsse würde ich mich dann auch beraubt haben! In ihrer Verzweiflung bat die reizende Kleine den Direktor, sie zu mir zu führen, und dieser wagte ihr ihre Bitte nicht abzuschlagen. Sie trat ein; zwei große Tränen schwammen in ihren Augen und dämpften das Feuer ihrer Blicke. »Mein Herr,« sagte sie ohne weiteres zu mir, »Sie sind reich; Sie können das Stück kaufen und mir davon den Stoff zu einem Kleide ablassen. Sie machen mich damit glücklich.« Ich warf einen Blick auf ihren Vater, und er sah aus, wie wenn er mich wegen der Kühnheit seines Kindes um Entschuldigung bäte. »Ihr Freimut gefällt mir, Fräulein; da diese Gefälligkeit Sie glücklich macht, wie Sie sagen, so sollen Sie das Kleid haben.« Sie fiel mir um den Hals und küßte mich vor Dankbarkeit, während ihr biederer Vater sich vor Lachen ausschütten wollte. Ihre Küsse behexten mich vollends. Ihr Vater bezahlte das Kleid und sagte dann zu mir: »Mein Herr, Sonntag verheirate ich diese kleine Närrin; es gibt ein Abendessen und hierauf einen Tanz. Sie werden uns glücklich machen, wenn Sie uns die Ehre erweisen wollen, an dem Feste teilzunehmen. Ich heiße Gilbert und bin Kontrolleur beim Herzog von Elboeuf.« Ich versprach ihm pünktlich zu kommen, und die junge Braut machte einen Freudensprung, der sie mir noch schöner erscheinen ließ. Am Sonntag begab ich mich nach dem mir bezeichneten Ort, aber ich konnte weder essen noch tanzen. Die schöne Gilbert hielt 2?Z mich gewissermaßen verzaubert, solange ich mich in der Gesellschaft befand, an deren Ton ich mich niemals hätte gewöhnen können. Es waren Hausbeamte vornehmer Häuser mit ihren Frauen und Töchtern; sie äfften die guten Manieren ihrer Herrschaften nach und machten sich dadurch nur lächerlich. Ich kannte keinen einzigen von ihnen, und kein Mensch wußte, wer ich war; ich war daher unter ihnen durchaus nicht an meinem Platz und spielte eine dumme Rolle. In solchen Gesellschaften ist gerade der Klügste der Tölpel. Jeder machte mit der Neuvermählten seinen Witz; sie antwortete allen, und man lachte oft, ohne sich zu verstehen. Der Gatte, ein trauriger magerer Tropf, freute sich, daß seine Frau so lustig mit den Gästen zu scherzen wußte. Obgleich ich in seine Frau verliebt war, beneidete ich ihn durchaus nicht um sein Los; im Gegenteil, er tat mir leid. Ich erriet, daß er sich nur in der Hoffnung auf eine Verbesserung seiner Vermögensumstände verheiratete, und ich prophezeite ihm innerlich die Hörner, die seine schöne feurige Frau ihm unfehlbar aufsetzen mußte; denn er war häßlich und schien von den Vorzügen eines solchen Weibes kaum eine Ahnung zu haben. Ich bekam Lust, die junge Gattin näher zu befragen, und sie bot mir Gelegenheit dazu, indem sie sich nach einem Kontertanz neben mich setzte. Sie dankte mir zunächst für meine Gefälligkeit und.sagte mir, man habe ihr schönes Kleid allgemein gelobt. »Dennoch bin ich überzeugt, daß Sie es gerne bald ausziehen möchten; denn ich kenne die Liebe und ihre Ungeduld.« »Es ist wirklich komisch, daß alle Leute mich durchaus für verliebt halten wollen, während ich doch Herrn Baret erst vor acht Tagen zum ersten Male gesehen habe; vorher wußte ich überhaupt nicht, daß er auf der Welt war.« »Warum verheiratet man Sie denn so in der Eile und läßt Ihnen keine Zeit, besser bekannt zu werden?« »Weil mein Vater alles so in der Eile macht.« »Ihr Gatte ist ohne Zweifel reich?« »Nein, aber er kann es vielleicht werden. Wir eröffnen übermorgen einen Laden mit seidenen Strümpfen an der Ecke der Rue St.-Honors und der Rue des Prouvères. Ich hoffe, mein Herr, Sie werden bei uns kaufen; wir werden Sie mit besonderem Vergnügen bedienen.« »Sie können sich darauf verlassen; ich verspreche Ihnen sogar, das Handgeld zu bringen, und sollte ich auch die Nacht vor Ihrer Türe zubringen, um der erste zu sein.« »O, wie liebenswürdig! Herr Baret,« sagte sie zu ihrem Mann, der ganz dicht bei uns stand, »der Herr verspricht mir, er werde uns das Handgeld bringen.« »Der Herr ist sehr gütig,« sagte der Ehemann nähertretend; »aber der Herr wird auch mit mir zufrieden sein, denn meine Strümpfe fasern niemals.« Am Dienstag war ich schon mit Tagesanbruch an der Ecke der Rue de Prouvères und stand mir beinahe die Beine in den Leib, bis endlich eine Magd kam und den Laden öffnete. Ich trat ein. »Was wünschen Sie?« sagte das Mädchen zu mir. »Ich möchte Strümpfe kaufen.« »Die Herrschaft liegt noch im Bett; Sie können spater wiederkommen.« »Nein, ich werde warten, bis sie aufgestanden sind. Wissen Sie was,« und damit gab ich ihr sechs Franken, »Sie können mir Kaffee holen, ich werde ihn hier trinken.« »Ich soll Ihnen Kaffee holen? Ich bin nicht so dumm, Sie im Laden allein zu lassen.« »Sie haben wohl Angst, daß ich stehlen könnte?« »Na, das ist schon vorgekommen; ich kenne Sie ja nicht.« »Sie haben recht; aber ich werde bleiben.« Bald darauf kam Baret herunter; er schalt das arme Mädchen aus, daß sie ihm nicht sofort Bescheid gesagt hätte, und befahl ihr, seiner Frau zu sagen, sie möchte sofort kommen. Zugleich machte er schnell seine Pakete auf, damit ich meine Wahl treffen könnte. Er hatte Westen, Strümpfe, Unterhosen aus gestrickter Seide. Ich wühlte alles durch und sah mir alles an, ohne mich jedoch zu entschließen, bis endlich, frisch wie eine Rose und blendend weiß, seine Frau herunterkam. Sie lächelte mir verführerisch zu, entschuldigte sich wegen ihres Morgenkleides und dankte mir, daß ich mein Wort gehalten hätte. »Ich breche es niemals, besonders wenn es sich um eine so liebenswürdige Dame handelt wie Sie.« Frau Baret war siebzehn Jahre alt, von mittlerer Größe, tadellos gewachsen; obgleich sie keine vollendete Schönheit war, hätte selbst ein Raffael niemals etwas Anziehenderes schaffen können, etwas, das mächtiger das Herz entflammt. Ihre lebhaften, hervortretenden Augen, ihre langen Wimpern, die ihren Blicken etwas so Bescheidenes und zugleich so Wollüstiges gaben, ihr durch ein beständiges Lächeln verschönerter Mund, ihre prachtvollen Zähne, ihre Rosenlippen, ihre blendend weiße Haut, die anmutige Aufmerksamkeit, womit sie zuhörte, der Silberklang ihrer Stimme, ihr lebhaftes und doch so sanftes Wesen, ihre schelmische Munterkeit, ihre Anspruchslosigkeit, die Bescheidenheit, womit sie von ihren Reizen zu denken schien, deren Macht sie offenbar nicht kannte – mit einem Wort, dieses unbeschreibliche Ganze versetzte mich in eine Art von Verzückung beim Anblick dieses schönen Meisterwerkes der Natur, in dessen Besitz der Zufall oder gemeiner Eigennutz den armen Baret gebracht hatte, den ich schmächtig, blaß, kränklich vor mir stehen sah, und dessen ganze Aufmerksamkeit seinen Strümpfen galt, auf die er viel größeren Wert legte, als auf das reizende Spielzeug, das Hymen ihm mit Unrecht beschert hatte, da er es weder würdigen noch genießen konnte. Ich wählte für fünfundzwanzig Louis Strümpfe und Westen und bezahlte diese, ohne zu feilschen. Das Gesicht der hübschen Kaufmannsfrau strahlte vor Freude, und ich erblickte darin ein günstiges Zeichen für meine Liebe, obgleich ich wenig Hoffnung hatte; denn ich glaubte, daß der Honigmond einer Liebelei wohl nicht sehr günstig sein würde. Ich sagte dem Mädchen, ich würde ihr sechs Franken geben, wenn sie mir das Paket nach Klein-Polen brächte, und entfernte mich. Am nächsten Sonntag brachte Baret selber mir mein Paket, Ich gab ihm sechs Franken für die Magd, aber er sagte mir, er würde sich nicht schämen, sie für sich selber zu behalten. Ich fand diese Habsucht sehr gemein, zumal da er seine Magd eines rechtmäßigen Trinkgeldes beraubte, nachdem er an den fünfundzwanzig Louis einen recht ansehnlichen Verdienst gehabt hatte, aber ich mußte ihn mir günstig stimmen, und darum war es mir nicht unangenehm ein so bequemes Mittel gefunden zu haben, ihm die Augen zu schließen Daher behandelte ich den Ehemann recht gut, um ihn noch geschmeidiger zu machen, und nahm mir vor, das Mädchen schadlos zu halten. Ich ließ ihm ein Frühstück vorsetzen und fragte ihn, warum er seine Frau nicht mitgebracht hätte. »Sie hat mich allerdings darum gebeten, aber ich wagte nicht, mir diese Freiheit zu nehmen, weil ich fürchtete, es könnte Ihnen mißfallen.« »Sie hätten mir im Gegenteil einen großen Gefallen getan, denn ich finde Ihre Frau reizend.« »Sie sind sehr gütig, mein Herr; aber sie ist noch recht jung.« »Ich sehe nicht ein, warum Sie sich darüber beklagen sollten. Wenn Sie gerne spazieren gehen, so wird es mich sehr freuen, wenn Sie sie einmal mitbringen.« Er sagte mir, dies würde ihm selber viel Vergnügen machen. Wenn ich in meinem Wagen an ihrem Laden vorüberfuhr, warf ich ihr Kußhändchen zu, ohne jedoch anzuhalten, denn ich brauchte keine Strümpfe mehr. Auch würde ich mich unter der Menge von Stutzern, die zu allen Tageszeiten ihren kleinen Laden füllten, gelangweilt haben. Man begann sich in der Stadt mit ihr zu beschäftigen; man sprach von ihr im Palais-Royal, und ich hörte zu meiner Freude sagen, sie sei nur deshalb so zurückhaltend, weil sie auf irgend einen reichen Gimpel warte. Daraus ging hervor, daß noch niemand sie gehabt hatte, und ich hoffte, daß ich vielleicht selber dieser Gimpel – aus freien Stücken – sein könnte. Einige Tage darauf winkte sie mir mit der Hand, als sie in der Ferne meinen Wagen sah. Ich stieg aus; ihr Mann bat mich tausendmal um Entschuldigung und sagte mir, er wünschte, daß ich der erste wäre, der seine ganz neumodischen Beinkleider ansehe, die er eben erst bekommen hätte. Diese Beinkleider waren bunt, und kein Lebemann von gutem Ton trug morgens andere. Es war eine sonderbare Mode, aber einem gut gewachsenen jungen Mann standen diese Beinkleider sehr gut. Da sie gut anschließen mußten, so sagte ich ihm, er möchte mir sechs Paar anfertigen lassen, und erbot mich, sie im voraus zu bezahlen. »Mein Herr, ich habe sie in allen Größen vorrätig; gehen Sie in das Zimmer meiner Frau, Sie können sie dort anprobieren.« Der Augenblick war kostbar. Ich willigte ein, besonders als ich ihn zu seiner Frau sagen hörte, sie möchte mir behilflich sein. Ich ging hinauf; sie folgte mir, und ich begann mich auszukleiden, indem ich mich entschuldigte, daß ich es in ihrer Gegenwart täte. Sie antwortete: »Ich stelle mir vor, ich sei jetzt ihr Kammerdiener, und ich will dessen Dienste verrichten.« Ich glaubte nicht den Spröden spielen zu dürfen und gab ihrem Diensteifer nach. Nachdem ich meine Schuhe abgelegt hatte, ließ ich mir von ihr die Hosen ausziehen, behielt jedoch meine Unterhosen an, um ihre Schamhaftigkeit nicht zu sehr zu verletzen. Sie nahm nun ein Paar Beinkleider, probierte sie an, zog sie wieder aus und probierte andere an. Dies alles geschah von beiden Seiten mit größtem Anstand, denn ich hatte mir vorgenommen, bis zum Schluß dieser reizenden Szene anständig zu bleiben, da ich mir Besseres versprach. Sie fand, daß vier von diesen Beinkleidern mir ganz entzückend paßten, und da ich keinen Anlaß fand, ihr zu widersprechen, so gab ich ihr sechzehn Louis, die sie dafür forderte, und sagte ihr, ich würde mich glücklich schätzen, wenn sie selber sie mir in einem freien Augenblick bringen wolle. Sie ging ganz stolz in den Laden, um ihrem Mann zu zeigen, daß sie zu verkaufen verstände; ich folgte ihr auf dem Fuße, und Baret sagte mir, er würde am nächsten Sonntag die Ehre haben, mit seiner kleinen Frau zu mir zu kommen, um mir meinen kleinen Einkauf zu bringen. »Sie werden mir ein Vergnügen machen, Herr Baret, besonders wenn Sie zum Essen bei mir bleiben.« Er antwortete mir, er habe um zwei Uhr ein dringliches Geschäft und könne sich daher nur unter der Bedingung verpflichten, daß ich ihm erlauben würde, sich zu diesem Zweck zu entfernen; er werde jedoch bestimmt gegen fünf Uhr wiederkommen und seine Frau abholen. Dies paßte mir so herrlich, daß ich mich beinahe unbehaglich fühlte! Aber ich wußte mich zu beherrschen und antwortete ihm ruhig: »Dies wird mich ja allerdings des Vergnügens Ihrer Gesellschaft berauben, aber ich bitte Sie, vollständig nach Ihrem Belieben zu verfahren, zumal da ich selber erst um sechs Uhr ausgehen muß.« Der Sonntag kam, und die braven Bürgersleute hielten Wort. Sobald sie bei mir waren, ließ ich meine Türe für den ganzen Tag schließen, und da ich ungeduldig war, zu sehen, was mir der Nachmittag bringen würde, so ließ ich das Mittagessen frühzeitig auftragen. Die Speisen waren ausgezeichnet und die Weine köstlich. Der Biedermann aß und trank reichlich, sodaß ich ihn aus Höflichkeit darauf aufmerksam machen mußte, daß er um zwei Uhr ein dringliches Geschäft hatte. Da sein Geist durch den Champagner ermuntert war, so hatte er den glücklichen Gedanken, seiner Frau zu sagen, sie möchte allein nach Hause gehen, falls ihn seine Geschäfte länger zurückhalten sollten, als er glaubte. Ich aber beeilte mich zu sagen, daß ich mit ihr in meinem Wagen eine Spazierfahrt um die Boulevards machen und sie nach Hause fahren würde. Er dankte mir, und da er etwas unruhig war, ob er auch noch rechtzeitig nach dem verabredeten Ort kommen würde, so machte ich ihn überglücklich, als ich ihm sagte, ein für den ganzen Tag bezahlter Fiaker warte auf ihn vor der Tür. Er ging, und ich war endlich allein mit seinem Kleinod, das ich bis sechs Uhr abends zu besitzen sicher war. Als ich die Haustür hinter dem guten Trottel schließen hörte, sagte ich zu seiner Frau: »Ich mache Ihnen mein Kompliment, gnädige Frau, daß Sie einen so gefälligen Gatten haben, denn mit einem Mann von solchem Charakter müssen Sie gewiß glücklich sein.« »Glücklich sein ist leicht gesagt; aber um es wirklich zu sein, muß man es fühlen und muß in seinem Gemüt ruhig sein. Mein Mann hat eine so zarte Gesundheit, daß ich mich nur als eine Krankenpflegerin ansehen kann: außerdem hat er Schulden, die er gemacht hat, um sein Geschäft einzurichten, und die uns zur strengsten Sparsamkeit nötigen. Wir sind zu Fuß hierhergekommen, um vierundzwanzig Sous zu sparen. Der Ertrag unseres kleinen Geschäftes würde ausreichen, wenn wir nichts schuldig wären; aber bei unseren Schulden geht alles für diese darauf, und wir verkaufen nicht genug.« »Sie haben aber doch viele Kunden; denn jedesmal, wenn ich bei Ihnen vorbeifahre, sehe ich den Laden überfüllt.« »Diese Kunden sind lauter Tagediebe, schlechte Spaßvögel, liederliche Menschen, die mir mit ihren Komplimenten in den Ohren liegen, daß mir beinahe übel wird. Sie haben keinen Heller, und wir dürfen sie nicht aus den Augen lassen, damit ihre Finger nicht an einen unrechten Ort geraten. Wenn wir diesen Leuten auf Borg verkaufen wollten, wäre unser Laden schon seit mehreren Tagen leer. Ich habe gegen sie kein Mittel, als recht mürrisch zu sein, in der Hoffnung, sie auf diese Weise los zu werden; aber es nützt nichts. Sie sind von einer Unverfrorenheit, die mich ganz ratlos macht. Wenn mein Mann daheim ist; gehe ich in mein Zimmer, aber oft ist er abwesend, und dann muß ich ihre Gesellschaft ertragen. Außerdem verkaufen wir wegen der allgemeinen großen Geldnot nur wenig; trotzdem aber müssen wir jeden Samstag die Arbeiter bezahlen. Ich sehe voraus, wir werden sie binnen kurzem entlassen müssen; denn wir haben Wechsel ausgestellt, deren Verfallzeit nicht mehr fern steht. Samstag müssen wir sechshundert Franken bezahlen, und wir haben nur zweihundert.« »Daß Sie in den ersten Tagen Ihrer Ehe in solchen Verlegenheiten sind, überrascht mich sehr. Ihr Vater mußte doch wissen, wie Ihr Mann stand, und was ist denn aus Ihrer Mitgift geworden?« »Meine Mitgift von sechstausend Franken hat zum großen Teil dazu gedient, unsere Ladenausrüstung zu beschaffen und Schulden zu bezahlen. Unsere Waren sind dreimal so viel wert, als wir schuldig sind, aber wenn der Absatz fehlt, ist dies ein totes Kapital.« »Sie tun mir leid; denn wenn der Friede nicht geschlossen wird, muß Ihre Lage immer schlimmer werden. Im Laufe der Zeit werden Ihre Bedürfnisse sich steigern.« »Gewiß; denn wenn es meinem Mann besser geht, bekommen wir vielleicht Kinder.« »Wie? verhindert ihn denn seine Gesundheit Sie zur Mutter zu machen? Das ist doch nicht möglich!« »Ich glaube nicht, daß ich Mutter werden kann, wenn ich Jungfer bleibe. Übrigens mache ich mir nichts daraus.« »Das scheint mir unglaublich. Wie kann ein Mann an Ihrer Seite krank sein, wenn er nicht in den letzten Zügen liegt? Er ist also tot?« »Tot ist er nicht, aber er gibt kaum ein Lebenszeichen.« Über diesen Witz mußte ich lachen, und ich umarmte sie, ohne allzu großen Widerstand zu finden. Der erste Kuß war wie ein elektrischer Funke; er setzte mich in Flammen, und ich erneuerte meinen Angriff, bis sie schließlich sanft wie ein Lamm wurde. Um sie zu ermutigen, sagte ich zu ihr: »Ich werde Ihnen helfen; ich werde Ihnen helfen, am Samstag den Wechsel einzulösen!« Mit diesen Worten zog ich sie sanft in ein Kabinett, wo ein schöner Divan einen bequemen Altar bildete, um das Liebesopfer zu vollziehen. Ich war hoch entzückt, daß sie sich meinen Liebkosungen und meiner Neugier fügte; aber sie überraschte mich über alle Maßen, als ich mich zur Vollbringung des Opfers anschickte und schon eine Stellung zwischen den beiden Säulen eingenommen hatte, plötzlich aber durch eine Bewegung gestört wurde, durch die die Ausführung völlig unmöglich wurde. Ich hielt es anfangs für eine jener Listen, deren die Liebe sich oft bedient, um den Sieg noch süßer zu machen, indem er durch Hindernisse erkauft werden muß, deren Überwindung die Wonne vergrößert; als ich aber sah, daß sie sich allen Ernstes verteidigte, sagte ich halb ärgerlich zu ihr: »Wie konnte ich diese Weigerung in einem Augenblick erwarten, wo ich in Ihren Augen zu lesen glaubte, daß Sie meine glühenden Wünsche teilen?« »Meine Augen haben Sie nicht getäuscht; aber was sollte ich zu meinem Mann sagen, wenn er mich anders fände, als Gott mich geschaffen hat?« »Es ist nicht möglich, daß er Sie unberührt gelassen hat!« »Liebster, ich lüge nicht; ich verspreche Ihnen, es Ihnen zu beweisen. Habe ich das Recht, eine Frucht, die Hymen gehört, zu verschenken, bevor er sie zum erstenmal gekostet hat?« »Nein, göttliches Weib, nein! Bewahre diese Frucht für einen Mund, der ihres Genusses nicht würdig ist. Ich beklage dich und bete dich an, komm in meine Arme. Überlasse dich meiner Liebe und fürchte nichts. Ich werde die Frucht nicht anbeißen, aber ich kann ihre Oberfläche kosten, ohne eine Spur darauf zurückzulassen.« Wir verbrachten drei Stunden damit, uns durch köstliche Ausgelassenheiten zu täuschen, die sehr dazu angetan waren, trotz unseren gegenseitigen wiederholten Sprengopfern uns von neuem zu entflammen. Das tausendmal wiederholte Versprechen, ganz mein zu sein, sobald Baret glauben könnte, sie besessen zu haben, tröstete mich über mein Mißgeschick. Nachdem ich sie auf dem Boulevard spazieren gefahren hatte, brachte ich sie nach Hause; dort verabschiedete ich mich von ihr, indem ich ihr eine Rolle von fünfundzwanzig Louis in die Hand drückte. Verliebt, wie ich nie zuvor ein Weib geliebt zu haben glaubte, fuhr ich täglich drei- oder viermal an ihrem Laden vorüber. Ich machte zu diesem Zweck ziemlich große Umwege, zum großen Mißvergnügen meines Kutschers, der mir unaufhörlich sagte, ich führe meine Pferde zuschanden. Ich war glücklich, wenn ich sah, wie sie auf den Augenblick meines Vorüberfahrens lauerte, und wie sie mir mit ihren lieblichen Fingerspitzen Küßchen zuwarf. Wir hatten abgemacht, daß sie mir nicht früher ein Zeichen zum Aussteigen geben sollte, als bis ihr Mann die Schwierigkeit besiegt hätte. Endlich kam dieser so heiß ersehnte, so ungeduldig erwartete Tag. Auf das verabredete Zeichen hieß ich den Kutscher halten; sie stieg auf das Trittbrett meines Wagens und sagte mir, ich möchte sie an der Tür der Kirche St.-Germain-d'Auxerrois erwarten. Ich war neugierig zu erfahren, was sie mir zu sagen hätte, und zu sehen, was bei dem Stelldichein herauskommen würde; ich fuhr daher sogleich nach dem verabredeten Ort, und eine Viertelstunde später kam auch sie, ihr hübsches Köpfchen in eine Kapuze gehüllt. Sie stieg in meinen Wagen, sagte, sie habe einige Einkäufe zu machen, und bat mich, sie nach dem Palais Marchand zu fahren. Ich hatte selber Geschäfte und sogar ziemlich dringende; aber was kann man einer angebeteten Frau abschlagen! Ich befahl dem Kutscher: Nach der Place Dauphine! und machte mich darauf gefaßt, meine Börse zu öffnen, denn ich hatte ein Vorgefühl, daß sie ohne Umstände darüber verfügen würde. In der Tat waren wir kaum in dem Kaufpalast angekommen, so trat sie, von den schmeichelhaften Worten der Verkäuferinnen angezogen, in alle Läden ein. Man bat sie, sich die Sachen anzusehen, und damit kramte man im Handumdrehen Schmucksachen, Kleinodien, Modewaren vor ihr aus, nannte sie Prinzessin und sagte ihr mit honigsüßen Worten, dies oder das werde ihr zum Entzücken stehen. Meine Baret sah mich an und sagte mir, man müsse allerdings zugeben, daß es sehr hübsch sei, und es würde ihr viel Vergnügen machen, wenn es nicht so teuer wäre. Mir machte es Spaß, freiwillig auf den Leim zu gehen; ich lobte die Waren noch mehr als die Verkäuferin, versicherte ihr, wenn etwas ihr gefiele, so könnte es gar nicht zu teuer sein, und bezahlte. Während meine Schöne tausend Kleinigkeiten aussuchte, an denen sie ihre Freude hatte, führte mir mein böses Geschick eine Bekanntschaft zu, durch die ich vier Jahre später in die entsetzlichste Lage geriet. Die Ereignisse unseres Lebens bilden eine ununterbrochene Kette. Ich sah zu meiner Linken ein junges Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren mit einem höchst anziehenden Gesicht neben einer alten Frau stehen, die an einem Paar Ohrringe aus Straß mäkelte, während das junge Mädchen, das sie in seinen hübschen Händen hielt, sie begehrlich betrachtete; sie sah ganz traurig aus, daß sie sie nicht kaufen konnte. Ich hörte sie zu der Alten sagen, diese Ohrbommeln würden sie glücklich machen, aber diese riß sie ihr aus der Hand und sagte ihr, sie solle weiter gehen. »Mein schönes Fräulein,« sagte die Verkäuferin zu ihr, »ich werde Ihnen billigere geben, die beinahe ebenso schön sind.« Aber die Kleine antwortete ihr, aus denen mache sie sich nichts, und schickte sich an, den Laden zu verlassen, indem sie meiner Prinzessin Baret eine tiefe Verbeugung machte. Dieser schmeichelte ohne Zweifel ein solches Zeichen von Ehrfurcht; sie tritt heran, nennt sie ihre kleine Königin, küßt sie, sagt ihr, sie sei hübsch wie ein Herz, und fragt die Alte, wer sie sei. »Sie ist meine Nichte, Fräulein de Boulainvilier.« »Und Sie sind so grausam, Madame,« sage ich zur Tante, »Ihrer reizenden Nichte ein Schmuckstück zu verweigern, das sie glücklich machen würde? Erlauben Sie mir, Madame, sie ihr anzubieten.« Mit diesen Worten drücke ich dem jungen Mädchen die Ohrbommeln in die Hand; ihre Stirn bedeckt sich mit einer lieblichen Röte, und sie sieht ihre Tante an, wie wenn sie sie um Rat fragen wollte. »Nimm nur, liebe Nichte, das schöne Geschenk an, das der Herr so gütig ist dir zu machen, und umarme ihn zum Zeichen deines Dankes.« »Die Ohrbommeln«, sagte die Verkäuferin zu mir, »kosten nur drei Louis.« Nun wurde plötzlich die Geschichte komisch, denn die Alte geriet in einen großen Zorn und rief: »Wie können Sie sich so sehr im Preise irren? Mir haben Sie sie zu zwei Louis angeboten!« »Sie irren sich, gnädige Frau, ich habe von Ihnen drei dafür verlangt.« »Das ist nicht wahr, und ich werde nicht dulden, daß Sie den Herrn bestehlen. Nichte, laß die Ohrbommeln liegen; die Frau kann sie behalten.« Soweit war das gut und recht; aber die Alte verdarb alles, indem sie mir sagte: wenn ich die drei Louis ihrer Nichte geben wollte, würde sie anderswo Ohrbommeln kaufen, die nochmal so schön wären. Da mir dies einerlei war, so legte ich lächelnd die drei Louis vor das Fräulein hin, das immer noch den Schmuck in der Hand hielt. Flink packte die Verkäuferin das Geld, indem sie sagte, der Handel wäre abgeschlossen, die drei Louis gehörten ihr und die Ohrringe wären Eigentum des Fräuleins. »Sie sind eine Betrügerin!« schrie die Alte wütend. »Und Sie eine alte Kupplerin!« versetzte die Verkäuferin; »ich kenne Sie.« Angelockt durch das Geschrei der beiden alten Hexen, sammelte sich ein Haufen Pöbel vor dem Laden. Da ich Unannehmlichkeiten voraussah, so nahm ich die Tante an den Arm und führte sie mit sanfter Gewalt hinaus. Die Nichte folgte ihr; sie freute sich, ihre schönen Ohrringe zu haben, und machte sich sehr wenig daraus, ob diese mir drei Louis oder zwei kosteten. Wir werden sie später wiederfinden. Nachdem meine Baret mich etwa zwanzig Louis hatte zum Fenster hinauswerfen lassen, die ich ja gerne ausgab, die aber ihr armer Mann gewiß besser hätte brauchen können, stiegen wir wieder in meinen Wagen, und ich brachte sie nach der Kirchentür zurück, wo ich sie getroffen hatte. Unterwegs sagte sie mir, sie würde fünf oder sechs Tage in Klein-Polen verbringen, und ihr Mann selber würde mich um die Gnade bitten, ihr diese Gefälligkeit zu erweisen. »Wann wird er mich darum bitten?« »Morgen! Kommen Sie bei uns vorbei und kaufen Sie einige Paar Strümpfe. Ich werde Kopfweh haben, und Baret wird mit Ihnen sprechen.« Wie man sich denken kann, stellte ich mich pünktlich bei dem Biedermann ein, und da ich seine Frau nicht im Laden sah, erkundigte ich mich freundschaftlich nach ihrem Befinden. »Sie ist krank und liegt zu Bett; sie muß einige Tage reine Landluft atmen.« »Wenn Sie wegen des Ortes noch keine Wahl getroffen haben, so biete ich Ihnen eine Wohnung in Klein-Polen an.« Er antwortete mir durch ein zustimmendes Lächeln. »Ich werde sie bitten, mein Anerbieten anzunehmen; unterdessen, Herr Baret, packen Sie mir ein Dutzend Strümpfe ein.« Ich ging hinauf und fand sie im Bett, aber mit lachendem Gesicht trotz ihrem Kopfweh. »Die Sache ist abgemacht,« sagte ich zu ihr; »Sie werden sofort Bescheid darüber erhalten.« Wirklich kam ihr Mann gleich mit meinen Strümpfen herein und teilte ihr mit, ich wolle die große Güte haben, ihr ein Zimmer bei mir einzuräumen. Die listige kleine Frau dankte nur, indem sie ihrem Mann versicherte, die frische Luft werde sie wieder gesund machen. »Es wird Ihnen an nichts fehlen, gnädige Frau; aber Sie werden mich gütigst entschuldigen, wenn ich wegen meiner Geschäfte Ihnen sehr wenig Gesellschaft leisten kann. Herr Baret kann die Nacht bei Ihnen verbringen und morgens in der Frühe fortgehen, um in seinem Laden zu sein, sobald dieser geöffnet wird.« Nach vielen Dankesbeteuerungen sagte Baret zuletzt, er werde seine Schwester zu sich kommen lassen, solange seine Frau bei mir wohne. Ich entfernte mich, indem ich ihnen sagte, ich würde noch vor dem Abend meine Befehle geben, damit sie aufgenommen würden, falls ich bei ihrer Ankunft nicht zu Hause sein sollte. Am nächsten Tage kam ich erst nach Mitternacht nach Hause, und meine Köchin meldete mir, daß das Ehepaar gut zu Abend gegessen habe und dann zu Bett gegangen wäre. Ich sagte ihr, daß ich alle Tage zu Hause speisen würde und daß ich keine Besuche empfinge. Am anderen Morgen stand ich frühzeitig auf und erkundigte mich, ob der Mann schon aufgestanden wäre. Ich erfuhr, er sei schon mit Tagesanbruch fortgegangen und werde erst zum Abendessen wiederkommen, die gnädige Frau schliefe noch. Ich war überzeugt, daß sie für mich nicht schlafen würde, und ging zu ihr, um ihr meinen ersten Besuch abzustatten. Sie war wirklich wach, und ich leitete unsere Freuden durch tausend Küsse ein, die sie mir mit Wucherzinsen zurückgab. Wir lachten über den Biedermann, der mir selber ein Kleinod anvertraut hatte, von dem ich einen so schönen Gebrauch zu machen gedachte, und wir wünschten uns Glück, daß wir eine ganze Woche in aller Freiheit uns gegenseitig opfern konnten. »Vorwärts, liebes Herz, steh auf und zieh einen Morgenrock an; wenn du fertig bist, erwartet uns das Frühstück in meinem Zimmer.« Sie brauchte nicht lange zum Anziehen: ein Morgenkleid aus Kattun; ein hübsches Häubchen mit einer feinen Spitze, ein leinenes Busentuch – das war alles. Aber wie wurde dieser Morgenanzug durch die rosige Frische ihrer Haut verschönert! Wir frühstückten ziemlich schnell, wir hatten es eilig; und als wir fertig waren, schloß ich meine Tür, und wir überließen uns dem Glück. Zu meiner Überraschung fand ich sie ebenso, wie ich sie das vorige Mal gelassen hatte, und ich sagte ihr, ich hätte doch gehofft ... sie aber ließ mir keine Zeit, meinen Satz zu Ende zu sprechen, und rief: »Lieber Schatz, Baret glaubt oder tut so, als glaube er, er habe seine Mannespflichten erfüllt; aber es ist nicht wahr. Ich habe mich jedoch entschlossen, mich mit deiner Hilfe in einen Zustand zu versetzen, daß ihm nicht mehr der leiseste Zweifel übrig bleibt.« »Damit, mein Engel, werden wir ihm einen wesentlichen Dienst leisten, und dies wird bald geschehen sein.« Mit diesen Worten befand ich mich bereits auf der Schwelle des Tempels, und ich sprengte die Tür mit einer Gewalt, die jeden Widerstand besiegte. Ein leiser Schrei und einige Seufzer verkündeten mir, daß das Opfer vollzogen war, und in der Tat war der Altar der Liebe von dem Blute des Opfers überströmt. Nach einer sehr notwendigen Abspülung betätigte der Oberpriester von neuem seinen Eifer an dem Opfer, das inzwischen alle Furcht verloren hatte und seinen Grimm herausforderte. Erst nach der vierten Opferung vertagten wir den Kampf auf ein anderes Mal. Wir schworen uns tausendmal Liebe und Treue, und vielleicht waren unsere Versprechungen aufrichtig, denn wir waren trunken vor Glück. Wir trennten uns nur, um uns umzukleiden. Hierauf machten wir einen Spaziergang im Garten und aßen dann zusammen zu Mittag; ein köstliches Mahl, das wir mit den besten Weinen anfeuchteten, gab uns die nötigen Kräfte wieder, um unsere glühenden Begierden zu befriedigen und sie durch die süßesten Genüsse einzuschläfern. Beim Nachtisch fragte ich sie, während ich ihr ein Glas Champagner eingoß, wie sie mit einem so feurigen Temperament habe unberührt bleiben können. »Die Liebe hätte schon früher eine Frucht pflücken können, deren Genuß Hymen versagt geblieben ist. Du bist siebzehn Jahre alt, und schon seit mindestens zwei Jahren ist die Birne reif.« »Ja, das glaube ich wohl, aber ich habe niemals geliebt – das ist der ganze Grund.« »Hat denn nicht irgendein liebenswürdiger Herr dir den Hof gemacht?« »Man hat mich umworben, aber vergeblich; mein Herz sprach nicht. Mein Vater hat vielleicht das Gegenteil geglaubt, als ich ihn vor einem Monat bat, mich recht schnell zu verheiraten.« »Das wäre ziemlich natürlich; aber warum hast du ihn denn so sehr gedrängt, da du nicht liebtest?« »Ich wußte, daß der Herzog von Elboef bald von seinem Landaufenthalt zurückkommen würde; und wenn er mich noch frei gefunden hätte, so würde er mich gezwungen haben, die Frau eines Mannes zu werden, der mich durchaus haben wollte, den ich aber verachte.« »Und wer ist denn dieser Mann, gegen den du eine solche Abneigung hast?« »Einer von den niederträchtigen Lustknaben des Herzogs, ein wahres Ungeheuer, das bei seinem Herrn schläft.« »Wie? Hat der Herzog solchen Geschmack?« »Ganz gewiß; er ist vierundachtzig Jahre alt und glaubt eine Frau geworden zu sein; er behauptet, er brauche einen Gatten.« Ich lachte laut auf. »Aber ist denn dieser Anbeter des Herzogs ein schöner Mann?« »Ich finde ihn gräßlich; aber alle Leute sagen, er sei schön.« Die reizende Baret verbrachte acht Tage bei mir, und jeden Tag erneuerten wir mehrere Male einen Kampf, worin wir stets Sieger und Besiegte waren. Ich habe wenig Frauen gesehen, die so hübsch und so anziehend waren, wie sie, und niemals eine frischere und weißere. Ihre Haut war wie Atlas und Rosenblätter; ihr Atem hatte etwas aromatisches, wodurch ihre Küsse unbeschreiblich süß wurden. Ihr Busen war wundervoll geformt, und seine mit zwei Korallenperlen geschmückten Halbkugeln waren hart wie Marmor. Die Wellenlinien ihrer Gestalt waren von einer Vollendung, die der Pinsel des geschicktesten Malers nicht hätte wiedergeben können. Ich fand in ihrer Betrachtung einen unbeschreiblichen Genuß, und mitten in meinem Glück fühlte ich mich unglücklich, daß ich nicht alle Begierden befriedigen konnte, die so viele Reize in mir erweckten. Der Fries, der die beiden Säulen krönte, bestand aus kleinen außerordentlich feinen Löckchen von blassem Golde, und meine Finger bemühten sich vergeblich, sie anders zu rollen, als die Natur es getan hatte. Es war nicht schwer, sie jene lebhaften und anmutigen Bewegungen zu lehren, die das Vergnügen verdoppeln; die Natur hatte sie von selber dazu erzogen, und ich glaube nicht, daß man eine vollkommenere Erziehung finden kann. Wir sahen mit gleichem Widerwillen den Tag der Trennung herannahen und konnten uns über dieses Unglück nur durch die Hoffnung trösten, sooft wie möglich wieder zusammenzukommen. Drei Tage nach ihrer Heimkehr besuchte ich sie, verliebter denn je, und schenkte ihr zwei Wertpapiere von je fünftausend Franken. Ihr Mann mochte sich sein Teil dabei denken; aber er war glücklich, seine Schulden bezahlen zu können, und er wurde durch diese unverhoffte Einnahme in den Stand gesetzt, sein Geschäft fortzuführen und das Ende des Krieges abzuwarten. Wie mancher Ehemann würde sich glücklich schätzen, eine so gewinnbringende Frau zu haben! Im Anfang des Monats November verkaufte ich für fünfzigtausend Franken Aktien an einen gewissen Garnier in der Rue du Mail, indem ich ihm den dritten Teil der bemalten Stoffe meines Lagers abtrat und einen von ihm bestimmten Kontrolleur annahm, der von unserer Handelsgesellschaft gemeinsam bezahlt werden sollte. Drei Tage nach der Unterzeichnung des Vertrages bekam ich das Geld. Aber in der Nacht erbrach der Arzt, der mein Lager verwaltete, den Geldschrank und verschwand. Ich habe mir die Möglichkeit dieses Diebstahls stets nur dadurch erklären können, daß der Maler mit im Einverständnis war. Dieser Verlust war für mich sehr empfindlich, denn meine Verhältnisse begannen in Unordnung zu geraten; um das Unglück voll zu machen, ließ Garnier mich gerichtlich auffordern, ihm die fünfzigtausend Franken zurückzuerstatten. Ich antwortete ihm, ich sei ihm nichts schuldig; denn er habe seinen Kontrolleur eingesetzt, Vertrag und Verkauf seien in bündiger Form abgeschlossen und als Teilhaber müsse er den Verlust zur Hälfte tragen. Da er bei seiner Meinung beharrte, riet man mir, ihn zu verklagen; aber Garnier kam mir zuvor, indem er den Vertrag für nichtig erklärte und mich mittelbar beschuldigte, die mir angeblich gestohlene Summe beiseite gebracht zu haben. Ich hätte ihn gerne tüchtig durchgeprügelt, um ihm Lebensart beizubringen, aber er war alt, und meine Sache wäre dadurch nicht besser geworden. Ich faßte mich also in Geduld. Der Kaufmann, der für den Arzt Bürgschaft geleistet hatte, war nicht mehr zu finden, er hatte Bankerott gemacht. Garnier ließ das ganze Lager mit Beschlag belegen und durch den Butterkönig in Klein-Polen meine Pferde, meine Wagen und alle meine Sachen pfänden. Infolge aller dieser Verdrießlichkeiten entließ ich alle meine Arbeiterinnen. Dies war auf alle Fälle eine große Ausgabe weniger. Ich schickte auch alle meine Arbeiter und Bedienten fort, die ich in meiner Fabrik hatte; nur der Maler blieb; er hatte nichts zu fordern, da er sich stets beim Verkauf der Stoffe bezahlt gemacht hatte. Mein Sachwalter war ein ehrlicher Mann, was man selten findet; aber mein Advokat, der mir stets versicherte, mein Prozeß sei bald zu Ende, war ein Schuft. Im Laufe des Verfahrens schickte Garnier mir eine verfluchte Verfügung, die mich zur Zahlung verurteilte. Ich brachte sie sofort meinem Advokaten, der mir versprach, am selben Tage Berufung einzulegen. Er tat es nicht und eignete sich dadurch alle Kosten an, die ich bezahlte oder zu bezahlen glaubte, um einen Prozeß fortzuführen, den ich gerechterweise nicht hätte verlieren dürfen. Er wußte mir noch zwei andere gerichtliche Aufforderungen vorzuenthalten, und plötzlich wurde, ohne daß ich die geringste Ahnung davon hatte, wegen Nichterscheinens Schuldhaft gegen mich verfügt. Um acht Uhr morgens wurde ich in der Rue St.-Denis in meinem eigenen Wagen verhaftet; der Sbirrenführer setzte sich an meine Seite, ein zweiter nahm neben dem Kutscher Platz, und ein dritter stieg hinten auf. In diesem Aufzug zwang man den Kutscher nach dem Gefängnis Fort-l'Evêque zu fahren. Als die Diener der Gerechtigkeit mich dem Kerkermeister übergeben hatten, sagte mir dieser, ich könnte sofort meine Freiheit wiedererlangen, indem ich fünfzigtausend Franken leiste oder gute Bürgschaft dafür stellte. »Ich habe weder das eine noch das andere zur Hand.« »Dann werden Sie also im Gefängnis bleiben.« Der Kerkermeister führte mich in ein ziemlich sauberes Zimmer, und ich sagte ihm, ich hätte nur eine einzige Aufforderung bekommen. »Dies wundert mich gar nicht,« antwortete er mir, »so etwas kommt sehr häufig vor, aber es ist sehr schwer zu beweisen.« »Bringen Sie mir alles, was man zum Schreiben braucht, und besorgen Sie mir einen sicheren Dienstmann!« Ich schrieb an meinen Advokaten, an meinen Sachwalter, an Frau von Urfé und an alle meine Freunde, zuletzt an meinen Bruder, der sich kurz vorher verheiratet hatte. Der Sachwalter kam sofort, der Advokat aber begnügte sich damit, mir zu schreiben, er habe die Berufung zu Protokoll gegeben; meine Verhaftung sei ungesetzlich und könne der Gegenpartei teuer zu stehen kommen. Zum Schluß bat er mich, ich möchte ihn handeln lassen und einige Tage Geduld haben. Manon Baletti schickte mir durch ihren Bruder ihre Diamantohrbommeln. Frau du Rumain schickte mir ihren Advokaten, einen Mann von seltener Rechtschaffenheit, und schrieb mir in einem freundschaftlichen Briefchen, wenn ich fünfhundert Louis nötig hätte, würde sie sie mir am nächsten Morgen schicken. Mein Bruder antwortete mir nicht und besuchte mich nicht. Meine liebe Frau von Urfé ließ mir sagen, sie erwarte mich zum Mittagessen. Ich schrieb dies ihrer Verrücktheit zu, denn ich konnte doch nicht annehmen, daß sie sich über mich lustig machen wollte. Um elf Uhr war mein Zimmer voll von Besuchern. Der arme Baret kam weinend und stellte mir seinen ganzen Laden zur Verfügung. Der brave Mann rührte mich wirklich. Endlich meldete man mir eine Dame, die in einem Fiaker vorgefahren sei. Ich wartete, aber niemand kam. Ungeduldig ließ ich den Schließer rufen, und dieser sagte mir, sie habe beim Gefängnisschreiber einige Erkundigungen eingezogen und sei wieder abgefahren. An der Beschreibung erkannte ich sofort Frau von Urfé. Es war für mich ein unangenehmes Gefühl, mich meiner Freiheit beraubt zu sehen. Ich erinnerte mich der Bleikammern, und obgleich ich meine jetzige Lage in keiner Weise mit der damaligen vergleichen konnte, so fühlte ich mich doch unglücklich, denn diese Verhaftung mußte mich in ganz Paris um meinen guten Ruf bringen. Da ich dreißigtausend Franken flüssig hatte und für den doppelten Betrag Juwelen besaß, so hätte ich Zahlung leisten und sofort das Gefängnis verlassen können, aber ich konnte mich nicht zu diesem Opfer entschließen, obgleich der Anwalt der Frau du Rumain mir sehr dringend zuredete, um jeden Preis das Gefängnis zu verlassen. »Sie brauchen,« sagte dieser Edelmann zu mir, »nur die Hälfte der Summe zu hinterlegen; ich werde sie dem Gerichtsschreiber überweisen und verspreche Ihnen in kurzer Zeit ein günstiges Urteil, auf Grund dessen Sie sie zurückziehen können.« Wir unterhielten uns lebhaft über diese Frage, als mein Kerkermeister eintrat und sehr höflich zu mir sagte: »Mein Herr, Sie sind frei, und eine Dame erwartet Sie vor der Tür in ihrem Wagen.« Ich rief meinen Kammerdiener Leduc und befahl ihm nachzusehen, wer die Dame sei. Es war Frau von Urfé. Ich machte allen Anwesenden meine Verbeugung und fand mich nach einer vierstündigen, sehr unangenehmen Haft in einer prachtvollen Kutsche. Frau von Urfé empfing mich mit großer Würde. Ein Gerichtspräsident in seinem Amtsbarett, der neben ihr in der Berline saß, bat mich um Verzeihung wegen seines Landes, wo infolge schreiender Mißstände die Fremden oft derartigen Mißhandlungen ausgesetzt wären. Ich dankte Frau von Urfé mit wenigen Worten und sagte, ich sähe mich mit sehr großem Vergnügen als ihren Schuldner, aber den Vorteil von ihrer edlen Freigebigkeit würde Garnier haben. Sie antwortete mir mit einem angenehmen Lächeln, er würde den Vorteil nicht so leicht davontragen; übrigens würden wir beim Essen darüber sprechen. Sie bat mich, sofort einen Spaziergang in den Tuilerien und im Palais-Royal zu machen, um das Publikum zu überzeugen, daß das Gerücht von meiner Verhaftung falsch wäre. Der Rat war gut; ich erklärte mich bereit und versprach ihr, um zwei Uhr bei ihr zu sein. Ich zeigte mich also auf den beiden belebtesten Spaziergängen von Paris, auf denen wenigstens, wo man Einzelmenschen am meisten beachtet – denn auf den Boulevards sieht man nur Massen. Ich ergötzte mich an dem Erstaunen gewisser Leute, von denen ich wußte, daß sie mich kannten. Dann brachte ich meiner teuren Manon die Ohrringe zurück; sie stieß bei meinem Anblick einen Schrei glücklicher Überraschung aus. Ich dankte ihr zärtlich für den Beweis ihrer Anhänglichkeit, den sie mir gegeben, und ich sagte der ganzen Familie, ich sei nur deshalb verhaftet worden, weil man mich in einen Hinterhalt gelockt hätte; aber der Schuldige würde mir dies teuer bezahlen. Ich versprach ihnen, den Abend bei ihnen zuzubringen, und begab mich zu Frau d'Urfé. Die gute Dame, deren fixe Idee der Leser ja kennt, machte mich lachen, als sie bei meinem Anblick sofort zu mir sagte, ihr Genius habe ihr mitgeteilt, daß ich mich absichtlich hätte verhaften lassen, weil ich aus Gründen, die nur mir bekannt wären, wünschte, daß von mir gesprochen würde. »Sobald ich von Ihrer Verhaftung vernahm, fuhr ich nach dem Fort-l'Evêque, und als ich vom Gefängnisschreiber erfuhr, worum es sich handelte, holte ich mir Wertpapiere aus dem Stadthaus und hinterlegte diese als Sicherheit für Sie. Aber, wenn es Ihnen nicht gelingt, Gerechtigkeit zu erhalten, so wird Garnier es mit mir zu tun bekommen, bevor der sich durch die von mir hinterlegten Papiere bezahlt machen kann. Sie, mein lieber Freund, müssen vor allen Dingen Strafanzeige gegen Ihren Advokaten machen; denn es liegt auf der Hand, daß er Ihre Berufung nicht hat eintragen lassen und daß er Sie betrogen und bestohlen hat.« Ich verließ sie gegen Abend mit der Versicherung, daß sie binnen wenigen Tagen ihre Bürgschaft würde zurückziehen können. Dann ging ich erst ins Théâtre Français und hierauf in die italienische Komödie und zeigte mich in den Foyers, um damit mein Wiedererscheinen vollständig zu machen. Hierauf ging ich zu Manon Baletti zum Abendessen. Sie war ganz glücklich, eine Gelegenheit gefunden zu haben, mir einen Beweis ihrer zärtlichen Liebe zu geben. Ich machte ihre Freude vollständig, als ich ihr sagte, daß ich meine Fabrik aufgeben würde; denn sie war überzeugt, daß mein Harem das einzige Hindernis unserer Heirat wäre. Den ganzen folgenden Tag verbrachte ich bei Frau von Urfé. Ich fühlte, wieviel ich ihr verdankte, während sie mit ihrem ausgezeichneten Herzen glaubte, daß keine Belohnung hoch genug wäre für meine Orakelsprüche, dank denen sie nach ihrer Meinung niemals einen Fehltritt tun konnte. Ich begriff nicht, wie diese sehr kluge und sonst in jeder anderen Beziehung sehr vernünftige Frau in diesem Punkte so töricht sein konnte. Es tat mir leid, ihr nicht ihre Täuschung benehmen zu können; anderseits war ich glücklich, wenn ich bedachte, daß ich gerade dieser Täuschung die Achtung verdankte, die sie mir zollte. sni Durch meine Verhaftung wurde Paris mir zum Ekel, und ich bekam gegen Prozesse einen Haß, den ich noch jetzt empfinde. Ich sah mich in ein Labyrinth von Streitigkeiten sowohl mit Garnier wie mit meinem Advokaten verstrickt. Mit war zumute, wie wenn ich zum Galgen ginge, sooft ich Termine wahrnehmen, mein Geld an Advokaten zahlen und eine kostbare Zeit verlieren mußte, die ich nur wohl angewandt glaubte, wenn ich mir Genüsse verschaffte. In diesem Zustand fortwährender Aufregungen, die so wenig meinem Charakter angemessen waren, faßte ich den weisen Entschluß, ernstlich für die Erwerbung eines Vermögens zu arbeiten, um mich von den Ereignissen unabhängig zu machen und mich nach meinem Geschmack unterhalten zu können. Ich beschloß vor allen Dingen, alles, was ich in Paris besaß, zu verkaufen, sodann noch einmal nach Holland zu gehen, um neue Mittel zu erwerben, diese als lebenslängliche Rente auf zwei Köpfe anzulegen, und fortan frei von allen lästigen Sorgen zu leben. Die zwei Köpfe sollten der meiner Frau und mein eigener sein, meine Frau aber sollte Manon Baletti sein. Dieser Plan, den ich ihr mitteilte, würde ihre höchsten Wünsche befriedigt haben, wenn ich ihrem Ansinnen nachgegeben und vor allen anderen Dingen sie geheiratet hätte. Zunächst verzichtete ich auf Klein-Polen, das ich nur bis zum Ende des Jahres gemietet hatte; hierauf ließ ich mir von der Militärschule achtzigtausend Franken auszahlen, die als Kaution für mein Lotteriebureau in der Rue St.-Denis dienten. Auf diese Weise entledigte ich mich meiner lächerlichen Anstellung als Lotterieeinnehmer. Das Bureau schenkte ich meinem Geschäftsführer, nachdem ich ihn verheiratet hatte; ich machte auf diese Weise sein Glück. Ein Freund seiner Frau zahlte die Kaution für ihn; das kommt ja ziemlich häufig vor. Da ich Frau von Urfé nicht die Verlegenheit eines lächerlichen Prozesses mit Garnier hinterlassen wollte, so ging ich nach Versailles und bat seinen Busenfreund, den Abbé de la Ville, ihn zu einem freundschaftlichen Vergleich zu bestimmen. Garnier befand sich in Rueil; ich suchte ihn dort auf. Er besaß dicht bei dem Dorf ein Haus, das ihm vierhunderttausend Franken gekostet hatte, eine schöne Besitzung für einen Mann, der durch Proviantlieferungen während des letzten Krieges ein großes Vermögen erworben hatte. Er lebte im Überfluß, aber er hatte das Unglück, mit siebzig Jahren noch die Frauen zu lieben; denn, da er impotent war, konnte er nicht glücklich sein. Ich fand ihn in Gesellschaft von drei hübschen jungen Mädchen, die, wie ich später erfuhr, von guter Familie waren; aber sie waren arm, und die Armut allein konnte sie zwingen, gefällig zu sein und das ekelhafte Zusammensein mit dem alten Wüstling zu ertragen. Ich blieb zum Essen und hatte Gelegenheit, ihre Bescheidenheit zu beobachten, die sie sich in der demütigenden Lage trotz ihrer Bedürftigkeit bewahrt hatten. Nach dem Essen schlief Garnier ein und überließ es mir, die liebenswürdigen jungen Mädchen zu unterhalten, die ich gerne aus ihrer unglücklichen Lage befreit hätte, wenn es mir möglich gewesen wäre. Als er erwacht war, gingen wir in sein Arbeitszimmer, um über unsere Angelegenheit zu sprechen. Ich fand ihn zuerst anspruchsvoll und zäh; als ich ihm jedoch gesagt hatte, daß ich Paris in wenigen Tagen zu verlassen gedachte, begriff er, daß er mich daran nicht hindern könnte, daß Frau von Urfé den Prozeß weiter führen würde, daß diese ihn nach Belieben hinausziehen und daß er ihn schließlich gar verlieren könnte. Dies gab ihm zu denken, und er lud mich ein, über Nacht bei ihm draußen zu bleiben. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück sagte er zu mir: »Mein Entschluß steht fest: ich verlange fünfundzwanzigtausend Franken, oder ich prozessiere bis zu meinem Tode.« Ich antwortete ihm, er würde den Betrag bei dem Notar der Frau von Urfé finden und könnte ihn einziehen, sobald er die mit Beschlag belegte Kaution im Fort-l'Evêque freigegeben hätte. Frau von Urfé wollte sich nicht überzeugen lassen, daß ich recht getan hätte, auf einen Vergleich einzugehen. Es gelang mir erst, als ich ihr sagte, mein Orakel hätte von mir verlangt, daß ich Paris nicht eher verließe, als bis ich alle meine Angelegenheiten geordnet hätte, damit mich niemand beschuldigen könnte, mich entfernt zu haben, um mich der Verfolgung von unbefriedigten Gläubigern zu entziehen. Einige Tage darauf verabschiedete ich mich von Herrn de Choiseul. Er versprach mir, an Herrn d'Affry zu schreiben, er möge mir bei allen meinen Unterhandlungen zur Seite stehen, um womöglich eine fünfprozentige Anleihe, entweder bei den Generalstaaten oder bei einer Gesellschaft von Privatleuten, zustande zu bringen. »Sie können«, sagte er zu mir, »überall versichern, daß im Laufe des Winters der Friede abgeschlossen wird, und ich verspreche Ihnen, ich werde nicht dulden, daß man Sie nach Ihrer Rückkehr nach Frankreich um Ihre Rechte bringt.« Herr von Choiseul täuschte mich, denn er wußte recht gut, daß der Friedensschluß nicht erfolgen würde. Aber ich hatte überhaupt keine besonderen Absichten, und mein übergroßes Vertrauen, das ich in Herrn de Boulogne gesetzt hatte, ärgerte mich zu sehr, als daß ich etwas zugunsten der Regierung ohne greifbaren und augenblicklichen Vorteil hätte unternehmen mögen. Ich verkaufte meine Pferde, meine Wagen, meine Möbel und stellte Bürgschaft für meinen Bruder, der in Schulden geraten war, die er sicher war, in kurzer Zeit bezahlen zu können, denn es standen auf der Staffelei mehrere Gemälde, die von ihren Bestellern, reichen Kavalieren, ungeduldig erwartet wurden. Ich nahm Abschied von Manon, die ich in Tränen aufgelöst zurückließ, obgleich ich ihr aufrichtigsten Herzens schwor, daß ich bald zurückkommen würde, um sie zu heiraten. Als ich endlich mit allen Reisevorbereitungen fertig war, verließ ich Paris mit hunderttausend Franken in guten Wechseln und mit Juwelen im gleichen Wert. Ich fuhr allein in meinem Postwagen; Leduc ritt voraus, weil der Bursche lieber im Sattel als auf dem Kutschbock saß. Dieser Leduc war ein Spanier von achtzehn Jahren, ein sehr intelligenter Junge, den ich besonders deshalb gern hatte, weil er mich besser frisierte als irgendein anderer; ich versagte ihm kein Vergnügen, das ich ihm für billiges Geld verschaffen konnte. Außer ihm hatte ich einen guten Schweizer Lakai, der mir als Kurier diente. Wir schrieben den ersten Dezember 1759; die Kälte war ziemlich empfindlich; aber ich hatte mich gegen ihre Strenge geschützt. Mein Wagen war dicht geschlossen, so daß ich bequem lesen konnte; ich nahm zu diesem Zweck den Geist von Helvétius mit, den ich noch nicht Zeit gehabt hatte, zu lesen. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, war ich noch mehr erstaunt über das Aufsehen, das es gemacht hatte, als über die Dummheit des Parlaments, das es verurteilt hatte; diese hohe Körperschaft stand unter dem Einfluß der Geistlichkeit und des Hofes und hatte auf Betreiben dieser beiden alles mögliche getan, um den sehr liebenswürdigen Helvétius, der sicherlich mehr Geist hatte als sein Buch, zugrunde zu richten. Ich fand in dem Buch nichts Neues, weder in dem historischen Teil über die Sitten der Nationen, worin Helvétius uns allerlei Unsinn auftischt, noch in der Moral, die er aus seinen Erörterungen ableitet. Alle diese Dinge sind seit Jahrhunderten gesagt und wieder gesagt; Blaise Pascal hatte unendlich viel mehr gesagt, aber besser und rücksichtsvoller. Helvétius wurde gezwungen, sein Buch zu widerrufen, wenn er seinen Wohnsitz in Frankreich behalten wollte. Er zog das angenehme Leben, das er dort führte, seiner Ehre und der seines Systems vor, will sagen: seinem eigenen Geist. Seine Frau hatte eine größere Seele als er; denn sie war dafür, lieber ihre ganze Habe zu verkaufen und nach Holland zu flüchten, als sich der Schmach eines Widerrufs zu unterwerfen. Helvétius würde vielleicht der edlen Eingebung seiner Gattin gefolgt sein, wenn er hätte voraussehen können, daß sein unbegreiflicher Widerruf aus seinem Buch ein Schelmenstück machen würde; denn indem er widerrief, gestand er anscheinend zu, daß er es ohne Überzeugung geschrieben, daß er nur gespaßt hätte und daß alle seine Beweisführungen nur Sophismen wären, übrigens hatten viele gute Köpfe nicht erst seinen Widerruf abgewartet, um sein erbärmliches System in seinem rechten Wert zu erkennen Ich finde Casanovas Urteil über das Buch entschieden zu hart. Der historische Teil enthält eine Menge interessanten Materials und der philosophische eine Fülle anregender Ideen. Jedenfalls steht das Werk viel höher als Max Stirners vielberufenes Buch »Der Einzige und sein Eigentum«, worin sich fast kein Gedanke vorfindet, den Helvétius nicht besser und in schönerer Form gesagt hätte. . Wie? Weil der Mensch in allem, was er tut, stets der Sklave seines eigenen Interesses ist, so sollte daraus folgen, daß jedes Gefühl von Dankbarkeit lächerlich ist und daß keine einzige unserer Handlungen uns ehren oder entehren kann? Ein Schurke und ein Ehrenmann sollten mit dem gleichen Gewicht gemessen werden können? Wenn ein so trostloses System nicht töricht wäre, dann wäre die Tugend nichts weiter als ein Köder für Dummköpfe; und wenn es sich verwirklichen ließe, so würde die Gesellschaft es ächten, denn sie könnte inmitten der Verderbnis, die die unvermeidliche Folge sein würde, nicht weiter bestehen; mit um so größerem Rechte muß sie daher dieses System vernichten, da alles ihr seine scheußliche Unnatur beweist. Man hätte Helvétius nachweisen können, daß es falsch ist, wenn er behauptet, daß bei all unserem Tun unser Eigennutz der Haupthebel ist, und daß wir daher vor allem anderen bei diesem Gefühl uns unseren Rat holen müssen. Es ist eigentümlich, daß er, der doch Tugend so trefflich übte, die Tugend nicht wollte gelten lassen. Wäre es möglich, daß er sich selber niemals für einen Ehrenmann gehalten hätte, da doch alle seine Handlungen ihn als Mann von Ehre erwiesen? Es wäre scherzhaft, wenn nur ein Gefühl der Bescheidenheit ihn dazu angeregt hätte, sein Werk zu veröffentlichen! Aber schon dadurch wäre die Wahrheit seines Systems umgestoßen worden, und wenn dies der Fall ist, hat er dann wohl daran getan, sich verächtlich zu machen, um nicht den Vorwurf des Stolzes zu verdienen? Bescheidenheit ist nur dann eine Tugend, wenn sie natürlich ist; ist sie nur zur Schau getragen oder äußert sie sich nur als eine einfache Wirkung der Erziehung, so ist sie ekelhaft. Ich habe niemals einen so wirklich bescheidenen Menschen gekannt, wie den berühmten d'Alembert. In Brüssel, wo ich zwei Tage verbrachte, nahm ich im »Gasthof zur Kaiserin« Wohnung; zufällig traf ich dort Fräulein X.C.V. mit Farsetti; aber ich tat, wie wenn ich sie nicht bemerkte. Von dort fuhr ich ohne Aufenthalt nach dem Haag, wo ich im »Prinzen von Oranien« abstieg. Ich fragte den Wirt, welche Personen er zu Tisch hätte, und er sagte mir, es seien Generäle und höhere Offiziere der Hannoverschen Armee, englische Damen und ein Fürst Piccolomini mit seiner Gemahlin. Diese Mitteilung veranlaßte mich, einer so guten Gesellschaft mich anzuschließen. Da ich allen unbekannt war, beschränkte ich mich auf die Rolle des stillen Beobachters; besondere Aufmerksamkeit widmete ich der angeblichen italienischen Fürstin, die ziemlich hübsch war, und hauptsächlich ihrem Mann, der mir bekannt vorkam. Im Laufe der Unterhaltung kam man auch auf den berühmten St.-Germain zu sprechen, und ich erfuhr, daß er in demselben Gasthause wohnte. Ich hatte mich auf mein Zimmer begeben und wollte gerade zu Bett gehen, als mein Fürst Piccolomini eintrat und mich wie einen alten Bekannten umarmte. »Ein Blick, den Sie mir zuwarfen,« sagte er, »hat mir bewiesen, daß Sie mich wiedererkannten. Ich habe Sie ebenfalls sofort erkannt, obwohl sechzehn Jahre verflossen sind, seitdem wir uns in Vicenza sahen. Morgen können Sie allen Leuten sagen, daß wir uns wiedererkannt haben, und daß ich nicht Fürst, wohl aber Graf bin; hier ist mein Paß vom König von Neapel. Bitte lesen Sie ihn.« Er hatte mit solcher Geschwindigkeit auf mich eingeredet, daß ich nicht ein einziges Wort hatte sprechen können. So genau ich auch die Züge meines Besuchers musterte, so erinnerten sie mich doch an weiter nichts, als daß ich ihn einmal gesehen hatte; aber Zeit, oder nähere Umstände vermochte ich nicht anzugeben. Ich öffnete den Paß und sah die Namen: Ruggero di Rocco, conte Piccolomini. Dies genügte mir: ich erinnerte mich, daß ein Mensch dieses Namens in Vicenza Fechtmeister war. Jetzt erkannte ich auch seine Züge. Obwohl sie sich sehr verändert hatten, so ließen sie mir doch keinen Zweifel, daß der Klopffechter und der Graf ein und dieselbe Person waren. »Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte ich zu ihm, »daß Sie Ihren damaligen Beruf nicht mehr betreiben; Ihr jetziger ist ohne Zweifel besser.« »Ich betrieb damals jenes Gewerbe, um nicht Hungers zu sterben, denn ich hatte einen so hartherzigen Vater, daß er mir nicht einmal meinen Lebensunterhalt gab; ich hatte meinen Namen geändert, um ihn nicht zu erniedrigen. Nach dem Tode meines Vaters habe ich sein Vermögen geerbt und habe in Rom die Dame geheiratet, die Sie sahen.« »Sie haben einen guten Geschmack gehabt, denn sie ist schön.« »Ja, man findet sie schön, und ich habe sie aus Liebe geheiratet.« Schließlich lud er mich ein, ihn am nächsten Tage nach dem Essen auf seinem Zimmer zu besuchen; ich würde dort gute Gesellschaft finden und eine Pharaobank, die er selber hielte. Er fügte ohne Umstände hinzu, wenn ich wollte, würde er mich als Teilhaber annehmen und ich würde meine Rechnung dabei finden. Ich dankte ihm und versprach ihm meinen Besuch. Am Morgen ging ich ziemlich frühzeitig aus und sprach auf einen Augenblick beim Juden Boas vor; die Wohnung, die er mir in seinem Hause anbot, lehnte ich höflich ab. Hierauf machte ich dem Grafen d'Affry meine Aufwartung, der nach dem Tode der Regentin, Prinzessin von Oranien, zum Botschafter Seiner Allerchristlichen Majestät befördert worden war. Er nahm mich sehr gut auf, sagte mir aber sofort, ich würde meine Zeit verlieren, wenn ich in der Hoffnung, für die Regierung einige gute Geschäfte zu machen, nach Holland zurückgekehrt wäre; denn die Maßregel des Generalkontrolleurs habe den Kredit Frankreichs vernichtet, und man erwarte allgemein einen Staatsbankrott. »Dieser Herr Silhouette hat dem König einen schlechten Dienst geleistet. Dies tut mir ungeheuer leid. Er mag noch so oft sagen, die Zahlungen seien nur auf ein Jahr eingestellt – man hört überall lautes Geschrei der Entrüstung.« Hierauf fragte er mich, ob mir ein vor kurzem im Haag angekommener Graf von St.-Germain bekannt wäre. »Ich habe ihn niemals bei mir gesehen,« fügte er hinzu, »obwohl er behauptet, vom König zur Aufnahme einer Anleihe von hundert Millionen ermächtigt zu sein. Wenn man mich um Auskunft über diesen Menschen fragt, bin ich genötigt, zu antworten, daß ich ihn nicht kenne, denn ich fürchte mich bloßzustellen. Sie begreifen, daß meine Antwort seinen Unterhandlungen nur schaden kann; aber das ist seine Schuld und nicht meine. Warum hat er mir nicht einen Brief vom Herzog von Choiseul oder von der Frau Marquise gebracht? Ich glaube, der Mensch ist ein Betrüger; aber ich werde auf alle Fälle in etwa zehn Tagen darüber etwas wissen.« Ich sagte ihm nun alles, was ich über diesen eigentümlichen und außerordentlichen Mann wußte. Er war nicht wenig überrascht, als er hörte, daß der König ihm eine Wohnung in Chambord angewiesen hatte. Als ich ihm aber sagte, daß er nach seiner Behauptung das Geheimnis besäße, Diamanten zu machen, da lachte er und sagte, nun zweifle er nicht mehr daran, daß der Graf die hundert Millionen finden werde. Als ich mich verabschiedete, lud Herr d'Affry mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. In den Gasthof zurückgekehrt, ließ ich mich beim Grafen St.-Germain melden, der zwei Haiduken in seinem Vorzimmer hatte. »Sie sind mir zuvorgekommen,« sagte er, als er mich eintreten sah, »ich wollte mich gerade bei Ihnen melden lassen. Ich denke mir, mein lieber Herr Casanova, Sie sind hierher gekommen, um, wenn möglich, etwas zugunsten unseres Hofes auszurichten; aber dies wird Ihnen schwer fallen, denn die Börse ist empört über die Maßregeln dieses verrückten Silhouette. Ich hoffe indessen trotz dieser Widerwärtigkeit hundert Millionen zu finden. Ich habe dem König, den ich meinen Freund nennen darf, mein Wort darauf gegeben, und ich werde ihn nicht täuschen; in drei bis vier Wochen wird mein Geschäft erledigt sein.« »Ich denke mir, Herr d'Affry wird Ihnen zum Gelingen behilflich sein.« »Ich bedarf seiner durchaus nicht. Ich werde ihn wahrscheinlich nicht einmal besuchen; denn er könnte sich rühmen, mir geholfen zu haben, und dies wünsche ich nicht. Da ich die ganze Mühe davon habe, will ich auch den ganzen Ruhm dafür haben.« »Sie gehen doch wohl zu Hofe; da wird der Herzog von Braunschweig Ihnen nützlich sein können.« »Was soll ich bei diesem Hofe anfangen? Mit dem Herzog von Braunschweig habe ich nichts zu tun, und ich will seine Bekanntschaft nicht machen. Ich brauche nur nach Amsterdam zu gehen. Mein Kredit genügt mir. Ich liebe den König von Frankreich; denn es gibt in seinem ganzen Lande keinen größeren Ehrenmann.« »Kommen Sie doch zum Essen an den großen Tisch; es sind lauter tadellose Leute; Sie werden sich dort wohl fühlen.« »Wie Sie wissen, esse ich nicht; außerdem setze ich mich niemals an einen Tisch, wo ich Unbekannte finden kann.« »Nun, so leben Sie denn wohl, Herr Graf; wir werden uns in Amsterdam wiedersehen!« Ich ging in den Speisesaal, wo ich mich bis zum Anrichten mit einigen Offizieren unterhielt. Man fragte mich, ob Fürst Piccolomini hier bekannt sei; ich antwortete, ich hätte ihn nach dem Abendessen wiedererkannt; er wäre Graf und nicht Fürst, und ich hätte ihn seit sehr langer Zeit nicht gesehen. Als er mit seiner schönen Römerin, die nur italienisch sprach, hereinkam, erwies ich ihm einige Höflichkeiten; hierauf setzten wir uns zu Tisch. Zwölftes Kapitel Porträt der angeblichen Gräfin Piccolomini. – Streit, Zweikampf. – Ich sehe Esther und ihren Vater Herrn d'O. wieder. – Esther ist immer noch von der Kabbala begeistert; gefälschter Wechsel Piccolomims; Folgen. – Ich werde überfallen, und bin in Gefahr, ermordet zu werden. – Orgie mit zwei Paduanerinnen; Folgen davon. – Ich enthülle Esther ein großes Geheimnis. – Ich mache die Umtriebe des Betrügers St.-Germain zuschanden. – Seine Flucht. – Manon Baletti wird mir untreu; sie schreibt mir einen Brief, worin sie mir ihre Heirat meldet; meine Verzweiflung; Esther verbringt einen ganzen Tag mit mir. – Sie erhält Manons Porträt und meine Briefe an diese. – Heiratsgedanken. Die angebliche Gräfin Piccolomini war eine schöne Abenteurerin – eine junge Römerin, groß, gut gewachsen, mit feurigen schwarzen Augen und einer blendend weißen Haut. Aber es war nicht jene natürliche Weiße, welche den Männern, die den ganzen Wert einer Haut von Atlas und Rosenblättern fühlen, so sehr gefällt; sondern es war jene künstliche Weiße, die man überall in Rom an der Haut der Kurtisanen bemerkt und die denen, die die Ursache kennen, so sehr mißfällt. Übrigens hatte sie einen schönen Mund, prachtvolle Zähne und wundervolle Haare vom schönsten Ebenholzschwarz, nach ihren fein geschwungenen schwarzen Augenbrauen zu schließen. Mit diesen Vorzügen verband sie ein gewinnendes Benehmen und einen Anstrich von Geist; aber ein gewisses Etwas blickte aus allem hervor, verriet die Abenteurerin und flößte mir eine Art von Abneigung gegen sie ein. Da Frau von Piccolomini nur italienisch sprach, so hätte sie bei Tisch die Stumme spielen müssen, wenn nicht ein englischer Offizier, namens Walpole, sie nach seinem Geschmack gefunden und sich mit ihr unterhalten hätte. Dieser Engländer flößte mir Freundschaft ein, aber gewiß war dies keine Sympathie; denn wenn ich blind oder taub gewesen wäre, würde ich für Sir Walpole weder Haß noch Liebe empfunden haben; meine Gefühle für ihn waren nur durch Augen und Ohren entstanden. Obgleich die schöne Piccolomini mir nicht gefallen hatte, begab ich mich doch mit dem großen Teil der Gäste nach dem Essen auf ihr Zimmer. Der Graf setzte sich zu einer Partie Whist nieder, und Walpole spielte mit der Gräfin, die ihn wie eine abgefeimte Gaunerin betrog, eine Partie Primiera. Walpole merkte es wohl, aber er bezahlte und lachte, weil es ihm gerade recht war. Als er etwa fünfzig Louis verloren hatte, bat er um Gnade, und die Gräfin lud ihn ein, sie ins Theater zu begleiten. Dies war dem liebenswürdigen Engländer sehr erwünscht; er nahm die Einladung an, und die Signora ging mit ihm ab, während ihr Gemahl seinen Whist weiter spielte. Ich ging ebenfalls ins Theater, und der Zufall wollte es, daß ich im Parkett neben dem Grafen Tott saß, dem Bruder jenes Tott, der durch seinen Aufenthalt in Konstantinopel so berühmt wurde. Wir wechselten einige Worte, und er teilte mir mit, daß er Frankreich wegen eines Duells verlassen hätte. Ein Mensch hatte ihn damit aufgezogen, daß er nicht an der Schlacht bei Minden teilgenommen hatte, und hatte gesagt, er sei absichtlich nicht zur rechten Zeit zu seinem Korps gestoßen. Er hatte ihm seine Tapferkeit bewiesen, indem er ihm einen Degenstich beibrachte – eine barbarische Weise, Recht zu behalten, aber damals wie heute eine beliebte Beweisführung. Er sagte mir auch, er habe kein Geld, und ich beeilte mich, ihm meine Börse zu öffnen; da aber, wie man sagt, eine Wohltat niemals verloren ist, so sprang er seinerseits mir bei, als wir uns fünf Jahre später in St. Petersburg trafen. Während eines Zwischenaktes bemerkte er die Gräfin Piccolomini und fragte mich, ob ich ihren Mann kenne. »Ich kenne ihn nur wenig,« antwortete ich. »Aber wir wohnen zufällig in demselben Gasthof.« »Er ist ein Erzgauner, und seine Frau ist nicht besser als er.« Wie es schien, stand ihr Ruf in der Stadt schon fest. Nach dem Theater ging ich allein nach meinem Gasthof zurück, wo der Kellner mir erzählte, daß Piccolomini in aller Eile mit seinem Kammerdiener abgereist wäre und nur ein kleines Köfferchen mitgenommen hätte. Die Ursache dieser überstürzten Abreise kannte er nicht; gleich darauf aber erschien die Gräfin, und die Kammerzofe flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie sagte mir, der Graf sei abgereist, weil er sich geschlagen habe; aber das komme sehr oft vor. Sie lud mich und Walpole zum Essen ein, und ihrem Appetit war es nicht anzusehen, daß sie so plötzlich von ihrem Gatten getrennt worden war. Gegen Ende des Abendessens kam ein Engländer, der an der Whistpartie teilgenommen hatte, und sagte Walpole, der Italiener sei beim Mogeln ertappt worden; er habe es dem anderen Engländer gegenüber geleugnet, als er es ihm vorgeworfen habe, und sie seien miteinander hinausgegangen. Eine Stunde später war der Engländer mit zwei Degenstichen, einem im Vorderarm und dem anderen in der Schulter, in den Gasthof zurückgekehrt. Es war eine Lappalie. Als ich am nächsten Tage von dem Grafen Affry, der mich zum Essen eingeladen hatte, in den Gasthof zurückkehrte, gab man mir einen Brief vom Grafen Piccolomini; er war von einem besonderen Boten überbracht worden und enthielt einen anderen Brief an seine Frau, der Graf bat mich, ihr den Brief zu übergeben, der seine Anweisungen enthielte, sie darauf nach Amsterdam zu begleiten und sie in die »Stadt Lyon« zu führen, wo er wohnte. Er erkundigte sich auch, wie der von ihm verwundete Engländer sich befände. Der Auftrag kam mir komisch vor, und ich würde herzlich darüber gelacht haben, wenn ich auch nur die geringste Lust gehabt hätte, sein Vertrauen mir zunutze zu machen. Indessen ging ich doch zur Signora, die in ihrem Bett saß und mit Walpole Karten spielte. Sie las den Brief, sagte mir, sie könne erst am nächsten Tage reisen, und nannte mir die Stunde der Abfahrt, wie wenn damit die Sache erledigt wäre. Ich machte sie jedoch mit einem ziemlich ironischen Lächeln darauf aufmerksam, daß ich meiner Geschäfte wegen im Haag bleiben müßte und sie daher nicht begleiten könnte. Als Walpole den Stand der Dinge erfuhr, erbot er sich, mich zu vertreten; ich hatte dies erwartet, und die Schöne nahm sein Anerbieten an. Wirklich reisten sie am nächsten Tage ab, um in Leyden zu übernachten. Zwei Tage später setzte ich mich zur Essenszeit mit der gewöhnlichen Gesellschaft, die durch zwei neu eingetroffene Franzosen vermehrt war, zu Tisch. Nach der Suppe sagte der eine von ihnen, jedenfalls in böser Absicht: »Der berühmte Casanova soll jetzt in Holland sein.« »So?« sagte der andere; »es wäre mir sehr lieb, ihn zu treffen, um von ihm eine Erklärung zu verlangen, die ihm nicht angenehm sein würde.« Ich sah den Menschen an und war gewiß, daß ich niemals etwas mit ihm zu tun gehabt hatte. Ich fühlte mir das Blut ins Gesicht steigen, beherrschte mich aber und fragte ihn in ruhigem Tone, ob er Casanova kenne. »Ich muß ihn wohl kennen,« antwortete er in jenem selbstgefälligen Ton, der stets mißfällt. »Nein, mein Herr, Sie kennen ihn nicht; denn dieser Herr Casanova bin ich.« Ohne außer Fassung zu geraten und sogar mit frecher Miene antwortete jener: »Potzblitz! Sie irren sich ganz gewaltig, wenn Sie glauben. Sie seien der einzige Casanova auf der Welt.« Die Antwort war geschickt und setzte mich ins Unrecht. Ich biß mir die Lippen und schwieg; aber ich fühlte mich beleidigt und war fest entschlossen, ihn zu zwingen, mir jenen Casanova zu finden, der in Holland sein sollte, und den er zu einer unangenehmen Auseinandersetzung nötigen wollte. Einstweilen mußte ich es mir gefallen lassen, mehreren Offizieren gegenüber, die mit uns am Tische saßen, eine traurige Figur zu spielen. Sie hatten die unpassenden Bemerkungen des jungen Windbeutels gehört und konnten glauben, daß es mir an Mut fehlte. Der Unverschämte mißbrauchte meine Lage und den Vorteil, in dem er sich scheinbar durch seinen Sieg befand, und schwatzte alles mögliche Zeug durcheinander. Er nahm sich sogar heraus, mich zu fragen, aus welchem Lande ich wäre. »Ich bin Venetianer, mein Herr.« »Also ein guter Freund der Franzosen; denn Ihre Republik steht ja unter dem Schutze Frankreichs.« Diese Worte machten mich so ärgerlich, daß ich nicht mehr an mich halten konnte: in dem Tone, den man gebraucht, wenn man einen Unverschämten zurückweisen will, erwiderte ich ihm, die Republik Venedig sei mächtig genug, daß sie niemals von Frankreich oder irgendeiner anderen Macht sich beschützen zu lassen nötig gehabt habe; in den dreizehn Jahrhunderten ihres Bestehens habe sie Freunde und Verbündete gehabt, niemals aber Beschützer. »Vielleicht werden Sie zur Entschuldigung Ihrer Unwissenheit mir antworten, daß es mehr als eine Republik Venedig auf dieser Welt gebe.« Kaum hatte ich diese Rede beendet, als ein schallendes Gelächter aller Tischgäste mir das Leben wiedergab. Mein Windbeutel schien außer Fassung gebracht zu sein und biß sich nun seinerseits auf die Lippen; beim Nachtisch aber fand er zu seinem Unglücke die Sprache wieder. Die Unterhaltung flatterte wie gewöhnlich von einem Gegenstand zum anderen und kam auch auf den Grafen Albemarle. Die Engländer rühmten ihn und sagten, wenn er am Leben geblieben wäre, würde es keinen Krieg zwischen Frankreich und England gegeben haben. Dies war allerdings wahrscheinlich, aber doch nicht gewiß; denn es wird noch lange dauern, bis die beiden großen Nationen begreifen, daß sie alle beide ihren Vorteil dabei finden würden, wenn sie in gutem Einvernehmen lebten. Ein anderer Engländer lobte Albemarles Geliebte, Lolotte. Ich machte die Bemerkung, ich hätte diese reizende Dame bei der Frau Herzogin von Fulvi kennen gelernt, und keine habe mehr als sie Gräfin Eronville zu werden verdient. Graf Eronville, Generalleutnant und Schriftsteller, hatte sie kurz vorher geheiratet. Kaum hatte ich dies gesagt, so sah mein Hasenfuß mich lachend an und sagte mir, Lolotte sei allerdings eine höchst verdienstvolle Person; er müsse das wissen, denn er habe bei der Pâris mit ihr geschlafen. Jetzt konnte ich mich nicht mehr halten, Unwille und Zorn überwältigten mich. Ich ergriff meinen Teller, zeigte ihm dessen untere Seite und schickte mich an, ihm denselben an den Kopf zu werfen; dabei rief ich ihm zu: »Unverschämter Lügner!« Er stand auf und stellte sich vor den Kamin, mit dem Rücken nach dem Feuer zu. An der Troddel, die an seinem Degengriff hing, erkannte ich, daß er Soldat war. Die Anwesenden taten, als hätten sie das Vorgefallene nicht bemerkt; es wurde noch einige Augenblicke von diesem und jenem gesprochen; dann standen alle auf und gingen hinaus. Mein Gegner sagte zu seinem Kameraden, sie würden sich im Theater wiedersehen; er blieb gegen das Kamingesimse gelehnt stehen. Ich blieb am Tisch sitzen, bis alle hinaus waren; als ich mich mit ihm allein sah, stand ich auf, sah ihn fest an, verließ den Saal und ging den Weg nach Scheveningen entlang. Ich war überzeugt, daß er mir folgen würde, wenn er Mut hätte. Als ich ein Stück vom Gasthof entfernt war, wandte ich den Kopf zurück und sah ihn in einer Entfernung von fünfzig Schritten mir nachkommen. Als ich im Walde war, machte ich an einem passenden Platze Halt und erwartete meinen Gegner. Er war noch zehn Schritte entfernt, als er schon den Degen zog, und ich konnte daher, ohne zurückzuweichen, ebenfalls blank ziehen, obgleich er schnell ging. Der Kampf dauerte nicht lang; denn sobald er im Bereiche meines Degens war, traf ihn mein gerader Stoß, der mir niemals versagt hat, und er wich schneller zurück, als er gekommen war. Er war oben an der rechten Brust verwundet; da aber zum Glück mein Degen stumpf und die Wunde ziemlich breit war, so blutete sie leicht. Ich senkte meinen Degen und eilte auf ihn zu; aber er brauchte meine Hilfe nicht und sagte mir, wir würden uns in Amsterdam wiedersehen, wenn ich dorthin ginge, und dann würde er sich Vergeltung verschaffen. Ich habe ihn erst nach fünf oder sechs Jahren in Warschau wieder gesehen, wo ich zu seinen Gunsten eine Sammlung veranstaltete. Ich erfuhr später, daß er Varnier heiße; ich weiß jedoch nicht, ob es derselbe ist, der unter dem niederträchtigen Robespierre Präsident des Konvents war. Ich kam erst nach dem Theater nach Hause und hörte, daß der Franzose eine Stunde auf dem Zimmer mit dem Wundarzt zugebracht habe und dann mit seinem Kameraden nach Rotterdam abgereist sei. Das Abendessen war fröhlich, die Unterhaltung angenehm, und von dem Vorfall wurde kein Wort gesprochen; nur bemerkte eine englische Dame, ich weiß nicht mehr bei welcher Gelegenheit, ein Ehrenmann dürfe es nicht wagen, sich an einen Wirtshaustisch zu setzen, wenn er nicht trotz aller möglichen Vorsicht entschlossen sei, sich zu schlagen. Dies war zu jener Zeit sehr wahr; denn um eines übel aufgefaßten Wortes wegen mußte man den Degen ziehen und sich allen ärgerlichen Folgen eines Zweikampfes aussetzen oder mit Fingern auf sich zeigen lassen, selbst von Damen. Da ich im Haag nichts mehr zu tun hatte, so reiste ich nach Tagesanbruch nach Amsterdam ab. Unterwegs traf ich auf der Station, wo ich zu Mittag speiste, Sir James Walpole; er erzählte mir, er sei am Tage vorher von Amsterdam wieder abgereist, eine Stunde nachdem er die schöne Gräfin ihrem Gatten übergeben habe. Er war ihr schon vollständig überdrüssig gewesen, da eine Frau, die mehr gab, als man von ihr verlangte, wenn man nur willig die Börse öffnete, ihm nichts mehr zu wünschen übrig ließ. Gegen Mitternacht kam ich in Amsterdam an und stieg in der »Zweiten Bibel« ab. Esthers Nachbarschaft hatte meine Liebe zu dieser reizenden Person wieder erregt, und vor Ungeduld, sie wieder zu sehen, konnte ich nicht schlafen. Gegen zehn Uhr ging ich aus und begab mich sofort zu Herrn d'O., der mich mit den herzlichsten Freundschaftsbeteuerungen empfing und mir liebenswürdige Vorwürfe machte, daß ich nicht bei ihm abgestiegen wäre. Als er erfuhr, daß ich meine Fabrik aufgegeben hatte, wünschte er mir Glück, daß ich sie nicht nach Holland verlegt hätte, wo ich mich zugrunde gerichtet haben würde. Ich sagte ihm nicht, daß es mir in Frankreich nicht viel besser gegangen wäre, denn dies lag nicht in meinem Plan. Er beklagte sich bitter über die Unredlichkeiten des französischen Hofes, wodurch er beträchtliche Verluste erlitten hätte; hierauf sagte er mir, ich möchte Esther aufsuchen. Ich war so ungeduldig, sie zu sehen, daß ich mir dies nicht zweimal sagen ließ. Ich eilte zu ihr. Sobald dies reizende Mädchen mich erblickte, schrie sie vor Überraschung und Freude laut auf und stürzte sich in meine Arme, die sie mit zärtlicher Begeisterung empfingen. Ich fand sie größer geworden und reifer entwickelt; sie war köstlich. Kaum hatten wir Platz genommen, so beeilte sie sich, mir zu beweisen, daß sie von der Kabbala jetzt ebensoviel verstand wie ich. Sie sagte zu mir: »Sie ist das Glück meines Lebens, denn durch sie beherrsche ich den Willen meines Vaters und habe infolgedessen die Gewißheit, daß er mich niemals mit einem anderen verheiraten wird, als mit einem Manne meiner eigenen Wahl.« »Ich sehe mit Vergnügen, daß Ihr ausgezeichneter Geist aus dieser eitlen Wissenschaft den einzigen Nutzen zieht, den sie herzugeben vermag; nämlich schwache Geister zu leiten. Aber Ihr Vater muß glauben, daß Sie dies Geheimnis von mir haben.« »Ja, das glaubt er, und er sagte mir eines Tages, er verzeihe mir alle Opfer, die ich Ihnen vielleicht gebracht hätte, um Ihnen diese kostbare Kenntnis zu entlocken.« »Er ist vielleicht weiter gegangen als wir, meine göttliche Esther.« »Ich glaube es, lieber Freund, aber ich sagte ihm, ich hätte Ihnen diese Kenntnis entwendet, ohne irgendein Opfer zu bringen. Ich bin wie Sie eine antwortende Gottheit geworden, eine wahre Pythia, die aber nicht die Qualen des Dreifußes zu ertragen hat; denn ich bin überzeugt, daß Ihre Antworten nur aus Ihren Berechnungen entspringen.« »Aber wenn Ihre Annahme richtig wäre, liebe Freundin, wie hätte ich dann sagen können, wo die Brieftasche lag, und wie hätte ich die Ankunft des Schiffes prophezeien können.« »Die Brieftasche haben Sie selber durch das Loch gestoßen, nachdem Sie sie gefunden hatten; und das Eintreffen des Schiffes, mein Lieber, das haben Sie auf gut Glück geweissagt; aber da Sie eine ehrliche Seele haben, so sind Sie darum recht in Angst gewesen – gestehen Sie das nur! Ich für meine Person werde niemals so kühn sein, und wenn mein Vater mir Fragen von dieser Art vorlegt, sind meine Antworten stets dunkler als die einer Sibylle. Ich will nicht, daß er sein Vertrauen zu meinem Orakel verliert, und ich will mir nicht den Vorwurf machen müssen, die Ursache eines Unglückes zu sein, das mir selber sehr nahe gehen wird.« »Wenn dieser Irrtum Sie glücklich macht, so muß ich Sie darin belassen, um so mehr da ich, meine liebe Esther, die Erhabenheit Ihres Talentes bewundere. Sie sind einzig!« »An Ihrer Bewunderung liegt mir nichts,« antwortet sie mir etwas empfindlich, »ich wünsche ein aufrichtiges Geständnis.« »Weiter kann ich nicht gehen.« Diese Worte, die ich im ernsten Tone sprach, machten Esther nachdenklich; aber es lag mir daran, meine geistige Überlegenheit ihr gegenüber nicht zu verlieren, und ich tat mir Gewalt an, um ihren Wunsch nicht zu erfüllen. Ich zerbrach mir den Kopf, um ihr irgendetwas zu prophezeien, was nicht allzu sinnfällig war; während ich darüber nachdachte, meldete man uns, daß wir bei Tische erwartet würden. Wir waren vier zu Tische, und es schien mir, als ob der vierte in Esther verliebt wäre, denn er verwandte kein Auge von ihr. Er war der Lieblingsgehilfe des Vaters, der mit Vergnügen gesehen haben würde, wenn seine Tochter sich in ihn verliebt hätte; aber ich sah bald, daß er nicht die nötigen Eigenschaften besaß, um sie neugierig auf seine Person zu machen. Esther war während der ganzen Mahlzeit schweigsam, und wir sprachen von der Kabbala erst, als er sich entfernt hatte. »Ist es möglich,« fragte Herr d'O. mich, »daß meine Tochter die Anwendung Ihres Orakels hat lernen können, ohne von Ihnen unterrichtet worden zu sein?« »Ich habe dies bis heute stets für unmöglich gehalten; aber Esther hat mich überzeugt, daß ich mich geirrt hatte. Ich kann meine Wissenschaft keinem Menschen beibringen, ohne sie selber zu verlieren; denn der Eid, den ich selbst dem weißen Einsiedler ablegte, der sie mich lehrte, verbietet es mir bei dieser Strafe. Da Ihr Fräulein Tochter keinen solchen Eid abgelegt und die Wissenschaft aus sich selber gelernt hat, so kann sie sie nach freiem Belieben mitteilen, wem sie will.« Die kluge Esther aber sagte schnell, die Zurückhaltung, die der weiße Einsiedler mir auferlegt hätte, wäre ihr durch ihr Orakel geboten worden; es wäre ihr nicht gestattet, das kabbalistische Geheimnis ohne Erlaubnis des Genius mitzuteilen, wenn sie nicht selber dessen Gebrauch verlieren wollte. Ich las im tiefsten Grunde ihrer Seele und sah mit Freuden, daß sie sich wieder beruhigt hatte. Mochte ich sie belogen haben oder nicht, jedenfalls schuldete sie mir Dank, denn durch mich hatte sie ein Übergewicht über ihren Vater erlangt, das sie von seiner väterlichen Liebe nicht hätte erwarten dürfen. Sie sah jedoch, daß ich nur aus Höflichkeit gehandelt hatte, und wünschte, daß ich ihr dies unter vier Augen gestehen sollte. Der brave Kaufmann, der von ganzer Seele an die Unfehlbarkeit unserer Orakel glaubte, stellte aus Neugier uns beiden die gleiche Frage, um zu sehen, ob wir miteinander übereinstimmten. Esther fand den Einfall Ihres Vaters sehr gut, denn sie wollte gerne wissen, ob nicht die eine Antwort schwarz und die andere weiß lauten würde. Herr d'O. schrieb seine Frage auf zwei Blätter und gab jedem von uns eins davon. Esther ging in ihr Zimmer, um ihre Berechnung zu machen; ich aber machte die meinige auf dem Tische, woran wir gegessen hatten, und in Gegenwart ihres Vaters. Sie war flink, denn sie trat schon wieder ein, bevor ich noch aus meiner Zahlenpyramide die Buchstaben ausgezogen hatte, aus denen sich meine Antwort zusammensetzen sollte; da ich jedoch wußte, was ich sagen sollte, so gab ich dem Vater meine Antwort, sobald ich das Orakel seiner Tochter in seinen Händen sah. Herr d'O. fragte, ob er sich aller französischen Papiere, die er besäße, entledigen sollte, obgleich er durch den Verkauf Verlust haben würde. Esthers Orakel antwortete: »Aufgeklärte Vorsicht säet, um mit Nutzen zu ernten, und hütet sich, die Pflanze vor der Ernte auszureißen; die deinige steht auf einem guten Boden.« Die Antwort meines Orakels lautete: »Wenn Sie verkaufen, erwartet Sie Reue, denn ein neuer Generalkontrolleur wird vor Ablauf eines Jahres alles bezahlen.« Esthers Antwort war im sibyllinischen Ton gehalten; ich bewunderte die geistige Schmiegsamkeit des reizenden Mädchens. Mein Orakel war den Verstandesgaben des wackeren Mannes angepaßt, der voll Entzücken zärtlich uns beide umarmte und hierauf Hut und Stock nahm und uns sagte, infolge der Übereinstimmung unserer Antworten werde er im Laufe des Jahres fünf- oder sechshunderttausend Franken gewinnen, indem er drei Millionen aufs Spiel setze. Hiergegen erhob seine Tochter Einspruch, indem sie versuchte, ihn durch einen Hinweis auf die Gefahr zu warnen; er aber war entschlossen wie ein Muselmann, küßte sie noch einmal und sagte zu ihr: »Das Orakel lügt nicht; und selbst wenn es mich diesmal täuschte, würde ich nur den vierten Teil meines Vermögens verlieren.« Esther blieb mit mir allein zurück und war sehr erfreut über die Komplimente, die ich wegen ihrer schönen Antwort, wegen der Eleganz ihres kabbalistischen Stiles und wegen ihrer Kühnheit ihr machte; denn sie konnte nicht, wie ich, von den französischen Angelegenheiten Bescheid wissen. »Ich danke Ihnen«, sagte sie zu mir, »daß Sie meine Antwort bekräftigt haben; aber gestehen Sie, Sie haben gelogen, um mir ein Vergnügen zu machen.« »Ich gestehe es, da dies Sie glücklich macht; ich will Ihnen sogar sagen, daß Sie nicht nötig haben, nach einer höheren Vollendung zu streben, als Sie sie schon besitzen.« »Mit anderen Worten: ich kann die höchste Vollendung nie erreichen! Sagen Sie mir die Wahrheit darüber.