Felix Dahn Kämpfende Herzen Vier Erzählungen. * Die zweite Serie dieser »Neuen wohlfeilen Gesamtausgabe« in einer Auflage von zwanzigtausend Exemplaren in der Buchdruckerei von Ernst Hedrich Nachfolger in Leipzig gedruckt. Den Einband und die Innentitel zeichnete Erich Gruner in Leipzig. Die Buchbinderarbeiten besorgte H. Fikentscher in Leipzig. Reinhart und Fatme. (1854) Erstes Kapitel. Der Überfall. – »Was giebt's hier? – Deutsche Hiebe!« Fiesko Wenige Tagereisen hinter Antiochia, da, wo die letzten Ausläufer des Gebirges sich in die große syrische Sandebene verlieren, liegen einander zwei kleine Hügel in naher Nachbarschaft gegenüber, so daß sie eine Art Engpaß bilden, der von den Arabern der Umgegend ›die Pforte der Wüste‹ genannt wird. Der heiße Atem dieser nachbarlichen Wüste läßt keinen saftigen Pflanzenwuchs dort aufkommen; nur die begnügsamen zähen Stauden des syrischen Heidekrauts überziehen die Höhen. Eine schlanke Cederpalme ragt einsam auf des steileren Hügels Gipfel, ihre plastische Gestalt scharf abzeichnend in dem hellen fast immer blauen Himmel und nur manchmal träumerisch die gefiederten Blätter im Winde leise bewegend. Hinter diesem Hügel lagerte eine Schar von etwa fünfzig Gewaffneten, lauernd und sorgfältig verhütend, daß die Spitzen ihrer Speere oder ihre hellen Helme über die bergende Erhöhung hinaus blitzten. Wann einer der Reisigen dies versah, ward er rasch und kräftig von einem der drei Ritter, die den Zug führten, zur Vorsicht gemahnt. Das rote Kreuz auf der linken Schulter ihrer Waffenröcke bezeichnete sie als zu dem Heere gehörig, das unter dem frommen Gottfried soeben Antiochien erobert, die zu spät eingetroffenen Entsatztruppen des türkischen Feldherrn Korboga geschlagen und nun unter schweren Leiden den Zug durch die Wüste nach seinem heiligen Ziel angetreten hatte. Nur mühevoll und äußerst langsam konnten die ›Franken‹, unkundig des Weges, ungewohnt des Klimas und der Wüstenfahrt, im feindlichen Land, überall von den kühnen und schlauen Feinden umschwärmt, vorrücken. Schon viele Tausende der Kreuzfahrer waren auf dem kurzen Wege von Antiochia den Beschwerden des Zuges und den Listen der Araber erlegen, Beutesucht, Abenteuerlust und ungemessener Kampfdurst verleiteten gar oft die Ritter, sich in kleinen Zügen von der Straße des Hauptheeres hinweg in das Innere des Landes zu wagen und selten, fast nie kamen diese Streifzügler glücklich ins Lager zurück; sie ließen sich von verstellter Flucht der saracenischen Reiter oder von scheinbar günstiger Beutegelegenheit weit von dem Heere hinweglocken, bis sie, in einen Hinterhalt der überlegenen Feinde geraten, kläglich und ohne Nutzen für den großen Zweck des Zuges untergingen. Die Macht der Christen schmolz täglich mehr zusammen und drohte, tropfenweise zu verbluten. Deshalb verbot der Herzog von Lothringen, der ohnehin seine liebe Not hatte, das aus den trotzigen, hochmütigen Edelleuten so vieler Völker locker zusammengefügte Heer nur einigermaßen in Frieden beisammenzuhalten, diese vereinzelten Streifzüge der Ritter aufs strengste. Er hatte sogar ein von allen Fürsten des Heeres beschworenes Kriegsgesetz erwirkt, daß jeden der Tod treffen solle, der auf eigene Faust von dem Zuge des Heeres sich entferne. Allein auch diese blutige Drohung schreckte die kampflustigen Ritter nicht ab; sie wußten, daß im Fall ihrer glücklichen Wiederkehr, mit Sieg und Beute die Strafvollziehung an der allgemeinen Gesinnung des Heeres kräftigem Widerstand begegnete. So war auch dieser Streifzug ohne Wissen und Willen des Oberfeldherrn unternommen worden. Vor einigen Tagen war ein arabischer Überläufer zum Christenheer geflohen und hatte dort die deutschen Ritter, auf deren Abteilung er zufällig gestoßen war, aufgefordert, einen alten Emir, der aus der von den Franken beherrschten Nähe von Antiochien mit einer reizenden Tochter und mit vielen reichen Schätzen auf Kamelen durch die Wüste in das Innere der Gebirge flüchten wolle, auf seinem Zug zu überfallen; die Schilderungen, die er von der Beute machte, hatten bald Teilnehmer für das Abenteuer gewonnen und Mustapha selbst erbot sich, sie an den besten, gelegensten Ort zu führen. Er war es auch, der mit der größten Ungeduld immer wieder hinter dem Stamme der Palme hervor nach der Richtung spähte, in der man die Karawane erwartete. Die drei Ritter lagen auf ihren Mänteln in dem Schatten, den ihre gesattelt und gezäumt harrenden Rosse warfen, die mit wenig Behagen die trockenen Ranken des Heidekrautes benagten. Der älteste unter jenen, ein stämmiger Westfale mit trunkgerötetem Antlitz und feistem Wanst, der am meisten unter der glühenden Hitze des arabischen Mittags zu leiden schien, war in Schlaf verfallen und schnarchte gewaltig. Der jüngste dagegen, der kaum zwanzig Jahre zählen mochte, lag in sinnender Betrachtung seiner kunstvoll und reich gestickten himmelblauen Schärpe, deren goldene Fransen er langsam durch die Finger gleiten ließ. Mit einem fast schüchternen Blick schaute er um sich: als er sich unbeachtet sah, preßte er die Stickerei rasch an die Lippen und strich sich dann, wie in träumerischer Weltvergessenheit, die hellen blonden Locken aus dem Gesicht, die ihm in langen Ringen bis auf die Schulter wallten. Der dritte, ein Jüngling von etwa fünfundzwanzig Jahren, dem sein schlanker Wuchs und das kurzlockige kastanienbraune Haar ein kühnes Ansehen gaben, das der feurige Blick des dunkeln Auges verstärkte, schien die Ungeduld des arabischen Spähers oben auf dem Hügel am lebhaftesten zu teilen. Sein Anzug war nicht so zierlich wie der des jüngsten, und mehr kriegerisch knapp als der des ältesten seiner Genossen. Er griff bald an das Schwert in der Scheide, bald an den Dolch im Gurt und rief endlich, indem er klirrend aufsprang und auf einen fern am Horizont auftauchenden Schatten hinwies: »Sie kommen!« Auf dies Wort geriet die ganze Schar in Bewegung; die Gelagerten richteten sich auf und ergriffen ihre Waffen, Mustapha aber eilte von dem Hügel herunter, winkte ihnen, innezuhalten, und warf sich auf die Erde, das Ohr fest auf den trockenen Sand pressend. Nach kurzem Lauschen sprang er auf und rief, die Gefährten beschwichtigend. – »Sie sind es nicht!« »Wie?« rief der mittelste der Ritter, der schon im Sattel seines Brabanter Rappen saß. »Ich sah deutlich flüchtige Schatten vieler Gestalten im Norden auftauchen – da, ich sehe sie noch dahinschweben.« – »Es ist ein Rudel flüchtiger Gazellen. Ich habe ihren leichten Galoppsprung deutlich erkannt: das ist nicht der gleichmäßige Schritt des Kamels der Karawane. Der Wüstensand trägt die Erschütterung so weit – es sind aufgeschreckte Gazellen! Seht, der Schattenzug nimmt seine Richtung seitwärts, nicht hierher. Doch vielleicht sind sie die Vorboten des Zuges, der sie aufgescheucht haben mag.« »Plagt dich der üble Höllenwirt, Reinhart!« schrie der dicke Westfale dem jungen Ritter zu, der mißmutig von seinem Tiere sprang, »daß du ehrliche Leute aus ihrem Mittagsschlaf aufschreckst mit deiner thörichten Kinderfreude auf harte Hiebe? Ach, mir träumte so schön! Ich lag im tiefsten Altkeller meines Schlosses bei Paderborn unter dem Spundloch des edelsten Fasses und sperrte den Rachen auf und ließ mir den vollen Strahl Rheinwein in die Gurgel rinnen. Und du weckst mich auf zur Glut dieses ausgetrockneten heidnischen Backofens.« »Mich wundert schon lange, Herebrant, wie Ihr dazu gekommen seid, das Kreuz zu nehmen,« entgegnete lachend der Gescholtene. »Was hat Euch hinter Euren alten Rheinweinfässern hervorzutreiben vermocht?« Das rote lustige Gesicht Herebrants legte sich plötzlich in finstere Falten, er schlug ein ungeschlachtes Kreuz, daß sein Harnisch klirrte und murmelte dabei: »Stauf, das verstehst du nicht. In deinem Alter, du junger Schlagetot, und bei deinem heißen Blut bedurfte es freilich nichts als dir zu sagen: ›die Damascenersäbel der Araber sind schärfer als unsere blauen Kölner Klingen,‹ um dir die Haut zu kitzeln und dich vom Rhein an den Jordan zu treiben. Ich aber,« fuhr er ernster fort, »ich bin hier ins gelobte Land gezogen, – es ist eigentlich recht und billig, daß Ihr's wißt, damit Ihr mich danach mögt lieb behalten oder laufen lassen – ich bin hier, weil ich ein Pfäfflein erschlagen habe!« Reinhart blieb ruhig bei diesen Worten und warf nur einen raschen Blick seiner dunklen Augen auf Herebrant. Der Blondlockige aber fuhr einen Schritt zurück und rief: »Wie? Herebrant von Tiefentrunk ein Mörder?« – »Mord? Nein, bei Sankt Hubertus, beruhige dein blondes, bleichsüchtiges Gewissen, Arnold von Lichtenau! Ich brauchte dem Kerl nicht von hinten zu kommen, der um den Bauch nicht so dick war als ich um den Hals. Kein Mord, ehrlicher Totschlag in ehrlichem Zorn und Rausch. Zudem – es liegt bei uns im Blut. Bin ich doch nicht der Namengeber des Hauses Tiefentrunk: – ich muß trinken, weil meine Väter getrunken haben. Hätte mein Vater dem feurigen Hubertusberger nicht so zugesprochen, – das Pfäfflein möchte heute noch leben und Messe singen und ich säße nicht unter dem Palmbaum der Wüste.« »Wie seid Ihr zu dem Unglück gekommen?« fragte Arnold noch immer befremdet. »Ei, in Hitze und Hast, dem bösen Gast. Ich lag zu Paderborn in der Stadt, das Pfingstfest dort zu feiern. Heiß glühte die Sommersonne auf die alten Dächer, ich floh mit ein paar Gesellen in den kühlen luftigen Keller des Bischofs; am Samstag vor Pfingsten stiegen wir hinunter und nicht mehr vom Fleck gerührt bis die Feiertage schier um waren; wir haben Messe vertrunken und Hochamt. Da kam am Pfingstmontag Abend der Burgpfaff von Paderborn und wollte uns aufstöbern, schalt uns und schmähte, und meinte, wir sollten wenigstens jetzt noch die Vesper hören. Wir blieben sitzen, lachten und tranken; ich wies auf ein riesig Altfaß von köstlichem Hubertus und sagte: ›Pfäfflein, bis das Faß nicht leer ist, rühr' ich mich nicht vom Fleck, und ob alle himmlischen Heerscharen Vesper sängen in Paderborn.‹ Da ward das kleine Männlein ganz zornig und schrie: ›Fahr aus, du Weinteufel!‹ und denkt euch! sprang auf das Faß zu und riß den Spundhahn heraus, daß der edle Saft armsdick auf die Kellersteine schoß; das zürnte mich mächtig, daß der Tropf die gute Gottesgabe so vergeudete; und der Wein von den drei Tagen ward auch heiß in meinem Kopf, und ich warf dem Pfäfflein den steinernen Humpen an die Schläfe, daß es hinfiel und nicht mehr aufstand. Mir that's leid, sowie's geschehen: denn es war ein gar frommer und gelehrter Herr. Meine Freunde aber rissen mich herauf in den Hof und gaben mir einen Gaul, und ich jagte durch die Stadt, die Meßkrämer rührten die Blutglocke, die Weiber warfen mir, als ich über den Markt sprengte, ihre Töpfe nach und alle Straßenjungen und alle Hündlein von Paderborn sprangen schreiend und bellend hinter mir drein. Aber ich spornte mein Rößlein und jagte zum Petersthor hinaus, ehe der Wärter das Fallgitter herabwerfen konnte, und fort auf meine Burg. Der Herzog in Sachsen nun hatte nicht viel Aufhebens gemacht von der Sache, wie er denn ein ritterlicher und gerechter Herr ist. Aber unsere heilige Mutter, die Kirche, und die Herren von der Tonsur, die gaben nicht nach; sie luden mich nach Paderborn dreimal und als ich natürlich nicht kam, da ruhten sie nicht, bis ich in des Reiches Acht und Aberacht lag und mit ihrem Kirchenbann gaben sie der Suppe das Salz. Und dauerte nicht lang, lagen die Achthelfer zu dreihundert Mann, lauter Bürger von Paderborn, vor meiner guten Burg, und wollten mich heraustreiben mit Feuer und Schwert, wie man den alten Fuchs aus seinem Bau brennt, und der fromme Bischof von Paderborn trieb selbst seine Beichtkinder zum Sturm auf meine morschen Wälle und ritt ihnen voran, den Psalter in der Linken und den Streitkolben in der Rechten. Da ging's uns nachgerade hart, mir und den Meinen; wir hatten nichts mehr zu beißen als unsere Lederwämser und nichts zu trinken als Cisternenwasser. – Pfui Teufel! – Und konnte mich doch nicht ergeben an die Kittelschneider von Paderborn. Da, zu meinem Glück, ging durch alles Land das Geschrei vom heiligen Grab und seiner Not und wie Papst und Kaiser Bann und Acht losten, wenn einer gegen die Heiden zöge nach Morgenland. Da nahm ich mit meinen Gesellen das Kreuz. Und der Bischof ließ mich ziehen mit seinem Segen. Doch mußte ich vorher mein Schloß und Gut mit Wasser und Weide, mit Wunn und Wald, mit Höfen und Hufen Unserer Lieben Frau zu Paderborn für den Fall meines Todes im Morgenlande verschreiben; und der dürre Saracene, der mich einmal auf seine Lanze spießt, der ahnt nicht, daß er sich den Dank des Marienstifts in Alt-Paderborn daheim erwirbt.« »Alter Freund,« sprach Reinhart und schritt auf ihn zu, »du bist mir nicht minder wert ob deines Unglücks; mir ist, dergleichen könnte jedem von uns begegnen. Aber das schwöre ich dir, du ehrliche Haut: der Heide, der dich totschlagt, erschlägt auch mich – oder ich ihn.« Er schüttelte ihm die Hand. Herebrant war gerührt: »Gott lohn' dir deine Treu', du wackrer Junge.« Auch Arnold trat hinzu: »Verzeiht mir, Tiefentrunk: ich will Euch wohl, wenn ich auch Eure Art nicht verstehe und nicht teile; ich bin von anderem Stoff als ihr beiden.« »Oho,« lachte der Alte, »Reinhart wird sie nicht Wort haben wollen, die Ähnlichkeit mit mir, der junge Wanderfalk mit mir alten Rohrdommel. Du bist ein guter Bursch, aber noch gar jung; und die verfluchte Verliebtheit, die macht dich gar zu fein; willst immer hübsch gelinde fahren in dieser harten Welt und weißt noch nicht recht, was für ein starkes Ding das Blut ist im Menschen. Wie kamst du in deinen jungen Tagen schon soweit vom Nest? Bist ja kaum flügge.« Der Jüngling errötete, er schien, unentschlossen, zu bedenken, ob er auf die Frage Auskunft geben solle. Endlich strich er mit einer anmutigen Bewegung die gelben Locken aus der Stirn und begann: »Und warum auch ihr Freunde, solltet ihr nicht wissen, was mein Herz bewegt? Ich denke, meine Aufrichtigkeit soll mir nicht schaden, sie soll mir nützen in eurer Meinung; ihr werdet es hinfort leichter begreifen und entschuldigen, wenn ich träumerisch bin und achtlos meiner Umgebung. In wenigen Worten ist mein Los erzählt: mich führte die fromme Pflicht der Liebe her. Vom Knaben auf liebte ich die Gespielin meiner Kindheit, das holdseligste Mädchen des blühenden Frankenlandes, Anna von Rineck; nachbarlich grüßten sich die Burgen unserer Väter; doch ach, unsere Herzen trennte ein unzerbrechlicher Riegel: ein Gelübde, wodurch Annas Mutter in tödlichen Geburtsschmerzen ihr Kind der heiligen Anna verlobte, wenn diese durch ihre mächtige Hand beider Leben erhalten wollte; Mutter und Kind genasen aus der Gefahr und Anna ward dem Kloster geweiht; vergebens alle Bemühungen unserer Eltern, die unsere Liebe entdeckten und mit Freude billigten, die geistlichen Bande zu lösen. Die Äbtissin wies jeden Loskauf zurück und bestand auf Erfüllung des Gelübdes; schon war Annas achtzehnter Geburtstag nahe herangekommen, der Tag, der ihr Haupt mit dem Schleier umhüllen, – sie meinen Augen auf ewig entziehen sollte. Da drang auch in unsere grünen Hügel die Predigt von dem heiligen Grab und wie der heilige Vater zu Rom Dispens und Ablaß jedem spende, der da pilgern wollt' ins Morgenland und mit den Saracenen kämpfen. Wir trugen dem Generallegaten des Papstes den Fall jenes Gelübdes vor, er schrieb nach Rom und bald kam der Bescheid zurück: ,Die heilige Anna verzichtet auf ihr Recht zu gunsten des Heilands und seines Grabes. Der Jüngling ziehe ins Morgenland und lege die blonde Stirnlocke seiner Geliebten auf das befreite Grab zu Jerusalem. Damit sei das Gelübde gelöst und er kehre heim und freie seine Braut; diese aber harre seiner im Sankt Annakloster und fällt er im Morgenland, so muß sie ihr Gelübde erfüllen und beider Erbe verfällt dem Stift. –‹ Der Kaiser erließ mir die fehlenden Jahre, er schlug mich zum Ritter und so brach ich auf ins Morgenland; in diese blaue Schärpe eingenäht trag' ich die heilige Locke der Geliebten; und ihr werdet nun die stille Sehnsucht mir vergeben, die mich so oft beschleicht; viel teure Augen härmen sich um mich daheim, und es ist billig, daß ich den Seufzern Antwort gebe, die jeder Abendwind mir aus dem fernen Franken bringt.« »Armer Junge!« sprach Herebrant, ihm die Hand reichend. »An Eurer Stelle,« lachte Reinhart, »hätte ich die blonde Anna zuerst gefreit und erst nach der Hochzeit mich auf die lange Reise gemacht.« »Man sieht, Stauf,« erwiderte Arnold verletzt, »daß Ihr das Wesen der echten Minne nicht kennt. Sonst wüßtet Ihr, daß es mich selig macht, eine Probezeit opfernder Entsagung zu bestehen; nun und nimmer kann ja sündiger Mann wie wir die Liebe reiner Frauen verdienen. Und wird sie auch niemals mein, – ich weiß, sie liebt mich: mein war der erste Dufthauch ihrer aufgeknospten Seele: – gleichviel, ob ich die Blume pflücke oder nicht, – für mich hat sie geblüht, das ist mir genug. Doch was red' ich zu Euch! Ich weiß, Ihr verachtet die Frauen und hasset die Minne.« »Ich pflege nicht zu verachten und zu hassen, was ich nicht kenne und niemals kennen lernen will!« sagte Reinhart kurz und wandte sich von den Genossen, wieder seinen Späherplatz unter der Palme einnehmend. »Oho,« rief ihm Herebrant nach, »nur nichts verschwören, du wilder Fall. Du findest auch noch die weiche, weiße Hand, die dich kirre macht und dir das stolze Flügelschlagen abgewöhnt. Die Minne ist der Engpaß, durch den jeder muß, der ein echter Mann werden will. Man muß nur nicht drin stecken bleiben, wie unser Freund Arnold. Sie ist eine Kinderkrankheit, über die man lachen darf, wenn man sie bestanden hat, wie ich; du jedoch, du hast kein Recht, darüber zu lachen; in deinen dunkeln Augen schläft ein Funke, der giebt einen Höllenbrand, wird er entzündet. Aber sprich: weshalb hast du den rauschenden Rhein vertauscht mit dem schleichenden Jordan?« Reinhart achtete der Frage nicht: – er sah, die gepanzerten Arme auf der Brust gekreuzt, scharf nach dem Feinde aus. »Ich will's euch sagen, ihr Herren,« sprach der alte Knappe, der bisher schweigend dem Gespräch der drei Ritter gelauscht und nun näher kam; »ich will's euch nur sagen. Denn von meinem stolzen Eisensohn da oben erfahrt ihr doch nichts. Er liebt die Worte nicht.« – »Aber Ihr liebt sie desto mehr, Gottschalk, wenn Ihr von Eurem jungen Herrn reden könnt! Nun, nur zu, lobt ihn nur. Denn bei Euch ist von ihm sprechen und ihn loben eins.« »Bin nicht der einzige darin, Ritter Herebrant,« schmunzelte der Alte. »Niemand sucht die Gunst der Menschen weniger, als mein Reinhart und niemand findet sie so reich auf allen seinen Wegen. Aber er verdient es auch, mein Reinhart mit seinem goldigen Herzen! Keiner kennt ihn so wie ich; ich habe ihn erzogen von klein auf, ich habe ihm den ersten Pfeil geschnitzt, habe ihn zuerst mit heimlich aufs Pferd gesetzt und zur Jagd geführt ohne Wissen der seligen Gräfin. War eine schöne Frau, die Gräfin. Ich sehe es noch heute, wie Graf Stauf, der tapfere Ghibelline, für Kaiser Heinrich Piacenza eroberte, das die zähen Colonnas, die stolzen Guelphen, drei Monate lang verteidigt hatten. Nachdem der alte Colonna bei einem Ausfall erschlagen worden, führte seine zwanzigjährige Tochter Fiammetta die Belagerten; und als wir endlich die Mauern erstiegen, fand sie Graf Stauf auf dem höchsten Turm mit Banner und Schwert. Er entriß ihr die Waffen und nahm sie gefangen. Acht Wochen später war sie sein Weib und saß am blauen Rhein auf Staufenberg. Von ihr hat unser Reinhart das dunkle Haar und das heiße Blut. Sie erzog ihn allein, denn den Vater verlor er früh. Von ihm hat er das weiche Herz, – das Gemüt wie ein Kind. Aber das trotzige, welsche Blut schämt sich der guten, milden Art, er will nichts hören von seiner eigenen Empfindung, er stellt sich böser und härter als er ist. Nur gegen die Weiber, – da ist er wirklich spröd und hart; hat aber auch seinen guten Grund: hat ihm noch keine von unseren helllockigen Edelfräulein gefallen wollen. Die Mutter drängte ihn oft schon zur Freite, weil sie dachte, ein holdes Weib würde ihn am leichtesten zu Hause halten und ihm die feurige Kriegslust austreiben, die ihn alle Fehden vom ganzen Reich mitfechten hieß, die ihn gar nichts angingen. Aber wann er heimkam von den Festspielen und Turnieren, wo gar manches schöne Auge den spröden Eisenritter verfolgte, der allein keiner Dame Farben und Schärpe trug und der so oft den Siegesdank mit ruhigem Herzen aus einer zitternden Fräuleinshand nahm, – wann er da heimkehrte und ihn die Mutter fragend ansah, da schüttelte er stolz die krausen Locken und wies auf die nachtlockigen Italienerinnen, die in dem Ahnensaal des Schlosses hängen, die weibliche Sippe seiner Mutter, von welschen Meistern mit glühenden Farben auf Goldgrund oder Elfenbein gar prachtvoll gemalt, weit schöner als unsere Meister es können zu Mainz; auf diese schwarzen Dominä wies er und lachte: ›Ehe nicht eine unter diesen heruntersteigt von der Wand, siehst du keine Schwiegertochter, Mutter! Mir ist, diese Wachsgebilde aus dem Elsaß und aus Schwaben müßten zerschmelzen bei meinem ersten Kuß. Sie langweilen mich mit ihren Taubenseelen.‹ Und dann mußte ihm die Mutter erzählen von ihren Gespielinnen, den dunklen Schönen von Welschland, und ihrer glühenden Minne, wie sie wandeln unter Lorbeern, Myrten und Palmen. Die gute Frau, sie sollte gar keine Tochter begrüßen! Als sie gestorben war, stürzte sich Reinhart von Fehde zu Fehde, den Schmerz um die heißgeliebte Mutter zu vergessen. Und als in Deutschland überall Friede war, zogen wir über die Alpen, den Ghibellinen dort drüben zu helfen gegen den guelphischen Papst; wir kamen bis vor Rom am gelben Tiber, und schon freute sich Reinhart auf einen frischen Sturm gegen die Engelsburg, da erscholl die Kunde vom heiligen Grab und von der Pflicht aller Christenritter, dem Heiland zu helfen aus der heidnischen Gefangenschaft. Flugs schlossen die Ghibellinen Frieden, und wir knieten vor dem heiligen Vater, den wir mit Feuer und Schwert zu bekämpfen gekommen waren, und ließen uns das rote Kreuz anheften und zogen ins Morgenland, bloß deshalb, weil es daheim keinen Krieg mehr giebt und keine lustige Hantierung mit Schwert und Lanze.« »Nun,« meinte Herebrant, »wenn ihr der Streiche halber gekommen seid – da seid ihr nicht fehlgegangen. Denn diese Heiden, – sie mögen unrichtig beten, aber sie schlagen sich ganz richtig. Doch zu dieser heutigen Abenteuerfahrt hat deinen spröden Reinhart nicht die Kampflust allein getrieben.« – »Was denn sonst?« – »Als der Heide zu unseren Zelten kam – Gott verdamm' ihn, daß er uns soweit in diese Glühhitze geführt hat, der letzte Schluck aus meinem Schlauch geht zu Ende! – und uns soviel von den blitzenden Juwelen und dem roten Golde des alten Emirs erzählte, blieb Reinhart ganz ruhig bei seinem isländischen Falken, den er zur Beize schirrte. Wie aber Mustapha die schöne Fatme zu schildern begann in seinen langatmigen Gleichnissen, wie sie die Perle der Wüste sei, mit ihren purpurnen Lippen und den schwarzen Brauen, schön gewölbt wie der Regenbogen – da blitzte sein Auge oft von der Falknern zu uns herüber, bis er endlich den Vogel auf die Querstange warf und, zuerst von uns allen, ausrief: ›Ich reite aus gegen die Karawane, mit euch oder allein.‹ Sieh', wie er da oben späht, die Arme auf der Brust verschränkt, als wollt' er sein Herz am Pochen verhindern. Freund Gottschalk, ich glaube, diese Ungeduld gilt nicht dem Schwert und nicht den Schätzen des Emirs, sie gilt seiner Tochter!« »Der Heidin?« rief Gottschalk entsetzt und schlug ein Kreuz; »mögen Gott und alle seine Heiligen ihn schützen!« – »Nun, es wäre nicht das erste Mal, daß ein Kreuzritter die Minne ... –« »Haltet ein, Herebrant,« unterbrach lebhaft und mit geröteter Wange Arnold, »vollendet nicht die Lästerung! Die sündhafte Lust, die manchen aus unserer Mitte zu jenen üppigen Weibern zog, Minne zu nennen! Minne! Sie ist mir das Heiligste! Sie ist mir meine Frömmigkeit, mein Glaube selbst.« – Und er drückte die blaue Binde innig an die Brust. » Jetzt kommen sie!« rief Mustapha, von der Palmenhöhe herunter – »sie sind's! – Der Boden zittert unter den schreitenden Kamelen: – schon hör' ich auch die hellen Glocken klingen: – da tauchen ihre Schatten empor am Horizont. – Auf, ihr tapferen Frankenherren, zu den Waffen!« Und diesmal war es wirklich die erwartete Karawane, die sich nun mit auffallender Raschheit näherte. Ein Zug von etwa zwanzig Reitern, der die Vorhut bildete, schien die ganze bewaffnete Bedeckung zu sein. Es folgten in zwei dichten Reihen je fünf hochbeladene Kamele, auf deren Häuptern stattliche Federbüsche, mit silbernen Glöcklein behangen, schwankten und den gleichmäßigen, gravitätischen und doch ergiebigen Schritt der merkwürdigen Tiergestalten mit klingendem Nicken begleiteten. Neben und vor den Kamelen schritten Führer und Sklaven unbewaffnet zu Fuß einher. Der Zug mochte nicht über sechzig Köpfe zählen, soweit man ihn bei der Krümmung des Weges überschauen konnte; denn die Karawane war eben zwischen zwei Hügeln, ähnlich dem Standort der Christen, aufgetaucht. »Das wird leichte Arbeit!« rief Reinhart, der schon wieder im Sattel saß und den Helmsturz herabließ. »Bleibt Ihr aus dem Kampf mit Euren Leuten, Herebrant: laßt mich und Arnold mit unsern zwanzig Reisigen den Strauß allein ausfechten: das Dritteil der Beute soll Euch doch bleiben. Auf, Gottschalk, stoß' ins Horn! Sie sollen nicht sagen, wir hätten sie ungewarnt überfallen!« »Recht, meinetwegen!« rief Herebrant. »Bin nicht mehr eifersüchtig auf die Gelegenheiten, Scharten in meine alten Knochen zu bekommen. Aber komm, Gottschalk, hilf mir erst aufs Pferd. Halt, erst noch ein Schluck aus dem Schlauch. – So, der Rest wird getrunken, euren Sieg zu grüßen.« So sprechend, ließ sich der schwerleibige Westfale von Gottschalk mit Hilfe der beiden Steigbügel, deren Schaufeln den großen Schalen einer Wage glichen, auf seinen breitknochigen Hengst heben. Endlich saß er fest und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ah! so, jetzt sitzen wir. Es dauert lange, bis man mich hinaufbringt. Aber dann kriegt mich auch so leicht keiner aus dem Sattel. Vorwärts.« Und er folgte den beiden Jünglingen, die schon mit den zum Angriff bestimmten Reitern aus dem Engpaß hervorgesprengt waren. Sie standen nun auf freiem, gleichem Boden mit der Karawane. Gottschalk stieß auf Reinharts Wink laut in das Horn, das einen drohenden Kriegsruf scholl. Aber wie erstaunten die christlichen Angreifer, als plötzlich zwischen den Kamelen die bisher von dem Rücken der Hügel verdeckte Nachhut der Karawane hervorbrach: eine Schar von über dreihundert wohlberittenen und wohlgewaffneten Saracenen, die augenscheinlich unter bester Führung in ruhiger Ordnung gegen die Christen anrückten. Die Kamele hatten Halt gemacht und zu ihrem Schutz blieb, außer den Fußgängern, eine starke Reiterschar zurück. »Das ist Verrat! Mustapha, du Hund!« schrie Reinhart und fiel dem Pferd des Überläufers, der dicht neben ihm ritt, in die Zügel. »Aber du sollst nicht entrinnen, mit deinen Brüdern über unseren Fall zu frohlocken.« »Thörichter Christ!« antwortete der Saracene mit funkelnden Augen, »ich bin getäuscht wie du. Ich dachte die Karawane Ibrahims allein zu finden: sie hatten beschlossen, allein zu ziehen. Der jene vielen Reiter führt, ist mein Todfeind, mehr wie Eurer, Rodvan, vom Stamm Hasar, dem ich im Himmel nicht begegnen möchte; ich wußte nicht, daß er den Zug seiner Braut geleiten würde.« »Seiner Braut?« fragte Reinhart, ihm die Zügel freigebend. »Und wenn wir dir nun nicht glauben?« rief Herebrant, heranreitend. »Wenn wir in dir einen listigen Schlingenleger sehen und dich in deiner eigenen Schlauheit erwürgen?« – »Thut, wie Ihr wollt und könnt. Mir gilt es gleich. Mein Glück ist doch erloschen. Die Rose meines Wunsches ist verwelkt. Ich will sterben.« »Warum?« rief Reinhart. »Welchen Wunsch hast du gehegt? Was führte dich zum Abfall von den Deinen?« »Jene dort!« antwortete Mustapha glühend, auf eine Frauengestalt deutend, die in leuchtend weiße Schleiergewande gehüllt auf einem der Kamele thronte. »Wer ist das?« fragte Reinhart rasch, mit der Rechten an den Schwertgriff fassend. »Fatme ist's, die Tochter Ibrahims, die Perle von Serad! Sie war meines Stammes. Ich liebte sie schon als Knabe. Die Glut für sie hat mein Gehirn verbrannt. Ich warb um sie und ward verschmäht. Dem dunklen Rodvan, vom mächtigen Stamme Hasar, hat sie ihr Vater bestimmt; so scheint es, wenn sich nicht zuvor ein dunkles Orakel erfüllen wird, das der Alte, der Wunderliche, über das Schicksal seiner Tochter in den Sternen gelesen haben will. Ich verriet ihren Zug an euch, auf daß sie gefangen würde und durch eure Hilfe mein, als mein Anteil an der Beute. Vergebens! Der dunkle Rodvan giebt ihnen Geleit. Das war nicht beschlossen. Jetzt ist alles aus. Aber zu ihren Füßen will ich sterben.« So sprechend gab er plötzlich seinem edlen Roß den Sporn und schoß, ehe ihm Herebrant wehren konnte, wie ein Pfeil über die Ebene, das krumme Damascenerschwert über dem Turban schwingend und kreischend in gellender Stimme: »Fatme, mein ist Fatme!« So jagte er gegen die Reiterschar, deren Führer, auffallend ausgezeichnet gegen alles Herkommen der hell und bunt gekleideten Orientalen durch vollständig schwarze Rüstung, ihm ruhig entgegenritt, Ihre Klingen schlugen aneinander; hell blitzten sie einen Augenblick im Sonnenschein, noch einmal scholl das gellende »Fatme!« aus Mustaphas Mund – dann stürzte er plötzlich wie blitzgetroffen in den Sand von dem Hengst, der ihn getragen und der nun, des Reiters ledig, weitausgreifend, mit gesenktem Hals und mit wallender Mähne hinausjagte in die Wüste. Der Besieger Mustaphas sah auf die Leiche. »Keine Fatme für Verräter! Vorwärts, Brüder! Wehe den fränkischen Räubern!« – Die Lage der Christen war verzweifelt. »Zurück, ihr Jungen,« rief der erfahrene Herebrant, »zurück in den Engpaß! Den halten wir Schwergewaffneten wie eine gute Burg wohl lange Zeit gegen dies luftige Gesindel, gegen diese Stechmücken der Wüste. Zurück, Reinhart!« – »Ich weiche keinen Schritt, diese Hunde sollen meinen Rücken nicht sehen.« – »Wenn du hier bleibst, wirst du umzingelt und zerrissen von der Überzahl, wie der Eber von der Meute. Du kannst hier nicht bleiben.« »Dann will ich vorwärts!« rief Reinhart. Und den Helm auf die Brust beugend, mit dem langen dreieckigen Schilde sich deckend, die Lanze fest eingelegt unter dem rechten Arm, sprengte er auf seinem brustgepanzerten Roß allen Christen voran, mitten in die heransausenden Feinde. Bald verschwand er den Augen seiner Genossen in einem dichten Schwarm der saracenischen Reiter. »Arnold, mein Jung', jetzt, glaub' ich, gilt's nur mehr einen ehrlichen Tod. Zurück in den Engpaß flüchten, unsern heißblütigen Freund in der Klemme lassen, – Schande wär's! Da! Wir sind auch schon umzingelt und abgeschnitten vom Engpaß! Hätte ich doch den Rest Rheinwein noch ausgetrunken! Denn das war doch mein letzter Schluck auf Erden. Mir ist, ich sehe mein gut, alt Schloß bei Paderborn so wenig mehr, als du deine blonde Anna.« – »Gern will ich sterben, ich sterbe für sie!« – »Gern sterben? – Müßt's lügen! Eine Weile wollen wir uns noch unserer Haut wehren.« So sprechend ordnete er die Christen, die jetzt die Angegriffenen waren, in einem engen Kreis, dessen äußerste Reihe aus den Bestbewaffneten gebildet war, die Schilde wie eine Mauer aneinanderschließend, die langen Lanzen daraus drohend hervorstreckend, blieb das kleine Häuflein eine Zeitlang gesichert gegen die leichten Waffen der Saracenen, die keinen Angriff in geschlossenen Reihen versuchten, sondern sie auf flüchtigen Rossen unaufhörlich umkreisten, mit Pfeilen und Wurfspeeren einzelne Unvorsichtige aus der Ferne zu erlegen und so den Kreis zu sprengen suchten. Herebrant ermahnte die Seinen mit lautem Zuruf, sich sorglich zu decken, – nicht durch verstellte Flucht sich zur Verfolgung der gewandten Feinde und zur Entfernung aus dem allein schützenden Kreise verlocken zu lassen. Und mancher Saracene, der sich zu keck in den Bereich seines ungeheuren Schlachtschwertes, das er dann manchmal mit beiden Händen regierte, gewagt, fiel zerspalten vom hurtigen Roß, worauf jedesmal ein lauter Jubelruf des bedrängten Häufleins erscholl. Ein solcher Jubel war es, der den schwarzgewaffneten Führer der Saracenen aus unentschiedenem Zweikampf mit Reinhart abrief; er wandte sich und sah wieder einen seiner Reiter unter Herebrants wuchtigem Streich fallen. »Wir treffen uns wieder!« rief er drohend Reinhart zu, und jagte an ihm vorbei gegen den eingeschlossenen Kreis der Christen. Arnold von Lichtenau hatte er sich ausersehen; aus weiter Ferne schleuderte er den Wurfspeer auf den Glockenhelm des jungen Ritters, daß der Helmgupf klirrend zersprang, und Haupt und Antlitz sichtbar wurden, prächtig umflutet von den langen, goldenen Locken. Schon jagte der Saracene dicht heran, aus dem Gürtel die lange, starke Schlinge von Palmenbast reißend und sein gelenkes Tier immer enger um den Ritter tummelnd. Da stieß Arnold, sein Roß ungeduldig aus dem Kreise spornend mit der eingelegten Lanze nach ihm, sich weit vorbeugend mit Brust und Hals. Aber wie ein Pfeil war der Rappe Rodvans, herumgewendet, in seinem Rücken: die Bastschlinge flog, sich verstrickend in dem reichen Gelock, um Arnolds Nacken: mit beiden Händen fuhr er nach dem Knoten, sich zu befreien. Da traf der krumme Säbel des Saracenen die weiße Stirn und mit dem Ruf: »Heilige Anna!