Charles Dickens Eine Geschichte von zwei Städten. Einleitung. Nach »Klein Dorrit«, dem Roman, der sich ganz mit dem Privatleben befaßt, nämlich mit der Seele eines reinen Kindes und seiner armen Umwelt, ließ Dickens 1859 die Erzählung »Zwei Städte« ( Tale of two cities ) folgen, die der Geschichte große Gegenstände zum Hintergrund der Handlung hat. Die zwei Städte sind London und Paris im Zeitalter der französischen Revolution, und wie nun Dickens diese schicksalsschwere Epoche, erlebt durch einzelne Menschen, darstellt, wie er den Widerhall dieses elementaren Gesellschaftsereignisses in London und in seiner Umwelt wiedergibt, das zeugt von einer schlechterdings kaum zu überbietenden Meisterschaft. Darum gibt es viele Literaturkenner, die dieses Werk Dickens' als seine beste Leistung überhaupt ansprechen. Das tragische »Muß« der Revolution, ihre furchtbare Notwendigkeit wird von Dickens mit tiefem historischen Verständnis in seiner Darstellung aufgezeigt. Wenn die geduldigen unterdrückten Volksmassen nirgends Recht finden können, weil die herrschende Klasse in bösestem Egoismus ihnen keinen Raum zum Atmen läßt, dann wiederholt sich im Wandel der Jahrhunderte immer wieder das Phänomen der gewaltsamen Umwälzung und Befreiung. Dann aber springt mit dem Genius der Freiheit auch der Dämon der Gier und die Bestie im Menschen aus der Volksseele hervor, und die Ideen der Gleichheit und der Brüderlichkeit können sich nicht sündlos halten von pöbelhafter Blutgier. Die Sünde der Reichen wird heimgesucht an deren unschuldigen Kindern, und aus eben jener Sünde der Reichen erwächst die Sünde der Armen in Formen furchtbarer Rache. Das Geschlecht der Evrémondes hat in frivoler Genußsucht entsetzlich an den Untergebenen gesündigt, und nun führt Dickens aus, wie die Strafe oder die Vergeltung deren schuldlose Nachfahren trifft. Dickens zeigt, welche verheerende Wendung die Revolution bei den rasenden Volksmassen nimmt. Er malt die furchtbaren Tage, da die Guillotine ihre Triumphe feiert; aber er zeigt auch dem Adel, dessen Sittenlosigkeit und Tyrannei zu alledem führte, seine Schuld, seine Riesenschuld. Er schildert zuständlich; er ist mit ganzem Herzen dabei, ohne einseitig Partei zu nehmen. Er ist Dichter und »steht auf einer höhern Warte, als auf der Zinne der Partei«. Er ist »dichterisch-objektiv«, und darum ergreift dieses Werk den Leser in so besonderem Maße, weil dieser dadurch unmittelbar in die Tragik des Menschenlebens geschichtlich großen Stils geführt wird. Der Roman bietet hier dasselbe Beste, was das Drama hervorragenden Formats zu bieten hat: die Frage an das Weltenschicksal, das Warum, das uns auf den »Brettern, die die Welt bedeuten«, erschüttert und erhebt. – Nur am Rande angemerkt sei auch hier wieder die meisterliche Zeichnung der lebensechten Figuren. – Dadurch, daß das Ganze durch die Bande der Liebe nach England hinüberspielt, erhalten wir zugleich ein eindrucksvolles Spiegelbild der französischen Revolution im englischen Geistes- und Kulturleben. Bei diesem vorletzten Band der Dickens-Werke aus dem Gutenberg-Verlag hat ebenso wie bei dem letzten Band, der die Weihnachtserzählungen bringt, Frau Clara Weinberg dem Herausgeber bei der Textrevision freundlichst mitgeholfen. P. Th. H. Erstes Buch. Ins Leben zurückgerufen.   Erstes Kapitel. Die damalige Zeit. Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis. Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. Wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, die Periode glich der unsrigen so wenig, daß ihre lärmendsten Tonangeber im Guten wie im Bösen nur den Superlativgrad des Vergleichens auf sie angewendet wissen wollten. Auf dem Thron von England saß damals ein König mit einem mächtigen Kieferwerk und eine Königin mit einem einfachen Gesicht. Den Thron von Frankreich zierte ein Herrscherpaar von ganz den nämlichen Eigenschaften. Und in beiden Ländern erschien es der königlichen Umgebung, Mundschenk, Truchseß und so weiter, klarer als Kristall, daß im allgemeinen der Stand der Dinge geordnet sei für alle Zeiten. Es war das Jahr unseres Herrn Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig. England erfreute sich damals wie noch heute der Gnade geistiger Offenbarungen. Mrs. Southcott hatte eben ihren gebenedeiten fünfundzwanzigsten Geburtstag zurückgelegt, auf dessen erhabenes Herannahen ein prophetischer Leibgardist die Welt durch die Ankündigung hingewiesen hatte, man möge sich darauf gefaßt halten, daß London und Westminster von der Erde verschlungen werden würden. Sogar der Hahnengassengeist war erst seit einem Dutzend Jährchen zur Ruhe gebracht, nachdem er seine Botschaften in derselben Weise, wie seine übernatürlich unoriginellen Nachfolger erst im letztabgelaufenen Jahr noch getan, durch Klopfen kundgegeben hatte. Botschaften im irdischen Sinn des Wortes waren jüngst der englischen Krone und Nation von einem Kongreß britischer Untertanen in Amerika zugegangen und haben seltsamerweise einen weit wichtigeren Einfluß auf das menschliche Geschlecht geübt als alle Mitteilungen, die seitdem von der Sippe der Hahnengassengeister hervorgegackert worden sind. Mit Frankreich, das, was geistige Dinge betrifft, im ganzen weit weniger begünstigt ist als sein Schwesterland mit dem Schild und dem Dreizack, ging es ungemein glatt und hurtig bergab, indem es Papiergeld machte und es verjubelte. Unter der Führung seiner christlichen Hirten vergnügte es sich nebenbei mit allerlei menschenfreundlichen Belustigungen, indem es zum Beispiel über einen jungen Menschen, der unter strömendem Regen zu Ehren einer fünfzig oder sechzig Schritt vor ihm vorübergehenden Mönchsprozession nicht in den Staub knien wollte, sein Urteil dahin aussprach, daß man ihm die Hände abhauen, die Zunge herausreißen und seinen noch lebenden Leib verbrennen solle. Wohl möglich, daß um die Zeit, in der dieser arme Unglückliche seinen grausamen Tod erlitt, der Holzhauer Schicksal in den Wäldern Frankreichs oder Norwegens bereits die Bäume zum Fällen und für die Sägemühle bezeichnet hatte, deren Bretter zur Herstellung eines in der Geschichte mit Schrecken genannten beweglichen Gerüstes mit einem Sack und einem Beil dienen sollten. Möglich auch, daß in der Umgegend von Paris unter den rohen Schuppen der bäuerlichen Gehöfte von ländlichem Staub bespritzte, von Schweinen umschnüffelte und als Hühnersteigen dienende Karren standen, die der Bauer Tod sich schon vorgemerkt hatte, um das Futter der Revolution herbeizuführen. Jener Holzhauer und jener Bauer sind unablässig in Tätigkeit; aber sie arbeiten im stillen fort, und niemand hört ihren leisen Tritt. Um so besser, denn der Argwohn, daß sie wach seien, hätte für atheistisch und hochverräterisch gegolten. In England konnte man sich auf Ordnung und öffentlichen Schutz nicht eben viel zugute tun. Verwegene Einbrüche durch bewaffnete Kerle und Beraubungen auf offener Straße kamen selbst in der Hauptstadt fast jede Nacht vor. Man warnte die Familien, nicht aufs Land zu ziehen, ohne daß sie vorher ihre Einrichtung in einem Speditionsgeschäft geborgen hatten. Der nächtliche Räuber war bei Tag ein Geschäftsmann in der Stadt, und wenn er von irgendeinem Gewerbsgenossen, den er in seiner Eigenschaft als »Kapitän« anhielt, erkannt und mit mißliebigen Vorstellungen behelligt wurde, so schoß er ihn ritterlich durch den Kopf und spornte sein Roß weiter. Der Postwagen wurde von sieben Räubern angefallen; der Führer schoß drei davon nieder, erlag aber selbst den andern vieren, »weil ihm die Munition ausgegangen war«, und nun erst konnte der Wagen mit Behaglichkeit geplündert werden. Der Lord-Mayor von London, diese hochmächtige Person, mußte auf dem Turnhamer Rasen einem einzelnen Straßenräuber standhalten und angesichts seines Gefolges seinen werten Leib von dem Galgenstrick ausplündern lassen. Gefangene in den Londoner Gefängnissen lieferten ihren Schließern förmliche Schlachten, und die Majestät des Gesetzes ließ sie mit Musketensalven zu Paaren treiben. In den Salons des Hofes stibitzten Diebe den vornehmen Herren Diamantenkreuze von den Hälsen weg. Musketiere zogen nach St. Giles, um nach Schleichwaren zu fahnden, und wurden von einem Pöbelhaufen, den sie ihrerseits in der gleichen Weise bearbeiteten, mit Schüssen empfangen. Das waren lauter Dinge, die man für nichts Außerordentliches ansah. Dabei hatte der Henker alle Hände voll zu tun, indem er das eine Mal die unterschiedlichen Verbrecher in langen Reihen aufknüpfte, ein andermal sein Amt Samstags an einem einzelnen Hauseinbrecher übte, der am Dienstag ergriffen worden war, heute in Newgate dem Dutzend nach Leuten die Hand brandmarkte. Morgen vor dem Tor von Westminsterhall Flugschriften den Flammen übergab, und dann wieder einen trotzigen Mörder und einen armen Strauchdieb, der einem Bauernbuben ein Sechspencestück abgejagt hatte, in die Ewigkeit beförderte. Alles dies und noch tausend ähnliche Dinge geschahen, begannen und endigten in dem lieben alten Jahr Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig. Und auf dem Schauplatz dieser Ereignisse traten, während der Holzhauer und der Bauer unbeachtet fortarbeiteten, jene beiden mächtigen Kieferwerke und jenes Paar einfacher schöner Frauengesichter geräuschvoll genug auf und behaupteten ihre göttlichen Rechte mit gewaltiger Hand. So führte das Jahr Eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig ihre Majestäten sowohl wie die Myriaden kleiner Wesenheiten, darunter auch die Personen unserer Geschichte, dahin auf den vor ihnen liegenden Pfaden. Zweites Kapitel. Der Postwagen. Es war die Doverstraße, die an einem Freitag des November spät abends vor der ersten der Personen lag, mit denen unsere Erzählung zu schaffen hat, und auf derselben Straße wackelte auch die Postkutsche von Dover Shooter's Hill hinan. Die Person stampfte gleich den übrigen Personen neben dem Wagen im Schlamm bergan – nicht weil den Umständen nach ein Spaziergang besonderes Vergnügen gewährte, sondern weil die Steigung so jäh, das Pferdegeschirr so lästig, der Schmutz so tief und die Kutsche so schwer war, daß die Rosse schon dreimal hatten halten müssen und außerdem einmal sogar die meuterische Absicht verraten hatten, mit Sack und Pack wieder nach Blackheath umzukehren. Doch kannten Zügel und Peitsche, Postknecht und Schaffner gemeinsam jenen Kriegsartikel, der die Annahme verbot, daß es mit Verstand begabte Tiere gäbe; und obgleich dieser Satz eher eine schonende Behandlung begründen sollte, hatte man doch durch die gegenwärtige erzielt, daß das Gespann kapitulierte und zu seiner Pflicht zurückkehrte. Mit gesenkten Köpfen und zitternden Schweifen arbeiteten sich die Pferde durch den tiefen Straßenschlamm, indem sie zwischenhinein zappelten und strauchelten, als wolle bei ihnen alles aus den Gelenken gehen. Sooft der Kutscher sie mit einem behutsamen »Oha!« haltmachen ließ, schüttelte das nächste Handpferd ungestüm den Kopf und das dahinter befindliche Geschirr, gleichsam um mit ungewöhnlicher Emphase anzudeuten, daß die Kutsche da nicht hinaufzubringen sei. Und wenn das Roß in solcher Weise rasselte, fuhr der Passagier, wie ängstliche Reisende zu tun pflegen, zusammen und zeigte eine traurige Miene. Auf allen Taleinschnitten lag ein qualmender Nebel, der sich in seiner Trübseligkeit bergan wälzte wie ein böser Geist, der Ruhe sucht, ohne sie finden zu können. Er war feucht und ungemein kalt und bewegte sich in langsam aufeinanderfolgenden kleinen Wellenzügen, denen eines faulen Seestriches nicht unähnlich, durch die Luft. Sein Gewölk ließ das Licht der Kutschenlaternen nur auf ein paar Schritte unterscheiden, und der Dampf der sich abmühenden Pferde ging darin auf, so daß man meinen konnte, die abgehetzten Tiere seien die Quelle des ganzen Nebelmeeres. Außer den gedachten Reisenden schritten noch zwei andere neben der Kutsche her. Alle drei waren bis über die Ohren verhüllt und trugen Stulpenstiefel. Keiner davon hätte nach dem Augenschein sich ein Urteil über das Aussehen des andern bilden können, und jeder war gegen die Geistesaugen seiner beiden Mitpassagiere ebenso verhüllt wie gegen ihre leiblichen. In jenen Tagen hütete man sich wohl vor allzu schneller Vertraulichkeit, da jeder, dem man auf der Straße begegnete, ein Räuber oder der Verbündete von Räubern sein konnte. Mit Charakteren der letzteren Gattung traf man besonders leicht zusammen, denn jedes Posthaus, jede Schenke konnte jemanden aufweisen, der im Solde des »Kapitäns« stand, mochte es nun der Wirt selbst oder irgendein unscheinbarer Stallbediensteter sein. So dachte auch der Lenker der Doverpost an jenem Freitagabend des Novembers Siebzehnhundertfünfundsiebzig, während er, Shooters Hill hinanholpernd, in seinem Kasten hinten auf dem Wagen stand, sich die Füße klopfte und weder Auge noch Hand von der Truhe vor ihm verwandte, in der auf einem Unterbau von Stutzsäbeln ein geladener Musketon und sechs oder acht geladene Reiterpistolen lagen. Die Doverpost befand sich wie gewöhnlich in der angenehmen Lage, daß der Wagenführer die Reisenden und jeder Reisende seine Mitpassagiere und den Wagenführer, kurz, einer den andern beargwöhnte und der Postillion sich auf niemand als auf seine Pferde verlassen mochte, obschon auch er, sofern das liebe Vieh in Frage kam, es mit gutem Gewissen auf beide Testamente hätte beschwören können, daß es nicht für eine solche Reise paßte. »Oha!« rief der Postillion. »So recht. Jetzt nur noch einen Zug, und ihr seid droben. Hol' euch der Teufel dafür, denn ich habe Not genug gehabt, euch hinaufzubringen. – Joe!« »Holla!« entgegnete der Wagenführer. »Wieviel Uhr schätzt Ihr, Joe?« »Gut zehn Minuten über elf.« »Oh, Mord und Tod«, rief der Postknecht ärgerlich, »und noch nicht einmal auf dem Shooter. Zu – hü! Vorwärts mit euch!« Das emphatische Pferd, das in einem Akt der entschlossensten Verneinung von der Peitsche erreicht worden war, fing wieder kräftig an zu klettern, und die drei andern Rosse folgten seinem Beispiel. Noch einmal arbeitete sich die Doverpost vorwärts, und die Stulpstiefel der Reisenden klatschten nebenher. Sie hatten mit dem Wagen haltgemacht und demselben treulich Gesellschaft geleistet. Wäre einem von den dreien der vermessene Gedanke gekommen, den andern den Vorschlag zu machen, sie wollten in Dunkel und Nebel ein wenig vorausgehen, so hätte er sich damit sicher der Gefahr ausgesetzt, auf der Stelle als Straßenräuber niedergeschossen zu werden. Der letzte Anlauf brachte den Postwagen auf die Höhe des Berges. Die Pferde hielten wieder an, um sich zu verschnaufen, und der Wagenlenker stieg ab, um für die kommende Bergsenkung den Radschuh einzulegen und den Passagieren den Kutschenschlag zu öffnen. »Pst, Joe!« sagte der Postillion in warnendem Ton, indem er von seinem Bock niederschaute. »Was wißt Ihr, Tom?« Beide lauschten. »Ich höre ein Pferd uns nachtraben, Joe.« »Und ich sag', es galoppiert, Tom«, versetzte der Wagenlenker, indem er seinen Schlag losließ und hurtig nach seinem Platz hinaufkletterte. »Meine Herren, in des Königs Namen, geschwind eingestiegen!« Der für unsere Geschichte vorgemerkte Passagier stand eben auf dem Kutschentritt und wollte hinein; die beiden andern hielten sich dicht hinter ihm und waren im Begriff, ihm zu folgen. Der erstere blieb halb in, halb außer der Kutsche auf seinem Tritt, das andere Paar drunten auf der Straße. Sie alle blickten lauschenden Ohrs von dem Postillion auf den Wagenführer und von dem Wagenführer auf den Postillion. Beide gaben ihnen die Blicke zurück, und selbst das emphatische Pferd spitzte die Ohren und schaute rückwärts, ohne einen Widerspruch zu erheben. Die Stille, die auf das Aufhören des Rädergerassels und Rossegestampfs folgte, machte das Schweigen der Nacht nur um so eindrucksvoller. Das Schnauben der Pferde teilte der Kutsche eine zitternde Bewegung mit, als befände sie sich in einem Zustand von Aufregung. Die Herzen der Passagiere klopften vielleicht hörbar laut. Jedenfalls erzählte die stille Pause sehr verständlich von Leuten, die außer Atem waren, aber gleichwohl keine Luft einzuziehen wagten und unter beschleunigtem Herzschlagen dessen harrten, was da kommen sollte. Man hörte, daß ein Pferd in wütendem Galopp den Berg hinaufjagte. »Oho!« brüllte der Wagenlenker, so laut er konnte, in die Nacht hinaus. »Ihr dort – halt! – oder ich gebe Feuer!« Der Hufschlag hielt plötzlich inne, und mit Not kämpfte sich die Stimme eines Mannes durch den Nebel: Ist das die Dover-Post?« »Was kümmert's Euch, wer wir sind?« entgegnete der Wagenlenker. »Wer seid Ihr ?« »Ich frage, ob dies die Dover-Post ist.« »Wozu braucht Ihr dies zu wissen?« »Ich will zu einem ihrer Passagiere.« »Wie heißt der Passagier?« »Mr. Jarvis Lorry.« Der Reisende auf dem Tritt ließ sogleich merken, daß dies sein Name sei. Der Wagenlenker, der Postillion und die beiden andern Passagiere betrachteten ihn mißtrauisch. »Bleibt, wo Ihr seid«, rief der Wagenlenker der Stimme im Nebel zu, »denn wenn mir aus Versehen etwas passiert, so könnt' ich's Eurer Lebtage nicht wieder gutmachen. Der Gentleman namens Lorry soll unumwunden antworten.« »Was gibt's!« fragte darauf der Passagier mit leiser, unsicherer Stimme. »Wer will etwas von mir? Ist es Jerry?« »Die Stimme dieses Jerry gefällt mir gar nicht, wenn er wirklich so heißt«, brummte der Wagenlenker vor sich hin. »Der Jerry ist heiserer, als mir lieb ist.« »Ja, Mr. Lorry.« »Was gibt's?« »Man hat mich Euch mit einer Depesche nachgeschickt. Von T. und Co.« »Ich kenne diesen Boten, Schaffner«, sagte Lorry, wieder auf die Straße hinaustretend, wobei ihm die beiden andern Passagiere, die nicht geschwind genug in die Kutsche kommen, den Schlag schließen und das Fenster aufziehen konnten, von hinten her hurtiger, als sich eben mit der Höflichkeit vertrug, Beihülfe leisteten. »Laßt ihn herankommen: es ist nichts Unrechtes.« »Ich will's hoffen, bin aber noch nicht so fest überzeugt davon«, sprach der Wagenlenker rauh vor sich hin. »He, Ihr!« »Nun, was soll's?« entgegnete Jerry, noch heiserer als zuvor. »Reitet im Schritt heran – habt Ihr mich verstanden? Und wenn Ihr an Eurem Sattel Halfter habt, so kommt mir ihnen mit der Hand nicht zu nahe; denn ich habe verteufelt hurtig etwas versehen, und wenn es geschieht, so nimmt es die Form des Bleis an. So, jetzt laßt mich Euch mustern.« Die Gestalt des Reiters kam langsam durch den wirbelnden Nebel gegen die Seite des Postwagens her, wo der Reisende stand. Dann machte der Fremde halt, blickte zu dem Schaffner auf und händigte dem Passagier ein Brieflein ein. Das Roß des Boten schnaubte mächtig, und Mann und Tier waren vom Huf bis zur Hutspitze mit Schmutz bespritzt. »Schaffner«, sagte der Passagier im Tone ruhiger Geschäftszuversicht. Der wachsame Schaffner, der die Rechte am Schaft, die Linke am Lauf seines Musketons hatte und kein Auge von dem Reiter verwandte, antwortete kurz: »Sir!« »Es ist nichts zu befürchten. Ich gehöre zu Tellsons Bank. Ihr müßt Tellsons Bank in London kennen. Ich reise in Geschäftsangelegenheiten nach Paris. Hier ein Krone Trinkgeld. Darf ich dies lesen?« »So macht nur rasch, Sir.« Er trat an die auf seiner Seite brennende Kutschenlaterne, öffnete das Schreiben und las – zuerst für sich, dann laut: »›Wartet in Dover auf Mamsell.‹ Ihr seht, dies ist nicht lang, Schaffner. Jerry, sagt, meine Antwort darauf sei: Ins Leben zurückgerufen. « Jerry richtete sich in seinem Sattel auf. »Das ist eine verwettert kuriose Antwort«, sagte er in seinem heisersten Tone. »Richtet das aus, und man wird daraus ersehen, daß ich den Brief erhalten habe, ohne daß ich Euch eine schriftliche Antwort mitgebe. Jetzt macht, daß Ihr wieder zurückkommt. Gute Nacht.« Mit diesen Worten öffnete der Passagier den Wagenschlag und stieg ein. Diesmal halfen ihm seine Reisegefährten nicht, sondern taten, als ob sie schliefen, nachdem sie zuvor mit aller Behendigkeit Uhren und Börsen in ihren Stiefeln verborgen hatten. Ihr angeblicher Schlummer sollte sie wohl nur vor der Gefahr bewahren, zu einer andern Art von Tätlichkeit Anlaß zu geben. Die Kutsche holperte wieder weiter, und da es jetzt bergab ging, wurde der Nebel immer dichter. Der Wagenführer legte den Musketon wieder in die Truhe, musterte ihren übrigen Inhalt, sah nach den Pistolen, die er noch als Zugabe in seinem Gürtel stecken hatte, und visitierte dann einen kleineren Behälter unter seinem Sitz, in dem sich einige Schmiedegeräte, ein paar Fackeln und eine Zunderbüchse befanden. Er war nämlich mit solcher Sorgfalt ausgestattet worden, um für den hin und wieder vorkommenden Fall, daß die Kutschenlichter vom Sturm ausgeblasen würden, sich einschließen und unter Vermittlung von Stahl und Stein mit leidlicher Sicherheit und Gemächlichkeit, wenn's gut ging, binnen fünf Minuten ein Licht zustande bringen zu können. »Tom!« flüsterte es über das Kutschendach herunter. »He, Joe?« »Habt Ihr gehört, was da ausgerichtet werden soll?« »Ja, Joe.« »Was denkt Ihr Euch dabei, Tom?« »Nichts, Joe.« »Wie das so seltsam zusammentrifft«, sagte der Schaffner vor sich hin. »Mir geht es gerade ebenso.« Sobald Jerry sich in Nacht und Nebel allein sah, stieg er ab, nicht nur, um es seinem Pferd leichter zu machen, sondern auch um sich den Staub aus dem Gesicht zu wischen und aus seinem Hutstulp die angesammelte große Wassermenge zu schütteln. So stand er, die Zügel seines Tieres über den schwer besudelten Ärmel geschlungen, da, bis er von dem weiterrollenden Postwagen nichts mehr hörte und die Nacht wieder mäuschenstill geworden war. Dann wandte er sich, um zu Fuß bergab zu gehen. »Nach dem Galopp von Temple Bar her mag ich mich deinen vier Beinen nicht mehr anvertrauen, alte Mähre, bis ich dich wieder in der Ebene habe«, sagte der heisere Bote, sein Tier betrachtend. »»Ins Leben zurückgerufen«. Das ist eine verteufelt kuriose Botschaft, und du könntest dich nicht auf viele dergleichen einlassen, Jerry. Laß dir sagen, Jerry, du kämest in eine verzweifelt schlechte Karriere, wenn das Ins-Leben-Zurückrufen zur Mode würde.« Drittes Kapitel. Nächtliche Schatten. Es ist eine wunderbare, des Nachdenkens werte Tatsache, daß jedes menschliche Wesen seiner Eigenart nach für andere zu einem tiefen Geheimnis wird. Wenn ich nachts in einer großen Stadt anlange, so erfüllt es mich mit hehren Gedanken, daß jedes von jenen dunkel aufeinander gehäuften Häusern sein eigenes Geheimnis einschließt und jedes klopfende Herz in den Hunderttausenden von menschlichen Wesen irgendeine heimliche, ihm besonders teure Vorstellung birgt. Selbst das Grausen, das uns der Tod einflößt, hat in diesem Umstand seinen Grund. Ich kann nicht mehr in dem mir teuer gewordenen Buche blättern und darf nicht hoffen, es mit der Zeit zu Ende zu lesen. Ich soll nicht mehr schauen in die Tiefen des unergründlichen Wassers, in dem ich, je nachdem es durch augenblickliche Lichter erhellt wurde, manchen weit unter der Oberfläche befindlichen Schatz erschaute. Das Schicksal wollte es, daß das Buch sich schloß und für immer mit einer unlöslichen Klammer versehen ward, nachdem ich kaum eine Seite gelesen hatte. Es war bestimmt, daß das Wasser den starren Banden ewigen Eises verfiel, als das Licht noch auf seiner Oberfläche spielte und ich in ahnungsloser Unwissenheit am Ufer stand. Mein Freund ist tot, mein Nachbar ist tot, meine Liebe, der Schatz meiner Seele, ist tot. Wir haben da die unerbittliche Fortdauer eines Geheimnisses, das stets in jeder Persönlichkeit war und das ich bis zum Ende meines Daseins in die meinige übertragen habe. Und gibt es wohl auf irgendeinem Friedhof dieser Stadt, den ich durchwandle, einen Schläfer, der unerforschlicher wäre, als es mir der innern Persönlichkeit nach ihre rührigen Bewohner sind oder ich es ihnen bin? Was dieses natürliche, unveräußerliche Erbe betrifft, so besaß es der Bote auf seinem Roß ebensogut wie der König, der erste Staatsminister oder der reichste Kaufmann von London. Nicht anders erging es den drei im engen Raum einer holperigen alten Postkutsche eingeschlossenen Passagieren, die sich wechselseitig so vollkommene Geheimnisse waren, als führen sie stundenweit voneinander jeder in einer eigenen sechsspännigen Equipage. Der Bote ritt in leichtem Trab wieder zurück und hielt dabei fleißig vor den Wirtshäusern, um sich einen Trunk zu holen, zeigte aber dabei eine entschiedene Neigung, nicht viel Worte zu verschwenden und den Hutrand über den Augen aufgestülpt zu tragen. Freilich hatte er Augen, denen eine solche Dekoration recht gut stand: denn sie waren dunkel auf der Oberfläche, ohne Tiefe in Form oder Farbe und viel zu nah beieinander, als fürchte jedes, über etwas ertappt zu werden, wenn sie nicht treu zusammenhielten. Sie hatten einen finstern Ausdruck, und der alte Hut saß über ihnen wie ein dreieckiger Spucknapf, während unter ihnen die Flügel der dicken, Kinn und Hals umhüllenden Halsbinde fast bis zu den Knien niederfielen. Wenn er zu einem Trunk haltmachte, drückte er, solange er mit der Rechten sich den Branntwein in die Kehle goß, mit der Linken seine Hülle nieder, zog sie aber, sobald er sich angefeuchtet hatte, augenblicklich wieder in die Höhe. »Nein, Jerry, nein«, fuhr der Bote auf seinem Ritt in dem alten Thema fort, »das wäre nichts für dich, Jerry. Du bist ein ehrlicher Handwerksmann, Jerry, und dies paßt nicht in deinen Kram. Zurückgerufen –! Ei der Kuckuck, man sollte meinen, er sei ein Trinker gewesen.« Der Auftrag verwirrte ihm den Sinn dermaßen, daß er mehrmal den Hut abnehmen mußte, um sich den Kopf zu kratzen. Sein Scheitel war elend kahl; sonst aber hatte er ein steifes schwarzes Haar, das sich überall borstig emporsträubte und fast bis zu seiner stumpfen Nase bergab wuchs. Der Kopf schien aus einer Schlosserwerkstatt zu kommen; denn er sah weit eher einer oben mit Spitzeisen geschirmten Mauer als einem natürlichen Schopf ähnlich, so daß der beste Laubfroschspringer es abgelehnt haben würde, über diesen allergefährlichsten Menschen von der Welt einen Satz zu machen. Während er mit dem Auftrag, den er durch den Wächter im Portierstübchen neben der Haustür von Tellsons Bank bei Temple Bar an die vornehmeren Personen drinnen ausrichten zu lassen hatte, seines Weges trabte, nahmen die Schatten der Nacht für ihn lauter Gestalten an, die aus seiner Botschaft hervorzuquellen schienen, während sie für sein Roß Umrisse gewannen, die aus dessen Privatbesorgnissen entsprangen. Letztere mußten wohl sehr zahlreich sein: denn das Tier scheute vor jedem Schatten am Wege. Wie lange holterte und polterte, rasselte und schulterte der Postwagen mit seinen drei unerforschlichen Personen im Innern auf dem langweiligen Weg dahin! Und wem enthüllten sich die Schatten der Nacht in den Formen, die die schimmernden Augen und die unsteten Gedanken an die Hand gaben? Tellsons Bank kam dabei in dem Postwagen nicht zu kurz. Während der Bankpassagier, den einen Arm durch die Riemenschlinge gezogen, die das ihrige tat, um ihn vor einem Zusammenstoß mit dem Nachbar oder vor einem Wurf in die Ecke zu bewahren, wenn die Kutsche einen besonders schweren Stoß erlitt, mit halbgeschlossenen Augen auf seinem Sitze nickte, wurden für ihn die kleinen Kutschenfenster, die durch dieselben trüb hereinblinkenden Kutschenlichter und der mächtige Reisesack des gegenübersitzenden Passagiers zu einer Bank mit eifrigem Geschäftsbetrieb. Das Rasseln des Pferdegeschirrs war das Geklingel des Geldes, und in fünf Minuten wurden mehr Wechsel bezahlt, als Tellson trotz seiner ausgedehnten in- und ausländischen Geschäftsverbindungen in dreimal soviel Zeit auszuzahlen gewöhnt war. Dann taten sich Tellsons unterirdische feste Räume mit ihren wertvollen Schätzen und Geheimnissen, wie sie dem Passagier bekannt waren – und er wußte nicht wenig davon – vor ihm auf. Er ging, die großen Schlüssel und das matt brennende Licht in der Hand, darunter umher und fand alles so sicher und wohlverwahrt, so still und in Ordnung, wie er es zuletzt gesehen hatte. Aber obschon die Bank unablässig in seiner Phantasie arbeitete und auch der Postwagen ihn stets in unklarer Weise, wie etwa ein Schmerz, wenn man ein Betäubungsmittel genommen hat, an seine Gegenwart erinnerte, so war doch auch noch ein anderer Gedankenstrom vorhanden, der ihm die ganze Nacht hindurch keine Ruhe ließ. Er befand sich auf dem Weg, jemanden aus dem Grabe herauszugraben. Die Schatten der Nacht zeigten ihm allerdings unter der Menge der Gesichter, die sie ihm vorführten, das wahre der begrabenen Person nicht. Dafür aber vergegenwärtigten ihm alle die Umrisse eines Mannes von fünfundvierzig Jahren, die hauptsächlich durch den Ausdruck der Leidenschaften und ihres unheimlichen Wesens sich voneinander unterschieden. Stolz, Verachtung, Trotz, Starrsinn, Unterwürfigkeit und Jammern folgten der Reihe nach. Ebenso der Wechsel in den eingesunkenen, leichenfahlen Wangen und in den abgezehrten Körperformen. Das Gesicht blieb jedoch in der Hauptsache dasselbe, und jeder der Köpfe war vor der Zeit weiß geworden. Wohl hundertmal fragte der schlummernde Reisende dieses Gespenst: »Wie lange schon begraben?« Und jedesmal lautete die Antwort in der gleichen Weise: »Fast achtzehn Jahre.« »Habt Ihr alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?« »Längst.« »Ihr wißt doch, daß Ihr ins Leben zurückgerufen seid?« »So höre ich.« »Ich hoffe, dies hat noch einen Wert für Euch?« »Ich weiß darauf nichts zu sagen.« »Soll ich sie Euch zeigen? Wollt Ihr mich zu ihr begleiten?« Die Antworten auf diese Frage waren verschieden und widersprechend. Bisweilen lautete die gebrochene Erwiderung: »Halt! Es würde mich töten, wenn ich sie zu bald sähe.« Ein andermal wurde sie durch einen milden Tränenregen eingeleitet und klang: »Nehmt mich zu ihr.« Bisweilen folgte auf die Frage ein wirres Glotzen und die Entgegnung: »Ich kenne sie nicht – verstehe Euch nicht.« Unter solchem eingebildeten Zwiegespräch konnte der Passagier in seiner Phantasie graben, graben und graben – jetzt mit einem Spaten, jetzt mit einem großen Schlüssel, oder wohl gar mit den Händen – um das unglückliche Wesen herauszuschaffen. Und war es endlich, Gesicht und Haare mit Erde beklebt, gehoben, so verfiel es plötzlich wieder zu Staub. Der Passagier konnte dann zusammenfahren und das Fenster niederdrücken, um sich durch den Regen und Nebel, die seine Wangen feuchteten, an die Wirklichkeit erinnern zu lassen. Doch selbst wenn seine Augen sich für den Nebel und Regen, für den beweglichen Lichtstreifen auf der Straße und für die stoßweise weiter und weiter zurückweichenden Heckenpartien am Wege auftaten, pflegten die Nachtschatten außerhalb der Kutsche mit dem Gang der Nachtschatten im Innern wieder zusammenzutreffen. Da stand vielleicht das wirkliche Bankhaus bei Temple Bar, das wirkliche Geschäft des abgelaufenen Tages, der feste Kellerraum, der ihm nachgeschickte Eilbote und die Antwort, die er durch ihn zurücksagen ließ. Und mitten aus diesen Bildern trat dann wieder das gespenstige Gesicht hervor, das er abermals anredete: »Wie lange schon begraben?« »Fast achtzehn Jahr.« »Ich hoffe, das Leben hat noch einen Wert für Euch.« »Weiß nicht.« Und er grub, grub, grub immerfort, bis ihn einer der Mitreisenden durch eine ungeduldige Bewegung mahnte, er solle das Fenster wieder aufziehen. Dann legte er seinen Arm aufs neue in die Lederschlinge und machte sich Gedanken über die beiden schlummernden Gestalten, bis zuletzt sein Geist wieder von ihnen abkam und abermals sich in die Bank und zu dem Grabe verirrte. »Wie lange schon begraben?« »Fast achtzehn Jahre.« »Hattet Ihr alle Hoffnung aufgegeben, ausgegraben zu werden?« »Längst.« Diese Worte klangen noch so deutlich in seinen Ohren wie nur irgendein wirklich gesprochenes Wort, als der müde Reisende zu dem Bewußtsein erwachte, daß es Tag und die Schatten der Nacht dahin seien. Er ließ das Fenster nieder und schaute nach der aufgehenden Sonne hinaus. Da war ein Strich umgepflügten Landes und der Pflug noch an derselben Stelle, wo man am Abend zuvor die Pferde ausgespannt hatte, auf dem Acker. Jenseits desselben sah man ein Buschwäldchen, in dem noch viele Blätter von brennendem Rot oder goldigem Gelb an den Zweigen zitterten. Die Erde war kalt und feucht, der Himmel aber klar, und die Sonne erhob sich in ruhiger Pracht. »Achtzehn Jahre!« sagte der Passagier, zu der Sonne aufblickend. »Barmherziger Schöpfer des Tages! Achtzehn Jahre lang lebendig begraben zu sein!« Viertes Kapitel. Die Vorbereitung. Als der Postwagen im Laufe des Vormittags glücklich Dover erreichte, öffnete wie gewöhnlich der Oberkellner des Royal-George-Hotel den Kutschenschlag. Er tat dies mit einem gewissen zeremoniösen Schnörkel; denn im Winter war eine Postreise von London her ein Unternehmen, zu dessen Vollbringung man einen wagehalsigen Reisenden wohl beglückwünschen konnte. Diesmal galt der Glückwunsch nur einem einzigen Passagier; denn die zwei anderen hatten sich unterwegs an ihren Bestimmungsorten absetzen lassen. Das moderige Innere des Wagens mit seinem nassen, schmutzigen Stroh, dem widerlichen Geruch und seiner Dunkelheit nahm sich ungefähr wie ein großer Hundestall aus, während Mr. Lorry, der Passagier, als er sich aus dem Loch und aus den Strohfesseln herausschüttelte, in den dichten, zottigen Umhüllungen, den niederhängenden Hutkrempen und den schmutzbespritzten Beinen den dazu gehörigen Hund vorstellen konnte. »Geht morgen ein Paketschiff nach Calais, Kellner?« »Ja, Sir, wenn das Wetter hält und der Wind sich ordentlich macht. Die Flut wird nachmittags zwei Uhr der Ausfahrt zustatten kommen. Ein Bett, Sir?« »Das werde ich heute nacht nicht brauchen. Doch wünsche ich ein Schlafzimmer zu haben. Schickt mir einen Barbier.« »Und ein Frühstück, Sir? Ja, Sir. Hier hinauf, Sir, wenn's beliebt! Führt den Herrn ins Concord! Den Reisesack des Gentleman und heiß Wasser auf Concord! Zieht im Concord dem Gentleman die Stiefel ab! Ihr werdet ein schönes Seekohlenfeuer finden, Sir! Schickt den Barbier auf Concord! Hurtig da, auf Concord.« Das Concordzimmer wurde immer den Postreisenden angewiesen und ließ in Anbetracht des Umstandes, daß die Postpassagiere vom Kopf bis zu den Füßen eingemummt anzukommen pflegten, die interessante Beobachtung machen, daß nur eine einzige Art von Menschen hineinzugehen schien, während doch die allerverschiedensten wieder herauskamen. Als daher zufällig ein anderer Kellner, zwei Portiers, mehrere Dienstmädchen und die Wirtin an unterschiedlichen Punkten des Weges zwischen dem Concord- und dem Kaffeezimmer einherschlenderten, sahen sie einen Gentleman von etwa sechzig in einem förmlichen, zwar ziemlich verbrauchten, aber doch gut erhaltenen, braunen Anzug mit breiten Ärmelaufschlägen und großen Taschen auftauchen, um unten sein Frühstück einzunehmen. Selbigen Vormittag barg das Kaffeezimmer keinen anderen Gast als den Gentleman in Braun. Der Frühstückstisch war vor den Kamin gerückt, und als der Fremde in der vollen Beleuchtung des Feuers dasaß und der Bedienung harrte, verhielt er sich so regungslos, als sei er im Begriff, sich porträtieren zu lassen. Die Hände auf die Knie gelegt, sah er sehr regelmäßig und exakt aus, und eine laute Uhr tickte in seiner Westentasche eine helltönende Predigt, als wolle sie ihre Würde und ihr hohes Alter zu dem Leichtsinn und der raschen Vergänglichkeit der lodernden Flamme in einen Gegensatz bringen. Er hatte einen hübschen Fuß und war ein bißchen eitel darauf, denn die braunen Strümpfe vom feinsten Gewebe lagen glatt und knapp an, und auch seine Schnallenschuhe nahmen sich trotz ihrer Einfachheit recht sauber aus. Eine flachsfarbige Stutzperücke mit kurzem krausem Haar, das jedoch eher aus Seiden- oder Glasfädchen als aus natürlichen Haaren zu bestehen schien, bedeckte seinen Kopf. Die Leinwand entsprach in Feinheit allerdings nicht den Strümpfen, war aber so weiß wie der Schaum der Wellen, die sich am nahen Ufer brachen, oder wie die von der Sonne beleuchteten Reusenpunkte weit draußen in der See. Ein an Ruhe gewöhntes Gesicht wurde unter der wunderlichen Perücke durch ein Paar feuchte klare Augen erhellt, mit denen ihr Eigentümer wohl manche Not gehabt haben mochte, bis sie im Lauf der Jahre an den zurückhaltenden und abgemessenen Ausdruck von Tellsons Bank gewöhnt waren. Auf seinen Wangen lag ein frisches Rot, und sein furchiges Antlitz trug nur wenige Spuren der Sorge. Nun, vielleicht hatten die unverheirateten Kontoristen in Tellsons Bank hauptsächlich mit den Sorgen anderer Leute, mit Sorgen zweiter Hand zu tun, die wahrscheinlich wie die Kleider aus zweiter Hand schneller ein Ende nehmen. Um das Bild des Mannes, der einem Porträtmaler sitzt, vollständig zu machen, schlummerte Mr. Lorry endlich ein. Die Ankunft des Frühstücks weckte ihn wieder. Als er seinen Stuhl an den Tisch rückte, sagte er zu dem Kellner: »Ich wünsche, daß Ihr Vorbereitungen trefft für die Aufnahme eines jungen Frauenzimmers, das heute noch hier anlangen wird. Sie fragt vielleicht nach Mr. Jarvis Lorry, vielleicht auch einfach nach einem Herrn von Tellsons Bank. Habt die Güte, mich von ihrer Ankunft in Kenntnis zu setzen.« »Ja, Sir. Tellsons Bank in London, Sir?« »Ja.« »Ja, Sir. Die Herren Reisenden dieses Hauses beehren uns auf dem Hin- und Herweg von London nach Paris oft mit ihrem Besuch, Sir. Tellson und Kompanie lassen außerordentlich viel reisen, Sir.« »Ja. Wir sind ebensogut ein französisches wie ein englisches Geschäftshaus.« »Ja, Sir. Ihr selbst aber seid wohl an das Reisen nicht sehr gewöhnt, Sir?« »In letzter Zeit nicht mehr. Es ist schon fünfzehn Jahre her, seit wir – seit ich – meine letzte Reise nach Frankreich machte.« »Wirklich, Sir? Nun, damals war ich noch nicht im Hause; auch mein Chef noch nicht, Sir. Der George befand sich zu jener Zeit in andern Händen, Sir.« »Ich glaube das gern.« »Aber ich wollte eine schöne Wette darauf eingehen, Sir, daß ein Haus wie das von Tellson und Kompanie, ich will nicht sagen vor fünfzehn, sondern schon vor fünfzig Jahren florierte.« »Ihr könnt die Zahl dreifach nehmen und hundertfünfzig sagen, ohne weit gegen die Wahrheit zu verstoßen.« »Wirklich, Sir?« Und Augen und Mund weit aufsperrend, trat der Kellner von dem Tisch zurück, warf seine Serviette vom rechten unter den linken Arm, nahm eine imposante Haltung an und betrachtete den Gast, während dieser aß und trank, wie von einem Wachturm oder einer Sternwarte aus, nach dem stereotypen Brauch der Kellner in allen Jahrhunderten. Nach Beendigung des Frühstücks erhob sich Mr. Lorry, um einen Spaziergang am Ufer zu machen. Die kleine, schmale, winkelige Stadt Dover lag kaum beachtenswert an der Küste hin und verbarg wie eine Art Meeresanemone ihren Kopf in den Kalksteinklippen. Das Gestade war eine Wüste, in der Wasser und Steine sich untereinander tummelten; die See tat, was sie vermochte; und ihr Lieblingsgeschäft war Zerstören. Sie donnerte gegen die Stadt, donnerte gegen die Klippen und hauste wie toll an der Küste. Die Luft um die Häuser her hatte einen so starken Fischgeruch, daß man hätte meinen sollen, kranke Fische brauchten darin eine Luftkur, wie die kranken Menschen im Wasser drunten einer Seekur obzuliegen pflegten. In dem Hafen wurde etwas Fischerei betrieben; doch diente er noch weit mehr müßigen Spaziergängern zum Tummelplatz, die abends, namentlich um die Zeit der Fluthöhe, sich am Anblick des Meeres vergnügen wollten. Kleine Gewerbsleute ohne Geschäft kamen oft auf eine unerklärliche Weise zu großem Vermögen, und es war merkwürdig, daß in der ganzen Nachbarschaft niemand den Lampenanzünder ausstehen konnte. Es wurde Nachmittag, und die Luft, die mitunter so klar gewesen, daß man die französische Küste sehen konnte, füllte sich aufs neue mit Dunst und Nebel. Auch Mr. Lorrys Gedanken schienen sich zu umwölken. Als er nach Einbruch der Dunkelheit neben dem Feuer des Kaffeezimmers saß, und wie am Morgen auf das Frühstück, so jetzt auf das Diner wartete, beschäftigte sich sein Geist emsig mit Graben, Graben und Graben in den glühroten Kohlen. Eine Flasche guten Bordeaux' nach dem Essen konnte einem Kohlengräber bei so heißer Arbeit nicht schaden, indem sie höchstens dazu diente, ihm das Geschäft ein wenig zu verleiden. Mr. Lorry war schon geraume Zeit müßig gewesen und hatte eben mit einer so vollkommen befriedigten Miene, wie man sie nur bei einem ältlichen Gentleman mit frischer Gesichtsfarbe am Schluß einer Flasche finden kann, das letzte Glas voll eingeschenkt, als sich von der engen Straße her das Gerassel eines Wagens vernehmen ließ, der bald darauf in dem Wirtshaushof haltmachte. Er stellte das Glas ungekostet wieder auf den Tisch und sagte zu sich selber: »Dies ist die Mamsell.« Einige Minuten später trat der Kellner ein, um zu melden, daß Miß Manette von London angelangt sei und sich darauf freue, den Gentleman von Tellson zu empfangen.« »So bald?« Miß Manette hatte unterwegs einige Erfrischungen zu sich genommen und brauchte für den Augenblick nichts, brannte aber vor Begier, den Gentleman von Tellson sogleich bei sich zu sehen, wofern es ihm gelegen und nicht unangenehm sei. So blieb dem Gentleman von Tellson keine andere Wahl, als mit einer Miene stummer Verzweiflung sein Glas zu leeren, sein wunderliches Flachsperücklein zurechtzurücken und dem Kellner in Miß Manettes Zimmer zu folgen. Es war ein großes dunkles Gemach mit schwarzen Roßhaarmöbeln und schweren dunkelfarbigen Tischen, so, daß man an eine Trauerparade gemahnt wurde. Man hatte diesen Hausrat so lange geölt und geölt, bis die zwei hohen Lichter der mittleren Tafel auf jedem Tischblatt düster widerstrahlten, als seien sie tief in das schwarze Mahagoniholz eingesenkt und könne kein der Rede wertes Licht von ihnen erlangt werden, bevor sie ausgegraben wären. Es war so dunkel, daß Mr. Lorry, der sich durch den abgenutzten türkischen Bodenteppich leiten ließ, schon glaubte, Miß Jeanette sei für einen Augenblick in das anstoßende Zimmer getreten. Als er aber die zwei hohen Kerzen hinter sich hatte, bemerkte er neben dem Tische zwischen diesem und dem Kamin, zu seinem Empfang bereit, eine junge Dame von nicht mehr als siebzehn in einem Reitkleid, die den Strohreisehut am Bande in der Hand hielt. Seine Augen ruhten auf einer kleinen, schmächtigen, hübschen Figur, einer Fülle goldenen Haars, einem Augenpaar, das dem seinigen mit fragenden Blicken begegnete, und einer Stirn, die die bei solcher Jugend und Glätte befremdliche Eigenschaft besaß, durch Heben und Zusammenziehen der Brauen eine Miene anzunehmen, die nicht gerade ein Ausdruck von Verwirrung, von Staunen, von Unruhe oder auch nur von gespannter Aufmerksamkeit genannt werden konnte, wohl aber etwas von allen diesen vier Eigenarten in sich faßte. Während nun seine Blicke auf diesem Bilde hafteten, fiel ihm plötzlich die lebhafte Ähnlichkeit mit einem Kinde auf, das er bei seiner Fahrt über eben diesen Dover-Kanal bei kaltem Hagelwetter und hochgehender See in den Armen gehabt hatte. Die Erinnerung war jedoch nur flüchtig und einem Hauch auf der Oberfläche des einzigen Pfeilerspiegels ähnlich, auf dessen Rahmen eine Spitalprozession von verkrüppelten und kopflosen schwarzen Genien einer Versammlung von schwarzen weiblichen Gottheiten in schwarzen Körben Früchte vom toten Meer darbrachten. Er machte Miß Manette eine förmliche Verbeugung. »Ich bitte, nehmt Platz, Sir«, begann eine sehr helle und angenehme junge Stimme mit einem ganz leichten Anflug von ausländischem Akzent. »Ich küß' Euch die Hand, Miß«, sagte Mr. Lorry mit den Manieren eines früheren Datums, während er nach einer abermaligen förmlichen Verbeugung seinen Sitz einnahm. »Ich habe gestern von der Bank einen Brief erhalten, der von einer Neuigkeit oder einer Entdeckung spricht –« »Das Wort ist nicht wesentlich. Miß; Ihr könnt es so oder so nennen.« »Das kleine Eigentum meines Vaters betreffend, den ich nie sah und der schon lange tot ist.« Mr. Lorry rückte auf seinem Stuhl und warf einen ängstlichen Blick auf die Spitalprozession der schwarzen Genien. Als ob sie für irgend jemand Hilfe bringen konnten in ihren abgeschmackten Körben! »Es soll dadurch notwendig werden, daß ich nach Paris reise und daselbst gemeinschaftlich handle mit einem Herrn, der ausdrücklich wegen dieser Angelegenheit auch nach Paris geschickt worden sei.« »Der bin ich.« »Das habe ich erwartet, Sir.« Sie machte einen Knix gegen ihn (damals knixten die jungen Frauenzimmer noch), um ihm damit zu verstehen zu geben, daß sie fühle, um wieviel älter und weiser er sei. Und er verbeugte sich abermals. »Ich habe darauf der Bank geantwortet, Sir, wenn meinen sachverständigen freundlichen Beratern meine Reise nach Paris nötig erscheine, so werde ich als eine Waise, die keinen Verwandten hat, der sie begleiten kann, mich glücklich schätzen, diesem Auftrag unter dem Schutz des würdigen Herrn nachzukommen. Der Gentleman hatte zwar London schon verlassen; aber ich glaube, es ist ihm ein Bote nachgeschickt worden mit der Bitte, er möchte die Güte haben, mich hier zu erwarten.« »Ich bin so glücklich gewesen, mit diesem Dienst betraut zu werden«, erwiderte Mr. Lorry. »Und noch glücklicher wird mich seine Ausführung machen.« »Ich danke Euch, danke Euch von ganzem Herzen, Sir. Man hat mir in der Bank gesagt, der Herr werde mir die ganze Angelegenheit auseinandersetzen, und ich müsse mich darauf gefaßt machen, überraschende Dinge zu hören. Ich habe mein Bestes getan, um mich darauf vorzubereiten, und bin natürlich in hohem Grade auf Eure Mitteilungen gespannt.« »Natürlich«, versetzte Mr. Lorry. »Ja – ich –« Nach einer Pause fügte er, die Perücke gegen das Ohr rückend, bei: »Es ist sehr schwer, den Anfang zu finden.« Und so fing er lieber nicht an, begegnete aber in seiner Unschlüssigkeit ihrem Blicke. Die junge Stirn furchte sich zu jenem eigentümlichen Ausdruck, der zwar auffallend, aber doch hübsch und charakteristisch war; dabei erhob sie ihre Hand, als greife sie mit dieser unwillkürlichen Bewegung nach einem flüchtigen Schatten oder wolle ihn festhalten. »Seid Ihr mir ganz fremd, Sir?« »Bin ich's nicht?« Mr. Lorry öffnete seine Hände und streckte sie mit einem beweisführenden Lächeln aus. Die Linie zwischen den Brauen und unmittelbar über dem Mädchennäschen, die so zart und fein wie nur immer möglich war, wurde ausdrucksvoller, als sie nachdenkend sich auf den Stuhl niederließ, neben dem sie bisher gestanden hatte. Er verwandte keinen Blick von dem gedankenvollen Wesen, und sobald sie ihre Augen wieder erhob, fuhr er fort: »Ich vermute, daß ich in Eurem Adoptivvaterland nichts Besseres tun kann, als wenn ich mich gegen Euch wie gegen eine junge englische Lady benehme, Miß Manette?« »Wenn es Euch so beliebt, Sir.« »Miß Manette, ich bin ein Geschäftsmann und als ein solcher beauftragt, ein Geschäft auszurichten. Diesem meinem Auftrag gegenüber braucht Ihr mich nicht anders zu betrachten, als ob ich eine sprechende Maschine sei – in der Tat, ich bin auch kaum etwas anderes. Mit Eurer Erlaubnis, Miß, will ich Euch die Geschichte eines unserer Kunden erzählen.« »Geschichte?« Er schien absichtlich das Wort, das sie wiederholt hatte, mißzuverstehen, indem er hastig fortfuhr: »Ja, eines Kunden. Im Bankgeschäft nennen wir gewöhnlich diejenigen, die mit uns in Geldbeziehungen treten, unsere Kunden. Er war ein Herr aus Frankreich, ein Gelehrter, ein Mann von ausgedehnten Kenntnissen, ein Doktor.« »Nicht aus Beauvais?« »Nun ja, von Beauvais. Gleich Eurem Vater, dem Monsieur Manette, war der Herr aus Beauvais und wie Euer Vater auch in Paris sehr angesehen. Ich hatte die Ehre, ihn dort kennenzulernen. Unsere Beziehungen waren geschäftlicher, aber doch vertraulicher Art. Ich arbeitete damals in unserem französischen Haus und wäre nicht – oh! zwanzig Jahre.« »Damals, Sir – darf ich fragen, was Ihr mit diesem damals meint?« »Ich spreche von der Zeit vor zwanzig Jahren, Miß. Er heiratete – eine englische Dame –, und ich war einer der Administratoren. Seine Angelegenheiten befanden sich wie die vieler französischer Herren und Familien ganz in Tellsons Händen. So bin ich denn oder war ich in der einen oder anderen Weise Güterpfleger für viele unserer Kunden. Dies sind bloß geschäftliche Beziehungen, die mit besonderem Interesse, Gefühl und Freundschaft nichts zu schaffen haben. Ich übernahm im Laufe meines Geschäftslebens bald diesen bald jenen Dienst, geradeso wie ich im Laufe des Geschäftstages von einem unserer Kunden zum anderen übergehe. Kurz, ich habe keine Gefühle – bin eine bloße Maschine. Um fortzufahren –« »Aber Eure Geschichte betrifft wohl meinen Vater, Sir, und ich fange an zu glauben« – die seltsam gefurchte Stirn war ihm mit großer Angelegentlichkeit zugewendet –, »daß Ihr es wart, der mich nach England brachte, als ich nach dem Tod meiner Mutter, die meinen Vater nur um zwei Jahre überlebte, verwaist in der Welt stand. Ja, ich bin fest überzeugt davon.« Mr. Lorry ergriff die zögernde kleine Hand, die sich ihm vertrauensvoll genähert hatte, um die seinige zu ergreifen, und brachte sie mit einiger Förmlichkeit an seine Lippen. Dann führte er die junge Dame wieder nach ihrem Stuhl, stützte seine Linke auf die Lehne und benutzte seine Rechte abwechselnd, um sich das Kinn zu reiben, die Stutzperücke gegen das Ohr zu ziehen oder seinen Worten Nachdruck zu geben, während er auf das achtsam zu ihm aufschauende Gesichtchen niederblickte. »Ja, ich war es, Miß Manette. Und Ihr werdet sehen, wie wahr ich eben von mir selbst gesprochen, als ich sagte, daß ich keine Gefühle habe und meine Beziehungen zu meinen Nebenmenschen bloß geschäftlicher Natur seien, wenn Ihr Euch vergegenwärtigt, daß ich Euch seitdem nie wieder gesehen habe. Nein, Ihr wart von jener Zeit an Tellsons Mündel, und ich hatte in anderen Geschäften des Hauses Tellson zu tun. Gefühle? Dafür finde ich weder Zeit noch Gelegenheit. Ich verbringe mein Leben damit, Miß, daß ich stets eine ungeheure finanzielle Waschanstalt im Gang halte.« Nach dieser eigentümlichen Schilderung seines täglichen Geschäftslebens strich Mr. Lorry mit beiden Händen die flachsfarbige Perücke auf seinem Kopfe glatt (wohl ein unnötiges Bemühen, da ihre glänzende Oberfläche vorher schon nicht glatter hätte sein können) und nahm seine frühere Haltung wieder an. »Wie Ihr bemerkt habt, Miß, paßt die seitherige Geschichte auf Euren bedauerten Vater; jetzt aber kommt der Unterschied. Wenn Euer Vater nicht gestorben wäre, als er – Ihr müßt nicht erschrecken. Warum fahrt Ihr so zusammen?« Sie war wirklich zusammengefahren und faßte jetzt seinen Arm mit ihren beiden Händen. »Ich bitte«, fuhr Mr. Lorry in beschwichtigendem Ton fort, indem er seine Linke von der Stuhllehne entfernte, um sie auf die flehenden Finger zu legen, die mit so heftigem Zittern seinen Arm umfaßt hielten – »ich bitte, bekämpft Eure Aufregung – eine Geschäftssache. Ich wollte sagen –« Ihr Blick brachte ihn dermaßen außer Fassung, daß er innehielt, eine Abschweifung versuchte und dann von neuem anhub. »Ich wollte sagen – wenn Monsieur Manette nicht gestorben, sondern nur plötzlich in aller Stille verschwunden und nach irgendeinem schrecklichen Platze entrückt worden wäre, den man wohl erraten, aber nicht ermitteln konnte; wenn er einen Feind gehabt hätte in einem Landsmann, dem ein Vorrecht zu Gebot stand, von dem zu meiner Zeit auch die kecksten Männer dort über dem Wasser drüben nur mit Flüstern sprachen – die Befugnis zum Beispiel, Förmlichkeiten auszufüllen, die irgend jemand für beliebige Zeit dem Vergessenwerden in einem Gefängnis überantworteten: wenn seine Gattin um Kunde von ihm sich vor König und Königin, Hof und Geistlichkeit in den Staub geworfen hätte, aber alles vergeblich – dann wäre die Geschichte Eures Vaters auch die jenes unglücklichen Mannes, des Doktor von Beauvais gewesen.« »Ich bitte Euch flehentlich, mir alles zu sagen, Sir.« »Es soll geschehen. Ich bin im Begriff. Könnt Ihr es ertragen?« »Ich kann alles ertragen, nur nicht die Ungewißheit, in der Ihr mich schweben laßt.« »Ihr sprecht gefaßt, und Ihr seid es wohl auch. Recht so.« Freilich schien er innerlich weniger befriedigt zu sein, als seine Worte ausdrückten. »Eine Geschäftssache. Betrachtet es als ein Geschäft, das abgetan werden muß. Wohlan, wenn die Frau dieses Doktors trotz ihres hohen Geistes und Mutes um dieses Umstandes willen so sehr gelitten hätte, daß sie noch vor der Geburt ihres Kindes« – »Dieses Kind war eine Tochter, Sir.« »Eine Tochter. Eine – eine – Geschäftsache – laßt Euch nicht beunruhigen, Miß. Wenn die arme Dame so furchtbar gelitten hätte, daß sie vor der Geburt ihres Kindes den Entschluß faßte, dem armen Wesen die Teilnahme an ihren eigenen Qualen zu ersparen, indem sie es in dem Glauben erzog, daß sein Vater tot sei – – Nein, kniet nicht nieder. Um Himmels willen, warum kniet Ihr denn vor mir?« »Die Wahrheit. O mein lieber, guter, mitleidiger Herr, die Wahrheit!« »Eine – eine Geschäftsache. Ihr bringt mich in Verwirrung, und wie kann ich ein Geschäft bereinigen, wenn mein Kopf nicht klar ist? Wir müssen uns zusammennehmen. Wenn Ihr nur so gut sein wolltet, mir zum Beispiel zu sagen, was neunmal neun Pence ausmacht, oder wie viele Schillinge man zu zwanzig Guineen braucht. Das wäre schon ermutigender und würde mich über den Zustand Eures Geistes beruhigen.« Er führte sie sanft nach ihrem Stuhl; hier blieb sie, ohne auf seine Berufung unmittelbar zu antworten, so ruhig sitzen, und ihre Hände, die noch immer seinen Arm umfaßt hielten, zeigten gegen früher eine so augenfällig erhöhte Stetigkeit, daß er wieder ein Herz faßte. »Recht so, recht so. Nur Mut. Geschäft – es handelt sich um ein Geschäft, um ein belangreiches Geschäft. Miß Manette, Eure Mutter hat es in der angeregten Weise mit Euch gehalten. Und als sie starb – ich glaube an gebrochenem Herzen, weil sie nie in dem fruchtlosen Forschen nach Eurem Vater innehielt –, konnte die von ihr zurückgelassene Waise zu einem blühend schönen, glücklichen Wesen heranwachsen, ohne daß die schwere Wolke der Ungewißheit, ob sich die Kräfte Eures Vaters im Kerker früh verzehrten oder eine Reihe von Jahren hinsiechten, Euer Dasein trübte.« Während er diese Worte sprach, blickte er mit mitleidsvoller Bewunderung auf das wallende Goldhaar nieder, als komme es ihm vor, daß es sich bereits mit Grau zu mengen beginne. »Ihr wißt, daß Eure Eltern kein großes Vermögen besaßen, und daß es Eurer Mutter und Euch gesichert worden ist. Etwas Neues, Gold oder sonstiges Eigentum betreffend, kann ich Euch also nicht mitteilen, wohl aber die Kunde –« Er fühlte einen festeren Druck an seinem Handgelenk und hielt darum inne. Der Zug auf ihrer Stirn, der ihm schon so sehr aufgefallen war, hatte den Ausdruck des Schmerzes und Schreckens angenommen. »Daß er – daß er aufgefunden worden ist. Er lebt. Daß er sich sehr verändert hat, ist freilich nur allzu wahrscheinlich; möglich, daß wir nur noch eine Ruine in ihm finden: doch wollen wir das Beste hoffen. Er lebt noch. Man hat Euren Vater nach dem Haus eines alten Dieners in Paris gebracht, und wir sind auf dem Wege zu ihm – ich, um seine Identität zu bestätigen, wenn ich kann. Ihr, um ihm durch Liebe und Kindesdienst das Leben ruhig und behaglich zu machen.« Ein Schauder überströmte ihren Körper und ging von ihr aus auf ihn über. Vernehmlich zwar, aber mit leiser und angstvoller Stimme, als rede sie im Traum, sprach sie: »Ich gehe hin, um seinen Geist zu sehen! Es wird sein Geist sein, nicht er.« Mr. Lorry rieb ruhig die Hände, die seinen Arm festhielten. »So, so. Jetzt wär' es heraus. Von dem Besten und dem Schlimmsten seid Ihr nunmehr unterrichtet. Ihr befindet Euch auf dem Weg zu dem armen, schwer mißhandelten Herrn; noch eine schöne Seereise und eine schöne Landreise, und Ihr werdet an seiner Seite sein.« In demselben Ton, aber noch gedämpfter, fuhr sie fort: »Ich bin frei, ich bin glücklich gewesen; und doch ist mir sein Geist nie nahe gekommen.« »Noch eines«, sagte Mr. Lorry mit Nachdruck, als sehe er darin das beste Mittel, Aufmerksamkeit zu erzwingen; »er ist unter einem andern Namen aufgefunden worden. Sein eigener wurde entweder seitdem stets verheimlicht oder vergessen. Es wäre schlimmer als nutzlos, darüber Nachforschungen anzustellen – schlimmer als nutzlos, ausfindig machen zu wollen, ob er diese lange Reihe von Jahren übersehen oder absichtlich gefangen gehalten wurde. Solche Nachforschungen würden jetzt zu nichts Gutem führen, sondern im Gegenteil gefährlich werden. Besser, man schweigt ganz und gar über die Sache und schafft ihn, jedenfalls für eine Weile, fort aus Frankreich. Sogar ich vermeide es, davon zu reden, obschon mich meine Nationalität sicherstellt, und Tellsons nehmen sich in acht, trotz ihrer Bedeutung für den französischen Kredit. Ich trage keinen Fetzen Papier bei mir, der eine offene Beziehung darauf hätte. Es handelt sich ganz und gar um ein Dienstgeheimnis. Meine Beglaubigungs-, Einführungs- und Empfehlungsbriefe beschränken sich auf die paar Worte: ›Ins Leben zurückgerufen‹, und man kann unter ihnen alles verstehen. Doch was ist das? Sie hört mich nicht! Miß Manette!« Sie saß vollkommen still und unbewegt unter seiner Hand und war nicht einmal gegen die Stuhllehne zurückgesunken, trotz des Zustandes von Bewußtlosigkeit, in dem sie sich befand. Ihre Augen standen offen und waren auf ihn gerichtet: auch schien der vorerwähnte Ausdruck mit dem Meißel oder dem Brandeisen in ihre Stirn eingegraben zu sein. Sie hielt seinen Arm so fest umschlungen, daß er sich, um ihr nicht weh zu tun, scheute, ihre Hände loszumachen, und in dieser Not rief er, ohne sich von der Stelle zu rühren, laut um Hilfe. Eine wild aussehende Weibsperson – Mr. Lorry bemerkte sogar in seiner Aufregung, daß sie selbst bis auf die Haare ganz rot aussah, in eine merkwürdig knapp anliegende Tracht gekleidet war und eine höchst wundersame Haube von der Gestalt eines mächtigen hölzernen Grenadierkübels oder eines großen Stiltoner Käses auf dem Kopf hatte – kam als Vortrab des Wirtshausgesindes in das Zimmer gerannt und erledigte alsbald die Frage seines Gebanntseins an die arme junge Dame damit, daß sie ihm mit sehniger Faust einen Stoß vor die Brust versetzte, demzufolge er gegen die nächste Wand flog. »Das muß wahrhaftig ein Mannsbild sein«, dachte der atemlose Mr. Lorry in seinem Innern, als er den Widerstand der Mauer fühlte. »Was soll eure Gafferei da!« rief die Weibsperson, gegen die Gasthausdienerschaft gewandt. »Warum geht ihr nicht, um das Nötige zu holen, und steht her, um mich anzuglotzen? Ist denn so viel an mir zu sehen, he? Warum bringt ihr mir nichts? Gebt acht, ich mach' euch Beine, wenn nicht rasch Riechsalz, kalt Wasser und Weinessig herkommt. Nun, wird's bald?« Es flog alles auseinander, um die gewünschten Belebungsmittel herbeizuschaffen, nur die Frau legte in der Zwischenzeit die Ohnmächtige sanft auf das Sofa. Sie zeigte dabei viel Geschick und Zartheit, nannte sie ihr »Schätzchen«, ihr »Vögelchen« und streifte mit Sorgfalt und Stolz das goldne Haar aus dem Antlitz der Patientin gegen die Schultern zurück. »Und Ihr, Brauner, da«, sagte sie, entrüstet sich gegen Mr. Lorry umwendend, »konntet Ihr dem armen Kind nicht sagen, was Ihr ihm zu sagen hattet, ohne es auf den Tod zu erschrecken? Schaut sie an mit ihrem hübschen, blassen Gesicht und ihren kalten Händen. Treiben es alle Bankiers so?« Mr. Lorry war von dieser schwer zu beantwortenden Frage so übermäßig betroffen, daß er nur aus der Ferne mit viel schwächerer Sympathie und Zerknirschung zuzuschauen vermochte, während das Mannweib, nachdem es die Hausdienerschaft unter der geheimnisvollen Drohung verbannt hatte, sie etwas nicht namhaft Gemachtes wissen zu lassen, wenn sie gaffend stehenbleibe, ihren Pflegling allmählich zur Besinnung brachte und durch Schmeichelworte bewog, das haltlose Köpfchen auf ihre Schulter zu legen. »Ich hoffe, es macht sich jetzt bei ihr«, sagte Mr. Lorry. »Dann ist jedenfalls Euer brauner Rock unschuldig daran. Mein Herzkäferchen.« »Ich hoffe«, bemerkte Mr. Lorry nach einer abermaligen Pause schwacher Sympathie und Zerknirschtheit, »daß Ihr Miß Manette nach Frankreich begleiten werdet?« »Sehr wahrscheinlich«, versetzte die entschiedene Frau. »Wenn es mir je beschieden gewesen wäre, daß ich über das Salzwasser soll, meint Ihr, die Vorsehung hätte mir dann meine Bestimmung auf meiner Insel angewiesen?« Abermals eine schwer zu beantwortende Frage, weshalb Mr. Jarvis Lorry sich zurückzog, um darüber nachzudenken. Fünftes Kapitel. Die Weinschenke. Ein großes Weinfaß war auf die Straße gefallen und geborsten. Der Unfall hatte sich zugetragen, als man es abladen wollte; man konnte es nicht mehr halten. Durch die Gewalt des Anpralls sprangen die Reifen, und da lag es nun unmittelbar vor der Kellertüre wie eine Nußschale zerschellt auf den Steinen. Wer in der Nähe war, gab seine Arbeit oder seinen Müßiggang auf und eilte nach der Stelle, um von dem Wein etwas abzufangen. Die rauhen, unregelmäßigen Pflastersteine, mit denen die Straße überall belegt war und die ausdrücklich dazu bestimmt zu sein schienen, die Annäherung aller lebenden Wesen zu lähmen, hatten die kostbare Flüssigkeit in kleine Lachen abgedämmt, die nach dem Maßstab ihrer Größe von lärmenden Banden umlagert wurden. Dort knieten einige Männer nieder, machten aus den aneinandergefügten beiden Händen Löffel und schlürften daraus, oder versuchten den Weibern, die sich über ihre Schultern niederbeugten, zu etwas zu verhelfen, ehe der Wein zwischen ihren Fingern durchgelaufen war. Hier brauchten Männer und Weiber alte Topfscherben als Trinknäpfe oder tauchten die Kopftücher der Frauen ein, um sie in den Mund der Kinder auszuwringen. Die einen bauten kleine Schlammdämme, um den entströmenden Wein aufzuhalten, andere stürzten nach der Weisung von Leuten, die von den Fenstern aus zusahen, da und dorthin, um die Bächlein abzuschneiden, die eine neue Richtung einschlagen wollten, und wieder andere hielten sich an die mit Hefe gefärbten Faßdauben, deren vom Wein getränkte Teile sie mit besonderem Hochgenuß beleckten und sogar benagten. Man bedurfte keiner Rinnen, um den Wein abzulassen; aber gleichwohl verschwand er und mit ihm so viel Staub, daß kein Gassenkehrer sauberer hätte fegen können. Während der Dauer dieses Weinspiels tönte helles Gelächter und der Schall fröhlicher Stimmen aus dem Mund von Männern, Weibern und Kindern durch die Straße. Es ging zwar ziemlich roh, aber auch spaßhaft genug her; denn rasch hatte sich geselliges Wesen und die augenfällige Neigung eines jeden, sich dem andern anzuschließen, entwickelt, so daß es namentlich unter den Glücklicheren oder Leichtherzigeren bald zu fröhlichen Umarmungen, wechselseitigen Toasten, Händedrücken und selbst zu lustigen Tänzen kam, zu denen man sich zu Dutzenden vereinigte. Die Demonstrationen hörten übrigens ebenso plötzlich wieder auf, wie sie begonnen hatten, sobald der Wein ausgeschlürft war und die rechenartig arbeitenden Finger jede Stelle, wo er besonders massenhaft gestanden, mit der Zeichnung eines Bratrostes versehen hatten. Der Holzspalter setzte die Säge, die er in dem Scheit hatte stecken lassen, wieder in Bewegung. Die Frau kehrte nach ihrem auf der Türschwelle abgesetzten Aschentopf zurück, mit dem sie an sich selbst oder an ihrem Kinde den Schmerz der durchfrorenen Finger und Zehen zu beschwichtigen versuchte; Männer mit nackten Armen, verfilzten Haaren und leichenfahlen Gesichtern, die aus Kellergeschossen an das winterliche Licht emporgekommen waren, verschwanden wieder in ihren Höhlen, und über den Schauplatz verbreitete sich ein Düster, das ihm weit natürlicher stand als der Sonnenschein. Es war ein Rotwein gewesen und die Stelle, wo er ausgeflossen war, eine enge Straße der Vorstadt Saint Antoine in Paris. Er hatte auch viele Hände, viele Gesichter, manchen nackten Fuß und manchen Holzschuh gefärbt. Die Hände der Holzhacker ließen rote Fingerabdrücke an den Scheiten zurück, und die Stirn des Weibes mit dem Kind war von dem alten Lumpen befleckt, den sie sich wieder um den Kopf gewunden. Diejenigen, die sich an den Faßdauben erlabt hatten, zeigten ein getigertes Untergesicht, und ein auf diese Weise beschmierter, langer Spaßmacher, an dessen Kopfseite eine schmutzige, lange Zipfelmütze niederfiel, malte mit seinen in die trübe Weinhefe getauchten Fingern das Wort Blut an eine Wand. Es sollte eine Zeit kommen, in der auch solcher Wein in den Straßen ausgegossen wurde und sein Rot viele Pflastersteine färbte. Als nun auf Saint Antoine die Wolke wieder lagerte, die ein flüchtiger Sonnenblick von seinem Antlitz verdrängt hatte, trat abermals tiefe Finsternis ein; Kälte, Schmutz, Krankheit und Not waren die Kammerherrn des Heiligen – lauter mächtige Edle, namentlich der letztere. Abgezehrte Fabrikarbeiter standen fröstelnd an den Ecken, gingen in den Häusern aus und ein, schauten aus jedem Fenster und ließen ihre armseligen Fähnlein im Winde flattern. Die Fabrik, in der sie sich so heruntergearbeitet hatten, hatte nichts gemein mit jener fabelhaften Mühle, die alte Leute jung machte, sondern übte gerade die entgegengesetzte Wirkung aus. Die Kinder hatten alte Gesichter und tiefe Stimmen, und auf jedem derselben war mit stets erneuten, tiefen Furchen das Zeichen des Hungers eingegraben. Dies erschien als der vorherrschende Zug. Der Hunger sprach aus den hohen Häusern heraus in den armseligen Linnen, die an den ausgespannten Seilen hingen, und wurde mit Stroh und Lumpen, Holz und Papier in sie hineingeflickt. Hunger bedeutete jeder der kleinen Holzabschnitte, die unter der Säge des Holzhacker fielen. Hunger glotzte aus den rauchlosen Schornsteinen in die Tiefe und schoß aus der schmutzigen Straße auf, in deren Kehricht sich kein Abfall vom Essen befand. Hunger war die Inschrift der Bäckersimse, deutlich ausgedrückt in den kleinen Laiben und dem spärlichen Brotvorrat – die der Wurstläden, lesbar in den Präparaten aus krepierten Hunden, die zum Verkauf ausgeboten wurden. Der Hunger ließ seine dürren Knochen rasseln unter den in der gedrehten Walze röstenden Kastanien und zeigte sein Skelett auf jedem Teller mit schlechten, in einigen Tropfen widerstrebenden Öls gebratenen Kartoffeln. Der Tummelplatz war in jeder Beziehung für ihn passend. Eine enge, krumme Straße voll Unflat und Gestank, die in die andern engen, krummen Straßen einmündete, alle bevölkert von Lumpen und Nachtmützen, alle riechend nach Lumpen und Nachtmützen, und in allen sichtbaren Dingen ein düsteres, brütendes Aussehen zeigend. In den abgezehrten Mienen der Menschen war da und dort noch so eine Art Raubtiergedanke von der Möglichkeit eines Widerstandes zu lesen. Wie gedrückt sie auch dahinschlichen, fehlte es ihnen doch nicht an Augen voll Feuer, an zusammengepreßten Lippen, blaß von dem, was sie unterdrückten, und an Stirnen, gefurcht nach Art des Stricks, den zu erdulden oder zu handhaben ihnen beschieden war. Die Geschäftschilde, deren es fast so viele gab wie Läden, zeigten lauter grauenhafte Schilderungen des Mangels. Der Rindvieh- und der Schweinemetzger hatten nur die magersten Fleischstücke, die Bäcker die kleinsten Laibe rauhen Brotes abbilden lassen. Die abgemalten Gäste in dem Schilde der Weinbuden krächzten in hohläugiger Vertraulichkeit über dem spärlich zugemessenen dünnen Wein oder Bier. Nichts war in einem ordentlichen Zustand dargestellt als das Arbeitsgerät und die Waffen; allerdings, die Messer und Äxte waren scharf, die Schmiedehämmer schwer und die Vorräte des Büchsenmachers mörderisch. Das lahmmachende Pflaster mit seinen vielen kleinen Schlamm- und Wasserpfützen hatte keine Trottoirs, sondern begann unmittelbar vor der Tür. Zur Schadloshaltung lief die Gosse durch die Mitte der Straße – das heißt, wenn sie überhaupt lief, und das geschah nur nach schweren Regengüssen, die dann auch gelegentlich durch ihre exzentrischen Kundgebungen die Häuser füllten. In weiten Zwischenräumen sah man quer über die Straßen je eine einzige schwerfällige Laterne an einem Seil und einem Klobenpfahl aufgehangen, und wenn sie dann nachts von dem Lampenwärter niedergelassen, angezündet und wieder aufgezogen wurde, pendelte über den Köpfen eine weit auseinandergezerrte Reihe von düster brennenden Dochten so krankhaft, als wären sie auf dem Meer. Und so konnte man es auch nennen; sie zitterten auf einem Meer, und Schiff und Mannschaft stand in Sturmesgefahr. Denn es sollte eine Zeit eintreten, in der die hagern Vogelscheuchen jenes Stadtteils in ihrem Müßiggang und Hunger dem Lampenwärter so lang zugesehen hatten, daß ihnen der Gedanke kam, seine Methode zu verbessern und an jenen Seilen und Klobenpfählen Menschen in die Höhe zu ziehen, damit sie grell hineinleuchten möchten in die Nacht ihrer Lage. Aber die Stunde war noch nicht gekommen, und jeder Wind, der über Frankreich hinblies, schüttelte vergeblich die Lumpen der Vogelscheuchen; die Vögel mit ihrem schönen Gesang und Gefieder ließen sich nicht warnen. Der Weinschank war ein Eckhaus von besserem Aussehen als die meisten anderen, und der Besitzer desselben stand in gelber Weste und grünen Beinkleidern vor der Tür und sah dem Kampf um den ausgelaufenen Wein zu. »Geht mich nichts an«, sagte er mit einem schließlichen Achselzucken. »Die Lieferung geschah auf Gefahr des Verkäufers; er mag für eine andere sorgen.« Seine Augen fielen zufällig auf den langen Spaßmacher, als er mit seinem Witz die Wand bekleckste, und er rief ihm über die Straße hinüber zu: »He, Gaspard, was macht Ihr da?« Der Kerl schien in seinem Spaß, wie es bei Leuten seines Schlages gern der Fall ist, große Bedeutung zu sehen, verfehlte aber doch, wie es bei Leuten dieser Gattung gleichfalls oft zutrifft, vollständig seinen Zweck. »Was soll das? Seid Ihr denn fürs Tollhaus reif?« sagte der Weinwirt, über die Straße hinübergehend und den Spaß mit einer Handvoll Gassenkot austilgend, den er aufnahm und darüber hinschmierte. »Warum schreibt Ihr das in offener Straße? Gibt es denn – hört Ihr – gibt es denn keinen andern Platz, um solche Worte hinzuschreiben?« Während dieser Vorstellung ließ er, vielleicht zufällig, vielleicht auch nicht, seine reinlichere Hand in die Richtung von des Spaßmachers Herzen sinken. Dieser klopfte mit seiner eigenen darauf, tat einen hurtigen Sprung in die Höhe und nahm dann die Haltung eines phantastischen Tänzers an, schuppte sich seinen beschmutzten Schuh vom Fuß in die Hand, und streckte ihn aus ... Unter diesen Umständen erschien der Spaßmacher in einer außerordentlich, um nicht zu sagen wolfartig praktischen Rolle. »Zieht ihn nur wieder an, zieht ihn an«, sagte der andere. »Bestellt Wein, Wein, und laßt's dabei bewenden.« Nach diesem Rat wischte er sich ganz bedächtig seine beschmutzte Hand an dem Kleid des Spaßmachers ab, als sei dieser schuld gewesen an der Verunreinigung, kehrte nach seinem Haus zurück und trat in seine Weinstube. Der Wirt war ein stiernackig, martialisch aussehender Mann von dreißig und mußte wohl von sehr hitziger Körperbeschaffenheit sein, da er trotz des bitter kalten Tages seinen Rock nicht auf dem Leib, sondern über die Schultern geschlenkert trug. Seine Hemdärmel waren aufgerollt und seine braunen Arme bis zum Ellbogen nackt. Auch hatte er keine andere Kopfbedeckung als sein kurzgeschnittenes, krauses, schwarzes Haar. Er selbst war ein dunkelfarbiger Mann mit grauen Augen und einer breiten, kühnen Nasenbrücke dazwischen. Im ganzen sah er gutlaunig, dabei aber auch unversöhnlich aus, und Entschiedenheit des Willens und des Entschlusses waren ihm auf die Stirne gezeichnet, Juan mußte sich wohl vorsehen, ihm entgegenzutreten, wenn er eine enge Steige mit einem Abgrund auf jeder Seite hinabstürmte, da diesen Mann nichts zum Ausweichen gebracht haben würde. Als er hereinkam, saß seine Frau, Madame Defarge, hinter dem Zahltisch der Gaststube. Sie war eine stämmige Frau von dem Alter ihres Gatten und hatte ein wachsames Augenpaar, das selten auf etwas hinzuschauen schien. Ihre große Hand war mit schweren Ringen geschmückt, und ihr gesetztes, derbzügiges Gesicht verriet große Selbstbeherrschung. Überhaupt zeigte Madame Defarge etwas so Charakteristisches, daß man von ihr zum voraus sagen konnte, sie mache in den Rechnungen, denen sie vorstand, nicht leicht einen Verstoß zu ihrem Nachteil. Da sie sehr empfindlich gegen Kälte war, hatte sie sich in einen Pelz gehüllt und außerdem ein mächtiges, hellfarbiges Tuch um den Kopf gebunden, das jedoch nicht bis zu den großen Ohrenringen niederreichte. Ihr Strickzeug lag müßig vor ihr, da sie eben mit dem Ausstochern ihrer Zähne beschäftigt war, und in dieser Arbeit mußte ihre linke Hand den rechten Ellenbogen unterstützen. Als ihr Eheherr eintrat, sagte sie nichts, sondern hustete nur ganz leichthin. Dies mit dem Erheben ihrer dunkel gezeichneten Augenbrauen um die Breite einer Linie über ihren Zahnstocher deutete dem Gatten an, daß er gut tun werde, sich im Zimmer nach den Gästen umzusehen, da während seiner kurzen Abwesenheit neue Kundschaft eingetreten sei. Der Weinwirt ließ seine Augen umherschweifen, bis sie auf einem ältlichen Herrn und einem jungen Frauenzimmer, die in einer Ecke saßen, haften blieben. Es war auch andere Gesellschaft da; ein Paar spielte Karten, ein anderes machte eine Dominopartie, und drei standen neben dem Schenktisch und schlürften sparsam den kleinen Rest ihres Weines. Als der Wirt hinter den Tisch trat, fiel ihm auf, daß der ältliche Herr mit einem Blick auf die junge Dame die Worte fallen ließ: »Dies ist unser Mann.« »Was Teufels wollt ihr in dieser Galeere da?« sagte Monsieur Defarge zu sich selbst; »ich kenne euch nicht.« Er stellte sich an, als nehme er keine Notiz von den beiden Fremden, sondern ließ sich mit dem Kundentriumvirat, das neben dem Schenktisch trank, in ein Gespräch ein. »Wie geht es, Jacques?« sagte einer von den dreien zu Monsieur Defarge. »Ist aller ausgeflossener Wein schon versorgt?« »Bis auf den letzten Tropfen, Jacques«, antwortete Monsieur Defarge. Nach diesem Austausch von Taufnamen hustete Madame Defarge, die noch immer ihre Zähne mit dem Stocher bearbeitete, wieder ein klein wenig und zog die Brauen um eine Linie höher. »Es kommt nicht oft vor«, bemerkte der zweite von den dreien gegen Monsieur Defarge, »daß dieser Haufe unglücklichen Viehs Wein oder überhaupt etwas anderes zu kosten kriegt als Schwarzbrot und Tod. Ist es nicht so, Jacques?« »Jawohl, Jacques«, entgegnete Monsieur Defarge. Nach diesem abermaligen Taufnamenaustausch hustete Madame Defarge, die in gründlicher Fassung noch immer ihren Zahnstocher handhabte, abermals ein wenig und erhob die Brauen um die Breite einer weitern Linie. Nun brachte der Letzte von den dreien sein Sprüchlein an, nachdem er zuvor sein leeres Trinkglas schmatzend auf den Tisch niedergesetzt hatte. »Ah, um so schlimmer. Dieses arme Gesindel hat immer einen bitteren Mund und ein saures Leben, Jacques. Hab' ich nicht recht, Jacques?« »Sicherlich, Jacques«, lautete Monsieur Defarges Erwiderung. Dieser dritte Taufnamenaustausch war kaum beendigt, als Madame Defarge ihren Zahnstocher beiseite steckte, die Augenbrauen scharf in die Höhe zog und leicht in ihrem Sitze raschelte. »Halt, da; richtig«, murmelte der Ehemann. »Messieurs, meine Frau.« Die drei Gäste nahmen vor Madame Defarge die Hüte ab und schwenkten sie achtungsvoll. Sie dankte für diese Huldigung durch eine Verbeugung des Kopfes und durch einen raschen Blick, den sie über das Kleeblatt hingleiten ließ. Dann schaute sie sich rasch, als geschehe es nur zufällig, in der Zechstube um und nahm endlich mit dem Anschein großer Ruhe und geistiger Fassung ihr Strickzeug auf, in das sie sich alsbald völlig vertieft hatte. »Meine Herren«, sagte ihr Gatte, der sein helles Auge nicht von ihr verwandte, »guten Tag. Das Zimmer für einen ledigen Herrn, das ihr zu sehen wünschtet und nach dem ihr mich fragtet, eh' ich hinausging, ist im fünften Stock. Die Treppe dazu findet ihr dort links in dem kleinen Hof (er deutete die Richtung mit der Hand an) neben dem Fenster meiner Wirtschaft. Doch ich erinnere mich – einer von euch ist ja schon dagewesen und kann den Weg zeigen. Adieu, meine Herren.« Sie zahlten ihren Wein und entfernten sich. Monsieur Defarges Augen hafteten noch immer auf der strickenden Frau, als der ältliche Herr aus seiner Ecke hervortrat und um geneigtes Gehör bat. »Recht gern, Herr«, versetzte Monsieur Defarge und trat ruhig mit ihm unter die Tür. Ihr Gespräch war sehr kurz, aber auch sehr entschieden. Schon bei den ersten Worten fuhr Monsieur Defarge zusammen und wurde sehr aufmerksam. Er hatte keine Minute zugehört, als er nickte und hinausging. Der Herr winkte dann dem jungen Frauenzimmer und verließ mit ihr gleichfalls das Zimmer. Madame Defarge strickte mit hurtigen Fingern und ruhigen Augenbrauen und sah nichts. Mr. Jarvis Lorry und Miß Manette trafen, sobald sie die Tür der Weinstube hinter sich geschlossen, in der Flur, nach der eben zuvor das Kleeblatt gewiesen worden war, wieder mit Monsieur Defarge zusammen. Die Flur führte zu einem stinkenden, kleinen Hinterhof und war der allgemeine Zugang zu einer ansehnlichen Häusergruppe, die von einer großen Menschenmenge bewohnt wurde. In dem dunkeln, mit Backsteinen gepflasterten Vorplatz zu der finsteren Backsteintreppe ließ sich Monsieur Defarge vor dem Kind seines alten Herrn auf ein Knie nieder und führte ihre Hand an seine Lippen. Die Handlung war zart, wurde aber nichts weniger als zart ausgeführt, und unmittelbar darauf kam eine merkwürdige Veränderung über den Mann. Sein Gesicht zeigte keinen Frohsinn, keine Offenheit mehr und verriet jetzt einen heimlichen, finsteren, gefährlichen Mann. »Es ist sehr hoch und der Zugang etwas beschwerlich. Besser, wir fangen langsam an.« So sprach Monsieur Defarge mit rauher Stimme zu Mr. Lorry, als sie die Treppe hinanzusteigen begannen. »Ist er allein?« flüsterte dieser. »Allein! Gott behüte, wer sollte bei ihm sein?« antwortete der andere ebenso leise. »Er ist also immer einsam?« »Ja.« »Auf sein Verlangen?« »Aus Notwendigkeit. Wie er war, als ich ihn sah, nachdem man mich aufgefunden und befragt hatte, ob ich ihn aufnehmen und auf meine Gefahr hin verschwiegen sein wolle, – wie er damals war, so ist er auch jetzt.« »Wohl sehr verändert?« »Verändert!« Der Wirt hielt an, um mit seiner Hand gegen die Mauer zu schlagen und einen schweren Fluch vor sich hinzumurmeln. Keine unmittelbare Antwort hätte nur halb so nachdrücklich sein können. Mr. Lorry fühlte sich bedrückter und bedrückter, je höher er mit seinen beiden Begleitern hinaufkam. Eine solche Treppe mit ihren Zugaben in den älteren, übervölkerten Stadtteilen von Paris würde schon heutzutage schlimm genug sein, war aber damals für nicht daran gewöhnte und nicht abgehärtete Sinne etwas Abscheuliches. Jede kleine Wohnung innerhalb der großen Kloake eines einzigen hohen Hauses, das heißt jede Stube, jede Räumlichkeit hinter der nach der gemeinsamen Treppe hinausführenden Tür setzte ihren Haufen Unrat, den Rest von dem, was nicht zu den Fenstern hinausgeworfen wurde, auf ihrem Vorplatz ab. Die nicht zu bewältigende, hoffnungslose Masse von Fäulnis, zu der in solcher Weise die Bedingungen gegeben waren, würde die Luft verpestet haben auch ohne die nicht greifbaren Verunreinigungen, die im Gefolge von Armut und Elend auftreten. Beide zusammen aber bildeten ein fast unerträgliches Gemenge. Durch eine solche Atmosphäre und über Haufen giftigen Abfalls führte der Weg. Die Unruhe des eigenen Geistes und die Aufregung des Mädchens, die sich mit jedem Augenblick steigerte, bewogen Mr. Jarvis Lorry zweimal, haltzumachen und auszuruhen. Dies geschah jedesmal vor einem kläglichen Fenstergitter, durch das jedes noch gesund gebliebene Lüftchen zu entweichen und alle verderbten, eklen Dünste einzudringen schienen. Durch die rostigen Eisenstäbe gewahrte man eher durch das Geruch- als durch das Gesichtsorgan die aufeinander hockenden Nachbarhäuser, unter denen, soweit man sehen konnte, nichts auf gesundes Leben und Streben deutete als die beiden hohen Türme der Kirche von Notre-Dame. Endlich war die Höhe der Treppe erreicht, und sie machten zum drittenmal halt. Aber es führte eine steilere und engere Obertreppe noch weiter hinauf, bis man in das Dachgeschoß gelangte. Der Wirt, der immer vorausging und sich auf der Seite hielt, auf der sich Mr. Lorry befand, weil er vielleicht von der jungen Dame befragt zu werden fürchtete, wandte sich hier um, betastete sorgfältig die Taschen des über seinen Rücken hängenden Rockes und nahm einen Schlüssel heraus. »Ist denn die Tür verschlossen, mein Freund?« fragte Mr. Lorry erstaunt. »Ja«, lautete Monsieur Defarges grämliche Antwort. »Ihr haltet es also für nötig, daß der unglückliche Mann so zurückgezogen lebe?« »Ich halte es für nötig, den Schlüssel umzudrehen«, flüsterte ihm Monsieur Defarge mit gerunzelter Stirn ins Ohr. »Warum?« »Warum? Weil er so lang eingesperrt gelebt hat, daß er sich fürchten, rasend werden, sich selbst in Stücke reißen, sterben oder weiß Gott welchen Schaden nehmen würde, wenn ich seine Tür offen ließe.« »Ist es möglich!« rief Mr. Lorry. »Ob es möglich ist?« entgegnete Defarge mit Bitterkeit. »Jawohl. Wir leben in einer sauberen Welt, wo so etwas möglich ist und wo so viele andere Dinge möglich und nicht nur möglich sind, sondern wirklich geschehen – ja, seht Ihr, unter diesem Himmel, jeden Tag wirklich geschehen. Es lebe der Teufel! Laßt uns weitergehen.« Dieses Zwiegespräch war in einem so leisen Geflüster abgehalten worden, daß keine Silbe davon das Ohr der jungen Dame erreichte. Jetzt aber zitterte sie unter einer so gewaltigen Aufregung, und ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck von so tiefer Angst, vor allem aber von Furcht und Schrecken, daß Mr. Lorry sich für verpflichtet hielt, ein paar Worte der Ermutigung an sie zu richten. »Mut, meine teure Miß! Mut! Geschäft! Das Schlimmste wird in einem Augenblick vorüber sein; es ist herum, sobald man die Schwelle überschritten hat. Dann beginnt all das Gute, das Ihr ihm bringt, aller Trost und alles Glück, das Ihr ihm schaffen könnt. Erlaubt unserem guten Freund hier, Euch auf der andern Seite zu unterstützen. Recht so, Freund Defarge. Kommt jetzt. Geschäft, Geschäft!« Sie stiegen langsam und leise vollends hinan. Die Treppe war kurz und das Ende bald erreicht. Da sie jedoch auf dem halben Wege einen Winkel machte, wurden sie plötzlich drei Männer gewahr, die neben der Tür die Köpfe zusammengesteckt hielten und augenscheinlich durch einige Risse oder Löcher der Mauer in das dahinter befindliche Gemach hineinsahen. Die nahen Fußtritte bewogen die drei sich aufzurichten und umzuwenden; es waren die Männer mit dem gleichen Vornamen, die unten Wein getrunken hatten. »In der Überraschung Eures Besuches habe ich sie vergessen«, bemerkte Monsieur Defarge erklärend. »Geht jetzt, meine guten Kinder; wir haben ein Geschäft da.« Die drei glitten vorüber und leise die Treppe hinab. Da sich auf diesem Boden augenscheinlich keine andere Tür befand und der Wirt, sobald sie allein waren, geradewegs auf diese einzige zuging, so fragte ihn Mr. Lorry flüsternd, aber mit einigem Unwillen: »Stellt Ihr denn Monsieur Manette zur Schau aus?« »Ich zeige ihn auf diese Weise, wie Ihr's gesehen habt, einigen wenigen Auserwählten.« »Ist dies recht?« »Ich denke wohl.« »Wer sind die wenigen? Wie wählt Ihr sie?« »Ich sehe dabei auf reelle Männer meines Namens – Jacques ist mein Name –, von denen ich glaube, daß ihnen der Anblick gut tun werde. Genug – Ihr seid ein Engländer; das ist etwas anderes. Habt die Güte, einen Augenblick hier stehenzubleiben.« Mit einer abwehrenden Gebärde beugte er sich nieder und schaute durch den Spalt in der Mauer, erhob den Kopf aber bald wieder und schlug zwei- oder dreimal gegen die Tür, augenscheinlich in keiner andern Absicht, als um Lärm zu machen. Ebenso rasselte er etlichemal mit dem Schlüssel über die Tür hin, ehe er diesen derb in das Schloß stieß und so geräuschvoll wie nur möglich darin umdrehte. Die Tür ging unter seiner Hand langsam nach innen auf. Er sah hinein und sagte etwas. Eine schwache Stimme antwortete darauf. Es konnte beiderseits wenig mehr als eine Silbe gesprochen worden sein. Monsieur Defarge schaute über die Schulter zurück und winkte seinen Begleitern, einzutreten. Mr. Lorry schlang seinen Arm um den Leib seiner Begleiterin und hielt sie fest; denn er fühlte, daß sie ohnmächtig werden wollte. »Ein – ein – ein Geschäft, Geschäft!« drängte er, und auf seiner Wange zeigte sich ein Naß, das jedenfalls dort kein Geschäft hatte. »Kommt mit – kommt!« »Ich fürchte mich«, entgegnete das Mädchen schaudernd. »Vor was?« »Vor ihm – vor meinem Vater.« Durch Miß Manettes Zustand und das Winken des Führers in Verzweiflung gebracht, schlang er den Arm, der auf seiner Schulter zitterte, um seinen Hals, hob sie ein wenig empor und eilte mit ihr in das Gemach; dann setzte er sie unmittelbar hinter der Schwelle wieder ab, ohne die sich an ihn Anklammernde loszulassen. Defarge nahm den Schlüssel wieder heraus, machte die Tür zu und schloß sie von innen ab, dann zog er den Schlüssel ab und behielt ihn in der Hand. Alles dies tat er methodisch und so geräuschvoll wie nur möglich. Endlich ging er gemessenen Schritts durch die Kammer nach dem Fenster hin, wo er haltmachte und sich umwandte. Die Dachkammer hatte ursprünglich die Bestimmung, zur Aufbewahrung von Brennholz und dergleichen zu dienen, und bestand in einem düstern, dunklen Gelaß. Das Fenster im Dach war eigentlich eine Tür mit einem kleinen Kran darüber, um von der Straße aus Vorräte in die Höhe ziehen zu können, hatte keine Scheiben und bestand wie jede andere Tür von französischer Konstruktion aus zwei Flügeln. Um die Kälte abzuwehren, war der eine Flügel fest geschlossen und der andere nur ein wenig geöffnet; durch den schmalen Spalt aber drang das Licht nur so spärlich ein, daß man unmittelbar nach dem Eintreten nichts sehen konnte, und nur lange Gewohnheit vermochte irgend jemand in die Lage zu bringen, bei solcher Beleuchtung eine Arbeit vorzunehmen. Und doch wurde in diesem Dachraume gearbeitet. Den Rücken der Tür und das Gesicht dem Fenster zugewandt, vor dem der Wirt zusehend stand, saß ein weißhaariger Mann auf einer niedrigen Bank. Er hatte den Körper vorwärts gebeugt und machte eifrig Schuhe. Sechstes Kapitel. Der Schuhmacher. »Guten Tag!« sagte Monsieur Defarge, auf den über einen Schuh hingebeugten weißen Kopf niederblickend. Der Kopf richtete sich für einen Augenblick auf, und eine sehr schwache Stimme, als komme sie aus weiter Ferne, antwortete auf den Gruß: »Guten Tag!« »Ich sehe, Ihr seid eifrig beim Geschäft?« Nach einer langen Pause erhob sich der weiße Kopf abermals, und die Stimme versetzte: »Ja – ich arbeite.« Diesmal hatten auch ein Paar hohle Augen den Frager angeblickt, ehe sich das Gesicht wieder senkte. Die Schwäche der Stimme war erschütternd mitleiderregend. Man konnte sie keine körperliche Schwäche nennen, obschon langer Kerker und schlechte Kost ohne Zweifel mit zu den Ursachen gehörten. Ihre bejammernswürdige Eigentümlichkeit bestand in dem Umstand, daß sie eine Frucht der Einsamkeit und des völligen Mangels an Übung war. Die Stimme klang wie das letzte matte Echo eines lange zuvor ins Weite gerufenen Tons und hatte das Leben, den Klang der menschlichen Stimme so ganz und gar verloren, daß sie auf die Sinne den Eindruck einer Farbe machte, die einmal schön war, jetzt aber zu einem matten Fleck verblichen ist. Sie klang so gedämpft und verfallen, daß sie unter dem Boden hervorzukommen schien, und deutete so ausdrucksvoll auf ein hoffnungsloses, verlorenes Wesens, daß der Ton den Hörenden unwillkürlich an einen in der Wüste verirrten, verhungernden Reisenden erinnerte, der der Heimat und seinen Freunden noch ein Lebewohl zuruft, ehe er sich hinlegt, um zu sterben. Einige Minuten stummer Arbeit waren vergangen, und die hohlen Augen hatten wieder aufgeblickt – nicht etwa aus Interesse oder Neugier, sondern vorläufig nur unter dem mechanischen Eindruck, daß die Stelle, wo der einzige zu ihrer Wahrnehmung gekommene Besuch stand, noch nicht leer sei. »Ich möchte etwas mehr Licht einlassen«, sagte Defarge, der seinen Blick nicht von dem Schuhmacher verwandt hatte. »Könnt Ihr ein bißchen mehr Helle vertragen?« Der Schuhmacher hielt in seiner Arbeit inne, schaute mit einer ausdruckslosen Miene des Horchen« bald rechts, bald links von sich auf den Boden und sah endlich zu dem Sprecher auf. »Was habt Ihr gesagt?« »Ob Ihr mehr Helle vertragen könnet?« »Ich muß wohl, wenn Ihr sie hereinlaßt.« Er legte einen blassen Schatten von Nachdruck auf das zweite Wort. Die angelehnte Halbtür wurde ein wenig weiter geöffnet und vorderhand unter diesem Winkel befestigt. Ein breiter Lichtstreifen fiel in die Kammer und beleuchtete den ruhenden Arbeiter mit einem unvollendeten Schuh auf seinem Schoß. Sein Werkzeug und einige Stücke Leder lagen zu seinen Füßen und auf der Bank. Er hatte einen weißen, struppigen, aber nicht sehr langen Bart, ein hageres Gesicht und ungemein helle Augen. Letztere hätten in den tiefen Höhlen, dem welken Zug unter den noch immer dunkeln Augenbrauen und unter dem weißen Haar groß erscheinen müssen, wenn sie auch das Gegenteil gewesen wären. Bei ihrer natürlichen Größe aber hatten sie ein wahrhaft unheimliches Aussehen gewonnen. Das zerfetzte gelbe Hemd ließ die Brust offen und zeigte einen völlig maroden Körper. Er, sein altes Kanevaswams, seine losen Strümpfe und die übrigen Kleiderlumpen waren in der langen Abgeschiedenheit von Licht und Luft zu einem so gleichförmigen Pergamentgelb verblichen, daß man kaum einen Unterschied mehr entdecken konnte. Er hatte seine Hand zwischen seine Augen und das Licht gebracht, und sogar die Knochen schienen durchsichtig zu sein. So saß er mit leerem Blicke da und ließ seine Arbeit ruhen. Er schaute nie auf die Gestalt vor ihm, ohne vorher rechts und links an sich niederzusehen, als habe er die Gewohnheit verlernt, den Ton mit einem Ort in Verbindung zu bringen: auch sprach er nie, ohne sich zuvor in dieser unsteten Weise zu ergehen, die ihn gelegentlich auch das Reden ganz und gar vergessen ließ. »Werdet Ihr wohl heute noch dieses Paar Schuhe fertigbringen?« fragte Defarge, indem er Mr. Lorry winkte, näher zu treten. »Was habt Ihr gesagt?« »Ob Ihr Eure Schuhe heute noch fertigzubringen gedenkt.« »Ich kann nicht sagen, ob ich's imstande bin. Vermutlich. Ich weiß es nicht.« Die Frage erinnerte ihn jedoch an seine Arbeit, und er beugte sich wieder darüber hin. Mr. Lorry trat schweigend vor und ließ die Tochter an der Tür zurück. Er mochte ein paar Minuten neben Defarge gestanden haben, als der Schuhmacher wieder aufschaute. Dieser zeigte kein Erstaunen über das Vorhandensein einer weiteren Person; aber die unsteten Finger seiner einen Hand verirrten sich, während er so aufblickte, zu seinen Lippen, die mit den Nägeln die blasse Bleifarbe teilten. Dann ließ er die Hand wieder auf seine Arbeit sinken und beugte sich abermals über den Schuh. Das Aufsehen und die Gebärde hatte nur einen Augenblick gedauert. »Ihr seht. Ihr habt einen Besuch«, sagte Monsieur Defarge. »Was habt Ihr gesagt?« »Hier ist ein Besuch.« Der Schuhmacher schaute wieder wie zuvor auf, ohne jedoch die Hand von seiner Arbeit zu entfernen. »Gebt her«, sagte Defarge, »Hier ist ein Herr, ein Kenner von guten Schuhen, wenn er welche sieht. Zeigt ihm die Arbeit, die Ihr vor Euch habt. Nehmt, Monsieur.« Mr. Lorry nahm den Schuh in seine Hand. »Sagt dem Herrn, was für ein Schuh dies ist und wer ihn gemacht hat.« Es trat eine mehr als gewöhnlich lange Pause ein, bis der Schuhmacher endlich erwiderte: »Ich vergaß, was Ihr mich fragtet. Was habt Ihr gesagt?« »Ich sagte, ob Ihr nicht Monsieur darüber belehren wollet, was für ein Schuh dies sei.« »Es ist ein Frauenzimmerschuh – ein Schuh zum Ausgehen für eine junge Dame. Ganz nach der gegenwärtigen Mode. Ich kenne zwar die Mode nicht aus eigener Anschauung, habe aber ein Muster in der Hand gehabt.« Er blickte mit einem kleinen Anflug von Stolz auf seinen Schuh. »Und wie heißt der Verfertiger?« fragte Defarge. Da der alte Mann jetzt keine Arbeit zu halten hatte, so legte er zuerst die Knöchel seiner rechten Hand in die hohle Fläche der linken und dann die Knöchel der linken in die Fläche der rechten. Darauf fuhr er mit einer Hand über das bärtige Kinn. Dies trieb er eine Weile in regelmäßiger Abwechslung, ohne auch nur einen Augenblick auszusetzen. Die Aufgabe, ihn aus der Gedankenlosigkeit, in die er nach jeder seiner Reden versank, zu wecken, ließ sich mit den Belebungsversuchen an einem Ohnmächtigen oder mit der Bemühung vergleichen, den Geist eines rasch dahinsterbenden Menschen, von dem man noch eine Enthüllung wünscht, zurückzuhalten. »Habt Ihr mich nach meinem Namen gefragt?« »Jawohl.« »Hundertundfünf, Nordturm.« »Ist dies alles?« »Hundertundfünf, Nordturm.« Mit einem müden Ton, der weder ein Seufzen noch ein Stöhnen war, beugte er sich wieder vor, bis die Stille aufs neue unterbrochen wurde. »Ihr seid kein Schuhmacher von Gewerbe?« sagte Mr. Lorry, ihn fest ansehend. Die hohlen Augen richteten sich auf Defarge, als erwarteten sie von ihm die Beantwortung der Frage; da aber von dieser Seite her keine Hilfe kam, so suchten sie eine Weile den Boden und blieben endlich auf dem Frager haften. »Ob ich ein Schuhmacher von Gewerbe sei? Nein, ich bin es nicht. Ich – ich habe es hier gelernt – aus mir selbst – ohne Lehrmeister. Ich bat um die Erlaubnis, mich –« Er war aufs neue für einige Minuten weg und wiederholte während dieser Zeit die vorhin beschriebenen Gesten. Endlich kehrten seine Augen langsam zu dem Gesicht zurück, von dem sie abgeschweift waren, und ruhten darauf eine Weile, bis er zusammenfuhr und in der Art eines Schlafenden in dem Moment des Erwachens den unterbrochenen Gegenstand wiederaufnahm. »Ich bat um die Erlaubnis, mich unterrichten zu dürfen, und erhielt sie auch lange Zeit nachher mit vieler Mühe. Seitdem habe ich immer Schuhe gemacht.« Als er die Hand nach dem Schuh ausstreckte, der ihm abgenommen worden war, sagte Mr. Lorry, sein Gesicht unverwandt betrachtend: »Monsieur Manette, erinnert Ihr Euch meiner nicht mehr?« Der Schuh sank zu Boden, und der alte Mann starrte den Frager an. »Monsieur Manette«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er seine Hand auf Desarges Arm legte, »erinnert Ihr Euch nicht mehr dieses Mannes? Seht ihn an. Seht mich an. Entsinnt Ihr Euch nicht eines alten Bankiers, eines alten Geschäfts, eines alten Dieners und einer früheren Zeit, Monsieur Manette?« Wahrend der vieljährige Gefangene dasaß und mit seinem starren Blicke bald Mr. Lorry, bald Defarge ansah, drängten sich allmählich in der Mitte der Stirne einige längst verwischte Spuren tätigen Verstandes durch die dichte Nebelhülle. Aber sie traten schnell wieder in den Schatten zurück, wurden schwächer und waren entschwunden. Jedoch sie waren wenigstens dagewesen. Und so genau wiederholte sich der Ausdruck auf dem Antlitz des schönen jungen Wesens, das an der Wand hin nach einer Stelle geschlichen war, von der aus es ihn sehen konnte, und wo es jetzt stand, die Hände anfangs nur in angstvoller Teilnahme, vielleicht wohl gar in der Absicht erhebend, ihn zurückzuhalten oder seinen Anblick auszuschließen, jetzt aber sie gegen ihn ausstreckend, zitternd vor Begier, das gespenstische Gesicht an die warme jungfräuliche Brust zu drücken und es durch Liebe dem Leben und der Hoffnung zurückzugeben – ich sage, der Ausdruck wiederholte sich, obschon in kräftigeren Zügen, so genau auf dem schönen jugendlichen Antlitz, daß es den Anschein gewann, als sei es wie ein bewegliches Licht von ihm auf sie übergegangen. Bei ihm war es wieder dunkel geworden. Er betrachtete die beiden weniger und weniger achtsam. Seine Augen suchten in düsterer Zerstreutheit abermals den Boden und schauten aufs neue in der alten Weise umher. Endlich nahm er mit einem tiefen Seufzer den Schuh auf und arbeitete weiter. »Habt Ihr ihn erkannt, Monsieur?« fragte Defarge flüsternd. »Ja, für einen Augenblick. Anfangs hatte ich keine Hoffnung, aber ein einziger Augenblick zeigte mir unzweifelhaft das Gesicht, das mir früher gut bekannt war. Pst! Wir wollen uns ein wenig zurückziehen. Pst!« Sie war von der Wand der Kammer weg- und der Bank nahegetreten, auf der er saß. Es lag etwas Unheimliches in dem Umstand, daß er, während er mit seiner Arbeit beschäftigt war, so gar keine Ahnung hatte von der Gestalt, die, wenn sie ihre Hand ausstreckte, ihn berühren konnte. Kein Wort wurde gesprochen, kein Laut fiel; sie stand wie ein Gespenst an seiner Seite, und er arbeitete fort. Endlich fügte sich's, daß er das Werkzeug in der Hand weglegen und die Zange nehmen mußte. Sie lag auf der andern Seite, nicht auf der, wo das Mädchen stand. Er hatte sie ergriffen und beugte sich wieder über seine Arbeit hin, als seine Augen den Schoß ihres Kleides bemerkten. Er richtete sich auf und sah ihr Gesicht. Die beiden Zuschauer wollten vorwärts eilen, aber sie winkte ihnen zurück. Sie fürchtete nicht, daß er sie mit der Zange beschädigen könnte; nur ihnen war nicht wohl zumute bei der Sache. Er starrte sie mit einem besorgniserregenden Blick an, und nach einer Weile begannen seine Lippen einige Worte zu bilden, ohne jedoch Laute hervorzubringen. Endlich hörte man ihn während einer der Pausen zwischen seinen raschen und schweren Atemzügen sagen: »Was ist das?« Tränen entströmten ihren Augen, während sie ihre beiden Hände an die Lippen führte und ihm einen Kuß zuwarf. Dann drückte sie die Hände an die Brust, als wolle sie das welke Haupt hier zur Ruhe bringen. »Ihr seid doch nicht des Schließers Tochter?« »Nein«, seufzte das Mädchen. »Wer seid Ihr?« Der Kraft ihrer Stimme noch nicht trauend, setzte sie sich auf der Bank an seine Seite. Er wich zurück, aber sie legte ihre Hand auf seinen Arm. Ein seltsames Gefühl durchschauerte dabei seinen ganzen Körper; er legte sachte das Messer nieder und starrte sie an. Sie hatte ihr goldiges Haar, das sie in langen Locken trug, rasch zurückgestrichen, so daß es über ihren Nacken niederfiel. Er brachte seine Hand allmählich näher und näher, faßte es an und betrachtete es. Dann aber wurde sein Geist plötzlich wieder irre, und er nahm mit einem abermaligen Seufzer aufs neue seine Arbeit auf. Aber nicht für lange. Sie hatte seinen Arm losgelassen und die Hand auf seine Schulter gelegt. Nachdem er zweifelnd zwei- oder dreimal danach hingesehen, als wolle er sich überzeugen, daß sie wirklich daliege, schob er die Arbeit beiseite, griff nach seinem Hals und nahm von demselben eine geschwärzte Schnur, an der ein zusammengelegter Lappen befestigt war. Diesen breitete er sorgfältig auf seinem Knie auseinander und brachte ein kleines Löckchen hervor; es waren nur einige lange, goldige Haare, die er in irgendeiner alten Zeit wohl oft um seinen Finger gewunden hatte. Er nahm ihr Haar wieder in seine Hand und betrachtete es aufmerksam. »Es ist dasselbe. Wie kann dies sein? Wann war es? Wie war es?« Die Furche auf seiner Stirn kehrte zurück, und er schien eines ähnlichen Ausdrucks auf der ihrigen sich bewußt zu werden. Er drehte sich voll gegen das Licht und sah sie an. »Sie hatte ihr Haupt auf meine Schulter gelegt an jenem Abend, als ich hinausgerufen wurde – sie fürchtete sich, als ich ging, obschon ich unbesorgt war –, und als man mich nach dem Nordturm brachte, fand man dies auf meinem Ärmel. ›Ihr laßt sie mir doch? Sie können nichts dazu beitragen, daß ich mich körperlich den Kerkermauern entwinde, obschon sie mich ihnen vielleicht geistig entziehen.‹ Dies waren die Worte, die ich sagte. Ich erinnere mich ihrer recht wohl.« Seine Lippen mußten oftmal ansetzen, bis sie diese Rede hervorbrachten. Nachdem er aber einmal die Worte gefunden hatte, kamen sie zwar langsam, aber doch zusammenhängend zur Äußerung. »Wie war dies? – Bist du's gewesen ?« Abermals wollten die zwei Zuschauer sich ins Mittel legen, da er mit einer beängstigenden Hast sich zu ihr wandte. Sie aber rührte sich nicht unter seiner Hand, sondern sagte nur mit leiser Stimme: »Ich bitte euch, meine guten Herrn, bleibt zurück – sprecht nicht, rührt euch nicht.« »Horch!« rief er. »Wessen Stimme war dies?« Bei diesem Ausruf ließen seine Hände sie los und fuhren nach dem weißen Haar, das sie wahnsinnig zerrauften. Doch auch diese Aufregung erstarb, wie alles in ihm erstorben war, sein Schuhmachen ausgenommen. Er faltete sein Päckchen wieder zusammen und versuchte, es in seiner Brust zu verbergen. Dabei sah er sie fortwährend an und schüttelte düster den Kopf. »Nein, nein, nein: Ihr seid zu jung, zu blühend. Es kann nicht sein. Seht, was aus dem Gefangenen geworden ist. Dies sind nicht die Hände, die sie kannte. Dies Gesicht ist ihr fremd, und eine solche Stimme hat sie nie gehört. Nein, nein. Es sind Menschenalter, seit sie war – seit er war – vor den langsamen Jahren des Nordturms. Wie heißt Ihr, mein zarter Engel?« Den sanfteren Ton, das mildere Wesen mit Freude begrüßend, fiel die Tochter vor ihm auf die Knie nieder und legte bittend ihre Hände auf seine Brust. »Oh, Herr, zu einer andern Zeit sollt Ihr erfahren, wie ich heiße, wer meine Mutter, wer mein Vater war, und wie ich nie etwas von ihrer schmerzlichen Geschichte erfahren habe. Jetzt aber, und hier, kann ich Euch dies nicht sagen. Nur eines jetzt und hier – ich bitte, rührt mich an und segnet mich. Küßt mich, küßt mich! O Himmel! o Himmel!« Sein kalter weißer Kopf kam in Berührung mit ihrem wallenden Haar, das ihn wärmte, als sei es das Licht der Freiheit, das auf ihn niederschien. »Wenn Ihr in meiner Stimme – ich weiß nicht, ob es so ist, aber ich hoffe es – wenn Ihr in meiner Stimme eine Ähnlichkeit mit einer andern erkennt, die früher wie süße Musik in Eurem Ohre klang, so weinet, weinet um sie! Wenn Ihr durch die Berührung meiner Haare an ein geliebtes Haupt erinnert werdet, das an Eurer Brust lag, als Ihr noch jung und frei waret, so weinet, weinet darum. Wenn Euch der Hinweis auf eine Heimat, in der Euch meine treuen Dienste zuteil werden sollen, eine andere ins Gedächtnis ruft, die längst verödet ist, während Euer armes Herz verschmachtete, so weint, weint um sie!« Sie hielt seinen Hals inniger umschlungen und wiegte ihn an ihrer Brust wie ein Kind. »O mein Lieber, Guter, wenn meine Versicherung, daß Euer Jammer vorüber ist und daß ich hierher gekommen bin, um Euch fort, hinüber nach England zu nehmen, wo Ihr Frieden und Ruhe finden werdet – wenn diese Versicherung den Gedanken an Euer zugrunde gerichtetes nützliches Leben und an unser heimatliches Frankreich, das so schändlich an Euch gehandelt hat, in Euch wachruft, so weinet. Und wenn Ihr aus der Nennung meines Namens, aus dem Namen meines noch lebenden Vaters und dem meiner heimgegangenen Mutter erkennt, ich habe kniefällig einen verehrten Vater um Verzeihung zu bitten, weil ich mich nicht für ihn tagtäglich abmühte und um seinetwillen nachts die bittersten Tränen vergoß, weil die Liebe meiner armen Mutter mir seinen schrecklichen Zustand verborgen hatte, so weinet, weinet darüber. Ja, weint um sie – und um mich! Meine guten Herren, Gott sei Dank! Ich fühle diese heiligen Tränen auf meinem Antlitz, und sein Schluchzen schlägt gegen mein Herz. Oh, seht – danket, danket Gott statt unserer.« Wiederfinden von Vater und Tochter. Er war in ihre Arme und sein Haupt an ihre Brust gesunken – ein Anblick, so rührend und doch so schrecklich in dem Gedanken an die vorausgegangenen erschütternden Leiden, daß die beiden Zuschauer das Gesicht verhüllten. Die Stille der Dachkammer erlitt keine Störung, und seine wogende Brust, sein erschütterter Körper hatte längst die Ruhe gefunden, die, ein Sinnbild des Menschenlebens, jedem Sturm folgt. Endlich kamen sie heran, um Vater und Tochter von dem Boden aufzuheben. Er war allmählich hingesunken und lag in der Ohnmacht der Erschöpfung da; sie hatte sich zu ihm niedergeworfen, damit ihr Arm ihm zum Kissen, ihr wallendes Haar zum Schirm gegen das Licht dienen möge. »Man sollte ihn nicht weiter stören«, sagte sie, ihre Hand gegen Mr. Lorry erhebend, als sich dieser nach unterschiedlichen Schneuzversuchen zu ihnen niederbeugte, »sondern alles zur Abreise von Paris in einer Weise vorbereiten, daß man ihn von dieser Tür aus fortnehmen kann.« »Aber bedenkt doch. Wird er eine solche Reise machen können?« fragte Mr. Lorry. »Viel besser, denke ich, als wenn er länger in dieser für ihn so schrecklichen Stadt bleiben müßte.« »Es ist wahr«, sagte Defarge, der neben dem Ohnmächtigen niedergekniet war. »Auch sprechen außerdem alle Gründe dafür, Monsieur Manette aus Frankreich fortzuschaffen. Soll ich einen Wagen und Postpferde bestellen?« »Das ist ein Geschäft«, versetzte Mr. Lorry, der nicht lange brauchte, um sich wieder in sein methodisches Wesen zu finden, »und wo sich's um Geschäfte handelt, bin ich der Mann auf dem Platz.« »Dann seid so gut, uns jetzt allein zu lassen«, drängte Miß Manette. »Ihr seht, wie ruhig er geworden ist, und habt wohl nichts mehr zu fürchten, wenn ich bei ihm bleibe. Warum auch? Wenn ihr die Tür abschließen wollt, um uns vor Störung zu bewahren, so zweifle ich nicht, daß ihr bei eurer Rückkehr ihn ebenso finden werdet, wie ihr ihn verlaßt. Jedenfalls will ich für ihn Sorge tragen, bis ihr wiederkommt, und dann werden wir ihn fortnehmen können.« Sowohl Mr. Lorry als Defarge erhoben Einwände gegen diesen Vorschlag und wollten, daß wenigstens einer von ihnen bei ihr bleiben solle. Aber man hatte nicht nur einen Wagen und Pferde, sondern auch Reisepapiere zu besorgen. Die Zeit drängte, der Tag neigte sich zu Ende, und so kamen sie rasch zu der Übereinkunft, daß sie sich in die nötigen Geschäfte teilen und sich unverweilt an ihre Ausführung machen wollten. Als nun die Dunkelheit einbrach, legte die Tochter an der Seite ihres Vaters das Haupt auf den harten Boden und wachte bei ihm. Es wurde immer dunkler, und sie beide lagen ruhig da, bis ein Lichtstrahl durch die Wundrisse blinkte. Mr. Lorry und Monsieur Defarge hatten alles für die Reise vorbereitet und brachten außer einem Mantel und Schaltüchern auch Brot, Fleisch, Wein und heißen Kaffee mit. Monsieur Defarge stellte den Korb und die Laterne, die er bei sich hatte, auf die Schuhmacherbank – es war sonst außer dem Pritschenbett kein anderes Möbel mehr in der Kammer –, weckte den Gefangenen und half ihm unter Mr. Lorrys Beihilfe auf die Beine. Kein menschlicher Verstand vermochte in der scheuen, leeren Verwunderung des Gesichtes die Geheimnisse seines Geistes zu lesen. Wußte er wohl, was vorgegangen? Erinnerte er sich dessen, was gesprochen worden? Hatte er eine Vorstellung davon, daß er frei war? Diese Fragen war kein Scharfsinn zu lösen imstande. Sie versuchten, mit ihm zu reden. Aber er war so verwirrt und konnte sich so wenig ins Antworten hineinfinden, daß sein Geisteszustand sie erschreckte und sie miteinander übereinkamen, ihn vorläufig nicht weiter zu behelligen. Er fuhr gelegentlich in einer eigentümlich wirren Weise, die man nie zuvor an ihm wahrgenommen, mit den Händen gegen den rasch vorgeschobenen Kopf, schien aber doch schon den bloßen Ton von seiner Tochter Stimme gern zu hören; denn er wandte sich demselben zu, sooft sie sprach. In der unterwürfigen Weise eines Menschen, der durch langen Zwang zu gehorchen gewöhnt ist, aß und trank er, was man ihm vorsetzte, und legte den Mantel und die Schals um, die man ihm gab. Auch ließ er sichs gerne gefallen, daß seine Tochter ihren Arm in den seinigen legte. Er faßte dann ihre Hand mit den seinigen und hielt sie fest. Sie begannen hinabzusteigen. Monsieur Defarge ging mit der Laterne voran, und Mr. Lorry bildete die Nachhut. Sie hatten auf der langen Haupttreppe noch nicht viele Stufen zurückgelegt, als er haltmachte und das Dach und die Wände anstarrte. »Entsinnt Ihr Euch dieses Platzes, Vater? Ihr werdet Euch erinnern, daß Ihr hier heraufgekommen seid.« »Was habt Ihr gesagt?« Aber ehe sie ihre Frage wiederholen konnte, murmelte er eine Antwort, als ob es schon geschehen sei. »Erinnern? Nein, ich erinnere mich nicht. Es ist schon gar so lange her.