« »Ich gebe es zu, denn es liegt mir daran, mir Ihren Beifall zu erringen.« »Sie sind ein grausamer Mensch! Sie haben aber doch geantwortet, Frankreich werde dieses Jahr einen anderen Generalkontrolleur erhalten, und so bringen Sie sich in Gefahr, Ihr Orakel bloßzustellen. Das würde ich niemals wagen. Mein liebes Orakel! Ich liebe es zu sehr, um es einer solchen Beschämung auszusetzen.« »Das beweist, daß ich nicht der Urheber des Orakels bin; aber, weil mein Orakel es mir gesagt hat, würde ich jede Wette eingehen, daß Silhouette entlassen werden wird.« »Sie bringen mich zur Verzweiflung mit Ihrer Halsstarrigkeit, lieber Freund; denn ich werde erst glücklich sein, wenn ich sicher bin, das Orakel ebenso zu beherrschen wie Sie – weder mehr noch weniger! Und jetzt werden Sie nicht mehr sagen können, daß Sie die Orakel nicht nach Gutdünken machen. Ich bitte Sie, mich vom Gegenteil zu überzeugen.« »Ich werde Ihnen zuliebe daran denken, meine teure Esther.« So verbrachte ich den ganzen Tag mit dem reizenden Kinde, das in seinen eigenen Vorzügen sowohl wie in seinem großen Vermögen alles besaß, um mich glücklich zu machen, wenn nicht meine Liebe zur Unabhängigkeit stärker gewesen wäre als alle meine anderen Leidenschaften, und vor allen Dingen, wenn ich mich hätte entschließen können, mich für immer in Holland niederzulassen. Ich habe im Laufe meines Lebens oft die Beobachtung gemacht, daß fast immer meine angenehmsten Augenblicke gleichsam die Vorläufer irgendeiner Unannehmlichkeit waren. Am Tage nach diesem köstlichen führte mein böser Geist mich in die »Stadt Lyon«. In diesem Gasthof wohnten Piccolomini und seine Frau, die ich von einer Bande von Gaunern und Taugenichtsen von gleicher Art umgeben fand. Sobald diese ehrenwerten Leute meinen Namen gehört hatten, eilten sie mir alle entgegen, einige, um mich zu begrüßen, andere, um mich wie ein Wundertier anzustaunen. Ein Chevalier de Sabi, welcher polnische Majorsuniform trug, behauptete, mich in Dresden gekannt zu haben; ein Baron von Wiedau, angeblich aus Böhmen stammend, teilte mir mit, sein Freund, der Graf von St.-Germain, sei im »Morgenstern« abgestiegen und habe sich sofort erkundigt, ob ich in Amsterdam sei. Ein pockennarbiger Klopffechter wurde mir als Chevalier de la Perine vorgestellt; ich erkannte in ihm sofort jenen Talvis, der dem Fürstbischof von Preßburg die Bank gesprengt und mir an demselben Abend hundert Louis geliehen hatte; es war derselbe Herr, dem ich einige Zeit vorher in Paris einen Degenstich verabfolgt hatte. Endlich war da noch ein anderer Italiener, namens Neri, der wie ein Kesselflicker von St.-Flour aussah und sich auch so benahm, abgesehen von der Ehrlichkeit; dieser sagte mir, er erinnere sich, mich eines Abends im »Musico« gesehen zu haben; dies war jene Lasterhöhle, wo ich die unglückliche Lucia getroffen hatte. Unter allen diesen Halsabschneidern befand sich auch die angebliche Frau des Chevaliers Sabi, eine ziemlich hübsche Sächsin, die, so gut es eben ging, italienisch sprach und der Gräfin Piccolomini den Hof machte. Vor Ärger, mich in dieser ehrenwerten Gesellschaft zu sehen, biß ich mir in die Lippen, aber ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen. Darum machte ich den Anwesenden eine höfliche Verbeugung, zog aus der Westentasche eine Rolle von hundert Louis und überreichte sie dem Herrn von und zu Perine-Talvis, indem ich ihm sagte, ich schätze mich glücklich, sie ihm mit bestem Dank zurückgeben zu können. Meine Höflichkeit fand eine schlechte Aufnahme, denn dieser unverschämte Bediente steckte die Rolle ein und sagte zu mir, er erinnere sich wohl, mir in Preßburg die hundert Louis geliehen zu haben, darüber habe er eine andere, wichtigere Sache nicht vergessen. »Und was ist das für eine Sache?« fragte ich ihn mit kühler und halb verächtlicher Miene. »Sie sind mir noch Genugtuung mit dem Degen schuldig, wie Sie wohl wissen. Hier ist noch die Narbe von dem Knopfloch, das Sie mir vor sieben Jahren gemacht haben.« Mit diesen Worten hatte das Männchen seine große Spitzenkrause geöffnet und zeigte die kleine Narbe dem Kreise der Anwesenden. Dieser mehr possenhafte als komische Auftritt schien alle Zungen gelähmt zu haben. Ich erwiderte ihm: »Hier in Holland schlage ich mich nicht, weil Geschäfte sehr zarter Natur mir Zurückhaltung zur Pflicht machen; an jedem anderen Ort werde ich mich nicht weigern, Sie ein zweites Mal zu zeichnen, falls Sie dann noch Lust haben sollten, sich abermals mit mir zu messen. Hier aber bitte ich Sie mich in Ruhe zu lassen. Wollen Sie sich bitte merken, daß ich niemals ausgehe, ohne ein paar gute Freunde in der Tasche zu haben; sollten Sie Lust bekommen, mich anzugreifen, so würde ich Ihnen in berechtigter Notwehr eine Kugel durch den Kopf jagen.« »Ich verlange nur meine Genugtuung mit dem Degen; aber ich will Ihnen Zeit lassen, Ihre Geschäfte zu erledigen.« »Daran tun Sie klug.« Piccolomini hatte schon ein Auge auf meine hundert Louis geworfen; er schlug vor, eine Pharaobank aufzulegen, und begann sofort abzuziehen. Die Klugheit hätte mich abhalten sollen, in so schlechter Gesellschaft mich am Spiel zu beteiligen; aber die Lust, meine Goldrolle wieder zu gewinnen, war stärker als meine Vernunft, und ich ließ mir ein Buch Karten geben. Im Handumdrehen verlor ich hundert Dukaten; aber hierdurch wurde ich nur noch aufgeregter, wie es ja gewöhnlich der Fall ist. Um meinen Verlust wieder auszuwetzen, blieb ich zum Abendessen; als ich nachher das Spiel wieder begann, war ich glücklicher und gewann mein verlorenes Geld wieder zurück. Ich war zufrieden, hiermit davongekommen zu sein, und opferte vernünftigerweise die hundert Louis, mit denen ich ja nur eine Schuld bezahlt hatte. Ich verlangte von Piccolomini Auszahlung, und dieser gab mir einen Wechsel, der von einem Handlungshause in Middelburg auf die Amsterdamer Bank gezogen war. Ich wollte ihn anfangs nicht annehmen, indem ich vorgab, daß das Inkasso mir Umstände machen würde; als er mir jedoch versprach, mir den Betrag am nächsten Morgen in bar auszahlen zu wollen, glaubte ich nachgeben zu müssen. Ich beeilte mich, diese Räuberhöhle zu verlassen, nachdem ich Talvis ein Darlehen von hundert Louis abgeschlagen hatte, die er zur Revanche von mir entlehnen wollte. In seinem Verdruß über meine Weigerung und über den Verlust der von mir erhaltenen hundert Louis erlaubte er sich beleidigende Ausdrücke, die ich mit Verachtung hinnahm. Ich ging zu Bett, indem ich mir fest vornahm, einen solchen Ort nicht mehr zu betreten. Trotzdem ging ich am nächsten Tage aus, um mir von Piccolomini den Betrag des Wechsels auszahlen zu lassen; unterwegs trat ich jedoch in ein Cafs ein, wo ich zufällig Teresas Freund Rigerboos traf, den der Leser bereits kennen gelernt hat. Nachdem wir uns umarmt und von Teresa gesprochen hatten, die damals in London war und dort sehr gute Geschäfte machte, zeigte ich ihm meinen Wechsel und erzählte ihm, wie ich dazu gekommen war. Er prüfte ihn aufmerksam und sagte mir dann: »Dieser Wechsel ist falsch. Der echte, dessen Abschrift dieser hier ist, wurde gestern eingelöst.« Als er sah, daß ich ihm dies nicht recht glauben wollte, fuhr er fort: »Kommen Sie mit; ich werde Sie überzeugen.« Er führte mich zu einem ihm bekannten Kaufmann, und ich sah bei diesem den echten Wechsel, dessen Wert er am Tage vorher einem Unbekannten ausbezahlt hatte. Entrüstet bat ich Nigerboos, mich zu Piccolomini zu begleiten, der mir vielleicht den Betrag ohne Schwierigkeit auszahlen würde. Sollte dies aber nicht der Fall sein, so könnte er mir als Zeuge dienen. Wir begaben uns zu dem angeblichen Grafen, der mich höflich empfing und mich bat, ihm den Wechsel auszuhändigen; er wolle ihn sofort zu dem Kaufmann schicken, um den Betrag in Empfang zu nehmen. Rigerboos ergriff jedoch das Wort und sagte ihm, der Kaufmann werde den Wechsel nicht bezahlen, weil dieser nur eine Abschrift des am Tage vorher bezahlten sei. Piccolomini tat sehr erstaunt und sagte, das sei unmöglich; übrigens werde er der Sache auf den Grund gehen. Ich antwortete ihm hierauf: »Gehen Sie ihr auf den Grund, soviel Sie Lust haben, aber geben Sie mir unterdessen fünfhundert Gulden.« Nun erhob er die Stimme und rief: »Sie kennen mich! Ich bürge für den Betrag, und dies muß Ihnen genügen.« »Dies könnte mir allerdings genügen, wenn ich wollte; aber ich verlange mein Geld.« Seine Frau kam herein und mischte sich in unser Gespräch. Als jedoch auch sein Bedienter, ein Kerl mit einem Halsabschneidergesicht eintrat, packte Rigerboos mich kräftig am Arm, zog mich hinaus und sagte mir, sobald wir draußen an der Tür waren: »Kommen Sie mit, und lassen Sie mich machen.« Er führte mich zu einem Herrn von edelstem Aussehen; es war der Polizeipräsident. Sobald er gehört hatte, worum es sich handelte, sagte er mir, ich möchte ihm den Wechsel dalassen und ihm nur angeben, wo ich an dem Tage speisen würde. Ich nannte ihm das Haus des Herrn d'O.; er erklärte, dies genüge ihm, und wir gingen. Ich dankte Rigerboos und begab mich zu Esther, die mich mit zärtlichen Vorwürfen darüber empfing, daß ich mich den Tag vorher nicht bei ihr hatte sehen lassen. Dieser Empfang war schmeichelhaft für mich; ich fand sie reizend und sagte zu ihr: »Ich muß mich sehr in acht nehmen, Sie nicht jeden Tag zu besuchen; denn Ihre Augen üben auf mein Herz eine Herrschaft aus, der ich bald nicht länger mehr werde widerstehen können.« »Gestatten Sie mir, dies nicht zu glauben, lieber Freund; aber da fällt mir ein: Haben Sie sich überlegt, wie Sie mich überzeugen wollen?« »Auf welche Art wünschen Sie überzeugt zu sein?« »Wenn Ihre Kabbala wirklich eine Intelligenz ist, die mit Ihrer eigenen nichts zu tun hat, so können Sie sie ja befragen, auf welche Weise Sie mir am besten meinen Irrtum benehmen können.« »Ich finde Ihren Gedanken ausgezeichnet und verspreche Ihnen, mich damit zu beschäftigen.« In diesem Augenblick kam ihr Vater von der Börse zurück, und wir gingen zu Tisch. Als wir beim Nachtisch saßen, kam ein Polizeigefreiter, der mir im Auftrag des Magistrats fünfhundert Gulden überbrachte, über deren Empfang ich ihm quittieren mußte. Als der Mann wieder fort war, erzählte ich meinen Gastfreunden meine Erlebnisse vom Tage vorher und vom Morgen. Die schöne Esther machte mir Vorwürfe, daß ich eine so schlechte Gesellschaft ihr vorgezogen hätte, und sagte: »Strafe muß sein! Ich hoffe, Sie werden sich nicht weigern, mich heute Abend ins Theater zu begleiten, obgleich dort eine holländische Komödie aufgeführt wird, von der Sie kein Wort verstehen werden.« »Ich werde das Vergnügen haben, mich an Ihrer Seite zu befinden, und dies genügt.« Wirklich verstand ich vom ganzen Kauderwelsch der Schauspieler kein Wort und langweilte mich fürchterlich, denn Esther war zum Verzweifeln ernst. Als wir wieder zu Hause waren, erzählte sie mir auf die anmutigste Art und mit erstaunlichem Gedächtnis das ganze Stück, als wollte sie mich für die Art von Frondienst entschädigen, den ich hatte leisten müssen. Hierauf speisten wir zur Nacht, und an diesem Abend war Gott sei Dank von Kabbala nicht mehr die Rede. Bevor wir uns trennten, nahmen Esther und ihr Vater mir das Versprechen ab, jeden Tag bei ihnen zu speisen, und ich verpflichtete mich, ihnen Bescheid zu geben, falls ich einmal daran verhindert sein sollte. Am nächsten Morgen um acht Uhr, als ich noch im Schlafrock war, sah ich plötzlich Piccolomini vor mir stehen. Da er eingetreten war, ohne sich anmelden zu lassen, so erregte dies meinen Verdacht, und ich klingelte meinem Spanier, der augenblicklich erschien. »Ich habe Ihnen etwas im geheimen zu sagen,« begann Piccolomini; »wollen Sie bitte den Mann herausgehen lassen.« »Er versteht kein Wort Italienisch und kann daher bleiben.« Leduc verstand alles. »Gestern gegen Mittag,« sagte Piccolomini, »traten zwei Männer bei mir ein; sie hatten meinen Wirt bei sich, der ihnen als Dolmetscher diente. Der eine von ihnen fragte mich, ob ich bereit wäre, sofort einen falschen Wechsel von fünfhundert Gulden einzulösen, den ich Ihnen am Tage vorher gegeben hätte. Zugleich zeigte er mir diesen Wechsel, den er in der Hand hielt. Als ich nicht sofort antwortete, fügte er hinzu, ich müßte ohne Umschweife und ohne zu zögern ja oder nein sagen; dies hätte der Polizeipräsident befohlen. Da mir nichts anderes mehr übrig blieb, so bezahlte ich die fünfhundert Gulden. Es gelang mir jedoch nicht, den Wechsel herauszubekommen, denn der Mann ließ mir sagen, ich würde ihn erst erhalten, wenn ich angegeben hätte, von wem ich den Wechsel hätte, da es nach dem Handelsgesetz erforderlich wäre, den Fälscher zu verfolgen. Ich antwortete, es wäre mir unmöglich, diese Person zu bezeichnen, denn ich hätte den Wechsel von einem Fremden erhalten, der sich in mein Zimmer eingedrängt hätte, während ich zum Zeitvertreib eine kleine Pharaobank auflegte. Ich hätte angenommen, dieser Unbekannte wäre von irgendeinem Mitgliede unserer Gesellschaft eingeführt worden, hätte jedoch zu meiner Überraschung nach seinem Fortgehen erfahren, daß er allen Anwesenden vollkommen unbekannt wäre; hätte ich dies gewußt, so würde ich nicht nur den Wechsel nicht angenommen haben, sondern ich würde ihm nicht einmal erlaubt haben, sich am Spiel zu beteiligen. Hierauf sagte der zweite Beamte zu mir, ich sollte mich nur bemühen, diesen Unbekannten ausfindig zu machen; sonst würde man mir die Fälschung zuschreiben und das Gericht würde gegen mich einschreiten. Nach dieser Drohung entfernten sie sich. – Im Laufe des Nachmittags suchte meine Frau den Polizeipräsidenten auf, der sie höflich empfing. Nachdem er ihre Beschwerde angehört hatte, ließ er ihr durch den Dolmetscher antworten, es wäre seine Pflicht, den Urheber der Wechselfälschung zu entdecken, zumal da ein Verdacht auf die Ehre des Herrn Casanova fallen könnte; denn der Kaufmann könnte auch Sie verfolgen lassen, um festzustellen, wer seine Unterschrift gefälscht hätte, und Sie müßten sich natürlich an mich halten. – Sie sehen, in welcher Verlegenheit wir sind, und Sie müssen versuchen, uns herauszureißen. Sie haben Ihr Geld bekommen, und Sie haben Freunde. Lassen Sie diese einschreiten, und man wird von der Geschichte nicht mehr sprechen. Sie haben dasselbe Interesse daran wie ich.« Ich antwortete ihm: »Ich kann mich mit der ganzen Geschichte nicht abgeben außer als Zeuge. Sie haben anerkannt, daß ich den Wechsel von Ihnen hätte, denn Sie haben ihn bezahlt; dies genügt mir. Ich möchte Ihnen gerne gefällig sein, aber ich sehe keine Möglichkeit dazu und wüßte wirklich nicht, was ich dabei tun könnte. Ich kann Ihnen nur den guten Rat geben: opfern Sie den niederträchtigen Gauner, der Ihnen den falschen Wechsel gegeben hat, oder, wenn Sie dies nicht können, so verschwinden Sie so schnell wie möglich, denn Sie könnten womöglich ins Zuchthaus kommen, wenn es Ihnen nicht noch schlechter geht.« Er wurde wütend, drehte mir den Rücken und entfernte sich mit den Worten, ich würde es bereuen. Mein Spanier begleitete ihn bis an die Treppe und sagte mir, als er wieder hereinkam, der Signor hätte mit Rache gedroht, und ich sollte lieber auf der Hut sein. »Schon gut; aber halte den Mund!« Indessen war ich ihm innerlich sehr dankbar für seinen Rat: übrigens hatte ich schon selber daran gedacht. Ich kleidete mich an, um zu Esther zu gehen, die ich von der Göttlichkeit meines Orakels zu überzeugen hatte. Dies war eine sehr gewagte Sache einer Person gegenüber, die es mit ihrem durchdringenden Verstand aus eigener Kraft so weit gebracht hatte. Sie stellte mir folgende Aufgabe: »Ihr Orakel soll mir etwas enthüllen, was nur mir selber bekannt sein kann.« Ich durfte mich ganz gewiß nicht auf ein Wagnis einlassen, und da ich fühlte, daß es fast unmöglich war, ihren Wunsch zu befriedigen, so sagte ich ihr, das Orakel würde vielleicht irgendein Geheimnis offenbaren, dessen Kenntnis ihr unangenehm sein könnte. »Das ist nicht möglich,« antwortete sie; »denn das Geheimnis darf ja nur mir allein bekannt sein.« »Aber wenn das Orakel richtig antwortet, so wird das Geheimnis mir so gut bekannt sein wie Ihnen; und könnte es nicht doch vielleicht Ihnen peinlich sein, wenn ich es wüßte?« »Sie können alles wissen; wenn übrigens das Orakel nicht bloß der Sklave Ihres Geistes ist, so steht es ja immer in ihrer Macht, zu entdecken, was Sie gerne wissen möchten.« »Aber wissen Sie auch, ob die Gefälligkeit des Orakels nicht vielleicht ihre Grenzen hat?« »Mein Freund, Sie suchen leere Ausreden! Beweisen Sie mir, daß ich mich irre, oder erklären Sie, daß ich von der kabbalistischen Wissenschaft ebensoviel verstehe wie Sie!« Ich sah mich so in die Enge getrieben, daß ich nur noch wünschte, mich mit kriegerischen Ehren für besiegt erklären zu können. Plötzlich aber fiel mir ein glänzender Gedanke ein. Mitten in dem Grübchen, das ihrem Kinn einen unbeschreiblichen Zauber verlieh, hatte Esther ein ganz schwarzes Mal, das ein wenig hervorragte und mit drei oder vier außerordentlich feinen Härchen geschmückt war, die seine Schönheit noch erhöhten. Diese Mäler, die wir im italienischen neo, nei nennen und die für gewöhnlich einem hübschen Gesicht neuen Reiz verleihen, wiederholen sich, wenn sie sich im Gesicht, am Halse, auf den Armen oder Händen befinden, auf den dem sichtbaren Teile des Körpers entsprechenden Gliedern. Ich wußte also, daß Esther ein ungefähr gleiches Mal wie auf dem Kinn auf einer gewissen Stelle haben mußte, die ein anständiges Mädchen nicht zeigt, und da sie, wie ich annehmen durfte, noch rein war, so kannte sie es wahrscheinlich selber nicht. »Ich werde sie«, sagte ich mir, »in das höchste Erstaunen setzen und meine Überlegenheit auf eine Art beweisen, daß der Gedanke der Gleichheit, den sie sich in den Kopf gesetzt hat, ihr für immer vergehen soll.« Mit der ganzen Wichtigtuerei eines Auguren begann ich meine Pyramide zu bilden und gewann aus ihr folgende Worte: »Schöne und keusche Esther, niemand weiß, daß Sie am Eingang des für die Liebe bestimmten Tempels genau solch ein Mal haben, wie das, welches Ihr schönes Kinn schmückt.« Während ich arbeitete, stand Esther über den Tisch gebeugt und verfolgte alle meine Bewegungen. Da sie in der Tat die Wissenschaft vollkommen so gut beherrschte wie ich selber, bedurfte sie keiner Erklärung, denn sie übersetzte die Zahlen sofort, wie sie mir aus der Feder flossen. Sobald ich aus der Pyramide alle Zahlenkombinationen ausgezogen hatte, sagte sie mir ruhig, aber wirklich ergriffen, ich brauche ja nicht zu wissen, was das Orakel geantwortet habe, und werde ihr einen großen Gefallen tun, wenn ich ihr die Zahlen da lasse, es werde ihr Vergnügen machen, sie zu übertragen. »Gerne, meine reizende Freundin! Um so lieber, da ich hierdurch Ihrem Zartgefühl die Mitteilung eines Geheimnisses erspare, das ich selber noch nicht recht kenne und das Sie vielleicht gerne mir unbekannt bleiben lassen möchten. Ich verspreche Ihnen sogar, daß ich niemals versuchen werde, es zu ergründen; es genügt mir, wenn Sie überzeugt sind.« »Ich werde überzeugt sein, sobald ich festgestellt habe, daß es die Wahrheit spricht.« »Glauben Sie, liebenswürdige Esther, daß die Bedeutung dieser Antwort mir unbekannt ist?« »Ich werde Gewißheit darüber erlangen, wenn ich sehe, daß die Antwort die Wahrheit sagt; und wenn dies der Fall ist, so hat das Orakel gewonnen, denn die Sache ist so geheim, daß ich selber sie nicht kenne. Es kann Ihnen nichts daran liegen, sie zu erfahren; denn es ist eine Kleinigkeit, die Sie nicht interessieren kann. Aber es wird genügen, um mich zu überzeugen, daß Ihr Orakel von einer geistigen Kraft belebt ist, die mit derjenigen Ihres Geistes nichts gemein hat.« In diesen Worten lag so viel Unschuld und Aufrichtigkeit, daß das Gefühl in mir die Oberhand über die Falschheit errang; ich vergoß Tränen, welche Esther nur zu meinem Vorteil deuten konnte. Diese Tränen entriß mir die Reue; und noch heute, nach so vielen Jahren, mache ich mir den Vorwurf, daß ich ein Geschöpf betrogen habe, das meiner Achtung in so hohem Maße würdig war und von mir zärtlich geliebt wurde. Schon damals machte ich es mir zum Vorwurf, aber Scham, eine klägliche falsche Scham, hielt mich ab, ihr die Wahrheit zu sagen. Ich verabscheute mich selber, weil ich mich fähig fand, ein Wesen zu betrügen, nach dessen Achtung ich strebte. Übrigens war ich doch nicht ganz sicher, richtig geraten zu haben; denn da es keine Regel ohne Ausnahme gibt und dieses Gesetz auch für die Natur gilt, so war es wohl möglich, daß ich mich blamieren würde. Esther mußte allerdings für den Augenblick überzeugt sein; aber es war nicht ausgeschlossen, daß ihre Überzeugung verschwand, wenn sie etwa durch Zufall entdeckte, daß die Übereinstimmung der Mäler auf dem menschlichen Körper etwas Natürliches und Notwendiges ist. Sollte dieser Fall eintreten, so mußte ich mich auf die Verachtung des reizenden Kindes gefaßt machen. Aber was ich auch befürchten mochte – ich hatte die Täuschung zu weit getrieben; es war mir unmöglich zurückzuweichen. Ich verließ Esther, um Herrn Rigerboos einen Besuch zu machen und ihm für seine Bemühungen beim Polizeipräsidenten zu danken. Er sagte mir, ich hätte in Holland von Piccolomini nichts zu befürchten, aber er riet mir, zur Vorsicht stets Pistolen bei mir zu tragen. Er sagte ferner zu mir: »Ich stehe im Begriff, an Bord eines Schiffes, das ich mit den Trümmern meines Vermögens befrachtet habe, nach Batavia zu segeln. Bei dem Zustande, worin sich meine Angelegenheiten befinden, schien dieser Entschluß mir der vernünftigste zu sein. Ich habe die Ladung nicht versichert, um nicht meinen Gewinn zu schmälern, der im Falle des Gelingens sehr beträchtlich sein muß. Wenn ich gekapert werde oder Schiffbruch erleide, gedenke ich den Verlust des Schiffes nicht zu überleben, und so kann ich auf keinen Fall etwas verlieren.« Der arme Rigerboos sagte mir dies lachend, aber sicherlich hatte die Verzweiflung einen großen Anteil an seinem Entschluß; denn man verliert nicht Vermögen und Leben ohne Bedauern, wenn man nicht starke Gründe hat, beides zu verachten. Meine liebe Teresa Trenti, welche Rigerboos stets unsere Dame nannte, hatte nicht wenig dazu beigetragen, ihn zugrunde zu richten. Sie befand sich damals in London, wo sie gute Geschäfte machte; so schrieb sie uns wenigstens. Sie nannte sich nicht mehr Trenti, sondern Cornelis; dies war, wie ich später erfuhr, der wirkliche Name unseres Rigerboos. Wir verbrachten eine Stunde damit, an diese eigentümliche Frau zu schreiben, da wir die Gelegenheit benutzen wollten, daß jemand, dem Rigerboos eine Empfehlung an sie mitgab, nach England reiste. Als wir fertig waren, machten wir eine Schlittenfahrt auf der Amstel, die seit einigen Tagen zugefroren war. Dieses Lieblingsvergnügen der Holländer, das man mit einem Dukaten die Stunde bezahlt, ist nach meinem Geschmack das langweiligste von der Welt, wenn es sich nicht etwa darum handelt, eine Reise sehr schnell zu machen; aber Reisen ist kein Vergnügen, wenn es kein bestimmtes Ziel zu erreichen gilt. Nachdem wir uns die Gesichter erfroren hatten, tranken wir Sillery, um uns zu erwärmen, und aßen Austern dazu; dann liefen wir von einem Musico ins andere, nicht etwa um lasterhafte Genüsse zu suchen, sondern nur, weil wir nichts besseres anzufangen wußten, aber es stand, wie es scheint, geschrieben, daß mir irgendein Unglück zustoßen sollte, sooft ich eine derartige Ausschreitung der angenehmen Gesellschaft Esthers vorzöge. Ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlaß beim Eintritt in ein Musico Rigerboos mich ziemlich laut bei meinem Namen nannte. In demselben Augenblick trat eine von jenen Frauen, die man stets an solchen Orten findet, auf mich zu und sah mich scharf an. Obgleich das Zimmer ziemlich schlecht beleuchtet war, erkannte ich doch die unglückliche Lucia, die ich ein Jahr zuvor an einem ähnlichen Orte getroffen hatte, ohne von ihr wiedererkannt zu werden. Ich tat, als ob ich sie nicht kenne, und drehte mich um, denn ihr Anblick war mir lästig; aber sie rief mich mit trauriger Stimme, erinnerte mich an die alten Zeiten und wünschte mir Glück, daß ich mich in glänzenden Verhältnissen befände, während sie mir in solcher Lage vor Augen treten müßte. Da ich sah, daß ich ihr nicht ausweichen konnte – denn es wäre eine grausame Härte gewesen, sie zurückzuweisen –, so rief ich Rigerboos und bat ihn, mit mir in ein Zimmer nach oben zu gehen, wo das Mädchen uns mit einer Erzählung ihrer Erlebnisse unterhalten würde. Lucia war eigentlich nicht häßlich geworden, aber sie war abscheulich, weil ihre Züge auf frühere Schönheit schließen ließen; deshalb war sie ekelhaft. Seit unserer Bekanntschaft in Paseano hatten neunzehn Jahre des Elends, der Ausschweifung und der Erniedrigung sie zum verworfensten und gemeinsten Geschöpf gemacht, das man sich denken kann. Sie erzählte uns lang und breit ihre Geschichte, die man ohne große Kunst in wenigen Zeilen wiedergeben kann. Der Läufer l'Aigle war mit ihr nach Triest gegangen, wo sie niedergekommen war; hierauf hatte er ein halbes Jahr lang von dem Handel mit ihrer Schönheit gelebt. Dann nahm ein Schiffskapitän, der in sie verliebt war, sie und l'Aigle, der für ihren Gatten galt, mit nach Zante. Dort wurde der Läufer Soldat; vier Jahre darauf desertierte er. Da sie nun allein war, so lebte sie sechs Jahre lang von ihrem Körper; als aber die Ware in ihrem Preise sank und sie nur noch kleine Kundschaft fand, so reiste sie mit einer jungen Griechin nach England. Ein englischer Seeoffizier behandelte diese wie seine Frau, verließ sie aber, als er ihrer satt war, und stieß sie auf die Londoner Straßen. Nachdem sie sich zwei oder drei Jahre lang in den britischen Kloaken herumgetrieben hatte, kam Lucia nach Holland, wo sie Kupplerin wurde, da sie mit ihrem eigenen Leibe kein Geschäft mehr machen konnte; dies war das notwendige Ende der Laufbahn, in die das Schicksal sie geschleudert hatte. Lucia war erst dreiunddreißig Jahre alt, aber sie war ausgemergelt, und Frauen sind immer so alt, wie sie aussehen. Während sie in einem den Umständen angemessenen Ton ihre Geschichte erzählte, leerte sie zwei Flaschen Burgunder, die ich hatte kommen lassen, und von denen mein Freund und ich keinen Tropfen anrührten. Zum Schluß sagte sie uns, sie lebe jetzt von dem Verdienst zweier hübscher Mädchen, die sie zu Hause hätte und die ihr die Hälfte von ihren ganzen Einnahmen abgeben müßten. Rigerboos fragte sie zum Scherz, ob diese schönen Mädchen im Musico wären. »Nein, sie sind nicht hier und werden niemals hierher kommen; denn sie sind adelig, und ihr Oheim, unter dessen Aufsicht sie stehen, ist ein venetianischer Edelmann.« Bei diesen Worten mußte ich unwillkürlich laut auflachen; Lucia aber sagte, ohne außer Fassung zu geraten, sie könne nur wiederholen, was jene ihr gesagt hätten; wenn wir uns übrigens davon überzeugen wollten, so fänden wir sie ganz in der Nähe in einem Hause, das sie für sie gemietet hatte; wir könnten sie in aller Sicherheit besuchen, denn ihr Onkel wohne in einem anderen Stadtteil. »Wie? Er wohnt nicht bei seinen adeligen Nichten?« »Nein; er kommt nur zum Essen; dann erkundigt er sich nach den Besuchen, die sie gehabt haben, und nimmt ihnen ihren ganzen Verdienst ab.« »Vorwärts!« rief Rigerboos; »sehen wir sie uns einmal an!« Da ich selber sehr große Lust hatte, mir adelige Venetianerinnen anzusehen, die ein so sehr schönes Handwerk trieben, so sagte ich Lucia, sie möchte uns zu ihnen führen. Ich wußte recht wohl, daß diese angeblichen adeligen Mädchen nur Gaunerinnen sein konnten und daß ihr adeliger Herr Onkel ein Schuft sein mußte; aber das Schicksal wollte es nun einmal so. Wir fanden zwei hübsche junge Mädchen. Lucia stellte mich als Venetianer vor, und sie waren ganz außer sich vor Entzücken, daß sie einen Menschen sahen, mit dem sie sprechen konnten. Ich bemerkte sofort, daß sie keine Venetianerinnen, sondern aus dem Paduanischen waren, denn sie sprachen die mir sehr gut bekannte Mundart der dortigen Gegend. Ich sagte ihnen dies, und sie gaben es zu. Ich fragte sie nach dem Namen ihres Oheims, aber sie antworteten mir, wie ich erwartet hatte, daß sie aus höheren Rücksichten diesen verschweigen müßten. »Nun, wir brauchen ihn ja nicht zu wissen«, sagte Rigerboos, und damit bemächtigte er sich ohne Umstände des Mädchens, das ihm am besten gefiel. Lucia ließ Schinken, Austern, eine Pastete und eine Menge Flaschen kommen; hierauf zog sie sich auf ihr Zimmer zurück. Ich hatte nicht die geringste Lust zu Ausgelassenheiten, aber Rigerboos war zum Scherzen aufgelegt. Seine Schöne spielte die Prüde; er lachte sie aus, ich lachte ebenfalls, und nach dem üblichen Brauch wurden die Mädchen bald zahm; wir gingen von der einen zur anderen und bald waren sie in dem Zustande, worin Eva sich befand, bevor unsere neugierige Ältermutter das Bedürfnis nach einem Feigenblatt empfand. Nachdem wir eine Stunde mit solchen wollüstigen Spielen verbracht hatten, bezahlten wir. Jedes Mädchen bekam vier Dukaten außer der Zeche, und Lucia erhielt außerdem sechs Louis. Dann gingen wir. Ich war in sehr schlechter Laune, weil ich der tierischen Natur nachgegeben hatte, und legte mich zu Bett. Am anderen Morgen erwachte ich spät und in verdrießlicher Stimmung, teils wegen der Orgie der letzten Nacht – denn die Ausschweifungen erniedrigen die Seele nicht nur, sondern machen sie auch traurig – teils weil ich Esther vernachlässigt hatte, die mir ohne Zweifel mein Ausbleiben übel genommen hatte. Ich mußte mich beeilen, sie zu beruhigen; übrigens war ich gewiß, daß es mir an Entschuldigungsgründen nicht fehlen würde und daß sie diese gerne würde gelten lassen. Ich zog meinen Schlafrock an, klingelte meinem Diener Leduc und schickte ihn fort, um mir Kaffee zu holen. Kaum war er hinausgegangen, so öffnete sich die Tür, und ich sah Perine und jenen Wiedau erscheinen, der sich bei Piccolomini für einen Freund des Zauberers St.-Germain ausgegeben hatte. Ich saß auf dem Bettrande und war eben dabei, meine Strümpfe anzuziehen. Ich hatte drei schöne Zimmer in dem Gasthof, aber nach hinten hinaus, wo mich kein Mensch hätte hören können, und wenn ich noch so laut gerufen hätte. Der Klingelzug befand sich am anderen Ende des Zimmers, und Leduc konnte frühestens in zehn Minuten zurückkommen. Ich schwebte daher in der höchsten Gefahr, ermordet zu werden, ohne mich verteidigen zu können. Dies alles bedachte ich in weniger als einer Minute. Ich sah kein anderes Rettungsmittel als ruhig zu bleiben und keine Bewegung zu machen. Ich fragte daher: »Was wünschen Sie von mir, meine Herren?« Wiedau ergriff das Wort und sprach: »Graf Piccolomini hat, um den unangenehmen Folgen Ihrer Anzeige zu entgehen, sich entschlossen, zu sagen, daß er den falschen Wechsel von uns hat, und er hat uns dies vorher mitgeteilt. Um uns der Verfolgung zu entziehen, sind wir genötigt, uns unverzüglich davonzumachen, und wir haben keinen Heller. Wir sind in Verzweiflung.« »Und was kann ich dabei machen, meine Herren?« »Geben Sie uns sofort vierhundert Gulden – nicht mehr, aber auf der Stelle. Die werden uns genügen. Wenn Sie sich weigern, werden wir zu Fuß entfliehen, zuvor aber bemächtigen wir uns aller Sachen, die wir hier sehen. Und hiermit werden wir Sie überreden.« Mit diesen Worten zogen sie alle beide ein Pistol aus der Tasche und schlugen auf mich an. »Gewalt ist unnötig,« sagte ich zu ihnen; »diese könnte Ihnen nur verderblich werden. Hier haben Sie hundert Dukaten – mehr als sie verlangen. Gehen Sie! Gute Reise! Aber ich rate Ihnen, mein Zimmer zu verlassen, bevor mein Bedienter zurückkommt.« Wiedau nahm die Rolle mit zitternder Hand und steckte sie in die Tasche, ohne sie zu prüfen; aber la Perine, der freche Gauner, trat auf mich zu, lobte den Edelmut meines Benehmens und fiel mir um den Hals, um mich zu umarmen. Ich stieß ihn zurück, jedoch ohne Schroffheit, und sie entfernten sich. Ich war sehr zufrieden, so billig davongekommen zu sein. Aus diesem Hinterhalt errettet, klingelte ich, nicht um die Räuber zu verfolgen, sondern um mich in aller Eile anzukleiden. Ich sagte zu Leduc von dem Vorgefallenen kein Wort, ebensowenig zu meinem Wirt. Nachdem ich meinen Spanier zu Herrn d'O. geschickt hatte, um mich zu entschuldigen, daß ich an diesem Tage nicht die Ehre haben könnte, bei ihm zu speisen, ging ich zum Polizeipräsidenten. Ich mußte bis zwei Uhr warten, bis ich ihn zu sprechen bekam. Der wackere alte Herr sagte mir, nachdem er die ausführliche Schilderung meines Mißgeschicks gehört hatte, er werde sein Möglichstes tun, um die Räuber verhaften zu lassen; doch verhehlte er mir seine Befürchtung nicht, daß es schon zu spät sein möchte. Ich benutzte die Gelegenheit, um ihm zu sagen, daß Piccolomini bei mir gewesen sei, und teilte ihm mit, welches Ansinnen er unter Drohungen an mich gestellt hätte. Er dankte mir und versprach mir für Ordnung der Angelegenheit zu sorgen, aber er riet mir, auf alle Fälle vorsichtig auf meiner Hut zu sein und mich zu verteidigen, falls ich angegriffen werden sollte, bevor er sich hätte vergewissern können, daß meine Feinde nicht imstande wären, etwas gegen mich zu unternehmen. Ich ging schnell nach Hause, denn ich fühlte mich krank. Ein sehr bitterer Geschmack im Munde war für mich ein Zeichen von der Umwälzung, die alle diese Erschütterungen in meinem Leibe hervorgebracht hatten; aber ich kannte das Heilmittel dagegen. Ich trank eine starke bittere Limonade und gab infolgedessen eine Menge Galle auf; dadurch wurde ich völlig gesund. Gegen Abend ging ich zu Esther. Sie war ernst und schien sich gekränkt zu fühlen. Als sie aber meine Blässe sah, belebte sich ihr Auge und sie fragte mich im Tone zärtlichster Teilnahme, ob ich krank sei. Ich antwortete ihr, ich hätte mich sehr unwohl gefühlt und Medizin eingenommen; jetzt aber sei ich wieder ganz gesund. Um ihre Besorgnisse zu zerstreuen, setzte ich hinzu: »Sie werden das beim Abendessen sehen, reizende Esther; denn ich bin seit dem gestrigen Mittagessen nüchtern.« Im Grunde log ich nicht, indem ich dies sagte; denn ich hatte bei den Paduanerinnen nur ein paar Austern gegessen. In ihrer Freude, die sie kaum in Schranken halten konnte, forderte das reizende Mädchen mich auf, sie zu umarmen. Ich tat dies mit Freuden, obwohl ich mich einer solchen Huld unwürdig fand. »Ich will Ihnen eine große Neuigkeit mitteilen,« lief sie. »Ich bin sicher, daß Sie nicht der Urheber Ihres Orakels sind oder daß Sie wenigstens, wie ich, es nur dann sind, wenn Sie es sein wollen. Die Antwort, die das Orakel mir gab, ist richtig; sie ist so richtig, daß sie geradezu göttlich ist, denn sie hat mir ein Geheimnis enthüllt, das keinem Menschen bekannt sein konnte, da es mir selber unbekannt war. Sie können sich nicht vorstellen, wie überrascht ich war, als ich mich unter ziemlichen Schwierigkeiten von der Wahrheit überzeugte! – Sie besitzen einen Schatz! Ihr Orakel ist unfehlbar; aber da es dies ist, so kann es auch niemals lügen, und das meinige sagt mir, daß Sie mich lieben. Ich bin ganz froh darüber, lieber Freund, denn Sie sind der Mann meines Herzens. Aber Sie müssen mir einen noch viel stärkeren Beweis Ihrer Liebe ablegen, und wenn Sie mich wirklich lieben, so können Sie mir meine Bitte nicht abschlagen. Da! Lesen Sie Ihre Antwort! Ich bin überzeugt. Sie kennen sie nicht. Hierauf werde ich Ihnen sagen, was Sie tun müssen, um mich vollkommen glücklich zu machen.« Ich tat, als ob ich das Orakel läse und küßte die Worte, worin es hieß, daß ich sie liebte. Hierauf sagte ich: »Es freut mich sehr, daß das Orakel Sie so leicht überzeugt hat, aber – ich bitte Sie um Verzeihung – ich muß Ihnen sagen, es scheint mir unglaublich, daß Sie es bis auf den heutigen Tag nicht gewußt haben!« Sie antwortete mir errötend, es würde mir nicht unmöglich erscheinen, wenn es mir gestattet wäre, mich durch den Augenschein zu überzeugen. Hierauf kam sie auf den Beweis meiner Liebe zu sprechen, den sie von mir verlangte, und sagte mir, ich müßte ihr mein Geheimnis mitteilen. »Sie lieben mich,« rief sie, »darum kann es Ihnen nicht schwer fallen, ein junges Mädchen glücklich zu machen, das einmal Ihre Frau sein wird und deren Gebieter sie sein werden. Mein Vater wird unserer Verbindung zustimmen, und wenn ich Ihre Frau bin, werde ich von Herzen gern alles tun, was sie wollen. Wir werden uns sogar an einem anderen Ort niederlassen, wenn Sie darauf Wert legen. Aber zu diesem Zweck müssen Sie mich lehren, wie ich auf jede beliebige Frage eine Antwort finden kann, ohne sie zuvor in meinem Gehirn schmieden zu müssen.« Esther flößte mir mit jedem Augenblick zärtlichere Gefühle ein; ich ergriff ihre Hände und küßte sie feurig, aber ehrfurchtsvoll, indem ich zu ihr sagte: »Sie wissen, göttliche Esther, ich bin in Paris durch mein Wort gebunden. Manon steht Ihnen sicherlich nach; trotzdem aber bin ich gezwungen, ihr gegenüber zu halten, was ich ihrer Mutter versprochen habe.« Esther seufzte und senkte das Haupt auf die Brust. Ihr Kummer tat mir leid; aber welche Entschuldigung hätte ich angeben können? Ich konnte sie doch unmöglich lehren, das Orakel auf eine andere Art anzuwenden als auf die ihr ebensogut wie mir bekannte. Denn überlegen war ich ihr nur an Schlauheit und an Welterfahrung. Einige Tage darauf meldete man mir am Morgen ziemlich früh, als ich noch nicht angezogen war, einen Mann, der sich für einen Offizier ausgab, dessen Name mir aber völlig unbekannt war. Ich ließ ihm sagen, ich sei nicht zu sprechen, und da mein Spanier fortgegangen war, so drehte ich den Schlüssel in meiner Tür um. Die letzten Vorgänge hatten mich mißtrauisch gemacht, und ich wollte keine Besuche mehr annehmen, wenn ich allein war. Meine beiden Räuber hatten alle Bemühungen der Polizei zu vereiteln gewußt, und Piccolomini war verschwunden; aber ich wußte, daß in Amsterdam noch eine Menge Leute von demselben Gelichter waren, und hielt darum Vorsicht für geboten. Kurze Zeit darauf kam Leduc zurück und brachte mir einen in schlechtem Italienisch geschriebenen Brief. Er sagte mir, dieser sei ihm von einem Offizier gegeben worden, der auf Antwort warte. Ich öffnete ihn und las den Namen des Offiziers, den man mir kurz vorher angemeldet hatte. Er schrieb, wir seien Bekannte, aber er könne mir seinen Namen nur mündlich sagen und sei nur gekommen, um mir eine wichtige Mitteilung zu machen. Ich befahl Leduc, ihn eintreten zu lassen, selber aber bei der Türe stehen zu bleiben. Ich sah einen recht schön gewachsenen Mann von etwa vierzig Jahren, in der Uniform eines Offiziers von ich weiß nicht welcher Armee, der eine richtige Galgenphysiognomie hatte. »Was wünschen Sie von mir?« fragte ich ihn sofort nach seinem Eintreten. »Mein Herr, wir haben uns vor etwa sechzehn Jahren in Cerigo gekannt, und ich bin hocherfreut über die Gelegenheit, unsere Bekanntschaft zu erneuern.« Ich erinnerte mich nun, daß ich auf Cerigo mich nur wenige Augenblicke aufgehalten hatte, als ich den Bailo nach Konstantinopel begleitete, und nahm an, daß er einer von den beiden Unglücklichen sein mußte, denen ich ein Almosen gegeben hatte. Ich fragte ihn: »Sind Sie jener, der sich mir gegenüber für den Sohn eines Grafen Poccini in Padua ausgab, obwohl es im Paduanischen überhaupt einen Grafen dieses Namens nicht gibt?« »Ich bewundere Ihr ausgezeichnetes Gedächtnis,« sagte er zuversichtlichen Tones; »jawohl, der bin ich.« »Und was können Sie wohl von mir zu wünschen haben?« »Das kann ich Ihnen in Gegenwart Ihres Bedienten nicht sagen.« »Mein Bedienter versteht nicht italienisch; Sie können ruhig sprechen. Übrigens werde ich ihn hinausgehen lassen.« Ich sagte Leduc, er sollte sich im Vorzimmer aufhalten. Als er hinausgegangen war, sagte der angebliche Paduanische Graf zu mir, ich sei bei seinen Nichten gewesen und habe sie als Kurtisanen behandelt; hierfür verlange er Genugtuung von mir. Aller dieser Belästigungen satt, ergriff ich schnell meine Pistolen, schlug auf ihn an und befahl ihm, sich augenblicklich zu entfernen. Leduc trat ein, und der dritte Räuber verschwand mit den Worten: er werde mich schon zu finden wissen. Es war eine schmähliche Sache; um Gerechtigkeit zu erlangen, hätte ich dem Polizeipräsidenten alles erzählen müssen. Ich glaubte um meiner Ehre willen schweigen zu müssen und sprach über den Vorfall nur mit Rigerboos, dem ich alles anheimstellte. Dieser hatte nicht wie ich Rücksichten zu nehmen; er tat die notwendigen Schritte, und Lucia erhielt den Befehl, die angeblichen adeligen Nichten fortzuschicken. Aber nun kam das arme Frauenzimmer zu mir und jammerte unter strömenden Tränen, sie geriete durch dieses Unglück in das scheußlichste Elend; ich schenkte ihr einige Dukaten, und sie ging getröstet von dannen. Ich bat sie, sich nicht wieder bei mir sehen zu lassen. Alles was ich fern von Esther tat, schlug mir zum Unheil aus, und ich fühlte, daß ich, um glücklich zu sein, mich nicht von ihr hätte entfernen dürfen; aber ich wurde von meinem Stern oder vielmehr von meiner Unbeständigkeit fortgerissen. Drei Tage darauf kam der hinterlistige Major Sabi zu mir und sagte mir, ich möchte auf meiner Hut sein, denn ein venetianischer Offizier, der von mir beschimpft zu sein behaupte, sage zu jedem, der es hören wolle, ich hätte ihm Genugtuung verweigert und er hätte daher das Recht, mich zu ermorden. »Und ich,« antwortete ich, »ich hätte das Recht, ihn als einen entsprungenen Galerensträfling, dem ich als solchen ein Almosen gegeben habe, und als einen Menschen verhaften zu lassen, der unberechtigterweise die Uniform eines Offiziers trägt und dadurch den ganzen Stand entehrt. Wie kann ich übrigens Mädchen beschimpft haben, die in einem Bordell leben, und die ich weit über ihr Verdienst bezahlt habe?« »Wenn es so ist, haben Sie ja vollkommen recht, aber der arme Teufel ist in Verzweiflung; er möchte abreisen und besitzt keinen Gulden. Ich rate Ihnen, ihm noch einmal ein Almosen zu geben; damit wird alles in Ordnung sein. Vierzig Gulden werden Sie nicht ärmer machen, und Sie werden dadurch von einem unangenehmen Feinde befreit.« »Von einem sehr unangenehmen – das gebe ich zu.« Ich erklärte mich endlich bereit, ihm die vierzig Gulden zu schenken, und gab sie ihm in einem Kaffeehause, wo ich nach Verabredung mit dem Major ihn antraf. Der Leser wird sehen, wo ich vier Monate später diesen üblen Burschen wiederfand. Wenn ich heute, bei kaltem Mute und nach so langer Zeit, an alle die Unannehmlichkeiten zurückdenke, die mir während meines kurzen damaligen Aufenthaltes in Amsterdam zustießen, während ich doch dort so glücklich hätte sein können, dann muß ich anerkennen, daß wir fast immer selber die Ursache alles Unglückes sind, das uns trifft, und aller Leiden, über die wir so ungerechterweise uns beklagen. Wenn ich diese Zeit noch einmal durchleben könnte, würde ich dann weise sein? Ja, wenn ich nicht Ich wäre! Herr d'O. lud mich ein, mit ihm in der Bürgermeisterloge zu speisen; eine außerodentliche Gunst, denn gegen alle Regeln der Freimaurerei wurden stets nur die vierundzwanzig Mitglieder zugelassen, aus denen die Loge bestand, und diese vierundzwanzig Maurer waren die reichsten Millionäre der Börse. »Ich habe Sie angemeldet,« sagte Herr d'O. zu mir, »und um Sie würdig zu empfangen, wird die Loge in französischer Sprache eröffnet werden.« Die Herren nahmen mich in der Tat ganz ausgezeichnet auf, und ich hatte das Glück, ihnen so sehr zu gefallen, daß ich einstimmig zum überzähligen Mitgliede für die ganze Zeit meines Amsterdamer Aufenthaltes erklärt wurde. Als wir uns entfernt, sagte Herr d'O. mir, ich hätte mit einer Gesellschaft soupiert, die über ein bares Kapital von dreihundert Millionen verfügen könnte. Am nächsten Tage bat der wackere Holländer mich um die Gefälligkeit, eine Frage zu beantworten, auf die das Orakel seiner Tochter eine zu dunkle Antwort gegeben hätte. Esther forderte mich ebenfalls dazu auf, und ich bat ihn, mir die Frage zu nennen. Sie lautete: »Ich wünsche zu wissen, ob das Individuum, das mir und meinen Teilhabern ein Geschäft von großer Tragweite vorschlägt, wirklich der Freund des Königs von Frankreich ist.« Es war für mich nicht schwer zu erraten, daß es sich um den Grafen von St.-Germain handelte. Herr d'O. wußte nicht, daß ich ihn kannte, und ich hatte nicht vergessen, was Graf Affry mir gesagt hatte. Ich dachte bei mir selber: das ist eine schöne Gelegenheit, mein Orakel glänzen zu lassen und meiner schönen Esther etwas zu denken zu geben. Ich ging sofort an die Arbeit, baute meine Pyramiden und schrieb über die vier Schlüssel die Buchstaben O.S.A.D., um einen besonders tiefen Eindruck zu machen. Hierauf zog ich die Antwort aus, indem ich mit dem vierten Schlüssel D. begann. Sie lautete: »Der Freund verleugnet. Der Befehl wird unterzeichnet. Man bewilligt. Man lehnt ab. Alles verschwindet. Verschiebe.« Ich tat, wie wenn ich meine Antwort sehr dunkel fände; Esther aber stieß einen Ruf der Überraschung aus und fand, die Antwort sei in einem außerordentlichen Stil gehalten, aber sehr vielsagend. Herr d'O. rief freudetrunken: »Kinder, die Antwort ist für mich vollkommen klar, das Orakel ist göttlich! Das Wort Verschiebe betrifft mich; dies verstehe ich wohl, lieber Freund. Sie und meine Tochter sind sehr geschickt, das Orakel sprechen zu lassen; ich aber verstehe besser als Sie beide, es zu deuten. Ich werde mich allem widersetzen. Es handelt sich um nichts Geringeres, als um die Hergabe von hundert Millionen gegen die Verpfändung der französischen Krondiamanten. Der König möchte dieses Geschäft abschließen, ohne daß seine Minister sich hineinmischen, ja, ohne daß sie überhaupt etwas davon erfahren. Ich bitte Sie, mit keinem Menschen darüber zu sprechen.« Er ging hinaus. »O!« rief Esther, sobald wir allein waren; »diesmal bin ich aber sicher, daß die Antwort unabhängig von Ihrem Willen ist! Bei allem, was Ihnen heilig ist – sagen Sie mir, was bedeuten diese vier Buchstaben, und warum wenden Sie sie für gewöhnlich nicht an?« »Ich wende sie nicht an, reizende Esther, weil die Erfahrung mich gelehrt hat, daß sie für gewöhnlich nicht notwendig sind; da aber diese Überschriften beim Aufbau der Pyramiden eigentlich vorgeschrieben sind, so glaubte ich, bei diesem mir wichtig erscheinenden Anlaß sie nicht fortlassen zu dürfen.« »Was bedeuten sie?« »Es sind die Anfangsbuchstaben der geheiligten Namen der vier Hauptintelligenzen der Erde.« »Was sind dies für Namen?« »Es ist nicht erlaubt, sie auszusprechen, aber wer die Wissenschaft des Orakels empfangen will, muß sie wissen.« »Ach, lieber Freund, betrüge mich nicht! Ich glaube dir alles, und du würdest einen Mord begehen, wenn du ein so reines Vertrauen wie das meinige mißbrauchtest!« »Ich betrüge dich nicht, teure Esther.« »Du müßtest mir also diese heiligen Namen sagen, wenn du mich die Kabbala lehren wolltest?« »Gewiß, und ich kann sie nur dem enthüllen, den ich zu meinem Erben machen werde. Die Verletzung dieser Vorschrift ist mit der Strafe völligen Vergessens bedroht, und diese Drohung, das wirst du zugeben, liebe Esther, ist wohl danach angetan, mich von solcher Verletzung abzuhalten.« »Ich gebe es zu. Ich Unglückliche! Und Ihre Erbin wird ohne Zweifel Ihre Manon sein.« »Nein; Manons Geist ist nicht für diese Art von Wissen geschaffen.« »Sie müssen sich aber doch zugunsten irgendeines Menschen entscheiden, denn Sie sind sterblich. Wenn Sie wollen, wird mein Vater sein Riesenvermögen mit Ihnen teilen, ohne Sie zur Heirat mit mir zu verpflichten.« »Was haben Sie da gesagt, Esther! Glauben Sie denn, die Bedingung, Sie besitzen zu müssen, könnte mir jemals mißfallen?« Nach einem köstlichen Tage, den ich beinahe den glücklichsten meines ganzen Lebens nennen könnte, verließ ich abends die allzu reizende Esther und ging nach Hause. Drei oder vier Tage später trat Herr d'O. in Esthers Zimmer ein, wo er uns beide mit der Berechnung von Pyramiden beschäftigt fand. Ich lehrte sie, die kabbalistischen Kombinationen zu allen Schlüsseln zu verdoppeln, zu verdreifachen und zu vervierfachen. Herr d'O. lief mit großen Schritten im Zimmer hin und her und schlug sich vor die Stirn, wie wenn er außer sich wäre. Überrascht und beinahe erschrocken, ihn in einem solchen für ihn so ungewöhnlichen Zustand zu sehen, sprangen wir auf. Er umarmte uns leidenschaftlich und zwang uns beinahe auch uns zu umarmen, was wir sehr gerne taten. »Aber was bedeutet denn dies alles, mein lieber Papa? Sie überraschen uns über alle Maßen.« »Setzt euch neben mich, meine lieben Kinder, und hört auf euren Vater und besten Freund. Ich erhalte soeben einen Brief von einem der Sekretäre Ihrer Hochmögenden; er schreibt mir, der französische Gesandte habe im Namen meines königlichen Herrn bei den Generalstaaten die Auslieferung des Herrn Grafen von St.-Germain beantragt, und man habe ihm geantwortet, die Auslieferung werde gemäß dem Wunsche Seiner Allerchristlichsten Majestät stattfinden, sobald es gelungen sei, sich der Person des angeblichen Grafen zu bemächtigen. Man habe erfahren, daß der Herr von St.-Germain im »Morgenstern« wohne, und habe, dem Versprechen gemäß, um Mitternacht Polizeibeamte hingeschickt. Man habe jedoch den Vogel ausgeflogen gefunden. Der Wirt habe erklärt, der Graf sei bei Einbruch der Nacht mit der Post in der Richtung nach Nymwegen abgereist. Man habe ihn verfolgen lassen, hege jedoch nur geringe Hoffnung, ihn einzuholen. Man wisse nicht, wie er von dem gegen ihn erlassenen Haftbefehl habe Wind bekommen können.« »Man weiß nicht,« fuhr Herr d'O. lachend fort, »aber jeder errät, daß ohne Zweifel Herr Calcoen, eben jener, der an mich geschrieben hat, dem Freunde des Königs von Frankreich einen Wink gegeben hat, man werde ihn um Mitternacht in Haft nehmen, wenn er sich nicht vorher aus dem Staube mache. Er war natürlich nicht so dumm, einen so nützlichen Rat nicht zu befolgen. Die Regierung hat dem Herrn Grafen d'Affry geantwortet: man bedauere recht sehr, daß Seine Exzellenz so lange gezögert habe, die Verhaftung und Auslieferung des Herrn von St.-Germain zu verlangen, und der Herr Botschafter wird von dieser Antwort nicht überrascht sein, denn sie lautet genau so wie die Antworten, die man stets in solchen Fällen gibt. Die Weisheit des Orakels ist bestätigt worden, und ich wünsche mir Glück, eine richtige Ahnung gehabt zu haben, denn wir waren im Begriff, ihm eine Abschlagszahlung von hunderttausend Gulden zu machen, die er nach seiner Behauptung sofort nötig hatte. Er hatte uns als Pfand den schönsten Diamant der Krone gegeben, und dieses Pfand ist uns verblieben. Aber wir werden ihm den Diamanten wiedergeben, sobald er ihn von uns wieder zurückverlangt, es sei denn, daß der Gesandte Anspruch darauf erheben läßt. Ich habe niemals einen so schönen Stein gesehen. – Jetzt, Kinder, begreift ihr, welchen unermeßlichen Dank ich eurem Orakel schulde. Ich werde auf die Börse gehen und mich der Dankbarkeit erfreuen, welche Mitbeteiligte mir aussprechen werden. Ich werde für den klügsten, scharfsinnigsten und bestunterrichteten Mann in ganz Holland gelten. Euch verdanke ich diese Ehre, meine lieben Freunde, aber ich mache mir gar kein Gewissen daraus, mich mit diesen Pfauenfedern zu schmücken. – Mein lieber Casanova, ich hoffe, Sie speisen bei uns. Nach Tisch werde ich Sie bitten, Ihr unbegreifliches Wesen zu befragen: ob wir gut tun, zu erklären, daß wir den prachtvollen Solitär besitzen, oder ob wir besser schweigen, bis er uns abverlangt wird.« Nach dieser schönen Rede umarmte der Papa uns abermals und ging. »Lieber Freund,« sagte Esther, indem sie mir um den Hals fiel, »hier bietet sich dir schönste Gelegenheit, mir einen großen Beweis deiner Freundschaft zu liefern. Er wird dir nichts kosten, mir aber wird er eine unendliche Ehre und Freude sein.« »Befiehl, meine Esther, befiehl! Du kannst unmöglich glauben, daß ich dir etwas verweigern soll, was mir nichts kosten wird, während ich im Gegenteil mich glücklich schätzen würde, dir mein Leben opfern zu dürfen.« »Mein Vater wünscht, daß du ihm nach Tisch sagst, ob man den Besitz des Diamanten bekannt geben oder ob man lieber schweigen soll, bis er zurückgefordert wird. Wenn er diese Bitte wiederholt, so sage ihm, er möge sich an mich wenden, und erbiete dich, das Orakel ebenfalls zu befragen, falls meine Antwort dunkel sein sollte. Mache jetzt gleich auf der Stelle die Berechnung; ich werde dann aus meiner Pyramide dieselbe Antwort hervorgehen lassen. Mein Vater wird mich um so mehr lieben, wenn er sieht, daß mein Wissen mit dem deinigen übereinstimmt.« »Teure Esther! Warum kann ich nicht tausendmal mehr tun, um dir deine Liebe und meine Ergebenheit zu erweisen. Ans Werk! – Du sollst, liebe Freundin, selber die Frage stellen, die Pyramide bilden und mit eigener Hand die machtvollen vier Buchstaben darüber schreiben. Gut! Beginne das Ausziehen der Antwort mit dem göttlichen Schlüssel!« Niemals war ein Schüler gelehriger. Als alles vorbereitet war, ließ ich sie nach meinem Belieben Additionen und Subtraktionen vornehmen, und sie fand zu ihrem höchsten Erstaunen folgende Antwort: »Schweigen notwendig; ohne Schweigen allgemeine Verspottung. Diamant wertlos; einfacher Glasfluß.« Ich glaubte, sie werde vor Freude toll werden. Sie lachte sich halb tot. »Was für eine Antwort! Wie wundervoll! Wie? Der Diamant ist falsch, und ich werde sie belehren, welche Dummheit sie begangen haben, sich so etwas vormachen zu lassen? Durch mich wird mein Vater dieses wichtige Geheimnis erfahren! Dies übertrifft alle meine Erwartungen; kaum kann ich meine Freude beherrschen. Wieviel verdanke ich dir doch, du reizender, du wundervoller Mann! Natürlich wird man sich beeilen, die Tatsache feststellen zu lassen, und wenn man findet, daß der berühmte Diamant nur eine glänzend gelungene Nachbildung ist, dann wird das Konsortium meinen Vater anbeten, denn es wird begreifen, wie lächerlich es sich gemacht haben würde, wenn es hätte eingestehen müssen, daß ein listiger Gauner es betrogen hat. Kannst du, lieber Freund, mir diese Pyramide überlassen?« »Ich überlasse sie dir sehr gerne; aber, liebe Esther, sie wird dich nicht klüger machen.« Der Vater kam nach Hause; wir speisten, und nach dem Essen gab es eine wirklich komische Szene, als der wackere Herr d'O. durch das Orakel seiner Tochter erfuhr, daß der Stein falsch wäre. Er schrie laut auf, erklärte die Sache für unmöglich und bat mich schließlich, dieselbe Frage zu beantworten, denn er sei fest überzeugt, daß seine Tochter sich geirrt, oder vielmehr, daß das Orakel sich über sie lustig gemacht hätte. Ich machte mich ans Werk, und meine Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Als er sah, daß sie mit der Antwort seiner Tochter übereinstimmte, obgleich sie anders ausgedrückt war, hegte er keinen Zweifel mehr an Esthers Wissenschaft. Er gab sofort den angeblichen Diamanten zur Prüfung und empfahl den Mitbeteiligten zu schweigen, bis sie Gewißheit hätten. Dieser Rat war übrigens zwecklos; denn obwohl die Beteiligten nicht darüber sprachen, war die Geschichte doch allgemein bekannt; man sagte sogar, was man in solchen Fällen gewöhnlich sagt, die Geprellten seien nicht nur halb geprellt worden, und Graf St.-Germain hätte die hunderttausend Gulden eingesackt. Das war aber falsch. Meine Esther war ganz stolz; aber sie war nicht zufrieden, denn durch diesen Erfolg wuchs nur ihr Wunsch, die Wissenschaft ebenso vollkommen zu beherrschen, wie nach ihrer Meinung ich sie beherrschte. Bald darauf erfuhr man, St.-Germain habe sich in Emden nach England eingeschifft und sei dort eingetroffen. Ich werde auf den berühmten Betrüger noch zurückkommen. In diesen Tagen trat eine Wendung anderer Art ein, durch die ich beinahe auf die allerdümmste Art und Weise gestorben wäre. Es war am Weihnachtstag, und ich war ziemlich früh aufgestanden und befand mich in froherer Stimmung als für gewöhnlich. Nach dem Glauben der alten Weiber bedeutet dies stets, daß etwas Trauriges sich ereignen wird; ich war aber solchen Vorurteilen nicht sehr zugänglich und dachte damals so wenig wie heute daran, in meiner fröhlichen Stimmung eine üble Vorbedeutung zu erblicken. Dieses Mal bestätigte jedoch der Zufall den Aberglauben. Ich empfing aus Paris einen Brief und ein dickes Paket; beide waren von Manon. Ich öffnete den Brief und glaubte vor Schmerz zu sterben, als ich folgende Worte las: »Seien Sie vernünftig und empfangen Sie mit kaltem Blute die Nachricht, die ich Ihnen zu geben habe. Das Paket enthält alle Ihre Briefe und Ihr Bildnis. Schicken Sie mir das meinige zurück, und wenn Sie meine Briefe aufbewahrt haben, so erweisen Sie mir die Liebe und verbrennen Sie sie. Ich rechne auf Ihre Ehrenhaftigkeit. Denken Sie nicht mehr an mich. Mir wird die Pflicht die Verbindlichkeit auferlegen, mein Möglichstes zu tun, um Sie zu vergessen, denn morgen um diese Stunde werde ich die Gattin des königlichen Hofarchitekten und Akademiemitgliedes Blondel sein. Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie nach Ihrer Rückkehr nach Paris die Güte haben, so zu tun, als ob Sie mich nicht kennen, falls der Zufall eine Begegnung herbeiführen sollte.« Als ich diesen Brief gelesen hatte, war ich wie betäubt; länger als zwei Stunden war es mir unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Ich ließ Herrn d'O. sagen, ich fühlte mich unwohl und würde den ganzen Tag das Zimmer hüten. Als ich mich ein bißchen ruhiger fühlte, öffnete ich das Paket. Mein Bild war das erste, was mir in die Hände fiel. Ich sah es an, und ich war in einer so fürchterlichen Stimmung, daß ich in diesem Augenblick eine wütende und drohende Miene zu sehen glaubte, obgleich mein Gesicht lachend und fröhlich dargestellt war. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und schrieb zwanzig Briefe, in denen ich die Ungetreue mit Vorwürfen und Drohungen aller Art überhäufte; aber sowie sie halb oder ganz fertig waren, zerriß ich diese Briefe. Gänzlich niedergeschmettert und kraftlos, bemühte ich mich, eine Tasse Fleischbrühe zu trinken, und legte mich dann mit einem Fieberanfall zu Bett, mich nach einem Schlaf sehnend, der aber nicht kam. Tausend Pläne kreuzten sich in meiner kranken Phantasie; einen nach dem anderen verwarf ich, um immer wieder neue auszudenken. Diesen Blondel, den ich nicht kannte, wollte ich meiner Wut opfern, um ihn dafür zu strafen, daß er mir ein Weib geraubt hatte, auf dessen Besitz ich allein ein Recht zu haben glaubte und das man als meine Gattin ansah. Ich wollte die Ungetreue bestrafen, indem ich ihr den Mann raubte, den sie mir vorgezogen hatte. Ich klagte ihren Vater an, fluchte ihrem Bruder, da sie den Schimpf, der mir in so heimtückischer Weise angetan wurde, vor mir geheim gehalten hatten. Den ganzen Tag und die ganze Nacht verbrachte ich in dieser Art von Fieberwahn; am nächsten Morgen war ich noch schwächer als am Tage vorher und ließ daher Herrn d'O. sagen, es wäre mir nicht möglich, an diesem Tage auszugehen. Hierauf begann ich Manons Briefe wiederzulesen; ich gab ihr die tollsten Beinamen und versuchte, wie am Tage vorher, ihr zu schreiben; aber es gelang mir nicht, einen Brief zustande zu bringen, wie ich ihn wünschte. Der leere Magen und die Erregung meiner Sinne, welche betäubende Dünste in mein Gehirn aufsteigen ließen, machten mich einige Augenblicke meine Schmerzen vergessen, die sich aber bald um so heftiger wieder einstellten. Gegen drei Uhr besuchte der gute Herr d'O. mich und lud mich ein, mit ihm nach dem Haag zu reisen, wo am Tage darauf, zum St. Johanneswinterfest, alle angesehenen Freimaurer von ganz Holland sich versammeln sollten, um das Ordensfest zu feiern. Als er aber den Zustand sah, worin ich mich befand, drang er nicht weiter in mich. »Was ist denn das für eine Krankheit, mein lieber Casanova?« fragte er mich. »Ein großer Kummer, aber bitte sprechen Sie nicht davon.« Er verließ mich beinahe ebenso betrübt, wie ich selber war, und bat mich, Esther zu besuchen. Aber sie kam mir am nächsten Morgen zuvor, denn gegen neun Uhr sah ich sie mit ihrer Gouvernante eintreten. Ihr Anblick tat mir wohl. Erstaunt über mein verstörtes Aussehen fragte sie mich, was denn das für ein Kummer sei, dessen meine Philosophie nicht Herrin werden könne; ihr Vater habe ihr davon erzählt. »Setzen Sie sich neben mich, teure Esther, und gestatten Sie mir aus dieser Sache, die mir so tief zum Herzen geht, ein Geheimnis zu machen. Der große Arzt, die Zeit, und mehr noch Ihre Unterhaltung werden eine Heilung bewirken, die ich von meiner Vernunft nicht erwarten darf. Solange wir von anderen Dingen sprechen, liebe Freundin, werde ich nicht an das Unglück denken, das mir das Herz zerreißt.« »Wohlan, mein Freund, kleiden Sie sich an und verbringen Sie den Tag bei mir; ich werde alles aufbieten, um Sie zu zerstreuen.« »Ich bin sehr schwach, liebe Esther, denn seit drei Tagen genieße ich nur ein wenig Fleischbrühe oder Schokolade.« Bei diesen Worten sah ich ihr schönes Antlitz sich entfärben und einige Tränen ihren Augen entrollen. Nach einem kurzen Schweigen setzte sie sich an meinen Schreibtisch, nahm eine Feder und schrieb einige Zeilen, die sie mir brachte. Sie lauteten: »Lieber Freund, wenn eine große Summe Geldes, außer derjenigen, die mein Vater Ihnen schuldig ist, Ihren Kummer zu verscheuchen oder nur zu lindern imstande ist, so kann ich Ihr Arzt sein, und Sie werden mich wirklich glücklich machen, wenn Sie mein Anerbieten annehmen.« Ich ergriff ihre Hände, die ich zärtlich küßte, und sagte: »Nein, meine teure, großmütige Esther, nicht Gold ist es, was mir fehlt; dessen habe ich genug, und sollte es mir daran fehlen, so würde ich vertrauensvoll und freundschaftlich Sie darum bitten. Was ich brauche und was niemand mir geben kann, das ist die Geistesstärke, um einen Entschluß zu fassen.« »Aber dies wäre ja gerade der Fall, sich an Ihr Orakel zu wenden.« Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten. »Wie können Sie lachen?« rief sie. »Nach den Regeln der gesunden Vernunft zu urteilen, kann dem Orakel, wie mich dünkt, ein Heilmittel für Ihr Leiden nicht unbekannt sein.« »Ich lachte, mein Engel, weil mir der komische Einfall kam, das Orakel durch Sie befragen zu lassen. Ich werde es nicht um Rat fragen, denn ich fürchte, es könnte nur ein Heilmittel anraten, das schlimmer wäre, als das Leiden, das mich quält.« »Aber, lieber Freund, es stände doch stets in Ihrer Macht, keinen Gebrauch davon zu machen.« »Ja, gewiß, es steht uns frei zu handeln oder nicht; aber eine Unterlassung wäre ein Verstoß gegen die Ehrfurcht, die ich dem Orakel schulde.« Esther wußte nicht, was sie sagen sollte, und schwieg einige Augenblicke; endlich fragte sie mich, ob es mir Freude machen würde, wenn sie den ganzen Tag bei mir bliebe. Die Freude, die dieser Vorschlag mir verursachte, war zu sichtbar, als daß sie sie nicht hätte bemerken sollen. Ich antwortete ihr, wenn sie zum Essen bleiben wollte, würde ich aufstehen und drei Gedecke auflegen lassen; ohne Zweifel würde sie mir Mut machen, etwas zu essen. »Nun, so werde ich denn Kabeljau machen, den Sie so sehr lieben,« rief sie fröhlich. Sie befahl die Tragstühle wegzuschicken und ging zur Wirtin, um eine leckere Mahlzeit und einen Weingeistkochapparat zu bestellen, den sie nötig hatte, um ihre kleinen Gerichte am Tische selbst zubereiten zu können. Esther war ein Schatz, von einer Vollkommenheit wie ein Engel. Und sie war bereit, mir anzugehören, unter der Bedingung, daß ich ihr meine Wissenschaft mitteilte, die sich doch nicht mitteilen ließ. Da ich durch den Gedanken, daß ein köstlicher Tag mir bevorstehe, mich erleichtert fühlte, so sah ich, daß ich Manon würde vergessen können, und ich war darüber hocherfreut. Ich stand auf, und Esther war überglücklich, als sie bei ihrem Wiedereintreten mich angezogen fand. »Lieber Freund,« sagte sie zu mir, »setzen Sie Ihrer Güte die Krone auf und lassen Sie sich frisieren und ankleiden, wie wenn Sie auf einen Ball gehen wollten.« »Dies ist eine lächerliche Laune, aber sie gefällt mir, weil sie dir Vergnügen machen wird.« »Sie wird auch dir Vergnügen machen,« sagte sie mit bezaubernder Anmut. Ich klingelte Leduc und sagte ihm, ich wolle frisiert und angekleidet werden, wie wenn ich zum Ball ginge. »Wähle mir den Anzug, der mir am besten steht.« »Nein,« rief Esther, »ich selber werde ihn aussuchen.« Leduc öffnete den Koffer, und während sie nach ihrem Belieben darin herumwühlte, rasierte und frisierte er mich. Esther war in fröhlichster Laune über ihre Beschäftigung, bei der sie sich von ihrer Gouvernante helfen ließ. Sie legte auf mein Bett ein Spitzenhemd und von meinen Röcken denjenigen, der ihrem Geschmack am meisten zusagte. Dann trat sie nahe an mich heran, wie wenn sie sehen wollte, ob Leduc mich auch ordentlich frisierte, und sagte: »Ein Täßchen Fleischbrühe wird Ihnen gut tun, lieber Freund; lassen Sie sich welche kommen; das Mittagessen wird Ihnen um so besser schmecken.« Ich befolgte ihren von der zärtlichsten Teilnahme eingegebenen Rat und befand mich wohl dabei. Das reizende Wesen übte einen so wohltuenden Einfluß auf mich aus, daß ich allmählich zu fühlen glaubte, als ob ich Manon nicht liebe, sondern im Gegenteil sie hasse. Dies machte mir Mut und vollendete meine Heilung; wenn ich aber heute die verschiedenen Gefühle prüfe, die ich damals empfand, so glaube ich zu erkennen, daß Manon viel mehr meine Eitelkeit als meine Liebe verletzt hatte. Ich befand mich unter den Händen meines Kammerdieners, das Gesicht nach dem Kaminfeuer gekehrt; obwohl ich Esther nicht sehen konnte, so erheiterte mich der Gedanke, daß sie in meinen Sachen herumkramte. Plötzlich stand sie mit traurigem Gesicht vor mir. Sie hielt einen Brief in der Hand. Es war das verhängnisvolle Schreiben Manons. »Bin ich strafbar?« fragte sie schüchtern, »daß ich die Ursache Ihres Schmerzes entdeckt habe?« Ich war anfangs ein wenig verlegen, dann aber sah ich sie mit einem beifälligen Blick an und sagte: »Nein, nein, teure Esther! Beklagen Sie Ihren Freund und sprechen wir nicht mehr davon.« »Ich kann also zu Ende lesen?« »Gewiß, mein Herz, wenn Ihnen das Spaß macht; mir liegt nichts mehr daran, und Sie werden mich um so mehr beklagen.« Alle Briefe der ungetreuen Manon Baletti lagen zusammen mit den meinigen, nach dem Datum geordnet, auf meinem Nachttisch. Ich zeigte sie Esther, die mit einer Art Gier sie zu lesen begann. Als ich wie zu einer Hoffestlichkeit gekleidet war, ging Leduc hinaus, und wir waren allein, denn die gute Gouvernante, die am Fenster saß und eine Spitze häkelte, kümmerte sich niemals um uns. Esther sagte mir, noch niemals hätte ihr etwas soviel Vergnügen gemacht, wie das Lesen dieser Briefe. »Diese verfluchten Briefe, die dir so sehr gefallen, liebe Esther, werden an meinem Tode schuld sein.« »An Ihrem Tode, lieber Freund? Nein, ich hoffe, ich werde Sie heilen.« »Ich wünsche es; aber nach dem Essen wirst du mir helfen, sie alle zu verbrennen, auch den, der mir dies anbefiehlt.« »Sie verbrennen! Mein Freund, schenken Sie sie mir lieber. Ich verspreche Ihnen, sie mein ganzes Leben lang aufzubewahren.« »Sie gehören Ihnen, Esther; morgen werde ich sie Ihnen bringen.« Die Zahl dieser Briefe betrug mehr als zweihundert, und die kürzesten waren vier Seiten lang. Hoch erfreut, sie in ihrem Besitz zu sehen, sagte sie mir, sie wolle sie sofort zusammenpacken und werde glücklich sein, sie am Abend mit nach Hause zu nehmen. »Werden Sie,« fragte sie mich, »Ihrer Ungetreuen ihr Bild zurückschicken?« »Ich weiß nicht, was ich tun soll.« »Schicken Sie es nur zurück; denn sie ist nicht würdig, daß Sie ihr die Ehre erweisen, es zu behalten. Ich bin überzeugt, Ihr Orakel würde Ihnen denselben Rat geben. Wo ist dieses Porträt? Wollen Sie es mir zeigen?« Ich hatte das Bild im Innern einer goldenen Tabaksdose; aber ich hatte es Esther niemals gezeigt, weil ich befürchtet hatte, sie könnte Manon schöner finden als sich selber, und annehmen, ich zeigte es ihr nur aus Eitelkeit, und dies könnte sie beleidigen. Aber da sie selber den Wunsch aussprach, es zu sehen, so beeilte ich mich, die Kassette zu öffnen, worin es sich befand, und gab es ihr. Eine andere als Esther hätte Manon häßlich gefunden oder wenigstens Mängel an ihr zu entdecken gesucht; Esther aber lobte sie, fand sie sehr schön und sagte nur, es sei schade, daß in einem so schönen Körper eine so häßliche Seele wohne. Manons Anblick brachte Esther in Zug; sie bat mich, ihr alle Bilder zu zeigen, welche Frau Manzoni mir aus Venedig geschickt hatte. Es waren nackte Figuren dabei, aber Esther war rein, und ihr Geist war zu aufgeklärt, um sich zu Zierereien herbeizulassen, die nur Prüden anstehen, denen das Verständnis für das Natürliche abgeht. O'Morphi gefiel ihr sehr, und ihre Geschichte, die ich ihr mit allen Einzelheiten erzählte, erschien ihr sehr merkwürdig. Das Bildnis der schönen Nonne M.M., erst im Nonnenkleide und dann als Venus, erregte ihre Heiterkeit; sie sprach den lebhaftesten Wunsch aus, auch ihre Geschichte kennen zu lernen; aber ich schlug ihr dies ab. Als es Zeit zum Mittagessen war, wurde uns eine ausgezeichnete Mahlzeit aufgetragen, und wir verbrachten zwei köstliche Stunden damit, uns an Speise und Trank zu erquicken und uns zu unterhalten. Mir war es, wie wenn ich durch ein Wunder vom Tode zum Leben auferstanden wäre, und Esther war überaus froh, mein Arzt gewesen zu sein. Bevor wir vom Tische aufstanden, sagte ich ihr, ich würde gleich am nächsten Tage Manons Bild an deren Gemahl schicken; aber ihr ausgezeichnetes Herz gab ihr bald ein Mittel ein, mir davon abzuraten, was ihr nicht schwer wurde. Als wir nämlich gleich nachher vor dem hellflackernden Kaminfeuer saßen und plauderten, nahm sie Papier, errichtete die Pyramiden und schrieb die Schlüsselbuchstaben O.S.A.D. darüber. Sie fragte das Orakel, ob ich recht daran tun würde, das Bild dem Gatten zu übersenden, oder ob es edelmütiger und schicklicher sein sollte, es der ungetreuen Manon zurückzuschicken. Während des Rechnens sagte sie mir oft mit einem lieblichen Lächeln: »Ich habe die Antwort nicht vorbereitet; Sie können es mir glauben.« Ich tat, als glaubte ich ihr, und wir lachten wie zwei Auguren, die sich ungesehen von aller Welt begegnen. Die Antwort lautete, ich müsse das Bild zurückschicken, aber an die, die es mir gegeben habe; es an den Mann zurückzuschicken, wäre eine tadelnswerte Handlungsweise, die eines Ehrenmannes unwürdig wäre. Ich stimmte der Antwort zu und küßte zwanzigmal die Pythonissa. Ich versprach ihr, der Vorschrift des Orakels pünktlich zu folgen; aber ich fügte hinzu, ich sähe mit Befriedigung, daß ich sie nicht in der Wissenschaft zu unterweisen brauchte, denn sie beherrschte sie bereits ebenso vollkommen wie derjenige, der sie erfunden hätte. Ich sagte die Wahrheit; aber Esther lachte, und da sie fürchtete, ich könnte es allen Ernstes glauben, gab sie sich die allergrößte Mühe, mich vom Gegenteil zu überzeugen. An solchen Tändeleien hat die Liebe ihre Freude; auf solche Weise wächst sie und wird in kurzer Zeit riesengroß. »Wäre es allzu neugierig von mir,« sagte Esther, »wenn ich Sie fragte, wo Ihr Porträt ist? Manon schreibt Ihnen in ihrem Briefe, sie sende es Ihnen zurück, aber ich habe es nicht gesehen.« »In meinem ersten Verdruß habe ich es fortgeworfen, ich weiß nicht mehr wohin. Sie begreifen, daß so ein Ding, das mir mit Verachtung zurückgeschickt wird, mir nicht angenehm sein kann.« »Suchen wir es, lieber Freund, ich möchte es sehen.« Wir fanden es bald auf meiner Kommode unter einem Haufen von Büchern. Esther betrachtete es lange und sagte, es sei sprechend ähnlich. »Ich würde es Ihnen anbieten, liebe Freundin, wenn ein solches Geschenk Ihrer würdig wäre.« »Ei! welches wertvollere Geschenk könnten Sie wohl machen?« »Sie wollen es wirklich annehmen, Esther, obgleich es bereits in andere Hände gekommen ist?« »Dadurch wird es in meinen Augen nur um so wertvoller.« Wir mußten uns endlich trennen, aber wir hatten einen Tag verbracht, den man köstlich nennen kann, wenn man das Glück in gegenseitiger Zufriedenheit und ohne Beimischung einer heftigen oder stürmischen Leidenschaft sucht. Um zehn Uhr ging sie, nachdem sie von mir das Versprechen empfangen hatte, daß ich den ganzen nächsten Tag bei ihr verbringen würde. Nach einem ununterbrochenen neunstündigen Schlaf erhob ich mich frisch und vollkommen gesund. Ich eilte zu Esther; sie schlief noch, aber ihre Gouvernante weckte sie trotz meinen dringenden Bitten, sie noch schlummern zu lassen. Sie empfing mich, im Bette sitzend, mit dem angenehmsten Lächeln, und indem sie auf meinen umfangreichen, auf dem Nachttisch liegenden Briefwechsel mit Manon zeigte, sagte sie, sie habe mit Teilnahme bis zwei Uhr morgens darin gelesen. Das reizende Mädchen sah entzückend aus. Ein hübsches Batisthäubchen, mit hellblauen Bändern und mit Spitzen besetzt, zierte ihr reizendes Gesicht, und ein leichtes Tuch von indischem Musselin, das sie in aller Eile über ihren Elfenbeinnacken geworfen hatte, verbarg mir nur zur Hälfte ihren Alabasterbusen, dessen Form einen Praxiteles beschämt haben würde. Sie erlaubte mir, von ihren Rosenlippen hundert Küsse zu pflücken, die immer feuriger wurden, da der Anblick so vieler Reize nicht dazu angetan war, mich abzukühlen; aber ihre schönen Hände verteidigten hartnäckig zwei Halbkugeln, welche meine Hände mit brennender Begier zu ergreifen suchten. Ich setzte mich neben sie und versicherte ihr mit inniger Überzeugung, daß ihre göttlichen Reize und ihr überlegener Geist sehr geeignet wären, mich alle Manons der ganzen Erde vergessen zu lassen. »Ist sie denn auch am ganzen Leibe schön, Ihre Manon?« »Ich weiß es nicht, liebe Esther, denn da ich nicht ihre Gatte geworden bin, so habe ich mich nicht davon überzeugen können.« »Ich lobe Ihre weise Verschwiegenheit,« sagte sie lächelnd; »diese ziemt sich für einen zartfühlenden Mann.« »Ich habe von ihrer Amme erfahren, daß sie vollkommen tadellos gewachsen ist, und daß kein Fleck, kein Mal die Weiße ihrer Haut beeinträchtigt.« »Von mir müssen Sie wohl einen anderen Begriff haben?« »Ja, meine Esther, denn das Orakel hat mir das große Geheimnis enthüllt, das Sie kennen zu lernen wünschten. Dies hindert mich aber nicht, zu glauben, daß Sie überall vollkommen schön sind.« Hierbei machte ich einen Schnitzer, der beinahe zu meiner Schande ausgeschlagen wäre, denn ich fügte hinzu: »Wenn ich Ihr Gatte würde, könnte ich die Berührung dieses Males leicht vermeiden.« »Sie glauben also,« sagte sie errötend, und mit einem etwas gekränkten Tone, »Sie glauben also, daß Sie bei einer Berührung etwas bemerken würden, was Ihre Begierden vermindern könnte?« Diese Frage, die mich vollständig entlarvte, brachte mich in größte Verwirrung. Ich vergoß Tränen darüber und bat sie in einem Tone so aufrichtiger Reue um Verzeihung, daß sie aus Mitgefühl ihre Tränen mit den meinigen vermischte. Unsere Vertraulichkeit wurde dadurch noch größer, denn als ich ihre Tränen mit meinen Lippen getrocknet hatte, entflammte uns in einem Augenblick dasselbe Feuer, und hätte nicht die Klugheit lauter gesprochen als unsere Begierden, so wäre ohne Zweifel in diesem Augenblick alles vollbracht worden. So hatten wir nur eine süße Entzückung, die uns an die süßen Genüsse denken ließ, welche wir uns verschaffen konnten, sobald wir wollten. Drei Stunden gingen schnell dahin! Sie bat mich, in ihr Arbeitszimmer zu gehen, damit sie Zeit hätte, sich anzukleiden; hierauf gingen wir miteinander herunter und speisten mit dem armen Sekretär, der sie anbetete. Sie liebte ihn nicht, und es mußte ihm sehr unangenehm sein, mich so vertraut mit ihr zu sehen. Den ganzen Rest des Tages verbrachten wir in vertraulichen Gesprächen, wie man sie führt, wenn zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts, die zu untrennbarer Vereinigung für einander geschaffen zu sein glauben, die ersten Grundlagen innigster Freundschaft gelegt sind. Auch im Salon durchglühte uns das Feuer der Liebe, aber wir waren hier nicht so frei, wie im Schlafzimmer. In der Luft des Schlafzimmers eines geliebten Weibes liegt ein so intimer Reiz, ein so balsamischer Duft, eine so wollüstige Ausdünstung, daß ein Liebhaber, der zwischen dem Himmel und diesem Ort der Wonne zu wählen hätte, nicht einen Augenblick schwanken würde. Wir trennten uns, das Herz von Glück geschwellt, mit dem Ausruf: »Auf morgen!« Ich war in Esther wirklich verliebt; denn in meinen Empfindungen für sie war etwas Sanfteres, Ruhigeres, und doch zugleich Lebhafteres als jene Sinnenliebe, die niemals frei von einer stürmischen Erregung ist. Ich war fest überzeugt, sie dahin bringen zu können, daß sie mich heiratete, ohne von mir zu verlangen, sie eine Wissenschaft zu lehren, die ich nicht lehren konnte. Ich bereute es, sie nicht bei dem Glauben gelassen zu haben, daß ihre Wissenschaft der meinigen gleich wäre; denn es dünkte mich unmöglich, sie davon zu überzeugen, daß ich sie getäuscht hatte, ohne zugleich in ihr eine Entrüstung zu erregen, die stärker sein würde, als ihre Liebe zu mir. Esther war das einzige Weib, um das ich Manon vergessen konnte, die mir bereits dessen, was ich für sie hatte tun wollen, unwürdig zu sein schien. Als Herr d'O. von seiner Reise zurückkam, speiste ich mit ihm zusammen. Er hatte mit Vergnügen vernommen, daß seine Tochter mich geheilt hatte, indem sie einen ganzen Tag bei mir zubrachte. Als wir allein waren, sagte er uns, er habe im Haag gehört, daß der Graf St.-Germain das Geheimnis besitze, Diamanten zu machen, die sich von echten nur durch das Gewicht unterschieden – was nach Herrn d'O.s Meinung genügte, um ihm ein glänzendes Vermögen einzubringen. Ich würde ihm großen Spaß gemacht haben, wenn ich ihm alles hätte erzählen können, was ich über diesen Scharlatan wußte. Am nächsten Abend führte ich Esther ins Konzert; sie sagte mir: »Morgen werde ich mein Zimmer nicht verlassen; da können wir in aller Gemächlichkeit über unsere Heirat sprechen.« Es war der letzte Tag des Jahres 1759. Dreizehntes Kapitel Ich kläre Esther auf. – Ich reise nach Deutschland. – Mein Abenteuer in der Nähe von Köln. – Die Frau des Bürgermeisters. – Ich mache ihre Eroberung. – Ball in Bonn. – Freundliche Aufnahme von Seiten des Kurfürsten von Köln. – Frühstück in Brühl. – Erste Vertraulichkeit. – Ich erscheine ohne Einladung bei einem Souper des Generals Ketteler. – Ich bin glücklich. – Abreise von Köln. – Die kleine Toscana. – Das Kleinod. – Ankunft in Stuttgart. Das Stelldichein, das Esther mir gegeben hatte, konnte bedeutungsvoll werden; die Liebe hatte es mir verschafft, aber ich glaubte, die Ehre als Teilnehmerin hinzuziehen zu müssen. Ich begab mich also zu ihr mit dem festen Entschluß, das reizende Mädchen nicht zu mißbrauchen, sondern sie sogar auf Kosten meines eigenen Glückes aufzuklären, wenn es nötig sein sollte; doch hoffte ich immerhin, daß ich diese Gefahr würde vermeiden können. Ich fand sie in ihrem Bett, und sie sagte mir, sie würde den ganzen Tag liegen bleiben. Ich billigte diesen Entschluß, denn ich fand sie in dieser Lage entzückend. »Wir werden arbeiten, lieber Freund,« sagte sie zu mir. Ihre Gouvernante stellte ein Tischchen neben ihr Bett, und Esther gab mir ein Papier mit Fragen, die alle darauf hinausliefen, daß ich ihr meine vermeintliche Wissenschaft mitteilen müßte, bevor ich ihr Gatte würde. Alle Fragen waren kunstvoll gestellt; alle bezweckten, das Orakel zu zwingen, entweder mir die Erfüllung dieses Wunsches anzubefehlen oder dieselbe ausdrücklich zu verbieten. Ich sah die Schlinge und war nur darauf bedacht, ihr auszuweichen, während ich über die Fragen nachzudenken schien. Ich konnte das Orakel nicht nach Esthers Wunsch sprechen lassen, und ebensowenig konnte ich es ein ausdrückliches Verbot aussprechen lassen; denn ich befürchtete, daß sie aus Ärger darüber sich an mir rächen würde. Ich mußte indessen so tun, als ob ich den besten Willen hätte, und es gelang mir, durch zweideutige Antworten mich aus der Verlegenheit zu ziehen, bis der gute Papa kam und mich zum Essen rief. Er erlaubte seiner Tochter im Bett zu bleiben, jedoch nur unter der Bedingung, daß sie in diesen Tagen nicht mehr arbeitete; denn er befürchtete, daß durch die Anstrengung ihr Kopfweh sich verschlimmern konnte. Sie versprach es ihm, und ich war sehr froh darüber. Nach Tisch ging ich wieder zu ihr, und da ich sie eingeschlafen fand, setzte ich mich neben ihr Bett und behütete ihren Schlummer. Nach ihrem Erwachen schlug ich vor, uns einen Augenblick mit Lesen zu beschäftigen; wie durch eine Eingebung fielen mir Colardeaus Heroiden in die Hände, und die Geschichte von Abaelard und Héloise setzte uns ganz in Feuer; dieses so süße und belebende Feuer ging auch in unser Gespräch über, und wir sprachen von dem Geheimnis, das das Orakel ihr enthüllt hatte. »Aber, liebe Esther,« fragte ich sie, »hat denn das Orakel dir nicht etwas gesagt, was dir längst bekannt war?« »Nein, mein Freund, das Geheimnis war mir völlig unbekannt und mußte mir unbekannt sein.« »Du bist also niemals neugierig gewesen, dich selber kennen zu lernen?« »Wie neugierig ich auch gewesen sein mag – die Natur hat das Mal so angebracht, daß es nur entdeckt werden kann, wenn man danach sucht.« »Du hattest es also niemals gefühlt?« »Es läßt sich nicht fühlen!« »Das glaube ich nicht.« Sie erlaubte meiner Hand eine unbescheidene Untersuchung und meine Finger durchstreiften mit Entzücken den Vorhof des Liebestempels. Es war kein Wunder, daß dadurch das Feuer in offene Flammen ausbrach. Da ich den Gegenstand meines Suchens nicht finden konnte und mehr als einen trügerischen Genuß wünschte, so erhielt ich die Erlaubnis, mich mit eigenen Augen überzeugen zu müssen, daß das Mal wirklich vorhanden wäre. Weiter ging aber auch ihr Entgegenkommen nicht, und ich mußte mich mit tausend Küssen begnügen, die ich voller Glut auf alle Teile drückte, die die Bescheidenheit meinen Blicken nicht mehr vorenthielt. Gesättigt von Glück, obwohl ich den höchsten Genuß nicht erreicht hatte, den sie wohlweislich mir verwehrte, beschloß ich, nachdem wir zwei Stunden diesen unvergleichlichen Spielen gewidmet hatten, ihr die Wahrheit zu gestehen, obwohl ich nicht ohne Furcht war, daß sie unwillig würde, wenn ich ihr zeigte, wie sehr ich ihr Vertrauen gemißbraucht hatte. Esther war sehr klug und gerade deshalb hatte ich sie täuschen können; wäre sie weniger klug gewesen, so würde es mir niemals gelungen sein. Sie hörte mich an, ohne in Erstaunen zu geraten, ohne mich zu unterbrechen und ohne eine Spur von Zorn zu zeigen. Als ich mit meiner langen und aufrichtigen Beichte fertig war, sagte sie zu mir: »Ich weiß, du liebst mich ebenso sehr wie ich dich, und da ich finde, daß das Bekenntnis, das du mir anvertraut hast, nicht wahr sein kann, so bin ich überzeugt, daß du nur darum das Geheimnis deiner Wissenschaft mir nicht mitteilst, weil es nicht in deiner Macht steht, dies zu tun. Ich verspreche dir daher, nicht mehr in dich zu dringen, etwas zu tun, was du nicht willst oder nicht kannst. Laß uns bis zum Tode in zärtlicher Liebe vereinigt sein und sprechen wir nicht mehr davon.« Nach einem kurzen Schweigen fuhr sie fort: »Ich verzeihe Ihnen, lieber Freund, aber wenn die Liebe Ihnen den Mut genommen hat, aufrichtig zu sein, so beklage ich Sie. Sie haben mich zu fest von der Tatsächlichkeit Ihrer Wissenschaft überzeugt, als daß Sie meinen Glauben erschüttern könnten. Er steht fest. Sie konnten niemals etwas wissen, was ich selber nicht wußte, und was keinem Sterblichen bekannt sein konnte.