« stürzte der Jüngling vom Pferde. »Fahr Wohl! Du reine Seele,« rief ihm Herebrant nach. »Du Heidenhund! So fängt man Wildkatzen, aber nicht Christenritter. Das ist kein ehrlich Gefecht! Bleibt beisammen, Leute, bleibt im Kreis!« Zu spät! In die Lücke, die Arnolds Fall gebrochen, waren im Nu die Saracenen eingedrungen, der Kreis war gesprengt und rasch fielen nun die Christen, Mann für Mann, vereinzelt, vor der Übermacht: zuerst die Flüchtigen, dann auch die noch in kleinen Gruppen beisammen Haltenden. Gottschalk hielt zuletzt allein noch neben Herebrant aus: da brach sein Streitkolben: er ward gefangen. Herebrant, erschöpft und mehrfach von Pfeilen verwundet, konnte nur mühsam noch sein wuchtig Schwert regieren; er schaute sich nach Reinhart um: er sah dessen Helm noch immer hoch über dem Gewimmel der Turbane ragen, die ihn umgaben. »Halloh, Reinhart, mein braver Jung', laß uns zusammen sterben!« So rief er und spornte sein Pferd nach jener Richtung; doch die Kraft des pfeilwunden Tieres war erschöpft: im ersten Ansatz brach es zusammen, Herebrant mit, und vor Reinharts Augen, der den Ruf des Freundes wohl vernommen, traf ihn Rodvan tödlich zwischen Helm und Brünne in den durch den Fall entblößten Hals. Laut jauchzten die Saracenen und sprengten nun alle auf Reinhart zu, der allein noch übrig war. Bis jetzt hatte er, Dank seiner guten Rüstung und seiner zähen, gelenken Tapferkeit, wie ein eiserner Turm allen Angriffen der ihn umschwärmenden Saracenen widerstanden. Jetzt aber ging's zum Ende. Längst war seine Lanze zerbrochen: auch den treuen Schild hatte er müssen fallen lassen: er konnte den von unzähligen Pfeilen und Speeren gespickten mit dem müden Arme nicht mehr halten; zwar auch jetzt traute sich keiner der Saracenen an sein gefürchtetes Schwert: noch jeder hatte dies Wagnis mit dem Leben bezahlt. Aber da sprengte Rodvan von der Leiche Herebrants weg auf ihn zu. »Du siehst, du bist verloren, tapferer Christ. Du bist der letzte deiner Schar: ergieb dich mir in ritterliche Haft!« – »An dich, Wüstengeier? An keinen Sterblichen!« – »Stolzer Franke, hüte dich! Rodvan hat deine beiden Freunde besiegt in ritterlichem Kampf!« – »Ermordet hast du sie! Den einen mit dem Werkzeug des Henkers, den andern in wehrloser Ohnmacht. Was weißt du vom Rittertum!« – »Dich zu treffen, du Übermütiger!« Und ihre Klingen kreuzten sich. Rodvan ließ das Schwert fallen, aus seinem Schuppenpanzer am rechten Arm schoß Blut. »Nimm das auf Abschlag! Der Rest kommt nach!« Während Rodvan von den Seinen aus dem Sattel gehoben wurde, und die andern grimmig, aber scheu, auf Reinhart blickten, entstand eine kurze Pause. Reinhart richtete sich hoch in den Bügeln auf und schaute um sich; schon waren rings Bogen und Schleudern und Wurfspeere auf ihn gerichtet. Es war aus. Da fiel sein Auge auf die Kamele, die sich jetzt, nachdem der Kampf zu Ende schien, näherten; etwa fünfzig Schritte weit sah er eine weiße Schleiergestalt aus dem vordersten der Tiere heranreiten; ein rascher Blick auf die Feinde ringsum: er schlug das Visier seines Helms auf. »Sterben muß ich. Aber eh' ich sterbe, will ich ihr Antlitz sehen!« So sprechend spornte er sein Roß und sprengte durch die vor ihm haltenden Reiter, die erschrocken auseinanderprallten, auf den Zug der Kamele los. Lautes Geschrei, Pfeile und Speere folgten ihm nach, aber schon hatte er das Kamel mit der Frauengestalt erreicht; zwei Sklaven, die sich ihm in den Weg warfen, flogen unter die Hufe seines Rosses. Er hob sich hoch in den Bügeln und riß den weißen Schleier von der Gestalt, die sich ängstlich zurückbog: ihr Antlitz ward frei: sie sahen sich Auge in Auge. Da plötzlich stürzte Reinhart, der einen Moment wie in Verzückung erstarrt war, nach vorwärts aus dem Sattel: ein Pfeil hatte ihn von hinten unter die Schulterschiene des aufgehobenen Armes getroffen. Er lag zu den Füßen des Kamels; da sprengte der glückliche Schütze heran und schwang wütend den krummen Säbel über dem erbleichenden Gesicht des Gefallenen. Doch die Saracenin war rasch auf dem Nacken einer Sklavin von ihrem Hochsitz herabgeglitten und breitete eilig ihren weißen Mantel schützend über Reinhart. »Halt ein, Hassan, ich schütze diesen Franken!« Der Angeredete trat grimmig zurück. »Wie? Ist das mein Dank? Den Mörder vielleicht meines Sohnes Rodvan? Den schützt Fatme, deren Schleier er zerrissen? Nimmermehr!« Und er schwang das Schwert. »Mein Vater Ibrahim, hilf deinem Kinde!« rief Fatme flehend zu einem hohen Greise, der, von einem der Kamele herabsteigend, herantrat; sein reicher silberweißer Bart reichte bis an den purpurnen Priestergürtel, ein Ausdruck tiefer Ruhe und hoher Milde thronte auf seiner Stirn. »Laß sie gewähren, Hassan. Gnade üben ist das Recht aller Menschen und Milde die erste Pflicht des Weibes.« »Wohl,« sprach Hassan finster, »so laß uns weiterziehen, unser Zug hat Eile; laßt ihn hier liegen, den Christenhund, ob ihm sein Gott helfen mag.« Und er ging, die Reiter zum Aufbruch zu sammeln. »Das wäre grausamer als der rasche Schlag deines Schwertes, Hassan!« rief ihm Fatme nach. »Vater, ich heische den Christen als meinen Gefangenen; ich habe ein Recht auf ihn: keinen von euch hat er so schwer verletzt als mich: er hat meinen Schleier gelüftet, der Mann, der unserem Stamme fremd; gieb ihn mir zur Pflege, er ist mein Sklave.« Ibrahim küßte seiner Tochter schöne Stirn. »Es sei, wie du es willst, vielmehr wie es die Sterne wollen, die jedes Schicksal längst vorher gefügt; sei nicht zu grausam gegen deinen Sklaven, harte Herrin!« Fatme errötete. Ibrahim wandte sich zu seiner Umgebung: »Auf, legt die Häupter der gefallenen Gläubigen gen Osten, daß sie der Engel der Morgensonne finde, wann es wieder tagt. Schon tauchen dort die ersten Sterne auf, die Nacht wird hell und kühl für unsere Reise. Brechen wir auf!« Und er ging mit seinen Sklaven, die Toten zu mustern und, so gut es thunlich, zu bestatten. Der bewußtlose Reinhart ward auf eines der Kamele gehoben, das am sanftesten ging. Fatme ritt neben ihm; sie hatte den Pfeil selbst aus der Wunde gezogen und diese mit kundiger Hand gepflegt; sie wandte kein Auge von seinem bleichen Antlitz; aber seine Augen blieben geschlossen in tiefer Nacht der Betäubung. Als sie aufbrachen, sprach Ibrahim zu ihr: »Auch Rodvan ist verwundet, meine Tochter!« – »Er hat der Pfleger und der Freunde viele; des Gefangenen Pfleger bin nur ich, mein Vater.« – Ibrahim schwieg. Und nun verfolgte die Karawane wieder ihren weiten Weg, voran eine kleine Vorhut, die Kamele in der Mitte; die Reiterbedeckung mit den Gefangenen und Verwundeten schlossen den Zug. Hell leuchteten oben die Sterne des südlichen Himmels, laut klangen die silbernen Glocken der Kamele mit eintönigem Takt in die sinkende Nacht. Bei dem Engpaß der Palmen, an der »Pforte der Wüste« lagen bleich und still die Gefallenen, Christ und Saracene; von weitem her kamen in kreisenden Zügen die Geier der Wüste, gelockt von dem Geruch des Blutes und der Leichen. Und im fernen Frankenland, in frommer Klosterzelle, falteten sich zu dieser Stunde zwei weiße Hände: sie beteten für Arnold von Lichtenau. *   Zweites Kapitel. Heiße Liebe. »Das Auge sieht den Himmel offen Es schwelgt das Herz in Seligkeit.« Die Glocke. »Du schönste Tochter Ismaeel, wie süß bist du zu schauen, Des Morgenlandes Prachtjuwel, die strahlendste der Frauen! Gesegnet der Araberpfeil, der mich vom Rosse fällte, Weil er gefangen, mir zum Heil, dir, Fatme, mich gesellte. Dein dunkles Haar ist wie die Nacht, Granaten deine Lippen, O selig ihre rote Pracht in heißem Kuß zu nippen, Wie weiß ist deiner Stirne Glanz, dein Wuchs ist gleich den Palmen, Dem Hauch ist Duft, dein Schritt ist Tanz, dein Wort Musik der Psalmen. Dein Aug' ist dunkelmeeresblau, und schwarz sind deine Brauen; Du bist die allerschönste Frau in allen Erdengauen! Wie schal, wie reizlos ist das Weib daheim im Land der Franken: Ihr Blick ist matt und arm ihr Leib und ihre Glieder kranken. Du süßes Saracenenkind, du Schwester der Gazelle, Die Ceder ist dein Spielgesind', der Löwe dein Geselle! Laß mich in deinem weichen Arm vom Mund den Hauch dir trinken, Und Ritterpflicht und Pilgerharm versinken laß, versinken. Wohl läßt sich in Jerusalem ein Himmelreich erwerben, Fürs heilge Grab, für Bethlehem ruft Gottfried uns zu sterben, Die Brüder all' mit Schwert und Spieß viel Rühmliches vollbringen, Sich einst ums Haupt im Paradies den Lilienkranz zu schlingen: – Du sollst ins Haar die Rosen rot mir von Damaskus flechten, Das Leben will ich, nicht den Tod, will küssen und nicht fechten: Was Bethlehem, was Golgatha, was Heilgen Grabes Streiter, – Wer in dein blaues Auge sah, braucht keinen Himmel weiter.« So sang im blühenden Schloßgarten der kurdischen Feste Dschabar der gefangene Reinhart; er sang zu den hellen Tönen der maurischen Laute, die er in den süßen Wochen seiner Gefangenschaft spielen gelernt. Er saß unter dem Schatten der schlanken Ceder, die, wie erstaunt über das Bild, das sie überragte, die zart gegliederte Blätterkrone leise schüttelte; die schweren Eisenwaffen, längst von dem geschwächten Körper des Schwerverwundeten gelöst, hingen in einer Felsengrotte des Gartens, von Rosen und Epheu überrankt; um den ehernen Knauf des früher schmucklosen Helmes schlang sich nun, wie ein lebendiger Helmbusch, ein blühender Rosenzweig; sein Haupt, in einen leichten Turban von weißer Seide gehüllt, lag in Fatmes Schos. – – – – Als das Lied zu Ende war, ließ er die Laute aus den Händen in den weichen Rasen des Gartens gleiten und, sich rückwärts neigend, breitete er beide Arme nach Fatmes schönem Haupt aus. »Was sinnst du, Geliebte?« rief er. »Dein Auge ist verloren in ein fernes Träumen. Du achtest meines Liedes, meiner Gegenwart nicht!« – »Nicht doch, – ich sann nur nach, wie lange du, mein Stern, so leuchtend über meinem Haupte stehen wirst.« – »Wie lange? Ewig, Geliebte!« – »O nein, Reinhart. Seligkeit, wie die meine, ist gleich der wundervollen Blume der Wüste: – sie blüht nur einmal alle hundert Jahre und dann – nur eine Nacht!« – »Bist du doch so schön, so gut – wie könnte ich von dir lassen! Was soll uns trennen? Ich fürchte keine Macht der Erde!« – »Aber ich scheue die Mächte des Himmels! Mir ist, von unserer Liebe stand in den Sternen nichts geschrieben, Gott hat uns als Feinde geschaffen, fremd einander an Glaube, Sinn und Sitte: – wir haben die Schranken durchbrochen, die er zwischen uns errichtet.« – »O du böse, schöne Zweiflerin, was quälst du dich und mich! Der Himmel will das Glück seiner Menschen, und sind wir nicht glücklich? Muß ich dich mahnen an all die süßen Stunden unserer Seligkeit? Glaube mir, nichts soll der Mensch, als atmen und glücklich sein. Lange hab' ich mich, wie du, mit Gespenstern gequält, die nicht sind, mit den Wolkenschatten der Ritterpflicht, des Waffenruhms ... – ich suchte, ich wußte nicht was. Deine Liebe, die helle Sonne, hat die leeren Gewölke vor meiner Seele zerstreut und ich bade selig im blauen Himmel des Glückes; dich küssen, Fatme, ist wohlgethan und alles andere Thorheit!« Und er umschlang sie glühend und sie schwieg beglückt und beruhigt. – »Was war ich ehedem für ein gebundener Mann,« – fuhr er fort. »Unser Glaube, unsere Sitte hat ein Netz mit hunderttausend Maschen um uns geworfen; bei jedem Schritt fühlte ich die drückenden Fäden: ›das ist nicht christlich‹, hieß es, wenn ich dem heißen Drang des Herzens folgen wollte in Liebe und Haß; – ›das ist nicht Rittersitte‹ – hieß es, – wollte ich ein Mensch sein. Die blöden wasserblütigen Gesellen verstanden die Glut nicht, die in mir loderte. Da ward ich stolz und verachtete sie, die Schwächlinge von Männern und Weibern; und meine einzige Lust war, jenen auf die Köpfe zu schlagen und diesen das Liebesgeseufze zu versagen, das sie für ihre armselige Schönheit, für ihre mattherzige Empfindung als Zoll forderten.« – »Stolzer Mann! Kannst du dich denn nicht beugen? Kannst nur verachten, nicht verehren?« – »Ja, Fatme, ich kann verehren: dich bete ich an, dir beug' ich mich, und der göttlichen Macht deiner Liebe; du hast ein Herz, das in ganzen, vollen Schlägen geht, wie das meine! Du kannst dich und Welt und alles vergessen über der brausenden Begeisterung des Augenblicks. Du hast den Mut, frei und ganz du selbst zu sein. Sieh, ehe eines von jenen wohlanständigen Ritterfräulein meiner Heimat gewagt hätte, den Feind ihres Glaubens und Volkes, gegen das enge Gebot der Frauensitte, selbsthandelnd, vor der gerechten Rache ihrer Sippe zu schützen, sein Leben zu retten und zu hüten, nicht achtend der höhnischen, beleidigenden Rede der Leute, sich frei zu ihrer Liebe zu bekennen und dafür Verachtung und Spott zu ertragen, – lieber hätte jedes von diesen edelen Fräulein den Mann ihres Herzens tausendmal in der Wüste verschmachten lassen! Du aber, du hast all dies gewagt, hast mich gerettet und gepflegt mit weichen Händen lange Wochen, hast dem Zorn der Deinen getrotzt – und all dies um einen halbtoten, bewußtlosen Mann, der deine Liebe nicht erkennen, nicht erwidern konnte.« »Ich hatte dein Auge gesehen: – es war der Stern, den ich solange geahnt in dem Nachthimmel meines Lebens; ich mußte thun, was ich that; dein Auge hat mich gezwungen. Und hört' ich doch oft in deinem Fieberschlaf meinen Namen aus deinem Munde: – das war mir süßer und lieblicher als dir der Balsam, welchen ich deiner Wunde gab.« »Mustapha hatte dich mir gerühmt – die Leidenschaft malt gut! – Dein Anblick war der letzte Sonnenstrahl meines Bewußtseins gewesen; er schimmerte fort in der Nacht meiner Betäubung; mit halb träumenden Augen sah ich deine schöne Gestalt über mir walten. Und als ich nun genas, und sich der ganze Himmel deiner Schönheit, deiner Liebe mir aufthat, da fühlte ich erst, daß die suchende Frage meines Lebens in dir gelöst sei. Du warst meinesgleichen: glühend, begeistert, stark; die Netze meiner heimatlichen Formen fielen von meinem Haupt, und frei und glücklich ward meine Seele. Und ich schwör' es dir, wie du mir alles geopfert, was die schwachen Menschen bindet: Glaube, Sitte, Rücksicht, deine ganze Vergangenheit, – so will ich dir alles opfern; nicht Christ, nicht Ritter mehr will ich sein: nur Mensch, nur dein Geliebter. Und so, losgelöst von allen Fesseln, welche die blöden Schwächlinge für unzerreißbar halten, frei von all den Ketten, die Zeit und Raum und Gewohnheit um die Menschen schmieden, schweben wir beiden, ganz allein, hoch über den Vorurteilen der Menschen, in dem sonnigen, schrankenlosen Äther unserer Liebe!« Sie sah entzückt in sein leuchtendes Auge: sie umarmten sich in seliger Vergessenheit der Welt. Aber die Ceder über ihnen schüttelte im Abendwind ihr Haupt. *   Drittes Kapitel. Warnungen. Oft warnt das Schicksal, eh' es strafen will. Die Liebenden hatten sich getrennt, als die Gestirne der mittleren Nachtstunden aufgegangen waren. Reinhart geleitete Fatme an das Thor der inneren Burgräume und wandte sich von da zurück in den Garten, die luftige Grotte aufzusuchen, in welcher er schlief. Als er in einen schmalen von dichten Rosenbüschen eingeschlossenen Wiesenpfad einlenkte, trat wenige Schritte vor ihm eine dunkle Gestalt aus dem Dickicht, eine Waffe blitzte im hellen Mondschein und der Ruf: »Stirb, Christ!« schlug an Reinharts Ohr. Er sprang rasch seitwärts: hart an seinem Halse vorbei fuhr ein Wurfspeer sausend in die hochstämmige Platane, die am Wege stand; noch zitterte der Speer in dem zerspaltenen Baum und schon lag der Mörder bezwungen auf der Erde. Reinhart kniete auf seiner Brust und schwang den krummen Säbel, den er ihm aus der Hand gerungen, über seinem Haupt; es war Belek, der schwarze Sklave Hassans. »Wieviel hat dir dein Herr versprochen für meinen Kopf?« frug Reinhart. »Nichts. Belek ist kein Lohnmörder. Belek hörte, wie sein Herr in seinem Morgensegen und seinem Nachtgebet je siebenmal den Namen des Christen verfluchte: und Belek wollte töten, wen sein Herr hasset: aber Allah hat es nicht gewollt, sein Name sei gepriesen.« »Das ist es, was die Menschen Glaube nennen!« sagte Reinhart. »Komm, Sklave, ich will dich morgen Fatmes Vater zeigen, der sie so gewaltig rühmt, seine Wüstensöhne, und will ihn fragen, ob seine milde Weisheit auch hierfür einen milden Namen weiß.« Er nahm den Widerstandslosen mit sich, band ihn an die Eingangspfosten seiner Grotte mit dem festen Seidentuch seines Turbans, legte sein blankes Schwert zu sich auf das weiche Pfühl und versank bald darauf in ruhigen Schlummer; der gebundene Mohr sah stumpf und schweigend in die Mondnacht. Der nächste Morgen fand die Besatzung der Feste im Hofraum als Gericht versammelt, den gebundenen Belek in der Mitte. Reinhart trat als Ankläger auf; ihm zur Seite stand Fatmes Vater, ihnen gegenüber Hassan und dessen Sohn Rodvan. Als Reinhart den Vorfall kurz erzählt und die Bestrafung des Meuchlers verlangt hatte, sprach Hassan zu seinem Sohne gewandt. »Mein Rodvan! Sage, hat nicht eine Fliege hier gesummt vor dem Ohre der Gläubigen?« »Nein,« entgegnete Rodvan, funkelnden Auges. »Nein, der hochmütige Christ hat seine Zunge erhoben: er hat eine Unthat verkündet und ihre Strafe verlangt. Und Strafe muß der feigen That werden, soll nicht ein ewiger Makel liegen auf dem Stamm Hassans von Hasar.« »Mein Sohn,« entgegnete Hassan, »wenn es auch Verbrechen gäbe gegen Ungläubige – es giebt nichts gegen sie Verbotenes, als die Liebe – so fehlt die Stimme des Anklägers; das Wort des Christen ist ein Mückengesumm im Rate der Moslem; ich höre keine Stimme, die sich erhebt.« »So höre denn meine Stimme, du finsterer Eiferer,« fiel Ibrahim ein: »meines Wortes mußt du achten: ich bin der Priester des Gottes, den du so wenig kennst. Und ich erhebe mein Wort und klage die blinde That des Werkzeugs nicht, ich klage dich, den dumpfen Sinn klag' ich an, der dies Werkzeug beseelt hat.« Da sprach Hassan: – »Wohl ziemt sich's in der Sitte der Moslem, daß der Schwäher spricht für seinen Eidam; der Christ aber mag ihr Buhle sein, der Gatte deiner Tochter ist er nicht. –« Die ganze Schar der Saracenen bezeugte ihren Beifall durch Worte und Mienen. Reinhart fuhr zusammen und griff ans Schwert. Doch würdevoll erhob sich Ibrahim, Feuer lohte in seinem klaren Auge und wie eine weiße Flamme wallte sein langer Bart. »Ihr Knechte des Wahnes und der Wut: – euer giftiges Wort trifft euch selbst, nicht mich, noch mein Kind! So könnt ihr mir's denn nicht vergeben, daß mein Auge, das in der Beobachtung der Gestirne Klarheit und Weite gelernt hat, auch außer den Zelten unserer Horde Menschen, Brüder sieht, daß ich an Wert und Tugend glaube, auch da, wo nicht des Propheten grüne Fahne weht? Ich kenne alle Sterne: – auf keinem habe ich die grüne Fahne entdeckt; sollen sie deshalb verflucht sein auf ewig?« – »So glaubst du nicht an den Propheten?« – »Ich glaube an ihn: aber auch an Zoroaster und an Pythagoras und an Moses und an den milden Mann von Nazareth, dem dieser Jüngling dient. In Granada, in Tolosa, wo ich der Unsern wie der Christen weise Meister hörte, lernte ich vergleichen und gleich der Biene den Honig der Weisheit saugen aus allen Blumen in dem Garten der Menschheit. Könnt ihr mir's nicht verzeihen, daß ich die schöne Lilie Menschlichkeit, mit der mein Kind den Todeswunden pflegte, gern in der Liebe rote Rose sich verwandeln sah? Nur einer unter euch darf mir drum zürnen: Rodvan der Edle, der Fatme liebt und sich in traurig Schwarz zu kleiden schwur, bis ihre Liebe seine Nacht erhelle. Er aber trägt sein Leid mit Stolz und edlem Schweigen; vergieb mir, mein Sohn, Rodvan, ich kann dir's nicht ersparen! Denn in den Sternen, jenen heiligen Büchern, die mir noch wahrer reden als der Koran, hab ich's gelesen schon über Fatmes Wiege, daß einst ein Jüngling aus dem Westen kommen werde: sein Leben – ihr Leben, und sein Los – ihr Los. Mir aber war dies sternenverkündete Schicksal ein freundlich Wahrzeichen für meinen liebsten Glauben: einst werden die Schranken fallen, welche die Thorheit der Menschen zwischen Volk und Volk, zwischen Sitte stellt und Sitte. Ja, dies junge Paar ist mir ein Sinnbild einstiger Versöhnung, eine Verheißung, daß Morgenland und Abendland, die sich jetzt um die leere Gruft des Nazareners streiten, sich einst umarmen im Geiste jener Liebe, die da aus aller Propheten Munde spricht; dann wird Ein Hirt und Eine Herde sein.« »Weh mir,« sprach Rodvan leise, »solchem Wahn soll ich die Rose meines Lebens opfern!« »Ibrahim,« begann Hassan, »du schwärmst! Weil du in Büchern und in Sternen belesener bist, als wir, schiltst du uns thöricht: du irrst, du selber bist der Thor! Es mag dein Recht im Reich der Sterne gelten, dein Glaube mag in deinen Büchern leben, – bei uns, auf Erden, gilt er nicht! Wir wollen nicht von unseres Volkes Weise lassen, von seinem Hassen, seinem Lieben, seinem Recht.« »Aber auch nach dem Recht unseres Volkes trifft den Meuchler der Tod!« rief Rodvan; »der Christ soll nicht sagen, unser Haß wähle solche Wege; man frage Belek auf der Folter, ob mein Vater, ob ich ihn gedungen habe.« »Sein Schweigen würde mich nicht bekehren, wenn ich das glaubte!« fiel Reinhart ein. »Aber ich glaube es nicht, vielleicht nur darum nicht, weil ich dich nicht verachten möchte, Rodvan! Auf deinem Haupte ruht das Blut meiner Freunde: – ich fühl' es, daß ich den treuen Herebrant, den reinen Arnold noch blutig an dir rächen muß und ich bekämpfe lieber, was mutig als was feige.« »Wohlan denn,« rief Rodvan aufflammend, »hinaus mit mir in den Garten! Ein rascher Schwertschlag durchhaut den Knoten, der uns alle umschnürt hat; komm!« Reinhart wollte ihm folgen, doch Hassan ergriff den Arm seines Sohnes: »Mitnichten! Das Schwert Rodvans soll nicht über einem Haupte funkeln, das demnächst dem Beil des Gesetzes verfällt.« »Welches Gesetz der Erde,« rief Reinhart zornig, »droht mit dem Beil einem makellosen, ritterlichen Haupt?« – »Das unsere, stolzer Christ, und kein anderes gilt in diesen Räumen! In vierzehn Tagen beginnt der heilige Monat Ramadan, in welchem der Prophet den Koran aus dem siebenten Himmel auf die Erde brachte. Du weißt es selbst, Ibrahim, bei Ausbruch dieses Krieges mit den Franken ward das Gebot verkündet und feierlich beschworen: der Tod trifft jedes ungläubige Haupt, das in dem Monat des Propheten unter einem Dache mit den Gläubigen weilt. Ihr beruft Euch auf unser Recht – wohlan, Ihr sollt es haben: – Belek stirbt, aber der Christ stirbt auch.« »Das blutige Gesetz,« sprach Ibrahim, »trifft nur den Christen, der mit freiem Willen das Dach der Moslem teilt. Reinhart ist nicht schuldig dieses Willens, er ist Gefangener, er muß hier weilen.« »Der Christ ist frei!« schrie Hassan. »Glaubst du, wir wissen es nicht, daß schon vor vielen Wochen ein Heerführer der Ungläubigen, Graf Robert von Flandria, der die Gefangenschaft deines Schützlings erfuhr, hierher zu dir gesandt und dir sieben gefangene Saracenenfürsten der besten Stämme zum Lösegeld für ihn geboten hat? Du warst bereit zum Tausch, wir alle wollten ihn freigeben! Der Christ aber – möge sein Gott ihn dafür strafen! – der Christ zog die Knechtschaft der Freiheit vor: – frage deine Tochter, mit wieviel Küssen sie es ihm gelohnt. Der Christ aber ist unser, ist mein Gefangener; mein Pfeil hat ihn vom Rosse geworfen: und ich, wir lassen ihn frei.« »Ich hab' ihn für mein Priesterteil verlangt,« sprach Ibrahim. »Hüte dich, uns an dein Priesteramt zu mahnen! Wer an den Nazarener, an griechische Schwärmer nicht minder als an den Propheten glaubt, der ist kein Priester Allahs mehr. Unser, des Stammes, ist der Christ und wir, wir geben ihn frei um das gebotene Lösegeld; wollt ihr das, ihr Männer vom Stamme Hasar?« »Ja, wir wollen es. – der Christ sei frei!« schrieen sie wild zur Antwort. Sicher hofften sie, den Einsamen auf seinem langen Weg durch die Wüste zu morden, sowie er dem Schutze Ibrahims entrückt war. »Du hörst es, Christ!« mahnte Hassan. »Auf, sattle nun dein rasches Roß und reite ledig aus den Thoren dieser Burg: sie stehen dir offen.« Ibrahim aber fiel ein: »Er bleibt! – Er ist, wenn nicht mein Gefangener, mein Gast: – er bleibt.« – »Gut – er bleibe noch! Doch hüte er sich, daß er zu lange bleibe! Wenn nach vierzehn Tagen der Mond den heiligen Ramadan beginnt und unser Auge erspäht ihn in unserer Mitte, so schützt ihn weder dein Priesteramt mehr noch das Gastrecht; ihr wißt es nun: – so hütet euch. Jetzt, Belek, auf zum Tode. – Du bist der Vorgänger des Christen: der Meuchler wird lebendig eingesargt.« »Er lebe!« rief Reinhart schaudernd, »mir graut vor dem blutigen Wahn, den Ihr Euer Recht nennt.« – »Wohl denn, er bleibe leben! Doch deute das nicht als ein Beispiel für dein Schicksal. – Auf Wiedersehen, Christ, in dieser Versammlung am ersten Tag des Monats Ramadan.« Und Hassan schritt mit den Männern an Reinhart und Ibrahim vorüber. Niemand bezeugte dem greisen Priester, der langsam und ernst, aber ungebeugt aus der Halle wandelte, den Gruß der Verehrung; sein Ansehen und Einfluß war tief erschüttert durch die heutige Versammlung, durch sein ziemlich offenes Lossagen von dem Islam, durch seine eifrige Verteidigung Reinharts, auf welchen aus manchem dunkelen Saracenenauge glühende Blicke tödlichen, aber schweigenden Hasses fielen. – Nur Rodvan trat zu ihm heran und sprach: »Du hast es nicht um mich verdient, du Übermütiger! Und doch will ich dich warnen: fliehe, fliehe bald! Ich selbst will dir das Roß satteln, will dich geleiten durch der Saracenen Gebiet bis in den sicheren Schutz der Deinen: nur geh', nur flieh' aus ihrer Nähe: bleibst du, so wird es dein, wird ihr Verderben. Sieh', freudig war mein Leben, eh' du kamst. Ich war der unbesiegte Stolz meines Stammes, Fatmes, meiner Jugendgenossin Freundschaft, ihre Verehrung war mein, und mein, ich fühl' es, wäre ihre Liebe geworden. Mein Gewand trug die Farbe der Trauer, weil ich ihre Liebe entbehrte: doch mein Herz trug die Farbe der Hoffnung, ihre Liebe bald zu gewinnen. Da kamst du: – ein flammender Unglücksstern tratst du in den Himmel meines Ruhmes, meiner Liebe. Nein Arm hat mir die Unbesiegtheit, deine Seele hat mir die Blüte meines Lebens, hat Fatme mir geraubt: all meine guten Gestirne sind erblaßt vor deinem roten Feuer – und doch: ich habe nicht einmal die Kraft, dich zu hassen, wie du es verdienst, du Mörder meines Glückes. Ich bange für dich, wie für ein Freundeshaupt, wenn meine grimmen Brüder dein Herzblut heischen; sei so edel, Christ, wie du stolz bist. Sieh', ich, dein Todfeind, ich bitte dich: weiche, Unglücksstern, aus einem Raume, der ein heiterer Himmel des Friedens war, eh' du gekommen.« Seine Stimme zitterte; – Reinhart sah ihn an, fast mit Rührung: »Rodvan, halt inne! Du verschwendest Offenheit und Güte. Sie entwaffnen mich nicht. Fast könnt' ich gehen um deinetwillen: – aber Fatme!« – »Fatme wird sich selbst wiederfinden, wenn du ferne bist. Glaubst du, daß deine Liebe sie zum Glücke führen werde? Nimmermehr! Zu viele Schranken liegen zwischen euch, die ungestraft kein Sterblicher überfliegt; von ihrem Volk, ihrem Glauben, ihrer Heimat reißt sie deine Liebe. Und wird sie ihr Ersatz bieten? Nein, wie der wilde Bergbach die losgerissene Rose wirst du sie ewige schwanke Augenblicke tragen und dann versinken lassen in dem tosenden Strudel deines Lebens. Der Engel, der Fatmes Glück zu bauen hat, – schon in der Wiege hat er mein dabei gedacht. Ich bin der heimatliche, der jugendtraute Stamm, um den sich diese Ranke schlingen muß, soll sie gedeihen. Gehe, und Fatme wird das selbst erkennen. Ich will – sieh', so getreu ist meine Liebe! – ich will noch jetzt vergessen, daß sie in thörichter Liebesverirrung dich geliebt, dich geküßt hat. Ich will, wie einen Traum, aus ihrem Dasein diesen Irrtum löschen; noch jetzt will ich die starke Hand ihr bieten, die allein sie rettet, sicher durch das Leben führt.« – »Gutmütiger Thor! Trotz all den Schranken, die du aufgezählt, haben wir beide gefühlt, daß uns der höhere Wellenschlag unserer Herzen zusammenführt hoch über all euern ohnmächtigen Gesetzen. Wir, die wir zusammenpassen, wie Helm und Haupt, – wir sollten unserer Liebe vergessen, wie eines irren Fiebertraumes? Wer im Himmel zu Gaste saß, vergißt seiner Freuden nicht mehr. Eine Fatme löscht die Liebe ihres Herzens nicht aus wie eine herabgebrannte Kerze. Und das Weib, das einen Reinhart geliebt hat, tröstet sich nicht in den Armen eines Rodvan.« – »Hochmütiger! Schon wieder leuchtet in deinem Auge, spielt um deinen stolzen Mund jenes frevle Selbstgefühl, mit dem du deine Zauber wirkst. Dieser Wahn deines Wertes ist es, der Fatme bestrickt, der Ibrahim verblendet, der oft mich selbst und meinen Haß betäuben will. Mit welchem Rechte denn überhebst du dich so hoch, daß du auf uns heruntersiehst, und selbst Fatmes Liebe, die unschätzbare, wie ein selbstverständlich, ein wohlverdientes Beutestück betrachtest?« – »Das sei mir fern! Fatmes Liebe ist ein freies Gottesgeschenk, wie Leben, Sonnenschein, Frühling: – sie kann man nur dankbar empfangen, nicht verdienen. Mit welchem Recht aber ich mich erhebe über dich, über euch alle? Hei, ich will dir's sagen: mit dem Recht des Adlers über die Geier! Von edlerem Stamme, von besserem Stoff bin ich geartet als ihr alle. Ich bin ein Christ, ein Ritter, ein Deutscher. Kein dumpfer heißer Wüstenwind hat meine Gedanken erstickt von Jugend auf wie dir; ich bin von dem Volk, dessen König der Kaiser aller Völker ist, der rechte Arm Gottes, der die Welt beherrscht; im Lande der edlen Sitte bin ich aufgewachsen, wo edles Maß und sanfte Form und höfische Bildung walten; ihr aber, ihr seid plündernde Barbaren; eure Tugenden sind die der Wüstentiere: ein toller Mut und eine trotzige Freiheit; Räuberkunst ist all dein Rittertum; unebenbürtig seid ihr mir an Glaube, Stamm und Sitte. Kein Wunder, daß Fatme, die Perle unter den Kieseln, sich nach dem Edelsteine sehnt, fort aus eurer Mitte.« »Genug des Hohns!« rief Rodvan wütend. »Welcher Widerspruch! Christ! Ritter! Deutscher! All das willst du ja verleugnen, mußt du abwerfen, Fatme zu gewinnen! Aber du rufst doch immer wieder diese Namen an! Du kannst dich gar nicht von ihnen lösen! Welcher Übermut! Für jedes stolze Wort in deiner Rede trifft dich ein tödlicher Streich von meinem Arm: – Haß dir und Rache dir!« Und er stürzte wütend aus der Halle. »So recht, Tiger der Wüste,« rief ihm Reinhart nach. »Zeige deine Krallen, das steht dir besser an als Edelsinn. Geduld! Ich höre schon mit ehernem Fuß die Stunde heranschreiten, die unsern Zwist zu blutigem Ende bringt.« *   Viertes Kapitel. Liebesproben. »Denn die Liebe glaubt alle«, und hofft alles. Sie duldet alles und Überwindet alles.« Früh am andern Morgen trat Ibrahim an seiner Tochter Lager; er war reisefertig gegürtet und sein Morgengruß war ein Lebewohl. Auf ihre angstvolle Frage entgegnete er, noch in der Nacht sei ein fliegender Bote vom saracenischen Hauptlager gekommen: – sein überhetztes Tier stürzte tot im Hofe zusammen. »Seine Botschaft? Ich kann sie dir nicht enthüllen. Sie würde dich nutzlos quälen und deinen Geliebten foltern. Aber diese Nachricht ruft mich und Hassan gleich mächtig, wenn auch mit entgegengesetztem Eifer, hinweg. Nun höre mich: das Schicksal Reinharts, sein Leben und sein Tod, liegt in seiner, vielmehr in deiner Hand.« – »Wie das, mein Vater?« – »Die tiefe Grube, die ihm die Arglist der Feinde gegraben, kann der Goldschacht für euch werden, darin ihr für immer den Schatz eures Glückes findet. Der erste Tag des Ramadan ist Reinharts Tod, wenn er ihn als Christen, er ist seine Rettung, wenn er ihn als Muselmann begrüßt.« – »Ich verstehe dich wohl: – aber wird Reinhart... –«? – »Er wird es. Denn er liebt dich. Und es ist der einzige Weg, euch beide zu retten! Brauche nun die Gewalt, die du über seine Seele gewonnen. Zu seinem Heile überliste ihn. Du weißt: – kein anderer Wunsch als der eures Glückes redet aus mir. Nicht der Priester des Koran, – ich bin der Schüler der leuchtenden Gestirne und hoch, wie von dem Rand des Morgensterns herab, betrachte ich der Menschen Wahn und Aberglauben; ich sehe nicht Franken und Muselmänner, ich sehe nur meine Brüder, Menschen überall. Nicht umsonst habe ich in Granada und in Rom, in Paris und in Toulouse und in Byzanz, in Bagdad von Menschen und von Büchern gelernt. Die reine, schöne Menschheit darzustellen, sie loszulösen von all den entstellenden Verschiedenheiten, die Glaube und Stamm und Sitte um sie werfen, das ist mein Ziel. Sage ihm ... – doch ich brauche dich nicht zu lehren, wie du den Geliebten gewinnen sollst; deiner Klugheit, deiner Liebe anvertraue ich sein Los. Lebewohl, mein Kind.