Felix Dahn Ueber Ludwig Steub Es ist eigentlich überflüssig, dieser authentischen Lebensbeschreibung eine Kritik oder Charakteristik des Schriftstellers beizufügen; denn diese Beschreibung hat Jedem, der sie soeben zu Ende gelesen, die eigenartige Anmuth des Stiles ihres Helden und Verfassers so angenehm vor Augen gestellt, daß deren Analyse durch einen Andern unnöthig erscheint. – Die Veröffentlichungen Steubs gliedern sich in drei Gruppen: I. Hellenica . II. Die gelehrten Arbeiten (über tirolische und bayerische Sprach- und Culturgeschichte). III. Belletristik. Was die Hellenica betrifft, freuen wir uns, den ehrenreichen Herren Hermann Lingg und Hyacinth Holland darin »über« zu sein, daß wir diese nach Inhalt und Form gleich anziehenden Schilderungen von Land und Leuten in Neu-Hellas schon seit einem Vierteljahrhundert kennen und hochschätzen. In der That: » ex ungue Leonem «. Oder, hier richtiger gesagt: »in der Knospe liegt bereits die Frucht.« Diese frühesten Schilderungen bekunden bereits die individuellen Züge des Verfassers in starker Ausprägung: vor Allem ein vortrefflich gefüllter und in seinem Reichthum nie verwirrter, vielmehr stets säuberlich geordneter » Schulsack «, d. h. seltene Beschlagenheit in griechischer und lateinischer Sprache, Grammatik, Literaturgeschichte, Geographie, – ein Vorzug, den wir noch wiederholt hervorzuheben haben; und den derjenige am Höchsten anschlägt, welcher den Zustand des Gymnasialunterrichts im lieben Bayerland in jenem tempus plusquam perfectum kennt. Und doch will es fast scheinen, daß der Unterricht in den Tagen des jungen Ludwig besser war, als ungefähr 1840–48, da oft ganz unwissende Pfarrer, zumal in den untersten Klassen, verwendet wurden. Ferner tritt schon in jenen neugriechischen Essays die Gabe hervor, welche den echten Ethnographen auszeichnet, Dinge zu sehen und zu hören, an denen andere Reisende vorüberstolpern, und die Kunst, aus Steinen und Namen den Werdegang der Völkergeschichte, ein rückwärts gewendeter Prophet, weissagend wieder herauf zu beschwören. Endlich zeichnet schon jene Darstellung die feine, ganz eigenartige, facettirte Form aus, welche neben den Entdeckungen in der rhäto-rasenischen Urgeschichte den Namen Ludwig Steub zu Ehren gebracht hat und lebendig erhalten wird in der Geschichte deutschen Schriftthums. Was nun die wissenschaftlichen Leistungen Steubs betrifft, so ist hier nicht der Ort, sie im Einzelnen auszuführen; es ist auch nicht nöthig, da es nur der kurzen Erinnerung an Allbekanntes bedarf. Steub hat aus Andeutungen der antiken Ueberlieferung überzeugend und zweifelfrei dargewiesen, daß die von den Römern in Tirol vorgefundene Bevölkerung nicht, wie man insgemein annahm, eine keltische, sondern eine tuskisch-rasenische war. Diesen Beweis hat der Verfasser mit seltenem Scharfsinn, mit Jahrzehnte hindurch fortgeführtem Sammelfleiß und mit souverainer Beherrschung correcter Methode aus den von ihm zuerst auf die tuskischen Formen zurückgeführten Ortsnamen erbracht. Jene Untersuchungen sind um so schwieriger, als sie rein formalistisch geführt werden müssen, d. h., ohne daß Sinn und Bedeutung jener Ortsnamen dabei zur Mithilfe herangezogen werden könnten, da das Etruskische noch immer nicht gedeutet werden kann. Haben doch die genauesten Kenner des räthselhaften Idioms noch nicht festgestellt, ob die Sprache eine arische oder nicht arische sei, ob zwar jetzt Deecke sich der früher so heftig von ihm bekämpften Annahme Korssens von der Zugehörigkeit des Etruskischen zu den übrigen italischen Sprachen selbst zuneigt. Jener Nachweis ist die Hauptleistung Steubs, und sie genügt! Vgl. Dahn , Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker, III. Berlin 1883, S. 17, und Dahn , deutsche Geschichte, I. Gotha 1883, S. 35. – Die Berufensten haben das Verdienst freudig anerkannt; hören wir nur einen Eidhelfer allerersten Ranges: Heinrich Kiepert sagt in seinem Lehrbuch der alten Geographie, Berlin 1878. S. 370: »Das größte Verdienst um Sammlung dieser uralten Sprachreste unter Zuziehung der älteren, in mittelalterlichen Documenten bewahrten Formen und kritischer Ausscheidung der theilweise in deutschem Munde bis zur Unkenntlichkeit entstellten romanischen hat sich L. Steub erworben in seiner »Rhätischen Ethnologie, Stuttgart 1854, sowie seinen übrigen zahlreichen, durchaus höchst lesenswerthen Schriften über Tirol und die bayerischen Alpen.« Bei dieser Arbeit mußte sich der Verfasser, wie Kiepert andeutet, selbstverständlich auch mit den übrigen nicht-rasenischen Ortsnamen in Tirol auseinandersetzen, und er hat dabei mit wirklich glänzendem Scharfsinn (nach einer übrigens einfachen, nur eben von ihm zuerst mit durchgreifendem Erfolg angewendeten Methode) einer ganz erstaunlichen Zahl von solchen Räthseln ihr Geheimniß abgefragt. Außer diesen Rhaetica und Tirolensia hat der Verfasser aber auch für die Culturgeschichte in Bayern Vorzügliches geleistet in seinen zahlreichen kleineren Schriften, von denen wir Einzelnes unten näher charakterisiren. Diese Bücher sind, unbeschadet ihres bedeutenden Inhalts, so anmuthig geschrieben, daß der Leser in angenehmstem Lustwandeln stets auf einem Grenzgebiet von Wissenschaft und Kunst, von Ernst und höchst ergetzlichem, ganz eigenartigem Humor, von Unterweisung und Unterhaltung hin und her schlendert. Und so ist es dem Verfasser denn wirklich gelungen, an Tirol und Bayern sogar den Tirolern und Bayern, diesen wenig lesenden Bergvölkern, Interesse und, gleichsam wie in einem Honigtränklein heilsame Arzenei, in belustigender Erzählung und Schilderung Kenntniß ihrer nächsten Umgebung und eigenen Vergangenheit