« Es war klar, daß er nicht wußte, wie er aus seinem Gefängnis in dieses Haus gekommen war. Sie hörten ihn murmeln: »Hundertundfünf, Nordturm«, und wenn er umherschaute, sah er sich augenscheinlich nach den starken Festungsmauern um, die ihn so lange umschlossen hatten. Wie sie im Hof unten anlangten, änderte er instinktartig seinen Tritt in der Erwartung einer Zugbrücke, und als diese nicht kam und er dafür in der Straße draußen den harrenden Wagen sah, ließ er die Hand seiner Tochter fallen und fuhr wieder nach seinem Kopf. Es war kein Gedränge um die Tür. An keinem der vielen Fenster ließ sich ein Menschengesicht blicken, und nicht einmal zufällig kam jemand durch die Straße. Es herrschte eine unnatürliche Stille und Verödung. Nur eine Person war um den Weg – Madame Defarge, die strickend an dem Türpfosten lehnte und nichts sah. Der Gefangene war eingestiegen und seine Tochter ihm gefolgt. Als aber Mr. Lorry nachfolgen wollte, wurde er auf dem Tritt durch eine in kläglichem Ton vorgebrachte Frage angehalten, wo das Schuhmacherwerkzeug und die halbfertigen Schuhe seien, Madame Defarge rief ihrem Gatten zu, daß sie das Vermißte holen wolle, und hatte sich fortstrickend rasch im Dunkel des Hofes verloren, kam aber bald wieder zurück und langte Schuhe und Werkzeug in den Wagen hinein. Dann nahm sie ihren Posten wieder an der Tür, strickte und sah nichts. Defarge lud den Koffer auf und gab das Zeichen: »Nach der Barriere!« Der Postillion knallte mit der Peitsche, und sie rasselten unter den mattblinkenden Straßenlaternen dahin. Unter den Laternen hin – die in den besseren Straßen immer heller und in den schlechteren immer trüber brannten –, an den beleuchteten Läden, fröhlichen Menschenhaufen, lichtstrahlenden Kaffeehäusern und Theatertüren vorbei nach einem der Stadttore. Hier Soldaten mit Laternen vor dem Wachhause. »Eure Papiere, Reisende!« – »Bitte, Herr Offizier«, sagte Defarge, indem er ausstieg und den Mann ernst beiseite nahm, »dies sind die Papiere des weißhaarigen Herrn im Wagen. Man übergab sie mir mit ihm auf dem –« Er dämpfte seine Stimme. Es fand nun ein hastiges Durcheinander unter den militärischen Laternen statt, und eine derselben drang an einem uniformierten Arm in den Wagen, um in dem weißhaarigen Herrn einen Anblick zu enthüllen, dem man nicht jeden Tag oder jede Nacht begegnete. »Es ist gut. Vorwärts!« rief die Uniform. »Adieu! Defarge.« Und so ging es aus dem spärlicher und spärlicher werdenden Geflimmer der Laternen hinaus unter die Unzahl flimmernder Sterne. Unter diesem Gewölbe mit seinen unbeweglichen ewigen Lichtern, von denen manche unserer kleinen Erde so fern sind, daß die Gelehrten uns versichern, es sei zweifelhaft, ob ihre Strahlen überhaupt schon als ein Punkt in dem Raum, in dem so viel Ringen und Leiden stattfindet, entdeckt seien – breiteten sich die Schatten der Nacht weit und dunkel hin. Während der ganzen kalten, ruhelosen Nachtfahrt bis zum dämmernden Morgen trieben sie wieder ihr Spiel mit Mr. Jarvis Lorry, der dem begraben gewesenen und nun ausgegrabenen Manne gegenübersaß, und flüsterten ihm, während er sich Gedanken über die vielleicht auf immer verlorenen und die vielleicht noch zu rettenden Geistesvermögen des Gefangenen machte, die alte Frage zu: »Ich hoffe, es ist Euch lieb, wieder ins Leben zurückgerufen zu sein.« Und die alte Antwort war: »Ich kann es nicht sagen.« Eine Geschichte von zwei Städten. Zweites Buch. Der goldene Faden.   Erstes Kapitel. Fünf Jahre später. Tellsons Bank bei Temple Bar war schon im Jahr eintausendsiebenhundertachtzig ein altmodischer Platz, sehr klein, sehr dunkel, sehr häßlich und sehr unbequem. Man konnte sie aber auch einen altmodischen Platz mit Beziehung auf die moralische Eigentümlichkeit nennen, daß jeder der Geschäftsteilhaber stolz war auf das kleine Gebäude, stolz auf seine Dunkelheit, stolz auf sein garstiges Aussehen und stolz auf seine Unbequemlichkeit. Diese Eigenschaften schienen ihnen sogar hohe Vorzüge zu sein, denn sie lebten der zuversichtlichen Überzeugung, daß die Bank, wenn man weniger an ihr zu tadeln wüßte, auch weniger achtbar wäre. Dies war aber nicht bloß ein passiver Glaube, sondern eine aktive Waffe, die sie gern auf bequemer eingerichtete Geschäftshäuser schleuderten. Tellsons (sagten sie) brauchen keinen überflüssigen Raum, kein Licht, keine Verschönerung. Noakes \& Komp. oder Gebrüder Snooks werden es nötig haben: aber Tellsons? Dem Himmel sei Dank, nein! Jeder von den Geschäftsteilhabern würde seinen Sohn enterbt haben, wenn dieser an einen Umbau von Tellsons gedacht hätte. In der Beziehung erging es dem Hause gerade wie England, das sehr oft seine Söhne enterbte, weil sie Verbesserungen in Gesetzen und Bräuchen beantragten, die nichts weniger als löblich, aber ebendeshalb nur um so achtbarer waren. So war es denn dahin gekommen, daß Tellsons die triumphierende Vervollkommnung der Unbequemlichkeit war. Nachdem man eine blödsinnig hartnäckige Tür knarrend gesprengt hatte, fiel man bei Tellsons ein paar Stufen hinab und kam in einem erbärmlichen Lädchen mit zwei kleinen Zahltischen wieder zur Besinnung, wo in den Händen der ältesten Männer der Wechsel eines Kunden wie im Wind zitterte, solange sie die Unterschrift an den schmutzigsten von allen Fenstern prüften, die von der Fleetstraße aus unter dem Einfluß eines stetigen Schlammregenbades standen und vor den eigenen eisernen Gittern und in dem tiefen Schatten von Temple Bar sich nur um so schmutziger ausnahmen. War jemand genötigt, geschäftehalber mit dem »Haus« zu verkehren, so wurde er an der Hinterseite in eine Art Verbrecherzelle gesteckt, wo er über ein übel zugebrachtes Leben nachdenken konnte, bis das Haus, die Hände in den Taschen, erschien, in dem unheimlichen Zwielicht aber sich kaum erkennen ließ. Die Geldbehälter, die der Ein- oder Auszahlung dienten, bestanden aus alten hölzernen Schubladen, aus denen beim Herausziehen oder Zurückschieben das Wurmmehl einem in Nase und Kehle flog. Die Banknoten hatten einen modrigen Geruch, als seien sie im Begriff, rasch sich wieder in Lumpen zu zersetzen. Das anvertraute Silbergerät wurde unter die übrigen Schutzsafes gestellt und hatte da so eine ungeschliffene Kameradschaft, so daß es schon in einem oder zwei Tagen seine feine Politur verlor. Die Urkunden fanden ein Unterkommen in aus Küchen und Spülplätzen entstandenen Verließen, und ihre Pergamente verloren in der Bankhausluft vor Ärger all ihr Fett. Leichtere Faszikel mit Familienpapieren gingen die Treppe hinauf nach einem Barmakidenzimmer, in dem stets ein großer Speisetisch stand, aber nie etwas zum Speisen gereicht wurde; und es war in dem Jahr eintausendsiebenhundertachtzig noch nicht lange her, daß man die Familienbriefe, die der Engländer statt dem Notar dem Bankier zu übergeben pflegt, von dem Schrecken befreit hatte, durch die Fenster jenes Zimmers von den Köpfen angestarrt zu werden, die man mit der eines Abessiniers oder Aschanti Afrikanische Volksstämme würdigen unsinnigen Roheit auf Temple Bar auszustellen gewohnt war. Doch damals war das Zu-Tode-Bringen ein bei allen Geschäftszweigen und Berufsarten sehr beliebter Prozeß und also auch bei Tellsons. Der Tod ist das Heilmittel gegen alles; warum sollte ihn nicht die Gesetzgebung in dem gleichen Lichte betrachten? Demgemäß traf den Fälscher Todesstrafe, den unrechtmäßigen Eröffner von Briefen Todesstrafe, den armen Schelmen, der vierzig Schillinge und sechs Pence stahl, Todesstrafe, den Burschen, der an Tellsons Tür ein Pferd hielt und sich damit davonmachte, Todesstrafe, den Münzer eines falschen Schillings Todesstrafe; kurz auf drei Vierteln der Noten in der Tonleiter des Verbrechens stand der Tod. Nicht daß dadurch auch nur im mindesten vorbeugend gewirkt worden wäre – man könnte fast eher das Gegenteil behaupten; sondern das summarische Verfahren räumte für diese Welt mit den Angelegenheiten jedes einzelnen Falles auf; und es wurde später nicht nötig, sich weiter damit zu befassen. So waren auch in ihrer Zeit Tellsons gleich andern größeren Geschäftshäusern jener Periode schuld an so vielen Todesurteilen, daß das bißchen Licht des Erdgeschosses wahrscheinlich in einer ziemlich bedeutsamen Weise beeinträchtigt worden wäre, wenn man statt der Einzelabfertigung die um ihretwillen gefallenen Köpfe insgesamt über Temple Bar aufgepflanzt hätte. In alle Arten von dunklen Kästen und Verschlägen eingeengt, führten bei Tellsons die ältesten Männer gravitätisch das Geschäft. Nahmen sie je einmal einen jungen Menschen in Tellsons Londoner Haus auf, so versteckten sie ihn irgendwo, bis er alt war. Sie verwahrten ihn, gleich dem Käse, an einem dunkeln Platz, bis er den vollkommenen Geschmack und Charakter von Tellsons angenommen hatte. Dann erst wurde es ihm gestattet, öffentlich in den Hosen und Gamaschen des Etablissements, über großen Büchern brütend, sich sehen zu lassen. Außen vor Tellsons – aber ja nie innen ohne eine besondere Berufung – sah man regelmäßig einen Aushelfer, bald Pförtner, bald Bote, der als lebendiges Hausschild diente. Er fehlte nie während der Bürostunden, wenn er nicht etwa einen Auftrag zu besorgen hatte, und in diesem Falle wurde er durch seinen Sohn, einen abscheulichen Knirps von zwölf Jahren, der sein getreues Ebenbild war, vertreten. Die Leute waren der Meinung, Tellsons duldeten dieses Anhängsel um der Ehre des Hauses willen, weil man immer eine Person in dieser Eigenschaft geduldet hatte und im Laufe der Zeit die gegenwärtige auf den Posten geschwemmt worden war. Sie hieß Cruncher mit dem Geschlechtsnamen und hatte bei einem jugendlichen Anlaß, als sie durch einen Bevollmächtigten den Werken der Finsternis entsagte, in der östlichen Pfarrkirche von Houndsditch die weitere Benennung Jerry erhalten. Der Schauplatz war Mr. Crunchers Privatwohnung in Hangingsword-Alley, Whitefriars. Die Zeit war halb acht Uhr an einem windigen Märzmorgen Anno Domini Siebzehnhundertachtzig (Mr. Cruncher selbst nannte das Jahr unseres Herrn Anna Domino, augenscheinlich unter dem Eindruck, daß die christliche Zeitrechnung sich von der Erfindung eines beliebten Volksspiels durch eine Dame herschreibe, die diesem ihren Namen beigelegt habe). Mr. Crunchers Wohngelasse lagen in keiner durch gesunde Luft sich empfehlenden Gegend und waren nur zwei an der Zahl, selbst wenn man den mit einer einzigen Glasscheibe versehenen Alkoven mitrechnete. Doch sah es darin sehr anständig aus; denn trotz des windigen frühen Märzmorgens war die Stube, in der er noch zu Bette lag, bereits sauber gefegt, und über den wackligen Tannentisch, auf dem die Frühstückstassen standen, lag ein reinliches Tischtuch gebreitet. Mr. Cruncher ruhte unter einer aus verschiedenfarbigen Fleckchen zusammengesetzten Decke wie ein Harlekin in seinem Heimwesen. Anfangs schlief er tief; aber allmählich begann er im Bett hin und her zu wogen, bis er mit seinem Spießhaar, das die Überzüge in Fetzen zu zerreißen drohte, über die Oberfläche auftauchte. Nachdem er soweit gekommen war, rief er in einem Tone, der grimmige Gereiztheit verriet: »Alle Hagel, ist sie schon wieder dran!« Eine Frauensperson von ordentlichem und emsigem Aussehen erhob sich in einer Ecke von ihren Knien, und zwar mit einer Hast und Ängstlichkeit, die andeutete, daß sie die gemeinte Person sei. »Wie!« rief Mr. Cruncher, aus dem Bett heraus sich nach seinen Stiefeln umsehend, »bist du schon wieder dran, he?« Nachdem er den Morgen mit diesem zweiten Gruß bewillkommt hatte, warf er als dritten der Frau einen Stiefel nach. Es war ein sehr schmutziger Stiefel, und wir können hier eine sonderbare Eigentümlichkeit aus Mr. Crunchers häuslicher Ordnung berühren, daß er nämlich, während er oft nach den Bürostunden mit sauberen Stiefeln nach Hause kam, nicht selten beim Aufstehen dieselben Stiefel beschmutzt fand. »Nun«, rief Mr. Cruncher, nachdem er sein Ziel verfehlt hatte, mit einer Variation in seiner Apostrophe, »was tust du jetzt, du Ekel?« »Ich habe nur mein Gebet gesprochen.« »Gebet gesprochen – du bist mir ein sauberes Weibsstück! Was soll das heißen, daß du hinsackst und Rache gegen mich erbetest?« »Ich habe nicht gegen dich Rache erbetet, sondern für dich gebetet!« »Ist nicht wahr. Und wenn's auch wäre, so braucht man sich mit mir keine solche Freiheit zu nehmen. Hörst du, junger Jerry, deine Mutter ist eine feine Person und geht hin, um gegen deines Vaters Wohlfahrt zu beten. Ja, mein Sohn, du hast eine pflichtgetreue Mutter, du hast eine fromme Mutter, Junge – sie geht hin, sackt auf den Boden hin und betet, daß ihrem einzigen Kinde das Butterbrot aus dem Munde genommen werden möge!« Der junge Herr Cruncher, der im Hemde dastand, nahm dies sehr übel und verbat sich, gegen seine Mutter gewandt, alles auf seine persönliche Verköstigung sich beziehende Gebet. »Und was meinst du, du eingebildetes Weib«, fuhr Mr. Cruncher in nicht geahnter Inkonsequenz fort, »was wohl dein Gebet wert sein mag? Sag', wie hoch schlägst du dein Gebet an?« »Es kommt nur aus dem Herzen, Jerry, und ist nicht mehr wert als dieses.« »Nicht mehr wert als dieses?« wiederholte Mr. Cruncher. »Dann ist's mit seinem Wert nicht weit her. Wie dem übrigens sei, ich erkläre dir, daß nicht gegen mich gebetet werden soll. Ich kann das nicht brauchen für meine Haushaltung und will mich nicht durch deine Schleicherei unglücklich machen lassen. Wenn du einmal hinsacken willst, so tu es für deinen Mann und dein Kind und nicht gegen sie. Hätte ich nicht ein so unnatürliches Weib und dieser arme Knabe eine unnatürliche Mutter, so wär' mir sicherlich in der letzten Woche einiges Geld zugeflossen; statt dessen aber muß ich gegen mich beten, mich unterminieren und auf die schlimmste religiöse Weise zu Grunde richten lassen. Hol' mich der Henker!« sagte Mr. Cruncher, der diese ganze Zeit über mit Anlegen seiner Kleider beschäftigt gewesen war, »wenn ich nicht durch die Frömmigkeit und dies und jenes letzte Woche in so schlimmes Malheur hineingejagt worden bin, wie es nur je einem armen Teufel von einem ehrlichen Geschäftsmann zugestoßen ist! Junger Jerry, zieh dich an, Bursche, und hab' von Zeit zu Zeit, während ich meine Stiefel putze, ein wachsames Auge auf deine Mutter. Merkst du, daß sie wieder niedersacken will, so ruf mir; denn ich sage dir« – dies galt seinem Weibe – »ich leid's nicht, daß man mir immer so kommt. Ich werde so wacklig wie eine Mietkutsche, so schläfrig wie ein Murmeltier, und meine Glieder müssen dran, daß ich, wenn sie mir nicht so weh täten, nicht wüßte, ob sie mir oder jemandem anders gehören; und doch fährt bei alledem mein Portemonnaie nicht besser. Darum glaube ich, du hast von Morgen bis in die Nacht meinen Verdienst gehindert, so daß ich nicht vorwärtskommen kann. Nun, was sagst du jetzt, du Widerspruchsgeist?« Unter weiter dazugefügten knurrenden Phrasen, als da waren: »Ah, ja. Du bist fromm. Du willst nicht gegen die Interessen deines Mannes und Kindes handeln – du natürlich nicht« und unterschiedlichen weiteren Geistesblitzen von dem schnurrenden Schleifstein seiner Entrüstung machte er sich ans Stiefelputzen und an die allgemeinen Vorbereitungen für sein Geschäft. Mittlerweile besorgte sein Sohn, dessen Kopf mit etwas feineren Spießen versehen war, und dessen junge Augen so nahe beieinander standen wie die seines Vaters, die ihm aufgetragene Wache über seine Mutter. Er ängstigte das arme Weib damit, daß er von Zeit zu Zeit aus dem Alkoven, wo er seine Toilette machte, mit dem Ruf herausfuhr: »Wollt Ihr wieder hinsacken, Mutter? – He, Vater!« und dann nach Erregung dieses falschen Lärms mit einem sehr unkindlichen Grinsen wieder hineinstürzte. Mr. Cruncher war nicht in der besten Stimmung, als er sich endlich zum Frühstück niedersetzte. Das Gebet, das Mrs. Cruncher leise vor sich hin sprach, erregte bei ihm besonderen Anstoß. »Nun, Ekel, was tust du? Schon wieder dabei?« Sein Weib entgegnete, daß sie nur einen Segen gesprochen habe. »Das läßt du mir bleiben!« rief Mr. Cruncher, indem er umherschaute, als erwarte er, daß unter der Wirksamkeit von seines Weibes Gebet der Laib vom Tische verschwinden werde. »Ich will nicht von Haus und Herd weggesegnet werden. Das segnet mir am Ende alle meine Lebensmittel vom Tisch. Ruhig also.« Grämlich und mit ungemein roten Augen, als sei er die ganze Nacht auf und in einer Gesellschaft gewesen, in der es nichts weniger als gesellschaftlich zuging, würgte Jerry Cruncher sein Frühstück hinunter und brummte dazu wie nur irgendein vierfüßiger Menagerie-Insasse. Gegen neun Uhr glättete sich sein rauhborstiges Wesen. Er übertünchte sein natürliches Ich, so gut er konnte, mit einem Anstrich von Achtbarkeit und Geschäftseifer und trat seinen Tagesberuf an. Man konnte diesen kaum ein Gewerbe nennen, obschon Mr. Cruncher es liebte, sich selbst als »ehrlichen Geschäftsmann« zu bezeichnen. Sein Geschäftsinventar bestand bloß in einem Schemel, gefertigt aus einem Stuhl, dessen zerbrochene Lehne abgesägt worden, und diesen hatte der junge Jerry jeden Morgen unter das zunächst an Temple Bar grenzende Bankhausfenster zu tragen, wo der Aushelfer mit ein paar Strohwischen als Zugabe, die er einem vorüberfahrenden Fuhrwerk ausraufte und mit denen er die Füße gegen Nässe und Kälte schützte, sein Standquartier aufschlug. Auf diesem seinem Posten war Mr. Cruncher der Fleetstraße und dem Temple so bekannt wie die Bar selbst und sah fast ebenso übel aus. Um drei Viertel auf neun, also noch in guter Zeit, um vor den uralten Männern, wenn sie bei Tellsons eingingen, an den dreieckigen Hut zu greifen, bezog Jerry an jenem windigen Märzmorgen seinen Posten, und der junge Jerry nahm an seiner Seite seinen Stand, wenn er nicht gerade Streifzüge durch das Bar machte, um körperliche und geistige Verletzungen der wehtuendsten Art an vorübergehenden Knaben zu üben, die für seinen liebenswürdigen Zweck klein genug waren. Während Vater und Sohn, mit ihren Köpfen so nahe beieinander, wie bei jedem die Augen standen, schweigend dem Morgentreiben in der Fleetstraße zusahen, nahmen sie sich bei ihrer großen Ähnlichkeit auf und nieder wie ein paar Affen aus. Auch geschah dem Vergleich kein Abtrag durch den Umstand, daß der reife Jerry stets Stroh zerbiß und ausspie, während die zwinkernden Augen des jugendlichen Jerry aufmerksam auf ihm hafteten wie auf irgend etwas in der Fleetstraße. Der Kopf eines regelmäßigen Hausdienstboten von Tellfons Etablissement tauchte durch die Tür auf und entsandte das Schlagwort: »Portier, herein!« »Heda, Vater! Schon ein frühes Geschäft zum Anfang!« Nachdem der junge Jerry seinen Vater auf diese Weise ermutigt hatte, nahm er Platz auf dem Schemel, der in dem von seinem Vater gekauten Stroh ihm anwartschaftliches Interesse bot, und machte sich Gedanken. »Immer rostig! Seine Finger sind immer rostig!« murmelte der junge Jerry. »Wo bringt nur mein Vater all den Eisenrost her? Es gibt doch hier keinen!« Zweites Kapitel. Ein Spektakel. »Ihr seid ohne Zweifel gut in Old Bailey bekannt?« sagte einer der Ältesten im Bankbureau zu Jerry, dem Aushelfer. »Ja, Sir«, entgegnete Jerry brummig, »ich kenne mich aus in der Bailey.« »Recht so. Und Ihr kennt auch Mr. Lorry?« »Den Mr. Lorry, Sir, kenne ich viel besser als die Bailley. Viel besser«, fuhr Jerry in der Art eines unfreiwilligen Zeugen fort, der in der fraglichen Anstalt vernommen wird, »als ich, der ich ein ehrlicher Geschäftsmann bin, mit der Bailey bekannt zu werden wünsche.« »Schön. Sucht die Tür auf, durch die man die Zeugen einläßt, und gebt dem Pförtner dieses Billett an Mr. Lorry. Man wird dann auch Euch einlassen.« »In den Gerichtssaal, Sir?« »In den Gerichtssaal.« Mr. Crunchers Augen schienen noch enger zusammenzurücken und aneinander die Frage zu richten: »Was hältst du davon?« »Muß ich im Gerichtssaal warten, Sir?« Diese Frage schien das Ergebnis der eben genannten Konferenz zu sein. »Das sollt Ihr sogleich erfahren. Der Pförtner wird das Billett Mr. Lorry zufertigen, und Ihr macht Euch Mr. Lorry durch eine Gebärde bemerkbar, damit er weiß, wo Ihr steht. Dann habt Ihr weiter nichts zu tun, als dort zu warten, bis er Euch braucht.« »Sonst nichts, Sir?« Mr. Cruncher sah schweigend zu, wie der alte Kontorist bedächtig daß Billett faltete und es überschrieb. Erst als endlich das Löschpapier zur Verwendung kam, erlaubte er sich die Bemerkung: »Ich denke, man verhandelt diesen Morgen Fälschungen?« »Hochverrat.« »Darauf steht Vierteilen«, sagte Jerry. »Barbarisch!« »So lautet das Gesetz«, entgegnete der alte Kontorist, erstaunt seine Brillengläser auf ihn richtend – »das Gesetz.« »Es ist hart von dem Gesetz, einen Menschen so zuzurichten, denk ich. Es ist schon hart, einem das Leben zu nehmen, aber sehr hart, einen zu zerstückeln, Sir.« »Durchaus nicht«, erwiderte der alte Kontorist. »Sprecht nicht uneben von dem Gesetz. Sorgt für Eure Brust und Eure Stimme, mein guter Freund, und laßt das Gesetz für sich selbst sorgen. Ich rate Euch dies wohlmeinend.« »Es ist die Feuchtigkeit, die meiner Brust und meiner Stimme zusetzt«, sagte Jerry. »Ihr mögt selbst beurteilen, durch was für eine feuchte Hantierung ich meinen Unterhalt erwerben muß.« »Na, schon gut, jeder muß sich auf seine eigene Art durch die Welt bringen. Bei dem einen ist der Weg feucht, beim andern trocken. Hier ist das Schreiben. Macht, daß Ihr weiter kommt.« Jerry nahm das Billett und sagte mit weit weniger innerlicher Unterwürfigkeit, als er nach außen zur Schau stellte, zu sich selbst: »Jawohl, alter Knasterbart.« Dann machte er seinen Bückling, unterrichtete im Vorbeigehen seinen Sohn von dem ihm erteilten Auftrag und ging seines Weges. Man hängte in jenen Tagen die Verbrecher zu Tyburn; die Straße von Newgate hatte also damals noch nicht die traurige Berühmtheit erlangt, die sie jetzt besitzt. Immerhin aber war das Gefängnis ein abscheulicher Platz, an dem Ausschweifungen und Schurkereien fast aller Art geübt und wo schlimme Krankheiten ausgebrütet wurden, die mit den Gefangenen in den Gerichtssaal kamen und bisweilen von dem Verbrecherverschlag aus geradewegs sogar auf den Lord Oberrichter zustürzten und ihn von der Bank herunterrissen. Mehr als einmal war es vorgekommen, daß der Richter in dem schwarzen Käppchen mit dem Urteilspruch über den Gefangenen selbst den Tod in sich aufnahm und sogar noch vor dem letzteren starb. Im übrigen stand die alte Bailey weit und breit im Rufe als eine Art Totenwirtshaus, von dessen Hof her man unaufhörlich bleiche Reisende auf Karren die Fahrt in die andere Welt antreten sah. Sie war ferner berühmt wegen des Prangers, einer weisen Einrichtung, die eine Strafe auferlegte, deren Ausdehnung niemand voraussehen konnte– wegen des Stäupepfahls, einer andern alten, lieben Einrichtung, deren Wirksamkeit einen recht humanisierenden, beruhigenden Eindruck übte –, und endlich wegen ausgedehnter Verhandlungen in Blutgeld, eines weiteren Bruchstücks von der Weisheit unserer Vorfahren, das systematisch Anlaß zu den schrecklichsten wohlfeilen Verbrechen gab, die unter der Sonne begangen wurden. Mit einem Wort, das Old Bailey jener Zelt war eine bündige Veranschaulichung des Grundsatzes, daß, was immer ist, auch recht ist – eine faule Lehre, die freilich schnell mit allem fertig wird, leider aber auch die unbequeme Konsequenz in sich faßt, daß von allem je Gewesenen nichts unrecht gewesen sei. Der Bote bahnte sich einen Weg durch die unsaubere Menge, die sich in Gruppen um diesen unheimlichen Platz gesammelt hatte, mit dem Geschick eines Mannes, der sicher zu gehen gewohnt ist, fand bald die Tür, die er suchte, auf und bot sein Billett durch eine Falle hinein. Denn damals mußten die Leute ebensogut zahlen, wenn sie das Spiel in Old Bailey, wie wenn sie das in Bedlam sehen wollten, nur mit dem Unterschied, daß das erstere viel höher zu stehen kam. Deshalb waren auch alle Türen von Old Bailey wohl gehütet, natürlich die menschenfreundlichen Türen ausgenommen, durch die die Verbrecher hineinkamen, und die immer weit offen standen. Nach einigem Verzug knarrte die Tür ärgerlich in ihren Angeln, ging aber nur so weit auf, daß sich Mr. Jerry Cruncher mit knapper Not in den Gerichtssaal hineinzwängen konnte. »Was geht vor?« fragte er flüsternd seinen Nachbar. »Noch nichts.« »Was kommt?« »Der Hochverratsfall.« »Bei dem sich's ums Vierteilen handelt, he?« »Ja«, entgegnete der Nachbar im Vorgenuß der Szene; »er wird auf einer Schleife hinausgeführt und halb gehenkt; dann nimmt man ihn wieder herunter, läßt ihn zusehen, wie man ihm den Bauch aufschlitzt, seine Eingeweide herausnimmt und sie verbrennt, schlägt ihm dann den Kopf ab und zerhackt seinen Leib in vier Stücke. So lautet das Urteil.« »Wenn er schuldig erfunden wird, wollt Ihr sagen«, bemerkte Jerry verklausulierend. »Oh, sie sprechen ihn schon schuldig«, versetzte der Nachbar. »Dies darf Euch keine Sorge machen!« Mr. Crunchers Aufmerksamkeit wurde jetzt durch den Portier in Anspruch genommen, den er mit dem Billett in der Hand auf Mr. Lorry zugehen sah. Letzterer saß an einem Tisch unter Herren in Perücken, nicht weit von einem beperückten Gentleman, dem Anwalt des Gefangenen, der einen großen Aktenstoß vor sich hatte, und fast unmittelbar einem anderen beperückten Herrn gegenüber, dessen ganze Geistestätigkeit, Mr. Cruncher mochte ihn ansehen, sooft er wollte, von der Decke des Gerichtssaales in Anspruch genommen zu werden schien. Es gelang Jerry, durch einige rauhe Hustenstöße, durch das Reiben seines Kinns und durch Winke mit der Hand die Aufmerksamkeit Mr. Lorrys auf sich zu ziehen, der aufgestanden war, um sich nach ihm umzusehen, seine Zeichen kopfnickend erwiderte und dann wieder Platz nahm. »Was hat denn der mit dem Fall zu schaffen?« fragte der Mann, mit dem er früher gesprochen hatte. »Will des Henkers sein, wenn ich's weiß.« Das Eintreten des Richters und das darauf folgende Geräusch, bis das Gerichtspersonal wieder Platz genommen, unterbrach dieses Zwiegespräch. Fortan wurde der Gefangenenverschlag der Hauptanziehungspunkt. Zwei Gefängniswärter, die dort gestanden hatten, gingen hinaus, führten den Angeklagten herein und stellten ihn vor die Gerichtsschranke. Alle Anwesenden, mit Ausnahme des beperückten Herrn, der die Saaldecke betrachtete, starrten ihn mit großen Augen an. Jeder menschliche Atem in dem Raume wogte ihm wie ein Meer, ein Wind oder ein Feuer zu. Begierige Gesichter drängten sich um Säulen und Ecken, um seiner ansichtig zu werden; Zuschauer in den hinteren Reihen standen auf, um ja kein Haar von ihm zu verlieren. Leute in dem Parterre des Saals legten ihre Hände auf die Schultern ihrer Vordermänner, um sich auf irgend jemandes Kosten zu dem Anblick zu verhelfen; man stand auf den Zehen, suchte die Unterstützung von Leisten und stemmte sich sogar in die Höhe, um jeden Zoll von ihm zu sehen. Unter den letzteren stand Jerry wie ein lebendiges Stückchen von der mit Spitzeisen bewaffneten Newgate-Mauer und strömte in die Richtung des Gefangenen (er hatte nämlich im Herweg seinen Schnabel angefeuchtet) seinen Bieratem aus, auf daß er Bekanntschaft mache mit den wogenden Dünsten anderen Biers, Branntweins, Tees, Kaffees und so weiter, die dem Gegenstand des gemeinsamen Interesses zufluteten und an den großen Fenstern hinter ihm sich in der Form eines unreinen Nebels und Regens brachen. Der Zielpunkt alles dieses Gaffens und Starrens war ein wohlgewachsener, gutaussehender junger Mann von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, mit sonnverbrannten Wangen und dunklen Augen, der den besseren Ständen angehörte. Er war einfach in Schwarz oder Dunkelgrau gekleidet, und sein dunkles Haar wurde mehr um der Bequemlichkeit als um der Zierde willen an der Hinterseite seines Kopfes durch ein Band zusammengehalten. Wie eine Erregung des Geistes sich durch jede Hülle des Körpers bemerklich macht, so erkannte man die Blässe, die seiner Lage natürlich war, durch das Braun der Wange, zum Beweis, daß die Seele kräftiger ist als die Sonne. Im übrigen zeigte er eine vollkommene Fassung: er verbeugte sich gegen den Richter und blieb ruhig stehen. Das Interesse, mit dem dieser junge Mann angegafft und angeatmet wurde, gereichte der Menschheit nicht eben zur Ehre. Wäre er nicht von einem so schrecklichen Urteil bedroht worden und wäre die Aussicht vorhanden gewesen, daß er mit einem oder dem andern Teil des grausamen Verfahrens verschont bleiben könnte, so hätte seine Persönlichkeit bedeutend an Reiz verloren. Die Gestalt, die so schändlich zerstückt werden sollte, war eine Augenweide, das unsterbliche Geschöpf, dem eine so entsetzliche Schlachtbank bevorstand, ein Kitzel für die Empfindung. Welchen Anstrich auch die verschiedenen Zuschauer nach Maßgabe der Kraft und Kunst ihrer Selbsttäuschung ihrem Interesse an dem Schauspiel beilegen mochten, seiner Grundwesenheit nach war es blutdürstig. Stille im Gerichtssaal! Charles Darnay hatte sich für »Nicht schuldig« gegen eine Anklage erklärt, die ihm unter endlosem Geklingel und Geklapper zur Last legte, er sei ein falscher Verräter gegen unseren durchlauchtigsten, hochmächtigsten, erhabenen und so fort Fürsten, unsern Herrn, den König, weil er bei verschiedenen Gelegenheiten und auf unterschiedliche Weise dem französischen König Ludwig Beistand geleistet habe in seinen Kriegen und so fort; und zwar durch Ab- und Zugehen zwischen den Domänen unseres besagten, hochmächtigsten, erhabenen und so fort und denen des besagten französischen Ludwig in der boshaften, falschen, verräterischen und anderweitig hochverdächtigen Absicht, dem besagten französischen Ludwig zu enthüllen, welche Streitkräfte unser besagter, durchlauchtigster, hochmächtigster, erhabener und so fort nach Kanada und Nordamerika zu senden sich anschicke. So viel wenigstens fand Jerry, dessen Kopf unter den juridischen Ausdrücken immer spießiger wurde, mit großer Selbstbefriedigung heraus, wie er denn auch auf Umwegen zu dem Verständnis kam, daß der vorbesagte und aber- und abermal vorbesagte Charles Darnay hier vor Gericht stand, daß die Jury beeidigt wurde und daß der Herr Staatsanwalt sich anschickte, seinen Vortrag zu halten. Der Angeschuldigte wußte recht wohl, daß er von jedem der Anwesenden im Geiste bereits als gehangen, enthauptet und gevierteilt betrachtet wurde. Trotzdem zagte er nicht vor seiner Lage und nahm ebensowenig ein theatralisches Wesen an. Er verhielt sich ruhig und aufmerksam, folgte dem Gang der Verhandlungen mit ernster Teilnahme und stand, die Hände auf den Sims seines Verschlags gestützt, so gefaßt da, daß auch nicht ein Blättchen von den darauf liegenden Kräutern verrückt wurde. Durch den ganzen Gerichtssaal waren dergleichen medizinische Pflanzen, die man noch obendrein mit Essig besprengt hatte, als Vorbeugungsmittel gegen Gefängnisluft und Nervenfieber ausgestreut. Zu den Häupten des Gefangenen befand sich ein Spiegel, der das Licht auf ihn niederwarf. Scharen von Unglücklichen und Verworfenen haben sich schon darin bespiegelt und sind ebenso von seiner Fläche weg wie überhaupt von der Erde verschwunden. Das Dock müßte zum entsetzlichsten Spukplatz werden, wenn jener Spiegel je die in ihm reflektierten Gestalten nach Art des Meeres, das eines Tages seine Toten wieder ausfolgen wird, wieder zurückgeben könnte. Ein flüchtiger Gedanke an die Schmach und Entehrung, die durch die künstliche Bestrahlung beabsichtigt wurde, schien dem Angeklagten durch den Sinn zu gehen; denn als er bei einer zufälligen Veränderung seiner Stellung den Lichtschein über sich bemerkte, überflog beim Aufschauen sein Antlitz ein tiefes Rot, und seine Rechte schob die Kräuter beiseite. Bei dieser Bewegung drehte sich sein Gesicht zufällig nach links. Ungefähr in gleicher Höhe mit seinen Augen saßen in dem Winkel der Gerichtsbank zwei Personen, auf denen sein Auge alsbald haften blieb. Dies geschah so plötzlich und mit einer so merklichen Veränderung in seinem Wesen, daß alle bisher ihm zugewandten Blicke ihm jetzt in dieser Richtung folgten. Die Zuschauer entdeckten in den beiden Personen ein junges Frauenzimmer von wenig mehr als zwanzig und einen Herrn, der unverkennbar ihr Vater war. Dieser fiel namentlich auf durch das schneeige Weiß seiner Haare und durch einen gewissen unbeschreiblichen Ausdruck von Spannung in seinem Gesicht, der weniger einem tatkräftigen Affekt, als einem in sich gekehrten Brüten zu entstammen schien. Wenn dieser Ausdruck auf ihm lagerte, so sah er sehr alt aus; wich er aber für einige Augenblicke, wie dies zum Beispiel eben jetzt geschah, als er mit seiner Tochter sprach, so zeigte er sich als einen schönen, noch in der Vollkraft des Lebens stehenden Mann. Die neben ihm sitzende Tochter hatte ihre eine Hand in seinen gebogenen Arm und die andere auf die Rückenfläche dieses Armes gelegt, auch aus Furcht vor dem bevorstehenden Auftritt und in ihrem Mitleid für den Gefangenen sich dicht an ihn angeschmiegt. Auf ihrer Stirn sprach sich ein unnennbarer Schmerz und eine Teilnahme aus, die für nichts weiter einen Sinn hatte als für die Gefahr des Gefangenen. Diese Züge taten sich so mächtig und naturgetreu kund, daß die Gaffer, die kein Mitleid für den Angeklagten hatten, doch für sie einiges empfanden, und das Geflüster ging im Kreise herum: »Wer sind sie?« Jerry, der Aushelfer, der sich nach seiner Art seine Gedanken gemacht und dabei eifrig den Rost von seinen Fingern gesaugt hatte, streckte seinen Hals aus, um zu hören, wer sie wären. Das Gedränge um ihn her hatte durch Weitergeben die Frage allmählich bis zu dem nächsten Gerichtsdiener gebracht, und in derselben Wellenbewegung war die Antwort langsam zurückgekommen, bis sie endlich auch an Jerry gelangte: »Zeugen.« »Für welche Partei?« »Gegen.« »Gegen wen?« »Gegen den Gefangenen.« Der Richter hatte seine Blicke die allgemeine Richtung einschlagen lassen, jetzt aber wieder zurückgerufen; er machte sich breit in seinem Sitz und sah ständig auf den Mann hin, dessen Leben in seiner Hand lag, während der Staatsanwalt sich erhob, um den Strick zu drehen, das Beil zu schleifen und die Nägel in das Schafott zu hämmern. Drittes Kapitel. Eine getäuschte Erwartung. Der Staatsanwalt hatte den Geschworenen mitzuteilen, daß der Gefangene vor ihnen, obschon noch jung an Jahren, alt sei in den hochverräterischen Praktiken, durch die er sein Leben verwirkt habe. Seine Korrespondenz mit dem Feind des Landes stamme nicht bloß von heute oder gestern, ja, nicht bloß aus dem abgelaufenen oder dem vorletzten Jahre. Es sei gewiß, daß der Gefangene schon viel länger zwischen Frankreich und England Hin- und Herreisen gemacht habe in geheimen Angelegenheiten, über die er keine befriedigende Auskunft geben könne. Wenn es in der Natur verräterischer Schleichwege läge, zu einem Erfolg zu führen, was zum Glück nie der Fall sei, so wäre vielleicht die Schändlichkeit und Schuld seines Treibens unentdeckt geblieben. Die Vorsehung aber habe es einer Person, die erhaben sei über üblen Leumund und Menschenfurcht, ins Herz gegeben, den schlimmen Entwürfen des Gefangenen nachzuspüren und dieselben voll Entsetzen Seiner Majestät erstem Staatssekretär und einem höchstpreislichen geheimen Rat zu enthüllen. Dieser Vaterlandsfreund werde ihnen vorgestellt werden. Seine Stellung und sein Verhalten trage im ganzen den Charakter der Erhabenheit. Er sei des Gefangenen Freund gewesen; als er aber einmal in einer günstigen üblen Stunde dessen Ehrlosigkeit entdeckte, habe er beschlossen, den Verräter, dessen Freundschaft er nicht länger in seinem Busen tragen konnte, auf dem heiligen Altar des Vaterlandes zu opfern. Wenn in Britannien, wie es in dem alten Rom und Griechenland üblich gewesen, den Wohltätern des Landes Ehrensäulen errichtet würden, so hätte dieser treffliche Bürger zuverlässig den ersten Anspruch auf eine solche Auszeichnung. Da dies aber in England nicht Sitte sei, so werde er sie wahrscheinlich auch nicht erhalten. Es sei von den Dichtern an verschiedenen Stellen, die, wie er wisse, die Geschworenen auswendig kennen (freilich war auf den Gesichtern der Geschworenen das Schuldbewußtsein ihres gründlichen Nichtwissens zu lesen), ausgesprochen worden, daß die Tugend in gewisser Art eine ansteckende Kraft besitze, besonders aber die leuchtende Tugend, die man Patriotismus oder Liebe zum Vaterland nenne. Das erhabene Beispiel dieses reinen und unanfechtbaren Zeugen für die Krone habe auch günstig auf den Diener des Gefangenen gewirkt und in ihm den ehrenvollen Entschluß geweckt, die Schubladen und Taschen seines Herrn zu untersuchen und seine Papiere zu unterschlagen. Er (der Staatsanwalt) sei zwar darauf gefaßt, daß man versuchen werde, diesen bewunderungswürdigen Diener etwas herabzuwürdigen. Ihm für seine Person aber sei im ganzen dieser Ehrenmann eine teurere Person als seine (des Staatsanwalts) Brüder und Schwestern, und er schätze ihn höher als seinen eigenen Vater und seine Mutter. Er könne daher mit Zuversicht die Geschworenen auffordern, das gleiche zu tun. Die Angaben dieser beiden Zeugen in Verbindung mit den von ihnen beigebrachten Dokumenten würden den Nachweis liefern, daß der Gefangene sich Listen über Seiner Majestät Streitkräfte und deren Verwendung zu Land und zur See verschafft habe, und es über allen Zweifel erheben, daß von ihm dauernd solche Mitteilungen an den Feind gemacht, worden seien. Zwar lasse sich in den besagten Listen nicht die Handschrift des Gefangenen erweisen: dies komme jedoch nicht in Betracht und spreche eher für die Anklage, sofern sich daraus nur die Schlauheit und Vorsicht des Verbrechers ergebe. Die Beweisführung werde bis auf fünf Jahre zurückgreifen und zeigen, daß der Gefangene sein verräterisches Treiben schon damals, einige Wochen vor der ersten Schlacht zwischen den britischen Truppen und den Amerikanern, geübt habe. Die Jury sei, wie er wisse, eine loyale und habe, wie ihr selbst bekannt sei, Pflichten der Verantwortlichkeit. Sie müsse also aus den angeführten Gründen den Gefangenen schuldig sprechen und, möge sie es gern tun oder nicht, mit ihm ein Ende machen. Die Geschworenen können nie wieder ihre Häupter auf ihre Kissen niederlegen, ja dürfen nicht einmal den Gedanken aufkommen lassen, zu dulden, daß ihre Weiber, ihre Kinder oder ihre ganze Verwandtschaft ihre Häupter auf Kissen niederlegen, bis der Kopf des Gefangenen gefallen sei. Er verlange diesen Kopf von ihnen, schloß der Staatsanwalt, im Namen alles nur Erdenklichen und kraft seiner feierlichen Versicherung, daß er den Angeklagten bereits für einen toten Mann ansehe. Nachdem der Staatsanwalt seinen Vortrag geschlossen hatte, erhob sich in dem Gerichtssaal ein Summen, als umschwärme eine Wolke großer Schmeißfliegen den Gefangenen im Vorgefühl dessen, was er bald sein werde. Es legte sich wieder, und nun erschien der unanfechtbare, Zeuge in der Zeugenloge. Der Herr General-Prokurator nahm sofort, an dem Faden seines Vorgängers weiter spinnend, den Patrioten, John Barsad, Gentleman, mit Namen, ins Verhör. Die Geschichte seiner reinen Seele war ganz so, wie sie der Herr Staatsanwalt, wenn sie je einen Fehler hatte, nur zu genau vorgetragen. Nachdem er sein edles Herz erleichtert, wollte er sich bescheiden wieder zurückziehen. Aber der beperückte Gentleman mit dem Aktenstoß vor sich, der in Mr. Lorrys Nähe saß, bat um die Erlaubnis, ein paar Fragen an ihn richten zu dürfen. Der Gentleman in der Perücke, Mr. Lorry gegenüber, machte noch immer seine Studien an der Saaldecke. War er nicht selbst schon ein Spion gewesen? Nein, er wies eine so schnöde Verleumdung mit Verachtung zurück. Von was lebte er? Von seinem Vermögen. Wo hatte er dieses Vermögen? Er konnte sich dessen nicht genau erinnern. In was bestand es? Ging niemanden etwas an. Hatte er geerbt? Ja. Von wem? Von einem entfernten Verwandten. Sehr entfernt? Ziemlich. Noch nie im Gefängnis gewesen? Gewiß nicht. Auch nicht in Schuldenhaft? Sah nicht ein, wie dies hergehörte. Nie in Schuldenhaft? Schon wieder diese Frage. Nie? Ja. Wie oft? Zwei- oder dreimal. Nicht fünf- oder sechsmal? Vielleicht. Von welchem Beruf? Gentleman. Nie Fußtritte gekriegt? Kann sein. Oft? Nein. Nie, die Treppe hinuntergeworfen worden? Gewiß nicht: nur einmal am Anfang einer Treppe einen Stoß erhalten und dann von freien Stücken hinuntergefallen. Bei jener Gelegenheit einen Fußstoß erhalten wegen Betrugs beim Würfelspielen? Etwas Derartiges wurde durch den betrunkenen Lügner ausgesprengt, der ihn angegriffen, war aber nicht wahr. Konnte dies beschworen werden? Zuverlässig. Nie von Betrug im Spiel gelebt? Nie. Nicht vom Spiel gelebt? Nicht mehr als andere Gentlemen auch. Nie von dem Gefangenen Geld geborgt? Ja. Ihn immer wieder bezahlt? Nein. War nicht die vertraute Beziehung zu dem Gefangenen nur eine sehr entfernte und dem Gefangenen in Postkutschen, Gasthäusern und Paketschiffen aufgedrungen? Nein. Wahrscheinlich sah er die Listen bei dem Gefangenen? Gewiß. Wußte er nichts Weiteres von den Listen? Nein. Hatte er nicht etwa selbst sie ihm geliefert? Nein. Hoffte er durch sein Zeugnis etwas zu gewinnen? Nein. Nicht in regelmäßigem Sold und Dienst der Regierung, um Fallen zu legen? O Himmel, nein. Oder sonst etwas zu tun? O Himmel, nein. Konnte dies beschworen werden? Zehn- für einmal. Keine andern Beweggründe als Patriotismus? Durchaus keine. Der tugendhafte Diener schwur sich mit großer Geschwindigkeit durch die ganze Verhandlung. Er war voll guten einfältigen Glaubens vor vier Jahren bei dem Gefangenen in Dienst getreten. Er hatte denselben an Bord des Calais-Paketschiffes gefragt, ob er nicht einen geschickten Burschen brauche, und der Gefangene ihn angenommen. Von einer Bitte an den Gefangenen, er möchte an dem geschickten Burschen ein Werk der Barmherzigkeit üben, war keine Rede gewesen; an etwas der Art hatte er nie gedacht. Er begann bald nachher Argwohn zu schöpfen gegen den Gefangenen und hatte ein wachsames Auge auf ihn. Wenn er auf Reisen die Kleider des Gefangenen besorgte, gab sich ihm oft und oft Gelegenheit, in dessen Taschen ähnliche Listen zu sehen. Die vorliegenden hatte er einer Schublade in dem Pult des Gefangenen entnommen. Sie waren nicht zuerst von ihm hineingelegt worden. Er konnte als Augenzeuge bekräftigen, daß der Gefangene gerade diese Listen französischen Herren in Calais und ähnliche Listen französischen Herren zu Calais und Boulogne gezeigt hatte. Er liebte sein Land, konnte dies nicht ertragen und machte Anzeige. Er hatte nie im Verdacht gestanden, eine silberne Teekanne gestohlen zu haben; er war wohl boshafterweise wegen eines silbernen Senftopfes verleumdet worden, aber es hatte sich herausgestellt, daß es nur ein plattierter gewesen. Den letzten Zeugen kannte er seit sieben oder acht Jahren, aber dies war nur ein Zusammentreffen. Er nannte es nicht ein merkwürdiges Zusammentreffen; denn beim Zusammentreffen findet meist diese Eigenschaft statt. Auch erschien es ihm nicht als ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß bei ihm gleichfalls wahrer Patriotismus der einzige Beweggrund sein sollte. Er war ein echter Brite und hoffte, daß es noch viele geben werde wie er. Die Schmeißfliegen summten wieder, und der Herr Staatsanwalt rief Mr. Jarvis Lorry auf. »Mr. Jarvis Lorry, seid Ihr Bureaubeamter in Tellsons Bank?« »Habt Ihr nicht an einem gewissen Freitag im November des Jahres eintausendsiebenhundertundfünfundsiebenzig nachts den Postwagen zu einer Geschäftsreise von London nach Dover benutzt?« »Ja.« »Reisten noch andere Passagiere mit?« »Zwei.« »Sind sie nicht im Laufe der Nacht unterwegs ausgestiegen?« »Ja.« »Mr. Lorry, seht den Gefangenen an. War er einer von den beiden Passagieren?« »Ich kann dies nicht behaupten.« »Hat er Ähnlichkeit mit einem von jenen zwei Passagieren?« »Beide waren so eingehüllt, die Nacht so dunkel und wir alle so zurückhaltend, daß ich auf die Frage keine Antwort zu geben weiß.« »Mr. Lorry, betrachtet Euch den Gefangenen noch einmal. Denkt Euch ihn so eingehüllt, wie jene beiden Reisenden waren – liegt in seinem Körperbau und in seiner Haltung etwas, was es unwahrscheinlich macht, daß er einer davon gewesen sein könnte?« »Nein.« »Wollt Ihr darauf schwören, daß er keiner von ihnen gewesen?« »Nein.« »Aber Ihr könnt wenigstens sagen, es sei möglich, daß er einer davon war?« »Ja, mit Ausnahme des mir noch erinnerlichen Umstandes, daß jene Männer sich gleich mir sehr vor Straßenräubern fürchteten; der Gefangene sieht nicht furchtsam aus.« »Habt Ihr schon ein Bild der Furchtsamkeit gesehen, Mr, Lorry?« »Jawohl.« »Mr. Lorry, betrachtet Euch noch einmal den Gefangenen. Könnt Ihr Euch nicht erinnern, ihn je gesehen zu haben?« »O ja.« »Wann?« »Ich kehrte einige Tage später von Frankreich zurück. Der Gefangene kam zu Calais an Bord des Paketschiffes, das mich mit heimnahm, und machte mit mir die Reise.« »Um welche Zeit kam er an Bord?« »Ein wenig nach Mitternacht.« »Bei totenstiller Nacht also. War er der einzige Passagier, der zu dieser ungewöhnlichen Stunde an Bord kam?« »Er war zufällig der einzige.« »Kümmert Euch nicht darum, ob es Zufall war oder nicht, Mr. Lorry. Er war also der einzige Passagier, der mitten in der Nacht an Bord kam?« »Reistet Ihr allein, Mr. Lorry, oder wäret Ihr in Gesellschaft?« »Ich hatte zwei Reisebegleiter, eine Dame und einen Herrn. Sie sind hier.« »Sie sind hier. Habt Ihr mit dem Gefangenen Unterhaltung gepflogen?« »Kaum. Wir hatten stürmisches Wetter, und während der langen Dauer der rauhen Überfahrt lag ich fast unausgesetzt auf dem Sofa.« »Miß Manette!« Die junge Dame, der sich jetzt wie früher alle Augen zuwendeten, stand von ihrem Sitze auf; ihr Vater, der ihre Hand mit seinem Arme unterstützt hielt, tat das gleiche. »Miß Manette, betrachtet den Gefangenen.« Die Konfrontation mit der ernsten, schönen, von Mitleid ergriffenen Jungfrau wirkte auf den Angeschuldigten weit erschütternder als das Begafftwerden durch die Menge. Er stand gewissermaßen beiseite mit ihr am Rande seines Grabes, und all die Neugier der maulaufsperrenden Zuschauer vermochte ihn nicht so weit zu kräftigen, daß er auch in jenem Augenblick ganz ruhig blieb. Seine Rechte teilte hastig die Kräuter vor ihm ab in eingebildete Gartenblumenbeete, und die Anstrengung, die es ihn kostete, seinen Atem gleichmäßig zu erhalten, machte seine Lippen beben, aus denen mit dem nach dem Herzen jagenden Blutstrom alle Farbe entwichen war. Die Schmeißfliegen summten wieder laut. »Miß Manette, habt Ihr den Gefangenen früher gesehen?« »Ja, Sir.« »Wo?« »An Bord des eben besprochenen Paketschiffes, Sir, und bei demselben Anlaß.« »Ihr seid die junge Dame, von der die Rede war?« »Leider ja.« Der klagende Ton des Mitleids erstarb unter der weniger musikalischen Stimme des Richters, der etwas rauh entgegnete: »Antwortet einfach auf die Fragen, die man an Euch stellt, und macht keine Bemerkungen dazu.« »Miß Manette, habt Ihr Euch während jener Fahrt über den Kanal mit dem Gefangenen unterhalten?« »Ja, Sir.« »Vergegenwärtigt Euch dies wieder.« Inmitten der tiefen Stille begann sie, mit tonloser Stimme: »Als der Gentleman an Bord kam –« »Meint Ihr damit den Gefangenen?« fragte der Richter, die Stirn runzelnd. »Ja, gnädiger Herr.« »Dann nennt ihn auch so.« »Als der Gefangene an Bord kam, bemerkte er, daß mein Vater« – sie richtete ihre Blicke liebevoll auf den an ihrer Seite Stehenden – »sehr erschöpft und leidend war. Sein Gesundheitszustand flößte mir so viel Besorgnis ein, daß ich es nicht wagte, ihn aus der freien Luft fortzunehmen, sondern auf dem Deck neben der Kajütentreppe für ihn ein Bett herrichtete, an dessen Seite ich Platz nahm, um ihm Handreichungen leisten zu können. In jener Nacht waren keine anderen Passagiere an Bord als wir vier. Der Gefangene war so freundlich, um die Erlaubnis zu bitten, mir raten zu dürfen, wie ich meinen Vater besser gegen Wind und Wetter schützen könne, als ich getan habe; denn ich hatte mich nicht darauf verstanden, wie der Wind nach unserer Ausfahrt aus dem Hafen wehen würde, und er beriet mich jetzt. Er äußerte große Teilnahme für den Zustand meines Vaters, und ich bin überzeugt, daß er sie auch fühlte. So begann unsere Unterhaltung.« »Laßt mich Euch für einen Augenblick unterbrechen. Kam er allein an Bord?« »Nein.« »Wer war bei ihm?« »Zwei französische Herren.« »Haben sie miteinander gesprochen?« »Sie sprachen miteinander bis zu dem Augenblick, als die französischen Herren wieder in ihr Boot steigen mußten.« »Habt Ihr in ihren Händen keine Papiere bemerkt, die Ähnlichkeit hatten mit diesen Listen?« »Von Papieren habe ich wohl etwas gesehen, kann aber nicht sagen, welcher Art Papiere es waren.« »An Form und Umfang etwa wie diese?« »Möglich, aber ich weiß es in der Tat nicht, obschon sie in meiner unmittelbaren Nähe miteinander flüsterten; denn sie standen auf dem Absatz der Kajütentreppe, um das Licht der dort hängenden Laterne benutzen zu können. Das Licht brannte trüb, und sie sprachen sehr leise, so daß ich nicht verstand, was sie sagten. Ich sah nur, daß sie sich mit den Papieren befaßten.« »Nun Eure Unterhaltung mit dem Gefangenen, Miß Manette.« »Der Gefangene war sehr offen und zutraulich gegen mich; ich schreibe dieses meiner hilflosen Lage zu; denn er benahm sich sehr teilnehmend und suchte meinem Vater nützlich zu werden. Ich hoffe«, fügte sie bei, indem sie in Tränen ausbrach, »ich lohne es ihm nicht damit, daß ich ihm heute zum Schaden rede.« Gesumm von seiten der Schmeißfliegen. »Miß Manette, wenn der Gefangene nicht recht gut einsieht, daß Ihr das Zeugnis, das Ihr abzugeben verpflichtet seid, geben müßt und unter keinen Umständen umgehen könnet, nur mit Widerwillen ablegt, so steht er in diesem Saale mit seiner Anschauungsweise vollkommen vereinzelt. Ich bitte, fahrt fort.« »Er sagte mir, seine Reise betreffe eine sehr zarte und verfängliche Sache, die leicht Leute in Angelegenheiten bringen könnte; er reise deshalb unter einem angenommenen Namen. Dann teilte er mir weiter mit, sein Geschäft habe ihn für einige Tage nach Frankreich geführt und werde ihm für die nächste Zeit ein öfteres Hin- und Herreisen zwischen Frankreich und England auferlegen.« »Hat er nichts von Amerika gesprochen, Miß Manette? Ihr müßt auf Einzelheiten eingehen.« »Er versuchte mir verständlich zu machen, wie der Streit entstanden war, und sagte, soweit er die Sache beurteilen könne, habe England dabei unrecht und töricht gehandelt. Auch fügte er scherzend bei, daß vielleicht Georg Washington in der Geschichte einen fast ebenso großen Namen erringen werde wie Georg der Dritte. In dieser Äußerung lag jedoch nichts Verfängliches; er hatte sie lachend getan, und man sprach eben, um sich die Zeit zu vertreiben.« Jeder starkmarkierte Gesichtsausdruck einer Hauptperson in einer hochinteressanten Szene, auf der viele Augen haften, wird unbewußt von den Zuschauern nachgeahmt. Als sie dieses Zeugnis ablegte, zeigte sich ein Zug schmerzlicher Angst und Spannung auf ihrer Stirn, und während der Pausen, die durch das Aufzeichnen ihrer Angaben durch den Richter veranlaßt wurden, suchte sie die Wirkung derselben in den Gesichtern der Advokaten für und wider den Angeklagten zu lesen. Wo man nun in dem Gerichtssaal hinsehen mochte, begegnete man bei den Zuschauern demselben Ausdruck, und zwar in einem so hohen Grade, daß die große Mehrheit der Stirnen nur Spiegel der Stirn der Zeugin zu sein schienen, als der Richter von seinem Notizblatte aufschaute, um bei der schrecklichen Ketzerei über Georg Washington grimmig umherzublicken. Der Herr Staatsanwalt bedeutete jetzt dem Lord Oberrichter, daß es aus formellen Rücksichten und vorsichtshalber notwendig sein dürfte, auch den Vater der jungen Dame, den Doktor Manette, zu vernehmen. Er wurde aufgerufen. »Doktor Manette, betrachtet den Gefangenen. Habt Ihr ihn schon einmal gesehen?« »Ja, einmal. Er besuchte mich in London. Dies mag vor drei oder vierthalb Jahren geschehen sein.« »Erkennt Ihr in ihm einen Mitreisenden an Bord des Paketschiffes, oder wißt Ihr etwas von seiner Unterhaltung mit Eurer Tochter? »Weder das eine noch das andere, Sir.« »Warum dies? War vielleicht ein besonderer Grund dafür vorhanden?« »Ja«, lautete die leise Antwort. »Ihr habt in Eurem Vaterland das Unglück gehabt, ohne Urteilspruch, ja, sogar ohne Anklage eine lange Gefangenschaft durchmachen zu müssen, Doktor Manette?« Er entgegnete in einem Ton, der jedem zu Herzen ging: »Eine lange Gefangenschaft.« »Ihr waret nur kurz vor dem fraglichen Anlaß in Freiheit gesetzt worden?« »So sagt man mir.« »Ihr erinnert Euch dessen nicht selbst?« »Nein. In meinem Geist ist eine Lücke – ich weiß nicht, von welcher Dauer – von der Zeit an, als ich in meiner Gefangenschaft mich mit Schuhmachen beschäftigte, bis zu dem Augenblick, in dem ich mich hier zu London unter der pflegenden Hand meiner Tochter wiederfand. Ich hatte mich bereits an sie gewöhnt, als es dem Allbarmherzigen gefiel, mir mein geistiges Vermögen zurückzugeben, obschon ich nicht sagen kann, wie dies zugegangen war. Der ganze Vorgang meines früheren Verkehrs mit ihr ist in Nacht gehüllt.« Der Herr Staatsanwalt setzte sich nieder, und der Vater und die Tochter folgten seinem Beispiele. Nun ergab sich in der Verhandlung ein eigentümlicher Umstand. Das Beweisobjekt war, darzutun, daß der Gefangene mit einem noch nicht ermittelten Genossen vor fünf Jahren in jener Novembernacht den Postwagen benutzt habe und unterwegs zum Schein an einem Orte ausgestiegen sei, an dem er nicht blieb, sondern von wo aus er um fünf oder sechs Wegstunden nach einem Garnison- und Werftenplatze zurückreiste, um daselbst sich auf Spionage zu legen. Ein Zeuge wurde vernommen, der in ihm die Person erkennen wollte, die er genau um jene Zeit in dem Kaffeezimmer eines Gasthauses jener Garnison- und Werftenstadt in Erwartung eines anderen gesehen hatte. Der Verteidiger nahm diesen Zeugen scharf ins Verhör, konnte aber nichts weiter aus ihm herausbringen, als daß der Gefangene ihm von keiner andern Gelegenheit her bekannt sei. Jetzt beschrieb der beperückte Gentleman, der der Saaldecke ein so großes Interesse abgewann, einige Worte auf ein Stückchen Papier, rollte es zusammen und warf es dem Anwalt des Gefangenen zu. Dieser benutzte die nächste Pause, um das Röllchen zu öffnen und betrachtete darauf den Angeklagten mit großer Aufmerksamkeit. »Ihr behauptet also wiederholt, Ihr wisset gewiß, daß es der Gefangene gewesen sei?« Der Zeuge wußte es gewiß. »Habt Ihr nie jemand gesehen, der Ähnlichkeit mit dem Gefangenen hatte?« Wenigstens keine so große Ähnlichkeit, daß sie ihn hätte tauschen können, meinte der Zeuge. »So betrachtet Euch einmal diesen Gentleman, meinen gelehrten Freund«, er deutete auf den Herrn, der ihm das Papier« zugeworfen hatte – »und dann den Gefangenen. Was sagt Ihr jetzt? Sind sie einander nicht sehr ähnlich?« Abgesehen von dem Umstand, daß der gelehrte Freund eine ziemlich vernachlässigte, wo nicht liederliche Außenseite hatte, fand zuverlässig eine so große Ähnlichkeit statt, daß sie nicht nur den Zeugen stutzig, machte, sondern auch allen Anwesenden auffiel. An den Lord Oberrichter erging nun das Ersuchen, er möchte dem gelehrten Freund befehlen, seine Perücke abzunehmen, was dann auch von seiten Seiner Gnaden, obschon in sehr ungnädiger Weise, geschah, und die Ähnlichkeit trat jetzt um so schlagender hervor. Der Lord Oberrichter fragte Mr. Stryver, den Verteidiger, ob sie etwa zunächst dem Mr. Carton (Name des gelehrten Freundes) wegen Hochverrats den Prozeß machen sollten; doch Mr. Stryver antwortete darauf dem gnädigen Herrn mit Nein: er beabsichtige bloß, den Zeugen zu fragen, ob ihm, was ihm einmal zugestoßen, nicht auch zum zweiten Male habe begegnen können – ob er so zuversichtlich aufgetreten wäre, wenn man diesen Beweis von Übereilung ihm früher vor Augen gestellt hätte, und so weiter. Die Folge davon war, daß diese Zeugenaussage wie ein irdener Topf zerschmettert und der Zeuge selbst, sofern er zu dem Prozeß in Beziehung kam, zu dem nutzlosen Gerümpel gestellt wurde. Mr. Cruncher hatte in seiner Aufmerksamkeit für die Verhandlung ein ganzes Frühstück Rost aus seinen Fingern gesogen. Er verwandte kein Auge von Mr. Stryver, während dieser den Sachverhalt im Interesse des Gefangenen vor den Geschworenen wie einen vollständigen Anzug zurechtlegte. Er zeigte ihnen, daß der Patriot Barsad ein gedungener Spion und Verräter, ein keckstirniger Verkäufer von Blut und einer der größten Schurken sei, die je auf Erden umhergewandelt seien seit dem fluchwürdigen Judas, dem er sicherlich auch gleichsehe. Der tugendhafte Diener Cly sei sein Freund und ein seiner würdiger Gehilfe: diese beiden Fälscher, und meineidigen Wichte hätten sich den Gefangenen als ihr Opfer ausersehen, weil dieser, ein Mann von französischer Abkunft, in Familienangelegenheiten, die seine Anwesenheit jenseits des Kanals nötig machten, öfters Frankreich besuchte. Von diesen Angelegenheiten könne aus Rücksicht für andere, die ihm nahe und teuer seien, und wenn das Leben des Gefangenen davon abhänge, kein öffentlicher Gebrauch gemacht werden. Das Zeugnis, das man der jungen Dame abgerungen, von deren Kummer über diesen Zwang man sich habe überzeugen können, enthalte nichts als unschuldige Galanterien und Höflichkeitsbezeigungen, wie sie zwischen jungen Personen verschiedenen Geschlechts bei zufälliger Begegnung häufig vorkämen: nur die Hinweisung auf Georg Washington mache davon eine Ausnahme, aber der Inhalt jener Rede sei zu überspannt und unmöglich, als daß sie in einem andern Licht denn in dem eines ungereimten Scherzes aufgefaßt werden könne. Es wäre ein Makel für die Regierung, wenn sie in diesem Versuch, durch eine Einwirkung auf die niedrigsten nationalen Gehässigkeiten und Besorgnisse sich populär zu machen, unterläge, und deshalb habe der Herr Staatsanwalt den Fall möglichst schreiend darzustellen gesucht: gleichwohl liege gar nichts vor als die Aussagen feiler, ehrloser Zeugen, wie man sie in Prozessen ähnlicher Art zur Schande des Landes nur zu oft finde. Doch jetzt legte sich der gnädige Herr Oberrichter mit einer so gravitätischen Miene, als habe der Verteidiger mit der Hinweisung auf die englischen Staatsprozesse eine Unwahrheit gesprochen, ins Mittel und erklärte, er könne, solange er auf der Gerichtsbank sitze, solche Anspielungen nicht dulden. Mr. Stryver rief nun seine wenigen Zeugen auf, und dann hatte Mr. Crunchers Aufmerksamkeit dem Herrn Staatsanwalt zu folgen, wie dieser an dem Anzug, den Mr. Stryver für die Geschworenen zurechtgelegt hatte, das Innere nach außen kehrte und dabei zeigte, daß Barsad und Cly hundertmal besser seien, als sie seiner Meinung nach gewesen, der Gefangene aber hundertmal schlechter. Zum Schlusse kam der gnädige Herr Oberrichter selbst, wendete den Anzug noch einmal und kehrte die Außenseite wieder nach innen, im ganzen aber entschieden mit einer Zustutzung, daß er zu einem Leichengewand für den Gefangenen paßte. Und nun traten die Geschworenen zur Erwägung zusammen, und die großen Fliegen schwärmten wieder. Mr. Carton, der so lange in Bewunderung der Saaldecke dagesessen hatte, änderte selbst bei der jetzigen Aufregung weder seinen Platz noch seine Haltung. Während sein gelehrter Freund Mr. Stryver die Akten vor sich wieder übereinanderlegte, mit den ihm zunächst Stehenden flüsterte oder von Zeit zu Zeit einen ängstlichen Blick nach den Geschworenen hingleiten ließ – während die Zuschauer mehr oder weniger durcheinanderwogten und immer neue Gruppen bildeten – während selbst der Lord Oberrichter sich von seinem Sitz erhob und langsam unter dem Verdacht des Publikums, daß er sich in einem fieberischen Zustand befinde, auf der Plattform hin und her schritt – saß dieser einzige Mensch abgewandt da, den zerschlissenen Mantel nur halb an sich tragend, die zerknüllte Perücke in einer Weise auf dem Kopf, als sei sie nach dem Abnehmen ihm gefällig wieder hinaufgeflogen, die Hände in den Rocktaschen und die Augen wie im Laufe des ganzen Tages gegen die Decke gerichtet. Etwas besonders Unbekümmertes in seinem Wesen verlieh ihm nicht nur ein ziemlich unachtbares Äußeres, sondern beeinträchtigte auch die große Ähnlichkeit, die er ohne Frage mit dem Gefangenen hatte und die durch seinen augenblicklichen Ernst in dem Moment der Vergleichung sehr erhöht worden war, dermaßen, daß von den Zuschauern, die jetzt Notiz von ihm nahmen, viele unter sich bemerkten, sie hätten kaum geglaubt, daß sie einander glichen. Namentlich machte Mr. Cruncher diese Bemerkung gegen seinen nächsten Nachbar und fügte hinzu: »Ich wette eine halbe Guinee, daß man dem nie einen Prozeß anvertraut. Oder meint Ihr, er sehe danach aus, daß er Advokatenarbeit kriegen kann?« Gleichwohl interessierte sich dieser Mr. Carton mehr für die Einzelheiten der Szene, als es den Anschein hatte; denn Miß Manette ließ jetzt ihr Haupt auf die Brust ihres Vaters sinken, und da er es zuerst bemerkte, so sagte er vernehmlich: »Gerichtsdiener, seht nach der jungen Dame, und helft dem Gentleman, sie hinausbringen. Bemerkt Ihr nicht, daß sie umsinken will?« Sobald sie entfernt war, gab sich viel Mitleid mit ihr und Teilnahme für ihren Vater kund. Die Erinnerung an die Tage seiner Gefangenschaft hatten augenscheinlich einen sehr schmerzlichen Eindruck auf ihn gemacht. Als ihrer Erwähnung geschah, war seine Aufregung so augenfällig geworden und der düster brütende Ausdruck, der ihn so alt erscheinen ließ, einer schweren Wolke gleich, nicht mehr von seiner Stirn gewichen. Nach seinem Abgehen gaben die Geschworenen, die für eine kurze Weile zurückgetreten waren, durch den Obmann ihre Erklärung ab. Sie waren nicht einig und wünschten, sich zurückzuziehen. Der Herr Oberrichter, den vielleicht noch der Georg Washington wurmte, zeigte einige Überraschung über ihre Unschlüssigkeit, genehmigte aber ihre Beratung hinter Wache und Riegel in Gnaden und zog sich selbst auch zurück. Die Verhandlung hatte den ganzen Tag gedauert, und im Saal wurden jetzt Lampen angezündet. Es verbreitete sich das Gerücht, daß die Geschworenen lange zu ihrer Beratung brauchen würden, weshalb die Zuschauer sich entfernten, um Erfrischungen einzunehmen. Der Gefangene ging nach dem, Hintergrund seines Verschlags und setzte sich nieder. Mr. Lorry hatte die junge Dame und ihren Vater hinausbegleitet und kehrte jetzt wieder zurück. Er winkte Jerry, der bei dem geminderten Interesse der Szene leicht zu ihm gelangen konnte. »Jerry, wenn Ihr essen wollt, so könnt Ihr es tun: aber bleibt in der Nähe. Ihr werdet schon hören, wenn die Geschworenen wieder eintreten. Findet Euch dann eiligst ein, denn ich wünsche, daß der Wahrspruch unverweilt an die Bank gelange. Ihr seid der flinkste Bote, den ich kenne, und werdet lange vor mir Temple Bar erreichen.« Jerry hatte gerade genug Stirne, um sich daran klopfen zu können: er stieg also in Anerkennung des Auftrages und des ihn begleitenden Shillings hinauf. In demselben Augenblick kam Mr. Carton heran und berührte Mr. Lorry am Arme. »Was macht die junge Dame?« »Sie ist sehr erschüttert: ihr Vater aber tröstet sie, und außerhalb des Gerichtssaales fühlt sie sich besser.« »Ich will dies dem Gefangenen sagen. Ihr wißt, für einen achtbaren Bankherrn, wie Ihr seid, würde es sich nicht schicken, wenn man Euch öffentlich mit ihm reden sähe.« Nr. Lorry errötete, als fühle er sich schuldig, gerade selbst diesen Gedanken gehabt zu haben, und Mr. Carton ging nach der andern Seite der Schranke hinüber. Der Hauptausgang des Saales lag in derselben Richtung, und Jerry folgte ihm, ganz Auge und Ohr. »Mr. Darnay.« Der Gefangene kam sogleich in den Vordergrund. »Ihr seid natürlich begierig, etwas von der Zeugin Miß Manette zu hören. Es wird mit ihr schon wieder recht werden. Ihr habt das Schlimmste von der Aufregung gesehen.« »Es tut mir sehr leid, die Ursache gewesen zu sein. Könntet Ihr wohl in meinem Namen ihr dies sagen und ihr zugleich meinen wärmsten Dank ausdrücken?« »Ja, das kann ich wohl und will es auch tun, wenn Ihr es verlangt.« Mr. Cartons Wesen war so unbekümmert, daß es fast an Unverschämtheit grenzte. Er stand halb von dem Gefangenen abgewendet da und hatte seinen Ellenbogen auf die Schranke gestützt. »Ich bitte Euch darum. Nehmt meinen herzlichen Dank dafür.« »Welche Hoffnung habt Ihr, Mr. Darnay?« fragte Mr. Carton, noch immer halb abgewandt. »Eine schlechte.« »Das ist klug von Euch, denn der schlimme Ausgang hat eine große Wahrscheinlichkeit für sich. Doch meine ich, das Abtreten der Geschworenen sei ein günstiges Zeichen.« Da ein Stehenbleiben in den Gängen des Saals nicht gestattet war, so hörte Jerry nichts weiter; er verließ sie, wie sie nebeneinander standen und von dem Spiegel oben zurückgestrahlt wurden, beide sich so ähnlich an Gestalt und so unähnlich im Wesen. Anderthalb Stunden entschwanden schleppend in den von Dieben und Spitzbuben wimmelnden Gängen unten, obschon Hammelpastetchen und Ale mithalfen. Der heisere Bote hatte, nachdem er die ebengenannte Stärkung eingenommen, auf einer unbequemen Bank Platz gefunden und war eingeduselt, als auf einmal ein Lärm ihn wieder weckte und ein Menschenstrom, der die zum Gerichtssaale führenden Treppen hinanwogte, ihn mit sich fortriß. »Jerry! Jerry!« Mit diesem Rufe empfing ihn Mr. Lorry schon an der Tür. »Hier, Sir. Das hat Gewalt gebraucht, um wieder hereinzukommen. Hier bin ich, Sir!« Mr. Lorry händigte ihm durch das Gedränge ein Blatt Papier ein. »Hurtig! Habt Ihr's?« »Ja, Sir.« Auf das Blatt war in Eile das Wort geschrieben: »Freigesprochen.« »Wenn er mich heute wieder hätte ausrichten heißen: ›Ins Leben zurückgerufen‹«, murmelte Jerry, indem er sich umwandte, »so würde ich verstanden haben, was er diesmal damit sagen will.« Er hatte keine Gelegenheit, noch etwas Weiteres zu sagen oder auch nur zu denken, bis er die alte Bailey hinter sich hatte; denn die Menge strömte mit solcher Gewalt nach, daß sie ihn fast vom Boden aufhob. Das laute Summen fegte in die Straße hinaus, als ob die in ihrer Erwartung getäuschten Schmeißfliegen sich nach allen Richtungen zerstreuten, um ein anderes Aas zu suchen. Viertes Kapitel. Glückwünsche. Aus den trübbeleuchteten Gängen des Gerichtshofes suchte der letzte Rest des menschlichen Bratens, der da den ganzen Tag über geschmort hatte, herauszukommen, als Doktor Manette, seine Tochter Lucie Manette, Mr. Lorry, der Verteidiger Mr. Stryver und dessen Adjunkt um den eben auf freien Fuß gesetzten Mr. Darnay herstanden und ihm zu seiner Bewahrung vor dem Tode Glück wünschten. Es wäre auch bei weit hellerer Beleuchtung schwer gewesen, in Doktor Manette, seinem geistvollen Gesicht und seiner aufrechten Haltung den Schuhmacher aus dem Dachstübchen in Paris zu erkennen. Doch konnte niemand zweimal nach ihm Hinsehen, ohne es wieder und wieder zu tun, selbst wenn sich die Gelegenheit der Wahrnehmung auch nicht auf den wehmütigen Klang seiner leisen, ernsten Stimme und auf den Zug von Zerstreutheit ausdehnte, der in Anfällen ohne einen erkennbaren Grund sein Gesicht umwölkte. Während äußerliche Ursachen, sofern sie in Beziehung zu seinem nachhaltigen Wehe traten, wie zum Beispiel der Kriminalprozeß, stets diesen Zustand aus den Tiefen seiner Seele hervorriefen, konnte er auch von selbst entstehen und ein Düster über ihn hinbreiten, das für die mit seiner Geschichte nicht Bekannten so unbegreiflich war, als hätten sie in einer Sommersonne den Schatten der wirklichen, dreihundert Meilen entlegenen Bastille auf ihm bemerkt. Nur seine Tochter vermochte dieses finstere Brüten aus seiner Seele zu bannen. Sie war der goldene Faden, der ihn mit einer Vergangenheit jenseits und einer Gegenwart diesseits seines Elends in Verbindung brachte, und der Ton ihrer Stimme, das Leuchten ihres Antlitzes oder die Berührung ihrer Hand übte fast immer einen sehr wohltätigen Einfluß auf ihn. Freilich, unfehlbar war dieser Einfluß nicht, denn sie konnte sich mancher Anlässe erinnern, bei denen er nichts ausrichtete; doch kamen solche Anwandelungen jetzt nur noch selten und in so leichtem Grade vor, daß sie dieselben für überwunden hielt. Mr. Darnay hatte mit warmem Dank ihre Hand geküßt und dann sich an seinen Verteidiger gewendet, dem er gleichfalls aus tiefer Seele dankte. Mr. Stryver, ein Mann von wenig mehr als dreißig, obschon er um zwanzig Jahre älter aussah, war ein derber, stämmiger, lärmender, rotgesichtiger Mann, dem das Zartgefühl nicht eben viel zu schaffen machte, und er hatte eine Art an sich, moralisch und physisch sich in Gesellschaften und Unterhaltungen hineinzuschultern, die ihm beim Vorwärtskommen in der Welt nicht übel zustatten kam. Er hatte noch seine Perücke auf und den Mantel an, als er sich neben seinem Klienten in einer Weise aufpflanzte, daß der unschuldige Mr. Lorry ganz aus der Gruppe hinausgeschultert wurde. »Es freut mich, daß ich Euch mit Ehren davon gebracht habe, Mr. Darnay«, begann er. »Es war ein schändlicher und schamloser Versuch, der aber demungeachtet hätte gelingen können.« »Ich bin Euch für mein Leben auf dessen ganze Dauer verpflichtet«, sagte der Klient, ihn bei der Hand nehmend. »Ich habe mein Bestes für Euch getan, Mr. Darnay, und mein Bestes ist, glaube ich, so gut als das irgendeines andern Menschen.« Da es jetzt irgend jemand oblag zu sagen: »Viel besser«, so übernahm Mr. Lorry diesen Dienst, vielleicht nicht ganz uneigennützig, sondern in der Absicht, sich wieder in die Gesellschaft hineinzubringen. »Meint Ihr so?« versetzte Mr. Stryver. »Nun, Ihr seid den ganzen Tag zugegen gewesen und müßt es wissen. Schon als Geschäftsmann steht Euch ein Urteil zu.« »Und als Geschäftsmann«, sagte Mr. Lorry, den der Rechtsgelehrte jetzt wieder in die Gruppe hinein-, wie zuvor hinausgeschultert hatte, »als Geschäftsmann ersuche ich Doktor Manette, diese Konferenz abzubrechen und uns alle nach Haus zu kommandieren. Miß Lucie sieht sehr übel aus, Mr. Darnay hat einen schrecklichen Tag gehabt, und auch wir sind erschöpft.« »Ihr müßt nur von Euch selber sprechen, Mr. Lorry«, versetzte Stryver, »denn was mich betrifft, so habe ich noch die ganze Nacht durchzuarbeiten.« »Ich spreche allerdings von mir selber«, antwortete Mr. Lorry, »und auch für Mr. Darnay und Miß Lucie und – glaubt Ihr nicht, Miß Lucie, daß ich von uns allen reden kann?« Er brachte diese Frage mit besonderem Nachdruck vor und warf dabei einen Blick auf ihren Vater. Das Gesicht des letzteren war gewissermaßen in der Anschauung von Mr. Darnay erstarrt; es lag ein Zug darauf, in welchem Abneigung, Mißtrauen und sogar Furcht sich zu mischen schien. Und während noch dieser befremdliche Ausdruck auf seiner Stirn lag, waren seine Gedanken weitergewandert. »Vater«, sagte Lucie, ihre Hand sanft auf die seinige legend. Er schüttelte langsam den Schatten ab und wandte sich ihr zu. »Wollen wir nicht nach Hause gehen, Vater?« Nach einem tiefen Atemzuge antwortete er mit Ja. Die Freunde des losgesprochenen Angeklagten hatten sich unter dem falschen Eindruck zerstreut, zu dem er selbst Anlaß gegeben, daß er nicht noch am selben Abend auf freien Fuß gesetzt werden dürfte. Die Lichter in den Gängen waren meist erloschen, die eisernen Tore mit großem Lärm geschlossen worden, und der unheimliche Platz schien verödet, bis am andern Morgen das Interesse für Galgen, Pranger, Stäupepfahl und Brandeisen ihn aufs neue bevölkerte, Zwischen ihrem Vater und Mr. Darnay gehend, gelangte Lucie Manette ins Freie. Es wurde eine Mietkutsche angerufen, in der der Doktor mit seinem Kinde von hinnen fuhr. Mr. Stryver war in dem Gang zurückgeblieben und schickte sich jetzt an, das Ankleidezimmer aufzusuchen. Eine weitere Person, die sich weder der Gruppe angeschlossen noch mit irgend jemand aus derselben ein Wort gewechselt, sondern im tiefsten Schatten des Ganges an der Wand gelehnt hatte, war schweigend den übrigen gefolgt und Zeuge gewesen, wie die Kutsche von dannen rasselte. Jetzt trat sie auf den Platz zu, wo Mr. Lorry und Mr. Darnay beisammenstanden. »So, Mr. Lorry – können jetzt Geschäftsleute wieder mit Mr. Darnay sprechen?« Bei Mr. Carton (er war es) hatte sich niemand für seine Beteiligung an dem Gange des Prozesses bedankt, ja, niemand von ihr auch nur etwas gewußt. Er war nicht mehr in seiner Dienstkleidung, und seine Außenseite wurde durch diesen Umstand sicherlich nicht gehoben. »Ihr würdet lachen müssen, Mr. Darnay«, fuhr er fort, »wenn Ihr wüßtet, zu welchen Kämpfen es bisweilen in einem Geschäftsgeist kommt, wenn dieser zwischen einer Regung der Gutmütigkeit und dem Schein, den der Geschäftsmann wahren soll, in die Klemme kommt.« Mr. Lorry errötete und entgegnete mit Wärme: »Ihr habt dies früher schon angedeutet, Sir. Aber Geschäftsleute, die einem Hause dienen, sind nicht ihre eigenen Herren. Sie haben mehr an ihr Haus als an sich selbst zu denken.« »Ich weiß das, ich weiß das«, versetzte Mr. Carton unbekümmert. »Ihr müßt nicht ärgerlich werden, Mr. Lorry. Ich zweifle nicht, daß Ihr so gut seid wie nur einer, vielleicht sogar besser.« »Und in der Tat, Sir«, fuhr Mr. Lorry fort, ohne auf ihn zu achten, »ich weiß wahrhaftig nicht, was Euch die Sache angeht. Ihr werdet mir's zugut halten, wenn ich, der ich so viel älter bin als Sie, mir diese Bemerkung erlaube, denn ich sehe wirklich nicht ein, was Sie für ein Geschäft dabei haben.« »Geschäft! Gott behüt' Euch – ich kein Geschäft!« sagte Mr. Carton. »Es ist wirklich schade, daß Sie keines haben, Sir.« »Kommt mir auch so vor.« »Denn in diesem Falle würden Sie ihm vielleicht nachgehen«, fügte Mr. Lorry bei. »Gott steh' Euch bei, nein, das tät' ich nicht«, sagte Mr. Carton. »Wohlan, Sir«, rief Mr. Lorry, der ob der Gleichgültigkeit des andern ins Feuer geriet, »um ein Geschäft ist es etwas sehr Gutes, etwas sehr Achtbares. Und, Sir, wenn das Geschäft einem Zwang und Schweigen auferlegt oder andere artige Hindernisse bietet, so weiß ein hochherziger junger Gentleman wie Mr. Darnay diesem Umstande Rechnung zu tragen. Mr. Darnay, gute Nacht; Gott behüte Euch, Sir. Ich hoffe, daß mit diesem Tag ein Leben voll Glück und Wohlfahrt für Sie beginnt. – He, eine Sänfte hierher!« Vielleicht ein wenig ärgerlich über sich selbst wie über den Advokaten, stürmte Mr. Lorry in seine Sänfte hinein und ließ sich zu Tellsons tragen. Carton, der nach Portwein roch und augenscheinlich nicht mehr ganz nüchtern war, lachte ihm nach und wandte sich gegen Darnay: »Es ist ein seltsamer Zufall, daß wir beide, ich und Ihr, so zusammengeworfen wurden. Oder kommt es Euch nicht auch seltsam vor, daß Ihr in dieser Nacht allein mit Eurem Ebenbild hier auf dem Straßenpflaster steht?« »Es ist mir noch immer«, erwiderte Charles Darnay, »als gehöre ich noch nicht dieser Welt an.« »Das nimmt mich nicht wunder, sofern Ihr auf Eurem Weg nach der andern schon ziemlich vorgerückt wart. Eure Stimme klingt schwach.« »Ich fange an zu fühlen, daß ich selbst auch schwach bin,« »Dann, warum zum Teufel nehmt Ihr nichts zu Euch? Ich habe gespeist, während jene Hohlschädel miteinander in Erwägung nahmen, welcher Welt sie Euch zuweisen sollen, dieser oder einer andern. Ich will Euch nach einem Gasthaus in der Nähe führen, wo man trefflich bedient wird.« Er nahm den Arm des anderen und führte ihn Ludgatehill hinab in die Fleetstraße und durch einen gedeckten Gang nach einem Wirtshause, wo ihnen sofort ein kleines Extrazimmer angewiesen wurde. Charles Darnay stärkte sich nun durch ein gutes einfaches Diner und ein Glas guten Weins, wahrend Carton mit seinem halbunverschämten Wesen am nämlichen Tisch hinter seiner eigenen Flasche Portwein ihm gegenüber Platz nahm. »Fühlt Ihr jetzt, daß Ihr wieder dem irdischen System angehöret, Mr. Darnay?« »In Beziehung auf Zeit und Ort bin ich noch schrecklich verwirrt: aber es hat sich schon so weit gebessert, daß ich dies fühle.« »Das muß ein ungemeiner Trost sein.« Er sprach dies mit Bitterkeit und füllte sein Glas wieder, das zu den großen gehörte. »Was mich betrifft«, fuhr er fort, »so wünsche ich nichts sehnlicher, als zu vergessen, daß ich auch ein Glied dieses Systems bin; denn mir bietet es – etwa mit Ausnahme dieses Weines – nichts Gutes und ich ihm nichts. In dieser Beziehung sind wir einander ziemlich gleich. Indes fange ich an zu glauben, daß wir beide, Ihr und ich, in keiner Beziehung eine große Ähnlichkeit haben.« Noch von der Aufregung des Tages verwirrt und seinem rohen Doppelgänger gegenüber sich wie in einem Traume befangen fühlend, wußte Charles Darnay nicht, wie er antworten sollte, weshalb er es lieber ganz unterließ. »Ihr seid jetzt fertig mit Eurem Diner«, fuhr Carton fort. »Warum bringt Ihr nicht eine Gesundheit, einen Toast aus, Mr. Darnay?« »Wessen Gesundheit – was für einen Toast?« »Ei, er liegt Euch auf der Zungenspitze – es muß so sein: ich will darauf schwören.« »Miß Manette also.« »Ja, Miß Manette.« Carton schleuderte, seinem trinkenden Gefährten voll ins Gesicht sehend, das geleerte Glas über seine Schultern gegen die Wand, wo es in hundert Stücke zersplitterte, rührte dann die Klingel und ließ sich ein anderes bringen. »'s ist was drum, im Dunkeln einer schönen Dame in die Kutsche zu helfen, Mr. Darnay«, sagte er, sein neues Glas füllend. Ein leichtes Stirnrunzeln und ein lakonisches Ja war die Antwort. »'s ist was drum, von einer schönen jungen Dame bemitleidet und beweint zu werden. Wie fühlt man sich dabei? Verlohnt sich's, um der Gegenstand solcher Teilnahme und solchen Mitgefühls zu werden, der Mühe, einen Halsprozeß durchzumachen, Mr. Darnay?« Abermals blieb Darnay die Antwort schuldig. »Sie war ungemein erfreut über das, was ich ihr in Eurem Namen ausrichtete. Nicht daß sie dies äußerlich gezeigt hätte; aber ich vermute es.« Diese Anspielung diente dazu, Darnay rechtzeitig daran zu erinnern, daß der widerwärtige Gefährte doch aus freien Stücken ihm in der Not des Tages Beistand geleistet hatte; er brachte deshalb das Gespräch auf diesen Gegenstand und drückte ihm seinen Dank aus. »Ich verlange keinen Dank und verdiene auch keinen«, lautete die unbekümmerte Erwiderung. »Erstlich kostete mich's keine Mühe, und zweitens weiß ich nicht, warum ich's tat. Mr. Darnay, erlaubt mir eine Frage.« »Recht gerne; es ist ein karger Lohn für Eure guten Dienste.« »Glaubt Ihr, daß ich einen besonderen Gefallen an Euch finde?« »In der Tat, Mr. Carton«, entgegnete der andere verblüfft, »ich habe mir diese Frage selbst noch nicht vorgelegt.« »So tut es jetzt.« »Ihr habt gehandelt, als ob es der Fall sei; und doch glaube ich nicht recht daran.« »Ich auch nicht«, sagte Carton. »Ich fange an, eine sehr gute Meinung von Eurem Verstand zu gewinnen.« »Es liegt jedoch, hoff' ich, nichts Arges darin«, fuhr Darnay fort, indem er sich erhob, um die Klingel zu ziehen, »wenn ich die Rechnung verlange, damit wir beide ohne Groll voneinander scheiden können.« Carton entgegnete: »Nicht im geringsten«, und Darnay klingelte. – »Verlangt Ihr die ganze Rechnung?« fragte Carton – und fuhr auf das Ja des andern fort: »So bringt mir noch eine Pinte von diesem Wein, Kellner, und kommt um zehn Uhr zurück, um mich zu wecken.« Nach Berichtigung der Rechnung erhob sich Charles Darnay und wünschte ihm gute Nacht. Ohne den Wunsch zu erwidern, stand Carton gleichfalls auf und sagte mit einem Anflug von Trotz oder Drohung: »Noch ein letztes Wort, Mr. Darnay – haltet Ihr mich für betrunken?« »Ich glaube, Ihr habt getrunken, Mr. Carton».« »Glauben? Ihr wißt ja, daß ich getrunken habe.« »Wenn Ihr es durchaus verlangt, so kann ich ja sagen, daß ich es weiß.« »Und Ihr sollt nun auch erfahren, warum. Ich bin ein in seinen Hoffnungen getäuschtes Lasttier. Ich kümmere mich um keinen Menschen auf Erden, und kein Mensch auf Erden kümmert sich um mich.« »Das ist sehr zu bedauern. Ihr hättet Eure Talente besser verwenden sollen.« »Kann sein, Mr. Darnay; vielleicht auch nicht. Indes braucht Ihr Euch wegen Eures nüchternen Gesichtes nicht zu überheben; Ihr wißt nicht, was noch darüber kommen kann. Gute Nacht.« Sobald dieses seltsame Wesen allein war, nahm es ein Licht auf, trat damit vor den Spiegel an der Wand und betrachtete sich dann aufs genaueste. »Gefällt dir der Mensch so besonders?« murmelte er seinem Bilde zu. »Warum solltest du eine besondere Zuneigung zu einem Menschen haben, der dir ähnlich ist? Du weißt, du hast nichts Liebenswürdiges an dir. Ah, hol' dich der Henker, welche Veränderung hast du mit dir vorgenommen! Ein guter Grund, dich an einen Menschen zu halten, um stets vor Augen zu haben, wie tief du gesunken bist, und was du hättest sein können! Hättest du an seiner Stelle gestanden, hätten dich dann jene blauen Augen auch so angeblickt und das aufgeregte Gesicht so bemitleidet? Na, sprich's nur aus in einfachen Worten – du hassest diesen Kerl,« Er erholte sich weiteren Trostes bei seiner Pinte Wein, die er in wenigen Minuten leerte; dann schlief er ein, den Kopf auf die Arme gesenkt und das Haar über den Tisch hinstrobelnd, während nach seiner Seite hin ein langes Leichentuch von der Kerze abtropfte. Fünftes Kapitel. Der Schakal. Es war eine trinklustige Zeit, und die meisten Männer tranken. Seitdem ist es in dieser Beziehung so viel besser geworden, daß in unsern Tagen eine mäßige Angabe der Menge von Wein und Punsch, die einer im Laufe der Nacht zu sich nehmen durfte, ohne den Ruf eines vollkommenen Gentleman zu schädigen, als eine lächerliche Übertreibung erscheinen würde. Die Rechtsgelehrsamkeit blieb in ihrer Liebhaberei für den Bacchusdienst hinter keiner der übrigen gelehrten Berufsarten zurück, und auch Mr. Stryver, der sich bereits in eine schöne und einträgliche Praxis hineingeschultert hatte, stand in dieser Beziehung seinen Kollegen so wenig nach als in den trockenen Partien des juridischen Wettrennens. Ein Liebling zu Old Bailey und sogar in den Sessionen, hatte Mr. Stryver vorsichtig angefangen, die niederen Sprossen der Leiter, auf der er hinanstieg, abzubrechen. Die Sessionen und Old Bailey mußten namentlich jetzt die sehnsüchtigen Arme nach dem Liebling ausstrecken, und man konnte mit jedem Tag Mr. Stryvers rotem Gesicht begegnen, wie es aus dem Beet von Perücken, einer großen Sonnenblume ähnlich, die aus einem Garten voll grellfarbiger Kameraden dem Gestirn des Tages entgegenschoß, sich vor das Antlitz des Lord Oberrichters in dem Gerichtshof des Kings-Bench hinschulterte. Seine Zunftgenossen wollten einmal die Wahrnehmung gemacht haben, Mr. Stryver sei zwar ein glatter, schnellfertiger, kühner und keine Skrupel kennender Mann; aber es fehle ihm doch an dem für einen Advokaten so wichtigen und notwendigen Geschick, aus einer Summe von Angaben das Wesentliche zusammenzufassen. In dieser Hinsicht hatte er sich jedoch merkwürdig vervollkommnet. Je mehr er ins Geschäft hineinkam, desto mehr schien sein Vermögen, aufs Mark einer Sache einzugehen, zuzunehmen, und wie spät er auch in die Nacht hinein mit Sydney Carton zechte, ging es bei ihm des andern Morgens doch wie am Schnürchen. Sydney Carton, ein Faulpelz, von dem sich kein Mensch etwas versprach, war Stryvers großer Bundesgenosse. Was von den beiden zwischen Sankt Hilari und Michaelis zusammengetrunken wurde, hätte ein Kriegsschiff flottmachen können. Stryver hatte nie eine Verhandlung, ohne daß Carton mit den Händen in den Rocktaschen dabei war und die Decke des Gerichtssaals anstierte. Sie trennten sich selbst bei den Wander-Assisen nicht und hielten auch während dieser ihre gewöhnlichen Orgien bis tief in die Nacht hinein: ja, man sagte Carton sogar nach, daß man ihn gelegentlich bei hellem Tag unsteten Tritts und verstohlen wie einen ausschweifenden Kater nach Hause habe schleichen sehen. Endlich begann unter denen, die sich für die, Sache interessierten, die Ansicht in Umlauf zu kommen, Sydney Carton werde zwar nie einen Löwen geben, sei aber ein erstaunlich guter Schakal und leiste Mr. Stryver in dieser bescheidenen Eigenschaft Dienst und Folge. »Zehn Uhr, Sir«, sagte der mit dem Wecken beauftragte Kellner. »Zehn Uhr, Sir.« »Was gibt's?« »Zehn Uhr, Sir.« »Was meint Ihr damit? Zehn Uhr nachts?« »Ja, Sir. Euer Ehren haben befohlen. Euch zu wecken.« »Ah, ich erinnere mich. Gut; sehr gut.« Nach einigen trägen Versuchen, wieder einzuschlafen, die der Kellner geschickt durch ein anhaltendes und fleißiges Schüren im Feuer bekämpfte, stand er auf, drückte sich den Hut auf den Kopf und ging fort. Er bog gegen den Temple hin ein und begab sich, nachdem er, um sich aufzufrischen, zweimal den Spazierweg an dem Kings-Bench abgeschritten hatte, nach Stryvers Wohnung. Stryvers Schreiber, der den nächtlichen Konferenzen nie beiwohnte, war nach Hause gegangen, und der Prinzipal öffnete selbst die Tür. Letzterer hatte Pantoffeln und einen weiten Schlafrock an und trug größerer Bequemlichkeit halber kein Halstuch. Er hatte einen gewissen wilden, schlaffen, welken Zug um die Augen, den man bei allen Libertinen seiner Klasse wahrnimmt, und der sich von dem Porträt des Jeffrins abwärts unter verschiedenen künstlerischen Verhüllungen durch alle Porträte jener trinkseligen Periode verfolgen läßt. »Du bist ein wenig spät gekommen, Memory«, sagte Stryver. »Um die gewöhnliche Zeit; vielleicht ein Viertelstündchen später.« Sie begaben sich in ein rauchbraunes, von einem lodernden Feuer erwärmtes Zimmer mit Büchersimsen und umhergestreuten Akten. Ein Kessel dampfte auf dem Feuer, und mitten in dem Aktenwust stand einladend ein Tisch mit einem reichlichen Vorrat von Wein, Branntwein, Rum, Zucker und Zitronen. »Ich sehe, du führst schon deine Flasche, Sydney.« »Ihrer zwei sogar, heute abend, denk' ich. Ich habe mit dem Klienten des Tags diniert, oder doch seinem Diner zugesehen – es kommt auf eins hinaus.« »Das war ein feiner Zug, Sydney, den du für die Identifizierung einführtest. Wie bist du darauf gekommen? Wann fiel dir's ein?« »Ich dachte, er sei ein ziemlich hübscher Bursche, und es kam mir dabei der Gedanke, ich könnte nahezu auch so ein Kerl sein, wenn ich nur ein bißchen Glück gehabt hätte.« Mr. Stryver lachte, daß ihm der frühreife Bauch schütterte. »Du und dein Glück, Sydney! Komm – ans Werk, ans Werk.« Mit ziemlich verdrießlicher Miene erleichterte sich der Schakal seines Anzugs, ging in ein anstoßendes Zimmer und kam mit einem großen Krug kalten Wassers, einem Becken und ein paar Handtüchern wieder zurück. Er tauchte letztere ins Wasser, wrang sie ein wenig aus, belegte sich damit den Kopf, daß er ganz abscheulich anzusehen war, nahm an dem Tisch Platz und sagte: »So; jetzt bin ich bereit.« »Heute nacht gibt's nicht viel zu kochen, Memory«, sagte Mr. Stryver heiter, während er sich unter seinen Papieren umsah. »Wieviel?« »Nur zwei Gänge.« »Gib mir den schlimmsten zuerst.« »Hier ist er, Sydney. Losgefeuert!« Der Löwe machte sich's auf einem Sofa hinter dem Trinktisch bequem, während der Schakal an einem andern sich niederließ, der mit Papieren bestreut war, aber doch in handgerechter Nähe der Flaschen und Gläser stand. Beide langten nicht kärglich zu, doch jeder in einer andern Weise. Der Löwe war meist zurückgelehnt, hatte die Hände in der Hosentasche stecken und schaute ins Feuer oder kokettierte gelegentlich mit einem kleineren Aktenstück; der Schakal dagegen war bald mit den gefurchten Zügen gespannter Aufmerksamkeit so sehr in sein Geschäft vertieft, daß seine Augen nicht der nach dem Glas sich ausstreckenden Hand folgten und er oft lange umhertasten mußte, bis er es an die Lippen führen konnte. Zwei- oder dreimal wurde der Gegenstand der Beschäftigung so schwierig, daß der Schakal die gebieterische Notwendigkeit einsah, aufzustehen und seine Tücher frisch anzufeuchten. Von diesen Wallfahrten zum Krug und Becken kehrte er mit einem so merkwürdigen feuchten Kopfzierat zurück, daß keine Worte ihn zu beschreiben vermögen; er nahm sich darin um so komischer aus, als das ernste, nachdenkende Gesicht so schroff dagegen abstach. Endlich hatte der Schakal einen soliden Imbiß für den Löwen beisammen und bot ihm denselben an. Der Löwe nahm ihn bedächtig und vorsichtig hin, traf da und dort eine Auswahl und machte seine Bemerkungen darüber, wobei der Schakal treulich Beihilfe leistete. Nachdem der Imbiß gehörig bearbeitet war, steckte der Löwe seine Hände wieder in die Hosentasche und legte sich nieder, um nachzudenken. Der Schakal bediente jetzt seine Kehle mit ordentlichen Zügen und seinen Kopf mit einer frischen Anfeuchtung, worauf er ein zweites Mahl zu sammeln sich anschickte. Dieses präsentierte er schließlich dem Löwen in der früheren Weise, und es wurde drei Uhr morgens, bis auch das zweite versorgt war. »Und nun wir fertig sind, füllst du deinen Humpen mit Punsch, Sydney,« sagte Mr. Stryver. Der Schakal nahm die Tücher von seinem dampfenden Kopf, schüttelte sich, gähnte, schauderte und tat, wie ihm geheißen worden. »Du bist heute in der Sache jener Kronzeugen sehr gut gewesen, Sydney. Jede Frage hat verfangen.« »Bin ich nicht immer gut?« »Dem will ich nicht widersprechen. Doch warum bist du heute so rauhborstig? Hilf mit Punsch nach, daß du geschmeidiger wirst.« Der Schakal ließ ein verwahrendes Grunzen vernehmen und gehorchte abermals. »Der alte Sydney Carton von der alten Shrewsbury-Schule«, sagte Stryver, mit dem Kopfe nickend, als er die Gegenwart seines Gefährten mit dessen Vergangenheit verglich, »die alte Schaukel Sydney. In der einen Minute oben, in der andern drunten, in dem einen Augenblicke heiter, im andern verzweifelnd.« »Ach«, entgegnete der andere seufzend, »freilich derselbe Sydney mit dem nämlichen Glück. Damals schon machte ich andern Knaben ihre Aufgaben und kam selten an die meinigen.« »Und warum nicht?« »Das weiß Gott. Ich glaube, es lag in meiner Natur.« Er steckte die Hände in die Taschen, streckte die Füße vor sich aus und sah ins Feuer. »Carton«, sagte sein Freund, sich mit einer eisenfresserischen Miene erhebend, als sei der Kaminrost die Esse, in der feste Entschlüsse geschmiedet würden, und als fordere es die Freundschaftspflicht von ihm, den alten Sydney Carton von der alten Shrewsbury-Schule hineinzuschultern. »Deine Natur ist und war immer eine lahme. Du bietest keine Willenskraft, keine Energie auf. Sieh mich an.« »Pah, Possen!« entgegnete Sydney mit einem leichteren und gutmütigeren Lachen; » du wirst doch nicht moralisieren wollen?« »Wie hab' ich's gemacht um durchzugreifen?« sagte Stryver. »Und wie mach' ich's noch immer?« »Ich denke, du bezahlst mich, daß ich dir helfe. Aber es ist in die Luft gesprochen, wenn du mir mit solchen Vorstellungen kommst. Was du von mir verlangst, das tu' ich. Du warst immer in der Vorderreihe und ich in der hintern.« »Ich mußte in die Vorderreihe zu kommen suchen; wurde ich denn darin geboren?« »Ich bin bei der Feierlichkeit nicht zugegen gewesen, möchte es aber fast glauben«, sagte Carton. Er lachte wieder, und sein Kamerad lachte mit. »Vor Shrewsbury, in Shrewsbury und seit Shrewsbury«, fuhr Carton fort, »bist du immer vorn gewesen. Selbst als wir im Quartier latin miteinander Französisch, französisches Recht und anderes französisches Zeug studierten, aus dem wir nicht eben viel Gutes holten, warst du immer irgendwo, und ich immer nirgends.« »An wem lag die Schuld?« »Meiner Seele, ich weiß nicht, ob ich sie nicht dir zuschreiben muß. Du hast immer so für dich gedrängt, getrieben und geschultert, daß mir nichts übrig blieb als Rost und Ruhe, 's ist übrigens etwas Trübseliges, bei anbrechendem Tag von seiner Vergangenheit zu reden. Bring' mich in eine andere Stimmung, eh' ich gehe.« »Wohlan denn, stoß' mit mir an – der schöne Zeuge!« sagte Stryver, ihm das Glas hinhaltend. »Bringt dich dies nicht in einen angenehmeren Humor?« Augenscheinlich nicht, denn er wurde immer düsterer. »Schöner Zeuge«, brummte er, in sein Glas hineinsehend. »Ich habe den Tag über und heute nacht genug mit Zeugen zu schaffen gehabt. Wer ist dein schöner Zeuge?« »Die malerische Doktorstochter, Miß Manette.« »Die und schön?« ' »Ist sie's nicht?« »Nein.« »Ei, Mensch, was fällt dir ein? Sie war ja ein Gegenstand der Bewunderung für das ganze Gericht!« »Zur Hölle mit der Bewunderung des ganzen Gerichts! Was versteht Old Bailey von Schönheit? Sie war eine goldhaarige Puppe.« »Laß dir was sagen, Sydney«, bemerkte Mr. Stryver, ihn scharf ansehend und mit der Hand langsam über sein blühendes Gesicht fahrend, »laß dir was sagen: es kam mir einmal vor, als sympathisiertest du mit der goldhaarigen Puppe. Hast du nicht im Augenblick bemerkt, was der goldhaarigen Puppe zustieß?« »Was willst du damit? Wenn einem ein Mädel, sei's eine Puppe oder nicht, einen Schritt oder zwei vor der Nase in Ohnmacht fallen will, so sieht man dies ohne ein Perspektiv. Ich stoße mit dir an, stelle aber die Schönheit in Abrede. Und nun mag ich nicht mehr trinken; ich will zu Bett gehen.« Als ihm sein Wirt nach der Treppe hinausleuchtete, schaute der Tag bereits frostig durch die matten Fensterscheiben herein. Draußen war die Luft kalt und traurig, der Himmel grau überlaufen, der Fluß trübe, und die ganze Umgebung nahm sich wie eine leblose Wüste aus. Im Morgenwind wirbelten Staubkreise dahin, als habe in der Ferne der Wüstensand sich erhoben und beginne mit seiner ersten Sprüh die Stadt zu überschütten. Öd liegende Kräfte in seinem Innern und eine Öde rings um ihn her. Er blieb auf seinem Weg über eine stille Terrasse stehen und erschaute in der Wüste vor ihm für einen Augenblick eine Luftspiegelung von ehrenhaftem Streben, Selbstverleugnung und Beharrlichkeit. In der schönen Stadt, die als Fata Morgana vor ihm schwebte, gab es luftige Galerien, von denen Amoretten und Grazien auf ihn niederschauten, Gärten, in denen die Früchte des Lebens reiften, und Springquellen, die vor lauter Hoffnung funkelten. Einen Augenblick, und es war vorbei. Er stieg in einem Häuserbrunnen nach einer hohen Kammer hinan, warf sich angekleidet auf ein vernachlässigtes Bett und netzte das Kissen mit fruchtlosen Tränen. Traurig ging die Sonne auf: aber sie erhob sich über keinen traurigeren Anblick als über den Mann von guten Anlagen und edlen Gefühlen, der seine Fähigkeiten nicht zu verwenden und sich selbst nicht zu helfen vermochte, sondern im Bewußtsein des auf ihm haftenden Moders sich darein ergab, vollends von ihm aufgezehrt zu werden. Sechstes Kapitel. Hunderte von Leuten. Die ruhige Wohnung des Doktors Manette befand sich an der Ecke einer stillen Straße, nicht weit von Soho-Square. An einem schönen Sonntagnachmittag – es waren bereits die Wellen von vier Monaten über den Hochverratsprozeß dahingegangen und hatten ihn, sofern das öffentliche Interesse und die Erinnerung daran in Frage kam, weit in die hohe See entführt – wanderte Mr. Jarvis Lorry von seiner Wohnung in Klerkenwall aus durch die sonnigen Straßen, um bei dem Doktor zu speisen. Nach mehreren Rückfällen ausschließlicher Vertiefung ins Geschäft war Mr. Lorry endlich des Doktors Freund geworden, und die stille Straßenecke bildete den sonnigen Teil seines Lebens. An dem gedachten schönen Sonntag wanderte Mr. Lorry aus drei Gewohnheitsgründen früh am Nachmittag Soho zu: erstlich weil er gerne an schönen Sonntagen vor dem Diner mit dem Doktor und Lucie einen Spaziergang zu machen pflegte; zweitens weil er an unschönen Sonntagen daran gewöhnt war, als Hausfreund mit ihnen zu plaudern, zu lesen, zum Fenster hinauszuschauen und so in der Regel den ganzen Tag hinzubringen: und drittens, weil er zufällig einige eigene schlaue Zweifel zu lösen hatte und ihm bekannt war, daß er in der Weise, wie man im Hause des Doktors lebte, wahrscheinlich dort am ehesten Zeit für diese Lösung fand. Ein niedlicheres Eckhaus als das, in dem der Doktor wohnte, gab es in ganz London nicht. Es ging kein Weg da durch, und die Vorderfenster von des Doktors Wohnung beherrschten eine angenehme kleine Aussicht auf eine Straße, die so recht gemütlich abgeschieden aussah. Nördlich von dem Oxforder Wege standen damals noch nicht viele Häuser, und auf den jetzt verschwundenen Feldern sah man Waldbäume sich erheben, wilde Blumen aufschießen und den Weißdorn blühen. Eine Folge davon war, daß in Soho die Landluft in kräftigender Freiheit sich umtrieb und nicht in das Kirchspiel hineinschlich wie verirrte obdachlose Arme. Auch sah man manche südlich gelegene Mauer, an deren Spalieren zur geeigneten Jahreszeit Pfirsiche hingen. In der früheren Tageszeit hatte die Ecke eine prächtige Sommerbeleuchtung, aber wenn die Straßen heiß wurden, trat sie in den Schatten, doch nicht so sehr, daß man nicht darüber Hinaus in ein Lichtmeer hätte schauen können. Es war ein kühles Plätzchen, gesetzt, aber doch zugleich heiter, ein wundervoller Platz für Widerhalle und ein wahrer Sicherheitshafen gegen die tobenden Wogen in den Straßen. An einem solchen Ankerplatz konnte man mit Recht eine ruhige Barke erwarten, und sie war auch vorhanden. Der Doktor bewohnte zwei Stockwerke eines großen stillen Hauses, in dem den Tag über angeblich mehrere Berufsarten verfolgt wurden, obschon man nur wenig davon hörte, und nachts alles ausgeflogen zu sein schien. In einem Gebäude an der Hinterseite, zu dem man über einen Hof mußte, wo die grünen Blätter einer Platane im Wind rauschten, wurde, wie es den Anschein hatte, Kirchenorgelbau betrieben und Silberschmelz gefertigt, ferner Gold geschlagen von einem geheimnisvollen Riesen, der mit einem goldenen Arme durch die Vordermauer durchgefahren war, als habe er sich selbst so kostbar zerklopft und drohe allen Besuchern mit einer ähnlichen Umwandlung. Doch sah oder hörte man nur wenig von diesen Gewerben, ebensowenig wie von dem einsamen Mietsmann, der eine Treppe hoch wohnte, oder von dem blödsichtigen Kutschenstaffierer, der unten sein Kontor haben sollte. Hin und wieder legte wohl ein einzelner Arbeiter seinen Rock an und kam durch die Halle, sah sich zufälligerweise ein Fremder darin um, vernahm man über den Hof herüber ein fernes Klimpern oder hörte man einen Puff des goldenen Riesen. Dies waren jedoch nur Ausnahmen, die zur Bestätigung der Regel dienten, daß auf der Platane hinter dem Haus das Volk der Sperlinge und an der Ecke vor demselben das Echo unbestrittene Herrschaft übte, vom Sonntagmorgen an bis zum Samstagabend. Doktor Manette empfing hier die Patienten, die ihm sein alter Ruf oder die Wiederbelebung desselben durch die umlaufenden Gerüchte über seine Schicksale zuführte. Sein Wissen, seine Aufmerksamkeit und sein Geschick in Durchführung sinnreicher Versuche führte ihm auch in anderer Beziehung einige Kundschaft zu, so daß er bald verdiente, was er brauchte. Von alledem hatte Mr. Jarvis Lorry Kunde, und seine Gedanken waren eben damit beschäftigt, als er an dem schönen Sonntagnachmittag die Klingel vor der Tür des stillen Eckhauses anzog. »Doktor Manette zu Hause?« Wurde zurückerwartet. »Miß Proß zu Hause?« Möglich; doch wußte das Stubenmädchen nicht im voraus, ob Miß Proß den Tatbestand zuzugeben oder abzuleugnen geneigt war. »Ich bin selbst hier zu Haus und werde hinaufgehen«, sagte Mr. Lorry. Obschon die Tochter des Doktors nichts von ihrem Geburtslande gesehen hatte, schien doch das Geschick, aus wenigem viel zu machen – ein ebenso angenehmer wie nützlicher Zug im Charakter der Französinnen – mit der Luft ihr angeflogen zu sein. Das Möbelwerk wurde bei all seiner Einfachheit sehr gehoben durch unterschiedliche kleine Verzierungen, die nur durch die geschmackvolle Anordnung Wert erhielten und einen recht angenehmen Eindruck machten. Die Aufstellung der Gegenstände in den Zimmern, vom größten an bis zum kleinsten, die Verteilung der Farben und die zierliche Abwechslung, die eine geschickte Hand, ein klares Auge und ein feiner Sinn durch den Gegensatz selbst mit Kleinigkeiten zu erzielen gewußt hatten, wirkten so gewinnend und verdankten dem Geist der Ordnerin ein so eigentümliches Gepräge, daß sogar die Stühle und die Tische unsern Freund Lorry, wie er umherschauend dastand, mit einem Anflug von jenem ihm mit der Zeit so geläufig gewordenen Gesichtsausdruck zu fragen schienen, wie es ihm hier gefalle. Es waren drei ineinandergehende Zimmer auf dem Boden, und ihre Türen standen offen, damit die Luft frei durchstreichen konnte. Mr. Lorry trat von dem einen ins andere und machte sich lächelnd Gedanken über die Ähnlichkeit, die er in allem um ihn her mit Miß Manette zu finden glaubte. Das erste Zimmer war das beste; in ihm befanden sich Luciens Vögel, ihre Blumen und Bücher, ihr Schreibpult und Arbeitstisch und ein Kistchen mit Wasserfarben. Das zweite diente dem Doktor als Ordinationszimmer und wurde außerdem zum Speisen benutzt. In dem dritten, in welches die rauschende Platane ihre zitternden Schatten warf, stand das Bett des Doktors,, und dort in einer Ecke die nicht mehr gebrauchte Schuhmacherbank mit dem Handwerkszeug, gerade so wie wir sie im fünften Stock jenes unheimlichen Hauses neben dem Weinschank in der Vorstadt Saint Antoine zu Paris gesehen haben. »Es wundert mich«, sagte Mr. Lorry, davor stehenbleibend, »daß er diesen Mahner an seine Leiden beibehält.« »Was ist da zu verwundern?« lautete eine Frage, die so plötzlich sein Ohr traf, daß er darob zusammenfuhr. Sie ging von Miß Proß aus, der wildaussehenden und selbst bis auf die Haare roten Weibsperson mit der kräftigen Hand, deren Bekanntschaft er ursprünglich zu Dover im Hotel König Georg gemacht und seitdem weiter ausgebildet hatte. »Ich meinte«, begann Mr. Lorry. »Pah, wer wird meinen«, unterbrach ihn Miß Proß, und Mr. Lorry enthielt sich einer weiteren Kundgebung. »Wie geht's Euch?« fragte sodann die Dame in einem scharfen Tone, zugleich aber mit einem Beiklang, der andeutete, daß sie keinen Groll gegen ihn hege. »Ziemlich gut; ich danke Euch«, antwortete Mr. Lorry bescheiden. »Und wie befindet Ihr Euch?« »Kann's nicht rühmen«, versetzte Miß Proß. »Wirklich?« »Jawohl!« erwiderte Miß Proß. »Ich bin sehr in Not wegen meinem Täubchen.« »Wirklich?« »Um's Himmels willen, sagt doch einmal etwas anderes als 'wirklich', oder Ihr bringt mich damit unter den Boden«, entgegnete Miß Proß kurz angebunden. »In der Tat also?« sagte Mr. Lorry, um seine Sache besser zu machen. »In der Tat ist schlimm genug, aber ich will mir's gefallen lassen«, versetzte Miß Proß. »Ja, ich bin sehr bekümmert.« »Darf ich um den Grund fragen?« »Ich brauche nicht die Dutzende von Leuten hier, die meines Täubchens gar nicht würdig sind, aber gleichwohl herkommen, um nach ihm zu sehen«, sagte Miß Proß. »Finden sich denn so viele in dieser Absicht ein?« »Hunderte«, sagte Miß Proß. Die Dame hatte die Eigenheit, der man auch sonst häufig genug begegnet, daß sie eine ursprüngliche Behauptung, wenn man sie in Zweifel zog, erst recht übertrieb. »Du mein Himmel!« rief Mr. Lorry, der nichts Besseres darauf zu erwidern wußte. »Ich lebte von ihrem zehnten Jahre an bei dem Herzblättchen – oder vielmehr, das Herzblättchen hat so lang bei mir gelebt und mich dafür bezahlt, was sie sicherlich – Ihr könnt einen Eid darauf ablegen – nun und nimmermehr hätte tun sollen, wenn ich in der Lage gewesen wäre, sie und mich auch so fortzubringen. Und das ist in der Tat sehr hart«, sagte Miß Proß. Mr. Lorry, der nicht recht darüber ins klare kommen konnte, was sehr hart war, schüttelte den Kopf, indem er sich dieses wichtigen Teils seines Ichs sozusagen als eines Feenmantels bediente, der überall paßte. »Stets tauchen Leute aller Art auf, die meines Täubchen« durchaus nicht würdig sind«, sagte Miß Proß. »Als Ihr damit anfingt–« »Ich hätte damit angefangen, Miß Proß?« »Etwa nicht? Wer hat denn ihren Vater wieder unter die Lebendigen gebracht?« »Oh! Wenn dies der Anfang ist –« sagte Mr. Lorry. »Es war doch nicht das Ende, schätz' ich. Ich sage, als Ihr damit anfingt, war es schon hart genug. Nicht daß ich etwas anderes gegen ihn auszusetzen hätte, als daß er eine solche Tochter nicht verdient, und dies ist keine üble Nachrede, denn es stand nicht zu erwarten, daß irgendein Mensch wert sein konnte, ihr Vater zu heißen. Aber zwei- und dreimal hart ist's, daß nach ihm, dem ich noch hätte vergeben können, ganze Schwärme von Leuten hierherkamen, um mir die Liebe meines Täubchens zu entziehen.« Mr. Lorry wußte, daß Miß Proß sehr eifersüchtig war, hatte aber auch unter der rauhen Oberfläche eines von jenen uneigennützigen Geschöpfen kennengelernt, die man nur bei dem Frauengeschlecht findet, und die sich freiwillig aus lauterer Anhänglichkeit und Liebe sklavisch fesseln an die Jugend, die für sie entschwunden ist, an die Schönheit, die sie nie besaßen, an Vollkommenheiten, die zu erringen sie nie so glücklich waren, und an glänzende Hoffnungen, die nie den düstern Pfad ihres eigenen Lebens erhellten. Er kannte die Welt hinreichend, um zu wissen, daß nichts über den treuen Dienst des Herzens geht, und da ihm derselbe hier so rein und fleckenlos entgegentrat, so zollte er ihm auch eine so hohe Verehrung, daß er in der Vergeltungsstufenleiter, die er in seinem Innern sich ausdachte – wir alle entwerfen uns solche Skalen –, Miß Proß den niederen Engeln viel näher stellte als viele durch Natur und Kunst unendlich mehr begünstigte Damen, die ein Konto bei Tellsons hatten. »Es hat nur einen einzigen Mann gegeben, und außer ihm gibt's keinen mehr, der meines Täubchens würdig gewesen wäre«, sagte Miß Proß; »ich meine damit meinen Bruder Salomon und beklage nur, daß ihm ein Unglück passiert ist.« Auch in diesem Punkt hatte Mr. Lorry durch Erkundigungen über Miß Proß' persönliche Geschichte die Tatsache ermittelt, daß ihr Bruder Salomon ein herzloser Wicht war, der sie durch törichte Spekulationen um ihr ganzes Vermögen gebracht und ohne Gewissensbisse für immer der Armut preisgegeben hatte. Der treue Glaube der Miß Proß an Salomon aber, der nur durch das kleine Ungeschick einen leichten Abtrag erlitten, erschien in Mr. Lorrys Augen als ein ernster Umstand und trug nicht wenig dazu bei, seine gute Meinung von ihr zu erhöhen. »Da wir im Augenblick allein und beide Geschäftsleute sind«, sagte er, als sie in das erste Zimmer zurückgekehrt waren und sich freundschaftlich einander gegenübergesetzt hatten, »so erlaubt Ihr mir wohl eine Frage: kommt der Doktor, wenn er mit Lucie spricht, nie auf die Zeit seiner Schuhmacherei zu reden?« »Nie!« »Und doch behält er jene Bank und das Handwerkszeug bei sich?« »Ja«, entgegnete Miß Proß, den Kopf schüttelnd: »aber aus seinem Schweigen folgt noch nicht, daß er sich nicht in Gedanken damit zu schaffen macht.« »Glaubt Ihr, daß er oft daran zurückdenkt?« »Ja«, sagte Miß Proß. »Und bildet Ihr Euch ein –« begann Mr. Lorry aufs neue, wurde aber hastig von Miß Proß unterbrochen. »Ich bilde mir nie etwas ein – habe keine Einbildungskraft.« »Ich lasse mich zurechtweisen. Vermutet Ihr –so weit kommt's doch hin und wieder bei Euch, daß Ihr vermutet?« »Bisweilen«, sagte Miß Proß. »Vermutet Ihr also«, fuhr Mr. Lorry mit einem heitern Zwinkern seines hellen Auges fort, wahrend er sie zugleich freundlich ansah, »daß Doktor Manette aus dieser langen Zeit sich die Erinnerung an die Ursache seiner Unterdrückung bewahrt oder wohl gar den Namen seines Bedrückers behalten hat?« »Ich vermute hierüber nichts, als was mir mein Täubchen sagt.« »Das wäre?« »Sie glaubt, daß dies wirklich der Fall ist.« »Seid nicht ungehalten, daß ich alle diese Fragen an Euch richte, denn ich bin nur ein einfältiger Geschäftsmann, und Ihr seid eine Geschäftsfrau.« »Auch einfältig?« fragte Miß Proß heiter. Mr. Lorry, der gern das bescheidene Beiwort weggewünscht hätte, entgegnete: »Nein, nein: gewiß nicht. Um auf die Sache zurückzukommen – ist es nicht merkwürdig, daß Doktor Manette, von dem wir alle vollkommen überzeugt sind, daß er kein Verbrechen begangen haben kann, nie auf diesen Punkt eingeht? Ich will nicht sagen, gegen mich, obschon er viele Jahre vorher zu mir in Geschäftsbeziehung stand und wir jetzt sehr vertraut miteinander sind, sondern gegen seine schöne Tochter, die er so innig liebt und die auch ihm so innig zugetan ist? Glaubt mir; Miß Proß, ich habe diesen Gegenstand nicht aus Neugierde, sondern aus eifriger Teilnahme in Anregung gebracht.« »Wohlan«, sagte Miß Proß, durch den Ton besänftigt, in dem diese Verwahrung vorgebracht wurde, »er fürchtet sich vor der ganzen Sache.« »Er fürchtet sich?