« Und rasch war er geschieden. Auch Hassan mit der größten Zahl der Besatzung brach auf. Mächtige Aufregung hatte alle Saracenen ergriffen. Ein großer Schlag in den Kriegsereignissen mußte geschehen sein oder bevorstehen. Aber trotz aller Bemühung konnten die Liebenden den Schleier nicht lüften, der, undurchdringlich ihrem Blick, von den Muselmännern über den Gang der Weltgeschicke gebreitet wurde. Seit Monden hatte Reinhart nichts mehr von dem Kreuzheer, seiner Stellung, seinem Glück oder Unglück gehört. Er hatte über dem Himmel seiner Liebe die ganze Erdenwelt aus den Augen verloren. – Der Abend desselben Tages fand die Liebenden im Garten an der gewohnten Stätte ihres Glücks; Fatme trug ein schmuckloses, weißes Schleiergewand; sie hatte das dunkle, weiche Haar in einer schlichten Welle hinter das zierliche Ohr gelegt. Nur eine dunkelrote, volle Rose war ihr Schmuck; die edle Bildung der weißen Schläfe trat weiß und blendend hervor: Reinhart hatte sie nie so herzgewinnend schön gesehen. Er lag an ihre Brust geschmiegt und sah in ihr Antlitz, nicht ermüdend, ihre große Schönheit zu schauen. Und nun begann sie, nach kurzer Mitteilung der Abschiedsworte des Vaters, ihre heiße, schwere Bitte vorzutragen. Bei dem ersten Verständnis ihrer Absicht sprang Reinhart sprachlos, wie in entsetztem Staunen, auf. Sanft zog sie ihn mit weichen Armen, mit einem Blick höchster Liebe zu sich nieder. Willenlos folgte er ihrer stummen Bitte, weiter zu hören. »Sieh, mein Geliebter,« fuhr sie fort, »mein Vater sprach mir von dem Zauber, von der Liebeskunst, die ich üben sollte an deinem Willen. Ich habe nur Eine Kunst: die meiner vollen Liebe, nur Einen Zauber: – die innigste Ergebung. Wenn sie dich nicht gewinnen, vermag ich nichts. Ich will dich nicht mahnen, wie auch ich dir alles geopfert, was vor dir der Schmuck meines Daseins war. Es war kein Opfer. Ich gab eine Dämmerung für die Sonnenhelle deiner Liebe. Ich will dich nicht schelten, wenn du noch andere Götter neben unserer Liebe ehrst, wenn du dich scheust, mir für ein ganzes Leben voller Glück den Namen eines Glaubens zu opfern, an dem dein Herz, ich weiß es, nicht mehr hängt. Ich will dir nur sagen: es ist der einzige Weg, der uns zum Ziele führt, der uns vereinen kann. Ihn mußt du gehen oder von mir scheiden auf ewig. Kannst du das? Kannst du von mir scheiden?« Und sie beugte sich gegen sein Antlitz und sah ihm ins Auge. »Nie, niemals!« rief er, sie glühend umarmend. »Aber auch diesen Pfad gehen kann ich nie! Meine Ehre, mein Rittertum!« »Deine Ehre? Du selbstischer Mann! Wo war deine Ehre, das blutlose Gespenst, dem du das Leben meines Herzens opfern willst, wo war es, als du im Fiebertraum alles, alles vergessen hattest außer meinem Namen? Als meine Hand allein den schwachen Funken deines Lebens glimmend erhielt? Wo war dein Rittertum, als du dann später, genesen, selig in meinen Armen lagst und mir schwurst, jetzt erst seiest du ein Mensch, jetzt seiest du wiedergeboren? Verbot dir deine Ritterehre nicht, die Opfer meiner Seele anzunehmen, und will sie dir nun verwehren, Opfer zu bringen? Ich bin zu stolz, das Recht geltend zu machen, das ich an dir habe. Ich will dich nur bitten, um deinetwillen bitten, glücklich sein zu wollen, abzustreifen den Zwang unwahrer Formeln und, wie ich es dich gelehrt, ein Mensch, nur ein Mensch zu sein.« »Nein, Fatme, nein! Bei deinen Worten wächst mir ein Gefühl zu immer hellerer Klarheit. Niemals, niemals laß ich von meinem Christenglauben! Er ist die tote Formel nicht, die nie mein Herz gefangen hielt. Er ist meine Jugend, mein Leben, mein Denken und mein Sein. Ha, nun erkenn' ich erst, wie weit, wie furchtbar weit diese Liebe mich von dem Mittelpunkt meines Lebens geführt hat. Diese entsetzliche Bitte, dies Wort: ›Werde ein Muselmann!‹ erweckt mich erst aus dem schweren, schwülen Traum. Hinweg, du heißer Wüstenqualm! – O nur einen Atemzug deutscher, frischer Waldluft, o nur ein Hauch kühlen Nordwindes! Hinweg, du weiche Üppigkeit!« – Und so rufend, riß er die weiße Seidenbinde von seinem Haupte: – da fiel sein Auge auf sein Schwert, das an der Wand der Grotte unter Rosenzweigen hing – er eilte hinzu, riß es aus der Scheide, küßte den Kreuzesgriff mit Inbrunst, dann schwang er es hoch ob seinem Haupte. »Nein, Fatme, ich bin ein Christ in jeder Faser meines Herzens: – ich bin ein Christ, ein Ritter, ein Deutscher, und will es bleiben!« »Entsetzliche Bewegung,« ,sprach Fatme, »die dich ergreift! Du willst dich von mir scheiden, – scheiden um eines Wortes willen!« – »Es ist nicht ein Wort! Es ist meine ganze Vergangenheit, aus der ich geworden, was ich bin; der Boden, auf dem ich stehe, mit dem ich fallen muß. Du selbst würdest mich nicht mehr lieben, hätte ich diesen Kern meines Selbst verloren. Was dich mir gewonnen hat vor all den Wackern deines Stammes, – was dich an mich gezogen hat mit starken Banden – es ist nicht mein armes Ich! Es ist der Adel meines Volkes, es ist der höhere Geist der Art und Sitte, der aus meinem Glauben in mich überging; den Christen, den Ritter, den Deutschen Reinhart hast du geliebt: zerstöre nicht die Säulen deiner Liebe.« – »Dein Glaube ist es, der uns ewig trennt.« – »Nein, Fatme. Er ist es, der uns ewig eint! Du selbst bist eine Christin unbewußt. Dein reinerer, hellerer Sinn steht sternenhoch über den Frauen deines Stammes, die Sklavinnen sind, wo sie lieben: du bist die ebenbürtige, freie Genossin meiner Seele. Demut, Reinheit und Ergebung und das sehnende Gemüt sind die christlichen Weibestugenden: – du hast sie alle! Dein edler Vater, der bei uns im Abendlande christliche, abendländische Weisheit in sich aufgenommen, hat dich erzogen in seinem, in unserem Sinne, nicht wie die Töchter eures Volkes heranwachsen in Dumpfheit. Du warst schon halb Christin, eh' du mich geliebt und unsere Liebe hat dich ganz gechristnet. Und so entscheidet diese Stunde über uns, aber anders, als du es gedacht: nicht in dir – du – du folgest mir. Trennen kann uns nichts! Aber meine Hand, stärker als die deine, zieht dich auf meine Seite des Bandes, das wir beide halten. Du kommst mit mir ins Christentum, ins Abendland.« Und starken Armes hob er sie von dem weichen Rasen empor an seine Brust. »O Gott, mein Reinhart! Ich fühl's, ich kann nicht widerstreben, wenn du mich ziehst! Aber ist es zum Heile? Sieh, schön ist's auch in meinem Vaterland, im Schatten meiner Edelpalmen. Auch meine Jugend wurzelt in der Heimat, in dem Vaterglauben. Du reißest mich los von meinem Lebensboden. Traust du dir zu, Ersatz dafür zu bieten?« »Ja, Fatme, ja. Ich biete dir Ersatz; deines Gatten Liebe wird dir Vater, Volk und Glaube sein. Euer ist die Wüste, unser ist die Welt! Ich führe dich in mein Deutschland. Mein edles Weib, du wirst die Königin aller deutschen Frauen! In meinen grünen Buchenwäldern sollst du wandeln und fahren auf dem breiten Rhein, wann von der frommen Klosterglocke das Ave Maria schallt. Von dem Erker meines Schlosses sollst du schauen weit in mein schönes, deutsches Vaterland. Und wenn du dann aus meiner Liebe, aus der Welt unserer Sitte wirklich nach deiner Heimat Sehnsucht fühlst, dann führe ich dich zurück, dann bist du die Fatme nicht, die mich geliebt. Wirst du Heimweh haben?« »Nein, Reinhart – du, dein Herz ist meine Heimat – führe du mich, ich folge dir.« Sie lag an seiner Brust: – die Bekehrerin war bekehrt. – Reinhart aber war wie umgewandelt von dieser Stunde. Sein fester Entschluß, mit Fatme zu dem Kreuzheer und von da nach der Heimat zu entfliehen, schien wie ein Windstoß das schwüle Gewölk des Genusses, das so lang sich über seine Kraft gebreitet hatte, plötzlich zerstreut zu haben. Er legte von Stund an die leichten, orientalischen Gewande ab, hüllte sich in seine Eisenrüstung und trug das rote Kreuz auf der linken Schulter, wie herausfordernd, unter all den Saracenen zur Schau. Er benützte die größere Freiheit, die man ihm seit der gefährlichen Versammlung gönnte, – da man sein Entweichen mehr zu fördern als zu hindern wünschte – sorgfältig dazu, die nächste Umgebung der Bergfeste kennen zu lernen und Nachrichten über den jetzigen Standort des Kreuzheeres einzuziehen. So erfuhr er denn bald, daß ein Weg von einer halben Tagereise von der Burg an eine Bucht des Meeres, Al Irm genannt, führte, wo häufig christliche, namentlich byzantinische, Galeeren frisches Wasser zu holen pflegten: – doch ließ sich auf dies Ungefähr kein sicherer Plan der Flucht bauen. Auch brannte Reinhart vor Verlangen, nach so langem Schlummer seiner Kraft wieder im Verein mit seinen Waffenbrüdern den heiligen Kampf, zu dem er ausgezogen, fortzukämpfen, sein Gelübde zu lösen, und Jerusalem erobern zu helfen. Begierig ergriff er daher einen andern Ausweg, der ihn zum Ziele zu führen verhieß. Er vernahm, daß etwa drei Tagereisen von der Feste auf dem Wege nach Jerusalem ein Kreuzesfürst mit einer kleinen Abteilung ein der Burg Dschabar ähnliches Bergschloß genommen hatte und besetzt hielt. Nach der Beschreibung konnte er nicht zweifeln, daß dieser Heerführer kein anderer war als Graf Robert von Flandern, ein alter Waffengenosse seines Vaters und Reinharts väterlicher Freund und Schützer auf der ganzen Kreuzfahrt. Zu ihm gedachte er mit Fatme zu entfliehen und durch dessen mächtigen Einfluß die Wiederaufnahme in das Kreuzheer zu erwirken. Hatte doch noch jüngst der Versuch des edlen Grafen, Reinhart auszuwechseln, die alte Treue seines Wohlwollens bewährt. Er selbst wagte nicht, Fatme zu verlassen. Er sandte daher den alten Gottschalk, der die Gefangenschaft seines Herrn treulich geteilt, aber die Liebe zu dem Heidenkind, wie er die schöne Fatme schmähte, mit tausend Flüchen und Thränen verabscheut hatte, auf Kundschaft aus. Er sollte den Grafen von Flandern zu erreichen suchen und mit ihm Zeit und Art der Flucht genau verabreden. Wenn er ihn nicht fände, sollte er suchen, Kunde von Standort und Schicksal des christlichen Heeres einzuziehen, und vor allem nicht versäumen, rechtzeitig, das heißt, vor dem ersten des heiligen Monats Ramadan zurückzukehren, der wie eine schwarze Wetterwolke immer näher rückte; noch waren es zehn Tage bis dahin. In sechs Tagen konnte Gottschalk leicht zurück sein. Das Paar zählte jede Stunde seiner Entfernung mit bangen Herzensschlägen. Rodvan hatte, wenn nicht den ganzen Plan durchschaut, doch scharfen Verdacht geschöpft. Spähend lag sein scharfes Auge auf den Liebenden. Und während Reinhart allein stundenweit vom Schlosse sich entfernen durfte, fühlte sich Fatme bei jedem Schritt aus ihren Gemächern in den hochummauerten Garten bewacht. Alle Ausgänge des Burgraumes waren Tag und Nacht von Wachen besetzt. Doch schreckte dies Reinhart nicht. Er hatte schon in der ersten Woche seiner Genesung in der Felsengrotte, darin er schlief, einen großen Stein in der Gartenmauer, die ins Freie führte, leicht aushebbar befunden und denselben insgeheim so bearbeitet, daß er eine versteckte und nicht allzu unbequeme Flucht ermöglichte. Aus dieser Grotte wollte er mit Fatme fliehen, sobald Gottschalk zurückgekommen. Ohne jede Hilfe, ohne nahe Deckung durch christliche Scharen die Flucht zu wagen, war unmöglich: die Rache Rodvans hätte auf der mindestens drei Tage langen Reise die Flüchtigen gar rasch überholt. Aber Tag um Nacht verstrich und Gottschalk kam nicht zurück. Umsonst ritt Reinhart ihm meilenweit entgegen auf den Wegen, wo er ihn erwarten konnte. Umsonst spähte Fatme mit nimmermüden Augen von hoher Warte: – kein Gottschalk wollte kommen. Und immer näher kam der verderbliche Monat und immer tödlicher wuchs der Haß gegen Reinhart in den Blicken der Saracenen. – – Der Vorabend der Entscheidung war gekommen; Reinhart sah die Sonne sinken mit ernstem, aber festem Blick. Er grüßte das Abendrot, – zum letztenmal vielleicht! Er gedachte seiner toten Mutter, der fernen Heimat, er dachte an den blauen Rhein und wie jetzt sein Schloß wohl friedlich leuchte im goldnen Abendlicht! Sein Herz wurde weich: aber er zerdrückte die Thräne, die in sein Auge dringen wollte, als er eine weiche Hand auf seiner Schulter fühlte, »Reinhart,« sprach Fatme leise, »verzweifelst du?« »Nein, Geliebte,« antwortete er mit fester Stimme; »niemals, solange du mich liebst.« – »O Reinhart, hättest du mich nie gesehen! Ich war dein guter Engel nicht! Du lebtest frei und fröhlich, wäre ich nicht,« – »Lästre nicht unsre Liebe! Auch ist noch nicht alles verloren. Gottschalk ist treu: wenn er lebt, kommt er zurück: vielleicht schon morgen. Wäre nur Zeit, nur der morgige Tag gewonnen!« »Nur der morgige Tag?« sprach Fatme nachsinnend. »Da du sterben sollst, weil du Christ? Halt,« rief sie plötzlich leuchtenden Auges, »Nur Zeit, sagst du? Ich weiß ein Mittel, Zeit, den morgigen Tag zu gewinnen.« – »Welches Mittel?« »Vielleicht beschleunigt es unser Verderben. Es ist höchst gefährlich!« fuhr sie nachsinnend fort. »Aber wir haben wenig Wahl.« – »Sprich, welches Mittel?« Mit einem heitern Lächeln sah sie ihm ins Auge. »Mein Geliebter, ich habe dir mein ganzes Dasein blind vertraut: vertraue auch du mir einmal und laß mir mein Geheimnis.« Besiegt von einem Ausdruck hohen Seelenadels in ihren Zügen, küßte Reinhart ihre schöne Stirn und sprach: »Ich vertraue dir.« – Und der gefürchtete Tag brach an. Mit dem ersten Sonnenstrahl stürzte eine lärmende Rotte in das Schlafgemach Rodvans, das Blut des Christen heischend. »Müssen wir dich zur Rache mahnen?« schrieen sie. »Wer hat mehr Grund ihn zu hassen als du? Willst du den Buhlen deiner Braut beschützen?« »Nein beim Propheten! Das will ich nicht,« rief Rodvan aufspringend. »Er war genug gewarnt. – Das Burgthor stand ihm offen noch diese Nacht. – Wenn er geblieben ist, hat er sich selbst gemordet.« »Er ist geblieben!« schrie die Schar. »Er wandelte die ganze Nacht im Garten. Jetzt ruht er in der Grotte. Gieb uns Befehl, Erlaubnis, und wir zerreißen ihn mit unseren Händen.« »Haltet ein!« sprach Rodvan, »ihm widerfahre Recht, nicht Gewalt! Zwei von euch entbieten ihn vor Gericht. Ihr andern folgt mir in die Burghalle.« Während sich Rodvan auf die Stufen des erhöhten Richterthrones stellte und die Saracenen mit klirrenden Waffen die Rundhalle erfüllten, trat Reinhart in die Pforte. Er war in voller Rüstung, in allen seinen Waffen erschienen. Sein stolzer Helm überragte selbst Rodvan auf den Richterstufen. Ruhig blickte sein Auge im Kreise umher. Ein Lächeln der Verachtung spielte um den seinen Mund. Rodvan begann: »Im Namen Hassans halt' ich Gericht im Stamm Hasar. Wer bist du, Fremdling, an der Pforte dort! Du bist von unserem Stamme nicht: bist du ein Christ?« Unbeweglich antwortete Reinhart: »Siehst du das rote Kreuz auf meiner Schulter nicht?« – »Wohlan denn, Christ! Du wußtest das Recht unseres Volkes, was es spricht von diesem heutigen Tag, du warst gewarnt, warst frei und hast diesen Tag unter unserm Dach erwartet. Du wirst erkennen, was dein Recht ist, wie dein Richter sprechen muß.« – »Mein Richter ist im Morgenland nur Gottfried von Bouillon! Im Abendland der deutsche König in seinem Lehenshof, zu Aachen, mit zwölf untadeligen, ritterbürtigen Lehensschöffen, meinen Heerschildgenossen. Mein Recht ist rheinisch Recht, das trag' ich überall mit mir. Und wer mich richten will, muß es nach diesem Recht. Ende darum diese Possen, Rodvan von Hasar! Hier gilt Gewalt, nicht Recht. Brauch' deine Macht! Ihr seid nicht meine Richter: ihr seid Räuber und Barbaren.« »Nieder mit ihm!« brüllte die Schar der Saracenen und stürmte mit wild geschwungenen Waffen auf ihn ein, Rodvan an der Spitze: – Reinhart erwartete sie mit Schild und Schwert. Da rief plötzlich eine wohlbekannte Stimme von der Pforte her: »Trefft auch mich, ihr Mörder!« und Fatme stürzte flatternden Gewandes, gelösten Haares, ohne Schleier, mitten unter die grimmigen Männer. Mit beiden Armen umfing sie Reinharts Brust, wie ein zweiter Schild ihn vor den Streichen der Feinde deckend. Alle standen wie gelähmt vor Staunen: ungeheuer, überweiblich schien die That. Die meisten sahen Fatmes entschleiertes Antlitz zum erstenmal und waren wie geblendet von ihrer Schönheit. Rodvan senkte den gezückten Säbel und sprach mit tonloser Stimme: »Unselige! – Wie sie ihn lieben muß! – Was beginnst du, was willst du hier?« »Nicht ihn retten, Rodvan! Fürchte das nicht. Nur mit ihm sterben!« »Fatme!« riefen Reinhart und Rodvan zugleich. »Ja, sterben mit dir, mein Geliebter! Sprich, Rodvan, du gerechter Richter! Ist nicht sein Haupt dem Tode verfallen, weil er, ein Christ, an diesem Tag unter eurem Dache ist?« »Du sagst es,« antwortete Rodvan, »und er soll nicht leben!« – »Wohl denn, Rodvan, schwinge dein Schwert, erfülle das Gesetz. Aber nicht an ihm allein. Erfüll' es an mir. Denn ich bin eine Christin!« »Fatme!« jubelte Reinhart, die Todesgefahr vergessend in der Begeisterung über ihre That. »Mein Weib! Mein herrliches Weib!« »Fatme! – eine Christin– du –?« stammelte Rodvan entsetzt. Ein dumpfes, drohendes Gemurmel durchlief die Saracenenschar. »Nicht mehr Fatme,« sprach sie, mit tiefer Innigkeit in Reinharts Augen blickend, der selig ihr schönes Haupt an seine Brust drückte. »Maria ist mein Name. Der Gottesmutter Namen will ich tragen, die voller Schmerzen war und voller Liebe. Du hast mir Herrliches von ihr erzählt. In dieser Nacht habe ich im Angesicht der heiligen Sterne am Quell unseres Gartens mich selbst getauft in brünstigem Gebet. Und wie ich diesen Schleier hier zerreiße, so zerreiße ich jedes Band, das mich an Mohammed gebunden. Und wie ich diesen Mann umschlungen halte, fest, untrennbar, so halte ich an dem Kreuzeszeichen, das hier auf seinem Schwerte prangt.« Und sie löste Reinharts Schwert aus seiner stählernen Hand und hielt den Kreuzesgriff mit erhobener Rechten wie schützend, hoch vor beider Haupt. »Maria, mein Weib, niemals will ich von dir lassen!« rief Reinhart. Sprachlos standen die Saracenen – Rodvan bedeckte sein Antlitz mit beiden Händen. Triumphierend fuhr Maria fort: »Du siehst, Rodvan, soll hier das Recht walten, so mußt du mein Haupt, das abtrünnige, zuerst treffen!« »Nieder mit beiden!« scholl es in der Runde. Doch nun erhob sich Rodvan, der sich inzwischen gefaßt. »Ruhig, meine Freunde! Verlaßt die Halle. Ich bürge euch dafür, daß das Recht walte; laßt mich mit diesem Paar allein. – Ich will's!« Sie gingen schweigend, drohend. »Reinhart – ein Wort mit dir allein.« Fatme ging mit einem seelenvollen Blick auf Reinhart. Die beiden Männer traten abseits an ein Fenster: »Jenes Weib hat eine Riesenthat der Liebe gethan. – Sie hat gesiegt. Das Recht kann nur euch beide treffen. Und sie – muß ich schonen! Denn ich glaube fast, ich liebe sie noch immer! Wenn nicht Haß ist, was hier brennt. Aber wir beide können nicht mehr zusammen atmen auf einer Erde. Drum laß uns das Mittel wählen, das langst, wie unser Schicksal, über unserm Haupte schwebt. Stelle dich zum tödlichen Gefecht, aus dem nur einer zurückkehren soll.« »Wohl gesprochen!« rief steinhart. »Ich folge dir. – Komm!« Doch in diesem Augenblick scholl wüster, verworrener Lärm an ihr Ohr. Geschrei, Rossewiehern, Waffenklirren ertönte aus dem Hofraum; Saracenen mit wütenden Geberden stürmten herein und rissen Rodvan hinunter in den Hof, wo ihn Reinhart vom Fenster aus sofort von staubbedeckten Boten umringt sah. Eine furchtbare Aufregung hatte alle, hatte auch Rodvan ergriffen. Reinhart wollte hinunter eilen, die große Nachricht zu erkunden. Da trat ihm am Portal eine Gestalt entgegen, in härenes Gewand gehüllt, einen Strick um die Lenden, die Spuren der Geißel auf dem entstellten Leib. »Gottschalk!« rief Reinhart entsetzt. »Was ist mit dir? Wo warst du, woher kommst du endlich?« »Ich komme von Jerusalem!« sprach feierlich der Büßer. »Von Jerusalem? Von den Heiden? Was hast du dort gethan?« – »Jerusalem ist in der Christen Hand! Es fiel vor sieben Tagen; auf dem Tempel Salomos weht die Fahne Gottfrieds von Bouillon.« »Jerusalem erobert – ohne mich!« schrie Reinhart und stürzte verzweifelnd auf sein Angesicht! das Weh schlug ihn wie ein Blitz danieder. Gottschalk rührte sich nicht, ihn aufzuheben und fuhr fort: »Den Grafen Robert fand ich nicht mehr in der eroberten Bergfeste. Sie war zerstört. Er hatte sich wieder in das Lager vor der heiligen Stadt begeben: denn lange schon lag das Kreuzheer, in sieben heißen Schlachten sich Bahn brechend, vor Jerusalem.« »Und ich habe nichts gethan, als ein Weib geküßt!« stöhnte Reinhart und sprang auf. – »Die Ankunft der Christen vor Jerusalem war die Botschaft gewesen, die Ibrahim und Hassan von hier fort rief, Hassan schlug sich durch in die belagerte Stadt, Ibrahim suchte bei den Moslems den Frieden zu vermitteln, das Blutbad an der heiligen Stätte zu verhindern. Auch gelang es ihm, Waffenstillstand zu erzielen. Doch der starke Wille unseres Gottes zerschlug den Vergleich. Man rüstete zum Sturm. Schon tönten die Streithörner, noch immer wollte Ibrahim die Kämpfenden versöhnen. Mit ausgebreiteten Armen stellte er sich zwischen die Stadt und die Angreifer. Er fiel, zugleich von vorn von einem Christenspeer und rückwärts von einem Saracenenpfeil durchbohrt. – Und über seiner Leiche wütete der Kampf. Der fromme Gottfried erstieg zuerst den Mauerkranz. Genommen ward die Stadt mit Sturm! Vierzigtausend Saracenen fielen, – von Hassans Schicksal weiß ich nichts. Ich kam am Tage nach der Eroberung. Ich war geflogen, nicht gewandert, über die Berge, durch die Wüste, um Euch Hilfe zu bringen. Ich suchte den Grafen Robert. Ich hörte, er sei gerade mit dem ganzen Heer, mit allen Fürsten in den Tempel des heiligen Grabes gezogen. Sie hielten dort feierliche Messe. Auch ich habe gekniet am Grabe des Erlösers. Und als ich erwachte aus Thränen und Gebet – da – mir schaudert! – da hört' ich Euren Namen nennen.« »Meinen Namen?« rief Reinhart, »wer nannte mich?« – »Fürst Bohemund von Tarent.« – »Mein Feind! Der arge Normann! Der Pfaffenknecht! Der nannte mich nicht zum Segen!« – »Nein, Unseliger, zum Fluch! Nach dem Hochamt des Dankes trat Bohemund auf die Stufen des Altars und verlas, im Namen des Feldherrn, die Liste all der Kreuzfahrer, die wissentlich und willentlich ihr Gelübde versäumt, vom heiligen Heere sich freiwillig getrennt. Eine lange, lange Reihe! Da schlug mir Euer Name furchtbar an das Ohr! Die zurückgekehrten Boten des Grafen Robert haben bezeugt, daß sie Euch in heidnischem Gewand, ruhend in den Armen der Heidin, getroffen, daß Ihr die Auswechselung, die Rückkehr zu unserem Lager mit gottlosen Worten ausgeschlagen. Noch viele Namen wurden genannt. Ich harrte, fiebernd, auf das Ende. Da sprach zum Schluß der Fürst das Urteil: Acht und Feuertod über alle die Abtrünnigen, die bis zum Fall Jerusalems gesäumt. Ihr Wappen wird durch Henkershand zerbrochen, ihr Name soll ein Schandwort sein in aller christlichen Ritterschaft. Und ihr Haupt des Todes, wo sie ein christlich Auge sieht.« »O halt ein!« rief Reinhart. – Doch Gottschalk fuhr fort: »Als das Urteil zu Ende gesprochen war, widerhallte die Kirche von dem dreimaligen Achtruf des ganzen Heeres; kaum war dieser Ruf verstummt, da trat Bischof Gregor von Alkara auf die Stufen des Altars und sprach den Bannfluch der Kirche über die Gerichteten. Noch dröhnen die entsetzlichen Worte in meinen Ohren, mit denen er Eure Sünde, Eure Strafe schilderte! Er verfluchte Euch! Jedes Haar Eures Hauptes! Jeden Tropfen Eures Herzbluts! Jede Stätte, die Euch aufnimmt! Jede Speise, die Euch labt! Jede Hand, die Euch berührt! Und zum Schluß stieß er die brennende Fackel, die er in Händen hielt, zur Erde, daß sie erlosch, und schloß: ›ihre Seelen aber sollen verdammt sein und erlöschen in ewiger Finsternis, wie diese Fackel!‹« Da erhob Reinhart das Haupt: »Genug! Ihre blinde Wut giebt mir die Kraft wieder. Sie fordert meinen Trotz heraus. Hast du den Grafen nicht aufgesucht?« – »Herr! Wie leicht eilt Ihr hinweg von dem Wort ewiger Verdammnis! Mich, den der Schlag nicht getroffen, mich hält er noch betäubt! – Ich fand den Grafen endlich und sprach Eure Botschaft. Er gab mir dieses Schreiben an Euch. Und ich flog zu Euch zurück. – Noch immer hat Euch die Gnade des Himmels einen Weg der Rettung für Eure arme Seele gelassen.« Eilig erbrach Reinhart das Schreiben des Grafen und las: »Toller, unseliger Junge! Verdient hast Du's nicht um mich, das wissen Gott und Sankt Robert! Aber um Deines Vaters willen, der ein ganzer Mann war, und weil Du selber sonst ein frischer Gesell gewesen, will ich Dir noch einmal die Freundeshand reichen. Retten vor Acht und Bann konnte ich Dich nicht. Der giftige Normann, der Dir nie verzeiht, daß Dein Vater ihn einst in Welschland vom Gaul gerannt hat und daß Du selber in Antiochia unsere deutsche Fahne, weil sie zuerst den Wall gewann, hoch über dem Banner von Tarent aufgesteckt, hat meinen Boten, die ohne Dich heimkehrten, sogleich Deine ganze Schande abgefragt und seitdem Deinen Namen auf das Sünderregister geschrieben. Sein eigener Neffe, Held Tankred, bat für Dich: – umsonst. Du bist auch ein ganz heilloser Geselle! Aber noch einmal will ich's mit Dir versuchen. Wirf vom Augenblick an die Heidendirne aus Deinem Herzen, Deinem Leben. Fliehe noch diese Nacht nach Jerusalem. Eine Tagereise von Eurem Bergnest will ich Dich erwarten und sicher nach Europa schaffen, und zuletzt, wär's auch nur dem finstern Bohemund zum Trotz, Deinen Frieden durchsetzen mit Reich und Kirche. Du weißt, ich verheiße nichts, was ich nicht halten kann. Du bist in meinen Augen genug dadurch bestraft, daß Du hier vorgestern die heiße Sturmhetz nicht hast mitgemacht. Das war ein blutiges, schönes, christliches Werk! Aber höre wohl: – komm mir ohne Deine Heidenprinzessin, sonst schlage ich ihr eigenhändig den Kopf ab und sperr' Dich in ein Pfaffenkloster für Dein Leben. Denn Du bist kein Mann, kannst Du den süßen Minnequark nicht los werden. Höre auf mein Wort. Es ist die Stimme der Ritterehre. Sie ruft Dich zum letztenmal. Folgst Du nicht, so thust Du, wie wer den Kopf in eine Weiberschürze steckt, wann ihn das Hifthorn ruft zum letzten Streit. Komm! Ich erwarte Dich.« Reinhart ließ das Pergament fallen. »Es ist wahr!« sprach er vor sich hin. »Zum letztenmal, ich fühl's, werd' ich gerufen.« Da warf sich Gottschalk unter Thränen zu seinen Füßen. »O Reinhart, mein lieber Herr, mein Sohn! Gebt nach! Folgt seinem Ruf. Seht, als ich in der Kapelle stand und Eure schwarze Sünde schildern hörte und den grausen Bann vernahm, als die heilige Kirche Euch auf ewig ausstieß, da war mir's, als hätte sich mein Herz auf ewig von Euch gelöst. Habt Ihr doch auch mich ferngehalten von meinem Gelübde! Mit Grauen, fast mit Haß kam ich zurück zu Euch mit des Grafen Botschaft. Aber nun, da ich Euch wieder sehe, Eure Stimme wieder höre, – da wacht die alte Liebe wieder auf. Hab' ich Euch doch groß gezogen wie meinen Sohn. Gedenkt an Eure edle, tote Mutter! Mit tausend Ängsten schaut sie jetzt vom Himmel auf Euch nieder. Sie steht mit mir zu Euch. Laßt von diesem zauberischen Weib, Kehrt zurück zur Reinheit! Zu Eurer Ritterpflicht!« Und weinend umschlang der alte Mann Reinharts Knie. »Laß ab, steh auf, du treuer Freund,« sprach dieser, ihn gerührt erhebend. »Es ist umsonst: – nichts trennt mich mehr von meinem Weibe. Und lägen Himmel und Erde, und – mehr als beide, – meine Mutter, wie du hier, flehend zu meinen Füßen: – ich werde nun und nimmer von ihr lassen! Ausgestoßen, tödlich verfolgt bin ich von Christ und Muselmann. Nichts, nichts habe ich mehr als Fatmes Seele, Und Treue gegen sie ist alle meine Pflicht fortan auf Erden. Graf Robert, edler Freund, Dank für dein rettend Wort – ich kann ihm nicht folgen.« So sprechend zerriß er des Grafen Brief. »O Gott,« stöhnte der Alte, »so zerreißt er seine arme Seele! – Und alles um eine Heidin!« »Diesen Dorn, mein Freund, kann ich aus deiner Brust ziehen!« lächelte Reinhart. »Sie ist Christin, getauft mit dem schmerzlichen Blut ihres Herzens! Sie ward Christin, nicht mein Leben, nur meinen Tod zu teilen.« – Und in raschen Worten erzählte er ihm den Versuch Marias, die Gefahr dieses Tages von seinem Haupte abzuwenden oder mit auf das ihre zu laden. Diese That bewirkte eine mächtige Umwandlung in Gottschalks Gesinnung. Mit leuchtenden Blicken des Erstaunens begleitete er Reinharts Rede und unterbrach ihn mit freudigem Ausruf: »Wie? Das hätte sie gethan? Das Heidenkind hat soviel deutsche Treue, soviel christliche Liebe in sich? So ist es nicht die blinde, sündige Glut, 's ist echte Minne? Sterben wollte sie für Euch? Und ihre Liebe hat ihre Seele herübergerettet aus der brennenden Verdammnis in die himmlische Seligkeit? Segen über ihr Haupt! Nun bin ich wieder Euer mit jedem Tropfen meines Blutes. Ich hatte beschlossen, mein Leben am Grab des Erlösers, für Eure arme Seele betend, auszuleben. Jetzt aber weiß ich's besser zu verwenden. Euch will ich dienen und helfen mit aller Kraft. Und laßt mich nur gewähren! Ich sehe einen Pfad, der uns noch alle aus der Gefahr in die frohe Sicherheit der Heimat führen kann!« *   Fünftes Kapitel. Der Ausgang. »Und aller Ausgang ist ein Gottesurteil.« Schiller . Reinhart eilte zu der Geliebten, mit ihr den Tod ihres Vaters, von dem ihr die arabischen Boten berichtet haben mußten, zu beklagen. Er fand sie niedergesunken auf eine Rasenbank des Gartens in heißen Thränen. Lange, lange währte es, bis er ihre Gedanken von diesem Schmerze hinweglenken und sanft zu der neuerwachten Hoffnung hinüberleiten konnte. Der Rettungsplan, welchen Gottschalk den Liebenden mitteilte, war auf die Kunde gebaut, die er unterwegs erhalten, daß eine byzantinische Galeere, die Kranke und Verwundete aus Palästina nach den heilbringenden Inseln Griechenlands zur Genesung führen sollte, in der Bucht Al Irm, etwa eine halbe Tagereise von der Feste Dschabar, vor Anker lag und nach Mittag des nächsten Tages unter Segel gehen wollte. Gottschalk hatte das Schiff auf seinem Rückweg von einer der nächsten Berghöhen mit eigenen Augen liegen sehen und verbürgte sich, die Flüchtigen den nächsten und sichersten Weg an den Ankerplatz zuverlässig führen zu können. In einem scharfen Ritt von sechs Stunden sei auf dem ihm infolge seiner letzten Wanderungen wohlbekannten Pfad die Küste zu erreichen. Und so ward denn beschlossen, um Mitternacht von der Felsengrotte aus die kühne Flucht zu wagen. Es schimmerte den Liebenden neue Hoffnung auf Leben, Freiheit, Glück. Den Gedanken Reinharts, nunmehr doch die von Graf Robert gebotene Hand zu ergreifen, da Fatme Christin geworden, und zu hoffen sei, daß der wackere Freund deshalb seine Gesinnung ändern würde, diesen Gedanken mußte man aufgeben, da Gottschalk – obwohl mit zögerndem Widerstreben – berichtete, wie der Graf einen grimmigen Eid geschworen habe, nimmermehr der Verführerin seines Freundes vergeben und ihr unter allen Umständen, wenn er ihrer habhaft werde, das zauberische Haupt abschlagen zu wollen. Eben hatte Reinhart mit Gottschalk die nötigsten Vorbereitungen zur Flucht getroffen, Pferde und Wagen gerüstet, die natürliche Steinpforte der Gartengrotte erprobt, und in hoffnungsvoller Ungeduld sahen die drei Freunde die Sonne untergehen, als ein schwarzer Sklave Reinhart schweigend einen Zettel von Rodvan überbrachte. Reinhart las: »Die Botschaft des Falles von Jerusalem hat unseren Entscheidungskampf nur verzögert, nicht aufgehoben. Der Auftrag meines Vaters Hassan, der, dem Blutbad der Eroberung entronnen, ein großes Heer der Gläubigen zu neuem Kampfe führt und mir gebot, die Besatzungen der benachbarten Bergfesten zusammenzuziehen, halt mich für heute fern von Dschabar. Von Jerusalem aus zieht schon das Christenheer gegen uns heran und nahe unserem Schloß wird in den nächsten Tagen der letzte blutige Würfel fallen. Bis morgen aber, bei Sonnenaufgang, bin ich zurück und erwarte dich bei Tagesanbruch im Burghof zum letzten Kampf.« Bleich, zitternd, ließ Reinhart das Blatt fallen. Er hatte über den Berichten, über den Fluchtplänen Gottschalks völlig Rodvans und der tödlichen Verabredung vergessen. Jetzt, an der Schwelle der Rettung, fiel ihm dies feindliche Verlöbnis schwer auf die Seele. »Flieht – flieht ihr beide – und rettet euch!« stammelte er. »Ich kann euch nicht begleiten! Ich bleibe.« – Er wankte und hielt sich mühevoll aufrecht an dem Stamm der Ceder, in Schatten sie weilten. Entsetzt rafften Maria und Gottschalk das unselige Schreiben auf und mit schmerzlichem Liebesblick fragte Maria: »Und warum? Sage, warum mußt du bleiben?« »Du fragst?« rief Reinhart. »Meinem Todfeind hab' ich mich zum Kampf verpflichtet! – Meine Ehre ist ihm verpfändet! – Soll ich Wort und Ehre brechen und entfliehen?« – »O, Reinhart, stellt sich denn immer dies Gespenst zwischen dich und meine Liebe? Meinen Glauben, mein Leben hab ich dir geopfert! Und du opferst mich dem toten Götzen, deiner Ehre!« »Mehr ist die Ehre denn das Leben, Kind! Wie? Rodvan, dem ich mit höhnender Verachtung die Ritterlichkeit absprach, der großmütig die Gewalt, die er über seinen Todfeind hat, nicht brauchen will, sondern alles auf die freie Entscheidung unserer Waffen stellt, – vor ihm soll ich entfliehen? Soll er sagen, Reinhart von Stauf war ein Ritter in Worten, ein feiger Bube in Thaten! Nimmermehr!« Schmerzvoll zweifelnd sprach Gottschalk. »In der That, die Frage kann ich nicht lösen. Ich kann nicht raten, zu fliehen und nicht, zu bleiben; diesen Zweifel kann ich nicht entscheiden!« »Aber ich,« rief Maria begeistert, »ich kann ihn entscheiden! O Reinhart, glaube mir, nicht das selbstsüchtige Verlangen meiner Liebe redet aus mir! Ich möchte dich, meinen Stern, nicht um den Preis der Befleckung mir erhalten. Und doch sage ich dir: du darfst, du mußt für jetzt diesen Kampf vermeiden! Rette mich! Rette die Christin vor der Rache der Heiden, die sie verließ. Rette mich und dich! Tötest du Rodvan im Zweikampf, – nie lassen dich die Seinen entrinnen: sie morden dich! Rette uns zuerst. Und dann, muß es sein, ficht diesen Zweikampf aus, in Sicherheit vor Mördern.