Max Eyth Der Waldteufel Aus: Feierstunden Personen. Adolf XXVIII ., regierender Fürst von Fürstenstein. Martin Pflichterer , Amtsrichter von Waldhausen. Konstanze Pflichterer , Schwester des Amtsrichters. Emilie Pflichterer , Tochter desselben. Heinrich Frank . Karl Weller . Artur von Blumenreich , Student im zwölften Semester. Roderich Raufeck , Student im zwölften Semester. Mina Roser , Tochter des Wirts zum goldenen Hirsch. Thomas Starker , Gerichtsdiener. Hans Schnell , Postillon. Präzeptor . Fleischer . Krämer . Seifensieder . Hansel , Laufjunge. Gretchen , Dienstmädchen. Cäsar , der Waldteufel; ein Affe. Erster Akt. 1. Szene. Wirtsstube im Hirsch zu Waldhausen. Links im Vordergrund erhöhter Erkersitz, mit Tisch und zwei Stühlen, weiter hinten Kachelofen. Rechts im Vordergrund Türe nach der Hausflur, weiter hinten altertümlicher Geschirrschrank. Mittelgrund, diagonal durch die Bühne stehend, lange Wirtstafel. Im Hintergrund links Türe nach der Küche, rechts Schanktisch und Bierfäßchen, Gläser, Das Ganze behäbig, aber anspruchslos eingerichtet. Dämmerung. Weller (sich im Sorgenstuhl oben am Tisch niederlassend). – Minchen (ab und zugehend und den großen Tisch zurichtend) . Weller . So! da wären die rauchgrauen Wände wieder und der lange Tisch und die alte Wanduhr! Alles, wie's ging und stand vor – laß einmal sehen! drei Jahre in Fürstenstein, anderthalb in Hengstenberg und nun wieder anderthalb in Fürstenstein, – tut volle sechs Jahre. Blind könnte ich noch die Zündhölzchen dort hinten unterm Handtuch finden! Nur die Menschen sind etwas größer geworden, (zu Minchen, die an den Tisch tritt) größer und runder. Minchen (schnippisch) . Die draußen sind, scheint's, um so viereckiger geblieben. Weller . Sachte, mein Schatz, sachte! Die Glieder sind mir von der Fahrt noch zu steif, aber lassen Sie mich warm werden, Sie sollen erstaunen, wie ich mich abrunde. Haben Sie etwas zu trinken? Minchen . Frisches Bier und Wein, Zwölfer und Achtzehner, Markgräfler in Flaschen und Niersteiner, – hier ist die Karte! Weller . Ich glaub', ich brauch' etwas fürs Herz. Minchen . O, kalt Wasser, soviel Sie wollen, – einen ganzen Brunnen voll. Weller . Wunderliche Leute hier mit kuriosen Herzen im Leib! Brauchen Sie's auch manchmal? Minchen . Nein; – nie, wenn Herren aus der Residenz kommen. (Geht.) Weller (allein) . Hübsch ist sie geworden und der alte Wildfang geblieben. Wie doch mein ganzes vetterliches Bewußtsein aufflammt! Wie all die Ohrfeigen, die sie mir vor sieben und acht Jahren mit so vielem Geschick applizierte, wieder zu brennen anfangen! Ich nahm sie schon damals ahnungsvoll von ihr als Pfandscheine künftigen Glücks. (Laut) Markgräfler, Fräulein! Minchen (von der Schenkstube aus) . Sogleich! Weller (für sich) . Sie tut, als habe sie mich vergessen. Ärgerlich! Sie sollte ihrem alten Spielkameraden an den Hals fliegen. Der Drang kann doch kaum so ganz einseitig sein. Statt dessen geht sie! – (Laut) Käs, Minchen! Emmentaler, liebes Fräulein! 2. Szene. Weller . Frank (rasch eintretend) . Frank . Tu mir den einzigen Gefallen, Weller, und frag mich nichts. Gute Nacht für heute! Weller . Ein bescheidenes »Beiseite« wirst du mir doch vielleicht gestatten, Sohn der Wildnis: – »Was des Kuckucks ist in den Kerl gefahren?« Frank . Das ist und bleibt eine Frage und keine der bescheidensten. Doch – da du die Hauptsache kennst, muß ich dir die Einzelnheiten wohl in Kürze mitteilen. Aber halt mich nicht auf! Weller . Fällt mir nicht ein, wenn du dich nicht bei den Einzelnheiten aufhältst. Frank . Ich war oben in meinem Zimmer, um mir den Staub von der Reise abzuschütteln; da trat unser Wirtstöchterlein herein. Weller . Ho, ho! Frank . Scheint's ganz unversehens. Weller . Ich will hoffen. Frank . Du hast dabei nichts zu hoffen, Alter! Sie wollte nur ein vergessenes Handtuch bringen. Sie ist hübsch und ein gutes, treuherziges Kind. Weller . Sehr schmeichelhaft! – Was hat das mit dem Handtuch zu schaffen? Frank . Ein Wort gibt das andre. Die Waldhäuser Chronik der letzten sieben Jahre kommt wie von selber aufs Tapet. Ich frage – und weiß der Himmel, das Herz klopft mir dabei wie einem Schuljungen –, ich frage nach Emilie. Weller . Wie klug und vernünftig selbst die unvernünftige Kreatur manchmal fragt. Es ist, etwas Herrliches um den Instinkt! Frank . Ich höre, daß alle Donnerstage im Pfarrhaus ein Kränzchen gehalten wird, bei dem die hiesige Flora für die am Kongo Strümpfe strickt, und daß Emilie nie fehle. Weller . Und daraus willst du schließen –? O heilige Einfalt, wie schlau die Liebe ist! Frank . Heute ist Donnerstag. Weller . Soviel ich weiß; laß sehen – vorgestern war Dienstag. Frank . Das Kränzchen fängt um vier Uhr an und erreicht gegen neun ein seliges Ende. Du kennst doch die Allee vom Pfarrhaus nach der Vogtei? Weller . Große, alte Kastanien, für Schweinsmast verpachtet, mitunter auch ein nutzbarer Holzbirnbaum. Frank . Und kurz und gut, – dort werd' ich sie wiedersehen! Nach sieben langen Jahren! Dort muß ich sie wiederfinden! Und heute noch, Weller, heute! Weller (ruhig) . Ich rechne so: Vier Uhr Beginn, neun Uhr Ende des Strumpfkranzes. Wir haben jetzt Punkt 7. Weg zur Allee: drei Minuten, unter obwaltenden Umständen 35 Sekunden; – Länge der Allee 7 Minuten, durch die Verhältnisse auf 1 ¾ reduziert; – hm – du hast Ursache, sehr eilig zu sein! Laß mal sehen: wie oft kannst du die Allee auf- und abrennen? – 1 ¾ in zweimal sechzig – Kreide, Fräulein! – Frank . Sei vernünftig, Weller! Unsre Bubenjahre sind vorbei, aber ein bißchen Unvernunft solltest du mir wohl hingehen lassen nach – nach – – Weller . Mein Gott! Du bist ja weich wie Butter, Patagonier! Wenn ich ein schlechter Kerl wäre, würd' ich die Gelegenheit benützen und dir etliches heimzahlen aus früheren Zeiten. Aber ich bin von Natur edelmütig und kann deine Lage verstehen. Wenn man sieben Jahre lang mit schwarzen und braunen Schönen abgespeist wurde, muß notwendig die weiße Zivilisation im Unterrock verwirrend auf Kopf und Herz wirken. Liegt dann noch ein altes chronisches Leiden vor – – Frank . Gute Nacht denn, Weller! Wenn's auch nicht um die Begegnung wäre – ich brauche Luft! 's ist alles so eng bei euch! Weller (hält ihn am Rockknopf) – – so solltest du den Rat eines vernünftigen Hausdoktors mindestens anhören und du weißt ja, ich habe mein Vieh-, Pferde- und Hundsarztexamen hinter mir. Recipe: Man setze sich ruhig zu einem Glas Bier und trinke deren zwei, drei, vier in möglichst taktmäßiger Geschwindigkeit. – Frank . Weller! Weller . Frank! Frank . Du bringst mich zur Verzweiflung! Weller . Ein Zustand, der deinem gegenwärtigen vorzuziehen ist. – Man lege sich darauf zu Bett und ruhe unter dem Einfluß der genossenen Medizin 7 bis 8 Stunden bei mäßiger Transpiration. Ehe man hierauf am folgenden Morgen in Frack und Glacee seine Aufwartung macht bei dem wohllöblichen Magistrat von Waldhausen und seinem außeramtlichen Töchterlein, und sich mit der nötigen Bescheidenheit als vielgereisten, berühmten Landsmann, als Günstling des neuen Souveräns, als augenblicklichen Inspektor, späteren Jagd- und Forstverwalter, hochfürstlichen Fisch- und Vogelfänger von Waldeck – – Frank . Unsinn! Weller . – vorstellt, hat man sich das Gesicht und andere Teile des Körpers säuberlich mit Wasser abzuwaschen. Auch rasiere man sich, Frank! Frank . Daß du den Nagel schließlich doch auf den Kopf triffst! Rasieren? Ja, rasieren muß ich mich, – heute noch, – lieber gleich! Man kann nicht wissen, was passiert! Weller . Die Klugheit selbst könnte nichts Klügeres sagen. Aber halt! du bist auf der Stirne schwarz wie ein Mohr, – – halt, Frank (ihm nachrufend) – von deiner alten Mütze! Wasch dir auch den Kopf, Frank! Ganz kaltes Wasser, sagt Minchen. (Frank entfernt sich rasch, indem er mit den Fingern seinen Bart untersucht.) 3. Szene. Weller (allein, sich setzend) . Weller . Er donnert die Treppe hinauf. Er ist noch immer der halbe Wilde und hat noch immer ein etwas zu großes Herz im Leib. Es konnte kaum anders werden. Mit Indianern und Beduinen hast du Bruderschaft getrunken; wie wird dir's eng werden in unsrer kleinen Welt! Es gibt nur ein Mittel, dich zu retten, guter Kerl, und dein Schutzengel und dein Instinkt treiben dich den rechten Weg. Wenn ich dir einen Stein aus dem Weg räumen könnte?! – aber – aber! Soweit ich's verstehe, sieht die Sache bedenklich genug aus. Ein Haufen Geld, ein schwacher Vater, eine närrische Tante und wer weiß was noch in deinem Weg; auf deiner Seite ein wunderliches Renommee in dem alten Vaterstädtchen, eine bescheidene Herkunft, dein ganzes Hab und Gut Löwenfelle und Seehundszähne, Pfeile und Streitäxte und die verzweifelte Bestie, die uns in alle möglichen Verwicklungen bringt. Hm – hm – – und vollends eine von den unglückseligen ersten Lieben, die stets in der Luft verknallen! Das ist das Schlimmste am ganzen Handel. Es nimmt einem vernünftigen Menschen vornweg den Glauben an die Möglichkeit eines brauchbaren Ausgangs – – (stockt und trinkt nachdenklich weiter) . 4. Szene. Artur v. Blumenreich (tritt ein, aufgeregt, Bleistift und Papier in der Hand, bemerkt Weller nicht, der sich in eine Zeitung vertieft) . Blumenreich (elegant, klein, Fistelstimme) . Haben die Himmlischen keine Donnerkeile mehr, um diese verrückte Welt in Stücke zu schlagen? Wiegt ein moosgekrönter Stammbaum und die Ehre des ältesten Geschlechtes nicht schwerer als drei lumpige Nummern in einem philisterhaften Examen? O daß ich und die Weltgeschichte den Kraftfluch vergaßen, den einst mein 19. Ahnherr geflucht, als er von den Ungläubigen meuchlings aufs Haupt geschlagen ward! – Und doch, was kümmert mich das Narrenspiel? Muß doch das Unglück selbst dem Genius dienen, der mich über beides erhebt! (Er hat sich in die Erkernische zurückgezogen und fängt an zu deklamieren.) Geschleudert hab' ich meine Speere Ins Angesicht des Mißgeschicks, Geschleudert hab' ich in die Meere Den Becher meines jungen Glücks. Es braust der Wind in Wolkenmassen, Es heult der Sturm im Wogenschoß, Ich stehe einsam und verlassen, Doch steh' ich fest und riesengroß. So weit wär's. Nun der Schluß, der Gedanke – hm! – (nachdenklich) »Doch steh' ich fest und stehe groß« – groß – groß – »riesengroß«. (Sich hoch aufrichtend, dann fortfahrend) »Blind für der Elemente Grollen, – taub für die Blitze« – nein, für die Donner! – »blind für der Blitze Wetterschein« – natürlich taub für die Elemente, – » blind für der Blitze Wetterschein« – blind – – (Reime suchend) Grollen, – rollen, – vollen, – wollen, – tollen – »ob sie mich auch verschlingen wollen«, – matt! – – »der Elemente Brüllen« – Brüllen, – stillen, – füllen, – erfüllen, – Willen, – »mit meinem Riesenfelsenwillen« – schon besser! – Willen, hüllen, Nebelhüllen, – ha, der Genius naht! – »gehüllt in heil'ge Nebelhüllen, ein altbemooster Runenstein!« Das ist's. Göttlich, göttlich! – »altbemoost?« – geht nicht, – Reminiszenz von Uhland oder Schwab, – »altersgrau?« – schwach! – »bespritzt?« – »salzbespritzt?« – »schaumbespritzt?« – realistisch! – »träumerisch?« – Lenauisch! – der Teufel hol den Lenau, daß er's zuerst gehabt! Das ist's! Also –: »Taub für der Elemente Brüllen, Blind für der Blitze Wetterschein, Gefeit, in heil'gen Nebelhüllen Ein träumerischer Runenstein.« So! Da läge das göttergeborene Kind mit dem Funken der Unsterblichkeit im Leibe. Komme mir nun einer her von den plattgetretenen Heroen in Zopf und Puder – du ewig 16jähriger Schiller und du ewig 66jähriger Goethe, lächerlich! (kleine Pause des Nachdenkens) . Und doch durchgefallen! In der scheußlichen Prosa des Lebens doch durchgefallen! Wie eine Kotlawine reißt mir's Blumen und Blüten, Sonne und Sterne und alles hinunter, worauf ich meine Hoffnung gesetzt hatte, – mein Glück, – mein einziges Glück! Wo ist mein Bleistift? – Ich glaube, der Genius naht schon wieder, – süßer Engel! – mein einziges Glück! (Bleibt in sentimentaler Stellung für einige Momente stehen, – Papier und Bleistift in der Hand.) 5. Szene. Roderich Raufeck (in Kanonenstiefeln mit Reitpeitsche). Die Vorigen. Raufeck . Blumenreich! Wo steckt das Kamel? Weißt du's schon, daß du dich in diesen Winkel verkriechst? Blumenreich . Raufeck! Raufeck . Weißt du's schon, unglückseliges Gänseblümchen? Blumenreich . Ist das dein Gruß in der Nacht des Unglücks? Raufeck . Da soll doch gleich ein siedendes – – Blumenreich . Das deinem Freund, wenn die Wetter sich drohend am Horizont erheben, wenn der schönste Stern an seinem Himmel versinkt? – – Raufeck . Stern, Hagel und Kometen! Was soll die süße Simpelei? Der Boden wackelt dir unter den Füßen und meine 2000 Taler drohen zu verduften samt deiner ganzen Poesie. – Aber du hattest schon lichtere Augenblicke. Nimm dich zusammen, Kleiner, (ihm derb auf die Schulter klopfend) nimm dich zusammen! Blumenreich . O Roderich, diese Worte, – diese Klänge aus längstvergangenen Tagen! Raufeck . Beim Cerberus, den Menschen heimelt seine Fuchsenzeit an! Ja »o!« ja »o!« Daß ich ein solches weichherziges Schaf an meine Brust ziehen mußte, daß ich ein solches reimegebärendes Kamel großsäugen sollte! Blumenreich . Halt ein! Wecke den Löwen nicht, der in dieser Brust schlummert! Raufeck (lachend) . Der Löwe in der Eselshaut! Und ihm vollends der Güter Höchstes zuzuwerfen, – teures, unersetzbares Blech! Blumenreich . Du treibst es zu weit! – Verdiene ich das? und von dir? Raufeck . Nein, Schläge verdienst du, ganz gewöhnliche Schläge! Blumenreich (auffahrend) . Halt, sag' ich, oder bring für die Schläge gleich die Schläger mit, mit denen wir die Rechnung berichtigen. Raufeck (indem er ihn an den Ohren zieht) . Besser, du bringst die 2000 Taler mit, die du an mich verspielt hast, wenn du Rechnungen berichtigen willst. Ich brauche sie eher als dein blaues Blut. Mach' dir's übrigens kommod! – (Laut) Bier, liebliche Kröte! (Sie setzen sich. Blumenreich legt den Kopf in die Hände, Raufeck sieht ihn einige Zeit schweigend an; endlich, mit großer Ruhe:) Er ist verrückt, er ist, weiß der Kuckuck, verrückt! Blumenreich, wie lang ist's her, seit du in besoffener Seligkeit gebrüllt hast: »Der Bursch ist König in der Welt«? Blumenreich (ohne sich aufzurichten) . Vierzehn Tage, wenn's viel ist; die Nacht vor dem verdammten Examen. Raufeck . Das Lied war gut. Blumenreich . Es ist aus meiner Fuchsenzeit. Ich glaubte bis heute, ich hätte mir einen Freund damit gewonnen. Raufeck . Ja, ja, das Lied war gut. Es rührte mich ordentlich vor fünf Jahren; denn ich war schwer betrunken. Auch du, Kleiner. Aber das Lied war damals gut und der Katzenjammer von heute läßt nichts zu wünschen übrig. – (Laut) Bier, süße Mißgeburt! Blumenreich . Willst du mich zu Tode martern? Raufeck . Nur kühl! Betrachten wir die Situation ein wenig. Donnerwetter, sitz hin wie ein Mann! »Der Bursch ist König in der Welt« und dabei dieses Jammerbild! Pfui! 's kommt dir ein Schoppen! – Bier, Hebe, Bier! Minchen (Weller passierend, der jedoch kaum aufsieht) . Die Herren werden sich doch hier nicht betrinken wollen? 's ist Donnerstag heute. Weller (zu Minchen) . 's scheint kaum mehr nötig. Doch ist's besser, als wenn's Sonntag wäre, Schatz! Minchen . O, wenn Sie's nur wüßten! Ich hätte nicht halb so viel gegen den Sonntag einzuwenden. Wollen Sie nicht dort hinüber sitzen? Ich mache hier den Tisch zurecht. Weller . Mit nichten. Je näher, desto besser! Auf einen Rippenstoß, den ich zufällig erhalte, kommt mir's unter Umständen nicht an. Minchen . Aber wissen Sie, 's ist heute Donnerstag und da – (geht verlegen ab, während sich Weller breit in seinen Stuhl zurücksetzt) . Raufeck (zu Blumenreich) . So. Der Stoff hat dich gestärkt. Er könnte schlechter sein. Aber nun ans Geschäft und der Kuckuck soll mich holen, wenn's nicht schließlich doch heißt: »Der Bursch bleibt König in der Welt!« – Gut also! Vor 14 Tagen lagen die Karten so: du hattest 10 fürstliche Semester hinter dir; dein Ahnenschloß war verjubelt, – Blumenreich . Roderich! Raufeck . Nun, versoffen also, wenn du's lieber hörst. Gefährliche Gestalten belagerten deine Schwelle und der göttliche Leichtsinn trieb deinen besten Freund, 2000 Taler von dir zu gewinnen, die er überdies sehr nötig hat. Blumenreich . Die Götter sind meine Zeugen: ich weiß heute noch nicht, wo, wann und wie ich das Geld an dich verspielt habe. Raufeck . Wetter, so bleib doch bei der Stange und greif nach dem Strohhalm, den ich dir hinhalte. Du trankst kürzlich mehr als nötig, und so erkläre dir dein schlechtes Gedächtnis. Doch weiter im Text –: dein bester Freund brauchte sein Geld und die gefährlichen Gestalten wurden unangenehm. Da zogst du sie sämtlich auf die Seite und schüttetest ihnen in der Angst deines Herzens dessen ganzen Inhalt zur Einsicht aus. Unpraktische Idee unter gewöhnlichen Umständen, aber nicht so übel im vorliegenden Fall! »Ich habe (war der langen Rede kurzer Sinn), – ich habe einen Engel gefunden, zu Waldhausen, im Lande der Philister; sein Vater hat 50 000 Taler, seine Tante, wenn auch nicht selbst vom Geschlechte der Engel, hat 50 000 Taler. Ich aber liebe den Engel zum Wahnsinn, zum Sterben, ja bis zum Heiraten! Seid deshalb getrost und wartet noch eine Kürze. Der Vater ist ein gutes Kalb; die Tante ist alt.« Es war annähernd richtig: Der Vater übertraf den besagten Vierfüßler, wie es höheren Beamten häufig gelingt, denen nichts über ihren Zopf geht, an dem ihr ganzes harmloses Dasein hängt. An dem Zopf freilich darf man nicht zu stark zupfen. Die Tante aber wurde ein kompletter Narr, sobald sie imstande war, die Idee einer Verbindung mit dem altadeligen und hochhoffähigen Geschlecht derer von Blumenreich in sich aufzunehmen; sie ist bereit, alles für diese Ehre zu zahlen. Endlich die Tochter – nun, darüber hast du zu berichten. Blumenreich . Glaubst du, daß ein fühlendes Herz meinen Liedern auf die Länge – Raufeck . Silentium! du wirst mir rückfällig. Da die Tante doch noch momentane Anfälle von Vernunft bekam, auch jede wichtige Lebensveränderung des Alten Zopf in heftige Erregung versetzte, so warst du genötigt, einen harmlosen Roman in den Operationsplan aufzunehmen – einen Roman, wie sie zu Dutzenden in den Wassern eines Poetenschädels vegetieren. »Neben meinem alten Adel (sagtest du zu Vater und Tante in deiner Blumensprache, die ich nicht kopiere), neben meinem alten Adel, neben meinen Gütern, Burgen und Schlössern habe ich es durch eine musterhaft verlebte Studienzeit und mein dem ganzen Geschlecht angeborenes Talent, wie Sie sehen, zu einem Stern erster Größe gebracht. Binnen kurzem werde ich nach einem glänzenden Examen, wie mir vom Hofe zugesagt ist, die Wahl haben, entweder der Gesandtschaft in St. Petersburg zugeteilt zu werden, oder als Assistent nach Michelsberg zu kommen, um nach einem halben Jahre die dortige Amtsrichterstelle definitiv zu übernehmen. Dann stehen mir selbstverständlich die Pforten zu den höchsten Ämtern – dort das Ministerium des Auswärtigen, hier das des Innern – flügelweit offen.« Die Alte ist hierüber in Ekstase und der Alte starrt mit offenem Munde der künftigen Herrlichkeit entgegen und kann sich nicht genug wundern, daß er selbst ein halbes Jahrhundert vor denselben offenen Pforten gestanden hat, ohne es zu merken. Du glaubst, gewonnen zu haben. O du Narr! Nach zehn glänzenden Semestern auch nur eine Haselnuß auf ein Examen zu wetten! Haben die Götter je einen Sterblichen schwerer mit Blindheit geschlagen? Blumenreich . Mach's kurz, Roderich, mach's kurz! Raufeck . Unter dem vorigen Fürsten wäre die Sache so unsinnig nicht gewesen. Deine Familienverbindungen hätten über Nacht die fehlenden Nummern voll gemacht. Aber, o Jammer! da muß der alte Fürst Ludwig sterben, und aus Timbuktu zurück kommt ein halbwildes Geschöpf als Regent eines zivilisierten Staates, läßt in roher Unwissenheit der höheren sozialen Algebra die Nummern des Examens zählen und – nicht genug! – er läßt sie sogar gelten. So sitz'st du heute 13 volle Grade unter dem Gefrierpunkt all deiner Träume zu Waldhausen, im Lande der Philister. O Blumenreich, Blumenreich! deine Rosen treiben ekle Dornen, und selbst ich werde an dir zum Poeten, wenn's so fortgeht. Denn, um den Überblick zu vervollständigen – die Alte und der Alte kamen nach dem ersten Raptus wieder etwas zur Vernunft. Sie fühlen in ihrer Einfalt, daß zweimal 50 000 und ein Engel doch nicht gerade von Stroh sind. So schlägt also der Alte, dem ein Staatsexamen der Probierstein für alle Tugenden ist, vor, bis nach dem Examen mit der Verlobung zu warten, und die Alte, deine ganze Hoffnung und Stärke, gibt zum erstenmal in ihrem Leben nach. Dein Todesurteil ist unterzeichnet, dein Ahnenschloß bleibt ein Kuhstall, dein Geschlecht ein Kinderspott, und dein Engel, deine zweimal fünfzigtausend Taler sind unter die Sterne versetzt. Auch meine zweitausend, und das tut besonders weh, Artur! Blumenreich . Bist du zu Ende, Raufeck? Raufeck . Ich wollt', ich wär's nicht; denn hier ist die passende Stelle für einen Wendepunkt im Drama. Blumenreich , Nun denn – hältst du mich für einen Spitzbuben? Raufeck . Hm – dumme Frage! Das kommt zunächst auf die Tonart an, in der du fragst. Blumenreich . So laß dir's ein- für allemal gesagt sein: ich liebe Emilie, 50 000 mehr oder weniger – – Raufeck . Mehr, mehr! Blumenreich! Blumenreich . Ist mir so gleichgültig als der Staub unter meinen Füßen. Raufeck . Schmutziger Kerl! Blumenreich . Ich schwärme für das Mädchen, ich bete sie an, ich muß sie haben! Raufeck . Das sag' ich auch. Aber wie? Blumenreich . Wie? Ich hab' ihr meine Lieder gewidmet seit sechs Monaten. Sie hat Stöße von Gedichten, in denen ich ihr mein volles Herz vor die Füße werfe. Mein ganzes Träumen und Trachten seit einem halben Jahr war sie. Erst vorgestern habe ich ihr 12 Lieder übersandt, die ich für das Beste halte, was die Liebe je gesungen hat; du weißt, Roderich, wie selten ich mir als Kritiker ein solches Lob erlaube. Sie mögen an Lenaus Schilflieder erinnern; doch nannte ich sie, da sie immerhin wesentlich verschieden sind von jenen Lenauischen Kleinigkeiten, – ich nannte sie Binsenlieder – »zwölf Binsenlieder, Fräulein Emilie Pflichterer gewidmet«. Doch mit oder ohne Verse –: ich liebe sie, ich muß sie haben! Mit Gold wiege ich dich auf, wenn du mir den Weg zeigst, wie ich sie bekommen kann. In zweimal 24 Stunden weiß der Alte aus der Staatszeitung das Resultat meines Examens. Damit bin ich verloren. Raufeck . Auf Cerevis! du wirst praktischer und auf eine kleine Spitzbüberei kommt dir's nicht an in dieser Stimmung. Wie? Blumenreich . Ich muß sie haben, ich muß sie haben! Raufeck . Gut denn! Bei der Nachricht von deinem Durchfall fuhr mir ein gelinder Schrecken in den Leib. Auch ich stöhnte: ich muß sie haben, ich muß sie haben! 2000 Taler können sogar mich zum Gefühlsmenschen machen und nüchtern, wie ich war, werfe ich mich aufs Pferd, um dir zu Hilfe zu eilen. Blumenreich . Treue Seele! Raufeck . Nicht wahr? Doch laß die Sentimentalität ein andermal duften und sperr Maul und Ohren auf, wenn du's imstande bist. Auf der ersten Station fror mich's wie einen Hund und ich trank ein Glas Schnaps. Auf der zweiten hatte ich schon Durst wie ein Schiff der Wüste, und trank abermals meinen Schnaps. Dieses Phänomen wiederholte sich zu deinem Heil auf allen fünf Stationen und der große Plan zu deiner Rettung dämmerte von Station zu Station heller und heller. Als ich über diese Schwelle trat, war er fertig und du gerettet! Blumenreich . Leiser, leiser! Raufeck . Ha, beim Cerberus! Kein nüchterner Schädel hätte ihn geboren. Blumenreich . Komm zur Sache! Raufeck . Da heißen sich manche Leute Poeten – Blumenreich . Ich bitt' dich, mein Roderich. Raufeck . Wir konfiszieren die Staatszeitung! Blumenreich . Ich denke – das geht für 2, 3 Tage – natürlich nur die Waldhäuser Zeitungen – aber ich sehe einen Weg – Raufeck . Ich sehe zwanzig. Dies ist der kleinste Teil des Schlachtplans. Der Fürst wird hier erwartet. Wir setzen in das Lokalblatt, daß er inkognito unter seinen geliebten Untertanen auszutreten wünscht. Hörst du? Blumenreich . Weiter, weiter! Raufeck . Mich kennt niemand. Zwei, drei Tage spiel' ich die Fürstenrolle. Blumenreich . Was!? Raufeck . Spitze nur die Ohren. So was hast du freilich noch nie gedichtet. Der Alte ist ein Narr und glaubt seinem Intelligenzblatt wie seiner Bibel. Die Alte überlass' ich dir. Ich führe dich nach den nötigen Vorbereitungen als meinen Schützling ein, natürlich alles inkognito, der Alte wird weich wie Butter, wenn ich ihm die Hand drücke, und der Engel ist dein, wenn ich winke. Blumenreich . Göttlich, himmlisch! Mein Retter, mein Roderich, aber dann, – dann – Raufeck . Dann schreit jemand im ganzen Nest herum »Feuerjo! Fräulein Emilie und Artur von Blumenreich sind verlobt!« Der Fürst verschwindet und – weiß der Kuckuck, es würde mir schwerer, einen Plan zu ersinnen, dir die zweimal 50000 Taler wieder abzuschwindeln und den alten Pedanten aus der Schlinge zu ziehen, in der ihn das Geschrei von Waldhausen gefangen hält. Blumenreich . Roderich, laß mich – (will ihn umarmen) . Raufeck . Kamel! Das erste wäre nun, dem Kreis- und Intelligenzblatt ein kleines Artikelchen in betreff des Inkognitos zuzusenden. Blumenreich . Ja, ja, – wir wollen auf mein Zimmer gehen. Raufeck . Kommt das Spitzbubengefühl schon? Blumenreich . 's ist alles oben, Papier, Tinte und Federn; (laut) zwei Flaschen Champagner, Minna! Raufeck (hinausstolpernd) . Wie heißt die braune Kartoffel? Hat zwei niedliche Ansätzchen, um drauf zu stehen. (Ab. Minchen mit den Flaschen ihnen nach.) 6. Szene. Weller steht auf, streckt und schüttelt sich. Braune Kartoffel! – so! – und dazu das ganze übrige Sündenregister, das ihr vor mir auskramt! – Hm – wenn ich dir nicht in die Haare gerate, du spitzbübischer Bierzipfel! Euch belauscht zu haben nolens, volens, kann ich vor meinem Gewissen verantworten. Die einzige Frage bleibt: sag' ich's meinem Nimrod oder sag' ich's ihm nicht? Riskiere ich alsbaldigen Mord und Totschlag, oder zieh' ich einen stillen Selbstmord vor, wenn die Kanaillen ihr Spiel gewinnen sollten? – Eine erbauliche Wahl, fast ein wenig zu kitzlich für meine Fühlhörner! Er mag selbst wählen: ein Grab hinter der Kirchhofsmauer oder eines unter dem Galgen seines verehrten Landesherrn. Greif zu, Frank! 7. Szene. Weller . Frank (tritt ein, ruhiger und heiter) . Frank . Rasiert wäre ich, wie der Heros eines Schäferspiels. Bin ich noch immer schwarz auf der Stirne, Weller? Weller . Jedenfalls sind Leute da, die dich bald genug anpinseln werden. Frank . Was meinst du damit? Weller . Du bist etwas ruhiger. Laß mich deinen Puls fühlen. Frank . Narrheiten! Aber ich bin ruhiger und will dir Gesellschaft leisten bis halb neun. Weller . Welches Wunder hat dich mit einem Male zum Verstand gebracht? Die Wasserkur kann's allein nicht sein. Frank . Sie war's auch nicht. Aber ich habe eine halbe Stunde zum Fenster hinausgesehen. Ich glaube, die Luft hat's gemacht. Weller . Ja, ja, die Luft. Die Luft in Waldhausen ist wunderbar beruhigend. Sieh dir einmal die Leute recht an. Welch süßer Frieden! Und um halb neun geht Groß und Klein zu Bett. Frank . Mach deine Witze, Alter! – Du hast kein Leben hinter dir wie ich. Seit Jahren treib' ich mich herum in allen fünf Weltteilen, schlimmer als Kain: Prairien und Wüsten hab' ich durchritten, Meere durchschifft, auf den Anden und auf dem Himalaya gejagt. Man wird das wilde Leben müde. Weller . Hm, – wie lang wird's dauern? Frank . Und auf all meinen krummen Wegen hat mich das stille, friedliche Bild begleitet: die Berge mit ihren Buchenwäldern, die grünen Halden, das einfache, trauliche Städtchen, mit einem Wort: die Heimat! Ich konnt's nicht vergessen. Weller . Eine kuriose Gegenstrophe zum Gesang vor sechs Jahren. Frank . Alles hat seine Zeit. Weller . Das dacht' ich, als ich oben aus meinem Fenster dem Sonnenuntergang zusah. Ja, vor sechs Jahren, als ich mich wütend von allen Banden losriß, die mich an die Heimat fesselten, als mit dem Tod meiner armen Mutter das letzte Glied der Kette zwischen mir und ihr zu brechen schien und ich, unter Tränen jubelnd, der weiten Welt entgegenstürzte, – Weller . Du warst ein wilder Kerl, Frank! Frank . Konnt' ich anders, sag, konnt' ich anders? Weiß Gott, um meiner Mutter willen hätt' ich viel gekonnt. Weller . Du warst ihre einzige Stütze und Hoffnung, nachdem du dem alten Jäger von Waldeck in die Lehre gegeben warst. Ich glaube, es kostete deiner Mutter manche Träne. Frank . Der Himmel weiß es. Aber könnt' ich ein Schulmeister werden, Weller? Sag selbst! Weller (lacht laut) . In Timbuktu vielleicht. Doch hättest du nicht ein ordentlicher Jägerbursch werden, sein und bleiben können wie Tausende vor dir? Aber so oft man von dir hörte, war's ein dummer Streich: ob du einem Waldfrevler mit Lebensgefahr aus dem Loch halfest oder die höchste Magistratsperson in ihr eigenes Gartenhaus einschlossest; so oft man dich sah, stakst du in einer Schlinge. Frank . Ja, ja. Das Gartenhaus brach meiner guten Mutter das Herz. Weller . Und dir den Hals, so weit's die Waldhäuser Markung betraf. Unter uns gesagt: man munkelte etwas von der Ursache, die dem Oberhaupt der Stadt sechs Stunden Sommerhausarrest verschaffte. Frank . So wahr die Sonne am Himmel steht: Emilie hatte keine Ahnung davon! Weller . Hat je ein Jesuit mit einer ehrlicheren Miene geschworen? Die Sonne ist längst untergegangen, Freund! Übrigens liefest du weislich davon, die Büchse über der Schulter und zwölf Kreuzer in der Tasche. Frank . Aber ich wußte, daß ich zu einem Preisscheibenschießen in der Residenz eintreffen konnte. Weller . Wer zahlte dir den Einsatz? Frank . O, ich verkaufte meine Uhr und hatte 3 Schüsse dafür. 