« »Und wenn ich Ihnen beweise, daß ich wissen mußte, daß Sie dieses Mal hätten – wenn ich Ihnen beweise, daß ich sogar annehmen konnte, daß Sie von dessen Vorhandensein nichts wußten, wird dann Ihr Glauben an das Orakel erschüttert sein, und werden Sie endlich an meine Aufrichtigkeit glauben?« »Sie wußten es? Wie hatten Sie es denn gesehen? Das ist unglaublich!« »Ich werde Ihnen alles sagen.« Ich erklärte ihr die Theorie von der Übereinstimmung der Mäler am menschlichen Körper; um sie vollends zu überzeugen, sagte ich ihr zum Schluß, ihre Gouvernante, die ein großes Muttermal auf der rechten Wange habe, müsse ein ähnliches Zeichen auf der linken Hinterbacke habe». Esther lachte laut auf und sagte: »Ich werde das erfahren; aber mein lieber Freund, ich muß dich um so mehr bewundern, da ich dich im Besitze von Kenntnissen sehe, die außer dir auf der ganzen Welt kein Mensch hat.« »Glaubst du, gute Esther, ich sei der einzige Mitwisser des Geheimnisses? Glaube das ja nicht! Dies wissen alle, die sich mit Anatomie oder Physiologie beschäftigt haben oder auch nur mit Astrologie, die eine chimärische Wissenschaft ist, wenn man sie so weit treibt, daß man durch Betrachtung der Gestirne das Bestimmende unserer Handlungen und Geschicke finden will.« »O! ich bitte dich, verschaffe mir morgen, aber ganz gewiß schon morgen, alle Bücher, aus denen ich viele Dinge dieser Art lernen kann. Ich möchte recht schnell eine Gelehrte werden, um alle Unwissenden durch meine Zahlenkabbala in Erstaunen setzen zu können; denn ich sehe wohl, um den großen Haufen in Verwunderung zu setzen, muß man Scharlatanerie mit Wissen verbinden. Ich will mich ganz und gar dem Studium widmen. Wir können, lieber Freund, uns bis zu unserem Tode lieben; dazu brauchen wir uns nicht zu verheiraten.« Fröhlich und zufrieden ging ich in meinen Gasthof. Ich fühlte mich von einer ungeheuren Last befreit. Am nächsten Morgen kaufte ich alle Werke, die mir geeignet schienen, sie zu belehren und zugleich zu unterhalten, und brachte sie ihr als Gabe dar. Die Bücher waren teils gut, teils schlecht, aber ich gab ihr die notwendigen Anweisungen, um sie unterscheiden zu können, besonders mein Conis gefiel ihr, weil sie an ihm die Kennzeichen der Wahrheit fand. Da sie durch das Orakel glänzen wollte, so mußte sie sich tüchtige Kenntnisse in der Physik erwerben, und ich zeigte ihr den Weg dazu. Um jene Zeit kam ich auf den Gedanken, vor meiner Rückkehr nach Paris eine kleine Reise nach Deutschland zu machen. Ich teilte meine Absicht Esther mit, und sie bestärkte mich darin, nachdem ich ihr versichert hatte, daß ich vor dem Ende des Jahres zu ihr zurückkehren würde. Mein Versprechen war aufrichtig gemeint, und wenn ich auch dies reizende und außerordentliche Weib nicht wiedergesehen habe, so kann ich mir doch nicht den Vorwurf machen, sie getäuscht zu haben; denn nur die Ereignisse, die mir seitdem zustießen, verhinderten mich, ihr Wort zu halten. Ich schrieb an Herrn d'Affry und bat ihn, mir einen Paß zu schicken, dessen ich für eine Reise im Deutschen Reich bedürfte, wo damals die Franzosen und alle kriegführenden Mächte im Felde lagen. Er antwortete mir sehr höflich, ich hätte keinen Paß nötig; wenn ich aber der entgegengesetzten Meinung sei, würde er mir sofort einen schicken. Sein Brief genügte mir; ich legte ihn zu meinen Papieren, und er verschaffte mir in Köln mehr Ansehen, als alle möglichen Ausweisschriften. Ich ließ alle Guthaben, die ich bei verschiedenen Bankiers hatte, an Herrn d'O. überweisen, und der wackere Mann, der mein aufrichtiger Freund war, gab mir dafür einen Kreditbrief auf ein Dutzend der bedeutendsten Handlungshäuser Deutschlands. Nachdem ich meine Angelegenheiten geordnet und meinen Postwagen aus Masdyk hatte kommen lassen, reiste ich ab. Ich verfügte über eine Summe von ungefähr hunderttausend holländischen Gulden und besaß herrlichen Schmuck und ausgezeichnete Garderobe. Meinen Schweizer Lakai schickte ich nach Paris zurück und behielt nur meinen treuen Spanier, der diesmal hinten aufsteigen mußte. Hiermit endet die Geschichte meines zweiten Aufenthaltes in Holland, wo ich diesmal nichts für mein Vermögen tat. Ich hatte hier etliches Ungemach und einige Scherereien auszustehen, die ich meiner Unvorsichtigkeit verdankte; aber, indem ich nach so vielen Jahren an jene Zeit zurückdenke, erkenne ich mit Vergnügen an, daß mein Mißgeschick durch die süßen Genüsse, die ich Esther verdankte, reichlich wieder gut gemacht wurde. Ich hielt mich nur einen Tag in Utrecht auf, um die Niederlassung der Herrnhuter zu besichtigen, und kam am übernächsten Tag gegen Mittag in Köln an – ohne Schaden zwar, jedoch nicht ohne Gefahr; denn eine halbe Meile vor der Stadt schlugen fünf Deserteure, drei rechts, zwei links vom Wege, ihre Gewehre auf mich an und schrien: »Die Börse oder das Leben!« Ich aber ergriff mein Pistol, schlug auf den Postillon an und drohte ihm, ihn aus dem Sattel zu schießen, wenn er nicht im Galopp führe. Die Räuber schossen ihre Gewehre gegen meinen Wagen ab, trafen aber weder Menschen noch Pferde, da sie nicht so klug waren, auf den Postillon zu schießen. Ich hätte es machen sollen wie die Engländer, die stets eine leichte Börse für die Straßenräuber bereithalten; eine solche hätte ich den armen Teufeln gerne zugeworfen, aber meine Börse war reich gespickt, und da ich nicht soviel Zeit hatte, ihnen ihren angemessenen Anteil abzuzählen, so wagte ich mein Leben, um nicht ausgeplündert zu werden. Mein Spanier war ganz erstaunt, daß ihn keine von den Kugeln getroffen hatte, die ihm um die Ohren gepfiffen waren. In Köln lagen die Franzosen im Winterquartier. Ich fand in der »Goldenen Sonne« Unterkunft. Als ich in den Speisesaal eintrat, war der erste, den ich erblickte, der Graf de Lastic, ein Neffe der Frau von Urfé. Er begrüßte mich auf das Zuvorkommendste und erbot sich, mich zum Platzkommandanten, Herrn de Torcy, zu führen. Ich nahm dies gerne an, und der Herr Kommandant begnügte sich mit dem Briefe des Herrn d'Affry. Ich erzählte ihm, was mir unterwegs zugestoßen war, und er beglückwünschte mich wegen des guten Ausganges des Abenteuers, tadelte aber zugleich mit soldatischer Offenherzigkeit meine unnütze Mutaufwendung. »Sie haben ein gewagtes Spiel gespielt, um Ihr Geld zu retten, aber sie konnten dabei ein Glied einbüßen, und das läßt sich nicht mit Geld ersetzen.« Ich antwortete ihm, man vermindere oft die Größe der Gefahr, indem man ihr trotze. Wir lachten. Hierauf sagte er mir, wenn ich es mit meiner Abreise nicht sehr eilig hätte, würde er mir wahrscheinlich das Vergnügen verschaffen, sie am Galgen zu sehen. »Ich habe die Absicht, morgen abzureisen; aber wenn mich irgendetwas in Köln zurückhalten könnte, so wäre es ganz gewiß nicht die Neugier, der Hinrichtung von ein paar armen Teufeln beizuwohnen. Derartige Unterhaltungen sind durchaus nicht nach meinem Geschmack.« Ich mußte von Herrn de Lastic eine Einladung zum Mittagessen annehmen; nachher überredete er mich, mit ihm und seinem Freunde, Herrn de Flavacour, einem sehr liebenswürdigen höheren Offizier, ins Theater zu gehen. Ich war überzeugt, daß man mich einigen Damen vorstellen würde, und da ich einen guten Eindruck zu hinterlassen wünschte, so verwandte ich eine volle Stunde auf meinen Anzug. Ich saß in einer Loge, und mir gegenüber saß eine hübsche Frau, die mich wiederholt durch ihr Glas betrachtete. Weiter war nichts nötig, um mich neugierig zu machen, und ich bat Herrn von Lastic, mich ihr vorzustellen, was er mit der größten Bereitwilligkeit tat. Zunächst stellte er mich dem Grafen Ketteler vor, der als österreichischer Generalleutnant sich bei dem Hauptquartier der französischen Armee befand, wie der französische General Montacet dem österreichischen Hauptquartier zugewiesen war. Hierauf nannte der Graf meinen Namen der hübschen Dame, deren Schönheit mir beim Betreten der Loge sofort aufgefallen war. Sie grüßte mich mit anmutigem Lächeln und fragte mich nach allerlei über Paris, Brüssel, wo sie erzogen worden war, schien aber auf meine Antworten nicht im mindesten zu achten, da meine Spitzen und Juwelen ihre volle Aufmerksamkeit fesselten. Während wir von diesem und jenem sprachen, wie eben Leute es tun, die sich zum erstenmal sehen, fragte sie mich mit einem plötzlichen, obgleich vollkommen höflichen Übergang, ob ich mich in Köln längere Zeit aufzuhalten gedächte. »Ich beabsichtige schon morgen über den Rhein zu gehen und werde wahrscheinlich mein Mittagessen in Bonn einnehmen.« Diese Antwort, die ich ihr in demselben gleichgültigen Ton gab, wie sie ihre Frage gestellt hatte, schien sie zu ärgern. Ich betrachtete dies als ein gutes Vorzeichen. General Ketteler, der in diesem Augenblick aufgestanden war, sagte zu mir: »Ich bin überzeugt, mein Herr, daß es der gnädigen Frau gelingen wird, Sie zur Verschiebung Ihrer Abreise zu veranlassen, und es wird mich sehr freuen, wenn dies mir das Vergnügen verschafft, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen.« Ich verbeugte mich; er ging mit Lastic hinaus und ließ mich mit der entzückenden Schönheit allein. Sie war die Gemahlin des Bürgermeisters, der der General Ketteler fast niemals von der Seite wich. Sie fragte mich in entgegenkommendem Tone: »Täuscht der Graf sich auch nicht, indem er mir solche Macht beimißt?« »Ich glaube es nicht, meine Gnädigste; aber er könnte sich wohl täuschen, wenn er annähme, daß Sie von dieser Macht Gebrauch machen wollten.« »Ausgezeichnet! Da müssen wir ihn also anführen, wäre es auch nur, um ihn für seine vorlaute Bemerkung zu bestrafen. Bleiben Sie!« Ich fand solche Sprache so neu, daß ich glaube, ich habe ein etwas dummes Gesicht dazu gemacht; ich mußte mich erst sammeln. Konnte ich erwarten, in Köln etwas Derartiges zu finden? Das Wort vorlaute Bemerkung schien mir außerordentlich treffend, der Gedanke der Bestrafung sehr richtig und der Ausdruck ihn anführen köstlich, um so mehr, da es ein göttlicher Gedanke war, sich meiner zum Zwecke dieses Anführens zu bedienen. Es wäre nach meiner Meinung eine Dummheit gewesen, der Sache tiefer auf den Grund gehen zu wollen. Ich nahm daher eine ergebene und dankbare Miene an und beugte mich über ihre Hand, die ich halb achtungsvoll, halb gefühlvoll küßte, wodurch ich, ohne geradezu meine Empfindungen deutlich zu erklären, ihr doch zu verstehen gab, daß ich nicht schwer zu zähmen sein würde. »Sie werden also bleiben, mein Herr, und das wird sehr liebenswürdig von Ihnen sein; denn wenn Sie morgen schon abreisten, könnte man glauben, Sie hätten sich nur sehen lassen, um uns Ihre Mißachtung zu bezeigen. Der General gibt morgen einen Ball, und ich hoffe, daß Sie mit mir tanzen werden.« »Wenn ich hoffen darf, Madame, daß Sie sich für den ganzen Ball mit mir engagieren.« »Ich verspreche Ihnen, mit niemandem außer Ihnen zu tanzen, bis Sie müde sind.« »Sie werden also nur mit mir tanzen?« »Aber woher haben Sie denn diese Pomade, deren balsamischer Duft die ganze Luft erfüllt? Ich habe sie gerochen, sowie Sie den Saal betraten.« »Ich habe sie aus Florenz kommen lassen, und wenn Sie sie belästigt, gnädige Frau, werde ich sie künftighin verschwinden lassen.« »Tun Sie dies ja nicht! Das wäre der reine Mord. Ich wäre glücklich, mir solche Pomade verschaffen zu können.« »Und ich wäre überglücklich, wenn Sie mir gnädigst gestatten wollten, Ihnen morgen früh einen kleinen Vorrat zu schicken.« In demselben Augenblick, wo ich meinen Satz beendete, öffnete sich die Tür, und der Eintritt des Generals verhinderte sie, mir zu antworten. Ich stand auf, um mich zu entfernen; der Graf aber richtete an mich das Wort und sagte: »Ich bin überzeugt, die gnädige Frau hat Sie zu bewegen gewußt, Ihre Abreise zu verschieben und auf meinen Ball zu kommen?« »Sie hat mich gütigst hoffen lassen, daß Sie mir diese Ehre gewähren würden und daß ich die Ehre haben werde, die Kontertänze mit ihr zu tanzen. Wie kann man da widerstehen, Herr General?« »Sie haben recht, und ich bin der gnädigen Frau dankbar, daß sie Sie zum Bleiben überredet hat. Ich werde die Ehre haben, Sie bei mir zu erwarten.« Ich verließ die Loge, verliebt, und war in meiner Hoffnung beinahe glücklich. Meine gebenedeiete Pomade war ein Geschenk von Esther, und ich bediente mich ihrer zum erstenmal. Die Schachtel enthielt vierundzwanzig Töpfe aus herrlichem Porzellan. Am nächsten Tage packte ich zwölf davon in ein elegantes Kästchen, das ich in Wachstuch einhüllen ließ, und schickte ihr das Paket versiegelt und ohne Begleitbrief, wie wenn es von einem Kommissionär abgeschickt worden wäre. Ich verbrachte den Vormittag damit, unter der Führung eines Lohndieners die Stadt Köln zu besichtigen. Ich sah mir alle heroisch-komischen Wunder der großen Stadt an und lachte recht herzlich, als ich das Roß Bayard sah, das Ariosto so hoch gepriesen hat, und darauf die vier Haimonskinder. Es war der Herzog Amone, der Vater des unbesiegbaren Bradamante und des glücklichen Ricciardetto. Ich speiste bei Herrn de Castries, und alle Gäste waren sehr erstaunt, daß der General Ketteler mich selber zu seinem Ball eingeladen hätte, denn er war sehr eifersüchtig auf seine Dame, die seine Bewerbungen nur duldete, weil sie ihrer Eitelkeit schmeichelten. Der liebe Graf war schon ein älterer Herr; sein Gesicht war wenig angenehm, und da seine geringen geistigen Fähigkeiten durchaus nicht das ersetzten, was ihm an körperlichen Vorzügen abging, so war er im ganzen recht wenig dazu angetan, geliebt zu werden. Trotz seiner Eifersucht konnte er nichts dagegen machen, daß ich beim Souper neben seiner Schönen saß und daß ich die ganze Nacht hindurch mit ihr plauderte oder tanzte. Die Nacht war köstlich, und ich kam so verliebt nach Hause, daß ich nicht mehr ans Abreisen dachte. Kühn gemacht durch unser Gespräch, wagte ich in einem Augenblick heißer Aufwallung ihr zu sagen, daß ich mich verpflichten wolle, den ganzen Karneval über in Köln zu bleiben, wenn sie mir eine Zusammenkunft verspräche. »Und was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen dies verspräche, nachher aber mein Versprechen nicht hielte?« »Ich würde mich ganz allein über mein Schicksal beklagen, aber ohne Sie anzuschuldigen, ich würde sagen, es ist Ihnen unmöglich gewesen.« »Sie sind sehr gütig; bleiben Sie also bei uns.« Am Tage nach dem Ball machte ich ihr meinen ersten Besuch. Sie empfing mich sehr freundlich und stellte mich ihrem Gemahl vor, einem braven Mann, der weder jung noch schön, aber sehr freundlich war. Als sie nach einer Stunde den Wagen des Generals kommen hörte, flüsterte sie mir schnell zu: »Wenn der Graf Sie fragt, ob Sie nach Bonn gehen und den Ball beim Kurfürsten zu besuchen gedenken, so sagen Sie ja.« Der General trat ein, wir wechselten die üblichen höflichen Redensarten, und ich entfernte mich. Ich wußte nicht, ob der Kurfürst oder sonst jemand einen Ball gab, und wann dieser stattfinden sollte; da aber ein Vergnügen in Aussicht stand, so erkundigte ich mich sofort und erfuhr, daß der ganze Adel von Köln eingeladen war. Es war ein Maskenball, folglich konnte ein jeder eintreten. Ich beschloß also hinzugehen, denn mir war, wie wenn mir dies ausdrücklich anbefohlen werde; auf alle Fälle war es mir gestattet, auf ein glückliches Zusammentreffen zu hoffen, da ja die liebenswürdige Dame ebenfalls dort sein würde. Da ich jedoch nach Möglichkeit unbekannt zu bleiben wünschte, so nahm ich mir vor, auf alle Fragen zu antworten, daß besondere Umstände mir nicht erlaubten, daran teilzunehmen. Richtig kam es so, daß der Graf diese Frage in Gegenwart seiner Dame an mich stellte. Trotz dem von ihr erhaltenen Befehl, ihm mit ja zu antworten, sagte ich ihm, meine Gesundheit erlaube mir nicht, mir dieses Vergnügen zu verschaffen. »Da sind Sie sehr vernünftig, mein Herr,« sagte der General zu mir, »man muß alle Vergnügen aufzuopfern wissen, wenn es sich um die Gesundheit handelt.« Heute denke ich wie er; damals dachte ich anders. Am Tage des Balls fuhr ich in der Dämmerung in einer Postkutsche ab; ich trug einen Anzug, den in Köln niemand kannte, und hatte einen Koffer bei mir, worin sich zwei Dominos befanden. So fuhr ich in aller Eile nach Bonn, nahm dort ein Zimmer und zog den einen Domino an, während ich den anderen in dem Koffer ließ, den ich gut verschloß. Dann ließ ich mich in einer Sänfte nach dem Schlosse tragen. Ohne Schwierigkeit trat ich ein und sah, ohne erkannt zu werden, alle Kölner Damen unmaskiert in den Festsälen, unter ihnen auch meine Schöne, die an einem Pharaotische saß und dukatenweise setzte. Ich sah mit Vergnügen, daß der Bankhalter Graf Verità war, ein Veroneser, den ich in Bayern kennen gelernt hatte. Er stand in Diensten des Kurfürsten. Seine kleine Bank war höchstens fünf- oder sechshundert Dukaten stark, und es beteiligten sich höchstens zwölf Personen am Tisch, Herren und Damen zusammen gerechnet. Ich stellte mich neben meine Dame, der Bankhalter gab mir ein Buch und bot mir die Karten zum Abheben an. Ich entschuldigte mich durch eine Gebärde, und meine Nachbarin hob ab, ohne darum gebeten zu sein. Ich setzte zwölf Dukaten auf eine einzige Karte und verlor viermal hintereinander. Bei der zweiten Taille spielte ich wieder so; derselbe Erfolg. Bei der dritten Taille wollte niemand abheben; man bat den General, und dieser tat es, da er nicht spielte. Ich bekam den Einfall, sein Abheben würde mir Glück bringen und setzte fünfzig Dukaten auf eine einzige Karte; ich gewann, bot Paroli und sprengte in der nächsten Taille die Bank. Alle Welt war neugierig, man sah mich an, man ging hinter mir her. Ich benutzte jedoch einen günstigen Augenblick und entwischte. In meinem Zimmer angekommen, schloß ich mein Geld ein, wechselte den Domino und kehrte auf den Ball zurück. Ich sah den Spieltisch von neuen Kämpen besetzt; ein anderer hielt die Bank und hatte viel Geld vor sich liegen; da ich aber nicht mehr spielen wollte, so hatte ich nur sehr wenig Geld bei mir behalten. Ich mischte mich unter alle Gruppen und hörte überall neugierige Erkundigungen, wer wohl die Maske sein möchte, die die erste Bank gesprengt hätte. Natürlich lag mir wenig daran, diese Neugier zu befriedigen; ich streifte rechts und links umher und entdeckte endlich den Gegenstand meines Suchens im Gespräch mit dem Grafen Verità. Ich trat in ihre Nähe und hörte, daß sie sich von mir unterhielten. Der Graf sagte ihr, der Kurfürst hätte sich erkundigt, wer die Maske wäre, die seine Bank gesprengt hätte, und der General Ketteler hätte ihm gesagt, es könnte wohl ein Venetianer sein, der vor etwa acht Tagen in Köln angekommen wäre. Die Dame sagte ihm, sie glaube nicht, daß ich da wäre, denn sie hätte mich sagen hören, ich könnte meiner Gesundheit wegen nicht kommen. »Ich kenne Casanova,« sagte der Graf, »und wenn er in Bonn ist, wird der Kurfürst es erfahren, und er wird nicht abreisen, ohne daß ich mit ihm gesprochen habe.« Ich wußte natürlich, daß man nach dem Ball mich leicht entdecken könnte, aber ich forderte die Scharfsinnigsten heraus, dieses fertig zu bringen, so lange ich im Saale bliebe. Meine Absicht wäre mir auch gelungen, wenn ich vorsichtig gewesen wäre; aber als die Kontertänze begannen, bekam ich Lust zu tanzen und engagierte mich, ohne daran zu denken, daß ich genötigt sein würde, meine Maske abzunehmen. So kam es denn auch, als ich nicht mehr zurück konnte. Als meine schöne Dame mich sah, sagte sie mir, sie hätte sich getäuscht; sie hätte wetten mögen, ich sei eine Maske, die die Bank des Grafen Verità, gesprengt hat. Ich antwortete ihr, ich käme soeben erst an. Als der Kontertanz zu Ende war, kam der Graf, der mich bemerkt hatte, auf mich zu und sagte mir: »Mein lieber Landsmann, ich bin überzeugt. Sie sind die Maske, die meine Bank gesprengt hat. Ich wünsche Ihnen Glück dazu.« »Ich würde mir selber Glück dazu wünschen, wenn ich es wäre.« »Ich bin meiner Sache sicher.« Ich ließ ihn reden und lachte; nachdem ich am Büffet einige Erfrischungen zu mir genommen hatte, begann ich wieder zu tanzen. Zwei Stunden darauf kam der Graf lachend wieder und sagte zu mir: »Sie haben in demunddem Hause, in demunddem Zimmer ihren Domino gewechselt. Der Kurfürst weiß alles und hat mir, um Sie für diese Hinterlist zu bestrafen, befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie morgen nicht abreisen werden.« »Er wird mich also verhaften lassen?« »Warum nicht, wenn Sie sich weigern, morgen bei ihm zu speisen!« »Sagen Sie Seiner Hoheit, ich sei in solchen Fällen gefügig und werde seinen Befehlen gehorchen. Wollen Sie mich wohl sofort vorstellen?« »Er hat sich bereits zurückgezogen, aber kommen Sie morgen Mittag zu mir.« Er gab mir die Hand und ging. Ich erschien pünktlich zur verabredeten Zeit; aber als der Graf mich vorstellte, spielte ich einen Augenblick eine traurige Figur, denn der Kurfürst war von fünf oder sechs Hofleuten umgeben, und da ich ihn niemals gesehen hatte, so suchten meine Augen einen Geistlichen, den sie nirgends fanden. Er bemerkte meine Verlegenheit und machte derselben schnell ein Ende, indem er in schlechtem Venetianisch zu mir sagte: »Ich trage heute die Kleidung des Großmeisters des Deutschherrenordens.« Trotz seiner Kleidung machte ich die übliche Kniebeugung; als ich ihm aber die Hand küssen wollte, verhinderte er mich daran, indem er mir herzlich die meinige schüttelte. Er sagte: »Ich war in Venedig, als Sie unter den Bleidächern gefangen saßen, und mein Neffe, der Kurfürst von Bayern, hat mir mitgeteilt, daß Sie sich nach Ihrer glücklichen Flucht einige Zeit in München aufhielten. Wenn Sie nach Köln gekommen wären, hätte ich Sie dort festgehalten. Ich hoffe, Sie werden nach Tisch so freundlich sein, uns die Geschichte Ihrer Flucht zu erzählen, werden dann zum Abendessen bleiben und an einer kleinen Maskerade teilnehmen, die wir zu unserer Belustigung veranstalten wollen.« Ich erklärte mich natürlich bereit, meine Geschichte zu erzählen, vorausgesetzt, daß er die Geduld hätte, mich bis zum Ende anzuhören, da ich zwei Stunden dazu gebrauchen würde. Er war so gütig, mir zu sagen: »Man langweilt sich nicht, wenn man ein Vergnügen genießt.« Ich belustigte ihn, indem ich ihm das Gespräch erzählte, das ich mit dem Herrn Choiseul über dieses Thema gehabt hatte. Bei Tisch sprach der Fürst fortwährend venetianisch mit mir und sagte mir die schmeichelhaftesten Dinge. Er war ein fröhlicher, freundlicher und gutmütiger Mann, dessen ganze Erscheinung den Eindruck der Gesundheit machte, so daß sich sein nahes Ende gewiß nicht voraussehen ließ. Er starb schon im folgenden Jahr. Sobald wir vom Tisch aufgestanden waren, bat er mich, meine Erzählung zu beginnen. Ich war in angeregter Stimmung und hatte das Vergnügen, während zwei langer Stunden die Teilnahme der glänzenden Gesellschaft zu erregen. Meine Leser kennen diese Geschichte, deren Hauptinteresse auf der wahrhaft dramatischen Situation beruht; aber es ist unmöglich, ihr schriftlich das Feuer mitzuteilen, das eine gut vorgetragene mündliche Erzählung ihr verleiht. Der kleine Ball beim Kurfürsten war sehr nett. Wir waren alle als Bauern verkleidet, und die Anzüge wurden aus einer besonderen Garderobe des Fürsten geliefert. Die Damen hatten sich in einem anstoßenden Salon angekleidet. Es wäre lächerlich gewesen, andere Kostüme zu wählen, da der Kurfürst sich selber für dieses entschieden hatte. General Ketteler war von der ganzen Gesellschaft am besten verkleidet, denn er war ein Bauer von Natur. Die schöne Frau war entzückend. Es wurden nur Kontertänze und Allemanden getanzt. Von den anwesenden Damen gehörten nur vier oder fünf der vornehmen Gesellschaft an; alle anderen, mehr oder weniger hübschen, gehörten der Privatgesellschaft des Fürsten an, der sein ganzes Leben lang ein großer Liebhaber des schönen Geschlechtes war. Zwei von diesen Damen konnten die Furlana tanzen, und es machte dem Kurfürsten ein unendliches Vergnügen, uns tanzen zu sehen. Ich habe bereits gesagt, daß die Furlana ein venetianischer Tanz ist und daß es auf der ganzen Welt keinen heftigeren gibt. Er wird von einem Kavalier und einer Dame allein getanzt, und da die beiden Tänzerinnen ein Vergnügen darin fanden, sich abzulösen, so machten sie mich beinahe tot. Man muß sehr kräftig sein, um zwölf Touren zu machen, und nach meiner dreizehnten konnte ich nicht mehr und bat sie flehentlich, Mitleid mit mir zu haben. Bald nachher tanzte man einen gewissen Tanz, wo man bei einer gewissen Tour eine Tänzerin ergreift und sie küßt; ich tat mir keinen Zwang an, sondern küßte meine Schöne feurig, so oft es mir gelang, ihr zu begegnen. Der Bauer-Kurfürst lachte darüber aus vollem Halse, und der Bauer-General platzte vor Ärger. Während einer kurzen Pause fand die reizende und sehr originelle Frau Gelegenheit, mir im geheimen zu sagen, alle kölnischen Damen würden am nächsten Tage abreisen und es würde mir zur Ehre gereichen, wenn ich sie alle zum Frühstück in Brühl einlüde. »Schicken Sie einer jeden ein Briefchen mit dem Namen ihres Kavaliers und vertrauen Sie sich dem Grafen Verità an; er wird alles aufs beste besorgen, und Sie brauchen ihm bloß zu sagen, Sie wünschten es genau so zu machen wie vor zwei Jahren der Herzog von Zweibrücken. Verlieren Sie keine Zeit! Rechnen Sie auf etwa zwanzig Personen und bestimmen Sie die Stunde; die Hauptsache ist, daß Ihre Briefchen morgen früh vor neun Uhr bestellt sind.« Dies alles sagte sie mit einer erstaunlichen Schnelligkeit. Ich war beinahe verzaubert von der Herrschaft, die diese außerordentliche Frau über mich auszuüben vermochte, und dachte nur daran, ihr zu gehorchen, ohne mich darüber zu besinnen, ob es auch richtig wäre. Brühl, Frühstück, zwanzig Personen, wie der Herzog von Zweibrücken, Briefchen an die Damen, Graf Verità; ich war vollkommen so gut unterrichtet, wie wenn sie mir alles eine Stunde lang auseinandergesetzt hätte. Ich verließ in meinem Bauernkleide den Festsaal und bat einen Pagen, mich nach den Gemächern des Grafen Verità zu führen. Dieser lachte laut auf, als er mich in einem solchen Aufzuge sah. Ich trug ihm meine Angelegenheit mit der ganzen Wichtigtuerei eines Diplomaten vor, worüber er sich noch mehr belustigte. »Ihre Sache ist leicht besorgt; sie kostet mir nur die Mühe, ein paar Zeilen an den Haushofmeister zu schreiben, und dies werde ich auf der Stelle tun; aber sagen Sie mir, wie viel Sie ausgeben wollen.« »So viel wie möglich.« »Sie wollen sagen, so wenig wie möglich?« »Nein, nein! So viel wie möglich; denn ich will meine Gesellschaft prachtvoll bewirten.« »Wir müssen jedoch eine bestimmte Summe aussetzen, denn ich kenne meinen Mann.« »Nun, dann also zwei-, dreihundert Dukaten – ist das genug?« »Zweihundert. Der Fürst von Zweibrücken hat auch nicht mehr ausgegeben.« Er setzte sich hin, schrieb den Brief und gab mir sein Wort, alles werde bereit sein. Ich wandte mich hierauf an einen sehr aufgeweckten italienischen Pagen und sagte ihm, ich würde zwei Dukaten dem Bedienten geben, der mir sofort die Namen und Adressen der nach Bonn gekommenen kölnischen Damen und ihrer Kavaliere besorgen würde. In weniger als einer halben Stunde hatte ich das Gewünschte, und bevor ich den Ball verließ, meldete ich meiner Dame, alles werde bereit sein, wie sie es gewünscht habe. Ich schrieb achtzehn Einladungsbriefe, bevor ich zu Bett ging, und am nächsten Morgen vor neun Uhr hatte ein zuverlässiger Lohndiener sie sämlich an ihre Adressen bestellt. Um neun Uhr verabschiedete ich mich vom Grafen Verità. Er übergab mir im Auftrag des Kurfürsten eine prachtvolle goldene Tabaksdose mit seinem Porträt als Großmeister des Deutschen Ordens, in Diamanten gefaßt. Ich war sehr gerührt von diesem Zeichen des Wohlwollens und sprach dem Grafen meinen Wunsch aus. Seiner Hoheit vor meiner Abreise meinen Dank zu sagen; aber mein liebenswürdiger Landsmann sagte mir, ich könnte meine Absicht verschieben, bis ich auf der Reise nach Frankfurt wieder durch Bonn käme. Um ein Uhr sollte das Frühstück stattfinden; um zwölf war ich bereits in Brühl. Dies ist ein Lusthaus dieses Kurfürsten, das außer der Mobiliareinrichtung nichts Bemerkenswertes aufzuweisen hat. Es ist eine dürftige Nachahmung von Trianon. Ich fand in einem schönen Saale eine für vierundzwanzig Personen gedeckte Tafel: vergoldetes Silbergeschirr, Damasttischwäsche, prachtvolles Porzellan und auf dem Büffet eine Menge Silbergeschirr und große Schüsseln von vergoldetem Silber. An dem einen Ende des Saales standen zwei andere Tische, die mit Zuckerwerk und den besten europäischen und fremden Weinen besetzt waren. Ich stellte mich als den Amphitryon des Tages vor, und der Küchenmeister versicherte mir, ich werde zufrieden sein. »Der Imbiß,« sagte er, »wird nur aus vierundzwanzig Schüsseln bestehen; aber Sie werden vierundzwanzig Schüsseln englischer Austern und einen herrlichen Nachtisch haben.« Da ich eine große Zahl von Bedienten sah, sagte ich ihm, diese würden nicht notwendig sein. Aber er bemerkte mir, sie wären es doch, weil die Bedienten meiner Gäste grundsätzlich nicht zugelassen würden; ich möchte mir darum nur keine Sorge machen; der ganzen Dienerschaft wäre dieser Brauch bekannt. Ich empfing alle meine Gäste am Kutschenschlag; ich brauchte ihnen kein anderes Kompliment zu machen, als daß ich wegen der Kühnheit, sie um die Ehre ihrer Anwesenheit gebeten zu haben, um Verzeihung bat. Pünktlich um ein Uhr wurde aufgetragen, und ich hatte die Freude, mich an dem Erstaunen zu weiden, das sich in den Augen meiner Dame spiegelte, als sie sah, daß ich sie ebenso prachtvoll bewirtete wie ein deutscher Reichsfürst. Sie wußte, daß niemand daran zweifeln konnte, daß sie der unmittelbare Gegenstand dieses Aufwandes war, aber sie sah mit Freuden, daß ich sie nicht vor den anderen auszeichnete. Es waren vierundzwanzig Gedecke aufgelegt, und obwohl ich nur achtzehn Personen eingeladen hatte, waren alle Stühle besetzt. Drei Paare hatten sich also eingedrängt, aber diese Beeiferung machte mir Vergnügen. Als galanter Kavalier setzte ich mich nicht, sondern bediente die Damen, indem ich von einer zur anderen ging und im Stehen die auserlesenen Bissen aß, die sie um die Wette mir reichten, so sorgte ich dafür, daß alle zufriedengestellt wurden. Die Austern gingen erst bei der zwanzigsten Flasche Champagner zu Ende, so daß die ganze Gesellschaft schon durcheinander sprach, als das eigentliche Frühstück begann. Dieses Frühstück hätte auch als ein prachtvolles Mittagessen bezeichnet werden können, und ich bemerkte mit großem Vergnügen, daß kein Tropfen Wasser getrunken wurde; denn Champagner, Tokayer, Rheinwein, Madeira, Malaga, Alicante, Cyper- und Kapwein vertragen keinen Wasserzusatz, und nur solche Weine wurden aufgetragen. Vor dem Nachtisch wurde eine ungeheure Schüssel geschmorter Trüffeln aufgetragen; ich gab den Rat, Maraschino dazu zu trinken; den Damen gefiel dies, und sie tranken den Likör wie Wasser. Das Dessert war wirklich prachtvoll. Man sah dabei die Porträts aller europäischen Herrscher. Alle überhäuften den Küchenmeister mit Komplimenten; dies schmeichelte seiner Eitelkeit, und er sagte, um den Liebenswürdigen zu spielen, alle die Sachen vertrügen die Taschen, und nun steckte jeder nach Herzenslust ein, soviel er wollte. General Ketteler hatte trotz seiner Eifersucht und trotz der Rolle, die er mich spielen sah, keine Ahnung von dem wirklichen Zusammenhang und sagte: »Ich wette, das ist ein Streich, den der Kurfürst uns zum Abschluß des Festes gespielt hat! Seine Hoheit hat das Inkognito wahren wollen, und Herr Casanova hat seine Rolle sehr gut gespielt.« Über diese Einfalt lachte die ganze Gesellschaft aus vollem Halse. »Herr General,« sagte ich zu ihm, »wenn der Kurfürst mich mit einem solchen Auftrag beehrt hätte, so würde ich selbstverständlich gehorcht haben, aber er hätte mich gedemütigt. Seine Hoheit hat mir eine viel größere Gnade zu erweisen geruht. Sehen Sie!« Mit diesen Worten reichte ich ihm die Dose, die zwei- oder dreimal um den Tisch wanderte. Als wir fertig waren, standen alle auf, und ein jeder war erstaunt, drei Stunden lang eines Vergnügens genossen zu haben, das ein jeder doch gerne noch verlängert hätte. Aber endlich mußten wir uns doch trennen, und nach tausend schönen Komplimenten fuhren alle weiter, um noch rechtzeitig zum Theater zu kommen. Ebenso befriedigt wie meine Gäste, hinterließ ich dem Küchenmeister zwanzig Dukaten als Trinkgeld für die Dienerschaft. Außerdem versprach ich ihm, dem Grafen Verità schriftlich meine Zufriedenheit auszusprechen. Ich kam in Köln noch früh genug an, um das kleine Stück zu sehen, das die französischen Schauspieler aufführten, und da ich keinen Wagen hatte, so ließ ich mich in einer Sänfte in das Theater bringen. Als ich in den Saal trat, erblickte ich den Grafen Lastic mit meiner Schönen. Ich sah darin ein gutes Vorzeichen und suchte sie auf. Als sie mich sah, sagte sie in traurigem Tone, der General befinde sich so unwohl, daß er sich habe zu Bett legen müssen. Als gleich darauf Herr von Lastic hinausging, ließ sie den Ton verstellter Traurigkeit fallen und sagte mir mit vollendeter Anmut tausend Komplimente, die mich hundertmal für mein Frühstück bezahlt machten. »Der General,« sagte sie, »hat zu viel getrunken; er ist ein häßlicher Neidhammel; er fand, es käme Ihnen nicht zu, uns wie ein Fürst zu bewirten. Ich habe ihm geantwortet. Sie hätten im Gegenteil uns wie Fürsten bewirtet, indem Sie wie ein Knecht, die Serviette über dem Arm, uns aufgewartet hätten. Er schimpfte mich aus, weil ich Sie verteidigte.« »Warum schicken Sie ihn nicht zum Kuckuck, gnädige Frau? Ein Bauer, wie er, ist nicht der Mann, einer so ausgezeichneten Schönheit zu dienen!« »Es ist zu spät, mein Freund. Eine Frau, die Sie nicht kennen, würde sich seiner bemächtigen. Ich müßte mich verstellen und das würde mir schmerzlich sein.« »Das begreife ich vollkommen. Warum bin ich nicht ein großer Fürst! Einstweilen gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich viel kränker bin als Ketteler.« »Ich hoffe, Sie scherzen!« »Nein, durchaus nicht. Ich spreche in vollem Ernst: die Küsse, die ich so glücklich war auf dem Ball Ihnen zu rauben, haben mein Blut entzündet, und wenn Sie nicht so barmherzig sind, mir das einzige mögliche Heilmittel zu bewilligen, so werde ich von hier abreisen, um mein Leben lang unglücklich zu sein.« »Verschieben Sie Ihre Abreise. Stuttgart kann Ihnen so sehr nicht am Herzen liegen. Ich denke an Sie, glauben Sie mir, und ich will Sie nicht betrügen; aber die Gelegenheit ist schwierig.« »Wenn Sie heute Abend nicht den Wagen des Generals hätten und wenn ich den meinigen hätte, so könnte ich Sie in allen Ehren nach Hause bringen.« »Seien Sie still! Sie haben Ihren Wagen nicht da – so ist es meine Sache, Sie nach Hause zu bringen. Der Einfall ist köstlich, lieber Freund, aber es darf nicht aussehen, wie wenn wir uns vorher verabredet hätten. Sie reichen mir den Arm und führen mich an meinen Wagen; ich frage Sie, wo Ihr Wagen sei; Sie sagen mir, Sie haben keinen; ich lade Sie ein, bei mir einzusteigen, und lasse Sie bei Ihrem Gasthof aussteigen. Es werden nur zwei Minuten sein, aber bis wir Besseres finden, ist es immerhin etwas.« Ich antwortete ihr nur mit einem Blick, worin sich meine freudetrunkene Hoffnung auf Glück aussprach. Das sehr kurze Stück schien mir eine Ewigkeit zu währen. Endlich fiel der Vorhang, und wir gingen hinaus. Am Kutschenschlag richtete sie die verabredeten Fragen an mich; als ich ihr aber sagte, ich hätte keinen Wagen, rief sie: »Ich fahre nach dem Gasthof des Generals, um mich nach seinem Befinden zu erkundigen; wenn Ihnen die Fahrt nicht zu lang ist, kann ich Sie auf dem Rückwege vor Ihrer Tür absetzen.« Der Einfall war göttlich: wir mußten zweimal durch die lange schlecht gepflasterte Stadt fahren und gewannen dadurch ein bißchen Zeit. Unglücklicherweise war der Wagen halboffen, und auf der Hinfahrt schien der Mond uns ins Gesicht. Ich nannte ihn damals nicht das schützende Gestirn der Liebe. Wir taten, was wir konnten, aber das war so gut wie nichts, und dies Spiel brachte mich zur Verzweiflung, obgleich meine entzückende Partnerin ihr möglichstes tat, um den Genuß vollständig zu machen. Zum größten Unglück drehte der Kutscher, ein frecher neugieriger Bursche, zuweilen sich um, wodurch wir genötigt wurden, unsere Bewegungen zu mäßigen. Die Schildwache sagte dem Kutscher, Seine Exzellenz sei für niemanden zu sprechen, und wir fuhren hocherfreut nach meinem Gasthof, denn nun hatten wir den Mond im Rücken, und die Neugier des Kutschers war uns weniger lästig. Es ging ein bißchen besser, oder vielmehr ein bißchen weniger schlecht, als auf dem Hinwege, aber es kam mir vor, wie wenn die Pferde nur so über das Pflaster dahinsausten. Da ich jedoch die Notwendigkeit fühlte, für den Fall einer Wiederholung den Kutscher günstig zu stimmen, so gab ich ihm beim Aussteigen einen Dukaten. Ermattet und unglücklich, obwohl verliebter denn je, ging ich zu Bett; denn meine Schöne hatte mich überzeugt, daß sie durchaus nicht gefühllos war, sondern die Wollust mit ebensolchem Feuer genoß, wie sie sie spendete. Unter diesen Umständen beschloß ich, Köln nicht eher zu verlassen, als bis ich mit diesem wahrhaft göttlichen Weibe den Becher der Lust geleert hätte; dies aber konnte, wie mich dünkte, erst gelingen, nachdem der General die Stadt verlassen hätte. Am nächsten Mittag ging ich nach dem Gasthof des Generals, um mich einzuschreiben; er empfing jedoch, und man ließ mich eintreten. Madame war zugegen. Ich richtete an den General einige den Umständen angemessene Worte, aber der grobe Österreicher antwortete darauf nur mit einem recht kühlen Kopfnicken. Es standen viele Offiziere herum, und nach vier Minuten machte ich eine Verbeugung in die Runde und ging. Der Flegel hütete drei Tage lang das Zimmer, und da infolgedessen Madame nicht ins Theater kam, war ich des Vergnügens beraubt, sie zu sehen. Am letzten Tage des Karnevals lud Ketteler eine Menge Leute zu einem Souper ein, auf welches ein Ball folgen sollte. Ich machte der liebenswürdigen Dame meine Aufwartung in ihrer Loge, und als ich mich einen Augenblick mit ihr allein befand, fragte sie mich: »Sind Sie vom General zum Souper eingeladen?« »Nein.« »Wie?« rief sie entrüstet; »Sie sind nicht eingeladen? Sie müssen trotzdem hingehen!« »Wo denken Sie hin; gnädige Frau?« sagte ich sanft. »Ich werde Ihnen in allen Dingen gehorchen, nur hierin nicht!« »Ich weiß alles, was Sie mir sagen können; aber Sie müssen trotzdem hingehen. Ich würde mich für entehrt halten, wenn Sie nicht an dem Abendessen teilnähmen. Wenn Sie mich lieben, werden Sie mir diesen Beweis Ihrer Zärtlichkeit, ich wage es zu sagen: Ihrer Achtung geben!« »Sie verlangen es – ich werde hingehen. Aber sagen Sie mir, anbetungswürdiges Weib, fühlen Sie nicht, daß Ihr Befehl mich der Gefahr aussetzt, mein Leben zu verlieren oder ihn zu töten? Denn ich bin nicht der Mann, eine Beschimpfung hinunterzuschlucken.« »Ich fühle alles. Ihre Ehre liegt mir ebenso sehr am Herzen wie meine eigene, ja sogar noch mehr; aber es wird Ihnen nichts geschehen: ich nehme alles auf mich. Sie müssen hingehen! Versprechen Sie es mir jetzt; denn mein Entschluß steht fest. Wenn Sie nicht hingehen, gehe ich auch nicht; aber dann dürfen wir uns niemals wiedersehen.« »Ich werde hingehen; verlassen Sie sich auf mich.« Da Herr von Castries in die Loge trat, entfernte ich mich und ging ins Parkett, wo ich zwei peinliche Stunden verbrachte, da ich von dem ungewöhnlichen Schritt, den die Dame von mir verlangte, böse Folgen voraussah. Indessen war ich fest entschlossen, mein Versprechen zu halten, so unwiderstehlich war der Einfluß der schönen Frau auf mein ganzes Sein. Ich nahm mir vor, mich so gut wie möglich zu benehmen, um nach Möglichkeit den Verstoß zu mildern, den man mir zur Last legen würde. Nach dem Schluß der Vorstellung begab ich mich zum General; ich fand nur fünf oder sechs Personen anwesend. Ich trat zu einer Stiftsdame heran, die eine große Vorliebe für die italienische Poesie hatte, und verwickelte sie ungezwungen in ein interessantes Gespräch. Eine halbe Stunde später war der Saal voll; zuletzt kam meine Schöne mit dem General. Mit der Stiftsdame beschäftigt, rührte ich mich nicht; infolgedessen bemerkte Ketteler mich nicht und Madame, die in sehr heiterer Stimmung war, ließ ihm keine Zeit, seine Gäste zu mustern; bald darauf war er am anderen Ende des Saales in ein Gespräch verwickelt. Nach einer Viertelstunde wurde zum Essen gerufen. Die Stiftsdame stand auf, nahm meinen Arm, und schon saßen wir nebeneinander an der Tafel, ohne unser Gespräch über die italienische Literatur zu unterbrechen. Aber schon nahte die Katastrophe! Als alle Plätze besetzt waren, fand es sich, daß ein Herr, der eingeladen war, noch stand und daß für ihn kein Gedeck da war. »Aber das ist ja unmöglich!« rief der General laut. Während die Stühle zusammengerückt wurden, um ein Gedeck einzuschieben, hielt der General Musterung. Ich tat, wie wenn ich von alledem nichts merkte, aber als sein Blick endlich bei mir anlangte, sagte er mit lauter Stimme: »Mein Herr, ich habe Sie nicht einladen lassen.« »Das ist wahr, Herr General,« sagte ich ehrerbietig, »aber ich habe geglaubt, und ohne Zweifel mit Recht geglaubt, es sei nur aus Versehen vergessen worden, und meinte daher, nicht unterlassen zu dürfen, Eurer Exzellenz meine Aufwartung zu machen.« Nach diesen Worten nahm ich sofort meine Unterhaltung mit der Stiftsdame wieder auf, ohne einen Menschen anzusehen. Fünf Minuten lang herrschte tiefstes Schweigen, aber nachdem ich einige angenehme Bemerkungen der Stiftsdame aufgenommen und an andere Gäste weiter geschickt hatte, bemächtigte bald eine angenehme Stimmung sich der ganzen Gesellschaft; nur der General schmollte. Dies machte mir an und für sich wenig aus, aber mein Selbstgefühl erheischte, seine Stirnfalten sich glätten zu sehen, und ich spähte daher nach einem günstigen Augenblick, um dieses Wunder zu bewirken. Die Gelegenheit dazu bot sich beim zweiten Gange. Herr de Castrics lobte die Dauphine; dadurch kam das Gespräch auf ihre Brüder, den Grafen von der Lausitz und den Herzog von Kurland, und von diesen auf den ehemaligen Herzog Biron, der in Sibirien war, und auf dessen persönliche Eigenschaften. Einer der Gäste bemerkte, er habe weiter kein Verdienst, als daß er der Kaiserin Anna gefallen habe; ich bat ihn um Verzeihung und sagte: »Sein größtes Verdienst besteht darin, daß er dem letzten Herzog Ketteler treu gedient hat, dem ohne den Mut dieses heute so unglücklichen Mannes während des Krieges sein ganzes Gepäck verloren gegangen wäre. Es war ein heldenmütiger Zug, der von der Weltgeschichte aufbewahrt zu werden verdient, daß Ketteler ihn an den Petersburger Hof schickte; Biron aber hat sich niemals um das Herzogtum beworben. Er wollte sich nur die Grafschaft Wartenberg sichern; denn er erkannte die Rechte der jüngeren Linie des Hauses Ketteler an, das ohne die Laune der Zarin heute noch herrschen würde. Diese wollte aus ihrem Günstling durchaus einen Herzog machen.« Das Gesicht des Generals hatte sich während dieser Erzählung aufgeheitert, und er sagte mir so freundlich, wie es ihm überhaupt möglich war, er habe niemals einen Menschen so gut unterrichtet gefunden, wie mich; und in bedauerndem Tone fügte er hinzu: »Ja, ohne diese Laune wäre ich jetzt ein regierender Herr.« Nach dieser bescheidenen Bemerkung lachte er laut auf und schickte mir eine Flasche Rheinwein von besonderer Güte. Während der ganzen übrigen Dauer des Abendessens unterhielt er sich nur noch mit mir. Ich freute mich innerlich der Wendung, die meine Sache genommen hatte, noch mehr aber der Befriedigung, die ich in den schönen Augen meiner Dame las. Wir tanzten die ganze Nacht hindurch, und ich wich meiner Stiftsdame nicht von der Seite; übrigens war diese eine reizende Frau und tanzte ganz entzückend. Mit meiner Dame erlaubte ich mir nur ein einziges Menuett zu tanzen. Gegen Ende des Balls fragte der General in seiner plumpen Weise mich, ob ich nicht bald abreisen würde; ich antwortete ihm, ich gedächte Köln erst nach der großen Parade zu verlassen. Ich war hocherfreut, der Frau Bürgermeisterin den denkbar größten Beweis meiner Liebe gegeben zu haben, und ich war dem Glück dankbar, das mir so freundlich geholfen hatte, meinen ungezogenen General zur Vernunft zu bringen; denn Gott weiß, was ich getan hätte, wenn er sich so weit vergessen haben würde, mich von der Tafel fortzuschicken. Bei unserem ersten Wiedersehen sagte meine Schöne mir, eine tödliche Angst habe sie durchschauert, als sie ihn sagen hörte, er habe mich nicht eingeladen. »Ganz gewiß wäre er dabei nicht stehen geblieben, wenn Ihre vornehme Antwort ihn nicht zurückgehalten hätte. Aber hätte er noch ein Wort mehr gesagt, so stand mein Entschluß fest.« »Und was war dies für ein Entschluß?« »Ich wäre aufgestanden, hätte Ihnen meine Hand gereicht, und wir wären zusammen hinausgegangen. Herr von Castries hat mir gesagt, er würde es ebenso gemacht haben, und ich glaube, alle Damen, die Sie nach Brühl eingeladen hatten, wären unserem Beispiel gefolgt.« »Aber damit wäre die Sache noch nicht erledigt gewesen; denn selbstverständlich hätte ich von ihm auf der Stelle Genugtuung verlangt, und wenn er mir diese verweigert hätte, so würde ich ihm meinen Degen durch den Leib gerannt haben.« »Ich fühle dies; aber ich bitte Sie zu vergessen, daß ich Sie einer solchen Gefahr ausgesetzt habe. Ich für mein Teil werde niemals vergessen, wie viel ich Ihnen schuldig bin, und ich werde Sie von meiner Dankbarkeit überzeugen.« Zwei Tage darauf erfuhr ich, daß sie unwohl sei; ich ging um elf Uhr vormittags zu ihr, da ich bestimmt wußte, daß ich um diese Stunde den General nicht bei ihr antreffen würde. Sie empfing mich in dem Zimmer ihres Mannes, der mich auf das freundschaftlichste bat, ich möchte ihnen die Ehre erweisen, an ihrem Familienessen teilzunehmen. Ich beeilte mich, diese Einladung mit Dank anzunehmen, und dieses Mittagessen war mir angenehmer als Kettelers prunkvolles Souper. Der Bürgermeister war ein recht schöner Mann, von angenehmem Wesen, klug und sehr gebildet. Er liebte den häuslichen Frieden, und seine Frau, die er glücklich machte, mußte ihn lieb haben; denn er war keiner von den Männern, welche sagen: »Magst du allen mißfallen, wenn du nur mir gefällst.« Als ihr Mann auf kurze Zeit fortgegangen war, zeigte sie mir ihr ganzes Haus. »Hier ist unser Schlafzimmer und hier eine Kammer, worin ich jeden Monat fünf oder sechs Tage schlafe, wenn der Anstand es erfordert. Dies hier ist eine öffentliche Kirche, die wir aber als unsere Privatkapelle ansehen können, da wir von diesen beiden vergitterten Fenstern aus die Messe hören. Sonntags gehen wir diese Treppe hinunter und betreten die Kirche durch eine kleine Tür, zu der ich stets den Schlüssel bei mir trage.« Wir hatten den zweiten Sonnabend der Fastenzeit; unser Mittagessen aus Fastenspeisen war ausgezeichnet; aber dieses interessierte mich am wenigsten, mich entzückte der Anblick dieser schönen jungen Frau, die von ihres Mannes Kindern aus erster Ehe umgeben war und von ihrer Familie angebetet wurde. Ich ging frühzeitig nach Hause und schrieb an Esther, die ich nicht vernachlässigte, so sehr mich auch meine neue Leidenschaft in Anspruch nahm. Am nächsten Morgen ging ich in die kleine Kirche des Bürgermeisters, um dort die Messe zu hören; um nicht aufzufallen, trug ich einen Überrock. Es war ein Sonntag, und ich sah meine Schöne, die eine Kapuze trug, in Begleitung ihrer ganzen Familie die Kirche verlassen. Ich bemerkte die kleine Tür, die so geschickt in die Wand eingelassen war, daß man sie kaum entdecken konnte, wenn man von ihrem Vorhandensein nichts wußte; sie öffnete sich nach innen, nach der Treppe zu. Der Teufel, der bekanntlich in der Kirche mehr Macht hat als anderswo, flößte mir den Plan ein, mir mit Hilfe dieser Tür den Genuß meiner Schönen zu verschaffen. Ich teilte ihr meinen Gedanken gleich am nächsten Tage im Theater mit. »Ich habe ebenfalls daran gedacht,« antwortete sie lachend, »und ich werde Ihnen schriftlich die erforderlichen Anleitungen geben; Sie werden sie in einer Zeitungsnummer finden, die ich Ihnen übergeben werde.« Wir konnten dieses köstliche Gespräch nicht fortsetzen, denn sie hatte eine Dame aus Aachen bei sich, die auf einige Tage bei ihr zu Besuch war und der sie sich widmen mußte. Außerdem war die Loge voll von Besuchern. Ich brauchte nicht lange zu warten, denn schon am nächsten Tage übergab sie mir vor allen Leuten das Zeitungsblatt mit der Bemerkung, sie habe nichts Interessantes darin gefunden. Ich wußte, daß es für mich sehr interessant sein würde. Ihr Brief lautete folgendermaßen: »Der schöne Plan, den die Liebe eingegeben hat, bietet keine Schwierigkeit, aber viel Ungewißheiten. Die Frau schläft in der Kammer nur dann, wenn der Mann sie darum bittet; dies kommt nur zu gewissen Epochen vor, und die Trennung dauert nur vier oder fünf Tage. Dieser Zeitpunkt ist nicht mehr fern. Infolge der langen Gewohnheit ist es ihr nicht möglich, ihn darüber zu täuschen; man muß also warten. Die Liebe wird Ihnen melden, wann die Stunde des Glückes geschlagen hat, Man muß sich in der Kirche verstecken. Es ist nicht daran zu denken, den Mann zu bestechen, der sie öffnet und schließt; denn er ist zwar arm, aber zu dumm, um sich bestechen zu lassen. Er würde das Geheimnis verraten. Um seine Wachsamkeit zu täuschen, gibt es kein anderes Mittel, als sich zu verstecken. An Wochentagen schließt er die Kirche mittags, an Sonntagen erst gegen Abend; er öffnet sie, sobald der Morgen dämmert. Sollte der Fall eintreten, so braucht man nur einen leichten Druck auf die Tür zu üben, die an dem betreffenden Tage nicht von innen verschlossen sein wird. Da die Kammer, worin der glückliche Kampf stattfinden soll, nur durch eine einfache Scheidewand vom Schlafzimmer getrennt ist, so muß man beachten, daß man weder ausspucken, noch husten, noch sich schneuzen darf, denn dies wäre das größte Unglück. Das Hinauskommen wird keine Schwierigkeiten machen: man geht in die Kirche hinunter und verläßt diese, sobald sie geöffnet wird. Da der Küster den Betreffenden am Abend nicht bemerkt hat, so ist bestimmt anzunehmen, daß er ihn auch am Morgen nicht sehen wird.« Hundertmal küßte ich dieses reizende Schreiben, in welchem ich einen überlegenen Geist fand, und gleich am nächsten Tage sah ich mir die Örtlichkeit an; dies war die Hauptsache. In der Kirche befand sich eine Kanzel, worin kein Mensch mich hätte entdecken können, aber die Treppe führte von der Sakristei aus hinauf, und diese war immer verschlossen. Ich entschied mich für einen Beichtstuhl, der ganz dicht neben der Tür stand. Indem ich mich auf der Stelle zusammenkauerte, wo der Beichtvater seine Füße hinsetzte, konnte ich nicht gesehen werden; aber der Raum war so eng, daß ich anfangs glaubte, er würde mich nicht fassen, wenn die Tür geschlossen wäre. Ich wartete bis Mittag, um es auszuprobieren, und sobald die Kirche leer war, machte ich den Versuch. Ich mußte mich zusammenkauern und war trotzdem durch die durchbrochene Tür so schlecht gedeckt, daß jemand, der in einer Entfernung von zwei Schritt vorübergegangen wäre, mich leicht hätte sehen können. Trotzdem schwankte ich nicht; denn bei allen derartigen Unternehmungen kann man niemals etwas erreichen, wenn man nicht viel dem Glück überläßt. Ich war entschlossen, allen Zufällen zu trotzen, und ging sehr zufrieden mit meinen Entdeckungen nach Hause. Ich schrieb alle meine Beobachtungen und meinen Entschluß nieder, legte den Zettel in eine alte Zeitung und übergab ihr diese noch am gleichen Abend in ihrer Loge, wo wir uns täglich zu treffen pflegten. Etwa acht Tage später fragte sie in meiner Gegenwart den General, ob er ihrem Mann irgend einen Auftrag zu geben habe; dieser werde am nächsten Tage nach Aachen reisen und in drei Tagen wieder zurück sein. Dies war deutlich genug für mich; zum Überfluß sagte ein Blick von ihr mir noch, daß ich mir die Gelegenheit zunutze machen müsse. Meine Freude war um so größer, da der nächste Tag ein Feiertag war; ich brauchte mich daher erst mit Einbruch der Nacht im Beichtstuhl zu verstecken und ersparte mir dadurch ein unangenehmes Warten von mehreren Stunden; dies war mir angenehm, weil ich etwas erkältet war. Es war vier Uhr, als ich mich in dem Beichtstuhl so gut es ging versteckte, indem ich mich allen Heiligen empfahl. Um fünf Uhr machte der Küster seinen gewöhnlichen Umgang durch die Kirche, ging hinaus und verschloß die Tür. Sobald ich das Geräusch der Schlüssel gehört hatte, verließ ich mein enges Gefängnis und setzte mich auf eine Bank den Fenstern gegenüber. Einige Augenblicke später erblickte ich ihren Schatten hinter den Gittern und hatte nun die Gewißheit, daß sie mich gesehen habe. Ich blieb ungefähr eine Viertelstunde auf meiner Bank sitzen; dann öffnete ich die kleine Tür und trat ein. Nachdem ich sie wieder geschlossen hatte, tastete ich mich vorwärts und setzte mich auf die untersten Treppenstufen nieder; hier verbrachte ich fünf Stunden, die mir in der Erwartung des Glücks nicht peinlich erschienen wären, wenn nicht die Ratten, die fortwährend hin und her liefen, mich fürchterlich gequält hätten. Die Natur hat mir einen unüberwindlichen Abscheu vor diesem Tierchen eingeflößt, das nicht sehr zu fürchten ist, dessen Gestank mir aber eine sehr unangenehme Übelkeit verursacht. Punkt zehn Uhr schlug endlich die Schäferstunde; eine Kerze in der Hand, erschien der Gegenstand meiner Wünsche und machte meiner peinlichen Lage ein Ende. Wenn meine Leser selbst so etwas erlebt haben, so werden sie sich alle Wonnen dieser köstlichen Nacht vorstellen können, aber die Einzelheiten werden sie nicht erraten; denn, wenn ich ein erfahrener Kämpe war, so war meine Partnerin unerschöpflich in Mitteln, die Wonnen des süßen Liebesspieles zu erhöhen. Sie hatte einen kleinen, sehr lecker aussehenden Imbiß für mich zurecht gemacht, aber ich rührte ihn nicht an, denn ich hatte einen anderen Appetit, den ich nur sättigen konnte, indem ich unaufhörlich aller ihrer Schönheiten genoß. Unsere Genüsse beschäftigten uns sieben volle Stunden, die mir recht kurz vorkamen, obwohl wir uns keine Ruhe gegönnt hatten, außer um die Wollust mit den süßesten Reden zu würzen. Der Bürgermeister war einer großen Leidenschaft nicht fähig, aber sein kräftiges Temperament genügte ihm, um bei seiner Frau jede Nacht pünktlich seine Gattenpflicht zu erfüllen; aus Gesundheitsrücksichten oder aus religiösen Bedenken verzichtete er jedoch auf seine Rechte, sobald der Mond die seinigen in Anspruch nahm, und um sich gegen die Versuchung zu schützen, hielt er sich dann seiner teuren Ehehälfte fern. Dieses Mal aber befand die liebenswürdige Dame sich nicht in dem etwas peinlichen Falle der Trennung. Erschöpft, aber nicht gesättigt, verließ ich sie mit Tagesanbruch, indem ich ihr versicherte, sie werde beim nächsten Wiedersehen in mir den gleichen finden. Ich begab mich wieder in den Beichtstuhl, voller Furcht, daß der erwachende Tag mich den Augen des Küsters verraten könnte. Ich kam jedoch mit der Furcht davon und verließ ohne Unfall die Kirche. Ich verbrachte beinahe den ganzen Tag im Bett, indem ich mir ein ausgezeichnetes Mittagessen auf das Zimmer bringen ließ. Am Abend ging ich ins Theater, um mich an dem Anblick der reizenden Frau zu werden, deren Besitz ich der Liebe und Beständigkeit verdankte. Nach Verlauf von vierzehn Tagen steckte sie mir ein Briefchen zu, worin sie mir mitteilte, daß sie die nächste Nacht allein schlafen würde. Es war ein Wochentag; da infolgedessen die Kirche nur bis zum Mittag geöffnet war, ging ich schon um elf Uhr hin, nachdem ich ein reichliches Frühstück zu mir genommen hatte. Ich versteckte mich in meinem Loch, und der Küster schloß die Tür, ohne irgend etwas gesehen zu haben. Ich hatte zehn Stunden vor mir, und wenn ich daran dachte, daß ich diese zum Teil in einem Winlel der Kirche, zum Teil auf der dunklen Treppe in Gesellschaft einer Menge von Ratten verbringen mußte, ohne auch nur eine Prise Tabak nehmen zu können, weil ich ja nicht niesen durfte – dann fand ich die Sache nicht gerade lustig; anderseits erleichterte die Hoffnung auf die Belohnung mir diese Lage. Aber gegen ein Uhr hörte ich ein leises Geräusch und sah eine Hand sich durch das Gitter strecken und ein Papier auf den Fußboden werfen. Mit heftigem Herzklopfen lief ich hin, denn mein erster Gedanke war, daß irgendein Hindernis eingetreten wäre; dadurch wäre mir ein küstlicher Genuß entgangen und ich hätte dafür die Aussicht gehabt, eine ganze Nacht auf den Kirchenbänken zu verbringen. Ich öffnete den Brief und las mit Entzücken folgende Worte: »Die Tür ist offen. Sie werden es bequemer auf der Treppe haben; dort finden Sie Licht, eine kleine Mahlzeit und Bücher. Sie werden unbequem sitzen; aber dagegen habe ich nichts anderes machen können, als daß ich ein kleines Kissen hinlegte. Die Zeit wird Ihnen weniger lang erscheinen als mir, glauben Sie mir das; aber seien Sie geduldig! Ich habe dem General gesagt, ich würde heute nicht ausgehen, weil ich mich unwohl fühlte. Um Gottes willen husten Sie nich, besonders nicht nachts! Wir würden verloren sein.« Wie erfinderisch macht doch die Liebe! Ich zögerte nicht einen Augenblick, trat ein und fand ein sauberes Gedeck, leckere Speisen, köstliche Weine, einen Kocher mit Weingeist, Kaffee, Zitronen, Zucker und Rum, um Punsch zu machen, falls ich dazu Lust bekommen sollte. Hiermit und mit einigen unterhaltenden Büchern konnte ich schon warten; aber ich war erstaunt, daß die reizende Frau dies alles hatte machen können, ohne daß jemand von der Familie etwas davon merkte. Ich verbrachte drei Stunden mit Lesen, und drei andere damit, daß ich aß, Kaffee machte und Punsch trank; hierauf schlief ich ein. Um zehn Uhr kam mein Engel und weckte mich. Diese zweite Nacht war süß, aber lange nicht so süß wie die erste, denn wir waren des Vergnügens beraubt, uns zu sehen, und die lästige Nachbarschaft des lieben Gatten legte uns bei unseren Liebeskämpfen einigen Zwang auf. Wir schliefen einen Teil der Nacht, und am Morgen mußte ich schon in aller Frühe vorsichtig meinen Rückzug antreten. Hiermit endete meine Liebschaft mit dieser Schönen. Der General reiste nach Westfalen, und sie selber mußte bald aufs Land gehen. Ich beschloß daher, Köln zu verlassen, indem ich ihr versprach, im nächsten Jahre wieder zu kommen. Wie man sehen wird, konnte ich dieses Versprechen nicht halten. Ich nahm Abschied von meinen Bekannten, die meine Abreise bedauerten. Der zweieinhalb Monate lange Aufenthalt in dieser Stadt verminderte mein Vermögen nicht, obgleich ich jedesmal, wenn ich spielte, mein Geld verlor. Der Abend in Bonn machte jedoch alles reichlich wieder gut. Mein Bankier, Herr Franck, beklagte sich, daß ich kein Geld von ihm genommen hätte; aber ich mußte vernünftig sein, denn ich wurde scharf beobachtet, und ich wollte meine Freunde überzeugen, daß ich es verdiente, von ihnen gut behandelt zu werden. Gegen Mitte März verließ ich Köln. In Bonn machte ich Halt, um dem Kurfürsten meine Aufwartung zu machen, aber er war abwesend. Ich speiste mit dem Grafen Berità und mit dem Günstling des Fürsten, dem Abbé Scampar. Nach dem Essen gab der Graf mir einen Brief für eine Stiftsdame in Koblenz, deren Lob er mir sang. Infolgedessen mußte ich in Koblenz Halt machen; aber anstatt der Dame, die nach Mannheim gefahren war, traf ich in dem Gasthof, wo ich abstieg, eine Schauspielerin, namens Toscani, die mit ihrer sehr jungen und sehr schönen Tochter nach Stuttgart zurückreiste. Sie kam von Paris, wo sie ein Jahr zugebracht hatte, um ihrer Tochter von dem berühmten Bestris Unterricht im Charaktertanz geben zu lassen. Ich hatte sie in Paris gekannt, aber nicht eben sehr auf sie geachtet, obgleich ich ihr einen kleinen Wachtelhund geschenkt hatte, der der Liebling ihrer Tochter war. Die junge Person war ein wahres Kleinod, und es kostete ihr keine Mühe, mich zu überreden, sie nach Stuttgart zu begleiten, wo es mir überdies an allen erdenklichen Unterhaltungen nicht fehlen konnte. Die Mutter war ungeduldig, zu sehen, wie der Herzog ihre Tochter finden würde, die sie von Kindheit an für diesen wollüstigen Fürsten bestimmt hatte. Obgleich er eine anerkannte Maitresse hatte, so ließ er sich doch keine von den Ballettfigurantinnen entgehen, wenn sie ihm gefiel. Wir speisten selbdritt, und da zwei Kulissenheldinnen dabei waren, so kann man sich wohl denken, daß unsere Unterhaltung nicht eben aus moralischen Denksprüchen bestand. Die Toscani sagte mir, ihre Tochter sei noch vollkommen unberührt, und sie sei fest entschlossen, dem Herzog nicht eher zu erlauben, sie anzurühren, als bis er die herrschende Maitresse entlassen hätte, deren Stelle dann ihre Tochter einnehmen sollte. Diese Maitresse war die Tänzerin Gardella, die Tochter eines venetianischen Barkarolen, von der ich im ersten Bande gesprochen habe. Sie war die Frau des Michele Agata, und ich hatte sie in München getroffen, als ich aus den schrecklichen Bleikammern entflohen war, in denen ich so lange geschmachtet hatte. Da ich an der Behauptung der Mutter zu zweifeln schien und ihnen durch einige ziemlich deutliche Anspielungen zu verstehen gab, daß nach meiner Meinung die erste Blüte schon in Paris gepflückt worden sei, und daß der Herzog von Württemberg nur die zweite bekommen werde, so mischte ihre Eitelkeit sich ins Spiel. Ich schlug ihnen vor, sie möchten mich mit meinen eigenen Augen mich überzeugen lassen, und es wurde feierlich ausgemacht, daß dies am nächsten Tage vor sich gehen sollte. Sie waren ihrem Versprechen getreu, und ich hatte wirklich am nächsten Morgen einen sehr hübschen Zeitvertreib, der zwei Stunden dauerte und mich nötigte, an der Mutter die ganze Glut zu löschen, die die Tochter in mir entzündet hatte. Obgleich die Toscani noch jung war, würde sie mich eiskalt gefunden haben, wenn ihre reizende Tochter mich nicht aufgeregt hätte, ohne mich befriedigen zu können, denn die Mutter hatte nicht genug Vertrauen zu mir, um mich mit diesem Juwel allein zu lassen. Sie trat an ihre Stelle und stand sich gut dabei. Ich entschloß mich also, mit diesen beiden Nymphen nach Stuttgart zu reisen, wo ich die Binetti sehen sollte, die immer noch mit Begeisterung von mir sprach. Diese Schauspielerin war eine Tochter des Barkarolen Romano. Ich hatte ihr geholfen, die Bühne betreten zu können, und in demselben Jahre hatte Frau von Balmarana sie mit einem französischen Tänzer namens Binet verheiratet, der seinen Namen durch Hinzufügung einer Silbe italienisiert hatte, wie andere auf die gleiche Weise sich adelig machen. Ferner sollte ich dort finden: die Gardella, den jüngeren Baletti, den ich sehr gern hatte, die junge Vulcani, die er geheiratet hatte, und mehrere alte Bekanntschaften, durch die nach meiner Meinung mein Aufenthalt in Stuttgart köstlich werden mußte. Aber man wird bald sehen, wie gefährlich es ist, die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Auf der letzten Poststation trennte ich mich von meinen Schauspielerinnen; in Stuttgart stieg ich im Bären ab. Vierzehntes Kapitel Das Jahr 1760. – Die Maitresse Gardella. –Porträt des Herzogs von Württemberg. – Mein Diner bei der Gardella und dessen Folgen. – Unglückliche Begegnung. – Ich spiele und verliere viertausend Louis. – Prozeß. – Glückliche Flucht. – Meine Ankunft in Zürich. – Eine Kirche, die von Jesus Christus selbst geweiht worden ist. Der Hof des Herzogs von Württemberg war zu jener Zeit der glänzendste von ganz Europa. Die reichlichen Hilfsgelder, welche Frankreich dem Fürsten dafür bezahlte, daß er ein Heer von zehntausend Mann zur Verfügung dieser Macht unterhielt, setzten ihn instand, diese Ausgaben zu bestreiten, die sein Luxus und seine Ausschweifungen erforderten. Sein Hilfskorps war sehr schön, aber während des ganzen Krieges zeichnete es sich nur durch Fehler aus. Der Herzog war seiner Anlage nach prachtliebend: herrliche Gebäude, ein großartiger Malstall, eine glänzende Jägerei, Launen aller Art, kosteten ihm viel Geld; ungeheure Summen aber gab er für hohe Besoldungen aus und noch größere für sein Theater und seine Maitressen. Er unterhielt französische Komödie, ernste und komische italienische Oper und zwanzig italienische Tänzer, von denen jeder an einem der großen Theater Italiens erster Tänzer gewesen war. Noverre war sein Choreograph und Ballettdirektor; er verwendete zuweilen hundert Figuranten und mehr. Ein geschickter Maschinenmeister und die besten Dekorationsmaler arbeiteten um die Wette und mit großen Kosten, um die Zuschauer zum Glauben an Zauberei zu zwingen. Alle Tänzerinnen waren hübsch und alle rühmten sich, den gnädigen Herrn zum mindesten einmal glücklich gemacht zu haben. Die erste Tänzerin war eine Venetianerin, die Tochter eines Gondeliere, namens Gardello. Der Senator Malipiero, von dem meine Leser wissen, daß er mir zuerst eine gute Erziehung geben ließ, hatte sie für das Theater ausbilden lassen, indem er einen Tanzlehrer für sie bezahlte. Nach meiner Flucht aus den Bleidächern hatte ich sie in München als Frau Michele Agata gefunden. Der Herzog fand sie nach seinem Geschmack und bat ihren Mann um sie; dieser schätzte sich glücklich, sie ihm abtreten zu können. Aber schon ein Jahr darauf war der Herzog ihrer Reize müde und pensionierte sie mit dem Titel Madame. Diese Ehre hatte alle Tänzerinnen eifersüchtig gemacht, denn eine jede glaubte die Eigenschaften zu besitzen, um anerkannte Maitresse zu werden, um so mehr, als die Gardella nur den Rang hatte und das Gehalt bezog. Alle intrigierten, um sie zu verdrängen, aber die Venetianerin besaß im höchsten Grade die Kunst zu fesseln und wußte sich trotz allen Ränken zu behaupten. Weit entfernt, dem Herzog seine fortwährenden Treulosigkeiten vorzuwerfen, ermutigte sie ihn sogar dazu, und da sie ihn nicht liebte, so fühlte sie sich glücklich, in bezug auf den Zeitvertreib sich von ihm vernachlässigt zu sehen. Es bereitete ihr den größten Genuß, wenn die Tänzerinnen, die nach der Ehre des Schnupftuchs strebten, zu ihr kamen und sich ihr empfahlen. Sie nahm sie freundlich auf, gab ihnen Ratschläge und ermutigte sie, sich dem Fürsten angenehm zu machen. Dieser seinerseits fand die Duldsamkeit der Favoritin bewundernswürdig und sehr bequem und hielt sich für verpflichtet, ihr dafür seine Dankbarkeit zu bezeigen. Er erwies ihr in der Öffentlichkeit alle Ehren wie einer Prinzessin. Ich bemerkte bald, daß die Hauptleidenschaft dieses Fürsten war, von sich sprechen zu machen. Er hätte gern Herostrates nachgeahmt, wenn er dies für ein passendes Mittel gehalten hätte, eine der hunderttausend Stimmen des Nachruhms zu beschäftigen. Er wünschte, daß die Welt von ihm sage, kein Fürst habe mehr Geist, mehr Geschmack, mehr Anlage zum Erfinden der Vergnügungen, mehr Fähigkeit zum Herrschen; außerdem sollte man glauben, er sei ein zweiter Herkules in den Arbeiten des Bacchus und des Amor, ohne daß jedoch die Augenblicke, die er der Sinnenlust widmete, die Sorgfalt beeinträchtigten, womit er alle Pflichten seines Herrscheramtes erfüllte. Unbarmherzig jagte er den Diener fort, dem es nicht gelang, ihn aufzuwecken, nachdem er drei oder vier Stunden im Schlaf gelegen hatte, dem, wie alle anderen Menschen, auch er sich überlassen mußte; aber er erlaubte dem Diener, alle Mittel anzuwenden, um ihn aus dem Bett zu bringen. Es kam vor, daß der Bediente, nachdem er ihm Kaffee eingeflößt hatte, ihn aus dem Bett in ein kaltes Bad werfen mußte, wo dann Seine Hoheit wohl erwachen mußten, wenn sie nicht ertrinken wollten. Sobald er angekleidet war, versammelte der Herzog seine Minister und erledigte die laufenden Angelegenheiten; hierauf erteilte er Audienz jedem, der sie wünschte. Übrigens war nichts komischer, als diese Audienzen, die er seinen armen Untertanen gewährte. Oft waren es plumpe Bauern, Handarbeiter der niedrigsten Klassen; da mühte sich denn nun der arme Mann schwitzend und fluchend ab, sie zur Vernunft zu bringen, was ihm nicht immer gelang; denn oft liefen sie ihm verängstigt, verzweifelnd und wütend davon. Die Beschwerden der hübschen Bäuerinnen prüfte er unter vier Augen, und obgleich er ihnen gewöhnlich nichts bewilligte, gingen sie doch getröstet von dannen. Die Hilfsgelder, die der König von Frankreich ihm törichterweise für zwecklose Dienste zahlte, reichten nicht aus für seine Verschwendung. Er überlastete seine Untertanen mit Steuern und Fronden so sehr, daß dieses geduldige Volk seine Forderungen nicht mehr erfüllen konnte und sich einige Jahre später an das Reichskammergericht in Wetzlar wandte, das ihn zwang, sein System zu ändern. Er war von der närrischen Sucht besessen, nach dem Vorbilde des Königs von Preußen herrschen zu wollen, während dieser sich über den Herzog nur lustig machte und ihn seinen Affen nannte. Er hatte die Tochter des Markgrafen von Bayreuth geheiratet, die schönste und liebenswürdigste deutsche Prinzessin. Sie war nicht in Stuttgart, als ich dort war, sondern hatte sich wegen eines blutigen Schimpfes, den ihr unwürdiger Gemahl ihr angetan hatte, zu ihrem Vater geflüchtet. Es ist nicht richtig, wenn man behauptet, die Fürstin habe ihren Gemahl verlassen, weil sie seine Treulosigkeiten nicht mehr habe ertragen können. Nachdem ich allein auf meinem Zimmer gespeist hatte, machte ich Toilette und ging in die Oper, die der Herzog in dem von ihm erbauten schönen Theater dem Publikum gratis geben ließ; der Fürst saß vor dem Orchester, umgeben von seinem glänzenden Hofe. Ich nahm in einer Loge des ersten Ranges Platz, allein und sehr zufrieden, ohne die geringste Ablenkung ein Musikstück des berühmten Jumella hören zu können, der im Dienst des Herzogs stand. Unbekannt mit den Gebräuchen gewisser kleiner deutscher Höfe, applaudierte ich bei einem Solo, das von einem Kastraten, dessen Namen ich vergessen habe, entzückend schön gesungen wurde; einen Augenblick darauf trat ein Mensch in meine Loge und sagte in unhöflichem Tone etwas zu mir, worauf ich nur erwidern konnte: nicht verstanden. Er ging hinaus, und bald nachher sah ich einen Offizier erscheinen, der mir in gutem Französisch sagte, da der Herrscher sich im Theater befinde, so sei es nicht erlaubt, zu applaudieren. »Sehr wohl, mein Herr; ich werde wiederkommen, wenn der Herrscher nicht hier ist; denn wenn eine Arie mir gefällt, ist es mir unmöglich, meinen Beifall nicht auszudrücken.« Nach dieser Antwort ließ ich meinen Wagen rufen, aber in dem Augenblick, wo ich einsteigen wollte, kam wieder derselbe Offizier und sagte mir, der Herzog wünsche mit mir zu sprechen. Ich folgte ihm in den Cercle. »Sie sind also Herr Casanova?« »Ja, gnädiger Herr.« »Woher kommen Sie?« »Aus Köln.« »Sie sind zum erstenmal in Stuttgart?« »Ja, gnädiger Herr.« »Gedenken Sie sich hier lange aufzuhalten?« »Fünf oder sechs Tage, wenn Eure Hoheit mir es erlauben wollen.« »Recht gern; bleiben Sie solange, wie es Ihnen gefällt, und es soll Ihnen erlaubt sein, in die Hände zu klatschen, soviel Sie wollen.« »Ich werde von dieser Erlaubnis Gebrauch machen, gnädiger Herr.« »Gut.« Ich setzte mich auf eine Bank, und alle Anwesenden folgten aufmerksam dem Spiel der Schauspieler. Als bald darauf ein Sänger eine Arie gesungen hatte, applaudierte der Herzog, und alle langohrigen Hofleute machten es dem gnädigen Herrn nach; ich aber blieb ganz still, denn ich fand den Gesang sehr mittelmäßig; jeder nach seinem Geschmack. Nach dem Ballett ging der Herzog in die Loge der Favoritin, küßte ihr die Hand und entfernte sich. Ein neben mir stehender Offizier, der nicht wußte, daß ich die Gardella kannte, sagte mir, es sei Madame, und da ich die Ehre gehabt habe, mit dem Fürsten zu sprechen, so könne ich mir auch die Ehre verschaffen, in ihre Loge zu gehen und ihr die Hand zu küssen. Ich hatte Lust, laut aufzulachen, aber ich beherrschte mich und infolge einer unbegreiflichen und sehr unbesonnenen Laune hatte ich den Einfall, ihm zu antworten, ich glaubte mir dies ersparen zu können, weil sie meine Verwandte wäre. Kaum war dieses Wort heraus, so biß ich mich auf die Lippen, denn diese ungeschickte Lüge konnte mir nur schaden; aber es stand geschrieben, daß ich in Stuttgart nur schwere Dummheiten begehen sollte. Der Offizier, den meine Antwort anscheinend überrascht hatte, grüßte mich und ging in die Loge der Favoritin, um sie von meiner Anwesenheit in Kenntnis zu setzen. Die Gardella wandte den Kopf nach mir und winkte mir mit dem Fächer; ich beeilte mich, ihrem Rufe zu folgen, obwohl ich innerlich selber über die dumme Rolle lachte, die ich spielen würde. Als ich eingetreten war, reichte sie mir liebenswürdig die Hand, die ich küßte, indem ich sie als Cousine anredete. »Haben Sie sich dem Herzog als meinen Vetter vorgestellt?« »Nein.« »Nun, so werde ich es tun. Ich lade Sie für morgen zum Mittagessen ein.« Nachdem sie sich entfernt hatte, suchte ich die Tänzerinnen auf, die beim Auskleiden waren. Die Binetti, eine meiner ältesten Bekanntschaften, war ganz außer sich vor Freude über das Wiedersehen mit mir und lud mich ein, jeden Tag mit ihr zu speisen. Der treffliche Violinspieler Curtz, der im Orchester von San Samuele mein Kamerad gewesen war, stellte mir seine sehr schöne Tochter vor, indem er in selbstbewußtem Tone mir sagte: »Die ist nicht für die schönen Augen des Herzogs geschaffen; er wird sie niemals bekommen.« Der brave Mann war kein Prophet; denn der Herzog bekam sie bald darauf und wurde von ihr geliebt. Sie schenkte ihm zwei Püppchen, doch auch diese Pfänder der Liebe konnten den unbeständigen Fürsten nicht fesseln. Und doch war sie eine entzückende Person, die alle Eigenschaften besaß, um einen Mann zu fesseln; denn sie verband mit der vollkommensten Schönheit eine pikante Anmut, einen natürlichen Geist, den sie aufs schönste ausgebildet hatte, und eine Güte, eine Liebenswürdigkeit, die sie zum Liebling aller Menschen machten. Aber der Herzog war abgestumpft, und das Vergnügen konnte für ihn nur in der Unbeständigkeit bestehen. Nach der jungen Curtz sah ich die kleine Vulcani, die ich in Dresden gekannt hatte; sie überraschte mich sehr, indem sie mir ihren Mann vorstellte, der mir um den Hals fiel. Es war Baletti, der Bruder meiner Ungetreuen, ein talentvoller Jüngling, den ich unendlich lieb hatte. Ich war von allen diesen alten Freunden umgeben, als der Offizier eintrat, dem gegenüber ich mich törichterweise für einen Verwandten der Gardella ausgegeben hatte. Er erzählte die Geschichte. Die Binetti sagte ihm sofort: »Mein Herr, das ist eine Lüge.« »Aber meine Liebe,« sagte ich zu ihr, »darüber können Sie nicht mehr wissen, als ich selber.« Sie antwortete nur mit einem lauten Gelächter; Curtz aber nahm das Wort und sagte scherzhaft: »Da die Gardella auch nur eine Barkarolentochter ist, wie die Binetti, so findet diese mit Recht, sie hätte ihr in punkto Cousinenschaft den Vorzug geben wollen.« Am nächsten Tage speiste ich bei der Favoritin; das Mahl war sehr heiter, obgleich sie mir sagte, sie habe den Herzog noch nicht gesehen und wisse daher nicht, wie er den Scherz aufnehmen werde, den ihre Mutter sehr unpassend finde. Diese Mutter, die aus den armseligsten Verhältnissen stammte, war ungeheuer stolz auf die Ehre, daß ihre Tochter die Geliebte eines Fürsten wäre, und meine Verwandtschaft erschien ihr als ein Makel. Sie besaß die Unverschämtheit, mir zu sagen, ihre Verwandten seien niemals Komödianten gewesen. Sie bedachte nicht, daß es eine viel größere Schande wäre, zu diesem Stande, wenn sie ihn für entehrend hielt, herabzusteigen, als zu ihm emporzusteigen. Ich hätte für ihren Hochmut nur Mitleid haben sollen; aber da ich nicht eben sanftmütigen Charakters bin, so bestand meine Erwiderung in der Frage, ob ihre Schwester noch lebe. Sie schnitt ein Gesicht und antwortete mir nicht. Diese Schwester war ein dickes, blindes Weib, das auf einer der Brücken von Venedig als Bettlerin saß. Nachdem ich den ganzen Tag sehr fröhlich bei der Favoritin zugebracht hatte, die die älteste meiner Bekanntschaften dieser Art war, verließ ich sie mit dem Versprechen, am nächsten Tage zum Frühstück zu kommen. Als ich aber hinausging, bedeutete der Türvorsteher mir, ich dürfe das Haus nicht wieder betreten. In wessen Auftrag er mir diesen freundlichen Befehl mitteilte, wollte er mir nicht sagen. Ich fühlte nun, daß ich besser getan hätte, meine Zunge im Zaum zu halten, denn der Streich konnte nur von der Mutter ausgehen. Vielleicht war aber auch die Tochter beteiligt, deren Eitelkeit ich möglicherweise verletzt hatte; sie war eine so gute Schauspielerin, daß sie ihre Empfindlichkeit wohl hatte verbergen können. Ich war unzufrieden mit mir selber und ging in schlechter Laune nach Hause. Ich fühlte mich gedemütigt, daß eine jämmerliche, schamlose Schauspielerin mich demütigen durfte, während ich bei einem anständigeren Betragen mit Auszeichnung in der besten Gesellschaft hätte verkehren können. Hätte ich nicht der Binetti versprochen gehabt, am nächsten Tage bei ihr zu speisen, so würde ich mich sofort in den Postwagen gesetzt haben. Hierdurch hätte ich alle die Unannehmlichkeiten vermieden, die mich noch in dieser unglückseligen Stadt erwarteten. Die Binetti wohnte bei dem österreichischen Gesandten, der ihr Liebhaber war, und der von ihr bewohnte Teil des Hauses stieß an die Stadtmauer an. Diesen Umstand muß der Leser kennen, wie er gleich sehen wird. Ich speiste unter vier Augen mit dieser liebenswürdigen Landsmännin, und wenn ich in diesem Augenblick imstande gewesen wäre, mich zu verlieben, so würde sich meine ganze frühere Zärtlichkeit für sie wieder eingestellt haben; denn sie hatte sich ausgezeichnet erhalten und eine große Anmut und Weltkenntnis hinzuerworben. Der Wiener Gesandte war liebenswürdig, freigebig und duldsam; ihr Mann dagegen war ein verkommener Mensch, der ihrer nicht würdig war und niemals mit ihr zusammenkam. Ich verbrachte einen köstlichen Tag mit ihr, indem wir von unseren alten Erinnerungen sprachen. Da mich nichts in Württemberg zurückhielt, so beschloß ich am übernächsten Tag abzureisen; für den folgenden Tag hatte ich der Toscani und ihrer Tochter versprochen, mit ihnen nach Ludwigsburg zu fahren. Wir sollten um fünf Uhr in der Frühe abfahren; aber vorher begegnete mir folgendes: Als ich von der Binetti fortging, wurde ich sehr höflich von drei Offizieren angesprochen, die ich im Kaffeehause kennen gelernt hatte, und ich machte mit ihnen einen Spaziergang. »Wir haben,« sagten sie zu mir, »eine Vergnügungspartie mit einigen gefälligen Schönen vor, und es wird uns freuen, wenn Sie daran teilnehmen wollen.« »Ich spreche keine vier Worte deutsch, meine Herren, und wenn ich ihrem Wunsche nachgäbe, so würde ich mich langweilen.« »Aber die Damen sind Italienerinnen; es könnte sich also gar nicht besser treffen.« Ich fühlte einen ganz besonderen Widerwillen, ihrer Einladung zu folgen; aber mein böser Geist trieb mich, an diesem unglückseligen Orte nur Dummheit über Dummheit zu begehen, und ich folgte gleichsam willenlos. Wir kehrten nach der Stadt zurück, und ich ließ mich in das dritte Stockwerk eines Hauses von üblem Aussehen führen, wo ich in einem mehr als armseligen Zimmer die beiden angeblichen Nichten Poccinis fand. Gleich daraus trat Poccini selbst ein, fiel mir schamlos um den Hals und umarmte mich, indem er mich seinen besten Freund nannte. Seine Nichten überschütteten mich mit Liebkosungen, wie wenn sie dadurch zeigen wollten, daß wir alte Bekannte wären. Ich ließ alles mit mir geschehen und schwieg. Die Offiziere begannen die Orgie; ich ahmte ihnen nicht nach, aber meine Zurückhaltung veranlaßte sie nicht, sich Zwang anzutun. Ich sah, an was für einen schlechten Ort ich mich hatte locken lassen, und fühlte meinen ganzen Fehler; aber eine falsche Scham hielt mich ab, einfach fortzugehen. Dies war unrecht von mir, aber ich nahm mir vor, in Zukunft klüger zu sein. Nach kurzer Zeit wurde ein Abendessen aus einer Sudelküche aufgetragen. Ich aß nicht; um aber nicht unhöflich zu erscheinen, trank ich zwei oder drei Gläschen Ungarwein. Nach dem Essen, das nur sehr kurze Zeit dauerte, brachte man Karten. Ein Offizier legte eine Pharaobank; ich setzte und verlor fünfzig oder sechzig Louis, die ich bei mir hatte. Ich fühlte, daß ich betrunken war; mein Kopf schwindelte mir. Ich wollte aufhören und nach Hause gehen. Aber ich bin niemals so unbegreiflich schwach gewesen, wie an jenem Tage, sei es nun infolge einer falschen Scham, sei es infolge des vergifteten Getränkes, das man mir vorgesetzt hatte. Die edlen Offiziere taten, wie wenn mein Verlust ihnen furchtbar leid täte; sie wollten mir durchaus Gelegenheit geben, mein Geld wieder zurückzugewinnen, und nötigten mich, mit hundert Louis in Marken, die sie mir auszahlten, eine Bank aufzulegen. Ich gab nach und verlor. Ich legte eine neue Bank und verlor abermals. Nun erhitzte sich mein Kopf, meine Trunkenheit wurde immer größer, und der Ärger machte mich blind. Ich verstärkte die Bank fortwährend und verlor immerzu. Um Mitternacht hatten meine ehrenwerten Gauner keine Angst mehr vor meinem Zorn und erklärten, sie wollten nicht weiter spielen. Sie zählten die Marken, und es fand sich, daß ich gegen hunderttausend Franken verloren hatte. Obwohl ich keinen Tropfen Wein mehr getrunken hatte, war ich dermaßen bezecht, daß man einen Tragstuhl mußte kommen lassen, um mich nach meinem Gasthof zu bringen. Beim Auskleiden sagte mein Bedienter mir, ich hätte weder meine Uhren, noch meine goldenen Tabaksdosen. »Vergiß nicht,« sagte ich zu ihm, »mich morgen früh um vier Uhr zu wecken.« Hierauf ging ich zu Bett und schlief sehr ruhig. Als ich am Morgen mich anzog, fand ich in meiner Tasche etwa hundert Louis, über die ich mich sehr verwunderte, denn meine Betäubung war vergangen, und ich erinnerte mich sehr wohl, daß ich sie am Tage vorher nicht bei mir gehabt hatte. Aber ich war ganz und gar mit meiner Lustpartie beschäftigt, und verschob das Nachdenken über dieses Abenteuer und meinen ungeheuren Verlust auf später. Ich ging zur Toscani, und wir fuhren nach Ludwigsburg, wo ich bei einem ausgezeichneten Mittagessen in so heiterer Stimmung war, daß meine Gäste niemals hätten erraten können, welches Unglück mich betroffen hatte. Am Abend kehrten wir nach Stuttgart zurück. Als ich wieder in meinem Gasthof war, sagte mein Spanier mir, in dem Hause, wo ich am Abend vorher gewesen sei, wisse man weder von meinen Uhren noch von der Tabaksdose das Geringste. Es seien drei Offiziere dagewesen, um mir einen Besuch zu machen. Da sie mich nicht getroffen, hätten sie ihn beauftragt, mir zu sagen, daß sie am nächsten Tage bei mir frühstücken würden. Sie erschienen denn auch pünktlich. »Meine Herren,« sagte ich zu ihnen, sobald sie bei mir eingetreten waren, »ich habe eine Summe verloren, die ich nicht bezahlen kann, und die ich sicherlich nicht verloren haben würde, wenn nicht das Gift, das Sie mir in dem Ungarwein vorgesetzt haben, mich betrunken gemacht hätte. Sie haben mich an einen niederträchtigen Ort geführt, wo man mir auf schändliche Weise kostbare Gegenstände im Werte von mehr als dreihundert Louis gestohlen hat. Ich werde mich darüber gegen keinen Menschen beklagen, denn ich muß die Strafe für mein törichtes Vertrauen tragen. Wenn ich klug gewesen wäre, hätte mir nichts geschehen können.