beizubringen. Selbst das trockene Problem der Deutung von Familiennamen hat der Verfasser in einem Büchlein, das wir zu seinen dankenswerthesten zählen, höchst amusant zu behandeln verstanden; die gelehrten Resultate mochten Andere daraus sich aneignen, die Anmuth der Form mußten sie »lassen stahn«. Wohl mancher Leser der Biographie und mancher Kenner der wissenschaftlichen Leistungen des Verfassers hat sich gefragt, weshalb dieser Mann statt der ihm offenbar wenig zusagenden juristischen Praxis nicht die Docentenlaufbahn gewählt und sich zum Professor der Philologie oder Geschichte herausgewachsen hat? Die Antwort lautet, daß in den Jahren, in welchen dies hätte geschehen müssen, unter dem Ministerium Abel , ein deutsch- und freigesinnter Mann kaum als Privatdocent zugelassen, gewiß aber niemals zur Professur befördert worden wäre. – Auch später noch soll es recht hinderlich und aufhaltsam gewesen sein in der akademischen Laufbahn in Bayern, wenn man nicht mit den gerade herrschenden Wölfen heulte. Was endlich die poetischen Veröffentlichungen Steubs betrifft, so lassen wir zunächst unser Urtheil über die »Rose der Sewi« hier folgen. Die Rose der Sewi. Die Rose der Sewi. Eine ziemlich wahre Geschichte aus Tirol. Von Ludwig Steub. Stuttgart 1879. Jetzt wieder mannigfach nachgebessert in den gesammelten Novellen. 1881. Ein Büchlein voll liebenswürdigsten Humors, reich an lebenswahrer Schilderung von Land und Leuten der gefürsteten Grafschaft, welche Niemand gründlicher kennt, als der Verfasser (schon längst hätten sie ihn zum »Ehrentiroler« ernennen sollen!), an scharfer Charakteristik der Männlein und Weiblein in Haupt- und Nebengestalten: eine echte und rechte »Dorfgeschichte«: die schlichte, aber urkomische Fabel ist eine von den »Aventuren«, welche nicht erfunden, nur erlebt werden können, wie man auch ohne die ausdrückliche Betheuerung der Vorrede dieser »ziemlich wahren« Geschichte empfinden würde. Der günstige, aber auch gefährliche Einfluß, welchen der Verkehr mit »Herrischen«, »Städtischen«, zumal Schriftstellern und Malern, auf unsere Bauern im Gebirg übt, ist vortrefflich geschildert: in meisterhafter Darstellung wird der Verlauf der einfachen Handlung zwanglos, aber kunstvoll durchflochten mit Arabesken der Landschafts- oder Genremalerei. Man wird mitten in der ästhetischen Unterhaltung vielfach belehrt, ohne doch irgendwie in dem angenehmen Einschlürfen des poetischen Genusses durch Entdeckung lehrsamer Absichten gestört und verstimmt zu werden. In der That, sehr, sehr wenige deutsche Schriftsteller der Gegenwart können genannt werden, welche in Feinheit und Grazie des Stiles mit Steub den Vergleich aushalten. Unser rastlos treibendes, hastig schreibendes und mußelos lesendes Geschlecht zeigt weder in den Ausbietenden noch in den Nachfragenden des »Literaturmarktes« (man verfällt unwillkürlich in solchen Sprachgebrauch zu dieser Zeit der Zöllner und Zöllnerfeinde!) jenes behagliche, liebevolle Versenken in den Gehalt und zumal in die Form des Kunstwerkes, welche Vertiefung noch unseren Vätern – (von unseren Großvätern, den Zeitgenossen Goethes, zu schweigen) – als angenehme Pflicht galt. Es mag innerhalb der blauweißen Pfähle – und wohl ein gut Stück darüber hinaus – keinem Schriftsteller das Lob anmuthvolleren Stiles zugetheilt werden, als unserem Verfasser. Glücklicherweise ist es aber auch kaum ernsthaft zu nehmen, das Wort Berthold Auerbachs , welches lustige Laune diesem Büchlein gleichsam als Motto vorangestellt hat: »Ist es nicht ein wunderliches oder, geradezu gesagt, trauriges Geschick, daß man vielen gebildeten Deutschen erst sagen muß, wer Ludwig Steub ist?« Wenn der Verfasser seine Geschichte mit dem Satz eröffnet, wie hieraus erhelle, sei er »unter Anderen ein deutscher Schriftsteller, der aber in Deutschland noch wenig bekannt«, so müssen wir doch bezeugen, daß, als im Jahre 1872 die Einwanderung der Bajuvaren nach Thule begann, sie in den Oedländern um den Universitätsplatz zu Königsberg herum, Namen und Werke ihres Landsmannes Ludwig Steub bereits als bekannt vorfanden und seinem Preise nur wenig nachzuhelfen hatten; er hat also den hercynischen Wald, diese allerdings für herminonischen Ruhm nicht leicht zu übersteigende Völkerscheide, längst sieghaft überschritten. Und ist einmal das deutsche Mittelgebirge passirt – Flüsse sind bekanntlich keine starken Hemmnisse – dann mag ein Name leichtbeschwingt über Spree, Oder, Weichsel, Nogat, Pregel und Niemen bis nach Wetljanka dringen. Dies ist ganz buchstäblich zu nehmen: Auerbach und Steub könnten sich durch eine Reise dorthin überzeugen, daß der Duft der »Rose der Sewi« dem Seuchenhauch der astrachanischen Steppen getrotzt hat. Von der Fabel der »Rose« wollen wir nichts verrathen – ein Theil ihres Reizes lauscht gerade aus dem Geheimniß; auch aus dem Geheimniß von Art und Ort der Krise, welche die liebliche Heldin befällt. Die reizvolle Zartheit, mit welcher, freilich unter mächtiger Hilfeleistung Titania's und ihrer Elben, diese Peripetie der Handlung angedeutet zugleich und verhüllt wird, bekundet, daß unter den Gaben des bajuvarischen Stammes die Grazie viel stärker vertreten ist, als man in Paris oder selbst in Berlin oder Königsberg anzuerkennen pflegt. Diese Berühmung der Feinheit als einer Wiegengabe der Markomannenenkel Anmerkung des Setzers für die Mindergebildeten: »Unter den Markomannenenkeln sind nämlich die Bayern zu verstehen.