Der Dorfapostel Hochlandsroman von Ludwig Ganghofer Erstes Kapitel Helle Mittagssonne überflimmerte die beschneiten Berge und das weiße Tal. Kaum ein Schatten in der Landschaft; alles in stille, leuchtende Sonne getaucht. Und alles weiß. Man sah von den Dächern keines; sie unterschieden sich im Schnee nicht mehr von den getünchten Mauern der Häuser und von der weißen Erde. Man sah den Kirchturm nicht; er war im Weiß verschwunden; nur die runden Luken seiner Glockenstube hingen wie große dunkle Augen in der Luft, und sein grünes, spitz aufgezogenes Dach, auf dessen steilen Kupferplatten der Schnee nicht haften konnte, schien unter dem Himmel zu schweben, als wär's die sichtbare Haube eines Riesen, der unsichtbar inmitten des weißen Tales stand. Wie kalt die Nächte noch immer waren, das sah man an den großgeblätterten Kristallen, die überall im Nachtfrost aus der Schneedecke hervorgeblüht waren, als hätte auch der eisige Winter seine Blumen. Die glitzerten mit kaltem Schimmer über allem Grund; doch in den reinen, stillen Lüften, deren blaue Wunderglocke sich wolkenlos über die weißen Berge spannte, und in der linden Sonne der Mittagsstunden spürte man schon eine leise Ahnung des Frühlings, welcher kommen wollte. Manchmal fielen kleine Schneeklumpen von den Bäumen nieder, immer wieder klang das den Bach bedeckende Eis, und an den verschneiten Hecken flogen die winzigen Schopfmeisen aus und ein. »Die merken halt auch schon, daß die gute Zeit nimmer weit is!« So schien der Waldhofer-Roman zu denken, als er auf der Straße stehenblieb, um lächelnd eine Weile das Spiel der kleinen Vögel zu betrachten, die sich der Sonne freuten und dabei im Schnee der Straße ihre Flügel badeten. Ein junger Bursch, kräftig und schlank gewachsen. Und mit heißem Blut in den Adern. Trotz der Winterkälte trug er die Joppe an der Brust weit offen, als gäb es für ihn kein Frieren. Ein männlich hübsches Gesicht, noch gebräunt vom Sommer her, Kinn und Wangen mit Sorgfalt rasiert, ein braunes Bärtchen über den Lippen aufgezwirbelt, und ruhige, dunkelglänzende Augen. Ein wenig aus der Stirn geschoben saß ein leichtes Hütl mit weißen Adlerflaumen über dem kurz geschnittenen Braunhaar. An Romans ganzem Wesen war etwas von städtischem Schliff. Das hatte er von seiner Soldatenzeit mit heimgebracht, und wenn er auch das doppelfärbige Tuch der ›Schweren Reiterei‹ gegen die Joppe vertauscht hatte, so war ihm doch die militärische Haltung geblieben und jene Fürsorge für den äußeren Menschen, bei der man etwas aus sich zu machen liebt, ohne eitel zu sein. Als er so mitten in der Straße stand, auf die Axt gestützt, die er wie einen Spazierstock in der Hand führte, war er anzusehen wie der Typus eines glücklich geratenen Volkskindes, ein Bild gesunder Jugend und sorgloser Lebensfreude. Und wie gut seinem Gesichte dieses ruhige, sinnende Lächeln stand, mit dem er das Spiel der Meisen belauschte! Da flatterten die Vögel plötzlich auf und waren verschwunden. Ein kleines, behäbiges Männlein mit rundem Faltengesicht kam auf der Straße daher, in einer schwarzen Pudelmütze, unter der die grauen Haare hervorlugten. Um den Hals war viermal ein schwarzer Schlips gewunden, und unter dem langen schwarzen Winterrock, der über dem strebsamen Bäuchlein schon so eng geworden, daß von den Knöpfen weg die Falten straff nach allen Seiten liefen, guckten zwei sacht schreitende Stiefel hervor, groß und schwer wie lederne Flöße. Die Augen gesenkt, ein offenes Buch in den Händen, und diese Hände versteckt in wollenen Fäustlingen, die an einer Schnur um die Schultern hingen, so kam der hochwürdige Herr Felician Horadam, der alte Seelsorger des Dorfes, auf den jungen Waldhofer zugegangen. »Grüß Gott, Herr Pfarr!« Der alte Herr schloß das Brevier und machte noch ein paar Schritte, als wäre das keine leichte Sache, diese gewichtigen Stiefel zum Stillhalten zu veranlassen. Nun stand er fest, und die Hände mit dem Brevier hinter den Rücken legend, nickte er freundlich. »Grüß dich Gott, lieber Roman! Was treibst du denn da?« »So zugschaut hab ich a bißl, wie's d' Vogerln machen. Ich sag Ihnen, Herr Pfarr, von denen kunnt der Mensch was lernen.« »Freilich, ja, der Mensch könnt immer was lernen! Wenn er nur möcht!« Gutmütig lächelte der alte Herr. »Aber sag, was willst du denn lernen von den Vögerln?« »Wie s' voller Lustigkeit im Schnee umanand hupfen und d' Federn aufbludern in der Sonn! So müßt's jeder machen: sei' Freud an allem haben, am kalten Winter, wie an der warmen Sonn. Da tät man grad so leicht über harte Zeiten nüberkommen, wie über die guten.« »Ja, Roman, das lern du nur!« Aus dem Blick, mit dem Herr Felician den jungen Waldhofer betrachtete, sprach es wie Sorge. »Vielleicht kannst du solche Lehr im Leben einmal brauchen. Wer weiß, wie bald?« Roman lächelte so zufrieden vor sich hin, als wäre er ein wenig stolz auf den klugen Gedanken, den ihm die kleinen Schopfmeisen eingegeben hatten. »Ja, Roman, lerne das nur!« Der junge Waldhofer schmunzelte. »Schier mein' ich, Herr Pfarr, ich kann's a bißl!« »Die harten Zeiten grad so leicht wie die guten nehmen? Wieviel harte Zeiten hast denn du im Leben schon gesehen? Soviel, wie der Blinde auf'm Guglhupf Zwibeben sieht.« Da lachte Roman. »Haben S' recht, Herr Pfarr! Von dieselbigen, die sich übers irdische Jammertal beklagen müssen, bin ich keiner. Gott sei Dank! Aber jetzt muß ich schauen, daß ich d' Welt hinter d' Füß bring!« »Wohin denn heut noch?« »Auf'm Grünberg nachschauen, was unsere Holzknecht schaffen. Der Weg da auffi, der zieht sich.« »Und geht am Staudamer-Hof vorbei? Gelt ja?« »Gut troffen, Herr Pfarr! Und gar so gschwind, mein' ich, laßt mich 's Julei net weiter.« Roman lachte, wie die Glücklichen lachen. »Und schauen S', da kommt jetzt gleich von meiner harten Zeit a Stündl: wann ich bei der Julei sitz, und es steht ihr Mutter dabei. Dös is noch eine von die strengen Jahrgäng, wo jedes ledige Bußl als Todsünd gwogen hat. No, muß ich dös harte Stündl halt mit Geduld übertauchen und auf die guten warten, wo d' Mutter net dabei is.« »Ein netter Diskurs das, für an Pfarrer!« Herr Felician Horadam zog die Brauen auf. »Schenierst du dich denn gar nicht?« »Warum denn schenieren? Sie geben ja eh bald Ihren Segen dazu.« Lustig zwinkerte der junge Waldhofer. »Muß ich mir halt denken, ich hab a bißl an Fürschuß drauf.« Lachend rückte er das Hütl und ging davon. Der alte Herr schob erschrocken das Brevier in die Tasche, streckte die Hände aus, so weit es die kurze Schnur der wollenen Fäustlinge zuließ, und vor Schreck der hochdeutschen Rede vergessend, die seiner Würde entsprach, rief er im Dialekt: »Nix da! He, du! Mit'm Fürschuß auf mein' Segen is's nix! Dös bitt ich mir aus!« Roman blieb stehen und sagte mit Lachen: »Ohne Sorg, Herr Pfarr! Es war net so gfahrlich gmeint. Ich weiß schon, wie ich mich halten muß, daß mir mein Glück net aus der Hand fallt.« Die heitere Antwort schien den alten Herrn zu beruhigen. Doch während er mit Wohlgefallen den jungen Burschen ansah, fragte er etwas unsicher: »Kommst du denn allweil gut aus mit der Julei?« »Zwei junge Leut, die sich gern haben, warum sollten denn die net gut auskommen mitanand?« »Freilich, freilich.« »No ja, a bißl trutzen, a bißl tratzen. Dös muß sein! Dös is wie der Zucker im Kaffee.« »So? Meinst?« Betroffen sah Roman dem Pfarrer ins Gesicht. Er schien zu fühlen, daß aus diesen alten, guten Augen eine Sorge redete. »Herr Pfarrer? So haben doch nix gegen d' Julei, gelt?« »Ich?« Der alte Herr wurde verlegen. »Nein, nein! Gott bewahre! Ich hab doch ganz was anderes sagen wollen! Ja, der böhmische Peter, gelt, der ist jetzt euer Holzknecht?« »An bessern Holzknecht kunnt sich der Vater net wünschen. Der schafft wie drei.« »Aber mir«, der Pfarrer seufzte, »mir macht er eine Sorg um die ander! Triffst du ihn heut noch? Dann mußt du ihm eine Botschaft sagen.« »Schier kann ich mir denken, was für eine.« Roman lächelte. »Haben S' vielleicht ghört, was am letzten Sonntag passiert is?« »Ja! Meine Kathrin hat mir's erzählt. Sag mir doch, Roman, was ist denn nur in den Menschen hineingefahren?« »Der möcht halt d' Leut a bißl besser machen, als wie s' sind.« »Das hätt schon mancher mögen!« Wieder seufzte Herr Felician Horadam, als hätte er selbst mit solchen Versuchen schon böse Erfahrungen gemacht. »Wenn ich auf der Kanzel stehe, ich, der Pfarrer, und rede meinen Bauern ins Gewissen, du mein Gott, helfen tut's leider auch nicht viel, aber es hat doch sein Ansehen, und die nicht grad schlafen im Betstuhl, passen ja auch ein bisserl auf. Aber wenn so ein Holzknecht kommt, der seine drei Zentner wiegt, und will den Bauern die christliche Nächstenlieb im Wirtshaus predigen, wenn sie ihren Schnaps ausspielen? Schau, da müssen ihn die Leut doch auslachen. Und wie mir die Kathrin erzählt hat, haben sie neulich den armen Kerl auch noch gehörig durchgewichst. Und nicht einmal gewehrt hat sich der gute Lapp!« »Wehren darf er sich net, mit söllene Fäust! Tät er losdreschen, der Hanspeter, da wären a paar erschlagen, er wüßt net wie!« Der junge Waldhofer lachte, aber es klang doch wie Ernst aus seinen heiteren Worten. »Der Hanspeter meint halt, wann einer d' Nächstenlieb predigen will, so muß er mit gutem Beispiel vorausmarschieren.« »Ja, ja, ja, und es wär ja auch alles schön und recht. Er ist ein braver Mensch und meint's ja auch heilig ernst. Aber wenn sich ein Pfarrer aufs Butterfasserl setzt, so ist er noch lang keine Sennerin, er macht sich nur die Hosen fett. Und steigt ein Holzknecht auf 's Kirchendach, so wird er deswegen kein Glöckl, das zum Gottesdienst ruft. Ich bin dem braven Menschen doch selber gut. Aber er wird mit seiner Volksverbesserung für das ganze Dorf zum Gespött. Sie schimpfen ihn einen buckligen Apostel hin und her. Und Apostel, das ist doch wirklich kein Wörtl, mit dem man schimpfen soll.« Der alte Herr hatte so lebhaft mit den Armen gefuchtelt, daß ihm die wollenen Fäustlinge heruntergerutscht waren und an ihren Schnüren baumelten. »Geh, sag ihm, er soll am Sonntag zu mir kommen, daß ich ihm ein bisserl Vernunft predigen kann. Und red du auch mit ihm. Von dir läßt er sich was sagen, dich mag er gern.« »Ja, dös is wahr, für mich tät er durch Feuer und Wasser laufen! Aber beim Hanspeter, lieber Herr Pfarr, is alles Reden umsonst. Was er amal drin hat in seinem Kindergmüt, dös sitzt, als wär's eingossen mit Blei. Aber sagen will ich's ihm.« Roman schmunzelte, als er zum Gruß das Hütl abnahm. »Und gelten S', Herr Pfarr, wann ich vorhin a Spassettl gmacht hab, dös für an geistlichen Herrn net paßt, Sie verübeln mir's net?« »No ja, was will ich denn machen? ›Und der Himmel voller Huld, hört auch dieses mit Geduld‹, wie es im Liedl heißt! Na also, gfüet dich Gott, lieber Roman! Ich wünsch dir alles Gute von Herzen. Soll dir dein Glück treu bleiben!« »Vergeltsgott, ja!« Nachdenklich sah der Hochwürdige hinter dem jungen Burschen her, zog das Brevier aus der Tasche und behandelte das schwarze Buch, als wär's eine Schnupftabaksdose. Der Deckel ließ sich auch richtig aufklappen. Doch als Herr Horadam die Prise nehmen wollte, merkte er den Irrtum. »Ja, ja, ja! Greif nur du nicht fehl, mein lieber Roman! Und wenn die Narretei im Hanspeter nicht fester sitzt, als wie das Glück in dir, so will ich sie bald heraußen haben aus seinem Kindergemüt.« Unter solchem Selbstgespräche setzte der alte Herr die schweren Stiefel in Schwung, während ihm die klare Wintersonne auf den schwarzen Rücken schien. Nach der anderen Seite eilte der junge Waldhofer über die beschneiten Wiesen hinauf. Von dem Gespräche mit dem Pfarrer schienen nur die heiteren Worte in ihm nachzuklingen. Das allein war nicht die Ursach, daß er mit so seelenvergnügten Augen hinausblickte in den weißen Schimmer. Er konnte nicht anders schauen, als mit hellem Blick, nicht anders denken, als mit Lachen. Der Waldhofer-Roman war von den Menschenkindern eines, denen alles zum Guten ausschlägt und denen aus jedem kleinen Übel, das manchmal ihre Wege kreuzt wie eine springende Grille, gleich wieder eine Freude wächst. Der liebe Herrgott hatte es von Anfang an mit dem Roman gut gemeint, da er ihn vor dreiundzwanzig Jahren dem reichen Waldhofer als einzigen Erben in die schön gemalte Wiege legte. Das kleine ›Mandi‹ war der Stolz des Vaters, die Freude der Mutter, und das gab eine Kindheit, deren einziger Schmerz das Zahnen war. Wie ein langer lachender Sonnentag vergingen dem Roman die Schuljahre. Aus der Lehrerstube brachte er Jahr für Jahr unter den dreißig Buben immer das beste Zeugnis mit heim, nicht nur deshalb, weil unter allen Müttern die Waldhoferin jährlich dem Lehrer die größten Mettenwürste schickte. Und nicht nur in der Schule, auch auf der Gasse war Roman unter allen der flinkste und der stärkste. Wenn es beim Spiel der Buben ernstliche Händel setzte, waren es immer die anderen, welche die Prügel bekamen. Noch stärker als der Roman war nur der ›böhmische Peterl‹. Der aber hing am Roman wie der Schatten am Licht. Dem heimatslosen Waisenjungen, der von der Gemeinde aus halbem Mitleid gefüttert und mit halber Grausamkeit von einer Tür zur anderen gepufft wurde, erschien der mit allen Gütern des dörflichen Lebens gesegnete Erbsohn aus dem Waldhof wie ein vom Glück erzeugtes Wunderding, das man ehrfürchtig bestaunen mußte. Die anderen Buben, deren Väter Haus und Hof besaßen, dachten wohl etwas weniger heilig über den Roman; aber wenn sie in Neid und Eifersucht auch alle zusammenstanden gegen den einen, es half ihnen nichts; der Roman mit dem ›böhmischen Peterl‹, der schon als zwölfjähriger Bub zwei Fäuste hatte wie ein ausgewachsenes Mannsbild, die beiden miteinander waren stärker als die anderen im Dutzend. Und als für den Roman die ›gspassigen‹ Jahre kamen, begann sich auch das Glück seines Herzens so gemütlich und sicher auszubilden, wie ein gesundes Bäuml wächst, dessen Samenkorn in fruchtbaren Boden fiel. Eines Feiertags im Sommer stand Roman im Garten bei seiner Mutter, die ihrem Buben die schönsten Nelken für sein Hütl aussuchte. Da ging auf der Straße still und mit rosigem Gesichtl eine junge Dirn vorüber und grüßte schüchtern. Und es ereignete sich die merkwürdige Sache, daß Roman, der doch mit der Staudamer-Julei sechs Jahre Tag für Tag in die Schule gegangen war, das schmächtig aufgeschossene Mädel mit so großen Augen ansah, als wär' es heute zum erstenmal für ihn auf der Welt. Und während er so verwundert dastand, fuhr ihm die Mutter lachend mit der Hand durchs Haar: »Ja, schau dir s' nur an! Die wachst sich amal aus für dich!« Der Waldhof und das Staudamergut, das waren die herrschenden Adelshäuser des Dorfes, die ebenbürtigen Bürgermeisterdynastien; und bevor noch die zwei jungen Leute recht ›daran‹ dachten, war zwischen den Alten schon alles abgeredet. Doch alles rechte Glück will langsam gebaut sein wie ein gutes Haus. Roman brauchte ein Jahr, bis er eines Abends der Julei über den Gartenzaun ins Ohr wisperte: »Du und ich, wir zwei täten zammpassen!« Ganz ernst, ohne auch nur ein bißchen rot zu werden, sagte die Julei: »Dös hat der Vater und d' Mutter auch schon gmeint.« »Aber selber meinst es schon auch a bißl?« Heiß war dem Roman diese Frage aus verliebtem Herzen gesprungen. Für eine Antwort reichte die Zeit nicht mehr; denn plötzlich stand die Staudamerin neben den beiden, und Julei wurde von der Mutter ins Haus geschickt, aus Furcht, es könnte ihr ›eine Fledermaus ins Haar fliegen‹. Und seit diesem Abend paßte die Staudamerin auf ihr Mädel auf, wie der sparsame Haftelmacher auf ein Drahtschnitzel. Merkwürdig, wie häufig Roman in der nächsten Zeit der Staudamerin begegnete! Die war überall, wo Roman meinte, daß die Julei wäre. Und das Jahr darauf, im Herbste, mußte er mit lachendem Verdruß die Entdeckung machen, daß die Staudamerin ihre Augen offen hielt, wenn sie von Rechts wegen schlafen sollte. Da trug er das bunte Rekrutensträußl auf dem Hut und war mit den anderen, die man ›behalten‹ hatte, vom Morgen bis zum Abend unter Singen und Jodeln zwischen den beiden Wirtshäusern des Dorfes hin und her gezogen. Aber während die anderen ›Sträußlbuben‹ von der Soldatenfreude schon wacklige Knie und heisere Kehlen hatten, jodelte er allein noch hinauf bis in den höchsten Diskant und hatte den Kopf so hell behalten, wie am Morgen die Sonne war. Mußte er doch, wenn die Sterne kamen, seiner Julei ein Wörtl sagen, treu und fest, daß es ausreichte für die lange Kasernenzeit. Doch als sich das kleine Fenster nach leisem Pochen lautlos geöffnet hatte, und als sich das junge Paar unter heißem Liebesgeflüster zwischen den engen Gitterstäben mit etwas unbequemer Mühsal umschlungen hielt, stand plötzlich die Staudamerin wie ein aus dem Boden gestiegener Geist in der finsteren Kammer und hub ein Schelten an, daß Roman mit ein paar Sätzen beim Zaun und draußen über den Staketen war. Doch das ›feste Wörtl‹ war gesagt, und als der erste Schreck sich gelegt hatte, kam den Roman ein glückseliges Lachen an; er schrie einen Jauchzer in die Nacht hinaus, daß die Berge widerhallten. Am anderen Morgen wanderte er mit den Kameraden singend zum Dorf hinaus, auf dem Rücken das schwer angepackte Köfferchen, und im Herzen das selige Gedenken an ein rosiges Gesichtl, dessen Augen so sanft und unschuldig dreinschauten wie Taubenaugen, aber manchmal doch so seltsam aufglommen wie versteckte Kohlenglut, wenn der Wind die hüllende Asche davonbläst. Drei Jahre! Dem Roman vergingen sie, er wußte nicht wie. Daheim freilich, da waren inzwischen harte Dinge geschehen: den Staudamer hatte beim Abladen eines Heuwagens der niederstürzende Wiesbaum erschlagen, und im Waldhof hatte die Bäuerin, von einer jähen und schmerzvollen Krankheit befallen, die guten Augen geschlossen. Aber da hatte es doch bei allem Kummer das Glück wieder gut mit dem Roman gemeint: er mußte das abgezehrte Weibl nicht auf der Bahre liegen sehen, und so behielt er die Mutter in Erinnerung als ein Bild des freundlichen Lebens, mit dem lachenden Gesicht, das die Waldhoferin bei Lebzeiten ihrem Buben immer gezeigt hatte. Am Tage der Heimkehr führte ihn sein erster Gang zum Friedhof. Und da wollte es wieder sein Glück, daß er auf diesem Weg einem lieblichen Schmerzentrost begegnete – der Julei! Was für selig erstaunte Augen er da machte! Und wenn er eine Minute lang seiner Trauer vergaß, so war ihm das nicht zu verdenken. Hinter dem Tode hat immer das Leben sein Recht. Und die Julei hatte sich in den drei Jahren ausgewachsen, rund und farbig wie ein Apfel in der Reife, recht zum Anbeißen! Freilich gab es bei dieser Begegnung kein anderes Gespräch, als vom seligen Vater Staudamer und von der gottseligen Mutter Waldhoferin. Denn es war die Staudamerin dabei, wieder einmal! Und die Julei, als wäre sie in den drei Jahren noch um ein Erkleckliches sanfter und sittsamer geworden, wagte kaum die Augen aufzuschlagen. Sie tat es nur für einen kurzen Blick. Das war ein Blick, so still und fromm wie die Luft in einer Kirche. Dennoch meinte Roman aus diesem sanften Blick herauszulesen, was er in seinem eigenen Herzen fühlte. Liebe überredet leicht, am leichtesten sich selbst. Er mußte erst das Gitter des Friedhofs klirren hören, um aus der Freude seines Glückes wieder hinüberzutaumeln in seine Trauer. Und da fand er ein Grab, auf dem schon die Blumen standen. Er tauchte die zitternde Hand in den Weihbrunnkessel, um den Hügel zu besprengen. Aber so recht bitter weh ums Herz wurde ihm erst, als er wieder daheim war und herumschaute in der Stube, die ganz anders aussah als zu Lebzeiten der Mutter. »Ich weiß net, Vater«, sagte er beklommen, »so viel Sach liegt umanand, und trutzwegen is d' Stuben so viel leer. Als hätt einer den Ofen davontragen.« »Ja, Bub, man merkt halt, daß d' Mutter nimmer da is!« Der Waldhofer strich sich mit der groben Hand über die grauen Haare. »Mußt bald schauen, daß a richtiges Weib ins Haus kommt. Meinetwegen kannst Hochzet halten nach die Ostertäg.« Habt ihr schon gesehen, wie ein dunkler Wolkenschatten über die Felder schleicht und hinter ihm her die lachende Sonne läuft? Ein paar Tage später, am Sonntag nach dem Rosenkranz, wanderten der alte und der junge Waldhofer zum Staudamergut hinaus, der Vater im langen Rock, der Bub in der Joppe, auf dem Hut die Nelken, die er in seiner Mutter Garten noch gefunden hatte. Roman war dem Vater immer um ein paar Schritte voraus, obwohl er sich bemühte, jene ›verstandsame‹ Miene aufzusetzen, wie sie einem Burschen geziemt, der ›nach die Ostertäg‹ schon Bauer werden will. Und Bauer im Waldhof! So was verpflichtet! Die Staudamerin, als sie die beiden so feierlich kommen sah, schmunzelte über das ganze braungerunzelte Gesicht. Die Julei wollte sich verstecken, aber Roman haschte sie mit flinkem Griff. In der Stube schwatzte man zuerst vom Wetter, vom Vieh und von den faulen Dienstboten, dann wurde ›Kaffee‹ getrunken, und als nach dem letzten Tröpfl der ›Antrag‹ in wohlgesetzten Worten vorgebracht war, gab's zwischen dem Waldhofer und der Staudamerin einen zähen Handel um das Heiratsgut. Während die Alten schacherten, saßen die Jungen still dabei: die Julei mit niedergeschlagenen Augen und mit den Händen im Schoß, der Roman mit ernstem Gesicht, nur manchmal ein stilles Schmunzeln um den Mund, ein ungeduldiges Zwinkern um die Augen. So lang auch der Tag im Herbste noch immer war – es wurde doch Abend, bis die Alten mit ihrem Handel ins reine kamen. Wenn auch das Staudamergut an den Bruder der Julei fallen mußte, der seit einem Jahr beim Leibregiment in München diente, so war's an sicheren Staatspapieren doch ein stattliches Brautgeleit, das man der Julei ›hinauszahlte‹. Der Waldhofer schien mit dem Handel zufrieden. Und die Staudamerin, als der Schacher zu Ende ging, war sehr gerührt. Dicke Trauen kugelten ihr über die runzligen Backen, während sie die Hände des jungen Paares ineinander legte. »No also, in Gottsnamen halt!« Roman, dem heiligen Ernst des Augenblicks zuliebe, bezähmte die Freude seines Herzens und sagte feierlich: »Müssen wir halt zammhalten wie christliche Brautleut, fest und treu!« »Fest und treu.« Ganz leise tröpfelten die drei Wortlein von Juleis Lippen. Dabei wurde sie bis unter das Blondhaar so dunkelrot, wie Roman sie noch nie gesehen hatte. Und sie gefiel ihm so gut, daß er sie mit einem Jauchzer in die Arme schließen wollte, um ihr den Brautkuß auf den roten Mund zu drücken. Aber die Staudamerin fuhr dazwischen: »Söllene Sachen mag ich net. Wirst wohl noch warten können bis zum Ehrentag? Mit eim unschuldigen Bußl fangt man an, und mit was man aufhört, weiß man nimmer. Da lachte der alte Waldhofer. »No, no, no, gar so gfahrlich wär's nimmer. Steht ja der Stadel schon offen, daß der Heuwagen unter Dach kommt.« »Kunnt allweil noch draufregnen!« meinte die Staudamerin in ihrer mütterlichen Vorsicht. Und nun kamen für den Roman schwierige Zeiten. Denn der Staudamerin schien ein Teil jener Eigenschaft angeboren zu sein, die der Teufel mit Gott gemein hat: die Allgegenwart. Da half keine List, kein Trotz und Ärger. Dazu kam noch, daß die Julei in ihrer stillen Unschuld die strengen Worte der Mutter nachzureden begann: ›dös därf net sein‹ und ›dös is net verlaubt!‹ Den Roman verdroß es manchmal, daß die Julei ihre Liebe so stachlig zu umzäunen verstand. Denn daß sie ihn liebhatte, daran gab's keinen Zweifel für ihn. Sie war eben von den ›Allerbrävsten‹ eine, und er tröstete sich mit dem Gedanken: »So a bravs Weiberl, wie ich eins krieg, hat noch nie keiner net ghabt.« Und die Zeit, in der er mit herzlicher Liebe wecken durfte, was in der unschuldsvollen Seele seiner Julei schlummerte und nur manchmal heimlich aus diesen Taubenaugen hervorglitzerte wie Kerzenschein aus den Fenstern einer Kirche, diese selige Zeit wird wohl noch zu erwarten sein. Aber je mehr er in seiner Liebe geneigt war, der Julei alles zum guten auszulegen, um so gereizter wurde er gegen die Staudamerin. Und wenn der Teufel die Alte mit ihren ›aufpasserischen Luchsaugen‹ manchmal für ein Viertelstündl durch die Luft entführt hätte, wär' es ihm recht gelegen gekommen. Bei solchem Stand der Dinge war es begreiflich, wenn Roman an jenem schönen Wintertage, als er in die Nähe des Staudamerhofes kam und die ›Allgegenwärtige‹ durch den Schnee hinüberwaten sah zum Nachbarhaus, einen glückseligen Jauchzer nur mühsam unterdrücken konnte. Hastig duckte er sich hinter eine der weißen Hecken und gewann mit flinken Sprüngen das Gehöft. Lauschend blieb er vor dem Hause stehen, so verdutzt wie einer, dem eine liebe, schon halb erfüllte Hoffnung wieder zu Wasser wurde. Seine Julei war daheim, er hörte ihr lustiges Lachen aus der Stube heraus. Aber noch eine andere Stimme lachte mit. Eine Männerstimme. Roman zog die Brauen auf. Doch ehe sich noch der Ärger richtig in ihm festsetzte, erkannte er diese Stimme. Das war nur der Mickei, der Knecht im Staudamerhof. Einen Knecht schickt man aus der Stube, und fertig! Über den dummen Gedanken lachend, den ihm der erste Ärger eingegeben, ging Roman rasch auf die Haustür zu. Da schwiegen in der Stube plötzlich die beiden Stimmen. Und im Flur begegnete dem Roman der Knecht, ein hagerer Bursch mit spöttischen Augen, die weiße Arbeitsschürze um die Hüften gewickelt, die Tabakspfeife in der Brusttasche des grün und rot gewürfelten Jankers. Er nickte dem Roman zu und flüsterte in wohlmeinender Freundschaft: »Heut hast es gut erraten. Die Alte is net daheim.« Der junge Waldhofer schien sich in keine Vertraulichkeiten einlassen zu wollen. »Dös weiß ich schon selber.« Während der Knecht auf der Hausschwelle stehenblieb und lächelnd über die Schulter blickte, trat Roman in die Stube. »Schatzl! Mein liebs!« Er streckte die Arme, stand aber wie angewurzelt, als müßten erst seine Augen satt werden von dem lieblichen Sonnenbild, das er in der Stube fand. Julei saß in der Herrgottsecke am Tisch, umflimmert von der Sonne, die durch die beiden Fenster fiel. Das wirrgezauste Blondhaar schien zu brennen, und flaumiger Schein umzitterte den weichen, schlanken Hals. Die weißen Puffärmel, die sich unter den schwarzen Miederbändern hervorbauschten, waren vom Lichte wie gesäumt mit glitzernden Borten, und eine rosige Schimmerlinie zog sich um die runden Arme und um das Schattenprofil des sanften Grübchengesichtes, das ein wenig verlegen über die Näharbeit gebeugt war. Ohne aufzublicken, ganz leis und schüchtern, erwiderte Julei den Gruß ihres Verlobten und ritzte mit der Nadel einen Saum in das Leintuch, dessen Zipfel am Polster des Nähsteines angehäkelt war. Roman, unter leisem Lachen, griff mit beiden Händen in die Luft und machte zwei Fäuste, als hätte er jetzt sein Glück gefaßt, um es festzuhalten. »Heut, Schatzl, heut hab ich's troffen! Und ausschauen tust, als ob aus lauter Sonnschein und Licht wärst!« Und da saß er schon neben Julei, hatte sie mit den Armen umschlungen und bedeckte ihre Wange mit Küssen. Ein wenig überließ sie sich dieser stürmischen Zärtlichkeit, und ein wenig begann sie sich zu sträuben. »Wann d' Mutter kommt!« »Die kommt net.« Er küßte wieder. »Heut muß ich mich speisen für hungrige Zeiten.« »Aber d' Mutter will's net haben. Hör auf, oder –« »Oder was?« Sie entzog sich ihm und hob zur Antwort die spitze Nadel. »Geh, du!« Er wollte den schimmernden Blondkopf zwischen die Hände nehmen. »Dös glaub ich doch net, daß dich trauen tätst?« Kichernd beugte Julei sich zurück, und während ihre sanften Taubenaugen einen ganz anderen Blick bekamen, stieß sie blitzschnell mit der Nadel zu. »Au! Aber hörst, Julei!« Roman machte ein halb verdutztes, halb verdrossenes Gesicht. Sie sah ihn an wie ein vergnügtes Kind. »Gelt, daß ich mich trau!« »Dös hätt ich mir gar net denkt, daß ich an dir so a wehrhafts Weiberl krieg!« Nun lachte er, saugte von seiner Hand den kleinen Blutstropfen fort, der aus dem Nadelstich geflossen war, und meinte: »Dös is mir auch was Neus, daß mein Blut so süß is. Wird halt so sein, weil ich's für dich vergossen hab.« Scherzend legte er den Arm um ihre Hüfte. »Duuu!« Sie drohte mit den Augen. »Aber hörst!« Er zog das Mädel an sich. »Bist denn mein Schatzl net? Und mein Bräutl, mein liebs?« »No ja, meintwegen!« Das sagte sie flink, als wäre sie in Sorge, daß er ernstlich böse würde. »Aber nähen mußt mich lassen. Und brav mußt sein.« Dabei sah sie mit Augen zu ihm auf, die wieder ganz Unschuld waren. Die Sehnsucht, sie zu herzen, brannte in ihm; aber dieser fromme Blick band ihm die Hände. Eine Weile saß er ›brav‹ an ihrer Seite. Dann sagte er verdrießlich: »Grad mit mir bist allweil so ernsthaft! Und z'erst hast lachen können, bis in Hof aussi hab ich's ghört.« »No mein, der Mickei halt!« Sie stichelte eifrig am Saum des Leintuches. »Allweil verzählt er söllene Sachen, daß man 's Lachen nimmer heben kann.« »Was hat er denn verzählt?« Julei kicherte. »Von der Häuslschusterin. Und was ihr die Buben angstellt haben in der heiligen Lichtmeßnacht! Aufs Dach auffi sind s' ihr gstiegen und haben 's Kaminloch zugstopft, daß die Hex, die alte, nimmer ausfahren kann.« Der junge Waldhofer runzelte die Stirn. »So a bresthafts Weibl plagen, die sich mit ihrem Madl schinden muß um ihr bißl Leben? Dös is nix Lustigs net. Da kunnt ich net lachen drüber. Dös is die richtige Lausbüberei.« Julei sah ihn mit ihren sanften Taubenaugen an wie ein Kind, das nicht versteht. Und dann erklärte sie entschieden: »Recht is ihr gschehen! Gegen Hexen is alles verlaubt. Und d' Häuslschusterin is eine.« »Aber Julei!« »Dös glaub ich, steif und fest! Und ihr Madl, ihr zausets, dö wachst sich auch schon aus dazu. Dös Wetter im letzten Sommer, dös unsern ganzen Haber in Grund und Boden gschlagen hat, dös Wetter hat niemand andrer gmacht, als der Häuslschusterin ihr Madl. Der Mickei hat's gsehen, wie 's Madl am Abend vor der Wetternacht ihren Hexenspruch hingredt hat übern Haber. So!« Julei streckte die Hände wie der Pfarrer, wenn er den Segen spricht. »Aber Julei!« Zärtlich rüttelte Roman sie mit dem Arm, den er um ihre Hüfte geschlungen hielt. »Was redst denn jetzt da für Sachen! So was mußt net einlassen in dein Köpfl! Dös tat ja passen zu dir, wie der Nachtschatten zur Sonn.« »Wann's aber wahr is! Und wann's der Mickei sagt!« »Der Mickei! A guter Knecht, ja! Aber wann er eim Menschen was anhängen kann, so tut er's.« Zärtlich preßte Roman das Mädel an sich. »Geh, Julerl, sei gscheid! Hexen gibt's keine auf der Welt.« Aus dem jungen Waldhofer sprach gesunder Verstand, ein Herz, das von den Menschen gerne das Gute glaubte, und die Aufklärung, die er von seiner Militärzeit aus der Stadt mit heimgebracht hatte. »Dös haben halt so die dummen Leut von eh amal glaubt. Aber es is nix dran. Und a Wetter, dös kommt halt und schlagt hin, wo's hinschlagt. Wenn du's mir net glaubst, so frag den Herrn Pfarr!« Julei fuhr auf: »Der Herr Pfarr –« Aber da verstummte sie wieder, als behielte sie lieber für sich, was sie sagen wollte. Nun saßen sie schweigend nebeneinander. Julei stichelte am Leintuch, und Roman blickte nachdenklich in der Stube umher. Und da sah er plötzlich, was ihm früher niemals aufgefallen war: daß es in der Stube aussah, als hätten die Schweden hier gehaust. »So schaut's ja net amal bei uns daheim aus! Und bei enk is doch d' Mutter da. Und du! Geh, Julerl, dös paßt auch net zu dir: wie d' Stuben da ausschaut!« »No mein«, Julei seufzte, »d' Mutter raffelt halt so umanander. Und ich muß allweil an so viel andere Sachen denken.« »An was denn?« In stiller Unschuld lächelnd, hob sie die flimmernden Taubenaugen. Das war ein Blick, der in Roman alles auslöschte und nur sein Glück noch brennen ließ. Er streckte die Arme. »Julerl!« Kichernd entzog sie sich ihm. »Brav mußt sein und nähen mußt mich lassen. Dös hast versprochen.« Roman lachte. »Wann ich's versprochen hab, so muß ich's halten. Aber hast es denn gar so nötig mit der Nahterei?« Schmunzelnd strich er mit der Hand über den Saum des Leintuches. »Was machst denn da?« »Für uns was.« Da war sein Versprechen gründlich vergessen. »Schatzl! Mein Schatzerl du!« Wie einer, dem das Herz vor Seligkeit überläuft, umschlang er sein taubensanftes Bräutl, drückte mit der Hand ihre Wangen zusammen, daß die roten Lippen spitzig wurden, und diesmal sträubte sich die kleine Heilige nicht. Roman aber sagte lachend: »Du? Dein Goscherl schmeckt ja, als hättst a Zigarrl graucht!« »Ich? Und rauchen? Geh, du!« Erst schien es, als möchte sie schmollen. Doch sie kicherte wieder. »Dös hat mir der Postbot anghängt. Allweil raucht er so an schlechten, und allweil blast er eim den Dampf ins Gsicht.« Lachend eilte sie zum Anrichtkasten, tauchte den Zipfel eines Handtuches in den Wasserkrug und scheuerte mit dem nassen Tuch energisch den Mund und das Gesicht. Kichernd, mit glühenden Wangen, kam sie zurück und spitzte die Lippen. »Jetzt probier!« Das ließ sich Roman nicht zweimal sagen. Und bei dem Eifer, mit dem die beiden ›probierten‹, sahen sie nicht, daß im sonnigen Fenster ein kleiner Schatten verschwand. Es war der Schatten einer spionierenden Nase gewesen. Und diese Nase gehörte dem Mickei, der an Hexen glaubte. Lautlos hatte er sich draußen von seinem Lauerposten zurückgezogen. Als er außer Hörweite der Stube war, begann er mit langen Sätzen zu springen, durch den verschneiten Garten zum Nachbarhaus. Dort trommelte er an das Fenster. »Bäuerin! Bäuerin!« Ein wenig zerstreut, mit den Gedanken noch halb bei dem wichtigen Klatsch, den sie gehalten, kam die Staudamerin aus der Haustür gelaufen. »Was is denn?« Mickei machte spöttische Augen. »Schier mein' ich, 's Aufpassen wär a bißl nötig. Aber verraten därfts mich net! Sonst hilf ich Enk nimmer.« Flink erfaßte die Staudamerin den Tiefsinn dieser Worte. »Aber allweil hab ich mir's denkt: heut gschieht noch ebbes!« Lärmvoll rannte sie davon. Wie der Sturmwind kam sie in die Stube geraffelt. Beim Anblick des jungen Paares, das still im Herrgottswinkel saß, beruhigte sich ihr ärgster Schreck. Ohne zu grüßen, ging sie zur Ofenbank und brummte: »Allweil muß dich der Teufel da haben, wann man dich net brauchen kann!« Der junge Waldhofer lachte; denn die Staudamerin hatte genau die Worte gesprochen, die Roman sich gedacht hatte. Durch diesen Stoßseufzer einigermaßen besänftigt, kam die Bäuerin zum Tisch und fragte: »Was willst denn? Magst an Kaffee?« »Na, ich dank schön!« Schmunzelnd erhob sich Roman und griff nach seinem Hut. »Ich hab schon 's Meinige. Und weiter hungert mich nimmer.« Strahlendes Glück in den Augen, bot er seiner Julei die Hand: »Pfüet dich Gott, Schatzl!« Leis erwiderte sie seinen Gruß und legte schüchtern ihre Hand in die seine. Er trank sich das Herz noch voll mit einem langen Blick; dann nickte er der Alten lachend zu und ging. Während er hinauswanderte über den Hof, hörte er von der Stube her noch die Raffelstimme der scheltenden Mutter, doch keinen Laut seiner Julei. »Daß sich 's Madl gar net wehrt?« Er seufzte. Und als er zwischen hohen Zäunen um die Ecke bog, sprachen seine Gedanken: »Sei z'frieden, Schatzl! Nach die Ostertäg hast dei' Ruh. Und ich mein Glück.« Da tauchte die Sonne hinter die weißen Berge hinunter, und der goldene Glanz, der den Roman umgeben hatte, erlosch zu blaukühlem Schatten. Zweites Kapitel Einem ausgetretenen Schneeweg folgend, erreichte Roman den Waldsaum des Berges. Das ist so Bauernart: bevor sie in den Wald treten, sich umzusehen. Und Roman machte es ebenso – nicht, weil er bald ein Bauer werden sollte, sondern weil es ihm die Augen hinzog, wo seine Julei wohnte. Doch ein hoher Schneedamm verdeckte ihm die Aussicht nach dem Staudamerhof. Dafür sah er das Dach des eigenen Hauses groß und stattlich hervorragen über die anderen weißen Dächer des Dorfes. Mit zufriedenem Lächeln ließ er den Blick vom hohen Giebel des Waldhofes über die hundert anderen Dächer gleiten, als möchte er unter ihnen zum Vergleich das kleinste suchen. Ganz draußen am Ende des Dorfes lag es im Schnee, winzig, wie ein weißer Maulwurfshaufen: das Dach der Häuslschusterin, von der die sanfte Julei so fest und heilig glaubte, daß sie eine Hexe wäre. Aus dem Schornstein, der sich inmitten des weißen Daches ausnahm wie ein schwarzer Punkt, kräuselte sich ein blauer Rauchfaden in die klare Abendluft. Das sah der junge Waldhofer. Und er lachte. »Der Rauchfang, scheint mir, hat schon wieder sein richtigen Zug.« Eine Furche grub sich in seine Stirn, als wäre in ihm von neuem der Unmut über den grausamen Streich erwacht, den die Burschen in der Lichtmeßnacht dem armen Weibl gespielt hatten. Und dann machten seine Gedanken einen Sprung: »Dös muß ich noch aussireden aus ihrem lieben Köpfl: an söllene Sachen glauben! Und über so was lachen können!« Aufatmend wandte er sich, um in den Wald zu treten. Da hörte er ein Geräusch wie von brechenden Ästen. Ein Stück Wild, das der Hunger schon vor Abend in die Nähe der Häuser trieb? Aber nein. Das war ein Laut, als würden frierende Hände gegeneinander geschlagen. Und bald darauf, etwa hundert Schritte entfernt, trat ein junges Mädel aus dem Wald, bis an die Knie im Schnee, auf dem Kopf ein großes Reisigbündel, das zu schwer für ihre Kräfte schien. Roman lächelte. »Schau nur! An die Alte denk ich grad, und da kommt die Junge daher!« Sie wollte den Pfad gewinnen. Doch als sie den Burschen stehen sah, wandte sie sich nach der anderen Seite, als wäre ihr von allen Wegen ein einsamer der liebste. Es war ein schmächtiges Ding, ärmlich gekleidet. Unter dem Reisigbündel hatte sich ihr Haar gelöst und lag wie eine schwarze Welle auf ihrem schmalen Rücken. Ein Schneedamm versperrte ihr den Weg. Sie wollte ihn übersteigen und versank bis an die Brust. »He? Madl? Soll ich dir a bißl helfen?« Wegen des Reisigbündels konnte sie wohl das Gesicht nicht wenden; sie machte nur mit der Hand eine ablehnende Bewegung. Als hätte das Angebot seiner Hilfe ihre Kräfte verdoppelt, so arbeitete sie sich aus dem Schnee heraus, überstieg den Damm und sprang in einen Hohlweg hinunter, in dem sie völlig verschwand. »Die? Und a Hex? Wann s' hexen könnt, die tät sich a Klafter Holz hinhexen vor ihr Häusl. Und tät net im Schnee umanandfrieren und Armeleutholz klauben!« Roman trat in den Wald. Eine Weile schritt er unter den stillen, weiß behangenen Bäumen hin. Dabei kreuzte er die ›Hexenspur‹. »A Füßerl hat s' wie a Kindl!« Dann kam auch er zu dem Hohlweg. Bevor er hinuntersprang, blieb er lange stehen und lauschte bergaufwärts. Im höheren Walde war alles still. Nun ließ er sich hinabgleiten in die Gasse, die zwischen mannshohen Schneewällen von den schweren Holzschlitten eisglatt ausgefahren war. Während des Aufstieges lauschte er immer wieder. Er mochte sich denken, daß es eine unbehagliche Begegnung wäre, wenn jetzt von den Hornschlitten einer daherkäme, schwer mit Scheiten beladen, in sausender Fahrt, bei der es kein Parieren gibt. Und links und rechts die vereisten Schneedämme – kaum ein Ausweichen möglich! Aber es fing schon zu dämmern an; da kam wohl von den Schlitten keiner mehr zu Tal gefahren. Noch eine Stunde mußte Roman steigen, bis er den Holzschlag erreichte, auf dem die Knechte seines Vaters in Arbeit standen. Und da war es schon dunkle, stille Nacht geworden. Kein Laut im Wald und auf der weiten Rodung. Nur manchmal das leise Klatschen eines fallenden Schneeklumpens. Dunkelheit, doch keine Finsternis. Alles übergraut vom Zwielicht des Schnees. Nur der Himmel schwarz, und seine Sterne groß und funkelnd. Bei langsamem Schreiten auf ebenem Pfade blickte Roman immer hinauf zu diesen flimmernden Lichtern; doch er sah nichts anderes als sein Glück, das runde Unschuldsgesichtchen seiner Julei und ein spitzes, rosig gekräuseltes Mäulchen. Gedämpfte Stimmen, die zu einem Jodler leidlich zusammenklangen, weckten ihn aus seinen Gedanken. Ein paar hundert Gänge vor ihm lag die große Holzerhütte; sie stand im Zwielicht wie ein mächtiger schwarzer Klotz, umzittert von dem Feuerschein, der aus den Lücken des Schindeldaches und aus der offenen Tür quoll. Auf hundert Schritte spurte Roman den Schmalzgeruch, der von den Kochstätten der Holzknechte kam. Neben der Tür, auf niederer Holzbank, saß einer, still und ruhig, von der dunklen Balkenmauer mit schwarzem Umriß abgehoben, groß und breit und ungeschlacht, wie Menschen aussehen, die man durch eine Glaskugel betrachtet. »Guten Abend, Hanspeter!« »Gottslieben Gruß!« Dieser Riese von einem Menschen hatte eine Stimme, so klein und weich wie die Stimme eines halbwüchsigen Knaben. Und langsam sprach er und machte es mit den Worten auf seiner Zunge, wie's der Bauer auf dem Zahltisch mit den Goldstücken macht, bevor er sie hinlegt. »Warum bist net drin in der Holzerstub?« fragte Roman. »Die reden allweil so. Weißt es ja! Und dös gfallt mir net.« »Aber was treibst denn da heraußen?« »A bisserl lesen halt, im Himmelsbuch. Ja. Und da hab ich mir denkt, was d' Stern eigentlich sein kunnten?« Roman lachte. »Dös mußt doch wissen von der Schul her. Weltkörper sind s' halt, wie unser Erdball.« Der dunkle Klumpen schüttelte den Kopf. »So sagen d' Leut. Aber ich glaub's net. Laßt der Herrgott 's kleinste Steinl fallen, so tät er so schwere Körpeder auch net droben lassen. Der bleibt sich allweil gleich. D' Stern müssen ebbes anders sein.« »Und was denn?« »Schau, Mandi«, Hanspeter hob langsam den Arm mit weisendem Finger, »viel Leut sind gut, aber diemal einer is schlecht. Da muß sich der liebe Herrgott in seiner Güt der sündigen Seel erbarmen und muß ihr in der Nacht, wann 's Gwissen net schlaft, a bisserl zeigen, wie's ausschaut im Himmel. Drum denk ich mir allweil, d' Stern sind kleine Luckerln im Himmelsboden. Und da laßt er den himmlischen Glanz a wengerl aussispitzen! Darfst es bloß anschauen, d' Sterndln, und da mußt ja glauben!« Roman blickte zu den funkelnden Lichtern auf, und als hätte ihn der Ernst dieser linden Stimme gefangen genommen, sagte er verträumt: »Wenn man s' anschaut, wie lieb als s' glanzen, hast recht, da kunnt man schier so ebbes denken.« Sie schwiegen, und ihre Blicke hingen dort oben in der grenzenlosen Nacht. Unter dem Dach der Hütte schwatzten die Knechte lärmend durcheinander; dazu hörte man das Krachen der brennenden Scheite und das Geklapper der eisernen Pfannen. Roman begann die Kälte der Nacht zu spüren. »Geh, komm in d' Stuben, heut macht's frisch!« »Mich tut net frieren. Wann ich ebbes denken muß, dös macht mir allweil so viel warm.« Jetzt lachte Roman. »Dös wär was für die armen Leut. Die müssen gwiß viel sinnieren, wie s' ihr bißl Leben fortbringen. Und tät ihnen 's Denken warm machen, so kunnten sie 's Holz für'n Ofen sparen.« Er trat in die Hütte. Neben der großen Holzerstube lag eine kleine, mit Brettern verschalte Kammer; hier pflegte der Waldhofer, oder sein Sohn, wenn sie Nachschau hielten, zu nächtigen; ein enges Gelaß, wenig über mannshoch, mit einem kleinen Kochherd, einem Pritschenbett, einem Tisch und zwei Stühlen. Roman zündete die Petroleumlampe an und heizte den Ofen, um sein Nachtmahl zu kochen. Da fiel ihm der Auftrag des Pfarrers ein. »Hanspeter!« Schwere Schritte, die alles Gerät der Stube zittern machten. Hanspeter trat in die Türe. Dabei mußte er sich bücken, tief. Und auch in der Stube konnte er nicht völlig aufrecht stehen, wenn er mit dem Scheitel nicht an die Decke stoßen wollte. Gut um einen Kopf war er größer als Roman, der doch auch von den hochgewachsenen Burschen einer war. Und diese Brust, wie eine Tonne, diese mächtigen Schultern, diese klobigen Arme, die an den Fäusten zu tragen schienen wie an schweren Gewichten! Alles übermenschlich, doch alles auch unförmig und ungeschlacht, im Übermaß ein bißchen komisch. Und wie die Gestalt, so das Gesicht: breit und hartknochig, völlig bartlos, mit grobgebauter, niedriger Stirne, die Nase aufgestülpt und flachgedrückt, die Ohren abstehend und das struppige Haar von schmalzigem Braun. Dazu noch – obwohl der Hanspeter nur um ein Jahr älter war als der junge Waldhofer – etwas Greisenhaftes in allen Zügen. Den abstoßenden Eindruck dieses Gesichtes konnten die blau versunkenen Augen mit ihrem ruhig strahlenden Feuer und der stille, lind gezeichnete Mund nur wenig abschwächen. Es war von den unglückseligen Mannsgesichtern eines, die geschaffen sind, um die Weiber lachen zu machen. Auch die Häßlichste ist noch zu unbescheiden, um mit solch einem Gesicht vorlieb zu nehmen. Und sonderlich viel auf seinen äußeren Menschen schien der Hanspeter auch nicht zu halten. Freilich, er war in seinem Arbeitskleid. Aber er hatte doch einen schönen Lohn und hätte sich ein besseres Zeug schaffen können, als diesen verwaschenen Zwilchkittel, der einmal blau gewesen, dieses grobe Rupfenhemd und diese ungeheuerliche, aus einer grauen Pferdedecke geschnittene Hose, die ihm rückwärts hinunterhing wie ein Aschensack. Ihre Schäfte reichten ihm nur bis zu den Knöcheln, und die Füße staken in klotzigen, schwer mit Eisen beschlagenen Holzschuhen – Schuhe, von denen ein Volkswort sagt: sie lassen den Menschen nicht umfallen. »Was willst denn, Mandi?« fragte er mit seiner linden, langsamen Stimme. Und weil er in der Stube nicht aufrecht stehen konnte, ging er auf einen Sessel zu und ließ sich nieder. »Den Herrn Pfarr hab ich troffen.« Roman unterbrach sich; jetzt beim Lichtschein sah er, daß dem Hanspeter eine blutige Schramme über die Wange lief. »Was is dir denn gschehen?« »Mir? Nix.« »Aber bist doch voller Blut im Gsicht!« »Mein, dös bisserl!« Hanspeter griff nach seiner Wange. Um die Hand zu bewegen, hob er zuerst den Ellbogen, als hätte er für das Gewicht seiner Faust einen Hebel nötig. »Weißt, a wengerl gstritten haben s' halt wieder, die narrischen Buben. Ich hab ihnen zugredt, ja, sie sollten gut sein mitanander. So viel schön war 's Leben, wann d' Menschen in Fried anand gern haben täten. No ja, und da is mir halt einer a wengerl ins Gsicht einigfahren. Hab's gar net gspürt. Aber hast mir net vom Herrn Pfarr ebbes sagen wollen?« »Ghört hat er, was am letzten Sonntag im Wirtshaus gschehen is.« »So so?« Hanspeter lächelte. »Da hat's halt a bißl Zureden braucht, 's hat sein müssen! « »No, und da laßt dir der Herr Pfarr sagen, übermorgen am Sonntag sollst zu ihm in Pfarrhof kommen!« »So so? No ja! Zu dem geh ich allweil gern. Von dem hab ich noch allweil ebbes glernt. Und so viel Geduld tut er haben mit mir, im Beichtstuhl. Da brauch ich so viel lang, bis ich mich bsunnen hab auf alls.« »Geh, du!« Roman lachte. » Deine Sünden, die trag ich am Nasenspitzl davon.« »Sag so was net!« Hanspeter sah ernst zu Roman auf. »A jeder kunnt besser sein, als er is! Bloß an einziger is ganz gut gwesen: unser lieber Herr Jesus. Dem müssen wir's nachmachen. Liebet einander, hat er gsagt. Und solang d' Lieb net in die Leut drin is, wie 's Blut in der Herzkammer, solang darf keiner von ihm selber sagen: ich bin gut und sündenfrei.« Roman schwieg; er wußte aus Erfahrung, daß jede Widerrede gefährlich war; da fand der Hanspeter mit seinem Evangelium kein Ende mehr. So blieb es ein Weilchen still in der Kammer. Roman setzte Wasser zum Feuer und legte das Rauchfleisch ein, das er sich zum Nachtmahl mitgebracht hatte. Plötzlich fragte er: »Hast von dem Bubenstreich schon ghört, den s' der Häuslschusterin gspielt haben?« Hanspeter antwortete nicht gleich. »Ja, ja, hab ghört davon. Hab ja dem armen Weibl den Rauchfang wieder in Ordnung bracht. Und schau«, seine Stimme zitterte, »da hast jetzt gleich an Exemplibeispiel, daß ich noch lang von die Guten keiner bin. Wer richtig gut is, soll die gleiche Lieb haben für Feind und Freund.« »Dös is a bißl viel verlangt.« »Freilich, ja, ich merk's an mir. Auf die Buben, die dem lieben Weibl so mitgespielt haben, bin ich so viel harb. Die kunnt ich schiergar a bißl verdreschen!« Er streckte die Fäuste vor sich hin. »Wann ich wüßt, wer's gwesen is, den tat ich mir selber kaufen. So was gfallt mir net.« »Gelt, ja!« Aus diesen Worten klang ein Eifer, der dem Hanspeter ganz aus der ruhigen Art schlug. »Söllene Boshäftigkeiten sollt man keim Menschen net antun. Und gar der Nannimai!« Er meinte die Häuslschusterin, die Annamaria hieß. »Denn die Nannimai, die kenn ich, weißt! Die mag ich leiden, ja!« »Dös brauchst mir nimmer sagen, Peterl!« Roman hatte sein Pfeifl angezündet, setzte sich auf das Pritschenbett und ließ die Füße baumeln. »Hockst ja die ganzen Feiertäg drunten bei ihr, tust ihr die grobe Arbeit im Haus, und diemal a Markstückl wird wohl auch in ihr Schubladl schlupfen, gelt?« »Na, du! Na! Dös is net wahr. Aber gwiß net!« Hanspeter wurde verlegen. Das sah drollig aus: dieser Riese, und schamrot wie ein Kind! »Die Nannimai nehmet kein' Pfennig net an. Dös därfst mir glauben! Aber daß ich dir's ehrlich sag: diemal laß ich ihr a bißl ebbes verdienen, ja! Denn d' Nannimai, sag ich dir, wird wohl 's bravste Weibl sein auf der ganzen Welt. Und ihr Ilsabeth 's liebste Kindl. Ja, du, dös därfst mir glauben!« »Geh, tu s' nur net gar so loben, die zwei!« Roman paffte eine Wolke vor sich hin. »Dir gelten d' Menschen allweil um d' Halbscheid mehr, als wie s' wert sind.« »Na, Mandi! Na! Von der Ilsabeth sag ich halt so: die liebst, weil ich kein bessers Wörtl net weiß.« Hanspeter stemmte die Fäuste auf seine Knie, ließ den schweren Kopf ein wenig sinken, und langsam klang seine leise, linde Stimme: »Einer, der d' Ilsabeth kriegt amal, dem hat's der liebe Herrgott gut vermeint.« Roman stand auf und schob dem Hanspeter mit der Faust den Kopf in die Höhe. »Peterl, Peterl! Gut meinst es ja! Aber Augen hast im Kopf, die richtigen Muckenaugen, die 's Bröserl finden, aber am Zuckerhut nimmer in d' Höh schauen. Mußt dir d' Leut schon a bißl anders betrachten, daß den Unterschied merkst auf der Welt!« Er ging zum Herd. »Am Sonntag schau dir mei' Julerl an! Die is der Zuckerhut. Der wiegt alle Bröserln auf.« Jetzt schien der Hanspeter zu merken, daß er dem Roman mit dem Lob einer anderen ans Herz und an den Stolz gegriffen hatte. Darüber erschrak er und stotterte: »Die Julei? Ja, ja, hast recht! Tu mir's halt net verübeln, gelt! Die Julei, ja! Gegen die steht gar nix auf. Müßt sonst die deinig net sein. Allweil 's beste, dös muß dir ghören! Und die Julei, Ja! Is so viel lieb! Und so viel gern haben tust es, gelt? Gegen d' Julei kann man gar nix sagen. Aber –« Er fuhr sich mit der schweren Hand über die Stirne. Drüben in der Holzerstube war's ruhiger geworden. Nur ein paar von den Knechten schwatzten noch; die anderen lagen schon im Heu. Hanspeter stand auf. »Muß ich mir halt a bißl ebbes kochen jetzt!« »Noch gar net gessen hast?« »Mein, die andern, die brauchen so viel Platz am Herd. Wann die andern ihr Sach haben, is allweil noch Zeit für mich.« Er war schon bei der Türe. Nun kam er zurück und sah dem Roman in die Augen. »Gelt, Mandi? Net daß dir denkst, ich hätt gegen d' Julei ebbes sagen mögen?« »Na na! Und gut Nacht, Peterl!« »Gottsliebe Nacht!« Alles Gerät in der Stube zitterte wieder, als Hanspeter zur Tür hinausging. Roman ließ sich sein Nachtmahl schmecken. Dann blieb er mit der Pfeife noch ein halbes Stündl neben dem schwelenden Ofen sitzen. Wovon er träumte, das verriet der Glanz seiner Augen. Ein Liedchen summend, löschte er die Lampe und streckte sich zum Schlaf des Glücklichen nieder, der noch fester und süßer ist als der Schlaf des Gerechten. Am Morgen fing der Spektakel in der Herdstube wieder an. Erst wurde der Magen gepflastert, und dann ging's hinaus zur Arbeit. Die Beilschläge widerhallten im Wald, die Sägen knirschten, und das Krachen der stürzenden Bäume dröhnte über den verschneiten Berghang. Roman ging mit dem Notizbuch und mit dem Stempelhammer von Block zu Block, von einer Klafter zur anderen. In dem Wust von Ästen, der die Rodung bedeckte, hätte er üblen Weg gehabt. Aber Hanspeter, der mit der Meterlatte die Arbeit als ›Meßmann‹ tat, ging vor ihm her, und wo er hintrat, brachen die Äste glatt in den Schnee. So hatte Roman hinter ihm den besten Pfad. Weil es Samstag war, bekamen die Holzknechte schon um drei Uhr Feierabend. Da gab's nach der Arbeit eine lustige Talfahrt. Immer zwei von den Knechten luden eine Klafter Scheitholz auf ihren Hornschlitten. Der eine nahm als Schlittenlenker seinen Platz zwischen den aufgebogenen Kufen, der andere setzte sich als Passagier auf die Ladung. Und so jagte ein Schlitten um den anderen durch die ausgefahrene Schneegasse ins Tal hinunter. Jede solche Fahrt, wenn auch ein paar schwere Scheite als Bremshölzer hinter den Schlitten gehängt wurden, war ein übermütiges Spiel mit dem Leben der beiden Menschen, die auf dem Schlitten saßen. Ein Glück, daß Unkraut nicht leicht verdirbt, wie das Sprichwort sagt. Sonst müßte an solchem Schlittenweg ein Martertäfelchen neben dem andern stehen. Nachdem der letzte Schlitten der Knechte davongefahren, hatten Roman und Hanspeter noch eine Stunde zu schaffen, bis sie mit dem Aufschreiben und Messen der Wochenarbeit fertig wurden. Dann beluden, als es schon leicht zu dämmern anfing, auch die beiden ihren Schlitten. Roman richtete sich mit dem Wettermantel einen bequemen Sitz auf den Scheiten, und Hanspeter übernahm die Führung des Schlittens. Damit die Fahrt, wie Roman wollte, ›ein bißl Schneid‹ bekäme, banden sie kein Bremsholz an den Schlitten. Hanspeter schüttelte wohl den Kopf dazu; aber wenn Roman etwas wollte, hatte der Hanspeter keine Widerrede. Erst war es auf sacht geneigtem Weg nur ein langsames Gleiten, bei dem sie gemütlich miteinander plaudern konnten. Doch als das steilere Gefäll begann, geriet der Schlitten in so rasende Fahrt, daß es mit dem Schwatzen ein Ende hatte. Bei dem sausenden Luftzug, der ihnen fast die Hüte von den Köpfen riß, hätte keiner mehr das Plauderwort des andern verstanden. Dazu schrillten auf dem vereisten Schnee die Kufen des Schlittens. Und ging es um eine Wendung der Gasse herum, dann spritzten die Schneeklumpen und Eissplitter auf, daß es wie Hagelwetter über den Schlitten wehte. Bei solcher Wendung mußte Hanspeter alle Kraft zusammennehmen, um durch festes Einstemmen der Ferse die Lenkung des Schlittens zu erzwingen; ein Anfahren an den Eiswall der Gasse hätte sie beide mitsamt der Ladung des Schlittens über den Damm hinausgeschleudert in den steilen Wald. Immer abschüssiger wurde der Weg, immer jagender die Fahrt. Roman, der die Gefahr wie eine Freude empfand, die ihm das Blut in Feuer brachte, fing zu jauchzen an. Doch plötzlich erstickte ihm die Stimme – obwohl er sich rechtzeitig geduckt hatte, war er mit dem Nacken gegen einen großen, den Weg überspannenden Ast gestoßen, und der dicke Schnee, der auf ihn niederklatschte, hatte ihn fast begraben. Aber das erhöhte für ihn nur die Freude dieser Fahrt; lachend schüttelte er die Schneeklumpen von sich ab. Auch Hanspeter lachte mit; doch im nächsten Augenblick, als er glücklich den Schlitten in sausendem Schuß um eine Biegung der Gasse gesteuert hatte, schrie er auf, mit einer von Angst erwürgten Stimme: »Jesus Maria!« Ein paar hundert Schritte tiefer, mitten im steilsten Gefäll des Hohlweges, stand ein ärmlich gekleidetes Mädel, auf dem Kopf ein schweres Reisigbündel. »Ilsabeth! Ilsabeth!« schrie Hanspeter wie von Sinnen und machte einen verzweifelten Versuch, mit den vorgestemmten Beinen den Schlitten zu bremsen. Kaum merklich verminderte sich die jagende Fahrt. Und ein Wunder war's, daß dem Hanspeter die Knochen nicht wie Glas zersplitterten. Im ersten Schreck stand das Mädel wie gelähmt. Dann tat sie, was Roman ihr mit gellender Stimme zuschrie: sie warf das Reisigbündel in den Weg des Schlittens und versuchte über den Wall der Hohlgasse hinaufzuklettern. Da kam ihr der Schlitten schon entgegengejagt – die Scheite, die fast den Schneewall streiften, mußten sie erfassen. »Lieber Herrgott!« keuchte Hanspeter und versuchte mit aller Kraft den Schlitten beiseitezudrücken. Aber die Kufen liefen in ausgefahrenen Geleisen, der Schlitten gehorchte nicht. Schon machte Hanspeter eine Bewegung, als möchte er seine drei Zentner als Wegsperre vor die Kufen werfen. Da spürte er hinter seinem Rücken die Knie des Roman und hörte ihn schreien: »Fest, Peter! Stemm dich an gegen meiner, was kannst!« Das tat der Hanspeter, ohne lang zu denken. Was der Roman sagt, das tut man. Und so staken zwischen den Scheiten und Hanspeters Rücken die Knie des Roman eingezwängt wie in einem Schraubstock. Und als der Schlitten den Sprung über das krachende Reisigbündel machte, warf Roman sich mit gestreckten Armen vor und haschte die an den Eiswall Geklammerte, bevor noch die Scheite sie berührten. Um den Augenblick nicht zu versäumen, mußte er derb mit den Fäusten zugreifen – sie stöhnte unter diesem Griff – aber da hatte er sie schon auf den Schlitten gerissen, und von ihren zitternden Armen umklammert, hielt er sie an die Brust gedrückt. Der Schlitten schwankte nach dem Sprung, den er gemacht, und hinter den Kufen spritzten die geknickten Reisigstücke empor. Jetzt konnte Roman wieder lachen. »Gut is's gangen! Laß laufen, Peterl!« »Gotts Lob und Dank!« stotterte Hanspeter. Er ließ den Schlitten jagen und begann mit halblautem Gestammel ein Vaterunser zu beten. Lachend hob Roman sich höher auf die Scheite hinauf. Und weil man zu zweit nebeneinander nicht sitzen konnte, mußte er das Mädel auf dem Schoß behalten – eine Last, die gar schwer nicht wog. Es mußte ein feines, schmächtiges Körperchen sein, das in diesen ärmlichen Kleidern stak wie ein Nußkern in der grauen Schale. Sie hielt noch immer seinen Hals umklammert, regungslos, mit geschlossenen Augen, als wären ihr vom Schreck die Sinne erloschen. Das wollene Kopftuch war auf die Schulter geglitten, und ein dichtes Geringel schwarzer Haare umwehte das schmale, blasse Gesicht. Je länger Roman dieses Gesicht betrachtete, das die sinkende Dämmerung mit seinem Schleier umwob, desto größer staunten seine Augen. Denn daß die Häuslschusterin ein so bildhübsches Mädel hatte, das war ihm etwas völlig Neues. Erstens waren die beiden noch gar lange nicht im Dorf. Und zweitens: die Tochter der Häuslschusterin auf ihr Aussehen anzuschauen, das wäre für den Sohn des Waldhofers das allerletzte gewesen, was ihm hätte einfallen können. Auch hatte er das Mädel, seit er im Herbst aus der Kaserne heimgekommen war, nicht oft gesehen, ein paarmal auf dem Kirchgang, und gestern, als sie mit dem Klaubholz aus dem Wald gekommen. Lächelnd blickte Roman, während der Schlitten jagte, auf das blasse Gesichtl nieder und schien es selber kaum zu wissen, daß er die Arme ein bißchen enger schloß. »Die liebste?« Da hatte der Hanspeter doch wohl übertrieben. Aber hätte er nur gesagt: ein liebes Dingerl – so hätte ihm Roman nicht widersprechen können. Ein Näsl hatte sie im Gesicht, ganz weiß und fein, wie aus Bein gedrechselt. Die Wangen schmal und dennoch lind gerundet. Durch die dünnen, schwarz befransten Lider drang es wie dunkler Schatten heraus. Dazu ein kleiner roter Mund, der jetzt dem Mund eines Kindes glich, das geweint hat. Das lachende Gesicht des jungen Waldhofers wurde seltsam ernst. Es schlich ihm etwas ins Herz, wie tiefes Erbarmen mit der Armut, die um den kleinen roten Mund diesen leisen Zug von Trotz und Bitterkeit gezeichnet hatte. Und es kam so über ihn, daß er sie noch fester an sich drücken mußte. Und da spürte er ihre junge Brust an der seinen und fühlte, wie ihr Herz ihm entgegenpochte mit heftigen Schlägen. Dem Roman wurde schwül, er wußte nicht wie. Und sonderbar, daß ihm plötzlich seine Julei einfiel. »So, schön«, dachte er, »wenn mich die so sehen tät!« Der Schlitten hatte schon fast das Tal erreicht und minderte auf sanfterem Gefäll seine Fahrt. Da konnte sich auch Hanspeter nach dem Mädel umsehen. »Ilsabeth? Gelt, der Roman! Der hat gholfen!« Das Mädel regte sich nicht. Ein wenig unwillig versuchte Roman sie aufzurichten und rüttelte sie an den Armen. »He, Lisbeth!« Unter stockendem Atemzug schlug sie die Augen auf – große, tiefe Augen, wie Sommerkirschen so schwarz und glänzend. Und diese Augen starrten in Schreck und Angst, als sähe sie noch immer den Schlitten kommen, der hinwegjagen sollte über ihr junges Leben. Und dennoch lächelte sie ein wenig. Roman rüttelte sie wieder. Sein Unwille schien verflogen, als er sagte: »Lisbeth! So schau doch, es is dir ja gar nix gschehen!« Da hielt der Schlitten auf offenem Schneefeld, nahe dem Dorf, von dessen Häusern her schon die ersten Lichter durch die Dämmerung flimmerten. Hanspeter, ein wenig hinkend, trat aus der Hörnergabel des Schlittens und hob das Mädel in den Schnee herunter. Er faßte sie an, wie man ein kostbares Ding berührt. Kein Wort sagte er, sondern strich ihr nur mit seiner schweren Hand über das schwarze Haargeringel. Roman lachte, während er vom Schlitten sprang. »Is ja alles gut gangen!« Eine Weile stand Lisbeth unbeweglich. Dann trat sie auf Roman zu. »Vergeltsgott!« sagte sie mit unsicherer Stimme und gab ihm die Hand – eine kleine Hand, rauh wie die Hand einer Magd. Und sie zitterte. Er wurde verlegen und sah ihr schweigend ins Gesicht, das in der Dämmerung so weiß erschien wie der Schnee, in dem sie standen. Nur ihre dunklen Augen glänzten. Die Hand befreiend, wandte sie sich ab. »Gut Nacht, Hanspeter!« »Gottsliebe Nacht, Kindl! Tu mir d' Mutter grüßen, gelt!« Sie hob das Kopftuch übers Haar und ging mit langsamen Schritten den Weg hinunter. Roman sah ihr nach. Nun sagte er: »Komm, Peterl, schauen wir, daß wir heimkutschieren.« Hanspeter tappte durch den Schnee auf Roman zu und quetschte ihm die Hand. »Vergeltsgott, Mandi! Heut hast gholfen wie der richtige Christenmensch.« »Aber geh!« Roman wurde ärgerlich. »Wärst du in der Höh gsessen, so hättst du zugriffen!« »Mach's net kleiner, Mandi! Und ich sag dir Vergeltsgott drum. Wann dem guten Kindl ebbes passiert wär, hätt mich 's Leben nimmer gfreut. Denn d' Ilsabeth, weißt –« »Ilsabeth? Warum sagst denn allweil Ilsabeth? Sie heißt doch Lisbeth.« »Ihr Mutter sagt Ilsabeth zu ihr. Und die Namen, die aus der Lieb kommen, sind allweil die besten.« Hanspeter nahm den Hut ab und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. »Aber da hat man's wieder gsehen! Menschenkraft? Is alls nix wert! Der Schlitten lauft halt. Die Denkerei is d'Hauptsach. Und da fehlt's a bißl bei mir.« Er seufzte. »Drum hat an andrer der Ilsabeth helfen dürfen.« Hinkend trat er zwischen die Hörnergabel des Schlittens und begann zu ziehen. Sie kamen zum Waldhof. Ein zweistöckiges, langgestrecktes Bauernhaus. Die ebenerdigen Fenster waren erleuchtet. Aus den Ställen und Scheunen hörte man Stimmen und den Lärm der Arbeit. Der Schlitten war schon in den Hof gezogen, als Roman plötzlich sagte: »Du, da fallt mir ebbes ein! Dös arme Hascherl hat ja meintwegen ihr Klaubholz verlieren müssen. Geh, schieb ihrer Mutter die Klafter nunter, die auf'm Schlitten liegt.« Und rasch, als möchte er jede Widerrede abschneiden, ging er ins Haus. Unter der Türe trat ihm der Waldhofer entgegen, hemdärmelig trotz des kalten Winterabends; ein Graukopf, schon ein wenig gebeugt; aber man sah es den beiden auf den ersten Blick an, daß sie Vater und Sohn waren; so, wie der Alte jetzt, wird Roman in dreißig Jahren aussehen. »Guten Abend, Bub!« »Guten Abend, Vater! Und daß ich's gleich sag, a Klafterl Holz hab ich verschenkt.« »Sooo?« »An arme Leut, die 's brauchen.« »No ja, meintwegen! Ebbes Unnötigs tust ja net.« Sie traten ins Haus. Drüben beim Schlitten stand noch immer der Hanspeter, das Wasser in den Augen. Dazu brauchte es nicht viel bei ihm; er hatte ›Tränenhäferln‹, die leicht überlaufen. Als er den Roman im Hausflur verschwinden sah, nickte er glücklich vor sich hin: »Dös is a Christenmensch! Wann alle so wären wie der! Da kunnt ich Feierabend machen mit'm Predigen.« Er wollte mit dem Schlitten gleich wieder umkehren. Aber der erste Schritt erinnerte ihn an seinen hinkenden Fuß. Durch eine der Scheunen ging er in seine Kammer und zündete ein Talglicht an. Ein winziger Raum, der völlig ausgefüllt war, als Hanspeter drinnen stand. Zwischen Kasten und Bettstatt konnte er sich kaum umdrehen. Und von den Wänden war wenig zu sehen; überall hingen kolorierte Heiligenbilder und große Baumschwämme, auf denen allerlei Spielzeug stand: winzige Figürchen, Menschen und Tiere, hölzerne Hennen mit eingesteckten Federn, kleine Kirchen und Kapellen, Sennhütten und zierliche Schweizerhäuschen mit glitzernden Glassplittern als Fenster. Und als der Hanspeter den Kasten öffnete, sah man auch hier ein ganzes Fach in peinlicher Ordnung mit solchen Spielwaren angeräumt. Eine Weile stand er, den Tand mit scheuen Fingern berührend, fast wie in Andacht. Dann nahm er Leinwandzeug und eine kleine Flasche aus dem Kasten und machte sich an die Behandlung seines hinkenden Fußes. Als er den schweren Schuh herunterstreifte, gab's einen tüchtigen Plumps auf den Dielen. Und jetzt wurde der heiß verschwollene Knöchel mit dem Universalmittel eingerieben – mit ›Mankerlschmalz‹. Das ist Nierenfett vom Murmeltier. Das lindert jeden Schmerz und heilt alle Wunden, sagt der Bauer. Aber jedes andere Fett tut's geradeso, sagt der Doktor. Als Hanspeter sich aufrichtete und den hinkenden Fuß probierte, meinte er überzeugt: »No also, es geht ja schon wieder! Den ersten Wehdam muß man halt überwinden, und alls is gut.« Wie an Gottes Liebe, so unerschütterlich glaubte er an das ›Mankerlschmalz‹. Und solcher Glaube wirkt Wunder. Drittes Kapitel Die Dämmerung war grau, und es zitterten schon die ersten klaren Sterne in der Abendstille. Matter Lichtschein drang aus den zwei kleinen Fenstern der baufälligen Hütte, in welcher Lisbeths Mutter wohnte, die Annamaria Altenöder, die ›Häuslschusterin‹. Die kleinen Fenster hatten keine Vorhänge, als dürfte jeder Vorübergehende sehen, was in dieser Stube geschah. Freilich, die bösen Mäuler zischelten: »Die kann leicht ihre Fenster offen haben. Die macht den Hexensegen, und keiner sieht eini!« Wer das zum erstenmal unter die Leute gebracht hatte: die Häuslschusterin ist eine Hexe – das wußte keiner mehr. Aber fast alle schwatzten es nach. Die einen sagten es nur, und die anderen glaubten daran. Warum? Da wußte keiner eine rechte Antwort. So was läßt sich nicht beweisen. Aber man merkt es, wie man im Ofen das Feuer spürt, auch wenn man die Scheite nicht brennen sieht. Sie war eine Fremde, und da ist man immer mißtrauisch. Im vergangenen Frühling war sie mit ihrem Mädel ins Dorf gekommen, von Rosenheim her, und hatte für dreißig Mark im Jahr das leerstehende Häuschen gemietet, das der Gemeinde gehörte. Ihr linkes Bein war gelähmt, drum hinkte sie nach der rechten Seite. Und da sagten die Leute: das ist der Teufelstritt. Sie war verschlossen, schwatzte nicht mit den Nachbarsweibern, verkehrte nur mit dem Hanspeter und lebte mit ihrem Mädel still und einsam vor sich hin – wie es Menschen tun, welche bittere Zeiten hinter sich haben und von den kommenden wenig Gutes erwarten. Und da hieß es: »Die muß was zum Verstecken haben. Die kann eim net in d' Augen schauen.« Ein wenig mehr als die anderen wußte der Hanspeter von ihr: daß sie aus dem Niederbayerischen herstammte; daß sie die Frau eines Forstgehilfen war, dem ein Jahr nach der Hochzeit mit dem eigenen Gewehr ein Unglück passierte; daß sie die Heimat verlassen hatte und mit ihrem Kind nach Rosenheim gezogen war, wo sie Beschäftigung in einer Spielzeugwerkstätte gefunden. Dort hatte sie fünfzehn Jahre gelebt. An einem Weihnachtsabend, als sie Pakete zu den Kunden tragen mußte, war sie auf einer von Glatteis bedeckten Steintreppe ausgeglitten. Seit damals hatte sie das gelähmte Bein. Nun wurde ihr Verdienst um die Hälfte schmäler, ihre Sorge um die Hälfte größer. Ihr Mädel in die Fabrik zu stecken oder als Magd in einen Dienst zu geben, das brachte sie nicht übers Herz. Dieses stille, genügsame Zusammenleben mit ihrem Kind war das einzige, was sie vom Leben noch hatte. Aber in Rosenheim, wo sich durch den wachsenden Verkehr das Leben verteuerte, fand sie nicht mehr ihr Auskommen. Und so war sie auf der Suche nach einem billigen Erdenfleck in dieses entlegene Bergdorf geraten, wo man für dreißig Mark im Jahr noch ein Haus mit zwei Stuben und einer Küche zu mieten bekam. Jeden Monat brachte ihr der Bote aus Rosenheim eine kleine Kiste mit den zugerichteten Hölzchen, die sie brauchte, um jene winzigen Kapellen, Kirchen und Schweizerhäuschen zusammenzukleben. Das Material dazu mußte sie vom ›Verleger‹ kaufen, der ihr für billiges Geld am Ende eines jeden Monats die große Kiste mit der fertigen Ware wieder abnahm. Viel Mühe hing an dem kleinen, zierlichen Tand, und recht wenig trug er ein – knapp so viel, daß Mutter Nannimai mit ihrer Lisbeth nicht zu hungern brauchte. Und weil sie diese Spielwaren – ›Häuslzeug‹ nennt sie der Volksmund – so langsam und mühselig zusammenflickte, drum hieß sie im Dorf die ›Häuslschusterin‹. So wie jetzt, in der von einer trüb brennenden Hänglampe erleuchteten Stube, so saß sie Tag für Tag an dem großen Tisch und pinselte und klebte. Lisbeth tat die Arbeit im Haus, machte alle Gänge und holte aus dem Wald das Klaubholz, das der hungrige Ofen brauchte. Die paar Stunden, die sie von der Hausarbeit erübrigen konnte, saß sie bei der Mutter am Tisch, malte die grünen Fensterläden an die Schweizerhäuschen, die roten Ziegel auf die Kirchendächer, und kolorierte die hölzernen Menschlein und Tierchen. Das verstand sie besser als die Mutter, weil sie die leichtere Hand hatte. Die Hände der Mutter waren schon zitterig geworden, und beim Malen rutschte ihr der Pinsel mit der Farbe immer über den Rand hinaus. Aber dieses Zittern war nur die Folge des jahrelangen, mühseligen Gebossels mit dem kleinen Zeug, nicht die Folge des Alters. Die Annamaria hatte die Vierzig kaum überschritten. Freilich, sie sah viel älter aus. Die Haare, die früher wohl auch schwarz gewesen wie das Haar der Lisbeth, waren grau geworden. Das Gesicht hatte müde, zerstörte Züge, denen man aber noch immer ansah, wie schmuck vor Jahren dieses Gesicht gewesen sein mußte, in dem sich jetzt versteinerte Bitterkeit mit versöhnlicher Ruhe mischte. Die langen grauen Wimpern, welche die Annamaria an den geröteten Lidern hatte, sahen beinah so aus, als wäre Moos über ihre Augen gewachsen. Und auf der Oberlippe, ein wenig auch auf den Wangen, hatte sie einen grauen Anflug wie von einem Bärtchen. Die Leute sagten: das ist das Hexenbärtl – das haben sie alle so, und das wächst ihnen, weil der Teufel sie küßte. Lachend hatte ihr das der Mickei vom Staudamergut einmal ins Gesicht gesagt. Und sie war nicht zornig geworden. Sie hatte vor sich hin genickt, als wär' es im Ernste so: daß ihre jungen Lippen einer geküßt hatte, der ein Teufel war. Vielleicht dachte sie auch jetzt an vergangene Zeiten? Sie hatte ein Kirchlein vor sich stehen, dem der Turm und das Dach noch fehlte; aber sie ließ die Hände ruhen und blickte mit halb geschlossenen Augen in der Stube herum. Ein merkwürdiges Bild: diese Stube! Sie hatte fast etwas Weihnachtsfreundliches mit dem hundertfältigen Spielzeug, das überall umherstand, auf den Fenstergesimsen, auf den Bänken, auf dem Tisch und auf Brettern, die in Fächern an die Wand genagelt waren. Die ganze Stube schien dieser kleinen Arbeit zu dienen, und Wohnraum war nur um den großen Ofen herum. Der hatte eine Bratröhre; da kochten sie im Winter und ließen draußen die Küche kalt, um Holz zu sparen. Die Bank, die den Ofen umzog, war zur Hälfte mit Kochgeschirr bestellt, mit Tellern und einem Weidenkörbchen, in dem die Blechlöffel, die Gabeln und Messer lagen. Annamaria hatte nach der Uhr geblickt, die mit ihrem langen Pendel schwerfällig tickte. Nun begann sie die Arbeit wieder, leimte das Türlein an die Kirche und suchte die Hölzchen für das Dach zusammen. Als sie kleben wollte, war der Leim erkaltet. Sie ging zum Ofen. Der hatte sich abgekühlt, so daß in seiner matten Wärme der Leim nicht wieder flüssig wurde. Wieder sah Annamaria nach der Uhr, kehrte zum Tisch zurück und suchte sich Arbeit, zu der sie den Leim nicht brauchte. Da klang ein Geräusch, als klopfte jemand an der Hausschwelle den Schnee von den Schuhen. »Gott sei Dank!« Annamaria atmete auf, und aller Schatten ihres Gesichtes schien sich zu erhellen. Lisbeth trat in die Stube. »Aber lang bist ausblieben heut!« sagte die Mutter. »Guten Abend, Kindl!« Schweigend nickte Lisbeth und ging zum Ofen. Nannimai sah verwundert auf. So still zu kommen, das war doch sonst nicht die Art ihres Mädels? Aber nach dem schönen Tag war's auf den Abend bitterkalt geworden; und im Wald das Klaubholz herauswühlen unter dem Schnee, das ist Arbeit, bei der man friert. Und beißt man die Zähne zusammen, daß sie nicht klappern können – wie soll man da reden? »Iß nur gleich was, gelt! Ich hab dir dein Süppl schon warm gstellt.