« »Der Grund davon ist einfach genug, sollt' ich denken«, sagte Miß Proß. »Es ist eine schreckliche Erinnerung, und außerdem ging der Verlust seiner selbst daraus hervor. Da er nicht weiß, wie er seinen Verstand verlor und wie er wieder zu sich kam, so mag er wohl in Angst leben, er könnte wieder irre werden. Schon dieser Umstand, denk' ich, könnte ausreichen, um die Sache zu einer gar nicht angenehmen zu machen.« Mr. Lorry hatte keine so tiefe Bemerkung erwartet. »Ihr habt recht«, sagte er, »es ist ein schrecklicher Gedanke. Doch bin ich ein wenig zweifelhaft, Miß Proß, ob es für Doktor Manette auch gut sei, daß er ihn so in sich verschlossen trägt. Und wirklich ist das Bedenken und die Unruhe, die dieser Umstand bisweilen in mir erregt, der Anlaß zu unserm gegenwärtigen vertraulichen Gespräch.« »Das läßt sich nicht ändern«, sagte Miß Proß mit Kopfschütteln. »Wenn man diese Saite berührt, so hört man nichts als Mißklang, und es ist am besten, man läßt ihn gehen; mit einem Wort, das muß man tun, mag man wollen oder nicht. Bisweilen steht er mitten in der Nacht auf, und wir hören dann, wie er über unsern Häuptern in seinem Zimmer auf und ab, auf und ab geht. Mein Täubchen hat herausgebracht, daß dann sein Geist in dem alten Gefängnis umherwandelt. Sie eilt zu ihm hinauf, und sie gehen dann miteinander auf und ab, auf und ab, bis er ruhig geworden ist. Aber er läßt nie ein Wort über die wahre Ursache gegen sie fallen, und sie findet es als das beste, wenn sie nichts davon gegen ihn berührt. So wandeln sie denn schweigend im Zimmer auf und ab, auf und ab, bis ihre Liebe und ihre Gesellschaft ihn wieder zu sich gebracht hat.« Miß Proß hatte zwar geleugnet, daß sie Einbildungskraft besitze; doch lag in der Wiederholung der Phrase »auf und ab« eine Auffassung der Pein, eintönig stets von demselben traurigen Gedanken verfolgt zu werden, die bewies, daß doch etwas von diesem Vermögen in ihr lebte. Wie bereits bemerkt wurde, war die Ecke wegen ihres Widerhalls merkwürdig: er hatte eben jetzt den Tritt kommender Füße so volltönig eingeführt, daß es den Anschein gewann, als seien sie durch die bloße Erwähnung des Aufundabwandelns in Bewegung gesetzt worden. »Da sind sie!« sagte Miß Proß, indem sie aufstand, um die Unterhaltung abzubrechen, »und nun werben wir gar bald Hunderte von Leuten hier haben.« Die Ecke hatte so besondere akustische Eigentümlichkeiten, war sozusagen das leibhaftige Ohr eines Platzes, daß Mr. Lorry, als er an dem offenen Fenster stand und nach dem Vater und der Tochter aussah, deren Schritte er bereits hörte, sich einbildete, sie würden gar nie kommen. Nicht nur erstarb das Echo, als seine Tritte vorüber, sondern man hörte auch statt ihrer den Widerhall anderer Tritte, die nie kamen und die plötzlich verstummten, wenn man sie in unmittelbarster Nähe zu haben meinte. Gleichwohl kamen Vater und Tochter endlich doch, und Miß Proß stand an der Haustür bereit, um sie zu empfangen. Trotz ihres abenteuerlichen roten Äußeren bot doch Miß Proß einen erquicklichen Anblick, als sie ihrem die Treppe heraufsteigenden Liebling den Hut abnahm, mit den Zipfeln ihres Taschentuch« darüber hinstrich, den Staub abblies, den Mantel in die zum Ablegen gerechten Falten brachte und ihr das reiche Haar mit soviel Stolz glättete, wie es nur die schönste und eitelste der Frauen mit ihrem eigenen tun konnte. Auch ihr Liebling bot einen erfreulichen Anblick, indem er die treue Pflegerin umarmte, ihr dankte und durchaus nicht haben wollte, daß man sich um ihretwillen so viel Mühe gebe – letzteres natürlich nur im Scherz, da sonst Miß Proß sich ernstlich beleidigt gefühlt hätte und in ihr Zimmer zurückgegangen wäre, um zu weinen. Nicht minder bot der Doktor einen wohltuenden Anblick, als er Miß Proß erklärte, daß sie Lucie verwöhne, aber in den Ton, mit dem er dies sagte, und in die Blicke, mit denen er die beiden betrachtete, ebensoviel Verhätschelndes legte wie Miß Proß, wenn sie sich Mühe gab. Und endlich war auch Mr. Lorry lieblich anzusehen, wie er unter seiner kleinen Perücke all dies strahlend beobachtete und seinen Junggesellensternen dankte, daß sie ihm am Abend seines Lebens nach einer Heimat geleuchtet hatten. Aber es kamen keine Hunderte von Leuten, um sich dieses Anblicks zu erfreuen, und Miß Lorry sah sich vergeblich um, wann einmal diese Prophezeiung der Miß Proß in Erfüllung gehen würde. Dinerzeit, und noch keine Hunderte von Leuten. Zur Führung des kleinen Haushalts verwaltete Miß Proß die unteren Regionen und benahm sich dabei stets außerordentlich gut. Ihre Diners waren zwar sehr bescheiden in Qualität, aber trefflich gekocht und in ihrer halb englischen, halb französischen Anordnung so zierlich und appetitlich serviert, daß man sich's nicht besser wünschen konnte. Miß Proß, die sich in ihrer Freundschaft durchaus praktisch erwies, hatte nämlich Soho und seine ganze Umgegend durchstöbert, bis es ihr gelungen war, einen oder den andern verarmten Franzosen aufzufinden, den sie durch Schillinge und Halbkronen verführte, sie in die Geheimnisse der französischen Küche einzuweihen. Von diesen heruntergekommenen Söhnen und Töchtern Galliens hatte sie sich so wunderbare Kunststücke angeeignet, daß die Magd und die Ausläuferin, die den Stab des Hausgesindes bildeten, sie für eine Zauberin oder gar für Aschenbrödels Patin ansahen, die sich ein Huhn, ein Kaninchen oder ein paar Sorten Gemüse aus dem Garten holen lassen durfte, um sie in alles Beliebige umzuwandeln. An den Sonntagen speiste Miß Proß mit am Tische des Doktors, an Werktagen aber ließ sie sich's nicht nehmen, ihre Mahlzeiten zu unbekannten Stunden entweder in den unteren Regionen oder auf ihrem im zweiten Stock gelegenen Stübchen (ein blautapeziertes Gelaß, zu dem niemand als das Täubchen Zutritt hatte) zu versorgen. Bei dem gegenwärtigen Anlaß verlief auch das Diner gar gemütlich und im Einklang mit Täubchens lieblichem Gesicht und dessen lieblichem Bemühen, Miß Proß zu gefallen, die darob ganz strahlend wurde. Es war ein schwüler Tag, und Lucie machte deshalb nach dem Essen den Vorschlag, den Wein draußen in freier Luft unter der Platane zu genießen. Da sich nun alles nach ihr richtete und um sie drehte, so begab man sich nach der Platane hinunter, und sie selbst trug Mr. Lorry die Flasche nach. Sie hatte sich nämlich schon vor einiger Zeit zu Mr. Lorrys Mundschenk ernannt, und während man unter der Platane plauderte, sorgte sie dafür, daß sein Glas nicht leer wurde. Dennoch wollten die Hunderte von Leuten noch immer nicht kommen. Wahrend sie unter der Platane saßen, stellte sich zwar Mr. Darnay ein; aber das war nur einer. Doktor Manette empfing ihn freundlich, und Lucie tat desgleichen; Miß Proß dagegen wurde plötzlich von einem Reißen im Kopf und im Leibe befallen und kehrte in das Haus zurück. Sie war diesem Übel nicht selten ausgesetzt und bezeichnete es in der vertraulichen Unterhaltung als »ihre Umstände«. Der Doktor war in seiner besten Stimmung und sah ganz besonders jugendlich aus. In solchen Zeiten fiel die Ähnlichkeit zwischen ihm und ihr namentlich in die Augen, und es gewährte einen Genuß, sie bis in die einzelnen Züge zu verfolgen, während beide nebeneinander saßen, sie an seine Schulter gelehnt und er den Arm auf die Lehne seines Stuhles stützend. Er hatte den ganzen Tag über viele Gegenstände mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit gesprochen. »Erlaubt mir die Frage, Doktor Manette«, sagte Mr. Darnay, während sie unter der Platane saßen, in natürlicher Anknüpfung an das eben behandelte Gesprächsthema, das sich um die alten Gebäude von London drehte, »ob Sie viel von dem Tower gesehen haben?« »Ich bin mit Lurie schon dort gewesen, aber nur gelegentlich. Wir haben soviel davon gesehen, um daraus den Schluß zu ziehen, daß er reich an Interesse ist, weiter nicht.« »Auch ich war dort, wie Sie sich erinnern werden«, versetzte Darnay mit einem Lächeln, obschon zugleich ein unmutiges Rot leicht über sein Antlitz glitt, »freilich in einer Eigenschaft, die mir keine Gelegenheit gab, viele Wahrnehmungen zu machen. Indes wurde mir während meines dortigen Aufenthalts eine merkwürdige Geschichte erzählt.« »Und die war?« fragte Lucie. »Bei Gelegenheit vorzunehmender Veränderungen stießen die Werkleute auf einen alten Kerker, der vor vielen Jahren gebaut und vergessen worden war. In seinem Innern konnte man auf jedem Mauerstein von den Gefangenen eingegrabene Inschriften lesen – Daten, Namen, Klagen und Gebete. Auf einen Eckstein in einem Mauerwinkel hatte ein Gefangener, der wahrscheinlich hingerichtet wurde, als letzte Arbeit drei Buchstaben eingeritzt. Der Ausführung sah man die Flüchtigkeit, die unstete Hand und das dürftige Werkzeug an. Anfangs hatte man gelesen: D. I. C.; bei sorgfältigerer Untersuchung aber erkannte man in dem letzten Buchstaben ein G. Da man von einem Gefangenen, dessen Namen diese Anfangsbuchstaben hatte, nichts wußte, so erschöpfte man sich in allerlei Mutmaßungen, bis endlich jemand auf die Ansicht kam, daß man hier keine Initialen, sondern das Wort Dig (grabe) vor sich habe. Sofort wurde der Boden unter der Inschrift bedächtig untersucht, und man fand richtig unter einem Stein, einem Ziegel oder einem Pflasterbruchstück die Asche von Papier, gemischt mit der eines kleinen Lederfutterals oder eines Beutels. Was der Gefangene geschrieben, wird nie mehr ans Licht kommen; aber geschrieben hatte er etwas und es versteckt, damit es von seinem Schließer nicht aufgefunden würde.« »Mein Vater!« rief Lucie, »Du bist unwohl!« Er war plötzlich aufgefahren und hatte die Hand an seinen Kopf gelegt. Sein Blick und sein ganzes Wesen beunruhigte sie alle. »Nein, mein Kind, nicht unwohl. Es sind große Regentropfen gefallen, und sie haben mich erschreckt. Laßt uns lieber hineingehen.« Er hatte sich schnell wieder gefaßt. Der Regen fiel wirklich in großen Tropfen, und er zeigte sie auf der Rückenfläche seiner Hand. Über die Entdeckung aber, von der die Rede gewesen, verlor er kein Wort, und während sie ins Haus hineingingen, machte Mr. Lorry geschäftsmäßiges Auge die Wahrnehmung, oder glaubte wenigstens sie gemacht zu haben, daß auf dem Gesicht des Doktors, als er sich gegen Charles Darnay hinwandte, jener eigentümliche Ausdruck zu bemerken war, mit dem er in den Gängen des Gerichtshauses nach ihm hingesehen hatte. Dies war jedoch nur so flüchtig gewesen, daß Mr. Lorry die Verläßlichkeit seines Geschäftsauges fast bezweifelte. Der Arm des goldenen Riesen in der Halle erschien nicht ruhiger als der Doktor, der, während er unter demselben haltmachte, die Bemerkung hinwarf, daß er gegen kleine Erschütterungen noch nicht gehörig gestählt sei, vielleicht es auch nie werde, und der Regen habe ihn wirklich erschreckt. Teezeit. Miß Proß bereitete den Tee unter einer abermaligen Wiederkehr ihrer Umstände; aber noch immer keine Hunderte von Leuten. Mr. Carton hatte sich eingefunden; doch machte er erst zwei. Der Abend war so übermäßig schwül, daß sie vor Hitze fast verschmachteten, obschon die Türen und Fenster offen standen. Nachdem der Teetisch abgeräumt war, traten sie an eines der Fenster und schauten in die düstere Dämmerung hinaus, Lucie saß neben ihrem Vater, Darnay neben Lucie, und Carton lehnte sich auf den Sims. Die Vorhänge waren lang und weiß, und einige von den Windstößen, die in die Ecke hereinwirbelten, hatten sie an die Decke hinaufgerissen, daß sie wehten wie Gespensterflügel. »Noch immer fallen die Tropfen spärlich, groß und schwer«, sagte Doktor Manette. »Es kommt langsam.« »Aber sicher«, bemerkte Carton. Sie sprachen leise, wie wartende Leute gewöhnlich zu tun pflegen, namentlich wenn sie in einem dunklen Zimmer sitzen und des Blitzstrahls harren. In den Straßen wurde es sehr rührig, und Leute eilten, um sich vor dem Losbrechen des Gewitters ein Unterkommen zu suchen. Die durch ihren Widerhall so merkwürdige Ecke führte wohl das Echo von kommenden und gehenden Fußtritten her, aber keine Fußtritte. »Eine Menge Volks und doch eine solche Abgeschiedenheit«, sagte Darnay, nachdem sie eine Weile gehorcht hatten. »Ist dies nicht eindrucksvoll, Mr. Darnay?« fragte Lucie. »Hin und wieder habe ich den ganzen Abend hier gesessen, bis ich mir einbildete – aber heute, wo alles so schwarz und feierlich ist, macht sogar der Schatten einer törichten Vorstellung mich schaudern –« »So wollen wir mitschaudern. Dürfen wir wissen, was Ihnen Ihre Phantasie vorführte?« »Es wird Ihnen wohl als nichts erscheinen. Ich glaube, solche Grillen machen nur im Augenblick ihres Entstehens einen Eindruck; er läßt sich nicht übertragen. Ich habe bisweilen in den Abendstunden allein hier gesessen und habe gelauscht, bis es mir vorkam, die Echos, die ich vernähme, seien der Widerhall aller der Fußtritte, die bestimmt sind, uns in unserm Leben zu begegnen.« »Wenn dies zur Wirklichkeit würde, müßte es eines Tages in unserm Leben ein starkes Gedränge geben«, fiel Sydney Carton in seiner mürrischen Weise ein. Die Tritte hörten nicht auf und wurden immer schneller und schneller. Die Ecke echote und echote wider von Schritten, einige, wie es schien, unter den Fenstern, andere im Zimmer, die einen kommend, die andern gehend, die einen innehaltend, die andern ganz aufhörend – alles dies in den fernen Straßen, ohne daß man eines Menschen ansichtig wurde. »Ist die Gesamtheit dieser Fußtritte für uns alle bestimmt oder werden wir uns darin teilen müssen, Miß Manette?« »Ich weiß es nicht, Mr. Darnay. Ich sagte Ihnen ja, es sei eine törichte Vorstellung; aber Sie haben sie wissen wollen. Als ich mich in sie hineinträumte, war ich allein, und ich bildete mir ein, es seien die Fußtritte von Menschen, die in mein und meines Vaters Leben hereinkämen.« »Ich nehme sie für das meinige in Anspruch«, sagte Carton, »und ich stelle keine Fragen und mache keine Bedingungen. Da kommt eine schwere Menge auf uns herunter, Miß Manette, und ich sehe sie – ein Leuchten des Blitzes.« Letztere Worte fügte er nach einem heftigen Blitzstrahl hinzu, bei dessen Licht man ihn, auf den Fenstersims gelehnt, hatte sehen können. »Und ich höre sie«, fuhr er fort, als das Rollen des Donners aufhörte. »Da kommen sie, rasch, wild und wütend.« Er hatte damit das Ungestüm des Regens versinnbildlichen wollen, der jetzt so übermächtig geworden war, daß man keine Stimme mehr hören konnte. Die Regengüsse wurden von unablässigem Blitzen und Donnergekrach begleitet und ließen erst nach, als gegen Mitternacht der Mond aufging. Die große Glocke von Saint Paul rief eben ein Uhr in die geklärte Luft hinaus, als Mr. Lorry, von dem hochgestiefelten, mit einer Laterne versehenen Jerry begleitet, den Rückweg nach Klerkenwall antrat. Zwischen dem letzteren Platze und Soho gab es einige kaum besuchte Wegstriche, und Mr. Lorry, der allen Respekt vor Räubern hatte, mietete Jerry regelmäßig für diesen Abendgang, obschon dieser sonst seinen Dienst gut um ein paar Stunden früher erfüllen durfte. »Was ist das für eine Nacht gewesen, Jerry«, sagte Mr. Lorry. »Fast eine Nacht wie die, die die Toten wieder aus den Gräbern ruft.« »Eine solche Nacht habe ich nie erlebt, Herr, und ich hoffe sie auch nicht wieder zu erleben«, entgegnete Jerry. »Gute Nacht, Mr. Carton«, sagte der Geschäftsmann. »Gute Nacht, Mr. Darnay. Werden wir wohl je miteinander wieder eine solche Nacht erleben?« Vielleicht. Vielleicht sehen sie auch das schwere Menschengedränge stürmend und tobend auf sich niederkommen. Siebentes Kapitel. Ein vornehmer Herr in der Stadt. Monseigneur, einer der Mächtigen bei Hof, hielt zu Paris in seinem prachtvollen Palast seinen vierzehntägigen Empfang. Monseigneur befand sich in seinem innern Zimmer, dem Heiligtum der Heiligtümer, zu dem von den äußern her der Schwarm andächtiger Verehrer wallfahrtet. Monseigneur war im Begriff, Schokolade zu trinken. Monseigneur konnte ungeheuer viel schlucken, und einige mißgünstige Geister sagten ihm nach, er werde bald sogar mit ganz Frankreich fertig werden; aber die Morgenschokolade brachte Monseigneur nicht durch seinen Schlund hinunter ohne die Beihilfe von vier starken Männern, den Koch nicht mitgerechnet. Ja. Vier Männer waren dazu nötig, alle vier funkelnd von prächtiger Vergoldung, und der oberste darunter wäre außerstande gewesen, ohne ein paar goldene Uhren in der Tasche, die mit der edlen, reinen, von Monseigneur aufgebrachten Mode wetteiferten, die glückliche Schokolade zu Monseigneurs Lippen zu führen. Ein Lakai brachte die Schokoladekanne in die hochheilige Gegenwart; ein zweiter schlug und quirlte die Schokolade mit dem kleinen Instrument, das er für diesen Zweck mit sich führte; ein dritter präsentierte das begünstigte Tellertuch, und ein vierter, der mit den zwei Uhren, schenkte die Schokolade ein. Es war unmöglich für Monseigneur, einen dieser Schokoladebeamten zu missen und sein Haupt hochzutragen unter dem bewundernden Himmel; ein schwerer Flecken hätte seinen Wappenschild betroffen, wenn seine Schokolade unedel nur von drei Mann wäre serviert worden; von nur zweien hätte Monseigneur den Tod gehabt. Monseigneur war die letzte Nacht bei einem kleinen Souper gewesen, bei welchem die Komödie und die große Oper ihre zauberhaften Vertreter hatte. Der gnädige Herr liebte es, an solchen kleinen Abendpartien mit hinreißender Gesellschaft teilzunehmen, und war überhaupt so artig und für Eindrücke empfänglich, daß ihm unter den ermüdenden Stoffen der Staatsangelegenheiten und Staatsgeheimnisse die Komödie und die große Oper weit höher standen als die Not von ganz Frankreich. Ein glücklicher Umstand für das letztere, wie überhaupt für alle in derselben Weise begünstigten Länder! Zum Beispiel auch für England in den unvergeßlichen Tagen des fröhlichen Stuart, der es verkaufte. Monseigneur hatte eine wahrhaft adlige Idee vom öffentlichen Geschäftsgang im allgemeinen, indem er wollte, daß alles seinen eigenen Weg gehe; in Beziehung auf öffentliche Geschäfte im besonderen aber hegte er die gleichfalls echt adelige Idee, daß alles jenen Weg gehen müsse, der zur Vergrößerung seiner Macht und seines Vermögens beitrug. Eine weitere von seinen echt adeligen Ideen war, daß die Welt im allgemeinen sowohl wie im besonderen nur seinem Wohlergehen zu dienen habe. Sein Wahlspruch lautete nur mit einer unbedeutenden Variante für das persönliche Hauptwort im Original: »Die Erde und ihre Fülle sind mein, sagt Monseigneur«. Monseigneur hatte indes allmählich die Entdeckung gemacht, daß sich in seine Angelegenheiten, die eigenen sowohl wie die öffentlichen, auch gemeine Verlegenheiten einschlichen, und sich deshalb mit einem Generalpächter zu verbünden genötigt gesehen; denn was die öffentlichen Finanzen betraf, so konnte er nicht alles und alles damit machen und mußte sie deshalb jemand überlassen, der dies besser verstand; bei der Rücksicht auf die Privatfinanzen dagegen erschien der Umstand maßgebend, daß Generalpächter reich waren und Monseigneur nach Generationen des Luxus und der Verschwendung arm zu werden begann. Monseigneur hatte daher seine Schwester, als es noch rechte Zeit war, den Schleier, dieses wohlfeilste Gewand, das sie tragen konnte, abzuwehren, aus dem Kloster geholt, um mit diesem Preis einen sehr reichen Generalpächter, der arm an Familie war, zu beglücken. Besagter Generalpächter, der stets einen passenden Stock mit goldenem Knopf bei sich führte, befand sich eben unter der Gesellschaft in den Vorzimmern, hochgefeiert von der ganzen Menschheit, mit Ausnahme der höheren Menschheit von Monseigneurs Blut, das einschließlich seiner eigenen Frau mit der stolzesten Verachtung auf ihn niederschaute. Der Generalpächter war ein Mann, der etwas ausgeben konnte. Dreißig Rosse standen in seinen Ställen, vierundzwanzig männliche Dienstleute saßen in seinen Hallen, und sechs Wärterinnen bedienten seine Gemahlin. Als ein Mann, von dem man annahm, sein ganzes Geschäft bestehe im Zugreifen und Plündern, wo es nur immer etwas gab, war der Generalpächter, welchen Einfluß auch seine ehelichen Beziehungen auf die gesellschaftliche Moral üben mochten, wenigstens die größte Realität unter den Personen, die an jenem Tage im Palast von Monseigneur ihre Aufwartung machten. Denn die Gemächer, wie schön sie sich auch ausnahmen und in dem Geschmack und der Kunstfertigkeit jener Zeit prunkten, waren in Wirklichkeit wenigstens keine gesunde Realität, und wenn man sie mit den Vogelscheuchen in Lumpen und Nachtkappen anderswo nicht einmal weit davon, denn von den Wachtürmen der Notre-Dame-Kirche aus konnte man in gleichen Abständen die Gegensätze überschauen verglich, so boten sie, falls im Hause von Monseigneur jemand sich damit abgeben mochte, sogar den Anblick einer recht unbehaglichen Realität. Offiziere vom Heer ohne militärische Kenntnisse, Flottenoffiziere ohne eine Vorstellung von einem Schiffe, Zivilbeamte ohne einen Begriff vom öffentlichen Dienst, keckstirnige Geistliche von der schlimmsten weltlichen Welt mit sinnlichen Augen, frechen Zungen und noch frecheren Sitten, alle insgesamt für ihre Berufszweige unpassend, trieben sich zu Dutzend und Dutzenden in den Vorzimmern herum und wurden fett im Genusse aller einträglichen Stellen, die ihnen zufielen, bloß weil sie zum Kreise von Monseigneur gehörten. Ferner sah man viele, die nicht unmittelbar zu Monseigneur oder dem Staate, gleichwohl aber auch nicht zu irgend etwas Realem oder einem Leben in Beziehung standen, das seine irdischen Zwecke auf einem offenen, geraden Wege anstrebt. Ärzte, die reich geworden waren von leckeren Heilmitteln gegen eingebildete, nie vorhanden gewesene Krankheiten, lächelten ihren kurfähigen Patienten in Monseigneurs Antichambres zu. Projektmacher, die aller Art Rezepte erfunden hatten gegen die kleinen, dem Staate anhaftenden Schäden, aber keines, durch das im Ernst auch nur eine einzige Sünde ausgerottet worden wäre, schütteten ihr zur Verzweiflung bringendes Gefasel in jedes Ohr, dessen sie bei Monseigneurs Empfang habhaft werden konnten. Ungläubige Philosophen, die die Welt mit Worten ummodelten und aus Kartenblättern babylonische Türme zur Erstürmung des Himmels bauten, unterhielten sich in der wundervollen Versammlung bei Monseigneur mit ungläubigen Chemikern, die ein Auge auf die Umwandlung der Metalle hatten. Feine Herren, die ihre vorzügliche Bildung schon in jener denkwürdigen Zeit, wie noch heute, durch ihre völlige Gleichgültigkeit gegen alles kundgaben, was sonst naturgemäß das menschliche Interesse anspricht, trugen einen Zustand der musterhaftesten Langeweile im Palast Monseigneurs zur Schau. Diese verschiedenen Notabilitäten aus der feinen Welt von Paris hatten ein so eigentümliches Familienleben hinter sich, daß es die Spione unter den versammelten Anhängern Monseigneurs, aus denen wohl eine gute Hälfte dieser hochgebildeten Gesellschaft bestand, schwer gefunden haben würden, unter den Engeln dieser Sphäre auch nur ein einziges weibliches Wesen zu entdecken, das durch ihr Aussehen und Benehmen hätte merken lassen, daß es eine Mutter sei. In der Tat war eine solche Stellung in der Frauenwelt, mit Ausnahme des bloßen Akts, ein lustiges Geschöpf ins Leben einzuführen und dieser geht noch nicht weit, um den Namen einer Mutter zu etwas Reellem zu machen dem vornehmen Kreise etwas ganz Unbekanntes. Bauernweiber blieben bei ihren ungeleckten Kindern und zogen sie groß; bezaubernde Großmütter aber von sechzig kleideten sich und machten Abendpartien mit wie in ihrem zwanzigsten Jahr. Die höchste Unrealität entstellte jedes Menschenwesen in der bunten Mischung, die Monseigneur ihre Aufwartung machte. In dem äußersten Zimmer befand sich ein halbes Dutzend exzeptioneller Personen, die seit ein paar Jahren sich mit der unbestimmten Ahnung trugen, daß der Gang der Dinge im allgemeinen doch nicht der rechte sei. Um in einer hoffnungsvollen Weise ihn zu bessern, hatte sich die Hälfte dieses halben Dutzends zu der phantastischen Sekte der Konvulsionäre geschlagen, und sie gingen eben mit sich zu Rat, ob sie nicht auf der Stelle schäumen, toben, brüllen und in epileptische Zuckungen verfallen sollten, um so als Richtschnur für Monseigneur einen höchst verständlichen Fingerzeig für die Zukunft zu geben. Die übrigen drei neben diesen Derwischen waren zu einer andern Sekte übergegangen, die die Welt durch einen Gallimathias über »das Zentrum der Wahrheit« zu bessern beabsichtigte, indem sie behauptete, die Menschheit sei (was allerdings keines Beweises bedurfte) aus diesem Zentrum gewichen, aber noch nicht über die Peripherie hinausgelangt letzteres müsse man verhindern oder wohl durch die Zurückführung nach dem Mittelpunkt erwirken durch Fasten und Geisterseherei. Natürlich fand unter diesen ein starrer Verkehr mit Geistern statt, der für die Welt wunderbar viel Gutes wirkte, obschon es leider nie bekannt geworden ist. Einen Trost bot wenigstens die Gesellschaft in Monseigneurs prächtigem Palast man sah überall eine vollkommen tadellose Kleidung. Hätte es sich nur beweisen lassen, daß der Tag des Gerichts bloß ein großer Galatag, sei, so würde hier gewiß männiglich als für alle Ewigkeit fehlerfrei erfunden worden sein. Das Gekräusel, Gepuder und Aufsteifen des Haars, die seine künstlich erhaltene und aufgefrischte Gesichtsfarbe, die ritterlich anzusehenden Degen und die Ehren, die man dem Geruchssinn erwies, mußten zuverlässig alles für immer und immer im besten Gang erhalten. Die feinen Herren von der ausgesuchtesten Bildung trugen kleine Gehänge, die klimperten, wenn ihre Inhaber erschöpft sich vorüber bewegten; die goldenen Fesseln klangen wie kostbare Glöcklein, und dieses Klingen bildete in Verbindung mit dem Rauschen von Seide, Perkal und seiner Leinwand in der Luft ein Fächeln, das Saint Antoine und seinen verzehrenden Hunger weit von hinnen scheuchte. Der Putz war der einzige unfehlbare Talisman und Zauber, um alle Dinge an ihrem Platz zu erhalten. Jedermann war für einen Ball in Kostüme gekleidet, der nie aufhören sollte. Von dem Palast der Tuilerien an durch Monseigneur und den ganzen Hof, durch die Kammern, die Gerichtsbehörden und die ganze Gesellschaft (die Vogelscheuchen ausgenommen) lief der kostümierte Ball hinab bis zum Scharfrichter, der zur Aufrechterhaltung des Zaubers »frisiert und gepudert, in goldgesticktem Rock; Tanzschuhen und weißseidenen Strümpfen« seinen Dienst versehen mußte. Vor Galgen und Rad das Beil war eine Seltenheit hatte Monsieur Paris, wie die Hauptstadt von ihren untergeordneten Kollegen nach bischöflichem Vorgang betitelt wurde, in seiner gewähltesten Gala den Vorsitz. Und wer von der Gesellschaft aus Monseigneurs Empfangszimmern in dem Jahre unseres Herrn Siebzehnhundertachtzig konnte möglicherweise zweifeln, daß je ein System ein Ende nehmen konnte, das seine Wurzel in einem frisierten, gepuderten und goldbetreßten Henker mit Tanzschuhen und weißseidenen Strümpfen hatte! Nachdem Monseigneur seine vier Mann ihrer Bürde entledigt und seine Schokolade eingenommen hatte, ließ er die Tür des Heiligtums der Heiligtümer öffnen und trat hinaus. Welche Unterwürfigkeit jetzt, welches Katzenbuckeln und Wedeln, welche Kriecherei und Wegwerfung! Da beugte man sich körperlich und geistig in einer Ausdehnung, daß nichts mehr für den Himmel übrigblieb dies vielleicht einer der Gründe, warum ihn die Verehrer Monseigneurs nie behelligten. Dahin ein Versprechen, dorthin ein Lächeln entsendend, hier einem glücklichen Sklaven ein Wort zuflüsternd, dort einem andern mit der Hand zuwinkend, schritt Monseigneur leutselig durch die Salons bis in die entfernte Region des Zentrums der Wahrheit. Dort wandte er sich, kehrte zurück, erreichte im Laufe der Zeit abermals das Heiligtum mit den dienenden Schokoladegeistern, ließ die Türen schließen und wurde nicht mehr gesehen. Die Schaustellung war vorüber, das Fächeln in der Luft wurde zu einem kleinen Sturm, und die kostbaren Glöcklein klingelten die Treppen hinunter. Bald war von dem ganzen Gedränge nur noch eine einzige Person übrig, die, den Hut unter dem Arme und die Schnupftabakdose in der Hand, an den Spiegeln vorbei langsam gleichfalls sich nach dem Ausgang hin bewegte. »Hole dich der Teufel!« sagte die also beschriebene Persönlichkeit, indem sie an der letzten Tür haltmachte und sich gegen das Heiligtum umdrehte. Zugleich schüttelte sie den Schnupftabak von ihren Fingern, als sei er der Staub ihrer Füße, und schritt ruhig die Treppe hinab. Die Person war ein Mann von ungefähr sechzig, schön gekleidet, von stolzem Wesen und mit einem Gesicht, das einer seinen Maske glich. Ein Gesicht von durchscheinender Nässe, jeder Zug darin klar bestimmt, und nur ein einziger markierter Ausdruck auf demselben. Die sonst schön geformte Nase war an der Spitze der Nasenlöcher etwas eingedrückt, und in diese beiden Gruben schien das einzige Wandelbare, das in dem Gesicht je bemerklich wurde, sich geflüchtet zu haben. Sie wechselten nämlich bisweilen die Farbe und zeigten gelegentlich eine Ausdehnung und ein Zusammenziehen, als ob sie leicht pulsierten: dadurch verliehen sie den Zügen einen Ausdruck von Tücke und Grausamkeit. Bei aufmerksamer Prüfung konnte man wahrnehmen, wie zu Herstellung dieses Ausdrucks namentlich auch der Umstand mitwirkte, daß die Linien des Mundes und der Augenkreise viel zu dünn und wagerecht waren; gleichwohl konnte nach dem Gesamteindruck das Gesicht als schön und merkwürdig bezeichnet werden. Der Inhaber desselben ging die Treppe nach dem Hofe hinunter, stieg in seinen Wagen und fuhr von hinnen. Bei dem Empfang hatten nur wenige mit ihm gesprochen: er war beiseite gestanden, und Monseigneur hätte wohl in seinem Benehmen gegen ihn ein wenig wärmer sein können. Den Umständen nach schien es ihm ein angenehmes Schauspiel zu gewähren, wie das gemeine Volk vor seinen Pferden auseinanderstob und oft kaum dem Niedergetretenwerden entrann. Der Kutscher hieb auf seine Tiere los, als, griffe er einen Feind an; aber die wütende Rücksichtslosigkeit des Dieners brachte nicht die mindeste Veränderung hervor in dem Gesicht oder an den Lippen seines Herrn. Bisweilen wurde selbst in jener tauben Stadt und in jener stummen Zeit die Klage laut, daß in den engen Straßen ohne Seitenwege für die Fußgänger der wilde adelige Brauch des raschen Fahrens das gemeine Volk gefährde und oft in barbarischer Weise verstümmele; aber wenige kümmerten sich darum so viel, um zum zweitenmal daran zu denken, und so überließ man es auch hier wie in allem andern der Kanaille, sich aus ihrer Bedrängnis zu helfen, so gut sie konnte. In tollem Rasseln und einer unmenschlichen Unbekümmertheit, die man in unsern Tagen unbegreiflich fände, jagte der Wagen durch die Straßen und um die Ecken, während die Weiber schreiend davor ausrissen und Männer gegenseitig sich oder Kinder aus dem Wege zerrten. Endlich fegte er um einen Eckbrunnen; eines der Räder hüpfte leicht auf, und alsbald brach aus vielen Kehlen ein lautes Geschrei los, vor dem die Rosse stampfend und ausschlagend stehenblieben. Ohne die letztere Unbequemlichkeit würde der Wagen wahrscheinlich nicht haltgemacht haben. Wagen fuhren so oft weiter und ließen Verwundete hinter sich warum auch nicht? Aber der erschreckte Kammerdiener war hurtig abgestiegen, und zwanzig Hände hatten die Pferde bei den Zügeln gefaßt. »Was hat's gegeben?« fragte Monsieur, ruhig hinausschauend. Ein großer Mann mit einer Nachtmütze hatte unter den Pferdehufen hervor ein Bündel hervorgelangt und auf die Brunnenfliesen gelegt: er kniete davor im Schlamm und in der Nässe und heulte darüber wie ein wildes Tier. »Verzeihung, Monsieur le Marquis«, sagte ein zerlumpter, unterwürfiger Mann, »es ist ein Kind.« »Warum macht der Mann diesen abscheulichen Lärm? Ist es sein Kind?« »Entschuldigt, Monsieur le Marquis leider ja.« Der Brunnen stand etwas an der Seite, denn die Straße mündete hier in einen Platz ein, der seine zehn oder zwölf Schritte im Geviert maß. Als der große Mann plötzlich vom Boden aufsprang und auf den Wagen zugelaufen kam, fuhr Monsieur le Marquis für einen Augenblick mit der Hand an seinen Degenknopf. »Umgebracht!« schrie der Mann in wilder Verzweiflung, aus hohlen Augen zu ihm hinstarrend und die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. »Tot!« Die Leute drängten sich näher heran und schauten auf Monsieur le Marquis. Und in den vielen Augen, die auf ihm hafteten, gab sich nur der Ausdruck der Hast und der Aufmerksamkeit kund; nirgends ein Zeichen von Drohung oder Zorn. Auch wurde nicht gesprochen; nach dem ersten Schrei war das Volk verstummt. Die Stimme des unterwürfigen Mannes, der geantwortet hatte, klang matt und zahm in ihrer äußersten Untertänigkeit. Monsieur le Marquis ließ die Blicke über die Menge hingleiten, als bestände sie nur aus Ratten, die aus ihren Löchern hervorgekommen wären. Er nahm seine Börse heraus. »Es ist außerordentlich«, sagte er, »daß die Leute so wenig auf sich selbst und ihre Kinder achtgeben. Eines oder das andere von euch ist einem immer im Weg. Wie weiß ich, ob nicht meine Pferde Schaden genommen haben? Sieh nach. Gib ihm dies.« Er warf dem Kammerdiener ein Goldstück zu, und alle Köpfe streckten sich vorwärts, um es allen Augen möglich zu machen, zu sehen, wo es niederfiel. Abermals rief der große Mann in einem unbeschreiblichen Ton: »Tot!« Er wurde angehalten durch einen rasch herbeikommenden andern Mann, dem der Haufe Platz machte. Als der unglückliche Vater ihn erkannte, fiel er ihm um den Hals, weinte und schluchzte und deutete nach dem Brunnen, wo einige Weiber sich über dem regungslosen Bündel niederbeugten und sorgsam sich damit zu schaffen machten. Auch sie verhielten sich so still wie die Männer. »Ich weiß alles, weiß alles«, sagte der letzte Ankömmling. »Sei ein Mann, Gaspard. Für die arme kleine Puppe da ist es besser, so zu sterben, als zu leben. Sie ging ohne Schmerz aus der Welt: hätte sie auch nur eine Stunde glücklich in ihr leben können?« »Ah, Ihr seid ein Philosoph«, sagte der Marquis lächelnd. »Wie heißt Ihr?« »Defarge.« »Euer Gewerbe?« »Weinhändler.« »Lest dies auf, Philosoph und Weinhändler«, sagte der Marquis, indem er auch ihm ein Goldstück hinwarf, »und tut Euch damit gütlich. Wie steht's mit den Pferden alles in Ordnung?« Ohne die Menge eines weiteren Blicks zu würdigen, lehnte sich Monsieur le Marquis auf seinen Sitz zurück und wollte eben mit der Miene eines Mannes, der zufällig etwas zerbrochen und als zahlungsfähige Person den Preis dafür erlegt hat, von hinnen fahren, als seine Ruhe plötzlich durch ein Geldstück zerstört wurde, das in den Wagen hineinflog und klingend zu Boden fiel. »Halt!« sagte Monsieur le Marquis. »Haltet die Pferde! Wer hat geworfen?«« Er blickte nach der Stelle zurück, wo einen Augenblick vorher Defarge, der Weinhändler, gestanden hatte, sah aber nur noch den unglücklichen Vater, der, das Antlitz im Staub, am Boden lag, und neben ihm die Gestalt eines braunen stämmigen Weibes, das ihr Strickzeug in der Hand hatte. »Ihr Hundepack!« sagte der Marquis ruhig und mit unverändertem Gesichtsausdruck, die bekannten Stellen an seiner Nase ausgenommen, wie gern würde ich über jeden von euch wegfahren, um euch von der Erde zu vertilgen. Wüßte ich, welcher Schuft in den Wagen geworfen, und hätte ich ihn nahe genug, so ließe ich ihn unter die Räder schleudern.« Die Lage des Volkes war so gedrückt, und es hatte so viel von dem erleben müssen, was ein solcher Mann innerhalb und außerhalb des Gesetzes mit ihm anfangen durfte, daß keine Stimme, keine Hand, ja, nicht einmal ein Auge sich erhob. Unter den Männern wenigstens nicht. Nur das Weib mit dem Strickzeug warf einen festen Blick auf den Marquis. Es war aber unter seiner Würde, dies zu bemerken, sein Auge glitt verächtlich hin über sie und über die andern Ratten: dann lehnte er sich wieder in seinen Sitz zurück und gab Befehl weiterzufahren. E« wurde weitergefahren, und andere Karossen kamen in rascher Folge vorbeigesaust: der Minister, der Staatsprojektenmacher, der Generalpächter, der Doktor, der Advokat, der Geistliche, die große Oper, die Komödie, kurz, der ganze Kostümball in seinem bunten Durcheinander wirbelte vorbei. Die Ratten krochen aus ihren Löchern und sahen stundenlang zu; Soldaten und Polizeidiener gingen oft zwischen ihnen und dem Schauspiel hin und her und bildeten Schranken, hinter die die Ratten zurückmußten. Der Vater hatte längst sein Bündel aufgenommen und ein Versteck dafür gesucht, während die Weiber, die das Bündel gepflegt hatten, als es auf den Brunnenfliesen lag, noch dasaßen und dem Rinnen des Wassers und dem Rollen des Kostümballs zusahen; auch jene Frau, die mit ihrem Strickzeug dagestanden, strickte fort mit der Beharrlichkeit einer Nonne. Das Wasser des Brunnens lief fort, der rasche Fluß lief weiter, der Tag verlief in den Abend, so viel Leben der Stadt verlief nach der Regel, daß Ebbe und Flut auf niemand warten, im Tod, die Ratten schliefen wieder dicht beisammen in ihren dunklen Löchern, für den Kostümball waren die Souperlichter angezündet, und alles verlief im alten Gange. Achtes Kapitel. Ein vornehmer Herr auf dem Lande. Eine schöne Landschaft und das Getreide darauf am Reifen, aber nicht im Überfluß gebaut. Striche mageren Roggens, wo Hafer hätte stehen sollen, Streifen ärmlicher Bohnen und Erbsen oder rauhen Gemüses statt des Weizens. Auch in der seelenlosen Natur wie in den Männern und Weibern, die sie pflegten, die vorherrschende Neigung, nur ungern zu vegetieren, ein kleinmütiger Hang, zu verzagen und hinzuwelken. Monsieur le Marquis schleppte sich in seinem von vier Postpferden und zwei Postknechten geführten Reisewagen, der wohl hätte leichter sein können, einen steilen Berg hinan. Das Rot auf dem Gesicht von Monsieur le Marquis tat seiner hohen Bildung keinen Abtrag; es kam nicht von innen, sondern wurde durch einen äußerlichen Umstand veranlaßt, über den er keine Gewalt hatte durch die untergehende Sonne. Die Strahlen der letzteren trafen den Reisewagen, als dieser die Höhe des Berges erreicht hatte, mit so vollem Glanz, daß sein Insasse in Purpur getaucht zu sein schien. »Es wird bald vorüber sein«, sagte Monsieur le Marquis, seine Hände ansehend. In der Tat stand die Sonne schon so tief, daß sie im nächsten Augenblick untergehen konnte. Als dem Rad der schwere Hemmschuh angepaßt wurde und der Wagen mit einem Brandgeruch und in einer Wolke von Staub bergab rutschte, schwand die purpurne Glut rasch dahin; die Sonne und der Marquis gingen zusammen hinunter, und beim Abnehmen des Radschuhs war auch kein Hauch von Rot mehr vorhanden. Dagegen war noch da eine unebene Landschaft, schön und offen, ein kleines Dorf am Fuße des Berges, jenseits wieder eine Anhöhe, ein Kirchturm, eine Windmühle, ein Forst für die Jagd und ein Felsen mit einer Feste darauf, die als Gefängnis diente. Der Marquis überschaute diese im Abendschatten mehr und mehr sich verdüsternden Gegenstände mit der Miene eines Mannes, der sich seinem Heimwesen nähert. Da« Dorf hatte seine einzige ärmliche Straße mit einem ärmlichen Brauhaus«, einer ärmlichen Gerberei, einer ärmlichen Schenke, einem ärmlichen Poststall, einem ärmlichen Brunnen, kurz, lauter ärmlichen Zugehörnissen. Aber auch die Bevölkerung war arm, und viele von den Einwohnern saßen vor den Türen und schnitzelten Zwiebel oder etwas Ähnliches zum Nachtessen, während andere an dem Brunnen standen und Blätter, Gras und sonstige kleine Erderzeugnisse wuschen, die sich essen ließen. Auch fehlte es nicht an ausdrucksvollen Zeichen über den Grund ihrer Verarmung, denn feierliche Inschriften, die anzeigten, daß man hier die Staatssteuer, die Kirchensteuer, die grundherrliche Steuer, den Gemeindeschaden und die Akzise einziehe, waren in so reichlicher Anzahl vorhanden, daß man sich nur wundern mußte, wenn das Dörflein überhaupt noch unverschluckt dastand. Auch einige Kinder ließen sich blicken, aber keine Hunde. Was die Männer und Weiber betraf, so hatten sie in Beziehung auf ihre Erdenverhältnisse eine geringe Wahl entweder drunten im Dörflein hinter der Mühle ein Leben für Hungersterben, oder droben auf dem Felsen im Gefängnis Haft und Tod. Durch einen Vorreiter und das Knallen der Peitschen angekündigt, die wie hurtige Schlangen über den Köpfen der Postknechte durch die Abendluft zuckten, fuhr Monsieur le Marquis, wie von Furien begleitet, mit seinem Reisewagen vor dem Tor des Posthofes an. Dieser befand sich in der Nähe des Brunnens, und die Bauernweiber unterbrachen ihre Arbeit, um nach ihm hinzusehen. Auch er schaute zu ihnen hinüber und bemerkte auf allen Gesichtern das Gepräge jener Magerkeit, durch die die Franzosen auf ein Jahrhundert hindurch sprichwörtlich geworden sind. Monsieur le Marquis warf eben seine Blicke auf die unterwürfigen Gestalten, die sich vor ihm beugten, wie er selbst bei Hof vor Monseigneur sich gebeugt hatte, nur mit dem Unterschied, daß jene bloß zu leiden, aber keine Gnaden auszuteilen hatten als sich ein grauköpfiger Knecht der Gruppe anschloß. »Bring' mir jenen Kerl her«, sagte der Marquis zu dem Vorreiter. Der Kerl wurde, die Mütze in der Hand, hergebracht, und die andern Kerle schlössen sich ihm an, um zu sehen und zu hören, in der Art, wie's die Leute auch an den Pariser Brunnen zu halten pflegten. »Ich kam auf dem Herweg an dir vorbei?« »Monseigneur, es ist wahr; ich hatte auf der Straße die Ehre der Begegnung.« »Beim Bergauffahren und auf der Höhe des Berges?« »Ja, Monseigneur.« »Nach was hast du so aufmerksam geschaut?« »Monseigneur, ich schaute nach dem Manne.« Er beugte sich ein wenig und deutete mit seiner zerlumpten Mütze unter den Wagen. Alle seine Kameraden beugten sich gleichfalls, um unter den Wagen zu sehen. »Welchen Mann, Schwein? Und warum schautest du nach ihm?« »Verzeihung, Monseigneur, er hing in der Kette des Radschuhs.« »Wer?« fragte der Reisende. »Monseigneur, der Mann.« »Hole der Teufel alle diese Dummköpfe! Hast du keinen Namen für diesen Mann? Du kennst alle Leute in der ganzen Gegend. Wer war er?« »Monseigneur halten zu Gnaden, er war nicht aus der Gegend. Ich hab' ihn Tag meines Lebens nicht gesehen.« »Und er hing in der Kette erdrosselt?« »Mit Eurer Gnaden Erlaubnis, das war eben das Wunder, Monseigneur. Sein Kopf hing über so!« Er wandte sich seitwärts gegen den Wagen und kehrte sich zurück, das Gesicht himmelwärts gedreht und den Kopf niederhängend; dann richtete er sich wieder auf, fuchtelte mit seiner Mütze und machte eine Verbeugung. »Wie sah er aus?« »Monseigneur, er war weißer als ein Müller. Ganz mit Staub bedeckt, weiß wie ein Gespenst und so lang wie ein Gespenst.« Die Beschreibung machte ungemeines Aufsehen unter dem kleinen Haufen; aber aller Augen schauten auf Monsieur le Marquis. Vielleicht um zu sehen, ob er nicht ein Gespenst auf seinem Gewissen hatte. »Das hast du wahrhaftig gut gemacht«, sagte der Marquis, der sich glücklicherweise besann, daß ein solcher Wurm ihn nicht aufbringen konnte; »du siehst, wie ein Dieb meinen Wagen begleitet, tust aber dein großes Maul nicht auf. Pah! Schafft ihn beiseite, Monsieur Gabelle.« Monsieur Gabelle war der Postmeister und nebenbei Einzieher einer der verschiedenen Steuersorten. Er war mit großer Diensteifrigkeit herausgekommen, um an dem Verhör mitzuhelfen, und hatte in amtlicher Weise den zu Verhörenden am Wamsärmel festgehalten. »Fort setzt!« sagte Monsieur Gabelle. »Versichert Euch des Fremden, wenn er im Dorf eine Nachtherberge sucht, und überzeugt Euch, ob sein Gewerbe ein ehrliches ist, Gabelle.« »Monseigneur, es ist mir ungemein schmeichelhaft, dero Befehle ausführen zu dürfen.« »Ist er davongelaufen, Kerl? Wo ist der verfluchte Hund?« Der verfluchte Hund stak bereits mit einem halben Dutzend besonderer Freunde unter dem Wagen und deutete mit seiner blauen Mütze auf die Kette. Ein anderes halbes Dutzend besonderer Freunde holte ihn geschickt wieder hervor und präsentierte ihn atemlos dem Herrn Marquis. »Ist der Mann davongelaufen, Schafskopf, als man den Radschuh brauchte?« »Monseigneur, er stürzte sich den Berghang hinunter, den Kopf voran, wie man tut, wenn man sich in den Fluß wirft.« »Sorgt für die Sache, Gabelle. Vorwärts!« Das Halbdutzend stak noch gleich Schafen zwischen den Rädern und sah nach der Kette; die Räder aber drehten sich so plötzlich, daß sie von Glück sagen konnten, wenn sie ihre Haut und ihre Knochen retteten. Außerdem hatten sie freilich sehr wenig zu retten, da es ihnen sonst kaum so gut gelungen wäre. Der rasche Anlauf, den der Wagen vom Dorf aus genommen hatte, wurde bald gehemmt durch die jenseits gelegene steile Anhöhe. Die Bewegung ging allmählich in Schritt über, und der Wagen pendelte und holperte zwischen den vielen süßen Düften der Sommernacht bergan. Die Postknechte, die jetzt statt der Furien von tausend sommerfadigen Schnaken umkreist wurden, flochten ruhig die zerfaserten Endschlingen ihrer Peitschen wieder zusammen; der Kammerdiener ging neben den Pferden her, und den Vorreiter hörte man aus grauer Ferne voraustraben. An der steilsten Stelle der Anhöhe befand sich ein kleiner Friedhof mit einem Kreuz und einem neuen großen Christusbild daran. Es war eine ärmliche Bildhauerarbeit, ausgeführt von einem ungeübten Dorfschnitzer; aber er hatte sein Werk nach dem Leben ausgeführt nach seinem eigenen vielleicht denn die Figur war schrecklich mager und abgezehrt. Vor diesem traurigen Sinnbild einer Not, die seit lange immer größer wurde und den höchsten Grad noch nicht erreicht hatte, kniete ein Weib. Sie wandte sich um, als der Wagen auf sie zukam, stand rasch auf und trat an den Kutschenschlag. »Sind Sie es, Monseigneur? Monseigneur, eine Bitte.« Mit einem Ausruf der Ungeduld, aber unverändertem Gesicht sah Monseigneur hinaus. »Was ist schon wieder? Was soll's? Immer Bitten!« »Monseigneur, um des barmherzigen Gottes willen, mein Mann, der Waldhüter « »Was ist mit deinem Mann, dem Waldhüter? Immer dasselbe mit euch Leuten. Er kann wohl nicht zahlen?« »Er hat alles bezahlt, Monseigneur. Er ist tot.« »Nun, dann hat er Ruhe. Kann ich ihn dir zurückgeben?« »Leider nein, Monseigneur. Aber er liegt dort unter einem Häuflein armseligen Grases.« »Was weiter?« »Monseigneur, der Häuflein armseligen Grases sind so viele.« »Nun, und dann?« Sie sah alt aus, obschon sie jung war. Ihr Benehmen verriet den tiefsten Kummer. Sie schlug wiederholt mit wildem Schmerz ihre dürren, dickadrigen Hände zusammen und legte dann eine derselben auf den Kutschenschlag zart und liebkosend, als sei er eine Menschenbrust, von der sich Gefühl für die flehentliche Berührung erwarten ließ. »Monseigneur, hört mich! Monseigneur, hört meine Bitte! Mein Mann ist aus Mangel gestorben; so viele sterben aus Not, und noch viele werden vor Mangel zugrunde gehen.« »Was willst du von mir? Kann ich sie füttern?« »Monseigneur, das weiß der liebe Gott; aber ich verlange dies nicht. Meine Bitte beschränkt sich nur darauf, daß ein Stückchen Stein oder Holz mit meines Mannes Namen darauf an die Stelle gesetzt werde, wo er liegt. Der Platz wird sonst bald vergessen und nicht mehr aufzufinden sein, wenn ich gestorben bin an derselben Krankheit und ich gleichfalls mein Bett finden soll unter einem Häuflein ärmlichen Grases. Monseigneur, es sind ihrer so viele; sie vermehren sich so schnell; es gibt so viel Not. Monseigneur! Monseigneur!« Der Kammerdiener schob sie von dem Schlag zurück: der Wagen war in einen raschen Trab übergegangen, und die Postknechte trieben vorwärts, daß sie bald zurückblieb. Monseigneur aber verminderte, wieder von den Furien begleitet, rasch den Abstand von einer oder zwei Wegstunden, der ihn noch von seinem Schlosse trennte. Die süßen Düfte der Sommernacht verbreiteten sich über alles um ihn her und umhüllten auch unparteiisch wie der fallende Regen die staubige, zerlumpte, von Arbeit erschöpfte Gruppe an dem nicht fern gelegenen Brunnen, der der Knecht unter Beihilfe der blauen Mütze, ohne die er nichts war, eines breiten feinen gespenstischen Mann beschrieb, solange sie zuhören wollte. Da sie jedoch endlich auch dieses satt bekam, so verschwand allmählich einer nach dem andern, und aus den kleinen Fenstern begannen Lichter zu flimmern, die, als die Fenster wieder dunkel wurden und mehr Sterne herauskamen, statt ausgelöscht zu werden, an den Himmel hinaufgeschossen zu sein schienen. Um diese Zeit breitete sich der Schatten eines großen Hauses mit hohem Dach und vielen breitkronigen Bäumen über den Marquis. Und der Schatten wurde gegen das Licht einer Fackel vertauscht, als sein Wagen haltmachte und das Portal seines Schlosses für ihn geöffnet wurde. »Ich erwarte Monsieur Charles; ist er aus England angelangt?« »Noch nicht, Monseigneur.« Neuntes Kapitel. Das Gorgonenhaupt. Das Schloß des Monsieur le Marquis war ein großer schwerfälliger Bau, mit einem großen steinbepflasterten Hof davor und zwei mächtigen Steintreppen, die sich an eine steinerne Terrasse von dem Hauptportal anschlossen. Eine steinerne Schicht überall, mit schweren Steinbalustraden, steinernen Urnen, steinernen Blumen, steinernen Menschengesichtern und steinernen Löwenköpfen überall, als sei sie vor zwei Jahrhunderten unmittelbar nach dem Fertigwerden vom Haupt der Meduse bestrahlt worden. Vor der breiten Flucht der niedrigen Treppen stieg Monsieur le Marquis aus dem Wagen; die Fackel ging ihm voran und störte die Dunkelheit hinreichend, um einer Eule in dem Dach des mächtigen, hinter den Bäumen steckenden Marstalls eine laute Gegenvorstellung zu entlocken. Alles andere war so ruhig, daß die treppauf getragene Fackel und die Fackel, die man unter dem Portal hielt, brannten, als seien sie nicht in freier Luft, sondern in einem abgesperrten Prunksaal. Außer der Stimme der Eule ließ sich kein weiterer Laut vernehmen als das Plätschern einer Fontäne in ihrem steinernen Becken; denn es war eine von jenen dunkeln Nächten, die ihren Atem stundenlang anhalten und dann zu einem tiefen Seufzer ausholen, um unmittelbar darauf abermals atemlos zu werden. Das Portal schlug hinter ihm zu, und Monsieur le Marquis schritt durch eine Halle, die grimmig starrte von alten Sauspießen, Hirschfängern und Weidmessern, noch grimmiger aber von gewissen schweren Reitgerten und Reitpeitschen, deren Gewicht mancher Bauer vor seinem Hingang zu seinem Wohltäter Tod bitter empfunden hatte, wenn sein Herr zornig war. Die größern Gelasse vermeidend, die dunkel und während der Nacht geschlossen waren, folgte Monsieur le Marquis seinem Fackelträger eine Treppe hinan nach einer Tür zu einem Korridor. Sie ging auf und gestattete ihm den Zugang zu seiner gewöhnlichen Wohnung, die aus drei Gemächern, seinem Schlafzimmer und zwei andern bestand. Hochgewölbte Räume mit kalten Böden, die mit Teppichen belegt waren, große Feuerböcke auf den Herden für das Brennholz im Winter und aller Luxus, der für den Prunk eines Marquis in einem an Luxus gewöhnten Lande und Zeitalter paßten. Die Mode des vorletzten Ludwig, von der Linie, die nicht zu unterbrechen war des vierzehnten Ludwig zeichnete sich durch ihr reiches Möbelwerk aus, in das jedoch Abwechslung kam durch viele Gegenstände, die dazu dienten, alle Blätter aus der Geschichte Frankreichs zu illustrieren. Im dritten Gemache, einem runden Zimmer in einem der vier löschhutbedachten Türme des Schlosses, stand für zwei eine Soupertafel gedeckt. Es war ein kleines hohes Zimmer mit weit offenem Fenster und geschlossenen Jalousien, so daß die Nacht nur in schmalen, schwarzen Horizontallinien, abwechselnd mit den breiten Linien von Steinfarbe, hereinschien. »Mein Neffe«, sagte der Marquis mit einem Blick auf die Vorbereitungen zum Nachtessen, »ist, wie ich höre, noch nicht angekommen.« »Nein; man hatte ihn mit Monseigneur erwartet.« »Ah; es ist nicht wahrscheinlich, daß er heute noch eintreffen wird. Doch laß den Tisch immerhin, wie er ist; ich werde in einer Viertelstunde bereit sein.« Nach einer Viertelstunde war Monseigneur bereit und setzte sich zu seinem reichen, gewählten Mahle nieder. Sein Stuhl stand dem Fenster gegenüber. Er hatte sich Suppe geschöpft und wollte eben sein Glas Bordeaux an die Lippen führen, als er es wieder niedersetzte. »Was ist das?« fragte er ruhig, aufmerksam auf die Horizontallinien von Schwarz und Steinfarbe schauend. »Monseigneur, was?« »Vor dem Laden draußen. Öffnet die Jalousien.« Es geschah. »Nun?« »Monseigneur, es ist nichts. Ich kann nichts wahrnehmen als die Bäume und die Nacht.« Der Diener, der sprach, hatte die Läden weit aufgeworfen und in die leere Finsternis hinausgeschaut; er stand jetzt mit dieser Leere im Hintergrund da und harrte weiterer Befehle. »Gut«, sagte der durch nichts zu störende Gebieter. »Du magst wieder schließen.« Auch dies geschah, und der Marquis setzte sein Nachtessen fort. Er mochte etwa zur Hälfte fertig sein, als er wieder mit seinem Glas in der Hand anhielt. Er hörte Rädergerassel, das rasch immer naher kam und zuletzt vor dem Schloß haltmachte. »Fragt, wer angekommen ist.« Es war der Neffe von Monseigneur. Der Marquis hatte früh am Nachmittag nur einen Vorsprung von ein paar Wegstunden vor ihm; wie scharf aber auch der Neffe fuhr, war es ihm doch nicht gelungen, Monseigneur einzuholen. In den Posthäusern hörte er, daß sein Onkel schon dagewesen sei. Man solle ihm sagen, sagte Monseigneur, daß das Nachtessen seiner harre und er gebeten würde, hereinzukommen. Nach einer Weile trat er ein. Es war der Mann, den man in England als Charles Darnay kannte. Monseigneur empfing ihn auf höfliche Weise, ohne ihm jedoch die Hand zu reichen. »Du hast gestern Paris verlassen?« sagte der Neffe zu Monseigneur, als er seinen Sitz am Tische einnahm. »Ja. Und du?« »Ich komme direkt.« »Von London?« »Ja.« »Du hast lange gebraucht zu deinem Kommen«, sagte der Marquis mit einem Lächeln. »Im Gegenteil, ich komme direkt.« »Entschuldige, ich meine nicht die Zeit, die du zur Reise brauchtest; es währte so lange, bis du dich zu der Reise entschlossest.« »Ich wurde abgehalten durch « der Neffe zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort »verschiedene Geschäfte.« »Ohne Zweifel«, sagte der höfliche Onkel. Solange das Diner dauerte, fiel kein weiteres Wort zwischen ihnen; als sie aber nach dem Kaffee allein beisammen saßen, begann der Neffe, der nach dem Onkel hinsah und den Augen des maskenähnlichen schönen Gesichts begegnete, die Unterhaltung. »Wie du dir denken kannst, bin ich zurückgekommen, um den Zweck zu verfolgen, der mich fortführte, Er brachte mich an große und unerwartete Gefahr; aber es ist ein heiliges Ziel, und wenn es mich das Leben gekostet hätte, so würde ich mich, hoffe ich, wie ein Mann in den Tod gefunden haben.« »Nicht in den Tod«, sagte der Onkel; »es ist nicht notwendig, zu sagen, in den Tod.« »Ich zweifle«, entgegnete der Neffe, »ob du es für der Mühe wert gehalten haben würdest, mich zurückzuhalten, wenn es mich wirklich bis an den äußersten Rand des Grabes geführt hätte.« Die Nasengruben und das Längerwerden der feinen geraden Linien in dem grausamen Gesicht sahen bei diesen Worten unheilverkündend aus. Der Onkel machte eine anmutige Gebärde des Protestes, die aber so augenfällig das Ergebnis der feinen Bildung war, daß sie nicht beruhigte. »In der Tat«, fuhr der Neffe fort, »soviel ich in Erfahrung brachte, hast du ausdrücklich darauf hingearbeitet, daß die verdächtigen Umstände, die gegen mich sprachen, noch verdächtiger erschienen.« »Nein, nein, nein«, sagte der Onkel scherzhaft. »Wie dem übrigens sein mag«, fuhr der Neffe fort, indem er den Marquis mit tiefem Mißtrauen betrachtete, »ich weiß, daß deine Diplomatik mir durch alle Mittel Einhalt tun und in der Wahl derselben kein Bedenken zeigen würde.« »Mein Freund, ich hab' dir dies im voraus erklärt«, sagte der Onkel mit einem seinen Pulsieren der zwei Gruben. »Habe die Güte, dich zu erinnern, daß ich längst dir dies selbst gesagt habe.« »Ich erinnere mich.« »Danke schön«, sagte der Marquis in sehr süßem Ton. Der Ton klang noch eine Weile in der Luft, fast wie der eines musikalischen Instruments. »In Wirklichkeit«, fuhr der Neffe fort, »es ist nur dein schlimmes und mein gutes Glück, was mich hier vor einem französischen Gefängnis bewahrt hat.« »Ich verstehe das nicht ganz«, versetzte der Onkel, seinen Kaffee schlürfend. »Darf ich um eine Erklärung bitten?« »Ich glaube, wenn du nicht bei Hof in Ungnade wärest, und nicht schon seit Jahren dich diese Wolke umschattete, so würde längst ein lettre de cachet mich für unbestimmte Zeit nach irgendeiner Festung geschickt haben.« »Es ist möglich«, sagte der Onkel mit großer Ruhe. »Um der Ehre der Familie willen hätte ich mich wohl entschließen können, dich bis zu dieser Ausdehnung zu inkommodieren. Ich bitte, entschuldige mich.« »Ich bemerke, daß zum Glück der vorgestrige Empfangstag wie gewöhnlich ein kalter war«, entgegnete der Neffe. »Ich würde nicht sagen, zum Glück«, erwiderte der Onkel mit größter Höflichkeit, »denn ich wüßte dies nicht so gewiß. Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken, unterstützt von den Vorteilen der Einsamkeit, dürfte auf dein Schicksal einen weit günstigeren Einfluß üben, als dies dein sonstiges Handeln tun kann. Doch es ist nutzlos, diese Frage zu verhandeln. Ich bin, wie du sagst, im Nachteil. Jene kleinen Korrektionsmittel, die milden Stützpunkte der Macht und Ehre von Familien, die geringen Gunstbezeugungen, die dir so ungelegen kommen könnten, sind jetzt nur noch durch Einfluß und Zudringlichkeit zu erwirken. So viele suchen darum nach, und sie werden verhältnismäßig so wenigen erteilt. Früher war es anders, aber in allen solchen Dingen hat sich Frankreich sehr verschlechtert. Unsere Vorfahren besaßen vor nicht gar langer Zeit, dem Pöbel ihrer Umgebung gegenüber, das Recht über Leben und Tod. Von diesem Zimmer sind viele solche Galgenstricke hinausgeschleppt worden, um gehangen zu werden, und wir selbst können uns noch erinnern, daß in dem nächsten Gemach, meinem Schlafzimmer, ein Kerl auf der Stelle erdolcht wurde, weil er ein unverschämtes Zartgefühl zur Schau stellte in Beziehung auf seine Tochter seine Tochter! Wir haben viele Vorrechte verloren: eine neue Philosophie ist in die Mode gekommen, und die Behauptung unserer Stellung könnte heutzutage ich gehe nicht so weit, zu sagen, würde, sondern nur könnte uns in ernstliche Angelegenheit bringen. Alles sehr schlimm, sehr schlimm!« Der Marquis nahm eine gebildete kleine Prise Tabak und schüttelte den Kopf, mit ziemlicher Eleganz an einem Lande verzweifelnd, das ihm diese großen Mittel der Wiedergeburt vorenthielt. »Wir haben sowohl in alten Zeiten wie in der neuen unsere Stellung in einer Weise behauptet«, versetzte der Neffe düster, »daß ich glaube, unser Name ist mehr verabscheut als irgendeiner in Frankreich.« »Wollen wir dies hoffen«, sagte der Onkel. »Verabscheuung der Hochgestellten ist die unwillkürliche Huldigung der Niedrigen.« »In der ganzen Gegend ringsumher«, fuhr der Neffe in dem früheren Tone fort, »gibt es kein Gesicht, das mit Achtung zu mir aufblickt: ich begegne in den Mienen nur dem finstern Ausdruck der Furcht und der Sklaverei.« »Ein Kompliment für die Größe der Familie«, sagte der Marquis, »verdient durch die Art, wie die Familie ihre Größe gewahrt hat. Ha!« Und er nahm wieder eine ganz kleine Prise und legte leicht die Beine übereinander. Aber als der Neffe, einen Ellenbogen auf den Tisch gestützt, gedankenvoll und niedergeschlagen die Augen mit der Hand bedeckte, schaute die schöne Maske seitwärts mit einer stärkeren Konzentration von Strenge, Verschlossenheit und Abneigung nach ihm hin, als sich mit der vorgeschützten Gleichgültigkeit ihres Trägers vereinbaren ließ. »Druck ist die einzige nachhaltige Philosophie«, bemerkte der Marquis. »Der finstere Ausdruck der Furcht und Sklaverei, mein Freund, macht, daß diese Hunde der Peitsche gehorsam bleiben, solange dieses Dach« er sah danach aufwärts »den Himmel ausschließt.« Das dauerte vielleicht nicht so lange, als der Marquis meinte. Hätte man ihm in jener Nacht ein Bild seines Schlosses zeigen können, wie es nur einige Jahre später aussah, und wie fünfzig ähnliche Schlösser gleichfalls nach der kurzen Frist von einigen Jahren aussahen, so würde er wohl in den gespenstischen, verkohlten, ausgeraubten Trümmern sein Eigentum nicht wiedererkannt haben. Und was das gerühmte Dach betraf, so hätte er wohl gefunden, daß es in einer Neuen Art den Himmel ausschloß, nämlich für immer vor den Blicken der Körper, die mit seinem Blei durchschossen wurden, aus den Läufen von hunderttausend Musketen. »Inzwischen«, sagte der Marquis, »werde ich für die Ehre und Ruhe der Familie sorgen, wenn du es nicht tun willst. Doch du wirst müde sein. Wollen wir die Unterhaltung für heute abbrechen?« »Nur noch einen Augenblick.« »Eine Stunde, wenn's beliebt.« »Wir haben unrecht getan«, versetzte der Neffe, »und ernten jetzt die Früchte unseres Unrechts.« »Wir haben unrecht getan?« wiederholte der Marquis mit einem fragenden Lächeln, indem er fein zuerst auf seinen Neffen, dann auf sich deutete. »Unsere Familie, unsere ehrenwerte Familie, deren Ehre uns beiden in so verschiedener Weise am Herzen liegt. Sogar in meines Vaters Zeit übten wir eine Welt voll Unrecht und schädigten jedes menschliche Wesen, wer es auch sein mochte, das uns in unserem willkürlichen Treiben störte. Doch warum spreche ich von der Zeit meines Vaters, da sie auch die deinige ist? Kann ich meines Vaters Zwillingsbruder, Miterben und nächsten Nachfolger von ihm selbst trennen?« »Der Tod hat das getan«, sagte der Marquis. »Und mich hat er an ein System gefesselt«, erwiderte der Neffe, »das mir schrecklich ist wegen seiner Unmacht und seiner Verantwortlichkeit. Ich suchte die letzte Bitte von den Lippen meiner teuren Mutter zu erfüllen und dem letzten Blick aus ihren lieben Augen zu gehorchen, die mir flehentlich Erbarmen und Güte anempfahlen. Vergeblich marterte ich mich ab, die Macht dazu und Beistand zu gewinnen.« »Wenn du diese bei mir suchst, mein Neffe«, sagte der Marquis, indem er mit seinem Zeigefinger dessen Brust berührte sie standen jetzt bei dem Herd »so sei versichert, daß deine Mühe stets vergeblich sein wird.« Jede feine gerade Linie in dem klaren Weiß seines Gesichts war grausam, verschmitzt und unheimlich zusammengezogen, während er so, die Tabaksdose in der Hand, seinem Neffen gegenüberstand. Und abermals berührte er dessen Brust, als sei sein Finger die feine Spitze eines Dolches, die er mit aller Höflichkeit ihm ins Herz zu drücken Lust hatte. »Mein Freund«, sagte er, »ich werde das System, in dem ich gelebt habe, verfolgen, bis ich tot bin.« Nach diesen Worten nahm er eine kulminierende Prise und steckte die Dose in seine Tasche. »Besser, ein vernünftiges Wesen zu sein«, fügte er hinzu, nachdem er die kleine Klingel auf dem Tisch geläutet hatte, »und sich in seine natürliche Bestimmung zu fügen. Aber ich sehe, du bist verloren, Monsieur Charles.« »Dieses Eigentum und Frankreich sind allerdings für mich verloren«, sagte der Neffe traurig. »Ich verzichte darauf.« »Gehört beides dir, daß du darauf verzichten könntest? Auf Frankreich meinetwegen, aber auf dieses Eigentum? Es ist kaum des Erwähnens wert, aber gehört es noch dir?« »Die Worte, die ich brauchte, haben nicht den Sinn, als ob ich Anspruch darauf erhübe. Wenn es morgen von dir auf mich überginge « »Ich bin so eitel, zu hoffen, daß dies nicht wahrscheinlich ist.« »Oder in zwanzig Jahren erst « »Du erweisest mir zu viel Ehre«, sagte der Marquis; »doch gefällt mir diese Annahme besser.« »So würde ich ihm entsagen und irgendwo anders mein Leben durchzubringen suchen. Der Verzicht würde mir nicht schwer. Was ist es auch anders als eine Wildnis voll Elend und Ruin.« »Ha!« sagte der Marquis, in dem prunkvollen Zimmer umherschauend. »Hier macht es sich wohl schön genug für das Auge; aber in seiner Ganzheit unter freiem Himmel und im Lichte des Tages betrachtet, ist es ein zusammenbröckelnder Bau von Verschwendung, schlechter Verwaltung, Erpressung, Schulden, Verpfändung, Druck, Hunger, Blöße und Leiden.« »Ha!« wiederholte der Marquis mit selbstzufriedener Miene. »Wenn es je mein wird, so soll es in Hände kommen, die besser geeignet sind, es wenn dies je möglich ist allmählich von dem Druck zu befreien, der darauf lastet. Die nächste Generation des unglücklichen Volkes, das an die Scholle geheftet ist und erduldet hat, was man nur erdulden kann, kriegt es dann vielleicht besser. Ich vermag nichts; denn es liegt ein Fluch darauf wie auf dem ganzen Lande.« »Und du?« sagte der Onkel. »Verzeihe mir meine Neugierde. Hoffst du bei deiner neuen Philosophie auch standesgemäß leben zu können?« »Ich werde tun, was andere meiner Landsleute, vielleicht der höchste Adel darunter, auch werden tun müssen arbeiten.« »In England zum Beispiel?« »Ja. In diesem Lande ist die Familienehre sicher vor mir. Der Familienname kann durch mich nicht zu Schaden kommen, denn ich führe dort einen andern.« Auf den Ruf der Klingel waren in dem anstoßenden Schlafzimmer die Lichter angezündet worden, deren Helle durch die Verbindungstür hereindrang. Der Marquis schaute in diese Richtung und hörte auf den Tritt des sich entfernenden Kammerdieners. »Ich habe bereits gesagt, daß ich fühle, wie sehr ich dir für mein dortiges Fortkommen verpflichtet bin. Im übrigen ist es ein Asyl für mich.« »Die prahlerischen Engländer sagen, es sei ein Asyl für viele. Du kennst einen Landsmann, der dort auch ein Asyl gefunden hat einen Doktor?« »Ja.« »Mit einer Tochter?« »Ja.« »Ja«, sagte der Marquis. »Du bist müde. Gute Nacht!« Während er in der höflichsten Weise das Haupt verbeugte, lag in seinem lächelnden Gesicht ein Heimlichtun, und er übertrug auch in seine Worte den Ausdruck des Geheimnisses, so daß die Augen und Ohren seines Neffen notwendig Notiz davon nehmen mußten. Zu gleicher Zeit krümmten sich die feinen geraden Linien der Augenlider, die dünnen geraden Lippen und die Marken der Nase mit einem Sarkasmus, der das Gesicht eigentlich teuflisch schön erscheinen ließ. »Ja«, wiederholte der Marquis. »Ein Doktor mit einer Tochter. Ja, so beginnt die neue Philosophie! Du bist müde. Gute Nacht!« Es würde ebensoviel genützt haben, eines der steinernen Gesichter außerhalb des Schlosses, zu fragen, wie in dem seinen Auskunft zu suchen. Der Neffe forschte vergeblich darin, als er sich nach der Tür hin bewegte. »Gute Nacht!« sagte der Onkel. »Ich habe das Vergnügen, dich morgen früh wiederzusehen. Angenehme Ruhe! Leuchtet meinem Herrn Neffen nach seinem Zimmer! Und verbrennt meinetwegen meinen Herrn Neffen in seinem Bett«, fügte er vor sich hin hinzu, ehe er abermals die Klingel rührte und damit den Kammerdiener nach seinem Schlafgemach beschied. Der Kammerdiener kam und ging. Monsieur le Marquis spazierte in seinem weiten Schlafrock auf und ab, um sich in jener heißen, stillen Nacht ordentlich für den Schlaf vorzubereiten. Seine weichen Pantoffeln machten, während er umherwandelte, kein Geräusch auf dem Boden; er bewegte sich dahin wie ein veredelter Tiger und nahm sich dabei aus wie irgendein verzauberter Marquis von der schlechten, reuelosen Sorte im Märchen, der eben seine periodische Umwandlung in die Gestalt des gedachten Untiers antreten will oder beendigt hat. Er durchschritt sein üppiges Schlafgemach von einem Ende bis zum andern und beschäftigte sich mit den Eingebungen seiner kürzlichen Reise, die ungebeten sich seinem Geiste vergegenwärtigten mit dem langsamen Berganfahren abends, mit der untergehenden Sonne, dem Hinabfahren, der Mühle, dem Gefängnis auf dem Felsen, dem Dörflein im Tal, den Bauern am Brunnen und dem Knecht, der mit seiner blauen Mütze nach der Kette unter dem Wagen deutete. Der Brunnen erinnerte ihn an den zu Paris, auf dessen Fliesen das kleine Bündel lag, an die Weiber, die sich darüberhin beugten, und an den großen Mann mit den gerungenen Händen der »tot!« rief. »Ich bin jetzt abgekühlt«, sagte Monsieur le Marquis, »und kann zu Bett gehen.« Auf dem großen Herd blieb nur ein einziges Licht brennen. Er ließ die dünnen Gazevorhänge um sich her niederfallen und hörte, als er sich zum Schlafen anschickte, die Nacht mit einem langen Seufzer ihr Schweigen brechen. Die steinernen Gesichter an den Außenmauern starrten blind drei schwerfällige Stunden in die Nacht hinaus. Drei schleppende Stunden rasselten die Pferde in den Ställen an ihren Krippen; die Hunde bellten, und die Eule machte einen Lärm, der nur sehr wenig Ähnlichkeit mit dem Geräusch hatte, den die Dichter konventionell den Eulen zuzuschreiben pflegen. Es ist überhaupt der hartnäckige Brauch solcher Geschöpfe, kaum je das zu sagen, was man ihnen auf die Zunge legt. Drei schleppende Stunden starrten die steinernen Gesichter des Schlosses, Löwen sowohl wie Menschen, blind in die Nacht hinaus. Tiefes Dunkel lag auf der ganzen Landschaft; das tiefe Dunkel verstärkte noch die eigene Stille damit, daß es den Staub auf allen Wegen zur Ruhe brachte. Mit dem Friedhof war es soweit gekommen, daß seine kleinen Häuflein ärmlichen Grases sich nicht mehr unterscheiden ließen und die Figur hätte vom Kreuz heruntersteigen können, ohne daß man es merkte. Durch das ganze Dorf lagen die Steuereinnehmer und die Besteuerten in tiefem Schlaf. Träumend vielleicht von Banketten, wie der Hungernde so gern tut, und von Ruhe und Bequemlichkeit, wie man dies von dem gehetzten Sklaven und dem Jochochsen erwarten kann, schliefen die ausgemergelten Einwohner gesund; sie wurden genährt und fühlten sich frei. Drei dunkle Stunden lief der Brunnen im Dorf ungesehen und ungehört, und die Fontäne im Schloß plätscherte ungesehen und ungehört beide verrinnend wie die Minuten, die aus dem Born der Zeit fielen. Dann begannen die grauen Wasser beider im Lichte ein gespenstisches Aussehen anzunehmen, und die Augen der Steingesichter an dem Schloß taten sich auf. Heller und Heller, bis endlich die Sonne die Wipfel der stillen Bäume berührte und ihren Strahlenglanz über den Berg ausgoß. In der Glut schienen die Wasser der Schloßfontäne sich in Blut zu verwandeln und die steinernen Gesichter purpurn sich zu röten. Laut und lebhaft klang der Gesang der Vögel, und auf dem verwitterten Sims vor dem großen Fenster des Schlafzimmers von Monsieur le Marquis sang ein kleines Vögelchen mit Macht sein süßestes Lied. Darüber schien das nächste Steingesicht erstaunt die Augen aufzureißen und mit offenem Munde und niedergelassener Kinnlade sich zu entsetzen. Die Sonne war voll aufgegangen, und im Dorfe wurde es lebendig. Die Fenster taten sich auf, wurmstichige Türen wurden entriegelt, und fröstelnd kamen Leute heraus in die noch kühle, frische Luft. Dann begann die selten erleichterte Mühe des Tages unter der Dorfeinwohnerschaft. Einige an den Brunnen, andere aufs Feld hinaus: Männer und Weiber hier, um zu graben und zu schaufeln, Männer und Weiber dort, um nach dem ärmlichen Vieh zu sehen und knöcherne Kühe hinauszutreiben auf eine Weide, wie sie sich eben an den Wegrainen finden ließ. In der Kirche und vor dem Kreuz eine oder zwei kniende Gestalten, und dem Gebet der letzteren zuhörend die Leitkuh, die in dem Unkraut um das Kreuz her ein Frühstück zusammenzubringen suchte. Das Schloß erwachte, wie es seiner Würde ziemte, später; aber es erwachte allmählich und sicher. Zuerst röteten sich die einsamen Sauspieße und Weidmesser wie vor alters und blitzten dann blank im Morgensonnenschein. Dann gingen Türen und Fenster auf; die Pferde in den Ställen sahen über ihre Schultern nach dem Licht und der Frische zurück, die zur Tür hereinströmten; Blätter funkelten und rauschten vor den eisernen Fenstergittern; Hunde zerrten mit Ungestüm an ihren Ketten und wollten losgelassen werden. Alle diese unbedeutenden Vorkommnisse gehörten dem Schlendrian des Lebens und dem wiederkehrenden Morgen an. Aber doch wohl nicht auch das Läuten der großen Glocke auf dem Schloß, das Aufundabrennen auf den Treppen, das Dahinhuschen von Personen auf der Terrasse, das Stiefeln und Stampfen da, dort und überall, oder das hurtige Satteln von Pferden und das Fortreiten? Welche Winde brachten Kunde von dieser Hast an den grauhaarigen Knecht, der schon jenseits des Dorfes auf der Höhe an der Arbeit war, und dessen Mittagsmahl es war leicht genug; eine Krähe hätte es forttragen können in einem Bündel auf dem Steinhaufen neben ihm lag? Hatten die Vögel einige Körnchen davon ins Weite getragen und nach Art ihres zufälligen Aussäens eines über ihm niederfallen lassen? Sei dem, wie ihm wolle, der Knecht jagte an jenem frühen Morgen, als gelte es sein Leben, knietief im Staub den Berg hinab und hielt nicht inne, bis er den Brunnen erreicht hatte. Die ganze Dorfeinwohnerschaft war um den Brunnen versammelt; sie standen in ihrer gedrückten Weise umher und flüsterten miteinander, zeigten aber keine andere Erregung als die einer mürrischen Neugier und Überraschung. Die Leitkühe, die man hastig hereingebracht und an den nächsten besten Haltpfählen angebunden hatte, guckten dumm zu oder legten sich nieder und zerkauten nochmals das ärmliche Futter, das sie bei ihrem unterbrochenen Schleudergang abgemäht hatten. Einige Leute aus dem Schloß, einige aus dem Posthaus und sämtliche Steuerbeamte waren mehr oder weniger bewaffnet und drängten sich nach der andern Seite der kleinen Straße zusammen. Bereits war der Knecht in die Mitte einer Gruppe von fünfzig besonderen Freunden gedrungen und zerschlug sich mit seiner blauen Mütze die Brust. Was hatte alles dies zu bedeuten, und warum warf Monsieur Gabelle sich so hurtig hinter einem Bedienten aufs Pferd, um, das Tier doppelt belastend und gleichsam eine neue Auflage von Bürgers Lenore bildend, im Galopp dahingetragen zu werden? Es bedeutete, daß droben im Schloß ein steinernes Gesicht weiter war. Die Gorgone hatte in der Nacht das Schloß wieder betrachtet und das noch fehlende steinerne Gesicht hinzugefügt das steinerne Gesicht, auf das es schon seit zweihundert Jahren gewartet. Es lag auf dem Kissen von Monsieur le Marquis. Es glich einer schönen Maske, die plötzlich aufgeschreckt, erzürnt und versteinert wurde. Im Herzen der damit in Verbindung stehenden steinernen Figur steckte ein Messer. Um das Heft desselben war ein Papierstreifen gerollt und auf diesen gekritzelt: »Im Galopp mit ihm zu Grabe! Dies von Jacques.« Zehntes Kapitel. Zwei Zusagen. Noch mehr Monate waren zu der Zahl zwölf gekommen und verronnen, und Mr. Charles Darnay wirkte in England als ein höherer Lehrer der französischen Sprache und Literatur. In unsern Tagen würde man ihn Professor genannt haben: damals aber war er eben Privatlehrer. Er hielt Jünglingen, die Zeit und Interesse für das Studium einer lebendigen Sprache hatten, die durch die ganze Welt gesprochen wurde, Vorlesungen und brachte ihnen Geschmack bei für die wissenschaftlichen und poetischen Werke der Franzosen; auch konnte er in gutem Englisch darüber schreiben und sie gut ins Englische übersetzen. Solche Lehrer waren in jener Zeit nicht häufig; denn gewesene Prinzen und künftige Könige hatten sich noch nicht dem Lehrfach zugewendet, wie denn auch noch kein zugrundegerichteter Adel aus Tellsons Büchern gestrichen wurde, nachdem seine Mitglieder Köche oder Zimmerleute geworden waren. Der junge Mr. Darnay wurde bald als Lehrer, der seinen Schülern den Lehrstoff gut und angenehm beizubringen verstand, und als Übersetzer, der nicht bloß mit einer Wörterbuchsprachkenntnis arbeitete, bekannt und unterstützt. Er war außerdem ein gründlicher Kenner der Verhältnisse seines Vaterlandes, die immer interessanter wurden, und so gelang es ihm denn, sich durch seine Beharrlichkeit und seinen unermüdlichen Fleiß ein gutes Auskommen zu verschaffen. Er hatte von London nicht erwartet, daß er auf einem Pflaster von Gold wandeln oder in einem Rosenbett ruhen dürfe, denn mit solchen hochfliegenden Erwartungen würde er es nie vorwärts gebracht haben. Er war auf Arbeit gefaßt gewesen, die er fand und aufs beste ausnützte. Hierin bestand sein Auskommen. Einen gewissen Teil seiner Zeit verbrachte er in Cambridge, wo er den Studenten Vorlesungen hielt, als eine Art geduldeter Schmuggler, der einen Schleichhandel trieb mit europäischen Sprachen, statt durch das Zollhaus Griechisch und Lateinisch einzuführen; seine übrige Zeit verlebte er in London. Nun ist von den Tagen an, als es immer Sommer in Eden war, bis zu denen, in denen es in den tieferen Breiten fast immer wintert, die Welt des Mannes unabänderlich denselben Weg gegangen, den auch Charles Darnay ging dem Weibe nach. Er hatte Lucie Manette geliebt von der Stunde seiner Gefahr an. Nie war ihm ein Ton so süß und so lieb vorgekommen wie der Ton ihrer mitleidvollen Stimme; nie hatte er ein so zartes, schönes Gesicht gesehen wie das ihrige, als sie ihm gegenüberstand an dem Grabe, das für ihn bereits offen dalag. Doch war von ihm der Gegenstand noch nie berührt worden. Der Mord in dem verlassenen Schlosse weit weg jenseits der wogenden Wellen und der langen, staubigen Straßen in dem steinernen Schloß, das selbst zu einem bloßen nebligen Traum geworden hatte vor einem Jahr stattgefunden, er aber seitdem nie, auch nicht durch eine Silbe, ihr den Zustand seines Herzens geoffenbart. Daß er sich nicht ohne gute Gründe dessen enthielt, wußte er. Es war wieder ein Sommertag, als er, von seiner Kollegiumsbeschäftigung spät in London angelangt, um die ruhige Ecke in Soho einbog mit der Absicht, eine Gelegenheit herbeizuführen, um Doktor Manette sein Inneres zu erschließen. Es war abends um die Zeit, von der er wußte, daß sich Lucie mit Miß Proß außer dem Hause befand. Der Doktor saß eben lesend in seinem Armstuhl am Fenster. Er war allmählich wieder in den Besitz der Tatkraft gelangt, die ihn unter seinen früheren Leiden aufrechterhalten, aber auch diese um so schmerzlicher für ihn gemacht hatte. Man konnte ihn jetzt einen sehr tatkräftigen Mann mit ehernem Willen und fester Ausdauer nennen. In seiner wiedergewonnenen Energie zeigte sich indes bisweilen etwas Unstetes, Raschaufzuckendes, wie sich dies im Anfange auch bei seinen andern wiedererwachenden Fähigkeiten kundgetan hatte; allerdings bemerkte man es nie oft, und in letzter Zeit war es immer seltener und seltener geworden. Er studierte viel, schlief wenig, konnte große Anstrengung mit Leichtigkeit ertragen und war dabei heiter und zufrieden. Als Charles Darnay bei ihm eintrat, legte er sein Buch beiseite und bot ihm die Hand. »Charles Darnay! Ich freue mich, Sie zu sehen. Wir haben Sie schon vor drei oder vier Tagen zurückerwartet. Mr. Stryver und Sydney Carton waren gestern hier, und beide erklärten, Sie übertreiben die Pünktlichkeit.« »Ich bin ihnen sehr verbunden für ihr Interesse an der Sache«, versetzte er mit einiger Kälte für die Angezogenen, aber dafür mit desto mehr Wärme gegen den Doktor. »Miß Manette « »Ist wohl«, sagte der Doktor, ihm ins Wort fallend, »und Ihre Rückkehr wird uns allen Freude machen. Sie ist in Haushaltungsangelegenheiten ausgegangen, wird aber bald wieder hier sein.« »Doktor Manette, ich weiß, daß sie abwesend ist, und wollte diese Gelegenheit benutzen, mit Ihnen zu sprechen.« Es folgte ein Schweigen der Verlegenheit. »Ja?« »ersetzte endlich der Doktor mit sichtlichem Zwange. »So bringen Sie Ihren Stuhl her und reden Sie.« Mr. Darnay willfahrte in Beziehung auf den Stuhl, schien aber das Reden weniger leicht zu finden. »Ich habe seit anderthalb Jahren das Glück gehabt, Doktor Manette«, begann er zuletzt, »hier so vertraut angesehen zu werden, daß ich hoffe, der Gegenstand, der mir auf dem Herzen liegt, werde « Er schwieg, denn der Doktor streckte seine Hand aus, um ihm Einhalt zu tun. Nachdem dieser eine Weile in seiner Gebärde verharrt und dann die Hand wieder zurückgezogen hatte, fragte er: »Ist Lucie der Gegenstand?« »Ja.« »Es kommt mir zu jeder Zeit schwer an, über sie zu sprechen: besonders schmerzlich aber wird mir's, wenn ich von ihr reden hören soll in dem Tone, dessen Sie sich eben bedienten, Charles Darnay.« »Es ist der Ton heißer Verehrung, treuer Huldigung und wahrer Liebe, Doktor Manette«, versetzte der andere ehrerbietig. Abermals eine Pause der Verlegenheit, ehe der Doktor erwiderte: »Ich glaube es. Ich lasse Ihnen Gerechtigkeit widerfahren, ich glaube es.« Sein Zwang war so augenfällig, und man sah so klar, wie er aus der Abgeneigtheit, diesen Gegenstand zu berühren, hervorging, daß Charles Darnay zögerte. »Soll ich fortfahren, Sir?« Abermalige Pause. »Ja; fahren Sie fort.« »Sie werden sich wohl denken, was ich sagen will, obgleich Sie nicht wissen können, mit welchem Ernst ich es sage, und wie tief ich es fühle, wenn Sie nicht mein innerstes Herz und die Hoffnungen und Befürchtungen kennen, mit denen es sich schon so lange trägt. Mein teurer Doktor Manette, ich liebe Ihre Tochter warm, innig, uneigennützig und hingebend. Wenn es je Liebe in der Welt gab, so liebe ich sie. Sie haben selbst geliebt; lassen Sie Ihre alte Liebe für mich das Wort nehmen.« Der Doktor saß mit abgewendetem Gesicht da und hielt die Augen auf den Boden geheftet. Bei den letzten Worten streckte er hastig seine Hand wieder aus und rief: »Nicht so, Herr; lassen Sie das. Ich beschwöre Sie, rufen Sie mir nicht dies in Erinnerung.« Sein Ausruf trug so unverkennbar den Charakter eines wahren Schmerzes, daß er Charles Darnay noch lange nachher in den Ohren klang. Er bewegte die ausgestreckte Hand und schien damit Darnay anzuflehen, daß er innehalten möchte. Wenigstens deutete sich letzterer die Sache so und blieb still. »Ich bitte Sie um Verzeihung«, sagte der Doktor nach einer Weile in gedämpftem Ton. »Ich zweifle nicht daran, daß Sie Lucie lieben. Dies mag Sie zufriedenstellen.« Er drehte sich auf seinem Sitz gegen ihn hin, ohne ihn jedoch anzusehen oder die Augen aufzuschlagen. Sein Kinn ruhte auf der unterstützenden Hand, und das weiße Haar überschattete sein Gesicht. »Haben Sie mit Lucie gesprochen?« »Nein.« »Ihr geschrieben?« »Nie.« »Es wäre unedel, wenn ich mir den Anschein geben wollte, als fühle ich nicht, daß Ihre Selbstverleugnung in den Rücksichten für ihren Vater begründet ist. Der Vater dankt Ihnen.« Er bot seine Hand an, aber seine Augen folgten ihr nicht. »Ich weiß « sagte Darnan achtungsvoll »wie sollte es mir, der ich euch Tag für Tag zusammen gesehen habe, Doktor Manette, entgangen sein, daß zwischen Ihnen und Miß Manette eine so ungewöhnliche, so rührende und ganz den Umstanden angemessene Zuneigung besteht, wie man sie selbst in der Zärtlichkeit zwischen einem Vater und einem Kinde nur selten findet. Ich weiß, Doktor Manette wie sollte ich es nicht wissen , daß ihr Herz Ihnen die volle Innigkeit und das Vertrauen des Kindes, gemischt mit der Liebe und dem Pflichtgefühl der zur Jungfrau herangewachsenen Tochter, bewahrt hat. Ich weiß, daß sie jetzt, nachdem ihre Kindheit des Vaters beraubt war, sich Ihnen widmet mit der warmen Glut und Beständigkeit ihres reiferen Alters und Charakters, vereint mit der Zutraulichkeit und Liebe jener früheren Zeit, in der sie den Vater missen mußte. Ich weiß vollkommen wohl, daß Sie, wenn Sie aus einer andern Welt zu ihr zurückgekehrt wären, in ihren Augen keine heiligere Glorie hätten tragen können, als die ist, in welcher sie Sie stets erblickt. Ich weiß, daß, wenn sie sich an Sie anklammert, die Arme des Kindes, der Jungfrau und des Weibes zugleich Ihren Nacken umfangen halten. Ich weiß, daß in ihrer Liebe zu Ihnen sie ihre Mutter sieht und liebt, wie diese in ihrem Alter war daß sie Sie sieht und liebt als einen Mann in meinem Alter daß sie die Mutter mit ihrem gebrochenen Herzen liebt und Ihnen liebend folgt durch Ihre schrecklichen Prüfungen bis zu Ihrer glücklichen Erlösung. Ich habe all dies in meinem Innern geschaut Tag und Nacht, seit ich Sie in Ihrem Heimwesen kennenlernte.« Ihr Vater saß stumm da, das Antlitz niedergebeugt. Sein Atem ging ein wenig schneller, aber er unterdrückte alle weiteren Zeichen der Aufregung. »Mein teurer Doktor Manette, ich wußte dies immer, sah Sie beide stets in diesem geheiligten Lichte und habe deshalb an mich gehalten an mich gehalten, solange die Mannesnatur es vermochte. Ich fühlte, und fühle es auch jetzt, daß ein Einmengen meiner Liebe – der meinigen sogar –als eine Berührung Ihrer Liebe mit etwas Unheiligerem erscheint. Aber ich liebe sie. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich sie liebe.« »Ich glaube es«, entgegnete ihr Vater traurig. »Es ist mir schon früher so vorgekommen. Ich glaube es.« »Aber glauben Sie ja nicht«, sagte Darnay, an dessen Ohr der wehmütige Ton der Stimme wie ein Vorwurf schlug, »daß mir ernst sein könnte mit dem, was ich jetzt sage, wenn in dem für mich überglücklichen Fall, daß sie mein Weib werden wollte, nur entfernt an eine Trennung zwischen Ihnen gedacht werden müßte. Abgesehen davon, daß ich weiß, wie wenig Hoffnung mir dann bliebe, müßte es mir auch in dem Lichte einer Schändlichkeit erscheinen. Wenn der Gedanke an eine solche Möglichkeit, selbst für noch so ferne Zeit, je in dem verborgensten Winkel meines Herzens geweilt hätte oder darin überhaupt Eingang zu finden vermöchte, so könnte ich nicht jetzt diese geehrte Hand berühren.« Und er legte bei diesen Worten die seinige auf die des Doktors. »Nein, mein teurer Doktor Manette. Wie Sie ein freiwilliger Verbannter aus Frankreich; wie Sie aus der Heimat vertrieben durch ihre Zerrüttung, ihre Bedrückung und ihr Elend; wie Sie meinen Unterhalt und eine glücklichere Zukunft von der eigenen Anstrengung erwartend, sehne ich mich nur danach, Ihrem Glücksstern zu folgen, Leben und Herd mit Ihnen zu teilen und Ihnen treu zu sein bis in den Tod. Ich will Lucien von ihrem Vorrecht, Ihr Kind, Ihre Gefährtin und Freundin zu sein, nichts entziehen: aber zu Hilfe kommen möchte ich ihr dabei und sie noch inniger an Sie heften, wenn dies anders möglich ist.« Seine Hand ruhte noch immer auf der ihres Vaters. Nachdem letzterer für einen Augenblick, aber nicht kalt, die Berührung erwidert hatte, stützte er die Hände auf die Stuhllehne und blickte zum erstenmal seit dem Beginn der Besprechung auf. In seinem Gesicht zeigte sich ein Kampf ein Kampf, begleitet von jenem gelegentlichen Ausdruck, der so leicht in düsteren Zweifel und Furcht überging. »Sie sprechen so gefühlvoll und männlich, Charles Darnay, daß ich Ihnen aus voller Seele danke und auch Ihnen mein ganzes Herz oder doch fast mein ganzes Herz aufschließen will. Haben Sie Grund zu glauben, daß Lucie Sie liebt?« »Nein. Bis jetzt nicht.« »Ist es der unmittelbare Zweck dieses Vertrauens, darüber mit meinem Vorwissen Gewißheit zu erhalten?« »Nicht gerade. Ich erwarte dies vor Wochen noch nicht zu erfahren, obschon ich meine Hoffnungsfülle, sei sie nun eine begründete oder nicht, mir bewahren möchte.« »Verlangen Sie Unterstützung von mir?« »Nein, Sir, obschon ich es für möglich gehalten habe, es dürfte in Ihrer Macht liegen, mich zu leiten, wenn es Ihnen passend erscheinen sollte.« »So erwarten Sie wohl eine Zusage?« »Ja.« »Des Inhalts?« »Ich begreife wohl, daß ich ohne Sie keine Hoffnung haben kann. Auch ist mir klar, daß ich in Miß Manettes unschuldigem Herzen, selbst wenn sie mein Bild darin trüge, obschon ich nicht so anmaßend bin, dies zu vermuten, keinen Platz zu behaupten vermöchte im Widerspruch mit ihrer Liebe zu ihrem Vater.« »Wenn dies der Fall ist, sehen Sie wohl, was anderweitig daraus folgen müßte?« »Ich begreife nicht minder, daß ein Wort aus dem Munde ihres Vaters zugunsten eines Bewerbers bei ihr mehr Gewicht hätte als die ganze übrige Welt. Aus diesem Grunde, Doktor Manette«, fügte Darnay bescheiden, aber mit Festigkeit bei, »möchte ich um dieses Fürwort nicht bitten, und wenn mein Leben daran hinge.« »Ich traue Ihnen dies zu. Charles Darnay, Geheimnisse entstehen aus inniger Liebe ebensogut wie aus weiter Spaltung; im ersteren Falle sind sie gar zart und verfänglich und schwer zu ergründen. Meine Tochter Lucie ist in dieser Beziehung ein solches Geheimnis für mich; ich habe keine Vermutung über den Zustand ihres Herzens.« »Darf ich fragen, Sir, ob Sie glauben, es « Da er zögerte, so ergänzte ihr Vater den Satz. »Es bemühe sich ein anderer Freier um sie?« »Das ist ist's, was ich sagen wollte.« Nach einigem Nachdenken erwiderte der Doktor: »Sie haben Mr. Carton selbst hier gesehen. Auch Mr. Stryver kommt gelegentlich her. Wenn es der Fall wäre, so könnte nur einer von diesen zweien in Frage kommen.« »Oder beide«, sagte Darnay. »Ich hatte nicht an beide gedacht und halte es auch nicht für wahrscheinlich. Sie verlangen eine Zusage von mir. Sprechen Sie, worin soll sie bestehen?« »Wenn Miß Manette je von freien Stücken sich mit einem ähnlichen Vertrauen an Sie wendet, wie ich es heute zu tun gewagt habe, so bitte ich Sie, mir meine heutigen Worte und Ihren Glauben daran zu bezeugen. Ich hoffe, Sie haben eine so gute Meinung von mir, daß Sie Ihren Einfluß nicht gegen mich geltend machen werden, und will daher nichts mehr zu meinen Gunsten sagen. Um dies allein bitte ich: Sie haben ein unbezweifeltes Recht, mir eine Gegenbedingung zu stellen, und ich werde sie unverweilt erfüllen.« »Sie haben mein Versprechen ohne Bedingung«, sagte der Doktor. »Ich glaube, daß Ihre Absichten so rein und treu sind, wie Sie sie darstellen. Auch glaube ich, daß Sie das Band zwischen mir und meinem andern mir viel teureren Ich erhalten und nicht geschwächt zu sehen wünschen. Wenn sie mir einmal erklärt, daß Sie ein wesentliches Erfordernis sind zu ihrem vollkommenen Glück, so werde ich sie Ihnen nicht versagen. Sollten auch, Charles Darnay « Der junge Mann hatte dankbar seine Hand ergriffen. Ihre Hände waren vereinigt, während der Doktor fortfuhr »Sollten auch Meinungen, Gründe oder Besorgnisse irgendwelcher Art, aus alter oder neuer Zeit, gegen den Mann sprechen, den sie wirklich liebt vorausgesetzt, daß ihm dabei keine persönliche Verantwortlichkeit zur Last fällt , so mögen sie um ihretwillen vergessen sein. Sie ist mir alles ist mir mehr als meine Leiden, mehr als das erlittene Unrecht, mehr als Pah! das ist eitles Gerede.« Die Art, wie er plötzlich abbrach, und der starre Blick, der auch noch nachher anhielt, war so befremdlich, daß Darnay fühlte, wie seine eigene Hand in der des Doktors kalt wurde, als dieser sie langsam los- und fallen ließ. »Sie haben mir etwas sagen wollen«, begann Doktor Manette wieder, und ein Lächeln zog über sein Gesicht. »Was war es doch?« Der junge Mann wußte nicht, was er antworten sollte, bis ihm einfiel, daß er von einer Bedingung gesprochen hatte. Mit erleichtertem Herzen griff er auf diesen Umstand zurück und entgegnete: »Ihr Vertrauen verdient auch von meiner Seite vertrauensvolles Entgegenkommen. Sie werden sich erinnern, daß mein gegenwärtiger Name nicht der wahre, obschon nur eine leichte Abänderung von dem meiner Mutter ist. Ich wünsche Ihnen hierüber und über den Grund meines Aufenthaltes in England eine Erklärung zu geben.« »Halt!« sagte der Doktor von Beauvais. »Es drängt mich dazu, denn ich möchte Ihr Vertrauen besser verdienen und kein Geheimnis vor Ihnen haben.« »Halt!« Der Doktor hielt für einen Moment die Hände vor seine Ohren und legte sie dann auf Darnays Lippen. »Sagen Sie mir's, wenn ich Sie darum frage, nicht jetzt. Wenn Ihre Bewerbung zu etwas führt und Lucie Sie liebt, so sollen Sie an Ihrem Hochzeitsmorgen mir darüber Mitteilung machen. Versprechen Sie dies?« »Recht gern.« »Geben Sie mir Ihre Hand. Sie muß demnächst nach Haus kommen, und es ist besser, daß sie uns heute abend nicht beisammen sieht. Gehen Sie. Gott behüte Sie!« Es war schon dunkel, als Charles Darnay sich entfernte; und es war eine Stunde später und noch dunkler, als Lucie nach Hause kam. Sie eilte allein in das Zimmer, denn Miß Proß war nach ihrer Kammer hinaufgegangen, und wunderte sich nicht wenig, ihres Vaters Lesestuhl leer zu finden. »Vater!« rief sie ihm. »Lieber Vater!« Keine Antwort; aber sie hörte ein dumpfes Hämmern aus der Schlafkammer. Sie eilte rasch durch das dazwischen liegende Gemach und sah zu der Tür hinein, kam aber entsetzt wieder zurückgelaufen und rief vor sich hin: »Was soll ich tun! Was soll ich tun!« Die Ungewißheit währte jedoch nur einen Augenblick. Sie kehrte zurück, klopfte an die Tür und rief ihm leise zu. Auf den Ton ihrer Stimme ließ das Gehämmer nach; er kam sogleich zu ihr heraus, und sie gingen geraume Zeit miteinander auf und ab. Selbige Nacht kam sie noch aus ihrem Bett wieder herunter, um nach ihm zu sehen. Er schlief tief. Sein Schuhmacherhandwerkszeug und die alte unbeendigte Arbeit lag da wie gewöhnlich. Elftes Kapitel. Ein Kameradschaftsbild. »Sydney«, sagte Mr. Stryver in derselben Nacht oder vielmehr am Morgen zu seinem Schakal, »misch noch eine Schüssel Punsch; ich habe dir etwas zu sagen.« Sydney hatte in dieser Nacht, in der Nacht vorher und so viele Nächte nacheinander doppelt ins Geschirr müssen, um vor dem Eintritt der langen Vakanz unter Mr. Stryvers Papieren wacker aufzuräumen. Die Lichtung war endlich bewerkstelligt, was Stryver an Rückständen hatte, schön eingebracht und alles vom Halse geschafft, bis der November mit seinen atmosphärischen und juristischen Nebeln kam und wieder die Mühle mit Korn versah. Die scharfe Anstrengung hatte Sydney weder lebhafter noch nüchterner gemacht. Es waren sogar feuchte Extrahandtücher nötig gewesen, um ihn durch die Nacht zu schleppen, wie denn auch eine entsprechende Extraquantität Wein den Tüchern vorausging; so befand er sich denn in einem sehr schadhaften Zustand, als er seinen Turban herabriß und in das Becken warf, in dem er ihn während der letzten sechs Stunden zeitweilig annetzte. »Bist du an der andern Schüssel Punsch?« fragte Stryver, noch stattlicher von dem Sofa aus, auf dem er rücklings lag, sich umsehend, während er die Hände in der Hosentasche stecken hatte. »Ja.« »Nun, so sieh her. Ich will dir etwas sagen, über das du dich wundern wirst; und du denkst vielleicht darüber, ich sei doch nicht ganz der schlaue Kerl, für den du mich hieltest. Ich habe im Sinn zu heiraten.« »Ist dir's Ernst?« »Ja. Und nicht nach Geld. Was sagst du jetzt?« »Ich fühle mich nicht aufgelegt, viel zu sagen. Wer ist sie?« »Rate.« »Kenn' ich sie?« »Rate.« »'s ist mir nicht ums Raten zu tun um fünf Uhr morgens, wenn mir das Hirn im Kopfe siedet und brät. Wenn du willst, daß ich raten soll, so mußt du mich zum Mittagessen einladen.« »Wohlan denn, so will ich dir's sagen«, entgegnete Stryver, langsam sich zu einer sitzenden Haltung aufrichtend. »Sydney, ich verzweifle schier daran, mich dir verständlich zu machen, weil du ein so gar unempfindlicher Hund bist.« »Und du«, erwiderte Sydney, geschäftig den Punsch rührend, »bist ein so empfindsamer und poetischer Geist.« »Na«, sagte Stryver mit lärmendem Lachen, »ich hoffe, ich kenne mich zu gut, als daß ich Anspruch darauf erheben sollte, die Seele der Romantik zu sein; aber ein feinerer Kerl als du bin ich doch.« »Du willst damit sagen, daß du mehr Glück hast.« »Nein, das nicht. Ich meine, ich sei ein Mann von mehr von mehr « »Sag' Galanterie, weil du eben daran bist«, half ihm Carton fort. »Gut, ich will sagen Galanterie. Damit meine ich«, fuhr Stryver fort, indem er sich gegen seinen mit dem Punsch beschäftigten Freund aufspielte, »ich bin ein Mann, der sich's mehr angelegen sein läßt, sich angenehm zu machen der sich mehr Mühe gibt, den Angenehmen zu spielen und der besser weiß als du, wie man in Damengesellschaft sich benehmen muß, um angenehm zu erscheinen.« »Weiter«, sagte Sydney Carton. »Nein, ehe ich fortfahre, muß ich dir meine Herzensmeinung sagen«, entgegnete Stryver, in seiner polternden Weise den Kopf schüttelnd. »Du bist so viel wie ich vielleicht mehr als ich in Doktor Manettes Haus gewesen. Wahrhaftig, ich habe mich dort geschämt über dein mürrisches Wesen. Du bist dort immer still und so verdrossen gewesen, daß ich, auf Leben und Seele, mich für dich schämen mußte. »Es käme einem Advokaten von deiner Praxis wohl zustatten, wenn er sich über etwas schämen lernte«, entgegnete Sydney; »du bist mir daher zu Dank verpflichtet.« »Nein, so kommst du mir nicht los«, erwiderte Stryver, die Antwort gegen ihn hinschulternd. »Es ist meine Pflicht, dir zu sagen, Sydney und ich sage dir's ine Gesicht zu deinem Besten daß du ein verteufelt unmanierlicher Bursche bist in derartiger Gesellschaft. Du bist ein unangenehmer Kerl.« Sydney trank ein Glas von dem Punsche, den er gemacht hatte, und lachte. »Sieh mich an«, sagte Stryver, sich breit machend. »Ich habe weniger nötig als du, mich angenehm zu machen, weil ich in unabhängigeren Verhältnissen lebe. Warum tu' ich's gleichwohl?« »Ich habe bis jetzt nie etwas davon bemerkt«, brummte Carton. »Ich tu' es, weil es politisch ist. Ich tu' es aus Grundsatz. Und sieh' mich an ich bring' es vorwärts.« »Aber in deinen Mitteilungen über deine Ehestandsgelüste kommst du nicht vorwärts«, versetzte Carton mit unbekümmerter Miene: »ich wünschte, du hieltest dich an diesen Punkt. Was mich betrifft wirst du denn nie begreifen, daß ich unverbesserlich bin?« Er stellte diese Frage mit einer Miene der Verachtung. »Und was hast du von deinem Unverbesserlichsein?« lautete die in nicht sehr besänftigendem Ton abgegebene Erwiderung seines Freundes. »Was ich davon habe? Nichts wie überhaupt von meinem Sein«, sagte Carton. »Nun, wer ist die Glückliche?« »Wohlan, die Nennung des Namens darf dich nicht bestürzt machen, Sydney«, entgegnete Mr. Stryver, der ihn mit dem prunkhaften Anschein von Freundlichkeit auf die Enthüllung, die ihm auf der Zunge schwebte, vorbereiten wollte, »weil ich weiß, daß deine Reden nicht immer ernst gemeint sind, und wenn es auch der Fall wäre, so läge nichts daran. Ich schicke diese kleine Einleitung voraus, weil du einmal von der jungen Dame geringschätzig gesprochen hast.« »Ich?« »Ja: und zwar hier in diesem Zimmer.« Sydney Carton sah zuerst den Punsch und dann seinen artigen Freund an; dann trank er den Punsch und betrachtete den artigen Freund aufs neue. »Du hast die junge Dame eine goldhaarige Puppe genannt. Die junge Dame ist Miß Manette. Wenn du ein Mensch wärest, dem man in solchen Dingen nur ein bißchen Empfindung oder Zartgefühl zutrauen dürfte, Sydney, so könnte ich mich durch jene Äußerung beleidigt fühlen; aber du bist nicht urteilsfähig in diesem Punkte. Es fehlt dir dafür ganz und gar der Sinn, und wenn ich an jenen Ausdruck zurückdenke, so kann ich mich darüber ebensowenig ärgern, als wenn einer ein Gemälde von mir tadelte, der nichts von Gemälden versteht, oder wenn einer gegen ein Musikstück von mir etwas aussetzte, dem es an musikalischem Gehör gebricht.« Sydney Carton trank den Punsch sehr schnell hinunter, Glas auf Glas, und sah dabei seinen Freund an. »Nun weißt du alles, Sydney«, sagte Mr. Stryver. »Ich mache mir nichts aus dem Vermögen. Sie ist ein scharmantes Geschöpf, und ich habe mich entschlossen, nach Neigung zu heiraten. Im ganzen kann ich, denke ich, eine Neigungsheirat wohl erschwingen. Sie erhält in mir einen Mann, der in ziemlich geordneten Verhältnissen lebt und sich immer besser macht einen Mann von Distinktion. Es ist eine gute Partie für sie; aber sie verdient eine gute Partie. Bist du nicht erstaunt?« Carton trank noch immer den Punsch und versetzte: »Warum soll ich erstaunt sein?« »Die Wahl hat deinen Beifall?« Carton, der forttrank, erwiderte: »Warum sollte ich ihr nicht Beifall zollen?« »Nun, du nimmst die Sache leichter auf, als ich vermutete«, sagte sein Freund Stryver, »und bist in Beziehung auf mich weniger geldsüchtig, als ich dachte, obschon du natürlich in der langen Zeit unserer Bekanntschaft dich überzeugt haben mußt, daß dein alter Stubenbursche ein Mann von ziemlich festem Willen ist. Ja, Sydney, ich habe meine bisherige Lebensweise mit dem ewigen Einerlei satt, und es erscheint mir als ein angenehmer Gedanke, eine Heimat zu haben, in die man sich zurückziehen kann, sobald man Lust dazu hat andernfalls kann man ja wegbleiben. Auch fühle ich, daß Miß Manette sich in jeder Stellung gut ausnehmen, somit auch mir immer Ehre machen wird. Ich bin daher entschlossen. Und nun, Sydney, alter Knabe, möchte ich noch ein Wörtchen über deine Aussichten mit dir reden. Du mußt selbst gestehen, du bist auf einem schlimmen Wege in der Tat, auf einem sehr schlimmen Wege. Du weißt den Wert des Geldes nicht zu schätzen, lebst, als ob du nicht umzubringen seist, und wirst eines Tages arm und krank liegen bleiben. Du solltest wahrhaftig an eine Pflegerin denken.« Die protzige Gönnermiene, mit der er dies sprach, ließ ihn zweimal so groß und viermal so anstößig erscheinen. »Laß dir daher empfehlen«, fuhr Stryver fort, »der Sache ins Gesicht zu schauen. Ich habe dies in meiner Art getan, tu' du es in der deinigen. Heirate. Sorg' dir für eine Person, die auf dich acht gibt. Sage mir nicht, du findest keinen Gefallen an weiblicher Gesellschaft und habest kein Verständnis, keinen Takt dafür. Sorg' für jemand. Sieh dich nach einer achtbaren Frauensperson mit einigem Vermögen um, etwa nach einer, die eine Wirtschaft hat oder Zimmer vermietet und heirate sie rundweg zum Schutz für einen regnerischen Tag. Das paßt für dich . Überleg' dir`s, Sydney.« »Ich will`s überlegen«, sagte Sydney. Zwölftes Kapitel. Der Mann von Zartgefühl. Nachdem Mr. Stryver mit sich über den hochherzigen Entschluß einig geworden war, des Doktors Tochter zu einer guten Partie zu verhelfen, nahm er sich vor, sie von ihrem Glück zu unterrichten, noch ehe er London verließ, um die lange Vakanz anzutreten. Einige geistige Debatten über den Punkt zeitigten in ihm die Ansicht, daß er ebensogut die Präliminarien als bereits abgetan betrachten könne; es lasse sich dann ganz nach Muße die Übereinkunft treffen, ob er ihr seine Hand eine oder zwei Wochen vor dem Michaelitermin oder in der kleinen Weihnachtsvakanz zwischen diesem und Sankt Hilari geben solle. Was die starke Seite dieses Prozesses betraf, so bezweifelte er sie keinen Augenblick, sondern sah klar, welcher Wahrspruch erfolgen mußte. Der Jury vorgeführt mit seinen substantiellen weltlichen Gründen die einzigen Gründe, die er je der Beachtung würdig gehalten war es ein so einfacher Fall, daß sich kein schwacher Punkt darin finden ließ. Er trat selbst für den Kläger auf; seinem Anzeigenbeweise war so wenig anzuhaben, daß der Anwalt für die Verklagte sein Konzept wegwarf, und die Jury hielt es nicht einmal für der Mühe wert, auch nur beiseite zu treten und die Sache in Erwägung zu ziehen. Nachdem der Prozeß in solcher Weise durchgefochten war, stand in Stryver C. J. die Überzeugung fest, daß es keinen einfacheren Fall geben könne. Demgemäß weihte Mr. Stryver die lange Vakanz mit einer förmlichen Einladung ein, Miß Manette nach den Anlagen von Vauxhall mitzunehmen; da dies abgelehnt wurde, so kam Ranclagh in Vorschlag, und als unerklärlicherweise auch daraus nichts wurde, fand er es für gebührend, sich in Soho zu präsentieren und dort seiner edlen Gesinnung Ausdruck zu geben. Nach Soho also schulterte vom Temple aus Mr. Stryver seinen Weg, während auf der langen Vakanz noch die frische Blume ihrer Kindheit lag. Jedermann, der ihn schon auf der Dunstan-Seite von Templebar sah mit seinen nach Soho hinübergreifenden Projekten, mußte sich wundern über seine Sicherheit und die Stärke, denn die Knospen seiner Entwürfe kamen auf dem ganzen Wege in dem Beiseitestoßen aller schwächeren Leute zum Aufblühen. Sein Weg führte ihn an Tellsons vorbei. Er hatte hier nicht nur Bankgelder liegen, sondern wußte auch, daß Mr. Lorry ein intimer Freund der Familie Manette war. Mr. Stryver nahm daraus Anlaß, in das Haus zu treten und Mr. Lorry zu eröffnen, welcher glänzende Horizont sich über Soho auftun solle. Er drückte die knarrende Tür auf, stolperte die zwei Treppen hinab, kam an den zwei alten Kassierern vorbei und schulterte sich in das moderige Hinterstübchen, wo Mr. Lorry vor großen Büchern mit Linien für Zahlen saß. Das Fenster hatte eiserne Gitter, als habe man es gleichfalls für Zahlen liniiert und als sei alles unter den Wolken nur eine Summe. »Holla!« rief Mr. Stryver. »Wie geht's Euch? Ich hoffe, Ihr seid wohl?« Stryver hatte die großartige Eigentümlichkeit, daß er für jeden Platz oder Raum zu groß zu sein schien. Er war für Tellsons so viel zu groß, daß die alten Kontoristen in den fernen Ecken mit protestierenden Mienen aufschauten, als würden sie von ihm an die Wand gedrückt. Das Haus selbst, das in fernster Perspektive gravitätisch die Zeitung las, beugte sich mißvergnügt, als habe Stryvers Kopf sich in seiner verantwortlichen Weste gefangen. Der höfliche Mr. Lorry versetzte in einem Musterton von Stimme, den er unter solchen Umständen männiglich angeraten haben würde: »Wie befinden Sie sich, Mr. Stryver? Wie geht es Ihnen, Sir?« Und sie drückten sich die Hände. Es lag in der Art des Händedrucks bei Tellsons etwas Eigentümliches, das sich an jedem Kontoristen einem Kunden gegenüber bemerklich machte, als wenn das Haus die Luft beherrsche. Mr. Lorry vollzog seinen Händedruck in einer selbstverleugnenden Weise wie ein Mann, der ihn für Tellson und Co. abgibt. »Kann ich etwas für Sie tun, Mr. Stryver?« fragte Mr. Lorry mit einer Geschäftsmiene. »Nein, ich danke Ihnen. Mein Besuch ist privat und gilt Ihnen, Mr. Lorry. Ich bin gekommen, um ein Wörtchen mit Ihnen zu sprechen.« »Ah, in der Tat!« sagte Mr. Lorry, sein Ohr senkend, während sein Auge nach dem Haus in der Perspektive hinschweifte. »Ich bin im Begriff«, fuhr Mr. Stryver fort, indem er zutraulich seine Arme auf das Pult stützte (es schien nur zur Hälfte Raum für ihn zu haben, obschon es ein großes Doppelpult war), »ich bin im Begriff, Ihrer angenehmen kleinen Freundin, Miß Manette, einen Heiratsantrag zu machen, Mr. Lorry.« »Ach herrje!« rief Mr. Lorry, sich das Kinn reibend und seinen Besuch zweifelhaft ansehend. »Ach herrje, Sir?« wiederholte Stryver, zurücktretend. »Warum ach herrje? Wie muß ich Ihre Meinung verstehen, Mr. Lorry?« »Meine Meinung?« antwortete der Geschäftsmann. »Sie ist natürlich nur freundschaftlich und anerkennungsvoll es macht Ihnen alle Ehre und kurz, meine Meinung ist ganz, wie Sie sie nur wünschen könnten. Aber in der Tat, Sie wissen, Mr. Stryver « Mr. Lorry hielt inne und schüttelte in ganz eigentümlicher Weise den Kopf, als müsse er gegen seinen Willen innerlich beifügen »Sie wissen, es spricht so allerlei gegen Sie.« »Na«, sagte Stryver, indem er mit seiner streitsüchtigen Hand auf das Pult schlug, die Augen weiter aufsperrte und tief Atem holte, »wenn ich Sie verstehe, Mr. Lorry, so will ich mich hängen lassen.« Mr. Lorry zupfte über den Ohren an seiner Stutzperücke, als könne er dadurch das Verständnis erleichtern, und nagte dann an der Fahne seiner Feder. »Zum Teufel, Sir«, sagte Stryver, ihn mit großen Augen ansehend, »bin ich nicht eine annehmbare Partie?« »O du meine Güte, ja. O ja. Sie sind annehmbar«, versetzte Mr. Lorry. »Wenn irgend jemand, so sind Sie annehmbar.« »Lebe ich nicht in guten Verhältnissen?« »Oh, wenn Sie das meinen, ja, Sie leben in guten Verhältnissen«, sagte Mr. Lorry. »Und kann ich's nicht immer weiter bringen?« »Was dies betrifft«, entgegnete Mr. Lorry erfreut, ein weiteres Zugeständnis machen zu können, »Sie wissen, daß dies niemand in Zweifel zieht.« »Nun denn, was auf Erden wollen Sie mit Ihrem Herrje sagen, Mr. Lorry?« fragte Stryver in merklicher Verblüfftheit. »Ich ich Sind Sie im Begriff, eben jetzt zu ihr zu gehen?« erwiderte Mr. Lorry. »Geradeswegs!« sagte Stryver mit einem Faustschlag auf das Pult. »Das täte ich nicht, wenn ich an Ihrer Stelle wäre.« »Warum nicht?« fragte Stryver. »Ich habe Sie in der Klemme«, fügte er bei, forensisch den Zeigefinger schüttelnd. »Sie sind ein Geschäftsmann und müssen als solcher Gründe anzugeben wissen. Nennen Sie mir Ihren Grund. Warum würden Sie nicht hingehen?« »Weil ich einen solchen Schritt nicht tun möchte«, versetzte Mr. Lorry, »wenn ich nicht Anhaltspunkte für die Vermutung hätte, daß meine Werbung erfolgreich sein werde.« »Hol' mich der Henker, das überbietet alles«, rief Stryver. Mr. Lorry blickte zuerst nach dem fernen Haus hin und dann auf den beleidigten Stryver. »Sitzt da ein Geschäftsmann ein Mann von Jahren ein Mann von Erfahrung sitzt in einer Bank«, sagte Stryver, »und nachdem ich ihm drei Hauptgründe für den besten Erfolg namhaft gemacht habe, fragt er nach den Anhaltspunkten dafür. Fragt danach und hat noch den Kopf zwischen den Schultern!