« wird, so hoffen wir, dem Buch manchen Leser zuführen – vermöge der Lust am Widerspruch. Zum Schluß nur noch ein Wort über den Ortsnamen im Titel. Die (tirolische) kleine Landschaft »Sewi« führt ihren Namen von einem schmalen See, der in der Vorzeit hier fluthete, aber längst abgelaufen ist. Auch der Binnen-»See« wird mundartlich weiblich behandelt, während die Schriftsprache nur das Meer » die « See nennt: der mittelhochdeutsche Dativ und Accusativ von See lautet aber »Sewe«: daher sagt man in jener Gegend noch »in die Sewi« oder »in der Sewi«.   Von ganz köstlichem Humor und echter, wahrheitgetreuester Wiedergebung des Zuständlichen und der Charaktere sind aber auch gar manche der älteren kleineren Erzählungen: so Der Staatsdienstaspirant, Das Seefräulein und Die alte Trompete in Es, um deren willen ich Steub und Freund Scheffel , der ja auch einmal eine alte Trompete (zu Säckingen) mit weithin schallendem Erfolg geblasen hat, »die zwei alten deutschen Literatur-Trompeter« nennen möchte: der dritte, der »Trompeter von Gravelotte«, (– Freiligrath –) wartet bereits die große Reveille ab!   Das umfassendste Dichtungswerk Steubs ist der dreibändige Roman Deutsche Träume . Ich will nur geradezu sagen, daß ich den Anfang – das Knabenleben des Helden (wir erfahren aus der Biographie, daß es der junge Ludwig zu Aichach war) – zu dem Allerschönsten zähle, was wir auf solchem Gebiete besitzen, und ohne Frage ist es das Poesiereichste, Schwungvollste, was Steub je geschrieben hat. Oft und oft und niemals ohne Rührung hab' ich diese Schilderung gelesen – auch wohl deshalb, weil sie mich an die eigenen Ritter- und Hohenstaufenspiele gemahnt, mit welchen ich den Garten meines Elternhauses erfüllte. Ich bin ganz der Meinung, daß der Roman einer Umarbeitung für eine 2. Ausgabe würdig wäre, wenn ich auch zugeben muß, daß die Fortführung nicht auf der Höhe des Anfangs bleibt. Durchaus nicht aber bin ich der Ansicht, daß der tragische Schluß durch einen glücklichen Ausgang zu ersetzen wäre: wie sollen denn »deutsche Träume« vor 1870 anders als tragisch enden können? Das Scheitern der Einheits- und Freiheits-Hoffnungen aus den so jugendlich idealen, freilich auch recht jugendlich unreifen Bewegungen und Strebungen der Vierziger-Jahre ist eben tragisch. Und ein glücklicher Ausgang wäre nur möglich, wenn der Held etwa die Jahre 49-70 überlebte und als bayerischer General in der Schlacht bei Sedan fiele, oder als bayerischer Gesandter zu der Kaiserproclamation nach Versailles abgesendet würde. Ich meine, das sollte sich der Verfasser einmal überlegen. Der Held brauchte deshalb doch noch nicht älter als ca. 60 Jahre zu werden. Jenem Roman hat wohl mehr als der tragische Ausgang geschadet, daß die Frauengestalten zum Theil unerfreulich sind. Das »Seefräulein« habe ich auf der Bühne nie gesehen, doch auch auf diesem Gebiet hat es einen guten Leumund. Das bayerische Hochland München 1860. Es ist immer eine Freude, wenn der rechte Mann das rechte Buch schreibt. Manchmal macht sich ein guter Kopf an eine schlechte Aufgabe, manchmal ein schlechter Kopf an eine gute; beides ist gleich betrübsam. Um so erfreulicher dagegen ist es, wenn eine offenbare Lücke von dem berufensten Arbeiter ausgefüllt wird. Und das ist geschehen durch »Das bayerische Hochland. Von Ludwig Steub.« (1860). Wirklich fehlte es bisher an einem Buch, welches den Wanderer in unser schönes bayerisches Bergland als ein unterrichtender und doch nicht beschwerlicher Begleiter geführt, der zu erzählen und zu verschweigen, zu belehren und zu unterhalten gewußt hätte. Freilich hat ein gar trefflicher, zu früh verstorbener und zu wenig gekannter Mann, der wackere Joseph Lentner , schon vor vielen Jahren das ganze Bayerland topographisch und ethnographisch inventarisirt. Er vereinte mit einer lebendigen malerischen und dichterischen Phantasie eine große Findigkeit für ethnographische Eigenthümlichkeiten, einen scharfen Blick für die feinsten Charakterzüge unseres Volkes mit wohlwollendem Humor und freier Gesinnung. Viele Jahre lang bereiste er im Auftrag des damaligen Kronprinzen, jetzigen (1860) Königs Max, Ober- und Niederbayern und Schwaben, und lernte so durch unermüdlichen Eifer und durch große Geschicklichkeit im Verlehr mit allen Geschlechtern, Altersstufen und Ständen des Volkes den ganzen weiten Kreis bäuerlichen, marktlichen, kleinstädtlichen Volkslebens in Altbayern in einem Grade kennen, der vielleicht nur von unserem großen Schmeller übertroffen wurde. Leider aber entraffte ihn der Tod, ehe die umfassenden, von ihm gesammelten Materialien zur Veröffentlichung reif gearbeitet waren; doch sind dieselben nicht ganz verloren; sie bilden zum Theil die Grundlage der ethnographischen Schilderungen, welche ich in dem ersten Halbband der »Bavaria« über Oberbayern mitgetheilt habe. Vielfach erinnert nun an Lentner sein Genosse Ludwig Steub, der uns die Abschweifung von seinem Buch zu Ehren und Lob des verstorbenen Freundes gewiß gern zu gute halten wird. Steub hat nicht die reiche poetische Ader Lentners, aber er übertrifft ihn weitaus an schlagendem Witz und mehr ironischem als billigendem Humor. Es war aber ein äußerst glücklicher Griff, daß sich derselbe zu einer topographisch-ethnographisch-historischen Schilderung unseres Hochlands entschloß. Er brachte zu dieser Arbeit die wichtigste Voraussetzung mit: eine genaue Kenntniß von Land und Leuten auf Grund ausgedehnter sprachlicher, geschichtlicher und ethnographischer Studien. Dabei ist er, was für die Wahrheit seiner Schilderung und die Richtigkeit seines Urtheils schwer in's Gewicht fällt, völlig frei von dem zweideutigen Talent vieler berühmter und nicht berühmter Ethnographen und Culturhistoriker, alles und jegliches, Sitte und Unsitte, Sinniges und Unsinniges, Gemüthliches und Rohes in dem Lande und Volk das sie