« Lisbeth war aus der Lampenhelle in den Schatten getreten, den der Ofen warf. Eine Weile preßte sie die starren Hände gegen die Ofenmauer, die noch schwache Wärme hatte. Dann begann sie das grobe Wollzeug von sich herunterzuwickeln, und da kam ein schlankes Figürchen zum Vorschein, bekleidet mit einem braunen Röckl und einem dunkelgrünen Spenzer, der so kurz und eng war, als hätte ihn Lisbeth schon in ihrer Schulzeit getragen. Sie nahm die kleine Schüssel aus der Röhre und setzte sich in den Ofenwinkel. Aber sie kostete kaum von der Speise, hielt die Schüssel auf dem Schoß, und ihre Hände zitterten. »Gelt, d' Suppen wird a bißl kalt sein?« fragte die Mutter, als sie hörte, daß Lisbeth die Schüssel auf die Bank stellte. »Zwei Stunden lang is 's Feuer schon ausgangen. Und nachschüren hab ich net können, es war kein Steckerl nimmer draußen.« Lisbeth schwieg. »Der Leim is mir auch schon kalt«, sagte Nannimai nach einer Weile, »gelt, holst gleich a bißl Holz zum Nachfeuern.« »Heut hab ich kein Holz net heimbracht.« Die Mutter erschrak über den Klang dieser Stimme und über diese Nachricht. »Madl! Bist ja doch fort ums Holz! Und wanns keins heimbracht, wo bist denn gwesen bis auf'n Abend?« Keine Antwort kam. »Ilsabeth?« Nannimai humpelte zum Ofen. Ganz klein saß Lisbeth in die dunkle Ecke gedrückt. »Aber Kindl, was is denn mit dir?« Ohne sich zu regen, sah Lisbeth aus dem dunklen Winkel zur Mutter auf, mit großen Augen, aus denen etwas Hilfloses redete. »Kindl! Du Jesu mein! So red doch a Wörtl!« Nannimai faßte die Hände des Mädels, setzte sich an seine Seite, und da warf sich Lisbeth an den Hals der Mutter, wie ein ertrinkendes Kind sich an den Retter klammert. Die Mutter fragte und fragte. Aber Lisbeth konnte nicht Antwort geben. Annamaria, das Haar ihres Kindes streichelnd, nickte vor sich hin. Da hatte wohl einer auf der Straße dem Mädel wieder ein Schimpfwort zugeschrien, das der Mutter galt? Und das war so häßlich, daß Lisbeth es der Mutter gar nicht sagen konnte? An diesen Gedanken schlossen sich ihre tröstenden Worte an: »Geh, Kindl! D' Leut sind halt, wie s' sind. Und muß man sich selber kein' Fürwurf machen, so kann man d' Leut reden lassen, wie s' mögen. Mußt dich net kränken drum! Du und ich, wir zwei halten zamm. Gelt ja?« Ohne zu sprechen, klammerte Lisbeth die Arme noch enger um den Hals der Mutter. Nannimai blickte auf; sie meinte ein Geräusch vernommen zu haben, als würden Holzscheite im Hofraum abgeladen. Aber das mußte wohl drüben beim Nachbar sein. In den Winternächten, wenn die Luft so dünn ist, hört man alles, als wär's um die Hälfte näher. Lisbeth hielt das Gesicht am Hals der Mutter vergraben; und immer wieder lief ihr ein Schauer durch die Glieder. Nannimai drückte den Arm noch enger um das Mädel: »Schmuggl dich nur her an mich! Hast ja kein wärmers Platzl, gelt!« Von draußen hörte man bald das Kreischen einer Säge, bald wieder Beilschlag und ein Pochen, als würde Holz gespalten. Seltsam: daß der Nachbar zum Holzmachen die Nacht hernehmen muß! Der hätte doch Zeit am Tag. Und sein Ofen, der hungert doch nicht? »Der hat Holz!« So seufzte Annamaria vor sich hin, während sie an den verkühlenden Ofen fühlte. Und da mochte ihr wohl der Kummer des Mädels nicht mehr völlig zu den Gedanken passen, die sie sich darüber machte. Denn sie fragte: »Aber schau, deswegen hättst doch a bißl Holz mit heim bringen können? 's Holz können dir d' Leut doch net vom Köpfl abischimpfen? Und weißt ja doch: es is kein Steckerl nimmer daheim. Was tu ich denn morgen? So red doch a Wörtl! Warum hast denn kein Holz net bracht?« Da hörten sie ein Gepolter bei der Haustür und einen schweren Schritt, der das dünne Gemäuer der kleinen Hütte erzittern machte. Die Stubentür wurde aufgestoßen, und auf der Schwelle erschien Hanspeter, zwischen den ausgespannten Armen eine Ladung gespaltenen Holzes, daß er vom Kinn bis zu den Knien davon bedeckt war. »Gottslieben Abend!« sagte er. Und fügte lachend bei: »Jetzt, Mutterl, jetzt kannst fuiern!« Die Altenöderin machte verwunderte Augen. »Mar und Josef! Wie kommt denn dös Holz daher?« »Mutterl, dös schickt dir a Christenmensch, a richtiger und guter. Söllene gibt's schon noch, ja, Gott sei Dank!« Hanspeter lachte wieder und ließ vor dem Ofen die Scheite fallen, daß ihr Gerassel die Stube füllte. »Und kloben hab ich dir auch gleich an Armvoll.« Er fühlte mit beiden Händen an die Ofenmauer. »Hab mir eh schon denkt, daß der Ofen a wengerl kalt is.« Er guckte in den dunklen Winkel, in dem sich Lisbeth mit großen Augen halb erhoben hatte. Und während er sich vor dem Ofen schwerfällig niederließ, blickte er schmunzelnd an Mutter Nannimai hinauf, die so verblüfft war, daß sie kein Wort zu sagen wußte. »Ja, Mutterl, schau, so geht hinter jedem Schrecken unserm lieben Herrgott sein Lachen her. Der macht's halt allweil wieder recht. Und klopft ans Herz von einm braven Menschen und sucht sich ein' aus dazu, wie der Roman is. Der muß ihm von die liebsten einer sein! Und wann alle amal so sind, wie der Roman is – paß auf, da gibt's a guts Hausen auf der Welt!« Während er mit seinen langsamen Worten so vor sich hin schwatzte, öffnete er das Ofentürchen und blies in die halb erloschenen Kohlen, daß ihm die erwachende Glut das breite Gesicht mit grellem Schein beleuchtete; in diesem Widerspiel von feuriger Röte und schwarzem Schatten sah es aus wie eine Teufelsfratze, vor der man erschrecken konnte. Die Altenöderin, als wäre ihr eine seltsame Unruh in das lahme Bein gefahren, bewegte sich humpelnd, ohne doch einen Schritt zu machen. » Wer , sagst? Wer hat uns dös Holz da gschickt?« »Der Roman.« »Der aus'm Waldhof? Der deinig?« »Mein Roman, ja.« Hanspeter wollte das erste Scheit in das Ofenloch stecken. Aber da faßte Lisbeth ihn bei der Schulter, als wollte sie ihn vom Ofen fortziehen. »Du! Dös Holz laß liegen!« So verändert klang ihre Stimme, daß die Mutter und Hanspeter sie verwundert ansahen. »Kindl? Was hast denn?« fragte Nannimai. Und Hanspeter stotterte: »Ilsabeth?« »Dös Holz tragst wieder fort! Wir müssen uns nix schenken lassen, d' Mutter und ich! Dös Holz tragst wieder fort!« Erschrocken blickte Hanspeter zu dem Mädel auf. »Aber! Kindl! Um Christiwillen! Wie kann dich denn so was verschmachen, wann einer gut is zu deiner Mutter? Der Roman, schau –« Sie nahm das Scheit aus seiner Hand und warf es zu den andern. »D' Mutter laßt sich nix schenken.« »Aber geh doch, schau!« Langsam erhob sich Hanspeter. »Dös is doch kein Schenken net. Der Roman hat's ja bloß tan aus Christengüt. Sein Schlitten is schuld dran gwesen, daß du dein Holz verlieren hast müssen. Und so hat er halt gmeint, er müßt den Schaden wieder gutmachen.« »Was?« fragte die Altenöderin, die aus einem Staunen ins andere fiel. »Schaden? Und Schlitten? Was is denn da?« »No ja«, Hanspeter bekreuzte sich, »wann unser Schlitten d' Ilsabeth schiergar überfahren hätt!« »Jesus Maria!« Der Mutter schien es im ersten Schreck nicht zu genügen, daß sie ihr Kind mit Augen lebendig vor sich sah; sie mußte diese Wahrheit greifen und faßte mit beiden Händen nach Lisbeths Arm. »So was! Und da sagst mir kein Wörtl net?« Lisbeth wandte sich ab und ging zum Tisch, um mit zitternden Händen im Farbenkasten zu kramen. Nannimai rief ein um das andre Mal alle Heiligen an, während Hanspeter in seiner langsamen Art erzählte, was droben in der Schneegasse geschehen war. Von seinem eigenen Todesschreck, von seinem geprellten Fuß und der eigenen Arbeit sprach er mit keinem Wort. Alles hatte der Roman getan. Wenn der nicht gewesen wäre, hätte die Sache ein böses Ende genommen. Aber der Roman ist der Roman. Und da hat er auch noch das ›Christenherz‹ und macht den einzigen Schaden, den der Schlitten angerichtet hat, gleich wieder gut. Für einen Bündel dürrer Stecken eine ganze schöne Klafter! So ist er, der Roman, ja! »Und daß er so gut is? Ilsabeth? Wie kann dich denn dös verdrießen?« Auch Mutter Nannimai begriff das nicht. »Dös is doch kein Schenken! Dös is a Guttat, die man sich gfallen lassen darf. Und wann uns der liebe Herrgott wieder ein' zeigt, der's gut mit uns meint, da müssen wir gschwind Vergeltsgott sagen. Und morgen is Sonntag – kannst ja doch net am Sonntag im Schnee umanand waten und Holz klauben? Sei z'frieden, Kindl, daß's allweil noch gute Christen gibt. Und daß unser Ofen sein Futter hat.« Unter diesen Worten hatte sich die Altenöderin niedergekniet und legte ein Scheit ums andre über die Kohlen. Lisbeth streckte die Hände, als möchte sie hindern, was die Mutter tat. Aber die Arme sanken ihr müd herunter. Und im Ofen begann das erwachende Feuer schon zu knistern. Regungslos, mit verlorenem Blick, sah Lisbeth in die wachsende Helle, die aus dem Schürloch glimmerte. »Aber Kindl!« Die Mutter strich ihr mit beiden Händen über Haar und Wangen. »So sag doch a Wörtl!« »Der Schreck halt!« meinte Hanspeter. »Wann der im Blut amal drin is, laßt er so bald nimmer aus. Ich spür's an mir selber, ja! Geh, tu's net plagen, 's Kindl!« »'s gscheidest wär, sie tät sich gleich niederlegen! Da hat s' ihr Ruh, und bis morgen is alls verschlafen.« Lisbeth nickte. »Oder –« Hanspeter hob die klobige Hand und stotterte: »Oder meinst net, es wär besser, sie tät noch a bißl sitzenbleiben? Wann d' Stuben so warm wird, jetzt?« Aber Lisbeth wandte sich ab und ging davon. »Gottsliebe Nacht, Kindl!« sagte Hanspeter leis und legte die Hände hinter den Rücken. Die Altenöderin sah ihrem Mädel nach und schüttelte den Kopf. »Die muß der Schrecken schiech erwischt haben! Aber der Schlaf macht viel. Bis morgen wird alles wieder gut sein.« Sie holte die Leimpfanne, schob sie in die Ofenröhre und setzte sich an den Tisch, um ihre Arbeit wieder zu beginnen. Hanspeter stand noch immer wie angewachsen inmitten der Stube und sah die Kammertür an. »Komm, setz dich her zu mir!« sagte Mutter Nannimai. »Ich muß dir eh noch Vergeltsgott sagen.« »Mir? Für'n Roman, meinst?« »'s Holz hast mir du gmacht. Sonst hätt ich net fuiern können.« »Dös bißl, mein! Is net der Red wert!« Mit schleppendem Bein ging Hanspeter zum Tisch. »Fehlt dir am Fuß was?« »Ah na! A wengerl eingschlafen muß er mir sein.« Sie saßen am Tisch und plauderten mit gedämpften Stimmen, während im Ofen die brennenden Scheite immer lauter zu krachen begannen. Nach einer Weile holte Nannimai die Leimpfanne und klebte das Dächlein auf die Kirche. Dabei sah ihr Hanspeter zu, so aufmerksam, als müßte er lernen, wie das gemacht wird. Und als die Arbeit fertig war, sagte er: »Dös Kirchl, dös gfallt mir so viel gut. Dös kunntst mir verkaufen.« »Ah na!« erwiderte die Altenöderin mit einem Ton, der ärgerlich klingen sollte. Aber sie lächelte dazu. »Hast eh schon gnug daheim.« »Der Nachbarin ihrem Kindl hab ich eins versprochen.« »Dös is net wahr. Und allweil sagst es wieder.« Hanspeter wurde rot. »Ganz gwiß is's wahr! Geh, verkauf mir's!« »Na! Und es is ja net fertig, schau! D' Fenster fehlen, und 's Dach is net gmalen, und der Boden hat kein Gras.« »Grad so, wie's is, so gfallt's mir.« Sie wußte aus Erfahrung, daß sie ihn nicht loswurde. »Meintwegen halt, du Plaggeist!« Hanspeters Augen leuchteten auf. »Was tat's denn kosten?« »Nix!« Erschrocken schob er das Kirchlein zurück. »Gschenkter nimm ich's net.« Die Unterlippe fiel ihm lang herunter, wie einem gekränkten Kind. »Und so viel gfreut hätt mich dös Kirchl!« So machte er's immer. Mutter Nannimai mußte nachgeben. »No also, wann dir schon 's Herz dran hängt, zehn Pfennig halt!« Schmunzelnd wühlte Hanspeter in seiner Tasche herum, bis er das lederne Beutelchen fand, das irgendwo bei den Knien herumschlotterte. Umständlich zog er die Schnüre auf, die ein halbdutzendmal um das magere Ledersäcklein gewunden waren. Erst netzte er noch an der Zunge den Daumen, als hätte er Banknoten zu zählen, und nachdem es ihm glücklich gelungen war, mit den plumpen Fingern eine Mark zu fischen, schob er die Münze langsam über den Tisch. »Zehn Pfennig? Dös wär schon z'billig für so viel feine Arbeit. Dös Markl, Mutter, dös nimmst. Aber d' Ilsabeth muß mir 's Kirchl noch malen und muß mir 's Dachl vergolden. Anderst tu ich's net. Und morgen auf'n Abend, da komm ich und hol's. Gelt, ja?« Das klang wohl wie eine Frage. Doch er schien der Altenöderin die Antwort ersparen zu wollen. Denn so flink, als es das Schwergewicht seiner drei Zentner nur erlaubte, schob er sich hinter dem Tisch hervor und hinkte zur Tür. »Auf morgen, gelt? Und gottsliebe Nacht, Mutter Nannimai! Tu mir d' Ilsabeth grüßen!« Da zog er auch schon die Tür hinter sich zu. Und das Gemäuer der kleinen Hütte erzitterte noch unter seinem Schritt da draußen. Lächelnd hatte ihm die Altenöderin nachgesehen. Nun blickte sie zur Kammer, in welcher Lisbeth schlief, und wieder zur Stubentür – als vergliche sie in Gedanken ihr schmächtiges Kind mit diesem doppelten Menschen. Was sie sich dabei dachte, das machte sie seufzen. »Grad a bisserl wann er anders ausschauen tät! Grad a bisserl!« murmelte sie leise vor sich hin. Und seufzte wieder. »Da hat sich unser Herrgott auch vergriffen. An dem!« Sie wollte ihr Gebossel wieder beginnen; aber die Arbeit schien ihr keine Freude mehr zu machen; und plötzlich schob sie das Zeug von sich, nahm die kleine Lampe aus dem Drahtgehäng und ging in die Kammer. Das war ein ärmlicher Raum, so klein, daß um das Doppelbett herum nur noch ein schmaler Gang verblieb. Kein Ofen in der Kammer, kein Schrank; die paar Kleidungsstücke hingen an einem Zapfenbrett an der Wand; den einzigen Schmuck dieser kahlen Mauern bildete ein Kruzifix, dessen ›Herrgott‹ den rechten Arm verloren hatte. Die Altenöderin hob die Lampe über das Bett und nickte zufrieden vor sich hin, als sie sah, daß Lisbeth schlummerte. In schwerer Fülle lag das gelöste Schwarzhaar um das schmale Gesicht des Mädchens. »Gott sei Dank, sie hat ihren Schreck verschlafen!« Sich bekreuzend, blickte Mutter Nannimai zu dem Kruzifix hinauf und blies die Lampe aus. Während sie im Dunkel die Kleider ablegte, betete sie mit murmelnder Stimme. Draußen, hinter der kleinen Scheune, die an die Hütte der Altenöderin angebaut war, knirschte eine fleißige Säge in der stillen Winternacht. Hanspeter hatte, damit Lisbeth vom Lärm seiner Arbeit nicht erwachen möchte, den Sägebock hinters Haus in den Garten getragen, und da schaffte er nun im grauen Schein des Schneelichtes, eine Stunde um die andere. Als alle Scheite der Klafter in kleine Stücke zersägt waren, klob er sie im Schnee auf der Erde, um weniger Lärm zu machen. Und so eifrig war er bei der Arbeit, daß er gar nicht aufhorchte, wenn die Glocke schlug. Erst um Mitternacht, als der alte Wächter mit seiner heiseren Stimme durch die Dorfgasse heraufsang, merkte Hanspeter, wie spät es an der Zeit war. Aber die paar Scheite, die noch zu spalten waren? »Die derzwing ich schon noch!« meinte er. Und schaffte weiter. Draußen auf der Straße klang der Gesang des Nachtwächters immer näher. »Habet acht aufs Feuer und Licht, Daß Mensch und Viech kein Schaden gschiecht;         Ihr lieben Leutln, laßts enk sagen,         Die Glocke hat zwölfe . . .« Dem Nachtwächter blieb das letzte Wort seines Versleins in der Kehle stecken, und erschrocken blickte er nach der ungetümen, schwarzen Gestalt, die im Garten der Häuslschusterin so seltsame Arbeit tat. »Alle guten Geister!« Bei diesem Notschrei seiner christlichen Seele schlug er ein Kreuz vor der Nase und begann zu rennen, so flink ihn seine alten Beine trugen. Viertes Kapitel Am andern Morgen, der einen schönen Sonntag ankündigte, geschah es, daß Hanspeter die Suppenstunde verschlief. Heiß von der nächtlichen Arbeit, war er gegen ein Uhr morgens erst nach Hause gekommen, hatte den schmerzenden Fuß noch ein paarmal mit dem wundertätigen ›Mankerlschmalz‹ behandeln müssen, und da war ihm der späte Schlaf so schwer auf die Lider gefallen, daß Roman, als er den Schläfer wecken kam, mit beiden Fäusten an die Kammertür trommeln mußte. »He! Verschlafst ja d' Suppen und die Kirchenzeit!« Er hörte ein schlaftrunkenes »Jesus Maria!« aus der Kammer und ging lachend davon. Draußen glitzerte der Schnee in der weißen Morgensonne, als wäre die Erde mit gebröseltem Silber bestreut. Und so rein war der Himmel, so blau, daß er einer riesigen Glockenblume glich, aus der an Stelle der Staubfäden die blendenden Sonnenstrahlen herunterfielen. Die Welt an diesem Morgen sah so proper aus, wie Roman in seinem neuen Sonntagsstaat, an dem kein Stäubchen zu entdecken war. Nur daß die Erde in ihr winterliches Weiß gekleidet stand und Roman in lichtes Jägergrau, mit grünen Aufschlägen an der Joppe, mit silbergefaßten Hirschgranen an der grünen Weste und mit der Spielhahnfeder auf dem grauen, grüngeschnürten Hütl. Er wollte auf die Straße treten. Da sah er unter den Kirchgängern die Häuslschusterin mit ihrem Mädel kommen. Deshalb kehrte er um und ging ins Haus zurück. Die beiden sollten nicht denken, daß er da stehenbliebe, um auf ihr Vergeltsgott für die Klafter Holz zu warten. Als er wieder ins Freie trat, kam Hanspeter halb angekleidet aus seiner Kammer, um sich am Brunnen zu waschen. Das geschah auf die einfachste Weise: nachdem er mit der Faust das dünne Eis zerschlagen hatte, steckte er den Kopf in den gefüllten Brunnentrog und begann mit den Händen das Gesicht zu reiben. Roman trat auf ihn zu. »Hast ihr gestern dös Holz noch nuntergführt?« »Und kleingmacht hab ich's ihr auch gleich. Sie hat ja kein Scheitl nimmer zum Fuiern ghabt.« Wieder fuhr Hanspeter mit dem Kopf in den Trog. »D' Mutter Nannimai laßt dir Vergeltsgott sagen.« »So? Was hat denn die ander gsagt?« »D' Ilsabeth?« Hanspeter richtete sich auf. »Du! Die laßt sich net gern was schenken, weißt!« Roman zog die Brauen auf. »Ah, da schau!« »Wär's der Ilsabeth nachgangen, so hätt ich 's Holz gleich wieder fortführen müssen.« Nachdenklich blickte Roman gegen die Straße hinaus. »Was die für an Stolz hat! So was!« Nun lachte er und sah den Hanspeter an. »Hat s' ihre großmächtigen Augen wieder gmacht?« Den Zusammenhang dieser Frage mit der Klafter Holz schien Hanspeter nicht völlig zu begreifen. »Söllene Augen, gelt«, sagte er langsam, während ihm die Wassertropfen über Gesicht und Hals herunterrannen, »söllene Augen hat keine nimmer.« Seine mächtige Brust atmete wie ein großer Blasbalg, der schwer zu ziehen ist. »Ja, du! Die hat Augen gmacht! Und hätt net d' Mutter die ersten Scheitln gleich in Ofen einigschoben, ich weiß net, Mandi, was gschehen wär. Schier mein' ich, daß ich 's Holz wieder fortgführt hätt.« Lächelnd nickte Roman vor sich hin. »Dös gfallt mir, schau! Geld und Sach haben kann net a jeds. Aber sein' ehrlichen Stolz und –« Mitten im Worte brach er ab und eilte gegen die Straße. Da draußen sah er eine Kirchgängerin kommen, die ihm wichtiger war, als der ehrliche Stolz der armen Leute. Breitspurig blieb er auf der Straße stehen, das lachende Glück in den Augen. Und wenn ihm vor Freude das Herz schwoll, wie ein süßer Apfel in der Herbstsonne, so hatte das seine guten Gründe. Denn die Julei in ihrer Sonntagstracht mit dem eng gefältelten Rock und der schillernden Atlasschürze darüber, mit dem rüschenbesetzten Mieder und dem geblumten Seidentuch um die Schultern, mit dem Silberschmuck um das schlanke Hälschen, mit dem goldverschnürten Hütl über dem Nest der Zöpfe und mit diesem lachenden Grübchengesicht – ein schmuckeres Bild war gar nicht auszudenken. Neben Julei ging die Staudamerin einher und machte ein Gesicht – der Volksmund sagt: wie neun Tag Regenwetter. Roman aber sah nur Sonne; drum sah er auch den Mickei nicht, den ›Fürknecht‹ aus dem Staudamerhof, der hinter den beiden Weibsleuten daherkam, mit einem spöttischen Blick den jungen Waldhofer überhuschte und vergnügt einen Ländler vor sich hinpfiff. Die Hände streckend, trat Roman seinem Bräutl entgegen. »Guten Morgen, Julei!« »Guten Morgen!« erwiderte sie leis, ein wenig errötend, und ohne die Augen aufzuschlagen. »Ausschauen tust heut wieder –« »No ja! Wie s' allweil ausschaut!« fuhr die Staudamerin brummend dazwischen. Roman lachte. »No no no no!« Nun gingen sie schweigend gegen die Kirche hinunter, Julei zur Rechten, Roman zur Linken, und in der Mitte die Staudamerin mit dem Gebetbuch. Hinter ihnen der Knecht. Die drei großen Glocken läuteten, daß alle Lüfte verwandelt schienen in schwebenden Klang. Auf dem Marktplatz, vor der Kirchhofmauer, stand lärmend eine Gruppe von Männern und Burschen. Julei hob die gesenkten Lider ein wenig und blinzelte hinüber. »Was haben s' denn da drüben?« »Mein, streiten werden s' halt wieder!« sagte Roman. »A Glück, daß der Hanspeter net da is! Da kunnten s' was hören von der Christenlieb.« Mickei – als wär' es von seinen Dienstpflichten eine, die Neugier der Haustochter zu befriedigen – lief zu den Streitenden hinüber, um zu hören, was es gäbe. Das Kirchhofgitter war nur zur Hälfte geöffnet. Da konnten sie zu dritt nebeneinander nicht eintreten, und die Staudamerin ging voran. Diesen Augenblick benützte Roman, um seinem Bräutl zärtlich die Hand zu drücken. Julei warf einen spähenden Blick hinter sich, dann hob sie die unschuldsvollen Taubenaugen zu Roman auf und lächelte. Die Staudamerin drehte das Gesicht: »Natürlich! Weil nur schon wieder tatschelt sein muß! Auf'm Kirchweg! Wo man an den lieben Herrgott denken soll! Meiner Seel, da hüt ich schon lieber an Sack voll Flöh als zwei so verliebte Leut.« Knapp vor der Kirchentüre holte Mickei die drei wieder ein und berichtete: »Den Nachtwächter haben s' in der Arbeit, weil er heut in der Nacht von Zwölfe an die Stunden nimmer ausgsungen hat. Wie ihn d'Leut net ghört haben, sind s' aufgwacht. Und jetzt schimpfen s'.« »Wird halt gschlafen halben!« meinte die Staudamerin. »Den zahlt man eh für nix.« »Er hätt ebbes gsehen, sagt er. Aber was, da will er net aussi damit. Es kunnt ihm schaden, sagt er. Und Gschichten macht er, daß man glauben kunnt, der Teufel wär ihm begegnet.« »Geh, du Narr!« Die Staudamerin bekreuzte sich und trat hinter Roman und Julei in die Kirche, die schon halb gefüllt war. Beim Weihbrunnbecken, in das alle die Finger tauchten, trennten sie sich. Die Staudamerin und Julei gingen zu ihrem Betstuhl, der ganz vorne unter der Kanzel stand. Roman und Mickei stiegen zur Emporkirche hinauf, die der Platz der ledigen Burschen war; bevor sie zur Treppe kamen, mußten sie an den Betstühlen vorüber, die den hintersten Winkel der Kirche füllten. Das war der Platz für die Zugewanderten, die im Dorfe kein Heimatsrecht besaßen. In einem dieser Betstühle kniete die Altenöderin mit ihrem Mädel. Lisbeth hielt das Gesicht so tief geneigt, daß nur das Gekraus ihrer schwarzen Haare noch unter dem Kopftuch hervorlugte. Die Mutter aber, als sie Roman kommen sah, nickte ihm mit dankbaren Augen zu. Als er die steile Treppe hinaufkletterte, sah er sich um. Ein Weilchen später kam Hanspeter, atemlos, als hätte er schon gefürchtet, das Beste vom Segen zu verlieren. Er tauchte die Hand in das Weihbrunnbecken, und da schien er plötzlich ruhig geworden, und sein Gesicht war ein völlig anderes. Man sah es ihm an, daß ihn die heilige Weihe des Ortes erfüllte. Jedes Quentlein an seinen drei Zentnern war ein beginnendes Gebet. Wo er vorüber mußte, kicherten hinter ihm die Leute. Freilich, die Beinkleider seines grauen Sonntagsstaates sahen noch viel ungeheuerlicher aus als seine Werktagshose; und die steifen Flügel der Joppe standen ihm vor der Brust auseinander wie die Bretter eines offenen Scheunentores. Das zusammengedröselte seidene Halstuch war zu kurz für den Umfang seines Nackens und gab nur knapp an den äußersten Zipfeln einen kleinen Knoten ab, der ihm über den Adamsapfel hinaufgerutscht war bis unters Kinn. Gewiß ein Anblick, über den man lachen konnte. Aber hätten die Leute ein wenig höher geblickt, bis hinauf zu diesen gläubig schauenden Augen, so wären sie ernst geblieben. Aber das ist so im Leben: man sieht nur immer die Hosen des Hanspeter, nicht seine Augen. Und weil er der Meinung war: in der Kirche hat nur der liebe Herrgott ein Recht und sonst kein anderer – drum ging er an dem Betstuhl, in welchem Nannimai und Lisbeth knieten, mit gesenktem Blick vorüber, als dürfte er jetzt keinem irdischen Gedanken in seinem Herzen Raum vergönnen. Schon war jeder Betstuhl besetzt; und als auch die Gänge zwischen den Betstühlen mit Menschen vollgepfropft waren, mußten jene, die zu spät kamen, in der Torhalle bleiben und draußen auf dem Friedhof stehen. Mancher kam wohl gerne zu spät, denn draußen in der linden Wintersonne war's gemütlicher als in der dumpfen, kalten Kirche. Und da wurde gezischelt und gelacht, während die sanfte Predigt, die der hochwürdige Herr Felician seinen ›Andächtigen in Christo‹ hielt, kaum noch vernehmlich heraustönte durch das offene Kirchentor. Gegen Ende der Predigt gab's im Friedhof einen kleinen Aufruhr. Da kamen drei Burschen und brachten eine merkwürdige Nachricht; sie hatten dem Nachtwächter die Zunge gelöst und wußten jetzt, weshalb er nach Mitternacht die Stunden nicht mehr ausgesungen hatte. Dem wäre was › Grausliches‹ begegnet, erzählten sie, und davon hätte er einen Schreck gehabt, der ihn mit Leibschmerzen ins Bett getrieben: er hätte in der Geisterstunde den ›Leibhaftigen‹ gesehen, dessen Namen man gerne mit drei Kreuzen umschreibt. Von den Leuten, die im Friedhof diese Nachricht hörten, bekreuzten sich auch die meisten – ein sicheres Zeichen, daß sie das ›Grausliche‹ glaubten; ein paar andere schüttelten in Zweifel die Köpfe, und nur ein einziger war so verständig, daß er sagte: »Dös is ja dumms Zeug! Er wird halt an Rausch ghabt haben, und jetzt möcht er sich rauslügen.« Als es aber hieß, der Leibhaftige, den der Nachtwächter gesehen, hätte ausgeschaut wie ein Stier, der auf den Hinterfüßen steht, so großmächtig und schwarz, und im Garten der Häuslschusterin, die man doch kennt als eine ›solchene‹, hätte er Holz gekloben – und als der Nachbar der Altenöderin unter den heiligsten Eiden beteuerte, daß er am Abend beim Schuppen der Häuslschusterin kein Spänlein Holz, am Morgen aber eine schön gespaltene Klafter gesehen, und daß er ganz deutlich um Mitternacht das unheimliche Sägen und Klopfen gehört hätte, da wurde auch jener einzige, bei dem der Verstand gesprochen hatte, ein wenig nachdenklich. So zischelten, während das Hochamt schon begonnen hatte, die Leute vor dem Kirchtor mit heißer Erregung durcheinander, und nur für wenige Sekunden, als zur Wandlung die Glocken der Ministranten schrillten, ließen sie die klatschenden Mäuler ruhen, um die Stirnen zu bekreuzen und mit der Faust an die Brust zu schlagen. Die im Friedhof standen, wisperten die grausliche Nachricht ihren Vormännern zu, welche die Torhalle füllten. So drang das Gerücht in die Kirche hinein, in der die Weihrauchwolken über den hundert knienden Betern durch die schimmernde Fenstersonne schwammen. Und als Herr Felician Horadam mit schöner Koloratur das › Ite, missa est! ‹ verkündete, begann Mutter Nannimai plötzlich zu merken, daß die Augen aller Umstehenden sonderbar auf sie gerichtet waren. Sie guckte an sich hinunter, weil sie glaubte, sie hätte ihr Kleid zerrissen oder die Milchsuppe auf ihren Spenzer getröpfelt. Lisbeth aber merkte nichts von dieser Unruhe; ganz versunken in die Zwiesprache, die ihr bedrücktes Herz mit dem Himmel zu erledigen hatte, hielt sie die Stirn auf ihre verschlungenen Hände geneigt. Sie blickte erst auf, als die Burschen mit Gepolter über die Treppe der Emporkirche herunterkamen. Und wieder senkte sie das heiße Gesicht. Roman und Hanspeter gingen vorüber und schoben sich zwischen den anderen Leuten ins Freie. Als das Gedräng ein wenig dünner wurde, sagte die Altenöderin zu Lisbeth: »Komm! Heut, mein' ich, hat mich der liebe Herrgott ghört. So viel leicht is mir 's Beten gangen.« Sie traten hinaus in den von Menschen erfüllten und von Sonnenschein überfluteten Friedhof. Und da tat sich vor den beiden eine Gasse auf, als käme der Bezirksamtmann mit seiner Frau gegangen. Wieder sah die Altenöderin viele Augen auf sich gerichtet, und wieder wurde sie verlegen. »Ilsabeth?« fragte sie leis. »Hat mir leicht einer was anghängt?« Sie war an solche Scherze gewöhnt: daß man ihr Kletten in die Kleider warf, oder daß man ihr Eselsköpfe aus Tuch, das mit Kreide bestrichen war, auf dem Rücken abklatschte. Auch dem jungen Waldhofer, der mit Hanspeter bei der Mauer stand, fiel das Gezischel der Leute auf. »Was haben s' denn?« fragte er. »Warum schauen s' denn d' Häuslschusterin so an?« Hanspeter, dem die Augen glänzten, sagte langsam: »D' Ilsabeth schauen s' an. Die muß ihnen gfallen heut im Sonntagsspenser. Lieb schaut s' aus! Gelt, ja?« Ehe Roman antworten konnte, stand die Altenöderin vor ihm. »Vergeltsgott, Waldhofer! Hast mir a christliche Guttat erwiesen. Und besser wie 's Holz is dös ander noch: daß d' mir mein Kindl auf'n Schlitten ghoben hast, wie's golten hat. Mit meim Madl hast mir 's eigene Leben derhalten.« »No ja«, Roman lachte, »wie 's halt sein hat müssen! Da braucht's kein Vergeltsgott.« Er sah das Mädel an, das ein wenig hinter der Mutter zurückgeblieben war. »Hast den Schrecken schon verschlafen, Lisbeth?« Schweigend hob sie das Gesicht. Und Roman lachte nicht mehr; er sah erstaunt in die großen, heißen Augen, deren Lider ein wenig gerötet waren. Die Altenöderin puffte ihr Mädel mit dem Ellbogen an. »So sag ihm doch a Wörtl für's Holz!« Zögernd streckte Lisbeth die Hand. »Vergeltsgott – für d' Mutter – und –« »Na na! Mußt mir kein' Dank net sagen!« Roman faßte ihre Hand. »Ich merk dir's an, 's Danken wird dir a bißl hart!« Sie lächelte ein wenig. »Jetzt nimmer! Vergeltsgott, Roman!« Hanspeter legte dem jungen Waldhofer die Hand auf die Schulter. »Da hast a guts Wörtl derwischt!« Nun konnte Roman wieder lachen. Freundlich erwiderte er den Gruß der Altenöderin und sah der Lisbeth nach, bis sie mit der hinkenden Mutter auf der Straße verschwand. »Hast recht, ja! Is a liebs Madl, die!« Er blickte auf, wie einer, der schauen will, ob es regnet. Da sah er die Traufe, die vom Kirchendach niederging, auf dem der Schnee in der Sonne zerschmolz. »Schau, 's Wetter schlagt um!« Hanspeter hörte nicht. Seine Augen suchten da draußen auf der Straße. Und plötzlich fragte er: »Brauchst mich noch, Mandi?« »Na. Warum?« »Mit der Nannimai tät ich gern heimgehn. Die Buben machen allweil so Gschichten mit ihr. Aber wann ich dabei bin, traut sich keiner.« »Ja, hast recht, geh mit!« Roman zog die Pfeife aus der Tasche und strich an der Friedhofmauer ein Schwefelholz an. »Aber gelt, vergiß net auf'n Herrn Pfarr!« »Na na! Nach'm Essen geh ich schon hin. Jetzt, auf 's heilige Amt auffi, da is er hungrig und muß sei' Mahlzeit haben, da tät ich unglegen kommen. Pfüe Gott derweil!« Hanspeter eilte davon; dabei knappte sein Fuß noch ein bißchen. Paffend brannte Roman die Pfeife an. Und da kam von den Burschen einer auf ihn zu: »Hörst, du, wie kannst dich denn mitten am Kirchhof herstellen? Mit so zwei Leut? Oder weißt noch net, was heut in der Nacht –« »Is schon gut, ja, laß mich aus!« Roman schob den Burschen beiseite. »Da kommt mei' Julei. Jetzt hab ich kei' Zeit nimmer.« Sein Glück in den Augen, das qualmende Pfeifl in der Hand und von der warmen Sonne umsponnen, ging Roman auf sein Bräutl zu. Und während er das unschuldsvolle, zierlich aufgeputzte Persönchen betrachtete, schien ein vergleichender Gedanke in ihm aufzusteigen; er blickte gegen die Straße hinaus, sah wieder die Julei an und lachte, wie nur ein Glücklicher lachen kann, der mit der Musterung seines Besitzes zufrieden ist. Die heitere Laune, die ihn erfüllte, ließ er sich durch die ›lamperlfromme‹ Unnahbarkeit seiner Braut und durch das Gebrumm der Staudamerin nicht stören. Während er zwischen Braut und Brautmutter die auftauende Straße hinauswanderte, fand er so drollige Reden, daß sogar die Staudamerin ihr runzliges Gesicht zum Lachen verzog. »Wie heut, so bist noch nie net gwesen«, meinte die Alte, »schier kunnt man meinen, du hättst in aller Fruh schon a Glasl übern Durst verschluckt.« »Ja, Mutter, heut hab ich's in mir, ich weiß net wie!« Bei diesen Worten blitzte er Julei mit seinen glücklichen Augen an. »Auf Ostern, mein' ich, is nimmer weit!« Sie sah mit verstecktem Lächeln zu ihm auf; das waren jene Augen wieder, aus denen es herausglitzerte wie aus dem verschlossenen Türchen einer Feuerstätte. Dann aber, als wäre ein ernster Gedanke in ihr aufgestiegen, erschien zwischen ihren Brauen eine Falte, die in dieses rosige Gesicht paßte wie ein trüber Fleck in die Sonne. Als die drei von der Dorfstraße gegen die Wiesen abbogen, trafen sie mit einigen Nachbarsleuten zusammen. Da gab's nun einen Klatsch, der die Staudamerin so lebhaft beschäftigte, daß Roman und Julei ein wenig zurückbleiben konnten. Und als der Weg um eine Gartenecke bog, benützte Roman den Schutz einer Hecke, um sein Bräutl in die Arme zu schließen. Das tat er mit ausgiebiger Kraft, denn er hatte damit gerechnet, daß sich Julei in ihrer Angst vor dem Späherblick der Mutter wie üblich sträuben würde. Aber so flink, als hätte sie selbst mit Ungeduld auf solch einen günstigen Augenblick gewartet, schlang sie die Arme um seinen Hals und küßte ihn so stürmisch, daß ihn dieses ungewohnte Ereignis verblüffte. »Schatzerl! Julei!« Da schloß sie ihm den Mund schon wieder mit brennenden Küssen. »Schmeckt's? Ja?« klang hinter den beiden eine spöttische Stimme. Der Mickei war's. Und das Pärchen fuhr auseinander. Roman war zu einer Grobheit nicht übel aufgelegt. Doch Julei schien die Störung weniger ernst zu nehmen. Sie lachte und wandte sich ab, als wäre der Knecht nur Luft für sie. Mickei machte die Augen klein, trat über den Fußweg in den Schnee hinaus und ging an den beiden vorüber. »Schenierts enk net! Ich schau nimmer um.« Er schob die Hände in die Joppentaschen, begann zu laufen, um die Vorausgegangenen einzuholen, blieb wieder stehen und rief über die Schulter zurück: »O's zwei habts es heut mit der himmlischen Freud, enk zwei verinteressieren die höllischen Sachen net. Sonst kunnt ich enk ebbes verzählen.« Julei, als hätte sie hinter diesen Worten eine versteckte Bosheit vermutet, fuhr auf: »Verzählen? Was verzählen?« Das war ein Ton, der zu ihrer sanften Unschuld gar nicht passen wollte. »Von mir aus kannst verzählen, was d' magst!« Roman begann die Sache schon wieder heiter zu nehmen. »Geh, laß ihn reden! Unser Bußl haben wir, soll er's der Mutter tratschen!« »Jetzt weiß man's, ja!« rief Mickei. »Jetzt weiß man's!« Wieder fuhr Julei auf. »Was weiß man? Was?« Mickei musterte Julei mit funkelnden Augen. Dann rief er: »Was d'Häuslschusterin und ihr Madl treiben in der Nacht – jetzt weiß man's!« Ein wenig verdutzt über diese Wendung des Gespräches, sagte Roman: »Was sollen s' denn treiben? Schlafen halt, wie ander Leut.« »Ja! Derweil ihnen der Teufel d' Arbeit tut.« »Geh, du Narr!« »Was, Narr? Was? Wann der Wachter heut in der Nacht um Zwölfe mit eigene Augen den Leibhaftigen gsehen hat, wie er der Häuslschusterin hinter der Holzleg d' Scheiter kloben hat! Jetzt weiß man's! Jetzt stauben wir s' aber aussi zum Ort, die saubern Menscher, die zwei!« Mit dieser Drohung eilte Mickei den Vorausgegangen nach. »Ja, schau, daß d' Füß kriegst!« rief Roman hinter ihm her. »Und an andermal laß mich in Ruh mit söllene Sachen! Da mußt dir schon a paar Dümmere aussuchen dazu, als mich und d' Julei!« Die sanfte Unschuld an seiner Seite schien aber nicht zu den Klugen zählen zu wollen, zu denen Roman sich rechnete. Sie gekreuzte sich. »Jesus, Jesus! Aber allweil hab ich mir's schon denkt!« Roman faßte ihre Hand. »Julerl! Geh! Du wirst doch um Gottswillen kein' solchen Unsinn net glauben?« »Ja! Und ja! Und ich glaub's! Jetzt leg ich mei' Hand dafür ins Feuer. Die Alte is eine, und die Junge hat 's Wetter gmacht, dös unsern Haber derschlagen hat.« »Aber Julerl!« Dem jungen Waldhofer wurde die Stirne rot. »So laß dir doch sagen –« »Brauchst mir nix sagen! Jetzt kann man's beweisen. Die halten's mit'm Teufel.« Ihre sonst so sanfte Stimme bekam einen kreischenden Ton, während sie ein Dutzend unwiderleglicher Gründe dafür anführte, daß die Häuslschusterin und ihr Mädel zwei Hexen wären, zwei von den ganz Gefährlichen. Roman wartete geduldig, bis ihr der Atem verging. Dann legte er den Arm um ihre Schulter und zog sie herzlich an sich. »Jetzt laß mich auch a bißl reden! Und da kannst jetzt grad amal sehen, wie unvernünftig d'Leut daherreden und was für strohdumme Sachen als s' glauben.« Er lachte. »Den Teufel, der der Häuslschusterin heut nacht a bißl gholfen hat aus christlicher Liebe, den kenn ich so gut wie dich und mich. Der is mein liebster Freund.« Sie guckte ihn wunderlich an. »Ja! Weißt, wer der Teufel gwesen is heut nacht? Unser Hanspeter.« Verdrießliche Enttäuschung malte sich in ihrem sanften Grübchengesicht. »Der Hanspeter? Wie kommt denn der Hanspeter um Zwölfe zur Häuslschusterin?« »Weil er in der Nacht die Klafter Holz noch kloben hat, die ich dem armen Weibl gestern gschenkt hab.« Juleis Gesicht war dunkelrot geworden. Und spitzig klang ihre Stimme. »Wie kommst denn du dazu, daß unser Holz verschenkst? An so eine! Gleich klafterweis!« »No ja, weißt«, Roman wurde ein bißchen verlegen, »weil halt gestern mein Schlitten ihrem Madl übers Klaubholz gangen is, und weil ich 's Madl schiergar überfahren hätt.« » Hättst es überfahren!« brach es schrill aus dieser sanften Unschuld heraus. »So eine, wie die! Gleich in lauter Scherben hättst es fahren sollen! Unser Herrgott hätt sei' Freud dran ghabt. Und ich!« Er sah das grausame Feuer, das aus ihren Taubenaugen blitzte, und starrte sie erschrocken an. »Julerl? Ich kenn dich ja nimmer. Wie kannst denn so was reden, so ebbes Unguts? A Mensch is doch a Mensch.« »Hexen sind keine Menschen net.« Jetzt wurde er heftig. »Hexen, Hexen, Hexen? So hör mir doch mit so eim Unsinn auf! Dös mag ich net leiden an dir. Es gibt keine Hexen net. Und d'Häuslschusterin is a bravs und a richtigs Weiberleut. Sonst tät's der Hanspeter net so mögen. Und d' Ilsabeth is a rechtschaffens Madl –« »So? So?« unterbrach ihn Julei. »Hat s' dich auch schon verhext? Die? Mit ihre Kohlrabiaugen! Hast ihr am End mit deiner Klafter Holz ebbes zahlen müssen? Ja?« Vielleicht hätte er den Sinn dieses Wortes gar nicht verstanden. Doch ihr Blick und ihr Lachen unterstrichen, was sie meinte. Und das wirkte auf ihn wie ein Faustschlag. »Julei! Dös nimmst zruck!« Sie lachte. »Dös nimmst zruck! Gleich auf der Stell! Oder –« »Oder was?« trotzte sie. »Oder auf Ehr und Seligkeit: ich geh kein Schrittl nimmer weiter mit dir!« Jetzt war sie es, die ihn erschrocken ansah. Aber dann lachte sie wieder und wandte sich ab. »Julei!« Seine Stimme war ganz erloschen. »Mein Wort is Wort!« Sie ging den Vorausgegangenen nach, deren erregter Disput über den Schneehang heruntertönte. Dem jungen Waldhofer schoß das Blut ins Gesicht. Er sah dem Mädel mit so verstörten Augen nach, als ginge die weiße sonnige Welt vor ihm unter. Droben verschwand die Staudamerin mit ihrer lärmenden Klatschgesellschaft hinter der Kuppe des Schneehanges. Nur Julei war noch zu sehen, wie sie gemächlich den weißen Weg hinaufstieg. Romans Gedanken stammelten: »Dös kann net Ernst sein! Sie muß mir's abbitten!« Julei ging weiter, ohne das Gesicht zu wenden, und verschwand auf der Höhe der weißen Wiese. »Julei!« schrie Roman und begann zu laufen. Doch plötzlich stand er wie angewachsen und bohrte die Fäuste in die Joppentaschen. »Na! Da müßt ich mich ja schamen vor mir selber.« Schon wollte er umkehren. Da dämmerte eine letzte Hoffnung in ihm auf: wenn sie merkt, daß er nicht nachgibt, wird sie kommen – oder rufen. Nur seinen Namen! Dann soll alles wieder gut sein. Er stand und lauschte. Doch in der Stille des sonnigen Morgens ließ sich kein anderer Laut vernehmen als das leise Klatschen des erweichten Schnees, der von den Hecken fiel. Roman rückte mit zitternder Hand den Hut, schüttelte den Kopf wie einer, der sein Leben und sich selbst nicht mehr versteht – und nun begann er langsam gegen die Straße hinunterzuwandern. Vom Kirchturm klang das Geläut der Elfuhrglocke. Der Schall machte die stillen Lüfte zittern. Und solange die Glocke tönte, fielen die tauenden Schneeklumpen reichlicher vom Gezweig. Der Bergwald, der am vergangenen Abend noch weißlichgrau gewesen, hatte seit dem Morgen einen grünen Anflug bekommen, weil sich die Fichten in der milden Sonne von ihrer kalten Winterlast zu befreien begannen. Überall hörte man ein leises Getröpfel, im gefrorenen Bach begann das Eis zu krachen, und droben lachte die Sonne im Blau, lachte herunter auf die frierende Welt und auf die zappelnden Menschen mit ihrer Torheit, mit ihren Freuden und ihrem Weh. Das alles umschimmerte sie und hüllte es in den gleichen milden Glanz. Die Meisen flatterten um die Hecken her, badeten im Schnee und badeten in der warmen Sonne. Roman sah das ›lehrreiche‹ Spiel der kleinen Vögel nicht. Er sah nur immer das veränderte Gesicht seiner Julei und hörte ihre schrillende Stimme, hörte dieses häßliche Wort, das sie ihm ins Gesicht geworfen. Und ohne zu denken, fühlte er dumpf, daß er heut eine andere gesehen hatte, die er noch nicht gekannt, eine, die ihm nicht gefiel, und daß ihm aus seinem lachenden Glück das Beste herausgerissen war: die gläubige Freude. Das konnte er sich freilich nicht mit klaren Worten sagen; aber es war in ihm und erstickte ihn fast. Am liebsten hätte er sich an den Wegrain setzen und heulen mögen wie ein Kind, dem ein schönes Spielzeug zerschlagen wurde. Er, dem zeit seines Lebens niemals ein Schatten über den hellen Weg gelaufen, fühlte sich in diesem ersten Kummer seines Herzens völlig ohne Rat. Es erging ihm wie einem Gesunden, der nie ein Leiden kennenlernte und zum erstenmal Zahnweh bekommt: der ist verzweifelt und möchte, um den Schmerz zu stillen, am liebsten den Kopf ins Feuer stecken. In solcher Stimmung kam Roman heim. Der alte Waldhofer war nicht zu Hause; der hatte Gemeinderatssitzung im Wirtshaus drunten, und das pflegte lang zu dauern – da brauchte man mit dem Essen nicht auf ihn zu warten. Drum trug die Küchenmagd, als Roman in den Hausflur trat, auch gleich die Suppenschüssel in die Stube. Hanspeter, die beiden Knechte und die Stallmagd standen schon wartend um den Tisch. Nur der Hüterbub fehlte noch. Als Roman in die Stube kam, sah es ihm Hanspeter gleich an den Augen an, daß irgend etwas geschehen wäre. »Mandi, was hast denn?« fragte er besorgt. »Nix!« Roman schleuderte den Hut hinter den Ofen und riß die Joppe herunter. »Aber schau –« »In Ruh laß mich!« Fast schien es, als wollte sich alle Erregung, die in Roman angesammelt war, gegen den Hanspeter entladen. Der war doch eigentlich schuld an allem! Der hatte das dumme Mitleid in ihm geweckt und hatte die Klafter Holz davongeführt, aus der alles Unglück herausgeschlagen war wie böses Feuer! So zuckte es mit wirren Gedanken durch Romans heißen Kopf. Doch als er auf den Hanspeter zutrat und in dem breiten häßlichen Gesicht diese guten, besorgten Augen sah, da brachte er kein zorniges Wort heraus. Um jede weitere Frage abzuschneiden, bekreuzte er sich und begann dem Hausgesinde das Tischgebet vorzusprechen. Die Leute fielen ein; nur Hanspeter schwieg, seine Augen hingen an Roman. Bevor man sich zur Schüssel setzte, haschte er ihn am Hemdärmel: »Geh, Mandi, sag mir, was hast denn? Du? Und kein lachets Gsicht? Dös kommt mir für, wie wann der Morgen kein Licht nimmer hätt.« »Kommt mir selm so für, ja.« Roman schob sich hinter den Tisch und begann zu essen; doch an jedem Bissen hatte er mühsam zu schlucken. Gereizt, wie nach einem Ausweg für seine Erregung suchend, fragte er: »Wo is denn der Bub? Dös bitt ich mir aus, daß d' Ehhalten um Elfe daheim sind!« Im gleichen Augenblick kam der Hüterbub zur Stubentüre hereingefahren. Noch auf der Schwelle begann er zu krähen: »Habts es schon ghört? 's ganze Ort is halber narrisch. Habts es schon ghört: heut in der Nacht is der Teufel bei der Häuslschusterin einkehrt.« Als Roman das Wort ›Häuslschusterin‹ hörte, war's mit seiner Beherrschung zu Ende. »Kommt mir schon wieder einer mit dem Unsinn?« Er schlug auf den Tisch, daß die Teller mitsamt der Suppe ins Tanzen kamen. Die Leute rissen die Augen auf; so hatten sie den Haussohn noch nie gesehen. Auch dem Hanspeter schien das Wort von der Häuslschusterin und vom Teufel ein Zittern in die Fäuste gegossen zu haben. Doch begütigend sagte er: »Geh, Mandi, ich kenn dich ja nimmer! Wie kannst dich denn so aus der Schnur lassen? Du!« Wie er das ›Du‹ betonte, das ging für eine lange Rede. Und das Wörtl tat seine Wirkung. Roman kratzte mit dem Löffel die verschüttete Suppe vom Tischtuch und sagte: »Hast recht! Einer, mit dem der Zorn davonlauft –« Er sprach die Sentenz, die ihm der Augenblick eingab, nicht zu Ende. »Heut geht mir alles überzwerch. Die dalkete Gschicht da, die hat mir schon den ärgsten Verdruß übern Hals bracht.« Dem Hanspeter wurden die Augen groß. »Was der Bub gsagt hat von der Nannimai und –« Das andere brachte er nicht heraus. Die Knechte und Mägde, die zu merken schienen, daß im Hanspeter etwas ›roglig‹ wurde, schielten schmunzelnd zu ihm hinüber. Denn sie wußten: wenn der Hanspeter so große Augen machte, pflegte immer etwas Drolliges aus ihm herauszukommen. »No ja, wie d' Leut halt unvernünftig daherreden und aus der Pudelkappen gleich an Rauber machen!« sagte Roman. »Gestern auf d' Nacht, wie du der Häuslschusterin die Klafter Holz kleingmacht hast, da hat dich der Wachter gsehen. Und jetzt redt der dumme Kerl im ganzen Ort umanand: der Teufel hätt um Zwölfe in der Nacht der Häuslschusterin d' Scheiter kloben.« Die Knechte wollten lachend mitschwatzen. Aber Roman hob den Kopf. »Jetzt red ich und der Hanspeter! Sonst keiner!« Aber Hanspeter sagte kein Wort. Er hatte nur den Teller von sich geschoben, als wäre ihm plötzlich der Hunger vergangen. Die Dienstboten hielten die Köpfe geduckt und löffelten ihre Suppe aus. In dieses Schweigen und Schmatzen murrte Roman nach einer Weile hinein: »Die Dummen, die an söllene Sachen glauben, sterben net aus. Aber daß sich auch die gescheidesten Leut auf so an Unsinn einlassen, grad dieselbigen, die man am liebsten hat –« Ein Husten und Würgen befiel ihn. Der Hüterbub wurde rot und lachte, als hätte er ›dieselbigen, die man am liebsten hat‹, auf sich bezogen. Hanspeter hielt die zitternden Fäuste auf den Tisch gepreßt, daß unter dem schweren Druck die hölzerne Platte zu knirschen begann. Auf seinem breiten, häßlichen Gesichte lag ein Zug von Schmerz. Leis und langsam fing er zu reden an, wie mit sich selbst: »Weiß, sagen s', is schwarz. Und Licht, sagen s', is Nacht. Um der Lieb wegen tust a Christenwerk. Und da machen s' den Teufel draus. 's ganze Herz haltst ihnen hin. Und sie schlagen dir's aus der Hand. Und Christen heißen s' anander. Christen! Für alles Schlechte und Dumme haben s' a Türl im Köpfl, huigerla, gleich springt's aus. Ja! Will aber 's Gute eini, da schieben s' die eisernen Riegel für und hören kein Klopfen und kein Mach auf! Und därfeten eins bloß haben! Bloß an einzigs: d' Lieb! Und alls wär gut. Und da sollt net einer da sein, der 's ihnen sagt?« Die Mägde begannen zu kichern, und mit einer Grimasse kuderte der Hüterbub: »Ui jegerl mein, jetzt hebt er zum Predigen an!« Aber dieses Wort blieb ein halbes; bevor es der Bub noch völlig ausgesprochen hatte, sauste ihm klatschend eine Hand übers Ohr. Und Roman schrie ihm zornig in das verdutzte Gesicht: »Du Lausbub! Eh daß d' spötteln tust, paß lieber auf und merk dir was! Aber bei enk müßt einer kommen, der mit'm Stecken predigt. So einer war für enk der richtige Apostel.« Der Bub verdrehte die Augen. Diese stumme Antwort, die freilich nicht sonderlich ehrerbietig aussah, schien Romans Zorn noch zu reizen. »Gleich kannst noch eine haben!« Er holte auch mit der Hand schon aus. Da legte sich Hanspeters schwere Faust auf seinen Arm. »Net schlagen, Mandi!« »Wär schon recht, wann's allweil abging in der Welt mit gute Wörtln!« sagte Roman. »Aber d' Leut sind diemal wie 's bockbeinige Viech. Da muß man dreinschlagen. Da hilft nix anders nimmer.« Hanspeter schüttelte den Kopf. »Einer, der schlagen muß, kann d' Lieb net haben. Einer, der d' Lieb hat, darf net schlagen.« Roman strich das Haar in die Stirne. »Kann schon sein, daß ich d' Lieb nimmer hab!« »Mandi?« Wieder sah ihn Hanspeter bekümmert an. »Laß gut sein! Und iß!« »Vergeltsgott! Es schmeckt mir nimmer.« Die Küchenmagd brachte die Schüssel mit dem Rauchfleisch. Als die anderen genommen hatten, stach Hanspeter sein Stück aus dem Kraut heraus und legte es dem Hüterbuben auf den Teller. Dann stand er auf und nahm seinen Hut vom Fensterbrett. »Wohin denn?« fragte Roman. »In Pfarrhof muß ich auffi!« Hanspeter drehte den Hut. »Mit mir, hast gsagt, will er reden. Aber heut muß ich was reden mit ihm.« Langsam ging er aus der Stube. Roman erhob sich und sprang dem Hanspeter nach, als möchte er sein bedrücktes Herz durch ein offenes Wort erleichtern. Draußen vor der Haustür aber guckte er schweratmend nach dem Wetter aus. Und sagte: »So wann s' anhalt, d' Sonn, da wird der Schnee bald Pfüet dich Gott sagen. Ja!« Seine Stimme hatte einen Klang, als wäre der nahe Abschied des Winters eine sehr traurige Sache. Da legte ihm Hanspeter die Hand auf die Schulter. »So viel Jahr lang, allweil hat dein Lachen halbert mein ghört. Sollst mir auch dein Wehdam halbert lassen! Aber ich merk, daß mir nix sagen willst. Drum frag ich nimmer. Aber mich kannst haben in jeder Stund.« Er machte ein paar Schritte gegen das Hoftor. Dann wandte er sich wieder, noch immer mit dem Hut in der Hand. »Z'erst mach ich a Sprüngl zu dem guten Weibl nunter. Wann s' erfahren muß, was ihr d' Leut schon wieder anhängen möchten, kunnt s' den ärgsten Schrecken haben davon. Drum sag ich's ihr lieber selber. Von mir hört sie's leichter. Denn d' Nannimai, weißt, und d' Ilsabeth –« Roman fuhr auf, als hätte ihm Hanspeter brennendes Feuer ins Gesicht geworfen. »Kommst mir du auch schon wieder mit dene zwei daher! Da laß mich aus damit! Verstehst mich!« Mit geballten Fäusten ging er ins Haus zurück. Als wäre aus dem blauen Himmel etwas Ungeheuerliches heruntergefallen, dem Hanspeter vor die Füße hin, so sah er verstört die Haustür an, in welcher Roman verschwunden war. »Jetzt hat der auch noch d' Lieb verloren! Der einzige, der's ghabt hat! Der einzig, der sich ebbes sagen hat lassen!« Hinkend trat er auf die Straße hinaus, immer noch den Hut in der Hand. Fünftes Kapitel Die Leute, die dem Hanspeter auf der Straße begegneten, sahen ihn verwundert an. Sie fragten nicht, was in der Seele dieses ›doppelten Menschen‹ trauern mochte, sie sahen nur, daß er am hellen Tag mit nassen Augen spazierenging, den Kopf gesenkt, den Hut zwischen den Händen, als ginge er in einem Leichenzug hinter der Bahre her. Erst vor dem Häuschen der Altenöderin fiel es ihm ein, daß der Hut auf den Kopf gehört. Vor der Haustür atmete er noch schwer; doch als er in die Stube trat, klang sein Gruß so ruhig wie sonst. »Nammittag beinander!« Die Altenöderin lächelte. »Hab mir eh denkt, daß kommst.« Sie saß mit Lisbeth am Tisch bei der Arbeit. Für die beiden gab's keinen Feiertag. Nannimai klebte ein Schweizerhäuschen zusammen, und Lisbeth leimte die kleinen, glitzernden Fensterchen an das Kirchlein, das Hanspeter am vergangenen Abend gekauft hatte. Durch die niederen Stubenfenster fiel die Sonne schräg herein, noch zur Hälfte über den Tisch; in ihren Strahlen tanzten die Stäubchen gleich winzigen, silbrig flimmernden Insekten, und überall schimmerten die Glitzerdinge, das Rauschgold und die bunten Glasstücke, die auf dem Tisch und in den Fensternischen lagen. Dieses feine Lichtgefunkel gab der ärmlichen Stube fast etwas Märchenhaftes. »Bei enk, da gfallt's mir so viel gut!« sagte Hanspeter und setzte sich hinter dem Tisch auf die Wandbank. Doch er legte sich nicht wie sonst mit breiten Ellbogen über die Platte, um aufmerksam jede Bewegung von Lisbeths geschickten Händen anzustaunen. Heut ließ er die Fäuste auf der Bank liegen und sah müde vor sich nieder. Die Altenöderin, während sie bosselte und klebte, begann vom Tauwetter zu reden; und während sie vom nahen Frühling schwatzte, färbte sich ihr welkes Gesicht ein wenig. Denn der Frühling mußte ihr drei schöne Dinge bringen: er machte den hungrigen Ofen satt, Lisbeth brauchte nicht mehr Tag für Tag um's Klaubholz hinauszulaufen in den Wald, und dann wächst auch im Garten, was die Mahlzeit billiger macht. »Kannst dir denken, Peterl, wie's mich blangt auf's Frühjahr! Is allweil die beste Zeit im Jahr.« Lisbeth, als sie die Mutter vom Frühling sprechen hörte, ließ die Hände ruhen. Sie lehnte sich in den Sessel zurück, strich das krause Schwarzhaar von den Schläfen und blickte träumend in die Sonne. Wie ihr die großen, dunklen Augen glänzten bei diesem stillen Schauen und Sinnen! Die Altenöderin stieß dem Hanspeter mit der Fußspitze an den Schuh und winkte lächelnd zu ihrem Mädel hinüber. Dann fragte sie: »Kindl, was denkst dir denn?« Wie erwachend blickte Lisbeth auf. »Weißt, Mutter, söllene Wörtln gibt's, da muß man sich allweil ebbes denken dabei. Dös is dir grad wie mit der Uhr: 's Stündl is da, und da muß der Kuckuck schreien. Und so a Wörtl is mir 's Fruhjahr. Wann ich's hör, hab ich's allweil in mir, ich weiß net, wie. Und muß mir denken, ich weiß net, was. Und in alles scheint mir d' Sonn eini wie jetzt auf'n Tisch daher.« Mutter Nannimai nickte. »So hab ich's auch amal ghabt.« Nach einer Weile sagte sie zum Hanspeter: »Was bist denn so stad heut?« Er sagte zu Lisbeth: »So viel schön machst mir mein Kirchl!« Freundlich sah das Mädel zu ihm auf: »Weil's halt dein ghört, weißt!« Hanspeter wurde rot bis über die Ohren, die wie große, hohle Hände aus seinen struppigen Haaren herausstanden. Er sagte nichts mehr. Aber je länger er saß, desto schwerer blies ihm der Atem durch die Nase. Mutter Nannimai schien zu merken, daß im Hanspeter etwas kochte und daß er's nicht fertigbrachte, den Deckel zu lüften. Da mußte sie nachhelfen. »Geh, Kindl«, sagte sie zu Lisbeth, »mach a Sprüngl zum Kramer ummi und hol nur an frischen Leim. Der alte pickt nimmer gut.« Lisbeth nahm ihr Kopftuch und ging. Bei der Türe wandte sie sich, als möchte sie den Hanspeter etwas fragen. Aber sie schwieg und verließ die Stube. »Also, Peterl?« Die Altenöderin lächelte: »Was willst mir denn?« Kleinlaut fragte er: »Hast es gmerkt, daß mich ebbes druckt?« »Dich kenn ich, weißt!« Seine Stimme schwankte. »Ich muß dir ebbes sagen.« »Von dir kann ich alles hören.« »Es is a bißl ebbes Harts.« »'s Harte tut mir nix. Da weiß ich, wie man's nimmt. Ehnder könnt mich was Guts derschrecken. Da bin ich net gwöhnt dran.« Hanspeter schluckte. »Schau nur, was d' Leut wieder reden jetzt! Und ich bin schuld dran!« »Du?« Die Altenöderin lächelte. »Ja, Mutterl, ich! Und heut in der Nacht, derweil ich die Klafter kleingemacht hab, da hab ich mir denkt, ich tu dir an Gfallen dermit.« »Ja, Bub! Vergeltsgott drum!« »Na, Mutterl! 's Allerdümmste hab ich dir angstellt!« Jetzt war ihm die Zunge gelöst, und da stammelte er's mit einem heißen Sturz von Worten heraus, was der Wächter in der Nacht gesehen haben wollte, und was mit Geschrei herumlief im ganzen Dorf. Die Altenöderin sagte keine Silbe dazu. In ihrem welken Gesicht veränderte sich keine Miene; nur ihre Hände zitterten, als sie für das Dächl des Schweizerhäuschens zwei kleine Sparren ineinanderfügte. Erst nach einer Weile, während ihr Hanspeter mit Sorge auf die Lippen sah, fand sie die Sprache: »So so? Des wegen haben mich d' Leut so angschaut? Und in der Kirch! Die Kirch, ja ja, dös is grad 's richtige Platzl dazu, daß man so was umanandertragt.« Ein wenig erleichtert atmete Hanspeter auf. »Wann du's net ärger nimmst?« Sie schüttelte den grauen Kopf. »D' Leut müssen ihr Gaudi haben, weißt! Da muß halt eins drunter leiden, anders geht's net. Als Kinder reißen s' jedem Käferl d' Füß aus, und werden s' gwachsene Leut, so packen s' ein' auf der Straßen und fragen net lang, wer's is, und reißen ihm 's Herz aus'm Leib – weißt, damit s' a bißl was zum Lachen haben.« »Na na, Mutterl, na!« stotterte Hanspeter erschrocken. »Da tust ihnen unrecht. Die mehresten sind gut. Oder sie könnten's sein, wenn's ihnen einer richtig weisen tät.« »Hat's ebba net ein' geben, der's ihnen gwiesen hat?« Die Stimme der Altenöderin klang schärfer. »Hat er net Herr Jesus Christus gheißen?« »No ja, freilich, aber weißt, dös is halt schon a bißl gar lang her! Jetzt , mein' ich, jetzt müßt's ihnen einer sagen!« »No? Und der Pfarr is keiner? Erst heut wieder hat er predigt.« »Und so viel schön! Aber ich weiß net, warum – dem glauben s' nix.« »Und du?« Hanspeter wurde rot und stammelte: »Aber geh, Mutterl, ich –« »Sagst es ihnen net allweil? Und lachen s' dich net aus? Schimpfen s' net her hinter deiner, und heißen s' dich net den buckleten Apostel?« Scheu wehrte Hanspeter mit beiden Händen. »Apostel? Mar' und Josef! Na, Mutterl, Apostel bin ich keiner.« Und zögernd fügte er bei: »Aber daß ich an Buckel mach, dös is wahr, da kann ich d' Leut net Lugen schimpfen.« »Aber was d' ihnen sagst, dös hat kein Buckel. Jeds Wörtl von dir is grad und gut. Warum lusen s' denn net auf? Laß mich aus mit die Leut! Meintwegen sollen s' reden, was s' mögen! So was tröpfelt bloß und regnet net.« Sie suchte die kleinen Brettchen für das Schindeldach zusammen. »Und was mir gsagt hast, is mir nix Neues. Hex heißen s' mich lang schon. Und Hexen müssen's doch mit'm Teufel haben.« Trocken lachte die Altenöderin vor sich hin. »Schad, daß alls an Unsinn is!« »Schad?« Hanspeter schien dieses Wort nicht zu begreifen. »Was is schad?« »Daß man sich dem Teufel net verschreiben kann. Dös is a Schlauer! Auf söllene Gschäft laßt er sich net ein, weil er d' Leut viel billiger haben kann. Sonst tät ich's amal probieren. Bloß daß ich wüßt, was d' Leut dazu sagen täten, wenn's wahr wär. Da müßt er mir an Haufen Geld bringen. A bißl mehr noch, als wie der Waldhofer hat. Und Hex und Teufel hin und her – da täten s' mich zum Burgermeister wählen. So sind d' Leut.« »Mutter Nannimai!« Dem Hanspeter wollte die Stimme kaum gehorchen, und seine Augen schwammen schon wieder. »So ebbes därfst mir nimmer sagen. Net amal im Gspaß! Söllene Reden mag ich net.« Lächelnd humpelte die Altenöderin auf ihn zu und faßte ihn bei den struppigen Haaren. »Peterl, du bist a guter Kerl! Und demtwegen wär's mir lieber, ich hätt dös traurige Gspaßl net gmacht.« Sie kehrte seufzend zu ihrem Platz zurück. »Lassen wir s' reden, d' Leut!« Lauschend hob sie das Gesicht. »Mein Kindl kommt. Sei stad! Die braucht nix z'wissen, solang's net sein muß.« Hastige Schritte im Flur. Und Lisbeth, das Kopftuch von den Haaren zerrend, trat in die Stube. Ihr Gesicht war entstellt, als hätte sich ein Unglück ereignet. »Kindl? Was hast denn?« fuhr es der Altenöderin in Schreck heraus. Lisbeth kam zum Tisch. Das Kopftuch durch die zitternden Hände ziehend, sagte sie: »Mutter, ich bring kein' Leim net. Der Kramer hat gsagt, er verkauft uns nix mehr.« Hanspeter, der nichts anderes mehr zu sehen schien als das bleiche Gesicht der Lisbeth, erhob sich schwerfällig und stemmte seine klobigen Fäuste auf die Platte, daß sich der Tisch verschob. Seine breiten Lippen wurden schmal und weiß. Die Augen funkelten, als wäre in dieser drei Zentner schweren Menschengüte plötzlich der Zorn erwacht, der in fünfundzwanzig Jahren noch niemals Raum in diesem klobigen Kopf gefunden. Seufzend nickte ihm die Altenöderin zu. »No also, jetzt brauchen wir keine Heimlichkeiten nimmer.« Sie wandte sich zu ihrem Mädel. »So so? Nix mehr verkaufen tut er uns, der Kramer? Is halt a guter Christ, gelt ja! Der mag den Teufel net zur Kundschaft haben. Aber von die Wildschützen kauft er d' Rehgaisen! No ja, muß ich mir halt mein' Leim aus der Stadt verschreiben.« Ratlos sah Lisbeth die Mutter an, als verstünde sie diese Ruhe nicht. Ganz erloschen klang ihre Stimme: »Mutter! Weißt denn schon, was d' Leut von uns reden?« »Der Peterl hat mir's gsagt.« Die Altenöderin blickte zu ihrem Mädel auf. Und als sie diese verstörten Augen sah, warf sie die Hölzchen, die sie in der Hand hielt, auf den Tisch und preßte den Arm über die Stirn. Aber sie sagte nichts. Dieses Schweigen der Mutter schien Liesbeths Erregung noch zu steigern. Wie von Sinnen klammerte sie die Hände um Hanspeters Arm: »Sag mir's, du! Därf man denn über unschuldige Leut so schieche Sachen reden? Därf unser Herrgott so ebbes zulassen? Dös mußt mir sagen, Hanspeter! Du kennst unsern Herrgott. Allweil sagst mir: du kennst ihn besser als wie die andern alle! Jetzt red! Därf er denn so ebbes zulassen, wann er gut sein und Grechtigkeit haben will? Därf er denn so viel Schlechtigkeit zulassen?« Hanspeter nickte vor sich hin. »Meinen sollt man freilich, er därfet so viel Schlechtigkeit net zulassen!« Sein Gesicht war entfärbt. »Aber diemal laßt er Sachen zu, daß man sich nimmer auskennt, weißt! Aber laß dir sagen, Ilsabeth –« Vorsichtig, wie eine zerbrechliche Kostbarkeit, nahm er Lisbeths Hand zwischen seine Fäuste. »Bei die Menschen, schau, und wann's die gscheidesten sind, da is der Verstand a bißl knapp. Endsweit möchten s' sehen mit ihre kleinen Augen. Und allweil steht a Mäuerl da. Und keiner sieht, was hinter'm Mäuerl is. Und was unser Herrgott will – schau, Kindl, dös liegt halt allweil hinter'm Mäuerl, und keiner merkt's und keiner versteht's. Und diemal a Mensch, der möcht kamod über Land gehn und möcht schön Wetter haben. Aber was tut unser Herrgott? Er laßt an Regen fallen. Und da schimpft der Mensch. Aber der Herrgott denkt sich: soll er halt schimpfen, wird schon einsehen, daß ich recht hab, mein Regen macht 's Gras wachsen und 's Traid!« Er streichelte Lisbeths Hand, und seine Stimme wurde ruhiger. »Schau, Kindl, z'erst, wie ich dein Gsichtl so sehen hab müssen, is mir der gache Zorn aufgfahren, daß ich dreinschlagen hätt können. Aber jetzt hab ich mich wieder. Jetzt kenn ich mich wieder aus. Ich sag dir's, ich : wann unser Herrgott d' Leut söllene Sachen reden laßt, da weiß er, warum! Da hat er sein' Gottsverstand und sein' gütigen Willen dabei. Da draus, da wachst ebbes Guts. Dös därfst mir glauben. Ich sag dir's, ich!« »Ja freilich! Du guter Kerl, du!« brummte die Altenöderin. »Täten d' Leut an den Herrgott glauben, der sein Himmel in dir drin hat, da wär freilich a guts Hausen auf der Welt!« Mit feuchten Augen sah Lisbeth zu ihm auf. Sie sagte wohl: »Vergeltsgott, so viel lieb hast wieder gredt!« Aber seine gläubige Einfalt und sein Gottvertrauen schienen sie doch nicht über die Kränkung dieser Stunde hinwegzutrösten. Müde ging sie zur Ofenbank und drückte sich in den Winkel. Hanspeter war ihr ein paar Schritte nachgegangen. Mitten in der Stube blieb er stehen und bewegte immer die Hände, als möchte er irgend etwas greifen. Nun wandte er sich plötzlich um und nahm seinen Hut. Das war ein Griff – wäre der Hut von Eisen gewesen, er wäre zerbrochen – aber der mürbe Filz gab nach und wurde in Hanspeters Faust zu einem formlosen Klumpen. »Pfüet dich Gott, Mutter! Gottslieben Nammittag, Kindl!« »Peterl?« fragte die Altenöderin. »Wo willst denn hin?« »Jetzt, Mutter, jetzt muß ebbes gschehen!« Das klang, als hätte Hanspeter eine andere Stimme bekommen. »Ob's unser Herrgott so meint oder so , jetzt muß ebbes gschehen. Der Herr Pfarr muß helfen. Und hilft der Herr Pfarr net, so weiß ich an andern, der hilft. Und der bin ich! Tu dich trösten, Ilsabeth, unser Herrgott und ich, wir zwei machen alles wieder recht.« Auf der Schwelle vergaß er, sich zu bücken, und stieß mit der Stirne gegen den Balken der niederen Tür. Das tat einen Plumps, daß die Altenöderin trotz allem Kummer dieser Stunde lachen mußte. »Dös wird alles sein, was er hat davon, der gute Kerl!« Sie seufzte. »Geh, Kindl, sei gscheid und tu dich net kränken! 's Leben geht über d' Straßen, und die is net allweil sauber. Schau, komm her! Bei der Arbeit vergißt man alles.« Lisbeth wollte zum Tisch. Da stieg ihr mit heißer Röte das Blut in die bleichen Wangen. »Hanspeter?« Nun schien sie erst zu merken, daß er die Stube schon verlassen hatte. »Hanspeter!« Sie lief in den Flur hinaus. »Hanspeter!« Er war schon im Hof; als er ihre Stimme hörte, kam er mit langen Sprüngen zurück. Sein Körper füllte die Haustür, daß es im Flur ganz finster wurde. »Kindl, was magst?« »Ich muß dich was fragen.« »Was denn?« Lisbeth zögerte. »Dein Roman –« »Was willst denn vom Roman, sag?« »Weiß der Waldhofer schon, was d' Leut von uns reden?« »Freilich, ja, der hat mir's ja gsagt.« »Und glaubt der Waldhofer söllene Sachen von der Mutter? Und von mir?« »Aber!« Hanspeter mußte schlucken, bevor er sprechen konnte. »Kindl, was fallt dir denn ein? Der Roman, und so ebbes glauben!« Er fühlte, wie Lisbeth seine Hand umklammerte. »Und schau, der Roman weiß doch, wer's gwesen is in der Nacht, der 's Holz gmacht hat.« »Bloß des wegen glaubt er's net?« »Aber Kindl!« Dem Hanspeter schien das Antworten sauer zu werden. Und wär's im Flur nicht so finster gewesen, so hätte Lisbeth sehen müssen, wie er bald dunkelrot und bald wieder bleich wurde. »Der Roman is von die Gscheiden einer. Und von die Guten. Heut, no ja, heut hat er a bißl an Verdruß ghabt. Aber an mein Roman glaub ich, wie ich an mein' lieben Herrgott glaub. Schiergar so fest! Und den Hüterbuben, der dös dumme Leutgred beim Mittagessen daherbracht hat, den hätt er schiergar gschlagen vor lauter Zorn. An Unsinn, hat er gsagt, an Unsinn is alles. Dös hat er gsagt. Auf Ehr und Seligkeit! Na, na, Kindl, der glaubt's net! Müßt er mein Roman net sein!« Lisbeth atmete auf. »Vergeltsgott!« Und kehrte in die Stube zurück, als wäre aller Groll dieser Stunde in ihr erloschen. Eine Weile noch blieb Hanspeter unter der Haustür stehen und starrte in das Dunkel des Flurs hinein. Dann versuchte er dem Filzknäuel in seiner Faust mit einiger Mühe wieder die Form eines Hutes zu geben. Als er die Straße erreichte, wurde sein Gang immer schneller. Bei seinem ungefügen Körper auf dem hinkenden Fuße war das anzusehen, als müßte er mit jedem Schritt das Gleichgewicht verlieren. Dabei murmelte er immer halblaute Worte vor sich hin, wie einer, der sich eine Rede einstudiert. Um den Pfarrhof zu erreichen, mußte er durch den Gottesacker. Während er zwischen den Gräbern hinschritt, blickte er suchend umher; seit seiner Kindheit war ihm das als Gewohnheit geblieben: mit irrendem Blick nach seiner Mutter Grab zu suchen, von dem keiner im Dorfe mehr wußte, wo es lag. Als er an der Kirche vorüberging, rührte er mit der Hand an die Mauer, als müßte von diesen geweihten Steinen durch die Berührung etwas auf ihn überfließen, etwas Gutes und Heiliges. Bei der offenen Kirchentür bekreuzte er sich und nickte in den kalten, stillen Raum hinein, wie man einen lieben Bekannten grüßt. »Du und ich, wir zwei, wir halten zamm, gelt ja?« So schwatzte er vor sich hin. »Du haltst zu mir, und ich halt zu dir! Müßt ich net wissen, wer bist! Müßt ich mei' Heimat net haben in deim heiligen Haus!« Das war nicht bildlich gemeint. Es war so in Wirklichkeit: der Hanspeter hatte seine Heimat in der Kirche. Vor fünfundzwanzig Jahren und ein halbes Jährlein drüber, da war unter den fremden Weibsleuten, wie sie zur Erntezeit im Gebirg umherziehen, um sich an die Bauern zur Arbeit zu verdingen, auch ein junges, kränklich aussehendes Mädel ins Dorf gekommen. Man merkte ihr's an, daß sie keinen weiten Weg mehr bis zu ihrem schweren Stündl hatte. Drum hörte sie grobe Worte, wo sie anpochte. Aber es war Mangel an Arbeitskräften, und so nahm sie schließlich einer. Maruschka Zdazilek war ihr Name. Sie wußte nur ein paar deutsche Worte, und da die Bauern nicht böhmisch verstanden, fragte man nicht viel. Daß sie ihre Arbeit tat, genügte. Ihr Zuname war für die Zunge der Gebirgler eine schwierige Sache; drum wurde er in Scherz und Spott verstümmelt, was viel zu lachen gab. Und gleich nach den ersten Tagen brachte man ihr einen Spitznamen auf: die Tröpfl-Maruschka – denn bei der Arbeit weinte sie immer. Am Abend, wenn die jahrlöhnigen Knechte und Mägde schäkernd heimwanderten ins Dorf, blieb Maruschka auf dem Acker draußen, aß im Graben ihr Brot und schlüpfte zur Herberg in einen der Heuschuppen, die auf den Feldern umherstanden. In einer Nacht aber kam sie ins Dorf, um Einlaß bettelnd. Überall warf man ihr die Tür vor der Nase zu. Keiner wollte die ›böhmische Bescherung‹ unter seinem Dach haben. Nur die Kirchentür stand offen. Am andern Morgen, gegen vier Uhr, als der Mesner in die dämmerige Kirche kam, um den Mariengruß zu läuten, hörte er beim Liebfrauenaltar das Wimmern eines Kindes. Er glaubte an bösen Spuk und rannte davon, um den Pfarrer zu wecken und tapfere Männer zum Beistand zu holen. Da gab's einen lärmenden Aufruhr. Das halbe Dorf kam gelaufen, denn die Leute waren schon auf dem Weg zu den Feldern. Und Herr Felician Horadam, damals noch ein Mann in den besten Jahren, mußte den abergläubischen Schreiern den Gefallen tun und einen Segen sprechen, bevor man die Kirche betrat. Da fand man auf der Holzstufe vor dem Liebfrauenaltar ein neugeborenes Knäblein, so kräftig entwickelt, daß sich die reichste Bäuerin solch eines gesunden Sprößlings mit Stolz hätte rühmen dürfen. Und neben dem schreienden Buben lag die tote Mutter, schon kalt und starr. Die Maruschka begruben sie irgendwo an der Friedhofmauer. Und den verwaisten Kirchenfindling taufte Herr Felician Horadam auf die Namen zweier Apostel; das geschah wie in unbewußter Vorahnung der frommen Kräfte, die im Petrus Johannes Zdazilek dereinst erwachen sollten. An Hanspeters Eintritt in das Leben knüpfte sich ein großer Ärger für die Gemeinde. Herr Felician Horadam versuchte wohl die erregten Gemüter seiner ›lieben Kinder in Christo‹ zu beschwichtigen. Aber die Kirche war entweiht, sie mußte von neuem eingesegnet werden; das machte Verdruß, und was noch schlimmer wog, es machte auch ›Unkösten‹. So war vom Bürgermeister, dem gottseligen Großvater der Staudamer-Julei, bis herunter zum kleinsten Steuerzahler jeder Bauer übel auf das ›Kirchenratzl‹ zu sprechen. Herr Felician Horadam, in seinem gutmütigen Erbarmen, hätte den Findling gern in den Pfarrhof genommen; aber Jungfer Kathrin, seine Köchin, hatte einen unbesiegbaren Widerwillen gegen Kindergeschrei und Kinderwäsche; auch meinte sie, ein Kind im Pfarrhof wäre ebensowenig an seinem Platz, wie ein Wochenbett in der Kirche. Herr Felician Horadam mußte sich fügen. Nur eines setzte er durch: daß er für den kleinen Hanspeter anschaffen durfte, was ein Kind für die ersten Jahre braucht, und daß die Gemeinde auf ihre Kosten den Findling zu einer alten Witib in Pflege gab, die man die ›Schützin‹ nannte, weil ihr Seliger im Dorfe der Flurschütz gewesen. Ein stilles, einsames Kind – in dem häßlichen Gesicht zwei wasserblaue Augen. Weil sich nur selten jemand mit dem Kinde abgab, lernte es das Reden erst nach dem vierten Jahr. Im langen Bergwinter saß es vom Morgen bis zum Abend auf dem Lehmboden der Stube, vom Frühling bis zum Herbste vor der Haustür im Sand. Auch wenn es regnete. Je weniger sich die Schützin mit dem Buben abgab, um so zärtlicher hing er an dem alten Weib; und je mehr sie ihn hungern ließ, um so kräftiger gedieh er, als wär' es die Luft und die Einsamkeit, die ihn speisten. Als er ins achte Jahr ging und reif für die Schule wurde, starb die Schützin; der Doppelverwaiste jammerte nicht; er konnte noch nicht verstehen, was Sterben heißt, nicht begreifen, daß der Tod etwas Härteres wäre als das Leben. Ein Beschluß des Gemeinderats verwies ihn auf die Wanderschüssel. Sechs Bauern wurden ausgelost, von denen jeder an einem anderen Tag der Woche dem Buben Futter und Herberg zu bieten hatte. Am Sonntag durfte er bei der Jungfer Kathrin im Pfarrhof essen – die ganze Woche hatte er immer Angst vor diesem Ehrentag. Sein Fest- und Feiertag war der Mittwoch im Waldhof und beim Roman. Denn die Waldhoferin hatte eine Hand, die gern und ohne Vorwurf gab, und der kleine Roman konnte so herzlich lachen – eine Kunst, welche die Schützin ihren Pflegling nie gelehrt hatte. Das Lachen zieht die traurigen Menschen an. Und alles, was dem verwaisten Buben fehlte, das hatte der Roman in Fülle. Solch einen Begnadeten des Lebens muß man lieben, wie die frierende Erde die Sonne liebt. Das Herz des armen Buben hungerte nach Liebe, sein Magen war das Darben gewöhnt, aber sein Herz wollte satt werden, und so begann er von Romans Glück und Lachen zu zehren. Und nie hörte er vom Roman ein Schimpfwort wie von den anderen Buben, nie einen Spitznamen. Der Roman sagte zu ihm nur: ›Hanspeter‹ – sogar › lieber Hanspeter‹! Die anderen hatten so viele Namen für ihn, daß er selbst sie alle nicht hätte aufzählen können. ›Hans Zdazilek‹ – das ging ihnen niemals ohne Stolpern über die Zunge – drum nannten sie ihn den ›Züngerl-Wehdam‹ und den ›Maulbeißer‹. Und was sie mit der Maruschka getrieben hatten, trieben sie mit dem Buben weiter: sie verstümmelten seinen Namen. Jeder neue Tag bereicherte diese Sammlung. Spatzenschreck, Katzenfleck, Ratzenspeck – so lauteten unter seinen Spitznamen noch die mildesten. Aber bekanntlich ist der Teufel eine Spottgeburt aus Feuer und noch einem anderen Ding, das an der letzten Silbe in Hanspeters Zunamen einen bedenklichen Reim besitzt. Das kostete den Buben viele, bittere Tränen. Und er weinte so leicht! Dieses flinkfließende Wasser war der einzige Trost des Wehrlosen. Einer unter seinen Spitznamen, der ›böhmische Peterl‹, gab dem Buben viel zu denken. Peter, – das hätte er sich gefallen lassen. Aber warum sie ›böhmisch‹ sagten, das verstand er nicht. Denn niemals hatte die Schützin von seiner Mutter gesprochen, nicht aus Zartgefühl, sondern weil sie überhaupt nicht viel mit dem Buben redete. Doch als er von Schüssel zu Schüssel wandern mußte, warfen sie ihm den Merk an die Mutter bei jedem widerwillig gereichten Bissen ins Gesicht. Als er's zum erstenmal hörte, wurde er kreidebleich und zitterte bis in die plumpen Knochen. Ein paar Wochen trug er es still mit sich herum. Eines Abends, als er mit Roman im Wiesgarten des Waldhofes hinter der Hecke saß, blickte er mit seinen irrenden Augen, die wieder einmal naß waren, lange zum dämmrigen Himmel hinauf. Dann fragte er: »Mandi? Weißt mir net ebbes von meiner Mutter?