« Mr. Stryver betonte diese Eigentümlichkeit mit einem Nachdruck, als wäre die Frage unendlich weniger merkwürdig gewesen, wenn dem Frager der Kopf zu den Füßen gelegen hätte. »Wenn ich von Erfolg spreche, so habe ich den Erfolg bei der jungen Dame im Auge, und wenn ich von Gründen und Anhaltspunkten rede, so meine ich damit solche, die auf die junge Dame Eindruck machen. Die junge Dame, mein guter Herr«, sagte Mr. Lorry, Stryver sanft auf den Arm klopfend, »die junge Dame. Die junge Dame geht vor allem.« »Ihr wollt mir also zu verstehen geben, Mr. Lorry«, entgegnete Stryver, sich mit den Ellenbogen breit machend, »daß Sie von der fraglichen Dame die wohlerwogene Meinung hegen, sie sei eine zimperliche Närrin?« »Das nicht gerade. Doch möchte ich Ihnen erklären, Mr. Stryver«, sagte Mr. Lorry errötend, »daß ich von niemand, wer es auch sei, ein achtungswidriges Wort über diese junge Dame anhören will. Und wenn mir ein Mann bekannt wäre ich hoffe, es ist nie der Fall von so roher Gesittung und so übermütigem Charakter, daß er sich nicht zu enthalten vermöchte, an diesem Pulte achtungswidrig von dieser jungen Dame zu sprechen, so sollte nicht einmal Tellsons mich hindern, ihm tüchtig meine Meinung zu sagen.« Die Notwendigkeit, seinem Unmut nur in gedämpftem Ton Luft zu machen, hatte Mr. Stryvers Blutgefäße für den Fall wirklichen Zorns in einen gefährlichen Zustand versetzt; aber auch Mr. Lorrys Adern befanden sich, trotz ihrer sonstigen methodischen Blutströmung, nun die Reihe des Zürnens an ihm war, in nicht geringerer Aufregung. »Das ist's, was ich Ihnen bemerken wollte, Sir«, sagte Mr. Lorry. »Es ist mir lieb, wenn Sie mich verstanden haben.« Mr. Stryver saugte eine Weile an dem Ende eines Lineals und zischte dann durch die Zähne eine Arie, die ihm wahrscheinlich Zahnweh machte. Endlich unterbrach er das peinliche Schweigen durch die Worte: »Dies ist mir etwas Neues, Mr. Lorry. Sie raten mir also mit Bedacht, nicht nach Soho zu gehen und meine Hand anzubieten die Hand Stryvers, eines Advokaten vor dem Kingsbench?« »Sie wünschen meinen Rat zu hören, Mr. Stryver?« »Ja.« »Sehr gut. Sie sollen ihn haben. Meine Meinung ist von Ihnen vollkommen richtig gedeutet worden.« »Dann kann ich weiter nichts sagen«, entgegnete Stryver mit einem erkünstelten Lachen, »als daß dies alles überbietet ha, ha! die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.« »Verstehen Sie mich wohl«, fuhr Mr. Lorry fort. »Als Geschäftsmann steht mir keine Befugnis zu, etwas über diese Angelegenheit zu sagen, denn als Geschäftsmann weiß ich nichts von ihr. Aber ich habe gesprochen als ein alter Mann, der Miß Manette auf seinen Armen getragen hat, und als ein treuer Freund des Hauses, der mit ganzer Seele an Miß Manette und ihrem Vater hängt. Sie werden sich erinnern, daß ich Ihr Vertrauen nicht gesucht habe. Meinen Sie nicht, daß ich recht haben könnte?« »Gewiß nicht«, versetzte Stryver pfeifend. »Doch freilich, wer kann bei Dritten für gesunden Menschenverstand stehen? Nur selber ist der Mann. Ich vermute diesen gesunden Verstand in einer gewissen Region, Sie vermuten dort zimperlichen Butterbrotunsinn. 's ist mir neu aber vielleicht haben Sie recht.« »Was ich vermute, Mr. Stryver, habe ich auch zu prädizieren das Recht. Und verstehen Sie mich wohl, Sir«, fügte Mr. Lorry abermals errötend bei, »ich dulde nicht selbst hier bei Tellsons nicht , daß irgend jemand meine Worte nach seinem Sinn verdrehe.« »Ah, ich bitte um Verzeihung«, sagte Stryver. »Schon gut; ich danke Ihnen. Aber was ich noch bemerken wollte, Mr. Stryver es könnte Ihnen peinlich sein, wenn Sie finden müßten, daß Sie im Irrtum gewesen; ebenso peinlich dürfte Doktor Manette die Aufgabe fallen, gegen Sie rund heraus zu sprechen; und am allerpeinlichsten möchte wohl Miß Manette eine offene Erklärung werden. Sie wissen, daß ich so glücklich bin, mich der Ehre eines vertrauten Umgangs mit der Familie zu erfreuen. Wenn's Ihnen genehm ist Sie sollen dabei gar nicht zur Sprache kommen und in keiner Weise kompromittiert werden, so will ich es auf mich nehmen, meinen Rat zu verbessern, indem ich in dieser Richtung einige Beobachtungen anstelle. Sollten Sie mit dem Ergebnis derselben nicht zufrieden sein, so steht es Ihnen immer frei, selbst zu untersuchen, ob ich richtig gesehen habe; sind Sie aber befriedigt mag es nun hinauslaufen, auf was es will , so bleibt beiden Partien erspart, was man sich gern ersparen möchte. Was sagen Sie dazu?« »Wie lange müßte ich dann noch in London bleiben?« »Oh, es handelt sich nur um einige Stunden. Ich kann heute abend nach Soho gehen und Sie dann in Ihrer Wohnung aufsuchen.« »Dann sag' ich ja«, versetzte Stryver. »Jetzt möcht' ich doch nicht hin, denn wenn's vielleicht so steht, so bin ich nicht mehr so erpicht auf die Sache. Ich sage ja und erwarte Sie heute abend. Guten Morgen.« Dann wandte sich Mr. Stryver und stürmte durch die Bank hinaus, so daß die zwei alten Kontoristen sich mit aller Macht hinter ihren Ladentischen halten mußten, um von dem Luftstrom nicht umgeblasen zu werden. Das Publikum sah diese ehrwürdigen, schwächlichen Gestalten stets im Akt der Verbeugung, und man glaubte allgemein, wenn sie einen Kunden hinauskomplimentiert hätten, setzten sie in dem leeren Bureau ihre Bücklinge fort, um gleich für einen andern Ankömmling bereit zu sein. Der Advokat war schlau genug, zu ahnen, daß der Bankier in Kundgebung seiner Ansicht nicht so weit gegangen wäre, wenn ihn nicht eine moralische Überzeugung dabei geleitet hätte. Obschon er nicht auf das Schlucken einer so großen Pille vorbereitet gewesen, würgte er sie dennoch hinunter. »Und nun«, sagte Mr. Stryver, als er sie endlich drunten hatte, indem er seinen forensischen Zeigefinger nach dem Temple im allgemeinen schüttelte, »werde ich mich am besten aus der Sache herauswinden, wenn ich euch alle auf den Holzweg setze.« Das war ein Stückchen von der Kunst eines Old-Bailey-Taktikers, und er fand in diesem Gedanken eine große Erleichterung. »Du sollst mich nicht durch einen Korb blamieren, junges Frauenzimmer«, sagte Mr. Stryver. »Dafür will ich sorgen.« Als daher Mr. Lorry spät abends gegen zehn Uhr bei Mr. Stryver einsprach, stak dieser in einer Menge von absichtlich umhergestreuten Büchern und Akten und schien den Gegenstand vom Morgen ganz vergessen zu haben. Er tat sogar erstaunt über Mr. Lorrys Besuch und benahm sich überhaupt zerstreut und wie ein Mann, der sich im Drange seiner Geschäfte kaum zu helfen weiß. »Nun«, sagte der gutmütige Sendling, nachdem er eine volle halbe Stunde vergeblich versucht hatte, dem verfänglichen Punkte beizukommen, »ich bin in Soho gewesen.« »In Soho?« wiederholte Mr. Stryver kalt. »Ah, freilich an was denke ich doch!« »Und es ist mir jetzt nicht mehr zweifelhaft«, fuhr Mr. Lorry fort, »daß ich in unserer kürzlichen Unterhaltung recht hatte. Meine Ansicht hat sich bestätigt, und ich wiederhole meinen Rat.« »Ich versichere Ihnen«, versetzte Mr. Stryver in der freundlichsten Weise, »daß mir dies leid tut um Ihret- und um des armen Vaters willen. Ich weiß, dies muß immer ein peinlicher Gegenstand sein für die Familie; sprechen wir daher lieber nicht mehr davon.« »Ich verstehe Sie nicht«, sagte Mr. Lorry. »Kann mir's denken«, entgegnete Mr. Stryver, indem er gleichsam in geschmeidiger Abfertigung den Kopf schüttelte: »doch es liegt nichts daran.« »Ei ja, es liegt etwas daran«, drängte Mr. Lorry. »Nein, ich versichere Ihnen, es liegt nichts daran. Wenn ich Verstand suchte, wo keiner ist, und einen löblichen Ehrgeiz voraussetzte, wo dieser fehlt, so war ich eben in einem Irrtum, über den ich mich jetzt erhaben fühle; das hat nichts geschadet. Junge Frauenzimmer haben schon oft ähnliche Torheiten begangen und sie später in Armut und Dunkelheit bereuen müssen. Von einem uneigennützigen Standpunkte aus tut es mir leid, daß die Sache zerfiel, weil sie für andere in weltlicher Beziehung eine Wohltat gewesen wäre; wenn ich sie aber in Beziehung auf mein Ich betrachte, so kann ich mich nur freuen, daß nichts aus ihr wurde, da ich in weltlicher Beziehung sehr schlecht dabei gefahren wäre; es ist kaum nötig, zu sagen, daß ich damit nichts gewinnen konnte. Doch es hat nichts geschadet. Ich habe dem jungen Frauenzimmer keinen Antrag gestellt, und unter uns, nach weiterer Erwägung glaube ich kaum, daß ich mich je soweit bloßgestellt hätte. Mr. Lorry, niemand vermag die zimperlichen Schwindeleien leerköpfiger Mädchen im Zaum zu halten; wer dies zu können vermeint, wird sich immer getäuscht finden. Doch ich bitte, nichts weiter davon. Ich sage Ihnen, um anderer willen tut es mir leid, aber für mich selbst bin ich froh darüber. Und ich bin Ihnen in der Tat sehr verbunden für Ihren Rat wie auch für Ihre Gefälligkeit, für mich auf den Busch zu klopfen. Sie kennen das junge Frauenzimmer besser als ich; Sie hatten recht es wäre nichts gewesen.« Mr. Lorry war entsetzt und sah ganz dumm Mr. Stryver an, während dieser, als er ihn nach der Tür hinschulterte, einen wahren Regen von Großmut, Nachsicht und Wohlwollen auf sein irrendes Haupt niederschauern ließ. »Nehmen Sie's von der besten Seite, mein lieber Herr«, sagte Mr. Stryver. »Sprechen Sie nicht mehr davon, und ich danke Ihnen nochmal, daß Sie mir gestattet haben, Sie auszuholen. Gute Nacht!« Mr. Lorry stand in der Nacht draußen, ohne zu wissen, wie es zugegangen war. Mr. Stryver lag rücklings auf seinem Sofa und blinzelte nach der Decke hin. Dreizehntes Kapitel. Der Mann ohne Zartgefühl. Wenn Sydney Carton je irgendwo leuchtete, so leuchtete er gewiß nie in dem Hause des Doktors Manette. Er war im Laufe eines vollen Jahres oft dort gewesen und hatte sich stets nur als denselben verdrossenen, mürrischen Bummler erwiesen. Wenn es ihm ums Reden zu tun war, so sprach er gut; aber das Licht seines Innern drang nur selten durch die Wolke der Trägheit, die ihn mit so verhängnisvollem Düster umschattete. Und doch kümmerte er sich um die Straßen, die jenes Haus umgaben, und die stummen Steine ihres Pflasters. Manche Nacht war er unstet und unglücklich daran auf- und abgewandelt, wenn der Wein nicht als flüchtiger Erfreuer auf ihn gewirkt hatte; an manchem traurigen Frühmorgen sah man seine einsame Gestalt dort lungern und lungern, wenn die ersten Strahlen der Sonne die architektonische Schönheit der fernen Kirchtürme und Prachtbauten hervorhoben, wie vielleicht der stille Morgen ein Gefühl für bessere Dinge, die sonst vergessen und unerreichbar waren, in seinem Geiste wachrief. Letzter Zeit hatte das vernachlässigte Bett in dem Tempelhof ihn spärlicher als je gesehen, und oft war er, nachdem er sich nur für ein paar Minuten darauf hingeworfen, wieder aufgestanden, um jene Ecke zu umspuken. An einem Tage im August – denn Mr. Stryver hatte, nachdem er seinen Schakal unterrichtet, daß er sich in der Heiratsangelegenheit eines Besseren besonnen habe, sein Zartgefühl nach Devonshire geführt, und der Anblick und der Wohlgeruch der Blumen in den Citystraßen boten einiges Gute selbst dem Schlimmsten, einige Gesundheit auch dem Kranken, und ein bißchen Jugend selbst dem Ältesten betraten Sydneys Füße wieder dasselbe Pflaster. Sie irrten anfangs unschlüssig umher, bis sie allmählich von einem Gedanken belebt wurden, und in der Ausarbeitung dieses Gedankens trugen sie ihn nach der Tür des Doktors hin. Man wies ihn die Treppe hinauf, und er fand Lucie bei ihrer Arbeit allein. Es war ihr in seiner Nähe nie recht behaglich gewesen, und sie empfing ihn mit einiger Verlegenheit, als er neben ihrem Tisch Platz nahm. Wie sie jedoch bei dem Austausch der gewöhnlichen ersten Gemeinplätze ihm ins Gesicht sah, bemerkte sie eine Veränderung darin. »Ich fürchte, Sie sind nicht wohl, Mr. Carton.« »Nein. Aber das Leben, das ich führe, Miß Manette, ist der Gesundheit eben nicht förderlich. Was ist auch von oder bei solchen Wüstlingen zu erwarten?« »Ist es nicht verzeihen Sie mir, aber die Frage liegt mir schon auf den Lippen ist es nicht schade, daß Sie nicht einen besseren Wandel führen?« »Gott weiß, es ist eine Schmach.« »Warum werden Sie nicht anders?« Als sie teilnehmend nach ihm hinsah, wurde sie durch den Anblick von Tränen in seinem Auge wehmütig überrascht. Auch in seiner Stimme waren Tränen, während er antwortete: »Es ist zu spät. Von einem Besserwerden ist keine Rede mehr. Aber schlechter wird's werden, und ich werde noch tiefer sinken.« Er stützte den Ellbogen auf den Tisch und bedeckte die Augen mit seiner Hand. Der Tisch zitterte in dem Schweigen, das nun folgte. Sie hatte ihn nie in einer so weichen Stimmung gesehen und kam darüber sehr in Not. Er bemerkte dies, ohne daß er sie ansah, und sagte: »Ich bitte, verzeihen Sie mir, Miß Manette. Ich breche zusammen unter dem Gewicht dessen, was ich Ihnen sagen möchte. Wollen Sie mich anhören?« »Wenn es Sie erleichtert, ja. Wie sehr würde ich mich freuen, Mr. Carton, wenn ich Sie dadurch glücklicher machen könnte.« »Gott segne Sie für Ihr zartes Mitleid.« Nach einer kleinen Weile enthüllte er sein Gesicht und fuhr mit festerer Stimme fort: »Scheuen Sie sich nicht, mich anzuhören, und schrecken Sie nicht zurück vor meinen Worten. Ich gleiche einem Menschen, der jung gestorben ist. Mein ganzes Leben kann als gewesen betrachtet weiden.« »Nein, Mr. Carton. Ich bin überzeugt, daß der beste Teil davon noch vorhanden ist. Gewiß, Sie können Ihrer selbst noch viel, viel würdiger werden.« »Sagten Sie Ihrer, Miß Manette und obschon ich das besser weiß, obschon ich das Geheimnis meines elenden Herzens besser kenne , so werde ich es Ihnen nie vergessen.« Sie wurde blaß und zitterte. Er kam ihr zu Hilfe mit seiner starren Verzweiflung an sich selbst, die dem Gespräch einen von jedem anderen so verschiedenen Charakter verlieh. »Wenn es möglich gewesen wäre, daß Sie die Liebe des Mannes hätten erwidern können, den Sie vor sich sehen eines armseligen, mißbrauchten, dem Trunk ergebenen Geschöpfs, wie Sie es vor sich sehen so würde er doch selbst am Tag und in der Stunde seines Glücks sich bewußt geblieben sein, daß er nur Elend, Leid und Reue über Sie bringen könnte daß er Sie entehren und mit sich in den Staub ziehen würde. Ich weiß wohl, daß Sie kein zarteres Gefühl für mich hegen können und verlange es auch nicht; ja, ich danke sogar Gott dafür, daß es nicht sein kann.« »Kann ich nicht auch sonst zu Ihrer Rettung beitragen, Mr. Carton? Kann ich ich bitte nochmals um Verzeihung Sie nicht zurückrufen auf einen besseren Weg? Sollte es mir denn in keiner Weise möglich sein, Ihr Vertrauen zu vergelten? Ich weiß, es ist ein Vertrauen«, fügte sie nach einigem Stocken bescheiden und mit Tränen im Auge hinzu »ich weiß, Sie würden dies zu niemand anders sagen. Kann ich es nicht zu Ihrem eigenen Besten wenden, Mr. Carton?« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Nein, Miß Manette, es ist nicht mehr möglich. Wenn Sie mir noch ein wenig weiter zuhören wollen, so ist alles geschehen, was Sie je für mich tun können. Ich wünsche, Sie mögen wissen, daß Sie der letzte Traum meiner Seele gewesen sind. Trotz meiner Herabwürdigung bin ich doch nicht so ganz verkommen gewesen, daß nicht Ihr und Ihres Vaters Anblick, desgleichen der Anblick einer Heimat, wie sie durch Sie geworden ist, alte Schatten, die ich längst vergangen geglaubt, wieder in mir wachgerufen hätte. Seit ich Sie kennenlernte, quälte mich eine Reue, die mir sonst als eine Unmöglichkeit erschienen wäre, und ich hörte in mir alte flüsternde Stimmen mich aufwärts drängen, die ich für auf immer verstummt hielt. Es kamen mir längst entschwundene Gedanken von neuem Streben, einem neuen Anfang von einem Abschütteln der Trägheit und Sinnlichkeit von einer Wiederaufnahme des aufgegebenen Kampfes. Ein Traum, alles ein Traum, der mit nichts endet und den Schläfer läßt, wo er sich niederlegte; aber ich möchte, daß Sie wissen, daß Sie ihn eingeflößt haben!« »Ist nichts davon zurückgeblieben? O Mr. Carton, besinnen Sie sich! Versuchen Sie es noch einmal!« »Nein, Miß Manette; ich habe dabei stets empfunden, welch ein unwürdiges Geschöpf ich bin. Und doch gab ich der Schwäche nach, und sie hat noch immer Macht über mich, zu wünschen, daß Sie erfahren möchten, mit welcher plötzlichen Gewalt Sie den Aschenhaufen, der ich bin, in helle Lohe umgewandelt haben freilich nur in ein Feuer, das seiner Wesenheit nach von der meinigen unzertrennlich war und nicht zünden, nicht leuchten, kurz, keinen Dienst leisten, sondern nur müßig brennen konnte.« »Wenn es mein Mißgeschick wollte, Mr. Carton, daß ich Sie noch unglücklicher machen mußte, als Sie waren, ehe Sie mich kennenlernten « »Sprechen Sie nicht so, Miß Manette, denn wenn es überhaupt noch möglich gewesen wäre, so würden Sie mich gerettet haben. Sie werden nie die Ursache sein, wenn es mit mir noch schlimmer geht.« »Wenn Ihr Seelenzustand, wie Sie mir ihn schildern, doch einigermaßen einem Einfluß von meiner Seite zuzuschreiben ist, wäre dieser Einfluß ich weiß nicht, ob ich mich recht klar machen kann nicht dahin zu wenden, daß er Ihnen von Nutzen würde? Besitze ich gar keine Macht, die Ihnen nützen könnte?« »Ich bin hergekommen, Miß Manette, um das Beste, dessen ich noch fähig bin, zu verwirklichen. Lassen Sie mich durch den Rest meines verfehlten Lebens die Erinnerung tragen, daß als letztes Aufflackern ich Ihnen mein Herz aufgeschlossen habe, und daß damals noch etwas in mir war, was Sie beklagen und bemitleiden konnten.« »Ach, ich bitte Sie wieder und wieder aufs flehentlichste und aus dem Grund meiner Seele, glauben Sie mir, Sie sind noch besserer Dinge fähig.« »Muten Sie mir keinen solchen Glauben zu. Miß Manette. Ich habe mich geprüft und weiß es besser. Doch ich betrübe Sie und will deshalb ein Ende machen. Darf ich, wenn ich mir diesen Tag wieder vergegenwärtige, die Überzeugung in mir tragen, das letzte Vertrauen meines Lebens ruhe nur in Ihrer reinen, unschuldigen Brust und werde nie von jemand geteilt werden?« »Wenn Ihnen dies ein Trost ist, so nehmen Sie meine Versicherung.« »Auch nicht von dem teuersten Wesen, das das Schicksal Ihnen zuführt?« »Mr. Carton«, versetzte sie nach einer Pause voll Aufregung, »das Geheimnis betrifft Sie, nicht mich, und ich verspreche Ihnen, es zu achten.« »Ich danke Ihnen. Noch einmal Gottes Segen über Sie.« Er drückte ihre Hand an seine Lippen und ging nach der Tür. »Sorgen Sie nicht, Miß Manette, daß ich je auch nur mit dem flüchtigsten Wort auf dieses Gespräch zurückkommen werde. Es soll nie wieder von mir berührt werden. Wenn ich tot wäre, so könnte es nicht sicherer bewahrt sein. Noch in meiner Sterbestunde soll mir die eine heilige Erinnerung vorschweben ich werde Sie dankbar dafür segnen , daß meine letzten Bekenntnisse über mich Ihnen gemacht wurden und daß mein Name, mein Elend und meine Verirrungen Ihnen zu Herzen gingen. Möge es sonst leicht und glücklich sein!« Er war so ganz anders, als er sich bisher je gezeigt hatte, und der Gedanke, wieviel er verschleudert und wieviel er jeden Tag unterdrückt und verdorben hatte, erfüllte Lucie Manette mit solcher Wehmut, daß sie, als er dastand und nach ihr zurückschaute, helle Tränen vergoß. »Trösten Sie sich«, sagte er; »ich bin eines solchen Gefühls nicht wert, Miß Manette. Noch eine Stunde oder zwei, und die gemeinen Kameradschaften und Angewöhnungen, an denen ich hänge, obschon ich sie verachte, werden bewirken, daß ich solche Tränen noch weniger verdiene als der nächste beste Elende, der sich über die Straße schleppt. Trösten Sie sich! Aber in meinem Innern werde ich gegen Sie stets sein, was ich jetzt bin, obschon mein Äußeres sich darstellen wird, wie Sie es bisher gesehen haben. Glauben Sie mir dies; außer dieser Bitte liegt mir nur noch eine am Herzen.« »Ich will Ihnen glauben, Mr. Carton.« »Also meine letzte. Habe ich diese noch vorgebracht, so will ich Sie von einem Gast befreien, mit dem Sie, wie ich wohl weiß, nichts gemein haben und der durch eine unüberspringbare Kluft von Ihnen getrennt ist. Ich weiß, es ist nutzlos, es zu sagen, aber es drängt sich mir aus der Seele hervor. Für Sie und jeden, der Ihnen teuer ist, könnte ich alles tun. Wäre meine Laufbahn von besserer Art, so daß sie mir Gelegenheiten böte, Opfer zu bringen, so wollte ich sie mit Freuden benützen, für Sie und Ihre Lieben. Versuchen Sie in ruhigen Stunden sich daran zu erinnern, daß dies mein heißer, aufrichtiger Ernst ist. Die Zeit wird kommen, vielleicht bald kommen, die Ihnen neue Bande bringt Bande, die Sie noch stärker und zärtlicher an die Heimat fesseln, der Sie zur Zierde gereichen die heiligsten Bande, die das Glück Ihres Lebens ausmachen. O Miß Manette, wenn das kleine Ebenbild von dem Angesicht eines glücklichen Vaters zu Ihnen aufblickt, wenn Sie Ihre eigene Schönheit in dem Sprößling zu Ihren Füßen neu aufblühen sehen, so denken Sie hin und wieder daran, daß es einen Menschen gibt, der bereitwillig sein Leben hingäbe, um ein Leben, das Sie liebt, an Ihrer Seite zu erhalten.« Er sagte »Lebewohl!«, sagte »Ein letztes Gott behüt!« und verließ sie. Vierzehntes Kapitel Der ehrliche Gewerbsmann Wenn Mr. Jeremias Cruncher mit seinem greulichen Zwerge neben sich in der Fleetstraße auf seinem Schemel saß, so sah er jeden Tag eine Menge der verschiedensten Gegenstände vor seinen Augen vorüberziehen. Und wer konnte auch irgendwo in der Fleetstraße während der geschäftigen Stunden des Tages seinen Platz haben, ohne stetig von zwei endlosen Prozessionen geblendet und betäubt zu werden, von denen eine westwärts der Sonne nach und die andere ostwärts der Sonne entgegenzog? Seinen Strohhalm im Munde, betrachtete Mr. Cruncher die beiden Ströme gleich dem heidnischen Bauern, der vor Jahrhunderten die Obliegenheit hatte, einen Strom zu überwachen, nur mit dem Unterschiede, daß Jerry sich keine Aussicht machte, seine beiden je versiegen zu sehen. Es wäre dies auch keineswegs eine hoffnungsvolle Erwartung gewesen, sofern ein kleiner Teil seines Einkommens darin bestand, daß er furchtsame Weiber, meist schmuck herausgeputzte Personen, die die Hälfte des Lebens bereits hinter sich hatten, von der Tellsonschen Seite nach dem andern Ufer hinüberlotste. So kurz auch ein solcher Verkehr in dem einzelnen Falle war, versäumte doch Nr. Cruncher nie, sich für die Dame in einem Grade zu interessieren, daß er gegen sie den lebhaften Wunsch ausdrückte, es möchte ihm die Ehre zuteil werden, auf ihre Gesundheit zu trinken. Und mit den Gaben, die ihm zur Erfüllung dieser wohlwollenden Absicht gereicht wurden, verstärkte er, wie wir eben bemerkten, seine Finanzen. Es gab eine Zeit, in der an einem öffentlichen Platze ein Dichter auf einem Schemel saß und angesichts der Menschen sich seine Gedanken machte. Mr. Cruncher saß auch an öffentlichem Platze auf einem Schemel; da er aber kein Dichter war, so dachte er so wenig wie möglich und schaute nur umher. So war er auch zu einer Zeit beschäftigt, als die Menschenmassen spärlicher, der verspäteten Damen immer weniger wurden und seine Angelegenheiten sich im allgemeinen auf so wenig prosperierendem Fuße befanden, daß in seiner Brust der lebhafte Verdacht erwachte, Mrs. Cruncher müsse wieder aufs entschiedenste hingefallen sein. Da fügte sich's denn, daß ein ungewöhnliches Gedränge nach Westen, das sich die Fleetstraße herunter bewegte, seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Seine Blicke in diese Richtung entsendend, machte er die Wahrnehmung, daß eine Art Leichenzug einherkam, und daß der Lärm, der ihn begleitete, von protestierenden Volksmassen herrührte. »Junger Jerry«, sagte Mr. Cruncher, sich an seinen Sprößling wendend, »'s ist eine Leiche.« »Hurra, Vater!« rief der junge Jerry. Der junge Gentleman stieß diesen jubelnden Ton mit geheimnisvoller Bedeutung aus; der alte aber nahm ihn so übel, daß er die Gelegenheit ersah, dem wackern Jüngling eine Ohrfeige zu geben. »Was soll das heißen? Warum krakeelst du so, und was willst du deinem Vater damit sagen, du junger Rüpel? Der Bub wird mir allmählich zuviel«, sagte Mr. Cruncher, ihn vom Kopfe bis zu den Füßen betrachtend. »Ja, wohl da Hurra! Laß mich das nicht wieder hören, oder du sollst's zu fühlen kriegen. Hast du mich verstanden?« »Ich hab's nicht bös gemeint«, versicherte der junge Jerry, den getroffenen Teil reibend. »Das will ich hoffen, denn mit deinen Tücken kämst du mir übel an«, sagte Mr. Cruncher. »Da, steig' auf diesen Sitz hinauf und schau' mir nach den Leuten.« Sein Sohn gehorchte. Das Gewühl kam näher. Man lärmte und zischte um einen unscheinbaren Trauerwagen und um eine unscheinbare Trauerkutsche her, in der nur ein einziger Leidtragender mit den für die Würde seiner Stellung unerläßlich scheinenden, schwarzen Florbehängen saß. Die Stellung gefiel ihm übrigens, wie man wohl sehen könnte, nicht sonderlich: denn es sammelte sich um die Kutsche immer mehr Pöbel, der Grimassen gegen ihn schnitt, spottete, zischte und ihm nebst vielen andern Komplimenten, die zu zahlreich und saftig für die Wiederholung sind, unablässig den Ehrentitel »Spion« zurief. Leichenbegängnisse hatten für Mr. Cruncher stets eine merkwürdige Anziehungskraft besessen: er strengte immer alle seine Sinne an und geriet in Aufregung, wenn ein Leichenzug an Tellsons vorbeikam. Die Aufregung war natürlich um so größer, wenn ei von einem ungewöhnlichen Gefolge begleitet wurde, und unser Ehrenmann fragte daher den ersten besten, der gegen ihn anrannte: »Was gibt's da, Bruder? Was treibt man?« »Ich weiß nicht«, versetzte der Mann. »Y-ha! Spion!« Er fragte einen andern: »Wer ist's?« »Weiß nicht«, entgegnete der Gefragte, schlug aber gleichwohl die Hände zusammen und schrie aus Leibeskräften: »Y-ha! Spion! Y-ha! Spion!« Endlich kugelte einer, der besser über das Nähere des Vorgangs unterrichtet war, gegen ihn an, und von diesem erfuhr Mr. Cruncher, daß das Leichenbegängnis einem gewissen Robert Cly galt. »War der ein Spion?« fragte Cruncher. »Old-Bailey-Spion«, erwiderte der Auskunftgeber. »Joho! Y-ha! Old-Bailey-Spi-i-on!« »Der Tausend, ja«, rief Jerry, sich der Gerichtsverhandlung erinnernd, der er beigewohnt hatte. »Ich hab' ihn gesehen. Er ist also tot?« »Tot wie eine Hammelkeule«, entgegnete der andere, »und kann nicht tot genug sein. Holt sie heraus da! Spione! Heraus mit ihnen! Spione!« Diese Idee erschien bei der vorherrschenden Abwesenheit einer Idee überhaupt so annehmbar, daß die Menge sie mit Begier aufgriff: sie wiederholte das »Heraus!« so laut und bedrängte die beiden Fuhrwerke so sehr, daß sie nicht mehr weiter konnten. Man riß den Kutschenschlag auf, der einzige Leidtragende fiel von selbst heraus und befand sich für einen Augenblick in den Händen des Pöbels: er war jedoch so hurtig und wußte seine Zeit so gut zu benutzen, daß er im nächsten Augenblicke schon eine Nebenstraße hinaufeilte, nachdem er seinen Mantel, seinen Hut, seinen langen Hutflor, das weiße Taschentuch und anderes symbolisches Trauerzubehör im Stiche gelassen hatte. Das Volk riß diese Hinterlassenschaft in Stücke und streute sie mit wilder Lust weit und breit umher, während die Gewerbsleute hastig ihre Buden schlössen; denn in jenen Zeiten war ein Pöbelhaufen ein gefürchtetes Ungeheuer und durch nichts zu halten. Man hatte sich bereits bis zum Öffnen des Wagens und Herunternehmen des Sarges verstiegen, als mit einem Male ein genialerer Geist den Vorschlag machte, man solle den Leichnam unter schallendem Jubel an den Ort seiner Bestimmung bringen. Praktische Andeutungen waten gewiß sehr am Platze, und so fand auch diese eine beifällige Aufnahme. Im Nu hatten acht Mann das Innere und ein Dutzend das Äußere der Kutsche eingenommen, während sich so viele, als nur immer hinaufgingen, auf das Dach des Leichenwagens setzten. Unter den erstgenannten Freiwilligen befand sich Jerry Cruncher selbst, der seinen spießigen Kopf bescheiden gegen eine Wahrnehmung von Tellsons aus in der hintersten Ecke der Trauerkutsche schützte. Die diensttuenden Leichenbesorger erhoben zwar einige Einwendungen gegen diesen Wechsel in der Zeremonie, bestanden aber nicht lange darauf, denn der Fluß lag in beunruhigender Nähe, und einige Stimmen ließen die Andeutung fallen, daß ein kaltes Bad ein sehr wirksames Mittel sei, um widerspenstige Personen zur Vernunft zu bringen. Der umgemodelte Zug brach auf mit einem kutschierenden Schornsteinfeger auf dem Bock des Leichenwagens, während der Kutscher überwachend ihm zur Seite saß; in gleicher Weise vertrat den Dienst der Leitung ein von dem ordentlichen Kutscher unterstützter Pastetenbäcker auf der Trauerkutsche. Ein Bärenführer, damals ein populärer Straßencharakter, wurde, noch eh' der Zug den Strand erreicht hatte, als Zierobjekt in den öffentlichen Dienst gepreßt, und der Bär, der schwarz und sehr schäbig war, verlieh dem Teile der Prozession, in dem er marschierte, ein echtes und gerechtes Leichenbestattungsaussehen. So ging unter Biertrinken, Tabakrauchen, Brüllen und karikierten Trauergebärden der unordentliche Zug seines Weges, bei jedem Schritte Zuwachs aufnehmend, während vor ihm her überall die Läden sich schlossen. Sein Bestimmungsort war die alte Sankt-Pankraz-Kirche, weit draußen in den Feldern. Man langte im Laufe der Zeit dort an; die Menge stürmte in den Kirchhof hinein und besorgte in ihrer Art und zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit die Beerdigung des verstorbenen Robert Cly. Nachdem der Tote bestattet war, sah sich die Masse genötigt, sich nach einem andern Zeitvertreib umzusehen, weshalb ein anderer genialer Geist (oder vielleicht der frühere) auf den Einfall kam, Leute, die zufällig vorübergingen, als Old-Bailey-Spione zu bezeichnen und die Volksrache auf sie zu lenken. Demgemäß wurden einige Dutzend harmloser Personen, die vielleicht in ihrem ganzen Leben Old Bailey nie gesehen hatten, hin und her gezerrt und mißhandelt. Der Übergang zu dem Spaße des Fenstereinwerfens und dann zum Plündern der Wirtshäuser war leicht und natürlich. Als endlich nach Ablauf mehrerer Stunden etliche Gartenhäuschen in Trümmern lagen und zur Bewaffnung der kriegerisch gesinnten Gemüter unterschiedliche Hofumzäunungen eingerissen waren, verbreitete sich das Gerücht von der Ankunft der Garden. Vor dieser bedrohlichen Kunde schmolz der Haufen allmählich zusammen. Vielleicht kamen die Garden, vielleicht auch nicht: genug, der Auflauf nahm das gewöhnliche Ende. Mr. Cruncher hatte sich an den Schlußbelustigungen nicht beteiligt, sondern war auf dem Kirchhofe zurückgeblieben, um mit den Leichenbestattern sich zu unterhalten und ihnen sein Beileid auszudrücken. Der Platz übte einen beruhigenden Einfluß auf ihn. Er besorgte sich aus der nahen Schenke eine Pfeife, rauchte wacker drauf los, sah zu dem Gitter hinein und betrachtete sich wohlbedächtig die Stelle. »Jerry«, sagte Mr. Cruncher, sich selbst anredend, »du siehst, daß man heute den Cly dort begraben hat, und du weißt aus eigener Anschauung, daß er ein junger, gutgebauter Bursche war.« Nachdem er seine Pfeife ausgeraucht und noch eine Weile länger seinen Gedanken Gehör geschenkt hatte, trat er den Heimweg an, um vor der Schlußstunde sich wieder auf seinem Posten bei Tellsons zu zeigen. Ob seine Betrachtung über Sterblichkeit eine schlimme Einwirkung auf seine Leber geübt oder ob er vorher schon sich nicht recht wohl gefühlt hatte vielleicht wollte er auch nur einem ausgezeichneten Mann eine kleine Aufmerksamkeit erweisen; kurz, er machte unterwegs einen kleinen Besuch bei seinem ärztlichen Ratgeber, einem Chirurgen von hohem Ruf. Der junge Jerry tröstete mit pflichtschuldiger Teilnahme seinen Vater und meldete, daß in seiner Abwesenheit kein Geschäft vorgekommen sei. Die Bank wurde geschlossen: die alten Kontoristen kamen heraus; es wurde die gewöhnliche Wache bestellt, und Mr. Cruncher begab sich mit seinem Sohn nach Hause zum Tee. »Ich weiß jetzt, wo es steckt«, sagte Mr. Cruncher beim Eintreten zu seiner Frau. »Wenn mir, einem ehrlichen Geschäftsmann, heute nacht mein Ausgang mißglückt, so kann ich überzeugt sein, daß du gegen mich gebetet hast, und ich werde dich dafür so gut bearbeiten, als ob ich mit eigenen Augen zugesehen hätte.« Die verzagte Mrs. Cruncher schüttelte den Kopf. »Was, das tust du angesichts meiner?« rief Cruncher mit den Zeichen unwilliger Besorgnis. »Ich sage ja nichts.« »Gut: aber du sollst auch nichts denken. Du könntest mir ebensogut umfallen wie denken: denn das eine wie das andere geht gegen »mich. Ich sag' dir, laß es bleiben.« »Ja, Jerry.« »Ja, Jerry«, wiederholte Mr. Cruncher, sich zum Tee niedersetzend. »Es ist mir ernst, und darum kein Wort mehr. Du hast Ursache, zu sagen: Ja, Jerry.« Mr. Cruncher hatte keine besondere Absicht bei dieser zänkischen Bekräftigung, sondern bediente sich ihrer nur, um, wie dies häufig von den Leuten geschieht, im allgemeinen eine ironische Unzufriedenheit kundzugeben. , »Du mit deinem Ja, Jerry«, sagte Mr. Cruncher indem er ein Stück aus seinem Butterbrot biß. »Ah, ich kann mir's denken glaub's wohl.« »Du gehst heute nacht aus?« fragte sein anständiges Weib, als er abermals einen Biß tat. »Ja.« »Darf ich mitgehen, Vater?« fragte sein Sohn hastig. »Nein, du darfst nicht. Ich gehe fischen, wie deine Mutter weiß. Ja, das ist der Zweck meines Ausgangs. Fischen.« »Dein Fischzeug ist ziemlich rostig, nicht wahr, Vater?« »Das kann dir gleichgültig sein.« »Bringst du auch Fische nach Hause, Vater?« »Wenn's nicht geschieht, wird's morgen schmale Kost geben«, versetzte der Ehrenmann mit Kopfschütteln. »Du hast doch jetzt genug gefragt. Ich werde erst ausgehen, nachdem du längst im Bett bist.« Er beschäftigte sich für den Rest des Abends damit, daß er ein äußerst wachsames Auge auf Mrs. Cruncher hielt und sie durch stetiges Zanken hinderte, auch nur in Gedanken zu seinem Nachteil zu beten. In dieser Absicht drängte er auch seinen Sohn, seine Mutter stets im Atem zu halten, und die unglückliche Frau hatte schwer darunter zu leiden; denn Mr. Cruncher zog lieber jede Kleinigkeit an den Haaren herbei, um ihr Vorwürfe zu machen, als daß er ihr nur einen Augenblick Zeit zum Nachdenken gelassen hätte. Selbst der frömmsten Person wäre es unmöglich gewesen, der Wirksamkeit eines ehrlichen Gebetes tiefere Anerkennung zu zollen, als durch dieses Mißtrauen gegen das arme Weib geschah. Geradeso sieht man oft entschiedene Gespensterleugner durch eine Geistergeschichte in Zittern geraten. »Und wohlgemerkt, keine Possen morgen«, sagte Mr. Cruncher. »Wenn es mir als einem ehrlichen Geschäftsmann gelingt, eine Hammelkeule oder zwei heimzubringen, so laß mich nicht hören, daß du nichts davon anrühren, sondern bei deinem Brot bleiben wollest. Und wenn ich als ehrlicher Geschäftsmann imstande bin, mir ein bißchen Bier kommen zu lassen, so schwatze mir nicht von Wasser. Wer in Rom ist, muß tun, wie man in Rom tut. Und tust du's nicht, so wird dir Rom sauber über den Kopf fahren. Ich bin dein Rom, das weißt du.« Und dann begann er wieder zu brummen: »Kommst mir da immer mit deinem abgesonderten Essen und Trinken! Ich möchte nur wissen, wie du hier zu Essen und Trinken kommen wolltest mit deinem heuchlerischen Wesen und deinem gefühllosen Benehmen. Schau deinen Buben an gehört er nicht dir? Er ist so dünn wie ein Span. Du willst dich eine Mutter nennen und weißt nicht einmal, daß es die erste Pflicht einer Mutter ist, ihr Kind zum Wachsen zu bringen.« Dies berührte bei dem jungen Jerry eine zarte Seite. Er beschwor seine Mutter, ihre erste Pflicht zu erfüllen und, was sie auch sonst darüber vernachlässigen mochte, besonders die Vollziehung der mütterlichen Pflicht sich angelegen sein zu lassen, auf die der Vater so liebevoll und fein hingedeutet hatte. So entschwand der Abend ln der Familie Cruncher, bis endlich der junge Jerry die Weisung erhielt, zu Bett zu gehen. An seine Mutter wurde der gleiche Befehl erlassen, dem sie demütig gehorchte. Mr. Cruncher kürzte sich die früheren Stunden der Nacht durch Pfeiferauchen und trat seinen Ausflug erst gegen ein Uhr an. Um diese kleinzahlige gespenstische Stunde erhob er sich von seinem Stuhl, zog einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete einen Schrein und holte einen Sack, ein Brecheisen von anständiger Größe, ein Seil, eine Kette und anderes derartiges Fischgerät heraus. Nachdem er diese Gegenstände geschickt bei sich versteckt hatte, warf er Mrs. Cruncher einen trotzigen Abschiedsblick zu und ging hinaus. Der junge Jerry, der nur so getan hatte, als kleide er sich aus, war im Nu wieder aus seinem Bett und hinter dem Vater her. Im Schutz der Dunkelheit folgte er ihm zur Stube hinaus, die Treppe hinunter, in den Hof und auf die Straße. Wegen des Wiedernachhausekommens war ihm nicht bange, denn die Tür stand um der vielen Mietleute willen die ganze Nacht durch offen. Von dem löblichen Ehrgeiz getrieben, die Kunst und das Geheimnis von seines Vaters ehrlichem Gewerbe zu studieren, ließ der junge Jerry, der sich so nahe, wie seine Augen beieinander standen, an die Häuser und Mauern hielt, seinen geehrten Erzeuger nicht aus dem Auge. Der geehrte Erzeuger steuerte nordwärts und war noch nicht weit gegangen, als sich ihm ein anderer Nachtgeselle anschloß, mit dem er gemeinschaftlich weitertrabte. Nach einer halbstündigen Wanderung waren sie außer dem Bereiche neugieriger Lampen und der noch neugierigeren Nachtwächter draußen auf einsamer Landstraße. Hier wurde noch ein dritter Fischer aufgelesen, und zwar so in aller Stille, daß der junge Jerry, wenn er abergläubisch gewesen wäre, wohl hätte auf den Gedanken kommen können, daß der zweite Genosse der edlen Kunst sich plötzlich verdoppelt habe. Die drei gingen weiter, und der junge Jerry folgte ihnen, bis sie unter einer Wegböschung haltmachten, auf der ein niedriges Backsteingemäuer mit einem eisernen Geländer bemerklich wurde. In dem Schatten der Böschung und des Gemäuers stahlen sie sich von der Straße ab, eine Sackgasse hinauf, die durch die acht bis zehn Fuß hohe Mauer begrenzt wurde. Der junge Jerry kauerte in einer Ecke nieder und schaute die Gasse hinauf. Der erste Gegenstand, dessen er ansichtig wurde, war sein geehrter Erzeuger, dessen Umrisse scharf gegen einen wässerigen, umwölkten Mond abstachen, wie derselbe hurtig ein eisernes Gittertor hinankletterte. Er war bald hinüber: darauf folgte der Zweite und dann der Dritte. Sie alle langten weich auf dem Boden hinter dem Gitter an und blieben eine Weile liegen, vielleicht, um zu horchen. Dann krochen sie auf Händen und Füßen weiter. Jetzt war an dem jungen Jerry die Reihe, sich dem Gitter zu nähern, er tat dies mit verhaltenem Atem. Er duckte sich dort wieder in eine Ecke, sah hinein und bemerkte, daß die drei Fischer in dem hohen Grase weiterkrochen. Und alle die Grabsteine es war ein großer Kirchhof schienen wie weiße Gespenster zuzuschauen, und der Kirchturm selbst sah darein wie der Geist eines ungeheuren Riesen. Sie krochen nicht weit, sondern machten bald halt und richteten sich auf. Dann begannen sie zu fischen. Anfangs fischten sie mit einem Spaten. Dann gewann es den Anschein, als setze der geehrte Erzeuger ein Instrument von der Gestalt eines großen Korkziehers an. Welcher Art indes die Werkzeuge sein mochten, die Leute arbeiteten mit allem Eifer, bis der schauerliche Schlag der Kirchenuhr den jungen Jerry so erschreckte, daß er mit einem Haar, so steif wie das seines Vaters, von dannen floh. Aber der lang gehegte Wunsch, von diesen Dingen mehr zu erfahren, hielt ihn nicht nur in seinem Lauf an, sondern lockte ihn sogar wieder zurück. Sie fischten noch beharrlich fort, als er zum zweitenmal zum Gitter hineinsah, schienen aber jetzt etwas an der Angel zu haben. Es ging an ein Schrauben; von unten ließ sich ein ächzender Ton vernehmen, und die schattigen Gestalten strengten sich an, als höben sie eine schwere Last. Allmählich brach sich diese Last durch die Erde und kam an die Oberfläche. Der junge Jerry wußte recht gut, was jetzt kommen mußte; aber als er es wirklich sah und dabei bemerkte, wie sein Vater sich anschickte, es mit dem Stemmeisen aufzubrechen, wandelte ihn bei dem Anblick eine solche Angst an, daß er wieder Reißaus nahm und nicht eher haltmachte, bis er eine schöne Strecke Wegs hinter sich hatte. Er würde auch dann noch nicht angehalten haben, wenn ihm nicht der Atem ausgegangen wäre; denn sein Rennen war eine Art Wettlauf mit Gespenstern, denen er aus dem Weg zu kommen zitterte. Es war ihm, als habe er gesehen, wie der Sarg ihm nachkam; er stellte sich vor, als hüpfe derselbe hinter ihm her, gerade auf seinem schmäleren Ende sich bewegend und stets auf dem Punkt, ihn einzuholen und an seiner Seite weiterzuhüpfen, vielleicht gar ihn am Arm zu nehmen kurz, es war ein fürchterlicher Verfolger. Dazu noch ein inkonsequenter, überall gegenwärtiger Dämon; denn da der Spuk die ganze Nacht hinter ihm mit Schrecken erfüllte, so stürzte er in die Straße hinaus, um die dunklen Alleen zu vermeiden, fürchtend, das Gespenst möchte wie ein wassersüchtiger Papierdrache ohne Schwanz und Flügel hinter den Bäumen hervor auf ihn zukommen. Auch in den Torwegen versteckte es sich, rieb seine schrecklichen Schultern an den Türpfosten und zog sie, als lache es, bis an die Ohren hinauf. Es versteckte sich im Schatten der Straße und blieb tückisch auf dem Rücken liegen, um ihm ein Bein zu stellen. Und diese ganze Zeit über hüpfte es ohne Unterlaß hart hinter ihm drein, so daß Jerry junior, als er endlich zu Hause anlangte, halbtot zu sein meinte. Ja, selbst da wollte es noch nicht von ihm ablassen, sondern es folgte ihm mit einem Gepolter auf jeder Stufe die Treppe hinauf, stieg mit ihm ins Bett hinein und plumpste schwer und tot ihm auf die Brust, bis er endlich einschlief. Aus diesem angstvollen Schlummer wurde der junge Jerry in seinem Alkoven nach Tagesanbruch und vor Sonnenaufgang durch die Anwesenheit seines Vaters in dem Familienzimmer geweckt. Diesem mußte etwas nicht nach Wunsche gegangen sein; so schloß wenigstens der junge Jerry aus dem Umstand, daß der Alte Mrs. Cruncher an den Ohren hatte und ihr den Hinterkopf an dem Kopfbrett ihres Bettes zerbeulte. »Ich hab' dir's gesagt, ich wolle«, sagte Mr. Cruncher; »und jetzt hast du's.« »Jerry, Jerry, Jerry«, rief sein Weib flehentlich. »Du hast ein Aber gegen den Profit des Geschäfts«, sagte Jerry, »und darunter haben ich und meine Kameraden zu leiden. Du sollst ehren und gehorchen warum zum Teufel tust du's nicht?« »Ich gebe mir ja alle Mühe, eine gute Frau zu sein«, versicherte die Arme unter Tränen. »Ist man eine gute Frau, wenn man sich dem Geschäfte des Mannes widersetzt? Heißt es den Mann ehren, wenn man sein Gewerbe verachtet? Heißt es dem Manne gehorchen, wenn man ihm den Gehorsam verweigert in der Lebensfrage seines Geschäftes?« »Du hast also wieder zu dem schrecklichen Gewerbe gegriffen, Jerry?« »Für dich ist es genug«, versetzte Mr. Cruncher, »das Weib eines ehrlichen Geschäftsmanns zu sein, und du hast nicht nötig, deinen Weiberkopf mit Berechnungen anzustrengen, wenn er einem Beruf nachgeht oder nicht. Ein Weib, das ehrt und gehorcht, läßt ihn gewähren. Du willst eine fromme Frau sein? Wenn die religiösen so sind, so will ich lieber eine unreligiöse. Du hast so wenig ein natürliches Gefühl für deine Pflicht, als es dieses Themsebett da für einen Pfahl hat, und sie muß deshalb gleichermaßen in dich hineingeschlagen werden.« Der Streit wurde mit gedämpfter Stimme geführt und endigte damit, daß der ehrliche Geschäftsmann die kotigen Stiefel vom Fuß schleuderte und der Länge nach sich auf den Boden legte. Nachdem sein Sohn einen scheuen Blick nach ihm, wie er so rücklings dalag mit den rostigen Händen als Kissen unter dem Kopfe, hingeworfen hatte, legte auch er sich wieder und schlief aufs neue ein. Zum Frühstück gab es keinen Fisch und auch nicht viel anderes. Mr. Cruncher war verstimmt und mißmutig und hielt stets einen eisernen Topfdeckel in der Nähe als Korrektionsgeschoß für Mrs. Cruncher, im Falle sie Miene machte, ihren Morgensegen zu sprechen oder zu denken. Zu der gewohnten Stunde hatte er sich gewaschen und gekämmt und machte sich mit seinem Sohne auf den Weg, um seinen vorweisbaren Beruf anzutreten. Der junge Jerry, der mit seinem Schemel unter dem Arm neben seinem Vater in dem Gedränge der sonnigen Fleetstraße dahinschritt, war ein ganz anderer junger Jerry als in der letzten Nacht, solange er durch Einsamkeit und Dunkel vor seinem schrecklichen Verfolger her nach Hause lief. Sein Geist hatte sich mit dem Tage aufgefrischt, und die Nebel waren mit der Nacht vergangen, eine Eigentümlichkeit, in der er an jenem schönen Morgen viele seinesgleichen hatte, in der Fleetstraße sowohl wie in der Stadt London überhaupt. »Vater«, sagte der junge Jerry unterwegs, indem er zugleich Sorge trug, sich auf Armeslänge fernzuhalten und den Schemel zwischen sich und den Alten zu bringen, »was ist ein Auferstehungsmann?« Mr. Cruncher blieb wie auf das Pflaster gebannt stehen, ehe er antwortete: »Wie soll ich dies wissen?« »Ich dachte, du wüßtest alles, Vater«, lautete die arglose Erwiderung des Knaben. »Hm! Nun«, entgegnete Mr. Cruncher, den Weg wieder aufnehmend und den Hut lüpfend, um seinen Spießen freies Spiel zu lassen, »er ist ein Geschäftsmann.« »Und was erwirbt er?« fragte der schlaue junge Jerry. »Was er erwirbt?« versetzte Mr. Cruncher nach einigem Besinnen. »Er handelt mit wissenschaftlichen Gegenständen.« »Nicht wahr, mit Leichnamen, Vater?« fragte der aufgeweckte Knabe. »Ich glaube, es ist etwas der Art«, antwortete Mr. Cruncher. »Oh, Vater, ich möchte wohl auch ein Auferstehungsmann werden, wenn ich einmal groß bin.« Mr. Cruncher fühlte sich beruhigt, schüttelte aber doch bedenklich und moralisierend den Kopf. »Es hängt davon ab, wie du deine Talente entwickelst. Laß dir's angelegen sein, deine Talente auszubilden, und sprich von solchen Dingen gegen niemand mehr, als gerade notwendig ist; denn vorderhand kann man noch nicht wissen, für was du mit der Zeit passen magst.« Als der junge Jerry, in solcher Weise ermutigt, einige Schritte vorausging, um den Schemel in den Schatten der Bar aufzustellen, fügte Mr. Cruncher für sich selbst hinzu: »Jerry, ehrlicher Geschäftsmann, es ist Hoffnung vorhanden, daß der Knabe noch ein Segen für dich und ein Ersatz werden wird für seine Mutter!« Fünfzehntes Kapitel. Strickzeug. Es gab früher als gewöhnlich Gäste in Monsieur Defarges Weinstube. Schon morgens um sechs Uhr hatten bleiche Gesichter, die durch die vergitterten Fenster hineinschauten, drinnen andere Gesichter bemerkt, die sich über ihre Weingläser niederbeugten. Selbst in den besten Zeiten verkaufte Monsieur Defarge nur sehr dünnen Wein, aber er schien eben jetzt ganz ungewöhnlich dünn zu sein. Ein saurer Wein obendrein, oder ein sauer machender, denn er übte auf die Stimmung der Trinker einen gar trüben Einfluß. Keine lebhafte barchanalische Flamme loderte aus der gepreßten Traube des Monsieur Defarge, sondern ein glostendes Feuer, das im verborgenen brannte, lag in ihrer Hefe verborgen. Es war der dritte Morgen dieser Frühtrunke in Monsieur Defarges Weinstube. Sie hatten am Montag begonnen, und heute war es Mittwoch. Man konnte es übrigens eher ein Morgenbrüten nennen als ein Trinken; denn seit die Tür geöffnet worden, hatten viele Leute zugehört, geflüstert und waren wieder fortgeschlichen, die, selbst wenn es ihren Seelen gegolten, keine Münze auf den Zahltisch hätten legen können. Sie waren jedoch in der Stube ebenso angesehen, wie wenn sie über ganze Fässer Wein zu verfügen vermocht hätten, und man sah sie von Sitz zu Sitz, von einer Ecke zur andern gleiten, wie sie mit gierigen Blicken statt des Trunks die Reden einsogen. Ungeachtet des außerordentlichen Zulaufs von Gästen war der Inhaber des Weinschanks nicht sichtbar. Er wurde auch nicht vermißt; denn niemand von denen, die über die Schwellen schritten, sah sich nach ihm um oder fragte nach ihm. Niemand wunderte sich, daß nur Madame Defarge die Abgabe des Weines von ihrem Sitze aus überwachte, mit einem Teller voll Kleingeld vor sich, auf dem das ursprüngliche Gepräge so entstellt und abgerieben war wie auf der menschlichen Scheidemünze, aus deren zerlumpten Taschen es gekommen war. Ein zurückhaltendes Interesse und eine vorherrschende Geistesabwesenheit wurde vielleicht bemerkt von den Spionen, die in die Weinstube hineinschauten; denn ihre Blicke reichen überall hin nach Hoch und Nieder, von dem Palaste des Königs an bis zu dem Kerker des Verbrechers. Die Spielkarten lagen müßig, Dominospieler bauten in Gedanken mit den Steinen Türme, Trinker zeichneten mit dem verschütteten Wein Figuren auf den Tisch, ja, sogar Madame Defarge stocherte mit ihrem Zahnstocher in dem Muster auf ihrem Ärmel und achtete nur auf etwas Unsichtbares und Unhörbares in weiter Ferne. Saint Antoine verblieb in dieser eigentümlichen Weinlaune bis zum Mittag. Es war um die zwölfte Stunde, als zwei staubige Männer durch die Gassen der Vorstadt unter den Laternen vorbeikamen. In dem einen erkennen wir Monsieur Defarge, in dem andern einen Straßensteinschläger mit einer blauen Mütze. Voll Staub und Durst traten sie in die Weinstube. Ihre Ankunft hatte in der Brust von Saint Antoine eine Art Feuer angezündet, das, je weiter sie kamen, mehr und mehr um sich griff und an den meisten Türen und Fenstern in den Gesichtern flackernd hervorloderte. Aber niemand war ihnen gefolgt, und niemand ließ ein Wort verlauten, als sie in die Weinstube traten, obschon jedes Auge sich ihnen zuwandte. »Guten Tag, meine Herren«, sagte Monsieur Defarge. Dies war, scheint es, ein Signal, das allen die Zunge löste, denn es entlockte die Antwort im Chor: »Guten Tag.« »Es ist schlimmes Wetter, meine Herren«, sagte Defarge den Kopf schüttelnd. Hierauf sah jeder seinen Nachbar an; dann schlugen alle ihre Augen nieder und blieben stumm sitzen. Ein einziger machte davon eine Ausnahme; er stand auf und verließ das Zimmer. »Frau«, sagte Defarge laut, sich an Madame Defarge wendend, »ich bin eine schöne Strecke gereist mit diesem wackeren Knecht, der Jacques heißt. Ich traf ihn zufällig anderthalb Tagmärsche von Paris. Er ist ein guter Mensch, dieser Knecht Jacques. Gib ihm zu trinken, Frau.« Ein zweiter Mann stand auf und ging hinaus. Madame Defarge setzte dem Knecht namens Jacques Wein vor, worauf dieser gegen die Gesellschaft seine blaue Mütze lüftete und trank. Er zog aus der Brust seiner Bluse ein Stück rauhen, schwarzen Brotes heraus, brach sich in Zwischenräumen einen Bissen und kaute und trank in der Nähe von Madame Defarges Zahltisch. Ein Dritter stand auf und ging hinaus. Defarge labte sich mit einem Schlucke Wein, genoß indes weniger, als es dem Fremden gereicht worden, da ihm als dem Hausherrn das Getränk keine Seltenheit war; dann blieb er wartend stehen, bis der Mann vom Lande seinen Imbiß gegessen hatte. Er sah von den Anwesenden niemand an, und auch von diesen hatte niemand ein Auge für ihn, nicht einmal Madame Defarge, die eifrig in ihrem Stricken fortfuhr. »Seid Ihr fertig mit Eurem Mahle, Freund?« fragte er, nachdem er dem Fremden gehörig Zeit gelassen hatte. »Ja; ich danke Euch.« »So kommt. Ihr sollt das Gemach sehen, das Ihr, wie ich Euch sagte, haben könnt. Es wird Euch gewiß gut gefallen.« Aus der Weinstube auf die Straße, von der Straße in den Hof, von dem Hofe eine steile Treppe hinan, von der Treppe in ein Dachstübchen früher das Dachstübchen, in dem ein weißhaariger Mann auf einer niedrigen Bank vorwärts gebeugt saß und Schuhe anfertigte. Es war kein weißhaariger Mann mehr da, wohl aber harrten darin die drei, die einzeln die Schenkstube verlassen hatten. Und zwischen ihnen und dem in weiter Ferne sich befindenden grauhaarigen Manne bestand das einzige kleine Verbindungsglied, daß sie ihn einmal durch die Risse in der Mauer gesehen hatten. Defarge schloß sorgfältig die Tür und begann mit gedämpfter Stimme: »Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Drei, dies ist der Zeuge, der mir, dem Jacques Vier, infolge der Verabredung, entgegengekommen ist. Er wird euch alles sagen. Sprecht, Jacques Fünf.« Der Knecht, der seine blaue Mütze in der Hand hatte, wischte sich die braune Stirn damit und sagte: »Wo soll ich anfangen, Herr?« »Fangt von vorn an«, lautete Monsieur Defarges nicht unvernünftige Erwiderung. »Gut, ihr Herren«, begann der Knecht: »ich sah ihn, laufenden Sommer ist's ein Jahr, unter der Kutsche des Marquis, wie er in der Kette hing. Schaut, wie das war. Ich hatte meiner Arbeit den Rücken gekehrt, die Sonne ging unter, die Kutsche des Marquis fuhr langsam bergan, und er hing in der Kette so.« Und der Knecht machte wieder das alte Kunststück, in dem er es seitdem zu einer großen Vollkommenheit gebracht haben mußte, da es während eines ganzen Jahres die unfehlbare und unentbehrliche Unterhaltungszuflucht seines Dorfes gewesen war. Jacques Eins fiel ein und fragte, ob er den Mann je zuvor gesehen habe. »Nie«, antwortete der Knecht, indem er wieder eine lotrechte Stellung annahm. Jacques Drei wollte wissen, wie er ihn nachher wiedererkannt habe. »An seiner langen Gestalt«, versetzte der Knecht halblaut, indem er den Finger an seine Nase legte. »Als Monsieur le Marquis an jenem Abend zu mir sagte: Sag', wie er aussah, gab ich ihm zur Antwort: Lang wie ein Gespenst« »Ihr hättet sagen sollen, klein wie ein Zwerg«, bemerkte Jacques Zwei. »Was wußte ich? Die Tat war damals noch nicht geschehen, und er hatte mich nicht zu seinem Vertrauten gemacht. Auch muß ich bemerken, daß ich selbst unter den obwaltenden Verhältnissen nicht mein Zeugnis anbot. Monsieur le Marquis deutet mit dem Finger auf mich, während ich neben unserem kleinen Brunnen stehe, und sagt: Bringt mir diesen Schurken her. Wahrhaftig, meine Herren, ich hab' nicht aus freien Stücken gezeugt.« »Es ist so, Jacques«, bemerkte Defarge halblaut gegen den Mann, der ihn unterbrochen hatte. »Weiter.« »Gut«, sagte der Knecht mit geheimnisvoller Miene. »Der lange Mensch verschwindet und wird gesucht wie viele Monate? Neun, zehn, elf?« »Was liegt an der Zahl?« versetzte Defarge. »Er war gut verborgen, wurde aber zuletzt unglücklicherweise aufgefunden. Fahrt fort.« »Ich bin wieder an dem Bergabhang bei meinem Steinhaufen, und die Sonne ist wieder am Untergehen. Ich nehme mein Werkzeug zusammen, um nach dem Dorfe und in mein Häuschen zurückzukehren, das schon im Dunkeln liegt. Wie ich meine Augen aufrichte, seh' ich über den Berg her sechs Soldaten kommen. In ihrer Mitte geht ein Mann, dem die Arme an die Seiten gebunden sind so.« Mit Hilfe der unentbehrlichen Mütze stellte er einen Menschen dar, dem mit auf dem Rücken zugeknoteten Stricken die Ellenbogen an den Brustkorb befestigt sind. »Ich trete von meinem Steinhaufen zurück, meine Herren, um die Soldaten und ihren Gefangenen vorbeikommen zu sehen ('s ist ein einsamer Weg, wo alles, was vorkommt, sich des Sehens verlohnt). Wie sie näher kommen, bemerke ich anfangs weiter nichts, als daß es sechs Soldaten sind mit einem gebundenen langen Mann; sie kommen meinem Auge fast schwarz vor, mit Ausnahme der Seite, wo die Sonne untergeht und wo sie einen roten Schein haben. Gut, meine Herren; ich sah, daß ihre langen Schatten über der Wegböschung weg sich an der entfernteren Berganhöhe abmalen und wie die Schatten von Riesen erscheinen. Ferner bemerke ich, daß sie mit Staub bedeckt sind und daß jeder ihrer Schritte, wie sie tramp, tramp einherkommen, neuen Staub aufwühlt. Aber sobald sie mir ganz nahe gekommen sind, erkenne ich den langen Mann, und er erkennt mich. Ach, wie gern wär' er wohl wieder über den Abhang hinuntergekugelt wie an dem Abend, als ich ihm fast an demselben Platz zum erstenmal begegnete.« Er beschrieb es, als ob sie dort wären, und es war sichtbar, daß er es lebhaft vor Augen hatte; vielleicht war ihm in seinem Leben nicht viel zu Gesicht gekommen. »Ich lasse die Soldaten nicht merken, daß ich den langen Mann kenne; und auch er gibt kein Zeichen, daß er mich erkannt hat; wir aber verständigen uns durch die Augen. Vorwärts! sagt der Führer der Abteilung und deutet auf das Dorf; macht, daß er zu seinem Grabe kommt. Und sie treiben ihn schneller an. Ich folge. Seine Arme sind geschwollen wegen der festen Bande; seine hölzernen Schuhe sind plump und schwer, so daß er kaum gehen kann. Weil es nun nicht recht vorwärts will, so helfen sie mit den Gewehren nach so.« Er veranschaulichte das Vorwärtstreiben des Gefangenen durch Stöße mit den Musketenkolben. »Während sie gleich wettrennenden Tollhäuslern den Berg hinabrasen, fällt er. Sie heben ihn wieder auf und lachen. Sein mit Staub bedecktes Gesicht blutet; aber er kann nicht danach hinlangen, und sie lachen wieder darüber. Sie bringen ihn nach dem Dorf; das ganze Dorf läuft zusammen, um ihn zu sehen. Man führt ihn an der Mühle vorbei und nach dem Gefängnis hinauf. Das ganze Dorf sieht, wie in der dunklen Nacht das Gefängnistor sich auftut und ihn verschlingt so.« Er öffnete den Mund, so weit er konnte, und ließ ihn mit einem klappenden Ton der Zähne wieder zuschnappen. Als Defarge bemerkte, daß der Mann nicht Lust hatte, den gemachten Eindruck durch ein abermaliges Öffnen zu beeinträchtigen, so sagte er zu ihm: »Fahrt fort, Jacques.« »Das ganze Dorf«, fuhr der Knecht mit gedämpfter Stimme fort, während er zugleich sich auf die Fußspitzen stellte, »zieht sich zurück; das ganze Dorf flüstert bei dem Brunnen; das ganze Dorf schläft; das ganze Dorf träumt von dem Unglücklichen, der auf dem Felsen hinter Schloß und Riegel sitzt und nur wieder aus dem Gefängnis herauskommen soll, um zu sterben. Am Morgen nehme ich mein Werkzeug auf die Schulter und meinen Bissen Schwarzbrot in die Tasche, um ihn unterwegs zu essen, und mache auf meinem Gang zur Arbeit einen Umweg nach dem Gefängnis. Da sehe ich ihn hoch oben hinter dem Gitter eines eisernen Käfigs blutig und staubig wie gestern hervorschauen. Er hat keine Hand frei, um mir zuzuwinken. Ich wage es nicht, ihn anzurufen, und er betrachtet mich mit Augen wie ein toter Mann.« Defarge und die drei warfen einander finstere Blicke zu. Ihre Mienen waren unheimlich, zurückhaltend und rachgierig, während sie der Geschichte des Landmanns zuhörten; auch ließ sich in ihrer Haltung etwas Gebieterisches nicht verkennen. Sie nahmen sich wie ein roher Gerichtshof aus. Jacques Eins und Zwei saßen auf dem alten Lotterbett und hatten das Kinn auf die Hand gestützt, während ihre Augen unverwandt auf dem Knecht hafteten. Jacques Drei, der ebenso aufmerksam war, stützte sich hinter ihnen auf das eine Knie und fuhr ohne Unterlaß mit der Hand über die in Aufregung spielenden Muskeln seiner Lippen und Nase. Defarge stand zwischen ihnen und dem Erzähler, dem er seinen Platz im Licht des Fensters angewiesen, und ließ seine Blicke von ihm auf die drei und von den dreien wieder auf ihn zurückgleiten. »Weiter, Jacques«, sagte Defarge. »Er bleibt einige Tage droben in seinem Käfig. Das Dorf schaut nur verstohlen zu ihm hinauf, denn es fürchtet sich. Aber es betrachtet immer aus der Ferne das Gefängnis auf dem Felsen, und abends, wenn es sich nach vollbrachtem Tagewerk zum Plaudern am Brunnen versammelt, wenden sich alle Augen dem Gefängnis zu. Früher pflegten sie sich auf das Posthaus zu richten, jetzt aber ist der Fels ihr Ziel. Sie flüstern sich am Brunnen zu, obgleich der Mann zum Tode verurteilt sei, werde er doch nicht hingerichtet werden; sie sagen, es seien in Paris Bittschriften eingereicht worden, die auseinandersetzten, der Tod seines Kindes habe ihn geisteskrank gemacht; sie sagen, der König selbst habe eine solche Bittschrift in Empfang genommen. Was weiß ich? Es ist möglich. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht.« »So hört denn, Jacques«, fiel ihm stummer Eins dieses Namens ins Wort. »Eine Bittschrift ist dem König und der Königin wirklich überreicht worden. Wir alle, die wir hier zugegen sind, mit alleiniger Ausnahme von Euch, haben gesehen, wie der König sie in Empfang nahm, als er mit der Königin an seiner Seite durch die Straßen fuhr. Defarge, den Ihr hier seht, war es, der unter Lebensgefahr mit der Schrift in der Hand vor die Pferde hintrat.« »Und hört weiter, Jacques«, sagte die kniende Nummer Drei mit erstaunlich gieriger Miene, als hungere sie nach etwas, was weder Speise noch Trank war, die Finger wieder und wieder über die Lippen hinführend, »die Garde, Reiter und Fußgänger umgaben den Bittsteller und mißhandelten ihn mit Schlägen. Hört Ihr's?« »Jawohl, ihr Herren.« »Fahrt fort«, sagte Defarge. »Andererseits munkelt man am Brunnen davon«, fuhr der Landmann fort, »er sei in unsere Gegend gebracht worden, um hier den Tod zu erleiden, und er werde ganz gewiß hingerichtet werden. Ja, man will sogar wissen, weil er Monseigneur umgebracht habe und Monseigneur der Vater seiner Leibeigenen sei, so werde ihn der Tod des Vatermörders treffen. Ein alter Mann sagt am Brunnen, man gebe ihm das Messer in die rechte Hand, haue sie ihm ab und verbrenne sie vor seinen Augen; dann reiße man Löcher in seine Arme, in seine Brust, in seine Beine und gieße kochendes Öl, geschmolzenes Blei, heißes Harz, Wachs und brennenden Schwefel hinein; endlich reiße man ihm mit vier starken Pferden Glied für Glied aus dem Leibe. Der alte Mann sagt, all dies sei wirklich einem Gefangenen geschehen, der einen Versuch auf das Leben des verstorbenen Königs Ludwig des Fünfzehnten machte. Aber wie kann ich wissen, ob er nicht lügt? Ich bin kein Studierter.« »Hört mich noch einmal an, Jacques«, sagte der Mann mit der unruhigen Hand und der gierigen Miene. »Der Name jenes Gefangenen war Jacques Damíens, und der ganze Vorgang fand bei hellem Tage auf der offenen Straße dieser Stadt Paris statt. Und nichts war merkwürdiger in dem ungeheuren Zusammenlauf der Zuschauer als die Menge von hohen und vornehmen Damen, die kein Auge wandten von dem Schauspiel, solange es dauerte; es wurde nämlich bis in die Nacht hinein verlängert, und der Unglückliche hatte schon zwei Beine und einen Arm verloren, als er immer noch atmete. Dies ist geschehen na, wie alt seid Ihr?« »Fünfunddreißig«, sagte der Knecht, der wie ein Sechziger aussah. »Es ist also geschehen, wie Ihr schon über zehn Jahre alt waret. Ihr hättet es selbst noch mit ansehen können.« »Genug«, sagte Defarge mit grämlicher Ungeduld. »Lang lebe der Teufel! Macht weiter.« »Nun, die einen munkeln dies, die andern das; sie sprechen von nichts anderem, und selbst der Brunnen scheint in diesen Ton einzufallen. Endlich einmal Sonntags nachts, während das ganze Dorf im Schlaf liegt, kommen Soldaten den Schlangenweg vom Gefängnis herunter, und ihre Schüsse hallen von den Steinen der nahen Straße wieder. Werkleute graben, Werkleute hämmern, die Soldaten lachen und singen, und am Morgen steht neben dem Brunnen ein vierzig Fuß hoher Galgen und vergiftet das Wasser.« Der Knecht sah eher durch die Decke hindurch als nach ihr hinauf und machte ein Zeichen, als sehe er den Galgen irgendwo am Himmel. »Alle Arbeit bleibt liegen, alles versammelt sich da, niemand führt die Kühe aus, die Kühe sind da wie alles andere. Um Mittag Trommelwirbel. Soldaten sind während der Nacht ins Gefängnis marschiert, und er kommt in der Mitte vieler Soldaten. Er ist gebunden wie früher, und in seinem Munde steckt ein Knebel, der so fest und in einer Art angebracht ist, daß es fast aussieht, als ob er lache.« Er erläuterte dies damit, daß er mit den Daumen die Mundwinkel bis zu den Ohren zurückzog. »An dem obern Teil des Galgens ist das Messer mit der Klinge aufwärts und der Spitze in der Luft befestigt. Da hängt man ihn vierzig Fuß hoch und läßt ihn hängen und das Wasser vergiften.« Sie sahen einander an, während er seine blaue Mütze zum Abwischen des Schweißes benutzte, den ihm die Erinnerung an das Schauspiel ausgetrieben hatte. »Es ist schrecklich, meine Herren. Wie können die Weiber und die Kinder Wasser holen? Wer kann abends unter einem solchen Schatten plaudern? Darunter, habe ich gesagt? Als ich am letzten Montag um Sonnenuntergang das Dorf verließ und von dem Berge aus zurückschaute, fiel der Schatten quer über die Kirche hin, über die Mühle, an dem Gefängnis vorbei, und schien sich über die ganze Erde zu erstrecken, bis dahin, meine Herren, wo das Himmelsgewölbe ist.« Der Hungrige nagte, während er die andern drei ansah, an einem von seinen Fingern, und die Finger zitterten unter der dem Manne innewohnenden Gier. »Das ist alles, meine Herren. Ich verließ, wie mir angedeutet worden war, um Sonnenuntergang das Dorf und wanderte selbige Nacht und den halben andern Tag fort, bis ich, wie die Verabredung lautete, diesen Kameraden traf. Mit ihm reiste ich weiter, bald zu Fuß, bald fahrend, den Rest des gestrigen Tages und die ganze Nacht durch. Und nun seht ihr mich.« Nach einem düsteren Schweigen sagte der erste Jacques: »Gut: Ihr habt treu gehandelt und erzählt. Wollt Ihr vor der Tür draußen ein bißchen auf uns warten?« »Recht gern«, versetzte der Knecht. Defarge führte ihn an den Anfang der Treppe, hieß ihn dort niedersitzen und kehrte zurück. Als er wieder in dem Dachstübchen anlangte, waren die drei aufgestanden und steckten die Köpfe zusammen. »Wie meinst du, Jacques?« fragte Nummer Eins. »Einzutragen?« »Einzutragen als zum Untergang verurteilt«, versetzte Defarge. »Großartig!« krächzte der Mann mit dem Hunger. »Das Schloß und das ganze Geschlecht?« fragte der Erste. »Schloß und Geschlecht«, entgegnete Defarge. »Vernichtung.« Der hungrige Mann wiederholte mit entzücktem Krächzen sein »Großartig« und begann an einem andern Finger zu nagen. »Seid Ihr gewiß«, fragte Jacques Zwei den Defarge, »daß uns aus der Art, wie das Register geführt wird, keine Verlegenheit erwachsen kann? Ohne Zweifel ist es sicher, da es außer uns niemand zu entziffern imstande ist: aber werden wir immer in der Lage sein, es zu tun oder, wie ich vielmehr sagen sollte, wird sie es immer können?« »Jacques«, entgegnete Defarge, sich hoch aufrichtend, »wenn es meine Frau auf sich nehmen wollte, das Register nur in ihrem Gedächtnis zu führen, so würde kein Wort, keine Silbe davon verlorengehen; gestrickt aber mit ihren eigenen Maschen und ihren symbolischen Zeichen; ist es ihr stets so klar wie die Sonne. Ihr könnt euch auf Madame Defarge verlassen, für die elendeste Memme, die da lebt, wäre es viel leichter, sich aus dem Buch der Lebendigen zu streichen, als nur einen Buchstaben seines Namens oder seiner Verbrechen aus Madame Defarges gestricktem Register zu tilgen.« Es folgte darauf ein Gemurmel des Beifalls und des Vertrauens; dann stellte der hungrige Mann die Frage: »Soll dieser Bauer bald wieder zurückgeschickt werden? Ich hoffe es. Er ist sehr einfältig; könnte er nicht gefährlich werden?« »Er weiß nichts«, sagte Defarge, »wenigstens nichts weiter, als was ihn leicht an einen Galgen von derselben Höhe bringen könnte. Ich nehm' ihn auf mich: laßt ihn bei mir bleiben. Ich will für ihn sorgen und ihm seinen Weg anweisen. Er wünscht die vornehme Welt zu sehen, den König, die Königin, den Hof; so mag er am Sonntag seinen Willen haben.« »Wie?« rief der Mann mit dem Hunger, die Augen weit aufreißend. »Ist es ein gutes Zeichen, daß er das Königtum und den Adel zu sehen wünscht?« »Jacques«, sagte Defarge, »bist du klug, so zeigst du einer Katze Milch, wenn du willst, daß sie danach dürsten soll. Bist du klug, so zeigst du einem Hunde seine natürliche Beute, wenn du willst, daß er sie eines Tages erjage.« Weiter wurde nichts gesprochen, und man riet nun dem Knecht, den man bereits schlafend auf der obersten Treppenstufe fand, daß er ein wenig der Ruhe pflegen solle. Dazu war nicht viel Überredens notwendig; er schlief bald ein. Für einen derartigen Sklaven aus der Provinz mochte es in Paris leicht schlimmere Quartiere geben als Defarges Weinhaus. Mit Ausnahme einer geheimnisvollen Furcht vor Madame, die ihm keine Ruhe ließ, verbrachte er sein neues Leben recht angenehm. Aber Madame saß den ganzen Tag an ihrem Zahltisch und achtete so merkwürdig wenig auf ihn, ja sie schien so fest entschlossen zu sein, nicht bemerken zu wollen, wie sein Dasein doch keine so ganz oberflächliche Bedeutung habe, daß er in seinen Holzschuhen zitterte, sooft sein Auge auf sie fiel. Denn er machte sich immer Gedanken darüber, wie unmöglich es sei, vorauszusehen, was die Frau zunächst sich herausnehmen werde, und fühlte die Überzeugung, wenn sie sich's in ihren bunt geschmückten Kopf setzen sollte, zu behaupten, sie sei Zeuge gewesen, wie er einen Mord begangen und hintendrein seinem Opfer die Haut abgezogen habe, so müsse sie unfehlbar ihren Zweck erreichen bis zum vollen Ende des Spiels. Als daher der Sonntag kam, war der Knecht, obschon er das Gegenteil behauptete, gar nicht erfreut über die Kunde, daß Madame und Monsieur ihn selbst nach Versailles begleiten wollten. Ein anderer verwirrender Umstand war, daß Madame auf dem ganzen Wege in dem offenen Wagen strickte, und am meisten brachte ihn in Verlegenheit, daß sie nachmittags, als sie auf die Kutsche des Königs und der Königin wartete, in dem Menschengewühl keinen Augenblick ihr Strickzeug aus der Hand legte. »Ihr arbeitet recht fleißig, Madame«, sagte ein Mann in ihrer Nähe. »Ja«, antwortete Madame Defarge: »ich habe viel zu tun.« »Was fertigt Ihr, Madame?« »Allerlei.« »Zum Beispiel?« »Zum Beispiel«, erwiderte Madame Defarge schnell besonnen, »Leichentücher.« Der Mann suchte, sobald es tunlich war, weiter von ihr wegzukommen, und der Knecht fächelte sich mit seiner blauen Mütze, da ihm die Luft gewaltig schwül und dunstig vorkam. Es bedurfte eines Königs und einer Königin, um ihn wieder aufzufrischen, und zum Glück brauchte er auf diese Stärkung nicht mehr lange zu warten. Der breitgesichtige König kam mit der schönen Königin in einer vergoldeten Kutsche angefahren, begleitet von den hellscheinenden Trabanten des Hofes, einem flimmernden Schwarme von lachenden Frauen und feinen Herren. Und von den Juwelen und Seidenstoffen, von dem Puder und der Pracht, von den stolzen Gestalten und den verächtlich umherblickenden schönen Gesichtern beiderlei Geschlechts schöpfte der Knecht in vollen Zügen bis zur Trunkenheit, so daß er, als hätte er nie von der damaligen Allgegenwart der Jacques' gehört, aus Leibeskräften rief: »Lang lebe der König! Lang lebe die Königin! Lang lebe alles und jedermann!« Dann kamen die Gärten, die Hofräume, Terrassen, Fontänen, grüne Dämme, wieder König und Königin, abermals glänzende Trabanten, noch mehr »Lang leben sie alle«, bis er absolut weinte vor Rührung. Während dieses ganzen Schauspiels, das etwa drei Stunden anhielt, hatte er im Schreien, Weinen und Gerührtsein viele Kameraden, und Defarge hielt ihn die ganze Zeit über am Kragen, als wolle er ihn abhalten, auf die Gegenstände seiner kurzen Verehrung loszustürzen und sie in Stücke zu reißen. »Bravo!« sagte Defarge, nach dem Schluß der Szene ihm mit einer Gönnermiene auf den Rücken klopfend; »Ihr seid ein guter Bursch.« Der Knecht kam nun wieder zu sich und kraute sich bedenklich den Kopf, ob er nicht mit seinen letzten Demonstrationen einen Fehlgriff getan habe. Doch nein. »Ihr seid ein Kerl, wie wir ihn brauchen«, flüsterte ihm Defarge ins Ohr. »Ihr laßt diese Toren glauben, daß es immer so fort gehen werde. Dies macht sie um so unverschämter und führt desto schneller ihr Ende herbei.« »Ei, das ist wahr«, entgegnete der Knecht nachdenklich. »Das Narrenvolk weiß nichts. Während sie den Atem in Euch und Hunderten Euresgleichen geringer anschlagen als den ihrer Pferde und Hunde und ihm gern für alle Zeiten den Garaus machen möchten, erfahren sie doch nur, was dieser Atem ihnen sagt. Mögen sie immerhin noch eine Weile in ihrer Täuschung erhalten bleiben; man kann es hierin nicht zu arg machen.« Madame sah mit hochmütiger Miene nach ihrem Klienten hin und nickte bestätigend. »Was Euch betrifft«, sagte sie, »so könnt Ihr wahrscheinlich schreien und Tränen vergießen bei allem, wenn es nur prunkt und Lärm macht. Sprecht, ist es nicht so?« »In der Tat, Madame, ich glaube es. Es ist mir für den Augenblick so.« »Wenn man Euch einen Haufen Puppen zeigte und Ihr die Aufgabe hättet, zu Eurem Nutz und Frommen sie zu zerreißen und zu verderben, so würdet Ihr wohl mit den am reichsten und buntest gekleideten den Anfang machen. Sprecht, ist's nicht so?« »Wahrhaftig, ja, Madame.« »Ja. Und wenn man Euch einen Schwarm Vögel wiese, die nicht fliegen können, und Euch erlaubte, ihnen zu Eurem Nutz und Frommen die Federn auszuraufen, so würdet zuerst Ihr nach denen mit dem schönsten Gefieder greifen. Ist's nicht so?« »Jawohl, Madame.« »Ihr habt heute die Puppen und die Vögel gesehen«, sagte Madame Defarge, nach der Stelle zurückdeutend, wo der Zug zuletzt sich bewegt hatte. »Gehen wir jetzt nach Hause.« Sechzehntes Kapitel. Noch mehr Strickzeug. Madame Defarge und ihr Herr Gemahl kehrten traulich miteinander in den Schoß von Saint Antoine zurück, während ein Fleck in einer blauen Mütze durch Dunkelheit und Staub die ermüdende Allee neben der Straße sich hinunterbewegte und langsam in die Kompaßrichtung strebte, wo das Schloß des jetzt in seinem Grabe liegenden Monsieur le Marquis auf das Flüstern der Bäume lauschte. Die steinernen Gesichter hatten nunmehr so reichlich Muße, den Bäumen und dem Brunnen zuzuhören, daß die Dorfvogelscheuchen, die bei ihrem Spähen auf eßbares Grün oder brennbares abgestorbenes Reis sich in die Nähe des steinernen Hofes und der Terrassentreppe verirrten, in ihrer ausgehungerten Einbildungskraft auf den Gedanken kamen, die Gesichter seien anders geworden. In dem Dorfe erhielt sich noch ein Gerücht freilich nur schwach und abnehmend wie die Einwohnerschaft selbst , die Gesichter haben, als das Messer gestoßen wurde, den Ausdruck des Stolzes in den von Zorn und Schmerz umgewandelt, und als die baumelnde Gestalt vierzig Fuß hoch über dem Brunnen hing, sei abermals eine Veränderung vorgegangen, denn sie trügen von da an und für immer die grausame Miene gesättigter Rache. Auf dem steinernen Gesicht über dem großen Fenster des Schlafgemaches, wo der Mord geschah, zeigten sich in der gemeißelten Nase zwei feine Grübchen, die jedermann erkennen konnte, vorher aber nie jemand gesehen hatte; und wenn bei seltenen Gelegenheiten zwei oder drei zerlumpte Bauern aus dem Haufen der andern auftauchten, um einen hastigen Blick nach dem versteinerten Monsieur le Marquis zu werfen, so konnte keiner auch nur eine Minute mit dem mageren Finger danach hindeuten, ohne daß die übrigen auseinanderstoben, um unter Moos und Gebüsch sich zu bergen wie die Hasen, die freilich, glücklicher als sie, da auch ihre Nahrung fanden. Schloß und Hütte, Steingesicht und baumelnde Gestalt, der rote Fleck auf dem Steinboden und das reine Wasser in dem Dorfbrunnen, Tausende von Morgen Landes, eine ganze Provinz von Frankreich, ja sogar ganz Frankreich lag unter dem Nachthimmel zu einer schwachen haarbreiten Linie konzentriert. So liegt eine ganze Welt mit ihrer Größe und Kleinheit in dem flimmernden Punkt eines Sterns. Und da bloßes menschliches Wissen einen Lichtstrahl zu spalten und die Art seiner Zusammensetzung zu zergliedern vermag, so liest wohl ein höherer Verstand in dem schwachen Widerschein dieser unserer Erde jeden Gedanken und jede Tat, jede Tugend und jedes Laster in den Seelen der darauf lebenden verantwortlichen Geschöpfe. Die Defarges, Mann und Frau, kamen unter dem Schein der Sterne in einem holpernden Fiaker zu dem Tor jenes Teils von Paris, nach dem natürlich ihre Reise ging. Wie gewöhnlich mußte vor dem Wachhaus der Barriere haltgemacht werden, und die gewöhnlichen Laternen kamen zu der gewöhnlichen Untersuchung aus dem Wachhaus heraus. Monsieur Defarge stieg aus. Er kannte ein paar von den Soldaten und einen von der Polizei. Mit letzterem stand er auf sehr vertrautem Fuße, weshalb er ihn aufs freundschaftlichste grüßte. Saint Antoine hatte die Defarges mit seinen mächtigen Schwingen wieder umfangen, und sie suchten, da sie an der Grenzscheide des Heiligen ausgestiegen waren, zu Fuß ihren Weg durch den schwarzen Kot und den Unrat der Straßen. Da sagte Madame Defarge zu ihrem Mann: »Rede, mein Freund; was hat Jacques von der Polizei dir mitgeteilt?« »Heute sehr wenig, aber doch alles, was er weiß. Es ist wieder ein Spion für unsern Stadtteil aufgestellt worden. Vielleicht sind's ihrer viel mehr, aber er hat nur von diesem einen Kenntnis.« »Wirklich?« versetzte Madame Defarge mit kalter Geschäftsmiene, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Dann ist's nötig, ihn einzutragen. Wie heißt der Mann?« »Er ist ein Engländer.« »Um so besser. Sein Name?« »Barsad«, sagte Defarge, indem er durch die Aussprache ihn zu einem französischen machte; doch hatte er sich's so angelegen sein lassen, ihn genau zu erfahren, daß in den Buchstaben kein Irrtum obwalten konnte. »Barsad«, wiederholte Madame. »Gut. Taufname?« »John.« »John Barsad«, murmelte Madame ein paarmal vor sich hin. »Gut. Weiß man, wie er aussieht?« »Alter ungefähr vierzig Jahre, Höhe fünf Fuß neun Zoll, schwarzes Haar, dunkle Hautfarbe, im allgemeinen ein ziemlich hübsches Gesicht, schwarze Augen, schmales, langes, bleiches Antlitz, Adlernase, aber nicht geradstehend, sondern eigentümlich gegen die linke Wange hin geneigt, daher ein unheimlicher Ausdruck.« »Meiner Treu, das ist ein Porträt!« sagte Madame lachend. »Er soll morgen eingetragen werden.« Sie hatten das Weinhaus erreicht, das, weil es bereits Mitternacht war, geschlossen war. Madame nahm drinnen ihren Posten alsbald an dem Pult ein, zählte die kleine Münze, die in ihrer Abwesenheit eingegangen, untersuchte die Vorräte, ging die Einträge im Buch durch, machte selbst weitere, befragte den Kellner über alles mögliche und ließ ihn endlich zu Bett gehen. Dann leerte sie den Inhalt der Geldschüssel zum zweitenmal aus und begann denselben, zu sicherer Aufbewahrung für die Nacht, partienweise in ihr Taschentuch zu knüpfen, so daß dadurch eine Kette getrennter Knoten gebildet wurde. Diese ganze Zeit über ging Defarge mit der Pfeife im Munde auf und ab und sah mit wohlgefälliger Bewunderung zu, ohne sich einzumengen. Ein solches Aufundabwandeln war überhaupt sein ganzer Lebensgang. Die Nacht war heiß, und in der dumpfen, von einer ekelhaften Nachbarschaft umgebenen Weinstube roch es nicht am besten. Monsieur Defarges Geruchssinn gehörte zwar nicht zu den feinen, aber der Wein dünstete viel schärfer aus als sonst, und ebenso kam es ihm bei dem Rum, dem Anis und dem Branntwein vor. Er schnüffelte über das Gemisch dieser Gerüche, als er die ausgerauchte Pfeife weglegte. »Du bist erschöpft«, sagte Madame, von ihren Geldknoten aufschauend. »Es riecht wie sonst auch.« »Ich bin allerdings etwas müde«, räumte der Gatte ein. »Und etwas niedergedrückt dazu«, sagte Madame, deren scharfes Auge nie so sehr in Anspruch genommen war, daß es nicht einige Blicke für ihn hätte erübrigen können. »Oh, die Männer, die Männer!« »Aber meine Liebe«, begann Defarge. »Nun, meine Liebe«, wiederholte Madame mit entschiedenem Kopfnicken »was soll meine Liebe? Du bist heute nacht sehr kleinmütig, mein Bester.« »Nun ja«, sagte Defarge, als ob ein Gedanke sich von seiner Brust losrisse, »es ist in der Tat eine lange Zeit.« »Ja, wohl eine lange Zeit«, versetzte seine Frau. »Und wenn es keine lange Zeit wäre? Rache und Vergeltung wollen Zeit haben; das ist die Regel.« »Der Blitz, der auf einen Menschen niederfährt, braucht nicht lange«, sagte Defarge. »Aber wie lange braucht's«, fragte Madame ruhig, »um den Blitz vorzubereiten? Sag' mir dies.« Defarge richtete gedankenvoll den Kopf auf, als ob auch in diesem etwas brüte. »Es ist für ein Erdbeben keine lange Frist nötig«, sagte Madame, »eine Stadt zu zerstören. Wohlan, so sag' mir, wie lang das Erdbeben braucht, bis es zum Losbrechen fertig ist.« »Vermutlich lange«, sagte Defarge. »Aber wenn es einmal so weit ist, so kracht es und mahlt alles in Trümmer. In der Zwischenzeit schafft es vorbereitend, ohne daß man etwas davon hört oder sieht. Dies ist ein Trost für dich; halt ihn fest.« Sie knüpfte mit flammendem Aug' einen Knoten, als ob sie einen Feind erdroßle. »Ich sage dir«, fuhr Madame fort und streckte pathetisch die Hand aus, »daß es, wenn es auch lange braucht, doch schon auf dem Wege ist und kommen wird. Ich sage dir, es weicht nicht zurück und macht keinen Augenblick halt. Ich sage dir, es rückt ohne Unterlaß näher. Sieh umher und betrachte dir das Leben aller, die wir kennen, die Gesichter aller unserer Bekannten merke auf die Wut und die Unzufriedenheit, worin die Jacquerie mit jeder Stunde sich mehr befestigt. Könnten solche Zustände bleiben? Pah! wie närrisch du mir vorkommst.« »Mein braves Weib«, erwiderte Defarge, der gesenkten Hauptes und mit auf dem Rücken verschlungenen Händen dastand, einem gelehrigen Schüler gleich, der seinem Katecheten aufmerksames Gehör schenkt, »ich beanstande von alledem nichts. Aber es hat schon so lange gedauert, und so mag es wohl kommen du weißt wohl, Frau, wie leicht dies möglich ist , daß wir's nicht mehr erleben.« »Nun und was dann?« fragte Madame, abermals einen Knoten drehend, als gelte es, einen neuen Feind zu erwürgen. »Dann sehen wir eben den Triumph der Sache nicht«, antwortete Defarge mit einem halb kläglichen, halb apologetischen Achselzucken. »So haben wir doch mitgeholfen«, sagte Madame, wieder mit dem Arme fuchtelnd. »Nichts, was wir tun, wird umsonst gewesen sein. Doch glaube ich aus voller Seele, wir können den Triumph noch mit ansehen. Und wenn es auch nicht sein sollte, und ich wüßte dies gewiß, so zeige man mir den Hals eines Aristokraten und Tyrannen, und ich will « Madame biß jetzt die Zähne zusammen und drehte einen wahrhaft schrecklichen Knoten. »Halt!« rief Defarge, ein wenig errötend, da ihn die Worte seiner Ehehälfte wie ein Vorwurf der Feigheit trafen, »auch ich werde mich durch nichts zurückschrecken lassen.« »Ja; aber es ist eine Schwäche von dir, daß man dir zuweilen dein Opfer und die Gelegenheit zeigen muß, um deinen Mut aufrecht zu halten. Sei ein Mann auch ohne dies. Wenn die Zeit kommt, kannst du einen Tiger und einen Teufel loslassen, aber so lange mußt du warten und Tiger und Teufel an der Kette halten nicht zeigen, aber immer dafür vorbereitet sein.« Madame verstärkte den Schluß dieses Stückchens Rat damit, daß sie mit ihrer Geldkette auf den kleinen Zahltisch schlug, als klopfe sie jemand das Gehirn heraus; dann nahm sie mit ruhiger Miene das Schnupftuch unter den Arm und bemerkte, es sei Zeit zum Schlafengehen. Am nächsten Mittag sah man die merkwürdige Frau wieder in der Weinstube, mit emsigem Stricken beschäftigt, auf ihrem gewöhnlichen Platz. Eine Rose lag neben ihr, und wenn sie hin und wieder nach der Blume hinsah, so geschah es ohne einen Wechsel in ihrer gedankenvollen Miene. Einige Gäste saßen oder standen mit oder ohne Trunk umher. Es war ein sehr heißer Tag, und Scharen von Fliegen, die ihre neugierigen und gewagten Forschungen auf alle die klebrigen kleinen Gläser in der Nähe von Madame ausdehnten, fielen tot zu Boden. Ihr Untergang machte keinen Eindruck auf die außen herumspazierenden Fliegen, die in der gelassensten Weise auf sie niederschauten, als seien sie selbst Elefanten oder sonst etwas ebenso Verschiedenes, bis sie von dem gleichen Schicksal ereilt wurden. Merkwürdig, was für ein kopfloses Volk die Fliegen sind! Vielleicht dachten sie bei Hofe ebenso an jenem heißen Sommertage. Eine durch die Tür eintretende Gestalt warf einen Schatten auf Madame Defarge; ohne hinzusehen, fühlte sie, daß dies ein neuer Gast war. Sie legte ihr Strickzeug nieder und steckte die Rose in ihren Kopfputz, ehe sie umschaute. Es war seltsam. Sobald Madame Defarge die Rose aufgenommen hatte, hörten die Gäste auf zu sprechen und verloren sich allmählich aus der Weinstube. »Guten Tag, Madame«, grüßte der neue Ankömmling. »Guten Tag, Monsieur.« Dies sprach sie laut, dann aber fügte sie innerlich hinzu, während sie wieder nach ihrem Strickzeug griff: »Ha, guten Tag. Alter ungefähr vierzig, Höhe fünf Fuß neun Zoll, schwarzes Haar, im allgemeinen ein ziemlich hübsches Gesicht, dunkle Hautfarbe, schwarze Augen, schmales, langes, bleiches Antlitz, Adlernase, aber nicht geradstehend, sondern eigentümlich gegen die linke Wange hin geneigt, daher ein unheimlicher Ausdruck! Guten Tag ein für allemal.« »Darf ich um ein Gläschen alten Kognak und um einen Schluck frischen Wassers bitten, Madame?« Madame willfahrte in höflicher Weise. »Vortrefflicher Kognak dies, Madame.« Es war das erstemal, daß ihm dieses Kompliment zuteil wurde, und Madame Defarge kannte sich zu gut aus, um es für etwas anderes zu nehmen. Sie sagte jedoch, daß dieses Lob dem Kognak schmeichelhaft sei, und nahm ihr Gestrick wieder auf. »Ihr strickt ja recht geschickt, Madame.« »Gewohnheit.« »Auch ein recht hübsches Muster.« »Meint Ihr?« versetzte Madame, mit einem Lächeln nach ihm hinsehend. »Zuverlässig. Darf man fragen, was es geben soll?« »Zeitvertreib«, sagte Madame, ihn noch immer lächelnd ansehend, während ihre Finger hurtig fortarbeiteten. »Also nicht für den Gebrauch?« »Je nachdem. Möglich, daß ich es eines Tages benutzen kann. Kommt die Zeit je nun«, fügte Madame bei, indem sie tief aufatmete und in einer Art ernster Koketterie mit dem Kopfe nickte, »so gedenke ich Gebrauch davon zu machen.« Es war merkwürdig, aber der Geschmack von Saint Antoine schien sich durch eine Rose in dem Kopfputz der Madame Defarge verletzt zu fühlen. Zwei Männer, die gesondert nacheinander eintraten, hatten augenscheinlich Lust, etwas zu bestellen: als sie aber dieser Neuerung ansichtig wurden, stotterten sie, taten, als hätten sie einen Freund gesucht, der nicht da war, und entfernten sich wieder. Von den Gästen, die beim Eintritt des Fremden in der Weinstube gewesen, sah man keinen mehr; alle waren fortgegangen. Der Spion hatte seine Augen gut offen gehabt, aber nicht bemerken können, daß ein Zeichen gegeben worden wäre. Ihr Verschwinden war ganz natürlich und unverdächtig vor sich gegangen, als habe demselben durchaus keine Absicht, höchstens eine leere Börse zugrunde gelegen. »John«, dachte Madame, in ihrer Arbeit innehaltend, obschon ihre Finger, während ihre Augen auf dem Fremden ruhten, automatisch sich fortbewegten. »Wenn du lange genug bleibst, so stricke ich in deinem Beisein das Wort Basard aus.« »Ihr habt einen Mann, Madame?« »Kinder?« »Nein.« »Das Geschäft scheint schlecht zu gehen.« »Sehr schlecht. Die Leute sind so arm.« »Ach, das unglückliche, bedauernswürdige Volk! Und noch obendrein so gedrückt, wie Ihr sagt.« »Wie Ihr sagt«, versetzte Madame, ihn verbessernd und gewandt ein Extra-Etwas in seinen Namen strickend, was nichts Gutes für ihn bedeutete. »Ich bitte um Verzeihung: allerdings habe ich so gesagt, aber, versteht sich, damit nur einen Gedanken von Euch ausgedrückt. Natürlich.« »Einen Gedanken von mir ?« erwiderte Madame von oben herab. »Ich und mein Mann haben genug zu tun, diese Weinstube im Gang zu halten, ohne daß wir uns mit Gedanken plagen. Hier, denkt man an nichts weiter, als wie man sein Leben durchschlägt. Dies ist der Gegenstand unserer Gedanken, und er nimmt uns vom Morgen bis in die Nacht voll in Anspruch, ohne daß wir unsere Köpfe mit dem Denken für andere zu behelligen brauchen. Tue dies jeder für sich selbst: ich will nichts davon.« Der Spion, der sich eingefunden hatte, um womöglich einige Krümlein aufzulesen oder etwas anzuspinnen, ließ auf seinem unheimlichen Gesicht nichts von dem Ärger seines Innern merken, sondern stand in galantem Geplauder da, lehnte seinen Ellenbogen auf Madame Defarges kleinen Zahltisch und schlürfte gelegentlich von seinem Kognak. »Eine schlimme Geschichte, jene Hinrichtung Gaspards, Madame. Ach, der arme Gaspard!« fügte er mit einem mitleidigen Seufzer hinzu. »Ei was«, entgegnete Madame leichthin und mit Kälte, »wenn die Leute in solcher Absicht zum Messer greifen, so müssen sie's eben büßen. Er wußte im voraus, was ein solcher Luxus kostet, und hat den Preis dafür bezahlt.« »Ich glaube«, sagte der Spion, seine Stimme zu einem Ton dämpfend, der zum Vertrauen einlud, und in jedem Muskel seines boshaften Gesichtes eine gekränkte revolutionäre Empfindlichkeit ausdrückend, »in Beziehung auf den armen Schelm herrscht viel Teilnahme und Unwille in diesem Stadtteil? Wir sprechen dies unter uns.« »Wirklich?« versetzte Madame, sich einfältig stellend. »Ist's nicht so?« »Da kommt mein Mann«, entgegnete Madame Defarge. Der Inhaber der Weinstube blieb unter der Tür stehen. Der Spion grüßte, indem er an seinen Hut langte und unter einschmeichelndem Lächeln den Wirt mit den Worten anredete: »Guten Tag, Jacques.« Defarge sah ihn mit großen Augen an. »Guten Tag, Jacques«, wiederholte der Spion mit etwas weniger Zuversicht oder mit einem weniger zutraulichen Lächeln unter dem Einfluß dieses Blickes. »Ihr seid im Irrtum, Herr«, versetzte der Inhaber der Weinstube, »und haltet mich für jemand anders. Ich heiße nicht so. Mein Name ist Ernest Defarge.« »Es kommt auf eines heraus«, sagte der Spion leichthin, obschon mit verbissenem Arger. »Guten Tag.« »Guten Tag«, entgegnete Defarge trocken. »Ich sagte eben zu Madame, mit der ich mich bei Eurem Eintritt zu unterhalten das Vergnügen hatte, man erzähle sich und es ist auch kein Wunder , daß das unglückliche Schicksal des armen Gaspard viel Teilnahme und Unwillen in Saint Antoine geweckt habe.« »Gegen mich hat sich niemand in dieser Weise ausgesprochen«, sagte Defarge, den Kopf schüttelnd. »Ich weiß nichts davon.« Nach diesen Worten trat er hinter den kleinen Zahltisch, legte seine Hand auf die Lehne des Stuhles, in dem Madame saß, und blickte über diese Schranke nach dem ihnen jetzt gegenüberstehenden Menschen hin, dem er sowohl wie sie von ganzem Herzen eine Kugel ins Hirn gegönnt hätte. Der Spion, der sich auf sein Geschäft verstand, ließ sich in seiner nachlässigen Stellung nicht beirren, sondern trank sein Gläschen Kognak aus, nahm dann einen Schluck Wasser und bat um ein weiteres Glas. Madame Defarge bediente ihn, griff dann wieder zu ihrem Strickzeug und summte eine Arie vor sich hin. »Ihr scheint Euch in diesem Viertel gut auszukennen das heißt; besser als ich«, bemerkte Monsieur Defarge. »Durchaus nicht; aber ich hoffe bekannt zu werden. Ich fühle eine tiefe Teilnahme für seine unglücklichen Bewohner.« »Ha!« murmelte Defarge. »Das Vergnügen, mich mit Euch zu unterhalten, Monsieur Defarge, erinnert mich daran«, fuhr der Spion fort, »daß ich die Ehre habe, Euren Namen mit interessanten Vorgängen der Vergangenheit in Verbindung bringen zu können.« »So?« versetzte Defarge gleichgültig. »Jawohl. Ich weiß, daß Ihr nach der Freilassung des Doktor Manette Euch als sein alter Diener seiner angenommen habt. Er wurde Euch übergeben. Ihr seht, daß ich von den Verhältnissen unterrichtet bin.« »Dies scheint in der Tat der Fall zu sein«, sagte Defarge. Madame hatte ihm nämlich durch eine gelegentliche Berührung mit dem Ellenbogen, während sie im übrigen fortstrickte und trillerte, ihre Meinung angedeutet, daß er am besten tun werde, zu antworten, aber nur kurz. »Zu Euch kam auch seine Tochter«, fuhr der Spion fort, »die ihn Euch abnahm und mit ihm nach England zurückkehrte; sie wurde begleitet von einem sauberen braunen Herrn wie hieß er doch? in einer Stutzperücke Lorry bei der Bank von Tellson und Kompanie.« »Ganz richtig«, erwiderte Defarge. »Sehr interessante Erinnerungen«, sagte der Spion. »Ich habe Doktor Manette und seine Tochter in England kennengelernt.« »So?« entgegnete Defarge. »Ihr hört wohl nicht mehr viel von ihnen?« fragte der Spion. »Nein«, entgegnete Defarge. »Eigentlich nie«, fiel Madame ein, die ihr Summen einstellte und von ihrer Arbeit aufsah. »Wir erfuhren, daß sie gut in England angelangt waren, und erhielten noch einen oder vielleicht zwei Briefe; aber seitdem sind sie ihren eigenen Lebensweg gegangen und wir den unsrigen. Wir haben keine Korrespondenz unterhalten.« »Es ist vollkommen so, Madame«, sagte der Spion. »Sie wird demnächst heiraten.« »Demnächst?« wiederholte Madame. »Sie war hübsch genug, daß man glauben sollte, sie hätte das längst getan. Ihr Engländer seid kalt, scheint mir.« »Oh, Ihr wißt, daß ich ein Engländer bin?« »Ich bemerke es an Eurer Sprache«, entgegnete Madame; »nach ihr beurteile ich den Mann.« Er schien diese Identifikation nicht für ein Kompliment aufzunehmen; doch machte er gute Miene dazu und lachte. Nachdem er seinen Kognak ausgeschlürft hatte, fügte er hinzu: »Ja, Miß Manette ist im Begriff, sich zu verehelichen. Aber nicht an einen Engländer, sondern an einen Mann, der wie sie selbst durch seine Geburt Frankreich angehört. Und da wir von Gaspard gesprochen haben – ach der arme Gaspard! es war grausam, sehr grausam – seltsamerweise muß es sich fügen, daß sie den Neffen des Herrn Marquis heiratet, um dessentwillen Gaspard um so viele Fuß erhöht wurde mit andern Worten, den gegenwärtigen Marquis. Aber er lebt unbekannt in England und ist dort kein Marquis, sondern läßt sich Mr. Charles Darnay nennen. D'Aulnais heißt die Familie seiner Mutter.« Madame Defarge strickte stetig fort; aber die Kunde machte einen sichtlichen Eindruck auf ihren Gatten. Er mochte hinter dem kleinen Zahltisch tun, was er wollte – Licht schlagen oder seine Pfeife anzünden seine Unruhe verbarg sich nicht, und seine Hand blieb unsicher. Der Spion hätte kein Spion sein müssen, wenn dies ihm entgangen wäre und sich nicht seinem Gedächtnis eingeprägt hätte. Nachdem Mr. Barsad wenigstens dieses Körnchen vielleicht ließ sich doch etwas daraus machen aufgefischt hatte, zahlte er, da kein anderer Gast kam, um ihm zu einem weiteren zu verhelfen, seine Zeche und verabschiedete sich, wobei er in höflicher Weise das Vergnügen fernerer Besuche bei Monsieur und Madame Defarge in Aussicht nahm. Er hatte sich schon einige Minuten in den Gassen von Saint Antoine verloren, während Mann und Frau noch immer für den Fall, daß er wieder zurückkäme, die gleiche Haltung bewahrten wie bei seinem Abgange. »Kann es wahr sein, was er von Mamselle Manette gesagt hat?« begann endlich Defarge, der noch immer rauchend hinter seiner Frau stand und die Hand auf der Stuhllehne liegen hatte, mit gedämpfter Stimme. »Da er's gesagt hat«, versetzte Madame, ihre Augenbrauen ein wenig in die Höhe ziehend, »so ist es wahrscheinlich eine Lüge. Indes wäre es wohl möglich.« »Wenn's so wäre « sagte Defarge und hielt wieder inne. »Wenn's so wäre?« wiederholte seine Frau. »Und wenn es so weit kommt, daß wir den Triumph erleben, so hoffe ich um ihretwillen, daß die Vorsehung ihren Mann von Frankreich fernhält.« »Ihren Mann«, sagte, Madame Defarge mit ihrer gewöhnlichen Fassung, »wird das ihm bestimmte Schicksal ereilen, wo er auch sei, und seinem Ziele zuführen. Was kümmert uns dies?« »Ja, aber doch sonderbar oder ist es wenigstens nicht jetzt sehr sonderbar«, versetzte Defarge, gewissermaßen unterhandelnd mit seiner Frau, als möchte er sie zu einem Zugeständnis bewegen, »daß bei aller unserer Sympathie für ihren Herrn Vater und sie der Name ihres Gatten in diesem Augenblick neben dem des höllischen Schurken, der uns eben verlassen hat, eingezeichnet werden mußte?« »Wenn es so weit kommt, werden sich noch seltsamere Dinge zutragen«, antwortete Madame. »Ich habe allerdings beide hier, und sie stehen da um ihrer Verdienste willen. Das genügt.« Während sie so sprach, rollte sie ihre Strickerei zusammen und nahm die Rose aus dem Tuche, das sie sich um den Kopf gebunden hatte. Entweder ahnte Saint Antoine instinktartig die Beseitigung des anstößigen Schmuckes, oder hatte er darauf gelauert; kurz, der Heilige faßte bald nachher den Mut, wieder einzutreten, und die Weinstube erhielt abermals das gewohnte Aussehen. Abends, um die Zeit, als Saint Antoine vorzugsweise sein Inneres nach außen kehrte, indem er sich auf die Türstufen und Fenstersimse setzte oder um die Ecken der stinkenden Straßen und Sackgassen kam, um ein wenig frischere Luft zu suchen, konnte man Madame Defarge ordnungsmäßig mit dem Strickzeuge in der Hand von einer Stelle, von einer Gruppe zur andern gehen sehen als einen Missionar ihresgleichen hat es schon viele gegeben , den die Welt hervorzubringen besser unterlassen hatte. Alle die Weiber strickten. Sie strickten unnütze Dinge, aber die mechanische Arbeit war ein mechanischer Ersatz für Essen und Trinken; die Hände bewegten sich statt der Kiefer und statt des Verdauungsapparats. Hätten die klapperdürren Finger geruht, so würden die Magen das Kneifen des Hungers schwerer empfunden haben. Aber wie die Finger gingen, so gingen auch die Augen und die Gedanken. Und während Madame Defarge von Gruppe zu Gruppe wandelte, gingen alle drei rascher und eifriger unter jedem Weiberhaufen, mit dem sie gesprochen hatte. Ihr Mann rauchte unter der Tür und sah ihr mit Bewunderung zu. »Eine große Frau«, sagte er, »eine starke Frau, eine großartige Frau, eine schrecklich großartige Frau!« Die Dunkelheit brach herein; dann kam da« Läuten der Kirchturmglocken und der ferne Zapfenstreich der königlichen Garde. Die Weiber saßen da und strickten und strickten. Es wurde Nacht um sie her. Eine andere Dunkelheit brach ebenso sicher herein, wenn einmal die Kirchenglocken, die von vielen stolzen Türmen lieblich über Frankreich hinläuteten, zu donnernden Kanonen umgeschmolzen waren und der Trommelschlag erscholl, um eine unglückliche Stimme zu ersticken jene Nacht, allgewaltig wie die Stimme der Macht und des Überflusses, der Freiheit und des Lebens. Es dunkelte so sehr um die Weiber her, die strickend und strickend dasaßen, daß sie ihr eigenes Ich umgaben mit dem tiefen nächtigen Schatten eines noch nicht errichteten Gebäudes, in dem sie sitzen wollten, um zu stricken, zu stricken und fallende Köpfe zu zählen. Siebzehntes Kapitel. Ein Abend. Nie ging an der stillen Ecke in Soho die Sonne glänzender und herrlicher unter als an jenem denkwürdigen Abend, den der Doktor mit seiner Tochter unter der Platane verbrachte. Nie warf der Mond einen milderen Glanz über das große London als an jenem Abend, während sie noch unter dem Baume saßen und er durch die Blätter auf ihre Gesichter niederschien. Lucie sollte am andern Morgen vor den Altar treten. Diesen letzten Abend hatte sie ihrem Vater vorbehalten, und sie saßen allein unter der Platane. »Du bist glücklich, mein lieber Vater?« »Vollkommen, mein Kind.« Sie hatten wenig miteinander gesprochen, obschon sie bereits eine geraume Zeit dasaßen. Auch als es noch hell genug war, um zu arbeiten oder zu lesen, hatte sie weder ihr gewöhnliches Geschäft aufgenommen noch ihm vorgelesen. Unter solchem Zeitvertreib war ihr oft und vielmal unter dem Baum der Abend an seiner Seite entschwunden; aber der heutige glich den anderen nicht ganz, und es ließ sich da nichts erzwingen. »Auch ich bin heute abend sehr glücklich, lieber Vater. Ich fühle mich selig in der Liebe, mit der der Himmel mich gesegnet hat in meiner Liebe zu Charles und in Charles' Liebe zu mir. Aber wenn nicht gleichwohl mein Leben fortwährend dir gewidmet sein dürfte, oder wenn diese Heirat es nötig machte, getrennt von dir zu leben, wäre es auch nur um einige Straßenlängen, so würde ich mich unglücklicher fühlen, als ich dir sagen kann, und müßte mir stets Vorwürfe machen. Selbst so, wie es ist « Selbst so, wie es war, vermochte sie nicht weiter über ihre Stimme zu gebieten. In dem melancholischen Mondlicht – es ist immer melancholisch, während das der Sonne oder jenes Licht, das man Menschenleben nennt, nur beim Kommen und Gehen diesen Charakter zeigt schlang sie den Arm um seinen Hals und legte das Gesicht an seine Brust. »Teuerster Vater, kannst du mir dieses letztemal sagen, daß du dich ganz und vollkommen überzeugt fühlst, keine neue Liebe, keine neuen Pflichten von meiner Seite werden je den alten einen Abtrag tun? Ich weiß es wohl: aber weißt auch du es? Sagt dir dein Herz, daß du ruhig sein darfst?« Ihr Vater antwortete mit einer heitern Überzeugungsfestigkeit, die keine erkünstelte sein konnte: »Vollkommen ruhig, mein Leben. Ja, mehr als dies«, fügte er hinzu, indem er sie zärtlich küßte; »meine Zukunft erscheint mir in dem Lichte deiner Verheiratung weit glänzender, als sie es ohne diese sein könnte, oder als je die Vergangenheit war.« »Wenn ich dies hoffen könnte, mein Vater!« »Glaube es nur, meine Liebe, es ist in der Tat so. Und es ist ja ganz einfach, daß es so sein muß. Du, die du so jung und aufopferungsvoll bist, hast freilich keinen Sinn für die Angst, die mich stets quälte, dein Leben könnte ein verfehltes sein « Sie führte ihre Hand nach seinen Lippen; er aber nahm sie in die seinige und wiederholte das Wort. »Verfehlt, mein Kind um meinetwillen der natürlichen Ordnung der Dinge entrückt. Bei deiner Uneigennützigkeit kannst du nicht begreifen, wie schwer mir dies auf der Seele gelegen hat; aber frage dich selbst – wie kann mein Glück vollkommen sein, wenn zu dem deinigen etwas fehlt?« »Wenn ich Charles nie gesehen hätte, mein Vater, so wäre ich an deiner Seite vollkommen glücklich gewesen.« »Aber du hast ihn gesehen, mein Kind, und es ist Charles. Wäre er's nicht, so wär' es ein anderer gewesen. Wo nicht, so müßte ich mich selbst als die Ursache betrachten, und dann hätte die Nachtseite meines Lebens ihren Schatten über mich hinausgeworfen, um dich zu treffen.« Es war seit der Gerichtsverhandlung das erstemal, daß sie ihn auf seine Leidensperiode anspielen hörte. Die Worte weckten in ihr ein neues befremdliches Gefühl, dessen sie sich noch lange nachher erinnerte. »Sieh«, sagte der Doktor von Beauvais, seine Hand gegen den Mond erhebend, »ich habe von meinem Gefängnisfenster zu ihm aufgeschaut, obschon ich sein Licht nicht ertragen konnte. Ich habe nach ihm gesehen, als mich der Gedanke, er beleuchte das, was ich verloren, mit einer solchen Qual erfüllte, daß ich mit dem Kopfe gegen die Kerkerwände rannte. Ich sah nach ihm in einem so starren und des Lebens baren Zustande, daß ich an nichts zu denken vermochte als an die Zahl von Horizontallinien, die sich durch seine volle Scheibe ziehen ließen, und an die Zahl der senkrechten, mit denen man sie schneiden konnte.« Dann fügte er in seiner in sich gekehrten, gedankenvollen Weise bei: »Ich erinnere mich, es waren ihrer zwanzig so wie so, und die zwanzigste wollte nur noch mit Not hineingehen.« Das unheimliche Gefühl, da« sie beschlich, als sie hörte, daß er auf diese Zeit zurückkam, beengte ihre Brust desto mehr, je länger er dabei verweilte, obschon in der Art seiner Rückblicke nichts lag, was Besorgnis einflößen konnte. Er schien einfach sich den Gegensatz seines dermaligen heiteren und glücklichen Zustandes zu den schweren Leiden der Vergangenheit vorzuführen. »Ich sah nach ihm und machte mir dabei tausendmal Gedanken über das noch ungeborene Kind, dem man mich entrissen hatte. Lebte es noch war es lebend ans Licht gekommen oder hatte es der Jammer der Mutter getötet? War es ein Sohn, der mit der Zeit seinen Vater rächte? (Es gab während meiner Haft eine Zeit, in der mein Rachedurst unerträglich war.) War es ein Sohn, der vielleicht von meiner Geschichte nie etwas erfuhr und am Ende wohl gar auf den Gedanken kam, sein Vater sei aus der Welt geschieden durch eigenen Willen und eigene Tat? Oder war es eine Tochter, die zum Weibe heranwuchs?« Sie zog ihn näher an sich und küßte ihn auf die Wange und auf die Hand. »Ich habe mir meine Tochter vorgestellt, wie sie meiner ganz vergessen oder vielmehr, wie sie nichts von mir wußte oder ahnte. Jahr um Jahr verzeichnete ich mir die Fortschritte ihres Alters. Ich sah sie mit einem Manne verheiratet, der nichts wußte von meinem Schicksal. War ich doch ganz weggewischt aus der Erinnerung der Lebenden, und in der nächsten Generation nahm bloß ein leerer Raum meine Stelle ein.« »Mein Vater, wenn ich nur anhören soll, daß du so von einer Tochter dachtest, die nicht vorhanden war, so schnürt es mir das Herz zusammen, als sei ich dieses Kind gewesen.« »Du, Lucie? Eben aus dem Trost und der Stärkung, die ich dir verdanke, quellen solche Erinnerungen und ziehen zwischen uns und dem Monde dieses letzten Abends hin. Was habe ich eben gesagt?« »Sie wußte nichts von dir. Sie kümmerte sich nicht um dich.« »Richtig. Aber in anderen mondhellen Nächten, wenn die Trauer und das Schweigen mich in einer andern Weise ansprachen und eine Art kummervollen Friedens in meine Seele ausgossen, wie dies jede Erregung tun konnte, die den Schmerz zu ihrer Unterlage hatte bildete ich mir ein, sie komme in meine Zelle und führe mich hinaus aus den Kerkermauern ins Freie. Ich habe ihr Bild oft im Mondlicht gesehen, wie ich dich jetzt sehe, mit dem Unterschiede, daß ich sie nie in den Armen hatte; es stand zwischen dem kleinen vergitterten Fenster und der Tür. Aber du begreifst wohl, daß dies nicht das Kind war, von dem ich spreche?« »Die Gestalt war nicht wesenhaft; das das Bild, die Vorstellung?« »Nein. Es war etwa« anderes. Es stand vor meinem verstörten Gesichtssinn, ohne sich zu bewegen. Das Phantom, das meinem Geiste keine Ruhe ließ, war ein anderes und wirklicheres Kind. Dem Äußeren nach unterschied ich weiter nichts, als daß es seiner Mutter glich. Das andere hatte auch diese Ähnlichkeit wie du, war aber nicht dasselbe. Kannst du mir folgen, Lucie? Ich glaube, kaum. Du müßtest auch eine einsame Gefangene gewesen sein, um solche wirre Unterschiede zu begreifen.« Sein gefaßtes ruhige« Wesen konnte nicht hindern, daß ihr das Blut kalt durch die Adern lief, als er in solcher Weise seinen alten Zustand zu zergliedern versuchte. »In jener friedlicheren Mondlichtstimmung bildete ich mir ein, sie komme zu mir und führe mich hinaus, um mir zu zeigen, wie ihr ehelicher Hausstand voll war von liebenden Erinnerungen an den verlorenen Vater. Mein Bild hing in ihrem Zimmer, und ich lebte in ihren Gebeten. Ihr Leben war tätig, heiter, nützlich, aber in allem lag ein Zug aus meiner kläglichen Geschichte.« »Mein Vater, jenes Kind war ich. An Güte kann ich mich zwar nicht mit ihm messen, aber in meiner Liebe war ich es.« »Und sie zeigte mir ihre Kinder«, fuhr der Doktor von Beauvais fort, »und sie hatten von mir gehört und hatten gelernt, mich zu bemitleiden. Wenn sie an einem Staatsgefängnis vorbeikamen, wagten sie es nicht, sich seinen finstern Mauern zu nähern; aber sie blickten zu den Gittern in die Höhe und sprachen flüsternd miteinander. Sie konnte mich nie befreien, und es kam mir vor, sie führe mich immer wieder zurück, nachdem sie mir solche Dinge gezeigt hatte. Dann aber sank ich, meiner Seele in Tränen Erleichterung schaffend, auf die Knie nieder und segnete sie.« »Mein Vater, ich hoffe, ich bin dies Kind. O mein teurer Vater, wirst du mich morgen mit der gleichen Inbrunst segnen?« »Lucie, ich führe diese alten Leiden meinem Geiste vor, weil ich heute abend Grund habe, dich mehr zu lieben, als ich in Worten auszudrücken vermag, und Gott für mein Glück zu danken. In meinen wildesten Träumen habe ich mich nie zu dem Glück erhoben, das mir an deiner Seite wurde und das uns fortan bevorsteht.