schildern, ganz allerliebst und völlig in der Ordnung zu finden: für solche ethnographische Schönfärber sind die Verhandlungen unserer Schwurgerichte und die Ergebnisse unserer Criminalstatistik Quellen, die sie den »Pedanten« überlassen. Steub kennt die Schattenseiten in unserm Volkscharakter, die dumpfe Rohheit und Selbstsucht des Bauernlebens und andere traurige Folgen der Gegenreformation des XVII. Jahrhunderts, und er verschweigt sie nicht; man hat also bei seinem Buch den seltenen Vortheil, die Leute kennen zu lernen, nicht wie sie sein sollten, sondern wie sie sind. Er theilt das ganze Gebiet seiner Schilderung in Osterland und Westerland. Das Osterland gliedert sich wieder in die Gruppen zwischen Isar und Inn, welche wir zuerst auf der Eisenbahn von München nach Kufstein durchfliegen und dann in den reizvollen Thalgebilden von Tölz, Lenggries, Schliersee, Miesbach und dem Gebiet der Loisach kennen lernen. Das Land zwischen Inn und Salzach bildet die andere Hälfte des Osterlandes. Hier führt uns die Eisenbahn von Rosenheim nach Traunstein, wir besuchen dann die Ufer und Inseln des herrlichen Chiemsees und das jetzt so viel bepilgerte »Gelobte Land« von Reichenhall und Berchtesgaden. Im Westerland zwischen Isar und Lech lockt vor allem das an die italienischen Seen erinnernde festliche Becken des Starnbergersees. Von da wandern wir nach Benedictbeuern und Mittenwald oder über Weilheim nach Partenkirchen und dem Ammergau mit seinem Passionsspiel, dessen Beschreibung kaum noch ein schreiendes Bedürfniß heißen kann. Den Schluß bilden Fürstenfeldbruck, Grafrath, Greifenberg, Andechs, Dießen, Wessobrunn, Peißenberg, Steingaden und – last not least – das romantische Hohenschwangau. Gleichsam die Ouverture zu dem Ganzen giebt eine Einleitung, welche einen Blick über die geistige und leibliche Physiognomie unsres Bergvolks und eine Schilderung von Tracht, Lebensweise, Sitte, Sage und Aberglaube des Bauernthums gewährt. Natur- und Landschaftsschilderungen wechseln in dem Buch mit historischen Bildern, die Subjektivität des Verfassers unterbricht häufig, bald mit ernsten Klängen, bald mit echtestem Humor, aber niemals störend den Verlauf der objectiven Darstellung, und es liegt hier der seltene Fall vor, daß die Kritik an einem ganzen Buch höchstens kleine Berichtigungen anzudeuten, besonders vielleicht manche Auslassungen zu beklagen, aber keine wesentliche Ausstellung zu machen wüßte. In der That ist seit langer Zeit keine literarische Erscheinung mit so übereinstimmender Freude aller Leser, der kritischen und der harmlosen, aufgenommen worden. Wanderungen im bayerischen Gebirge Nicht leicht hat in den letzten Jahren eine literarische Erscheinung so allgemeinen und lebhaften Beifall gefunden, wie Steubs eben besprochenes liebenswürdiges Buch vom »Bayerischen Hochland«. Der eigenthümliche Reiz desselben lag zu gleichen Theilen in seinem Inhalt wie in seiner Form. Denn diese lose, und doch gerade in ihrer Ungezwungenheit anziehende Verbindung von Landschaftsschilderungen, historischen Erinnerungen, ethnographischen Darstellungen des gegenwärtigen Treibens in Markt und Kleinstadt und des bäuerlichen Lebens in Sitte und Sage, in Tracht und Wohnung neben den häufigen Excursen auf das Gebiet literarischer und politischer Streitfragen unserer Tage, diese originelle Mischung des Inhalts war in der That ein erfreulich überraschendes Novum. Dazu kam, daß der Gegenstand dieser Beschreibungen zur Zeit gerade auch in dem »gebildeten« oder, wie neuerlich in einem freundlichen Berliner Blatt zu lesen stand, dem »eigentlichen« Deutschland, d. h. in den schönen Gegenden nördlich vom Thüringerwald, eine beliebte Modesache geworden war. Seitdem preußische Aerzte Tölz und Reichenhall entdeckt haben, finden es die Geheimräthe, Landräthe und die Banquiers alten wie neuen Bundes sehr behaglich, sich in Bayern, diesem »Winkel politischer Finsternis«, in alljährlicher Sommerfrische etwas »auszupusten«, wie von dem Staub der Friedrichsstraße und der Linden, so von der Anstrengung, die es ihnen natürlich verursachen muß, alle Jahre elf Monate unter den Auspicien des Ministeriums Mühler (1862) an der Spitze der deutschen Intelligenz und Freiheit zu marschiren. Kurz, seit mehr als einem Lustrum sind, zwar nicht wir dummen Bayern, wir unverbesserlichen Knechte der Kirche und der Despotie, aber wohl unsere grünen Halden und blauen Bergseen, unsere stolzen Berge und unsere billigen Landwirthshäuser gerecht erfunden worden vor den Augen unserer hegemonischen Brüder an der Spree. Unter solchen Umständen mußte das Steub'sche Buch schon seinem Gegenstand nach die gewöhnlich ziemlich eng gezogenen Grenzen des Marktes süddeutscher Literatur überschreiten. Solcher Ehre war es aber besonders würdig und fähig durch seine Form: die meisterhafte Beherrschung der Sprache und ein ganz eigenartiger Humor der Darstellung bilden das geistige Band, welches die allerdings nur locker verbundenen und mannigfaltigen Elemente des Buches einheitlich zusammenschließt. Wir haben in Deutschland so wenig Ueberfluß an Humoristen, daß es wohl der Mühe lohnt, auf die Charakteristik eines der ersten unter ihnen einzugehen. Dazu bietet auch das vorliegende Büchlein rege Veranlassung und reichen Stoff. Es ist, wie das Vorwort »dem bedrängten Lesepublikum«, welches den Fall erleben muß, daß ein Autor binnen dritthalb Jahren zwei Producte gleichen Thema's veröffentlicht, begütigend erklärt, allmählich aus dem Material erwachsen, welches der Verfasser ursprünglich zum Behuf einer vermehrten Auflage seines »Hochland« zusammengetragen, aber zuletzt zur Einschiebung in eine solche zu massenhaft