's war der glücklichste Tag meines Lebens. Ein Herr in dunkler Uniform redete mich an, als ich lud. Die Kugeln schlugen ins Zentrum, eine um die andere. Ach! eine Büchse wie die vom alten Förster Franz bekomm' ich nie wieder. Heute liegt sie hinter Palmyra im Sand begraben. Weller . Gut. Am folgenden Abend hatte deine Mutter 80 Dukaten und du eine Stelle bei dem Herrn in Uniform, unserm Fürsten Adolf. Der Prinz rüstete damals seine erste Expedition nach Syrien, Persien und Indien aus und konnte einen guten Schützen brauchen. Frank . Ich war wie im Himmel. Weller . O, ich erinnere mich noch wohl; du warfst mir beim Abschied ein Glas an den Kopf, um deine Gefühle für die teure Heimat auszudrücken. Frank . Du weißt, es war Zufall. Weller . Gott beschütze mich vor ähnlichen Zufällen! Frank . Laß die Vergangenheit vergangen sein. Heute abend dacht' ich nur an die Zukunft. Sieh, wenn mir der eine große Wurf gelänge, wenn der alte, liebe Traum zur Wirklichkeit würde, dacht' ich, – laß es sein, was ich dachte, – ich bin kein Poet, – aber der Kuckuck soll mich holen, wenn sich mir das Herz nicht umdrehte vor lauter Freude und Wehmut. Ich sah, wie vor Jahren, den blauen Rauch aus den Schornsteinen an der grünen Bergwand hinaufsteigen und dachte: »Meine Emilie muß noch mein sein!« Weller . Es scheint dir wirklich ernst zu sein. So konfus spricht kaum einer, dem's nicht ernst ist. Frank . Und ich sah hinüber zur Vogtei, und es war mir – Weller . Und dachte, daß sich derzeit noch ein großer Graben zwischen mir und ihr befinde und die Geschichte von einem gewissen Gartenhaus und vielleicht sonst noch das eine oder andere Wenn und Aber . Frank . Weller! ehrlich und ernsthaft: ich habe mich so lang in der wilden Welt herumgetrieben, daß mir ein Rechnungsfehler in der zahmen schon zu verzeihen wäre. Darum ehrlich, Weller: denkst du, meine einzige Liebe sei hoffnungslos? Weller . Hm – Frank . Nein, halt, ehe du antwortest! Ich weiß, du kennst die Verhältnisse, du kennst mich und ihre Familie und all die verrückten Ideen der lieben Heimat. Antworte mir wie ein Freund dem Freund, wie ein ehrlicher Arzt dem Kranken. – Du weißt alles, nur weißt du nicht, wieviel an deiner Antwort hängt. Drum ehrlich, Weller, ehrlich! (ergreift seine Hand) . Weller . Laß mich los; du machst mir bang. Frank . Nicht, eh' du mir antwortest. Weller . Hm – du willst wirklich eine Antwort haben? Ich tu's ungern; ich tu's in der Tat ungern. Frank . Tu's mir zulieb und sei ernsthaft! Weller . Hm – (windet sich los, – dreht sich um. Langes Schweigen) . 8. Szene. Seifensieder (tritt ein). Die Vorigen. Seifensieder . Herrje, Herrje, – die Herren! (hängt Überrock und Regenschirm an die Wand und nähert sich dem Tisch) . Wissen die Herren, daß es heut' Donnerstag ist? (setzt sich ans untere Ende des langen Tisches, an dessen oberem Ende sich Weller und Frank befinden) . Minchen, wissen die Herren, daß es Donnerstag ist? Die Herren können unmöglich wissen – Minchen . Doch, doch (stellt ein Glas vor ihn) , dem einen hab' ich's schon dreimal gesagt, Herr Mutschler; der Große weiß es, glaub' ich, noch nicht. Seifensieder . Sagen Sie's auch dem andern, liebes Kind, sagen Sie's dem Großen. Herrje, wenn der Herr Amtsrichter kommen! (Setzt sich und trinkt unruhig an seinem Glas, spielt mit den Zündhölzchen, wirft das Salzfaß um \&c. \&c.) Weller (zu Frank) . Nun denn, ernsthaft für zwei Minuten: – dein Fall ist höchst fatal. Frank . Hoffnungslos? Weller . Das hängt von dir ab und von ihr. Du kommst – ohne Vermögen, ohne Familie, – ein halber Wilder, aus dem Innern Afrikas; – schlimmer als das! du warst hier und ließest einen Namen zurück, den der Vater leider noch nicht vergessen hat. Du freist gegen Geld und Herkommen und Kastenstolz, und hast nichts für dich als dein armes Selbst und die Gunst – für den Augenblick die Gunst des Fürsten. Dein Fall ist höchst fatal, guter Kerl! Frank . Nicht hoffnungslos also; nicht hoffnungslos! Weller . Weißt du, daß du Rivalen hast? Frank (ihn anstarrend) . Rivalen? Weller . Daran dachtest du wohl nicht, du himmlische Einfalt! Aber ich will dir den Deckel von der Schüssel tun ohne Erbarmen. Du sollst auf den Grund sehen und dir hinter den Ohren kratzen. Du wolltest's ja so. Frank . Rivalen? Nein! – Wo? Wen? Weller . Dachte mir's doch. Willst du nicht gleich eine deiner neuseeländischen Keulen auspacken und deinen Gegner auffressen, ungekocht? Man ist nicht im Feuerland, Freund. Aber rück etwas näher. Wir sind nicht mehr allein. ( Sie sprechen leis und eifrig weiter. ) 9. Szene. Fleischer und Starker (im Gespräch eintretend); die Vorigen. Die neu Eintretenden sind sämtlich mit einiger Sorgfalt gekleidet und bewegen sich mit Wichtigkeit. Starker . Ja, was ich sagen wollte: wenn Seine Durchlaucht, unser gnädigster Landesfürst, die Stadt wieder mit seiner eigenhändigen Gegenwart beehren wollten wie der vorvorige, – was denken der Herr Gevatter dazu? Fleischer . Wäre so übel nicht. Wäre zum mindesten ein Ochs weiter. Starker (zurückfahrend) . Wa – was!? Fleischer . Ein Ochs weiter, sag' ich, und zwei Kälber die Woche und eine Sau. Starker (wird Frank und Weller gewahr; gegen diese) . Wa – wa – was? Seifensieder . Herrje, Herrje – wenn der Herr Amtsrichter kommen, das wird – Fleischer (der bis jetzt am Hutstand beschäftigt war) . Sapperment, man wird's Maul noch aufmachen dürfen, ihr Herren, wenn's ein ehrliches Handwerk gilt. Ich bin von Waldhausen, ihr Herren, und schlachte drei Kälber all ander Tag' und im Winter kommt's vor, meine vier; (dreht sich um, sieht Frank und Weller) da schlag doch gleich – wer sind die Herren –? Starker . Werft sie zur Tür hinaus, Gevatter; ich will's verantworten. Seifensieder . Ja, ja, du meine Güte, 's ist Donnerstag. Aber sagen könnte man's ihnen doch noch einmal. Fleischer . Minchen! Minchen . Gleich, Herr Fleischer, gleich. Fleischer . Minchen! Minchen . Er kommt, er kommt! Fleischer . Minchen! Minchen (herbeieilend) . Was wollen Sie denn? Ihr Schoppen kommt ja gleich; 's wird frisch angestochen. Fleischer (zu Minchen) . Minchen, was trinken die Herren da drüben? Minchen . Wein. Achtzehner. Seifensieder . Wein! 6 Kreuzer mehr als der Herr Amtsrichter. O du meine Güte! Fleischer . Da soll der Herr Amtsrichter selber zusehen; das ist mir zu hoch. (Setzt sich breit an seinen Platz vis à vis von Starker, der mit Minchen zu liebäugeln sucht.) Fleischer . Ei, was man mit ansehen muß! Da schlag doch gleich – habt Ihr an Euren sieben Jungen nicht genug? Starker . Was kümmert's Euch? Meine sieben sind dem Staat mehr wert als Euer einziger, der Postillon. Fleischer . Nichts für ungut, ich wollt' Euch nur warnen: kommt ihm nicht ins Geheg! Starker . Wa – was? Seid Ihr bei Trost? Nicht ins Geheg? Hier im goldenen Hirsch? Für was hält man mich? Und seit mein seliges Weib abging, bin ich so ledig wie Sein Erstgeborner! Ins Geheg!! Fleischer . Da soll doch – 's ist mir nur, daß Ihr nicht sagen könnt, ich hab' Euch nicht gewarnt. Besser Vor- als Nachsicht. Leid sollte mir's tun, mit Euren sieben ungezogenen Jungen, eins kaum aus den Windeln, wenn Euch ein Unglück passierte! Starker . 's ist also Ernst? Bei meinem Amt! Wenn der Windbeutel mir ins Geheg kommt, – wißt Ihr, was ich tu', Gevatter? Trotzdem daß er meines Gevatters Erstgeborener ist, ich tu's, ich arretier' ihn. Seifensieder . Seien Sie ruhig, Herr Starker, ich bitt' Sie! Starker . Maul halten! Und zum Arretieren hab' ich ein Recht, Gevatter. Steht nicht im Paragraphus Nummer 33 unsrer Stadtrechtspflege: »Der amtliche Gerichtsdiener ist befugt –« 10. Szene. Präzeptor . Die Vorigen. Präzeptor . Guten Abend, meine Herren! Starker und Fleischer . Recht guten Abend, Herr Präzeptor! Seifensieder . Besten guten Abend, Herr General-Sekretär des wöchentlichen Donnerstagkasinos! (Stößt den Fleischer an.) Haben Sie's gemerkt? Das hab' ich gut gemacht. Das sollten die da oben gemerkt haben, Herr Starker. Starker . Maul halten, nachdem der Herr Präzeptor eingetreten ist! Herr Präzeptor, – ein kurioser Fall, ein schwieriger Fall! (winkt gegen Frank und Weller) Was denken der Herr Präzeptor? Präzeptor (steht erstarrt) . E-heu! Fremdlinge in des Herrn Amtsrichters eigenem Privat-Präsidentenstuhl, Fremdlinge – barbari! Wissen denn die Herren, daß es Donnerstag ist? Fleischer (steht auf) . Sie sollen's wissen, sie sollen's! Aber beistehen müssen Sie mir. (Gegen Weller und Frank:) Ihr Herren! Starker . Recht so, Gevatter; drauf! sagt's ihnen! Seifensieder . Was wollen Sie? Herrje, Sie wollen doch nicht –? Präzeptor . Gut, Herr Fleischer, gut bis recht gut. Beginnt nur den Exorzismus! Ihr macht Euch um die Ruhe des Staats verdient. Eine Corona civica kann gar nicht ausbleiben. Seifensieder . Corona – wahrscheinlich Krone, Kronentaler. Fleischer . Sapperment! 's ist mir nicht ums Geld. Seifensieder . Seid höflich, ich bitt' Euch, Fleischer! Achtzehner! Fleischer (räuspert sich heftig, agiert und sagt nichts) . Frank (an seinem Platze) . Noch eine Flasche, Fräulein! Fleischer (sich setzend) . Na, ich will, glaub' ich, lieber nicht! – Wenn die Herren denken, daß ich die Herren zur Tür 'nausschmeißen sollt', käm' mir's wahrhaft nicht drauf an. Aber so öffentlich eine Red' halten! Ich bin kein Studierter! – Ein verfluchtes Ding, das Redenhalten, Gevatter! Lieber einen wilden Stier an den Hörnern packen. Na – was denken die Herren? (schlägt die Ärmel hinauf) . Seifensieder . Beileibe nicht! Bleiben Sie sitzen! Wir denken ja gar nichts. Präzeptor . Hinauswerfen, lieber Fleischer? Mit nichten; – so geht's schon gar nicht, oder nur schwer. Wer weiß, die Herren haben 'was Vornehmes! Halten Sie! Lassen Sie mich ein kleines Konzept entwerfen – nur 5 Minuten! (zieht Bleistift und Papier aus der Tasche und fährt sich in die Haare) . Seifensieder . Aber es geht schon gegen acht Uhr. Wenn der Herr Amtsrichter etwas bälder kämen! 11. Szene. Krämer (aufgeregt, mit einer Zeitung in der Hand). Die Vorigen. Krämer . Wünsche allseits wohl gespeist zu haben! Die Klößchen gestern waren wohl nicht übel, Herr Seifensieder? Besten guten Abend, Herr Präzeptor! Aber jetzt sag mir wieder einer: »Waldhausen könne keine Helden erzeugen und die Zeit der Heroen sei vorüber!« Waldhausen keine Heroen! Hier haben wir's, meine Herren, schwarz auf weiß und wenn mir wieder einer – – – ho ho! was der Kuckuck ist denn heute los? Seifensieder . Die Herren wissen nicht – Präzeptor . Sogleich, sogleich! ich mache soeben ein kleines Konzept. Krämer . Was Konzept! Waldhausen erzeugt Heroen ohne Konzept. – Fremde im Stuhl des Herrn Amtsrichters! – Waldhausen keine Heroen! Sehen sollen Sie's noch diesen Augenblick. – – Meine Herren! – meine Herren! (sehr laut) meine Herren! Frank (höflich) . Sie wünschen? – Wünschen Sie vielleicht den Senf? Krämer . Meine Herren, – wie es scheint, meine Herren, sind Sie fremd hier! Frank . Man könnte fast so sagen. Präzeptor (für sich) . Fremd – Fremdling, barbarus , – etwas hart, – viator , Wanderer, ist milder. – Sagen Sie Wanderer, Wanderer! Krämer . Wanderer, meine Herren, Wanderer. Frank (lächelnd) . Wollen Sie uns entschuldigen. Wir haben ein Gespräch zu beenden und werden Ihnen in drei Minuten zu Diensten stehen. Krämer . Sie können deshalb unmöglich, meine Herren, wissen, meine Herren, daß heute – heute – – Seifensieder . Donnerstag – Krämer . – daß heute Donnerstag ist, meine Herren! Frank . Doch, doch, mein Herr. – (leis) Was will denn der Kerl, Weller? Weller . Das muß er am besten selbst wissen. Laß das Geziefer schwatzen. (Lange Pause am untern Tisch, Frank und Weller sprechen emsig weiter.) Seifensieder . Hilft alles nichts, hilft alles nichts! O, ich sah's von Anfang an. Achtzehner! Starker . Mir kommt eine Idee, ein förmlicher Gedanke. Präzeptor . 'raus damit, Starker, Geniere man sich gar nicht. Könnte man vielleicht von Amts wegen einschreiten? Starker . Wenn die zwei Herren geheime Agenten der revolutionären Partei wären, – Seifensieder . Die im Dunkeln schleicht, – Starker . Barrikadier, – Jakobiner, – Kommunisten – Seifensieder . Seien Sie still, o seien Sie still! Starker . Kommunisten nehmen jedermanns Stuhl. Präzeptor . Sehr gut, Starker; communis , gemein, gemeinschaftlich. Starker . Jedermanns Geld und Brot und Wein, sind sozusagen Räuber und Diebe, Diebe sind straffällig. Präzeptor . Logisch, sehr gut! Weiter. Ich sehe, wo's hinaus will! Krämer . Ich bitt' Euch, Starker! Lassen Sie die Herren in Ruhe und haben Sie keine Furcht. Waldhausen keine Heroen? möcht' ich wiederholen. In einer Viertelstunde werde ich den Angriff erneuern. Da lesen Sie das Intelligenzblatt! Sie haben doch die Geschichte von dem Löwen gestern gelesen und wie unser berühmter Landsmann, der junge Frank, des Fürsten Leben gerettet hat? Präzeptor . Ei der? – und hat gar nichts bei mir gelernt! Fleischer . Der Spitzbub! stiehlt mir einmal ein halbes Schaf und gibt's einem kranken Lumpen in Herzach! Starker . Heinrich Frank; ja, ja, Heinrich Frank . Und wenn er den Daniel aus der Löwengrube gezogen hatte: der soll in unsre Markung kommen! Sind noch keine sieben Jahre, seit er unsern Herrn Amtsrichter lebendig in Ihren eigenen neuen Sommergartenpavillon eingesperrt hat. Seifensieder . Aber hören möcht' ich die Geschichte doch. Fleischer . Das ewige Gelese! Kein vernünftiges Wort kann man mehr sagen. Krämer . Ja hören sollen Sie's, meine Herren. Sie werden mit mir die Heldentat bewundern, wenngleich der Held – Starker . Held! – Bitte, beleidigen Sie uns nicht! Stroh ist Stroh und ein Spitzbub ist ein Spitzbub mit oder ohne Löwen. Ich hab' den Herrn Amtsrichter noch nie so wild gesehen wie damals. Und erst die Frau Tante! Aber der soll in unsre Markung kommen! Das ist alles, was ich sage! Seifensieder . Nun, so lesen Sie, Herr Krämer! – Hier ist's – »Feuilleton« – Krämer . Gut, meine Herren, da es allgemein verlangt wird, – Fleischer . Von wem? Krämer . »Wir haben«, schreibt das Blatt, »mit ungeteiltem Vergnügen in unsrer letzten Nummer eines der mannigfachen Abenteuer unseres berühmten Landsmanns mitgeteilt und können uns nicht enthalten, heute unsern Lesern eine Fortsetzung dieser fast fabelhaften Erlebnisse vorzulegen.« Fleischer . Langsamer! – Was war das vom Vorlegen? Krämer . Warten Sie nur. Es kommt erst. »Hier eine Episode aus der letzten Reise Seiner Durchlaucht.« Präzeptor . Episode: Bruchstück, Teil. Krämer . »Es war südlich von Kartum, auf dem westlichen Ufer des weißen Nils.« Präzeptor . Minchen, willst du nicht deinen Schulatlas bringen, daß ich den Herren zeigen kann, wo dieses Kartum liegt? Weißer Nil, Bahr el abiad. Kartum, Stadt am weißen Nil; besitzt keine Universität, jedoch ausgedehnte Regierungsgebäude und einen lebhaften Handel mit – mit – mit Seehundsfellen und Nilpferden. Krämer . Ich bitte Sie, Herr Präzeptor! (Fortfahrend) – »des weißen Nils. Seine Hoheit hatte zwei Pferde der besten arabischen Rasse aufgefunden«. Präzeptor . Nun, meine Herren, Hab ich's nicht gesagt? – Seifensieder . Silentium , im Donnerstagskasino, Silentium ! Krämer . – »und enorme Preise dafür bezahlt. Sie sollten nach Europa geschickt werden. Etliche Tage später waren die Pferde gestohlen. Nach langem Forschen ergab sich, daß vermutlich einer der Beduinenstämme weiter südlich sich der Pferde bemächtigt hatte und dann gegen Westen gezogen war.« Starker . Schöne Polizei, das! Da sollt' ich dabei gewesen sein! Präzeptor (den Atlas, den ihm Minchen gebracht, aufschlagend) . Kartum – Kartum – (sucht emsig) »südlich« steht in dem Blatt. Hier wäre die Kapstadt, meine Herren. Südlich, weiter südlich sehe ich nur Wasser. Heißt es wirklich »südlich«, Herr Krämer? Krämer . »Seine Durchlaucht, mit dem bekannten Mute und der stets wachen Lust an Abenteuern jeder Art, beschloß alsbald, dem Stamm zu folgen und die Pferde um jeden Preis zurückzubekommen. Als arabische Kaufleute verkleidet, machte sich der Fürst mit zwei seiner Begleiter und vier Dienern, alle wohlbewaffnet, auf den Weg gen Westen und erreichte nach zwei Tagen das Lager der Beduinen. Die Beduinen waren reich und wohlbewaffnet und der greise Fürst des Stammes, inmitten des patriarchalisch-kriegerischen Bildes, schien zu allem eher fähig als zum Pferdediebstahl. Nichtsdestoweniger standen die zwei weißen Stuten, an einer Lanze angebunden, vor seinem Zelte. Unsere Kaufleute schlugen ihr kleines Lager in kurzer Entfernung von dem Zeltdorfe auf und waren alsbald umringt von dem neugierigen schwarzbraunen Volke. Die Maskerade ließ nichts zu wünschen übrig. Die Kamele wurden abgepackt und die Kisten, die allerdings nicht die gewöhnlichen Handelsartikel der Wüste enthielten, mit Ostentation aufgestellt. Dann begaben sich der Prinz und seine zwei Begleiter zum Beduinenhäuptling, um die gewöhnlichen Begrüßungsformeln auszutauschen, oder richtiger, um das Terrain zu rekognoszieren. Alles schien sich günstig anzulassen. Der Alte war die feierliche Höflichkeit selbst, und unterhielt sich mit Seiner Durchlaucht, die geläufig Arabisch spricht, aufs beste. Nur ein Umstand schien bedenklich. Einer ihrer arabischen Diener war, als sie zurückkamen, verschwunden und kam auch im Laufe der Nacht nicht zurück. Dies erregte Franks ernstliche Befürchtungen, während der Fürst für die folgende Nacht eines glücklichen Erfolgs gewiß zu sein schien. Doch auch er teilte Franks Vermutungen, als am nächsten Morgen eine Einladung kam:«Der erste der Kaufleute möchte sich in das Zelt des Wüstenkönigs begeben, aber keinen seiner Begleiter oder Diener mitbringen». Die Lage war kritisch. An ein offenes Entrinnen war nicht zu denken. Man wußte nicht, wie weit die Araber in ihrer mißtrauischen und vielleicht offen feindlichen Gesinnung gehen würden, und so begab sich Frank nach einer jener Szenen, wie sie das wilde Leben in jenen Ländern schafft, wo selbst ein Fürst im Augenblick der Gefahr nur noch als Mensch und Mann fühlt, –« Seifensieder . Herrje, Herrje! Nein, das ist zu toll! Du meine Güte, du meine Güte; jetzt hat aber meine Geduld ein Ende. – Krämer . Ich bitt' Sie, Seifensieder, – Sie werden grob. Seifensieder (aufgeregt, jedoch leis) Grob? Ein Lamm wird da zum Grobian. Haben Sie's denn nicht gesehen? Zerschlägt der Herr da droben seine Zigarrenspitze und greift mir nichts, dir nichts hinter sich an die Wand, wo die Kasinopfeifen hängen, nimmt des Herrn Amtsrichters Längste und – sehen Sie, sehen Sie! – er steckt sie sich an! Starker . Schön, schön, schön! Wird sich finden. Warten wir nur, bis der Herr Amtsrichter kommen. Fleischer (die Ärmel aufstülpend) . Soll ich dran? Präzeptor . Jetzt wär's Ihre Pflicht, Herr Starker. Starker . Wird sich finden. Warte nur auf den Befehl meines Vorgesetzten. Der Fall ist schwierig – Krämer . Kann ich weiter machen? Starker . Immer zu, immer zu! Maul halten, Seifensieder! Seifensieder (desperat) . Wenn da die Steine nicht schreien! Krämer . – »als Mann fühlt«. Fleischer . Noch einmal das! Das kann kein Ochs verstehen. Krämer (sehr laut) . – »als Mann fühlt. Frank erbot sich, in den Kleidern des Fürsten und dessen Rolle spielend den gefährlichen Gang zu tun und nach langem Zögern nahm Seine Durchlaucht den edeln, mutigen Vorschlag an. Das Resultat war vollständig das erwartete. Frank wurde alsbald als Gefangener behandelt und wenn auch rücksichtsvoll, doch streng bewacht. Dem Prinzen wurde mitgeteilt, daß der Stand und die Absicht des vermeintlichen Kaufmanns kein Geheimnis mehr sei und daß nur gegen die alsbaldige Auszahlung eines hohen Lösegelds und die Abgabe sämtlicher Waffen der Gefangene seine Freiheit erhalten sollte. Wäre selbst das Lösegeld aufzutreiben gewesen, so hätte doch die Abgabe der Waffen unter den obwaltenden Umständen an förmlichen Wahnsinn gegrenzt. Frank wußte deshalb dem mit seinem Edelmut kämpfenden Fürsten einen Zettel zuzuspielen, worin er ihn bat, ohne Verzug unter dem Vorwand, das Lösegeld herbeizuschaffen, nach Norden zu fliehen und ihn vorderhand seinem Schicksal zu überlassen. Es blieb keine andere Wahl. Se. Durchlaucht wendete sich gegen Abessinien, woselbst Höchstdieselben dreiviertel Jahre des interessantesten Reiselebens zubrachten, dessen Genuß einzig manchmal der Gedanke an Höchstihren verlorenen Begleiter trüben mochte. Nach Verfluß der angegebenen Zeit befand sich der Fürst noch drei Tagereisen von Kartum auf der Rückkehr nach Ägypten. Eine jener herrlichen Nächte, wie sie nur die Tropen kennen, lag über dem blauen Nil und seinen ruhigen Ufern. Seine Hoheit saß noch spät unter dem offenen Zelt, wir vermuten, in neuerwachten Gedanken an den fast zum Freunde gewordenen Reisegenossen so vieler Jahre, den er nicht weit von hier verloren hatte. Da zeigte sich ein weißer Fleck am dunkeln Rande des Sykomorenwaldes. Der Fleck bewegt sich, nähert sich. Der flüchtige Schall der Hufe ist deutlich zu hören. Die Tiere scheinen zu fliegen. Drei Minuten mehr und ein Reiter in reicher arabischer Tracht springt von der einen der Stuten und sinkt mit einem frohen: »Durchlaucht, die Pferde sind munter!« dem Fürsten in die ausgebreiteten Arme.« Seifensieder . Was der Tausend! Ja, soll denn das wahr sein? Fleischer . Da schlag doch gleich – Starker . Ein Spitzbub war's von jeher. Ja, ja, Frank, – Heinrich Frank. O wir kennen uns! Aber trotz allem, in unsre Markung soll er kommen! Fleischer . Aber wie war's denn, Sapperment, wie ging's denn zu? Krämer . Nur Geduld. Die Erklärung gibt unser Blatt folgendermaßen: »Wir können auf das Erstaunen unsrer Leser – –« 12. Szene. Amtsrichter . Die Vorigen. Seifensieder Herrje, Herrje! der Herr Amtsrichter! Jetzt geht's los. Pflichterer . Recht guten Abend, meine Herren! (Allseitiges Guten Abend. Pflichterer geht gegen den Hutstand, zieht den Überrock aus, stellt Hut und Regenschirm erst in die eine, dann in die andere Ecke; während dieser Operationen:) Starker! Ist Starker hier, meine Herren? Starker . Zu dienen, Herr Amtsrichter. Pflichterer (vertraulich) . Geh Er doch gleich auf die Post, Starker! Ich habe bedenkliche Nachrichten erhalten, sehr fatale Nachrichten. Seifensieder . Da haben wir's! Hab' ich's nicht gleich gedacht? Kommunisten im Land, Republikaner und auch noch mit der Post. Aufruhr, Mord – Pflichterer . Erkundige Er sich, ob dem wirklich so sei, und wenn dem wirklich so ist: ganz fatale Nachrichten, – ganz fatal! Starker . Sehr wohl, Herr Amtsrichter! Pflichterer . Ja, ja, ganz fatal, Starker. Die drei Gänse, die meine Schwester von Schlicklingen durch den Postillon kommen lassen wollte, sollen beim Haidewieslein entwichen sein. Ganz fatal, Starker, ganz fatal. Sie weiß es noch nicht. (Tritt an den Tisch.) Recht guten Abend, Herr Präzeptor, guten Abend, Herr Krämer; immer mit dem Intelligenzblatt in der Hand, allgemeine Bildung verbreitend? – Aber das muß man ihm lassen, das Blatt ist eine Ehre für den Bezirk; Ihr Herr Vetter ist ein meisterhafter Redakteur und wenn man bedenkt, – (starrt Weller wild an und prallt einen Schritt zurück) . Wa – wa – was? (Nimmt die Brille ab, putzt sie, setzt sie wieder auf.) – Keine Illusion? – Re – a – li – tät, – Fak – tum – Weller . Donnerwetter! ist hier Fastnacht? Pflichterer . In meinem Stuhl, Herr? – mit meiner Pfeife im – im Maul, Herr? Was der Tausend! Weller (sich langsam erhebend) . Wenn das Ihr Stuhl ist – Pflichterer . Zum Kuckuck! Wenn das mein Stuhl ist? Und wenn's mein Stuhl nicht ist, ist's dann Ihr Stuhl, Herr? Und wenn der Knaster mein Knaster nicht ist, – he – he! Ist man vielleicht ein Kommunist? Glaubt man, daß in unserm Waldhausen – Frank . Halten Sie, Herr! Wenn das wirklich Ihre Pfeife ist, so wird mein Freund Ihnen Ihr Eigentum mit Vergnügen zurückgeben. – Ist's aber Ihr Stuhl, so sollten Sie das Möbel nicht in eine öffentliche Wirtsstube stellen. Pflichterer . Mit Vergnügen zurückgeben? In der Tat? Weller . Weißt du, mit wem du sprichst, Frank? Frank . Warum? Wir hatten nicht im Sinn, die Gesellschaft zu beleidigen und die Herren sollten so viel Einsicht und Verstand – Pflichterer . Immer besser! – Wa – was – so viel Einsicht und Verstand? Meine Universitätspfeife mit dem silbernen Beschlag im Maul und »so viel Verstand«? Starker! Starker! Starker (an der Türe) . Ich gehe sogleich auf die Post! Pflichterer . Bornierter Kerl! Dableiben, bei Seinem Amt, dableiben! Frank . Der Skandal wird förmlich lächerlich, Herr! Nehmen Sie – Pflichterer . Dableiben, Starker! Ist niemand hier, der mich vor diesen zwei wohlgekleideten Vagabunden zu beschützen im Sinn hat? Bin ich in meinen alten Tagen darauf angewiesen, selbst – selbst – (dringt auf Weller ein, während unter allgemeinem Tumult der Fleischer sich an Frank macht) . Frank . Zurück, Metzger, – es würde mir leid tun – Fleischer . Hinaus, Vagabunden! Macht die Türe auf – jemand! Starker (an der Türe) . Sie sind arretiert. Sie sind alle arretiert! Weller (der den zitternden Amtsrichter sanft in den Armen hält, aber vom Krämer wütend angegriffen wird) . Noch nicht, soviel ich sehe. Aber komm hierher, Haselstock, wenn du Prügel willst! Krämer . Was, Waldhausen keine Heroen? Drauf, drauf! Präzeptor . Auch ich! auch ich! Durchbrecht den Feind! Formiert eine Phalanx, wie uns Philipp von Mazedonien lehrte, – au! – Fleischer, nehmt Euch doch in acht! Ihr haut ja auf meine Nase! Frank . Halt dich, Weller, halt dich! Ich schlag' mich zu dir. Weller . Keine Eile! Ich habe einen ledernen Schild wie dein bester Neuseeländer! Unterhalte dich nur auf eigene Rechnung. (Weller weiß den Amtsrichter immer zwischen sich und seine Gegner zu stellen, so daß derselbe zu öfterem von dem hitzigen Krämer getroffen wird.) Krämer . Drauf Waldhäuser! – Bitte um Entschuldigung, Herr Amtsrichter, – drauf! (Allgemeiner Tumult.) 13. Szene. Die Vorigen. Minchen , und hinter ihr der Affe, zur Hinteren Türe hereinstürzend. Minchen (mit Geschrei) . Hilfe, Hilfe! Ein Wilder, ein Teufel! – Hilfe! – Um Gottes willen! (Der Affe, mit einem Stock bewaffnet, springt mit einem Satz in die Stube, wirft die Lichter um, und bearbeitet, von Schulter zu Schulter hüpfend, die Köpfe der Kämpfenden; es entsteht eine allgemeine Flucht.) Frank . Drauf, Cäsar! Drauf, Junge! So ein Vieh ist drei Mann wert! (Krämer und Fleischer suchen sich einige Augenblicke zu halten. Der Tumult zieht sich gegen die Türe rechts im Vordergrund. Der Amtsrichter hat mit Behendigkeit den Sekretär, Starker den Kachelofen erstiegen. Während des Tumults:) Pflichterer (schreiend) . Arretier' Er den Affen! Bei Seinem Amt – arretier' Er den Affen! Starker, will Er vom Ofen herunter! (brüllend) Starker! Starker . Sehr wohl, Herr Amtsrichter. Aber wie soll ich denn herunterkommen? Der Ofen ist furchtbar hoch. Ich seh's jetzt erst. Von oben herab ist er furchtbar hoch, Herr Amtsrichter. Pflichterer . Setz Er sich hin und laß Er sich herunter. Starker . Wenn jemand einen Tisch heranrücken wollte und einen Stuhl drauf stellen, – man sieht's von unten gar nicht, wie hoch es ist. Pflichterer (desperat) . Setz Er sich hin, bei Seinem Amt! Sieht Er nicht, wie die Bestie den Fleischer mißhandelt? (Der Fleischer ist der letzte der Fliehenden, Er stolpert und fällt, ehe er die Türe erreicht. Der Affe setzt sich auf seinen Rücken fest und prügelt ihn mit Eifer; Starker läßt sich nieder und fährt schreiend wieder auf.) Starker . Au! au! Der Ofen ist heiß und meine Amtshosen sind sehr dünn. Sie sind im fünften Jahr, Herr Amtsrichter! Pflichterer . 