« Aber Roman wußte nichts. »Wart«, sagte er, »da frag ich den Vatern! Der weiß alls.« Und am anderen Morgen brachte er's dem Hanspeter mit in die Schule: »Der Vater hat mir nix gsagt, aber von der Mutter weiß ich's: Maruschka hat s' gheißen, die deinig, und in der Kirch hat s' dich niedergelegt als Kindl, und in derselbigen Nacht hat s' sterben müssen, sagt d' Mutter.« »Sterben hat s' müssen? Wie d' Schützin?« Mandi besann sich ein wenig. »Ja, ja, wird schon so gwesen sein. 's Sterben, mein' ich, is allweil gleich bei die Leut. Sie machen halt d' Augen zu und lachen nimmer.« Dem Hanspeter wurden die nassen Wangen heiß, und hastig fragte er: »Mei' Mutter hat 's Lachen können? Wie du?« Da fuhr der Lehrer mit dem Haselnußstecken zwischen die beiden Buben. Von diesem Tag an fragte Hanspeter jeden Menschen, mit dem er allein war: »Weißt mir net ebbes von meiner Mutter?« Aber da bekam er so sonderbar lustige Dinge zu hören, daß er bald den Mut verlor, zu fragen. Nur eins noch wollte er wissen: wo die Maruschka begraben läge. »Bei der Mauer umanand, da muß s' wo liegen!« Genauer konnte ihm's keiner sagen, denn sie hatte weder Hügel noch Kreuz bekommen. Als der Hanspeter vierzehn Jahr alt wurde, nahmen sie ihn aus der Schule, weil ihn die Bauern nicht länger füttern wollten, und weil er schon so groß und stark war wie ein Zwanzigjähriger und Fäuste hatte wie ein fertiges Mannsbild. Sie machten ihn zum Geißhirten. Nun aß er sein eigenes Brot, und das Leben wurde ihm leichter. Doch er blieb ein stiller ›Sinnierer‹. Droben auf den Almen, während seine Geißen weideten, saß er tagelang auf einem Fleck, immer mit den Augen im Blau. Und lachend sagten die Leute: wenn ihm der Kopf so unförmig und doppelt auswüchse, so käme das vom vielen Denken, das bekanntlich nicht gesund ist. Einige Jahre später, im Sommer, starb der Großvater der Staudamer Julei, und Romans Vater wurde Bürgermeister. Gleich am ersten Sonntag nach der Wahl kam Hanspeter von der Alm herunter in den Waldhof. Er war schon so ungetüm, daß er die Haustür füllte, und daß in der Stube die Bodenbretter krachten unter seinem Schritt. Der Waldhofer und sein Weib waren ausgegangen. Nur Roman war daheim; der rauchte sein Pfeifl und hatte Augen, die wie der Frühling schauten. War's doch der Sonntag, an dem er die Staudamer-Julei zum erstenmal ›so gspassig‹ angesehen hatte! »Nammittag!« sagte Hanspeter und strich mit der schweren Hand das Haar in die Stirne. »Mandi, heut kunnst mir an Gfallen tun!« »Alls, Peterl, heut kannst alls von mir haben!« »Schau, es geht mir allweil nach, daß ich gar nix weiß von meiner Mutter, und wo s' ihr Heimat hat. Kunnten ja von der Mutter noch Gschwisterleut leben. Kunnt ihnen schlecht gehn. Jetzt hab ich mir a bißl ebbes verspart. Magst net dein' Vatern angehn drum, daß er a wengerl nachschaut in die alten Gmeinschriften. Jetzt is er ja Burgermeister. Leicht kunnt er ebbs finden von meiner Mutter. Ob s' verheirat gwesen is, oder –« Dem Hanspeter wurde trotz seiner mächtigen Brust das Atmen so schwer, daß er nicht weitersprechen konnte. »Peter!« sagte Roman herzlich beim Anblick dieses würgenden Schmerzes, der sich mit keinem Laut verriet. »Da wart ich net, bis der Vater kommt. Die Gmeinschriften sind im Haus. Schauen wir gleich selber nach. Magst?« Den ganzen Nachmittag saßen sie über den dickleibigen Gemeindematrikeln. Endlich fanden sie im Gedingbuch den Vermerk: »Beim Rochlbauer ist eingestanden Marutzka Tschtatzilek eine Bemmin. Unbekannt von wo. Heimezschein hatz nich. Geht mitn Kind.« Und auf dem Rand des Buches war von anderer Hand und mit anderer Tinte dazugeschrieben: »Das Ludder hat die heilig Kirch verschandt, hat frisch gweicht wern müeßn, hat viel Schreibnis unt Verdruß gmacht.« Roman war verlegen geworden. Und Hanspeter, ohne ein Wort zu sagen, erhob sich und verließ die Stube. Zwei Jahre später, im Herbst, wurde Roman ausgelost und ›behalten‹. Den Hanspeter nahmen sie nicht, weil er Plattfüße hatte und weil man bei den Soldaten Mannsleute brauchte, nicht Elefanten. Der junge Waldhofer, als er singend mit den anderen Sträußlbuben zum Dorf hinauswanderte, wußte nicht, wieviel mit ihm für den Hanspeter davonging. In diesem Winter gab's mit dem böhmischen Peterl eine merkwürdige Wandlung. Habt ihr schon einmal gesehen, wie in einem See ein Tropfen Öl aufs Wasser fällt? Der geht mit schillernden Farben auseinander, wächst wie ein Zauberschild in die Runde und dehnt sich immer weiter, mit buntem Schimmerglanz. So fiel die verwaiste Liebe, die Hanspeter für die Mutter und für den Roman in seinem großen, schwerpumpenden Herzen trug, auf alle Menschen im Dorf. Er, der die Leute bisher gemieden hatte wie ein verprügelter Hund, wurde freundlich und gefällig gegen alle. Was jeder nur wollte, konnte er vom Hanspeter haben. Das nützten sie auch gehörig aus. Der eine ließ ihn für sich arbeiten, der andere ließ ihn um ein Vergeltsgott botenlaufen, ein dritter schwatzte ihm die ersparten Groschen ab. Dann lachten sie über ihn. Das merkte er wohl, doch er trug es ihnen nicht nach. Er war zu bescheiden, um jene schönen Worte des Heilands auf sich anzuwenden: »Sie wissen nicht, was sie tun!« Aber er fühlte ihren Sinn. Und blieb der gleiche, was sie auch trieben mit ihm. Er mußte lieben, weil er nach Liebe hungerte. Und die rechte Liebe muß geben, bevor sie nehmen will. Im folgenden Sommer, nachdem er zwei Jahre schon als Jungviehhirt gedient hatte, wurde er als Senn genommen. Und da gab's einmal in seiner Hütte einen seltsamen Auftritt. Am Morgen eines blauen Montags kehrte bei ihm ein Dutzend junger Burschen ein, die zum Sonntagabend ihre Auserwählten auf den Almen besucht hatten. Ehe sie den Heimweg antraten, wollten sie noch ihre lustige ›Gaudi‹ haben, und so hatten sie sich in Hanspeters Hütte zusammenbestellt, um nach Verabredung dem guten ›Flohannes Katzenspeck‹ die geduldige Seelenfeder so lange aufzuziehen, bis es einen Knacks gäbe. Dieses drei Zentner schwere Lämmlein einmal in springende Wut zu bringen, einmal zu sehen, wie die Milchsuppe seiner Gutmütigkeit ins Kochen geriete – das müßte was zu lachen geben! Schwatzend, kichernd und ihre Pfeife schmauchend, saßen sie um das Herdfeuer, während Hanspeter, der sich in seiner Arbeit nicht stören ließ, am Butterkasten die Kurbel drehte. Alle Saiten ihres Spottes zogen sie auf, diese Zwerge, die mit dem Riesen spielten und sich stark fühlten im Dutzend. »Ja, ja, is schon recht, tuts nur lachen, Buben, 's Lachen is ebbes Schöns!« sagte Hanspeter. Gleichmäßig trieb er die Kurbel und ließ sich allen Schabernack gefallen, den sie ihm an den Kopf warfen. Kein Spott über die Stadeltore seiner Luser, über sein böhmisches Löschhütl, über das Trampularium seiner unförmigen Gestalt und über das schlotternde Metzensackl seiner ungeheuerlichen Hose wollte die erhoffte Wirkung üben. Schließlich wurde ihnen das langweilig: zwecklos auf einen Esel loszuschlagen, der sich nicht wehrt und nur immer geduldig trägt. Schon fingen sie an, sich untereinander mit Stichelreden zu traktieren. Einer machte noch den Versuch, dem Hanspeter eine heimliche Liebe anzudichten – drüben auf der Nachbaralm, vor dem Kammerfenster der Nannei, hätte man am Morgen menschliche Trittspuren gefunden, groß wie die Fährte eines doppelten Ochsen! Aber da kam der Spötter übel an, nicht beim Hanspeter, sondern bei einem der Burschen, dessen Schatz die Nannei war. Die beiden, die als gute Kameraden gekommen waren, fuhren sich mit grobem Schimpf in die Haare, mit saftigen Worten schrien die anderen dazwischen, im Nu war das Dutzend Freunde in zwei hadernde Parteien gespalten – und just, als Hanspeter die fertige Butter aus dem Kasten heben wollte, ging mit trommelnden Fäusten ein kreischender Spektakel los, und ein raufender, sich balgender Knäuel erfüllte die Sennhütte. Erschrocken hatte Hanspeter den Butterballen wieder in den Kasten zurückgeworfen. Und als er sah, daß einer der Burschen nach dem Messer griff, wußte er, um einen blutigen Ausgang der Rauferei zu verhindern, im ersten Entsetzen kein besseres Mittel, als daß er den großen, schweren Kasten packte und seinen ganzen Inhalt, einen halben Eimer Rührmilch mitsamt der frischen Butter über den Knäuel der Raufenden ausgoß. Als dieser weiße, dicke, schmalzige Regen auf die heißen Köpfe niederging, war der Frieden im Nu gestiftet. Und Hanspeter, mit nassen Augen – hatte es ihm die Stunde eingegeben? oder war's eine Frucht der stillen, einsamen Gedanken, die seit Jahr und Tag durch seinen großen, häßlichen Kopf ihren langsamen, schönen Gang genommen? – rief den weißtriefenden Streitern mit seiner dünnen Kinderstimme zu: »Aber Buben? Seids denn Heidenleut oder seids Christen? Därfen denn Christen anand derschlagen und derstechen? Heißt Christ sein ebba net: daß man zammhalten muß in Güt und Frieden? Bsinnt sich denn keiner von enk auf unsern lieben Heiland? So laßts enk sagen, Buben, laßts enk sagen von mir, wie 's beste gheißen hat von seine guten Wörtln! Liebet einander, hat's gheißen! Liebet einand! Denn d' Lieb is Einzig und 's Beste, d' Lieb is d' Sonn auf der Welt, und wo d' Lieb ihr Hausen hat, da is lachete Zeit!« Erst standen sie verdutzt und sahen, während die weißen Tropfen an ihnen herunterrannen, mit aufgerissenen Mäulern den Hanspeter an. Dann brachen sie in johlendes Gelächter aus. Und während die einen mit Lachen zu schimpfen begannen und die saftigsten Scherze an dieses verblühende Evangelium der Liebe knüpften, liefen die anderen schon hinaus zum Brunnen, um den Butterschmuck und die Rührmilch von ihren Köpfen zu waschen. Diese Geschichte machte noch am Abend des gleichen Tages die lustige Runde durch das ganze Dorf, und ihre einzige Wirkung war, daß für den Hanspeter zwei neue Spitznamen aufkamen: ›die verliebte Christenheit‹ und ›der Lieb'einand‹. Doch nein – daß der Geist der Liebe über den Hanspeter gekommen war, das hatte noch etwas anderes im Gefolge. Denn unter den lachenden Bauern war ein einziger, der nicht lachte: der Bachbauer, auf dessen Alm der Hanspeter in Diensten stand. Der schimpfte wie ein Rohrspatz im ganzen Dorf herum: was für ein Senn das wäre, der mit Butter und Rührmilch umginge wie die Magd mit dem Spülwasser! Von diesem Vorwurf kam der Bauer auch gleich auf einen anderen: ein Kerl, der seine drei Zentner wiegt, der hat auch einen ›driedoppelten‹ Hunger und muß im Vergleich zu einem wohlproportionierten Christenmenschen auch das doppelte und dreifache Futter laden. Was aber den Hanspeter mästet, das zehrt am Almgewinn und macht den Bauer mager. Als der Sommer vorüber war, hatte der Bachbauer durch Hanspeters fleißige und redliche Arbeit einen größeren Senngewinn erzielt, als noch jemals in einer Almzeit. Aber der Bauer rechnete: »Wär einer mit kleinerem Magen mein Senn gewesen, so hätt ich bei dem guten Grasjahr noch mehr gewonnen!« Drum schimpfte er weiter. Und als Hanspeter anfragte: »Gelt Bauer, bist zfrieden und bhaltst mich fürs nächste Jahr?« – da bekam er eine Grobheit zu hören, die an das Kapitel von der Liebe und an die verschüttete Buttermilch erinnerte. Hanspeter mußte Taglöhner werden. Das war ein saures Brot und ein hartes Leben, denn man rief ihn immer nur zu jener Arbeit, die für jeden anderen zu schwer und zu schlecht war. Aber dem Hanspeter wog alles gleich. Wenn er nur schaffen durfte und schwitzen für andere. Arbeit, gegen die man sich sträubt? So was kannte Hanspeter nicht. Wenn er eine Stallgrube zu reinigen hatte, und es rief ihm einer lachend zu: »Schmeckete Arbeit, was?« – dann schüttelte er den Kopf und sagte ernst: »Arbeit is Arbeit. Alls muß sein. Kommt alls vom lieben Herrgott her. Wann er's net haben möcht und wann's kein Nutzen net hätt, so wär's net da. Aus'm Mist macht er Blümln und Traid. Und 's Wasser hat er gschaffen, daß sich der Mensch wieder säubern kann.« Daß Hanspeter nicht mehr Senn war, das brachte ihm, neben der schönen Erkenntnis von der Notwendigkeit aller Dinge, noch ein anderes Glück. Jetzt blieb er den ganzen Sommer im Dorf und konnte jeden Sonn- und Feiertag die Kirche besuchen. In der Kirche war ihm wohl, da fühlte er sich daheim. Und wenn er mit stillem Lächeln betete, Stunde um Stunde, hingen seine blauen Kinderaugen immer an der Holzstufe des Liebfrauenaltars: an seiner Wiege, an dem Sterbebett seiner Mutter. Und die guten Gedanken, die für den Hanspeter aus den alten Brettern heraufstiegen, trug er aus der Kirche hinaus in den Hader des Dorfes, und was ihn selber schön erfüllte, das wollte er auch den anderen auf die Seele legen, als Honig auf das rauhe Kleienbrot des Lebens. Das bildete sich immer mehr bei ihm aus: daß er nicht mehr wie die anderen von gleichgültigen Dingen schwatzen konnte. Immer mußte er etwas sagen , immer war's eine freundliche Lehre, immer ein Weiser nach Gottes Gerechtigkeit und Güte, immer wieder das Wortlein: »Liebet einander, und alls is gut!« Und weil er bei solchen Reden immer den breiten Rücken krümmte, als müßte er sich in Demut beugen, drum begannen sie ihn den ›buckleten Apostel‹ zu nennen. Daß sie immer lachten, sooft ihm das Wörtlein ›Liebe‹ über die Zunge kam, das kränkte ihn nicht. »Aufs erstemal hören s' halt net. Aber sagst es ihnen allweil und allweil wieder, so bleibt schon a bißl was hängen. Ah ja!« Zwei Jahre vergingen. Im Frühling, eines Abends, als er von der Arbeit heimwanderte, sah er schwatzende Leute vor einer kleinen Hütte stehen, die der Gemeinde gehörte und seit Jahren keinen Inwohner mehr gehabt hatte. Im Hof, in dem das Unkraut wucherte, stand ein Leiterwagen, mit ärmlichem Hausgerät beladen. Eine alte Frau und ein junges Mädel – die Altenöderin mit ihrer Lisbeth – plagten sich gerade, um einen schweren Kasten vom Wagen zu heben. Da lehnte Hanspeter seinen Spaten und die Spitzhacke an den Zaun, hob den Kasten mit leichtem Ruck auf seinen breiten Buckel und fragte: »Wo muß er denn hin, Weiberl?« Die Altenöderin war im ersten Augenblick ganz erschrocken, als sie diesen doppelten Menschen in seiner Häßlichkeit und Unform sah. Dann stotterte sie: »Tauset Vergeltsgott! Bist soviel gut, du!« Auch Lisbeth sah ihn verwundert an, sagte einen leisen Dank und ging dem Hanspeter voraus in die Hütte. Nicht nur den Kasten, auch alles andere Gerät noch trug er ihnen vom Wagen ins Haus. Bis spät in die Nacht hinein half er den beiden räumen und in der Hütte sauber machen. Dann lief er zum Wirtshaus, holte einen Krug Bier und Brot und Rauchfleisch, nahm kein Geld dafür an, wie hartnäckig es ihm die Altenöderin auch aufdrängen wollte – und sagte: das wäre zum Einstand in der neuen Heimat, zum Willkomm im Namen von allen lieben Nachbarn. »Denn bei uns im Ort, da gibt's fein gute Leut! Dös därfst mir glauben, Weiberl!« Während die beiden aßen, saß er bei ihnen am Tisch, den er auf seinem Buckel in die Stube getragen, hörte zu, wie ihm die Altenöderin erzählte, wer sie wäre und woher sie käme, und sah mit staunenden Augen das schmale, feine Gesicht der Lisbeth an. Als er spät in der lauen Frühlingsnacht und unter funkelnden Sternen die Straße zu seiner Herberg hinunterging, Spaten und Spitzhacke auf der Schulter, sang er mit lauter Stimme vor sich hin. Schön klang das nicht. Es war zum erstenmal in seinem Leben, daß der Hanspeter das Singen probierte. Der Nachtwächter, der ihm begegnete, rief ihn lachend an: »He, du? Kannst es net besser, so laß's lieber bleiben!« Und Hanspeter erwiderte: »Wann's so leicht wär, weißt, so wär's kei' Kunst net! Alls muß glernt sein.« Am andern Morgen sagte er dem Bauern, der ihn auf Taglohn bestellt hatte, die Arbeit ab, ging zur Altenöderin und fragte: »Hast mir kein Gschäftl net? Heut hab ich grad zufällig nix zum schaffen, und 's Feiern is soviel langweilig.« Ein paar Wochen später war er bei der Altenöderin und ihrem Mädel schon wie der Sohn und Bruder im Haus. Wenn er für sie schaffen oder bei ihnen sitzen durfte, während sie diese ›gottslieben‹ Häuschen, Kirchlein und Kapellen unter ihren geschickten Händen hervorzauberten, dann war ihm zumut wie dem Kind im Märchen, so wohl, wie nirgends in der Welt, so wohl, wie's dem Hanspeter im Leben noch nie gewesen. Er hatte zwei Menschen gefunden, die freundlich mit ihm redeten, und die ihm erkenntlich waren für jede kleinste Gefälligkeit. Und da legte er seine drei Zentner Gemüt in jeden Gruß, in jeden Handschlag, in jede Arbeit, die er für die beiden tat. Und als ihm die Altenöderin ›Verlaubnis‹ gab, daß er ›Mutterl‹ zu ihr sagen durfte, nahm er dieses Wörtl immer auf seine schwere Zunge wie eine Süßigkeit, die man erst ein Weilchen kostet, bevor man sie genießt. Aber nicht nur für sein verwaistes Herz, auch für seinen Glauben hatte Hanspeter einen guten Fund getan – zwei Menschen, von denen er sagen konnte: »Dös sind die richtigen. Die haben d' Lieb. Die bringen a guts Beispiel ins Ort. Jetzt müssend die andern nachmachen.« Wenn er sah, wie fest die Altenöderin und ihr Mädel in ihrem armen Leben zusammenhielten, war er ganz stolz darauf, daß er ihnen sagen konnte: »Ich bin net einschichtig. Ah na! Ich hab schon auch ein', zu dem ich halt, und der zu mir halt. Mein Roman, ja! Im Herbst, da kommt er wieder heim. Paßts auf, der muß enk gfallen! Wie mein Roman, so gibt's kein' zweiten nimmer.« Durch Stunden und Stunden wurde Hanspeter nicht müde, vom Roman zu erzählen, so daß der junge Waldhofer wie ein Vierter im Bund mit diesen dreien zu leben begann, aber nicht wie ein Ebenbürtiger, sondern wie eine Art Respektsperson, wie ein höheres, von allem Glück begnadetes Wesen. Hanspeters Liebe umstrahlte den Abwesenden mit einem so leuchtenden Glorienschein, daß Lisbeths sinnende Augen oft zu fragen schienen: »Kann's denn so ein' geben? Der so ganz gut is? Und der alles hat?« Auch die Altenöderin, obwohl sie manchmal zu Hanspeters überschwenglichem Lob ein wenig lächelte, begann so große Stücke vom jungen Waldhofer zu halten, daß sie häufig sagte: »Dein Roman, den möcht ich schon bald amal sehen!« Im Dorf – als sie bemerkten, daß es für den Hanspeter am Feierabend keinen anderen Weg mehr gab, als zur Hütte der Altenöderin – fingen sie bald zu schwatzen an. Das taten die einen mit Lachen, und mit Ärger taten es die anderen, für die der Hanspeter jetzt nicht mehr zu haben war, wenn sie ihn um ein halbes Vergeltsgott grade zur Arbeit gebraucht hätten. Erst fragten sie: »Was hat denn der für an Narren gfressen an dene zwei Weibsbilder?« Dann hieß es: »Der is ja rein wie verhext! Leicht haben s' ihm was eingeben, die zwei?« Und die Schlußfolgerung war: »Kunnt schon sein, daß die Alte mehr versteht, als wie Suppen kochen. So fremde Leut! Da weiß man nie, wie man dran is. Wo sind s' denn her? Was tun s' denn bei uns da? Leicht hat man s' wo anderst ausgstaubt?« So fingen die üblen Reden an, die über Mutter Annamaria in Umlauf gerieten. Und als im Sommer das Hagelwetter kam, das die Hälfte der Haferernte vernichtete, da wurde das Gezischel über die Altenöderin und ihr Mädel zum Geschrei. Den Hafer läßt doch unser Herrgott wachsen! Da wird doch der Herrgott seinen eigenen Hafer nicht wieder in Grund und Boden schlagen? Solch einen ›toreten‹ Gedanken läßt doch kein gescheiter Bauer in seinen Kopf hinein. Drum muß der Höllische das Wetter machen – oder eine, die ihm hilft dabei: der guten, unschuldigen Menschheit zu schaden! Die alte Moosrainerin – der ††† soll sie selig haben – das ist auch eine ›solchene‹ gewesen. Und seit den fünf Jahren, seit sie tot ist, hat es im Tal keinen so bösen Hagelschauer mehr gegeben. Wird halt wieder eine da sein! »Fremde Leut, die haben noch nie nix Guts net bracht.« Als Hanspeter von diesen Redereien hörte, fühlte er im Mark seines Lebens ein Zittern, wie es der starke Baum empfindet, wenn der Sturm beginnt. Jetzt zum erstenmal, seit das Evangelium der Liebe seine drei Zentner durchtränkt hatte wie das Licht den grauen Morgen, wurde er irr an seinem guten Menschenglauben. Das tat ihm weh, als wäre ihm einer mit genagelten Schuhen aufs Herz getreten. Aber Hanspeter übertauchte es wieder. Und konnte denken: »Mein, d' Leut sind halt diemal wie Kinder! Die glauben 's Dümmste. Sagen muß man's ihnen halt!« Und Hanspeter predigte auf der Gasse die Botschaft seiner Liebe, daß ihm oft die Zunge müd davon wurde. Das einzige, was er erreichte, war, daß die Leute, die sonst nur über ihn gelacht hatten, grob gegen ihn wurden, die Geduld verloren, Ruhe vor ihm haben wollten und ihn immer seltener auf Taglohn nahmen. In den verdienstlosen Tagen, an denen er für die Altenöderin arbeitete, weil er ›grad zufällig nix zum schaffen‹ hatte, zehrte er seinen kleinen Sparpfennig auf. Und wäre nicht der Herbst ins Tal und der junge Waldhofer aus der Kaserne heimgekommen, so hätte Hanspeter sich in einen bösen Winter hineingepredigt. Bei der ersten Begegnung – drei Tage nach der Heimkehr war's, und Roman freute sich ehrlich, den ›guten Kerl‹ und sein ›dickes Köpfl‹ wiederzusehen – bei dieser ersten Begegnung mußte der junge Waldhofer lachen, wie er lange nicht gelacht hatte. Hanspeter, im jähen Überfall seiner schweren Gefühle, stand vor ihm wie ein arbeitendes Roß, das den überladenen Wagen nicht vorwärtsbringt. Und quetschte ihm die Hände, daß Roman vor Schmerz geschrien hätte, wenn er nicht so lachen hätte müssen. Und Hanspeter sah ihn immer an mit tröpfelnden Augen und brachte kein Wort heraus! – Den Roman, den hatte er! An den durfte er glauben! Der war der seinige! Einer, in dem die Liebe ist! – Das war's, was der Hanspeter fühlte. Und als er endlich reden konnte, hätte er den jungen Waldhofer am liebsten gleich hinübergeführt zur Mutter Nannimai. Aber Roman, seine junge Liebe im Herzen und die Heirat nach Ostern im Kopf, hatte an andere Dinge zu denken, als an eine Antrittsvisite bei der Häuslschusterin, von der er heute zum erstenmal hörte. Doch Hanspeter ließ nicht aus – wenigstens sagen mußte er dem Roman alles. Wie einst als Buben in ihrer Schulzeit, saßen sie wieder im Schatten einer Hecke. Am Abend sagte Roman zu seinem Vater: »Geh, tu mir den Gfallen und nimm den Hanspeter als Holzknecht auf! Kannst ihn ja brauchen im Schlag droben. Und a guter Schaffer is er doch gwiß. Mich derbarmt er.« Der alte Waldhofer schnitt ein Gesicht, als hätte er in einen sauren Apfel zu beißen. »Den buckleten Apostel ins Haus eini? Daß mich d' Leut auslachen?« »Geh, Vater!« »No ja, meintwegen!« So war Hanspeter Holzknecht im Waldhof geworden. Eine Freude für ihn und ein Kummer zugleich. Denn schon am anderen Tag – der alte Waldhofer als Bürgermeister war ein feiner Politiker und wollte den Hanspeter für eine Zeitlang den Leuten aus den Augen räumen – schon am anderen Tag ging's auf die Berge, zum Holzschlag und in die Holzerhütte. Da kam der Hanspeter wochenlang nicht ins Dorf herunter. Auch im strengen Winter nicht. Nur an hohen Feiertagen. Und um der Altenöderin und der Lisbeth willen verging kein solcher Feiertag, ohne daß Hanspeter den Leuten ein Wort ins Gewissen zu reden hatte, ohne daß er auf seinem Herzen die genagelten Schuhe spürte. Nun hatten sie in der heiligen Lichtmeßnacht – eine Nacht, die ›für so was gut‹ ist – der Nannimai den Streich mit dem Schornstein gespielt. Und am letzten Sonntag hatte Hanspeter die ›narreten‹ Buben im Wirtshaus aufgesucht, um ihnen den Unverstand ›a bißl‹ auszureden, und um ihnen ein ›Wörtl in aller Güt‹ zu sagen. Und da hatten sie ihn johlend im Dutzend durchgewalkt, ohne daß er sich wehrte – denn »einer, der schlagt, kann d' Lieb net haben, und einer, der d' Lieb hat, därf net schlagen!« Der bucklige Apostel begann ein Märtyrer seiner Liebe zu werden. Und da kam jetzt die ›schieche‹ Geschichte vom Teufel, mit dem es die Nannimai und die Ilsabeth ›haben‹ sollten. Und er war doch selbst der Teufel gewesen, der die christliche Klafter des Roman kleingemacht! »So treiben sie's, d' Leut! So reden s'! So drehen sie 's Gute ins Schlechte um!« Und jetzt war auch noch der Roman einer von denen geworden, welche ›die rechte Lieb‹ nicht haben! Oft, wenn der Hanspeter droben im Bergwald einen Baum gefällt, hatte er sich aus Erbarmen um den schönen Stamm gefragt: »Er muß doch sein Leben haben? Sonst tät er net wachsen. Und muß den guten Regen merken und d' warme Sonn? Und den Wehdam grad so? Was muß er denn spüren, der Baum, wenn ihm d' Axt so einifahrt?« Jetzt wußte er's. Jetzt spürte er das an sich selber. Das Gesicht von Schweiß überronnen, mit keuchender Brust, erreichte Hanspeter den Pfarrhof und riß an der Glocke. Sechstes Kapitel Wie das angstvolle Gegacker einer Elster, die der Habicht erschreckte, klang im Pfarrhof das Gerassel der alten Türglocke durch den großen stillen Korridor. Jungfer Kathrin, eine städtisch gekleidete magere Person, schon sechzigjährig, mit hartem Gesicht – ein Gesicht, wie es gealterte Weiber haben, die nicht Frauen wurden – Jungfer Kathrin wollte eben ihrem hochwürdigen Herrn den Nachmittagskaffee in die Studierstube tragen. »Jesses, jesses, wer reißt denn so an der Glocken!« Dann brummte sie: »Gwiß braucht einer die letzte Ölung? Und der Herr Pfarr kann wieder rennen. Am Sonntag!« Die Bauern haben ein zähes Leben; die sterben nicht so schnell. Doch der Kaffee wird kalt in fünf Minuten. Den trug sie erst in die Stube. Das war ein großer Raum zu ebener Erde, altväterisch eingerichtet, mit hohen Büchergestellen an den Wänden, von Tabaksgeruch erfüllt, zum Schwitzen überheizt und etwas dunkel, denn die kleinen, auf die Straße gehenden Bogenfenster waren mit groben Leinengardinen dicht verhangen. Hinter dem weißgedeckten Tisch lag Herr Felician Horadam im Schlafrock auf dem Sofa, und während er in einer Zeitung las, die er bei der matten Stubenhelle ganz nah vor die Augen halten mußte, stand der Porzellankopf seiner langen Pfeife auf dem Teppich. Eine blaugraue Rauchwolke umhüllte das Zeitungsblatt und den Kopf, der dahinter verborgen lag. Beim Eintritt der Köchin ließ Herr Felician die Zeitung sinken und blies in die Wolke, damit sie sich ein wenig zerstreuen möchte. »Wer hat denn geläutet, Kathrin?« »Zuerst trinken S' Ihren Kaffee, Hochwürden!« sagte die Köchin. Ihre Vermutung, weshalb man draußen geläutet hatte, verschwieg sie, weil sie aus Erfahrung wußte: Herr Felician Horadam würde, wenn ein Kranker nach ihm rief, den besten Kaffee stehenlassen und hurtig nach den Stiefeln greifen. »Und wer der Flegel is, der so an der Glocken reißt? Den muß ich mir erst noch anschauen, den!« »Kathrin! Brummst schon wieder, ja? Geh lieber und mach die Tür auf! Vielleicht braucht mich einer, und notwendig.« »Trinken S' Ihren Kaffee! Alles andere pressiert net so.« Da wurde abermals an der Glocke gerissen, noch heftiger als zuvor. »No no no no!« sagte der Pfarrer begütigend und versuchte sich aufzurichten. Das ging nicht so leicht. Im Sofa hatte sich im Lauf der Jahre eine tiefe Grube gebildet, in der wohl ein gutes und festes Liegen war, aber zum Aufstehen wäre für Herrn Felician Horadam fast die Nachhilfe eines Flaschenzuges nötig gewesen. Sonst half ihm dabei die Jungfer Kathrin. Die mußte aber jetzt, durch dieses neuerliche Läuten gereizt, mit Schelten in den Flur hinauslaufen und die Haustür öffnen. Als sie den Hanspeter sah, war sie zuerst vor Staunen völlig sprachlos. Daß der die Keckheit haben könnte, so an der Glocke zu reißen, das wäre ihr letzter Gedanke gewesen. »Du hast es nötig, daß d' so an Spektakel machst! Du Störenfried in der Gmeind!« Hanspeter war so atemlos, daß er kein Wort herausbrachte. Und weil die Jungfer Kathrin noch immer auf der Schwelle stand, wollte er sie mit der Hand beiseiteschieben. Aber da murrte die Köchin: »Gelt, du, sei manierlich! Z'erst muß ich dem Herrn Pfarr sagen, wer da is.« Sie ging in die Stube. Herrn Felician Horadam war es inzwischen gelungen, auf die Beine zu kommen. »Kathrin«, mahnte er ein wenig ärgerlich, denn er hatte gehört, was die Köchin draußen gesprochen, »ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst mit den Leuten nicht so unfreundlich sein. Deswegen bin ich doch da, daß die Leut um einen Trost zu mir herlaufen können in ihrer Not.« »Freilich, mit der Freud kommt keiner.« »Mit der Freud wird jeder selber fertig, da braucht er keinen Helfer dazu.« Herr Felician legte das Sofakissen in die Grube und setzte sich drauf. »Wer ist denn draußen?« »Der böhmische Hans Narr, der!« Kathrin füllte die Tasse. »So so? Der Hanspeter! Richtig, den hab ich herbestellt. Den laß nur herein!« Kathrin gab den Zucker in den Kaffee. »Jetzt bleiben S' amal daheim mit Ihrer ewigen Güt und waschen S' dem unvernünftigen Lackl den Kopf, wie's ihm gehört! Der tut Ihnen nix als Schaden stiften.« Die Jungfer Kathrin faßte den Hang zum Predigen, der sich im Hanspeter entwickelt hatte, als eine gegen ihren hochwürdigen Herrn gerichtete Konkurrenz und Berufsstörung auf. »Wenn jeder Unstudierte 's heilige Gotteswort auf der Straßen austragen kunnt, für was tät man denn ums teure Geld auf'n Pfarr studieren? Und was man auf der Straßen ausschreit, hat in der Kirch kein' Wert nimmer. Sagen Sie's ihm ordentlich! « Herr Felician Horadam zog die Stirn zusammen, als täte ihm etwas wehe. Doch er sagte nichts. Gegen die Kathrin, wenn es sich um einen wirklichen oder eingebildeten Vorteil des Pfarrhofs handelte, war nicht aufzukommen. Die Köchin stellte den gepolsterten Sessel fort, der neben dem Sofa vor dem Tische stand, und brachte dafür aus dem Ofenwinkel einen dreibeinigen Holzstuhl herbei, den ›Bauernsessel‹, dem keine Lederhose schaden konnte. Dann ging sie zur Tür und rief in den Flur hinaus: »Komm her, du!« Hanspeter erschien auf der Schwelle und bückte den Kopf, um einzutreten. Als er den freundlichen Blick sah, mit dem Herr Felician ihn betrachtete, wurde er ruhiger. »Gottslieben Nammittag, Herr Pfarr!« Hanspeter bekreuzte sich, denn halb war für ihn auch der Pfarrhof eine Kirche. Der Hochwürdige tat einen Zug aus der Pfeife. »So, Peterl! Schön, daß du kommst! Setz dich nur her zu mir! Geh, Kathrin, bring noch ein Tasserl, der Peter wird auch ein Schalerl mögen.« »Na na!« stotterte Hanspeter. »Bloß reden möcht ich a bißl.« Kathrin erklärte: »Für zwei is net antragen.« Sie verließ mit dem Kaffeetablett die Stube. Wieder zog Herr Felician die Stirn in Falten. »Komm, Peterl, setz dich her zu mir!« Bescheiden schob sich Hanspeter von der Seite auf den Stuhl. Aber diese schiefe Belastung mit drei Zentnern ging dem Sessel gegen die dünnen Beine. Es tat einen Knacks, und Hanspeter saß neben dem geknickten Stuhl auf dem Boden. Ganz bleich war er, als er sich aufrichtete. »Tun S' mir verzeihen, Herr Pfarr! Überall muß ich Unglück anrichten.« Kathrin, die den Plumps gehört hatte, kam zur Türe hereingestürzt. Ihr schlimmster Schreck war wohl beschwichtigt, als sie ihren Hochwürdigen bei gesundem Lachen fand. Doch als sie sah, was Hanspeter mit dem Sessel angerichtet hatte, wurde sie dunkelrot im Gesicht. Aber Herr Felician schnitt ihr die Rede ab: »Geschieht dir ganz recht! Hättest du den Polsterten stehenlassen. Der hätt nachgegeben.« Schweigend hob Kathrin die Stücke des zerbrochenen Stuhles auf und trug sie zur Stube hinaus. Dabei ließ sie die Tür ein wenig offen. Herr Felician sah es und schmunzelte. Dann brachte er selbst für Hanspeter den Gepolsterten herbei. »So, Peterl, der tragt dich schon.« Hanspeter ließ sich vorsichtig nieder und hielt sich auf der Kante des Sessels halb in der Schwebe. Lachend schob ihm der Pfarrer die Kaffeetasse hin. »So! Und den trinkst jetzt!« »Na na, Herr Pfarr, um Gottswillen –« »Jetzt folgst mir und trinkst!« Hanspeter gehorchte und leerte auf einen Zug die Tasse. Mit dem Ärmel wischte er den Mund. »So an guten hab ich noch nie kein' kriegt.« »Ja, die Kathrin! Die versteht's!« Herr Felician blinzelte zur Tür hinüber. »Im Kochen , da könnt ich mir keine bessere wünschen!« Das ›Kochen‹ betonte er, daß man noch einen Nachsatz mit einem ›aber‹ erwartet hätte. Doch den verschwieg er. Erst blies er noch ein Wölklein vor sich hin, und dann sagte er: »So, Peterl, jetzt reden wir miteinander!« »Ja, Herr Pfarr! So viel z'reden hab ich mit Ihnen! Soviel harte Sachen! Schauen S', Herr Pfarr, was d' Leut schon wieder –« »Nur langsam! Nur alles schön in der Ordnung! Ich hab dich herbestellt. Jetzt sag ich zuerst a bißl was.« Vom Korridor herein hörte man ein lautes Räuspern. »Und ghörig, Peterl«, Herr Felician schraubte die Stimme, » ghörig muß ich dir's sagen!« Hanspeter legte die schwere Hand auf seinen Kopf und atmete schwül. Machte ihm der schwelende Ofen so heiß? Oder trieb ihm seine Herzensangst das Wasser aus der Stirne? Er schwitzte, daß es überall glitzerte auf seinem häßlichen Gesicht. Lächelnd beugte sich Herr Felician vor, faßte ihn bei der großen Ohrmuschel und zog ein wenig. »Du guter, dummer Kerl du! Was für Sachen machst du denn allweil?« »Sachen?« Das Wort schien für Hanspeter eine üble Bedeutung zu haben. Er schüttelte den Kopf. »Na na! Sachen mach ich keine.« »So? Und dein Predigen auf der Gasse?« »In d' Häuser lassen mich d' Leut nimmer eini. So muß ich's ihnen halt auf der Gassen sagen.« »Sagen? Was denn sagen?« Herr Felician hatte Mühe, um bei diesem Gedankensprung des Peter Johannes Zdazilek ernst zu bleiben. »Was willst denn du ihnen sagen?« »Was ich sagen will?« Mit großen Augen sah Hanspeter den Pfarrer an. »Daß s' anderst werden müssen, d' Leut. Daß man so, wie s' sind, bald nimmer hausen kann mitanand. Daß einer dem andern 's Leben versaut. Daß man sein' christlichen Nebenmenschen net beleidigen darf. Daß man gut sein muß und d' Lieb haben.« »So? So?« Freundlich sah Herr Felician den erregten Apostel an. »Und du meinst, daß du der erste wärst, der den Menschen das sagt?« »Der erste? Ah na! Aber weil's kein andrer net derpackt, jetzt probier's halt ich amal.« Es zuckte um die Mundwinkel des Pfarrers. »Schau, Peterl, jetzt lauft die Welt schon an die sechstausend Jahr. Gescheite Leut sagen: sie lauft noch viel, viel länger. Aber allweil lauft sie das gleiche Straßl, und allweil wachsen die gleichen Menschen wieder. Der Erzvater Moses ist da gewesen, der starke Prophet Elias, der Täufer am Jordan, unser lieber Heiland selber ist vom Himmel heruntergestiegen und hat sein kostbares Blut verschüttet. Und da willst jetzt du daherkommen und über die Leut schimpfen?« »Schimpfen?« stotterte Hanspeter, eingeschüchtert durch den Klang dieser großen, heiligen Namen. »Na, na, Herr Pfarr, schimpfen tu ich net.« »Aber das borstige Pelzl willst ihnen über die Ohren ziehen und möchtest einem jeden ein schneeweißes Lammskappl aufsetzen?« Herr Felician lächelte. » Du , natürlich, weil du's bist, du wirst aus dem mageren Lebensmäuserl gleich ein großes, fettes, glückseliges Kalbl machen!« Hanspeter schnaufte. »Freilich, ja, wann ich mich so anschau, wer ich bin, so muß ich mir schon selber sagen: Peterl, da hast dir a bißl viel zutraut!« »Gelt, ja?« »Aber hinther sag ich mir allweil wieder: wann d' Leut bloß a bißl möchten! Es wär ja gar net amal so schwer. Grad an einzigs müßten s' tun, und alls wär gut auf der Welt. Hat's ihnen doch der Heiland gsagt!« Hanspeters Augen schwammen in zerflossenem Glanz. »So gut und schön hat er's ihnen gsagt! ›Kindlein‹, hat er gsagt, ›Kindlein, liebet einander!‹ Warum tun sie's denn net? Dös wär doch kein Kunststückl! Bring's ja doch ich auch fertig und bin von die Dümmsten einer. Da kunnten's die Gscheiden doch auch a bißl nachmachen! Sagen S' selber, Herr Pfarr: hab ich net recht?« Lächelnd stellte Herr Felician Horadam die Studentenpfeife in den Sofawinkel, faßte Hanspeters klobige Faust, zog sie halb über den Tisch herüber und umhüllte sie streichelnd mit seinen linden, ruhigen Händen. »Ganz recht hast, Peterl, ganz recht! Aber a bißl unrecht hast du auch. Denn erstens einmal – ›Kindlein, liebet einander!‹ das hat unser Herr Jesus Christus gar nicht gesagt.« Für Hanspeter war dieser Einwurf wie ein Stoß vor die Stirne. »Ja, Peterl, das hat der heilige Johannes einmal geschrieben.« Hanspeter atmete auf. »No, da bin ich net weit davongwesen. Und hat's der heilig Johannes gschrieben, so wird er's halt vom Heiland ghört haben. Dös macht kein' argen Schiedunter. Jetzt haben wir dös Wörtl, und dös Wörtl is gut.« »Ja, Peterl, eins von den besten, die wir haben! Und das mit dem heiligen Johannes hab ich dir auch nur gesagt, damit ein bißl Ordnung in dein dickes Köpfl kommt.« »Ja, ja, versteh schon, ja! Vergeltsgott, Herr Pfarr! Jetzt hab ich wieder ebbes glernt.« »No also, schau!« Herr Felician tätschelte die grobe Faust des Holzknechts. »Und zweitens muß ich dir sagen, daß die Menschenliebe kein kleines, sondern ein sehr großes Kunststückl ist, das ganz und recht unter Tausenden kaum ein einziger fertigbringt. Sie ist überhaupt kein Kunststückl, man kann sie nicht lernen, sondern muß sie haben als seinen heiligen Lebensbesitz, wie der Tag sein Licht hat, wie du dein gutes Herz hast und deine blauen Augen.« Diese blauen Augen waren, während Herr Felician sprach, in staunendem Schreck immer größer geworden. Jetzt schüttelte Hanspeter das dicke Köpfl. »Na, na, Herr Pfarr! Daß man d' Lieb net lernen kunnt? Dös laß ich mir net einreden. Schauen S' mich an! Hab ich ebba d' Lieb net selber glernt?« »Nein, Peterl! Du hast sie immer gehabt.« »Net wahr is, Herr Pfarr! Als Bub amal, da hab ich an schiechen Zorn auf d' Leut ghabt, bis ich mir gsagt hab amal: wie darfst denn Lieb verlangen, wann selber d' Lieb net hast? Und da hab ich angfangt. Und völlig leicht is mir's worden, daß ich's glernt hab, d' Lieb. Und an anders Exemplibeispiel: Schauen S' mein' Roman an! Der hat sich ebbes sagen lassen. Den hab ich gut gmacht. Der hat d' Lieb derlernt und –« Hanspeter stockte. »Jetzt, freilich jetzt hat er mir wieder a wengl umgschlagen. Aber da hab ich kein Angst net. Na, na! Beim Roman bring ich d' Lieb schon wieder auf gleich. Der is mein Exemplibeispiel. Und wann's einer derpackt mit der Lieb, warum sollen's die andern net derpacken. Alle! Ehnder gib ich kei' Ruh net. So, wie's jetzt is, kunnt man ja bald nimmer schnaufen auf der Welt. Ohne Lieb kein Leben, Herr Pfarr! Da muß alls z'grund gehn, da muß alls verfaulen. Schauen S' an: grad a bisserl Lieb wann s' ghabt hätten, d' Leut, so hätt mein Mutterl net –« Hanspeter schluckte. »Na, na, Herr Pfarr, von meine Sachen, da soll kei' Red sein davon! Aber schauen S' an, was d' Leut jetzt wieder treiben mit der Nannimai drunt! Alte Hex und krumplete Hex haben sie's allweil schon gheißen. Und den Rauchfang haben s' ihr zugstopft. Und jetzt reden s' umanand im ganzen Ort, sie tät's mit'm Teufel haben. Hätten S' d' Ilsabeth gsehen, Herr Pfarr –« Hanspeter vermochte kaum noch zu reden. Nur mühsam brachte er's heraus: die Geschichte von der christlichen Klafter des Roman und von seiner eigenen Arbeit in der Nacht. »Und da sagen s' jetzt: der Teufel hätt ihr die Klafter bracht und hätt ihr d' Scheiter kleingmacht.« In Ärger hatte sich Herr Felician Horadam erhoben. Die Hände hinter dem Rücken, schritt er in der Stube auf und nieder, so flink, daß die Zipfel des Schlafrockes und die langen Quasten wehend hinter ihm herbaumelten. Das Gesicht von Zorn gerötet, blieb er beim Tische stehen und schlug mit der Faust auf die Platte, daß die Kaffeetasse ins Wanken kam. »Soll s' doch der Teufel gleich alle holen, die gottsschlechten Leut!« Hanspeter war über dieses Wort viel weniger erschrocken, als Herr Felician selbst. Draußen im Hausflur wurde laut gehustet. Und der Hochwürdige, halb noch in Zorn und halb verlegen, stotterte im Dialekt: »No ja, man weiß ja schon bald nimmer, wie man's machen soll. An unsern Herrgott wollen s' net glauben, wenn man ihnen net allweil 's höllische Feuer unterm Sessel schürt. Und sagt man ihnen a Wörtl vom Teufel, so schreckt einer den andern damit, und selber fürchtet ihn keiner. Die Bauern! Die Bauern! Und da sagt man allweil: das gläubige Volk! Ja! ›Mar' und Jankerl‹ sagen, dös is ihr ganze Religion.« Er zog das blau und weiß gewürfelte Sacktuch aus der Schlafrocktasche, schneuzte sich mit Geräusch und nahm eine besänftigende Prise. Dann faßte er den Kopf des Holzknechtes zwischen beide Hände und wiegte ihn ein wenig hin und her. »Sei zufrieden, Peterl, und tu dich net aufregen! Am nächsten Sonntag sag ich der Gemeinde ein Wörtl.« Draußen im Flur schien kalte Zugluft zu herrschen, die der Jungfer Kathrin übel bekam; sie hustete ununterbrochen. Aber Herr Felician hörte nicht. »Und wer mir das alte Weibl net in Ruh laßt, kann sich freuen auf'n Beichtstuhl! Wir haben nimmer weit auf Ostern.« Hanspeter quetschte die Hand des Pfarrers. »Vergeltsgott, Hochwürden, tausendmal Vergeltsgott!« »Hör auf und druck net so!« Herr Felician brachte seine Hand in Sicherheit. »Daß wir das arme Weibl von dem dummen Gered erlösen, da kannst du rechnen auf mich! Aber jetzt mußt du mir auch einen Gfallen tun!« Er ließ sich auf das Sofa nieder und griff nach seiner Pfeife. Da mußte er fest ziehen, um die schon halb erloschene Glut wieder in dicken Qualm zu bringen. Nun fand er auch sein halbes Hochdeutsch wieder. »Schau, Peterl, du bist mir nicht weniger und nicht mehr als die andern alle. Für mich sind alle gleich. Sonnschein und Regen, die schlechte Zeit und die gute, das alle's macht unser Herrgott. So muß man auch mit allem zufrieden sein. Und grad so halt ich es mit den Menschen. Du mit deinem butterguten Herzen, du giltst mir um kein bißl mehr als der eigensinnigste Dickschädel im Dorf. Aber in dir ist kein Falsch, du wirst über alles, was wir reden miteinander, kein unbeschaffenes Wörtl ausschwatzen, und drum will ich dir jetzt offen etwas sagen, was ich sonst keinem anderen sagen würde.« Draußen ließ sich ein Räuspern hören, scharf und gereizt. Diesmal blickte Herr Felician auf. Kräftig blies er eine Rauchwolke über den Tisch und sagte: »Sei so gut, Peterl, und mach die Stubentür zu! Es zieht ein bißl.« Als Hanspeter wieder auf dem Gepolsterten saß, mit den Fäusten auf den Knien, sah er den Pfarrer andächtig an. »Schau, Peterl! Jetzt bin ich über dreißig Jahr lang Pfarrer bei euch im Dorf. Viel hab ich schlucken müssen, viel überwinden. Vor dreißig Jahr einmal, da bin ich auch so ein gewalttätiges Hitzköpfl gewesen und hab gemeint: ich muß das Blaue vom Himmel herunterreißen. Aber heut bin ich zufrieden, wenn ich einem Menschen in seiner dumperen Herzensnacht nur für ein Stünderl ein Licht aufzünden kann. Löscht's auch wieder aus, ein wenig nachscheinen wird's allweil noch. Ich bin zufrieden damit, weil ich einsehen gelernt hab, daß wir mehr mit dem besten Willen nicht fertigbringen. Ein bißl nachhelfen auf dem guten Weg, den einer findet? Aaah ja! Aber die Menschen anders machen wollen, als sie sind?« Herr Felician schüttelte den Kopf und blies den Rauch vor sich hin, daß der blaue Faden eine Schlangenlinie bildete. »Schau, Peterl! Wie ich ins Dorf gekommen bin, hab ich alte Leut und einen Haufen Kinder gefunden. Die Alten sind gestorben, die Kleinen sind groß geworden, und junge War ist nachgewachsen. An die tausend Pfarrkinder sind mir durch die Händ und durchs Herz gegangen. Jedes hat ein anderes Nasenspitzl gehabt, anderes Haar und andere Augen, jedes ein anderes Röckl, andere Freuden und andere Schmerzen. Aber hat man's genau angeschaut, so war's doch allweil das gleiche. Im Grund ist ein Mensch wie der andere gewesen, allweil der gleiche Teig, nur daß sich die Dampfnudel in der guten Ofenröhr oder auf offenem Feuer ein bißl anders ausgebacken hat. Und wie ich ein bißl ruhiger hinsehen hab können, da hab ich gefunden, daß man eigentlich noch ganz zufrieden sein kann und daß es viel mehr gute Menschen gibt, als man gewöhnlich glaubt. Menschliche Schlechtigkeit ist meistens nichts anderes als Unverstand und Drehwurm in einem kranken Köpfl.« Hanspeter streckte die schweren Hände, als hätte Herr Felician ihm speisendes Brot für den Hunger seiner Seele gereicht. »Vergeltsgott, Herr Pfarr! Sie haben d' Lieb. Sie richten ein' wieder auf. Gelten S', dös muß wahr sein, daß die mehresten gut sind? Ehnder amal hab ich mir denkt, daß alle gut sein müßten. Aber den Glauben haben s' mir aussigrissen, d' Leut, wie a Stückl Fleisch aus'm Herzen.« Er fuhr sich mit der Faust über die Augen und mit dem Ärmel über die Nase. »No ja, man legt halt a Pflaster auf'n Wehdam. Und drum hab ich mir die Sach so aussinniert, daß ich mir gsagt hab: der Einschichtige is allweil gut. Und bald den Einschichtigen allweil allein hättst, den kunnt man schon richten und hobeln. Aber bald a Häuferl beinand is, da sind s' wie ausgewechselt und umdraht. Als ob der Teufel dreinfahren tät. Da steckt dem einen sein bißl Unverstand den andern zur Schlechtigkeit an, ich weiß net, wie. Einer laßt an Spatzen aus, und bis er dem andern aufs Köpfl fliegt, wird a Rappvogel draus. Zehne beinand, die sind net zehnmal schlechter, als einer is, sind hundertmal schlechter als wie a halber. Sagen S' mir, Herr Pfarr, wie kommt denn so was?« Nachdenklich kraute sich Herr Felician mit der Pfeifenspitze den Nasenflügel. »Peterl, da bin ich überfragt. Das kommt wohl so, wie ein Fünklein das große Feuer zündet, und wie in einem Seuchenjahr ein Kranker hundert und tausend Tote macht. Das Ansteckende am Menschenwort hat schon viel Unheil gestiftet in der Welt. Aber es hat auch ein Gutes und hat schon viele schöne Dinge ins Leben gerufen. Denn wenn ein gutes Wort auf tausend andere hinüberspringt, da wächst auch etwas Großes heraus, wie ein grüner Baum aus einem gesunden Samenkorn.« Dem Hanspeter wuchsen die Augen. »Dös möcht ich derleben amal!« Herr Felician seufzte. »Jeder erlebt's halt nicht. Man muß schon zufrieden sein, weil man weiß: andere haben's erlebt. Die guten Wörtln, die kommen halt nicht oft ins Fliegen. Unter hundert fallen neunundneunzig als nackte Spatzerln aus'm warmen Herzensnest, derweil alle Dummheiten und Lügen immer gleich wie die jungen Füchs und Wölf mit Haar und Zähn in die Welt springen. Schau, Peterl, das ist halt so, und das wird so bleiben, solang es Leut gibt.« »Nackete Spatzerln?« murmelte Hanspeter vor sich hin, als hätte er von Herrn Felicians späteren Worten keines mehr gehört: »Kunnt aber doch sein, daß eins amal flieget wird? Eins von die meinigen? Wann ich hundert sag? Und tauset? Und noch viel mehr?« Der Pfarrer lächelte gutmütig. »Peterl! Da is d' Arbeit umsonst. Du hast gwiß a dicks Köpfl. Aber wenn du's gleich hundert Jahr lang dagegenstemmst, du machst d' Menschen net anders.« Hanspeter besann sich eine Weile. Dann fragte er mit Kümmernis: »Sagen S' mir, Herr Pfarr? Unser Herrgott kann doch alles, was er mag. Warum hat er denn d' Leut net a bißl anderst gmacht und lauter Gute derschaffen?« »Da mußt ihn schon selber fragen! Mir hat er's noch net gsagt.« Herr Felician lehnte sich in die Sofaecke zurück und blickte zur Stubendecke hinauf. »Ich weiß bloß das einzige, daß er gern verzeiht.« Mit breiten Ellbogen lehnte er sich über den Tisch. »Und schau, Peterl, da müssen wir was lernen, da!« Wieder legte er seine Hand auf Hanspeters grobe Faust. »Mit der Güt kommt mau weiter als mit'm Schimpfen. Und weiß man einmal, wie d' Menschen sind, und rechnet man ein bißl mit ihrer Narretei, so kann man schon auskommen mit ihnen. Man muß nur net allweil gleich Zetermordio schreien, wenn uns der Nachbar auf d' Hühneraugen tritt. Gscheider, man lacht dazu und sagt: ›Sie, Herr Vetter, aber gut gnagelte Schuh haben S' au!‹ Wirst sehen, wann er dich 's nächste Mal wieder nauftritt auf'n Fuß, da bleibt er nimmer solang droben. Und schau, Peterl –« Herr Felician klopfte die leergerauchte Pfeife aus. »Für alle Fäll wär's besser, wenn du die Leut net allweil so in d' Hitz bringen tätst. Mit Gwalt kann man s' net umkrempeln. Und mit'm vielen Reden richtet man schon gar nix aus. Das macht ihnen bloß die Ohrwascheln dick und die Köpfln bockbeinig.« Ratlos guckte Hanspeter den Pfarrer an. »Aber sagen muß man's ihnen doch!« »Zur richtigen Zeit und am richtigen Ort! Aber net im Wirtshaus beim Karten spielen, und net in der Sennhütten beim Butterfaßl, und net in der Holzerstuben beim Schmarrenkochen, und am allerwenigsten, wenn s' in der Wut sind und Stöpseln in die Ohren haben. Drum sei gscheid, Peterl, und tu mir einen Gefallen! Laß dein Predigen gut sein! Ich weiß, du meinst es ehrlich. Aber schau, es hilft nix, Peterl! Ganz im Gegenteil. Drum gib mir d' Hand drauf.« Erschrocken zog Hanspeter die Hände hinter den Rücken. »Na na, Herr Pfarr! Daß ich diemal a Wörtl sag, wann's es braucht, da hab ich mei' Verpflichtigung. Zwei heilige Apostel haben mir net umsonst ihren Nam geben. Und in der Kirch bin ich auf d' Welt kommen, in der Kirch is mei' Heimat, der liebe Herrgott is mein Heimatsvater. Dem bin ich sein Gsell.« »Und mußt ihm schaden mit deiner Arbeit? Ja?« »Schaden?« wollte Hanspeter sagen; aber das Wort ging ihm nicht von der Zunge; tonlos bewegte er die Lippen, und seine Augen blickten ganz verstört. »Daß dich d' Leut bloß auslachen, Peterl, das mußt ja doch merken. Oder net?« »Freilich, ja!« Der Apostel schnaufte. »Alles Gute hat allweil an harten Weg.« »Und mir machst meine Seelsorg noch schwerer, als wie's eh schon ist. Früher einmal, wenn ich meinen Pfarrkindern von der Kanzel herunter ein wenig ins Gewissen geredet hab, da hat's immer ein bißl was geholfen. Aber jetzt? Wenn ich auf der Kanzel das Wörtl ›Christenlieb‹ sag, da denken s' gleich alle an dich und fangen zum lachen an. Schau, vorhin hat's meine Kathrin gesagt, und es ist etwas Wahres dran: was in die Kirch gehört, soll man nicht umtragen auf der Straß und im Wirtshaus. Es verliert an Wert, und wenn man's auch noch so gut meint. Drum versprich mir, Peterl, daß d' Ruh geben willst.« Hanspeter beugte den Nacken, daß sein Buckel noch runder wurde. »Herr Pfarr, tun S' mir verzeihen, aber –« Er schüttelte den Kopf. »Wann ich d' Nannimai anschau und der Ilsabeth ihr Gsichtl –« »Aber ich hab dir doch versprochen, daß ich selber für die Altenöderin reden will. Am nächsten Sonntag.« Die Tür wurde geöffnet, und Kathrin trat auf eine Art in die Stube, als hätte sie draußen just auf diesen Augenblick gewartet. »Hochwürden, es is Zeit zum Rosenkranz. Ziehen S' Ihre Stiefel an!« »Ja ja, is schon gut!« Herr Felician winkte mit der Hand. Aber Kathrin blieb wie eine Schildwache neben dem Pfarrer stehen. Hanspeter blickte zur Köchin auf, sah den Hochwürdigen an – und erhob sich. Schwül atmend strich er sich mit der schweren Hand das Haar in die Stirn und sagte langsam: »No ja, meintwegen! Warten wir halt a bißl zu. Heut auf'n Abend muß ich eh in d' Holzerstuben auffi und komm die ganze Woch nimmer abi. Wart ich halt, wie's ausschaut am nächsten Sonntag.« Er hob die kummervollen Augen. »Aber was S' mir versprochen haben, Herr Pfarr –« »Wenn ich doch sag –« »Hochwürden«, fiel Kathrin dem Pfarrer ins Wort, »jetzt pressiert's aber!« Mit beiden Händen, denn die drei Zentner waren nicht leicht vom Platz zu bringen, schob sie den Hanspeter gegen den Flur. »Schau, daß d' weiter kommst, der Herr Pfarr versäumt den Rosenkranz!« Hinter dem stolpernden Apostel schloß sie die Türe. Herr Felician hatte sich aus dem Schlafrock herausgeschält und holte seine Stiefel, die beim Ofen standen. »Ich hab ja zum Rosenkranz noch gar net läuten gehört!« sagte er und sah nach der Uhr. Da machte er ein erstauntes Gesicht. »Aber Kathrin! Wir haben ja noch eine ganze Stund lang Zeit!« »Ich hab Ihnen bloß von dem Lappen da erlösen wollen. Sie hätten ihm sonst noch was versprochen, was S' net halten dürfen.« Der Hochwürdige, in der einen Hand die Uhr, in der anderen einen Stiefel, richtete sich auf. Tiefe Runzeln waren in seine Stirn gegraben. »Kathrin! Ich hab dir's schon hundertmal gesagt: tu dich net einmischen in meine Seelsorgersachen! Das leid ich net.« »Ich misch mich in gar nix eini«, erwiderte die Köchin ruhig, »ich tu mich bloß kümmern um unsern Pfarrhof. Und drum sag ich Ihnen jetzt im Ernst: sind S' gscheid, Hochwürden, und bringen S' Ihnen wegen der Häuslschusterin in keine Unglegenheiten! Lassen S' d' Leut reden, was s' mögen! Wann d' Leut nix zum reden haben, dersticken s'.« »Kathrin, ich sag dir –« »Mischen S' Ihnen in die Sach net eini! Durchs Aufrühren wird alles bloß ärger. Sie wissen, was für Lackeln unsere Buben im Ort da sind.« »Kathrin!« Immer gereizter klang die Stimme des Pfarrers. »Sind S' gscheid und denken S' an den Verdruß vor fünf Jahr, mit der alten Moosrainerin. Wie Ihnen d' Leut in der Nacht alle Zwetschgenbäum abgschnitten haben in unserm Garten.« »Zwetschgenbäum! Zwetschgenbäum! Als ob's in der Welt nix gäb, was wichtiger is.« Mit Nachdruck setzte Herr Felician den Stiefel zu Boden. »Und wachsen ja die jungen schon wieder nach!« »Ja, aber Zwetschgen erleben wir zwei keine mehr!« »So wird's mein Herr Nachfolger erleben.« »Da haben schon Sie was davon.« Herr Felician erhob den Zeigefinger, und seine Stimme wurde scharf. »Kathrin! Jetzt ist es genuggg! Fertig!« »Ja ja, bin schon fertig. Und jetzt setzen S' Ihnen noch a Viertelstündl her und tun S' d' Aufregung verschnaufen! Ich geh und mach Ihnen an frischen Kaffee.« Als Kathrin hinter sich die Türe zuzog, setzte Herr Felician mit dem Finger energisch einen Punkt in die Luft. »Jetzt grad! Jetzt wird das arme Weibl erst recht verteidigt! Jetzt grad!« Draußen im Hausflur machte Jungfer Kathrin ihre strengsten Augen, als sie den Hanspeter noch vorfand, der mit dem zerbrochenen Stuhl beschäftigt war. »Was tust denn du noch da?« »Den Sessel hab ich ausananderglegt. Ich mach dem Herrn Pfarr drei Füß eini, die besser heben, als wie die alten.« Hanspeter packte die Lehne, das Sitzbrett und die drei geknickten Stuhlbeine unter den Arm. »Gottslieben Nammittag!« Und ging. Hinter ihm warf Kathrin die Haustür zu, daß es einen Krach gab, als wäre ein Baum gefallen. Siebentes Kapitel Im Waldhof herrschte die richtige Sonntagsstille. Das ganze Gesinde war ausgeflogen und nur Roman daheimgeblieben – um das Haus zu hüten, wie er sagte. Erregt, immer an seiner Pfeife hantierend, die nicht brennen wollte, hatte er sich ans Fenster gesetzt und guckte auf die Straße hinaus. Er wartete auf die Julei. Sie muß doch kommen! Wenn sie ihn nur ein ganz klein wenig liebhat, kann sie den Tag nicht vorbeigehen lassen, ohne ihm die Kränkung abzubitten. Aber da draußen auf der Straße ging eins ums andere vorüber: Burschen und Mädchen, die lustig schwatzten, Bäuerinnen, die ihren Heimgart suchten, Bauern, die zur Gemeindeversammlung gingen. Nur die Julei wollte nicht kommen. Roman nahm den Kopf zwischen die Hände und begann zu grübeln. Jedes Wörtlein, das zwischen ihm und Julei gefallen, wollte er aus der Erinnerung herausklauben. Ob er nicht selbst der Schuldige war? Ob er nicht selbst ein Wort zuviel gesagt und die Julei ohne Grund gereizt hatte? Er sann und grübelte. Da sprang es ihm plötzlich aus der Erinnerung heraus, daß er, als er mit Julei vom Mädel der Häuslschusterin gesprochen, nicht ›Lisbeth‹, sondern ›Ilsabeth‹ gesagt hatte. Und gleich fiel dem Roman auch etwas anderes ein. Er hörte den Hanspeter predigen: »Ilsabeth sagt ihr Mutter zu ihr, und die Namen, die aus der Lieb kommen, sind allweil die besten!« Roman machte ein Gesicht, als hätte diese Erinnerung ihn beleidigt. »Jetzt dös is gar dumm!« Er rannte auf die Straße hinaus, weil er eine von den Nachbarinnen des Staudamerhofes kommen sah. »He! Du! Hast d' Julei und ihr Mutter net gsehn?« Das Weibl schüttelte den Kopf. »Seit Mittag nimmer! Warum denn?« »Ich mein' halt, sie müßten bald zum Rosenkranz kommen.« »Da därfst aber lang warten!« Denn die Staudamerin wäre mit ihrer Julei hiuübergegangen ins Nachbardorf, um ihren Vetter zu besuchen. So erzählte das Weibl. Und wackelte die Straße hinauf. Vor dem Kirchhof mußte sich die Alte durch das Gedräng der Bauern schieben, die in dichtem Kreis, an die hundert Köpfe, den Bürgermeister umstanden, der in öffentlicher Gemeindeversammlung eine Schrift verlas. Als der Waldhofer fertig war, ging eine murmelnde Bewegung über die Köpfe hin, und die hundert silberbetroddelten Hüte drehten sich durcheinander wie große, glitzernde Schwarzkäfer. Dann hörte man wieder die Stimme des Bürgermeisters: »Paßts auf, Leut! Jetzt hab ich noch an Antrag, den der Häuslschusterin ihr Nachbar gmacht hat.« Als der Waldhofer den Namen der Häuslschusterin nannte, erhob sich wirres Schreien und Gelächter. Jeder streckte sich, um besser zu hören. Nur die alte Bäuerin war nicht neugierig; die arbeitete mit beiden Ellbogen, um den Friedhof zu gewinnen. Und da bekam sie einen Anblick zu genießen, als wäre die Welt an ihrem Ende nicht mit Brettern vernagelt, sondern mit ledernen Hosen gepflastert. Denn auf der Friedhofmauer saßen, alle mit dem Rücken gegen den Kirchhof, an die dreißig Burschen in langer Reihe nebeneinander und ließen die Beine über die Mauer hinaus gegen die Straße baumeln. Sie hatten im Rat der Gemeinde noch keine Stimme; aber hören wollten sie und über die Weisheit der Alten ihre schlechten Witze machen; es waren die übermütigen ›Dorfloder‹, die überall dabeisein mußten, wo es etwas zu lachen und zu spötteln gab. Und da kamen sie bei keiner anderen Gelegenheit so gut auf ihre lustige Rechnung wie hier. Bei aller Politik des Dorflebens, die da unter freiem Himmel verhandelt wurde, bildeten sie den komischen Chorus, über dessen lachende Kritik sich die Alten manchmal das schönste Grün und Blau an die Nase ärgerten. Zuweilen rief ihnen wohl von den ›hausgesessenen‹ Bauern einer verdrießlich zu: »Jetzt nehmts a bißl Verstand an, Buben, und halts enkere Schnäbel!« Aber schließlich war es ihr ›altes Recht‹, hier auf der Mauer zu sitzen; und jeder von den Bauern, die jetzt im langen Sonntagsrock auf der Straße um den Bürgermeister standen, hatte selbst vor Jahren als ›Lediger‹ in der kurzen Joppe dort oben auf der Mauer gesessen und den eigenen Vater geärgert. Just von der heutigen Versammlung schienen sich die Buben etwas Besonderes zu erwarten. Das merkte man an ihrem Getuschel, mit dem sie die Köpfe zusammensteckten. Für ihre gespannte Erwartung schien der Name der Häuslschusterin ein bedeutungsvolles Wort zu sein. Denn der Waldhofer hatte diesen Namen kaum genannt, als der Staudamerknecht über die Reihe hinrief: »Buben, lusts auf, es kommt!« Da hörte er eine grüßende Stimme: »Gottslieben Nammittag!« Es war die Stimme des Peter Johannes Zdazilek, der vom Pfarrhof kam, mit den Sesseltrümmern unter dem Arm. Dem Staudamer-Mickei gab's einen Riß. Hurtig drehte er das Gesicht und rief dem Hanspeter zu: »He, du, Ratzenspeck, da geh her! Da verhandeln s' ebbes, dös kunnt dich verintressieren!« Hanspeter tat, als hätte er den Zuruf nicht gehört, und ging in aller Ruhe seines Weges. Er mochte wohl denken: da sind viele beisammen, da springt die Schlechtigkeit vom einen auf den andern. Und dem Pfarrer hatte er's in die Hand versprochen, daß er das Evangelium seiner Liebe eine Woche lang in der eigenen Brust verschließen wollte. Draußen auf der Straße hatte sich der schwatzende Lärm der Bauern ein wenig gedämpft, und deutlich konnte man über alle Köpfe weg die Stimme des Bürgermeisters hören: »An Georgi lauft der Häuslschusterin ihr Mietzeit ab. Und da soll die Gmein bschließen, ob man ihr 's Häusl wieder laßt aufs nächste Jahr. Meintwegen kunnt sie's bhalten. Aber –« Als Hanspeter das hörte, verfärbte sich sein häßliches Gesicht, und er streckte das dicke Köpfl aus den Schultern heraus. »Aber da is jetzt an Antrag von ihrem Nachber da, der 's Häusl haben möcht.« »Wird schon wissen, warum!« klang eine lachende Stimme von der Mauer. »Söllene Nachberschaft hat man net gern.« Und eine zweite Stimme: »Hat man den Teufel gar so knapp vor die Füß, da kunntst ihm leicht auf'n Schweif treten. Gelt, Nachber?« Ein wirrer Lärm erhob sich. Und der Nachbar der Häuslschusterin rief: »Ja, Buben, habts recht! Ich will mei' Ruh haben in der Nachberschaft. Ich bin Gmeinbürger und zahl meine Steuern. Ich hab 's Fürrecht gegen fremde Leut.« Er schraubte die Stimme, damit nur ja die ganze Gemeinde den Trumpf seiner Weisheit hören möchte. »Und wann's drauf ankommt, zahl ich fünf Markln mehrer fürs Häusl.« Ein altes Bäuerlein nahm den Hut ab. »Fünf Markln hin oder her, deswegen sollt man zwei arme Weiberleut net um Dach und Ofen bringen.« Zu dieser Meinung nickte der Waldhofer und rief dem Nachbar der Häuslschusterin zu: »Geh, laß dich net aufhetzen! 's Häusl hat ja kein' Nutzen für dich. Was tust denn damit?« »Was ich tu damit, is mei' Sach!« kreischte der Nachbar. »Ich zahl. Und 's ander geht enk nix an. Ich zahl! Ich zahl!« Aus dem Kreis der Bauern klang eine harte, trockene Stimme. »Wer besser zahlt, hat 's bessere Recht!« Es war der Bachbauer, bei dem der Hanspeter als Senn gedient hatte. »Ich bin dafür, daß man der Häuslschusterin für Georgi aufsagt.« Mit nickenden Köpfen stimmte schon die Hälfte der Bauern diesem Antrag zu, als sich eine dünn pfeifende Stimme vernehmen ließ: »Müßt man aber d' Häuslschusterin erst noch fragen, ob s' net ebba mehrer gibt als der Nachber. Geld is Geld. Was geht's mich denn an, wo's herkommt.« Da kam die lebendige Mauer, die den Bürgermeister umstand, ins Drängen und Wanken. »Laßts mich eini!« rief Hanspeter mit erwürgter Stimme. »Um Christi Lieb, ihr guten Leutln, laßts mich eini! Ich hab ebbes z'reden mit der Gmein!« Was seine bittenden Worte nicht erreichten, brachten seine schiebenden Ellbogen fertig: die schwarze Mauer tat sich auf, wie einst der Fels vor dem Stab des Moses. Als die Bauern den Hanspeter sahen, fingen die meisten zu lachen an. Ein paar andere schimpften: »Was will denn der? Was hat denn der zum mitreden in der Gmein?« Auf der Kirchhofmauer rief der Staudamer-Mickei: »Jetzt, Buben, jetzt wird's lustig! Jetzt hebt er zum predigen an!« Er sprang von der Mauer auf die Straße hinunter und drängte sich in den Kreis der Bauern, um dem erwarteten Evangelium recht nah zu sein. Mit Lachen taten es ihm die anderen Burschen nach. Aus dem heiteren Lärm, der den Hanspeter umdrängte, konnte man alle seine Spitznamen hören: buckleter Apostel, böhmischer Peterl, Katzenfleck und Ratzenspeck, verliebte Christenheit, Tröpf-Hannes, Lieb'einand und Züngerl-Wehdam. Mit kreidebleichem Gesicht hatte sich Hanspeter bis zum Bürgermeister durchgearbeitet. Dem alten Waldhofer schien inmitten dieses lärmenden Auftritts nicht sonderlich behaglich zu sein. Schon ein paarmal hatte er die Hand erhoben, um Ruhe zu gebieten. Und als nun Hanspeter vor ihm stand, brummte er ihn ärgerlich an: »Was machst mir denn da für Gschichten? Schau, daß d' heimkommst, statt daß d' mir d' Leut narrisch machst!« Über den hundert Köpfen wurde es plötzlich mäuschenstille – nicht, weil der Bürgermeister Ruhe geboten hatte, sondern weil sie alle neugierig waren, was der bucklige Apostel predigen würde. Hanspeter drückte mit zitterndem Arm die Holzteile des geknickten Sessels an seine Brust. »Waldhofer!« Als aus dem doppelten Menschen heraus diese kleine, schmächtige Knabenstimme kam, lachten schon wieder alle. »Waldhofer! Geld is Geld, hat grad einer gsagt. Und wann's der Gmein nix verschlagt, wo's herkommt, dös Geld – und wann 's meinig net schlechter is, als wie ander Leut ihr Geld –« Dem Hanspeter wurde das Reden so hart, als wäre ihm jedes Wort an die Zunge gewachsen, von der es sein Wille mit Gewalt erst losreißen mußte. »Und wann's schon sein muß, daß der Häuslschusterin aufgsagt wird, so tät ich mich selm ums Häusl bewerben. Fufzg Markln tät ich bieten. 's Geld hab ich daheim, dös kunnt ich heut noch zahlen.« Auf einen richtigen Bauer wirkt nichts in der Welt so komisch, als wenn ein Mensch sein Geld ohne Zweck in den Wind wirft. Drum brach, als Hanspeter seinen Antrag gestellt hatte, in der hundertköpfigen Korona ein schallendes Gelächter aus. Und der Bachbauer schrie: »Der geht ja mit'm Geld um, als ob's mei' Rührmilli wär!« Nur der Waldhofer machte ein verdrießliches Gesicht. »Was fallt dir denn da jetzt ein? Du ewiger Narr, du guter! Mußt dich denn allweil von die andern ausnutzen lassen? Daß du 's Häusl für dich selber net haben willst, dös denk ich mir eh! Hast ja bei mir daheim dei' Liegerstatt. Mach, daß d' weiter kommst!« In Hanspeters bleichem Gesicht erschienen brennrote Flecke und seine Stimme bekam den Klang eines zähen Eigensinns. »So sag ich halt, wie der Nannimai ihr Nachbar sagt: ich zahl, ich zahl! Und mehrer Geld, hat einer gsagt, is mehrer Recht. Daß so ebbes wahr wär, hätt ich nie net glaubt. Jetzt hab ich's lernen müssen.« Von den Gemeinderäten wollte der eine das Angebot ernst nehmen, ein anderer versuchte den Preis noch zu steigern. Und von der Mauer herüber rief eine lustige Stimme: »Paßts auf, der Lieb'einand heirat d' Häuslschusterin! Da treiben sie 's Hexen in der Kumpanei!« Wieder brach das Gelächter los. Nur ein einziger unter den hundert Bauern war nicht zum Lachen aufgelegt: der Nachbar der Häuslschusterin. Wütend schrie er den Bürgermeister an: »Ich hab an Antrag gmacht. Über mein' Antrag muß abgstimmt werden. Ich zahl meine Steuern. Mein Recht will ich haben! Und d' Ruh in der Nachberschaft! Söllene Sachen? Ah na! Da hab ich schon lieber den Herrgott auf'm Buckel, als wie den Teufel am Gnack.« »Herrgott? Du?« keuchte Hanspeter. »Du traust dir noch ›Herrgott‹ sagen? Tut dich dös heilig Wörtl net dersticken?« Die dem buckligen Apostel zunächst standen, sahen ihm verwundert in das veränderte Gesicht – so verwundert, als wäre ein lammfrommes und geduldiges Arbeitsroß aus unerklärlichen Gründen plötzlich scheu geworden, so daß man sich vor seinen Hufen in acht zu nehmen hatte. Dem Nachbar der Häuslschusterin blieb im ersten Augenblick die Widerrede in der Kehle stecken. »So einer! Wie der sich aufspielt!« Er wandte sich zum Bürgermeister. »Die Gmein soll abstimmen. Die Muschen, die zwei, die müssen fort aus'm Dorf.« Nun wandte er sich wieder zum Hanspeter. »Was der sich verlaubt in der Gmein! So a Legwickl, so a böhmischer, mit dem uns d' Mutter die Kirch verschandelt hat!« Hanspeter hob seine Faust. Und ließ sie wieder sinken. »Du mußt kei' Mutter net ghabt haben. Sonst kunnst net so von der meinigen reden. Oder bist du von dieselbigen einer gwesen, die meiner Mutter d' Haustür zugsperrt haben? Du Christ!« Er sprach dieses Wort, wie man einen Faustschlag austeilt. »Jetzt geht's an!« schrie der Staudamerknecht. »›Christ‹ hat er gsagt, und d' ›Lieb‹ kommt nach. In eim Schnaufer bringt er so a doppeltes Wörtl so a zaachs net aussi.« Einer der lachenden Burschen klopfte den Hanspeter wohlwollend auf die Schulter. »Recht hast, Peterl! Tu predigen! Der hat's verdient. Der weiß nix von der Lieb, sei' Alte hat's mit eim andern.« Während der Nachbar der Häuslschusterin, erbost durch diesen üblen Scherz, zu schimpfen begann, schien Hanspeter plötzlich ruhig geworden. Er drückte die Holzteile des geknickten Sessels an seine Brust, sah mit Kummer über die lachenden Gesichter hin und nickte. »Sie sind halt, d' Leut, wie s' sein müssen, hat er gsagt!« Er wandte sich dem scheltenden Nachbar zu. »Vergeltsgott, Herr Vetter! Gut gnagelte Schuh haben S' an. Mein Herz hat's spüren müssen. Bleiben S' mir an anders Mal net gar solang droben!« Dazu konnte Hanspeter lachen – ein Lachen, wie wenn Glas zersplittert. Aber sein ruhiges Wort ging unter in dem Lärm, der ihn umdrängte. »No, was is denn?« kreischte der Staudamer-Mickei. »Aussi mit die heiligen Tön! Heut brauchen wir's wieder amal. Keiner von uns hat d' Lieb.« Dieser Spott brachte Hanspeters schwer erkämpfte Ruhe wieder ins Wanken. In seinen blauen Augen flammte ein Zornblitz auf. »Gelt, tu mich net spötteln, du! Wann einer 's Predigen braucht, bist du's! « »Recht hast! Ich bin der erst, der die Muschen, die zwei, mit Haselnußstecken aussistampert zum Ort.« »Du –« Erschrocken duckte sich Mickei, als er diese klobige Faust sich erheben sah. Doch wieder zwang sich Hanspeter zur Ruhe. »Sag, was d' willst! Heut hab ich's dem guten Herrn Pfarr in d' Hand verlobt, daß ich stad bin.« Er hob den Arm. »He, Leut!« Um den Lärm zu übertönen, wollte er Kraft in seine Stimme legen; doch sie klang nur dünner noch, schneidend und schrill. » Eins , Leut, eins muß ich sagen!« Sein schwerer Körper streckte sich. »Tuts mir der Nannimai nix an! Tuts dem guten Weibl nix Unrechts nachreden! Es is alls net wahr. Die Klafter hat ihr a Christenmensch aus Erbarmnis gschenkt. Und ich , Leut, ich bin's gewesen, der ihr die Klafter kleingmacht hat in der Nacht. Mich hat der Wachter gsehen. Und ich , Leut, ich bin doch gwiß kein Teufel net. Gelt, na?« »Kunnt schon sein, daß d' einer bist!« klang eine heitere Stimme aus dem Kreis der Verblüfften. »Einer von die dummen Teufel, weißt!« Unter dem Gelächter, das dieser Zuruf weckte, zog ein halbwüchsiger Bursch, der bei der Sache seinen Privatjux haben wollte, dem Hanspeter das Sitzbrett des geknickten Sessels unter dem Arm hervor und schlug es ihm auf den breiten Rücken, daß es klatschte. Zum erstenmal in seinem Leben verstand der Hanspeter keinen ›Spaß‹. Das Gesicht von Zornröte übergossen, wandte er sich und führte einen Schlag mit der Faust. Freilich, als er den schmächtigen Buben sah, hielt er im halben Streich noch inne. Aber da schrien sie schon mit allen Stimmen durcheinander: »Abwehren! Abwehren! Raufen und zuschlagen will er auch noch, der! Abwehren! Abwehren!« Das ist ein Wort, das in der Sprache des Volkes einen ganz wunderlichen Sinn umschließt. Abwehren – das bedeutet im Dorf, daß zwanzig über einen herfallen, wie Bienen über einen Käfer, der zu ihrem Honig will. Unter wirrem Gedränge wuchs ein ganzer Wald von erhobenen Fäusten gegen den Hanspeter an. Die Sessellehne und die geknickten Stuhlbeine rissen sie ihm unter dem Arm hervor und begannen damit auf Hanspeters Kopf und Rücken loszutrommeln. Erschrocken rief der Bürgermeister: »Malefizbuben! Wollts Fried halten oder net?