erfunden hatte. So entschloß er sich denn, ein eigenes Opusculum daraus zu machen, und in erfreulicher Weise fügt sich diese Ergänzung dem vorangehenden größeren Buch an, indem es bald Seitenpfade einschlägt, welche früher nicht, ohne von den Hauptrichtungen abzulenken, hatten verfolgt werden können, bald auf seltener betretenen Steigen zu darum nicht minder reizvollen, versteckten Nebenthälern führt, bald zu schon vormals besuchten Stätten, deren Schönheiten oder Merkwürdigkeiten nicht zu erschöpfen, mit anhänglicher Liebe wiederkehrt, auf alten Fluren neue Blumen pflückend. Zuerst wandern wir mit Abstechern nach Traunstein und Adelholzen, wo unsere Schwarzen seit unvordenklichen Zeiten baden – ohne den von den andern Landeskindern gewünschten Erfolg! – nach dem Miesenbach und dem Froschsee. Die weitern Capitel schildern den ganz unvergleichlichen Chiemsee und mein erinnerungsreiches Seebruck, das Bedaium der Römer, sowie die Aufführung einer Bauerkomödie daselbst (die heilige Genoveva) und das Bad Seeon. Darauf folgen Ausflüge nach Audorf, Falkenstein und dem Petersberg, nach Bayerisch-Zell an den Spitzingsee und den Irschenberg. Von da wenden wir uns zurück nach Benedictbeuern und suchen über Starnberg und das Thal der Würm den Heimweg nach der Hauptstadt. In dem letzten Abschnitt behandelt Steub die schöne Sage, welche die Geburt Karls des Großen in die Reismühle in dem poesievollen Würmthal verlegt. Es ist ein Verdienst des Verfassers, die einheimische Geschichte und Sage, für welche dermalen selbst unter den »Gebildeten« noch nicht der rechte Sinn und Eifer vorhanden, durch gefällige Darstellung populär zu machen, wie er dies in größerem Umfang in jenem Capitel des »Hochland« unternommen, welches die Sage und den Mythus in Oberbayern erörtert. So hat er auch diesmal bei dem Besuch im Kloster von Benedictbeuern die köstlichen »Carmina burana« zur Kenntniß so manchen Lesers gebracht, welcher sie in Schmellers Ausgabe von 1837 wohl niemals aufgesucht haben würde. Es sind aber diese »Carmina burana« meist lateinische Gedichte aus dem 13. Jahrhundert, welche man 1803 bei der Aufhebung des Klosters in einem alten Codex entdeckte, der unter besonderem Schlusse verwahrt und in dem Katalog der Klosterbibliothek nicht verzeichnet war. Es sind an zweihundert Lieder, die eine Hälfte ebenso schwermüthig, als die andere lebenslustig. Neben Betrachtungen über Erdenleben und Jenseits, Klagen über die Schlechtigkeit der Menschen, Trauerliedern über Saladins Siege und Aufrufen zum Kreuzzug finden sich hier Liebeslieder, welche soviel mehr an weltlichem Muthwillen, als an klösterlicher Befangenheit leiden, daß der züchtige Schmeller manche Stellen hat gar nicht abdrucken lassen. Sehr ergötzlich ist unter anderm ein Wettgespräch zweier Damen, deren die eine die Liebe des Ritters, die andere die des – Mönches erheben und sich darüber so sehr ereifern, daß schließlich nur der Gott der Liebe selbst ihren Streit schlichten kann. Und zwar erklärt derselbe, die Liebe des Mönchs als die in jedem Betracht sieghafte! Etwa die Hälfte dieser Darstellung ist bereits in einzelnen Aufsätzen der »Augsburger Allgemeinen Zeitung« veröffentlicht worden. Sonderbarer Weise hat man dem Verfasser – wie Andern – solche Wiederholung verübeln wollen. Soll ein anständiger Autor sich die Mühe einer wirklichen geistigen Production nur dafür geben, daß ein moderner Zeitungsleser zwischen Schlafen und Wachen oder zum Kaffee über seine Worte und Gedanken hinduselt, einmal darüber lacht oder sich ärgert, und dann in die Lethe damit auf ewig? Freilich, die meisten Zeitungsartikel politischer wie literarischer Natur haben keine größere Vitalität, keinen höheren Ehrgeiz und verdienen kein besseres Schicksal nach ihrem sachlichen Gehalt wie nach ihrer ästhetischen Form. Wo aber, wie bei diesen Steub'schen Aufsätzen, – abgesehen vom Inhalt, der Form die Weihe eines Kunstwerks aufgedrückt ist, da rechtfertigt sich vollständig die Aufbewahrung zu selbständiger Existenz. Auch sind sehr wesentliche Veränderungen hinzugekommen. Kein Mensch verdenkt es dem Lyriker, welcher seine Gedichte, nachdem sie in Zeitschriften einzeln erschienen, nochmals in einer Sammlung herausgiebt; warum soll für ein Kunstwerk in Prosa anderes Recht gelten? Mit Absicht betonen wir den Ausdruck »Kunstwerk« bei Steubs Schilderungen; denn ihre bleibende Bedeutung liegt in ihrer Form, welche sie von inhaltlich ähnlichen Reisebildern und ethnographischen Skizzen sehr wesentlich unterscheidet. Es ist keine leichte Aufgabe, die Eigenthümlichkeiten eines Menschen, so auch die eines literarischen Menschen, d.h. also eines Stils, so lebhaft wir sie empfinden mögen, in klaren Worten zu fixiren, und bei einem Humoristen wird das Problem wegen der Complicirtheit dieser ganzen ästhetischen Kategorie noch viel schwieriger. Es fällt uns nicht ein, es hier an dem Steub'schen »Charakterkopf«, – wie der modernste Terminus lauten würde – so im Vorübergehen lösen zu wollen. Nur die Bemerkung mag gestattet sein, daß die glänzende und eigenartige Wirkung seiner Sprache gewiß zum großen Theil in der concreten, lebendigen Sinnlichkeit seiner Ausdrucksweise liegt. Wer sich jemals mit der Geschichte der deutschen Sprache beschäftigt hat, empfindet nicht ohne Wehmuth, wie dieselbe von Jahrhundert zu Jahrhundert an Frische, Farbe und – es giebt kein anderes Wort dafür – an Sinnlichkeit abnimmt, genau um ebensoviel, als sie an geistiger Ausdrucksfeinheit, an spitzer Abstractionsfähigkeit zunimmt, ein mit der Entwickelung des Geistes nothwendig verbundener, und dessen Organ, die Sprache, wesentlich modificirender Proceß. So