'runter mit ihm, 'runter! Frank (zu Weller) . Ich denke, der Metzger hat sein Teil. Laß ihn laufen! Weller (nimmt den Affen, am Halsband; der Fleischer kriecht behend zur Türe hinaus) . Man sollte den Kleinen in Gold fassen. Pflichterer (vom Sekretär herabsteigend) . Vielen Dank, mein Herr, vielen Dank! Halten Sie das Tier fest, ja recht fest. Ich werde Ihr heldenmütiges Betragen – die Bestie kann sich doch nicht losreißen? – höheren Orts zu rühmen wissen. Der andere Herr, der der Eigentümer des Tiers zu sein scheint, wird vielleicht die Güte haben, meinen Diener zu begleiten. Starker (der mittlerweile ebenfalls vom Ofen herabkommt, stellt sich hinter Frank) . Weller . Soll ich loslassen, Frank? Pflichterer (mit rascher Bewegung gegen den Sekretär) . Um Gottes willen nicht! Sie haben mich vollständig mißverstanden. Nur der Form wegen, versteht sich, nur der Form wegen, meine Herren! – Natürlich, Sie wissen, – wilde Tiere, aus Afrika – ohne Paß – Stimmen von außen . Die Scharwacht kommt! Platz für die Scharwacht! Pflichterer . Mit einem Wort, Verehrtester, ich bin es meiner Stellung schuldig, diesen Herrn, den ich in keiner Weise mit Ihnen in Verbindung bringe, – halten Sie doch ja fest, das Tier wird so unruhig, – diesen Herrn arretieren zu lassen. Weller (zu Frank) . Soll ich loslassen? Sag ja! Pflichterer . Nein, nein, nein, nein! Beileibe nicht! Starker . He, hat man verstanden? Will man sich rühren? Vorwärts! Frank . Mir ist so wirr und wild im Kopf, als wär' alles nur ein Traum. Weller . Ein verfluchter Spektakel! Frank . Ein Lärm, als ginge die Welt entzwei, – meine Welt. Starker . Vorwärts, Vagabund, Affentreiber! Soll ich ihn krumm schließen, – heute nacht wenigstens, Herr Amtsrichter? Weller . Ich lasse los. Ein Wink, Frank, und die Bestie ist ihm am Hals. Pflichterer . In die Herrenstube. Starker, natürlich in die Herrenstube! Sie haben doch das Tier ganz in Ihrer Gewalt, mein Wertester? (Die Scharwacht ist an der Tür.) Frank . Laß es gehen, wie's will! Ich wollt', ich läg' im Tschadsee! (Die Scharwacht dringt ein.) Weller . So wären wir ja wieder in der Patsche wie vor Jahren. Anders ist's ihm gar nicht wohl. (Frank wird von Starker und der Scharwacht abgeführt.) Zweiter Akt. 1. Szene. Eßzimmer in der Wohnung des Amtsrichters. Einfach bürgerliche Einrichtung. Emilie . Gretchen (bringt die Tassen zum Frühstück herein). Emilie . Geh in den Hof, Gretchen, und sieh nach den Hühnern. Ich will die Tassen schon besorgen. (Die Magd ab. Emilie legt den Tisch aus und singt dabei) . O dürft' ich sagen, wer mein Schatz, Ihr Vögelein im Walde! Mein Vater sitzt so stumm und still, Meine Mutter es nicht hören will; Ihr singt den lieben langen Tag, Was jedes singen und sagen mag. In eurem grünen Walde. O dürft' ich fragen, wo mein Schatz, Ihr Vögelein im Walde! Er zog davon, er ist so fern; Ich blieb daheim und wüßt's so gern; Ihr fragt, solang die Sonne lacht, Wo jedes ist, was jedes macht, In eurem grünen Walde. Doch denken darf ich, wie mein Schatz, Ihr Vögelein im Walde! Mich herzt' und küßte, als er kam, Und Abschied nahm, und Abschied nahm; So was zu denken habt ihr nicht, Solang's auch scheint, das Sonnenlicht, In eurem grünen Walde. (Sie geht ans Fenster und sieht hinaus.) Ich glaub', ich kann's nicht satt werden, so oft auch die liebe Sonne über unsere Berge heraufkommt, so oft auch das zerknitterte Blättchen unter meinem Kopfkissen geruht hat, ich muß es wieder lesen. (Holt aus der Tasche ein Zeitungsblatt, das sie entfaltet,.) – Du treuer, edler Mensch; o, ich sah's in deinen Augen, was du für ein Herz hattest, eh's den andern davon träumte! – Hier ist's! – Nur geschwind den Schluß, ehe sie kommen. Der Schluß ist doch das schönste: »Der Löwe« – nein, weiter unten: – – »Der Prinz und Frank springen in demselben Augenblick auf ihre Füße. Ein stummer Händedruck über der Riesenleiche des erlegten Königs der Wüste sagt alles, was sich die kecken Jäger zu sagen haben. Aber der Held unserer Geschichte, mit Stolz sagen wir: unser Held, wird jenen Händedruck seines Fürsten so bald nicht vergessen.« – O Heinrich, mein Heinrich! und du bist wieder zurück nach sechs langen Jahren und ich soll dich wiedersehen, reich, glücklich, geehrt als der Retter deines Fürsten! Ich kann's kaum fassen! Ob er mich vergessen hat? Sechs Jahre sind lang und sein Leben war wild genug dazu. Vergessen? dumme Frage! Mein Heinrich kann nicht vergessen. Und jetzt kommt er wieder, vielleicht morgen, vielleicht heut'! Er fährt an, im Wagen seines Fürsten natürlich, der Jägerbursch von damals, und die Waldhäuser stecken die Köpfe aus den Fenstern und fragen sich: wer ist's? wer ist's? und auch mein Fenster soll auffliegen (sie reißt das Fenster auf, ziemlich lebhaft) und ich will ihnen sagen: es ist mein Heinrich, Waldhäuser! es ist der Jägerbursch von Scharfeck, Waldhäuser! es ist der Retter – 2. Szene. Emilie . Amtsrichter Pflichterer (halb angekleidet, einen Stiefel in der Hand) . Pflichterer . Um Gottes willen, Emilie, wer ist denn drunten? Emilie (dreht sich rasch um) . Guten Morgen, lieber Papa! Ach, Gott Lob und Dank, daß diese Nacht vorbei ist! Wie hast du uns erschreckt! Die Tante sagte, sie habe gerade vom seligen Onkel geträumt, wie ihr den Räuber hereinbrachtet. Pflichterer (macht langsame Bewegungen, erst mit dem linken, dann mit dem rechten Arm, drauf mit den Beinen) . So: Gott Lob und Dank! – so! (zieht stöhnend den zweiten Stiefel an) . Drin wär' ich! Und vorher fragst du nicht, ob dein Vater noch den Gebrauch all seiner Gliedmaßen besitzt, nach den gräßlichen Erlebnissen von gestern nacht? Emilie . Aber ich seh's ja, lieber Vater. Pflichterer . Siehst du's – ei, siehst du's? Kannst du sehen, was ich nicht einmal spüren kann, eh' ich alles sorgfältig untersucht habe? Du siehst's? So! kannst du deinem Vater in den Leib sehen, leichtsinniges Ding? Emilie . Aber, bester Vater, dich hat doch niemand angerührt. Auch war nur ein Aufrührer oder zwei im Kampf und Ihr waret ja die ganze Stadt. Pflichterer . Angerührt! Hab' ich dir von dem wilden Tier nichts gesagt, von der afrikanischen Bestie, die wir bekämpften? Ist es nicht genug für einen 66 jährigen Mann – 45 Jahre bin ich morgen im Dienst, Emilie –, auf einem Schreibtisch hinaufzuklettern ohne Beihilfe? Wenn du einmal 66 Jahre alt bist, wird dir's auch nimmer so leicht sein, auf einen Schreibtisch hinaufzuklettern ohne Beihilfe, oben hinauf, auf den zweiten Stock gewissermaßen. Emilie . O, es würde mir jetzt schon schwer fallen. Pflichterer . Siehst du! Und nachher wieder herunter! Der Starker war wieder einmal zu gar nichts zu brauchen. Ist die Tante auf? Emilie . O ja, schon längst, und hat schon gefrühstückt. Sie hat eben den Schnell drunten, den Postillon, der die Gänse nicht gebracht hat. Pflichterer . So, weiß sie's schon? Schön, schön! – Es ist mir lieb, daß ich's ihr nicht zu sagen brauche. Den Schnell hat sie drunten? – hm, der braucht kein Salz zu seiner Morgensuppe heute. Emilie, wo ist denn aber der Zucker? Emilie . Ach verzeih, lieber Vater! Pflichterer . Und meine Tasse steht an der Tante Platz. Ich weiß gar nicht, Emilie – Emilie (geschäftig den Tisch ordnend) . Es war auch eine so wilde, böse Nacht; man konnte kein Auge zutun! Erst brachtet Ihr den Kommunisten, oder was er ist, in die Herrenstube. Dann fiel der Starker die Treppe herunter; ihm sei's noch ganz schwach, sagte er zur Tante, nach der Schlacht. Dann kam das Gretchen von der Post und brachte die Gänse nicht. Pflichterer (Kaffee trinkend) . Ich bin nun neugierig, was wir jetzt mit den Gänsen tun, wenn die Tante hereinkommt. Ich glaube, sie wollte den Herrn von Blumenreich dazu einladen. Der ist doch ihr Liebling, – hm? Emilie . Sie sind ja aber jetzt nicht da! Pflichterer . Das ist's eben, Emilie, und ich glaub', der Herr von Blumenreich ist schon eingeladen. Jetzt bin ich nur begierig, was wir mit dem Herrn von Blumenreich anfangen, wenn er schon eingeladen ist. Ist das neue Intelligenzblatt noch nicht gekommen? Emilie . Doch, lieber Vater; hier ist's. Soll ich dir wieder einschenken? Pflichterer . Vergiß den Zucker nicht, Kind! Die Tante macht mir den Kaffee immer etwas zu bitter. – O – ho – – was ist denn das? – nein! – – – Emilie . Ist ein Unglück passiert? – Pflichterer (lesend mit steigender Aufregung) . – Das kann doch kaum – wie? – hör' einmal: »Das Gerücht geht, daß Se. Durchlaucht, unser gnädigster Landesherr, binnen kürzester Frist Waldhausen mit Höchstihrer Anwesenheit beglücken dürften. Seine Durchlaucht sollen die Absicht haben, im strengsten Inkognito unter seinen Untertanen zu weilen. Eine echt fürstliche Idee, wie sie die Weltgeschichte nur bei Herrschern wie Karl dem Großen, Harun al Raschid und Kaiser Josef aufzuzeichnen Gelegenheit hatte. Wohl dem Lande, dessen Souverän sich in solcher Weise bemüht, dem Wohl und Wehe jedes einzelnen seiner Untertanen nahezutreten.« Ein hochwichtiger Artikel, das! Wohl und Wehe! – in kürzester Frist – inkognito – Wo sind meine Stiefel, Emilie? Emilie . Du hast sie ja schon angezogen, lieber Vater! Du willst doch nicht ausgehen? Pflichterer . Inkognito – in kürzester Frist! und gerade in diesem Augenblick, wo ich Kassensturz habe, wo gewissermaßen die Revolution uns nahe tritt, wo die Gefängnisse mit Kommunisten angefüllt sind, die meine ganze Amtsführung in Mißkredit bringen, – wo – wo – wo ein wildes Tier den Autoritäten (es klopft wiederholt) – meinen Staatsrock, Emilie! Er kommt, schnell, er kommt! Emilie . Ich bitte dich, bester Vater, ich glaube, es ist nur der Starker. Pflichterer (zurücksinkend) . Ja, ja, du kannst recht haben; Gott sei Dank! Herein! 3. Szene. Starker . Die Vorigen. Pflichterer (faßt sich sehr rasch) . Er kommt gerade wie gerufen, Starker! – Starker, ich hab' Ihm eine höchst wichtige Mitteilung zu machen. Hab' Er ein scharfes Auge auf alle Fremden, die nach Waldhausen kommen, ein sehr scharfes Auge; – im goldnen Hirsch und im roten Ochsen besonders. (Zu Emilie.) Ins Rößle geht er doch nicht, denk' ich. – Weiß Er, was inkognito ist, Starker? Reisende, die inkognito erscheinen? Starker . Sind's Spitzbuben, Herr Amtsrichter? Pflichterer . Manchmal, Starker, manchmal. Starker . Ho, ho, ich merke! Unbekannte Landstreicher, Mausfallenhändler, Affentreiber. Pflichterer . Manchmal, Starker, aber – – Starker . Gut, schon gut, – verzeihen Euer Gnaden, – aber ich komme mit der wichtigsten Nachricht, der allerwichtigsten Nachricht in eben derselben Angelegenheit. Pflichterer . Ich will nicht hoffen – Starker . Wünschen der Herr Amtsrichter die wichtige Nachricht gleich zu vernehmen oder nach dem Kaffee? Pflichterer . Immer zu, Starker – Starker . Ich brachte heute früh dem Gefangenen in der Herrenstube die vorgeschriebene Morgensuppe. Verzeihen der Herr Amtsrichter, aber ich muß mit dem Anfang anfangen. Die Schüssel hatt' ich in beiden Händen und so konnt' ich natürlich die Türe nicht aufschließen. Na, denk' ich, ich schrei' meinem Hansel, der Bub' ist zu was zu brauchen; denn hinstellen konnt' ich die Schüssel nicht, ohne sie zu verschütten, und das geht gegen die Instruktion. Pflichterer . Gut, Starker, gut. Mach' Er vorwärts! Starker . Der Herr Amtsrichter sollen zufrieden sein. Wie ich so an meinen Hansel denke, hör' ich den Gefangenen sich regen und ein Gespräch mit sich selber anfangen, laut genug für eine kleine Volksversammlung. Halt, denk' ich, du schreist dem Hansel nachher, wenn der Herr drinnen fertig ist; man kann nie wissen, wer in der Herrenstube sitzt, bis man's weiß, und so wart' ich geduldig mit der Schüssel in den Händen meine fünf Minuten zum wenigsten. Pflichterer . Ja, und was hörte Er denn da? Das war einmal klug von Ihm, Starker. Starker . Ja, wenn ich's nur wieder sagen könnte, – o – hätt' ich's nur behalten können! Das ging über Freiheit und Asien und Luft und Löwen und Seine Durchlaucht wie ein Mühlrad aus einem Mostschlauch im Kopf herum. – Pflichterer . Besinn' Er sich und red' Er nicht so konfus! Hat Er denn gar nichts behalten können? Starker . Doch, doch, sehr viel. Einmal schrie er zum Exempel: »Alles ist zerschlagen und alles ist zerbrochen!« 's war aber, wie ich nachher sah, kein wahres Wort dran; denn der Krug und die Fensterscheiben sind noch ganz und der alte Stuhl hatte von jeher nur drei Beine. Dann ging's los über Freiheit und Gleichheit und Beduinen und Seiner Durchlaucht Name wurde mehreremal mißbraucht. Pflichterer . Wie? wie? Starker, ich werde Seine Angaben zu Protokoll bringen. Besinn' Er sich, Starker! Ich werde Seine Angaben zu Protokoll nehmen! Starker . Haben Euer Gnaden nur ein wenig Geduld. »Prinz Adolf«, sagte er einmal – »werde ich je deine Hand wieder drücken wie damals in der Wüste zu« – ja, den Namen behalt der Teufel! Emilie (für sich, halblaut) . Himmel, was war das? Pflichterer . Ist's ein Komödiant? Starker . So was muß er sein; denn später deklinierte er: »Wie werden des Fürsten edle Freiheitstriebe ersticken in dem Haufen von Aktenstaub, den er sein Land nennt!« Pflichterer . Aktenstaub – Land nennt? Das ist ja barer Unsinn, Starker! Starker . Ja, halten zu Gnaden, Herr Amtsrichter: meine Meinung ist, daß Kommunisten nie was andres sprechen. Und am Ende – aber ich kann's kaum sagen. Pflichterer . 'raus damit, 'raus damit! Genier' Er sich gar nicht! Starker (zu Emilie hinüberschielend) . Da fing er an, von einem süßen Mädchen – süß, sagte er, Herr Amtsrichter – Emilie (rasch, zitternd) . Sagte er nichts mehr von Freiheit und Gleichheit und dergleichen? Starker . Namen will ich keine nennen, aber ganz zerknirscht und weich wurde er, und die Suppe war fast kalt. Gefährlich ist's jetzt nicht mehr, dacht' ich, stelle die Schüssel auf den Boden und schließ' sachte auf. Pflichterer . Höchst verdächtig, all das höchst bedenklich! Werde gleich heute das erste amtliche Verhör anstellen! Nächste Woche können wir dann vielleicht schon das zweite – Starker . Aber ich bin noch nicht zu Ende, wenn der Herr Amtsrichter befehlen. Wie ich durch die Türspalte sehe, sitzt der Delinquent am Fenster und spielt mit einem goldenen Ding, just wie eine kleine Uhr. Nur waren auf dem Deckel Buchstaben. Und wie er mich gewahr wird, flugs verschwindet das Ding hinter seiner Weste. Ein Taschendieb also, sehr gut! denk' ich, aber eine Haussuchung in dieser Weise könnte nichts schaden, wenn der Herr Amtsrichter erlauben. Emilie (leise) . Waren die Buchstaben blau? Starker . Wa – was, wissen Sie's denn auch schon? Emilie (hinausstürzend und dabei die Tante fast umrennend) . O himmlische Barmherzigkeit – er ist's! 4. Szene. Die Vorigen ohne Emilie. Konstanze . Konstanze (Emilien einen Augenblick nachsehend) . Gispel! (auf Pflichterer zu) . Ja, das nützt jetzt alles nichts: Du und Starker und ein paar Buben müssen diesen Augenblick hinaus ans Haidewiesle. Der Postillon sagt: er habe keine Zeit, er habe Dienst. Weit können sie nicht geflogen sein. Es sind eine Masse Pfützen dort herum, wo sie sich aufgehalten haben. Und ich sag' dir, Martin, daß mir der Starker die Gänse mit heimbringt! Pflichterer . Aus Haidewiesle? – zwei volle Stunden? – heut' ? Ja, liebe Konstanze, das geht ja nicht, morgen vielleicht. Konstanze . Ich bitt' dich, Martin, mach' mich nicht ärgerlich. Ich hab' heute schon genug mit deinem Leichtsinn durchgemacht. Verzeih mir, Martin, aber ich heiß' es Leichtsinn, einem Menschen, wie dem Schnell, drei Gänse anzuvertrauen. Weißt du, wie sie davonkamen? Endlich hab' ich's heraus. Der Kerl hatte von Münchingen an keine Passagiere mehr und da setzt er die Gänse ohne weiteres in den Wagen. Beim Haidewiesle muß der Schlag aufgegangen sein und da sind sie natürlich ausgestiegen. Er sagt: er habe angehalten und sie eine halbe Stunde in der Nacht im Wald herumgejagt. Er könnte mir ebensogut sagen, er habe sie gebraten und mit Haut und Haar aufgegessen, der Lump! Pflichterer . Aber, liebe Konstanze, wie soll denn dann ich – Konstanze . Gretchen, bring' Sie dem Herrn die Stiefel! Pflichterer . Ich Hab' sie ja schon an. Sei nur auch ein wenig geduldiger! Wie soll denn ich die Gänse fangen, wenn der Postillon – ist's der Schnell? Konstanze . Du – ganz einfach. Du nimmst zwei Buben. Die Buben treiben die Gänse, der Starker treibt die Buben und du treibst den Starker. Anders geht's nicht. Ich weiß, wie die Leute sind hier. Am Ende fangen sie die Gänse, nehmen sie heim und machen dir weis, daß man sie nicht gefunden habe. Bei jeder Bagatelle muß man selbst sein, 's ist ein Elend in diesem Waldhausen. Starker . Wenn sie nur nicht nach Schlicklingen zurückgelaufen sind, verzeihen Sie, Frau Tante! Konstanze . Dann läuft Er auch nach Schlicklingen und hält's Maul. Pflichterer . Nein! wirklich nein, liebe Konstanze; es geht in der Tat nicht. Ich habe eine höchst wichtige Nachricht erhalten. Laß dir einmal vorlesen, beste Konstanze; hier ist's! – echt fürstliche Idee – Seine Durchlaucht – Mein Gott, mein Gott! wenn mich Se. Durchlaucht anträfen, wie ich auf dem Haidewiesle Gänse fange! Sr. Durchlaucht Amtsrichter von Waldhausen! es geht schlechterdings nicht! Konstanze . Was nützt all das Geschwätz! Ihr könntet schon längst vor der Stadt sein! Pflichterer . Was es nützt? Nützt's denn gar nichts?! Starker . Und dann der Kommunist, der Affentreiber, Euer Gnaden! Pflichterer . Freilich, freilich: das Verhör, das auf heute angesetzt ist – Konstanze . Affentreiben und Gänsehüten! Affenhüten und Gänsetreiben! Ein rechter Absprung von deiner Würde! Pflichterer . Aber bei dem Wetter, liebe Konstanze! Sieh nur einmal die Wolke, die dort hinter dem Wald herumschleicht – ganz weißlich – wie Hagel. Konstanze . O Bruder, Bruder! willst du mich wirklich zur Verzweiflung bringen? Das Wetter! – das Wetter! – und weiter weißt du nichts? Starker, weiß Er noch was? Ihr zwei haltet doch immer zusammen, wenn's gilt; – du meine himmlische Güte! da kommt der Baron von Blumenreich angeritten und der Frühstückstisch ist noch nicht abgeräumt und die Läden im Salon sind noch zu; – Emilie! – Gretchen! – und du stehst noch immer da wie ein vergessener Regenschirm! – Fort mit euch! flink! Er ist schon am vordern Tor. Geht die Hintertreppe hinab, sonst dauert's eine Ewigkeit! Pflichterer . Regenschirm. Ist doch eine vortreffliche Frau, Starker, meine Schwester. Hätt's, weiß Gott, vergessen. Wie leichtsinnig! (ruft zur Türe hinaus:) Emilie, meinen Regenschirm! Emilie, – wo ist denn mein Regenschirm? 5. Szene. Emilie . Die Vorigen. Emilie . Hier, lieber Vater. Und hier hast du deinen Hut. Pflichterer . Ja, glaubst denn auch du, Emilie, daß – Konstanze . Nun, wird's bald? Willst du nicht auch den Krämer vorher fragen und den Hansel im Hirsch? Hat Er keine Beine, Starker? Emilie, du gehst in den Keller und holst eine Flasche Malaga. Der Baron muß schon auf der Treppe sein. Emilie . Auch das noch! Pflichterer (gegen die Türe geschoben) . Ja, muß ich denn? muß ich denn wirklich? Emilie . Zu all meinem unaussprechlichen Elend auch den noch! Konstanze . Nun, Emilie, soll ich dich zweimal bitten? Emilie . Liebe Tante (von einem plötzlichen Gedanken erfaßt) – die Nacht war auch so – ich hab' schon das ganze Haus ausgesucht, aber ich kann meine Schlüssel nicht finden. Konstanze . O du leichtsinnige Kreatur! was fang' ich an? Emilie (verlegen, aber mit fieberhafter Entschlossenheit) . Einer der Schlüssel von Starkers Bund macht den Keller auf. Konstanze . Starker, wo hat Er seine Schlüssel? Starker . Hier, Frau Tante. Konstanze . Hört Er nicht? Geb Er her! Mach Er, daß Er fortkommt! Starker . Ich will ja den Keller aufschließen, wenn die Frau Tante befehlen. Konstanze . Geb Er her, sag' ich! Braucht Er die Schlüssel zum Gänsefangen? Fort! Emilie (abseits, mit den Schlüsseln klingelnd) . Euer Kellerschlüssel schließt mein Paradies auf! – Sehen muß ich ihn und – und wenn mir's das Herz bricht! (Alle ab außer Konstanze, die vor den Spiegel tritt und sich ihre falschen Locken aufsetzt, während Gretchen den Tisch abräumt.) Konstanze . O diese Männer! diese Männer! Was wäre das ganze Pack, wenn sie uns nicht hätten! (Es klopft.) Herein! 6. Szene. Blumenreich . Konstanze . Blumenreich . Werden Sie mir verzeihen, Madame, daß ich mir so früh die Freiheit nehme? Konstanze . Was verzeiht man nicht einem Dichter, Baron? Blumenreich . Und der Liebe, meine Gnädigste. Beide kennen keine Zeiten. Früh und spät sind sie bereit, ihre Ideale anzubeten und ihren Göttern Opfer darzubringen. Konstanze (geziert) . Kommen Sie deshalb, Baron? Blumenreich . Bin ich je aus andern Gründen zu Ihnen gekommen? Konstanze . Um mich meiner Nichte zu opfern! Schön von Ihnen. O diese Jugend! diese Zeiten! Soll ich sie rufen? Blumenreich . Im Gegenteil. Ich komme in der Tat zu Ihnen, hochgeschätzte Dame, diesmal ganz besonders zu Ihnen. Konstanze . Spötter, – um Sie nichts Schlimmeres zu nennen. Blumenreich . Ach, wenn Sie wüßten, wie fern mir in diesem Augenblick Spott und Scherz liegt, mit wie schwerem Herzen ich mich heute erhoben habe, welch gräßliche Träume meine schlaflosen Nächte – Konstanze . Großer Gott, Sie erschrecken mich, Baron. Sind Sie krank? Was hat sich zugetragen? Ist am Ende – verzeihen Sie einer mütterlichen Freundin, – ist am Ende das Examen – Blumenreich (wehmütig lächelnd) . Schlimmer, schlimmer! Konstanze . Schlimmer, schlimmer? – Sie spannen mich auf die Folter! schlimmer? – Haben Sie Erbarmen mit mir! Blumenreich . Sei's denn! Ihr Mitgefühl macht mir die Eröffnung leichter und eine zweite Nacht, wie diese, würde ich nicht allein tragen. Sie erinnern sich vielleicht meines Onkels in Thüringen, von dem ich Ihnen wohl schon erzählte. Konstanze . Ich kann mich im Augenblick wirklich nicht entsinnen. Großer Gott! Sie haben mich ganz aus der Fassung gebracht. Blumenreich . Wir – ich meine die Blumenreich, die Familie, betrachten ihn gewissermaßen als das Haupt des ganzen weitverzweigten Stammes und das Wort des ehrwürdigen und liebenswürdigen Greises galt bisher stets als Gesetz in unsern Familienangelegenheiten. Seit ich, auf seinen Wunsch, die Universität bezogen, hatte ich keine nähere Verbindung mit ihm und so kam es, daß ich durch meine natürliche Neigung in eine Laufbahn getrieben wurde, die den Ansichten und Wünschen des stolzen Mannes vollständig entgegengesetzt ist. Konstanze . Ich zittere, mein lieber Baron. Blumenreich . Hören Sie weiter. Mein Examen, das glänzendste, das seit einer Reihe von Jahren gemacht worden ist, veranlaßte den Rektor der Universität, ein feierliches Gratulationsschreiben an meinen Onkel zu senden. Unglückliche Idee! Gestern abend erhalte ich ein Schreiben meines Onkels, das all meine Hoffnungen zu zertrümmern droht, »Wie, lieber Artur«, schreibt er nach einer kurzen Einleitung, »Du solltest Dich soweit vergessen haben, in den Dienst eines jener durch unser Eigentum groß gewordenen Fürsten treten und an einem Schreibtisch gewissermaßen Dein Brot verdienen zu wollen wie der Junge eines Gerichtsdieners oder der Neffe meines Stallknechts? Artur, ich schäme mich Deiner. Hast Du nicht Stolz genug, Deine Selbständigkeit allem vorzuziehen, was Dir ein Dienst bieten könnte, der, wenn ich recht weiß, der Kanaille förmlich offen steht?« Konstanze . Ach, wie ich Sie um einen solchen Onkel beneide, Baron! Er hat bitter recht, Ihr Onkel! Blumenreich . Wie, auch Sie vergessen die Gesinnungen Ihres Bruders? Vergessen die Bedingungen meines Glücks, meiner irdischen Seligkeit? Konstanze . Meines Bruders? (nachdenklich) Meines Bruders? Allerdings, Sie haben recht, das muß überlegt werden. Blumenreich . Was ist viel zu überlegen? Der Herr Amtsrichter schien sehr positiv, als wir die Sache verhandelten. Ach! Sie sehen in mir den unglücklichsten der Menschen. Auf der einen Seite der Unwille meines Onkels, auf der andern der Verlust von allem, was mir dieses Leben wert macht. Welch qualvolle Wahl! Konstanze . Wäre denn der Onkel nicht vielleicht – Blumenreich . Ha, wenn Sie ihn kennten! Ein Mann wie Feuerstein, der Funken gibt, wenn seine Lieblingsideen unsanft angeschlagen werden. Konstanze . Und dann – mein Bruder! Aber so schnell räumen wir das Feld denn doch nicht. Sehen Sie! Sie wissen ja, daß mein Bruder mir gewöhnlich gern den Willen tut, selbst wenn es ihm sauer fällt. Hinter seinem Rücken muß ich ihm nachsagen, er hat mir nur einmal in seinem Leben ernstlich widersprochen, und das war in der Nacht nach der Verhandlung, auf die Sie anspielen. Ach, diese Szene! Zwei Nachtwächter verlangten wegen des Lärms eingelassen zu werden, aber er blieb fest. Schließlich gelang's ihm, sich in sein Schlafzimmer einzuschließen, das er zwei Tage lang nicht mehr verließ. Aber es half nichts. Ich hätte ihn aushungern müssen, er wäre fest geblieben. Blumenreich . Unbegreiflich! Bei einem so guten Mann rein unbegreiflich! Konstanze . Der beste Mann hat seinen Sparren, glauben Sie mir, Baron! Ihr Onkel hält's für eine Schande, in den Staatsdienst zu treten, mein Bruder kennt nichts anderes und haßt und verachtet alles, was drüber oder drunter liegt. Blumenreich . Welch hingebende Vaterlandsliebe! Wie beneide ich Sie um einen solchen Bruder, Madame! Konstanze . Nichts zu beneiden! Dazu liebt er seine Tochter kindisch. Blumenreich . Wer verdiente es besser? Konstanze . Nun, sehen Sie, lieber Baron, das ist im Augenblick Ihr Sparren. Und mit Gewalt soll Emilie reich und geehrt und geliebt werden, aber nur im Staatsdienst; das versteht sich! Eine musterhafte Aufführung auf der Universität ist Vorbedingung, ein gutes Staatsexamen unerläßlich. So waren die Artikel fertig, die er die Unverschämtheit hatte, Ihrer Bewerbung entgegenzusetzen. O, ich weinte Tränen in jener Nacht, – seit 15 Jahren preßte er mir die ersten Tränen ab – um Sie, Baron! Blumenreich (zärtlich) . Freundin! Mutter! Konstanze . Aber büßen soll er's, büßen! Und mit Ihrem Staatsdienst machen Sie sich keinen Kummer. Lassen Sie mir nur Zeit, – nur drei Wochen Zeit. Weich soll er werden, daß er seine Tochter einem Postillon nicht mehr abschlägt! Blumenreich . Das ist's eben, meine Gnädigste: Wir haben keine Zeit. Heute oder nie. Hören Sie, wie mein Onkel seinen Brief beschließt. »Unter allen Umständen komme augenblicklich zu mir nach Thüringen. Eine junge Dame, Deine Künftige, wenn das Wort Deines Onkels Dir noch etwas gilt, ist auf Besuch bei uns. Urteile, wenn Du sie gesehen hast, ob ich Geschmack mit meinem wohlüberlegten Plane verbinde, aber nimm Extrapost, weil den verfluchten Eisenbahnen nicht zu trauen ist. Dein Onkel Wolfram von Blumenreich.« Konstanze (in ihren Stuhl zurücksinkend) . Das geht über meine Nerven! Die Ochsen – die Ochsen stehen – am Berg – (lange Pause) . Blumenreich (Konstanze aufrichtend; leise) . Wenn ich ihm nicht mit einer Verlobungskarte antworte, bin ich verloren. Konstanze . Und wenn – was dann? Blumenreich . Ach, Sie kennen meinen Onkel nicht. Er ist zu sehr Kavalier, um der Braut seines Neffen auch nur mit einem unzarten Worte zu begegnen. Konstanze (auffahrend) . So wäre also nur mein Bruder im Wege, nur mein Bruder! Blumenreich . Nur Emiliens Vater, wenn Sie gewiß sind, daß die Heißgeliebte sich so schnell entschließen kann. Konstanze . Sprechen Sie mir nicht von dem Kind! Mein Bruder! allein mein Bruder! Muß der Narr auch gerade diese Narrheit haben! Ist's nicht, um aus der Haut zu fahren? Wie viele Tage lassen Sie mir Zeit? Blumenreich . Zwei, im äußersten Fall. Sie kennen meinen Onkel nicht. Konstanze . Zwei? Ich weiß, wenn ich versuche, ihn auszuhungern: solange hält er's aus! – Nicht mehr, Baron? Blumenreich . Nicht mehr! Konstanze . So sind wir verloren. Gegen die Dummheit kämpfen – wie sagen Ihre Dichter? (lange Pause) . Blumenreich (geheimnisvoll, leis) . Einer meiner Freunde gewann sein Glück in einem ähnlichen Fall – er heiratete die Prinzessin Pauline – auf eine eigentümliche Weise. Er ersuchte einen seiner Bekannten, im Hause seiner Braut den Fürsten von Ixkühl zu spielen und den Vater zu bitten, die junge Dame seinem Protégé zu geben. Der gute Vater tat's und das Ende war das Glück zweier Glücklichen. Konstanze . Warum erzählen Sie mir das? Haben Sie Zeit zu scherzen? Blumenreich . Ich weiß, Ihr Bruder achtet seinen Souverän über alles. Konstanze . Wie ein Engländer, wie ein Chinese. Blumenreich . Er hat ihn, soviel ich weiß, noch nie gesehen. Konstanze . Wie könnte er? Der Fürst ist ja ein halber Wilder. Blumenreich . Und ich habe einen Freund hier, – er gleicht dem Fürsten zwar nicht ganz – Konstanze (aufspringend) . Baron! – Baron! – (zurücksinkend) nein, es geht nicht. Blumenreich . Warum, Gnädigste? Macht Ihnen Ihre strenge Rechtlichkeit Skrupel? Ach, Sie kennen das Hofleben zu gut! Was ist eine kleine Intrige? Alle die Prinzen und Prinzessinnen, für die Sie jeden Sonntag in der Kirche mit loyaler Inbrunst beten, spielen wahrend der Woche nichts als dergleichen Lustspielchen. Konstanze . Aber wenn unser Fürst – ich meine unser Fürst entlarvt würde? Schließlich muß es ja doch an den Tag kommen. Blumenreich . Dann bin ich längst glücklicher Bräutigam, vielleicht der glücklichste der Ehemänner. Tante, Freundin, Mutter! können Sie zwischen mich und mein Glück treten? Konstanze . Mein Bruder – ich glaub', er würde mich vergiften. Blumenreich . O natürlich, Sie brauchen dann eine kleine Luftveränderung. Sie gehen auf etliche Monate auf eines meiner Schlösser. Konstanze (leidenschaftlich) , Baron, lassen Sie sich umarmen! – Baron! Baron! Wir sind gerettet! (Blumenreich ergibt sich mit einigem Widerstreben der Umarmung. Wählend der letzten Worte erscheint Emilie mit der Malagaflasche unter der Türe, wirft dieselbe mit einem Schrei mitten ins Zimmer und stürzt hinaus; der Baron und die Tante sehen sich verblüfft an.) 7. Szene. »Herrenstube«, ärmlich möbliertes Zimmer mit einem Fenster. Frank (allein). Frank . Mittag! Es geht alles seinen ruhigen Gang wie vor Jahren, Vermutlich denkt man vor einer Woche nicht daran, sich nach mir umzusehen. (Streckt und schüttelt sich) . Wie oft war ich schon in schlimmeren Lagen als heute in dieser Rattenfalle! Ist's die Luft, die mir allen Mut aus den Knochen zieht? Sind's die verfluchten engen Wände, die einem bleischwer auf der Brust liegen? Ist mir doch in meinem Leben nie so erbärmlich zumute gewesen! Schäme dich nicht, Frank, 's nützt doch nichts! Denn wie soll ich herauskommen aus dem verdammten Loch, ohne daß sie es merkt? Kann ich ihr unter die Augen treten nach sechs Jahren des Hoffens und Harrens, eingesteckt wie ein Vagabund, herumgeschleppt wie ein Mausfallenhändler? Und dann, wenn sie lange Umstände machen, – warum sollten sie's nicht? 