« – »Ja! Du hast recht! mag einstweilen Rodvan meinen, was er will! Sowie ich dich in Sicherheit gebracht, entbiete ich ihn zum Zweikampf.« – »O, mein Geliebter, laß uns diese Stunde noch genießen, festhalten. Sieh, die Abendsonne grüßt, scheidend, unsere Häupter mit letztem Strahl. Laß sie uns zur Zeugin nehmen und vor ihrem leuchtenden Antlitz bekennen, daß wir glücklich waren in unserer Liebe.« »Ja,« fuhr Reinhart fort, »glücklich sind wir gewesen. Ob unsere Freude schuldvoll war, – ich weiß es nicht. Mir ist, die Menschen werden sie so nennen. Vielleicht haben sie recht. Vielleicht ist es thöricht, vielleicht ist es frevelhafte Überhebung, so stolz fliegen zu wollen über alle die Schranken, welche Glaube und Sitte und angeborene, altvererbte Art aufgerichtet haben zwischen Volk und Volk. Vielleicht lebt sie nie und nirgend, jene Menschheit über allen Völkern, – jene Menschlichkeit, an welche dein edler Vater glaubte –. Aber wie er starb für seinen schönen Glauben – oder Wahn! – so wollen auch wir leben und, muß es sein, sterben für unsere Liebe. Diese war kein Wahn!« – »Du sprichst, als ob du keine Rettung mehr hofftest.« – »Ich hoffe, solang ich atme.« Und schweigend, Hand in Hand, in träumerisches Sinnen verloren, ließen sie die letzten Stunden des Abends vorübergleiten. – Die Nacht, die entscheidungsvolle Nacht war gekommen. Still ward es in der Feste. Die Abwesenheit der meisten Saracenen mit Rodvan verödete die Räume und verhieß, indem sie die Zahl spähender Augen verminderte, leichteres Gelingen der Flucht. Um keinen Verdacht zu wecken, trennten sich die Liebenden zur gewohnten Stunde. Maria ging hinauf in die oberen Gemächer der Burg und suchte ihr Schlafgemach. Früh entließ sie ihre Sklavinnen. Um Mitternacht wollte sie rasch die Treppen hinunterschlüpfen und mit leisem Handschlag Reinhart ein Zeichen geben, der sie am Eingang des Gartens in Empfang nehmen und eilig in die Höhle führen sollte, in welcher sich der aushebbare Stein befand. Gottschalk erwartete sie mit zwei Rossen außerhalb der Ringmauer des Schlosses an der ihm genau bezeichneten Stelle der Felsengrotte. Alles gelang nach Wunsch. Die Feste lag in Dunkel und Schweigen. Nur einmal glaubte Reinhart das große Burgthor sich öffnen zu hören. Die Nacht war finster und stürmisch geworden. Der schwache Neumond ging erst spät auf. Zerrissene Wolken jagten über den Himmel. Der Wind rüttelte mit Sausen an den Türmen des alten Schlosses. – Endlich kam die Mitternacht. In ihr weißes Nachtgewand gehüllt glitt Maria ungesehen, leise wie ein Geist, über die steinernen Gänge, durch Hallen und Treppen. Auf das gegebene Zeichen trat Reinhart aus dem Dickicht, faßte ihre zitternde Hand und zog sie eilig durch die Gebüsche. Kein Wort wurde gesprochen. Mächtig schlug Marias Herz in Furcht und Hoffnung. In der Grotte angelangt, schlug Reinhart leise in die Hände, dem draußen harrenden Gottschalk ihre Nähe zu künden. Er lauschte auf Antwort, aber alles blieb still. Er wiederholte das Zeichen lauter. Ängstlich preßte er das Ohr an die Felsenspalte. Umsonst: keine Antwort erfolgte. »Wehe,« flüsterte Maria, »Gottschalk verläßt uns!« – »Das thut der Getreue nicht. Er wird in der Dunkelheit den Ort verfehlt haben. Er muß ganz in der Nähe stehen: ich will hinaus und ihn suchen.« – »Nein, Geliebter, laß mich nicht allein hier! Mich tötet die Angst!« Doch schon hatte Reinhart die Platte aufgehoben, war hinausgeschlüpft und hatte den Stein wieder hinter sich gesenkt. Maria stand nun in der Grotte, Reinhart im Freien. »Gottschalk,« rief er leise, »wo bist du?« Und sich überall in der Dunkelheit umsehend, trat er einen Schritt vorwärts. Da stieß sein Fuß an einen dunklen Körper. Er beugte sich nieder, der Mond trat aus ziehendem Gewölk: es war sein treuer Knappe, der vor ihm lag. »Gottschalk!« rief er, »steh' auf! Schläfst du?« »Nein, er ist tot!« antwortete eine laute Stimme, und eine schwarze Gestalt trat hinter dem Vorsprung der Mauerecke hervor. »Rodvan!« rief Reinhart und trat entsetzt zurück: – »Du hier?« – »Ja, falscher Franke! Ehrloser Flüchtling! Ich bin hier, deine Schmach, deinen Wortbruch aufzudecken und zu strafen. Böse Ahnung trieb mich noch vor Mitternacht nach Haus. Der Haß schläft sowenig als die Liebe und hell ist das Auge der Eifersucht. Ich sah die weiße Gestalt der Abtrünnigen durch die Gänge gleiten, im Garten mit dir nach der Grotte eilen. Ich ahnte alles. Ich ließ euch gewähren: ich wollte sehen, wieweit der stolze Ritter sein Ritterwort vergäße. Ich eilte vor die Mauern des Schlosses, deiner schmählichen Flucht, nachdem sie unleugbar geworden, im offenen Feld entgegenzutreten, da stieß ich auf den thörichten Graukopf hier mit den Pferden. Er wollte mich aufhalten, euch warnen. Er hat seine Kühnheit mit dem Leben bezahlt. Du siehst, du entrinnst meinem Schwerte nicht: – es ist dein Schicksal! – Zieh! Ich bin ganz allein! – Stehe mir.« »Rodvan,« sprach Reinhart mit tonloser Stimme, »geh' und gieb Raum! Laß mich erst Fatme retten. Dann, an sicherer Stätte, wollen wir uns treffen! Es ist nicht gut, den Verzweifelten aufzuhalten! – Gieb Raum! Gieb Raum!« – »Zieh', Feigling! oder ich haue dich nieder.« – »Du willst es. Komm denn und vollende dein Geschick.« Sie fochten. – Hell klangen ihre Schwerter aneinander. Mit Entsetzen vernahm Maria den Schall in der Grotte. »Reinhart,« rief sie, »Reinhart!« sich an den Felsen klammernd und umsonst an der schweren Platte rüttelnd, »Reinhart, was thust du? komm!« Noch einmal klangen draußen die Schwerter. – Dann ward es still. – Atemlos lauschte Maria. Da ward die Platte von außen gehoben, Reinhart stand vor der Öffnung, das nackte Schwert in der Rechten. »Komm,« rief er, »eile!« Sie trat ins Freie, sie sah sich um. – Der Mond trat wieder aus einer Sturmwolke. Sie sah, daß sie an Gottschalks Leiche stand. – Einen Schritt vorwärts: – sie sah Rodvan mit blutiger Stirn zu ihren Füßen liegen. »O Himmel!« rief sie und trat entsetzt zurück. »Über Leichen geht mein Weg. Rodvan, armer Rodvan!« »Jetzt ist nicht Zeit, tote Feinde zu beklagen,« sprach Reinhart finster, »komm!« Er stand vor ihr, ehern wie sein blutiges Schwert. »Du bist furchtbar, Reinhart,« rief sie. »Es sind tote Menschen, die hier liegen! Armer, edler Rodvan – du starbst um mich.« – »Ihm ward sein Wille! Sein Haupt für drei meiner Freunde. Komm, es ist die höchste Zeit!« Mit diesen Worten ergriff er das bebende Weib und hob sie mit eisernen Armen auf eines der harrenden Rosse, schwang sich zu ihr in den Sattel und vorwärts jagte das Paar wild in die Nacht und den Sturm. Sausend schlug der Wind des raschen Rittes Mariens Schleier und gelöste Locken in Reinharts Antlitz. Kein Wort ward gesprochen. Nur vorwärts, vorwärts spornte er das schnaubende Tier. Wohin der brausende Ritt sie trug, – sie wußten es selbst nicht! Nur fort von der feindlichen Burg, und die Richtung nach dem Meere einhaltend, eilten die Flüchtlinge. Den Weg zu verfolgen, welchen Gottschalk sie zu führen versprochen, war nach dem Verlust des treuen Alten unmöglich. Und mit diesem Weg gab Reinhart die Hoffnung auf, rechtzeitig die Meeresbucht Al Irm und das byzantinische Schiff zu erreichen. Es galt ihm jetzt nur, möglichst großen Vorsprung zu gewinnen vor der grimmigen Verfolgung, welche die Mannschaft aus Dschabar beginnen mußte, sobald sie die Flucht des Paares entdeckt, sobald sie Rodvan vermißt und als Leiche gefunden haben würde. Manchmal hielt Reinhart den rasenden Lauf seines Rappen an und lauschte, ob er nicht im Rücken den Hufschlag der Verfolger vernehme. Aber nichts vernahm sein Ohr als den Nachtwind, der in den Bergeichen sauste und von ferne das brandende Meer, dem sie sich in wilder Eile näherten. Dann drückte er wohl einen brennenden Kuß auf Marias schönes Antlitz, die ihn fest umklammert hielt, sprach ein ermutigendes Wort, an das er selbst kaum glaubte, und vorwärts wieder jagte die hastende Flucht. – – So waren sie stundenlang geritten. Der Tag begann zu grauen. Die freundliche, aber gefährliche Helle ließ nunmehr die Umgebung deutlicher unterscheiden. Reinhart sah, daß sie in die Vertiefung des Küstenthales geraten waren, das, von zwei felsigen Hügelreihen umschlossen, in das offene Meer auslief. Mit den ersten Strahlen der Morgenröte erblickten sie von der Spitze eines der Hügel, die sie erreicht, vor sich die rauschende See, deren Morgenflut eben begann. Reinhart beschloß, eine noch höhere Felsklippe, die einen Bogenschuß vor ihnen und schon ganz im offenen Flutgebiet lag, zu erklimmen, ob nicht von dieser Warte aus die rettende Galeere vor Anker liegend zu sehen sei. Mit Mühe spornte er das müdegehetzte Tier die steile Felshöhe hinan, an deren Fuß schon die Wellen spülten und unter den Hufen des Pferdes spritzten. Als sie den Gipfel gewonnen, bot sich ihnen der überraschende Anblick eines großen kriegerischen Lagers dar, das zu ihrer Linken lag und bisher von der Hügelreihe vor ihren Blicken verborgen gehalten worden war. Es war offenbar das Heer der Christen, das von Jerusalem aus zur Vernichtung der saracenischen Macht in diesen Gegenden herangezogen war. Mit einem aus Freude und Schrecken gemischten Gefühl sah Reinhart die wohlbekannten Fahnen im Morgenwinde wehen. Die Wappen der einzelnen Banner konnte er nicht unterscheiden, doch goldig leuchtete im Morgenlicht von den Spitzen ihrer Schafte das Kreuz. Schon war es lebendig im Lager. Man sah die Reisigen Rosse zäumen, Waffen putzen, Befehle durch die Zeltgassen tragen. Bald hatte man das Paar auf der hohen Felsspitze entdeckt und einige Reiter der Vorhut näherten sich, soweit es die unterdessen noch gestiegene Flut gestattete. Mit schmerzlichem Blick betrachtete Reinhart die früheren Waffenbrüder, als ihn ein plötzlicher Schreckensruf Marias sich wenden ließ. – Er blickte um und sah von dem anderen Höhenzug des Thales, zu ihrer Rechten, plötzlich zahlreiche Scharen saracenischer Reiter herabjagen, deren Annäherung früher zu vernehmen das Getöse der rasch emporschwellenden Flut verhindert hatte. Bald erkannte er Hassan, der unter den vordersten ritt. Kurz nach Mitternacht war dieser mit der Vorhut der türkischen Reiterei in Dschabar angelangt, hatte die Gefangenen entflohen, seinen Sohn erschlagen gefunden. Wütend hatte er die Flüchtlinge und ihre Spur verfolgt und endlich hier, am Meeresstrand, eingeholt. Sofort hatten die Saracenen die beiden Gestalten auf der Klippe erkannt und ungesäumt jagte Hassan mit seinen Reitern in die Flut, den Felsen schwimmend zu erreichen. Mit Schrecken sah sie Maria näher und näher herankommen. Aber von dem Christenheere, das, sowie die Saracenen sichtbar geworden waren, sich eilfertig in Schlachtordnung gestellt hatte, schien den Flüchtlingen Rettung kommen zu sollen. Die Vorposten des Lagers hatten die offenbar feindlichen Absichten der Saracenen gegen das Paar auf dem Felsen erkannt und deshalb rasch beschlossen, den Feinden ihre Opfer zu entziehen. Gleichzeitig mit Hassan heransprengend hatten sich die Christen in Booten in die Fluten geworfen und mit kräftigen Ruderschlägen bald den mühsam schwimmenden Saracenenrossen Vorsprung abgewonnen. »Seid gutes Mutes,« rief der Christen Führer von weitem aus dem Nachen Reinhart zu, »die Heiden sollen Euch nichts zu Leide thun.« »Wo ist Graf Robert von Flandern?« rief Reinhart. »Graf Robert führt die Nachhut aus Jerusalem herbei. Er trifft erst gegen Abend ein.« – »Wer befehligt die Vorhut? Wessen Leute seid ihr?« – »Uns führt Fürst Bohemund von Tarent!« Und mit Schrecken erkannte Reinhart die normannischen Farben und die Helmzeichen seines grimmigen Feindes: denn schon stiegen die Reisigen aus den Kähnen. »Aber wer seid Ihr da oben? Ihr tragt christliche Waffen?« Reinhard antwortete nicht: – er zog das Pferd von dieser Seite des Felsens zurück. Aber der zweite Normanne, der ans Land sprang, hatte ihn erkannt. »Bei Tankreds Schwert!« rief er dem ersten zu, »Guido! Das ist Reinhart von Stauf! Der Apostat! Der Herzog hat einen Preis von fünfzig Goldgulden auf das Haupt des Geächteten gesetzt. Und wer den von der heiligen Kirche Verfluchten erschlägt, erhält Ablaß für drei Todsünden. Den müssen wir haben!« Wild jubelten die Normannen Beifall. Ihr Führer rief Reinhart vom Fuße der Klippe aus zu, sich zu ergeben. Reinhart sah sich schweigend nach der rechten Seite um, von wo die Saracenen herandrangen. Hassan hatte nun den Felsenhügel erreicht und stürmte die steile Klippe herauf, den Seinigen voran und den Säbel schwingend mit dem Ruf: »Abtrünnig Weib! Mörder meines Sohnes! Nieder mit der Christenbrut!« »Maria!« sprach Reinhart, die Geliebte umarmend, »sollen wir uns ergeben? An Hassan? An die Normannen?« »Nein, Reinhart!« antwortete sie, seine Frage verstehend, »frei wie wir gelebt, wollen wir sterben, Gott wollen wir uns ergeben, nicht den Menschen!« Und sie wies hinaus auf das rauschende Meer. »Vergieb mir, Maria: ich war dein Verderben!« – »Und ich das deine. Und unser Verderben war unsere Seligkeit!« Fest umschlang sie mit beiden Armen seinen Nacken. »Ja, Geliebte! Nimm uns auf, du heiliger freier Ocean!« Und mit kräftigem Spornstoß, mit eiserner Hand riß er das schnaubende Roß empor zu schwindelndem Sprung. Hoch bäumte sich das edle Tier: es weigerte einen Augenblick den furchtbaren Dienst. Aber im nächsten schoß es, weit ausgreifend, hinaus in die rauschende Brandung, die, spritzend und schäumend, über ihm zusammenschlug. Noch einmal tauchte Reinharts ragender Helm aus dem Strudel. Noch immer sah man seinen Nacken umklammert von zwei weißen Armen. – Da rauschte eine hohe, schäumgekrönte Welle heran und begrub Roß und Reiter für immer in ihrem Schos. – – Die Normannen waren, als sie den Fang entwischt sahen, zu ihren Kähnen und auf diesen zu dem Christenheere zurückgeeilt. Hassan erklomm ungestört den Gipfel der Klippe und sah die Flüchtlinge versinken. Einen Augenblick starrte er schweigend, finsteren Blickes, in die Fluten, als wollte er nicht glauben, daß ihm seine Opfer entrissen seien. Dann kehrte er düster zu den Seinen zurück, die ihn in einem Boote vom Felsen abholten. Bald entbrannte in dem ganzen Meeresthal die grimmige Schlacht. Lange tobte, bis zur sinkenden Sonne unentschieden, der Kampf. Am Abend aber traf Graf Robert von Flandern mit der Nachhut auf der Walstatt ein. Da ward der Tag für die Christen entschieden. Hassan trug die grüne Fahne Mohammeds zum letzten Angriff. Er fiel und mit ihm sank die grüne Fahne. Vergebens suchte Graf Robert, dem die Normannen den Untergang Reinharts von Stauf berichteten, als die Toten bestattet wurden, nach der Leiche seines noch immer geliebten jungen Freundes. Er wollte sie von den Gebeinen der »heidnischen Zauberin« trennen und, trotz Acht und Kirchenbann, feierlich in geweihter, christlicher Erde bestatten. Seine Leute durchforschten die ganze Umgebung des Felsens, die mit der abends eintretenden Ebbe wieder trockengelegt war. Vergebens: – das stolze Meer gab die Liebenden, die sich ihm anvertraut, nicht wieder heraus; es hatte sie ungetrennt fortgetragen in seine ewig freien Tiefen. Aus der Vendée. (1836) 1794. I. Es war ein duftiger Frühlingsabend in der grünen, buschigen Vendée; die Sonne tauchte hinter die Waldhügel, die, den Ausblick nach dem Kanal von England hemmend, die Loire begleiten, bis sie in den Ocean mündet. Der Clairon, ein silberhelles Flüßchen, durchschneidet hier das enge Thal, das von den Ausläufern des Küstengebirges umschlossen wird. Der Tag war feucht, zum Teil regnicht gewesen und die erst im Erlöschen siegende Abendsonne weckte aus tausend Waldblumen jenen jungfräulichen süßen Duft, der nur der Maienabende flüchtige Gabe ist. – Da stiegen von den südöstlichen Gebirgen auf den Pässen, die aus dem innern Frankreich führen, die Vortruppen des siegreichen republikanischen Heeres herab, das zwei Tage zuvor eine Abteilung der kühnen Chouans geschlagen und zerstreut hatte, die von George Cadoudal, dem begabtesten und mächtigsten Parteigänger des Königtums in dieser Landschaft, zum Schutz der Eingänge in die Vendée aufgestellt war. Es war ein wilder, unregelmäßiger Zug, einem einheitlichen, zuchtstrengen Heer ebenso unähnlich als die aus Edelleuten, Priestern, Bauern und Jägern gemischten Haufen der Chouans, die ihre waldgrüne Heimat und ihre altererbten Gesinnungen gegen die gleichmachenden Dekrete der Einen und unteilbaren Republik verteidigten. Der Zug, etwa 400 Mann stark, wurde eröffnet durch eine aus Schützen bestehende Vorhut, die, der Hauptmacht vorausrückend, rechts und links die verwachsenen Waldhöhen rings um den schmalen Pfad beobachtete, jeden Hinterhalt der listigen Feinde zu erspähen, ehe die Hauptmacht, die sich auf dem engen Wegraum nicht ausbreiten konnte, in das Bereich der Gefahr geriete. Ohne Widerstand erreichte die Schar den Gipfel der Hügel und stieg ohne Hindernis in das grüne Thal des Clairon hernieder, das im Abendlichte vor ihnen lag. Die Hauptmacht folgte; den Schluß bildete ein Haufe von Sansculotten und Marodeurs, deren kriegerische Haltung der Fahne der Republik wenig Ehre machte. Drei Offiziere ritten langsam vor der Hauptmacht. Der älteste und höchste unter ihnen, ein Oberst, trug den damals gewöhnlichen schwarzen Civilanzug des mittleren Bürgerstandes und eine Jagdkappe von schwarzem Tuch. Nur der Degen an der breiten dreifarbigen Binde bezeichnete den Soldaten, den Offizier. Seine Züge, in denen mehr Betrachtung und Gedanke als Leidenschaft lag, stimmten zu dem Eindruck seiner Kleidung. Haar und Bart hatte er, nach Sitte der damaligen Freiheitsmänner, kurz geschoren, gleich den Republikanern Roms; aber sein blaues Auge ließ nicht auf romanische Abkunft schließen. Der Offizier zu seiner Linken war ein Mann nur mittleren Wuchses, doch von nervigem, straffem Bau. Er trug eine verschossene blaue Soldatenjacke, lederne Hosen bis ans Knie, indes die Beine unbeschuht und unbestrumpft an den Weichen des Pferdes baumelten, dessen ganzes Reitzeug in einer über den Rücken geworfenen Wolldecke und einem Stricke statt des Zügels bestand. Über die Brust hatte er eine zerfetzte dreifarbige Schärpe geschlungen, die ihm ein langes Messer ohne Scheide trug. Den Kopf und einen Teil des Gesichts bedeckte eine rote Feldmütze, aber doch nicht tief genug, eine frischgeschlagene Schramme zu bergen, welche sich vom linken Auge über die Nase nach der rechten Wange zog. Es lag etwas Theatralisches in der absichtlichen Wüstheit, in der Vernachlässigung seines Anzugs und seines Gebahrens. Der dritte Reiter stach bedeutend von seinen Kameraden ab. Er ritt einen edlen Araber mit jenen schlanken Fesseln und dem feingebogenen Hals, durch welche die Rasse als die Aristokratie unter den Pferden erscheint. Er trug die volle Uniform der Revolutionstruppen; doch hatte er an dem dreieckigen Hut die Federnverbrämung des ancien régime beibehalten und der seine Kavalierdegen mit dem goldenen Griff mochte sich wundern, daß die Farben einer seidenen Trikolore freundnachbarlich ihn berührten; mehr noch als diese äußeren Zeichen verrieten das vornehm geschnittene Profil und die weiße Hautfarbe die adelige Abkunft. Das Stutzbärtchen, das gewiß früher diese schmalen Lippen bedeckte, war als ein Opfer der Sitte der Republik gefallen, aber das schöne kurzlockige dunkelbraune Haar schmückte noch immer sein edel gebildetes Haupt. Die Sauberkeit der ganzen Erscheinung mochte besonders der Sorgfalt des alten Dieners zu danken sein, der dicht hinter ihm schritt und dessen Auge oft wie mit väterlicher Liebe und mit einem gewissen Stolz auf der feinen, höfischen Gestalt ruhte. Jetzt, als der Weg beim Herabsteigen von den Höhen besonders steil und schwierig ward, trat er vor, schob das Pferd des Sansculotten ziemlich rücksichtslos auf die Seite, ergriff den Zaum des Arabers und leitete so seinen jungen Herrn auf die gangbarste Fährte des Reitpfades. »Laß, Gertraud; du weißt, Oriel geht sicher wie eine Gemse und du bist dem Bürger Froissard im Wege.« – »Ah, Monsieur le Vicomte – Monsieur Hektor, wollte ich sagen« – verbesserte der Diener rasch mit einem verlegenen Blick auf den Oberst. »Thu' dir keinen Zwang an, Bertrand,« lächelte dieser. »Du kannst es nicht über das Herz bringen, das ›Bürger Chatillon‹, also bring' es auch nicht über die Lippen.« – »Du mußt ihn entschuldigen, Gracchus, er ist zu alt geworden in der alten Form, um sich so leicht der neuen zu gewöhnen. Treue ist seine Haupteigenschaft: – Treue gegen die Menschen und gegen die Dinge.« »Ja, die Treue,« rief Froissard mit spöttischem Ton, »ist ein gut Ding, Bürger Papillon. Bewahrt sie nur der Republik fester als dem Königtum.« »Froissard!« fuhr Hektor auf. »Euresgleichen könnte mir diese Treue schwer machen, wenn Ihr etwas anderes in mir erwecken könntet als Verachtung.« »Hoho, junger Kavalier, das forderte Blut, wär' ich eine Adelspuppe wie Ihr. Aber wartet nur! Die Canaille hat auch ihre Waffen: wir sind Euch wie die Guillotine: Ihr verachtet uns, aber wir bringen Euch um.« »Friede, Kameraden!« sprach der Oberst. »Zwist unter den Offizieren wäre unser sicheres Verderben in diesem Lande, wo nur wachsames Ineinandergreifen uns schützen kann vor einem allgegenwärtigen Feinde. Ihr wißt, wie schwierig unsere Aufgabe. Nach unserem Sieg an der Charente hat sich der Rest der Chouans, etwa dreitausend Mann, unter Charette und andern bedeutenden Führern geflüchtet und zwar vermutlich in das Thal des Clairon, auf Schloß Sombreuil. Wir wissen noch nicht, ob sie sich von da ins Gebirge werfen und mit George Cadoudal vereinen oder ob sie nach der Küste sich wenden wollen, nach England zu fliehen. Beides muß verhindert werden. Denn nur durch ausnahmlose Zerstörung jedes kleinen Schößlings läßt sich der verderbliche Stamm brechen, der seine zähen Wurzeln nach allen Provinzen Frankreichs ausbreitet. General Hoche mit der Hauptmacht wird die Flüchtlinge von der Verbindung mit Cadoudal abdrängen und gegen das linke Ufer des Clairon, wo Schloß Sombreuil liegt, vorrücken, indes wir sie umgangen und das rechte Ufer gewonnen haben, ihnen den Weg nach der Küste zu verlegen. Wir müssen sie verhindern, auf das rechte Ufer des Flusses überzusetzen und sie auf dem linken so lange festhalten, bis General Hoche sie erreichen und vernichten kann.« »Freilich schwer genug,« rief Froissard, »den Fuchs im eigenen Bau zu fangen. Sie kennen jeden Busch dieser Wälder, jeden Fels dieser Berge. Aber mich sollt' es freuen, den Grafen Alfons de Sombreuil auf den Zinnen seines eigenen Schlosses zu hängen.« »Ihr könnt ihm die Schmarre von der Charente nicht verzeihen,« lachte der alte Bertrand. »Aber es geschah Euch recht. Ihr habt seinen schönen Rappen erstochen, das machte ihn wütend. Das edle Tier that mir leid.« »Weiß Gott – oder vielmehr wüßte Gott, wenn's einen gäbe – die Rosse dieser Aristokraten sind so stolz wie ihre Reiter. Es ist mir immer, als ob solche Bestie mich verachtet. Als ich den Rappen mit der hochmütigen Fußbewegung einhergaloppieren sah, hätte ich das Roß wie den Reiter zur Guillotine schicken mögen. Da sprang ich hin und stieß der Märe die Pike in den Bauch und der Schurke hieb mir den Degen übers Gesicht. – Aber wir sind am Ziel!« Der Zug war im Flußthal angekommen; die sechs oder sieben Hütten, sonst von Bauern und Fischern bewohnt, waren verlassen. Jenseit des Flusses, eine viertel Stunde etwa entfernt, auf einem Hügel lag Schloß Sombreuil. Die Brücke war abgebrochen, die Kähne, die sonst den Übergang vermittelten, verschwunden und ebenso die Stangen, die dazu dienten, die Furten des kleinen, aber tiefen und reißenden Flusses zu bezeichnen. Die Mannschaft verteilte sich längs dem Ufer und in dem verlassenen Dörflein. Froissard traf die Wache; der Oberst und Hektor quartierten sich in dem wohnlichsten der Häuser ein, das von einem Blumengärtchen umgeben war und überall die Spuren eines fleißigen Wirts zeigte, ja die unverkennbaren Spuren einer Frauenhand trug. Hektor überließ es der Sorge Bertrands, der überall im Hause umherwirtschaftete, Quartier zu machen, und legte sich, in seinen Mantel gewickelt, auf die schlichten Bretterstufen, die von dem Garten an die Hausthür emporführten und von wo er das kleine Thal überschauen konnte. Es war nun dunkel geworden: die ersten Sterne gingen auf: die Stimmen der Tiere in Baum und Wiese verstummten und über der Landschaft lag tiefe Stille, die nur selten von einem Ruf der Wachen am Fluß, von dem fernen Klirren einer Waffe unterbrochen wurde. Hektor versank in sinnende Betrachtung, die seinem Gesicht einen wehmütigen Ausdruck lieh. Eine Hand legte sich traulich auf seine Schulter. »Du träumst, Hektor,« sprach eine milde Stimme, »wovon träumst du?« Er sah auf; der Oberst stand bei ihm. »O Guillaume, wovon als von ihr!« – »Von der Freiheit?« – »Nein, von Hortense, der weißen Rose von Vaucluse. Du glaubst nicht, wie mächtig diese grünen Waldhügel, diese Thäler und Schluchten mich mahnen an die Auen meiner Jugend, wo das Schloß meiner Väter stand, in der blühenden Provence, und an sie, welche die Rose jenes Gartens, die Blüte meines Lebens war.« – »Das sind gefährliche Erinnerungen, Hektor. – Überhaupt ist dein Sinn nicht mehr derselbe, seit wir Paris verlassen und diese Vendée betreten haben. Ich fürchte, dein bewegliches Herz ist nicht tief genug vom Golde der Freiheit befrachtet: es treibt auf den Wellen neuer Eindrücke.« » Neuer Eindrücke? nein, Guillaume. Die Empfindungen, welche diese Wälder in mir wecken, sind die ältesten meiner Seele. Wie jetzt dort das alte Schloß, so habe ich alle Abende meiner Knabenzeit das graue Chatillon im Sternenschimmer liegen sehen, wann ich heimkehrte von der Jagd, aus den Wein- und Olivenhügeln von Carcassonne. Dann ritt Bertrand neben mir und sang mir die alten Lieder der Provence und erzählte mir von meinen Ahnen, den ritterlichen Chatillons, die den weißen Falken im blauen Schild den Schlachten der Capets schon und der Valois getragen. Diese schilfigen Ufer mahnen mich an die Niederungen der Durance, wo ich mit Hortense de Bellaflor den scheuen Reiher beizte. Wie zierlich trug sie den Sperber auf der kleinen Hand! – Es war ein Maiabend wie heute – sie war schöner und freundlicher als je – ich hatte ihr nie von Liebe gesprochen, ich scheute mich, – sie war ja ein Jahr älter als ich –; sie hatte eine spanische Romanze gesungen vom Cid Campeador – da fiel ich ihr zu Füßen und bat sie, mir eine Gefahr, eine Heldenthat für sie aufzugeben, ich könne nicht unverdient ihre Schönheit schauen, ihre süße Stimme hören. Da lächelte sie und löste mit spielender Hand eine weiße Schleife von meinem Mantel und sprach: ›Wohlan, ich nehme Ihren Ritterdienst an, Hektor! Von nun an vollbringt, was die Dame von der weißen Schleife von Euch begehrt.‹« »Schwärmende Kinder!« lächelte der Oberst. »Das sind nun fünf Jahre. Mein Vater schickte mich in die Pagerie nach Paris. Da lernte ich dich kennen, du lehrtest Philosophie und Geschichte: mein Lehrer ward bald mein Freund. Du legtest den Schatz deiner großen Gedanken, deiner Freiheitsbegeisterung in meine Brust und erwecktest mir eine neue Welt in Rousseau, in den großen Philosophen. Du wecktest in mir die Liebe zur Menschheit, den Drang, Glück und Freiheit von Frankreich aus über alle Länder zu verbreiten, das natürliche Recht der Gleichheit allen Menschen wiederzugeben. In dem Weltmeere dieser Ideen versank alles, was mir früher teuer gewesen, mein Stand, das Schloß meiner Väter, selbst meine Liebe. Als ich aus der Pagerie trat, war der Kampf mit der Tyrannei begonnen; mein Vater war tot. Ich sah die Genossen in Scharen dem wankenden Thron zu Hilfe eilen: aber ich war dein Schüler geworden und das Schwert von Chatillon ward gegen die Bourbons gezückt. Man zerbrach mir mein altes Wappen, man nahm mir alles, bis auf dies Schwert: – aber ich wankte nicht, ich folgte dir und der Freiheit blind durch alle Gefahren, ja durch Ströme von Blut. Deine starke Logik baute mir Brücken über alle Abgründe; ich begriff, daß nur das Blut der Tyrannen die Schuld der Tyrannei sühnen, die Wurzeln der Freiheit tränken könne. Und in Paris, wo jeder Tag neue Gefahr, neue Aufregung brachte, wo die Republik stündlich ihr junges Leben gegen Gewalt und Verrat schützen mußte, – da ertrug ich alles, selbst die Roheit unserer eigenen Partei, selbst die dumpfe Bestialität eines Froissard. Aber hier in diesen Wäldern ist alles anders. Hier ruht der langgequälte Verstand, die Seele tritt wieder in ihre Rechte, das Gemüt wird beredt; die Vergangenheit, meine Vergangenheit redet zu mir aus diesen grünen Bergen. Die Begeisterung dieser Jäger und Fischer für ihr Recht macht mich irre an unserm Recht und ich muß oft denken: die Chouans sind Helden und wir sind Henker.« Der Oberst faßte bewegt die Hand des jungen Mannes, »Nein, Hektor, werde nicht irre, wanke nicht! Es wäre mein Unglück, es wäre mehr: es wäre der Sturz meiner Idee. Du weißt nicht, was du mir bist; dein Haupt trägt mir die Weihe des Symbols. Ja, denn ich ringe um deine Seele mit dem Geist der Vergangenheit und der Ausgang des Kampfes ist mir ein Gottesurteil. Du weißt, wie ich geworden, was ich bin. Mein Vater war Kaufmann in Straßburg, ich sollte die Firma fortführen: – ich fügte mich. Des Tages habe ich Conti gezogen und in den Büchern gerechnet, aber nachts habe ich studiert. Und als mein Vater Bankerott machte und sich erschoß, habe ich mit vierundzwanzig Jahren die Mutter, die Schwester erhalten als Professor an der Pagerie. Ich habe nie eine Jugend gehabt, nie eine Liebe: die Logik Rousseaus war mein Genuß, die Freiheit meine Verlobte; ich hatte entdeckt, daß die Menschheit geirrt hatte, daß sie alle Wurzeln des Geschichtlichen ausrotten, daß sie neu beginnen muß, soll sie nicht verfaulen in Laster und Tyrannei. Ich habe an mir erfahren, was der Wille kann: er muß es in allen können. Mit Grundsätzen kann man eine Welt in Gedanken, warum nicht auch eine Welt in Wirklichkeit bauen? Die Vergangenheit oder der Wahn, die Heilighaltung der Vergangenheit ist ein gefährlicherer Feind unserer Republik als der feindliche Bund aller Könige Europas. Aber jeder Mensch kann seine Vergangenheit Lügen strafen, wenn er nur will. Meine Gegner in Philosophie und Geschichte, die Engländer, die Deutschen bestreiten dies: – aber es ist die Frage nicht meines Lebens nur, es ist die Lebensfrage Frankreichs. Da fand ich dich: dein aufopfernder edler Geist, dein freier Sinn hat mich entzückt; in dir will ich den Verehrern der toten Vergangenheit einen lebendigen Gegenbeweis aufstellen; du, der geborene Edelmann, sollst durch die verwandelnde Kraft deines bloßen Willens, deines kühlen Verstandes der glühendste Republikaner werden. Ich selbst habe ein kleineres Beispiel davon geliefert, meine Natur neigt zu theoretischer Arbeit, zur Wissenschaft: – aber ich sah, das Vaterland hat Überfluß an Philosophen und Mangel an Soldaten: wohlan, ich bezwang die Natur und ward, meiner Vergangenheit zum Trotz, Soldat, Offizier.« »Und ein tüchtiger Offizier.« »Den größern, glänzenderen Beweis sollst du liefern, Hektor; laß mich nicht zu Schanden werden.« »Nein, Guillaume, gewiß nicht. Führe mich gegen meine ausgewanderten Genossen, die Vaterlandsverräter, die sich von preußischen Bajonetten wollen zurückführen lassen: – meines Vetters, meines Bruders Blut will ich vergießen in solchem Krieg. Aber es geht mir gegen das Herz, diese Bauern und Jäger hier mit überlegener Macht zu fangen und zu erschießen, die in ihren Bergen und Wäldern für ihren alten Gott, für ihren König und ihre Grundherren mit rührender Treue kämpfen und sterben.« »Glaubst du, Hektor, mir wird es leicht? Ich bin kein Froissard! Aber dem Heil der Menschheit muß auch dies Opfer fallen. Diese Thäler haben jahrhundertelang das Glück gehabt, unter einer milden und tüchtigen Adelsherrschaft zu stehen: kein Steuerpächter hat sie ausgesaugt, kein verdorbener Hof vergiftet. Sie haben den Fluch der Tyrannei nicht hassen gelernt, wie sollten sie die Freiheit lieben? Sie kämpfen für ein patriarchalisches Glück, das einzige, das sie kennen. Wir aber bringen ihnen ein höheres, ein politisches Glück: Geist, Bildung, Freiheit und zwar, wenn es sein muß, mit Gewalt. Denn wie wir alle Menschen sind, Ein Begriff, so soll auch die ganze Menschheit nur Ein Glück haben: die Freiheit!« »Brav, Oberst!« schrie Froissard, der unbemerkt herangetreten war. »Ja, wir bringen die Freiheit! Wir wollen es ihnen austreiben, Unterschiede zu machen, die die Natur nicht kennt. Wird der eine als Bauer geboren aus seiner Mutter Leib, der andere als Edelmann, der reich, jener arm? Nein, beim Teufel, als Mensch wird jeder geboren, und Menschen sollen wir alle sein, nichts weiter. Die Natur hat Eine gerade Linie gezogen, gleich für alle: was um einen Kopf darüber hinausragen will, muß um eben diesen Kopf kürzer gemacht werden. Übrigens ist meine Nachtzeit um, an Euch ist die Reihe, Bürger Chatillon. Denn Bürger Gracchus ist Oberst und hält nicht mit im Dienste, dieser Unterschied muß sein. Merkt die Parole: France und fraternité .