« Aber das ›Abwehren‹ war bereits im schönsten Gang, und man hörte klatschende Schläge und das Keuchen des einen, auf den sie niederfielen. Um die Würde des Gemeinderates zu wahren, blieb dem Waldhofer nichts anderes übrig, als die Versammlung für geschlossen zu erklären und davonzuwandern, weil er mit solchen ›Unsinnigkeiten‹ nichts zu schaffen haben wollte. Jeder Kluge tat es ihm nach und machte flinke Beine. Im Knäuel der ›Abwehrenden‹, die sich rings um den Hanspeter balgten, wurde noch immer gelacht, so daß es den Anschein hatte, als wäre das gar keine Rauferei, sondern eine lustige Hetze, die man sich auf Kosten des buckligen Apostels und zu Ehren des Sonntags erlaubte. Wer untätig aus sicherer Entfernung zusah, lachte mit. Droben im Kirchhof bei der Mauer, die von den Jungen verlassen war, sammelten sich jetzt die Alten und guckten schmunzelnd auf das lärmende Schlachtbild nieder, das die Straße füllte. Die Weiber, die zur Kirche wollten, blieben stehen und fingen zu schelten an. Schreiend kamen die Schulbuben gelaufen, und um ihr bescheidenes Teilchen an dieser Feiertagsfreude der Burschen mitzugenießen, ballten sie den schmutzigen, halbzerschmolzenen Schnee zu Klumpen und begannen aus geschütztem Hinterhalt den Schwarm der ›Abwehrenden‹ zu bombardieren. Hanspeter, auf den die ›abwehrenden‹ Fäuste niederhämmerten, schlug noch nicht zurück. Doch er begann mit den Armen zu rudern wie ein ungelenker Schwimmer – und da purzelte bald zur Linken, bald zur Rechten ein Bursch in den Schnee. Wütend sprangen die Gestürzten auf, schimpften und fluchten, als wäre ihnen bitteres Unrecht geschehen, und schlugen in heißem Zorn auf den Hanspeter ein. Der begann sich jetzt seiner Haut zu wehren, und von seinem ersten Streich getroffen, taumelte einer der Burschen mit blutender Nase gegen die Kirchenmauer. Da merkten die lachenden Zuschauer, daß sich der Jux in bösen Ernst verwandelte. Die Alten auf der Mauer fingen zu schreien an, erschrocken rannten die Schulbuben davon, einige Weiber liefen kreischend auf die Raufenden zu, rissen ein paar von den Burschen an den Joppen zurück und schlugen mit den Rosenkränzen auf die brennenden Köpfe los – um abzuwehren! Dazu begannen die drei Glocken des Kirchturms die Nachmittagsandacht einzuläuten. Die hallenden Klänge schwebten friedlich in den milden Wintertag hinaus. Und aus dem reinen Blau lachte die Sonne, als hätte sie ihre Freude an der schönen Erde und ihren guten Menschen. Erst als die Glocken schwiegen, hörte man wieder das Geschrei der Raufenden und das Gezeter der Weiber und Bauern. Aus allen Nachbarhäusern kamen die Leute gelaufen; alle Kirchgänger, die den Lärm vernahmen, fingen zu rennen an. Auch der hochwürdige Herr Felician Horadam, der, von Kathrin vor die Schwelle des Pfarrhofes geleitet, just den Weg zur Sakristei antreten wollte, hörte den kreischenden Spektakel. »Jesus Maria! Da raufen s' schon wieder, die verflixten Buben!« Er wollte lange Schritte machen; aber Kathrin faßte ihn am Talar: »Hochwürden! Ich bitt Ihnen um Gottswillen, tun S' Ihnen da net einimischen!« »Laß aus!« befahl Herr Felician und eilte über den Friedhof hin, daß hinter ihm der schwarze Talar mit wehenden Falten rauschte. Weiber kamen ihm entgegengelaufen und kreischten: »Herr Pfarr, Herr Pfarr, sie derschlagen anand!« Als er zur Mauer kam und das böse Bild auf der Straße sah, besann er sich nicht lange, ließ sich über die Mauer hinuntergleiten und drängte sich in den Knäuel der Raufenden. »Wollts Ruh geben, ihr gottvergessenen Buben! Ruh geben! Gleich auf der Stell!« Das Wort des Pfarrers wirkte, und der Knäuel der Streitenden löste sich. Während einer mit blutendem Gesicht, ein zweiter ohne Hut und mit zerrauftem Haar, ein dritter mit hinkendem Fuß und zerrissener Hose sich beiseitedrückte, blieb Hanspeter allein auf dem Schlachtfeld. Er atmete schwer, die Joppe hing in Fetzen von ihm nieder, sein Gesicht war bleich und rotfleckig, Mund und Ohren blutig gekratzt, und seine Augen starrten wie die Augen eines gehetzten Wildes. Bekümmert betrachtete ihn der Pfarrer. Und er schien es gleich zu erraten: der Hanspeter ist der Schuldige nicht! »Wer hat angefangen?« fragte Herr Felician scharf. Alles blieb still. »Wer hat angefangen?« »Der Hanspeter!« rief der Staudamer-Mickei. Und ein Dutzend andere riefen es ihm nach: »Der Hanspeter! Der Hanspeter!« Das Gesicht des Pfarrers wurde rot. »Das ist nicht wahr! Wer hat angefangen?« Jenes weißhaarige Bäuerlein, das in der Gemeindeversammlung der Meinung gewesen, man sollte nicht wegen fünf Mark zwei arme Weibsleute um Dach und Ofen bringen, erzählte dem Pfarrer, wie der böse Handel begonnen hätte. Da schien sich der abgeklärte, geduldige Herr Felician Horadam plötzlich wieder in das ›gewalttätige Hitzköpfl‹ zu verwandeln, das er nach seinem eigenen Bekenntnis ›vor dreißig Jahren‹ gewesen. Sein rundlicher Körper streckte sich, und mit schallender Stimme begann er den Burschen seine Meinung so gründlich zu sagen, daß sie ihn mit scheuen Augen anguckten. Jetzt hatten sie die Predigt, die ihnen der Hanspeter nicht halten wollte. Es war eine Predigt, so kräftig, wie Herr Felician seit langen Jahren keine mehr gehalten hatte. Und weil er schon im Zuge war, bekamen sie auch gleich zu hören, was ihnen der Pfarrer erst am nächsten Sonntag von der Kanzel herunter hatte sagen wollen: daß es, ›vom christlichen Standpunkt aus betrachtet‹, eine grobe Sünde und, ›mit ein bisserl Menschenverstand angesehen‹, ein kindischer Unsinn wäre, an Hexen zu glauben, und daß, wer so üble Gerüchte ausstreue, wie sie über die Altenöderin in Umlauf kämen, entweder ein dummer Mensch sein müsse, oder ein schlechter. »Ui, sakra«, zischelte von den Burschen einer, »heut redt er Wörtln, als hätten s' zwei Fäust, die ein' bei die Ohren packen!« Und ein zweiter hetzte: »Dös braucht man sich doch net gfallen z'lassen!« Und ein dritter stieß den Staudamer-Mickei mit dem Ellbogen an: »Jetzt zeig, daß d' Schneid hast!« Mickei, aus dessen käsigem Gesicht die Augen mit lauernder Unruh blickten, lachte vor sich hin: »Ja! Heut spielt er sich a bißl gar keck auf!« Herr Felician hörte diesen tuschelnden Kommentar seiner Predigt nicht. Doch er schien den Widerspruch zu fühlen, der um ihn her in der Luft lag. Aber das schüchterte ihn nicht ein; im Gegenteil; er schloß seine Standrede mit so derben Worten, daß sie die Goldwaage schwerlich passiert hätten. Und das Amen seiner Predigt lautete: »So, ihr Lackln, ihr unchristlichen, jetzt kann sich's jeder hinter d' Ohren schreiben, was ich euch gsagt hab! Hoffentlich hilft's was. Oder es müßt schon Hopfen und Malz an euch verloren sein.« In das Schweigen, das diesen Worten folgte, klang eine Stimme, grob und frech: »He! Buben! Müssen wir uns auf der Gassen so ebbes bieten lassen? Aus die Schulstrümpf, mein' ich, wären wir lang schon aussigwachsen.« Herr Felician, mit dunkelrotem Gesichte, hob sich auf die Fußspitzen. » Wer hat da was zu sagen?« »Geh, tun S' Ihnen net so aufblasen, Herr Pfarr! In der Kirch drin können S' predigen, solang S' mögen. Aber auf der Gassen is einer wie der ander. Da gibt's kein' Pfarr.« Ein wirrer Lärm erhob sich. Die Burschen hielten es mit dem Staudamer-Mickei, der seine ›Schneid‹ gezeigt hatte, während die Weiber Partei für den Pfarrer nahmen. Nur ein einziger blieb stumm – der Hanspeter. Er versuchte zu Herrn Felician hin einen Schritt zu machen; doch wie ein Trunkener taumelte er zurück und mußte sich, um nicht zu stürzen, an die Friedhofmauer lehnen. Droben über dem Rand der Mauer war mit verstörtem Gesicht die Jungfer Kathrin erschienen. In Sorge um ihren geistlichen Herrn kreischte sie: »Herr Pfarr, der Rosenkranz – Herr Pfarr, der Rosenkranz –« »Ja, ja, Kathrin, hast recht!« rief Herr Felician. Alle Glut seines humanen Eifers, aber auch aller Zorn schien plötzlich verkühlt in ihm. Einen ruhigen Blick noch warf er auf den Staudamer-Knecht und nickte vor sich hin. »So so, der Mickei? Ah freilich, der hat's nötig!« Dann hob er die Hände, um die lärmenden Weiber zu beschwichtigen. »Lassen wir's gut sein! Gehen wir lieber hinein und reden wir mit unserm Herrgott! Kommts, Leutln, der Rosenkranz fangt an! Komm, Peterl, in der Kirch drin is dei' Heimat, da drin bist sicher!« Herr Felician schürzte den Talar und watete durch die Schneepfützen zum Tor des Friedhofes. Ein schwatzender Trupp von Weibern schob sich hinter dem Pfarrer her, während der lärmende Schwarm der Burschen, geführt vom Staudamer-Mickei, hinüberzog in das nahe Wirtshaus. Hanspeter, der sich mit kalkweißem Gesicht an die Mauer lehnte, hatte die Hand gestreckt, als wollte er sie dem Pfarrer reichen. So stand er eine Weile, dann fiel ihm der Arm herunter. Seufzend tat er die Lider zu, ein Wanken kam über seine schwere Gestalt, und aus dem Mundwinkel sickerte ihm ein roter Tropfen. Jetzt brach er lautlos zusammen, kollerte ein Stücklein über den nassen Schnee, und so blieb er liegen. Niemand kümmerte sich um ihn. Nur ein paar Schulkinder standen scheu erschrocken um den Hanspeter her. »Da schau!« stotterte ein fünfjähriges Dirnlein und deutete auf das Blut, das unter Hanspeters Hüfte hervorsickerte und in dem nassen Schnee zerfloß. »Jetzt muß er sterben, der Batzenweckerl!« erklärte ein kleines Bürschl mit altklugem Gesicht. »Gradso is der Simmerl daglegen, den unser Stierl derstoßen hat.« Das Dirnlein machte im Schnee ein Hockerl und sah dem Hanspeter in das entfärbte Gesicht. »Meinst, Pepperl, daß er schon tot sein tut?« »Aber gwiß! Der lebt schon lang nimmer.« Da sah das Dirnlein auf der Straße zwei verspätete Kirchgängerinnen daherkommen: die Altenöderin mit ihrem Mädel. »D' Häuslschusterin kommt, die muß den Ratzenspeckerl wieder lebendig hexen.« Wie getrieben von einer Angst, die es selber nur halb verstand, begann das Dirnlein der Altenöderin entgegenzulaufen. »Häuslschusterin!« Zitternd klammerte sich das Kind an den Rock der alten Frau. Verwundert sah Mutter Nannimai auf das Dirnlein nieder. Denn daß die Kinder ihr entgegenliefen, das war sie nicht gewöhnt; die pflegten vor ihr davonzurennen, sich hinter die Stauden zu stecken und zu singen: »Zwei mal zwei macht sechs sechs sechs, soviel macht's bei der Hex Hex Hex!« Und da kam nun eines und klammerte sich an ihren Rock, als möcht es um eine Wohltat betteln. Mutter Nannimai legte dem Dirnlein die Hand auf das zausige Köpfl. »Was magst denn, Kinderl?« »Bitt schön, Häuslschusterin, tu den Ratzenspeckerl wieder lebendig hexen!« Da hatte Lisbeth den regungslosen Schläfer im blutigen Schnee bereits erblickt. »Jesus Maria!« stammelte sie, zu Tod erschrocken. Sie begann zu laufen, warf sich neben Hanspeter auf die Knie, rüttelte ihn an der Schulter und schrie wie von Sinnen: »Mutter, Mutter, Mutter!« Als die Altenöderin herbeigehumpelt kam, hatte Lisbeth schon den Kopf des Bewußtlosen auf ihre zitternden Arme gehoben. Und da lagen sie nun alle beide auf den Knien und mühten sich vergebens, den schweren Körper des Ohnmächtigen aufzurichten. Die Altenöderin rieb ihm das Gesicht mit Schnee und fühlte nach seinem Herzen. Das schlug wie ein schwerer, müder Hammer. »Er lebt, er lebt! Tummel dich, Kindl, und lauf! Schau um Leut, daß wir ihn heimbringen!« Lisbeth rannte zum nächsten Haus. Und da sah sie den jungen Waldhofer die Straße heraufkommen. Die Arme streckend, mit ersticktem Laut, eilte sie ihm entgegen. Diesen tonlosen Schrei hatte Roman nicht gehört. Das Gesicht geneigt, kam er langsam gegangen, wie einer, der in allen Gliedern die Ermüdung nach schwerer Arbeit spürt. So müd hatte ihn das Warten auf die Julei gemacht. Und so versunken war er in seine grübelnden Gedanken, daß er zusammenschrak, als Lisbeth seine Hand umklammerte. Was sie stammelte, schien er nicht zu hören; er sah ihr nur immer in das vom Schreck verstörte Gesicht. Erst die Stimme der Altenöderin weckte ihn aus diesem tauben Schauen. »Waldhofer«, schrie sie, »Waldhofer, um Christi willen, komm her, komm her!« Nun sah er den Hanspeter, dessen Kopf die Altenöderin auf ihren Armen hielt. Ohne Lisbeths Hand zu lassen, fing Roman zu laufen an und riß das Mädel mit sich fort. »Da, Waldhofer, schau! Den Hanspeter haben s' derschlagen!« Roman brauchte nur einen Augenblick, um allen Schreck von sich abzuwerfen. Er jammerte nicht, sondern wußte gleich, was zu tun war. »Zuerst muß er heim!« Eins von den Kindern hieß er zum Doktor laufen: der sollte gleich in den Waldhof kommen. Dann eilte er in das Gehöft des nächsten Hauses und brachte einen Schubkarren. Den schweren Körper des Bewußtlosen diesen halben Fuß hoch auf den Karren zu heben, das war harte Arbeit. Keuchend halfen die drei zusammen. Roman und Lisbeth verschlangen die Hände, und so schoben sie dem Hanspeter ihre fest aneinandergefesselten Arme wie Traggurten unter den Rücken. »Gott sei Dank!« sagten sie alle drei, als der Bewußtlose auf dem Karren ruhte. Damit sein Kopf nicht auf den harten Stangen liegen sollte, riß Lisbeth ihr Wolltuch und ihren Spenzer herunter – Roman gab seine Joppe dazu – und das alles, zu einem Kissen geballt, schoben sie unter Hanspeters Nacken. Und damit seine Arme nicht vom Karren niedergleiten konnten und im Schnee schleifen, faßte Lisbeth die eine und ihre Mutter die andere von Hanspeters Händen. Roman hob den Karren und begann zu schieben. Unter der Last dieses doppelten Menschen und in dem klebrigen Schnee ging das plumpe Rad nur langsam vorwärts. So brachten sie ihn heim und sprachen kein Wort dabei. Und dennoch war es kein ›stiller Zug‹. Denn die Glocken läuteten, alle drei, weil just im Rosenkranz Herr Felician Horadam seinen ›Andächtigen in Christo‹ den Segen erteilte. Lisbeth und Mutter Nannimai, während sie dem Karren zu beiden Seiten gingen, sahen nur immer den Hanspeter an; Roman aber schien neben seiner Sorge um den gemarterten Apostel noch eine andere zu spüren. Lisbeth hatte doch ihr Tuch und ihren Spenzer für den Hanspeter hergegeben, und nun zauste ihr der Wind das dünne Linnen, das bald in Falten pluderte, bald wieder glatt sich anschmiegte an den schlanken, linden Mädchenkörper. Ihre nackten Arme und der entblößte Nacken begannen sich in der frischen Luft zu röten. »Lisbeth? Tust net frieren?« Sie schüttelte den Kopf. Als der Karren um die Ecke der Straße verschwunden war, standen die Kinder noch immer unter dem Geläut der Glocken bei der Kirchhofmauer und guckten auf die roten Flecke im Schnee. Da kam vom Wirtshaus her ein Gendarm gelaufen, der den Helm zurechtsetzte und die Säbelkuppel enger schnallte. Die Kinder wollten Reißaus nehmen, doch als sie dieses energische »Halt!« vernahmen, blieben sie zitternd stehen. Die Brauen aufgezogen, mit sachkundigen Blicken, musterte der Herr Gendarm das Bild des Schlachtfeldes. »Aaah, da haben wir s' ja schon; die Korpes dilekti!« In Wichtigkeit und Eifer sammelte er verschiedene Fundstücke zu einem Häuflein: eine Stuhllehne, ein Sitzbrett, einen Hut und drei geknickte Sesselbeine. »Ohne Stuhlfuß, natürlich, kann's bei uns net abgehn!« philosophierte er. Mit einem Zollstab, den er hinten aus der Hose hervornahm, maß er die Blutspuren im Schnee und die Länge aller Fußstapfen, die rings um die roten Flecke her zu erkennen waren. Dann begann er mit strenger Stimme eine Frage um die andere an die Kinder zu stellen, und was die kleinen, zitternden Schächer zu bekennen wußten, notierte er mit langem Bleistift in sein Taschenbuch. Achtes Kapitel Vor der Tür des Waldhofes, wo die Sonne schon große Flecken aus dem Schnee herausgeschmolzen hatte, saßen Lisbeth und die Altenöderin auf der Hausbank. Sie warteten und lauschten. Denn der Doktor war beim Hanspeter in der Kammer. Da hörten sie einen Schritt. Alle beide standen sie auf. Roman trat aus der Türe, bleich, in der Hand eine Blechschüssel mit rotgefärbtem Wasser, in der anderen den Spenzer der Lisbeth. »Da hast dein Jankerl! Der Doktor hat mich braucht. Sonst hätt ich dir's schon lang aussibracht. Hast net frieren müssen?« Lisbeth schüttelte den Kopf und schlüpfte in den Spenzer, während die Mutter fragte: »Wie geht's ihm denn?« »Der Dokter meint, daß er's durchreißt!« Roman spülte am Brunnen die Schüssel. »Vom Rücken her hat ihm einer 's Messer einigstochen.« Er lächelte ein wenig. »Oft schon hab ich lachen müssen über die bretterne Juppen, die er tragt. Die hat ihm gholfen jetzt. 's Lungenspitzl, sagt der Dokter, war noch a bißl angschnitten. Aber so a Bärenmensch wie der Peterl vertragt schon was. Der Dokter meint, daß er's durchreißt in vierzehn Tag.« Roman trug die mit Wasser gefüllte Schüssel ins Haus. Auf der Schwelle wandte er das Gesicht, als hätte er noch was zu sagen. Doch schweigend ging er. Mit großen Augen sah Lisbeth ihm nach und legte den Arm um die Mutter. »Wirst sehen, er kommt wieder auf. Wenn's der Roman sagt, muß's wahr sein.« Die Altenöderin nickte. Und jetzt, da ihre Sorge in Hoffnung verwandelt war, erwachte der Groll in ihr. Mit einem Zornblick glitten ihre Augen über die öde Straße hin. »Alle sind s' in der Kirch und raspeln den Rosenkranz! Und einer, der 's blutige Messer im Sack hat, schreit am frömmsten!« Sie lachte bitter. »Schau dir an, wie d' Menschen sind! Einer is schlechter wie der ander. Und den einzigen, der gut is, den derschlagen s'!« »Na, Mutter!« sagte Lisbeth ruhig. »Einer, wie der Roman is, und einer wie der Hanspeter, die wiegen alle Schlechten auf. Und hast an einzigen, an den glauben darfst, so geht der Glauben an die anderen mit drein.« Wieder nickte die Altenöderin. »Er wird halt für uns wieder gredt haben! Und deswegen muß er bluten. Und bei der Kirch hat's gschehen müssen! Sonst tät ebbes fehlen dran.« Im gleichen Augenblick begannen die Glocken zu läuten, die den Schluß des Rosenkranzes verkündeten. »Ja, ja, tuts ihn nur einsegnen, enkern heiligen Sonntag!« Zornig lachend machte die Altenöderin ein Kreuz in die Luft. »Jetz kommt's schon bald so, daß mir der Teufel lieber is als wie der Herrgott, an den d' Menschen glauben.« »Mutter!« stammelte Lisbeth. Da kam der junge Waldhofer aus der Tür gelaufen. »Der Dokter tut ihn verbinden grad. Soviel ungeschickt stell ich mich an dabei. Und da meint der Dokter, a Weiberleut war ihm lieber zur Hilf.« Beide wollten ins Haus, Mutter Nannimai und Lisbeth. Aber Roman gab nur für die Altenöderin die Schwelle frei und faßte Lisbeth bei der Hand. »Geh, laß d' Mutter eini!« sagte er. »Wie er daliegt, der arme Kerl, dös is net gut zum Anschaun. Aber mußt dich net sorgen! Der Dokter hat ihm ebbes eingeben für'n Wehdam. Gar nix spürt er nimmer.« Da fühlte er, daß ihre Hand so kalt wie Eis war. »Gelt, daß d' frieren hast müssen! Ich spür ja, wie kalt als bist.« Doch ihre Wangen brannten. Und die Augen zu ihm aufhebend, sagte sie leis: »Vergeltsgott!« Dieses Wort machte ihn verlegen. »Vergeltsgott? Für was denn?« »Weil so gut bist mit'm Hanspeter.« »No ja, so a braver Mensch, und – aber ich glaub, der Dokter braucht mich.« Roman surrte davon. Lisbeth setzte sich auf die Bank und legte die Hände in den Schoß. So blickte sie hinaus in das schimmernde Blau des Himmels; und die Sonne, bevor sie über das Hausdach hinübertauchte, umzitterte das Gesicht der Lisbeth noch mit einem warmen Strahl. Auf der Straße erschienen die ersten Leute, die von der Kirche kamen. Als sie vor dem Zaun vorübergingen und die Tochter der Häuslschusterin im Waldhof sitzen sahen, fingen sie zu schwatzen an. Lisbeth schien nicht zu hören. Doch einen Schritt im Haus, den hörte sie gleich. Und da stand der Roman auf der Schwelle. »Ilsabeth, geh, komm eini! Allweil fragt er nach dir. Und zudeckt is er jetzt auch schon wieder.« Er faßte Lisbeth bei der Hand; der Weg zu Hanspeters Kammer ging in dem großen Haus um ein Dutzend Ecken; da mußte man ein Fremdes führen, oder es fand sich nicht zurecht. »Der Dokter hat ihm 's Reden verboten. Aber gar net folgen will er, und allweil sagt er dein' Nam! Der tut enk mögen, der! No ja, wird schon wissen, warum! – Paß auf, da kommen drei Staffeln! – Und soviel zittern tust! – Gleich haben wir's, gleich!« Am Ende eines langen, dunklen Ganges stand die niedere Tür zu Hanspeters Kammer offen. »A Glück«, hörte man die Altenöderin sagen, »a Glück, daß der Herr Dokter seine Sachen gleich dabeighabt hat!« »Wie ich ghört hab, sie haben grauft«, erwiderte eine derbe, lachende Stimme, »da hab ich mir gleich alles schön ins Taschl packt, was man braucht für die Bauern. A paar Löcher im Kopf, a gsunder bajuwarischer Messerstich oder an ausdruckts Äugerl, auf so was muß ich allweil gfaßt sein.« Ein scharfer, süßlicher Geruch von Karbol und Jodoform erfüllte die kleine Stube; sie war halb verdunkelt, weil der Doktor, der bei dem winzigen Fenster stand und seine Tasche einkramte, mit seinen breiten Schultern das Licht verdeckte: ein noch junger Mann, in seiner Erscheinung ein wenig verbauert, mit glattrasiertem Gesicht und klugen, flink beweglichen Augen. Die Altenöderin stand zu Füßen der ungeschlachten, grob gezimmerten Bettstatt. Hanspeter war mit einer grauen Lodenkotze zugedeckt und hatte um die Stirn einen nassen Bund, der das ›dicke Köpfl‹ um ein ausgiebiges Teil noch dicker machte. Das frische Hemd, das man ihm angezogen hatte, stand am Hals weit offen und zeigte den Verband, der dem Hanspeter um die Brust gelegt war – die brüchig gewordene Tonne seines Lebens hatte einen neuen Reif bekommen. Als Roman und Lisbeth in die Kammer traten, wandte der Doktor das Gesicht. »Sakerlott! Kommt aber da a saubers Madl! Und a gsunds Madl.« Er lachte. » Mich hat s' noch net braucht.« Er beugte sich über das Bett und streichelte dem Patienten freundlich das driedoppelte Köpfl. »Ja, Peterl, das begreif ich, daß du nach der verlangst!« Roman fühlte das Bedürfnis, den Doktor aufzuklären: »Die zwei sind wie Bruder und Schwester, wissen S'!« »Sooo? No ja, Bruder und Schwester is auch was Schöns!« Der Doktor lächelte. »Lang halt's aber net, wenn's net angeboren is. No also, Madl, komm her und schau dir's an, dein blessiertes Brüderl!« Lisbeth trat zum Bett. »Ilsabeth!« wollte Hanspeter sagen; doch es war nur ein gurgelnder Laut, der ihm aus der Kehle quoll. Er mußte husten, und rote Bläschen traten ihm über die Lippen. Erschrocken beugte sich Lisbeth über ihn und sagte leis: »Geh, Peterl, tu net reden! Dös kunnt dir schaden, weißt!« Sie nahm ein weißes Tuch, das auf der Decke lag, und trocknete dem Hanspeter den Blutschaum von den Mundwinkeln. Nun lag er ruhig, und unter dem Stirnbund glänzten seine blauen Augen hervor wie die Augen eines Gesunden. »Die hat a linds Handerl!« meinte der Doktor. »So a Krankenpflegerin tät ich mir gfallen lassen. Die möcht den Peterl rausreißen in der halben Zeit.« Lisbeth richtete sich auf. »Der hat uns so viel Guttaten erwiesen. Tag und Nacht tät ich dableiben! Gern!« Da lachte der Doktor. »Ui jegerl! Jetzt geht d' Welt unter. A Mensch, der dankbar is!« Er streckte Lisbeth die Hand hin. »No also, Madl! Bist aufgnommen als Pflegschwester! A bessers Trankl kann ich dem Peterl net verschreiben.« Lisbeth sah beklommen den jungen Waldhofer an. »Hast recht«, meinte die Altenöderin, »da müßt schon z'erst der Waldhofer sagen, was er denkt dazu.« »Der Vater, no ja«, Roman mußte sich räuspern, »wie's der Vater haben will, weiß ich net. Aber der Hanspeter braucht zur Pflegschaft an ganzen Menschen. D' Leut im Haus haben ihr Teil zum schaffen. Ich denk mir, der Vater muß froh drum sein, wann d' Lisbeth bleibt. Und ich, natürlich, mir war's schon recht lieb, für'n Hanspeter, ja! Und so bleibst halt, Lisbeth! Gelt?« Da sahen plötzlich alle vier, die in der Kammer standen, verwundert auf, denn etwas Merkwürdiges war geschehen: Hanspeter hatte gelacht. Einer, der um die Breite eines Messerrückens am Tod vorüberschleicht. Der hatte gelacht! Und da lachte der Doktor mit. »No also! Sein Lebenslichtl kommt schon wieder ins Bremseln. Da haben wir bis zum Sterben noch an guten Bauernschuh. Gelt Peterl?« Er tätschelte dem Patienten freundlich die Hand. »Ganz recht hast: den ganzen Tag so a liebs Gsichtl anschauen dürfen, das bindt ein' mit Strickln ans Leben an!« Er nahm seine Ledertasche vom Fenstergesims. »Und jetzt folg mir schön! Nix reden, 's Pflegschwesterl anschauen, und sonst gar nix! Morgen komm ich wieder.« Er öffnete noch das Fenster, um frische Luft in die Kammer zu lassen, dann ging er und nahm den jungen Waldhofer mit. Während man die beiden Männer draußen im Gang noch miteinander reden hörte, machte Hanspeter mit der Hand eine matte Bewegung. Lisbeth und ihre Mutter verstanden gleich, was er meinte, und setzten sich zu ihm auf die Bettstatt. Da war er zufrieden und rührte sich nimmer. Nach einer Weile sagte die Altenöderin zu Lisbeth: »Da, schau dich um!« Sie deutete auf das Spielzeug an den Wänden. »Sein Stüberl muß man anschauen. Da weiß man, wie sein Herz is und wem's ghört.« Mit sanfter Hand strich sie über die Lodenkotze, die zwei hohe, lange Buckeln machte, als lägen zwei Baumklötze unter ihr verborgen. Draußen vor dem offenen Fenster hörte man schwatzende Stimmen. Die Gesindleute waren vom Rosenkranz heimgekommen, ein paar andere hatten sich zu ihnen gesellt, und mit erregtem Klatsch wurde der ganze Verlauf der Gemeindeversammlung durchgehechelt, so laut, daß jedes Wort in die kleine Stube drang. Die Altenöderin und Lisbeth, als sie hörten, daß man ihr Häuschen ausgeboten hatte, sahen einander erschrocken an. Dach und Ofen verlieren, auf der Straße stehen und wieder wandern müssen! Hanspeter, dem die Ohren mit dem nassen Tuch verbunden waren, hatte nur halb gehört. Doch er sah die bleichen Gesichter und schien zu verstehen. Er wollte sich aufrichten. »Net sorgen, Mutterl! Mein Anbot –« Was er weiter noch sagen wollte, erstickte in einem Blutguß. Zitternd drückte ihn Lisbeth auf das Kissen zurück und trocknete ihm die Lippen, während die Altenöderin jammerte: »Peterl! Um Gottschristi willen, red doch bloß kein Wörtl nimmer! Meintwegen soll alles hin sein, bloß du sollst uns bleiben! Häusln gibt's gnug auf der Welt, aber du bist der einzig.« Draußen hörte sie die Klatschgesellschaft lachen, und da stieg der Zorn in ihr auf. »Die Malefizleut, die verfluchten! Halb derstochen haben s' ihn. Und jetzt lassen s' ihm noch kei' Ruh!« Sie schloß das Fenster. Nun war sie ruhiger. »Sei z'frieden, Peterl! Dein Herrgott wird schon alles wieder recht machen.« Roman wollte in die Kammer treten; aber da klang durch den langen Gang die unwillige Stimme seines Vaters: »Höi! Bub! Wo bist denn?« »Ja, Vater!« Roman machte kehrt. Und hinter ihm ging die Türe, deren Klinke nicht schließen wollte, langsam wieder auf. So hörte man vom Hausgang her die scheltenden Worte des alten Waldhofer bis in das Stübchen hinein: »No also, jetzt haben wir's! D' Haar kunnt ich mir ausreißen, daß ich den narreten Teufel ins Haus gnommen hab! Jetzt haben wir die Bscherung! Im Burgermeisterhaus!« »Aber Vater!« »Und die zwei Weibsbilder auch schon da!« »Vater, komm eini in d' Stuben!« Romans Stimme klang erregt. »Jetzt muß ich dir ebbes sagen.« Man hörte das Krachen einer Türe. Dann war's still im Haus. In Sorge sah die Altenöderin den Hanspeter an. Dem aber hatte ein mitleidiger Dusel Aug und Ohr geschlossen und allen Kummer still gemacht. Mit bitterem Lächeln erhob sich die alte Frau. »Da! Hast es ghört? Es is gscheider, ich mach mich davon. Dem Hanspeter z'lieb. Sonst lassen s' ihren Zorn noch an dem aus. Aber du, Kindl, bleibst! Solang s' dich net fortschaffen aus'm Haus, solang bleibst bei ihm. Der hat's verdient, daß d' um seintwegen a bißl was schlucken darfst. Aber zum Essen kommst heim, alle Tag. Da im Haus? Net a Bröckl Brot nimmst an!« Sie wickelte die blutigen Tücher, die auf dem Boden lagen, zu einem Bausch zusammen und nahm sie unter den Arm. Dabei stieß sie mit der Schulter an einen der Baumschwämme, die an der Mauer hingen. Das winzige Spielzeug, mit dem das Gesimse des Schwammes bestellt war, kam ins Wackeln. Ein kleines Kirchlein fiel zu Boden. Nannimai hob es auf. Das Türmlein war geknickt und die winzigen Fensterchen waren abgesplittert. »Ja ja!« Heiser lachend drückte sie die Faust über dem zierlichen Ding zusammen, daß es mit leisem Krach in Scherben ging. »Mutter!« stammelte Lisbeth. »Is doch a Kirchl gwesen!« »Ich mach ihm dafür an Almhüttl und stell ihm a paar Schaf und Ochsen eini!« Mit diesen Worten schob die Altenöderin die Splitter des Kirchleins zwischen die blutigen Tücher und verließ die Kammer. Als sie den langen Gang durchschritten hatte und in den Hausflur kam, blieb sie stehen. Sie wollte nicht lauschen. Aber sie mußte hören. Der alte Waldhofer hatte eine kräftige Stimme. »Hanspeter hin oder her«, klang's durch die Stubentür heraus, »und gegen dein christliches Erbarmen will ich nix sagen. Gut sein, solang man sich net schadt damit, is ebbes Schöns. Aber wenn man sich mit der Gutheit selber an Haxen abschlagt, so is die Güt nimmer weit von der Dummheit daheim. Und drum laß mich in Ruh! Als Burgermeister darf ich mein' Nam in kein' Tratsch net einirumpeln lassen. Und ob d' Häuslschusterin unschuldig is oder net, sie is halt jetzt amal in alle Mäuler, und mein Haus is mir z'gut dazu, als daß ich –« Der Waldhofer verstummte. Denn die Altenöderin hatte die Stubentür geöffnet. »Tuts enk net aufregen, Burgermeister!« sagte sie ruhig, ohne die Schwelle zu überschreiten. »Dem Hanspeter z'lieb tät ich bitten, daß mein Madl bleiben durft zur Krankenpfleg. Vor mir habts enker Ruh. Ich geh. Pfüe Gott beinand!« Sie zog die Türe wieder zu. Und der Waldhofer, die Fäuste in den Hosentaschen vergrabend, brummte ärgerlich: »No ja, jetzt gar so gfahrlich hab ich 's net gmeint.« Roman fuhr mit der Hand hinter die Ohren, als hätte er Schmerzen im Genick. »Dös is mir arg, daß jetzt dös alte Weibl so aus'm Haus gehn muß. Und was wird d' Ilsabeth denken! Von uns und von unserer Christenlieb? Vater! Allweil bist gscheider als wie die andern. Solltst halt auch der besser sein. Als Burgermeister. Und unser Mutter, mein' ich, hätt 's Madl net davongschickt. D' Mutter is eine gwesen, wie's der Hanspeter predigt.« Da fuhr der Waldhofer auf, fuchsteufelswild: »Mit'm Hanspeter seiner Predigerei laß mich in Ruh!« Aber dieser Zorn war Strohfeuer, das hurtig verflog. Schon wieder ruhiger, brummte er: »No ja, meintwegen!« Das war immer sein Wort, wenn er gegen einen Wunsch seines Buben nicht mehr aufkam. »Soll s' halt bleiben, 's Madl! A Glück, daß wenigstens die Alte draußen is.« Er trat zum Fenster. »Aber an schiechen Tratsch wird's abgeben! Müßt ich d' Leut net kennen. Und dei' Julei!« Erschrocken stotterte Roman: »Jesses Mariand! An d' Julei hab ich gar nimmer denkt.« »Wann d' Julei derfahrt, daß dös Weiberleut bei uns im Haus da is? Gehorsamster!« Schwül atmend guckte Roman auf dem Boden umher, wie einer, der was verloren hat und nicht weiß, wo er suchen soll. Der Alte sah verdrossen zum Fenster hinaus. »No also, da kommt schon der Herr Pfarr! Jetzt kann's losgehn, d' Mamserei!« Er faßte die Rockschöße unter den Arm, als hätte er sich auf eine Bank zu setzen, die nicht sauber war. Und ging zur Stube hinaus. Draußen im Hofraum hatte Mutter Nannimai die blutigen Tücher im Brunnentrog ausgespült und zum Trocknen über den Zaun gehangen. Mit der Schürze die Hände säubernd, wollte sie auf die Straße treten, als ihr Herr Felician Horadam den Weg verstellte, ganz atemlos. »Grad erst hab ich's von der Kathrin erfahren!« Erschrocken sah er der alten Frau in die Augen. »Steht's denn so gfährlich mit ihm? O du lieber Heiland! Mutterl, da müssen wir beten. Den müssen wir wieder rausbeten.« »Beten?« In das müde Gesicht der Altenöderin schnitt sich ein harter Zug. »Ah ja! Beten tu ich schon. Aber bei mir daheim. In enker Kirch bringts mich nimmer eini. Bei mir daheim hab ich an Herrgott, der hat bloß an einzigen Arm. Der is mir lieber als der enker, der mit die ganzen Glieder vierzehn Schuh lang in enkerer Kirch drin hängt. Pfüe Gott, Herr Pfarr!« Sie ging. Herr Felician sah ihr bekümmert nach. »O Leut! O Leut! O ihr narreten Leut!« Seufzend blickte er zum Himmel hinauf. Aber dort oben war nichts anderes zu sehen als das reine leuchtende Blau und die strahlende Sonne, die ihr lindes, frühlingweckendes Feuer verschwenderisch auf die Erde niederschüttete. Freilich hatte sie ihr warmes Tagwerk schon bald getan, denn sie war bereits dem Grat der westlichen Berge nah. Ein halbes Stündl noch, dann war sie verschwunden. Und kalter Abend mußte kommen. Mit den Rockschößen unter dem Arm, trat der Waldhofer dem Hochwürdigen entgegen, der ihn vorwurfsvoll anredete: »Nette Sachen, Waldhofer, nette Sachen! Wie geht's ihm denn?« »Ich weiß net, Herr Pfarr! Schauen wir halt eini!« Als sie in die kleine Stube traten, lag Hanspeter mit offenen Augen, aus seinem Dusel ermuntert, und hielt die Hand der Lisbeth fest. Herr Felician beugte sich über das Bett. »Peterl! Was hast mir denn angstellt heut!« Mit irrendem Blick sah Hanspeter zum Pfarrer auf. Und ganz erloschen klang's: »An nacketen – Spatzen – hab ich – fliegen lassen.« » Was hat er?« fragte der Waldhofer verblüfft. »Geh, du!« sagte Herr Felician unter wehmütigem Lächeln und fand kein weiteres Wort. Lisbeth strich mit dem weißen Tuch über Hanspeters Mund. »Er därf net reden, Herr Pfarr! Dös kunnt ihm schaden.« Da polterte einer mit schweren Schritten in die Stube herein. »Was is denn?« brummte der Waldhofer. »In eim Krankenstübl tappt man doch net so auf!« »Mein' Hut hab ich vergessen!« stotterte Roman mit einer Stimme, die einem anderen zu gehören schien. Seinen Hut fand er schnell. Doch er vergaß, den hochwürdigen Herrn zu grüßen. Nur die Lisbeth schien er zu sehen. Und stolperte wieder über die Schwelle hinaus. »He! Bub? Was hast denn?« fragte der Waldhofer. Aber Roman war schon draußen. Und noch im Gang begann er Schritte zu machen, als wäre Feuer hinter ihm. Und hinaus auf die Straße! Wie einer, dem das Glück davongelaufen, und der es mit langen Sprüngen wieder einholen will. Doch als er auf die fleckig gewordenen Wiesen kam, blieb er stehen, als hätte er plötzlich gemerkt, daß Feuer auch vor ihm lag. Und ratlos starrte er gegen die Höhe hinauf, hinter der sich das Staudamergut versteckte. Zur Julei laufen? Nach allem, was zwischen ihm und ihr geschehen war? Da spuckte er aus. »Pfui Teufel!« So hungrig darf auch die heißeste Liebe nicht sein, daß um ihretwillen ein ›richtiges Mannsbild‹ der eigenen Ehre vergißt! Aber war's denn nicht ein Weg, den er just seiner Ehre zulieb unternahm? »Wenn d' Julei erfahrt, daß jetzt dös Madl bei uns im Haus is? Jesses, jesses!« Er tat ein paar Schritte, während die Sonne hinter die Berge hinuntertauchte. Und da kam auch schon der Abendwind über die Wälder niedergeblasen, so winterlich frisch, daß dem heiß gewordenen Ehrenmann ein ›Beutler‹ über die Schultern lief. Aber das kühlte ihn nicht ab. Er streckte die Faust vor sich hin. »Was ich gsagt hab, dös gilt!« Keinen Blick soll sie sehen von ihm, kein Wort von ihm hören. Oder sie bittet ihm zuerst das ›schieche‹ Unrecht ab, das sie ihm angetan. Und wenn es ihr nicht pressiert, dann hat er da droben nichts anderes zu tun, als der Julei zu sagen: »D' Ilsabeth is jetzt im Haus. Dem armen Hanspeter z'lieb hat der Vater eingsehen, daß man die Sach net besser machen kann. Und drum hab ich dös Sprüngl da auffigmacht und sag dir alles, daß dir ebba net ebbes denkst. So! Hast mir du was zum sagen, so weißt, wo der Waldhofer daheim is und fertig!« Als er mit seinen Gedanken zu diesem beruhigenden Schlusse kam, begann er energisch auszugreifen. Doch je näher er dem Staudamerhofe kam, desto langsamer wurde sein Schritt. Im Hause war alles still. Der ›Fürknecht‹, der beim offenen Herd in der Küche saß, trieb ein Geschäft, das kein Geräusch machte. Mit einem Korkstöpsel, den er in die Asche tauchte, rieb er die Klinge seines Messers blank. Als er im Hausflur die Schritte hörte, schob er das Messer flink in die Tasche und pfiff einen Ländler vor sich hin. Da klang die unwillige Stimme Romans durch das Haus: »Was is denn? He? Is denn kein Mensch daheim?« Mickei trat in den Flur hinaus. »Guten Abend, Waldhofer! Nach Enzdorf sind s' ummi, zu ihrem Vetter. Kann sein, sie kommen bald.« Roman atmete auf. »Warten kann ich net.« »Warum pressiert's denn so?« »Der Hanspeter liegt daheim. Und sorgen tu ich mich halt.« »Der Hanspeter?« Mickei sah den jungen Waldhofer so unschuldig an, als hätte er's von der Julei gelernt. »Ja! An saubern Sonntag hat's geben. Halb derstochen hat einer den Hanspeter.« »Geh? Ja wer denn?« »Der Assesser morgen, der wird's schon rausbringen.« »Freilich, weil s' gar so gscheid sind, die vom Gricht!« Das hatte Mickei mit Lachen gesagt. Aber etwas im Gesicht des Knechtes schien dem Waldhofer nicht zu gefallen. »Du, spiel dich net so! Du bist dabeigwesen. Da kunnt ich schwören drauf.« »Ich? No ja, wie's angangen is, da hab ich mitgholfen, a bißl abwehren. Aber wie ich gmerkt hab, sie machen Ernst, da bin ich der Gscheider gwesen und hab mich druckt.« Roman sah den Knecht mit blitzenden Augen an. »Du? Und abwehren? Bist schon der Rechte, ja!« Er ging zur Haustür. »Was is denn?« fragte Mickei gemütlich. »Soll ich der Julei nix ausrichten?« Roman zögerte. »Na! Morgen komm ich schon wieder.« Die Erregung schnürte ihm die Kehle zusammen. »No ja, sagst ihr halt, daß der Hanspeter liegt. Und weil der Dokter gmeint hat, daß er Pflegschaft braucht, hat der Vater der Häuslschusterin ihr Ilsabeth –« Über diesen Namen stolperte ihm die Zunge. »Was?« Roman schraubte die Stimme, als wäre Mickei ein Schwerhöriger. »Der Vater hat der Häuslschusterin ihr Madl aufgnommen zur Pflegschaft. Mich geht's nix an. Es is bloß, daß d' Julei net ebba ebbes denkt, ich weiß net was.« »Ah na!« Mickei schmunzelte. »Die denkt ihr nix. Die is so viel unschuldig, d' Julerl.« »No ja, freilich! Sagst es ihr halt. Pfüe Gott!« Nach diesem Gruß machte Roman Schritte, als läge der gute Hanspeter schon im Sterben, und als möchte ihn Roman noch am Leben finden für ein letztes Wörtl seiner Freundschaft. Mickei, mit den Händen in den Hosentaschen, blieb unter der Haustür stehen und pfiff in schmelzenden Tönen vor sich hin: Fischerin, du kleine, Fahre nicht alleine – Da hörte er über den Garten her die Diskantstimme seiner Bäuerin. Nun hätte er, ohne seine Kehle übermäßig anzustrengen, dem Roman noch nachrufen können: »He! Du! Sie kommen grad.« Aber lachend ging er ins Haus zurück, zündete in der Stube seine Pfeife an und setzte sich in den dämmerigen Ofenwinkel. Draußen an der Schwelle pochten die Staudamerin und Julei den Schnee von den Schuhen. Nun traten sie ein. Als die Bäuerin den Mickei sah, machte sie verdutzte Augen. »Was? Heut am Sonntag? Und du hockst daheim?« »Hab mir halt denkt, ich muß 's Haus a bißl hüten.« Dieser Beweis von anhänglicher Haustreue schien die Staudamerin zu rühren. »Vergeltsgott, Mensch! Auf dich is halt Verlaß.« Sie warf das Kopftuch und die Jacke auf die Ofenbank. »Jetzt darf ich aber schauen, daß wir ebbes z'essen kriegen.« »A feiner Notnickl, unser lieber Herr Vetter!« fiel Julei ein. »Net amal a Schalerl Kaffee hat er uns aufgwixt. Selber essen macht fett, denkt er sich halt. Tummel dich, Mutter, daß d' ebbes herbringst!« »No ja, hexen kann ich net, da mußt zur Häuslschusterin gehn.« Mickei lachte. Aber die Staudamerin meinte: »Da is nix z'lachen dran!« Und ging in die Küche. Julerl begann sich's bequem zu machen, ohne sich durch die Gegenwart des Knechtes stören zu lassen. Der hatte die Ellbogen über die Knie gelegt und sah ihr eine Weile zu, wie sie die silberne Halskette abnahm, die blaue Seidenschürze zusammenfaltete und den mit Rüschen zierlich besetzten Spenzer aufnestelte. Dann sagte er: »Du! Heut hast an Bsuch versäumt.« »So? Is er dagwesen?« Julei kicherte und nahm den Spenzer ab. »Dös is gsund, daß er an Metzgergang hat machen müssen.« »Botschaft laßt er dir sagen.« »Die weiß ich schon selber.« »So? Hast es schon erfahren?« Da sah sie verwundert auf. »Was?« »Daß der Häuslschusterin ihr Madl im Waldhof is.« Erschrocken starrte Julei in den dunklen Ofenwinkel. Und Mickei erhob sich. »Der Hanspeter wär verkrankt, sagt 'r! « Das ›sagt 'r‹ war merkwürdig betont. »Und sein Vater, sagt 'r, hätt dös musprige Madl zur Pflegschaft aufgnommen. Deswegen is er kommen. Daß d' net ebba ebbes denkst, ich weiß net was.« Wieder lachte er. »So so?« Julei kicherte; ein wenig hölzern klang's. Mickei hatte den Hut von der Ofenstange genommen, hatte ihn schief über's Ohr gesetzt, und so kam er langsam näher. »Julerl?« »Was?« »Tust eifern?« Sie sah ihn von der Seite an. »Geh, du Narr! Wann ich so eine fürchten tät, müßt ich net wissen, was ich wert bin.« Lachend trat er ganz an ihre Seite und schlang den Arm um ihren Hals. Sie wollte sich wehren. »Hör auf! Oder ich sag's der Mutter.« »Meintwegen!« Mit derbem Griff, der sie stöhnen machte, zog er sie an seine Brust und küßte ihren Mund. »Mei' Ruh will ich haben!« Zornig schlug sie nach ihm. »Jeds Faderl hat an End, wo's aufhören muß.« Nun gab er sie lächelnd frei. »Du, ich sag dir noch was!« Julei dämpfte die Stimme. »Mach, daß d' weiter kommst!« »D' Mutter muß heut müd sein vom Schneewaten. Die tat gut schlafen, wieder amal.« Mit jenen Feueraugen, vor deren Glut das Türlein aufgesprungen, sah sie ihn an. Doch ohne ein Wort zu sagen, ging sie in die anstoßende Kammer hinaus und schlug die Türe zu. Schmunzelnd verließ der Knecht die Stube. Draußen rief er noch in die Küche: »Pfüe Gott, Bäuerin! Jetzt vergunn ich mir a Krügl.« »No ja, pfüe Gott! Ich zahl dir zwei Maß, kannst mir s' aufrechnen. Aber gelt, komm net gar so spat heim!« »Na na! Heut schon gwiß net!« Das Lied von der kleinen Fischerin pfeifend, wanderte Mickei zum Hause hinaus. Als er gegen die Senkung der Wiesen kam, konnte er beim letzten Tagesschimmer weit drunten auf der Straße noch den jungen Waldhofer sehen. Der steuerte mit langen Schritten gegen das Dorf hinunter. Sein Gesicht war heiß gerötet. Immer wieder faßte er mit der Hand seinen Hals. »D' Sorg halt! Völlig narrisch macht mich d' Sorg um den guten Kerl!« Und drum wollte er, als er den Waldhof erreichte, schnurstracks in die Krankenstube rennen. Aber in dem dunklen Gang vor Hanspeters Kammer machte er wieder kehrt, ging in die Küche und fragte die Magd: »Du? Wie schaut's denn aus da hint? Wie geht's ihm denn?« »Gut! Hat ja sei' Pflegschaft.« »Freilich, ja!« – Beim Nachtmahl in der Stube, als sie alle um den Tisch saßen – nur Hanspeters Platz war leer, und das gab ein großes Loch in der Tischrunde –, da wurde von nichts anderem geschwatzt, als von der Rauferei am Nachmittag, von der Häuslschusterin und von der Lisbeth. Bei diesem Gespräch wurde Roman immer unruhiger, je länger es dauerte. Und plötzlich sagte er: »Vater, wir müssen doch dem Madl a bißl was hinterschicken.« »No ja, meintwegen!« Roman belud einen Teller so ausgiebig, daß der Hüterbub mit neidischen Augen meinte: »So gut möcht ich's auch amal haben!« Aber die Magd, die den Teller davontrug, brachte ihn unberührt wieder zurück. »Sie laßt schön danken, sagt s'. Die mag nix.« Roman lachte gereizt. »Speist s' ebba von der Barmherzigkeit, die?« »Alls, was recht is!« brummte der alte Waldhofer. »Aber spötteln braucht man über dös gute Madl net!« Roman stand auf. »Pfüe Gott beinand!« Da schob der Alte die Fäuste in den Tisch. »Was is denn schon wieder? Wohin denn?« »Wo a richtiger Bursch am Sonntag hinghört. Zu die andern ins Wirtshaus.« »Sakra! Bub! Wie kommst mir denn für? Oder hast dich ebba mit der Julei gstritten?« »Gstritten? Ich? Mit der Julei?« Roman lachte. »Gute Einfäll hat er, der Vater!« Und draußen war er. Und hinaus zum Hof und die Straße hinunter wie ein Feuerwehrmann, wenn die Trompete bläst. Im Wirtshaus trat er, um gleich die richtige Laune zu erwischen, mit einem Jauchzer in die Stube. Schreiende Stimmen grüßten ihn. Alle Tische waren besetzt, den Raum erfüllte ein dicker Qualm, in dem die Flammen der Ligroinlampen mit trübem Schimmer brannten, und nebenan, in dem mit Brettern verschlagenen ›Burschenkobl‹, ging es zu – ein Volkswort sagt: wie in der Judenschul! Roman nippte zuerst in der Stube von allen Krügen, die ihm die Gäste entgegenstreckten. Dabei schwatzte er mit gereizter Lustigkeit. Dann trat er in den Kobel. Aber obwohl das der Platz war, an den ›ein richtiger Bursch am Sonntag hingehört‹, blieb Roman zögernd bei der Türe stehen. Denn im Kobel führte der Staudamer-Mickei das große Wort. Und als die zwanzig Burschen, die sich in dem engen Raum aneinanderrückten wie die Bücklinge im Faß, den jungen Waldhofer sahen, verstummten sie plötzlich in ihrem schreienden Diskurs. Und alle lachten so merkwürdig! Brennend schoß dem jungen Waldhofer das Blut ins Gesicht. »Soll ich ebba net hören, was enker Gscheidheit auskramt? Ja ja, kunnt schon sein, ich tät ebbes hören, was mir net taugt.« »Oeha! Langsam!« rief der Staudamer-Mickei. Und die anderen kreischten es nach. »So? Gleich alle mitanander schreits?« Roman lachte. »Einer allein, der traut sich net? Ah ja, viel Steckerln machen an Besen. Seids alle sauber beinand, die heut übern Hanspeter hergfallen sind?« Von den Burschen, die zunächst der Türe saßen, sprangen ein paar mit roten Köpfen auf und begannen gegen Roman loszuschreien. Aber ein Blick seiner funkelnden Augen genügte, um zwischen ihm und den Schreiern breite Luft zu erhalten. Dazu kam noch, daß sich der Wirt ins Mittel legte und in Gemütlichkeit erklärte: »Merkts es enk, Buben, bei mir wird net grauft! Dös könnts in der Gmein bsorgen und bei der Kirch drüben.« Da lachten die einen, und die anderen schrien weiter. Den ärgsten Schreier faßte Roman bei der Schulter und drückte ihn auf die Holzbank nieder. »Da bleib sitzen! Bist ja erst halbert bsoffen. Tummel dich, daß d' es ganz wirst! Der heilig Sonntag dauert nimmer lang.« Dann wischte er die Hand am Joppenärmel ab und verließ den Kobel, ohne sich weiter um den Spektakel zu kümmern, der sich hinter ihm erhob. Draußen in der großen Stube ließ er sich an einem dichtbesetzten Tische nieder. Die ›verstandsamen Mannerleut‹, die hier saßen, führten ein Gespräch, das der halben Ruhe, die Roman aus dem Kobel herausgebracht hatte, übel zusetzte. Mit dem dunklen Ausspruch: »Dös hätt ich daheim auch haben können!« packte er seinen Krug und ging zu einem anderen Tisch. Da fielen sie gleich mit der Frage über ihn her, ob es wahr wäre, daß der Waldhofer das Mädel der Häuslschusterin – – Weiter kamen sie nicht mit ihrer Frage. Als hätte man ihm glühenden Zunder ins Ohr geworfen, sprang Roman auf: »Mein' Fried will ich haben! Net amal im Wirtshaus hat man sei' Ruh. Da dank ich dafür!« Er warf der Kellnerin ein Geldstück in die Schürze und ging davon. Als er den Waldhof erreichte, sah er, daß die Wohnstube schon finster war. »Freilich, der Vater! Der tut sich leicht. Der schlaft. Und ander Leut können umanand rennen mit der Sorg.« Auch die übrigen Frontscheiben des großen Hauses guckten schwarz in die sternhelle Nacht hinaus. Nur ein einziges kleines Fenster, ganz bei den Ställen hinten, war noch umglimmert von mattem Lichtschein. »So so?« Roman zögerte eine Weile, bevor er die Haustür öffnete. Da fand er auch in der Küche noch Licht. Und die Magd spülte das Geschirr. »He! Du?« »Was?« »Is die dahint noch allweil da?« »Fortgehn hab ich s' net hören.« »So schau halt hinter amal – was er macht, der Hanspeter?« Brummend nahm die Magd das Licht und schlorpte durch den langen Gang. Roman blieb im finsteren Flur zurück, bis die Magd wiederkam. »Wie geht's ihm, sag?« »Gut, mein' ich. Schlafen tut er.« »Und die ander?« »Die sitzt dabei wie die arme Seel beim Marterl. Und Augen macht s', wie zwei heilige Ampeln. Tat man net wissen, was für eine dös is – die kunnt eim gfallen.« Die Magd war schon in der Küche verschwunden. Und Roman stand noch immer, als sollte er von der Botschaft der Hausmagd erst das Beste noch zu hören bekommen. Seufzend streckte er sich endlich und tappte im Finstern über die Treppe hinauf zu seiner Kammer. Ohne Licht zu machen, streifte er die Schuhe von den Füßen, legte die Joppe ab und ließ sich auf das Bett fallen. Eine Petroleumlaterne, die drunten auf der Straße brannte, warf durch das Fenster einen kleinen, matten Schein auf die Stubendecke. Diesen Schein sah Roman immer an. Bald fror er, daß es ihn schüttelte, bald wieder brach es ihm heiß aus den Gliedern, als wäre eine gewitterschwüle Hochsommernacht um das Haus her und in der Stube eine Luft zum Ersticken. »Was is denn mit mir? Was is denn?« Er richtete sich auf und griff an seinen wirbelnden Kopf. Und starrte wieder den Lichtschein an der Decke an. Und da meinte er durch diesen lichten Fleck wie durch ein Fenster hinauszuschauen. Mitten in einem vereisten, von den Schlitten glattgefahrenen Hohlweg sah er ein Marterl stehen und sah dabei eine arme Seele sitzen in einem schneeweißen Hemdl, welches pluderte im kalten Wind. »O du Narr! Du Narr!« Als hätte ihn eine Stimme aus seinen Träumen geweckt, fuhr Roman aus dem Bett heraus und beugte sich vor, um durch die Dielen hinunterzulauschen. Und wirklich, er hörte was. Nur das Gegurgel des Brunnens vor dem Hause. Aber Roman redete sich ein, das wäre der arme Hanspeter, den der Schmerz seiner Wunden so stöhnen machte. Und da steckte er die Kerze in Brand, und hemdärmelig, in Strümpfen, öffnete er lautlos die Tür und schlich über die Treppe hinunter. In dem langen Gang, der zu Hanspeters Kammer führte, stellte er den Leuchter auf den Boden, schlich bis zur Tür und lauschte. Nichts anderes konnte er hören als schwere, langsame Atemzüge. »Die is heimgangen.« Dabei drückte er die Tür auf. Stilles Dunkel füllte die Kammer. Die auf dem Fensterbrett stehende kleine Lampe war, damit ihr Licht den Schlaf des Kranken nicht stören konnte, mit allerlei Gegenständen verbarrikadiert, mit Hanspeters Schuhen, mit seinem Hut, mit einem Gebetbuch. Um diese Schutzwehr hatte Lisbeth noch ihr Kopftuch gewunden. Sie saß auf einem niederen Schemel zu Häupten des Bettes. Romans Augen mußten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, bis er Lisbeths Gesicht in der Dämmerung schimmern und ihre Augen glänzen sah. Und da sagte er verlegen: »Noch allweil bist da?« Lisbeth nickte nur. Und Roman brauchte lange, bis seine Augen von Lisbeth den kurzen Weg hinüberfanden zum Hanspeter. Der schlummerte ruhig; nur an seinen Händen, die auf der Kotze lagen, zuckten die Finger ein wenig und spielten, als möchten sie die Härchen des Lodens fühlen; im Schatten war sein Gesicht so schwarz, daß sich kein Zug unterscheiden ließ. Roman trat zum Fußende des Bettes; und obwohl er selber sah, wie fest der Hanspeter schlummerte, tat er doch die überflüssige Frage: »Schlaft er?« »Gut!« lispelte das Mädel. »Schon seit Neune auf'n Abend. Und gar nimmer husten tut er. Gott sei Dank!« »Ja, Gott sei Lob und Dank! So viel sorgen hab ich mich müssen. Völlig aus'm Schlaf hat's mich aussitrieben.« Wieder nickte Lisbeth, als verstünde sie das. Nun schwiegen die beiden. Da streckte sich Hanspeter und tat einen seufzenden Atemzug. Geräuschlos, mit kaum merklichen Bewegungen, nahm Lisbeth von Hanspeters Stirne den weißen Bauschen fort und tauchte ihn in das kalte Wasser, das in einem hölzernen Eimer neben ihrem Schemel stand. Als sie das Tuch wieder ausrang, hörte man die Tropfen plätschern. Erst lockerte sie das feuchte Tuch zwischen ihren Händen, und dann legte sie den Bauschen wieder auf die Stirn des Kranken, so vorsichtig und fürsorglich, daß Roman flüsterte: »Ah ja! Da hat er leicht krank sein, der Peterl!« Und je länger er die Lisbeth ansah, desto schwerer arbeitete der Lebenshammer unter seinen Rippen. In Unbehagen bewegte er die Schultern. »Dös halt ich net aus!« Er tappte zur Türe. »So viel schwül is's da herin!« Und war schon draußen, fuhr auf die Kerze los, und hinauf ging's in die Kammer, als hätte er vor Einem davonzulaufen, den der Nachtwächter im Garten der Häuslschusterin gesehen haben wollte. Droben stellte er den Leuchter auf den Tisch, begann die Feiertagsmontur mit dem Wochengewand zu vertauschen, hängte an einem Lederriemen die Holzaxt um die Schultern, nahm die schwergenagelten Bergschuhe und den leeren Rucksack in die eine Hand, den Leuchter in die andere – und lautlos hinunter über die Treppe. In der Speiskammer stopfte er einen Brotlaib, einen Rinken Rauchfleisch, eine Schachtel mit Mehl und Eiern in den Rucksack. Und als er im Flur auf der untersten Treppenstufe saß und die Schuhe anziehen wollte, fiel ihm einer von diesen schweren Nagelflößen pumpernd auf die Dielen. Da klang durch die Stube heraus die Stimme des Waldhofers: »He! Wer raspelt denn da draußt umanand? Z'mittelst in der Nacht?« Zögernd öffnete Roman die Stubentür und rief durch den finsteren Raum gegen die Kammer des Vaters: »Ich bin's!« Ganz heiser klang seine Stimme. »Was? Du? Kommst mir ebba so spat vom Wirtshaus heim?« »Na! Fortgehn tu ich.« Als Roman das sagte, tat ihm ein ›zwiderer Zufall‹ den Schabernack an, daß die Kirchenglocke zwölf Uhr schlug. Und Roman, als müßte er aus irgendwelchen Gründen den Glockenschlag überschreien, hob die Stimme: »Zur Holzerhütten steig ich auffi, daß ich d' Holzknecht morgen in d' Arbeit einweisen kann, weil der Hanspeter krank is.« »Aber Bub? Bist denn übergschnappt? In d' Holzerhütten auffi? Um Zwölfe in der Nacht?« Aber da hatte Roman schon die Stubentür zugezogen, fuhr mit dem Fuß in den zweiten Schuh und surrte zur Haustür hinaus. Unter den blinkenden Sternen rannte er, als wäre der Vater hinter ihm her. Erst als die Straße gegen den Kirchplatz hin eine Wendung machte, hielt Roman inne, schob den Hut zurück und blickte gedankenvoll über die Hecken gegen den Waldhof. »Herrgott, is dös a Sonntag gwesen!« Nun hörte er das Gedudel, das aus dem Wirtshaus klang. »Die können lustig sein!« murrte er vor sich hin. Dann sah er kummervoll die kalten, nachtgrauen Berge an und begann zu wandern, müd und langsam. Und hinter ihm, aus dem Wirtshaus, klang es mit hohen, dünnen Kopfstimmen: »Fein sein, beinandr bleibnnnnn! Fein sein, beinandr bleibnnnnn! Kann regnen, Kann winden, Oder auch schneibnnnnn bei der Nacht! Kann regnen, Kann winden, Oder auch schneibnnnnn!« Diesen schönen Kantus, in dem das »n« als sechster Vokal eine wichtige Rolle spielte, sangen vier weißhaarige Bäuerlein, die ihre Köpfe zusammensteckten und die Ellbogen so breit machten, daß der ganze Tisch belegt war und nur noch Raum verblieb für die zärtlich umschlungenen Maßkrüge. Diese viere waren in der großen Wirtsstube die letzten Gäste. Der reichlich genossene Spiritus hatte so viel Feuer in ihren alten Köpfen angezunden, daß sie duselnd ein Stück ihrer längst versunkenen Jugend aus der Erinnerung heraufholten und mit den rumorenden Burschen im Kobel um die Wette jodeln wollten. Doch ihre zittrigen Stimmen vermochten gegen den Spektakel, der im Kobel der Jungen herrschte, nicht aufzukommen. Da hatte sich noch kein Platz geleert. Zwanzig heisere Kehlen krähten durcheinander und erörterten noch immer das Kapitel, das ihnen den ganzen Abend gefüllt hatte: Mag der Pfarrer sagen, was er will, die Häuslschusterin ist doch eine Hex, und der Hanspeter hat gelogen, um der Alten aus der Patsche zu helfen, und es ist doch der ††† gewesen, den der Nachtwächter gesehen hat. »Ah na!« meinte einer, der im duster gewordenen Kopf noch einen hellen Winkel hatte. »Lugen tut der Hanspeter net.« »Lugen oder net, sie is eine!« schrie ein anderer. »Sie is eine! Sie is eine!« Und jedes ›is‹ war von einem dröhnenden Faustschlag auf den Tisch begleitet. »Wenn einer kuraschiert war und hätt an siebenhölzigen Schaml«, rief der Staudamer-Mickei, »so kunnt man's beweisen, ob s' eine is oder net.« Es wurde still im Kobel, und Mickei erklärte die Sache: wenn einer einen Betschemel hat, der aus sieben verschiedenen Holzarten zusammengeschreinert ist, und er nimmt ihn am Karsamstag zur Auferstehungsfeier in die Kirche, kniet sich darauf und betet die Heiligenlitanei von hinten nach vorne, so muß jedwede im Dorf, die eine ›solchene‹ ist, in der Kirche erscheinen, muß an allen Leuten vorübergehen bis zum Altar und muß auf die Knie fallen, als hätt ihr unser Herrgott d' Faust auf'n Buckel gschlagen.« Einer lachte: »Dös glaub ich net. Dös is net wahr.« »Wahr is's! Und wahr is's!« schrie der Staudamerknecht, als hätte ihm dieser Zweifel an die persönliche Ehre gegriffen. Da streckte ihm einer der Burschen, der als Gesell beim Schreiner diente, die Hand hin: »Hast 's Kuraschi, du? Den siebenhölzigen Schaml kannst haben von mir. Den mach ich. Hast 's Kuraschi?« Mickei schlug ein. »Gilt schon! Her mit'm Schaml! Da kennts mich schlecht, wann einer ebba meint, 's Kuraschi laßt aus bei mir. Die Alte muß her am Karsamstag.« Im Kobel erhob sich ein Lärm, daß die Bretter des Verschlages hallten. Die Aussicht auf das kuraschierte Stückl des Staudamer-Mickei und auf die Hexenprobe am Karsamstag schien die Burschen noch trunkener zu machen, als Bier und doppelt gebrannter Enzian das fertiggebracht. Wie Narren trampelten sie mit den Füßen und schlugen mit den Fäusten auf den Tisch. Eine Stimme mahnte: »Wenn da der Pfarr ebbes erfahrt! Da kriegen wir's!« »Der Pfarr! Ah so? Der Pfarr?« Durch seinen Erfolg berauscht, schob Mickei den Hut in den Nacken. »Der soll ganz stad sein! Der hat sich heut eh schon a bißl z'viel erlaubt!« Er lachte, und plötzlich die Stimme dämpfend, als wäre ihm ein guter Einfall gekommen, den ein unberufenes Ohr nicht hören durfte, zischelte er: »Kommts aussi, Buben! Heut haben wir noch a Gschäft. Draußen, da sag ich enk ebbes.« Sie schienen gleich zu verstehen, was er meinte, und mit Lachen stolperten sie hinter dem Staudamer-Mickei zur Stube hinaus. Als die vier weißhaarigen Alten diese torkelnde Karawane sahen, fingen sie zu jauchzen an. Und einer von ihnen prahlte mit seinem zittrigen Stimmlein: »Heut haben wir s' ausgsessen, die Buben! Heut, Mannderleut, heut sind wir die Starken! Heut sind wir die Jungen! Kellnerin, noch a Maßl! Jetzt dudeln wir erst recht noch eins!« Er fing zu singen an, und die anderen drei Starken fielen ein: »Gscheid sein, net einitappnnnnn! Gscheid sein, net einitappnnnnn! Gar oft sitzt Der Fuchs in Der Zipflkappnnnnn bei der Nacht! Gar oft sitzt Der Fuchs in Der Zipflkappnnnnn!« Während der sechste Vokal des Liedes die Fensterscheiben summen machte, standen draußen auf der dunklen Straße die zwanzig Burschen um den Staudamerknecht zu einem Kreis gedrängt. Dann begannen sie mit Kichern loszumarschieren, immer wieder bückten sie sich wie Ährenleser auf dem Felde, und man hörte in ihren Taschen die gesammelten Steine klappern. Als sie den Pfarrhof erreichten, der mit schwarzen Fenstern schlummerfriedlich in die Mitternacht hinausträumte, stellten sie sich lautlos in zwei Schützenketten an den beiden Straßenfronten des Hauses entlang. Ein leises Kommando des Staudamerknechtes – dann flogen aus zwanzig Fäusten die Steine gegen alle Fenster, eine Salve nach der anderen, und das Klirren der zerschmetterten Scheiben machte einen Spektakel, als wäre ein gläserner Stern vom Himmel gefallen und auf der harten Erde in Scherben zersplittert. Und als die letzte Salve geworfen war, zerstob der mutige Schützenschwarm nach allen Seiten, über die Hecken weg, durch die Wiesen und Gärten. Nun lag die Straße um den Pfarrhof wieder still und leer. Und freundlich blickten vom Himmel die Sterne herunter – jene Sterne, von denen Hanspeter glaubte, daß sie kleine ›Luckerln im Himmelsboden‹ wären, durch die der Glanz der ewigen Gerechtigkeit ›a wengerl aussispitzt‹, um wankelmütige Seelen in stiller Nacht zum Guten zu ermahnen. Auch ringsumher alle Bauernhäuser lagen in träumerischer Ruhe. Wohl hatten die fallenden Glasscherben manch einen Nachbar aus dem Schlaf geklappert. Doch keiner öffnete das Fenster, keiner streckte den Kopf aus der Haustür. Hatten die ›Loder‹ wieder einmal ›ebbes Unfürmigs‹ angestiftet, so erfuhr man das bei Tage noch zeitlich genug. Und wer nichts gesehen hat, braucht keine ›Zeugschaft‹ abzulegen. Mit einem Weg aufs Bezirksgericht ist gleich ein Tag verläppert. Und Feinde macht man sich auch noch. Im Pfarrhof wurden zwei Fenster hell, eins zu ebener Erde und das andere im oberen Stock. Dieses letztere war das Fenster am Stübchen der Jungfer Köchin. Als Kathrin die brennende Kerze hob und auf den Dielen die Glassplitter und die Kieselsteine sah, war ihr Gesicht so kreideweiß wie ihre Schlafhaube und ihre Nachtjacke. Im Unterrock, bloßfüßig in den Pantoffeln, eilte sie die Treppe hinunter und pochte an die Türe von Herrn Felicians Schlafstube. »Herr Pfarr! Jesus Maria! Hochwürden! Leben S' denn noch?« Die Tür ging auf, und Herr Felician erschien, etwas nachlässig in den Schlafrock gewickelt und ebenfalls mit einer Kerze in der Hand. Nach seiner Miene zu schließen, schien aller Schreck und Ärger, den er über den bösen Streich empfunden, schon halb verraucht. Aber die Stimme zitterte ihm doch ein wenig, als er sagte: »Brave Buben! Liebe Leut, das! Ja ja, da sind halt mehrer beinander gwesen – so, wie's der Hanspeter meint!« »Natürlich, einer allein schmeißt net vierundzwanzig Fenster ein!« brach Kathrin los, die den philosophischen Sinn der Hanspeterschen Ausfassung von den ›Mehreren‹ nicht kapierte. »Vierundzwanzig? Aber geh, Kathrin, da übertreibst schon wieder! Soviel Fenster hat ja der ganze Pfarrhof net.« Doch Kathrin war zu Scherzen nicht aufgelegt und brach in Tränen aus. »Gelten S', Herr Pfarr! Gelten S', ich hab's Ihnen gsagt!« Ihr vorwurfsvolles Gewimmer verwandelte sich in bitterliches Schluchzen. »Weil S' mir net gfolgt haben! Jetzt haben wir's!« » Was haben wir? Nix haben wir, als frische Luft in die Stuben, und das is gsund.« »Spassetteln können S' auch noch machen! Denken S' lieber an die Glaserrechnung! Jesus Maria!« Herr Felician klopfte die Schluchzende beruhigend auf den Rücken. »Sei stad, Kathrin! Jetzt is schon alles gschehen, jetzt gschieht uns nix mehr. Und schau, ich sag dir was! Die Menschen sind schwache und dumme Hanswursteln. Und ich bin selber ein Mensch. Was ich im Leben Gutes hab tun wollen, is alles bloß eine halbe Sach gewesen. Aber eins darfst mir glauben: unsere abgeschnittenen Zwetschgenbäum und unsere eingeworfenen Fensterscheiben, die rechnet mir der liebe Herrgott als ganz! Drum tu net weinen, Kathrin! Hol den Besen und kehr die Glasscherben zusammen! Ich trag derweil die Steiner auf ein Häuferl.« Herr Felician Horadam faltete die Schöße seines Schlafrockes zu einem Sack und begann in seiner Stube die Kieselsteine aufzulesen. Als er unter den Steinen einen fand, so groß wie ein Brotlaib, schüttelte er kummervoll den Kopf. »Daß so ein Stein einen Menschen hätt treffen können, an so was haben s' gar net denkt, die dalketen Buben!« Er trug die Steine in den Hausflur. Und so wanderte er von einer Stube zur anderen. Was er au Steinen aus dem ganzen Hause zusammenschleppte, das gab ein ›Häufl‹ ab, beinah so groß, wie im Frühling die Schotterhaufen am Saum der Straße liegen. Neuntes Kapitel Am anderen Morgen, gegen zehn Uhr, kam vor dem Wirtshaus eine feine Kutsche angefahren, aus welcher der Untersuchungsrichter mit seinem Schreiber herauskletterte. Der Herr Gendarm, der die Gerichtsbeamten in militärischer Positur erwartete, hatte zu dem ›Exzeß vom Gestrigen‹ gleich ein neues Delikt zu melden, den ›allgemeinen Fenstereinwurf bei Seiner Hochwürden dem Herrn Seelsorger Felician Horadam‹. »Nette Gegend, das!« meinte der Untersuchungsrichter. »Da wird es an der Zeit sein, wieder einmal ein Exempel zu statuieren. Holen Sie mir sofort den Bürgermeister!« Zwei Tage lang, vom Morgen bis zum Abend, wurde verhört und protokolliert. Dabei entwickelte der Gendarm einen Eifer, daß ihm unter dem Schirm der Dienstmütze die Schweißperlen über den Schnurrbart tropften. An die fünfzig Personen brachte er zum Verhör herbei. Aber da wollte keiner etwas gesehen oder gehört haben, keiner wußte eine Aussage von Belang zu machen. »Mein, Dummheiten haben s' halt trieben, die Buben, und is halt a bißl schiech ausgfallen.« So lautete das allgemeine Urteil über die ›Rauferei mit blutigem Ausgang‹. Während der zweitägigen Untersuchung wurden nur die Taten von Personen protokolliert, deren Namen nicht eruiert werden konnten. Unter den Zeugenaussagen war's eine typisch wiederkehrende Redewendung: » Einer hat's halt tan! Wer, dös weiß ich nimmer.« Nur ein einziger Name wurde genannt, und zwar durch Herrn Felician Horadam: der Name des Staudamer-Knechtes. Aber Mickeis Messer war so frei von verdächtigen Flecken und so schön poliert, als käm' es eben erst aus dem Laden des Messerschmiedes. Und überdies brachte er vier Burschen als Zeugen, die übereinstimmend aussagten, daß der Mickei ›bloß a bißl abgwehrt‹ hätte. Auch an dem groben Unfug, der wider die Fensterscheiben des Pfarrhofes verübt worden war, erwies sich Mickei als völlig unschuldig. Wie die Jungfer Kathrin aussagte, war es um den Glockenschlag Eins gewesen, als die Fenster klapperten. Wie aber die Staudamer-Julei aussagte, wäre der Mickei schon lange vor zwölf Uhr daheim gewesen; ganz genau hätte sie gehört, wie der Knecht die Haustür verriegelt hätte, in seine Kammer gegangen wäre, und dann erst hätte die Kirchenglocke zwölf geschlagen. Und weil die Julei mit ihren frommen, hübschen Augen und mit ihrem rosigen Unschuldsgesichtchen auf den Untersuchungsrichter das machte, was die Juristen einen ›guten Eindruck‹ nennen, so blieb ihre Aussage über jeden Zweifel erhaben und entschied die Sache. Freilich hatte die Kellnerin ausgesagt, daß der Staudamer-Knecht um halb ein Uhr noch im Wirtshaus gewesen und dann fortgegangen wäre, ohne die Zeche zu bezahlen. Aber eine Kellnerin! Die kennt man doch! Die Aussage einer solchen Person kann doch nicht aufkommen gegen die Wahrheitsliebe einer braven und unbeanstandeten Jungfrau wie die Juliana Staudamer. Und daß eine Kellnerin gegen einen Burschen, der die Zeche nicht bezahlte, Partei contra ist, das läßt sich psychologisch leicht erklären. Übrigens wurde die Aussage der Julei noch dadurch bekräftigt, daß die Schwarzwälderuhr in der Wirtsstube, wie die ›In-Augenschein-Nahme‹ dokumentierte, tatsächlich um eine ganze Stunde zu früh ging. Denn der Wirt, ein dörflicher Schlaumeier von reicher Erfahrung, hatte die nützliche Gewohnheit, seine Uhr am Morgen nach jeder Nacht, in der etwas Bedenkliches passiert war, je nach Bedarf um eine Stunde vor oder zurück zu stellen. Am Abend des zweiten Verhörtages mußte die Untersuchung als resultatlos eingestellt werden, und die Sache war erledigt. Das heißt, nicht ganz. Denn vier Tage später, am Sonnabend, als es mit Hanspeters Besserung schon so weit war, daß er gefahrlos ein paar Worte sprechen und mit leichterem Verbande aufrecht sitzen konnte, erhielt der Bürgermeister eine Zuschrift des Bezirksamtes. In diesem Schreiben standen so viel merkwürdige Wörter, daß der Waldhofer, um beim Lesen mit ihnen fertig zu werden, seine Brille brauchte. In Hemdärmeln saß er am Tisch und buchstabierte. Und obwohl die Zuschrift nur eine einzige Seite füllte, verging doch eine Viertelstunde, bis der Waldhofer mit seiner stolpernden Lektüre zu Ende kam. Erst nickte er nachdenklich vor sich hin, dann schob er die Brille über die Stirn hinaus, und aller Verdruß, den ihm die beiden Verhörtage bereitet hatten, schien wieder in ihm aufzuwachen. »Der Malefiz-Hanspeter mit seim Predigen! Nix wie Zwidrigkeiten hat man davon! Und mit söllene Gschriften muß ich mich auch noch plagen! Soll er sich selber aussikletzeln, was drinsteht, da!« Als er in die Krankenstube trat, erhob sich Lisbeth, die mit einer Näharbeit beim Fenster saß. »Guten Abend, Waldhofer!« Eine ruhige Stimme, nur ein bißchen müde. Dieser Klang schien den Ärger des Bauern zu mildern. »Guten Abend, Madl«, sagte er freundlich, »gelt, spürst es schon bald a bißl, die ungschlafenen Nächt?« Lisbeth schüttelte den Kopf. »Solang mich der Hanspeter braucht, solang halt ich's gut noch aus.« Aus dem dämmrigen Winkel, in dem das Bett stand, tauchten die Hände des Kranken hervor. »So viel plagen tut sich 's Madl meintwegen! So viel Zeit versaumen! Und allweil sag ich –« »Du sag gar nix!« Der Waldhofer streckte dem Hanspeter das amtliche Schreiben vors Gesicht hin. »Da hast es jetzt mit deim Predigen!« »Was hab ich?« »An Adnotti hast kriegt.« Dieses unverständliche Fremdwort und dazu der große Amtsbogen mit dem blauen Stempelzeichen schien auf Hanspeter eine beklemmende Wirkung auszuüben. Etwas mühsam hob er sich aus den Kissen. Den weißen Stirnbund trug er schon seit ein paar Tagen nimmer; doch sein Gesicht war ganz gesprenkelt mit grünen und bläulichen Flecken. Angstvoll sah er den Waldhofer an. » Was hab ich kriegt?« »An Adnotti.« »So so? Aber müßts mir schon sagen, was an Adnotti sein tut?« »Gleich wirst es erfahren!« Der Waldhofer wandte sich an Lisbeth. »Madl, da mußt aussigehn! Bei die ämtlichen Sachen müssen d' Mannerleut allein sein mitanand.« Während das Mädel die Stube verließ, setzte sich der Waldhofer ins beste Fensterlicht und senkte die Brille auf die Nase. »So! Jetzt paß auf! Vom Bezirksamt is an die Gmein an Adnotti eintroffen.« Seine Stimme veränderte sich, denn jetzt mußte sie ›amtlich‹ klingen. »Und solches lautet!« Er räusperte sich, dann begann er mit Gestolper zu lesen: »Nachdem das Ergebnis der in nachbezeichneter Sache seitens des k. b. Assessors von Stubenrauch des hierortsigen k. b. Bezirksgerichtes geführten Untersuchung über den in dortiger Gemeinde stattgehabten Raufhandel vom 17. hujus anni currentis zur Evidenz dargetan hat, daß ein sicherer Peter Johannes Zdazilek, Holzknecht, wohnhaft und heimatberechtigt daselbst, hinreichend verdächtig erscheint, unter dem korrumpierenden Einfluß mißverstandener und unverdauter sozialer Reformideen die dortsortsige Bevölkerung predigenderweise auf der öffentlichen Landstraße in unzulässigem und eventualiter gegen § 360, Ziffer 11, des Strafgesetzes verstoßendem Maße zu haranguieren, die dem k. b. Bezirksamt bedenklich erscheinende Gepflogenheit zu haben, wodurch die ansonst friedliebende bäuerliche Bevölkerung gradatim zum Widerspruch gereizt und zu bedauerlichen Exzessen wie obenbesagter Raufhandel vom 17. hujus anni currentis aufgestachelt zu werden bedroht zu sein scheint, scheint es angezeigt, genanntem Peter Johannes Zdazilek durch den Gemeindevorstand ämtlich ad notam zu geben, daß selbiger obenbezeichnetes ruhestörerische Predigen und Propagandamachen unter dem Präjudiz, bei durch Genannten neuerdings hervorgerufenem Exzesse nach § 360, Ziffer 11, beziehungsweise den anderen einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen, strafämtlich behandelt zu werden, fürderhin zu unterlassen habe. In Vertretung des Herrn Amtsvorstandes: Das k. b. Bezirksamt. Hufnagl, k. b. Bezirksamtspraktikant.« Der Waldhofer schnaufte. »So, da weißt es jetzt!« Dann blieb's in der Kammer ein Weilchen still, und man hörte nur den mühsamen Atem des Hanspeter. »So so? Also, die Gschrift da, dös is an Adnotti?« »An Adnotti, ja!« »So so? Und da tät ich halt bitten, daß mir der Burgermeister sagt, was drinsteht, da!« Der Waldhofer wurde ärgerlich. »Du Lapp! Ich hab dir's ja fürglesen! Hast denn net aufpaßt?« »Ah ja, gut hab ich aufglust. Aber wär mir schon lieb, wann mir der Burgermeister die Sach a wengerl ausdeutschen tät!« »Mein Lieber, dös is leicht gsagt!« Der Waldhofer vertiefte sich wieder in das Studium des amtlichen Erlasses. Dann drehte er das Blatt, um es auf der leeren Rückseite zu betrachten. »Jetzt weißt, von die Gstudierten bin ich keiner, aber soviel ich mir die Sach verdeutschen kann, sagen s' beim Amt, daß d' a sicherer Peter Johannes Tschidazilek bist.« »So so? Ja, freilich, der bin ich. Da haben s' recht.« »Und daß mit deiner Predigerei die friedliebliche Bauernschaftsbevölkerung aufstageln tust. Und so ebbes verbieten halt die Parigraffi.« »Ah na!« stotterte Hanspeter, dessen Augen immer größer wurden. »Der Adnotti sagt's, da kannst nix machen! Und was amal gschrieben is, Peterl, is gschrieben. Dös hat sein Evidenz. Und weiter sagt der Adnotti, daß dein' Predigen sein lassen mußt.« »Ah na!« Auf Hanspeters erblaßtem Gesichte spielten die Denkzeichen der Faustschläge in vertieften Farben. »Ah na!« »Da steht's! Und wann dein Schnabel net haltst, so schicken s' dir den Präjudizi aussi und machen dir an Exzeß mit'm Parigraffi dreihundertsechzig und sperren dich schön sauber ein.« Mit zitternden Fäusten auf die Kante der Bettlade gestützt, beugte Hanspeter sich über sein Lager hinaus. Verstört, als stünde ein schreckhaftes Gespenst vor seinen Augen, starrte er den Bürgermeister an. »Waldhofer? Da müßts Enk täuscht haben? Wie kunnt der Parigraffi verbieten, was Christenlieb heißt? Waldhofer, dös glaub ich net! So ebbes kann der Herr Adnotti net sagen.« »Aber schreiben tut er's.« Die Brille von der Nase ziehend, trat der Waldhofer zum Bett und reichte dem Hanspeter das Blatt hin. »Da! Schau dir's an!« Langsam faßte Hanspeter den Bogen. Wachsende Angst in seinem Blick, betrachtete er den fettgedruckten Kopf des amtlichen Schreibens, starrte auf die hundert kleinen schwarzen Teufelchen von Buchstaben, die vor seinen Augen durcheinandertanzten, und völlig entfärbte sich sein Gesicht beim Anblick des blauen Amtsstempels, der hinter der letzten Zeile stand wie ein magisches Punktum hinter einem unabänderlichen Schicksalsspruche. »Gelt?« sagte der Bürgermeister und zog ihm das Blatt aus den Fäusten. Er schien zu bemerken, daß dem buckligen Apostel die Sache sehr naheging. »Jetzt tu dich net kränken, Peterl! Der Parigraffi is der Parigraffi, da kannst nix machen. Drum papp dir halt in Gottsnam a Pflaster auf dein' verliebten Christenschnabel! Dir selber tust den besten Gfallen dermit, und in der Gmein is wieder Fried und Ruh. Sei gscheid, Peterl! So! Und pfüet dich Gott jetzt!« Das Schreiben zusammenfaltend, ging der Waldhofer aus der Stube. In Hanspeters Brustkasten rasselte der Atem. »So viel schlecht sind s', d' Leut. Und weil ich s' hätt mögen a bißl besser machen, drum erschlagen s' mich halb! Und jetzt bin ich der Lump, und ich bin's, ich , mit dem's der Parigraffi hat.