's ist ja ihr Lebenselement! – und der Fürst kommt uns auf den Hals und hört die Geschichte? Sagte er mir nicht zum voraus haarklein, wie's kommen werde? Drückte er mir nicht ordentlich wehmütig die Hand, als die Berge von Triest am Horizont aufstiegen? »Lassen Sie Ihren Waldteufel in Afrika!« sprach er, auf den Affen deutend, der mit uns auf dem Verdeck herumspazierte. Ich verstand ihn nur zu gut. »Hoheit«, sagte ich, »ich glaube, der Waldteufel ist zahm.« »Will's Gott!« meinte er, ernster als ich's damals für nötig hielt: »Für Sie habe ich immer Platz in meinem Fürstentum; das wissen Sie wohl, lieber Frank; aber dem Waldteufel würde es zu eng werden. Werfen Sie das Vieh über Bord, mir zu Gefallen!« Ich tat's nicht. Das Herz hing mir an dem Tier und es war zahm. Aber kaum tu' ich den ersten Schritt in der alten Heimat, voll Sehnsucht, voll der süßesten Hoffnungen, voll der besten Entschlüsse– – 8. Szene. Emilie (hat die Türe vorsichtig geöffnet, dann vorstürzend). Emilie . Ja – er ist's! Heinrich! Nach sechs langen Jahren! Mein Heinrich! Frank . Emilie, o, ich ahnte dich! (lange stumme Umarmung) . Emilie . Mein Heinrich! – und hier muß ich dich wiederfinden! Frank (mit stolzer Freude) . Hier, Emilie! Was kümmert mich der Ort, wenn ich dich in den Armen halte? Hier, Emilie! Emilie . Mich kümmert er, Heinrich; mich kümmert mehr als das. Frank . Willst du dir die erste Minute verderben, mein Schatz? Wielange haben wir uns nach dieser Minute gesehnt, du im stillen Waldhausen, in deinem Stübchen, unter Rosen und Gelbveigelein, ich unter Palmen und Sykomoren, auf dem brausenden Meer und in der schweigenden Wüste. – O auch du! auch du! du kannst's nicht leugnen. Emilie . Aber hätt' ich ahnen können, wo wir sie feiern? O Heinrich! Frank . Du hättest dich doch gesehnt wie ich. Wir können's nicht lassen. Emilie (jubelnd ausbrechend) . Und da bist du wieder und ich hab' dich und halt' dich und küss' dich! So ganz der Alte! – (mit komischer Verzweiflung) . O, so ganz der Alte! Frank . Wolltest du einen Neuen? Emilie . Nein! nein! nein! Aber wissen sollst du's doch, wie weh du mir tust – Frank . Emilie, – noch eine Minute zur ersten, nur noch eine! (will sie umarmen, Emilie zieht sich zurück) . Emilie . Wie oft du mir weh getan! Frank . Oft? Emilie . Mit deinem wilden, gleichgültigen Wesen, mit deiner unverzeihlichen Rücksichtslosigkeit. Sieh, wenn andre Mädchen mir ihre Schatzkammer zeigten, ihre Briefe, die sie bogenweise, jede Woche drei, erhielten: was konnte ich zeigen in sechs langen Jahren? Ich war das ärmste Mädchen in der Stadt, Heinrich. Frank (lachend) . Aber, mein Schatz, am Kongo gab's keine Tinte, und die Schwarzen ließen sich nicht abreiben. Emilie . Nein! Du sollst jetzt nicht lachen! Da hatt' ich einen Brief mit dem Datum vor sechs Jahren aus Marseille. Das war bei deiner Abreise. Mit dem Brief schicktest du mir zwei große, garstige Schildkröten. Frank . Garstig, Emilie? Emilie . Ja, garstig, daß meine gute, selige Mutter einer Ohnmacht nahe war, als wir die Schachtel aufmachten. Sie laufen jetzt noch im Hof herum und erschrecken die Kinder. – Dann kam ein Brief aus Kairo und ein einbalsamierter Ibis. Der steht in meinem Stübchen und ist noch immer wohlerhalten. Manchmal, wenn eine meiner Freundinnen auf Besuch kam und wir von unsern Liebsten schwatzten, – dann mußt' ich den Ibis ansehen und denken: Ja, ja! der ist gerade wie seine Liebe. Der Vogel verdirbt nicht und wird nie mehr lebendig! Frank . Du tust mir unrecht, Emilie, du tust mir bitter unrecht. Emilie . Tatest du mir's nicht? – Denn das war, glaub' ich, alles. Frank . Was, alles? – Und der Brief von Bagdad, den ich einem armenischen Juden nach Jaffa mitgab, kam nicht an und einer von Rangoun und der Papagei von Buenos Aires? Emilie . O doch, doch! der Papagei kam. Erst hatte der Vater das Porto von Hamburg zu bezahlen. Wie dann die Tante im gerechten Zorn in mein Stübchen kommt, um mich's abverdienen zu lassen, und ich ihr zur Versöhnung mitteilen will, du schreibest, der Wundervogel spreche deutsch – Frank (freudig) . War auch ein Wundervogel! Drei Tage sucht' ich in allen Matrosenkneipcn der Stadt, bis ich einen deutschen Papagei auftreiben konnte. Keine Kleinigkeit in Buenos Aires! Was hätte dir's genützt, wenn ich einen geschickt hätte, der dir zuruft: How do you do, my dear fellow ! Emilie . Ja, was half mir sein Deutsch? Kaum war die Tante aufmerksam, – sie war damals erst zwei Wochen bei uns, und 's ist wahr, der Vogel hatte etwas Vornehmes zum Ansehen, – so schreit das Tier mit lauter Stimme: »Alte Schachtel, alte Schachtel!« Das Zwiegespräch solltest du gehört haben! »Was? Du impertinentes Tier!« fängt die Tante nach dem ersten Schrecken an. Der Lärm wurde gräßlich, der Vogel schlug mit den Flügeln, kreischte und schrie und die Tante war ganz außer sich. Das brachte den Vater die Treppe herauf, um zu sehen, was es gebe, und wie er die Türe öffnet, schreit der Vogel mit offenem Schnabel: »Du Spitzbub, du Spitzbub!« Da war's aus mit ihm. Frank . Schlugen sie ihn tot? Emilie . Sie wollten ihn schlachten und der Vater wollte sehen, ob man ihn essen könne. Aber ich litt's nicht und flüchtete ihn in den goldenen Hirsch. Da ging natürlich alles über mich. Frank (mitleidig) . Armes Mädchen, und das war alles für deine sechsjährige Treue? Emilie (heftig) . Nein, nicht alles! In den Zeitungen mußt' ich dann und wann finden, was der Herr Heinrich Frank, unser berühmter Landsmann, getan und gelassen habe. Ich ließ mich das Suchen nicht verdrießen. War's doch mein Heinrich, der berühmte Landsmann, und am Ende muß er ja wiederkommen, wenn's Gottes Wille ist. – Und er kommt, ja er kommt endlich, – aber wie! Frank . Emilie, halt ein! Emilie . Aber wie! Ich hatte wohl ein Recht, zu denken, er werde nach Waldhausen kommen, vielleicht im Wagen seines Fürsten, dem er das Leben gerettet, und werde vor der Vogtei anfahren und sich die kleine Mühe nicht verdrießen lassen, nach seinem alten Schatz zu sehen. Und richtig, er kommt nach Waldhausen, wann, weiß niemand, wie, weiß kein Mensch! Plötzlich ist er da und das erste, was man hört, – der erste Lohn für meine vergangene Mädchenjugend, die ich um dich verloren – Frank . Noch nicht ganz, Schatz, noch nicht ganz! Emilie . – das erste ist, daß er die ganze Kasinogesellschaft von Waldhausen zu ihrer eigenen Türe hinauswirft, und das zweite, daß er in der Herrenstube sitzt hinter Schloß und Riegel, – »der Affentreiber!« sagt der Starker. Für meine ganze geopferte Mädchenjugend, für meine gläubige, hoffnungslose, sechsjährige Treue, – (laut weinend) »der Affentreiber!« Frank . (verzweifelt) Hab' ich mehr für die meine? Bin ich nicht zehnmal ärmer als du? Emilie . (sich aufraffend) O nicht, als ob ich so ganz leer ausgegangen wäre, wie du vielleicht denkst, 's hat's mancher anderer versucht und sich's jämmerlich sauer werden lassen, die Stelle einzunehmen, die dir so gleichgültig ist. Ein Baron schickt mir seit einem Vierteljahr Broschen und Armbänder, ein Scheffelchen voll, und besingt mich bändeweis. Eins seiner Lieder ist länger als all deine Briefe zusammen. Vor drei Wochen bot er mir seine Schlösser und seine Hand an und alles, was er hat. Warum mußt' ich ihn fortschicken, als wär's ein Strohmann? O Gott, warum mußtest du mich strafen mit dieser unglückseligen Liebe? Frank . (der bis jetzt mit allen Zeichen der Zerknirschung dagestanden, wild auffahrend, von ihr weg, gegen das Fenster gehend) So wollt' ich doch, ich lag' im Tschadsee, wo er am tiefsten ist, oder wäre geköpft und gekocht nach Landessitte in Timbuktu! So wollt' ich doch, ich hätte meine schwarze Prinzessin geheiratet hinterm weißen Nil und wäre jetzt König und Fürst und zwei liebevolle Arme empfingen mich, wenn ich heimkäme vom Elefantenschießen – Emilie . (erschrocken) Heinrich! Frank . O, sie konnte auch: Heinrich ! sagen, fast so hübsch wie du, und wenn sie ihre schwarzen Feueraugen – Emilie . Heinrich, du willst doch nicht im Ernst sagen, daß du dich in ein so garstiges, schwarzes Ding verlieben konntest? Frank . Warum nicht? Ist dein Baron nicht schwarzer als alles, was auf der Welt schwarz ist? Emilie . Welche Idee! Frank . Das ist's eben. Auf die Idee kommt's an. Die Gewohnheit malt den Satan weiß. Sieht man jahrelang nichts als die dunkeln Kinder der Sonne, so fallen einem schließlich die europäischen Schuppen von den Augen. O, wenn ich an jenen Morgen denke! Ich hatte drei Vierteljahre mit dem wilden Stamm gelebt, erst als Gefangener, dann als Begleiter und schließlich als Freund ihres Fürsten. Meine Büchse, schon so oft mein einziges Hab und Gut, erwarb mir all das, selbst die Liebe des lieblichsten der Kinder Hams. Sie lehrte mich die tiefen Klänge ihrer Sprache, ich lehrte sie deutsch. Freilich brachte sie's nicht weiter als bis zum »Heinrich« und »guten Morgen«. Aber was tat's? Ich verstand das gute, sanfte Kind und sie mich, und an jenem Morgen, als ich zum alten König ins Zelt trat, traf ich die sechs Häuptlinge des Stammes bei ihm. Der König benachrichtigte uns mit feierlichem Ernste, daß er alt sei und des Herrschens müde. Alle Häupter des Stammes seien einig, mich zum König zu wählen, wenn ich sein einziges Kind zum Weibe nehme. Da trat sie herein, nach der Sitte jener Stämme, das liebliche Kind der Nilquellen, einen vollen Korb mit Datteln, Orangen und Blumen in den Händen. Durch ihre dunklen Wangen schlug das Rot, als sie vor mir niederkniete und wartete, daß ich sie aufhebe. Ja, sie fliegen einem dort nicht gleich an den Hals, um einem im nächsten Augenblick das Herz zu brechen! Emilie . Heinrich, du bist ein entsetzlicher Mensch! Frank . Konnte ich's tun? Könnte ich's lassen? – Ich hob sie auf. Die Häuptlinge begannen Ochsen und Schafe zu schlachten für die Feste. Aber während der ganzen Szene füllte nur ein Bild meine Seele und eine Stimme flüsterte mir zu: 's ist hohe Zeit!« In der folgenden Nacht schlich ich mit klopfendem Herzen an dem Zelt meiner schwarzen Braut vorbei. Aber ich hatte Mühe, eine andere Stimme zu betäuben, die mir noch monatelang zuraunte: »Das arme Kind! laß sie nicht sitzen, schlechter Kerl!« Doch der weiße Vogel war mächtiger als der schwarze Vogel, wie sie dort sagen. Ich band unbemerkt die Pferde los, um deretwillen ich beinahe König geworden wäre, schwang mich drauf und jagte hinaus in die öde, stille Nacht. – (Lange Pause.) Ich hab' dir keine Armbänder und Juwelen geschenkt, Emilie, 's ist wahr. Bis heute dacht' ich kaum daran. Aber ich hatte keine. Du weißt es ja. Als ich die Ringlein bezahlte, die unser ganzes Glück zu bedeuten schienen, blieben mir noch 15 Taler, um mich für Indien auszurüsten. Jahrelang hab' ich mich herumgebalgt mit Mühen und Gefahren, von denen du keine Ahnung hast: ich habe nichts errungen als ein kleines Geschrei über den berühmten Landsmann und die Liebe meines Fürsten. Vor dich tret' ich wie gewöhnlich, fast mit leeren Händen. Ich bring' dir dürre Blumen aus dem gelobten Land und Tigerfelle aus Indien, Kaisertee aus China und ein Klümpchen Gold aus Kalifornien; aber 's ist klein, sehr klein. Ja, und den Cäsar (plötzlich heiter werdend) und das ist ein Kapitalkerl! Emilie . Den Cäsar? einen Mohren? einen Schwarzen? Ich will nicht hoffen. Frank . Nicht ganz, nicht ganz – Emilie . Ist er braun? Das ist mir schon lieber. Wie will ich ihn freundlich behandeln, den armen, unglücklichen Menschen! Frank . Braun ist er zwar, aber ein Mensch ist's nicht, 's ist ein Affe. Erschrick nicht, Emilie. Er ist soviel wie ein Mensch; er ist mehr. Er kann Zeitungen austragen, Kaffee machen, Stiefel wichsen, wenn er seinen guten Tag hat. Und treu ist er wie ein Hund, und Mut hat das kleine Geschöpf wie ein Löwe, Gib ihm einen Stock in die Hand und er jagt dir ganz Waldhausen – (stockt, da sich Emilie rasch abwendet) 's ist ein gutes, treues, wildes Geschöpf und hat mir schon aus mancher Not geholfen, soweit sein Verstand reichte. Freilich, Armbänder und Broschen hat er nicht wie ich. In Versen kann er seinen Kummer nicht ausschütten wie ich, wenn er dir treuherzig in die Augen sieht. Und sieh – doch häng' ich an dem Tier! Emilie, du hast recht. Stumm bin ich unter den fernen Palmen gelegen und auf dem stillen Deck des Schiffs, wenn's den Ozean durchschnitt, und habe an dich gedacht und von dir geträumt, – was hattest du davon? Arm bin ich durch den gelben Sand der Wüsten und die wogenden Halme der Prärien geritten, nur dich im Herzen, und machte keine Gedichte. Ob die Treue etwas gilt auf dem Markt der Welt, mußt du wissen. Ich habe nichts anderes. Gern will ich glauben, und nur zu gern, daß andere kommen und dir Geld bieten und Ehre und Schlösser und Lieder. Aber keiner kann sagen wie ich, daß er dich sechs Jahre lang im Herzen in aller Welt herumgetragen, ohne dein Bild zu verlieren, keiner, auch dein Baron nicht, kann vor dich hintreten und sprechen: »Ich hab' ein Königreich um dich gegeben, Emilie!« Und das kann ich, das kann ich! Emilie (ihm an den Hals fliegend) Mein Heinrich! vergib mir, mein Heinrich! (Während des pathetischen Teils von Franks Rede ist der Affe von außen am Fenster erschienen, und sucht durch Gebärden die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Offenbar die Geduld verlierend, schlägt er in diesem Augenblick eine Scheibe ein, wirft ein Billett ins Zimmer und verschwindet. – Emilie fährt mit einem Schrei aus der Umarmung und wird von Frank auf einen Stuhl niedergelassen.) Emilie (tief Atem holend) Das Tier! – ich glaube, es war nur das Tier. Aber wie mich's erschreckt hat! Frank . Fass' dich, Liebe! Du erschrecktest mich fast noch mehr. Emilie (auf das Billett deutend) . Dort! dort! Frank . Ah, – das ist des Pudels Kern? (hebt es auf und liest) . Sagt ich's nicht? Hätt' ihm das ein Mensch nachgemacht? Emilie . Was – was ist's? Frank . Willst du's hören? Wie ist dir? Ist dir wieder ganz wohl, mein kleiner Held? Emilie . Ganz, ganz! Ich war ein rechtes Kind! Ach, bald soll mich die ganze Welt nicht mehr aus der Fassung bringen, wenn du mich ans Herz drückst. Frank . Geb's Gott! Nur sieht gerade jetzt die Welt etwas knurrig aus. Der Zettel ist kurz: »Tu dein möglichstes, um auszubrechen, Frank! Die Feinde regen sich. Ein Tag kann alles entscheiden und verderben. Es gehen Gerüchte von dem früheren Kommen des Fürsten, bei denen ich nicht mehr weiß, was Wahrheit und was Dichtung ist. Um jeden Preis brich aus! Dein Weller.« – Es scheint ernst zu sein. Kannst du mir hinaushelfen, Schatz? Emilie . Aber, erkläre doch – Frank . Warum dich ängstigen? Ich weiß, unser Glück steht auf dem Spiel, aber die Hoffnung scheint mir wieder wie's lichte Sonnengold ins Herz. Willst du mir hinaushelfen? Emilie . Laß ich dich jetzt hinaus, so bin ich verraten und verloren. Man weiß, daß ich die Schlüssel habe. (Nachdenkend.) Soll ich – ? Was soll ich tun? Sag! ich tu's. Frank (nachdenkend) Das ginge nicht! Emilie . Kannst du warten bis heute nacht? Frank . Wenn ich muß, – wenn du willst. Emilie (sehr eilig; man hört Schritte von außen) Vorn hinaus geht's nicht; Starkers Jungen liegen Tag und Nacht auf der Treppe. (Ans Fenster tretend.) Ist dir's zu hoch? Frank . Hinauspringen? Vier Stock? Emilie, das kann selbst die Liebe nicht. Emilie (lachend) . An Leintüchern, natürlich an Leintüchern. Frank (jubelnd) . An einem Bindfaden für dich! Emilie . Horch, es kommt! (Beide der Türe zu.) Geschwind noch einen Kuß! Die sechs Jahre waren so lang! Frank . Tausend, wenn uns der Himmel Zeit gibt. O, Schatz, zehn schwarze Königreiche bezahlen dich nicht zu teuer. Emilie . So gilt doch die Farbe, scheint's, noch was bei dir, du guter, treuer, herziger – Mohrenprinz! (rasch ab) . (Der Vorhang fällt.) Dritter Akt. 1. Szene. Wirtsgarten hinterm Hirsch. Im Hintergrund Laube, Tisch und Bänke; im Vordergrund das obere Ende einer Kegelbahn, die sich nach links hinter die Kulissen verzieht. Blumenreich und Raufeck . (Raufeck, trinkend, schiebt während des Gesprächs hie und da eine Kugel, die er mit jenen, einem Kegler eigentümlichen Gebärden am andern Ende der Bahn zu dirigieren sucht.) In der Laube im Hintergrund Weller und Minchen in lebhaftem Gespräch. Raufeck (lacht unmäßig, trinkt, hustet, lacht und trinkt wieder) . O Blumenreich, daß mir die Götter diesen Anblick versagten! Blumenreich . Lach nach meiner Hochzeit, ich bitt' dich; dann kann mir's gleichgültig sein, ob du an einem Schoppen erstickst. Sie schreit, wirft die Flasche ins Zimmer und fort ist sie, weg, aus dem Bereich aller vernünftigen Erklärung spurlos verschwunden. Raufeck . Die Alte wird's ihr schon deutlich machen. Blumenreich . Wer weiß, wie es unsere Steine verschiebt! Du kennst die Weiber nicht. Raufeck (wieder zu lachen beginnend). Du in den Armen der älteren Fünfzigtausend! Süßer Artur! Einziger Artur! Prrr! (Er wirft eine Kugel rücklings zwischen den Beinen durch, dreht sich um und sieht ihr neugierig nach.) Blumenreich . Und damit ist die Szene noch nicht zu Ende. Mein erster Gedanke war: Jetzt gibt's eine Ohnmacht; wer stehet mir bei, das alte Gestell auf das Sofa zu bringen? Ganz im Gegenteil. Sie fährt auf wie besessen. Statt nach Goethes Riechfläschchen schreit sie nach einem Suppenlöffel, legt sich auf alle Viere und beginnt den Wein mit dem Löffel in ein Glas zu schöpfen, »'s ist Malaga!« sagt sie entschlossen. Es lief mir eine Gänsehaut den Rücken hinauf und ich lief davon. Raufeck . Kein Wunder, mein süßer Artur! Aber – die Sache hat zwei Seiten, du hast recht. Blumenreich . Natürlich geb' ich ihr noch ein paar Winke in betreff des Morgens. Soweit wäre alles in Ordnung. Raufeck . Gut, schon gut. Auch ich habe mittlerweile den Postillon ausspioniert, der heute nacht die Staatszeitung mit dem amtlichen Zertifikat deines Durchfalls von Münchingen holt. Eine ehrliche Haut und der größte Lump im Nest! Da hat's keine Not. Der Kerl ist besoffen in einer Kürze und die Waldhäuser haben die Kundgebungen ihres Landesvaters morgen aus dem Kaminrauch des goldenen Hirschs zu entziffern. Laß das mir! Blumenreich . O ihr Sterne meiner Liebe! Wär's morgen und alles im Blei! Raufeck . O ihr Sterne meiner Zweitausend! Wär's morgen und ich hätt' euch in der Tasche! Blumenreich! Artur! Schreibe flugs 3000! Weiß Gott, du bist mir's schuldig für die Sorgen, die du mir machst. Blumenreich . Schreib, was du willst; aber verhilf mir zu meinem Schatz. Raufeck . Genau, was ich zu dir sagen wollte. Gut, ich schreibe viertausend. Aber 's ist mir nur halb wohl bei der Sache. Blumenreich (ängstlich) . Warum? Du befürchtest doch nicht – Raufeck . Warum? Du bist nicht ehrlich gegen mich. Blumenreich . Raufeck, mein ganzes Herz liegt vor dir. Raufeck . Gewiß, gewiß, wie eine gebadete Maus, wie ein nackter Pudel. Aber wie stehst du mit dem Engel? Dort sitzt der Haken und mir ist nur halb wohl. Auf Zerevis! Die Tante ist goldeswert. Aber sie ist nur die Hälfte der Zweimalfünfzigtausend und die unsicherere. Blumenreich (mit sichtlichem Widerstreben) . Gerad' heraus, Raufeck, – das heißt, – wenn du's wissen mußt, – ich darf behaupten – (wild) – wenn die Tante nicht wäre, ich würde verzweifeln! Raufeck (eine Kugel nachdenklich balancierend) . So – hm – das klingt doch wenigstens deutsch. – Was ist sie für eine Kreatur? Ich meine, die Junge? Blumenreich . Einen Eindruck hab' ich sicherlich auf sie gemacht, einen lebhaften Eindruck. Wer mein sechstes Binsenlied lesen kann, ohne daß es den gewaltigsten Eindruck zurückläßt, der müßte ein Dickhäuter sein wie ein Nashorn, Und sie ist ein Engel! Raufeck . Letzteres macht mir die Situation um vieles klarer, Blumenreich. Du bist ein Kapitalkerl in Charakterschilderungen. Was sagt die Tante? Blumenreich . Aber der Eindruck, fürcht' ich, hat noch nicht die nötige Ausdehnung, bei aller Gewalt noch nicht die das ganze Wesen durchdringende subjektive Tiefe gewonnen – (macht verlegene Bewegungen mit Händen und Armen). Ich kann mir's nicht erklären; 's steckt was dahinter; 's muß was dahinter stecken, das ich nicht sehe. Raufeck . Richtig geraten, Poet! Das ist's, was ich fürchte. Wer dich kennt, wie du bist, dein verwaschenes Gemüt und deine amtlich geprüfte Intelligenz, und wer weiß, wo dich der Schuh drückt, mag schon eine Zeitlang hinter den Ohren kratzen, ehe er dir um den Hals fällt. Wer dich aber nimmt, wie du dich stellst, wie du heute diesen Böotiern erscheinen mußt, – Teufel alle Welt, kein Mädel mit ihren sechs Sinnen weist dir die Türe, Engel hin oder her, wenn nicht – Blumenreich . Wenn nicht – was? Raufeck . Ein Dritter dahintersteckt, Arturchen! Was sagt die Tante? Blumenreich (stöhnend) . »Seien Sie mir still mit dem Kind!« sagte sie. Die Tante ist ein wahrer Spartaner. Sie trifft den Nagel auf den Kopf mit jedem Schlag ihrer Zunge. Raufeck . Das klingt schon besser. Die Alte muß es wohl wissen, wie sie mit der Jungen dran ist. Mut, Junge, Mut! (schiebt unerwartet eine Kugel, der sich Blumenreich, welcher in der Bahn steht, durch einen verzweifelten Seitensprung entzieht). Hätten wir nur 5000 geschrieben statt der lumpigen 4000, Arturchen! Zehn Prozent ist unter Geschäftsleuten, wie wir, eine wahre Bagatelle. Wenn du mir einmal zur Herausgabe meiner epischen Werke behilflich bist, sollst du 10 Prozent vom Reinertrag haben. Ich knause nie wie gewisse Dichterseelen. Blumenreich . Weißt du, was ich tun will? Raufeck . Was, mein süßer Knabe? Blumenreich . Ich bring' ihr heute abend ein Ständchen. 's muß sie weicher stimmen für morgen. 's muß den Eindruck dieser verdammten Szene von heute früh verwischen. Raufeck . Glaubst du? Wie die Eitelkeit den Menschen verblendet! Blumenreich . Die Musik! – Du kennst nicht die Wirkung der Musik in der Abenddämmerung. Du verstehst nicht, wie tief die Klänge der Männerstimme ein Mädchenherz bewegen können. Raufeck . Wenn dein Engel eine Henne wäre, wollt' ich's ja glauben, Mann! Was du deinen Tenor nennst, hat soviel Ähnlichkeit mit den süßen Klängen des Königs der Dunghausen – Blumenreich (gekränkt) . Manchmal muß ich unserer jahrelangen Freundschaft viel zugut halten. Raufeck . Donnerwetter! ich wollte dich bitten, mich zu begleiten, aber – Raufeck . Als Sancho Pansa? Blumenreich . Als erster Baß. Raufeck . Wenn du mir nicht vorher zwanzig Schoppen Bier eintrichterst, so sing' ich Fistel wie ein Eunuche. 's ist ein altes Gebrechen. Blumenreich . O, mit Vergnügen! Wir singen – was singen wir gleich? Raufeck . Was du willst, Artur: »Ich hab' den ganzen Vormittag« – oder »Krambambuli«. Blumenreich . Alter Narr! Ah, ich hab's: mein siebentes Binsenlied ist wie gemacht für den Zweck. Raufeck . Geht's nach der Melodie: »Ochs und Esel stritten sich beim Spaziergang um die Wette?« Blumenreich . Nein; aber ich hab' eine Melodie dafür,– eine Melodie, sag' ich dir, – komm auf mein Zimmer, wir müssen's gleich einstudieren. Raufeck . Sollten wir nicht die Nachbarschaft vorher warnen? Blumenreich . 's ist schon vier Uhr! – komm! komm! Raufeck . Mein Gott, was die Liebe einem zu tun gibt! Aber schreibe 5000, Arturchen! Du hetzest mich ab wie einen englischen Windhund in deinem Narrendienst. – Krötchen! Minna! – süßer Madonnenkopf samt dem nötigen Zubehör, erscheine! 2. Szene. Minchen (kommt aus der Laube). Die Vorigen. Raufeck . Wieviel Schoppen haben wir im Garten gehabt? Blas dein Posaunchen, milder Richtengel! Minchen . Der Herr Baron zwei und Sie sieben und einen Hering. Raufeck (feierlich). Der Herr Baron Nr. 1 – zwei, der Herr Baron Nr. 2 – sieben und den Hering, liebliche Kinderseele! Achtung ist die Schwiegermutter der Liebe. Ich muß mich in Respekt setzen. 7 und 2 tut 9. Schreiben Sie 9 auf die Rechnung des Barons Nr. 1! Minchen . Wie Sie wünschen. Raufeck . Auch was ich wünsche? (Will sie ins Kinn kneipen; Minchen stößt ihn derb zurück.) Hübsch pariert, mein Amazönchen! Morgen wieder auf die Mensur! Blumenreich (Arm in Arm mit Raufeck, im Abgehen). Eine Melodie, Raufeck, und ein Text, – wenn ihr das Herz nicht im Leibe schmilzt wie Butter in der Sonne, – ha: »Königstöchterlein, hüte dich fein! Heut nacht wird dein Schlößlein gefährdet sein!« – Schad', daß das von dem ledernen Uhland ist! (Beide ab.) 3. Szene. Minchen (Gläser abräumend). Weller (aus der Laube kommend. Gleich darauf der Affe, ein Gläschen in der Vorderpfote, mit dem er fortwährend anstoßen will, und einen Hut auf dem Kopf, der ihm hie und da über die Nase fällt.) Minchen . Zwei Minuten hältst du's nicht allein aus, Vetter. Weller . Vetter! Vetter! Den ganzen lieben Nachmittag: Vetter! Hast du nicht Vettern genug in allen Winkeln des Ländchens, (scharfbetonend) die du »bevettern« kannst, Base? Minchen . Oho, soll ich dir Zucker drauf streuen? Weller . Mit etwas Liebe, Minchen! Minchen . Fängt der das süße Gewinsel auch an! Sag ihm, Cäsar, er soll sich schämen; sag's ihm! Weller . Hab Geduld, Schatz! Es wird schon besser kommen. Aber in den ersten drei Stunden und zwei Minuten nach dem letzten Kuß! Minchen . Willst du mir mein Strickzeug holen, Schlingel? Weller . Ich hab's in der Tasche. Minchen . So, dann setz dich hin und sei vernünftig. Wir wollen ein ordentliches Wort zusammen reden, wie Vetter und Basen sollten, und hübsch zusammensitzen vor der Leute Augen, damit sie auch was zu schwatzen bekommen, 's ist ein Akt der Mildtätigkeit in Waldhausen. Weller, Herzensmädchen, daß wir, ich und der Nimrod, die Waldhäuser so verachten konnten, wir blinde Kälber! Minchen . Die Weiber sind so übel nicht. Aber deine Geschichte dreht mir das Herz im Leib herum. Was tun? was tun? Weller, Hast du denn Emilie gern? Würdest du ihr helfen, wenn du könntest? Minchen . O, ich liefe durch Feuer und Wasser für sie. Und dann – pass' auf, Vetter! – dann haben wir auch ausgemacht, daß keine vor der andern heiraten soll. Weller . Ist das ein Gebot, das zu halten ist? Minchen . Versteht sich! Das kam so. Wir waren beide noch in der Kinderlehre, aber schon groß. Da muß ich einmal wegbleiben, weil der Vetter von Münchingen – nun, was geht's dich an, wegen was – Weller . Aber das möcht' ich jetzt gerad' wissen, Schatz! Minchen . Das glaub' ich dir; aber heut' noch nicht. Kurzum, ich blieb weg und damals war der strenge Amtsverweser hier. Schwarz hieß er und schwarz war er. Der schickt zum Vater und läßt ihm sagen, daß ich am nächsten Sonntag Kirchbuß' tun müsse »nach einem alten frommen Brauch«, sagt er, und herausstehen vor allen Leuten. Ich war natürlich ganz verzweifelt und weinte Tag und Nacht. Das Städtchen kam in Aufruhr. Aber der Amtsverweser wollte seinen »frommen Brauch« haben. – Was tut meine Emilie? Freitags ist wieder Kinderlehre. Anstatt auf ihrem Kirchenbänklein zu sitzen, spaziert sie wohlgemut nach Herzach. Jedermann sah sie. Was war zu machen? Des Herrn Amtsrichters Emilie konnte doch nicht Kirchenbuße tun und die eine konnte man nicht strafen und die andre loslassen, wenn's die ganze Stadt mit ansah. So hatte meine gute Emilie drei lange Predigten mit anzuhören, eine vom Amtsverweser, eine vom Dekan und eine von ihrem Vater. Das war die kürzeste und am Schluß gab er ihr einen neuen Hut. Nach mir fragte kein Mäuslein mehr; nur lachten die Leute, wie ich das nächste Mal in die Kirche kam, und freuten sich. Seit der Zeit sind wir ein Herz und eine Seele und nun weißt du's, Schatz. Weller . So, das laß ich mir gefallen, – »Schatz!