« Sie erhoben ein lautes Geschrei und sprachen davon, daß sie ihrer Ehre wegen gegen mich vorgehen müßten. Aber all ihr Reden war vergeblich; denn ich hatte schon den Entschluß gefaßt, nichts zu bezahlen. Während wir so miteinander stritten, kamen gerade in dem Augenblicke, wo wir anfingen zornig zu werden, Baletti, die ältere Toscani und die Binetti. Sie hörten den ganzen Streit mit an. Ich ließ für alle ein Frühstück auftragen, und nach dem Essen entfernten meine Freunde sich. Als wir wieder allein waren, machte einer von den drei Spitzbuben mir folgenden Vorschlag: »Wir sind zu anständig mein Herr, um den Nachteil Ihrer Lage gegen Sie auszunützen. Sie haben Unglück gehabt. Aber das kann jedem passieren, und wir wünschen uns nichts Besseres als einen gütlichen Ausgleich. Wir werden uns mit allen Ihren Kleidern, Juwelen, Diamanten, Waffen und mit Ihrem Wagen begnügen. Wir werden dies alles abschätzen lassen, und wenn die Summe, die Sie uns schuldig sind, dadurch nicht gedeckt wird, so werden wir für den Rest Schuldscheine auf einen bestimmten Termin annehmen, und so bleiben wir gute Freunde.« »Mein Herr, ich wünsche in keiner Form die Freundschaft von Leuten, die mich ausplündern, und ich kann Ihnen durchaus nichts zahlen.« Hierauf antworteten sie mir mit Drohungen; ich sagte ihnen aber mit der größten Kaltblütigkeit: »Meine Herren, Ihre Drohungen können mich nicht schrecken. Ich sehe nur zwei Möglichkeiten, wie Sie sich bezahlt machen können: entweder beschreiten Sie den Weg der Gerechtigkeit – ich denke, da werde ich leicht einen Advokaten finden, der meine Sache vertritt – oder Sie machen sich an meiner Person bezahlt: mit dem Degen in der Hand in allen Ehren, unter größter Verschwiegenheit und einer nach dem anderen.« Wie ich erwartet hatte, antworteten sie mir, sie würden mir auf meinen Wunsch die Ehre erweisen, mich zu töten, aber erst nachdem ich sie bezahlt hätte. Fluchend entfernten sie sich, mit der Versicherung, ich würde es zu bereuen haben. Einige Augenblicke darauf ging ich hinaus, um die Toscani zu besuchen, bei der ich den ganzen Tag in einer Heiterkeit verbrachte, die in meiner Lage nahe an Wahnsinn grenzte. Ich schrieb jedoch diese frohe Stimmung dem Einfluß zu, den die Reize ihrer Tochter auf mich ausübten, und dem Bedürfnis meiner Seele, durch Aufheiterung ihre Spannkraft zurückzugewinnen. Aber die Mutter, die die Wut der drei Banditen gesehen hatte, stellte mir vor, daß ich mich unbedingt gegen ihre hinterlistigen Anschläge waffnen müßte, indem ich sie gerichtlich belangte. »Wenn Sie sich von den anderen zuvorkommen lassen,« sagte sie, »können diese sich trotz Ihrem guten Recht in eine vorteilhafte Stellung bringen.« Während ich mich mit ihrer reizenden Tochter tausend süßen Wonnen hingab, ließ sie einen Advokaten holen. Nachdem dieser gehört hatte, worum es sich handelte, sagte er mir, es sei das einfachste, wenn ich sobald wie möglich dem Herzog alles erzählte. »Jene haben Sie an diesen schlechten Ort geführt; jene haben Ihnen einen vergifteten Wein eingeschenkt, der sie um die Vernunft gebracht. Jene haben Sie trotz dem Verbot des Fürsten zum Spielen verleitet, denn das Spiel ist streng verboten; in der Gesellschaft jener Offiziere hat man Sie Ihrer Kostbarkeiten beraubt, nachdem man Ihnen eine ungeheure Summe abgewonnen hat. Das Verbrechen verdient den Galgen, und es liegt im Interesse des Herzogs, Ihnen Genugtuung zu gewähren, denn ein Hinterhalt dieser Art, woran Offiziere seiner Armee beteiligt sind, muß ihn in den Augen von ganz Europa entehren.« Ich empfand ein gewisses Widerstreben gegen einen solchen Schritt, denn obgleich der Herzog selber ein schamloser Wüstling war, fühlte ich mich nicht geneigt, ihm so schimpfliche Sachen zu erzählen. Aber der Fall war ernst, und nachdem ich reiflich nachgedacht hatte, entschloß ich mich, am nächsten Tage den Fürsten aufzusuchen. Der Herzog, sagte ich zu mir, gibt dem ersten besten seiner Untertanen Audienz; warum sollte er mich nicht ebensogut empfangen wie irgendeinen Handwerker? Ich hielt es daher für überflüssig, an ihn zu schreiben, und machte mich auf den Weg nach dem Schlosse; aber zwanzig Schritte vor dem Tore desselben begegnete ich den drei Herren, die mir unhöflich zuriefen, ich möchte daran denken, sie zu bezahlen, sonst würde es mir schlecht gehen. Als ich, ohne ihnen zu antworten, meinen Weg fortsetzen wollte, fühlte ich mich heftig am linken Arm gepackt. Eine natürliche Bewegung der Selbstverteidigung führte meine rechte Hand an den Degengriff, und mit wütendem Gesicht zog ich blank. Der Offizier der Schloßwache eilte herzu; ich beklagte mich, daß die Herren mich mit Gewalt verhindern wollten, mit dem Fürsten zu sprechen. Der Wachtposten wurde befragt und erklärte ebenso wie eine Menge von anwesenden Personen, daß ich nur zu meiner Verteidigung den Degen gezogen hätte; der Offizier entschied daher, daß niemand mich verhindern dürfte, in das Schloß zu gehen. Man ließ mich ohne Hindernis bis ins letzte Vorzimmer gelangen. Ich wandte mich an den Kammerherren und bat um Audienz; er versicherte mir, ich würde vorgelassen werden. Aber einen Augenblick darauf erschien der Unverschämte, der mich beim Arm gepackt hatte, und sprach auf deutsch mit dem Offizier, der die Dienste des Kammerherrn versah. Er sagte ihm, was er wollte, ohne daß ich ihm widersprechen konnte, und natürlich lautete seine Aussage nicht zu meinen Gunsten, übrigens war es nicht unmöglich, daß auch der Kammerherr-Offizier zur Clique gehörte, und so war ich von Kaiphas an Pilatus geraten. Eine Stunde verging, ohne daß ich zum Fürsten vordringen konnte, und als der Offizier sich einen Augenblick entfernt hatte, sagte der Herr, der mir versichert hatte, der Herrscher werde mich anhören: ich könne wieder nach Hause gehen. Der Herzog sei von allem unterrichtet und mir werde ohne Zweifel Gerechtigkeit widerfahren. Ich sah sofort, daß ich nichts erreichen würde, und dachte daher auf dem Heimwege darüber nach, wie ich mich aus der Klemme ziehen könnte. Ich begegnete Binetti, der meine Lage kannte; er lud mich ein, bei ihm zu speisen, und versicherte mir, der Wiener Gesandte würde mich in seinen Schutz nehmen; dadurch würde ich vor den Gewalttätigkeiten sicher sein, die die Gauner ohne Zweifel gegen mich zu üben versuchen würden, trotz allen Versicherungen, die ich von dem Offizier im Vorzimmer erhalten hätte. Ich nahm die Einladung an, und seine reizende Frau, der meine Lage wirklich zu Herzen ging, verlor keinen Augenblick, den Gesandten, ihren Liebhaber, von allem zu unterrichten. Der Diplomat kam mit ihr, ließ sich von mir die Geschichte ausführlich erzählen und sagte mir: »Der Herzog weiß wahrscheinlich nichts davon; schreiben Sie einen kurzen Bericht über den hinterlistigen Überfall nieder. Ich werde Ihre Schrift dem Fürsten übergeben und bezweifle nicht, daß Ihnen Gerechtigkeit zuteil werden wird.« Ich setzte mich an den Schreibtisch der Binetti und verfaßte einen wahrheitsgetreuen Bericht; diesen übergab ich unversiegelt dem Gesandten, der mir versicherte, meine Angelegenheit werde innerhalb einer Stunde dem Herzog bekannt sein. Bei Tisch wiederholte meine Landsmännin mir ihre feste Versicherung, daß ihr Liebhaber mich beschützen würde. Wir verbrachten den Tag ziemlich heiter; aber gegen Abend kam mein Spanier und meldete mir: »Wenn Sie in Ihren Gasthof zurückkehren, werden Sie verhaftet werden; denn ein Offizier ist in Ihr Zimmer gekommen; da er Sie nicht gefunden hat, hat er sich vor die Haustür gestellt, und unten an der Treppe warten zwei Soldaten, die er bei sich hat.« Die Vinetti sagte zu mir: »Gehen Sie nicht nach Hause, sondern schlafen Sie hier, wo Sie keine Belästigung zu befürchten haben. Lassen Sie sich die Sachen holen, die Sie brauchen, und warten wir ab.« Ich gab meine Befehle, und mein Spanier holte mir meine Sachen. Um Mitternacht kam der Gesandte; wir waren noch nicht zu Bett gegangen, und er war damit einverstanden, daß seine Schöne mir Zuflucht gewährt hatte. Er versicherte mir, meine Eingabe sei dem Fürsten übergeben worden; aber während der drei Tage, die ich in diesem Hause verbrachte, hörte ich kein Wort vom Erfolg derselben. Am vierten Tage, während ich alle möglichen Leute um Rat fragte, was ich tun sollte, erhielt der Gesandte einen Brief vom Staatsminister. Dieser bat ihn im Auftrage seines Herrn, mich aus seinem Hause zu weisen, da ich einen Prozeß mit Offizieren Seiner Hoheit auszumachen habe; solange er mich aber in seinem Hause behalte, könne die Gerechtigkeit nicht ihren Lauf nehmen. Der Gesandte gab mir diesen Brief, worin der Minister außerdem versprach, daß den Beteiligten volle Gerechtigkeit widerfahren solle. Ich mußte mich also wohl entschließen, wieder in meinen Gasthof zu gehen, aber die Binetti war darüber so wütend, daß sie den Gesandten beschimpfte. Dieser lachte aber nur darüber und sagte, er könne mich gegen den Willen des Fürsten nicht bei sich behalten. Da ich kein Untertan des Kaisers war, so hatte er recht. Ich ging also in meinen Gasthof, ohne einen Menschen zu sehen; aber nachdem ich gespeist hatte, brachte gerade in dem Augenblicke, wo ich mich mit meinem Anwalt besprechen wollte, ein Gerichtsbote mir eine Vorladung, die mir von meinem Wirt übersetzt wurde. Ich wurde darin aufgefordert, auf der Stelle bei einem Notar Soundso zu erscheinen, der den Auftrag hätte, meine Aussage zu Protokoll zu nehmen. Ich ging mit dem Gerichtsboten zu ihm und verbrachte zwei Stunden bei diesem Mann, der alles, was ich ihm auf Latein sagte, deutsch niederschrieb. Als er fertig war, forderte er mich auf, das Protokoll zu unterschreiben. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich nicht ein Schriftstück unterzeichnen würde, welches ich weder lesen noch verstehen könnte. Er bestand auf seinem Verlangen, aber ich blieb unerschütterlich. Er geriet in Zorn und erklärte es für unpassend, daß ich die Rechtlichkeit eines Notars anzweifeln könnte. Ich antwortete ihm ruhig: ich zweifele durchaus nicht an seiner Rechtlichkeit, aber ich handele nach einem Gebot der Vorsicht; da ich nicht verstände, was er geschrieben habe, so erscheine es mir ganz natürlich, daß er auf meine Unterschrift verzichtet. Vom Hause des Notars ließ ich mich zu meinem Anwalt führen, der mein Verhalten lobte und mir versprach, am nächsten Tage zu mir zu kommen und sich von mir Vollmacht geben zu lassen. »Alsdann,« sagte er zu mir, »wird Ihre Sache ganz die meinige sein.« Dies tröstete mich, denn der Mann flößte mir Vertrauen ein. Ich ging nach Hause, aß gut zu Abend, legte mich zu Bett und schlief in der allergrößten Ruhe. Aber beim Erwachen meldete mein Spanier mir einen Offizier, der ihm auf dem Fuße folgte und mir in gutem Französisch sagte, ich dürfe mich nicht wundern, Stubengefangener zu sein; denn da ich Ausländer sei und einen Prozeß habe, so sei es nur in der Ordnung, wenn meine Gegenpartei sich dagegen sichere, daß ich mich vor der Entscheidung des Prozesses entferne. Er verlangte mir höflich meinen Degen ab, den ich ihm zu meinem größten Bedauern geben mußte. Er hatte einen Stahlgriff von wunderschöner Arbeit und war ein Geschenk der Marquise d'Urfé; er war mindestens fünfzig Louis wert. Ich schrieb an meinen Anwalt und teilte ihm den Vorfall mit; er suchte mich auf und versicherte mir, mein Arrest werde nur wenige Tage dauern. Da ich zu Hause bleiben mußte, ließ ich meinen Freunden Bescheid sagen. Ich empfing die Besuche der Tänzer und Tänzerinnen, die in diesem unglückseligen Stuttgart, das mein Fuß niemals hätte betreten sollen, die einzigen mir bekannten anständigen Leute waren. Meine Lage war nicht eben erfreulich: durch ein Glas Wein vergiftet, betrogen, bestohlen, beschimpft, sah ich mich meiner Freiheit beraubt und von der Notwendigkeit bedroht, hunderttausend Franken zu bezahlen, zu deren Deckung ich mich bis aufs Hemd hätte ausplündern lassen müssen, da niemand wußte, welche Summen ich in meiner Brieftasche hatte. Ich war wie betäubt. Ich hatte an Madame, die Gardella, geschrieben; aber ohne Erfolg, denn ich erhielt nicht einmal eine Antwort. Die Binetti, die Toscani und Baletti, die bei mir zu Mittag oder zu Abend speisten, waren mein ganzer Trost. Meine drei Gauner waren einzeln zu mir gekommen, und jeder hatte mich zu überreden gesucht, ihm ohne Vorwissen der anderen Geld zu geben; dafür versprach mir ein jeder von ihnen, mich aus meiner Verlegenheit zu erlösen. Jeder von ihnen würde sich mit drei- oder vierhundert Louis begnügt haben, aber selbst wenn ich diese Summe dem einen gegeben, so wäre ich nicht sicher gewesen, daß die beiden anderen ihre Ansprüche aufgegeben hätten. Ich hätte dadurch diese Ansprüche gewissermaßen gerechtfertigt und meine Lage nur verschlimmert. Ich sagte ihnen daher, sie langweilten mich und ich wäre ihnen dankbar, wenn sie mich nicht mehr mit ihrer Gegenwart belästigen wollten. Am fünften Tage nach meiner Verhaftung reiste der Herzog nach Frankfurt, und an demselben Tage sagte die Binetti mir im Auftrage ihres Liebhabers, der Herzog habe den Offizieren versprochen, sich nicht in diese Angelegenheit einzumischen; infolgedessen sei ich in Gefahr, das Opfer eines ungerechten Urteils zu werden. Er rate mir daher, alle meine Kleider, Kleinodien und Diamanten zu opfern, um die Ansprüche meiner Gegner zu befriedigen und meiner Angelegenheit ein Ende zu machen. Die Binetti billigte als vernünftige Frau diesen Rat durchaus nicht, und mir gefiel er noch weniger als ihr; aber sie hatte versprochen, diesen Auftrag auszurichten. Ich besaß Juwelen und Spitzen für mehr als hunderttausend Franken, aber ich konnte mich nicht entschließen, diese zu opfern. Ich schwamm in einem Meer von Ungewißheit, als mein Anwalt eintrat und mir folgendes sagte: »Mein Herr, alles, was ich zu tun vermochte, war zwecklos. Es besteht eine Clique gegen Sie – eine Clique, die von hoher Stelle unterstützt zu werden scheint und alle Gerechtigkeit zum Schweigen bringt. Es ist meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Sie verloren sind, wenn es Ihnen nicht gelingt, sich mit den Spitzbuben zu einigen. Der Urteilsspruch des Polizeirichters, der genau so ein Schelm ist wie die anderen, wird einfach summarisch sein; denn als Ausländer dürfen Sie nicht erwarten, daß Ihre Angelegenheit auf dem Wege des gewöhnlichen Gerichtsverfahrens erledigt wird. Um dies zu erreichen, müßten Sie eine Bürgschaft stellen können. Man hat sich Zeugen zu verschaffen gewußt, welche aussagen, daß Sie ein gewerbsmäßiger Spieler sind, daß Sie die drei Offiziere zu ihrem Landsmann Poccini verschleppt haben, daß Ihre Behauptung, man habe Sie betrunken gemacht, nicht wahr ist, und daß Sie weder Ihre Uhren noch Ihre Dosen verloren haben, denn man behauptet, diese würden sich in Ihren Koffern finden, wenn man ein Verzeichnis Ihrer Sachen aufnähme. Machen Sie sich darauf gefaßt, daß dies morgen oder übermorgen geschehen wird, und zweifeln Sie vor allen Dingen nicht an der Wahrheit alles dessen, was ich Ihnen sage; Sie würden es zu spät bereuen. Man wird hierher kommen und Ihren Koffer, Ihren Schmuckkasten und Ihre Taschen leeren; man wird ein Verzeichnis von allem aufnehmen und noch am selben Tage alles versteigern. Wenn der Erlös die Schuld übersteigt, wird der Rest dazu verwandt werden, die Kosten zu decken, und was Sie wieder herausbekommen, wird sehr wenig sein; wenn die Summe nicht genügt, um Schuld und Kosten des Verfahrens, des Arrestes, der Versteigerung usw. zu bezahlen, wird man Sie, mein Herr, als gemeinen Soldaten in die Truppen Seiner allerdurchlauchtigsten Hoheit einreihen. Ich habe den Offizier, der Ihr Hauptgläubiger ist, sagen hören: man werde die vier Louis, die Sie als Handgeld zu bekommen haben, mit verrechnen, und der Herzog werde sehr erfreut sein, einen so schönen Rekruten zu bekommen.« Der Advokat ging fort, ohne daß ich es merkte, denn seine Rede hatte mich völlig versteinert. Ich war in einer solchen Aufregung, daß es in Verlauf von weniger als einer Stunde mir so vorkam, wie wenn alle Flüssigkeiten meines Körpers einen Ausgang suchten. Ich Soldat eines kleinen Fürsten wie der Herzog, der nur von dem entsetzlichen Handel mit Menschenfleisch lebte, den er wie der Kurfürst von Hessen betrieb! Ich von Gaunern ausgeplündert! Ich von einem ungerechten Urteilsspruch bedroht! Dies darf nicht sein! Suchen wir auf irgendeine Weise Zeit zu gewinnen! Zunächst schrieb ich meinen Hauptgläubigern, ich hätte mich entschlossen, mit ihnen einen vernünftigen Vergleich abzuschließen, aber ich wünschte, daß alle drei mit Zeugen beim Notar anwesend wären, um ihren Beitritt zu dem Übereinkommen rechtskräftig zu machen, damit ich abreisen könnte. Ich berechnete, daß auf alle Fälle einer von den dreien am nächsten Tage auf Wache sein müßte, so daß ich zum mindesten einen Tag gewinnen würde. Inzwischen würde, so hoffte ich, mir irgendein Mittel einfallen, um aus der Klemme herauszukommen. Hierauf schrieb ich einen Brief an den Polizeipräsidenten, den ich mit Exzellenz und Gnädiger Herr anredete und um seinen mächtigen Schutz bat. Ich schrieb ihm, ich hätte mich entschlossen, meine Sachen zu verkaufen, um dem Gerichtsverfahren, womit man mich bedrohte, ein Ende zu machen; ich bat ihn, das Verfahren aufzuschieben, da die Kosten desselben nur meine Verlegenheit vergrößern würden. Außerdem bat ich ihn, mir einen rechtlichen Mann zu schicken, der meine Sachen nach ihrem wahren Werte abschätzen würde, sobald ich mich mit meinen Gläubigern geeinigt hätte; ferner bat ich ihn, bei den Offizieren sich zu meinen Gunsten ins Mittel zu legen. Als ich mit meinen Briefen fertig war, ließ ich sie durch meinen Spanier bestellen. Der Offizier, an den ich geschrieben hatte, und der nach seiner Behauptung zweitausend Louis bekommen sollte, besuchte mich nach dem Mittagessen. Ich lag im Bett und sagte ihm, ich glaube, ich hätte Fieber. Er sprach mit mir in gefühlvollem Ton, und, mochte nun dieser aufrichtig oder erheuchelt sein, jedenfalls freute er mich. Er sagte mir, er habe mit dem Polizeipräsidenten gesprochen, und dieser habe ihm meinen Brief zu lesen gegeben. »Es ist das beste, was Sie tun können, wenn Sie einem Vergleich zustimmen; aber wir brauchen nicht alle drei anwesend zu sein. Ich werde von den beiden anderen Vollmacht erhalten, und dies wird dem Notar genügen.« Ich antwortete ihm hierauf: »Mein Herr, ich bin so unglücklich, daß Sie mir nicht die Genugtuung versagen dürfen, Sie alle drei beisammen zu sehen; ich glaube nicht, daß Sie mir diesen Wunsch abschlagen können.« »Nun, so geschehe es denn nach Ihrem Wunsch; aber, wenn Sie es eilig haben, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß dieser Wunsch erst am Montag erfüllt werden kann; denn an jedem der nächsten vier Tage ist einer von uns auf Wache.« »Dies tut mir leid, aber ich werde bis Montag warten. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß bis dahin jedes gerichtliche Verfahren unterbleibt.« »Ich gebe es Ihnen, hier meine Hand darauf; Sie können sich darauf verlassen, aber dafür möchte auch ich Sie um eine Gefälligkeit bitten. Ihr Reisewagen gefällt mir; überlassen Sie ihn mir für den Preis, den er Ihnen gekostet hat.« »Gern.« »Wollen Sie, bitte, den Wirt rufen und ihm in meiner Gegenwart sagen, daß der Wagen mir gehört.« Ich ließ den Wirt hereinkommen und sagte ihm, was der Kerl wünschte; aber der Wirt sagte ihm, er könnte über den Wagen verfügen, sobald seine Rechnung bezahlt wäre. Hierauf wandte er ihm den Rücken und ging hinaus. »Ich bin vollkommen sicher, daß ich den Wagen bekommen werde!« sagte der Offizier lachend; hierauf umarmte er mich und ging. Dieses Gespräch hatte mir so wohl getan, daß ich mich schon halb wieder gesund fühlte. Vier Tage vor mir! Es war ein Glücksfall! Einige Stunden später kam ein anständig aussehender Mann, der gut italienisch sprach, im Auftrage des Polizeipräsidenten zu mir und sagte mir, meine Gläubiger würden am nächsten Montag beisammen sein und er selber würde beauftragt sein, meine Sachen abzuschätzen. Er riet mir, in den Vergleich die Bedingung aufnehmen zu lassen, daß meine Sachen nicht versteigert werden dürften, sondern daß meine Gläubiger sich an die Preise seiner Schätzung zu halten hätten. Er versprach mir, ich würde mir zu diesem Rate Glück wünschen dürfen, wenn ich ihn befolgte. Nachdem ich ihm gesagt hatte, er werde seinerseits mit mir zufrieden sein, stand ich auf und bat ihn, den Inhalt meines Koffers und meines Schmuckkastens prüfen zu wollen. Er tat dies und sagte mir, meine Spitzen allein seien zwanzigtausend Franken wert. »Sie haben Sachen im Werte von mehr als hunderttausend Franken, mein Herr, aber ich verspreche Ihnen auf mein Wort, daß ich den Offizieren im geheimen gerade das Gegenteil sagen werde. Versuchen Sie Ihre Gegner dahin zu bringen, daß sie sich mit der Hälfte ihrer Forderung begnügen, und Sie können mit der Hälfte Ihrer Sachen abreisen.« »Für diesen Fall, mein Herr, verspreche ich Ihnen fünfzig Louis; einstweilen nehmen Sie, bitte, diese sechs auf Abschlag.« »Ich nehme sie dankbar an. Zählen Sie auf meine Ergebenheit! Die ganze Stadt weiß, daß Ihre Gläubiger Spitzbuben sind, und der Herzog weiß es ebensogut wie alle anderen; aber er hat seine Gründe, um ihre Räubereien scheinbar nicht zu bemerken.« Ich atmete auf und dachte nur noch daran, meine Zeit auszunützen, um mit meinem ganzen Gepäck, leider mit Ausnahme meines schönen Wagens, die Flucht zu ergreifen. Ich hatte eine schwierige Aufgabe vor mir, aber ich war nicht unter den Bleidächern und die Erinnerung an meine große Flucht erhöhte meinen Mut. Zunächst lud ich die Toscani, Baletti und den Tänzer Binetti zum Abendessen ein, denn ich mußte mich mit Leuten in Verbindung setzen, die von dem Zorne meiner drei Gauner nichts zu fürchten hatten und auf deren Freundschaft ich rechnen konnte. Nachdem wir gut gespeist hatten, schilderte ich meinen Gästen alle Umstände meiner Lage und sagte ihnen, daß ich entschlossen sei, zu entfliehen, ohne etwas von meinen Sachen herzugeben. »Und nun, meine Freunde, sagen Sie mir Ihre Meinung!« Nach einem kurzen Schweigen sagte Binetti mir: wenn ich meinen Gasthof verlassen und mich zu ihm begeben konnte, so würde es mir wohl möglich sein, aus einem der Fenster seines Hauses zu steigen. Wäre ich nur einmal auf fester Erde, so befände ich mich auch außerhalb der Stadt, hundert Schritte von der Landstraße entfernt; ich könnte von dort mit der Post abreisen und würde vor Tagesanbruch jenseits der Grenze des Herzogtums sein. Baletti stand auf, öffnete das Fenster und fand, daß ich es nicht wagen konnte, auf diesem Wege den Gasthof zu verlassen; denn unterhalb des Fensters befinde sich das Dach einer Bretterbude. Ich überzeugte mich mit meinen eigenen Augen, daß er recht hatte, und sagte, ich würde wohl irgendeinen anderen Weg finden, um den Gasthof zu verlassen; aber was mich in Verlegenheit setzte, wäre mein Gepäck. Hierauf sagte die Toscani: »Sie müssen Ihre Koffer im Stich lassen; denn es ist nicht möglich, diese unvermerkt fortzuschaffen, und müssen alle Ihre Sachen zu mir schicken. Ich verpflichte mich, Ihnen alles, was Sie mir anvertrauen, sicher nach dem Ort zu schicken, wo Sie zuerst Halt machen werden. Ich werde in verschiedenen Gängen alles unter meinen Kleidern fortbringen und kann damit schon heute Abend beginnen.« Baletti fand diese Idee gut und sagte mir, seine Frau werde ebenfalls kommen, um die Ausführung zu beschleunigen. Wir entschieden uns also dafür, und ich versprach der Binetti, in der Nacht vom Sonntag zum Montag pünktlich um zwölf Uhr zu ihr zu kommen, und wenn ich auch den Wachtposten erdolchen müßte, den ich tagsüber stets vor meiner Zimmertür hatte, der aber während der Nacht sich entfernte und erst am Morgen wieder kam; bevor er ging, schloß er die Tür ab. Baletti versprach mir, einen treuen Diener mir zur Verfügung zu stellen, und sagte, ich würde auf der Landstraße eine vierspännige Postkutsche finden und auf dieser mein ganzes Gepäck in anderen Koffern. Um die Zeit nicht unbenutzt zu lassen, begann die Toscani sofort sich zu beladen, indem sie zwei Anzüge unter ihrem Rock befestigte. Während der nächsten Tage arbeiteten die drei Damen und meine beiden Freunde so fleißig, daß am Samstag um Mitternacht meine Koffer, meine Schatulle und mein Necessaire leer waren; alle Juwelen behielt ich zurück, um sie in meinen Taschen fortzutragen. Am Sonntag brachte die Toscani mir die Schlüssel von zwei Koffern, worin sie sorgsam alle meine Sachen verpackt hatte; Baletti kam ebenfalls und teilte mir mit, daß alle Maßnahmen getroffen seien, und daß ein guter Reisewagen mit seinem Bedienten von Mitternacht an auf der Landstraße auf mich warten würden. Dies alles war für mich sehr befriedigend. Um meinen Gasthof zu verlassen, machte ich folgendes: Der Soldat, der mich bewachte, hielt sich in einem kleinen Vorzimmer auf, in welchem er auf und ab ging; mein Zimmer betrat er niemals, außer wenn ich ihn rief. Sobald er wußte, daß ich im Bett lag, schloß er meine Tür zu und entfernte sich bis zum nächsten Morgen. Außerdem pflegte er an einem Tischchen in einer Ecke des Vorzimmers zu Abend zu essen, was ich ihm von meinen Speisen zukommen ließ. Ich hatte diese Gewohnheiten genau beobachtet, und gab daraufhin meinem Spanier folgende Anweisungen: »Nach dem Abendessen werde ich nicht zu Bett gehen, sondern mich bereit halten, mein Zimmer zu verlassen; ich werde hinausgehen, sobald ich draußen kein Licht mehr sehe. Doch werde ich mein Licht so stellen, daß man meinen Schatten nicht bemerken kann, und daß kein heller Schein durch die Tür fällt. Bin ich erst einmal aus meinem Zimmer heraus, so werde ich ohne Schwierigkeit die Treppe erreichen, und alles ist in Ordnung. Ich werde zu Binetti gehen; von seinem Hause aus werde ich die Stadt verlassen, und in Fürstenberg werde ich auf dich warten. Kein Mensch wird dich verhindern können, morgen oder übermorgen abzureisen. Sobald du mich in meinem Zimmer bereit siehst – und dies wird sein, während der Soldat zu Abend ißt – wirst du die Kerze auslöschen, die auf seinem Tische steht; dies kannst du leicht tun, indem du den Docht putzest. Du nimmst sofort das Licht, um es wieder anzuzünden, und den Augenblick, wo du in mein Zimmer trittst, werde ich benützen, um im Schutze der Dunkelheit mich zu entfernen. Sobald du denkst, daß ich das Vorzimmer verlassen haben müßte, kommst du mit der angezündeten Kerze zum Soldaten zurück; hierauf hilfst du ihm langsam seine Flasche austrinken. Inzwischen werde ich in Sicherheit sein. Du wirst ihm sagen, daß ich zu Bett gegangen sei; er wird eintreten, mir gute Nacht wünschen, die Tür verschließen, den Schlüssel in die Tasche stecken und mit dir fortgehen. Es ist nicht anzunehmen, daß er mit dir wird sprechen wollen, wenn du ihm sagst, daß ich schon zu Bett gegangen sei.« Da es jedoch immerhin möglich war, daß der Soldat mich zu sehen wünschte, so legte ich auf das Kopfkissen einen Perückenkopf, über welchen ich eine Nachtmütze gezogen hatte und zog die Decke so zurecht, daß der Soldat bei einem flüchtigen Blick getäuscht werden mußte. Alles ging ausgezeichnet, wie ich später von meinem Spanier erfuhr. Während dieser mit meinem Wächter trank, zog ich meinen Pelz an, schnallte meinen Hirschfänger um – denn ich hatte keinen Degen mehr – und steckte zwei geladene Pistolen in meine Taschen. Sobald ich an der Dunkelheit erkannte, daß Leduc das Licht ausgelöscht hatte, ging ich leise hinaus und kam ohne das geringste Geräusch an die Treppe. Als ich einmal dort war, war das übrige leicht; denn die Treppe führte auf den Flur und die Haustür stand stets bis nach Mitternacht offen. Mit großen Schritten eilte ich die Straße entlang und kam um dreiviertel Zwölf bei Binetti an, dessen Frau mich am Fenster erwartete. Als ich in ihrem Zimmer war, von wo aus ich meine Flucht bewerkstelligen sollte, verloren wir keine Zeit; ich warf durch das Fenster meinen Pelz Baletti zu, der unten im Graben bis an die Waden im Schlamm stand; nachdem ich einen starken Strick fest um meinen Leib gebunden hatte, umarmte ich die Binetti und die kleine Baletti, die mich an dem Strick, der um ein Stück Holz gewickelt war, ganz sanft hinuntergleiten ließen. Baletti fing mich mit seinen Armen auf; ich schnitt den Strick durch, zog meinen Pelz wieder an und folgte meinem lieben Baletti. Wir durchwateten den Schlamm, indem wir bis an die Knie einsanken, brachen uns mit vieler Mühe einen Weg durch die Hecken und gelangten endlich auf die Landstraße. Wir waren sehr ermüdet, obwohl die Straße in gerader Richtung nicht mehr als vierhundert Schritte von dem Hause entfernt war. In geringer Entfernung fanden wir vor der Tür einer kleinen Schenke den Wagen, worin Balettis Bedienter saß. Er stieg aus und sagte uns, der Postillon sei in die Schenke gegangen, um ein Glas Bier zu trinken und seine Pfeife anzuzünden. Ich belohnte den treuen Diener, setzte mich an dessen Stelle in den Wagen, umarmte seinen Herrn, und bat sie, zu gehen und das Weitere mir zu überlassen. Es war der 2. April 1760, mein Geburtstag und ein bemerkenswerter Tag in der Geschichte meines Lebens, da fast keiner vergangen ist, ohne daß mir etwas Glückliches oder Unglückliches zugestoßen wäre. Ich saß seit zwei oder drei Minuten im Wagen, als der Postillon herauskam und mich fragte, ob wir noch lange zu warten hätten. Er glaubte mit derselben Person zu sprechen, die vorher im Wagen gewesen war, und ich hütete mich natürlich, ihm seinen Irrtum zu benehmen, sondern sagte zu ihm: »Vorwärts und fahre in einem zu bis Tübingen, ohne in Waldenbuch die Pferde zu wechseln.« Er gehorchte, und wir fuhren mit großer Schnelligkeit; aber das Gesicht, das er machte, als er in Tübingen mich zu sehen bekam, war so komisch, daß ich beinahe laut aufgelacht hätte. Balettis Diener war jung und klein. Ich war groß und vollkommen ausgewachsen. Er riß die Augen weit auf und sagte, ich sei nicht derselbe Herr, mit dem er abgefahren sei. »Du warst betrunken«, sagte ich zu ihm. Zugleich drückte ich ihm ein viermal so großes Trinkgeld in die Hand, als er sonst zu erhalten pflegte, und der arme Teufel erwiderte kein Wort mehr. Wer hätte nicht die Erfahrung gemacht, daß es fast immer, um Recht zu behalten, das beste Mittel ist, nicht aufs Geld zu sehen! Ich reiste sofort weiter und machte erst Halt, als ich auf Fürstenbergischem Gebiet war; hier war ich in voller Sicherheit. Ich hatte unterwegs nichts gegessen und hatte bei meiner Ankunft in dem Gasthof einen Riesenhunger. Ich ließ mir ein gutes Nachtessen auftragen; hierauf ging ich zu Bett und hatte einen friedlichen Schlaf. Nach meinem Erwachen ließ ich mir Papier bringen und schrieb an jeden meiner drei Spitzbuben einen gleichlautenden Brief. Ich versprach ihnen, drei Tage in Fürstenberg auf sie zu warten und forderte sie in den stärksten Ausdrücken zum Zweikampf heraus, indem ich ihnen bei meiner Ehre schwor, daß ich ihre Feigheit öffentlich bekannt machen würde, wenn sie sich weigern sollten, sich mit mir zu messen. Hierauf schrieb ich an die Toscani, an Baletti und an die liebenswürdige Geliebte des österreichischen Gesandten, empfahl ihnen Leduc und dankte ihnen für ihre freundschaftliche Hilfe. Die drei Spitzbuben kamen nicht, aber die beiden sehr schönen Töchter des Wirtes ließen mich meine drei Wartetage auf die angenehmste Weise verbringen. Am vierten Tage gegen Mittag hatte ich das Vergnügen, meinen treuen Spanier, mit seinem Mantelsack auf dem Sattel, angesprengt kommen zu sehen. Er sagte zu mir: »Gnädiger Herr, in Stuttgart weiß jedermann, daß Sie hier sind, und es steht zu befürchten, daß die drei Offiziere, die zu feige sind, um einen Zweikampf anzunehmen, Sie ermorden lassen. Wenn Sie vernünftig sind, reisen Sie sofort nach der Schweiz ab.« »Du bist also selber ein rechter Feigling, mein armer Junge«, sagte ich zu ihm; »sei meinetwegen unbesorgt und erzähle mir alles, was nach meiner Abreise vorgefallen ist.« »Gnädiger Herr, sobald Sie hinaus waren, machte ich alles, wie Sie es mir gesagt hatten; ich half dem armen Teufel seine Flasche austrinken – was er ganz gut auch alleine hätte fertig bringen können – und sagte ihm hierauf, Sie seien zu Bett gegangen; er schloß wie gewöhnlich die Tür zu und ging, nachdem er mir die Hand geschüttelt hatte. Als er fort war, legte ich mich zu Bett. Am anderen Morgen war der biedere Soldat um neun Uhr auf seinem Posten, und um zehn Uhr kamen die drei Offiziere. Ich sagte ihnen, Sie schliefen noch, worauf sie fortgingen, indem sie mir befahlen, ihnen im Kaffeehause nebenan Bescheid zu sagen, sobald Sie aufgestanden wären. Nachdem sie lange gewartet hatten, ohne mich kommen zu sehen, erschienen sie um zwölf Uhr wieder und befahlen dem Soldaten die Tür zu öffnen. Da hatte ich denn einen sehr netten Anblick, obgleich ich mich inmitten der drei Spitzbuben in großer Gefahr befand. Sie treten ein, sehen den Perückenkopf, den sie für Ihren Kopf halten, gehen an das Bett heran und sagen Ihnen höflich guten Tag. Da Sie nicht antworten, schüttelt der eine von ihnen Sie, und plumps! rollt der Perückenkopf auf den Fußboden; ich stoße ein lautes Lachen aus, das ich nicht zurückhalten kann, da ich ihre Verblüffung sehe. ›Du lachst, Lümmel, du wirst uns sagen, wo dein Herr ist.‹ Diese wütenden Worte waren von einigen Stockschlägen begleitet. Ich bin nicht der Mann, mir eine solche Behandlung gefallen zu lassen, und sagte ihnen mit einem kräftigen Fluch: wenn sie das nochmals täten, würde ich mich verteidigen, ich wäre nicht der Hüter meines Herrn und sie brauchten nur den Wachtposten zu befragen. Sie taten dies und der Soldat schwor bei allen Heiligen, Sie könnten nur durch das Fenster entflohen sein. Trotz seiner Versicherung rief man einen Korporal, und der arme Kerl wurde ins Gefängnis geschickt, so unschuldig er auch war. Der Wirt hatte den Lärm im Zimmer gehört; er kam herauf, öffnete ihre Koffer und sagte, als er diese leer sah, Ihr Reisewagen wäre ihm eine genügende Bezahlung; er lächelte nur, als der eine Offizier behauptete, Sie hätten ihm den Wagen abgetreten. Ein höherer Offizier kam dazu; er erklärte, Sie könnten nur durch das Fenster entflohen sein, und befahl infolgedessen die Schildwache sofort in Freiheit zu setzen. Gegen mich aber nahm man sich die fürchterlichsten Ungerechtigkeiten heraus; denn da ich mich des Lachens nicht enthalten konnte und auf alle Fragen nur mit einem Ich weiß es nicht antwortete, so erlaubten die Herren sich, mich ins Gefängnis zu schicken, indem sie mir sagten, man würde mich so lange festhalten, bis ich erklärte, wo Sie oder doch wenigstens Ihre Sachen wären. Am nächsten Tage kam einer von ihnen ins Gefängnis und sagte mir, wenn ich bei meinem Schweigen bliebe, so würde ich unfehlbar zum Zuchthaus verurteilt. Ich antwortete ihm: ›Auf Spanierwort, ich weiß es nicht. Aber selbst wenn ich es wüßte, würden Sie niemals ein solches Geständnis von mir erpressen, denn niemand kann einem ehrlichen Diener vorschreiben, seinen Herrn anzugeben‹. Auf diese Worte hin befahl der Spitzbube dem Kerkermeister mir eine Tracht Prügel zu geben; hierauf ließ man mich frei. Mir tat der Buckel ein bißchen weh, aber ich war stolz, meine Pflicht getan zu haben, und froh, so billig davon gekommen zu sein. Zum Schlafen ging ich in den Gasthof, wo ich gut aufgenommen wurde. Am nächsten Morgen wußte ganz Stuttgart, daß Sie hier wären und den drei Gaunern eine Herausforderung geschickt hätten; aber ein jeder sagte, sie würden nicht so verrückt sein, mit Ihrer eigenen Person einzustehen. Frau Valetti bittet Sie jedoch, von hier abzureisen, weil jene Leute imstande wären, Sie ermorden zu lassen. Der Wirt hat Ihren Reisewagen und Ihre Koffer an den Wiener Gesandten verkauft, der, wie man sagt, Sie aus der Wohnung seiner Geliebten durch ein Fenster hat entwischen lassen. Was mich anbetrifft, so bin ich ohne Hindernis hier angekommen.« Drei Stunden nach Leducs Ankunft nahm ich die Post und fuhr nach Schaffhausen und von dort mit einem Mietfuhrwerk nach Zürich, weil es in der Schweiz keine Post gibt. Ich stieg in dem ausgezeichneten Gasthof zum Schwert ab. Als ich nach dem Abendessen allein in dem glänzendsten Speisesaal der ganzen Schweiz saß, wohin ich gleichsam wie aus den Wolken gefallen war – denn ich hatte vorher nicht die geringste Absicht gehabt, nach Zürich zu gehen – überließ ich mich tausend Betrachtungen über meine augenblickliche Lage und mein vergangenes Leben. Ich rief mir meine Unglücksfälle ins Gedächtnis zurück und prüfte mein Verhalten. Ich erkannte gar bald, daß alle Unannehmlichkeiten mir durch meine eigene Schuld zugestoßen waren, und daß ich fast immer mit meinem Glück Scherz getrieben hatte, wenn es mich mit seinen Gaben überschüttete. Ich hatte mich soeben aus einer Schlinge gezogen, in der ich trotz meiner Unschuld Tod oder Schande finden konnte, und ich erzitterte bei diesem Gedanken. Ich faßte den Entschluß, in Zukunft nicht mehr ein Spielball des Glücks zu sein und mich vom Zufall gänzlich unabhängig zu machen. Ich stellte ein Verzeichnis meines Vermögens auf und fand, daß ich dreihunderttausend Franken besaß. Dies genügt, sagte ich zu mir selber, um vor allen Wechselfällen geschützt eine sichere Existenz zu führen, und ich werde in einem vollkommenen Frieden das wahre Glück finden! Voll von diesen Gedanken ging ich zu Bett und verbrachte eine köstliche Nacht in wundervollen Träumen. Ich sah mich in einer friedlichen Einsamkeit in Überfluß und Ruhe; mir war's, wie wenn ich mich inmitten einer schönen Landschaft befände, deren Herr ich wäre und wo ich einer Freiheit genösse, die der Mensch vergeblich in der Welt sucht. Natürlich träumte ich; aber in meinem Traum kam es mir vor, als ob ich nicht träumte. Es war für mich eine schmerzliche Enttäuschung, als ich bei Tagesanbruch plötzlich erwachte. Ich war von meinem eingebildeten Glück zu angenehm geweckt, als daß ich nicht hätte suchen sollen, es zu verwirklichen. Ich stand auf, zog mich in aller Eile an, und ging ohne Frühstück aus dem Hause, ohne zu wissen wohin. Nachdem ich in Gedanken über meinen Traum versunken eine Stunde langsam marschiert war, wachte ich sozusagen plötzlich auf und befand mich in einer Schlucht zwischen zwei hohen Bergen. Ich ging weiter, kam in eine von Bergen umschlossene Ebene und sah zur Linken in der Ferne in prachtvoller Lage eine große Kirche neben einem großen regelmäßigen Gebäude. Ich erriet, daß es ein Kloster wäre, und lenkte meine Schritte dorthin. Ich fand die Kirchentüre offen, trat ein und war verwundert ob dem reichen Marmorschmuck und der Schönheit der Altäre. Nachdem ich die letzte Messe gehört hatte, ging ich in die Sakristei, wo ich eine Menge Benediktiner fand. Der Abt, den ich inmitten dieser Mönche an dem um seinen Hals hängenden Kreuz erkannte, trat auf mich zu und fragte, ob ich die Sehenswürdigkeiten des Klosters und der Kirche in Augenschein zu nehmen wünsche. Ich antwortete ihm, dies werde mir viel Vergnügen machen, und er erbot sich, nebst zwei anderen Brüdern selber mein Führer zu sein. Ich sah sehr reiche Gewänder, die mit Gold und echten Perlen überladen waren, Monstranzen, die mit Diamanten und anderen Edelsteinen geschmückt waren, eine reiche Ballustrade und anderes mehr. Ich verstand sehr wenig deutsch und kein Wort von der Schweizer Mundart, die mir sehr schwer verständlich zu sein scheint und in der deutschen Sprache etwa die Stellung einnehmen dürfte, wie die genuesische Mundart in der italienischen. Ich begann daher lateinisch zu sprechen und fragte den Abt, ob die Kirche schon vor langer Zeit erbaut worden sei. Hierauf begann der Hochwürdigste eine lange Geschichte, die mich beinahe dahin gebracht hätte, meine Neugierde zu bereuen, wenn er mir nicht zum Schluß gesagt hätte, es sei die einzige Kirche auf der ganzen Welt, die Jesus Christus in eigener Person geweiht habe. Demnach mußte die Gründung schon recht weit zurückliegen, und ohne Zweifel machte ich ein etwas überraschtes Gesicht dazu; denn der Abt lud mich ein, ihm in die Kirche zu folgen, um mich von der Wahrheit jener Worte zu überzeugen. Dort zeigte er mir auf einer Marmorfliese des Fußbodens die Fußtapfe, die Jesus im Augenblick der Einweihung hinterlassen hätte, um die Zweifler zu überzeugen und dem Superior die Mühe zu ersparen, den Bischof des Sprengels zur Weihe der Kirche herbeirufen zu lassen. Der Superior hatte dieses Wunder durch eine göttliche Offenbarung im Traum erfahren. Er ging in die Kirche, um nachzusehen, sah die Höhlung, die der göttliche Fuß hinterlassen hatte, und dankte dem Herrn. Fünfzehntes Kapitel Ich beschließe Mönch zu werden. – Ich beichte. – Zwei Wochen Aufschub. – Der abtrünnige Kapuzinermönch Giustiniani. – Ich ändere meinen Entschluß; was mich dazu veranlaßt. – Übermütiger Streich im Gasthof. – Mittagessen mit dem Abt. Die überzeugungsvolle Miene, womit der Abt mir diese Ammenmärchen vortrug, erregte in mir eine Lachlust, die ich mit Rücksicht auf die Heiligkeit des Ortes und auf die Gesetze der Höflichkeit mühsam genug unterdrückte. Ich hörte jedoch in so ehrfurchtsvollem Schweigen zu, daß der Hochwürdige Herr ganz entzückt war und mich fragte, in welchem Gasthof ich wohnte. Ich antwortete ihm: »Nirgends; denn ich bin von Zürich zu Fuß gekommen, und mein erster Besuch hat Ihrer Kirche gegolten.« Ich weiß nicht, ob ich vielleicht diese Worte mit einem Ausdruck von Zerknirschung vorbrachte, aber der Abt faltete seine Hände und hob sie zum Himmel empor, wie wenn er Gott dafür danken wollte, daß er mein Herz gerührt und mich auf meiner Pilgerschaft geleitet hätte, um in diesem Heiligtum die Last meiner Sünden abzuwerfen. Dies erschien mir natürlich; denn ich weiß, daß ich stets wie ein großer Sünder ausgesehen habe. Der Abt sagte mir, es sei bald Mittag und er hoffe, ich werde ihm die Ehre antun, mit ihm zu speisen; ich nahm dies mit verbindlichem Dank an, denn erstens war ich nüchtern, zweitens wußte ich, daß man an solchen Orten gewöhnlich gutes Essen bekommt. Ich wußte nicht, wo ich war, und wollte ihn nicht fragen; denn es war mir erwünscht, ihn bei dem Glauben zu belassen, daß ich zur Abbüßung meiner Sünden eine Pilgerfahrt machte. Unterwegs sagte der Abt mir, seine Ordensbrüder äßen an diesem Tage Fastenspeisen, wir aber würden Fleisch essen, da er von Benedikt dem Vierzehnten einen Dispens erhalten hätte, der ihm erlaubte, das ganze Jahr hindurch mit seinen Gästen Fleisch zu essen. Ich antwortete ihm, ich würde an seinem Vorrecht um so lieber teilnehmen, da der Heilige Vater mir die gleiche Gnade zu erweisen geruht hätte; dies schien ihn neugierig zu machen, wer ich sein möchte. Als wir in seinem Zimmer waren, das durchaus nicht einer Büßerzelle glich, zeigte er mir sofort den Dispensbrief, der unter Glas in einem schönen Rahmen dem Eßtisch gegenüber an der Wand hing, damit die Neugierigen und Gewissenhaften Kenntnis davon nehmen könnten. Da die Tafel nur für zwei Personen eingerichtet war, legte ein Bedienter in reicher Livree noch ein Gedeck auf, was dem bescheidenen Abt Gelegenheit gab, mir zu sagen: »Ich speise für gewöhnlich mit meinem Kanzler; ich muß nämlich eine Kanzlei halten, weil ich in meiner Eigenschaft als Abt Unserer Lieben Frau von Einsiedeln Fürst des Heiligen römischen Reiches bin.« Ich atmete auf; denn nun wußte ich endlich, wo ich mich befand, und dies war mir sehr angenehm. Von Unserer Lieben Frau von Einsiedeln hatte ich sprechen hören, und so war ich nicht mehr in Gefahr, bei der Unterhaltung als unwissend dazustehen. Das Kloster war das Loretto nördlich der Alpen, denn es war berühmt wegen der zahlreichen Wallfahrten, die dorthin unternommen wurden. Bei Tisch fragte der Fürstabt mich, aus welchem Lande ich wäre, ob ich verheiratet wäre, und ob ich die schönen Gegenden der Schweiz zu besuchen gedächte; zugleich bot er mir Empfehlungsbriefe an für alle Orte, die ich aufzusuchen wünschte. Ich sagte ihm, ich wäre Venetianer, Junggeselle, und würde die mir angebotenen Briefe dankbar annehmen, nachdem ich ihm nach einer geheimen Unterredung gesagt haben würde, wer ich wäre. Ich hoffte, er würde mir diese bewilligen, da ich den Wunsch hätte, ihm alles anzuvertrauen, was ich auf dem Gewissen hätte. So ging ich, ohne jeden Vorbedacht und ohne eigentlich zu wissen, was ich sagte, die Verpflichtung ein, diesem Abt zu beichten. Diese Plötzlichkeit der Entschlüsse war meine besondere Liebhaberei. Wenn ich einem plötzlichen Einfall folgte, wenn ich etwas tat, was ich vorher nicht überlegt hatte, so kam es mir vor, wie wenn ich die Gesetze meines Schicksals befolgte und einem höchsten Willen nachgebe. Nachdem ich ihm so deutlich gesagt hatte, daß er mein Beichtvater werden sollte, hielt er sich für verpflichtet, recht salbungsvoll mit mir zu sprechen; es war jedoch nicht weiter unnatürlich, daß seine Reden mich bei diesem köstlichen, leckeren Mahl durchaus nicht langweilten, denn wir hatten sogar Schnepfen und Bekassinen, was mich zu dem Ausruf veranlaßte: »Wie, hochwürdigster Herr, solches Wild um diese Jahreszeit?« »Dies«, antwortete er mit einem wohlgefälligen Lächeln, »ist ein Geheimnis, das ich Ihnen mit Vergnügen mitteilen werde.« Der Herr Abt war ein Leckerzahn ersten Ranges und ein kenntnisvoller Feinschmecker; denn, obwohl er sich für einen mäßigen Mann ausgab, hatte er doch die feinsten Weine und die ausgesuchtesten Speisen. Man trug eine prachtvolle Lachsforelle auf, die ihm ein Lächeln entlockte, und das gute Essen mit einem feinen Scherze würzend, sagte er mir in gutem Latein, es würde lächerlich sein, die Forelle nicht essen zu wollen, weil sie ein Fisch wäre; um aber seinen Sophismus zu beschönigen, fügte er hinzu: »Etwas Fastenspeise ist notwendig, um die Fleischkost zu dämpfen.« Während unseres Geplauders beobachtete der Herr Abt mich, und da mein reicher Anzug ihm die Gewißheit gab, daß ich nichts von ihm verlangen würde, so sprach er mit Zuversicht und ließ sich sogar ein wenig gehen. Als das Mahl beendet war, machte der Kanzler eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und entfernte sich. Gleich darauf führte der Abt mich im ganzen Kloster herum und zuletzt auch in die Bibliothek, wo sich das Bildnis des Kurfürsten von Köln in erzbischöflicher Tracht befand. Ich sagte ihm, das Bild sei ähnlich, aber häßlicher als das Original. Zugleich zog ich die Dose hervor, die ich von dem Kirchenfürsten erhalten hatte, und zeigte sie ihm mit der Bemerkung, das Bild sei sprechend ähnlich. Er betrachtete es wohlgefällig und lobte die Laune Seiner Hoheit sich als Großmeister des deutschen Ordens malen zu lassen. Ich sah aber auch, daß die Schönheit der Dose dem Herrn Abt keinen schlechten Begriff von meiner Persönlichkeit gab. Über den Anblick der Bibliothek würde ich laut aufgeschrien haben, wenn ich allein gewesen wäre. Sie enthielt nur Folianten, und die neuesten waren ein Jahrhundert alt. Alle diese dicken Bücher handelten nur von Theologie und religiösen Streitfragen: Bibeln, Kommentare, Kirchenväter, mehrere rechtswissenschaftliche Werke in deutscher Sprache, Annalen und das große Wörterbuch von Hoffmann. »Ohne Zweifel, hochwürdigster Herr,« fragte ich ihn, »haben Ihre Mönche ihre Privatbüchereien, worin sich naturwissenschaftliche und geschichtliche Werke und Reisebeschreibungen finden?« »Nein; meine Mönche sind brave Leute, die sich nur um ihre Andachtspflichten kümmern und in süßer Unwissenheit friedlich dahinleben.« Ich weiß nicht, was mir in diesem Augenblick durch den Kopf fuhr, aber genug, mich wandelte eine unbegreifliche Laune an – nämlich Mönch zu werden. Ich sagte dem Abt zuerst nichts davon, aber ich bat ihn, mich in sein Kabinett zu führen, indem ich ihm sagte: »Ich wünsche, hochmütigster Herr, Ihnen eine Generalbeichte aller meiner Sünden abzulegen, damit ich morgen, rein von allen Verbrechen, das heilige Abendmahl empfangen kann.« Ohne mir zu antworten, fühlte er mich in ein hübsches Gartenhaus, wo er mir sagte, er sei bereit, mich anzuhören; doch litt er nicht, daß ich niederkniete. Ihm gegenübersitzend erzählte ich ihm drei Stunden hintereinander eine Menge ärgerlicher Geschichten; aber ich erzählte sie ohne Salz, denn ich war in einer asketischen Stimmung und mußte in einem Stil der Zerknirschung reden, die ich in Wirklichkeit nicht empfand; denn wenn ich meine tollen Streiche wieder durchging, fand ich die Erinnerung daran durchaus nicht unangenehm. Trotzdem glaubte der durchlauchtigste oder hochwürdigste Herr zum wenigsten an meine Reue, denn er sagte mir: wenn ich durch ein ordentliches Leben die Gnade wiedergefunden hätte, so würde auch meine Zerknirschung vollkommen sein. Noch der Meinung dieses guten Abtes und noch mehr nach meiner eigenen, ist ohne die Gnade Zerknirschung unmöglich. Nachdem er die Worte des Sakraments gesprochen hatte, die die Macht haben, das ganze Menschengeschlecht wieder unschuldig zu machen, riet er mir, mich auf ein Zimmer zurückzuziehen, wohin er mich führen lassen würde, dort den Rest des Tages im Gebet zu verbringen und früh zu Bett zu gehen, vorher jedoch zu Abend zu essen, wenn ich gewohnt wäre, den Tag mit einer Mahlzeit zu beschließen. Er sagte mir, am nächsten Morgen nach der ersten Messe würde ich das Abendmahl erhalten; hierauf trennten wir uns. Ich gehorchte mit einer Gefügigkeit, die ich später niemals habe begreifen können; aber damals dachte ich nicht daran. Allein in einem Zimmer, das ich mir nicht die Mühe nahm, näher zu untersuchen, überließ ich mich den Gedanken, die ich vor meiner Beichte gehabt hatte; ich überredete mich leicht, daß der Zufall oder vielmehr mein guter Geist mich gerade an den Ort geführt habe, wo das Glück mich erwarte, und wo ich bis zu meiner letzten Stunde vor den Tücken des Schicksals geschützt sein werde. Es hängt nur von mir ab, sagte ich zu mir, ob ich hier bleiben will, denn ich bin überzeugt, der Abt wird mir das Ordenskleid nicht verweigern, wenn ich ihm zehntausend Taler gebe, um sie für mich auf Leibrenten zu legen. Um glücklich zu sein, brauchte ich, so schien es mir, nur eine Bibliothek nach meinem Geschmack, und ich bezweifelte durchaus nicht, daß der Abt mir erlauben würde, mir nach meinem Belieben alle Bücher anzuschaffen, wenn ich ihm verspräche, sie nach meinem Tode dem Kloster zu schenken, vorausgesetzt, daß mir bei Lebzeiten die freie Benutzung zustände. Was die Gesellschaft der Mönche anbelangte, Zwietracht, Neid und alle gegenseitigen Quälereien, die von solchen Vereinigungen unzertrennlich sind, so fühlte ich mich sicher, daß ich sie nicht zu fürchten haben würde, da ich nichts wollte und keinen Ehrgeiz hatte, der ihre Eifersucht hätte erregen können. Obgleich ich mich in einer Art von Verzauberung befand, sah ich aber doch die Möglichkeit der Reue voraus, und mir schauderte davor; aber ich hoffte dagegen ein Mittel finden zu können. Indem ich um das Kleid des heiligen Benedikt bitte, sagte ich zu mir, werde ich ein zehnjähriges Noviziat verlangen; kommt die Reue nicht während dieser zehn Jahre, so kann sie unmöglich später kommen, übrigens wollte ich in aller Form erklären, daß ich nach keinem Amte, nach keiner geistlichen Würde strebte. Ich wollte nur Frieden mit hinlänglicher Freiheit, um nach meinen neuen Neigungen leben zu können, ohne zu irgend einem Skandal Anlaß zu geben. Die Schwierigkeit, die die erbetene lange Dauer meines Noviziats vielleicht verursachen könnte, gedachte ich dadurch zu heben, daß ich im Falle einer Sinnesänderung die vorausbezahlten zehntausend Taler preisgäbe. Ich schrieb vor dem Schlafengehen diesen ganzen schönen Plan nieder, und da ich am nächsten Tage mich noch ebenso fest entschlossen fand, so übergab ich nach dem Abendmahl meine Schrift dem Abt, der mich in seinem Zimmer erwartete, um mit mir die Morgenschokolade zu trinken. Er las sofort meine Eingabe und legte sie, ohne ein Wort zu sagen, auf den Tisch; nach dem Frühstück las er sie noch einmal, wobei er im Zimmer auf und ab ging, und sagte mir dann, er werde mir nach dem Mittagessen eine Antwort geben. Ich erwartete die Mittagsstunde mit der Ungeduld eines Kindes, dem man Spielsachen für seinen Namenstag versprochen hat; so sehr kann eine törichte Voreingenommenheit einen Menschen ändern, indem sie im Nu seinem Geist eine neue Richtung gibt. Wir speisten ebensogut wie am Tag vorher, und als wir vom Tische aufgestanden waren, sagte der liebenswürdige Abt zu mir: »Mein Wagen erwartet Sie vor der Tür, um Sie nach Zürich zurückzubringen. Reisen Sie ab, und gönnen Sie mir vierzehn Tage Zeit zur Antwort. Ich werde sie Ihnen persönlich überbringen. Einstweilen bitte ich Sie, diese beiden versiegelten Briefe selber abzugeben.« Ich antwortete ihm, er habe zu befehlen; ich würde seinen Auftrag pünktlich ausführen und ihn im Schwert erwarten, in der Hoffnung, daß er meine Wünsche erfüllen würde. Ich ergriff seine Hand, die er sich küssen ließ, und fuhr ab. Als mein Spanier mich sah, lachte der Bursche laut auf. Ich erriet seinen Gedanken und fragte ihn: »Worüber lachst du?« . »Ich lache darüber, daß Sie, kaum in der Schweiz angekommen, sich zwei Tage lang zu amüsieren wissen, ohne nach Hause zu kommen.« »Schon gut; sage dem Wirt, ich brauche einen guten Wagen, der mir vierzehn Tage lang zur Verfügung steht, und einen Lohndiener, für den er bürgt.« Mein Wirt hieß Ott; er war Hauptmann gewesen und stand in Zürich in großer Achtung. Er sagte mir, ich könne mich auf den Diener verlassen, den er mir besorgen werde; es gebe jedoch in der ganzen Gegend nur offene Wagen. In Ermangelung eines besseren gab ich mich mit einem solchen zufrieden. Schon am nächsten Morgen bestellte ich die Briefe, die der Abt mir gegeben hatte. Der eine war für einen Herrn Orelli, der andere für Herrn Pestalozzi; ich fand keinen von ihnen zu Hause, aber im Laufe des Nachmittags besuchten sie mich alle beide und luden mich zum Essen ein. Auch forderten sie mich auf, sie am gleichen Abend in das Stadtkonzert zu begleiten. Dies war das einzige öffentliche Vergnügen, das man in Zürich fand; es konnten nur Mitglieder der Gesellschaft und Fremde daran teilnehmen. Diese letzteren mußten einen Taler bezahlen, obgleich sie die Ehre hatten, durch ein Mitglied vorgestellt zu werden. Die beiden Herrn lobten den Abt von Einsiedeln um die Wette. Ich fand das Konzert schlecht und langweilte mich. Die Herren saßen alle zusammen auf der rechten Seite, die Damen auf der linken. Dies ärgerte mich, denn trotz meiner frischen Bekehrung sah ich drei oder vier hübsche Damen, die mir gefielen und die sich oft nach mir umsahen. Ich hätte ihnen gerne einige hübsche Redensarten gesagt, gewissermaßen zum Abschied von meinem bisherigen Lebenswandel. Als das Konzert zu Ende war, gingen alle in bunter Reihe hinaus, und die beiden Bürger stellten mich ihren Frauen und Töchtern vor. Diese Fräuleins waren die nettesten an Ort und Stelle und gehörten zu denen, die ich bemerkt hatte. Auf der Straße macht man keine langen Zeremonien; sobald ich den beiden Herren gedankt hatte, begab ich mich wieder nach dem Schwert. Am nächsten Tage speiste ich bei Herrn Orelli und hatte Gelegenheit, seiner schönen Tochter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; doch ließ ich sie nicht merken, welchen Eindruck sie auf mich gemacht hatte. Am folgenden Tage spielte ich dieselbe Rolle bei Herrn Pestalozzi, obgleich seine reizende Tochter mich leicht auf einen Ton der Galanterie hätte stimmen können. Aber zu meinem großen Erstaunen war ich vollkommen vernünftig, und nach vier Tagen hatte ich in der ganzen Stadt den besten Ruf. Ich fand es sehr merkwürdig, daß man mich auf den Promenaden mit einer Ehrerbietigkeit grüßte, an die ich nicht gewöhnt war; aber in der frommen Stimmung, in der ich mich befand, diente dies nur dazu, mich in meinem Gedanken zu bestärken, daß es eine wahre göttliche Eingebung sei, die Kutte anzuziehen. Allerdings langweilte ich mich, aber ich dachte, dies wäre unvermeidlich bei einer so durchgreifenden Änderung des Lebenswandels und würde vorübergehen, wenn ich erst besser an ein verständiges Leben gewöhnt wäre. Um es sobald wie möglich meinen künftigen Mitbrüdern gleichzutun, studierte ich jeden Morgen drei Stunden lang die deutsche Sprache. Ich hatte zu diesem Zweck einen eigentümlichen Lehrer angenommen, namens Giustiniani, der früher Kapuziner gewesen und aus Verzweiflung Protestant geworden war. Dieser arme Mann, dem ich jeden Morgen einen Sechsfrankentaler gab, betrachtete mich als einen Abgesandten des Himmels, während ich in meiner Anwandlung von Frömmelei ihn für einen Teufel der Hölle hielt, denn er benutzte jeden Augenblick, wo ich den Unterricht unterbrach, um auf alle religiösen Genossenschaften zu schimpfen. Gerade die angesehensten und bestgeachteten waren nach seiner Meinung die schlimmsten, weil sie die verführerischsten wären. Er nannte alle Mönche elendes Gesindel, einen Schandfleck des Menschengeschlechtes. »Aber«, sagte ich eines Tages zu ihm, »da ist doch zum Beispiel Unsere Liebe Frau von Einsiedeln; Sie werden doch zugeben...« »Was?« rief mein Genuese, ohne mich ausreden zu lassen, »glauben Sie, ich könnte von meinem Tadel eine Gesellschaft von vierzig Ignoranten, Faulenzern, lasterhaften Heuchlern ausnehmen? Sie treiben schmutzige Unzucht, leben unter dem Schutze eines Gewandes der Demut in Laster und Stolz und verzehren das Gut der armen Dummköpfe, die sich um ihretwillen entblößen, während sie doch von der Arbeit ihrer Hände leben könnten.« »Aber Seine Hochwürden, der Abt?« »Ein emporgekommener Bauer, der den Fürsten spielt und die Geckenhaftigkeit so weit treibt, sich wirklich für einen Fürsten zu halten.« »Aber er ist es doch.« »Nicht mehr als ich, der ich nichts bin. Ich sehe in ihm weiter nichts als einen Hanswurst.« »Was hat er Ihnen getan?« »Nichts, aber er ist ein Mönch.« »Er ist mein Freund.« »In diesem Falle nehme ich zwar nichts zurück, aber ich bitte Sie um Verzeihung.« Dieser Giustiniani hatte großen Einfluß auf mich, aber ohne daß ich es selber wußte; denn in meiner Überzeugung von meiner innerlichen Berufung hielt ich ihn für ungefährlich. Ein neuer Vorfall zerstörte jedoch gänzlich den Einfluß, den Unsere Liebe Frau von Einsiedeln auf mich gemacht hatte. Am Tage vor dem angekündigten Besuch des Abtes stand ich gegen sechs Uhr abends an meinem Fenster, das nach der Brücke hinausging, und unterhielt mich damit, die Vorübergehenden zu betrachten, als ich plötzlich in scharfem Trabe einen vierspännigen Wagen daher kommen sah, der vor der Tür des Gasthofes hielt. Es saß kein Bedienter darauf; infolgedessen öffnete der Kellner den Schlag, und ich sah vier gut gekleidete Damen aussteigen. An den drei ersten bemerkte ich nichts Besonderes, aber die vierte, die als Amazone gekleidet war, fiel mir durch ihre Eleganz und ihre Schönheit auf. Es war eine junge Brünette mit schön geschnittenen, großen Augen, über denen sich schön geschwungene Brauen wölbten; sie hatte eine Haut wie Lilien und Rosen und trug eine Mütze von blauem Atlas mit einer silbernen Troddel, die ihr auf das Ohr herabfiel und ihr ein sieghaftes Aussehen gab, dem ich nicht zu widerstehen vermochte. Ich beugte mich soweit wie möglich aus dem Fenster vor, und sie hob den Kopf und sah mich an, wie wenn ich sie gerufen hätte. Meine gezwungene Stellung nötigte sie, mich eine halbe Minute lang anzusehen; das war zuviel für eine bescheidene Frau und mehr als genug, um mich zu entflammen. Ich eilte an das Fenster meines Vorzimmers, das auf die Treppe ging, und bald sah ich sie vorüberlaufen, um ihre Begleiterinnen einzuholen. Als sie mir gegenüber war, drehte sie sich zufällig um und stieß bei meinem Anblick einen Schreckensschrei aus, wie wenn sie ein Gespenst gesehen hätte; sie erholte sich jedoch sofort wieder, lief mit ausgelassenem Lachen weiter und begab sich zu den drei Damen, die schon in ihrem Zimmer waren. Sterbliche, versetzt euch an meine Stelle und widersteht, wenn ihr könnt, einer so unerwarteten Begegnung, und ihr Fanatiker beharrt, wenn ihr den Mut habt, bei dem lächerlichen Plan, euch in einem Kloster zu begraben, wenn ihr gesehen habt, was ich am 23. April in Zürich sah! Ich war so aufgeregt, daß ich mich auf mein Bett werfen mußte, um wieder ruhig zu werden. Nach einigen Minuten stand ich wieder auf, ging halb willenlos an das Flurfenster und sah den Kellner aus dem Zimmer der Damen kommen. »Kellner, ich werde im Speisesaal essen.« »Wenn Sie dies tun, um die Damen zu sehen, so ist es zwecklos, denn diese lassen sich das Abendessen im Zimmer auftragen. Sie wollen früh zu Bett gehen, weil sie in aller Frühe abreisen.« »Wohin reisen sie?« »Zu Unserer Lieben Frau nach Einsiedeln, wo sie ihre Andacht errichten wollen.« »Woher kommen sie?« »Aus Solothurn.« »Wie heißen sie?« »Das weiß ich nicht.« Ich legte mich wieder auf mein Bett und dachte darüber nach, wie ich an die schöne Amazone herankommen könnte. Soll ich nach Einsiedeln gehen? Ja, was soll ich aber dort tun? Die Damen wollen dort beichten; ich kann mich doch nicht in den Beichtstuhl setzen. Wie würde ich aussehen unter allen diesen Mönchen und Heiligenbildern? Und wenn ich unterwegs dem Abt begegnete – was bliebe mir anders übrig als wieder umzukehren? Hätte ich einen treuen Freund bei mir, so könnte ich mich in einen Hinterhalt legen und die Zauberin entführen; dies wäre leicht gewesen, denn es war kein Mann bei ihr, um sie zu verteidigen. Wie wäre es, wenn ich mich dreist zum Abendessen bei ihnen einlüde? Ja, aber diese schrecklichen drei Frauenzimmer! Man würde mich zurückweisen. Mir schien, die schöne Amazone könne nur oberflächlich fromm sein; denn aus ihrem Gesicht sprach Liebe zum Vergnügen, und ich hatte mich seit langer Zeit daran gewöhnt, die Frauen nach ihrem Mienenspiel zu beurteilen. Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte, als ich einen höchst glücklichen Einfall hatte. Ich stellte mich an das Flurfenster und blieb dort so lange, bis der Kellner vorüberkam. Ich ließ ihn in mein Zimmer eintreten, drückte ihm zur Einleitung ein Goldstück in die Hand und sagte ihm, er möchte mir seine grüne Schürze leihen, denn ich wolle den Damen bei ihrem Abendessen aufwarten. »Du lachst?« »Ja, gnädiger Herr, über Ihre Laune, deren Zweck ich ahne.« »Du bist ein Pfiffikus.« »So sehr wie Sie einer. Ich werde Ihnen eine schöne, ganz neue Schürze holen. Die Hübsche hat mich gefragt, wer Sie seien.« »Was hast du ihr geantwortet?« »Sie seien Italiener, weiter nichts.« »Sei verschwiegen, und ich werde das Goldstück verdoppeln.« »Ich habe Ihren Spanier gebeten, mir beim Aufwarten zu helfen, denn ich bin ganz allein und muß zugleich unten bedienen.« »Schön; aber er darf nicht ins Zimmer kommen, denn der Bursche würde sich das Lachen nicht verhalten können. Er kann in die Küche kommen, du gibst ihm die Schüsseln, und er reicht sie mir an der Türschwelle.« Der Kellner ging und kam gleich darauf mit einer Schürze und mit Leduc wieder, dem ich sehr ernst auseinandersetzte, was er zu tun hätte. Er lachte wie verrückt, versicherte mir jedoch, ich würde mit ihm zufrieden sein. Ich ließ mir ein Vorlegemesser geben, band meinen Zopf auf, schlug den Halskragen herunter und band die Schürze über meine scharlachrote goldbestickte Weste. Hierauf betrachtete ich mich im Spiegel und fand mit Befriedigung, daß ich gemein genug aussah, um die bescheidene Persönlichkeit vorzustellen, die ich spielen sollte. Ich war in freudiger Stimmung; denn ich sagte mir, da sie aus Solothurn wären, so müßten sie doch französisch sprechen. Leduc meldete mir, daß der Kellner gleich kommen werde. Ich, ging in das Zimmer der Damen, musterte die gedeckte Tafel, und sagte zu ihnen: »Man wird sofort auftragen, meine Damen.« Die häßlichste von den vieren sagte mir: »Beeilen Sie sich nur, wir wollen schon vor Tagesanbruch aufstehen.« Ich rückte Stühle an den Tisch und sah die Schöne von der Seite an. Sie blickte mich an wie wenn sie versteinert wäre. Ich half dem Kellner die Schüsseln auf den Tisch setzen, und hierauf sagte er zu mir: »Hör mal, du, bleib hier; ich muß unten bedienen.« Ich nahm einen Teller und stellte mich meiner Amazone gegenüber hinter einen Stuhl, von wo aus ich sie unauffällig vorzüglich sehen konnte. Besser gesagt: ich hatte nur für sie Augen. Sie war erstaunt; die anderen beehrten mich nicht einmal mit einem Blick und dies war das beste, was sie tun konnten. Nach der Suppe eilte ich zu ihr und wechselte ihren Teller; denselben Dienst verrichtete ich auch bei den anderen, worauf sie sich selber das Rindfleisch nahmen. Während sie aßen, nahm ich einen gekochten Kapaun vor und zerlegte ihn kunstgerecht. »Dieser Kellner«, sagte meine Schöne, »bedient sehr gut. Sind Sie schon lange in diesem Gasthof?« »Erst seit wenigen Wochen, gnädige Frau.« »Sie servieren ausgezeichnet.« »Gnädige Frau sind sehr gütig.« Ich hatte meine Manschetten von prachtvoller englischer Spitze in meine Ärmel hineingesteckt; aber die Hemdenkrause sah ein wenig aus der Weste hervor, die ich nicht sorgfältig zugeknöpft hatte. Sie bemerkte diese und rief: »Warten Sie, warten Sie!« »Was wünschen Sie, gnädige Frau?« »Lassen Sie doch mal sehen. Da haben Sie ja prachtvolle Spitzen.« »Ja, gnädige Frau, das hat man mir gesagt; aber sie sind alt. Ein vornehmer italienischer Herr, der hier wohnte, hat mir sie geschenkt.« »Haben Sie auch solche Manschetten?« »Ja, gnädige Frau.« Mit diesen Worten streckte ich meine Hand aus und knöpfte mit der anderen den Westenärmel auf. Sie zog langsam die Manschetten hervor und schien sich absichtlich so vorzubeugen, daß meine Blicke sich an allem berauschen konnten, was sie ihnen von ihren Reizen darbieten konnte, obgleich sie ziemlich eng geschnürt war. Welch köstlicher Augenblick! Ich wußte, daß sie mich wiedererkannt hatte, und als ich sah, daß sie darüber schwieg, empfand ich eine wirkliche Qual bei dem Gedanken, daß ich mit dieser Maskerade nur bis zu einem gewissen Punkt gehen konnte. Als sie die Spitzen ziemlich lange betrachtet hatte, sagte ihre Nachbarin zu ihr: »Aber, meine Liebe, was für eine Neugier! Man sollte meinen, du hättest in deinem Leben noch keine Spitzen gesehen.« Meine liebenswürdige Neugierige errötete. Nach dem Essen zogen die drei Häßlichen sich jede in eine Ecke zurück, um sich auszukleiden, während ich den Tisch abräumte, und meine Heldin begann zu schreiben. Ich gestehe, es fehlte nicht viel dran, so hätte ich in meiner Eitelkeit mir eingebildet, daß sie an mich schriebe; ich hatte aber doch eine zu gute Meinung von ihr, um nicht diesen Gedanken sofort zu verwerfen. Als ich abgedeckt hatte, stellte ich mich in ehrerbietiger Haltung, wie sie zu der von mir angenommenen Rolle paßte, neben die Tür. »Worauf warten Sie?« fragte die Schöne mich. «Auf Ihre Befehle, gnädige Frau.« »Ich danke Ihnen; ich brauche nichts.« »Sie tragen Stiefel, gnädige Frau, und wenn Sie sich nicht etwa gestiefelt zu Bett legen wollen ...« »Da haben Sie allerdings recht; aber ich möchte Ihnen nicht die Mühe machen.« »Bin ich denn nicht dazu da, Sie zu bedienen, gnädige Frau?« Mit diesen Worten kniete ich vor ihr nieder und schnürte langsam ihre Halbstiefel auf, während sie ruhig weiter schrieb. Ich ging aber noch weiter: ich löste die Schnalle ihres Hosenbandes und weidete mich am Anblick und noch mehr am Betasten ihrer wundervoll geformten Waden; aber zu früh für meine Wünsche hörte sie auf zu schreiben, wandte den Kopf um und sagte: »Nun ist es aber genug, mein Herr; ich bemerkte gar nicht, daß Sie sich zu viel Mühe gaben; gehen Sie! Morgen Abend werden wir uns wiedersehen.« »Sie werden also hier zu Abend speisen, meine Damen?« »Ja, gewiß.« Ich nahm ihre Stiefel mit, indem ich sie fragte, ob ich die Tür verschließen solle. »Nein, mein Lieber,« antwortete sie mit einer Sirenenstimme, »lassen Sie den Schlüssel von innen stecken.« Als Leduc die Stiefel der Fee mir abnahm, lachte er wie ein Besessener und sagte: »Sie hat Sie angeführt.« »Wieso?« »Ich habe alles gesehen, gnädiger Herr. Sie spielten Ihre Rolle wie der beste Pariser Schauspieler, und ich bin überzeugt, morgen früh wird sie Ihnen einen Louis Trinkgeld geben; aber wenn Sie den nicht mir geben, plaudere ich die ganze Geschichte aus.« »Da, du Spitzbube, da hast du ihn schon zum voraus; laß mir schnell das Abendessen auftragen.« Dies, lieber Leser, sind Freuden, die ich mir in meinem Alter nicht mehr verschaffen kann, die ich aber noch in der Erinnerung genießen darf. Gewisse Ungeheuer predigen die Reue, und gewisse Philosophen erklären unsere Freuden für nichts als Eitelkeiten. Laßt sie reden! Zu bereuen brauchen wir nur Verbrechen, und die Freuden sind Wirklichkeiten, die leider nur zu schnell vergehen. Ein barmherziger Traum ließ mich die Nacht mit meiner Amazone verbringen. Ein Irrtum, aber ein köstlicher Irrtum. Warum kann ich mich nicht mehr in solche süße Illusionen einwiegen, die die Nächte so lieblich machen! Bei Tagesanbruch stand ich mit den Stiefeln in der Hand gerade in dem Augenblick vor ihrer Tür, als ihr Kutscher kam und ihnen sagte, sie müßten aufstehen. Ich fragte sie der Form wegen, ob sie frühstücken wollten, und sie antworteten mir lachend, sie hätten gut zu Abend gegessen und daher zu so früher Stunde noch keinen Hunger. Ich ging hinaus, um ihnen Zeit zum Ankleiden zu lassen. Aber da die Tür halb offen stand und dem Spiegel gegenüber lag, worin meine Schöne sich betrachtete, so berauschten meine Blicke sich an einem Alabasterbusen. Als sie sich geschminkt und ihr Kleid angezogen hatte, rief sie nach ihren Stiefeln. Ich bat sie um die Erlaubnis, sie ihr anziehen zu dürfen; sie gestattete das freundlichst, und da sie Hosen von hellgrünem Sammet anhatte, so spielte sie den Kavalier. Übrigens braucht man sich ja vor einem Kellner keinen Zwang anzutun! Um so schlimmer für ihn, wenn er sich irgendwelche Hoffnungen macht, weil man ihm bedeutungslose Kleinigkeiten gewährt. Er wird dafür bestraft werden; denn wie könnte man annehmen, daß er frech genug wäre, weiter zu gehen? Ich, der ich leider jetzt alt bin, genieße heute einige Vorrechte dieser Art; ich genieße ihrer und verachte mich dabei, noch mehr freilich verachte ich die, die sie mir gewähren. Nach ihrer Abfahrt legte ich mich zu Bett. Ich war ein wenig verwirrt, aber doch voller Hoffnung. Nach meinem Erwachen hörte ich, daß der Abt von Einsiedeln in Zürich sei, und Herr Ott sagte mir, daß der hochwürdigste Herr mit mir allein auf meinem Zimmer speisen würde. Ich antwortete ihm, ich wünschte den Herrn Abt glänzend zu bewirten, und er sollte mir daher die beste Mahlzeit auftragen, die er herzustellen vermöchte. Um die Mittagsstunde ließ der gute Prälat sich melden. Er sagte mir ein Kompliment über den guten Ruf, den ich mir in Zürich erworben habe, was in ihm den Glauben erwecke, daß meine Berufung zur Gnade noch immer fortdauere. »Hier habe ich ein Distichon,« sagte er, »das Sie über Ihre Zimmertür schreiben können: Inveni portum. Spes et fortuna valete; Nil mihi vobiscum est: ludite nunc alios!« »Dies ist«, antwortete ich ihm, »die Übersetzung von zwei Versen des Euripides; aber, gnädiger Herr, ich werde sie ein andermal verwenden; denn seit gestern habe ich meinen Plan geändert.« »Dazu wünsche ich Ihnen Glück, und ich will hoffen, daß alle Ihre Wünsche sich erfüllen. Ich will Ihnen sogar im Vertrauen sagen, daß es viel leichter ist, selig zu werden, wenn man in der Welt bleibt, wo man seinen Nächsten nützlich sein kann, als wenn man sich in ein Kloster einschließt, wo man weder für sich noch für andere zu etwas gut ist.« Diese Sprache, schien mir, ließ nicht auf einen Heuchler schließen, wie Giustiniani ihn mir geschildert hatte, sondern vielmehr auf einen Ehrenmann mit gesundem Menschenverstand. Wir hatten ein fürstliches Mahl; denn Herr Ott hatte die drei Gänge mit großer Kunst zusammengestellt. Wir erheiterten dieses Mahl durch eine außerordentlich interessante Unterhaltung, bei der auch der feine Scherz nicht fehlte. Nach dem Kaffee sprach ich ihm meinen ehrerbietigsten Dank aus und begleitete ihn an seinen Wagenschlag, wo der hochwürdigste Herr mir wiederholt in der offensten Weise seine Dienste anbot; wir trennten uns, gegenseitig sehr miteinander zufrieden. Die Anwesenheit und die Unterhaltung dieses liebenswürdigen Geistlichen hatten nicht einen Augenblick meine Gedanken von der schönen Frau abgezogen. Sobald der Abt abgefahren war, stellte ich mich auf die Brücke vor dem Gasthof, um dort den barmherzigen Engel zu erwarten, der eigens von Solothurn gekommen zu sein schien, um mich von der teuflischen Versuchung zu bewahren, in ein Mönchkloster einzutreten. Bis zu ihrer Ankunft baute ich die schönsten Luftschlösser, und gegen sechs Uhr hatte ich endlich das Glück, meine schöne Reisende zu erblicken. Ich versteckte mich, aber so, daß ich sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden. Zu meiner größten Überraschung sah ich sie alle vier zu meinem Fenster hinaufblicken. Diese Neugier zeigte mir, daß die schöne Amazone das Geheimnis verraten hatte, und in meine Überraschung mischte sich ein wenig Zorn. Dieses Gefühl war natürlich, denn ich sah mich nicht nur in meiner Hoffnung getäuscht, daß das Abenteuer noch eine Fortsetzung haben würde, sondern es begann auch meine Zuversicht zu wanken, daß ich meine Rolle gut spielen würde. Trotz meiner Liebe hätte ich um alles in der Welt nicht eingewilligt, mich von ihren drei häßlichen Freundinnen auslachen zu lassen. Ich beschloß augenblicklich, sie in ihrer Erwartung zu täuschen und auf diese Weise sie selber anzuführen. Wenn ich die schöne Amazone interessiert hätte, so würde sie sich natürlich wohl gehütet haben, mein Geheimnis zu verraten; aber sie hatte alles gesagt, und ich sah in ihrer Indiskretion den schlagenden Beweis, daß sie den Spaß nicht weiterzutreiben gedachte, oder auch, daß es ihr an dem so notwendigen Geist fehlte, um eine Intrigue mit Erfolg durchzuführen. Vielleicht würde ich trotz allen ungünstigen Aussichten die Sache weitergeführt haben, wenn die drei Freundinnen meiner Zauberin einiger Aufmerksamkeit wert gewesen wären; aber genau so wie eine schöne Frau mich fortreißt, bringt eine häßliche mich um alle Stimmung. Um die voraussichtliche Langeweile zu verscheuchen und mich etwas zu zerstreuen, ging ich aus; ich begegnete Giustiniani, erzählte ihm mein Mißgeschick und sagte ihm, es würde mir nicht unlieb sein, mich bei irgendeiner käuflichen Schönheit für ein paar Stunden entschädigen zu können. Er antwortete mir: »Ich werde Sie bis an die Tür eines Hauses führen, wo Sie das Gewünschte finden werden. Sie steigen bis zum zweiten Stockwerk hinauf; dort empfängt Sie eine alte Frau, der Sie meinen Namen ins Ohr flüstern müssen. Ich wage es nicht, Sie zu begleiten; denn dies würde in der Stadt bekannt werden und mir Verdrießlichkeiten mit der Polizei zuziehen, die in dieser Beziehung von einer lächerlichen Strenge ist. Ich rate Ihnen sogar, das Haus nicht eher zu betreten, als bis Sie ganz sicher sind, nicht gesehen zu werden.« Auf den Rat meines Exkapuziners wartete ich bis zum Dunkelwerden. Ich wurde freundlich aufgenommen; aber ich bekam ein schlechtes Abendessen und langweilte mich mit jungen Arbeiterinnen bis Mitternacht. Nicht als ob die beiden Nymphen nicht sehr hübsch gewesen wären, aber mein Kopf war voll von meiner Amazone; außerdem ermangelten sie trotz ihrer Frische und Sauberkeit jener Anmut, die den Freuden der Liebe so hohen Reiz verleiht. Meine in diesem Lande unbekannte Freigebigkeit verschaffte mir die Gunst der Alten; sie versprach mir, sie werde mir das Beste besorgen, was in der Stadt zu haben sei, aber sie bat mich dringend, die größte Vorsicht zu beobachten, um beim Betreten ihres Hauses nicht gesehen zu werden. Als ich nach Hause kam, sagte Leduc mir, ich hätte wohl daran getan, mich aus dem Staube zu machen; denn meine Maskerade wäre bekannt geworden und alle, sogar Herr Ott, würden ihren Spaß daran gehabt haben, mich die Kellnerrolle spielen zu sehen. »Ihre Stelle«, schloß er, »habe ich eingenommen. Die Schöne, die Sie gefesselt hat, heißt Frau von ***, und ich gestehe, ich habe niemals etwas so Pikantes gesehen.« »Hat sie gefragt, wo der andere Kellner wäre?« »Nein, aber ihre Begleiterinnen haben mich mehrere Male danach gefragt.« »Und Frau von *** hat nichts gesagt?« »Sie hat den Mund nicht aufgetan; sie sah sehr traurig aus und saß ganz teilnahmslos da, bis ich sagte, Sie wären nicht gekommen, weil Sie krank wären.« »Das ist eine Dummheit, warum hast du ihr das gesagt?« »Irgend etwas mußte ich ihr doch sagen.« »Das ist wahr. Hast du ihr die Stiefel aufgeschnürt?« »Nein, sie wollte es nicht.« »Wer hat dir ihren Namen gesagt?« »Der Kutscher. Die Dame ist seit kurzem mit einem älteren Mann verheiratet.« Ich ging zu Bett, ohne recht zu wissen, was ich von der Plauderhaftigkeit und von der Traurigkeit der Schönen denken sollte. Es wurde mir schwer, zwei so widersprechende Dinge zusammenzureimen. Da ich wußte, daß sie in aller Frühe abreisen wollte, stellte ich mich an mein Fenster, um sie in den Wagen steigen zu sehen. Aber ich zog die Vorhänge so zusammen, daß ich nicht gesehen werden konnte. Frau von *** stieg zuletzt ein; wie wenn sie sehen wollte, ob es regne, nahm sie ihre Atlasmütze ab und erhob den Kopf. Sofort schob ich mit der einen Hand den Vorhang zur Seite, nahm mit der anderen Hand meine Mütze ab, grüßte sie und warf ihr eine Kußhand zu. Sie grüßte mich auf das anmutigste wieder und belohnte mich für meine Kußhand mit dem liebenswürdigsten Lächeln. Sechzehntes Kapitel Meine Abreise von Zürich. – Komisches Erlebnis in Baden. – Solothurn. – Herr von Chavigny. – Herr und Frau von ***. – Ich spiele Komödie. – Ich stelle mich krank, um mein Glück zu beschleunigen. Herr Ott stellte mir seine beiden Söhne vor, junge Leute, die wie Prinzen erzogen waren. In der Schweiz ist ein Gastwirt nicht immer ein Mann ohne Bedeutung. Mancher macht ein so gutes Haus wie anderswo ein Mann der besten Gesellschaft; jedes Land hat seine Sitten. Der Gastwirt führt bei Tisch den Vorsitz und glaubt sich nicht zu erniedrigen, wenn er seine Tafelgäste bezahlen läßt. Er hat recht. Erniedrigend ist nur das Laster. Ein Schweizer Wirt nimmt nur deshalb den ersten Platz bei Tisch ein, um aufzupassen, daß alle gut bedient werden. Wenn er einen Sohn hat, sitzt dieser nicht etwa gleich dem Vater zu Tisch, sondern er wartet auf, die Serviette über dem Arm. In Schaffhausen stand der Sohn meines Wirtes, ein Hauptmann bei der Reichsarmee, hinter meinem Stuhl, um mir die Teller zu wechseln, während sein Vater an der Spitze der Tafel saß. An jedem anderen Orte würde er sich haben bedienen lassen, aber in seinem Hause glaubte er sich zu ehren, indem er andere bediente, und er hatte recht. Dies sind nun einmal die Ansichten der Schweizer, worüber einige oberflächliche Köpfe sich lustig machen, aber sehr mit Unrecht. Allerdings verhindert ihre Ehre und viel gerühmte Redlichkeit die Schweizer nicht, die Fremden zu schinden. Sie verstehen dies ebensogut wie die Holländer; aber die Leichtsinnigen, die sich schinden lassen, lernen bald, daß man die Preise vorher vereinbaren muß; dann wird man gut behandelt und zahlt vernünftige Preise. Durch diese Vorsicht schützte ich mich in Basel gegen den berüchtigten Schinder Imhoff, im Gasthof zu den »Drei Königen«. Herr Ott machte mir ein Kompliment über meine Verkleidung als Kellner und sagte mir, er bedaure, daß er mich nicht meines Amtes habe walten sehen, aber er lobte mich, daß ich den Scherz nicht beim zweiten Abendessen wiederholt hätte. Nachdem er mir für die seinem Hause erwiesene Ehre gedankt hatte, bat er mich, ich möchte ihm nicht die Ehre abschlagen, wenigstens einmal vor meiner Abreise an seinem Tische zu speisen. Ich antwortete ihm, ich würde mit Vergnügen noch an demselben Tage bei ihm speisen; ich tat das und wurde wie ein großer Herr bewirtet. Wie der Leser sich wohl denken kann, hatte der letzte Blick meiner schönen Amazone nicht das Feuer gelöscht, das ihr erster Anblick in meinem Herzen entzündet hatte. Er hatte im Gegenteil die Flamme stärker angefacht, indem er in mir die Hoffnung erweckte, daß es mir gelingen könnte, sie näher kennen zu lernen. Ich beschloß also nach Solothurn zu gehen, um das Abenteuer zu einem glücklichen Ende zu führen. Ich nahm einen Kreditbrief auf Genf und schrieb an Frau von Urfé, sie möchte mir einen sehr dringlichen Empfehlungsbrief für den französischen Gesandten Herrn de Chavigny schicken. Um sie zur Eile zu bewegen, sagte ich, es wäre für mich im Interesse unseres Ordens sehr notwendig, mit diesem Diplomaten genau bekannt zu werden. Ich bat sie, mir ihre Briefe postlagernd nach Solothurn zu schicken. Ich schrieb auch an den Herzog von Württemberg, der mir niemals geantwortet hat. Er mußte allerdings meinen Brief sehr bitter finden. In Zürich besuchte ich auch noch ein paar mal die Alte, mit der Giustiniani mich bekannt gemacht hatte; aber obgleich ich allen Anlaß hatte, in bezug auf das Körperliche völlig befriedigt zu sein, unterhielt ich mich doch nur schlecht, da meine Nymphen nur die Schweizer Mundart sprachen, die eine harte Abart der deutschen Sprache ist. Ich habe stets gefunden, daß ohne das Vergnügen der Sprache das Vergnügen der Liebe diesen Namen nicht verdient; ich kann mir keinen dümmeren Genuß vorstellen, als den mit einer Stummen, wäre sie auch sonst schön wie die Göttin von Amathunt. Kaum von Zürich abgereist, mußte ich in Baden schon Halt machen, um meinen Wagen ausbessern zu lassen, den Herr Ott mir besorgt hatte. Ich hätte gegen elf Uhr weiterreisen können; da ich jedoch erfuhr, daß eine junge polnische Dame, die in Einsiedeln ihre Andacht verrichten wollte, an der Wirtstafel speisen würde, so blieb ich aus Neugier. Aber ich kam nicht auf meine Kosten, denn ich fand an ihr nichts, was eines Opfers würdig gewesen wäre. Während man gleich nach dem Essen meinen Wagen anspannte, kam die recht hübsche Tochter des Wirtes in den Speisesaal und forderte mich auf, mit ihr einen Walzer zu tanzen. Es war ein Sonntag. Plötzlich trat der Vater ein, und die Tochter lief hinaus. »Mein Herr,« sagte der Spitzbube von einem Bauern zu mir, »Sie sind verurteilt, einen Louis Buße zu zahlen.« »Warum?« . »Weil Sie an einem Feiertage getanzt haben.« »Gehen Sie zum Kuckuck – ich werde nicht bezahlen.« »Sie werden bezahlen!« sagte er, und dabei hielt er mir ein großes Plakat vor, das ich nicht lesen konnte. »Ich lege Berufung ein.« »An wen, mein Herr?« »An den Richter des Ortes.« Er ging hinaus. Eine Viertelstunde darauf meldete man mir, der Richter erwarte mich in einem Nebenzimmer. Ich dachte bei mir selber, in diesem Lande seien doch die Richter sehr höflich; als ich aber das Zimmer betrat, sah ich meinen Spitzbuben mit einer Perücke und einem Mantel ausstaffiert. »Mein Herr,« sagt das Chamäleon zu mir, »ich bin der Richter.« »Richter und Partei, wie ich sehe.« Er schreibt etwas, bestätigt die frühere Verurteilung und verurteilt mich außerdem, sechs Franken für die Kosten zu bezahlen. »Aber wenn mich Ihre Tochter nicht verführt hätte, würde ich nicht getanzt haben; sie ist ebenso schuldig wie ich.« »Sehr richtig, mein Herr, hier ist ein Louis für sie.« Mit diesen Worten zieht er einen Louis aus der Tasche, legt ihn auf seinem Schreibtisch neben sich und sagt zu mir: »Jetzt Ihren Louis.« Ich fing an zu lachen, bezahlte und verschob meine Abreise bis zum anderen Morgen. In Luzern besuchte ich auf der Durchreise den apostolischen Nuntius, der mich zum Essen einlud, und in Freiburg die junge und galante Frau des Grafen Affry, bei der ich einige Augenblicke verbrachte. Etwa zehn Meilen vor Solothurn hatte ich einen eigentümlichen Anblick. Ich hatte in einem Dorf Halt gemacht, um dort zu übernachten. Im Gasthof hatte ich mich des Wundarztes bemächtigt, den ich dort antraf; ich lud ihn zum Abendessen ein und machte mit ihm in Erwartung desselben einen Spaziergang. Die Nacht brach herein, als ich in einer Entfernung von etwa hundert Schritt einen Mann bemerkte, der gewandt an der Mauer eines Hauses emporkletterte und in einem Fenster des ersten Stockes verschwand. »Sehen Sie, ein Dieb«, sagte ich dem Chirurgen. Er fing an zu lachen und sagte: »Dieser Brauch muß Ihnen wunderbar erscheinen,; aber er ist in mehreren Gegenden der Schweiz üblich. Der Mann, den Sie eben sahen, ist ein verliebter junger Bauer, der die Nacht bei seiner Zukünftigen verbringen will. Morgen früh verläßt er sie verliebter denn je; denn sie wird ihm sicherlich die letzte Gunstbezeigung nicht gewähren. Wäre sie schwach genug, seinen Begierden nachzugeben, so würde er sie wahrscheinlich nicht heiraten, und dann wäre es schwer für sie, einen anderen Mann zu finden.