« Er fiel auf die groben Kissen zurück, als hätte ihm ein Prügelschlag den Rücken gebrochen. So fand ihn Lisbeth. »Peterl? Geh? Was hast denn?« »Die zwei halt! So viel gspassig sind s'!« »Wer denn?« »Der Parigraffi. Und der ander, weißt, der Adnotti. Sind so viel lustige Leut, dö zwei! Da muß man lachen.« Er kicherte vor sich hin. Lisbeth griff ihm an die Stirn, denn sie glaubte, daß er im Fieber spräche. »Soll ich dir 's kalte Tüchl geben?« »Ah na!« Er atmete tief. »Ich tu net fiebern. So viel kalt haben s' mir gmacht, dö zwei!« »Aber geh, Peterl! Is doch bloß der Waldhofer dagwesen! Und ich bin da.« Der herzliche Klang ihres Zuspruches schien ihn zu beruhigen. Er zog ihre Hand an seine Brust und streichelte sie. »Du bist kein Parigraffi! Und kein Adnotti! Und dein Mutterl is keiner. Und mein Roman net. Und der Herr Pfarr is von die Guten einer! Aber d' Leut.« Seine müde Stimme erregte sich wieder. »Sind lauter Parigraffi gegen d' Lieb! Und Füß und Fäust haben s', und eiserne Schlagring und gschliffene Messer, weißt! Und so müssen s' sein, und die machst auch nimmer anderst. Und wie s' unser Herrgott gmacht hat –« Das Wort erlosch ihm auf der Zunge, als wäre Hanspeter vor seiner eigenen Weisheit erschrocken. Er griff an seinen Hals wie einer, der zu ersticken droht. »Kindl, tu mir 's Fenster auf! Daß ich a Bröserl sehen kann vom lieben Himmel!« In banger Sorge um den Kranken riß Lisbeth die kleinen, trüben Scheiben auf. Und da sah man im Viereck des Mauerrahmens ein Stück des reinen Himmels, goldig überleuchtet von der scheidenden Sonne. Hanspeter beugte sich vor. Seine schimmernden Blicke klammerten sich dort oben fest, und während ihm über das blau und grün gesprenkelte, zu doppelter Häßlichkeit entstellte Gesicht die Tropfen niederkollerten, Schweiß und Tränen zusammen, begann er mit dürstenden Zügen zu schlürfen, als möchte er diesen lächelnden Glanz da droben, dieses reine Licht und diese Wärme tief hineintrinken in die Wunden seines Leibes und seiner Seele. Es war ein schöner und linder Abend. Und wer nichts anderes ansah als nur den leuchtenden Himmel, hätte schon an den Frühling glauben können. Sogar eine Amsel schlug. Sie saß in der kahlen Krone des Apfelbaumes, der im Waldhof neben dem Garten stand. Und zwischen Schlag und Gezwitscher flatterte der schwarze Vogel, dessen Gefieder in der Sonne glänzte, von einem Ast zum andern und guckte aufmerksam die Zweigspitzen an, als dächte er sich: »Mir scheint, die blühen schon bald, und dann gibt es fette Hummeln zu speisen!« Aber die Schönheit, die in den Lüften war, wollte ihre Schimmerfäden nur zögernd an die kalte Erde spinnen. Wohl waren im Tal die Wiesen schon erlöst vom Schnee, doch sie hatten noch ein falbes Ansehen, und das einzige Zeichen ihres Erwachens war, daß der Maulwurf zu schieben begann, dieser hungrige Lebensgräber des Frühlings. In den Hohlwegen und Schluchten lagen noch überall die weißen Reste vom abgezehrten Tisch des Winters umher, und wenn auch auf den sonnseitigen Gehängen schon die Wälder und Almen aus dem Schnee hervorgeapert waren, so trug doch die Schattenseite der Berge noch immer den weißen Mantel der kalten Zeit. Doch die Sonne, die seit einer Woche unverdrossen ihren Frühlingsrobot geleistet hatte, schien auch den letzten Werkeltag noch fleißig nützen zu wollen und raufte sich lachend mit dem Schnee, wo ihre Strahlen den widerspenstigen Gesellen nur erwischen konnten. Bevor die Erde noch recht den Pulsschlag des erneuten Lebens spürte, empfanden ihn schon die Geschöpfe. Das merkte man an dem rastlosen Flug der Tauben, am erregten Gezwitscher der Meisen, am Gackerlärm der Hennen in allen Höfen und am ungeduldigen Gebrüll der Rinder, denen die Stallzeit zu lange dauerte. Auch der Hüterbub aus dem Waldhof, der mit bauchigem Steinkrug zum Wirtshaus ging, um den Abendtrunk zu holen, schien mit seiner spitzigen Nase die in den Lüften webende Frühlingsstimmung zu wittern, schlenkerte den Krug und pfiff einen Ländler. Um seinen Spaziergang zu verlängern, machte er den Umweg am Pfarrhof vorüber. Da blieb er eine Weile stehen und sah dem Maurergesellen zu, der den Vorplatz vor der Tür des Pfarrhofes in Form eines Kreuzes mit Kieselsteinen pflasterte. In einem der Fenster, die alle schon wieder ihre blanken Scheiben hatten und dazu noch nagelneue grüngestrichene Läden, lag Herr Felician Horadam mit schiefgerücktem Hauskäppchen und breiten Ellbogen auf das Gesimse gelehnt und ließ die lange Studentenpfeife ins Freie hängen. Während er ein blaues Wölklein ums andere vor sich hinpaffte, sah er schmunzelnd dem Gesellen zu, als hätte er an dem Werk des Maurers eine ganz besondere Freude. Ein paar Steine lagen noch da, aber das Kreuz war fertig, so lang wie breit. »Jetzt, mein' ich, könnt' s gut sein, Herr Pfarr?« fragte der Maurerbursch. »Nix da! Mach halt 's Kreuz a bißl länger! Die Steiner müssen alle verpflastert werden bis auf'n letzten!« Dieser letzte, das war ein Kiesel von der Größe eines Brotlaibes. Als ihn der Gesell in die Hand nahm, ging ein merkwürdiges Zwinkern über sein Gesicht. »Du?« fragte Herr Felician lächelnd. »Kennst du den Stein vielleicht?« »Ich?« Der Bursch sah ruhig auf. »Steiner gibt's viel, schaut einer wie der ander aus.« »So so? No ja, klopf ihn nur recht fest eini, den!« Da gewahrte Herr Felician den Hüterbuben auf der Straße. »He, Büberl! Wie geht's dem Hanspeter?« »Gut. Der beißt in acht Tag schon wieder Knödel.« »Gott sei Lob und Dank! Gelt, tu mir den Hanspeter schön grüßen!« »Vergeltsgott, ja!« Den Krug schlenkernd, trabte der Bub davon. Im Wirtshaus schien sich auch die Kellnerin für das Befinden des ›buckleten Apostels‹ zu interessieren, denn es dauerte eine geraume Weile, bis der Bub mit dem gefüllten Krug wieder auf die Straße trat. Und da begegnete ihm der junge Waldhofer. Verwundert guckte der Bub ihn an und vergaß zu grüßen. Wie ein Holzknecht sah Roman aus, wie einer, der wenig zu beißen und viel zu schaffen hat. Seine Kleider waren von der harten Wochenarbeit übel zugerichtet, seine Hände starr und schwer, von blutigen Rissen durchzogen. Er ging ein wenig gebeugt. Das Gesicht, obwohl erhitzt und erregt, zeigte Spuren von Erschöpfung und einen seltsamen Ausdruck von Verdrossenheit. Hatte er dort oben nach hartem Tagewerk ein Lager gehabt, auf dem man übel schlief? Seine Augen waren von dunklen Ringen umzogen und brannten heiß und unruhig. Fast war's wie ein Blick der Angst. Er sah sich auch erst nach allen Seiten um, bevor er den Buben fragte: »Wie schaut's denn aus, daheim? Macht er sich bald wieder aussi, der Hanspeter?« »Aaah, dem geht's gut! Der is in der besten Pflegschaft, die man haben kann.« »So so?« Roman sah in dunkler Sorge gegen den Waldhof hinunter. »Ja, du, den hat der Häuslschusterin ihr Madl sauber aussipflegt. Aber mit'm Hexen, da glaub ich schon bald nimmer –« Erschrocken wich der Bub zurück, denn er hatte die zuckende Bewegung gesehen, die dem jungen Waldhofer in die Hand fuhr. »Laß ein' doch ausreden!« maulte er aus vorsichtiger Entfernung. »Wenn ich grad sagen will: sie is keine! Sonst hätt s' schon lang amal ihren Kribeskrabes übern Hanspeter gmacht, damit s' doch auch wieder in der Nacht a bißl schlafen kunnt. Fallen ihr eh schon die Guckerln halbert aussi.« Der Hüterbub war über Romans unruhige Hand viel weniger erschrocken, als Roman über dieses Wort des Buben erschrak. »Was? Noch allweil is dös Madl im Haus? Und ebba wieder die ganze Nacht? Dös is ja nimmer zum Aushalten!« »Ja, sagt's der Bauer oft, und der Hanspeter selber: sie sollt sich a bißl Ruh vergunnen! Aber die laßt net aus. Bloß am Abend allweil, wann's dunkel wird, da schaut s' auf a Stündl heim zum Essen.« »Wann's dunkel wird? So?« Roman guckte zum leuchtenden Abendhimmel hinauf. »No ja, trinken wir halt a Maßl derweil!« Er ging auf das Wirtshaus zu. »Du«, rief der Bub ihm nach, »da wirst aber 's Essen versaumen.« »Hungern tut mich net. Bloß dürsten.« »Wann ich aber 's Bier grad heimtrag!« Ohne auf diesen triftigen Grund zu hören, der ihn zur Heimkehr hätte bewegen müssen, war Roman schon in der Tür verschwunden. Weil es um die Stunde war, zu der die Bauern daheim um den Abendtisch sitzen, fand er eine leere Wirtsstube. Als ihm die Kellnerin das Bier brachte, tat er einen tiefen Zug. Einem so seltenen Gast, wie der Waldhofer-Roman, muß man im Wirtshaus Ehre erweisen. Drum wischte sich die Kellnerin mit der Schürze die nackten Arme ab, setzte sich ihm gegenüber und begann zu plauschen. Es war eine junge Person, auch hübsch, doch mit einer Falte quer über die Stirn, und um die Mundwinkel jenen scharfen Zug, den allzu frühe Lebenserfahrung in junge Gesichter schneidet. Sie schwatzte vom Hanspeter, von der Häuslschusterin und dem ›dummen Tratsch‹ im Dorf, von der Rauferei am letzten Sonntag, vom ›Herrn Schandarm‹ und vom Untersuchungsrichter. Über den letzteren schien sie sich, wenn auch mit aller Vorsicht, ein bißchen lustig zu machen. »Wie er kommen is, hätt man meinen können, der kitzelt die Grillen unter die Steiner aussi. Nach zwei Tag is er heimgfahren und hat sich 's Nasenspitzl eingwickelt.« Roman schien nur halb zu hören. »So so?« Mehr sprach er nicht. Und immer sah er durchs Fenster hinaus und musterte den Himmel, dessen leuchtende Farben zu verblassen begannen. »Mich hat er auch vernommen, wegen die Fensterscheiben, die s' im Pfarrhof eingworfen haben.« »Fensterscheiben?« Als Roman die klirrende Geschichte der Sonntagsnacht vernahm, schob er in Zorn den Krug von sich. »Pfui Teufel! Denen wär's gsund, wann s' a paar Wochen ins Loch spazieren müßten!« »Ja, schimpfen alle drüber. Die dabeigwesen sind, am ärgsten.« Die Kellnerin schmunzelte. »Und hätt man auf mich aufpaßt, wer weiß, wie's gangen wär.« Nun machte sie die Augen klein und lächelte spöttisch. »Aber dei' Julerl! Du! Auf die kannst stolz sein.« Dem jungen Waldhofer schien der Zusammenhang seiner Julei mit den Fensterscheiben des Herrn Felician etwas dunkel zu sein. Die Brauen runzelnd, sagte er gereizt: »Ich weiß schon selber, was ich hab. Und da bin ich auch stolz drauf. Und ich bin's amal.« Das bekräftigte er mit einem Faustschlag auf den Tisch, als hätte er Sorge, daß sein Stolz einem Zweifel begegnen könnte. »So eine, wie mei' Julerl, gibt's nimmer!« »Ja, Mensch, da hast recht! Du! Da kriegst amal a schlauchs Weiberl ins Haus. So viel fromm und zuckerlieb hat s' ihn eingseift, den Herrn Untersuchungsrichter. Und ihren Knecht hat s' so schön sauber aussiglogen, völlig dagstanden is er wie mit der Milli gwaschen. Wenn man s' anschaut mit ihrem heiligen Gsichtl, möcht man gar net glauben, wie dick sie's hinter die lieben Ohrwascherln hat.« Das war in allem Ernst als Kompliment gemeint. Ein schlaues Weib ins Haus zu bekommen, ist für den Bauer von allem Segen der beste. Aber Roman, mit brennrotem Gesicht, fuhr auf: »Über d' Julei sagst mir nix, du! Dös is 's erste- und 's letztemal gwesen!« Er warf der erschrockenen Kellnerin das Geld auf den Tisch. Als er hinaustrat in die blaue Dämmerung, ließ er unter galligem Lachen den heißen Blick über die Berge hinaufgleiten. »Da droben hab ich doch wenigstens mei' Ruh ghabt! Jetzt fangt der Teufel wieder an!« Mit einem Schritt, als müßte er jetzt seinen Weg durch dick und dünn nehmen, begann er loszumarschieren. Immer dunkler wurde der Himmel. So konnte Roman, als er daheim in die Stube trat, mit leidlicher Ruhe grüßen: »Guten Abend, Vater!« Der Tisch war nach dem Abendessen schon wieder geräumt; nur Romans Teller stand noch da und wartete; und unter der Lampe saß der Waldhofer, in das Studium seiner Zeitung vertieft. Bei Romans Eintritt nahm er die Brille ab. »Guten Abend, Bub! Wie steht's denn im Holzschlag droben?« »Net schlecht. Vierzig Klafter haben wir gmacht.« Der Vater sah an ihm hinauf. »A bißl strapeziert schaust aus. Dös müßt net sein! Die vierzehn Täg, bis der Hanspeter wieder beinand is, kunnten d' Holzknecht ohne Aufsicht schaffen.« Roman schüttelte den Kopf. »Es wird schon sein müssen, daß ich wieder auffischau, die nächste Woch.« Er strich das Haar in die Stirn und setzte sich an den Tisch. »No ja, wie d' meinst! Gfallt mir selber, daß d' so auf unser Sach schaust.« Der Alte lächelte. »Aber weil wir halt nimmer weit auf Ostern haben, drum hätt ich mir denkt, du tätst dir liebere Gschäftln wissen als Holzschneiden.« Dem Jungen, der nach dem Brotlaib gegriffen hatte, zitterten die Hände. »D' Arbeit geht für.« Die Magd brachte ihm das Essen. Und der Waldhofer sagte zu ihr: »Geh, hol meim Buben a Flaschl Wein aus'm Keller auffi! Heut kann er's brauchen.« »Is schon wahr! Schlafen muß mau doch auch wieder amal.« Verwundert sah der Alte seinen Buben an. »Schlafen? Hast denn net schlafen können, droben? D' Arbeit muß dich doch müd gmacht haben!« »Und ghörig auch noch!« murrte Roman zwischen Kauen und Würgen. »Aber wie schaut's denn daheim allweil aus?« »Gott sei Dank, jetzt is wieder Fried.« Lachend erhob sich der Alte. »Der Hanspeter macht sich wieder. Und Ruh geben wird er auch. Jetzt hat ihm 's Bezirksamt an Riegel vor'n Schnabel glegt.« »Dös därf aber a fester sein, sonst hebt er net!« Roman füllte sein Glas aus der Flasche, die ihm die Magd gebracht hatte, und stürzte den Wein hinunter. »Is's wahr, Vater?« »Was?« »Daß der Staudamer-Mickei bei dieselbigen dabeigwesen is, die im Pfarrhof d' Fenster eingschlagen haben?« »D' Leut sagen's. Aber dei' Julerl hat Zeugschaft abgeben, daß er unschuldig is.« »Hat s' ebba d' Wahrheit gsagt, oder hat s' –« Roman konnte nicht weitersprechen. Er füllte das Glas, bis es überlief. Doch er trank nicht. Eine Weile war's still im Zimmer, und man hörte nur das Ticken der Schwarzwälderuhr. Nun puffte der Waldhofer seinen Buben mir der Faust in den Rücken. »Geh, du Narr! Wie kannst denn vom Julerl so ebbes denken! Die darf man bloß anschauen.« »Und da weiß man –« Den Nachsatz verschluckte Roman. »Druck net so umanander!« brummte der Alte. »Ich weiß eh schon, was los is.« Erschrocken sah Roman auf. »Gstritten hast dich halt mit ihr. Und unrecht mußt auch haben. Sonst wär net 's Madl seit vier Täg an jedem Abend hergrennt in Waldhof.« »So?« »Ja, so! Nachgeben tut allweil, wer im Recht is. Wer unrecht hat, is bockbeinig. Drum mach keine Gschichten und schau, daß wieder alles auf gleich kommt. 's Grobsein kannst dir aufsparen, bis gheirat is. Gib ihr halt a Bußl, und alls is wieder gut.« Roman lachte heiser und leerte das Glas. »Gut kennt sich der Vater aus.« »Bei deiner Mutter selig hat a Bußl allweil gholfen!« Der Alte fuhr seinem Buben mit der Hand ins Haar. »Sei gscheid! D' Julerl is a liebs Madl. Und haben tut's auch noch was.« »Freilich, ja!« Roman fuhr sich mit dem Arm über die Stirne. »Besser, wie's ich troffen hab, hätt's keim net graten können!« »Gelt, siehst es ein! Und jetzt mach a Sprüngerl zum Hanspeter hinter!« Roman ging zur Tür. »Allein wird er wohl sein, jetzt? Oder net?« Da lachte der Waldhofer. »Glaubst ebba auch schon an die dalketen Hexengschichten? D' Hausmagd traut sich gleich gar nimmer hinter. Und jede Nacht verriegelt s' alle Türen, und flaschlweis sprenkelt sie 's Weihwasser umanand. No ja, Weibsbilder halt! Aber daß du dich fürchten kunntst –« »Für so dumm wird mich der Vater doch net halten!« Roman zog mit energischem Ruck hinter sich die Tür zu. Als er durch den Hausflur gegen Hanspeters Kammer ging, quoll ihm aus der Küche ein scharfer Qualm entgegen. »Zum Teufel! Was is denn?« Er trat in die Küche. Beim offenen Herdfeuer stand die Hausmagd, und während ihr von dem beißenden Rauch die Augen tröpfelten, drehte sie über der züngelnden Flamme unter halblautem Gemurmel eine kleine, rötliche Staude hin und her, aus deren glimmenden Zweigen dieser ätzende Qualm entströmte. »Was treibst denn da? Bist narrisch?« »Na na! Ich weiß schon, was ich tu.« Mit der einen Hand das rauchende Stäudl drehend, wischte sich die Magd mit der anderen das Wasser aus den Augen. »In der Nacht will ich mich sicher haben. Für so ebbes is er gut, der Wacholder.« Da riß ihr Roman den glimmenden Zweig aus der Hand. »Du Gans, du grupfte! Net amal Federn hast!« Der maulenden Magd den Rücken drehend, verließ er die Küche. Als er den langen, finsteren Gang durchschritt, der zu Hanspeters Kammer führte, blieb er plötzlich stehen, als wäre er im Dunkel gegen einen Balken gestoßen, der ihm den Weg versperrte. Die Tür der Krankenstube war nur angelehnt, matter Lichtschein quoll durch den Spalt heraus, und Roman konnte eine müde, leise Mädchenstimme hören, die aus der Bibel zu lesen schien. »Mein Gott, ich rufe zu dir am Tage«, klang es aus der Kammer, »du aber antwortest nicht. Und ich rufe zu dir auch in der Nacht.« Schwül atmend nickte Roman vor sich hin. »Unsere Väter hofften auf dich, und du halfest ihnen. Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute.« Lisbeth verstummte. Da hörte man das heisere Lachen des Kranken: »Lies weiter, Kindl! Da hast an Psalmer troffen, der paßt auf mich. A Leutspott bin ich. Und was denn noch alles?« »Geh, Hanspeter, ich lies dir an andern. Schau, da hab ich an bessern: Gebet um Rettung der Unschuld, ein Psalm Davids, vorzusingen, auf acht Saiten.« »Nix da! Nix da! D' Musi ghört ins Wirtshaus. Den andern mußt mir lesen!« Man hörte einen Seufzer und dann die lesende Stimme wieder: »Ein Spott der Leute und ein Verachteter beim Volke. Alle, die mich sehen, spotten mein und sperren das Maul auf.« »Und schlagen zu und wetzen 's Messer! Heißt's net ebba so?« Hanspeter lachte. »Der heilig David, der hat sich auskennt mit die Leut. Müssen schon selbigsmal in der alten Judenzeit so gwesen sein. Die macht keiner nimmer anderst. Is der Elias dagwesen und der heilig Johannes mit seim guten Sprüchl. Und da möcht's der Flohannes Ratzenspeck derpacken? Ah na! Hat schon recht, der Parigraffi. Lies weiter, Kindl! Der heilig David versteht sich auf d' Leut.« Das Mädchen las: »O Herr, du warst meine Zuversicht, du bist mein Gott von Mutter Schoß an.« »Freilich, ja, is wahr!« Die Stimme des Kranken zitterte. »Von meiner lieben Mutter an!« »Sei jetzt nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe, und hier auf Erden ist kein Retter mehr. Große Stiere haben mich umgeben, gewaltige Ochsen haben mich umringet.« Die Stimme der Lesenden schmolz zusammen mit Hanspeters trockenem Lachen. Das verstummte plötzlich, und man hörte die Bettlade krachen, als hätte der Kranke sich aufgerichtet. »Ilsabeth? Löscht ebba d' Lampen aus, weil so a Rauch so a schlechter in der Kammer is?« »D' Lampen brennt gut. Der Rauch kommt aus der Kuchl her, Abend für Abend. Leicht, daß die Kammertür a wengl offen is?« Lisbeth erhob sich, um nach der Tür zu sehen. Da trat der junge Waldhofer in die Stube. »Guten Abend beinander!« Dann blieb er stehen und sah die Lisbeth an, die erschrocken vor ihm zurückgetreten war. »Guten Abend!« sagte sie leis. Und als hätte sie sich plötzlich zu Hanspeters Meinung bekehrt, daß an der Lampe irgend etwas nicht in Ordnung wäre, so wandte sie sich gegen die Fensternische, schraubte den Lampendocht ein wenig höher und wischte mit der Schürze über den Zylinder. In wortloser Freude hatte Hanspeter seinem Roman die Hände entgegengestreckt. Der faßte sie und bekam zum Willkomm einen so ausgiebigen Druck dieser schweren Fäuste zu fühlen, daß er lächelnd sagte: »Arg schwach mußt nimmer sein?« »Mandi!« Dem Hanspeter schwammen die Augen. »So viel müd schaust aus! Und so viel plagen hast dich müssen und d' Arbeit tun für mich! So viel Unglegenheit muß ich dir machen!« »Geh, was redst denn!« Roman sah zu Lisbeth hinüber, um deren Wangen das Lampenlicht eine rote Schimmerlinie zeichnete. »D' Hauptsach is, daß 's bei dir wieder besser ausschaut. No ja, weil halt so gut in der Pflegschaft bist.« Er schien nach Worten zu suchen. »Was grecht is, muß man sagen. Lisbeth, ich sag dir a Vergeltsgott. Für'n Hanspeter.« Lisbeth schüttelte den Kopf. »Wahr is's, Mandi, was d' Ilsabeth alles –« »Ich weiß schon, ja!« schnitt Roman hastig das Lob ab, das Hanspeter beginnen wollte. Und schnuppernd hob er die Nase. »Jetzt schau, jetzt kommt der dalkete Rauch bis in d' Stuben da eini! Unser Hausmagd hat an Endl Selchfleisch in Rauchfang auffighängt, und da hat s' Wacholderdaxen einigfeuert, die narrete Urschl, weil s' meint, die machen an bessern Rauch!« Er versuchte über die Narretei der Hausmagd zu lachen. »'s ganze Haus is eindampft. Sonst hat's kein' andern Wert. Na na! Gwiß net!« Langsam hatte Lisbeth den Kopf gedreht. Und nun lächelte sie. Und wollte sprechen. Aber Hanspeter kam ihr zuvor: »Gelt, Ilsabeth! Da hörst es jetzt!« Er tappte nach Romans Hand. »Weißt, Mandi –« »Hanspeter!« stammelte Lisbeth. »Weißt, Mandi, auf'n Abend allweil, wann so a Rauch gwesen is, hat sich 's Madl einbildt, daß –« Noch ehe Hanspeter sagen konnte, was Lisbeth sich eingebildet hatte, fing Roman schon zu lachen an. Übermäßig heiter klang das nicht. Und Hanspeter machte verwunderte Augen. »Ich hab ja noch gar nix gsagt.« »Is schon gut, ja!« stotterte Roman. »Aber weißt, Ilsabeth, a bißl nötig wär's schon bald, daß man dich aussiräuchern tät, damit doch auch wieder a Stündl heimkommst und dei' Ruh hast. Schlafen müssen wir auch wieder amal!« Seine Stimme wurde ruhig und warm. »Brauchen tust es! Man sieht's dir am müden Gsichtl an. Und schau, jetzt bin ja ich da –« »Na na, ich bleib schon!« fiel Lisbeth ein. »Du hast die ganze Woch hart schaffen müssen und därfst den Schlaf net graten. Mir macht's nix.« »Jetzt folgst, Ilsabeth, und gehst heim!« erklärte Roman energisch. »Mußt dich net ganz runieren auch noch! Soviel Einsehen wird der Hanspeter selber haben.« »Aber gwiß!« stammelte Hanspeter, obwohl seine Augen an Lisbeth hingen, wie die Augen des Hungernden am Brot. »Hab ihr's ja selber schon allweil gsagt.« Schweigend, als gäbe es gegen die Stimme des jungen Waldhofers keine Einwendung, band Lisbeth ihr Kopftuch um und kramte ihr Nähzeug zusammen. Dann sagte sie Roman alles, was er wissen mußte, um den Hanspeter richtig pflegen zu können: »Da steht 's Flaschl mit der Medizin, da kriegt er jedes zweite Stündl an guten Löffel voll. Um Siebne hat er 's letztmal krieg. Wann's Neune schlägt, kriegt er wieder. Und da steht's Trinkwasser mit'm Zitronensaft. Da kriegt er, wann er dürsten tut. Nach Bedarf, hat der Herr Dokter gsagt. Aber wann er einschlaft, muß man ihn schlafen lassen, hat der Herr Dokter gsagt, weil der Schlaf die beste Medizin is.« »Ja ja, dös glaub ich!« seufzte Roman. »A gsunder Schlaf! Da vergißt er alls, der Mensch.« Das Päcklein mit dem Nähzeug unter dem Arm, trat Lisbeth zu Hanspeter und strich ihm mit der Hand über die Wange. »Pfüe Gott, Peterl! Und laß dir besser gehn! Und tu net viel reden, gelt! Und schau, daß d' schlafen kannst, recht gut und fest!« Sie beugte sich nieder und dämpfte ihre Stimme. »Und tu dir kein' Kummer net machen! Die Herrn beim Gricht, die wissen halt net, wer bist. Sonst täten s' dich belobigen, statt daß man dir an Adnotti schickt.« Mit nassen Augen sah Hanspeter zu Lisbeth auf. »Ja ja, lassen wir's gut sein! Tauset Geltsgott, Kindl! Und tu mir d' Mutter grüßen!« Als Lisbeth ging, fuhr Roman wie ein Erwachender auf. Und streckte die Hand. »Gut Nacht, Ilsabeth!« Sie hob die Augen zu ihm und legte zögernd ihre Hand in die seine. »Vergeltsgott!« sagte sie leis. Er schien dieses Wort nicht zu begreifen. »Warum sagst denn allweil Vergeltsgott? Zu mir?« Ohne zu antworten, löste sie ihre Hand und verließ die Stube. Roman sah verdrossen die Tür an. Dann wandte er langsam das Gesicht. »Hanspeter? Wär am End doch gscheider gwesen, 's Madl war dablieben?« Bevor er noch eine Antwort hatte, fuhr ihm ein neuer Gedanke durch den Kopf. »Oder meinst net, daß ich 's Madl heimführen soll? Wegen die Buben im Ort?« Hanspeter schüttelte den Kopf. »D' Ilsabeth braucht kein' Wegmacher. Wann unser Herrgott auch für mich kei' Zeit hat, mit der Ilsabeth geht er.« »Freilich, ja! Und besser als unser Herrgott kunnt ich's auch net machen.« Roman trat ans Fenster, wischte den grauen Beschlag von den Scheiben und guckte in den dunklen Abend hinaus. »Ja ja! So geht's halt!« Seufzend ließ er sich auf einen Sessel fallen, als begänne er plötzlich alle Ermüdung zu spüren, die das grobe Tagwerk der Woche in seinen Gliedern angesammelt hatte. Nach einer Weile fragte er: »Was hat dir denn d' Ilsabeth zugwispert, von die Grichtsherrn, und daß dich net kümmern sollst? Es hat mir auch der Vater schon ebbes gsagt.« »Verbieten tun s' mir's halt, daß ich a Wörtl zum Guten red. No ja, wird halt net anderst sein dürfen. Wie s' ihn gmacht haben, den Parigraffi, so is er halt. Es wird halt auch so sein wie mit die Leut: so sind s' amal, und so muß man s' haben. Hat schon recht, der Herr Pfarr! Lassen wir die nacketen Spatzerln im warmen Nest! Is gscheider. Bei die Schlechten wird keins net flieget, und die Guten, die brauchen's net.« Hanspeter tastete nach Romans Hand. »Heut bin ich eh z'frieden, weil ich dich wiederhab. Jetzt, Mandi, jetzt bist es wieder! Und soviel gut hast gredt mit der Ilsabeth.« Roman hatte die Lider geschlossen, als wäre brennender Schmerz in seinen Augen. Aber der Klang dieses Namens machte ihn munter. »Ich? Geh, was dir einfallt! Ich hab halt gredt, wie man redt unter Leut, kein bißl anders.« »Na na! Soviel gut bist gwesen mit ihr. Und da sag ich dir Vergeltsgott. Mandi, jetzt hast es wieder, d' Lieb.« Es war ein unglückseliges Wörtl, das Hanspeter da gefunden hatte. Roman fuhr gallig auf. »Laß mich nur grad mit der Lieb in Ruh!« Er betrachtete seufzend eines von den kleinen Schweizerhäuschen an der Wand, dessen Fenster in der matten Lampenhelle heimlich funkelten. Es dauerte lang, bis Hanspeter in seinem Schreck und Kummer den Mut zu einer Frage fand. »Mandi? Sag mir doch um Christi Lieb –« »Stad sollst sein! Net reden darfst, hat d' Ilsabeth gsagt.« Hanspeter drückte die Hand auf seinen Mund. Noch eine Weile stand Roman in der Kammer, wie einer, der nicht weiß, wozu er auf der Welt ist. Dann setzte er sich auf das Fußende des Bettes und lehnte sich in bleierner Müdigkeit gegen das Brett. Eine schweigsame Viertelstunde verging. Als es neun Uhr schlug, erhob sich Roman und füllte aus der Medizinflasche den Löffel, bis er überlief. »Peterl, jetzt kriegst! Mach auf!« Hanspeter öffnete den Mund und schluckte. Nun wieder Stille in der Kammer, in der man noch immer den scharfen Harzduft der verbrannten Wacholderzweige spürte. Dieser Rauch und dieses Schweigen schienen auf Roman, der seinen Platz am Fußende des Bettes wieder eingenommen hatte, eine betäubende Wirkung zu üben. Er drehte den Schnurrbart, klopfte mit den Fäusten auf die Knie, rieb sich die Nase – alles tat er, um sich wach zu erhalten. Aber die Müdigkeit in ihm war stärker als das Pflichtgefühl der ›Pflegschaft‹, die er übernommen hatte. Immer schwerer sank ihm der Kopf auf die Schulter, und langsam glitt er nach der Seite hin, so daß er auf Hanspeters Knie zu liegen kam. Eine Stunde um die andere verging. Roman schlief. Und Hanspeter – obwohl er unter der Last, die seine Knie zu tragen hatten, das ›Sandlaufen‹ in den Beinen bekam – rührte sich nicht, um den Schlummernden nicht zu wecken. Es war schon Mitternacht vorüber, als Roman im Schlaf erregt zu murmeln begann. Und plötzlich fuhr er auf. »Was is denn? Ilsabeth? Wo bin ich denn da?« »Bei mir bist, Mandi!« sagte Hanspeter und reckte die Beine. »Und schau, sei gscheid, geh lieber auffi in dein Kammerl!« »Na na, ich bleib schon und tu dich pflegen.« »Wann ich aber nix mehr brauch! Soviel Schlaf hab ich, schau! Und wann ich allein bin, kann ich besser schlafen. Tust mir an Gfallen, wann d' auffigehst.« »No ja, meintwegen, dir z'lieb halt!« »Und morgen in der Fruh sagst deim Vatern, daß er vor der Kirch a Sprüngl einikommt zu mir. Ich hätt ebbes z'reden mit ihm.« »Ja ja, ich sag's ihm schon! Gut Nacht, Ilsabeth, und laß dir's besser gehn!« Hanspeter lachte ein wenig. »Gottsliebe Nacht, Mandi!« Und als die Tür sich geschlossen hatte, atmete er auf. »Heut braucht er sein' Schlaf. Lauft ihm schon alles durchanander. Sagt er gar Ilsabeth zu mir!« Er drehte sich auf die Seite. Doch lange lag er nicht ruhig. Die Lampe begann zu rauchen, immer trüber wurde ihr verschmachtendes Flämmlein, immer übler der Geruch, mit dem ihr Qualm die Stube erfüllte. Und immer mühsamer atmete Hanspeter. Aber das machte nicht der Rauch der Lampe, sondern der Sorgenqualm, der ihm den Kopf und das Herz erfüllte. »Grad ihr Häusl! Wann s' ihr nur grad ihr Häusl lassen täten! Was soll's denn anfangen, wann's kein Dach nimmer hat?« Die Hände ineinanderkrampfend, sah er hinauf zu der vom Lampenrauch umnebelten Stubendecke. »Du mein guter Herrgott! Dein Gsell in der Lieb bin ich gwesen von meiner Mutter an. Bist mei' Zuversicht und bist mir alles. Jetzt lus a bißl auf! Jetzt muß ich dir ebbes sagen –« In der Lampe war nur noch ein kleines, bläuliches Flämmchen. Nun fing es zu zucken an, und das gab ein Geräusch, als fielen schwere Tropfen rasch nacheinander auf linden Boden. Immer leiser klang dieser seltsame Schwanengesang des sterbenden Lichtes. Und jetzt erlosch es. Zehntes Kapitel An diesem Sonntagmorgen erging es dem jungen Waldhofer, wie es am letzten Sonntag in der Früh dem Hanspeter ergangen war: man mußte mit Fäusten an die Tür seiner Stube trommeln, damit er nicht die Kirchenzeit verschlief. »He! Bub! Willst ebba ins ander Säkuli ummi schlafen?« Als Roman sich halb ermunterte und die Stimme des Vaters erkannte, schoß ihm eine Erinnerung durch die schlafschweren Sinne. »Du! Vater!« »Was?« »Der Hanspeter möcht reden mit dir. Sei so gut und schau a bißl eini!« »No ja, meintwegen! Und du, Bub, tummel dich! Es is ebbes da für dich. Da kannst dei' Freud dran haben.« Lachend ging der Waldhofer über die Stiege hinunter und in Hanspeters Kammer. Da spürte man noch allen Qualm, den die ausgebrannte Lampe zurückgelassen. »Sakra, hat's da herin a Düftl!« Der Waldhofer riß das Fenster auf; und weil auch die Türe noch offenstand, blies die frische Morgenluft mit kräftigem Hauch in die Stube. Ein Bündel Sonnenstrahlen flimmerte mit schrägem Band durch das Fenster herein und warf über die geblumten Kissen und über die Brust des Kranken ein Zitterspiel von goldigen Lichtern. Hanspeters Gesicht lag im Schatten eines Kissenzipfels, doch seine Nase bekam von der Sonne noch etwas ab – und das war ein merkwürdiger Anblick: dieses leuchtende Knöpfl inmitten des grauen, übernächtigen Gesichtes mit seinen grünen und bläulichen Sprenkeln, mit den schwarzen Ringen des Lampenrußes um die Augen, um die Lippen und um die Nasenlöcher. Es war dem Waldhofer nicht zu verdenken, daß er bei diesem Anblick lachen mußte. »Mensch, du schaust ja aus wie der Stieglitz, eh daß er d' Federn schiebt!« Hanspeter haschte den Bürgermeister am Rockflügel und zog ihn zu sich ans Bett. »Waldhofer, um Christi willen, wann heut in der Gmein um der Nannimai ihr Häusl ghandelt wird, so tuts mir den Gfallen, Waldhofer, und redts für dös arme Weibl a Wörtl in der Güt!« »No ja, meintwegen!« »Geld is Geld, Waldhofer! Mein Geld is gut. Tuts abstimmen lassen über mein' Antrag! Fufzg Markln hab ich boten. Mehrer hab ich net, sonst tat ich mehrer geben. Aber fufzg Markln hab ich. Im Kasten hab ich s' drin. Soll ich s' Enk gleich mitgeben?« Hanspeter wollte aus dem Bett springen. Aber lachend schob ihn der Bürgermeister in die Kissen zurück. »Jetzt gib an Fried, du Narr! Und laß dein Geld im Kasten!« »Waldhofer! Schauts mich an, Waldhofer! Wann ebba 's Geld net gnug wär? Schauts mich an.« Hanspeter zerrte an der Brust das Hemd auseinander. »Schauts mich an und laßts mein Blut und mein' Wehdam a wengl mitzahlen. Blut is noch besser wie Geld.« »No ja!« Halb lachte der Bürgermeister noch. Aber der Anblick dieses blutgesprenkelten Märtyrers, der seine Wunden für die Not eines armen Weibes betteln ließ, schien ihm doch ein wenig ans Gemüt zu greifen. »Bist a guter Kerl! Und jetzt gib dich z'frieden! Wann die andern net ihre bockbeinigen Schädeln aufsetzen, laßt sich vielleicht ebbes richten. Ich tat's schon dem guten Madl z'lieb. Aber no, wie's halt geht. Der Burgermeister is allweil der letzt. Aber laßt sich die Gmein ebbes sagen von mir, so soll die Alte ihr Häusl bhalten. Und pfüet dich Gott jetzt!« Das war nun freilich ein magerer Trost. Aber ein Trost war es doch, und Hanspeter atmete ein wenig leichter. Er dachte auch an die Zwiesprach, die er in der Nacht mit seinem Herrgott gehalten. Und just, als wollte ihm der Himmel eine deutliche Antwort geben, so fingen im gleichen Augenblick die drei Glocken des Kirchturms zu läuten an. Zusammen mit der hellen Morgensonne schwammen die hallenden Klänge durch das offene Fenster in die kleine Stube herein, daß sie ganz erfüllt war mit Licht und schwebendem Getön. Hanspeter nahm das wie eine Verheißung Gottes. Seine müden Augen glänzten auf, während er das gesprenkelte Gesicht bekreuzte. Auch der Waldhofer, draußen im dunklen Gang vor der Türe, hörte die Glocken läuten. Und dachte: »Is denn schon Viertel auf Neune?« Er sah nach der Uhr. »Natürlich, wieder läuten s' um fünf Minuten z'fruh!« Als er in den Hausflur kam, stieg Roman in seinem Sonntagsstaat gerade die Treppe herunter. Lachend faßte ihn der Waldhofer bei der Joppe, öffnete die Tür der Wohnstube und gab seinem Buben einen Schubbs. »So! Jetzt machts enkern Fried mitanand!« »Ah, da schau!« stotterte Roman in der ersten Freude. Diese Freude hatte eine merkwürdige Ähnlichkeit mit ratlosem Schreck. Auf der Wandbank, in der schönsten Sonne, saß die Staudamer-Julei. Wie ein lebendig gewordenes Farbenkästl war sie anzusehen: um die Schultern das buntgeblumte Fransentuch, auf dem Hütl ein Sträußchen der roten Geranien, die zur Winterszeit in den Stuben blühen, und um den Schoß die Seidenschürze, die in der Sonne bald blau wie der Himmel, bald rot wie Feuer schillerte. Ihr Hals und ihre Brust waren umzittert vom Gefunkel der silbernen Ketten und Schaumünzen. Und unter dem Schatten der Hutkrempe blühte das rosig verlegene Grübchengesicht, in den frommen Taubenaugen glänzte der sanfteste aller Unschuldsblicke, und ein verschämtes Lächeln spielte um das kirschrote Mäulchen – ein Tischlein, das gedeckt war für den Verliebten. Doch Roman stand wie ein Klotz bei der Türe. »Du bist da?« Sie nickte. »Is net 's erstmal heut!« »So? Freilich, hat mir's ja der Vater gsagt!« Julei schwieg, legte das hübsche Köpfl auf die Seite und lächelte. Da schien sich zu Romans Erregung noch die Verwunderung zu gesellen. Wieder etwas Neues an ihr: dieses Lächeln! Das kannte er nicht. Noch immer schwieg sie, als hätte sie auf irgend etwas zu warten. Weil aber nichts geschah, verzog sie den roten Mund wie ein verdrossenes Kind. »Geh, du!« Dann sagte sie ernst: »Eins muß doch nachgeben!« Sie erhob sich, streckte die Hand und ging auf Roman zu. Der sah in der Stube umher, wie einer, der etwas vermißt. »Wo hast denn d' Mutter?« In Juleis sanften Augen zuckte ein Blitz des Ärgers auf. »Bin dir ebba ich allein net gnug?« »Du allein, dös bin ich halt net gwöhnt.« »Weil ich der Mutter davon bin, dir z'lieb!« Ganz Sanftmut war sie wieder. Und während sie immer die Hand gestreckt hielt, lispelte sie verlegen: »Wann ich mein Unrecht eingsehen hab? Und wann ich dir's abbitten tu? Da kannst doch auch nimmer so sein? Oder ja?« Zögernd nahm er Juleis Hand. Und da lächelte sie rosig zu ihm auf. »Bist mir wieder gut?« »Freilich, ja!« »Schatzl!« Sie wollte den Arm um seinen Hals legen. Aber da nahm er seinen Hut von der Ofenstange. »Jetzt müssen wir uns tummeln, sonst kommen wir zum Segen z'spat. Zammgläut haben s' schon.« Dieser jähe Abbruch der Versöhnungsfeier schien Julei nicht zu beunruhigen. Lächelnd sah sie mit unschuldigen Augen zu ihm auf. Er drückte den Hut übers Haar. Doch als er schon die Türklinke in der Hand hielt, sah er das Mädel forschend an. »Eins mußt mir noch sagen!« »Was denn?« Sie lächelte. »Heut darfst alls von mir verlangen.« »Is dös wahr, daß enker Mickei bei der Lausbüberei dabeigwesen is, die s' am Herrn Pfarr verübt haben?« Er bohrte die funkelnden Augen in ihr Gesicht. Aber Julerl wurde nicht rot, wurde nicht verlegen und erschrak nicht. Ruhig hielt sie den Spürblick seiner Augen aus. »Ob er dabeigwesen is oder net, da bin ich mir selber net gwiß. Zutrauen dürft man's ihm schon! Wann's aber wahr is, was d' Jungfer Kathrin aussagt, daß d' Fensterscheiben um Eins in der Fruh gscheppert haben, so muß er unschuldig sein.« »So?« »Ja! So viel Kümmernis hat's mir gmacht, daß mir harb bist, und gar net schlafen hab ich können, am Sonntag auf d' Nacht. Und da hab ich's hören können, ganz gnau, wie er heimkommen is. Ich schlaf ja bei der Mutter in der Kammer, dös weißt doch.« Sie seufzte und schmunzelte ein wenig. »Und da hört man alls, was im Hausgang gschieht. Ja. Und erst dernach hat's Zwölfe gschlagen, auf unserer Uhr in der Stuben draußt. Mehr hab ich net aussagen können.« »Julei? Und dös is wahr?« »Aber gwiß!« beteuerte sie ehrlich und sah ihm in die Augen auf jene Art, die man treuherzig zu nennen pflegt. Schwül atmend, rückte Roman den Hut. »No ja! Müssen wir halt gehn!« Er trat in den Flur. Schmunzelnd ging Julerl hinter ihm her und schob ein klein wenig die rosige Zungenspitze zwischen den Lippen hervor. Mit dem Kopf voran, als ging' es durch Sturm und übles Wetter, marschierte Roman in den sonnigen Morgen hinaus und machte Schritte, daß Julei trippeln mußte, um sich an seiner Seite zu halten. Auf der Straße schmiegte sie sich im Schnellschritt an seinen Arm und faßte seine Hand. Roman wich auf die Seite. »Dös laß gut sein! So ebbes mag dei' Mutter net leiden. Und auf der Straßen! Daß uns d' Leut auslachen!« Aber die Straße war leer. Von allen Kirchgängern waren der Roman und sein Bräutl die letzten. »Geh, du! Soviel nachträgerisch bist!« »Ich bin halt, wie ich bin. Umdraxeln kann ich mich net.« Die Sonne schien nicht so heiß, daß man eine nasse Stirn bekommen konnte. Und dennoch nahm Roman den Hut ab und fuhr mit dem Taschentuch über das Gesicht. Die Hitze, die in ihm kochte, schien sich zu steigern, je näher sie der Kirche kamen. Julei sah ihn von der Seite an. Immer unruhiger wurde ihr Blick. »Schatzl! Was hast denn?« fragte sie mit aller Zärtlichkeit einer liebenden Seele. »Sorgen hab ich!« fuhr's ihm gallig heraus. »Jetzt liegt der arme Mensch daheim, und 's ganze Haus is leer. Wann er ebbes braucht!« »Der hat ja sei' Pflegschaft. Oder net?« »Was weiß denn ich!« Mit zornblitzenden Augen sah Roman sein sanftes Bräutl an. »Die kann ja gradsogut in der Kirch sein! Telegraphiert hat s' mir's net. Und jetzt kann er daliegen, der arme Hascher, allein und verlassen!« Julerl blickte lächelnd zu ihm auf. »Wann keins daheim is, kunnten ja wir zwei heimgehn? Und den Hanspeter pflegen?« »Du und ich? Da dank ich schön! Dös wär die richtige Pflegschaft!« Mit treibenden Schritten marschierte er weiter. »Hoffentlich wird 's Madl beim Hanspeter sein. Und net in der Kirch!« Bei seiner Eile war Julei ein bißchen zurückgeblieben. »Mußt ja an ihrem Stuhl vorbei!« Sie kicherte. »Da siehst es ja.« Er lachte heiser und machte noch längere Schritte. Bei der Kirchentüre, vor der die Frommen standen, die in der Kirche keinen Platz finden wollten, gab es ein kleines Gedränge, bis Roman durchkam. Julei hatte sich an seine Joppe geklammert. Und da sah sie zwischen den anderen Köpfen das schmunzelnde Gesicht des Mickei. Ihre Taubenaugen schossen einen Zornblick nach dem Knechte. Beim ersten Schritt in die Kirche spähte Roman nach den Betstühlen im hintersten Winkel. Zwei Plätze waren leer. Aufatmend tauchte er die Hand in das Weihwasserbecken und huschte über die Stiege zur Emporkirche so flink hinauf, als ging' es zum Tanzboden. Julei mußte, weil die Plätze des Staudamerhofes in der ersten Reihe waren, durch die ganze Kirche nach vorne gehen. Mit niedergeschlagenen Augen, sittsam, wie es der Unschuld eigen ist, und ohne das Röckl um das leiseste Schwenkerchen zu drehen, wanderte sie zwischen den musternden Augen hindurch. Wer sie ansah, mußte an ihr sein Wohlgefallen haben. Nur Herr Felician Horadam – er stand im weißen Chorhemd schon auf der Kanzel – runzelte die Stirne. Just hatte er die Predigt beginnen wollen; doch als er die verspätete Kirchgängerin sah, wartete er, bis sie ihren Betstuhl erreichte. Hier empfing die Staudamerin ihr frommes Kind mit einem wütenden Blick. Und nun bekreuzte sich Herr Felician und sprach das Gebet vor der Predigt. Eine seltsame Spannung schien in der Kirche zu herrschen; auf vielen Gesichtern sah man ein leises Lächeln, auf anderen den Ausdruck einer unruhigen Scheu. Alle erwarteten, daß es heut eine ganz besondere Predigt geben würde. Die eingeworfenen Fensterscheiben und den blutig gestochenen Apostel der christlichen Nächstenliebe würde der Hochwürdige sicher nicht mit Schweigen übergehen. Und noch etwas anderes reizte die allgemeine Spannung. Das Evangelium dieses Sonntags lautete: »Jesus treibt einen Teufel aus.« Das paßte! Und vermutlich hatte die Häuslschusterin recht gut gewußt, warum sie gerade an diesem Sonntag ans der Kirche fortblieb. Herr Felician Horadam aber schien es übersehen zu wollen, welch ein Thema an der Sonntagsordnung war. Ohne das Evangelium zu lesen, begann er gleich: »Andächtige in Christo! Meine geliebten Pfarrkinder!« Er ließ noch einen Blick durch die ganze Kirche gleiten, und als er im hintersten Winkel die beiden leeren Plätze sah, schnitt sich ein Zug des Kummers in sein gutmütiges Faltengesicht. Mit ruhiger Stimme begann er zu predigen – nicht von einem Teufel, der ausgetrieben werden soll –, sondern von der alles erhaltenden, unversiegbaren Güte Gottes, die den Frühling erschuf, um nach hartem Winter jeder frierenden Not des Lebens neue Wärme zu spenden. Wie die Luft, diese Nahrung alles Lebens, auch in die dunkelsten Schlünde der Erde dringt, so quillt die Güte des Herrn mit jedem Regentropfen und Sonnenstrahl vom Himmel herab in den Schoß der Erde und belebt in jeder Scholle die schlummernden Keime. Und was für den brachen Acker der gesunde Same ist, der aus der Hand des Sämanns fällt, das ist für ein schwaches und irrendes Menschenherz jeder Gedanke der Einsicht, jede Regung der Reue nach einer Tat, die nicht gut gewesen. Das ist Gottessame, und jedes Herz, das diesen Samen empfängt und keimen läßt, wird blühen und Ähren tragen. Das war sein Thema. Fast eine Stunde sprach er. Mit beiden Händen griff er immer wieder über die Brüstung der Kanzel hinunter, als möchte er die Herzen dort unten mit Fäusten packen. Und ein Herz, das hatte er gepackt. Jungfer Kathrin weinte, daß ihre gestärkte Halsbarbe von den fallenden Tränen mürbe wurde und aus der Form geriet. Und auch sonst noch manch ein altes Weiblein hatte feuchte Augen, manch ein alter Bauer nickte zustimmend: »Heut macht er's gut!« Doch auf der Emporkirche, wo die ledigen Burschen ihre Plätze hatten, saß einer, der nicht zu hören schien, sondern brütend vor sich hin starrte und manchmal einen ratlosen Blick hinuntergleiten ließ zu der Stelle, wo die Plätze des Staudamerhofes waren. Die anderen Burschen aber paßten auf wie der Star aufs Pfeifen; bei jedem Wort, das sich halbwegs deuten ließ, gab's ein Gewisper und Getuschel; und als die Stunde schon fast vorüber war, drehte bald der eine, bald der andere das erstaunte Gesicht seinem Nachbar zu, wie um zu sagen: »Was is denn? Mir scheint, es kommt nix?« Beim Amen erhoben sich alle in der Kirche von ihren Sitzen. Das gab ein Geräusper und ein Scharren mit den Füßen, daß es klang, als führe ein Bretterwagen über groben Kies. Doch plötzlich wurde es wieder still in der Kirche. Herr Felician hatte die Kanzel nicht verlassen, und alle merkten, daß er noch etwas zu sagen hatte. Da fing er auch schon zu sprechen an: »Meine lieben Pfarrkinder! Die geistliche Sonntagspredigt ist vorbei, und ich will hoffen, daß von dem Samen, den ich aus meinem Seelsorgerherzen herausgestreut habe, manches Körnlein auf guten Boden fiel! – Aber jetzt hab ich noch etwas Weltliches zu sagen.« Wie sie die Ohren spitzten! Und Jungfer Kathrin erschrak, daß sie zu zittern anfing. »Die Kanzel ist freilich nicht der Ort für weltliche Angelegenheiten. Aber weil es ein Dank ist, den ich öffentlich aussprechen möchte, so wird mir's der liebe Gott gewiß nicht übelnehmen, wenn ich das auf der Kanzel tue! – Seht, meine lieben Pfarrkinder, es war schon lange mein Wunsch, den Vorplatz vor meiner Haustür pflastern zu lassen. Aber bei meinem bescheidenen Einkommen hab ich mir immer denken müssen, daß mich das Sammeln und Herführen der nötigen Steine ein bisserl viel kosten wird. Aber nun haben mir unbekannte Wohltäter in der letzten Sonntagsnacht so viel Steine ins Haus getragen, daß ich das schönste Pflaster davon bekommen habe. Dafür sag ich diesen Wohltätern meinen herzlichen Dank. Ich habe dem Pflaster die Form eines Kreuzes geben lassen. Und wenn in Zukunft einer von diesen Wohltätern mit einer Sorge oder einem christlichen Anliegen in den Pfarrhof kommt, und wenn er wegschreiten muß über dieses Kreuz, so darf er sich in seinem Herzen denken: Zu dem Kreuz hab ich auch ein paar Steinerln beigetragen! – So! Das hab ich noch sagen wollen!« Fast atemlose Stille war in der Kirche, als Herr Felician sein Taschentuch zusammenwickelte und von der Kanzel herunterstieg. Als er in der Sakristei verschwunden war, gab's in der ganzen Kirche ein Köpfedrehen und ein Gesumm. Bei den Weiberleuten und dem verständigeren Teil der Männer hatte dieses kurze Nachwort ausgiebiger gewirkt als die ganze lange, gute Predigt. Und der Waldhofer war der erste, der nach der Emporkirche schaute, als möchte er hinaufschreien: »Jetzt, Buben, jetzt könnts enk schamen!« Von droben aber guckten sie ruhig herunter, ein wenig verwundert. Da wollte jeder zeigen, daß ihn die Sache nichts anginge. Dem einen und anderen stand wohl das Blut mit dunkler Röte im Gesicht, als ein Zeichen jenes Ärgers, den in bockbeinigen Naturen eine gut verabreichte Ohrfeige zu erwecken pflegt. Aber sie schluckten ihren Zorn und hielten den Schnabel im Zaum. Schließlich waren sie doch in der Kirche! Um so lebendiger ging es draußen vor dem Kirchtor zu. Da hatten sie nur halb gehört; aber ein paar Burschen, die noch im Kirchgang gestanden, trugen den ›Dank‹ des Herrn Felician zu den anderen hinaus. Was bei diesem Wandern von Mund zu Mund aus der Sache wurde, glich einem Vogel, dem die besten Federn ausgerissen waren, bevor er in die letzte Hand geriet. Diese letzte Hand gehörte dem Staudamer-Mickei, der die Pause zwischen Predigt und Hochamt für ein paar ›Koster‹ auf seiner Pfeife benützte. Als sich die Burschen um ihn her drängten, lachte er: »Ui jegerl! Der Herr Pfarr! Fein möcht er sich aussiwuzeln! Aufbracht haben s' nix, schimpfen traut er sich nimmer, jetzt draht er d' Schokoladseiten aussi.« Rauschend begann in der Kirche die Orgel zu spielen, ein Zeichen, daß Herr Felician mit dem Kelch zum Hochamt ging. Mickei schob die Pfeife in die Joppentasche. »Buben! Bis zum Karsamstag halten wir uns stad! 's ander findt sich schon alles. Mein siebenhölziger Schaml hat schon seine Füß.« Da sah er, daß jemand vom untern Dorf über die stille Straße heraufkam. Er machte die Augen klein und kicherte. »Ah, schau, da kunnt man gleich a bißl Hexenprob halten!« Lachend schwang er das Bein über die Mauer. Einer wollte ihn zurückhalten. »Mach keine Gschichten!« »Ah was!« Seinen Arm befreiend, ließ Mickei sich von der Friedhofmauer auf die Straße hinuntergleiten. Den Hut zurückgeschoben, die Daumen im Ausschnitt der Weste, stand er und wartete, während droben im Kirchhof die Kameraden neugierig die Hälse streckten. Raschen Ganges kam Lisbeth die Straße herauf. An einer Schnurschlinge trug sie eine irdene Raine; die Altenöderin hatte für den Hanspeter ›saure Fisolen‹ gekocht, die er gerne aß, und Lisbeth wollte dem Kranken das Gericht noch warm in die Stube bringen. Drum ihre Eile. Doch als sie den Burschen gewahrte, verzögerte sie den Schritt. Und vor der Ecke des Wirtshauses bog sie in einen Seitenpfad gegen die Wiesen ab. Droben im Kirchhof lachten die Burschen, und das wirkte wie ein Puff auf den Unternehmungsgeist des Staudamer-Knechtes. Mit ein paar raschen Sprüngen vertrat er dem Mädel den Weg. Lisbeth blieb stehen. Ruhig ließ sie die großen, dunklen Augen an dem Burschen hinaufgleiten. »Was willst von mir?« »Wissen möcht ich gern, ob's wahr is, was alle Leut sagen?« Mickei redete laut, damit es die bei der Mauer droben hören möchten. »Ob's wahr is, daß eine, die gschmiert is mit der Besensalb, kein richtigs Mannsbild nimmer busseln darf?« Die Empörung trieb ihr das Blut in die Stirne. Doch sie verlor ihre Ruhe nicht. »Und ich hab mir denkt, du willst nachschauen auf der Straß, ob s' vom Hanspeter her noch blutig is?« »Ah na!« Lächelnd trat er auf Lisbeth zu. »Aber dir hätt ich gern an Gfallen tan. Geh, gib a Bussel her! Dös tät dei' Unschuld beweisen.« Bei der Mauer droben schienen sie nicht gut zu hören, denn sie legten die hohlen Hände hinter die Ohren. Aber nun hörten sie nicht besser, sondern sahen nur, wie Lisbeth den frei gewordenen Fußweg hinunterging, während Mickei gegen die Hecke taumelte und bis an die Knie im Straßengraben verschwand. Im Vorfrühling, wenn die trüben Bäche rinnen, ist ein Dorfgraben kein reinliches Quartier. Mickei bekam das zu merken, als er mit schlammtriefenden Beinen auf die Straße stieg. Mehr durch das schadenfrohe Gelächter seiner Kameraden als durch den üblen Ausfall seiner Hexenprobe zur Wut gereizt, drohte er hinter Lisbeth her: »Wart, du! Am Karsamstag!« Während droben die Burschen zum Kirchtor liefen, begann er in der lachenden Sonne mit seinem schön polierten Messer den Schlamm von sich abzuschaben. Lisbeth hatte die Wiesen schon überschritten. Bis zum Waldhof war's nur noch ein kurzer Weg. Beim Anblick des stattlichen Hauses wurde ihr Gang immer langsamer. Und auf der Schwelle der offenen Haustür blieb sie ein Weilchen stehen und drückte den Arm über die Augen. Als sie zu Hanspeter in die Kammer trat, konnte sie ruhig sagen: »Guten Morgen, Peterl! Is dir's gut gwesen in der Nacht?« »Ah, freilich, tut's schon, ja!« Es ging über sein fleckiges Gesicht, als hätte wieder die Sonne in seine Kammer hereingeleuchtet. »Jetzt muß ich a bißl gschlafen haben, weil ich 's Kirchausläuten überhört hab.« Da sah er es ihr an den Augen an, daß irgend etwas nicht richtig wäre. »Kindl? Was hast denn?« Schweigend reichte sie ihm die Hand. Erst der Anblick seines fleckigen Gesichtes machte sie sprechen. »Peterl, wie schaust denn aus! Bist ja voller Ruß!« »Wird wohl d' Lampen graucht haben in der Nacht.« Sie stellte die Raine auf das Fenstergesims, tauchte das Handtuch mit dem Zipfel in den Wasserkrug und wusch die Rußflecke von Hanspeters Gesicht. Dazu lachte er ein wenig, halb verlegen und halb in Wohlbehagen. Der Ruß war weg, die grünen und blauen Flecke blieben. Lisbeth trat zum Fenster und nahm den Deckel von der Raine. »Was hast denn da?« »Saure Fisolen hat dir d' Mutter gmacht.« Hanspeters Augen glänzten auf. »Hat sich jetzt d' Mutter wieder plagt wegen meiner!« Er setzte sich auf und glättete die Lodendecke, als bekäme sie jetzt ein kostbar Ding zu tragen. Lisbeth stellte ihm die Raine aufs Bett, und mit Vorsicht rührte Hanspeter die Speise um. Als er den ersten Löffel nehmen wollte, begann die große Kirchenglocke zur Wandlung zu läuten. Hanspeter legte den Löffel wieder hin. Während er betete, sah er immer die Lisbeth an, als ginge ihm ein Gedanke mit Unruh durch den Kopf. Und kaum daß er sich bekreuzt hatte, fragte er: »Kindl, is ja die Kirch noch gar net aus? Warum bist denn net drin? Und grad heut wär 's Beten so viel pressanti gwesen.« Lisbeth schwieg. Die Wahrheit wollte sie ihm nicht sagen, und lügen konnte sie nicht. »Ilsabeth? Warum bist denn net drin?« »Weil d' Mutter daheimbleiben hat müssen. Und da bin ich halt bei ihr blieben und hab ihr statt der Predigt fürglesen aus der Schrift.« »So so? D' Mutter?« Das war für Hanspeter ein Grund, hinter dem es kein Denken und Fragen mehr gab. »Wo d' Mutter is, da is unser Herrgott allweil. Heut hilft er. Mit die Glocken hat er mir's gsagt und mit'm Sunnschein, ja. Der liebe Herrgott, weißt, der hat seine Parigraffi. Die sind a bißl anders wie die unsrigen. Da tu dich net sorgen, Ilsabeth! 's Häusl bleibt der Mutter.« Er begann zu essen. »So viel gut sind s', enkere Fisolen!« Lisbeth hatte sich zum Fenster gewendet, um die Tränen fortzutrocknen, die er nicht sehen sollte. Langsam aß er, als möchte er jeden Bissen doppelt genießen. Dazu brauchte er so lange, daß man das Hochamt schon ausgeläutet hatte, bis er fertig wurde. Nun lag er in die Kissen zurückgelehnt und konnte durchs offene Fenster das lustige Schwatzen der Leute hören, die von der Kirche kamen. »Heut muß a feiner Tag sein? Gelt? Und alles is wieder gut. D' Mutter därf sich nimmer sorgen. Und du bist da. Und den Roman hab ich seit gestern auch wieder auf gleich. Jetzt hat er s' wieder, d' Lieb!« Lisbeth schien nicht zu hören. Neben dem Fenster stand sie an die Mauer gedrückt und starrte auf die Straße hinaus. Hanspeter hob sich aus den Kissen. Als er Lisbeths Augen sah, erschrak er. »Kindl? Was hast denn? Als ob dir 's Glück vorbeiging und tat sich net umschaun auf dich!« »Umgschaut hat's schon.« Sie wußte nicht, daß sie sprach. Und nun erschrak sie selbst. »Ilsabeth?« »Frisch Wasser muß ich dir holen!« Sie nahm den Steinkrug und verließ die Kammer. Draußen im finsteren Gang blieb sie stehen, wie von einem Schwindel befallen. Und auf der Straße, unter der lachenden Sonne, fragte das sanfte Julerl: »Warum schaust dich denn allweil um? Als hättst den Waldhof noch nie net gsehen?« Romans Laune schien sich in der Kirchenluft eher verschlimmert als gebessert zu haben. »Jedsmal hab ich die liebste Freud ghabt, sooft ich mein' Haushof angschaut hab. Und gar nimmer gfallt er mir jetzt. Wird ihn der Vater schon weißnen lassen müssen aufs Fruhjahr.« Julei schmunzelte. »Ja, a bißl därf er sich schon aufputzen, der Waldhof, nach die Ostertäg.« »So? Meinst?« Schweigend gingen sie die Straße hin, während vor ihnen die Staudamerin zwischen dem Nachbar und seinem Weib in erregtem Disput mit dem Rosenkranz schlenkerte. Als sie gegen die Wiesen abbogen, aus deren braunem Rasen sich über Nacht ein blasser Schimmer des ersten Grüns hervorgeschoben hatte, machte Julerl ein ernstes Gesicht. »Heut in der Kirch hab ich mir's überlegt. Am Gründonnerstag nach der Kumlion kunnten wir 's Brautexami machen. An so eim Tag, mein' ich, nimmt er's net bsunders gnau, der Herr Pfarr. Und am Ostersonntag kunnt er uns 's erstemal verkünden.« Weil Roman schwieg, sah Julerl mit einem liebevollen Blick ihrer Taubenaugen an ihm hinauf. »Was meinst?« »No ja! Amal muß's sein!« Sie hatten die Hecke erreicht, hinter der die Staudamerin schon verschwunden war. Der Anblick dieser Hecke schien in Roman eine unbehagliche Erinnerung zu wecken. Verdrossen rückte er den Hut. Julerl schürzte gekränkt das kirschrote Mäulchen. »Geh, ich weiß schon gar nimmer, wie mir fürkommst!« Dann faßte sie zärtlich seine Hand. »Schatzl –« »D' Mutter hat's net gern, wann z'ruckbleibst.« Mit ein paar flinken Schritten war Roman über die Hecke hinaus. In Juleis sanften Taubenaugen funkelte ein Zornblick. Doch als sie den Verlobten eingeholt hatte, lächelte sie wieder. Nun kamen die beiden zu der Stelle, an der sie damals auseinandergegangen waren. Roman lachte heiser. »Kennst dös Platzl da?« »Ja!« flüsterte Julerl mit dem Augenaufschlag der reuigen Sünderin. »Trag mir's halt nimmer nach!« »Sag ich denn ebbes?« Dann sprachen sie kein Wort mehr, bis sie den Zaun des Staudamerhofes schon fast erreicht hatten. Julerl machte kleinere Schritte und warf einen spähenden Blick nach der Mutter, die sich eben von den Nachbarsleuten verabschiedete. »Ich soll dir's net sagen, d' Mutter hat's verboten – aber unserem Vetter is d' Hauserin durchgangen, und nach'm Essen muß d' Mutter ummifahren. Ich bleib daheim.« Ein seltsames Lächeln veränderte ihr hübsches, rosiges Grübchengesicht, und die Kapellentürchen öffneten sich an ihren Augen. »Kommst a bißl?« Roman blickte in dieses verwandelte Gesicht und schüttelte den Kopf, als wäre die dunkle Frage in ihm: Wieviel Gesichter hat sie denn? Schon wieder ein neues? »Kommst?« »Kann sein, daß mich der Hanspeter braucht.« »Der Hanspeter? So? Und ich?« War es Zorn, der ihr die Tränen in die Augen trieb? Oder Kränkung, die ihr zärtliches Herz empfand? »Ich durft wohl gar nix brauchen? Und gar kein Recht soll ich haben?« »Freilich, 's Recht auf mich, dös hast!« Roman nickte, als gäb' es auch für ihn keinen Zweifel an dieser ernsten Tatsache. »Und kommst a bißl? Gelt?« Da rief die Staudamerin vom Zauntor her: »Was is denn?« »Grad hat er gsagt, daß er zum Essen heim muß.« Julei war plötzlich wieder in das kindliche Julerl verwandelt. Und so laut, daß es die Mutter hören konnte, sagte sie: »Pfüe Gott, am nächsten Sonntag wieder!« Roman gab den Gruß nicht zurück, faßte aber Juleis Hand und sah ihr ernst in die Augen. Ihr Grübchengesicht wurde dunkelrot bis unter den Hutrand. »Wie du ein' anschaun kannst!« Kichernd löste sie ihre Hand und lief der Mutter nach. Die Staudamerin fragte mißtrauisch: »Du? Hast es ihm ebba gsagt?« »Was?« fragte Julerl in aller Unschuld. »Daß ich fort muß, heut?« »Aber Mutter!« schmollte das gute Kind gekränkt. »Wie kunnt ich denn ebbes sagen, was d' Mutter verboten hat?« Julei ließ die Mutter voran ins Haus gehen und wandte blitzschnell das Gesicht gegen die Wiesen hinaus. Da draußen stand Roman noch immer auf der gleichen Stelle. Als Julei im Haus verschwunden war, bewegte er die Schultern unter der Joppe, grub die Hände in die Taschen und wandte sich zum Heimweg. Erst ging er langsam, dann schneller und immer schneller. Und im Waldhof rannte er zu Hanspeters Kammer, als bedürfe er jetzt eines Menschen, von welchem er wußte: dem kann ich alles sagen, der weiß den richtigen Rat. Nun stand er in der kleinen Kammer, sah erschrocken die Lisbeth an und stammelte: »So? Bist wieder da?« Und Roman war schon wieder draußen. »Mandi!« rief Hanspeter. »Was is denn mit dir?« Doch die Tür tat sich nicht wieder auf. »Ilsabeth?« In Unruh stemmte Hanspeter sich aus den Kissen. »Ilsabeth?« Sie schwieg. »Hast den Roman angschaut? Der muß ebbes haben!« Draußen vor dem offenen Fenster ging pfeifend der Hüterbub vorüber. »Bub! He! Komm her a bißl!« Grinsend tauchte das Gesicht des Buben am Fenster auf. »Um Gottchristi Lieb! Lauf und sag, daß der Haussohn a Sprüngl hinterkommt zu mir!« Der Bub lief davon, kam nach einer Minute wieder und rief zum Fenster herein: »Jetzt hat er kei' Zeit, jetzt muß er essen, sagt er.« Hanspeter ließ sich in die Kissen fallen. Und immer murmelte er das gleiche Wort: »Was muß er denn haben?« Lisbeth suchte ihn zu beruhigen, obwohl ihr selbst die Stimme zitterte. Nach einer Weile kam die Hausmagd und brachte für Hanspeter das Essen. Sie warf einen schiefen Blick auf Lisbeth und stellte dem Kranken den Teller auf die Bettdecke. »Da hast!« Hanspeter schob den Teller beiseite. »Madl! Tu mir den Gfallen und sag dem Haussohn, daß er a bißl hinterkommt zu mir!« Die Magd brummte: »Allweil hat man sei' Plag mit dir!« Sie ging und brachte die Antwort: »Jetzt hat er kei' Zeit net, sagt er, jetzt muß er fort.« »So so?« Hanspeter streckte sich seufzend. »Jetzt muß er fort?« Und wieder murmelte er: »Was muß er denn haben? Sein Gsichtl is völlig an anders gwesen!« Nun war es still in der Kammer. Kein Laut, als das schwere Atmen des Kranken und draußen das Gegurgel des Hofbrunnens. Lisbeth saß gegen das Fenster gewendet und blickte in das sonnige Blau hinaus. Jetzt erhob sie sich, schob den Teller wieder vor Hanspeter hin und fragte: »Magst net essen, Peterl?« Er schüttelte den Kopf. »Stell's zum Fenster aussi! Wird schon einer kommen, dem's schmeckt.« Der kam auch. Die Stimme des Hüterbuben klang zum Fenster herein: »Tat's ebba übrig sein, dös da?« »Ja, Büberl, iß und laß dir's anschlagen!« Kichernd packte der Hüterbub den Teller. Hanspeter richtete sich auf. »Aber an Gfallen tust mir, gelt?« »Was für ein'?« fragte der Bub mit vollem Mund. »Laufst zum Kirchplatz auffi, magst? Und tust a bißl auflusen, was man verhandelt in der Gmein! Und nach der Kirch, da kommst und sagst mir's, gelt?« Pamfend gab der Bub als Antwort ein paar Laute, die sich nach Belieben deuten ließen. Aber es war wohl ein Ja dabei, denn als er den geleerten Teller auf das Gesimse zurückgestellt hatte, rannte er davon. Hanspeter, der mit gekrümmtem Rücken im Bette saß, war wieder in sein Brüten versunken. Lisbeth strich ihm mit der Hand übers Haar. »So viel aufregen tust dich wieder!« »Was meinst denn, daß er haben kann? 's erstmal in achtzehn Jahr, daß er kei' Zeit net hat für mich!« Immer größer wurden Hanspeters Augen. »Oder meinst, er hat schon ebbes ghört, wie's in der Gmein um enker Häusl steht? Und er mag's net sagen? Vor dir net sagen, daß er dir net weh tut, weißt? Mar' und Joseph! Es wird doch net –« Er konnte nicht weitersprechen, so schnürte ihm die Sorge den Hals zusammen. »Aber geh, was tust dich denn ängsten! Is ja die Gmein noch gar net gwesen! Leicht hat er an Verdruß mit die Burschen ghabt. Oder sonst mit wem.« »Meinst ebba, mit der Julei?« Da schoß ihr das Blut ins Gesicht. »Dös hab ich net gmeint.« »Na na! Hast recht! Sei' Julerl is ihm 's liebste.« Wieder tauchte die Sorge in ihm auf, die nicht ruhen wollte. »Wird ihm doch der Vater net gsagt haben, wie's gehn kunnt in der Gmein? Ebba net gut?« Doch er selbst beschwichtigte sich wieder. »Na na! Unser Herrgott bleibt bei der Stang, der laßt net aus. Aber dazutun müssen wir 's Unsrig! Komm, Ilsabeth, setz dich her zu mir! Komm! Rufen wir a bißl zur heiligen Mutter auffi! Die vermag gar viel. Was Mutter heißt, da drauf, da hab ich mei' Zuversicht.« Die Hände ineinanderkrampfend, sprach er mit aller Inbrunst eines hoffenden Herzens die Marienlitanei. »Bitt für uns!« fiel Lisbeth immer ein, mit leiser Stimme. Als die Glocken zum Rosenkranz zu läuten begannen, verzerrte sich Hanspeters Gesicht. »Die Gmein muß aus sein!« Er tastete nach Lisbeths Hand. »Jetzt, Kindl, is alles gut! Und d' Mutter bhalt ihr Häusl.« Er fand ein fröhliches Lächeln, als wüchse ihm nach einem letzten Zweifel der Glaube mit festen Wurzeln ins Herz. »Aber jetzt müssen wir Vergeltsgott sagen. Weil er geholfen hat!« Mit ruhiger Stimme begann er das ›Dankgebet für unerwartete Hilfe Gottes in höchster Not‹. Und dann den Rosenkranz. Und eins ums andere sagte er alle Gebete her, die man jetzt in der Kirche sprach. Und noch immer betete er, als man von der Straße schon das Schwatzen der heimkehrenden Leute vernahm. Da schob der Hüterbub seinen Zauskopf zwischen den Gitterstäben des Fensters herein und lachte. »Bin schon da. Und alls hab ich ghört in der Gmein. Am Bach drunt wird a neus Bruckl baut. Und der Bachbauer därf mit seim neuen Stadel bis auf d' Straßen aussirucken. Und dem Herrn Pfarr wird d' Rechnung für d' Fensterscheiben zahlt. Und im Wirtshaus müssen s' um Elfe Polizeistund machen.« Der Bub schnappte nach Atem und lachte wieder. »Und so schön stad is's zugangen in der Gmein! Gar net lustig is's gwesen heut.« Hanspeter hatte sich weit aus dem Bett gebeugt. »Und von der Nannimai ihrem Häusl? Hast da ebbes ghört davon?« »Na! Da is nix gredt worden.« Der Bub verschwand. »Gelt, Ilsabeth!« Hanspeter tat einen Schnaufer, daß ihm die Brust bis ans Kinn heraufwuchs. »Gelt, ich hab recht ghabt! Gleich gar nimmer gredt is worden davon. Dös hat unser Herrgott gar nimmer zulassen. Und dein Mutterl hat ihr Häusl, und alls is gut.« Lächelnd fiel er in die Kissen zurück. »Is mir setzt wohl! D' Leut, no ja, die sind halt, wie s' sind! Aber unser Herrgott! Da kannst dei' Zuversicht drauf haben.« Draußen vor dem Haus, auf dem Steinpflaster, klirrte der hastige Schritt genagelter Schuhe. Und dann hörte man vom Zauntor her den alten Waldhofer, aus dessen Stimme deutlich die Verblüffung klang: »Aber Bub? Jetzt muß ich schon bald denken, daß d' Fasnacht wieder umkehrt is!« »Geh, laß mich, Vater! D' Arbeit is mir allweil 's liebste.« »No ja! Aber hättst ja morgen auch noch Zeit dazu.« »Am Abend steigt man sich leichter. Es is mir lieber so.« Hanspeter in seiner Wohligkeit schien halbverschlossene Ohren zu haben, denn er hörte nichts anderes, als daß da draußen sein Roman redete. »Jetzt is er wieder da! Magst fürgehn, Kindl? Magst ihm sagen, daß er a bißl kommt?« Erschrocken schüttelte Lisbeth den Kopf. »Aber Ilsabeth? Was hast denn?« Da hörte Hanspeter draußen im Gang die Magd umherpoltern. »He! Hausmagd!« Die Tür wurde aufgestoßen, und unwillig stellte die Magd den Tränkzuber, den sie zum Stall hatte tragen wollen, auf die Schwelle nieder. »Brauchst schon wieder ebbes?« »Sei gut!« beschwichtigte Hanspeter. »Sei gut, Madl! Und tu mir den Gefallen, daß mir den Haussohn holst!« »Der is fort.« »Na na! Grad muß er heimkommen sein.« »Geh, du Narr! Wann er grad naus is zur Tür!« Die Magd nahm den Zuber wieder auf. »Was der heut hat! Als ob ihm a Schräuferl aufgangen wär! Seit der Mahlzeit reviert er in der Stuben umanand, als ob er kei' Tür nimmer finden kunnt. Und am Sonntag packt er sein Holzerzeug! Und auf und davon!« »Ilsabeth!« stammelte Hanspeter. »Da muß ebbes gschehen sein!« »Ja, ja, hast recht, da weiß man schon bald nimmer, was man denken soll!« murrte die Hausmagd und warf einen scheuen Blick auf Lisbeth. »Wann er verhext wär, kunnt er auch net anders sein! Hab mir's gleich denkt, gestern auf'n Abend, wie er mir 's Wacholderstäudl aus die Händ gerissen hat.« »Du!« fuhr Hanspeter in Zorn und Kummer auf, während er die Hand gegen Lisbeth streckte. »Du ungute Dingin du! Weißt ja selber net, was d' reden tust!« »Laß gut sein!« fiel Lisbeth ruhig ein. »Sie redt halt wie die andern. Und sie hat mir bloß gsagt, daß einer besser is wie alle.« »Ah, da schau!« höhnte die Magd und brach in Lachen aus. Doch plötzlich verstummte sie und duckte den Kopf. Denn der Waldhofer stand hinter ihr. Sein Blick genügte, um der Hausmagd flinke Füße zu machen. Er trat in die Stube, auf seinem Gesicht den Ausdruck einer Verdrießlichkeit, die sich noch zu steigern schien, als er Lisbeth sah. »Waldhofer!« Die beiden Arme streckte ihm Hanspeter entgegen. »Was is denn mit'm Mandi?« »Spinnen tut er! Rennt am Sonntag um Drei mit der Axt und mit der Meßlatten am Berg auffi! Den muß an Imm aufs Köpfl gstochen haben! Aber jetzt haben wir ebbes anders z'reden!« Hanspeter schien selber nicht zu wissen, was stärker in ihm war: seine Sorge um Roman, oder die dunkle Angst, die beim Anblick des Waldhofer in ihm lebendig wurde. »Der Roman, mein' ich allweil –« Er brach wieder ab. Und stammelte: »Gelt, gut is's gangen? Mit der Nannimai ihrem Häusl, mein' ich?« »No ja, wie man's nimmt!« brummte der Waldhofer. »D' Ausschußmannder haben d' Überzeugung, daß sie's für alle Teil net besser hätten machen können.« Er setzte sich zum Hanspeter aufs Bett. »Jetzt schau, Peterl! Und laß dir was sagen in aller Ruh!« Der Waldhofer verstummte wieder und sah verlegen auf Lisbeth. »A bißl leichter reden tät ich mich, wann 's Madl net in der Stuben wär!« Schweigend wollte Lisbeth die Kammer verlassen. Aber da besann sich der Waldhofer wieder anders. »Na na! Bleib halt! So weißt grad alles und kannst es deiner Mutter sagen! Und du, Peterl, mit deiner verliebten Christenheit, du laß jetzt verstandsam a Wörtl reden mit dir!« Also – nach dem Hochamt hatte der Gemeindeausschuß im Burschenkobel des Wirtshauses seine Sitzung gehalten. Und da kamen vor allem zwei Punkte auf die Tagesordnung: die Fensterscheiben des Herrn Felician und die Rauferei bei der Kirchhofmauer. Über den ersten Punkt war man schnell ins reine gekommen. Weil der Fenstereinwurf ein ›Stückl‹ war, das auch die ›Ausschußmannder‹ nicht ›verentschuldigen‹ konnten, und weil halt ein bißl Gerechtigkeit auf der Welt doch sein muß, hatte man beschlossen, die Glaserrechnung aus dem Gemeindesäckel zu begleichen. »Aber die neuen Fensterläden, die hat er selber angschafft, die kann er auch selber zahlen.« Doch ein schwer zu biegendes ›Hakerl‹ war die befriedigende Lösung des zweiten Punktes der Tagesordnung. Geschehen ist geschehen, da läßt sich nichts mehr ändern. Und nachdem der Herr Untersuchungsrichter mit seiner ›Gscheidheit‹ nichts herausbrachte, hatte auch der Ausschuß keine Veranlassung, die Nasenlöcher aufzureißen. Man mußte nur aus mehrfachen Gründen eine Maßregel ausklügeln, damit sich für die Zukunft ein ›Standali‹ wie der ›Raufhandel vom 17. hujus anni currentis ‹ nicht mehr wiederholen konnte. Und der Bachbauer war's, der als Trumpf die Weisheit ausspielte: willst du einen Baum werfen, so mußt du die Wurzel lockern. Was aber war die Ursach des Raufhandels vom 17. hujus anni currentis ? Erstens das ›füreilige Göscherl‹ des Hanspeter. »Aber dir is der Schnabel jetzt zupappt von Amts wegen!« Und zweitens ›dös dalkete Gred‹ über die Häuslschusterin. »Und a Tratsch hat laufete Füß! Dem kannst net wehren, net in der Güt und net mit Gwalt. Der hört bloß auf, wann die Personalidätt verschwunden is, wegen der man tratscht. Und drum, sagen d' Ausschußmannder, wird's ehnder kein' Fried net geben, eh net d' Häuslschusterin in an anders Domazil verzogen is. Und daß man net sagen kann, eins hätt 's ander vertrieben – drum, sagen d' Ausschußmannder, soll 's Häusl leer bleiben und keiner soll's haben, d' Altenöderin net und ihr Nachbar net, und du net, Peterl! Der Häuslschusterin selber is der beste Gfallen erwiesen, wann s' wo andersthin verzieht. Und im Ort is wieder Fried. So meinen d' Ausschußmannder. Und daß der ganze Gregori net wieder von vorn anhebt, haben s' bschlossen, daß man die Sach in der öffentlichen Gmein gar nimmer zur Redenschaft bringt. Jetzt sind s' amal roglig, unsere Buben, und da darf man s' net noch ärger aufstageln, sondern man muß a beruhigendes Momenti eintreten lassen. Und drum muß d' Häuslschusterin fort. So sagen d' Ausschußmannder!« Der Waldhofer hatte recht gehabt mit der Vermutung, daß er sich in Lisbeths Gegenwart ein wenig hart reden würde. Hanspeters verstörte Augen, seine arbeitende Brust und das Zittern seiner Fäuste – das hätte der Waldhofer noch ansehen können, denn vom Hanspeter war er die ›übertriebenen Gschichten‹ gewöhnt; aber Lisbeths schweigende Unbeweglichkeit, ihr totenblasses Gesicht und die paar sparsamen Tränen, die ihr wider Willen über die Lippen rollten – dieser Anblick schien dem Waldhofer an die Kreuzerstricke seiner gesunden Nerven zu rühren. Immer härter war ihm das Reden geworden. Und bei jedem unbehaglichen Blick, mit dem er Lisbeth streifte, fügte er jene Wendung ein: »So sagen d' Ausschußmannder!« Als er fertig war, blieb's eine Weile still. Man hörte nur den schweren Atem, den Hanspeter durch die kalkweiße Nase blies. Nun nickte er langsam vor sich hin. »D' Ausschußmannder? So so? Jetzt, Waldhofer, muß ich Enk a Gschichtl verzählen!« Der Waldhofer schien seinen Ohren nicht zu trauen. »Geh, laß mich aus, du Narr!« »'s Gschichtl von der Nachberin!« Hanspeters Stimme klang wie aus einem Brunnen herauf. »D' Nachberin hat a bißl z'viel vom schlechten Kraut und Selchfleisch gessen ghabt. Und hat net schlafen können. Und im Hof hat a Hendl gackert, weil 's Hendl a guts Ei glegt ghabt. Und d' Nachberin hat gmeint, sie kunnt net schlafen, weil 's Hendl gackert. Und da haben sie 's Hendl eingsperrt. Aber 's Hendl hat gackert, weil 's a guts Ei hat glegt ghabt. Und daß d' Nachberin schlafen kunnt, drum haben s' dem Hendl mit'm Messer 's Köpfl abigschlagen. Jetzt hat's nimmer gackert, 's Hendl. Aber d' Nachberin hat net schlafen können. Und so geht's zu auf der Welt!« »Mich laß aus, verstehst!« fuhr der Waldhofer geärgert auf. »Verzähl deine Gschichten bei die Ausschußmannder. Ich bin der Burgermeister, der Garnix. D' Ausschußmannder haben die großen Mäuler, und da muß man zruckfahren mit'm Köpfl, oder sie derbeißen ein'.« Er wollte die Stube verlassen, aber Lisbeths Augen schienen ihn festzuhalten. »Jetzt weißt, Madl, die Sach pressiert net!« begann er mit Stottern zu trösten. »Bis auf Georgi is noch fünf Wochen Zeit, da kann sich d' Mutter kammod um an anders Domazil umschaun. Und daß ihr der Umzug keine Kosten macht, drum hab ich Vollmacht von die Ausschußmannder, daß ich ihr fufzg Markln Schadenersatz auszahl.« Der Waldhofer log; von einer Entschädigung der Altenöderin war im Meinungskampf der ›Ausschußmannder‹ mit keiner Silbe die Rede gewesen. »'s Geld kannst gleich mitnehmen.« »Vergeltsgott! D' Mutter nimmt nix.