« Minchen . Du hast dir überhaupt alles gefallen zu lassen für das nächste halbe Jahr. Merk dir das! Aber jetzt sag mir: wie kam Frank an dich? Weller . Frag, wie kam ich an Frank, und du bist näher am Ziel. Du weißt, wie er von Waldhausen weglief. Minchen . O ja, 's war auch wegen Emilie . Ich weiß es nur zu gut. Weller . Ich war ein paar Monate vor ihm in die Residenz gekommen und hatte einen Platz bekommen, – Minchen . Als Reitknecht. Weller . Nicht viel besser, damit du nicht zu hoffärtig wirst. Minchen . Hat heute noch keine Not. Weller . Es gefiel mir herzlich schlecht, und die erste Freude, die ich wieder hatte, war, als Frank mich auffand. Minchen . Da war ein sauberes Pärchen beieinander! Weller . Das Geld ging uns oft genug auf die Neige; der Mut nie, – ihm nie. Und kaum hatte er den Posten bei dem Prinzen bekommen, so hatte er auch einen Platz für mich in den fürstlichen Marställen aufgetrieben. Wie er's anstellte, weiß ich nicht. Aber er stellte es an. Minchen . Ein herzensguter Mensch; man sieht's ihm wohl an. Weller . Nachher, so oft er mit seinem Prinzen heimkam, war für mich jedesmal eine Beförderung soviel als gewiß. Voriges Jahr, als sie von Abessinien nach Indien gingen, kam aus Kairo ein Brief und ich wurde dritter Unterstallmeister. Siehst du nun, wie er an mich kam? Minchen . Und den wollen sie um meine Emilie bringen, die Schandbuben! Und sie gewinnen's, sie gewinnen's, wenn wir nichts tun! Weller . Das ist nur zu klar. Was hilft's auch, wenn er aus dem Loch ist? Das wäre nur der lumpige Anfang! Und heraus kommt er gewiß, irgendwie! Minchen . Komm her, Cäsar, gutes, treues Vieh, rat uns, – hilf uns! – Weller (den Affen liebkosend) . Wie das Wetter war er an der Wand hinauf. Ich weiß nicht, warum ihn Frank solange warten ließ. Aber der Bursche weiß sich zu helfen. Die Fensterscheiben flogen in Stücke und das Briefchen war drin. Trink, kleiner Saufbruder! Das Wohl deines Herrn! Minchen . Gutes, treues Vieh! Der Affe tut mehr für ihn als wir. Weller . Kannst du nicht Emilie warnen? Minchen . Was hilft's? Ich will heute abend noch hinauf und ihr sagen, was für Gäste sie zu erwarten hat. Aber die Tante hält's mit den Spitzbuben und der Vater muckst nicht, wenn die Tante bst! sagt. Wehren wird sie sich, und wenn sie eine alte Jungfer drüber wird! Weller . Minchen, habt ihr wirklich geschworen, daß keine vor der andern heiraten soll? Rat, hilf! 's geht an dein eigenes postpapierenes Hälschen! Minchen . Ja, wenn die Männer was wären, (nachdenklich) aber die Waldhäuser sind wie Stroh, so tappig. Weller . Minchen, wie lang war ich nicht mehr hier und gar Frank? Man lernt manches draußen. Minchen, 's ist wahr; die Leute kennen euch kaum mehr. Seid aber doch Waldhäuser! – Kannst du nicht auch den Fürsten spielen? Weller . Minchen! Minchen . Und mit dem Frank auf die Vogtei fahren, gerade wie die andern, oder ein wenig vorher, und sehen, wer's gewinnt? Weller . Goldmädchen! Goldmädchen! Minchen . Eine kleine Spitzbüberei wär's! Weller . O gerechter Himmel! ja, ja, das wird er sagen. Er wird nie gehen. Er wird vor mich hinstehen, so lang er ist: »Weller, soll ich mich in meinen Himmel hineinlügen? 's ist dein Ernst nicht«, und damit ist's abgemacht. Minchen . Ach, diese Männer! Aber wenn ihm das Wasser an die Seele geht, und er sieht die beiden andern anfahren? Weller . Bah! er ist gewohnt, daß ihm das Wasser an die Seele geht. Er denkt, er schwimme immer wieder hinaus. Aber diesmal ist er nicht in Hindostan. Minchen . Das sollte er einsehen, um Emiliens willen. Sag ihm den Plan, wenn die andern auf dem Weg sind. Lock ihn in die Vogtei und sag's ihm erst auf der Treppe, wenn er nicht mehr zurück kann. Weller . Weiber! Weiber! Was konnte Adam tun seinerzeit, als in den sauren Apfel beißen? Aber ich gehe. Der Brief muß gewirkt haben. Vielleicht seh' ich was von ihm. Adieu, mein Schatz! Keinen Kuß mehr? Minchen . 's ist mehr als genug für heute. Weller . Und eine Doppelhochzeit wollen wir halten, an die unsre Kindeskinder noch denken sollen! Minchen . Aber was soll ich denn mit meinen Liebhabern anfangen? Weller . Hast du mehr? Minchen . Nicht Finger genug, um sie aufzuzählen. Dort kommt einer. Weller . Ein Dutzend nehm' ich auf mich. Die Übrigen mußt du selbst totschlagen. Minchen . (Beide dem Gartentür im Hintergrund zugehend.) Da bewahr mich Gott davor, daß ich so was tu'! Laß mir den Affen und komm bald wieder. 's ist so ein herziges Geschöpf, so niedlich und manierlich. – Weller . Fast wie du! (küßt sie, ab). 4. Szene. Schnell (mit einem Blumenstrauß, sorgfältig geputzt und sehr rot). Schnell . Was war das? Mit wem ging sie da hinaus? Da sollen doch gleich sieben siedige Donnerwetter ganz Waldhausen klaftertief in den Boden schlagen! Ruhig, Schnell, halt's Maul! Du kommst sonst aus dem Takt! – Aber länger halt' ich's nicht aus. Keinen Schlaf bei Nacht, keine Ruh bei Tag. Gestern den Gäulen nichts zu saufen gegeben, – 'raus muß es, und wenn sie mich erschießen! Rot wird sie werden! Augen wird sie machen! Aber hinstehen will ich wie ein Mann. Ich bin so fuchsteufelswild, daß ich mich lieber gleich aufknüpfen möcht' an meiner Peitschenschnur. Ich bin doch auch ein Mensch, Hab' meine geraden Glieder wie ein andrer, und Courage wie zehn. Sie sagen: ich sei ein Lump, weil ich keine Schlafmütze bin wie sie. Sapperment; ich bin soviel wert als ihrer zwölf (stürzt einen Schoppen hinunter, den ihm Hansel bringt) . Und sie ist auch nur ein Mädel und wenn sie zwanzig goldene Hirsche erbt, 'raus muß es! Kann ich mich in sie vergaffen, kann sie's auch in mich. Courage, das ist – Jesus Maria, halt's Maul, Schnell! sie kommt! 5. Szene. Minchen (mit dem Affen spielend, kommt langsam zurück). Schnell . Minchen . Auch hier, Schnell? Immer lustig und immer durstig? Sie sind doch noch einer von denen, die ein Herz im Leib haben. Schnell. O Fräulein Minchen: Minchen . Was soll das O vor der Titulatur? Schnell (aufblickend). Sapperlot! Wer ist denn der junge Herr? Minchen . Einer meiner Freunde, Schnell. Geh hin, Cäsar, und gib ihm die Hand! Schnell (zurückweichend). Ist das der Wilde von gestern nacht, der meinen Alten fast totgeschlagen hat? Minchen . Ja, ja, der ist's. Nehmen Sie sich in acht! Beleidigen Sie ihn nicht! Schnell. Versteht er deutsch? Minchen . Wie seine Muttersprache. (Der Affe holt sich einen Stuhl und setzt sich an den Tisch an Minchens Seite.) Schnell (ihn mit Mißtrauen betrachtend, nachdenklich). Er ist doch nur ein Vieh, Fräulein Minchen. Sehen Sie nur – die Haare! Und er sagt ja nichts. Minchen . Er denkt um so mehr. Wenn jeder ein Vieh wäre, der nichts sagt, Schnell! Schnell . O Fräulein Minchen! Minchen . Was soll denn aber das O schon wieder? Schnell . Er sieht mich an, als ob er jedes Wort verstünde. Minchen . Ich sagt's Ihnen ja. Sein Herr ist ein Deutscher. Schnell (verlegen) . Könnten Sie ihn nicht wegschicken, nur auf drei Minuten? Er sieht mich so kurios an. Minchen (verwundert) . Kurios? Was ist mit Ihnen heut. Kommt dieser Schnell zur Gartentür herein, aufgeputzt, als ging's zu einer Hochzeit, und macht ein Gesicht wie ein Leichenbitter! Schnell, Schnell! schnell ein andres Gesicht! Schnell (heftig gegen den Affen) . Gsch! – gusch! (Der Affe gegen Schnell.) Gsch! – gsch! Schnell . Der Teufel: er versteht's. Aber es ist mir egal, 'raus muß es jetzt, – Minchen – Fräulein Minchen, – o Fräulein Minchen! Minchen . Da haben wir das ABC wieder. Schnell, Freund Schnell, o Freund Schnell! 'raus soll's denn: der Affe versteht kein Deutsch. Genieren Sie sich nicht. Schnell (wild) . Sapperment! Und wenn's die ganze Welt hört, 'raus soll's! Minchen, Fräulein Minchen, ein Jahr lang hab' ich mich von Ihnen an der Nase herumführen lassen und geduldig in der Nacht in mein Kopfkissen geflucht. Hier ist der schönste Rosenstrauß, den ich auf zwanzig Meilen finden kann. Die Leute sind verrückt, die sagen, ich sei ein Lump, Aber – (er fällt auf beide Knie) aber verschießen tu' ich mich, wenn Sie mich nicht heiraten! 6. Szene. Starker (ist bei den letzten Worten hinter Schnell getreten und packt ihn am Kragen). Die Vorigen. Starker (sehr laut) . Er ist arretiert! Ins Loch mit Ihm, fort, ins Loch mit Ihm! Minchen . Halt, halt, halt, Herr Starker! Glauben Sie, ich lass' mir meine Liebhaber so wegfischen, und gerade, wenn sie im besten Zug sind? Starker . Liebhaber? Was, Fräulein Minchen, – Minchen (zu Schnell) . Haben Sie mich nicht lieb, Schnell? Schnell (wütend) . Zum Totschießen! Zum Sterben! Starker . Der Lump, der Vagabund, der Wilddieb, – der Ihr Liebhaber? Minchen . Die Zeiten sind schlecht, ich weiß es wohl, und die Männer dazu. Aber was können wir arme Mädchen machen in dem Waldhausen? Starker . Schlecht, Fräulein Minchen, – die Männer schlecht? o bitte sehr, Fräulein – Minchen . Seh'n Sie, Schnell, der fängt auch mit O an. Starker . Wenn der Lump kommen kann, kann ich's auch, Lauf Er für diesmal, Schnell, lauf Er! (Hebt Schnells Strauß auf.) Den größten Strauß, den ich finden konnte, leg' ich Ihnen zu Füßen, Fräulein Minchen; der Strauß ist ein Bild meines Herzens, das wieder erblüht ist; – O Fräulein Minchen, Sie verstehen mich schon! Aber wie der Lump sagt: »'raus muß es!« Ich liebe wieder und habe Absichten; ehrenhafte Absichten. Wenn Sie einen Mann brauchen und wenn Sie glauben, die Männer seien nichts nutz, – versuchen Sie's! Meine Alte sagte immer: »Du bist doch noch einer von den Besten«. Meine Stell' ist gut und Volk und Fürst ehrt mich; »Frau Obergerichtsdiener« ist nicht so ohne – hm? – Sapperment, die Ehre tut's, die Ehre! Jedes Kind läuft davon, wenn's mich kommen sieht. Das tut wohl. – Und wenn Sie denken, die Männer seien derzeit nichts mehr nutz, – recht haben Sie, Lumpen sind's, die Mehrzahl. Aber nehmen Sie einen Witwer aus der guten, alten Zeit; der gibt Ihnen eine Garantie. (Zu Schnell.) Hinaus mit Ihm aus dem Garten, sag' ich! Sieht Er nicht, daß Er hier nichts mehr zu tun hat? Minchen . Aber, lieber Herr Starker, ich bin ja schon versehen! Starker . Wa – was? Der Lump? Minchen, Soll ich Ihnen zeigen, wer von Ihnen drei mir der Liebste ist? Starker . Drei – wie – wo – drei? Minchen . Cäsar, bekomm' ich einen Kuß? Starker . Ah, – der Musje ist auch da? (Der Affe springt auf den Tisch, gibt Minchen einen raschen Kuh und macht lange Nasen gegen Starker und Schnell.) Minchen . Ja, lieber Starker, den Musje haben Sie erst zu arretieren, eh' ich Ihnen die geringste Hoffnung machen kann. Der , Freund Schnell, hat den Schlüssel zu meinem Herzkämmerlein. Sie sind mir doch nicht böse? – Komm, Kleiner, ich glaube, die Herren haben sich etwas zu sagen. (Minchen geht mit dem Affen ab, Starker retiriert rasch nach der andern Seite der Bühne, wo er hinter einem Tisch Deckung sucht.) 7. Szene. Starker und Schnell . Starker . Nein, nein, nein! Er kann gehen, Schnell! Ich hab' Ihm nichts zu sagen. Schnell (noch immer dem Affen nachsehend, aus seiner Betäubung allmählich erwachend) . Wie ein Mensch! Wie ein Mensch! Und angesehen hat er mich, als ob er alles verstünde! Wie ein Mensch! Starker (fortwährend retirierend) . Allerdings wie ein Mensch, allerdings; – das ist Ihm wohl zu rund für seinen viereckigen Kopf? Nicht wie ein Esel, nicht wie ein Vieh, nicht wie ein Lump, nicht wie ein versoffenes Spundloch, – nicht – nicht wie Er! Schnell (sich sammelnd) . Dickbäuchiger Haselstock, soll ich dir den letzten Zahn in die Gurgel stoßen? (Fährt auf Starker los.) Hansel (hereinstürzend) . Es ist angespannt, Schnell. Sapperlot, wen hast du wieder am Kragen? Starker (durch den Gartenzaun brechend) . Mich, mich, Hansel! Schrei die Stadt zusammen, – schlag Sturm! Schnell. Auf deinem Kalbfell, alte Kuh! Sie dich heiraten, altes Futteral! Fort muß ich! Aber dir soll ich einmal allein begegnen hinter einem Gartenzaun! Dich soll ich einmal zwischen die Finger kriegen hinter einer Hecke! (Geht durch die Gartentüre im Hintergrund, Starker kommt über den Zaun zurück.) Starker . Haltet ihn, haltet ihn! Er ist arretiert! Sind doch Leute auf der Straße, Hansel? – Haltet ihn! (Ab.) 8. Szene. Zwinger vor der Vogtei. Nacht. Hoch oben am Haus, das den Hintergrund bildet, ein einziges erleuchtetes Zimmer. Blumenreich und Raufeck (sich führend). Raufeck . Verflucht Nacht für ein Liebesabenteuer! Die Augenlust kommt schlecht weg, wenn deine Sterne nicht heller leuchten. Blumenreich . Dort! Ich glaube dort ist ihr Fenster! Sie wacht noch. Im ganzen Hause nur noch sie, in der ganzen schlummernden Natur nur noch sie und ich. Raufeck . Bitte, mich nicht zu übergehen. Donnerwetter, tritt auf deine Füße, wenn du deklamieren willst. Blumenreich . Der Weg ist rauh, Raufeck. Raufeck . Ja, ich merk's. Ich steck' in einem Loch. Hilf meinem linken Hinterfuß heraus, wenn du ein Mensch von Gefühl bist. Blumenreich . Halt dich an mir! So. – Steh gerade! Ich bitt' dich, Raufeck, nimm dich zusammen! Raufeck . Bitte den verdammten Weg, sich zusammenzunehmen, – alle drei Schritte eine Spalte, durch die Roß und Reiter versinken könnten. Ist's auch christlich, einen Heiden solch einen Weg zu führen, wenn's gegen Mitternacht geht und Neumond im Kalender steht? Blumenreich . Leiser, leiser! Sie könnte dich hören. Raufeck . Sie soll's auch. Hab' ich meinen Baß seit drei Stunden geschmiert, ums Maul zu halten? Schau denn herab, holde Süße, und sieh, wie unsre Liebe mit Hindernissen kämpft! Auf Zerevis, da liegt einer deiner Anbeter, aber nicht auf den Knien. (Raufeck sitzt ruhig auf dem Boden.) Blumenreich . Steh auf, liebes Bierfaß, steh auf! Siehst du nicht, wir sind gerade unter ihrem Fenster! Raufeck . Bist du auch sicher, süßer Artur? Ist's keine Spiegelfechterei der Hölle? Kennst du ihr Boudoir schon genau? Blumenreich . In ihrem Heiligsten war ich zwar noch nie. Raufeck . Es kommt mir so hoch vor. Blumenreich . Auf dieser Seite ist's; und wer könnte noch wach sein als sie? Die Liebe hält uns beide wach. Raufeck . So will ich wenigstens sitzen bleiben, »bis die Liebliche sich zeigt«. Hast du denn gar keine Praxis der Poesie im Leib? Blumenreich (an ihm zerrend) . Steh auf! Tu mir den einzigen Gefallen! Raufeck . Hier, Freund meiner Seele, will ich sitzen und seufzen. Es klingt besser. Du siehst das nicht ein? Aber der unsterbliche Dichter des sterbenden Toggenburgs wußte: es klingt besser. Blumenreich . So gib mir die Zündhölzchen. Ich glaube, es regt sich 'was. Raufeck . Ich nicht. »Und so saß er« – o Ritter der himmlischen Resignation, wie begreife ich heute deine Seele! Wenn du dir nicht jenem fatalen Fenster gegenüber langsam und wehmütig die Gurgel abgesoffen hast, heiß' ich nicht Raufeck. Blumenreich . Bei deinem stolzen Namen denn, Roderich, steh auf! Gib die Zündhölzchen! Raufeck . Nicht umsonst beschwörst du die Geister der Gefallenen. Hier steh' ich. Was suchst du, Erdenwurm? Blumenreich (zündet ein Licht an und hält ihm ein Noten-Heft hin) . Gut denn, wollen wir – ? Raufeck . Die Tat ist meine Sprache. (Singt.) »Nu schläfst im Moos« – Blumenreich (hält ihm den Mund zu) . Halt, halt! Ich zähle und schlag' den Takt, Nimm dich zusammen! Fall richtig ein! Raufeck . »Um« sagt man von einem Menschen, Literat! Übrigens – schlag zu! Blumenreich . Schwank nicht so mit dem Licht! Jetzt, Gott der Liebe, – Raufeck . Schlag zu, eh' ich mich wieder hinsetze. Das Herz zittert mir in den Knien. Blumenreich . Also! – Eins – zwei – drei – vier. (Sie singen.) Nu schläfst im Moos am Teiche, Du schläfst im Binsenried, – So, Süße, Wonnereiche, In stiller Mondesbleiche Weckt dich mein leises Lied. Der Wind in Binsenhalmen Singt – Raufeck (plötzlich einhaltend, leis, heftig) . Bei allem, woraus man Schnaps brennt, – was der Kuckuck ist denn das?! Blumenreich (verzweifelt) . O Roderich, Roderich, du hast mein Glück gemordet! Raufeck . Ein Bein – ein Bein! Blumenreich . Wahnsinn! Wo? Du bist betrunken! Wo? Raufeck . Hinauf sieh! Nach deinem Stern sieh! Zwei Beine – generis maskulini! Sieh hinauf! Geht dir ein Licht auf? Blumenreich . Zu ihrem Fenster – zu ihrem Fenster heraus! Raufeck . 's kommt! – Es kommt herunter! Wie ein Käfer, wie eine Katze, wenn's nicht der Satan ist. Geh aus dem Weg, Arturchen, und zieh den Hut ab. Der hat's weiter gebracht als wir. Blumenreich . Zu ihrem Fenster heraus! Zu ihrem Fenster! Raufeck . Fang ihn ab. Stell ein leeres Bierfaß unter und heule nachher. Donnerwetter, schon halb unten! Mir wird's ganz nüchtern! Blumenreich (wütend) . Zu ihrem Fenster! Rache, Rache, ihr Götter! Raufeck . Er begreift die Situation endlich. Aber geh etwas aus dem Weg. Er kommt dir sonst auf den Kopf. 9. Szene. Frank (der während des Schlusses der letzten Szene an Leintüchern, aus dem oberen Fenster herabgekommen). Die Vorigen. Blumenreich . Steh! Raufeck . Steh! Frank (noch am Seil hängend) . Sogleich, guter Freund, sogleich! Im Augenblick fehlt mir noch die nötige Unterlage dazu. Blumenreich . Steh, Schurke! Frank (auf den Boden springend) . Ihr seid doch nicht wohl der Nachtwächter vom Städtchen, Freund? Raufeck (zu Blumenreich) . Du – Nachtwächter! Laß ihn feine Sünden bekennen und schlag ihn tot! Blumenreich (zurückprallend, da Frank eine drohende Haltung, annimmt) . Wo – was haben Sie hier herunterzukommen? Raufeck . Halt! Nicht von der Stelle! Geben Sie dem Herrn Antwort! Ja, allerdings: was haben Sie hier herunterzukommen? Sie müßten denn – he. Blumenreich? – Frank . Was haben Sie da hinaufzukrähen? Sie müßten denn – Raufeck . Was sagt der Kerl? Frank . – betrunken sein, sagt er. Übrigens machen Sie einen höchst unnötigen Lärm. Es wäre vielleicht nicht unpassend, wenn wir uns sämtlich entfernten. Raufeck (zu Blumenreich) . Das Ding hat Humor! Nicht von der Stelle, Herr! Haben Sie eine dunkle Idee vom Komment, oder sind Sie ein verirrter Stadtphilister? Blumenreich . Laß ihn mir! Laß ihn mir! Du hast kein Recht an dieses Blut; Rache, ihr Götter, Rache! Raufeck . Wollen Sie stehen bleiben? Sie haben der anstößigen Vermutung Ausdruck gegeben, als sei einer von uns ein Nachtwächter. Meinten Sie mich, Herr? Frank . Konnte ich in der Finsternis sogleich sehen, daß Sie für den Dienst ganz untauglich sind? Platz, Herr, oder ich mache Platz! Raufeck . Langsam, Verehrtester! Ein dummer Junge von dem alten Raufeck ist kein Kinderspiel, Warten Sie also einen Moment und spitzen Sie die Ohren! Ein so langer Bengel Sie in der Dunkelheit zu sein scheinen. Sie sind – Frank . Ein dummer Junge, wenn ich mich länger von zweien aufhalten lasse. Raufeck . Zieh, Artur, schlag zu, Artur! Der Kerl ist vogelfrei! Blumenreich . Zieh – was? Schlag zu – mit was? Licht – Licht –! Beantworten Sie mir eine Frage, Herr, und gehen Sie dann zum Kuckuck, War das ihr Zimmer, aus dem Sie heruntergekommen? Frank (erstaunt) . Mein Zimmer? Wie verstehen Sie das? Raufeck . Allerdings. Steh und gib Antwort! War es ihr Zimmer? Kommen Sie an ihren Leintüchern ihre Wand herunter? Die Leintücher seines Engels, Kamel! Versteht dieses Geschöpf noch immer nicht! Kommen Sie hier oben aus einem Privatissimo mit Fräulein Emilie Pflichterer? Frank . Mein Herr, da Sie anfangen, Namen zu nennen, und mir die ganze Komödie deutlicher zu werden anfängt, – Raufeck . Endlich, endlich! Frank . – so werde ich Ihnen eine vernünftigere Antwort geben, als Sie verdienen. Raufeck . Nochmals, meinen Sie mich? Blumenreich . Laß ihn mir, Freund; nur diesen Augenblick laß ihn mir! Frank . Sie meine ich auch, Herr! Vermutlich habe ich die eigentümliche Ehre, Herrn von Blumenreich unter diesen wunderlichen Umständen kennen zu leinen? Raufeck . Er wird tragisch vor seinem Ende. Frank . Das Zimmer war auf kurze Zeit mein Zimmer. Die Dame, welche Sie die Unverschämtheit haben, in dieses läppische Mißverständnis zu mischen, – Raufeck . Herr, nehmen Sie sich in acht! Blumenreich, ich bin dein Sekundant. Frank . Sie sollen mich jeden Augenblick bereit finden. (Das Fenster öffnet sich, ein Wasserkrug entleert sich über Frank, der sich pustend zurückzieht. Raufeck erhält eine zweite Ladung.) Raufeck . Puh! Ist die Hölle los da droben? Es schmeckt nach Wasser! Frank . Der genius loci, der gern Frieden hätte im Lande, wenn ich mich nicht täusche. Doch wiederhole ich, daß ich jeden Augenblick bereit bin, dem Herrn Genugtuung zu geben und für die Ehre der Dame – Raufeck . Donnerwetter, was haben Sie mit der Dame zu tun? Sind Sie vielleicht – Frank . Ich logiere im Hirsch, Nr. 7. Hier ist meine Karte. Raufeck . Zündhölzchen, Artur! Frank . Nicht nötig, ich heiße Frank. Raufeck . Alles klar, alles klar! Also doch! Auf, Artur, auf! Dein Rivale steht vor dir. Ich hörte von der Geschichte. – Was der Teufel, wo kommt denn all das Wasser her? Machen wir, daß wir aus dem verfluchten Zwinger hinauskommen! Blumenreich . Rache ist mein einziger Gedanke, Wann–? Raufeck . Prrrr! Ich fürchte das Wasser mehr als deine Gedanken. Fort! Frank . Morgen früh um sechs, wenn Sie Lust haben. Raufeck . Säbel oder Pistolen? Blumenreich schießt Blattläuse von den Bäumen. Frank . Pistolen also! Raufeck . Sie sind ein Mann, Herr. Ihr Sekundant? Frank . Herr Weller, im Hirsch Nr. 8! Auf Wiedersehen! – O süßer Engel da droben! Alles Wasser in der Welt löscht den Brand nicht, den du angezündet hast. (Ab.) Raufeck (es kommen fortwährend noch Wassernüsse von oben, die Roderich treffen) . Rache, Artur, Rache! Was dankst du mir nicht alles! Donnerwetter, ich bin ein wandelnder Entenpfuhl. Komm! Blumenreich . Das Blut meines Feindes will ich gen Himmel spritzen; den Skalp meines Rivalen will ich ihr vor die Füße legen. Raufeck . Recht so, mein Goldjunge, recht so! Laß Sturm wehen in deinen Binsenliedern und mach, daß wir weiterkommen. Puh! hast du kein Gefühl mehr für die Haut deiner Freunde? Fort! (Beide eiligst ab, mit Zeichen steigender Bestürzung.) Vierter Akt. 1. Szene. Pflichterers Amtszimmer. Nacht. Pflichterer am Schreibtisch, von einem Gebirge von Büchern und Rechnungen umgeben, Hansel verlegen unter der halboffenen Türe stehend, mehrmals klopfend und hustend. Pflichterer (sehr rasch) . 58. Schreibe 8, behalte 5. 5 – 9 –19 – 29 – 35 – 36. 36814 Taler 8 Groschen und 2 Pfennig. (Mit Stöhnen in den Stuhl zurücksinkend.) 36814 Taler 8 Groschen und 2 Pfennig, – Differenz mit dem Kassenbestand: 1 Taler 2 Groschen 5 Pfennig! Zum drittenmal durch den ganzen Rechnungsabschluß! Zum drittenmal 36814 Taler 8 Groschen und 2 Pfennig! O du himmlische Güte, wo soll ich den Taler herbekommen und die 2 Groschen und 5 Pfennig, wenn ich sie nicht in dem Hauptbuch finde? Auch mein Buchhalter, der Federleicht, ist in der letzten Woche viermal durch alle Rechnungen gegangen und findet ebenfalls 36814 Taler 8 Groschen und 2 Pfennig. Ja, der Mensch! Wie ich ihn zum fünftenmal anweise, die Sache zu prüfen, fragt er mich, ob ich ihm nicht lieber erlaubte, den Taler draufzulegen? Drauflegen! – Als ob ich das nicht selbst könnte! Der Tropf! Drauflegen! Bringt das die Bücher in Ordnung? Ist das eine Manier, sich aus der Not zu helfen? Drauflegen kann jeder Lump. Aber an die Revisoren in der Residenz denkt der Federleicht nicht, und was der selige Landesvater gesagt hätte, wenn er in den Hauptbüchern von Waldhausen eine Summe sähe, die nicht da ist, das kümmert den Federleicht wenig! – Defizit! Defizit! – Und vollends der neue Landesvater, wer weiß, wie der – (bemerkt Hansel, der vortritt; mit Entsetzen auffahrend) ah! Hansel (erschrocken) . O verzeihen's, Herr Amtsrichter, ich Hab' dreimal gehustet, aber – Pflichterer . Nu meine Güte, Hansel! Wie du mich erschreckt hast! Komm her, Hansel, komm her! Was der Tausend, – wie bist du denn hereingekommen? Hansel . Ach verzeihen's, Herr Amtsrichter! Ich Hab' fünfmal geklopft, aber der Herr Amtsrichter wollten nichts hören. Pflichterer . Komm her, Hansel, komm doch her! Aber erschreckt hast hu mich, du kleiner Taugenichts; ich glaubte, – ich dachte – Was bringst du denn eigentlich? Hansel . Eine Empfehlung vom Herrn v. Blumenreich und er sei so frei. Und da ist das Intelligenzblatt für morgen. Pflichterer . Für morgen? Ja, warum denn schon für morgen? Morgen ist doch auch ein Tag. – Wie du mich erschreckt hast! – Was meint denn der Herr Baron eigentlich? Hansel . Der Herr von Blumenreich sagt: es sei eine wichtige Nachricht drin, und 's wird dem Alten ein'n Floh hinters Ohr setzen, sagte der Herr Baron v. Blumenreich. Gut' Nacht! (Ab.) Pflichterer . Wa – was? Hansel! – Hansel! – (zur Türe hinausschreiend) . Meine Empfehlung an den Herrn Baron und – Hansel! – (lauscht und schließt dann die Türe) . 2. Szene. Pflichterer (allein) . Drunten ist er. Wie ein leibhaftiges Gespenst verschwunden. O du meine Güte, mein armer Kopf! Was ist ein Amtsrichter doch für ein gequältes Geschöpf! – ein alter Amtsrichter mit einem Defizit! – Fort ist er. Na nu, besser ist's immer, als wenn er's selber gewesen wäre und hätte mich überrascht, mit dem Defizit auf dem Herzen – inkognito! – Da liegt die Zeitung! – Ich glaub', ich hab' dem Hansel den Schrecken heimgegeben. Ein rechter Hasenfuß, der Hansel, für seine Größe! – Was sagte er da von Flöhen? Ich muß doch nachsehen. (Hebt die Zeitung auf.) – Hm! »Pulver zur Vertilgung von Schwaben und anderem Ungeziefer.« Das kann's doch wohl nicht sein. »Der Kaiser der Franzosen« – was geht mich der an? »Handelsvertrag mit Liechtenstein.« Ich finde eigentlich nichts, was nicht auch bis morgen hätte warten können. (Plötzlich mit heftigem Schrecken.) Inkognito–! Da ist's! – da ist's! (Reißt die Brille herunter, putzt sie hastig und setzt sie wieder auf.) »Sicherem – sicherem Vernehmen nach weilt Se. Durchlaucht, unser geliebter Landesregent, bereits in unsern Mauern. Das strenge Inkognito, das der hohe Herrscher zu bewahren wünscht, erlaubt uns kaum, anzudeuten, daß er unter dem Titel eines Grafen von F. in einem der ersten Gasthöfe unsrer Stadt abgestiegen sein soll.« Ich bin verloren! – Starker, (schellt wütend) ich ich – Starker! – ich bin – Starker! 3. Szene. Pflichterer . Starker (hereinstürzend). Starker . Herr Amtsrichter! Um Gottes willen, Herr Amtsrichter! Pflichterer . Er ist da! Er ist da! – Ums Himmels willen. Starker! Starker . Fort ist er, Herr Amtsrichter, – rein fort, – rein fort! Pflichterer . Fort?! Nein, er ist da! Jede Minute, jeden Augenblick kann er hier sein. Starker . Fort ist er, – spurlos, wie in den Boden gesunken. Pflichterer . Les' Er, wenn Er noch lesen kann. Da ist er – im ersten Gasthof abgestiegen. Starker . O Herr Amtsrichter, der wahrhaftige Gottseibeiuns soll mich holen, wenn er nicht fort ist. Alles hab' ich ausgesucht; die Herrenstub' Hab' ich umgedreht, meinen Fritz Hab' ich halb totgeschlagen, aber fort war er, fort ist er und fort bleibt er! Pflichterer . Wa – was? Starker . Gott sei Dank, daß der Herr Amtsrichter zu Verstand kommen. Aber 's ist kein Wunder, 's ist zum Verstand verlieren. Rein – rein fort! Pflichterer (ruhiger und bestimmt) . Hör' Er, Starker, wenn ich Ihm einmal sage, daß er da ist – hier! hier in der Stadt! vielleicht in der nächsten Stunde in der Amtsstube! Starker . Gott geb's, Herr Amtsrichter! Aber die Herrenstube ist leer wie ein offener Käfig, oder ich will mein Brot von Zigeunern betteln mein Leben lang. Pflichterer . Die Herrenstube? Se. Durchlaucht in der Herrenstube? Ist Er wahnsinnig, Starker? Starker . Der heimliche Agent – Durchlaucht? Der Kommunist – Durchlaucht? Der Affentreiber – Durchlaucht? Herr Amtsrichter! Pflichterer . Der ist – was sagt Er? Starker . Fort. Pflichterer . Nein! Starker . Fort. Pflichterer . Und Seine Durchlaucht, Starker – 's bleibt dabei! Seine Durchlaucht sind da. Starker . Nein wo – Pflichterer . In einem der ersten Gasthöfe – Starker . Bomben und Granaten! Im Stern? im Hirsch? im Rößle? wo? Pflichterer (schwach) . Inkognito, – was weiß ich? Der Verbrecher, der Kommunist ist los und Seine Durchlaucht sind da! (sinkt in seinen Stuhl) . Starker . O Herr Amtsrichter! Pflichterer . Nach 45jähriger Amtsführung! Starker . Herr Amtsrichter! Befehlend was? Pflichterer . Starker, Starker, Starker! Nach 45jähriger, treuer Amtsführung! Kann Er's fassen? Starker . Der Kuckuck hol mich, wenn ich's kann. Pflichterer . Ein armer, alter, ratloser Mann – – Starker . Verlieren's nur jetzt den Verstand nicht, Herr Amtsrichter; ich hör' die Frau Tante kommen. Pflichterer (lebhaft) . Nein! (Lauscht einen Augenblick.) Auch das noch! O, ich seh' alles! Ich hör's an ihrem Gang. Wir sind verraten. Bleib' Er da. Starker! Starker . Sehr wohl, Herr Amtsrichter! (Für sich.) Aber dem ersten Sturm will ich doch ausweichen (stellt sich hinter einen Schrank) . 