günstig nun diese wachsende Abstraction die Sprache für Politik, Recht, für die Wissenschaft überhaupt und ganz besonders für alle philosophische Wissenschaft geeigenschaftet hat, so nachtheilig ist diese Umgestaltung für alle unmittelbare Poesie, für Lyrik und für die beschreibende Prosa; viel frischer hat sich z. B. die englische Sprache erhalten (in ihrem germanischen Wortschatz), und hierin wurzelt ein Stück der Ueberlegenheit des englischen Romans gegenüber dem deutschen. Es ist nun interessant, in dem Stile Steubs zu verfolgen, mit welcher Sorgfalt er überall den abstracten, farblosen Ausdruck vermeidet, immer das concreteste und lebendigste Wort für seinen Gedanken sucht und dasselbe häufig in glücklichster Weise durch Wiederbelebung alter, noch lebensfähiger Formen oder auch in einer von sicherem Tact und correcter Schule geleiteten Neubildung findet. Beides, Tact und Schule, sind hierzu allerdings ganz unerläßlich, wenn man nicht in die Gesuchtheit archaistischer Manier oder gar in die Blamage unrichtiger Sprachbildung verfallen soll; sind aber jene Voraussetzungen gegeben, so wird jeder Einsichtige die günstige Wirkung und das Verdienst solchen Bestrebens anerkennen. Was nun die besondere Natur des Humors dieses Humoristen anlangt, so hätten wir darüber wohl noch manche Betrachtung auf dem Herzen, auf deren Darlegung wir jedoch hier verzichten müssen. Nur eins wollen wir noch andeuten: der Reiz, aber leugnen wir es nicht: – auch die Gefahr dieser Art von Humor scheint in einer so starken Zumischung von Ironie zu dem eigentlichen Humor zu bestehen, daß der Charakter letzterer Kategorie dadurch manchmal alterirt wird. Es versteht sich ja, daß der Humor die Ironie nicht ausschließt, sondern voraussetzt; doch der Humorist kehrt die Ironie nicht minder gegen sich selbst als gegen die andern, er behandelt die Welt als ein Thorenreich, aber sich selbst als der Thoren Obersten. Darin liegt denn auch das Versöhnende und Wohlthuende des Humors im Gegensatz zu Satire und Ironie, und es ist kein Zweifel, daß die mächtige Wirkung von Dickens auf das Gemüth (abgesehen von der meisterhaften Verwendung der Wehmuth durch diesen Autor) vorzüglich in dieser Gutmüthigkeit seines Humors wurzelt. Wenn wir nun auch keineswegs behaupten können, daß jene Selbstironie und diese Gutmüthigkeit dem Steub'schen Humor fehle, so sind beide doch ungleich schwächer in demselben vertreten als die polemische Ironie gegen andere und der Sarkasmus; Steub steht hierin z.B. viel näher bei Thackeray denn bei Dickens. Und da nun nach löblicher nationaler Gepflogenheit ein richtiger deutscher Kritiker erst dann mit Befriedigung die Feder aus der Hand legt, wenn er seinen Autor unter eine tönende Formel rubricirt hat, so wollen wir uns jenes angenehme Gefühl, dem Leser aber die Absolution von diesem Artikel gewähren, indem wir Steub als einen sarkastischen Humoristen bezeichnen. Drei Sommer in Tirol I–III. Stuttgart. Zweite vermehrte Auflage. 1871. Seitdem der Fragmentist dahin gegangen, wo ihm kein »immergrüner Buschwald« rauschen mag, – denn nur diesseit des Avernus grünt der Lorber – führt keine deutsche Hand den Griffel des Humors mit solcher Grazie wie Ludwig Steub. Seine Schilderungen von Land und Leuten in Altbayern und Tirol sind »hors de concours« , sie bilden in dem weiten Kaiserreich deutschen Schriftwerks ein in sich abgeschlossenes Thal, dessen Anmuth in keinem andern wiederkehrt. Das vorliegende Buch hat sogleich, wie es vor bald dreißig Jahren zuerst aus den stillen Thälern unter die Menschen trat, auf dem Haupte das blitzende Helmdach des Firne-Schnees, um die Schultern den grünen Mantel des Bergwalds, in den Händen aber das Edelweiß der Heldensage und die Alpenrosen schönster Landschaftsschilderung, schon durch seinen reichen Inhalt die Herzen gewonnen. Das Eintönige der meisten Reisewerke war vermieden durch kunstvoll gewählte Vertheilung des Stoffs. Die »gefürstete Grafschaft« liegt so nah und ist so klein: der Reiz der Ferne und Unübersehbarkeit gebricht, der uns dem Wanderer in andere Erdtheile nachzuziehen vermag. Und doch folgte man hier sonder Ermüden dem wegekundigen Führer über die Schroffen der Felsengebirge und über der Gletscher gefährliches Eis, an seinem Munde hangend, der rauhen Steige vergessend über dem Wohlklang seiner Worte und der wechselnden Rede gefälligem Fluß. Mit seinen Händen mischend und scheidend, beherrscht er eine Welt von Farben und Gestalten: bald zeigt er uns hoch wie Adlerhorste an den Felsen klebend die Burgen der alten Rhätier und Breonen, welche Drusus gestürmt und Horatius besungen, und läßt uns nachsinnen, wie im Angesicht dieser unwandelbaren Berge der Wechsel der kurzlebigen Menschengeschlechter auf den Etrusker den Römer, auf den Römer den Gothen, den Bajuvaren, den Langobarden, den Alamanen von Westen, den Slaven von Osten her gedrängt; darauf folgt unmittelbar ein Bild aus der gegenwärtigsten Gegenwart: am Brunnen schäkernde Mädchen etwa, oder von der Kanzel eifernd Pfaffen, oder »Kaiserjäger« mit dem nickenden Busch am Hute. Jetzt ein treffliches Landschaftsbild: wenig Worte und jedes Wort eine Anschauung erzwingend; nun eine sinnige Namendeutung, um hinüberzuleiten zu einer geschichtlichen Reminiscenz; endlich die Zeichnung des Häuserbaues, der Tracht, des Erwerbszweiges eines Thales, welche uns die Leute rasch so vertraut macht, als hätten wir ihnen sommerlang die harten Hände geschüttelt. Und wie der Inhalt, so die Form: anmuthig wechseln die Töne: – die fröhliche Morgenlaune, in welcher der Wanderer den Frühthau von der Heckenrose streift und weitausholend die Schritte und den