« Es war das erste Wort, das Lisbeth sprach. »Sie nimmt nix? So? No ja, mit'm Löffel kann ich's ihr auch net einstreichen.« Wütend stapfte der Waldhofer zur Tür hinaus. Lisbeth sah ihm schweigend nach und ließ sich auf den Sessel sinken, als wären ihr die Knie gebrochen. Im Bette sitzend, machte Hanspeter den krummen Buckel, der zum Spitznamen für ihn geworden. Sein Gesicht war kreidebleich, und die blauen und grünen Flecke wurden gelbgrau wie Asche, auf die es geregnet hat. Immer nickte er vor sich hin. »No also!« Er schluckte seine Tränen. »Jetzt, Ilsabeth, mußt heim! Hart kommt's mich an, daß ich allein bleib. Aber jetzt mußt zur Mutter heim! Es kunnt ihr's einer einischreien ins Fenster. Besser, sie erfahrt's von dir. Und da bleibst bei der Mutter! Pflegschaft brauch ich keine nimmer. Jetzt muß ich gsunden. Und sag der Mutter: ebbes sinnier ich aus. Weiß einer amal, daß er nix hat als seine zwei Füß, da fangt er 's Marschieren an. Jetzt mußt heim, Kindl!« Sie nickte, band ihr Kopftuch um und legte den Deckel auf die irdene Raine. »Gelt, sag der Mutter Vergeltsgott für d' Fisolen!« Lisbeth schüttelte den Kopf. »Dös braucht's net. Dir is alles gern geben!« Sie hängte die Raine mit der Schnurschlinge an den Arm und faßte Hanspeters Hand. »Pfüe Gott, Peterl!« Da kamen ihr die Tränen wie ein Sturz, dem sie nicht wehren konnte. Er sprach kein Wort, streichelte nur ihren Arm, und immer häßlicher wurde sein Gesicht in der Verzerrung des Schmerzes. Besser als jeder Trost beruhigte sie dieses Schweigen. Fast konnte sie lächeln. »No also, pfüe Gott halt, Peterl! Und tu mir gsunden, gelt! D' Mutter und ich, wir finden uns schon wieder naus.« Ihre Stimme versank. »Leicht kunnt's für mich am besten sein, daß ich fort muß.« Hanspeter konnte keinen Gedanken fassen. Sonst hätte ihm dieses letzte Wort zu denken gegeben. »D' Mutter und du?« Er fühlte nur, daß neben diesen beiden Namen noch ein dritter fehlte. »Und ich?« »Schau, wirst bloß leichter um a Sorgenbinkerl!« »D' Sorg aus Lieb is 's Allerbest vom Leben.« Da nickte sie. »D' Mutter und du und ich, wir bhalten uns, weißt! Hanspeter sag ich in der Fruh, und Hanspeter sagt d' Mutter auf d' Nacht. Und wirft uns einer an Prügel übern Weg, so denk ich mir halt, es is von der Ausnahm einer. Zwei kenn ich, und die sind gut. Und einer bist du davon. Pfüe Gott, Peterl! Und für alls, was d' uns z'lieb tan hast, soll dich unser Herrgott segnen!« Lisbeths Hand umklammernd, lachte Hanspeter heiser vor sich hin. »Der? So so? No ja, is schon gut!« Da befreite Lisbeth ihre Hand und strich ihm das Haar aus der kalten Stirn. »Geh, sei net einer, der net bist! D' Mutter trutzt. Aber du? Na na! Du kannst es net.« »So? Meinst?« Sie hob das Handtuch auf, das neben dem Wasserkrug auf dem Boden lag, und hängte es an den Nagel, an den es gehörte. Den Stuhl rückte sie noch an die Wand, und dann ging sie zur Türe. Als sie schon die Klinke in der Hand hatte, zögerte sie. »Bald der Roman heimkommt, sagst ihm a Vergeltsgott von mir!« »Ilsabeth?« Da hatte sie die Stube schon verlassen. Schwer, daß die Bettlade krachte, fiel Hanspeter in die Kissen zurück. »Mar' und Joseph! Was hab ich denn noch? Was bleibt mir denn?« Was auf seiner Zunge lebendig war, das hatten sie mit Fäusten erschlagen, mit dem Amtssiegel festgelegt. Was ihm lieb war, rissen sie von seinem Herzen. Und das hatte sein Herrgott geschehen lassen. Der war nicht ›bei der Stang‹ geblieben, auch die himmlischen ›Parigraffi‹ hatten nicht standgehalten. Dem Peter Johannes Zdazilek war seine ganze Welt zertrümmert, sein Himmel war heruntergestürzt aus dem leuchtenden Blau, auf der grauen Straße lagen die Scherben, und die ›Ausschußmannder‹ schritten drüber hin mit genagelten Schuhen. Ratlos, ganz verstört durch die Erkenntnis seines leergewordenen Lebens, brach Hanspeter in Schluchzen aus, jeder Laut ein Stoß, als möchte es ihm die Brust zersprengen. Als er, um die Tränen fortzuwischen, mit der Hand einmal übers Gesicht fuhr, so langsam über alles, über Augen, Nase und Mund, blieb ihm an den Schwielen des Daumens ein wässerig zerflossener Blutstropfen hängen. Den sah er an und nickte. »So so?« Am Brett der Bettlade wischte er den roten Tropfen von der Hand, drehte sich auf die Seite und grub das Gesicht in die Kissen. Wenn es schwarz ist vor den Augen, wird einem das Denken leichter. Und während Hanspeter in seiner Finsternis zu grübeln begann, wie der Nannimai und der Ilsabeth zu helfen wäre, kamen schmelzende Trompetenklänge fern über die Gärten her durch die sonnige Luft geschwommen. Die Blechkapelle des Dorfes hielt im Wirtshaus eine Probe. Erst spielten sie einen ›staden Marsch‹, wie sie ihn bei der Fronleichnamsprozession oder bei feierlichem Begräbnis brauchten, wenn etwa einer der ›Ausschußmannder‹ oder ein Mitglied der Feuerwehr das Zeitliche segnen würde. Und dann probierten sie die Tanzweisen für eine Hochzeit, die in Aussicht stand. Wie das lustig klang! Elftes Kapitel Es ging auf den Abend zu. In den gelben Lüften war ein Glanz, daß die weißen Mauern in Hanspeters Kammer einen Widerschein gaben, als wäre des Nachbars Scheune in Brand geraten. Obwohl es kühl war in der Stube, schwitzte Hanspeter. Die Kammer hatte keinen Ofen. Aber hätte sie einen gehabt und hätte man eine ganze Klafter ins Schürloch gefeuert, von der glühenden Ofenplatte wäre dem Hanspeter nicht so heiß geworden wie vom Denken. In dieser Hitze hatte sich etwas ausgekocht; das hatte schon feste Gestalt, hatte Mauern und Fenster, hatte Dach und Ofen. Fieberte Hanspeter? Oder war es – wie ein Verschmachtender ganze Meere von Milch und Wasser sieht – nur seine Hilflosigkeit, welche Wunschträume in ihm gären ließ, die über alle Grenzen der Möglichkeit hinaussprangen? Er hatte keinen anderen Gedanken mehr als nur den einen: irgendwo einen Grund zu kaufen und selber ein Haus zu bauen, das drei Stuben haben mußte. Diese Stuben verteilte er, wie der heilige Petrus die Laubhütten. Nur daß es beim Hanspeter hieß: »Die größte Stub für d' Mutter Nannimai und ihr Häuslzeug, die sonnseitige für d' Ilsabeth und die schlechteste für mich.« Einen schönen Grund für Hans und Garten kauft man für vier-, fünfhundert Mark. Und ein Haus mit drei Stuben und einer Küche baut man für zwölf- oder fünfzehnhundert. Alles in allem zweitausend. Das ist nicht viel. Nur haben muß man's. »O Jegott mein, wo nimm ich's denn her?« Borgen? Dieser Gedanke kam dem Hanspeter nicht. Verdienen? Das dauerte zu lang. Finden? Da muß man's wieder hergeben. Aber Glück haben? Und zweitausend Mark in der Lotterie gewinnen? »Mit des lieben Herrgotts Beistand und gütiger Hilf?« Bei diesem Gedanken machte Hanspeter über allen Abgrund des Tages einen verzweifelten Sprung. »Jetzt sind s' amal, d' Leut, wie er s' gmacht hat. Jetzt muß er d' Leut tun lassen, wie s' mögen. Belohnigen und strafen kann er. Aber sonst muß er s' gehn lassen. Und gschieht ebbes, wo d' Leut a Wörtl dreinz'reden haben, da muß er zuschauen. Drum hat er net helfen können in der Häuslfrag, weil da d' Ausschußmannder zum Dispatieren haben. Aber 's Glück is ebbes, wo d' Leut nix wissen davon und wo d' Leut net schaden können. Da hilft er, ja, da hab ich mei' Zuversicht!« Diese Erleuchtung fuhr dem Hanspeter wie ein heißes Bügeleisen über die Seele. Deutlich, zum Greifen deutlich, sah er auch gleich drei Nummern in der dunklen Luft seiner Stube glänzen. Niemals noch in seinem Leben hatte er einen Pfennig in die Lotterie gesetzt. Aber jetzt! Das hatte ihm der liebe Gott eingegeben. Die Nummern im Glücksspiel kommen, wie Gott will. Da können die Menschen nichts ändern dran. Und über die richtigen Nummern gab's für den Hanspeter keinen Zweifel mehr. Und morgen, am Montag, in aller Gottesfrühe marschiert die Spielbötin nach Kufstein. Hanspeter sprang aus dem Bett. Ein Schwindel überkam ihn, daß er sich am offenen Fensterflügel festhalten mußte, um nicht zu fallen. Erst nahm er aus dem Kasten das Beutelchen mit den zweiundfünfzig Mark, die sein ganzer Reichtum waren. Dann zog er sich an. Die Joppe konnte er nicht zuknöpfen, weil der Verband seine Brust um vieles dicker machte. Den Hut vergaß er. Und mit taumelnden Schritten durch die Scheune hinaus in den dunklen Abend. Am stahlblauen Himmel Stern um Stern. Sie glitzerten so unruhig, als käme Föhnwetter. Und über die südlichen Berge schoben sich auch schon dichtgeballte, blauschwarze Wolken herauf. Hanspeter blickte zum Himmel empor. Er sah nicht die Wolken, nur die Sterne. »Gelt, ja?« Bis er auf die Straße kam, das machte sich langsam. Immer wieder mußte er rasten. Doch mit jedem Schritte schien der ›Gsund‹ in ihm zu wachsen. Ihn heilte seine Hoffnung, seine Zuversicht. Weit draußen, fast am Ende des Dorfes, wohnte die Spielbötin, die sich jeden Montag auf die Beine machte, um die ausgemünzte Hoffnung der Leichtsinnigen und Armen über die Grenze nach Kufstein zu tragen, für die Innsbrucker Ziehung. Viel Geld war's, das sie hinübertrug. Selten brachte sie was zurück. Als Hanspeter in die niedere Stube trat, in der sein gebeugter Nacken fast an die Decke stieß, saß die Bötin mit einer Flickerei bei der Lampe. »Ah, schau, der Ratzenspeckl!« Sie schien an diesen neuen Kunden gar nicht glauben zu wollen. »Hast dich wieder aussigmacht aus'm Kreister?« »A bißl, ja.« »Was suchst denn bei mir?« Sie lachte. »Wirst mir doch net predigen wollen?« »Na na!« »Was willst denn?« »Setzen halt.« »Jetzt fallt 's Kirchendach ein!« Kichernd erhob sie sich und holte ihr Spielbuch, um die Hoffnung und Zuversicht des Peter Johannes Zdazilek schwarz auf weiß zu registrieren. Auf dem Tische stellte sie das Tintenglas zurecht, kratzte den Schorf von der Feder und tauchte ein. »Also? Was für Nummero hast?« »Nummer eins und Nummer dreizehn und Nummer neunzig.« Ehe die Bötin schrieb, guckte sie am Hanspeter hinauf. »Katzenfleckerl, dös sind drei Nummern, die sich a bißl hart aussiziehen. Derzeit ich denk, sind s' noch net dagwesen.« Hanspeter drückte den Finger auf die Tischplatte. »Jetzt kommen s' aber. Schreib auf! Nummer eins hat unser Herrgott, d' Lieb hat Nummer dreizehn, und die höchste Not hat Nummer neunzig.« »No ja, wie d' meinst!« Die Bötin schrieb. »Und wieviel willst setzen? Zwanzg Pfennig ebba?« »Fufzg Markln!« Die Bötin war starr. »Bist narret, Buckleter?« Ohne zu antworten öffnete Hanspeter mit zitternden Händen den strotzenden Lederbeutel und zählte der Spielbötin das Silber auf den Tisch. Sie schüttelte den Kopf, schrieb die Ziffern ein und sagte: »A Markl krieg ich Prozenti für'n Weg.« Hanspeter zahlte. »Und kommen s', d' Nummero, was tat ich denn ebba kriegen?« »Kommt eine bloß, so zahlen s' dich siebenmal aus, macht dreihundertfufzg Markln.« Er schüttelte den Kopf. »Kommen alle drei, so zahlen s' viertausendmal. Buckleter, da kannst den Waldhof kaufen und 's halbe Dorf dazu.« Erschrocken wehrte Hanspeter mit der Hand. »Na na! Soviel mag ich net. Mehr, als einer braucht, soll er vom lieben Herrgott net verlangen.« »Machst bloß an Ambo auf zwei Nummern, so zahlen s' vierzgmal, macht zweitausend grad aus.« »Jetzt haben wir's!« Hanspeter atmete auf. »Eine von die Nummero kannst streichen. Ja. Und streich halt d' Lieb! Der Dreizehner is eh a bißl a heikligs Ziffer. Also, Nummer eins und Nummer neunzig! Fufzg Markln auf'n Herrgott und auf d' höchste Not! Schreib auf!« Die Bötin füllte den Spielschein aus. »Da! Den mußt aufheben!« »Ah ja!« Mit glänzenden Augen sah Hanspeter den Zettel an. Was er sah, war ein Haus mit Dach und Fenstern, die Freude der Nannimai und das Glück der Ilsabeth. Vorsichtig faltete er das Blättchen zusammen und legte es zu der letzten einsamen Mark in den hohlgewordenen Beutel. »Bist an arms Weibl, Bötin! Laß dir raten und tu mitsetzen!« »Kunnt schon sein, daß ich setz!« Prüfend betrachtete die Bötin den Hanspeter, besann sich ein Weilchen und schrieb zwei Nummern in das Spielbuch. »So! Probieren wir's amal! So ebbes gschieht net alle Täg. Gut Nacht, Buckleter!« »Wann kommen s' denn aussi, die Nummero?« »Über acht Täg.« »Gottsliebe Nacht, Bötin!« Bei der Türe tauchte Hanspeter zwei Finger in das Weihbrunnkesselchen und besprengte sich. Als er ins Freie trat, war schon der halbe Himmel schwarz, und ein schwül blasender Wind zog über die Berge nieder. »Jetzt schlagt's um!« Er meinte das Glück, nicht das Wetter. Und das mußte die Nannimai noch wissen. Freilich durfte er dem lieben Herrgott nicht aus der Werkstätte schwatzen, denn ein Wunder erleben, das ist eine Vertrauenssache. »A füreiligs Wörtl kunnt ebbes schaden!« Aber das eine wird ihm doch vergönnt sein, daß er der Nannimai sagt: »Heut, Mutterl, heut kannst schlafen! Tu net fragen! Aber acht Täg, und gholfen is.« Ein paar hundert Schritte nur waren's bis zum Häuschen der Altenöderin. Aber zweimal mußte Hanspeter sich auf den Wegrain setzen, um zu rasten. An Nannimais Hütte fand er die Tür verriegelt und die Fensterläden geschlossen. So vorsichtig war die Altenöderin sonst nie gewesen. Durch einen der Läden quoll matter Lichtschein aus der Stube heraus. Und Hanspeter drückte das Auge an den Spalt. Er sah ein Stück des Tisches, zwei halbfertige Schweizerhäuschen, Glassplitter, weiße Hölzchen und Moosschnitzel – und sah vier Hände, zwei runzlig welke und zwei junge, die hin und her griffen und immer schafften. Dabei kein Laut in der Stube. Beim Anblick dieser stillen, rührsamen Hände begannen dem Hanspeter die Augen zu tröpfeln. Als er sein Herz wieder trockengelegt hatte, pochte er an den Fensterladen. In der Stube blieb's still. Erst nach einer Weile fragte die Lisbeth: »Wer is da?« »Ich bin's, Kindl!« Zwei erschrockene Stimmen: »Jesus Maria! Der Hanspeter!« Eilende Schritte in der Stube, und die Haustür wurde aufgerissen. »Peterl! Du Unverstand! Was is dir denn eingfallen?« stammelte Lisbeth. Und die Altenöderin schalt: »Du Narr! Wie kannst denn aus'm Bett aussi? Meinst denn, du darfst dich umbringen? Gleich schaust, daß du wieder heimkommst! Den Arm tu her! Ilsabeth, pack ihn bei der andern Seit! Den müssen wir heimführen, den!« Noch ehe Hanspeter das Reden fertigbrachte, mußte er zwischen seiner besorgten Eskorte schon einen Schritt um den andern machen. »Aber schau, Mutterl –« »Tu nix reden in der kühlen Nachtluft!« »Ich will dir bloß sagen –« »Den Schnabel sollst halten! Ich will nix wissen.« »Heut, Mutterl, heut kannst schlafen! In Ruh kannst schlafen!« »Laß mich aus! D' Hauptsach is, daß ich dich ins Bett bring.« »Und ebbes gschieht, Mutterl! Acht Täg, und gholfen is dir! Mehr därf ich net sagen.« »Gott sei Dank, so sei amal stad! Wann dir der Dokter 's viele Reden verboten hat! Jesus, Jesus, lauft mir der Mensch in der Nachtzeit aus'm Bett aussi! Und macht um meintwegen so an Aufruhr her!« Die Stimme der Altenöderin klang nicht mehr so energisch wie zuvor. »Jetzt weiß ich, wie alles steht, und jetzt hab ich's gschluckt. Leut sind Leut. Kreuz drüber! Hart trifft's mich freilich.« »Ich sag dir, Mutterl –« Ein schwüler Windstoß sauste über die Straße hin, und die Altenöderin stammelte: »Sei stad und beiß die Zähn überanand, daß den schiechen Luft net einikriegst! Und schau, jetzt laß dir an Fried! Umziehen müssen, freilich, dös is halb wie 's Abbrennen. Aber ich kunnt mir noch ebbes Ärgers denken. Wird sich schon wieder a Häusl finden für uns.« Hanspeter blieb stehen. Weil er die Zähne übereinander beißen mußte, konnte er nicht sprechen. Drum nickte er nur, und so ausgiebig, daß ihm der schwere plumpe Kopf bei jedem Nicker hinuntertauchte bis auf die Brust. »No ja, no ja, ich weiß schon, was d' meinst! Jetzt mach aber lieber, daß d' heimkommst!« Immer langsamer ging es vorwärts. Die Straße war finster geworden; das schwarze Gewölk, das der rauschende Föhnwind über die Berge jagte, hatte schon alle Sterne zugedeckt. Und wie sehr Hanspeter sich auch zusammennahm, um seine wachsende Erschöpfung zu verbergen – seine Schritte wurden immer schwerfälliger und müder. Da war die Altenöderin mit ihrem lahmen Bein noch flinker als er. Sie fühlte, daß sein Arm immer gewichtiger auf dem ihren lastete. Und erleichtert atmete sie auf, als endlich der Waldhof erreicht war. »Gottsliebe Nacht beinand! Und heut kannst schlafen, Mutterl! Und Vergeltsgott, ja!« Das mußte er noch sagen; dann biß er wieder die Zähne übereinander und taumelte in die schwarze Scheune. Die Altenöderin und Lisbeth warteten vor seinem Fenster, bis sie in der Kammer seine schweren Schuhe poltern hörten. Dann gingen sie. Auf der Straße sah Lisbeth sich noch einmal um. »Mutter?« »Was?« »Er muß doch ebbes wissen für uns. Wär sein Roman daheim, ich kunnt mir denken, der hat ihm ebbes graten.« »Mach dir nix für, Kindl!« sagte die Altenöderin müd. »Wird sich halt sein guter Glauben wieder an ebbes ghängt haben! Wann er sich nur kein Schaden tan hat, heut!« Ein Windstoß machte sie wanken. Lisbeth legte den Arm um die Mutter. So schritten sie in das Dunkel hinaus, eng aneinandergedrückt, mit vorgebeugten Köpfen, und ihre Röcke flatterten und rauschten im Sturm. Sie kamen heim und setzten sich wieder zur Arbeit. Gegen zwei Uhr morgens, als die Lampe zu erlöschen drohte, sagte die Altenöderin: »Legen wir uns halt!« Sie gingen zur Ruhe. Aber sie schliefen nicht. – – Dem Hanspeter waren die Lider zugefallen wie Blei. Er schlief die ganze Nacht bis in den Tag hinein. Die Hausmagd, als sie ihm die Suppe brachte, mußte ihn wecken. Schlaftrunken sah er das Fenster an, über das der Regen in Strömen niederging. Von der Suppe aß er nur ein paar Löffel voll. Dann nahm er aus der Joppe, die auf dem Sessel lag, das lederne Beutelchen hervor, guckte schmunzelnd hinein, band's wieder zu und schob es unter das Kopfkissen. Jetzt lag er ruhig im Bett. Immer lächelte er, doch immer zitterten ihm die Hände. Gegen Mittag kam die Lisbeth. »Nur auf a Sprüngerl!« sagte sie. »D' Mutter braucht mich, weißt, jetzt müssen wir doppelt schaffen!« Sie kam nur, um zu sehen, wie es ihm ginge. »Gut, Kindl! Soviel gut!« – – Und Tag für Tag, immer besser ging es dem Hanspeter. Nur das Zittern seiner Hände wollte sich nicht stillen. »Bist halt an d' Arbeit gwöhnt«, meinte der Doktor, »'s Faulenzen vertragen deine fünfkluppigen Schmiedhämmer net! Die müssen klopfen!« Am Donnerstag erlaubte der Doktor dem Patienten ›für ein Stünderl‹ aufzustehen. Aus dem ›Stünderl‹ machte Hanspeter einen ganzen Tag, holte selber sein Essen ans der Küche, tat allerlei kleine Arbeit im Haus und schnitt für die Hausmagd ein Bündel Späne zum Anschüren. Aber die Arbeit ging ihm schwer von den Händen, die immer noch so merkwürdig zitterten, daß die Magd behauptete: »Der Hanspeter hat 's Dattrige kriegt.« Einen Schritt vor die Tür zu machen, verwehrte ihm der Regen, der aus den treibenden Wolken fiel, als möchte der Himmel die Erde ertränken. »Regnet's im Märzen, Kann der Bauer lachen und scherzen.« Diesen Kalendervers befolgte der Waldhofer, wenn er am Fenster stand und hinaussah auf die Wiesen, die bei dem hurtigen Frühjahr zwei Wochen vor der Zeit zu grünen begannen. »Sakra! Huier gibt's Gras!« Er lachte und war guter Laune. Am Samstag, als es Abend wurde, regnete es zwar noch immer, doch der Waldhofer hatte seine Grasfreude verloren und schimpfte wie ein Rohrspatz auf seinen Buben. Von den Holzknechten, die ihren Wochenlohn holten, meldete einer: »Der Roman laßt Enk sagen, daß er übern Sonntag droben bleibt in der Holzerhütten. Soviel müd is er, sagt er, und möcht sich ausschlafen amal.« »Ah, narret!« brach der Waldhofer wütend los. »Als ob er 's Schlafen daheim net besser hätt! Und am Palmsonntag net in der Kirch sein? Der is ja wie umdraht! Schon die ganze Zeit! Der Bub muß ebbes haben!« Aber was? Mit seiner Julei war Roman doch wieder ausgesöhnt. Die ›dalkete Trutzerei‹ hatte der Waldhofer überhaupt nicht ernst genommen. »Aber ebbes muß er haben!« Hätte es am Palmsonntag nicht ›Kreuzerstricke‹ geregnet, so würde der Waldhofer die drei Stunden Weg nicht gescheut haben und wäre zu seinem Buben in die Holzerhütte hinaufgestiegen. Aber auch daheim erlebte er was. An diesem nassen Palmsonntag konnte man wieder einmal sehen, was Liebe vermag. Am späten Nachmittag, als der Waldhofer am Fenster stand, sah er durch das strömende Grau etwas einhergaukeln, das einem übernatürlich ausgewachsenen Fliegenschwamm zum Verwechseln ähnlich sah. Es war ein großer, roter Regenschirm, und darunter ein geschürztes Röckl mit zwei weißen, flink beweglichen Strümpfen. Beim Zauntor machte der wandelnde Fliegenschwamm eine hurtige Schwenkung, und für einen Augenblick war unter dem triefenden ›Paradachl‹ ein Gesicht zu erkennen. »Mar' und Joseph! D' Julerl!« Der Waldhofer lief und öffnete die Haustür. »Ja Madl mei' liebs! Hat dich denn 's Wasser net davon? Bei so eim Regen laufst mir bis da eini? Aah, so laß ich mir's gfallen, d' Lieb! Die darf kei' Sündflut fürchten.« Kichernd senkte Julei den Regenschirm, sprang über die Schwelle und schüttelte die Röcke. »Is er ebba krank, der Roman? Weil er sich gar net anschaun laßt?« Als sie die Botschaft hörte, die Roman von der Holzerhütte heruntergeschickt hatte, sah sie den Waldhofer so erschrocken an, daß ihr rundes Grübchengesichtl ganz lang wurde. Und dann stellte sie eine Frage, deren Zusammenhang mit dem Roman ein bißchen dunkel war: »Liegt der Hanspeter noch allweil?« »Na, der macht sich schon wieder.« »Und die Pflegschaft is noch allweil da?« »Ah na! Die kommt schon die ganze Wochen nimmer, diemal halt, a bißl nachschauen.« Julerl atmete auf. »Was für a guts Herzl mußt haben, du!« Der Waldhofer tätschelte ihre Hand. »Aber komm, jetzt laß ich dir an Kaffee machen!« Die Sorge, die das Julerl durch den prasselnden Regen getrieben, schien sich beschwichtigt zu haben. Während die Hausmagd den Kaffee kochte, klang aus der Stube das muntere Gezwitscher des Mädels und das Lachen des Waldhofers. Es war ein lustiges Stündl, das die beiden miteinander verschwatzten. Und als gegen Einbruch der Dämmerung der Regen ein wenig nachließ und Julerl, zum Heimweg das Röckl geschürzt, mit dem Waldhofer aus der Stube trat, sagte der Bauer: »Madl, in dir is d' Lustigkeit wie anbrennts Pulver! Völlig aufgwacht bist! Als ob dich der Herrgott umdraxelt hätt! Mein Bub kann lachen! Und ich?« Schmunzelnd legte er dem Julerl die Hand unter das mollige Kinn. »Ich krieg's auch net schlecht bei dir. Soviel hab ich gemerkt, heut!« »Ja, Vaterl, gut sollst es haben!« Sie sah mit ihrem rosigen Lächeln an ihm hinauf. »Und wie's heut ausgmacht is, so bleibt's? Drei Wochen nach die Ostertäg?« »So bleibt's! Und habts enker Brautexami gmacht, so fahr ich mit'm Buben eini zum Notar.« Schon wollte Julerl das rote ›Paradachl‹ aufspannen, als sie auf der Straße die Lisbeth kommen sah, ein wollenes Tuch um Kopf und Schultern gewickelt. Da wurden in Juleis rundem Grübchengesicht die sanften Züge scharf, und in den Taubenaugen funkelte ein Blick des Hasses. Sie ließ den Regenschirm sinken. »Jesses, Vater, jetzt hab ich in der Stub mein Tüchl vergessen.« »Wart, ich hol dir's!« Der Waldhofer ging in die Stube zurück. »Auf'm Kanapee muß's liegen oder hinter'm Tisch.« Lisbeth kam zur Haustür. »Guten Abend!« sagte sie leis und blieb vor der Schwelle stehen, um zu warten, bis sie freien Weg bekäme. Julei rührte sich nicht vom Fleck. Sie hatte sich mitten unter die Tür gestellt, und ihr rundes Näschen war ganz spitz geworden. »So, du! Heut machst an Metzgergang!« sagte sie flüsternd. »Heut is er net daheim, mein Roman.« Blutrot schoß es über das bleiche Gesicht der Lisbeth. Dann stammelte sie: »Ich will zum Hanspeter.« »So? Es is bloß, daß d' weißt, man kennt sich aus. Und helfen tut's dir nix. Ich hab an Alräundl vergraben.« Julei lächelte und bekreuzte sich. »Jetzt kannst hexen, wie d' magst.« Sie gab die Schwelle frei, obwohl das nimmer nötig war. Lisbeth hatte ihr schon den Rücken gewandt und ging am Haus entlang, um ihren Weg durch die Scheune zu nehmen. Aus der Stube klang die Stimme des Waldhofers: »Da find ich kein Tüchl net.« »Vater, es is schon da!« rief Julei und kicherte lustig. »In der Taschen hab ich's gfunden.« Der Waldhofer kam, und nun hielten sie vor der Haustür unter dem aufgespannten Regenschirm noch einen Plausch, bei dem sich Julerl so übermütig anließ, daß der Alte sagte: »Madl! In dir muß alles roglig sein vor lauter Gaudi.« »Soviel freuen tu ich mich!« Der Waldhofer machte die Augen klein. »Auf was denn?« Julerl lachte ihm ins Gesicht. »Auf'n Karsamstag! Den kann ich schier nimmer derwarten.« »Was? Karsamstag?« Ihre Augen funkelten. »Da hab ich halt 's Brautexami schon überstanden.« »Dös hast ja schon am Donnerstag auf'n Abend hinter deiner.« »Da freut's mich am Karsamstag erst recht. Die richtig Freud muß Zeit haben zum Auswachsen.« Ganz selig duckte sie das hübsche Köpfl unter den roten Schirm. »Pfüe Gott, Vater! Und tu mir den Roman schön grüßen, gelt! Ob er wohl bsonders gut schlaft in der Holzerhütten droben?« Kichernd sprang sie über eine der Regenlachen, die im Hofe standen, und wippte wie eine Bachstelze davon. In schmunzelndem Wohlgefallen sah ihr der Waldhofer nach und guckte zu den grau umnebelten Bergen hinauf. »Da kannst dei' Freud dran haben! Du Lalle, du dalketer!« Noch ein anderer sah die Staudamer Julei über die Straße tänzeln – der Hanspeter. In seiner Kammer stand er am Fenster und spähte nach allen Seiten. Die Lisbeth war doch an seinem Fenster vorübergegangen? Wo blieb sie nur? Vielleicht war die Gangtür nach der Scheune verriegelt? Hanspeter ging, um nachzusehen. Lisbeth stand in der dunklen Scheune, über den Leiterbaum eines Wagens gelehnt, das Gesicht in die Arme gedrückt. »Ilsabeth? Was hast denn?« Sie hob das Gesicht. »A bißl abtropfen hab ich mich lassen. Weil's regnet, weißt! Ich mag dir d' Nässen net in d' Stub tragen.« »Du darfst mir alles! Geh, komm eini!« Sie schüttelte den Kopf. »Bist ja da, jetzt! Kannst mir ja sagen, wie's dir geht?« »Gut, Kindl! Den ganzen Tag hab ich glesen in der Schrift. Langsam geht's freilich a bißl. Aber Christi Bergpredigt hab ich viermal durchbracht von der Fruh bis auf'n Abend. Da hab ich mich soviel aufbaut wieder.« In Hanspeters Stimme kam ein heiserer Klang. »Und ebbes is mir eingfallen! Wann's nimmer sein darf, daß ich a Wörtl zum Guten red, weil er's net leidt, der Adnotti – aber 's Fürlesen kann mir kein Parigraffi net verbieten. Und Christi Bergpredigt müssen s' anhören! Die! Da is alles drin. Tausetmal besser, als wie's der Flohannes Ratzenspeck predigen kann.« Er hatte Lisbeths Hände gefaßt. Und da fragte sie: »Warum tust du so zittern?« »So hab ich's jetzt allweil a bißl. Aber magst net eini zu mir?« Wieder schüttelte sie den Kopf. »D' Mutter tut warten auf mich. Und heut bin ich 's letztmal da. Jetzt brauchst mich nimmer. Aber d' Mutter braucht mich.« Ihr Tuch um die Schultern hüllend, verließ sie die Scheune. »Ilsabeth! Kindl! stammelte Hanspeter und streckte die Arme. Dann sanken ihm die Fäuste wieder. »Wann ich nur reden durft! Und gar kei' Sorg nimmer müßten s' haben!« Mit schlorpenden Schritten ging er in seine dunkel gewordene Kammer zurück. Es dauerte eine Weile, bis er mit seinen zitternden Händen ein Streichholz in Brand gebracht und die Talgkerze angezündet hatte. Erst verriegelte er die Tür, dann zog er unten am Kasten eine Lade auf und kramte den mager gewordenen Lederbeutel heraus. Während er den Riemen aufknüpfte, baumelte das Säckl wie eine stumme Glocke unter seinen wackligen Händen. Aus dem Beutel nahm er einen kleinen Zettel, faltete ihn mühsam mit den plumpen Fingern auseinander, und je länger er ihn ansah, desto größer wurden ihm die Augen. Jetzt hob er den Blick zur Stubendecke. »Lieber Herrgott, mein einziger du! Jetzt därfst nimmer auslassen!« Draußen im Gang ein Schritt, an der Tür ein Gepumper und die ärgerliche Stimme der Hausmagd: »Du Überzwerch, du narrischer, was sperrst dich denn ein?« Hanspeter fuhr zusammen wie ein Dieb, der beim Einsacken überrascht wurde. Wie flink das ging: den Zettel in das Beutelchen, hinein in die Lade und den Schlüssel gedreht! Dann schob er an der Türe den Riegel zurück. Schweigend ließ er das Gebrumm der Magd über sich ergehen, die ihm den Teller mit der Brennsuppe auf das Fenstergesimse neben die aufgeschlagene Bibel stellte. Als die Magd aus der Stube war, schob Hanspeter den Teller beiseite, zog die Kerze dicht an das Buch heran, setzte sich rittlings auf den Holzstuhl, stützte die Ellbogen auf und nahm die Ohren in die Hände. Halblaut, alle Konsonanten und Vokale verdrehend, begann er mit schwerer Zunge zu buchstabieren: »Sellig sünt thie Ahrmen üm Kaißte, then irren üst thas Hümbelraich. Sellig sünt thie Sampftmittigen, then sü werthen thas Ertraich besützen. Sellig sünt –« Es ging schon auf ein Uhr morgens, und Hanspeter war mit Christi Bergpredigt noch nicht zu Ende. Doch er mußte zu lesen aufhören, weil im Leuchter die Kerze zu Ende war. Im Finstern aß er die kalt gewordene Brennsuppe, während draußen in der sternlosen Nacht der Regen rauschte und der Föhnwind blies. Dann streckte Hanspeter sich aufs Bett. Zur Frühsuppe stand er wieder auf, füllte den ganzen Tag mit Arbeit und machte eine Klafter Scheitholz klein. Gegen Abend schickte ihn der Waldhofer ins Bett. »Jetzt laß mir's gut sein! Hast ja 's Wacklete schon bis in d' Ellbogen auffi!« Am anderen Morgen, am Dienstag, fiel dem Hanspeter eine Arbeit ein, von der er meinte: »Die liegt mir lang schon auf!« Er wußte, daß der Schreinermeister seit einer Woche krank lag. Da mußte in seiner Werkstätte eine Hobelbank leerstehen. Hanspeter ging hinüber, und ohne sich um das Gelächter des Gesellen zu kümmern, der sich an dem gesprenkelten Gesicht des Hanspeter nicht satt sehen konnte, fragte er: »Durft ich net an der Hobelbank an Tag lang schaffen? Ich hab dem Herrn Pfarr an Sessel in Verlust bracht, und da möcht ich ihm an andern machen, der a bißl ebbes aushalt.« Der Gesell hatte nichts dagegen, mit dem Hanspeter gab's für ihn einen lustigen Tag. Und fünfzig Pfennig Trinkgeld trug ihm die Sache auch noch ein. Den Rest seines Vermögens, die letzte halbe Mark, legte Hanspeter für Herrn Felician Horadam an. Für vierzig Pfennige kaufte er die zum Sessel nötigen Bretter, für zehn Pfennige Firnis. Dann begann er loszuhobeln und ließ sich die Spötteleien des Gesellen in müd lächelnder Geduld gefallen. Während der Arbeit fiel ihm ein kleiner Schemel auf, der bei der Hobelbank des Gesellen in der Fensternische stand und aus verschiedenen Holzarten so merkwürdig zusammengebosselt war, daß er fast so gesprenkelt aussah wie das Gesicht des Hanspeter. »A liebs Schamerl! Wer kriegt's denn, sag?« Mit zwinkernden Augen sah der Gesell den Hanspeter an. »Der Staudamer-Mickei.« »So so?« Hanspeter zog die Brauen zusammen. »Braucht er's ebba zum Beten? Der?« »So halb und halb.« Wieder lachte der Gesell. »Aber weißt, dös is kein Betschaml, dös is a Hokespokeskastl zum Fledermäus fangen. Wenn sich da einer draufkniegelt und sagt sein Sprüchl her, so müssen s' kommen, d' Fledermäus« »Geh, du!« Hanspeter lächelte. »Was du eim alles aufreden tätst!« »Ja, wirst schon sehen, am Karsamstag auf'n Abend, da fangt er a paar, der Mickei!« Jetzt verging dem Hanspeter das Lächeln. »Mit'm Mickei kannst mir stad sein! So an heiligen Tag mißbräuchlich machen, für söllene Unsinnigkeiten!« In Zorn tat er mit dem Hobel ein paar Stöße über das dicke Brett, daß die Späne flogen. »Fledermäus fangen! Am Karsamstag! Wo der lichte Heiland im finstern Grab hat liegen müssen! Dem Mickei muß ich schon bald amal Christi Bergpredigt fürlesen. Dem!« »Aber Speckerl! Sie haben dir ja 's Predigen verboten.« »'s Predigen, ja!« Hanspeter richtete sich auf. »Aber 's Fürlesen kann mir kein Parigraffi net verbieten.« Sein Gesicht war dunkelrot, und die Adern an seinem mager gewordenen Halse schwollen zu dicken Striemen an. »Und dem Mickei, dem lies ich noch ebbes für!« Langsam hob er die Faust mit dem Hobel. Verdutzt, beinah erschrocken, sah der Gesell den Hanspeter an, in dessen Augen etwas funkelte wie in den Augen eines verwundeten Bären, wenn er sich aufrichtet und die plumpe Tatze zum Schlag erhebt. Als Hanspeter wieder zu arbeiten begann, blieb ihm alle paar Stöße das Hobeleisen im Holze stecken. So zitterten ihm die Hände. Im Eifer der Arbeit vergaß er, zum Essen heimzugehen. Er hobelte und sägte, hämmerte und schnitzelte. Und bevor es Abend wurde, war Herrn Felicians neuer Sessel fertig und schön lackiert, ›naturi gfirneißt‹, wie Hanspeter sich fachmännisch ausdrückte. Saftig glänzend stand das merkwürdige Kunstwerk inmitten der Späne, aus denen es herausgewachsen, und während Hanspeter seine Schöpfung zufrieden musterte, schüttelte sich der Geselle vor Lachen. Nicht nur die Schreinerin und ihre Kinder kamen, auch der kranke Meister stieg aus dem Bett, um dieses dreibeinige Ungeheuer zu betrachten. Es war ein Peter Johannes Zdazilek unter den Sesseln, hoch gespreizt wie ein Kamel, und in der ausgiebigen Wucht seiner Formen doch wieder einem jungen Elefanten ähnlich, der auf drei Füßen steht und den vierten als Lehne nach rückwärts in die Höhe streckt. »Batzenweckerl«, sagte der Meister, »da hast an Sessel gmacht, da drauf kann man Hochzeit halten mitsamt die Musikanten.« »Ja, Mensch!« Hanspeter nickte ernst. »Der halt ebbes aus, da wird mich d' Jungfer Kathrin loben.« Damit der nasse Firnis nicht beschädigt würde, umwickelte er zwei Beine des Stuhles mit Zeitungspapier, um sie anfassen zu können. So trug er sein Werk davon. Er hatte zu ›lupfen‹ dran! Und um den Sessel flink durch das leichte Geriesel des versiegenden Regens zu bringen, hielt er ihn hoch über den Kopf und machte Sprünge, daß ihm das graue Wasser, das auf der Straße stand, bis über den Hosenboden spritzte. Es dämmerte schon, als er in seine Kammer trat und den Sessel niederstellte. Ohne sich in der Stube umzusehen, ließ er sich auf die Knie fallen und begann mit dem Sacktuch die Sprühtropfen des Regens vom Firnis wegzutupfen. Da hörte er einen schweren Schnaufer. Und als er aufblickte, sah er einen auf dem Bett sitzen, mit den Händen im Schoß, als wären sie tot. »Mandi!« Hanspeter rappelte sich auf. Der andere hob das Gesicht. »Zwei Stund lang wart ich schon.« »Mandi!« stammelte Hanspeter. »Was is denn mit dir? Soviel Sorgen hab ich mir allweil gmacht.« Er streckte ihm die beiden Hände hin. Doch Roman ließ die seinen zwischen den Knien liegen. »Mit mir? Was soll denn sein mit mir?« Er lachte müd. Hanspeter konnte nicht reden, nur schauen mit seinen erschrockenen Augen. Was war aus dem ›lachenden Roman‹ geworden! Freilich, die nasse Arbeitswoche dort oben und der Regen während des Heimwegs hatten mitgeholfen, um ihn übel zuzurichten. Die Haare klebten ihm glattgestrichen an Stirn und Schläfen, vom abfärbenden Hut waren ihm grünliche Striche über das Gesicht geronnen, die Schnurrbartspitzen hingen herunter wie trauernde Fähnlein in der Windstille, und die Kleider, die seit einer Woche nicht trocken geworden, baumelten gerunzelt um seinen Leib. Doch solcher Anblick hätte dem Hanspeter keine Sorge gemacht. Daß ein arbeitender Mensch zur Regenzeit nicht anders aussehen kann, das weiß man. Aber dieses Gesicht! So müd, so gallig und verdrossen! Und diese Augen, aus denen alle ›Zwidrigkeit‹ des Lebens zu reden schien! Und um den Mund ein Zug von Schmerz, wie er im Gesicht von Menschen ist, die am Magen leiden oder an einem anderen Organ, das ein bißchen höher liegt, aber nicht weit davon. »Mandi? Bist krank?« »Was dir einfallt!« »Aber ebbes mußt doch haben?« »Freilich, ja!« »Gott sei Dank, weil's nur endlich amal aussikommt!« »Wär d' Mutter noch da, die kunnt mir sagen, was ich tun muß! Aber mit'm Vater is kein Reden drüber. Drum hab ich mir denkt, ich komm zu dir. Der Hanspeter is an ehrenhafter Mensch, der sagt mir schon 's Richtige, hab ich mir denkt.« »Ja, Mandi!« Hanspeter setzte sich aufs Bett und legte den Arm um Romans Schulter. »Jetzt red!« Roman, mit den Händen immer die Knie reibend, begann zu beichten. »No ja, weißt, wem versprochen hab ich halt ebbes. Und wie ich mein Wort drauf geben hab – in Treu und Ehren, hab ich noch gsagt – selbigsmal hat sich halt alls a bißl anders angschaut. Aber jetzt hat sich ebbes umdraht. Jetzt kommt's mir so viel hart an, daß ich's halten soll, mein Wort. Und da möcht ich halt fragen, was d' meinst? Ob man so ebbes net zruckgehn lassen kunnt?« »Und dös is alls, was d' hast?« »Schiergar, ja!« »So will ich dir ebbes sagen, Mandi!« Zärtlich rüttelte Hanspeter seinen Roman. »Und da mußt mich erst noch fragen? Du! Schau dir an: wann von die schiechen Leut einer ebbes sagt? Is a Verlaß drauf? Is ihr Wörtl net wie Schnee auf der Ofenplatten?« Roman atmete schwer. »Hast dich net selber schon geärgert drüber, sag? Und gschumpfen? Und jetzt tätst es ihnen nachmachen? Mandi, Mandi! Bist net von die drei, vier Guten einer? Du! Bist net der Best? Was soll denn noch Bstand haben auf der Welt, wann 's Wörtl von eim Guten bröseln tät? Muß eim Guten sein Wörtl net halten wie Eisen? Und weil dir 's Halten hart is? Ja mein, Mandi! Was eim leicht wird, is ebba dös a Verdienst? Da kunnt a Schlechter sein Wörtl gradso halten! Na, na! Grad weil dir's hart wird, grad deswegen mußt bei der Stang bleiben! Bist von die Guten einer. Bist mir der Best! An dich glaub ich.« Eine Weile saßen sie schweigend, und mit hoffenden Augen sah Hanspeter seinem Roman ins Gesicht. Der stand nun auf. »Ah ja!« Dann zog er das Taschentuch aus der Joppe, sah es kummervoll an, ließ es auseinanderfallen und zog die Säume durch die Finger. »Hab mir eh schon denkt, daß d' mir nix anders net weißt. No ja! Sag ich dir halt Vergeltsgott. Für dein' ehrenhaften Rat!« Roman schneuzte sich. »Da wird's halt bleiben müssen, wie's is. Wann ich gar so a Guter bin. Pfüe Gott, Hanspeter! Aber die Schlechten haben's leichter.« Seufzend ging er aus der Stube. Hanspeter lächelte – seit vielen Tagen zum erstenmal wieder ein Lächeln des wirklichen Glückes. »Jetzt is er's wieder. Den hab ich auf gleich. Dem hab ich 's Gmüt wieder aufgricht, heut.« Weil er an seinen Roman glauben konnte, glaubte er auch gleich an alles andere. Eisenfest! Er öffnete den Kasten und nahm seine ›neue Montur‹ heraus. Wie an hohem Festtag wollte er sich kleiden, wenn er zur Spielbötin ging, um das Glück der Nannimai zu holen. Ein Wunder des lieben Herrgotts ›mitmachen‹ dürfen, das ist eine feierliche Sache! Und bevor er sich kleidete, wusch er sich so gründlich wie am Neujahrsmorgen. Begann doch für den Hanspeter und die Guten, die ihm lieb waren, mit diesem Abend ein neues Leben! Das Zittern seiner Hände war völlig verschwunden. Und während er plätscherte, über das Wasserschaff gebeugt, dachte er an Herrn Felician Horadam. Welche Freude der haben wird mit dem schönen Sessel! Und welch eine schöne Predigt wird er halten können am Ostersonntag: wenn das Wunder geschehen ist und wenn alle Leute reden davon! Hanspeter meinte es schon zu hören, wie Herr Felician am Ostersonntag predigen würde: »Sehet ihr's jetzt, ihr schwachmütigen Leut? Gelt, jetzt lacht und spöttelt keiner mehr über den buckleten Apostel? Dem ist der liebe Herrgott bei der Stang geblieben und hat ein Wunder an ihm getan! Und warum? Weil der Peter Johannes Zdazilek seine Zuversicht gehabt hat und seinen Glauben!« Während Hanspeter über dem Wasserschaff den hochwürdigen Herrn so predigen hörte, saß vorn in der Wohnstube der junge Waldhofer im Zwielicht auf der Ofenbank. Sein Vater stand vor ihm. Der schien über eine Antwort seines Buben nachzudenken. Dann lachte er und sagte: »Jetzt kenn ich mich aus, was d' hast!« »So?« »D' Julerl hat mir's gsagt.« »So?« »Verdrießen tut's dich, daß ich mit dir noch net einigfahren bin zum Notar.« »Gut kennt sich d' Julerl aus!« »Kerl, narreter!« Der Waldhofer gab seinem Buben einen Puff vor die Stirne. »Warum hast denn net a Wörtl gredt? Daß ich net verlang, du sollst auffiheiraten in d' ledige Kammer, dös kannst dir doch denken! Hättst halt den Schnabel a bißl auf gmacht! Der Waldhof, mein' ich, wär a Wörtl im guten wert. Und wie man an Zwetschgenkern davon schnipst, so leicht rutscht er mir net aus der Hand.« »Freilich, ja! Der Vater is noch in der besten Zeit. Kunnt lang noch Bauer sein.« »No also, ich bin schon z' frieden, weil d' es derkennst.« Der Alte lachte wieder. »Fahren wir halt eini morgen.« »Morgen muß ich beichten.« »Gut, fahren wir am Donnerstag.« »Da muß ich kumlizieren!« Roman griff an seinen Hals. »Und 's Exami machen.« »No, den ganzen Tag wird er enk net ausfragen, der Herr Pfarr.« »Der Notar wird wohl in die heiligen Täg kei' Zeit net haben. Wann's schon sein muß, fahren wir halt nach die Ostertäg.« »Meintwegen! Wann's dir net pressiert!« »Gar net! Na!« Roman erhob sich. »Sag ich halt dem Vater Vergeltsgott derweil.« Er ging zur Türe. »Wohin denn schon wieder?« »Auffi! Und schlafen. Is eh noch 's Beste, was er hat, der Mensch!« Auf der Schwelle drehte Roman das Gesicht über die Schulter. »Heut hab ich mir denkt: sie kunnten schon recht haben, beim Gricht, weil s' dem Hanspeter dös Predigen verbieten. Der nimmt's a bißl gar gnau. Und so ebbes vertragen die mehresten net. Da muß man schon a ganz Guter sein.« Heiser lachend trat er in den Flur hinaus. »Gut Nacht, Vater!« Verdutzt sah ihm der Waldhofer nach. »A liebhafter Hochzeiter! Ah, Respekt!« Als möchte er den Anblick dieses schläfrigen Bräutigams noch länger genießen, trat er unter die Tür und guckte hinter seinem Buben her, der über die Treppe hinaufstieg. Mit Romans Schritten klang ein polterndes Tappen zusammen. Das machten die Feiertagsschuhe des Peter Johannes Zdazilek, der aus dem dunklen Gang herausgeschritten kam. So fest und gewichtig trat er auf, daß der Waldhofer von einem Verwundern ins andere fiel. Und beim Schein des Herdfeuers, das in der Küche flackerte, konnte man sehen, wie feiertäglich der Hanspeter herausgeputzt war. »Ah, narret! Mensch! Bist ebba du der Hochzeiter? Und wohin denn heut noch?« »Gottslieben Abend, Waldhofer!« Auch Hanspeters Stimme hatte etwas feierlich Gekleidetes. »Heut hab ich noch a Wegl. Dös erfahrst noch, Waldhofer, ja!« Schönen Glanz in den Augen, wanderte Hanspeter zur Tür hinaus. Der Abend windstill und lau. Kein Tropfen fiel mehr. Erdgeruch in der Luft und die Ahnung blühender Veilchen. Am Himmel die Wolken in ruhigem Zuge, schon geklüftet. Die Wälder schwarz, und nur in der Höhe, zwischen steigenden Nebeln, ein weißlicher Schimmer der steilen Wände, auf deren Felsgesimsen der Schnee noch lag. In einer Scharte der westlichen Berge, über denen der freiwerdende Himmel noch mattes Licht besaß, leuchtete der Sirius mit zerflossenem Glanz, wie ein Auge, das geweint hat und jetzt zu strahlen beginnt. »Schau dir an! Schön Wetter macht er mir, der liebe Herrgott!« Erfüllt von der Heiligkeit dieses Abends, nahm Hanspeter den Hut ab und drückte den mürben Filz mit beiden Händen an seine Brust. So ging er, um sein Wunder zu erleben. Das Haus der Spielbötin lag mit schwarzen Fenstern. Und die Tür war versperrt. »Wird sich halt a bißl versaumt haben. Is a weiter Weg, von Kufstein aussi.« Hanspeter setzte sich auf die Hausbank und wartete. Während er im Finstern saß, kam bald ein altes Weibl, bald ein junges Mädel und bald ein Bursch. Sie rüttelten an der Haustür, schimpften und gingen wieder. »Hoffentlich haben s' mitgsetzt auf mein Nummero, die! Brauchen kunnten sie's alle.« So dachte Hanspeter. Und wartete. Es wurde elf Uhr, wurde Mitternacht. Die Spielbötin kam nicht. Als es drei Uhr schlug, meinte Hanspeter: »Sie wird sich net gehn trauen in der Nacht, mit soviel Geld! Und kommt halt in der Fruh.« Er ging nach Hause. Weil er keinen Schlaf hatte, zündete er die Kerze an und setzte sich über Christi Bergpredigt. »Sellig sünt thie Ahrmen üm Kaißte, then irren üst thas Hümbelraich. Sellig sünt –« Der Morgen graute, Hanspeter blies die Kerze aus und buchstabierte im Zwielicht weiter. So fand ihn die Hausmagd, als sie ihm die Milchsuppe brachte. »Essen muß er amal, der Mensch! Ja!« Er löffelte den Teller leer, schloß die Bibel und legte die Faust auf den Deckel. Dann ging er zum Haus der Spielbötin. Da waren jetzt die Fenster hell, vom schönen Morgen, in dessen zartem Blau der Rotglanz der Berge leuchtete. Aber die Haustür war noch immer versperrt. Hanspeter klopfte, ging ein paarmal ums Haus und drückte die breite Nase an alle Scheiben. Die Straße war schon belebt. Junge Mädchen gingen zur Kirche, in der dunklen Tracht der heiligen Trauertage. Heut war Beichttag der ›Jungfrauen und Jünglinge‹ – der Vormittag für die Mädchen, der Nachmittag für die Burschen. Auf der Straße ging eins ums andere vorüber. Die Hausmagd vom Waldhof kam. Und die Staudamer-Julei, im schwarzen Röckl, im schwarzen Spenzer. Mit niedergeschlagenen Augen ging sie, ganz erfüllt von der frommen Reue über ihre kleinen unschuldigen Sündchen. Den ganzen Tag, vom Morgen bis zum Abend, war's vor dem Kirchtor ein Kommen und Gehen. Mit scheuen Gesichtern kamen sie, mit lächelnden gingen sie davon. Als es zu dämmern anfing, stand Jungfer Kathrin wartend unter der Haustür des Pfarrhofes. »Heut macht er's aber lang! Und 's Essen wär schon fertig!« Weil sie aus Erfahrung wußte, daß Herr Felician am Abend eines Beichttages immer in übler Laune war, hatte sie ihm zwei seiner Lieblingsspeisen gekocht. Die warteten jetzt. Endlich kam er, langsam, im schwarzen Talar, das Brevier in der Hand und den grauen Kopf gebeugt. Er hatte einen schweren, mühsamen Tag hinter sich. Für den Gruß der Köchin dankte er nur mit einem Nicken. Als er in den Hausflur trat, fragte Kathrin: »Haben Sie s' alle?« »Die Mädln alle, bis auf eine.« Kathrin runzelte die Stirn. »Was für eine is denn ausblieben?« Herr Felician lächelte müd. »Mußt du alles wissen?« »So? Und von die Buben?« »Da fehlen mir zwei. Der Staudamer-Knecht. Der wird wissen, warum. Und der gute Hanspeter. Aber da hab ich keine Sorg, der holt's schon ein.« »Ja ja, und kommen S', Hochwürden, 's Essen wartet.« Herr Felician ging in die lampenhelle Stube, steckte das Brevier ins Regal und ließ sich auf dem Sofa seufzend in die Grube fallen. Kathrin legte ihm das Kissen unter. Dann trug sie auf. Und mit den Händen über der Schürze blieb sie stehen und wartete, wie es ihm schmecken würde. Als er gar nichts sagte, nur immer mit dem Löffel rührte und dann mit der Gabel die Bissen durcheinanderstocherte, zog sie gekränkt den Schürzensaum durch die Hände. »So gut hab ich's gmeint heut!« »Und drum hast mir Krebssuppe und gesulzten Karpfen gemacht? Ich dank dir schön, liebe Kathrin! Aber das war nicht gescheit von dir! Was Gutes schmeckt einem nur an Tagen, an denen man Freud hat. Muß man viel Bitteres schlucken, so bekommt auch das Gute davon einen Nachgeschmack. Ich sag dir's, Kathrin: so hinunterschauen müssen in hundert Herzen, bis ins tiefste Winkerl hinunter – manchmal, Gott sei Dank, tut's einem wohl, was man da sieht – aber die andern alle! Und mit Sorg noch erraten müssen, was sie verschweigen? – Beichtgeheimnis! Ja ja! Und da soll einem Krebssuppe und gesulzter Karpfen schmecken! Ich sag dir's, liebe Kathrin: es ist hart, Mensch sein. Aber Mensch sein und Pfarrer dazu, das ist noch viel härter.« »Jetzt tun S' Ihnen net aufregen, liebe Hochwürden! Da kriegen Sie 's allweil auf'm Magen. D' Welt kann man net umdrahn. Es is Ihr eigens Wörtl. Lassen S' mir deswegen die Krebssuppen net kalt und den gsulzten Karpfen net warm werden!« Während Kathrin ihre Weisheit spann, wurde draußen an der Haustür die Glocke gezogen. Sie ging hinaus, kam mit zornrotem Gesicht wieder herein und legte einen kleinen Zettel auf den Tisch. »Der Staudamer-Knecht hat sein' Beichtzettel bracht. In Enzdorf drüben hat er's absolviert.« »So so? Der Mickei? So weit hat er's tragen müssen? Und net amal gstolpert is er, draußen auf'm Pflasterkreuz!« Aber jetzt, wahrhaftig, jetzt hörte der Hochwürdige, daß vor der Haustür einer stolperte. Und die Glocke wurde gezogen, ganz schüchtern, daß sie nur einen einzigen Ton gab. »So kunnt der Hanspeter läuten, seit ich ihm d' Leviten glesen hab, 's letztemal.« Kathrin ging, um zu öffnen. »Unser Sessel, der muß noch her!« Eifrig, mit ganz anderem Gesichte, kam sie wieder. »Der junge Waldhofer!« Ihr Zorn war verraucht, und sie schmunzelte ein wenig, weil sie rechnete, was die in Aussicht stehende, reiche Hochzeit dem Pfarrhof tragen würde. »Der Roman? Soooo?« Es wollte gar kein Ende nehmen, dieses ›So‹! Und den Teller zurückschiebend, erhob sich Herr Felician. »Guten Abend, Herr Pfarr!« Den Hut zwischen den Händen drehend, mit einem Blick, als wäre der hochwürdige Herr ein Untersuchungsrichter – aber einer, der was herausbringt – so trat der junge Waldhofer über die Schwelle. Freundlich lächelnd blieb die Jungfer Kathrin bei der Türe stehen. »Guten Abend, lieber Roman!« sagte der Pfarrer. »Was bringst du mir denn?« »Fragen tät ich halt gern, ob ich net mit der Julei morgen zum Brautexami kommen durft? Nach der Kumlion. Daß uns der Herr Pfarr am Ostersonntag 's erstmal verkünden kunnt.« »Soooo?« »Ja.« »Ah«, sagte die Jungfer Kathrin, »da kann man gratulieren!« Roman sah sie an, als hätte ihm die Köchin eine Grobheit an den Kopf geworfen. Und Herr Felician bemerkte: »Kathrin, halt den Schnabel!« Die Hände in den Schlitztaschen des Talars vergrabend, kam er auf den jungen Waldhofer zugegangen. »Also wirklich, heiraten willst du? So, so, so, soooo!« Halb war es Sorge und halb ein merkwürdiges Forschen, was aus Herrn Felicians Augen sprach. Nun sah er die Köchin an und zog die Brauen zusammen. »Kathrin, geh hinaus! Was der Roman mit mir zu reden hat, ist keine Angelegenheit fürs öffentliche, und gsulzter Karpfen is kein Erlaubnisschein für alle Freiheiten. Übrigens steht er noch am Tisch! Und gelt, mach die Tür schön zu!« Seufzend ging Kathrin aus der Stube und warf dem Pfarrer von der Schwelle noch einen Blick zu, welcher sagen wollte: »Machen Sie's ihm leicht, Hochwürden! Dös is der junge Waldhofer!« »Ja, ja!« nickte Herr Felician, die Falten des Talars auseinanderspreizend. »Also, jetzt soll's Ernst werden?« »No ja, amal muß's halt sein!« »Sooo?« Herr Felician lauschte auf Romans Worte, wie man's beim Erbsenlesen macht: man läßt sie rollen, und fällt eine zweifelhafte, flink wird sie gefaßt. »Es muß sein? Und grad heut mußt du kommen? Grad heut!« »D' Julei hat gmeint, in die heiligen Täg, da täten Sie's mit'm Exami net so gnau nehmen.« »Sooo? Schau nur an, was für ein gescheites Mäderl das ist, die Julerl! Freilich, in der heiligen Zeit, die uns an Christi Tod und Erlösung erinnert, da soll man verzeihen. Alles, was man verzeihen kann! Und das Julerl hat recht, du brauchst keine Angst zu haben, ich will's nicht gar so genau mit dir nehmen. Aber als Seelsorger ist es meine Pflicht, dir vorzuhalten, lieber Roman, daß das Heiraten ein sehr, sehr ernstes Ding ist. Hast du dir's denn auch ernstlich überlegt?« »Überlegt?« Roman bohrte den Daumen in das Futter seines Hutes. »Jetzt gibt's kein Überlegen nimmer. Der Vater und ihr Mutter haben's ausgmacht. Und was wahr is, muß gsagt sein: ich hab d' Julei allweil gern ghabt. Auf'n Herbst noch und den ganzen Winter her.« »Sooo?« Herr Felician schien eine Erbse gefaßt zu haben. »Ja! Und was an ehrenhafter Mensch is, dem sein Wort muß sein wie Eisen. Da gibt's nix anders nimmer.« Der Pfarrer spitzte die Lippen, als möchte er sich ein Liedl pfeifen. Und mit Augen, die aufmerksam und staunend blickten, betrachtete er den ehrenhaften Bräutigam, dessen verdrossenes Gesicht sich immer dunkler färbte. Roman, als wäre ihm der Blick des Pfarrers nicht sonderlich behaglich, trat einen Schritt zurück, um in den Schatten der Lampe zu kommen. »So so? Wie Eisen! Da hast du ein gutes Wörtlein gesprochen.« »Ja! Dös hab ich vom Hanspeter.« »Sooo? Vom Hanspeter? Schön, lieber Roman, daß du dich nicht mit fremden Federn schmücken willst. Und der Hanspeter, freilich, der hat viele gute Wörtln in seinem großen Sack.« Herr Felician lächelte. »Nur schade, daß er nicht immer weiß, wann er das Sackerl aufmachen soll und wann es besser zugebunden bliebe.« »Gelt, ja!« Roman seufzte. »No also! Mir ist's recht. Komm nur morgen! Ich will daheim sein für dich. Und für das Julerl auch.« »Vergeltsgott, Herr Pfarr! Und guten Abend!« Mit etwas auffälliger Eile griff der ehrenhafte Bräutigam nach der Türklinke. »Roman?« »Herr Pfarr?« »Was du von den kleinen Meisen gelernt hast? Kannst du das noch?« »Was?« Roman machte verdutzte Augen. Die kluge Lehre, die er vor einem Monat den im Schnee spielenden Schopfmeisen abgelauscht hatte, war völlig aus seinem Gedächtnis geschwunden. »Ja ja!« nickte Herr Felician lächelnd vor sich hin. »Wir Menschen lernen das Rechte immer nur, um es vergessen zu haben, wenn wir's brauchen. Aber sag, was ist denn mit dem Hanspeter heut?« Halb noch mit den Gedanken bei der Bemerkung, die Herr Felician Horadam übers Lernen und übers Brauchen gemacht hatte, sagte Roman: »Da bin ich überfragt, Herr Pfarr! Gestern hat er für d' Jungfer Kathrin an Sessel gmacht.« »Ach, du mein lieber Herrgott!« »Und heut hat er sich den ganzen Tag noch net anschauen lassen.« Sinnend blickte Herr Felician vor sich nieder. »Kann mir's schon denken, warum er heut nicht gekommen ist. Wird halt bei der Altenöderin und bei der Lisbeth sitzen.« »Ja, der hat's gut. Pfüe Gott, Herr Pfarr!« Während im Hausflur draußen die Jungfer Kathrin mit dem jungen Waldhofer über das Sprüchlein ›Jung gefreit‹ einen liebenswürdigen Diskurs begann, sah Herr Felician in der Stube noch immer auf den Fleck, auf welchem Roman gestanden. »Sooooo? Der hat's gut, der bei der Lisbeth sitzt?« Er schien eine Erbse gefunden zu haben. »Kommt mir nur morgen, ihr zwei!« Draußen war dem jungen Waldhofer die Geduld vergangen. »'s Exami muß ich erst morgen machen, Jungfer Kathrin! Für heut hab ich gnug. Pfüe Gott!« Als er im Sturmschritt die Straße zum Waldhof hinuntermarschierte, holte er ein altes Weibl ein, das sich in vergnügter Laune zu befinden schien. Immer schwatzte die Alte vor sich hin. Und ganz merkwürdige Bewegungen machte sie, bald nach dem linken, bald nach dem rechten Straßengraben. Und immer schien es, als wollte sie sich bücken; aber sie tat es nicht, sondern stolperte weiter und tastete nach der Strohtasche, die sie am Ellbogen trug. Trotz der Dunkelheit konnte Roman, als er an der lustigen Alten vorüberging, noch ihr Gesicht erkennen. Es war die Spielbötin. Und ein Duft nach Pfefferminz ging von ihr aus. Kichernd torkelte sie ihrem Häuschen zu. Um durch die schmale Lücke der Gartenhecke zu kommen, mußte sie mit schiefem Körper zielen. Und dann galt es ein Werk, das Bedacht und Ruhe forderte: das Schlüsselloch zu finden und die Haustür aufzusperren. Während sie mit dem Schlüssel rings um die Heimat klapperte, in die er gehörte, erhob sich einer von der dunklen Hausbank. »Gottslieben Abend, Bötin! Lang hast braucht! Haben s' dich so gschwind net auszahlt, gelt?« Da fing die Spielbötin ein Gelächter an, als wäre diese Begegnung im Finstern das lustigste Erlebnis ihrer sechzig Jahre. Und während sie lachte, machte sie eine Verbeugung um die andere und klopfte immerzu mit der Hand auf den Schenkel. Jetzt merkte Hanspeter, daß die Bötin ein ›Nagerl‹ über den Durst getrunken hatte. »Mar' und Joseph! Weibl! Wirst mir doch um Gottswillen net ebba 's Geld verloren haben?« »Na na!« Vor Lachen vermochte sie kaum zu sprechen. »Da hab ich Obacht geben drauf. 's Geld hab ich schon. Lus auf!« Sie schüttelte die Strohtasche, und da hörte man ein feines Klingen. Ganz ruhig war Hanspeter wieder. Und flüsterte in die Nacht hinaus: »Nannimai, jetzt haben wir's!« Zu den funkelnden Sternen aufblickend, bekreuzte er sich. »Vergeltsgott halt! Jetzt bist bei der Stang blieben.« Und zur Spielbötin sagte er: »Gelt, jetzt haben wir s', d' Nummero!« »Ja, Buckleter! Jetzt haben wir's. Endlich haben wir's troffen amal.« Unter Lachen und Kichern war es ihr gelungen, den Schlüssel ins Loch zu bringen und die Haustür aufzusperren. »Komm eini, Buckleter! Jetzt kriegst dein Geld! Dös gib ich dir. Ja! Dös gib ich dir, weißt!« In der Stube fand sie den Leuchter und die Streichhölzer. Aber Licht mußte der Hanspeter machen. Und als die Spielbötin aus der Strohtasche ein schweres Säcklein hervorholte und sich anschickte, den klingenden Inhalt auf den Tisch zu schütten, sagte er besorgt: »Gelt, tu fein nix verwerfen!« »Na na! Da gib ich schon Obacht drauf. Mein Geldl, dös is mir heilig, weißt!« Sie drehte das Säcklein vollends um, und eine glitzernde Welle von Goldstücken und Silbermünzen plätscherte über den Tisch. »Schau her, Buckleter! Da schau her!« Mit ihren dürren Händen kramte sie in dem Geld. »Papierig haben s' mich auszahlt, d' Österreichischen, weißt! Aber gleich hab ich mir's umgwechselt. Und her mit der Hand jetzt, Buckleter, jetzt kriegst dein Geld!« Hanspeter streckte die ruhigen Hände, und da zählte ihm die Spielbötin lachend, doch etwas unsicher, fünf Goldstücke auf die harten Schwielen. »Da hast es wieder, deine fufzg Markln! Sollst nix verlieren, weil d' mir Glück bracht hast. Bist a guter Mensch, ja! Bist mir der liebst.« Sie kicherte. »A bißl anbrennt bist halt, weißt! Hättst eine von die Nummero derraten! D' Lieb is aussikommen. Der Dreizehner, ja! Aber d' Lieb hast gstrichen. Und bei die andern hast danebentappt. Aber ich! Jetzt hab ich ausgsorgt. Ich hab an Ambo gmacht, achthundert Markln hab ich gwonnen, auf'n Zwölfer und auf'n Neuner. Die hast mir eingeben, du! Der Zwölfer is d' Apostelzahl, und der Neuner geht auf die Anbrennten, die bis auf Zehne net zählen können. Die zwei Nummern, die hast mir eingeben. Drum sollst nix verlieren.« Lachend griff sie an ihm hinauf und tätschelte ihm die aschgraue Wange. »Vergeltsgott, Buckleter! Vergeltsgott tausendmal!« Kichernd torkelte sie zum Tisch und begann den Geldhaufen wieder einzufüllen. Hanspeter hielt noch immer die Hand gestreckt, auf der die fünf Goldstücke lagen. Mit kalkweißen Lippen sagte er – nein, das war nicht menschliche Sprache, wie ein heiseres Bellen war es: »Dös is net wahr, was d' sagst. Dös mußt mir beweisen, du!« Lachend, ein paarmal danebentappend, zog die Spielbötin aus ihrer Strohtasche eine Innsbrucker Zeitung hervor. »Schau dir's an, wann d' lesen kannst! Da steht's.« Die Faust über den fünf Goldstücken schließend, trat Hanspeter zum Tisch, beugte das entstellte Gesicht und buchstabierte, lautlos die Lippen bewegend. Da standen sie schwarz auf weiß, die Nummern der letzten Innsbrucker Ziehung: 13 und 9 und 12, und noch zwei andere. Zitternd richtete Hanspeter sich auf, öffnete die Faust, ließ die fünf Goldstücke auf die Dielen fallen, und ohne noch ein Wort zu sagen, ging er aus der Stube. Hinter ihm das besoffene Lachen der Spielbötin. Als er hinaustrat in die Nacht, sah er hinauf zu den funkelnden Sternen. »Weltkörpeder! Weltkörpeder! Wird schon so sein! Ah ja!« Er kam zum Waldhof und machte wieder kehrt. Zum Häuschen der Altenöderin kam er, starrte die mit Läden verschlossenen Fenster an und kehrte wieder um. Es trieb ihn zur Kirche. Die hatte seine Mutter offen gefunden in der Nacht. Aber seit damals sperrten sie des Abends am Friedhof das Gitter zu. Er fand es verschlossen, rüttelte an den eisernen Stäben und kehrte wieder um. Auf die Felder hinaus. Über die Wiesen und Äcker, ohne Weg und ohne Ziel, immer im Kreis wie ein armes, leidendes Tier, das von der Drehkrankheit befallen wurde. An dem Heustadel kam er vorüber, in dem seine Mutter geschlafen; über die Feldgräben sprang er, in denen die ›Tröpfl-Maruschka‹ zur Mittagszeit ihr einsames Brot gegessen hatte. Und am Waldsaum stand ein Reisighaufen, wie ein schwarzes Ungeheuer. Hanspeter hob die Fäuste und schrie: »Meinst ebba, ich tu dich fürchten, dich? Leutteufel! Dich fürcht ich noch lang net, weißt!« Mit schlagenden Fäusten, mit dem ganzen Gewicht seines Körpers warf er sich auf das finstere Ungetüm. Als die krachenden Reisigbündel fielen, kam Hanspeter halb zur Besinnung und stürzte schluchzend auf die Erde nieder. Über ihm die Sterne, die schöne Frühlingsnacht. Zwölftes Kapitel Am Morgen des Gründonnerstages – es war noch grau, und eben schürte im Waldhof die Hausmagd auf dem offenen Küchenherd das Feuer an – kam von der Haustür her ein Schritt, so schwer, daß alles Gerät im Flur zu zittern begann. Hanspeter trat auf die Küchenschwelle. Sein gebeugter Körper füllte den ganzen Rahmen der Türe. »Hausmagd, tätst mir an Rinken Brot geben, ja?« Im ersten Augenblick war die Magd so erschrocken, daß sie sich fast bekreuzt hätte. Seine Stimme hatte sie nicht erkannt. Die war ganz anders wie sonst. Und im Zwielicht des frühen Morgens sah er schwarzgrau aus, das häßlich entstellte Gesicht und den ungefügen Körper überzuckt von den grellen Lichtern der Herdflamme. Nach dem ersten Schreck fing die Magd zu lachen an. » Was willst? An Rinken Brot?« »Den mußt mir geben, ja!« Hanspeter kicherte, hoch und dünn. »Um der Lieb willen mußt ihn hergeben. D' Lieb is aussikommen. Jetzt haben sie's, d' Leut!« »Geh, du Narr! Machst schon wieder deine heiligen Sprüchln her!« Sie schnitt vom Brotlaib eine Scheibe herunter, noch dicker als das Brett, aus welchem Hanspeter den Sessel für Herrn Felician herausgehobelt hatte. »Soll dir's d' Lieb vergelten!« Hanspeter schob das Brot in die Joppentasche. »Und sagst dem Waldhofer, daß ich net heimkomm bis auf'n Abend.« »Bleibst den ganzen Tag in der Kirch?« »Na na! Jetzt hab ich mei' Zuversicht in die Füß. Auf Enzdorf schau ich ummi, und auf Mitterwang, und auf Hirschbichl eini!« Seine Augen brannten. »Wann keiner net is, der helfen mag, so mußt dich selber a bißl rühren! Pfüet dich, Madl! Laß dich d' Lieb net verdrießen, d' Lieb is aussikommen.« Er wandte sich. Und alles zitterte wieder, als er mit seinen schwerklappernden Tritten davonging. Die Magd sah ihm lachend nach, in der einen Hand noch den Brotlaib, in der anderen das Messer. »Heut durft ihm der Nachtwächter net begegnen!« Als sie das Messer fortlegen wollte, sah sie an der Klinge ein Brotschnipfelchen hängen und nahm es mit der Zunge weg. Doch erschrocken spie sie den Bissen wieder aus. Bevor sie schluckte, hatte sie sich noch erinnert, daß sie nüchtern bleiben mußte. Und weil auch der Hanspeter einer der Ledigen war, die heute ihren heiligen Tag hatten, fuhr der Magd noch die Sorge durch den Kopf: »Er wird doch 's Brot net essen! So unchristlich wird er ja doch net sein!« Nun war's mit dem Suppenkochen schnell getan. Nur der Waldhofer bekam sein Frühstück. Alle andern im Hause mußten warten, bis sie von der Kirche kamen. Während der Bürgermeister vor seinem einsamen Teller saß, erschien das ganze Hausgesinde, eins nach dem andern, und jedes bot ihm scheu die Hand hin mit den Worten: »Unser Heiland hat leiden müssen und hat verziehen. Tuts mir halt auch verzeihen, Bauer!« »No ja, meintwegen!« sagte der Waldhofer zu jedem. »Unser Heiland hat 's Exempli geben, müssen wir's nachmachen. Tu dich halt bessern, gelt!« Dann fragte er: »Wo bleibt denn der Hanspeter?« Aber die Magd war schon aus der Stube, und die anderen Gesindleute wußten nichts von ihm. Da lachte der Waldhofer. »Dem hätt ich gern a Wörtl ins Gwissen gredt, daß er sich a wengl verstandsamer anlaßt. Und grad der bleibt aus.« Als die Heimleut gingen, trat Roman in die Stube, mit übernächtigem Gesicht. »Tu mir verzeihen, Vater!« »Hast mir nix tan!« sagte der Alte, den Sohn freundlich betrachtend. »A bißl narret bist halt gwesen, die letzten Tag her. Aber jetzt weißt ja, wie dran bist. Jetzt kannst wieder amal an anders Gsicht hermachen.« »Freilich, ja! Jetzt weiß ich, wie ich dran bin!« Aber Romans Gesicht wurde nicht anders. Schmunzelnd fragte der Waldhofer: »Hast dei' Julerl schon um Verzeihung beten?« Es war eine merkwürdige Lustigkeit, mit welcher Roman am Vater hinauf sah – wie Humor, der beißen möchte. »Dös braucht's net. Die tragt mir nix nach.« Sogar lachen konnte er. »Soviel gut is die.« »Ja, Bub, die hat a Gmüt wie a Weihbrunnkesserl.« »Na, Vater, lieber net!« Roman war plötzlich ernst geworden. »A Weihbrunnkessel laßt sich's gfallen, daß viel Händ einigreifen! So ebbes tät mir net taugen bei einer, die man heiraten muß.« Er ging zur Türe. Draußen auf der Straße lüftete Roman die Joppe wie einer, der aus der Nähe eines Backofens entronnen ist. Mit langen Schritten eilte er der Kirche zu. Von allen Andächtigen, die heute kommen sollten, war er der erste. Lange stand er schon auf der Emporkirche an seinem Platz, als die Glocken zu läuten begannen. Flimmernde Sonnenbänder schlangen sich durch den stillen Raum; sie heiterten nur wenig die ernste Stimmung der Kirche auf, deren Seitenaltäre für den Karfreitag schon mit schwarzen Tüchern ausgeschlagen waren. Nur der Hauptaltar, den Jungfrauen und Jünglingen zu Ehren, zeigte noch die Farben der christlichen Freude. Aber alle Fahnen und Kreuze waren schon mit schwarzem Flor umhüllt, die Postamente der Heiligen mit Bahrtüchern behangen. Und wie die Stimmung der Kirche, so die Haltung der Andächtigen. Nicht die Unruh und das Gewisper wie sonst. Mit gesenkten Augen traten sie in die Kirche, und keines guckte nach dem andern. Nur das fromme Julerl machte eine Ausnahme und warf einen spähenden Blick zur Emporkirche hinauf. Herr Felician las eine stille Messe. Nach der Wandlung nahm er den Mahlkelch aus dem Tabernakel, segnete ihn, umhüllte den Goldfuß mit weißem Spitzentüchlein, hob eine Hostie hervor und ging zu dem Holzgeländer, das den Hauptaltar vom Schiff der Kirche trennte und mit dem weißen Speistuch überdeckt war. In stiller Reihe traten die Jungfrauen aus ihren Bänken. Immer vierzehn konnten am Geländer knien. Sie schoben die Hände unter das weiße Tuch und hoben es hinauf ans Kinn. Manch ein bleiches Gesicht, manch ein heiß gerötetes Antlitz, zerflossener Glanz in den scheuen und frommen Augen – so knieten sie. Und Herr Felician, die Worte des Segens murmelnd, ging von einer zur anderen und reichte den Leib des Herrn. Nun kam er zu einer. Und da zögerte seine Hand mit der Hostie. Doch ohne sich zu regen, geduldig, in unschuldsvoller Andacht, blickte Julei an ihm hinauf und wartete mit dem gestreckten Zünglein. Herr Felician reichte ihr die heilige Speise, wandte sich ab und reinigte die Finger. Als das Geländer leer geworden, stand Herr Felician, eine Hostie in der Hand, und über die ganze Kirche blickte er nach dem hintersten Winkel. Zwei leere Plätze sah er. Und ein Ausdruck ratloser Kümmernis trauerte in seinem runden Faltengesicht. Die Jünglinge kamen zum Mahl. Das machte sich minder still als der Zug der Jungfrauen. Die genagelten Schuhe klapperten auf den Steinfliesen der Kirche. Julerl stand in ihrem Betstuhl, die Wangen rosig, ein wenig lächelnd. Mit kaum merklichem Seitenblick musterte sie die klappernde Reihe, die an ihr vorüberschritt. Und einer kam; an ihm blieben ihre Blicke haften, ihm folgten sie zum Geländer, ein bißchen ängstlich fast. Und sie atmete auf, als Herr Felician dem Mickei die Hostie reichte. Nun kam die Reihe zurück. Und jetzt war es ein anderer, den der süße Blick ihrer frommen Taubenaugen suchte. Doch Roman ging vorüber, ohne das Gesicht zu heben. Nach der Messe, als Herr Felician mit dem Weihwedel durch die Kirche geschritten war, trat Julei als die erste aus dem Betstuhl und machte flinke Schritte. Vor dem Kirchtor stellte sie sich auf, in der lachenden Sonne, die mit wahrer Frühlingsfreude auf diese geläuterte Unschuld herabzuleuchten schien. Als Roman zwischen anderen Burschen aus der Kirche trat, streckte Julei ihrem Verlobten die Hand hin und flüsterte: »Tust mir verzeihen, Schatzl?« Er sah sie an. »Unser Heiland hat 's Exempli geben, müssen wir's halt nachmachen.« Seite an Seite schritten sie durch den Friedhof. Da hörte Roman hinter sich die Stimme des Mickei, der es beim Kirchtor für seine Kameraden ausrief wie ein Losungswort: »Habts es gmerkt, Buben? Der Häuslschusterin die ihrig is ausblieben. Habts es gmerkt?« Es zuckte dem jungen Waldhofer durch die Fäuste, und er machte eine Bewegung, als wollte er sich umdrehen. Aber Julerl zog ihn am Joppenärmel mit sich fort. Bis zum Friedhofgitter brachte sie ihn. Da befreite Roman seinen Arm und sagte mit erwürgter Stimme: »Für d' Mutter möcht ich a Vaterunser beten.« Julei seufzte; doch ohne ein Wort zu reden, begleitete sie ihn zum Grab der Waldhoferin. Die Hände ineinandergeklammert, stand Roman vor dem grün gewordenen Hügel, mit einem Blick, der hinunterzuschreien schien in die stille Erde: »Mutter, rat mir!« Hinter den beiden ging Herr Felician vorüber, mit dem Brevier in der Hand. Nach einer Weile zupfte Julerl schüchtern an Romans Joppe: »Darfst den Herrn Pfarr net warten lassen!« Mit langsamer Hand strich sich der junge Waldhofer über den entblößten Kopf. »Von da drunt, da redt halt keins nimmer auffi. Müssen wir halt gehn.« Sie kamen zum Pfarrhof. Auf dem Pflasterkreuz vor der Haustür knixte Julerl ein wenig mit dem Fuß; sie hatte feine ›Zeugstieferln‹ mit dünnen Sohlen an, und die Steine waren rauh. Im Hausflur wurde das Paar von Jungfer Kathrin mit so erfreutem Schmunzeln empfangen, als wäre das Glück mit einem großen Henkelkorb in den Pfarrhof getreten. Auch Herr Felician, der in seiner Stube schon wartend am Schreibtisch saß, auf dem Talar noch ein paar verstreute Semmelbröselchen vom hastig eingenommenen Frühstück – auch Herr Felician grüßte wohlwollend. Und gleich begann er: »Also, mein junges christliches Brautpaar!« In kurzer Rede, die er nicht zum ersten Male hielt, setzte er den beiden auseinander, wie eine heilige, wahrhaft gute Ehe beschaffen sein müßte, und welche Herzenswerte die Brautleute in die Ehe mitzubringen hätten, um für ein langes Leben ihr sicheres Glück zu begründen. »Daß euch diese schönen Eigenschaften des Herzens nicht fehlen, daran ist wohl nicht zu zweifeln? Gelt?« Roman stand wie ein Klotz, aber Julerl schüttelte unter rosigem Schmunzeln den hübschen Kopf. »Ja, ja!« Herr Felician nickte zufrieden. »Aber ich muß auch wissen, ob es euch nicht an dem christlichen Handwerkszeug gebricht, wie es ein guter Hausvater und eine gute Hausfrau nötig haben. Und da muß ich ein paar Fragen an euch stellen. Also, mein lieber Romanus Waldhofer! Jetzt sag mir einmal den ›Glauben an Gott‹!« Das war eine Frage, die jedes Kind hätte beantworten können. Roman blieb dreimal stecken, und den ›Ponzipilatus‹ vergaß er völlig. »Brav, lieber Roman! Ein bisserl hat's freilich gewackelt. Aber du bist halt sehr aufgeregt? Gelt, Ja?« Roman schnaufte. »So! Und jetzt sag mir einmal die zehn Gebote!« Bei Roman waren es nur neune. Aber Herr Felician schien nicht mitgezählt zu haben, denn er nickte zufrieden. »Brav, lieber Roman! Und da darf ich überzeugt sein, daß du alles andere gradsogut kannst! Gelt, ja! Soooo! Bin schon fertig mit dir! Von mir aus kannst heiraten.« Mit bleichem Gesicht trat Roman einen Schritt zurück und nahm den Hut hinter den Rücken. Lächelnd holte Herr Felician die Dose aus dem Talar, nahm eine Prise und feilte mit dem zusammengerollten Taschentuch die Nasenflügel. »Also, meine fromme Juliana Staudamer? Jetzt komm ich zu dir.« Julerl stand mit gesenkten Augen, die Hände unter der seidenen Schürze, die Fußspitzen fest aneinandergedrückt, wie es die gute Sitte des Dorfes von einem jungfräulichen Bräutl beim Examen verlangt. »Brav, Julerl, brav!« Herr Felician lobte schon, bevor er noch eine Frage gestellt hatte. »Soooo! Und jetzt sag mir einmal die sieben Todsünden!« Das ging wie der Faden vom Haspel: »Erstens die Hoffart, zweitens der Geiz, drittens –« Julerl wurde verlegen und stotterte: »No ja, dös wissen S' schon! – Viertens der Neid, fünftens die Völlerei, sechstens der Zorn und siemtens die Faulheit!« »Brav, Julerl! Gut kennst du dich aus in den Todsünden. Spukt's aber nicht ein bisserl bei den sieben Werken der christlichen Barmherzigkeit?« Durchaus nicht! An den Fingern wußte Julerl sie herzuzählen und sagte sogar noch um eines zuviel: »Die Unschuldigen verteidigen!« »Brav, Julerl, brav! Und recht hast du. Acht Werke der christlichen Barmherzigkeit sind besser als siebene. Aber jetzt sag mir einmal: Wie heißen denn die fünf Gebote für christliche Brautleute?« Es war ein merkwürdig unruhiger Blick, mit welchem die im Katechismus so gut beschlagene Examinandin den Hochwürdigen überhuschte. Doch mit der Antwort war sie flink bei der Hand: »Sie sollen, erstens, sich net leichtsinnig verloben.« »Seeeehr richtig! Schau nur, Roman, wie gscheit die Julerl ist! Und zweitens?« »Sie sollen, zweitens, urdentlich unterrichtet sein und frei von Ehehindernissen.« Schweigend nickte Herr Felician, während er mit ernstem Blick an der christlichen Braut hinaufsah. »Und drittens –« Julerl begann zu stottern, suchte dabei aber doch so flink wie möglich ans Ende zu kommen. »Drittens, im Brautstand unschuldig und tugendhäftig leben, viertens mit reiner Absicht in die Ehe tretten und fümftens würdig beichten und kumlizieren.