« Hector stand schweigend auf und ging mit Bertrand auf seinen Posten an dem Ufer, wo die Wachtfeuer brannten. *   II. Schloß Sombreuil lag einige hundert Schritte weit von dem linken Ufer des Clairon auf einem buschigen Hügel. Es war in der frühen Gotik des XII. Jahrhunderts gebaut mit der einfachen, wenig belebten Schönheit dieses Stiles; der Spitzbogen wiederholte sich an allen Fenstern und Thüren und zwar in der älteren, dem Romanischen noch näheren Form mit der mehr runden als keilförmigen Spitze: ebenso kehrte das Achteck wieder bei allen Türmen, Erkern und Zinnen. Nur die oberen Gemächer des östlichen Turmes waren, weil zum Wohnraum der Grafenfamilie bestimmt, in wohnlichem Stand erhalten und daher auch mit einzelnen Neuerungen versehen worden. Die unteren Geschosse aber, für das Gesinde und weiland für die reisige Besatzung bestimmt, mochten jahrhundertelang keine große Änderung erfahren haben. In der weiten Halle des Erdgeschosses waren am Abend unserer Erzählung einige der flüchtigen Royalisten versammelt. Man brannte kein Licht, um nicht die Aufmerksamkeit der Feinde zu wecken. Auf einer Erhöhung im Hintergrunde der Halle – dem sogenannten »dais« , von welchem herab dereinst der Burgherr die Wahrzeichen der Lehen an seine Vasallen vergeben hatte – saß auf einem Armstuhle mit hohem, gotisch geschnitztem Rücken ein stattlicher Greis, dessen graue Locken bis auf die Schultern seines Wamses von veilchenfarbenem Sammet herunterflossen. Die Linke hing matt von der Seitenlehne des Stuhles, indes seine Rechte auf dem Haupt eines schönen, in Trauer gekleideten, jungen Weibes ruhte, das zu seinen Füßen kniete und mit unendlich wehevollem Ausdruck ihre großen dunklen Augen zu ihm aufschlug; zu seiner Rechten stand ein Mann, den Tonsur und Cingulum als katholischen Priester bezeichneten. Ein Mann von etwa dreißig Jahren in der Offiziersuniform der bourbonischen Edelgarde, der den linken Arm in der Binde trug, maß mit ungeduldigen Schritten den Saal. Auf dem Boden lagen Büchsen, Pistolen, Säbel, Pulverhörner und Waffen aller Art zerstreut. In der Nische des großen Bogenfensters standen mehrere Männer in der grünen Jägertracht der Chouans. Alle waren – leichter oder schwerer – verwundet und blickten schweigend nach dem fernen Ufer, wo die roten Wachtfeuer der Feinde glühten. Der Greis unterbrach die Stille: »Was ist beschlossen?« fragte er den Offizier. »Sprich, Alfons; dieses Schweigen ist schrecklicher als das ausgesprochene Verderben.« – »Wir können nichts beschließen, Graf Bellaflor, bis Martinet zurück ist. Ist es General Hoche selbst, der dort am Flusse lagert, so müssen wir zu Cadoudal in die Sümpfe fliehen. Ist es nur ein zufälliger Streifzug, so müssen wir seine Entfernung abwarten und dann über den Fluß und nach England eilen.« Er verschwieg die dritte gefährlichste Möglichkeit, die er besorgte, daß jener Streifzug kein zufälliger, sondern absichtlich ausgeschickt sei, um ihre Flucht nach England abzuschneiden, bis General Hoche sie auf dem linken Ufer des Clairon erreichen und vernichten würde. Nur eine Erwägung bewog ihn, dies Schlimmste noch nicht anzunehmen, nämlich die, daß ein absichtlich gegen sie gerichteter Streifzug doch wohl geradeswegs das Schloß überfallen haben würde. Er setzte seine unruhigen Gänge fort, bis rasche Schritte auf der Außenflur die Spannung aller erregten. Da eilte zur Saalthür herein, die gewichtigen Eichenflügel offen lassend, eine hübsche Bäuerin in der schmucken Tracht der Vendée. »O gnädige Herrschaft,« rief sie in lauter Freude, »er ist da! Er ist gesund wieder da, mein lieber kleiner Mann, mein Martinet.« Und ihr auf dem Fuße folgte der lang erwartete Späher, das Wasser aus seinen triefenden Kleidern schüttelnd. Es war eines jener köstlichen Bauerngesichter, die mit größter Treuherzigkeit einen Zug schalkhafter Schlauheit vereinen. »Ah Monseigneur, ah Comtesse, ah meine kleine Frau! Das war der beste, aber der gefährlichste Spaß meines Lebens. Jeannetton, gieb mir einen Schluck Wein und eine trockene Jacke, – ich bin halbtot vor Kälte und Hunger, – wenn es die gnädige Herrschaft erlaubt. Wisset vor allem: es ist nicht General Hoche, sondern Oberst le Gray, den sie Gracchus nennen, Mit etwa vierhundert Mann.« »Also zu Cadoudal können wir nicht mehr!« riefen einige der Chouans. »Nein,« fuhr Martinet fort, »denn zwischen ihm und uns steht General Hoche und rückt in Eilmärschen gegen uns. Sie glauben nämlich, alles, was nach dem Tage an der Charente von uns übrig gewesen, habe sich hierher geworfen. Sie wissen nicht, daß sich, was noch rüstig war, unter Charette über die Berge zu Cadoudal gewendet hat. Das ist auch der Grund, weshalb sie nicht sofort das Schloß anzugreifen wagten.« »Und unsertwegen«, rief der Greis, »seid ihr mit uns ins Verderben gegangen, anstatt mit den anderen in Sicherheit.« – »Ah, Monseigneur, wir durften Euch doch nicht allein lassen mit der Comtesse und dem verwundeten Herrn. Aber mit dem Verderben hat's noch gute Wege. Wenn Charette zu Cadoudal entrinnt und ihn von unserer bösen Lage unterrichtet, so werden sie gewiß das Äußerste wagen, uns herauszuhauen.« »Unmöglich!« sagte der alte Graf. »Hoche ist ihnen dreifach überlegen.« »So müssen wir nach England!« rief der Kaplan. »Freilich, freilich,« meinte Martinet mit einem verlegenen Lächeln. »Hat Oberst Gray fest Quartier gemacht längs dem Fluß?« fragte Alfons rasch. »Ja, allerdings ziemlich fest!« erwiderte Martinet verhalten. – Alfons biß auf die Lippen; er sah geschehen, was er fürchtete: jener Streifzug galt ausdrücklich dem Schloß Sombreuil: – sie waren im Netz. Niemand bemerkte seine Miene als Martinet, der allein außer ihm die Situation ganz überschaute. »Doch deshalb,« rief er mit verstellter Munterkeit, »den Mut nicht verlieren! Ich habe einen köstlichen Plan, ich schaffe die gnädige Herrschaft doch noch über den Fluß und nach der Küste.« »Laß hören,« sagte Alfons hoffnungslos. »Nämlich so. Die Sansculotten glauben, wir sind ein Haufe von ein paar Hundert. Nun haben wir noch zwei alte Böller auf dem Schloß, die bei Todesfällen und anderen Freudenfesten losgebrannt werden. Diese schleppen wir Chouans an die untere Furt, unterhalb des Dorfes, und feuern sie gegen die dortigen Posten am Engpaß ab, als ob wir dort mit Macht und Kraft den Übergang erzwingen wollten; der ganze Streifzug wird sich auf diesen Punkt werfen und die Wachen vom oberen Teile des Flusses abziehen; aber oberhalb des Dorfes, am Brombeerhügel, ist die seichteste Furt, und indes wir unten am Engpaß die Feinde beschäftigen, watet die Herrschaft oben gemächlich über den Fluß und hat einen Vorsprung von ein paar Stunden gewonnen.« »Indes am Engpaß soviel treue Herzen für uns verbluten!« rief der alte Graf. »Pfui über uns, wenn wir das duldeten.« »Nun, was ist's denn weiter?« rief Martinet, fast ärgerlich, das Aufopfernde in seinem Plan entdeckt zu sehen. »Hat nicht die Herrschaft und die frühere Herrschaft von jeher für und mit uns gelebt, und sollen wir nicht einmal ein wenig sterben dürfen für die Herrschaft? Sie sind nicht nach Paris gezogen, Sie nicht und ihre Väter nicht, und haben nicht am Hof das Blutgeld unserer Grundzinse verbraust, wie Sie's wohl gekonnt hätten, gleich den anderen, sondern hier, im grünen Land, im alten Pays, sind Sie geblieben, haben sich mit uns gefreut über ein gutes Jahr und uns fortgeholfen über ein schlechtes: – wir gehören zusammen, die Herrschaft und wir, wenn's erlaubt ist, sozusagen, und darum ... –« »Darum gehören wir auch im Tode zusammen, treuer Martinet,« rief der alte Graf Bellaflor und erhob sich vom Stuhl. Hortense sah mit Bewunderung an ihrem greisen Vater empor: – sein langes weißes Haar wallte auf seine Schultern und sein sonst mildes Auge sprühte kriegerisches Feuer. Er trat vorwärts und ergriff ein zerfetztes Banner, das in einer Eisenröhre an dem Pfeiler steckte: »Ich sehe, Alfons, an deinem finstern Blicke, daß jenes Streifkorps unsertwegen gekommen ist. Wohlan, wir wollen sie erwarten. Noch einmal soll das Panier von Sombreuil im Kampfe wehen und der Heldengeist deines Gatten, Hortense, deines Bruders, Alfons, wird uns umrauschen. Wir wollen dieses Schloß verteidigen bis auf den letzten Herzschlag.« »Und die beiden Frauen?« mahnte der Kaplan. Da faßte Hortense, fortgerissen von der Begeisterung ihres Vaters, seine Hand. »Sorge nicht um uns, Vater: es liegt ein Centner Pulver im Keller.« »Heldenmütige Tochter!« rief der Greis. »Ja, ein Donnerschlag soll von Schloß Sombreuil her erdröhnen in allen Bergen der Vendée und Rache, Rache wird das Echo sein.« »Ich weihe eure Waffen mit dem Segen der Kirche,« sprach der Kaplan. »Seid ihr bereit, Freunde, mit uns zu sterben?« rief Alfons, indem er die Fahne aus der Hand des Greises nahm und entfaltete. »Ja, wir wollen sterben mit Euch!« riefen die Chouans einstimmig. Martinet aber brummte: »Ja! Meinetwegen! – Aber zuvor soll mir noch mancher der Vernunftanbeter von unserm Schloßberg herunterpurzeln. Zwar, zu halten ist es nicht lange, das gute alte Haus: denn die Eisenbeschläge des Burgthores habe ich für die Stallthüre verwenden müssen, im Schloßgraben stehen, statt des Wassers, die Nelkenbeete der Frau Comtesse und in den Ringmauern sind Löcher, daß Mond und Sonne durchscheinen und die Dorfkinder darin Verstecken spielen. Aber François und Collin und ich, wir haben noch selten gefehlt mit der Büchse: die ersten, die heraufkommen, sollen nicht wieder hinunter.« Und er begann, die Gewehre zu laden, die auf dem Estrich lagen, indes die Chouans im Vordergrund und die Grafenfamilie auf der Erhöhung der Halle zu einem kurzen Mahle, dem letzten, das sie zu halten gedachten, sich niederließen und dann, nachdem sie Wachen ausgestellt, Schlaf zu gewinnen suchten. Jeannetton brachte, nachdem sie die Herrschaft bedient, auch ihrem Manne zu essen: »Aber sage, Herzens-Martinet, wie hast du denn all die schönen Neuigkeiten erfahren, die du uns gebracht, und bist doch mit heiler Haut davongekommen?« »Das will ich dir sagen, Schatz. Als wir neulich von der bösen Schlappe an der Charente zu Euch Frauen zurückgekommen waren, eilte ich gleich wieder in die Berge, um zu sehen, in welcher Richtung uns der Feind bedrohe. Bald bemerkte ich von weitem den Streifzug und erfuhr von den Nachzüglern, denen ich Tabak und Branntwein verkaufte, allerhand; unter andern: auch, daß sie das rechte Ufer des Clairon besetzen wollten. ›Da bekommen wir Gäste!‹ dachte ich, und als aufmerksamer Wirt eilte ich voraus in unser Dorf, in unser kleines Haus: – denn, dachte ich, Jeannetton ist eine gar saubere Hausfrau und gewiß gefällt es den Herren am besten bei uns. Ich versteckte mich also im Keller zwischen den Fensterbalken, weißt du, die unter der Hausthürtreppe münden. Richtig! Bald kam ein junger Offizier mit einem alten Diener – du, der rumorte weiter nicht im Hause umher! Er erwischte glücklich unser letztes Huhn und drehte ihm den Hals um – dann kam gar Oberst Oray selbst und sie redeten auf der Treppe eine Masse Zeug, was ich teils nicht verstand, teils aber gut brauchen konnte. Aber hör' –: Eins ist schnurrig – der junge Offizier kennt Madame la Comtesse und ist sterblich in sie verliebt.« »Was, der Sansculotte?« rief Jeanneton entrüstet. »Nein, beruhige dich, Schatz! Er hat Hosen an: und ganz feine; er ist so ein abtrünniger Graf: sie trauen ihm darum nicht recht drüben.« – »Ein Graf? Wie heißt er? Nannte er denn die Frau Gräfin beim Namen?« – »Ja freilich nannte er sie: aber nicht bei ihrem Witwennamen, sondern er nannte sie, wie sie als Fräulein hieß, in der Zeit, da du ihre Zofe warst in der Vaucluse: – er nannte sie Hortense, die weiße Rose von Bellaflor.« »Und er?« rief Jeannetton hastig, »hieß er nicht Hektor, Vicomte de Chatillon?« »Ja, Hektor heißt er: – aber sieh, kleine Frau, du kennst ihn ja auch, den schmucken Offizier? Muß ich auch noch die letzten sechs Stunden meines Lebens eifersüchtig sein?« »Ach, sei still, du dummer kleiner Mann, das muß die Comtesse wissen.« Und sie eilte zu Hortense, die an der Seite ihres Vaters ruhte. Sie schlief nicht und war im Augenblick bei Martinet, der ihr alles noch einmal ausführlich erzählen und beschreiben mußte. »Es ist kein Zweifel,« rief sie zuletzt, und drückte die Hand aufs pochende Herz, »es ist Hektor! Was sagte er weiter? Sprich!« – »Weiter hörte ich nichts. Ein dritter Offizier kam dazu, da schwiegen sie. Aber es war sehr gut, daß der kam: sonst hätte ich aus meinem Versteck nicht herausgekonnt, wie die Maus nicht aus dem Loch, solang die Katze davorsitzt.« »Wieso?« fragte Jeanneton. »Ei nun, ich wußte das Losungswort nicht für die Nacht, ohne das sie niemand passieren lassen. Monsieur Froissard hatte die Güte, es mir, d. h. eigentlich dem Vicomte zu sagen. Da schlich ich zur Hinterthür aus unserm Haus und kam unangefochten an die Furt am Brombeerhügel oberhalb des Dorfes. Dort hatte der alte Bertrand Wache, weißt du, der Ceremonienmeister in unserm Hause; er ließ mich auf die Parole hin passieren und als er sich umwandte, tauchte ich ins Wasser, schwamm still wie eine Otter herüber et me voilà .« »Freunde,« flüsterte Hortense, von einem Gedanken ergriffen, der ihre bleichen Wangen erglühen machte, – »ich sehe eine Hoffnung, die uns alle retten kann. – Ihr müßt mir beistehen, aber schweigt vor meinem Vater, vor meinem Schwager, bis alles gelungen: sie würden nie einwilligen.« »Auf uns könnt Ihr zählen,« antworteten beide. *   III. Die Mitternacht fand Hektor nicht mehr auf dem rechten Ufer des Clairon, bei dem Lager der Republikaner, sondern auf dem linken. Oriel war an einen Baum des Brombeerhügels gebunden, Hektor ging in seinen Mantel gehüllt, den bloßen Degen in der Faust, vorsichtig spähend, um den buschigen Hügel; der Mond brach manchmal durch die ziehenden Wolken. »Noch niemand da? War es ein Traum? Aber nein, ich wache: ich halte die weiße Schleife in der Hand, sie zerfließt nicht bei meinem Kuß! Hätte ich nur Bertrand hier, ihn noch einmal zu befragen. Wie war es doch? Er stand auf Posten, als plötzlich ein Bauer, aus dem Wasser auftauchend, auf ihn zuschritt; er wußte die Parole, winkte ihm, zu schweigen und flüsterte: ›Sage deinem Herrn, dem Vicomte Hektor de Chatillon, die weiße Rose von Vaucluse erwarte ihn um Mitternacht jenseit des Flusses am Brombeerhügel, es gelte Tod und Leben‹; und er reichte ihm die weiße Schleife und war wieder im Wasser verschwunden. – Und Bertrand brachte mir Botschaft und Pfand: – ich kann nicht zweifeln, es ist Hortense, nur Hortense kann es sein! Aber wie käme sie hierher aus der fernen Provence? Ist es eine Falle der Chouans? Sie sollen ihren Mann finden. Aber Verrat und Hortense kommen nicht zusammen, wie die Hölle nicht zum Himmel. Doch horch, ein Geräusch! Wer da?« Eine dunkle Gestalt tauchte aus dem Gebüsch am Wege: – es war eine Frau, ein schwarzer Seidenmantel mit Kapuze und Schleier bedeckte die Erscheinung: – sie schlug den Schleier auf und Hektor erkannte im bleichen Mondlicht Hortense. »Hortense – Sie hier – welch ein Wiedersehen!« – »Ja, Vicomte, ein unselig Wiedersehen! Wir sind verwandelt, beide verwandelt seit den Tagen von Carcassonne!« – »Verwandelt? Sie vielleicht, Hortense: – nicht ich, mein Herz schlägt für Sie jetzt, wie damals, wie immer! Ich frage nicht, wie, warum Sie mir hier erscheinen: ich weiß, die Engel sind allgegenwärtig und ich liebe dich, Hortense, wie ich dich stets ...« – »Schweigen Sie, Vicomte, ich darf diese Sprache von Ihnen nicht hören.« – »Nicht hören, weil Sie Gräfin geblieben und ich Offizier der Republik geworden? O, Hortense, Sie thun mir unrecht mit Ihrer Verachtung. Es war nicht Zwang, nicht Todesfurcht, was mich zu dieser Fahne führte: es war der freie Wille meiner Begeisterung; ich bin edler als da ich von Adel war, ich bin deiner würdiger als damals, Hortense. Ich beschwöre dich, höre mich an.« – »Ich darf nicht, Hektor, ich bin Gattin, ach nein, ich bin Witwe, und der Geist meines gemordeten Gemahls schwebt zürnend in dieser Stunde über unserm Haupte.« – »Vermählt? Verwitwet? Wie konnten Sie ...? – – Doch ich habe kein Recht zu dieser Frage: – Sie haben mich nie geliebt! – Ich konnte Ihr Herz nicht verlieren, ich habe es nie besessen!« – »Halt ein, Hektor! Vermehren Sie nicht grausam die Qual dieser Stunde. Glauben Sie, Hortense hätte damals ohne Zürnen das Geständnis Ihrer Liebe angehört, wenn sie nicht leise sie erwidert? Sie hätte jetzt Zuflucht bei ihrem Feinde gesucht, wenn sie ihn nicht einst geliebt hätte?« – »Sie machen mich selig, Hortense, und elend in einem Augenblick! Sie liebten mich und Sie haben einem andern angehört und Sie sind meine Feindin?« – »Gott, die köstlichen Minuten verrinnen, an denen so viele Leben hangen! Hören Sie denn: ja, ich habe Sie geliebt in dem Thal unserer Jugend. – Sie gingen nach Paris – die Revolution brach los: wir hörten bald, daß Vicomte de Chatillon bei den Feinden des Thrones stand – oh, Hektor, wie konnten Sie so sich, und ach! wie konnten Sie meiner so ganz vergessen! Sie kennen die Grundsätze meines Vaters: – nie hätte er sein Kind dem Republikaner gegeben. Da kam der Graf Castor de Sombreuil aus der Vendée: – er war einer der ersten Helden des Königtums: – er warb um mich – er war zwanzig Jahre älter als ich, aber mein Vater wünschte die Verbindung – und Sie, Hektor, hatten mich vergessen, mich aufgegeben, – ich ward die Seine. – Im ersten Jahre unserer Ehe wurde er gefangen: die Guillotine war sein Los!« »Unselige!« rief Hektor. »Ich war ihm mit meinem Vater hierher gefolgt. – Mein Schwager führte den thränenvollen Krieg mutig fort: – da wurden sie kürzlich an der Charente geschlagen, wir sind umzingelt auf Schloß Sombreuil und uns alle erwartet der Tod. Da entdeckte ich Sie durch einen Zufall im feindlichen Lager: – und hier flehe ich Ihre Großmut an: – retten Sie mich.« – »Hortense, Geliebte! Du bist schon gerettet. Folge mir ins Lager und ich schütze meine Braut gegen die Welt.« – »Nicht so, Hektor! Nie kann ich die Ihre werden, nie mein Schicksal von meinem Vater trennen und den Meinen.« »So sprechen Sie!« rief er gereizt: »Was verlangt die Gesandtin der Chouans?« »Lassen Sie morgen Mitternacht den Posten an dieser Furt unbesetzt, lassen Sie uns den Fluß passieren und nach England fliehen!« – »Unmöglich! Hortense, was verlangen Sie von mir? Ich habe der Republik geschworen: soll ich ihr meinen Eid brechen, soll ich, als Offizier ausgeschickt gegen die Chouans, deren Flucht unterstützen?« – »O Männerherz, das sich rühmt, ein Weib zu lieben und aus gereizter Eifersucht dies Weib sterben, verzweifeln läßt! Hektor, geben Sie mir die Schleife zurück! Sie sind nicht der Ritter, dem sie gebührt; muß ich Sie mahnen an Ihr Versprechen, alles zu thun und zu opfern für Ihre Dame?« – »Alles thun, Hortense, außer: das Verbrechen, alles opfern, ausgenommen: die Ehre. Ich kann nicht das Heer der Feinde der Republik entrinnen lassen: ich kann nicht retten, was ich verderben soll.« – »Das Heer der Feinde der Republik! Schnöde Ausflucht Ihres Hasses! Sind Sie wirklich ausgesandt, zwei Frauen, einen Greis, einen Priester und ein paar zu Krüppeln geschossene Helden zu vernichten, so vollenden Sie Ihr Werk und halten Sie Ihren Schwur der Guillotine.« Sie wandte sich zum Gehen. »Bleiben Sie, Hortense, bleiben Sie! Es ist also nicht der Heerhaufe des Charette, der mit dreitausend Mann von der Charente entfloh, was dort in Schloß Sombreuil liegt und dessen Rettung Sie von mir verlangen?« – »Charette hat sich längst zu Cadoudal gewandt; wir sind vier wehrlose Menschen mit wenigen Dienern.« – »Und Sie wollen nicht die Meine werden, Hortense?« – »Niemals, Hektor! Ich kaufe mein Leben, selbst das meines Vaters nicht um eine Lüge. Die Witwe Castors, der auf der Guillotine fiel, wird nie das Weib eines Republikaners.« – »Ist das Ihr letztes Wort, Hortense?« – »Mein letztes.« – Hektor preßte beide Hände auf das Gesicht; seine Brust hob sich in gewaltigem Kampf. Endlich rief er: »Wohlan, Gräfin Sombreuil: wer morgen um Mitternacht die Furt passiert, findet keinen Posten, aber einen Beschützer.« »Dank, Hektor,« rief sie, »Dank und Segen.« Sie schieden ohne Abschied. Hektor stieg aufs Pferd und hatte bald das andere Ufer erreicht. Die Gräfin wandte sich, um nach dem Schloß zu eilen; da rief ihr aus dem Gebüsch eine Stimme zu: »Halt, Frau Gräfin, nicht so rasch! Nehmen Sie mich mit!« Erschrocken wandte sie sich um: doch es war Martinet mit seiner treuen Büchse. »Du hier, Martinet? Ich verbot dir, mir zu folgen.« – »Ja, Frau Gräfin, ich bin Ihnen auch eigentlich nicht gefolgt: – ich bin Ihnen vorausgeeilt und war vor Ihnen hier, um zu sehen, ob alles sauber sei. Verzeihen Sie meine Indiskretion, aber ich hätte Monsieur le Vicomte totgeschossen auf dem Fleck, wenn er nicht so galant gewesen wäre, schließlich nachzugeben.« Und er geleitete sie nach dem Schloß, das alte Liedchen summend: »Vergeblich all das Droh'n und Müh'n, Ihr zwingt und fangt uns nie: Solang im Land ein Busch noch grün, Lebt die Chouanerie.« *   IV. Am andern Morgen wurde von ausgeschickten Streifwachen dem Oberst Gracchus gemeldet, was wir schon wissen, daß nämlich Charette mit den Seinen die Aufstellung des General Hoche umgangen und sich zu Cadoudal gewandt habe und daß nur Frauen und wenige Verwundete, die den höchst gefährlichen und erschöpfenden Eilmarsch über die unwegsamen Bergspitzen nicht hätten mitmachen können, im Schloß Sombreuil verweilen könnten. Sofort entspann sich unter den Offizieren lebhafter Streit, indem Froissard darauf drang, über den Fluß zu gehen und die Bewohner des Schlosses abzufangen, während Hektor dem Obersten vorstellte, wie ihre Aufgabe gewesen sei, das Entwischen eines großen Chouanhaufens zu verhindern, nicht ein paar Wehrlose zu verderben, und daß es daher jetzt viel wichtiger sei, Charette mit aller Macht zu verfolgen und vor seiner Vereinigung mit Cadoudal zu vernichten, als hier kostbare Zeit zu verlieren mit einer ruhm- und nutzlosen Unternehmung. Als sie allein waren, erinnerte er ihn auch, daß die Gefangenen unfehlbar der Guillotine verfallen seien und daß man nicht auch noch dies Blut unnötigerweise auf das junge Haupt der Republik laden dürfe, das genug zu tragen habe an den notwendigen Todesurteilen. Guillaume schwankte. Aber einerseits der Eifer, die Scharen des Charette aufzureiben, und andererseits die Einsicht, daß er ohne Gegenbefehl die Stellung am Clairon nicht aufgeben dürfe, die er auf Weisung seines Feldherrn eingenommen, bestimmten ihn endlich, einen dritten Plan zu verfolgen, wodurch er beide Zwecke zu erreichen hoffte. Er selbst mit etwa dreihundert Mann brach auf, den flüchtigen Charette zu verfolgen, und ließ den Rest unter den beiden Kapitäns am Clairon zurück mit dem Auftrag, ruhig in der alten Stellung zu bleiben, bis er ihnen von General Hoche Ordre senden werde, Schloß Sombreuil liegen zu lassen oder zu nehmen. Beim Abschied bat sich Hektor den oberen Teil des Flusses als sein Wachgebiet aus, Froissard erhielt den unteren Teil nebst dem Dorfe. – Kaum aber war der Oberst abgezogen und Hektor auf sein Gebiet gegangen, wo er, die Soldaten nach seinem Plane verteilend, den Posten bei der Furt am Brombeerhügel an Bertrand übertrug, als Froissard sowohl seine eigenen Leute als, unter der Hand, die Abteilung Hektors für seine Absichten zu bearbeiten begann, was ihm um so leichter gelang, als der beste Kern der Truppen mit dem Oberst abgezogen, nur die sansculottische Hefe zurückgeblieben und Hektor viel zu sehr mit eigenen Gedanken beschäftigt war, um auf die Katzenschritte Froissards zu achten. Dieser beschied alle Soldaten, die nicht auf Posten standen, auf den Abend zu sich in das Haus, das die Offiziere bewohnten, zu einem Gelage: – Hektor und Bertrand fehlten. Froissard, der sich ohnehin bei den Zurückgebliebenen großer Beliebtheit erfreute, weil er ihre Gesinnung teilte und ihre Sprache meisterlich zu reden verstand, bewirtete sie mit Branntwein bis tief in die Nacht, und als sie endlich alle und er selbst zur Hälfte berauscht waren, stellte er sich auf das leergetrunkene Faß und hob an: »Kameraden, ihr wißt, wie ich dazu gekommen, euer Offizier zu sein: – nicht, weil ich mehr wüßte und könnte als ihr, bewahre! – Sondern weil ich vor andern Gelegenheit gehabt, meine Liebe zur Republik zu bewähren. Ihr wißt, ich bin der Sohn von armen Handwerkern aus der Nähe von Marseille. – Eines Abends kam ich nach Hause von der Arbeit: da jammerte meine alte Mutter, meine Schwester Fleurette sei von dem Diener des Gerichtsherrn verhaftet worden, ohne Grund, ohne Angabe eines Grundes! Kameraden, ich hatte nicht viel gelernt: aber ich wußte, daß alle großen Herren Schurken sind – und meine Schwester war achtzehn Jahre und hübsch. Kameraden, ich lief auf das Schloß des Gerichtsherrn – ich fragte nach meiner Schwester – die Bedienten lachten und sagten, sie sei eine Diebin: – sie habe das Herz des Präfekten gestohlen. – Da rannte ich zum Oberpräfekten und verklagte den Präfekten: – aber der Oberpräfekt war der Onkel des Präfekten und der Oberpräfekt ließ mich einsperren – acht Monate lang! – Da, im Kerker, hab' ich die glühende Liebe zur Freiheit gelernt. – Plötzlich ging der Teufel los in Marseille: – das Volk erschoß die Großen, die Reichen, und half den Kleinen, den Armen. – Mein Kerker flog auf, ich wußte nicht wie: – Ich eilte heraus, durch die brennenden Straßen, einen Brand in der Linken, in der Rechten ein Messer, da: dies Messer, – es ist dasselbe – ich führte das Volk, weil ich den Präfekten am wütendsten haßte. – Kameraden, sein Schloß lag auf einem Hügel: wie dort Schloß Sombreuil– wir überfielen, wir erstürmten das Schloß – ich warf den Brand in die seidenen Vorhänge – meine Schwester fand ich nicht mehr, aber den Präfekten fand ich und schnitt ihm den Hals ab: – und wir fanden seine schönen Töchter und den süßen Wein von Burgund in seinem Keller und Gold und Schätze und Freude die Fülle – und das Volk von Marseille machte mich zum Offizier auf den rauchenden Trümmern des Schlosses.« » Vive Kapitän Froissard!« brüllten hundert Stimmen. – »So hätten wir's auch gemacht, wären wir dabei gewesen! – So ein Schloß möcht' ich auch verbrennen.« – »Nun seht, Kameraden, wie ich's gut meine mit euch: – heut früh im Kriegsrat hab' ich euch dasselbe Pläsir verschaffen wollen.« »Wie so, wie das?« schrieen die Trunkenen. – »Nun, das alte Grafenschloß da drüben, das reiche Sombreuil hätte ich euch gegönnt! – Der aristokratische Raub von Jahrhunderten ist darin aufgehäuft und Wein und Weiber von der Provence sind dort versteckt und diese elenden Chouans, die uns an der Charente entkommen sind. Ich riet dem Obersten, euch zum Plündern hinüberzuführen: – aber der verkappte Vicomte verhinderte es und nun will der Oberst erst noch einmal anfragen beim General, ob er auch thun dürfe, was ihm längst befohlen ist. Das verdankt ihr dem Herrn Vicomte!« »Nieder mit Chatillon, nieder mit dem Verräter!« rief der Haufe. – »Ich sehe alles, wie es kommen wird. Der General wird befehlen, die paar Flüchtlinge laufen zu lassen und dem Cadoudal, diesem Teufel, wieder nachzusetzen durch alle seine Berge und Sümpfe und die tapfere Armee hat nicht einmal eine kleine Erholung. Schloß Sombreuil mit seinen Schätzen wird im Namen der Republik von den Financeschreibern versiegelt und ihr geht leer aus.« – »Nein! – Das wollen wir nicht! – Wir warten die Rückkunft des Obersten nicht ab! – Führe du uns, Froissard! – Führe uns gleich gegen das Schloß! – Wir wollen's plündern: – vive Froissard!« – »Nun, ihr zwingt mich, Kameraden? Drauf denn in Teufels Namen!« Und der wilde Schwarm stürzte wütend gegen den Fluß unterhalb des Dorfes; Froissards Pferd entdeckte die Furt, bald stürmten sie eilig, aber in aller Stille, um ihre Opfer nicht zu warnen und zu verscheuchen, auf dem untern Wege nach dem alten Schloß. – Hektor aber hatte einen schweren Tag verbracht. Er führte einen harten Kampf in sich; das Angeborene und das Angenommene befehdeten sich auf Tod und Leben in seinem Herzen. Und er sah wie die Republik und Guillaume Schritt für Schritt den Boden verloren, wie die Vergangenheit und Hortense immer siegreicher in den Vordergrund drängten. Was war die kalte Logik Guillaumes gegenüber der süßen Sprache der Geliebten, was der Enthusiasmus für die Menschheit, zu dem ihn des Freundes überlegener Geist fortgerissen, gegenüber den wiedererwachten Erinnerungen seiner Jugend! Und doch wollte er sich durch süße Selbstsucht nicht einen Augenblick von seiner herben Pflicht abbringen lassen. »Ich will nicht der Fahne meiner Wahl treulos werden, wie der Fahne meiner Geburt: ich falle, wo ich stehe.« – Nach diesem Sieg über sich selbst konnte er um so leichter die Rettung der Geliebten und ihrer Freunde vor seinem Gewissen entschuldigen: er erwartete nun die Stunde der Gefahr mit jenem begeisterten Mut, den aufopfernde Selbstüberwindung gewährt. Bertrand, von allem unterrichtet, zeigte den höchsten Eifer, das schöne Fräulein von Vaucluse, wie er sie noch immer nannte, zu retten. Er machte seinen Herrn auf die Umtriebe Froissards und die böse Stimmung der Soldaten merksam, aber der Aristokrat verachtete den dumpfen Gegner viel zu sehr, um ihn zu fürchten. Es war ihm sogar lieb, daß jene Einladung die Soldaten nach dem Dorfe gelockt und von der obern Furt entfernt hatte. Es fiel ihm nicht ein, daß Froissard im Sinne des Hasses die Grenze des Gehorsams ebensowohl überschreiten könne, wie er selbst das im Sinne der Liebe thun wollte. Endlich kam die ersehnte Stunde heran; die Nacht war dunkel, aber heiter und windstill: das Schilf am Ufer stand regungslos, wie in banger Erwartung. Gegen Mitternacht setzte Hektor zu Pferd durch die Furt, um die Flüchtigen am jenseitigen Ufer zu empfangen; Bertrand sollte das rechte Ufer beobachten. Hektors Herz schlug hoch in Schmerz und Spannung. Endlich entdeckte er einen Zug von schwarzen Gestalten, die sich leise auf dem buschigen Wege dem Brombeerhügel näherten. »Eure Losung?« fragte er leise, »Hortense und Hektor«, erwiderte Martinet, der den Zug führte. Ihm folgten Alfons und ein Chouan: der alte Graf, die beiden Frauen und der Kaplan bildeten die Mitte: drei Chouans schlossen den Zug; alle Männer waren wohl bewaffnet. »Monsieur Hektor,« flüsterte Alfons, »wir danken Ihnen das Leben: aber ich wüßte keinen Menschen, dem ich es weniger gern dankte.« Hektor fuhr auf, die Faust am Degen. – Da fühlte er den Druck einer weichen Hand auf der seinen: – »Hektor, – bezwingen Sie sich – Ruhe! – Ich fordere auch das noch! – Sie aber, mein Schwager, – halten Sie ein: – Sie wissen nicht, wie hohen Edelsinn Sie beleidigen.« Alfons schwieg, Hektor neigte sich und küßte ihre Hand. »Hektor,« sprach der Greis, »Ihr Wappen hat man zerbrochen, aber Ihr Herz blieb unversehrt. Sie sühnen Ihre Schuld am Adel Frankreichs, indem Sie seine Perle retten: – meine Tochter.« »Eilen wir!« unterbrach Martinet. »Zeit verloren – Leben verloren!« »In Gottes Namen denn!« mahnte der Kaplan. Hektor hob die Gräfin auf den Rücken des treuen Oriel und führte diesen am Zügel sicher durch die Furt: – die anderen folgten schweigend; – kaum aber hatten sie, von Bertrand empfangen, das Ufer betreten, als Alfons, rückwärts zeigend, rief: »Ha, was ist das?« Eine rote Feuersäule stieg glühend in den nächtigen Himmel. »Das ist Schloß Sombreuil!« rief Martinet, »es steht in hellen Flammen.« »Unvorsichtige,« fragte Hektor, »habt ihr es angezündet, ehe ihr es verlassen? Das weckt die Aufmerksamkeit.« »Nein, wir nicht!« antworteten die Flüchtlinge einstimmig. »Dann ist es Froissard mit den Sansculotten!« rief Bertrand. »O, Monseigneur, ich habe Sie gewarnt!« »Still!« rief Martinet und warf sich lauschend mit dem Ohr auf die Erde. – »Sie eilen vom Schlosse hierher: – es sind wohl hundert: – ein Pferd galoppiert voran.« »Flieht,« rief Hektor, »ehe es zu spät ist. Wir decken euch den Rücken.« »Weh dir, Frankreich,« rief Alfons grimmig, den wunden Arm erhebend, »wenn wir wieder kommen!« »Leb wohl, Vendée, wir kehren wieder,« rief Martinet. »Dank, Hektor!« rief Hortense, die auf Oriels Rücken davonsprengte. »Leb' wohl, Hortense, auf Nimmerwiedersehen!« rief Hektor; und die Chouans waren verschwunden. Hektor und Bertrand stellten sich nebeneinander, so daß sie den ganzen Raum des schmalen Weges ausfüllten. »Bertrand – jetzt gilt's!« rief Hektor und drückte die Hand aufs Herz: auf dem Herzen aber trug er die weiße Schleife. »Soll gelten, junger Herr!« antwortete Bertrand, »hoch der weiße Falke von Chatillon!« Da bogen Fackeln um den Brombeerhügel: – Froissard, zu Pferd, voraus, die Sansculotten hinter, ihm setzten durch den Fluß und eilten gegen die Straße. »Halt!« – rief ihnen Hektor entgegen: – »das ist mein Posten: – was wollt ihr?« »Hier sind sie, die Verräter!« brüllte die Schar und es fielen gegen die beiden einige schlecht gezielte Schüsse, die nicht trafen. Da ritt Froissard dicht heran, die Pistole in der Hand. »Zurück! – Was sucht Ihr?« fragte Hektor. »Die Chouans suchen wir, Monsieur le Vicomte!« schrie Froissard. – »Das Nest haben wir verbrannt, die Vögel waren zwar ausgeflogen, doch die frische Spur im feuchten Grase führt deutlich bis hierher: – wißt Ihr, wo sie sind?« – »Hoffentlich in Sicherheit!« »Gebt sie heraus! Laßt uns durch! Ihr habt keine Ordre, sie zu schützen.« »Und Ihr keine, sie zu morden.