« Er umarmte sie, empfahl sie feierlich dem Himmel und dankte Gott, daß er sie ihm geschenkt hatte. Dann gingen sie in das Haus zurück. Zu der Vermählung war niemand gebeten als Mr. Lorry; nicht einmal eine Brautjungfer sollte mitgehen, die hagere Miß Proß ausgenommen. Wegen der Heirat brauchte die alte Wohnstätte nicht geändert zu werden: sie hatten dieselbe ausdehnen können, indem sie die oberen Zimmer, die früher dem apokryphischen Mieter gehörten, für sich nahmen, und weiter verlangten sie nichts. Doktor Manette war bei dem kleinen Nachtessen sehr heiter. Sie saßen nur zu drei am Tisch, er, Lucie und Miß Proß. Er bedauerte, daß Charles nicht da war, hatte mehr als halb Lust, dem kleinen Komplott der Liebe, das ihn fernhielt, zu zürnen, und trank aus der Fülle seines Herzens auf seine Gesundheit. So kam für ihn die Zeit, Lucie gute Nacht zu sagen, und sie trennten sich. Aber in der Stille der dritten Morgenstunde ging sie leise die Treppe hinunter nach seinem Zimmer, da sie nicht frei war von unbestimmten Befürchtungen. Alles stand an seinem Platze; alles war ruhig, und er lag in sanftem Schlaf, das weiße Haar malerisch über das wenig zerdrückte Kissen hingegossen, während seine Hände auf der Decke lagen. Sie stellte ihr unnötiges Licht in einen beschattenden Winkel, schlich an sein Bett und berührte seine Lippen mit den ihrigen: dann beugte sie sich zu ihm nieder und betrachtete ihn. Sein schönes Gesicht war von den bitteren Wassern der Gefangenschaft durchwühlt; er aber hatte die Spuren ihres Ganges mit dem Ausdruck einer so festen Entschlossenheit bedeckt, daß er selbst im Schlaf Gewalt über sie behielt. In selbiger Nacht sah man wohl durch das ganze weite Gebiet des Schlafs kein Gesicht, das in seinem ruhigen, willenskräftigen und behutsamen Kampfe mit einem unsichtbaren Feinde mehr Interesse geboten hätte. Sie legte schüchtern die Hand auf die teure Brust und betete zu Gott, er möge ihre Liebe gegen ihn so treu erhalten, wie sie es wünsche und wie es sein Unglück verdiene. Dann nahm sie die Hand wieder weg, küßte ihn nochmal auf die Lippe und entfernte sich. Und als endlich die Sonne aufging, zitterten die Laubschatten der Platane auf seinem Gesicht so leicht, wie ihre Lippen sich bewegt hatten, als sie für ihn betete. Achtzehntes Kapitel. Neun Tage. Der Hochzeitsmorgen war herrlich angebrochen, und draußen vor der geschlossenen Tür zu dem Zimmer des Doktors, wo dieser noch mit Charles Darnay Rücksprache hielt, stand alles bereit. Man konnte mit jedem Augenblicke nach der Kirche aufbrechen. Da war die schöne Braut, Mr. Lorry und Miß Proß, für die das Ereignis, mit dem sie sich um seiner Unvermeidlichkeit willen allmählich ausgesöhnt hatte, ein unbedingt beseligendes gewesen wäre, wenn nicht in einem Winkel ihrer Seele der Gedanke gelauert hätte, daß der Platz des Bräutigams eigentlich ihrem Bruder Salomon gehörte. »Deshalb also«, sagte Mr. Lorry, der die Braut nicht genug bewundern konnte und rund um sie herumgegangen war, um jedes Stück ihres hübschen bescheidenen Anzugs zu mustern, »deshalb also, meine holdselige Lucie, habe ich Euch als kleines Kind über den Kanal herüberbringen müssen. Gott behüt' mich, wie wenig dachte ich damals, was ich tat, und wie leicht schlug ich die Verpflichtung an, die ich seinerzeit meinem Freunde Mr. Charles auferlegen sollte.« »Es lag nicht in Eurem Willen«, bemerkte die praktische Miß Proß, »und Ihr konntet's ja nicht wissen. Unsinn!« »Meint Ihr? Gut; aber Ihr müßt nicht weinen«, sagte der sanfte Mr. Lorry. »Ich weine nicht«, versetzte Miß Proß: »aber Ihr tut es.« »Ich, meine Proß?« (Mr. Lorry war nachgerade so dreist geworden, gelegentlich sich einen Scherz gegen sie zu erlauben.) »Ja, gerade eben; ich sah es mit eigenen Augen und wundere mich auch nicht darüber. Ein solches Geschenk von Silbergeschirr, wie Ihr's ihnen gemacht habt, ist übrigens wohl imstande, jedermann Tränen zu entlocken. Es ist keine Gabel, kein Löffel darunter, über die ich nicht gestern nacht, als der Korb kam, geweint hätte, bis ich sie nicht mehr sehen konnte.« »Das gereicht mir zu hohem Vergnügen«, entgegnete Mr. Lorry, »obschon ich auf Ehre nicht die Absicht hatte, durch diese unbedeutenden Erinnerungszeichen jemand Sand in die Augen zu streuen. Du mein Himmel, bei solchen Anlässen mag ein Mann sich wohl Gedanken darüber machen, was er alles versäumt hat. Herrje, Herrje, wenn ich erwäge, daß es nun fast schon fünfzig Jahre eine Mrs. Lorry geben könnte!« »Nicht im geringsten«, bemerkte Miß Proß. »Ihr meint doch nicht, daß es keine Mrs. Lorry hätte geben können?« versetzte Mr. Lorry. »Pah!« sagte Miß Proß. »Ihr waret ein Hagestolz schon in der Wiege.« »Hum, das scheint mir auch wahrscheinlich«, erwiderte Mr. Lorry, mit strahlender Miene seine Stutzperücke zurechtrückend. »Und Ihr truget den Schnitt des Hagestolzen«, fuhr Miß Proß fort, »noch ehe Ihr in die Wiege kamt.« Ermunterung. »Dann bin ich, sollt' ich meinen, sehr stiefmütterlich behandelt worden«, sagte Mr. Lorry; »man hätte mir doch bei der Wahl des Schnitts eine Stimme lassen sollen. Doch genug. Meine teure Lucie« er legte sanft den Arm um ihren Leib »ich höre, im nächsten Zimmer rührt sich's, und Miß Proß und ich als ein paar förmliche Geschäftsleute wollen die letzte gute Gelegenheit nicht verlieren, Euch etwas zu sagen, was Ihr gern hört. Ihr laßt Euren guten Vater in Händen, die so sorglich und liebevoll sind wie die Eurigen; man wird ihm während der nächsten vierzehn Tage, die Ihr in Warwickshire und seiner Nachbarschaft zuzubringen gedenkt, alle mögliche Aufmerksamkeit widmen, und sogar Tellson soll beziehungsweise ihm nachstehen. Wenn er dann nach Ablauf der vierzehn Tage sich Euch und Eurem Gatten anschließt, um den weiteren zweiwöchigen Ausflug durch Wales mitzumachen, so werdet Ihr sagen, wir haben ihn Euch in der besten Gesundheit und in der glücklichsten Gemütsstimmung zugeschickt. Nun, ich höre einen Tritt sich der Tür nähern. Erlaubt mir, mein teures Mädchen, Euch mit einem altmodischen Junggesellen-Segen zu küssen, ehe dieser Jemand kommt, um sein Eigentum in Anspruch zu nehmen.« Er hielt einen Augenblick das schöne Antlitz vor sich hin, um den wohlbekannten Ausdruck der Stirne zu betrachten, und hielt dann mit einer Zartheit, die, wenn man dergleichen Dinge altmodisch finden will, mit ihrem Alter jedenfalls bis auf Adam hinaufreichte, ihr helles Goldhaar gegen das braune seiner Stutzperücke. Die Tür des Nachbarzimmers öffnete sich, und der Doktor kam mit Charles Darnay heraus. Er war so leichenblaß ganz anders als beim Hineingehen , daß keine Spur von Farbe sich auf seinem Gesicht wahrnehmen ließ. Aber in seiner Haltung und in seinem Benehmen zeigte sich keine Veränderung, etwa mit der einzigen Ausnahme, daß Mr. Lorrys scharfer Blick aus einem schattenhaften Zuge entnahm, die frühere Angst und Furcht müsse wie ein kalter Wind über ihn hingegangen sein. Er gab seiner Tochter den Arm und führte sie die Treppe hinab nach dem Wagen, den Mr. Lorry zu Ehren des Tages gemietet hatte. Die anderen folgten in einem zweiten Wagen, und bald waren in einer benachbarten Kirche, wo keine fremden Augen zuschauten, Charles Darnay und Lucie Manette glücklich vermählt. Außer den Tränen, die während des Trauungsaktes aus dem Lächeln der kleinen Gruppe hervorblitzten, glänzten auch einige feurige, funkelnde Diamanten, die kürzlich der Dunkelheit in Mr. Lorrys Taschen entwischt waren, an der Hand der Braut. Sie kehrten nach Hause zurück zum Frühstück. Alles war gut abgelaufen, und zur gehörigen Zeit vermischte sich das goldige Haar, wie in dem Pariser Dachstübchen, so abermals hier mit den weißen Locken im Lichte der Morgensonne auf der Schwelle der Tür zum Abschied. Ein schwerer Abschied, obschon nicht auf lange. Ihr Vater aber sprach ihr Mut zu und sagte endlich, während er sich sanft aus ihren umschlingenden Armen losmachte: »Nehmt sie, Charles, sie ist Euer.« Ihre bebende Hand winkte noch aus dem Kutschenfenster, und dann war sie fort. Da die Ecke nicht dem Anlauf von Müßiggängern und Neugierigen ausgesetzt war und man nur sehr wenige und einfache Vorbereitungen getroffen hatte, so standen der Doktor, Mr. Lorry und Miß Proß allein auf der Straße. Wie sie jedoch sich in den willkommenen Schatten der kühlen alten Halle zurückzogen, bemerkte Mr. Lorry, daß mit dem Doktor eine große Veränderung vorgegangen war, als habe der dort aufgehobene goldene Arm einen giftigen Schlag nach ihm geführt. Natürlich hatte er viel in sich verschlossen, und es stand zu erwarten, daß es, wenn der Zwang vorüber war, zu einem Losbruch kommen müsse. Aber es war der alte, scheue, irre Blick, der Mr. Lorry beunruhigte, und die gedankenlose Art, wie er nach seinem Kopfe griff und traurig nach seinem Zimmer hinaufstieg, erinnerte seinen Freund an den Weinschenk Defarge und an die Fahrt in der sternenhellen Nacht. »Ich denke«, flüsterte er nach ängstlicher Erwägung Miß Proß zu, »ich denke, es ist am besten, wenn wir jetzt nicht mit ihm reden, sondern ihn ganz ungestört lassen. Ich muß bei Tellsons ein wenig nachsehen und komme schnell wieder zurück. Wir führen ihn dann aufs Land hinaus, machen dort Mittag, und alles wird wieder recht sein.« Mit dem Nachsehen bei Tellsons ging es übrigens nicht so hurtig; er wurde zwei Stunden aufgehalten. Als er zurückkam, stieg er ohne Anfrage allein die alte Treppe hinan. Auf dem Flur zu des Doktors Zimmern angelangt, machte er betroffen halt, da er einen Ton hörte wie dumpfes Klopfen! »Gütiger Gott!« rief er erschrocken. »Was ist dies?« Miß Proß kam entsetzt auf ihn zu. »O weh! o weh! Alles ist verloren!« rief sie, die Hände ringend. »Was kann ich meinem Vögelchen sagen? Er kennt mich nicht und macht Schuhe!« Mr. Lorry tat, was er konnte, um sie zu beruhigen, und ging selbst in des Doktors Zimmer. Die Bank war gegen das Licht gerückt, wie er sie früher gesehen, als der Schuhmacher darauf arbeitete; sein Haupt war niedergebeugt, und die Hände gingen fleißig. »Doktor Manette. Mein lieber Freund, Doktor Manette!« Der Doktor sah ihn einen Augenblick halb fragend, halb in einer Weise an, als sei er ärgerlich über die Störung; dann beugte er sich wieder zu seinem Geschäfte nieder. Er hatte Rock und Weste abgelegt; sein Hemd stand am Halse offen, wie er es sonst bei dieser Arbeit gewöhnt gewesen, und selbst der alte hagere, verblichene Ausdruck lag wieder auf seinem Gesicht. Er arbeitete eifrig, ungeduldig sogar, als wolle er hereinbringen, was er durch die Störung versäumt hatte. Mr. Lorry betrachtete, was er in der Hand hatte, und sah, daß es ein Schuh von der alten Größe und Form war. Er nahm den anderen, der neben ihm lag, auf und fragte ihn, was dies sei. »Ein Schuh für ein junges Frauenzimmer«, murmelte er, ohne aufzusehen. »Er sollte schon längst fertig sein. Laßt ihn liegen.« »Aber, Doktor Manette, so seht mich doch an.« Er gehorchte in der früheren mechanischen, unterwürfigen Weise, ohne in seiner Arbeit auszusetzen. »Ihr kennt mich doch, mein lieber Freund? Besinnt Euch. Dies ist keine Beschäftigung, die für Euch paßt. Nehmt Eure Gedanken zusammen, Freund.« Nichts konnte ihn bewegen, weiterzusprechen. Er schaute, wenn man ihn dazu aufforderte, für einen Augenblick auf, aber keine Überredung war imstande, ihm ein weiteres Wort zu entlocken. Er arbeitete, arbeitete und arbeitete schweigend, und Worte machten auf ihn denselben Eindruck, als wären sie in die Luft oder gegen eine echolose Wand gesprochen. Den einzigen Hoffnungsstrahl glaubte Mr. Lorry in dem Umstand zu entdecken, daß er bisweilen verstohlen aufsah, ohne daß er gefragt wurde. Es schien darin wenigstens ein Ausdruck von Neugierde oder Verlegenheit zu liegen, als versuche er, mit einigen Zweifeln in seinem Geist zurechtzukommen. Zwei Dinge schienen Mr. Lorry zunächst von besonderer Wichtigkeit zu sein, erstlich, man müsse den Sachverhalt vor Lucie, und zweitens, man müsse ihn vor allen geheimhalten, die den Doktor kannten. Zu Ausführung der letzteren Vorsichtsmaßregel tat er ohne Säumen gemeinschaftlich mit Miß Proß die geeigneten Schritte, indem er aussprengen ließ, daß Mr. Manette unwohl sei und einige Tage völliger Ruhe bedürfe. Um die wohlwollende Täuschung, die an der Tochter geübt werden sollte, zu unterstützen, mußte Miß Proß an sie schreiben, er habe eine Berufung zu einem Kranken erhalten, und sich dabei auf einen angeblich von ihm selbst geschriebenen, aus ein paar hastig hingeworfenen Zeilen bestehenden Brief beziehen, der mit der gleichen Post an sie abgegangen sei. Diese Maßregeln, die sich für alle Fälle empfahlen, traf Mr. Lorry in der Hoffnung, daß die Geistesirre nur vorübergehend sein werde. Besserte sich's bald wieder, so hatte er noch etwas anderes im Rückhalt; er wollte sich nämlich auf die beste Art ein sicheres ärztliches Gutachten von dem Zustand des Doktors verschaffen. In letzterer Absicht beschloß er, mit möglichst wenigem Aufsehen ihn persönlich zu überwachen; er traf daher zum erstenmal in seinem Leben Vorkehrungen, um eine Zeitlang von Tellsons wegbleiben zu können, und bezog seinen Posten an dem Fenster in demselben Zimmer. Nach kurzer Zeit machte er übrigens die Wahrnehmung, daß es schlimmer als nutzlos war, ihn anzureden, da er, wenn man ihm zusetzte, ganz verstört wurde. Er gab deshalb diesen Versuch schon am ersten Tage wieder auf und beschloß, nur sich selbst stets ihm vorzuhalten als stillschweigenden Widerspruch gegen die Halluzination, in der er befangen war oder in die er verfallen wollte. So blieb er denn am Fenster auf seinem Sitz, wo er las und schrieb und in scherzhafter Weise seine Bemerkungen über den freien Platz vor dem Hause machte. Doktor Manette genoß, was man ihm zu essen und zu trinken reichte, und arbeitete an jenem ersten Tage fort, bis es so dunkel wurde, daß er nichts mehr sah arbeitete sogar eine halbe Stunde länger, als es Mr. Lorry möglich gewesen wäre, zum Lesen oder Schreiben noch etwas zu sehen. Nachdem er sein Werkzeug als für diesen Abend nutzlos beiseite gelegt hatte, stand Mr. Lorry auf und sagte zu ihm: »Wollt Ihr nicht ausgehen?« Er schaute in der alten Weise rechts und links vor sich auf den Boden, schaute in der alten Weise auf und wiederholte mit der alten tonlosen Stimme: »Ausgehen?« »Ja; mit mir einen Spaziergang machen. Warum nicht?« Er versuchte nicht, auf diese Frage zu antworten, und sprach auch kein Wort weiter. Aber Mr. Lorry meinte, er sehe, daß der Doktor, während er mit dem Ellenbogen auf den Knien und den Kopf mit den Händen unterstützend im Dunkeln sich vorwärtsbeugte, in irgendeiner nebligen Weise die Frage an sich stelle: »Warum nicht?« Die Schlauheit des Geschäftsmannes erkannte darin einen Vorteil, und er beschloß, ihn festzuhalten. Miß Proß und er teilten die Nacht in zwei Wachen und beobachteten ihn von Zeit zu Zeit aus dem anstoßenden Zimmer. Er schritt lange auf und ab, eh' er sich niederlegte, und als er es endlich tat, versank er bald in Schlaf. Am Morgen stand er zeitig wieder auf und begab sich schnurstracks nach seiner Bank, um wieder zu arbeiten. An diesem zweiten Tage grüßte ihn Mr. Lorry heiter bei seinem Namen und redete mit ihm über Dinge, die ihm in der letzten Zeit gut bekannt gewesen waren, es erfolgte aber keine Antwort darauf, obschon man sah, daß er hörte, was man sagte, und daß er, wennschon in wirrer Weise, über das Gesprochene nachdachte. Dies ermutigte Mr. Lorry, Miß Proß des Tages öfters mit ihrer Arbeit ins Zimmer kommen zu lassen, bei welcher Gelegenheit sie von Lucie und ihrem dabei anwesenden Vater ruhig und ganz in der gewöhnlichen Weise sprachen, als ob alles wie sonst sei. Dies geschah ohne demonstrative Zugaben, weder lang noch oft genug, um ihm damit lästig zu werden, und Mr. Lorrys wohlwollendes Herz fühlte sich glücklich in der vermeintlichen Wahrnehmung, daß er öfter aufschaue und daß ihm gelegentlich die Disharmonie seiner Umgebung mit seinem Treiben aufzufallen schien. Als es dunkel wurde, fragte ihn Mr. Lorry wieder wie früher: »Lieber Doktor, wollt Ihr nicht ausgehen?« Und wie früher wiederholte er: »Ausgehen?« »Ja; mit mir einen Spaziergang machen. Warum nicht?« Diesmal tat Mr. Lorry, als gehe er nach verweigerter Antwort allein aus; er blieb eine Stunde fort und kehrte dann wieder zurück. In der Zwischenzeit hatte der Doktor den Sitz am Fenster eingenommen: er saß da und schaute auf die Platane hinunter. Wie aber Mr. Lorry wieder eintraf, schlich er nach seiner Bank zurück. Die Zeit entschwand sehr langsam, und Mr. Lorrys Hoffnungen verdüsterten sich mehr und mehr. Das Herz wurde ihm mit jedem Tage schwerer. Der dritte kam und ging, der vierte, der fünfte. Fünf Tage, sechs Tage, sieben Tage, acht Tage, neun Tage. Mit immer trüberen Hoffnungen und immer schwerer werdendem Heizen verbrachte Mr. Lorry diese angstvolle Zeit. Das Geheimnis blieb bewahrt, und die nichts ahnende Lucie war glücklich; aber es konnte ihm nicht entgehen, daß der Schuhmacher, dessen Hand anfangs außer Übung gewesen, eine schreckliche Geschicklichkeit gewann, und daß er nie so sehr sich auf seine Arbeit erpicht gezeigt, seine Finger sich nie so gewandt und hurtig erwiesen hatten als in dem Zwielicht des neunten Abends. Neunzehntes Kapitel. Ein ärztliches Gutachten. Von angstvollem Wachen erschöpft, schlief Mr. Lorry auf seinem Posten ein. Am zehnten Morgen seiner peinlichen Sorge wurde er in dem Zimmer, wo ihn bei finsterer Nacht der schwere Schlaf überwältigt hatte, durch den hellen Sonnenschein aufgeweckt. Er rieb die Augen und lichtete sich auf, konnte aber dadurch nicht aus dem Zweifel kommen, ob er nicht noch immer schlafe. Denn als er nach der Tür des Doktors hinging und hineinsah, bemerkte er, daß die Bank und die Schuhmachergerätschaften beiseite gerückt waren und der Doktor lesend am Fenster saß. Er trug seinen gewöhnlichen Morgenanzug, und sein Gesicht, das Mr. Lorin deutlich sehen konnte, hatte ungeachtet der tiefen Blässe den ruhigen, aufmerksamen Ausdruck des Studiums. Mr. Lorry fühlte sich, nachdem er sich von seinem Wachen überzeugt hatte, einige Augenblicke schwindelig ungewiß, ob nicht vielleicht das frühere Schuhmacher: ein unruhiger Traum, eine ängstigende Ausgeburt seines eigenen Gehirns gewesen sei; denn sah er nicht mit eigenen Augen den Freund wieder vor sich im gewohnten Anzug, mit dem alten Aussehen und in seiner ordnungsmäßigen Beschäftigung, und konnte er irgendwo ein Zeichen wahrnehmen, daß der Wechsel, der einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, wirklich stattgefunden hatte? Doch dies war nur die Frage seines ersten verwirrten Staunens; die Antwort ergab sich von selbst. Wenn jener Eindruck sich nicht auf eine entsprechende und zureichende Ursache gründete, wie kam er, Jarvis Lorry, hierher? Wie hätte er in seinen Kleidern auf dem Sofa von Doktor Manettes Ordinationszimmer einschlafen und über alle diese Dinge sich am frühen Morgen vor der Schlafzimmertür des Doktors Gedanken machen können? Nach einigen Minuten stand Miß Proß flüsternd an seiner Seite. Wäre noch ein Tüttelchen von einem Zweifel übrig gewesen, so würde ihr Reden es vollends beseitigt haben; aber er war mittlerweile klar im Kopfe geworden und über den Zweifel weggekommen. Er meinte, man solle ruhig bleiben bis zur gewöhnlichen Frühstückszeit, und dann wollten sie den Doktor empfangen, wie wenn nichts Ungewöhnliches vorgefallen sei. Zeigte er dabei seine gewöhnliche Gemütsverfassung, so wollte Mr. Lorry zu weiterer Leitung und Führung vorsichtig das Gutachten einzuholen suchen, um das es ihm in seiner Bekümmernis so ängstlich zu tun gewesen war. Da Miß Proß sich seinem Urteil unterordnete, so wurde der Plan mit aller Sorgfalt ausgearbeitet. Mr. Lorry hatte noch reichlich Zeit zu seiner ordnungsmäßigen methodischen Toilette und präsentierte sich daher um die Frühstückszeit in seiner gewöhnlichen weißen Leinwand und mit seinen gewöhnlichen sauberen Beinen. Der Doktor wurde wie sonst gerufen und kam zum Frühstück. Soweit sich aus den behutsamen Annäherungen, die Mr. Lorry allein rätlich schienen, ein Urteil bilden ließ, so meinte der Doktor anfangs, daß die Hochzeit seiner Tochter erst am Tage zuvor stattgefunden habe; eine wie zufällig hingeworfene Anspielung aber auf den Wochen- und Monatstag bewog ihn nachzuzählen und machte ihn augenscheinlich unruhig, obschon er sich in allen anderen Dingen so gefaßt benahm, daß Lorry zu dem Entschlusse kam, sich den Beistand zu sichern, auf den er es abgehoben hatte. Und der Beistand wurde ihm zuteil. Nachdem das Frühstück vorüber und der Tisch abgeräumt war, blieb Mr. Lorry noch bei dem Doktor sitzen und begann in ausholender Weise: »Mein werter Manette, ich bin ungemein begierig, im Vertrauen Euer Gutachten über einen sehr merkwürdigen Fall zu hören, der großes Interesse für mich hat; das heißt, mir eben kommt er sehr merkwürdig vor. Ihr seid ein einsichtsvoller, erfahrener Mann und beurteilt ihn vielleicht anders.« Der Doktor warf einen Blick nach seinen Händen, die von seinem jüngsten Arbeiten her noch unsauber waren, und zeigte eine unruhige Miene, hörte aber aufmerksam zu. Dieses Hinschauen nach seinen Händen war schon öfter vorgekommen. »Doktor Manette«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er sanft seinen Arm anfaßte, »die Sache betrifft einen mir sehr lieben Freund. Ich bitte, zieht sie in Erwägung und erteilt mir einen guten Rat in seinem Interesse, vor allem aber um seiner Tochter seiner Tochter willen, mein lieber Manette.« »Wenn ich Euch recht verstehe«, sagte der Doktor in gedämpftem Ton, »so meint Ihr eine geistige Störung « »Ja« »Sprecht unumwunden«, versetzte der Doktor. »Ich muß die Einzelheiten kennen.« Mr. Lorry sah, daß sie einander verstanden, und fuhr fort: »Mein lieber Manette, es handelt sich um eine aus alter Zeit her stammende Störung, um schwere und bittere Schläge auf das Gefühl, auf das Gemüt, auf auf auf den Geist, wie Ihr's nennt. Den Geist. Es handelt sich um eine Erschütterung, die den Leidenden man kann nicht sagen, wie lange niederwarf, weil ich glaube, daß er die Zeit selbst nicht zu berechnen weiß und auf andere Art kein Aufschluß darüber zu gewinnen ist. Von dieser Erschütterung hatte er sich durch einen Prozeß wieder erholt, von dem er sich keine Rechenschaft geben kann, wie ich ihn selbst einmal in eindringlichster Weise öffentlich versichern hörte. Die Erholung war so vollständig gewesen, daß er aller seiner Geisteskräfte wieder mächtig wurde; er ging viel unter die Menschen und erweiterte die reichen Vorräte seines Wissens immer mehr und mehr. Aber unglücklicherweise« er hielt inne und atmete tief auf »hat ein kleiner Rückfall stattgefunden.« Der Doktor fragte mit leiser Stimme: »Von welcher Dauer?« »Neun Tage und Nächte.« »Wie zeigte sich die Sache? Vermutlich« er schaute wieder nach seinen Händen »in Wiederaufnahme einer alten Beschäftigung, die mit jener Störung im Zusammenhang stand?« »So ist es.« »Habt Ihr ihn auch in jener ursprünglichen Beschäftigung beobachtet?« fragte der Doktor in bestimmtem, ruhigem Tone, obschon noch immer mit derselben leisen Stimme. »Einmal.« »Und als der Rückfall über ihn kam, war er nur in einzelnen oder in allen Beziehungen so wie damals?« »Ich denke, in allen.« »Ihr spracht von seiner Tochter. Weiß seine Tochter etwas von dem Rückfall?« »Nein; er ist vor ihr geheimgehalten worden, und ich hoffe, sie soll nie etwas davon erfahren. Nur ich weiß davon und eine andere Person, der man trauen darf.« Der Doktor ergriff seine Hand und flüsterte: »Das war sehr liebevoll, sehr umsichtig von Euch.« Mr. Lorry erwiderte den Händedruck, und beide saßen eine Weile schweigend beieinander. »Nun, mein lieber Manette«, fuhr Mr. Lorry endlich in der rücksichtsvollsten und teilnehmendsten Weise wieder fort, »ich bin bloß ein Geschäftsmann und verstehe mich nicht auf so verwickelte und schwierige Dinge. Es fehlt mir an den nötigen Kenntnissen, an der erforderlichen Einsicht, und ich bedarf einer Leitung. Aber es gibt keinen Mann in der Welt, von dem ich mir eine bessere Führung verspräche als von Euch. Sagt mir, was mag der Grund dieses Rückfalls gewesen sein? Sind wohl weitere zu befürchten? Kann ihnen vorgebeugt werden? Wie wäre ein solcher Rückfall zu behandeln? Welche Ursachen liegen dabei zugrunde? Und was kann ich tun für meinen Freund? Gewiß ist niemand so von Herzen bereit, einem Freunde zu dienen als ich, wenn ich nur wüßte, wie ich mich zu verhalten hätte; aber in einem solchen Falle bin ich nicht einmal imstande, einen Anfang zu machen. Vielleicht könnte ich vieles leisten, wenn mich Eure Klugheit, Einsicht und Erfahrung auf den rechten Weg weisen wollte; aber ohne Leitung und Belehrung vermag ich nichts. Ich bitte, geht mit mir auf die Sache ein; setzt mich in den Stand, ein wenig klarer zu sehen, und belehrt mich, wie ich mich nützlicher machen kann.« Nach diesen ernsten Worten blieb Doktor Manette gedankenvoll sitzen, und Lorry drang nicht weiter in ihn. »Mein teurer Freund, ich halte es für wahrscheinlich«, sagte der Doktor, der sich Gewalt antun mußte, das Schweigen zu unterbrechen, »daß der von Euch beschriebene Rückfall dem Gegenstand desselben nicht ganz unerwartet kam.« »Fürchtete er sich vielleicht davor?« wagte Mr. Lorry zu fragen. »Sehr.« Dieses Wort wurde von einem unwillkürlichen Schaudern begleitet. »Ihr könnt Euch keine Vorstellung machen, wie eine solche Furcht auf der Seele eines Leidenden lastet und wie schwer wie fast unmöglich es ihm ist, sich zu einer Äußerung über den ihn drückenden Gegenstand zu zwingen.« »Würde es ihm wohl eine namhafte Erleichterung schaffen«, fragte Lorry weiter, »wenn er es über sich gewinnen könnte, dieses geheime Brüten, wenn es eben auf ihm lastet, jemand mitzuteilen?« »Ich glaube es; aber dies ist, wie ich bereits bemerkte, fast eine Unmöglichkeit ja, ich glaube sogar, in manchen Fällen eine reine Unmöglichkeit.« »Nun«, sagte Mr. Lorry, indem er nach einer abermaligen Pause wieder die Hand auf den Arm des Doktors legte, »von was leitet Ihr diesen Anfall her?« »Ich glaube«, versetzte Doktor Manette, »daß ein starkes und außerordentliches Wiederaufleben der Gedanken und Erinnerungen, die das erstemal Anlaß zu seiner Krankheit gaben, stattgefunden haben muß. Ich denke mir, daß er sich eine traurige Vergangenheit lebhaft wieder vor die Seele führte. Wahrscheinlich hat auch lange vorher eine geheime Furcht, daß unter gewissen Umständen oder vielmehr bei einer gewissen Gelegenheit jene Erinnerungen wieder erwachen dürften, seinen Geist in Spannung erhalten. Er suchte sich wohl vergeblich darauf vorzubereiten, und vielleicht war gerade die Mühe, die er sich deshalb gab, Ursache, daß er um so weniger Widerstand zu leisten vermochte.« »Kann er sich wohl dessen erinnern, was bei diesem Rückfall vorging?« fragte Mr. Lorry mit leicht begreiflichem Zaudern. Der Doktor warf einen kummervollen Blick im Zimmer umher, schüttelte den Kopf und antwortete mit dumpfer Stimme: »Nicht im geringsten.« »Und was haltet Ihr von der Zukunft?« deutete Mr. Lorry an. »Was die Zukunft betrifft, so habe ich große Hoffnung«, erwiderte der Doktor mit mehr Festigkeit. »Wenn es dem Himmel in seiner Gnade gefallen hat, ihn so bald wieder genesen zu lassen, so möchte ich viel hoffen. Ist er unter dem Druck eines verwickelten Etwas erlegen, das er lange gefürchtet, lange unbestimmt vorausgesehen und vergeblich bekämpft hat, und folgte die Genesung nach dem Entladen und Vorübergehen der Wolke, so möchte ich glauben, daß das Schlimmste vorüber ist.« »Na, das ist ein großer Trost. Gott sei Dank dafür!« sagte Mr. Lorry. »Ja, Gott sei Dank!« wiederholte der Doktor, andachtsvoll das Haupt neigend. »Es gibt übrigens noch zwei andere Punkte, über die ich Belehrung wünsche«, sagte Mr. Lorry. »Darf ich fortfahren?« »Ihr könnt Eurem Freunde keinen besseren Dienst erweisen.« Der Doktor gab ihm die Hand. »Zuerst also. Er ist ans Studieren gewöhnt und betreibt es mit Eifer; er läßt sich's ungemein angelegen sein, sich in dem Wissen seines Berufes zu vervollkommnen, macht Versuche und treibt viele ähnliche Dinge. Tut er darin nicht zuviel?« »Ich glaube es nicht. Es liegt vielleicht in seiner geistigen Organisation, daß er stets einer eigentümlichen Beschäftigung bedarf. Möglich, daß er es teilweise aus natürlichem Antrieb tut, vielleicht ist's auch teilweise eben eine Folge seines Leidens. Je weniger er sich mit gesunden Dingen beschäftigt, desto mehr steht zu besorgen, daß er eine krankhafte Richtung einschlägt. Vielleicht hat er sich selbst beobachtet und diese Entdeckung gemacht.« »Ihr glaubt also überzeugt sein zu dürfen, daß er sich nicht über Gebühr anstrengt?« »Ja, ich glaube dies.« »Mein lieber Manette, wenn er sich aber doch überarbeitete« »Mein lieber Lorry, ich zweifle, ob dies so leicht geschehen kann. Es hat eine Überspannung in der einen Richtung stattgefunden, und sie bedarf eines Gegengewichts.« »Habt Nachsicht mit einem Geschäftsmann, der etwas hart begreift. Nehmen wir für einen Augenblick an, er überarbeite sich wirklich; könnte dies nicht zu einer Wiederkehr seines Zustandes führen?« »Ich glaube nicht. Nein, ich glaube nicht«, fuhr Doktor Manette mit der Festigkeit der Überzeugung fort, »daß etwas anderes als jener eine Gedankengang diese Wirkung haben kann, und bin überzeugt, daß nur ein außerordentliches Zerren an der alten Saite einen Rückfall zu veranlassen vermag. Nach den Vorgängen übrigens und nach der erfolgten Genesung kann ich mir nicht wohl denken, wie eine solche ungestüme Erregung wieder möglich ist. Ich hoffe und lebe fast des zuversichtlichen Glaubens, daß die Quellen des Rückfalls sich erschöpft haben.« Er sprach dies mit der Zaghaftigkeit eines Menschen, der weiß, welcher kleine Umstand bisweilen imstande ist, die zarte Organisation des Geistes zu verwirren, zugleich aber mit einer Zuversicht, als habe er sein Vertrauen allmählich aus eigener schwerer Erfahrung und Trübsal gewonnen. Der Freund wollte natürlich diese Überzeugung nicht entmutigen. Er stellte sich an, als fühle er eine Erleichterung, die ihm in Wirklichkeit fehlte, und suchte nun an seinen zweiten und letzten Punkt zu kommen. Allerdings mußte er sich selbst sagen, daß er der verfänglichere war; aber er durfte ihn nicht übergehen, wenn er seines Gespräches mit Miß Proß an jenem Sonntagmorgen und alles dessen gedachte, was er während der letzten neun Tage gesehen hatte. »Die Beschäftigung, die er unter dem Einfluß der so bald und so glücklich vorübergegangenen Störung wieder aufnahm«, sagte Mr. Lorry nach einigem Räuspern, »war wir wollen sagen Schmiedearbeit. Ja, Schmiedearbeit. Nehmen wir zur näheren Beleuchtung des Falles an, er habe sich in seiner schlimmen Zeit ein wenig an der Esse beschäftigt. Wir wollen sagen, er sei unerwartet wieder vor seinem Blasbalg gefunden worden. Ist es nicht ein Übel, daß er dieses Handwerkszeug behalten hat?« Der Doktor beschattete sich die Stirn mit der Hand und klopfte krampfhaft mit der Ferse den Boden. »Er hatte ihn immer in seiner Nähe«, fuhr Mr. Lorry mit einem ängstlichen Blick auf seinen Freund fort. »Wäre es nicht besser, wenn er ihn beiseite schaffte?« Noch immer schlug die Ferse bebend gegen den Boden, und noch immer hielt der Doktor die Hand vor die Stirn. »Ihr findet es nicht leicht, hier einen Rat zu erteilen?« sagte Mr. Lorry. »Ich begreife wohl, daß es eine schwierige Frage ist. Und doch meine ich « Er schüttelte den Kopf und hielt inne. »Ihr seht«, nahm endlich Doktor Manette nach einer beunruhigenden Pause das Wort, »wie gar schwer es ist, das innerste Triebwerk in dem Geist dieses armen Mannes konsequent zu erklären. Er sehnte sich wieder einmal angstvoll nach dieser Beschäftigung, und sie war ihm hochwillkommen, als er wieder an sie ging. Ohne Zweifel brachte sie ihm große Erleichterung in seiner Not, indem sie an die Stelle der Gehirnverwirrung die der Finger und, als er sich wieder einübte, die Fertigkeit der Hände an die Stelle der Fertigkeit des Geistes setzte, einem quälenden Ideengang nachzuhängen. Deshalb konnte er auch den Gedanken nicht ertragen, das Werkzeug aus seinem Bereich zu schaffen. Er ist zwar jetzt hoffnungsvoller, als er je gewesen, und spricht sogar mit einer Art Zuversicht von sich selber: aber dennoch glaube ich, daß ihm der Gedanke, er könnte seiner alten Beschäftigung wieder bedürfen und sie nicht finden, ein Gefühl von Schrecken einflößt, wie man es empfinden mag, wenn ein schwerer Schlag dem Herzen eines verlorenen Kindes droht.« Sein Äußeres war eine bildliche Erläuterung seiner Worte, als er den Blick zu Mr. Lorrys Gesicht erhob. »Aber könnte nicht wohlgemerkt, ich möchte nur Auskunft haben als ein Geschäftsmann, der mühsam sich abarbeiten muß und bloß mit ganz materiellen Dingen, Guineen, Schillingen und Banknoten zu tun hat könnte nicht die Beibehaltung des Gegenstandes auch ein Festhalten der Idee zur Folge haben? Schafft man die Sache fort, Doktor Manette, so dürfte mit ihr auch die daran haftende Furcht weichen. Mit einem Wort, ist es nicht ein Zugeständnis an die letzere, wenn man die Esse nicht entfernt?« Abermaliges Schweigen. »Ihr begreift aber doch«, sagte der Doktor bebend, »sie ist eine so alte Gefährtin.« »Ich würde sie nicht behalten«, entgegnete Mr. Lorry mit Kopfschütteln; denn er gewann an Festigkeit, je unruhiger er den Doktor werden sah. »Ich wäre dafür, sie zu opfern. Allerdings möchte ich dazu Eure Zustimmung haben. Ich bin überzeugt, daß sie nichts Gutes stiftet. Sagt ja dazu als ein lieber wackerer Mann um seiner Tochter willen, mein teurer Manette!« Es war merkwürdig, den Kampf mitanzusehen, der in seinem Innern vorging. »Sei es denn um ihretwillen; ich gebe meine Zustimmung. Aber nehmt es nicht weg in seiner Gegenwart. Tut es, wenn er fort ist, und laßt ihn den alten Freund erst vermissen, wenn er nach einiger Zeit wieder zurückkommt.« Mr. Lorry sagte dies bereitwillig zu, und die Besprechung war zu Ende. Sie brachten den Tag auf dem Lande zu, und der Doktor fühlte sich vollkommen hergestellt. Auch die nächsten drei Tage verliefen vortrefflich, und am vierzehnten machte er sich auf den Weg, Lucie und ihrem Gatten entgegen. Mr. Lorry hatte ihm mitgeteilt, welche Vorsichtsmaßregeln er getroffen, um dem jungen Paare das Schweigen des Vaters zu erklären, und der Doktor in seinem späteren Schreiben an Lucie darauf Bezug genommen, so daß sie von dem Vorgefallenen nichts ahnen konnte. An dem Abend nach seiner Abreise begab sich Mr. Lorry mit einem Hackmesser, einem Meißel, einer Säge und einem Hammer nach Manettes Schlafgemach; Miß Proß begleitete ihn mit einem Licht. Hier nun hackte er bei verschlossenen Türen und in geheimnisvoller, schuldbewußter Weise die Schuhmachersbank in Stücke, während Miß Proß, die dazu leuchtete, mit ihrer abenteuerlichen Figur sich ausnahm, als leiste sie Beihilfe zu einem Mord. Nachdem das Holzwerk ordentlich zerstückt war, wurde ohne Zögern in der Küche mit den Trümmern ein Autodafé vorgenommen, das übrige Gerät aber, Schuhwerk und Leder im Garten verscharrt. Zerstören und Heimlichkeit erscheint jedoch ehrlichen Gemütern in einem so schlimmen Licht, daß es Mr. Lorry und Miß Proß, als sie ihre Tat vollbrachten und die Spuren derselben beseitigten, fast vorkam, als begingen sie gemeinsam ein abscheuliches Verbrechen ein Eindruck, der sich auch in ihren Mienen und Bewegungen kundtat. Zwanzigstes Kapitel. Eine Bitte. Als das neuvermählte Paar wieder in der Heimat anlangte, war Sydney Carton die erste Person, die, und zwar kaum einige Stunden nach ihrem Eintreffen, sich mit ihren Glückwünschen einstellte. Er hatte sich in Kleidung, Aussehen und Manieren nicht viel geändert; aber in seinem Wesen lag ein gewisser rauher Zug von Anhänglichkeit, der Charles Darnays Beobachtung zum erstenmal auffiel. Er ersah die Gelegenheit, den jungen Ehemann an ein Fenster zu führen, um ungehört mit ihm sprechen zu können. »Mr. Darnay«, begann Carton, »ich wünsche, daß wir Freunde werden.« »Ich hoffe, das sind wir schon.« »Ihr seid gütig genug, mich dessen zu versichern als Redensart; aber ich will nichts von Redensarten. Wenn ich sage, ich wünsche, daß wir Freunde seien, so meine ich damit etwas anderes.« Natürlich lautete nun Darnays in scherzhaftem Ton gehaltene Frage, was er denn eigentlich meine. »Meiner Seele, ich kann dies weit leichter fühlen als es Euch begreiflich machen«, versetzte Carton lächelnd. »Doch ich will es versuchen. Ihr erinnert Euch wohl einer gewissen famosen Gelegenheit, bei der ich mehr mehr als gewöhnlich betrunken war?« »Ich entsinne mich allerdings einer famosen Gelegenheit, bei der Ihr mich zwanget zu gestehen, daß Ihr getrunken habt.« »Auch ich weiß das noch. Der Fluch jener Gelegenheit lastet schwer auf mir, und ich muß immer an sie zurückdenken. Ich hoffe, man wird mir dies eines Tages anrechnen, wenn für mich das Ende aller Tage gekommen ist. Ihr braucht nicht unruhig zu werden; ich will nicht predigen.« »Von Unruhigwerden ist keine Rede. Ernst bei Euch hat für mich wahrhaftig nichts Beunruhigendes.« »Hm!« sagte Carton mit einem unbekümmerten Schwenken der Hand, als wolle er diesen Gedanken wegschieben. »Bei der fraglichen trunkenen Gelegenheit einer von den vielen, wie Ihr wißt war ich zweifelhaft über den Punkt, ob Ihr mir gefallt oder nicht. Ich wünsche, Ihr könntet dies vergessen.« »Das ist schon lange geschehen.« »Wieder eine Redensart! Aber Mr. Darnay, mir wird das Vergessen nicht so leicht wie Euch, wenn man Euch so hört. Ich hab' es noch gut in der Erinnerung, und eine unbekümmert hingeworfene Antwort wird mich's nicht vergessen machen.« »Wenn es eine unbekümmert hingeworfene Antwort war«, entgegnete Darnay, »so bitte ich um Verzeihung. Ich hatte dabei keine andere Absicht, als einen unbedeutenden Vorfall, der Euch zu meinem Erstaunen zuviel beunruhigt, für beseitigt zu erklären. Ich gebe Euch mein Ehrenwort darauf, daß ich ihn mir längst aus dem Sinn geschlagen habe. Gütiger Himmel, was ist auch da nachzutragen? Muß ich Euch nicht im Gegenteil stets dankbar sein für den wichtigen Dienst, den Ihr mir an jenem Tag erwiesen habt?« »Was den wichtigen Dienst betrifft«, sagte Carton, »so muß ich, wenn Ihr so von ihm sprecht. Euch gestehen, daß er nur ein auf Effekt berechneter Advokatenkunstgriff war. Ich weiß nicht, ob ich, als ich ihn leistete, mich viel darum kümmerte, was aus Euch werden mochte. Wohlverstanden, ich sage, als ich ihn leistete. Ich spreche von der Vergangenheit.« »Ihr macht mir die Verpflichtung leicht«, versetzte Darnay: »aber ich will nicht Streit mit Euch anfangen wegen Eurer unbekümmerten Entgegnung.« »Reine Wahrheit, Mr. Darnay; Ihr könnt mir's glauben. Doch ich bin von meiner vorigen Rede abgekommen; ich sprach vom Freundwerden. Nun, Ihr kennt mich und wißt, daß man bei mir den höheren und besseren Aufschwung des Menschen nicht suchen darf. Wenn Ihr daran zweifelt, so fragt Stryver; er wird es bestätigen.« »Ich will mir lieber meine eigene Ansicht bilden, als die seinige zu Hilfe nehmen.« »Gut. Jedenfalls kennt Ihr mich als einen Bruder Liederlich, der nie etwas Gutes getan hat und nie etwas Gutes tun wird.« »Ich weiß nicht, ob das letztere richtig ist.« »Aber ich weiß es, und Ihr müßt mir aufs Wort glauben. Wohlan! Wenn Ihr es über Euch gewinnen könnt, zu dulden, daß ein so nichtsnutziger Bursche, ein Mensch von so zweideutigem Ruf, hin und wieder zu Euch ins Haus kommen darf, so möchte ich um die Erlaubnis bitten, als eine privilegierte Person hier ein- und auszugehen. Seht mich als ein nutzloses wenn ich nicht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen mir und Euch bemerkt hätte, so würde ich beifügen, als ein garstiges Stück Möbel an, das man um seiner alten Dienste willen duldet und unbeachtet stehen läßt. Ich glaube nicht, daß ich die Erlaubnis mißbrauchen werde. Es ist hundert gegen eins zu wetten, daß ich sie nicht öfter als viermal im Jahre benutze, aber ich fände eine Beruhigung darin, wenn ich mir sagen könnte, daß ich sie habe.« »Wollt Ihr's versuchen?« »Das ist ein anderer Ausdruck dafür, daß ich als auf dem von mir angedeuteten Fuße stehend betrachtet werden soll. Ich danke Euch, Darnay. Darf ich mir mit Eurer Erlaubnis diese Freiheit nehmen?« »Ich denke wohl, Carton, nach unserer langen Bekanntschaft.« Sie reichten sich die Hand darauf. Sydney trat ins Zimmer zurück und nahm sich nach einer Minute dem äußern Anschein nach wieder so gehaltlos aus wie immer. Er war schon fort, und Miß Proß, der Doktor, Mr. Lorry und Charles Darnay saßen im Laufe des Abends beisammen; da erwähnte der letztere in allgemeinen Ausdrücken dieses Gesprächs und ließ einige Bemerkungen über Cartons merkwürdigen Leichtsinn fallen. Er tat es nicht mit Bitterkeit oder Härte, sondern einfach so, wie jeder wohl urteilen mußte, der Zeuge von dem Treiben gewesen war. Daß dies die Gedanken seiner schönen jungen Frau beschäftigen könne, fiel ihm nicht entfernt ein; aber als er später sich in seine eigene Wohnung zurückzog, fand er, wie sie seiner harrte und in dem Ausdruck ihres Gesichtes das alte hübsche Furchen der Stirne stark hervortrat. »Wir sind diesen Abend recht gedankenvoll«, sagte Darnay, seinen Arm um sie schlingend. »Ja, mein lieber Charles«, versetzte sie, indem sie ihre Hände auf seine Brust legte und einen fragenden Blick auf ihn heftete, »wir sind diesen Abend etwas gedankenvoll, weil wir etwas auf dem Herzen haben.« »Was wäre das, Lucie?« »Willst du mir versprechen, nicht mit weiteren Fragen in mich zu dringen, wenn ich dich um etwas bitte?« »Ob ich's will! Was werde ich nicht meiner Geliebten versprechen?« Und er streifte mit der einen Hand die goldenen Locken von der Wange zurück und legte die andere auf das Herz, das für ihn schlug. »Ich denke, Charles, der arme Mr. Carton verdient mehr Rücksicht und Achtung, als du heute abend gegen ihn an den Tag gelegt hast.« »Wirklich, mein Herz? Und warum?« »Das ist es eben, was du mich nicht fragen sollst. Aber ich denke ja ich weiß, daß es so ist.« »Wenn du es weißt, so ist es genug. Und was verlangst du von mir, meine Liebe?« »Ich möchte dich bitten, mein Teurer, stets edelmütig gegen ihn zu sein und, wenn er abwesend ist, seine Fehler mit Milde zu beurteilen. Ich möchte dich bitten zu glauben, daß er ein Herz hat, welches er allerdings nur sehr, sehr selten enthüllt, aber ein Herz, in dem er tiefe Wunden trägt. Mein Lieber, ich habe es bluten sehen.« »Es ist mir ein peinlicher Gedanke«, sagte Charles Darnay erstaunt, »wenn ich ihm unrecht getan habe. Ich hätte dies nie von ihm geglaubt.« »Mein teurer Gatte, es ist so. Leider wird er nicht mehr zu bessern sein, und ich gebe kaum der Hoffnung Raum, daß sein Charakter und seine Verhältnisse jetzt noch eine Umkehr gestatten; aber ich bin überzeugt, daß etwas Gutes in ihm liegt und daß er noch edler, sogar hochherziger Handlungen fähig ist.« Sie nahm sich in der Reinheit ihres Glaubens an diesen verlorenen Menschen so schön aus, daß ihr Gatte sie hätte stundenlang ansehen mögen. »Und, o mein teurer Charles«, drängte sie, indem sie sich inniger an ihn schmiegte, den Kopf an seine Brust legte und die Augen zu den seinigen aufschlug, »vergiß nicht, daß wir leicht stark sein können in unserem Glück; er aber ist schwach in seinem Elend.« Diese Bitte ging zu Herzen. »Ich will es nicht vergessen, meine Liebe. Ich will dessen eingedenk sein, solang ich lebe.« Er beugte sich über das goldlockige Haupt, drückte auf die rosigen Lippen die seinigen und umschlang sie mit seinen Armen. Wenn damals ein verirrter Wanderer, der durch die finsteren Straßen schritt, ihre unschuldige Enthüllung hätte hören und mit ansehen können, wie ihr Gatte den Tau des Mitleids von den holden, liebestrahlenden blauen Augen wegküßte, so würde er wohl, und vielleicht nicht bloß dieses erstemal, in die Nacht hinausgerufen haben: »Gott segne sie für ihr zartes Erbarmen!« Einundzwanzigstes Kapitel. Widerhallende Fußtritte. Wie bereits bemerkt wurde, war die Ecke, an der der Doktor wohnte, eine wunderbare Ecke für Echos. Stets emsig bemüht, den goldenen Faden fortzuspinnen, der ihren Gatten, ihren Vater, sie selbst und ihre alte Beschützerin und Gefährtin zu einem Leben voll stillen Glückes verband, saß Lucie in dem stillen Hause an der ruhigen, dem Echo so zugänglichen Ecke und lauschte auf die widerhallenden Fußtritte. Obschon sie eine vollkommen glückliche junge Frau war, gab es doch anfangs Zeiten, in denen die Arbeit langsam ihren Händen entsank und ihr Auge sich trübte. Denn in den Widerhallen klang etwas es war nur leicht, fernab und kaum vernehmlich; aber es regte doch ihr Herz sehr auf. Ein Schwanken zwischen Hoffen und Zweifel ein Hoffen auf eine Liebe, die ihr zurzeit unbekannt war, und der Zweifel, ob sie auf Erden bleiben werde, um sich dieser neuen Wonne zu erfreuen, machte ihr oft zu schaffen. Unter den Widerhallen erhob sich dann der Ton von Fußtritten an ihrem eigenen frühen Grabe, erhoben sich Gedanken an den Gatten, den sie trostlos und in bitterer Trauer um sie zurücklassen mußte; sie kamen in Wellenbewegungen auf sie zu, um sich an ihr zu brechen. Diese Zeit entschwand, und die kleine Lucie lag an ihrem Herzen. Nun mischte sich unter die näher kommenden Echos der Tritt winziger Füßchen und kindliches Geplapper. Mochten die lauteren Halle sich hervordrängen, wie sie wollten, die junge Mutter an der Wiege hatte nur ein Ohr für diese. Sie kamen, und das schattige Haus wurde sonnig unter dem Lachen des Kindes, und der göttliche Kinderfreund, dem sie dasselbe in ihren Ängsten empfohlen hatte, schien wie vor alters das junge Wesen auf den Arm zu nehmen, so daß sie eine heilige Lust darüber empfand. Immer eifrig an dem goldenen Faden beschäftigt, der sie alle zusammenhielt, und den Dienst ihres glücklichen Einflusses unbemerkt überall einflechtend in das Gewebe ihres gemeinsamen Lebens, hörte Lucie in den Echos der Jahre nur freundliche und beruhigende Laute. Der Tritt ihres Gatten klang darin stark und glückverkündend, der ihres Vaters fest und gleichmäßig. Und siehe, auch Miß Proß in ihrem Korsettgerüst weckte das Echo wie ein ungebärdiger Zelter unter der Peitsche, der neben der Platane im Garten schnaubte und die Erde stampfte. Selbst wenn Töne des Leides sich unter die anderen mischten, so waren sie nicht hart oder grausam. Sogar als goldiges Haar, dem ihrigen gleich, auf einem Kissen lag und eine Glorie bildete um das abgezehrte Gesicht eines Knäbchens, das da mit einem strahlenden Lächeln sagte: »Lieber Papa und Mama, es tut mir leid, euch beide und mein hübsches Schwesterlein zu verlassen; aber ich bin gerufen und muß gehen« sogar damals, als die junge Seele sich den sorglichen Händen, denen sie vertraut gewesen, entzog, waren es nicht lauter Schmerzenstränen, die die Wange der Mutter befeuchteten. Lasset sie zu mir kommen und wehret ihnen nicht! Sie sehen das Angesicht meines Vaters. Oh, Vater beseligende Worte!« So mengte sich das Rauschen eines Engelflügels in die anderen Widerhalle, die nicht mehr ausschließlich der Erde angehörten, sondern auch einen Hauch vom Himmel in sich aufgenommen hatten. Das Seufzen der Winde, die über ein kleines Grab im Garten wehten, trat gleichfalls dazu, und Lucie hörte beides deutlich wie ein leises Geflüster, wie das Atmen einer an dem sandigen Gestade schlafenden sommerlichen See, während die kleine Lucie, die in komischem Eifer ihre Morgenaufgabe lernte oder neben dem Schemel ihrer Mutter eine Puppe ankleidete, in den Zungen der beiden Städte plauderte, die in ihr Leben verwoben waren. Die Echos bezogen sich nur selten auf die wirklichen Tritte Sydney Cartons. Im höchsten Fall ein Halbdutzendmal des Jahres machte er von seinem Privilegium, uneingeladen kommen zu dürfen, Gebrauch; und dann verlebte er den Abend unter ihnen, wie er früher oft getan hatte. Wenn er erschien, war er nie vom Wein erhitzt. Und noch einen anderen Umstand, von dem seit Menschenaltern alle wahren Echos geflüstert haben, brachten die lispelnden Widerhalle mit ihm in Verbindung. Nie hat ein Mann wahrhaft ein Weib geliebt, sie verloren und der Frau und Mutter, wenn er sie sah, eine reine und unveränderliche Anhänglichkeit bewahrt, ohne daß von ihren Kindern eine eigentümliche Teilnahme, ein instinktartiges Gefühl des Mitleids für ihn an den Tag gelegt worden wäre. Welche zarten, geheimen Gefühle in einem solchen Falle berührt werden, erzählt kein Echo. Aber die Sache ist einmal so und verhielt sich hier in derselben Weise. Carton war der erste Fremde, dem die kleine Lucie ihre runden Ärmchen entgegenbreitete, und er behielt sein Plätzchen bei, als sie größer wurde. Auch das Knäblein hatte fast noch im letzten Augenblick von ihm gesprochen. »Der arme Carton! Küss ihn für mich!« Mr. Stryver schuftete sich durch das Rechtsgeschäft wie ein mächtiges Dampfschiff durch trübes Wasser und zog seinen nützlichen Freund als ein Schleppboot in seinem Kielwasser nach. Da ein so begünstigtes Fahrzeuglein gewöhnlich arg umhergestoßen wird und sich meist unter Wasser befindet, so fehlte es auch Sydney nicht an entsprechender Überschwemmung. Aber gleichgültig und von den Banden der Gewohnheit umstrickt, die mächtiger auf ihn wirkten als irgendein spornendes Gefühl seiner Verlassenheit und Herabwürdigung, fand er sich in seine Lebensweise. Er dachte ebensowenig daran, sich aus seiner Schakalstellung erheben zu wollen, wie man von einem wirklichen Schakal annehmen kann, er trage sich mit der stolzen Absicht, selbst ein Löwe zu werden. Stryver war reich; er hatte eine noch blühende Witwe mit einem schönen Vermögen und drei Buben geheiratet, an denen sich jedenfalls nichts Glänzendes bemerken ließ als das glattgestrichene Haar auf ihren Knödelköpfen. Diese drei jungen Gentlemen hatte Mr. Stryver, der aus jeder Pore Gönnerschaft der allerwiderlichsten Art schwitzte, wie ebenso viele Schafe vor sich her nach der stillen Ecke in Soho getrieben und Lucies Gatten mit den zarten Worten als Schüler angeboten: »Holla, da bring' ich drei Stücke Käsbrot zu Eurem ehelichen Picknick, Darnay.« Ob der höflichen Zurückweisung dieser Zugabe zum Diner war Mr. Stryver vor Entrüstung so aufgeschwollen, daß er später von dem Umstande eine stetige Nutzanwendung auf die Erziehung der gedachten jungen Gentlemen machte, indem er sie anwies, sich vor dem Bettelstolz, wie ihn dieses Schulmeisterlein zur Schau stelle, in acht zu nehmen. Er pflegte auch, wenn er bei seinem Rotwein saß, gegen Mrs. Stryver über die Kunstgriffe, die Mrs. Darnay früher in Anwendung brachte, um ihn zu »fangen«, und über den Diamantenschliff seiner eigenen Schlauheit zu deklamieren, die ihn vor den ihm gelegten Schlingen bewahrte. Einige seiner guten Freunde vom Kingsbench, die gelegentlich sich seinen Roten schmecken ließen und die Lüge mit anhörten, entschuldigten diese durch die Annahme, er habe sie so oft erzählt, daß er jetzt selbst daran glaube, obschon dies eigentlich nur eine so unverbesserliche Erschwerung eines ursprünglichen Vergehens wäre, daß man gut daran tun würde, einen derartigen Übeltäter nach einem gehörig verborgenen Plätzchen zu nehmen, um ihn abseits aufzuhängen. Solche Stimmen machten sich unter den Echos bemerklich, auf die Lucie bisweilen gedankenvoll, bisweilen belustigt und lachend in ihrer widerhallenden Ecke lauschte, bis ihr Töchterlein sechs Jahre alt war. Wie nahe ihrem Herzen die Widerhalle von den Tritten ihres Kindes, ihres teuren, stets tätigen, geisteskräftigen Vaters und ihres geliebten Gatten gingen, brauchen wir nicht erst zu sagen ebensowenig, wie das leichteste Echo ihres gemeinsamen Haushalts, der unter ihrer weisen, das Zierliche wahrenden Wirtlichkeit sogar reicher erschien als bei einer verschwenderischen Ausstattung, Musik für ihr Ohr war. Besonders süß klangen ihr aber die Widerhalle, die ihr die Worte ihres Vaters zutrugen, daß er sie seit ihrer Verheiratung, wenn es möglich sei, sogar noch liebevoller gegen ihn finde als vorher, oder von ihrem Gatten ihr die Versicherung gaben, er bemerke nicht, daß irgendeine Sorge oder Pflicht ihrer Liebe zu ihm und ihrer treuen Handreichung Abtrag tue, sondern müsse vielmehr fragen, worin doch der geheime Zauber liege, daß sie einander so alles in allem sein können, als wären sie in eins verschmolzen, ohne daß es je den Anschein gewinne, es sei zuviel Geschäft vorhanden oder müsse etwas übereilt werden. Es gab aber auch andere Echos, die während dieser ganzen Zeit aus der Ferne drohend sich vernehmlich machten. Und um die Zeit von Lucies sechstem Geburtstag waren sie allmählich in einen schrecklichen Ton übergegangen, als kämpfe in Frankreich ein mächtiger Sturm mit einer furchtbar hochgehenden See. Gegen die Mitte des Juli, im Jahre Siebzehnhundertneunundachtzig, kam eines Abends Mr. Lorry noch spät von Tellsons her und setzte sich neben Lucie und Charles im Dunkeln an das Fenster. Es war ein drückend schwüler Abend, und alle drei gedachten jenes Sonntagabends, als sie von der nämlichen Stelle aus den Blitzen zugesehen hatten. »Ich glaubte schon«, sagte Mr. Lorry, seine braune Perücke zurückschiebend, »ich werde die Nacht über bei Tellsons bleiben müssen. Wir haben den ganzen Tag so alle Hände voll zu tun gehabt, daß wir nicht wußten, wo wir anfangen und wo wir enden sollten. In Paris ist eine solche Unruhe, daß man uns vor lauter Vertrauen fast niederrennt. Unsere Kunden über dem Wasser drüben scheinen uns ihre Gelder nicht schnell genug zusenden zu können. Es ist eine wahre Manie unter ihnen, ihr Eigentum nach England zu schicken.« »Das sieht schlimm aus«, versetzte Darnay. »Schlimm, sagt Ihr, mein lieber Darnay? Ja, aber wir wissen nicht, ob Grund dafür vorhanden ist. Die Leute sind oft so unvernünftig. Wir bei Tellsons werden zum Teil alt, und man sollte uns nicht ohne genügende Veranlassung aus unserem gewohnten Gange bringen.« »Ihr wißt ja«, sagte Darnay, »wie düster und drohend der Himmel ist.« »Das weiß ich freilich«, pflichtete Mr. Lorry bei, indem er sich zu überreden suchte, daß er wirklich ärgerlich und brummig sei, »aber ich bin einmal entschlossen, nach der Plackerei des langen Tages verdrießlich zu sein. Wo ist Manette?« »Hier«, sagte der Doktor, der eben in das dunkle Zimmer getreten war. »Freut mich, daß ich Euch zu Hause treffe; denn das Gedränge und das Unkengeschrei, von dem ich den ganzen lieben Tag umgeben war, hat mich mehr, als sich der Mühe verlohnt, angegriffen. Ihr wollt doch hoffentlich nicht ausgehen?« »Nein, ich bin bereit, mit Euch ein Brettspiel zu spielen, wenn Ihr wollt«, sagte der Doktor. »Wenn ich aufrichtig sprechen soll, heut ist mir's nicht darum zu tun. Ich bin nicht in der Stimmung, heute abend Euren Gegenpart zu machen. Ist das Teebrett noch da, Lucie? Ich seh' es nicht.« »Natürlich. Man hat auf Euch gewartet.« »Danke, meine Liebe. Ist mein Engelchen schon zu Bett gebracht?« »Schläft schon gesund.« »Recht so; alles gut und wohlbehalten. Gott sei Dank, ich weiß wahrhaftig nicht, warum hier nicht alles gut und wohlbehalten sein sollte. Aber man hat mir den ganzen Tag so zugesetzt, und ich bin nicht mehr so jung, wie ich war. Danke schön. Jetzt kommt und nehmt Euren Platz im Kreise; wir wollen ruhig zusammensitzen und auf die Echos lauschen, über die Ihr Eure eigene Theorie habt.« »Keine Theorie, nur Phantasie.« »Also schön, Phantasie also, mein weises Lämmlein«, sagte Mr. Lorry, ihre Hand streichelnd. »Sie sind sehr zahlreich und sehr laut, nicht wahr? Wir wollen hören.« Ungestüme, tolle und gefährliche Fußtritte, die sich gewaltsam in das Leben anderer drängen Fußtritte, die nicht leicht wieder zu verwischen sind, wenn sie einmal ihre roten Spuren zeigen, toben weit weg in Saint Antoine, während der kleine Kreis zu London im dunkeln Stübchen am Fenster sitzt. Saint Antoine war an jenem Morgen eine unabsehbare schwarze Masse hin und her wogender Vogelscheuchen gewesen, und über den Wellen von Köpfen sah man Stahlklingen und Bajonette in der Sonne blitzen und blinken. Ein furchtbares Getöse brüllte aus der Kehle von Saint Antoine, und ein Wald von nackten Armen in der Luft glich dürren Baumzweigen im Winterwinde: die Finger hielten krampfhaft jede Waffe oder jedes als Waffe brauchbare Gerät umkrallt, das aus der Tiefe unten, gleichviel wie weit weg, sich in die Höhe gearbeitet hatte. Wer sie austeilte, woher sie kamen, wo es den Anfang nahm, durch welche Vermittlung sie schockweise zumal, fast mit Blitzesschnelle über den Häuptern der Menge so wirr zitterten und umherzuckten, darüber konnte der Haufen selbst keine Auskunft geben; aber Musketen waren verteilt worden, Patronentaschen, Pulver, Kugeln, eiserne und hölzerne Stangen, Messer, Äxte, Piken, kurz, was der Scharfsinn der Verzweiflung in eine Wehr umzuwandeln vermochte. Männer, die nichts anderes auftreiben konnten, rissen sich die Hände blutig an den Steinen und Ziegeln, die sie aus den Mauern brachen. Jeder Puls, jedes Herz in Saint Antoine verriet eine fieberhafte Spannung und loderte in wilder Fieberhitze. Jedes lebende Wesen achtete sein Leben gering und war im Wahnsinn der Leidenschaft bereit, es zu opfern. Wie ein Wirbel kochenden Wassers einen Mittelpunkt hat, so umkreiste dieses tobende Gewühl Defarges Weinschenke, und jeder menschliche Tropfen in dem Kessel bekundete das Streben, sich nach der Stelle hintreiben zu lassen, wo Defarge selbst, bereits von Schweiß und Pulver geschwärzt, Befehle ausgab, Waffen verteilte, den einen zurückstieß, den andern vorwärtszog, dort einem die Wehr abnahm, um sie einem andern zu geben, und im wildesten Gewühl des Aufruhrs sich abarbeitete. »Halt dich in meiner Nähe, Jacques Drei«, rief Defarge, »und ihr, Jacques Eins und Zwei, trennt euch und tretet an die Spitze von so vielen dieser Patrioten, wie sich euch anschließen wollen. Wo ist mein Weib?« »Hier bin ich«, entgegnete Madame so ruhig wie immer, obschon sie diesmal nicht strickte. Ihre entschlossene Rechte hatte, statt der gewöhnlichen leichteren Beschäftigung, zu einer Axt gegriffen. Auch trug sie eine Pistole und ein Schlachtmesser im Gürtel. »Wohin willst du, Frau?« »Vorderhand mit dir«, versetzte Madame. »Gelegentlich wirst du mich an der Spitze der Weiber sehen.« »So kommt!« rief Defarge mit dröhnender Stimme. »Patrioten und Freunde, wir sind bereit! Die Bastille!« Mit einem Gebrüll, als habe aller Atem Frankreichs sich in diesem verabscheuten Worte zusammengedrängt, erhob sich die lebende See Woge an Woge und überflutete die Stadt nach dieser Richtung hin. Lärmglocken läuteten, Trommeln wirbelten, die See tobte und donnerte an ihr neues Gestade. Der Angriff begann. Tiefe Gräben, eine doppelte Zugbrücke, dicke Steinmauern, acht feste Türme, Kanonen, Musketen, Feuer und Rauch. Durch Feuer und Rauch, im Feuer und Rauch denn die Masse warf ihn hinauf gegen eine Kanone, und im Nu war er der Kanonier arbeitete Defarge von der Weinschenke zwei heiße Stunden wie ein mannhafter Krieger. Ein tiefer Graben, eine einfache Zugbrücke, dickes Steingemäuer, acht starke Türme, Kanonen, Musketen, Pulver und Rauch. Eine Zugbrücke niedergelassen! »Strengt euch an, ihr Kameraden alle, strengt euch an. Drauf, Jacques Eins, Jacques Zwei, Jacques Eintausend, Jacques Zweitausend, Jacques Fünfundzwanzigtausend; im Namen aller Engel oder aller Teufel, wie ihr wollt, ans Werk!« So rief Defarge von der Weinschenke, noch immer bei seiner Kanone stehend, die längst heiß geworden war. »Mir nach, ihr Weiber!« rief Madame Defarge. »Wie, können wir nicht so gut totschlagen wie die Männer, wenn der Platz genommen ist?« Und ihr nach strömten mit schrillem, durstigem Geschrei Schwärme von Weibern in verschiedener Bewaffnung, von Hunger und Rachsucht getrieben. Kanonen, Musketen, Feuer und Rauch. Aber noch immer der tiefe Graben, die dicken Mauern und die acht festen Türme. Kleine Verschiebungen in dem wogenden Meere, veranlaßt durch das Stürzen der Verwundeten. Blitzende Waffen, hellodernde Fackeln, von nassem Stroh dampfende Lastwagen, unverdrossene Arbeit in allen Richtungen an den benachbarten Barrikaden, Geschrei, Musketensalven, Flüche, Tapferkeit sondergleichen, krachendes grobes Geschütz und Rottenfeuer, und das wütende Brüllen der lebendigen See. Aber noch der tiefe Graben, die einzelne Zugbrücke, das dicke Gemäuer und die acht festen Türme; Defarge von der Weinschenke noch immer an seiner Kanone, und die Kanone doppelt heiß nach einem Dienst von vier heißen Stunden. Eine weiße Fahne aus dem Innern der Festung und Unterhandlung man bemerkte dies nur undeutlich im tobenden Sturme, und von Hören war gar nicht die Rede. Plötzlich hob sich die See unermeßlich weiter und höher und fegte Defarge von der Weinschenke über die niedergelassene Zugbrücke hin, an dem dicken steinernen Außengemäuer vorbei und hinein zwischen die übergebenen acht festen Türme. So unwiderstehlich war die Gewalt des Meeres, das ihn dahin trug, daß er, als kämpfe er mit einer Brandung der Südsee, nicht zu atmen und den Kopf umzuwenden vermochte, bis er im äußeren Hofe der Bastille gelandet war. Hier hielt er sich an eine Mauerecke und versuchte umherzuschauen. Jacques Drei war in seiner Nähe. Madame Defarge, noch immer an der Spitze von einigen Weibern, befand sich, das Messer schwingend, weiter entfernt, gleichfalls im Innern. Überall war Tumult, Jubel, betäubende und tolle Verwirrung, haarsträubender Lärm und wütendes Gebärdenspiel. »Die Gefangenen!« »Die Listen!« »Die geheimen Kerker!« »Die Folterwerkzeuge!« »Die Gefangenen!« Unter all diesen Rufen und zehntausend andern, die man nicht verstand, wurde der, der »die Gefangenen« betraf, vorzugsweise aufgegriffen von der See, die hineinrauschte, als wäre die Menschenmenge so endlos wie Zeit und Raum. Als die vordersten Wogen vorbeirollten, die Gefängnisbeamten mit sich führten und sie mit augenblicklichem Tode bedrohten, wenn sie nicht auch über den verborgensten Winkel Aufschluß gaben, faßte Defarge mit starker Faust einen dieser Männer, einen Graukopf, der eine brennende Fackel in der Hand trug, an der Brust, riß ihn beiseite und brachte ihn zwischen sich und die Mauer. »Zeigt mir den Nordturm!« sagte Defarge. »Rasch!« »Recht gern«, versetzte der Mann, »wenn Ihr mit mir kommen wollt. Aber es ist niemand dort.« »Was hat Einhundertundfünf, Nordturm, zu bedeuten?« fragte Defarge. »Nun, wird's bald?« »Was es zu bedeuten hat, Herr?« »Ist's ein Gefangener, eine Gefängnisnummer, oder will es so viel besagen, daß ich Euch den Schädel einschlagen soll?« »Nieder mit ihm!« krächzte Jacques Drei, der gleichfalls herangekommen war. »Monsieur, es ist eine Zelle.« »Zeigt sie mir.« »So folgt mir.« Jacques Drei mit seiner gewöhnlichen Hungermiene, den es augenscheinlich verdroß, daß das Zwiegespräch nicht, wie es den Anschein gehabt, mit einem Blutvergießen endete, faßte Defarge am Arme, als dieser den Schließer festhielt. Sie hatten während des kurzen Gespräches die Köpfe ganz nahe zusammenstecken müssen, um sich verstehen zu können; so furchtbar war das Getöse des lebenden Meeres bei seinem Eindringen in die Festung und bei seinem Überfluten der Höfe, Gänge und Treppen. Und auch draußen schlug es gegen die Mauern mit heiserem Gebrüll, aus dem hin und wieder tumultuarische Einzelrufe wie weißer Gischt gen Himmel spritzten. Durch finstere Gewölbe, die nie das Licht der Sonne erleuchtet hatte, vorbei an schrecklichen Türen zu dunklen Löchern und Keuchen, ausgetretene Treppenfluchten hinab und wieder aufwärts auf steilen, verwitterten Stein- oder Ziegeltreppen, die man mit trockengelegten Wasserfallbetten vergleichen konnte, eilten die drei aneinander geklammerten Männer, Defarge, der Schließer und Jacques Drei, dahin, so schnell es nur gehen mochte. Hin und wieder, namentlich anfangs, faßte sie die Flut und riß sie mit fort. Als es aber mit dem Abwärtssteigen ein Ende hatte und das Klettern im Turme begann, waren sie allein. Durch die dicken Mauern und Gewölbe vernahmen sie den Sturm, der in und außerhalb der Feste wütete, nur noch wie ein dumpfes Getöse, als seien sie durch den Lärm, aus dem sie kamen, taubhörig geworden. Der Schließer machte vor einer niederen Tür halt, steckte einen Schlüssel in ein klirrendes Schloß, öffnete langsam und sagte, als sie mit gebeugten Köpfen hineingingen: »Hundertundfünf, Nordturm.« Hoch in der Wand befand sich eine kleine, stark vergitterte Fensteröffnung ohne Scheiben und davor ein steinerner Schirm, so daß man den Himmel nur sehen konnte, wenn man sich tief niederduckte und aufwärtsschaute. Ein kleiner, mit schweren Querstangen geschützter Kamin ragte um ein paar Fuß herein. Auf dem Herde sah man ein Häufchen alter, federiger Holzasche. Es war noch ein Schemel, ein Tisch und ein Strohbett vorhanden. In einer der vier geschwärzten Wände steckte ein rostiger eiserner Ring. »Leuchtet mit der Fackel langsam an den Wänden herum, daß ich sie sehen kann«, sagte Defarge zum Schließer. Der Mann gehorchte, und Defarges Augen folgten aufmerksam dem Lichte. »Halt! Schau her, Jacques.« »A.M.«!« krächzte Jacques Drei lesend. »Alexander Manette«, sagte ihm Defarge ins Ohr, während er mit dem vom Pulver geschwärzten und verbrannten Zeigefinger den Buchstaben folgte. »Und hier steht geschrieben: »ein armer Arzt«. Ohne Zweifel war er es auch, der hier in den Stein einen Kalender einkritzelte. Was hast du in der Hand? Ein Hebeisen? Gib es mir!« Er hatte noch den Zündstock seiner Kanone in der Hand; nachdem er diesen rasch gegen das andere Werkzeug ausgewechselt, machte er sich an den wurmstichigen Tisch und Schemel und schlug sie mit ein paar Streichen in Stücke. »Halt das Licht höher!« rief er zornig dem Schließer zu. »Untersuche diese Trümmer sorgfältig, Jacques. Und sieh, da hast du mein Messer«, er warf es ihm hin; »schlitz' das Bett auf und untersuche das Stroh. Höher mit dem Licht, du!« Mit einem drohenden Blick auf den Schließer kletterte er auf den Herd, sah sich im Kamin um, klopfte mit seinem Brecheisen an die Seiten desselben und machte sich dann über das darüber angebrachte eiserne Gitter her. Nach einigen Minuten löste sich stäubend der Mörtel ab, und er wandte sein Gesicht beiseite, um den niederfallenden Stücken auszuweichen. Dann tastete er mit vorsichtiger Hand in den Kamin, in der alten Holzasche und in einem Spalt des Kamins, in dem sein Werkzeug sich verfangen oder den es gerissen hatte, umher. »Nichts in dem Holz und nichts in dem Stroh, Jacques?« »Nichts.« »So wollen wir's mitten in die Zelle auf einen Haufen schaffen. Gut. Jetzt zünd' an, du!« Der Schließer steckte das Holzhäuflein in Brand, das bald hoch und heiß aufloderte. Dann schlüpften sie wieder gebückt durch die niedere Türwölbung, ließen hinter sich brennen und kehrten nach dem Hofe zurück. Auf dem Wege dahin schien sich allmählich ihr Gehör wieder zu schärfen, bis sie sich aufs neue in dem tobenden Wellenspiele befanden. Dort kochte und brandete es, um Defarge zu suchen. Saint Antoine wollte durchaus seinen Weinwirt an der Spitze der Wache über den Gouverneur sehen, der die Bastille verteidigt und auf das Volk geschossen hatte. Es stand sonst zu befürchten, derselbe möchte nicht an das Stadthaus zum Gericht abgeliefert werden, sondern er könnte entkommen und das Blut des Volkes, das nach so vielen Jahren der Mißachtung plötzlich einigen Wert gewann, ungerächt bleiben. In dem heulenden Knäuel von Kampf und Leidenschaft um den verabscheuten Offizier her, der sich durch seinen grauen Rock und die roten Dekorationen auszeichnete, befand sich nur eine einzige feststehende Figur, und zwar die eines Weibes. »Seht, da ist mein Mann!« rief sie, auf ihn hindeutend. »Da ist Defarge!« Sie trat auf den schrecklichen alten Offizier zu und hielt sich beharrlich an seiner Seite, während Defarge und die übrigen ihn durch die Straßen schleppten. Sie wich nicht von ihm, als er in die Nähe seines Bestimmungsortes kam und ein schwerer Regen von Hieben und Stichen gegen ihn losbrach; und sie war ihm, als er endlich tot niedersank, so nah, daß sie, die nun plötzlich Leben zeigte, ihren Fuß auf seinen Nacken setzen und ihm mit dem lange bereit gehaltenen Schlachtmesser den Kopf vom Rumpf trennen konnte. Die Stunde war da, in der Saint Antoine seinen schrecklichen Gedanken, statt der Laternen Menschen emporzuziehen, auszuführen gedachte, um zu zeigen, was er sein und tun konnte. Saint Antoines Blut wallte auf, während da der Tyrannei und des Herrschens mit der eisernen Hand drunten war drunten auf den Stufen des Stadthauses, wo der Leichnam des Gouverneurs lag – drunten an der Schuhsohle der Madame Defarge, als sie auf den Körper trat, um für die Verstümmelung festen Halt zu gewinnen. »Herunter mit der Laterne dort!« rief Saint Antoine, der mit blutgierigen Blicken sich nach neuen Todeswerkzeugen umsah. »Da ist einer von seinen Soldaten; er soll Wache bei ihm halten!« Der Posten ward in die Luft aufgepflanzt, und die See rauschte weiter. Eine See schwarzen, drohenden Wassers, die zerstörend Welle gegen Welle schleuderte, unergründet in ihren Tiefen und unerkannt in ihrer Kraft! Eine erbarmenlose See wild hin und her bewegter Gestalten, rachedürstender Stimmen und in dem Glutofen der Leiden so sehr gehärteter Gesichter, daß der Finger des Mitleids keinen Eindruck mehr auf sie machen konnte! Aber in dem Meer der Gesichter, auf denen Trotz und Wut einen so wild lebendigen Ausdruck gewonnen, gab es zwei Gruppen, je sieben an der Zahl, die so sehr gegen die übrigen abstachen, daß nie eine rollende See denkwürdigere Schiffstrümmer vor sich hergetrieben hatte. Sieben Gesichter von Gefangenen, plötzlich durch den Sturm befreit, der ihre Gräber zerbrochen, wurden über den Häuptern der Menge dahingetragen. Sie waren verschüchtert, verwirrt, erstaunt und verwundert, als sei der Jüngste Tag gekommen und als gehe der gräßliche Jubel um sie her von den Seelen der Verdammten aus. Dann gab es noch sieben andere Gesichter sie wurden noch höher getragen und waren die Gesichter von Toten, deren gesenkte Lider und halb sichtbare Augen des Jüngsten Tages harrten. Unbewegliche Gesichter, aber doch mit einem Ausdrucke von Spannung darauf, der sich nicht vernichten ließ; Gesichter gewissermaßen in einer schrecklichen Ruhe, als wollten sie bald die gesenkten Augen wieder erheben und mit blutlosen Lippen Zeugnis ablegen: »Das hast du getan!« Sieben befreite Gefangene, sieben blutige Köpfe auf Piken, die Schlüssel zu dem fluchbeladenen Fort mit seinen acht festen Türmen, einige aufgefundene Papiere und andere Denkwürdigkeiten von Gefangenen aus alter Zeit, denen die Herzen längst im Tode gebrochen waren dies und Ähnliches mischte sich in den lauten Widerhall der Fußtritte, als Saint Antoine in der Mitte des Juli Eintausendsiebenhundertneunundachtzig durch die Straßen von Paris zog. O Himmel, zerstreue Lucies Phantasien und halte diese Fußtritte fern von ihrem Leben! Denn sie sind ungestüm, toll und gefährlich und lassen sich so lange nach der Zeit, da das Faß vor der Tür von Defarges Weinschenke barst, nicht leicht wieder säubern, wenn sie einmal rot geworden sind. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Immer höhere See. Der ausgehungerte Saint Antoine hatte erst eine Jubelwoche durchgemacht, in der er seinen Bissen hartes bitteres Brot, so gut er konnte, mit dem Hochgenuß brüderlicher Umarmungen und Glückwünsche würzte, als Madame Defarge wieder wie gewöhnlich am Zahltisch vor ihren Kunden thronte. Sie trug keine Rose in ihrem Kopfputz, denn die große Brüderschaft der Spione war schon in dieser einen kurzen Woche so verschüchtert worden, daß sie es nicht wagte, sich der Gnade des Heiligen anzuvertrauen. Die Laternen in der Straße hatten einen gar zu bedeutsamen, elastischen Schwung. Madame Defarge saß mit verschlungenen Armen in der heißen Morgensonne und betrachtete die Weinstube und die Straße. Da wie dort lungerten einige Gruppen schmutziger, erbärmlich aussehender Müßiggänger, jetzt augenscheinlich im Bewußtsein einer Gewalt, die sie ihrem Elend verdankten. Die zerlumpteste Nachtmütze, die der ungewaschenste Kopf schräg aufsitzen hatte, schien zu sagen: »Ich weiß, wie schwer es mir, dem Bedecker dieses, geworden ist, das Leben in mir zu erhalten: aber weißt du, wie es mir, dem Bedecker dieses, jetzt ein so Leichtes ist, das Leben in dir zu vernichten?« Jeder magere nackte Arm, der vorher ohne Arbeit war, hatte jetzt hinreichend Beschäftigung, wenn er nur zuschlagen wollte. Die Finger der strickenden Weiber waren boshaft lüstern geworden, seit sie wußten, daß sie zerreißen konnten. Saint Antoine sah anders als früher; das Bild, an dem seit Jahrhunderten gehämmert worden war, hatte durch die beendigenden Schläge der letzten Zeit mächtig an Ausdruck gewonnen. Madame Defarge stand beobachtend da, und in ihren Zügen las man unterdrückten Beifall, wie sich dies von der Führerin der Weiber von Saint Antoine erwarten ließ. Eine aus ihrer Schar saß ihr strickend zur Seite. Diese, das kleine, gedrungene Weib eines verhungerten Krämers und Mutter von zwei Kindern, hatte sich als ihr Leutnant bereits den Ehrennamen »die Rache« erworben. »Hör'!« sagte die Rache. »Was ist das? Wer kommt?« Als ob eine von der äußersten Grenze des Saint-Antoine-Viertelbis zur Tür des Weinhauses gelegte Zündschnur plötzlich angezündet worden sei, wälzte sich ein rasch weiter greifendes Murmeln heran. »Es ist Defarge«, sagte Madame. »Stille, Patriotinnen!« Defarge kam, die rote Mütze in der Hand, atemlos heran und sah sich um. »Aufgemerkt überall da!« sagte Madame. »Hört ihn!« Defarge blieb keuchend im Vordergrunde der gierigen Augen und der weit offenen Mäuler stehen, die sich vor der Tür draußen gesammelt hatten, während sie in der Weinstube aufgesprungen waren. »Rede, Mann. Was gibt es?« »Neuigkeiten aus der andern Welt.« »Wie das?« versetzte Madame verächtlich. »Aus der andern Welt?« »Erinnert sich jemand hier des alten Foulon, der dem verhungerten Volke zurief, es solle Gras fressen der da starb und zur Hölle fuhr?« »Jeder!« antwortete es aus allen Kehlen. »Die Neuigkeiten betreffen ihn. Er ist unter uns.« »Unter uns?« klang wieder der allgemeine Ruf: »Tot?« »Nicht tot. Er fürchtete uns so sehr und zwar mit Recht , daß er sich für tot ausgeben und zum Schein ein großartiges Leichenbegängnis halten ließ. Aber man hat ihn auf dem Land draußen versteckt lebend aufgefunden und hierher gebracht. Ich bin Zeuge gewesen, wie man ihn eben gefangen auf dem Stadthause ablieferte, und sagte ihm, daß er uns nicht ohne Grund fürchtete. Sprecht ihr alle hatte er nicht Ursache dazu?« Wenn es der unglückselige, mehr als siebzigjährige alte Sünder nie zuvor gewußt hätte, so würde ihn der auf diese Frage antwortende gemeinsame Ruf aufs gründlichste belehrt haben. Dann folgte ein Augenblick tiefer Stille. Defarge und sein Weib sahen einander scharf an. Die Rache beugte sich nieder, und es erscholl der wilde Ton einer hinter dem Zahltische stehenden Trommel, die sie anschlug. »Patrioten!« rief Defarge mit entschiedener Stimme, »sind wir bereit?« Im Nu hatte Madame Defarge ihr Messer in dem Gürtel. Die Trommel scholl durch die Straßen, als seien sie und der Trommler herbeigezaubert worden: die Rache rannte unter furchtbarem Gezeter, die Arme wie vierzig Furien zumal über dem Haupte zusammenschlagend, von Haus zu Haus, um die Weiber aufzubieten. Die Männer waren schrecklich, wie sie in ihrem blutgierigen Zorn zu den Fenstern herausschauten, nach der nächsten besten Waffe griffen und in die Straßen herausstürzten: aber die Weiber boten einen Anblick, der dem Kühnsten das Blut erstarren machen konnte. Von den Geschäften ihrer armen und kahlen Haushaltung, von ihren Kindern und von ihren Alten und Kranken hinweg, die nackt und verhungert auf dem Boden lagen, stürmten sie mit aufgelösten Haaren hinaus und erregten sich gegenseitig durch die wildesten Rufe und Handlungen bis zum Wahnsinn. »Der Schurke Foulon ist gefangen, Schwester! Der alte Foulon gefangen, Mutter! Der elende Foulon gefangen, Tochter!« Dann stürzte ein Dutzend anderer in ihre Mitte, die sich die Brust zerschlugen, das Haar zerrauften und in den Ruf ausbrachen: »Foulon noch am Leben! Foulon, der den verhungerten armen Leuten sagte, sie sollen Gras fressen! Foulon, der meinen armen Vater Gras fressen hieß, als ich ihm kein Brot zu geben hatte! Foulon, der meinem Kinde Gras zu saugen empfahl, als diese Brüste versiegt waren vor Mangel! O Mutter Gottes, dieser Foulon! O Himmel, unsere Leiden! Höre mich, mein totes Kind und mein vor Elend verkommener Vater ich schwöre es auf meinen Knien, auf diesen Steinen, dich zu rächen an Foulon! Männer, Brüder, Jünglinge, wir verlangen das Blut, den Kopf Foulons! Gebt uns das Herz Foulons gebt uns Foulon mit Leib und Seele! Reißt Foulon in Stücke und verscharrt ihn, daß Gras wachse aus seinem Leibe!« Unter solchem Geschrei rannten die Weiber wie toll umher und schlugen auf ihre eigenen Freunde los, bis sie im Übermaß ihrer Leidenschaft ohnmächtig zusammenbrachen und nur die zu ihnen gehörigen Männer sie retten konnten, daß sie nicht unter den Füßen zerstampft wurden. Gleichwohl ging kein Augenblick verloren; kein Augenblick! Dieser Foulon befand sich auf dem Stadthause und konnte wieder befreit werden. Nie, solange Saint Antoine seiner Leiden und des erfahrenen Unrechts eingedenk war! Bewaffnete Männer und Weiber strömten so schnell aus dem Viertel hinaus und zogen selbst die letzten Reste mit solcher Anziehungskraft nach, daß in einer Viertelstunde außer einigen alten Weibern und winselnden Kindern kein menschliches Wesen mehr in Saint Antoine zu finden war. Nein. Sie hatten inzwischen den Gerichtssaal, in dem sich der häßliche, boshafte alte Mann befand, gefüllt, und was nicht hineinging, hielt den anstoßenden freien Platz und die benachbarten Straßen besetzt. Die Defarge, Mann und Frau, die Rache und Jacques Drei standen im Gedränge vornan und in nicht großer Entfernung von dem Gehaßten. »Seht!« rief Madame, mit ihrem Messer nach ihm hinweisend. »Seht den alten Schurken mit Stricken gebunden. Es war gut, daß man ihm ein Bund Heu auf den Rücken schnürte. Ha, ha! Sehr gut. Er soll es jetzt fressen!« Madame steckte ihr Messer unter den Arm und klatschte mit den Händen wie im Schauspiel. Die hinter Madame Defarge Stehenden erklärten den weiter rückwärts Befindlichen die Ursache dieser Beifallsäußerung, und so ging die Erklärung von Mund zu Mund, bis weit hinaus in die Straßen, wo jetzt bis an den Saum der Menschenmassen hinaus ein wütendes Klatschen erscholl. So vergingen schleppende zwei oder drei Stunden, und Madame Defarges häufige ungeduldige Kundgebungen über das Zeugengedresche wurden mit wunderbarer Schnelligkeit in die Ferne fortgepflanzt um so schneller, als einige im Klettern wohlgeübte Männer nach den Fenstern hinaufgestiegen waren und, da sie Madame gut kannten, von hier aus zwischen ihr und dem Volke draußen Telegraphendienst leisteten. Endlich stand die Sonne so hoch, daß ein freundlicher Strahl von ihr unmittelbar das Haupt des alten Gefangenen traf, als wolle sie ihn schirmen oder ihm Hoffnung einflößen. Dies war unerträglich mit anzusehen. Im Nu ging die Schranke wie von Sägmehl und Spreu, die überraschend lange bestanden hatte, in die Winde, und er befand sich in den Händen von Saint Antoine. Es war schnell bekannt bis ans äußerste Ende der Volksmenge. Defarge hatte über ein Geländer und einen Tisch weggesetzt und den unglücklichen Elenden mit tödlicher Umarmung umschlungen. Madame Defarge, die ihm nachfolgte, machte sich alsbald mit einem der Stricke, die ihn gefesselt hielten, zu schaffen. Die Rache und Jacques Drei hatten sich ihnen noch nicht angeschlossen, und die Männer in den Fenstern waren noch nicht wie Raubvögel auf ihre Beute in die Halle hinuntergestoßen, als schon von der ganzen Stadt her der Ruf zu erschallen schien: »Bringt ihn heraus! Heraus mit ihm an die Laterne!« Mit dem Kopfe voran, hinab und hinauf über die Treppen des Gebäudes: jetzt auf den Knien, jetzt auf den Beinen und jetzt auf dem Rücken; geschleppt, gezerrt und von Heu- und Strohwischen fast erstickt, die Hunderte von Händen ihm ins Gesicht stießen; zerrissen, zerbeult, blutend und doch ohne Unterlaß flehentlich um Gnade bittend, jetzt in der vollen Beweglichkeit der Todesangst, wenn ein kleiner Raum um ihn her dadurch gebildet wurde, daß die Hinteren die Vorderen zurückzogen, um ihn besser sehen zu können, jetzt wie ein Scheit Holz durch einen Wald von Beinen gezogen so brachte man ihn bis zu der nächsten Straßenecke, wo eine der verhängnisvollen Laternen stand. Madame Defarge ließ ihn los wie etwa die Katze eine Maus und betrachtete ihn still und ruhig, während die anderen sich bereit machten und er sie anflehte. Dabei schrien die Weiber ohne Unterlaß, und die Männer meinten allen Ernstes, man solle ihm so lange Gras in den Mund stopfen, bis er tot sei. Auf einmal ging es mit ihm in die Höhe. Der Strick riß, und sie fingen den Schreienden wieder auf. Zum zweitenmal wieder hinauf; abermals riß der Strick, und der Mann ward aufgefangen. Beim drittenmal war der Strick barmherzig und hielt. Bald nachher ragte sein Kopf auf einer Pike und hatte Gras genug im Munde, um ganz Saint Antoine zu jubelnden Tänzen zu veranlassen. Doch das schlimme Werk des Tages war noch nicht zu Ende, Das Blut von Saint Antoine hatte sich bei dem Schreien und Tanzen so erhitzt, daß es wieder wild aufkochte, als abends sich die Kunde verbreitete, der Schwiegersohn des Hingeschlachteten, gleichfalls einer von den Feinden und Verächtern des Volkes, komme mit einer Bedeckung nach Paris, unter der sich nur von Kavallerie fünfhundert Mann befänden, Saint Antoine schrieb seine Verbrechen mit flammender Schrift nieder, bemächtigte sich seiner würde ihn aus dem Herzen einer Armee herausgerissen haben, die sich dazu hergab, einen Foulon zu beschützen steckte seinen Kopf und sein Herz auf Spieße und trug die drei Siegeszeichen des Tages in einer Wolfsprozession durch die Straßen. Erst bei dunkler Nacht kamen die Männer und Weiber zu den brotlosen weinenden Kindern zurück. Nun wurden die ärmlichen Bäckerläden belagert, und sie warteten geduldig, bis die Reihe des Brotkaufens an sie kam. Während sie mit schwachem und leerem Magen harrten, vertrieben sie sich die Zeit damit, daß sie einander umarmten und die Triumphe des Tages in ihrem Geplauder nochmals genossen. Allmählich wurden die Reihen des zerlumpten Volkes kleiner. Ärmliche Lichter begännen in den hohen Fenstern sich zu zeigen, und in den Straßen wurden dürftige Feuer angemacht, an denen die Nachbarn gemeinschaftlich das Nachtessen kochten, das sie in den Häusern verzehrten. Ein elendes ungenügendes Nachtessen, bei dem von Fleisch oder von einer Soße für ihr grobes Brot keine Rede war. Doch goß geselliges Beisammensein einigen Nährstoff in steinharte Speisen und wußte denselben einige Funken Heiterkeit zu entlocken. Väter und Mütter, die unter den Schlimmsten des Tages gewesen waren, spielten sanft mit ihren abgezehrten Kindern, und Liebende liebten und hofften trotz einer Welt wie die vor ihnen und um sie her. Es war fast Morgen, als Defarges Weinschenke ihre letzten Kunden entließ, und Monsieur Defarge sagte, als er die Tür schloß, in heiserem Ton zu Madame: »Endlich ist es gekommen, meine Liebe.« »Nun ja«, entgegnete Madame. »Nahezu.« Saint Antoine schlief, die Defarge schliefen, und sogar die Rache schlief mit ihrem verhungerten Krämer, und die Trommel hatte Ruhe. Die Stimme der Trommel war die einzige in Saint Antoine, die durch Blut und Schrecken nicht verändert worden war. Die Rache als Hüterin der Trommel konnte sie wecken, und sie klang dann wieder wie zu der Zeit, ehe die Bastille fiel oder der alte Foulon ergriffen wurde; nicht so war es mit den heiseren Tönen der Männer und Weiber im Schoß von Saint Antoine. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Feuer hoch! Es war anders geworden in dem Dorf, wo der Brunnen plätscherte und wo der Wegknecht täglich ausging, um aus den Steinen der Landstraße die Bissen Brot zu klopfen, die ihm als Flicken dienen mußten, um seine arme unwissende Seele und seinen armen ausgemergelten Leib zusammenzuhalten. Das Gefängnis auf dem Felsen war nicht mehr so dominierend wie früher: es hatte zwar noch eine Wache von Soldaten, aber nur eine kleine. Auch waren Offiziere vorhanden, um die Soldaten zu bewachen: aber keiner von ihnen wußte, was seine Leute tun würden als etwa dies, daß es wahrscheinlich das Gegenteil von ihren Befehlen sein dürfte. Weit und breit hin lag ein zugrunde gerichtetes Land, auf dem man nichts sah als Verödung. Jedes grüne Laub, jeder Gras- oder Getreidehalm nahm sich so dürftig und mager aus wie die unglückliche Bevölkerung. Alles war gebeugt, niedergeschlagen, gedrückt und gebrochen. Wohnungen, Zäune, Haustiere, Männer, Weiber, Kinder und der Boden, der sie trug alles verkommen. Monseigneur (oft als Individuum eine höchst würdige Person) war ein Nationalsegen, gab den Dingen einen chevaleresken Ton, ging mit dem Beispiel eines üppigen, prunkvollen Lebens voran und zeichnete sich überhaupt durch Handlungen in diesem Sinne aus. Dennoch hatte Monseigneur als Klasse, wie's nun einmal kommen sollte, die Sachen so weit gebracht. Seltsam, daß die ausdrücklich für Monseigneur bestimmte Schöpfung so bald ausgedrückt und dürr war. Es mußte wahrhaftig eine große Kurzsichtigkeit den ewigen Anordnungen zugrunde liegen. Aber es war einmal so, und nachdem den Steinen der letzte Blutstropfen entlockt und die letzte Schraube der Maschine so ausgenützt war, daß sie in ewigem Umgang sich drehte, ohne etwas fassen zu können, begann Monseigneur fortzulaufen vor einer so gemeinen und unerklärlichen Erscheinung. Aber das war nicht die Veränderung im Dorfe und in so vielen Dörfern, die wir meinen. Menschenalter um Menschenalter hatte es zwar Monseigneur gequetscht und ausgerungen und selten anders mit der Ehre seiner Gegenwart begnadigt als wegen des Jagdvergnügens, indem er bald Menschen, bald Tiere jagte, die zu hegen Monseigneur erbauliche Räume von barbarischer und unfruchtbarer Wildnis anlegte. Aber dies war's nicht. Der Wechsel bestand nicht so sehr in dem Verschwinden der hohen Kaste, der gemeißelten und anderweitig beglückten und beglückenden Züge von Monseigneur, sondern vielmehr in dem Auftreten fremder, einer niedrigen Kaste angehörender Gesichter. Denn als um jene Zeit der Wegknecht einsam im Straßenstaub arbeitete, ohne sich mit der Betrachtung zu bemühen, daß auch er selbst Staub war und wieder Staub werden würde; denn er mußte meist viel zu sehr daran denken, wie wenig er zu essen hatte und wieviel mehr er essen könnte, wenn er es hätte ich sage, als er um jene Zeit die Augen von seiner einsamen Arbeit aufschlug und sich die Aussicht betrachtete, sah er zu Fuß eine rauhe Gestalt einherkommen, dergleichen sonst eine Seltenheit, neuerdings aber eine häufige Erscheinung war in jener Gegend. Beim Näherkommen konnte der Wegknecht in dem Fremden einen langen zottelhaarigen Mann von fast barbarischem Aussehen unterscheiden, dessen rauhe, schwarze, von dem Kot und Staub vieler Straßen borkig und der sumpfigen Nässe vieler Moorgründe feucht gewordene Holzschuhe mit den sie besprenkelnden Dornen, Blättern und Moosen von vielen Waldwegen selbst dem Wegknecht als sehr plump erschienen. Solch ein Mann kam um Mittag im Juli wie ein Gespenst auf ihn zu, während er auf einem seiner Steinhaufen saß und unter einer Erderhöhung sich möglichst gegen den niederschauernden Hagel zu schützen suchte. Der Mann betrachtete ihn und sah dann nach dem Dorf im Tal, nach der Mühle und nach dem Gefängnis auf dem Felsen. Nachdem er über diese Gegenstände seine geistige Dunkelheit aufgeklärt hatte, sagte er in einem mit knapper Not verständlichen Dialekt: »Wie geht es, Jacques?« »Alles recht, Jacques.« »Die Hand darauf!« Sie leichten sich die Hände, und der Mann setzte sich neben den Wegknecht auf den Steinhaufen. »Nichts zum Mittagessen?« »Nein, nur etwas für die Nacht«, versetzte der Wegknecht mit hungrigem Gesicht. »Das ist jetzt Mode«, brummte der Mann. »Ich treffe nirgends auf ein Mittagessen.« Er nahm eine schwarzgerauchte Pfeife heraus, stopfte sie, zündete sie mit Stahl und Stein an und sog daran, bis sie in heller Glut stand. Dann hielt er sie plötzlich in ewiger Entfernung von sich und ließ etwas, das er zwischen Finger und Daumen hielt, hineinfallen, so daß es hell aufloderte und ein qualmender Rauch in die Höhe stieg. »Die Hand darauf!« Diesmal war es an dem Wegknecht, nach Beobachtung der gedachten Operationen das Losungswort zu sagen. Sie reichten sich wechselseitig wieder die Hand. »Heute nacht?« fragte der Wegknecht. »Heute nacht«, antwortete der Mann und steckte seine Pfeife in den Mund. »Wo?« »Hier.« Die beiden blieben, während der Hagel wie ein zwergenhafter Bajonettangriff gegen sie losschlug, auf dem Steinhaufen sitzen und sahen einander an, bis der Himmel sich über dem Dorfe aufzuhellen begann. »Zeig' mir!« sagte dann der Fremde, nach der Höhe des Hügels hinansteigend. »Sieh!« entgegnete der Wegknecht mit ausgestrecktem Finger, »Du gehst hier hinab, geradewegs über die Straße hinüber und an dem Brunnen vorbei « »Zum Henker mit alledem«, unterbrach ihn der andere und ließ seine Augen über die Landschaft hinrollen. »Ich brauche deine Straßen und Brunnen nicht. Nun?« »Ja. Ungefähr zwei Stunden jenseits des Berggipfels über dem Dorf.« »Gut. Wann hörst du auf zu arbeiten?« »Um Sonnenuntergang.« »Du kannst mich wecken, ehe du aufbrichst. Ich bin zwei Nächte durch gewandert, ohne aufzuhalten. Laß mich meine Pfeife ausrauchen, dann werde ich schlafen wie ein Kind, Willst du mich wecken?« »Ja.« Der Wanderer rauchte seine Pfeife zu Ende, steckte sie dann in seine Brusttasche, streifte seine Holzschuhe ab und legte sich rücklings auf den Steinhaufen. Der Schlaf übermannte ihn schnell. Während der Wegknecht in seiner staubigen Arbeit fortfuhr und die sich verziehenden Hagelwolken helle Streifen am Himmel erscheinen ließen, denen die Schlaglichter der Landschaft entsprachen, schien der kleine Mann, der jetzt eine rote Mütze trug statt einer blauen, ganz bezaubert zu sein von der Gestalt auf dem Steinhaufen. Seine Augen wandten sich ihm so oft zu, daß er sein Werkzeug nur mechanisch und, wie man sagen könnte, ziemlich erfolglos in Bewegung setzte. Das braune Gesicht, das zottelige Haar, der lange rauhe Bart, die grobe, rote Wollmütze, der gemischte Anzug von Hauslinnen und haarigen Tierhäuten, der kräftige, aber von Nahrungsmangel hagere Körper und der finstere, verzweifelte Schluß der Lippen im Schlafe flößten dem Wegknecht Furcht ein. Die Füße des weithergereisten Fremden waren wund, seine Knöchel aufgerieben und blutend: denn seine großen mit Laub und Gras ausgestopften Schuhe hatten ihm zu schaffen gemacht während der Wanderung von so vielen langen Stunden, und die Löcher in seinen Kleidern entsprachen den Schürfungen seiner Haut. Der Wegknecht bückte sich neben ihm nieder, um zu sehen, ob er in seiner Brust oder sonstwo nicht eine Waffe verborgen habe, aber vergeblich. Denn der Mann hatte seine Arme über der Brust ebenso fest verschlungen, wie seine Lippen zusammengepreßt waren. Feste Städte mit ihren Staketen, Wachhäusern, Gräben, Toren und Zugbrücken schienen dem Wegknecht nichts zu sein dieser Gestalt gegenüber. Und wenn er von ihr seine Augen zu dem Horizont erhob und umherschaute, so vergegenwärtigte ihm seine spärliche Phantasie ähnliche Gestalten, die unaufhaltsam über ganz Frankreich nach Mittelpunkten hinstrebten. Der Mann schlief, gleichgültig gegen Hagelschauer und blauen Himmel, gegen Sonnenschein in seinem Gesicht und Schatten, gegen das Rasseln der Eiskörner auf seinem Leib und die Diamanten, in die die Sonne sie verwandelte, bis es Abend war und der westliche Himmel sich in Glutfarben tauchte. Jetzt raffte der Wegknecht sein Gerät zusammen, um sich nach dem Dorfe zu begeben, und weckte ihn. »Gut«, sagte der Schläfer, sich auf seinen Ellbogen stützend. »Zwei Stunden jenseits des Berggipfels?« »Ungefähr.« »Ungefähr. Gut.« Der Staub wehte, je nachdem der Wind ging, vor dem Wegknecht her, als er nach Hause zurückkehrte. Er hatte bald den Brunnen erreicht, drückte sich zwischen den mageren Kühen hindurch, die man zur Tränke hergeführt, und schien, während er dem ganzen Dorf zuflüsterte, auch sie mit zu meinen. Nachdem das Dorf sein dürftiges Nachtessen eingenommen hatte, kroch es nicht wie sonst zu Bette, sondern kam wieder zu den Türen heraus und blieb auf der Straße. Das Flüstern war merkwürdig ansteckend, und als das Dorf sich in der Dunkelheit um den Brunnen sammelte, machte sich eine weitere wunderliche Ansteckung bemerklich, sofern es erwartungsvoll nur in einer einzigen Dichtung nach dem Himmel aufschaute. Monsieur Gabelle, die bedeutendste Person im Orte, wurde unruhig; er stieg nach dem Giebel seines Hauses hinauf und schaute gleichfalls in diese Richtung. Dann blickte er hinter seinen Schornsteinen hervor nach den immer undeutlicher werdenden Gesichtern um den Brunnen und ließ dem Küster, der die Kirchenschlüssel bewahrte, sagen, daß er vielleicht die Sturmglocke zu läuten haben werde. Die Nacht wurde immer dunkler. Die Bäume um das Schloß her, die in ihrem einsamen Prunk beiseite standen, bewegten sich in dem Winde, als drohten sie der schwarzen, schweren Gebäudemasse im Finstern. Der Regen schlug wild gegen die zwei Fluchten der Treppenterrasse und klopfte an das große Tor wie ein Eilbote, der die drinnen wecken will; Windstöße sausten durch die Halle, heulten unter den alten Speeren und Messern, jagten wehklagend die Stiegen hinan und rüttelten die Vorhänge des Bettes, wo der letzte Marquis geschlafen hatte. Von Ost, West, Nord und Süden her zertraten durch die Wälder die schweren Schuhe von vier ungekämmten Gestalten das hohe Gras und die dürren Zweige, bis sie sich vorsichtig in dem Hofe zusammengefunden. Dann sah man vier Lichter sich entzünden und nach verschiedenen Richtungen fortbewegen. Es war alles wieder dunkel. Aber nicht auf lange. Plötzlich begann das Schloß sich von eigenem Licht seltsam zu erhellen, als ob es hinausleuchten wolle in die Landschaft. Dann spielte ein flackernder Streifen hinter der Vorderseite des Gebäudes, suchte sich durchscheinende Stellen auf und zeigte, wo sich die Geländer, die Bogen und die Fenster befanden. Er wurde höher, breiter und glänzender. Bald schlugen zu einem Dutzend der großen Fenster Flammen heraus, und die geweckten steinernen Gesichter glotzten großäugig durch da« Feuer. Im Hause entstand einiger Lärm von den wenigen Leuten im Innern. Ein Pferd wurde gesattelt, und ein Reiter sprengte von hinnen. Das war ein Spornen und Klatschen durch die Dunkelheit, und der Zügel wurde erst angezogen auf dem Platze vor dem Brunnen, als das Roß schäumend vor Monsieur Gabelles Tür stand. »Zu Hilfe, Gabelle! Zu Hilf' ihr alle!« Die Sturmglocke läutete ungestüm. Aber dies war die einzige Hilfe, wenn man sie so nennen konnte. Der Wegknecht und zweihundertundfünfzig seiner besonderen Freunde standen mit verschlungenen Armen um den Brunnen her und schauten nach der Feuersäule am Himmel auf. »Sie muß vierzig Fuß hoch sein«, sagten sie grimmig; aber niemand rührte sich von der Stelle. Der Reiter vom Schloß klapperte mit dem schäumenden Pferd durch das Dorf und galoppierte die Felsensteige zu dem Gefängnis hinan. Vor dem Tor sah eine Gruppe von Offizieren und in einiger Entfernung von ihnen ein Soldatenhaufen nach dem Feuer hin. »Hilfe, ihr Herrn Offiziere! Das Schloß brennt: wertvolle Gegenstände können noch den Flammen entrissen werden, wenn man etwas dagegen tut. Hilfe! Hilfe!« Die Offiziere blickten nach den Soldaten hin, die dem Feuer zuschauten, gaben aber keinen Befehl, sondern bissen sich auf die Lippen und antworteten achselzuckend: »Man muß es brennen lassen.« Als der Reiter wieder den Berg hinunter und die Straße entlang galoppierte, war das Dorf beleuchtet. Der Wegknecht und die zweihundertundfünfzig besonderen Freunde waren wie ein Mann von dem Gedanken einer Illumination inspiriert, in die Häuser gestürzt und hatten hinter jede trübe Glasscheibe ein Licht gestellt. Die Armut an allem gab Anlaß, daß man in etwas trotziger Weise Lichter bei Monsieur Gabelle borgte; denn als dieser Würdenträger zögerte und keine Lust zeigte, warf der Wegknecht, sonst so unterwürfig gegen diese Obrigkeit, die Bemerkung hin, daß Kutschen prächtige Freudenfeuer geben und Postpferde, wenn man sie brate, gut zu essen seien. Das Schloß blieb den Flammen preisgegeben und durfte fortbrennen. Die tobende Lohe, angefacht von einem glühend heißen, der Hölle selbst entströmenden Wind, schien das Gebäude wegzublasen. In dem Steigen und Fallen der Flamme nahmen sich die Steingesichter wie gequälte Teufel aus. Als eine große Stein- und Holzmasse zusammenfiel, wurde das Gesicht mit den zwei Grübchen in der Nase verdunkelt; bald aber kämpfte es sich wieder aus dem Rauch empor, als sei es das des grausamen Marquis, der auf dem Scheiterhaufen mit dem Feuer kämpfte. Das Schloß brennend; die nächsten Bäume, die vom Feuer gefaßt wurden, welk und versengt; fernere Bäume, von den vier wilden Gestalten angezündet, die glostenden Trümmer mit einem neuen Wald von Rauch umgebend. Geschmolzenes Blei und Eisen kochte in dem Marmorbecken der Fontäne; das Wasser war versiegt; die Türme mit den Löschhorndächern verschwanden wie Eis vor der Hitze und träufelten in vier zackige Glutbrunnen nieder. Große Spalten liefen sich verzweigend und gleichsam Kristallkörper bildend durch das massive Gemäuer: Vögel schwirrten betäubt umher und fielen in den Schornstein; vier wilde Gestalten schritten auf den von Nacht umhüllten Straßen nach Ost, West, Nord und Süden, von dem durch sie geschaffenen Leuchtturm geleitet, ihrem nächsten Bestimmungsort zu. Das beleuchtete Dorf hatte sich unter Beseitigung des ordnungsmäßigen Läuters der Sturmglocke bemächtigt und ließ sie ein Freudengeläut anstimmen. Nicht nur dies, sondern das von Hunger, Feuer und Glockengeläute schwindlige Dorf erinnerte sich auch, daß Monsieur Gabelle bei Einsammlung der Renten, Steuern und so weiter beteiligt gewesen war in der letzten Zeit waren die Steuern allerdings nur spärlich und die Renten gar nicht geflossen und wollte jetzt ein Wörtchen mit ihm sprechen. Sein Haus wurde umringt und er zu einer persönlichen Konferenz aufgeboten. Mr. Gabelle aber verriegelte seine Tür und zog sich zurück, um mit sich selbst zu Rate zu gehen. Infolge dieser Beratung stieg er wieder nach dem Dachgiebel hinauf hinter seine Schornsteine, diesmal entschlossen, wenn seine Tür eingeschlagen würde (er war ein kleiner Südländer von rachsüchtigem Temperament), sich köpflings über das Dach hinunterzustürzen und so unten einen oder zwei Mann zu zermalmen. Wahrscheinlich wurde dem Monsieur Gabelte die Nacht recht lang da droben, wo ihm das ferne Schloß als brennende Kerze und das Schlagen an seine Tür samt dem Freudengeläute als Musik diente; des Umstandes gar nicht zu gedenken, daß vor dem Posthaustor das Seil einer unheilverkündenden Laterne, die das Dorf zu seinen Gunsten herunterzunehmen große Lust verriet, über die Straße hinüberlief. Eine peinliche Spannung, eine ganze Nacht an dem Rande des schwarzen Ozeans zubringen zu müssen, der bereit war, Monsieur Gabelle aufzunehmen, wenn er sein Vorhaben zur Ausführung brachte. Doch endlich erschien das freundliche Zwielicht: die Binsenlichter des Dorfes troffen ab, das Volk zerstreute sich, und Monsieur Gabelle kam diesmal mit dem Leben davon und wieder herunter. Auf vierzig Stunden hin und in dem Licht von anderen Feuern gab es Beamte, die in jener Nacht und in mancher anderen lange nicht so glücklich waren, sondern bei aufgehender Sonne gefunden wurden, wie sie über den einst so friedlichen Straßen hingen, in denen sie geboren und erzogen worden waren. Auch Dorf- und Stadtbewohner gab es, denen es nicht so gut ging wie dem Wegknecht und seinen Kameraden: denn Beamte und Soldaten machten gelegentlich gleichfalls erfolgreiche Angriffe und knüpften ihrerseits auf. Aber wie dem sein mochte, die wilden Gestalten wandten sich stetig nach Ost, West, Nord und Süd: und wo einer ging, brach Feuer aus. Kein Beamter, auch der beste Mathematiker nicht, wäre imstande gewesen, die Höhe des Galgens zu berechnen, der solches Unwesen zunichte machen und dem Brande hätte steuern können. Vierundzwanzigstes Kapitel. Hin nach dem Magnetfelsen. Unter einem solchen Wogen von Aufruhr- und Brandwellen – die feste Erde schulterte unter dem Anschlagen eines zürnenden Ozeans, der jetzt zum Schrecken und Staunen der Zuschauer am Lande keine Ebbe mehr, sondern nur noch eine immer höher und höher steigende Flut zeigte waren drei Jahre des Sturmes entschwunden. Drei weitere Geburtstage der kleinen Lucie hatte der goldene Faden in dem friedlichen Gewebe ihres Heimatlebens angemerkt. Manchen Tag und manche Nacht hatten die Bewohner der stillen Ecke mit zagem Herzen auf die Widerhalle der sich drängenden Füße gelauscht. Denn die Tritte erschienen ihrem Geist wie die von Leuten, die, unter der roten Fahne tumultuierend und das Vaterland in Gefahr erklärend, durch einen lang anhaltenden Zauber in wilde Bestien umgewandelt worden waren. Monseigneur als Klasse hatte sich der Vorstellung, daß er nicht gehörig gewürdigt werde, entschlagen und einsehen gelernt, man bedürfe in Frankreich seiner so wenig, daß er selbst unter beträchtlicher Gefahr aus dem Lande und dem Leben darin fortzukommen suchte. Man erinnert sich dabei an den Bauern in der Fabel, der sich unsägliche Mühe gab, den Teufel heraufzubeschwören, durch seinen Anblick aber so erschreckt wurde, daß er keine Frage an ihn richten konnte, sondern augenblicklich Reißaus nahm. So hatte Monseigneur dreist viele, viele Jahre das Vaterunser rückwärts gebetet und hundert andere mächtige Zaubermittel angewendet, um den bösen Geist zum Erscheinen zu zwingen, denselben aber kaum erschaut, als er schon voll edlen Entsetzens Fersengeld gab. Die gleißende Welle des Hofes war fort, da sie sonst die Zielscheibe eines Orkans von nationalen Kugeln geworden wäre. Ihr Stolz, ihre sardanapalische Üppigkeit und ihre Maulwurfsblindheit hatten lange die Gemüter empört: dies geschah jetzt nicht mehr. Der ganze von seinem innersten exklusiven Ring bis zu seinem äußersten Saum in Ränken, Bestechlichkeit und Heuchelei verfaulte Hof war fort und auch die Königswürde dahin; man hatte sie den neuesten Nachrichten zufolge in ihrem Palaste belagert und suspendiert. Der August des Jahres Tausendsiebenhundertzweiundneunzig war gekommen und inzwischen Monseigneur weit und breit hin zerstreut. In London galt natürlich Tellsons Bank als Hauptquartier und Hauptsammelplatz für Monseigneur. Man meinte, Geister spuken gern an Plätzen, wo ihre Leiber sich viel umgetrieben, und Monseigneur ohne eine Guinee spukte an dem Ort, wo sonst seine Guineen lagen. Außerdem konnte man hier am frühesten auf zuverlässige Nachrichten aus Frankreich zählen. Ferner: Tellson war ein prächtiges Haus und ungemein liberal gegen heruntergekommene alte Kunden. Dann konnten bedrängte Standesgenossen hier stets über jene Adligen Auskunft erhalten, die beizeiten den Sturm kommen sahen und in der Vorahnung von Raub und Konfiskationen ihre Guthaben an Tellsons Bank adressiert hatten. Dem ist noch beizufügen, daß als eine Sache, die sich fast von selbst verstand, jeder neue Ankömmling aus Frankreich sich und seine Nachrichten bei Tellsons meldete. Aus diesen verschiedenen Gründen war Tellson in Beziehung auf die französischen Angelegenheiten eine Art hohe Börse und dem Volk in dieser Eigenschaft so wohl bekannt, daß man bisweilen, um der zahlreichen Erkundigungen willen, die neuesten Berichte gedrängt niederschrieb und zum Besten aller, die durch Temple Bar kamen, in den Bankfenstern aufsteckte. An einem dunstigen nebligen Nachmittag saß Mr. Lorry an seinem Pult, und Charles Darnay, der gegen dasselbe anlehnte, plauderte leise mit ihm. Der Pönitentialraum, der vordem den Besprechungen mit dem Hause hatte dienen müssen, war jetzt die Neuigkeitenbörse und zum Überströmen angefüllt, da in einer halben Stunde oder so geschlossen werden sollte. »Aber obgleich Ihr noch jung seid wie nur einer«, sagte Charles Darnay mit einigem Stocken, »so muß ich Euch doch darauf aufmerksam machen « »Ich verstehe. Daß ich zu alt sei?« versetzte Mr. Lorry. »Schlechtes Wetter, eine weite Reise, unsichere Reisegelegenheiten, ein gesetzloses Land und eine Stadt, die vielleicht nicht einmal Euch ungefährdet läßt.« »Mein lieber Charles«, sagte Mr. Lorry mit heiterer Zuversichtlichkeit, »Ihr berührt da einige von den Gründen, die für mein Gehen, nicht für mein Bleiben sprechen. Ich reise sicher genug; niemand wird sich um einen alten Burschen in den Achtzigern kümmern, wo es so viele Leute gibt, mit denen es sich eher der Mühe des Anbindens lohnt. Und wenn man es nicht mit einer gesetzlosen Stadt zu tun hätte, so brauchte man nicht jemanden aus unserem hiesigen Hause, der von alters her die Stadt und den Geschäftsgang kennt und in Tellsons Vertrauen steht, nach unserem dortigen zu senden. Was dann die Länge und Unsicherheit der Reise und das rauhe Wetter betrifft, wer soll sich denn solchen Unbequemlichkeiten unterziehen, wenn nicht ich um Tellsons willen es tue, denen ich so viele Jahre gedient habe?« »Ich wollte, ich könnte selbst auch gehen«, sagte Charles Darnay etwas unruhig und wie in lauten Gedanken. »Wirklich? Ihr seid mir der Rechte, der da Einwendungen erheben und Rat erteilen kann!« rief Mr. Lorry. »Möchtet selbst hingehen? Und Ihr, ein geborener Franzose? Ihr seid ein weiser Ratgeber.« »Mein lieber Mr. Lorry, eben weil ich ein geborener Franzose bin, ist mir dieser Gedanke, den ich übrigens hier nicht laut werden zu lassen beabsichtigte, schon oft in den Sinn gekommen. Wenn man fühlt für dieses unglückliche Volk und ihm etwas gelassen hat (er sprach wieder in der früheren gedankenvollen Weise), so kann man sich der Vorstellung nicht erwehren, daß man vielleicht Gehör finden und so viel Macht gewinnen dürfte, es zu überreden, daß es sich mehr mäßige. Erst gestern abend, nachdem Ihr uns verlassen hattet, sprach ich mit Lucie « »So, Ihr spracht mit ihr?« wiederholte Mr. Lorry. »Ja. Ich wundere mich, daß Ihr Euch nicht schämt, Lucies Namen zu nennen! Möchte in einer solchen Zeit nach Frankreich gehen!« »Aber ich gehe ja nicht«, sagte Charles Darnay lächelnd. »Es ist sachgemäßer, daß Ihr sagt, Ihr wollet es tun.« »Allerdings. Die Sache verhält sich nämlich so, mein lieber Charles« Mr. Lorry blickte nach dem fernen Hause hin und dämpfte seine Stimme: »Ihr habt gar keine Vorstellung, wie schwer uns gegenwärtig das Geschäft gemacht wird, und wie sehr dort drüben unsere Bücher und Papiere gefährdet sind. Der Himmel weiß, welche unglückseligen Folgen für viele daraus erwüchsen, wenn einige von unseren Dokumenten weggenommen oder zerstört würden; und Ihr begreift wohl, daß dies jeden Tag geschehen kann: denn wer vermag zu sagen, ob nicht Paris heute in Brand gesteckt oder morgen geplündert wird? Es muß daher so schnell wie möglich eine sorgfältige Auswahl getroffen werden, und niemand wird dies so hurtig besorgen und die Papiere vergraben oder sonst in Sicherheit bringen können als ich. Soll ich Bedenklichkeiten erheben, wenn Tellson dies weiß und es mir sagt Tellson, dessen Brot ich seit sechzig Jahren gegessen habe , weil meine Gelenke ein bißchen steif geworden sind? Ha, gegen ein halbes Dutzend von den alten Burschen hier bin ich noch ein Knabe, Sir.« »Wie bewundere ich die Rüstigkeit Eures jugendlichen Geistes, Mr. Lorry.« »Pst, Unsinn, Sir! Und, mein lieber Charles«, sagte Mr. Lorry, wieder nach dem Hause hinsehend, »Ihr müßt bedenken, daß es an die Unmöglichkeit grenzt, Dinge, welcher Art sie auch sein mögen, jetzt aus Paris fortzubringen. Im strengsten Vertrauen (denn es ist nicht geschäftsmäßig, es sogar Euch zuzuraunen) will ich Euch mitteilen, daß täglich Papiere und Geld durch die seltsamsten Vermittler, die Ihr Euch nur denken könnt, zu uns hergebracht werden, durch Leute, deren Leben beim Überschreiten der Barrieren an einem Faden hing. Zu anderen Zeiten gingen unsere Pakete so ungehindert ab und zu wie in dem geschäftsmäßigen alten England: aber jetzt wird alles angehalten.« »Und Ihr wollt wirklich heute abend aufbrechen?« »Ja, heute abend. Die Sache ist zu dringlich geworden, als daß eine längere Zögerung zulässig wäre.« »Ihr nehmt niemand mit Euch?« »Man hat mir alle Arten von Leuten vorgeschlagen: aber ich möchte keinen davon darum angehen, sondern gedenke nur den Jerry mitzunehmen. Er ist schon geraume Zeit an Sonntagabenden meine Leibwache gewesen, und ich bin an ihn gewöhnt. Niemand wird in Jerry etwas anderes vermuten als einen englischen Bullenbeißer, der für nichts einen Sinn hat als für die Waden anderer Leute, wenn sie seinem Herrn etwas anhaben wollten.« »Ich muß wiederholen, daß mich Eure Rüstigkeit und Euer Jugendmut in Erstaunen setzen.« »Und ich sage wieder: Unsinn, Unsinn! Wenn ich diesen kleinen Auftrag erfüllt habe, nehme ich vielleicht Tellsons Vorschlag an, mich in den Ruhestand zu begeben und meiner Muße zu leben. Dann ist's Zeit genug, ans Altwerden zu denken.