« Ich fand in Solothurn auf der Post einen Brief von Frau d'Urfé, und in diesem einen anderen von dem Herzog de Choiseul für den Botschafter Herrn von Chavigny. Er war versiegelt; aber der Name des Ministers, der ihn geschrieben hatte, stand unter der Adresse. Ich nahm einen Lohnwagen, zog ein Hofkleid an und fuhr zum Botschafter. Da Seine Exzellenz nicht zu Hause war, hinterließ ich den Brief und meine Karte. Es war ein Feiertag; ich ging zum Hochamt, und zwar – ich will es gestehen – weniger um dort Gott zu suchen, als in der Hoffnung, meine Amazone zu finden. Ich sah mich jedoch in meiner Erwartung getäuscht. Nach dem Gottesdienst machte ich einen Spaziergang; hierauf ging ich in meinen Gasthof zurück, wo ich einen Offizier vorfand, der mich im Auftrag des Botschafters zum Essen einlud. Frau d'Urfé schrieb mir in ihrem Brief, sie wäre eigens nach Versailles gefahren und hätte durch Vermittelung der Frau von Grammont einen Empfehlungsbrief für mich erhalten, wie ich ihn nur wünschen könnte. Dies war mir angenehm, denn ich gedachte, in Solothurn als Mann von Bedeutung aufzutreten. Ich hatte viel Gold und ich wußte, daß man mit diesem glücklichen Metall die blödesten wie die hellsten Augen blendet. Herr von Chavigny war dreißig Jahre vorher Gesandter in Venedig gewesen; ich wußte eine Menge Anekdoten, bei denen er eine Rolle gespielt hatte, und ich war ungeduldig, ihn kennen zu lernen, um zu sehen, wie er mir nützlich werden könnte. Zur bezeichneten Stunde folgte ich der Einladung und fand alle Leute des Botschafters in der großen Livree; ich erblickte hierin ein günstiges Vorzeichen. Ich wurde angemeldet und bemerkte, daß ein Page, sobald ich erschien, beide Flügel der Tür öffnete. Ein schöner Greis kam mir entgegen, richtete die liebenswürdigsten Worte an mich und stellte mir alle Anwesenden vor, die im Kreise herum standen. Dann stellte er mit einer feinen Wendung eines alten Hofmannes sich so, als ob er sich meines Namens nicht entsinne, zog den Brief des Herzogs von Choiseul aus der Tasche und las laut die Stelle vor, in welcher der Minister ihm ans Herz legte, mich mit der größten Auszeichnung zu empfangen. Er wies mir einen Lehnsessel zu seiner Rechten an und richtete mehrere Fragen an mich, auf die ich zu antworten hatte, daß ich nur zu meinem Vergnügen reise und daß die schweizerische Nation in mehreren Beziehungen allen anderen vorzuziehen sei. Das Essen wurde aufgetragen, und Seine Exzellenz wies mir den Ehrenplatz zu seiner Rechten an. Wir waren sechzehn bei Tisch, und hinter jedem Gast stand ein langer Lakai in der Livree des Gesandten. Im Lauf des Gesprächs ergriff ich eine passende Gelegenheit, ihm zu sagen, daß man in Venedig noch mit der wärmsten Liebe von ihm spreche. Er antwortete mir hierauf: »Ich werde mich stets der Freundlichkeiten erinnern, die man mir während meines ganzen Aufenthaltes in der schönen Stadt erzeigt hat; aber nennen Sie mir doch bitte die Personen, die noch von mir sprechen; sie müssen sehr alt sein.« Auf diese Frage hatte ich nur gewartet. Ich kannte durch Herrn von Malipiero Geschichten, die sich während der Regentschaft zugetragen und ihm großen Kummer gemacht hatten, und Herr von Bragadino hatte mir von seiner Liebschaft mit der berühmten Stringhetta erzählt. Seine Exzellenz hatte einen ausgezeichneten Koch; aber über dem Vergnügen, ihn zu unterhalten, vergaß ich das Essen. Ich wußte alles, was ich ihm erzählte, so fein zu würzen, daß das Vergnügen, das ich ihm dadurch verschaffte, auf seinem Gesicht geschrieben stand. Als wir von Tische aufgestanden waren, schüttelte er mir die Hand und sagte mir, er habe noch nie so angenehm gespeist, solange er in Solothurn sei. »Meine venetianischen Galanterien«, setzte der liebenswürdige Greis hinzu, »haben mich verjüngt, indem sie mich an recht süße Augenblicke erinnern.« Er umarmte mich und bat mich, während meines ganzen Aufenthaltes in Solothurn mich als einen Angehörigen seiner Familie zu betrachten. Nach dem Essen sprach er viel von Venedig, pries die dortige Regierung und sagte schließlich, in keiner Stadt der Welt könne man besser essen, vorausgesetzt, daß man sich gutes Öl und ausländische Weine zu verschaffen wisse. Gegen fünf Uhr lud er mich ein, mit ihm eine Spazierfahrt in einem Vis-à-vis zu machen. Er stieg zuerst ein, und nötigte mich dadurch den Rücksitz einzunehmen. Wir stiegen bei einem hübschen Landhause ab, wo man uns mit Gefrorenem bewirtete. Auf der Rückfahrt sagte er mir, er habe jeden Abend zahlreiche Gesellschaft, und sofern es nur angenehm sei, hoffe er, ich werde ihm die Ehre erweisen, daran teilzunehmen; er werde sein Möglichstes tun, damit ich mich nicht langweile. Ungeduldig erwartete ich den Abend, denn es schien nur unmöglich zu sein, daß meine schöne Amazone nicht ebenfalls käme. Dies war jedoch eine vergebliche Hoffnung; ich sah allerdings mehrere Damen kommen, davon waren aber die meisten häßlich und alt, nur wenige leidlich und nicht eine einzige hübsch. Die Spielpartien wurden verteilt, und ich fand mich an einem Tische mit einer jungen Blonden und mit einer ziemlich alten, aber geistvollen Häßlichen. Ich langweilte mich beim Spiel und verlor fünf- oder sechshundert Marken, ohne den Mund zu öffnen. Nachdem abgerechnet worden war, sagte die Häßliche zu mir, ich sei drei Louis schuldig. »Drei Louis, Madame?« »Jawohl, mein Herr; die Marke gilt zwei Sous, Sie haben vielleicht geglaubt, wir spielten um Heller?« »Im Gegenteil, gnädige Frau; ich habe geglaubt, es ginge um Franken, denn ich spiele niemals niedriger.« Sie antwortete auf diese Prahlerei nichts, schien aber beleidigt zu sein. Als ich nach der langweiligen Spielpartie mich wieder im Saale befand, musterte ich mit einem prüfenden Blick alle Damen, fand jedoch die Gesuchte nicht. Ich wollte mich gerade entfernen, als ich zwei Damen bemerkte, die mich aufmerksam betrachteten. Ich erkannte sie auf den ersten Blick; es waren zwei von den Begleiterinnen meiner schönen Amazone, die ich in Zürich zu bedienen die Ehre gehabt hatte. Ich drückte mich, indem ich so tat, wie wenn ich sie nicht erkannt hätte. Am nächsten Tage kündigte ein Offizier des Botschafters mir den Besuch seiner Exzellenz an. Ich sagte ihm, ich würde nicht ausgehen, bevor ich die Ehre gehabt hätte, ihn zu empfangen, und ich beschloß auf der Stelle, mich bei ihm nach dem zu erkundigen, was mir so sehr am Herzen lag. Wie man sehen wird, ersparte er mir die Mühe. Ich empfing Herrn von Chavigny aufs allerbeste; nachdem wir vom Regen und guten Wetter gesprochen hatten, sagte er lächelnd, er habe mir etwas furchtbar Dummes zu sagen, bitte mich aber überzeugt zu sein, daß er selber kein Wort davon glaube. »Ich höre, gnädiger Herr.« »Zwei Damen, die Sie gestern Abend bei mir gesehen haben, ließen sich nach Ihrem Fortgehen in mein Kabinett führen, um mir zu sagen, ich möchte auf meiner Hut sein, denn Sie wären der Kellner des Gasthofes, wo sie in Zürich gewohnt hätten. Sie behaupteten, Sie hätten sie am Abend ihrer Durchreise bei Tisch bedient. Sie hätten gestern den anderen Kellner jenseits der Aare getroffen; wahrscheinlich wären Sie beide aus irgendeinem Grunde zusammen durchgebrannt. Sie hätten sich sofort gedrückt, nachdem Sie sie bemerkt hätten. Ich habe ihnen geantwortet: selbst wenn Sie mir nicht einen Brief vom Herrn Herzog von Choiseul überbracht hätten, wäre ich sicher, daß sie sich irrten; Sie würden heute mit ihnen speisen, wenn sie mir die Ehre erweisen wollten, meine Einladung anzunehmen. Ferner habe ich ihnen gesagt, Sie hätten sich möglicherweise als Kellner verkleidet, in der Hoffnung, mit einer von ihnen ein Liebesabenteuer zu haben; aber sie haben mir geantwortet: diese Annahme wäre lächerlich, Sie wären weiter nichts als ein Kellner, der sehr geschickt einen Kapaun zu zerlegen und sehr schnell die Teller zu wechseln verstände, und wenn ich es ihnen erlaubte, so würden sie Ihnen in meiner Gegenwart ein Kompliment darüber machen. ›Tun Sie das, meine Damen‹, habe ich ihnen gesagt, ›er und ich werden darüber lachen.‹ Und jetzt – wenn an der ganzen Geschichte etwas Wahres ist, so sagen Sie es mir bitte ohne Rückhalt.« »Gewiß, ohne Rückhalt – aber mit Diskretion; denn diese Posse könnte eine Dame bloßstellen, die mir teuer ist, und ich wollte lieber sterben, als ihr den geringsten Schaden zufügen.« »Es ist also wahr; dies interessiert mich sehr.« »Wahr, gnädiger Herr, bis zu einem gewissen Punkt, denn ich hoffe, Sie werden mich nicht für den Kellner vom Gasthof zum ›Schwert‹ halten.« »Nein, gewiß nicht; aber Sie haben die Rolle eines solchen gespielt.« »Ganz recht. Haben die Damen Ihnen gesagt, daß sie zu vieren waren?« »Ich weiß! die schöne Frau von *** war dabei. Dies erklärt mir das Rätsel. Ich weiß alles, aber Sie haben recht: Verschwiegenheit ist notwendig; denn sie genießt eines makellosen Rufes.« »Das wußte ich nicht. Die Sache an sich ist ganz unschuldig; aber man könnte eine anstößige Geschichte daraus herausspinnen, die der Ehre der Dame, die mich durch ihre Schönheit geblendet hat, schädlich sein würde.« Ich erzählte ihm nun ganz ausführlich alles Vorgefallene und sagte: »Ich bin in der Hoffnung, der Schönen den Hof machen zu können, nach Solothurn gekommen. Wenn dies nicht möglich ist, werde ich in drei bis vier Tagen wieder abreisen; zuvor jedoch werde ich die häßlichen Plaudertaschen lächerlich machen, denn sie hätten doch soviel Geist haben müssen, um sich zu sagen, daß der Kellner nur eine Maske war. Wenn sie sich stellen, als ob sie dies nicht wüßten, so können sie dies nur in der Hoffnung tun, mich aufzumuntern und ihrer schönen Begleiterin zu schaden, die sehr übel daran getan hat, jene ins Geheimnis zu ziehen!« »Sachte, sachte, stürmische Jugend! Sie erinnern mich an meine schönen Tage. Lassen Sie sich umarmen, denn Ihre Geschichte macht mir ein unendliches Vergnügen. Sie werden nicht abreisen, mein lieber Freund, und Sie werden Ihrer schönen Amazone den Hof machen. Lassen Sie mich lachen! Auch ich bin jung gewesen und habe mehr als einmal um schöner Augen willen mich verkleidet. Sie werden heute bei Tisch die beiden boshaften Geschöpfe verspotten, aber nur in scherzhafter Weise. Die Geschichte ist so einfach, daß Herr *** zuerst darüber lachen wird. Es kann seiner Gemahlin nicht unbekannt sein, daß Sie sie lieben, und ich kenne die Frauen gut genug, um zu wissen, daß Ihre Verkleidung ihr nicht mißfallen haben wird. Sie weiß, daß Sie sie lieben?« »Ohne Zweifel.« Er ging lachend fort und umarmte mich an seinem Wagen zum dritten Male. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß meine Zauberin ihren drei Freundinnen auf der Rückfahrt von Einsiedeln nach Zürich alles erzählt hatte; ich fand daher die Anzeige der beiden Häßlichen an den Gesandten boshaft. Aber ich begriff, daß es im Interesse meines Selbstgefühls lag, ihre Bosheit als einen feinen Scherz auszulegen. Um halb Zwei trat ich beim Botschafter ein; nachdem ich ihm meine Reverenz gemacht hatte, grüßte ich die Gesellschaft und bemerkte meine beiden Damen. Sofort trat ich mit vornehm-leichtem Anstand auf die zu, die mir am boshaftesten aussah, weil sie lahm war, und fragte sie, ob sie mich wiedererkenne. »Sie geben also zu, daß Sie der Kellner vom ›Schwert‹ sind?« »Nicht ganz, meine Gnädige; aber ich gebe zu, daß ich es für eine Stunde war, und daß Sie mich dafür bestraft haben, indem Sie mir nicht ein einziges Wörtchen gönnten, obwohl ich die Rolle nur spielte, um das Glück zu haben, Sie zu sehen. Aber ich hoffe, hier ein bißchen mehr Glück zu haben, und hoffe, daß Sie mir gestatten werden, Ihnen meine Huldigungen darzubringen.« »Das ist erstaunlich! Sie haben Ihre Rolle so gut gespielt, daß der Klügste sich hätte täuschen lassen. Wir werden sehen, ob Sie ebenso geschickt Ihre jetzige Rolle spielen werden. Wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, sich bei mir einzufinden, sollen Sie gut aufgenommen werden.« Nach diesem Austausch von Komplimenten wurde die Geschichte allgemein bekannt, und die Gesellschaft war in voller Heiterkeit darüber, als ich das Glück hatte, Herrn und Frau *** eintreten zu sehen. »Da ist ja der nette Kellner von Zürich!« sagte sie zu ihrem Gatten. Der brave Mann trat auf mich zu und dankte mir freundlich, daß ich seiner Frau die Ehre erwiesen hätte, ihr die Stiefel anzuziehen. Ich ersah aus diesem Kompliment, daß sie ihm alles gesagt hatte, und dies war mir äußerst angenehm. Wir gingen zu Tisch; Herr von Chavigny ließ die Schöne zu seiner Rechten sitzen, und ich fand zwischen meinen beiden Verleumderinnen Platz. Da ich meine Karten verdeckt halten mußte, so sagte ich ihnen Artigkeiten, obwohl sie mir im höchsten Maße mißfielen, und sah Frau ***, die in ihrem neuen Kleide entzückend war, kaum ein einziges Mal an. Der Mann kam mir nicht eifersüchtig vor und sah auch nicht so alt aus, wie ich mir ihn vorgestellt hatte. Der Botschafter lud ihn ein, mit seiner Frau zum Abend dazubleiben und einen improvisierten Ball mitzumachen. Hierauf sagte er: damit er dem Herzog von Choiseul berichten könnte, daß ich mich in Solothurn amüsiert hätte, würde er sich sehr freuen, wenn Theater gespielt würde und wenn Frau von *** einwilligte, noch einmal die schöne Schottin zu spielen. Sie antwortete, sie würde es gerne tun, aber es fehlten zwei Schauspieler. »Nun,« sagte der freundliche alte Herr, »so werde ich die Rolle des Lord Montrose übernehmen.« »Und ich«, rief ich, »werde den Murray spielen!« Meine Lahme ärgerte sich über diese Rollenverteilung, weil auf diese Weise nur die häßliche Rolle der Lady Alton übrig blieb. Sie konnte sich nicht enthalten, mir einen Hieb zu versetzen, und sagte: »Warum ist denn nur nicht in dem Stück eine Kellnerrolle! Die spielen Sie so gut!« »Ihre Bemerkung ist trefflich; aber ich tröste mich mit dem Gedanken, daß Sie mich lehren werden, den Murray besser zu spielen.« Am nächsten Morgen empfing ich meine kleine Rolle, und der Herr Botschafter machte bekannt, daß der Ball mir zu Ehren stattfinden würde. Nach dem Essen kehrte ich in meinen Gasthof zurück, machte eine elegante Toilette und erschien dann wieder in der glänzenden Gesellschaft. Der Gesandte bat mich, den Ball zu eröffnen, und stellte mich der vornehmsten Dame der Stadt vor, die sich jedoch mehr durch ihre Geburt als durch ihre Schönheit auszeichnete. Hierauf tanzte ich mit allen Damen, ohne Unterschied, bis der dienstbereite alte Herr mich für die Kontertänze dem Gegenstand meiner Wünsche verpflichtete. Er machte dies auf eine so natürliche Art, daß niemand etwas dagegen einwenden konnte: »Lord Murray«, sagte er, »darf nur mit Lindane tanzen.« In der ersten Ruhepause ergriff ich die Gelegenheit, ihr zu sagen, ich sei nur ihretwegen nach Solothurn gekommen, und ich hoffe, sie werde mir das Glück bewilligen, ihr den Hof machen zu dürfen. Sie antwortete mir: »Ich habe Gründe, die mich verhindern, Sie bei mir zu empfangen; aber es wird uns nicht an Gelegenheiten fehlen, uns zu sehen, wenn Sie einige Zeit hier bleiben. Ich bitte Sie jedoch, bezeigen Sie mir um Gottes willen keine besondere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, denn man wird unfehlbar um uns herumspionieren, und ich muß das Gerede der Leute vermeiden.« Von diesen Worten vollkommen befriedigt, versprach ich ihr, alles zu tun, was ihr angenehm sein könnte, und die neugierigsten Augen auf eine falsche Spur zu bringen. Ich begriff, daß das Geheimnisvolle das Glück, das ich mir in der Ferne winken sah, noch erhöhen mußte. Da ich mich für einen Neuling in der Kunst des Roscius ausgegeben hatte, so bat ich die Hinkende, mich unterrichten zu wollen. Ich ging also am Vormittag zu ihr; aber sie argwöhnte gleich, daß sie nur als Reflexspiegel diente; denn bei ihr hatte ich Gelegenheit, meiner schönen Amazone den Hof zu machen; und so eitel sie auch sein mochte, so war sie doch zu klug, als daß sie nicht ein wenig die Wahrheit hätte ahnen sollen. Die Frau war Witwe, dreißig bis vierzig Jahre alt; sie hatte eine gelbliche Haut, ein feuriges schwarzes Auge, einen stechenden Blick und eine boshafte Miene. Da sie die ungleiche Länge ihrer Beine verbergen wollte, hatte sie ein geschraubtes Aussehen, und eine dumme Geistreichelei machte sie schwatzhaft und dadurch sehr langweilig. Als ich fortfuhr, ihr in sehr ehrerbietiger Weise den Hof zu machen, sagte sie mir eines Tages: nachdem sie mich als Kellner verkleidet gesehen, hätte sie mich niemals für so schüchtern gehalten. »Inwiefern, meine Gnädigste, halten Sie mich für schüchtern?« fragte ich. Ich konnte leicht erraten, was sie meinte; aber sie antwortete mir nicht. Meine Rolle war mir lästig, und ich beschloß offen mit ihr zu brechen, sobald wir die Schottin gespielt hätten. Unsere erste Vorstellung wurde von der ganzen guten Gesellschaft Solothurns besucht. Die Hinkende war entzückt, in ihrer Rolle Abscheu zu erregen; denn sie bildete sich ein, daß die von ihr hervorgebrachte Wirkung mit ihrer Person an sich nichts zu tun hätte. Herr von Chavigny riß die Zuschauer zu Tränen hin; man sagte, er habe besser gespielt als der große Voltaire selber. Ich selber war – dessen erinnere ich mich noch – einer Ohnmacht nahe, als in der dritten Szene des fünften Aktes Lindane mir sagte: »Wie? Sie? Sie wagen mich zu lieben?« Sie sprach diese Worte in einem Tone so starker und echter Verachtung, so völlig im Geiste ihrer Rolle, daß alle Zuschauer in einen donnernden Applaus ausbrachen. Ich war darüber betroffen und beinahe aus der Fassung gebracht; denn ich glaubte aus ihren Worten eine Absicht herauszuhören, die mich in meiner Ehre kränkte. Aber der lärmende Beifall der Zuschauer gab mir eine Minute Zeit, mich zu erholen, und ich antwortete, indem ich dem Geiste meiner Rolle gewissermaßen Gewalt antat: «Ja! Ich bete Sie an, und ich muß es!« Ich legte so viel Zärtlichkeit und Leidenschaft in diesen Ausruf, daß der Saal von Beifall und Bravorufen widerhallte. Das bis! bis! von vierhundert Personen zwang mich die Worte zu wiederholen, die mir aus tiefstem Herzen kamen. Trotz dem Beifall, den die Zuschauer uns gespendet hatten, fanden wir beim Souper, daß wir unsere Rollen nicht gut wüßten, und Herr von Chavigny bat uns, unsere zweite Aufführung auf den übernächsten Tag zu verschieben. »Wir werden«, sagte er, »morgen eine Probe in meinem Landhause abhalten, wohin ich Sie alle zum Essen einlade.« Trotz unserer Selbsterkenntnis überhäuften wir uns aber doch mit Schauspielerkomplimenten. Die Hinkende sagte mir, ich hätte gut gespielt, aber lange nicht so gut, wie in meiner Kellnerrolle, die ich ausgezeichnet gespielt hätte. Dieser Hieb brachte die Lacher auf ihre Seite, aber das Blättchen wandte sich, als ich ihr sagte, ich hätte es nur mit Anstrengung zu dieser Vollkommenheit gebracht, während sie, um als Lady Alton zu glänzen, nur ihrer Natur hätte folgen können. Herr von Chavigny sagte zur Frau von ***, die Zuschauer hätten unrecht gehabt, an jener Stelle Beifall zu klatschen, wo sie sich über meine Liebe wunderte; denn sie hätte jene Worte in einem Tone der Verachtung ausgesprochen; es wäre jedoch unmöglich, daß Lindane für Murray keine Achtung empfinde. Der Botschafter holte mich am nächsten Tage mit seinem Wagen ab, und als wir in seinem Landhause ankamen, fanden wir dort alle Mitspielenden vor. Er wandte sich zuerst an Herrn von *** und sagte ihm, er glaubte sein Anliegen erfüllt zu haben und würde nach dem Essen mit ihm darüber sprechen. Wir gingen zu Tisch und hielten darauf Probe ab, ohne eines Souffleurs zu bedürfen. Gegen Abend sagte der Botschafter der ganzen Gesellschaft, er erwarte uns zum Souper in Solothurn; alle gingen fort, außer uns beiden und Herrn und Frau von ***. Im Augenblick des Aufbruchs, der sich in wenigen Minuten vollzog, wurde ich auf sehr angenehme Weise überrascht: »Mein Herr,« sagte der Gesandte zu Herrn von ***, »kommen Sie mit in meinen Wagen; wir können da ungestört miteinander sprechen. Herr Casanova wird die Ehre haben, der gnädigen Frau in ihrem Wagen Gesellschaft zu leisten.« Ich reichte der schönen Frau ehrerbietig meine Hand, und sie ergriff sie mit der Miene vollkommenster Gleichgültigkeit; aber als sie auf das Trittbrett stieg, drückte sie meine Hand mit aller Kraft. Mein Leser kann sich denken, welches Feuer bei diesem Druck meine Adern durchströmte. So saßen wir denn nebeneinander, die Knie zärtlich gegeneinander gepreßt. Eine halbe Stunde flog wie eine Minute dahin, aber wir verloren sie nicht mit nichtigen Komplimenten: Mund auf Mund gepreßt, blieben wir bis zehn Schritte vom Gasthof, der nach unserem Wunsche am liebsten zehn Meilen hätte entfernt sein müssen. Die Schöne stieg vor mir aus, und ich erschrak über die Glut, die ihr ganzes Gesicht bedeckte. Diese Röte war unnatürlich; sie mußte uns verraten, und dann mußte unsere Quelle des Glücks versiegen. Der forschende Blick der neidischen Alten würde sich nicht getäuscht haben; diese Entdeckung wäre für sie nicht eine Demütigung, sondern ein Triumph gewesen. Ich war außer mir. Die Liebe und das Glück, die mir im Laufe meines Lebens so oft hold gewesen sind, befreiten mich aus dieser schmerzlichen Verlegenheit. Ich hatte in meiner Tasche eine kleine Dose mit Nieswurz; ohne mir etwas Besonderes dabei zu denken, öffnete ich diese und bat Frau von *** eine kleine Prise zu nehmen; sie tat es, und ich folgte ihrem Beispiel; aber die Dosis war zu stark; sie wirkte bereits, als wir noch auf der Treppe waren, und wir niesten eine volle Viertelstunde hindurch. Man mußte die Röte ihres Gesichtes diesem Niesen zuschreiben; zum mindesten konnte kein Mensch laut einen Argwohn aussprechen. Als der Anfall vorüber war, sagte die ebenso schöne wie kluge Frau, ihr Kopfweh sei vergangen, aber ein anderes Mal werde sie sich hüten, eine so starke Dosis von dem Heilmittel zu nehmen. Ich schielte aus dem Augenwinkel zu der boshaften Hinkenden hinüber; sie sagte nichts, schien aber sehr nachdenklich zu sein. Nachdem ich dieses Pröbchen von Liebesseligkeit erhalten hatte, entschloß ich mich, in Solothurn so lange zu verweilen, als nötig wäre, um vollkommen glücklich zu werden, und zu diesem Zwecke beschloß ich, auf der Stelle ein Landhaus zu mieten. Ich denke, mein Leser würde schnell einen gleichen Entschluß gefaßt haben, wenn er sich in meiner Lage befunden hätte. Ich war reich, jung, unabhängig, feurig, und hatte nichts anderes zu tun, als mir Genuß zu verschaffen. Ich hatte eine vollkommene Schönheit vor mir, war leidenschaftlich in sie verliebt und war sicher, daß sie meine Liebe teilte; ich hatte Geld und war mein eigener Herr. Ich fand diesen Plan viel vernünftiger als den Eintritt in ein Kloster, und über das Gerede der Leute war ich erhaben. Sobald der Botschafter sich zurückgezogen hatte – was er wegen seines hohen Alters stets ziemlich früh tat – ließ ich die übrige Gesellschaft bei Tische sitzen und suchte ihn in seinem Zimmer auf. Ich konnte rechtlicherweise diesem Ehrenmann nicht ein Vertrauen vorenthalten, das er so sehr verdiente. Sobald er mich erblickte, sagte er: »Nun? haben Sie sich das Alleinsein mit Ihrer Schönen, das ich Ihnen verschafft habe, gut zunutze gemacht?« Ich umarmte ihn und antwortete ihm dann: »Ich darf alles hoffen!« Als ich die Geschichte von der Nieswurz erzählte, machte er mir unendliche Komplimente; »denn,« sagte er, »ihre ungewöhnliche Röte hätte auf einen Kampf schließen lassen, und dies hätte Ihren Absichten nicht förderlich sein können.« Nachdem ich ihm alles anvertraut hatte, teilte ich ihm meinen Plan mit. »Ich darf nichts übers Knie brechen,« sagte ich ihm, »denn ich muß die Ehre der Dame schonen und darf die Erfüllung meiner Wünsche nur von der Zeit erwarten. Ich brauche ein hübsches Landhaus, einen schönen Wagen, zwei Lakaien und eine Haushälterin. Hinsichtlich alles dessen empfehle ich mich Eurer Exzellenz, Sie sind meine Zuflucht und mein Schutzengel.« »Schon morgen werde ich mich unverzüglich mit Ihrer Angelegenheit befassen, und ich denke wohl, es wird mir gelingen. Ihnen nützlich zu sein, und Sie werden in Solothurn vollkommen befriedigt werden.« Am folgenden Tage ging die Vorstellung ganz ausgezeichnet, und am Tage darauf sagte der Botschafter zu mir: »Ich sehe, lieber Freund, daß Sie hier nur glücklich werden können, indem Sie Ihre Wünsche befriedigen, ohne dem guten Rufe der Dame zu schaden. Ich glaube sogar, die Art Ihrer Liebe zu jener reizenden Frau genügend erkannt zu haben, um überzeugt zu sein, daß Sie Solothurn unverzüglich verlassen werden, wenn sie Ihnen sagt, daß es um ihrer Ruhe willen notwendig sei. Sie sehen, ich habe Sie durchschaut, und hoffe daher in dieser Angelegenheit, die wichtiger und zarter ist als die meisten diplomatischen Angelegenheiten, von denen man soviel Wesens macht, Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen zu können.« »Eure Exzellenz scheinen auf eine Laufbahn, die Sie mit so hoher Auszeichnung durchmessen haben, keinen großen Wert zu legen.« »Ich bin alt, mein lieber Freund; ich habe den Rost und Staub der Vorurteile von mir abgeschüttelt, sehe die Dinge, wie sie sind, und schätze sie nach ihrem richtigen Werte ein. Doch kommen wir wieder zu Ihrer Liebe. Wenn Sie undurchdringlich sein wollen, müssen Sie jeden Schritt vermeiden, der in den Augen solcher Leute, die nicht an gleichgültige Handlungen glauben, den geringsten Verdacht erwecken könnte. Das kurze Beisammensein, das ich Ihnen vorgestern verschaffte, kann selbst dem Böswilligsten nur als die Frucht eines einfachen Zufalls erscheinen, und der Zwischenfall mit der Nieswurz macht die Auslegungen der scharfsinnigsten Bosheit zuschanden; denn ein Liebhaber, der das Glück beim Schopf packen will, beginnt nicht damit, daß er die Heißgeliebte in Krämpfe versetzt. Man wird nicht erraten, daß Ihre Nieswurz nur dazu diente, eine durch Liebkosungen hervorgebrachte Röte zu verdecken; denn es kommt nicht oft vor, daß ein Liebeskampf, womit beide Teile einverstanden sind, Spuren dieser Art hinterläßt. Wie sollte man übrigens annehmen, daß Sie diese Gesichtsröte vorausgesehen und darum das Mittel dagegen gleich mitgenommen hätten! Das Vorgefallene genügt also nicht, um Ihr Geheimnis zu enthüllen. Herr von *** ist allerdings nicht ohne Eifersucht, obgleich er sich den Anschein geben möchte, als ob er nicht eifersüchtig sei, – aber er selber kann in meiner Einladung, mit mir allein nach Solothurn zurückzufahren, nur etwas sehr Natürliches finden; denn ich hatte mit ihm über eine sehr wichtige Angelegenheit zu sprechen, und er kann nicht annehmen, daß ich Ihre Liebschaft mit seiner Frau begünstigen wolle. Außerdem hätten unter allen Umständen die Gesetze der Höflichkeiten mir geboten, der gnädigen Frau den Platz anzubieten, den er in meinem Vis-à-vis eingenommen hat; und da er sich auf seine Höflichkeit viel zugute tut, so hätte er nichts dagegen einwenden können, daß seine Frau mein Anerbieten annähme. Auf jeden Fall wäre er also von ihr getrennt worden. Allerdings bin ich alt, und Sie sind jung, und das ist ja in den Augen eines Ehemannes nicht ohne Bedeutung.« »Nach dieser Einleitung,« fuhr der liebenswürdige Botschafter lachend fort, »einer Einleitung, die ich im Stil eines Staatssekretärs gehalten habe, kommen wir zum Schluß: Zwei Dinge sind notwendig, um Ihnen den Weg zum Glück zu bahnen. Die erste und wichtigste Vorbedingung ist die, daß Sie Herrn von *** zwingen, Ihr Freund zu werden, ohne daß er argwöhnen kann, daß Sie Absichten auf seine Frau haben; hierbei werde ich Ihnen nach besten Kräften behilflich sein. Die zweite Vorbedingung muß die Dame erfüllen: sie darf nichts tun, was zu Bemerkungen Anlaß geben könnte, ohne daß der Grund allgemein bekannt ist. Also mein Herr, Sie stehen nun unter meiner Vormundschaft und werden nicht eher ein Landhaus mieten, als bis wir einen wahrscheinlich aussehenden Vorwand ausfindig gemacht haben, der geeignet ist, allein diesen neugierigen Leuten Sand in die Argusaugen zu streuen. Aber trösten Sie sich, dieser Vorwand ist bereits gefunden: Sie müssen sich krank stellen; aber Ihre Krankheit muß derart sein, daß Ihr Arzt genötigt ist, Ihnen auf Ihr Wort zu glauben. Zum Glück kenne ich einen Doktor, dessen Leidenschaft es ist, gegen alle Krankheiten Landluft zu verordnen. Dieser Arzt, der nicht mehr versteht als seine gelehrten Kollegen, die auch alle nur auf gut Glück darauf los doktern, und der seine Patienten heilt oder ins Grab bringt, wie nur der geschickteste Professor, wird dieser Tage zu mir kommen, um mir den Puls zu fühlen. Sie werden ihn um eine Konsultation bitten, und für ein paar Louis wird er Ihnen ein schönes Rezept verschreiben, worin ohne Zweifel die Landluft die erste Stelle einnimmt. Er wird hierauf der ganzen Stadt sagen, Ihr Fall sei ernst, aber er bürge für Ihre Heilung.« »Wie heißt er?« »Es ist der Herr Doktor Herrenschwand.« »Wie kommt denn der hierher? Ich habe ihn in Paris bei der Gräfin du Rumain gekannt.« »Das ist ein anderer; dieser ist der Bruder. Suchen Sie eine Modekrankheit, die Ihnen in der öffentlichen Meinung nicht schaden kann. Das Haus wird dann leicht gefunden sein, und ich werde Ihnen einen ausgezeichneten Koch geben, um Ihnen Ihre Krankensüppchen zu machen.« Die Wahl der Krankheit war nicht leicht; ich mußte ernstlich darüber nachdenken. An demselben Abend fand ich Gelegenheit, meinen Plan der Frau von *** mitzuteilen, die ihn billigte. Ich bat sie, darüber nachzudenken, wie sie mir schreiben könnte, und sie versprach mir dies. »Mein Mann«, sagte sie, »hat die beste Meinung von Ihnen; er hat durchaus nichts Böses daran gefunden, daß wir in seinem Wagen gefahren sind. Aber sagen Sie mir nun: geschah es zufällig oder aus Absicht, daß Herr von Chavigny meinen Mann zurückhielt, und daß wir miteinander allein waren?« »Es war Absicht, liebes Herz.« Sie schlug ihre schönen Augen zum Himmel auf und biß sich auf die Lippen. »Sind Sie darüber böse?« »O nein!« Drei oder vier Tage darauf, als wir die Schottin wieder aufführen sollten, war der Arzt beim Gesandten zum Essen und blieb den Abend über, um die Vorstellung zu sehen. Beim Nachtisch machte er mir ein Kompliment über meine gute Gesundheit. Ich ergriff die günstige Gelegenheit und sagte ihm, der Schein wäre trügerisch, und ich bäte ihn, mir für den folgenden Tag eine Stunde zu bestimmen. Er war ohne Zweifel sehr erfreut, sich getäuscht zu haben, und antwortete mir, er stehe zu meinem Befehl. Er fand sich pünktlich ein; ich sagte ihm alles, was mir gerade einfiel, und unter anderem auch, daß ich in meinen Träumen an gewissen Aufregungen litte, die mich außerordentlich schwächten und mir große Lendenschmerzen verursachten. »Das kenne ich, mein Herr! Das ist eine böse Krankheit, aber ich werde sie durch zwei Mittel heilen. Das erste, das Ihnen vielleicht nicht gefallen wird, besteht darin, daß Sie sechs Wochen auf dem Lande verbringen, wo Sie nicht der Gefahr ausgesetzt sind, Gegenstände zu sehen, die in Ihrem Gehirn einen gewissen Eindruck hervorbringen. Dieser Eindruck wirkt nämlich auf das siebente Nervenpaar und verursacht dadurch einen Erguß, der wahrscheinlich bei Ihrem Erwachen ein Gefühl tiefer Traurigkeit hinterläßt.« »Jawohl, Herr Doktor, das ist genau das Gefühl, das ich empfinde.« »Ich wußte es wohl! Das zweite Mittel besteht in sehr angenehmen kalten Bädern.« »Sind diese weit von hier?« »Sie können sie überall nehmen, wo Sie wünschen; ich schreibe Ihnen das Rezept, und alles übrige besorgt der Apotheker.« Ich dankte ihm, und nachdem er einen doppelten Louisdor erhalten hatte, den ich ihm geschickt in die Hand drückte, entfernte er sich mit der Versicherung, ich würde mich sehr bald von der guten Wirkung seiner Heilmittel überzeugen. Am Abend wußte die ganze Stadt, daß ich krank sei und einige Zeit auf dem Lande verbringen müsse. Herr von Chavigny zog mich beim Essen damit auf und sagte lachend zum Doktor, er müsse mir weibliche Besuche verbieten. Die Hinkende überbot dies noch, indem sie hinzufügte, er müsse mir vor allen Dingen die Betrachtung gewisser Bilder verbieten, von denen ich einen ganzen Kasten voll hätte. Ich lachte und gab allen recht; zuletzt empfahl ich mich Herrn von Chavigny und bat ihn, mir ein hübsches Haus und einen guten Koch zu verschaffen, da ich nicht gerne allein äße. Da ich eine mir lästige Rolle nicht weiterspielen mochte, so ging ich nicht mehr zu der Hinkenden; bald darauf aber warf sie mir meine Unbeständigkeit vor und sagte mir, ich hätte mich über sie lustig gemacht. »Ich weiß alles,« sagte das boshafte Frauenzimmer zu mir, »und ich werde mich rächen.« »Sie können keinen Grund haben, sich zu rächen; denn ich habe Sie niemals beleidigt; sollten Sie jedoch die Absicht haben, mich ermorden zu lassen, so werde ich eine Wache verlangen.« »Man mordet hier nicht,« versetzte sie in verbissenem Tone; »ich bin keine Italienerin.« Ich war froh, das häßliche Weib los zu sein, und Frau von *** allein nahm alle meine Gedanken ein. Herr von Chavigny, der allem Anschein nach glücklich war, mir dienen zu können, redete ihrem Gatten ein, ich wäre der einzige, der den Herzog von Choiseul als Generaloberst der Schweizertruppen veranlassen könnte, seinen bei der Garde dienenden Vetter zu begnadigen; dieser hatte das Unglück gehabt, in einem Zweikampf einen Gegner zu töten. »Dies« sagte der liebenswürdige Greis zu mir, »ist das sicherste Mittel, die Freundschaft und das Vertrauen Ihres Nebenbuhlers zu gewinnen. Können Sie diese Sache auf sich nehmen?« »Es ist nicht sicher, daß sie mir gelingt.« »Ich bin vielleicht zu weit gegangen, aber ich habe ihm gesagt, Sie könnten durch Vermittlung der Herzogin von Grammont beim Minister alles erreichen.« »Ich darf sie natürlich nicht Lügen strafen und werde mich gerne bemühen.« Infolgedessen teilte Herr von *** mir in Gegenwart des Gesandten den Sachverhalt mit und überbrachte mir später alle Schriftstücke, die sich auf die übrigens sehr einfache Angelegenheit seines Neffen bezogen. Ich verbrachte die ganze Nacht damit, an die Herzogin von Grammont zu schreiben. Ich legte in meinen Brief alles Pathos, wodurch ich ihr Herz und dann das ihres Vaters rühren zu können glaubte. Hierauf schrieb ich auch an meine gute Frau von Urfé und sagte ihr, das Glück des hohen Ordens der Rosenkreuzer hänge davon ab, daß der König den Schweizer Offizier begnadigte, der wegen eines für unseren Orden sehr wichtigen Zweikampfes aus Frankreich habe fliehen müssen. Nachdem ich eine Stunde geruht und mich angekleidet hatte, ging ich zum Botschafter, um ihm den Brief an die Herzogin zu zeigen. Er fand ihn ausgezeichnet und bat mich, ihn auch dem Herrn von *** zu lesen zu geben. Ich fand diesen in der Nachtmütze; er war tief gerührt und dankbar, daß ich an dieser Sache, die ihm so sehr am Herzen liege, so innigen Anteil nehme. Er sagte mir, seine Frau sei noch nicht aufgestanden, er bitte mich jedoch zu warten, damit wir mit ihr frühstücken könnten. Der Vorschlag war sehr verlockend, aber ich dankte ihm und bat ihn, mich bei der gnädigen Frau zu entschuldigen, indem ich vorschützte, der Kurier werde bald abgehen, ich müsse daher meine Briefe fertig machen, damit sie keine Verspätungen erlitten. Wenn er wirklich eifersüchtig war, so brachte ich ihn auf eine falsche Fährte, indem ich so wenig Eifer zeigte, mit seiner Frau zusammenzukommen. Ich speiste mit Herrn von Chavigny allein; er lobte mein kluges Verhalten und versicherte mir, es könne gar nicht anders sein, als daß Herr von *** von nun an mein bester Freund sei. Hierauf zeigte er mir einen Brief von Voltaire; der berühmte Mann sprach ihm dadurch seine Dankbarkeit aus, daß er in der Schottin die Rolle des Montrose gespielt habe. Einen anderen Brief hatte er vom Marquis de Chauvelin erhalten, der damals bei dem Philosophen von Ferney in den Délices sich aufhielt. Er versprach ihm einen Besuch, bevor er nach Turin reise, wohin er als Gesandter gehe. Siebzehntes Kapitel Mein Landhaus. – Frau Dubois, – Die niederträchtige Lahme spielt mir einen bösen Streich. – Meine kummervolle Lage. Es war Cercle und Abendessen bei Hofe; so nannte man das Haus des Herrn von Chavigny oder vielmehr des französischen Botschafters in der Schweiz. Als ich in den Saal eintrat, sah ich meine Fee in der Ecke einen Brief lesen. Ich trat auf sie zu und entschuldigte mich bei ihr, daß ich nicht zum Frühstück geblieben sei; aber sie sagte mir, ich habe sehr wohl daran getan, und fügte hinzu: wenn ich bezüglich des Landhauses meine Wahl noch nicht getroffen hätte, bäte sie mich, jenes zu nehmen, das ihr Gatte mir wahrscheinlich am selben Abend noch anbieten würde. Mehr konnte sie mir nicht sagen, weil man sie abrief, um L'hombre zu spielen. Ich selber spielte an diesem Abend nicht, sondern hielt mich abwechselnd bei allen Spieltischen auf. Bei Tische sprach alle Welt mit mir über meine Gesundheit und meinen demnächstigen Landaufenthalt. Dies gab Herrn von *** Gelegenheit, mir von einer reizenden Wohnung an der Aare zu sprechen; man wolle sie jedoch, sagte er, nur auf sechs Monate vermieten. »Wenn sie mir nur gefällt, und wenn ich sie wieder verlassen kann, sobald ich will, so werde ich gern für die sechs Monate vorausbezahlen.« »Es ist ein herrlicher Saal darin.« »Um so besser! Ich werde einen Ball geben, um der guten Gesellschaft Solothurns meine Dankbarkeit für ihre wohlwollende Aufnahme zu bezeigen.« »Ist es Ihnen recht, wenn wir sie morgen besichtigen?« »Sehr gern.« »Nun, wenn es Ihnen also recht ist, werde ich Sie gegen acht Uhr abholen.« »Sie werden mich bereit finden.« Als ich nach Hause kam, bestellte ich eine Berline mit vier Pferden. Vor acht Uhr begab ich mich zu Herrn von ***, den ich schon bereit fand. Er fühlte sich sehr geschmeichelt, daß ich ihm zuvorgekommen war, und sagte mir: »Ich habe meine Frau eingeladen, uns zu begleiten; aber sie ist eine Faulenzerin, die ihr Bett dem Vergnügen einer Spazierfahrt vorzieht.« In weniger als einer Stunde gelangten wir ans Ziel, und ich fand ein herrliches Haus, das groß genug war, um den ganzen Hof eines deutschen Reichsfürsten darin unterzubringen. Außer dem Saale, den ich prachtvoll fand, bemerkte ich mit großem Vergnügen ein als Boudoir eingerichtetes Kabinett, dessen Wände ganz mit Kupferstichen von feinstem Geschmack bedeckt waren, einen schönen Garten mit verschiedenen Springbrunnen, ein Gemach, das sich sehr gut zum Baden einrichten ließ, mehrere schöne, sehr gut möblierte Zimmer, eine schöne Küche – mit einem Wort: alles gefiel mir, und ich bat Herrn von ***, den Vertrag für mich abzuschließen, so daß ich schon am dritten Tage einziehen könnte. Als wir wieder in Solothurn waren, sprach die gnädige Frau mir ihre große Freude aus, daß das Haus mir gefalle. Ich benutzte die Gelegenheit, ihr zu sagen, ich hoffe, Sie würden mir die Ehre erweisen, dort draußen oft bei mir zu speisen. Sie versprachen es mir. Hierauf zog ich aus der Westentasche eine Rolle von hundert Louis und übergab sie dem Herrn von ***, um die Miete für sechs Monate zu zahlen. Ich umarmte ihn, küßte seiner schönen Gemahlin ehrfurchtsvoll die Hand und begab mich zu Herrn von Chavigny. Er fand es sehr gut, daß ich das Haus gemietet hätte, weil ich damit meiner Schönen einen Gefallen täte, aber er fragte mich: »Ist es wahr, daß Sie draußen einen Ball geben wollen?« »Sehr wahr – wenn ich alles finden kann, was nötig ist, um ihn glänzend zu machen, und wenn der Plan Ihre Zustimmung hat.« »Das steht außer Frage, mein Lieber; alles was Sie nicht hier am Ort finden können, werden Sie von mir bekommen. Ah, ich sehe, Sie wollen Geld ausgeben! Gut so! Damit beseitigt man gar viele Hindernisse. Sie werden sofort zwei Lakaien erhalten, dazu einen vortrefflichen Koch, die Haushälterin und so viele Leute, wie Sie sonst noch brauchen. Mein Haushofmeister wird sie bezahlen; Sie rechnen dann mit ihm ab; er ist ein ehrlicher Mann. Ich werde zuweilen mal bei Ihnen einen Teller Suppe essen, und zur Belohnung für die Mühe der Fahrt werden Sie mir von Ihren Erfolgen erzählen. Ich halte die reizende Frau in hoher Achtung; sie benimmt sich so vorzüglich, wie man von ihrem jugendlichen Alter kaum erwarten sollte. Die Liebesbeweise, die sie Ihnen gibt, müssen sie Ihnen so teuer machen, daß Sie gewiß auf ihren guten Ruf Rücksicht nehmen werden. Weiß sie, daß ich in alles eingeweiht bin?« »Sie weiß, daß ich Ihnen von unserer Liebe erzählt habe, und sie ist nicht böse darüber, denn sie ist Ihrer Verschwiegenheit gewiß.« »Sie kann darauf rechnen. Sie ist ein köstliches Weib; vor dreißig Jahren würde ich selber versucht haben, sie zu verführen.« Ein Apotheker, den der Doktor mir empfohlen hatte, ging noch an demselben Tage nach meinem Landhause, um die Bäder zurecht zu machen, die mich von meiner vorgeblichen Krankheit heilen sollten. Am dritten Tage fuhr ich selber hinaus, nachdem ich Leduc befohlen hatte, mir mit meinen Sachen nachzukommen. Ich war sehr überrascht, beim Eintritt in meine neue Wohnung eine sehr hübsche Person vorzufinden, die in bescheidener Haltung auf mich zutrat, um mir die Hand zu küssen. Ich hielt sie davon ab, und sie errötete über das erstaunte Gesicht, das ich machte. »Gehören Sie zum Hause, Fräulein?« »Der Haushofmeister des Herrn Botschafters hat mich als Ihre Haushälterin engagiert.« »Entschuldigen Sie meine Überraschung. Führen Sie mich bitte in mein Zimmer.« Sie gehorchte, und als ich auf dem Sofa saß, lud ich sie ein, neben mir Platz zu nehmen; sie antwortete jedoch im sanftesten und bescheidensten Ton: »Dies ist eine Ehre, die ich mir nicht erlauben darf; ich bin nur Ihre Dienerin.« »Wie Sie wünschen, Fräulein. Aber ich hoffe, wenn ich allein bin, werden Sie keinen Anstand nehmen, mir bei Tische Gesellschaft zu leisten; denn es ist mir unangenehm, allein essen zu müssen.« »Ich werde Ihnen gehorchen, mein Herr.« »Wo ist Ihr Zimmer?« »Hier ist das Zimmer, das der Haushofmeister mir angewiesen hat, aber gnädiger Herr brauchen es mir nur zu sagen, wenn Sie wünschen, daß ich ein anderes nehme.« »Aber nein doch! Sie werden hier sehr gut aufgehoben sein.« Ihr Zimmer lag hinter meinem Alkoven. Ich trat mit ihr ein und war ganz verdutzt, als ich eine große Menge Kleider und in einer anstoßenden Kammer eine reiche Toiletteausrüstung, viele Wäsche, Schuhe, Stiefel und gestickte Pantoffeln erblickte. Stumm vor Erstaunen sah ich sie an und fand, daß sie eine edle und selbstbewußte, aber durchaus geziemende Haltung hatte. Trotzdem hielt ich es für angebracht, sie einer strengen Prüfung zu unterziehen, denn sie kam mir zu interessant und zu gut ausgerüstet vor, um nur eine Kammerfrau sein zu können. Ich kam auf den Gedanken, daß der Botschafter mir vielleicht einen Streich hätte spielen wollen; denn eine schöne, wohlerzogene Person von höchstens vier- bis fünfundzwanzig Jahren schien mehr zu meiner Geliebten als zu meiner Haushälterin geschaffen zu sein. Ich fragte sie daher, ob sie den Gesandten kenne und welchen Lohn man mit ihr vereinbart habe. Sie antwortete mir, sie kenne Herrn von Chavigny nur von Ansehen, und sein Haushofmeister habe ihr zwei Louis monatlich und eigenen Tisch versprochen. »Woher sind Sie? Wie heißen Sie?« »Mein Herr, ich bin aus Lyon, Witwe und heiße Dubois.« »Ich bin sehr erfreut, Sie in meinem Dienst zu haben. Wir werden uns wiedersehen.« Sie ließ mich allein, und ich fand sie unwillkürlich sehr interessant, denn ihre Sprechweise entsprach allem anderen, was ich von ihr gesehen hatte. Ich ging in die Küche hinunter, wo ich einen gut aussehenden Koch fand, der mir sagte, er heiße Rosier. Ich hatte seinen Bruder gekannt, der im Dienst des französischen Gesandten in Venedig stand. Er sagte mir, mein Abendessen würde um neun Uhr fertig sein. »Ich esse niemals allein,« sagte ich. »Ich weiß es, mein Herr, und der Tisch wird dementsprechend besetzt sein.« »Wieviel erhalten Sie?« »Vier Louis monatlich.« Hierauf sah ich mir auch meine anderen Leute an. Ich fand zwei intelligent aussehende Lakaien, von denen der eine mir sagte, er würde mir alle von mir gewünschten Weine besorgen. Ich besichtigte auch mein Bad, das ich aufs bequemste eingerichtet fand, und sah einen Apothekergehilfen, der damit beschäftigt war, verschiedene für meine sogenannte Heilung notwendige Sachen zurecht zu machen. Hierauf machte ich einen Spaziergang im Garten und trat auf dem Rückweg beim Pförtner ein; ich fand da eine zahlreiche Familie und darunter einige Mädchen, die nicht zu verachten waren. Da zu meiner Freude alle französisch sprachen, machte es mir Vergnügen, mich ziemlich lange mit ihnen zu unterhalten. In meiner Wohnung fand ich Leduc damit beschäftigt, meine Koffer auszupacken. Ich sagte ihm, er solle Frau Dubois meine Wäsche geben, und ging in ein anstoßendes hübsches Kabinett, worin ich ein Schreibpult und alles Nötige zum Schreiben fand. Dieses Kabinett hatte nur ein einziges Fenster nach Norden hinaus, aber man hatte eine Aussicht, die einem die glücklichsten Gedanken einflößen konnte. Ich erheiterte mich an dem herrlichen Anblick, als ich an meine Tür klopfen hörte. Es war meine schöne Haushälterin mit bescheidener und lachender Miene, die durchaus nicht darauf schließen ließ, daß sie sich beschweren wollte. »Was wünschen Sie, Madame?« »Mein Herr, ich bitte Sie, gütigst Ihrem Bedienten zu befehlen, daß er sich höflich gegen mich benimmt.« »Dies können Sie verlangen; inwiefern hat er sich gegen Sie verfehlt? »Seiner Ansicht nach vielleicht überhaupt nicht. Er wollte mich küssen, und da ich mich zur Wehre setzte, glaubte er sich herausnehmer zu dürfen, ein bißchen unverschämt zu sein.« »Inwiefern?« »Indem er sich über mich lustig machte. Sie werden entschuldigen mein Herr, aber ich liebe spöttische Menschen nicht.« »Sie haben ganz recht, meine Gute, denn die sind entweder dumm oder boshaft. Seien Sie ruhig, Leduc soll hören, daß er gegen Sie ehrerbietig zu sein hat. Sie werden mit mir zu Abend speisen.« Als einige Augenblicke darauf Leduc eintrat, befahl ich ihm, Frau Dubois mit Achtung zu behandeln. »Sie ist eine Zimperliese,« sagte der Bursche; »sie wollte sich nicht von mir küssen lassen.« »Du bist ein Flegel.« «Ist sie Ihre Kammerfrau oder Ihre Geliebte?« »Vielleicht ist sie meine Frau.« »Das ändert die Sache, gnädiger Herr. Das genügt. Ich werde Frau Dubois in Ruhe lassen und mein Heil anderwärts versuchen.« Mein Abendessen war köstlich. Ich war zufrieden mit meinem Koch, mit meinem Kellermeister, mit meiner Haushälterin und sogar mit meinem Spanier, der sie bei Tisch als vernünftiger Junge ohne alle Ziererei bediente. Nach dem Essen ließ ich den Lakaien und Leduc hinausgehen; als ich mit meiner allzu schönen Haushälterin allein war, die sich bei Tisch wie eine Frau von Welt benommen hatte, bat ich sie, mir ihre Geschichte zu erzählen. »Meine Geschichte, mein Herr, ist ebenso kurz wie wenig interessant. Ich bin in Lyon geboren, aber meine Eltern brachten mich nach Lausanne, wie sie mir selbst erzählt haben, denn ich war zu jung, als daß ich mich dessen erinnern könnte. Mein Vater, der in Diensten der Frau von Ermance stand, ließ mich im Alter von vierzehn Jahren als Waise zurück. Die Dame hatte mich gern, und da sie wußte, daß meine Mutter kein Vermögen hatte, so nahm sie mich zu sich. Als ich eben siebzehn Jahre alt geworden war, trat ich als Kammerzofe in den Dienst der Lady Montagu; einige Zeit darauf wurde ich die Frau ihres alten Kammerdieners Dubois. Wir reisten nach England, und drei Jahre nach meiner Heirat verlor ich in Windsor meinen Mann. Die englische Luft bedrohte mich mit der Schwindsucht; ich mußte Mylady bitten, sie verlassen zu dürfen. Da die Dame sah, wie schwach ich war, bezahlte sie mir die Reise und gab mir reiche Geschenke. Ich ging nach Lausanne zu meiner Mutter zurück und wurde bald wieder gesund. Dann trat ich in den Dienst einer englischen Dame, die mich sehr gern hatte und mich nach Italien mitgenommen haben würde, wenn sie nicht einen gewissen Verdacht auf den jungen Herzog von Rosbury geworfen hätte. Sie liebte ihn und glaubte, er sei in mich verliebt. Sie hielt mich auch für ihre geheime Nebenbuhlerin; aber sie täuschte sich. Sie entließ mich, indem sie mir sehr schöne Geschenke machte und mir ihr großes Bedauern aussprach, daß sie mich nicht behalten könnte. Ich ging zu meiner Mutter zurück, bei der ich zwei Jahre lang von meiner Hände Arbeit gelebt habe. Vor vier Tagen kam Herr Lebel, der Haushofmeister des Botschafters, zu mir und fragte mich, ob ich unter den Ihnen bekannten Bedingungen bei einem italienischen Herrn als Haushälterin eintreten wolle. Ich nahm dies an, weil ich hoffte, auf diese Weise Italien kennen zu lernen, und dieser Hoffnung muß ich meinen unbesonnenen Streich zuschreiben. Aber – ich bin nun einmal hier.« »Von welchem unbesonnenen Streich sprechen Sie, Madame?« »Daß ich in Ihren Dienst getreten bin, ohne Sie zu kennen.« »Ihre Offenheit gefällt mir. Sie wären also nicht gekommen, wenn Sie mich gekannt hätten?« »Nein, ganz gewiß nicht; denn ich werde keine Stelle mehr bei einer Dame finden, nachdem ich bei Ihnen gedient habe.« »Und warum denn nicht, bitte?« »Aber, mein Herr, glauben Sie denn, Sie können eine Haushälterin wie mich haben, ohne daß das Publikum glaubt, ich sei Ihnen etwas anderes?« »Nein, dazu sind Sie zu hübsch, und ich sehe nicht wie ein Polyp aus. Aber ich mache mir nichts daraus.« »Sie machen sich nichts daraus – das ist ganz schön und gut; an Ihrer Stelle würde ich mir auch nichts daraus machen. Aber ich bin eine Frau und bin abhängig; glauben Sie, daß ich mich ohne Schaden über gewisse Vorurteile hinwegsetzen kann?« »Das heißt, Frau Dubois, es wäre Ihnen lieb, nach Lausanne zurückzukehren.« »Nein, jetzt nicht; denn das würde Ihnen schaden.« »Wieso?« »Man würde natürlich sagen, Sie hätten mir durch Bemerkungen oder durch ein zu freies Benehmen mißfallen; und Sie selber würden vielleicht über mein Benehmen nicht sehr günstig urteilen.« »Aber ich bitte Sie, was könnte ich denn von Ihnen glauben?« »Vielleicht, daß ich mich Ihnen gegenüber aufspielen wolle.« »Dies wäre wohl möglich; denn wenn Sie ohne vernünftigen Grund plötzlich fortgingen, so würde mich das allerdings sehr ärgern. Trotzdem tun Sie mir leid; denn wenn Sie so denken, können Sie weder gerne gehen noch gerne bleiben. Sie müssen aber doch irgendeinen Entschluß fassen.« »Der ist schon gefaßt. Ich bleibe, und ich fühle mich beinahe schon sicher, daß mir dies nicht leid tun wird.« »Ihre Hoffnung freut mich; aber es ist eine Schwierigkeit dabei.« »Wollen Sie mir wohl sagen, welche?« »Ich muß es sogar, meine liebe Dubois. Seien Sie nicht mehr traurig, und vor allen Dingen geben Sie gewisse Skrupel auf.« »Sie werden mich niemals traurig sehen, das kann ich Ihnen versprechen. Aber wollen Sie mir wohl erklären, was Sie unter dem Wort Skrupel verstehen?« »Sehr gern. Nach der gewöhnlichen Annahme bedeutet das Wort Skrupel eine abergläubische Bosheit, die eine Handlung, welche nur unschuldig sein kann, für lasterhaft hält.« »Wenn eine Handlung mir zweifelhaft erscheint, bin ich niemals geneigt, sie übel auszulegen. Übrigens gebietet meine Pflicht mir nur, über mich zu wachen.« »Ich sehe, Sie haben viel gelesen.« »Lesen ist mein Hauptbedürfnis; ohne Lesen würde das Leben mir zur Last sein.« »Sie besitzen also Bücher?« »Viele. Verstehen Sie englisch?« »Kein Wort.« »Das tut mir leid, denn die englischen Bücher würden Ihnen Vergnügen machen.« »Ich liebe die Romane nicht.« »Ich auch nicht. Aber glauben Sie denn, es gebe in der englischen Literatur nur Romane? Da muß ich lachen! Warum halten Sie mich denn ohne weiteres für romanhaft?« »Da muß ich ebenfalls lachen! Ein solcher Einfall einer hübschen Frau gefällt mir sehr, und es freut mich, daß ich Sie zuerst zum Lachen gebracht habe.« »Entschuldigen Sie, wenn ich lache; ich ...« »Aber bitte, meine Liebe! Lachen Sie nur nach Herzenslust! Sie werden niemals ein besseres Mittel finden, um mich zu allem zu bringen, was Sie wünschen. Ich finde wirklich, Sie haben sich zu billig verdungen.« »Oh, mein Herr, auch darüber muß ich lachen, denn es steht ja bei Ihnen, meinen Lohn zu erhöhen.« »Ich fühle wohl, ich werde ihn erhöhen.« Ich stand vom Tisch auf. Ich war nicht verliebt, aber überrascht über diese junge Frau, die allem Anschein nach mich bei meiner schwachen Seite zu fassen verstand. Sie verstand zu sprechen und hatte mich gleich bei diesem ersten Gespräch so ziemlich in den Grund gebohrt. Da sie jung, schön, elegant, geistreich und von sehr vornehmem Wesen war, so konnte ich nicht ahnen, was sie noch mit mir anstellen würde. Es drängte mich, mit diesem Herrn Lebel zu sprechen, um ihm dafür zu danken, daß er mir ein solches Wunder verschafft hatte, noch mehr aber, um ihn über die Frau auszufragen. Nachdem der Tisch abgeräumt worden war, kam sie herein und fragte mich, ob ich Papierwickel trüge. »Das hat Leduc zu besorgen,« antwortete ich; »aber wenn Sie es wünschen, will ich Ihnen gern den Vorzug geben.« Sie legte mir die Haarwickel sehr geschickt, und ich sagte zu ihr: »Ich sehe voraus. Sie werden mich bedienen, wie Sie früher Lady Montagu bedienten.« »Nicht ganz. Aber da Sie Traurigkeit nicht lieben, muß ich Sie um eine Gnade bitten.« »Bitten Sie, meine Liebe!« »Ich bitte Sie, nicht zu verlangen, daß ich Sie im Bade bediene.« »Auf Ehre, daran habe ich wirklich nicht gedacht, meine Liebe. Das wäre ja ein Skandal! Leduc hat das zu besorgen.« »Verzeihen Sie mir, und gewähren Sie mir eine zweite Bitte!« »Sagen Sie nur frei heraus, was Sie wünschen!« »Gestatten Sie, daß ich eine von den Töchtern des Pförtners bei mir schlafen lasse.« »Wenn ich daran gedacht hätte, würde ich selber es Ihnen vorgeschlagen haben. Ist sie in Ihrem Zimmer?« »Nein.« »Rufen Sie sie!« »Lassen wir es bis morgen; denn wenn ich jetzt hinginge, könnte man darüber schwatzen.« »Ich sehe, Sie sind tugendhaft, meine reizende Dubois; seien Sie versichert, ich werde Sie nicht daran hindern, es auch fernerhin zu bleiben.« Sie half mir beim Auskleiden und mußte mich sehr bescheiden finden; aber ich konnte nicht umhin, mir zu gestehen, daß ich es nicht aus Tugend war. Mein Herz war von einer anderen eingenommen, und Frau Dubois hatte mir imponiert; vielleicht machte sie sich über mich lustig, aber hierüber dachte ich nicht weiter nach. Als ich am Morgen nach Leduc schellte, trat er mit den Worten ein, er hätte nicht gehofft, daß er die Ehre haben würde. »Du bist ein Flegel; halte sofort nach meinem Bade zwei Tassen Schokolade bereit.« Nachdem ich mein erstes kaltes Bad genommen hatte, das ich köstlich fand, legte ich mich wieder zu Bett. Frau Dubois trat in einem eleganten Morgenkleide und lächelnden Mundes bei mir ein. »Sie sehen ja so fröhlich aus, meine schöne Haushälterin!« »Ich bin es auch; denn ich fühle mich glücklich, zu Ihnen gekommen zu sein. Ich habe gut geschlafen, und in meinem Zimmer habe ich ein engelschönes Mädchen, das von nun an bei mir schlafen wird.« »Lassen Sie sie hereinkommen.« Sie rief, und ich sah ein scheues, häßliches Ding, von dem ich schnell den Blick abwandte. »Sie haben keine Nebenbuhlerin haben wollen, meine Liebe; aber wenn sie Ihnen recht ist, so bin ich ganz einverstanden. Sie werden mit mir frühstücken, und ich lade Sie ein, jeden Morgen eine Tasse ausgezeichneter Schokolade mit mir zu trinken.« »Das tue ich außerordentlich gern, denn ich liebe die Schokolade sehr.« Der Nachmittag verging sehr angenehm. Herr von Chavigny verbrachte mehrere Stunden bei mir. Er war mit allem zufrieden, besonders mit der schönen Haushälterin, von welcher Lebel ihm gar nichts gesagt hatte. »Sie ist«, sagte er, »ein ausgezeichnetes Mittel, Sie von der Liebe zu heilen, die Frau von *** Ihnen eingeflößt hat.« »Sie irren sich. Sie könnte mir wohl Liebe einflößen, aber ohne mich von jener zu heilen, die ich für meine Zauberin empfinde.« Am nächsten Tage sah ich im Augenblick, da ich mich mit meiner Haushälterin zu Tisch setzen wollte, einen Wagen auf den Hof fahren und meine greuliche Hinkende aussteigen. Mir war dies sehr unangenehm, indessen zwang mich die Höflichkeit, ihr entgegenzugehen und sie zu begrüßen. »Die Ehre, die Sie mir erweisen, gnädige Frau, ist mir gänzlich unerwartet.« »Dies wundert mich nicht. Ich möchte Sie um einen Dienst und um ein Mittagessen bitten.« »Bitte, treten Sie ein; es wird grade eben aufgetragen. Ich stelle Ihnen Frau Dubois vor.« Hiermit wandte ich mich zu meiner reizenden Haushälterin und sagte ihr, die Dame werde mit uns speisen. Frau Dubois spielte die Hausfrau und machte ganz ausgezeichnet die Honneurs; die Hinkende betrug sich trotz ihrem Adelstolz sehr gut gegen sie. Ich sprach während der Mahlzeit keine zwanzig Worte und behandelte die abscheuliche Person ohne alle Rücksicht; indessen war ich ungeduldig, zu erfahren, was für einen Dienst sie wohl von mir erwarten könnte. Sobald Frau Dubois hinausgegangen war, sagte sie mir ohne Umschweife, sie bäte mich, ihr für drei Wochen oder höchstens einen Monat zwei Zimmer abzutreten. Überrascht ob einer solchen Frechheit sagte ich ihr, dies wäre ein Dienst, den ich ihr unmöglich leisten könnte. »Sie können ihn mir nicht verweigern, denn die ganze Stadt weiß, daß ich eigens hinausgefahren bin, um Sie darum zu bitten.« »Nun, potzblitz, so wird die ganze Stadt erfahren, daß ich Ihnen die Bitte abgeschlagen habe. Ich will allein sein, völlig allein, und will meine volle Freiheit haben. Jede Art von Gesellschaft würde mich belästigen.« »Ich werde Sie in keiner Weise belästigen, und es steht nur bei Ihnen, meinen Aufenthalt unter Ihrem Dach völlig unbeachtet zu lassen. Ich werde es Ihnen durchaus nicht übel nehmen, wenn Sie sich nicht nach meinem Befinden erkundigen, und werde mich nicht nach dem Ihrigen erkundigen, selbst wenn Sie wirklich krank sein sollten. Ich werde mir von meiner Magd in der kleinen Küche mein Essen bereiten lassen, und werde mich nur dann in den Garten begeben, wenn ich sicher bin, daß Sie nicht dort sind. Sagen Sie mir jetzt, ob die einfachste Höflichkeit Ihnen gestattet, mir meine Bitte abzuschlagen.« »Wenn die einfachsten Gebote des Anstandes Ihnen vertraut wären, Madame, so würden Sie nicht darauf bestehen, von mir einen Dienst zu verlangen, den ich Ihnen in aller Form verweigert habe, was ich hiermit wiederhole.« Sie schwieg, aber meine Worte hatten offenbar keinen Eindruck gemacht. Mir war zumute, wie wenn ich ersticken sollte. Ich ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und dachte daran, sie als eine Verrückte hinauswerfen zu lassen. Dann dachte ich jedoch daran, daß sie Verwandte hatte, die in der Gesellschaft einen hohen Rang einnahmen, und daß ich durch schonungslose Behandlung sie zu einer Feindin machen konnte, die imstande wäre, eine schreckliche Rache auszuüben; und daß endlich Frau von *** vielleicht alle gewaltsamen Entschlüsse gegen die Megäre mißbilligen könnte. Ich sagte daher zu ihr: »Nun gut, gnädige Frau, Sie sollen die Wohnung haben, die Sie auf so zudringliche Weise verlangen, und eine Stunde, nachdem Sie hier eingetroffen sind, werde ich nach Solothurn zurückkehren.« »Ich nehme die Wohnung an und werde übermorgen einziehen. Ihre Drohung, nach Solothurn zurückzukehren, macht auf mich keinen Eindruck; denn die ganze Stadt würde Sie auslachen.« Nach dieser unverschämten Bemerkung stand sie auf und verließ das Zimmer, ohne mich zu grüßen. Ich ließ sie hinausgehen, ohne mich vom Fleck zu rühren. Ich war wie betäubt. Einen Augenblick nachher bereute ich, nachgegeben zu haben, denn ihre freche Zumutung war beispiellos. Ich fand mich dumm und lächerlich. Ich hätte die Sache scherzhaft nehmen sollen; ich konnte ihr auf feine Art die Tür weisen, ihr sagen, sie sei toll, und sie zum Verlassen meines Hauses nötigen, indem ich alle meine Leute zu Zeugen anrief. Meine liebe Dubois kam herein; ich erzählte ihr die Geschichte, über die sie ganz starr war. Sie sagte: »Ein Verlangen solcher Art ist unwahrscheinlich, und Ihre Einwilligung in eine derartige Erpressung ist ebenso unwahrscheinlich, es sei denn, daß Sie ganz bestimmte Gründe hätten.« Sie hatte vollkommen recht; da ich sie jedoch nicht in die Verhältnisse einweihen wollte, so beschloß ich zu schweigen und ging aus, um meiner Galle Luft zu machen. Ermüdet kam ich nach Hause; denn ich hatte einen starken Spaziergang gemacht. Ich aß mit der Dubois zu Abend, und wir blieben bis nach Mitternacht bei Tisch. Ihre Unterhaltung gefiel mir immer mehr; sie war sehr fein gebildet, sprach gewandt und erzahlte mit reizender Anmut eine Menge Anekdoten und Witze. Sie hatte keine Vorurteile, wohl aber Grundsätze. Ihre Sittsamkeit beruhte mehr auf Grundsätzen, als auf Tugend; aber wenn sie nicht ein starkes Ehrgefühl gehabt hätte, würden ihre Grundsätze sie nicht gegen die Verirrungen der Leidenschaft und gegen die Verführung des Lasters geschützt haben. Der Auftritt mit der schamlosen Hinkenden hatte mich dermaßen aufgeregt, daß ich mich nicht enthalten konnte, am nächsten Morgen in aller Frühe zu Herrn von Chavigny zu fahren und ihm die Geschichte zu erzählen. Ich sagte Frau Dubois, sie möchte nicht auf mich warten, wenn ich zum Mittagessen nicht zurück wäre. Herr von Chavigny hatte bereits von der Hinkenden erfahren, daß sie mich aufsuchen wollte; aber er lachte laut auf, als er hörte, wie sie es angefangen hatte, um ihren Zweck zu erreichen. »Eure Exzellenz finden dies komisch; aber ich nicht.« »Ich sehe es; aber folgen Sie meinem Rat und tun Sie, wie wenn Sie zuerst darüber lachten. Benehmen Sie sich in allem, wie wenn Sie gar nicht wüßten, daß sie Ihre Nachbarin ist, und sie wird genügend bestraft sein. Man wird natürlich sagen, daß sie in Sie verliebt sei und daß Sie sie verschmäht haben. Erzählen Sie diese scherzhafte Geschichte Herrn von *** und bleiben Sie ohne Umstände zum Essen bei ihm. Ich habe mit Lebel über Ihre schöne Haushälterin gesprochen. Der gute Mann hat sich nichts Böses dabei gedacht. Als er nach Lausanne reiste, hatte ich ihm gerade eine Stunde vorher den Auftrag gegeben, Ihnen eine gute Haushälterin zu besorgen; unterwegs fiel ihm dies ein, er dachte an die ihm bekannte Frau Dubois, und die Sache kam ohne irgendeine Absichtlichteit zustande. Sie ist für Sie ein Glücksfund, ein wahres Kleinod; denn wenn Sie neugierig auf sie wären, so wird sie, denke ich, Sie nicht schmachten lassen.« »Das ist nicht sicher; sie scheint Grundsätze zu haben.« »Nun, ich denke, Sie werden sich dadurch nicht anführen lassen. Ich lade mich zu morgen ein, bei Ihnen selbdritt zu speisen, und werde sie mit Vergnügen plaudern hören.« Herr von *** empfing mich auf das freundschaftlichste und wünschte mir Glück zu der schönen Eroberung, die meinen Landaufenthalt zu einer Zeit der Wonne machen müsse. Ich ging natürlich auf den Scherz ein, und tat dies um so lieber, da auch die Frau mir die gleichen Komplimente machte, obgleich sie die Wahrheit ahnte. Aber ihre liebenswürdigen Scherze nahmen bald eine andere Richtung, als ich ihnen die Geschichte ausführlich erzählte. Sie erbleichten vor Entrüstung, und Herr von *** sagte mir: wenn sie mir wirklich lästig wäre, so läge es nur an mir, ihr durch die Regierung den Befehl zustellen zu lassen, mein Haus nicht mehr zu betreten. Ich antwortete hierauf: »Dieses Mittels will ich mich nicht bedienen; denn abgesehen davon, daß ich sie entehren würde, so wäre es auch ein Zeichen meiner Schwäche; denn schließlich muß doch jeder wissen, daß ich in meinem Hause Herr bin, und daß es ohne meine Einwilligung ihr unmöglich sein würde, sich an einem Ort festzusetzen, wo ich allein zu befehlen habe.« »Dies ist auch meine Meinung,« sagte Frau von ***; »ich gebe Ihnen recht, daß Sie ihrem zudringlichen Verlangen nachgegeben haben. Dies beweist Ihre Höflichkeit. Ich werde ihr einen Besuch machen und ihr zu der guten Aufnahme Glück wünschen; denn sie hat mich von dem Erfolg ihres Schrittes in Kenntnis gesetzt.« Ich sprach nicht mehr davon und nahm ihre Einladung zum Mittagessen an. Ich benahm mich freundschaftlich, aber mit jener auserlesenen Höflichkeit, die dem Verdacht keinen Raum läßt; der Gatte schöpfte denn auch keinen. Die liebenswürdige Fee fand eine Gelegenheit, mir unbemerkt zu sagen, ich hätte wohl daran getan, dem frechen Verlangen der greulichen Hexe nachzugeben; wenn Herr von Chauvelin wieder abgereist wäre, könnte ich ihren Gatten einladen, einige Tage bei mir zu verbringen, und ohne Zweifel werde sie auch dabei sein. »Die Frau ihres Pförtners ist meine Amme; ich erweise ihr Wohltaten und kann nötigenfalls durch sie ohne Gefahr Ihnen schreiben.« Nachdem ich zwei italienischen Jesuiten, die auf der Durchreise in Solothurn waren, einen Besuch gemacht und sie für den nächsten Tag zum Essen eingeladen hatte, fuhr ich nach Hause, wo die reizende Dubois mich bis Mitternacht durch philosophische Gespräche unterhielt. Sie liebte Locke. Sie sagte, die Fähigkeit des Denkens sei kein Beweis für das geistige Wesen unserer Seele, denn es stehe in Gottes Macht, unserer körperlichen Organisation die Fähigkeit des Denkens zu verleihen, und ich konnte ihr nicht widersprechen. Ich mußte herzlich lachen, als sie mir sagte, zwischen denken und richtig urteilen sei ein großer Unterschied, und erkühnte mich ihr zu sagen: »Ich denke, Sie würden richtig urteilen, wenn Sie sich überreden würden, bei mir zu schlafen; und Sie glauben richtig zu urteilen, wenn Sie sich nicht darauf einlassen.« »Glauben Sie mir, mein Herr,« antwortete sie, »zwischen der Vernunft des Mannes und der des Weibes ist ein ebenso großer Unterschied, wie zwischen der körperlichen Beschaffenheit der beiden Geschlechter.« Am nächsten Morgen um neun Uhr tranken wir gerade unsere Schokolade, als die Hinkende ankam. Ich hörte ihren Wagen, aber ich rührte mich nicht von der Stelle. Das häßliche Geschöpf schickte den Wagen wieder fort und richtete sich mit einer Kammerfrau in der Wohnung ein. Ich hatte Leduc nach Solothurn geschickt, um meine Briefe von der Post abzuholen, und mußte daher meine Haushälterin bitten, mich zu frisieren; sie machte dies ausgezeichnet, als ich ihr gesagt hatte, daß wir den Herrn Botschafter und die beiden Jesuiten zu Tisch haben würden. Ich dankte ihr, indem ich sie zum erstenmal auf die Wange küßte, denn sie erlaubte mir nicht, ihre schönen Lippen zu berühren. Ich fühlte, daß die Liebe durch alle Poren in uns eindrang; aber wir blieben vernünftig, was ihr wegen der dem schönen Geschlecht angeborenen Koketterie weniger schwer wurde als mir; denn diese Koketterie ist oft mächtiger als die Liebe. Herr von Chavigny kam um zwei Uhr. Ich hatte die Jesuiten nur mit seiner Einwilligung eingeladen und hatte ihnen meinen Wagen geschickt. Bis die Herren kamen, gingen wir spazieren, und Herr von Chavigny bat meine hübsche Haushälterin, uns nachzukommen, sobald sie einige kleine Haushaltungsgeschäfte erledigt hätte, die sie in dem Augenblicke verhinderten, das Haus zu verlassen. Herr von Chavigny war einer von den Männern, die Frankreich aufsparte, um sie in geeignetem Augenblick zu solchen Mächten zu schicken, die es verführen und in sein Interesse ziehen wollte. Ein solcher Mann war Herr de l'Hôpital, der das Herz der Kaiserin Elisabeth Petrowna zu gewinnen wußte; ein solcher Mann war auch der Herzog von Nivernois, der im Jahre 1762 das Kabinett von St.-James nach seinem Gefallen lenkte. Frau Dubois, die uns inzwischen eingeholt hatte; unterhielt uns sehr angenehm, und Herr von Chavigny sagte, er finde an ihr alle Eigenschaften, um einen Mann glücklich zu machen. Sie bezauberte ihn vollends, als sie bei Tisch die beiden Jesuiten durch die feinsten und geistreichsten Scherze ins Gedränge brachte. Am Abend sagte der wundervolle alte Herr zu mir, er habe einen glücklichen Tag verbracht; nachdem er mich noch eingeladen hatte, während des Aufenthaltes des Herrn von Chauvelin bei ihm zu speisen, und mich herzlich umarmt hatte, fuhr er ab. Herr von Chauvelin, den ich in Versailles beim Herrn Herzog von Choiseul kennen zu lernen die Ehre gehabt hatte, war ein sehr liebenswürdiger Mann. Er kam zwei Tage darauf in Solothurn an, und da der Botschafter mir Bescheid sagen ließ, beeilte ich mich, ihm meine Aufwartung zu machen. Er erkannte mich wieder und stellte mich seiner Gemahlin vor, die ich noch nicht die Ehre hatte zu kennen. Da ich bei Tisch zufällig neben meiner Schönen saß, geriet ich in fröhliche Stimmung und erzählte eine Menge scherzhafter Sachen, die alle Anwesenden in heitere Laune versetzten. Als Herr von Chauvelin bemerkte, er wisse mehrere hübsche Geschichtchen über mich, sagte Herr von Chavigny ihm, die schönste kenne er noch nicht, und erzählte mein Züricher Abenteuer. Herr von Chauvelin sagte zu Frau von ***: um sie zu bedienen, würde er sogar zum Lakaien werden, worauf Herr von *** das Wort ergriff und ihm sagte, ich hätte einen viel feineren Geschmack, denn die Dame, um derenwillen ich den Kellner gespielt hätte, wohne in meinem Landhause unter einem Dache mit mir. »Nun, Herr Casanova,« rief Herr de Chauvelin, »da kommen wir alle hinaus und machen Ihnen einen Besuch.« Ich wollte ihm antworten, Herr von Chavigny kam mir jedoch zuvor und sagte: »Ei, gewiß! Ich hoffe, er wird mir seinen schönen Saal leihen, um dort Sonntag einen Ball zu geben.« Auf diese Weise verhinderte mich der liebenswürdige Hofkavalier, mich zu verpflichten, selber einen Ball zu geben, und entband mich von meinem prahlerischen Versprechen, das man mir übel ausgelegt haben würde, denn ich hätte damit in die Rechte des Botschafters eingegriffen, der allein seine erlauchten Gäste während der fünf oder sechs Tage des Solothurner Aufenthaltes bewirten durfte. Außerdem hätte meine Prahlsucht mich zu einer beträchtlichen Ausgabe verleitet, die für mich ganz zwecklos gewesen wäre. Von Voltaire kam das Gespräch auf die Schottin, und man rühmte meine Nachbarin, die darüber errötete und schön wie ein Stern wurde, was zu neuen Lobpreisungen Anlaß gab. Nach dem Essen lud der Gesandte uns alle für den nächsten Tag zum Ball ein. Ich fuhr nach meinem Landhause zurück, verliebter denn je in meine wunderbare Amazone, die der Himmel erschaffen hatte, um mir das schwerste Leid meines ganzen Lebens zu bereiten, wie der Leser bald sehen wird. Ich fand meine Haushälterin schon zu Bett, und dies war mir lieb, denn die Nähe meiner schönen *** hatte mich dermaßen entflammt, daß meine Vernunft wahrscheinlich nicht imstande gewesen wäre, mich innerhalb der Schranken des Respekts zu halten. Am anderen Morgen fand sie mich traurig; aber sie eröffnete gegen mich eine Plänkelei, die meine Seele wieder heiter machte. Während wir die Schokolade tranken, ließ die Kammerfrau der Hinkenden sich melden und übergab mir einen Brief; ich schickte sie fort, indem ich ihr sagte, mein Bedienter würde ihrer Herrin die Antwort überbringen. Das eigentümliche Billet lautete folgendermaßen: »Der Herr Botschafter hat mich für Sonntag zum Ball einladen lassen. Ich habe antworten lassen, ich befände mich nicht wohl; sollte es mir jedoch gegen Abend besser gehen, so würde ich teilnehmen. Mir scheint, da ich bei Ihnen wohne, so muß ich von Ihnen selber eingeführt werden, oder darf überhaupt nicht erscheinen. Wenn Sie also keine Lust haben, mir dieses Vergnügen zu erweisen und mich auf den Ball zu führen, so bitte ich Sie, tun Sie mir den Gefallen und sagen Sie, daß ich krank sei. Entschuldigen Sie, daß ich geglaubt habe, in diesem ganz besonderen Falle gegen unsere Abmachungen verstoßen zu dürfen, denn es gilt doch, dem Publikum gegenüber zum mindesten den äußeren Schein zu wahren.« »Nein!« rief ich, außer mir vor Entrüstung. Ich ergriff eine Feder und schrieb folgende Zeilen: »Ich finde Ihre Ausrede köstlich, gnädige Frau. Man wird sagen, daß Sie krank seien, denn ich bleibe den Bedingungen getreu, die Sie selber aufgestellt haben, und da ich meiner vollen Freiheit genießen will, so werde ich nicht die Ehre haben, Sie auf den Ball zu führen, den der Herr Botschafter so freundlich ist, in meinem Saale geben zu wollen.« Ich gab meiner Haushälterin den unverschämten Brief und meine Antwort zu lesen; sie fand, diese sei so, wie die freche Person sie verdiene. Hierauf schickte ich meinen Brief an die Adresse. In köstlicher Ruhe verbrachte ich die beiden nächsten Tage zu Hause. Ich sah keinen Menschen; aber die Gesellschaft meiner lieben Dubois war vollkommen ausreichend. Am Sonntag kamen in aller Frühe die Leute des Gesandten, um die nötigen Vorbereitungen für den Ball und das Abendessen zu treffen. Als ich bei Tisch saß, kam Lebel, um mir seine Aufwartung zu machen. Ich ließ ihn Platz nehmen und dankte ihm für das schöne Geschenk, das er mir gemacht, indem er mir eine so vollkommene Haushälterin besorgt hätte. Lebel war ein schöner Mann, mittleren Alters, von heiterem, seinem Stande angemessenem Wesen, und ein vollkommener Ehrenmann. »Wer von Ihnen beiden ist mehr eingegangen?« fragte er mich. »Da ist von einem mehr oder weniger nicht die Rede,« sagte meine liebenswürdige Hausdame, »denn wir sind beide gleich sehr miteinander zufrieden.« Zu meiner Freude waren Herr und Frau *** das erste Paar, das am Abend erschien. Sie war sehr nett gegen Frau Dubois und ließ nicht die geringste Überraschung merken, als ich ihr diese als meine Haushälterin vorstellte. Sie sagte mir, ich könnte nicht umhin, Sie zu der Hinkenden zu führen, und trotz meinem Widerstreben mußte ich ihr wohl gehorchen. Wir wurden mit dem Anschein herzlichster Freundschaft empfangen; die Hinkende ging mit uns in den Garten, um einen Spaziergang zu machen. Herr von *** reichte ihr seinen Arm, während meine Zauberin sich verliebt auf den meinigen stützte. Nachdem wir ein paarmal um den Garten herumgegangen waren, bat Frau von *** mich, sie zu ihrer Amme zu führen. Da ihr Gemahl in der Nähe war, fragte ich sie: »Wer ist denn Ihre Amme, gnädige Frau?« »Die Frau Ihres Pförtners,« beeilt der Gatte sich zu antworten; »wir werden bei der gnädigen Frau auf Sie warten.« »Sagen Sie mir, lieber Freund,« fragte sie mich unterwegs, »ob Ihre hübsche Haushälterin nicht bei Ihnen schläft?« »Nein! Ich schwöre es Ihnen! Ich kann nur Sie lieben.« »Ich will es gerne glauben, obgleich es mir schwierig erscheint. Aber wenn Sie die Wahrheit sagen, tun Sie unrecht, sie zu behalten, denn kein Mensch wird es glauben.« »Es genügt mir, wenn Sie überzeugt sind, daß ich Ihnen nichts vorlüge. Ich lasse der jungen Frau volle Gerechtigkeit widerfahren, und ich begreife, daß wir zu keiner anderen Zeit unter einem Dache schlafen könnten, ohne dasselbe Bett zu teilen; aber in dem Zustande, in den Sie mein Herz versetzt haben, kann ich nicht in sie verliebt werden.« »Ich glaube es Ihnen herzlich gern, aber ich finde sie sehr hübsch!« Wir traten bei der Amme ein, die sie ihr Töchterchen nannte und mit Liebkosungen überhäufte; hierauf ließ sie uns allein, um eine Limonade zu bereiten. Kaum waren wir allein, so preßte Mund sich auf Mund, und meine Hände betasteten tausend Schönheiten, die nur durch ein leichtes Tafftkleid verhüllt waren. Leider konnte ich sie nur durch diese Hülle hindurch genießen, die um so verräterischer war, da sie keinen von den Reizen des wonnigen Weibes verbarg. Ich bin überzeugt, die treffliche Amme hätte länger auf sich warten lassen, wenn sie geahnt hätte, wie sehr wir es nötig hatten, noch einige Augenblicke länger miteinander allein zu sein. Aber ach! niemals wurden zwei Limonaden schneller zubereitet! »Sie war also schon fertig!« rief ich, als ich die Frau erscheinen sah. »O nein, gnädiger Herr! Aber ich bin flink!« »Ja – sehr!« Über diese doppelte Naivität lachte meine reizende Freundin hell auf, indem sie mich zugleich mit einem sehr bedeutungsvollen Blick ansah. Auf dem Rückwege sagte sie mir: da das Schicksal immer noch gegen uns wäre, so müßten wir, um glücklicher zu werden, warten, bis ihr Gemahl sich entschlösse, einige Tage bei mir zu verbringen. Die greuliche Hinkende bot uns eingemachte Früchte an, die sie sehr lobte, besonders ein Quittenmus, das sie uns dringend aufnötigte. Wir lehnten ab, und Frau von *** trat mir dabei auf den Fuß. Als wir draußen waren, sagte sie mir, ich hätte gut daran getan, nichts anzurühren, denn man habe die Hinkende im Verdacht, ihren Mann vergiftet zu haben. Ball, Abendessen, Erfrischungen und Gäste waren köstlich und glänzend. Ich tanzte mit Frau von Chauvelin nur ein einziges Menuett, da ich fast die ganze Nacht hindurch mit ihrem Gemahl plauderte. Ich schenkte ihm meine Übersetzung seines kleinen Gedichtes über die sieben Todsünden; er nahm sie mit großem Vergnügen an. »Ich werde«, sagte ich zu ihm, »Ihnen in Turin einen Besuch machen.« »Werden Sie Ihre Haushälterin mitbringen?« »Nein.« »Da tun Sie aber sehr unrecht, denn sie ist eine reizende Person.« Alle Welt sprach von meiner lieben Dubois wie Herr de Chauvelin. Sie hatte ein sehr feines Schicklichkeitsgefühl und wußte sich Achtung zu verschaffen, ohne jemals über die Grenzen ihrer Stellung hinauszugehen. Vergeblich nötigte man sie zu tanzen; sie sagte mir später, wenn sie den Bitten nachgegeben hätte, würde sie sich den Haß aller Damen zugezogen haben. Sie wußte sehr wohl, daß sie zum Entzücken tanzte. Am zweiten Tage darauf reiste Herr von Chauvelin ab, und am Ende der Woche erhielt ich einen Brief von Frau d'Urfé; sie schrieb mir, sie habe zwei Tage in Versailles verbracht, um meine Angelegenheit zum guten Ende zu führen. Sie schickte mir eine Abschrift des vom König unterzeichneten Begnadigungsbriefes zugunsten des Verwandten des Herrn von *** und versicherte mir, das Original sei an den Obersten des Regimentes geschickt worden, in das der junge Mann mit seinem früheren Range wieder eintreten würde. Ich ließ anspannen, um in aller Eile diese gute Nachricht Herrn von Chavigny zu überbringen. Ich war wonnetrunken und verhehlte meine Freude nicht vor dem Gesandten, der mir viele Komplimente machte: Herr von *** habe durch meine Vermittelung, ohne einen Heller auszugeben, erlangt, was er sehr teuer hätte bezahlen müssen, wenn er es überhaupt um Geld hätte erhalten können; er müsse sich daher glücklich schätzen, mir sein volles Vertrauen zu bezeigen. Um der Sache einen möglichst wichtigen Anstrich zu verleihen, bat ich den alten Herrn, sich die Mühe zu machen und selber dem Herrn von *** diese Begnadigung mitzuteilen. Er schrieb ihm sofort einige Zeilen und bat ihn bei ihm vorzusprechen. Als Herr von *** erschien, gab der Botschafter ihm die Abschrift und sagte ihm, er verdanke nur mir allein diesen glücklichen Ausgang. Der wackere Mann war außer sich vor Freude und fragte mich, wieviel er mir schuldig sei. »Nichts, mein Herr, als Ihre Freundschaft, die ich höher schätze als alles Gold der Welt; und wenn Sie mir einen recht großen Beweis derselben geben wollen, so tun Sie mir die Ehre an, einige Tage bei mir zu verbringen, denn ich sterbe vor Langeweile. Die Angelegenheit, womit Sie mich beauftragt hatten, muß von geringer Bedeutung sein, denn Sie sehen, mit welcher Schnelligkeit man Ihren Wunsch erfüllt hat.« »Von geringer Bedeutung? Mein werter Herr, seit einem Jahre habe ich alle meine Mittel aufgeboten; ich habe Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, ohne etwas zu erreichen, und Sie setzen es in vierzehn Tagen durch. Verfügen Sie über mein Leben!« »Umarmen Sie mich und kommen Sie zu mir zu Besuch. Ich fühle mich überglücklich, wenn ich einem Mann wie Ihnen gefällig sein kann.« »Ich will die gute Nachricht sofort meiner Frau mitteilen; sie wird Ihnen dafür ebenso dankbar sein wie ich.« »Ja, gehen Sie!« sagte der Botschafter zu ihm, »und lassen Sie uns morgen selbviert miteinander speisen.« Als wir allein waren, machte der Marquis von Chavigny als alter Höfling und geistvoller Mann sehr philosophische Bemerkungen über den Hof eines Herrschers, wo an und für sich nichts leicht oder schwer sei, weil in jedem Augenblick das Leichte schwer und das Schwere leicht werde, und wo man oft der Gerechtigkeit versage, was man der Gunst oder gar der Zudringlichkeit bewillige. Er hatte Frau von Urfé gekannt; er hatte ihr sogar zu einer Zeit den Hof gemacht, als der Regent ein geheimes Liebesverhältnis mit ihr hatte. Er hatte ihr den Spitznamen Egeria gegeben, weil sie sagte, sie hätte einen Genius, der sie begeistere und jede Nacht zu ihr komme, wenn sie allein schlafe. Hierauf sprach er mit mir über Herrn von ***, der für mich die größte Freundschaft fühlen müßte. »Das richtige Mittel, einem eifersüchtigen Gatten Hörner aufzusetzen besteht darin, seine Zuneigung zu gewinnen, denn unter Freunden ist Eifersucht fast unmöglich.« Als wir am nächsten Tage alle vier miteinander speisten, sprach Frau von ***, durch die Dankbarkeit dazu ermächtigt, auf tausendfache Art mir ihre Freundschaft aus, und mein Herz deutete ihre Worte als Beweise der Liebe. Beide versprachen mir, im Laufe der folgenden Woche drei Tage in meinem Landhaus zuzubringen. Sie hielten Wort, ohne mir ihre Ankunft vorher zu melden; aber ich wurde dadurch nicht überrascht, denn ich hatte alles vorbereitet, um sie gut zu empfangen. Mein Herz bebte vor Freude, als ich meine Zauberin aus dem Wagen steigen sah; aber diese Freude war nicht ungemischt, denn Herr von *** kündigte mir an, sie müßten unbedingt am vierten Tage nach Solothurn zurückkehren, und seine Frau sagte mir, es sei unerläßlich, die abscheuliche Witwe stets zu unseren Unterhaltungen zuzuziehen. Ich führte meine Gäste in die Zimmer, die ich für sie hatte zurecht machen lassen, da sie mir für meine Absichten am passendsten schienen. Sie lagen im Erdgeschoß, den meinigen gegenüber. Das Schlafzimmer hatte einen Alkoven mit zwei Betten, die durch eine Scheidewand mit einer Verbindungstür voneinander getrennt waren. Man gelangte dorthin durch zwei Vorzimmer, von denen das erste eine Tür nach dem Garten hatte. Zu allen diesen Türen besaß ich die Schlüssel; die Kammerfrau schlief in einer Kammer jenseits des Vorzimmers. Dem Wunsche meiner Göttin gehorsam, gingen wir zu der Hinkenden, die uns sehr gut aufnahm; sie weigerte sich jedoch, während der drei Tage sich unserer Gesellschaft anzuschließen, indem sie sagte, sie wolle uns unsere Freiheit lassen. Doch gab sie nach, als ich erklärte, daß unsere Bedingungen nur Gültigkeit hätten, wenn wir allein wären. Meine liebe Dubois hatte ein zu feines Schicklichleitsgefühl, um nicht, ohne daß ich ihr ein Wort zu sagen brauchte, sich das Essen auf ihr Zimmer bringen zu lassen. Wir hielten zu vieren eine köstliche Mahlzeit, denn ich hatte Befehle gegeben, die Tafel besonders reich zu besetzen. Nach dem Abendessen führte ich meine Gäste in ihre Zimmer. Hierauf konnte ich nicht umhin, auch die Witwe in ihre Wohnung zu begleiten. Sie lud mich ein, ihrer Nachttoilette beizuwohnen; aber ich ersparte mir dies, indem ich ihr meine Verbeugung machte. Sie sagte mir spöttisch, nachdem ich mich so gut aufgeführt hätte, verdiente ich es, das Ziel meiner Wünsche zu erreichen. Ich antwortete ihr kein Wort. Am nächsten Morgen sagte ich meiner Schönen bei einem Spaziergang in meinem Garten, ich hätte alle Schlüssel und könnte jederzeit zu ihr gelangen. »Ich erwarte«, sagte sie, »einen Besuch meines Mannes; denn er hat diesen durch die bei ihm in solchen Fällen üblichen Liebkosungen bereits angedeutet; Sie müssen also Ihren Ausflug auf die nächste Nacht verschieben. Dann wird er keine Schwierigkeiten bieten, denn es ist noch niemals vorgekommen, daß er zwei Nächte hintereinander der Liebe gehuldigt hat.