« »Verdammter Aristokrat!« schrie Froissard und schoß: – Hektor wankte und fiel. Aber auch Bertrands Büchse blitzte und Froissard stürzte tot vom Pferde: – im nächsten Augenblick fielen zehn Schüsse zugleich und Bertrand sank sterbend über seinen Herrn. Mit gellendem Geschrei stürmten die Sansculotten vorwärts, die Flüchtigen zu verfolgen: – da plötzlich hörten sie von der rechten Flanke her Trommeln und Hornsignale: – Fackeln zeigten sich auf den Hügeln und gleich darauf sprengte Oberst Gracchus unter sie: »Halt,« rief er, »halt ein! Die Chouans von Sombreuil sind frei: – General Hoche giebt sie frei. – Doch was seh' ich – Froissard? Und du Hektor, du stirbst!« Hektor richtete sich auf den linken Arm: »Sie sind frei, sagst du, frei?« »Ja! General Hoche ward am Tag, ehe ich bei seinem Heer eintraf, von Cadoudal und Charette, die sich vereinigt hatten, überfallen und geschlagen: – er selbst ist gefangen: – Cadoudal giebt ihn nur frei, wenn die Chouans von Sombreuil sicher den Boden von England erreicht haben: – niemand wage, sie zu verfolgen! Aber du, Hektor, du stirbst, – und stirbst für das Königtum!« »Still,« – rief Hektor – »still – siehst du nicht, wie meine Seele gen Himmel stiegt? Der weiße Falke im blauen Feld! Hortense!« Und er war tot und Oberst Gracchus weinte über seiner Leiche. Ernst und Frank. (1836) I. Die Ankunft. Thüringen ist ein liebliches deutsches Land. Freundliche Gärten, lachende Felder füllen die Thäler, die von sanften Hügelwellen in anmutigen Linien umfriedet und von heiteren Wiesbächen durchschlängelt werden: und nur eine Fortsetzung dieser Gärten scheinen die Buchenwälder, die häufig die Höhenzüge krönen. Da ist kein schäumender Wildbach, der Verheerung drohte, keine düstere Schlucht, kein zackiger Fels mit scharfen, Kampf bedeutenden Formen: die Natur hat hier Friede geschlossen mit dem Menschen; gern gewährt sie seiner mäßigen Mühe das Nützliche und schenkt ihm das Schöne als freundlichen Schmuck obenein; nirgends sind die Saatfelder in so reichem und doch noch unschädlichem Maße von der blauen Kornblume geschmückt zu sehen. Und wie das Land, – so die Menschen: der Grundzug ihres Wesens ist ein heiterer sinniger Friede: weder heftige Leidenschaftlichkeit der Sinne, noch quälerische Schärfe des Verstandes stört das Gleichmaß der Volksanlagen. In einem solchen thüringischen Thal lag Goldenau, das Landgut der Brüder Ernst und Frank Reichhart. In der Mitte der dazu gehörigen Wirtschaftsgebäude erhob sich das einstöckige Wohnhaus, nicht zu stattlich gebaut, um des Eindrucks der Ländlichkeit, nicht zu ländlich, um der Stattlichkeit zu entbehren. – In seinem Arbeitszimmer im ersten Stock des Hauses stand Ernst, der ältere der beiden Brüder; die nachgelassenen Papiere des Vaters lagen, auf das sorgfältigste geordnet, auf dem Schreibtisch. Die untergehende Septembersonne beleuchtete freundlich das Brustbild des ehrwürdigen Verstorbenen, auf dessen milden Zügen das Auge des Sohnes mit Rührung ruhte; er nahm eines der Papiere auf, welches die Überschrift trug: »Von meinem lieben Sohn Ernst ein Jahr nach meinem Tode zu öffnen.« Er drückte die Schrift mit feuchten Augen an die Lippen. »Guter, guter Vater!« sprach er dann leise, – »diese Worte –, immer wieder muß ich sie lesen: sie sind der grüßte Beweis deiner innigen Liebe: hier redet dein edles Herz seine eigenste Sprache!« Und er las: »Mein edler Sohn! Als ich in meinem Testament mein Vermögen und vor allem unser Goldenau unter Euch, meine guten lieben Söhne, gleich verteilte und den Wunsch aussprach, daß Frank die Verwaltung fremder Güter nach meinem Tod aufgeben und seinen Beruf in der Verwaltung unseres Eigentums vollständig erlernen sollte. Du aber auf dem Gute wohnen bleiben und hier Deine Studien fortsetzen mögest, bin ich in dieser Eurer Gleichstellung nur meiner Euch gleichmäßig umfangenden Liebe gefolgt. Ich habe gewünscht, daß Ihr zusammenlebet: denn, wie die Schrift sagt, es ist gar sein und lieblich, wo zwei Brüder einträchtiglich beisammenwohnen: und dann schien mir dadurch auch sonst am besten für Euer Wohl gesorgt. Möchte auch Frank in der Verwaltung fremder Güter mehr Kenntnisse und vielleicht mehr Vermögen erworben haben: – seine Natur verlangt nicht nach Theorie, ihn wird die völlige Unabhängigkeit am meisten glücklich machen: zudem wird ja wohl unser Gut immer ausreichen, Euere bescheidenen Bedürfnisse zu befriedigen. Du aber, mein Ernst, sollst hier auf dem Lande wohnen bleiben: ungern sähe ich Deine innerliche, stille Art in den verzehrenden Geisteskampf hineingezogen, der heutzutage in den großen Städten ausgefochten wird. Du bist viel zu bescheiden und allzu gewissenhaft, um in diesen Schranken einen Preis zu erringen: Du würdest nur ritterliche Waffen führen, und sie würden Dich mit Keulen erschlagen, mit Dolchen erstechen. Ich selbst bin doch von derberer Art, als Du: und doch, Du weißt es, als ich im Jahre achtundvierzig meinen Lehrstuhl verließ, um an den Ministertisch zu treten, nicht ein halbes Jahr konnte ich mich behaupten. Der ›Doktrinär‹ wurde gestürzt, und schwer enttäuscht suchte und fand ich den Frieden nur in völliger Zurückgezogenheit hier in Goldenau. Ich fühle es: die Wunden, die meinem Herzen damals geschlagen wurden, heilten nie mehr ganz. Dir, mein Ernst, dem Philosophen, würden die Verhältnisse noch widerstrebender sein, als mir, dem Historiker; ich möchte Dir diese sieglosen Kämpfe ersparen. Auch hat der nagende Gedanke, der das behagliche Gedeihen des Menschen nicht aufkommen läßt, in Dein Gemüt und auf Deine Stirn früh so tiefe Furchen gezeichnet, daß gewiß nur das Leben in der friedlichen und verjüngenden Luft des Landes Dich vor raschem Altern schützen kann. Laß mich mit der Hoffnung scheiden, daß Du Goldenau und Frank nur aus zwingenden Gründen verlassen wirst; er ist zwanzig, Du bist über dreißig Jahre alt: Deine Reife kann ihm den Vater ersetzen. Und nun, mein Sohn, empfange den Lohn, den einzigen und höchsten, den ich Dir dafür geben kann, daß Du mir nie im Leben eine Stunde des Kummers bereitet, daß Du meine Freude, mein Stolz gewesen bist von Jugend auf, daß Du mich in den sieben Jahren seit meinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben geheilt und verjüngt hast durch Dein geistiges Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit mir. Dieser Lohn, – er ist nur ein Wunsch: ich wünsche, daß unsere liebe Anna Dein Weib werde. Ihr Vater, mein armer, frühverstorbener Bruder, hatte sie, eine hilflose Waise, meiner Sorge überlassen; bis in ihr sechzehntes Jahr habe ich die Verlassene hier mit Euch erzogen, wie Eure Schwester; ich habe gefühlt, was Dir vielleicht selbst kaum bewußt war, wie eine stille, tiefe Neigung zu dem lieblichen Kinde in Dir erwuchs; ich weiß, daß sie, die ja fünfzehn Jahre jünger ist als Du, mit begeisterter Verehrung an Dir hängt, der ihr als das Muster eines Mannes von Kindheit an gepriesen wurde und sich selbst bewährte. Ich werde, fürcht' ich, nicht mehr erleben, daß sich diese Verehrung in dem holden Mädchen zur Liebe entfalten wird; doch wird es geschehen, ich ahne es, und es ist der höchste, der letzte Wunsch meines Herzens; Ihr allein seid einander wert, Ihr seid füreinander geboren. Niemals habe ich sie angesehen, ohne Dich als ihren Gatten zu denken; sie war mir darum immer wie eine Tochter. Und nur darum und unter dieser Voraussetzung nur habe ich in meinem Testamente ihre Erziehung, ja ihre ganze Lebensversorgung auf unser Vermögen übernommen und zwar ausschließlich Deinem Erbteil überbürdet. In dem beiliegenden Brief: ›an meine liebe Tochter Anna‹ habe ich ihr die Erfüllung dieses Wunsches als den einzigen Dank ausgesprochen, den ich von ihr fordere. Gieb ihr diesen Brief, mein Sohn, sobald Du es für gut hältst: sobald wie möglich, denn das Leben ist kurz und ich möchte Euch recht lange glücklich wissen. Vielleicht ist der Tag der geeignetste, an dem sie von der Pension in der Stadt, wo Du sie nach meinem Tode noch ein Jahr lang lassen sollst, um dort ihre Bildung zu vollenden, auf unser Gut zu Dir zurückkehrt. Ich weiß, Ihr werdet gerne diesen meinen Wunsch erfüllen, denn so erfüllt Ihr Euer eigenes Glück; lebewohl, mein Ernst, und mögest Du in Annas Liebe das Glück finden, das Du verdienst, Du allein unter allen Menschen. Dein Vater.« »So hast du noch über das Grab hinaus für mein Glück gesorgt, du lieber Vater! Und hast das Geheimnis in meiner Brust entdeckt, das ich so tief verborgen glaubte! Ja, dein schöner Wunsch soll erfüllt werden und im Angesicht der sinkenden Sonne, die so friedevoll die Landschaft beleuchtet, verspreche ich dir, Friede und mildes Glück, soviel meine Seele dessen zu spenden vermag, will ich auf das teure Haupt Annas häufen. Ihr Glück war dein letzter Wunsch; er soll mir heilig sein. Aber diesen Brief an sie, – vergieb mir, Vater, daß ich ihn nicht, nicht jetzt schon ihr übergebe. Weiß ich denn, ob sie mich liebt? Und soll ich etwa später immer fürchten müssen, nur der Wunsch ihres Wohlthäters habe ihre Liebe geweckt? Nein, frei von allem noch so leisen Zwang soll sie ihr Herz walten lassen: und hat sich mir dies Herz freiwillig geschenkt, dann mag sie hinterher erfahren, daß sie damit auch den Lieblingswunsch unseres Vaters erfüllt. Bis dahin schweiget, ihr Freiwerber des Vaters für den Sohn!« – Und er legte die Papiere zusammen, und schloß sie ein. – »Nun aber wird es bald Zeit sein, ihr entgegenzugehen; wenn sie, wie ich ihr geschrieben, mit dem letzten Zug von der Stadt abgegangen, muß sie bald in der Station Lichtenfeld eintreffen, wo wir sie abholen wollen. Ich will Meister Bernhard sagen, daß er anspannt.« Und er ging gegen die Thüre, welche zur Haustreppe führte. Doch ehe er sie noch erreicht, vernahm er Schritte und frische, helle Stimmen, die ihn riefen: »Ernst, Ernst, wo steckst du? Im Zimmer! Bei dem herrlichen Abend!« Und die Thüre flog auf und vor ihm standen Hand in Hand ein stattlicher Jüngling und ein holdes Mädchen; das waren sein Bruder Frank und Anna. Frank, obwohl jünger, war viel höher und kräftiger gewachsen als sein Bruder: sein offenes, wohlgebildetes Gesicht leuchtete in blühender Jugend, aus seinen großen blauen Augen sprach mutige Lebensfreude. Lieblich lehnte die schlanke Gestalt Annas an ihrem kräftigen Begleiter: sie hatte den Reisestrohhut abgenommen und anmutig umschloß das goldblonde Haar in reichen Flechten das ovale Antlitz, indes die langen Zöpfe frei über ihren Nacken hingen; das Paar, den Ausdruck der Freude, die immer verschönt, auf dem Antlitz, und vom roten Abendschimmer, der voll aus dem offenen Fenster auf sie fiel, beleuchtet, war ein überraschend schöner Anblick und Ernst stand eine Weile im Anschauen der beiden versunken, eh' sein Erstaunen die Worte fand: »Ja, Anna und Frank, wo kommt ihr denn her? Wie kommt ihr zusammen?« »Frank ist mir entgegengeritten! Schon bei der vorletzten Station! Ich sah zum Fenster des Wagens hinaus: schon begann der Zug sich in Bewegung zu setzen, als ein Herr vom Pferde sprang und fast mit Gewalt den Führer zwang, den Wagen, darin ich saß, nochmals zu öffnen: und ehe ich nur wußte, wie mir geschah, hatte mich der Herr aus dem Wagen herausgerissen; ich erkannte Frank gar nicht gleich: er hat ja einen fürchterlichen Bart und sieht viel stärker aus, als sonst.« – »Aber wie kommst du dazu, Frank, schon so früh? – Wir wollten ja später zusammen ... –« – »Sei nicht böse, lieber Ernst! Sieh, meine Unruhe war zu groß, ich konnte es nicht erwarten! Ich war hinausgeritten zu unserem Wasserbau an der großen Straße: aber es litt mich dort nicht: ich war den Arbeitsleuten ordentlich im Wege mit meiner Ungeduld. Immer dachte ich: am Ende kommt sie doch schon mit dem Mittagszug und plötzlich galoppierte ich nach der Station und von da zu der nächsten. Ich dachte: besser Ernst fährt allein, als daß Anna früher ankommt und niemand findet, der sie in Empfang nimmt. Und sieh, ich habe ganz wohl daran gethan: sonst hätten wir sie wirklich unbewillkommt eintreffen lassen.« »– Ja, weil eben Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit in keinem Frauenzimmerlein steckt,« sagte Ernst, auf die Uhr sehend, »es ist jetzt ... –« – »Du wirst mich doch nicht schelten wollen, daß ich zu früh gekommen, gestrenger Vetter? Ich wurde früher als ich gedacht mit Packen und Abschiednehmen fertig und wollte keine Stunde langer als nötig in der Stadt und ferne von euch bleiben: – o ich habe mich so sehr gefreut, hierher zu euch zu kommen!« Und sie streckte Ernst die offene Hand entgegen: wie hold, wie frisch, wie gut sah sie aus! »Willkommen auf Goldenau!« sprach Ernst mit leise zitternder Stimme und faßte die gebotene Hand. »Willkommen: – für immer.« *   II. Winterleben. Das war nun anmutig zu sehen für die Brüder, namentlich für den seiner beobachtenden Ernst, wie leicht und geschickt sich Anna in das Wirtschaften und Haushalten zu Goldenau gewöhnte. Man fühlte, daß ihre gesunde Natur froh aufatmete, des Zwanges und der Schuläußerlichkeiten, die in dem Pensionat herrschten, entbunden und dem Hause wiedergegeben zu sein. Bald hatte sie der Wirtschafterin, der alten Gertraud, der Frau des Hausverwalters Bernhard, die bisher den kleinen Junggesellenhaushalt geführt, alle Regeln und Gewohnheiten des Goldenauer Lebens abgelernt und dadurch das Regiment des Hauses spielend in die eigene Hand genommen. Es war eine Lust, die blühende Kleine mit ihren helltönenden Liedern durch Gänge, Treppen, Keller und Speicher des weitläufig, etwas altmodisch, aber breitbehaglich gebauten Hauses mit klirrendem Schlüsselbund hin und wieder gleiten zu sehen: hell und heiter wurden die ernsthaften dunkelbraunen Wände des alten Hauses, in allen Kammern und Verschlägen, die ihr leichter Fuß betrat, ward es licht, und der frische Mädchenkopf mit seinen reichen, blonden Zöpfen, die frei und mutwillig auf ihrem Rücken spielten, wirkte wie Sonnenschein, wohin er kam. Mit stiller Freude empfand Ernst diese Segnungen einer reinen und gesunden Mädchennatur; oft sah er mit inniger, fast väterlicher Rührung der lieblichen Gestalt nach, wann sie mit jugendlichem Schwunge dahinschwebte und die Anmut, wie ein leuchtender Streif, jeder ihrer Bewegungen zu folgen schien. Auch Ernst machte bedeutenden tiefwirkenden Eindruck auf das empfängliche Geschöpf. Da Frank, der nur in dieser Jahreszeit, nach Einbringung der Ernte, auf längere Zeit von der Wirtschaft und ihrer Arbeit sich entfernen konnte, den Spätherbst und den Winter zu Geschäftsreisen in der Umgegend benutzte, um Verkäufe und Käufe abzuschließen, sahen sich Anna und Ernst völlig und ungestört aufeinander angewiesen. Und es erwuchs daraus ein inniges und fruchtreiches Zusammenleben der beiden, eine geistige Wechselwirkung, wodurch Ernst erfrischt, Anna aber in ihrer Entwickelung mächtig gefördert wurde. Mit stillem Staunen nahm sie die Fülle geistigen Stoffes, neuer und, wie sie augenblicklich empfand, fruchtbarer Anschauungen in sich auf, welche die reiche Bildung und der hohe Geist des verehrten Freundes ihr darboten. Die erhabensten und edelsten Dinge, die Herz und Geist des Menschen zu erwärmen und zu fesseln vermögen, fesselten und erwärmten jetzt ihre Gemüter, die nie ausgesonnenen Fragen von Glauben und Wissen, die Gedanken von Welt und Gott, von Zeit und Ewigkeit. Den gewöhnlichen Anknüpfungspunkt für solche Gespräche bildete die gemeinsame Lesung der besten deutschen und fremden Dichter; und oft gerieten die beiden tiefen und reinen Seelen über den Akt eines Shakespeareschen Dramas oder über einen Gesang der Odyssee oder der Nibelungen oder über eines jener Goetheschen Lieder, die den Herzschlägen der Menschheit abgelauscht scheinen, in so warme Begeisterung, daß Ernst täglich erwartete, die Liebe, die er selbst empfand, plötzlich auch in Annas Herzen in flammender Lohe aufsteigen zu sehen. Allein dies geschah nicht; es geschah nicht, obwohl sie halbe Tage lang ungestört beisammen waren, obwohl Ernst die herzliche Empfindung Annas für seinen Wert nicht verkennen konnte, obwohl eine gehobene, warme Stimmung, die sonst das schlummernde Gefühl so leicht zur Selbsterkenntnis bringt, fast jedes ihrer Gespräche begleitete. Wochen und Monate vergingen und noch immer ruhte Annas klarer Blick mit einer Sicherheit und Unbefangenheit auf den edlen Zügen des von ihr so innig verehrten Mannes, wie sie nur ruhiger Freundschaft eigen ist; vergebens harrte Ernst auf jenen scheuen Funken in ihrem Auge, der die schüchternen Blicke erwachender Liebe begleitet. Offenbar hatten die Gefühle der Ehrfurcht und Dankbarkeit, die Ernst durch seinen Einfluß auf Annas geistige Entwicklung erweckt hatte, alle anderen Empfindungen ihm gegenüber, die etwa keimend in ihr gelegen, in den Hintergrund gedrängt und sein Bild in eine kalte Höhe emporgehoben und mit einer Glorie umgeben, die für die Förderung der Liebe nicht eben günstig war. Dazu kam, daß Ernst in übergroßer Gewissenhaftigkeit sich völlig abwartend verhielt, nicht das mindeste that, ihr seine Liebe zu entdecken und so in ihr selbst gleiche Empfindung zu wecken. Er hielt es für unedel und unfein, auf solche Weise gleichsam mit Gewalt auf das junge Geschöpf einzudringen, das äußerlich wie innerlich vollständig in seine Macht gegeben war. »Kommt das Gefühl in ihr nicht ohne mein Zuthun, so ist es nicht das echte und soll gar nicht kommen,« dachte er. – Dabei waren sich jedoch die beiden so unentbehrlich, der geistige Austausch war ihnen solches Bedürfnis geworden, daß sie möglichst rasch ihre anderen Geschäfte abzufertigen und die Stunden ihres Zusammenseins vor fremder Störung zu schirmen suchten. So waren sie über die oft wochenlange Abwesenheit des jüngeren Bruders nicht böse, ja nur mit halber Freude begrüßten sie manchmal seine Rückkehr als eine Art Zwang, der ihren Lieblingsgesprächen auferlegt wurde. Denn Frank in seiner kräftigen und bestimmten Art duldete schlechterdings nicht, daß, wann er zu Hause war, die beiden Scholastiker, wie er Ernst und Anna spottend nannte, sich in jenen Gesprächen ergingen. »Ihr habt Zeit genug, zu eurer Gelehrsamkeit, während ich meine Ochsen und Schweine verkaufe: – wann ich daheim bin, wird nicht philosophiert. Es kommt doch nichts dabei heraus« – pflegte er lachend zu sagen. Und hatten sie dann anfangs nur mit Unlust ein ernstes Gespräch, das sich aus ihren Büchern ergeben, unterbrochen, so war doch auf die Länge der fröhlichen Treuherzigkeit, der fortreißenden immer heitern Laune Franks nicht zu widerstehen. Oft, wann er spät am kalten Winterabend von der Jagd oder von der Schlittenfahrt, von einem Besuch bei den Grundbesitzern der Umgegend heimkehrte, das Haar und den Bart mit Eis und Schneeflocken bedeckt, und alle Züge seines offenen männlichen Gesichtes wie seine blitzenden Augen die Freude seines Herzens über das Wiedersehen, über die Heimat ausdrückten, dann durchflog es Anna wie ein Vorwurf, daß sie seinem Kommen wie einer Störung entgegengesehen hatte. Dann sprang sie wohl lachenden Mundes ihm entgegen, nahm ihm Pelzkappe und Mantel ab, und ließ es sich nicht nehmen, noch spät abends ihm aus dem kalten Keller selbst einen Krug Wein von seinem Lieblingsfäßlein zu holen. Da machte er sich's dann bequem, gab kurzen Bescheid auf die Fragen der beiden nach seiner Jagd oder seinen Geschäften, die, wie er meinte, die zwei Weltweisen doch nicht verständen: dagegen besprach er ausführlich mit Anna deren Hauptfreude und Hauptsorge: – das Gedeihen der Blumen, die sie mit eifriger Liebe und mit wunderbar glücklichem Erfolge pflegte. Gar ernsthaft wurden da die Kinderkrankheiten einer Erika oder das betrübliche Aussehen einer Myrte beraten: und überall wußte der geübte Gärtner mit klugem Rat die natürliche Begabung Annas zu unterstützen. Frank verlängerte diese Gespräche oft mit arger List, indem er Todesgefahr für irgend eine Lieblingsblume zu fürchten vorgab, während er an ihrer glücklichen Genesung im Innern nicht entfernt mehr zweifelte: es freute ihn, Anna dadurch ihre regelmäßige Abendbeschäftigung vergessen zu machen, die dem Wackern ein Gegenstand des Greuels war. Sie hatte sich nämlich freiwillig Ernst als eine Art von Schreiberin oder Gehilfin angeboten, indem sie ihm Stellen aus zahlreichen Büchern, die er zum Zweck eines größeren philosophischen Werkes über die Sittenlehre vereinzelt und zerstreut aufgezeichnet hatte, nach seiner Anweisung in die gehörigen Stellen seiner Hefte zusammenschrieb. Anna hatte bemerkt, wie innig es Ernst erfreute, sie dergestalt zur Mitarbeiterin zu haben und ihre zierliche Handschrift in seiner gelehrten Arbeit zu sehen. Weil sie ihm nun diese Freude nicht nehmen wollte, fuhr sie unermüdlich in der Mühsal fort, zu der er sie nicht ohne Pedanterie anhielt; die Arbeit war ihr insgeheim bald recht herzlich verleidet, da sie den größten Teil dessen, was sie schreiben mußte, nicht verstand. Und wenn sie viel fragte, ward er ungeduldig. – Dem guten Frank war nun dieser Mißbrauch der schönsten blauen Augen, wie er es nannte, höchst ärgerlich und er suchte ihn nach Kräften zu hintertreiben. Wenn er aber häufig das Mädchen aus ihrer Schreiberei zu einem Abendspaziergang durch das Dorf abrufen wollte, so erwiderte Ernst nicht ohne Gereiztheit: »Es steht Anna jeden Augenblick frei, ein Amt, zu dem sie sich selbst erboten, aufzugeben. Allein solange sie dies nicht gethan, muß sie es regelmäßig und pünktlich erfüllen.« Dann wurde die Kleine wohl blutrot und begann mit einem bittenden Blick auf Frank doppelt eifrig ihre kleinen Buchstaben zu malen, so sauber und regelmäßig, als wäre Schreiben ein Stück von feiner Stickerei. Und Frank ging dann, mächtige Rauchwolken aus seiner kurzen Pfeife stoßend, unwillig zur Thüre hinaus. Neben der Gärtnerei vereinte Anna und Frank die gemeinsame Liebe zur Musik: und am raschesten ließ sich Anna von ihrem Schreibtisch und den Philosophen hinweglocken, wann Frank das Klavier aufschlug, und sie bat, mit ihm zu singen; in der That klang der glockenhelle Sopran des jungen Mädchens nie lieblicher, als wenn er begleitet ward von dem volltönenden Basse, mit welchem Frank sie, wie ein kühner Recke mit starken Armen, über die flutenden Accorde zu tragen schien. Da tönten denn all die alten Volkslieder wieder, welche seit Jahrhunderten die deutschen Herzen erfreut und gerührt haben: und lieblich klangen oft die reinen Klänge hinaus in die sternenhelle Winternacht. Durch fleißige Übung, erleichtert von der gleichen Geschmacksrichtung, die meistens dieselben Lieder zu Lieblingen beider machte, brachten es Anna und Frank bald so weit im Vortrage dieser Volkslieder, daß nicht nur die Hausbewohner, die alte Gertraud und Bernhard, ihr Mann, ihre Freude daran hatten, sondern zumal auch die Leute im Dorfe, wann sie an dem im Erdgeschosse gelegenen Wohnzimmer vorübergingen und aus den erleuchteten Fenstern »die Zwiegesängeln«, wie sie's nannten, der jungen Herrschaft vernahmen, stehen blieben und gar andächtig zuhörten. Ernst blieb diesen Freuden fern. Begabung und Lust für Musik waren ihm versagt wie der Sinn für die Blumen, die nicht in seinem Zimmer gedeihen wollten, trotz Annas glücklicher Hand. Denn Blumen bedürfen der Liebe, Gleichgültigkeit läßt sie nicht aufkommen. Anna gab es nach einigen Versuchen, die er kaum beachtet hatte, auf, sein Fenster zu schmücken. Vergnügt richteten Hyacinthen und Aurikeln ihre Köpflein wieder auf, als sie Anna aus der Bücherstube forttrug. Musik aber, sagte Ernst, quäle ihn: er müsse immer grübeln, welches der Gedanke sei, der in jedem Accorde liege, und warum diese Folge der Töne gefalle, eine andere nicht, worauf Frank ihn einmal lachend fragte, ob ihn ein schönes Mädchen nicht entzücken könne, ehe er die Proportion ihrer Züge berechnet habe? Eines Abends nun hatten die beiden bereits wieder längere Zeit gesungen, als Frank mit kräftigem Anschlag die Melodie begann: »Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt.« Lieblich und innig stimmte Anna ein und mit besonderer Begeisterung sangen die beiden ihr schönes Lieblingslied zu Ende. Da mit dem letzten Ton erschreckte sie ein klirrendes Geräusch, eine Fensterscheibe fiel, wie von Stoß oder Wurf zerschmettert, in das Zimmer: ein entsetzter Blick zeigte Anna den einen Fensterladen aufgerissen und ein häßliches Gesicht, von feuerroten Haaren umstarrt, durch die Öffnung hereingrinsen. Frank sprang sofort zu und war im Begriff, dem Rotkopf einen Faustschlag zu versetzen, als ihn Ernst, der, ein Buch auf dem Schos, am nämlichen Fenster gesessen hatte, abhielt: »Laß sein, Frank! Ich habe es kommen sehen: es ist der rote Fritz.« – »Der Narr? Du hast es kommen sehen und nicht verhindert?« »Wer ist das, der rote Fritz?« fiel die erschrockene Anna ein. »Gleich sollt ihr es erfahren,« erwiderte Ernst; und mit einer für die anderen beiden unbegreiflichen Sanftmut, die fast wohlgefällige Freundlichkeit war, wandte er sich zu dem Eindringling, der noch immer sein Gesicht, das vor Aufregung um Mund und Nasenflügel zuckte, in das zerbrochene Fenster hereinstreckte und den unheimlich stieren Blick auf Anna heftete. »Fritz,« sagte er freundlich zu dem Blödsinnigen, »was hast du dir gedacht, als du die Musik hörtest und das Fenster zerschlugst?« »Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein ...,« antwortete der Gefragte mit den Worten des Liedes, auf Anna blickend, »Sieh mich an! ... Was ging in dir vor, Fritz? Gieb Antwort!« unterbrach ihn Ernst forschend. »Verzeiht,« sagte dieser mit einem schmerzlichen Zucken der Lippen, »ich habe es nicht gethan – ich mußte es – Er hat's gethan.« »Wer?« fragte Ernst rasch. »Ach, Ihr wißt es ja, Herr! Der rote Wurm, der mir im Kopfe liegt und mir das Gehirn frißt – o, das thut so weh! Wißt Ihr's denn nicht?« fuhr er in jämmerlich klagendem Tone fort, als er Annas Auge mit Scheu und Staunen auf sich ruhen sah. »Sie sagen, ich sei bös und arm und dumm: – glaubt es nicht, schöne Königstochter! Ich bin nicht dumm: ich verstehe, was das Holz sagt, wann es im Feuer knistert, ich weiß es genau, was sich die schwarzen Binsen da unten am Mühlbach erzählen – hei, die sprechen schottisch untereinander! Und arm bin ich auch nicht: – ich habe sieben Schlösser und zwölf Burgen.« »Wo liegen sie denn, Fritz?« forschte Ernst. »In Schottland?« – »Nein, Herr, drei liegen im Feenland, Und eins im Mond, Und fünfzehn liegen im Windland. Denn wisset: ich bin des Königs von Windland Sohn. Mein Vater, der hat einmal eine rote Schlange erschlagen, die im Winter vor dem Erfrieren Schutz suchte an seinem Herdfeuer. Das war wohl schwer Unrecht: – aber was kann ich dafür? Ich war damals noch nicht geboren. Da hat mich der Schlangenkönig verflucht im Mutterleibe, seine Nichte zu rächen. Denn die rote Natter war die Tochter gewesen seiner Schwester – und ach, meine arme, arme Mutter, der haben die Schlangen ins Herz gestochen, bis sie starb. Und mir hat sich eine ums Hirn gewunden siebenmal-siebenmal und die nagt und frißt Tag und Nacht mit ihren scharfen Zähnen ... das brennt ...! und ich muß thun sieben Jahre lang was sie will. Aber eine wunderschöne Königstochter, die kann mich erlösen.« »– Wer ist die? Was muß sie thun?« fragte Ernst. – »– Die muß geboren sein zur Hahnenkraht in der Walpurgisnacht. Und muß ihre Wiege gewesen sein aus Eibenholz vom alten Baum, gewachsen auf der Kirchhofsmauer, wohin ein Hänfling den Samen getragen. Und den Baum muß der Blitz getroffen haben zu Sankt Johannis. Und das Königskind muß haben zwei lange, blonde Zöpfe, die reichen vom Kopf bis zum Knöchel: und muß haben die Stimme wie drei Feldlerchen und silberne Augen wie der Morgenstern,« – »Woher kennst du sie so genau?« – ... »Meine Mutter, die tote, hat sie mir dreimal im Schlaf gezeigt: o, sie ist sehr schön.« – »Und was muß sie thun, dich zu erlösen?« – ... »Sie darf noch nie einen Mann geküßt haben. Und zu Johannis, wann ein Gewitter und das wilde Heer kommen von Norden, da muß sie mich dreimal küssen auf meinen Mund bei dreier Blitze Strahl. Dann werd' ich schön, wie ich sein soll: der Wurm in meinem Hirn stirbt am eigenen Gift: und mir wachsen zwei wunderschöne, feuerrote Flügel und ich fahre gen Windheim mit meiner Braut, und meine Braut ist die Windsbraut ...« – »Was hast du aber hier vor dem Fenster gethan?« »Ich ging in die Felder und wollte einen Gruß bestellen, den mir mein Vetter, der Nordwind, aufgegeben hat an die alte Heideneiche: – er sagt, sie müsse sterben vor der Sonnenwende! Da hört' ich sie, die Stimme, wie von drei Feldlerchen, aus dem Hause klingen: und ich machte leise den Laden auf und sah die Windsbraut mit den silbernen Augen: und der rote Wurm zuckte und wand sich bei dem Ton ihrer Stimme und konnte mich nicht beißen, solange sie sang ...« »– Aber warum wurdest du – ich sah es wohl – plötzlich zornig und zerschlugst die Scheibe?« – »Ja, Herr, wie der Wurm meinte, er müsse sterben, – da wollte er mich verführen mit Arglist. Er riet mir, ich solle durchs Fenster springen und sie jetzt schon küssen .. vor der Zeit ... und da wäre doch alles verloren und ich würde nimmermehr erlöset, nimmermehr ...« – »Höre,« fuhr ihn Frank an, da er fühlte, daß Anna vor Furcht und Grauen bebte, »packe dich nach Hause, du dummer Narr, und lege dich aufs Ohr, und wenn du dich noch einmal hier von uns treffen läßt, so bring' ich dir die Vernunft mit Stockprügeln bei.« – »Ich gehe schon, noch ist's nicht Zeit – noch nicht! – Ade, du schöne Königstochter!« So sprechend zog der Blödsinnige, den die feste Kraft des jüngeren Bruders einschüchterte, den Kopf zurück. Schon war er im Dunkel verschwunden. »Schade, daß du ihn verjagt hast!« sprach Ernst bedauernd: »Ich hätte ihn gerne weiter gefragt.« »Wozu das?« rief Frank, indem er den Laden sorgfältig verriegelte. »Der Narr hat Schrecken genug erregt. Ich muß dir meinen oft ausgesprochenen Wunsch aufs eindringlichste wiederholen, – jetzt mehr denn je: laß den armen Jungen in sicheren Gewahrsam, laß ihn in die Stadt bringen, ehe er sich und anderen Schaden thut.« »Was ist's denn mit dem gräßlichen Menschen?« fragte Anna, noch immer zitternd. »Seine ganze Geschichte ist seine Geburt,« antwortete Frank. »Du hast bisher nichts davon erfahren, weil unser guter Vater eifrig besorgt war, dies wirre und unheimliche Bild deiner jungen Seele fernzuhalten. Seine Mutter war das Kohlenkäthchen, des Kohlenbrenners Hannes im Osterwalde Tochter. Das schönste Mädchen über alles Land soll sie gewesen sein: – sein Vater aber war ein reicher Laird aus Schottland, der einmal der Jagd wegen ein Jahr hier lebte und dann plötzlich verschwunden war. Als sich Käthchen von ihrem Verführer verlassen sah, verfiel sie in Trübsinn, in Irrsinn, und in einem ihrer Anfälle sprang sie mit gellendem Lachen mitten in den flammenden Meiler ihres Vaters. Furchtbar verbrannt zog man sie heraus. Sterbend genas sie des Knaben, den der alte Köhler aufzog. Bald wurde indessen offenbar, daß das Seelenleiden und vielleicht das Ende der Mutter auch des Kindes Geist zerstört hatte: er war halb blödsinnig und blieb es, trotz den Bemühungen unseres guten Vaters, ihn zu entwickeln. So ging er denn nie in die Schule, saß all sein Lebtag draußen im Walde bei den Kohlen, und sein Großvater trug redlich dazu bei, ihn vollends verrückt zu machen. Der alte Hannes bei seinen Kohlen ist nämlich ein lebendes Sagenbuch gewesen: all die alten Märchen und Geschichten, die, oft aus der Heidenzeit stammend, noch zahlreich bei uns im Munde des Volkes leben, kannte und bewahrte der greise Köhler, dessen Alter bis an hundert Jahre reichte. Der erzählte nun alle diese tolle Weisheit seinem tollen Enkel, der hierfür, und hierfür allein, das lebhafteste Interesse hatte. Der Junge hat, glaub' ich, in seinem Leben viel mehr vom wilden Jäger gehört als vom lieben Gott. Als nun der Alte gestorben war, wurde unser Vater, der eine monatliche Summe für den Verwaisten aussetzte, dessen Vormund. Nach des Vaters Tode übernahm Ernst die Pflege: man beschäftigte den roten Fritz als Hirtenbuben für die Ziegen der Gemeinde: als er aber einmal ein Zicklein an allen vier Füßen packte und in den Mühlbach schleuderte, der Mühlnixe zum Geschenk, wie er sagte, und auch sonst zahlreiche Beweise seiner Bosheit oder doch Gefährlichkeit gegeben hatte, da mußte man ihm das Amt abnehmen. Der Schulmeister beaufsichtigt ihn jetzt, aber wie schlecht er ihn beaufsichtigt, das haben wir eben gesehen: er läßt ihn nachts allein im Dorfe herumstreifen! Es ist unverantwortlich!« »Aber warum verwahrt man den Armen nicht besser?« meinte Anna. »Daran ist sein Vormund, unser gelehrter Herr Bruder, schuld! Das ganze Dorf hat schon öfters beantragt, ihn anderswo, auf Gemeindekosten, sicher unterzubringen, Ernst hat es bisher immer zu verhindern gewußt!« – »Warum thust du das, Ernst?« – »Weil ich nicht will, daß man einen unglücklichen, harmlosen Schwärmer in die Qualen, in die Zwangsjacke eines Irrenhauses steckt. Dieser Mensch ist das Kind des Waldes: er stirbt, wenn ihr ihm die Natur, die Landschaft nehmt! Und er ist ja nur blödsinnig, nicht gefährlich: was man von seiner Bosheit und Gefährlichkeit spricht, ist von der Feigheit ersonnen,« »Das ist eben einfach nicht wahr« – entgegnete Frank. »Du überredest dich, er sei ungefährlich, du redest dich selbst in ein falsches Mitleid hinein und warum? Lediglich, weil es dich anzieht, Studien und Beobachtungen an dieser armen Seele zu machen.