4. Szene. Konstanze . Die Vorigen. Konstanze . Schön, daß ich euch beieinander finde! Komm Er nur hervor, Starker; Er braucht sich nicht zu verstecken, wenn Er's auch nötig zu haben glaubt. Pflichterer (ihr die Zeitung entgegenstreckend) . Da, lies, Konstanze, lies! Konstanze . »Lies!« Soll ich in euren Armensündergesichtern lesen, was ich wußte, eh' ich die Gänse in den Händen hatte? Wo sind die Gänse her? Gesteh's, wo sind sie her? Pflichterer . Auch das noch! Auch das noch! Konstanze . Bekommt deine Schwester eine Antwort oder nicht? Starker . Frau Tante! Konstanze . Halt Er's Maul! Nie Reihe kommt auch noch an Ihn. Pflichterer . Wir dachten – aber weiß der Himmel, liebe Konstanze, 's ist keine Zeit für die Gänsegeschichte jetzt. Lies hier! Tu mir den einzigen – Konstanze . So – keine Zeit? Aber dazu war Zeit, deine Schwester auf die infamste Weis hinters Licht führen zu wollen? Mit deinem Amtsdiener! Schämst du dich nicht in den Boden hinein, Martin, – mit deinem Amtsdiener ein Komplott auszuspinnen! Drei fremde Gänse aufzugabeln, dazu war Zeit, und sie mir unterzuschieben, als seien's die echten, die ich selber in Schlicklingen gekauft habe! Mich für eine solche Gans zu halten, das nicht zu merken! Starker, hat Er mich wirklich für eine solche Gans gehalten? Starker . Wenn's die Frau Tante eben nun doch wissen – Konstanze . Wenn du nun einmal drauf versessen bist, dein Geld zum Fenster hinauszuwerfen und deiner Schwester den Nagel in den Sarg zu schlagen, – schlag zu, Martin! In der Welt, mit solchen Menschen –, aber wissen will ich's: wer von euch hat's dem andern eingegeben, wer war der Schlaukopf, drei fremde Gänse aufzugabeln, – wer von euch. Starker? Pflichterer . Nun, wenn die Wahrheit heraus soll – Starker . Der Herr Amtsrichter konnte unmöglich abkommen – Pflichterer . Allerdings, Starker. Unter den obwaltenden Umständen war's ja rein unmöglich, bis aufs Haidewiesle hinauszugehen, zwei Stunden hin – und gute zweieinhalb her. – Starker . Und fünf Stunden zum Gänsefangen, – Pflichterer . Und auf der Amtsstube das Defizit, – Starker . Und den Affentreiber! Du meine himmlische Güte, Frau Tante, der Affentreiber – Pflichterer . Und das Inkognito! – Lies, Konstanze, lies! Hatte ich recht oder unrecht? Konstanze . 'raus muß die Wahrheit, – wer von euch war's? Wer war's? Starker . Da dachten der Herr Amtsrichter – Pflichterer . Da sagte der Starker zu mir: »Herr Amtsrichter!« sagte er. Er erinnert sich wohl noch, Starker, auf der Hintertreppe – Starker . Verzeihen's, Herr Amtsrichter, wie kann ich mich unter diesen Umständen erinnern! Aber mir war's, als sollte ich zu Hause sein. Eine Ahnung, Frau Tante, drückte mir aufs Herz wie ein Stein. Pflichterer . Was war's, ein Druck, ein Wink vom Himmel! und so wahr, so gräßlich wahr! Starker . Denn wie wir heimkamen, ist der Affentreiber fort – Pflichterer . Und Seine Durchlaucht – lies, Konstanze, und sag, ob ich recht tat! – Seine Durchlaucht sind da. Konstanze . Was soll mir das Kauderwelsch! Kann eine vernünftige Seele aus dieser Konfusion etwas herausklauben, was wie Vernunft klingt? Einer um den andern! Was ist's mit dem Affentreiber? Starker (kleinlaut) . Nichts ist's mit ihm. Wie ich ihm vor einer halben Stunde wieder das Essen bringen will, find' ich die Türe der Herrenstube halb offen, höre, meiner Seel', etwas rascheln im Gang und fort war er, wie in den Boden versunken. Konstanze . Wer hatte die Schlüssel, Schlingel? Pflichterer . Ja, liebe Schwester, wer hatte die Schlüssel? Rat! Hilf! (zu Starker) Sie ist doch eine vortreffliche Frau! Starker . Die Schlüssel – hm – die Schlüssel? – Konstanze . Nun, wie lange besinnt Er sich, bis Er weiß, wer seine Schlüssel hatte? Starker . Hm, ich hatte die Schlüssel, natürlich! – hm – Die Frau Tante wissen, daß ich sie heut' früh der Fräulein Emilie lieh, um die Kellertüre aufzumachen. Konstanze . Hat das was damit zu schaffen? Starker (sich die Stirne reibend) . Hm – Konstanze (aufmerksamer) . Der Emilie? Weiter, Starker! Starker . Die Fräulein Emilie brachte den Schlüssel gegen Mittag zurück, sagt mein Fritz, und ich hab' ihn halb totgeschlagen. Nachher habe sie niemand mehr angerührt, sagt er. Aber ich will ihn gleich nochmals prügeln, wenn die Frau Tante befehlen. Konstanze . Schon gut, geb! Er mir die Schlüssel! Und was hast du auf dem Herzen, Martin? Pflichterer . Lies. Konstanze (liest rasch) . Ist das alles? Pflichterer . Alles? Nicht genug? Der Staatsverbrecher los und Seine Durchlaucht da? Und das noch nicht genug! Konstanze (trocken) . Und wenn er uns morgen aufsuchte!? Starker (wütend) . Der soll sich blicken lassen! Das Halseisen schmier' ich heute nacht noch! Nein, ungeschmiert soll er's herumschleppen! Pflichterer . Seine Durchlaucht meint sie ja. Starker, ist er denn ganz weg? Konstanze . Allerdings, Martin, und wenn? Hast du vielleicht ein böses Gewissen, oder dein Starker? Ein Wunder wär's nicht. Deine leibliche Schwester so zu hintergehen! Pflichterer . Und das Defizit im letzten Kassenabschluß! Konstanze . Altes Kind! Brauchst du's ihm unter die Nase zu reiben? Pflichterer . Nein! Aber hilf mir, rat mir, Konstanze! Du weißt wohl, du bist mein guter Engel. Sie ist mein guter Engel, Starker, Was soll ich tun, wenn er nun wirklich hereintritt – inkognito – in eigener Person? Konstanze (verächtlich und ungeduldig) . Tu, was er dir sagt. Mehr wird er nicht verlangen. Pflichterer . Meinst du? Glaubst du wirklich? Starker, wir tun, was er uns sagt. Wie mir das auf einmal – 5. Szene. Emilie (bleich und verstört, ein Billett in der Hand). Die Vorigen. Konstanze . Wer hat dich gerufen, Emilie? Emilie . Ein Mann, lieber Vater, – ein Mann gab dieses Billett eben bei Starkers ab. – (Für sich) Gott im Himmel, Wie sauer das Lügen ist! Konstanze . Gib her und laß deinen Vater in der Amtsstube in Ruh'! (Liest.) Kurios! die Handschrift sollt' ich fast kennen! Ein Mann, sagst du? Emilie . Ist's – (sehr verwirrt) – Ist's zu spät? Konstanze . Etwas für Ihn, Starker. Der Mann schreibt: »Die Sorge um die Sicherheit der Stadt und um Ihre Ruhe« – er meint dich, Bruder. Pflichterer . Meine Ruh' – o Gott, meine Ruh'! Emilie . Lieber Vater, vielleicht ist's nicht so bedenklich. Konstanze . Was? Weißt du, was das Billett enthält? – »um Ihre Ruhe nötigt mich, diese Zeilen an Sie zu richten. Ich bin versichert, daß Ihr Freund, Herr von Blumenreich, auf morgen früh mit einem fremden Herrn ein blutiges Zusammentreffen verabredet hat. Die Ehre unserer Stadt verlangt, daß Sie dasselbe um jeden Preis verhindern, – Ein Freund des Friedens. Nachschrift. Herr von Blumenreich wird unfehlbar im goldenen Hirsch zu finden sein.« Kurios! Eine Nachschrift, – die Handschrift und eine Nachschrift! (Sehr streng.) Emilie, war es ein Mann, der das Billett abgab, – ein wirklicher Mann? Emilie . Gott – dem Vater wird übel! Pflichterer . Blut – Blut! Mord und Totschlag, – nach 45 jähriger treuer Amtsführung! – Mord und Totschlag in Waldhausen und Seine Durchlaucht da! Emilie, Wasser! Konstanze (geht auf und ab, wahrend sich Emilie und Starker mit Pflichterer beschäftigen, der in einem Stuhl liegt) . Dahinter steckt etwas! – Eine Nachschrift! Die Hand ist verstellt, das sieht jedes Kind! Und der Affentreiber – ich wollt', ich hätte den Kerl gesehen, eh' ihn dieser Esel entwischen ließ. Seid ihr fertig miteinander? – Starker! Pflichterer (schwach) . Starker, meine Schwester! Starker . Die Frau Tante befehlen? Konstanze . Hat Er den Inhalt des Billetts verstanden? Starker . Wie die Frau Tante befehlen! Konstanze . Esel! Hat Er kapiert? (ihm an den Schädel klopfend) . Hat Er begriffen, was in dem Wisch steht? Starker . Halten's zu Gnaden, noch nicht. Konstanze . So pass' Er auf! Pflichterer . Pass' Er auf, Starker! Konstanze . Der Baron im Goldenen Hirsch ist in Gefahr, von einem Unbekannten ermordet zu werden. Ist das klar! Starker . Wenn ich nun doch einmal die Wahrheit sagen soll, Frau Tante: nein! Pflichterer . Sag's ihm! Erklär's ihm, Konstanze! Mir ist, als ginge die Amtsstube mit mir im Kreis herum. Nach 45 jähriger treuer Amtsführung Mord, Revolution und Seine Durchlaucht, – Emilie! (Emilie beschäftigt sich eifrig über ihm.) Konstanze . Räsonnier' Er nicht, Starker! Er geht in den Hirsch – sogleich! Er erkundigt sich bei dem Herrn Baron, ob was an der Sache ist, findet den Unbekannten und arretiert ihn. Emilie (erschrocken) . Aber könnte man nicht vielleicht ebensogut den – den andern – den Herrn Baron hierher bringen? Starker . Mit dem größten Vergnügen, Fräulein Emilie. O, ich versteh'! Ich versteh'! Konstanze . Halt Er's Maul und tu Er, was ich Ihm sage! Starker . Wie die Frau Tante befehlen! O, ich versteh'! Er wird arretiert! Sie werden alle arretiert! Konstanze . Mir gibt Er die Schlüssel zur Herrenstube. Der Kuckuck hat sein Spiel dort, wenn ich nicht finde, wie der Vagabund aus Euren tappigen Fingern geschlüpft ist. Jetzt marsch, fort! In zwei Stunden muß der Unbekannte in der Vogtei sein. Starker . Meinen Hut, Fritz! O, ich versteh'! (zur Türe hinaus und die Treppe hinunter rennend, außen) . Meinen Stock, Fritz! Meinen – meinen Amtsrock, Fritz! – Fritz! Fritz! Die Frau Tante befehlen! Fritz! Wo steckt der Lausbub? 6. Szene. Konstanze . Und du, Bruder, wartest ruhig, bis Se. Durchlaucht kommen! Hast du mit Emilien gesprochen? Pflichterer . Heute noch? Siehst du nicht, wie wir alle alteriert sind? O Konstanze, wenn du nur nicht so gar rasch wärest! Konstanze . Ich bitt' dich, Bruder, tu, was ich dir sage. Ich rechne darauf, daß du tust, was ich dir sage. In diesem Punkt Hab' ich das Spaßen genug. Gute Nacht! Pflichterer . Konstanze! Höre, liebe Konstanze! Noch ein Wort, beste Konstanze! (Konstanze ab. Pflichterer in den Stuhl zurücksinkend.) 7. Szene. Emilie (die während der vorigen Szene seitab Umschläge zugerichtet hat). Pflichterer im Sorgenstuhl. Emilie . Ist dir etwas wohler, lieber Vater? Pflichterer . Wohler, gutes Kind? Kann's einem alten Mann nach 45 Jahren treuer Dienstzeit wohler sein? Emilie . Ich meine: ist dir's besser als vorhin? Pflichterer . Besser? 45 Jahre bin ich Amtsrichter gewesen in Waldhausen und hab' mich gequält und gemüht für meinen Herrn. 45 Jahre lang haben mir die Waldhäuser das Leben sauer gemacht und ich hab's geduldig getragen. Du nie, Emilie! Emilie . O, nimm's nicht so schwer, guter, lieber Vater! Wer weiß – Pflichterer . Ja, wer weiß? Du weißt freilich nicht, wie's einem Amtsrichter zumute ist, wenn er's zu guter Letzt mit aller Müh' und Not nicht weiter bringt, als daß Vagabunden losbrechen, Kommunisten den Staat unterwühlen und Barone ihres Lebens nicht mehr sicher sind! – Ich soll mit dir sprechen, Emilie! Emilie . Du tust's, lieber Vater! Aber warte nur noch ein wenig, Hab' ein wenig Geduld! (Sehr bewegt.) Vielleicht – vielleicht ist's nicht so bös gemeint mit dem Zweikampf –, vielleicht ist der Vagabund kein Raubmörder –, vielleicht – wenn du's gar so schwer nimmst (ihm um den Hals fallend) . – Ich will dir alles sagen –, dich kann ich nicht betrügen –, ich will dir alles entdecken – Pflichterer (erschrocken) . Sagen? Entdecken? Um Gottes willen – heute nicht! Emilie, bring deinen alten Vater nicht unter den Boden! Heute nicht! Morgen, zum Frühstück in Gottes Namen! Aber heute – nein, und wenn mich's die Ohren kostet: auch ich will heute nicht mit dir sprechen; 's ist genug für heute. Küss' mich, Emilie! Du allein von allen Menschen hast mich noch nie betrübt. – Küss' mich, gutes, gehorsames Kind! Emilie (ihn zärtlich küssend) . O Gott – wenn du wüßtest! Aber kann ich – kann ich anders? 8. Szene. Franks Zimmer im Hirsch. Nacht. Frank (Pistolen putzend). Weller (auf- und abgehend, mit Zeichen halb komischer, halb wirklicher Verlegenheit). Weller . Und dann – das Pulver ist auch zu grob für einen Baron. Wart wenigstens, bis wir anderes Pulver bekommen können. Frank . Ehrlich gesprochen: ich kann dich nicht begreifen. Eine so kleine Gefälligkeit! Mich in diesem Augenblick, wo mir in der Tat niemand als du aus der Verlegenheit helfen kann, – da mich förmlich stecken zu lassen! Ich begreif's nicht! Weller . Begreif' ich's kaum. Frank . Sieh, wenn du heute zu mir gekommen wärest und hättest mir gesagt: »Ein ordentlich gekleideter Halunke heißt mich einen Schuft und verlangt dafür eine Kugel in den Unterleib; ich kenne niemand in dem verfluchten Nest; tue mir den Gefallen und steh morgen etwas früher auf! Ich brauch' einen Sekundanten, damit niemand ausreißt, wenn der Schuß an mir ist!« Setz den Fall, Weller! Glaubst du wirklich, ich – aber sieh mich an, Alter; den Ofen geht's nichts an. Weller . Der Teufel soll mich holen, wenn ich's tu'! Frank . Zu weh möcht' ich deiner Bärenhaut nicht tun. Aber ich glaube, ich hab' dir Beweise gegeben, daß meine Freunde auf mehr rechnen dürfen. Weller . Du tust meiner Bärenhaut zu weh. Du reiß'st sie mir in Fetzen. Frank . Wenn ich den alten, guten Kern drunter finde, um so besser! Weller . Um so schlimmer für dich! Willst du mich schinden, weil ich dir nicht an die Hand gehe, deinen Nebenmenschen zu ermorden? Frank . Morden! Kinderei! Wer denkt an Morden? Weller . »Nebenmensch« in mehr als der gewöhnlichen Bedeutung. Nebenmensch im tiefsten Sinn des Worts. Ist's nicht des Unsinns Quintessenz, daß zwei Wesen, deren höchste Sympathien sich in einem Brennpunkt begegnen, deren süßeste Träume um einen Engel schweben, deren heißeste Gebete einer Göttin gelten, daß diese beiden auf gegenseitige körperliche Züchtigung sinnen? Aber was nützt die Stimme des Predigers in der Wüste! Frank (wirft die Pistolen auf den Boden) . So bleibt's dabei. Weller . Nein denn! Ich halt's nicht aus. Frank, du bist das unglückseligste Kamel, das je in Waldhausen um Geld zu sehen war. Dein Lebensglück liegt in Scherben, – du wolltest es so. Frank . Sprich wie ein Mensch mit fünf Sinnen. Seit einer Stunde versteh' ich kein Wort von allem, was du sagst. Weller . Hast du's so eilig, die Scherben zusammenzuklauben? Du wirst sie heulend aneinanderpassen und sagen: »So war's! Mein bester Freund wollte mir's ganz erhalten. Mutwillig hab' ich's ihm aus der Hand geschlagen.« Frank . Die Verantwortung übernehme ich. Weller . O eitler Stolz der Tugend, lächerlicher Hochmut vor dem Fall! Höre denn: du weißt, was dein Gegner und Nebenmensch morgen im Sinn hat. Der Staatsstreich ist gewagt; aber die Verhältnisse sind dringend. Eingeführt von seiner falschen Durchlaucht wird er in einer halben Stunde die letzte Schanze erstürmt haben. Der alte Amtsrichter – verzeih mir – ist ein Narr, die Tante ist im Komplott und du kannst deinen Affen heiraten, wenn dir der Pfarrer von Waldhausen den Trauschein nicht verweigert. Frank . Ich zerschmettre dem Spitzbuben eine Rippe! Weller . Du könntest ihm keinen größeren Dienst tun. Ich glaube, deine süße Emilie würde es unter diesen Umstanden für ihre Pflicht halten, das fehlende Glied zu ersetzen, wie weiland im Paradies ihre Ur – Ur – Ur – Urgroßmutter – – Frank . Keine Rettung? Kein Rat? 's ist so verzweifelt wahr, was du sagst! Weller . Beides! Aber du mit deiner afrikanischen Hitze schlägst alles zu Boden. Pass' auf und zerreiß' dann dein Hemd von oben bis unten, wenn du ein zweites besitzest. – Beschlossen war, daß eine Gegenmine springen sollte. Mich kennt man in der Vogtei nicht. Dem neuen Fürsten sehe ich ähnlich genug. Deine zwei Widersacher haben ihn jedenfalls so wenig gesehen als die Tante und der Alte. Gut! Sobald sie auf der Vogtei ihr Spielchen begonnen haben, fahren wir vierspännig vor und entlarven die Bösewichter. Ich, als der wirkliche Fürst, verspreche dich mit dem Leitstern deiner Kinderjahre und begründe eine allseitige und ewige Glückseligkeit. Frank . Bist du toll?! Weller . Jetzt bricht der Paroxysmus aus! Frank . Weller, glaubst du wirklich, ich würde einer solch gemeinen Spitzbüberei, wie sie diese zwei Vagabunden ausgesonnen haben, mein Lebensglück verdanken wollen? Weller . Gut, gut! Ganz gut! Das ist's eben, was wir erwarteten. Frank . Was würde Emilie sagen, dieser Kristall von Reinheit, dieser Engel der Liebe und Zärtlichkeit für ihren wackren Vater? Könnte ich je wieder unter ihre Augen treten? – Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn! Weller . Natürlich! Schlag zu! Schlag dein ganzes künftiges Lebensglück in Stücke! Schlag sie tot, die liebliche Kinderschar, die ich für dich aus dem Schoß der seligsten Zukunft gewissermaßen zu gebären im Begriff war! Aber recht hab' ich gehabt. Warum mußt' ich dir's vor der Zeit sagen! Frank . Weller, ich weiß, du bist kein Spitzbube von Natur. Die Güte macht dich dazu. Aber – selbst wenn der Streich möglich wäre – Weller . Es dämmert! »Möglich wäre« – der Gedanke war gut! Denk weiter! Frank . Nie würde ich mich wie ein Dieb in mein Paradies schleichen. Weller . So muß ich denn recht behalten. Ich sagt's zum voraus. Aber siehst du nun den Zusammenhang, armes, verblendetes Geschöpf? Wir hatten beschlossen – Frank . Wer: wir? Weller . Leute, die es besser mit dir meinen als du selbst. Beschlossen war, daß du durch mich morgen zur geeigneten Stunde in die Vogtei gelockt werden und daß du die nötigen Weisungen zwischen der Haus- und Salontüre erhalten solltest. Gut. Das hätte dich betäubt. Die Überraschung, der Schrecken, die Nähe des Himmels, – kurz, ehe du erwachst, ist der Feind geschlagen, die Schlacht gewonnen und deine Liebe gerettet. Frank . Weller! Weller! Und mich heißen sie einen tollen Menschen! Weller . Ich weiß, du kannst diese Art der Überrumpelung nicht ertragen. Dein guter, dicker Kopf kommt nicht nach und das hätte dich gerettet. Doch um zu Ende zu kommen: kann ich dem Feind morgens um sechs Uhr als dein Sekundant entgegentreten und mich mit ihm herumprügeln, wenn ich ihn um zehn Uhr als Durchlaucht niederschmettern soll? Siehst du nun? Frank (abgewendet, mit sich selbst beschäftigt) . Nie! nie! Weller . O Blindheit! Seit einer Stunde marterst du meine Nerven mit deinen sanften Vorwürfen. Du hast eine verfluchte Manier, Frank. Ich wollte nicht sprechen. Ich schwur im stillen, ich wollte nicht sprechen. Aber, Himmel und Hölle! die Bärenhaut gab nach; alles hat seine Grenzen. Frank . Und einen andern Rat habt ihr nicht? Keine Rettung? Weller . Siehst du nicht an dem glänzenden Entwurf, daß wir an der Grenze menschlichen Witzes und irdischer Möglichkeit angelangt sind? Miet einen Drachen, und führ dein Lieb durch die Luft. Aber laß sie nicht fallen! Und frag den Drachen vorher, ob er auch moralisch lebt und die Wahrhaftigkeit liebt. O Blindheit! Blindheit! Frank (abgewendet) . Genug davon! Es bleibt dabei. Dort liegen die Pistolen. Weller . Jetzt steh' ich zu allem zu Dienst. Wie steht das Wetter? Sieh mich an! Der Ofen hat jetzt auch nichts mit der Sache zu tun! Frank . Auf Sturm, Alter! Auf Sturm steht das Wetter. Weller . Wo bekommen wir den Chirurgen her? Frank . Werden keinen brauchen. Der erste Schuß ist mein. Weller . O Blindheit! Blindheit! Ein wenig Komödie spielen will er nicht. Aber seinen Nächsten über den Haufen schießen wie einen räudigen Hund, daraus macht sich die schöne Seele nichts. 9. Szene. Minchen (hastig eintretend). Die Vorigen. Minchen . Er muß fort – zum Fenster hinaus! Sie müssen fort, Herr Frank, – schnell, – kein Besinnen! Weller . Du fällst wie eine Sternschnuppe in die Nacht unseres Daseins und er soll fort?! Minchen . Keine Dummheiten jetzt, um Gottes willen! Oder dort hinein, lieber Herr Frank! Weller . Minchen, du vergiß'st offenbar, daß die Bedeutung des Wortes »lieb« – Minchen . Starker ist im Haus, der Stadtbüttel, und schreit nach jemand, – der Baron weist ihn hierher, – horch, es kommt! – Gehen Sie, gehen Sie! Weller (unruhig) . Ich glaube wirklich, es wäre das beste, du folgtest dem Rezept. Frank (schwingt sich auf den Sims) . Durchs Fenster also! Die Fenster in Waldhausen scheinen expreß für mich gemacht. Minchen (eine Seitentür aufschließend) . Nein, – hier hinein, Herr Frank; dieses Zimmer ist sicherer. Weller . Würste drin und Sauerkraut, Schatz? Minchen . Mein Schlafzimmer, Naseweis! Bist du nun zufrieden? Weller . Nicht ganz! Frank, halt – Minchen . Schnell, schnell, es klopft! Frank . (verschwindend) . Treues Mädchen! Weller . So Gott will! 10. Szene. Raufeck . Weller . Minchen . Raufeck (die Tür öffnend, heftig, halblaut, heiser) . Frank! Frank! Affentreiber! Löwenfänger! Ist der Goliath dieser Philister nicht aufzutreiben? Minchen . Wen suchen Sie, Herr Raufeck? Raufeck . Den Affentr – den Herrn Frank, mein Schatz! Man sagt mir, er sei hier, 's ist Feuer im Dach. Minchen . Kann ich ihm etwas ausrichten? Raufeck (von oben herab) . Kind! Minchen . Der Herr vielleicht? Raufeck . Sie – wer sind Sie? Weller . Tut nichts zur Sache. Betrifft es meinen Freund Frank? Raufeck . Sehr genau. Sagen Sie ihm, es sei Feuer im Dach. Weller . Damit ist ihm wenig gedient. Wollen Sie sich erklären? Raufeck . Donnerwetter, diese Philister, – diese Herren begreifen langsam. Zu Erklärungen ist keine Zeit. Ein Spitzel ist im Haus. Er soll machen, daß er zum Teufel kommt. Weller . Dazu jedenfalls hat er Zeit genug. Raufeck . Sancta simplicitas! Doch Sie sehen aus wie ein ehrlicher Kerl und ich bin kein Hundsfott. Wissen Sie etwas von der Geschichte? Weller . Welcher Geschichte? Raufeck . Morgen früh um sechs? Weller . Genug, um sie mit Ihnen zu besprechen! Raufeck . Und die Pistolen dort! – Dann sind Sie sein Sekundant und mein Mann, Kurz, Blumenreich – ich glaub', es ist ihm in die Gedärme geschlagen; erst sudelt er ein Gedicht, sechs Bogen lang; jetzt will er sein Testament machen. Vor zehn Minuten kommt der Spitzel dieses Nestes auf unsere Bude, bittet um Erleuchtung in der interessanten Angelegenheit und Blumenreich sagt ihm – aber er ist krank, er hat das Delirium. Weller . Blumenreich – ich will nicht hoffen – ? Raufeck . Ich bin kein Hundsfott, Herr, und wenn Ihr Freund, der Affen – der Löwenschläger, mit mir vorliebnehmen will, so – (wütend) so ist er »ein dummer Junge« und ich werde morgen früh auf dem Platz sein. Weller . Allzu gütig! Und das ist alles? Raufeck . Denken Sie von der Geschichte, was Sie wollen. Blumenreich ist krank. Er macht Gedichte und ist krank. Ich konnt's nicht vermeiden. Jeden Augenblick kann der Esel der Gerechtigkeit eintreten. Weller . Und Sie wollten uns die unangenehme Begegnung ersparen? Raufeck . Ihre Hand, Herr! Zu sagen brauchen Sie's niemand. Er ist krank, und wenn Ihr Freund morgen früh Lust hat, – ich glaub', der Kerl fällt eben die Treppe herauf – (rasch ab ). 11. Szene. Weller . Minchen . Weller . Hast du verstanden, was das Bierfaß sagen wollte? Minchen . Der Baron hat euch verraten. Was ist nun zu tun? Weller (resigniert) . Nichts! Lassen wir ihn wieder einstecken! Minchen . Herrn Frank? Bist du außer dir? Weller . Er will nicht. Minchen . Das glaub' ich. Weller . Er will morgen nicht. Er will nicht auf unsern Plan eingehen. Minchen . Himmlische Güte! Das ist ja gar nicht möglich. Wo ist er? Laß ihn mir, nur drei Minuten. Er muß wollen. Weller . Wenn du hexen kannst. Freilich, du kannst's. Aber was fangen wir mit dem Büttel an in der Zwischenzeit? Minchen . Schieb ihn in ein Ofenloch. Weller . Er wird Lärm machen. Minchen . Kannst du ihm nicht das Maul stopfen? O Männer! Müssen wir alles tun? Weller . Im Hinterhaus hört ihn niemand. Man denkt, es sei der Affe. Kann man ihn nicht dorthin bringen? Minchen (aufjubelnd) . O himmlische Güte, der Gedanke ist ein Dutzend Küsse wert. Geh, – faß ihn ab, lock ihn zu dem Affen; er findet Gesellschaft; – geschwind! er kommt! Weller . Gesellschaft? Minchen . Frag nicht, – geh! Die Barone haben den Postillon betrunken gemacht; 's war auch eine Spitzbüberei dahinter, etwas mit Briefen oder Zeitungen. Vor einer halben Stunde hab' ich ihn in die Waschkammer bringen lassen. Geh, – hier ist der Schlüssel, geh! Weller (unter der Türe) . Und wenn du hexen kannst, Schatz, dann – Minchen . Schon recht. Sieh dich nicht um! Steck ihn hinein und schließ ab! (Weller ab.) 12. Szene. Frank (aus dem Nebenzimmer wieder hervortretend). Minchen (lebhaft erregt, lacht laut und wird dann ernster). Minchen . Und er will nicht! (Sich umwendend und Frank erblickend) . Sie wollen nicht? Frank (ernsthaft und warm) . Tadeln Sie mich? Minchen . Was würde es auch nützen, wenn wir armen Mädchen diese gewaltigen Herren der Schöpfung tadelten? Sie gehen so ruhig ihre Wege, sie sagen sich jeden Morgen, was heute für sie recht und gut ist, und das muß natürlich für den Rest der Welt ebenfalls gut und recht sein. Warum nicht? Frank . Wenn Sie wüßten, wie weit ich im Augenblick von diesem Gefühl der Sicherheit bin! Minchen . Ob wir Sie tadeln? Komische Frage! Ob darüber unser Glück und unsre Hoffnungen zugrunde gehen, ob darüber ein kleines Unglück passiert und ein Herz bricht, was kümmert das Sie? Frank . Aber die Frage ist eine ganz andere! Minchen . Weil es sich um Ihr Glück handelt? Frank . Liebes Fräulein, – Gott weiß, ich bin in dieser Sache kein Egoist! Aber – nein, ich will jetzt keine Gründe dafür und dawider hören! Sie sind ihre Freundin, Minna! In Ihren lieben, unschuldigen Zügen, in Ihren treuen Augen liegt nicht ein Funke von Falschheit! Sehen Sie mich an und sagen Sie mir: kann ich's vor ihr verantworten? Kann ich's tun? Minchen . O, wenn Sie nur eine Idee von dem Ding hätten, was wir Liebe heißen, Sie Stockfisch! Aber so war' es freilich besser, Sie ließen das arme Mädchen sitzen – Frank . Sehen Sie mich an! Sagen Sie: ja oder nein! Minchen . – oder ließen sie dem Baron; der hat sie gerner! Frank . Unerträglich, unerträglich! Helfen Sie! Minchen . Nun denn, ich sage: ja! Ist das alles, was Sie wissen wollen? Ich glaubte Wunder, wie wir zu kämpfen hätten! Frank (sich umdrehend und hinter den Ohren kratzend) . O Mädchen! Mädchen! Mit euern verzweifelten Augen! Einem Tiger seh' ich ruhig ins offene Gebiß, – aber euch –! 13. Szene. Waschkammer. Im Hintergrund eine geschlossene, im Vordergrund links eine kleine offene Türe. Rechts eine Bank und ein Tisch. Schnell (am Tisch sitzend, den Kopf auf den Armen, halb schlafend und sich unruhig bewegend). Schnell . Hist, hist, Scheck! – Langsamer, Hansel, langsamer! – Mir ist – o mir ist schlecht! Den Briefbeutel – die Gänse sind im Briefbeutel, Frau Tante. – Prrr! – die Zeitungen für den Herrn Baron! – alle Zeitungen für den Herrn Baron! Ja, warum denn das nicht, und sonst alles! – Noch einen Schnaps, Scheck, – der Schnell – der Schnell ist ein Mordskerl, – ein Mordskerl! – Prrr – (sinkt schlafend zurück; aus der Seitentüre kommt der Affe, springt auf den Tisch, sieht Schnell lang an, macht dann lebhafte Erkennungszeichen und zieht sich bei Geräusch des sich öffnenden Schlosses wieder in die Nebenkammer zurück) . 14. Szene. Starker und Weller (an der Türe im Hintergrund erscheinend; Weller tritt jedoch nicht über die Schwelle). Weller . Hier glaubt er sich sicher. Treten Sie ein; aber leis, – er schläft. Starker . Wollen Sie nicht zuerst eintreten, Euer Gnaden? Weller . Rasch, Herr Polizeidirektor, die Minuten sind kostbar! Starker (schüchtern eintretend) . Ja, – dort liegt er! Wenn er nur nicht so groß wäre! Ich hoffe, er wird keinen Widerstand wagen. Es wäre ja wahnsinnig! Weller . Leiser, leiser! Wir haben einen glücklichen Augenblick getroffen. Starker . Ich versteh' das Handwerk. Er schnarcht wie ein Bär. Weller . Ein verhärteter Bösewicht! Er ist nicht zu bedauern. Starker . Bedauern? ein Affentreiber! Weller . Tun Sie Ihre Pflicht! Starker . Ja, aber lassen Sie die Türe offen! Weller . Wenn er entwischte! Starker . Ach! nicht für ihn, – für uns! Weller . Schon gut! (Starker nähert sich schnell auf den Zehen. Weller verschwindet durch die Türe, die sich lautlos schließt.) 