« Gegen Mittag erhielten wir den Besuch des Herrn von Chavigny, der sich bei mir zum Essen einlud; als er aber sah, daß meine Haushälterin in ihrem Zimmer speiste, schlug er Lärm. Die Damen gaben ihm recht, und wir gingen alle zusammen zu ihr und nötigten sie, sich mit uns zu Tisch zu setzen. Ohne Zweifel schmeichelte ihr dieses und kam ihrer guten Laune zu statten; denn sie ergötzte uns durch eine Menge witziger Bemerkungen und durch die pikantesten Anekdoten über Lady Montagu. Nach Tisch sagte Frau von *** zu mir: »Es ist unmöglich, daß Sie nicht in die junge Frau verliebt sind, denn sie ist entzückend.« »Ich werde Ihnen beweisen, daß ich nur in Sie verliebt bin, wenn ich heute Nacht ein paar Stunden in Ihren Armen verbringen kann.« »Leider ist es mir unmöglich; denn mein Gatte hat bemerkt, daß heute Mondwechsel ist.« »Er braucht also die Erlaubnis des Mondes, um eine so süße Pflicht bei Ihnen zu erfüllen?« »Ganz recht. Dies ist, nach seiner Astrologie, das Mittel, seine Gesundheit zu erhalten und einen Sohn zu bekommen, den der Himmel ihm gewähren möge; denn ohne dessen Beihilfe ist es kaum wahrscheinlich, daß seine Wünsche in Erfüllung gehen.« »Ich hoffe das Werkzeug des Himmels zu sein!« rief ich lachend. »Möchten Sie recht haben!« Ich mußte also warten. Am anderen Morgen beim Spaziergang sagte sie zu mir: »Das Mondopfer ist vollbracht, und um jeder Furcht überhoben zu sein, werde ich ihn heute Abend vor dem Zubettgehen zu einer Wiederholung nötigen; hierauf wird er zweifellos in einen tiefen Schlaf versinken. Sie können also um ein Uhr kommen; die Liebe wird Sie erwarten!« Meines Glückes gewiß überließ ich mich der Freude, womit eine so süße Verheißung ein glühendes Herz erfüllen mußte. Es war die einzige Nacht, auf die ich hoffen konnte, denn Herr von *** hatte erklärt, daß sie am folgenden Tage nach Solothurn zurückkehren würden. Nach dem Abendessen begleitete ich die Damen in ihre Zimmer; hierauf ging ich in das meinige und sagte meiner Haushälterin, ich hätte viel zu schreiben und sie könnte zu Bett gehen. Kurz vor ein Uhr ging ich hinaus, und da die Nacht finster war, so schlich ich auf den Zehen um das halbe Haus herum. Gegen meine Erwartung fand ich die Tür offen, doch achtete ich nicht auf diesen Umstand. Ich öffnete die Tür zum zweiten Vorzimmer und im Augenblick, wo ich sie wieder schloß, fühlte ich mich von einer Hand erfaßt, während eine andere sich auf meinen Mund legte. Ich hörte nur ein sehr leises Pst!, das mir Schweigen gebot. Ein Sofa stand neben uns; wir machten einen Altar daraus, und im selben Augenblick befand ich mich im Innern des Tempels. Es war die Zeit der Sommersonnenwende; ich hatte nur zwei Stunden vor mir und verlor keine Minute davon, und da ich in meinen Armen das herrliche Weib zu halten glaubte, nach dem ich so lange geschmachtet hatte, erneuerte ich unaufhörlich die Beweise meiner glühenden Liebe. In der Fülle meines Glückes fand ich es wundervoll, daß sie beschlossen hatte, mich nicht in ihrem Bett zu erwarten, denn das Geräusch unserer Küsse und unserer lebhaften Bewegungen hätte den lästigen Gatten aufwecken können. Ihre zärtliche Glut kam der meinigen gleich und verdoppelte mein Glück, indem sie mir, zu meinem unseligen Irrtum, bewies, daß dieses Weib von allen meinen Eroberungen die rühmlichste war. Die Stutzuhr verkündete mir zu meinem höchsten Bedauern, daß es für mich Zeit war, den Platz zu räumen. Ich bedeckte sie noch einmal mit den zärtlichsten Küssen; dann ging ich in mein Zimmer zurück und überließ mich mit freudevollem Herzen dem Schlaf. Um neun Uhr weckte Herr von *** mich; er zeigte mir mit glückstrahlendem Gesicht einen eben erhaltenen Brief, worin sein Verwandter mir für seine Wiedereinstellung in das Regiment dankte. Dieser Brief, den die Dankbarkeit diktiert hatte, stellte mich als einen Gott hin. »Ich bin glücklich, mein Freund«, sagte ich zu ihm, »daß ich Ihnen habe dienen können.« »Und ich werde glücklich sein, wenn ich Ihnen meine Dankbarkeit beweisen kann. Kommen Sie und frühstücken Sie mit uns; meine Frau ist noch beim Ankleiden. Kommen Sie!« Ich stand in aller Eile auf. Im Augenblick, wo ich ausgehen wollte, sah ich die abscheuliche Witwe, die mit strahlendem Gesicht mir sagte: »Ich danke Ihnen, mein Herr; ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Ich gebe Ihnen Ihre Freiheit wieder, und fahre nach Solothurn zurück.« »Warten Sie eine Viertelstunde, gnädige Frau, wir werden mit Frau von *** frühstücken.« »Keinen Augenblick länger! Ich habe ihr soeben guten Morgen gesagt und reise nun! Leben Sie wohl, denken Sie an mich!« »Leben Sie wohl, Madame.« Kaum war sie hinaus, so fragte Herr von *** mich, ob das Weib verrückt sei. »Man könnte es glauben,« antwortete ich ihm; »denn da sie hier nur mit Höflichkeit behandelt worden ist, so hätte sie wohl bis zum Abend warten können, um mit Ihnen zurückzufahren.« Wir setzten uns zum Frühstück nieder und sprachen allerlei über diese plötzliche Abreise. Hierauf gingen wir in den Garten, um einen Spaziergang zu machen. Wir trafen dort Frau Dubois, mit welcher Herr von *** sich sofort beschäftigte. Seine Frau sah ein wenig niedergeschlagen aus, und ich fragte sie, ob sie gut geschlafen hätte. »Ich bin erst um vier Uhr eingeschlafen, nachdem ich, in meinem Bette sitzend, so lange auf Sie gewartet hatte. Welcher Zwischenfall hat Sie nur abhalten können, zu mir zu kommen.« Auf eine solche Frage war ich nicht gefaßt. Ich war wie versteinert. Ohne ihr zu antworten, sah ich sie starr an; ich konnte mich von meiner Überraschung nicht erholen. Endlich sagte eine schreckliche Ahnung mir, daß ich das Unglück gehabt hätte, zwei Stunden in den Armen der greulichen Hexe zu verbringen, die ich aus Feigheit in mein Haus aufgenommen. Ein entsetzlicher Schauer durchrann mich, und ich mußte hinter eine Hecke treten, um mich von einem Schreck zu erholen, den kein Mensch ahnen konnte. Ich fühlte mich dem Tode nahe und würde unfehlbar gefallen sein, wenn ich nicht meinen Kopf gegen einen Baum gelehnt hätte. Der erste Gedanke, der in mir aufstieg, war ein schrecklicher Gedanke, den ich sofort zurückwies: daß nämlich Frau von *** den Genuß gerne hingenommen hätte, nun aber ihn leugnen wollte; denn dieses Recht hat jede Frau, die sich an einem dunklen Ort hingibt, weil es immerhin unmöglich sein kann, sie zu überführen. Aber ich kannte zu gut das göttliche Weib, das ich zu besitzen geglaubt hatte, und konnte daher nicht lange sie einer so gemeinen Hinterlist für fähig halten. Ich fühlte, daß es unzart von ihr gewesen wäre, zum Scherz mir zu sagen, daß sie vergeblich auf mich gewartet hätte; denn in solchen Dingen genügt der leiseste Zweifel, um das edelste Gefühl zu entwürdigen. Ich konnte also den entsetzlichen Gedanken nicht abweisen, daß die elende Witwe ihre Stelle eingenommen hätte. Wie hatte sie dies gemacht? Woher hatte sie etwas gewußt? Dies vermochte ich nicht zu ergründen, und so quälte ich mich nutzlos mit allen möglichen Vermutungen. Wenn ein Gedanke den Geist bedrückt, so tritt vernünftiges Nachdenken erst dann ein, wenn dieser Druck fast seine ganze Kraft verloren hat. Ich sah also ein, daß ich zwei Stunden mit einem scheußlichen Ungeheuer verbracht hatte. Es vermehrte meinen Schmerz, ja, es erfüllt mich noch jetzt mit Abscheu und Ekel vor mir selber, daß ich mir gestehen mußte, vollkommen glücklich gewesen zu sein. Dieser Irrtum war unverzeihlich; denn zwischen den beiden Frauen bestand ein Unterschied wie zwischen schwarz und weiß, und obgleich ich wegen der Dunkelheit nicht hatte sehen und wegen der Notwendigkeit des Schweigens nicht hatte hören können, so hätte das Gefühl allein mich aufklären müssen, wenigstens nach dem ersten Sturmangriff. Aber meine Phantasie war im Taumel. Ich fluchte auf die Liebe, auf die Natur und besonders auf meine unbegreifliche Schwachheit, eine Schlange bei mir aufzunehmen, die mich des Besitzes meines Engels beraubt hatte. Der Gedanke, daß ihre Berührung mich besudelt hatte, erregte mir Ekel vor mir selber. Ich beschloß zu sterben, vorher aber mit eigenen Händen die abscheuliche Megäre zu erwürgen, die mich so unglücklich machte. Während ich in diesem Beschluß mich immer mehr bestärkte, trat Herr von *** teilnehmend zu mir und fragte mich, ob ich krank sei; er erschrak, als er mich totenbleich und von Schweiß überströmt sah. »Meine Frau«, sagte der wackere Mann zu mir, »ist unruhig und hat mich zu Ihnen geschickt.« Ich antwortete ihm: »Ich mußte sie verlassen, weil mich plötzlich ein Schwindel befiel, aber ich fühle mich bereits etwas besser. Gehen wir zu ihr!« Frau Dubois brachte mir ein Fläschchen Karmeliterwasser und sagte mir scherzend: sie sei überzeugt, daß die Abreise der Witwe an meiner Erregung schuld sei. Wir setzten unsern Spaziergang fort, und als wir weit genug von dem Gemahl entfernt waren, der mit meiner Haushälterin ging, sagte ich ihr, ihre Worte, die sie ohne Zweifel nur im Scherz gesagt, hätten mich so außer Fassung gebracht. »Ich habe durchaus nicht gescherzt, lieber Freund,« sagte sie zu mir mit einem Seufzer; »sagen Sie mir also: Was hat Sie abgehalten, zu mir zu kommen.« Ich war starr. Ich konnte mich nicht entschließen, ihr etwas zu gestehen, was mich tief beschämte, und ich wußte keine Ausrede zu ersinnen, um mich zu rechtfertigen. Ganz verwirrt schwieg ich, als die kleine Schlafgenossin meiner Haushälterin ihr einen Brief übergab, den die unwürdige Hinkende durch besonderen Boten gesandt hatte. Sie öffnete ihn und übergab mir einen Einschluß, der an mich überschrieben war. Ich steckte ihn in die Tasche und sagte, ich würde ihn bei Muße lesen. Man drang nicht in mich, aber Herr von *** sagte scherzend, ich sei liebeskrank. Ich war nicht zum Lachen aufgelegt und antwortete nicht. Wir wurden zum Essen gerufen, aber es war mir unmöglich, etwas anzurühren. Man schrieb meine Enthaltsamkeit meinem Unwohlsein zu. Ich war ungeduldig, den Brief zu lesen; aber dazu hätte ich allein sein müssen, und dies war schwer zu machen. Um mich der Partie Pikett zu entziehen, die wir für gewöhnlich jeden Nachmittag machten, trank ich nur eine Tasse Kaffee und sagte, ich glaubte, die frische Luft würde mir wohltun. Frau von *** erriet meine Absicht und kam mir zu Hilfe, indem sie vorschlug, wir wollten alle in einem geschlossenen Baumgange des Gartens spazieren gehen. Ich bot ihr meinen Arm, ihr Gemahl bot meiner Haushälterin den seinen, und wir gingen hinaus. Sobald Frau von *** sah, daß man uns nicht mehr bemerken konnte, sagte sie mir folgendes: »Ich bin überzeugt, mein lieber Freund, Sie haben die Nacht mit jenem boshaften Weibe verbracht, und ich habe große Furcht, bloßgestellt zu werden. Sagen Sie mir alles, lieber Freund, vertrauen Sie mir alles ohne Rückhalt an; es ist mein erster Liebeshandel, und wenn dieser mir als Schule dienen soll, so müssen Sie mich alles wissen lassen. Ich bin überzeugt, Sie haben mich geliebt; lassen Sie mich, ich bitte Sie, nicht glauben, daß Sie mein Feind geworden sind!« »Gerechter Himmel, was sagen Sie da? Ich Ihr Feind?« »Sagen Sie mir also die ganze Wahrheit, und vor allen Dingen sagen Sie sie mir, bevor Sie den Brief der boshaften Person gelesen haben. Ich beschwöre Sie im Namen meiner Liebe. Bemänteln Sie nichts!« »Nun denn, göttliches Weib, Ihr Wunsch sei erfüllt! Ich bin um ein Uhr bei Ihnen eingetreten; in dem Augenblick, wo ich das zweite Vorzimmer betrat, ergriff eine Frau meinen Arm und legte mir die Hand auf den Mund, um mir Schweigen zu gebieten. Ich glaubte Sie in meinen Armen zu halten und legte Sie sanft auf das Sofa. Begreifen Sie: ich mußte mich sicher glauben, mit Ihnen zusammen zu sein, und es ist mir noch jetzt unmöglich, daran zu zweifeln. Ich habe also mit Ihnen die beiden köstlichsten Stunden meines Lebens verbracht, ohne daß wir ein einziges Wort gesprochen haben. Verfluchte zwei Stunden, deren Erinnerung die Qual meines ganzen Lebens sein wird! Um viertel nach drei Uhr habe ich Sie verlassen, alles übrige wissen Sie.« »Wer kann diesem Scheusal gesagt haben, daß Sie um ein Uhr zu mir kommen sollten?« »Ich weiß es nicht, und dieser Gedanke peinigt mich.« »Geben Sie zu, daß von uns dreien ich am meisten zu beklagen und ach! vielleicht die einzige Unglückliche bin!« »Oh, wenn Sie mich lieben, so glauben Sie um des Himmels willen dies nicht! Ich bin entschlossen, sie zu erdolchen und dann mich zu töten, nachdem sie ihre gerechte Strafe erhalten hat.« »Haben Sie auch bedacht, daß ich die unglücklichste aller Frauen bin, wenn diese Geschichte in die Öffentlichkeit kommt? Mäßigen wir uns, mein lieber Freund! Sie tragen keine Schuld, und ich liebe Sie nur noch um so mehr, wenn dies überhaupt möglich ist. Geben Sie mir den Brief, den jene Ihnen geschrieben hat. Ich werde auf die Seite gehen, um ihn zu lesen, und Sie werden ihn nachher lesen; denn wenn mein Mann uns den Brief zusammen lesen sähe, müßten wir ihm den Inhalt mitteilen.« »Da ist der Brief.« Ich holte den Gatten ein, der sich über die Bemerkungen der Haushälterin zu Tode lachen wollte. Die Unterhaltung mit Frau von *** hatte mich ein wenig beruhigt. Das Vertrauen, womit sie mich um den Brief gebeten hatte, tat mir wohl. Ich brannte vor Begierde, den Inhalt zu kennen, und trotzdem empfand ich einen unüberwindlichen Widerwillen, ihn zu lesen; denn er konnte nur meinen Zorn reizen, und ich befürchtete dessen Wirkungen. Frau von *** kam zu uns heran, und nachdem wir uns von neuem von den beiden anderen getrennt hatten, gab sie mir den verhängnisvollen Brief zurück, indem sie mir sagte, ich möchte ihn erst lesen, wenn ich allein wäre und den Kopf klar hätte. Sie nahm mir mein Ehrenwort ab, in dieser Angelegenheit nichts zu tun, ohne mich mit ihr beraten zu haben, und ihr von allen meinen Absichten durch ihre zuverlässige Amme Kenntnis zu geben. »Wir haben nicht zu befürchten«, schloß sie, »daß die unwürdige Vettel die Sache veröffentlicht, denn sie würde sich selber zu allererst bloßstellen; für uns beide aber ist es das sicherste, unsere Gefühle zu verbergen. Übrigens, lieber Freund, gibt das abscheuliche Weib Ihnen einen Rat, den Sie nicht verachten dürfen.« Es zerriß mir das Herz, zu sehen, wie während dieser Worte dicke Tränen der Liebe und des Kummers ihren schönen Augen entrollten, obgleich sie, um meinen Schmerz zu lindern, sich zu lächeln bemühte. Ich wußte nur zu gut, welch einen hohen Wert sie auf ihren guten Ruf legte; ich wußte, es peinigte sie die Gewißheit, daß die abscheuliche Witwe unser Verhältnis kenne, und dies verdoppelte meine Qual. Die liebenswürdige Familie verließ mich um sieben Uhr, und ich dankte dem Gatten mit Worten einer so aufrichtigen Freundschaft, daß er unbedingt daran glauben mußte; ich drückte in der Tat nur meine wirklichen Gefühle aus. Gewiß ist die Liebe zu einer Frau kein Grund, für ihren Mann, wenn sie einen solchen hat, nicht die aufrichtigste Freundschaft zu empfinden. Das entgegengesetzte Gefühl ist ein hassenswertes Vorurteil, gegen das sowohl die Philosophie wie die Natur streitet. Nachdem ich ihn umarmt hatte, wollte ich seiner reizenden Gemahlin die Hand küssen; aber er bat mich, sie ebenfalls zu umarmen, und ich tat dies ebenso ehrerbietig wie gefühlvoll. Sobald sie fort waren, ging ich in meiner Ungeduld, den schändlichen Brief zu lesen, schnell in mein Zimmer, wo ich mich einschloß, um von niemandem gestört zu werden. Der Brief lautete folgendermaßen: »Ich habe Ihr Haus, mein Herr, recht befriedigt verlassen – befriedigt ganz gewiß nicht deshalb, weil ich zwei Stunden mit Ihnen verbracht habe, denn Sie sind nicht anders als andere Männer, sondern weil ich mich für die Geringschätzung gerächt habe, die Sie häufig mir öffentlich bezeigten. Für die Verachtung, die Sie mir unter vier Augen aussprachen, bin ich wenig empfindlich und verzeihe sie Ihnen daher. Ich habe mich gerächt, indem ich Ihre Absichten und die Heuchelei Ihrer schönen Tugendstolzen entlarvte, die mich nun nicht mehr mit jener beleidigenden Überlegenheit wird ansehen können, die sie unter dem Deckmantel einer falschen Tugend zur Schau trug. Ich habe mich gerächt, indem sie die ganze Nacht auf Sie gewartet haben muß, und ich würde alles in der Welt darum geben, wenn ich das komische Gespräch anhören könnte, das unzweifelhaft heute früh zwischen Ihnen beiden stattfinden wird, wenn sie erfährt, daß ich mir, aus Rache und nicht aus Liebe, einen Genuß angeeignet habe, der für sie bestimmt war. Ich habe mich gerächt, indem Sie sie nicht mehr für ein Wunder halten können; denn da Sie mich für sie genommen haben, muß der Unterschied zwischen ihr und mir gleich Null sein; aber ich habe Ihnen einen wichtigen Dienst erwiesen, denn diese Gewißheit muß Sie von Ihrer törichten Leidenschaft heilen. Sie werden sie nicht mehr vor allen andern Frauen anbeten, die nicht mehr noch weniger wert sind als diese Schöne. Wenn ich Sie also aus Ihrer Täuschung gerissen habe, so verdanken Sie mir eine Wohltat; aber ich entbinde Sie von jeder Pflicht der Dankbarkeit und erlaube Ihnen sogar, mich zu hassen, vorausgesetzt, daß Ihr Haß mich in Frieden läßt; denn wenn in Zukunft Ihr Verhalten mir beleidigend erscheinen sollte, so erkläre ich Ihnen, daß ich imstande bin, die Geschichte zu veröffentlichen. Für mich habe ich ja nichts zu befürchten, denn ich bin Witwe, unabhängig und meine eigene Herrin. Ich brauche keinen Menschen und kann mich daher über alle Welt lustig machen. Ihre Schöne dagegen muß notwendigerweise den Schein wahren. – Übrigens mache ich Ihnen noch eine Mitteilung, die Sie von meiner Großmut überzeugen muß. Seit zehn Jahren leide ich an einem kleinen Übel, das jeder Behandlung widerstanden hat. Sie haben sich recht viele Mühe gegeben, um mir Ihre Liebe zu beweisen, und es ist unmöglich, daß Sie sich nicht angesteckt haben sollten. Ich rate Ihnen daher, sofort Arzneien zu nehmen, um die Schärfe des Giftes zu mildern; vor allen Dingen aber warne ich Sie aus dem Grunde, damit Sie nicht etwa Ihrer Schönen ein Geschenk damit machen; diese würde es unwissentlich ihrem Gemahl und vielleicht noch anderen mitteilen. Dadurch würde sie unglücklich werden, und dies würde mir leid tun, denn sie hat mir niemals etwas zuleide getan. Ich hielt es für unmöglich, daß Sie beide nicht den guten Trottel von Mann betrögen, und ich wollte mich davon überzeugen. Zu diesem Zweck habe ich Sie genötigt, mich in Ihr Haus aufzunehmen. Schon die Lage der Wohnung, die Sie dem Ehepaar anwiesen, würde genügt haben, um mir jeden Zweifel zu benehmen; aber ich wünschte einen vollen Beweis, ich hatte keinen Menschen nötig, um meine Absichten zu erreichen, und es erschien mir pikant, Sie anzuführen, wie ich es getan habe. Nachdem ich auf dem Kanapee zwei Nächte ganz ohne Erfolg verbracht hatte, entschloß ich mich, auch noch die dritte Nacht zu opfern, und meine Ausdauer ist von Erfolg gekrönt gewesen. Kein Mensch hat mich gesehen, und selbst meine Kammerfrau weiß nichts von dem Zweck meiner nächtlichen Ausflüge; übrigens ist sie zu schweigen gewöhnt. Es steht also vollkommen in Ihrer Macht, diese Geschichte in Stillschweigen zu begraben, und ich rate Ihnen dies. Wenn Sie einen Arzt nötig haben sollten, so empfehlen Sie ihm Verschwiegenheit, denn man weiß in Solothurn, daß ich an dieser kleinen Unbequemlichkeit leide, und man könnte sagen, Sie hätten es von mir entlehnt. Dies würde mir schaden und Ihnen auch.« Ich fand die Schamlosigkeit des unseligen Weibes so ungeheuerlich, daß ich beinahe Lust hatte, darüber zu lachen. Ich wußte wohl, daß sie nach meinem Benehmen gegen sie mich nur hassen konnte; aber niemals hätte ich gedacht, daß eine Frau die Verruchtheit so weit treiben könnte. Sie hatte mir eine Krankheit eingeimpft, deren Anzeichen ich noch nicht bemerken konnte; aber ich zweifelte nicht, daß sie zutage treten würden, und spürte bereits Traurigkeit darüber, daß ich an einem andern Ort Heilung suchen mußte, um mich dem Geschwätz der Spötter zu entziehen. Ich versank in tiefes Nachdenken, und nachdem ich zwei Stunden lang alles hin und her erwogen hatte, faßte ich den vernünftigen Entschluß zu schweigen; zugleich aber bestärkte sich meine Absicht, mich zu rächen, sobald die Gelegenheit dazu sich bieten würde. Da ich nicht zu Mittag gegessen hatte, mußte ich mich durch das Abendessen stärken, um mir einen gesunden Schlaf zu verschaffen. Ich setzte mich mit meiner Haushälterin zu Tisch; aber wie wenn ich mich meiner selbst geschämt hätte, so wagte ich nicht ein einzigesmal meine Blicke auf ihrem entzückenden Gesicht ruhen zu lassen. Achtzehntes Kapitel Fortsetzung des vorigen Kapitels. – Meine Abreise von Solothurn. Als die Bedienten hinausgegangen waren, und wir uns mit einander allein befanden, wäre es unnatürlich gewesen, wenn wir stumm wie zwei Ölgötzen dagesessen wären; aber mein Geist war in einer so traurigen Verfassung, daß ich wenig Lust hatte, das Schweigen zu brechen. Meine liebe Dubois, die mich zu lieben begann, weil ich sie glücklich machte, und die nur durch Rückwirkung von mir traurig sein konnte, gab sich alle Mühe, mich zum Plaudern zu bringen. »Ihre Traurigkeit«, sagte sie, »ist Ihnen nicht natürlich und erschreckt mich. Sie könnten Ihr Herz erleichtern, indem Sie mir anvertrauten, was Sie bedrückt; aber glauben Sie mir, ich bin nur deshalb neugierig, weil Sie mir Teilnahme einflößen und weil ich Ihnen vielleicht doch nützlich sein könnte. Zweifeln Sie nicht an meiner vollständigen Verschwiegenheit! Um Sie zu einer freien Aussprache zu ermutigen und um Ihnen das Vertrauen einzuflößen, das ich zu verdienen glaube, will ich Ihnen alles erzählen, was ich von Ihnen weiß und was ich erfahren habe, ohne mich zu erkundigen und ohne mich zu bemühen, aus unziemlicher Neugier Sachen zu erfahren, die ich nicht zu wissen brauche.« »Sehr schön, meine Liebe, Ihre Erklärung gefällt mir. Ich sehe, Sie empfinden Freundschaft für mich, und bin Ihnen dankbar dafür. Sagen Sie mir also zunächst alles, was Sie über die Angelegenheit wissen, die mir so sehr zu Herzen geht; aber verbergen Sie mir nichts.« »Sehr gern. Sie sind der Liebhaber und Geliebte der Frau von ***. Die Witwe, die Sie sehr schlecht behandelt haben, hat Ihnen irgendeinen Schabernack gespielt, der Sie beinahe mit Ihrer Geliebten entzweit hat; hierauf hat die boshafte Person sich entfernt, wie man ein anständiges Haus nicht verlassen darf. Dies quält Sie. Sie fürchten irgendwelche unangenehmen Folgen und befinden sich in der grausamen Notwendigkeit, einen Entschluß fassen zu müssen; Ihr Herz kämpft mit Ihrem Geist; Leidenschaft und Gefühl liegen im Widerstreit. Vielleicht täusche ich mich; aber soviel weiß ich: gestern sahen Sie glücklich aus, und heute scheinen Sie mir unglücklich. Ihr Zustand rührt mich, denn Sie haben mir die zärtlichste Freundschaft eingeflößt. Ich habe mir heute große Mühe gegeben, den Gatten zu unterhalten, damit Sie ungestört mit der Frau sprechen könnten, die mir Ihrer Liebe recht würdig erscheint.« »Dies alles ist wahr. Ihre Freundschaft ist mir teuer, und ich denke sehr hoch von Ihrer Klugheit. Die gräßliche Witwe ist ein Ungeheuer; sie hat mich unglücklich gemacht, um sich wegen meiner Verachtung zu rächen, und ich kann mich nicht wieder rächen. Die Ehre erlaubt mir nicht, Ihnen mehr zu sagen; übrigens können Sie so wenig wie irgend ein anderer mir einen Rat geben, der mich von meinen Schmerzen erlöst. Vielleicht werde ich daran sterben, meine liebe Dubois; jedenfalls aber bitte ich Sie, mir Ihre Freundschaft zu bewahren und sich mit voller Aufrichtigkeit gegen mich auszusprechen. Ich werde Ihnen stets aufmerksam zuhören, und so werden Sie mir von großem Nutzen sein. Ich werde nicht undankbar sein.« Wie ich erwarten mußte, verbrachte ich eine schlimme Nacht; denn der Zorn, der Vater des Wunsches nach Rache, hat mich stets des Schlafes beraubt; übrigens hat auch die Nachricht eines unverhofften Glückes zuweilen diese Wirkung bei mir hervorgebracht. In aller Frühe klingelte ich nach Leduc; statt seiner aber sah ich das häßliche kleine Mädchen eintreten. Sie sagte mir, mein Kammerdiener sei krank und meine Haushälterin werde mir die Schokolade bringen. Gleich darauf kam sie, und kaum hatte ich die Schokolade getrunken, so erfolgte ein heftiges Erbrechen, eine Wirkung des Zornes, der in seinem höchsten Grade den Menschen tötet, der ihn nicht befriedigen kann. Mein verhaltener Zorn forderte Rache für den Schimpf, den die schreckliche Witwe mir angetan hatte; zum Glück verschaffte die Schokolade mir einen Ausbruch, sonst hätte der Zorn mich getötet. Indessen hatte die Anstrengung mich erschöpft. Ich warf einen Blick auf Frau Dubois und sah ihr Gesicht von Tränen überströmt. Ich fragte sie: »Warum weinen Sie?« »Großer Gott, was werden Sie von mir denken?« »Seien Sie ruhig, liebe Freundin; ich denke, daß mein Zustand Ihnen Teilnahme einflößt. Lassen Sie mich allein; ich hoffe, ich werde schlafen können.« Ich schlief wirklich ein und erwachte erst nach einem siebenstündigen Schlafe. Ich fühlte mich zu neuem Leben geboren. Ich klingelte; meine Haushälterin trat ein und meldete mir den Besuch des Wundarztes aus dem nächsten Dorfe. Sie war sehr traurig eingetreten, aber als sie mich näher ansah, wurde ihr hübsches Gesicht wieder heiter. Ich sagte zu ihr: »Wir werden miteinander essen, meine Liebe. Vorher aber lassen Sie den Wundarzt hereinkommen, ich möchte hören, was er mir zu sagen hat!« Der gute Mann trat ein und sah sich vorsichtig nach allen Seiten um; als er sicher war, daß er sich mit mir allein befand, näherte er sich meinem Ohr und sagte mir, Leduc habe eine häßliche Krankheit. Ich lachte laut auf; denn ich hatte mich auf irgend etwas Furchtbares gefaßt gemacht. »Mein lieber Doktor,« sagte ich zu ihm, »sparen Sie keine Mühe, um ihn gesund zu machen, und ich werde Sie reichlich belohnen; aber ein anderes Mal machen Sie mir Ihre Mitteilungen nicht mit einer solchen Trauermiene. Wie alt sind Sie?« »Bald achtzig Jahre.« »Möge Gott Sie erhalten!« Ich war um so mehr geneigt, meinen armen Spanier wegen seines Unglücks zu bedauern, da ich für mich selber einen ähnlichen Zustand befürchtete. Nicht bei dem Menschen, den das Glück mit all seiner Huld überhäuft hat, findet der Arme ein wahres Mitleid: jener hilft ihm mehr aus Prahlsucht als aus Wohlwollen. So muß auch der Betrübte keinen Trost bei einem suchen, der niemals den Kummer gekannt hat, – wenn es überhaupt einen solchen auf der Erde gibt. Übrigens war Leduc zum erstenmal in solcher Lage, während ich schon seit langer Zeit die Unfälle dieser Art nicht mehr zählte; allerdings war ich 14 Jahre älter als er, und bei seiner Anlage hatte er alle Aussicht, es mir noch gleich zu tun. Meine Haushälterin war wieder eingetreten, um mir beim Ankleiden zu helfen; sie fragte mich, was der gute Mann von mir gewollt hatte. »Er hat Sie zum Lachen gebracht; also hat er Ihnen gewiß etwas sehr Lächerliches erzählt.« »Ganz recht, und ich will es Ihnen gerne sagen; aber sagen Sie mir vorher, ob Sie wissen, was man unter »Venuskrankheit« versteht.« »Ich weiß es, denn der Läufer der Lady Montagu starb daran, während ich bei der Dame diente.« »Schön, meine Liebe; aber tun Sie nur lieber, wie wenn sie es nicht wüßten; dann machen Sie es wie viele schöne Damen, die mit Recht sich in dieser Beziehung unwissend stellen, weil dies dem schönen Geschlecht gut steht. Der arme Leduc ist von dieser Pest angesteckt.« »Der arme Junge! er tut mir leid; aber darüber haben Sie gelacht?« »Nicht darüber; ich lachte über die geheimnisvolle Miene des guten alten Mannes.« »Mein Herr, auch ich habe Ihnen ein wichtiges Geständnis zu machen; und wenn ich dies getan habe, müssen Sie mir verzeihen oder mich sofort aus dem Hause jagen.« »Sie machen mir angst! Was, zum Kuckuck können Sie getan haben? Sprechen Sie schnell!« »Mein Herr, ich habe Sie bestohlen.« »Was? bestohlen? wann? wie? Können Sie mir das Gestohlene wiedergeben? So etwas hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Einem Dieb oder Lügner verzeihe ich niemals.« »O Gott, mein Herr, wie sind Sie hitzig! Ich werde Sie Lügen strafen und ich bin fest überzeugt, daß Sie mir verzeihen werden; denn es ist erst eine halbe Stunde her, daß ich Sie bestohlen habe und ich werde meinen Raub sofort wieder herausgeben.« »Sie sind ein eigentümliches Geschöpf, meine Liebe. Nun, ich verzeihe Ihnen alles, aber geben Sie mir schnell zurück, was Sie sich unrechtmäßigerweise angeeignet haben!« »Hier ist das Gestohlene.« »Wie? der Brief des Ungeheuers! Haben Sie ihn gelesen?« »Aber würde ich denn sonst gestohlen haben?« »Sie haben mir also mein Geheimnis gestohlen, und dieses können Sie mir nicht zurückerstatten. Ah, kleines Ungeheuer, Sie haben ein großes Verbrechen begangen.« »Ich gestehe es. Der Diebstahl ist um so schlimmer, da ich ihn nicht wieder gut machen kann. Indessen kann ich Ihnen versprechen, mein Leben lang niemals ein Wort jemand zu sagen, und darum müssen Sie mir verzeihen. Schnell, schnell!« »O Zauberin! schnell, schnell! Ich verzeihe Ihnen und hier das Unterpfand meiner Vergebung!« Mit diesen Worten preßte ich meine Lippen auf ihren schönen Mund. »O, jetzt glaube ich an meine Begnadigung, denn sie ist doppelt und dreifach gewesen.« »Ja, aber in Zukunft hüten Sie sich, meine Papiere anzurühren, geschweige denn, sie zu lesen, denn ich habe Geheimnisse, die nicht mir gehören.« »Das lasse ich gelten, mein Herr, aber wenn ich Briefe herumliegen sehe, wie diesen da?« »Dann müssen Sie sie aufheben, aber sie nicht lesen.« »Ich verspreche es Ihnen.« »Gut, meine Liebe. Aber vergessen Sie das greuliche Zeug, das Sie gelesen haben.« »Hören Sie mich an! Gestatten Sie mir im Gegenteil, mich dessen zu erinnern; vielleicht wird dies zu ihrem Vorteil sein. Sprechen wir von dieser abscheulichen Geschichte, bei der mir die Haare zu Berge gestanden sind. Das schamlose Ungeheuer hat Sie an Leib und Seele tödlich verwundet; aber dies ist noch nicht das schlimmste. Sie glaubt es in der Hand zu haben, der Frau von *** ihre Ehre zu nehmen, und dieses Verbrechen ist in meinen Augen viel größer als die anderen. Denn trotz jener Beschimpfung wird ihre gegenseitige Liebe fortdauern, und die Krankheit, die das gemeine Weib Ihnen vielleicht eingeimpft hat, wird vorübergehen; dagegen ist die Ehre der reizenden Frau von *** unwiederbringlich verloren, wenn jene böse Hexe ihre Drohung verwirklicht. Verlangen Sie also nicht mehr von mir, diese Geschichte zu vergessen; lassen Sie uns vielmehr davon sprechen und einen Ausweg suchen. Glauben Sie mir, ich verdiene Ihr Vertrauen, und ich bin überzeugt, Sie werden mir Ihre Achtung schenken.« Ich glaubte zu träumen, als ich eine junge Frau ihres Standes weiser sprechen hörte als Pallas mit Telemach. Mehr brauchte sie nicht, um nicht nur meine Achtung, sondern sogar meine Ehrfurcht zu gewinnen. »Ja, teure Freundin, wir wollen daran denken, wie wir eine Frau, die der Huldigungen aller rechtlichen Menschen würdig ist, vor der großen Gefahr bewahren können, die ihr droht; ich bin Ihnen schon dafür dankbar, daß Sie es für möglich halten. Wir wollen daran denken und morgens und abends davon sprechen. Lieben Sie Frau von ***, verzeihen Sie ihr einen Fehltritt, der der erste ist! Schützen Sie ihre Ehre und haben Sie Mitleid mit meinem Zustande. Seien Sie von jetzt an meine wahre Freundin; vergessen Sie mir gegenüber den unwürdigen Namen eines Herrn, und geben Sie mir nur noch den eines Freundes. Ich werde bis in den Tod der Ihre sein, das schwöre ich Ihnen. Ihre Worte voller Weisheit haben Ihnen mein Herz gewonnen. Umarmen Sie mich!« »Nein, nein – das ist nicht nötig. Wir sind jung und das Gefühl könnte uns zu leicht fortreißen. Ich bedarf, um glücklich zu sein, nur Ihrer Freundschaft, aber ich will sie nicht umsonst; ich will sie dadurch verdienen, daß ich Ihnen unwiderlegliche Beweise der meinigen gebe. Einstweilen werde ich das Essen auftragen lassen, und ich hoffe, nach Tisch werden Sie sich wieder vollständig wohl befinden.« Ich war erstaunt über so viel Weisheit. Sie konnte erkünstelt sein; denn um zu verführen, brauchte die reizende Person ja nur die Regeln der Verführung zu kennen. Aber hierüber zerbrach ich mir nicht den Kopf. Ich sah, daß ich sehr nahe daran war, mich in sie zu verlieben, und daß ich in Gefahr schwebte, von ihrer Moral zum besten gehalten zu werden; denn ihr Selbstgefühl würde ihr nicht gestattet haben, diese Moral zum Schweigen zu bringen, selbst wenn sie meine Liebe aufrichtig geteilt hätte. So dachte ich, und ich beschloß, das Feuer nicht zu schüren; ich war überzeugt, es würde aus Mangel an Nahrung verlöschen. Wenn ich meine Liebe nicht groß werden ließ, mußte sie schließlich an Schwäche sterben. Ich urteilte wie ein Dummkopf; ich vergaß, daß es nicht möglich ist, sich auf einfache Freundschaft zu beschränken, wenn man eine Frau schön findet, wenn man sich jeden Augenblick mit ihr unterhält, jeden Tag zwanzigmal in nahe Berührung mit ihr kommt, und besonders wenn man glaubt, daß sie selber verliebt ist. Freundschaft wird auf ihrem Höhepunkte zu Liebe, und das Linderungsmittel, das man anwenden muß, um sie für einen Augenblick zum Schweigen zu bringen, reizt sie nur noch mehr. So ging es dem zärtlichen Anakreon mit Smerdias. Ein Platoniker, der behauptet, es sei möglich, einer jungen Frau, die einem gefällt und mit der man zusammenlebt, nur Freund zu sein, ist ein Träumer, der nicht weiß, was er sagt. Meine Haushälterin war zu jung, zu schön und vor allen Dingen zu liebenswürdig; sie hatte einen zu angenehmen Geist, als daß nicht alle diese in ihr vereinten Eigenschaften auf mich wirken sollten; ich mußte mich notwendigerweise wahnsinnig in sie verlieben. Wir speisten in aller Ruhe, ohne von der Sache zu sprechen, die uns so sehr am Herzen lag; denn nichts ist unvorsichtiger und gefährlicher als in Gegenwart der Bedienten über dergleichen zu sprechen; diese sind boshaft oder unwissend, verstehen schlecht, fügen hinzu oder lassen weg und glauben das Vorrecht zu haben, die Geheimnisse ihrer Herrschaft auszuplaudern, um so mehr, da sie diese vissen, ohne daß man sie darin eingeweiht hat. Sobald wir allein waren, begann meine liebe Dubois mit der Frage, ob ich hinlängliche Beweise für Leducs Treue besitze. »Er ist, meine Liebe, ein Spitzbube, ein Wüstling, kühn bis zur Verwegenheit, klug, unwissend, ein schamloser Lügner. Niemand außer mir kann ihn bändigen. Indessen hat dieses schlechte Subjekt eine kostbare Eigenschaft; er führt nämlich blindlings alles aus, was ich ihm befehle, und trotzt jeder Gefahr, um mir zu gehorchen. Er macht sich nichts aus dem Stock, aber er würde sich selbst aus dem Galgen nichts machen, solange er diesen nicht in der Nähe sähe. Wenn auf meinen Reisen ein Fluß auf einer Furt zu überschreiten ist, so zieht er sich aus, ohne daß ich ihm ein Wort sage, und springt ins Wasser, um zu untersuchen, ob ich ohne Gefahr hindurchkommen kann.« »Dies genügt. Der Bursche ist unter den jetzigen Umständen ein wahrer Schatz. Zuvörderst, mein lieber Freund – Sie wünschen ja, daß ich Sie so nenne – zuvörderst will ich Ihnen sagen, daß die Ehre der Frau von *** vollkommen ungefährdet ist. Tun Sie, was ich Ihnen sagen werde, und wenn die gräßliche Witwe nicht vernünftig ist, wird sie allein bloßgestellt sein. Aber wir brauchen Leduc; ohne ihn können wir nichts machen. Vor allen Dingen müssen wir die Geschichte seiner Krankheit wissen; denn mehrere Umstände könnten meinem Plan hinderlich sein. Erkundigen Sie sich also recht schnell bei ihm selber nach allen Umständen und vor allen Dingen danach, ob er mit den Bedienten über seinen Zustand gesprochen hat. Sobald Sie alles gehört haben, verbieten Sie ihm auf das strengste, von Ihrer Teilnahme für sein Leiden ein Wort zu sagen.« Ohne einen Einwand zu machen, ohne mich zu bemühen, den Plan zu erraten, ging ich zu Leduc. Er war allein und lag auf seinem Bett. Ich setzte mich mit lachendem Gesicht neben ihn und versprach zunächst, ihn kurieren zu lassen, wenn er mir ganz genau erzählen wollte, wie er sich seine Krankheit geholt hätte. »Sehr gern, gnädiger Herr! Die Geschichte war so: An dem Tage, wo Sie mich nach Solothurn schickten, um Ihre Briefe abzuholen, stieg ich unterwegs ab und ging in eine Meierei, um Milch zu trinken. Ich fand dort eine junge Bäuerin, die mir gefiel; ich küßte sie; sie sträubte sich nicht, und in Zeit von einer Viertelstunde versetzte sie mich in den Zustand, worin Sie mich jetzt sehen.« »Hast du das irgend jemandem gesagt?« »Ich habe mich gehütet! Man hätte mich ausgelacht. Nur der Wundarzt weiß von meiner Krankheit; aber er hat mir versprochen, daß die Geschwulst im Laufe des Tages schwinden werde, und ich hoffe, ich werde Sie morgen bei Tisch bedienen können.« »Gut, denke daran, daß ich von dir die strengste Verschwiegenheit verlange.« Ich erstattete meiner Minerva Bericht über dies Gespräch, und sie fragte mich: »Sagen Sie mir, ob im Notfall die Witwe beschwören könnte, daß sie die zwei Stunden auf dem Sofa mit Ihnen verbracht hat?« »Nein; denn sie hat mich nicht gesehen, und ich habe keine Silbe gesprochen.« »Ausgezeichnet! Setzen Sie sich sofort an Ihr Schreibpult und antworten Sie der Unverschämten: sie habe gelogen, denn Sie seien gar nicht außerhalb Ihres Zimmers gewesen; Sie würden aber in Ihrem Hause nachforschen lassen, wer der Unglückliche sei, den sie, ohne ihn zu kennen, angesteckt habe. Schreiben Sie und lassen Sie Ihren Brief binnen fünf Minuten abgehen. Anderthalb Stunden darauf schreiben Sie einen zweiten oder vielmehr, Sie kopieren, was ich Ihnen aufschreiben werde.« »Liebe Freundin, ich errate Ihren Plan! Er ist sinnreich, aber ich habe Frau von *** mein Ehrenwort gegeben, in dieser Angelegenheit keinen Schritt zu tun, ohne sie vorher benachrichtigt zu haben.« »In diesem Fall muß aber das Ehrenwort vor der Notwendigkeit, ihre Ehre zu retten, zurücktreten. Die Liebe hindert Sie, so energisch vorzugehen, wie ich es will; aber hier hängt alles von der Schnelligkeit ab und davon, wieviel Zeitraum zwischen der Absendung des ersten und der des zweiten Briefes liegen wird. Ich bitte Sie recht sehr, folgen Sie meinem Rat! Das übrige werden Sie aus dem Briefe ersehen, den ich schreiben werde. Schreiben Sie geschwind den ersten!« Ich handelte gewissermaßen unter dem Einfluß einer mir angenehmen Behexung und erlaubte mir kaum nachzudenken; überzeugt, daß der Plan meiner entzückenden Haushälterin der denkbar beste sein müßte, machte ich es mir zur Pflicht, ihr zu gehorchen, und schrieb an die schamlose Hexe folgendes Liebesbriefchen: »Die Schamlosigkeit Ihres Briefes steht vollkommen damit im Einklang, daß Sie drei Nächte verbracht haben, um sich von einem Verhältnis zu überzeugen, das nur in Ihrer Einbildung besteht. Erfahren Sie, abscheuliches Weib, daß ich mein Zimmer überhaupt nicht verlassen habe und daß ich nicht die Schmach zu beklagen brauche, mit einem Wesen Ihrer Art zwei Stunden verbracht zu haben. Mit wem Sie diese beiden Stunden zugebracht haben, das mag Gott wissen; indessen, ich werde es erfahren, wenn nicht etwa auch dieses nur eine Schöpfung Ihres teuflischen Geistes ist, und werde Ihnen darüber berichten. Danken Sie dem Himmel, schamloses Weib, daß ich Ihren Brief erst nach der Abfahrt von Herrn und Frau von *** erbrochen habe. Ich empfing ihn in deren Gegenwart; aber da ich die Hand verachte, die ihn geschrieben hat, so steckte ich ihn in die Tasche; ich machte mir wenig daraus, zu erfahren, welche Niederträchtigkeiten er etwa enthalten möchte. Wäre ich, zum Unglück für Sie, Madame, neugierig gewesen, ihn zu lesen, und hätten meine Gäste ihn gesehen, so hätte ich – zweifeln Sie nicht daran! – mich sofort zu Ihrer Verfolgung aufgemacht, und dann wären Sie in diesem Augenblick nicht mehr imstande, neue Schändlichkeiten zu begehen. Ich befinde mich wohl und befürchte durchaus nicht krank zu werden, aber ich werde mich nicht dazu erniedrigen, Sie davon zu überzeugen, denn der Blick Ihrer Augen würde mir ebenso wie die Berührung Ihres Gerippes ein Brandmal aufdrücken.« Ich zeigte den Brief meiner lieben Dubois; sie fand die Ausdrücke ein wenig stark, aber sie billigte ihn. Hierauf schickte ich ihn an das entsetzliche Geschöpf, das mich so unglücklich gemacht hatte. Anderthalb Stunden darauf sandte ich ihr folgenden Brief, den ich abschrieb, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen: »Eine Viertelstunde nach der Absendung meines Briefes kam der Dorfarzt zu mir und sagte mir, mein Kammerdiener bedürfe seiner Dienste zur Heilung von einer schmutzigen Krankheit, die er sich ganz kürzlich zugezogen habe. Ich habe ihm aufgetragen, ihn zu behandeln. Als er fort war, suchte ich den Kranken auf, der nicht ohne einiges Sträuben mir anvertraute, daß er dieses schöne Geschenk von Ihnen erhalten habe. Ich fragte ihn, wie er denn mit Ihnen zusammengekommen sei, und er hat mir gesagt, er habe Sie im Dunkeln ganz allein in die Zimmer des Herrn von *** eintreten sehen. Da ich schon zu Bette gewesen sei und er nichts mehr zu tun gehabt habe, so habe ihn die Neugier angewandelt und er habe sehen wollen, was Sie dort so heimlich suchten. Denn wenn Sie zu der Dame hätten gehen wollen, die um jene Stunde schon im Bette liegen mußte, so wären Sie nicht durch die Gartentür gegangen. Zuerst hat er geglaubt, Sie gingen mit bösen Absichten um; er hat eine Stunde lang gewartet, ob Sie nicht etwas forttragen würden; er würde Sie festgehalten haben. Als er sie aber nicht wieder herauskommen sah und keinerlei Geräusch hörte, bekam er Lust, ebenfalls hineinzugehen, er bemerkte nämlich, daß Sie die Tür offen gelassen hatten. Er hat mir geschworen, er habe nicht die geringsten Absichten gehabt, sich einen Genuß zu verschaffen, und dieses habe ich ihm gerne geglaubt. Er hat mir gesagt, er sei im Begriff gewesen, um Hilfe zu rufen, als Sie sich seiner bemächtigten und ihm die Hand auf den Mund legten; aber er habe seine Absicht aufgegeben, als er sich sanft auf ein Sofa gezogen und mit Küssen bedeckt fühlte. Er war überzeugt, daß Sie ihn mit einem anderen verwechselten; ›aber‹, hat er mir gesagt, ›ich habe sie so bedient, daß ich eine ganz andere Belohnung erwarten durfte, als die, womit sie mich beglückt hat.‹ Ohne ein einziges Wort gesprochen zu haben, hat er Sie verlassen, sobald der Tag zu grauen begann, weil er erkannt zu werden fürchtete. Es ist leicht möglich, daß Sie meinen Bedienten für mich gehalten haben, denn bei Nacht sind alle Katzen grau. Ich wünsche Ihnen Glück, daß er Ihnen ein Vergnügen bereitet hat, das Sie sich ganz gewiß von mir nicht verschafft haben würden, denn ich würde Sie augenblicklich an ihrem Atem und an ihren verwelkten Reizen erkannt haben, und dann würde es Ihnen übel ergangen sein! Zum Glück für Sie wie für mich ist dies nicht der Fall gewesen, übrigens mache ich Sie darauf aufmerksam, daß der arme Bursche wütend ist; er ist entschlossen, Ihnen einen Besuch zu machen, und ich glaube, ihn davon nicht abhalten zu dürfen. Ich rate Ihnen, freundlich, geduldig und großmütig gegen ihn zu sein; denn er ist entschlossen wie ein echter Spanier. Er würde die Geschichte bekannt machen, und Sie begreifen, welche Folgen dies haben würde. Er wird Ihnen selber sagen, was er beansprucht, und Sie werden so vernünftig sein, seine Forderungen zu erfüllen.« Eine Stunde nach Absendung dieses Briefes erhielt ich ihre Antwort auf meinen ersten. Sie schrieb mir, meine Ausrede sei sehr sinnreich, würde mir aber nichts nützen; denn sie sei ihrer Sache gewiß. Sie forderte mich heraus, in einigen Tagen ihr handgreiflich zu beweisen, daß ich vollkommen gesund wäre. Beim Abendessen bot meine liebe Dubois alles auf, um mich zu erheitern. Aber dies war verlorene Liebesmüh; ich war zu aufgeregt, um fröhlich sein zu können. Nun stand noch der dritte Schritt bevor, der das freche Weib beschämen und als Ende das Ganze krönen sollte. Da ich die beiden Briefe nach dem Willen meiner Haushälterin geschrieben hatte, so fühlte ich, daß ich bis zum Schluß ihren Ratschlägen folgen mußte. Sie gab mir denn auch wirklich an, wie ich am nächsten Morgen Leduc instruieren müßte, und da sie gerne wissen wollte, weß Geistes Kind mein Bote wäre, so bat sie mich, sich hinter meinen Bettvorhängen verstecken zu dürfen, um alles anzuhören. Am nächsten Morgen ließ ich Leduc kommen und fragte ihn, ob er imstande sei, nach Solothurn zu reiten und einen Auftrag auszurichten. »Jawohl, gnädiger Herr; aber der Doktor will durchaus, daß ich morgen anfangen soll, Bäder zu nehmen.« »Meinetwegen. Sobald dein Pferd fertig ist, reitest du ab und gehst zu Frau von F... Laß dich aber nicht anmelden, wie wenn du von mir kämest; denn sie darf nicht wissen, ja nicht einmal ahnen, daß ich dich schicke. Laß ihr sagen, du habest mit ihr zu sprechen. Wenn sie sich weigert, dich zu empfangen, so erwarte sie auf der Straße; aber ich denke, sie wird dich empfangen und sogar ohne Zeugen. Du wirst ihr sagen: ›Sie haben mich krank gemacht, ohne daß ich Sie darum gebeten habe; ich verlange, daß Sie mir das nötige Geld geben, damit ich mich behandeln lassen kann!‹ Ferner wirst du ihr sagen, sie habe dich zwei Stunden lang im Dunkeln arbeiten lassen, ohne dich zu erkennen; du würdest niemals etwas davon gesagt haben, wenn sie dir nicht dieses böse Geschenk gemacht hätte; da du nun aber in dieser schlimmen Lage seiest – und hierbei zeigst du ihr einfach die ganze Geschichte – so dürfe sie sich über deinen Schritt nicht wundern. Bleibt sie abwehrend, so drohst du ihr, sie zu verklagen. Das ist alles. Von mir aber sage kein Wort! Reite hierauf sofort zurück, damit ich erfahre, wie alles verlaufen ist.« »Das ist alles sehr schön, gnädiger Herr; wenn aber das Weibsbild mich die Treppe hinunter werfen läßt, werde ich nicht so schnell wiederkommen können.« »Allerdings nicht, aber du hast nichts zu befürchten, dafür stehe ich dir,« »Ein eigentümlicher Auftrag!« »Du bist der einzige auf der Welt, der ihn ordentlich ausführen kann.« »Ich bin vollkommen bereit, aber ich muß Ihnen noch einige wichtige Fragen stellen: Hat die Dame wirklich Quint und Vierzehner?« »Ganz gewiß.« »Da tut sie mir leid. Aber wie kann ich behaupten, daß sie mich gepfeffert habe, da ich doch niemals ein Wort mit ihr gesprochen habe?« »Bekommt man das vielleicht beim Sprechen, du Tölpel?« »Nein, aber man spricht, um es zu bekommen oder während man es bekommt.« »Du hast mit ihr zwei Stunden im Dunkeln verbracht, ohne daß ihr beide ein Wort gesprochen habt, und sie wird erfahren, daß sie dir dieses schöne Geschenk gemacht hat, während sie es einem andern zu machen glaubte.« »Jetzt, gnädiger Herr, fängt die Geschichte an, mir klar zu werden. Indessen, wenn wir im Dunkeln waren, wie kann ich wissen, daß ich mit ihr zu tun gehabt habe?« »Die Sache ist so: Du hast sie durch die Gartentür in das Vorzimmer eintreten sehen und hast sie erkannt, ohne von ihr bemerkt zu werden. Aber du kannst dich darauf verlassen, sie wird dich nicht danach fragen.« »Nun weiß ich Bescheid. Ich reite sofort hin und bin noch neugieriger als Sie, was sie mir antworten wird. Noch eine wichtige Frage: vielleicht wird sie wegen der Summe feilschen, die sie mir als Kurkosten geben soll; kann ich mich in diesem Fall mit 300 Franken begnügen?« »Für die Schweiz ist das zuviel; die Hälfte genügt.« »Das ist aber doch recht wenig für zwei Stunden eines so süßen Genusses und für sechswöchentliche Leiden.« »Den Rest werde ich dir geben.« »Dann lasse ich's mir gefallen. Sie wird die zerbrochenen Töpfe bezahlen. Ich denke mir, ich weiß alles, aber ich werde nichts sagen; wissen Sie, gnädiger Herr, ich wette, das Ekel hat Ihnen selber dieses schöne Geschenk gemacht, aber Sie schämen sich dessen und wollen sie auf eine falsche Spur leiten.« »Das kann wohl sein; aber sei verschwiegen und reite sofort ab.« »Wissen Sie was, lieber Freund? der Bengel ist einzig in seiner Art!« sagte meine liebe Dubois zu mir, indem sie aus dem Alkoven hervorkam. »Ich habe große Mühe gehabt, nicht laut aufzulachen, als ich ihn sagen hörte, er könnte nicht so schnell wiederkommen, wenn sie ihn die Treppe hinunterwerfen ließe. Ich bin überzeugt, er wird seinen Auftrag besser ausrichten als der geschickteste Diplomat. Wenn er in Solothurn ankommt, wird die abscheuliche Hexe die Antwort auf Ihren zweiten Brief schon abgeschickt haben. Ich bin schrecklich neugierig darauf.« »Ihnen, liebe Freundin, gebührt die ganze Ehre für diese Tragikomödie. Sie haben die Intrigue meisterhaft angesponnen. Man würde niemals glauben, daß dies alles das Werk einer jungen Anfängerin ist.« »Es ist wirklich mein erster Versuch; und ich hoffe, es wird auch mein letzter sein.« »Wenn sie nur nicht von mir verlangt, das Beweisstück auf den Tisch zu legen!« »Aber bis jetzt sind Sie doch ganz gesund, wie ich glaube.« »Ja, vollkommen.« »Es wäre scherzhaft, wenn sie sich für krank hielte, ohne es zu sein, und wenn Sie mit der Furcht davon kämen.« »Vielleicht hat sie auch nur den weißen Fluß. Ich kann es kaum erwarten, den Schluß der Entwicklung zu sehen, damit mein Gewissen ruhig ist.« »Sie werden dies alles der Frau von *** schreiben?« »Selbstverständlich; aber Sie begreifen, daß ich ihr gegenüber von Ihrem Anteil der Komödie nichts sagen darf.« »Ihre eigene Anerkennung genügt mir.« »Sie dürfen nicht daran zweifeln, daß ich Ihr Verdienst daran sehr hoch stelle, meine Liebe, und ganz gewiß werde ich Ihnen die Belohnung nicht vorenthalten, worauf Sie Anspruch haben.« »Wenn ich eine Belohnung wünsche, so ist es die, daß Sie jede Zurückhaltung gegen mich fallen lassen.« »Dies ist wundervoll, liebe Freundin! Aber sagen Sie mir, wie ist es möglich, daß Sie für meine Angelegenheiten überhaupt Teilnahme haben? Ea widerstrebt mir, von Ihnen zu glauben, daß Sie von Natur neugierig sind.« »Sie würden unrecht haben, mir einen Fehler zuzutrauen, der mich in meinen eigenen Augen erniedrigen würde. Seien Sie versichert, mein Herr, Sie werden mich nur neugierig sehen, wenn ich Sie traurig sehe.« »Aber was hat Ihnen so hochherzige Gefühle für mich einflößen können?« »Nur Ihr anständiges Benehmen gegen mich.« »Ich bin tief davon gerührt, meine schätzenswerte Freundin, und ich verspreche Ihnen, Ihnen in Zukunft alles anzuvertrauen, was Sie hinsichtlich meiner beruhigen kann.« »Sie werden mich glücklich machen!« Leduc war kaum eine Stunde fort, als ein Bote zu Fuß eintraf und mir einen zweiten Brief von der Witwe brachte. Er übergab mir zugleich ein kleines Paket, indem er mir sagte, er habe Befehl, auf meine Antwort zu warten. Ich sagte ihm, er möchte draußen warten und gab Frau Dubois den Brief zum lesen. Währenddessen lehnte ich mich zum Fenster hinaus, denn ich hatte ein Herzklopfen, daß ich kaum atmen konnte. »Alles geht vortrefflich, lieber Freund!« rief meine Haushälterin mir zu; »alles geht herrlich! Hier, lesen Sie!« »Mag nun alles, was Sie mir geschrieben, wahr oder mag ich das Opfer einer Fabel sein, die Ihre fruchtbare Einbildungskraft schnell geschmiedet hat – eine Einbildungskraft, die zu Ihrem Unglück in Europa bereits allzugut bekannt ist – genug, ich nehme alles als wahr an, weil ich die Wahrscheinlichkeit nicht leugnen kann. Ich bin in Verzweiflung, einen Unschuldigen, der mir niemals etwas zuleide getan hat, geschädigt zu haben, und ich trage gerne die Strafe dafür, indem ich ihm einen Geldbetrag schicke, der mehr als ausreichend ist, um ihn von seiner durch mich erworbenen Krankheit zu heilen. Ich bitte Sie, ihm die 25 Louis zu übergeben, die ich Ihnen schicke; sie werden ihm seine Gesundheit wieder verschaffen und ihn die Bitterkeit des Genusses vergessen lassen, den ich zu meinem doppelten Bedauern ihm verschafft habe. Aber werden Sie auch so großmütig sein, Ihren Einfluß als Herr aufzubieten, damit er das strengste Schweigen bewahrt? Ich hoffe es; denn wie Sie mich kennen, müssen Sie vor meiner Rache auf der Hut sein. Sollte dieser üble Spaß in die Öffentlichkeit dringen, so bedenken Sie, daß es mir leicht sein würde, ihm eine Wendung zu geben, die Ihnen nichts weniger als angenehm wäre, und die den Ehrenmann, den Sie betrügen, zwingen würde, die Augen zu öffnen; denn, mein Herr, davon lasse ich mich nicht abbringen: es sind zu viele Anzeichen da, aus denen hervorgeht, daß Sie mit seiner Frau im Einverständnis sind. Da ich übrigens nicht wünsche, daß wir einander noch begegnen, so schütze ich eine dringende Familienangelegenheit vor und reise nach Luzern zu meinen Verwandten. Bestätigen Sie mir den Empfang dieses Briefes.« »Es tut mir leid,« sagte ich zu meiner Freundin, »daß ich Leduc habe abreisen lassen; die Megäre ist gewalttätig, und ich fürchte es kann ihm irgendein Unglück zustoßen.« »Seien Sie unbesorgt! Es wird nichts Unangenehmes geschehen, und es ist besser, daß sie sich sehen; die Gewißheit wird dadurch größer. Schicken Sie ihr sofort das Geld zurück; sie soll es ihm selber übergeben; dadurch wird Ihre Rache vollständig sein. Sie wird dann nicht mehr an der Tatsache zweifeln können, wenn Leduc mit seinen handgreiflichen Beweisen kommt! In zwei oder drei Stunden werden Sie das Vergnügen haben, alles aus seinem eigenen Munde zu erfahren. Schätzen Sie sich glücklich: die Ehre der reizenden Frau, welcher Ihre ganze Zärtlichkeit gehört, ist vor jedem Makel geschützt. Ihnen bleibt kein anderer Verdruß, als die Erinnerung an die Liebkosungen dieser Messalina und die Gewißheit, von der Krankheit dieser Prostituierten angesteckt worden zu sein. Indessen hoffe ich, Ihre Krankheit wird unbedeutend und leicht zu heilen sein. Ein veralteter weißer Fluß ist eigentlich keine Geschlechtskrankheit, und ich habe in London sagen hören, er sei selten ansteckend, übrigens müssen wir uns sehr freuen, daß sie nach Luzern abreist. Lachen Sie, lieber Freund, um Gotteswillen, lachen Sie! Unser Stück ist doch wirklich komisch.« »Leider ist es tragikomisch. Ich kenne das menschliche Herz, und ich muß das Herz der Frau von *** verloren haben.« »Allerdings ist [??? Text fehlt hier] aber daran ist jetzt nicht Zeit, zu denken. Schnell, schnell! antworten Sie ihr in wenigen Zeilen und schicken Sie ihr die 25 Louis zurück.« Meine Antwort lautete: »Ihr unwürdiger Verdacht, Ihr abscheulicher Racheplan und der schamlose Brief, den Sie mir geschrieben haben, sind die einzige Ursache Ihrer gerechten und ohne Zweifel bitteren Reue. Ich wünsche, sie möge hinreichend sein, um Sie mit Ihrem Gewissen auszusöhnen. Die Boten haben sich gekreuzt; dies ist nicht meine Schuld. Ich schicke Ihnen die 25 Louis zurück; Sie können sie ihm selber übergeben. Ich habe meinen Bedienten nicht abhalten können, Ihnen einen Besuch zu machen; diesmal aber werden Sie ihn nicht zwei Stunden bei sich behalten, und Sie werden ihn leicht beschwichtigen. Ich wünsche Ihnen gute Reise und verspreche Ihnen, jede Gelegenheit Ihres Anblicks zu vermeiden; denn es ist meine Gewohnheit, allem auszuweichen, was mir widerlich ist. Außerdem, Sie boshaftes Geschöpf, sollten Sie wissen, daß die Welt nicht mit Ungeheuern bevölkert ist, die der Ehre von Leuten, die etwas auf ihren Ruf halten, Schlingen stellen. Wenn Sie in Luzern den apostolischen Nuntius sehen, so sprechen Sie mit ihm über mich, und Sie werden von ihm erfahren, in welchem Rufe ich in Europa stehe, übrigens kann ich Ihnen versichern, daß Leduc mit keinem Menschen außer mir von seinem Mißgeschick gesprochen hat, und wenn Sie ihn gut behandeln, so wird er schweigen, zumal da er auf sein Erlebnis nicht eitel sein kann. Leben Sie wohl.« Da dieser Brief von meiner teueren Minerva gebilligt wurde, so übergab ich ihn nebst dem Gelde dem Boten. »Das Stück ist noch nicht zu Ende,« sagte meine Freundin zu mir; »wir haben noch drei Szenen vor uns.« »Welche denn?« »Die Rückkehr Ihres Spaniers, den Ausbruch Ihrer Krankheit und das Erstaunen der Frau von ***, wenn sie die ganze Geschichte erfährt.« Ich zählte die Minuten während Leducs Abwesenheit, aber vergeblich – er kam nicht. Ich war in einer schrecklichen Angst, obgleich meine liebe Dubois mich zu überzeugen suchte, er könnte nur deshalb so lange ausbleiben, weil die Witwe nicht zu Hause wäre. Es gibt glückliche Charaktere, die nicht an die Möglichkeit eines Unglückes glauben können. Ein solcher war auch ich, bis man mich in meinem dreißigsten Jahre unter die Bleidächer schickte. Jetzt fange ich an zu faseln, und alles erscheint mir schwarz. Sogar, wenn man mich zu Hochzeiten einladet, sehe ich alles schwarz, und als ich in Prag bei der Krönung Leopolds des Zweiten zugegen war, sagte ich: nolo coronari – ich wünsche nicht gekrönt zu werden. Verfluchtes Alter, würdig, die Hölle zu bewohnen, wohin schon so viele andere es vor mir gewünscht haben: tristisque senectus . Gegen halb zehn Uhr sah meine Haushälterin im Mondenschein Leduc herangaloppieren. Dies belebte mich wieder. Ich hatte kein Licht im Zimmer. Meine Freundin versteckte sich schnell im Alkoven, denn sie hätte nicht eine Silbe von dem Bericht des Spaniers verlieren mögen. »Ich bin halbtot vor Hunger, gnädiger Herr,« sagte er beim Eintreten; »bis halb sieben habe ich auf das Weib warten müssen. Als sie nach Hause kam, fand sie mich auf der Treppe und sagte zu mir, ich möchte gehen, sie hätte mir nichts zu sagen. ›Das kann wohl sein, meine schöne Dame‹, sagte ich; ›aber wissen Sie, ich habe nämlich zwei Wörtchen mit Ihnen zu reden, und darum warte ich hier schon verdammt lang auf Sie.‹ ›Einen Augenblick‹, antwortete sie; dann steckt Sie ein Paket und einen Brief, worauf ich Ihre Handschrift zu erkennen glaubte, in die Tasche und sagte zu mir: ›Kommen Sie mit!‹ Als wir in ihrem Zimmer sind, und ich da keinen Menschen sehe, sage ich zu ihr, sie hätte mich vergiftet und ich verlangte Geld von ihr, um den Doktor zu bezahlen. Da sie nichts antwortet, mache ich Miene, sie durch den Augenschein zu überzeugen; sie wendet aber den Kopf ab und sagt: ›Warten Sie schon lange auf mich?‹ ›Seit elf Uhr, und keinen Bissen habe ich im Leibe.‹ Sie geht hinaus, erkundigt sich bei dem Bedienten, den sie offenbar hierher geschickt hatte, wann er zurückgekommen sei, kommt wieder hinein, schließt die Tür und gibt mir dies Paket, indem sie mir sagt, ich würde fünfundzwanzig Louis darin finden, um mich heilen zu lassen, wenn ich krank wäre; aber wenn mir etwas an meinem Leben läge, so sollte ich mich hüten, mit irgendeinem Menschen über die Geschichte zu sprechen. Ich habe ihr versprochen, zu schweigen, und bin abgeritten. Ist das Paket mein?« »Ganz gewiß. Laß dir dein Abendessen geben und geh zu Bett!« Meine liebe Dubois kam aus dem Alkoven hervor und umarmte mich mit triumphierender Miene. Wir verbrachten den Abend in fröhlicher Stimmung. Am nächsten Morgen sah ich die ersten Anzeichen der Krankheit, die die abscheuliche Witwe mir mitgeteilt hatte; aber drei oder vier Tage darauf erkannte ich, daß sie von harmlosester Art war, und nach acht Tagen war ich sie völlig los. Meinem armen Spanier ging es nicht so gut. Er befand sich in einem kläglichen Zustande. Den ganzen nächsten Morgen verbrachte ich damit, an Frau von *** zu schreiben. Ich erzählte ihr ganz ausführlich, was ich trotz meinem Versprechen, sie vorher um Rat zu fragen, getan hatte, und schickte ihr Abschriften aller Briefe, um sie zu überzeugen, daß unsere Feindin, die nach Luzern gereist sei, sich in dem Glauben befinde, nur in ihrer Einbildung sich gerächt zu haben, und daß zum Glück ihre Ehre vor jedem Schimpf sicher sei. Am Schluß meines langen Briefes gestand ich ihr, daß ich die ersten Anzeichen meiner Krankheit erkannt hätte, jedoch sicher wäre, in sehr wenigen Tagen davon befreit zu sein. Ich gab meinen Brief heimlich ihrer Amme und erhielt am dritten Tage einige Zeilen von ihrer Hand, durch die sie mir anzeigte, daß ich im Laufe der Woche sie nebst ihrem Gatten und Herrn von Chavigny bei mir sehen würde. Ich Unglücklicher! Ich mußte auf jeden Gedanken auf Liebe verzichten; aber meine Dubois, die wegen Leducs Krankheit den ganzen Tag um mich war, fing an, mir alles andere zu ersetzen. Je mehr ich mich darauf versteifte, in ihr nur eine Freundin sehen zu wollen, desto verliebter wurde ich; vergeblich hoffte ich, daß sie schließlich das Gefühl, das ich ihr eingeflößt, unterdrücken würde, wenn wir in solcher harmlosen Weise miteinander verkehrten. Ich hatte ihr einen Ring geschenkt und ihr gesagt, ich würde ihr hundert Louis dafür geben, sobald sie Lust bekäme, sich desselben wieder zu entäußern; aber dazu konnte sie nur kommen, wenn sie in Bedürftigkeit geriet, und dies konnte nicht geschehen, solange ich sie bei mir behielt; der Gedanke aber, sie zu entlassen, erschien mir abgeschmackt. Sie war naiv, aufrichtig, scherzte gern, hatte viel Geist und ein sehr richtiges Urteil. Sie hatte niemals geliebt und sich nur auf Wunsch der Lady Montagu verheiratet. Sie schrieb nur an ihre Mutter, und ich las auf ihren Wunsch diese Briefe. Sie atmeten kindliche Liebe und waren ausgezeichnet geschrieben. Eines Tages fiel mir ein, sie zu bitten, die Briefe ihrer Mutter lesen zu dürfen. »Sie antwortet mir niemals.« »Und warum nicht?« »Aus einem guten Grunde: sie kann nicht schreiben. Ich hielt sie für tot, als ich von England zurückkam, und war angenehm überrascht, als ich sie bei meiner Heimkehr nach Lausanne vollkommen gesund vorfand.« »Wer hat Sie von England begleitet?« »Niemand.« »Das ist unbegreiflich. Sie sind jung, ganz dazu angetan, heftige Begierden zu erregen; Sie kleiden sich gut und befanden sich in Gesellschaft so vieler Leute von verschiedenem Charakter; darunter waren auch junge Leute, Wüstlinge – denn die gibt es ja überall; wie haben Sie sich verteidigen können?« »Mich verteidigen? Das habe ich niemals nötig gehabt. Das große Geheimnis für ein junges Mädchen, nicht belästigt zu werden, besteht darin: niemanden anzusehen, so zu tun, als ob man nicht höre, auf gewisse Fragen nicht zu antworten, allein in einem Zimmer zu schlafen, das man sorgfältig verriegelt, oder in den Gasthöfen, wo es möglich ist, bei der Wirtin zu schlafen. Wenn ein junges Mädchen Reiseabenteuer hat, so wird man in den allermeisten Fällen sagen können, daß sie selber dazu Anlaß gegeben haben muß; denn es ist leicht, überall tugendhaft zu sein, wenn man nur will.« Sie hatte recht. Sie versicherte mir, sie habe niemals ein Abenteuer gehabt und sei niemals von ihrer Pflicht abgewichen, weil sie so glücklich gewesen sei, sich niemals zu verlieben. Ihre naiven Erzählungen, die von jeder Zimperlichkeit frei waren, und ihre Bemerkungen voll von Witz und gesundem Menschenverstand erheiterten mich vom Morgen bis zum Abend. Zuweilen duzten wir uns; dies war schon ziemlich deutlich und bezeichnete das Ziel, zu dem die Gewalt der Umstände uns führen mußte. Sie sprach mit mir begeistert von den Reizen der Frau von *** und hörte mir mit der lebhaftesten Teilnahme zu, wenn ich ihr von meinen verschiedenen Liebesabenteuern erzählte. Wenn ich an heikle Stellen kam und Miene machte, in meiner Erzählung gewisse schlüpfrig. Umstände zu überspringen, bat sie mich so anmutig, ihr nichts zu verbergen, daß ich mich mit sanfter Gewalt gezwungen sah, ihren Wunsch zu erfüllen; wenn aber dann das allzugetreue Gemälde uns zu entflammen drohte, lachte sie plötzlich laut auf, legte mir die Hand auf den Mund, entfloh wie eine verfolgte Gazelle und schloß sich in ihrem Zimmer ein. Eines Tages fragte ich sie, warum sie sich immer einschlösse, und sie antwortete: »Dies geschieht, damit Sie nicht etwas von mir verlangen, was ich in jenen Augenblicken unmöglich Ihnen verweigern könnte.« Am Vorabend des Tages, an welchem Herr von Chavigny und Herr und Frau von *** sich unangemeldet bei mir zum Mittagessen einluden, fragte meine Haushälterin, ob ich auch in Holland ein Liebesabenteuer gehabt hätte. Ich erzählte ihr meine Erlebnisse mit Esther, und als ich an die Besichtigung des kleinen Mals kam, hielt die reizende Neugierige mir den Mund zu, wobei sie sich vor Lachen ausschütten wollte. Ich hielt sie mit sanfter Gewalt fest, und da sie sich auf mich niedersinken ließ, so konnte ich dem Wunsche nicht widerstehen, auch bei ihr nach einem kleinen Mal zu suchen, und sie vermochte mir nur schwachen Widerstand entgegenzusetzen. Da mein unglückseliger Zustand mich verhinderte, das Opfer auf dem Altar der Liebe zu vollziehen, so beschränkten wir uns auf ein Scheinopfer, das nur eine Minute dauerte; aber unsere Augen waren daran beteiligt, und dies war nicht geeignet, uns zu beruhigen. Als wir fertig waren, sagte sie lachend, aber mit einem ganz sittsamen Gesicht zu mir: »Mein lieber Freund, wir lieben uns, und wenn wir uns nicht in acht nehmen, wird es nicht lange beim bloßen Tändeln bleiben.« Nachdem sie dies mit einem Seufzer gesagt hatte, stand sie auf, wünschte mir gute Nacht und legte sich zu ihrer kleinen Häßlichen ins Bett. Es war das erstemal, daß wir uns von dem Triebe unserer Sinne fortreißen ließen; der erste Schritt war getan. Vollkommen verliebt legte ich mich zu Bett; ich sah voraus, daß die liebenswürdige Person bald meine Seele ganz und gar beherrschen würde. Am anderen Morgen überraschten Herr und Frau von *** mit Herrn von Chavigny uns auf angenehme Weise. Bis zum Mittagessen gingen wir spazieren. Bei Tisch machte meine liebe Dubois die Wirtin, und ich sah mit Vergnügen, dnß meine beiden männlichen Gäste ganz entzückt von ihr waren, denn sie gingen während unseres Nachmittagsspazierganges nicht einen Augenblick von ihrer Seite. Ich erhielt dadurch Gelegenheit, ganz ungestört meiner göttlichen Amazone noch einmal mündlich zu erzählen, was ich ihr geschrieben hatte. Natürlich hütete ich mich, ein Wort davon zu sagen, daß meine Haushälterin an der ganzen Geschichte beteiligt gewesen war; denn es wäre der schönen Frau peinlich gewesen, zu erfahren, daß ihre Schwachheit der anderen bekannt war. »Das Lesen ihres Briefes«, sagte die reizende Frau zu mir, »hat mir das größte Vergnügen gemacht, weil die widerwärtige Person sich nun nicht mehr schmeicheln darf, die zwei Stunden mit Ihnen verbracht zu haben. Aber sagen Sie mir, ich bitte Sie, wie ist es nur möglich gewesen, daß Sie selbst im Dunkeln nicht den Unterschied bemerkt haben, der doch zwischen uns vorhanden sein muß? Sie ist viel kleiner, viel magerer und mindestens zehn Jahre älter als ich. Außerdem hat sie einen schwülen Atem, und Sie haben doch wissen können, daß ich diesen Fehler nicht habe. Sie waren allerdings des Gesichts und des Gehörs beraubt, aber Sie konnten doch fühlen. Und dennoch haben Sie nichts bemerkt! Das ist unglaublich!« »Und doch ist es leider nur zu wahr. Ich war von Liebe berauscht, und da Sie allein meine ganze Seele einnahmen, so habe ich nur Sie sehen können.« »Ich begreife, daß im ersten Augenblick Ihre Phantasie Sie fortreißen mußte, aber nach dem ersten oder zweiten Sturmlauf mußte doch die Glut nachlassen, da jener etwas mangelt, was ich nicht verbergen kann und was alle Kunst der Koketterie bei ihr nicht nachahmen kann.« »Sie haben recht – Ihr Venusbusen! Und wenn ich daran denke, daß ich nur zwei schlaffe Hängebrüste berührt habe, so fühle ich mich unwürdig, noch weiter zu leben.« »Sie haben es bemerkt und fühlten sich doch nicht angeekelt?« »Konnte ich wohl Ekel fühlen, konnte ich überhaupt einen Gedanken fassen, da ich doch gewiß war, Sie in meinen Armen zu halten – Sie, für die ich mein Leben hingeben würde? Nein, eine rauhe Haut, ein übelriechender Atem, ein viel zu bequemes Schlupfloch, dies alles konnte meine Glut nicht mäßigen.« »Was höre ich! Abscheuliches, unreines Weib! Ekelhaftes Kehrichtfaß! Ich kam, es nicht begreifen; und Sie haben mir dies alles verzeihen können?« »Ich wiederhole Ihnen: der Glaube, Sie zu besitzen, machte mich unfähig zu denken; alles erschien mir göttlich.« »Sie hätten mich wie ein liederliches Weibsbild behandeln, mich sogar schlagen sollen, da Sie mich so fanden!« »Ach, entzückendes Weib, wie ungerecht sind Sie in diesem Augenblick!« »Das ist wohl möglich, mein lieber Freund, denn ich bin so aufgebracht gegen dieses Scheusal, daß ich im Zorn vielleicht Unsinn rede. Jetzt aber, wo sie sich einem Bedienten hingegeben zu haben glaubt, und nach seinem sie erniedrigenden Besuche muß sie vor Scham und Wut dem Tode nahe sein. Es wundert mich nur, daß sie es geglaubt hat; denn er ist vier Zoll kleiner als Sie – und dann, wie konnte sie glauben, daß ein Bedienter so etwas ebensogut könnte wie Sie! Es ist undenkbar! Ich bin überzeugt, sie ist in diesem Augenblick in ihn verliebt. Fünfundzwanzig Louis! Er wäre mit zehn zufrieden gewesen. Welches Glück, daß der arme Junge so gerade zur rechten Zeit krank wurde. Aber Sie haben ihn doch in alles einweihen müssen?« »Ganz und gar nicht, ich habe ihn glauben lassen, sie hätte mir ein Stelldichein in jenem Zimmer gegeben, und ich wäre wirklich zwei Stunden mit ihr zusammen gewesen, hätte aber, aus Furcht, gehört zu werden, kein Wort gesprochen. Aus dem, was ich ihm auftrug, hat er geschlossen, sie hätte mich krank gemacht, sie wäre mir dadurch zum Ekel geworden, und ich hätte die Gelegenheit benutzt, meine Beteiligung abzuleugnen, sie mir vom Halse zu schaffen und mich an ihr zu rächen.« »Ausgezeichnet! Die Frechheit des Spaniers ist unglaublich, aber am allerunglaublichsten ist die Frechheit dieser gemeinen Person. Wenn aber nun das Weib nur aus Prahlerei und um Ihnen einen Schreck einzujagen gesagt hätte, sie sei krank, welcher Gefahr hätte sich dann der Bursche ausgesetzt.« »Diese Befürchtung habe ich gehabt, denn ich hatte noch kein Anzeichen der Krankheit gemerkt.« »Jetzt aber sind Sie in Behandlung, und ich bin die Ursache. Das bringt mich zur Verzweiflung!« »Beruhigen Sie sich, mein Engel; meine Krankheit hat nicht viel auf sich. Ich wende nichts weiter an als eine Auflösung von salpetersaurem Salz, und in acht Tagen werde ich vollkommen wieder hergestellt sein. Ich hoffe, dann ...« »Ach, mein lieber Freund ...« »Wie?« »Denken wir nicht mehr daran, ich beschwöre Sie.« »Ein solcher Ekel kann sehr natürlich sein, wenn die Liebe nicht sehr stark ist. Ich bin sehr unglücklich!« »Ich bin es mehr als Sie. Ich liebe Sie, und Sie wären undankbar, wenn Sie aufhörten, mich zu lieben. Lieben wir uns, aber suchen wir nicht uns unsere Liebe zu beweisen; dies könnte verhängnisvoll für uns werden. Verfluchte Witwe! Sie ist abgereist, und in vierzehn Tagen reisen auch wir nach Basel, wo wir bis Ende November bleiben.« »Der Streich hat getroffen! Ich sehe, ich muß mich Ihren Gesetzen unterwerfen, oder vielmehr meinem Schicksal; denn in der Schweiz ist mir lauter Unglück zugestoßen. Mich tröstet nur, daß es mir gelungen ist, Ihre Ehre vor jedem Angriff zu sichern.« »Sie haben die Achtung und Freundschaft meines Mannes gewonnen; wir werden immer gute Freunde sein.« »Wenn Sie abreisen müssen, so fühle ich, daß es meine Pflicht ist, vor Ihnen abzureisen. Dies wird die unwürdige Urheberin meines Unglückes noch mehr überzeugen, daß unsere Freundschaft unsträflich war.« »Sie denken wie ein Engel und überzeugen mich immer mehr von Ihrer Zärtlichkeit. Wohin gehen Sie?« »Nach Italien; vorher aber werde ich nach Bern und Genf reisen.« »Sie werden also nicht nach Basel kommen. Das ist mir lieb, so großes Vergnügen mir es auch machen würde, Sie dort zu sehen. Ohne Zweifel würde man darüber schwätzen, und dies würde mir schaden. Aber wenn es Ihnen möglich ist, so zeigen Sie sich in den wenigen Tagen, die Sie noch hier zubringen werden, recht vergnügt; denn das traurige Wesen steht Ihnen nicht.« Wir gingen wieder zum Gesandten und Herrn von ***, die gar keine Zeit gehabt hatten, an uns zu denken, so sehr erheiterte meine liebe Dubois sie durch ihre hübschen Bemerkungen, Ich warf ihr vor, daß sie gegen mich mit ihrem Geist geize, und Herr von Chavigny nahm diese Bemerkung auf und sagte uns, daran wäre unsere Verliebtheit schuld, denn Verliebte hätten keine geistreichen Worte nötig. Aber meine Dubois blieb die Antwort nicht schuldig; sie ging den beiden Herren tapfer zu Leibe, und dies verschaffte mir Gelegenheit, den Spaziergang mit der schönen Frau fortzusetzen. Sie sagte mir: »Ihre Haushälterin, lieber Freund, ist ein Meisterwerk der Natur. Beantworten Sie mir wahrheitsgetreu eine Frage, und ich verspreche Ihnen, vor Ihrer Abreise Ihnen ein Zeichen der Dankbarkeit zu geben, woran Sie Ihre Freude haben werden.« »Sprechen Sie! Was wünschen Sie zu wissen?« »Sie lieben sie, und sie erwidert ihre Liebe.« »Ich glaube es, aber bis jetzt ...« »Mehr will ich nicht wissen; denn wenn es noch nicht geschehen ist, so wird es geschehen, und das ist so gut, wie wenn es schon geschehen wäre. Wenn Sie mir gesagt hätten, Sie liebten sich nicht, so hätte ich Ihnen nicht geglaubt; denn ich begreife nicht, wie ein junger Mann wie Sie mit einer solchen Frau zusammen leben kann, ohne sie zu lieben. Sie ist sehr hübsch, klug wie ein Engel; lustig, talentvoll, außerordentlich wohl erzogen und weise im Sprechen; dies ist mehr als genug, um einen Mann zu bezaubern, und ich bin überzeugt, es wird Ihnen schmerzlich sein, sich von ihr zu trennen. Lebel hat ihr einen schlechten Dienst erwiesen, indem er sie zu Ihnen gebracht hat; denn sie stand in einem ausgezeichneten Ruf, jetzt aber wird es ihr nicht mehr möglich sein, bei einer anständigen Dame einen Dienst zu finden.« »Ich werde mit ihr nach Bern gehen.« »Daran werden Sie gut tun.« Als sie abfuhren, sagte ich ihnen, ich würde binnen kurzem nach Solothurn kommen, um Abschied zu nehmen und ihnen für ihren ausgezeichneten Empfang zu danken, weil ich in einigen Tagen abzureisen gedächte. Der Gedanke, Frau von *** nicht wieder zu sehen, war mir so schmerzlich, daß ich mich sofort zu Bett legte; Frau Dubois achtete meine Traurigkeit und zog sich zurück, nachdem sie mir gute Nacht gewünscht. Zwei oder drei Tage darauf erhielt ich einen Brief von meiner Zauberin; sie schrieb mir, ich möchte sie am folgenden Tage um zehn Uhr besuchen und mich zum Essen einladen. Pünktlich befolgte ich ihren Befehl. Herr von *** empfing mich sehr freundlich, sagte mir aber, er müsse aufs Land fahren und könne nicht vor ein Uhr zurück sein; er bitte mich also, es nicht übel zu nehmen, wenn er es seiner Frau überlasse, mich bis dahin zu unterhalten. So geht es einem armen Ehemann! Frau von *** stickte mit einem jungen Mädchen an einem Rahmen; ich nahm ihre liebenswürdige Gesellschaft an, aber nur unter der Bedingung, daß sie sich in ihrer Arbeit nicht stören ließe. Vor zwölf Uhr entfernte das junge Mädchen sich, und sogleich gingen wir, um die frische Luft zu genießen, auf eine Terrasse neben dem Hause; es befand sich dort ein hübsches Kabinett, von dessen Inneren aus wir, ohne gesehen zu werden, alle ankommenden Wagen schon in der Ferne bemerken konnten. »Warum, göttliche Freundin, haben Sie mir dieses Glück nicht verschafft, als ich vollkommen gesund war?« »Weil damals mein Gatte argwöhnte, Sie hätten sich nur meinetwegen als Kellner verkleidet und könnten mir nicht gleichgültig sein. Ihr kluges Verhalten hat seinen Verdacht beseitigt und mehr denn alles Ihre Haushälterin, die er für Ihre Frau hält, und in die er ebenfalls so verliebt ist, daß ich glaube, er würde ganz gerne tauschen, wenigstens für ein paar Tage. Würden Sie mit dem Tausch einverstanden sein?« »O, warum läßt er sich nicht bewerkstelligen!« Da ich kaum eine Stunde vor mir hatte und voraussah, daß ich zum letztenmal das Glück haben würde, bei ihr zu weilen, so warf ich mich ihr zu Füßen. Voll Zärtlichkeit sträubte sie sich nicht gegen meine Wünsche, die ich zu meinem großen Bedauern nur zum Schein erfüllen durfte; denn ich liebte sie zu aufrichtig, als daß ich ihre Gesundheit hätte in Gefahr bringen mögen. Ich tat alles, was ich in Ermangelung eines vollständigen Glückes tun konnte; ohne Zweifel hatte an dem Genuß, den ich ihr verschaffen konnte, das Vergnügen, mich zu überzeugen, daß sie mehr wert sei als die greuliche Witwe, einen nicht geringen Anteil. Als wir den Wagen des Gatten ankommen sahen, eilten wir an das untere Ende der Terrasse, und dort fand der wackere Mann uns. Er entschuldigte sich tausendmal bei uns, daß er nicht früher hätte zurückkommen können. Wir speisten gut, aber bei Tisch unterhielt er sich mit mir fast ausschließlich über meine Dubois; er schien gerührt zu sein, als ich ihm sagte, ich gedächte sie nach Lausanne zu ihrer Mutter zurückzuführen. Um fünf Uhr nahm ich mit gepreßtem Herzen Abschied von ihnen und begab mich zu Herrn von Chavigny, dem ich alles Vorgefallene mitteilte. Ich hätte die Pflicht der Dankbarkeit zu verletzen geglaubt, wenn ich dem liebenswürdigen alten Herrn nicht die ganze Komödie erzählt hätte, die ihm ohne Zweifel scherzhaft erschien, wie sie mir heute erscheint. Er hatte ein Recht darauf, denn er hatte ganz gewaltig zum Gelingen eines Planes beigetragen, der nur durch ein Mißgeschick ohnegleichen fehlschlug. Er bewunderte den Geist meiner treuen Dubois, denn ich verhehlte ihm nicht, wie sehr sie an der Intrige beteiligt war, und sagte zu mir, trotz seinem Alter würde er sich glücklich schätzen, wenn er eine Frau wie sie bei sich haben könnte, und er freute sich sehr, als ich ihm sagte, daß ich in sie verliebt sei. Hierauf sagte der liebenswürdige Kavalier zu mir: »Ersparen Sie sich, mein lieber Casanova, die Mühe, in sämtliche Häuser Solothurns zu laufen, um Abschiedsbesuche zu machen. Sie können sich dieser Anstandspflicht entledigen, indem Sie bei mir die ganze Gesellschaft versammelt finden werden, und Sie brauchen nicht einmal zum Abendessen zu bleiben, wenn Sie nicht spät nach Hause kommen wollen.« Ich befolgte seinen Rat. Ich sah Frau von ***, und ich glaubte, es wäre zum letzten Male. Ich täuschte mich. Ich habe sie nach zehn Jahren wiedergesehen, und der Leser wird an seinem Orte erfahren, wann, wie und in welcher Lage. Bevor ich ging, begleitete ich den Botschafter in sein Zimmer, um ihm gebührend zu danken und ihn um einen Empfehlungsbrief für Bern zu bitten, wo ich vierzehn Tage zu verbringen gedachte. Zugleich bat ich ihn, mir Lebel zu schicken, um seine Rechnung mit mir zu machen. Er sagte mir, er würde mir durch ihn einen Brief für Herrn von Muralt, den Stadtschultheiß von Thun, schicken. Ich fuhr nach Hause. Ich war in trauriger Stimmung über die bevorstehende Abreise von einer Stadt, wo ich im Vergleich zu den erlittenen wirklichen Verlusten nur schwache davongetragen hatte; ich dankte meiner Haushälterin freundlich für ihre Gefälligkeit, auf mich zu warten, wünschte ihr gute Nacht und sagte ihr, wir würden binnen drei Tagen nach Bern abreisen und sie müßte meinen Koffer packen. Am nächsten Morgen sagte sie zu mir, nachdem wir ziemlich schweigsam miteinander gefrühstückt hatten: »Sie nehmen mich also mit, lieber Freund?« »Ja, gewiß, wenn Sie mich genug lieben, um gerne mit mir zu gehen.« »Sehr gerne – bis ans Ende der Welt; und um so lieber, da ich Sie traurig und gewissermaßen krank sehe, während Sie heiter und gesund waren, als ich bei Ihnen eintrat. Wenn ich Sie verlassen müßte, könnte nur das mich trösten, daß ich Sie glücklich sähe.« In diesem Augenblick kam der Wundarzt und sagte mir, meinem armen Spanier ginge es so schlecht, daß er das Bett nicht verlassen könnte. »Ich werde ihn in Bern kurieren lassen«, antwortete ich. »Sagen Sie ihm, wir werden übermorgen abreisen und schon mittags dort sein.« »Mein Herr, ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß er unmöglich diese Reise machen kann, obgleich die Entfernung nur sieben Wegstunden beträgt; denn er ist an allen Gliedern gelähmt.« »Das tut mir sehr leid, Herr Doktor.« »Ich glaube es, mein Herr, aber es ist eine Tatsache.« »Von der ich mich mit eigenen Augen überzeugen muß.« Ich ging zu Leduc und fand den armen Kerl wirklich nicht imstande sich zu bewegen; nur seine Zunge und die Augen waren frei. »Du bist ja reizend zugerichtet«, sagte ich zu ihm. »Scheußlich, gnädiger Herr, obgleich ich mich im übrigen sehr wohl fühle.« »Ich glaube es, aber im Augenblick kannst du dich nicht bewegen, und ich will übermorgen zum Mittagessen in Bern sein.« »Lassen Sie mich hintragen, Sie werden mich dort kurieren lassen.« »Du hast recht; ich werde dich in einer Sänfte hintragen lassen.« »Da werde ich aussehen wie ein Heiliger, den man in der Prozession umherträgt.« Ich beauftragte einen Bedienten, für ihn zu sorgen und alles für die Abreise in Ordnung zu bringen. Ich ließ ihn mit zwei Pferden, die die Sänfte trugen, nach dem Gasthof zum Falken bringen. Mittags kam Lebel und brachte mir den Brief seines Herrn für Herrn von Muralt. Er gab mir seine Quittungen, und ich bezahlte ihn, ohne eine Einwendung zu machen; denn ich fand ihn in jeder Beziehung anständig. Hierauf ließ ich ihn mit mir und Frau Dubois zu Mittag speisen. Ich war nicht zum Plaudern aufgelegt und sah mit Vergnügen, daß sie meine Unterhaltung nicht brauchten; denn sie plauderten nach Herzenslust und auf eine sehr ergötzliche Art, denn es fehlte Lebel nicht an Geist. Er sagte mir, er wäre entzückt, daß ich ihm Gelegenheit gegeben hätte, die Haushälterin, die er mir verschafft hätte, näher kennen zu lernen; bis jetzt hätte er nicht sagen können, daß er sie kenne, denn er hätte sie nur drei- oder viermal in Lausanne auf der Durchreise gesehen. Als wir vom Tisch aufstanden, bat er mich um die Erlaubnis, ihr schreiben zu dürfen; sie nahm sofort das Wort und forderte ihn auf, sein Versprechen zu halten. Lebel war ein liebenswürdiger Mann, etwa fünfzig Jahre alt und von sehr anständigem Äußeren. Zum Abschied umarmte er sie nach französischer Art, ohne mich um Erlaubnis zu fragen, und sie ging mit guter Manier darauf ein. Als er fort war, sagte sie zu mir, die Bekanntschaft dieses Ehrenmannes könne ihr nützlich sein, und es sei ihr sehr angenehm, mit ihm im Briefwechsel bleiben zu können. Den nächsten Tag trafen wir alle Vorbereitungen für unsere kleine Reise, und Leduc reiste in seiner Sänfte ab, um vier Meilen von Solothurn zu übernachten. Nachdem ich die Familie des Pförtners, den Koch und den zurückbleibenden Lakai reichlich belohnt hatte, fuhr ich am anderen Morgen um vier Uhr mit der reizenden Dubois in meinem Wagen ab und kam um elf Uhr in dem Berner Gasthof an, wo Leduc schon ein paar Stunden vorher eingetroffen war. Zunächst vereinbarte ich die Preise mit dem Wirt, denn ich kannte die Gewohnheiten der Schweizer Gasthofbesitzer; sodann beauftragte ich den Bedienten, den ich behalten hatte und der ein Berner war, für Leduc zu sorgen, ihn einem guten Arzt zu übergeben und diesem zu sagen, daß er es an nichts fehlen lassen sollte, um ihn vollkommen gesund zu mache». Hierauf speiste ich mit meiner Haushälterin auf ihrem Zimmer, denn sie wohnte für sich, und nachdem ich meinen Brief bei dem Pförtner des Herrn Murali abgegeben hatte, ging ich aufs Geratewohl spazieren. Neunzehntes Kapitel Bern. – Die Matte. – Frau de la Saone. – Sarah, – Meine Abreise. – Murten. Ich kam auf eine Anhöhe, von wo meine Blicke über eine weite Landschaft schweiften, durch die ein kleiner Fluß sich schlängelte; ich bemerkte einen Fußpfad und bekam Lust, diesem entlang zu gehen. Er führte zu einer Art von Treppe. Ich stieg etwa hundert Stufen hinunter und fand einige vierzig Kabinette, die mir eine Art von Badestübchen zu sein schienen. Sie waren es in der Tat; denn während ich die Örtlichkeit betrachtete, kam ein Mann von höflichem Wesen auf mich zu und fragte mich, ob ich ein Bad nehmen wolle. Als ich bejahte, öffnete er eine der Kammern, und zugleich eilten eine Menge junge Mädchen auf mich zu. »Mein Herr«, sagte der Bademeister zu mir, »jedes dieser Mädchen strebt nach der Ehre, Sie im Bade zu bedienen; Sie brauchen nur zu wählen. Mit einem kleinen Taler bezahlen Sie Bad, Mädchen und Kaffee.