« Dieses Zwiegespräch hatte an Mr. Lorrys gewöhnlichem Pulte stattgefunden, während Monseigneur sich einen oder zwei Schritte davon umhertrieb und großsprecherisch erklärte, wie er in Bälde an dem schurkischen Volk Rache nehmen wolle. Es lag zu sehr in der Art von Monseigneur in seiner Verbannung und Not, auch zu sehr in der Art der eingeborenen britischen Orthodoxie, jene schreckliche Revolution im Lichte der einzigen Ernte unter dem Himmel zu beurteilen, der keine entsprechende Saat vorausging als ob nie durch Tat oder Unterlassung dafür vorgearbeitet worden sei und die Beobachter der unglücklichen Millionen in Frankreich, die wußten, wie kläglich die Hilfsquellen, die letzteren zustatten kommen sollten, mißbraucht und vergeudet worden waren, nicht schon seit Jahren vorausgesehen und in dürren Worten prophezeit hätten, was notwendig kommen mußte. Solches windige Wesen in Verbindung mit den überspannten Anschlägen Monseigneurs, den Zustand von Dingen wiederherzustellen, die sich völlig überlebt hatten, konnte ein Mann von gesundem Urteil, der von dem wahren Sachverhalte unterrichtet war, kaum mit anhören und dazu schweigen. Auch schwirrten diese Prahlereien Charles Darnay so verwirrend um die Ohren und trieben ihm das Blut dermaßen zu Kopfe, daß die geheime Unruhe seines Innern noch erhöht und nachhaltiger gemacht wurde. Unter den Schwätzern befand sich auch Stryver von dem Kingsbench, der auf dem Wege der Beförderung zum Staatsdienst schon weit vorangeschritten war. Er ließ sich besonders laut über den Gegenstand vernehmen, indem er Monseigneur anspornte in seinen Plänen, das Volk in die Luft zu sprengen, vom Angesicht der Erde zu vertilgen und sich ohne dieses Pack zu behelfen, und erteilte dabei Ratschläge, ziemlich demjenigen ähnlich, der zu Ausrottung der Sperlinge empfiehlt, ihnen Salz auf die Schwänze zu streuen. Seine Ergießungen erschienen Darnay besonders widerlich; und der junge Mann war unschlüssig mit sich, ob er, um nicht weiter zu hören, fortgehen oder bleiben und ein Wörtchen darein reden sollte, als ein Umstand eintrat, der bei seiner Wahl den Ausschlag gab. Das Haus näherte sich Mr. Lorry und schob ihm einen beschmutzten, unerbrochenen Brief zu mit der Frage, ob er von der Person, die in der Adresse bezeichnet war, noch keine Spuren aufgefunden habe. Dies geschah in einer Weise, daß Darnay die Überschrift lesen konnte, und seine Aufmerksamkeit wurde um so lebhafter gefesselt, als die Adresse auf seinen eigenen wahren Namen lautete. Sie war englisch geschrieben und als »sehr dringlich« bezeichnet, »An den weiland Marquis St. Evrémonde aus Frankreich, zur Besorgung empfohlen den Herren Tellson und Kompanie, Bankiers in London, England.« Am Hochzeitmorgen hatte Doktor Manette an Charles Darnay das einzige dringende und ausdrückliche Ersuchen gestellt, daß das Geheimnis seines wahren Namens streng bewahrt bleiben solle, wenn nicht er, der Doktor, seinen Schwiegersohn dieser Verpflichtung enthebe. Niemand wußte daher, wie er eigentlich hieß: seine eigene Gattin hatte keine Ahnung davon, und noch viel weniger konnte Mr. Lorry es wissen. »Nein«, erwiderte Mr. Lorry auf die Frage des Hauses: »ich habe, glaub' ich, bei allen, die hier sind, Umfrage gehalten: aber niemand konnte mir sagen, wo dieser Gentleman zu finden ist.« Da der Minutenzeiger der Uhr sich dem Augenblick des Bankschlusses näherte, so strömten jetzt allgemein die Leute ab und zu ein, und die Schwatzenden fegten an dem Pulte des Mr. Lorry vorbei. Letzerer hielt den Brief fragend in die Höhe, und Monseigneur in der Person dieses oder jenes ränkeschmiedenden entrüsteten Flüchtlings betrachtete sich ihn, hatte aber dies, jenes und weiß Gott was sonst noch, kurz, in französischer oder englischer Sprache stets etwas Herabwürdigendes über den Marquis zu bemerken, der nicht aufzufinden war. »Neffe, glaube ich, aber jedenfalls ein sehr entarteter Nachfolger des seinen Marquis, der ermordet wurde«, sagte der eine. »Gottlob, ich hab' ihn nie gekannt.« »Ein Hundsfott, der vor Jahren von seinem Posten wich«, erklärte ein anderer, der in einen Heubündel gepackt, mit den Füßen nach oben und halb erstickt, aus Paris entkommen war. »Von den neuen Lehren angesteckt«, bemerkte ein dritter, die Adresse lorgnettierend: »machte Opposition gegen den verstorbenen Marquis, verließ sein Familienerbe und gab es dem spitzbübischen Haufen preis. Man wird's ihm jetzt hoffentlich lohnen, wie er's verdient.« »Wie?« blökte Stryver. »Hat er wirklich dies getan und ist er ein Kerl von solchem Schlag? Wie heißt der ehrlose Bursche? Zum Henker mit dem Menschen!« Darnay, der sich nicht länger halten konnte, berührte Mr. Stryver an der Schulter und sagte: »Ich kenne den Menschen.« »Wirklich? Ha, beim Jupiter, das tut mir leid«, versetzte Stryver. »Warum?« »Warum, Mr. Darnay? Hört Ihr nicht, was er getan hat? Wer wird auch so fragen in solchen Zeiten!« »Dennoch frage ich.« »Dann will ich Euch wiederholt sagen, Mr. Darnay, daß es mir leid tut. Ich bedaure, aus Eurem Munde solche außerordentliche Fragen vernehmen zu müssen. Wir haben da einen Kerl, der, angesteckt von dem pestilenzialischsten und gotteslästerlichsten Gesetz, das je der Teufel ersann, sein Familiengut dem schändlichsten Abschaum der Erde preisgab, der je im großen mordete, und Ihr fragt mich, warum ich bedaure, daß ein Mann ihn kennt, der die Jugend unterrichtet? Gut! Ihr sollt meine Antwort haben. Es tut mir leid, weil ich glaube, daß der Umgang mit einem solchen Wicht ansteckend ist. Da habt Ihr das Warum.« Eingedenk des Geheimnisses hielt Darnay mit Mühe an sich und erwiderte: »Möglich, daß Ihr den Gentleman nicht versteht.« »Jedenfalls verstehe ich Euch in die Enge zu treiben, Mr. Darnay«, sagte Stryver trotzig, »und das soll geschehen. Wie dieser Kerl ein Gentleman sein soll, begreife, wer da will. Ihr könnt ihm dies mit meinem Respekt vermelden und ihm zugleich von mir aus sagen, es wundere mich nur, daß er nicht an der Spitze des mordbrennerischen Pöbels steht, nachdem er ihm seine zeitlichen Güter und seine Stellung überlassen hat. Doch nein, meine Herren«, fügte Stryver bei, indem er in die Runde umherschaute und mit den Fingern schnippte, »ich verstehe mich auf die Menschennatur und sage euch, ihr werdet nie bei einem Kerl von seinem Schlag finden, daß er sich der Gnade solcher kostbaren Schützlinge anvertraut. Nein, meine Herren, ihr dürft darauf zählen, daß er ihnen gleich im Anfang des Kampfes ein sauberes Paar Fersen zeigte und sich dann davonschlich.« Mit diesen Worten und einem schließlichen Fingerschnalzen schulterte sich Mr. Stryver unter dem allgemeinen Beifall seiner Zuhörer in die Fleetstraße hinaus. Nach dem allgemeinen Aufbruch der Bank blieben bloß noch Mr. Lorry und Charles Darnay an dem Pult zurück. »Wollt Ihr den Brief besorgen?« sagte Mr. Lorry. »Ihr werdet wissen, wo man ihn abliefern muß.« »Ja.« »Wollt Ihr den Adressaten auch wissen lassen, daß wir vermuten, er sei in der Voraussetzung hierher gesandt worden, daß wir vielleicht die Besorgung vermitteln können, und habe schon einige Zeit hier gelegen?« »Soll geschehen. Tretet Ihr von hier aus die Reise nach Paris an?« »Von hier aus, um acht Uhr.« »Ich komme wieder her, um Euch Adieu zu sagen.« Sehr unruhig in seinem Innern und aufgebracht gegen Stryver und so viele andere, zog sich Darnay in die Stille des Temple zurück, erbrach den Brief und las. Der Inhalt lautete, wie folgt: Abteigefängnis, Paris, den 21. Juni 1792. »Weiland Herr Marquis! Nachdem ich lange Zeit unter der Bevölkerung des Dorfes in Lebensgefahr geschwebt habe, bin ich gewaltsam und in höchst unwürdiger Weise zu Fuß den weiten Weg nach Paris transportiert worden. Auf dem Marsche hatte ich viel zu leiden. Aber dies ist nicht alles. Mein Haus wurde zerstört und von dem Erdboden vertilgt. Das Verbrechen, um dessetwillen ich im Gefängnis sitze, vor Gericht gestellt werden soll und ohne Eure großmütige Hilfe, weiland Herr Marquis, der Todesstrafe entgegensehe, wird als Verrat an der Majestät des Volkes bezeichnet, gegen die ich mich durch mein Handeln für einen Emigranten versündigt haben soll. Vergeblich verteidigte ich mich damit, daß ich Euren Befehlen gemäß für das Volk und nicht gegen dasselbe handelte. Vergeblich stellte ich vor, daß ich schon vor Sequestration des Emigranteneigentums die rückständigen Abgaben erlassen, keine Grundrente erhoben und nach keiner Seite hin einen Prozeß angefangen habe. Die stetige Erwiderung lautet, ich habe für einen Emigranten gehandelt, und man wollte wissen, wo dieser Emigrant sei. Ach, gnädigster weiland Herr Marquis, wo ist dieser Emigrant? Ich rufe in meinem Schlafe nach ihm und flehe zum Himmel, daß er komme und mich befreie. Keine Antwort. Ach, weiland Herr Marquis, ich sende meinen trostlosen Schrei über das Meer in der Hoffnung, er könnte durch die große, auch in Paris bekannte Bank von Tellson Euch zu Ohren kommen. Um Gottes, um der Gerechtigkeit, um der Ehre Eures edlen Namens willen flehe ich Euch an, großmütigster weiland Herr Marquis, mir beizuspringen und mich zu erlösen. Mein Verbrechen ist, daß ich Euch treu war. Oh, weiland Herr Marquis, handelt Ihr nun auch treu an mir. Von meinem schrecklichen Gefängnis aus, das mich in jeder Stunde mehr und mehr aufreibt, versichere ich Euch, weiland Herr Marquis, meiner schmerzvollen, unglücklichen Dienstbeflissenheit Dero tiefbetrübter Gabelle .« Die geheime Unruhe in Darnays Innern wurde durch diesen Brief recht kräftig wachgerüttelt. Die Gefahr eines alten Dieners und wackeren Mannes, dessen einziges Verbrechen die Treue gegen ihn und seine Familie war, wurde ihm zu einer so vorwurfsvollen Mahnung, daß er, während er in Betrachtungen über die tunlichen Schritte in dem Temple auf und ab ging, vor den Vorüberwandelnden fast sein Gesicht verhüllte. Er wußte sehr wohl, daß er in seinem Abscheu vor der Tat, durch die den Verbrechen und dem schlechten Ruf der alten Familie die Krone aufgesetzt wurde, unter dem hämischen Argwohn seines Onkels und in dem Widerwillen, den sein Gewissen gegen das morsche Gebäude hegte, dem er zur Stütze hätte dienen sollen, nur mit Halbheit gehandelt hatte. Durch seine Liebe für Lurie war der Verzicht auf seine gesellschaftliche Stellung, obschon er sich oft schon mit ähnlichen Gedanken getragen hatte, mit einer übereilten Hast und nur unvollständig geschehen. Die Sache hätte wohl geprüft und systematisch ausgeführt werden sollen: und obschon dies eigentlich in seiner Absicht gelegen, so war er doch nie dazu gekommen. Das Glück seiner neugewählten englischen Heimat, die Notwendigkeit eines eifrigen Geschäftsbetriebs, der Umschwung und die Wirren der Zeit, die so rasch aufeinander folgten, daß die Ereignisse der nächsten Woche die unreifen Pläne der letzten wieder vernichteten und einen ganz neuen Zustand ins Leben riefen dies waren die Momente, deren Gewalt er gewichen war, allerdings nicht ohne Unruhe, aber doch ohne einen nachhaltigen und kräftigen Widerstand. Daß die Zeitläufte, während er zusah, um einen passenden Augenblick zum Handeln zu finden, wieder und wieder umschlugen, bis dieser Augenblick vorüber war, der Adel auf allen Land- und Nebenstraßen scharenweise Frankreich verließ, seine Güter der Beschlagnahme und Zerstörung anheimfielen und seine Namen aus der Liste des Volkes gestrichen wurden, war ihm so gut bekannt wie der nächsten besten Behörde in Frankreich, die ihn vielleicht für sein Säumen verantwortlich machte. Doch er hatte sich nie als Bedrücker erwiesen, nie einen Menschen seiner Freiheit beraubt und, statt die ihm gebührenden Zahlungen mit Härte einzutreiben, lieber freiwillig sein Eigentum verlassen, sich der Ungunst der Welt anheimgegeben und darin ein Plätzchen errungen, das ihm das tägliche Brot abwarf. Monsieur Gabelle, der laut schriftlicher Vollmacht die verarmten und mit Schulden belasteten Güter verwaltete, war der gemessene Befehl hinterlassen worden, die Leute zu schonen und ihnen das bißchen zu geben, was noch übrigblieb das Holz, das den harten Gläubigern für den Winter, die Felderzeugnisse, die denselben gierigen Klauen während des Sommers abzuringen waren; und ohne Zweifel hatte er, um der eigenen Sicherheit willen, diesen Umstand gehörig ins Licht gestellt, so daß er jetzt kein Geheimnis mehr sein konnte. Dies ermutigte Charles Darnay in seinem verzweifelten Gedanken, selbst nach Paris zu gehen. Ja. Die Winde und Strömungen hatten ihn wie den Matrosen des alten Märchens in den Bereich des Magnetfelsens gebracht, der ihn anzog, und er mußte folgen. Alles, was in seinem Innern auftauchte, trieb ihn schneller und schneller, stetiger und stetiger nach dein schrecklichen Ziel hin. Seine geheime Unruhe hatte dem Umstand gegolten, daß in seinem unglücklichen Vaterland durch schlechte Werkzeuge schlechten Zwecken nachgestrebt werde, und er machte sich Vorwürfe, daß er, der besser war als sie, sich nicht dort befand und seine Kräfte aufbot, um dem Blutvergießen Einhalt zu tun und der Gnade und ^Menschlichkeit das Wort zu reden. In dieser Unruhe wurde er auf eine beschämende Weise bestärkt durch die Vergleichung seines Benehmens mit dem des wackeren alten Lorry, dem sein Pflichtgefühl keine Ruhe ließ: und unmittelbar darauf folgten die Hohnreden von Monseigneur, deren Stachel tief in seine Seele drang, und die rohen Bemerkungen Stryvers, der sich aus alten Gründen zu einer geringschätzigen Behandlung für berechtigt hielt; dann noch Gabelles Brief der Appell eines unschuldigen, mit dem Tode bedrohten Gefangenen an seine Gerechtigkeit, seine Ehre und seinen guten Namen. Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte nach Paris. Ja. Der Magnetfelsen machte seinen Einfluß geltend; er mußte auf ihn zusegeln, bis er auf dem Strand saß. Allerdings dachte er nicht an eine Klippe und kaum an eine Gefahr. Die Absicht seines früheren Handelns, obschon es nur ein halbes gewesen, erschien ihm in einem Licht, daß sie von Frankreich dankbar anerkannt werden mußte, wenn er dort erschien und sie auseinandersetzte. Dann tauchten Gesichte von wohltätigem Wirken, die Fata Morgana so vieler sanguinischer edler Gemüter, vor ihm auf, und er sah in sich schon den Mann, der Einfluß gewann, um die tobende Revolution zu leiten, die einen so fürchterlich schnellen Gang nahm. Während er unter solchen Gedanken auf und ab ging, erschien es auch als zweckmäßig, daß weder Lucie noch ihr Vater von seinen, Entschluß etwas erfahre, bis er fort war. Lucien wurde dadurch der Schmerz der Trennung erspart, und ihr Vater, der nie an den gefährlichen früheren Boden zurückdenken mochte, erfuhr dann von dem Schritt als von etwas Geschehenem und war somit des Schwebens zwischen Ungewißheit und Zweifel enthoben. Wieviel von der Halbheit seiner Lage eben auf Rechnung des alten Doktors kam, weil er in dessen Geiste keine schmerzlichen Erinnerungen an Frankreich wachrufen wollte, mochte er nicht weiter in Betracht ziehen, obschon auch dieser Umstand Einfluß auf sein Verhalten geübt hatte. So ging er gedankenvoll hin und her, bis es Zeit war, zu Tellsons zurückzukehren und sich von Mr. Lorry zu verabschieden. Sobald er in Paris anlangte, wollte er diesen alten Freund wieder aufsuchen, vorläufig aber auch gegen ihn von seinem Vorhaben schweigen. Vor der Tür des Bankhauses stand ein Wagen mit Postpferden bereit und Jerry gestiefelt und in Reisekleidung daneben. »Ich habe jenen Brief abgeliefert«, sagte Charles Darnay zu Mr. Lorry. »Ich wollte nicht darauf eingehen, daß Euch eine schriftliche Antwort mitgegeben werde; aber vielleicht richtet Ihr eine mündliche aus?« »Recht gerne, wenn es nicht gefährlich ist«, antwortete Mr. Lorry. »Durchaus nicht, obschon sie einem Gefangenen in dem Abteigefängnis gilt.« »Wie heißt er?« fragte Mr. Lorry, das Taschenbuch öffnend, das er in der Hand hielt. »Gabelle.« »Gabelle. Und was soll ich diesem unglücklichen Gabelle im Gefängnis sagen?« »Einfach, er habe den Brief erhalten und werde kommen.« »Keine Zeit genannt?« »Er will morgen abend die Reise antreten.« »Kein Name?« »Nein.« Er half Mr. Lorry sich in einige Röcke und Mäntel hüllen und trat mit ihm aus der warmen Atmosphäre der alten Bank in die neblige Luft der Fleetstraße hinaus, »Meine Grüße an Lucie und die kleine Lucie«, sagte Mr. Lorry beim Abschiede, »und nehmt mir sie fein in acht, bis ich wieder zurückkomme.« Charles Darnay schüttelte zweifelnd den Kopf und lächelte, als der Wagen dahinrollte. Selbige Nacht – es war die des vierzehnten August – saß er noch spät an seinem Pult und schrieb zwei glühende Briefe. In dem einen setzte er Lucien auseinander, welche heilige Pflicht ihn nach Paris rufe, und welche guten Gründe er habe, bei dem Unternehmen keine Gefährdung seiner Person zu fürchten. Dem Doktor dagegen empfahl er Weib und Kind zu liebevoller Fürsorge, indem er ihm zugleich in Bezug auf sich dieselben tröstlichen Versicherungen gab, man werde sich aus den Briefen, die er unmittelbar nach seiner Ankunft in Paris schreiben wolle, von der Richtigkeit seiner Voraussetzungen überzeugen. Es war ein schwerer Tag für ihn, der erste Tag, an dem er unter ihnen weilte mit einem Geheimnis auf seiner Seele, und es wurde ihm schwer, den ahnungslosen Wesen gegenüber die wohlmeinende Täuschung durchzuführen. Doch ein liebevoller Blick auf seine Gattin, die so glücklich und emsig war, kräftigte seinen Entschluß, ihr zu verschweigen, was ihr bevorstand. Er war in allen seinen Handlungen so sehr an ihre ruhige Beihilfe gewöhnt, daß er es kaum verwinden konnte, derselben jetzt entbehren zu sollen. So entschwand der Tag rasch. Früh am Abend umarmte er sie und sein ihm nicht minder teures Töchterlein, schützte eine Bestellung vor, von der er bald wieder zurückkommen werde, nahm heimlich seinen mit Kleidern gefüllten Reisesack unter den Mantel und trat in den schweren Straßennebel mit noch schwererem Herzen hinaus. Die unsichtbare Gewalt hatte ihn schon in ihrem Bereich, und Flut und Winde wirkten zusammen, um ihn rasch und schnurstracks nach dem Ausgangspunkt hinzutreiben. Er übergab seine beiden Briefe einem zuverlässigen Portier mit der Weisung, sie eine halbe Stunde vor Mitternacht, nicht früher, abzuliefern, nahm ein Pferd nach Dover und trat seine Reise an. »Um Gottes, um der Gerechtigkeit, um der Ehre Eures edlen Namens willen!« lautete der Ruf des armen Gefangenen. Mit ihm ermunterte er sein ganzes Herz, ließ alles hinter sich, was ihm auf Erden teuer war, und schwamm auf den Magnetfelsen zu. Drittes Buch. Der Lauf eines Gewitters.   Erstes Kapitel. Ins Geheimnis. Es ging langsam vorwärts, wenn man im Herbst des Jahres Siebzehnhundertzweiundneunzig von England nach Paris wollte. Mehr als genug schlechter Wege, schlechter Fuhrwerke und schlechter Pferde würden dem Reisenden die Ausführung seines Vorhabens erschwert haben, selbst wenn der unglückliche gestürzte König von Frankreich noch auf seinem Thron gesessen hätte. Aber die veränderlichen Zeiten hatten noch andere Hindernisse gebracht als diese. Um jedes Stadttor, um jedes Dorfsteuerhaus lungerten mit ihren stets zum Losgehen bereiten Nationalmusketen Banden patriotischer Bürger, die jeden Ab- und Zugehenden anhielten, ihn verhörten, seine Papiere untersuchten, nach seinem Namen in ihren Listen fahndeten, ihn wieder zurückschickten, laufen ließen, oder sogar anhielten und festnahmen, je nachdem es ihrem launenhaften Urteil am zweckmäßigsten zu sein schien für das Wohl der einen und unteilbaren Republik mit ihrem Motto: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod. Charles Darnay hatte noch nicht viele Wegstunden auf französischem Boden zurückgelegt, als er zu bemerken begann, daß er auf diesen Landstraßen nicht wieder zurückkehren zu können hoffen durfte, ehe er in Paris für einen guten Bürger erklärt war. Was auch jetzt kommen mochte, er mußte seine Reise zu Ende bringen. Jedes elende Städtchen, das seine Tore hinter ihm schloß, jeder Schlagbaum, der unterwegs hinter ihm zuklappte, war, wie er bald merkte, ein weiteres eisernes Tor in der Reihe derjenigen, die ihn von England absperrten. Die allgemeine Wachsamkeit umgab ihn auf eine Weise, daß er den Verlust seiner Freiheit nicht gründlicher hätte fühlen können, wenn er seinem Bestimmungsort in einem Netz oder in einem Käfig zugesandt worden wäre. Diese allgemeine Wachsamkeit gebot ihm auf der Landstraße nicht nur zwanzigmal zwischen je zwei Stationen Halt, sondern hinderte auch zwanzigmal des Tags am Vorwärtskommen, indem man ihm nachritt und ihn zurückholte, ihm vorausritt, um ihn anhalten zu können, oder neben ihm herritt, um ihn zu bewachen. Er hatte schon viele Tagereisen in Frankreich allein zurückgelegt, als er eines Abends, noch fern von Paris, in einem Städtchen an der Straße erschöpft sich zur Ruhe begab. Er wäre nie soweit gekommen, wenn er nicht den Brief des bedrängten Gabelle aus dem Abteigefängnis hätte vorzeigen können. An dem Wachhaus dieses kleinen Platzes waren ihm so viel Schwierigkeiten bereitet worden, daß er fühlte, seine Reise sei zu einer Krisis gelangt. Es nahm ihn deshalb auch nicht wunder, als man ihn mitten in der Nacht in dem Wirtshäuschen weckte, nach welchem man ihn bis zum Morgen hatte ziehen lassen. Die Wecker waren ein furchtsamer Ortsvorstand und drei bewaffnete, mit groben roten Mützen bedeckte Patrioten, die sich, die Pfeifen im Mund, auf sein Bett niedersetzten. »Emigrant«, sagte der Ortsvorstand, »ich werde Euch unter Bedeckung nach Paris schicken.« »Bürger, ich wünsche nichts sehnlicher, als nach Paris zu kommen, obschon ich die Bedeckung entbehren kann.« »Stille!« brummte eine Notkappe, mit dem Musketenschaft auf die Decke klopfend, »'s Maul gehalten, Aristokrat.« »Es ist, wie dieser gute Patriot sagt«, bemerkte der furchtsame Ortsvorstand. »Ihr seid ein Aristokrat und müßt eine Bedeckung haben natürlich auf Eure Kosten.« »Ich habe keine Wahl«, sagte Charles Darnay. »Wahl? Da höre man!« rief dieselbe brummige Rotkappe. »Als ob's keine Gunst sei, wenn man ihn vor dem Laternenpfahl beschützt.« »Es ist ganz so, wie der gute Patriot sagt«, bemerkte der Ortsvorstand. »Drum steht auf und kleidet Euch an, Emigrant.« Darnay gehorchte und wurde nach dem Wachhause zurückgebracht, wo andere Patrioten in groben roten Mützen bei dem Wachfeuer rauchten, tranken und schliefen. Er mußte daselbst eine ansehnliche Summe für die Bedeckung erlegen und trat auf den nassen, nassen Wegen um drei Uhr morgens die Weiterreise an. Die Bedeckung bestand aus zwei berittenen Patrioten mit roten Mützen und dreifarbigen Kokarden; sie waren mit Nationalmusketen und Säbeln bewaffnet und ritten rechts und links neben dem Reisenden her. Dieser lenkte sein Pferd selbst: aber an seinem Zaum war ein Strick befestigt, dessen anderes Ende einer der Patrioten sich um den Leib geschlungen hatte. So stampften sie, während der scharfe Regen ihnen ins Gesicht schlug, in schwerem Dragonertrab über das unebene Stadtpflaster und auf den grundlosen Straßen weiter. Und so legten sie ohne andern Wechsel als den der Pferde und der Geschwindigkeit alle die schlammigen Wegstunden zurück, die zwischen ihnen und der Hauptstadt lagen. Sie reisten in der Nacht, machten eine Stunde oder zwei nach Tagesanbruch halt und blieben ruhig liegen, bis die Dämmerung einbrach. Die Bedeckungsmannschaft war so erbärmlich gekleidet, daß sie Stroh um ihre nackten Füße und ihre zerlumpten Schultern gewickelt hatte, um die Nässe abzuhalten. Abgesehen von der persönlichen Unbequemlichkeit einer solchen Begleitung und der Gefahr, die aus dem leichtsinnigen Handhaben der Musketen von seiten der wechselweise betrunkenen Patrioten hervorging, ließ sich Charles Darnay durch den ihm auferlegten Zwang nicht in Angst setzen; denn dieser konnte, wie er sich sagte, in keiner Beziehung zu dem individuellen Fall, der noch nicht erhoben, und zu den von dem Gefangenen in der Abtei zu bestätigenden Auseinandersetzungen stehen, die noch nicht vorgebracht waren. Aber als sie die Stadt Beauvais erreichten – es war bereits Abend und eine große Menschenmenge in den Straßen , konnte er sich nicht verhehlen, daß das Aussehen der Dinge sehr beunruhigend wurde. Ein unheimlicher Schwarm sammelte sich um ihn und wollte im Posthof ihn absteigen sehen. Und viele Stimmen riefen laut: »Nieder mit dem Emigranten!« Wie er sich eben aus dem Sattel schwingen wollte, ließ er sich wieder auf denselben nieder, da er ihm der sicherste Platz zu sein schien, und sagte: »Emigrant, meine Freunde? Seht ihr denn nicht, daß ich aus eigenem freiem Antrieb hier in Frankreich bin?« »Du bist ein verfluchter Emigrant!« rief ein Schmied, der, den Hammer in der Hand, mit Gewalt sich durch das Gedränge Bahn brach; »und ein verfluchter Aristokrat obendrein.« Der Postmeister stellte sich zwischen den Mann und den Zügel des Rosses, auf das es dieser augenscheinlich abgesehen hatte, und sagte beschwichtigend: »Laßt ihn gehen; laßt ihn in Frieden. Er wird in Paris gerichtet werden.« »Gerichtet!« wiederholte der Schmied, seinen Hammer schwingend. »Ja, und verurteilt als Verräter.« Die Menge brüllte ihm Beifall zu. Der Postmeister wandte sich um und wollte das Pferd mit in den Hof hineinnehmen, wobei der betrunkene Patriot, der die Leine noch immer um seinen Leib gebunden hatte, ruhig von seinem Sattel aus zusah. Darnay hielt ihn zurück und rief, sobald er sich vernehmlich machen konnte: »Freunde, ihr seid im Irrtum, oder ihr seid getäuscht. Ich bin kein Verräter.« »Er lügt!«, entgegnete der Schmied. »Er ist ein Verräter seit dem Dekret. Er hat sein Leben an das Volk verwirkt. Sein verfluchtes Leben gehört nicht mehr ihm.« Darnay sah es blitzen in den Augen des Haufens, der im nächsten Augenblick auf ihn losstürzen zu wollen schien Der Postmeister zog das Pferd in den Hof, und die Bedeckung ritt rechts und links mit ein, worauf ersterer die gebrechlichen Torflügel schloß und verriegelte. Der Schmied führte zwar noch einen Hammerschlag, und der Volkshaufe brüllte wild, aber dabei hatte es sein Verbleiben. »Was ist das für ein Dekret, von dem der Schmied gesprochen hat?« fragte Darnay den Postmeister, nachdem er abgestiegen war und ihm gedankt hatte. »Ein Dekret, das den Verkauf des Eigentums von Emigranten anbefiehlt.« »Wann wurde es erlassen?« »Am vierzehnten.« »An demselben Tag also, an dem ich England verließ.« »Jedermann sagt, es sei nur der Vorläufer von anderen, die noch nachfolgen würden wenn sie nicht vielleicht gar schon ausgegeben sind. Man spricht von Verbannung aller Emigrierten und von Todesstrafe gegen die Zurückkehrenden. Dies meinte er, als er sagte, daß Euch Euer Leben nicht mehr gehöre.« »Aber es bestehen doch noch keine solchen Gesetze?« »Was weiß ich«, versetzte der Postmeister. »Vielleicht sind sie schon ausgegeben, vielleicht geschieht es demnächst. Doch dies kommt wohl aufs gleiche heraus. Mit was kann ich aufwarten?« Sie ruhten in einem Speicher auf Stroh aus bis gegen Mitternacht, und als die ganze Stadt im Schlaf lag, ritten sie wieder weiter. Unter den vielen seltsamen Veränderungen an bekannten Dingen, die während des unheimlichen Nachtritts auffielen, war nicht die geringste, daß der Schlaf so selten geworden zu sein schien. Nachdem sie lange einsam über verödete Wege hingetrabt waren, konnten sie auf eine Gruppe von Bauernhäusern treffen, die nicht in Dunkel gehüllt dalagen, sondern in hellem Lichtschimmer glänzten, während die Bewohner wie Nachtgespenster Hand in Hand um einen verdorrten Freiheitsbaum tanzten und Freiheitslieder dazu sagen. Zum Glück schlief man selbige Nacht in Beauvais, und sie kamen glücklich wieder hinaus in die freie Einsamkeit. Dahin ging es klappernd in dem vorzeitig kalten und feuchten Wetter über die ausgesogenen Felder, die in jenem Jahre keine Früchte gegeben hatten, und eine Abwechslung ergab sich nur, wenn da und dort die Trümmer niedergebrannter Häuser auftauchten oder ihnen ein Hinterhalt von patriotischen Streifwachen, die alle Straßen bestrichen, plötzlich den Weg vertritt. Endlich langten sie bei Tag vor den Mauern von Paris an. Der Schlagbaum war geschlossen und scharf bewacht, als sie angeritten kamen. »Wo sind die Papiere dieses Gefangenen?« fragte ein entschlossen aussehender Beamter, den die Wache herausgerufen hatte. Das unangenehme Wort machte natürlich Charles Darnay betroffen; er ersuchte deshalb den Sprecher, zu berücksichtigen, daß er ein freier Reisender und französischer Bürger sei, der bei dem unruhigen Zustand des Landes auf eigne Kosten sich habe mit einer Bedeckung versehen müssen. »Wo sind die Papiere dieses Gefangenen?« wiederholte dieselbe Person, ohne seine Einsprache auch nur im geringsten zu beachten. Der betrunkene Patriot hatte sie in seiner Mütze und brachte sie zum Vorschein. Der Beamte überflog Gabelles Brief, zeigte dabei einige Unruhe und Überraschung und betrachtete dann Darnay mit großer Aufmerksamkeit. Ohne übrigens ein Wort zu sprechen, kehrte er nach der Wachstube zurück, während der Bedeckte und die Bedeckung auf ihren Pferden vor der Barriere blieben. Verwirrt schaute Charles Darnay umher und bemerkte, daß das Tor von einer aus Soldaten und Patrioten bestehenden gemischten Wache besetzt war, in der jedoch die Bürgerlichen bei weitem die Mehrzahl bildeten. Dabei machte er die Wahrnehmung, daß die Karren der Bauern, die Lebensmittel und andere Vorräte herbeiführten, leicht genug Eingang fanden, aber es selbst dem Unscheinbarsten aus dem Volke schwer werden mußte, hinauszukommen. Ein zahlreiches Gedränge von Männern und Weibern, des Viehs und der verschiedenartigen Fuhrwerke nicht zu gedenken, harrte der Erlaubnis, wieder fort zu dürfen: aber die vorläufige Untersuchung war so streng, daß die Leute nur sehr langsam durch die Barriere durchsickerten. Einige davon, die wußten, daß die Visitation noch lange nicht an sie kommen werde, hatten sich auf den Boden niedergelegt, um zu schlafen oder zu rauchen, während andere miteinander plauderten oder umherlungerten. Die rote Mütze und die dreifarbige Kokarde war sowohl unter den Männern als unter den Weibern allgemein. Nachdem Darnay ungefähr eine halbe Stunde im Sattel gesessen und sich, was um ihn vorging, betrachtet hatte, kam derselbe Beamte wieder und befahl der Wache, den Schlagbaum zu öffnen. Dann händigte er der Bedeckung einen Empfangsschein für Ablieferung des Bedeckten ein und forderte letzteren auf, abzusteigen. Darnay gehorchte. Die zwei Patrioten, der nüchterne wie der betrunkene, nahmen sein müdes Pferd zuhanden, wandten sich um und eilten von hinnen, ohne die Stadt zu betreten. Darnay folgte seinem Führer in die nach schlechtem Wein und Tabak riechende Wachstube, wo einige Soldaten und Patrioten schlafend und wachend, betrunken und nüchtern, oder in verschiedenen neutralen Zuständen zwischen Schlafen und Wachen, Nüchternheit und Trunkenheit umherstanden und -lagen. Das Licht in der Wachstube, das halb von den erlöschenden Öllampen der Nacht, halb von dem umwölkten Tag herrührte, verbreitete eine entsprechend ungewisse Helle. Auf einem Tisch lagen einige aufgeschlagene Register, und hinter demselben saß ein finster blickender roher Beamter. »Bürger Defarge«, sagte er zu Darnays Begleiter, indem er einen Streifen Papier vornahm, um zu schreiben, »ist dies der Emigrant Evrémonde?« »Ja.« »Euer Alter, Evrémonde?« »Siebenunddreißig.« »Verheiratet, Evrémonde?« »Ja.« »Wo verheiratet?« »In England.« »Kann mir's denken. Wo ist Euer Weib, Evrémonde?« »In England.« »Natürlich. Man wird Euch in das Gefängnis La Force abführen, Evrémonde.« »Gerechter Himmel!« rief Darnay. »Nach welchem Gesetz und wegen welchen Vergehens?« Der Beamte sah einen Augenblick von seinem Papierstreifen auf. »Seit Ihr hier waret, Evrémonde, haben wir neue Gesetze und neue Vergehen«, sagte er mit einem harten Lächeln und fuhr zu schreiben fort. »Ich bitte Euch zu bemerken, daß ich freiwillig hierher gekommen bin, um der schriftlichen Aufforderung eines Landsmanns, die Ihr vor Euch liegen habt, zu entsprechen. Ich verlange nichts als die Gelegenheit, Zeugnis für ihn abzulegen. Habe ich kein Recht dazu?« »Emigranten haben keine Rechte, Evrémonde«, lautete die brutale Antwort. Der Beamte schrieb fort, bis er fertig war, überlas dann das Geschriebene und händigte es Defarge mit den Worten ein: »Ins Geheimnis.« Defarge winkte dem Gefangenen mit dem Papier, um ihm anzudeuten, daß er ihm folgen müsse. Darnay gehorchte, und eine Wache von zwei Patrioten schloß sich ihnen an. »Seid Ihr der«, sagte Defarge mit leiser Stimme, als sie die Treppe vor dem Wachhaus hinunterstiegen und sich der Stadt zuwandten, »der die Tochter des Doktors Manette heiratete, der ehedem in der jetzt zerstörten Bastille gefangensaß?« »Ja«, antwortete Darnay, indem er ihn erstaunt anblickte. »Mein Name ist Defarge. Ich halte ein Weinhaus in dem Viertel von Saint Antoine. Vielleicht habt Ihr schon von mir gehört?« »Meine Frau kam in Euer Haus, um ihren Vater zurückzuholen? Ja.« Das Wort »Frau« schien in Defarge eine düstere Erinnerung zu wecken: er sagte mit plötzlicher Ungeduld: »Im Namen jener scharfen neugeborenen Frau, die man La Guillotine nennt, warum seid Ihr nach Frankreich gekommen?« »Ihr habt vor einer Minute meinen Grund vernommen. Glaubt Ihr nicht, daß ich die Wahrheit sagte?« »Eine schlimme Wahrheit für Euch«, bemerkte Defarge, die Stirne runzelnd und gerade vor sich hinschauend. »In der Tat, ich kenne mich hier nicht mehr aus. Alles ist so ohne Vorgang, so verändert, so überraschend und so widrig, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Wollt Ihr mich nicht ein wenig zurechtweisen?« »Nein.« Defarge schaute immer vor sich hin, wenn er sprach. »Aber doch mir vielleicht auf eine einzige Frage antworten?« »Vielleicht. Je nachdem sie ist. Redet: ich will hören.« »Werde ich in dem Gefängnis, in das man mich ungerechterweise abführt, einigen freien Verkehr mit der Außenwelt haben?« »Das werdet Ihr sehen.« »Man wird mich dort doch nicht ohne Urteil begraben und mir Gelegenheit bieten, meine Sache vorzubringen?« »Ihr werdet's sehen. Und was liegt dann daran? Vor Euch sind andere Leute in viel schlimmeren Gefängnissen begraben worden.« »Aber nie durch meine Schuld, Bürger Defarge.« Defarge antwortete darauf nur mit einem finstern Blick und schritt festen Fußes weiter, ohne die Stille weiter zu unterbrechen. Dieses Schweigen schien Darnay eine schlechte Hoffnung zu geben, seinen Begleiter milder zu stimmen. Er sagte daher endlich: »Es ist für mich von höchster Wichtigkeit Ihr wißt das sogar noch besser als ich zu beurteilen, Bürger , daß ich in die Lage komme, Mr. Lorry von Tellsons Bank, einem englischen Gentleman, der sich gegenwärtig in Paris aufhält, ohne weiteren Kommentar die einfache Tatsache mitzuteilen, ich sei in das Gefängnis La Force gesetzt worden. Wollt Ihr dies für mich vermitteln?« »Ich will nichts für Euch tun«, versetzte Defarge stöckisch. »Meine Pflicht gehört meinem Land und dem Volk. Als beeidigter Diener von beiden bin ich gegen Euch. Ich werde nichts für Euch tun.« Charles Darnay fühlte, daß es hoffnungslos sei, weiter in ihn zu dringen, und auch sein Stolz war verletzt. Während sie schweigend weitergingen, konnte er deutlich bemerken, wie das Volk bereits daran gewöhnt war, daß man Gefangene durch die Straßen führte. Nicht einmal die Kinder achteten auf ihn. Einige Vorübergehende wandten die Köpfe gegen ihn um oder schüttelten die Faust gegen ihn als einen Aristokraten. Sonst aber schien der Umstand, daß ein gutgekleideter Mensch ins Gefängnis geführt wurde, nicht auffallender, als wenn ein Arbeiter in seinen Werktagskleidern ans Geschäft ging. In einer engen, dunkeln und schmutzigen Straße, durch die sie kamen, stieg ein aufgeregter Redner auf einen Stuhl und erhitzte das Publikum mit den Verbrechen, die der König und die königliche Familie gegen das Volk begangen haben sollten. Aus den paar Worten, die Charles Darnay von der Rede des Mannes verstand, erfuhr er zum erstenmal, daß der König gefangensaß und die auswärtigen Gesandten samt und sonders Paris verlassen hatten. Auf dem ganzen Herweg hatte er, mit Ausnahme von Beauvais, rein nichts von dem Stand der Angelegenheiten erfahren. Durch die Bedeckung und die allgemeine Wachsamkeit war er völlig isoliert worden. Natürlich wußte er jetzt, daß ihm weit größere Gefahren drohten, als er bei seiner Abreise aus England geahnt hatte: sie umringten ihn bereits dicht genug und kamen voraussichtlich noch schwerer und schwerer. Er mußte sich zugestehen, daß er die Reise wohl unterlassen haben würde, wenn er die Ereignisse einiger Tage hätte voraussehen können. Und doch waren seine Besorgnisse nicht so düster, als sie der Einbildungskraft in dem Lichte der letzten Zeit hätten erscheinen sollen. Obschon er sich kümmerte wegen der Zukunft, so war diese doch ein unbekanntes Etwas, in dessen dunklem Schoß die Hoffnung der Unwissenheit lag. Von dem schrecklichen, Tag und Nacht fortdauernden Schlachten, das innerhalb weniger Umläufe der Uhr die gesegnete Zeit der Herbsternte in eine große blutige Gedenktafel umwandeln sollte, hatte er so wenig eine Ahnung, als sei er durch Jahrtausende davon getrennt. Das »scharfe neugeborene Frauenzimmer, La Guillotine genannt«, kannte er und das Volk im allgemeinen kaum dem Namen nach, und die schrecklichen Taten, die bald durch sie geschehen sollten, schlummerten damals wahrscheinlich noch unbewußt in dem Gehirn ihrer Vollbringer. Wie hätten sie einen Platz finden sollen in den unbestimmten Vorstellungen eines edlen Gemüts? Das Unrecht, das man an ihm übte, wenn man ihn in harter Gefangenschaft hielt und ihn grausam von Weib und Kind trennte, wurde vielleicht zu einem nachhaltigen Akt; aber über dies hinaus fürchtete er nichts Bestimmtes. Allerdings war auch dieser Gedanke schon traurig genug, und unter diesem Eindruck langte er in dem Gefängnis La Force an. Ein Mann mit einem gedunsenen Gesicht öffnete die feste Pforte. Defarge stellte ihm den »Emigranten Gorémonde« vor. »Was der Teufel! Wieviel kommen denn noch?« rief der Mann mit dem gedunsenen Gesicht. Defarge nahm seinen Ablieferungsschein in Empfang, ohne auf den Ausruf zu achten, und entfernte sich mit seinen beiden patriotischen Begleitern. »Was der Teufel, sag' ich wieder«, bemerkte der Kerkermeister, sobald er mit seinem Weib allein war, »nimmt's noch kein Ende?« Die Frau Kerkermeisterin, die auf diese Frage mit keiner Antwort vorgesehen war, entgegnete nur: »Man muß Geduld haben, mein Lieber.« Drei Schließer, die auf den Ruf einer Klingel eintraten, waren derselben Meinung, und einer derselben fügte bei: »Um der Freiheit willen!« ein Ausdruck, der an einem solchen Ort gar nicht am Platze zu sein schien. La Force war ein unheimliches Gefängnis, dunkel, schmutzig und mit dem abscheulichen Geruch ungesunden Schlafes angefüllt. Es ist außerordentlich, wie bald der widerliche Duft des Schlafs von Gefangenen an Plätzen sich bemerklich macht, die nicht ordentlich gehalten werden. »Auch ins Geheimnis«, brummte der Kerkermeister, den Papierstreifen betrachtend. »Als ob es nicht schon voll wäre zum Platzen.« Er steckte übellaunig das Papier an einen Drahtstift, und Charles Darnay wartete eine halbe Stunde, was man weiter mit ihm anfangen würde, wobei er bald in dem hochgewölbten Raume auf und ab ging, bald auf einem steinernen Sitz ausruhte. Diese ganze Zeit über war er ein Gegenstand der Studie für den Kerkermeister und seine Untergebenen, die seine Person ihrem Gedächtnis einprägen wollten. »Kommt«, sagte endlich der Kerkermeister, indem er seine Schlüssel aufnahm; »kommt mit mir, Emigrant.« Sein neuer Schützling begleitete ihn über Flur und Treppe durch die unheimliche Gefängnisdämmerung, und viele Türen schlugen hinter ihnen zu und wurden abgeschlossen, bis sie ein großes, niederes, gewölbtes Gelaß erreichten, das von Gefangenen beiderlei Geschlechts wimmelte. Die Frauen saßen lesend und schreibend, strickend, nähend und stickend an einem großen Tisch, und die Männer standen meist hinter ihren Stühlen oder schlenderten in dem Raume auf und ab. In dem instinktartigen Gefühl, das mit Gefangenen nur schwere Verbrechen oder Vergehen in Verbindung bringt, schrak der neue Ankömmling vor dieser Gesellschaft zurück. Aber die befremdlichste Anknüpfung an seinen langen, ihm nur wie ein Traum vorkommenden Ritt war, daß sie sich alle erhoben, um mit der ganzen seinen Bildung der damaligen Zeit, mit der vollen gewinnenden Anmut und Höflichkeit des Lebens ihn zu empfangen. Diese Feinheit war so seltsam umwölkt von den Manieren und dem Düster des Gefängnisses und nahm sich so gespenstisch aus in dem unharmonischen Qualm und Elend ihrer Umgebung, daß Charles Darnay in einer Gesellschaft von Toten zu stehen vermeinte. Lauter Gespenster! Das Gespenst der Schönheit, das Gespenst der Stattlichkeit, das Gespenst der Eleganz, das Gespenst des Stolzes, das Gespenst der Leichtfertigkeit, das Gespenst des Witzes, das Gespenst der Jugend, das Gespenst des Alters, alle harrten ihrer Erlösung von dem öden Gestade alle wandten ihm Blicke zu, verändert durch den Tod, den sie gestorben waren, als sie hierherkamen. Er blieb regungslos stehen. Der Kerkermeister hielt sich an seiner Seite, und die Schließer gingen umher. Sie wären vielleicht in ihren gewöhnlichen dienstlichen Verrichtungen leidlich genug gewesen, im Gegensatz aber zu den anwesenden jammernden Müttern und blühenden Töchtern, zu den Bildern der Gefallsucht, der jugendlichen Schönheit und matronenhaften Würde nahmen sie sich so ungemein roh aus, sodaß das Widerspiel von aller seitherigen Erfahrung und Wahrscheinlichkeit, das die Szene darbot, auf den höchsten Höhepunkt getrieben zu sein schien. Sicherlich lauter Gespenster! Sicherlich hatte der lange Traum von dem Ritt, ein krankhaftes Phantasiegebild, ihn unter diese nächtigen Schatten geführt! »Im Namen der versammelten Unglücksgefährten«, sagte ein Herr von höflichem Aussehen und Benehmen, der auf ihn zukam, »gebe ich mir die Ehre, Euch in La Force zu bewillkommnen und Euch unser Bedauern auszudrücken wegen des Unsterns, der Euch unter uns geführt hat. Möge es sich bald zum Bessern wenden! An jedem anderen Orte wäre es eine Ungebühr, aber hier darf ich Euch wohl nach Eurem Namen und Stand fragen?« Charles Darnay raffte sich auf und gab die gewünschte Auskunft so gut, wie es eben gehen mochte. »Ich will nicht hoffen«, sagte der Herr, dem Kerkermeister, der im Zimmer umherging, mit den Augen folgend, »daß Ihr ins Geheimnis sollt?« »Ich weiß nicht, was ich unter diesem Ausdruck verstehen muß, habe ihn aber wirklich brauchen hören.« »Ah, das ist schade! Wir bedauern es recht sehr! Doch fasset Mut: mehrere aus unserer Gesellschaft sind anfangs im Geheimnis gewesen, aber es hat nur kurze Zeit gewährt.« Dann fügte er, die Stimme erhebend, bei: »Es tut mir leid, der Gesellschaft mitteilen zu müssen ins Geheimnis.« Ein Gemurmel des Bedauerns folgte Charles Darnay, als dieser nach einer vergitterten Tür hinging, wo der Kerkermeister ihn erwartete, und viele Stimmen, unter denen die weichen und mitleidigen der Frauen besonders bemerklich wurden, sandten ihm gute Wünsche und Worte der Ermutigung nach. An der vergitterten Tür wandte er sich um und sprach seinen herzlichen Dank aus; dann schloß sich der Riegel hinter ihm, und die gespenstischen Gestalten entschwanden seinen Blicken für immer. Innerhalb der Tür befand sich eine aufwärts führende Steintreppe. Nachdem sie vierzig Stufen zurückgelegt (der Gefangene einer halben Stunde hatte sie bereits gezählt), öffnete der Kerkermeister eine niedere schwarze Tür, und sie gelangten in eine Einzelzelle. Es war kalt und feucht darin, aber nicht dunkel. »Die Eurige«, sagte der Kerkermeister. »Warum werde ich allein eingesperrt?« »Wie kann ich dies wissen?« »Darf ich mir Feder, Tinte und Papier kaufen?« »Davon steht nichts in meiner Ordre. Man wird Euch besuchen, und Ihr mögt dann fragen. Vorläufig könnt Ihr für Euer Geld nur Lebensmittel haben, weiter nichts.« In der Zelle befand sich ein Stuhl, ein Tisch und eine Strohmatratze. Der Kerkermeister nahm, ehe er sich entfernte, an diesen Gegenständen und an den vier Mauern eine allgemeine Besichtigung vor, und dem Gefangenen, der ihm gegenüber an der Wand lehnte, kam während dieses Geschäfts die wunderliche Vorstellung, der Mann sei im Gesicht und am Leib so ungesund gedunsen, daß er aussehe wie ein mit Wasser gefüllter Ertrunkener. Nachdem derselbe fort war, dachte er weiter in seiner träumerischen Weise: »Jetzt bin ich verlassen wie ein Toter.« Er beugte sich nieder, um die Matratze zu beaugenscheinigen, wandte sich aber mit Grauen davon ab und sagte zu sich selbst: »Und in diesen kriechenden Geschöpfen erkenne ich den ersten Zustand des Leibes nach dem Tode.« »Fünf Schritte bei vier und ein halb, fünf Schritte bei vier und ein halb, fünf Schritte bei vier und ein halb.« Der Gefangene ging in der Zelle auf und ab, maß ihre Länge und Breite, und von der Stadt her vernahm er einen Lärm wie von gedämpften Trommeln, in den sich ein wildes Geschrei mengte. »Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe.« Der Gefangene zählte wieder sein Maß und schritt schneller, um jene Laute seinem Sinn zu entschlagen. Die Geister, die verschwanden, als die Tür geschlossen wurde es war einer darunter, der aussah wie eine schwarzgekleidete Frau; sie lehnte in einer Fenstervertiefung, das Licht schien wieder auf ihr goldiges Haar, und sie glich **** »Um Gotteswillen, machen wir, daß wir fortkommen aus diesen beleuchteten Städten, wo alle Leute wach sind! **** Er machte Schuhe, er machte Schuhe, er machte Schuhe. **** Fünf Schritte bei vier und ein halb.« So wogte es in den Tiefen seiner Seele auf und nieder. Der Gefangene ging schneller und schneller, hartnäckig fortzählend. Und der Lärm der Stadt änderte sich in solcher Weise, daß es immer noch klang wie gedämpfte Trommeln. Aber das Wehklagen ihm bekannter Stimmen überbot diese Töne. Zweites Kapitel. Der Schleifstein. Tellsons Bank befand sich in dem Saint-Germain-Viertel von Paris und hatte den einen Flügel eines großen Hauses inne, das vermittelst eines Hofes zugängig und gegen die Straße durch eine hohe Mauer und ein starkes Tor abgesperrt war. Das Haus gehörte einem vornehmen Adligen, der es bewohnt hatte, bis er sich in der Kleidung seines Koches den Unruhen entzog und über die Grenze ging. Jetzt ein gehetztes Wild, das vor den Jägern floh, war er doch trotz seiner Umwandlung kein anderer als derselbe Monseigneur, der für Mundgerechtmachung seiner Schokolade drei starke Männer brauchte, den Koch nicht mitgerechnet. Monseigneur war fort, und die drei starken Männer taten für die Sünde, ihm einen hohen Lohn abgenommen zu haben, dadurch Buße, daß sie sich mehr als bereit und willig erwiesen, ihm am Altar der aufdämmernden einen und unteilbaren Republik mit dem Motto Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod den Hals abzuschneiden. Monseigneurs Haus war anfangs mit Sequester belegt und dann vom Fiskus eingezogen worden. Es ging mit allen Dingen so schnell, und Dekret folgte auf Dekret mit so wilder Hast, daß jetzt in der dritten Nacht des herbstlichen Monats September patriotische Regierungskommissare im Besitz von Monseigneurs Haus waren, es mit der Trikolore bezeichnet hatten und in den Prunkzimmern Branntwein tranken. Ein Geschäftsplatz in London, wie Tellsons Geschäftsplatz in Paris war, würde das Haus bald aus dem Häuschen und in die Zeitung gebracht haben. Denn was hätte wohl die gesetzte britische Achtbarkeit und Zahlungsfähigkeit zu den Kübeln mit Orangenbäumen in einem Bankhof, oder gar zu einem Liebesgott über dem Zahltisch gesagt? Doch so war es nun einmal. Tellsons hatten zwar den Kupido übertüncht; aber man konnte ihn noch immer in seiner leichten Leinwandbekleidung an der Decke sehen, wie er seinem nicht seltenen Brauche gemäß vom Morgen bis in die Nacht nach dem Geld zielte. In der Londoner Lombardstraße wäre durch den blinden Heiden Amor als Liebesgott wird oft blind dargestellt; daher »der blinde Heide«. , durch den mit einem Vorhang versehenen Alkoven hinter dem unsterblichen Knaben, durch den in die Wand eingelassenen Spiegel und durch die jungen Kontoristen, die bei jeder Gelegenheit an öffentlichen Tanzbelustigungen teilnahmen, unvermeidlich der Bankerott herbeigeführt worden. In Frankreich aber konnten Tellsons mit solchen Dingen recht gut fortfahren, ohne daß, solang die Zeit nicht aus ihrem Geleise kam, irgend jemand sich darüber entsetzte und sein Geld zurücknahm. Welches Geld fortan gezogen wurde auf Tellsons und wieviel dort liegenblieb, verloren oder vergessen, welche Vorräte von Silbergeschirr und Geschmeide in Tellsons Verstecken lagen, während deren Inhaber in Gefängnissen moderten oder im Lause der Zelt einen gewaltsamen Tod fanden: wie viele Abrechnungen mit Tellsons in dieser Welt nimmer zum Abschluß kommen sollten, sondern in die andere hinübergeschleppt werden mußten niemand hätte in seiner Nacht mehr Auskunft darüber geben können als Mr. Jarvis Lorrn, obschon ihm diese Fragen schwer zu schaffen machten. Er saß bei einem frisch angezündeten Holzfeuer (das schlimme und unfruchtbare Jahr war frühzeitig kalt geworden), und auf seinem ehrlichen, mutigen Gesichte lag ein tieferer Schatten, als ihn die Hängelampe werfen oder irgendein Gegenstand im Zimmer verzerrt wiedergeben konnte ein Schatten des Entsetzens. Er hatte die Räumlichkeiten der Bank bezogen, voll Treue gegen das Haus, von dem er ein Teil geworden wie der tiefwurzelnde Efeu. Sie erfreuten sich zufällig einer gewissen Sicherheit infolge der patriotischen Bestimmung des Hauptgebäudes. Aber das treue Herz des alten Ehrenmannes nahm dies nicht in Anschlag. Seiner Pflichterfüllung gegenüber waren ihm solche Nebenumstände gleichgültig. Auf der anderen Seite des Hofes, unter einer Kolonnade, befand sich ein ausgedehnter Kutschenraum, in dem noch immer Monseigneurs Kutschen standen. An zweien der Säulen waren zwei große flackernde Pechpfannen befestigt, und vor ihnen, im Freien, sah man einen mächtigen Schleifstein, eine rohe Maschine, die man augenscheinlich in der Eile aus einer benachbarten Schmiede oder sonstigen Werkstätte herbeigeschafft hatte. Mr. Lorry schauderte, wenn er beim Aufstehen durch das Fenster dieser harmlosen Gegenstände ansichtig wurde, und kehrte dann wieder zu seinem Sitz am Feuer zurück. Er hatte nicht nur das Glasfenster, sondern auch die Blenden davor geöffnet und mit zitternden Händen beide wieder geschlossen. Von der Straße hinter der hohen Mauer und dem starken Tor her vernahm man das gewöhnliche Gesumm einer großen Stadt und daraus bisweilen unbeschreibliches Klingen, gespenstisch und unirdisch, als ob ungewohnte Töne von schrecklicher Beschaffenheit zum Himmel aufstiegen. »Gott sei Dank«, sagte Mr. Lorry, die Hände zusammenschlagend, »daß niemand, der mir nah und teuer ist, sich heute nacht in dieser schrecklichen Stadt befindet. Möge Er Erbarmen haben mit allen, die in Gefahr sind!« Bald nachher ertönte die Glocke an dem großen Tor. »Sie sind zurückgekommen«, dachte er und blieb lauschend sitzen. Aber es brach nicht geräuschvoll in den Hof herein, wie er erwartet hatte. Er hörte, wie das Tor wieder zuschlug: dann war alles still. Die Bangigkeit, die seine Brust beengte, flößte ihm in bezug auf die Bank jene unbestimmte Unruhe ein, deren man sich unter solchen Umständen nicht erwehren kann, wenn man sich einer schweren Verantwortlichkeit bewußt ist. Wohl war alles gut gehütet, und er wollte eben bei den treuen Wächtern einen Umgang halten, als seine Tür plötzlich aufging und zwei Gestalten hereinstürzten, bei deren Anblick er erstaunt zurückfuhr. Lucie und ihr Vater! Lucie, die ihre Arme ihm entgegenbreitete, mit jenem alten Nick, so voll des konzentriertesten und angespanntesten Ernstes, daß es den Anschein gewann, er sei ausdrücklich auf ihr Gesicht gestempelt, um ihm Kraft und Nachdruck zu verleihen in diesem einen Abschnitt ihres Leben«. »Was soll dies?« rief Mr. Lorry in atemloser Verwirrung. »Was gibt es? Lucie! Manette! Was ist vorgefallen? Was führt euch hierher? Was ist los?« Blaß und außer sich, mit flehentlicher Miene stürzte sie in seine Arme und rief: »O mein teurer Freund mein Gatte!« »Euer Gatte, Lucie?« »Charles.« »Was ist mit Charles?« »Er ist hier.« »Hier in Paris?« »Ja, schon seit einigen Tagen seit drei oder vier ich weiß nicht, wie vielen; denn ich kann meine Gedanken nicht zusammenbringen. Eine edelmütige Absicht führte ihn ohne unser Vorwissen hierher: er wurde an der Barriere angehalten und ins Gefängnis geschickt.« Der alte Mann stieß einen ununterdrückbaren Schrei aus. Jetzt im nämlichen Augenblick läutete die Glocke an dem großen Tore wieder, und tumultuarische Fußtritte und Stimmen drangen in den Hof. »Was ist dies für ein Lärm?« fragte der Doktor, am das Fenster tretend. »Seht nicht hinaus«, rief Mr. Lorry. »Seht ja nicht hinaus, Manette! So lieb Euch Euer Leben ist, rührt die Blende nicht an.« Der Doktor wandte sich um, ohne die Hand von dem Fensterriegel zu entfernen, und sagte mit einem ruhigen, kühnen Lächeln: »Mein teurer Freund, ich habe in dieser Stadt ein gefeites Leben: denn bin ich nicht ein Bastillegefangener gewesen? Es gibt keinen Patrioten in Paris in Paris? nein in ganz Frankreich, der, wenn er weiß, daß ich in der Bastille lag mich anders antasten würde, als um mich mit Umarmungen zu überhäufen und im Triumph umherzutragen. Mein altes Unglück hat mir eine Gewalt verliehen, die uns durch die Barriere half, uns dort Kunde von Charles verschaffte und uns hierher brachte. Ich wußte, daß dies der Fall sein würde wußte, daß es mir gelingen müsse, Charles von aller Gefahr zu befreien, und habe es Lucie zum voraus gesagt. Was ist doch dies für ein Getöse?« Seine Hand machte sich aufs neue mit dem Fenster zu schaffen. »Schaut nicht hinaus!« rief Mr. Lorry in heller Verzweiflung. »Nein, Lucie, meine Liebe, auch Ihr nicht!« Er umschlang sie mit den Armen und hielt sie zurück. »Erschreckt nicht so, meine Liebe: ich schwöre Euch feierlich, daß mir nichts von einem Unglück bekannt ist, das Charles betroffen haben könnte. Ja, ich hatte nicht einmal eine Ahnung, daß er in dieser unseligen Stadt sich befindet. In welchem Gefängnis ist er?« »In der Force!« »In der Force! Lucie, mein Kind, wenn Ihr je in Eurem Leben wacker und zu etwas brauchbar gewesen seid und Ihr wäret das ja immer so nehmt Euch jetzt zusammen und tut genau, was ich Euch heiße: denn es hängt mehr davon ab, als Ihr denkt oder ich Euch sagen kann. Heute abend kann ich Euch unmöglich aus dem Hause lassen, da alles, was Ihr auch jetzt tun möchtet, zu nichts führen würde. Ich muß Euch dies um Charles willen befehlen, obschon ich weiß, daß es das Schwerste ist, was man von Euch verlangen kann. Aber vorderhand müßt Ihr gehorsam, still und ruhig sein und mir erlauben, daß ich Euch in einem der hinteren Zimmer verberge. Ich wünsche, ein paar Minuten mit Eurem Vater allein zu sein, und da sich's dabei um Leben und Tod handeln kann, so muß dies sogleich geschehen.« »Ich will gern alles tun, was Ihr verlangt. Ich sehe in Eurem Gesicht, daß Ihr wohl wißt, wie ich nicht anders kann, da ich ja Euer treues Herz kenne.« Der alte Mann küßte sie, schob sie in sein Zimmer und drehte den Schlüssel um; dann kam er hastig zurück, öffnete das Fenster und teilweise die Blende, legte die Hand auf den Arm des Doktors und sah mit ihm in den Hof hinunter. Da war ein Gedränge von Männern und Weibern, nicht sehr zahlreich, aber doch nahezu genug, um den Hof zu füllen; es mochten im ganzen vierzig oder fünfzig Köpfe sein. Die Leute, die im Besitz des Hauses waren, hatten sie zum Tore hereingelassen, und sie eilten zur Arbeit an den Schleifstein, der wahrscheinlich da aufgestellt worden war, weil man den Platz für bequem und abgeschieden gehalten. Aber welche schrecklichen Arbeiter – welche schreckliche Arbeit! Der Schleifstein hatte eine doppelte Handhabe, an der sich wie toll ein paar Männer abmühten, deren Gesichter, wenn beim jeweiligen Auftauchen derselben das lange Haar zurückschlug, schrecklicher und grausamer sich ausnahmen als die Gesichter der wildesten Wilden in ihrem barbarischsten Kriegesschmuck. Falsche Augenbrauen und falsche Schnurrbärte klebten daran. Die gräßlichen Fratzen troffen von Blut und Schweiß, waren verzerrt vom Heulen und strotzten und glotzten von bestialischer Aufregung und Mangel an Schlaf. Während die Wüteriche drehten und drehten, fielen die verfilzten Haare bald über die Augen nieder, bald nach dem Nacken zurück. Weiber standen daneben und hielten ihnen zum Trinken Wein an den Mund: und unter dem niederträufelnden Blut, dem niederträufelnden Wein und den Funken, die dem Stein entsprühten, schien die ganze entsetzliche Atmosphäre nur aus Blut und Feuer zu bestehen. In der ganzen Gruppe konnte das Auge kein Gesicht entdecken, das nicht dieselbe gräßliche Bemalung gezeigt hätte. Bis zum Gürtel nackte Männer, die sich wechselseitig gegen den Schleifstein hindrängten, trugen die Blutmale über den ganzen Leib und die Glieder hin; andere zeigten in den elenden Lumpen ihrer Bekleidung überall Blut und Blut, und wieder andere hatten sich teuflisch mit geraubten Weiberkleidern, Spitzen und Bändern herausgeputzt, die durch und durch von Blut starrten. Auch die Äxte, die Messer, die Bajonette, die Säbel, die man zum Schärfen herbeibrachte, waren davon gerötet. Einige der zerhackten Säbel steckten an der Seite ihrer Eigentümer in Gurten von Stricken, Leinwandbinden oder abgerissenen Kleiderstreifen Bandeliere der verschiedensten Art, aber alle in demselben Bade gefärbt. Und während die Träger dieser Waffen sie zurückrissen aus dem Funkenstrome und hinausstürzten in die Straßen, glühte es von demselben Rot in ihren wahnsinnigen Augen Augen, die mit einem gezielten Schuß zu versteinern jeder nicht zum Vieh gewordene Zuschauer zwanzig Jahre seines Lebens gegeben haben würde. Alles dies wurde geschaut in einem Augenblick, wie etwa der Gesichtskreis eines Ertrinkenden oder irgendeines anderen menschlichen Wesens bei einem ähnlich bedrohlichen Lebensabschnitt eine Welt umfassen würde, wenn sie da wäre. Sie zogen sich vom Fenster zurück, und der Doktor blickte fragend seinem Freund in das aschfahle Gesicht. »Sie ermorden die Gefangenen«, flüsterte Mr. Lorry, sich furchtsam in dem Zimmer umsehend. »Wenn Ihr wirklich von dem überzeugt seid, was Ihr sagt wenn Ihr die Macht habt, die Ihr zu besitzen meint und ich glaube, daß es so ist , so gebt Euch diesen Teufeln zu erkennen und laßt Euch von ihnen nach La Force mitnehmen. Vielleicht ist es schon zu spät was weiß ich? aber zögert keine Minute länger.« Doktor Manette drückte ihm die Hand, eilte ohne Kopfbedeckung aus dem Zimmer und befand sich schon im Hof, als Mr. Lorry die Blende wieder zurückschob. Sein wallendes weißes Haar, sein merkwürdiges Gesicht und die ungestüme Zuversichtlichkeit seines Benehmens, als er die Waffen wie Wasser zurückdrängte, führte im Nu ihn bis in die Mitte des um den Stein versammelten Haufens. Für einige Augenblicke trat eine Pause ein. Lorry vernahm ein Gewühl, ein Gemurmel und den undeutlichen Ton seiner Stimme: dann sah er, wie alle ihn umringten und wie er in der Mitte einer zwanzig Mann langen Reihe unter dem Rufe hinausgedrängt wurde: »Es lebe der Bastillegefangene! Hilfe der Verwandtschaft des Bastillegefangenen in der Force! Platz da vorn für den Bastillegefangenen! Rettet den gefangenen Evrémonde in der Force!« Und tausend Stimmen antworteten auf das Geschrei. Mit klopfendem Herzen schloß Mr. Lorry die Blende und das Fenster wieder und schob den Vorhang vor. Dann eilte er zu Lucie und teilte ihr mit, daß ihr Vater unter dem Beistand des Volkes hingegangen sei, um ihren Gatten aufzusuchen. Sie hatte ihr Kind und Miß Proß bei sich, aber es fiel ihm nicht ein, sich über diese ihre Gesellschaft zu wundern, und er erstaunte erst lange nachher darüber, als ihm die Nacht so viel Ruhe gestattete, den anderen Anwesenden seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Lucie war, seine Hand umfassend, in einem Zustand von Betäubung zu Boden gesunken. Miß Proß hatte das Kind auf sein Bett niedergelegt, und ihr Haupt ruhte erschöpft neben dem teuren Pflegling auf dem Kissen. Oh, die lange, lange Nacht mit dem Stöhnen des armen Weibes! Und oh, die lange, lange Nacht, ohne daß ihr Vater oder Kunde von ihm zurückkam! Noch zweimal ertönte in der Dunkelheit die Glocke des großen Tores; die Unterbrechung der Stille wiederholte sich, und aufs neue ging und sprühte der Schleifstein. »Was ist dies?« rief Lucie erschreckt. »Pst! Die Soldaten schärfen dort ihre Säbel«, antwortete Mr. Lorry. »Das Haue ist jetzt Nationaleigentum und dient als eine Art Rüstplatz, meine Liebe.« Noch zweimal im ganzen; aber das letztemal ging die Arbeit nur matt und krampfhaft von statten. Bald nachher begann der Tag aufzudämmern. Mr. Lorry machte sich sanft von der ihn umklammernden Hand los und schaute vorsichtig wieder hinunter. Ein Mann, der derart mit Blut überzogen war, daß er einen schwerverwundeten, auf dem Schlachtfeld wieder zum Bewußtsein gekommenen Soldaten hätte vorstellen können, richtete sich neben dem Schleifstein von dem Pflaster auf und schaute unstet um sich her. Der erschöpfte Mörder bemerkte in dem unvollkommenen Licht einen von den Wagen Monseigneurs, taumelte auf die prächtige Karosse zu, kletterte hinein und schloß den Schlag, um sich auf den üppigen Polstern auszuruhen. Der große Schleifstein Erde drehte sich, als Mr. Lorry wieder hinaussah, und die Sonne schien rot in den Hof. Aber der kleine Schleifstein stand einsam da in der ruhigen Morgenluft, und das Rot auf ihm rührte nicht von der Sonne her, die es auch nimmer zu bleichen vermochte. Drittes Kapitel Der Schatten Eine der ersten Rücksichten, die bei dem Beginn der Geschäftsstunden in Mr. Lorrys Geschäftshirn auftauchten, galt dem Umstand, daß er nicht befugt sei, Tellsons zu gefährden, indem er der Frau eines gefangenen Emigranten unter dem Dach der Bank einen Zufluchtsort gestattete. Sein Privateigentum, seine Sicherheit, ja, sein Leben würde er bereitwillig und ohne Zögern für Lucie und ihr Kind aufs Spiel gesetzt haben; aber das in ihn gesetzte Vertrauen legte ihm auch eine schwere Verantwortung auf, der gegenüber er der strenge Geschäftsmann war. Er dachte zunächst an Defarge, dessen Weinhaus er wieder aufsuchen wollte, um sich mit ihm über die sicherste Wohnstätte, die sich in der wildbewegten Stadt finden ließ, zu beraten. Nach einigem Erwägen aber besann er sich eines anderen. Defarge wohnte in dem gewalttätigsten Stadtteil und besaß in demselben ohne Zweifel großen Einfluß, ja, war wohl gar an dem wilden Treiben der Bewohner tief beteiligt. Der Mittag kam, ohne daß der Doktor zurückkehrte. Da jede Minute Tellsons mehr bloßstellte, so ging Mr. Lorry mit Lucie zu Rate. Sie sagte, ihr Vater habe davon gesprochen, für kurze Zeit in der Nähe des Bankhauses eine Wohnung zu mieten. Da sich hiergegen nichts einwenden ließ und der wackere Alte voraussah, daß Charles, wenn alles gut mit ihm ging und er in Freiheit gelangte, doch nicht hoffen durfte, aus der Stadt fortzukommen, so machte er sich auf den Weg, um ein geeignetes Quartier zu suchen, das er dann auch richtig hoch oben in einer abgelegenen Nebenstraße fand, wo die geschlossenen Jalousien eines melancholischen Gebäude-Vierecks lauter verlassene Wohnungen anzeigten. Dahin schaffte er nun ohne Säumen Lucie mit ihrem Kind und Miß Proß, indem er ihnen mehr Trost mit auf den Weg gab, als er selbst empfand. Er ließ Jerry bei ihnen, der, wenn er sich unter die Tür stellte, schon einen Stoß aushalten konnte, und kehrte an seine Arbeit zurück. Freilich brachte er eine verstörte, traurige Stimmung mit, und es wollte mit der Arbeit gar nicht recht vorwärtsgehen. So lag es denn schwer und drückend auf seiner Seele, bis er endlich die Bank schließen konnte. Er war wieder wie am Abend zuvor allein in seinem Zimmer und machte sich eben Gedanken, was er jetzt anfangen sollte, als er auf der Treppe Tritte vernahm. Einige Augenblicke später stand ein Mann vor ihm, der ihn scharf ins Auge faßte und bei seinem Namen anredete. »Euer Diener«, versetzte Mr. Lorry. »Kennt Ihr mich?« Es war ein kräftig gebauter Mensch mit dunklem krausem Haar, der seine fünfundvierzig bis fünfzig zählen mochte. Statt aller Antwort wiederholte er nur ohne einen Wechsel in der Betonung die Worte: »Kennt Ihr mich?« »Ich muß Euch schon irgendwo gesehen haben.« »Vielleicht in meinem Weinhaus?« Mr. Lorry entgegnete mit großer Aufregung und Teilnahme: »Ihr kommt von Doktor Manette?« »Ja. Ich komme von Doktor Manette.« »Und was sagt er? Was läßt er mich durch Euch wissen?« Defarge legte in seine zitternde Hand einen offenen Papierstreifen, auf dem in des Doktors Handschrift die Worte zu lesen waren: »Charles ist wohlbehalten, obwohl es im gegenwärtigen Augenblick für mich nicht geraten ist, diesen Ort zu verlassen. Ich habe die Gunst ausgewirkt, daß der Überbringer dieses auch ein paar Zeilen von Charles an seine Frau besorgen darf. Laßt ihn zu ihr.« Das Billett war der Bezeichnung nach eine Stunde vorher in der Force geschrieben worden. »Wollt Ihr mich in die Wohnung seiner Frau begleiten?« sagte Mr. Lorry mit froher Erleichterung, nachdem er die Zuschrift laut gelesen hatte. »Ja«, antwortete Defarge. Mr. Lorry hatte die seltsam zurückhaltende und mechanische Art, in der Defarge sprach, bis jetzt kaum beachtet. Er setzte seinen Hut auf, und sie gingen miteinander in den Hof hinunter. Dort fanden sie zwei Frauen, von denen die eine strickte. »Wahrhaftig, Madame Defarge!« sagte Mr. Lorry, der sie vor siebenzehn Jahren genau in derselben Haltung zum letztenmal gesehen hatte. »Sie ist es«, bemerkte ihr Gatte. »Geht Madame mit uns?« fragte Mr. Lorry, als er sah, daß sie mit ihnen gleichen Schritt hielt. »Ja. Sie muß imstande sein, Personen und Gesichter zu erkennen. Es geschieht um ihrer Sicherheit willen.« Nachgerade begann das Benehmen Defarges Mr. Lorry aufzufallen: er sah ihn zweifelhaft an und ging weiter. Die beiden Frauen folgten; die zweite war die Rache. Sie gingen mit möglichster Geschwindigkeit durch die dazwischenliegenden Straßen, stiegen die Treppe der neuen Wohnung hinan und wurden von Jerry eingelassen. Lucie war allein und weinte. Man denke sich ihr Entzücken, als Mr. Lorry ihr Nachricht von ihrem Mann brachte. Sie drückte krampfhaft die Hand, die ihr sein Billett überlieferte, ohne eine Ahnung von dem zu haben, was dieselbe Hand während der letzten Nacht in seiner Nähe getan hatte und, ohne einen Zufall, wohl an ihm selbst verübt haben würde. »Meine Teure fasse Mut. Ich bin wohl, und Dein Vater besitzt Einfluß auf meine Umgebung. Du kannst mir nicht antworten auf diese Zeilen. Küsse unser Kind in meinem Namen.« Dies war die ganze Mitteilung. Der Empfängerin aber erschien sie von so hohem Wert, daß sie sich von Defarge an dessen Weib wandte und eine der strickenden Hände küßte. Es war eine leidenschaftliche, liebevolle, dankbare weibliche Handlung; aber die Hand hatte keine Erwiderung dafür sie sank kalt und schwer nieder und nahm ihr Stricken wieder auf. In der Berührung lag etwas, was Lucie erschreckte. Wie sie eben das Blatt in ihrem Busen verbergen wollte, hielt sie, die Hände bereits an ihrem Hals, plötzlich inne und schaute angstvoll auf Madame Defarge. Diese setzte der gefurchten Stirn einen kalten, teilnahmlosen Starrblick entgegen. »Meine Liebe«, sagte Mr. Lorry, zur Erklärung das Wort nehmend, »es gibt häufig Aufstände in den Straßen, und obgleich es nicht wahrscheinlich ist, daß Ihr dadurch beunruhigt werden könntet, so wünscht doch Madame Defarge diejenigen zu sehen, die sie in solchen Zeiten zu beschützen die Macht hat, damit sie dieselben kenne und ihre Identität zu beweisen imstande sei. Ich glaube«, sagte Mr. Lorry, in seinen beruhigenden Worten innehaltend, da ihm das eisige Benehmen der drei mehr und mehr auffiel, »daß dies der Zweck des Besuche« ist, Bürger Defarge?« Defarge warf einen düsteren Blick auf sein Weib und antwortete nur mit einem dumpfen Ton, den man für eine Bejahung nehmen konnte. »Es wird gut sein, Lucie«, fuhr Mr. Lorry fort, indem er in Ton und Benehmen alles aufbot, um die Szene traulicher zu machen, »wenn Ihr das liebe Kind und die gute Proß herkommen laßt. Unsere gute Proß ist eine Engländerin, Defarge, und versteht nicht französisch.« Die fragliche Dame, die der festen Überzeugung lebte, daß sie es mit jeder Ausländerin aufnehmen könne, ließ sich weder durch Bedrängnis noch durch Gefahr einschüchtern: sie trat mit verschlungenen Armen ein und bemerkte gegen die Rache, die ihren Blicken zuerst begegnete, in englischer Sprache: »Schockschwerenot, Madame Ohnesorge, ich hoffe. Ihr befindet Euch ordentlich.« Dann beehrte sie Madame Defarge mit einem britischen Hüsteln: aber keine von den beiden Weibern schenkten ihr eine sonderliche Beachtung. »Ist dies das Kind?« sagte Madame Defarge, zum erstenmal in ihrer Arbeit innehaltend und mit der Stricknadel, als sei diese der Finger des Schicksals, auf die kleine Lucie deutend. »Ja, Madame«, antwortete Mr. Lorry. »Dies ist das Töchterlein und das einzige Kind des armen Gefangenen.« Der Schatten, der auf Madame Defarge und ihrer Begleitung ruhte, schien so finster und drohend auf das kleine Wesen niederzufallen, daß die Mutter instinktartig neben demselben auf den Boden niederkniete und es an ihre Brust drückte, Und der Schatten von Madame Defarge und den beiden andern traf nun drohend und finster Mutter und Kind zugleich. »Es ist genug. Mann«, sagte Madame Defarge. »Ich habe sie gesehen. Wir brauchen nicht länger zu verweilen.« Aber das abgemessene Wesen hatte genug Drohendes in sich – nicht deutlich ausgesprochen, wohl aber unbestimmt und verhalten –, so daß die Unruhe Lucie, die ihre Hand flehend auf das Kleid der Madame Defarge legte, die Worte eingab: »Ihr werdet gütig sein gegen meinen armen Gatten. Ihr werdet ihm nichts zuleide tun. Wollt Ihr mir, wenn Ihr könnt, behilflich sein, ihn zu sehen?« »Ich habe hier nichts mit Eurem Gatten zu schaffen«, entgegnete Madame Defarge, mit vollkommener Fassung auf sie niederschauend. »Die Tochter Eures Vaters ist's, die mich hergeführt hat.« »So seid um meinetwillen barmherzig gegen meinen Mann um meines Kindes willen! Sie soll ihre Händchen zusammenlegen und Euch um Erbarmen bitten. Wir fürchten uns mehr vor Euch als vor diesen anderen.« Madame Defarge nahm dies als ein Kompliment auf und sah ihren Mann an. Defarge, der inzwischen unruhig an seinem Daumennagel gebissen hatte, erwiderte ihren Blick und suchte seinem Gesicht einen strengeren Ausdruck zu geben. »Was schreibt Euch Euer Mann in seinem Billett?« fragte Madame Defarge mit einem lauernden Lächeln. »Einfluß sagt er etwas von Einfluß?« »Ja, daß mein Vater Einfluß besitze auf seine Umgebung«, versetzte Lucie, die hastig den Papierstreifen hervorzog, aber den geängstigten Blick nicht auf die Zeilen warf, sondern ihn unverwandt auf der Fragerin haften ließ. »So wird er ihm zuverlässig loshelfen«, sagte Madame Defarge. »Ich wünsche Glück.« »Als Gattin und Mutter flehe ich zu Euch«, rief Lucie aus tiefster Seele, »habt Erbarmen mit mir und gebraucht die Gewalt, die Ihr besitzt, nicht gegen, sondern für meinen unschuldigen Mann. Ihr seid auch ein Weib erbarmt Euch der Gattin und der Mutter!« Madame Defarge schaute kalt wie immer auf die Flehende nieder und sagte, indem sie sich an ihre Freundin, die Rache, wandte: »Die Weiber und Mütter, die wir seit der Zeit gesehen haben, als wir noch so klein wie dieses Kind oder noch kleiner waren, sind gemeiniglich nicht sehr berücksichtigt worden. Haben wir nicht oft genug gesehen, wie man ihre Gatten und Väter ins Gefängnis warf und von ihnen getrennt hielt? Sind wir nicht unser Leben lang Zeugen gewesen, daß man Weiber und Kinder der Armut, der Not, dem Hunger, dem Durst, der Krankheit und dem Elend, kurz Bedrückungen und Vernachlässigungen aller Art preisgab?« »Wir haben nichts anderes gesehen«, versetzte die Rache. »Wir haben dies lange Zeit getragen«, fuhr Madame Defarge fort, indem sie den Blick wieder zu Lucie senkte. »Urteilt selbst, ob die Not eines Weibes und einer Mutter uns jetzt sonderlich anfechten kann.« Sie nahm ihre Strickerei wieder auf und entfernte sich. Die Rache folgte. Defarge war der letzte und machte die Tür hinter sich zu. »Mut, meine teure Lucie«, sagte Mr. Lorry, indem er sie aufrichtete. »Mut, Mut! Bis jetzt ist alles gut gegangen viel, viel besser, als es in den letzten Tagen so vielen armen Seelen erging. Verzaget nicht, sondern danket vielmehr dem Himmel.« »Ich hoffe, daß ich nicht undankbar bin: aber dieses schreckliche Weib scheint einen Schatten auf mich und alle meine Hoffnungen zu werfen.« »Pst! pst!« sagte Mr. Lorry. »Wozu dieser Kleinmut in Eurem wackeren Herzen? Ein Schatten ja: aber auch nur ein wesenloser Schatten, Lucie.« Aber der Schatten in dem Benehmen dieser Defarge lagerte trotzdem auch auf ihm schwarz genug, und seine Seele fühlte sich tief bekümmert. Viertes Kapitel. Windstille im Gewitter. Doktor Manette kehrte erst am Morgen des vierten Tages seiner Abwesenheit wieder zurück. Was sich von den Vorfällen jener schrecklichen Zeit vor Lucie geheimhalten ließ, blieb ihr sorgfältig verborgen, und sie wußte noch lange hernach, nachdem sie sich für immer von Frankreich getrennt hatte, nicht, daß elftausend wehrlose Gefangene jeden Geschlechts und Alters vom Pöbel ermordet worden waren, daß dieses entsetzliche Schlachten vier Tage und vier Nächte gewährt hatte, und daß die Luft um sie her den greulichen Duft eines Leichenfeldes in sich barg. Was sie wußte, beschränkte sich darauf, daß ein Angriff auf die Gefängnisse gemacht worden sei, der alle politischen Gefangenen in Gefahr brachte, und daß das Volk einige herausgerissen und ermordet habe. Dem Mr. Lorry teilte der Doktor unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, daß die Mörderbande ihn durch eine Szene des Gemetzels nach dem Gefängnis La Force gebracht habe. Dort sei von einem Gerichtshofe, dessen Mitglieder sich selbst ernannt hatten, Sitzung gehalten worden. Man habe die Gefangenen einzeln vorgeführt und in Bausch und Bogen erkannt, ob sie sofort abgetan, in Freiheit gesetzt oder, wie bei einigen wenigen geschah, wieder in ihre Zellen zurückgebracht werden sollten. Durch seine Führer dem Tribunal vorgestellt, habe er seinen Namen und Beruf genannt und sich als einen Bastillegefangenen zu erkennen gegeben, den man ohne Urteil und Recht achtzehn Jahre eingekerkert. Von den Richtern sei sodann einer aufgestanden und habe seine Identität bezeugt, nämlich Defarge. Nachdem er aus den auf dem Tische liegenden Registern die Überzeugung gewonnen, daß sein Schwiegersohn noch unter den lebenden Gefangenen sei, habe er für dessen Leben und Freiheit eine bewegliche Bitte an das Tribunal gerichtet, dessen Mitglieder zum Teil schliefen, zum Teil wachten, zum Teil blutig vom Mord, zum Teil rein, zum Teil nüchtern, zum Teil betrunken waren. Bei den ersten wilden Begrüßungen, mit denen man ein so denkwürdiges Opfer des gestürzten Systems überschüttete, sei ihm zugestanden worden, daß Charles Darnay vor den ungesetzlichen Gerichtshof gebracht und verhört werde. Auch habe dem Anschein nach wenig zu seiner alsbaldigen Befreiung gefehlt; aber dann sei ein Hindernis (welcher Art dieses gewesen, hatte der Doktor nicht aufklären können) dazwischengetreten, das eine kurze geheime Besprechung zur Folge hatte. Der Präsident des Tribunals habe sodann Doktor Manette erklärt, der Gefangene müsse in Haft bleiben, solle aber um seinetwillen in einen sicheren, unverletzlichen Gewahrsam kommen. Der Gefangene sei auf ein Zeichen sogleich wieder in das Innere des Gefängnisses zurückgeführt worden. Er aber, der Doktor, habe dann dringlich um die Erlaubnis gebeten, bei seinem Schwiegersohn bleiben und sich persönlich davon überzeugen zu dürfen, daß derselbe weder aus Haß noch aus Zufall in die Hände der Banden gerate, deren mordgieriges Gezeter vor dem Tor draußen die Verhandlungen so oft unterbrach. Nachdem ihm hierin willfahrt worden, sei er in der Mordhalle geblieben, bis die Gefahr vorüber gewesen. Die Auftritte, die er dort erlebte und die nur kurze Ruhepunkte für ein dürftiges Mahl oder den Schlaf gestatteten, sollen unerzählt bleiben. Die wahnsinnige Freude der Gefangenen, die gerettet worden waren, hatte ihn kaum weniger betäubt als die tolle Wildheit, mit der man die anderen in Stücke hieb. Ein Gefangener sei dort gewesen, sagte er, den man entlassen habe, gegen den aber irrtümlich einer von den Mördern beim Hinausgehen einen Pikenstoß führte. Der Doktor war ersucht worden, zu ihm zu gehen und seine Wunde zu verbinden; als er aber zu demselben Tor hinauskam, fand er ihn in den Armen einer Gesellschaft von Samaritern, die auf den Leichen ihrer Opfer saßen. Mit einer Inkonsequenz, die so ungeheuerlich war als irgend etwas in diesem schrecklichen nächtlichen Traume, hatten sie dem Arzte willige Handreichung getan, den Verwundeten mit der größten Sorgfalt gepflegt, eine Tragbahre für ihn gemacht und ihn mit aller Behutsamkeit fortgeschafft, dann aber wieder ihre Waffen aufgegriffen und aufs neue so blutdürstig dreingeschlagen, daß der Doktor die Augen mit den Händen bedeckte und diesen Greueln gegenüber ohnmächtig wurde. Während Mr. Lorry diese vertrauliche Mitteilung anhörte, beobachtete er sorgsam das Gesicht seines jetzt zweiundsechzigjährigen Freundes, und in seinem Innern regte sich die Furcht, solche schrecklichen Erfahrungen könnten das alte Übel wieder aufwühlen: aber er hatte Mr. Manette nie so gesehen wie jetzt, nie denselben in seinem gegenwärtigen Charakter gekannt. Jetzt zum erstenmal fühlte der Doktor, daß sein früheres Leiden ihm Kraft und Macht verlieh; zum erstenmal fühlte er, daß er in jenem scharfen Feuer langsam das Eisen geschmiedet, mit dem er die Tür zu dem Gefängnis des Gatten seiner Tochter erbrechen und ihn in Freiheit setzen konnte. »Alles hat sich zum besten gefügt, mein Freund, und nichts ist umsonst und verloren gewesen. Wie mein geliebtes Kind dazu behilflich war, mich mir selbst zurückzugeben, so will ich mich jetzt bemühen, ihr den teuersten Teil ihres Ichs wiederzuverschaffen, und unter Gottes Beistand wird es mir gelingen!« So Doktor Manette. Und Jarvis Lorry mußte ihm wohl glauben, wenn er die leuchtenden Augen, das entschlossene Gesicht, den ruhigen Blick und die kräftige Haltung des Mannes betrachtete, dessen Leben ihm stets in dem Licht eines Uhrwerkes vorgekommen war, das man für eine lange Reihe von Jahren abgestellt hatte, und das, nun es wieder im Gang war, durch verstärkte Energie für den langen Schlummer seiner Kräfte Ersatz leistete. Selbst größere Kämpfe, als der Doktor damals zu bestehen hatte, würden sich an der Festigkeit seines Willens gebrochen haben. Von seiner Stellung als Arzt Gebrauch machend, dem seine Pflicht auferlegte, mit Menschen aller Art, Gefangenen und Freien, Reichen und Armen, Guten und Bösen zu verkehren, wußte er seinen persönlichen Einfluß so weise zu benutzen, daß er bald zum Inspektionsarzt von drei Gefängnissen, darunter der Force, ernannt wurde. Er konnte nun Lucie die Versicherung geben, daß ihr Gatte sich nicht mehr in Einzelhaft; sondern unter den übrigen Gefangenen befand; er sah Charles alle Wochen und konnte ihr Liebesbotschaften von seinen eigenen Lippen bringen; bisweilen wußte Charles sogar ihr ein Briefchen zuzustellen, obschon nie durch des Doktors Hand: aber sie durfte ihm nicht darauf antworten, denn der unsinnige Wahnglaube an Gefängniskomplotte zielte besonders auf jene Emigranten ab, von denen man wußte, daß sie im Ausland Freunde gewonnen oder dauernde Verbindungen eingegangen hatten. Das neue Leben des Doktors war ohne Zweifel ein sorgenvolles, aber der schlaue Mr. Lorry bemerkte bald, daß ihm dabei ein gewisser Stolz zur Stütze diente. Es war ein natürlicher, ein ehrenwerter Stolz, frei von allem Ungehörigen; aber doch kam er ihm als eine Merkwürdigkeit vor. Der Doktor wußte, daß die Tochter und der Freund mit seiner Gefangenschaft bisher stets das Bild seiner geistigen Verwirrung, seiner Entbehrungen und seiner Schwäche in Verbindung gebracht hatten. Nun dies anders war und er sich um seiner alten Prüfungen willen mit Kräften versehen sah, von denen sich beide die endliche Bergung und Befreiung Darnays versprachen, fühlte er sich durch den Wechsel so gehoben, daß er die Leitung von allem übernahm und von ihnen, den Schwachen, verlangen konnte, ihm, dem Starken, zu vertrauen. Das Verhältnis zwischen ihm und Lucie hatte sich umgekehrt, jedoch nur, wie dies unbeschadet der innigsten Dankbarkeit geschehen konnte; denn sein höchstes Glück bestand darin, ihr, die ihm so viel geopfert hatte, einige Dienste zu leisten. »Ganz merkwürdig anzusehen«, dachte Mr. Lorry in seiner gemütlich schlauen Weise, »aber ganz natürlich und in der Ordnung. So nimm nur das Steuer, mein lieber Freund, und halt es fest; es könnte in keinen besseren Händen sein.« Aber obgleich sich der Doktor unablässig alle Mühe gab, die Befreiung von Charles Darnay durchzusetzen oder es wenigstens dahin zu bringen, daß er vor Gericht gestellt wurde, war doch die Flut der Zeit zu schnell und zu mächtig für ihn. Die neue Ära begann. Der König wurde gerichtet, verurteilt und enthauptet, die Republik mit dem Wahlspruch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod erklärte sich für einen Kampf auf Leben und Tod gegen die Waffen einer ganzen Welt; das schwarze Banner flatterte Tag und Nacht über den hohen Türmen von Notre-Dame; dreimalhunderttausend Mann, die gegen die Tyrannen der Erde aufgeboten waren, erhoben sich aus den verschiedenen Teilen Frankreichs, als seien überall mit breiten Würfen die Drachenzähne gesät worden und gleich gut gediehen auf dem Berge und in der Ebene, im Felsgestein und im Alluvialschlamm, unter dem klaren Himmel des Südens wie unter den Wolken des Nordens, in Feld und Wald, in Weinbergen und Ölgärten, unter dem gemähten Gras und den Stoppeln des Ackers, die fruchtbaren Ufer der breiten Flüsse entlang und im Sande der Meeresküste. Welche Einzelsorge konnte etwas ausrichten gegen die Überschwemmung des Jahres Eins der Freiheit gegen eine Überschwemmung, die aus den Tiefen emporstieg, nicht von oben her kam und sich nicht wieder zerteilte, als sich die Fenster des Himmels schlössen. Da war kein Halten, kein Erbarmen, kein Friede, kein Zwischenraum der Ruhe, kein Zeitmaß. Obgleich Tag und Nacht so regelmäßig einander folgten, wie in der Jugend der Zeit, als es Abend und Morgen ward, der erste Tag, gab es doch kein anderes Zählen. Der Anhaltspunkt war in dem tobenden Fieber einer Nation verlorengegangen wie in dem Fieber eines Kranken. Jetzt zeigte, die unnatürliche Stille einer ganzen Stadt unterbrechend, der Henker dem Volke den Kopf eines Königs und jetzt (es schien fast in demselben Atem zu geschehen) das Haupt seiner schönen Witwe, das in acht langen Monaten der Gefangenschaft und des Elends Zeit gehabt hatte, grau zu werden. Und doch – wie seltsam macht sich das Gesetz des Widerspruchs in allen solchen Fällen geltend war es eine lange Zeit, die so schnell dahinflammte. Ein revolutionäres Tribunal in der Hauptstadt und vierzig- oder fünfzigtausend revolutionäre Komitees über das ganze Land; ein Gesetz gegen die Verdächtigen, das mit einem Federzug alle Sicherheit für Freiheit oder Leben austilgte und die Guten und Unschuldigen den Schlechten und Schuldigen überantwortete; Gefängnisse gepfropft voll mit Leuten, die kein Verbrechen begangen hatten und doch kein Gehör finden konnten dies waren lauter Dinge, die zur Tagesordnung und schon nach einigen Wochen zu selbstverständlichen Bräuchen wurden, als stammten sie aus unvordenklichen Zeiten her. Vor allem aber gewöhnte man sich schnell an eine gräßliche Gestalt so gut, als sei sie schon mit dir Schöpfung der Welt ins Dasein getreten an die Gestalt des scharfen Frauenzimmers, Guillotine genannt. Sie war das populäre Thema für Scherze. Man nannte sie das beste Mittel gegen Kopfweh, ein untrügliches Präservativ gegen das Grauwerden der Haare. Sie verlieh dem Teint eine eigentümliche Zartheit und war das Nationalrasiermesser, das am schärfsten rasierte. Wer die Guillotine küßte, guckte durch das kleine Fenster und nieste in den Sack. Sie war das Zeichen für die Wiedergeburt des Menschengeschlechts und hatte das Kreuz ersetzt. Medaillen mit ihrem Bilde wurden auf der Brust getragen, von der das Kreuz entfernt worden; man beugte sich vor ihr und glaubte an sie, während man von dem Kreuze nichts mehr wissen wollte. Sie schor so viele Köpfe ab, daß sie und der Boden, den sie am meisten befleckten, von moderndem Kot starrte. Man zerlegte sie in Stücke wie ein Spielzeug für einen jungen Teufel und setzte sie wieder zusammen, wenn sich Gelegenheit zu ihrem Gebrauch ergab. Sie brachte den Beredten zum Schweigen, schlug den Mächtigen nieder und vernichtete die Schönheit und die Tugend. Zweiundzwanzig Freunden von hoher öffentlicher Stellung, einundzwanzig lebenden und einem toten, hatte sie an einem Morgen in ebenso vielen Minuten die Köpfe abgehauen. Der Name des starken Mannes im Alten Testament war auf den Hauptwürdenträger übergegangen, der sie spielen ließ; und mit dieser Waffe war er stärker als sein Namensvetter und blinder; denn er riß jeden Tag die Tore von Gottes eigenem Tempel weg. Unter diesen Schrecken und der zu ihnen gehörigen Brut ging der Doktor sicheren Hauptes umher; denn er vertraute seiner Macht, verfolgte behutsam seinen Zweck und zweifelte keinen Augenblick daran, daß es ihm endlich gelingen werde, Lucies Gatten zu retten. Aber der Strom der Zeit wühlte so schnell und tief und riß die Zeit so ungestüm mit sich fort, daß Charles schon ein Jahr und drei Monate im Gefängnis geschmachtet hatte, ohne daß der Doktor sich in seinem zuversichtlichen Vertrauen beirren ließ. In jenem Dezembermonat war die Revolution um so viel schändlicher und unsinniger geworden, daß die Flüsse des Südens anschwollen von den Leichen der gewaltsam Ertränkten und die Gefangenen in Reihen und Vierecken niedergeschossen wurden unter der südlichen Wintersonne. Gleichwohl ging der Doktor sicheren Hauptes unter den Schrecken umher. Niemand war zu jener Zeit besser in Paris bekannt als er; und niemand befand sich in einer befremdlicheren Lage. Still, menschenfreundlich, unentbehrlich im Spital und im Gefängnis, und seine Kunst mit gleichem Eifer übend an dem Meuchelmörder und dem Opfer, nahm er eine Ausnahmestellung ein. Wo es die Anwendung seiner Geschicklichkeit galt, schied ihn das Aussehen und die Geschichte des Bastillegefangenen von allen anderen Menschen aus. Er wurde ebensowenig beargwöhnt oder bezweifelt, als sei er in der Tat vor achtzehn Jahren wirklich vom Tode erweckt worden oder al« wandle er als ein Geist unter den Sterblichen. Fünftes Kapitel. Der Holzspalter. Ein Jahr und drei Monate. Während dieser ganzen Zeit war Lucie keinen Augenblick sicher, ob nicht am anderen Tage die Guillotine ihrem Gatten den Kopf abschlage. Jeden Tag holperten schwerfällig die mit Verurteilten gefüllten Karren durch die gepflasterten Straßen. Liebliche Mädchen; glänzende Frauen, braunhaarig, schwarzhaarig und grau; Jünglinge, Männer und Greise; Hochgeborene und Geringe alles roter Wein für La Guillotine, alles täglich ans Licht gefördert aus den dunklen Kellern der eklen Gefängnisse und durch die Straßen geführt, um ihren brennenden Durst zu stillen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod der letzte ist am leichtesten zu erringen, o Guillotine! Wenn die Plötzlichkeit des Unglücks und die wirbelnden Räder der Zeit die eines Resultats harrende Tochter zu dumpfer Verzweiflung getrieben hätten, so wäre es ihr ergangen wie so vielen; aber von der Stunde an, als sie in dem Dachstübchen von Saint Antoine das weiße Haupt an ihre frische junge Brust gedrückt, hatte sie unwandelbar den übernommenen Pflichten nachgelebt und blieb ihnen namentlich treu in der Zeit der Heimsuchung, wie es stets bei treuen und guten stillen Seelen der Fall ist. Sobald die neue Wohnung eingerichtet war und ihr Vater sich in seinen Beruf wieder hineingefunden hatte, ordnete sie ihren kleinen Haushalt geradeso, als ob ihr Mann anwesend sei. Alles hatte seinen bestimmten Platz und seine bestimmte Zeit. Die kleine Lucie unterrichtete sie so regelmäßig, als wären sie noch in ihrer englischen Heimat beisammen. Die kleinen Kunstgriffe, mit denen sie sich in den Wahn hineintäuschte, daß sie bald wieder vereinigt sein würden, die leichten Vorbereitungen für seine baldige Zurückkehr, das Herrichten seines Stuhls und seiner Bücher dies und das feierliche Nachtgebet namentlich für einen lieben Gefangenen unter den vielen unglücklichen Seelen, die im Gefängnis und unter dem Schatten des Todes lebten, waren fast die einzigen ausgesprochenen Tröstungsmittel ihres schweren Herzens. In ihrem Äußeren zeigte sie keine besondere Veränderung. Die einfachen, schwarzen, an Trauer mahnenden Kleider, die sie und ihr Kind trugen, waren so sauber und geordnet, wie in glücklicheren Tagen ihr hellerer Anzug. Sie sah bleich aus, und der alte ernste Zug in ihrem Gesicht kam nicht mehr bloß gelegentlich, sondern war bleibend geworden; in jeder andern Beziehung aber konnte man sie noch immer sehr hübsch und anmutig nennen. Bisweilen ließ sie abends, wenn sie ihren Vater küßte, ihren den ganzen Tag über unterdrückten Schmerz zum Ausbruch kommen, wobei sie ihm versicherte, daß er ihre einzige Stütze und Zuversicht sei unter der Sonne, und dann pflegte er mit Entschiedenheit darauf zu antworten: »Nichts kann ihm zustoßen ohne mein Vorwissen, und ich weiß, daß ich ihn zu retten vermag, Lucie.« Sie hatten in dieser veränderten Lebensweise noch nicht viele Wochen verbracht, als ihr Vater eines Abends beim Nachhausekommen zu ihr sagte: »Meine Liebe, in dem Gefängnis ist ein oberes Zimmer, zu dem Charles bisweilen um drei Uhr nachmittags Zutritt hat. Kann er hinkommen dies hängt freilich von manchen Ungewißheiten und Zufälligkeiten ab , so meint er, dich in der Straße sehen zu können, wenn du dich an einem gewissen Platz aufstellst, den ich dir zeigen will. Du wirst ihn freilich nicht sehen, mein armes Kind, und selbst wenn es der Fall wäre, würde es nicht rätlich sein, ein Zeichen des Erkennens zu geben.« »Oh, zeigt mir den Platz, Vater, und ich will jeden Tag hingehen.« Von dieser Zeit an wartete sie dort bei jedem Wetter täglich zwei Stunden. Sobald die Glocke zwei schlug, war sie an der Stelle, und um vier Uhr entfernte sie sich wieder voll Ergebung. Wenn es für ihr Kind nicht zu naß oder zu kalt war, so gingen sie miteinander; zu andern Zeiten tat sie es allein; unter allen Umständen aber ließ sie es keinen Tag fehlen. Es war die dunkle schmutzige Ecke einer krummen Straße. Die Hütte eines Holzspalters stellte an diesem Ende die einzige wohnliche Stätte dar; alles übrige war Mauer. Am dritten Tage fiel dem Manne ihre Anwesenheit auf. »Guten Tag, Bürgerin.« »Guten Tag, Bürger.« Diese Art der Anrede war jetzt durch ein Dekret vorgeschrieben. Die Ausbundpatrioten hatten sich ihrer schon einige Zeit vorher bedient, aber jetzt war sie Gesetz für jedermann. »Wieder hierher einen Spaziergang gemacht, Bürgerin?« »Wie Ihr seht, Bürger.« Der Holzspalter, ein kleiner Mann mit einem schwunghaften Gebärdenspiel (er war früher Straßenarbeiter gewesen), warf einen Blick nach dem Gefängnis, deutete danach hin, hielt seine zehn Finger gegittert vor das Gesicht und schaute spaßhaft durch. »Aber geht mich nichts an«, sagte er und ging seinem Gewerbe nach. Am andern Tage sah er sich wieder nach ihr um und redete sie an, sobald sie erschien. »Wie, schon wieder einen Spaziergang, Bürgerin?« »Ja, Bürger.« »Ah, und ein Kind dazu! Dies ist wohl deine Mutter, meine kleine Bürgerin?« »Soll ich ja sagen, Mama?« flüsterte die kleine Lucie, sich dicht an sie anschmiegend. »Ja, mein Kind.« »Ja, Bürger.« »Ah! Aber geht mich nichts an. Ich kümmere mich nur um meine Arbeit. Seht meine Säge da ich nenne sie meine kleine Guillotine. Ratsch, ratsch, ratsch; ratsch, ratsch, ratsch! Und herunter ist sein Kopf!« Während er so sprach, fiel das Scheit, und er warf es in einen Korb. »Ich nenne mich den Samson der Brennholz-Guillotine. Schaut wieder her. Ritsch, ritsch, ritsch; ritsch, ritsch, ritsch! Und ihr Kopf ist gefallen! Jetzt ein Kind. Retsche, retsche; retsche, retsche! Da kommt sein Kopf. Die ganze Familie!« Lucie schauderte, als er zwei weitere Scheiter in seinen Korb warf; aber wenn der Holzspalter dort arbeitete, mußte sie notwendig von ihm gesehen werden. Sie redete ihn daher, um sich seine Geneigtheit zu sichern, immer zuerst an und gab ihm auch öfters ein Trinkgeld, das er sich recht gern gefallen ließ. Er war ein neugieriger Bursche, und wenn sie bisweilen im Aufschauen nach dem Dach und den Gittern des Gefängnisses, in der Erhebung ihres Herzens zu dem Gatten seiner ganz vergessen hatte, konnte sie auf einmal bemerken, daß er, das Knie auf seine Bank gestützt und die Säge mitten in der Arbeit ruhen lassend, ihr zusah. »Aber geht mich nichts an«, pflegte er bei solchen Gelegenheiten zu sagen und ließ dann wieder hurtig seine Säge gehen. Bei jedem Wetter, im Schnee und Winterfrost, in den schneidenden Frühjahrswinden, im heißen Sommersonnenschein, im Herbstregen und wieder im Schnee und Winterfrost verbrachte Lucie jeden Tag zwei Stunden an diesem Platz, und jeden Tag küßte sie, eh' sie sich entfernte, die Gefängnismauer. Ihr Gatte sah sie, wie sie von ihrem Vater erfuhr, einmal unter fünf oder sechs Malen, vielleicht auch zwei- oder dreimal hintereinander, dann aber wieder eine Woche oder zwei gar nicht. Es war genug, daß er sie sehen konnte, wenn er Gelegenheit dazu fand, und ergab sich diese auch nur einmal in der Woche, so machte sie um der Möglichkeit willen doch gern jeden Tag diesen Gang. So verging der Monat Dezember, und ihr Vater wandelte noch immer sicheren Hauptes unter den Schrecken umher. Eines Nachmittags, als eben ein leichter Schnee fiel, war sie wieder an der gewöhnlichen Ecke angelangt. Es war ein Tag wilder Freude irgendein Fest. Sie hatte auf dem Herwege die Häuser mit kleinen Spießen, auf denen kleine rote Mützen ragten, auch mit dreifarbigen Bändern und meist in den beliebten dreifarbigen Buchstaben mit der unvermeidlichen Inschrift geziert gesehen: Eine und unteilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod! Die erbärmliche Hütte des Holzspalters war so klein, daß ihre ganze Oberfläche nur einen sehr unbedeutenden Raum bot für diese Inschrift. Gleichwohl hatte er jemanden aufgetrieben, der sie für ihn hinschmierte, obschon das Wort Tod kaum mehr einen Platz finden konnte. Über dem Giebel seines Hauses sah man den Spieß und die Mütze, an der es kein guter Bürger fehlen lassen durfte, und in einem Fenster hatte er seine Säge ausgestellt mit der Bezeichnung: »Kleine heilige Guillotine«; denn das große scharfe Frauenzimmer war inzwischen vom Volk heilig gesprochen worden. Sein Sägeschopf war geschlossen und er nicht zu Hause. Diese Einsamkeit gereichte Lucie zu großem Trost. Aber er war nicht weit weg. Sie hörte bald das Gestampf von Füßen und näher kommendes Geschrei, das sie mit Furcht erfüllte Einen Augenblick später wogte ein Volkshaufe um die Ecke ter Gefängnismauer, und in der Mitte desselben befand sich der Holzspalter Hand in Hand mit der Rache. Es konnten nicht weniger als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten einher wie fünftausend böse Geister. Die Musik bildete ihr eigener Gesang. Sie tanzten zu dem beliebten Revolutionslied und hatten dazu einen wilden Takt, der wie ein gemeinsames Zähneknirschen klang. Männer tanzten mit Weibern, Weiber mit Weibern und Männer mit Männern, wie sie eben der Zufall zusammenführte. Anfangs nahmen sie sich nur wie ein Strom von groben roten Mützen und grobwollenen Lumpen aus. Aber als sie den Platz füllten und um Lucie her haltmachten, begann auf einmal eine gräßliche Tanzfigur in wildem Toben. Sie bewegten sich vorwärts und rückwärts, schlugen sich nach den Händen, packten sich bei den Köpfen, wirbelten allein umher, faßten sich dann und drehten sich paarweise, bis viele davon niedersanken. Während nun diese am Boden lagen, gaben die anderen sich die Hände und führten um sie her einen Reigen auf. Dann riß der Ring, und die einzelnen Partner bildeten wieder Ringe aus zwei und vier, die sich drehten und drehten, bis alle auf einmal haltmachten; dann fingen sie wieder von vorne an, klopften und packten sich, zerrten einander und kreisten dann in einer verkehrten Richtung. Plötzlich machten sie wieder halt, schlugen aufs neue ihren Takt an, bildeten Reihen von der Breite der Straße und fegten mit tiefgesenkten Häuptern und hocherhobenen Händen davon. Kein Ringkampf hätte nur halb so schrecklich aussehen können als dieser Tanz. Er war so ausdrücklich eine herabgekommene Belustigung ein Etwas, das, aus einem unschuldigen Ursprung herstammend, in wahre Teufelei ausgeartet war eine gesunde Ergötzlichkeit, umgewandelt in ein Mittel, das Blut aufzuregen, die Sinne außer sich zu bringen und das Herz zu stählen. Die Anmut, die sich darin noch sichtbar machte, ließ den Tanz nur um so häßlicher erscheinen, indem sie zeigte, wie verkehrt und verworfen alles von Natur aus Gute geworden war. Der jungfräuliche Busen so bloß, der hübsche, fast kindliche Kopf so verdreht, die feinen Füße, grob sich bewegend in dieser Pfütze von Kot und Blut, waren lauter Typen einer aus den Fugen gegangenen Zeit. Dies war die Carmagnole. Während sie vorüberrauschte und Lucie entsetzt und verwirrt auf der Schwelle zu der Hütte des Holzspalters zurückblieb, fiel der flockige Schnee so ruhig und blieb so weiß und so weich liegen, als sei der Boden nie der Schauplatz einer solchen Szene gewesen. »O mein Vater!« denn er stand vor ihr, als sie die Augen wieder aufschlug, die sie eine Weile mit der Hand verhüllt hatte »welch ein häßlicher, entsetzlicher Anblick!« »Ich weiß es, meine Liebe, ich weiß es habe ihn schon oft mit angesehen. Doch fürchte dich nicht. Niemand von ihnen wird dir etwas zuleide tun.« »Ich fürchte nichts für mich selbst, Vater. Aber wenn ich an meinen Gatten denke und an das Erbarmen dieses Volkes« »Wir wollen ihn bald aus dem Bereiche seines Erbarmens geschafft haben. Ich verließ ihn, wie er zu dem Fenster hinankletterte, und komme her, es dir zu sagen. Es ist niemand hier, der dich sehen kann. Wirf ihm einen Kuß zu nach dem höchsten Dachsims hinauf.« »Ich tue es, Vater, und meine Seele eilt mit hin.« »Du kannst ihn nicht sehen, meine arme Tochter?« »Nein, Vater«, versetzte Lucie mit sehnsüchtigen Tränen im Auge, während sie eine Kußhand nach dem Gefängnis hin sandte, »nein.« Ein Fußtritt im Schnee. Madame Defarge. »Ich grüße Euch, Bürgerin«, sagte der Doktor. »Ich grüße Euch, Bürger.« Dies im Vorübergehen. Weiter nicht. Madame Defarge war fort, hingeglitten wie ein Schatten über den weißen Weg. »Gib mir deinen Arm, meine Liebe. Du kannst seinetwegen mit heiterem, mutigem Geist nach Hause gehen. Es war gut so«, bemerkte er, als sie den Platz verlassen hatten; »es wird nicht umsonst sein. Charles ist auf morgen vorgeladen.« »Auf morgen?« »Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich bin gut vorbereitet; aber es müssen Vorkehrungen getroffen werden, die sich nicht besorgen ließen, ehe er vor das Tribunal geladen war. Bis jetzt hat er noch keine Mitteilung erhalten; ich weiß jedoch, daß er auf morgen vorbeschieden ist und nach der Conciergerie gebracht werden soll. Ich bin in guter Zeit unterrichtet worden. Du hast doch keine Angst?« Sie vermochte kaum hervorzubringen: »Ich verlasse mich auf Euch.« »Dies kannst du unbedingt. Die Ungewißheit wird bald zu Ende sein, mein Herz. In wenigen Stunden ist er dir zurück gegeben. Ich habe ihm jeden erdenklichen Schutz gesichert. Jetzt muß ich Lorry aufsuchen.« Er hielt inne. Man hörte ein schwerfälliges Gerassel von Rädern. Beide wußten nur zu gut, was es zu bedeuten hatte. Eins. Zwei. Drei. Drei Karren fuhren mit ihrer unglücklichen Ladung über den tondämpfenden Schnee. »Ich muß Lorry sprechen«, wiederholte der Doktor, indem er sie in eine andere Richtung führte. Der standhafte alte Ehrenmann hielt noch immer aus auf seinem Posten. Er und seine Bücher wurden häufig in Anspruch genommen, wenn es sich um beschlagnahmtes und der Nation zugefallenes Eigentum handelte. Was er für die Eigentümer retten konnte, das rettete er. In der ganzen Welt hätte sich kein besserer Mann finden lassen, um in aller Stille und Verschwiegenheit festzuhalten, was Tellsons zur Verwahrung übergeben war. Ein trüber rotgelber Himmel und der von der Seine aufsteigende Nebel verkündeten den Einbruch der Dunkelheit. Es war schon finster, als sie die Bank erreichten. Der stattliche Palast von Monseigneur war verheert und verlassen. Über einem Haufen von Staub und Asche im Hofe las man die Inschrift: Nationaleigentum. Eine und unteilbare Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod. Wer mochte dies wohl sein bei Mr. Lorry, der Eigentümer des Reitkleids auf dem Sessel, der nicht gesehen werden wollte? Von welchem neuen Ankömmling kam der Doktor voll Aufregung und Überraschung heraus, um seinen Liebling zu umarmen? Wem wiederholte er augenscheinlich ihre stotternden Worte, als er mit lauter Stimme und das Gesicht der Tür zugewendet, aus der er gekommen, sagte: »Nach der Conciergerie gebracht und auf morgen vorgeladen«? Sechstes Kapitel. Triumph. Das gefürchtete Tribunal von fünf Richtern, der öffentliche Ankläger und ein entschiedenes Schwurgericht hielten jeden Tag Sitzung. Ihre Listen wurden jeden Abend ausgegeben und von den Kerkermeistern der verschiedenen Gefängnisse ihren Gefangenen vorgelesen. Der ständige Schließerwitz lautete: »Kommt heraus und hört die Abendzeitung, ihr da drinnen.« »Charles Evrémonde, genannt Darnay!« So begann endlich die Abendzeitung in der Force. Wenn ein Namen verlesen war, trat der Bezeichnete beiseite auf einen Platz, der jenen vorbehalten blieb, die auf der verhängnisvollen Liste standen. Charles Evrémonde, genannt Darnay, kannte diesen Brauch aus langer Erfahrung; er hatte Hunderte so weggehen sehen. Der gedunsene Kerkermeister, der zum Lesen eine Brille brauchte, schaute über die Gläser weg, um sich zu überzeugen, daß er seinen Platz eingenommen hatte, und fuhr dann in der Liste fort, indem er nach jedem Namen dieselbe Pause machte. Es waren ihrer dreiundzwanzig; aber nur zwanzig hatten geantwortet; denn einer von den so aufgebotenen Gefangenen war im Gefängnis gestorben und vergessen worden, die beiden andern hatte man bereits guillotiniert und gleichfalls vergessen. Die Liste kam zum Verlesen in der gewölbten Halle, wo Darnay am Abend seiner Ankunft der Gesellschaft der Gefangenen begegnete. Von jenen waren alle samt und sonders bei dem Gemetzel gefallen. Jedes Menschenwesen, an dem er seitdem Anteil genommen und das den Platz wieder verlassen, hatte den Tod auf dem Schafott gefunden. Man tauschte hastig ein freundliches Lebewohl aus; aber das Abschiednehmen war bald vorüber. Es gehörte ja zu den alltäglichen Ereignissen, und die Gesellschaft in der Force hatte mit Vorbereitungen zu einem Pfänderspiel und einem kleinen Konzert für den Abend zu schaffen. Sie drängten sich wohl an die Gitter und vergossen da einige Tränen; aber bei der in Aussicht genommenen Unterhaltung gab es zwanzig Plätze auszufüllen, und die Zeit war so kurz bis zu der Stunde des Verschlusses, nach der die gemeinsamen Räume und Gänge den großen Hunden überantwortet wurden, die hier während der Nacht Wache hielten. Die Gefangenen waren gewiß nicht unempfindlich oder gefühllos; aber sie wollten die ihnen so kurz zugemessene Zeit ausnützen. In ähnlicher Art, obschon mit einem feinen Unterschied, ließen sich bekanntlich, ohne Zweifel in einer Art Fieber oder Trunkenheit, manche hinreißen, der Guillotine, die sie verschlang, unnötig zu trotzen, sicherlich nicht aus bloßer Prahlerei, sondern angesteckt von der wilden Zerrüttung, die allgemein die Gemüter befallen hatte. In Pestzeiten haben manche Leute eine besondere Empfänglichkeit für die Krankheit, eine schrecklich anziehende Neigung, an ihr zu sterben. Und in jeder Brust liegen ähnliche Wunden verborgen; es bedarf nur der Umstände, sie ins Leben zu rufen. Der Korridor zu der Conciergerie war kurz und dunkel, die Nacht in ihren von Ungeziefer wimmelnden Zellen lang und kalt. Am andern Tage hatten fünfzehn Gefangene vor Gericht zu erscheinen, ehe Charles Darnays Name an die Reihe kam. Alle die fünfzehn wurden zum Tode verurteilt, und die Verhandlungen währten im ganzen anderthalb Stunden. Charles Evrémonde, genannt Darnay, wurde endlich vorgeladen. Die Richter auf der Bank hatten Federhüte auf; sonst herrschte die grobe rote Mütze und die dreifarbige Kokarde als Kopfbedeckung vor. Wenn man die Schwurrichter und das lärmende Publikum betrachtete, konnte man zu dem Glauben kommen, man lebe in der verkehrten Welt und die Verbrecher säßen zu Gericht über die ehrlichen Leute. Der gemeinste, schlechteste und blutdürstigste Pöbel einer Stadt, dem es gewiß nie an gemeinen und schlechten Bluthunden fehlte, hatte die Oberhand und machte lärmend seine Bemerkungen; er durfte Beifall klatschen, sein Mißfallen kundgeben, dem Urteile vorgreifen und das Resultat beschleunigen, ohne daß man ihm Einhalt tat. Die Männer waren großenteils in verschiedener Weise bewaffnet; von den Weibern trugen einige Messer, die andern Dolche, die einen aßen und tranken während des Zusehens, andere strickten. Unter den letzteren befand sich eine, die bei ihrer Arbeit noch ein lediges Strickzeug unter dem Arme hatte. Sie saß in einer vorderen Reihe an der Seite eines Mannes, den Darnay seit seiner Ankunft an der Barriere nicht mehr gesehen hatte und in dem er sogleich Defarge wiedererkannte. Er bemerkte, daß sie ihm ein- oder zweimal ins Ohr flüsterte und daß sie allem Anscheine nach sein Weib war; am meisten fiel ihm aber an den beiden auf, daß sie, obschon sie sich möglichst in seine Nähe gemacht hatten, doch nie nach ihm hinsahen. Sie schienen mit trotziger Entschlossenheit auf etwas zu warten und für nichts als für die Geschworenen ein Auge zu haben. Unter dem Präsidenten saß Doktor Manette in seinem gewöhnlichen ehrbaren Anzuge. Soviel der Gefangene wahrnehmen konnte, waren er und Mr. Lorry die einzigen nicht zum Gerichtspersonal gehörigen Männer, die ihre gewöhnlichen Kleider trugen und nicht das grobe Gewand der Carmagnole zur Schau stellten. Charles Evrémonde, genannt Darnay, wurde von dem öffentlichen Ankläger als ein Emigrant bezeichnet, dessen Leben an die Republik verwirkt sei kraft des Dekrets, das alle zurückkehrenden Emigranten zum Tode verurteilte. Es wurde als belanglos angesehen, daß das Dekret erst in die Zeit nach seiner Rückkehr fiel. Er war da, das Gesetz war da, man hatte ihn in Frankreich aufgegriffen, und sein Leben wurde gefordert. »Zur Guillotine mit ihm!« rief das Publikum. »Ein Feind der Republik!« Der Präsident klingelte, um die Lärmenden zum Schweigen zu bringen, und fragte den Gefangenen, ob es wahr sei, daß er viele Jahre in England gelebt habe. Es wurde nicht geleugnet. Und dennoch wolle er kein Emigrant sein? Als was er sich denn bezeichne? Hoffentlich nicht als einen Emigranten im Sinn und Geist des Gesetzes. Warum nicht? wünschte der Präsident zu wissen. Weil er freiwillig eine Stellung und einen Titel aufgegeben habe, der ihm verhaßt geworden. Er habe sein Vaterland verlassen, eh' das Wort Emigrant in dem Sinne, wie man es jetzt nehme, vor Gericht üblich war, weil er lieber von seinem eigenen Fleiße in England als von dem des mit Lasten überhäuften Volkes in Frankreich seinen Unterhalt ziehen wollte. Welche Beweise konnte er dafür beibringen? Er übergebe die Namen von zwei Zeugen: Theophil Gabelle und Alexander Manette. Aber er habe in England geheiratet, erinnerte ihn der Präsident. Ja, aber keine Engländerin. Eine Bürgerin von Frankreich? Ja. Von Geburt. Ihr Name und ihre Familie? »Lucie Manette, einzige Tochter des Doktor Manette, des wackeren Arztes, der hier sitzt.