« Mit gesenkten Augen stand sie und atmete auf. »Schau nur, wie gut du das alles weißt!« Ganz langsam sprach der Pfarrer. »Aber weißt du, Julerl, die Hauptperson in einer christlichen Familie ist die Frau, die auch als Mutter einmal ihre Kinder christlich erziehen soll. Drum muß ich es bei der Braut schon ein bisserl strenger nehmen. Ja! Und muß dich noch etwas fragen. Also, sag mir einmal, was verstehst du unter göttlicher Gnade?« Das war eine Frage aus dem ›großen‹ Katechismus. Julerl, auf theologische Spitzfindigkeiten nicht vorbereitet, blieb die Antwort schuldig, verließ sich auf ihr liebes Gesichtl und lächelte den Pfarrer hold und schmollend an, recht wie ein Täubchen, das gekränkt wird und doch nicht zürnen kann. Aber Herr Felician machte es nicht wie der Untersuchungsrichter, sondern fragte hartnäckig: »Also, was versteht man unter göttlicher Gnade?« »No, halt daß man beichten kann, und alls is wieder gut.« »Soooo? Alles? Nein, Julerl, ein bisserl anders ist die Sache doch. Aber vielleicht weißt du, welche Genugtuung man der göttlichen Gerechtigkeit schuldig ist?« Das wissen nicht einmal alle geistlichen Herren. Wie hätte Julerl das wissen sollen? Herr Felician, eine Minute geduldig wartend, schlug mit den Fingern auf dem Schreibtisch einen Wirbel. »Weißt du vielleicht, warum wir im Vaterunser beten: Erlöse uns vom Übel?« Schweigend senkte Julerl das hübsche Köpfl. Und der Hochwürdige trommelte. »Da wirst du auch nicht wissen, warum wir in christlicher Hoffnung ein ›Amen‹ dazu setzen?« Jetzt wollte Julerl sich aufs Bitten verlegen. »Herr Pfarr?« Mit den sanften Augen bettelte sie weiter. Ernst erhob sich Herr Felician und sagte: »Es tut mir leid, meine gute Juliana Staudamer. So wenig vorbereitet kann ich dich nicht in den heiligen Stand der Ehe ›tretten‹ lassen. Bereite dich noch einige Monate recht schön vor! Du bist ja noch jung. Und im Herbst kannst du wieder zum Brautexamen kommen.« Diese Entscheidung übte auf jede Hälfte des christlichen Brautpaares eine andere Wirkung aus. Dem jungen Waldhofer, der zu wachsen schien, war das Blut wie heißes Aufleuchten in die Wangen geschossen, während Julerl, ganz klein geworden, mit kreidebleichen Lippen stammelte: »Herr Pfarr! Mar' und Joseph! Ich bitt Ihnen gottstausetmal, tun S' mir doch soviel Schand net an!« Herr Felician hob die Arme und ließ sie wieder fallen. »Tut mir leid. Beim Ordinariat nörgeln s' allweil an mir herum. Jetzt muß ich's einmal machen, wie sie's haben wollen. Und in der Gmein? Erst neulich haben s' mir d' Fenster eingworfen. Vermutlich, weil ich's in meinem Seelsorgeramt ein bisserl zu gnädig genommen hab. Jetzt muß ich halt bei der strengen Pflicht bleiben. Im Herbst kannst du wieder kommen, Julerl! Adieu! Tut mir leid, lieber Roman, wenn ich deine verliebte Ungeduld auf so eine harte Prob stellen muß. Aber –« Wieder hob Herr Felician die Arme. Roman nickte. Es schien, als wäre er zu verständig, um die Zwangslage nicht einzusehen, in der sich der hochwürdige Herr befand. »No ja, wann die Braut ihren Katechism net weiß, da kann man nix machen.« Ruhig, ohne Vorwurf, wie es sich geziemt für einen nachsichtigen Bräutigam, sagte er zu Julerl: »Da hast es jetzt! Müssen wir halt gehn. Pfüe Gott, lieber Herr Pfarr!« Und da hatte er auch die Türklinke schon in der Hand. Julerl, zitternd, mit entfärbtem Gesicht und angstvollen Augen, stand noch immer auf der gleichen Stelle. Bittend streckte sie die Hände und brachte kein Wort heraus. Vielleicht hätte sie die Sprache noch gefunden, wäre nicht Jungfer Kathrin erregt in der Tür erschienen, die Roman geöffnet hatte. Schwül atmend starrte Julerl die Köchin an, warf noch einen verzweifelten Blick auf Herrn Felician und schlich aus der Stube. Kathrin drückte die Tür ins Schloß. Die Hände ineinanderschlagend, kam sie auf den Pfarrer zu und begann zu jammern: »Hochwürden! Um Gottes willen! Was haben S' denn da jetzt wieder gmacht?« Herr Felician schmunzelte. »Ebbes Guts!« In sichtlichem Vergnügen schnippte er mit den Fingern die Semmelbröselchen von seinem Talar. »So? Ebbes Guts?« legte Kathrin los, in einem Ton, als wäre ihr das Weinen nahe. »Ehnder geben S' kein' Fried net, gelt, bis net 's ganze Dorf wieder aufghetzt is gegen unsern Pfarrhof!« »Zannst schon wieder, ja?« Herr Felician legte die Hände hinter den Rücken. »Aber gleich hab ich mir's denkt, wie du am vorletzten Sonntag so gerührt warst. Bei dir hilft's was, 's Predigen, ja!« »Predigen! In der Kirch mögen S' der beste sein. Aber heraußten machen S' ein' Moosbacher um den andern. Wie können S' denn eim Brautpaar, wie der Waldhoferbub und 's Staudamermadl, den Konsenzi verweigern?« »Kathrin!« Der Pfarrer wurde ernst. »Drängelst du dich schon wieder in meine Seelsorgersachen?« »Seelsorg! A bisserl muß man für'n Magen auch noch sorgen. Wie knapp unser Pfarrhof dran is, dös wissen S' doch! Und da steht die schwerste Hochzeit vor der Tür, die uns a bißl ebbes eintragen hätt. Und da macht mir mein gscheider Herr Pfarr an söllenen Strich durch'n Kuchenzettel! Hochwürden! Wie kann Ihnen denn so was einfallen? Dem Waldhofer so an Afronti hermachen? Dem Burgermeister! Der uns vor acht Tag die Glaserrechnung zahlt hat.« »Ich hab's ihm net gschafft«, fuhr Herr Felician auf, »die hätt ich schon selber noch zahlen können.« »Ja! Und a halbs Jahr lang nimmer schnupfen und rauchen, gelt? Und a halbs Flaschl Bier auf'n Abend! Und die halbete Semmel zum Kaffee! Ah na! Sie mit Ihre sechzg Jahr und Ihrem diffiziligen Magen, Sie müssen Ihr urdentliche Verköstigung haben. Bekreuzigt hab ich mich schon vor lauter Freud, sooft ich den Waldhofer gsehen hab. Und da fahren S' mir zwischeneini! Denken S' doch a bißl nach! Dem Waldhoferbuben den Konsenzi verweigern!« »Dem hab ich ihn nicht verweigert!« schrie Herr Felician. »Der kann von mir aus heiraten, wann er mag. Morgen. Heut noch. Aber der anderen hab ich ihn verweigert. Der! Ja!« »So? Und der Waldhoferbub kann d' Hochzeit allein halten? Gut kennen S' Ihnen aus!« Kathrin lachte gereizt. Dann stellte sie den Finger auf den Schreibtisch. »Hochwürden. In acht Tag muß d' Julerl ihr Exami bstanden haben. Oder Sie können auf Pfingsten Ihren hochwürdigen Schnabel an' Bindfaden hängen, statt daß ich Ihnen Bratwürst auftragen kann, a jungs Gansl und an Gugelhupf.« »Katharina!« Herr Felician wurde hochdeutsch. »Jetzt ist es genuggg! Fertig! Jetzt geh mir aus der Stube! Hörst du?« Weil Kathrin das Schlachtfeld nicht verlassen wollte, griff der hochwürdige Herr nach seinem Käppl und wanderte in den Garten hinaus, um Luft zu schöpfen. Vom Kiesweg zwischen den jungen Zwetschgenbäumen konnte er weit hinuntersehen über die Dorfstraße. Und als er dort unten das christliche Brautpaar gewahrte, dem er einige Monate Bedenkzeit gegeben, war im Nu aller Zorn bei ihm verraucht, und die Hände hinter den Rücken legend, lachte er zufrieden vor sich hin. Dort unten auf der Straße gingen Roman und Julerl wortlos nebeneinander her, die Gesichter nach links und rechts gedreht, wie es der zwieköpfige Adler von Österreich macht. Während Roman in seinem nach rechts gedrehten Gesichte den Ausdruck einer nachdenklichen Ruhe zeigte, glühte das nach links gedrehte Gesichtl des sanften Julerls in kämpfendem Zorn. Dazu redete etwas ratlos Verstörtes aus ihren Augen. Immer schien sie einen Anlauf zum Sprechen zu nehmen, doch immer blieb sie stumm und bohrte den Blick in die Dornenhecke, aus deren Gezweig die kleinen lichtgrünen Blätter schon hervorgebrochen waren. Nun hatten die beiden den Zaun des Waldhofes erreicht. Ehe sie zum offenen Hoftor kamen, hob Julerl plötzlich das Gesicht, klammerte die Hände in Romans Joppenzipfel und verstellte ihm den Weg, als sollte es jetzt einen harten Kampf geben. Dennoch sprach sie kein Wort. Es redete nur das stumme Zucken ihres schmerzvoll gekräuselten Mäulchens. Roman befreite seinen Joppenzipfel. »Was kann denn ich dafür? Hättst den Katechism besser glernt! Jetzt müssen wir halt warten dös halbe Jahr.« Er sah, wie bleich sie wurde. Erwachte eine Regung von Mitleid in ihm? Seine Stimme klang freundlicher: »Leicht bin ich's gar net wert, daß dich so kümmern tust. Und schau, dei' Mutter freut sich drüber, weil s' dich noch bhalten kann den ganzen Sommer. Dei' Mutter, die mag dich gern. Die tu mir schön grüßen, gelt! Pfüe Gott derweil!« Roman ging mit flinken Schritten der Haustür zu. Auf der Schwelle warf er noch einen scheuen Blick über die Achsel. Draußen vor dem Zauntor stand Julerl noch immer auf dem gleichen Fleck. Schwül atmend fuhr sich Roman mit dem Ärmel über die Stirn und trat in die Stube. Der Waldhofer, der mit der Brille auf der Nase und mit einem Aktenstück am Tische saß, blickte lachend auf. »No? Is jetzt alls in der Ordnung?« »Noch lang net!« Roman ging hinter den Ofen und zog die Joppe herunter. »Was!« Langsam holte der Alte die Brille von der Nase und erhob sich. »Wo fehlt's denn, Bub?« »'s Ordinariatti halt! Der Herr Pfarr kann nix dafür. 's Ordinariatti will's amal so. Und da hat er's a bißl gnau mit'm Exami nehmen müssen. Ich natürlich, ich hab mei' Sach hergsagt wie 's Wasser. Aber bei der Julerl hat's mit'm Katechism gfehlt. Da hat's weit gfehlt. Und da hat ihr der Herr Pfarr den Konsenzi net geben.« Nun kam der Beweis, wie sehr die Jungfer Kathrin mit ihren dunklen Ahnungen im Rechte war. Der Waldhofer feuerte die schwere Bauernfaust auf den Tisch, daß die Platte krachte und das Tintenzeug erschrocken einen Hupfer tat. »Ja sakra! Teufel noch amal! Was bildt sich denn der im Pfarrhof da droben ein? Der weiß wohl nimmer, wer der Waldhofer is? Und so eim laß ich aus'm Gmeinvermögen die Glaserrechnung zahlen. Dem kunnt ich ja selber d' Fenster noch einwerfen. Dem! Und 's Julerl! Mar' und Joseph! Wo hast denn 's Julerl?« Der Waldhofer lief in den Hof hinaus. »Julei! Julerl!« Er hätte eine Kirchturmsglockenstimme haben müssen, wenn ihn Julerl noch hätte hören sollen. Wie verfolgt von einem Gespenst, rannte sie schon über die grünenden Wiesen hinauf, daß ihr Röckl flatterte und die seidene Schürze wie eine Fahne wehte. Als sie daheim in den Hausflur trat, empfing die Staudamerin ihr sanftes Täuberl mit den Worten: »Bist da, Kindl? So? Gleich bring ich dir 's Essen! Heut kunnt's dir schmecken, gelt?« Ein Lachen. »Hat er dich sauber ausgfragt, der Herr Pfarr?« »Mutter!« Julerls Gesicht war so weiß wie die getünchte Wand. »Komm in d' Stuben eini! Jetzt muß ich dir ebbes sagen.« Die Staudamerin hatte ein Mutterherz, in dem die Unruh leicht erwachte. »Mar' und Joseph! Was is denn?« Mickei, der im Heuschuppen bei der Maschine stand, um für die Kühe das Häckselfutter zu schneiden, streckte beim Klang der Stimmen, die er vernahm, in Neugier den Kopf zum Scheunentor hinaus. Er konnte von der Stube her das Schluchzen der Julei und einen tobenden Spektakel der Bäuerin hören. Lauschend schlich er an der Mauer entlang, um in die Nähe der Stubenfenster zu kommen. Da gab's im Hausflur ein Geraffel. Mit zornrotem Gesicht erschien die Staudamerin auf der Schwelle, und als sie den Knecht gewahrte, griff sie nach dem Besen, der neben der Haustür lehnte. Mickei wollte das bessere Teil der Tapferkeit erwählen. Bevor er die Scheune gewinnen konnte, hatte ihn die Staudamerin schon eingeholt und begann wie eine Wahnsinnige mit dem Besen auf ihn loszuschlagen. In die Ecke zwischen Mauer und Scheunentor gedrängt, mußte Mickei stillhalten unter dem Regen dieser Schläge und suchte nur mit den Armen sein Gesicht zu schützen. Als die Staudamerin atemlos einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit den Fäusten zurück und flüchtete in die Scheune. Die Bäuerin folgte ihm wohl mit geschwungenem Besen; sie kam zu spät; Mickei war auf den Heuboden hinaufgeklettert und hatte hinter sich die Leiter in die Höhe gezogen. Jetzt war er sicher. Er ließ in der Scheune drunten die Staudamerin schreien, legte sich droben ins Heu und wischte das Blut von der Nase, die ihm der Reisigbesen bös zerkratzt hatte. Der Bäuerin ging endlich der Atem aus, und es wurde still in der Scheune. Mickei blieb im linden Heu. Eine Stunde verrann. Dann konnte er hören, daß die Staudamerin im Stall die beiden Pferde schirrte und das Bernerwägelchen aus dem Schuppen zog. »Soll ich Enk ebba helfen, Bäuerin?« rief er hinunter. Keine Antwort kam. Mickei konnte nach einer Weile durch eine Lücke des Schindeldaches sehen, wie Julei mit verweintem Gesicht auf den Wagen stieg, und wie neben ihr die Staudamerin Platz nahm, feiertäglich gekleidet, Zügel und Peitsche in den Händen. »Hüo!« Die zwei Braunen zogen an. Auf dem schlechten Feldweg zwischen den zerstreuten Bauernhöfen gingen sie in trägem Schritt. Traben mußten sie erst, als sie die schöne Landstraße erreichten, die nach Enzdorf führte. Mutter und Tochter sprachen kein Wort und drehten die Gesichter auseinander, wie es das christliche Brautpaar auf dem Heimweg vom Pfarrhof getan. Erst in der Nähe von Enzdorf – wo der ›Vetter‹ wohnte, dem die ›Hauserin‹ durchgegangen war – und als die Staudamerin auf der Straße einen Menschen sah, murrte sie der Julei zu: »Jetzt nimm dich zamm! Da kommt einer. Hauch a bißl ans Tüchl hin und druck's auf d' Augen!« Um des einen willen, der auf der Straße langsam einhertappte, hätte Julerl die verweinten Augen nicht zu verstecken brauchen. Der schritt mit hängendem Kopf am Wagen der Staudamerin vorüber, ohne aufzublicken. Hanspeter war's. Er kam von Enzdorf. Und wanderte nach Mitterwang. Schritt um Schritt, schwerfällig und erschöpft. Sein mächtiger Rücken war krumm gebeugt, etwas Stumpfes und Gedankenloses brütete in seinem häßlichen Gesicht, in seinen traurigen Augen. Und während er wanderte, brach er von dem Brot, das er in der Joppentasche stecken hatte, ein Bröckl ums andere ab und schob es in den kauenden Mund. In Mitterwang tat er, was er in Enzdorf getan: er ging von Haus zu Haus und stellte bei jeder Tür die gleiche Frage: »Habts net a Loschie zum verlassen? Drei Stuberln tät ich brauchen, eins dabei a ganz a kleins.« Es wurde Abend, bevor er noch die halbe Dorfgasse von Mitterwang abgestapelt hatte. Unter funkelnden Sternen trat er den Heimweg an und sah nicht den Himmel und keins von den blinkschönen ›Luckerln‹, durch die der Glanz des Paradieses ›aussispitzt‹. Er sah nur den grauen Staub, durch den seine müden Füße dahinschlorpten. Als er heimkam, eine halbe Stunde vor Mitternacht, schlief schon alles im Waldhof. Hanspeter machte in seiner Stube kein Licht; im Dunkel griff er nach Herrn Felicians Sessel, um zu fühlen, ob der Firnis schon trocken wäre. Der klebte noch ein wenig. »Freilich, ja! Alls muß sei' Zeit haben.« In der matten Sternhelle des Fensters lag etwas auf dem Gesimse wie ein schwarzer Ziegelstein. Es war die Bibel. Und Hanspeter, im Trieb der Gewohnheit und ohne Licht zu machen, ging auf das Fenster zu und streckte die Hände. Da quoll ihm ein dumpfer Laut aus der Kehle, und seine Fäuste blieben wie Steinklumpen auf dem geschlossenen Buche liegen. »Kunnt ebba sein, daß ich's auswendig weiß? Ah ja!« War das ein Lachen? Oder war's ein Schluchzen? Er taumelte zum Bett, begann sich im Finsteren auszukleiden und lallte vor sich hin: »Sellig sünt thie Ahrmen üm Kaißte, then irren üst thas Hümbelraich. Sellig sünt thie Sampftmittigen –« Seine drei Zentner fielen so schwer auf den Strohsack, daß die ungetüme Bettlade in allen Fugen krachte. Und immer wieder stöhnten die Bretter, sooft sich Hanspeter von einer Seite auf die andere wälzte. Seine Lunge rasselte, und jeder Atemzug war wie ein Seufzer, der um Hilfe schrie. Gegen vier Uhr morgens, als der Karfreitag zu grauen begann, richtete Hanspeter sich auf und nahm den Kopf zwischen die Fäuste. »In Mitterwang hab ich erst die halbeten Häuser ausgfragt. Da find ich noch ebbes. Da hab ich mei' Zuversicht drauf.« Es dauerte nicht lang, und Hanspeter war wegfertig, bis auf die Schuhe. Die band er an den Riemen zusammen und hängte sie über den Arm. Weil er die Schläfer im Haus nicht stören wollte, ging er barfuß aus der Kammer. In der Küche schnitt er sich vom Brotlaib ein bescheidenes Stück herunter und schob es in die Joppentasche. Draußen am Brunnen wusch er sich, zog die Schuhe an und wanderte in den bleigrauen Morgen hinaus, dessen letzte Sterne noch nicht erloschen waren. Durch die dämmrigen Morgenlüfte klang es hinter ihm her wie das spottende Gelächter eines Riesen – dürre, klappernde Laute, als würden Steine in einer mächtigen Kiste durcheinandergeschüttelt: das ›hölzerne Geläute‹ des Karfreitags, an dem die erzenen Glocken schweigen müssen. Die ungewohnten Töne weckten in den Häusern die Schläfer, die sonst wohl noch ein Stündl über das gewohnte Morgenläuten hinüberschlummerten. Bald hier, bald dort an einem grauen Fenster zitterte matter Lichtschein auf und blinzelte wie ein gerötetes Auge in die Dämmerung hinaus. Und alles Getier des Dorfes wurde lebendig und geriet in Unruh. Die Hähne krähten früher als sonst, überall schlugen die Hunde an, und in den Ställen brüllten die Rinder. Im Zwielicht des Morgens gaukelte ein Licht über den Friedhof, als wäre ein Stern vor dem Erlöschen vom Himmel gefallen und wüßte nicht, wohin er auf Erden sollte. Eine schwankende Laterne war's. Jungfer Kathrin trug sie dem hochwürdigen Herrn Felician voran. Der Mesner mit Weib und Tochter war in der Sakristei schon bei der Arbeit, um aus den Schränken herauszukramen, was alljährlich am Karfreitag zum Schmuck des Heiligen Grabes diente. Zwei Stunden hatten sie zu schaffen, bis in der Höhlung unter dem Altartisch der lebensgroße, aus Holz geschnitzte Leichnam des Erlösers auf seidenen Kissen und zwischen künstlichen Blumen gebettet lag. Durch die hohen Kirchenfenster blickte schon der sonnige Morgen herein, als sie die Altarkerzen anzündeten und die brennenden Wachslämpchen hinter die bunten, mit Wasser gefüllten Glaskugeln stellten, die das Heilige Grab gleich einer Kette großer Feuerperlen im Bogen umgaben. Das Sonnengeflimmer des Morgens mischte sich mit dem bunten Zitterschein der farbigen Ampeln. Der stille Leichnam, überschimmert von diesem beweglichen Lichtgefunkel, schien zwischen den papierenen Blumen zu leben und nur zu schlummern. Das war ein Anblick, der auf Jungfer Kathrin seine Wirkung nicht versagte. Mit nassen Augen stand sie vor dem Heiligen Grab und flüsterte: »So lieb und schön liegt er drin!« Herr Felician sah sie mißmutig von der Seite an. »So? Jetzt schießt dir d' Andacht ein? Und morgen is wieder alls vergessen, und die ewige Zannerei hat Auferstehung gfeiert.« »Na, na, Hochwürden!« »Geh, laß mich aus!« Schwermütig blickte Herr Felician in den Schein der farbigen Lampen. »Unser guter Heiland hat leiden müssen für uns und liegt im Grab. Aber die schönen Ampeln sind d' Hauptsach dran. Alle rennen s' heut in die Kirch, weil d' Ampeln brennen.« Seufzend ging der hochwürdige Herr in die Sakristei. Da kamen auch schon die ersten Andächtigen, und langsam füllte sich die Kirche. Als Herr Felician zwischen den Betstühlen hinschritt und segnend das Weihwasser aussprengte, waren schon alle Plätze besetzt. Nur ganz im hintersten Winkel der Kirche war noch ein kleiner Betstuhl frei. Bekümmert sah der Hochwürdige die zwei unbesetzten Plätze an und sprengte das geweihte Wasser auch gegen den leeren Stuhl. Nachdem die kirchliche Karfreitagsfeier vorüber war, setzte sich Herr Felician in den Chorstuhl. Und da ging an ihm die Wanderung der Frommen vorüber, die vor dem Heiligen Grabe knien wollten. Die Reihe der Männer eröffnete der alte Waldhofer, der den Pfarrer mit einem unfreundlichen Blick bedachte. Unter den Burschen kam der Staudamer-Mickei, Nase und Wangen mit roten Kratzwunden bedeck, als wäre ihm eine Katze ins Gesicht gesprungen. Mit halbem Lächeln wandte der Knecht das Gesicht auf die Seite, als er vor dem Heiligen Grabe mit dem jungen Waldhofer zusammentraf. Roman schien nur die Steinfliesen des Kirchenpflasters zu sehen. Sein Gesicht war übernächtig und müd, und länger als die anderen blieb er im Schein der bunten Ampeln knien. Versunken in seine Andacht, merkte er nicht, daß schon die Frauen und Mädchen angewandert kamen. Die alte Staudamerin maß den jungen Waldhofer ein bißchen spöttisch und betrachtete in Zufriedenheit ihr Julerl, die im schwarzen Trauerstaat neben der Mutter zum Heiligen Grabe schritt. Ihre sanften Augen waren verschleiert von den Wimpern der gesenkten Lider, und das holde Grübchengesicht war ruhig und still. Nur ein wenig blaß war es. Mit hartem Blick in den sonst so freundlichen Augen, sah Herr Felician der Staudamerin und ihrem lieblichen Julerl nach, als die beiden zum Altar gingen und im bunten Licht der strahlenden Ampeln niederknieten. »O du lieber, guter Heiland, was lauft da alles vorbei an dir!« Er schloß mit einem Seufzer das Brevier und verließ den Chorstuhl. Unter der Sakristeitür blieb er noch einmal stehen und spähte nach dem hintersten Kirchenwinkel, in dem zwei Plätze leer geblieben. Herr Felician trat ins Freie. Wie schön der Morgen! Wie rein der Frühlingsglanz, der über dem grünenden Tal und über dem letzten Schnee der hohen Berge webte! Aller Unmut schwand aus dem Gesicht des Pfarrers. Die Hände über dem strebsamen Bäuchlein verschlingend, blickte er zum leuchtenden Blau hinauf und lächelte. »Da glaubt man wieder!« Langsam trat er zur Mauer und lugte über die Straße hinaus, die zum Häuschen der Altenöderin führte. »Und du willst trutzen? Soooo? No wart, du bockbeinigs Weibl, dir will ich heut a bißl auf den christlichen Stockzahn klopfen.« Als er heimkam, trug Jungfer Kathrin den Morgenkaffee in die Stube. Mit aller Demut bediente sie ihren geistlichen Herrn. Als sie merkte, daß ihm der Kaffee schmeckte, begann sie mit sanfter Stimme: »Liebe Hochwürden?« »Was denn schon wieder?« »Ich will mich net einidrängeln in Ihre Seelsorgersachen. Aber in aller Güt muß ich Ihnen aufmerksam machen, daß noch allweil zwei ledige Beichtzetteln fehlen.« Herr Felician biß in die Semmel. »Wer fehlt denn?« »Der Häuslschusterin ihr Madl fehlt. Aber um die reiß ich mich net.« »So? Freilich, die Lisbeth und ihr Mutter haben keine Küh, da kriegst kein' Butter net. Und Hendln haben s' auch keine, die Eier legen.« Der Hochwürdige nahm einen Schluck aus der Kaffeeschale. »Recht christlich, liebe Kathrin! Heut am Karfreitag! Mir scheint, die Ampeln brennen schon nimmer? Bei dir.« Kathrin wurde rot. »Tun S' mir net 's Heilige Grab mit Hendln und Küh durchanandermengeln!« »So? Ich tu das?« »Ja, Sie!« Die Köchin fuhr sich mit der Schürze über das Gesicht, als stünde sie vor dem heißen Herd. »Über d' Häuslschusterin und ihr Madl will ich kein Wörtl nimmer verlieren. Aber der Hanspeter geht mir auch noch ab. Der is net zum Beichten kommen. Und der muß her.« Herr Felician lächelte. »Der wird halt keine Sünden net haben. Was soll er denn beichten, der gute Mensch?« »Sünden oder net, der Beichtzettel muß her. Und unsern Sessel hat er auch noch net bracht. Jetzt is er wieder gsund. Da hätt er unsern Sessel lang schon reparieren können.« Geärgert legte Herr Felician die halbverzehrte Semmel fort. Dann sagte er ruhig: »Sei zufrieden, Kathrin! Er hat dir einen ganz neuen geschreinert. Vielleicht macht er dir eine Osterfreud damit. Und jetzt laß mich in Ruh mein Frühstück verzehren! Gelt?« »No ja! Weil Karfreitag is, will ich mich zruckhalten.« Kathrin ging zur Türe. »Aber was ich noch fragen will.« Der Hochwürdige schien zu merken, daß die Hauptsache jetzt erst kommen sollte. »Kathrin«, warnte er, »laß mich in Ruh!« »Bloß fragen will ich, ob S' Ihnen die Sach überlegt haben? Mit dem Konsenzi für den jungen Waldhofer?« »Ja Himmelkreuzteufel!« Herr Felician schlug mit beiden Händen auf den Tisch, daß Kanne und Tasse klirrten. Er verfärbte sich vor Schreck über das eigene Wort. Auch Kathrin war sprachlos. »No also!« Dem alten Herrn zitterte die Stimme. »Der Herr Pfarrer selber! Und fluchen! Am heiligen Karfreitag! Da schau, wie weit du mich bringen kannst mit deiner ewigen Zannerei!« Der Köchin kamen die Tränen. »Aber ich hab doch net zannt. Hab's Ihnen bloß zum Nutzen gmeint.« »Schon gut!« Herr Felician wurde hochdeutsch. »Jetzt sei so freundlich und marschier hinaus, Katharina!« Seufzend ging Jungfer Kathrin aus der Stube. Um ihren geistlichen Herrn zu versöhnen, braute sie mit allem Aufwand ihrer Kochkunst ein Mittagsmahl, so zart und lecker, daß es die Karfreitagstafel eines Kardinals hätte zieren können. Aber sie erntete kein Wort des Lobes. Am Nachmittag kam sie immer wieder zur Stubentür geschlichen und lauschte. Immer wieder hörte sie das Klappen der Pantoffel, in denen der Hochwürdige ruhelos die Stube durchwanderte. Endlich wurde es still hinter der Türe. »Gott sei Dank! Jetzt schlaft er. Da hat er's übertaucht.« Sie schlich in die Küche und machte sich an die Arbeit, damit der Jausenkaffee bereitstünde, bis der Hochwürdige erwachen würde. Als sie das siedende Wasser über die Bohnen gegossen hatte, hörte sie im Flur die schweren Stiefel klappern. Erschrocken sprang sie aus der Küche und sah den Pfarrer die Haustür öffnen, mit Hut und Stock. »Aber Hochwürden! Mögen S' denn net auf Ihr Kaffeederl warten?« Herr Felician drehte das Gesicht über die Schulter. »Nein!« »Mar' und Joseph!« stotterte Kathrin. »Grad heut hab ich so an guten gmacht. Und jetzt verdirbt er.« »Besser, als daß eine menschliche Seele verdirbt.« Der Hochwürdige zog hinter sich die Tür zu, während Jungfer Kathrin im verdunkelten Flur mit wachsender Sorge vor sich hin stotterte: »Heut macht er gwiß ebbes Dumms, vor lauter Güt und christlicher Lieb!« Kopfschüttelnd kehrte sie zum Küchenherd zurück und verschluckte in grüblerischer Einsamkeit den guten Kaffee. Es ließ ihr keine Ruhe. Als sie die Küche in Ordnung gebracht hatte, huschte sie in ihre Kammer, riß die Küchenschürze herunter, nahm ein Wolltuch um und band die schwarze Haube übers graue Haar. Dreizehntes Kapitel Herr Felician wanderte durch den linden Goldschein des späten Nachmittags. Bei dieser Promenade schien er das Gleichgewicht seiner Seele wiederzufinden. Als er zum Häuschen der Altenöderin kam, war etwas Frohes in seinen guten Augen. Er ging auf die kleine Hütte zu, die mit blinkenden Fensterscheiben in der Sonne lag. Die Haustür war geöffnet. Herr Felician trat in den Flur und pochte an die Stubentür. »Ja ja«, klang die Stimme der Altenöderin, »bin schon daheim.« Und dann die Stimme der Lisbeth: »Mutter, dös is der Hanspeter net.« Der Pfarrer, als er die Tür geöffnet hatte, betrachtete verwundert die von Sonnenschein erfüllte und von buntem Spielzeug glitzernde Stube. Die Altenöderin und ihre Tochter saßen bei der Arbeit am Tisch. Während Nannimai am Türmchen eines zierlichen Kirchleins baute, war Lisbeth damit beschäftigt, aus jenem blaßgrünen Moos, das der Volksmund ›Baumbart‹ nennt, kleine Bäumchen zu binden. Beim Anblick des Pfarrers ließ das Mädel erschrocken die Arbeit fallen und erhob sich. Matte Röte huschte ihr über das blasse Gesicht. Mit leiser Stimme sagte sie einen Gruß, während ihre großen, dunklen Augen in Sorge von Herrn Felician auf die Mutter glitten. Auch die Altenöderin war aufgestanden. Die Hände an der Schürze säubernd, humpelte sie hinter dem Tisch hervor. »Vergeltsgott der seltenen Ehr, Herr Pfarr!« Sie lächelte ein wenig. »Was suchen denn Sie bei mir?« Herr Felician sah noch immer an den Wänden umher. »Lieb schaut's aus, bei euch da!« Der Reiz dieser glitzernden Stube hatte das ernste Wort, mit dem er zu beginnen gedachte, wider seinen Willen in ein anderes verwandelt. »Bei uns im Ort bin ich noch net in viel Stüberln gekommen, die so sauber sind.« Jetzt sah er die Altenöderin an, und dann die Lisbeth. »No ja, weil ihr zwei nimmer zu mir kommen wollt, drum hab ich gemeint, ich muß ein bißl zu euch kommen, grad heut, weil so ein schöner Tag ist, so ein heiliger!« Herr Felician sah der Altenöderin vorwurfsvoll in die Augen. »Der Tag is heilig, ja, Herr Pfarr! So heilig, wie ihn d' Leut machen.« Mutter Nannimai lächelte noch immer, doch aus ihrer Stimme klang ein bitterer Ton. »Grad vor S' kommen sind, haben uns die Nachbersbuben ebbes recht Unheiligs an d' Fenster gworfen. Lang hab ich putzen müssen, bis d' Fenster wieder sauber waren. Schieche Arbeit für so an heiligen Tag!« Erschrocken sah Herr Felician die Fenster an. »Die Buben! Die verflixten Buben!« Eine Weile war's still in der Stube. Dann sagte die Altenöderin: »Möchten S' mit mir ebbes reden, Herr Pfarr? Geh, Kindl, hast nimmer viel Baumbart, schau, daß d' ein' findst im Wald!« »Na na«, stotterte Herr Felician, »vertreiben möcht ich 's Madl net.« Lisbeth hatte schon das Kopftuch übers Haar genommen. »Was d' Mutter will, tu ich gern.« Die Tränen standen ihr in den Augen, als sie auf den Pfarrer zutrat. »D' Mutter is gut, Herr Pfarr! Tun S' der Mutter net weh!« Herr Felician schüttelte stumm den Kopf; doch sein Blick gab der Lisbeth eine freundliche Antwort. »Vergeltsgott!« sagte sie leis und verließ die Stube. Lange sah Herr Felician die Tür an, die sich hinter Lisbeth geschlossen hatte. Dann nickte er der Altenöderin lächelnd zu. »Ein gutes Mädel habt Ihr!« »Ja, Herr Pfarr! Mit der Ilsabeth bin ich z'frieden. Mein Kindl is einwendig net schlechter graten wie auswendig.« »Und so ein gutes Kind hat Euch der liebe Gott geschenkt, mit dem Ihr trutzen wollt?« »Ich? Mit'm lieben Herrgott trutzen? Ah na! Aber mögen S' Ihnen net a bißl niedersetzen, Hochwürden?« Die Altenöderin räumte das Spielzeug von der Wandbank. »Dank schön!« Herr Felician legte Hut und Stock in die Fensternische und schob sich hinter den Tisch. Auch Mutter Nannimai nahm ihren Platz wieder ein, entzündete unter der Leimpfanne ein Spiritusflämmchen und begann an dem Türmlein der kleinen Kirche weiterzubauen. Herr Felician nickte. »So, so, sooo? Ein Kircherl wird baut?« »Häuslwar für gute Kinder.« Der Pfarrer schien den bitteren Doppelsinn dieses Wortes überhören zu wollen. »Wißt Ihr denn noch, wie ein Kirchl aussieht? Ich mein', Ihr hättet Euch schon lang keines mehr angeschaut.« »Macht nix! 's Auswendige merkt man sich leicht. Und wie's in der Kirch inwendig zugeht, so därf ich 's meinig net machen. Sonst hätten die Kinder kei' Freud dran.« Seufzend lehnte sich Herr Felician an die Wand. »Ein anderer tät schimpfen jetzt und tät beleidigt sein. Wie's zugeht in der Kirch, da zählt doch der Pfarrer mit? Gelt, ja?« »Wider Enk hab ich kein' Fürwurf.« »Das weiß ich, und darum bin ich net harb. Und recht gut weiß ich, daß Ihr viel Unrecht habt leiden müssen, das ich leider Gottes net hab verhüten können. Unrecht leiden macht Gall. Und da weiß man nimmer, gegen wen man's ausspritzt. Hab ich halt jetzt ein kleins Spritzerl mitkriegt. Aber 's ander, Mutter, is auf unsern lieben Herrgott gangen.« Die Altenöderin schüttelte den grauen Kopf. »Was für an Herrgott meinen S' denn, Herr Pfarr? Ebba den selbigen, an den d' Leut glauben, wenn s' vom Teufel reden? Oder den meinigen? Mit dem trutz ich net. Der hängt da drin in meiner Kammer.« »Weiß schon, ja! Und der hat bloß an einzigen Arm, gelt?« »Mit dem er schon oft a bißl gholfen hat. Aber allweil geht's halt net.« Wieder seufzte Herr Felician. »Solche Reden sollt man doch net führen am heiligen Karfreitag.« »Karfreitag? Es kommt mir für, als war's a Tag wie jeder andre. Kommt mir für, als tät unser Heiland allweil im Grab liegen, als täten ihn d' Leut ein' Tag um den andern martern und wieder ans Kreuz nageln.« Langsam strich Herr Felician mit der Hand übers weiße Haar. »Ein bißl etwas Wahres ist dran, Mutter Altenöderin! Aber Euer Wahrheit is bloß die halbe.« Er griff über den Tisch und rüttelte den Arm der alten Frau, daß sie den Leimpinsel fallen ließ. »Denn das ist auch wahr, daß unser Heiland, tausendmal gekreuzigt, allweil wieder aufersteht.« Die Altenöderin schwieg und wischte mit der Schürze den Leimfleck von der Tischplatte. Dieses Schweigen schien Herrn Felician glauben zu machen, daß er in die starre Mauer dieses Herzens eine Bresche gelegt hätte. »Gelt, ich hab recht? Und da müßt Ihr doch auch ein anderes Wörtl finden, als nur solche, die zum heiligen Karfreitag passen wie eine zornige Faust zu einem guten Aug.« Mutter Nannimai blies unter der Leimpfanne das Spiritusflämmchen aus. »Was ich red, paßt allweil noch besser dazu, als was mir die Buben heut am heiligen Karfreitag an d' Fenster gschmissen haben.« Diese Antwort machte den hochwürdigen Herrn ein wenig ärgerlich. »No ja! Die Buben halt! Was kann denn ich da dafür? Buben sind halt Buben. Und wie sie's treiben, die Lackeln, weiß keiner besser als ich. Mit Gwalt kann ich d' Leut net anders machen. Dös müssen S' doch einsehen, Weiberl!« »Ah ja! Sie sind a freundschäftlicher Herr, der's gradso gut mit mir meint wie mit die andern Leut. Aber nützen tuts nix. Und weil ich merken hab müssen, daß Enker fromme Plag in der Kirch umsonst is, drum bleib ich lieber davon. Mein' Herrgott hab ich daheim. Von dem andern, an den d' Leut glauben, mag ich nix mehr wissen.« »Zweierlei Herrgötter gibt's net. Jetzt lassen S' reden mit Ihnen! Tun S' mir net bockbeinig sein! Euch und Eurem lieben Mädel is Unrecht geschehen. Zum Guten wenden kann's bloß unser Herrgott. Und soll Fried sein zwischen Mensch und Himmel, so muß der Mensch den Anfang machen. Drum tuts mir morgen bei der heiligen Auferstehung Euer Betbankl net wieder leerstehn lassen! Tuts es mir z'lieb, Mutter!« »Sie, Herr Pfarr, und ganz allein in der Kirch, ah ja, da komm ich gern. Aber mit die andern Leut beinander? Na! Und so bleibt's die paar Wochen, die ich noch da bin im Ort.« »No, no, no! Allweil habts euer Häusl noch. Und da wird sich auch noch was reden lassen. Und jetzt tuts mir nimmer bocken, Mutter, sondern tuts mir versprechen –« »Lassen Sie's gut sein, Herr Pfarr! Viel hab ich mir gfallen lassen von die Leut. Aber z'letzt reißt eim der Geduldfaden. Därf ich Enk ebbes erzählen, Herr Pfarr?« »Was ich hören muß, kann ich mir eh schon denken. Not und Sorgen halt!« Mutter Nannimai suchte die Sparren für das Dächlein der Kirche zusammen. »Mein Vater selig is im Bräuhaus verunglückt. Dummheiten haben s' trieben, die andern Knecht, und da is er in d' Sudpfann einigstolpert.« »Mar' und Joseph!« stammelte Herr Felician. »Und d' Mutter allein mit mir. Und Sorgen und Prast. Aber no, man wachst halt auf, hungrig gradso wie satt. Und wie ich d' Mutter verlieren hab müssen, bin ich net lang allein blieben. Ich darf schon sagen, daß ich a saubers Madl war.« Nannimai lächelte ein wenig. »Hab ja sogar dem jungen Herrn Grafen gfallen, wie er von der Kriegsschul heimkommen is. Und d' Leut haben gleich zum plauschen angfangt. Die guten, lieben Leut! Aber mein Severin hat nix glaubt davon. A bißl gwurmt hat's ihn freilich, daß ihn der junge Herr Graf im Jagddienst soviel schikaniert hat. Wissen S', mein Severin is Leibjäger beim alten Herrn Grafen gwesen. Und im Herbst, wie der junge Herr wieder fort war, haben wir Hochzeit ghalten.« Mutter Nannimai ließ die Hände ruhen. »Mein Leben is gwesen wie a Nacht mit Gwölk. Da stehst in der Finstern, und gahlings tut sich a Luckerl auf, und a Sterndl schaut dich an, und schwarz geht's wieder drüber. So is mir's gwesen, Herr Pfarr: mein einzigs Jahrl im Ehstand, mein Severin und ich, und unser Kindl dazu.« Ganz ruhig sprach sie. »Mutterl! Geh!« »Ich brauch kein' Trost. Alls wird still, und der Mensch wird alt und grau.« Die Altenöderin rührte den Leim ein wenig auf und begann zu kleben. »Im andern Herbst, da is der junge Herr wieder heimkommen, als feiner Herr Leutnant. Und wenn halt d' Leut da glauben, so einer müßt mir besser gfallen als wie der armselig Jager? So ebbes kann man ihnen doch net verübeln, gelt?« Mutter Nannimai lachte müd. »Und a bißl zu die Leut hat er halt auch ghört, mein Severin. Und hat zum eifern angfangt. Und auf'n Abend amal, da hab ich im Wald draußt Schwarzbeer gsucht zum Einsieden. Und da steht der junge Herr vor mir und greift halt zu und busselt mich ab. Der Staudamer-Mickei, weil mir 's graue Bartl wachst, hat mir gsagt amal, es hätt mir der Teufel 's Hexenbussel geben. Ja ja, kunnt schon recht ghabt haben, der Mickei!« Immer tiefer sank der Altenöderin das Gesicht über das Dächlein der Kirche. Ihre Hände arbeiteten weiter. »Die halbete Schuld am Unglück hab ich selber. Aus Angst, der Severin könnt sich im Zorn um sein' guten Posten bringen, hab ich's verschwiegen. Aber zwei Holzknecht haben's gsehen. Dös hab ich erst später erfahren. Daheim hab ich gmerkt, daß mein Severin an andrer wird. Nimmer gredt hat er, nimmer gschlafen, und soviel Durst hat er allweil ghabt. Und nach einer von die großen Jagden, a paar Tag nach Allerheiligen, da is er net heimkommen auf d' Nacht. Und d' Sorg hat mich umtrieben. Überall haben mich d' Leut so gspassig angschaut. Und beim Förstner haben s' mir gsagt, er hätt auf der Jagd an schiechen Verdruß mit'm jungen Herrn Grafen ghabt. Und ins Wirtshaus bin ich glaufen, weil ich mir denkt hab: da hockt er wieder. Und da hat mir's die Kellnerin ins Gsicht einigschrien: ich hätt mein' Severin um Lieb und Ehr betrogen, ich tät's mit dem jungen Grafen haben, und allweil hätt ich's schon ghabt mit ihm, und mein Kindl –« Der alten Frau erlosch die Stimme. Noch immer arbeitete sie, doch ihre Hände begannen heftig zu zittern. »Am andern Tag in der Fruh haben s' ihn gfunden. An Unglück halt!« Da stieß die Altenöderin das Kirchlein von sich, daß die Sparren des kleinen Daches, an denen der Leim noch feucht war, wieder auseinanderbarsten. Das Gesicht der alten Frau bekam einen steinernen Zug. »D' Leut, Herr Pfarr! D' Leut haben ihn umbracht. Mit ihrem sündhaften Tratsch. Und im Grab noch haben s' ihm kei' Ruh net lassen. Und mir net in meim Elend. Fort hab ich müssen.« Heiser lachte sie auf. »'s reine Glück, daß der Herrgott die Menschen mit Hals und Gurgel erschaffen hat: da lernt man 's Schlucken. Alls hab ich nunterbracht. Und in Rosenheim, die siebzehn gottstraurigen Jahr, und 's Unglück mit meim Fuß, und Hunger und Sorg? Alls hab ich gschluckt. Alls hab ich verwunden. Allweil hab ich den Zwirn wieder angsponnen. Und jetzt im Ort da? Der ganze dalkete Hexentratsch? Schier lachen hab ich noch drüber können. Denn ein' Menschen hab ich ghabt. Den hab ich gfunden. A Mensch als wie a Baum, an dem dich halten kannst, wann 's ander alles überanandertorkelt! Und so a Mensch is da! Und der is gut. Der hat d' Lieb. Und den verlachen s' und betrügen s', die lieben Leut! Den machen s' zum Narren und zum Kinderspott. Den derschlagen s' und derstechen s', und halb derschlagen lassen sie ihn liegen im Schnee und rennen eini in Enker Kirch und machen den Kriweskrawes übers Gsicht und notteln den Rosenkranz her! Pfui Teufel! Da tu ich nimmer mit. Jetzt hab ich gnug davon.« Die Altenöderin begann die Arbeit wieder. Sie richtete das Kirchlein auf, nahm das geborstene Dächlein auseinander, bröselte die Splitter eines zersprungenen Fensterchens aus dem Rahmen heraus und suchte zusammen, was sie brauchte, um den Schaden auszubessern. Herr Felician saß wortlos an die Mauer gelehnt. Nun schüttelte er den weißen Kopf und griff mit beiden Händen über den Tisch, um die Hand der Altenöderin zu fassen. Bevor er sprechen konnte, hörte man ein Geraffel im Hausflur, und die Stubentür wurde aufgerissen. Jungfer Kathrin stand auf der Schwelle, erhitzt, als wäre sie im ganzen Dorfe von Haus zu Haus gerannt, um ihren geistlichen Herrn zu suchen. Dazu noch der Schreck, daß sie den Hochwürdigen Hand in Hand mit der Häuslschusterin sehen mußte. »Ich bitt Ihnen gottstausendmal, Herr Pfarr! Gleich kommen S' heim mit mir! Der Waldhofer mit seim Buben is da. Kommen S' heim, Herr Pfarr!« Herr Felician fuhr hinter dem Tisch hervor, packte die Kathrin am Arm und zerrte sie in den Flur hinaus. »Du Ganskragen, du verdrahter, was machst mir denn da schon wieder? Hab ich dir net gsagt, du sollst mich in Ruh lassen? Was ich da zu tun hab, das is mir wichtiger als der Waldhofer.« »Waldhofer hin oder her, jetzt kommen S' mit mir, Herr Pfarr!« Kathrin faßte den hochwürdigen Herrn am Talar. »Völlig fürgangen is mir's: heut stellt er noch ebbes an! Wie können S' denn einigehn in so a Haus, zu so einer Unchristin, die man in keiner Kirch nimmer sieht? Schauen S' doch aussi zur Haustür: wie d' Nachbersleut d' Nasen an alle Fenster drucken!« Zornig riß Herr Felician den Talarflügel aus Kathrins Händen. »Ah, sooo meinst es du? Das ist dein Waldhofer?« »Kommen S' heim! Sie hetzen ja 's ganze Dorf gegen unsern Pfarrhof auf! Und morgen kann der Glaser wieder kommen! Oder neue Zwetschgenbäum können S' kaufen müssen!« »Kathrin!« Herr Felician richtete sich auf. »Hier steh ich als Priester. Verstehst du? Schau, daß du weiterkommst!« »Ich geh net! Na! Bei so einer laß ich mein' geistlichen Herrn net da.« Da klang es gutmütig aus der Stube: »Warten S', Herr Pfarr, ich bring Ihnen 's Hütl aussi und Enkern Stock!« Mutter Nannimai erschien auf der Schwelle und sagte lächelnd: »Enker Köchin hat recht, Herr Pfarr! Jetzt sind halt d' Leut amal in der Wut. Laden S' Ihnen meintwegen keine Unglegenheiten auf!« Der hochwürdige Herr nahm Hut und Stock aus den Händen der Altenöderin, sah die Kathrin an und deutete mit dem Stock nach der Haustür. Als die Köchin nicht gleich begreifen wollte, sagte er: »Verstehst du mich nicht?« Solch eine Stimme hatte Kathrin an Herrn Felician seit dreißig Jahren nicht gehört. Erschrocken duckte sie den Kopf und schoß zur Haustür hinaus. Mutter Nannimai lachte. Da wandte sich Herr Felician zu ihr. »Net lachen, Weiberl! Das is ein trauriges Stündl für mich. Aber ich weiß schon, warum ich nix z'wegen bring. Heut am heiligen Karfreitag hab ich schon gflucht. Wie könnt ich da noch Segen schaffen auf dem Acker Gottes? Drum wollen wir's gut sein lassen für heut. Ich komm ein anders Mal. Pfüe Gott!« Herr Felician ging zur Haustür. »Aber eins muß ich noch sagen! Das Leben hat Euer Herz beladen mit Bitterkeit. Da wird's einem freilich schwer, die christliche Ergebung zu bewahren, und ich begreif's, daß Fenster und Dach von Eurem Kirchl nimmer fest gnug waren. Aber eins in Euch drin hat den Rumpler doch überstanden. Die Mutter in Euch! Die hat noch allweil ihre gsunden und fleißigen Kräft. Und noch allweil ihre Pflichten! Gelt? Und die muß ihrem Kindl z'lieb doch allweil noch ein bißl glauben und hoffen. Anders geht's net, Mutter! Ich will unserm Herrgott net vorgreifen, will nix reden und andeuten. Aber wer weiß, ob Euer Mädel net grad in der jetzigen Stund das gwisse Schicksalswegl geht, das zum Glück führt oder zum Unglück lauft?« »Herr Pfarr?« Der Altenöderin wuchsen in Sorge die Augen. »Ja, Mutter! Ein Stößerl hin, und man liegt im Graben, ein Ruckerl her, und man sitzt im Glück. Und wie soll Euer Mädel eine friedsame Heimat finden, wenn sich d' Mutter mit Gott und Welt verfeinden will? Jeder Menschenweg geht unter d' Leut. Und wie d' Leut auch sein mögen, z'letzt muß man sich halt doch vertragen mit ihnen. Das tuts Euch ein bißl überlegen, Mutter! Eurem guten Mädel z'lieb!« Herr Felician trat über die Schwelle ins Freie hinaus. Er hatte geflucht am heiligen Karfreitag. Aber die schöne Sonne des Abends umleuchtete ihn doch, daß es aussah, als hätte Herr Felician Horadam einen großen, strahlenden Heiligenschein, der nicht nur den Kopf umgab, sondern den ganzen, kleinen, schwarzen, rundlichen Herrn, vom Hutrand bis zu den schweren Stiefeln. »So! Pfüe Gott für heut! Und wenn Euch morgen am Karsamstag der Weg zur heiligen Auferstehungsfeier zu weit ist? In Gottes Namen, so spritz ich halt mein bißl Weihwasser wieder aufs leere Bankl hin.« Während die Altenöderin regungslos im Hausflur stehenblieb, wanderte Herr Felician auf die Straße hinaus und grüßte recht auffällig, doch nicht besonders freundlich nach allen Nachbarhäusern, an deren Fenstern ein Dutzend Weiber- und Kindergesichter zu sehen waren. Grollend stieß der Hochwürdige den Spazierstock auf und setzte die schweren Stiefel in energischen Schwung. Da sah er über den Hecken drüben den jungen Waldhofer die Wiesen hinaufsteigen gegen den Waldsaum. »Schau, jetzt hat ihn 's Warten im Pfarrhof verdrossen!« Herr Felician sah gedankenvoll dem Roman nach, der im Schatten der tiefstehenden Sonne und inmitten der rotleuchtenden Wiese so schwarz wie ein Neger aussah. Auch Romans Gemütsstimmung schien in düstere Farbe getaucht. Wie einer, der mit Welt und Menschen übers Kreuz geriet und die Freude an sich selbst verlor, so stieg er ziellos über die Wiesen hinauf, hielt den Rücken gekrümmt, als hätte er's dem Hanspeter nachzumachen, und bohrte den Blick in die Erde. Nur einmal, schon nahe dem Waldsaum, blieb er stehen, hob das Gesicht, schaute lange zum Häuschen der Altenöderin hinunter, tat einen tiefen Seufzer und wanderte weiter. Da hörte er aus dem Wald heraus eine lachende Männerstimme: »So so, du? Warum erschrickst denn so? Bist wieder bei der Muschlerei? Da hat man net gern an Zeugen, gelt?« Ein paar Sekunden war's still. Dann wieder die lachende Stimme: »Ja, schau mich nur an! Ich fürcht mich net vor dir und vor deine Kräutln. Geh, such weiter, daß die richtigen findst, die man braucht zur Besenschmier!« Roman war bleich geworden. Er ballte die Fäuste und spähte in den Wald. Man hörte das Knacken dürrer Äste, und zwischen den Bäumen erschien der Schreinergesell, der für den Staudamer-Mickei den ›siebenhölzigen Schaml‹ gezimmert hatte. Auf der Schulter trug er ein Bündel jener krummgewachsenen Buchenäste, aus denen man die Armstücke für Lehnstühle schnitzt. Als er den jungen Waldhofer sah, nickte er ihm lachend zu und winkte gegen den Wald zurück. »Da geh eini! Kannst ihr zuschaun beim Kräutlsuchen, der Häuslschusterin ihrer Langzopfeten!« Er machte die Augen klein. »Kunnt sein, daß ihr 's Kräutlbrocken bald vertrieben wird. Leicht morgen schon!« Romans Fäuste zuckten, als möchte er zuschlagen. »Du Lackl du dalketer!« schalt er dem Gesellen nach. »Is dir leicht a Brett vor'n Verstand gwachsen?« »Schau dir's halt an!« rief der Gesell über die Schulter. »Hat ja schon den ganzen Schurz voll! Oder meinst, sie sucht an Brunnkreß? Zum Salat auf'n Ostersonntag?« In Roman schien für einen Augenblick die Festigkeit seines guten Glaubens ins Wackeln zu geraten. Immer größer wurden seine flackernden Augen. »Wann's wahr wär? Da hätt ich mei' Ruh! Von so einer will man nix! Da tät ich wissen, wie ich dran bin. Kunnt mir ja ebbes eingeben haben! Die!« Mit langen Sprüngen, als gält es die ins Rollen geratene Kugel seines lachenden Glückes wieder einzuhaschen, stürzte er in den Wald. Und plötzlich stand er wie angewurzelt. Sein Atem ging schwer, seine Hände zitterten. Auf einem gestürzten Baume saß die Lisbeth, das Gesicht in die Hände gedrückt. Von ihren schwarzen Zöpfen war das Kopftuch über den Nacken hinuntergeglitten, und ein roter Sonnenstrahl umbrannte ihre Schulter. Der Baumbart, den sie gesammelt hatte, war aus der Schürze gefallen und lag in Büscheln um ihre Füße. In der Stille des Waldes ein leiser Vogelschlag. Ganz schüchtern klang es. Ein Bergfink. In irgendeinem Wipfel saß er versteckt. Er hatte im kalten Winter wohl lange nicht gesungen? Kein Wunder, daß er sich jetzt auf sein Frühlingsliedchen erst noch ein bißchen besinnen mußte, bevor es ihm recht gelang. Lisbeth, die nicht die Stimmen am Waldsaum, nicht Romans Schritt und nicht das Brechen der dürren Äste vernommen, hörte doch diese feinen, zärtlichen Pisperlaute. Sie hob das Gesicht und suchte mit den Augen. Da sah sie den jungen Waldhofer stehen. So erschrocken sprang sie auf; als hätte sich ein Unglück ereignet. Der Fink im Wipfel wurde still. Man hörte keinen Flügelschlag, als er davonhuschte. Nur durch den Goldglanz, der schon erlöschend auf dem Moosgrund lag, fuhr blitzschnell ein winziger Schatten. Die beiden standen voreinander wie zwei Menschen, die das gleiche, schlechte Gewissen haben und von denen eins sich vor dem anderen fürchtet. Lisbeth bückte sich, um den zerstreuten Baumbart wieder in die Schürze zu sammeln. Da lachte Roman, gereizt und heiser. »So so? Hast Kräutln gsucht?« »A bißl Baumbart, ja.« »Baumbart? So so?« Recht harmlos sah er sich an, dieser dürre, verblichene Flechtenbart, und war gewiß kein ›Kräutl‹, wie der Schreinergesell das gemeint hatte. Aber das unschuldige Aussehen haben sie doch alle, diese gewissen Mittelchen. Sonst wären sie einem so leicht nicht beizubringen, und man käme gleich dahinter, daß man den ›narrischen Unfried‹ hat davon und die ›gaachen Hitzen‹! Wer kann wissen, wozu gerade der Baumbart zu brauchen ist? »Ja ja! Der Baumbart! Magst mir net sagen, für was er gut is?« Romans Stimme klang, als hätte ihn der Schmied mit der Zange am Hals gepackt. »Is er ebba gut fürs Unglück von ander Leut?« Lisbeth, ganz entfärbt, sah zu Tod erschrocken den jungen Waldhofer an. »Du? Hast 's Reden verlernt? Dem Hanspeter hast fürzwitschert die ganzen Täg und Nächt! Wirst doch an einzigs Wörtl haben für mich? Oder net?« Sie schwieg und sah ihn nur immer an, während kühle Dämmerung über die stillen Bäume fiel. Dieses Schweigen reizte seinen Zorn, wie glühendes Eisen, das Wasser brodeln macht. »No also? Was tut er denn, dein Baumbart? Rührt er 's Wetter auf? Oder macht er den Herzwurm ausschlupfen, der eim 's Lachen frißt? Und die lustige Freud? Und 's Glück und alls?« Der Schreck in Lisbeths Augen hatte sich in einen Blick verwandelt, so traurig, daß Roman seines schreienden Zornes vergaß. Stumm geworden, schob er den Hut zurück und griff sich an die Stirn, als wäre unter dem Dach seiner Gedanken irgend etwas nicht in Ordnung. Mit bitterem Lächeln hatte Lisbeth das Gesicht geneigt. »Wie die andern!« sagte sie leis. »Einer, wie alle!« Und bückte sich wieder, um die letzten Büschel des gesammelten Baumbartes in ihre Schürze zu pressen. Wie er die paar Schritte auf das kniende Mädel zustürzte, sich niederbeugte, die Fäuste nach rückwärts stieß, mit keuchendem Atem einen Laut um den anderen herausbiß – das hätte nicht auf den ›verstandsamen‹ Waldhofer-Roman, sondern auf einen Menschen raten lassen, der nah am Überschnappen ist. »So? Gleich gar nix tätst reden? Du? Und soviel kunntst mir sagen! Kennst alle Kräutln? Alle fürs Elend, ja? Und bloß die schlechten? Oder hast von die guten auch was glernt? Geh, sag mir's, du! Kennst ebba 's Kräutl fürs feste Glück?« Lisbeth blickte nicht auf; doch ein Zittern rann ihr über Schultern und Arme. »Dös Kräutl, dös kunntst mir zeigen! Dös kunnt ich brauchen.« Ein rauhes Lachen. »Ich steh vor der Hochzet. Morgen oder wann, ich weiß net. Dös macht kein Katechism nimmer anders. Wort is Wort. Und mei' Julei –« Wieder lachte er. »Kennst ebba mein Julerl net, mein liebs?« Langsam hob Lisbeth das Gesicht, das bleich bis in die Lippen war. Und Roman beugte die glühende Stirn so tief zu ihr hinunter, daß Lisbeth sich immer weiter zurückpressen mußte. »Gelt, die kennst? So gibt's auf der Welt bald keine nimmer. Und so a Glück hab ich! Die schau dir an! Gwachsen wie a Blumenstöckl. Und hat a Köpfl, jeds bluhfrische Röserl kunnt ihr neidisch sein! Und Backerln hat s' und Grüberln drin, kunntst völlig einspringen vor lauter Freud! Und Äugerln! Rein derschrecken muß man, weil gar soviel Unschuld aussischaut. Mei' Julerl! Aaah! Die hat alle süßen Sachen und Gutigkeiten. Und d' Lieb und d' Menschengüt, gleich pfundweis hat sie's, a bißl anders freilich, als wie's der Hanspeter meint. Aber Geld und Pfandbrief, mehrer kunnt ich mir gar net wünschen! Und Sach! Drei Kammetwagen, die tragen's net. Da kunnt ich doch z'frieden sein! Gelt, ja?« Dem Überglücklichen, mit dem es das Schicksal so gnädig meinte, riß das schreiende Lachen entzwei. »Aber Hochzet is Hochzet, ja, is allweil an ungwiß Gspiel. Da kannst net wissen, was aussihupft aus'm Kastl. Kunnt leicht einer aussifahren, vor dem sich der Nachtwachter bekreuzigen tät. Drum kunnt ich's brauchen, dein heimlichs Kräutl vom festen Glück. D' Leut sagen, es tät eins geben, so a Kräutl. Und so a Glück! Dös nie net wackelt und nie net bricht. Dös mußt mir geben, du! So a Kräutl!« Roman streckte die Arme. Doch erschrocken zog er die Hände wieder zurück. Zitternd an allen Gliedern, mit verstörten Augen, hatte Lisbeth sich aufgerichtet. Zwischen den krampfhaft geschlossenen Armen hielt sie die mit Baumbart gefüllte Schürze an sich gepreßt, als sollte ihr etwas Kostbares mit Gewalt entrissen werden. So sah sie ihn lange schweigend an, ehe sie sprechen konnte. »Roman«, sagte sie, und was dabei aus ihren traurigen Augen redete, schien wie Feuer über den jungen Waldhofer herzufallen, »Roman, einer, wie d' jetzt grad ein' aus dir machst, so einer bist net und därfst net sein. Da tät unser Hanspeter kein ruhigs Stündl nimmer haben. Schau, du weißt net, was dir selber antust, und weißt net, was du mir –« Ein Sturz von Tränen erwürgte, was sie noch sagen wollte. Ohne einen Versuch zu machen, diese Tränen zu verbergen, wandte sie sich ab und ging durch den dunklen Wald davon. Wie mit harter Faust vor die Stirn geschlagen, starrte Roman der Lisbeth nach, bis sie im grauen Schatten des Abends verschwunden war. »Mar' und Joseph!« stammelte er und streckte die Arme. »Ilsabeth!« Still und dunkel lag der Wald um den Einsamen her. Und da lachte Roman plötzlich auf. Das war ein Lachen, noch heller und klingender als das Lachen in seiner glücklichen Zeit gewesen. Doch gleich fuhr über Romans helle Hoffnung wieder der dunkle Zweifel hin. »Mar' und Joseph! Jetzt kenn ich mich gleich gar nimmer aus!« Mit beiden Händen tappte er in die Luft. »Hanspeter! Hanspeter!« schrie er in den sinkenden Abend hinaus und fing zu rennen an wie ein Besessener. Über die Wiesen hinunter und durch die lange Dorfgasse. Mit verdutzten Augen guckten ihm die Leute nach und lachten. Roman rannte und rannte, nahm beim Tor des Waldhofes die Wendung zu kurz und fuhr mit der Schulter gegen den Zaunpfahl, daß der schwere Balken zitterte. »Öha! Langsam!« keuchte er. Unter der Haustür stieß er die Magd beiseite. »Der Hanspeter? Den Hanspeter muß ich haben!« Er rannte durch den finsteren Gang nach der Stube des buckligen Apostels. »Hanspeter! Lus auf! Jetzt muß ich dir ebbes –« Verstummend lugte Roman in der stillen, dunklen Kammer umher. Vom Hanspeter war nichts zu sehen. Doch inmitten der Stube kauerte ein seltsam regungsloses Ungeheuer, wie ein zum Sprung geducktes Raubtier: der neue Bauernstuhl der Jungfer Kathrin, dieser Peter Johannes Zdazilek unter den Sesseln. Und der ›Firneis‹, mit dem er bestrichen war, füllte die ganze Kammer mit scharfem, brenzligem Geruch. »Kreuz sakra! Teufel und alls!« Roman wetterte die Türe wieder zu. »Jetzt brauch ich den Menschen amal, und jetzt is er net da! Daß der aber nie zum haben is!« Und während er zurückeilte durch den finsteren Hausgang, schrie er schon wieder: »Hanspeter! Hanspeter!« Der alte Waldhofer, als er dieses Zetermordio hörte, kam aus der Stubentür gefahren. »Wo brennt's denn schon wieder? Bub? Was hast denn?« »Den Hanspeter muß ich haben! Um Christi willen, wo is er denn hin?« »Was weiß denn ich? Zum Narrenhüten hab ich kei' Zeit.« »Hanspeter!« keuchte Roman und rannte zur Haustür hinaus. Das ging dem Alten über die Geduld, und er fing zu schelten an, daß seine Stimme das ganze Haus erfüllte. Roman hörte das nicht. Der war schon wieder auf der Straße, sprang von einem Nachbarhaus zum anderen, pochte überall an die Fenster und fragte: »Habts net den Hanspeter gsehen?« Sogar im Wirtshaus suchte er ihn. Im Wirtshaus! Das Hanspeter seit Jahren nur ein einziges Mal betreten hatte – um sich für eine gute Predigt einen Buckel voll Prügel zu holen. Und als es in allen Gassen des Dorfes schon schlummerstill geworden war und am stahlblauen Frühlingshimmel schon die Sterne flimmerten, stand Roman vor dem Häuschen der Altenöderin. Den Atem verhaltend, lauschte er gegen die geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen ein dünner Schein der Lampe herauszitterte in die kühle Nacht. »Da bleib ich jetzt. Da drin, da muß er sein! Den derwart ich schon noch.« Schwül atmend trocknete er die Schweißperlen von seiner Stirn und setzte sich in den Straßengraben. Immer spähte er nach der Haustür. Aber kein Hanspeter wollte kommen. – Hinter den geschlossenen Fensterläden saßen Mutter Nannimai und Lisbeth stumm auf ihren Plätzen am Tisch bei der Arbeit und im Schein der Lampe, die über ihren Köpfen hing. Lisbeth hatte ein Dutzend kleiner Bäumchen vor sich liegen und färbte die aus blassem Moos gebundenen Kronen dunkelgrün, die dünnen Stämmchen braun. Bei der Arbeit neigte sie das Gesicht so tief über den Tisch, als wäre sie seit dem Abend kurzsichtig geworden. Die Altenöderin wurde unruhig. Immer wieder blieben ihre Augen prüfend an Lisbeth hängen. Und gar nicht wollte ihr die Arbeit von den Händen gehen. Seit Herr Felician sie verlassen hatte, bosselte und leimte sie noch immer an dem zerborstenen Dächlein der verunglückten Kirche. Und plötzlich schob sie allen Kram beiseite. »Kindl? Was hast denn?« »Nix, Mutter!« »Tust dich ebba kränken, weil der Herr Pfarr zu mir hat kommen müssen?« »Gwiß net!« Noch tiefer neigte Lisbeth die Stirn. »Was du tust, is mir recht.« Nun wieder das Schweigen in der Stube; nur das leise Geräusch der kleinen Arbeit. Da stand die Altenöderin auf, trat hinter Lisbeths Stuhl und hob ihr mit beiden Händen das Gesicht. »Geh, Kindl, mußt dich vor deiner Mutter net verriegeln! Sag mir, was d' hast!« »Nix, Mutter!« Lisbeth versuchte zu lächeln. »Bin halt a bißl müder wie sonst.« Seufzend ließ Nannimai die Hände fallen. »Wenn's nix anders is, da kannst dir ja helfen, wann dich schlafen legst.« Lisbeth nickte, räumte die Farben zusammen und legte die kleinen Bäumchen in die Schachtel. Dann erhob sie sich und ging zur Kammertüre. »Kindl?« »Was, Mutter?« »Hat dir einer ebbes tan?« Lisbeth schüttelte den Kopf und trat in die Schlafkammer. Die Altenöderin ging zu ihrem Platz und begann mit zitternden Händen die Arbeit wieder. Nach ein paar Minuten stand sie auf – vergaß den Tisch zu räumen, vergaß die Lampe auszublasen. Aber die Finger tauchte sie in das Weihbrunnkesselchen wie immer, bevor sie sich schlafen legte, und ging in die Kammer. »Kindl?« Kein Laut. Nannimai drückte leis die Tür zu, kleidete sich im Finstern aus und legte sich nieder. Immer lauschte sie und konnte nichts hören, als manchmal einen schütternden Atemzug der Schlafgesellin, die das Doppelbett mit der Mutter teilte und so regungslos in den Kissen lag, als wäre ihr Schlummer wie der Tod so still. Und die Mutter wußte doch: da liegt ihr Kind und starrt mit offenen Augen in die Nacht und rührt sich nicht und beißt die Zähne übereinander. »Geh, Kindl!« Mit beiden Armen griff Nannimai hinüber. »Geh, hast denn d' Mutter nimmer?« Ein erstickter Laut. Und Lisbeth klammerte sich an den Hals der alten Frau. Ein Schluchzen, als ginge ihr Herz in Stücke. »Mutter, Mutter! Schau, soviel elend bin ich! Und hab wen gern, ich kann dir's net sagen! Und darf net denken an den! Und so viel elend bin ich, daß ich gleich sterben möcht.« Die Altenöderin fragte nichts und suchte keinen Trost. Nur wortlos streicheln und schmeicheln konnte sie und immer die Tränen von Lisbeths Wangen wischen. So verging den beiden die halbe Nacht. Während Lisbeth, ruhiger geworden, schon wieder in den Kissen lag und das Gesicht vergraben hielt, saß die Altenöderin noch immer mit dem Kopf zwischen den Händen. Da sah sie an der Tür einen roten Schein durch eine Ritze quellen. Erschrocken sprang sie aus dem Bett und warf einen Rock über. Lisbeth fuhr aus den Kissen. »Mutter?« »Na na, Kindl! Bloß d' Lampen hab ich brennen lassen.« Nannimai trat über die Schwelle und zog die Türe hinter sich zu, denn die Lampe hatte geraucht, ein übler Dunst war in der Stube, und ein dünner Regen von Rußstäubchen ging über die Tischplatte und das verunglückte Kirchlein nieder. Es war ein seltsamer Blick, mit dem die Augen der alten Frau an dem halbvollendeten Spielzeug hingen. Ein wehes Lächeln irrte um ihren welken Mund. »Jetzt hat er recht!« Sie sah zur Tür, als stünde Herr Felician noch auf der Schwelle. Dann trat sie an den Tisch, schraubte mit der einen Hand die Lampenflamme herunter und hob mit der anderen das Kirchlein auf. Lange betrachtete sie das kleine, zierliche Ding und setzte sich an den Tisch und begann zu arbeiten, suchte bessere Sparren für ein neues Dächlein, zündete unter der Leimpfanne den Spiritus an und bosselte und klebte. Immer flinker und emsiger. Sie unterbrach die Arbeit nur, um die Tränen fortzutrocknen. Und weil sie das Wasser auf ihren Wangen mit dem fliegenden Ruß der Lampe und mit den Farben an ihren Fingern durcheinanderwischte, wurde ihr Gesicht beinah so fleckig wie das Gesicht des Peter Johannes Zdazilek in jener Nacht, in der er Zwiesprach mit seinem Herrgott gehalten hatte: ›Bist mei' Zuversicht und bist mir alls! Lus auf, jetzt muß ich dir ebbes sagen!‹ Als draußen der Morgen dämmerte, war das Kirchlein fertig, hatte glitzernde Fenster und auf dem Türmchen ein vergoldetes Spitzdach mit kleinem Kreuz. Die Altenöderin säuberte die farbfleckigen Finger und erhob sich. Achtsam faßte sie das zerbrechliche Kunstwerk. Und nickte. »So lernt man's halt wieder!« Sie hob das Kirchlein gegen die Stubendecke. »Gelt, ja? Dös bring ich dir morgen, weil ich 's ander derdruckt hab, weißt! Aber tust meim Kindl helfen! Gelt?« Sie blies ein paar Rußflocken fort, die auf das vergoldete Turmdach gefallen waren, stellte das Kirchlein in eine Wandnische und bedeckte es mit einem Tuch. Jetzt war sie ruhiger. Um frische Luft in die dunstige Stube zu lassen, öffnete sie ein Fenster und stieß den Laden auf. Da sah sie im trüben Grau des Morgens einen davonlaufen, der vor dem Holzzaun auf der Straße gestanden. Sie lächelte müd. »So so? Schon wieder einer, der 's gut meint? Ja?« Den Laden schloß sie wieder, doch das Fenster ließ sie offen und blies die Lampe aus. Vierzehntes Kapitel Ein unfreundlicher Karsamstag. Wie das nur so kommen kann? Am Abend leuchtet noch der Himmel, und am Morgen ist alles trüb, und über den Bergen hängt wie eine graue Mörteldecke das Gewölk. In dem stundenlangen Wiesental, das sich gegen Mitterwang und Hirschbichl hinauszog, dampften von den versumpften Bachgründen die Nebel auf. Nur weit da draußen, wo der Kirchturm von Hirschbichl über das Gewell der Hügel hervorlugte, war's noch ein bißchen hell. Nahe der Landstraße stand ein Heustadel, und der Bauer, dem er gehörte, kam mit der Kraxe auf dem Rücken von Hirschbichl her, um seinen Geißen eine Ladung Futter für die Ostertage heimzutragen. Schon von weitem sah er, daß am Heuschuppen die Tür halb offenstand. »Sakra! Hat mir einer 's Heu davon?« Er machte lange Schritte. Als er in den Schuppen guckte, sah er im Heu was Großes und Unbewegliches liegen. »He! Wer is denn da? Mein Heu verstinken und verwargeln, dös tät ich mir fein verbitten!« Der Schläfer erwachte. Und der Bauer, als er diesen Ungeschlacht gewahrte, fuhr erschrocken zurück. Dann schimpfte er weiter. Schwerfällig, Haar und Gewand mit Heufäden behangen, die ungefügen Glieder halb erstarrt von der kalten Nacht, kam einer aus dem Schuppen heraus, mit vorhängendem Kopf, den klobigen Rücken so tief gekrümmt, daß die Fäuste bis zu den Knien hinunterfielen. Wie einer von jenen riesigen Affen sah er aus, die in den tropischen Wäldern wohnen und ein Schreck der Menschen sind. Dem Bauern verging der Mut zum lauten Schreien. Da könnt' es Scherben geben, mochte er denken. Und so brummte er nur noch ein bißchen. Hanspeter, der den hellen Tag nicht begreifen wollte, guckte starr zum Himmel auf und fuhr sich mit beiden Händen langsam über das Gesicht, auf dem die erlöschenden Male der Faustschläge einen grünlichen Schimmer zurückgelassen hatten. »So so? A bißl lang gschlafen muß ich haben.« Nun hörte er das Gebrumm des Bauern. Seine Augen wurden klein und funkelten. »Ah so? Bist von die Leut einer, du? Die gibt's überall. Bei uns daheim. Und z' Mitterwang. Und in Hirschbichl hab ich s' auch derfragt. Überall gibt's Leut. Überall!« Der Bauer brummte. »Mach, daß d' weiterkommst!« Hanspeter lachte und ging davon, langsam, mit baumelnden Fäusten. Er schien an seinen drei Zentnern und an allem, was drückend auf seiner kleinen Kinderseele lastete, schwer zu schleppen. »No ja, für d' Mutter und fürs Kindl, für die is gsorgt. Aber ich halt, ich? Was ich jetzt anfang?« Immer müder krümmte sich sein Rücken. Und immer wieder die gleiche, murmelnde Frage. »Was ich jetzt anfang? Ich?« Obwohl es kühl war, rannen dem Hanspeter dicke Tropfen über das Gesicht. Nicht Tränen. Seine Augen waren heiß und trocken. Zwei Stunden hatte er noch zu wandern, um das Dorf zu erreichen, und es ging schon auf elf Uhr mittags, als er zu den Häusern kam. Mit einem Zornblick huschten seine funkelnden Augen über die Höfe, Gärten und Dächer hin. Heiser lachend sprang er über den Graben und machte einen weiten Umweg, um zur Altenöderin zu kommen, ohne einem Menschen zu begegnen. Das gelang ihm nicht ganz. Als er vor dem kleinen Haus über die Straße rannte, sahen ihn die Kinder der Nachbarhäuser und sangen ihm spottend nach: »Spatzenschreckerl, Ratzenfleckerl, Bizi, Bazi, Katzendreckerl!« In Zorn griff Hanspeter nach einem Stein und ließ ihn wieder sinken, noch ehe die Kinder kreischend hinter die Häuser flüchteten. Ein Gefühl der Reue schüttelte seine drei Zentner. »So einer bin ich! Der sich an die guten Kindln vergreifen kunnt!« Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als möchte er etwas von seinen Augen fortwischen. Dann nahm er den Hut ab, zupfte die Heufäden von seinen Kleidern und trat ins Haus. In der Küche saß die Altenöderin bei der offenen Herdflamme. Über dem Feuer dampfte eine Pfanne. So schwer die Schritte des Hanspeter waren, Mutter Nannimai hörte sie nicht. Erst seinen Gruß. Er sagte nicht wie sonst: »Gottslieben Tag, Mutterl!« Heut machte er's kurz: »Grüß Gott!« Die Altenöderin sah auf. »Peterl? Du?« Sie schien erst ihre Gedanken ordnen zu müssen. »Wie geht's dir denn?« »Macht sich schon wieder.« »Gott sei Dank! Is mir doch die eine Sorg von der Seel!« Sie betrachtete sein Gesicht. »Aber ausschauen tust net gut!« »Wie s' ein' halt zurichten!« Er schnaufte tief. »Jetzt bring ich dir ebbes.« Er sah in den Flur hinaus. »Wo is denn 's Kindl?« »Um Klaubholz hab ich d' Ilsabeth fortschicken müssen.« Die Altenöderin deutete auf ein paar Scheite, die neben dem Herd lagen. »Jetzt hat s' an End, die barmherzige Klafter.« Hanspeter nickte und ließ sich auf den Herdrand fallen. »Jetzt hab ich ebbes gfunden für Enk. Zwei saubere Stüberln. Z' Hirschbichl drent. Zwei Stüberln. Zwei halt bloß!« »Vergeltsgott, Bub!« Zärtlich fuhr ihm die Altenöderin mit der Hand übers Haar. Dann fragte sie in Sorge. »Was kosten s' denn?« »Zwanzg Markln im Jahr.« Hanspeter drehte das Gesicht auf die Seite. »War's ebba z'viel?« »Gott sei Lob und Dank! Dös zahl ich leicht! Aber es wird doch a Kuchl dabei sein?« »Ah freilich, ja!« »Und wo denn, sag?« »Schmidthammerin heißt s', die Bäuerin.« »So?« Die Altenöderin fragte nicht weiter. Und das schien dem Hanspeter willkommen. Was er durchgemacht hatte in diesen beiden Wandertagen, und daß man in Enzdorf, in Mitterwang und Hirschbichl schon von der Häuslschusterin und ihrer ›schwefligen Freundschaft‹ wußte; daß die gescheite Schmidthammerin, wenn sie sich schon mit dem ††† einlassen sollte, doch wenigstens ein gutes Geschäft zu machen hoffte; daß Hanspeter im Jahr zu den ›zwanzig Markln‹ heimlich noch achtzig ›zuspicken‹ mußte; und daß er seine silberne ›Remontari‹, diesen einzigen Reichtum seines Lebens, als ›Sicherheit‹ bei der Schmidthammerin zurückgelassen hatte – das alles brauchte die Altenöderin nicht zu wissen. Als Mutter Nannimai den Deckel von der Pfanne hob, guckte Hanspeter sehnsüchtig in den wirbelnden Dampf. »Hast saure Fisolen gmacht?« fragte er, obwohl es nach Erbsen roch. »A bißl Erbessuppen auf Mittag.« »So so? D' Erbessuppen is ebbes Guts.« Nannimai sah das Verlangen, mit dem seine Augen an der Pfanne hingen. »Tut dich hungern, Bub?« »Hungern? Ah na! Gwiß net!« stotterte Hanspeter. »Gestern in der Fruh hab ich schon ebbes ghabt. Mein Magen is von dieselbigen einer, die was aushalten. Na na, laß gut sein, Mutterl!« Er wehrte mit beiden Händen. Aber Nannimai, erschrocken, war schon davongehumpelt, brachte einen Teller und fing zu schöpfen an. »Hör auf, Mutterl! Lauft ja schon über! Soviel mag ich net.« Doch als er den Teller mit der qualmenden Erbsensuppe auf den Knien hatte, lächelte er dankbar zur Altenöderin auf – ein Lächeln, als möchte ein gerupftes Vögelchen fliegen. »Gottslieben Vergelts! Zahlen kann ich net. Aber a Bröserl Suppen hab ich mir schon verdient bei dir? Gelt, ja?« Die alte Frau setzte sich auf den Herdrand und sah ihm schweigend zu, wie er in Hast zu löffeln begann. Die Suppe dampfte vor Hitze, nach jedem Löffel mußte Hanspeter den Mund hohl machen und mit der Zunge schlenkern. Und wie Atem bei strenger Kälte fuhr ihm der Rauch von den Lippen. Doch er schluckte gierig wie ein Tier, dem die hungernden Gedärme schreien. »So ebbes Guts! Und so schön warm geht's durch'n Teller durch, auf die kalten Knie!« Die Altenöderin lächelte zerstreut. »Warm haben? Ah ja! Dös sind im Leben die Glückhaften, die's allweil warm haben, auswendig und einwendig. Frieren müssen is ebbes Harts!« Ihre Hände wurden schlaff. Dem Hanspeter, während er langsam den kühler gewordenen Rest der Suppe löffelte, wirbelte schon wieder das andere durch den Kopf: »Zwei Stüberln! Zwei halt bloß. Und keins für mich.« Er schluckte. »Hab mir denkt, ich kunnt im Hausgang schlafen oder auf der Bodenstieg. Aber mich laßt d' Schmidthammerin net eini. Ich tät ihr den Boden durchtrappen mit meine Olifantenfüß, hat s' gsagt!« Er schluckte wieder. »No ja, so völlig unrecht kann ich dem Weibl net geben. Weil's zwei liebe, saubere Stüberln sind. Wär schad, wann ich ebbes dran runieren tat.« Nannimai schien nicht alles zu hören, was Hanspeter mit seiner erloschenen Stimme brummelte. In Gedanken nickte sie vor sich hin. »Es is an der Zeit, daß wir fortkommen. Wie gschwinder, so besser. Für's Madl is kein Bleiben nimmer.« Sie konnte ihm die Sorge nicht verschweigen, die drückend auf ihrem Herzen lag. »Jetzt schau dir an, Peterl! Zu allem Elend jetzt noch 's Ärgste!« »Mar' und Joseph! Was denn?« »'s Madl hat sich verschaut a bißl! Gern haben tut's ein'. Den s' nie net haben kann. Und 's Madl möcht gleich sterben. Und heut in der Nacht –« Die Altenöderin sah erschrocken den Hanspeter an. Eine grauenhafte Veränderung war mit ihm vorgegangen. Das Gesicht verzerrt, die Augen weit aufgerissen, zitternd an seinen schweren Gliedern, so war er vom Herdrand aufgesprungen und hatte den Rest der Suppe ins Feuer geschleudert, daß die getauften Kohlen zu zischen begannen. »Jesus Maria!« kreischte die Altenöderin. »Bub? Was is dir denn?« Keuchend würgte er die Worte heraus: »Dös macht mich narret, Mutter!« Ein Gelächter, wild und heiser. Langsam reckte er sich auf, daß sein Kopf an die Decke stieß, hob die Fäuste vor sich hin und schüttelte sie. »So haben's die Guten! Recht hat er, der Mandi: die Schiechen haben's besser.« Wieder dieses Gelächter. »Herr Leut mußt heißen! Da hast auf der Welt, was d' magst. Da nimmst dir's halt. Drah dich um, Mutter! Von die Schiechen mußt eine sein! Und alls is gut.« Er drückte die Fäuste auf seine Rippen und taumelte in den Flur hinaus, ins Freie. Die Altenöderin humpelte hinter ihm her: »Jesus Maria! Hanspeter!« Er hörte nicht. Mit fuchtelnden Fäusten, immer lachend, rannte er gegen den Bergwald hin. Leute, die ihn sahen, fingen zu kreischen an, als wäre ein Stier im Dorfe ledig geworden. Während er so rannte, begegnete ihm ein altes, harmloses Bäuerlein, einer von jenen Weißhaarigen, die im Wirtshaus gesungen hatten: »Fein sein, beieinanderbleibnnnnn!« »Aus'm Weg!« schrie Hanspeter ihm entgegen. »Aus'm Weg, du Leut!« Das Bäuerlein tat erschrocken einen Hupf von der Straße weg und überkletterte die hohe Planke so flink, als wäre ihm die Jugend wieder in die alten Knochen gefahren. Hinter dem Zaun begann der Weißhaarige grob zu schimpfen über den ›narreten Tuifi‹. Der hörte nicht. Er rannte über die Wiesen, dem Wald entgegen, als wäre in seinem dicken, von Zorn und Jammer brennenden Köpfl nur noch der einzige Gedanke: im Wald einen Ast zu finden, kräftig genug, um drei Zentner und noch darüber zu tragen. Nun blieb er stehen, plötzlich, wie gebändigt von einer unsichtbaren Gewalt. Und starrte in den trüben Wald hinein, mit den gleichen Sehnsuchtsaugen, mit denen er in Nannimais Küche am Dampf der guten Erbsensuppe gehangen. Und im Hunger seines Herzens überkam es den Peter Johannes Zdazilek wie eine Regung von Eitelkeit. Er begann an seinem Gewand zu putzen, kämmte mit dem Rechen seiner Finger den Heustaub aus den Haaren und fuhr mit dem Ärmel über Mund und Nase. Ein schweres Klaubholzbündel auf dem Kopfe, trat Lisbeth aus dem Wald. Um unter der schwankenden Last das Gleichgewicht zu halten, hatte sie die beiden Arme seitwärts gestreckt, und so kam sie über die steile Wiese herunter. Nur zur Erde blickend nach ihrem Weg, konnte sie den Hanspeter nicht sehen und wäre vorübergegangen. »Lisbeth?