« Ich spielte den Großtürken, musterte mit den Augen diesen Schwarm, derber Schönheiten und warf mein Schnupftuch dem Mädchen zu, das mir am besten gefiel. Sie ging mit mir in eine Zelle, schloß die Tür von innen und entkleidete mich mit der ernstesten Miene, ohne ein Wort zu sagen, ja ohne mir auch nur ins Gesicht zu sehen; hierauf zog sie mir eine baumwollene Mütze über die Haare. Sobald sie mich im Wasser sah, entkleidete sie sich ebenfalls mit der Gewandtheit einer Person, die daran gewöhnt ist, und legte sich ohne ein Wort zu sagen zu mir ins Bad, Hierauf begann sie mich überall zu reiben, ausgenommen an einer gewissen Stelle, die ich mit beiden Händen bedeckt hielt. Als ich fand, daß ich genug bearbeitet sei, forderte ich Kaffee von ihr, Sie stieg aus dem Bade, öffnete die Tür, bestellte, was ich wollte, und stieg ohne die geringste Verlegenheit wieder in das Bad. Als der Kaffee gekommen war, verließ sie es abermals, um ihn in Empfang zu nehmen; hierauf verschloß sie wieder die Tür, stieg ins Wasser zurück und hielt mir das Kaffeebrett, während ich meine Tasse leerte; als ich damit fertig war, blieb sie neben mir liegen. Obgleich ich den Formen des Mädchens keine besondere Aufmerksamkeit schenkte, hatte ich doch genug von ihr gesehen, um anzuerkennen, daß sie alles besaß, was ein Mann bei einer Frau zu finden wünschen kann: ein schönes Gesicht, lebhafte, wohlgeformte Augen, einen schönen Mund mit guten Zähnen, eine gesunde Gesichtsfarbe, einen schön gerundeten Busen, stark ausgebildete Hüften und alles übrige dementsprechend. Allerdings hatte ich das Gefühl, daß ihre Hände hätten weicher sein können, aber ich konnte ihre Rauheit der Arbeit zuschreiben. Außerdem war meine Schweizerin nur achtzehn Jahre alt; und trotzdem blieb ich völlig kalt. Woher kam dies? so fragte ich mich. Vielleicht davon, daß sie der Natur zu nahe stand, daß ihr nicht jene Anmut, jene Koketterie, jene kleinen Zierereien zu eigen waren, die die Frauen mit so vieler Kunst anzuwenden wissen, um uns zu verführen! Wir lieben also nur Künstelei und Falschheit! Vielleicht ist es auch, um unsere Sinne zu reizen, notwendig, daß wir die Schönheiten des Weibes nur hinter dem Schleier der Scham ahnen. Wir haben die Gewohnheit, uns zu bekleiden, und das Gesicht, das wir für alle Welt sichtbar lassen, hat für unsere volle Befriedigung am wenigsten Bedeutung; wie kommt es nun aber, daß das Gesicht die Hauptrolle spielt? Warum werden wir gerade durch das Gesicht verliebt? Warum beurteilen wir auf dieses einzige Anzeichen hin die Schönheit einer Frau, und warum verzeihen wir ihr, wenn die Teile, die sie uns verbirgt, mit ihrem hübschen Gesicht nicht im Einklang stehen? Wäre es nicht natürlicher und vor allen Dingen vernünftiger und vorteilhafter, das Gesicht zu bedecken und mit dem übrigen Körper nackt zu gehen? Wenn wir dann in eine Frau uns verliebten, brauchten wir, um unsere Leidenschaft völlig zu befriedigen, nur zu wünschen, daß sie Gesichtszüge hätte, die ihren übrigen verführerischen Reizen entsprächen. Ohne Zweifel wäre dieses vorzuziehen, denn wir würden dann nur durch eine vollkommene Schönheit verführt werden, und wir würden es leicht verzeihen, wenn wir bei der Demaskierung ein Gesicht häßlich fänden, das wir für schön hätten halten mögen. Eine häßliche Frau würde glücklich sein, durch die Schönheit ihrer Formen verführen zu können; nur eine solche häßliche würde niemals bereit sein, die Maske zu lüften, während die schönen sich nicht würden bitten lassen, ihr Gesicht zu zeigen. Die Häßlichen würden uns nicht lange seufzen lassen: sie würden gefällig sein, um sich nicht zeigen zu müssen, und wenn sie einwilligten, sich zu demaskieren, so würde dies nicht eher geschehen, als bis sie uns durch den Genuß überzeugt hätten, daß der Mann auch ohne ein schönes Gesicht glücklich sein kann, übrigens ist es augenscheinlich, ja sogar unbestreitbar, daß die Unbeständigkeit in der Liebe nur durch die Verschiedenheit der Gesichter verursacht wird. Wenn man sie nicht sähe, würde man immer treu sein, ja man würde sogar in die Frau, die man zuerst geliebt, immer verliebt bleiben. Ich weiß wohl, diese ganze Auseinandersetzung wird von vielen Toren als Torheit angesehen werden; aber ich werde dann nicht mehr auf der Welt sein, um ihnen antworten zu müssen. Als ich das Bad verlassen hatte, holte sie Handtücher, trocknete mich ab und zog mir mein Hemd an; hierauf frisierte sie mich so wie sie war, das heißt nackt. Während ich mich ankleidete, zog sie sich ebenfalls an, was bald geschehen war, und schnallte mir dann die Schuhe zu. Ich gab ihr einen kleinen Taler für das Bad und sechs Franken für sie selber; sie behielt aber nur den kleinen Taler und gab mir die sechs Franken mit verächtlicher Miene zurück, ohne ein Wort zu sprechen. Dies betrübte mich; ich sah, daß ich sie beleidigt hatte und daß sie sich würdig fühlte, nicht verschmäht zu werden. Ich entfernte mich in ziemlich schlechter Laune. Nach dem Abendessen konnte ich mich nicht enthalten, meiner lieben Dubois mein Nachmittagserlebnis zu erzählen, und sie machte natürlich ihre Bemerkungen über alle Einzelheiten. »Das Mädchen kann doch nicht hübsch sein, lieber Freund,« sagte sie zu mir. »Denn wenn sie es wäre, hätten Sie sicherlich der Verlockung nicht widerstanden. Ich möchte sie gerne einmal sehen.« »Wenn du neugierig auf sie bist, werde ich dich hinführen.« »Dies würde mir das größte Vergnügen machen.« »Aber dann müßtest du dich als Mann anziehen.« Sie stand auf, ging ohne ein Wort zu sagen hinaus und kam in einer Viertelstunde in einem Anzuge von Leduc zurück, aber ohne die Hosen, denn gewisse vorspringende Teile waren bei ihr zu stark ausgebildet. Ich forderte sie auf, eine von meinen Hosen zu nehmen, und die Partie wurde auf den nächsten Morgen angesetzt. Um sechs Uhr weckte sie mich. Sie war sehr gut als Mann angezogen und trug einen blauen Überrock, der ihre Formen vollkommen verhüllte. Ich stand auf, und wir gingen nach der Matte; so heißt jener Ort. Von der Aussicht auf das vorstehende Vergnügen belebt, strahlte meine liebe Dubois vor Freude. Es war unmöglich, daß jemand, der sie sah, trotz ihrer Verkleidung nicht ihr Geschlecht erriet; ihre weiblichen Formen waren zu sehr ausgebildet; sie hüllte sich daher, so gut es ging, in ihren Überrock. In der Matte kam uns der Bademeister entgegen und fragte mich, ob wir ein Badezimmer für vier Personen wünschten. Ich sagte ja, und im Nu waren wir von allen Bademägden umringt. Ich zeigte meiner Freundin das Mädchen, das mich nicht hatte verführen können, obgleich sie wirklich sehr schön war; sie wählte sie für sich; ich aber entschied mich für ein dickes, munteres Weib mit keckem Gesicht; hierauf gingen wir alle vier in das Badezimmer. Sobald ich ausgezogen war, ging ich mit meiner drallen Schweizerin ins Wasser. Meine Freundin zauderte; die Neuheit der Umgebung erstaunte sie, und ihre Miene verriet ein wenig Reue, so weit gegangen zu sein; aber sie nahm sich zusammen und lachte, als sie sah, wie kräftig mein weiblicher Grenadier mich rieb. Es kostete ihr einige Überwindung, ihr Hemd auszuziehen; da aber nur der erste Schritt schwer ist und eine Scham die andere besiegte, so ließ sie das Hemd sinken, und ich hatte, obgleich sie ihre beiden Hände vorhielt, die ganze Schönheit ihrer Formen vor mir. Ihre Magd schickte sich an, sie ebenso zu behandeln, wie sie am Tage vorher mich behandelt hatte; aber sie bat sie, sie in Ruhe zu lassen, und da ich die meinige ebenfalls aufhören ließ, so mußte sie sich schließlich doch von mir bedienen lassen. Die beiden Schweizerinnen, die so etwas jedenfalls schon oft mitgemacht hatten, begannen uns nun ein Schauspiel aufzuführen, das mir sehr gut bekannt, meiner lieben Dubois aber vollkommen fremd war. Die beiden Bacchantinnen begannen die Liebkosungen nachzuahmen, die ich meiner Freundin erwies, während diese vor Erstaunen ganz außer sich war, als sie sah, mit welcher Wut meine Magd bei der ihrigen die Rolle des Mannes spielte. Ich gestehe, daß ich selber ein bißchen erstaunt darüber war, obgleich ich vor sechs Jahren in Venedig die Verzückungen meiner schönen Nonne und meiner schönen C.C. gesehen hatte. Ich würde niemals geglaubt haben, daß ein derartiger Anblick mich zerstreuen könnte, während ich zum erstenmal eine Frau in den Armen hielt, die ich liebte und die alle Reize besaß, um die Sinne zu fesseln; aber der seltsame Kampf der beiden jungen Mädchen beschäftigte sie wie mich. »Das Mädchen, das Sie gewählt haben, muß ein Junge sein,« sagte sie zu mir. »Aber meine Liebe, Sie haben doch ihren Busen und ihre Formen gesehen.« »Ja, aber trotzdem.« Meine dicke Schweizerin hatte sie gehört, sie drehte sich um und zeigte ihr etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte, aber es war keine Täuschung möglich: es war zwar nur eine weibliche Klitoris, aber viel länger als mein kleiner Finger und steif genug, um eindringen zu können. Ich erklärte meiner lieben Dubois das Ding, aber um sie zu überzeugen, mußte ich sie es anrühren lassen. Die freche Person trieb die Schamlosigkeit so weit, daß sie sich erbot, es an ihr zu versuchen, und sie tat dies mit so leidenschaftlicher Beharrlichkeit, daß ich sie zurückstoßen mußte. Sie wandte sich hierauf zu ihrer Kameradin und befriedigte an dieser ihre geile Brunst. Obgleich dieser Anblick etwas Ekelhaftes hatte, regte er uns doch so stark auf, daß meine Freundin ihrer Natur nachgab und mir alles gewährte, was ich wünschen konnte. Nachdem wir auf diese Weise zwei Stunden geschwelgt hatten, kehrten wir, sehr miteinander zufrieden, in die Stadt zurück. Beim Abschied gab ich jeder der beiden Bacchantinnen einen Louis, und wir entfernten uns mit dem Vorsatz, nicht wieder zu kommen. Nach dem, was vorgefallen war, konnte uns natürlich nichts mehr verhindern, uns unserer Liebe hinzugeben. Meine liebe Dubois wurde also meine Geliebte, und wir machten uns gegenseitig glücklich, solange wir noch in Bern waren. Ich war von meinem Mißgeschick mit der abscheulichen Witwe gänzlich geheilt und erkannte die Wahrheit des Wortes, daß nicht nur die Freuden flüchtig sind, sondern auch die Leiden. Ich gehe noch weiter: ich behaupte, daß die Freuden, zum mindesten in der Liebe, dauerhafter sind als die Leiden; denn sie hinterlassen Erinnerungen, an denen man sich noch im Alter erfreut, während die Erinnerung an die Leiden, wenn überhaupt vorhanden, jedenfalls so schwach ist, daß sie auf Glück oder Unglück keinen Einfluß hat. Um zehn Uhr meldete man mir den Schultheiß von Thun. Er war französisch gekleidet in schwarzem Anzuge und hatte ein ernstes, freundliches und höfliches Benehmen, das mir gefiel. Er stand schon in reiferem Alter und gehörte zu den Mitgliedern der Regierung. Er bestand darauf, mir den Brief vorzulesen, den Herr von Chavigny ihm meinetwegen geschrieben hatte. Dieser Brief war außerordentlich schmeichelhaft, und ich sagte ihm: Wenn er unversiegelt gewesen wäre, würde ich es nicht gewagt haben, ihn abzugeben. Er lud mich für den nächsten Tag zu einem Abendessen mit Herren und für den übernächsten Tag zu einem ebensolchen mit Herren und Damen ein. Ich ging mit ihm nach der Bibliothek; dort sah ich einen früheren Mönch, Herrn Felix, der mehr Literaturkenner als Literat war, und einen vielversprechenden jungen Mann, Namens Schmidt, der in der literarischen Welt bereits vorteilhaft bekannt war. Außerdem hatte ich das Unglück, an diesem Ort einen sehr langweiligen Gelehrten zu finden; er wußte die Namen von zehntausend verschiedenen Muscheln auswendig, und ich war gezwungen, ihn zwei Stunden lang anzuhören, obgleich diese Wissenschaft mir vollständig fremd war. Er sagte mir unter anderem, daß die Aare, der berühmte Fluß des Kantons, Gold mit sich führe. Ich antwortete ihm, sie habe das mit allen großen Flüssen gemein; er schien mir jedoch, wie ich an einem Achselzucken merkte, davon nicht überzeugt zu sein. Ich speiste bei Herrn von Muralt zu Mittag mit den vier oder fünf angesehensten Damen von Bern. Ich fand sie angenehm, besonders eine sehr liebenswürdige und sehr gebildete Frau von Saconai. Ich würde ihr den Hof gemacht haben, wenn ich mich in der Hauptstadt der Schweiz – wenn man von einer Hauptstadt der Schweiz überhaupt reden kann – länger aufgehalten hätte. Die Berner Damen kleiden sich gut, obgleich ohne Luxus, denn diesen verbieten die Gesetze. Sie haben ein gewandtes Benehmen und sprechen sehr fließend französisch. Sie erfreuen sich der größten Freiheit, aber sie mißbrauchen sie nicht, obgleich in ihren Kreisen Galanterie herrscht; denn der Anstand steht hier in Ehren. Die Männer sind hier nicht eifersüchtig, aber sie verlangen, daß ihre Frauen um neun Uhr abends zu Hause sind, um in der Familie zu speisen. Ich verbrachte in Bern drei Wochen und beschäftigte mich während dieser Zeit nur mit meiner Dubois und mit einer alten Dame von fünfundachtzig Jahren, die mich durch ihre chemischen Kenntnisse sehr interessierte. Sie war mit dem berühmten Boerhave in vertrautem Verkehr gestanden und zeigte mir ein Stück Gold, das er in ihrer Gegenwart gemacht hatte und das vor der Umwandlung Kupfer gewesen war. Ich hatte darüber meine eigenen Gedanken, aber sie versicherte mir, der Gelehrte habe den Stein der Weisen besessen; doch habe er allerdings das menschliche Leben nur auf wenig mehr als hundert Jahre verlängern können. Für sich selber hatte Boerhave von dieser Kenntnis keinen Gebrauch zu machen gewußt, denn er starb an einem Herzpruben, bevor er noch das Alter vollkommener Reife erlangt hatte, das nach dem Hippokrates zwischen dem sechzigsten und siebzigsten Lebensjahre liegt. Die vier Millionen, die er seiner Tochter hinterließ, beweisen zwar nicht, daß er das Geheimnis des Goldmachens besaß, zeigen aber zum mindesten sehr deutlich, daß er das Talent besaß, Gold zusammen zu scharren. Die gute Alte sagte mir, er habe ihr ein Manuskript geschenkt, worin das ganze Verfahren erklärt sei, aber sie finde es dunkel. »Sie müssen es veröffentlichen.« »Gott soll mich bewahren.« »So verbrennen Sie es.« »Dazu habe ich nicht den Mut.« Herr von Muralt holte mich ab, um mir die Exerzierübungen der Berner Bürger zu zeigen, welche sämtlich Soldaten sind; ich fragte ihn bei dieser Gelegenheit, was der Bär bedeute, den man über dem Stadttor sah. Er sagte mir, Bern komme von dem deutschen Wort Bär. Nach diesem Tier heißen die Stadt und der Kanton, der dem Range nach der zweite der Eidgenossenschaft, an Ausdehnung und Reichtum aber der erste ist. Die Stadt liegt auf einer von der ganz in der Nähe der Rheinquelle entspringenden Aare gebildeten Halbinsel; er erzählte mir von der Macht seines Kantons, von dessen Herrschaften und Landvogteien und erklärte mir die Bedeutung eines Schultheißen; hierauf sprach er von Politik und beschrieb mir die verschiedenen Regierungssysteme der Kantone, die die schweizerische Eidgenossenschaft bilden. »Ich begreife sehr wohl,« sagte ich zu ihm, »daß ein jeder der dreizehn Kantone, aus denen die Eidgenossenschaft besteht, seine Regierung für sich hat ...« »Das glaube ich wohl,« versetzte er, mich unterbrechend; »aber Sie werden wohl so wenig wie ich begreifen, daß einige Kantone vier Regierungen haben.« Ich hatte ein köstliches Abendessen mit vierzehn oder fünfzehn Senatoren. Anfangs fehlte die Heiterkeit, es wurden keine frivolen oder literarischen Gespräche geführt, sondern man sprach von öffentlichem Recht, von Staatsinteressen, von Handel, Gewerbe und Spekulation, von Vaterlandsliebe und von der Pflicht, die Freiheit dem Leben vorzuziehen. Ich fühlte mich gleichsam in einem neuen, aber doch wesensverwandten Element; es war mir ein hoher Genuß, inmitten eines Kreises, wo alles die Menschheit adelte, Mensch zu sein. Aber gegen das Ende des Mahles begannen allen diesen starren Republikanern die Herzen aufzugehen; die Reden wurden weniger abgemessen, es wurde sogar zuweilen gelacht. Dies war die unausbleibliche Wirkung des Weines auf ihre ernsten Köpfe. Ich tat ihnen leid; denn obwohl sie die Mäßigkeit priesen, erschien die meinige ihnen doch übertrieben. Indessen achteten sie meine Freiheit und zwangen mich nicht zum Trinken, wie es sehr unpassenderweise die Russen, Schweden, Polen und im allgemeinen alle nordischen Völker tun. Um Mitternacht, für die Schweiz eine sehr späte Stunde, trennten wir uns, und als wir uns gute Nacht wünschten, bat ein jeder von ihnen mich aufrichtig, auf seine Freundschaft zu rechnen. Einer hatte während des Abendessens, bevor ihn der Wein begeistert hatte, die Republik Venedig wegen der Ausweisung der Graubündner getadelt; aber als der Geist des Bacchus ihn erleuchtet hatte, entschuldigte er sich deswegen. »Jede Regierung«, sagte er zu mir, »muß ihre Interessen besser verstehen als die Fremden, die ihre Handlungen kritisieren; jede muß in ihrem Hause tun dürfen, was sie gut dünkt.« Als ich nach Hause kam, hatte ich das Vergnügen, meine Freundin in meinem Bett zu finden. Ich bezeigte ihr meine Freude darüber durch hundert Liebkosungen, so daß sie weder an meiner Zärtlichkeit, noch an meiner Dankbarkeit zweifeln konnte. Ich betrachtete sie als meine Frau; wir liebten uns und konnten uns nicht vorstellen, daß wir uns eines Tages trennen würden. Wenn zwei Liebende sich mit voller Hingebung lieben, wird der Gedanke an Trennung ins Reich der Einbildung verwiesen. Den Tag darauf empfing ich einen Brief von meiner guten Frau d'Urfé, die mich bat, einer Frau de la Saone, der Gattin eines ihr befreundeten Generalleutnants, meine Aufwartung zu machen. Diese Dame war nach Bern gekommen in der Hoffnung, dort von einer schrecklichen Krankheit geheilt zu werden, die sie auf eine unglaubliche Art entstellte. Sie hatte vorzügliche Empfehlungen an die besten Kreise der Stadt. Sie hielt jeden Abend Tafel, hatte einen ausgezeichneten Koch und lud nur Herren ein. Sie hatte erklärt, daß sie keinen Besuch erwidern würde, und daran tat sie recht. Ich beeilte mich, ihr meinen Besuch zu machen; aber, großer Gott, welch trauriger, entsetzlicher Anblick bot sich mir! Ich sah eine mit größter Eleganz gekleidete Dame in üppiger Haltung auf einer Ottomane ausgestreckt. Sobald sie mich erblickte, stand sie auf und machte mir die anmutigste Verbeugung; dann setzte sie sich wieder auf die Ottomane und bat mich, neben ihr Platz zu nehmen. Ohne Zweifel mußte sie meine Überraschung bemerken, aber sie war wahrscheinlich an die Wirkung gewöhnt, die sie beim ersten Anblick hervorbrachte, und unterhielt sich mit mir auf die liebenswürdigste Weise, so daß das Abstoßende ihrer Erscheinung gemildert wurde. Hier ihr Porträt: Frau de la Saonc war sehr gut angezogen, sie hatte die weißeste und weichste Hand, Arme von der wundervollsten Rundung, ihr sehr tief ausgeschnittenes Kleid ließ einen herrlichen Busen von blendender Weiße sehen, die durch zwei reizende Rosenknöspchen noch mehr gehoben wurde; ihr Wuchs war tadellos, und sie hatte das kleinste Füßchen, das sich denken läßt. Alles an ihr würde Liebe eingeflößt haben; aber wenn das Auge einen Augenblick auf ihrem Gesicht haften mußte, wichen alle anderen Gefühle dem Mitleid und Entsetzen. Sie war abschreckend! Was ein Gesicht hätte sein sollen, war nur eine ekelhafte schwärzliche Kruste. Es war unmöglich, einen Zug, eine Form zu erkennen, und diese Häßlichkeit wurde noch hervorgehoben und schrecklicher gemacht durch zwei schöne schwarze Augen voller Feuer und durch einen lippenlosen Mund, den sie halb offen hielt, wie wenn sie zwei Reihen Zähne von blendender Weiße hätte sehen lassen wollen. Sie konnte nicht lachen, denn der Schmerz durch die Zusammenziehung der Muskeln hätte ihr ohne Zweifel Tränen entrissen. Trotzdem schien sie zufrieden zu sein; ihre Unterhaltung war entzückend, ihre scherzhaften Bemerkungen waren fein, taktvoll, geistreich, witzig und im besten Tone guter Gesellschaft. Sie konnte höchstens dreißig Jahre alt sein und hatte in Paris drei wunderhübsche Kinder in zartem Alter zurückgelassen. Ihr Gatte war ein sehr schöner Mann, der sie zärtlich liebte und niemals allein schlief. Wahrscheinlich hätten wenig Soldaten solchen Mut gehabt, wahrscheinlich aber auch trieb er trotz seiner ehelichen Unerschrockenheit die Tapferkeit nicht so weit, ihr süße Küsse zu geben, denn der bloße Gedanke daran machte einen schaudern. In ihrem ersten Wochenbett war ihr die Milch ins Blut getreten und hatte die arme Frau in diesen traurigen Zustand versetzt, den sie seit zehn Jahren ertrug. Alle berühmten Ärzte Frankreichs hatten sich vergeblich bemüht, sie von ihrem Aussatz zu befreien; sie war nach Bern gekommen, um sich bei zwei berühmten Doktoren, die ihr Heilung versprochen hatten, in Behandlung zu geben. Versprechungen dieser Art machen alle Quacksalber; sie heilen oder sie heilen nicht, und wenn man sie nur tüchtig bezahlt, so fehlt es ihnen niemals an Gründen, um die Schuld ihrer Unwissenheit den armen Kranken aufzubürden, die sie betrügen. Der Arzt kam, während ich bei ihr war und über ihrer geistreichen Unterhaltung ihr Gesicht vergaß. Sie hatte bereits begonnen, ihre Heilmittel einzunehmen; es waren Tropfen, zu deren Bestandteilen auch Quecksilber gehörte. »Mir scheint,« sagte sie zu dem Doktor, »das Jucken ist stärker geworden, seitdem ich Ihre Medizin nehme.« »Das Jucken, Madame«, antwortete ihr der Äskulap, »wird bis zu Ende der Kur anhalten, und diese muß drei Monate dauern.« »Solange ich mich kratzen werde,« erwiderte sie, »werde ich in demselben Zustande sein, und die Kur wird niemals ein Ende nehmen.« Der Doktor antwortete ausweichend. Ich stand auf, um Abschied zu nehmen; sie gab mir die Hand und lud mich ein für allemal zum Abendessen ein. Ich ging noch am gleichen Abend hin. Ich sah die arme Frau von allen Speisen essen und Wein trinken; denn der Arzt hatte ihr nichts verboten. Ich sah voraus, daß sie niemals gesund werden würde. Ihre gute Laune, ihre reizenden Bemerkungen erheiterten die ganze Gesellschaft. Ich begriff, daß man sich an ihr Gesicht gewöhnen und mit ihr zusammen leben konnte. Am Abend unterhielt ich mich über sie mit meiner Freundin, die mir sagte, vielleicht genügten trotz der Häßlichkeit ihres Gesichts die Schönheit ihres Körpers und die Vorzüge ihres Geistes, um sie Liebhaber finden zu lassen. Ich gab dies zu, obgleich ich die Möglichkeit durchaus nicht begreifen konnte, soweit ich selber in Betracht kam. Als ich drei oder vier Tage später bei einem Buchhändler war, um die Zeitung zu lesen, redete ein junger hübscher Mann von etwa zwanzig Jahren mich höflich an und sagte mir, es tue der Frau de la Saone recht leid, daß sie nicht mehr das Vergnügen gehabt habe, mich abends bei ihr zu sehen. »Sie kennen die Dame?« »Ich habe die Ehre gehabt, mit Ihnen bei ihr zu speisen.« »Richtig! ich erinnerte mich Ihrer nicht gleich!« »Ich besorge ihr Bücher nach ihrem Geschmack, denn ich bin Buchhändler, und ich speise nicht nur jeden Abend bei ihr, sondern wir frühstücken auch jeden Morgen allein miteinander, bevor sie aufsteht.« »Ich mache Ihnen mein Kompliment dazu. Ich wette, Sie sind in sie verliebt!« »Sie scherzen; indessen ist sie liebenswürdiger, als Sie denken.« »Ich scherze durchaus nicht, aber ich wette, Sie würden nicht den Mut haben, den Scherz bis zum Ende zu führen.« »Sie könnten verlieren.« »Wirklich? Ich würde gern verlieren.« »Also wetten wir!« »Aber wie werden Sie es anfangen, um mich zu überzeugen?« »Wetten wir einen Louis, und versprechen Sie mir, verschwiegen zu sein.« »Also gut, um einen Louis.« »Kommen Sie heute Abend zum Abendessen zu der Dame, und ich werde Ihnen etwas sagen.« »Sie werden mich dort sehen.« Als ich nach Hause kam, teilte ich meiner Freundin diese Unterredung mit. Sie sagte: »Ich bin neugierig, wie er es anfangen wird, dich zu überzeugen.« Ich versprach, ihr alles zu erzählen, und sie freute sich sehr darüber. Ich erschien pünktlich nach der Verabredung. Frau de la Saone machte mir liebenswürdige Vorwürfe und gab mir ein köstliches Abendessen. Mein junger Buchhändler war anwesend; da aber seine Schöne kein Wort mit ihm sprach, so sagte er auch nichts und blieb unbeachtet. Nach dem Abendessen gingen wir zusammen fort, und unterwegs sagte er mir: »Wenn es Ihnen recht ist, werde ich morgen früh um acht Uhr Ihren Wunsch erfüllen. Sie treten ein; die Kammerfrau wird Ihnen sagen, ihre Herrin sei nicht sichtbar; aber Sie brauchen ja nur zu sagen, daß Sie warten wollen, und gehen ins Vorzimmer. Dieses Vorzimmer hat eine Glastür, die sich dem Bett der Dame gegenüber befindet. Ich werde den Vorhang, der die Scheiben verdeckt, soweit zur Seite schieben, daß Sie bequem sehen können, was zwischen ihr und mir vorgeht. Wenn die Geschichte fertig ist, werde ich durch eine andere Tür hinausgehen; sie wird ihre Zofe rufen, und Sie können sich melden lassen. Gegen Mittag werde ich Ihnen, wenn Sie es mir erlauben, einige Bücher in den »Falken« bringen, und wenn Sie finden, daß ich meinen Louis ehrlich verdient habe, so werden Sie ihn mir bezahlen.« Ich versprach es ihm, und wir trennten uns. Obwohl ich ja die Sache nicht für unmöglich hielt, so war ich doch neugierig; um acht Uhr stellte ich mich ein, und die Kammerfrau ließ mich eintreten, als ich ihr sagte, daß ich warten wollte. Ich fand den Vorhang des Türfensters an der einen Ecke zurückgeschoben; guckte hindurch und bemerkte meinen jungen Prahlhans, der am Kopfende des Bettes saß und seine Eroberung in den Armen hielt. Eine sehr große Mütze verbarg gänzlich ihr Gesicht; dies war eine sehr weise Vorsicht, die dem indiskreten Buchhändler ausgezeichnet zustatten kam. Als der Schelm bemerkte, daß ich auf dem Posten war, ließ er mich nicht länger warten; er stand auf und bot meinen Blicken nicht nur alle geheimen Schätze seiner Schönen, sondern auch seine eigenen dar. Er war klein von Gestalt, aber gerade in bezug auf das, was der Dame von Interesse sein mußte, wie ein Herkules gebaut, und der Bursche schien sich damit zu brüsten, wie wenn er mich hätte eifersüchtig machen wollen. Er drehte sein Opfer hin und her, so daß ich die Schöne von allen Seiten zu sehen bekam; er behandelte sie als kräftiger Athlet, und sie schien seine Glut mit allen Kräften zu erwidern. Phidias hätte keinen schöneren Körper als Modell für seine Venus nehmen können. Die rundesten Formen und die sanftesten Wellenlinien vereinigten sich mit der Weiße des schönsten parischen Marmors. Ich wurde dadurch im höchsten Grade aufgeregt und entfernte mich vor dem Ende des Kampfes; ich kam in solcher Glut nach Hause, daß ich sie im Mattenbad hätte löschen müssen, wenn meine liebe Dubois nicht dagewesen wäre. Als ich ihr die Geschichte erzählt hatte, bekam sie Lust, den Helden kennen zu lernen, und dieser Wunsch wurde ihr mittags erfüllt. Der junge Buchhändler brachte mir einige Werke, die ich bei ihm bestellt hatte; ich bezahlte sie ihm und gab ihm zugleich den Betrag unserer Wette und noch einen Louis obendrein, als Zeichen meiner Zufriedenheit. Er nahm das Geld mit einem Lächeln, das mir sagen zu wollen schien, ich müsse froh sein, verloren zu haben. Meine Haushälterin sah ihn ziemlich lange an und fragte ihn dann, ob er sie kenne; er sagte nein. »Ich habe Sie als Kind gesehen; Sie sind der Sohn des evangelischen Pfarrers Mignard; Sie mochten damals etwa zehn Jahre alt sein.« »Das kann wohl sein, gnädige Frau.« »Sie haben also nicht den Beruf Ihres Vaters ergreifen wollen?« »Nein, Madame, ich fühlte vielmehr Neigung für den Kultus des Geschöpfes als für den des Schöpfers und hielt daher diesen Beruf nicht für angemessen.« »Sie haben recht; denn ein Diener der Religion muß verschwiegen sein, und Verschwiegenheit ist lästig.« Über diesen kleinen Ausfall errötete der Hasenfuß; aber wir ließen ihm keine Zeit, in Verlegenheit zu geraten. Ich lud ihn zum Essen ein, und ohne von Frau de la Saone zu reden, erzählte er uns seine Liebesabenteuer und eine Menge galanter Geschichten von den hübschesten Berner Damen. Als er sich entfernte, sagte meine Freundin zu mir, einen jungen Mann dieser Art möge man nur einmal sehen. Da ich derselben Meinung war, so empfing ich ihn nicht mehr bei mir; später habe ich erfahren, daß Frau de la Saone ihn mit nach Paris genommen und daß er dort sein Glück gemacht habe. Der Reichtum vieler Menschen hat keinen anderen Ursprung und oft vielmals einen noch unedleren. Ich ging zu Frau de la Saone nur noch einmal, um mich von ihr zu verabschieden, wie ich bald erzählen werde. Ich lebte glücklich mit meiner reizenden Freundin, die mir tausendmal wiederholte, daß ich sie glücklich mache. Keine Furcht, kein Zweifel wegen der Zukunft beunruhigten ihre schöne Seele; sie war, ebenso wie ich, fest überzeugt, daß wir uns niemals verlassen würden, und sie sagte mir, sie würde mir alle Treulosigkeiten, zu denen ich mich etwa hinreißen ließe, verzeihen, wenn ich nur niemals unterließe, sie ihr zu beichten. Ich bekenne, eine Frau mit solchem Charakter brauchte ich, um ruhig und zufrieden zu leben; aber ein so großes Glück sollte mir nicht beschieden sein. Als wir zwei oder drei Wochen in Bern gewesen waren, empfing meine Haushälterin einen Brief aus Solothurn. Er war von Lebel. Ich sah sie ihn sehr aufmerksam lesen und fragte sie, was denn darin stände. »Da lies ihn!« sagte sie und setzte sich vor mich hin, um mir am Gesicht abzulesen, welchen Eindruck der Brief auf meine Seele machen würde. Lebel fragte sie kurz und bündig, ob sie seine Frau werden wolle. »Ich habe«, schrieb er, »meinen Antrag nur verschoben, um meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und mich zu vergewissern, ob ich Sie heiraten könnte, wenn auch der Herr Botschafter nicht damit einverstanden wäre. Ich habe gefunden, daß ich reich genug bin, um in Bern oder anderswo gut leben zu können, ohne einen Dienst annehmen zu müssen. Indessen hätte ich dieser Vorsicht gar nicht bedurft, denn Herr von Chavigny hat mir sofort auf das liebenswürdigste seine Einwilligung gegeben, als ich ihm meinen Plan mitteilte.« Ferner bat er sie, ihn nicht zu lange auf eine Antwort warten zu lassen, sondern ihm zu schreiben, erstens, ob sie seinen Antrag annehme, zweitens, ob sie in Bern zu bleiben wünsche, wo sie in jeder Beziehung ihre eigene Herrin sein werde, oder ob sie lieber nach Solothurn zurückkommen wolle; dann könnten sie bei dem Gesandten bleiben und würden dadurch ihr Vermögen vermehren. Zum Schluß sagte er, was sie mitbrächte, würde ihr Eigentum bleiben und er würde ihr ein Witwengeld bis zu hunderttausend Franken aussetzen. Von mir erwähnte er kein Wort. »Meine liebe Freundin,« sagte ich zu ihr, »du bist vollkommen freie Herrin deiner Entschlüsse; aber ich kann mir nicht vorstellen, daß du mich verlassen könntest, ohne zugleich zu denken, daß ich alsdann der unglücklichste aller Menschen sein werde.« »Ich wäre die unglücklichste aller Frauen, wenn ich dich verlieren sollte, lieber Freund; denn wenn du mich nur liebst, mache ich mir gar nichts daraus, ob ich mit dir ehelich verbunden bin oder nicht.« »Sehr gut. Aber was wirst du ihm antworten?« »Morgen wirst du meinen Brief sehen. Ich werde ihm höflich, aber ohne Umschweife, sagen, daß ich dich liebe, daß ich dir gehöre, daß ich glücklich bin, daß es mir unmöglich ist, seine vorteilhaften Anerbietungen anzunehmen. Ich werde ihm sogar sagen, daß ich seine Großmut zu schätzen wisse und daß ich seinen Antrag annehmen müßte, wenn ich der Stimme der Vernunft folgte, daß ich aber, von meiner Liebe zu dir beherrscht, nur meiner Neigung folgen könnte.« »Ich finde den Ton deines Briefes ausgezeichnet; um einen derartigen Antrag zurückzuweisen, kannst du keine anderen triftigen Gründe anführen, als die von dir genannten. Außerdem wäre es lächerlich, den Glauben erwecken zu wollen, wie wenn wir nicht als glücklich Liebende miteinander lebten, denn dies liegt auf der Hand. Trotzdem, liebes Herz, muß ich dir gestehen, daß dieser Brief mich betrübt.« »Warum denn, lieber Freund?« »Weil ich nicht über hunderttausend Franken verfüge, um sie dir sofort anbieten zu können.« »Ich will sie nicht, lieber Freund; und wenn du sie mir gäbest, würde ich sie nur annehmen, um sie dir in demselben Augenblick wiederzugeben. Du bist sicherlich nicht der Mann, jemals arm zu werden, aber sollte dir dies zustoßen, so würde ich mich sehr glücklich schätzen, deine Armut teilen zu dürfen.« Wir sanken einander in die Arme, und die Liebe schenkte uns alle Wonnen; aber inmitten dieses Glückes bemächtigte eine gewisse Traurigkeit sich unserer Seelen. Schmachtende Liebe scheint doppelte Gewalt zu gewinnen; aber dies ist nur eine Täuschung: die Traurigkeit erschöpft sie viel mehr als der Genuß. Liebe ist ein übermütiges junges Ding, das mit Lachen und Spielen genährt sein will; jede andere Nahrung macht sie schwindsüchtig. Am nächsten Tage schrieb meine Freundin in dem tags vorher kundgegebenen Sinne, und ich hielt mich für verpflichtet, an Herrn von Chavigny einen Brief zu schreiben, der ein Gewebe von Liebe, Gefühl und Philosophie war. Ich verhehlte ihm nicht, daß ich in die von Lebel begehrte Frau rasend verliebt sei, aber ich erklärte zugleich, daß ich als ehrlicher Mann lieber sterben, als meine reizende Freundin eines gesicherten Glückes berauben wolle. Über diesen Brief freute meine Freundin sich sehr, denn sie wollte gerne wissen, wie der Botschafter über diese Angelegenheit dächte, die allerdings danach angetan war, reiflich überlegt zu werden. Da ich an demselben Tage meine von Frau d'Urfé erbetenen Empfehlungsbriefe erhielt, entschloß ich mich, nach Lausanne abzureisen, zum Entzücken meiner lieben Dubois. Doch hier muß ich ein wenig weiter ausholen. Ein Herr von F., Mitglied des Großen Rates, den ich bei Frau de la Saone kennen gelernt hatte, war mein Freund geworden, Er besuchte mich, ich stellte ihm meine Freundin vor, und er behandelte sie mit der gleichen Auszeichnung, wie wenn sie meine Frau gewesen wäre. Er hatte uns bei einem Spaziergang seiner Frau vorgestellt und hatte uns mit ihr und seiner Tochter Sarah mehrere Male besucht. Sarah war erst dreizehn Jahre alt, aber für ihr Alter sehr weit entwickelt; sie war eine schöne, kluge Brünette, der es viel Spaß machte, allerlei hübsche Naivitäten zu sagen, deren Bedeutung sie vollkommen fühlte, obwohl sie auf den ersten Anblick ganz unschuldig zu sein schien. Sie verstand es meisterhaft, in den Augen ihrer Eltern unwissend zu erscheinen und erlangte dadurch große Freiheit. Sarah hatte erklärt, sie sei in meine Haushälterin verliebt, und da ihre Eltern hierüber lachten, so überschüttete sie sie mit allen möglichen Lieblosungen. Sie kam oft zu uns zum Frühstück, und wenn sie uns noch im Bett fand, so umarmte sie meine Freundin, nannte sie ihre Frau, steckte die Hand unter die Bettdecke, um sie zu kitzeln, und sagte zu ihr, sie sei ihr kleiner Mann und wolle ihr ein Kind machen. Meine Freundin lachte und ließ sie gewähren. Eines Tages, als wir wieder über die Schäkereien lachten, sagte ich ihr, sie mache mich eifersüchtig; ich glaube, sie sei wirklich ein kleiner Mann und wolle mich davon überzeugen. Mit diesen Worten packte ich sie und tat, wie wenn ich sie untersuchen wollte. Die kleine Schelmin sagte lachend, ich irre mich, aber ihre Hand schien eher die meinige zu leiten als Widerstand entgegenzusetzen. Dies machte mich neugierig, und ich konnte mich bald überzeugen, daß sie ihr Geschlecht nicht verbarg. Ich merkte, daß sie mich zum besten hielt, indem diese Untersuchung gerade das war, was sie wünschte; ich zog daher meine Hand zurück und teilte meiner Haushälterin meinen Verdacht mit, worauf sie antwortete, daß ich mich nicht täuschte. Da die Kleine mir aber weiter keine Gefühle einflößte, so ließ ich es dabei bewenden. Zwei oder drei Tage später trat das junge Mädchen gerade im Augenblicke meines Aufstehens bei uns ein und sagte mit ihrer gewöhnlichen Naivität zu mir: »Da Sie jetzt wissen, daß ich kein Mann bin, so können Sie nicht eifersüchtig sein und es nicht übelnehmen, wenn ich Ihren Platz bei meiner kleinen Frau einnehme – falls diese es erlaubt.« Meine Freundin hatte Lust zu scherzen und sagte zu ihr: »Komm!« Im Nu war sie ausgezogen und lag in den Armen ihrer kleinen Frau, die sie wie ein verliebter Gatte zu behandeln begann. Meine Freundin lachte; Sarah hatte während dieses Kampfes ihr Hemd abgestreift und die Bettdecke abgeworfen und zeigte sich meinen Augen ohne jeden Schleier, während sie zugleich alle Schönheiten meiner Freundin enthüllte. Dieses Schauspiel entflammte mich; ich schloß die Tür und machte die junge Spitzbübin zur Zeugin meiner Glut. Sarah blieb bis ans Ende ganz ruhig und aufmerksam und spielte vorzüglich die Erstaunte; als ich fertig war, sagte sie mit dem unschuldigsten Gesicht: »Machen Sie's ihr noch einmal!« »Ich kann nicht, meine Liebe; denn ich bin tot, wie du wohl siehst.« »Das ist aber komisch!« rief sie; zugleich begann sie mit der Miene vollkommenster Unschuld sich selbst um meine Wiederauferstehung zu bemühen. Als es ihr gelungen war, mich in den gewünschten Zustand zu versetzen, rief sie: »Nun! Also jetzt!« – und ich würde ihr ohne Zweifel gehorcht haben, aber meine Haushälterin sagte zu ihr: »Nein, meine Liebe! Da du ihn wieder auferweckt hast, so ist es deine Sache, ihn abermals tot zu machen.« »Ich täte es gern,« sagte sie; »aber ich werde nicht Platz genug haben!« Mit diesen Worten nahm sie eine Stellung ein, die mir zeigen sollte, daß sie die Wahrheit spräche, und daß es nicht ihre Schuld wäre, wenn sie mich nicht tot machte. Ich stellte mich ebenso einfältig wie sie und näherte mich ihr, wie wenn ich ihr nur einen Gefallen erweisen und durchaus nicht weiter gehen wollte. Da ich aber gar keinen Widerstand fand, so vollzog ich den Akt auf das vollständigste, ohne daß sie das geringste Zeichen von Schmerz sehen ließ, und ohne daß einer der Zwischenfälle eintrat, die sonst beim erstenmal üblich sind. Vielmehr empfand sie offenbar den höchsten Genuß dabei. Obgleich ich vom Gegenteil überzeugt war, hatte ich mich doch genügend in der Gewalt, um meiner Freundin zu sagen, Sarah habe mir gegeben, was man nur einmal geben kann, und sie tat, als glaubte sie es. Als die Operation zu Ende war, hatten wir eine andere Szene, über die wir laut lachen mußten. Sarah bat uns, wir möchten doch im Gottes willen ihrem Papa und ihrer Mama nichts sagen, denn diese würden sie wieder ausschelten wie damals, als sie sich ohne Erlaubnis ihre Ohrläppchen hätte durchstechen lassen. Sarah wußte recht wohl, daß wir uns von ihrer erkünstelten Einfalt nicht betrügen ließen; aber sie tat, als wüßte sie es nicht, um sich dies zunutze zu machen. Wer konnte sie diese Kunst gelehrt haben? Niemand. Es war natürliche Begabung, die sich bei Kindern häufiger findet als bei heranwachsenden jungen Leuten, aber immer etwas Seltenes und Erstaunliches ist. Ihre Mutter erblickte in ihren Naivitäten Vorläufer des Geistes, und ihr Vater sah darin ein Zeichen ihrer Dummheit. Aber wenn Sarah dumm gewesen wäre, so hätte unser lautes Gelächter sie außer Fassung gebracht und sie würde geschwiegen haben; sie war jedoch niemals zufriedener, als wenn ihr Vater über ihre Dummheit klagte; dann spielte sie die Erstaunte, tat, als ob sie ihre Dummheit wieder gut machen wollte, und verstärkte sie durch eine neue noch größere. Fortwährend stellte sie uns Fragen, auf die wir unmöglich antworten konnten; also lachten wir darüber, obgleich wir mit etwas Nachdenken leicht entdecken konnten, daß sie selber sehr richtig denken mußte, um solche Fragen stellen zu können. Sie hätte sogar den Spieß umdrehen und uns beweisen können, daß die Dummheit auf unserer Seite war; damit aber wäre sie aus ihrer Rolle gefallen. Lebel antwortete meiner Freundin nicht; aber Herr von Chavigny schrieb mir einen vier Seiten langen Brief. Er sprach zu mir als weiser Philosoph und als Weltmann, der durch eine lange Erfahrung gereift war. Wenn ich alt wäre wie er und imstande, nach meinem Tode meiner Freundin ein glückliches und unabhängiges Leben zu sichern, so dürfte ich sie um keinen Preis abtreten, besonders da wir beide in Wünschen und Neigungen vollkommen übereinstimmten; da ich aber jung wäre und nicht die Absicht hätte, mich durch ein unlösbares Band zu fesseln, so müßte ich nicht nur einer Verbindung zustimmen, die sie glücklich zu machen verspräche, sondern ich müßte auch als Ehrenmann meinen ganzen Einfluß auf sie aufbieten, um sie zur Einwilligung zu bestimmen. »Sie, mit Ihrer Erfahrung,« fuhr der liebenswürdige Greis fort, »Sie müssen einsehen, daß unfehlbar die Zeit kommen muß, wo Sie beide bereuen werden, die Gelegenheit nicht benutzt zu haben; denn wenn Ihre Liebe gesättigt ist, muß sie zur Freundschaft werden; dann wird eine andere Liebe an die Stelle derjenigen treten, die Ihnen jetzt festzustehen scheint wie der Gott Terminus; denn wenn Ihre reizende Dubois Ihre Freundin geworden ist, so muß sie Ihnen noch mehr Freiheit lassen, und Ihre Reue wird Sie unglücklich machen. Lebel hat mir seine Absicht mitgeteilt, und ich habe ihm nicht nur nicht abgeraten, sondern ihn ermutigt; denn Ihre reizende Freundin hat bei den fünf oder sechs Malen, da ich das Vergnügen hatte, sie bei Ihnen zu sehen, meine ganze Freundschaft gewonnen. Ich wäre daher recht glücklich, sie bei mir zu haben, um mich an ihrer liebenswürdigen Unterhaltung erfreuen zu können, ohne im geringsten den Anstand zu verletzen. Sie werden einsehen, daß ich in meinem Alter nicht mehr so töricht sein kann, um irgendwelche Hoffnung zu hegen, die ich übrigens ja doch nicht verwirklichen könnte, selbst wenn ich den Gegenstand meiner Begehrlichkeit gefällig finden würde.« Zum Schluß schrieb er mir, Lebel habe sich nicht wie ein Jüngling verliebt; er habe vielmehr seinen Entschluß reiflich erwogen und werde sie daher nicht drängen, wie sie aus der Antwort ersehen werde, mit deren Abfassung er noch beschäftigt sei. Eine Ehe dürfe immer nur mit kaltem Blute geschlossen werden. Ich übergab diesen Brief meiner Freundin, die ihn aufmerksam las und ihn mir mit dem gleichgültigsten Gesicht zurückgab. »Was sagst du dazu, liebe Freundin?« »Ich gedenke die Ratschläge des Botschafters zu befolgen. Er schreibt, wir brauchten uns nicht zu beeilen; weiter wollen wir ja auch nichts. Wir wollen uns lieben und nur an unsere Liebe denken. Der Brief ist mit großer Weisheit geschrieben; aber ich kann mir nicht vorstellen, daß wir je einander gleichgültig sein können, obgleich ich sehr gut weiß, daß dies möglich ist.« »Gleichgültig, niemals! Du irrst dich.« »Nun – oder Freunde; denn dies ist auch nicht viel besser, nachdem man sich geliebt hat.« »Aber die Freundschaft, liebes Herz, ist niemals gleichgültig. Allerdings kann die Liebe sich ins Spiel mischen; dies wissen wir, denn es ist so gewesen, solange wie die Welt besteht.« »Also hat der Botschafter recht: die Reue kann unsere Seelen quälen und uns unglücklich machen, wenn die Liebe der allzu friedfertigen Freundschaft gewichen ist.« »Wenn du dies für möglich hältst, angebetetes Weib, so wollen wir morgen uns heiraten und so die Fehler der menschlichen Natur bestrafen.« »Ja, wir werden uns heiraten, mein guter Freund, aber wir wollen uns nicht übereilen; Hymen könnte Amor in die Flucht jagen – laß uns deshalb unseres Glückes genießen, so wie es ist.« »Du bist bewunderungswürdig, mein Engel, und des glücklichsten Loses wert.« »Ich wünsche kein größeres Glück als dasjenige, das du mir verschaffst.« Wir gingen zu Bett und setzten unser Gespräch fort; als wir einander in den Armen lagen, trafen wir eine Verabredung, die wir sehr schön und sehr weise fanden. »Lausanne«, sagte sie zu mir, »ist eine kleine Stadt, wo du wahrscheinlich sehr gefeiert werden wirst; mindestens vierzehn Tage lang wirst du kaum Zeit haben, deine Besuche zu machen und an den Soupers und Abendgesellschaften teilzunehmen, zu denen man dich von allen Seiten einladen wird. Mich kennt dort der ganze Adel, und der Herzog von Norburgh, der mich mit seiner Liebe belästigte, hält sich noch dort auf. Wenn ich mit dir erscheine, so wird man in allen Gesellschaften darüber reden, und das wird für dich ebenso langweilig sein wie für mich. – Meine gute Mutter lebt dort; sie wird nichts sagen, aber im Grunde wird es ihr nicht sehr lieb sein, mich bei einem Manne wie du als Haushälterin zu sehen; denn der gesunde Menschenverstand muß jedem sagen, daß ich nur deine Geliebte sein kann.« Ich fand, daß sie recht hatte, und daß wir auf die Schicklichkeit gebührende Rücksicht nehmen mußten. Wir bestimmten also, daß sie allein nach Lausanne reisen und dort bei ihrer Mutter wohnen solle; zwei oder drei Tage später würde ich ihr folgen und in Lausanne, solange ich wollte, für mich allein wohnen, da ich sie ohne jeden Zwang bei ihrer Mutter sehen konnte, so oft es mir beliebte. »Wenn du Lausanne verlässest,« sagte sie zu mir, »werde ich in Genf wieder mit dir zusammentreffen; von dort reisen wir, wohin du willst, und solange wir uns lieben.« Am zweiten Tage reiste sie in aller Frühe ab; sie war meiner Treue gewiß und wünschte sich Glück zu der Ausführung unseres so vernünftigen Planes. Ich war sehr traurig über ihre Abreise, aber die Abschiedsbesuche zerstreuten meinen Schmerz ein wenig. Da ich den berühmten Haller kennen zu lernen wünschte, ehe ich die Schweiz verließ, so gab der Schultheiß von Muralt mir für ihn einen Brief, über den ich mich sehr freute. Herr von Haller war Landvogt in Roche. Als ich der Frau de la Saone meinen Abschiedsbesuch machte, fand ich sie im Bett und mußte eine Viertelstunde mit ihr allein bleiben. Natürlich sprachen wir nur von ihrer Krankheit, und sie wußte das Gespräch so zu wenden, daß sie in allen Ehren mich sehen lassen konnte, daß die Krankheit, die ihr Gesicht entstellte, ihren ganzen Körper verschont habe. Dieser Anblick überzeugte mich, daß Mignard nicht so tapfer zu sein brauchte, wie ich geglaubt hatte; denn ich war nahe daran, ihr denselben Dienst zu erweisen. Man brauchte schließlich nur ihren Körper anzusehen, und es ließ sich allerdings kaum etwas Hübscheres finden. Ich sehe voraus, daß mehr als eine Frömmlerin und mehr als ein Tugendbold eines Tages, wenn diese Erinnerungen jemals Leser finden, über diese arme Dame Zeter schreien werden; aber indem sie sich mit solcher Bereitwilligkeit zeigte, rächte sie sich für das Leid, das die Natur ihr angetan hatte, indem sie sie so fürchterlich entstellte. Vielleicht wollte sie auch aus Herzensgüte, und weil sie wußte, was die Höflichkeit durch den Anblick ihres Gesichtes zu leiden hatte, den Mann, der seinen Widerwillen überwand, entschädigen, indem sie ihm die Schönheiten zeigte, mit denen die Natur sie verschwenderisch begabt hatte. Ich bin überzeugt, meine Damen, daß selbst die Prüdeste und Tugendhafteste von Ihnen, wenn Sie alle das Unglück hätten, scheußliche Gesichter zu haben, sich ohne weiteres der Mode fügen würde, wenn diese geböte, die Häßlichkeit zu verbergen und die Schönheiten zur Schau zu tragen, die Sie jetzt unseren Blicken entziehen, weil der Brauch es so will. Ohne Zweifel wäre Frau de la Saone geiziger mit der Schönheit ihres Körpers gewesen, wenn sie wie Sie durch ihr Gesicht hätte verführen können. Am Tage meiner Abreise speiste ich bei Herrn von F., und die niedliche Sarah machte mir viele Vorwürfe, daß ich ihre kleine Frau vor mir habe abreisen lassen. Man wird sehen, wie ich sie drei Jahre später in London wiederfand. Leduc war noch in ärztlicher Behandlung und sehr schwach; trotzdem ließ ich ihn mit mir reisen, denn ich hatte viele Sachen und konnte nur ihm vertrauen. Ich verließ Bern in einer sehr natürlichen Trauer. Ich war in dieser Stadt glücklich gewesen und denke noch jetzt niemals ohne Vergnügen an sie. Ich hatte von Frau von Urfé den Auftrag erhalten, den Doktor Heilenschwand um Rat zu fragen; infolgedessen hielt ich in seinem Wohnort Murten an, das nur vier Meilen von Bern entfernt ist. Der Doktor lud mich zum Essen ein, um den ausgezeichneten Fisch des Murtener Sees kennen zu lernen; ich fand ihn in der Tat köstlich. Ich hatte die Absicht, gleich nach dem Essen weiter zu fahren; aber als ich in meinen Gasthof zurückkam, wandelte mich eine Neugier an, über die ich dem Leser noch berichten werde, und ich entschloß mich, die Nacht über dort zu bleiben. Nachdem Dr. Herrenschwand für einen schriftlichen ärztlichen Rat über den Bandwurm zwei Louis erhalten hatte, lud er mich ein, einen Spaziergang auf der Straße nach Avenches zu machen, und wir gingen bis zum berühmten Beinhause von Murten. »Dieses Beinhaus«, sagte der Doktor, »ist aus einem Teil von den Knochen der Burgunder erbaut, die bei der berühmten Niederlage Karls des Kühnen hier den Tod fanden.« Über die lateinische Inschrift mußte ich lachen. »Diese Inschrift«, sagte ich zum Doktor, »enthält einen beleidigenden Scherz, durch den sie possenhaft wird; denn eine Inschrift muß ernst sein, und es ist einer Nation nicht erlaubt, die Lesenden zum Lachen zu bringen.« Als guter Schweizer wollte dies der Doktor nicht zugeben; aber dies war wohl nur falsche Scham von ihm. Ich teile die Inschrift hier mit; so kann der unparteiische Leser selber urteilen. Deo Opt. Max. Caroli inclyti et fortissimi Burgundiae ducis exercitus Muratum obsidens ab Helvetiis caesus hoc sui monumentum reliquit anno MCDLXXVI. Mit Gottes Hilfe wurde das Heer des erlauchten und tapferen Burgunderherzogs Karl bei der Belagerung Murtens von den Schweizern erschlagen und ließ dieses Denkmal zurück im Jahre 1476. Ich hatte mir bis dahin von Murten eine großartige Vorstellung gemacht. Der siebenhundertjährige Ruhm der Stadt, drei große Belagerungen, die sie ausgehalten und abgeschlagen hatte, dies alles hatte mir eine hohe Meinung von ihr beigebracht; ich erwartete etwas Besonderes zu finden, und ich sah nichts. »So ist also Murten zerstört, dem Erdboden gleichgemacht worden?« fragte ich den Doktor. »Durchaus nicht; Murten ist so, wie es immer gewesen ist, oder doch ungefähr so.« Ich merkte, daß jemand, der sich belehren will, erst lesen, dann aber reisen muß, um das Gelernte zu berichtigen. Schlecht wissen ist schlimmer als nichts wissen, und Montaigne hat recht, wenn er sagt, man müsse gut wissen. Folgendes war das komische Abenteuer, das mir über Nacht in Murten zustieß. Ich fand im Gasthof ein junges Dienstmädchen, das romanisch sprach. Sie fiel mir auf, weil sie meiner schönen Strumpfhändlerin von Paris außerordentlich ähnlich sah. Sie hieß Raton, und zum Glück blieb dieser Name mir im Gedächtnis. Ich bot ihr sechs Franken für eine Gefälligkeit, aber sie wies mit einer Art von Stolz das Geld zurück und sagte mir, ich hätte mich an die Falsche gewandt, und sie wäre ein anständiges Mädchen. »Das kann wohl sein,« antwortete ich ihr. Zugleich befahl ich, die Pferde anzuspannen. Als die ehrsame Raton sah, daß ich abreisen wollte, sagte sie mir lachend und zugleich schüchtern, sie brauche zwei Louis, und wenn ich ihr diese geben und die Nacht bleiben wolle, so werde ich zufrieden sein. »Ich bleibe; aber denk daran, daß du ganz artig sein mußt.« »Ich werde es sein.« Als alles zu Bett war, kam sie mit einer furchtsamen Miene, die gerade dazu angetan war, meine Begierde noch zu verdoppeln, in mein Zimmer. Durch einen außerordentlichen Glücksfall fühlte ich ein Bedürfnis, nahm das Licht und eilte nach dem Ort, wo ich es befriedigen konnte. Während ich dort beschäftigt war, zerstreute ich mich damit, die tausend Dummheiten zu lesen, die man gewöhnlich an solchen Orten geschrieben findet. Plötzlich fielen meine Blicke auf die Worte: »Am 10. August 1760 hab ich von der verdammten Raton Quint und Vierzehner gekriegt; der Leser sei gewarnt.« Ich war beinahe in Versuchung, an ein Wunder zu glauben; denn ich konnte mir nicht vorstellen, daß es noch eine Raton in dem Hause gebe. Ich trat mit einem sehr fröhlichen Gesicht wieder in mein Zimmer ein und fand die Schöne bereits im Bett und ohne Hemd. Sie hatte dieses in die Bettgasse geworfen; ich bückte mich danach, und als sie sah, daß ich es aufhob, bat sie mich erschrocken, es nicht anzurühren, denn es sei nicht sauber. Sie hatte recht, denn es trug zahlreiche Spuren ihrer Krankheit. Wie man sich denken kann, war meine Glut sofort abgekühlt, und ich jagte sie augenblicklich hinaus; zugleich aber fühlte ich eine tiefe Dankbarkeit gegen den sogenannten Zufall, denn niemals hätte ich daran gedacht, ein junges Mädchen, das eine Haut von Lilien und Rosen hatte und höchstens achtzehn Lenze zählte, näher zu untersuchen. Am folgenden Tage fuhr ich nach Noche, um den berühmten Haller zu besuchen. Zwanzigstes Kapitel Albrecht von Haller. – Mein Aufenthalt in Lausanne. – Lord Roxburgh. – Die junge Saconai. – Bemerkungen über die Schönheit. – Die junge Theologin. Herr von Haller war sechs Fuß hoch, breit im Verhältnis und von schönem Angesicht. Er war körperlich wie geistig eine Art Riese. Er empfing mich höflich; als er aber den Brief des Herrn von Muralt gelesen hatte, zeigte er mir die größte Liebenswürdigkeit – was mir bewies, daß eine gute Empfehlung niemals von Übel ist. Der große Gelehrte öffnete mir alle Schatzkammern seiner Wissenschaft; er beantwortete alle meine Fragen mit Bestimmtheit, namentlich aber mit einer seltenen Bescheidenheit, die mir beinahe übertrieben erschien; denn während er mir die schwierigsten Fragen erklärte, gab er sich den Anschein eines Schülers, der sich zu belehren sucht; wenn er dagegen wissenschaftliche Fragen an mich richtete, geschah dies mit einer sozusagen zarten Kunst, die mich zwang, die genaueste Antwort zu finden. Herr von Haller war ein großer Physiologe, ein großer Arzt und ein großer Anatom. Er nannte Morgagni seinen Lehrer, obgleich er ebenso zahlreiche Entdeckungen im Mikrokosmos gemacht hatte wie dieser. Während meines Aufenthaltes bei ihm zeigte er mir eine Menge Briefe von Morgagni und dem Botaniker Professor Pontedera; in der Wissenschaft der Botanik nahm Haller den größten Rang ein. Als ich von diesen großen Männern sprach, die ich gekannt hatte, als ich in Padua an den Brüsten der Wissenschaft sog, beklagte er sich über Pontevera, dessen Briefe fast unleserlich und in einem sehr dunklen Latein geschrieben wären. Er zeigte mir einen Brief von einem Berliner Akademiker, dessen Namen ich vergessen habe; dieser schrieb ihm: seitdem der König seinen Brief gelesen habe, denke er nicht mehr daran, die lateinische Sprache zu unterdrücken. Haller hatte an Friedrich den Großen geschrieben: ein Herrscher, dem der unglückselige Plan gelänge, die Sprache Ciceros und Virgils aus der Republik der Wissenschaft zu verbannen, würde seiner eigenen Unwissenheit ein unvergängliches Denkmal errichten. Und in der Tat, wenn die Gelehrten einer gemeinsamen Sprache bedürfen, um einander ihre Entdeckungen mitzuteilen, so ist von den toten Sprachen die lateinische sicherlich dazu am besten geeignet, denn die griechische und arabische passen sich nicht annähernd so gut wie sie dem Geiste der neueren Völker an. Haller war ein guter Dichter im pindarischen Stil; seine Verse atmeten Kraft und Geist; er war auch ein ausgezeichneter Staatsmann und leistete seinem Vaterlands große Dienste. Seine Sitten waren untadelig, und ich erinnere mich, daß er mir sagte: es gebe nur ein einziges gutes Mittel, Vorschriften zu erlassen, nämlich das gute Beispiel. Da er ein guter Bürger war, so mußte er ein ausgezeichneter Hausvater sein; denn wie hätte er wohl dem Vaterland seine Liebe sicherer beweisen können, als dadurch, daß er ihm in seinen Kindern tüchtige und tapfere Untertanen gab! Dies aber läßt sich nur durch eine gute Erziehung erreichen. Seine Frau, die er in zweiter Ehe geheiratet hatte, war noch jung und trug auf ihrem schönen Antlitz den Ausdruck des Wohlwollens und der Sittsamkeit. Er hatte eine reizende Tochter von etwa achtzehn Jahren; sie war von bescheidenem Wesen und öffnete bei Tisch ihren Mund nur ein paarmal, um leise mit einem neben ihr sitzenden jungen Mann zu sprechen. Als ich nach Tisch mit Haller allein war, fragte ich ihn, wer dieser junge Mann sei. Er antwortete mir, es sei der Lehrer seiner Tochter. »Ein solcher Lehrer und eine so hübsche Schülerin könnten leicht ein Liebespaar werden.« »Das wolle Gott.« Diese sokratische Antwort machte mir fühlbar, wie wenig angebracht meine Bemerkung gewesen war, und ich wurde darüber etwas verlegen. Um mich zu sammeln, öffnete ich ein Buch, das ich in meiner Nähe liegen sah. Es war ein Oktavband von seinen Werken, und ich las darin die Überschrift: Utrum memoria post, mortem dudito – Ich bezweifle, daß es nach dem Tode ein Gedächtnis gebe. »Sie glauben also nicht,« fragte ich ihn, »daß das Gedächtnis ein wesentlicher Teil der Seele sei.« Was war darauf zu antworten? Herr Haller wich aus; denn er hatte seine Gründe, keine Zweifel an seiner Rechtgläubigkeit aufkommen zu lassen. Bei Tisch fragte ich ihn, ob Herr von Voltaire oft zu ihm zu Besuch komme. Als Antwort sagte er mir nur den bekannten Vers des Dichters der Vernunft her: Vetabo qui Cereris sacrum vulgaret arcanum sub iisdem sit trabibus – Der Mann, der das heilige Geheimnis der Ceres verraten hat, darf nicht unter einem Dache mit mir weilen. Ich blieb drei Tage bei dem berühmten Mann, aber ich konnte keine Frage über religiöse Dinge an ihn richten, so große Lust ich auch dazu hatte; denn es wäre mir angenehm gewesen, zu erfahren, wie er über einen so zarten Punkt urteilte; doch glaube ich genug zu wissen, um annehmen zu dürfen, daß Herr Haller auf diesem Gebiete nur seinem Herzen folge. Als ich ihm sagte, ich sähe mit fröhlicher Erwartung dem Besuch entgegen, den ich bei Voltaire zu machen gedächte, antwortete er mir, ich hätte recht, und fügte ohne die geringste Bitterkeit hinzu: »Herr von Voltaire ist ein Mann, der verdient, daß man seine Bekanntschaft sucht, obgleich manche Leute, den Gesetzen der Physik zum Trotz, ihn von ferne größer gefunden haben als in der Nähe.« Herrn von Hallers Tisch war gut und reichlich, obgleich er selber sehr nüchtern war, denn er trank nur Wasser. Nur beim Nachtisch erlaubte er sich ein kleines Gläschen Likör, das er in ein großes Glas Wasser schüttete. Er erzählte mir viel von Boerhave, dessen Lieblingsschüler er gewesen war, und sagte mir, nächst Hippokrates sei Boerhave der größte Arzt und überhaupt der größte Chemiker gewesen, den die Welt jemals gesehen habe. »Wie kommt es,« fragte ich ihn, »daß er nicht zur Reife des Alters hat gelangen können?« »Weil es gegen den Tod kein Mittel gibt. Boerhave war ein geborener Arzt, wie Homer ein geborener Dichter war; sonst würde der große Mann schon vor seinem vierzehnten Jahre an einem giftigen Geschwür gestorben sein, das der Kunst der damaligen Ärzte widerstanden hat. Er heilte sich selber, indem er sich oft mit seinem eigenen Urin einrieb, worin er eine gewisse Menge Salz aufgelöst hatte.« »Man hat mir gesagt, er habe den Stein der Weisen besessen.« »Man hat es gesagt, aber ich glaube es nicht.« »Halten Sie es für möglich?« »Ich arbeite seit dreißig Jahren daran, die Überzeugung vom Gegenteil zu gewinnen; dies ist mir noch nicht gelungen, aber ich bin überzeugt, daß niemand ein guter Chemiker sein kann, wenn er nicht die Möglichkeit anerkennt, daß das große Werk im Bereiche der Natur liegt.« Als ich Abschied von ihm nahm, bat er mich, ihm mein Urteil über den großen Voltaire zu schreiben, und dies war der Beginn unseres Briefwechsels in französischer Sprache. Ich besitze zweiundzwanzig Briefe von diesem mit Recht berühmten Mann, und der letzte war sechs Monate vor seinem allzu frühen Tode geschrieben. Je älter ich werde, desto mehr tut es mir um meine Papiere leid. Sie sind der wahre Schatz, der mich an das Leben fesselt und mir den Tod verhaßter macht. Ich hatte in Bern Rousseaus Héloise gelesen und wünschte zu wissen, was Herr Haller von diesem Werke denke. Er sagte mir, das Wenige, was er von diesem Roman gelesen habe, um einem Freunde einen Gefallen zu tun, habe ihn instand gesetzt, das ganze Werk zu beurteilen: »Es ist der schlechteste aller Romane, weil er der beredtste ist. Sie werden jetzt das Waadtland sehen; erwarten Sie aber nicht, dort die Originale der glänzenden Porträts zu erblicken, die Jean-Jacques zeichnet. Er hat geglaubt, in einem Roman sei es erlaubt zu lügen, und er hat mit diesem Vorrecht Mißbrauch getrieben. Petrarca war ein Gelehrter und hat nicht gelogen, indem er von seiner Liebe zur ehrsamen Laura sprach, die er liebte, wie ein jeder Mann die Frau liebt, in die er verliebt ist; und wenn Laura ihren erlauchten Liebhaber nicht glücklich gemacht hätte, so würde er sie nicht gefeiert haben.« So sprach Haller von Petrarca, indem er einer Erklärung über Rousseau auswich; er liebte nicht einmal dessen Beredsamkeit, weil diese nach seiner Ansicht nur durch Antithesen und Paradoxe glänzte. Haller war ein Gelehrter ersten Ranges, aber er ließ dieses niemals sehen, besonders nicht in seinem Familienkreise oder in Gesellschaft von Leuten, die keiner wissenschaftlichen Gespräche bedürfen, um sich zu unterhalten. Niemand verstand es besser als er, sich dem geistigen Verständnis eines jeden anzupassen; er war liebenswürdig gegen jeden und mißfiel keinem. Aber wodurch gefiel er denn allen? Das weiß ich nicht. Es wäre leichter zu sagen, welche Eigenschaften er nicht hatte, als welche er hatte. Er hatte keinen Hochmut, keine Selbstgefälligkeit und nicht den Ton der Überlegenheit, mit einem Wort, keinen jener Fehler, die man gemeiniglich mit Recht den sogenannten gelehrten und geistreichen Männern vorwirft. Seine Tugenden waren von strenger Art, aber er wußte die Strenge zu verbergen, und sie verschwand unter dem Schleier wirklichen Wohlwollens, das er für alle hatte. Ohne Zweifel hielt er wenig von jenen Unwissenden, die fortwährend über alles Mögliche sprechen wollen, anstatt in der durch ihren Geisteszustand gebotenen Dürftigkeit zu verharren, und die im Grunde nur andere Leute, die wirklich etwas verstehen, lächerlich zu machen wissen; aber er drückte seine Verachtung nur durch Schweigen aus. Er wußte, daß der verachtete Ignorant ein Feind ist, und Haller wollte geliebt sein, übrigens hielt er seinen Geist nicht geheim, wenn er sich auch nicht damit brüstete; er ließ ihn frei sich ergießen, etwa wie ein Bächlein, das in der Ebene durch den Rasen dahinzieht, der es zuweilen den Blicken verbirgt, aber seinen Lauf nicht aufhält. Niemals brachte er das Gespräch auf seine Werke, und wenn man mit ihm über diese sprach, so schlug er ein anderes Thema ein, sobald er es in unauffallender Weise tun konnte. Ungern widersprach er der Überzeugung von Leuten, die sich mit ihm unterhielten. Da ich in Lausanne zum mindesten für einen Tag inkognito bleiben durfte, so ließ ich natürlich vor allem anderen mein Herz sprechen. Ich ging stracks zu meiner Freundin, nach deren Wohnung ich mich nicht zu erkundigen brauchte, so gut hatte sie mir die Straßen beschrieben, die zu ihrem Hause führten. Ich fand sie bei ihrer Mutter, und zu meiner nicht geringen Verwunderung war auch Lebel bei ihnen. Indessen konnte man meine Verwunderung nicht bemerken; denn meine Haushälterin sprang mit einem Freudenschrei von ihrem Stuhl auf, fiel mir um den Hals, küßte mich zärtlich und stellte mich dann ihrer guten Mutter vor, die mich auf das freundschaftlichste empfing. Ich fragte Lebel, wie es dem Botschafter gehe und seit wann er selber in Lausanne sei. Der brave Mann antwortete mir in freundschaftlichem und sehr höflichem Tone, sein Herr befinde sich sehr gut; er selber sei erst seit ein paar Stunden in Lausanne, wo er Geschäfte habe; er habe der Mutter der Frau Dubois seine Aufwartung machen wollen und zu seiner angenehmen Überraschung die Tochter bei ihr gefunden. »Sie kennen meine Absichten,« fuhr er fort; »ich muß morgen wieder abreisen, und wenn Sie Ihren Entschluß gefaßt haben und mir diesen schreiben, werde ich sie mir nach Solothurn holen und dort heiraten.« Die Erklärung war so deutlich und ehrenwert, wie man sie nur wünschen konnte. Ich sagte ihm, ich würde mich niemals dem Willen meiner Freundin entgegenstellen; meine Dubois aber unterbrach mich und rief, sie würde mich niemals verlassen, wenn ich ihr nicht ihren Abschied gäbe. Lebel fand meine Antworten zu unbestimmt und sagte mir mit dem edelsten Freimut, wir müßten ihm notwendigerweise eine endgültige Antwort geben; denn in solchen Dingen wäre Ungewißheit das Schlimmste von allem. Ich war in jenem Augenblicke fest entschlossen, seine Vorschläge durchaus abzulehnen, aber ich sagte ihm, ich würde ihm in etwa zehn Tagen unsere günstige oder ungünstige Entscheidung mitteilen. Hiermit war er zufrieden. Als er fort war, machte die Mutter meiner Freundin, die zwar keinen Geist, dafür aber viel gesunden Menschenverstand hatte, uns vernünftige Vorstellungen in einem Ton, der unserem Herzenszustand angemessen war; denn, verliebt wie wir waren, schien es uns unmöglich zu sein, an Trennung überhaupt nur zu denken. Vorläufig machte ich mit meiner Freundin ab, daß sie mich jeden Tag bis Mitternacht erwarten sollte, und daß wir mit ruhigem Blut beschließen wollten, was dem Bewerber zu antworten wäre. Meine Dubois hatte ein Zimmer für sich, mit gutem Bett und sehr hübschen Möbeln. Sie gab mir ein ausgezeichnetes Abendessen, und wir verbrachten eine köstliche Nacht. Am Morgen waren wir verliebter denn je und befanden uns durchaus nicht in der Stimmung, Lebels Wunsch zu entsprechen. Ein Zwischenfall führte jedoch zu einer ernsten Unterhaltung. Der Leser wird sich erinnern, daß meine Freundin mir versprochen hatte, mir jede Untreue zu erlauben unter der Bedingung, daß ich sie ihr eingestände. Ich hatte keine zu beichten, aber ich erzählte ihr bei unserem Geplauder die Geschichte von Raton. »Wir müssen uns recht glücklich schätzen, lieber Freund,« sagte sie; »denn wenn nicht eine Reihe von Zufällen eingetreten wäre, so befänden wir uns jetzt in einem schönen Zustand.« »Ja, und ich wäre in Verzweiflung darüber.« »Daran zweifle ich nicht, und du würdest um so unglücklicher darüber sein, da ich mich nicht beklagen würde.« »Ich sehe nur ein Mittel, um uns gegen solches Unglück zu schützen. Wenn ich eine Untreue gegen dich begangen habe, werde ich mich selber dafür bestrafen, indem ich mich des Vergnügens, dir meine Zärtlichkeit zu bekunden, so lange beraube, bis ich sicher bin, es ohne Gefahr tun zu können.« »Und so, lieber Freund, wirst du mich für deine Schuld bestrafen! Wenn du mich liebtest, wie ich dich liebe – glaube mir, du würdest ein besseres Mittel kennen.« »Nun? und dieses wäre?« »Du würdest keine Untreue mehr gegen mich begehen.« »Du hast vollkommen recht. Ich schäme mich, nicht zuerst an dieses Mittel gedacht zu haben, und ich verspreche dir, es in Zukunft anzuwenden.« »Versprich nichts!« sagte sie mit einem Seufzer, »es würde dir zu schwer fallen, Wort zu halten.« Nur die Liebe kann solche Gespräche eingeben, aber leider gewinnt sie nichts dabei. Als ich am nächsten Morgen gerade ausgehen wollte, um meine Briefe abzugeben, sah ich den Baron de Verci, den Oheim meines Freundes Bavois, bei mir eintreten. »Ich weiß,« sagte er, »daß mein Neffe Ihnen sein Glück verdankt. Er steht vor der Ernennung zum General, und die ganze Familie wird gleich mir hoch erfreut sein über die Ehre, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin gekommen, mein Herr, um Ihnen meine Dienste anzubieten und Sie zu bitten, mir die Ehre zu erweisen und gleich heute bei mir zu speisen; später kommen Sie, bitte, so oft Sie wollen, wenn Sie sonst nichts Besseres zu tun haben, und betrachten Sie sich ganz als ein Mitglied unserer Familie. Zugleich bitte ich Sie: Fügen Sie zu den großen Diensten, die wir Ihnen verdanken, noch die Güte hinzu, niemanden zu sagen, daß mein Neffe katholisch geworden ist; denn nach den Vorurteilen unseres Landes ist dies ein entehrendes Vergehen, das auf die ganze Familie zurückfallen würde.« Ich versprach ihm, niemals darüber zu sprechen, und nahm seine Einladung an. Hierauf gab ich meine Empfehlungsbriefe ab und hatte das Vergnügen, überall mit der größten Auszeichnung empfangen zu werden. Frau von Gentil-Langalerie schien mir die liebenswürdigste von allen Damen zu sein, aber ich hatte keine Zeit, einer von ihnen besonders den Hof zu machen. Alle Tage Diners, Soupers, Bälle, Gesellschaftsabende, die ich aus Höflichkeit mitmachen mußte; dies fiel mir über alle Maßen lästig, und ich war in der Lage, sagen zu müssen, wie langweilig es doch ist, so gut aufgenommen zu werden! Ich verbrachte vierzehn Tage in dieser kleinen Stadt, wo man sich etwas darauf zugute tut, einer vollen Freiheit zu genießen, und ich habe niemals in meinem Leben einen solchen Frondienst durchgemacht, denn ich hatte keinen Augenblick für mich. Ich konnte nur eine einzige Nacht bei meiner Freundin zubringen, und es drängte mich, mit ihr nach Genf abreisen zu können. Jeder wollte mir Briefe an Herrn von Voltaire mitgeben, und aus dieser Beeiferung hätte man schließen können, daß der große Mann von allen geliebt werde, während er in Wirklichkeit wegen seines satirischen Witzes von allen verabscheut wurde. »Wie, meine Damen?« sagte ich zu ihnen, »Herr von Voltaire ist nicht liebenswürdig, freundlich, galant und zuvorkommend gegen Sie, die Sie die Gefälligkeit haben, seine Stücke mit ihm aufzuführen?« »Nein, nicht im geringsten. Wenn er uns unsere Rollen einüben ließ, schimpfte er unaufhörlich. Niemals sagten wir etwas so, wie er es wünschte. Hier war ein Wort schlecht ausgesprochen, dort gab eine Betonung nicht den Geist der Leidenschaft wieder; bald sprachen wir zu leise, bald zu laut. Und wenn wir erst spielten, dann war es noch schlimmer! Welchen Lärm machte er, wenn eine Silbe hinzugefügt oder ausgelassen und dadurch einer seiner Verse verdorben wurde! Er machte uns angst. Da hatte eine ungeschickt gelacht, da hatte eine andere in der Alziere nur so getan, als ob sie weine.« »Verlangte er, daß Sie allen Ernstes weinen sollten?« »Ganz gewiß. Er verlangte wirkliche Tränen. Er behauptete, ein Schauspieler, der zu Tränen rühren solle, müsse selber Tränen vergießen.« »Ich glaube, mit diesem Verlangen hatte er nicht unrecht; aber er hätte gegen Dilettanten und besonders gegen so liebenswürdige Gelegenheitsschauspielerinnen wie Sie nicht so streng sein sollen. Man kann solche Vollkommenheit nur von Leuten verlangen, die berufsmäßig der Bühne angehören; aber dies ist eine Schwäche, woran alle Theaterdichter leiden. Sie finden stets, der Schauspieler habe ihren Worten nicht die notwendige Kraft verliehen, um den Sinn wiederzugeben, den sie hineingelegt haben.« »Eines Tages sagte ich ihm, es sei nicht meine Schuld, wenn seine Worte nicht die Kraft hätten, die sie haben sollten.« »Ich bin überzeugt, er hat darüber nur gelacht.« »Gelacht? Nein, verhöhnt hat er mich, denn er ist grob und sogar unverschämt.« »Aber Sie haben ihm gewiß alle diese Fehler hingehen lassen.« »Durchaus nicht; wir haben ihn fortgejagt.« »Fortgejagt?« »Ja, das ist der richtige Ausdruck. Er verließ plötzlich die von ihm gemieteten Häuser und zog sich an den Ort zurück, wo Sie ihn finden werden. Er besucht uns nicht mehr, selbst wenn wir ihn einladen.« »Sie laden ihn also ein, obgleich Sie ihn fortgejagt haben?« »Wir können uns nicht des Vergnügens berauben, sein Talent zu bewundern, und wenn wir ihn geärgert haben, so geschah es nur, um uns zu rächen und ihm Lebensart beizubringen.« »Sie haben einem großen Meister eine Lehre gegeben.« »Allerdings; aber wenn Sie ihn sehen, so sprechen Sie nur von Lausanne, und Sie werden hören, was er über uns sagt! Aber er wird es lachend sagen, das ist so seine Art.« Während meines Aufenthaltes war ich oft mit einem Lord Roxburgh zusammen, der sich vergebens um meine, reizende Dubois beworben hatte. Ich habe niemals einen schweigsameren jungen Mann gekannt. Man hat mir gesagt, er habe Geist und sei sehr gut unterrichtet, ja sogar fröhlichen Sinnes; aber er konnte seine Schüchternheit nicht überwinden, und diese gab ihm das Ansehen unbeschreiblicher Dummheit. Auf dem Ball, in Gesellschaft, kurz überall, bestand seine Höflichkeit in einer Menge von Verbeugungen. Wenn man ihn anredete, erwiderte er in gutem Französisch, aber mit so wenig Worten wie möglich, und seine verlegene Haltung zeigte deutlich, daß alle Fragen ihm lästig waren. Als ich eines Tages bei ihm speiste, stellte ich an ihn eine Frage in betreff seines Vaterlandes, worauf eine Antwort von fünf oder sechs kleinen Sätzen nötig war. Er antwortete mir sehr gut, errötete aber dabei wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal in der Gesellschaft erscheint. Der berühmte Fox, der damals etwa zwanzig Jahre alt war und an diesem Essen teilnahm, brachte ihn zum Lachen, aber mit einer englischen Bemerkung, von der ich kein Wort verstand. Acht Monate später fand ich den Herzog in Turin wieder; da war er in die Frau eines Bankiers verliebt, und diese verstand es, ihm die Zunge zu lösen. Ich sah in Lausanne ein elf- oder zwölfjähriges Mädchen, dessen Schönheit einen tiefen Eindruck auf mich machte. Sie war die Tochter einer Frau von Saconai, die ich in Bern kennen gelernt hatte. Ich weiß nicht, welches Schicksal sie gehabt hat; aber der Eindruck, den sie auf mich machte, hat sich nie verwischt. In der ganzen Natur hat nichts je auf mich solchen Einfluß ausgeübt wie ein schönes Frauen- oder auch nur Kindergesicht. Das Schöne, hat man mir gesagt, ist mit dieser Macht begabt; ich will es wohl glauben, denn was mich anzieht, muß notwendigerweise in meinen Augen schön sein; aber ist es auch in Wirklichkeit schön? Ich zweifle daran; denn das, was mich anzieht, hat nicht immer die allgemeine Beistimmung. Die allgemeine Schönheit, oder besser gesagt: die vollkommene Schönheit, gibt es nicht, oder sie ist jedenfalls nicht mit dieser Kraft ausgestattet. Alle, die sich mit dem Begriff Schönheit beschäftigt haben, drücken sich zweideutig aus; dies aber hätten sie nicht getan, wenn sie sich an das Wort Form gehalten hätten, das unsere Lehrer, die Griechen und Römer, statt der Bezeichnung Schönheit anwandten. Schönheit ist nach meiner Meinung und kann nichts anderes sein als Form in der eigentlichen Bedeutung; denn was nicht schön ist, hat eigentlich keine Form, und das Mißgeformte oder Ungeformte ist das Gegenteil von pulchrum oder formosum . Wir haben recht, wenn wir die Definition aller Dinge suchen; aber wenn wir sie schon in den Wörtern haben, wozu brauchen wir sie noch anderswo zu suchen? Wenn das Wort Form, forma , lateinisch ist, so brauchen wir nur die lateinische Bedeutung zu betrachten, nicht die französische, obwohl man auch im Französischen oft déforme oder difforme für häßlich sagt; man bemerkt dabei nicht, daß das Gegenteil ein Wort sein muß, das das Vorhandensein der Form ausdrückt, die nichts anderes sein kann als Schönheit. Informe bedeutet im Französischen gestaltlos; es bezeichnet einen Körper, der nach nichts aussieht. Sagen wir also, daß das, was auf mich stets eine unwiderstehliche Herrschaft ausgeübt hat, die beseelte Schönheit einer Frau ist, und zwar jene Schönheit, die ihren Sitz im Gesicht hat. Hierin liegt der wahre Zauber, und darum machen die Sphinxe, die wir in Rom und Paris sehen, uns beinahe verliebt, obgleich sie in der vollen Bedeutung des Wortes mißgeformt sind. Indem wir die schönen Verhältnisse ihres Gesichtes betrachten, vergessen wir die Mißbildung ihres Körpers. Was ist also die Schönheit? Wir wissen es nicht, und wenn wir uns einfallen lassen, sie Gesetzen unterwerfen oder ihre Verhältnisse bestimmen zu wollen, so machen wir es wie Sokrates: wir machen Winkelzüge. Das einzige, was unser Geist erfassen kann, ist die Wirkung des Zaubers; dieser hat nur in der Oberfläche seinen Sitz, und was mich bezaubert, mich entzückt, mich verliebt macht – das eben nenne ich Schönheit. Sie wird mit dem Auge wahrgenommen, und was dieses wahrnimmt, das spreche ich aus. Wenn mein Auge sprechen könnte, würde es besser sprechen als ich, aber wahrscheinlich in demselben Sinne. Kein Maler hat Raffael in der Schönheit der Gesichter übertroffen, die sein göttlicher Pinsel hervorgebracht hat; aber wenn man den großen Maler gefragt hätte, was Schönheit sei, so würde er ohne Zweifel geantwortet haben, er wisse es nicht; er habe sie inne, er glaube sie so wiedergegeben zu haben, wie er sie gesehen, aber er wisse nicht, worin sie bestehe. »Dieses Gesicht gefällt mir,« wird er gesagt haben; »also ist es schön.« Er wird Gott dafür gedankt haben, daß er ihn mit einem ausgezeichneten Schönheitssinn ließ geboren werden, aber omne pulchrum difficile – alles Schöne ist schwer. Alle mit Recht geschätzten Maler, alle jene, deren Werke den Stempel des Genies tragen, haben sich im Schönen ausgezeichnet; aber ihre Zahl ist so klein im Vergleich mit jenem Haufen von Malern, die sich bemüht haben, Schönes zu schaffen, und sich kaum bis zur Mittelmäßigkeit haben emporschwingen können! Wenn man die Maler der Verpflichtung entheben wollte, ihren Werken den Charakter der Schönheit zu verleihen, so könnte jedermann Maler werden; denn nichts ist leichter, als etwas Häßliches zu machen; man kann ja den Pinsel über die Leinwand hingleiten lassen, wie die Maurerkelle über den Mörtel. Obgleich die Bildnismalerei der materiellste Teil der Kunst ist, so ist es doch bemerkenswert, wie gering die Zahl der Maler ist, die sich auf diesem Gebiet ausgezeichnet haben. Es gibt drei Arten von Porträts: solche, die ähnlich sind, aber häßlicher machen; solche, die vollkommen ähnlich sind, ohne der Natur etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen, und solche, die zur vollkommenen Ähnlichkeit noch ein kaum merkbares Kennzeichen von Schönheit hinzufügen. Die ersten verdienen nur Verachtung, und ihre Verfertiger sollten gesteinigt werden, denn sie sind nicht nur talent- und geschmacklos, sondern auch unverschämt, da sie niemals ihr Unrecht eingestehen. Den zweiten kann man, ohne ungerecht zu sein, ein wahres Verdienst nicht absprechen; die Palme aber gebührt den letztgenannten, die leider außerordentlich selten sind. Ihre Schöpfer verdienen mit Recht das glänzende Vermögen, das ihnen zuteil wird. Solcher Art war der berühmte Notier, den ich im Jahre 1750 in Paris kennen lernte. Der große Künstler war damals achtzig Jahre alt, aber trotz seinem hohen Alter schien sein schönes Talent noch die erste Jugendfrische bewahrt zu haben. Er malte das Bildnis einer häßlichen Frau, er malte sie sprechend ähnlich, und trotzdem fanden Leute, die nur dieses Porträt sahen, sie schön. Dabei konnte die gewissenhafteste Prüfung keine Ungenauigkeit an dem Bildnis nachweisen; aber irgend etwas nicht zu Bezeichnendes gab dem Ganzen eine wirkliche, unerklärliche Schönheit. Woher hatte er diese Zauberkunst? Ich fragte ihn hiernach eines Tages, als er die häßlichen Mesdames de France gemalt hatte, die auf der Leinwand wie zwei Aspasien aussahen. Er antwortete mir: »Es ist etwas Zauberhaftes, das der Gott des Geschmacks aus meinem Geist in meine Pinsel hinüberleitet. Es ist die Göttlichkeit der Schönheit, die jedermann anbetet und die niemand erklären kann, weil kein Mensch weiß, worin sie besteht. Dies zeigt, wie unmerklich der Übergang zwischen Häßlichkeit und Schönheit ist, und doch erscheint denen, die nichts von unserer Kunst verstehen, dieser Unterschied so groß.« Die griechischen Maler gefielen sich darin, Venus, die Göttin der Schönheit, schielend zu malen, und dieser seltsame Einfall hat sogar Lobredner gefunden; aber mögen die Kunstschreiber sagen, was sie wollen – die Künstler hatten unrecht. Zwei schielende Augen können schön sein, aber sie sind gewiß weniger schön, als wenn sie nicht schielten; denn die Schönheit, die ihnen vielleicht eigen ist, kann nicht die Wirkung eines Fehlers sein. Nach dieser langen Abschweifung, für die der Leser mir vielleicht nicht dankbar ist, wird es Zeit, zu meiner Freundin zurückzukehren. Am zehnten Tage meines Aufenthalts in Lausanne soupierte und schlief ich bei ihr, und diese Nacht war die glücklichste, deren ich mich erinnern kann. Als ich am Morgen mit ihr und ihrer Mutter Kaffee trank, sagte ich ihr, wir würden bald abreisen. Da nahm die Mutter, die sonst nicht viel sprach, das Wort und sagte mir freundlich und würdevoll, ich müsse aus Zartgefühl vor meiner Abreise Herrn Lebel jede Täuschung benehmen. Zugleich gab sie mir einen Brief, den sie tags zuvor von ihm erhalten hatte. Der wackere Mann bat sie, mich darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn ich mich nicht entschließen könnte, mich vor meiner Abreise von Lausanne von ihrer Tochter zu trennen, mir dies in weiter Entfernung noch viel schwerer fallen würde, besonders wenn sie, wie es ja wahrscheinlich wäre, mir ein lebendes Unterpfand ihrer Liebe geben würde. Er dächte keineswegs daran, sein Wort zurückzunehmen, aber er würde sich glücklich schätzen, sagen zu können, er habe seine Frau aus den Händen ihrer Mutter empfangen. Als ich diesen Brief laut vorgelesen hatte, stand die Mutter weinend auf und ließ uns allein. Wir schwiegen beide einen Augenblick, dann stieß meine liebe Dubois einen Seufzer aus, der mir sagte, welche Gewalt sie sich antun mußte, und fand den Mut, mir zu sagen, wir müßten sofort an Lebel schreiben, entweder daß er nicht mehr an sie denken dürfe oder daß er sie sofort abholen solle. »Wenn ich ihm schreibe, er dürfe nicht mehr an dich denken, so muß ich dich heiraten.« »Nein.« Mit diesem Nein stand sie auf und ließ mich allein. Ich dachte eine Viertelstunde lang nach und erwog das Für und Wider; immer sträubte sich die Liebe gegen dieses Opfer. Endlich aber bedachte ich, daß meine Haushälterin niemals wieder eine solche glückliche Gelegenheit finden würde, und daß ich nicht sicher wäre, sie beständig glücklich machen zu können. Und so entschloß ich mich in einer edlen Aufwallung, an Lebel zu schreiben, daß die Witwe Dubois, die ihre eigene Herrin sei, sich entschlossen habe, seine Frau zu werden, daß ich kein Recht habe, mich ihrer Entschließung zu widersetzen, und daß ich mich darauf beschränken müsse, ihm zu einem Glück zu gratulieren, um das ich ihn beneide. Ich bat ihn sofort von Solothurn abzureisen, um sie in meiner Gegenwart aus den Händen ihrer achtbaren Mutter zu empfangen. Nachdem ich meinen Brief unterzeichnet hatte, brachte ich ihn meiner Freundin, die in dem Zimmer ihrer Mutter war. »Hier, meine Liebe, lies diesen Brief, und wenn du mit ihm einverstanden bist, so setze deine Unterschrift neben die meinige.« Sie las ihn mehrere Male, während ihre gute Mutter in Tränen zerfloß. Hierauf sah sie mich zärtlich und schmerzbewegt an, ergriff die Feder und unterschrieb. Ich bat die Mutter, sofort einen sicheren Boten zu besorgen, um den Brief an seine Adresse zu bestellen, bevor mein Entschluß durch Reue erschüttert würde. Der Bote kam; sobald er fort war, umarmte ich meine Freundin mit Tränen in den Augen und sagte zu ihr: »Leb wohl! wir werden uns wiedersehen, sobald Lebel da ist.« Von Kummer verzehrt, ging ich in meinen Gasthof. Das Opfer hatte meiner Liebe zu dem entzückenden Geschöpf einen neuen Antrieb gegeben, und ich fühlte eine Art Krampf, der so stark war, daß ich krank zu werden befürchtete. Ich schloß mich in meinem Zimmer ein und befahl meinem Diener, allen Besuchern zu sagen, ich sei krank und könne niemand empfangen. Am Abend des vierten Tages ließ Lebel sich melden. Ich empfing ihn; er umarmte mich und sagte mir, er werde mir sein Glück verdanken; hierauf verließ er mich mit den Worten, er werde mich bei seiner Zukünftigen erwarten. »Erlassen Sie mir dies für heute, mein Lieber,« antwortete ich ihm; »aber morgen werde ich mit Ihnen beiden zu Mittag essen.