« Diese Antwort machte einen günstigen Eindruck auf die Zuhörerschaft. Ein jubelndes Geschrei zu Ehren des wohlbekannten wackeren Doktors erfüllte die Halle. So sehr ließ sich das Volk von einer augenblicklichen Stimmung hinreißen, daß man Tränen sah auf mehreren wilden Gesichtern, die einen Augenblick vorher den Gefangenen noch angestiert hatten, als juckten ihnen die Fäuste, ihn auf die Straßen hinauszuzerren und totzuschlagen. Diese paar Schritte auf seinem gefährlichen Wege hatte Charles Darnan ganz nach Doktor Manettes wiederholter Weisung getan. Derselbe vorsichtige Rat diente ihm auch weiter zur Richtschnur und hatte ihm jeden Zoll seines Weges vorbereitet. Der Präsident fragte ihn, warum er eben zu einer solchen Zeit und nicht früher zurückgekehrt sei. Er sei fortgeblieben, lautete die einfache Antwort, weil er in Frankreich keine anderen Mittel für seinen Unterhalt hatte als diejenigen, auf die er verzichtet habe, während er sich in England durch Unterricht in der französischen Sprache und Literatur fortbringen konnte. Seine Rückkehr sei auf die dringliche schriftliche Bitte eines französischen Bürgers erfolgt, der ihm vorstellte, daß durch seine Abwesenheit dessen Leben bedroht werde. Er sei gekommen, um das Leben eines Bürgers zu retten und, was auch daraus für ihn folgen mochte, der Wahrheit Zeugnis zu geben. Ob dies die Republik für ein Verbrechen ansehe? Der Pöbel rief begeistert »Nein!«, und der Präsident rührte die Klingel, um Ruhe herzustellen. Vergeblich. Das Geschrei »Nein, nein!« machte fort, bis die Rufer genug hatten und von selbst nachließen. Der Präsident fragte nach dem Namen dieses Bürgers. Der Angeklagte antwortete darauf, daß der Bürger sein erster Zeuge sei. Er bezog sich auch mit Zuversicht auf das Schreiben dieses Zeugen, das man ihm an der Barriere abgenommen und das sich ohne Zweifel unter den auf dem Gerichtstische liegenden Akten vorfinden werde. Der Doktor hatte dafür Sorge getragen, daß es nicht fehlte, und sich persönlich davon überzeugt. Es wurde jetzt hervorgeholt und verlesen. An den Bürger Gabelle erging die Aufforderung, sich darüber zu äußern, und er beglaubigte seinen Brief. Er deutete ferner mit ungemeiner Zartheit und Höflichkeit an, daß er im Drange der Geschäfte, die den Gerichten durch die Menge der Feinde der Republik bereitet wurden, in seinem Abteigefängnis übersehen oder vielleicht in patriotischem Eifer vergessen worden sei bis vor ungefähr drei Tagen; man habe ihn dann vorgefordert und auf die Erklärung der Geschworenen hin, daß die Anklage gegen ihn, soweit sie ihn selbst betreffe, durch die Gestellung des Bürgers Evrémonde, genannt Darnay, erledigt sei, in Freiheit gesetzt. Dann wurde Doktor Manette ins Verhör genommen. Seine große Beliebtheit bei dem Volke und die Klarheit seiner Antworten machten einen tiefen Eindruck. Als er aber im Verlaufe zeigte, wie der Angeklagte nach seiner Befreiung aus langer Kerkerhaft sein erster Freund gewesen, wie derselbe während seines Aufenthaltes in England sich immer treu und aufopferungsvoll gegen ihn und seine Tochter in ihrer Verbannung benommen, wie er, weit entfernt, bei der dortigen aristokratischen Regierung in Gunst zu stehen, von derselben sogar als ein Feind Englands und ein Freund der Vereinigten Staaten auf Leib und Leben verklagt worden als er alle diese Umstände mit großer Umsicht und mit der vollen Gewalt der Wahrheit und des Ernstes ins Licht stellte, wurden Geschworene und Pöbel eines Sinnes. Und als er sich endlich noch auf Monsieur Lorry, einen anwesenden englischen Gentleman, berief, der wie er selbst Zeuge jenes englischen Kriminalprozesses gewesen und seine Aussagen darüber bestätigen könne, erklärten die Geschworenen, daß sie genug gehört hätten und über ihre Abstimmung schon im reinen seien, wofern der Präsident sie anhören wolle. Bei jeder abgegebenen Stimme (die Geschworenen verrichteten ihren Dienst laut und einzeln) brach der Pöbel in einen Beifallsjubel aus. Sämtliche Voten lauteten zugunsten des Gefangenen, und der Präsident erklärte ihn für frei. Dann begann eine von jenen außerordentlichen Szenen, durch die bisweilen der große Haufe seinen Wankelmut kundtat, seine Empfänglichkeit für Gefühle der Großmut und des Erbarmens an den Tag legte, oder eine kleine Abschlagszahlung machen wollte an der hochangeschwollenen Schuld seiner grausamen Wut. Niemand vermag jetzt mehr zu entscheiden, aus welchem Beweggrunde solche merkwürdigen Auftritte sich erklären ließen, obschon wahrscheinlich alle drei Momente zusammenwirkten und das zweite darin die Oberhand behauptete. Kaum war die Freilassung ausgesprochen, als Tränen so reichlich flossen, wie zu andern Zeiten Blut, und der Gefangene von den Männern und Weibern, die an ihn gelangen konnten, mit so vielen brüderlichen Umarmungen beehrt wurde, daß er nach seiner langen und ungesunden Haft in Gefahr stand, von Erschöpfung ohnmächtig zu werden, um so mehr, da er recht wohl wußte, wie bereit und eifrig bei einer andern Wendung dasselbe Volk sich gezeigt haben würde, ihn in Stücke zu reißen und seine Gliedmaßen durch die Straßen zu streuen. Er mußte jetzt andern Angeklagten Platz machen, die gerichtet werden sollten, und sein Abtreten bewahrte ihn für den Augenblick vor der Fortsetzung dieser Liebkosungen. Es kamen fünf zu gleicher Zeit an die Reihe, die als Feinde der Republik verurteilt wurden, weil sie ihr nicht durch Wort oder Tat Beistand geleistet hatten. Das Tribunal beeilte sich so sehr, sich und die Nation für die entgangene Augenweide zu entschädigen, daß diese fünf, die bestimmt waren, binnen vierundzwanzig Stunden hingerichtet zu werden, herunterkamen, ehe noch Darnay den Platz verlassen hatte. Der erste von ihnen teilte ihm sein Schicksal mit dem unter den Gefangenen üblichen Zeichen, einem aufgehobenen Finger, der »Tod« bedeutete, mit, während alle zusammen in den Ruf ausbrachen: »Lang lebe die Republik!« Die fünf hatten allerdings kein Publikum gehabt, durch das die Verhandlungen über sie verlängert worden wären; denn als Charles mit dem Doktor durch das Tor herauskam, traf er davor ein großes Gedränge, in dem sich alle Gesichter, die er im Gerichtshof bemerkt hatte, zu befinden schienen, zwei ausgenommen, nach denen er sich vergeblich umsah. Bei seinem Heraustreten machte sich der Volkshaufen wieder an ihn, weinte, umarmte ihn, jubelte und tat alles dies abwechselnd und durcheinander, bis sogar der Fluß, an dessen Ufer die tolle Szene spielte, toll zu werden schien wie die Menschen auf dem Lande. Sie setzten ihn auf einen großen Sessel, den sie entweder aus dem Gerichtssaale selbst oder aus einem andern Gelasse des Gebäudes mitgenommen hatten, ließen darüber eine rote Fahne flattern und schmückten die Lehne mit einem Spieß und der roten Mütze darauf. Vergeblich wehrte der Doktor bittend ab. Die Männer nahmen ihn samt diesem Triumphwagen auf die Schulter und trugen ihn nach Hause. Um ihn her wogte ein wildes Meer von roten Mützen und warf aus seiner stürmischen Tiefe solche Wracks von Gesichtern in die Höhe, daß er mehr als einmal zweifelte, ob er auch wirklich bei Sinnen sei und ob er nicht auf dem Guillotinekarren dem Tode entgegenholpere. In wilder traumartiger Prozession trugen sie ihn dahin, umarmten jedermann, dem sie begegneten, und zeigten aller Welt den Helden des Tages. Sie röteten durch den Tritt ihrer Füße die beschneiten Straßen mit der vorherrschenden republikanischen Farbe, wie sie den Boden unter dem Schnee mit einem noch tieferen Rot gefärbt hatten, und brachten ihn nach dem Hofe des Gebäudes, wo seine Gattin wohnte. Ihr Vater war vorausgegangen, um sie vorzubereiten, und wie Charles wieder auf eigene Füße zu stehen kam, sank sie ihm bewußtlos in die Arme. Während er sie an seine Brust gedrückt hielt und ihr schönes Antlitz das seine vor der Menge verbarg, so daß seine Tränen und ihre Lippen sich ungesehen begegnen konnten, fingen einige aus dem Haufen zu tanzen an. Im Nu hatte dieselbe Manie auch alle andern ergriffen, und der Hofraum war überflutet von der Carmagnole. Sie setzten dann auf den freigewordenen Sessel ein junges Frauenzimmer aus ihrer Mitte, um sie als Göttin der Freiheit umherzutragen. Und nun strömte und flutete es in die benachbarten Straßen hinaus, das Flußufer entlang und über die Brücke. Wer des Weges kam, wurde von der Carmagnole aufgenommen und mit fortgerissen. Charles drückte dem Doktor, der stolz und siegesbewußt vor ihm stand, und Mr. Lorry, der atemlos sich der Wasserhose der Carmagnole entrungen hatte, die Hand, küßte die kleine Lucie, die man zu ihm emporgehoben, damit sie mit ihren Ärmchen seinen Hals umschlingen konnte, drückte die immer eifrige und treue Miß Proß, die ihm das Kind dargeboten, an sich und nahm seine Gattin in die Arme, um sie nach ihrer Wohnung hinaufzutragen. »Lucie! Mein Leben! Ich bin gerettet!« »Oh, mein teurer Charles, laß mich Gott auf den Knien dafür danken, wie ich zu ihm gebetet habe.« Alle beugten ehrfurchtsvoll die Häupter und die Herzen. Als er sie wieder in seinen Armen hatte, sagte er zu ihr: »Und nun danke deinem Vater, meine Liebe. Kein anderer Mann in ganz Frankreich hätte für mich tun können, was er tat.« Sie legte das Haupt an ihres Vaters Brust, wie er vor langer, langer Zeit seinen armen Kopf an die ihrige gelegt hatte. Er war glücklich, daß er ihr vergelten konnte, fühlte sich belohnt für seine Leiden und war stolz auf seine Stärke. »Du mußt nicht schwach sein, mein Herz«, sagte er verweisend, »mußt nicht so zittern. Ich habe ihn gerettet.« Siebentes Kapitel. Ein Klopfen an die Tür. »Ich habe ihn gerettet.« Es war nicht einer von den Träumen, in die er so oft zurückverfallen war. Nein, er war wirklich da. Und doch zitterte sein Weib, und eine unbestimmte Angst lastete schwer auf ihr. Die ganze Luft umher war so dick und düster, die Leute zeigten ein so fieberisches, leidenschaftlich rachsüchtiges Wesen, die Unschuldigen wurden so beharrlich auf einen hohlen Verdacht oder auf platte Anzeigen der Bosheit hin zum Tod geschleppt, und es war so rein unmöglich, zu vergessen, wie viele nicht minder makellose Personen als ihr Gatte, die von andern ebenso geliebt wurden, wie sie ihn liebte, jeden Tag das Schicksal erleiden mußten, dem er mit knapper Not entgangen war, daß ihr Herz sich nicht so frei und leicht fühlen konnte, wie es die Umstände gestatteten. Der Winterabend war im Begriff, in die Schatten der Nacht zu versinken, und noch immer rollten die schrecklichen Karren durch die Straßen. Ihr Geist folgte ihnen und schien ihn unter den Verurteilten zu suchen; dann schmiegte sie sich inniger an den Gegenwärtigen an und zitterte noch mehr. Ihr Vater, der ihr ermunternd zusprach, trug dieser weiblichen Schwäche gegenüber, ob der er sich nicht genug wundern konnte, eine mitleidige Überlegenheit zur Schau. Kein Dachstübchen mehr, kein Schuhmachen, kein Hundertfünf, Nordturm! Er hatte die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, vollbracht, sein Versprechen gelöst und Charles gerettet. Alle konnten sich jetzt an ihn anlehnen. In ihrer Haushaltung ging es sehr ärmlich her nicht nur, weil man dadurch am wenigsten beim Volke Anstoß erregte, sondern auch, weil sie nicht reich waren und Charles während seiner Gefangenschaft bedeutende Zahlungen hatte leisten müssen, für die eigene schlechte Kost und Bewachung sowohl wie für die der ärmeren Gefangenen. Zum Teil aus diesem Grund, zum Teil, um keinen Spion im Hause zu haben, hielten sie keine Magd. Der Bürger und die Bürgerin, die am Hoftor als Pförtner funktionierten, leisteten ihnen gelegentlich Dienste, und Jerry, der von Mr. Lorry fast ganz an sie abgetreten worden, spielte den Diener und schlief bei Nacht im Hause. Auf Befehl der einen und unteilbaren Republik mit dem Motto Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod mußte an der Tür oder dem Türpfosten eines jeden Hauses der Name der Bewohner mit leicht leserlicher Schrift von gewisser Größe in einer gewissen bequemen Höhe vom Boden angebracht sein. Mr. Jerry Crunchers Name schmückte daher gebührend den Türpfosten zu unterst, und bei einbrechender Nacht kam der Inhaber des Namens selbst von der Beaufsichtigung eines Flachmalers zurück, den Doktor Manette angewiesen hatte, der Liste den Namen Charles Evrémonde, genannt Darnay, beizufügen. Bei der allgemeinen Furcht und dem Mißtrauen, in dem man zu jener Zeit lebte, war auch eine Änderung in die gewöhnlichen harmlosen Haushaltungsbräuche gekommen. In der kleinen Wirtschaft des Doktors wurden, wie in so vielen andern, die Gegenstände des täglichen Verbrauchs jeden Abend in geringen Mengen aus verschiedenen kleinen Läden zusammengetragen; denn jedermann wollte Aufsehen vermeiden und so wenig wie möglich Anlaß zu Neid und Nachrede geben. Schon seit einigen Monaten hatten Miß Proß und Mr. Cruncher das Geschäft des Einkaufes besorgt, wobei erstere den Beutel führte und letzterer den Korb trug. Sie traten jeden Abend, sobald man die Straßenlaternen anzündete, diesen Dienst an, kauften das Nötige ein und brachten es nach Hause. Durch ihren langen Umgang mit einer französischen Familie wäre Miß Proß wohl in der Lage gewesen, das Französische so gut zu lernen, wie sie ihr Englisch kannte, wenn sie Lust dazu gehabt hätte. Aber eben an der Lust fehlte es ihr ganz und gar, und so verstand sie von »diesem Unsinn«, wie sie es zu nennen beliebte, nicht mehr als Mr. Cruncher. Die Art ihres Marktens bestand darin, daß sie dem Krämer ohne näheres Eingehen auf die Beschaffenheit des gewünschten Artikels irgendein Nennwort an den Kopf warf und, wenn es zufällig nicht das rechte war, sich im Laden nach der Ware umschaute, sie zu Händen nahm und nicht wieder losließ, bis der Handel geschlossen war. Ohne ein Handeln ging es dabei nicht ab, und bei der Würdigung des Preises hielt sie stets einen Finger weniger in die Höhe als der Verkäufer, wie viele dieser ihr auch vorzeigen mochte. »Nun, Mr. Cruncher«, sagte Miß Proß, deren Augen ganz rot von Glück waren, »wenn Ihr bereit seid, so bin ich's auch.« Jerry versicherte heiser, daß er Miß Proß zu Diensten stehe. Sein Rost hatte sich längst abgetragen; aber nichts vermochte die Spieße seines Haares niederzufeilen. »Wir brauchen alle möglichen Dinge und werden nicht so bald damit fertig werden«, sagte Miß Proß. »Unter anderm Wein. Diese Rotköpfe werden saubere Trinksprüche ausbringen, wo wir ihn auch kaufen mögen.« »Soviel Ihr davon versteht, Miß«, entgegnete Mr. Jerry, »wird es so ziemlich aufs gleiche hinauslaufen, ob sie Eure Gesundheit trinken oder die des Meisters Urian.« »Wer ist das?« fragte Miß Proß. Mr. Cruncher erklärte ihr mit einiger Zaghaftigkeit die Bedeutung des Ausdrucks. »Ha!« sagte Miß Proß, »es ist kein Dolmetscher nötig, um zu erraten, was diese Unholde sagen wollen. Sie haben nur einen Gedanken im Kopfe, und der ist Unfug und nächtliches Morden.« »Pst, meine Liebe! Bitte, bitte, seid vorsichtig«, rief Lucie. »Ja, ja, ja, ich will vorsichtig sein«, entgegnete Miß Proß; »aber unter uns darf ich wohl sagen, ich hoffe, daß wir auf der Straße keinem zwiebeligen oder tabakigen Ersticktwerden in der Form von Umarmungen in der Runde begegnen. Geht mir nur nicht von diesem Feuer weg, mein Vögelchen, bis ich wieder zurück bin. Nehmt den lieben Mann in acht, der Euch aufs neue geschenkt worden ist, und laßt Euer hübsches Köpfchen auf seiner Schulter ruhen, wie Ihr's jetzt tut, bis ich Euch wiedersehe. Darf ich eine Frage an Euch stellen, Doktor Manette, eh' ich ausgehe?« »Ich denke wohl, daß man Euch diese Freiheit gestatten kann«, antwortete der Doktor lächelnd. »Um Gottes willen, sprecht mir nicht von Freiheit; wir haben von dieser Geschichte vollkommen genug gehabt«, sagte Miß Proß. »Still, meine Liebe! Schon wieder?« bemerkte Lucie verweisend. »Na, mein Herzchen«, sagte Miß Proß mit einem nachdrücklichen Kopfnicken, »das Lange und das Breite davon ist, daß ich eine Untertanin Seiner Allergnädigsten Majestät Georgs des Dritten bin«, Miß Proß knixte bei dem Namen, »und als solche halte ich mich an den Grundsatz: Zum Geier mit ihrer Politik! In die Hölle mit ihren Spitzbubentücken! Auf ihn setzen wir unsere Hoffnung! Gott erhalte den König!« Mr. Cruncher sprach in einer Anwandlung von Loyalität Miß Proß mit knurrender Stimme die Worte nach, als respondiere er in einer Kirche. »Es freut mich, daß Ihr so viel englisches Blut im Leibe habt, obschon ich wünschte. Eure Stimme hätte weniger von Erkältung gelitten«, sagte Miß Proß beifällig. »Aber um auf die Frage zu kommen, Doktor Manette. Wir haben« es lag in der Art der guten Person, über jeden Gegenstand, der ihnen allen besondere Sorge machte, eine gewisse Gleichgültigkeit zur Schau zu stellen und ihn gleichsam nur gelegentlich zu berühren, »wir haben jetzt doch gute Aussicht, von diesem Ort fortzukommen?« »Ich fürchte, noch nicht. Es wäre jetzt noch gefährlich für Charles.« »Heididum!« rief Miß Proß, unterdrückte aber gutmütig einen Seufzer, als sie nach dem im Widerschein des Feuers glänzenden Goldhaar ihres Lieblings hinblickte »nun, dann hilft nichts, als Geduld haben und warten. Wir müssen den Kopf oben behalten und Hände und Füße brauchen, wie mein Bruder Salomon zu sagen pflegte. Jetzt, Mr. Cruncher! Rührt Euch nicht von der Stelle, meine Vögelchen!« Sie entfernten sich, und Lucie, ihr Gatte, ihr Vater und das Kind blieben bei dem hellen Feuer zurück. Mr. Lorry wurde mit jedem Augenblick von dem Bankhaus her erwartet. Miß Proß hatte die angezündete Kerze in eine Ecke beiseite gestellt, damit sie sich ungestört des behaglichen Feuerlichtes erfreuen konnten. Die kleine Lucie saß neben ihrem Großvater und hatte die Händchen um seinen Arm geschlungen, während er ihr in einem Ton, der kaum viel mehr als ein Flüstern genannt werden konnte, ein Märchen von einer großen mächtigen Fee zu erzählen begann, die eine Gefängnismauer sich auftun ließ und einen Gefangenen befreite, der ihr einmal einen Dienst geleistet hatte. Der Geist der Ruhe herrschte in dem Gemach und schien auch allmählich Eingang in dem Herzen Lucies zu finden. »Was ist das?« rief sie plötzlich. »Meine Liebe, nimm dich zusammen«, sagte ihr Vater, indem er seine Erzählung unterbrach und seine Hand auf die ihrige legte. »Du befindest dich in einem ganz verstörten Zustande. Du erschrickst vor jeder Kleinigkeit vor einem Nichts. Du , deines Vaters Tochter?« »Ich meinte, Vater«, sagte Lucie sich entschuldigend, mit bleichem Gesicht und stotternder Stimme, »ich habe einen fremden Tritt auf der Treppe gehört.« »Kind, auf der Treppe herrscht eine Totenstille.« Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, als ein Schlag gegen die Tür geführt wurde. »O Vater, Vater, was kann dies sein? Versteckt Charles rettet ihn!« »Mein Kind«, sagte der Doktor, indem er aufstand und seine Hand auf ihre Schulter legte, »ich habe ihn ja schon gerettet. Welche Schwäche, meine Liebe. Ich will nach der Tür gehen.« Er nahm das Licht auf, ging durch die beiden Vorderzimmer und öffnete. Es folgte darauf ein Füßegetrampel, und vier rauhe Männer in roten Mützen, die mit Säbeln und Pistolen bewaffnet waren, traten in das Gemach. »Der Bürger Evrémonde, genannt Darnay«, sagte der erste. »Wer sucht ihn?« versetzte Darnay. »Ich suche ihn. Wir suchen ihn. Ich kenne Euch, Evrémonde; ich sah Euch heute vor dem Tribunal. Ihr seid wieder der Gefangene der Republik.« Die vier umgaben die Stelle, wo er mit seinem Weib und seinem Kinde stand, die sich an ihn anklammerten. »Sagt mir, wie das kommt. Warum bin ich wieder ein Gefangener?« »Ihr habt einfach in die Conciergerie zurückzukehren und werdet es morgen erfahren. Ihr seid auf morgen vorgeladen.« Auf Doktor Manette hatte dieser Besuch so versteinernd gewirkt, daß er mit dem Lichte in der Hand wie eine ausdrücklich zum Leuchten bestimmte Statue dastand. Nachdem diese Worte gesprochen waren, stellte er das Licht nieder, trat dem Manne gegenüber, nahm ihn nicht unsanft bei dem Bruststreif seines rotwollenen Hemdes und sprach: »Ihr kennt ihn, habt Ihr gesagt. Kennt Ihr auch mich?« »Jawohl, Bürger Doktor.« »Wir alle kennen Euch, Bürger Doktor«, sagten die andern drei. Er sah verwirrt bald den einen, bald den andern an und fuhr nach einer Pause mit gedämpfter Stimme fort: »Wollt Ihr dann mir auf seine Frage antworten? Wie kommt das?« »Bürger Doktor«, versetzte der erste mit Widerstreben, »er ist bei der Sektion von Saint Antoine angezeigt worden. Dieser Bürger«, er deutete auf den zweiten der Eingetretenen, »ist von Saint Antoine.« Der bezeichnete Bürger nickte mit dem Kopfe und fügte bei: »Er ist in Saint Antoine angeklagt.« »Weshalb?« fragte der Doktor. »Bürger Doktor«, entgegnete der erste mit dem früheren Widerstreben, »fragt nicht weiter. Wenn die Republik Opfer von Euch fordert, so werdet Ihr ohne Zweifel als ein guter Patriot Euch glücklich schätzen, sie zu bringen. Die Republik geht über alles. Das Volk ist das Höchste. Evrémonde, wir können nicht warten.« Wieder verhaftet »Noch ein einziges Wort«, bat der Doktor. »Wollt Ihr mir sagen, wer ihn angezeigt hat?« »Es ist gegen die Regel«, antwortete der erste, »aber Ihr könnt den von Saint Antoine da fragen.« Der Doktor richtete den Blick auf den Mann. Dieser scharrte unruhig mit den Füßen, rieb sich den Bart ein wenig und sagte endlich: »Na, es ist freilich gegen die Regel; aber die Anklage und zwar eine schwere geht von dem Bürger und der Bürgerin Defarge und noch von einem Dritten aus.« »Wer ist dieser Dritte?« »Das fragt Ihr, Bürger Doktor?« »Ja.« »Dann«, versetzte der von Saint Antoine mit einem eigentümlichen Blicke, »werdet Ihr morgen die Antwort hören für jetzt bin ich stumm.« Achtes Kapitel. Eine Handvoll Karten. Ohne eine Ahnung von dem neuen Unglück zu haben, verfolgte Miß Proß ihren Weg durch die engen Gassen, ging auf dem Pont neuf über den Fluß und berechnete im Geiste, welche Einkäufe sie notwendig zu machen habe. Mr. Cruncher ging mit dem Korbe neben ihr her. Beide schauten rechts und links in die meisten Läden hinein, an denen sie vorbeikamen, hatten ein wachsames Auge auf alle Volkszusammenläufe und machten sich seitab, sooft sie eine aufgeregte Gruppe von Sprechenden bemerkten. Es war ein rauher Abend, und der nebelige Fluß zeigte durch die flackernden Lichter und sein unheimliches Getöse an, wo die Barken lagen, in denen die Schmiede Waffen anfertigten für die Armee der Republik. Wehe dem Mann, der dieser Armee einen Possen spielte oder unverdient in ihr befördert wurde! Besser für ihn, sein Bart wäre nie gewachsen, denn das Nationalrasiermesser schor gar scharf. Nachdem Miß Proß einige Toiletteartikel und ein Kännchen Öl für die Lampe eingekauft hatte, dachte sie an den Wein, den man nötig hatte. Sie sah durch die Scheiben mehrerer Weinstuben hinein und machte endlich bei dem Zeichen des wackeren republikanischen Brutus des Altertums nicht weit von dem Nationalpalast, vormals den Tuilerien, halt, weil hier das Aussehen der Dinge ihrem Geschmack besser zusagte. Das Haus nahm sich ruhiger aus als die andern, an denen sie vorbeigekommen war. Es gab darin wohl auch rote Mützen, aber doch nicht so gar viele. Nachdem sie Mr. Cruncher um seine Meinung ausgeholt hatte, trat sie, von ihrem Knappen begleitet, bei dem wackeren republikanischen Brutus des Altertums ein. Die beiden ausländischen Kunden achteten wenig auf die qualmenden Lichter, auf die Leute, die rauchend mit zerknitterten Karten und gelben Dominosteinen spielten, auf den nacktarmigen rußigen Arbeiter mit der offenen Brust, der den andern eine Zeitung vorlas, auf die Waffen, die die Männer bei sich führten oder zu rascher Wiederaufnahme beiseite gestellt hatten, auf die zwei oder drei Kunden, die, den Kopf auf die Arme gelegt, schliefen und in den beliebten hochschulterigen zottigen schwarzen Spenzern sich wie schlummernde Bären oder Hunde ausnahmen wie gesagt, sie achteten wenig auf die Anwesenden, sondern näherten sich einfach dem Schenktische und deuteten durch Zeichen an, was sie wünschten. Während man ihnen den Wein zumaß, verabschiedete sich ein Mann von einem anderen in der Ecke und stand auf, um fortzugehen. Er kam dabei an Miß Proß vorbei. Als diese seiner ansichtig wurde, stieß sie einen Schrei aus und schlug die Hände zusammen. Im Nu war die ganze Gesellschaft auf den Beinen. Es gehörte zu den alltäglichen Vorkommnissen, daß jemand in Verteidigung einer Meinung von einem andern niedergestochen wurde, und so wollte jeder sehen, ob nicht eben einer gefallen sei; aber die Neugierigen bemerkten nichts als einen Mann und eine Weibsperson, die einander mit großen Augen ansahen, der erstere dem Äußeren nach ein Franzose und eingefleischter Republikaner, die letztere augenscheinlich eine Engländerin. Was die Jünger des wackeren republikanischen Brutus bei einer so bitter getäuschten Erwartung sprachen, war wohl recht zungenfertig und laut, hätte aber für Miß Proß und ihren Beschützer, und wenn sie ganz Ohr gewesen wären, ebensogut hebräisch oder chaldäisch sein können. In ihrer Überraschung hörten sie jedoch nichts; denn wir müssen bemerken, daß nicht nur Miß Proß in einen Zustand großer Aufregung und Verwunderung geraten war, sondern auch Mr. Cruncher für eigene Rechnung vor Staunen sich kaum zu fassen wußte. »Was gibt's denn?« fragte der Mann, der Miß Proß zu ihrem Aufschrei Anlaß gegeben hatte, halblaut in ärgerlichem Ton, aber auf englisch. »Oh, Salomon, lieber Salomon!« rief Miß Proß, ihre Hände wieder zusammenschlagend. »Nachdem ich dich so lange mit keinem Auge mehr gesehen und kein Sterbenswörtchen von dir gehört habe, muß ich dich hier wiederfinden!« »Nenne mich nicht Salomon. Willst du mich ans Messer liefern?« entgegnete der Mann in furchtsamer, verstohlener Weise. »Bruder! Bruder!« rief Miß Proß in Tränen ausbrechend, »bin ich je hart gegen dich gewesen, daß du eine so grausame Frage an mich stellen kannst?« »Dann halt dein vorlautes Maul«, sagte Salomon, »und komm mit hinaus, wenn du mit mir sprechen willst. Zahle deinen Wein und komm. Wer ist dieser Mann?« Die liebevolle Miß Proß schüttelte bekümmert den Kopf gegen ihren keineswegs zärtlichen Bruder und antwortete, während ihr Tränen im Auge standen: »Mr. Cruncher.« »Er soll auch mitkommen«, sagte Salomon. »Sieht er mich für einen Geist an?« Mr. Cruncher hatte in der Tat ganz das Aussehen eines von einem Gespenst verschüchterten Mannes. Er sprach jedoch kein Wort, und Miß Proß, die durch ihre Tränen nur mit Mühe den Inhalt ihrer Tasche unterschied, zahlte den Wein. Während dies geschah, wandte sich Salomon zu den Verehrern des wackern republikanischen Brutus des Altertums und richtete in französischer Sprache einige Worte der Erklärung an sie, worauf sie an ihre Plätze und zu ihrem früheren Treiben wieder zurückkehrten. »Nun«, sagte Salomon, an der dunkeln Straßenecke haltmachend, »was willst du?« »Wie schrecklich herzlos von einem Bruder, an dem ich immer mit so viel Liebe gehangen habe«, rief Miß Proß, »daß er mich so begrüßt und mir auch keine Spur von Anhänglichkeit zeigt.« »Da! Zum Henker auch! Da!« sagte Salomon, mit seinen Lippen gegen die seiner Schwester hinfahrend. »Bist du jetzt zufrieden?« Miß Proß schüttelte nun den Kopf und weinte still fort. »Wenn du erwartest, daß ich überrascht sein soll«, fügte ihr Bruder bei, »so bist du im Irrtum. Deine Anwesenheit war mir nicht unbekannt; ich kenne die meisten Leute, die hier sind. Wenn du wirklich nicht die Absicht hast, mein Leben in Gefahr zu bringen und ich traue dir nur halb , so geh' so bald wie möglich deiner Wege und laß mich die meinigen gehen. Ich habe zu tun. Ich stehe in öffentlichem Dienst.« »Ach, mein Bruder Salomon«, rief Miß Proß in kläglichem Ton, indem sie die tränenfeuchten Augen zu ihm aufschlug, »ein Engländer, der das Zeug in sich hatte, einer der besten und größten Männer seines Vaterlandes zu werden, im Dienst der Ausländer und solcher Ausländer. Ich wollte fast lieber, ich hätte ihn als unschuldigen Knaben m seinem « »Es ist so, wie ich sagte«, unterbrach sie ihr Bruder. »Ich wußte es wohl; sie will mich im Grabe haben. Meine eigene Schwester wird mich unter die Verdächtigen bringen, während ich eben im Begriff bin, vorwärtszukommen.« »Das wolle der gnädige und barmherzige Himmel verhüten!« rief Miß Proß. »Weit lieber will ich dich in meinem ganzen Leben nicht wiedersehen, mein teurer Salomon, obgleich ich stets mit ganzer Seele an dir gehangen habe. Sage mir nur ein einziges liebevolles Wort; sage mir, daß du mir nicht zürnst, mir nicht fremd sein wolltest, und ich werde dich nicht länger aufhalten.« Die gute Miß Proß! Als ob die Schuld der Entfremdung ihr zur Last gefallen wäre! Hatte doch Mr. Lorry schon vor Jahren in der stillen Ecke von Soho gewußt, daß dieser feine Herr Bruder ihr Geld durchgebracht und sie verlassen hatte. Er war aber im Begriff, das ersehnte liebevolle Wort mit weit mehr brummender Herablassung und Gönnerschaft auszusprechen, als er hätte an den Tag legen können, wenn ihre wechselseitigen Verhältnisse die umgekehrten gewesen wären es pflegt ja gemeiniglich durch die ganze Welt so zu ergehen; da berührte ihn Mr. Cruncher an der Schulter und störte ihn unerwartet in seiner heiseren Stimme mit der auffallenden Anrede: »Darf ich so frei sein, mir eine Frage zu erlauben? Heißt Ihr John Salomon oder Salomon John?« Der öffentliche Diener wandte sich mit plötzlichem Mißtrauen gegen ihn. Jerry hatte bisher kein Wort verlauten lassen. »Na, nur heraus mit der Farbe«, fuhr Mr. Cruncher fort. »John Salomon oder Salomon John? Sie hat Euch Salomon genannt, und da sie Eure Schwester ist, muß sie wohl wissen, wie Ihr heißt. Und ich kenne Euch als John. Welches ist der Vorname? Und wie steht's mit dem Namen Proß? Über dem Wasser drüben war dies nicht der Eurige.« »Was wollt Ihr damit sagen?« »Hm, das weiß ich selbst nicht, denn ich kann mich nicht mehr erinnern, wie Ihr über dem Wasser drüben geheißen habt.« »Nicht?« »Nein. Aber ich wollte drauf schwören, es war ein zweisilbiger Name.« »Was Ihr nicht alles wißt!« »Ja. Der andere hatte einen einsilbigen. Ich kenn' Euch wohl. Ihr wart ein Spionenzeuge in der Bailey. Im Namen des Vaters der Lügen und des Eurigen zugleich, wie habt Ihr Euch doch damals genannt?« »Barsad«, fiel plötzlich eine andere Stimme ein. »Donnerwetter noch einmal, ja, der ist's!« rief Jerry. Der Sprecher, der sich so unverhofft in die Unterhaltung mischte, war Sydney Carton. Er hatte die Hände unter den Schößen seines Reitkleids und stand so nachlässig an Mr. Crunchers Seite, als befände er sich wieder in Old Bailey. »Erschreckt nicht, meine liebe Miß Proß. Ich bin gestern abend bei Mr. Lorry zu dessen großem Erstaunen angekommen, und wir haben uns dahin verständigt, daß ich mich nirgends zeigen solle, bis alles in Ordnung sei oder ich mich irgendwie nützlich machen könne. Nun bin ich aber ausgegangen, um mir eine kleine Rücksprache mit Eurem Bruder zu erbitten. Ich wollte, Euer Bruder hätte einen besseren Dienst als dieser Mr. Barsad, der zu den Gefängnisschafen gehört.« Mit diesem Kunstausdrucke pflegte man damals die Spione unter den Gefangenwärtern zu bezeichnen. Barsad wurde blaß und immer blässer und fragte ihn, »wie er sich unterstehen könne« »Das will ich Euch sagen«, versetzte Sydney. »Ich sah Euch etwa vor einer Stunde aus dem Conciergeriegefängnis herauskommen, wie ich eben die Mauern dieses Baues betrachtete. Ihr besitzt ein Gesicht, Mr. Barsad, das man nicht so leicht vergißt, und ich habe ein gutes Gedächtnis für Physiognomien. Eure Anwesenheit an einem solchen Platz erregte meine Neugierde, und ich folgte Euch, weil ich Euch aus einem Euch wohlbekannten Grunde mit der traurigen Lage eines Freundes in Verbindung brachte, der jetzt sehr unglücklich ist. Ich bin Euch in das Weinhaus nachgegangen und saß in Eurer Nähe. Aus Eurem rückhaltlosen Gespräch und aus dem Geruch, in dem Ihr bei Euren Bewunderern steht, konnte ich mir leicht die Art Eures Berufes klarmachen. Und so bildete sich, was ich aufs Geratewohl begann, allmählich zu einem Plan aus, Mr. Barsad.« »Zu was für einem Plane?« fragte der Spion. »Es wäre beschwerlich und wohl auch gefährlich, ihn auf der Straße auseinanderzusetzen. Wolltet Ihr mir wohl den Gefallen erweisen, mir im Vertrauen auf einige Minuten Eure Gesellschaft zu widmen in dem Bureau von Tellsons Bank zum Beispiel?« »Unter Bedrohung?« »Oh, ich habe etwas der Art gesagt?« »Wenn nicht, warum sollte ich Euch dahin folgen?« »In der Tat, Mr. Barsad, wenn Ihr's nicht selbst wißt, so kann ich's Euch nicht sagen.« »Soll dies soviel heißen, als Ihr wollt es nicht sagen?« fragte der Spion unschlüssig. »Ihr habt mich vollkommen verstanden, Mr. Barsad. Ja.« Cartons gleichgültiges nachlässiges Wesen kam seinem Scharfsinn und seiner Geschicklichkeit in Behandlung des Anliegens, auf das er es heimlich abgehoben hatte, einem solchen Mann gegenüber ungemein zustatten. Sein geübtes Auge erkannte dies, und er machte die Wahrnehmung sich bestens zunutze. »Hab' ich's nicht gesagt?« bemerkte der Spion mit einem vorwurfsvollen Blick auf seine Schwester. »Wenn ein Unglück dabei herauskommt, so bist du daran schuld.« »Ei, Ihr müßt nicht undankbar sein, Mr. Barsad«, sagte Sydney. »Hätte ich nicht so große Achtung vor Eurer Schwester, so wär's vielleicht nicht auf so gütlichem Wege zu dem kleinen Vorschlag gekommen, den ich Euch zu unserer beiderseitigen Befriedigung zu machen gedenke. Wollt Ihr mit mir nach der Bank kommen?« »Ich will hören, was Ihr mir zu sagen habt. Ja; ich gehe mit Euch.« »Zuerst können wir Eurer Schwester ein sicheres Geleit bis an die Ecke ihrer Straße geben. Reicht mir Euren Arm, Miß Proß. Dies ist keine Stadt, in der man zu solcher Zeit Damen ohne Schutz durch die Straßen gehen lassen kann, und da Euer Begleiter Mr. Barsad kennt, so will ich ihn einladen, mit uns zu Mr. Lorry zu kommen. Sind wir fertig? Gut; so wollen wir aufbrechen.« Miß Proß fühlte bald nachher und erinnerte sich dessen bis an ihr Lebensende, wie in dem Arm, auf den sie sich stützte, eine eherne Festigkeit, und in den Augen, an die sie in stummem Aufschauen die Bitte richtete, daß ja ihrem Salomon nichts Leides geschehen möge, eine Begeisterung lag, die nicht nur im Widerspruch standen mit Cartons anscheinend gleichgültigem Wesen, sondern den ganzen Mann verwandelten und erhoben. Freilich war sie damals viel zu sehr von der Angst um ihren Bruder, der ihre Liebe so wenig verdiente, und von Sydneys freundlichen Versicherungen in Anspruch genommen, als daß sie diese Wahrnehmung in jenem Augenblick gehörig hätte würdigen können. Sie wurde an der Straßenecke allein gelassen, und Carton ging voran nach Mr. Lorrys Wohnung, die sie nach wenigen Minuten erreichten. John Barsad oder Salomon Proß gingen ihm zur Seite. Nr. Lorry hatte eben sein Mittagessen beendigt und saß vor einem behaglichen Holzfeuerchen; vielleicht spähte er in der Glut nach jenem jüngeren ältlichen Gentleman von Tellsons, der vor vielen Jahren im Royal George zu Dover gleichfalls in die Kohlen geschaut hatte. Bei ihrem Eintritt drehte er den Kopf gegen sie und war nicht wenig erstaunt, als er eines Fremden ansichtig wurde. »Der Bruder der Miß Proß, Sir«, sagte Sydney. »Mr. Barsad.« »Barsad?« wiederholte der alte Herr. »Barsad? Der Name kommt mir bekannt vor und auch das Gesicht.« »Ich sagte Euch ja. Ihr habt ein auffallendes Gesicht, Mr. Barsad«, bemerkte Carton kalt. »Bitte, nehmt Platz.« Während er für sich selbst einen Stuhl herbeirückte, versah er Lorry mit dem ihm fehlenden Anknüpfungsglied, indem er mit finsterer Miene sagte: »Zeuge bei jener Gerichtsverhandlung.« Mr. Lorry erinnerte sich sogleich und betrachtete den neuen Gast mit der Miene unverhüllten Abscheus. »Mr. Barsad ist von Miß Proß als der liebevolle Bruder erkannt worden, von dem Ihr schon gehört habt«, sagte Sydney, »und er erhebt keine Einwendung gegen die Verwandtschaft. Um auf eine schlimmere Neuigkeit überzugehen: Darnay ist wieder verhaftet worden.« »Was Ihr da sagt!« rief der alte Herr in äußerster Bestürzung. »Ich habe ihn doch erst vor zwei Stunden frei und in Sicherheit verlassen und bin eben im Begriff, wieder zu ihm zurückzukehren.« »Gleichwohl verhaftet. Wann geschah es, Mr. Barsad?« »Wenn überhaupt, so muß es eben erst geschehen sein.« »Mr. Barsad kann die allerbeste Auskunft geben, Sir«, sagte Sydney, »und ich erfuhr aus einer Mitteilung, die er vertraulich einem Freunde und Kollegen bei der Flasche machte, daß die Verhaftung stattgefunden hat. Er verließ die Sendlinge am Tor, nachdem er sich überzeugt hatte, daß sie von dem Pförtner eingelassen worden waren. Es kann keinem Erdenzweifel unterliegen, daß er wieder festgenommen worden ist.« Mr. Lorrys Geschäftsauge las in dem Gesicht des Sprechers, daß es verlorene Zeit wäre, bei diesem Punkt zu verbleiben. Verwirrt, aber doch in dem Bewußtsein, daß vielleicht seine Geistesgegenwart in Anspruch genommen werden dürfte, suchte er sich zu fassen und hörte in stummer Aufmerksamkeit zu. »Ich will zwar hoffen«, fuhr Sydney fort, »daß ihm der Name und der Einfluß des Doktor Manette morgen ebensogut zustatten kommen wird – Ihr sagtet, er werde morgen wieder vor Gericht gestellt werden, Mr. Barsad?« »Ja, ich glaube so.« »Daß er ihm morgen ebensogut zustatten kommen wird wie heute. Aber vielleicht ist es auch nicht der Fall. Ich gestehe, Mr. Lorry, daß mein Glaube schwach ist, sofern es nicht in Doktor Manettes Gewalt gelegen hat, diese Verhaftung zu verhindern.« »Er hat vielleicht nicht gewußt, was im Werk war«, sagte Mr. Lorry. »Schon dies ist ein sehr beunruhigender Umstand, wenn man bedenkt, wie er nur für seinen Schwiegersohn lebt und webt.« »Das ist wahr«, räumte Nr. Lorry ein, die zitternde Hand nach dem Kinn führend, während er einen angstvollen Blick auf Carton heftete. »Kurz«, sagte Sydney, »wir leben in einer verzweifelten Zeit, in der man um verzweifelte Einsätze ein verzweifeltes Spiel spielt. Mag der Doktor seine Rechnung aufs Gewinnen machen; ich will aufs Verspielen halten. Ein Menschenleben ist hier nichts wert. Man kann heute vom Volke im Triumph heimgetragen und morgen zum Tode verurteilt werden. Wohlan, der Einsatz, um den ich im schlimmsten Falle zu spielen im Sinn habe, ist ein Freund in der Conciergerie. Den will ich gewinnen, und der Freund ist Mr. Barsad.« »Dann müßt Ihr gute Karten haben, Sir«, sagte der Spion. »Ich will mir sie betrachten will sehen, was ich in der Hand habe. Mr. Lorry, Ihr wißt, was ich für ein ordinärer Kerl bin; wenn Ihr mir nur ein bißchen Branntwein geben wolltet.« Das Gewünschte wurde ihm vorgesetzt, und er trank ein Glas voll trank ein zweites und schob die Flasche gedankenvoll zurück. »Mr. Barsad«, fuhr er in dem Tone eines Menschen fort, der wirklich eine Hand voll Karten überschaut, »Gefängnisschaf, Emissär der republikanischen Komitees, bald Gefängniswärter, bald Gefangener, stets aber Spion und geheimer Angeber, hier um so wertvoller, weil er als Engländer bei seinen Eigenschaften weniger dem Verdacht gedungener Zwischenträgerei ausgesetzt ist, stellt sich seinen Auftraggebern unter einem fremden Namen vor. Dies ist eine sehr gute Karte. Mr. Barsad, jetzt im Solde der republikanischen französischen Regierung, diente früher der aristokratischen englischen Negierung, den Feinden Frankreichs und der Freiheit. Dies ist eine vortreffliche Karte. Es folgt daraus in diesem Lande des Argwohns so klar wie der Tag, Mr. Barsad stehe noch immer im Sold der englischen Regierung; er sei ein Spion Pitts, ein verräterischer Feind, den die Republik an ihrem Busen nährt, der englische Verräter und der Vollbringer all jenes Unheils, von dem man so viel spricht und so wenig zu sehen bekommt. Dies ist eine Karte, die sich nicht stechen lassen wird. Seid Ihr mir gefolgt, Mr. Barsad?« »Nicht so, um Euer Spiel zu verstehen«, versetzte der Spion etwas unruhig. »Ich spiele mein As Denunziation des Mr. Barsad an das nächste Sektionskomitee. Betrachtet Euer Spiel, Mr. Barsad, und seht, was Ihr in der Hand habt. Laßt Euch Zeit dazu.« Er zog die Flasche wieder heran, füllte sich abermals ein Glas und trank es au«. Der Spion sah angstvoll zu, weil er fürchtete, Mr. Carton könnte sich in einen Zustand hineintrinken, der ihn mit seiner Drohung plötzlich Ernst machen ließe. Der andere merkte dies, schenkte sich wieder ein und trank nochmal ein Glas. »Betrachtet Euch bedächtig Eure Karten, Mr. Barsad. Ihr braucht Euch nicht zu übereilen.« Barsads Spiel stand schlechter, als sich vermuten ließ. Er hatte Verlierkarten in der Hand, von denen Sydney Carton nichts ahnte. Nachdem er in England, nicht weil er entbehrlich geworden war (denn das englische Großtun mit Erhabensein über Spionage und Heimlichkeit ist von sehr neuem Datum), sondern wegen zu vieler erfolgloser Meineide seinen ehrenhaften Posten verloren hatte, war er über den Kanal gegangen und hatte in Frankreich Dienste genommen, anfangs als Aufhetzer und Lauscher unter seinen Landsleuten, mit der Zeit aber auch als Anstifter und Spion unter den Franzosen. Er wußte, daß er unter der gestürzten Regierung in Saint Antoine und Defarges Weinhaus sich als geheimer Agent umhergetrieben hatte, daß er von der wachsamen Polizei über alle Hauptpunkte von Doktor Manettes Verhaftung, Befreiung und Geschichte unterrichtet worden, um sich familiär bei den Defarges einführen zu können, daß er bei Madame Defarge damit anzukommen versucht und daß er bei dieser Gelegenheit einen bedeutenden Durchfall erlitten hatte. Auch erinnerte er sich stets mit Furcht und Zittern, daß jenes schreckliche Weib strickte, als er mit ihr sprach, und daß sie, während ihre Finger eifrig fortfuhren, unheimliche Blicke nach ihm hinschiessen ließ. Er hatte sie seitdem oft und vielmal gesehen, wie sie in der Sektion von Saint Antoine ihre gestrickten Register hervorzog und Leute anzeigte, deren Leben dann sicher der Guillotine verfallen war. Wie jeder in Diensten nach Art der seinigen konnte er sich keinen Augenblick sicher fühlen; er wußte, daß er an eine Flucht nicht denken durfte, daß er unter dem Schatten des Fallbeils festgebunden war und daß trotz des schnöden Eifers, mit dem er die Herrschaft des Schreckens zu fördern sich mühte, ein Wort ihn niederwerfen konnte. Einmal angeklagt, und zwar auf so ernste Punkte hin, wie sie ihm eben vorgehalten worden waren, sah er voraus, daß jenes schreckliche Weib, von deren unversöhnlichem Charakter er so viele Proben hatte, das verhängnisvolle Register gegen ihn hervorziehen und damit seine letzte Aussicht vernichten werde. Abgesehen davon, daß Spione stets in Angst leben, waren hier in der Tat genug Fehlkarten, um ihrem Inhaber bei ihrer Musterung das Gesicht leichenfahl zu färben. »Eure Karten scheinen Euch nicht recht zu gefallen«, sagte Sydney mit der größten Fassung. »Spielt Ihr?« »Ich denke, Sir«, versetzte der Spion, mit kecker Gemeinheit sich an Mr. Lorry wendend, »ich darf wohl an einen Gentleman von Euren Jahren und Eurem wohlwollenden Charakter die Bitte richten, daß Ihr diesem andern Gentleman, der um so viel jünger ist, vorstellen mögt, wie wenig es sich jedenfalls mit seiner Ehre verträgt, das besprochene As auszuspielen. Ich gebe zu, daß ich ein Spion bin und daß diese Stellung als eine verächtliche angesehen wird; aber man braucht Leute, die sich dazu hergeben. Dieser Gentleman dagegen ist kein Spion. Warum will er sich also so sehr wegwerfen, um den Dienst eines solchen zu verrichten?« »Ich spiele ohne Bedenken mein As aus, Mr. Barsad«, ergriff Carton das Wort, indem er auf seine Uhr sah, »und zwar schon nach einigen Minuten.« »Ich hätte gehofft, meine Herren«, sagte der Spion, der stetig bemüht war, Mr. Lorry in das Gespräch zu ziehen, »daß eure Achtung gegen meine Schwester « »Meine Achtung gegen Eure Schwester kann ich am besten damit betätigen, daß ich sie für alle Zeiten von ihrem Bruder befreie«, sagte Sydney Carton. »Das ist Euch doch nicht Ernst, Sir?« »Ich bin fest entschlossen.« Das geschmeidige Wesen des Spions, das in so merkwürdigem Widerspruch zu dem zur Schau gestellten groben Anzug und wahrscheinlich auch zu seinem gewöhnlichen Benehmen stand, erlitt durch die Unergründlichkeit Cartons, die wohl auch weiseren und ehrlicheren Leuten, als er war, geheimnisvoll imponieren konnte, einen solchen Stoß, daß es ihn nachgerade im Stiche ließ. Während er verlegen dastand, nahm Carton in dem alten Ton des Kartenbetrachtens die Rede wieder auf: »Und in der Tat, wenn ich's recht überlege, so kommt es mir vor, als habe ich da eine weitere Karte, die noch nicht aufgezählt ist. Jener Freund, jenes Gefängnisschaf, das sich damit brüstete, daß er in den Kerkern des Landes seine Weide finde wer war das?« »Ein Franzose. Ihr kennt ihn nicht«, versetzte der Spion hastig. »Was, ein Franzose?« entgegnete Carton nachdenklich und dem Anscheine nach kaum auf den Sprecher achtend, obschon er dessen Wort wiederholt hatte. »Na, mag sein.« »Ich versichere Euch, es ist so«, bekräftigte der Spion, »obschon die Sache von keinem Belang ist.« »Obschon sie von keinem Belang ist«, sagte Carton in derselben mechanischen Weise »obschon sie von keinem Belang ist. Nein; es liegt nichts daran. Nein. Und doch ist mir das Gesicht bekannt.« »Ich glaube kaum. Gewiß, Ihr irrt; es kann nicht sein«, versetzte der Spion. »Es kann nicht sein«, murmelte Sydney Carton, indem er seinem Gedächtnis durch ein frisches Glas, das zum Glück nicht groß war, nachzuhelfen suchte. »Kann nicht sein. Sprach gut französisch. Aber wie ein Ausländer, meinte ich?« »Aus der Provinz«, sagte der Spion. »Nein. Ausländer!« rief Carton, mit der offenen Hand auf den Tisch schlagend, denn es war ihm ein Licht aufgegangen. »Cly! Verkleidet zwar, aber kein anderer Mensch. Wir hatten ihn auch in Old Bailey vor uns.« »Ihr seid zu vorschnell, Sir«, sagte Barsad mit einem Lächeln, das seiner Adlernase eine Extraneigung nach der Seite hin verlieh. »Ihr gebt mir hier in der Tat einen Vorteil über Euch. Ich will gern zugeben, daß vor langer Zeit Cly mit mir arbeitete; aber er ist schon seit mehreren Jahren tot. Ich pflegte ihn während seiner letzten Krankheit, und er wurde in London auf dem Sankt Pancrazekirchhof begraben. Er war damals bei dem schurkischen Pöbel sehr unbeliebt, und dies hinderte mich, seiner Beisetzung anzuwohnen; aber ich habe seine irdischen Überreste in den Sarg legen helfen.« Mr. Lorry bemerkte jetzt von der Stelle aus, wo er saß, einen höchst merkwürdigen koboldartigen Schatten an der Wand; er verfolgte diesen nach seinem Ursprung und entdeckte, daß er von einem plötzlichen außerordentlichen Sträuben und Sichborsten all des struppigen und steifen Haares auf Mr. Crunchers Kopf herrührte. »Laßt uns vernünftig sein und ein ehrliches Spiel spielen«, sagte der Spion, »Um Euch zu zeigen, wie sehr Ihr Euch täuscht und wie ungegründet Eure Vermutung ist, sollt Ihr von einer Urkunde über Clys Begräbnis, die ich zufällig seitdem in meinem Taschenbuch bei mir führe, Augenschein nehmen.« Er langte es hastig heraus und öffnete es: »Hier ist sie. Da, überzeugt Euch. Ihr könnt sie in die Hand nehmen; es ist kein gefälschtes Papier.« Mr. Lorry sah jetzt, wie der Schatten an der Wand sich verlängerte und Mr. Cruncher, der sich erhoben hatte, vorwärts trat. Sein Haar hätte nicht borstiger aussehen können, wenn er von dem Dorfochsen selbst frisiert worden wäre. Ohne von dem Spion bemerkt zu werden, trat Mr. Cruncher an seine Seite und faßte ihn an der Schulter wie ein gespenstischer Polizeidiener. »Das war also der Roger Cly, Meister«, sagte Mr. Cruncher mit einer finsteren Miene, »und Ihr selbst habt ihm in den Sarg geholfen?« »Ja.« »Und wer nahm ihn wieder heraus?« Barsad lehnte sich in seinem Stuhle zurück und stotterte: »Was meint Ihr damit?« »Ich meine, daß er nie drin war«, sagte Mr. Cruncher. »Nein, gewiß nicht. Ich lasse mir den Kopf abhauen, wenn damals der Cly begraben wurde.« Der Spion sah sich nach den beiden Gentlemen um, die ihrerseits mit unaussprechlichem Staunen nach Jerry hinblickten. »Ich will Euch sagen«, fuhr Jerry fort, »daß sich in jenem Sarge nur Erde und Pflastersteine befanden. Und Ihr geht her und wollt mir weismachen. Ihr habt den Cly begraben. Der helle Betrug. Ich und noch zwei wissen dies wohl.« »Wie könnt Ihr dies wissen?« »Was geht's Euch an? Zum Donnerwetter«, brummte Mr. Cruncher, »Ihr habt noch etwas gut von mir für Eure schamlose Prellerei an ehrlichen Gewerbsleuten. Soll ich ihn am Kragen packen und tüchtig durchschütteln?« Sydney, den wie auch Mr. Lorry der Gang der Dinge in großes Staunen versetzte, forderte jetzt Mr. Cruncher auf, sich zu mäßigen und eine Erklärung zu geben. »Ein andermal, Sir«, versetzte Jerry ausweichend; »die gegenwärtige Zeit ist nicht passend zu Erklärungen. Aber dabei bleib' ich, daß er recht gut weiß, es sei nie ein Cly in jenem Sarg gewesen. Wenn er es nur mit einem Wort, mit einer Silbe leugnet, so pack' ich ihn am Halse und würg' ihn, daß er es gern besser hätte.« »Hm, so viel ist mir jetzt klar, daß ich noch eine Karte habe, Mr. Barsad«, sagte Carton. »Hier in dem tobenden Strudel von Paris, wo die ganze Luft von Argwohn erfüllt ist, bricht es Euch unfehlbar den Hals, wenn man zur Anzeige bringt, daß Ihr Verkehr unterhaltet mit einem andern aristokratischen Spion und alten Kameraden, an dem noch das Geheimnis haftet, daß er sich begraben ließ und wieder lebendig wurde. Ein Komplott in den Gefängnissen gegen die Republik, von den Ausländern angezettelt. Eine starke Karte eine sichere Guillotinekarte. Spielt Ihr?« »Nein«, entgegnete der Spion: »ich lege ab. Ich gestehe, wir waren bei dem wütenden Pöbel so verhaßt, daß ich aus England nur fortkam unter Gefahr, zu Tode getaucht zu werden, und daß man Cly in einer Weise auf den Leib rückte, die ihm jedes Entkommen unmöglich machte, wenn er nicht zu dieser Täuschung seine Zuflucht genommen hätte. Wie aber dieser Mensch hinter den Trug kommen konnte, das ist mir rein unbegreiflich.« »Macht Euch keine Sorge um diesen Menschen«, entgegnete der streitsüchtige Mr. Cruncher; »Ihr werdet genug zu tun haben, wenn Ihr diesem Gentleman Eure Aufmerksamkeit widmet. Und wenn anders das nicht ausreicht, so könnt Ihr immer noch meine Faust zu kosten kriegen.« Mr. Cruncher ließ es sich nicht nehmen, die Freigebigkeit, mit der er den andern zu bedenken Lust hatte, recht prunkhaft zur Schau zu stellen. Das Gefängnisschaf wandte sich von ihm ab und an Sydney Carton, gegen den er mit mehr Entschiedenheit bemerkte: »Nachdem wir so weit sind, muß ich Euch erklären, daß ich mit nächstem meinen Dienst anzutreten habe und nicht mehr lange ausbleiben darf. Ihr habt von einem Vorschlag gesprochen; worin besteht er? Es ist nutzlos, zu viel von mir zu verlangen. Wenn Ihr mir zumutet, in meiner dienstlichen Eigenschaft meinen Kopf unter das Beil zu legen, so lass' ich's lieber auf die Folgen einer Weigerung als einer Einwilligung ankommen. Kurz, ich will eine Wahl haben. Ihr sprecht von Verzweiflung. Wir sind hier lauter Verzweifelte. Vergeßt nicht, daß auch ich Euch denunzieren kann, wenn ich es für passend halte; und dann gelingt's mir vielleicht so gut wie irgendeinem, mir einen Weg durch steinerne Mauern zu schwören. Sprecht, was wollt Ihr von mir?« »Nicht sehr viel. Ihr seid ein Gefangenenwärter in der Conciergerie?« »Ich sage Euch ein für allemal, daß eine Flucht nicht in den Bereich des Möglichen gehört«, sagte der Spion mit Festigkeit. »Wozu braucht Ihr mir etwas zu sagen, wonach ich nicht gefragt habe? Ihr seid ein Schließer in der Conciergerie?« »Bisweilen.« »Aber Ihr könnt es sein, wenn Ihr wollt?« »Ich kann ein- und ausgehen, wie es mir gutdünkt.« Sydney füllte das Glas wieder mit Branntwein, goß es langsam auf den Herd aus und sah dem Niederträufeln der Flüssigkeit zu. Die Flasche war jetzt leer, und er sagte beim Aufstehen: »So weit haben wir vor diesen beiden verhandelt, denn ich hielt es für passend, daß nicht bloß wir zwei von der Stärke unserer Karten uns überzeugen möchten. Kommt mit in das dunkle Stübchen hier; wir können da allein das letzte Wort miteinander sprechen.« Neuntes Kapitel. Das Spiel geordnet. Während Sydney Carton und das Gefängnisschaf im anstoßenden Stübchen sich so leise miteinander besprachen, daß keine Silbe von ihnen gehört wurde, betrachtete Mr. Lorry seinen dienstbaren Landsmann mit der Miene großen Zweifels und Mißtrauens. Die Art, wie der ehrliche Geschäftsgehilfe die Musterung seines Dienstherrn aufnahm, flößte kein Vertrauen ein; er wechselte das Bein, auf dem er stand, so oft, als hätte er fünfzig solche Glieder und wolle alle der Reihe nach probieren; dann betrachtete er mit einer sehr verdächtigen Aufmerksamkeit seine Fingernägel, und sooft sein Blick dem des Mr. Lorry begegnete, wurde er von jenem eigentümlichen kurzen Husten befallen, der des Vorhaltens einer hohlen Hand bedarf und selten oder nie als das Gebreste eines vollkommen offenen Charakters gefunden wird. »Jerry«, sagte Mr. Lorry. »Kommt einmal her.« Mr. Cruncher entsprach der Aufforderung seitlings, die eine Schulter voran. »Was habt Ihr außer dem Ausläuferdienst sonst noch getrieben?« Nach einigem Besinnen, wobei Mr. Cruncher seinen Schutzherrn bedenklich ansah, kam ihm der lichtvolle Gedanke, zu antworten: »Ackerbau.« »Ich fürchte, ich fürchte«, sagte Lorry, streng den Zeigefinger gegen ihn schüttelnd, »daß Ihr das achtbare und große Hau Tellsons nur als Aushängeschild gebraucht und nebenher ein unerlaubtes, schimpfliches Gewerbe betrieben habt. Ist dies der Fall, so wartet nicht, daß wir gute Freunde bleiben, wenn wir nach England zurückkommen. Auch dürft Ihr nicht hoffen, daß ich Euer Geheimnis bewahre. Tellsons dürfen nicht hintergangen werden.« »Ich hoffe«, bat der beschämte Mr. Cruncher, »daß ein Gentleman wie Ihr, dem ich so allerlei zu besorgen die Ehre hatte, bis ich grau geworden bin, sich zweimal besinnen wird, etwas zu meinem Schaden zu tun, selbst wenn es so wäre ich sage nicht, daß es so ist, sondern nur, wenn es so wäre. Man müßte wohl ins Auge fassen, daß jede Sache ihre zwei Seiten hat. Es gibt vielleicht zur Stunde noch Medizindoktoren, die Guineen einnehmen, wo ein ehrlicher Gewerbsmann sich um Farthinge abmühen muß um Farthinge? nein, es langt noch zu keinen halben, noch zu keinen Viertelfarthingen. Die fegen vorbei wie Rauch bei Tellsons, blinzeln dem Gewerbsmanne mit ihren medizinischen Augen zu und steigen in ihren Equipagen ein und aus ah, wieder wie Rauch. So etwas macht dann sogar bei Tellsons Eindruck. Aber will man die Gans, so muß man auch den Gänserich haben. Und da ist denn Mrs. Cruncher, oder war's wenigstens in England drüben und wird's morgen wieder sein, wenn sich Gelegenheit dazu gibt die plumpst hin gegen das Geschäft, daß es ruiniert ist, rein ruiniert. Die Weiber der Medizindokters aber tun das nicht fällt ihnen nicht ein, oder wenn sie's tun, so plumpsen sie hin um Patienten, und wie kann man das eine haben ohne das andere? Dann sind wieder die Leichenbestatter, die Kirchspielküster, die Privatwächter, lauter habsüchtiges Volk, die sich auch damit zu schaffen machen; was kann ein armer Schelm dabei gewinnen, wenn's auch so wäre? Was ein geringer Mann da erwirbt, reicht doch nicht weit bei ihm, Mr. Lorry; es tut nicht gut bei ihm, und er möcht' wohl wieder aus der Geschichte heraus sein, wenn er nur, einmal drin, einen Ausweg sehen könnte ich meine natürlich, wenn's so wäre.« »Pfui!« rief Mr. Lorry, aber gleichwohl in etwas milderer Stimmung, »Euer Anblick ist mir ein Greuel.« »Na, ich möcht' Euch wohl ein bescheidenes Angebot machen, Sir«, fuhr Mr. Cruncher fort, »für den Fall, daß es so wäre, obschon ich's nicht zugestehe .« »Keine Verdrehung«, sagte Mr. Lorry. »Nein, gewiß nicht«, entgegnete Mr. Cruncher, als sei ihm nie etwas Derartiges zu Sinn gekommen »obschon ich's nicht zugestehe, so möcht' ich an Euch ein demütiges Ersuchen stellen. Auf jenem Stuhl dort vor dem Bankhause sitzt mein Junge, dazu erzogen, ein Mann zu werden, der Euch Botengänge tut und Aufträge besorgt, bis er, wenn Ihr's befehlt, sich die Füße abgelaufen hat. Wenn es so wäre, obschon ich nicht sage, daß es so ist, denn ich will vor Euch nichts verdrehen, Sir so laßt dem Jungen seines Vaters Platz, daß er für seine Mutter sorgen kann. Straft nicht im Sohne den Vater tut dies nicht sondern erlaubt, daß der Vater sich dem Geschäft der regelmäßigen Totengräberei widme und das Ausgraben – von Toten, wenn ers getan hat – wieder gutmache durch freiwilliges Eingraben mit der guten Meinung, sie künftig in Sicherheit zu erhalten. Das ist's, Mr. Lorry«, sagte Mr. Cruncher, indem er sich die Stirne mit dem Ärmel abwischte zum Zeichen, daß er bei dem Schluß seiner Rede angelangt war, »worum ich Euch achtungsvoll gebeten haben möchte. Du mein Himmel, wenn man sieht, wie schrecklich es hier zugeht und wie das Köpfen kein Ende nimmt, so daß das Geschäft nicht einmal den Trägerlohn einbringt, so kommen einem wohl ernste Gedanken über die Sache. Und so möcht' ich, wenn es so wäre. Euch bitten, dessen eingedenk zu sein, was ich eben gesagt habe, und auch nicht zu vergessen, daß ich mit meinem Sprechen einer guten Sache diente, während ich recht wohl hätte schweigen können.« »In dieser Beziehung wenigstens habt Ihr recht«, sagte Mr. Lorry. »Darum nichts mehr davon. Möglich, daß ich doch Euer guter Freund bleibe, vorausgesetzt, daß Ihr durch die Tat, nicht bloß in Worten Eure Reue an den Tag legt. Des Geschwätzes ist jetzt genug.« Mr. Cruncher rieb sich eben mit den Knöcheln die Stirne, als Sydney Carton mit dem Spion aus der Nebenstube wieder zurückkam. »Adieu, Mr. Barsad«, sagte der erstere. »Wenn Ihr es so einrichtet, habt Ihr von mir nichts zu fürchten.« Er nahm dann, Mr. Lorry gegenüber, seinen Sitz am Herd ein. Sobald sie allein waren, fragte ihn Mr. Lorry, was er ausgerichtet habe. »Nicht viel«, versetzte Carton. »Doch habe ich mir für den Fall, daß es schlimm gehen sollte, zu dem Gefangenen den Zutritt gesichert.« Mr. Lorry machte ein langes Gesicht. »Es ist alles, was ich auswirken konnte«, fuhr Carton fort. »Eine zu große Zumutung würde den Kopf des Mannes unters Beil bringen, und er hat recht, wenn er sagt, daß er bei einer Denunziation nichts Schlimmeres zu erfahren hätte. Seine Lage ist augenscheinlich nur schwach. Da läßt sich nicht helfen.« »Aber wenn es vor dem Tribunal schlimm ausfällt, so wird ihn dieser Zutritt nicht retten«, sagte Mr. Lorry. »Ich habe dies auch nicht behauptet.« Mr. Lorrys Augen senkten sich gegen das Feuer; die Teilnahme für seinen Liebling und der schwere Schlag dieser zweiten Verhaftung hatten sie allmählich geschwächt. Er war jetzt ein alter Mann, erschöpft von den Ängsten der letzten Zeit, und seine Tränen wollten sich nicht mehr zurückhalten lassen. »Ihr seid ein wackerer Mann und ein treuer Freund«, sagte Carton in verändertem Ton. »Entschuldigt, daß ich von Eurer Bewegung Notiz nehme. Ich könnte nicht gleichgültig dasitzen, wenn ich meinen Vater weinen sähe, und vermöchte Euer Leid nicht mehr zu achten, selbst wenn Ihr mein Vater wäret. Nun, dieses Unglück wenigstens lastet nicht auf Euch.« Obgleich er die letzteren Worte mit einem Anflug von seinem gewöhnlichen Wesen sprach, so lag doch in seiner ganzen Rede so viel echtes Gefühl und eine solche Ehrerbietung, daß Nr. Lorry, der ihn nie von seiner besseren Seite gekannt hatte, davon betroffen wurde. Er gab ihm die Hand, und Carton drückte sie sanft. »Um auf den armen Darnay zurückzukommen«, sagte Carton. »Ihr müßt gegen sie nichts von dieser Begegnung und unserer Übereinkunft verlauten lassen, weil sie dann vielleicht nicht imstande wäre, ihn zu besuchen. Sie könnte glauben, es handle sich im schlimmen Fall darum, ihm die Mittel zu liefern, dem Urteilspruch zuvorzukommen.« Lorry hatte daran nicht gedacht und blickte rasch auf Carton, um zu sehen, ob er auch wirklich bei Sinnen sei. Carton erwiderte den Blick, den er zu verstehen schien. »Sie könnte auf tausenderlei Gedanken kommen«, fuhr Carton fort, »und damit nur ihren Jammer vergrößern. Sagt ihr daher nichts von mir. Wie ich schon bei meiner Ankunft bemerkte: es ist besser, wenn ich ihr nicht begegne, denn ich kann auch ohnedem ihr die kleine Hilfe leisten, die in meinen Kräften steht. Ihr geht hoffentlich zu ihr? Sie muß heute abend ganz trostlos sein.« »Ja; ich bin eben im Begriff.« »Das freut mich. Sie hat eine so große Anhänglichkeit an Euch und erkennt in Euch eine Stütze. Wie sieht sie aus?« »Bekümmert und unglücklich, aber sehr schön.« »Ah!« Es war ein langer schmerzlicher Ton wie ein Seufzer – fast wie ein Schluchzen. Lorry blickte wieder auf Carton, dessen Gesicht dem Feuer zugekehrt war. Ein Licht oder ein Schatten (der alte Gentleman vermochte dies nicht zu unterscheiden) flog so rasch darüber hin, wie an einem wildschönen Tag ein zwischen Wolken hervorbrechender Strahl die Bergwand streift, und er lüpfte den Fuß, um eines der flammenden Scheitchen zurückzuschieben, das niederfallen wollte. Er trug den damals modernen weißen Reitrock und Stulpenstiefel, und der Widerschein des Feuers ließ sein Antlitz unter dem langen, wild niederhängenden braunen Haar ungemein blaß aussehen. Dabei benahm er sich so gleichgültig gegen das Feuer, daß Mr. Lorry es ihm verwies; denn sein Stiefel ruhte noch auf der Glut des brennenden Scheites, nachdem dieses unter dem Gewicht seines Fußes schon zusammengebrochen war. »Ich vergaß es«, sagte er. Mr. Lorry blickte wieder in sein Gesicht. Das verstörte Wesen, das die von Natur schönen Züge umwölkte, erinnerte ihn aufs lebhafteste an den Gefangenen, mit dem sein Gast wieder eine merkwürdige Ähnlichkeit hatte. »Ihr seid jetzt mit Euren Geschäften hier zu Ende?« fragte Carton. »Ja. Wie ich Euch gestern abend sagte, als Lucie so unverhofft hierherkam, ist endlich alles geschehen, was sich hier tun ließ. Ich hoffte, sie in Sicherheit zurücklassen zu können, wenn ich nach London heimkehre. Mein Paß ist bereits im Hause, und ich war zum Aufbruch vorbereitet.« Beide schwiegen eine Weile. »Ihr könnt auf eine schöne Reihe von Jahren zurückschauen?« sagte Carton gedankenvoll. »Ich stehe im achtundsiebenzigsten.« »Und seid Euer ganzes Leben über nützlich gewesen, stets beschäftigt, geachtet, ein Mann des Vertrauens?« »Ich war Geschäftsmann von der Zeit an, daß ich mich als Mann weiß ja, ich könnte fast sagen, von meinen Knabenjahren an.« »Seht, welch einen Platz Ihr einnehmt im achtundsiebenzigsten. Wie viele Leute werden Euch vermissen, wenn Ihr ihn räumt!« »Ein unverheirateter alter Mann«, entgegnete Mr. Lorry, den Kopf schüttelnd. »Mir weint niemand nach.« »Wie mögt Ihr so reden? Wird nicht sie um Euch weinen? Wird es nicht ihr Kind tun?« »Ja, ja, Gott sei Dank! Ich habe es nicht gerade so gemeint, wie ich es sagte.« »Das ist wohl eine Sache, für die man Gott dankbar sein darf: meint Ihr nicht?« »Gewiß, gewiß.« »Wenn Ihr diesen Abend mit Wahrheit zu Eurem einsamen Herzen sagen müßtet: `Ich habe mir von keinem menschlichen Wesen Liebe und Anhänglichkeit, Dank oder Achtung erworben; ich habe in keinem Herzen Eingang gewonnen und nie etwas Gutes oder Nützliches getan, um dessentwillen man meiner gedenken möchte, meint Ihr nicht, daß Euch dann Eure achtundsiebenzig Jahre achtundsiebenzig schwere Flüche wären?« »Ihr habt recht, Mr. Carton; ich glaube, sie wären es mir.« Sydney wandte seine Blicke wieder dem Feuer zu und fuhr nach einer Pause fort: »Ich möchte Euch noch fragen, ob Euch Eure Kindheit fernab zu liegen scheint. Kommt Euch die Zeit sehr lange vor zwischen heute und jener, als Ihr Euch noch an den Schoß der Mutter anschmiegtet?« Dieser weicheren Stimmung entsprechend, antwortete Mr. Lorry: »Vor zwanzig Jahren, ja; aber jetzt nicht mehr. Denn man wandert in einem Kreise, und je näher und näher es dem Ende geht, desto näher und näher rückt man wieder dem Anfang zu. Auf solche Weise wird uns der Weg sanft und eben gemacht. Mein Herz fühlt sich oft bewegt bei Erinnerungen, die lange geschlafen haben; wenn ich zum Beispiel, der ich so alt bin, meiner hübschen jungen Mutter gedenke und mir die Tage vergegenwärtige, in denen das, was wir Welt nennen, nicht so sehr in mir zur Wirklichkeit geworden und meine Fehler nicht so starr mit mir verwachsen waren.« »Ich verstehe dies Gefühl!« rief Carton, und eine lebhafte Glut überflog sein Antlitz. »Und Ihr empfindet dabei eine sittliche Erhebung?« »Ich hoffe es.« Carton brach das Gespräch jetzt ab und stand auf, um dem alten Mann in seinen Mantel zu helfen. »Aber Ihr«, sagte Mr. Lorry, auf den Gegenstand zurückkommend, »Ihr seid jung.« »Ja«, versetzte Carton. »Ich bin nicht alt; aber der Weg meiner Jugend war nicht der Weg zum Alter. Genug von mir.« »Und natürlich von mir auch«, sagte Mr. Lorry. »Wollt Ihr ausgehen?« »Ich werde Euch bis an ihr Tor begleiten. Ihr kennt meine unstete, unruhige Lebensweise. Laßt es Euch nicht anfechten, wenn ich lange in den Straßen herumstreiche. Ich werde morgen schon wieder zum Vorschein kommen. Geht Ihr morgen in die Gerichtshalle?« »Ja, leider.« »Ich werde auch dort sein, aber nur im Gedränge der Zuschauer. Mein Spion wird schon einen Platz für mich auftreiben. Nehmt meinen Arm, Sir.« Mr. Lorry entsprach der Einladung, und sie gingen miteinander die Treppen hinunter und auf die Straße hinaus. Nach einigen Minuten hatten sie Lorrys Bestimmungsort erreicht. Carton verließ jetzt seinen Begleiter, zögerte aber in einiger Entfernung, kehrte nach dem Torschluß wieder zurück und berührte den Griff. »Hier ist sie herausgekommen«, sagte er umherschauend, »und diesen Weg hat sie eingeschlagen. Sie muß diese Steine oft betreten haben; ich will ihren Fußstapfen folgen.« Es war nachts zehn Uhr, als er vor dem Gefängnis La Force an der Stelle stand, wo sie hundertmal gestanden hatte. Ein kleiner Holzspalter, der seinen Schuppen geschlossen hatte, stand rauchend vor seiner Haustür. »Gute Nacht, Bürger«, sagte Sydney Carton; denn der Mann betrachtete ihn neugierig. »Gute Nacht, Bürger.« »Was macht die Republik?« »Ihr meint die Guillotine? Nie macht's nicht übel. Dreiundsechzig heute. Wir werden bald zum Hundert aufsteigen. Samson und seine Leute beklagen sich bisweilen über zu viel Arbeit. Ha, ha, ha! Er ist so possierlich, dieser Samson. Welch ein Barbier!« »Seht Ihr ihn oft « »Rasieren? Immer. Jeden Tag. Der kann's. Habt Ihr ihn noch nicht arbeiten sehen?« »Nein.« »So geht hin und seht zu, wenn er einen ordentlichen Haufen zu bedienen hat. Macht Euch eine Vorstellung davon, Bürger: er rasierte heute die dreiundsechzig in weniger als zwei Pfeifen. In weniger als zwei Pfeifen auf Ehre.« Als das grinsende Männlein die Pfeife, die er eben rauchte, ausstreckte, um zu erklären, wie er die Zeit der Hinrichtungen maß, hätte ihn Carton in seiner Entrüstung gerne tot niedergestreckt. Er wandte ihm den Rücken zu. »Aber Ihr seid kein Engländer, obschon Ihr einen englischen Anzug tragt?« sagte der Holzspalter. »Doch«, antwortete Carton über seine Schulter zurück. »Ihr sprecht wie ein Franzose.« »Ich habe hier studiert.« »Aha! Ein vollkommener Franzose. Gute Nacht, Engländer.« »Gute Nacht, Bürger.« »Aber vergeßt nicht, hinzugehen und den possierlichen Kerl anzusehen«, rief ihm der kleine Mann nach. »Nehmt auch eine Pfeife mit.« Sobald Sydney ihn aus dem Gesicht verloren hatte, machte er in der Mitte der Straße unter einer flimmernden Laterne halt und schrieb mit dem Bleistift etwas auf einen Papierstreifen. Dann ging er mit dem sicheren Schritte eines Menschen, der seinen Weg gut kennt, durch verschiedene dunkle und schmutzige Gassen sie waren schmutziger als früher, denn selbst die Hauptstraßen blieben in jenen Schreckenstagen ungereinigt und machte vor einem Apothekerladen halt, den der Inhaber eben eigenhändig schließen wollte. Es war ein kleiner, finsterer, winkliger Laden, der in einem krumm und aufwärts verlaufenden Bogengange lag, und die Gestalt des Apothekers stand ganz im Einklang mit seinem Geschäftslokale. Carton wünschte auch diesem Bürger gute Zeit und legte seinen Papierstreifen auf den Ladentisch. »Hei!« pfiff der Apotheker leise vor sich hin, als er das Blättchen las. »Hi, hi, hi!« Sydney Carton achtete nicht darauf. Der Apotheker fragte: »Für Euch, Bürger?« »Ja.« »Ihr werdet aber die Ingredienzien sorgfältig geschieden halten, Bürger? Ihr kennt die Folgen, wenn man sie untereinander bringt?« »Vollkommen.« Es wurden einige kleine Pakete gemacht und ihm übergeben. Er steckte eines nach dem andern in die Brusttasche seines inneren Rocks, berichtigte die Forderung des Chemikers und verließ bedächtig den Laden. »Vor morgen gibt es nichts mehr zu tun«, sagte er, zu dem Mond aufblickend. »Aber ich kann nicht schlafen.« Diese Worte, die er unter den schnellsegelnden Wolken laut vor sich hin sprach, trugen nicht den Ausdruck eines unbekümmerten oder verdrossenen Wesens, sondern klangen so entschieden, als kämen sie aus dem Munde eines Mannes, der lange irregegangen ist, endlich aber seinen Weg wiedergefunden hat und dessen Ende absieht. Vor langer Zeit – er zeichnete sich damals noch als hoffnungsvoller Jüngling unter seinen Altersgenossen aus war er seinem Vater zu Grabe gefolgt. Seine Mutter hatte schon einige Jahre früher das Zeitliche gesegnet. Die feierlichen Worte, die bei der Bestattung seines Vaters verlesen wurden, tauchten in seinem Geiste wieder auf, während er, den Mond und die segelnden Wolken hoch über sich, im nächtlichen Schatten die dunkeln Straßen entlang ging. »Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt der Herr. Wer an mich glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer lebet und an mich glaubt, wird nimmermehr sterben.« In einer von dem Beil beherrschten Stadt, in der Einsamkeit der Nacht, bei dem natürlichen Schmerz um die im Laufe des Tages geopferten Leben und bei dem Hinblick auf die in den Gefängnissen schmachtenden Opfer, die morgen, übermorgen und so fort ihr Urteil erwarteten, war die Anknüpfungskette, die jene Worte wie einen rostigen alten Schiffsanker aus der Tiefe herausholte, leicht gefunden. Er hatte sie nicht gesucht, sprach sie aber vor sich hin, als er seiner Wege ging. Mit einer ernsten Teilnahme für die beleuchteten Fenster, hinter denen Menschen sich zur Ruhe niederlegten, um auf einige Stunden die Schrecken ihrer Umgebung zu vergessen für die Türme der Kirchen, in denen keine Gebete mehr gen Himmel stiegen; denn das Volk war nach dem langen Druck und Trug auch für das Heilige erstorben für die fernen Begräbnisplätze, die, wie die Aufschriften ihrer Tore sagten, nur noch dem ewigen Schlafe dienen sollten für die überfüllten Gefängnisse und für die Straßen, durch die die sechzig einem Tode entgegenfuhren, der so gemein und materiell geworden war, daß aus all dem Arbeiten der Guillotine nicht einmal ein Schauergeschichtchen von einem spukenden Geiste mehr auftauchen mochte kurz, mit einer ernsten, feierlichen Teilnahme für das ganze Leben und Sterben in der Stadt, in deren Wut die Nacht eine kurze Pause machte, ging Sydney Carton wieder über die Seine den helleren Straßen zu. Es ließen sich nur wenige Kutschen blicken; denn die Benutzung von Kutschen machte verdächtig, und die Vornehmen zogen rote Mützen über ihre Ohren und trabten in groben Schuhen zu Fuß ihrer Wege. Aber die Theater waren gefüllt, und wie er vorbeiging, strömte das Volk lustig heraus und begab sich unter Plaudern nach Haus. An einer der Theatertüren stand ein kleines Mädchen mit ihrer Mutter und sah sich nach einer leidlichen Übergangsstelle in der schmutzigen Straße um. Er trug das Kind hinüber und ließ sich von ihm, ehe der schüchterne Arm sich von seinem Nacken losmachte, einen Kuß geben. »Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt der Herr. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer lebt und an mich glaubt, der wird nimmermehr sterben.« Die Straßen waren jetzt still, die Nacht rückte vor, und er vernahm die Worte in der Luft, in dem Widerhall seiner Füße. Vollkommen fest und ruhig lieh er ihnen bisweilen selbst einen Laut, indem er sie beim Gehen vor sich hin sprach: aber in seinen Ohren klangen sie stetig. Auch die Nacht nahm ein Ende, und wie er auf der Brücke stand und auf das Plätschern des Wassers horchte, das die Ufermauern der Insel Paris mit ihrem hell im Mondschein daliegenden malerischen Gewirr von Häusern und Kirchen bespülte, kam der Tag kalt wie das Gesicht einer Leiche am Himmel herauf. Bleich wandte sich die Nacht mit Mond und Sternen ab und verschied; es hatte für eine Weile den Anschein, als sei die Schöpfung der Herrschaft des Todes überliefert. Aber als die herrliche Sonne aufging, schien sie mit ihren langen, glänzenden Strahlen jene Worte, den Refrain der Nacht, gerade und warm in sein Herz zu bringen. Und mit ehrfurchtsvoll beschatteten Augen ihnen folgend, glaubte er zwischen sich und der Sonne eine Lichtbrücke ausgespannt zu sehen, unter der funkelnd der Fluß dahinströmte. Der mächtige Strom, so geschwind, so tief, so sicher, nahm sich in der Morgenstille wie ein gleichgestimmter Freund aus. Er ging den Fluß entlang weit über die Häuser hinaus und ließ sich endlich am Ufer von der hellen warmen Sonne in Schlaf lullen. Als er erwachte und wieder aufstand, zögerte er noch eine Weile und sah einem zwecklos sich drehenden Wirbel zu, bis die Strömung ihn mit fortriß und dem Meer« zuführte. »Wie mich!« Ein Frachtboot mit einem Segel von der gedämpften Farbe des welken Laubes tauchte auf, kam an ihm vorbei und verschwand wieder. Nachdem die Kielspur sich auf dem Wasser verwischt hatte, schloß er das Gebet, das aus den Tiefen seiner Seele um barmherzige Nachsicht mit seiner Blindheit und seinen Verirrungen flehte, mit den Worten: »Ich bin die Auferstehung und das Leben.« Mr. Lorry war bereits ausgegangen, als er in dessen Wohnung anlangte, und es ließ sich leicht denken, welchen Weg der gute alte Mann eingeschlagen hatte. Sydney Carton genoß nur ein wenig Kaffee und etwas Brot, wusch sich dann, um sich zu erfrischen, und begab sich nach der Gerichtstätte. Dort war alles schon voll Regsamkeit und Gesumm. Das schwarze Schaf, vor dem viele furchtsam zurückwichen, verhalf ihm in dem Gedränge zu einer dunkeln Ecke. Mr. Lorry war da und Doktor Manette; auch sie war zugegen und saß an der Seite ihres Vaters. Als ihr Gatte hereingebracht wurde, warf sie ihm einen Blick zu, einen Blick, so kräftigend, so ermunternd, so voll inniger Liebe und zärtlicher Teilnahme, dabei selbst so mutig um seinetwillen, daß er ihm das gesunde Blut ins Gesicht trieb, seine Miene aufhellte und sein Herz neu belebte. Hätte jemand auf den Einfluß geachtet, den jener Blick auf Sydney Carton übte, so würde er an diesem eine gleiche Wirkung wahrgenommen haben. Jenes ungerechte Tribunal wußte nur wenig oder nichts von Ordnung in seinem Verfahren und war nicht in der Lage zu bewirken, daß ein Angeklagter nur vernünftig angehört wurde. Zu einer solchen Revolution hätte es nie kommen können, wenn nicht alle Gesetze, Formen und Zeremonien früher so kläglich mißbraucht worden wären, daß die selbstmörderische Rache des Umsturzes alles miteinander in die Winde streuen zu dürfen meinte. Jedes Auge war den Geschworenen zugewendet. Dieselben entschiedenen Patrioten und guten Republikaner wie gestern und vorgestern, wie morgen und übermorgen. Unter ihnen ragte ein Mann hervor mit einem hungrigen Gesicht und einem stetigen Fingerspiel vor seinen Lippen; sein Anblick bereitete den Zuschauern große Befriedigung. Ein nach Leben lechzender, kannibalisch aussehender, blutdürstiger Geschworner, der Jacques Drei von Saint Antoine. Das ganze Schwurgericht glich einer Jury von Hunden, zusammengebracht, um das Reh zu richten. Jedes Auge suchte nun die fünf Richter und den öffentlichen Ankläger auf. Von dieser Seite her war heute nichts Gutes zu hoffen; die Sache schien schon zum voraus schnöde, unerbittlich und mörderisch abgetan zu sein. Dann wandten sich diese Augen anderen im Gedränge zu und funkelten beifällig danach hin; und Köpfe winkten einander nickend, ehe sie in die Haltung gespannter Aufmerksamkeit übergingen. Charles Evrémonde, genannt Darnay. Gestern in Freiheit gesetzt; gestern wieder angeklagt und aufs neue verhaftet. Anklageakte ihm gestern abend zugefertigt. Verdächtig und angeklagt als Feind der Republik, Aristokrat, Angehöriger einer Familie von Tyrannen, einer geächteten Rasse, die ihre jetzt abgeschafften Vorrechte zur schändlichen Bedrückung des Volkes mißbraucht hatte. Charles Evrémonde, genannt Darnay, kraft jener Ächtung absolut tot vor dem Gesetz. Dies, oder vielleicht in noch kürzerer Fassung, der Vortrag des öffentlichen Anklägers. Der Präsident fragte, ob der Angeschuldigte öffentlich oder im geheim angezeigt worden sei. »Öffentlich, Präsident.« »Von wem?« »Von drei Personen. Ernst Defarge, Weinschenk in Saint Antoine.« »Gut.« »Therese Defarge, sein Weib.« »Gut.« »Alexander Manette, Arzt.« Ein großes Getümmel brach jetzt in dem Gerichtshofe los, und mitten in demselben sah man Doktor Manette blaß und zitternd von seinem Sitze sich erheben. »Präsident, ich erkläre Euch voll Entrüstung, daß dies Betrug und Fälschung ist. Ihr wißt, der Angeklagte ist der Gatte meiner Tochter. Meine Tochter und diejenigen, die ihr teuer sind, achte ich höher als mein Leben. Wo und wer ist der falsche Verschwörer, der sagt, ich klage den Gatten meines Kindes an?« »Bürger Manette, seid ruhig. Wenn Ihr es an Unterwürfigkeit gegen das Gericht fehlen ließet, würdet Ihr selbst dem Gesetze verfallen. Und wenn Ihr etwas höher achtet als Euer Leben, so kann einem guten Bürger nichts so teuer sein wie die Republik.« Lauter Zuruf zollte diesem Verweis Beifall. Der Präsident rührte die Klingel und fuhr mit Wärme fort: »Wenn die Republik von Euch Euer Kind selbst verlangen sollte, so wäre es Eure heiligste Pflicht, es zum Opfer zu bringen. Hört, was kommen wird, und verhaltet Euch inzwischen still.« Abermals tobender Beifallsruf. Doktor Manette setzte sich: seine Lippen bebten, und seine Augen schauten umher, während er seine Tochter inniger an sich zog. Der hungrige Mann unter den Geschworenen rieb sich die Hände und fuhr mit den Fingern wieder nach seinem Munde. Sobald es im Gerichtssaale ruhig genug geworden war, um jemanden verhören zu können, wurde Defarge vorgeladen. Er erzählte in Kürze die Geschichte der Gefangennehmung des Doktors, bei dem er als bloßer Knabe in Dienst gestanden, wie derselbe endlich befreit und in welchem Zustande er ihm überliefert worden. Darauf folgte ein kurzes Verhör, denn der Gerichtshof machte rasche Arbeit. »Ihr habt bei der Erstürmung der Bastille gute Dienste geleistet, Bürger?« »Ich glaube es.« Aus dem Gedränge ließ sich jetzt ein aufgeregtes Weib mit kreischender Stimme vernehmen: »Ihr seid an jenem Tage einer der besten Patrioten gewesen. Warum sagt Ihr dies nicht? Ihr seid an der Kanone gestanden und waret unter den ersten Stürmenden, als die fluchwürdige Veste fiel. Patrioten, ich spreche die Wahrheit!« Es war die Rache, die unter warmen Lobeserhebungen der Zuhörer in solcher Weise die Verhandlung zu fördern suchte. Der Präsident rührte die Klingel; aber die Rache war durch den gespendeten Beifall warm geworden und rief aufs neue: »Ich frage nichts nach Eurer Klingel!« eine Erklärung, die ihr einen neuen Beifallssturm eintrug. »Erzählt dem Gerichtshof, was Ihr an jenem Tage in der Bastille getan habt, Bürger.« »Ich wußte«, sagte Defarge, auf sein Weib nieder schauend, das am Fuße des Gerüstes stand, auf dem er seine Angaben machte, und kein Auge von ihm verwandte, »ich wußte, daß der Gefangene, von dem ich spreche, in der Zelle Hundertundfünf, Nordturm, eingesperrt gewesen war. Ich hatte dies aus seinem eigenen Munde. Ja, er kannte sich nur unter dem Namen Hundertundfünf, Nordturm, als er unter meiner Obhut Schuhe machte. Während ich an jenem Tage mein Geschütz bediente, faßte ich den Entschluß, wenn die Veste fiele, jene Zelle zu untersuchen. Sie wurde erstürmt. Ich steige, von einem Gefängniswärter geführt, mit einem Mitbürger, der dort unter den Geschworenen sitzt, nach der Zelle hinauf und stelle sorgfältige Nachforschungen an. In einem Kaminloch, in das ein ausgebrochener Stein wieder eingesetzt ist, finde ich ein beschriebenes Papier. Hier ist es. Ich habe mir's angelegen sein lassen, mir einige Proben von Doktor Manettes Handschrift zu verschaffen. Dies ist von Doktor Manette geschrieben. Ich übergebe hiermit die eigenhändige Schrift des Doktor Manette dem Präsidenten.« »Man lese sie vor.« Es trat eine Totenstille ein. Der Angeklagte warf einen liebevollen Blick auf Lucie, die den ihrigen nur von ihm abwandte, um ängstlich auf ihren Vater zu schauen. Der Doktor verwandte kein Auge von dem Vorleser; Madame Defarge hielt ihren Blick auf den Gefangenen geheftet, und Defarges Auge haftete wie festgebannt auf seinem sich an dem Schauspiel weidenden Weibe. Die Blicke aller andern waren dem Doktor zugekehrt, der aber keinen Sinn für seine übrige Umgebung hatte. Die Schrift lautete, wie folgt. Zehntes Kapitel. Der Körper des Schattens. »Ich, Alexander Manette, ein unglücklicher Arzt, gebürtig von Beauvais und später seßhaft in Paris, schreibe diesen Jammerbericht in einer schauerlichen Zelle der Bastille während des letzten Monats im Jahre 1767. Ich schreibe daran in verstohlenen Zwischenräumen und unter allen möglichen Erschwernissen. Die Schrift soll in der Kaminwand verborgen werden, in die ich langsam und mühevoll einen Versteck gearbeitet habe; vielleicht findet sie eine mitleidige Hand, wenn ich mit meinem Schmerz in Staub verfallen bin. Die Worte sind im letzten Monate des zehnten Jahres meiner Gefangenschaft mit einem rostigen Nagel geschrieben und nur mit Mühe hingekritzelt. Als Tinte dienten mir Ruß und Kohle aus dem Kamin, die ich mit meinem Blute mischte. Die Hoffnung ist aus meiner Brust entschwunden. Ich weiß aus den schrecklichen Anzeichen, die ich schon an mir wahrgenommen habe, daß meine Vernunft nicht viel länger standhalten wird, erkläre aber feierlich, daß ich zur Zeit noch im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte bin, daß mein Gedächtnis mir treu ist bis ins einzelne und daß ich die Wahrheit schreibe, wie ich sie vertreten werde vor dem ewigen Richterstuhle, ob nun die Geschichte meiner Leiden je vor Menschenaugen kommen möge oder nicht. An einem wolkigen, aber doch mondhellen Abend in der dritten Woche des Dezembers 1757 (ich glaube, es war der zweiundzwanzigste dieses Monats) erging ich mich an einem abgelegenen Punkte des Seine-Kais (er war fast eine Stunde von meiner Wohnung in der Straße der medizinischen Schule), um mich in der kalten Luft zu erfrischen. Da kam rasch eine Kutsche hinter mir hergefahren. Während ich in der Furcht, überfahren zu werden, beiseite trat und die Kutsche an mir vorbeilassen wollte, sah ein Kopf zu dem Fenster heraus und gebot dem Kutscher haltzumachen. Der Mann hielt die Pferde an, und dieselbe Stimme rief nun meinen Namen. Ich antwortete. Der Wagen war so weit über mich hinausgefahren, daß zwei Herren Zeit hatten, den Schlag zu öffnen und auszusteigen, bis ich nachkam. Ich bemerkte, daß beide in Mäntel gehüllt waren und augenscheinlich sich vermummt halten wollten. Während sie Seite an Seite neben der Kutsche standen, bemerkte ich ferner, daß sie ungefähr von meinem Alter, vielleicht etwas jünger waren; auch schienen sie, soweit ich unterscheiden konnte, in Größe, Haltung, Stimme und Gesicht einander sehr ähnlich zu sein. »Ihr seid der Doktor Manette?« sagte der eine. »Ja.« »Doktor Manette, früher in Beauvais«, ergriff der andere das Wort, »der junge Arzt, ursprünglich ein geschickter Chirurg, der in den letzten paar Jahren sich in Paris einen schönen Ruf errungen hat?« »Meine Herren«, entgegnete ich, »ich bin der Doktor Manette, von dem ihr eine so vorteilhafte Meinung hegt.« »Wir sind in Eurer Wohnung gewesen«, sagte der erste, »wo wir nicht so glücklich waren, Euch zu treffen. Man sagte uns, Ihr werdet wahrscheinlich in dieser Gegend zu finden sein, und so fuhren wir Euch nach in der Hoffnung, Euch einzuholen. Wollt Ihr so gut sein, in den Wagen zu steigen?« Das Benehmen der beiden war gebieterisch, und sie nahmen, während sie sprachen, eine Stellung, daß sie mich zwischen sich und den Kutschenschlag brachten; auch führten sie Waffen, während ich unbewehrt war. »Meine Herren, entschuldigt«, versetzte ich, »aber ich pflege zuerst zu fragen, wer mir die Ehre erweist, meinen Beistand zu suchen, und aus welchem Grunde ich gerufen werde.« Die Antwort erfolgte aus dem Munde des zweiten Sprechers. »Doktor, Eure Klienten sind Personen von Stand. Was die Beschaffenheit des Falles betrifft, so gibt uns unser Vertrauen in Eure Geschicklichkeit die Versicherung, daß Ihr dies selbst besser werdet beurteilen können, als wir es zu beschreiben vermöchten. Genug. Wollt Ihr so gut sein, einzusteigen?« Was konnte ich tun? Ich entsprach schweigend der Aufforderung. Die beiden kamen nach, der letzte mit einem Sprung, nachdem er den Tritt hinaufgeschlagen hatte; der Wagen wandte um und fuhr mit der früheren Eile von hinnen. Ich wiederhole dieses Gespräch genau so, wie es stattgefunden hat, und zweifle nicht daran, daß ich es Wort für Wort wiedergegeben habe. Was vorgefallen ist, zeichne ich mit der größten Genauigkeit auf, und ich gebe mir angelegentlich Mühe, meinen Geist nicht von den Tatsachen abschweifen zu lassen. Wenn ich solche abgebrochenen Bemerkungen mache, so höre ich für den Augenblick auf und verwahre mein Papier in seinem Versteck. Der Wagen verließ die Stadt an der Nordbarriere und fuhr auf der Landstraße weiter. Dreiviertel Stunden von der Barriere ich schätzte die Entfernung damals nicht, sondern erst später, als ich sie wieder zurücklegte lenkten wir von dem Hauptwege ab und machten bald vor einem einsamen Hause halt. Wir stiegen alle drei aus und gingen auf einem feuchten weichen Fußpfade durch einen Garten, in dem ein vernachlässigtes Springbrunnenbecken übergelaufen war, nach der Haustür. Sie wurde auf das Klingeln nicht sogleich geöffnet, und einer von meinen beiden Führern schlug den Mann, der endlich aufmachte, mit der Reitpeitsche über das Gesicht. Es lag nichts in dieser Handlung, was mir besonders auffallen konnte, denn es war an der Tagesordnung, daß man einfache Leute ärger als Hunde behandelte. Der andere von den beiden, der auch zornig war, schlug den Mann in gleicher Weise mit der Hand; der Blick und die Haltung der Brüder zeigte bei jener Gelegenheit eine so große Ähnlichkeit, daß ich jetzt zum erstenmal bemerkte, sie seien Zwillingsbrüder. Von der Zeit unseres Aussteigens am äußeren Tor an, das wir verschlossen gefunden und das von einem der Brüder geöffnet und wieder geschlossen wurde, hatte ich von einem oberen Gemach her schreien hören. Man führte mich geradewegs nach diesem Zimmer; das Geschrei wurde beim Hinaufsteigen immer lauter, und ich fand einen Patienten, der an einem Fieber mit heftigen Phantasiedelirien darniederlag. Der Patient war ein junges Frauenzimmer von großer Schönheit, augenscheinlich nicht viel über zwanzig. Sie hatte ein wild zerrauftes Haar, und die Arme waren ihr mit Schärpen und Taschentüchern an den Leib gebunden. Ich bemerkte, daß diese Bande lauter Stücke von einem Herrenanzug waren. An einem derselben, einer Galaschärpe mit Fransen, sah ich das Wappen eines Adeligen und den Buchstaben E. Dies war mir schon in der ersten Minute meiner Krankenuntersuchung aufgefallen; denn bei ihrem unruhigen Umherwerfen hatte die Patientin das Gesicht über den Rand des Bettes hinausgebracht und das Schärpenende im Munde nachgezogen, so daß sie zu ersticken drohte. Ich sorgte zuerst dafür, ihren Atem zu befreien, und als ich die Schärpe beiseite zog, fiel sogleich die Stickerei in der Ecke auf. Ich rückte sie sanft ins Bett zurück, legte, um sie zu beruhigen und niederzuhalten, meine Hände auf ihre Brust und sah ihr ins Gesicht. Ihre Augen traten wild aus ihren Höhlen hervor, und sie schrie ohne Unterlaß in durchbohrenden Lauten, wobei sie häufig die Worte wiederholte: Mein Mann, mein Vater und mein Bruder! Dann zählte sie bis zwölf und sagte: Pst! Sie lauschte einen Augenblick, und dann kam das zeternde Geschrei wieder, der Ruf: Mein Mann, mein Vater und mein Bruder', das Zählen und das Pst! So ging es fort ohne eine Abwechslung in der Art oder Ordnung kein Nachlassen als die regelmäßige augenblickliche Pause, ehe das Geschrei wieder von neuem anfing. ›Wie lange dauert dies schon?‹ fragte ich. Um die Brüder zu unterscheiden, will ich den einen den Älteren und den andern den Jüngeren nennen; unter dem Älteren meine ich den, der die meiste Autorität übte. Dieser antwortete denn auch: ›Seit gestern abend um diese Zeit.‹ ›Sie hat einen Mann, einen Vater und einen Bruder?‹ ›Einen Bruder.‹ ›Spreche ich vielleicht mit ihm?‹ Die Antwort war ein verächtliches Nein. ›Was hat sie in letzter Zeit mit der Zahl zwölf zu schaffen gehabt? ›Mit der Zahl zwölf? erwiderte ungeduldig der jüngere Bruder. ›Ihr seht, meine Herren‹, sagte ich, ohne meine Hände von der Brust der Kranken zu entfernen, wie nutzlos ich bin, nun ihr mich hierhergebracht habt. Hätte ich gewußt, um was sich's handelt, so hätte ich mich vorsehen können; wie es aber jetzt steht, geht viele Zeit verloren. An diesem einsamen Platz sind keine Arzneien zu haben. Der ältere Bruder sah den jüngeren an, der stolz erwiderte, es sei eine Hausapotheke hier. Er holte sie aus einem Kabinett herbei und stellte das Kistchen auf den Tisch. Ich öffnete einige von den Flaschen, roch daran und brachte die Stöpsel an meine Lippen. Ich würde nichts davon in Verwendung genommen haben, wenn ich nicht einige narkotische Mittel gebraucht hätte, die ohnehin giftig sind. ›Traut Ihr ihnen nicht?‹ fragte der jüngere Bruder. ›Ihr seht, mein Herr, daß ich sie anzuwenden im Begriff bin, entgegnete ich, ohne etwas Weiteres beizufügen. Mit Mühe gelang es mir endlich, die Kranke zu bewegen, daß sie die Dosis verschluckte, die ich ihr zu geben wünschte. Da ich sie nach einer Weile zu wiederholen beabsichtigte und es nötig war, ihre Wirkung zu beobachten, so setzte ich mich neben dem Bette nieder. Im Zimmer befand sich eine stille schüchterne Frauensperson, das Weib des unten wohnenden Mannes, die sich in eine Ecke zurückgezogen hatte. Das Haus war feucht und baufällig, ganz gewöhnlich möbliert und augenscheinlich erst seit neuerer Zeit bewohnt. Man hatte einige alte dicke Behänge vor die Fenster genagelt, um das Geschrei zu dämpfen. Letzteres währte im regelmäßigen Wechsel mit dem Rufe: Mein Mann, mein Vater und mein Bruder, dem Zwölfzählen und dem darauf folgenden Pst fort. Das Phantasieren war so ungestüm, daß ich die Bande um die Arme nicht entfernen mochte, obschon ich Sorge dafür trug, daß sie ihr nicht weh taten. Den einzigen Funken von Hoffnung sah ich in dem Umstand, daß meine Hand, die ich auf der Brust der Kranken ruhen ließ, auf diese einen beschwichtigenden Einfluß übte und für Minuten wenigstens das wilde Umherwerfen bändigte. Das Schreien aber machte ungestört fort; kein Pendel hätte regelmäßiger sein können. Da, wie ich vermutete, meine Hand eine so günstige Wirkung übte, so blieb ich wohl eine halbe Stunde an dem Bette sitzen, während die beiden Brüder zusahen. Endlich sagte der ältere: ›Es ist noch ein Patient da.‹ Ich wurde betroffen und fragte, ob es ein dringlicher Fall sei. ›Es wird am besten sein, wenn Ihr selbst nachseht‹, antwortete er gleichgültig, indem er ein Licht aufnahm. ***** Der andere Patient lag eine Treppe höher in einer Hinterstube, und ich wurde dahin durch eine Art Bühne über dem Stall geführt, die teilweise eine niedrige gegipste Decke hatte, während seitlich sich das Ziegeldach mit seinem Sparren- und Balkenwerk anlegte. Es lag Heu und Stroh, auch Reisig hier aufgehäuft; desgleichen bemerkte ich einen Haufen Äpfel auf Sand. Ich mußte über diesen Teil der Bühne gehen, um zu dem andern zu gelangen. Mein Gedächtnis ist nicht erschüttert und erinnert sich der kleinsten Umstände; ich ersehe dies daran, daß hier in der Bastille, in meiner Zelle, nach fast zehnjähriger Gefangenschaft alle jene Einzelheiten noch so deutlich vor mir stehen, wie ich sie an jenem Abend sah. Auf einem am Boden ausgebreiteten Heuhaufen lag, ein Kissen unter dem Kopf, ein schöner Bauernbursche, der höchstens siebzehn Jahre zählen mochte. Er lag auf dem Rücken, seine Zähne waren verbissen, die Rechte hielt er fest an seine Brust gedrückt, und seine wild funkelnden Augen starrten nach der Decke hinauf. Als ich mich neben ihm aufs Knie niederließ, konnte ich nicht sehen, wo er verletzt war; so viel aber wurde mir klar, daß er an einer Stichwunde rasch dahinstarb. ›Ich bin ein Arzt, mein armer Bursche‹, sagte ich zu ihm; ›laß mich dich untersuchen. ›Brauche keine Untersuchung‹, antwortete er. ›Laßt's nur gehen. Die Wunde befand sich unter seiner Hand, und ich brachte ihn so weit, daß er mich sie wegnehmen ließ. Die Verletzung rührte von einem Degenstoße her, den er vor etwa zwanzig oder vierundzwanzig Stunden empfangen haben mochte. Aber keine Geschicklichkeit hätte ihn retten können, selbst wenn augenblicklich Hilfe aufgeboten worden wäre. Er lag im Sterben. Als ich meine Blicke dem älteren Bruder zuwandte, der mich heraufbegleitet hatte, bemerkte ich, daß er auf den schönen Jungen, der so bald von dem Leben scheiden sollte, niederschaute, als sei derselbe nur ein verwundeter Vogel, ein Hase oder ein Kaninchen, nicht aber ein Mitmensch. ›Wie ging dies zu, Herr?‹ fragte ich. ›Ein verrückter, gemeiner junger Hund! Ein Leibeigener! Zwang meinen Bruder, gegen ihn zu ziehen, und fiel durch meines Bruders Degen wie ein Kavalier. Es lag keine Spur von Mitleid, Bedauern oder einem verwandten menschlichen Gefühl in dieser Antwort. Der Sprecher schien nur anzuerkennen, daß es unbequem sei, wenn diese ganz andere Art von Wesen hier ende, und es viel besser sein würde, wenn er in der gewöhnlichen dunkeln Weise seines Wurmlebens hinstürbe. Einer Teilnahme für den Knaben oder sein Schicksal war er ganz unfähig. Während er sprach, hatten sich die Augen des jungen Menschen langsam auf ihn geheftet; dann aber wandten sie sich mir zu. ›Doktor, sie sind sehr stolz, diese Adligen; aber wir gemeinen Hunde sind bisweilen auch stolz. Sie plündern und beschimpfen uns, schlagen uns und bringen uns um; aber mitunter regt sich doch ein bißchen Ehrgefühl in uns. Sie Ihr habt sie gesehen, Doktor? Das Geschrei war auch hier hörbar, obschon durch die Entfernung gedämpft; er bezog sich darauf, als ob die Kranke mit im Zimmer liege. Ich antwortete ihm, daß ich sie gesehen habe. ›Sie ist meine Schwester. Diese Adligen haben ein verjährtes schändliches Recht auf die Zucht und die Tugend unserer Schwestern; aber es gibt auch wackere Mädchen unter uns. Ich weiß es und habe meinen Vater davon sprechen hören. Sie war ein braves Mädchen. Sie heiratete einen braven jungen Mann einen Grundholden Freie, aber zur Fron verpflichtete Gutsinsassen. von ihm. Wir sind lauter Leibeigene dieses Mannes da, der hier steht. Der andere ist sein Bruder, der schlimmste aus einer schlimmen Sippschaft. Der junge Mensch brachte nur mit Mühe die Worte hervor, da es ihm an körperlicher Kraft gebrach; aber sein Geist sprach mit einem furchtbaren Nachdruck. ›Wir sind diesen höheren Wesen gegenüber nur gemeine Hunde, und der Mann, der hier steht, beraubte uns nach Belieben, besteuerte uns ohne Erbarmen und zwang uns, für ihn zu arbeiten ohne Lohn; wir mußten Korn auf seiner Mühle mahlen, seine zahmen Vögel in Scharen auf unsern ärmlichen Feldern ernähren und durften unter Todesbedrohung keinen einzigen zahmen Vogel selbst halten. Dem Raub und der Plünderung in aller Weise ausgesetzt, aßen wir den Bissen Fleisch, den wir zufällig erhielten, hinter verschlossenen Türen und Läden, aus Furcht, seine Leute könnten ihn sehen und uns wegnehmen. Ja, so sehr sind wir armen Leute Bedrängnissen aller Art ausgesetzt, daß unser Vater uns sagte, es sei etwas Schreckliches, wenn uns ein Kind geboren werde, und wir sollen hauptsächlich darum beten, daß unsere Weiber unfruchtbar bleiben und unser armseliges Geschlecht aussterbe. Ich hatte nie zuvor das Gefühl der Bedrückung in so heller Lohe aufflackern sehen. Wohl dachte ich mir, es müsse irgendwo im verborgenen glühen; aber zur Anschauung kam es mir nie, bis ich jenen sterbenden Knaben sah. ›Gleichwohl heiratete meine Schwester, Doktor. Ihr Liebhaber war um jene Zeit krank, und sie heiratete den armen Burschen, um ihn gemächlich in unserer Hütte unserm Hundestall, wie sie dieser Mann nennt pflegen zu können. Sie war noch nicht viele Wochen verheiratet, als der Bruder dieses Mannes sie sah, einen Gefallen an ihr fand und von diesem Mann verlangte, daß er sie ihm borge denn was gelten Ehemänner unter uns? Er war krank und schwach; aber meine Schwester war brav und tugendhaft und haßte seinen Bruder mit ebenso bitterem Haß wie ich. Was taten nun die zwei, um ihren Mann zu überreden, daß er seinen Einfluß auf sie übe und sie willig mache? Die Augen des jungen Menschen, die bisher auf mir gehaftet hatten, wandten sich nun langsam dem Zuschauer zu, und ich las in den beiden Gesichtern, daß die Wahrheit gesprochen worden war. Ich kann mir selbst in der Bastille noch die verschiedenen Arten von Stolz vergegenwärtigen, die sich hier begegneten der Herr voll nachlässiger Gleichgültigkeit, der Bauer mit seinen in den Staub getretenen Gefühlen voll leidenschaftlicher Rachsucht. ›Ihr wißt, Doktor, daß es zu den Rechten dieser Adligen gehört, uns gemeine Hunde in den Karren zu spannen und auf uns loszupeitschen. Sie spannten ihn ein und ließen ihn die Peitsche fühlen. Ihr wißt, daß sie das Recht haben, uns die ganze Nacht durch auf ihren Feldern festzuhalten, wo wir die Frösche zum Schweigen bringen müssen, damit ihr edler Schlaf nicht gestört werde. Sie schickten ihn nachts hinaus in den ungesunden Nebel und ließen ihn bei Tag im Karren ziehen. Er wollte sich aber nicht bereden lassen. Nein! Eines Mittags aus dem Geschirr genommen, um sich abzufüttern, wenn er anders Nahrung finden konnte, schluchzte er zwölfmal einmal bei jedem Schlag der Glocke und starb an ihrer Brust. (Kein menschliches Mittel hätte den armen Jungen so lange am Leben erhalten können; aber der Wunsch, all das erlittene Unrecht zu offenbaren, hielt ihn aufrecht. Er drängte die nahenden Schatten des Todes zurück, wie er seine Faust zwang, zusammengeballt zu bleiben und seine Wunde zu decken.) ›Dann nahm mit Erlaubnis und unter Beihilfe dieses Mannes sein Bruder sie weg trotz dem, was sie, wie ich weiß, seinem Bruder gesagt haben muß und was Euch nicht lange unbekannt bleiben wird, wenn Ihr nicht etwa jetzt schon davon Kunde habt nahm sein Bruder sie weg auf eine kurze Weile zum Zeitvertreib und zur Unterhaltung. Ich sah sie auf der Straße an mir vorbeikommen. Als ich mit der Nachricht zu Hause anlangte, brach unserm Vater das Herz. Er vermochte nicht mehr zu sprechen, wie schwer ihm die Worte auch auf der Seele lagen. Ich schaffte meine jüngere Schwester (denn ich hatte noch eine) nach einem Platz, wo ihr dieser Mann nicht mehr beikommen kann; sie wenigstens wird nimmer seine Leibeigene sein. Dann folgte ich seinem Bruder hierher und kletterte gestern nacht herein wohl ein gemeiner Hund, aber mit einem Säbel in der Hand. Wo ist das Bühnenfenster? Es war hier irgendwo. Das Gemach verdunkelte sich vor seinen Blicken: die Welt schloß sich immer enger vor ihm ab. Ich schaute umher und bemerkte, daß das Heu und Stroh in einer Weise niedergetreten war, als habe hier ein Kampf stattgefunden. ›Sie hörte mich und kam herbei. Ich sagte ihr, sie solle sich fernhalten, bis er tot sei. Er kam herein und warf mir anfangs einige Geldstücke zu; dann schlug er mich mit einer Peitsche. Aber ich, obschon ein gemeiner Hund, drang dermaßen auf ihn ein, daß er vom Leder zog. Mag er den Degen, den er mit meinem gemeinen Blut befleckte, in so viele Stücke zerbrechen, wie er will; er zog ihn, sich zu verteidigen, und brauchte alle seine Geschicklichkeit, um sein Leben zu schirmen. (Mein Blick war einige Augenblicke vorher auf die Teile eines zerbrochenen Edelmannsdegens gefallen, die auf dem Heu lagen. An einer andern Stelle bemerkte ich einen alten Säbel, der einem Soldaten gehört haben mochte.) ›Helft mir auf, Doktor; helft mir auf. Wo ist er?‹ ›Er ist nicht hier‹, sagte ich, den Knaben unterstützend, in der Meinung, daß seine Frage sich auf den Bruder beziehe. ›Ha! So stolz diese Adligen sind, fürchtet er sich doch, mich zu sehen. Wo ist der Mann, der hier war? Wendet mein Gesicht gegen ihn. Ich tat so, indem ich den Kopf des Knaben mit meinem Knie unterstützte. Aber er fühlte für einen Augenblick eine außerordentliche Kraft und richtete sich vollständig auf, so daß auch ich mich erheben mußte, wenn ich ihn nicht ganz sich selbst überlassen wollte. ›Marquis‹, sagte der Knabe, die großen Augen auf ihn gerichtet und die Rechte erhoben, es kommt ein Tag, an dem für alle diese Dinge Rechenschaft abgelegt werden muß, und ich lade dann Euch bis auf den letzten Eures schändlichen Geschlechtes vor. Rede zu stehen für Eure Untaten. Und für die Tage, da Rechenschaft abgelegt werden muß für alle diese Dinge, lade ich Euren Bruder vor, den schlimmsten eures schlimmen Geschlechtes, daß er noch besonders sich dafür verantworte. Ich mache mit meinem Blut das Kreuz über ihn zum Zeichen, daß ich ihn vor Gottes Gericht verklagt habe. Er langte zweimal mit der Hand in seine Brustwunde und machte mit dem Zeigefinger ein Kreuz in die Luft. So blieb er mit ausgestrecktem Finger noch einen Augenblick stehen; und als die Hand sank, brach auch er zusammen. Ich legte ihn tot auf die Streu nieder. * Als ich an das Lager des jungen Weibes zurückkehrte, fand ich sie ganz in ihrem alten Zustand. Ich wußte, daß dieses Rasen noch viele Stunden anhalten konnte und wahrscheinlich nur mit der Stille des Grabes endigte. Ich gab ihr wieder Arznei und blieb bis tief in die Nacht hinein neben ihr sitzen. Das Geschrei war so durchbohrend wie immer, und auch in der Bestimmtheit und in der Ordnung der Worte trat kein Wechsel ein. Sie lauteten stetig: ›Mein Mann, mein Vater und mein Bruder! Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf. Pst! Dies währte von der Zeit meiner ersten Ankunft an sechsundzwanzig Stunden. Ich hatte mich zweimal entfernt, war wiedergekommen und saß neben ihr, als sie zu stottern begann. Ich tat das wenige, was sich tun ließ, um dieses Ermatten der Delirien zu unterstützen, und allmählich versank sie in eine Schlafsucht, in der sie wie eine Tote dalag. Es war, als habe nach einem langen und furchtbaren Ungewitter der Sturm und der Regen endlich nachgelassen. Ich machte ihre Arme los und rief die Frau im Hause herbei, daß sie mir helfe, den Körper und die zerrissenen Kleider der Kranken in Ordnung zu bringen. Nun entdeckte ich erst, daß sich mit ihrem Zustand die Merkmale der werdenden Mutterschaft verbanden, und die kleine Hoffnung, die ich für die Kranke hegte, schwand mit dieser Wahrnehmung vollends. ›Ist sie tot?‹ fragte der Marquis, den ich noch immer als den älteren Bruder bezeichnen will, als er von einem Ausritt zurück gestiefelt in das Zimmer kam. ›Nicht tot, aber im Sterben‹, versetzte ich. ›Welche Kraft doch in diesen gemeinen Leibern liegt!‹ sagte er, wie mit Neugier auf sie niederschauend. ›Allerdings liegt eine wunderbare Kraft im Schmerz und in der Verzweiflung‹, entgegnete ich. Anfangs lachte er über meine Worte; dann aber machte er ein finsteres Gesicht. Er rückte mit seinem Fuß einen Stuhl in die Nähe des meinigen, hieß dann die Frau fortgehen und sprach mit gedämpfter Stimme: ›Doktor, als ich fand, daß mein Bruder mit diesem Pack in Ungelegenheit gekommen war, forderte ich, daß man Euren Beistand aufbiete. Ihr habt einen Ruf und könnt es als junger Mann zu etwas bringen, wenn Ihr auf Euer Interesse Bedacht nehmt. Dinge, wie Ihr sie hier gesehen habt, sieht man, ohne davon zu sprechen. Ich hörte auf den Atem der Patientin und umging so eine Antwort. ›Erweist Ihr mir die Ehre Eurer Aufmerksamkeit, Doktor?‹ ›Monsieur‹, erwiderte ich, ›in meinem Beruf stehen die Mitteilungen von Patienten stets unter dem Siegel des Vertrauens.‹ Ich war vorsichtig in meiner Antwort; denn was ich gesehen und gehört, hatte meinen Geist tief erschüttert. Ihr Atem ging so unmerklich, daß ich sorgfältig ihren Puls und Herzschlag untersuchte. Leben war noch da, aber kaum fühlbar. Als ich meinen Sitz wieder einnahm und mich umsah, bemerkte ich, daß die Brüder kein Auge von mir verwandten. * Das Schreiben wird mir schwer. Es ist so kalt, und eine Entdeckung würde mich einer unterirdischen Zelle und gänzlicher Finsternis überantworten. Ich muß daher aus Furcht vor diesem Schicksal meine Erzählung abkürzen. Mein Gedächtnis ist treu und frei von aller Verwirrung; ich kann mir jedes Wort, das zwischen mir und diesen Brüdern fiel, mit allen Einzelheiten vergegenwärtigen. Sie trieb es noch eine Woche. Gegen das Ende konnte ich einige Silben, die sie zu mir sagte, verstehen, wenn ich mein Ohr dicht an ihre Lippen hielt. Sie fragte mich, wo sie sei – ich sagte es ihr, – wer ich wäre: auch darüber gab ich ihr Auskunft. Vergeblich erkundigte ich mich nach ihrem Familiennamen; sie schüttelte matt den Kopf auf ihrem Kissen und bewahrte ihr Geheimnis, wie es der Knabe getan hatte. Ich fand keine Gelegenheit, ihr Fragen vorzulegen, bis ich den Brüdern sagte, daß es rasch mit ihr zu Ende gehe und sie keinen Tag mehr leben werde. Bis dahin hatte, wenn ich da war, stets einer von ihnen argwöhnisch hinter dem Vorhang zu den Häupten des Bettes gesessen, ohne sich übrigens der Kranken bemerklich zu machen, die nur von meiner und der Frau Anwesenheit Kunde hatte. Nachdem es so weit gekommen war, schien es ihnen gleichgültig zu werden, was sie mir sagen mochte, als ob sie der Gedanke ging mir durch den Sinn auch mich zu den Sterbenden zählten. Ich bemerkte stets, wie bitter empfindlich es ihr Stolz nahm, wenn es ruchbar werden sollte, daß der jüngere Bruder, wie ich ihn nenne, seinen Degen mit einem Bauern, der noch obendrein nur ein Knabe war, gekreuzt habe. Das Lächerliche und für die Familie Herabwürdigende dieses Vorfalls schien allein für sie von Gewicht zu sein. Ich begegnete oft den Augen des jüngeren Bruders und las darin tiefen Widerwillen gegen mich, weil er wußte, was der junge Mensch in meiner Gegenwart gesprochen hatte. Dies entging mir nicht, obschon er sich glatter und höflicher gegen mich benahm als der ältere. Aber auch dieser sah in mir unverkennbar eine Last. Meine Kranke starb zwei Stunden vor Mitternacht – meiner Uhr nach fast in derselben Minute, in der ich sie zum erstenmal gesehen hatte. Ich war allein bei ihr, als das unglückliche junge Wesen sanft an meiner Seite niedersank und all ihr Erdenleiden ein Ende nahm. Die beiden Brüder warteten in einem unteren Zimmer ungeduldig, da sie fortreiten wollten. Ich hatte, während ich neben der Sterbenden saß, gehört, wie sie mit ihren Reitpeitschen an ihre Stiefel schlugen und im Zimmer auf und ab gingen. »Ist sie endlich tot?« fragte der ältere, als ich zu ihnen kam. »Sie ist tot«, lautete meine Antwort. »Ich gratuliere dir, Bruder«, sagte er und wandte sich um. Er hatte mir schon früher Geld angeboten, das ich vorläufig ablehnte. Jetzt gab er mir eine Rolle mit Gold. Ich nahm sie und legte sie auf den Tisch. Nach reiflicher Erwägung des Falles war ich mit mir eins geworden, nichts anzunehmen. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte ich. »Unter solchen Umständen, nein.