15. Szene. Starker und Schnell . (Starker bleibt eine Zeitlang unschlüssig vor Schnell stehen. Plötzlich beugt er sich auf ihn nieder und prallt mit einem Schrei zurück. Schnell richtet sich langsam auf und stiert Starker an. Der Tisch steht zwischen Beiden.) Schnell (ruhig, allmählich ins Feuer geratend, aber ohne seinen Platz zu verlassen) . Holla! ein neuer Passagier! – Oho, Scheck! langsam! langsam! – Wo kommt denn Er her, Musje Starker? – Heiliges Donnerwetter – wo sind wir denn eigentlich, – sind wir allein? Starker (sehr überrascht, ängstlich) . Herr Schnell, sieht Er wohl, – ich bin hier in der Ausübung meines Amtes – Schnell (boshaft) . Richtig! Daran will ich eben auch gehen, Herr Starker! Hab' ich's nicht versprochen, wenn ich Ihn einmal allein hinter einer Hecke fände? Und wenn ich mein Amt auf Seinem Buckel nicht ausübe, so will ich samt dem Mädel verdammt sein! – Was hat Er sich in meine Geschäfte zu mischen, he? Was hat Er mich bei den Leuten schlecht zu machen und mir das Mädel abzuschwatzen, das von Gott und Rechts wegen mein ist? Wetter noch einmal! Das soll mir wohltun! Ich glaub', ich könnt' gerad' den Münchinger Omnibus mit dem Daumen in den Boden schlagen; und wenn's keine Stuhlfüße in dem verfluchten Loch gibt, schlag' ich ihm die eigenen Beine um die Ohren, daß – (während der Rede hat sich Schnell langsam am Tisch aufgerichtet, so daß Starker in starrem Schrecken zurückweicht. Mit einem Satz springt in diesem Augenblick der Affe aus der Nebenkammer auf den Tisch und sieht Beide grinsend an. Schnell sinkt auf die Bank zurück. Starker stürzt nach der Türe) . 16. Szene. Der Affe . Die Vorigen. Starker (wütend an der Türe trommelnd) . Auf! auf! auf! Um Gottes Barmherzigkeit willen – auf! Herr Baron! Euer Gnaden! Machen Sie auf! – Es ist ein Mißverständnis, es ist nicht der Affentreiber, es ist der Herr Affe, es ist das Tier! – Euer Gnaden, es ist das Tier! Auf – auf – auf! Schnell (teilweise zugleich mit dem Vorigen) . Alle Wetter. ist der Musje auch da? – Da sind wir alle drei wieder beieinander! (Mit dem Affen sprechend.) Braucht das Gegrins nicht! wir kennen uns! – Aber jetzt sollt ihr sehen, ihr zwei Lumpenhund', wer Meister ist! Trommle drauf los und mach die Hosen voll, alter Flurschütz! Der Kleine kommt zuerst. (Wütend.) Was braucht's das Gegrins! Das für dich, haariger Teufel! (Er schlägt nach dem Affen, der mit einem Sprung ausweicht. Die Faust trifft den Tisch, welcher zusammenbricht. Schnell und der Affe ergreifen je ein Tischbein und jagen sich fluchend, kreischend und schreiend in der Stube herum.) Starker (fortwährend trommelnd) . Auf – auf – auf! Hilfe der Obrigkeit! – Schlagen Sie ihn tot, bester Herr Schnell! Werfen Sie nach ihm! Au, au! er hängt an meinen Hosen! Hilfe! Hilfe! Schnell . Ich wollt', er zerriss' dir die Kutteln! (wirft den Prügel nach dem Affen, der Starker trifft) . Starker . O Herr Gott, Herr Gott! Mein Oberschenkel ist abgeschlagen. Hilfe, Hilfe! (Der Affe, etliche Mal getroffen, retiriert in die Nebenkammer; Schnell ihm nach; ein Höllenlärm entsteht daselbst.) Starker (wirft sich auf die Knie) . O heiliger Nepomuk, erlös' mich aus dieser Not, und laß ihn gewinnen; heiliger Ritter Georg, der du den Drachen überwunden – Schnell (wieder aus der Nebenkammer hervorstürzend, unbewaffnet. Der Affe mit beiden Prügeln hinter ihm her) . Platz, Platz, aus dem Weg! (Sie jagen sich in der Kammer umher. Beide verschwinden wieder in der Nebenkammer. Man hört etliche gewaltige Schläge) . Starker . Ihr Heiligen allesamt, wenn's eine himmlische Polizei gibt, schickt sie in dieses Loch und erlöst wenigstens mich! Ritter Georg, Ritter Georg! Zehnmal lieber den Lümmel als dieses fremde Tier! Verleih ihm den Sieg! (Der Affe, hinkend und heulend, kommt wieder, von Schnell schwer bedrängt. Über den knienden Starker springend, weiß er sich einige Augenblicke zu schützen. Starker wird zu Boden geschleudert und Affe und Schnell verschwinden abermals. Was Geheul und der Lärm wird schwächer.) Starker (fortwährend auf den Knien) . Sieg! Sieg! O ihr himmlischen Mächte, laßt die Unschuld siegen! Nie will ich wieder Amtsholz stehlen, nie Mädel einstecken, wenn sie's nicht verdient haben! Laßt ihn nicht ermatten! – Schlagen Sie drauf, Herr Schnell; ich glaube, er stirbt! – Heiliger Ritter des Lindwurms, steh ihm bei! (Er stößt einen gellenden Schrei aus.) Jesus, Maria und Joseph! (In diesem Moment fliegt der Kadaver des Affen aus der Nebenkammer an den Kopf Starkers, der ohnmächtig zusammenbricht; er und der Affe liegen nebeneinander regungslos auf dem Boden.) Schnell (triumphierend hervortretend) . Alle Wetter! Wenn das Mädel das sieht und mich immer noch nicht will, hat sie kein menschlich Eingeweid' im Leib! Fünfter Akt. 1. Szene. Salon in der Vogtei. Die Haupteingangstür befindet sich auf der rechten Seite, links und im Hintergrund Nebentüren. Emilie , ängstlich, aufgeregt, zieht Minchen ins Zimmer. Minchen . Sind wir sicher hier? Emilie . Sicherer als im Gang draußen. Aber ich kann's fast nicht glauben! Minchen . Ich bin nur herübergeflogen. Es wäre nicht gut, wenn mich deine Tante hier fände. Emilie . Bleib nur einen Augenblick! Sie ist zu Starkers hinunter und der Vater kleidet sich an. Sie ist wie Quecksilber heut': sie kann keinen Augenblick auf einem Platz bleiben. Jetzt begreif' ich, warum. O, wenn nur der Tag vorbei wäre! Minchen . Mut, Mädchen, Mut! Du bist doch sonst nicht so verzagt. Heut' gilt's unser Höchstes! Emilie . Ich kann nicht helfen, daß mir das Herz im Leibe zittert. Er will also kommen und dem Vetter mit ihm? Minchen . In einer Stunde, – so früh als nur möglich. Unser Hansel ist nach Waldeck gerannt, um die alte Staatskarosse zu holen, die vom vorigen Fürsten noch dort steht. Wenn er nur den Verwalter gleich findet! Emilie . Und er wollte nicht? Er dachte, es sei nicht ehrlich? Minchen . O, er wollte geschwind genug, wie ich's ihm explizierte. Emilie (nachdenklich, dann heftig) . Es ist nicht recht! – Er fühlte es und ich soll Ja dazu sagen? – Es ist nicht recht! Minchen . Aber 's ist recht, daß wir alte Jungfern werden? Emilie . Du? Um dich handelt sich's ja gar nicht. Da Hab' gute Ruh'! Du wirst deiner Lebtag keine! Minchen . Oder daß wir ihn versauern lassen als einen langweiligen Hagestolz, und meinen Vetter dazu? Emilie . Aber er wollte nicht; o, ich versteh' ihn so ganz! Minchen . Ja, Schatz, wenn wir mit dieser Art Männer warten wollen, bis sie uns heiraten, da können wir lang warten. Die müssen wir heiraten. Emilie . O Minchen! Minchen . Wart nur bis heut' abend! Da machen wir andere Gesichter! 's ist alles im schönsten Zug und der liebe Gott wird schon ein Auge zudrücken und seinen Segen dazu geben. Eins nur versteh' ich nicht: wie der Starker noch gestern nacht nach deinem Heinrich fragen mochte. Emilie . Das kann ich begreifen und erklären. Aber wo ist er denn? Es ist ihm doch kein Unglück zugestoßen? Minchen . Er könnte nicht besser aufgehoben sein. Aber erklär einmal – Emilie . Du weißt, wie ich meinem Heinrich hinaushalf – (plötzlich betroffen) um Gottes willen, die Leintücher! Minchen . Was hast du? Emilie . Ums Himmels willen, – wenn sie jemand findet! Sie hängen noch am Fensterkreuz im Herrenstübchen! Minchen . Du gehst doch alle Donnerstage in den Missionskranz und hast auch gar kein Gottvertrauen, Mädchen! Aber weiter! Emilie . Nun unten fingen die andern mit ihm Händel an, daß ich in meiner Angst alles Wasser in der Stube auf sie hinunterschüttete. Minchen . Das half nichts, gutes Kind! Das glaub' ich wohl. Emilie . Ich hätte die Waschschüssel und den Stuhl und alles auf sie hinabgeworfen, aber da hört' ich Starker kommen und hatte gerad' noch Zeit, mich ungesehen davon zu machen. Was könnt' ich tun? Ich hatte gehört, wie der Baron meinen Heinrich heute früh totschießen wollte, und wie mein Heinrich natürlich verspricht, präzis zu kommen. – O, in manchen Dingen ist mein Heinrich so dumm! Minchen . Es war ganz recht; so soll ein Mann sein. Emilie . Dann schick deinen Vetter das nächste Mal! Aber ich wußte mir nicht anders zu helfen und schrieb einen Brief an den Vater – natürlich inkognito, wie er sagt –, und schrieb: er solle den Blumenreich arretieren lassen. Aber die Tante merkte was. Minchen . Ah, so war's, und da gerieten sie dir an den Falschen! Da hast du etwas Schönes angestellt! Ja, wenn man nicht für euch sorgt, wird aus euch zweien nie Eins, Kind! Aber sei ruhig, ich will sorgen und denken und schaffen; der Starker ist wohl aufgehoben, und eh' die Staatskarosse mit unsrem Fürsten vor der Vogtei steht, lass' ich den dummen Tölpel nicht los. – Es kommt jemand. Emilie . Was sind wir dir nicht schuldig! Minchen . Das wollen wir am Hochzeitstag ausrechnen. Schnell einen Kuß für deinen Heinrich! Sei tapfer! Emilie . Dort hinaus! O, wenn ich dein Herz im Leib hätte! Minchen . Das deine ist gut genug, mein Liebling! Besonders wenn dein Heinrich in manchen Dingen so dumm ist! Emilie . Er soll ums Himmels willen nicht zu spät kommen, Minchen! Minchen . Aber – »'s ist ja nicht recht!« Emilie . O du gottloses Geschöpf! Dir geht's gewiß noch recht schlecht. Minchen . 's geschäh' meinem Weller recht. Er hat mich auch eine Ewigkeit warten lassen! (Beide eilig ab durch eine Seitentüre.) 2. Szene. Pflichterer (in Staatsuniform, den Degen an der Seite). Pflichterer . Emilie! – Emilie! – Draußen ist sie! Läuft denn heute alles davon? Vom Starker läßt sich keine Spur finden, die Tante fegt im Haus herum, als seien wir im Türkenkrieg, und mich läßt jedermann allein. Ei – sieh doch! Da hat die Tante eine Flasche Malaga stehen lassen; die Himmel bewegen sich! O Gott, wenn die Not am größten ist, – (er trinkt und leert die Flasche während des folgenden Monologs) Na, wer weiß! Wenn's zum Schlimmsten kommt, – er kommt vielleicht heute gar nicht. Ich muß sagen, nach dem Malaga ist mir doch viel besser. Noch ein Gläschen! – Die Tante ist doch eine vortreffliche Frau und heute merkt sie's nicht. – Und wenn er kommt, – ich habe 45 Jahre – ja, ja, heut' sind's 45 Jahre – mein Amt treu und redlich verwaltet, das muß mir selbst der rote Rohmätsch nachsagen, der den badischen Feldzug mitgemacht hat, der Narr! 's ist die Uniform, ich glaub', 's ist die Uniform! Ich fühle mich jünger als vor fünf Jahren an Seiner höchstseligen Durchlaucht Namenstag nach dem Kasinoessen. Riechen kann er's nicht, das Defizit, denkt die Tante, und wenn's heut abend noch nicht gefunden ist, lass' ich's den Federleicht am Ende doch drauflegen; – hm, ich denk', ich tu's; einmal ist keinmal. Mir wird so leicht; 's muß die Uniform sein! (Trinkt wieder.) Da ist nun freilich der Affentreiber und das Tier! Aber wenn's nur halbwegs wahr ist, was man von Seiner Durchlaucht sagt, machen sie sich wenig aus wilden Tieren, und wenn sie vollends hören, wie mutig seine Behörden in Waldhausen dem Unfug gesteuert, – wer weiß? – in der Uniform nehm' ich mich stattlich genug aus. – Hm – was sagt Herr von Blumenreich? »Einem Amtsrichter stehen die Pforten zu den höchsten Ehren offen«, – ah, – (ruft) Emilie! – da fällt mir ein, – ja, ja, jetzt oder nie! – Wenn ich's jetzt nicht tu', geht mir's wieder wie mit den Gänsen; – Emilie! 3. Szene. Pflichterer . Stolz auf sein Amt, das er 45 Jahre lang ehrlich verwaltet! stolz auf seine Uniform, die er mit Ehren getragen! stolz auf seinen Fürsten, dem er rühmlich gedient, – (plötzlich Emilie zärtlich umschließend) stolz auf sein Kind, sein einziges Kind! Emilie . Mein bester Vater! Pflichterer . Sieh, wir werden älter! Emilie . Gewiß, mit jedem Tag, aber – Pflichterer . Ich werde älter. Emilie . O denke nicht daran! Was sind 45 Jahre, wenn du noch dein gutes Herz für dein Kind hast? Pflichterer . Du wirst älter, Kind, und wirst bald merken, was 45 Jahre sind. Freilich, daran denkt so ein Mädchen nicht. Aber die Tante sagt: ich soll mit dir sprechen. Emilie . Das versteht die Tante besser. Warum sollst du denn mit mir darüber reden? Pflichterer . Du kindliches Gemüt, merkst du denn gar nichts? – Aber sie sagt, es müsse sein, und sie muß es wohl wissen; denn deine Tante, Emilie, ist eine treffliche Frau. Hast du je schon über die Bestimmung der Frau nachgedacht? Emilie . Der Tante? O, schon sehr oft. Pflichterer . Ach nein! – des Weibes, die Bestimmung des Weibes, Ich will dir doch gleich heute nachmittag ein Buch geben: die Bestimmung des Weibes. – (Für sich.) Du meine Güte, wie soll ich's ihr beibringen? Emilie . Interessant kann das kaum sein. Pflichterer . O sehr! – ich hab's oft und viel gelesen und hab's auch deiner seligen Mutter gekauft. Ach, wenn wir die jetzt dahätten! Emilie (wehmütig) . Ja, dann wäre vieles anders! Pflichterer . Sie war dir so ähnlich; sie war so sanft. Gar nicht wie manche andere treffliche Frau. Emilie . O, ich weiß, – es träumt mir manchmal von ihr. Besonders, wenn ich bekümmert bin; besonders gegenwärtig. Pflichterer . Aber du kannst dich doch kaum erinnern, wie sie aussah, als ich sie heiratete. Emilie . Aber, bester Vater, damals war ich ja noch gar nicht auf der Welt! Pflichterer . Natürlich! Aber damals heiratete ich sie und sie war ungefähr in deinem Alter. Emilie . Sie war, glaub' ich, ein Jahr oder zwei älter, als ich jetzt bin, die Tante sagte mir's neulich. Pflichterer . Nun ja, das macht aber nichts aus. Sieh, liebes Kind, die Tante will nun durchaus, daß ich mit dir sprechen soll, und ich sehe es ein und du wirst es später auch einsehen. – Du bist, wenn du willst, nur noch ein Jahr jünger als deine gute Mutter – Emilie . Aber, bester Vater, was willst du denn eigentlich? Pflichterer (mit überströmender Innigkeit) . Nein, laß dir einen Kuß geben, – ich will mit dir sprechen, wie mir's ums Herz ist, an dem nur noch du einen Teil hast, seitdem sie tot ist, – und ich bin reich und glücklich gewesen mit dir und durch dich, Kind, und du hast mich nie, – nie betrübt und warst immer mein liebstes – einziges – – Hab – – und Gut – – 4. Szene. Konstanze (die Türe aufsprengend, vier aneinandergebundene Leintücher Nach sich ziehend, aufgeregt und nach Worten ringend. Geht etlichemal um Emilie, die sich das Gesicht mit den Händen bedeckt, herum und wickelt sie dadurch förmlich in die Leintücher ein). Die Vorigen. Pflichterer . Aber Konstanze, – gerechter Gott, – was machst du denn? Ich wollte ja eben – Konstanze . Was kann man erwarten? Wie ist's anders möglich? Wenn der leibhaftige Brüder seiner eigenen Schwester falsche Gänse unterschiebt, was kann da herauskommen? Pflichterer . Ich begreif' aber gar nicht –! Konstanze . Wer behauptet, daß du's begreifst? Aber ich begreif's, ich hab's endlich herausgewurmt, was du und der Starker und dein ganzes Pack zu finden zehnmal zu tappig sind. Und sie begreift's, – da, dein Liebling, dein Herzblatt, – sieh sie nur an, tu mir den Gefallen und sieh sie an! Pflichterer . Und was soll denn schon das Bettzeug? Ich wollte ja eben erst – Konstanze . Was das Bettzeug soll? Hat man je in einem anständigen Haus so etwas erlebt? Weißt du, wo ich das Bettzeug fand? Am Fensterkreuz in der Herrenstube hing's, so lang es ist, und hing in den Graben hinunter und ein Schwärm Buben standen unten und lachten's an! Und wie ich's heraufzog, tanzten die Bengel im Graben herum wie besessen. Wenn du mir nicht ein Billett an den alten Präzeptor schreibst, heut' noch – das ist eine Zucht in dem Waldhausen! Pflichterer . Ich will ja, Schwester, ich will ja; hast du einen erkannt? Konstanze . Das ist eine Zucht! Und weißt du, wem die Leinentücher gehören, an denen dein Affentreiber ins Weite ist? (hält ihm die Ecken der Tücher unter die Nase) . Kennst du das M. P. in dieser Ecke? Kennst du das Emilie P. in diesem Zipfel? Jetzt sag mir, Mädchen – willst du mich ansehen? Pflichterer . Ich begreif' aber gar nicht, – ich kann's gar nicht fassen! Waren denn alle Leintücher – eins – zwei – drei – Konstanze . O Mensch, Mensch, Mensch! Das sieht dir jedermann an der Nase an, daß du nicht in dem Komplott warst, – (plötzlich stumm werdend und lauschend) Emilie (die Hände sinken lassend) . Ich glaube – ich höre – ein Gefährt! Konstanze (ans Fenster eilend) . Ein Wagen, ein vornehmer Wagen. Pflichterer . Er wird doch nicht? Um Gottes willen, es ist doch nicht er? Konstanze (mit völlig veränderter Miene, ihre Locken zurecht streichend) . Wer, mein bester Bruder? Pflichterer . Emilie, Konstanze, in diesem Augenblick, gerade in diesem! Emilie . O Gott, jetzt gib mir Kraft! Pflichterer . Aber die Leintücher, Emilie? Konstanze . Geh ihm jemand entgegen, – nein, bleibt! ich will – Pflichterer . Verlaß mich nicht, Schwester, nur jetzt verlaß mich nicht! (Hält sie, Emilie wirft die Leintücher hinter eine Kommode. Die Türe öffnet sich feierlich.) 5. Szene. Raufeck . Blumenreich . Die Vorigen. ( Raufeck , sehr gewählt gekleidet, die Hand in der Brusttasche, tritt feierlich ein, grüßt mit einer kleinen Kopfbewegung und benimmt sich mit vornehmer Herablassung; Blumenreich hinter ihm, lebhaft, aufgeregt, gegen Raufeck sehr ehrerbietig, Konstanze macht einen feierlichen Knix, während sich Pflichterer , den Degen zwischen den Beinen, mit tiefen Verbeugungen nähert.) Emilie (im Hintergrund auf einen Stuhl sinkend) . Barmherziger Himmel, es sind die Falschen! Blumenreich . Ich habe das unendliche Vergnügen, meine Damen, ich habe die hohe Ehre, Herr Amtsrichter, Ihnen den Herrn Grafen von Falkental vorzustellen, der seit kurzem die Gewogenheit hat, Waldhausen mit seiner Gegenwart zu beehren. (Pflichterer fährt lebhaft in seinen Bücklingen fort.) Der Herr Graf, mein hochgeschätzter Freund, – wenn Sie mir erlauben. Sie so zu nennen – hat den ausdrücklichen Wunsch ausgesprochen, vor allem mit Ihnen und Ihrer weiten Familie bekannt gemacht zu werden. Pflichterer . Glauben Sie mir, Herr von Blumenreich, seien Sie überzeugt, Herr – Herr Graf – von – von –? Blumenreich . – von Falkental. Pflichterer (leis) . O Gott, ohne allen Zweifel! es ist das F – ich erwartete gar nichts anderes. (Laut.) Ich weiß, Herr Graf, die allerhöchste Ehre Ihrer gnädigsten Herablassung, welche Sie auf die echt fürstliche Idee brachte, bis in mein bescheidenes Haus herabzusteigen, zu schätzen wie kaum ein andrer Ihrer – Ihrer Untertanen. Blumenreich (leis) . Bitte, nehmen Sie sich zusammen, mein lieber Herr Amtsrichter; er hat's nicht gern, wenn man ihn erkennt. Pflichterer . Bitte demütigst um Verzeihung, Ihrer – Ihrer Standesgenossen, wollt' ich sagen. Raufeck . Man wohnt hier sehr hübsch, es freut mich, ich sehe das gern. Pflichterer . Das heißt: meiner Standesgenossen, wollt' ich sagen. Wenn der Herr Graf im geringsten ahnten, wie tief – Raufeck . Das ist wohl Ihre Familie? Pflichterer (die beiden Damen verwechselnd) . Dies hier ist meine Tochter und dies meine Schwester, zu dienen Eure Durchlaucht, – das heißt Herr Graf; – ach Gott, ich kann's nicht vermeiden – Raufeck . Legen Sie sich durchaus keinen Zwang auf. Ich sehe das nicht gern. Aber das kann kaum Ihre Schwester sein. Pflichterer . Eine vortreffliche Frau, Herr Graf. Ich glaube sagen zu dürfen, daß Sie in Ihrem ganzen Fürstentum kaum – Blumenreich (leis, heftig) . Sie bringen mich in die größte Verlegenheit. Pflichterer . Grafschaft, Grafschaft, Euer Durchlaucht! – kaum einer zweiten Frau begegnen dürften, die ihr an geistiger Kraft und Energie, (bemerkt die Verwechslung) . Das heißt, ich meine die andere, – dieses ist die eine, diese ist die andere, Herr Graf; – die eine ist meine Tochter, wenn der Herr Graf gnädigst erlauben. – Raufeck . Ich dachte mir's halb und halb und es freut mich. Ich sehe so was gerne. Blumenreich . Und wenn ich es wagen darf, Herr Graf, Ihnen ein Muster weiblicher Liebenswürdigkeit vorzustellen (geht auf Emilie zu, ihre Hand ergreifend, die sie ihm unwillig entzieht) . Raufeck . Ah, ich erinnere mich! Wir – wir sind Konnaisseur; aber ich muß gestehen, ich sehe so etwas gerne, mein lieber Amtmann! Emilie (wendet sich ab) . Der impertinente Mensch! Was tu' ich? Was fang' ich an? Raufeck (sich nähernd) . Ich habe, seitdem ich in diesem Winkel der Welt bin, kaum etwas Hübscheres gesehen, mein Fräulein! Pflichterer . Der Herr Graf sind allzu gütig. Laß dich sehen, Kind! Sie ist ziemlich groß für ihr Alter. Euer Durch – ja so! – Herr Graf! Blumenreich (zu Konstanze abseits) . Das geht ja über alle Maßen gut. Gnädigste. Konstanze . Beim Alten hat's keine Not; darauf konnte ich rechnen. Blumenreich . Ich denke, wir lassen die Mine springen. Konstanze . Warten Sie noch ein wenig. Lassen Sie ihn etwas ruhiger werden. Blumenreich . Die Minuten sind kostbar. Unser Fürst fällt sonst aus der Rolle. Konstanze . Und mein Bruder in Ohnmacht, wenn Sie zu rasch sind. Raufeck . Wer hätte gedacht, daß dieses Waldhausen solche Blumen treibt! Pflichterer . Ganz richtig, ganz richtig! Ich war selbst erstaunt. Emilie (immer abgewendet) . O Gott im Himmel, schickst du mir keinen Engel zu Hilfe? Raufeck (Pflichterer von oben herab betrachtend) . – Wenn man den Schlag Leute anficht, – ein förmlicher Lusus naturae ! Pflichterer (verlegen werdend) – das heißt gewissermaßen, – wir könnten es so nennen, wenn Euer Durchlaucht die Sache scherzhaft aufzufassen belieben; auf der andern Seite – Raufeck (gegen Emilie, die ihm den Rücken kehrt) . Von der andern Seite bekommen wir ja gar nichts zu sehen. Pflichterer . Auf der andern Seite ist die Natur von Waldhausen nicht so stiefmütterlich bedacht, wie der Herr Graf zu glauben scheinen. Die Waldkultur figuriert in unsern Büchern zu einem beträchtlichen Betrag; die Weinproduktion ist nicht unbedeutend und die Erdäpfel – Raufeck . Ohne Zweifel. Der Ertrag der Domänen ist, wie ich weiß, beträchtlich, und die Verwaltung – – Pflichterer (lebhafter und sicherer werdend) . Gewiß, wie der Herr Graf bemerken, – die Verwaltung! Die Verwaltung ist der Kern des Ganzen. Die Verwaltung unterscheidet die Wildnis von der Kultur, die Barbarei von der Zivilisation. Ganz richtig. Euer Durchlaucht, ganz richtig. Mittelst einer besseren Verwaltung könnte man aus der sogenannten Wüste Sahara die schönste Staatsdomäne machen; diese Überzeugung habe ich längst gewonnen; aber es fehlt an der richtigen Verwaltung. Raufeck . Schwierig ist es immer, die tüchtigsten und passendsten Beamten für den richtigen Platz zu finden. Pflichterer . Außerordentlich schwierig, wie der Herr Graf bemerken. Raufeck . Doch – Pflichterer . Ganz richtig! Doch gibt es gewisse Regeln, mittelst deren man nie ganz fehlgehen kann. Das Alter z. B. – ein gereiftes Alter ist eine Bedingung, sine qua non . Nur ein gereiftes vorgerückteres Alter kann die Erfahrungen garantieren, die für Regierung und Verwaltung größerer staatlicher oder finanzieller Komplexe – – Blumenreich (stößt ihn in die Rippen) . Sehen Sie denn nicht, wie jung der Herr Graf ist? Pflichterer . – d. h. für die eigentlichen Regierungszwecke haben jüngere Kräfte den Vorteil größerer Energie, und wenn auch die nötige Erfahrung – Blumenreich . Welche Verlegenheit Sie mir bereiten! Pflichterer . – kaum nötig, – sozusagen unnötig – Blumenreich . Mein bester Amtsrichter, ziehen Sie sich aus dieser Schlinge, und wär's nur mir zulieb! Pflichterer (nach Luft schnappend) – ja sogar – ich darf wohl sagen, schädlich ist, – vollständig verderblich wirken kann, – Raufeck (kalt) . Man geniere sich durchaus nicht! Ein freimütiges Wort eines alten Mannes, Herr Amtsrichter, kann einem jungen Manne kaum schaden. Pflichterer . Durchaus nicht, wie Euer Durchlaucht bemerken, – nichts schaden, im Gegenteil nützen, äußerst nützlich sein, – Blumenreich (stößt Pflichterer abermals, der still wird) . Konstanze (leise) . Jetzt wär's Zeit, wenn Ihr Freund einlenkte. Blumenreich (zu Raufeck leis) . Zünd den Schwefelfaden an, Roderich! Pflichterer . – d.h. solange demselben kein Gewicht beigelegt wird, da natürlich junge Kräfte – Raufeck . Eine Anzahl junger Kräfte sehe ich gerne im Staatsdienst. Pflichterer . Sie können demselben sicherlich nur zum Heil und Segen gereichen, und besonders da die gegenwärtigen Examina ein so scharfer Prüfstein für den Wert des Beamten sind. Raufeck . Gut! – da haben wir z.B. Ihren Freund, den Baron von Blumenreich! Pflichterer . Zu viel Ehre! Raufeck . Er hat ein exzellentes Examen gemacht, der junge Mann! Pflichterer . Ah, mein teuerster junger Herr Baron, ich gratuliere! Ich gratuliere tausendmal! Raufeck . Ja, ich hab' ihn gerne, lieber Amtsrichter, und hab' im Sinn, ihn in Michelsberg als Amtsrichter zu installieren, wenn ihm der Dienst nicht zu gering ist. Pflichterer . Michelsberg, Herr Graf, die beste Vogtei im Land! Raufeck . Hm – wir wollen sehen; lebhaft ist die Stadt nicht. Pflichterer . 1 800 Taler, Amtswohnung und 40 Klafter Besoldungsholz – und das Holz steigt jedes Jahr! – Gratuliere, gratuliere, mein bester Herr Baron! Blumenreich . Mäßigen Sie sich, mein teuerster Kollega! Pflichterer . Kollega, allerdings! Aber wie das so kurios klingt! Raufeck . Wie gesagt; lebhaft ist's in dem Ort nicht und Blumenreich wird sich einsam fühlen. Blumenreich . Es gäbe vielleicht ein Mittel, Herr Graf! Raufeck (blinzelnd) . A – ha! Aber ich sehe so was gerne. Blumenreich . Ihr Scharfblick, Herr Graf, sieht auf den Grund meines Herzens! Raufeck . Nun, Amtsrichter, was sagen Sie dazu? (klopft ihm auf die Schulter) . Pflichterer (verlegen) Ja, wenn der Herr Graf gnädigst entschuldigen wollten, – in der Tat, – ich sehe der Sache noch nicht ganz auf den Grund. Jedoch, was immer der Herr Graf anzudeuten die Gewogenheit haben sollten – Raufeck Die Sache ist klar wie Kristall, mein lieber Amtsrichter, und wenn mein Wort bei Ihnen etwas gilt, so sind wir in drei Minuten im Reinen. Sehen Sie, da – mein Baron möchte – Blumenreich (mit Begeisterung) Ich liebe sie! In diesem feierlichen Augenblick darf ich es vor Ihnen aussprechen, mein verehrtester Amtsbruder, was ich seit Monden auf dem Herzen trage. Lassen Sie sich nicht bloß Amtsbruder nennen! Lassen Sie sich an dieses Herz drücken! Ich liebe sie! Pflichterer Ja, – ich liebe Sie ja auch, darüber kann nicht der geringste Zweifel obwalten, aber – Blumenreich Ich liebe sie, an der auch Ihr Herz hing, seitdem sie unter ihr gesegnetes Dach trat, die mit ihrer milden Macht durch Jahre der Einsamkeit und des Kummers leitend – Pflichterer (erschrocken) Meine Schwester? Ja, lieber Himmel, und wenn Kaiser und Papst kommen, da kann ich nicht – Blumenreich Ihre Tochter! Ihre göttliche Emilie! Pflichterer Ach, Emilie! Ja, das ist ja ganz einfach. Emilie, Emilie! Komm hierher, Kind! der Herr von Blumenreich – Emilie (nach dem Fenster stürzend) Gott sei Dank, ein Wagen! – ein Staatswagen! Pflichterer (ihr nach) Was ist dem Mädchen?! Konstanze Ist sie verrückt? (Ein Wagen rollt an. Alle an die Fenster, Emilie und Pflichterer an dem einen, Konstanze, Blumenreich und Raufeck am andern). Emilie Bester Vater! Zwei Bediente und das fürstliche Wappen! Pflichterer Die holen ihn vielleicht ab. Was für ein Tag, Mädchen! was für ein Tag! Raufeck (leise) Alle Wetter! Das sieht aus, als ob's ernst würde. Es wird doch nicht? Konstanze Verlieren Sie den Kopf nicht! – Sie steigen aus. Pflichterer Mir schwimmt's vor den Augen, – mir ist – mir ist – es kann doch ganz unmöglich – Emilie Der eine – der Kleine – hat etwas so Vornehmes wie ein geborener Fürst. Raufeck Hol' mich der Teufel, Blumenreich; der Lange ist Frank. Der wird dir saubere Satisfaktion geben, wenn er dich hier findet. Blumenreich Der andere – den andern kenn' ich nicht. Raufeck Ich sah ihn gestern nacht – nur einen Augenblick, er hatte was verflucht Nobles. Konstanze Sie wollen doch nicht sagen –? Raufeck Sie haben den Salon und die besten Zimmer im Hirsch. Schloß Waldeck ist noch nicht bewohnbar. Blumenreich Mein Hut! Ich will mich verabschieden. Konstanze O Männer! Ich weiß nicht – ich glaub' nicht dran. Sind alle Männer solche Hasenfüße? Raufeck Soll mich der Kuckuck holen, wenn ich mir das von einem Weib sagen lasse! Konstanze 's steckt eine Spitzbüberei dahinter. Raufeck Ja, von Anfang an. Konstanze Dem Mädchen trau' ich alles zu. Raufeck Aber er muß es sein. Der Wagen, das Wappen, die Haltung – wollen wir trotz allem weiterspielen, Frau Tante? Konstanze (bewundernd) Wenn ich jung genug wäre. Sie wären mein Mann, Raufeck! Aber nur schlau! Ich glaub' nicht, daß er's ist. Blumenreich Wer kann's denn aber sein. Raufeck Mir ist's klar genug: der Teufel oder der Fürst. Aber von einem Weib lass' ich mir nicht sagen, sie habe meine Fersen gesehen. 