« Sobald er fortgegangen war, befahl ich Leduc, alle Vorbereitungen zu treffen, um am nächsten Tage gleich nach dem Essen abreisen zu können. Am anderen Morgen ging ich in aller Frühe aus, um bei allen Bekannten Abschiedsbesuche zu machen, und gegen Mittag holte mich Lebel zu der grausamen Mahlzeit ab, die jedoch, wenn auch nicht gerade heiter, immerhin weniger traurig war, als ich gefürchtet hatte. Im Augenblick des Abschieds bat ich die zukünftige Frau Lebel, mir den Ring zurückzugeben, den ich ihr gegeben hatte, und überreichte ihr unserer Abrede gemäß dafür eine Rolle von hundert Louis, die sie mit sehr traurigem Gesicht annahm. »Ich würde den Ring niemals verkauft haben,« sagte sie zu mir, »denn ich habe kein Geld nötig.« »In diesem Falle gebe ich ihn Ihnen wieder; aber versprechen Sie mir, sich nie von ihm zu trennen, und behalten Sie die hundert Louis als eine schwache Belohnung für die Dienste, die Sie mir geleistet haben.« Sie drückte mir zärtlich die Hand, steckte mir den Trauring ihres ersten Gatten an den Finger und ging hinaus, um mir den Anblick ihres Schmerzes zu entziehen. Nachdem ich meine Tränen getrocknet hatte, sagte ich zu Lebel: »Sie bekommen einen Schatz, den ich Ihnen nicht warm genug empfehlen kann. Sie sind ein Ehrenmann; Sie werden ihre ausgezeichneten Eigenschaften zu schätzen und sie glücklich zu machen wissen. Sie wird nur Sie allein lieben, wird Ihrem Haushalt sorgsam vorstehen und kein Geheimnis vor Ihnen haben. Sie ist voll von Geist und reizender Heiterkeit; sie wird Ihnen leicht den leisesten Schatten schlechter Laune verscheuchen.« Nachdem ich mit ihm in das Zimmer ihrer Mutter gegangen war, bat Frau Dubois mich, meine Abreise zu verschieben, damit sie das Glück haben könnte, noch einmal mit mir zu Abend zu speisen. Ich machte sie darauf aufmerksam, daß mein Wagen bereits angespannt vor meiner Tür hielte und daß daher dieser Aufschub Anlaß zu böser Nachrede geben würde; aber wenn sie es wünschte, würde ich sie mit ihrem Bräutigam und ihrer Mutter in einem Gasthof zwei Meilen von Lausanne, an der Genfer Landstraße, erwarten, wo wir bleiben könnten, so lange wir Lust hätten. Da Lebel mit diesem Ausflug einverstanden war, so wurde mein Vorschlag angenommen. Ich ging nach meinem Gasthof, fand meinen Wagen bereit, stieg ein und fuhr nach dem verabredeten Ort. Ich bestellte ein gutes Abendessen für vier, und eine Stunde darauf kamen meine Gäste an. Das freie, fröhliche, ja sogar glückliche Wesen der Braut fiel mir auf; aufs höchste aber erstaunte mich die Ungezwungenheit, womit sie sich in meine Arme warf, sobald sie mich erblickte. Dies brachte mich ganzlich außer Fassung; aber sie hatte mehr Geist als ich. Ich besaß freilich Kraft genug, mich zu beherrschen und mich ihrer Stimmung anzugewöhnen; doch schien mir, sie hätte unmöglich so plötzlich von Liebe zu einfacher Freundschaft übergehen können, wenn sie mich wirklich geliebt hätte. Indessen folgte ich ihrem Beispiel und ließ mir die Äußerungen gefallen, die man der Freundschaft gestattet und die nach der Behauptung der Leute ihre Grenzlinien nicht überschreiten. Während des Essens glaubte ich zu bemerken, daß Lebel mehr über den Besitz einer solchen Frau glücklich war, als über das Recht, ihrer Schönheit zu genießen und dabei eine heftige Leidenschaft zu befriedigen. Dies beruhigte mich. Auf einen Mann, der so dachte, konnte ich nicht eifersüchtig sein. Ich bemerkte auch, daß die fröhliche Stimmung meiner Freundin mehr erkünstelt als echt war; sie versuchte sie mir mitzuteilen, um uns unsere Trennung weniger bitter zu machen und um ihren künftigen Gatten über die Natur unserer Gefühle zu beruhigen, übrigens mußte ich, als Vernunft und Zeit mein Herz wieder beruhigt hatten, es sehr natürlich finden, daß die Sicherheit, in Zukunft unabhängig und im Besitz eines schönen Vermögens zu sein, ihr angenehm war. Wir hatten ein ausgezeichnetes Abendessen, das wir reichlich mit Wein befeuchteten, so daß gegen das Ende die erheuchelte Fröhlichkeit einigermaßen echt wurde. Ich blickte mit Wohlgefallen auf die entzückende Dubois, ich betrachtete sie als einen Schatz, der mir angehört hatte und nun, nachdem er mich glücklich gemacht hatte, mit meinem vollen Einverständnis einen anderen glücklich machen sollte. Mir schien, daß ich sie großmütig nach ihrem Verdienst belohne, wie ein hochherziger Muselmann einem Lieblingssklaven als Lohn für seine Treue die Freiheit schenkt. Ihre Witze brachten mich zum Lachen und riefen die glücklichen Äugenblicke zurück, die ich an ihrer Seite verbracht hatte; aber der Gedanke an ihr sicheres Glück ließ es mich nicht bedauern, daß ich meine Rechte einem anderen abgetreten hatte. Da Lebel durchaus nach Lausanne zurückfahren mußte, um am zweitnächsten Tage in Solothurn zu sein, so mußten wir uns trennen. Ich umarmte ihn und bat ihn um seine fortdauernde Freundschaft, die er mir mit aufrichtig gerührtem Herzen bis zum Tode versprach. Als wir die Treppe hinuntergingen, sagte meine reizende Freundin mit ihrer bezaubernden Aufrichtigkeit zu mir: »Ich bin nicht heiter, lieber Freund, aber ich bemühe mich, so auszusehen. Ich werde erst wieder glücklich sein, wenn die Wunde meines Herzens vernarbt ist. Lebel kann nur auf meine Achtung Anspruch machen, aber ich werde ganz und gar ihm allein angehören, obgleich meine Liebe ganz und gar nur dein ist. Wenn wir uns wiedersehen, wie du mich hoffen lassest, werden wir imstande sein, uns als wirkliche Freunde zu sehen, und dann werden wir uns vielleicht zu unserem vernünftigen Entschluß Glück wünschen. Du wirst meiner nie vergessen, aber ich bin überzeugt, daß binnen kurzem eine andere mehr oder weniger würdige Frau meine Stelle einnehmen und deinen Kummer verscheuchen wird. Ich wünsche es. Sei glücklich! Vielleicht bin ich schwanger, und wenn dies der Fall ist, so wirst du mit der Pflege, die ich deinem Kinde widmen werde, zufrieden sein, und du kannst es herausbekommen, sobald du es verlangst. Wir haben gestern eine Vereinbarung hierüber getroffen. Wir haben beschlossen, die Ehe erst in zwei Monaten zu vollziehen; auf diese Art werden wir sicher sein, ob das Kind dir gehört, und die Welt wird glauben, daß es die rechtmäßige Frucht unseres Ehebundes sei. Dieser weise Plan stammt von Lebel; wir werden auf diese Weise über die angebliche Macht des Blutes beruhigt sein, an die er nach seiner Versicherung ebensowenig glaubt wie ich. Übrigens hat er mir versprochen, dein Kind zu lieben, wie wenn er selber der Vater wäre. Wenn du mir schreiben willst, werde ich dich über alles auf dem Laufenden erhalten, und wenn ich das Glück habe, dir ein Kind zu schenken; so wird es mir weit teurer sein als dein Ring. Aber wir weinen, und Lebel sieht uns an und lacht.« Ich konnte ihr nur dadurch antworten, daß ich sie in meine Arme schloß, und ich hielt sie noch umschlungen, als ich sie ihrem künftigen Gatten übergab, der mir beim Einsteigen in den Wagen sagte, unser langes Zwiegespräch habe ihm die größte Freude gemacht. Ziemlich traurig ging ich zu Bett. Als ich am anderen Morgen aufgestanden war, bat ein Pastor der Genfer Kirche mich, ihm einen Platz im Wagen einzuräumen. Ich erklärte mich einverstanden und hatte es nicht zu bereuen. Der Priester war ein Mann von großer Beredsamkeit und wußte als Theologe von Fach die schwierigsten religiösen Fragen zu beantworten, die ich ihm vorlegte. Für ihn gab es kein Mysterium, alles war Vernunft. Ich habe niemals einen Priester gefunden mit einem bequemeren Christentum als diesen braven Mann, dessen Sitten, wie ich später in Genf erfuhr, vollkommen rein waren. Aber ich hatte Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß seine Auffassung des Christentums nicht ihm allein eigentümlich war, denn alle seine Glaubensgenossen hatten die gleiche Lehre. Als ich ihn überzeugen wollte, daß er nur dem Namen nach Calvinist wäre, da er nicht glaubte, daß Jesus Christus dem Gott Vater wesensgleich wäre, antwortete er mir: Calvin hat sich nur dann für unfehlbar erklärt, wenn er ex cathedra gesprochen. Ich brachte ihn aber zum Verstummen, indem ich die Worte des Evangeliums anführte. Er errötete, als ich ihm vorwarf, Calvin habe geglaubt, daß der Papst der Antichrist der Offenbarung sei. »Es ist unmöglich,« antwortete er mir, »in Genf dieses Vorurteil zu zerstören, solange die Regierung nicht eine Inschrift entfernen läßt, die ein jeder über einer Kirchentür liest und worin das Oberhaupt der römischen Kirche so bezeichnet wird. Das Volk ist überall unwissend; aber ich habe eine zwanzigjährige Nichte, die in dieser Hinsicht nicht zum Volk gehört. Ich werde die Ehre haben, Sie mit ihr bekannt zu machen; sie ist Theologin und hübsch.« »Ich werde sie mit Vergnügen sehen, mein Herr, aber Gott soll mich davor bewahren, mit ihr zu disputieren.« »Sie wird Sie zum Disputieren zwingen, aber ich glaube Ihnen zum voraus versichern zu können, daß es Ihnen nicht leid tun wird.« »Wir werden sehen; haben Sie die Güte, mir Ihre Adresse zu geben.« »Nein, mein Herr, aber ich werde die Ehre haben, Sie in Ihrem Gasthof abzuholen, und werde Ihnen als Führer dienen.« Ich stieg in der »Wage« ab und erhielt dort eine sehr schöne Wohnung. Es war der 20. August 1760. Ich trat an das Fenster, und meine Blicke fielen auf eine Scheibe, auf welcher ich mit einem Diamanten eingeritzt die Worte las: »Du wirst Henrietten vergessen.« Sofort fiel mir der Augenblick ein, wo Henriette vor dreizehn Jahren diese Worte geschrieben hatte, und ich fühlte die Haare sich mir auf dem Kopfe sträuben. Wir hatten in diesem Zimmer gewohnt, als sie sich von mir trennte, um nach Frankreich zurückzukehren. Wie zerschmettert warf ich mich auf einen Lehnstuhl und überließ mich tausend Gedanken. Die edle und zärtliche Henriette, die ich so sehr geliebt hatte! Wo war sie jetzt? Ich hatte niemals etwas von ihr gehört und hatte mich niemals nach ihr erkundigt. Wenn ich mich mit mir selber verglich, so mußte ich mir gestehen, daß ich jetzt ihres Besitzes weniger würdig war als damals. Wohl vermochte ich noch zu lieben, aber ich fand in mir nicht mehr das Zartgefühl, das ich damals besaß, nicht die Gefühle, die die Verirrungen der Sinne entschuldbar machen, nicht mehr die Sanftmut des Charakters und endlich nicht mehr eine gewisse Redlichkeit, die sogar die Schwächen adelt. Am meisten aber erschreckte es mich, daß ich mich nicht mehr so kräftig fand wie früher. Doch schien es mir, als ob die bloße Erinnerung an Henriette mir die alte Kraft zurückgäbe. Da ich meine Dubois nicht mehr hatte, empfand ich eine große Leere, und es ergriff mich eine solche Begeisterung, daß ich augenblicklich mich aufgemacht hätte, um Henriette zu finden, wenn ich nur gewußt hätte, wo ich sie suchen sollte; und doch hatte ich ihr Verbot nicht vergessen. Am nächsten Morgen ging ich in aller Frühe zum Bankier Tronchin, der all mein Geld hatte. Nachdem er mit mir abgerechnet hatte, gab er mir einen Kreditbrief auf Marseille, Genua, Florenz und Rom; an barem Gelds nahm ich nur zwölftausend Franken. Ich hatte kaum noch fünfzigtausend römische Taler, etwa dreihunderttausend Franken; aber damit konnte ich weit kommen. Sobald ich meine Briefe abgegeben hatte, ging ich nach der »Wage« zurück; ich war ungeduldig, Herrn von Voltaire zu sehen. Ich fand meinen Reisegefährten in meinem Zimmer. Er lud mich zum Mittagessen ein und sagte mir, ich würde mit Herrn Villars-Chaudieu zusammenspeisen, der mich nach Tisch zu Herrn von Voltaire führen würde, wo man mich schon seit einigen Tagen erwarte. Ich ging mit dem wackeren Pastor und fand bei ihm eine auserlesene Gesellschaft, darunter auch die junge Theologin, die ihr Oheim erst beim Nachtisch zum Sprechen brachte. Ich werde die Äußerungen dieses jungen Mädchens so getreu wie möglich berichten. »Womit, liebe Nichte, hast du dich heute vormittag beschäftigt?« »Ich habe den heiligen Augustin gelesen und habe ihn abgeschmackt gefunden; ich glaube ihn mit wenigen Worten widerlegt zu haben.« »Worum handelt es sich?« »Um die Mutter des Heilands.« »Was sagt der heilige Augustin von ihr?« »Etwas, das Sie vielleicht nicht bemerkt haben. Er sagt, die Jungfrau Maria habe Jesus Christus durch die Ohren empfangen.« »Und du hast dies nicht geglaubt?« »Ganz gewiß nicht, und zwar aus drei guten Gründen. Erstens ist Gott nicht materiell und braucht daher kein Loch, um an irgendeinen Ort zu gelangen oder ihn zu verlassen; zweitens haben die Gehörorgane keine Verbindung mit dem Platz eines Kindes im Schöße seiner Mutter; drittens endlich hätte Maria, wenn sie durch das Ohr empfangen hätte, auf demselben Wege auch gebären müssen. Dies wäre sehr gut für die Katholiken,« sagte sie mit einem Blick auf mich, »denn dann könnten sie sie mit Recht als Jungfrau vor, während und nach ihrer Schwangerschaft betrachten.« Ich war aufs höchste überrascht, aber mein Erstaunen wurde von allen Gästen geteilt. Der göttliche Geist der Theologie weiß sich über jede fleischliche Sinnlichkeit zu erheben, und nach den eben gehörten Worten mußten wir entweder der jungen Theologin dieses Vorrecht zubilligen oder sie für eine schamlose Dirne halten. Die gelehrte Nichte hatte keine Furcht, dieses Vorrecht zu mißbrauchen, denn sie fragte mich, was ich davon hielte. »Wenn ich Theologe wäre und mir erlaubte, die Wunder durch Vernunft erklären zu wollen, so würde ich vielleicht Ihrer Meinung sein, mein Fräulein. Da aber dieses durchaus nicht der Fall ist, so beschränke ich mich darauf, Sie zu bewundern und den heiligen Augustin zu verurteilen, weil er das Mysterium der Verkündigung hat erklären wollen. Soviel finde ich sicher; daß der heilige Augustin einen greifbaren Unsinn gesagt haben würde, wenn die junge Frau taub gewesen wäre; denn dann wäre die Fleischwerdung unmöglich gewesen, da die drei Nervenpaare, die das Gehör vermitteln, alsdann keine Verbindung mit der Gebärmutter hätten haben können; es wäre demnach unbegreiflich, wie die Sache hätte vor sich gehen können. Aber die Fleischwerdung, mein Fräulein, ist ein Wunder.« Sie antwortete mir sehr artig, ich hätte mich in meiner Antwort als einen viel größeren Theologen denn sie erwiesen, und ihr Oheim dankte mir dafür, daß ich seiner Nichte eine Lehre gegeben hätte. Man ließ sie über verschiedene Gegenstände sprechen, aber was sie sagte, war nicht eben glänzend. Ihre Stärke war das Neue Testament. Ich werde gelegentlich meiner Rückkehr nach Genf von dem jungen Mädchen mehr zu erzählen haben. Nach dem Essen gingen wir zu Voltaire, der gerade vom Tisch aufstand, als wir eintraten. Er war sozusagen von einem Hofe von Kavalieren und Damen umgeben, und dadurch erhielt meine Vorstellung etwas Feierliches; aber diese Feierlichkeit konnte mir bei dem großen Manne keineswegs günstig sein. Einundzwanzigstes Kapitel Herr von Voltaire; meine Unterhaltungen mit dem großen Mann. – Ein Auftritt gelegentlich einiger Verse des Ariosto. – Der Herzog von Villars. – Der Syndikus und die drei Schönen. – Wortgefecht bei Voltaire. – Aix in Savoyen. – Der Marquis Desarmoises. »Dies, Herr von Voltaire, sagte ich zu ihm, ist der schönste Augenblick meines Lebens. Seit zwanzig Jahren bin ich Ihr Schüler, und mein Herz ist voller Freude über das Glück, meinen Lehrer zu sehen.« »Mein Herr, erweisen Sie mir diese Ehre noch zwanzig Jahre lang und versprechen Sie mir nach Ablauf dieser Zeit mein Honorar zu bringen.« »Sehr gern – vorausgesetzt, daß Sie so lange warten wollen.« Voltaires Witz brachte alle Zuhörer zum Lachen; dies war ganz in der Ordnung, denn die Lacher sind dazu da, um die eine Partei auf Kosten der anderen in Atem zu halten, und die Partei, die die Lacher auf ihrer Seite hat, ist stets sicher zu gewinnen: so will es nun einmal die gute Gesellschaft. Übrigens hatte ich mich nicht überrumpeln lassen; ich war auf etwas Derartiges gefaßt und hoffte es ihm heimzahlen zu können. Unterdessen stellte man ihm zwei neu angekommene Engländer vor. »Die Herren sind Engländer,« sagte Voltaire; »ich möchte es auch wohl sein.« Ich fand das Kompliment falsch und unangebracht, denn er zwang dadurch die Engländer, aus Höflichkeit ihm zu antworten, sie möchten wohl Franzosen sein; wenn sie aber nicht Lust hatten, zu lügen, so mußte es sie in Verlegenheit bringen, die Wahrheit zu sagen. Ich glaube, es ist einem Ehrenmann erlaubt, seiner eigenen Nation den höchsten Rang anzuweisen, wenn es sich um eine Wahl handelt. Einen Augenblick darauf richtete Voltaire abermals das Wort an mich und sagte, als Venetianer müsse ich den Grafen Algarotti kennen. »Ich kenne ihn; freilich nicht als Venetianer, denn sieben Achtel meiner Landsleute wissen nicht, daß er auf der Welt ist.« Ich hätte sagen sollen: »als wissenschaftlich gebildeten Mann.« »Ich kenne ihn, weil ich vor sieben Jahren in Padua zwei Monate bei ihm verbracht habe; und was meine besondere Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, war seine Bewunderung für Herrn von Voltaire.« »Das ist schmeichelhaft für mich, aber er braucht nicht der Bewunderer eines anderen Menschen zu sein, um die Achtung aller zu verdienen.« »Wenn er nicht als Bewunderer begonnen hätte, würde Algarotti sich niemals einen Namen gemacht haben. Als Bewunderer Newtons wußte er die Damen instand zu setzen, vom Licht zu sprechen.« »Ist es ihm gelungen?« »Nicht so gut wie Herrn de Fontenelle in seiner Mehrheit der Welten; trotzdem kann man sagen, es sei ihm gelungen.« »Sie haben recht! Wenn Sie ihn in Bologna sehen, bitte ich Sie, ihm zu sagen, daß ich seine Briefe über Rußland erwarte. Er kann sie nach Mailand an meinen Bankier Bianchi schicken; dieser wird sie mir zukommen lassen.« »Wenn ich ihn sehe, werde ich es ihm gewiß sagen.« »Man hat mir gesagt, die Italiener seien nicht mit seiner Sprache zufrieden.« »Ich glaube es; alle seine Schriften wimmeln von Gallicismen. Sein Stil ist kläglich.« »Aber machen denn nicht französische Wendungen Ihre Sprache noch schöner?« »Sie machen sie unerträglich, gerade wie ein mit Italienisch oder Deutsch gespicktes Französisch unerträglich sein würde, selbst wenn ein Herr von Voltaire es geschrieben hätte.« »Sie haben recht; jede Sprache muß rein geschrieben werden. Man hat Titus Livius beanstandet und gesagt, sein Latein habe einen patavinischen Beigeschmack.« »Als ich begann, mir diese Sprache anzueignen, hat der Abbé Lazzarini mir gesagt, er ziehe Titus Livius dem Sallust vor.« »Abbé Lazzarini – Verfasser der Tragödie Ulisse il giovine . Sie müssen damals sehr jung gewesen sein. – Ich möchte ihn wohl gekannt haben. Aber ich habe den Abbé Conti sehr gut gekannt, der Newtons Freund gewesen war und dessen vier Tragödien die ganze römische Geschichte umfassen.« »Ich habe ihn ebenfalls gekannt und bewundert. Ich war jung, aber ich wünschte mir Glück, als ich mich zum Umgang mit diesen großen Männern zugelassen sah. Mir ist, als wäre es gestern gewesen, obgleich seither viele Jahre vergangen sind; auch jetzt, in Ihrer Gegenwart, demütigt meine geringe Bedeutung mich nicht; ich möchte der Jüngste des ganzen Menschengeschlechtes sein.« »Sie wären als solcher ohne Zweifel glücklicher, als wenn Sie der Älteste wären. Darf ich es wagen, Sie zu fragen, welchem Gebiet der Literatur Sie sich gewidmet haben?« »Keinem; aber vielleicht kommt dies noch. Einstweilen lese ich, soviel ich kann, und studiere zu meinem Vergnügen den Menschen, indem ich reise.« »Dies ist das beste Mittel, ihn kennen zu lernen; aber das Buch ist zu groß. Es gelingt einem leichter, indem man die Weltgeschichte liest.« »Ja, wenn sie nicht löge! Man ist der Tatsache nicht sicher, und darum langweilt sie; dagegen ergötzt es mich, die Welt zu studieren, indem ich sie durchwandere. Horaz, den ich auswendig weiß, ist mein Reisebegleiter, und ich finde, daß er überall Bescheid weiß.« »Algarotti hat ebenfalls den ganzen Horaz in seinem Kopf. Gewiß lieben Sie die Poesie.« »Sie ist meine Leidenschaft.« »Haben Sie viele Sonette gemacht?« »Zehn oder zwölf, die ich liebe, und zwei- bis dreitausend, die ich vielleicht niemals wieder gelesen habe.« »Italien ist auf Sonette versessen.« »Allerdings, wenn man es ›versessen‹ nennen kann, daß man die Neigung hat, einem Gedanken ein harmonisches Maß zu geben, das ihn zur Geltung bringt. Das Sonett ist schwierig, weil man den Gedanken weder in die Länge ziehen noch abkürzen darf, um die einzelnen Verse auszufüllen.« »Es ist ein Prokrustesbett, und darum habt ihr so wenig gute Sonette. Wir Franzosen haben nicht ein einziges gutes, aber daran ist unsere Sprache schuld.« »Und der französische Geist; man bildet sich ein, ein künstlich verlängerter Gedanke müsse alle Kraft und allen Glanz verlieren.« »Und Sie sind nicht dieser Meinung?« »Ich bitte um Verzeihung, es handelt sich nur um die Prüfung des Gedankens. Ein Witz zum Beispiel genügt nicht für ein Sonett; ein solcher gehört im Italienischen wie im Französischen in das Gebiet des Epigramms.« »Welchen italienischen Dichter lieben Sie am meisten?« »Ariosto; aber ich kann nicht sagen, daß ich ihn mehr liebe als die anderen, denn er ist der einzige, den ich liebe.« »Sie kennen aber doch die anderen?« »Ich glaube sie alle gelesen zu haben; aber alle erbleichen vor Ariosto. Als ich vor fünfzehn Jahren Ihr abfälliges Urteil über ihn las, sagte ich, Sie würden es zurücknehmen, wenn Sie ihn gelesen hätten.« »Ich danke Ihnen, daß Sie geglaubt haben, ich hätte ihn nicht gelesen. Ich hatte ihn gelesen, aber ich war jung, besaß nur eine oberflächliche Kenntnis Ihrer Sprache, und war von italienischen Gelehrten voreingenommen, die den Tasso verehrten. So hatte ich das Unglück, ein Urteil zu veröffentlichen, das ich für das meinige hielt, während es nur das Echo der unüberlegten Voreingenommenheit jener anderen war, die mich beeinflußt hatten. Ich bete euren Ariosto an.« »Ach, Herr von Voltaire, ich atme wieder auf! Aber lassen Sie doch, bitte, das Werk exkommunizieren, worin Sie den großen Mann lächerlich gemacht haben.« »Wozu? meine Bücher sind alle exkommuniziert, aber ich werde Ihnen einen schönen Beweis meiner Urteilsänderung geben.« Ich war starr vor Erstaunen; der große Mann begann die beiden langen Abschnitte des vierunddreißigsten und fünfunddreißigsten Gesanges auswendig herzusagen, in denen der göttliche Dichter Astolphs Gespräch mit dem Apostel St. Johannes besingt, und er tat es, ohne einen einzigen Vers auszulassen und ohne den geringsten Verstoß gegen die Prosodie zu begehen. Hierauf hob er mit seinem ganzen natürlichen Scharfsinn und mit der genialen Auffassung eines großen Mannes die Schönheiten hervor. Von den gelehrtesten Erklärern Italiens hätte man keine bessere Auslegung erwarten dürfen. Ich hörte ihm mit der größten Aufmerksamkeit zu und wagte kaum zu atmen; ich wünschte, ihn ein einziges Mal auf einer falschen Fährte zu ertappen – aber vergeblich. Ich wandte mich zur Gesellschaft und rief, ich sei außer mir vor Überraschung und würde ganz Italien von meiner gerechten Bewunderung in Kenntnis setzen. »Und ich, mein Herr,« versetzte der große Mann, »ich werde ganz Europa davon in Kenntnis setzen, daß ich dem größten Geiste, den es hervorgebracht hat, eine Ehrenerklärung schulde.« Unersättlich nach Lobsprüchen, die er in so vieler Hinsicht verdiente, gab Voltaire mir am nächsten Tage seine Übersetzung von der ariostoschen Stanze, die mit dem Verse beginnt: Quindi avvien che tra principi e signori ... Die Übersetzung lautet: – Les papes, les césars, apaisant leur querelle, Jurent sur l'Evangile une paix éternelle: Vous les voyez l'un de l'autre ennemis: C'était pur se tromper qu'ils s'étaient réunis. Nul serment n'est gardé, nul accord n'est sincère. Quand la bouche a parlé, le coeur dit le contraire. Du ciel qu'ils attestaeint, ils bravaient le courroux: L'intérêt est le Dieu qui les gouverne tous. Als Voltaire mit seiner Deklamation fertig war, klatschten alle Anwesenden Beifall, obgleich keiner von ihnen italienisch verstand, und seine Nichte, Madame Denis, fragte mich, ob ich das von ihrem Oheim rezitierte Stück für eines der schönsten des großen Dichters hielte. »Ja, Madame, aber es ist nicht das schönste – bei weitem nicht; denn sonst würde man den Signor Lodovico nicht in den Himmel versetzt haben.« »Man hat ihn also heilig gesprochen? Das wußte ich nicht.« Bei diesen Worten waren die Lacher, und Voltaire an ihrer Spitze, auf Seiten der Frau Denis; alle lachten; nur ich bewahrte meinen vollen Ernst. Es schien Voltaire zu ärgern, daß ich nicht wie die anderen lachte, und er fragte mich nach dem Grunde. »Sie meinen,« sagte er, »er sei wegen einer übermenschlich schönen Stelle der Göttliche genannt worden?« »Ganz gewiß.« »Und was ist das für eine Stelle?« »Es sind die letzten sechsunddreißig Stanzen des dreiunddreißigsten Gesanges, in denen der Dichter den mechanischen Hergang beschreibt, wie Roland wahnsinnig wurde. Solange wie die Welt besteht, hat niemals ein Mensch gewußt, wie man wahnsinnig wird – außer Ariosto, der es gegen Ende seines Lebens selber wurde. Diese Stanzen sind entsetzlich schön, Herr von Voltaire, und ich bin überzeugt, Sie haben gezittert, als Sie sie lasen.« »Ja, ich erinnere mich ihrer; sie erregen Entsetzen vor der Liebe. Ich werde sie sofort wieder lesen.« »Der Herr wird vielleicht die Gefälligkeit haben, sie uns herzusagen«, sagte Frau Denis mit einem Seitenblick auf ihren Oheim. »Sehr gern, gnädige Frau, wenn Sie die Güte haben wollen, sie anzuhören.« »Sie haben sich also die Mühe genommen, sie auswendig zu lernen?« fragte Voltaire mich. »Sagen Sie: das Vergnügen – denn es hat mir keine Mühe gekostet. Seit meinem sechzehnten ist kein Jahr vergangen, daß ich nicht den Ariosto zwei- oder dreimal gelesen habe; er ist meine Leidenschaft und hat sich ganz natürlich meinem Gedächtnis eingeprägt, ohne daß ich mir die geringste Mühe zu geben brauchte. Ich weiß ihn ganz und gar auswendig, mit Ausnahme seiner langen Geschlechtsregister und seiner geschichtlichen Auseinandersetzungen, die den Geist ermüden, ohne das Herz zu erwärmen. Außer ihm gibt es für mich nur noch Horaz, dessen Verse sich alle meiner Seele eingegraben haben, obwohl seine Episteln oftmals zu prosaisch sind und sich mit den Boileauschen bei weitem nicht vergleichen lassen.« »Boileau ist oftmals zu sehr Lobredner, Herr von Casanova. Horaz will ich gelten lassen, auch mich entzückt er; aber Ariosto! vierzig lange Gesänge – das ist zu viel!« »Einundfünfzig, Herr von Voltaire.« Der große Mann verstummte, aber Frau Denis sprang für ihn ein und rief: »Lassen Sie uns doch die sechsunddreißig Stanzen hören, die einen zum Zittern bringen und denen der Dichter den Namen des Göttlichen verdankt!« Sofort begann ich in sicherem Tone, aber nicht in jener eintönigen deklamatorischen Weise der Italiener, die die Franzosen uns mit Recht zum Vorwurf machen. Die Franzosen würden die besten Deklamatoren sein, wenn sie nicht durch den Zwang des Reimes gehindert würden; denn von allen Völkern fühlen sie am tiefsten, was sie sagen. Sie haben weder den leidenschaftlichen und einförmigen Ton meiner Landsleute, noch den sentimentalen und übertriebenen der Deutschen, noch die ermüdende Manieriertheit der Engländer. Sie sprechen jeden Satz in dem Ton, mit dem Klang der Stimme, die am besten der Natur des auszudrückenden Gefühls entsprechen; aber durch die gezwungene Wiederholung derselben Klänge gehen ihnen diese Vorzüge zum Teil wieder verloren. Ich sprach die schönen Verse Ariostos wie eine schöne rhythmische Prosa, die ich durch den Klang meiner Stimme und durch die Sprache meiner Augen belebte, und ich modulierte den Tonfall je nach dem Gefühl, das ich meinen Hörern einflößen wollte. Man sah, man fühlte, wie ich mir Gewalt antun mußte, um meine Tränen zurückzuhalten, und Tränen standen in allen Augen. Aber als ich zu der Stanze kam: Poiche allargare il freno al dolor puote Che resta solo senza altrui rispetto Giù dagli occhi rigando per le gote Sparge un fiume de lacrime sul petto da entströmten mir die Tränen so reichlich, daß alle meine Zuhörer zu schluchzen begannen. Voltaire und Madame Denis fielen mir um den Hals, aber ihre Umarmungen konnten mich nicht unterbrechen. Denn, um rasend zu werden, mußte Roland erst noch bemerken, daß er in demselben Bett lag, worin vor kurzem Angelica in den Armen des überglücklichen Medor geruht hatte. Und so mußte ich die folgende Stanze beginnen. Statt Klage und Trauer malte sich jetzt in meiner Stimme Schrecken ob der Wut, in der er vermöge seiner ungeheueren Kraft Verwüstungen anrichtete wie ein schrecklicher Sturm oder wie ein von Erdbeben begleiteter vulkanischer Ausbruch. Als ich geendet hatte, empfing ich mit traurigem Gesicht die Glückwünsche der ganzen Gesellschaft. Voltaire rief: »Ich habe es immer gesagt: das Geheimnis, zum Weinen zu bringen, besteht darin, daß man selber weint; aber es sind echte Tränen nötig, und um solche vergießen zu können, muß die Seele tief gerührt sein. – Ich danke Ihnen, mein Herr,« fuhr er fort, indem er mich umarmte, »und ich verspreche Ihnen, morgen die gleichen Stanzen zu rezitieren und dabei zu weinen wie Sie.« Er hielt Wort. »Es ist erstaunlich,« sagte Frau Denis, »daß das unduldsame Rom niemals den Sänger des Orlando auf den Index gesetzt hat.« »Ganz im Gegenteil,« rief Voltaire, »Leo der Zehnte ist dem zuvorgekommen, indem er jeden in den Kirchenbann tat, der es wagen sollte, ihn zu verdammen. Die beiden großen Familien Este und Medici hatten ein Interesse daran, ihn zu stützen. Ohne diesen Schutz hätte wahrscheinlich ein einziger Vers hingereicht, um das ganze Gedicht verbieten zu lassen, nämlich der Vers über Konstantins Schenkung des römischen Gebietes an Silvester, worin der Dichter sagte: puzza forte – sie stinkt gewaltig.« »Ich glaube,« sagte ich, »der Vers, der den meisten Lärm gemacht hat, war jener, worin Ariosto die Auferstehung des Menschengeschlechtes und das Ende der Welt in Zweifel zieht. Ariosto spricht von dem Einsiedler, der den Rodomont davon abhalten wollte, sich der Witwe des Zerbino, Isabella, zu bemächtigen, und schildert, wie der Afrikaner, gelangweilt durch diese Predigt, ihn packt und so weit fortschleudert, daß er an einem Felsen zerschellt; an diesem Felsen liegt er nun tot, wie eingeschlafen – so daß al [?]vissimo di forse fia desto – daß er am jüngsten Tag vielleicht erstände. über dieses forse , das der Dichter vielleicht nur als eine Redeblume oder zur Ausfüllung des Verses brauchte, erhob sich viel Geschrei, worüber der Dichter ohne Zweifel herzlich gelacht hätte, wenn er es erlebt hätte.« »Es ist schade,« sagte Frau Denis, »daß Ariosto nicht etwas nüchterner in solchen bildlichen Ausdrücken war.« »Still, liebe Nichte; sie sind voller Geist und Witz. Es sind wunderschöne Perlen, die der beste Geschmack über das ganze Werk verstreut hat.« Wir sprachen hierauf von allen möglichen literarischen Dingen, und schließlich kam die Unterhaltung auf die Schottin, die wir in Solothurn gespielt hatten. Man wußte alles. Herr von Voltaire sagte mir: wenn ich bei ihm spielen wolle, werde er an Herrn von Chavigny schreiben, er möge meine Lindane überreden, die Rolle meiner Partnerin zu spielen, er selber werde den Montrose übernehmen. Ich entschuldigte mich und sagte ihm, Frau von *** sei in Basel, und ich selber müsse am nächsten Tage abreisen. Bei diesen Worten erhob er ein lautes Geschrei, hetzte die ganze Gesellschaft auf mich und sagte mir schließlich, mein Besuch sei eine Beleidigung für ihn, wenn ich nicht mindestens eine volle Woche ihm opfere. »Herr von Voltaire,« antwortete ich ihm, »ich bin nur nach Genf gekommen, um die Ehre zu haben, Sie zu sehen; jetzt, da mir diese Huld zuteil geworden ist, habe ich hier nichts mehr zu tun.« »Sind Sie hierher gekommen, um mit mir zu sprechen, oder damit ich mit Ihnen spreche?« »Natürlich, auch um mit Ihnen zu sprechen, aber noch weit mehr, um Sie sprechen zu hören.« »So bleiben Sie mindestens drei Tage hier; seien Sie alle drei Tage bei mir zu Tisch, und wir werden miteinander sprechen.« Die Einladung war so dringend und so schmeichelhaft, daß es mir übel angestanden wäre, sie abzulehnen. Ich nahm sie also an und entfernte mich hierauf, weil ich zu schreiben hatte. Ich war kaum eine Viertelstunde zu Hause, da kam ein Syndikus der Stadt, ein liebenswürdiger Mensch, den ich nicht nennen will, zu mir und bat mich, mit mir zu Abend speisen zu dürfen. Er sagte zu mir: »Ich habe Ihrem Gefecht mit dem großen Manne beigewohnt und die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal den Mund aufgetan; aber ich habe den lebhaften Wunsch, eine Stunde mit Ihnen allein zu verbringen.« Ich umarmte ihn, bat ihn um Verzeihung, daß er mich im Schlafrock fände, und sagte ihm, es würde mir ein Vergnügen machen, wenn er den ganzen Abend mit mir verbrächte. Der liebenswürdige Mensch war zwei Stunden lang bei mir, ohne einen einzigen Augenblick von Literatur zu sprechen; aber er brauchte dies auch nicht, denn er war ein Jünger des Epikur und Sokrates, und der Abend verging mit hübschen Geschichtchen, mit lautem Gelächter und mit Erzählungen von all den Vergnügungen, die man sich in Genf verschaffen konnte. Beim Abschied lud er mich für den nächsten Tag zum Abendessen ein, indem er mir versprach, daß ich mich nicht langweilen würde. »Ich werde Sie erwarten«, sagte ich. »Gut, aber sagen Sie keinem Menschen etwas von unserer Partie.« Ich versprach es ihm. Am nächsten Morgen besuchte der junge Fox mich mit den beiden Engländern, die ich bei Herrn von Voltaire gesehen hatte. Sie schlugen mir eine Partie Quinze vor; ich nahm sie an; nachdem ich etwa fünfzig Louis verloren hatte, hörte ich auf, und wir trieben uns bis zum Mittagessen in der Stadt herum. In den Délices fanden wir den Herzog von Villars; er war soeben angekommen, um den Doktor Tronchin zu befragen, der ihn seit zehn Jahren künstlich am Leben erhielt. Während des Essens schwieg ich; aber beim Nachtisch brachte Herr von Voltaire das Gespräch auf die venetianische Regierung, da er wußte, daß ich keinen Anlaß hatte, mit ihr zufrieden zu sein; aber ich täuschte seine Erwartung, denn ich suchte nachzuweisen, daß es auf der ganzen Erde kein Land gebe, wo man eine vollständigere Freiheit genieße. »Ja,« fagte er, »wenn man sich damit bescheidet, die Rolle des Stummen zu spielen.« Da er sah, daß das Thema mir nicht behagte, nahm er meinen Arm und führte mich in seinen Garten, dessen Schöpfer er war, wie er mir sagte. Die Hauptallee führte zu einem schönen fließenden Wasser. »Dies«, sagte er, »ist der Rhône, den ich nach Frankreich schicke.« »Eine Sendung, die Ihnen wenig Kosten verursacht.« Er lächelte freundlich und zeigte mir hierauf die schöne Genfer Straße und die Dent-blanche, die höchste Spitze der Alpen. Hierauf brachte er das Gespräch wieder auf die italienische Literatur und begann mit Geist und viel Gelehrsamkeit Unsinn darüber zu reden, indem er stets mit einem falschen Urteil schloß. Ich ließ ihn reden. Er sprach über Homer, Dante und Petrarca, und man weiß ja, wie er über diese großen Geister dachte; er hat sich selber geschadet, indem er veröffentlichte, was er dachte. Ich begnügte mich damit, ihm zu sagen, daß diese großen Männer schon längst von dem hohen Platz, den die Bewunderung der Jahrhunderte ihnen angewiesen hat, herabgestiegen wären, wenn sie nicht der allgemeinen Verehrung würdig wären. Der Herzog von Villars und der berühmte Arzt Tronchin traten zu uns. Der Doktor war groß, stattlich, schön von Gesicht, höflich, beredt, ohne Schwätzer zu sein. Ein gelehrter Physiker und ein geistreicher Mann. Er war ein Schüler Boerhaves, der ihn geliebt hatte, und da er weder das Kauderwelsch, noch den Scharlatanismus, noch die selbstgefällige Eitelkeit der medizinischen Größen an sich hatte, so gefiel er mir außerordentlich. Seine Heilkunst beruhte auf der Ernährungsweise, und um diese richtig zu verordnen, mußte er Philosoph sein. Man hat mir versichert – was ich aber doch kaum glauben kann – er habe einen Lungenkranken durch die Milch einer Eselin geheilt, der er von vier kräftigen Packträgern dreißig starke Quecksilbereinreibungen machen ließ. Auch Villars erregte meine volle Aufmerksamkeit, jedoch ganz anders als Tronchin. Indem ich sein Gesicht und seine Haltung betrachtete, glaubte ich eine siebzigjährige Frau in Männerkleidern zu sehen – ein mageres, dürres Weib, das noch Ansprüche machte und in seiner Jugend wohl schön gewesen sein konnte. Seine kupferroten Wangen waren mit Schminke bekleistert, die Lippen mit Karmin bedeckt, die Augenbrauen schwarz gefärbt. Er hatte falsche Zähne, trug eine ungeheure Perücke, die einen starken Ambraduft ausströmte, und im Knopfloch einen Blumenstrauß, der ihm bis ans Kinn reichte. Seinen Bewegungen gab er etwas übertrieben Anmutiges und sprach dazu mit so sanfter Stimme, daß man oftmals nicht hören konnte, was er sagte, übrigens war er sehr höflich, liebenswürdig und geziert im Geschmack der Zeiten der Regentschaft. Alles in allem ein überaus lächerliches Wesen. Man hat mir erzählt, in seiner Jugend und in den Zeiten seiner Manneskraft habe er das schöne Geschlecht geliebt; als er aber zu nichts mehr getaugt, habe er den bescheidenen Entschluß gefaßt, Weib zu werden, und halte daher vier schöne Mignons in seinem Dienst, welche abwechselnd das ekelhafte Glück hätten, nachts sein altes Gerippe zu wärmen. Villars war Gouverneur der Provence und hatte einen Krebs am Rücken. Nach der natürlichen Ordnung hätte er schon seit zehn Jahren begraben sein sollen, aber Tronchin erhielt ihn am Leben, indem er die wunden Stellen mit Schnitten von Kalbfleisch nährte. Ohne diese Ernährung wäre der Krebs gestorben und hätte ihn mitgerissen. Dies kann man wohl ein künstliches Leben nennen. Ich begleitete Herrn von Voltaire in sein Schlafzimmer, wo er die Perücke wechselte und eine andere Mütze aufsetzte; denn er trug stets Mützen, um sich gegen Erkältungen zu schützen, an denen er oftmals litt. Ich sah auf einem Tisch die Summa des heiligen Thomas und unter mehreren italienischen Gedichten auch die Secchia rapita von Tassoni. Voltaire sagte zu mir: »Dies ist das einzige tragikomische Gedicht, das Italien besitzt. Tassoni war Mönch, Schöngeist und ein ebenso großer Gelehrter wie Dichter.« »Als Dichter mag er groß sein, aber als Gelehrter ist er es nicht; denn er hat sich über das System des Kopernikus lustig gemacht und behauptet, man könne danach nicht den Mondwechsel und die Mondfinsternisse bestimmen.« »Wo hat er diese Dummheit gesagt?« »In seinen akademischen Reden.« »Ich habe sie nicht, aber ich werde sie mir verschaffen.« Er ergriff eine Feder, um eine Notiz darüber zu machen, und sagte dann: »Aber Tassoni hat mit sehr viel Geist den Petrarca kritisiert.« »Ja, aber dadurch hat er seinen Geschmack und seine Literaturkenntnisse entehrt; dasselbe gilt von Muratori.« »Den habe ich hier. Geben Sie zu, daß seine Gelehrsamkeit unermeßlich ist.« » Est ubi peccat – dies ist gerade sein Fehler.« Voltaire öffnete eine Tür, und ich sah etwa hundert dicke Papierbündel. Er sagte: »Dies ist mein Briefwechsel. Sie sehen hier etwa fünfzigtausend Briefe, die ich beantwortet habe.« »Besitzen Sie die Abschriften Ihrer Antworten?« »Zum guten Teil. Ein Bedienter hat dies zu besorgen und hat nichts anderes zu tun.« »Ich kenne eine Menge Buchhändler, die viel Geld dafür geben würden, diesen Schatz zu erwerben.« »Allerdings; aber hüten Sie sich vor den Buchhändlern, wenn Sie etwas veröffentlichen wollen – falls Sie es nicht schon getan haben; es sind gefährlichere Seeräuber als die marokkanischen.« »Mit diesen Herren werde ich erst zu tun haben, wenn ich alt bin.« »Dann werden Sie die Plage Ihres Alters sein.« Bei dieser Gelegenheit zitierte ich einen maccaronischen Vers von Merlino Cocci. »Was ist das?« »Ein Vers aus einem berühmten Gedicht von vierundzwanzig Gesängen.« »Berühmt!« »Ja, und sogar mit Recht berühmt; aber um seinen Wert zu schützen, muß man die Mundart von Mantua kennen.« »Ich werde es verstehen, wenn Sie es mir beschaffen können.« »Ich werde die Ehre haben, es Ihnen morgen zu bringen.« »Sie werden mich über alle Maßen verbinden.« Wir wurden geholt und verbrachten dann zwei Stunden in der Gesellschaft mit allen möglichen Gesprächen. Voltaire entfaltete den ganzen Reichtum seines glänzenden und fruchtbaren Geistes und entzückte alle, obgleich seine scharfen Pfeile selbst die Anwesenden nicht verschonten; aber er besaß eine unnachahmliche Kunst, seine Witze so zu schleudern, daß niemand sich verletzt fühlte. Wenn der große Mann seine Ausfälle mit einem anmutigen Lächeln begleitete, fehlte es ihm niemals an Lachern. Sein Haushalt war aufs vornehmste eingerichtet, und man speiste sehr gut bei dem Dichter, was bei seinen Mitbrüdern in Apoll sehr selten vorkommt, da sie für gewöhnlich nicht wie er Günstlinge des Plutus sind. Er war damals sechsundsechzig Jahre alt und hatte Hundertzwanzigtausend Franken Rente. Man hat boshafterweise gesagt, der große Mann habe sich bereichert, indem er seine Verleger betrogen; tatsächlich ist es ihm aber in dieser Hinsicht nicht besser gegangen als dem geringsten Schriftsteller; weit entfernt, seine Buchhändler betrogen zu haben, ist er vielmehr häufig von ihnen betrogen worden. Hiervon auszunehmen sind die Cramer, die durch ihn reich geworden sind. Voltaire hatte sich durch andere Mittel als durch seine Feder zu bereichern gewußt, und da er ruhmbegierig war, verschenkte er oft seine Werke unter der einzigen Bedingung, daß sie gedruckt und verbreitet würden. Während der kurzen Zeit, die ich bei ihm verbrachte, wurde ich Zeuge einer solchen Großmut: er verschenkte die Prinzessin von Babylon, eine reizende Erzählung, die er in drei Tagen schrieb. Mein epikuräischer Syndikus holte mich seinem Versprechen getreu pünktlich in der »Wage« ab und führte mich in ein nahegelegenes Haus, wo er mich drei jungen Damen vorstellte, die zwar nicht gerade Schönheiten im strengen Sinne des Wortes, aber entzückende Geschöpfe waren. Zwei von ihnen waren Schwestern. Sie empfingen uns auf ungezwungene und übermütige Weise, und da sie geistreiche Gesichter hatten und im Tone echter Fröhlichkeit sprachen, so erkannte ich sofort, daß wir einen köstlichen Abend verleben würden; ich hatte mich nicht getäuscht. Die halbe Stunde bis zum Essen verfloß in anständiger, aber zwangloser Unterhaltung; während der Mahlzeit gab der Syndikus den Ton an, und ich sah voraus, was sich nach dem Dessert ereignen würde. Es war heiß und unter dem anständigen Vorwande, uns Kühlung zu verschaffen, versetzten wir uns beinahe in den Naturzustand, da wir sicher waren, durch keinen Besuch gestört zu werden. Welche Orgie! Ich bedaure, das Interessanteste verschleiern zu müssen. Als wir, in die ausgelassenste Heiterkeit versetzt, von Liebe, Champagner und wollüstigen Reden erhitzt waren, rezitierte ich Grécourts Y grec . Als ich dieses wollüstige Gedicht, das der Feder eines Abbés würdig ist, beendigt hatte und die Augen der drei Schönen Flammen sprühen sah, sagte ich zu ihnen: »Meine Damen, ich erbiete mich, Ihnen allen dreien, einer nach der anderen, zu zeigen, welchen Sinn der Satz hatte: gaudeant bene nati .« Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm ich sie, eine nach der anderen, vor und machte sie glücklich, ohne jedoch das Spiel auf die Spitze zu treiben. Mein Syndikus strahlte vor Freude; er freute sich, mir ein Geschenk nach meinem Geschmack gemacht zu haben, und ich konnte bemerken, daß das Extravergnügen den drei Grazien nicht mißfiel; denn der Sybarit hielt sie bei magerer Kost, da er nur noch in seinen Begierden kräftig war. Die jungen Mädchen überschütteten mich mit endlosen Danksagungen, die ich meinerseits in gleichem Umfang erwiderte. Sie jauchzten vor Entzücken, als sie den Syndikus mich für den nächsten Abend einladen hörten. Als er mich nach meinem Gasthof zurückbrachte, dankte ich ihm für das Vergnügen, das er mir verschafft hatte, und er sagte mir, er habe das Verdienst, diese drei reizenden Geschöpfe ganz allein erzogen zu haben. »Sie sind, nebst mir, der einzige Mann, den sie kennen. Sie werden sie wiedersehen; aber ich bitte Sie recht sehr, hüten Sie sich, ihnen ein Andenken zu hinterlassen; denn das wäre in dieser Stadt voller Vorurteile für sie wie für mich ein Unglück, das nicht wieder gut zu machen wäre.« »Sie halten also immer Maß?« »Leider ist das kein Verdienst von meiner Seite. Ich bin für die Liebe geboren, aber Venus hat mich schon frühzeitig dafür bestraft, daß ich ihr zu früh gehuldigt habe.« Nachdem ich eine köstliche Nacht verbracht hatte, erwachte ich frisch gestärkt und schrieb an Voltaire einen Brief in Blankversen, die mir viermal mehr Mühe kosteten, als wenn ich sie gereimt hätte. Ich schickte ihm diesen Brief mit dem Gedicht des Theophilo Folengo, aber ich tat übel daran; ich hätte voraus sehen können, daß er keinen Geschmack daran finden würde, denn man kann nur schätzen, was man wirklich versteht. Ich ging hierauf zu Herrn Fox hinunter und traf bei ihm die beiden Engländer, die mir Revanche anboten. Ich verlor hundert Louis und sah sie mit Vergnügen nach Lausanne abreisen. Der Syndikus hatte mir gesagt, die drei jungen Damen seien aus anständigen Familien, aber nicht reich; ich zerbrach mir den Kopf, auf welche Weise ich ihnen ein nützliches Geschenk machen könnte, ohne sie zu demütigen. Schließlich verfiel ich auf etwas ganz Tolles, das ich dem Leser später erklären werde. Ich ging zu einem Goldschmied, gab ihm sechs Quadrupel und beauftragte ihn, mir sofort drei goldene Kugeln von je zwei Unzen zu machen. Mittags ging ich zu Herrn von Voltaire; er war nicht sichtbar, aber Madame Denis entschädigte mich. Sie hatte viel Geist, Vernunft und Geschmack, ein reiches Wissen ohne Anmaßung und hegte einen grimmigen Haß gegen den König von Preußen, den sie einen Schurken nannte. Sie erkundigte sich nach meiner schönen Haushälterin und wünschte mir Glück, daß ich sie an einen ehrenwerten Mann verheiratet hätte. Obgleich ich heute anerkenne, daß sie vollkommen recht hatte, war ich damals doch keineswegs ihrer Meinung, denn der Eindruck war noch zu lebhaft. Frau Denis bat mich, ihr meine Flucht aus den Bleigefängnissen zu erzählen; da aber die Erzählung ein wenig lang gewesen wäre, so versprach ich ihr, den Wunsch ein anderes Mal zu erfüllen. Herr von Voltaire speiste nicht mit uns; er erschien erst um fünf Uhr mit einem Brief in der Hand und fragte mich: »Kennen Sie den bolognesischen Senator Marchese Albergati Capracelli und den Grafen Paradisi?« »Paradisi kenne ich nicht; Herrn Albergati aber kenne ich von Ansehen und habe von ihm gehört. Er ist nicht Senator, sondern einer von den Vierzig, und in Bologna sind die Vierzig fünfzig.« »Barmherzigkeit! Das ist ein schwer zu lösendes Rätsel.« »Kennen Sie ihn?« »Nein, aber er schickt mir Goldonis Theater, Bologneser Würste und die Übersetzung des Tankred, und er wird mich besuchen.« »Er wird nicht kommen; so dumm ist er nicht.« »Wieso dumm? Ist es denn eine Dummheit, mich zu besuchen?« »Nein, sonst ganz gewiß nicht, aber von ihm wäre es eine Dummheit.« »Warum, bitte?« »Er weiß, daß er zuviel dabei verlieren würde; denn er ist stolz auf die Meinung, die Sie anscheinend von ihm haben, und wenn er käme, würden Sie sehen, daß er eine Null ist, und mit der Illusion wäre es aus. Übrigens ist er ein braver Edelmann mit einem Einkommen von sechstausend Zechinen, dazu ein Theaternarr. Er ist ein ziemlich guter Schauspieler und hat einige Komödien in Prosa geschrieben; aber man kann sie weder lesen noch auf der Bühne sehen.« »Sie geben ihm da wahrhaftig ein Kleid, das ihn nicht vergrößert.« »Ich kann Ihnen versichern, es macht ihn noch nicht so klein, wie er in Wirklichkeit ist.« »Aber sagen Sie mir, inwiefern die Vierzig fünfzig sein können?« »Wie in Basel um elf Uhr Mittag ist.« »Ich verstehe: wie Ihr Rat der Zehn aus siebzehn Mitgliedern besteht.« »Ganz recht; aber die verdammten Vierzig von Bologna sind etwas anderes.« »Warum verdammt?« »Weil sie dem Fiskus nicht unterworfen sind; infolge dieser Freiheit begehen sie vollkommen straflos jedes beliebige Verbrechen; sie brauchen nur ihren Wohnsitz außerhalb des Staates zu nehmen und verzehren dort behaglich ihre Einkünfte.« »Das ist etwas Gutes und nicht etwas Böses. Aber weiter; der Marchese Albergati ist ohne Zweifel Schriftsteller?« »Er schreibt gut italienisch; aber er hört sich gerne reden, ist weitschweifig und hat nicht viel im Kopf.« »Er ist Schauspieler, sagten Sie?« »Sogar ein sehr guter, besonders in seinen eigenen Stücken, in Liebhaberrollen.« »Ist er schön?« »Ja, auf der Bühne, aber sonst nicht; denn sein Gesicht ist ausdruckslos.« »Seine Stücke gefallen aber doch.« »Den Kennern nicht; denn man würde sie auspfeifen, wenn man sie verstände.« »Und was sagen Sie von Goldoni?« »Was man von ihm sagen kann: Goldoni ist der italienische Molière.« »Warum nennt er sich Hofdichter des Herzogs von Parma?« »Ohne Zweifel, um zu beweisen, daß ein geistvoller Mann seine schwache Seite hat, so gut wie ein Dummkopf; der Herzog weiß wahrscheinlich nichts davon. Er nennt sich auch Advokat, obgleich er es auch nur in seiner Einbildung ist. Goldoni ist ein guter Lustspieldichter und weiter nichts. Ganz Venedig kennt mich als seinen Freund; ich kann also mit Sachkenntnis über ihn sprechen: in Gesellschaften glänzt er nicht, und obwohl er in allen seinen Schriften so fein sarkastisch ist, ist er doch von außerordentlich sanftem Charakter.« »So hat man mir gesagt. Er ist arm, und man hat mir versichert, er wolle Venedig verlassen. Das wird den Theaterdirektoren, die seine Stücke spielen, recht unlieb sein.« »Man hat davon gesprochen, ihm ein Jahrgeld auszusetzen; aber der Plan ist ins Wasser gefallen, denn man hat gedacht, wenn er ein Jahrgeld hätte, würde er nicht mehr schreiben. »Cumae hat Homer ein Jahrgeld verweigert, weil man befürchtete, daß alsdann alle Blinden eines verlangen würden.« Wir verbrachten den Tag sehr angenehm, und er dankte mir in überschwenglicher Weise für das Maccaronicon, das er mir zu lesen versprach. Er stellte mir einen Jesuiten vor, der in seinen Diensten stand und Adam hieß; nachdem er den Namen genannt hatte, setzte er hinzu: Er ist aber nicht Adam, der erste der Menschen.« Wie man mir später erzählt hat, spielte er gerne Tricktrack mit ihm, und wenn er verlor, warf er ihm Würfel und Würfelbecher an den Kopf. Wenn man die Jesuiten überall mit so geringer Achtung behandelte, so würden wir zuletzt nur ungefährliche Jesuiten haben; aber von diesen glücklichen Zeiten sind wir noch weit entfernt. Am Abend erhielt ich gleich nach meiner Rückkehr in den Gasthof meine drei goldenen Kugeln; sobald mein Syndikus gekommen war, brachen wir auf, um unsere wollüstige Orgie zu erneuern. Unterwegs plauderten wir über die Scham, und er sagte mir: »Dieses Gefühl, das uns abhält, Körperteile zu zeigen, die man von Kindesbeinen an bedeckt zu halten uns gelehrt hat, kann oft von einer Neigung zur Tugend herrühren; aber es ist schwächer als die Macht der Erziehung; denn es vermag einem Angriff nicht zu widerstehen, wenn der Angreifer sich richtig zu benehmen weiß. Am leichtesten besiegt man, glaube ich, die Scham, wenn man sie bei dem Gegenstande, den man angreifen will, nicht voraussetzt, wenn man sie lächerlich macht, besonders aber, wenn man ihr rücksichtslos zu Leibe geht, indem man sich über ein dummes Vorurteil einfach hinwegsetzt. Der Sieg ist gewiß. Die Schamlosigkeit des Angreifers besiegt den Angegriffenen, der für gewöhnlich nur besiegt werden will und fast immer zuletzt dem Sieger noch dankt. Der gelehrte Philosoph Clemens von Alexandrien hat gesagt, die Tugend, die anscheinend so tief im Geiste der Frauen wurzle, habe ihren Sitz eigentlich nur in dem Linnen, das sie bedecke, und verschwinde spurlos, wenn man dieses von ihnen wegziehe.« Wir fanden unsere drei Fräuleins, in leichten Gewändern von feiner Leinwand, auf einem großen Sofa sitzend; wir setzten uns ihnen ganz dicht gegenüber auf Stühle. Unter hübschen Bemerkungen und tausend Küssen verstrich die halbe Stunde bis zum Souper, und unsere Liebeskämpfe begannen erst nach einem köstlichen Mahle, als uns der Champagner bereits etwas umnebelt hatte. Als wir sicher waren, durch das Dienstmädchen nicht mehr gestört zu werden, machten wir es uns bequem, und unsere Liebkosungen wurden lebhafter und glühender. Der Syndikus zog als vorsichtiger Mann ein Päckchen feiner englischer Überzieher aus der Tasche und hielt eine lange Lobrede auf dies bewunderungswürdige Schutzmittel gegen einen Unfall, der eine schreckliche, aber unnütze Reue zur Folge haben könnte. Die Schönen kannten es und schienen mit der Vorsichtsmaßregel sehr zufrieden zu sein; sie brachen in ein schallendes Gelächter aus, als sie sahen, welche Form die Futterale annahmen, wenn man hineinblies. Nachdem ich sie einige Zeit mit diesem harmlosen Spiel sich hatte belustigen lassen, sagte ich zu ihnen: »Meine liebenswürdigen jungen Damen, ich schätze Ihre Ehre höher als Ihre Schönheit; aber erwarten Sie nicht von mir, daß ich mich in ein Stück toter Haut einzwängen werde, um Ihnen zu beweisen, daß ich völlig lebendig bin.« Ich zog die drei goldenen Kugeln aus der Tasche und fuhr fort: »Hier habe ich ein zuverlässigeres und weniger unangenehmes Mittel, um Sie gegen jeden verdrießlichen Zufall zu schützen. Nach einer fünfzehnjährigen Erfahrung kann ich Ihnen versichern, daß Sie mit Hilfe dieser goldenen Kugeln das Glück geben und empfangen können, ohne die geringste Gefahr zu laufen. Wenn Sie diese goldenen Kugeln probiert haben, werden Sie in Zukunft nicht mehr dieser demütigenden Futterale bedürfen. Schenken Sie mir volles Vertrauen und nehmen Sie dieses kleine Geschenk von einem Venetianer an, der Sie anbetet.« »Wir sind Ihnen recht dankbar,« sagte die Älteste der beiden Schwestern, »aber wie wendet man denn diese hübsche Kugel an, um sich gegen das verhängnisvolle Dickwerden zu schützen?« »Es genügt, daß die Kugel im Hintergrunde des Liebestempels ist, während das liebende Paar das Opfer vollzieht. Dem Metall ist durch eine alkalische Lösung, worin es eine gewisse Zeit gelegen hat, eine antipathische Kraft mitgeteilt worden, die jede Befruchtung verhindert.« »Aber,« sagte die Base, »es kann doch vorkommen, daß vor dem Ende des Opfers die Kugel durch die Bewegung herausgetrieben wird?« »Dieser Zufall ist nicht zu befürchten, wenn man nur die richtige Stellung einnimmt.« »Zeigen Sie es uns doch mal!« sagte der Syndikus; zugleich ergriff er eine Kerze, um mir beim Einstecken der Kugel zu leuchten. Die reizende Base hatte zuviel gesagt, um noch zurücktreten zu können; sie mußte ihren Freundinnen gestatten, sich zu überzeugen. Ich ließ sie eine solche Stellung einnehmen, daß die Kugel unmöglich herausfallen konnte, bevor ich mich mit dem Mädchen verbunden hatte. Zum Schluß fiel jedoch die Kugel heraus, das heißt, als ich die Bahn verließ. Das hübsche Opfer merkte wohl, daß ich sie getäuscht hatte; da sie jedoch für ihre eigene Rechnung nichts dabei verlor, so verstellte sie sich, hob die Kugel auf und forderte die beiden Schwestern auf, sich dem angenehmen Versuch ebenfalls zu unterziehen, was diese mit einer Miene höchster Neugier taten. Der Syndikus, der kein Vertrauen zur Kraft des Metalls hatte, beschränkte sich auf die Rolle des Zuschauers; er hatte übrigens keinen Anlaß, sich zu beklagen. Nachdem ich mich nach einer halben Stunde erholt hatte, begann ich das Fest von neuem, aber ohne Kugeln, indem ich ihnen versicherte, ich würde jeden Unfall vermeiden; ich hielt ihnen Wort, ohne sie um den geringsten Teil des Vergnügens zu bringen, das sie hätten haben können, wenn ich in voller Freiheit gehandelt hätte. Als wir scheiden mußten, warfen die jungen Mädchen, die bis dahin nur Entbehrungen gehabt hatten, sich auf mich und überhäuften mich mit Liebkosungen; sie glaubten mir großen Dank schuldig zu sein. Der Syndikus sagte ihnen, ich wolle am übernächsten Tag abreisen, und forderte sie auf, mich einzuladen, ich möchte doch noch einen Tag länger in Genf bleiben. Ich brachte ihnen dieses Opfer mit Freuden. Der gute Syndikus war für den nächsten Tag eingeladen, und auch ich hatte einen Ruhetag sehr nötig. Er dankte mir fast ebenso lebhaft wie seine reizenden Nymphen und begleitete mich nach meinem Gasthof zurück. Nachdem ein zehnstündiger sanfter Schlaf mich erquickt hatte, nahm ich ein stärkendes Bad; als ich mich angekleidet hatte, fühlte ich mich imstande, die angenehme Gesellschaft des Herrn von Voltaire zu genießen. Ich begab mich zu ihm, aber ich wurde in meiner Erwartung getäuscht, denn es beliebte dem großen Manne an diesem Tage streitsüchtig, spottlustig und boshaft zu sein. Er wußte, daß ich am nächsten Tage abreisen würde. Bei Tisch dankte er mir zunächst für den Merlino Cocci, den ich ihm geschenkt hatte. »Sie haben ihn mir gewiß in guter Absicht angeboten; aber für Ihr Lob dieses Gedichtes danke ich Ihnen nicht, denn Sie sind schuld, daß ich vier Stunden mit dem Lesen von Dummheiten verbracht habe.« Ich fühlte, wie sich mir die Haare auf dem Kopfe sträubten, aber ich beherrschte mich und antwortete ihm in ziemlich ruhigem Tone, er würde sich vielleicht einstmals selber genötigt sehen, das Gedicht noch höher zu preisen als ich. Ich führte mehrere Beispiele an, daß ein einmaliges Lesen ungenügend sei. »Das ist wahr; aber Ihren Merlino gebe ich auf. Ich habe ihn neben Chapelains Pucelle gestellt.« »Die allen Kennern gefällt, obgleich ihre Verse schlecht sind; denn es ist ein gutes Gedicht, und Chapelain war ein Dichter, obgleich er schlechte Verse machte. Ich habe seinen Genius wohl erkannt.« Mein Freimut mußte ihn verletzen, und ich hätte dies ahnen können, da er mir gesagt hatte, er würde das Maccaronicon neben die Pucelle stellen. Ich wußte auch, daß ein schmutziges Gedicht desselben Titels Voltaire zugeschrieben wurde; doch wußte ich zugleich, daß er es verleugnete, und infolgedessen rechnete ich darauf, daß er den Ärger über meine Erklärung verbergen würde. Dem war jedoch nicht so; er widersprach mir in scharfem Ton, und ich erwiderte ihm in derselben Weise. »Chapelain«, sagte ich, »hat das Verdienst gehabt, sein Thema auf angenehme Weise zu behandeln, ohne durch Mittel, die die Scham oder die Frömmigkeit verletzen, nach dem Beifall seiner Leser zu haschen. Dies ist die Ansicht meines Lehrers Crébillon.« »Crébillon! Da nennen Sie mir einen großen Richter. Aber ich bitte Sie, sagen Sie mir, inwiefern ist denn mein Kollege Crébillon Ihr Lehrer?« »Er hat mich in weniger als zwei Jahren französisch sprechen gelehrt, und ich habe, um ihm ein Zeichen meiner Dankbarkeit zu geben, seinen Rhadamiste in italienische Alexandriner übersetzt. Ich bin der erste Italiener, der dieses Metrum unserer Sprache anzupassen gewagt hat.« »Der Erste? Ich bitte um Vergebung, diese Ehre gebührt meinem Freunde Pietro Giacomo Martelli.« »Ich bedaure Ihnen sagen zu müssen, daß Sie sich irren.« »Alle Wetter, ich habe in meinem Zimmer seine in Bologna gedruckten Werke.« »Dies bestreite ich Ihnen keineswegs; ich bestreite Ihnen nur, daß Martelli Alexandriner angewandt hat. Sie können von ihm nur Verse von vierzehn Silben gelesen haben ohne Abwechselung von männlichen und weiblichen Reimen. Indessen gebe ich zu, daß er dummerweise geglaubt hat, eure Alexandriner nachgeahmt zu haben; ich habe über seine Vorrede laut aufgelacht. Vielleicht haben Sie sie nicht gelesen.« »Nicht gelesen? Ich bin auf Vorreden erpicht. Martelli erweist in der seinigen, daß seine Verse auf italienische Ohren genau so wirken, wie unsere Alexandriner auf die unsrigen.« »Ja, das ist gerade das Lächerliche dabei! Der gute Mann hat sich gröblich geirrt; ich bitte, urteilen Sie selber über meine Behauptung: Ihr männlicher Vers hat nur zwölf poetische Silben, und ihr weiblicher dreizehn. Alle Verse Martellis haben vierzehn, mit Ausnahme derjenigen, die mit einem langen Vokal endigen, der am Schluß eines Verses stets für zwei Silben gilt. Wollen Sie bemerken, daß der erste Halbvers bei Martelli stets sieben Silben hat, während der französische immer nur sechs hat. Ihr Freund Pietro Giacomo war entweder taub oder hatte ein falsches Gehör.« »Sie befolgen also streng die Theorie unseres Versbaues?« »Ganz streng, obgleich es sehr schwer ist; denn fast alle unsere Wörter endigen mit einer kurzen Silbe.« »Und welche Wirkung hat Ihre Neuerung hervorgebracht?« »Sie hat nicht gefallen, weil kein Mensch meine Verse deklamieren konnte; aber ich hoffe doch zu triumphieren, wenn ich selber sie in unseren literarischen Kreisen vortrage.« »Haben Sie ein Bruchstück Ihres Rhadamiste im Gedächtnis?« »Den ganzen.« »Wunderbares Gedächtnis! Ich werde Ihnen gern zuhören.« Ich deklamierte nun dieselbe Szene, die ich zehn Jahre vorher dem alten Crébillon vorgetragen hatte, und es kam mir vor, als ob Herr von Voltaire mir mit Vergnügen zuhörte. Er sagte: »Man bemerkt nicht die geringste Schwierigkeit.« Etwas Angenehmeres konnte er mir nicht sagen. Hierauf rezitierte der große Mann mir ein Stück aus seinem Tankred, den er damals, wie ich glaube, noch nicht veröffentlicht hatte und den man später mit Recht für ein Meisterwerk hielt. Alles hätte ein gutes Ende genommen, wenn wir dabei stehen geblieben wären. Aber als ich ihm einen horazischen Vers anführte, um eines seiner Stücke zu loben, sagte er mir, Horaz sei an Bühnenkenntnis ein großer Meister gewesen und habe Vorschriften gegeben, die niemals veralten würden. Ich antwortete ihm, er selber habe nur eine einzige Regel verletzt, aber als großer Mann. »Welche?« »Sie schreiben nicht contentus paucis lectoribus .« »Hätte Horaz die Hydra des Aberglaubens zu bekämpfen gehabt, er würde, wie ich, für die ganze Welt geschrieben haben.« »Mir scheint. Sie könnten sich die Mühe ersparen, zu bekämpfen, was Sie doch niemals vernichten werden.« »Was mir nicht gelingt, werden andere zu Ende führen, und ich werde stets den Ruhm haben, den Anfang gemacht zu haben.« »Alles sehr schön – aber angenommen: es gelänge Ihnen, den Aberglauben zu zerstören – was würden Sie an dessen Stelle setzen?« »Das höre ich gern! Wenn ich das Menschengeschlecht von einem wilden Tiere befreien will, das es verschlingt – kann man mich fragen, was ich an dessen Stelle setzen werde?« »Er verschlingt es nicht; er ist im Gegenteil zum Bestehen des Menschengeschlechtes notwendig.« »Zu seinem Bestehen notwendig! Das ist eine furchtbare Lästerung, die die Zukunft bestrafen wird! Ich liebe das ganze Menschengeschlecht; ich möchte es frei und glücklich sehen, wie ich es bin; doch Aberglaube und Freiheit lassen sich nicht vereinigen. Wo könnte denn wohl die Knechtschaft das Volk glücklich machen?!« »Sie verlangen also die Souveränität des Volkes?« »Gott bewahre! ein Herrscher ist notwendig, um die Massen zu lenken.« »Dann ist also auch der Aberglaube notwendig, denn sonst wird das Volk niemals einem Menschen gehorchen, der den Namen eines Monarchen führt.« »Nichts von Monarchen! Dies Wort drückt den Despotismus aus, den ich ebenso hasse wie die Knechtschaft.« »Was wollen Sie denn also? Wenn nur ein einziger herrschen soll, kann ich diesen nur als einen Monarchen ansehen.« »Ich will, daß der Herrscher einem freien Volk gebiete, daß er dessen Führer sei auf Grund eines Vertrages, der sie gegenseitig bindet und der ihn verhindert, jemals Willkür anzuwenden.« »Addisson sagt Ihnen, daß dieser Herrscher, dieser Führer ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich bin für Hobbes. Von zwei Übeln muß man das kleinere wählen. Ein Volk ohne Aberglaube wäre ein Volk von Philosophen, und die Philosophen wollen nicht gehorchen. Das Volk kann nur glücklich sein, wenn es niedergedrückt, zu Boden getreten und an der Kette gehalten wird.« »Das ist entsetzlich! Und Sie gehören zum Volk! Wenn Sie mich gelesen haben, müssen Sie gesehen haben, wie ich nachweise, daß der Aberglaube der Feind der Könige ist.« »Ob ich Sie gelesen habe? Gelesen und wieder gelesen, besonders dann, wenn ich nicht Ihrer Meinung bin. Ihre Sie beherrschende Leidenschaft ist die Liebe zur Menschheit. Est ubi peccas . Diese Liebe macht blind. Lieben Sie die Menschheit, aber lieben Sie sie so, wie sie ist. Sie verträgt nicht die Wohltaten, die Sie an sie verschwenden wollen; Sie würden sie nur noch unglücklicher und verderbter machen. Lassen Sie ihr das Tier, das sie verschlingt: sie liebt dieses Tier. Ich habe nie so sehr gelacht, als wie ich Don Quijote genötigt sah, sich mühsam gegen die Galerensträflinge zu verteidigen, die er aus Großherzigkeit befreit hatte.« »Es tut mir leid, daß Sie einen so schlechten Begriff von Ihresgleichen haben. Aber, da fällt mir ein – sagen Sie mir doch, sind Sie denn in Venedig sehr frei?« »So frei, wie man unter einer aristokratischen Regierung überhaupt sein kann. Wir haben nicht so viel Freiheit wie die Engländer; aber wir sind zufrieden.« »Selbst unter den Bleidächern?« »Meine Gefangenhaltung war ein Willkürakt des Despotismus; aber da ich überzeugt war, mit vollem Bewußtsein meine Freiheit mißbraucht zu haben, so fand ich zuweilen, daß die Regierung recht gehabt hätte, mich ohne die gewöhnlichen Formalitäten einsperren zu lassen.« »Aber Sie sind doch entflohen.« »Ich machte von meinem Recht Gebrauch, wie sie von dem ihren.« »Herrlich! Aber auf diese Art kann ja kein Mensch in Venedig sich frei nennen.« »Das kann wohl sein; aber geben Sie zu, daß es, um frei zu sein, genügt, sich für frei zu halten.« »Das werde ich durchaus nicht so leicht zugeben. Sie und ich betrachten die Freiheit von einem ganz verschiedenen Standpunkt aus. Die Aristokraten, sogar die Mitglieder der Regierung sind bei Ihnen nicht frei; denn sie können z. B. nicht einmal ohne Erlaubnis reisen.« »Allerdings nicht; aber dies ist ein Gesetz, das sie sich freiwillig auferlegt haben, um ihre Herrschaft zu bewahren. Sie werden doch nicht sagen, ein Redner sei nicht frei, weil er den Luxusgesetzen unterworfen sei. Er hat sich ja selber seine Gesetze gegeben.« »Nun, so mögen überall die Völker sich selber ihre Gesetze geben!« Nach diesem lebhaften Ausruf fragte er mich ohne jeden Übergang, woher ich käme. »Von Roche. Ich wäre in Verzweiflung gewesen, wenn ich die Schweiz hätte verlassen sollen, ohne den berühmten Haller gesehen zu haben. Auf meinen Wanderungen bringe ich meinen großen Zeitgenossen meine Huldigungen dar. Das schönste Andenken, das ich mitnehme, ist das an Sie!« »Herr Haller wird Ihnen gefallen haben.« »Ich habe drei meiner schönsten Tage bei ihm verlebt.« »Mein Kompliment! Vor diesem großen Manne muß man niederknien.« »Dies ist auch meine Meinung, und es freut mich, daß Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen; ich bedaure ihn, daß er nicht ebenso gerecht gegen Sie ist.« »Haha! Es ist möglich, daß wir uns beide geirrt haben.« Diese Antwort, deren ganzes Verdienst nur in ihrer Schlagfertigkeit bestand, begrüßten alle Anwesenden mit lautem Lachen und Händeklatschen. Es wurde nicht mehr von Literatur gesprochen, und ich spielte den stummen Zuhörer, bis Voltaire sich zurückzog. Nachdem ich noch Frau Denis gefragt hatte, ob sie mir etwas für Rom aufzutragen hätte, entfernte ich mich, recht zufrieden, an diesem letzten Tage, wie ich damals törichterweise glaubte, den Geistesriesen zur Vernunft gebracht zu haben; leider blieb eine verdrießliche Stimmung gegen den großen Mann zurück, die mich veranlaßte, zehn Jahre lang alles, was aus seiner unsterblichen Feder hervorgegangen war, zu kritisieren. Heute bereue ich es, obwohl ich beim Wiederlesen meiner Kritiken finde, daß ich oft recht gehabt habe. Ich hätte schweigen, ihn verehren und an meinem eigenen Urteil zweifeln sollen. Ich hätte bedenken sollen, daß ich ihn ohne seine Spöttereien, die ihn mir an diesem dritten Tage verhaßt machten, in jeder Beziehung erhaben gefunden hätte. Schon dieser Gedanke hätte mir Schweigen gebieten sollen; aber im Zorn glaubt man immer recht zu haben. Die Nachwelt, die mich liest, wird mich für einen Zoilos halten, und die Ehrenerklärung, die ich heute, in aller Demut dem großen Manne gebe, wird vielleicht nicht gelesen werden. Wenn wir uns bei Pluto wiedersehen, befreit vielleicht von dem allzu Bissigen unserer irdischen Natur, so werden wir uns freundschaftlich einigen; er wird meine aufrichtigen Entschuldigungen annehmen; er wird mein Freund, ich werde sein aufrichtiger Bewunderer sein. Ich verbrachte einen Teil der Nacht und fast den ganzen folgenden Tag damit, meine Gespräche mit Voltaire niederzuschreiben; es wurde beinahe ein Band, von dem ich hier nur einen schwachen Abriß gebe. Gegen Abend holte der epikuräische Syndikus mich ab; wir gingen zum Souper zu den drei Nymphen und trieben fünf Stunden lang alle tollen Scherze, die ich erfinden konnte; und auf diesem Gebiete war meine Phantasie damals außerordentlich fruchtbar. Beim Abschied versprach ich ihnen, auf meiner Rückreise von Rom sie wieder aufzusuchen, und ich habe ihnen Wort gehalten. Am nächsten Tage speiste ich mit meinem lieben Syndikus zu Mittag und reiste dann ab. Er begleitete mich bis Annecy, wo ich über Nacht blieb. Am nächsten Tage aß ich in Aix in Savoyen zu Mittag mit der Absicht, in Chambéry zu übernachten; aber das Schicksal hatte es anders im Sinn. Aix in Savoyen ist ein häßliches Nest; aber die Mineralquellen ziehen gegen Ende des Sommers die vornehme Welt dorthin. Das wußte ich damals nicht. Ich saß ruhig bei Tisch, um in aller Eile zu essen, da ich sofort nach Chambéry weiterreisen wollte, als plötzlich eine Menge Leute in sehr heiterer Laune in den Speisesaal eindrangen. Ich sah sie an, ohne mich zu rühren, und beantwortete mit einer Neigung des Kopfes die Verbeugungen, die einige von ihnen mir machten. Aus ihren Bemerkungen entnahm ich bald, daß sie Brunnengäste waren. Ein Herr von edlem und würdevollem Wesen trat sehr höflich zu mir heran und fragte mich, ob ich nach Turin ginge; ich antwortete ihm, ich ginge nach Marseille. Das Essen kam; alle setzten sich zur Tafel. Ich sah mehrere sehr liebenswürdige Damen mit Kavalieren, die dem Anschein nach ihre Liebhaber oder Gatten waren. Ich bemerkte, daß man sich gut würde unterhalten können, denn alle sprachen französisch mit jener Leichtigkeit der guten Gesellschaft, die etwas so Anziehendes hat, und ich fühlte, daß ich gerne einwilligen würde, zum mindesten noch diesen einen Tag dazubleiben, wenn man mich nur bitten würde. Da ich mit dem Essen fertig war, als die Gesellschaft noch beim ersten Gange war, und da mein Kutscher erst in einer Stunde weiterfahren konnte, so näherte ich mich einer hübschen Dame und machte ihr ein Kompliment, daß der Brunnen von Aix ihr augenscheinlich gut bekomme, denn ihr Appetit erwecke den Appetit aller ihr Zuschauenden. »Ich fordere Sie heraus, mein Herr, mir zu beweisen, daß Sie die Wahrheit sprechen!« sagte sie in mutwilligem Ton und mit dem anmutigsten Lächeln. Ich setzte mich neben sie, und sie reichte mir ein schönes Stück von dem Braten, den man eben aufgetragen hatte. Ich aß, wie wenn ich völlig nüchtern gewesen wäre. Während ich mit der Schönen plauderte und dabei die Bissen vertilgte, die sie mir reichte, hörte ich eine Stimme sagen, ich säße auf dem Platze des Abbés, und eine andere Stimme antworten, der sei vor einer halben Stunde abgereist. »Warum denn abgereist?« fragte eine dritte Stimme; »er hatte doch gesagt, er würde noch acht Tage bleiben.« Hierauf wurde geflüstert und leise gesprochen; aber in der Abreise eines Abbés lag nichts, was mich hätte interessieren können, und ich fuhr daher fort zu essen und zu plaudern. Ich befahl Leduc, der hinter meinem Stuhle stand, mir Champagner bringen zu lassen. Ich bot der Dame davon an; sie ging darauf ein, und nun verlangten alle Champagner. Da ich sah, daß meine Dame lustig wurde, tat ich schön mit ihr und fragte sie, ob sie immer bereit sei, ihre gewiß sehr zahlreichen Kurmacher herauszufordern. »Ach, unter denen«, antwortete sie mir, »sind so viele, bei welchen es sich nicht der Mühe lohnt.« Da sie hübsch und geistreich war, so fand ich Geschmack an ihr und suchte nur noch einen annehmbaren Vorwand, um meine Abreise zu verschieben; der Zufall kam mir zu Hilfe. »Nun, da ist ja ein Platz grade zur rechten Zeit frei geworden!« sagte eine Dame zu meiner Schönen, als diese mit mir anstieß. »Sehr zur rechten Zeit, denn mein Nachbar langweilte mich.« »Hatte er keinen Appetit?« fragte ich. »Bah! Spieler haben nur auf Geld Appetit!« »Für gewöhnlich, ja, aber Sie besitzen eine außerordentliche Macht, denn ich habe bis heute noch nie zweimal an einem Tage zu Mittag gegessen.« »Nun, Sie wollten sich eben zeigen; ich bin überzeugt, Sie werden nicht zu Abend essen.« »Wetten wir!« »Gern; wetten wir um das Abendessen.« »Topp!« Alle Gäste klatschten in die Hände, und meine Schöne errötete vor Freude. Ich befahl Leduc, dem Fuhrmanne zu sagen, daß ich erst am nächsten Tage weiterreisen würde. »Meine Sache ist es, das Abendessen zu bestellen«, sagte die Dame. »Ganz in der Ordnung: wer zahlt, bestellt. Meine Aufgabe ist es, Ihnen standzuhalten, und wenn ich ebenso viel esse wie Sie, habe ich gewonnen.« »Ganz recht.« Nach dem Essen verlangte der Herr, der mich zuerst angeredet hatte, Karten und legte eine kleine Pharaobank auf. Ich hatte dies erwartet. Er legte fünfundzwanzig Piemonteser Pistolen und etwas Silbergeld, um die Damen zu unterhalten, vor sich hin. Im ganzen war die Bank etwa vierzig Louis stark. Ich blieb während der ersten Taille Zuschauer und überzeugte mich, daß der Bankhalter sehr anständig spielte. Wählend er zur zweiten Taille mischte, fragte mich die Schöne, warum ich nicht spiele. Ich flüsterte ihr ins Ohr, sie habe mir den Appetit auf Geld genommen. Sie belohnte dieses Kompliment mit einem anmutvollen Lächeln. Nach dieser Erklärung glaubte ich spielen zu dürfen, zog vierzig Louis aus der Tasche und verlor sie in zwei Taillen. Ich stand auf, und als der Bankhalter mir sehr höflich sagte, er bedaure mein Unglück, sagte ich ihm, es habe nichts zu bedeuten, aber es sei mein Grundsatz niemals mehr als den Betrag der Bank zu riskieren. Irgend jemand fragte mich, ob ich einen gewissen Abbé Gilbert kenne. »Ich habe einen Abbé dieses Namens in Paris gekannt,« antwortete ich; »er war ein Lyoner; er ist mir seine Ohren schuldig, und ich werde sie ihm abschneiden, wo ich ihn treffe!« Der Frager antwortete nichts darauf, und alle schwiegen, wie wenn ich nichts gesagt hätte. Ich schloß daraus, daß der Abbé derselbe sein müsse, dessen Platz ich bei Tisch gehabt hatte. Ohne Zweifel hatte er mich ankommen sehen und sich aus dem Staube gemacht. Dieser Abbé war ein Gauner, der bei mir in der Petite-Pologne verkehrt hatte; ich hatte ihm einen Ring anvertraut, der mir fünftausend holländische Gulden gekostet hatte; am nächsten Tage war der Bursche verschwunden. Als alle vom Tisch aufgestanden waren, fragte ich Leduc, ob ich eine gute Wohnung hätte. »Nein,« sagte er, »wollen Sie Ihre Zimmer sehen?« Er führte mich hundert Schritt vom Gasthof in ein großes Zimmer, dessen einziger Schmuck seine vier alten Wände waren. Alle anderen Zimmer waren besetzt. Ich beklagte mich lebhaft bei dem Wirt, der mir antwortete: »Das ist alles, was ich habe; aber ich werde ein gutes Bett, einen Tisch und Stühle hineinstellen lassen.« In Ermangelung eines besseren mußte ich mich wohl damit zufrieden geben. »Du wirst in meinem Zimmer schlafen,« sagte ich zu Leduc; »versieh dich mit einem Bett und lasse mein Gepäck hineinschaffen.« »Was sagen Sie zu Gilbert, gnädiger Herr?« fragte mein Spanier; »ich erkannte ihn erst im Augenblick, als er abfuhr, und hatte gute Lust, ihn am Kragen zu packen.« »Das hättest du nur tun sollen.« »Ein anderes Mal.« Als ich mein großes Zimmer verließ, wurde ich von einem Herrn angesprochen, der mich sehr höflich grüßte und mir sagte, er wünsche sich Glück, mein Nachbar zu sein, und wolle mich gern begleiten, wenn ich den Brunnen zu sehen wünsche. Ich nahm sein Anerbieten an. Er war lang wie eine Hopfenstange, etwa fünfzig Jahre alt, blond und mußte einmal schön gewesen sein. Seine übereifrige Höflichkeit hätte mir verdächtig sein müssen, aber ich brauchte jemanden zum Plaudern und um mir in unauffälliger Weise einige Auskünfte zu beschaffen, die ich für notwendig hielt. Unterwegs schilderte er mir die Herrschaften, die ich gesehen hatte, und ich erfuhr, daß niemand von ihnen der Bäder wegen in Aix sei. »Ich bin«, sagte er, »der einzige, der sie zur Kur gebraucht, denn ich bin brustkrank; ich werde von Tag zu Tag magerer, und wenn ich kein Heilmittel gegen meine Leiden finde, so fühle ich, daß ich's nicht lange mehr machen werde.« »Die Herren sind also alle nur hier, um sich zu amüsieren?« »Und um zu spielen; denn es sind lauter gewerbsmäßige Spieler.« »Sind es Franzosen?« »Es sind lauter Piemontesen oder Savoyarden; ich bin der einzige Franzose hier.« »Aus welcher Gegend Frankreichs sind Sie?« »Ich bin Lothringer; mein Vater, der schon achtzig Jahre alt ist, ist der Marquis Desarmoises. Sein langes Leben bringt mich zur Verzweiflung, denn da ich mich gegen seinen Willen verheiratete, hat er mich enterbt. Da ich jedoch sein einziger Sohn bin, so werde ich, ihm zum Trotz, sein Erbe sein, wenn ich ihn überlebe. Ich habe mein Haus in Lyon, aber ich bin niemals dort, meiner ältesten Tochter wegen, in die ich unglücklicherweise verliebt bin; meine Frau überwacht uns auf eine Weise, die mir jede Hoffnung benimmt.« »Das ist ja sehr scherzhaft; Sie glauben also, daß sie ohne diese Überwachung Mitleid mit ihrem verliebten Vater haben würde.« »Das könnte wohl sein, denn sie liebt mich sehr und hat ein ausgezeichnetes Herz.« Dieser Mensch, der, ohne mich zu kennen, so aufrichtig zu mir sprach, dachte nicht im entferntesten, daß seine Verruchtheit mir Abscheu einflößen könnte, sondern glaubte mir wahrscheinlich eine große Ehre anzutun. Ich hörte ihm zu und bedachte, daß vielleicht seine Verderbtheit mit Gutmütigkeit verbunden sein könnte und daß seine Schwäche ihn, wenn auch nicht entschuldigen, so doch einiger Nachsicht wert machen könnte. Da ich ihn jedoch besser kennen zu lernen wünschte, so sagte ich zu ihm: »Aber trotz der Strenge Ihres Vaters leben Sie doch ganz behaglich?« »Im Gegenteil, ich lebe sehr schlecht. Ich beziehe vom Ministerium des Auswärtigen eine Pension als früherer Kurier; diese überlasse ich ganz und gar meiner Frau. Ich selber schlage mich durch, indem ich stets auf Reisen bin. Ich spiele ausgezeichnet Tricktrack und alle Gesellschaftsspiele; ich gewinne öfter, als ich verliere, und davon lebe ich.« »Aber ist denn das, was Sie mir erzählen, nicht allen hier Anwesenden bekannt?« »Jedermann weiß es; warum sollte ich denn auch ein Geheimnis daraus machen? Ich bin ein Mann von Ehre; ich tue keinem Menschen was zu Leide, und außerdem führe ich eine gefährliche Klinge.« »Das alles glaube ich wohl, aber gestatten Sie mir die Frage, ob Sie es erlauben würden, daß Ihr Fräulein Tochter einen Liebhaber hätte?« »Ich würde mich dem nicht widersetzen, aber meine Frau ist fromm.« »Ist Ihre Tochter hübsch?« »Sehr hübsch; wenn Sie nach Lyon gehen, können Sie sie sehen; ich werde Ihnen einen Brief für sie mitgeben.« »Ich danke Ihnen; ich gehe nach Italien. Könnten Sie mir sagen, wer der Herr ist, der die Bank gehalten hat?« »Das ist der berühmte Parcalier, Marquis de Prié seit dem Tode seines Vaters, den Sie in Venedig, wo er Gesandter war, kennen gelernt haben können. Der Herr, der Sie fragte, ob Sie den Abbé Gilbert kennen, ist der Chevalier Zeroli, der Gatte der Dame, die Sie zum Abendessen eingeladen hat. Die anderen sind Grafen, Marquis, Barone, wie man sie überall findet, teils Piemontesen, teils Savoyarden, zwei oder drei sind Kaufmannssöhne und die Damen sind alle entweder Verwandte oder Freundinnen von diesem oder jenem, übrigens sind sie alle Spieler von Beruf und sehr gewandte Leute. Wenn ein Fremder hier durchkommt, wissen sie ihm Honig um den Mund zu schmieren, und wenn er spielt, wird er ihnen schwerlich entrinnen, denn sie stecken alle unter einer Decke wie Spitzbuben auf dem Jahrmarkt. Sie glauben Sie schon in der Schlinge zu haben; sehen Sie sich vor!« Gegen Abend kehrten wir in den Gasthof zurück und fanden alle Spieler bei Gesellschaftsspielen. Mein Begleiter machte eine Partie Puff mit einem Grafen Skarnafisch. Da ich keine Partie hatte, bot der Chevalier Zeroli mir eine Partie Pharao zu zweien an, für jeden eine Taille, und um vierzig Zechinen, bis sie alle wären. Ich nahm an und hatte diese Summe gerade eben verloren, als man zu Tische rief. Mein Verlust ärgerte mich nicht, und da die Dame meinen Appetit ebenso vortrefflich fand wie meine Laune, so bezahlte sie sehr gerne die Wette. Während des Essens erhaschte ich einige verstohlene Blicke von ihr, die mich erraten ließen, daß sie mich anführen wollte. Gegen die Liebe glaubte ich gewappnet zu sein, aber ich mußte das Glück fürchten, das dem Pharaobankhalter ohnehin hold ist, und mußte es um so mehr fürchten, als es mir bereits ungünstig gewesen war. Ich hätte abreisen sollen; aber dazu besaß ich nicht die Kraft. So konnte ich denn nichts weiter tun, als mir große Vorsicht und Selbstbeherrschung vorzunehmen. Da ich große Summen in Papier und genug bares Geld besaß, so war ein vorsichtiges System nicht schwierig einzuhalten. Gleich nach dem Abendessen legte der Marquis de Prié eine Bank von ungefähr dreihundert Zechinen auf. An der Armseligkeit des Betrages erkannte ich, daß ich viel verlieren und wenig verdienen konnte; denn offenbar hätte er eine Bank von tausend Zechinen aufgelegt, wenn er sie gehabt hätte. Ich legte fünfzig Lisbonninen vor mich hin und machte die bescheidene Anzeige, daß ich zu Bett gehen würde, wenn ich diese verloren hätte. In der Mitte der dritten Taille sprengte ich die Bank. »Ich komme noch für zweihundert Louis auf«, sagte der Marquis zu mir. »Ich würde gerne annehmen,« antwortete ich, »wenn ich nicht morgen mit Tagesanbruch abzureisen gedächte.« Mit diesen Worten ging ich hinaus. Im Augenblick, wo ich zu Bett gehen wollte, kam Desarmoise und bat mich, ihm zwölf Louis zu leihen. Ich war auf etwas Ähnliches gefaßt gewesen und zählte sie ihm auf. Er umarmte mich voller Dankbarkeit und sagte mir, Madame Zeroli habe sich verpflichtet, mich mindestens noch für einen Tag festzuhalten. Ich lächelte, rief Leduc und fragte ihn, ob er dem Kutscher Bescheid gesagt hätte. Er antwortete mir, um fünf werde er vor der Tür sein. »Gut,« sagte Desarmoises; »aber ich möchte wetten, Sie werden nicht abreisen.« Er ging; ich legte mich zu Bett und lachte über seine Prophezeiung. Am anderen Morgen um fünf kam der Fuhrmann und sagte mir, eines seiner Pferde sei krank, und es sei ihm unmöglich weiterzufahren. Ich sah, daß Desarmoises ganz richtig eine Machenschaft geahnt hatte, aber ich lachte nur darüber. Ich warf den Fuhrmann mit groben Worten hinaus und schickte Leduc nach dem Gasthof, um Postpferde zu verlangen. Der Wirt kam und sagte mir, er habe keine Pferde mehr und brauche den ganzen Vormittag, um welche aufzutreiben, denn der Marquis de Prié habe um ein Uhr nachts abreisen wollen und ihm den ganzen Stall leer gemacht. Ich sagte ihm, ich würde also in Aix noch zu Mittag speisen, rechnete aber auf sein Wort, daß ich um zwei Uhr abreisen könnte. Von meinem Zimmer ging ich in den Stall und sah den Fuhrmann weinend neben einem von seinen Pferden stehen, das auf der Streu ausgestreckt lag. Ich glaubte, er hätte wirklich einen Unfall gehabt, tröstete den armen Teufel und gab ihm Geld, wie wenn er die ganze Fahrt gemacht hätte, indem ich ihm sagte, ich brauchte ihn nicht mehr. Dann ging ich nach dem Brunnen und da hatte ich eine ganz romanhafte Begegnung, die den Leser in Erstaunen setzen wird; aber was ich erzähle, ist der strengsten Wahrheit gemäß.