« Sie sahen einander an, verbeugten sich aber gegen mich, als ich ihnen mein Kompliment machte, und wir schieden, ohne ein weiteres Wort zu wechseln. * Ich bin müde, müde, müde aufgerieben von meinem Elend. Ich kann nicht lesen, was ich mit dieser abgezehrten Hand geschrieben habe. Am andern Morgen früh wurde die Goldrolle, die in ein Kistchen verpackt und an mich überschrieben war, an meiner Tür abgegeben. Ich hatte von Anfang an ängstlich bei mir erwogen, was ich in dieser Angelegenheit zu tun habe. Jetzt entschied ich mich dafür, privatim an den Minister zu schreiben, ihn über die beiden Fälle, die mir zur Kunde gekommen waren, zu unterrichten und ihm den ganzen Hergang zu melden. Wohl kannte ich den Hofeinfluß und die Vorrechte des Adels und erwartete davon nichts anderes, als daß die Sache vertuscht bleiben werde; aber ich wünschte, mein Gewissen zu erleichtern. Im übrigen bewahrte ich die Vorgänge als tiefes Geheimnis, selbst vor meiner Frau, und ich beschloß, dies in meinem Schreiben an den Minister anzuführen. Für mich selbst fürchtete ich keine wirkliche Gefahr, wohl aber für andere, wenn diese wußten, was ich wußte, und sich eine Blöße gaben. Ich war an jenem Tag sehr beschäftigt und konnte mein Schreiben an jenem Abend nicht zu Ende bringen, weshalb ich am andern Morgen zu diesem Ende viel früher als gewöhnlich aufstand. Es war der letzte Tag des Jahres. Ich hatte eben die Feder niedergelegt, als mir angezeigt wurde, daß eine Dame warte und mich zu sprechen wünsche. Ich werde mehr und mehr unfähig für die Aufgabe, die ich mir vorgesteckt habe. Es ist so kalt, so dunkel, die Sinne versagen mir, und ein schreckliches Düster umfängt mich. Die Dame war jung und angenehm, aber augenscheinlich nicht für ein langes Leben bestimmt. Sie befand sich in einer großen Aufregung. Sie stellte sich mir als Gattin des Marquis St. Evrémonde vor. Ich brachte diesen Namen mit dem Titel, mit dem der Knabe den älteren Bruder angeredet, und mit dem gestickten Anfangsbuchstaben auf der Schärpe in Verbindung und zog daraus mit Leichtigkeit den Schluß, daß ich in letzter Zeit mit diesem Edelmann zu tun gehabt hatte. Mein Gedächtnis ist noch genau, aber ich kann die Worte unseres Gesprächs nicht niederschreiben. Ich vermute, daß ich schärfer bewacht werde als früher, und bin keinen Augenblick vor einem Überfall sicher. Sie hatte die Hauptzüge der traurigen Geschichte, bei der ihr Mann beteiligt und mein Beistand aufgeboten worden war, zum Teil geargwöhnt, zum Teil entdeckt, wußte aber nicht, daß das arme Opfer tot war. Sie habe gehofft, sagte sie in großer Betrübnis, der Unglücklichen insgeheim weibliche Sympathie zuteil werden zu lassen und so den Zorn des Himmels von einem Hause abzuwenden, auf dem der Fluch so vieler Leidenden lastete. Sie habe Grund zu glauben, daß noch eine jüngere Schwester am Leben sei, und es sei ihr sehnlichster Wunsch, ihr hilfreiche Handreichung zu tun. Ich konnte ihr keine andere Auskunft geben, als daß es mit dem Vorhandensein einer Schwester seine Richtigkeit habe; weiter wisse ich aber nichts von ihr. Die Dame war voll Vertrauen zu mir gekommen, in der Meinung, ich könne ihr den Namen und Aufenthalt der Verschwundenen angeben; aber bis auf diese Unglücksstunde habe ich weder von dem einen noch von dem andern etwas erfahren. Es fehlen mir einige Papierstreifen. Der eine wurde mir gestern mit einer Verwarnung abgenommen. Ich muß meinen Bericht heute zu Ende bringen. Sie war eine gute, mitleidige Frau und in ihrer Ehe nicht glücklich. Wie wäre dies möglich gewesen? Der Schwager traute ihr nicht, haßte sie und trat ihr mit seinem Einfluß überall entgegen; sie aber fürchtete ihn und ihren Mann. Als ich sie nach ihrem Wagen hinunterbegleitete, sah ich darin ein Kind, einen hübschen Knaben von zwei oder drei Jahren. ›Um seinetwillen, Doktor‹, sagte sie, mit Tränen auf den Knaben deutend, möchte ich so gern alles tun, was in meinen schwachen Kräften liegt, um für das Geschehene eine Sühne zu leisten. Sein Erbe wird ihm sonst nie Glück bringen. Ich habe eine Ahnung, daß, wenn nicht eine andere Genugtuung für diese Tat geleistet wird, er eines Tages dafür einzustehen hat. Was ich ihm einmal als mein Eigentum hinterlassen kann es ist außer einigen Juwelen von geringem Wert , soll er, ich lege es ihm als erste Lebensaufgabe ans Herz, um seiner armen Mutter willen dieser schwergekränkten Familie zuwenden, wenn sich die Schwester auffinden läßt. Sie küßte den Knaben und sagte liebkosend zu ihm: Du tust's auch zu deinem eigenen Besten. Nicht wahr, du willst mir Wort halten, kleiner Charles? Das Kind antwortete mit einem herzhaften Ja. Ich küßte ihr die Hand. Sie nahm den Knaben in die Arme, und während sie ihn liebkoste, fuhr der Wagen von hinnen. Ich habe sie nie wiedergesehen. Sie hatte mir den Namen ihres Gatten genannt, in der Meinung, daß ich ihn bereits kenne. Ich wollte ihn gleichwohl in meinem Schreiben nicht berühren, sondern siegelte es, wie es war, und gab es, da ich es keinen andern Händen anvertrauen mochte, im Laufe des Tages persönlich ab. Denselben Abend (es war der letzte im Jahr) gegen neun Uhr läutete ein schwarzgekleideter Mann an meiner Tür, verlangte mich zu sprechen und folgte leise meinem Diener Ernst Defarge, einem jungen Menschen, die Treppe hinauf. Als der Diener in das Zimmer trat, in dem ich mit meiner Frau saß o, Geliebte meines Herzens, mein junges, schönes engelhaftes Weib! , sahen wir den Mann, den wir an der Haustür vermuteten, schweigend hinter ihm stehen. Ein dringlicher Fall in der Straße St. Honoré, sagte er. Ich werde nicht lange aufgehalten werden: er habe eine Kutsche bei sich. Sie brachte mich hierher, brachte mich zu meinem Grabe. Ich hatte kaum meine Wohnung verlassen, als man mir einen Knebel dicht über dem Mund zusammenzog und meine Arme band. Die beiden Brüder kamen aus einem dunkeln Winkel hervor über die Straße herüber und bezeichneten mich mit einer einfachen Gebärde als die rechte Person. Der Marquis nahm den von mir geschriebenen Brief aus seiner Tasche, zeigte ihn mir, verbrannte ihn an dem Licht einer Laterne, die man ihm vorhielt, und zertrat die Asche mit seinen Füßen. Kein Wort wurde gesprochen. Man brachte mich hierher und versenkte mich lebendig in mein Grab. Hätte es Gott gefallen, im Laufe dieser schrecklichen Jahre es einem der Brüder ins Herz zu legen, daß sie mir Kunde von meinem teuren Weibe zugehen ließen oder mich nur mit einem Wort von ihrem Leben oder Tod unterrichteten, so würde ich geglaubt haben, er habe sie nicht ganz verworfen. Jetzt aber lebe ich der Überzeugung, daß das Zeichen des roten Kreuzes ihnen zum Verderben gereichte und sie keinen Anteil haben an seinem Erbarmen. Sie und ihre Abkömmlinge bis zum letzten ihres Geschlechts lade ich, der unglückliche Gefangene Alexander Manette, in meinem namenlosen Jammer am letzten Abend des Jahres 1767 vor den Richterstuhl, der solche Taten richten wird. Ich klage sie an vor dem Himmel und vor der Erde.« Ein schreckliches Getümmel erhob sich, als die Vorlesung dieses Dokumentes zu Ende war. Ein gleichmäßiges hungriges Geschrei, in dem kein artikulierter Laut als das Wort Blut sich unterscheiden ließ. Die Erzählung hatte die rachgierigsten Leidenschaften der Zeit heraufbeschworen, und in dem ganzen Volk gab es kein Haupt, das nicht einer solchen Anklage gegenüber hätte fallen müssen. Einem solchen Tribunal und einer solchen Zuhörerschaft gegenüber war es überflüssig, zu zeigen, daß die Defarges die Schrift nicht mit den andern in der Bastille eroberten Denkschriften, die in Prozession herumgetragen wurden, veröffentlicht, sondern für sich behalten hatten, um eine günstige Zeit abzuwarten ... Und wozu ferner nachweisen, daß der Name jener verabscheuten Familie längst in St. Antoine mit Fluch beladen und in die verhängnisvollen Register eingetragen war? Es hat nie einen Menschen gegeben, der trotz aller möglichen Vorzüge und Verdienste einen Schutz gefunden hätte gegen eine solche Anklage zu solcher Zeit und an einem solchen Platze. Und was das Schlimmste für den unglücklichen Gefangenen, der Ankläger war ein wohlbekannter Bürger, ein ihm treu anhängender Freund, der Vater seines Weibes. Zur wahnsinnigen Sucht des großen Haufens gehörte auch die affektierte Nachahmung der zweifelhaften öffentlichen Tugenden des Altertums und das Verlangen nach Opfern und Selbstaufopferungen auf dem Altar des Volkes. Als daher der Präsident sagte (er mußte es tun, wenn ihm nicht der eigene Kopf auf seinen Schultern wackeln sollte), der gute republikanische Arzt werde sich noch mehr um die Republik verdient machen durch Ausrottung einer gemeinschädlichen Aristokratenfamilie und ohne Zweifel eine heilige Wonne darin fühlen, seine Tochter zur Witwe und ihr Kind zu einer Waise zu machen, da wallte die patriotische Glut in wilder Erregung auf und erstickte jeden Hauch menschlicher Teilnahme. »Der Doktor hat vielen Einfluß«, murmelte Madame Defarge, der Rache zulächelnd. »Rett' ihn jetzt, Doktor; rett' ihn!« Nach jeder Abstimmung eines Geschworenen erscholl ein Gebrüll. Wieder eine, wieder eine. Gebrüll und Gebrüll. Einstimmig verurteilt. Im Herzen und von Herkunft ein Aristokrat, ein Feind der Republik, ein berüchtigter Bedrücker des Volkes. Zurück nach der Conciergerie und Tod binnen vierundzwanzig Stunden! Elftes Kapitel. Dämmerung. Das unglückliche Weib des unschuldig zum Tode verurteilten Mannes brach bei diesem Urteilsspruch zusammen, als sei sie selbst vom Todesstoß betroffen. Aber sie ließ keinen Laut erschallen, und die innere Stimme, die ihr vorstellte, daß in der ganzen Welt sie allein ihn in seinem Elend aufrechterhalten müsse und es nicht noch vergrößern dürfe, sprach so laut in ihr, daß sie sich rasch auch von diesem Schlage wieder erholte. Da die Richter an einer öffentlichen Kundgebung draußen teilzunehmen hatten, so wurde die Gerichtsverhandlung ausgesetzt. Das Getümmel und Getöse, als das Volk durch die verschiedenen Gänge aus dem Saale hinausströmte, hatte noch nicht aufgehört, als Lucie, in ihrem Antlitz keinen andern Ausdruck als den der Liebe und der Tröstung, die Arme gegen ihren Gatten ausstreckte. »Darf ich ihn anrühren? Darf ich ihn nur ein einziges Mal umarmen? O, ihr guten Bürger, wenn ihr nur so viel Mitleid mit uns hättet!« Es waren nur zwei von den vier Männern, die ihn am Abend vorher verhaftet hatten, ein Schließer und Barsad, zurückgeblieben. Alles Volk zog dem Spektakel auf der Straße nach. Barsad machte dem andern den Vorschlag, die Umarmung zu dulden, da sie ja nur einen Augenblick dauern werde. Die Männer gaben stumm ihre Zustimmung und halfen ihr über die Sitze in dem Saal nach einem erhöhten Platz, wo er aus seinem Verschlag sich herausbeugen und sie mit seinen Armen umschlingen konnte. »Lebewohl, teures Kleinod meiner Seele. Nimm meine letzten Segenswünsche hin. Wir werden uns wiedersehen, wo die Müden Ruhe finden!« Dies waren die Worte ihres Gatten, als er sie an seine Brust drückte. »Ich kann es ertragen, teurer Charles. Ich fühle mich gestärkt von oben; laß dir daher um meinetwillen das Herz nicht schwer werden. Einen Abschiedssegen für unser Kind.« »Ich sende ihn ihr durch dich. Ich küsse sie durch dich. Ich sage ihr Lebewohl durch dich.« »Mein Gatte. Nein! Einen Augenblick.« Er wollte sich von ihr losreißen. »Wir werden nicht lange getrennt sein. Ich fühle, daß bald mein Herz brechen muß; aber ich will meine Pflicht erfüllen, solange ich kann, und wenn ich sie zurücklasse, wird Gott auch ihr Freunde erwecken, wie er es mir getan hat.« Ihr Vater, der ihr gefolgt war, wollte vor ihnen auf die Knie niederfallen; aber Darnay streckte die Hand aus und hinderte ihn daran, indem er ihm zurief: »Nein, nein! Was habt Ihr getan, daß Ihr vor uns knien solltet? Wir wissen jetzt, welche Kämpfe Ihr durchmachen mußtet wissen, was Ihr littet, als Ihr meine Herkunft vermutetet und endlich Gewißheit darüber erhieltet. Wir wissen, gegen welchen natürlichen Widerwillen Ihr ankämpfen mußtet und wie Ihr ihn überwunden habt um ihretwillen. Wir danken Euch aus tiefstem Herzen und mit dem ganzen Pflichtgefühl der Liebe. Der Himmel sei mit Euch!« Die Antwort ihres Vaters bestand bloß darin, daß er mit den Händen in seine weißen Haare fuhr und unter schmerzlichem Stöhnen sie zerraufte. »Es konnte nicht anders kommen«, sagte der Gefangene. »Alles hat zusammengewirkt zu einem solchen Ende. Das stets vergebliche Bemühen, dem Auftrag meiner armen Mutter gerecht zu werden, hatte mich zuerst verhängnisvoll in Eure Nähe geführt. Aus so viel Bösem konnte nie etwas Gutes kommen, und ein glücklicherer Ausgang durfte von einem so unglücklichen Anfang nicht erwartet werden. Seid getrost und vergebt mir. Der Segen des Himmels sei mit Euch.« Als man ihn von hinnen schaffen wollte, ließ sein Weib ihn los; sie legte in betender Haltung ihre Hände zusammen und sah ihm nach mit einem strahlenden Ausdruck auf ihrem Gesicht, in den sich sogar ein tröstendes Lächeln mischte. Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen, wandte sie sich um und legte ihren Kopf liebevoll an die Brust des Vaters, brach aber, als sie ihn anzureden versuchte, zu seinen Füßen zusammen. Jetzt kam Sydney Carton aus dem dunkeln Winkel, in dem er sich nicht gerührt hatte, hervor und nahm sie auf. Nur ihr Vater und Mr. Lorry waren bei ihr. Sein Arm zitterte, als er sie aufrichtete und ihren Kopf unterstützte. Und doch lag in seiner Miene ein Zug, der nicht ganz Mitleid war, sondern auch einen Anflug von Stolz verriet. »Soll ich sie nach einer Kutsche bringen? Ich werde ihre Last nicht fühlen.« Er brachte sie mit Leichtigkeit hinaus und in eine Kutsche. Ihr Vater und ihr alter Freund stiegen nach, und er nahm seinen Sitz neben dem Kutscher. Als sie an der Tür anlangten, vor der er einige Stunden früher eine Weile im Dunkeln sich aufgehalten hatte, um sich die rauhen Steine herauszusuchen, die ihr Fuß betreten, hob er sie wieder heraus und trug sie die Treppe hinauf nach ihrer Wohnung. Da legte er sie auf ein Ruhebett nieder, wo ihr Kind und Miß Proß weinend über sie hinstürzten. »Sucht sie nicht zu wecken«, sagte er sanft zu der letzteren; »es ist besser so. Man muß sie nicht zum Bewußtsein zurückrufen, da sie nur ohnmächtig ist.« »O, Carton, Carton, lieber Carton!« rief die kleine Lucie, indem sie aufsprang und in ihrem Schmerz leidenschaftlich die Arme um ihn schlang. »Nun Ihr da seid, werdet Ihr wohl etwas tun, um Mama zu helfen und Papa zu retten. O, seht sie an, lieber Carton! Könnt Ihr unter allen Menschen, die sie lieben, es ertragen, sie so zu sehen?« Er beugte sich zu dem Kinde nieder und drückte die blühenden Wangen an sein Gesicht; dann schob er die Kleine sanft zurück und sah ihre bewußtlose Mutter an. »Eh' ich gehe«, sagte er und hielt dann eine Weile inne »darf ich sie wohl küssen?« Man erinnerte sich später, daß er, als er sich niederbeugte und mit seinen Lippen ihr Gesicht berührte, einige Worte murmelte. Die Kleine, die ihm am nächsten stand, erzählte nachher und erzählte es namentlich, als sie schon eine hübsche alte Frau war, ihren Enkeln, sie habe ihn sagen hören: »Ein Leben, das Ihr liebt.« Er hatte sich bereits nach dem Vorzimmer begeben, als er sich noch einmal gegen Mr. Lorry und ihren Vater, die ihm gefolgt waren, umwandte und zu diesem sagte: »Ihr habt erst gestern noch großen Einfluß gehabt, Doktor Manette. Macht wenigstens noch einen Versuch. Jene Richter und alle, die Gewalt haben, sind Euch freundlich gesinnt und erkennen Eure geleisteten Dienste an; ist es nicht so?« »Es ist mir nichts verhehlt worden, was Charles betraf. Man gab mir die besten Versicherungen, daß ich ihn retten werde; und es gelang mir.« Er brachte diese Antwort nur langsam und mit großer Mühe hervor. »Versucht es noch einmal. Wir haben zwar von jetzt an nur noch wenige kurze Stunden bis morgen nachmittag: aber versucht es.« »Ja, ich will es versuchen. Ich will keinen Augenblick ruhen.« »Recht so. Einem Eifer wie dem Eurigen sind sonst schon große Dinge gelungen, wenn auch nie«, fügte er mit einem Lächeln und einem gleichzeitigen Seufzer hinzu, »etwas so Großes wie dieses. Aber macht den Versuch! Wie wenig auch das Leben wert ist, wenn wir es mißbrauchen, so gewinnt es doch Bedeutung durch eine solche Anstrengung. Wenn das nicht der Fall wäre, so möchte man lieber gar nicht leben.« »Ich will geradewegs zu dem öffentlichen Ankläger und zu dem Präsidenten gehen«, sagte Doktor Manette, »und noch zu andern, die ich lieber nicht nenne. Auch schreiben will ich aber halt! Sie führen einen Festzug aus durch die Straßen, und vor Einbruch der Dunkelheit werde ich bei niemandem vorkommen können.« »Das ist wahr. Nun, im besten Fall sind unsere Hoffnungen nicht groß, und die Sache kann nicht viel verschlimmert werden, wenn man auch bis zur Dämmerung warten muß. Ich möchte wohl erfahren, was Ihr ausrichtet, obschon ich gestehe, daß ich nichts erwarte. Wann werdet Ihr bei jenen gefürchteten Gewalthabern vorkommen können, Doktor Manette?« »Ich hoffe, sobald es dunkel ist. In einer oder in zwei Stunden vielleicht.« »Es wird bald nach vier Uhr dunkel. Wollen wir diesen zwei Stunden noch etwas zugeben. Wenn ich um neun Uhr bei Mr. Lorry vorspreche, so werde ich entweder von unserem Freund oder von Euch erfahren können, was Ihr ausgerichtet habt?« »Ja.« »Möge es nach Wunsch ausfallen.« Mr. Lorry begleitete Sydney nach der äußeren Tür und bewog ihn, ehe er sich entfernte, durch eine Berührung der Schulter, sich noch einmal umzuwenden. »Ich habe keine Hoffnung«, sagte Mr. Lorry in leisem kummervollem Flüstern. »Auch ich nicht.« »Wenn einzelne von diesen Männern oder meinetwegen alle das ist gewiß eine starke Voraussetzung, denn was kümmern sie sich um sein oder irgendeines Menschen Leben? zur Schonung geneigt sein sollten, so zweifle ich, ob sie nach der Kundgebung in dem Gerichtshof es wagen dürften, Gnade walten zu lassen.« »Ich bin ganz Eurer Ansicht. In jenem Getümmel hörte ich das Fallen des Beiles.« Mr. Lorry stützte seinen Arm auf das Türschloß und senkte sein Gesicht darauf nieder. »Ihr müßt nicht verzagen«, sagte Carton in sanftem Ton, »Euch nicht so ganz dem Schmerze hingeben. Ich habe den Doktor Manette zum Handeln ermutigt, weil ich fühlte, daß sie eines Tages einen Trost darin finden dürfte. Sie könnte sonst glauben, sein Leben sei vermessen durch Flauheit geopfert worden, und dies könnte ihr Kummer bereiten.« »Ja, ja, ja«, entgegnete Mr. Lorry, seine Augen trocknend, »Ihr habt recht. Aber er wird gleichwohl zugrunde gehen! man darf nichts hoffen.« »Ja, er wird zugrunde gehen; es ist nichts zu hoffen«, wiederholte Carton. Und er ging festen Schrittes die Treppe hinunter. Zwölftes Kapitel. Dunkelheit. Sydney Carton hielt in der Straße an, weil er noch nicht ganz schlüssig war, wohin er gehen sollte. »Um neun Uhr in Tellsons Bankhaus«, sagte er mit nachdenklichem Gesicht. »Wird es nicht gut sein, wenn ich mich in der Zwischenzeit sehen lasse? Ich denke so. Diese Leute müssen erfahren, daß ein Mensch wie ich hier ist; die Vorsicht gebietet es, und es kann sogar als Vorbereitungsmaßregel nötig werden. Aber behutsam, behutsam. Ich will mir's überlegen.« Er hatte bereits angefangen, seine Schritte irgendeinem Ziel zuzulenken, als er wieder innehielt und in der bereits dunkel werdenden Straße auf und ab ging, um sich die möglichen Folgen klarzumachen. Doch bald festigte sich in ihm der erste Eindruck. »Es ist das beste«, sagte er endlich entschlossen, »daß diese Leute Kunde erhalten von der Anwesenheit eines Menschen wie ich!« dann wandte er sich Saint Antoine zu. Defarge hatte sich an jenem Tage selbst als Weinwirt in der Vorstadt von St. Antoine bezeichnet. Für einen Mann, der sich so gut in der Stadt auskannte wie er war es ein leichtes, das Haus ohne Nachfrage aufzufinden. Carton verließ die engeren Straßen, nahm in einer Restauration eine Erfrischung ein und stärkte sich nach dem Essen durch einigen Schlaf. Zum erstenmal seit vielen Jahren mied er starkes Getränk. Er hatte seit gestern abend nichts als ein wenig leichten Wein zu sich genommen und tags zuvor den letzten Tropfen Branntwein auf Mr. Lorrys Herd ausgegossen wie ein Mann, der damit nichts mehr zu schaffen haben will. Es war abends sieben Uhr, als er erfrischt wieder erwachte und aufs neue in die Straßen hinausging. Auf dem Wege nach St. Antoine machte er vor einem Spiegelladen halt und ordnete seine lose Halsbinde, seinen Rockkragen und sein wirres Haar. Nachdem dies geschehen war, verfügte er sich schnurstracks zu Defarge und trat in dessen Weinstube. Es war zufällig kein anderer Gast in dem Zimmer als Jacques Drei mit den unruhigen Fingern und der krächzenden Stimme. Dieser Mensch, in dem er sogleich einen der Geschworenen des Morgens wiedererkannte, stand bei seinem Glase an dem kleinen Schanktisch und unterhielt sich mit dem Defargeschen Ehepaar. Die Rache mischte sich gleichsam als ein regelmäßiges Mitglied des Haushaltes in das Gespräch. Carton nahm sich einen Sitz und bestellte in schlechtem Französisch eine halbe Flasche Wein. Madame Defarge warf zuerst einen gleichgültigen, dann aber immer schärfere Blicke auf ihn und trat endlich selbst auf ihn zu, um ihn zu fragen, was ihm beliebe. Er wiederholte die frühere Bestellung. »Ein Engländer?« fragte Madame Defarge, forschend ihre dunkeln Augenbrauen in die Höhe ziehend. Nachdem er sie angesehen hatte, als ob selbst der Klang eines einzigen französischen Wortes ihm nicht schnell verständlich sei, antwortete er in dem früheren ausländischen Akzent: »Ja, Madame, ja. Ich bin ein Engländer.« Madame Defarge kehrte nach dem Schanktische zurück, um den Wein abzumessen, während er eine Jakobinerzeitung aufnahm und sich anstellte, als suche er mit Mühe sich den Inhalt derselben verständlich zu machen. Da hörte er sie sagen: »Bei meiner Seele, er sieht dem Evrémode ähnlich!« Defarge brachte ihm den Wein und bot ihm einen guten Abend. »Wie?« »Guten Abend.« »Oh, guten Abend, Bürger.« Er füllte sein Glas. »Ah, ein guter Wein. Ich trinke auf das Wohl der Republik.« Defarge kehrte nach dem Schanktisch zurück und sagte: »Allerdings einige Ähnlichkeit.« »Ich sage dir, eine sehr große«, entgegnete Madame Defarge. »Ihr seht überall nur ihn, Madame«, bemerkte Jacques Drei beschwichtigend. »Ja, meiner Treu«, fügte die liebenswürdige Rache lachend bei; »und es macht dir so viel Lust, ihn morgen noch einmal zu sehen.« Carton folgte den Worten und Linien seiner Zeitung langsam mit dem Zeigefinger und mit einer völlig in die Lektüre vertieften Miene. Sie standen ganz nahe beieinander, die Arme auf den Schanktisch gestützt, und sprachen leise. Er ließ sich nicht dadurch stören, daß sie öfters nach ihm hinsahen; endlich fuhren sie in ihrem Gespräch etwas lauter fort. »Es ist ganz so, wie Madame sagt«, bemerkte Jacques Drei. »Warum haltmachen? Die Sache ist mächtig im Gange. Warum haltmachen?« »Nun, einmal muß es doch geschehen«, stellte Defarge vor; »es fragt sich nur wann.« »Erst mit der Vertilgung«, sagte Madame. »Großartig!« krächzte Jacques Drei. Auch die Rache zollte ihren Beifall. »Vertilgung ist ein guter Grundsatz, Frau«, sagte Defarge etwas beunruhigt, »und ich habe im allgemeinen nichts dagegen einzuwenden. Aber dieser Doktor hat viel gelitten. Du hast ihn ja heute gesehen und sein Gesicht bemerkt, als die Schrift verlesen wurde.« »Ich habe sein Gesicht bemerkt«, entgegnete Madame unmutig und im Ton der Verachtung. »Ja, wohl habe ich es bemerkt und auch darin gelesen, daß es nicht das Gesicht eines echten Freundes der Republik ist. Mag er sich mit seinem Gesicht in acht nehmen!« »Und du hast auch den Schmerz seiner Tochter wahrgenommen, Frau«, fügte er fürsprechend bei; »er muß ihm schrecklich gewesen sein.« »Auch seine Tochter sah ich«, erwiderte Madame. »Ich habe sie mehr als einmal beobachtet nicht nur heute, sondern auch zu andern Zeiten. Ich beobachtete sie in dem Gerichtssaal und in der Straße vor dem Gefängnis. Ich brauche nur meinen Finger aufzuheben !« Sie schien ihn wirklich aufzuheben (die Augen des Zuhörers wandten sich nicht von seiner Zeitung) und mit einem Rasseln auf den Sims vor sich niederfallen zu lassen, als ob ein Beil fiele. »Die Bürgerin ist prächtig!« krächzte der Geschworene. »Sie ist ein Engel!« rief die Rache und umarmte sie. »Was dich betrifft«, fuhr Madame unversöhnlich gegen ihren Mann fort, »so würdest du, wenn es von dir abhinge zum Glück ist es nicht der Fall , diesen Menschen selbst jetzt noch retten.« »Nein«, beteuerte Defarge. »Nicht dieses Glas möchte ich aufheben um seinetwillen. Aber dabei muß es sein Verbleiben haben. Ich sage, es darf nicht so weiter gehen.« »Da seht Ihr selbst, Jacques«, sagte Madame Defarge zornig, »und auch du siehst es, meine kleine Rache ihr beide seht es. Aber hört mich an! Ich habe wegen anderer Verbrechen als dem der Tyrannei und Bedrückung diese Familie längst auf meinem Register und ihren Untergang, ihre Verfolgung beschlossen. Fragt meinen Mann, ob es nicht so ist.« »Es ist so«, bekräftigte Defarge, noch eh' er befragt wurde. »In dem Beginne der großen Tage, als die Bastille fiel, kam er in den Besitz jener Denkschrift, brachte sie nach Hause, und wir lasen sie mitten in der Nacht, sobald die Stube leer und geschlossen war, hier auf dieser Stelle und beim Licht dieser Lampe. Fragt ihn, ob es nicht so ist.« »Es ist so«, sagte Defarge. »In der Nacht, in der wir die Schrift lasen, als die Lampe bereits erloschen war und schon der Tag hereinblinkte durch diese Läden und die eisernen Gitter, sagte ich zu ihm, daß ich ihm ein Geheimnis mitzuteilen habe. Fragt ihn, ob es nicht wahr ist.« »Es ist wahr«, pflichtete Defarge bei. »Ich teilte ihm dieses Geheimnis mit. Ich schlug mit diesen zwei Händen an diese meine Brust, wie ich es jetzt tue, und sagte zu ihm: Defarge, ich wurde unter den Fischern an der Seeküste erzogen, und jene Bauernfamilie, die von den Gebrüdern Evrémonde die schändliche Behandlung erlitt, von der die Bastilleschrift spricht, ist meine Familie. Defarge, jene Schwester des am Boden liegenden, auf den Tod verwundeten Knaben war ich, jener Mann der Mann meiner Schwester, jenes ungeborene Kind ihr Kind, jener Bruder mein Bruder, jener Vater mein Vater alle jene Toten sind meine Toten, und die Aufforderung, Rechenschaft zu verlangen für jene Taten, gilt mir! Fragt ihn, ob es so ist.« »Ja, sie sagt die Wahrheit«, bestätigte Defarge aufs neue. »Dann gebiete dem Wind und Feuer Halt, nicht aber mir«, erwiderte Madame. Der tödliche Haß dieses Weibes erfüllte ihre beiden Zuhörer mit einer schrecklichen Lust, und sie belobten sie höchlich. Der Lauscher konnte fühlen, daß die Sprecherin leichenblaß war, ohne ein Auge gegen sie aufzuschlagen. Defarge, eine schwache Minorität, erinnerte mit einigen Worten an die mitleidige Gattin des Marquis, entlockte aber damit seinem Weibe nur eine Wiederholung ihrer letzten Erklärung: »Gebiet' dem Wind und dem Feuer Halt, nicht aber mir!« Es kamen Gäste, und die Gruppe löste sich auf. Der englische Gast bezahlte, was er genossen hatte, verrechnete sich im Zählen des herausgegebenen Geldes und bat als Fremder um Auskunft über den Weg nach dem Nationalpalast. Madame begleitete ihn nach der Tür und streckte den Arm aus, um ihn zurechtzuweisen. Dem Fremden kam dabei der Gedanke, ob es nicht eine gute Tat wäre, diesen Arm zu fassen, in die Höhe zu reißen und unter diesem eine scharfe Waffe einzubohren. Doch er ging seines Weges und verschwand bald im Schatten der Gefängnismauer. Zu der anberaumten Zeit fand er sich in Mr. Lorrys Zimmer ein, wo er den alten Herrn in ruheloser Angst auf und ab gehen fand. Er sagte, er sei bis jetzt bei Lucie gewesen und habe sie nur auf einige Minuten verlassen, um der Bestellung gemäß hierher zu kommen. Ihr Vater hatte sich, seit er um vier Uhr von dem Bankhaus fortging, nicht wieder blicken lassen. Sie hegte einige, wiewohl nur eine sehr schwache Hoffnung, daß es ihm gelingen dürfte, ihren Charles zu retten. Er war schon mehr als fünf Stunden fort; wo mochte er nur bleiben? Mr. Lorry wartete bis zehn Uhr; da aber Doktor Manette nicht zurückkehrte und er Lucie nicht länger allein lassen wollte, so kamen sie überein, daß er zu ihr gehen und gegen Mitternacht wieder in das Bankhaus kommen solle. Mittlerweile gedachte Carton beim Feuer sitzenzubleiben und auf den Doktor zu warten. Er wartete und wartete, und als es zwölf schlug, war immer noch kein Doktor Manette da. Mr. Lorry kam wieder, traf aber alles, wie er es verlassen hatte, ohne selbst eine Neuigkeit mitzubringen. Wo blieb er doch? Sie besprachen miteinander diese Frage und bauten auf seine verzögerte Rückkehr fast ein schwaches Hoffnungsgebäude, als sie ihn endlich auf der Treppe hörten. Da er aber in das Zimmer eintrat, bewies der erste Blick, daß alles verloren sei. Ob er wirklich bei jemandem gewesen war oder ob er den ganzen Abend die Straßen durchstreift hatte, ist niemals ermittelt worden. Während er so dastand und sie mit großen Augen anstarrte, wagten sie keine Frage an ihn zu richten; denn sein Gesicht sagte ihnen alles. »Ich kann sie nicht finden«, sagte er, »und ich muß sie haben. Wo ist sie?« Sein Kopf und sein Hals war bloß, und seine Worte klangen wie die eines Mannes, der am Ende seiner Weisheit angelangt ist. Er nahm seinen Rock ab und ließ ihn auf den Boden fallen. »Wo ist meine Werkbank? Ich habe mich überall nach meiner Werkbank umgesehen und kann sie nicht finden. Was hat man mit meiner Arbeit angefangen? Die Zeit drängt; ich muß die Schuhe fertigbringen.« Sie sahen einander trostlos an. »Oh, oh!« rief er in kläglich wimmerndem Tone. »Laßt mich an meine Arbeit gebt mir meine Arbeit!« Da er keine Antwort erhielt, so zerraufte er sich das Haar und stampfte wie ein eigensinniges Kind mit den Füßen auf den Boden. »Foltert nicht einen armen verlassenen Unglücklichen«, flehte er sie unter kreischendem Geschrei an, »sondern gebt mir meine Arbeit! Was soll aus mir werden, wenn ich nicht heute nacht die Schuhe fertigbringe?« Wieder wirr, völlig wirr! Es war augenscheinlich so hoffnungslos, ihn durch Vorstellungen wieder zur Vernunft bringen zu wollen, daß beide wie im Einverständnis je eine Hand auf seine Schultern legten und ihn baten, sich vor dem Feuer niederzulassen; sie wollen alsbald ihm sein Werkzeug herbeischaffen. Er sank in den Stuhl, stierte in die Asche hinein und vergoß Tränen. Mr. Lorry sah in ihm wieder ganz denselben Mann, wie er ihn unter Defarges Obhut im Dachstübchen getroffen hatte, und die Zeit zwischen damals und jetzt kam ihm nur wie ein Traum vor. Wie sehr übrigens dieses Schauspiel des Verfalls beiden die Seele mit Gefühlen der Erschütterung und des Schreckens erfüllte, war doch die Zeit nicht geeignet, solchen Erregungen nachzuhängen. Seine verwaiste Tochter, die ihrer letzten Hoffnung und Stütze beraubt war, nahm ihre Teilnahme zu sehr in Anspruch. Sie sahen einander bedeutungsvoll an. Carton war der erste, der das Wort ergriff. »Die letzte Aussicht, so klein sie auch war, ist dahin. Ja, es wird am besten sein, wenn man ihn zu ihr bringt. Aber wollt Ihr mir nicht, eh' Ihr geht, noch einen Augenblick ernste Aufmerksamkeit schenken? Fragt nicht, warum ich Euch gewisse Bedingungen mache und mir ihr genaues Einhalten erbitte; ich haben einen Grund einen guten Grund dazu.« »Ich zweifle nicht daran«, entgegnete Mr. Lorry. »Sprecht.« Die Gestalt in dem Sessel zwischen ihnen wiegte sich die ganze Zeit in eintönigem Stöhnen hin und her. Sie sprachen miteinander in einem Ton, wie man ihn nachts beim Wachen in einem Krankenzimmer gewöhnt ist. Carton beugte sich, um den Rock aufzunehmen, in dem sich seine Füße fast verstrickt hatten. Während er dies tat, fiel ein kleines Taschenbuch, in dem der Doktor seine Tagesobliegenheiten vorzumerken pflegte, auf den Boden. Er nahm es auf; es befand sich ein zusammengelegtes Papier darin. »Wir sollten dies ansehen«, bemerkte er. Mr. Lorry nickte zustimmend. Carton öffnete und rief: »Gott sei Dank!« »Was ist es?« fragte Lorry hastig. »Einen Augenblick. Ich werde zur gehörigen Zeit darauf zurückkommen. Zunächst«, er steckte die Hand in seinen Rock und zog ein ähnliches Papier hervor, »habe ich hier eine Beglaubigung, vermöge der ich beliebig Paris verlassen kann. Seht sie an. Ihr findet Sydney Carton, ein Engländer?« Mr. Lorry hielt das Zeugnis in seiner Hand entfaltet und sah dem andern ernst ins Gesicht. »Nehmt es für mich in Verwahrung bis morgen. Ich will ihn morgen besuchen, wie Ihr wißt, und da ist's besser, wenn ich es im Gefängnis nicht bei mir habe.« »Warum?« »Ich weiß es nicht; aber es ist mir lieber, wenn Ihr es hier behaltet. Nehmt auch das Papier, das Doktor Manette bei sich gehabt hat. Es ist gleichfalls ein Paß, vermöge dessen er mit seiner Tochter und ihrem Kind jederzeit Paris und Frankreich verlassen darf. Seht Ihr?« »Ja.« »Vielleicht hat er sich ihn gestern noch als letzte und äußerste Vorsorge für einen schlimmen Ausgang ausstellen lassen. Von welchem Datum ist er? Doch gleichviel; halten wir uns damit nicht auf, sondern legt ihn zu dem meinigen und dem Eurigen. Gebt jetzt acht! Ich habe stets geglaubt, und erst in den letzten zwei Stunden ist es mir zweifelhaft geworden, daß er ein solches Papier habe oder haben könne. Es ist in Kraft, bis es widerrufen wird. Aber der Widerruf kann bald erfolgen, und ich habe Grund zu der Annahme, daß man damit nicht zögern wird.« »Sie sind doch nicht in Gefahr?« »In großer Gefahr. Es besteht zu befürchten, daß alle von Madame Defarge angezeigt werden. Ich weiß es aus ihrem eigenen Mund. Ich hörte heute abend dieses Weib Reden führen, die das Schlimmste in Aussicht stellen. Seitdem habe ich meine Zeit benutzt, den Spion aufgesucht und von ihm die Bestätigung erhalten. Er weiß, daß ein Holzspalter, der an der Gefängnismauer wohnt, ganz unter der Leitung der Defarges steht und von Madame Defarge darüber vernommen wurde, wie er Zeuge gewesen sei, daß sie « er nannte Lucies Namen nie »den Gefangenen Zeichen und Signale gegeben habe. Es ist leicht vorauszusehen, daß darauf die gewöhnliche Anklage eines Gefängniskomplotts gebaut werden wird, und dann ist nicht nur ihr Leben verwirkt, sondern auch vielleicht das ihres Kindes und ihres Vaters, die man mit ihr auf dem Platz gesehen hat. Macht keine so entsetzte Miene: Ihr werdet sie alle retten.« »Mög' es der Himmel geben, Carton! Aber wie?« »Das will ich Euch jetzt sagen. Von Euch hängt alles ab, und man hätte keinen besseren Mann dafür finden können. Diese neue Anklage wird wahrscheinlich nicht vor übermorgen stattfinden: vielleicht hat es damit zwei oder drei Tage, möglicherweise eine Woche Zeit. Ihr wißt, es ist ein todeswürdiges Verbrechen, Mitleid zu haben mit einem Opfer der Guillotine oder um dasselbe zu trauern. Sie und ihr Vater werden sich unzweifelhaft dieses Verbrechens schuldig machen, und jenes Weib, deren tiefgewurzelter Haß aller Beschreibung spottet, wartet vielleicht nur darauf, um ihre Anklage mit diesem neuen Umstand zu verstärken und so sich ihrer Beute doppelt zu versichern. Ihr merkt doch auf?« »So achtsam und mit einem solchen Vertrauen in Eure Worte, daß ich für den Augenblick«, er berührte die Lehne an dem Stuhl des Doktors, »sogar diesen Jammer aus dem Gesicht verliere.« »Ihr habt Geld und könnt deshalb die Reise nach der Küste in jeder tunlichen Weise beschleunigen. Zum Aufbruch nach England seid Ihr schon seit einigen Tagen gerüstet. Bestellt morgen früh Eure Pferde, so daß Ihr nachmittags um zwei Uhr aufbrechen könnt.« »Es soll geschehen.« Carton sprach so voll Eifer und Feuer, daß auch Mr. Lorry dabei warm wurde und die Lebendigkeit eines Jünglings an den Tag legte. »Ihr seid ein edles Herz. Sagte ich nicht, daß die Sache keinem wackereren Manne in die Hände gegeben werden könnte? Teilt ihr heute nacht alles mit, was Ihr von der Gefahr wißt, die ihrem Kind und ihrem Vater droht. Dies müßt Ihr mit besonderem Nachdruck hervorheben; denn sie würde bereitwillig ihr schönes Haupt neben dem ihres Gatten niederlegen.« Er stotterte einen Augenblick und fuhr dann wieder wie früher fort. »Macht sie um ihres Kindes, um ihres Vaters willen auf die Notwendigkeit aufmerksam, Paris so schnell wie möglich mit Euch und ihnen zu verlassen. Sagt ihr, es sei die letzte Anordnung ihres Gatten gewesen; und bedeutet ihr noch ferner, daß mehr davon abhänge, als sie zu glauben oder zu hoffen wage. Ihr glaubt doch, daß ihr Vater ungeachtet seines traurigen Zustandes ihr gehorchen wird; was meint Ihr?« »Ich bin davon überzeugt.« »Das dachte ich mir. Laßt im Hofe drunten alle nötigen Vorbereitungen in der Stille treffen und steigt gleich selbst ein. Sobald ich dann komme, nehmt Ihr mich auf und fahrt von dannen.« »Wenn ich Euch recht verstehe, so soll ich unter allen Umständen auf Euch warten?« »Ihr wißt. Ihr habt nebst den andern Pässen auch den meinigen in Händen und werdet mir meinen Platz vorbehalten. Wartet nichts weiter ab, als daß dieser besetzt sei, und dann Richtung England!« »Und dann«, sagte Mr. Lorry, indem er die hastige, aber dennoch feste Hand des andern ergriff, »wird nicht mehr alles von einem einzigen alten Manne abhängen, sondern ich werde in jugendlicher Tatkraft einen Beistand finden.« »Ja, wenn es des Himmels Wille ist! Versprecht mir feierlich, daß es bei unserer gegenwärtigen Übereinkunft unverbrüchlich sein Verbleiben haben solle.« »Ich verspreche es, Carton.« »Erinnert Euch dieser Zusage morgen wohl. Ein Abgehen davon oder eine Zögerung aus welchem Grund auch immer könnte nicht nur kein Leben mehr retten, sondern würde unvermeidlich viele hinopfern.« »Ich will es nicht vergessen und hoffe, meinen Anteil bei der Sache getreulich zu besorgen.« »Und ich den meinigen. Jetzt lebt wohl!« Obgleich er diese Worte mit einem ernsten Lächeln sprach und dabei sogar die Hand des alten Mannes an seine Lippen drückte, entfernte er sich vorderhand noch nicht. Er half ihm, die vor der ersterbenden Asche sitzende schwankende Gestalt aufrichten, setzte ihr den Hut auf, legte ihr den Mantel um und tat, als suche er die Werkbank und das Werkzeug, um die sie stets wehklagte. Dann machte er sich an ihre andere Seite und begleitete sie schützend bis in den Hof des Hauses, wo ein tiefbekümmertes Herz, das so glücklich war in der denkwürdigen Zeit, als er ihr die Trostlosigkeit des eigenen enthüllte, die schauerliche Nacht durchwachte. Nachdem Mr. Lorry und der Doktor ihn verlassen, blieb er noch eine Weile allein in dem Hofe und schaute hinauf nach dem Licht in dem Fenster ihres Zimmers. Ehe er sich entfernte, hauchte er ihr noch einen Segenswunsch und ein Lebewohl zu. Dreizehntes Kapitel. Zweiundfünfzig. In dem dunkeln Gefängnis der Conciergerie erwarteten die Verurteilten des Tages ihr Schicksal. Es waren ihrer soviel wie Wochen im Jahr. Zweiundfünfzig sollten an jenem Nachmittage aus der Lebenströmung der Stadt hinausgetragen werden ins Meer der Ewigkeit. Bevor noch ihre Zellen sich geleert hatten, waren schon neue Bewohner dafür bestimmt; bevor ihr Blut mit dem gestern vergossenen zusammenfloß, hatte man schon diejenigen wieder ausgelesen, deren Blut morgen sich mit dem ihrigen mischen sollte. Vier Dutzend und vier waren abgezählt. Von dem siebzigjährigen Generalpächter, der mit all seinen Schätzen sich nicht sein Leben erkaufen konnte, bis zu der zwanzigjährigen Näherin, die nicht einmal in ihrer Armut und niedrigen Stellung einen Schutz fand. Wie leibliche Krankheiten, die den Lastern und der Nachlässigkeit der Menschen entspringen, ihre Opfer in allen Ständen suchen, so warf auch die schreckliche moralische Krankheit, die geboren ward aus unsäglichen Leiden, unerträglicher Bedrückung und herzloser Gleichgültigkeit, alles ohne Unterschied nieder. Darnay schmeichelte sich, seit er aus dem Gerichtssaale zurückgekehrt war, in seiner einsamen Zelle mit keinen trügerischen Hoffnungen mehr. In jeder Zeile der Erzählung, die er mit angehört, hatte er sein Todesurteil vernommen. Er sah vollkommen ein, daß kein persönlicher Einfluß ihn zu retten vermochte. Die Millionen hatten ihn verurteilt! welche Macht konnten ihnen gegenüber die Einzelnen geltend machen? Gleichwohl wurde es ihm, das Antlitz des geliebten Weibes noch in frischer Erinnerung, nicht leicht, sich in das Unvermeidliche zu finden. Er hing noch fest an dem Leben, und es wurde ihm schwer, sehr schwer, es aufzugeben. Wenn er sich alle Mühe gab, sich da loszumachen, so klammerte er sich dort um so fester an, und gewann er es über sich, seine Kraft nicht mehr länger nutzlos erschöpfen zu wollen, so schloß sich seine Hand unmittelbar darauf in neuem Krampfe. Auch war in allen seinen Gedanken ein Jagen, in seinem Herzen ein erhitztes, stürmisches Arbeiten, das keine Ergebung aufkommen ließ. Wenn er für einen Augenblick verzichtet zu haben glaubte, so schien sein Weib und sein Kind, die ihn überleben sollten, dagegen Protest zu erheben und ihn der Selbstsucht zu zeihen. Doch so war es nur im Anfang. Bald gewann die Erwägung die Oberhand, daß das Schicksal, das ihm bevorstand, ihm nicht zum Schimpf gereiche; denn Scharen hatten vor ihm denselben Gang als Unschuldige angetreten und fügten sich Tag für Tag standhaft in ihr Los. Ein kräftigender Gedanke, dem sich noch die weitere Betrachtung anschloß, daß viel von dem künftigen Seelenfrieden seiner Lieben von der Seelengröße abhing, mit der er aus dem Leben schied. So gewann er allmählich eine ruhigere Stimmung die ihn befähigte, seinen Gedanken einen höheren Aufschwung zu geben und daraus Trost zu holen. Eh' es noch am Abend nach seiner Verurteilung völlig dunkel geworden war, hatte er bereits diesen Sieg über sich davongetragen. Da er jetzt Licht und Schreibmaterialien kaufen durfte, so setzte er sich nieder, um zu schreiben, bis die Lichter im Gefängnis gelöscht werden mußten. Er schrieb einen langen Brief an Lucie, in dem er ihr erklärte, daß er von ihres Vaters Einkerkerung nichts gewußt habe, bis er es von ihr selbst erfuhr, und daß er noch viel weniger von der Beteiligung seines Vaters und seines Onkels an diesem Elend unterrichtet gewesen sei, ehe jene Schrift in seiner Gegenwart verlesen wurde. Er habe ihr schon früher mitgeteilt, wie ihr Vater es zur Bedingung seiner Einwilligung in ihre Vermählung gemacht, daß er auch gegen sie den aufgegebenen Namen geheimhalte; dies sei die einzige Zusage gewesen, die er ihm am Morgen der Trauung abgenommen, und er sehe jetzt den Grund davon vollkommen ein. Er bitte sie, um ihres Vaters willen sich nie zu erkundigen, ob er das Vorhandensein jener Schrift ganz vergessen oder ob er dieser für den Moment sich erinnert habe bei der Geschichte vom Tower an jenem Sonntag unter der lieben Platane im Garten. Wenn er eine unbestimmte Erinnerung daran bewahrte, so könne es keinem Zweifel unterliegen, daß er vermutet habe, jene Schrift sei mit der Bastille zugrunde gegangen, weil keiner Erwähnung davon geschehen sei unter den von den Volkshaufen dort aufgefundenen Reliquien der Gefangenen, über die ja in alle Welt hinaus geschrieben worden war. Er ersuche sie freilich brauche er ihr dies nicht erst ans Herz zu legen ihren Vater dadurch zu trösten, daß sie in der möglichst schonenden Weise ihn überzeuge, wie er nichts getan hatte, worüber er sich mit Recht einen Vorwurf machen müßte, sondern im Gegenteil um ihrer beiden willen sein eigenes Ich der Vergessenheit überantwortet habe. Er versichere sie seiner dankbaren Liebe bis ans Ende und schicke ihr seinen Segen. Dabei beschwöre er sie, so wahr sie sich im Himmel wiederfinden würden, sich ihrem Kinde zu widmen und ihrem Vater zum Trost zu leben. Auch ihrem Vater schrieb er in demselben Sinn und fügte an ihn bei, daß er sein Weib und sein Kind ausdrücklich seiner Obhut vertraue. Dies tat er in sehr kräftigen Ausdrücken, indem er hoffte, dadurch die Verzweiflung oder gefährliche Rückblicke in die Vergangenheit abzuwehren, in die der alte Mann, wie er fürchtete, wieder versinken konnte. Mr. Lorry empfahl er seine Angehörigen, indem er ihm zugleich Aufschlüsse über seine Vermögensangelegenheiten gab. Nachdem er noch die Versicherungen dankbarer Freundschaft und warmer Anhänglichkeit beigefügt hatte, war er mit seiner Arbeit fertig. Cartons gedachte er mit keiner Silbe. Sein Herz war so voll von den übrigen, daß sich für diesen kein Platz mehr fand. Er war mit seinen Briefen zustande gekommen, noch ehe die Lichter gelöscht werden mußten. Als er sich auf seine Streu niederlegte, tat er es unter dem Eindruck, daß er mit dieser Welt abgeschlossen habe. Aber sie winkte ihm in seinem Schlafe wieder zurück und zeigte sich in den verlockendsten Gestalten. Frei und glücklich, leichten Herzens und auf eine unerklärliche Weise befreit, bewohnte er wieder das alte Haus in Soho, obschon dieses ganz anders aussah als sonst; Lucie befand sich an seiner Seite und erzählte ihm, es sei alles nur ein Traum und er nie fortgewesen. Eine Pause des Vergessens, und es kam ihm vor, er sei hingerichtet worden und wieder zu ihr zurückgekommen, tot zwar und voll Frieden, aber doch immer noch der alte. Abermals eine Pause des Vergessens, und er erwachte am trüben Morgen, ohne zu wissen, ob er war und was mit ihm vorgegangen, bis es plötzlich in seinem Geiste wieder klar wurde: »Dies ist der Tag deines Todes.« So waren ihm die Stunden entschwunden bis zu dem Tag, an dem die zweiundfünfzig Köpfe fallen sollten. Und nun er dem Ausgang mit Fassung entgegensah und er ihn mit ruhigem Heldenmut bestehen zu können hoffte, begann in seinen wachen Gedanken eine neue Tätigkeit, die sich nur schwer bewältigen ließ. Er hatte nie das Instrument gesehen, das seinem Leben ein Ende machen sollte. Wie hoch stand es vom Boden ab – wie viele Stufen führten zu ihm wo stand es wohl wie faßte man ihn an waren die ihn berührenden Hände mit Blut befleckt wie mußte er sein Gesicht drehen wer kam zuerst, wer zuletzt an die Reihe? Diese und viele ähnliche Gedanken drängten sich ihm gegen seinen Willen wieder und wieder unzähligemal auf. Sie waren keine Folge der Furcht, da er dieses Gefühl überwunden hatte, sondern nahmen eher ihren Ursprung in einem seltsamen Drange, zu wissen, wie er sich verhalten sollte, wenn die Zeit kam allerdings ein Wunsch, der in einem riesigen Mißverhältnis stand zu den paar kurzen Augenblicken, auf die er sich bezog, und ihm eher von einem andern Geist als von seinem eigenen eingegeben zu sein schien. Die Stunden entwichen, wahrend er auf und ab ging, und die Uhren verkündigten lauter Zahlen, die er nicht wieder hören sollte. Neun vorbei für immer, zehn vorbei für immer, elf vorbei für immer, und die letzte Zwölf stand bald bevor. Nach einem schweren Kampf mit der regellosen Gedankentätigkeit, die ihn so verwirrte, wurde er auch über sie Herr. Er ging auf und ab und sprach leise die Namen seiner Lieben vor sich hin. Das Ärgste war vorüber. Er konnte frei von den sinnberückenden Vorstellungen auf und ab wandeln und für sich und für sie beten. Zwölf vorbei für immer. Er hatte vernommen, daß drei die letzte Stunde sein werde, und wußte, daß man die Gefangenen etwas früher abzuholen pflegte, weil die Karren nur langsam und schwerfällig durch die Straßen holperten. Er nahm sich daher vor, sich zwei als die Zeit des Aufbruchs vorzuhalten und in der Zwischenzeit gehörige Kraft zu sammeln, um imstande zu sein, auch auf andere kräftigend einzuwirken. Während er mit auf der Brust gekreuzten Armen regelmäßigen Schrittes und in ganz anderer Stimmung als in dem Gefängnis La Force auf und ab ging, hörte er ohne Überraschung in der Ferne eins schlagen. Die Stunde war ihm nicht kürzer vorgekommen als die meisten andern. Mit demütigem Dank für die wiedergewonnene Fassung dachte er: »Jetzt habe ich noch eine«, und fuhr in seinem Spaziergang fort. Fußtritte auf der Steinflur draußen vor der Tür. Er blieb stehen. Der Schlüssel wurde in das Schloß gesteckt und umgedreht. Ehe die Tür aufging, oder beim Öffnen derselben sagte ein Mann leise in englischer Sprache: »Er hat mich nie hier gesehen; ich bin ihm stets ferngeblieben. Geht allein hinein; ich will in der Nähe warten. Verliert keine Zeit!« Die Tür ging rasch auf und wieder zu, und nun stand Angesicht in Angesicht, ruhig, mit dem Licht eines Lächelns auf seinen Zügen Sydney Carton, der den Zeigefinger warnend auf die Lippe legte, ihm gegenüber. Es war eine so merkwürdige Klarheit in seinem Äußeren, daß der Gefangene im ersten Augenblick ein Geschöpf seiner Einbildungskraft vor sich zu sehen glaubte. Aber er sprach, und es war seine Stimme. Er drückte dem Gefangenen die Hand, und es war ein wirklicher Druck. »Von allen Menschen auf Erden habt Ihr wohl mich am wenigsten zu sehen erwartet?« sagte er. »Ich konnte nicht glauben, daß Ihr es seid kann es kaum jetzt glauben. Ihr seid doch nicht« ein plötzlicher Argwohn stieg in ihm auf »ein Gefangener?« »Nein. Ich besitze zufällig Gewalt über einen von den Schließern hier, und diesem Umstand habe ich zu danken, daß ich vor Euch stehe. Ich komme von ihr von Eurer Frau, mein lieber Darnay.« Der Gefangene drückte ihm die Hand. »Ich bringe Euch eine Bitte von ihr.« »Die wäre?« »Eine sehr ernste, dringende und flehentliche Bitte, die sie in den ergreifendsten Tönen ihrer Euch so wohlbekannten Stimme an Euch richtet.« Der Gefangene wendete sein Angesicht halb ab. »Ihr habt keine Zeit, mich zu fragen, warum ich der Überbringer sei und auf was sie abziele, wie denn auch mir die Zeit zum Antworten gebricht. Laßt's Euch genügen, wenn ich Euch sage: legt diese Eure Stiefel ab und zieht die meinigen an.« Hinter dem Gefangenen stand ein Stuhl an der Wand der Zelle. Carton hatte mit Blitzeseile ihn darauf niedergedrückt und stand im Nu barfüßig vor ihm. »Zieht meine Stiefel an. Hand angelegt; zieht herzhaft hurtig!« »Carton, von hier ist an ein Entrinnen nicht zu denken. Es geht nicht. Ich zöge Euch nur mit in den Untergang. Es ist Wahnsinn.« »Es wäre allerdings Wahnsinn, wenn ich Euch zumuten wollte zu fliehen; aber tu ich dies denn? Wenn ich von Euch verlange, Ihr sollet zu jener Tür hinausgehen, dann mögt Ihr sagen, es sei Wahnsinn, und könnt dableiben. Tauscht Eure Halsbinde gegen die meinige. Euren Rock gegen den meinigen aus. Und während Ihr dies tut, will ich das Band aus Eurem Haar nehmen und Euer Haar so durcheinander werfen wie das meinige.« Mit wunderbarer, fast übernatürlich scheinender Behendigkeit und Kraft des Willens sowohl als der Tat zwang er dem andern alle diese Veränderungen auf. Der Gefangene war in seinen Händen wie ein kleines Kind. »Carton! Lieber Carton! Es ist Wahnsinn. Es kann nicht gelingen und ist nie gelungen; man hat es schon versucht, aber es ist immer mißglückt. Ich bitte Euch, macht mir den Tod nicht durch den Eurigen noch herber.« »Verlang' ich denn von Euch, Ihr sollet zu der Tür hinausgehen, mein lieber Darnay? Wenn ich Euch dieses Ansinnen stelle, so ist es immer noch Zeit, Euch zu weigern. Ihr habt da Tinte, Feder und Papier auf Eurem Tisch. Ist Eure Hand stetig genug, um zu schreiben?« »Sie war es, als Ihr hereinkamt.« »So nehmt Euch wieder zusammen und schreibt, was ich Euch diktiere. Rasch, Freund, rasch!« Die Hand an den wirren Kopf drückend, setzte sich Darnay vor dem Tisch nieder. Carton stand dicht neben ihm und hatte die rechte Hand in seiner Brust stecken. »Schreibt genau, was ich sage.« »An wen soll ich adressieren?« »An niemanden.« Carton hatte noch die Hand in seiner Brust. »Datum?« »Kein«.« Der Gefangene schaute bei jeder Frage auf. Carton stand mit der Hand in seiner Brust neben ihm und sah auf ihn nieder. »Wenn Ihr Euch der Worte erinnert«, sagte Carton diktierend, »die vor langer Zeit zwischen uns fielen, so werdet Ihr diese Zeilen leicht verstehen, wenn sie Euch zu Gesicht kommen. Ich weiß, Ihr erinnert Euch ihrer. Es liegt nicht in Eurer Natur, etwas Derartiges zu vergessen.« Er zog seine Hand aus der Brust; als der Gefangene zufällig verwundert von seinem Papier aufsah, fuhr die Hand zurück und schloß sich über etwas. »Habt Ihr geschrieben zu vergessen?« fragte Carton. »Ja. Was habt Ihr in der Hand? Eine Waffe?« »Nein. Ich bin nicht bewaffnet.« »Was habt Ihr sonst?« »Ihr werdet's bald erfahren. Schreibt fort. Es sind nur noch wenige Worte.« Er diktierte wieder. »Ich danke Gott, daß die Zeit gekommen ist, in der ich sie betätigen kann, und wenn ich es tue, so geschieht es ohne Leid und Bedauern.« Während er diese Worte, ohne seine Augen von dem Schreiber zu verwenden, sprach, bewegte sich seine Hand leicht und langsam gegen das Gesicht des Gefangenen hin. Die Feder entsank Darnays Fingern, und er starrte ausdruckslos umher. »Was ist dies für ein Geruch?« fragte er. »Geruch?« »Es ist mir etwas in die Nase gekommen.« »Ich weiß von nichts. Ihr bildet Euch dies ein. Nehmt die Feder wieder auf, daß wir fertig werden. Rasch, rasch!« Der Gefangene suchte, als sei sein Gedächtnis verwirrt oder sein Geist nicht in Ordnung, sich zu sammeln. Wahrend er mit umwölktem Blick und schwer gehendem Atem Carton ansah, schaute dieser, die Hand wieder in seiner Brust, stetig auf ihn nieder. »Rasch, rasch!« Der Gefangene beugte sich abermals über sein Papier. »Wäre es nicht so«, Cartons Hand stahl sich wieder sachte und behutsam nieder, »so würde ich nicht die Gelegenheit dazu benutzt haben. Aber dann lastete wohl«, die Hand schwebte vor dem Gesicht des Gefangenen, »noch manche schwere Verantwortung auf meiner Seele. Wäre es anders gewesen « Carton sah nach der Feder hin und bemerkte, daß sie träge nur noch unleserliche Zeichen hinkritzelte. Seine Hand bewegte sich nicht mehr nach der Brust. Der Gefangene sprang mit einem vorwurfsvollen Blick auf, aber Cartons Hand war dicht und fest an seinen Nasenlöchern, und dessen linker Arm hatte sich um seinen Leib geschlungen. Einige Augenblicke kämpfte er schwach gegen den Mann an, der gekommen war, um für ihn sein Leben zu opfern. Aber nach Ablauf einer Minute oder so lag er besinnungslos am Boden. Hurtig und mit ebenso sicherer Hand wie mit treuem Herzen schlüpfte Carton in die Kleider, die der Gefangene abgelegt hatte, kämmte sich das Haar zurück und band es mit dem Band zusammen, das Darnay getragen hatte. Dann rief er leise: »So, jetzt herein!« und der Spion trat in die Zelle. »Seht Ihr?« sagte Carton aufschauend, während er neben dem besinnungslosen Manne auf einem Knie lag und das Papier in dessen Brusttasche steckte: »lauft Ihr da große Gefahr?« »Mr. Carton«, antwortete der Spion mit einem schüchternen Fingerschnippen, »bei der Menge des Geschäfts an diesem Platze liegt meine Gefahr nicht hierin , wenn Ihr nur der Übereinkunft im Ganzen treu bleibt.« »Fürchtet nichts von mir. Ich werde treu sein bis in den Tod.« »Dies müßt Ihr auch, Mr. Carton; denn an der Zahl Zweiundfünfzig darf nichts fehlen. Wenn Ihr in diesem Anzug auftretet, so werde ich nichts zu fürchten haben.« »Seid unbesorgt. Ich werde bald da sein, wo ich Euch nicht mehr schaden kann, und so Gott will, sind die andern bald weit von hier. Legt Hand an und bringt mich nach der Kutsche.« »Euch?« fragte der Spion ängstlich. »Den, mit dem ich mich ausgewechselt habe, Mensch. Ihr geht wieder zu dem Tor hinaus, durch das Ihr mich hereingebracht habt?« »Natürlich.« »Ich war schwach und elend, als ich mit Euch herkam, und seitdem ist mir viel schlechter geworden. Der Abschiedsschmerz hat mich überwältigt. Solche Dinge sind hier schon oft, nur zu oft vorgekommen. Euer Leben steht in Eurer eigenen Hand. Geschwind, ruft Beistand herbei!« »Ihr schwört, mich nicht zu verraten?« sagte der zitternde Spion, der noch im letzten Augenblick zögerte. »Mensch, Mensch!« rief Carton mit dem Fuße stampfend, »habe ich nicht bereits das feierliche Gelübde getan, dies zu Ende zu bringen? Warum vergeudest du jetzt die kostbaren Augenblicke? Schafft ihn nach dem Hofe hinunter, setzt Euch selbst zu ihm in den Wagen, bringt ihn zu Mr. Lorry und sagt ihm, er brauche kein anderes Belebungsmittel als frische Luft; er soll meiner Worte und seiner Zusage von gestern nacht eingedenk sein und unverweilt fortfahren.« Der Spion entfernte sich, und Carton nahm an dem Tisch Platz, die Stirne mit den Händen unterstützend. Bald darauf kehrte Barsad mit zwei Männern zurück. »He, was ist dies?« sagte der eine, die hingestreckte Gestalt betrachtend. »So tief betrübt, daß sein Freund in der Lotterie der heiligen Guillotine einen Preis gewonnen hat?« »Einem guten Patrioten«, bemerkte der andere, »wäre es kaum schwerer zu Herzen gegangen, wenn der Aristokrat eine Niete gezogen hätte.« Sie hoben den Besinnungslosen auf, schoben ihn in eine Sänfte, die sie mit herausgebracht hatten, und schickten sich an, ihn fortzutragen. »Die Zeit ist kurz, Evrémonde«, sagte der Spion mit warnender Stimme. »Ich weiß es wohl«, antwortete Carton. »Ich bitte, nehmt meinen Freund in acht, und verlaßt mich.« »So kommt, meine Kinder«, sagte Barsad. »Auf und fort!« Die Tür schloß sich, und Carton war allein. Er lauschte so aufmerksam, als er konnte, ob sich nicht ein Ton vernehmen lasse, der Argwohn oder gar Entdeckung verriete. Nein. Schlüssel klirrten, Türen schlugen zu, und Fußtritte bewegten sich durch die fernen Gänge; aber aus keiner Richtung tönte ein Lärm oder Getöse, das als ungewöhnlich erscheinen konnte. Nachdem er eine Weile freier geatmet hatte, setzte er sich an den Tisch nieder und horchte aufs neue, bis die Glocke zwei schlug. Nun begannen Töne hörbar zu werden, die er nicht fürchtete, da er ihre Bedeutung ahnte. Mehrere Türen wurden der Reihe nach geöffnet, endlich auch seine eigene. Ein Schließer mit einer Liste in der Hand sah bloß herein und sagte: »Folgt mir, Evrémonde.« Der Mann führte ihn weit weg nach einem großen dunkeln Saal. Es war ein trüber Wintertag, und bei dem Dunkel von innen und dem Dunkel von außen konnte er die andern, die man hergebracht hatte, um ihnen die Hände zu binden, nur undeutlich unterscheiden. Einige standen, andere saßen. Etliche, aber nur wenige, gingen unstet und jammernd hin und her. Die meisten verhielten sich still und hatten die Blicke auf den Boden geheftet. Er stand in einem dunkeln Winkel an die Wand gelehnt, als nach ihm noch mehr von den zweiundfünfzig hereingebracht wurden. Ein Mann machte im Vorübergehen halt, um ihn als einen Bekannten zu umarmen. Furcht vor Entdeckung durchschauerte ihn. Aber der Mann ging weiter. Einige Augenblicke später erhob sich eine weibliche Gestalt mit mädchenhaften Zügen, ein liebliches, schmächtiges, leichenblasses Gesicht mit großen, weit offenen, geduldigen Augen von dem Sitze, wo er sie beobachtet hatte, und kam auf ihn zu, um ihn anzureden. »Bürger Evrémonde«, sagte sie, ihn mit kalter Hand berührend, »ich bin die arme Näherin, die mit Euch in der Force saß.« Er murmelte als Antwort: »Richtig. Ich vergaß, wessen Ihr angeklagt seid.« »Des Komplotts, obschon der gerechte Himmel weiß, daß ich so unschuldig bin wie nur irgendein Mensch. Wie wäre es auch möglich? Wer dächte ans Verschwören mit einem so armen, schwachen Geschöpf, wie ich bin?« Das schmerzliche Lächeln, mit dem sie dies sprach, bewegte ihn so, daß ihm Tränen in die Augen traten. »Ich fürchte mich nicht zu sterben, Bürger Evrémonde; aber ich habe nichts verbrochen. Ich sterbe gern, wenn die Republik, die den Armen so viel Gutes bringen soll, von meinem Tod einen Vorteil hat. Nur sehe ich nicht ein, wie dies möglich ist, Bürger Evrémonde. So ein armes, schwaches, kleines Geschöpf!« Eine letzte Erdenregung – sein Herz schlug wärmer und voll Mitleid für das bejammernswürdige junge Wesen. »Ich hörte, Ihr seid in Freiheit gesetzt, Bürger Evrémonde, und hoffte, es möchte wahr sein.« »Es war so. Aber ich wurde wieder festgenommen und verurteilt.« »Wenn ich auf Euren Wagen komme, Bürger Evrémonde, so erlaubt Ihr mir wohl, mich an Eurer Hand zu halten? Ich fürchte mich nicht; aber ich bin klein und schwach, und es würde mich ermutigen.« Als sie ihre geduldigen Augen zu seinem Gesicht erhob, las er darin einen plötzlichen Zweifel und dann den Ausdruck des Erstaunens. Er drückte ihre magern, vom Hunger abgezehrten Finger und fühlte sie an seine Lippen. »Ihr wollt für ihn sterben?« flüsterte sie. »Und für sein Weib und sein Kind. Pst! Ja.« »Und Ihr wollt mir erlauben, daß ich mich an Eurer Hand halte, edler Fremdling?« »Pst! Ja, meine arme Schwester: bis ans Ende.« Dieselben Schatten, die auf das Gefängnis niederfallen, lagern um dieselbe frühe Stunde des Nachmittags auf dem Gewühl, das draußen die Barriere umgibt. Eine Kutsche, die Paris verlassen will, kommt angefahren und wird visitiert. »Wer kommt da? Wer ist drinnen? Papiere?« Die Papiere wurden hinausgereicht und untersucht. »Alexander Manette. Arzt. Franzose. Welcher ist es?« Dieser hier, der hilflose, unverständlich vor sich hinmurmelnde, geistesschwache alte Mann. »Es scheint, der Bürger Doktor ist nicht recht bei Sinnen. Das Revolutionsfieber wird ihm wohl zu stark gewesen sein.« Jawohl; viel zu stark. »Ha, es geht vielen so. Lucie. Seine Tochter. Französin. Welche ist's?« Diese hier. »Ja, die ist's augenscheinlich. Lucie, das Weib Evrémondes, nicht wahr?« Ja. »Ha, Evrémonde hat seinen Paß anderswohin visiert erhalten. Lucie, ihr Kind. Geborne Engländerin. Ist's diese?« Sie und keine andere. »Gib mir einen Kuß, Kind des Evrémonde. Na, du hast einen guten Republikaner geküßt, und das ist etwas Neues in deiner Familie. Vergiß es nicht. Sydney Carton. Rechtsanwalt. Engländer. Welcher ist's?« Er liegt hier in der Wagenecke. Auch er wird besichtigt. »Es scheint, der englische Advokat ist ohnmächtig?« Man hofft, er werde sich erholen, wenn er in die frische Luft kommt. Er ist von schwächlicher Gesundheit und wurde von einem Freund getrennt, der sich das Mißfallen der Republik zugezogen hat. »Sonst nichts? Das will nicht viel heißen. Viele ziehen sich das Mißfallen der Republik zu und müssen durch das kleine Fenster schauen. Jarvis Lorry. Bankier. Engländer. Welcher ist's?« »Ich bin's natürlich; es ist sonst niemand mehr da.« Jarvis Lorry ist's, der alle die früheren Fragen beantwortet hat. Er ist ausgestiegen und steht da, die Hand auf dem Kutschenschlag, um den Barrierewächtern Auskunft zu geben. Sie umwandeln gemächlich den Wagen und besteigen das Fußbrett, um das wenige Gepäck auf dem Dache zu untersuchen. Die Landleute lungern umher, drängen sich rechts und links an den Kutschenschlag und glotzen hinein. Ein Kind, das die Mutter auf den Armen trägt, streckt den kleinen Arm aus, um das Weib eines Aristokraten anzurühren, der zur Guillotine gegangen ist. »Da habt Ihr Eure unterzeichneten Papiere, Jarvis Lorry.« »Kann man abfahren, Bürger?« »Man kann abfahren. Vorwärts, Postillione. Glückliche Reise!« »Gott befohlen, Bürger. Die erste Gefahr vorüber!« Letztere Worte spricht Jarvis später, während er mit einem Blick nach oben die Hände faltet. Im Wagen herrscht Angst und Weinen, und der besinnungslose Reisende atmet schwer. »Geht es nicht zu langsam? Kann man die Postknechte nicht bewegen, schneller zu fahren?« fragt Lucie, sich an den alten Mann anschmiegend. »Es würde einer Flucht gleichsehen, meine Liebe. Wir dürfen sie nicht zu sehr drängen, um nicht Verdacht zu wecken.« »Schaut zurück, schaut zurück, und seht, ob wir nicht verfolgt werden.« »Der Weg ist frei, mein Kind. Bis jetzt kann ich noch nichts von einer Verfolgung wahrnehmen.« Häuser zu zwei und drei ziehn an uns vorüber. Einzeln stehende Meiereien, verfallenere Gebäude, Gerbereien und dergleichen, offenes Land, Alleen mit laublosen Bäumen. Unter uns hartes unebenes Pflaster, zu beiden Seiten tiefer weicher Schmutz. Bisweilen geraten wir, wenn wir den rüttelnden Steinen ausweichen wollen, in spritzenden Schlamm, und bisweilen bleiben wir in den Pfützen und Geleisen stecken. Die Qual unserer Ungeduld wird dann so überwältigend, daß wir in wildem Schrecken aussteigen, davonrennen, uns irgendwo verstecken, kurz, alles tun wollen, nur nicht halten. Aus dem freien Feld wieder zu verfallenen Gebäuden, einsamen Meierhöfen, Gerbereien und dergleichen, Häusern zu zwei oder drei und laublosen Alleen. Haben diese Männer uns getäuscht und bringen sie uns auf einem andern Weg wieder zurück? Sind wir nicht schon einmal hier gewesen? Gott sei Dank, nein. Ein Dorf. Schaut zurück, und seht, ob wir nicht verfolgt werden. Pst! das Posthaus. Unsere vier Pferde werden gemächlich ausgespannt; die Kutsche bleibt träg und ohne Pferde in der engen Straße stehen, als wolle sie nie wieder fort. Langsam treten die neuen Rosse, eines um das andere, in ein sichtbares Dasein; in aller Muße kommen die neuen Postknechte nach und saugen und flechten an den Schmicken ihrer Peitschen. Gemächlich zählen die alten Postillione ihr Geld, verrechnen sich und kommen zu unbefriedigenden Resultaten. Und die ganze Zeit über klopfen unsere gepreßten Herzen mit einer Geschwindigkeit, als wollten sie den schnellsten Galopp der schnellsten Pferde, die je ihre Muskelkraft versuchten, überbieten. Endlich sitzen die neuen Postknechte in ihren Sätteln, und die alten bleiben zurück. Wir haben das Dorf im Rücken. Es geht bergauf, wieder bergab und weiter in dem nassen Tiefland. Plötzlich geraten die Postillione in einen von lebhaften Gebärden begleiteten Wortwechsel; sie halten die Rosse an, daß sie sich bäumen. Wir werben verfolgt! »Ho, ihr da drinnen im Wagen hört ihr?« »Was soll's?« fragt Mr. Lorry zum Fenster hinaussehend. »Wie viele haben sie gesagt?« »Ich verstehe Euch nicht.« »Die andern Postknechte. Wie viele heut unter die Guillotine?« »Zweiundfünfzig.« »Ich sagt' es ja; eine hübsche Zahl. Mein Mitbürger da behauptet, sie hätten von zweiundvierzig gesprochen. Zehn Köpfe mehr sind schon der Mühe wert. Die Guillotine arbeitet wacker; sie gefällt mir. Hi, vorwärts!« Die Nacht bricht herein mit ihrer Dunkelheit. Er bewegt sich stärker, beginnt wieder aufzuleben und unverständliche Worte zu stammeln. Er meint, sie seien noch immer beisammen, nennt ihn bei Namen und fragt ihn, was er in der Hand habe, O gütiger Himmel, erbarme dich unser und steh' uns bei! Schaut hinaus, und seht, ob wir nicht verfolgt werden! Der Wind jagt uns nach, die Wolken fliegen uns nach, der Mond segelt hinter uns her, und die ganze wilde Nacht ist hinter uns her: aber bis jetzt werden wir von nichts anderm verfolgt. Vierzehntes Kapitel. Ausgestrickt. Um dieselbe Zeit, als die zweiundfünfzig ihr Schicksal erwarteten, hielt Madame Defarge eine unheildrohende Beratung mit der Rache und Jacques drei von dem revolutionären Schwurgericht. Der Platz, wo Madame Defarge sich mit diesen ihren Ministern ins Einvernehmen setzte, war nicht die Weinstube, sondern der Schuppen des Holzspalters, weiland Wegknechts. Der letztere nahm keinen Teil an der Konferenz, harrte aber in einiger Entfernung als eine viel niedriger stehende Person, die nicht unaufgefordert sprechen und nur eine Ansicht kundgeben durfte, wenn sie darum befragt wurde. »Aber unser Defarge ist doch unbezweifelt ein guter Republikaner, he?« fragte Jacques Drei. »Es gibt keinen besseren in ganz Frankreich«, versicherte die zungenfertige Rache in schrillen Lauten. »Still, meine kleine Rache«, sagte Madame Defarge, mit einem leichten Schmunzeln, die Hand auf die Lippen ihres Leutnants legend, »laß mich reden. Mein Mann, Mitbürger, ist ein guter Republikaner und ein kühner Mann; er hat sich wohl um die Republik verdient gemacht und besitzt ihr Vertrauen. Aber er hat auch seine Schwächen, und zu diesen gehört seine Anhänglichkeit an den Doktor.« »Das ist recht schade«, krächzte Jacques Drei mit einem zweifelhaften Kopfschütteln, während seine grausamen Finger sich an seinem hungrigen Munde abarbeiteten; »es ziemt einem guten Bürger nicht und ist sehr zu bedauern.« »Ihr seht, ich für meine Person kümmere mich nichts um diesen Doktor«, sagte Madame. »Was liegt mir daran, ob er seinen Kopf behält oder verliert? Mir ist es gleichgültig. Aber die Evrésmondes sollen vertilgt werden, und das Weib mit ihrem Kinde muß dem Manne und Vater folgen.« »Sie hat einen schönen Kopf dafür«, krächzte Jacques Drei. »Ich habe dort schon blaue Augen und goldiges Haar gesehen; sie nahmen sich prächtig aus, als Samson sie in die Höhe hielt.« Bei seiner Wolfsnatur sprach er wie ein Epikuräer. Madame Defarge schlug ihre Augen nieder und sann eine Weile nach. »Auch das Kind«, bemerkte Jacques Drei mit beschaulicher Lust, »hat goldiges Haar und blaue Augen, und wir sehen selten ein Kind dort. Es gibt einen allerliebsten Anblick.« »Mit einem Wort«, sagte Madame Defarge, sich aus ihrem Nachsinnen aufraffend, »ich kann in dieser Sache meinem Manne nicht trauen. Seit gestern abend fühle ich, daß ich ihn nicht nur in die Einzelheiten meiner Pläne nicht einweihen darf, sondern auch, daß jede Zögerung die Gefahr der Warnung für sie in sich schließt und ihr Entkommen begünstigt.« »Das darf nicht geschehen«, krächzte Jacques Drei. »Niemand darf entkommen. Wir haben noch nicht halb genug. Es müssen zehn Dutzend pro Tag werden.« »Mit einem Wort«, sprach Madame Defarge weiter, »mein Mann hat nicht meine Gründe, diese Familie bis zur Vernichtung zu verfolgen, und seine Empfindsamkeit gegen diesen Doktor berührt mich nicht. Ich muß daher für mich handeln. Kommt her, kleiner Bürger.« Der Holzspalter, der sie hoch in Ehren und aus heller Furcht sich selbst in tiefster Unterwürfigkeit hielt, trat mit seiner roten Mütze in der Hand heran. »Wir sprechen von den Zeichen, die sie den Gefangenen gemacht hat, kleiner Bürger«, sagte Madame Defarge streng. »Ihr seid bereit, noch heute Zeugnis gegen sie abzulegen?« »Ei ja, warum nicht?« versetzte der Holzspalter. »Jeden Tag, bei jedem Wetter von zwei bis vier Uhr; und stets Zeichen machend; bisweilen mit der Kleinen, bisweilen ohne sie. Ich weiß, was ich weiß, und hab' es mit eigenen Augen gesehen.« Während seiner Rede machte er Gebärden aller Art, gleichsam in zufälliger Nachahmung einiger von den vielen und verschiedenen Signalen, die freilich nur in seinem Hirn spukten. »Das ist sonnenklar eine Verschwörung«, sagte Jacques Drei. »Nicht anders möglich.« »Das Schwurgericht wird doch darüber keinen Zweifel hegen?« fragte Madame Defarge, mit einem unheimlichen Lächeln ihre Augen auf ihn heftend. »Verlaßt Euch auf die patriotischen Geschworenen, meine liebe Bürgerin. Ich stehe für meine Kollegen in der Jury.« »Nun, laß mich sehen«, sagte Madame Defarge, abermals nachdenkend. »Um noch einmal auf diesen Doktor zu kommen kann ich ihn um meines Mannes willen schonen? Ich habe nichts für und nichts gegen ihn. Kann ich ihn schonen?« »Er würde doch als ein Kopf zählen«, bemerkte Jacques Drei mit gedämpfter Stimme. »Wir haben wahrhaftig nicht Köpfe genug. Es wäre schade, mein' ich.« »Er machte mit ihr Signale, als ich sie sah«, fuhr Madame Defarge fort, »und ich kann nicht von ihr sprechen, ohne auch ihn zu erwähnen. Schweigen darf ich nicht und will daher die ganze Sache diesem kleinen Bürger hier überlassen; denn ich bin kein schlechter Zeuge.« Die Rache und Jacques Drei wetteiferten miteinander in warmen Versicherungen, daß sie der trefflichste, der bewundernswürdigste Zeuge sei, und der kleine Bürger, der sich von ihnen nicht überbieten lassen wollte, erklärte sie geradezu für einen himmlischen Zeugen. »Wir müssen ihn für sich selbst sorgen lassen«, sagte Madame Defarge. »Nein, ich kann ihn nicht schonen. Ihr seid um drei Uhr in Anspruch genommen; Ihr geht doch hin, um heute den Hinrichtungen beizuwohnen Ihr?« Diese Frage galt dem kleinen Holzspalter, der hastig mit Ja antwortete und die Gelegenheit benutzte, um hinzuzufügen, daß er der eifrigste Republikaner sei und sich wirklich als den unglücklichsten Republikaner fühlen würde, wenn ihn irgend etwas des Vergnügens beraubte, im Anblick des possierlichen Nationalbarbiers seine Nachmittagspfeife zu rauchen. Er benahm sich derart übertrieben, daß man ihn hätte beargwöhnen können (vielleicht lag auch dieser Sinn in dem Blick der Verachtung, den ihm die dunkeln Augen in Madame Defarges Kopf zuwarfen), er sei jede Stunde des Tages ein bißchen um seine, persönliche Sicherheit in Angst. »Ich werde auch an dem gleichen Platz zu tun haben«, sagte Madame, »Wenn es vorüber ist ich will sagen, um acht Uhr heute abend , kommt Ihr zu mir nach Saint Antoine; wir wollen dann unsere Klage gegen diese Leute bei meiner Sektion vorbringen.« Der Holzspalter versicherte, er werde stolz darauf sein und sich geschmeichelt fühlen, der Bürgerin zu dienen. Als die Bürgerin ihn ansah, wurde er verlegen; er wich ihrem Blick aus wie ein kleiner Hund, zog sich hinter sein Holz zurück und verbarg seine Verwirrung hinter dem Griff seiner Säge. Madame Defarge winkte die Geschworenen und die Rache etwas näher an die Tür und erklärte ihnen ihre weiteren Absichten: »Sie wird jetzt zu Hause sein und dort den Augenblick seines Todes erwarten. Natürlich trauert sie und grämt sich um ihn. Ich werde sie in einer Stimmung finden, in der sie die Republik der Ungerechtigkeit zeiht und mit den Feinden derselben sympathisiert. Ich will zu ihr gehen.« »Welche wunderbare Frau welche anbetungswürdige Frau!« beteuerte Jacques Drei entzückt. »Oh, meine Teuerste!« rief die Rache mit einer Umarmung. »Nimm mein Strickzeug mit«, sagte Madame Defarge, indem sie den Knäuel ihrem Leutnant übergab, »und halt es mir auf meinem gewöhnlichen Sitz bereit. Hüte mir meinen Stuhl. Geh unverweilt hin; denn wahrscheinlich wird es heute einen größeren Zusammenlauf geben als sonst.« »Ich gehorche bereitwillig den Befehlen meines Chefs«, erwiderte die Rache, indem sie Madame auf die Wange küßte. »Du wirst dich doch nicht verspäten?« »Ich werde dort sein, noch ehe es anfängt.« »Und bevor die Karren anlangen. Sieh zu, meine Seele«, rief ihr die Rache nach; denn sie war bereits auf der Straße draußen, »daß du noch vor dem Eintreffen der Karren dort bist.« Madame Defarge winkte leicht mit der Hand, um ihr damit anzudeuten, sie möge sich darauf verlassen, daß sie in guter Zeit kommen werde, trabte durch den Staub und verschwand an der Ecke der Gefängnismauer. Die Rache und der Geschworene sahen ihr nach und belobten höchlich ihre schöne Figur und ihren hohen Sinn. Es gab in jener Zeit viele Weiber, die die Hand eben dieser Zeit furchtbar verzerrt hatte, aber keine darunter, die schrecklicher gewesen wäre als das erbarmenlose Wesen, das gerade jetzt durch die Straßen schritt. Mit einem festen und furchtlosen Charakter, einer schnell sich zurechtfindenden Schlauheit, einem sehr entschiedenen Geist und jener Art von Schönheit begabt, die sich nicht nur mit Festigkeit und Leidenschaftlichkeit recht gut verträgt, sondern auch bei andern eine Anerkennung solcher Eigenschaften erzwingt, mußte sie unter allen Umständen in einer Periode wilder Erregung eine Rolle spielen. Da sie aber von Kindheit auf aus dem Gefühle erlittenen tiefen Unrechts den bittersten Haß gegen eine gewisse Klasse gesogen, so hatte die Gelegenheit sie zu einer Tigerin umgewandelt. Das Mitleid war ihr ein durchaus fremdes Gefühl, und wenn sie je einer solchen Regung zugänglich gewesen, so war diese doch längst in ihrer Seele erstorben. Es machte ihr nichts aus, wenn ein Unschuldiger für die Verbrechen seiner Vorfahren starb; sie sah nicht ihn, sondern sie. Sie kehrte sich nicht daran, daß sein Weib zur Witwe, sein Kind zur Waise wurde. Ja, die Strafe genügte ihr nicht einmal, denn auch sie zählte sie zu ihren Feinden, die sie opfern wollte und die in ihrem Auge kein Recht zu leben hatten. Eine Berufung an ihr Herz wäre ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen, denn sie war sogar grausam gegen sich selbst. Hätte sie in einem der vielen Straßengefechte, in denen sie mitkämpfte, eine Todeswunde niedergestreckt, so hätte sie sich nicht bemitleidet, und wäre sie morgen zur Guillotine geführt worden, so würde sie auf dem Gange dahin keinem sanfteren Gefühle als dem wilden Wunsche Raum gegeben haben, ihren Platz mit dem Menschen zu wechseln, der sie hierher geliefert. Solch ein Herz trug Madame Defarge unter ihrem rauhen Gewand, das trotz seiner Abnützung in einer gewissen unheimlichen Weise sich anständig genug ausnahm. Unter ihrer groben roten Mütze quoll reich das dunkle Haar hervor. In ihrem Busen hatte sie eine geladene Pistole und in den Schößen ihres Kleides einen scharfen Dolch verborgen. So ausgerüstet ging Madame Defarge mit dem zuversichtlichen Tritt eines solchen Charakters und mit der behenden Ungezwungenheit eines Weibes, das in seiner Kindheit barfuß den Seesand zu treten gewohnt war, die Straßen entlang. Als am Abend vorher die Vorbereitungen zu der Reise erwogen wurden, für deren Antritt man jetzt nur noch das Eintreffen der letzten Person erwartete, hatte die Schwierigkeit, Miß Proß sogleich mitzunehmen, Mr. Lorrys Geist angelegentlich beschäftigt. Es war nicht bloß wünschenswert, ein Überladen der Kutsche zu vermeiden, sondern auch von höchster Wichtigkeit, daß die Personenkontrolle an der Barriere auf das geringste Zeitmaß beschränkt wurde, sofern der Erfolg ihrer Flucht vielleicht nur von dem Gewinn einiger Sekunden da oder dort abhing. Nach vielem ängstlichen Besinnen entschied er sich endlich dafür, daß Miß Proß und Jerry, die die Stadt beliebig verlassen konnten, um drei Uhr in dem leichtesten Gefährt jener Periode ihnen nachkommen sollten. Da sie nicht mit Gepäck belastet waren, so konnten sie die Kutsche bald einholen und ihr sogar vorausfahren. Dies setzte das Dienstpersonal in die Lage, für die Flüchtlinge im voraus Pferde zu bestellen und die Fahrt während der kostbaren Stunden der Nacht, in der Zögerung am meisten zu befürchten stand, zu beschleunigen. Miß Proß willigte mit Freuden in diese Anordnung, die es ihr möglich zu machen schien, in dem obwaltenden dringlichen Falle wirklich nützlich zu werden. Sie und Jerry hatten die Kutsche abfahren sehen und, da sie den Mann, den Salomon brachte, recht gut kannten, zehn Minuten in der äußersten Spannung verlebt. Sie besprachen eben, wie sie es einrichten wollten, um der Kutsche zu folgen, als Madame Defarge auf ihrem Gang durch die Straßen der jetzt verlassenen Wohnung, in der sie ihre Beratung hielten, immer näher kam. »Was meint Ihr, Mr. Cruncher«, sagte Miß Proß, die vor Aufregung nicht wußte, was sie mit sich anfangen sollte, »was meint Ihr, wenn wir unsere Reise nicht von diesem Hofe aus antreten? Da heut schon ein Wagen von hier abgegangen ist, so könnte es Argwohn erregen.« »Ich bin der Ansicht, Miß«, versetzte Mr. Cruncher, »daß Ihr recht habt. Indes halt' ich's unter allen Umständen mit Euch, auf Recht oder Unrecht.« »Ich bin vor Furcht und Hoffnung wegen unserer kostbaren Herrschaft so von Sinnen«, sagte Miß Proß, in ein krampfhaftes Weinen ausbrechend, »daß ich außerstande bin, mir einen Plan zu bilden. Ihr könnt dies wohl eher, mein lieber guter Mr. Cruncher?« »Was meinen künftigen Lebenspfad betrifft. Miß«, entgegnete Mr. Cruncher, »so hoffe ich, ja. Aber ich glaube nicht, daß für unsere gegenwärtige Lage mein alter Kopf etwas auszudenken imstande ist. Wollt Ihr mir den Gefallen erweisen. Miß, mich seinerzeit an zwei Versprechen oder Gelübde zu erinnern, die ich in unserer kritischen Lage hier abzulegen gedenke?« »Oh, um des Himmels willen!« erwiderte Miß Proß, noch immer in ihrem Weinen, »so legt sie ab und erleichtert Euer Herz wie ein ordentlicher Mann.« »Zuerst«, sagte Mr. Cruncher mit aschfahlem feierlichem Gesicht, während er am ganzen Leibe zitterte, »daß ich jenen armen Dingern, die mit dem Zeitlichen fertig sind, nie mehr etwas tun will gewiß nie mehr.« »Ich bin überzeugt, Mr. Cruncher«, erwiderte Miß Proß »daß Ihr's nie wieder tun werdet, was es auch sein mag, und ich bitt' Euch, seht es für unnötig an, mir noch Weiteres auseinanderzusetzen, was es auch sei.« »Nein, Miß, es soll nicht gegen Euch genannt werden«, versetzte Jerry. »Zweitens, abgesehen von jenen armen Dingern will ich nie mehr etwas aussetzen gegen Mrs. Crunchers Hinsacken nie mehr.« »Was dies auch für eine Haushaltungseinrichtung sein mag«, sagte Miß Proß, die ihre Augen zu trocknen und ruhiger zu werden versuchte, »so zweifle ich nicht, daß man am besten tut, wenn man Mrs. Cruncher ganz ihren freien Willen läßt. O, meine Lieblinge!« »Ich geh' noch obendrein so weit, um zu sagen«, fuhr Mr. Cruncher in seiner höchst beunruhigenden Manie, eine Art Kanzelvortrag zu halten, fort »und bitte Euch, meiner Worte zu gedenken und sie selbst Mrs. Cruncher zu hinterbringen , daß meine Ansichten vom Hinsacken ganz andere geworden sind und daß ich aus dem Grunde meiner Seele hoffe, Mrs. Cruncher möge eben jetzt hingesackt sein.« »Recht, recht, recht so! Ich hoffe es auch, mein guter Mann«, rief Miß Proß außer sich, »und so Gott will, findet sie Erhörung ihrer Wünsche.« »Gott verhüte«, sagte Mr. Cruncher mit besonderer Feierlichkeit, Langsamkeit und predigtartiger Salbung, »daß irgend etwas, was ich je gesagt oder getan habe, jetzt an meinen ernsten Wünschen für jene armen Geschöpfe heimgesucht werde. Verhüte Gott, daß wir nicht alle gerne hinsacken sollten (wenn es irgend anginge), um aus den schrecklichen Gefahren hier herauszukommen. Gott verhüt' es und noch einmal, Gott verhüt' es!« So lautete Mr. Crunchers Schlußsatz, nachdem er lange vergeblich sich besonnen, um einen besseren zu finden. Und immer näher und näher kam die die Straßen durchwandelnde Madame Defarge. »Wenn wir je wieder in die Heimat zurückkommen«, sagte Miß Proß, »so dürft Ihr Euch darauf verlassen, daß ich Mrs. Cruncher von dem, was Ihr mir so ausdrücklich gesagt habt, so viel mitteilen will, wie ich behalten kann oder zu verstehen vermochte. Und jedenfalls dürft Ihr darauf bauen, daß ich Euch bezeugen werde, wie gründlich ernst es Euch gewesen sei in dieser schrecklichen Zeit. Aber jetzt müssen wir uns besinnen. Mein geschätzter Mr. Cruncher, laßt uns nachdenken.« Noch immer wandelte Madame Defarge durch die Straßen und kam näher und näher. »Meint Ihr nicht«, sagte Miß Proß, »es war' am besten, wenn Ihr vorausginget und das Gefährt nicht hierherkommen, sondern irgendwo auf mich warten ließet?« Mr. Cruncher hielt es für das beste. »Wo könntet Ihr auf mich warten?« fragte Miß Proß. Mr. Cruncher war so außer sich, daß er sich auf keine andere Örtlichkeit als auf Temple Bar besinnen konnte. Aber leider lag Temple Bar Hunderte von Meilen entfernt, und Madame Defarge war in der Tat schon sehr nahe. »An der Domkirchentür«, sagte Miß Proß. »Wär' es sehr abseitig, wenn Ihr mich an der Tür, die sich zwischen den zwei Türmen befindet, aufnehmen müßtet?« »Nein, Miß«, antwortete Mr. Cruncher. »Dann seid ein guter Mann«, sagte Miß Proß, »und geht unverweilt nach dem Posthause, um diese Abänderung zu bestellen.« »Ich bin zweifelhaft, seht Ihr«, entgegnete Mr. Cruncher zögernd und den Kopf schüttelnd, »ob ich Euch verlassen darf. Wir wissen nicht, was vorfallen kann.« »Du mein Himmel, wir wissen das freilich nicht«, erwiderte Miß Proß; »aber habt keine Sorge um mich. Nehmt mich um drei Uhr oder ungefähr um diese Zeit bei dem Dom auf, und ich bin überzeugt, es ist besser, als wenn wir von hier aus abfahren. Ja, ich weiß es gewiß. So; jetzt behüt' Euch Gott, Mr. Cruncher! Denkt nicht an mich, sondern an die Leben, die vielleicht von uns beiden abhängen.« Diese Einleitung und die beiden Hände, mit welchen Miß Proß in ihrer Herzensangst flehentlich die seinigen umfaßte, wirkten bestimmend auf Mr. Cruncher, der sofort mit einem ermutigenden Kopfnicken sich auf den Weg machte, um die beschlossene Abänderung anzuzeigen, und es ihr überließ, ihrem eigenen Vorschlag gemäß nachzukommen. Es gereichte Miß Proß zu großer Erleichterung, Anlaß zu einer Vorsichtsmaßregel gegeben zu haben, deren Ausführung eben im Gange war. Die Notwendigkeit, ihr Äußeres so zu ordnen, daß sie in den Straßen keine besondere Aufmerksamkeit erregte, gab weiteren Anlaß zur Zerstreuung. Sie sah auf ihre Uhr und fand zwanzig Minuten über zwei. Da war keine Zeit mehr zu verlieren; sie mußte sich beeilen. Während sie in ihrer äußersten Verstörung sich vor der Einsamkeit der verlassenen Zimmer fürchtete und durch jede offene Tür eingebildete Gesichter hereinschauen sah, holte sie ein Becken mit kaltem Wasser und begann sich ihre geschwollenen roten Augen zu waschen. Aber in ihrer fieberhaften Angst konnte sie es nicht ertragen, ihren Gesichtssinn für eine Minute über einmal durch das triefende Wasser verdunkelt zu sehen: sie hielt daher alle Augenblicke inne und schaute zurück, um sich zu überzeugen, ob sie nicht beobachtet werde. In einer von diesen Pausen fuhr sie zusammen und schrie laut auf; denn sie sah eine Gestalt in dem Zimmer stehen. Da« Becken fiel zerbrochen zu Boden, und das Wasser strömte zu Madame Defarges Füßen hin, als fühle es, daß es hier gelte, viele Blutflecken abzuwaschen. Madame Defarge sah kalt nach ihr hin und fragte: »Wo ist Evrémondes Weib?« Miß Proß schoß plötzlich der Gedanke durch das Gehirn, daß sämtliche Türen offen standen und sogleich auf eine Flucht schließen ließen; sie ging daher alsbald ans Werk, diese zuzumachen. Dann stellte sie sich vor die Tür des Gemaches, das Lucie bewohnt hatte. Madame Defarges dunkle Augen folgten ihr bei allen diesen hastigen Bewegungen und blieben auf ihr haften, als sie fertig war. Miß Proß hatte nichts Schönes an sich. Das Wilde und Abenteuerliche ihres Aussehens war durch die Jahre nicht gezähmt oder gemildert worden. Aber auch sie konnte in ihrer Art als ein entschlossenes Frauenzimmer angesehen werden und maß die andere Zoll für Zoll mit ihren Augen. »Du magst deinem Aussehen nach Madame Luzifer selber sein«, sagte Miß Proß für sich: »aber gleichwohl sollst du mir nichts anhaben können. Ich bin eine Engländerin.« Madame Defarge betrachtete sie verächtlich, aber doch mit einer gewissen Ahnung, daß sie in Miß Proß eine Widersacherin habe. Sie sah dieselbe kräftige, eiserne Person vor sich wie Mr. Lorry, als er vor Jahren ihre starke Hand zu fühlen bekam, und wußte recht wohl, daß Miß Proß eine aufopferungsfähige Freundin der Familie war, während Miß Proß ihrerseits in dieser Madame Defarge den bösen Engel der Familie erkannte. »Auf meinem Wege nach dem Orte«, sagte Madame Defarge mit einer leichten Bewegung der Hand nach der Richtstätte hin, »wo man mir meinen Stuhl und mein Strickzeug aufbewahrt, bin ich heraufgekommen, um ihr mein Kompliment zu machen. Ich wünsche sie zu sprechen.« »Ich weiß, daß Ihr schlimme Absichten habt«, sagte Miß Proß, »und Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich ihnen entgegenarbeiten werde.« Jede bediente sich ihrer eigenen Sprache, so daß keine die Worte der andern verstand; aber beide suchten wechselseitig aus Miene und Gebärden sich deutlich zu machen, was die andere sagen wollte. »Es wird ihr nicht zu Frommen dienen, wenn sie sich in diesem Augenblick vor mir verbirgt«, fuhr Madame Defarge fort. »Gute Patrioten werden wissen, was dies heißen soll. Laßt mich zu ihr. Geht und bedeutet ihr, daß ich sie zu sprechen wünsche. Hört Ihr?« »Wenn diese deine Augen Bohrer wären«, erwiderte Miß Proß, »und ich ein englischer Bettpfosten, so sollen sie doch keinen Splitter aus mir herauskriegen. Nein, du boshaftes Weibsbild; dir bin ich schon gewachsen.« Madame Defarge war nicht in der Lage, diesen in der Heimatsprache gemachten Bemerkungen ins einzelne zu folgen, entnahm aber doch so viel daraus, daß ihr Wille keine Beachtung fand. »Blödsinniges Schwein!« rief Madame Defarge zürnend: »ich verlange keine Gegenrede von dir, sondern will sie sehen. Entweder sag' ihr dies oder tritt von dieser Tür weg und mir aus dem Wege, damit ich zu ihr kann.« Sie begleitete diese zornige Anrede mit einem Winken ihres rechten Armes. »Ich habe nie daran gedacht«, sagte Miß Proß, »daß ich je nötig haben könnte, deine unsinnige Sprache zu verstehen; aber ich gäbe gerne alles, was ich habe, die Kleider auf meinem Leibe ausgenommen, darum, wenn ich wüßte, ob du eine Ahnung hast von der Wahrheit oder von einem Teil derselben.« Sie verwandten nicht einen Moment die Augen voneinander. Madame Defarge war bisher auf derselben Stelle stehengeblieben, auf der Miß Proß sie zuerst erblickt hatte; jetzt aber kam sie um einen Schritt näher. »Ich bin eine Britin«, sagte Miß Proß, »und in der Verzweiflung zu allem fähig. Ich kümmere mich kein englisches Zweipencestück um mich selbst; und je länger ich dich hier festhalte, desto größere Hoffnung ist für mein Vögelchen vorhanden. Du sollst mir keine Handvoll von deinem schwarzen Haar davontragen, wenn du mich nur mit einem Finger anrührst.« So Miß Proß, die zwischen jedem Satz ihren Kopf schüttelte und ihre Augen blitzen ließ, während ihre Atemzüge hastig gingen dieselbe Miß Proß, die in ihrem ganzen Leben nie einen Schlag ausgeteilt hatte. Aber ihr Mut war von jener erregbaren Beschaffenheit, der so gern seinen Besitzer in eine Tränenexaltation versetzt. Einen solchen Mut begriff Madame Defarge so wenig, daß sie ihn irrtümlich für Schwäche nahm. »Ha, ha!« lachte sie, »du erbärmliches Geschöpf, was soll ich mich mit dir einlassen? Ich will mich selbst an diesen Doktor wenden.« Dann erhob sie ihre Stimme und rief: »Bürger Doktor! Weib von Evrémonde! Wer da mich hört, außer dieser ärmlichen Törin, antworte der Bürgerin Defarge!« Das nun folgende Schweigen, vielleicht auch ein geheimer Zug in dem Ausdruck von Miß Proß' Gesicht, vielleicht auch eine plötzliche, nicht von den Umständen an die Hand gegebene Ahnung mochte Madame Defarge auf den Gedanken bringen, daß sie fort seien. Sie öffnete hastig drei von den Türen und sah hinein. »Diese Zimmer sind in Unordnung; man hat hier hastig gepackt, und es liegt allerlei durcheinander auf dem Boden. In dem Zimmer hinter Euch ist niemand. Laßt mich sehen!« »Nein!« rief Miß Proß, die diese Aufforderung so gut verstand wie Madame Defarge ihre Antwort. »Wenn sie sich nicht in diesem Zimmer befinden, sind sie fort und können verfolgt und zurückgebracht werden«, sagte Madame Defarge zu sich selbst. »Solange du nicht weißt, ob sie in diesem Zimmer sind oder nicht, kannst du nicht handeln«, lautete das Selbstgespräch der Miß Proß: »und du sollst mir's nicht erfahren, wenn ich's hindern kann. Aber magst du's nun wissen oder nicht, du kommst mir nicht von der Stelle, solange ich dich zu halten imstande bin.« »Ich bin vom Anfang an bei den Straßenkämpfen gewesen: nichts hat mich zu hindern vermocht, und ich reiße dich in Stücke, wenn du nicht von dieser Tür weggehst«, sagte Madame Defarge. »Wir sind allein in dem Giebelstock eines hohen, in einem einsamen Hofe stehenden Hauses, und man wird uns wahrscheinlich nicht hören. O Himmel, gib mir Kraft, sie hier aufzuhalten, denn jede Minute, die ich sie hier habe, ist für meinen Liebling hunderttausend Guineen wert«, sagte Miß Proß. Madame Defarge wollte auf die Tür zu. Miß Proß, die sich instinktartig diese Bewegung deutete, faßte sie plötzlich mit beiden Armen um den Leib und hielt sie fest. Vergeblich kämpfte sich Madame Defarge ab und schlug um sich: Miß Proß umschlang sie mit der zähen Kraft der Liebe, die immer viel stärker ist als die des Hasses, noch fester und hob sie bei dem Ringen vom Boden auf. Madame Defarge zerarbeitete ihr mit ihren Fäusten das Gesicht; aber Miß Proß, die ihren Kopf senkte, hielt fortwährend ihren Leib mit der Gewalt eines Ertrinkenden umfaßt. Bald hörte übrigens Madame Defarge auf, um sich zu schlagen, und tastete nach ihrem Gürtel. »Er ist unter meinem Arme«, sagte Miß Proß mit erstickter Stimme, »und du sollst mir ihn nicht herausbringen. Ich bin stärker als du, Gott sei Dank, und ich will dich festhalten, bis eine von uns die Besinnung verliert oder tot ist.« Madame Defarge fuhr mit der Hand nach ihrem Busen. Miß Proß schaute auf, sah, was es war, und schlug danach. Sie schlug einen Blitz, ein Krachen heraus und stand allein, von Rauch geblendet. All dieses war das Werk einer Sekunde. Wie der Rauch sich verzog, herrschte eine schauerliche Stille; er schwebte in die Luft hinaus, als sei er die Seele des wütenden Weibes, deren Körper leblos am Boden lag. In dem ersten Schrecken ihrer Lage eilte Miß Proß so fern als möglich an der Leiche vorbei und die Treppe hinunter, in ein vergebliches Hllfegeschrei ausbrechend. Zum Glück besann sie sich bald auf die Folgen ihres Tuns: sie hielt an und kehrte zurück. Es war freilich etwas Schreckliches, wieder zu dieser Tür hineinzugehen; aber sie tat es dennoch und machte sich ganz in ihre Nähe, um ihren Hut und andere Dinge, die sie brauchte, zu holen. Sie vollendete auf der Flur draußen ihren Anzug, schloß die Tür ab und zog den Schlüssel heraus. Eine kurze Weile setzte sie sich auf der Treppe nieder, um zu Atem zu kommen und ein Stückchen zu weinen; dann stand sie wieder auf und eilte von hinnen. Zu gutem Glück hatte sie einen Schleier auf ihrem Hut, da sie sonst nicht durch die Straßen gekommen wäre, ohne angehalten zu werden. Ein weiteres Glück war, daß bei ihrem besonderen Äußeren die Unordnung nicht so auffiel wie an anderen Frauenspersonen. Sie bedurfte dieser Vorteile recht wohl, denn sie hatte in ihrem Gesicht tiefe Nägelrisse; ihr Haar war zerrauft und ihr Anzug, den sie nur hastig und mit unsteter Hand hatte ordnen können, zerrissen und kläglich zerknüllt. Als sie über die Brücke kam, ließ sie den Schlüssel zu der Tür in den Fluß fallen. Sie mußte vor dem Dom einige Minuten auf ihr Geleite warten und quälte sich in der Zwischenzeit mit Vorstellungen ab, der Schlüssel könne bereits durch ein Netz aufgefischt und als der rechte erkannt worden sein. Ihre geängstigte Phantasie malte ihr bereits die geöffnete Tür, die Entdeckung der Leiche, ihre Verhaftung am Tor, Gefängnis und die Anklage auf Mord vor. Während noch solche Gedanken ihrem Gehirn zu schaffen machten, erschien das Gefährt, nahm sie, auf und fuhr weiter. »Ist ein Lärm in den Straßen?« fragte sie ihren Begleiter. »Nicht mehr als gewöhnlich«, versetzte Mr. Cruncher und sah sie erstaunt ob dieser Frage und ihrem Äußeren an. »Ich höre Euch nicht«, fuhr Miß Proß fort. »Was habt Ihr gesagt?« Vergeblich wiederholte Mr. Cruncher, was er gesagt hatte. Miß Proß konnte ihn nicht hören. »So will ich mit dem Kopfe nicken«, dachte Mr. Cruncher bestürzt; »jedenfalls wird sie dies sehen.« Er hatte damit nicht unrecht. »Ist jetzt Lärmen in den Straßen?« fragte Miß Proß wieder. Und Mr. Cruncher nickte wieder mit dem Kopfe. »Ich höre ihn nicht.« »Taub geworden in einer Stunde?« sagte Mr. Cruncher verstört vor sich hin. »Was mag an sie gekommen sein?« »Ich meine, einen Blitz gesehen und ein Krachen gehört zu haben«, sagte Miß Proß, »und es ist mir, als sei dieses Krachen das letzte gewesen, was ich je in meinem Leben hören soll.« »Ich will des Henkers sein, wenn dies nicht ein kurioser Zustand ist«, sagte Mr. Cruncher, in dessen Gehirn es immer unklarer wurde. »Hat sie vielleicht etwas zu sich genommen, um sich den Mut aufrechtzuerhalten? Horch! Da kommen die schrecklichen Karren einhergerollt! Die könnt Ihr doch hören. Miß?« »Ich höre gar nichts«, versetzte Miß Proß, die es seinem Munde absah, daß er sprach. »O, mein guter Mann, zuerst kam ein schreckliches Krachen, und darauf folgte eine tiefe Stille; und diese Stille scheint so fest und wandellos zu sein, als solle sie nie mehr unterbrochen werden, solange ich lebe.« »Wenn sie das Gerassel dieses schrecklichen Karren, die jetzt dem Ende ihrer Fahrt so nahe sind nicht hört«, sagte Mr. Cruncher über seine Schulter zurücksehend, »so ist wahrhaftig meine Meinung, daß sie in dieser Welt nichts anderes mehr hören wird.« Und so war es auch. Fünfzehntes Kapitel. Die Fußtritte verhallen für immer. Durch die Straßen von Paris rasseln die Karren des Todes hohl und rauh. Ihrer sechs führen den Wein des Tages nach der Guillotine. Alle die menschenfresserischen und unersättlichen Ungeheuer, die je der Phantasie entsprangen, sind verschmolzen in der einen Wesenheit Guillotine. Und doch konnte selbst in Frankreichs abwechslungsreichem Boden und Klima kein Grashalm, kein Blatt, keine Wurzel, kein Zweig, kein Pfefferkorn sicherer seine Reise finden als die Saat, die diese Schrecken veranlaßt hat. Ist die Menschheit einmal mit solchen Hämmern formlos geschlagen, so wird sie stets dieselben verzerrten Gestalten wieder annehmen. Streu' aufs neue den Samen ungezügelter Habsucht und Bedrückung aus, und er wird zuverlässig in seiner Art die nämlichen Früchte bringen. Sechs Karren rollen durch die Straßen. Wandle sie, o mächtige Zauberin Zeit, wieder um in das, was sie waren, und sie stellen sich vielleicht dar als die Prachtwagen absoluter Monarchen, die Karossen großer Herren, die Putztische flunkernder Mätressen, die Kirchen, die nicht meines Vaters Haus sind, sondern Räuberhöhlen, die Hütten von Millionen hungernder Bauern! Nein; der große Magier, der majestätisch die von dem Schöpfer gesetzte Ordnung ausführt, ist nicht rückhaltig mit seinen Wandlungen. »Bist du durch den Willen Gottes in diese Gestalt versetzt«, sagen die Seher in Tausendundeiner Nacht zu dem Verzauberten, »so bleibe darin; trägst du sie aber nur als Folge einer Beschwörung, so nimm dein früheres Aussehen wieder an!« Unwandelbar und hoffnungslos rollen die Karren dahin. Während die unheimlichen Näher der sechs Todesfuhren sich drehen, scheinen sie eine lange krumme Furche durch die Volksmassen in den Straßen zu pflügen. Rechts und links werden Gesichterreihen aufgewühlt, und die Pflüge gehen stetig fort. Die regelmäßigen Bewohner der Häuser sind an das Schauspiel so gewöhnt, daß viele Fenster leer stehen oder die dahinter Sitzenden ihre Handarbeit nicht unterbrechen, während ihre Augen die Gesichter auf den Karren mustern. Hier und da hat ein Hausbesitzer Gäste, die das Spektakel mit ansehen wollen; er deutet mit der Selbstgefälligkeit eines legitimierten Raritätenvorzeigers bald auf diesen, bald auf jenen Karren und scheint ihnen zu erzählen, wer gestern und wer vorgestern dagesessen hat. Von den Fahrenden blicken einige auf diese Dinge und auf alles, was um sie vorgeht, mit einem teilnahmlosen Starren, während andere noch einiges Interesse für das Leben und Treiben der Menschen verraten. Einige, die mit gesenkten Häuptern dasitzen, brüten in stummer Verzweiflung vor sich hin, andere sind auf ihre äußere Erscheinung so sorgfältig bedacht, daß sie der Menge Blicke zuwerfen, wie sie solche auf Bildern und in Theatern gesehen haben. Mehrere schließen die Augen und suchen ihre irren Gedanken zusammenzuhalten. Nur einer, ein kläglich aussehendes Geschöpf, ist so verstört und trunken von Entsetzen, daß er singt und zu tanzen versucht. Aber niemand von der ganzen Schar läßt durch einen Blick oder eine Gebärde einen Appell an das Mitleid des Volkes ergehen. Eine Wache von Berittenen zieht den Karren voraus, und oft erheben sich Gesichter zu ihnen und stellen Fragen an sie. Die Fragen scheinen immer die gleichen zu sein; denn stets erfolgt darauf ein Drängen des Pöbels nach dem dritten Karren hin. Die Reiter vor dem Karren deuten häufig mit ihren Säbeln nach einem Mann auf demselben. Jedermann will wissen, welcher es ist: er steht hinten in dem Karren, hat den Kopf gesenkt und unterhält sich mit einem einfachen Mädchen, das seitwärts sitzt und seine Hand festhält. Die Szene um ihn her ist ihm gleichgültig; er spricht ohne Unterlaß mit dem Mädchen. Da und dort erhebt sich in der langen Straße von St. Honoré ein Geschrei gegen ihn: wenn es anders einen Eindruck auf ihn macht, so entlockt es ihm bloß ein ruhiges Lächeln und ein Schütteln des Kopfes, das ihm das lose Haar tiefer ins Gesicht wirft. Er kann seinem Gesicht nicht leicht beikommen, da seine Arme gebunden sind. Auf den Stufen einer Kirche steht das Gefängnisschaf und erwartet die Karren. Er sieht in den ersten hinein nicht da; in den zweiten nicht da. Schon fragt er sich selbst: »Hat er mich geopfert?« Aber wie er den dritten erblickt, klärt sich sein Gesicht auf. »Welches ist Evrémonde?«! fragt ein Mann hinter ihm. »Der dort hinten.« »Dessen Hand das Mädchen hält?« Der Mann ruft: »Nieder mit Evrémonde. Zur Guillotine mit allen Aristokraten! Nieder mit Evrémonde!« »Pst! Pst!« flüstert ihm der Spion schüchtern zu. »Warum, Bürger?« »Er geht hin, um seine Vergehen mit seinem Leben zu sühnen. In fünf Minuten hat er gebüßt. Laß ihn im Frieden.« Da der Mann zu schreien fortfährt: »Nieder mit Evrémonde!«, so wendet ihm für einen Augenblick Evrémonde das Gesicht zu. Er sieht den Spion, betrachtet ihn aufmerksam und fährt weiter. Die Uhren schlagen drei; die in dem Volkshaufen gepflügte Furche wendet um, und die aufwärts gerichteten Gesichter ziehen den letzten Karren nach, der Guillotine zu. Um das Gerüst her sitzt wie in einem öffentlichen Belustigungsgarten auf Stühlen eine Anzahl emsig strickender Weiber. Auf einem der vordersten Stühle steht die Rache und sieht sich nach ihrer Freundin um. »Therese!« ruft sie mit ihrer schrillen Stimme. »Wer hat sie gesehen? Therese Defarge!« »Sie hat sonst nie gefehlt« sagte eine von den Strickerinnen. »Nein, und wird auch heute nicht fehlen«, versetzt die Rache ärgerlich. »Therese!« Auf dem Weg zur Guillotine. »Lauter!« bemerkt das Weib. Ja! Lauter, Rache, viel lauter; und doch wird sie dich kaum hören. Noch lauter, Rache, und einen kleinen Fluch oder so etwas dazu; es wird sie kaum herbringen. Schick' die Weiber aus, um die Zögernde auf und ab zu suchen; die Sendlinge sind zwar vor dem Schrecklichsten nicht zurückgescheut, werden aber kaum aus freien Stücken dahin gehen wollen, wo sie sie finden können! »Wie fatal!« ruft die Rache, auf dem Stuhl mit dem Fuße stampfend, »und die Karren sind schon alle da! Evrémonde wird abgefertigt sein im nächsten Augenblick, und sie fehlt. Seht da ihr Strickzeug in meiner Hand und ihren Stuhl, den ich ihr reserviert habe. Ich möchte weinen vor Verdruß und Ärger.« Während die Rache von ihrem erhöhten Standpunkt herabsteigt, um ihren Unmut in der gedachten Weise austoben zu lassen, beginnen die Karren ihre Ladungen abzusetzen. Die Priester der Guillotine sind in ihrem Ornat und bereit. Ritsch! Ein Kopf wird in die Höhe gehalten, und die Strickerinnen, die kaum die Augen erhoben und nach ihm hingeschaut hatten, als er noch denken und sprechen konnte, zählen Eins. Der zweite Karren entleert sich und fährt weiter. Der dritte kommt heran. Ritsch! Und die Strickerinnen, die sich keinen Moment in ihrer Arbeit stören lassen, zählen Zwei. Der vermeintliche Evrémonde steigt ab, und nach ihm wird die Näherin heruntergehoben. Er hat beim Aussteigen ihre ungeduldige Hand nicht losgelassen und hält sie noch immer, wie er ihr versprochen. Er gibt ihr eine Stellung, daß sie der unheimlichen Maschine, die stets auf- und niedergeht, den Rücken zuwende; sie sieht zu ihm auf und dankt ihm. »Ohne Euch, mein teurer Fremder, wäre ich nicht so gefaßt, denn ich bin von Natur ein furchtsames armes Geschöpf. Ich hatte nicht vermocht, meine Gedanken Dem zuzuwenden, der in den Tod gegangen ist, damit wir heute in ihm Trost und Hoffnung finden. Wahrhaftig, Euch hat der Himmel mir zugesendet.« »Oder Euch mir«, sagt Sydney Carton. »Haltet Eure Augen auf mich gerichtet, mein liebes Kind, und achtet nicht auf die andern Dinge.« »Ich habe keinen Sinn für sie, solange ich Eure Hand festhalte; und lass' ich sie los, so werden sie wohl rasch machen.« »Sie machen rasch; seid unbesorgt.« Die beiden stehen in dem schnell sich lichtenden Gedränge der Opfer, sprechen aber miteinander, als ob sie allein seien. Auge in Auge, Stimme gegen Stimme, Hand in Hand und Herz gegen Herz; die beiden Kinder der gemeinsamen Mutter, sonst so weit voneinander getrennt, haben sich zusammengefunden auf der dunkeln Heerstraße, um miteinander einzugehen in die Heimat und in ihrem Schoße auszuruhen. »Wackerer, edler Freund, wollt Ihr mir noch eine letzte Frage erlauben? Ich bin so gar unwissend, und ein Umstand beunruhigt mich noch ein wenig.« »Sprecht.« »Ich habe ein Bäschen, eine einzige Verwandte, eine Waise wie ich, und ich liebe sie zärtlich. Sie ist fünf Jahre jünger als ich und lebt auf einem Bauernhofe im Süden. Die Armut hat uns getrennt, und sie weiß nichts von meinem Schicksale denn ich kann nicht schreiben , und wenn ich's auch könnte, wie sollte ich's ihr beibringen? Es ist besser so, wie es ist.« »Ja, ja, es ist besser so.« »Ich habe mir im Herfahren Gedanken gemacht, und ich beschäftige mich noch damit, während ich Kraft hole aus der Seelenstärke, die aus Eurem wohlwollenden Antlitze spricht ob sie wohl noch lange leben und vielleicht alt werden wird, wenn die Republik wirklich den Armen zugut kommt und dafür sorgt, daß sie weniger hungern und überhaupt weniger leiden müssen?« »Wie kommt Ihr auf dies, meine sanfte Schwester?« »Glaubt Ihr« die nicht klagenden Augen, die so viel Standhaftigkeit ausdrücken, füllen sich mit Tränen, und die Lippen öffnen sich bebend etwas weiter , »die Zeit werde mir dann lang vorkommen, wenn ich auf sie warte in dem besseren Land, wo wir beide, wie wir hoffen, einen barmherzigen Schutz gefunden haben werden? »Unmöglich, mein Kind; dort gibt es keine Zeit und keine Sorge mehr.« »Ihr werdet mir zum großen Troste. Ich bin so unwissend. Darf ich Euch jetzt küssen? Ist der Augenblick gekommen?« »Ja.« Sie küßt seine Lippen und er die ihrigen. Sie segnen einander feierlich. Die freie Hand zittert nicht, nachdem er sie losgelassen hat, und in den holden, strahlenden Mut des geduldigen Gesichts mischt sich kein unedler Zug. Sie geht unmittelbar vor ihm hin es ist vorbei. Die strickenden Weiber zählen Zweiundzwanzig. »Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt der Herr. Wer an mich glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebt und an mich glaubt, der wird nimmermehr sterben.« Gemurmel vieler Stimmen. Viele Köpfe richten sich mehr in die Höhe; von dem äußeren Rande der Volksmasse drängen Fußtritte näher heran, so daß es massenhaft sich vorwärts arbeitet wie eine ungeheure, alles mit sich fortreißende Woge. Dreiundzwanzig. Man sagte an jenem Abend in der Stadt von ihm, nie habe man dort ein friedvolleres Menschenantlitz gesehen. Ja, viele wollten sogar eine prophetische Erhabenheit darin erkannt haben. Eines der denkwürdigsten Schlachtopfer der Revolution eine Frau hatte nicht lange vorher am Fuße des Schafotts um die Erlaubnis gebeten, die Gedanken niederzuschreiben, die sie erfüllten. Hätte er den seinigen sie waren prophetisch Ausdruck leihen wollen, so würden sie folgendermaßen gelautet haben. »Ich sehe Barsad und Cly, Defarge, die Rache, den Geschworenen, den Richter und lange Reihen von neuen Unterdrückern, die aus dem Untergang der alten hervorsprossen, unter diesem vergeltenden Instrument fallen, ehe es seinem gegenwärtigen Gebrauch entzogen wird. Ich sehe eine schöne Stadt und ein prächtiges Volk aus diesem Abgrunde sich erheben; und in seinen Kämpfen um wahre Freiheit, in seinen Triumphen und Niederlagen durch eine lange Reihe von Jahren hindurch sehe ich das Böse dieser Zeit und der vergangenen, aus der es naturgemäß hervorwuchs, allmählich sich sühnen und untergehen. Ich sehe die Leben, für die ich das meinige opferte, im Frieden und Wohlstand, nützlich und glücklich verrinnen in jenem England, das mein Auge nicht mehr schauen wird. Ich sehe sie mit einem Kind auf ihrem Schoße, das meinen Namen trägt. Ich sehe ihren Vater, alt und gebeugt, aber sonst vollkommen genesen, wie er prunklos und getreu die Pflichten seines Berufes gegen jedermann übt. Ich sehe, wie zehn Jahre später der wohlwollende alte Mann, der so lange ihr Freund war, ruhig in die Ewigkeit eingeht zu seinem Lohn, nachdem er sie mit seinem ganzen Besitztum bereichert hat. Ich sehe, daß ich mir ein Heiligtum erbaut habe in ihren Herzen und in den Herzen ihrer Nachkommen auf Generationen hinein. Ich sehe sie, wie sie als eine alte Frau bei jeder Wiederkehr dieses Tages mir eine Träne weiht. Ich sehe, wie sie nach vollbrachtem Laufe an der Seite ihres Gatten in ihrem letzten Erdenbette ruht, und weiß, daß keines das andere in seinem Herzen mehr ehrte und heiliger hielt, als beide mich ehrten und heilig hielten. Ich sehe das Kind, das auf ihrem Schoß ruhte und meinen Namen trägt, zum Manne gereift, wie er sich aufwärts schwingt auf dem Pfad, der vordem der meinige war. Ich sehe ihn meinen Namen herrlich machen durch das Licht des seinigen und sehe, wie die Flecken, die ich ihm anheftete, verblichen sind. Ich sehe ihn zuvörderst unter gerechten Richtern und geehrten Männern sehe, wie er einen Knaben meines Namens mit dem goldigen Haar und der Stirn, die ich kenne, zu diesem Platz bringt er ist jetzt schön anzusehen und zeigt keine Spur mehr von der Entstellung der Vergangenheit , und höre, wie er mit weicher, bebender Stimme dem Kleinen meine Geschichte erzählt. Es ist etwas weit, weit Besseres, was ich tue, als was ich je getan habe; und die Ruhe, in die ich eingehe, ist eine weit, weit bessere, als mir je zuteil wurde.«