« »Du magst recht haben,« lächelte Ernst. »Ich gestehe, daß ich soeben mit dem größten Eifer den Eindruck der Musik auf den Blödsinnigen beobachtete: ich sah ihn den Fensterladen öffnen und beobachtete lange das Spiel seiner Züge, das euren Gesang begleitete. Zuletzt bemächtigte sich seiner ein unwiderstehlicher Antrieb: ich sah aus der Empfindung den Willen werden ...« »Und hast ihn das Fenster zerschlagen und Anna erschrecken lassen?« schalt Frank sehr ärgerlich. »Anna hat offenbar einen merkwürdigen Eindruck auf ihn gemacht,« fuhr Ernst nachsinnend fort. »Wie war' es, ginge sie auf seine Wahnvorstellung ein –?« Das junge Mädchen zuckte zusammen. »Nein,« fiel Frank ein, »das wäre ein verderbliches häßliches Spiel! Vielmehr muß ich jetzt ganz entschieden auf seine Entfernung dringen. Einen gefährlichen Narren kann man nicht frei umhergehen lassen.« – »Er ist nicht gefährlich. Fürchtest du dich vor ihm, Frank?« »Du weißt, Ernst,« fuhr dieser heftig auf, »daß ich niemand fürchte: mit der roten Wildkatze würde ich auch noch fertig. Daß er aber gefährlich ist, kann ich dir durch einen Vorfall beweisen, den ich bisher verschwiegen, um euch nicht unnötigerweise zu beunruhigen. Du weißt, daß voriges Jahr unsere Holzhütte auf dem Goldacker plötzlich aufflammte und verbrannte ...–« – »Jawohl – nun?« – »Wir konnten uns niemals die Entstehung erklären: – ich weiß jetzt, daß Fritz das Feuer angelegt hat.« – »Woher weißt du das?« – »Als ich neulich spät abends von der Stadt nach Hause ging, bemerkte ich plötzlich an ungewohnter Stelle ein rotes Licht, das sich flüchtig hin und her bewegte. Leise eilte ich näher und sah den Narren, der mit einem langen, brennenden Kienspan wie besessen um unsere Aufhütte am Erlenwalde herumtanzte: endlich schleuderte er den Brand auf das Dach, wo er augenblicklich auf der dichten Schneelage erlosch. Ich sprang hinzu und packte ihn beim Arm: er erkannte mich nicht: ›Laß los,‹ schrie er, ›Feuerkönig, laß los: ich kann's nicht helfen, daß es diesmal nicht brennt: hast du nicht genug an dem letzten Opfer auf dem Goldacker?‹ Da wußte ich genug und führte ihn heim: der Schulmeister, dem ich harte Vorwürfe über seine Nachlässigkeit machte, erklärte, es sei ihm unmöglich, den schlauen Narren immer zu hüten. Ich aber kann nicht länger eine lebendige Brandfackel um unsere Scheunen und Häuser herumstreifen lassen, und bitte dich herzlich, gieb deine Einwilligung zu seiner Entfernung.« »Ich werde mich hüten,« lächelte Ernst. »Ich arbeite gerade jetzt in der Seelenlehre: und da ist mir mein Pflegling unentbehrlich; macht ihr keine Musik mehr, so werden uns keine Fenster mehr zerschlagen. Fritz bleibt frei und im Dorfe.« Ernst bemerkte den ängstlich-flehenden Blick Annas nicht: »Ist es dein letztes Wort?« frug Frank kurz, – »Mein letztes.« – »Gut, wenn du es gegenüber Anna verantworten kannst, namentlich aber gegenüber deinem Pflegling selbst, so soll er bleiben. Du, Anna, versprichst mir aber, nie mehr allein aus dem Hause zu gehen und dir, Ernst, sage ich voraus, daß ich bei dem nächsten Angriff auf ihre Sicherheit deinen Pflegling zusammenschießen werde wie einen tollen Hund. Dann mag sich der Philosoph wundern und der Vormund beklagen, soviel er will. Gut' Nacht, Anna.« Mit diesen Worten ging Frank zürnend aus dem Zimmer. Ernst sah ihm schweigend nach. »Der Hitzkopf!« sprach er dann ruhig – »aber er meint es gut: sei ihm nicht böse, Anna! gute Nacht.« Und er nahm sein Licht und ging. Anna fühlte sich verstimmt. Es war das erste Mal gewesen, daß ihr herzliches Zusammenleben unschön gestört worden war. Sie wunderte sich, wie Ernst glauben konnte, sie zürne auf Frank , da sie doch diesem vollständig recht gab und mit warmem Dankgefühl seine treue Sorge für sie erkannte; sie konnte nicht umhin, Ernst einer gewissen Selbstsucht anzuklagen und ging betrübt zu Bett. Bald jedoch war unter den drei guten liebevollen Menschen die Spannung verschwunden. Franks treue Seele kannte nachtragenden Ärger nicht und rasch hatte er in seinem mühevollen; kräftigen Leben die Erinnerung an jenen Abend verloren. – Nicht aber hatte die dunkle Seele des Narren des lichten Schimmers vergessen, der sie damals gestreift; er umkreiste allnächtlich in scheuer und doch unwiderstehlicher Sehnsucht das Haus, das für den Unseligen eine phantastische, thörichte Hoffnung der Erlösung enthielt; er hatte die Fenster von Annas Schlafzimmer im ersten Stock erkundet oder erraten; und oft saß er in kalter Sturmnacht im Dunkel unter einem der Ulmenbäume an der Gartenmauer oder auf dem Zaun des Feldwegs und starrte mit geduldiger Erwartung in die Richtung jener Fenster, bis sie plötzlich auf kurze Zeit erleuchtet wurden, wann Anna aus der Wohnstube in ihr Schlafzimmer ging; und das reine Kind ahnte nicht, daß, während sie ihre blonden Zöpfe aufflocht und ihr Nachtgebet sprach, zwei brennende Augen mit wahnsinniger Leidenschaft jede Bewegung ihres Schattens an den Vorhängen verfolgten. Wann die Fenster wieder dunkel geworden, sprang der Narr auf, warf eine Kußhand in die Nachtluft und sprach im Heimgehen: »Schlaft wohl, ihr silbernen Augen; leb wohl, du Königstöchterlein, wann die Zeit gekommen, wirst du mich erlösen.« *   III. Frühlingsfreuden. Und allmählich zog nun der Frühling in das Land. Schon waren die Felder vom Eise befreit: nur an wenigen von der Sonne abgelegenen Stellen lag noch hier und da ein Restchen veralteten Schnees: – die Äcker zeigten die braunen Schollen wieder, aus denen feuchter Brodem aufstieg, wann die Sonne darauf schien; schon waren die Tage merklich gewachsen und die Dorfkirchglocke läutete wieder zu späterer Stunde zum Abendgebet. Die Primeln und Schlüsselblumen begannen zu blühen, bald schossen die ersten Schwalben zwitschernd über das Dorf, mancher frühe Schmetterling, manch' eifriges Bienchen flog im Mittagssonnenschein über die ergrünenden Wiesen, jubelnd begrüßt von den Kindern, die nun wieder gar lustig den Weg zur Schule in frohen Seitenwanderungen verlängerten und nach der Schule stundenlang vor den Häusern spielten, wo die Leute auf den Bänken saßen in der Dämmerung und ihnen zusahen; vollständig galt aber der Sieg des Frühlings für entschieden, als ein gravitätisches Storchenpaar über das Dorf hingestrichen kam und nach kurzer Auswahl auf dem Wohnhaus der Brüder Reichhart sein Nest zu bauen begann, was, wie männiglich weiß, eine Hochzeit im Hause bedeutet. Die veränderte Jahreszeit führte notwendig auch Veränderungen in der Lebensweise unserer Freunde herbei. Frank, dessen Arbeit nun erst recht begann, war jetzt immer zu Hause, d.h. auf den Feldern in der Nähe des Gutes beschäftigt: und er arbeitete diesmal mit einem Eifer und Geschick, daß es eine Lust war, seiner Thätigkeit zuzuschauen. Diese Lust empfand und genoß Anna in hohem Grade. Frank hatte recht gehabt, als er Ernst an dem ersten schönen Märzentag, da er Anna die Winterfenster abnehmen half und die warme Frühlingsluft durch alle Zimmer streichen ließ, scherzend zurief: »Herr Bruder, – nun ist dein und des Winters Reich zu Ende. Der Frühling und ich regieren jetzt: nun wollen wir die kleine Philosophin vom Geist zu der Natur zurückbekehren.« In der That wurde es so, Anna war nur wenig mehr im Hause und mit Ernst zusammen: der Garten und die Felder waren jetzt ihre Welt: jubelnd trug sie ihre geliebten Blumen aus dem Treibhaus ins Freie und mühte sich stundenlang mit der Umpflanzung in die Beete, wobei ihr der alte Bernhard getreulich half. War das Gartentagwerk bestellt, so eilte sie, Frank aufzusuchen, der irgendwo in den Feldern oder im Walde oder an dem Mühlbach die Arbeiten leitete und rüstig selbst mit Hand anlegte. Ernst konnte diese ihre Freuden und Gänge nicht teilen. Er kränkelte: er hatte sich im Winter übermäßig angestrengt und im Eifer, sein philosophisches Werk rascher zu fördern, seinem Körper zu viel zugemutet; nur selten konnte er im wärmsten Mittag sein Zimmer auf eine Stunde verlassen. Lange hielt Anna getreulich bei ihm aus, lesend oder schreibend in der dumpfen Luft seiner Bibliothek, deren Fenster er nicht öffnen ließ. Es war ihr aber ein hartes Opfer und mancher sehnsüchtige Seufzer mußte erstickt werden, wann sie die helle Sonne draußen auf den Bäumen glitzern sah und der fröhliche Fink auf dem Kirschbaum vor dem Fenster seine schmetternden Schläge wirbelte. Dazu kam noch, daß Ernst, durch seine Kränklichkeit verstimmt, ihr nicht mehr ganz wie sonst ein anregender und erfreulicher Gesellschafter war. Zuweilen fand sie ihn durch Kleinigkeiten über Gebühr gereizt: das machte ihr Beisammensein nicht mehr so rückhaltlos und vertraulich wie früher und oft sehnte sie sich mit Seufzen hinaus ins Freie. Ernst bemerkte dies nicht, wohl aber Frank: und von dem Augenblick an, da er erkannt hatte, daß das gelehrte Stubenleben der Kleinen allmählich zur Last geworden, begann er, jedoch mit seinem Takt ganz sacht, um weder dem Bruder noch Anna seine Absicht fühlen zu lassen, die letztere immer mehr und mehr für sich in Anspruch zu nehmen und ihr Leben ins Freie, in die Natur zu verpflanzen. Er erklärte, die alte Gertraud reiche nicht aus, die große Anzahl von Mägden und Tagelöhnerinnen, die er wegen der beginnenden Feldarbeiten mieten mußte, zu überwachen und zu versorgen; er richtete eine zweite Küche auf einem zum Gute gehörenden Vorwerk ein und stellte der Kleinen die Notwendigkeit vor, dort vormittags mit Hand anzulegen, eine Pflicht, die Anna mit Freuden, Geschick und Lieblichkeit erfüllte. Eifrig wanderte sie nun schon frühmorgens mit einem Korbe voll Küchengerätes hinüber nach dem Vorwerk, verteilte und ordnete die Arbeiten des weiblichen Gesindes, machte die Auszahlungen, hatte für jeden Knecht und jede Magd ein passendes Wort des Wohlwollens, zeigte für jede Verrichtung freundliche Teilnahme und gewann in kurzem die Liebe der Leute in dem Grade, daß diese selbst erklärten, unter Annas Augen noch einmal so leicht zu arbeiten, wie denn Frank behauptete, daß alles gedeihe, wo sie Hand anlege. Sie mußte ihn daher fast immer begleiten, und alles, was er vornahm, einweihen, wie er sagte. Wurde ein Feld neu besät, so mußte Anna die erste Scholle wenden und die ersten Körner streuen; wurde eine Wiese umgestochen oder ein Damm gegraben, so mußte sie die ersten Spatenstiche thun; wurde eine Scheune gebaut, so mußte Anna die ersten Hammerschläge führen. Das that sie denn immer mit ebensoviel Anmut als Wohlgefallen. So kamen die beiden oft den ganzen Tag nicht nach Hause, die Leute waren sehr erfreut, wenn sie das bescheidene Feldmahl mit ihnen teilten; dann, gegen Abend, pflegte Anna den Freund auf seinem Rundgang durch alle Arbeitstätten zu begleiten, wo er überall mit den Leuten kurz und treffend das Nötige besprach. Mit Freuden entnahm sie aus den Reden und Thaten der Arbeiter, wie hoch sie alle Frank in Ehren hielten, als den tüchtigsten Landwirt und den trefflichsten Mann in der Gegend: dankbar wußte sie zu schätzen, mit welch unerschöpflichem Verständnis er alle ihre kleinen Fragen über die tausend Rätsel, die das Naturleben ihrer regen Phantasie aufgab und die sie dann an ihn richtete, immer reich belehrend – und doch nie pedantisch! – zu beantworten wußte. Auf diesen einsamen Feldwegen, wann sie den Sonnenuntergang von einem Hügel aus beobachtet hatten und nun in der Dämmerung durch die Wiesen nach Hause gingen, lernte sie das reiche Gemüt, die verhaltene, aber desto tiefere Innigkeit seiner Empfindung, die sich stets nur in kurzen Worten äußerte, immer mehr kennen und lieben. Und dies Zusammenleben mit Frank und der Natur brachte eine glückliche Stimmung harmloser Heiterkeit über sie: ihre Seele, während des Winters etwas strenge geschult, erging sich wieder in fröhlicher Freiheit. Auch äußerlich war dies sichtbar: ihre Augen blitzten in Munterkeit, ihre Wangen, die der Winter und das Schreiben gebleicht hatten, überflog ein gesundes Rot, ihre Formen füllten sich: geflügelt wurde ihr Gang, kräftiger ihre Stimme und ihr liebliches Lachen tönte häufiger und lauter. Dies Aufblühen Annas war so sichtlich, daß auch Ernst die Veränderung und deren Grund: ein gesunderes Leben, wahrnehmen mußte. Er war darüber so erfreut, daß er gegen die umgewandelten Beschäftigungen Annas nichts einwenden mochte und sie stillschweigend ihres Amtes als Schreiberin, das sie in letzter Zeit ohnehin gar kläglich versäumt hatte, gänzlich enthob. Nicht ohne einen Seufzer schob er ihren Stuhl von der Stelle an seinem Schreibtisch, die er den Winter über eingenommen und fuhr fort, da weiter zu schreiben, wo sie mitten im Satz aufgehört hatte, von Frank abgerufen, um die erste Kleesaat bestellen zu helfen. Übrigens empfand Ernst nicht, daß eine Entfremdung oder Erkältung zwischen ihm und Anna stattgehabt hätte. Es fiel ihm nicht ein, eifersüchtig auf Frank zu werden: er selbst hielt Anna mit immer gleichmäßiger ruhiger Neigung, der einzigen und höchsten, deren er fähig war, umschlossen und betrachtete sie, da er stets mit Rührung des Testamentes seines Vaters gedachte, als ihm durch Vermächtnis zugewendet und zugehörig. Und wenn er auch noch immer in Annas Herzen keine Liebe für sich sah, so beunruhigte ihn dies nicht im mindesten: er hatte sich so ganz an den Gedanken gewöhnt, ihre Freundschaft allmählich in Liebe übergehen zu sehen, daß er nie daran dachte, dieser Übergang könnte ausbleiben. – Es wurde ihm nicht schwer, seine stille, ideale Neigung ganz in sich zu verschließen und weder Anna noch sein Bruder ahnten deren Bestehen. So war der Mai herangekommen: ein wunderschöner erster Mai. Hell blühten bereits die Frührosen, die Anna in den Gartenbeeten gepflanzt, und lieblich drangen die Düfte der blühenden Spalierbäume, lieblich klang der fröhliche Vogelgesang in Ernsts Bibliothekzimmer, dessen Fenster offen standen. Er selbst lehnte, vom Vorhang verborgen, an der Fensterbrüstung, den Phädros des Platon in der Hand, und blickte sinnend über das Buch hinweg in den blühenden Garten. Da kam Anna, ein Liedchen trällernd, mit einem großen Rosenstrauß in einer Vase, herein, stellte ihr duftiges Geschenk auf Ernstens Schreibtisch, warf das Köpflein zurück, um zu sehen, wie sich unter all den Folianten die Blumen ausnahmen und wollte, ohne Ernst gesehen zu haben, wieder hinaus, indem sie leise vor sich hin sang: »Himmelhochjauchzend, zum Tode betrübt, Glücklich allein ist die Seele, die liebt.« Da rief sie Ernst beim Namen und trat aus den Vorhängen. »Schönen Dank, liebe Anna! für deine Blumen.« »Sie sind von meinen schönsten! – Du sollst doch auch wissen, daß heute der erste Mai ist, du Einsiedler! Wie siehst du wieder so traurig und bleich aus!« »Bleich? Das mag sein. Aber nicht traurig, nur ernst. Weißt du, woran ich eben dachte, als du kamst?« – »Nun?« – »Ich dachte, als ich vom Fenster aus die vielen Blumen im Garten sah, wie viele heute, am Ehrentag des Frühlings, schon wieder verwelkt sind, und wie thöricht die Menschen sind, die das Glück so eifrig suchen, das so bald verwelkt.« – »Daran hab' ich noch nie gedacht, wann ich meine Blumen ansah. Was sollen die Menschen sonst suchen, wenn nicht das Glück? Doch nicht bloß das Wissen?« »Nein,« sprach Ernst feierlich: »den Frieden!« »Den Frieden? Was ist Friede?« »Jener Standpunkt der Weltanschauung oder richtiger – jene immer gleichmäßige Stimmung der Seele, in welcher dem Menschen zur lebendigen Überzeugung geworden ist, daß es auf Freude und Trauer, diese flüchtigen Feuerfunken, nicht ankömmt, sondern auf jene milde und ernste Klarheit, welche, wie die Sterne, ein segenvolles, sanftes, niemals verderbliches Licht verbreitet. Es gilt, im Innern die gleichmäßige Ruhe eines glatten Wasserspiegels zu gewinnen, der die Welt rein wiederstrahlt, auch nach einem Steinwurf von außen bald die zitternde Bewegung verliert und die frühere klare Stille wiedergewinnt: – das ist Friede.« »Das ist das Glück eines Gottes, nicht eines Menschen,« meinte Anna. »Es bleibt uns ja immer,« fuhr Ernst fort, indem sein dunkelbraunes Auge sinnend auf dem schönen Mädchen vor ihm ruhte – »die Sehnsucht nach jenen ewig gleichen immer leuchtenden Anschauungen, wie mein Platon sagt. Und die Seele, die einmal liebend in das Reich des ewigen Gedankens, in diesen Sternenhimmel hinübergeblickt hat, kann nimmermehr volle ungetrübte Freude finden an den Rosen dieses Erdenglückes, wären sie auch noch so schön. Ja, man kömmt dazu, diese Rosen als verführende Irrlichter, die vom Pfade des Friedens ablocken, zu betrachten.« »O ihr armen Rosen!« lächelte Anna, die heute nicht Lust zu haben schien, zu philosophieren. »Jetzt glaub' ich wohl, daß meine Blumen nicht in deiner Nähe gedeihen konnten: – du betrachtest sie mit Argwohn und Verachtung.« – »Nicht meine Schuld: – warum welken sie so bald!« – »Ach was! Darum pflückt man die Rosen, daß sie uns schmücken und erfreuen, und wann sie dahin sind, pflückt man neue. Deine stolzen Sterne kann man doch nicht vom Himmel nehmen – und wenn man die Blumen ins Wasser stellt und hübsch sorglich pflegt, kann man sie lange, lange erhalten: das thust du aber nicht und darum verdienst du auch gar keine Rosen.« – »Und was hat man davon, wenn man wirklich immer einen Wechsel von freudigen Momenten sich erhält?« – »Dann ist das Leben ein Rosenkranz, und das ist auch nicht übel.« Ernst wollte erwidern, – da trat Frank eilig ins Zimmer. »Wo steckst du, Anna? Ich suche dich im ganzen Garten! Hier? Bei den Büchern? Ich wollte dir sagen, daß sie drüben in Rosenau das Maifest halten; sie haben einen prächtigen Maibaum aufgerichtet und heute Abend wird getanzt. Unsere Knechte und Mägde fahren alle hinüber, drei Leiterwagen voll: – und da wollt' ich die ehrsame Jungfrau Anna Reichhart gebeten haben, auch mit hinüberzugehen und meine Maikönigin zu werden nach altem Thüringer Brauch,« – und er machte einen fröhlichen Kratzfuß und schwenkte seinen grünen Hut. »Maifest? Tanzen? Ja, da bin ich dabei!« rief Anna. »Gleich will ich mich anziehen.« »Nichts anziehen,« sagte Frank. »Du bleibst, wie du bist:– dein rosa Sommerkleid steht dir am besten – die Zöpfe kannst du etwas höher binden: – derweilen sorge ich dir für einen Blumenkranz ins Haar.« Rasch war Anna zur Thüre hinaus; – Frank wollte ihr folgen; an der Schwelle wandte er sich um und fragte den Bruder, der mit dem Rücken an den Bücherschrank gelehnt, die Arme verschränkt, zugesehen hatte: »Kommst du nicht mit, Ernst?« – »Danke! Du weißt, ich kann die vielen Menschen und den Lärm nicht vertragen; und auch die Nachtluft nicht: – denn ihr kommt wohl spät zurück?« »Vor Mitternacht nicht! Nun leb' wohl!« und fort war er. Jetzt wurde es lebendig auf dem Vorplatz vor dem Hause. Ernst trat an ein anderes Fenster, das auf die Straße ging und sah hinunter: drei Leiterwagen, mit Kränzen und Bändern geschmückt, fuhren vor; auch die Pferde, die sie zogen, waren mit Blumen geziert. Die Knechte und Mägde, im Sonntagsstaat, sprangen mit Scherzen und Lachen hinauf und stellten und setzten sich in dem leichten Fuhrwerk zurecht. In dem einen Wagen fingen sie an zu singen: »Heraus aus den Stuben Ihr Mädels, ihr Buben, Juchheisatrara! Der Schnee ist verschwommen, Der Frühling ist gekommen, Der Maien ist da!« Da trat Anna aus der Hausthür, einen Kranz von Blauglocken und roten Rosen im Haar. Wunderhold sah sie aus mit den vor Freude geröteten Wangen: als sie Frank mit kräftigen Armen auf den Wagen schwang, dann selbst hinaufsprang und einem Knecht Zügel und Peitsche abnahm, jubelte das Gesinde vor stolzer Freude, daß die junge Herrschaft ihr Fest teilen würde. Noch einmal winkte sie grüßend zu Ernst hinauf: dann knallte die Peitsche und vorwärts flogen die drei Gespanne, Frank und Anna vorauf, mit fliegenden Bändern und Kränzen. Ernst sah ihnen nach bis zur Krümmung der Straße, dann schloß er das Fenster und setzte sich zu seinem Platon an den Schreibtisch, nicht ohne einen Seufzer und einen Blick auf die Rosen in der Vase. – In Rosenau angekommen, fanden die Goldenauer schon eine fröhliche Menge versammelt. Die Gutsbesitzer, Pächter, Bauern und das Gesinde der ganzen Gegend hatten sich eingefunden und einstimmig wurde Anna zur Maienkönigin, Frank zum Maienritter gewählt. Dann wurde vorerst ein großer Ringeltanz um den stattlich geputzten Maibaum aufgeführt: Frank mußte eine Flasche Weines am Stamm des Maibaums zerschlagen und den Rasen damit besprengen, damit »der gute Maien wachse«, wie es in dem alten Liede hieß, das dazu gesungen ward: aber Anna mußte einen Blumenstrauß, eine Schale Milch und eine Handvoll Klee »für den Maien stiften«. Dann strömte der Zug in den Wirtsgarten, die Musikanten spielten auf und der Tanz hob an! Anna mußte mit Frank den Reigen beginnen: auch den zweiten Tanz gab sie ihm gern und den dritten; – als er aber auch den vierten und alle andern begehrte, bedeutete sie ihm mit schelmischer Ernsthaftigkeit, daß sich das nicht schicke: zudem müsse sie doch auch mit den Bauern tanzen, die meinten sonst gar, sie wäre stolz Frank sah das denn auch ein und gab nach: und er hatte es nicht zu bereuen; denn so oft er ihr Auge suchte, fand er darin eine strahlende Antwort und oft nickte sie ihm gar holdselig zu, wenn sie sich im Tanze begegneten: und als zuletzt ein Mädelstanz gemacht wurde, zu dem sich die Mädchen ihre Tänzer wählten, kam sie mit strahlendem Angesicht auf ihn zugehüpft, machte einen feierlichen Knix und sagte lächelnd: »Ich muß mich eilen, den Herrn Vetter zu holen, sonst schnappen mir ihn die andern weg.« Als sie nun aber im raschen Takte dahinbrausten, sagte sie mit inniger Stimme leise zu dem Glücklichen: »Höre, du guter, lieber Frank, wie kann ich dir danken für den heutigen Tag! Du hast mir eine große, große Freude gemacht.« Da konnte sich Frank vor Liebe und Wonne nicht mehr fassen; mitten im Tanz schwang er mit einem lauten Jauchzer das erschrockene Mädchen ein paar Fuß vom Boden in die Höhe, fing sie mit sicheren Armen wieder an seiner Brust auf und tanzte im Takte mit ihr weiter unter dem Jubel und Gelächter aller, die es gesehen. Das war aber der Kleinen allzuviel; bestürzt und beschämt sah sie vor sich nieder und als er sie im Fortgehen vom Tanzboden zu ihrem Wagen fragte: »Hast mich denn lieb?« antwortete sie, ohne ihn anzusehen, nur kurz: »Das weißt du ja längst, daß ich dich lieb habe;« und als er ihre Hand drückte und dringender forschte: »Ja, aber so recht, so besonders lieb?« da antwortete sie gar nicht mehr und sprach mit den Mädchen, die neben ihr standen. – Frank war verdutzt; aber noch im Nachhausefahren merkte er, daß sie ihm nicht böse war; sie ließ sich in den Mantel wickeln, den er für sie mitgebracht und schmiegte vertraulich das müde Köpfchen an seine linke Schulter, indes er mit sicherer Hand die Pferde lenkte. Wunderschön war die Maiennacht; ihr Weg ging durch blühende Felder und Gärten; der Flieder duftete berauschend süß und der leise Nachtwind führte ihnen oft ganze Wolken von plötzlichem Wohlgeruch zu. Als sie Goldenau nahe kamen, sang im Hagedorn eine Nachtigall: Frank, der des Mädchens ruhigen gleichmäßigen Atem an seiner Wange fühlte, dachte, sie habe geschlafen; als er genauer zusah, sie zu wecken, sah er aber zwei liebevolle Augen mit aller Innigkeit auf die seinen gerichtet. Ohne zu sprechen, wies er mit der Peitsche nach der Richtung, wo der holde Vogel sang: und Anna, ohne die Augen von ihm zu wenden, nickte ihm schweigend zu. Es war Gesinde mit im Wagen und Frank mußte sich begnügen, unter dem Mantel ihre Hand zu fassen, sie drückte die seine und zog die Hand wieder zurück; aber Frank war nicht besorgt darüber. Und nun hielten sie in Goldenau und stiegen vom Wagen. Es war lange nach Mitternacht; Frank winkte dem Gesinde, so still als möglich auszuspannen und auseinanderzugehen, um den schlafenden Ernst nicht zu wecken. Als er sich nach Anna umsah, ihr gute Nacht zu sagen, war sie schon verschwunden. »Sie wollte den Abschied vermeiden,« dachte er, »nun gut, morgen, morgen sehe ich dich ja wieder.« *   IV. Ein Gewitter. Wohl sahen sich die beiden am anderen Morgen wieder, aber umsonst suchte Frank nach dem Blicke, nach dem Tone von gestern. Ein tiefes Mädchenherz ist ein gar seltsam scheu Ding: solang es sich seines Gefühls nicht ganz bewußt geworden, fürchtet es sich vor der gewaltigen, fremden Macht, die es dunkel in sich anwachsen sieht. Anna war erschreckt durch den stürmischen Ausbruch, den sie gestern an Frank erfahren: noch war ihre Empfindung nicht gereift genug, eine gewisse schämige Bangigkeit zu überwinden; sie wußte nichts und wollte nichts davon wissen, daß sie Frank anders als bisher liebe; sie wehrte sich gegen die drohende Umwandlung, die sie ahnte. Sie vermied es daher möglichst, mit ihm allein zu sein oder doch auf den zärtlichen Ton jener Nacht wieder einzugehen; dies gelang ihr um so leichter, als sie nun wieder längere Zeit bei Ernst zubrachte, dessen Kränklichkeit zugenommen und ihn sogar eine Woche auf das Lager geworfen hatte. Sie pflegte ihn mit liebevollster Sorgfalt und wurde dadurch von Frank ferngehalten, der jetzt den ganzen Tag in den Feldern zubrachte. Nach einigen deutlichen Versuchen, jenen Faden wieder anzuknüpfen, denen Anna mit einer ihm unbegreiflichen Erschrockenheit auswich, vergrub er seine Enttäuschung mit Schmerz und Schweigen in sich. »Gespielt kann sie nicht mit dir haben, dazu ist sie viel zu gut,« dachte er, »und zu rein. Also hast du dir etwas eingebildet, was nicht wahr ist. Sie hat mir auch im Grunde kein Recht gegeben, was anderes zu hoffen. Was hat sie denn gethan? Zum Tanze hat sie mich gewählt – nun, ich war ihr einziger Freund in Rosenau – und hat mir für den lustigen Tag gedankt: und daß ich sie in die Höhe schutzte, konnte sie nicht verhindern: und gesagt hat sie nichts auf meine Frage, als daß sie mich lieb habe, wie ich längst wisse. Und was weiß ich denn längst? Nichts, als daß sie uns beide gern leiden mag: und mich vielleicht nicht einmal so wie den Bruder, der's freilich auch mehr verdient ... Aber angesehen hat sie mich doch mit einem ... – ach! was sind Blicke? Ich war eben ein Thor und es geschieht mir recht, daß ich bestraft werde für meine Einbildung.« So suchte sich die bescheidene, treue Seele zu beschwichtigen: es gelang ihm aber schlecht, und immer fiel ihm die Nachtigall ein, die also umsonst gesungen haben sollte! – Er schaffte mit doppelter Thätigkeit im Felde, um den Schmerz loszuwerden und es war ihm ganz recht, daß eine große Dammarbeit am Teich, wo der Mühlbach mündete, gerade jetzt alle seine Kraft und Geschicklichkeit in Anspruch nahm. Ernst aber, der in seiner Krankheit die schöne Weiblichkeit Annas wieder von ihrer gewinnendsten Seite kennen gelernt hatte, beschloß, nach seiner Wiederherstellung bei nächster Gelegenheit sich zu erklären und dadurch Annas unbewußte Neigung, die er sicher voraussetzte, ihr selbst zum Bewußtsein zu bringen. Mit freudig-bedächtiger Wahl hatte er den Geburtstag Annas, den ersten Juli, zum Tage seiner Erklärung bestimmt; und nicht ohne Wohlgefallen berechnete er, daß bis dahin der erste Band seines gelehrten Werkes, das Ergebnis jahrelangen Fleißes, die Presse würde verlassen haben. Das giebt so, dachte er, einen recht schönen Abschnitt in meinem Leben, die vollendete Arbeit findet gleich ihren Lohn. Mit solchen Gedanken war es, daß er am Johannistage die Geliebte zu einem Nachmittagsspaziergang um den Teich aufforderte. Es war ein drückend heißer Tag gewesen; lange war kein Regen gefallen und dort am tiefen Teiche war die Luft immer am frischesten. Anna sagte gern zu, warf ihren Strohhut mit dem breiten Rande auf den Rücken, daß sie aussah wie eine Pilgerin, und sie schritten zum Gartenthor hinaus, durch die Felder auf den Teich zu. »Es ist furchtbar schwül,« sagte Anna stehenbleibend – »und sieh, da über den Hügeln im Norden steigt ein Wetter auf.« »Ich bin den ganzen Tag gesessen und möchte noch ein wenig Luft schöpfen,« erwiderte Ernst, »wenn du aber meinst, das Wetter überrascht uns und dich fürchtest, so gehe ich allein.« »O meinetwegen!« lachte Anna. »Du weißt, ich habe die Gewitter lieb. Wenn du nicht das Naßwerden scheuest, laß uns nur weitergehen.« Und so gingen die beiden etwa zehn Minuten, und hatten ein Sommerhäuschen auf einem der Hügel, die den Teich umgaben, erreicht: da sahen sie schon die roten Blitze häufiger aus dem schwergeballten Gewölke zucken, das der Wetterwind mit rasender Eile herantrieb. Und immer heller und knatternder folgte der Donner in immer kürzeren Zwischenpausen dem Strahl; schon fielen einzelne große Tropfen auf Annas Stirn und schon erhob sich zu ihren Füßen jener kreiselnde Staubwirbel, welcher der unmittelbare Vorbote des angekommenen Gewitters ist. »Das wird wirklich ein schweres Wetter,« meinte Ernst – »wenn es nur nicht hagelt.« »Komm,« rief Anna mit lauter Stimme, um sich durch all das Geheul des Sturmes vernehmlich zu machen. »Laß uns unterstehen im Sommerhaus.« – Und sie liefen rasch in das offene Häuschen, um von dessen Schwelle aus dem prächtigen Gewitter zuzusehen, das nun schon gewaltig über ihre Häupter dahinrollte. In Strömen schoß der Regen hernieder: bald flutete das lang entbehrte Wasser von allen Seiten den ziemlich steilen Hügel, auf dem sie standen, herunter nach dem großen Teich, der vom Sturme gepeitscht und vom Wolkenbruch geschwellt hohe, schäumende Wellen warf, indessen ihnen gegenüber der düstere Osterwald im Sturme die Wipfel seiner Tannen und Buchen heulend bog; Dunkelheit umhüllte sie, nur von den Blitzen manchmal grell unterbrochen. »Was ist das?« rief Anna plötzlich und wies nach dem Saume des Osterwaldes. Ernst blickte in der Richtung. »Ich sehe nichts,« sagte er ruhig, – »Ich hab' es deutlich bei dem letzten Blitz gesehen: – eine Gestalt, ein Mensch! Ha, siehst du: – da ist es wieder: – es kommt näher! Es scheint zu fliegen! Um Gottes willen: es ist der Narr!« »Ja, es ist der rote Fritz,« sagte Ernst rasch und nicht ohne Unruhe. »Er läuft hierher: – fasse dich.« Es war der Narr. In rasender Eile, mit tollen Sprüngen, rannte er, von dem Saume des Waldes her, über die Hügelplatte, auf das Sommerhaus zu. Er mußte eingesperrt gewesen sein und sich an dem langen weißen Leintuch herabgelassen haben, das er nun phantastisch um die Schultern geschlungen hatte; es wehte und flatterte wie zwei lange Flügel im Winde. In der Rechten trug er einen zweigabeligen Stock und so, den Kopf vorwärts gebeugt, die beiden Arme emporstreckend und hinter sich das weiße Tuch im Winde wallen lassend, jagte er immer näher heran. »O Gott, o Gott!« rief Anna. »Er kömmt: – schließ' die Thür'.« Ernst versuchte, die beiden Flügelthüren des Häusleins, die mit kleinen Ketten an der Wand befestigt waren, loszumachen; es gelang, er legte die Thüre zu, aber bevor er noch den Riegel vorschieben konnte, fühlte er einen starken Ruck von außen; auf sprang die Thür und vor der Schwelle stand, grell vom Blitz beleuchtet, der Narr; sein gellendes Lachen übertönte den Donnerschlag, der sein Erscheinen begleitete. Mit Entsetzen klammerte sich das Mädchen an Ernst und suchte sich zu verbergen. »Was willst du hier, Fritz? Zurück!« rief ihm Ernst mit Strenge zu. »Was ich suche, was ich will?« schrie der Narr und strich mit beiden Händen das rote starrende Haar aus den Schläfen. »Die schöne Königstochter will ich, meine Braut, meine Erlöserin! Heut' ist der Tag und dies ist die Stunde und ein Wetter ist kommen von Norden. Sie haben mich eingesperrt, auf daß ich die Stunde vergäße: – aber der Donner hat mich gerufen und der Blitz hat mir gewinkt und mein Vater hat mir den treuen Nordwind geschickt: der hat mich hierher getragen auf seinen Flügeln. O, ich sehe dich! – Verbirg dich nicht, schönste Prinzessin mit den goldenen Zöpfen! Der Wurm ist glühend, glühendheiß geworden in meinem Hirn: – er brennt und beißt wie nie zuvor; er weiß, heut' muß er sterben! Er thut zuletzt noch sein Ärgstes, aber bald bin ich erlöset durch deinen Kuß auf meinen Mund.« Er streckte den Arm nach ihr aus, Ernst stieß ihn zurück, – Anna schauderte. Da rollte ein krachender Donner über sie hin. »Hörst du, mein Lieb,« jauchzte der Narr, »wie sie jubeln oben in Windheim? Sie rufen uns, die Hochzeitsgäste sind da, alle da. Siehst du sie?« fuhr er fort, nach den schwarzen Wolken zeigend. »Den wilden Jäger und die Hexe vom Osterwald ... und dort den Feuerriesen? Und unten am Teich steht mein geflügelter Wolf, auf dem wir einreiten in Windland: – siehst du, wie die Tannen ungeduldig ihre Köpfe schütteln? Geduld, wir kommen – wir kommen auf Flügeln! Die Windsbraut kommt.« Und er stürzte auf Anna. Ernst trat ihm einen Schritt entgegen: aber er war der wütenden Kraft des Wahnsinnigen nicht gewachsen; Fritz gab ihm einen Stoß auf die Brust, daß er taumelnd zu Boden stürzte. Anna schrie laut auf: – aber schon hatte der Narr ihre beiden Hände, in seiner Rechten zusammendrückend, gefaßt und mit gellendem Jauchzen rannte er mit ihr, sie halb schleifend, halb zerrend, in schwindelnder Eile den steilen Hügel hinunter gerade gegen den brausenden, tiefen Teich. Schon bespülten die ausgetretenen Wellen ihre Knöchel, schon gab sich die halbbewußtlose Anna verloren, als aus der Schiffshütte, an der sie vorbei rannten, ein donnerndes Halt! an ihr Ohr schlug. Der Tolle stutzte und wandte sich, ohne jedoch Annas Hände fahren zu lassen; im nächsten Augenblick stand Frank, der, bei der Dammarbeit vom Gewitter überrascht, in der Hütte sich geborgen hatte, an ihrer Seite. Es war ein furchtbarer Augenblick. Frank konnte es nicht wagen, sofort den Narren anzugreifen, der Anna noch völlig in der Gewalt hatte. Er trat hart an ihn heran und vorsichtig jeder seiner Bewegungen folgend, herrschte er ihm zu: »Laß das Mädchen los! Augenblicklich!