Bergstock setzt; der helle und scharfe Blick für das Reale in Natur und Menschentreiben; die gesunde Lebenslust, die sich des feurigen Terlaner-Weines freut; der siegbewußte Frohmuth überlegener Bildung gegen Aberglauben, Priesterkram und Bureaukratenzopf; der edle Stolz deutscher Kraft und deutscher Tiefe gegenüber wälschem Formgeschick; die leise, tiefschmerzliche Klage – es war im Jahre 1845 – um die hoffnungslosen und unerträglichen Zustände in Oesterreich, Preußen, Bayern und allen deutschen Vaterländern insgesammt; endlich, neben schrillen Klängen eines gewissen Humors der Verzweiflung, die Trauer um das Vergängliche alles Schönen, um des Menschen ganzes thränenwürdiges Los; jene elegische Abendstimmung, die aus der tiefsten Seele Grund hervor uns mit den ersten Schatten der Dämmerung beschleicht – es mangelt und versagt kein Orgelton des menschlichen Registers. Den reichen Inhalt dieser Schilderungen mag der Leser selbst genießen und würdigen, am besten freilich an Ort und Stelle. Dabei drängt sich auf, daß die Zusätze, die in diesen letzten Jahren entstanden, an Tiefe, an Reiz und Grazie der Form, an Durchbildung und Vollendung der Darstellung sich zu dem Buche der ersten Auftage verhalten, wie abgelagerter, firngewordener Wein zu jungem Getränk. Eine Kunst, wie sie im Stile Ludwig Steubs geborgen liegt, muß mit den reifenden Jahren immer wachsenden Reichthum häufen. Denn es übt sich, es lernt sich auch das Geheimniß des Schönen und das holde Gewebe anmuthiger Form. Nur über diese Form, über den Stil noch einige Worte. Wie ein gutes Gedicht genießt man gute Prosa nur, wenn man sie wiederholt, und zwar das zweite Mal laut liest. Hat einer seiner Leser in diesem Buch eine Seite gelesen und den Inhalt längst erfaßt, so mag er noch nicht von dem Blättchen scheiden: es zwingt ihn eine stille Kraft, noch zu verweilen. Das ist der Duft der Form, der darüber schwebt; und alsbald ergreift er sich darauf, daß er die eben gelesenen Zeilen noch einmal mit halblauter Stimme vor sich hinsummt, wie eines Liedes liebe Melodie. Langsam, behaglich will dieser Stil genossen sein, wie man edlen Rüdesheimer nicht ohne Weiteres in die Kehle gießt, nur um sich des Inhalts zu erfüllen; verweilend sucht man seinen besten Duft zu halten. Wir haben fast verlernt in diesen Tagen der Stenographie, der Zeitungsartikel und der Telegramme, mit holder Muße zu schreiben; und bei dem hastigen Wesen, da man sich begnügt, dem Leser irgendwie die Wörter an den Kopf zu werfen, wenn er's nur auffängt, gleichviel ob's ihm vor Plumpheit die Hirnnerven »erdosen« läßt, kann man auch vom Leser nicht verlangen, daß er sich solch ungefüger Behandlung seinerseits »mit holder Muße« hingebe. Nimmt sich nun aber ein Leser, der selbst mit einigem Formsinn begnadet ist, die angenehme Mühe, in dem glatten Mosaik des Meisters Ludwig nach den Spalten und Klammern zu spähen, welche diese Gebilde heilen und verbinden, so zeigt sich, daß die scheinbar so leicht gebauten Sätze mit sorgsamster Kunst gefügt sind und geheftet. Da steht am rechten Ort, mit dem schmeichelndsten Vocal, mit melodischem Silbenfall, von feinstem Gefühl aus einem reichen Vorrath ähnlicher erkoren, das allein richtige, das notwendige Wort : versuche Du die nächstverwandte Schattirung an seine Stelle zu setzen, sofort empfindest Du das Bild gestört: es war jener Ausdruck kunstnothwendig. Dabei schöpft der kundige Mann zuweilen mit zierlicher Schale aus den beiden unversiegenden Jungbrunnen der neuhochdeutschen Schriftsprache: aus älteren Sprachschichten und aus den Mundarten, in welchen eben ältere Formen und Wörter oft noch fortleben. Dies führt uns zu einer zweiten Geheimkunst oder, besser, zu einem zweiten Kunstgeheimniß des Verfassers. Der Reiz älterer und mundartlicher Wörter liegt größtenteils in einer frischen, lebendigen Sinnlichkeit, welche auf Anschauung und Phantasie erwecklich wirkt, und welche – für unser Gefühl wenigstens und durch die abschleifende Gewohnheit – den Ausdrücken der Schriftsprache erstorben ist, denen wir Tag um Tag immer wieder in dem Chausseestaub der Zeitungsspalten, im Modergeruch der Acten begegnen. Solche Worte sind Schemen, blutlose Gespenster, bildlose Abstractionen geworden; aus der Sprache der Rechtspflege, der philosophirenden Dialektik, wo diese Farblosigkeit am Platz, ist solche nüchterne Schablonen-Terminologie (namentlich auch durch die vielen Fremdwörter aus dem Griechischen, Lateinischen, Romanischen, bei denen wir nur etwa denken, nie schauen) in unsere ganze Prosa hinübergedrungen. Es ist dies ein Symptom, das bei dem Culturfortschritt eines Volkes unausbleiblich in der Sprache auftaucht: sie verliert die sinnliche Frische. In der Vorcultur und in einfachen Zuständen ist ja bekanntlich z. B. auch die Rechtssprache schönen, wogenden, sinnlichen Lebens voll. Dazu kommt, daß gewisse Wendungen, die ursprünglich ebenfalls bildvoll, sinnlich, lebendig waren, uns wegen ihrer häufigen Verwerthung in höchst prosaischem Zusammenhang schon nach dem Gesetz der Ideen-Association nüchtern, seelenlos anmuthen; wir denken gar nichts mehr, wenn wir dieses hohle Erz schellen hören. Vielleicht ist der geneigte Leser, der das liest – wenn uns ein solcher auf diesen nicht für Jedermann lockenden Pfaden wirklich bis hierher gefolgt ist – mit uns der Ansicht, daß ein Protokoll eines Amts-, ja sogar eines Landesgerichts ein ziemlich langweiliger Bestandtheil des Universums ist; heißt es nun z. B.: »Es erscheint Herr N. und bringt vor« so weht uns sofort jener Lufthauch überheizter Amtsstuben entgegen, welcher, geschwängert mit Partikelchen von Pappendeckel und viel citirten