6. Szene. Ein Bedienter öffnet die Türe. Weller und Frank treten ein. Die Vorigen. Weller (freimütig, zutraulich, jedoch nicht ohne Haltung) . Wir müssen uns wohl selbst erlauben, mein lieber Herr Amtsrichter, – Pflichterer heißen Sie, wie man mir sagt? – uns bei Ihnen einzuführen. (Will ihm auf die Schulter klopfen) Pflichterer (durch das ganze Zimmer zurücktaumelnd) . Der A – A – Affentreiber! Weller (lacht laut) . Na haben Sie mir allerdings einen schönen Streich gespielt. Aber macht nichts, macht nichts! Ich kann nicht erwarten, daß Sie hier in Waldhausen wissen, wie man mit Leuten umgeht, die direkt aus dem Innern Afrikas kommen. – Affen hat er getrieben, Sie haben vollständig recht, aber ein Affentreiber ist er deshalb immer noch nicht. Pflichterer (betäubt) . Nicht? Blumenreich . In Afrika zusammen? Donnerwetter, das stimmt! Raufeck (keck im alten Ton) . Der Unterschied ist mir nicht klar! Doch man geniere sich durchaus nicht. Ich sehe so was nicht gern. Weller . Um's kurz zu machen: ich stelle mich Ihnen hiermit als Graf von Falkenberg vor. Pflichterer (mit neuem Schrecken) . Graf von –? Weller (blinzelnd) . Falkenberg, lieber Pflichterer. Macht nichts, wenn Sie den Namen nicht behalten sollten! Ihnen gegenüber, einem guten, ehrlichen, alten Mann, der seine Tüchtigkeit und Treue 45 Jahre lang bewährt hat, bin ich, wer ich bin. Pflichterer (leis) . Ja, wär's denn möglich? – das F! – das F! Emilie (zu Pflichterer) . Und wie gütig und herablassend er ist! Konstanze (zu Pflichterer) . Lass' deinen Fürsten nicht so lange stehen. Willst du dich um dein Amt bringen? Pflichterer . Ja welchen? – welchen? (fängt an, unter Bücklingen nach beiden Seiten wieder in den Vordergrund zu kommen) . Weller . Hat aber doch alles seine Grenzen, lieber Herr! Meinem Frank haben Sie etwas hart mitgespielt. Macht nichts. Er ist's gewohnt. Und Sie haben, scheint's, rasch den Fehlgriff erkannt und ihn wieder laufen lassen. Pflichterer . Ich ihn laufen lassen, – den Frank? – Ja, ist denn der Herr –? Weller . Heinrich Frank, der Reisebegleiter Ihres Fürsten, von dem Sie wohl hie und da gelesen haben, einer Ihrer Landsleute und Mitbürger. Pflichterer (auftauend) . Ja, ist denn das der Frank? – der Frank? – der Frank, der in Waldeck war, der mich einmal in mein eigenes Gartenhaus eingesperrt hat? Weller (fröhlich) . Richtig! Wie gut Ihr Gedächtnis noch ist! Das ist der Mann und die alte Geschichte. – Ah, meine Damen: ich habe die Ehre. Sie müssen einem Jäger verzeihen, wenn er ein Stückchen Wald in Ihren hübschen Salon bringt. Und wem habe ich das Vergnügen, in diesen Herren zu begegnen? Raufeck . Dies hier, Herr, ist mein Freund, der Baron von Blumenreich, und ich – ich, Herr Graf, – ich bin der Graf von Falkental. Weller . Falkental – in der Tat? Wie kommen Sie denn zu dem Namen? Pflichterer (Weller heftig anstoßend) . Er reist inkognito. Sie sprechen höchstwahrscheinlich mit dem Fürsten – dem Fürsten von Fürstenstein. Weller (lachend) . Ja, mein bester Herr, merken Sie denn noch immer nicht, mit wem Sie sprechen? Emilie . Vater, du sprichst mit dem Fürsten! Pflichterer (auf Raufecks Seite gehend) . 's wird mit jeder Minute deutlicher, daß ich gar nicht mehr weiß, wie ich dran bin! Raufeck (stolz) . Darf ich vielleicht die Frage zurückgeben, Herr Graf von – wie sagen Sie? – Falkenberg? Ich gestehe, ich sehe es nicht gern – Pflichterer (Raufeck anstoßend) . Ich habe mich vollständig überzeugt, bester Herr Graf, Sie sprechen mit dem Fürsten von Fürstenstein. Raufeck . Alter Mann, Sie sind kaum mehr fähig – Konstanze (Pflichterer heftig anfassend) . Willst du eine Majestätsbeleidigung auf dein Gewissen laden? Spricht man so mit seinem Landesherrn? Pflichterer . Wenn sich aber jetzt der Boden nicht auftut, um uns alle zu verschlingen, weiß ich nicht, was heute mit dem Boden ist! Frank (leis zu Emilie) . Engel, wer hat dir den Mut gegeben? Emilie . Nicht jetzt, nicht jetzt! Alles steht auf dem Spiel! Konstanze (zu Raufeck) . Verlieren Sie nur den Kopf nicht! Raufeck . Aber er ist's, soll mich der Kuckuck holen, er ist's! Konstanze . Wollen Sie auch die Memme spielen? Raufeck (wütend gegen Weller) . Dieses Falkenberg, Herr – Weller . Und wenn's in der Nähe von Falkental läge?! Lassen wir's für einen Augenblick liegen. Ich werde mir nachher das Vergnügen verschaffen, die geographische Lage unserer Grafschaften zu erörtern. Ich will nicht umsonst nach Waldhausen gekommen sein. Ich habe etwas mit meinem Amtsrichter zu tun. Pflichterer (sehr kleinlaut) Durchlaucht wünschen? Jeder Wink genügt! Weller So geben Sie einmal meinem Frank die Hand? Ihr Waldhausen hat mir den besten Schützen gezogen. Geben Sie! Ich schätze diese Hand. Frank (einschlagend) Von Herzen! (Pflichterer macht ein ziemlich saures Gesicht.) Konstanze (wütend) Ich sagt's ja! 's ist Spitzbüberei! Raufeck Herr, Sie unterbrachen uns! – Um Vergebung, Herr Graf, wenn Sie nun einmal Graf sein wollen: Sie unterbrachen uns. Weller Bitte, Herr, Sie unterbrechen uns soeben auch. – Ja, ich kam nicht ohne Absicht. Mein bestes Fräulein: erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich Sie längst im Innern Afrikas kennen gelernt habe. Emilie Eurer Durchlaucht ist alles möglich. Weller Nicht alles, aber doch etwas, wir wollen hoffen. Sehen Sie, lieber Pflichterer, ein alter Jäger ist gewohnt, geradaus zu schießen; Sie werden mir das zugute halten; die zwei Leutchen da – Konstanze Höllische Spitzbüberei! Raufeck! Raufeck Ja, Herr, Sie unterbrachen uns in einem feierlichen Akt. In diesem Augenblick war hier Fräulein Emilie im Begriff, ihre niedliche Hand in die meines Begleiters zu legen, den ihr Vater – – Emilie Nein, nein, nein! Konstanze Ja, Herr Graf, es ist so! Wollen Sie gestatten, daß wir diese feierliche Handlung zu Ende führen? Pflichterer Jetzt fängt sie an, gottlob! – jetzt wird sich's aufhellen. Aber es rollt wieder! (taumelt dem Fenster zu) Kann denn noch was kommen? Weller Ich erlaube Ihnen alles. Gnädigste; nur denk' ich, dürften Sie mir gleichfalls gestatten. Ihnen wenigstens eine Bitte vorzulegen. Ich bitte Sie um die Hand Ihrer liebenswürdigen Nichte für meinen Freund hier! Raufeck Und diese Bitte war mir gewährt, – es tut mir unendlich leid, – schon ehe Sie ins Zimmer traten. Frank (leis) Er wird zu frech, Spiel Trumpf! Weller (leis) Sei's denn! (Mit Würde gegen Pflichterer) Sie werden dem Fürsten in seinem eigenen Lande die erste Bitte nicht abschlagen, die er an Sie tut, Herr Amtsrichter Pflichterer! Raufeck Va banque! – (imponierend) Wenn Sie Ihren Souverän auf einen Augenblick verkannt haben, Herr Amtsrichter, – 7. Szene Fürst von Fürstenstein . Die Vorigen. Ein Adjutant (die Türe öffnend) Der Fürst von Fürstenstein. Blumenreich Mein Hut! mein Hut! mein Hut! Konstanze Das ist der wahre. Jetzt hat's ein Ende. Raufeck Prrr! Soll mich der Kuckuck holen, wenn ich noch an mich selber glaube. Pflichterer Ich glaub's, ich glaub's! Ich will ja an alles glauben. Nur in Ruh' soll man mich lassen. Schwester, beste Schwester – Fürst Na find' ich endlich meine Leute! Frank (vortretend) Durchlaucht! Fürst Auf Ehre, es ist nicht so gefährlich. Sie in den Pampas zu verlieren, als in meiner löblichen Stadt Waldhausen. Was soll denn das heißen? Ich fahre heute früh von Hengstenberg herüber, um zu sehen, wie weit Sie mit den Vorarbeiten in Waldeck gediehen sind. Keine Spur! Man sagt mir, daß einer der Wagen nach Waldhausen geholt worden sei. Das führt mich hierher. Ah – Sie auch da, Stallmeister? Pflichterer . Sie sprechen ja mit Seiner Durchlaucht! (da ihn der Fürst betroffen ansieht). O, wenn Sie nur mich in Ruh' ließen, – drei! drei! drei! Fürst (zu Weller) Auch Sie suchte ich. Das Hengstenberg gefällt mir. Das alte Gestüte dort sollte einen neuen Aufschwung nehmen. Sie scheinen mir der Mann dazu. Sind Sie verheiratet? Weller Nahezu, Durchlaucht! Fürst . Das ist mir lieb. Hübsches Haus und Garten, lieber Weller. Richten Sie sich wohnlich ein. 's wird Ihnen für die ersten Wochen etwas einsam vorkommen. Aber das gibt sich. Weller O, Durchlaucht, für die ersten Wochen ist mir's am wenigsten bang. Fürst Und nun, meine Damen, Ihnen bin ich etwas unerwartet in Ihr Heiligtum eingebrochen. Wenn man mit einem so unverbesserlichen Wildfang zu tun hat, muß alles entschuldigt werden. Ich habe das Vergnügen, eine größere Gesellschaft zu finden, als ich mir vermuten konnte. Pflichterer Ich auch – ich auch. Ja, ist er's denn, Konstanze? Ist's denn der letzte nun wirklich? Konstanze (mit tiefer Verbeugung) Die Ehre, die Eure Durchlaucht unserm Hause erweist, wird uns allen unvergeßlich sein. Pflichterer Ja, meiner Lebtage will ich diesen Tag nicht vergessen. Sehen Sie, Herr Graf, – Sie sind doch vermutlich auch ein Graf? – Fürst Frank, ich verstehe in der Tat nicht, was das alles zu bedeuten hat! Pflichterer O, lassen Sie sich erklären! Dies hier, Herr Graf, ist der Herr Graf von Falkenthal, der mir inkognito die allerhöchste Ehre schenkt, und dieser Herr Graf, den Sie soeben zum Stallmeister machten, ist der Herr Graf von Falkenberg. Sie, wenn ich mir die untertänigste Vermutung erlauben darf, sind ohne allen Zweifel (macht etliche tiefe Bücklinge und sieht ihm dann neugierig ins Gesicht) der Herr Graf von F – F – F –? (Außen entsteht ein großes Gepolter und Gefluche) Starkers Stimme: 'nauf muß ich! Wo sind der Herr Amtsrichter? Es ist alles entdeckt; Hochverrat, Verschwörung! 'nauf will ich! Fürst (zu Frank) Ist der gute alte Mann wirklich manchmal – (deutet an den Kopf) Pflichterer Wie kann's denn aber anders sein? O wenn sie nur mich in Ruhe ließen! Nach 45 jähriger treuer Amtsführung! Frank Einen Augenblick, Durchlaucht, und es wird Ihnen alles erklärlich sein. Ich ergebe mich meinem Fürsten auf Gnade und Ungnade! Fürst . Hoho, wieder einer Ihrer Streiche? Aber, Frank, auf Ehre, Sie vergessen – (Der Lärm hat sich genähert, Konstanze geht gegen die Türe, wo sie auf der Schwelle mit Starker zusammentrifft, der den toten Affen in der Hand hält.) 8. Szene. Starker . Die Vorigen. Konstanze (an der Türe, im Handgemenge mit Starker) . Will Er fortgehen! Will Er still sein! Starker (schreit) . Komplott! Verschwörung! Aber alles ist entdeckt. Im Hirsch hat man die Obrigkeit eingekerkert! Konstanze . Fort! Fort mit Ihm! Gretchen! Johann! Starker . Aber im Hirsch hab' ich den ganzen Schwindel erlauscht und es ist mir alles gleich. Die Frau Tante steckt mit dem einen und die Fräulein Emilie mit dem andern unter einer Decke. Herr Amtsrichter, Sie sind betrogen! Konstanze . Er schreit sich an den Galgen! Der Fürst ist da! Starker . Der Teufel ist Fürst! Spitzbuben sind's, Spitzbuben, einer wie der andere! (Hat sich durchgeschlagen, steht plötzlich stumm vor der aufgeregten Versammlung.) A – a – ah! da ist einer zuviel! (Zieht sich, noch immer den Affen in der Hand, in den Hintergrund.) Fürst . Es scheint mir, ich hätte nicht in den Orient zu gehen gebraucht, um tolle Abenteuer aufzusuchen. Frank . Durchlaucht! Fürst . Es scheint, man hat von meinem Namen einen höchst eigentümlichen Gebrauch gemacht. Frank . Niemand ist hier zu tadeln als ich, Durchlaucht! Nur, wenn Sie die Umstände kennen lernen – Weller . Nein, Durchlaucht! – Alles hat seine Grenzen, Frank! – Ich bin der Schuldige. Ich habe mir erlaubt – Raufeck . Donnerwetter! Ich bin nicht schlechter als ihr, wenn man mich am rechten Ende packt! Nein, Durchlaucht! Ich heiße Raufeck und habe den Fürsten gespielt, und besser als die andern; darauf will ich Gift nehmen! Konstanze (für sich) . Er ist ein Engel. Die Courage! Die Courage! Pflichterer (heftig) . Ja – jawohl! Ich hab' ihm von Anfang an geglaubt und ich glaub' ihm eigentlich jetzt noch, wenn Euer Durchlaucht gnädigst erlauben wollten. Fürst Beruhigen Sie sich, bester Mann! Wie mir scheint, waren Sie und ich die einzigen Opfer dieser Komödie. Ich muß gestehen, – Emilie (sich schüchtern nähernd) O, Eure Durchlaucht – Fürst Haben Sie mich denn auch gespielt, schönes Kind? Emilie O Gott, nein! Aber wir wußten nicht, daß es ein so großes Verbrechen ist, und die Herren haben es um mich begangen. Fürst Ah! um Sie? Jetzt wird mir die Sache etwas klarer. Emilie (in Tränen ausbrechend) Wir sahen kein anderes Mittel, – um – um – Fürst Und der Zweck, dachten Sie, heiligt das Mittel? Frank Durchlaucht! Erinnern Sie sich, als wir. Sie und ich, in den Anden verirrt, auf einer Felsplatte die Nacht zubrachten? Damals nahm ich mir die Freiheit, Ihnen von Emilie zu erzählen – Fürst Von Ihrer Braut? Frank Hier steht sie vor Ihnen. Fürst Und in Tränen! Mein Gott, trocknen Sie ihr die schönen Augen, Frank! Sie erinnern mich nicht umsonst an jene Nacht. Raufeck (zu Konstanze, kleinlaut) . Soll ich noch einmal dran? Schlagen Sie Sturm; winken Sie, ich bin bereit. Konstanze Die Courage, die Courage! Lassen Sie die Gans heiraten, wen sie will. Der Baron ist ein Schaf. Pflichterer Ja, was ist denn das? Die Sachen fangen ja an, sich aufzuklaren! Raufeck Wenn Eure Durchlaucht mir gestatten wollten, meinen Freund, Baron v. Blumenreich, als zweiten Prätendenten vorzustellen. Fürst Blumenreich? – Blumenreich? – Den Namen las ich gestern. Raufeck Es ist ein Name von literarischer Berühmtheit. Fürst Ah – sind Sie der Canditus juris, der seit 30 Jahren das schlechteste Examen zustandegebracht hat? Pflichterer Nein – was! Ja, ist's denn möglich? Und von einem solchen Menschen hab' ich mich gewissermaßen hinters Licht führen lassen? Nein, nein, es ist ja gar nicht möglich! Fürst . Das dachte ich auch, als man mir mitteilte, daß Ihr junger Freund – Pflichterer . Mitnichten, Durchlaucht, mitnichten. Der Mensch, – Emilie, du wirst doch nicht darauf bestehen? Fürst . – daß Ihr junger Freund eines der schönsten Vermögen in zehn Semestern durchgebracht. Wir sehen uns in einem ungünstigen Augenblick, Baron! Blumenreich . Des Schicksals Schläge, Durchlaucht! Fürst . Mögen Sie dieselben fühlen! Ich bin kein Dichter. Ich hoffe; Sie verstehen mehr von der poetischen Gerechtigkeit als von unserem landesüblichen jus . Raufeck . Auch ich, Durchlaucht, scheine wenig Talent für dieses schöne Studium zu besitzen, wenn Sie die Zahl der Semester gnädigst in Betracht ziehen wollen, die ich demselben mit seltener Ausdauer gewidmet habe. Wenn aber Eure Durchlaucht einen Husarenleutnant brauchten, der für Euer Durchlaucht durch Feuer und Wasser ginge – Konstanze (packt ihn und zieht ihn zurück) . Halt! halt! Die Courage! Aber das geht zu weit! Raufeck . Hm? Was befiehlt mein Kommandant? (Konstanze zieht Raufeck in den Hintergrund, wo beide eine lebhafte Pantomime abspielen.) Fürst . Werde Sie für einen verlorenen Posten vormerken. Ein drolliger Junge, mein lieber Pflichterer! Pflichterer . Sehr! Äußerst, wenn Eure Durchlaucht befehlen. Fürst . Lassen wir die ganze Geschichte auf sich beruhen! Pflichterer . O ja, recht gern! Lassen wir alles auf sich beruhen! – Ach, wenn man nur auch mich in Ruhe ließe! Fürst . Sie haben lange und treu an unserm Staatsschiffe mitgezogen, – Pflichterer . 45 Jahre! Heute sind's 45 Jahre, Durchlaucht! Fürst . Ich habe mir's sagen lassen. Nehmen Sie sich ein Beispiel daran, Frank! Dies ist's, was man bei uns lohnt. Wissen Sie was, mein lieber Pflichterer? Ich habe einen Plan mit Ihnen. Pflichterer . O Durchlaucht, wenn man nur mich in Ruhe ließe. 45 Jahre! Bedenken Euer Durchlaucht! Fürst . Gewiß! Das soll geschehen. Lassen sie den alten, ledernen Bureausorgenstuhl einer jüngeren Kraft! Geben Sie die Plackerei auf! Pflichterer . Das kommt vom Himmel, das kommt vom Himmel! Fürst . 45 Jahre dient man seinem Fürsten nicht ohne Ehre. (Er heftet einen Orden von seiner Brust los und steckt ihn an Pflichterers Rock, der auf die Knie sinken will, jedoch von Frank aufgehalten wird) . Es ist nicht, was Ihnen eigentlich zukommt, Amtsrichter. Ich bekam den Stern vom Maharadscha von Delhi. Es ist der Orden des ehernen Schimpanse, aber bis wir ihn umtauschen, tragen Sie ihn getrost, mein Freund. Ihr Fürst hat ihn nicht auf unehrenvolle Weise errungen. Starker . Daß mich der Blitz treffe! Ein Affe auf dem Orden, – ein leibhaftiger Affe! Wenn's aber jetzt nicht an mich kommt! Pflichterer . Durchlaucht – Durchlaucht – Durchlaucht! (sinkt weinend auf die Knie) ,. Fürst . Unsinn, Pflichterer, Unsinn! Kommen wir jetzt an das heitere Geschäft des Tages. (Zu Emilie.) Haben wir noch immer Tränen zu trocknen? Emilie . O Durchlaucht, schonen Sie mich! Fürst . Mein teuerstes Fräulein, so gern ich wollte, ich kann es nicht. Sehen Sie, dieser Mensch, den ich unglücklicherweise lieb habe, macht mir unangenehm viele Sorgen. Er hat trotz all meiner Bitten an sich selbst nicht genug und schleppt einen Waldteufel aus Darfur, die gefährlichste Sorte, die ich kenne, in unsere geordneten Staaten ein, – Frank (gegen Starker weisend) . Der Waldteufel, Durchlaucht, ist nicht mehr gefährlich. Dem armen Tier scheint ein Unglück passiert zu sein. Fürst (sehr heiter) . Welches Glück für Sie! Dieses Omen lass' ich gelten! Wer schlug den Affen? Zehn Dukaten für den Helden! Hier, Freund, hier! (Starker unter tiefen Bücklingen empfängt das Geld.) Aber wer schlägt den Waldteufel? (Frank auf die Brust klopfend.) Frank Durchlaucht, wenn die ehrerbietigste Anhänglichkeit, wenn der ehrlichste Wille – Fürst Damit ist uns nicht geholfen, mein Bester! Mit Ihrer ehrerbietigsten Anhänglichkeit haben Sie in meiner ehrsamen Stadt Waldhausen hübsch für mich gewirtschaftet! Sie wissen, was ich aus Waldes und seinen herrlichen Wäldern machen will. Sie sind der Mann dazu; wenn ich nur jemand hätte, der mir den Waldteufel hütete! Emilie O Durchlaucht! Fürst Ich denke, wir verstehen uns, schönstes Fräulein! Sie, mein lieber Pflichterer, müssen den Ausschlag geben. Tun Sie mir einen Gefallen? Pflichterer (aus der innigen Betrachtung seines Ordens aufgeschreckt) Alles – alles – alles, Durchlaucht! (Pflichterer und der Fürst verhandeln leis, links im Proszenium. Emilie, Frank und Weller rechts. Rechts im Hintergrund steht Blumenreich, mit Bleistift und Papier, dichtend. Die Pantomimen links im Hintergrund zwischen Konstanze und Raufeck sind bis zu zärtlichen Annäherungen gediehen, die hie und da durch auf Geldangelegenheiten bezügliche Andeutungen unterbrochen werden. Starker hat hinter der Kommode mit Zeichen des Erstaunens die Leintücher hervorgezogen, und wickelt, den ganzen Mittelgrund einnehmend, den Affen in dieselben.) 9. Szene. Minchen . Die Vorigen Minchen (zur Türe hereinschlüpfend, zu Weller) . Ich kann's nicht mehr aushalten. Wie geht's, wie geht's? Weller Schatz, wie gerufen! Wir werden sogleich eine Gruppe bilden. Minchen Wer ist der Herr dort? Weller Glaube und frag nichts! Wir sind Verwalter von Hengstenberg; Haus, Garten, Vieh und Menschen, alles ist unser! Minchen (freudig) Nein, Schatz – Weller Ja, Schatz, vorausgesetzt, daß wir schnell heiraten. (Minchen geht zu Emilie.) Frank, wann kann unser Doppelfreudenschuß losgehen? Frank Hollah! sieh dort hinüber! (Konstanze umarmt Raufeck.) Weller Himmel, deine Gerichte sind schwer! Der hat sein Teil! Fürst Nun denn, Frank, da es eben nicht anders geht, – auch mein Pflichterer sieht kein anderes Mittel – Emilie Durchlaucht, wenn meine innigsten Bitten – Pflichterer Ja, willst du denn jetzt den Blumenreich mit Gewalt? Ich dachte – Fürst Ich kann Sie nicht schonen, mein bestes Kind; heute, an dem Tag, an dem Ihr geschätzter Vater den Staatsdienst verläßt, muß ich Sie auffordern, dafür in unsere Dienste zu treten. Wollen Sie für diesen Wildfang verantwortlich werden? Emilie/Frank (beide zugleich, sich umarmend) Heinrich!/Endlich, Emilie! Pflichterer (der in einiger Entfernung gestanden, herbeieilend) Meinen Segen. Haltet, meine lieben Kinder! meinen Segen! (Krämer erscheint auf der Schwelle und winkt Starker heftig, der es endlich bemerkt und auf den Zehen hinausgeht.) Fürst Ihren Vater nehmen Sie mit nach Waldeck, wenn ich recht vermute. Pflichterer Und wenn die Tante wünscht – Konstanze (vortretend und den etwas widerstrebenden Raufeck nach sich ziehend) Ich, mein lieber Bruder, siedele mit der Erlaubnis Seiner Durchlaucht und meinem Bräutigam in vier Wochen nach der Residenz über. Fürst Ich werde mich unendlich geschmeichelt fühlen, meine Gnädigste! Pflichterer (entsetzt) Ja, was ist denn das? Die Sache verwickelt sich ja wieder! Fürst Beruhigen Sie sich, mein bester Mann! Ich wollte, ich wäre imstande, jede Verwicklung so leicht zu lösen. 10. Szene. Krämer . Die Vorigen. Blumenreich (vor den Fürsten tretend, mit Pathos) Euer Durchlaucht sprachen ein fürstliches Wort. (Während des folgenden Intermezzos spricht Blumenreich, der der Türe den Rücken kehrt, weiter. Eine Blechmusik spielt außen einen Marsch. Krämer aufs Beste gekleidet, einen hohen Hut in der Hand und eine Binde über dem Auge, tritt durch die Türe und geht, ohne jemand zu grüßen, langsam gegen Frank. In der Mitte des Zimmers angelangt, wendet er sich rasch um, die Blechmusik bricht plötzlich ab und man hört ein Gepolter) Krämer (halblaut, zur Türe hinaussprechend.) Was ist's? Warum kommen denn die Herren nicht? Starker (Stimme von außen) . Der Plunder ist die Trepp' hinuntergefallen! (Krämer geht eiligst ab.) Blumenreich (ohne Unterbrechung) . Möge es mir vergönnt sein, dieses fürstliche Wort teilweise wahr zu machen! Auch um mich schlangen sich die Verwicklungen des heutigen Tages. Ich fühle, daß ich unverstanden bin. Gestatten Sie mir, Ihnen das Rätsel meines Daseins zu lösen. Raufeck (ihn am Rock packend) . Blamier dich nicht weiter! Wir haben das Unsrige geleistet. Blumenreich . Erlauben Sie mir, den Gefühlen dieser Stunde – Weller . Ihr Freund scheint entschlossen – Blumenreich (fortfahrend) . – die mein überquellendes Herz nicht zurückzudrängen imstande ist, in einem längeren Gedicht Ausdruck zu geben. (Die Blechmusik beginnt wieder.) 11. Szene. Krämer , ganz wie zuvor, auf Frank zugehend, hinter ihm Starker , dann Präzeptor , Seifensieder , Fleischer und zwei Jungen, die einen kastenförmigen Gegenstand, in grünes Tuch eingeschlagen, an zwei Stangen tragen. Alle im Sonntagsstaat; der Fleischer hat sein dickgeschwollenes Gesicht verbunden, der Präzepto r ein Pflaster auf der Nase. Alle stehen einen Augenblick wartend hinter Blumenreich . Der Seifensieder nimmt die große Schleife des Umschlagtuchs in die Hand. Die Lade wird niedergesetzt. Blumenreich . Im Auge Tränen, sah ich's bis zu End' Der Liebe Ringen, Eurer Liebe Segen, Da göttergleich, im richtigen Moment, Drei Fürsten aus den Wolken niederstiegen: Die Wolke schwand; im klaren Firmament Seht Ihr des Glückes Sonnenstrahl sich wiegen: Vorbei ist Haß und Streit, es ist geblieben Von dreien nur der wahre Fürst: das Lieben. Ja, wenn – Starker (ihn wegschiebend) . Das ist jetzt genug! Machen Sie uns Platz! Krämer (gegen Pflichterer) . Sie entschuldigen, Herr Amtsrichter! (Stellt sich vor Frank, räuspert sich und sieht starr in seinen Hut hinein. Unmittelbar hinter ihm der Präzeptor, ihn scharf beobachtend; diese auf der einen Seite der Lade, der Seifensieder auf der andern, das Umschlagtuch erfassend und die Augen auf den Präzeptor gerichtet. Starker und der Fleischer bieten sich Schnupftabak an und geben Zeichen von Ungeduld.) Krämer (liest) . Als die Abgeordneten der hiesigen Bürgerschaft, hochgeehrter Herr Frank, erlauben wir uns, Ihnen in cor – cor – Präzeptor (einflüsternd) . In corpore. Krämer . – in corpore unsere Aufwartung zu machen. Ein Ereignis, auf das wir nur mit Wehmut anzuspielen wagen (der Fleischer reibt sich brummend den Rücken, der Seifensieder macht lebhafte Zeichen des Einverständnisses) , das aber mit der vollständigen Unkenntnis der Verhältnisse entschuldigt werden dürfte, veranlaßt uns hauptsächlich zu diesem außerordentlichen Schritt. Unser Zweck ist ein einfacher, – – Präzeptor (grimmig) . Ein dreifacher; lesen Sie doch wenigstens richtig! Krämer (wirft ihm einen wütenden Blick zu und hält den Hut näher vors Gesicht) – ein dreifacher. Erstens gilt es, dem berühmten Europa-, Asia-, Afrika-, Amerika- und Australiareisenden ein donnerndes Willkommen in Waldhausen zuzurufen! (beiseite, zu Frank:) ich schlug das vor! Seifensieder (schreit) . Willkommen! Starker . Halten Sie 's Maul! Erst nachher! Krämer . Zweitens haben wir die Ehre, dem hochgeehrten Begleiter unseres Souveräns mitzuteilen, daß derselbe, der Begleiter, heute früh um 8 Uhr in einer außerordentlichen Sitzung des Komitees zum ersten Ehrenmitglied unseres wöchentlichen Donnerstagkasinos ernannt worden ist. (Leis zu Frank.) Das war auch mein Vorschlag! – Drittens, und hiermit stehen wir an einem Punkt, den wir alle nur mit der tiefsten Rührung erörtern können – (Starker spricht leis mit dem Präzeptor) . Präzeptor (zum Krämer) . Der Herr Amtsrichter sind eben pensioniert worden. Nehmen Sie Rücksicht darauf! Krämer . Wie denn? Wo? (Laut.) Wie wir hören, sind Sie seit einigen Stunden in den Kreis der geachtetsten Familie unserer Stadt eingetreten. Frank . Das weiß ich ja selbst erst seit 15 Minuten. Minchen (zu Weller) . Ja, die Waldhäuser sind nicht so dumm, als sie aussehen. Krämer . Sie sind jetzt doppelt der Unsere! Ein Band umschlingt Sie und unsern hochverehrten, gegenwärtigen – Präzeptor . Hier – hier! – Aber delikat! Krämer . Unseren hochverehrten seligen Amtsrichter. Pflichterer . Noch nicht ganz, lieber Herr Krämer, aber beinahe, beinahe, – Krämer . – unsern beinahe seligen Amtsrichter. Nehmen Sie von Ihren Mitbürgern als einen tatsächlichen Beweis unserer tiefsten Hochachtung diese kleine Gabe. (Leise zu Frank.) Dies war mein Hauptvorschlag, der einstimmig durchging. (Laut.) Nehmen Sie das Symbol dessen, wonach jeder wackere Mann ringt, bis er's hat und nicht mehr los wird, und vor Ihren erstaunten Blicken erscheine ein – (theatralisch beiseite tretend. Der Seifensieder zieht krampfhaft an der Schleife des Umschlagstuchs aus der ein Knoten wird. Der Präzeptor hat einen Arm erhoben und sieht ihn strafend an) . Krämer (leis, heftig) . Jetzt! jetzt! Sind Sie noch nicht fertig? Präzeptor (leis) . Ich gebe das Zeichen, ich gebe das Zeichen, Seifensieder! Seifensieder (krampfhaft zerrend) . Herrje, herrje, er wird immer fester! Krämer (laut) – erscheine ein – ein – Präzeptor (erhebt beide Arme) . Sehen Sie denn nicht, ich gebe das Zeichen! Fleischer (breit) . Wunder und Zeichen tun's nicht. Da muß schon ein Metzger her! (Schneidet den Knoten behaglich ab, die Hülle sinkt und es erscheint ein kleiner gußeiserner Kunstherd; allgemeine Zeichen heiterer Freude.) Krämer (mit gesteigertem Pathos) . – erscheine ein Herd! Mögen die Lehrer – Präzeptor . Laren! Laren! Krämer (ihn ungläubig ansehend) . Mögen die Laren und Pe – Pe – Pe – Prälaten! Lehrer und Prälaten heißt's! Präzeptor (wütend) . Geben Sie her! Kein Schuljunge liest schlechter. Krämer (wütend in den Hut greifend und ein Blatt Papier hervorholend, das er dem Präzeptor übergibt) . Lesen Sie Ihr Gesudel selber! Mein Lausbub schreibt besser! Präzeptor (feierlich) . Mögen die Laren und Penaten Ihres neuzubegründenden Hauses eine warme Stätte auf dem finden, was die Freundschaft, die Liebe, die Achtung und Verehrung Ihrer Mitbürger Ihnen bietet. Möge es Gott gefallen, – (dreht das Blatt um) gefallen, daß derselbe, der Begleiter, heute um 8 Uhr in einer außerordentlichen Sitzung zum – (hält erstarrt) das war ja schon einmal da! – Krämer (jubelnd) . Sagt' ich's nicht, sagt' ich's nicht? Präzeptor (dreht das Blatt mit fieberhafter Hast mehrmals um) . Ah! Krämer, schnell! Pagina 3 muß noch im Hut sein! Seifensieder . Vivat! vivat! (Starker schlägt ihn aufs Maul.) Frank . Meine Herren, – meine Freunde, wenn ich Sie so nennen darf, – Weller (zu Frank) . Wenn irgend möglich, bleib nicht stecken! Frank . Glauben Sie mir, meine Herren! Seifensieder und Krämer . Bravo! Bravo! Frank . Ich habe ein schönes Stück der Welt gesehen. Präzeptor . Brav, sehr gut, über zwei hinauf! Frank . Und die Welt hat mir manche ihrer Schätze gezeigt. Alle . Bravo! Bravo! Frank . Waldhausen hat mir seine Schätze nicht bloß gezeigt, es hat sie mir gegeben. (Das Schreien und der Tumult nimmt überhand.) Waldhausen hat mir mehr gegeben, als mir die ganze Welt gezeigt hat! (Weller, Pflichterer und Raufeck schreien jetzt mit.) Frank . Nehmen Sie von einem Mann, der das Leben von allen vier Seiten kennen gelernt hat, nehmen Sie von mir den Dank für das Schönste, was der Mensch besitzen kann: einen eigenen Herd und ein teures Weib! (Umarmt Emilie zärtlich und gibt dem Fleischer die Hand. Minchen schreit in Wellers stürmischer Umarmung um Hilfe. Pflichterer und Starker schluchzen, sich gegenseitig umhalsend, der Krämer springt auf den Herd, schreit vivat! und verteidigt seinen Standpunkt gegen den Seifensieder, der auch hinauf will; unter allgemeinem Tumult fällt der Vorhang.)