« »Nein! Sie ist meine Braut!« sagte Fritz, aber seine Stimme bebte, sein Auge blinzelte scheu und seitwärts nach Frank, einen Vorteil erspähend: – offenbar fühlte er sich gegenüber diesem Gegner nicht in der früheren Überlegenheit; er vermied Franks Auge. Dieser bemerkte das und rief: »Anna, sieh mich an!« Mit unwillkürlicher Regung folgte auch der Narr diesem Gebot. Das hatte Frank gewollt: klar, ruhig und fest schaute er jetzt, ohne eine Miene zu verziehen in das unstet zuckende Auge des Wahnsinnigen, der zu zittern begann. Er fühlte, er habe seinen Meister gefunden; er war gebändigt von dem Ausdruck ruhiger Kraft, der in Franks festem Blicke lag. Sein Griff, mit dem er Annas Handgelenke umspannt hielt, wurde lockerer und er fragte mit dem Ton eines ertappten Schulknaben: »Aber, Herr, was hab' ich Euch denn gethan? Seht mich nur nicht so streng an!« – »Laß das Mädchen los und ... –« Da fiel ein greller Blitzstrahl blendend in Franks Augen: er mußte sie einen Moment blinzend schließen. In diesem Einen Moment gewann der Tolle den tierischen Mut des Wahnsinns wieder. Mit einem gellenden Schrei ließ er Annas Hände fahren, raffte ein kurzes Handbeil, das die Arbeiter hatten liegen lassen, vom Boden auf, sprang auf Frank los und schlug diesem eine tiefe Wunde in die linke Schulter gegen den Hals zu. Aber ehe er zum zweitenmal ausholen konnte, hatte ihm Frank die Waffe aus der Hand gerissen und sie sausend in alle Lüfte geschleudert. »Wart', du rote Katze, ich will dich lehren,« rief er und faßte den Tollen mit beiden Armen um den Leib. »Lauf', Anna,« rief er, »lauf' was du kannst, und rufe die Leute.« Doch Anna lief nicht; furchtbares Entsetzen lähmte ihre Glieder: laut aufschreiend rief sie um Hilfe. Zwischen den beiden hatte ein furchtbares Ringen begonnen. Frank, obwohl dem roten Fritz an Kraft überlegen, war durch seine Wunde bedeutend geschwächt und andrerseits gab dem Narren die Wut doppelte Stärke; eine Zeitlang schien Fritz die Oberhand zu behalten. Da gelang es Frank, seine rechte Hand loszuwinden: rasch fuhr er seinem Gegner an die Kehle und preßte sie so zusammen, daß Fritz ihn mit beiden Fäusten losließ und gleich darauf rücklings niederstürzte; Frank warf sich auf ihn und rief, indem er auf seine Brust kniete, Anna zu: »Jetzt schaff' aber Hilfe: – ich kann nicht mehr!« Und zu rechter Zeit in der That kamen einige Arbeiter, die Annas Hilfeschrei herbeigeholt: kaum hatten sie den armen Fritz, der vor ohnmächtiger Wut schäumte, biß und kratzte, an Händen und Füßen gebunden, als Frank, von dem Blutverlust und dem Schmerz übermannt, zusammenbrach mit einem letzten Blick auf Anna. Dieser Blick traf Annas tiefste Seele, »Frank, mein Lieber, mein Frank!« wehklagte sie – »er stirbt! – Ach, mein Frank!« Mit diesen Worten fiel sie ohnmächtig über ihn; Ernst, der, bleich und verstört, nun auch herbeigeeilt war, mußte Anna ebenso wie seinen Bruder ohne Bewußtsein nach Hause zurücktragen lassen. Das Gewitter war indessen vorübergebraust; würziger Odem stieg aus der Erde, die Vögel sangen freudig ihr Abendlied und über den lachenden Himmel war ein Regenbogen gespannt. *   V. Krisen Der eiligst aus der Stadt herbeigeholte Arzt erklärte Franks Wunde, namentlich bei der großen, durch den starken Blutverlust eingetretenen Schwäche für nicht unbedenklich. »Doch hoffe ich, wir reißen ihn durch,« sagte er zu Anna, »wenn er gute Pflege hat.« »Die wird er haben,« sprach Anna ruhig. Sowie sie wieder zu sich gekommen, schien ihr Wesen wie verwandelt; alle Aufregung, alles Entsetzen war verbannt, ihr ganzes Leben schien nur von dem einen Gedanken beherrscht: – Frank und seine Heilung. Sie war nur auf dies Ziel gerichtet; für alles andere schien sie abgestorben: auf Franks bleichen Zügen allein ruhten ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck. Franks erste Frage an den Arzt, der ihn bald aus seiner Betäubung gebracht hatte, war: »Wie geht es dem armen Fritz? Ist er in guten Händen? Er muß sehr leiden: sorgen Sie, daß er alles Nötige hat! Daß ich nicht sterben werde, weiß ich gewiß,« setzte er mit eigentümlichem Ausdruck hinzu, – er hatte den letzten Blick und Ton Annas, ehe sein Bewußtsein schwand, noch erfaßt und in der langen Betäubung nicht vergessen. »Ich muß und werde jetzt leben: aber sorgen Sie für den armen Tollen.« Der Arzt beruhigte ihn. Man durfte ihm, um die Aufregung zu vermeiden, erst nach einigen Tagen mitteilen, daß Fritz vom Augenblick seiner Überwältigung an in Krämpfe verfallen und nach einigen Stunden beim Dorfbader, zu dem man ihn gebracht hatte, gestorben war. Seine letzten Worte waren gewesen: »Nun fahr' ich gen Windheim und bin erlöst.« Er hatte Recht gehabt, daß an jenem Tage der rote Wurm sterben und ihn nicht mehr quälen werde. – Auf Ernst hatte das Ereignis furchtbaren Eindruck gemacht; seine geschwächten Nerven hielten den Stoß nicht ungeschädigt aus; er mußte einige Tage das Bett hüten. Die alte Gertraud pflegte ihn: denn Anna wich weder Nacht noch Tag von Franks Seite und widerlegte alle Ermahnungen des Arztes und der Freunde, sich zu schonen, mit einem eigentümlichen Lächeln, wogegen es keine Einrede gab. Sie pflegte ihn mit jener Sorgfalt, die nur ein Weib, ein liebendes Weib kennt: mehr noch als mit ihren hilfreichen Händen durch den Blick ihres Auges, durch den Ton ihrer Stimme, durch ihre Seele. – Und wenn er oft gar zu dankbar ihre Hand drücken, wenn er sprechen wollte, wenn seine Züge eine gewisse Aufregung zeigten, dann legte sie lächelnd und sanft einen Zeigefinger auf seine Lippen, strich ihm das Haar aus der Stirne und sagte nur das eine Wort: »Warten!« – Dann kamen ihm wohl die Thränen in die Augen, aber er schmiegte sich selig in die Kissen und flüsterte für sich: »Warten.« – Und so gedieh er denn und genas unter ihren Händen so glücklich und leicht wie ihre Blumen: an ihrem Geburtstag schon erklärte ihn der Arzt außer aller Gefahr, dank der guten Pflege, wie er sagte. Am Tage darauf durfte Frank aufstehen und sich ans Fenster setzen, wo die helle Nachmittagssonne freundlich durch den grünen Vorhang auf das Gesimse schien. Anna saß ihm gegenüber und las ihm vor: und als er ihr sagte, es sei ihm lieber, sie lese nicht und sehe ihn nur so stille an, da that sie ihm den Willen und sah ihn nur so stille an. – Ein paar Tage später durfte er schon an ihrem Arme durch den Garten gehen im warmen Sonnenschein und bald auch weiter in die Felder, nach den Arbeiten zu sehen, die er auch jetzt nicht aus den Gedanken verlor; aber immer an ihrem Arm schritt er: das – sagte er, – habe der Arzt als besonders heilsam verordnet. Wenn auch unter den dreien die Veranlassung jenes Vorfalls nie besprochen wurde, vielmehr mit dem Leichnam des armen Fritz für immer begraben schien, wenn auch kein Wort des Vorwurfs einerseits, der Entschuldigung anderseits gewechselt wurde, so blieben doch die Wirkungen des Ereignisses dieselben. Ernst fühlte sich gegen den Verstorbenen wie gegen die Lebenden im schweren Unrecht, das dadurch, daß es ihm niemand vorhielt, nicht leichter wurde. Diese nicht ausgesprochene Verzeihungsbedürftigkeit peinigte ihn sehr. Mit Schmerzen hatte er Annas Geburtstag vorübergehen sehen; – wie anders war alles geworden, wie unmöglich sein für jenen Tag bestimmtes Vorhaben! Und nun diese Genesung, diese einsamen Spaziergange der beiden, die von jenem Schrecken her nur die schöne Nachwirkung innigster Dankbarkeit empfanden! Er fühlte sich durch eine unwillkürliche Scheu von den beiden Glücklichen fern gehalten und verbrachte seine Tage freudlos über seinen Büchern. Ja, es stieg ihm zum erstenmal die Besorgnis auf, daß ihm Anna doch nicht so sicher und verbrieft sei, wie das Testament des Vaters: er fürchtete jetzt die Möglichkeit, Anna zu verlieren, an die glücklichere Natur seines Bruders zu verlieren. Ein bitteres Gefühl der Eifersucht, das einen Augenblick in ihm aufstieg, war zwar ebenso rasch von seinem edlen und starken Willen unterdrückt: allein erst jetzt, da er Anna einzubüßen fürchten mußte, erkannte er, wie so lieb sie seiner Seele geworden war. Nicht mit glühender Leidenschaft, aber mit all der innigen Idealität, deren er fähig war, hatte er das reine Geschöpf umschlossen gehalten: sie war die weiche poetische Erquickung seines mühevollen Gedankenstrebens, sie war das einzige Band gewesen, das ihn an das rosige Leben, an die menschliche Freude geknüpft hatte: – war sie verloren, so stand er allein und tot unter seinen toten Begriffen, unter seiner blutlosen Gelehrsamkeit, Er bereute es nun mit bitteren Qualen, durch seine lange Saumsal ein Glück, das er nur hätte fassen dürfen, vielleicht für immer verscherzt zu haben; er dachte an jene Winterabende, da diese junge Seele noch so ganz, so ungeteilt an ihm gehangen hatte, da er vielleicht mit einem Wort zu rechter Zeit sie hätte gewinnen mögen – und wenn er dies dachte, dann wurde ihm sehr, sehr wehe! Er beklagte seine lehrhafte Bedächtigkeit, er beklagte, daß ihm die gelehrte Gewöhnung jenes natürliche Leben, jene unmittelbaren Antriebe entzogen habe, vermöge deren er sein Los so viel freudiger hätte gestalten können. Aber er konnte niemand beschuldigen als sich selbst: – nicht jene beiden helleren Naturen, die sich unwillkürlich gefunden. »Aber haben sie sich denn gefunden?« dachte er weiter. »Ist sie denn wirklich schon mir verloren? Verdiene ich sie nicht so gut, nicht mehr vielleicht als jener fröhliche Junge? war es nicht der Wille des Vaters? Habe ich nicht Verdienste um ihren Geist, Rechte an ihre Seele? Ich will doch noch nichts aufgeben, ehe ich es verloren sehe. Ich will mich erklären: vielleicht ist es noch Zeit und diese Annäherung der beiden beruht doch nur auf Dankbarkeit.« Jedoch nur selten dachte er so mutig; seine Natur scheute einen harten, entscheidenden Entschluß: er liebte es, wenn ihm die Dinge von selbst zuwuchsen, ohne daß er sie handelnd zu zwingen brauchte. Und zudem sagte ihm ein banges Vorgefühl, so oft er Anna betrachtete, leise, daß sie für ihn verloren sei: was sollte er sich seinen Verlust selbst schmerzlich, unwiderleglich zur Erfahrung bringen? Und doch besorgte er dann wieder, daß jeder Tag der Zögerung, wenn ihm heute noch etwa Hoffnung bliebe, diese morgen rauben könne. Es war eine qualvolle Zeit für den armen Philosophen! – Da erhielt er eines Tages einen Brief aus der Residenz von seinem Freund, dem Professor Konrad, dermaligem Rektor der Universität daselbst, der ihm in den ehrenvollsten Worten die allgemeine Bewunderung aussprach, die der erste Band seines »Systems der Sittenlehre« in der gelehrten Welt sich erwerbe, und ihm eröffnete, daß es nur bei ihm stehe, die erledigte Professur der Philosophie an ihrer Hochschule zu gewinnen: doch müsse er sich in drei Tagen erklären, da die Zeit dränge. Auch dieser Brief brachte Ernst viel Zweifel und Sorge. Einerseits gedachte er getreu des letzten Wunsches seines Vaters, daß die Brüder beisammen in Goldenau wohnen sollten, Ernst insbesondere dem Treiben in der Hauptstadt fern bleiben möge: konnte er diesem geheiligten Willen entgegenhandeln? Aber andererseits war ja dieser Wunsch mit dem anderen, den der Vater bezüglich Annas gehegt, in Zusammenhang gestanden: und niemals würde dieser, hätte er gewußt, wie die Dinge geworden, ihn verurteilt haben, der Zuschauer des Liebesglückes dieses Paares zu werden. Dieser Gedankengang führte ihn zu folgendem Ergebnis: »wird Anna mein, so bleibe ich mit ihr nach des Vaters Willen in Goldenau und schlage die Professur aus: – wird Anna nicht die Meine, so ist gerade die Professur der ehrenvollste Ausweg aus einer unseligen Stellung. Aber in drei Tagen soll ich mich über die Professur entscheiden: – in drei Tagen also muß auch Anna entschieden haben!« Und er beschloß, den nächsten Tag sich dem Mädchen zu erklären. Als er an diesem Tag erwachte, fiel es ihm schwer aufs Herz, wie ein Vorgefühl seines Unglücks. Er verschob den Schritt von Stunde zu Stunde bis in den Abend: er wartete den Jupiter am Himmel ab, der ihm stets ein lieber Stern gewesen war. – Es ist lange Tag im sonnigen Juli. – Endlich wurde der Himmel dunkel, der Jupiter ging auf. Ernst sah zum Himmel hinauf, schritt langsam aus seiner Thür und suchte Anna in ihrem Zimmer. Das Zimmer war leer; leise ging er hinunter, sie im Garten zu suchen. Es war eine laue, warme Sommernacht: das Jahr stand in seiner Fülle; in schweigender Üppigkeit strotzten alle Pflanzen. Er wandte sich nach Annas Lieblingsplatz im Garten, einer Geißblattlaube unter einem großen, alten Apfelbaum, dessen mächtiger Stamm die eine Wand bildete. Als er näher trat, vernahm er flüsternde Stimmen aus der Laube: es waren Franks und Annas Stimmen. Sein Herz klopfte laut: er mußte sich an das Geländer des Springbrunnens lehnen. – Er blieb stehen und lauschte. »Meine süße, liebe Anna! Mein süßes Lieb! Ist es denn wahr? Ist es denn möglich? Ich begreife es noch nicht!« – »Und ich würd' es nicht mehr begreifen, wie es anders sein konnte!« – »Du liebst mich und bist mein? Ach, wie verdien' ich das? Aber sag' nur, wie das kommen ist? Wußtest du denn, wie lieb ich dich habe?« – »Ja, seit dem Maifest wußte ich es wohl. Weißt du noch –, die Nachtigall? Sie hat doch recht gehabt. Oh, ich habe dich schon viel früher lieb gehabt und hab's nicht gewußt! Und dann hab ich dich gequält, nicht wahr? Und bin dir ausgewichen? Aber sieh, ich konnte nicht anders: mir war so scheu ums Herz und ich schämte mich vor den Leuten. Aber als ich dein Blut stießen sah, da drüben am Teich: da war es aus mit der Scheu, da konnt' ich mich nicht mehr halten.« – »Du liebes Mädle! Oh, wenn du dort im Krankenzimmer so herzig gesagt hast, ›Warten‹, da hab' ich die Stunde im voraus empfunden, die jetzt kommen ist. Du bist ein süßes, liebes Ding! Aber was werden die Leut' sagen und Ernst? Wie wird der es aufnehmen?« – »Ernst? O, der Oute, der wird sich freuen!« – »So? Meinst du nicht, er wird eifersüchtig? Es ist mir doch manchmal vorgekommen, als ob ... –« – »Der? Eifersüchtig? Oh, da irrst du dich: der weiß nichts von Lieb' und Liebesschmerzen. Hat er mir doch selber gesagt, daß er nichts hält auf die Rosen des Herzens, – der sucht nur die Sterne des Wissens.« – »Horch: – was war das?« – »Nichts: – nur der Springbrunnen dort hat gerauscht.« Es war aber Ernst gewesen; der hatte schwer geseufzt und sich vor die Stirn geschlagen. – »Ich weiß genug,« sprach er leise vor sich hin. »Sie ahnt nichts: auch er nicht: und sie sollen auch nichts ahnen, – niemals.« Und leise ging er aus dem Garten hinauf in sein Zimmer; und eine dunkle Wolke zog über den Jupiter. In dieser Nacht rang ein starker Geist gewaltig mit einem reichen Herzen: und der Geist blieb Sieger. Es kam dem Philosophen nun zu statten, daß er seine Gedanken gestählt und zu geistigem Ringen geübt hatte: nach manchem unruhigen Gang durchs Zimmer verbrannte er unter Thränen die Nachschrift zum väterlichen Testamente samt dem Brief »an meine liebe Tochter Anna«, dessen Siegel also nur die Gluten lösen sollten, welche die Schrift verzehrten. Er blickte zu dem Bilde des Verstorbenen empor, als die Flamme die geliebte Schrift zerstörte: »Du hast es schön gemeint, Vater,« sprach er zu dem Bilde hinauf – »aber es sollte nicht sein!« Und noch ein paar Gänge durchs Zimmer und dann las er sich selbst die schönsten Stellen aus der Schrift des Boëthius: »über die Tröstungen der Philosophie« laut vor. Da schlug die Dorfuhr Mitternacht; er hörte die beiden aus dem Garten in das Haus kommen, er hörte sie scheiden und in ihre Schlafzimmer gehen. – Auch Ernst warf sich aufs Bett, aber kein Schlaf senkte sich diese Nacht auf alle drei: sie wachten in Wonnen und er in bitteren Schmerzen, – Am andern Morgen ließ Ernst den alten Bernhard anspannen und seinen gepackten Koffer auf den Wagen tragen. Dann trat er in das Wohnzimmer, wo Frank und Anna Hand in Hand saßen, ihn zum Frühstück erwartend: – er ging lächelnd auf sie zu und reichte Anna einen Strauß von Rosen. Aber er hatte ihn ungeschickt gebunden und sie fielen alle auseinander. »Verzeiht, Jungfrau Braut« ... Anna errötete und Frank sprang auf – »Verzeiht, ich verstehe mich schlecht auf Blumen: ich – ich wünsche euch beiden herzlich Glück.« »Bruder,« rief Frank, – »woher weißt du?« »Ich suchte euch gestern Abend, weil ich – euch etwas mitzuteilen hatte und da hab' ich euer Laubhüttenfest belauscht. Übrigens hab' ich es längst geahnt; noch einmal Glück und Segen, ihr Guten!« Seine Stimme zitterte nicht; sein Ton war heiter und da seine Augen Morgens nicht selten gerötet waren, so merkten die beiden nicht, daß er die Nacht geweint hatte; – auch waren sie viel zu sehr mit der eigenen Freude beschäftigt, um fremde Schmerzen zu entdecken. Und nun teilte er ihnen rasch den Brief des Rektors mit und seinen darauf gefaßten Entschluß, die Professur anzunehmen, widerlegte ihre liebevollen Bitten, die ihn zurückhalten wollten, mit triftigen Gründen und nach kurzem, innigem Abschied rollte sein Wagen davon. – Er sah Annas weißes Tuch ihm Lebewohl winken, er warf noch einen Blick auf Haus und Garten, dann legte er sich zurück in die Kissen des Wagens und zerdrückte die letzten, die bittersten Thränen. – Niemand merkte und erfuhr jemals den Kampf und die Schmerzen, die er bestanden, und lächelnd sagte Anna zu ihrem Geliebten, indem sie die Rosen Ernsts sorgfältig ins Wasser stellte: »Siehst du, daß ich gestern recht hatte? Der gute Ernst! Schön, daß mein erstes Brautgeschenk aus seiner Hand kommt!« »Ja, du hast immer recht und bist so klug als du schön bist,« sagte Frank und küßte sie und selig gingen die Brautleute hinab, ihr Glück dem Gesinde zu verkünden. *   VI. Ausklang. Zehn Jahre später schrieb Ernst von Goldenau aus an seinen Freund und Kollegen Konrad in der Stadt: »So sitze ich denn wieder in Goldenau, wo ich alle Freizeiten zubringe. Es ist mir noch immer eine Heimat und unlösbar ans Herz gewachsen: rührend ist mir der Rückblick auf die Vergangenheit, aber nicht mehr schmerzlich. Es liegt ein wunderbarer Segen in der Zeit; sie macht nicht nur ruhiger, sie macht auch unparteiischer und läßt uns die Dinge klarer würdigen. Du weißt es – du allein, nur dir hab' ich mich vertraut – mit welch' blutendem Herzen ich damals in der Stadt ankam. Du weißt, wieviel ich gelitten. Und doch, wenn ich jetzt alles erwäge, sehe ich ein, es ist besser so, wie es gekommen. Denn wenn ich hier umherschaue, sehe ich eine solche Fülle von Glück um mich her aus allen Gesichtern, aus allen Zuständen mich anlachen, sehe ich eine so gedeihliche, gesund fröhliche Welt, wie ich sie mit Anna nimmermehr gleich ergiebig zuwegegebracht hätte; und es wäre Schade, wenn auf der freudenarmen Erde nicht dieses Stück von eitel lachender Glückseligkeit läge, das Frank und Anna auf Goldenau geschaffen. Frank ist ein gar hoch ansehnlicher Herr geworden. Er hat unser Besitztum durch Geschick, Fleiß und Glück fast auf das doppelte gebracht; er ist Landrat, Vorstand unzähliger landwirtschaftlicher Vereine, Inhaber von ein paar Dutzend Preismedaillen für Bodenverbesserung, Wiesenkultur und Viehzucht und dabei in allen seinen Würden noch immer der alte, ewig junge, fröhliche Gesell. – – Hier hat mich der junge Erbprinz von Goldenau unterbrochen, der neunjährige Ernst, mein Pate. Er muß mit mir zu seinem herzlichen Leidwesen den Cornelius Nepos lesen. Denn der arme Junge soll durchaus studieren nach Frau Annas Wunsch. Zur Belohnung, wenn er ein Kapitel ohne Fehler analysiert hat, darf er mit seinem Vater ausreiten in die Felder. Meine heimliche Überzeugung ist, daß der Junge viel zu gescheit ist, um ein Gelehrter zu werden. Das bleibt aber unter uns, Herr Collega! Mein Liebling jedoch ist die kleine sechsjährige Anna, die letztgeborne, die mit ihren blonden Zöpfen und blauen Augen, mit Stimme und Bewegung so ganz das Jugendbild ihrer Mutter ist, daß ich manchmal mein Herz aus dem entfernten Versuch ertappe, sich in das Kind zu verlieben. Da sie mit mir nicht Cornelius Nepos lesen muß, sondern ich ihrem Vater nach Kräften helfe, sie zu verziehen, so hat sie mich ganz unbeschreiblich lieb. Anna ist als Frau noch schöner, denn sie als Mädchen war. Sie ist gar voll und stattlich geworden: und doch liegt die alte Lieblichkeit auf ihren wohlwollenden Zügen; sie sieht aus wie eine jugendliche Demeter, wie sie Apelles gemalt haben soll. Sie Hand in Hand mit ihren Kindern Frank durch die Kornfelder entgegenwandeln sehen, das ist ein herzerquicklicher Anblick. Kurz – alles ist hier im Gedeihen und sonnig zu sehen. Ich habe vor, nach ein paar Jahren mich wieder ganz hierher zurückzuziehen – denn hic mihi angulus terrarum praeter omnes ridet ! Die Luft und die Ruhe und das ganze Wesen hier thun mir gar zu wohl. Nun noch einige Aufträge. Du weißt, daß ich, seit Frau Gertraud gestorben ist, den alten Bernhard zu mir in Dienst genommen habe. Wir hausen still und gut zusammen: nur ist er mir nicht ordentlich genug, besonders mit den Büchern! Thu' mir nur den Gefallen in meine Wohnung zu gehen und dem Alten einzuschärfen, – nochmals: es war freilich mein letztes Wort an ihn gewesen! – daß er alle Morgen die Bücher an den Wänden sorgfältig säubere. Wenn die Zimmer auch nicht bewohnt sind, Staub sammelt sich doch immer; und mich beunruhigt es hier in der Ferne, weiß ich zu Hause nicht alles reinlich bestellt. Endlich, nimm, bitte bei der Gelegenheit gleich die jüngsten Werke über Sittenlehre aus meiner Bibliothek – sie stehen im kleinen Wandschrank rechts beisammen – und schicke sie mir heraus. Denn ich werde wohl noch ein paar Monate hier bleiben und den fünften und letzten Band hier zu Ende schreiben, dabei muß ich aber nun gegen einige Ultra-Idealisten, unter andern auch gegen Kant, gewaltig zu Felde ziehen. Sie scheinen mir nämlich bisher fast alle in der Lehre vom Sittlichen zu viel Gewicht auf das Bewußte gelegt, den unwillkürlichen, unbewußten Antrieben der natürlichen Menschenanlage zu wenig Recht eingeräumt zu haben; mir ist klar geworden, daß für ein gedeihliches Leben auf die angeborene, gesunde Natur mehr ankommt, als wir Herren vom Katheder bisher meist anerkannt haben. – Ich muß schließen; die kleine Anna ruft mir zu, die Mutter werde sehr böse, wenn ich die Suppe kalt werden lasse, und da muß ich wohl folgen ... Du siehst, man kann unter dem Pantoffel stehen, und dabei nicht einmal das Vergnügen haben, zu empfinden, daß es der Pantoffel der eigenen Frau ist. So leb denn wohl! Dein getreuer Ernst.« »Bhüat Gott auf die längere Zeit.« (1870) I. Der Herr Lieutenant von Baumhart im königlichen ersten bayerischen Lagerbataillon zu München und sein Bursche, der Gürtler-Franz von der Fraueninsel im Chiemsee, waren – sozusagen – gute Freunde. Das will heißen: als der Herr Lieutenant noch ein Bub' war wie ein andrer auch, hatten seine Eltern Jahr um Jahr viele Wochen der herbstlichen Freizeit aus jenem poesievollen Lindeneiland verbracht und der junge Herr hatte beim Fischen – mit der Grundangel auf der »Hachel« – und bei nicht immer ganz jagdpolizeilichem Jagen auf Stockenten am »Ganszipfel« jeden Herbst den Gürtler-Franzl als besten Gehilfen, Genossen, Mitschuldigen und so denn als Freund gewonnen und erprobt. Wie lustig war's, nach erfolgreichem Fischfang mit dem Senknetz, sich vom Ostwind Heimtreiben zu lassen an das Ufer beim Gürtlerhäusel, das, von Kletterrosen und anderm Gerank anmutig umhegt, von den aus dem See gefischten steinernen Bildsäulen des heiligen Petrus und Paulus bewacht wird: – wie es Freund Scheffel so reizvoll beschrieben hat. Aber auch ernstere Erlebnisse verbanden die beiden Heranwachsenden. Als der Franzi sich beim Besteigen des Hochfelln beinahe »derfalln« hätte, sprang der junge Theodor rasch bei, warf sich auf die Erde, reichte beide Arme hinab und zog ihn heraus mit äußerster Gefahr, von dem Schwereren hinabgerissen zu werden. Und als im nächsten Jahr der rasende Südwest den Einbaum der beiden Knaben in das Geklipp von Chieming trieb und der Herr Theodor, da sein Ruder brach, kopfüber in den weißgrün schäumenden Gischt hinausstürzte, da warf sich der Franzi ohne Besinnen nach in die tobende Flut, haschte den Versinkenden und half ihm wieder in den Kahn. So waren sie quitt, vorläufig. Allmählich waren nun aus den Buben junge Leute geworden: aber die alte Freundschaft blieb unverändert und auch als der Franzl in die Kompagnie des Herrn Lieutenants eintrat, seine drei Jahre abzudienen, dauerte unter den nun durch Stellung wie durch Bildung so scharf Getrennten doch eine Art von Kameradschaft fort: – wenigstens unter vier Augen; mußte auch der Offizier, wahrlich nicht aus Hochmut, nur um der Disziplin willen, streng darauf sehen, daß in Gegenwart Dritter jedes Zeichen solcher Vertraulichkeit unterblieb. Dem guten Franzl ward es freilich nie ganz klar, weshalb der »Thedi«, der, wann sie allein waren, selbstverständlich ihn duzte und sich duzen ließ, so zornig ward, falls sein Bursche dies auch in Gegenwart anderer Offiziere oder Soldaten fortsetzte; und noch ärger war ihm, daß der Thedi dann auch ihn mit »Sie« anredete; oft drehte er sich hierbei um und sah, wer denn eigentlich damit gemeint sei, Auch das »Zu Befehl, Herr Lieutenant« statt des altgewohnten »Ja, ja, da feit si nix« Da fehlt sich nichts. ging ihm schwer ein, dem Franzl. Und noch manch andere chiemgauische Redewendung kam ihm nicht aus der Übung. Eines Abends hatte der Herr Lieutenant seine beste Uniform angezogen und sich sorgfältig vor dem Spiegel das braune Haar gescheitelt. Der Franzl stand dabei, machte ein verschmitztes Gesicht und reichte ihm nun den Säbel zum Umschnallen. »Bhüt dich Gott, Franzl. Und wenn jemand nach mir fragt, so sag nur, ich sei bei ...« »Dem Herrn General von Hanberg und Familie.« »Woher weißt du das?« fragte der Offizier verwundert. »U mei, Thedi! Dumm bin i scho. Aber so dumm, daß i dös nit mirk, so dumm san mer do nit auf der Insel.« »Wieso? Was moanst? ... was willst du damit sagen?« verbesserte sich der Lieutenant, ein wenig rot im Gesicht. »Geh, g'stell di do nit so, Herr Leitnampt. Schau, alleweil, bal's di gar so schö scheitelst, nacher gehst zu den saubern Generalstöchterl mit de schena blau'n Augn und die gelben Haar. Is a schön's Dirndl. G'wiß is wahr. Und bal's zu der gehst, nacha bhüat di Gott auf die längere Zeit!« Jetzt sehr erhitzt im Gesicht, fuhr der Herr den Burschen an: »Franz, du saktischer Kerl, i sag dir, ich rate Ihnen, daß Sie sich wie viele andre unpassende Reden auch dies verfluchte ›bhüat Gott auf die längere Zeit‹ abgewöhnen. Es ist das höchst unpassend für Sie und mir gegenüber.« »A mei, Herr Thedi. Das d'jetzt a so sagst! Es hört's ja koa Mensch da! Und auf der Hachel hamm mer ...« »Wir sind nicht auf der Hachel! Und schau, Franzl,« schloß er gutherzig, »wenn du dir's nicht abgewöhnst, wann wir allein sind, kannst du's auch vor andern nicht lassen. Und das geht doch nicht. Sixt es denn gar nit ein?« »Ja, ja, dös sich i scho. Da feit si nix ...« »›Zu Befehl‹, mußt du sagen. Erst neulich hat's der Herr Hauptmann gehört, wie du du zu mir gesagt hast, und hat mich gescholten, daß ich's leide, und dir Arrest gedroht. Also nimm dich zusammen!« »Ja, ja, is ja recht. Feit si ... Zu Befehl, Herr Leitnampt.« *   II. Lange waren die drei Dienstjahre des Franzl um. Er hatte geraume Zeit auf der Insel dem Vater geholfen beim Fischen, ja zuletzt dem alten Mann, dem die Gicht in den Beinen und in den Händen stak, die Arbeit ganz abgenommen: die im See und die zu Land in der Feldwies, wo das Gürtlerhaus ein paar saure Wiesen besaß. Aber soviel Zeit ließ Fischen und Mähen dem Franzl doch, daß er gar oft am Abend in das Metzgerhäusl in Hoamgarten ging und dort am Herdfeuer seine alten Netze stickte, während die nußbraune Metzger-Nanni neben der alten Basen am Spinnrocken saß. Und wenn die Waben Walpurga. manchmal in die Kuchl ging, nach der magern Brennsuppen für das Nachtmahl zu sehen, und wieder hereinkam, dann war es sonderbar, daß weder der Flachswocken am Spinnrad kleiner, noch das Loch im Senknetz schmaler geworden war: wohl aber hatte die Nanndl einen Kopf so rot wie die Nelke hinter ihrem Ohr. Aber einmal an einem schwülen Julinachmittag kam der Franzl zu ganz ungewohnter Stunde an das Metzger-Haus gelaufen und schrie laut – gegen seine sonstige Weise:– »Nanndl! Waben! Metzger! Gschwind geht's außi. Gschwind!« Und als die drei Gerufenen hastig und erschrocken auf der Steintreppe, die zur Hausthür hinanführt, erschienen, sprang der Bub', seinen Stock und sein Packl, das er zusammengeschnürt hatte, fallen lassend, die Stufen alle mit Einem Satz hinan, packte die Nanndl mit beiden Händen an beiden Wangen und küßte sie dreimal rasch nacheinander auf den Mund: – zum sprachlosen Erstaunen ihres Vaters, und allerdings zu geringerem der Waben. »Ja, Franzi, hat di der Teifi?« Hat dich der Teufel? grollte der Alte. »Wird scho so sein, Metzger. Krieg is, der Napoleon, der Sakraschwanz, hat angfangt. Eingrufn sam mer alle samm. Alls muaß fort, aus Mincka. München. Das Dampfschiff ... hörst es? Da pfeift's scho. Woaß Gott, i muaß lafn. Aber – i hab's do der Nanndl sagen müassen. Und dir a, Metzger, bal i g'sund hoam kimm, na wirt glei gheirat. Jetzt, Nanndl, bhüat di Gott auf die längere Zeit!« *   III. . Auf dem Bahnhof zu München war alles voll von Soldaten; auch Civilisten drängten heran, soweit es die rings aufgestellten Posten verstatteten, die Einschiffung des Regiments mit anzusehen, scheidenden Freunden noch einmal die Hand zu drücken: – manchem wohl zum letztenmal. Mit frohem Mut, mit lautem Hurra sprangen die letzten Schützen in die Wagen, die sich nach grellem langen Pfiff der Lokomotive schon langfam in Bewegung setzten: die Zurückbleibenden schwenkten die Tücher: die Soldaten winkten mit den Händen aus den offenen Wagenfenstern: endlich rollte der gewaltige Zug davon. »No,« rief da ziemlich wehmütig der Franzi, »jetzt, Minckaner Stadt, – jetzt bhüat di Gott auf die längere ...« »Wollen Sie wohl das dumme Gerede lassen, Gefreiter,« grollte die barsche Stimme des Hauptmanns. »Sie machen ja die Leute abergläubisch. Maul halten!« »Siehst du, Franzi,« mahnte der Lieutenant. »Ich hab' dir's immer gesagt. Jetzt versprich mir, daß du das Wort nicht mehr brauchst. Versprich's. Gieb mer d' Hand drauf!« »No, meintwegen, da feit si ... zu Befehl, Herr Leitnampt.« *   IV. Sechs Wochen später war's – am 1. September. Heiß tobte der Hauserkampf in Bazeilles. Zum drittenmal besetzten die Ersten Jäger das Eckhaus gegenüber der Kirche: zweimal hatten sie's schon genommen, zweimal wieder räumen müssen, um nicht von der mit Übermacht vorstoßenden Infanterie des Generals von Wimpfen, der hier seinen letzten Durchbruchsversuch machte und die Bayern in die Maas werfen wollte, abgeschnitten und gefangen zu werden. Jetzt – es war mittags 11 Uhr – brachen die stark gelichteten blauen Scharen wieder von dem Garten der Villa Beurmann vor, auf den offenen Platz vor der Kirche: sie stürzten in das blitzende und donnernde Verderben hinein: der dunkle Qualm des brennenden Hauses, der hellweiße des Pulvers wogten durcheinander, man sah oft nicht zwei Schritt weit. Krachend schlugen der Franzl und ein anderer Jäger die Thür des Eckhauses mit den Kolben ein, an ihnen vorüber sprang der Lieutenant mit geschwungenem Säbel als der erste über die Schwelle: kein französischer Soldat war in dem Hausgang sichtbar; nur zwei Civilisten, der eine im schwarzen Rock, der andere in der blauen Bluse standen links und rechts in den Thüren der beiden Vorderzimmer des Erdgeschosses. »Pardon, Herr Offizier,« riefen beide in ihrer Landessprache. »Harmlose Bürger und ohne Waffen. Es ist nicht ein französischer Soldat in dem Hause.« Aber im selben Augenblick fiel von oben, von der Treppenbiegung her, ein Schuß: die blaue Uniform eines Marinesoldaten ward sichtbar da oben. Der Lieutenant wandte den Civilisten den Rücken und sprang eine Stufe hinan. »Ergebt euch da oben!« rief er, »Das Haus ist genommen.« Er beugte sich vor, die unverständliche Antwort, die herunter scholl, deutlicher zu vernehmen. Da holte der Blusenmann leise aus der Brustfalte eine Pistole und hielt sie dicht hinter den Kopf des Offiziers. »Schaug auf, Thedi!« schrie der Franzl, sprang vor und stieß dem Blaukittel das Bajonett in die Brust. Aber im selben Augenblick schoß der andere Civilist aus einem verborgen gehaltenen Revolver dem Franzl in die Schläfe ... Der Lieutenant stach den Meuchler nieder; dann kniete er neben Franzl, während die Jäger die Treppe hinaufstürmten und dort die Soldaten gefangen nahmen. »Franzl,« rief der Offizier, »Franzl! Wo – wo bist du verwundet?« »Da,« – sprach der Sterbende – auf den Kopf deutend. »Es is aus! – Bals d' hoam kimmst, grüß die Nanndl – im – Metzgerhaus – und jetzt – bhüat Gott auf die längere Zeit!«