Gesetzes-Paragraphen, austrocknend auf die Kehle und die Seele wirkt. Wir haben gar nicht mehr die Vorstellung, daß »er-scheinen« ein sehr schönes Bild für das Auftauchen einer Menschengestalt ist, und daß man das Schöpfen einer Erklärung aus der Tiefe der Brust und das Hinbreiten vor dem Richter sehr anschaulich ein Vor-bringen nennen mag. Unsere Prosa ist zu abstract geworden, um schön zu sein. Um nun seine Prosa schön zu gestalten und eindringlich, so daß sie Aug' und Ohr und Phantasie lade zum Verweilen auf den gefälligen Bildern, die sie baut, wählt unser Reisemarschall, wort- wie wege-vertraut, stets den sinnlichsten Ausdruck, das concreteste, engst bezeichnende Wort. Er sagt nicht: »wenn wir nach Alpbach gehen wollen« – er sagt anschaulich: »der Wandrer, der nach Alpbach trachtet« und sofort sehen wir mit des Geistes Augen den wegfährtigen Mann den langen Bergstock vorwärts setzen. Ein sinniger Leser wird auf jeder Seite des Buches von diesem echt künstlerischen Realismus liebliche Belege finden. Aber der echte Realismus ist der – Idealismus. Und so schwebt denn über diesen rhätischen Blättern voll rauher Schroffen und hartarbeitender Menschen, über diesen groben Bajuvaren im zottigen Zwilch, über des Verfassers eigener, oft stark scheltender Sprache oder urkräftigem, echt süddeutschen Humor – über dem Allem webt und flimmert ein feiner, leiser, veredelnder Duft – ein Hauch, der nicht aus dem Innthal aufgestiegen, auch an der Isar just nicht heimisch ist. Er weht von Ferne her. Freilich, wer einmal von Schloß Tirol herab die Sonne zu Gnaden gehen sah und die Mendola sich wie ahnungsvoll nach Süden neigen, wer durch das epheuwirre Sarca-Thal dahingezogen, und die grauen Zinnen, die geborstenen Säulen sich hat spiegeln sehen im Tobliner See, und wer dabei der Tausende gedacht, welche, hoch und schlank, wie ihre Speere, über diese Berge gezogen, Jahrhunderte lang, aufjubelnd, wann ihnen der laue Wind aus Süden die blonden Locken aus den Schläfen spielte: – wer das gesehen und bedacht, der weiß es wohl, woher der Athem weht edelster Anmuth über jene Berge und über diese Blätter hin: »Italia winket dort im Süden – Es fliegt ein Kranich-Zug voraus; Die Seele spannt die nimmermüden, Die Flügel ihrer Sehnsucht aus!« Dahn, Gedichte. Zweite Sammlung, 3. Auflage, Leipzig 1883. Seite 385. Kurz gesagt, der Schilderer Tirols, des Landes, das fünfzehnhundert Jahre lang die Brücke war, auf welcher die classische Cultur Italiens und Griechenlands, in Warenballen, Fässern und Kisten der »Mercatanti« als unbeachtete Verpackung eingeschlagen, zu den Barbaren ihren Einzug hielt, der Schilderer Tirols muß auch das leise Geflüster hesperischer Lüste verstehen. Allüberall fühlt man nun in dem Buche Steubs den wohlthätigen Hauch einer so tief getränkten klassischen Bildung, eine solche Geistesvertrautheit mit hellenischer und lateinischer Kunst, wie sie zwischen Grünwald und Föhring nicht oft die brausende Isar nährt. Man spürt es, daß der Verfasser dem Rauschen der Lorberen und Cypressen Latiums und in ihrem dunkelgrünen Schatten den schlanken Palmen Ioniens gelauscht. Denn, mag sich deutsche Kraft höher erschwingen und deutsche Tiefe geheimnißvoller senken, – eines müssen wir ihnen doch mit ewiger Sehnsucht neidvoll überlassen, den Söhnen des Südens, den Kindern von Hellas: in Kunst und Leben seliger Schönheit unerreichten Kranz. Die wenigsten Bücher Steubs haben übrigens eine zweite Auflage erlebt. Aber in diesem Fall hat der liebe Gott eben gezeigt, daß er (vermöge der providentiellen Einrichtung der Leihbiliotheken!) immer noch das Wunder verrichten kann, mit wenigen Broden und Fischen eine große Volksmenge zu sättigen: und wenn Ludwig Steub ein nicht oft aufgelegter, so ist er doch ein, auch nördlich des Thüringer Waldes, dieser Wasser- wie Ruhmes-Scheide Deutschlands, wohl gekannter, verehrter und beliebter Autor. Als ich vor elf Jahren unter die wilden Preußen fuhr, hatte ich seinen Namen nicht erst zu verkünden, und noch höher zu verherrlichen: vom Geheimrath Friedländer, dem Jupiter optumus maxumus , wie ihn die Candidaten der Prüfungscommission nennen, abwärts bis herab zu uns ganz gewöhnlich Gebildeten, kannten sie ihn, ehrten und liebten ihn. Er sollte nur nicht immer wieder in allen »schiechen Löchern« von Tirol herum krauchen, sondern einmal über Elbe, Spree, Weichsel und Nogat an den Pregel kommen und sich überzeugen, daß sein Name vom hohen Ortler bis an den Galt-Garben sich erschwungen hat. Zum Schluß aber noch ein ernsteres Wort. Ludwig Steub hat die siebziger Jahre erreicht. Vergleichen wir ihn und seines gleichen – es sind deren aber wenige – mit dem Nachwuchs der Schriftsteller jüngster Jahrgänge, so ist das Ergebniß nicht eben sehr erfreulich. Er hat so viel Gründliches, ehrlich Erarbeitetes gelernt. Und er ist so fein in der Form. Und er giebt sich so wenig als unfehlbar. Und er ist – schriftlich und mündlich – so liebenswürdig. Ach! und so Viele, die ihm in der Zeit – aber nicht im Geiste – nachgefolgt sind und nachfolgen, haben so wenig gelernt. Und sind so brutal formlos. Und von einer mehr als päpstlichen Unfehlbarkeit! Und schon schriftlich so unliebenswürdig, daß man der mündlichen Liebenswürdigkeit, weitausbiegend, aus dem Wege weicht. Wahrscheinlich ist es bei mir bereits beginnende Altersschwäche, welche mich, wenn ich die Augen »rund ume gehn« lasse, so auffallend Wenige erblicken läßt in dem Nachwuchs unserer berufenen »Ueberholer«, welche an Wissen, Gemüth und Anmuth der Form ihn nur zu würdigen , geschweige zu erreichen »in der Lage sind«, unsern Meister Ludwig Steub . – Königsberg , Juli 1883.