« Das klang, als spräche ein Kind zum erstenmal ein Wort, das dem unerfahrenen Zünglein noch nicht geläufig ist. Sie konnte unter der Last des Holzes den Kopf nicht heben, nur die Lider. Wie Hanspeters Gesicht war, wie seine Augen blickten, das fiel ihr nicht auf. Wer zu schleppen hat, findet es nicht verwunderlich, wenn auch andere den Rücken krümmen. Und wer an die Freude nimmer glaubt, staunt nicht über ein trauriges Gesicht. Nur über eines schien sie sich zu wundern: »Peterl? Du? Warum sagst denn Lisbeth zu mir? 's erstmal, daß ich's hör. Von dir!« Er konnte nicht antworten. Blutrot fuhr es ihm über das häßlich entstellte Gesicht. Und als sie unter der Last des Holzes den Kopf ein wenig drehte, als hätte sie Schmerzen im Nacken, hob er die Arme. »Gib her! Mich laß tragen!« Er nahm ihr das Bündel ab und lud es auf seinen Stiernacken, als wär' es ein Häuflein Späne. »Gottschristi Vergelts!« sagte sie leise, eins von seinen eigenen, ›driedoppelt frommen‹ Worten gebrauchend. Dann ging sie schweigend hinter ihm her, die Wiesen hinunter. Die Last, die er leicht gehoben, schien Schritt um Schritt auf seinem Nacken zu wachsen, wie einst das heilige Kind auf dem Rücken des Christophorus. Immer langsamer ging er, je näher sie dem kleinen Hause kamen. Vor dem Zauntor blieb er stehen, legte das Holz zu Boden und blieb gebeugt, als trüge er die Last noch immer. Ohne aufzuschauen, sagte er: »Vergeltsgott, Lisbeth! Und pfüet dich Gott halt!« Zögernd streckte er die Hand. »Hanspeter? Was hast denn?« Sie wollte ihm die Hand reichen. Als ihre Finger seine ledernen Schwielen berührten, riß er die Hand zurück wie einer, der ins Feuer gegriffen. Und stotterte: »Ilsabeth!« Und schweigend wandte er sich ab und schwankte davon. Als ihn das nächste Haus verdeckte, so daß ihn die Lisbeth nicht mehr sehen konnte, fing er zu rennen an wie ein Narr. Durch ein schmales Wiesental lief er hinunter gegen den Bach, schlug die Zäune vor sich nieder, wühlte sich durch dickes Gebüsch, und als er den Wald erreichte, warf er sich ins Moos und gebärdete sich, als wäre in seinem armen ›driedoppelten Köpfl‹ die Tobsucht ausgebrochen. Er grub die Hände in den Boden, stieß und wühlte mit den Füßen, wälzte sich stöhnend von einer Seite auf die andere und trommelte mit den Fäusten auf die Augen, weil sie trocken blieben und seinem Schmerz das erleichternde Getröpfel versagten. Dann, von Erschöpfung befallen, lag er regungslos, mit dem Gesicht auf der Erde, die Arme über den Kopf gedrückt – wie man in den Bergen die Toten findet, denen ein fallender Stein das Gehirn zerschmetterte. Der Platz um ihn her sah aus, als wäre hier ein widerspenstiges Stück Vieh an einen Baum gefesselt gewesen und hätte mit Hörnern und Hufen die Arbeit seines Zornes getan. Eine Stunde verging. Eine zweite. Endlich richtete Hanspeter sich auf und guckte verloren im öden Wald umher. »Eins bleibt mir schon, noch an einzigs! A wengl schaffen halt, recht fleißig schaffen. Da kann's net fehlen. Da hab ich mei' Zuversicht drauf.« Er meinte: recht fleißig schaffen, um Jahr für Jahr die achtzig Mark zu ersparen, die er bei der Schmidthammerin in Hirschbichl drüben heimlich ›zuspicken‹ mußte. »Und der Jungfer Kathrin muß ich ihren Sessel auffitragen. Mein' schon, daß er jetzt trücknet is, der Firneis!« Ruhig streckte er sich, als wäre für sein leer gewordenes Dasein wieder Zweck und Inhalt gefunden. Wer der Schmidthammerin in Hirschbichl etwas schuldig ist und der Pfarrersköchin noch einen Sessel zu bringen hat? Wie dürfte so einer auf den pflichtvergessenen Gedanken kommen, dem schreienden Jammer seines Herzens mit Gewalt das Maul zu stopfen? Langsam wanderte Hanspeter dem Dorf entgegen, gebeugt, mit baumelnden Fäusten. Als er heimkam in den Waldhof und seine firnisduftende Stube betrat, gab es was zu lachen für ihn. Auf dem Fenstergesimse lag ein großes, schwarzgebundenes Buch. »So so? Sellig sünt thie Ahrmen üm Kaißte. Gelt, ja? Gut kann ich's, gut!« Er streckte die Hand. »Leicht kunnt noch ebbes drinstehn von thie Ahrmen üm Härtzen? Ja?« Da sah er den Sessel der Jungfer Kathrin stehen und fühlte mit zitternden Fingern an den glänzenden Anstrich. »Ja! Jetzt is er trücken, der Firneis.« Den prüfenden Blick eines Sachverständigen in den Augen, hob er dieses Ungeheuer von einem Sessel auf und betrachtete es von allen Seiten. »D' Jungfer Kathrin kann z'frieden sein.« Er stellte den Sessel nieder, so kräftig, daß der Plumps, mit dem die Beine auf den Boden fuhren, wie der Hall eines Schusses anzuhören war. »Mar' und Joseph!« zeterte draußen im Flur eine Weiberstimme. Die Hausmagd streckte den Kopf zur Tür herein. »So? Bist wieder amal daheim, du Narrenschüppel du übergwichtiger!« Sie warf die Türe zu und kehrte scheltend in die Küche zurück. Da hörte sie Schritte über die Treppe herunterkommen. Roman war's. Seit er bei grauem Morgen verstört und übernächtig ins Haus geschlichen, war er aus seiner verriegelten Kammer nicht mehr zum Vorschein gekommen. Er hatte den Vater schelten lassen, hatte die Stimme der Magd überhört, die ihn zum Mittagessen rief, und hatte einen festen Schlaf getan, als wär' es für ihn eine dringende Notwendigkeit gewesen, die schlummerlosen Stunden der letzten Nächte ausgiebig nachzuholen. Romans Aussehen hatte sich bei dieser segensreichen Schlummerkur erstaunlich gebessert. Auch unter dem Dach seiner Gedanken schien es merklich klarer geworden. In der Art, wie er die Treppe herunterkam, hatte er das Ansehen eines Menschen, der weiß, was er will. Und es schien ein wichtiger Gang zu sein, den er vorhatte. Obwohl der Karsamstag bis zur Auferstehungsfeier abends um sechs Uhr als Werkeltag gerechnet wird, hatte Roman sich so feiertäglich aufgeputzt, als ging' es nicht erst zur Repetition des Brautexamens, sondern gleich zur Hochzeit. Es fehlte nur das Sträußl auf dem Hut und in der Hand die Zitrone mit dem Rosmarinzweig. »He, du!« rief ihm die Hausmagd zu. »Jetzt is er daheim, der Hanspeter.« »So? Dank schön! Den brauch ich nimmer. Jetzt weiß ich selber, was ich tu.« »Dein Essen hab ich dir warmghalten. Soll ich dir's einitragen?« Roman fragte zögernd: »Is der Vater daheim?« »Na.« »Meintwegen halt! Trag's eini!« Wie fest seine Stimme plötzlich wurde! »Als a Gspeister is der Mensch besser beinand. Aber tummeln mußt dich! Mir pressiert's.« Er trat in die Stube. Es war eine flinke Mahlzeit, die er hielt. Mit dem Taschentuch über den aufgezwirbelten Schnurrbart wischend, verließ er das Haus. Auf der Straße rannte er an den Vater hin. Der fragte brummig: »So? Hast amal ausgschlafen, du?« »Ja! Und gut, Vater!« sagte Roman. »Jetzt hab ich an Weg, der sich nimmer schieben laßt. Aber wann ich heimkomm, muß ich dir ebbes sagen.« Und im Sturmschritt ging's die Straße hinaus. Der Waldhofer guckte seinem Buben nach und schüttelte den Kopf. »Jetzt reißt mir der Faden aber bald! Dem muß ja rein der Vogel Narrenschopf a Nest voll Eier ins Hirnkastl einiglegt haben. Was da noch ausschlupft? Da bin ich neugierig.« So täuscht man sich in den Menschen. Während der alte Waldhofer am Verstand seines Buben zweifelte, war Roman der Meinung, er hätte in seinem ganzen Leben keinen ›verstandsameren‹ Tag gehabt, als den heutigen. Und wäre nie noch einen klügeren Weg gegangen. Dazu noch einen so schönen Weg! Alles an diesem Wege schien ihm zu gefallen, jeder Stein und jede Karrenfurche, jede Hecke, durch die er ging. Und als eine gewisse Stelle kam, lachte Roman ganz merkwürdig. Er rückte das Hütl und schritt wieder aus. »Radl, jetzt laufst, jetzt laß ich dich rumpeln! Magst mir zum Glück laufen oder zum Unglück!« Es gibt Worte, die am Herzen hängenbleiben wie Kletten an den Kleidern. »Unglück?« Über Romans Züge ging's wie der Schatten eines letzten Bedenkens. Er schüttelte sich. »Jetzt drauf und zu! 's Glück hat Füß. Da mußt ihm nachlaufen.« Diese weise Erkenntnis brachte wieder Eile in seinen Schritt, während er über den letzten Wiesenhang hinaufstieg, hinter dem das steile Dach des Staudamergutes auftauchte. In der Hofreut war Mickei damit beschäftigt, das Bernerwägelchen zu waschen, das von der Fahrt nach Enzdorf übel bedreckt zurückgekommen war. Als der Knecht den jungen Waldhofer sah, duckte er sich hinter das Spritzleder des Wagens und verschwand in der Scheune. Roman trat in den Hof, ging auf das nächste Fenster zu und guckte in die Stube. Welch ein freundliches Bild des häuslichen Friedens! Mutter und Tochter im Herrgottswinkel vereint zu emsiger Arbeit! Während die Staudamerin, mit der runden Brille auf der spitzigen Nase, ihre große Schere durch einen jener schillernden Seidenstoffe gleiten ließ, aus denen die Hochzeitsschürzen geschnitten werden, trennte Julerl mit umgedrehter Nadel die rot eingemärkten Buchstaben aus dem Zipfel eines Leintuches. Sie schienen festzusitzen, die beiden roten Zeichen, und das Garn wollte sich so leicht nicht wieder lösen. Über diese Widerspenstigkeit der Fäden geriet das sanfte Julerl in üble Laune, warf die Nadel auf den Tisch und faßte das rote Garn mit den Zähnen. Unwillig blickte die Staudamerin über die Brille weg und schnitt mit der Schere in die Luft. »Du! Laß dein Gift und Gall an andere aus, aber net an mir! Wie man sich d' Suppen einbrockt, so speist man. Hättst dir's früher überlegt. Sell taun, sagt der Schwab, sell haun!« Vielleicht hätte die Staudamerin in ihrem Sprichwörterschatze noch weiter gekramt, wenn nicht in diesem Augenblick der Waldhofer-Roman in die Stube getreten wäre. Der kam für die beiden am Tisch, als hätte der Himmel einen Kugelblitz durch die Zimmerdecke fallen lassen. Während der Staudamerin das Wort im Hals und die Schere in der Seide steckenblieb, wurde Julerl blaß und rot. Der junge Waldhofer drehte den Hut zwischen den Händen. »Guten Abend beinand! Jetzt bin ich da. Lang umanandreden, dös hat kein' Verstand. Gscheider, ich sag's gleich aussi, wie's is!« Er sprach mit fester Ruhe. »Mein Tisch muß sauber sein. Und was man zammbunden hat in der Ordnung, dös muß man in der Ordnung wieder ausanandkletzeln. Ja, Staudamerin! Jetzt hat sich halt alls a bißl umdraht. Mein Verspruch mit Enkerer Julei –« Weiter kam er nicht. Die Staudamerin, mit der Schere in der Hand, war hinter dem Tisch hervorgeschossen. »Jesses, jesses, ja grüß dich Gott! Und grad heut mußt kommen! So a gienstiger Zufall! Grad heut, wo ich mir's eh schon fürgnommen hab, daß ich deim Vatern an Bsuch mach.« Ihre Stimme surrte wie ein hölzernes Rädl, das vom Wind getrieben wird. »Freilich, ja, jetzt hat sich a bißl ebbes umdraht!« Sie kicherte. »Müssen wir's halt in der Ordnung ausanandkletzeln. Mit dir und mit der Julerl, ja! Mein Vetter in Enzdorf – gelt, den kennst ja? – freilich, von die ganz Jungen is er keiner nimmer. Aber a lieber Mensch! Und Sach hat er! Ah, da kriegt's eine schön, bei dem! Wittiber is er, weißt!« Ein meckerndes Gelächter. »Den hat die erste schon kampelt, da braucht sich die zweite nimmer plagen. Und völlig narret is er vor lauter Lieb. Was will ich denn machen? Gut is gut, aber besser is besser. Haben tut er mehr wie du! Und der hochwürdige Herr von Enzdorf macht mit'm Katechism keine söllenen Diffiziligkeiten, wie der unsrig. Morgen, am heiligen Ostertag, da wird mei' Julerl in Enzdorf drent schon 's erstmal verkündt. Der Vetter macht's flinker wie du. Hehe! Und über drei Wochen is Hochzet. Wirst uns d' Ehr net versagen, gelt?« Lachend klappte die Staudamerin ihre Schere zu. Verblüffung, Erleichterung und Freude, alles wühlte kraus in Roman durcheinander. Eine Weile schien es, als hätte er die Sprache verloren. Dann brach es aus ihm heraus: »Ah soooo? Pfüe Gott beinander!« Mit jäher Schwenkung drückte er den Hut übers Haar, und ohne noch einen Blick für das sanfte Julerl zu finden, schoß er zur Stube hinaus. Er hatte die Haustür noch nicht erreicht, da kam's mit wehendem Röckl hinter ihm hergehuscht, und zwei runde Grübchenhände faßten ihn bei der Joppe. »Roman!« Er sah in das glühende Gesicht der Julei, in diese heißflimmernden Augen, die ihre sanft polierten Kapellentürchen ganz verloren hatten. »Schau, laß dir sagen! D' Mutter halt! Was will ich denn machen? Aber du bist der einzig, den ich mögen hab. Und gelt, der bleibst mir?« »Julei!« klang aus der Stube die kreischende Stimme der Staudamerin. »Eini gehst! Gleich auf der Stell kommst eini!« »Ja, Mutter!« erwiderte Julei laut. »Pfüe Gott sagen wird man wohl dürfen!« Und wieder flüsterte sie an Roman hinauf. »Geh, schau, auf Enzdorf umi, so a Sprüngerl Weg!« Ganz lind und zärtlich war ihre Lispelstimme geworden. »So a bisserl Plag! Dös wird dir ja doch net z'viel sein? Für mich? Und wie öfter als kommst –« Da schlug er den Joppenzipfel mit der Faust aus ihren Händen. Und lachend ging er davon. Und als er das Zauntor des Staudamerhofes hinter sich hatte, schrie er in den trüben Tag einen gellenden Jauchzer hinaus. Das runde Grübchengesicht entfärbt, stand Julerl vor der Haustür. Alle Sanftmut ihrer blauen Unschuldsaugen war in funkelnden Zorn verwandelt. Nun eine leise Stimme hinter ihr: »Hätt mir denkt, daß er anders davonging!« Wie von einer Natter gestochen, zuckte das glückliche Bräutl auf. Im ersten Augenblicke schien's, als möchte Julerl mit den kleinen Fäusten auf Mickei losdreschen, wie es die Staudamerin mit dem großen Besen getan. Doch sie faßte den Knecht nur an der Brust. Und zischelte: »Du! Heut is Karsamstag. Heut zahlst mich aus. Wann morgen die ander noch im Ort is –« Mit schrillem Ton, wie bei einem mißglückten Jodler, schlug ihre Stimme um. Draußen auf den Wiesen klang ein Jodler, der nicht mißglückte. Und dann kam ein tiefsinniger Vierzeiler, den der Dichter Volk vorausahnend und extra für den Waldhofer-Roman erfunden zu haben schien: »Auf d' Freit bin ich gangen, Hab 's Wegerl net gwißt, Bin dorten hingraten, Wo 's Saustallerl ist!« Julerls Augen schossen einen Zornblick über die Staketen, während Mickei schmunzelte: »Verlaß dich auf mich! Es gschieht noch ebbes, heut auf'n Abend.« Er beugte sich zu Julerls Ohr. »D' Mutter hat mir aufgsagt. Aber du? Nimmst mich als Knecht?« »Morgen erfahrst es!« Sie trat ins Haus. Auf der Schwelle blieb sie stehen. Sie wollte sich nicht umschauen. Aber es zog ihr mit Gewalt den Blick herum und auf die Wiesen hinaus – ein Blick, so verstört, als sähe die glückliche Braut des Vetters von Enzdorf etwas Schönes in dunklem Wasser versinken. Und wahrhaftig, das unschuldige Julerl hatte Tränen in den blauen Taubenaugen, während da draußen, wo sich die Wiesen senkten, der Waldhofer-Roman sang: »'s Glück, dös hat d' Füßln flink, Rumpelt im Saus, Bald dich net tummeln tust, Kommt's dir noch aus!« So rannte er singend über die Wiesen hinunter, und zwischen Jauchzen und Jodeln lachte er immer vor sich hin. Wie einer, der den Arm gebrochen und einen Monat lang den Holzverband und den gipsgetränkten Wickel trug – nun sind ihm die Schindeln abgenommen, die Binden sind gelöst, und da bewegt er den geheilten Arm, in allen Gelenken dreht er ihn, und meint, jetzt wäre der Arm noch besser und kräftiger als zuvor – genau so machte es der Roman mit seinem zerbrochenen Lachen, das ihm plötzlich gesund und heil geworden. Freilich, als er im Waldhof vor der Haustür hielt und von der Küche her die Stimme des Vaters hörte, fuhr ihm doch ein ernster Gedanke durch den lustigen Verstand. »Sakra, sakra! Da wird's Beißen kosten.« Er streckte sich. »Packen wir's an!« Im Hausflur trat ihm der Alte entgegen, schon festlich gekleidet für die Auferstehungsfeier, aber nicht in festlicher Osterlaune. »So? Treibt dich d' Narretei amal heim, statt allweil aussi zum Loch?« Roman nahm den Hut ab. »Komm in d' Stub eini, Vater! Ich muß dir ebbes sagen.« Diesem Ernst gegenüber wurde der Waldhofer mißtrauisch. »Jetzt bin ich aber neugierig, was für a Kerndl aussischlupft aus deiner narreten Zwetschgen?« Als die beiden in der Stube voreinander standen, begannen die Kirchturmglocken zur Auferstehungsfeier zu läuten. Das klang so schön und stark, als hätten die Glocken im Schweigen des Karfreitags neue Kräfte in den erzenen Kehlen gesammelt, um mit hallender Macht den heiligen Osterfrieden auszurufen. »No also?« brummte der Waldhofer. »Tummel dich a bißl! Wegen deine narreten Liebsgschichten versaum ich d' Auferstehung net.« Roman strich mit der Hand übers Haar. »Liebsgschichten? Ah ja! Weit hat der Vater net fehlgraten.« »Müßt man ja Hühneraugen im Gsicht haben, wann einer da nix merken tät!« Der Waldhofer lachte. »Wirst dich halt mit der Julerl wieder gstritten haben, gelt?« »Gstritten?« Roman schmunzelte. »Ah na! In aller Ruh is die Sach ausanandgangen.« Der Waldhofer hob den Kopf. »Ausanand?« Das Wörtl dehnte sich auf seiner Zunge. »Was ausanand?« »No ja, jetzt bin ich grad bei der Staudamerin gwesen, und da hat mir d' Staudamerin gsagt, daß ihr Julei –« Roman stockte. Sträubte sich seine Ehrlichkeit dagegen, den ›Vetter von Enzdorf‹ als willkommenen Nothelfer anzurufen? Er schüttelte den Kopf. »Was geht denn mich die ander an? Die kann heiraten, wen s' mag. Ich mach's gradso. Es brockt a jeder sein Glück, wo's gwachsen is.« Ohne das Staunen zu beachten, mit dem der Waldhofer diese dunklen Weisheitssprüche vernahm, schleuderte Roman seinen Hut in die Fensternische. »Enker Julerl, Enker unschuldigs? Ah na! Da weiß ich mir ebbes Bessers. Und da kann der Vater jetzt sagen, was er will. Jetzt laß ich nimmer luck. Und net um d' Welt! Und d' Ilsabeth muß ich haben. Die is mir die liebst. Die mag ich. Und wann sich der Vater auf'n Kopf stellt!« Der Waldhofer machte nicht den geringsten Versuch, dieses Seiltänzerstückl auszuführen. Es schien vielmehr, als hätte ihm der Schreck alle Glieder in Stein verwandelt. »Mar' und Joseph! Mandi? Bist übergschnappt?« Im gleichen Augenblick verstummte das schöne Friedensgeläut der Kirchenglocken, und in der Stube herrschte, was man ›Schwüle vor dem Sturm‹ zu nennen pflegt In dieser Stille fing die Stubentür zu zittern an. Peter Johannes Zdazilek wanderte durch den Hausflur. Er kam aus seiner Kammer und schleppte seine todestraurigen drei Zentner in den Hof hinaus. Wie ein Sämann die Schürze mit dem Samen trägt, so hatte er einen Wettermantel um die Hüften gebunden. Der Inhalt des Mantels schien an Hanspeters gebeugten Schultern zu ziehen, als hinge ein Felsklumpen im Bausch der aufgerafften Tuchzipfel. Doch diese Last war in Wahrheit so leicht, daß der Wind das gefüllte Säcklein des Mantels ohne Mühe bewegen konnte. Als Hanspeter ins Freie trat, brach in der Stube das scheltende Wetter los. Man hörte einen dröhnenden Faustschlag auf der Tischplatte und eine wütende Standrede des Bürgermeisters, mit der die Stimme Romans zu einem unverständlichen Wortgewirr zusammenklang. Es war ein Spektakel, der einen Toten hätte erwecken können. Da mußte auch Hanspeter merken, daß er noch Ohren hatte. Er ließ einen Blick über die Stubenfenster hinkriechen. Eine müde Wehmut regte sich in seiner amtlich versiegelten Apostelseele. »Soviel gut sind s', d' Leut! Und der Mandi ghört auch schon dazu! Mein einziger und letzter!« Seine Augen suchten den grau verschlossenen Himmel. »Lus auf, du da droben! Vater und Bub! Und streiten wie Hund und Katz.« Seufzend ließ er das ›driedoppelte Köpfl‹ sinken. »So hat er s' gmacht. So müssen s' halt sein. Die macht kein Buckleter nimmer anders.« In den Bausch des geschürzten Mantels greifend, wanderte er auf die Straße hinaus. Seine heißen, trockenen Augen suchten. Als er bei der Hecke des Nachbarhauses ein Bübchen und zwei kleine Dirnlein spielen sah, schien er gefunden zu haben, was er suchte. Er ging auf die Kinder zu, nahm aus dem Bausch des Mantels achtsam ein zierliches Kirchl hervor und bot es auf wackliger Hand dem Bübchen hin. »Kindl? Magst Häuslzuig haben? Da! Nimm! Dir kunnt's noch a bißl Freud machen. Gelt, ja?« Dazu lachte er mit seiner dünnen Stimme. Erschrocken drückten sich die Kinder gegen die Hecke und guckten scheu am Hanspeter hinauf. Sie schienen sich vor seinem Gesicht zu fürchten, vor seinen Augen, vor seinem Lachen. Aber das glitzernde Spielzeug lockte. Und das Bürschl – aller Angst zum Trotze – streckte die Hände und nahm. Hanspeter griff in den Mantel. »Und du, Maderl! Da schau! Kriegst a Schweizerhäusl.« Er schenkte. »Und du! Schau, kriegst a Holzerhüttl, so a liebs! Da, nimm! Hab allweil glogen, hab allweil gsagt: es ghört für'n Nachber seine Kinderln, ja! Da habts es jetzt!« Hanspeter schenkte. Die Kinder, in Angst und Freude den Dank vergessend, liefen davon wie kleine Diebe, die einen Raub zu bergen haben. Da verging dem Peter Johannes Zdazilek das Lachen. Er griff mit zuckender Faust hinter den Kindern her, als möchte er wiedernehmen, was er gegeben hatte. So stand er eine Weile. Dann fiel ihm der Arm herunter. Er ging zum nächsten Haus. Hier saß ein Bürschl auf einer Säule des Staketenzaunes und dudelte auf einer Weidenpfeife. »Büberl? Magst Häuslzuig haben? Schau her, ich schenk dir ebbes!« Als Hanspeter dem Buben ein schimmerndes Kapellchen hinaufreichte, merkten die vier Kinder des Nachbars gegenüber, daß es beim ›Ratzenspeckerl‹ etwas zu holen gab. Sie kamen gelaufen. Es dauerte nicht lange, und ein Kreis von lärmenden Kindern, alle die Händchen streckend, umdrängte den schenkenden Apostel. Die Kirchgänger, die zur Auferstehung wanderten, blieben auf der Straße stehen und sahen lachend zu, wie Hanspeter mit den kleinen Kostbarkeiten seines Lebens hausieren ging. »Gelt, ja«, rief ihm ein grauköpfiges Weibl zu, »merkst halt, daß bei die alten Eseln nix mehr zum ausrichten is? Und tust dich mit deiner Lieb an die Kindln halten? Hast recht!« »Du!« Hanspeter richtete sich auf, daß er über die Kinder hinausragte wie ein Berg über die kleinen Hügel. »Mit der Lieb laß mich aus, du!« Seine Augen funkelten. Die Kinder lärmten mit erhobenen Händchen: »Ratzenspeckerl, a Kirchl mag ich! Katzenfleckerl, a Häusl schenk mir! Geh, Spatzenschreckerl, mir gib eins!« Wortlos beugte sich Hanspeter zu den Kindern nieder, griff in den Mantel, immer wieder, und schenkte ein Stücklein Spielzeug ums andre her. Als er das letzte gegeben hatte, band er den Mantel von der Hüfte los und schüttelte ihn aus. Kleine weiße Spänchen, Goldflitter, Baumbartflocken und Glassplitter fielen zur Erde. Hanspeter starrte auf den winzigen Schimmer, der im Staub versank. Und er stand schon allein. Mit lärmendem Jubel hatten sich die beschenkten Kinder nach allen Seiten zerstreut. Da kam unter den Kirchgängern ein Bursch die Straße herunter. Der trug auch einen Wettermantel, aber nicht in der Faust wie Hanspeter, sondern um die Schultern. Und der Mantel machte einen Buckel, als wäre was verborgen unter ihm. »So so?« rief ein Mädel dem Burschen zu. »Bist von die Fürsichtigen einer? Tragst schon aufs Regnen an?« »Ja!« erwiderte der Staudamer-Mickei lachend und zog den Mantel enger um den gehöhlten Arm. »'s Wetter is ungwiß. Man kann net wissen, was heut noch kommt auf'n Abend.« Hanspeter, als er diese Stimme hörte, reckte sich auf. Wie ein Baum stand er inmitten der Straße, grub die Fäuste in das Tuch des leer gewordenen Mantels und sah dem Staudamer-Mickei nach, das Gesicht wie Asche, die Augen wie Feuer. »Paß auf, du! Dir lies ich noch ebbes für!« Da fingen die Glocken wieder zu klingen an. Fünfzehntes Kapitel Das letzte Läuten war vorüber, immer dünner zog sich die Reihe der verspäteten Kirchgänger auseinander, es duftete schon der Weihrauch aus dem offenen Fenster der Sakristei, und noch immer saßen die ›Loder‹ dichtgedrängt auf der Friedhofmauer. Sie steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. »Heut haben s' ebbes, die Buben«, flüsterte ein alter Bauer seiner Bäuerin zu, »dös weiß ich von meiner Zeit her, so haben wir's allweil gmacht.« Da kam Bewegung in die Reihe der Burschen. Alle sprangen sie dem Staudamer-Mickei entgegen. »Hast es?« fragte der Schreinergesell. »Freilich hab ich's.« Nun wollte ihm jeder unter den Wettermantel gucken. »Hand von der Butten!« wehrte Mickei. Und fragte: »Sind s' da, die zwei?« »Noch allweil net!« Ein Dutzend Stimmen quirlte durcheinander. Und einer meinte: »Die haben den Braten gschmeckt, die kommen nimmer.« »Sie müssen!« erklärte der Staudamer-Knecht mit Seelenruhe. Durch das Sakristeifenster hörte man die Klingeln der Ministranten schrillen. »Angehn tut's!« Während die Burschen zum Kirchtor eilten, klang ein dumpfes Rollen von den grau verhüllten Bergen. Wollte ein Gewitter kommen, so zeitig im Frühjahr? Oder war eine Steinlawine über die Felsgehänge niedergegangen? Mickei schien das erstere zu glauben. Er blickte lachend zum Himmel auf. »Hörts es, Buben? D' Häuslschusterin tät sich gern a bißl wehren! Und kocht ebbes zamm.« »Geh, du Narr!« meinte ein Halbvernünftiger. »Steiner sind abigrumpelt über d' Wänd.« »Und ich sag: sie macht a Wetter!« Wieder lachte Mickei. »Heut hilft's ihr nix. Die muß her!« Von einer abergläubischen Angst befallen, schienen ein paar von den Burschen zu zögern; schließlich nahmen sie doch den Hut ab und traten hinter den anderen in die Kirche. Ein verspätetes Weibl und einige Kinder kamen noch gezappelt, dann war der Friedhof leer, und aus der Kirche klang die Stimme des Herrn Felician. Da erschienen noch zwei allerletzte Kirchgängerinnen: die Altenöderin und ihr Mädel. Lisbeth mahnte: »Mutter, tummel dich a bißl! Es geht schon an.« »Ja, Kindl!« Nannimai humpelte, so flink es ihr krummer Fuß erlaubte. In einem weißen Schnupftüchl trug sie etwas, viereckig wie ein kleines Vogelhaus, und zwischen den zusammengebundenen Zipfeln des Tuches lugte was spitz Vergoldetes hervor. Als die beiden unter dem Staunen aller Stuhlnachbarinnen in die Kirche traten und im hintersten Winkel ihre Plätze einnahmen, konnten sie über ihren Köpfen, auf der weit vorgebauten Decke der Emporkirche, noch das Gepolter der Burschen hören, die in ihre Bänke rückten. Dort oben hatte es seit Jahr und Tag kein solches Gedräng gegeben, wie bei dieser Auferstehungsfeier. Nur drei Plätze waren unbesetzt: der Platz des Peter Johannes Zdazilek, der Platz des Waldhofer-Roman und der Platz des Staudamer-Knechtes. Mickei hatte sich im Mittelgang zwischen den Betstühlen ganz vorne an die Brüstung der Emporkirche gestellt, hatte den ›siebenhölzigen Schaml‹ unter dem Mantel hervorgeholt, war andächtig auf die Knie gesunken und hielt die Hände gefaltet – in jener hölzernen Stellung, in der man auf Martertäfelchen die Verunglückten knien sieht. Es fehlte ihm nur das rote Kreuz über dem Kopf. Die Burschen zu seiner Rechten und Linken hatten sich in gruseliger oder lustig gespannter Erwartung mit den Ellbogen über die Bänke vorgelegt, weil jeder den Mickei sehen wollte. Und dann spähten sie wieder zum Hauptaltar hinunter, vor welchem Herr Felician Horadam im weißen Chorhemd neben dem Heiligen Grab und den flimmernden Ampeln kniete. Die Kirche trug festliches Gewand. Alle Altäre waren schon in das freudige Rot des Ostertages gekleidet, und hundert Kerzen brannten, deren Flackerlicht die Dämmerung des Abends durchzitterte und die grauen Fenster glänzen machte, als wäre draußen nicht trübes Wetter und nahe Nacht, sondern rosiger Morgen und steigende Sonne. »Amen!« sagte Herr Felician mit lauter Stimme, als er das Gebet gesprochen hatte. Sich bekreuzend, stand er auf, und die kleine Prozession formierte sich: voran der Priester, noch mit der schwarzen Stola, hinter ihm der Mesner mit dem leeren Kreuz, vier Ministranten mit ihren Klingeln und zwei Kirchenräte mit brennenden Lichtern. Allen Leuten fiel es auf, daß der Waldhofer fehlte, dem als Bürgermeister vor jedem anderen die Ehre zukam, bei der Auferstehungsprozession als erster hinter dem Kreuz zu gehen. Tiefe Stille herrschte in der Kirche, als die Prozession durch den Mittelgang hinunterschritt. Jetzt senkte sich am Hauptaltar mit leisem Gerassel der schwere Gruftdeckel über das Heilige Grab. Der Vorhang teilte sich, der den leeren Rahmen des Altarbildes verschlossen hatte, und hinter der Prozession, die aus der Kirche ins Freie getreten, fielen mit dröhnendem Schlag die Flügel des Tores zu. Leis begannen auf dem Chor die singenden Stimmen, immer stärker schwellend. Es war kein Kirchenlied, sondern eine halb weltliche Weise. Das hatte der junge Lehrer so eingeführt, um die Pause zu füllen; er war von den Aufgeklärten einer, welche glauben, daß schöne Kunst auch in die Kirche tauge und die Menschen zur Frömmigkeit erheben könne. »Ostern, Ostern, Frühlingswehen! Ostern, Ostern, Auferstehen Aus der tiefen Grabesnacht! Blumen sollen schöner blühen, Herzen sollen heimlich glühen: Denn der Heiland ist erwacht!« Auf dem Emporium der Burschen herrschte ein immerwährendes Hälsestrecken. Jetzt – zwischen Grab und Auferstehung – das war der Augenblick, der ›gut ist für so was‹! Dreimal hatte sich der Staudamer-Mickei bekreuzt, und nun begann er die Heiligenlitanei von rückwärts abzubeten: »!uns für bittet, Gottes Auserwählten und Heiligen alle – !uns für bittet, Witwen und Jungfrauen heiligen alle – !uns für bitt, Anastasia Heilige – !uns für bitt, Katharina Heilige –« »Siehst ebbes?« flüsterten ihm die Burschen aus den nächsten Stühlen zu. Mickei machte die Augen starr, als hätte ein Grausen seine fromme Seele gepackt. »Der Häuslschusterin ihr Madl!« Alle spähten in die Kirche hinunter. Doch sie sahen nichts anderes, als die Hauben und Hüte der Weiber, die Struwelköpfe der Buben und die spiegelnden Glatzen der Bauern. Mickei deutete mit der Hand: »Da kommt's! Und rote Haar hat's um. Und Hörndln hat's über die Augen. Und hat an fuirigen Besen unterm Arm. Und jetzt fallt's nieder, als hätt ihr der Herrgott d' Faust auf'n Buckel gschlagen. Mar' und Joseph! Wie lauter Unziefer fludert's auf!« Die gruselige Stimmung der Burschen drohte umzuschlagen. Sie sahen nichts. Und der Staudamer-Knecht mit den aufgerissenen Augen war eher komisch als schreckhaft anzuschauen. Schon lachte einer von den Burschen und zischelte: »Schwindeln tut er!« Doch da streckten sich plötzlich alle Köpfe, und der Staudamer-Mickei guckte verdutzt in die Kirche hinunter. Dort unten humpelte die Altenöderin durch den Mittelgang zum Hauptaltar, vorüber an den verblüfften Leuten. Auf den Händen trug sie ein schimmerndes Kirchlein mit vergoldetem Spitzdach. Und als sie den Altar erreichte, schob sie ihre Votivgabe auf die Stufe hin, bekreuzte das Gesicht und humpelte zurück. Da hörte man im Betstuhl der Staudamerin eine wispernde Mädchenstimme: »Mutter, die Hex schau an! Jetzt haben sie's ausprobiert. Kommen hat s' müssen.« Die zweite Hälfte dieser unschuldsvollen Weisheit ging unter im Chor der Stimmen, welche die andere Strophe des Osterliedes begannen: »Der im Grabe lag gebunden, Siegreich hat er überwunden, Und der Kerker bricht. Frühling grünet auf der Erden, Frühling soll's im Herzen werden, Ewig herrschen soll das Licht!« Mit den Schlußworten des Liedes klang von draußen die rufende Stimme des Priesters zusammen, drei dröhnende Schläge des schweren Kreuzes hallten am geschlossenen Tor, die eichenen Flügel sprangen auf, und während im Rahmen des Hauptaltars der erstandene Heiland mit der Osterfahne aufstieg und der Priester im Rauchmantel einzog in die Kirche, umwogt vom Dufte des Weihrauchs, fingen alle Glocken zu läuten an, und unter Posaunenschall und Paukenschlägen jubelten die Stimmen der Sänger: »Der Herr ist auferstanden!           Ja! Ja! Ja! Er ist wahrhaftig auferstanden!           Halleluja!           Halleluja! Als Herr Felician den Hauptaltar erreichte und auf den Stufen das Kirchlein schimmern sah, ging ein glückliches Lächeln über sein Gesicht. Er bückte sich und stellte das glitzernde Weihgeschenk der Häuslschusterin auf den Altar. Das tat er in auffälliger Weise. Dennoch bemerkten es nur wenige Leute. Fast alle Gesichter waren verwundert zur Emporkirche der Burschen hinaufgedreht. Da droben herrschte ein Spektakel, den auch die Posaunenstöße und Paukenwirbel nicht ganz übertönen konnten. Im hintersten Winkel der Kirche hatte Nannimai die Hand der Lisbeth gefaßt. Und als Herr Felician mit wehendem Rauchmantel in der Sakristei verschwand, flüsterte die Altenöderin: »Komm, Kindl! Jetzt is mir gut in der Seel. D' Leut kunnten mir's verderben. Schauen wir heim, eh d' Leut aus der Kirch laufen.« Sie traten aus dem Betstuhl, ohne den Weihbrunnsegen abzuwarten. Des Rauchmantels entkleidet, kam Herr Felician aus der Sakristei, wanderte durch die ganze Kirche und sprengte das geweihte Wasser nach allen Seiten. Als er zum hintersten Winkel kam und die zwei unbesetzten Plätze sah, lächelte er zufrieden und sprengte reichlich den Weihbrunn nach der leeren Bank. Noch ehe Herr Felician die Sakristei erreichte, stürmten die Burschen mit Gepolter über die Holztreppe der Emporkirche herunter. Ihre Erregung schien noch zu wachsen, als sie den leeren Betstuhl der Häuslschusterin sahen. In dem schmalen Gange staute sich ein drängender Knäuel. »Weiter! Aussi!« mahnte der Staudamer-Mickei. Und draußen in der grauen Dämmerung hob er die Hände über den Kopf und gab die Losung: »Alle mitanand ins Wirtshaus!« Andere Leute, die aus der Kirche kamen, liefen dem Trupp der Burschen nach, mit neugierigen Fragen. Überall im Friedhof bildeten sich klatschende Gruppen, und aus einer dieser Gruppen hörte man die Stimme der Staudamer-Julei heraus, schrill wie eine Weidenpfeife. Herr Felician, als er die Sakristei verließ, hätte nur einen Blick über den Friedhof werfen dürfen, um in Sorge zu geraten. Doch heute schien er keine Augen zu haben, nickte lächelnd vor sich hin und hatte merkwürdige Eile, durch den dämmernden Abend nach Hause zu kommen. In seiner Stube brannte schon die Lampe, und Jungfer Kathrin war dabei, den Tisch für das Auferstehungsmahl zu decken. Scheu guckte sie ihren geistlichen Herrn an, der seit vierundzwanzig Stunden kein Wort mit ihr gesprochen hatte. Sanft und zutunlich klang ihre Stimme: »Recht schön guten Abend, liebe Hochwürden! So is er halt wieder auferstanden, unser grundgütiger Heiland. Gelt, ja! Und recht viel Glück auf die heiligen Ostertäg!« Herr Felician Horadam sagte feierlich: »Meine gute Kathrin! Hinter der heiligen Auferstehung soll kein Zorn und Groll verbleiben. Wenn du dir den gestrigen Tag ein bisserl zur Warnung nimmst, soll dir alles vergessen sein. Unser lieber Herrgott hat auch mir mein unpriesterliches Benehmen net übelgenommen und hat mich was Gutes stiften lassen.« Kathrin haschte die Hand des Pfarrers und wollte sie küssen. »Laß gut sein!« Herr Felician zog die Hand zurück. »Die Schleckerei mag ich net. Mach einen guten Vorsatz im Herzen, das is mir lieber. So! Und jetzt bring die Metzelsuppen!« Er trat zum Fenster und blickte in den dunkelnden Abend hinaus. Merkwürdig, daß noch immer Menschen im Friedhof waren! Überall an der Mauer standen sie beisammen, andere huschten wie Schatten davon, um flink nach Hause zu tragen, was sie vernommen hatten. Besonders eilig schien es die Hausmagd des Bürgermeisters zu haben. Atemlos rannte sie, bekreuzte sich immer wieder, und sooft sie auf der rauhen Straße stolperte, guckte sie in abergläubischer Angst über die Schulter. Aus der Stube des Waldhofes, deren Fenster noch ohne Licht waren, klang der Magd das Lautgewirr eines heftigen Wortgefechts entgegen. An dem großen Bauernhof war nur ein einziges Fensterchen erleuchtet, das Fenster an Hanspeters Kammer. Diesem Lichtschein rannte die Hausmagd zu. Als sie durchs Fenster guckte, stand sie sprachlos vor Verblüffung. Wie verändert war das Stübchen des buckligen Apostels anzusehen! Alles zierliche, glitzernde Spielzeug, die Baumschwämme und Heiligenbildchen, alles war verschwunden. Und Hanspeter – als hätte er für den Weg zum Pfarrhof nicht mehr die Kraft besessen und hätte noch erst ein wenig rasten müssen – Hanspeter saß auf dem Bett und hielt mit beiden Armen auf seinem Schoß den ungeheuerlichen, firnisfunkelnden Bauernstuhl der Jungfer Kathrin umschlungen, diesen Peter Johannes Zdazilek unter den Sesseln. Es war ein Anblick, der die Magd bei aller Verblüffung zum Lachen zwang. »So, du?« Mit beiden Händen trommelte sie an das Fenster. »Gar net in der Kirch bist gwesen? Heut hast ebbes versäumt.« Hanspeter hob das entstellte Gesicht, die toten Augen. Und da kam der Magd hinter dem Lachen wieder der abergläubische Schreck. »Jesses Maria! Der schaut ein' an, als ob er dazughören tät zu die andern zwei!« Sich bekreuzend, rannte sie an der Mauer hin und fuhr ins Haus. Noch immer klangen in der Stube die zwei raufenden Stimmen, jede so heiser wie die Stimme eines Vorbeters nach langer Wallfahrt. Die Magd schien nicht zu hören, wollte nur ihre Neuigkeit loswerden. »Waldhofer!« schrie sie, und riß die Stubentür auf. »Waldhofer! Was heut in der Kirch –« Weiter kam sie nicht. Der Bauer, ganz schwarz in der dunklen Stube, fuhr wütend auf das Mädel los: »Machst, daß d' aussi kommst! Dös tät mir taugen, daß d' Ehhalten ihre Nasen einistecken, wann der Vater mit seim Buben ebbes hat! Aussi, oder –« Die Magd war zurückgefahren, als hätte ihr die Feuerspritze einen Strahl ins Gesicht geworfen. Und mit einem Fußtritt schmetterte der Waldhofer die Stubentür zu. Nun Stille. Das lange, dicke Seil des Streites war entzweigerissen. Schwarz und wortlos standen sich Vater und Sohn in der finsteren Stube gegenüber, alle beide schnaufend, als hätten sie einen steilen Berg erklommen und wären mit ihrer letzten Kraft zu Ende. Der Alte rührte sich zuerst. Schreien konnte er nimmer. Er murrte nur, ganz heiser: »Net schlecht! Die heilige Auferstehung versaumt! Und einigstritten bis in d' Nacht!« Er trat zum Tisch und nahm den Zylinder von der Hänglampe. »Jetzt muß Ruh sein. Jetzt kommen d' Leut. Dös kunnt mir taugen, daß man die saubere Gschicht gleich morgen ausratschen tät im ganzen Ort. Sakrament noch amal!« Der energische Fluch galt dem Zündholz, an dem er sich die Finger verbrannt hatte, weil der Docht so schnell nicht Feuer fangen wollte. Nun zuckte das Flämmchen, glomm immer heller auf und streute sein falbes Licht in die Stube. Diese Helle wirkte ein freundliches Wunder und zerbrach dem Zorn des Waldhofer die gröbsten Knochen. Erschrocken sah er seinen Buben an, der mit geballten Fäusten im Schein der Lampe stand, das Gesicht wie die Mauer so bleich, zähe Entschlossenheit in den blitzenden Augen. »Laß mir mei' Ruh!« murrte der Alte, als müßte er einem bösen Wort zuvorkommen, das schon auf Romans Zunge lag. »Ich sag dir's zum letztenmal: solang ich der Herr im Haus da bin, kommt mir so eine net zur Tür eini!« »So eine? Vater, dös sagst nimmer!« Das wirkte. Nicht, weil es in Zorn geschrien, sondern mit ernster Ruhe gesagt war. »Gegen 's Madl hab ich nix!« korrigierte der Waldhofer und sah seinen Buben immer scheuer an. »Meintwegen soll s' die liebste sein. Ich reiß ihr kein' Zinken aus'm Krönl. Aber den Leuttratsch laß ich net anhängen an mich.« Er arbeitete sich wieder in die alte Wut hinein. »Da tät ich mich schon lieber niederlegen und d' Augen zumachen. So! Jetzt weißt, wie dran bist!« »Gut, Vater!« Roman legte die Faust auf den Tisch. »Der Herr im Haus bist du. Und die Tür kannst auf- und zumachen, wie's dir einfallt! Wär d' Mutter noch da –« »Mit der Mutter laß mich aus!« fuhr der Waldhofer zornig auf – ein Zorn, der sich ansah wie gereizte Schwäche. »Der Mutter ihr seligs Gedächtnus laß ich net einimischen in so an Krawall.« »D' Mutter tät sich sorgen um mich. Aber die schreit nimmer auffi. So muß dir halt ich ebbes sagen, Vater! Allweil hab ich dir d' Ehr lassen als Kind. Vierundzwanzg Jahr bin ich alt. Die haben dein ghört. Die ander Halbscheid vom Leben ghört mein.« Er trat zum Fenster und nahm seinen Hut aus der Nische, während dem Waldhofer die Augen immer größer wurden. »Jetzt geh ich, Vater! Kannst zusperren hinter meiner. Ich schlag dir nimmer an d' Haustür! Was ich von der Mutter hab, kannst mir net fürenthalten. Viel wird's net sein, und a bißl klein muß ich anfangen. Macht nix; wann ich d' Ilsabeth hab, kann ich z'frieden sein. Pfüe Gott! Der Herr Pfarr, mein' ich, der bhalt mich schon über Nacht. Der hat mir's allweil gut vermeint.« Erschrocken streckte der Waldhofer die Hände, als möchte er diesen ›Vogel Narrenschopf‹ noch bei den Federn haschen. Aber Roman war schon draußen. Und da fuhr sich der Alte ins weiße Haar und fluchte: »Himmel Kreuz Teufel! Der meint ebba gar, daß er's zwingt? « Er wetterte die Faust auf den Tisch. »Was der für an Dickschädel hat! Grad wissen möcht ich, von wem er den haben kann? Is d' Mutter die beste gwesen. Und ich laß allweil noch a Wörtl reden mit mir.« Das wollte er der Tischplatte mit einem zweiten Faustschlag beweisen. Im gleichen Augenblick schrie draußen im Hof eine atemlose Stimme: »Waldhofer! Den Waldhofer muß ich haben!« Dann die Stimme Romans: »Was is denn, Bub?« Da stand der Waldhofer schon im Hausflur. »He! Wer schreit denn da umanand? Is denn der Teufel schon wieder los?« »Burgermeister!« Keuchend kam der Hüterbub über die Schwelle gestolpert, und hinter ihm tauchte Roman im Dunkel auf. »Burgermeister! Die Burschen –« Nach Luft schnappend preßte der Bub die Hände auf seinen Magen. »Die Burschen haben ebbes für! Mit der Häuslschusterin! Pechwuzeln haben s' gmacht, die Burschen. Und d' Häuslschusterin wird ausgräuchert. Spanlichter und Schwefel, alles haben s' schon beinand. Gleich geht's an!« »Mar' und Joseph! Dös arme Madl!« fuhr der Waldhofer erschrocken auf, obwohl der Hüterbub nur von der Häuslschusterin gesprochen hatte. Dann schoß ihm der Zorn in die Adern. »Die Malefizbuben, die miserabligen! Die sind ja dümmer wie an Ochs in der Mastzeit! Lauf, was d' laufen kannst! Zur Schandarmerie lauf auffi! Gleich sollen s' ausrucken! Und ich und der Roman – Wo is er denn? He! Mandi! Mandi!« Das schrie der Waldhofer in den dunklen Abend hinaus. Er hörte keine Antwort, aber beim Hoftor sah er einen jagenden Schatten verschwinden. Wie ein Hirsch, hinter dem die Hunde her sind, hetzte Roman über die Straße und quer durch die Wiesen. Er sprang über alle Gräben, schwang sich über die Hecken und hatte noch immer Atem in der Brust, als er das kleine, stille Haus der Altenöderin erreichte. »Ilsabeth!« Er fand die Haustür verriegelt und warf sich mit dem Körper gegen die Türe, daß drinnen die Öse des Riegels klirrend zu Boden sprang. Nannimai und Lisbeth saßen in der Küche beim Feuer, und in der Pfanne schmorten die ›sauren Fisolen‹. Die Altenöderin hatte sicher gerechnet, daß heute der Hanspeter noch käme, und da sollte er zur Auferstehungsfeier sein Lieblingsgericht auf ihrem Tische finden. Als die Haustür krachte, stand Lisbeth auf, nicht erschrocken, und stellte sich vor die Mutter hin. Der bleiche Schreck überfiel sie erst, als sie beim Flackerschein des Herdfeuers den jungen Waldhofer in der Küchentür auftauchen sah. Die Altenöderin war ruhig sitzengeblieben. Doch als sie die beiden so voreinander sah: ihr Mädel bleich und zitternd, Schmerz und Sehnsucht in den Augen, und der Lisbeth gegenüber den keuchenden Einbrecher, der nicht reden konnte und dabei das Mädel mit einem Blick verschlang, in welchem Glück und Sorge durcheinanderschwammen – als die Altenöderin das sah, bekam sie ein Gesicht, als ginge diese Sache über den Verstand ihrer grauen Haare. »Ilsabeth!« Roman streckte die Arme. »Fort! Gleich auf der Stell müßts fort! Du und d' Mutter! Ich führ enk in Pfarrhof auffi. Der Herr Pfarr meint's gut mit uns.« Er haschte die Hand des Mädels. Und als ihm Lisbeth die Hand mit Gewalt entreißen wollte, begann das Zornfeuer nachzuwirken, das vom stundenlangen Wortgefecht mit dem Vater in ihm zurückgeblieben war. »Was hast denn?« schrie er mit heiserer Stimme. »Wann ich dir sag, daß d' fort mußt, gleich auf der Stell? Was wehrst dich denn allweil?« Er preßte ihre Hand, daß Lisbeth stöhnen mußte. »Jetzt bitt ich mir aus, daß gschieht, was ich sag! Meinst ebba, ich bin umsonst dahergrennt wie a Narr? Mach weiter, sag ich! Und d' Mutter! Auf! Pressieren tut's!« Er zerrte das Mädel gegen die Tür. Und Lisbeth schien endlich in seinen Augen die Sorge zu erkennen. Sie wollte fragen und brachte nur einen stammelnden Laut über die Zunge. »Was? Was?« »Was, was? Wann s' ebbes fürhaben, die Buben! Mach weiter, sag ich! Oder meinst, ich laß dich im Haus daherin und lach dazu, wann die Buben aufmarschieren im Trupp und Pech anzünden vor der Haustür, als ob deiner Mutter ihr Häusl a Fuchsbau wär? Abgmacht haben sie's. A Vaterunser lang, und sie können da sein. Mach weiter, sag ich! Und tummelts Enk, Mutter! Pressieren tut's!« Das war doch eine Nachricht, um darüber zu erschrecken. Aber Lisbeth atmete auf. Ein glückliches Lächeln glitt ihr über die vergrämten Züge. Dabei zerrte sie noch immer mit der Hand, um frei zu werden. Da tat ihr Roman den Willen und ließ ihre Hand aus der seinen fallen. Ganz bleich war er, mitten in seinem brennenden Zorn. »Ah so? Willst ebba net? Mit mir net? No ja! So bleib ich halt. Muß ich mich halt wehren. Und wann's ihrer Zwanzge sind! Mehr als derschlagen können s' mich net.« Er suchte mit verstörtem Blick und wollte nach dem Beil greifen, das er in einem Winkel der Küche liegen sah. Lisbeth haschte seinen Arm. »Jesus Maria!« Wie fest sie jetzt seine Hand umklammerte! Er sah sie an, als gält' es die Entscheidung seines Lebens. »Tust dich führen lassen von mir? Jetzt gleich auf der Stell?« »Alls tu ich, was d' willst!« »No also! Warum sagst es denn net gleich? Daß man sich ängstigen muß und Zeit versaumen! Und weiter, Mutter! A bißl gschwind!« Die Altenöderin, noch immer jenes Staunen in den Augen, schüttelte den Kopf. »Ich bleib.« »Mar' und Joseph!« fuhr Roman wütend auf. »'s Madl hab ich. Jetzt fangt mir die Alte an! Du narrets Weibl! Was willst denn? Zwanzg Buben, wann s' rauschig sind, die rumpeln wie a Wagen. Meinst, der geht auf d' Seiten, weil du's bist?« »Mutter!« fiel Lisbeth mit erloschener Stimme ein. »Der Roman weiß, was er tut. Komm, Mutter! Was der Roman sagt, muß gschehen.« Die Altenöderin schüttelte abermals den Kopf. »Gehts halt, Kinder! Mich laßts bleiben! Mein Herrgott is mir wieder gut. Ich brauch nix fürchten.« Es schien, als wäre die ›Zuversicht‹, die dem Hanspeter entronnen, auf die Altenöderin übergeflossen. Da klang Geschrei und Johlen von der Straße her. »Mutter!« schrie Lisbeth auf. »Da mußt dich net ängsten!« tröstete Roman. »Die Gschicht haben wir gleich.« Er sprang auf Nannimai zu, packte sie mit den beiden Armen und hob sie auf, als wäre die alte Frau so leicht wie ein Kind. »So, Schatzl, komm! D' Mutter hab ich.« Im Sturmschritt ging's hinaus zur Türe. Lisbeth hinter den beiden her. Sie riß im dunklen Flur einen Schlüssel von der Wand und sperrte die Haustür ab. Als Roman den Schlüssel klappern hörte, fuhr ihm bei aller Erregung des Augenblicks ein lachender Gedanke durch den Kopf: »Die taugt zur Bäuerin! Die sperrt meine Kästen noch zu, wann 's Haus schon wackelt.« Um die Scheune ging's herum und über die finstern Wiesen hinaus. Als ein hoher Viehzaun kam, dessen Gatter erst geöffnet werden mußte, stellte Roman die Altenöderin zu Boden. »So, Mutter, die ander Hälft vom Weg kannst laufen.« Mit beiden Händen tappte er in der Finsternis herum. »Schatzl? Bist da?« »Roman!« »Gelt, jetzt hab ich dich?« Seine Arme umschlangen das schwarze Ding, das zitternd vor ihm stand. »Jesus Maria! Roman? Was tust du mir? Und die ander? Die ander? Jesus Maria!« »Die ander? Die kann sich den Vetter von Enzdorf aufzwicken. Du nimmst mich! Und ich nimm dich! So machen wir's. Gelt?« Er wartete nicht auf die Antwort. Der Hunger seiner Liebe wollte zehren. Er küßte, wohin er im Dunkel traf. Und Lisbeth klammerte sich an seinen Hals. Überall Stimmen, überall in der Runde; alle fern und unverständlich. Und auf der Straße, immer näher kommend, das Geschrei der Burschen, die auszogen zum Hexenbrennen. Pistolenschüsse und das dumpfe Knallen der Schlüsselbüchsen. Als wär's ein Haberfeldtreiben. Ein lustiges. Das heitere Johlen überwog im Lärm, bei den Burschen geradeso wie bei den Neugierigen, die sich hinter dem spektakulierenden Trupp gesammelt hatten. Der Schein des brennenden Peches, das sie in eisernen Pfannen trugen, zitterte dem lärmenden Haufen voran. Dicke Bündel von Kienspänen brachten sie mitgeschleppt, Ballen von Wacholderzweigen, und in großen Kübeln hatten sie alles gesammelt, was übel duftet, wenn es brennt. Mit jeder Minute wuchs der Lärm; aus allen Häusern, denen der Trupp sich näherte, kamen die Leute herausgerannt, Weiber in Unterröcken, Kinder im Hemd, und kläffend umkreisten die Hunde den schreienden Haufen. Ab und zu begann ein Bauer zu schimpfen über die ›narreten‹ Buben und ihren ›Unfürm‹. Doch der scheltende Ärger der wenigen, die ›verstandsam‹ blieben und von dieser bedenklichen › Gaudi‹ nichts wissen wollten, ging unter im Johlen der anderen, von denen es die meisten gar nicht so ›gefährlich‹ zu meinen schienen. Sie hatten sogar für lange Stangen gesorgt, an welche dicke Bündel nasser Lumpen gebunden waren – um löschen zu können, wenn vom ›Hexenfuierl‹ ein Funke irgendwohin flöge, wohin er nicht gehörte. Das Gruseln, das sie in der Kirche empfunden, war ihnen längst aus der Haut geronnen. Dafür wirbelte der Enzian in ihren Köpfen, und jeder wollte mithalten bei der ›lustigen Hetz‹! In mißtönigem Chorus stimmten sie, als sie den Hofraum der Altenöderin erreichten, das Hexenverslein der Kinder an: »Zwei mal zwei macht sechs, sechs, sechs, So viel macht's bei der Hex, Hex, Hex!« Und während die einen sangen, machten sich die andern, von Mickei geführt, mit schreiendem Eifer an die Arbeit. Im Halbkreis um die verschlossene Haustür und an der Mauer unter den Fenstern wurde das brennende Pech aus den Pfannen gegossen, und über dem rinnenden Feuer leerten sie die gefüllten Kübel aus und warfen alles andere dazu. Wacholder, Unrat, Kienscheite, Harz und Schwefel, alles qualmte vor Tür und Fenstern durcheinander und machte einen Dampf, daß die Kinder hustend flüchteten und daß die Hunde ihr Bellen ließen und mit eingezogenen Schweifen davonrannten. Wie der johlende Gesang mit Geschrei und Gelächter zusammentönte, wie der blaue Schein des brennenden Schwefels und der rote Glanz des züngelnden Pechfeuers in phantastischer Verzerrung alles beleuchtete: den wirbelnden Qualm, die durcheinanderspringenden Gestalten und die Gesichter der Fleißigen, die das Feuer schürten – das gab ein Bild, als sollte hier nicht ein Teufel ausgetrieben werden, sondern als hätte der ›Leibhaftige‹ eine Schar seiner schwarz und rot gesprenkelten Kinder ausgeschickt, um eine Probe für die Walpurgisnacht zu halten. Nach allen Seiten schickte das wachsende Pechfeuer seinen flackernden Schein in die Nacht, und immer lauter kreischte der Chorus, dem sich mit jeder Minute neue Stimmen zugesellten: »Zwei mal zwei macht sechs, sechs, sechs, So viel macht's bei der Hex, Hex, Hex!« Leute, die aus der Nacht herbeirannten, begannen schon mitzusingen, noch ehe sie die Brandstelle erreichten. Den Besorgten, die in Schreck gelaufen kamen, weil sie meinten, es wäre ein Schadenfeuer ausgebrochen, schrie man mit Lachen entgegen: »Nix is! Nix! Bloß d' Häuslschusterin wird ausgschwefelt!« Den wirren Lärm übertönte plötzlich der Zeterschrei eines Mädels: »Jesus Maria, der Tuifi!« Aus der rauchtrüben Dunkelheit galoppierte ein seltsam ungeheuerliches Ding heraus, das unter gruselig ausgewachsenem Riesenkopf einen krummen Buckel und rennende Beine zeigte. Keuchend jagte das spukhafte Monstrum der Feuerhelle zu. Und als es in rasendem Lauf den dicht mit Menschen angefüllten Platz vor dem dampfumschlossenen Haus der Altenöderin erreichte, gab's ein lärmendes Gedräng. Die Sänger des Hexenliedes gerieten aus dem lustigen Takt, einer vergriff sich sogar im Text und johlte ganz vernünftig: »Zweimal zwei macht vier, vier, vier!« Und lachend schrien an die zwanzig Stimmen durcheinander: »Mar' und Jankerl! Da schauts, Leut! Was kommt denn da daher?« Beim ersten Anblick wußte keiner, was es war. Fast sah es aus wie eine Kirchenkanzel, die lebendig geworden. Doch als das Ungeheuer besser in die Flackerhelle des brennenden Peches kam, löste sich das wirre Geschrei in schallendes Gelächter auf. Alle erkannten den buckligen Apostel, der auf seinem ›driedoppelten Köpfl‹ den ungefügen Bauernsessel der Jungfer Kathrin trug, mit der meterhohen, drollig geschnörkelten Lehne nach aufwärts, und über die Brust herunter zwei von den armsdicken Stuhlbeinen, die Hanspeter mit den Fäusten umklammert hielt. »Der Züngerl-Wehdam hat sich a Paradachl mitbracht«, klang aus dem Gelächter eine Stimme her aus, »daß ihm kein Fünkerl aufs Hirnkastl fallt!« »Freilich, ja«, ergänzte ein zweiter, »die verliebte Christenheit hat Stroh im Schober! Dös fangt leicht!« Ein spottendes Wort gebar das andre, und so ging ein Platzregen von Hänseleien über den Hanspeter nieder, der wie versteinert stand. Nur seine Augen schienen Leben zu haben. Aus dem Schatten, den das Sitzbrett des Stuhles über sein Gesicht warf, brannte ein Blick heraus, entsetzt, verstört, wie der Blick eines Tieres, dem die Feuerhelle den zahmen Sinn verwirrte. Einer, der diesen Blick sah, rief mit Lachen: »Paßts auf, gleich fangt er zum predigen an, er macht schon die heiligen Äugerln her!« Dem Hanspeter schienen, wie alle Glieder, auch die Lippen versteinert. Er starrte nur immer die Leute an, starrte in die züngelnden Pechflammen, die halb schon erlöschen wollten, und starrte in den rot erleuchteten Dampf, der immer dünner qualmte und an der kleinen Hütte schon den First und das Gesims der Haustür sehen ließ. »Buben! Wacholder her! Und Daxen!« hörte man den Staudamer-Mickei schreien. »Der Rauch laßt aus.« Ein paar von den Burschen rannten zur nächsten Fichtenhecke und rissen die Zweige nieder. »Die halten aber ebbes aus, die zwei im Haus da drin!« klang es lachend aus dem Gedräng. »Oder sie haben verstöpselte Nasen.« »Aussi müssen s'!« kreischte der Staudamer-Knecht. »Wart, ich mach a Luckerl in d' Haustür, daß der Rauch besser eini kann.« Ein Haufen Fichtenzweige wurde über die versinkenden Pechflammen geworfen, und während der johlende Chorus aufs neue begann, »Zwei mal zwei macht sechs, sechs, sechs, So viel macht's bei der Hex, Hex, Hex!« und während aus dem neu entstehenden Rauch die glühenden Fichtennadeln mit Geknister aufspritzten und davonflogen, begann der Staudamer-Mickei mit einer langen Stange gegen die Haustür loszurennen, bis die Bretter krachten. Da wurde der steinerne Peter Johannes Zdazilek lebendig. Wie Stiergebrüll, so brach ihm die Stimme aus der Kehle. »Dir lies ich ebbes für! Wart, du! Dir lies ich ebbes für!« Er sprang dem Feuer zu und schwang den schweren Bauernstuhl der Jungfer Kathrin. »Lus auf, du! Sellig sünt thie Ahrmen üm Kaißte.« Der Sessel zuckte durch die Luft. »Then irren üst thas Hümbelraich.« Mit zerschmettertem Schädel, lautlos, stürzte der Staudamer-Knecht über die glühenden Fichtenzweige. Die zunächst gestanden, waren starr und sprachlos. Nur ein einziger Schrei der Angst. Ihn erstickte das Gelächter der anderen, die entfernter standen und nicht wußten, was geschehen war. Sie sahen nichts in dem Gewirbel von Rauch, hörten nur die keuchende Stimme: »Sellig sünt die Sampftmittigen.« Und da kreischte mit Lachen ein Mädel: »Lusts auf! Der Ratzenspeckl predigt. Heiliger Liebeinand, erlöse uns!« Der Sessel fiel, und ein Bursch, der Fichtenzweige ins Feuer geworfen, kollerte über die Erde hin – ein Erlöster. Ersticktes Geschrei, ein wirres Flüchten, und noch immer hörte man Gelächter. Hanspeter schwang den Stuhl und predigte mit seiner verwandelten Stimme: »Sellig sünt thie Trauernten.« Ein paar Mutige sprangen auf ihn zu und klammerten sich an seinen Leib, an seine Arme. Wie ein Bär die Hunde, schüttelte er sie ab und keuchte: »Sellig, thie nach Gerächtiggaid hungern unt thirsten.« Der Sessel fiel. »Sü sohlen gesättigt wärden!« Mit entzweigeschlagener Schulter taumelte ein Bursch zu Boden und schrie in seinem Schmerz. Da war das letzte Lachen erloschen. Wirres Angstgezeter, sinnloses Davonrennen. Einer warf den anderen über den Haufen, alle Hecken durchbrachen sie und drückten die Bretterplanken nieder. Dazu ein Geschrei, als hätte hinter den Flüchtenden die Erde sich aufgetan und einen Teufel ausgespien, einen wirklichen. Beim Schein des Feuers, das sich seltsam zu erhellen begann, stand Hanspeter einsam inmitten des Hofes und schwang den Sessel. »Sellig thie Barmhärtzigen.« Er schlug in die Luft, als hätte die Raserei, die ihn befallen, den sehenden Blick seiner Augen erstickt. Das Geschrei der Fliehenden schien plötzlich stillzustehen, wurde anders und näherte sich wieder. In kreischendem Haufen kam's die Straße einher, gaukelnde Prügel sah man, und sah in der wachsenden Helle ein Gefunkel wie von messingbeschlagenen Helmen und blanken Säbeln. Hanspeter, der bei dem Streich ins Leere halb zu Boden getaumelt war, hatte sich aufgerichtet und schwang den Sessel wieder. Seine brennenden Augen suchten. Da sah er noch einen stehen, groß und schwarz. »Sellig, thie rainen Härtzens sünt.« Er schlug. Der Schwarze stand noch immer aufrecht. Doch am Sessel war die Lehne in Stücke geborsten. »Sellig thie Frittfertigen.« Er schlug. Und das plumpe Sitzbrett ging in Scherben, die armsdicken Sesselbeine zersplitterten in seinen Fäusten. »Nieder mußt!« keuchte Hanspeter, dem der Schaum vor den Lippen stand, und griff mit den Fäusten zu. Was sie würgten, war kein lebender Hals, sondern hartes und totes Holz: die plumpe Säule des niedergedrückten Bretterzaunes. Da schien er aus seinem rasenden Irrsinn zu erwachen und ließ die Arme fallen. Er starrte die Menschen an, die schreiend und doch mit Vorsicht gegen ihn anrückten, und stierte dem Waldhofer ins Gesicht, der entsetzt die Hände ineinanderschlug: »Peterl! Mensch! Was bist denn du für einer!« Hanspeter schien nicht zu begreifen, was die beiden Gendarmen von ihm wollten, die ihn bei den Armen faßten und etwas Kaltes um seine Handgelenke wickelten. Er starrte umher und sah drei Stumme liegen und einen Stöhnenden, den jammernde Leute von der Erde hoben. Und hinter dem versinkenden Qualm, den die grünen Fichtenzweige machten, sah er am Häuschen der Altenöderin die Haustür in roter Glut und das Schindeldach in Flammen. »Ilsabeth!« schrie er auf, wie ein Erwachender. Eine zuckende Bewegung seiner Arme, und die eiserne Kette an seinen Handgelenken sprang mit zerrissenen Gliedern auseinander. Wüstes Geschrei erhob sich. Einer der beiden Gendarmen war auf die Seite getaumelt, der andere schlug mit dem blanken Säbel zu; doch der bretterdicke Loden von Hanspeters Joppe hielt aus wie ein stahlgeflochtener Panzer. Und zu einem zweiten Säbelstreich blieb keine Zeit mehr. Hanspeter war schon gegen das brennende Haus gesprungen. Unter dem Schlag seiner Fäuste krachte die glostende Haustür entzwei. Im Gewirbel des Rauches verschwand er. »Ilsabeth! Nannimai!« hörte man ihn schreien. Zerschlagene Scheinen klirrten, und an einem Fenster flogen die Läden auf. »Ilsabeth! Nannimai!« klang es dumpfer, als wär's in einer anderen Stube. Wieder hörte man das Klirren zerschmetterten Glases. »Ilsabeth! Nannimai!« Dann war's unter dem brennenden Dach eine Weile still. Im raucherfüllten Hausflur sahen sie den Hanspeter wieder auftauchen. Hustend trat er über die Schwelle heraus, ganz langsam, den Rücken gekrümmt, mit baumelnden Fäusten. Das wirre Geschrei, das ihm entgegenscholl, machte ihn aufblicken. Ruhig sah er die kreischenden Menschen an, nickte zufrieden vor sich hin und lachte, so daß die Leute meinten, er hätte sein letztes Fünklein Verstand verloren. Brave Menschen erschlagen und lachen dazu, das kann doch keiner, der bei Vernunft ist. Die blanken Säbel zum Stich erhoben, traten die beiden Gendarmen auf ihn zu. Der Führer sagte mit etwas unsicherer Stimme: »Peter Johannes Z –« das brachte er nicht gleich heraus, »Zidazilek – im Namen des Gesetzes, ergeben Sie sich der Staatsgewalt!« Gutwillig bot ihnen Hanspeter die Hände hin. »Ah ja! Der Parigraffi. Ja ja, versteh schon. Hat er halt wieder a bißl Plag mit mir, der Herr Adnotti! Gelt?« Sie merkten gleich: das ist ein Mensch, der sich nimmer wehrt. Da brauchten sie auch keine eiserne Kette mehr. Am Joppenärmel ließ er sich davonführen. Jetzt wollte der lärmende Schwarm mit Geschrei über ihn herfallen wie Dohlen über ein halb verendetes Wild, das sich nimmer rühren kann. Die Gendarmen hatten Arbeit, um ihren Häftling gegen die ›kochende Volkswut‹ zu schützen. Einer von den Burschen, ein halbmannshoher Knirps, der dem Gendarm unterm Ellbogen durchschlüpfte, kreischte mit schrillem Tenor: »Du Mörder, du!« Dabei hob er sich auf die Fußspitzen und schlug den Peter Johannes Zdazilek auf die Wange. Hanspeter empfing den Schlag und lächelte. Aber ein anderer geriet in schäumende Wut. Der Waldhofer. Der faßte den Burschen am Kragen, schleuderte ihn zurück und schrie: »Malefizbuben, gottverdammte! Schlagts enk selber ins Gsicht, und 's richtige Fleckl kunnt troffen sein!« Man führte den buckligen Apostel davon, der von einem Hustenkrampf befallen wurde, als hätte er noch immer den Rauch in der Kehle. Ein paar Blutstropfen, mit Schaum gemischt, rannen ihm übers Kinn hinunter. Der schreiende Haufe drängte sich hinter den Gendarmen her. Und keiner kümmerte sich um das Feuer, das wie ein bedächtiger Esser das alte, halbverfaulte Dach der kleinen Hütte langsam verzehrte. Plötzlich übertönte eine gellende Weiberstimme den wirren Spektakel: »Jesus Maria! Unser Hausdach brennt!« Ein Funke des unbehüteten ›Hexenfuierls‹ hatte gezündet, wo er Respekt hätte haben sollen vor dem Eigentum eines guten Christen. Nun rannten sie in bleichem Schreck und suchten mit den Stangen, an deren Enden die nassen Lumpen hingen, das Feuer auf dem Schindeldach des Nachbarhauses zu ersticken. Sie wurden der wachsenden Flamme nicht mehr Herr. *           * * Am Pfarrhof war die Haustür gesperrt, an allen Fenstern waren die neuen Läden geschlossen. Jungfer Kathrin war durch Erfahrung klug geworden. Als Roman seine Lisbeth und die Altenöderin zu Herrn Felician gebracht und als draußen das Spektakulieren begonnen hatte, war Kathrin nicht mehr auf den Einfall gekommen, ihrem hochwürdigen Herrn Überlegung und Vorsicht zu predigen; zitternd vor Angst um das Wohl ihres Pfarrhofes hatte sie sich aus der Stube gedrückt und hatte an der Haustür den Schlüssel umgedreht, war durch alle Räume gelaufen und hatte die neuen, festen Fensterläden zugezogen, wie man 's im Hochsommer zu machen pflegt, wenn eine gelbliche Hagelwolke am Himmel hängt. So stand der Pfarrhof sicher in allen Lärm und Greuel dieser Nacht. Kaum, daß man ab und zu ein paar verschwommene Laute des fernen Spektakels hörte. Und wenn die Altenöderin aus ihrem glücklichen Staunen erwachte und Zeit zu einem sorgenden Gedanken fand, streichelte Herr Felician ihr beruhigend die Hand: »Tuts Euch net aufregen, Mutterl! Morgen is alles vorbei.« Ein andermal sagte er: »Sollen die Buben heut nacht ihr dalkete Gaudi treiben! Morgen in der Osterpredigt nimm ich die Lackln ghörig bei die Ohrwascheln.« Dann tat er einen langen Zug aus seiner Studentenpfeife und betrachtete mit zufriedenem Schmunzeln das junge Paar, das im Schein der Lampe auf dem Sofa saß: Roman ruhig und seines Glückes sicher, Lisbeth ganz verträumt, immer ein bißchen zitternd, als hätte sie den gläubigen Mut des Glückes noch nicht gefunden. Wenn sie plötzlich die Hand des Geliebten krampfhaft umklammerte, so geschah das nicht aus Sorge oder Sehnsucht, nur dem Gleichgewicht zuliebe, das sie nicht verlieren wollte. Sie saß auf der Kante, hinter der das Sofa seine tiefe Grube hatte. Und Jungfer Kathrin schien an das Kissen nicht denken zu wollen, mit dem sie für ihren geistlichen Herrn die Sofagrube fürsorglich zu füllen pflegte. In dem Schweigen, das eingetreten war, blies Herr Felician bläuliche Ringelchen in die Luft, so kunstvoll, daß immer das jüngste Ringlein mitten durch das ältere wirbelte. Und als er den eingesogenen Rauch verblasen hatte, strich er mit der Pfeifenspitze über die Lippen, als hätte er einen Schnurrbart beiseitezustreichen, den er nicht besaß. »Mich freut euer Glück. Das kannst du mir glauben, Roman! Aaaber? Was wird der Waldhofer sagen?« Roman versuchte zu lächeln. Er sah seiner Lisbeth in die Augen und drückte ihr die Hand. »Wann der Vater d' Ilsabeth kennt amal, wird alles gut. Da hab ich mei' Zuversicht drauf.« Ein Wort des buckligen Apostels! Jetzt, in dieser Stunde! Jedes in der Stube schien sich was dabei zu denken. Ein Weilchen war Stille, jenes Schweigen, von dem das Sprichwort zu sagen pflegt: jetzt geht ein Engel durch die Wände. Roman tat einen tiefen Atemzug. »Über alls bin ich mit'm Vater noch net auf gleich. Aber ich mein' halt –« »Roman«, fiel die Altenöderin ein, »mein Blut tät ich hergeben, kunnt ich meim Madl sein Glück dermit ins Wachsen bringen. Aber dein Vater muß einverstanden sein. Unfried stiften zwischen dir und deim Vatern –« »Sei stad, Mutterl!« Herr Felician hielt der Altenöderin das Pfeifenrohr quer vor den Mund. »Und laß den Roman reden! Der muß heiraten, net der Waldhofer. Was hast gmeint?« »Ich mein', daß man's dem Vater net verübeln kann, wann er sich a bißl spreizt. Verliebt is er net. Da hat er kein' Zwangsgrund. Und wie halt d' Leut amal drin sind in der Narretei, hat er Angst vor die großen Mäuler. Aber mit der Zeit kommt alls auf gleich.« Romans Augen hingen hilfesuchend an Herrn Felician. »Sie, Herr Pfarr, kunnten viel ausrichten. Beim Vater und bei die Leut. Und allweil mein' ich, es wär am besten, wann uns der Herr Pfarr gleich morgen schon 's erstmal verkünden tät. Da weiß der Vater, wie er dran is. Und d' Leut? Wann s' erfahren, daß sich der Waldhofer -Roman nix Bessers weiß, wie d' Ilsabeth? Da schlagt eh schon d' Halbscheid um und redt wieder anders. A bißl ebbes hat man schon davon, daß man der Sohn vom Burgermeister is.« Herr Felician lachte, als begänne ihm Romans Beweisführung einzuleuchten. »Soooo? Und da müßt ich ja gleich heut in der Nacht noch 's Brautexamen halten?« »Ja, Herr Pfarr!« Wie flink diese Antwort kam! »Und mich brauchen S' nimmer fragen, ich kann mein' Katechism, dös wissen S'!« »Aaah, freilich! Und ob ich's weiß! In Gottes Namen, auf den Pontius Pilatus kommt's mir net an. Aber du , Lisbetherl?« Mit beiden Armen legte sich Herr Felician über den Tisch und sah dem Mädel in die Augen. »Wie schaut's denn mit deinem Katechismus aus? Hast ihn gern, den Roman?« Kein Wort. Hätte Lisbeth ein ganzes Buch geredet, sie hätte nicht mehr sagen können, als mit diesem stillen Aufatmen ihres Herzens. »Brav!« nickte Herr Felician. » Gut kannst du deinen Katechismus. Einen besseren kannst du mir nimmer aufsagen. Und so muß ich halt –« Da ließ sich aus dem Ofenwinkel ein erregtes Räuspern hören. Jungfer Kathrin hatte sich erhoben und verließ die Stube. Es war wie eine Flucht. Ein Weilchen sah Herr Felician die Tür an, welche die Köchin mit auffälliger Energie hinter sich geschlossen hatte. Dann erhob er sich und stellte die Pfeife in den Sofawinkel. »Tuts a bißl warten, ich komm gleich wieder.« Er trat in den Flur hinaus. »Kathrin? Was treibst du denn schon wieder?« »Hab ich denn ebbes gsagt?« erwiderte die Köchin gereizt. »Aber weil S' schon selber davon anfangen, ich bin aus der Stuben aussi, weil ich's nimmer mit ansehen hab können, wie der hochwürdige Herr Pfarr unsern Katechism verunglimpfte.« »Waaas?« »Als ob S' net wüßten, was für strenge Fürschriften 's Ordinariat erlassen hat, und wie gnau man's beim Brautexami mit'm Katechismus nehmen muß.« »Soooo? Jetzt auf amal is dir der Katechismus heilig? Geh, Kathrin, sei z'frieden! Jetzt kriegst ja deine Hochzeit im Waldhof.« »Für die wird der Waldhofer viel spendieren!« Herr Felician schien zu wachsen. »Ein schöner Frieden, den wir heut zur Feier der heiligen Auferstehung geschlossen haben!« Er sprach das reinste Hochdeutsch. »Aber jetzt will ich dir etwas sagen, Katharina! Ich stelle mich dahin, wo ich das Gute und Rechte sehe. Stell du dich meinetwegen mit deinem Magen auf die andere Seite! Und damit du gleich alles weißt: bis der Roman heiratet, bleiben die Altenöderin und ihr braves Mädel bei mir im Pfarrhof. Paßt dir das nicht, meine gute Katharina, dann muß ich mich eben auf meine alten Tage nach einer neuen Wirtschafterin umsehen, die meine Gäste besser respektiert als du!« Während Kathrin sprachlos stand mit kreidebleich gespitzter Nase, wurde an der Haustür die Glocke gezogen. »Wer ist draußen?« fragte der Pfarrer. »Ich bin's. Machen S' auf!« Ganz gemütlich klang das, als nähme der späte Gast da draußen eine Prise, während er sprach. »Machen S' a bißl auf, ich muß Ihnen was sagen.« Herr Felician hatte die Stimme des Gemeindedieners erkannt, wollte die Haustür öffnen und fand sie versperrt. Er drehte den Schlüssel um. Als er ins Freie trat, hörte er das ferne Geschrei und sah die Feuerröte. »Brave Buben! Liebe Leut! Nett treiben sie's in der heiligen Osternacht!« Seine Stimme zitterte, und er schloß hinter sich die Haustür, als hätte er Sorge, daß von dem Geschrei ein Laut in die Stube dringen könnte. »Guten Abend, Herr Pfarr!« sagte der Gemeindediener in aller Ruhe. »Zum Hanspeter sollen S' kommen, mit der letzten Mahlzeit!« »Jesus Maria! Zu wem?« »Zum Ratzenspeckerl.« »Is denn der Hanspeter wieder krank?« »Jetzt ich sag, es tut ihm nix. So a bißl Nasenbluten. Und so a Lackl Mensch. Der derwartet's schon, bis er auszahlt wird für die heutige Nacht. Aber der Schandarm! Natürlich, so einer will allweil der Gscheider sein. Der Schandarm hat gmeint, der Ratzenspeckerl macht's nimmer lang. Und hat mich zu Ihnen gschickt. Ah freilich, so einer braucht noch an christlichen Trost! Hat allweil d' Lieb predigt. Und heut in der Nacht, ich dank schön! Kommen S' halt, Herr Pfarr! Der Schandarm hat gmeint, es tät a bißl pressieren.« Erschrocken starrte Herr Felician dem ruhigen Philosophen in das dunkle Gesicht. »Schandarm? Schandarm?« Er schien den Zusammenhang dieses Wortes mit dem kranken Hanspeter nicht zu begreifen. »No ja, bracht haben s' ihn halt. Und bei mir drüben liegt er im Grillenhäusl. Weil's der Schandarm schon haben will, kommen S' halt, Herr Pfarr! Den Mesmer hab ich schon verständigt. Der is schon in der Kirch.« »Ach du lieber Herrgott!« stammelte Herr Felician. »Was muß denn da geschehen sein?« Ohne auf Antwort zu warten, in den Hausschuhen und barhäuptig, eilte er zur Kirche hinüber. In der Sakristei war Licht. Und der Mesner hatte schon alles hergerichtet. »Gelten S', Hochwürden? A liebs Nachterl!« Er schürzte das weiße Chorhemd, um Herrn Felician für den christlichen Trostgang zu bekleiden. Im gleichen Augenblick begann eine tiefe Glocke zu dröhnen. Dreizehn hastige Schläge. Das Feuerzeichen. »Mesmer? Brennt's denn?« »Ebbes Saubers haben s' angstift, die Buben, ja! Zwei Häuser haben gfangt.« Von der Straße hörte man das Gerassel einer vorüberjagenden Feuerspritze. Und in das tiefe Dröhnen der Brandglocke mischte sich ein dünnes, hastiges Gebimmel. Die Stimme des Zügenglöckleins. Herr Felician konnte nicht mehr fragen. Der Mesner, während sein Weib und seine Tochter die beiden Glocken zogen, sagte ihm alles: was in der Kirche bei der Auferstehungsfeier geschehen war, wie es die ›Loder‹ getrieben, und daß der Hanspeter in seinem Zorn drei von ihnen kaltgemacht und einen zum Krüppel geschlagen hatte. Als wären ihm vor Grauen alle Sinne erloschen, so stumm blieb Herr Felician. Und mechanisch, mit zitternden Händen, nahm er den Mahlkelch der Sterbenden aus dem Tabernakel. Schweigend eilten die beiden durch die rote Nacht. Immer wieder begegneten ihnen Leute; doch keiner hörte auf das Klingelzeichen des Mesners, keiner bekreuzte sich und kniete nieder, alle rannten schreiend zur Brandstätte, jeder hatte Angst vor den fliegenden Funken und bangte um sein eigenes Dach. Vor dem Kotter – im Gemeindehaus ein Mauerloch zu ebener Erde – saß ein Gendarm auf der Schwelle. Und die Tür stand offen. Man hatte sie nicht versperren können, denn der letzte Gast des Kotters, ein fremder Vagabund, hatte das Türschloß abgeschraubt und als Andenken mitgenommen. Die Tür zu schließen, wäre auch überflüssige Vorsicht gewesen; heute barg der Kotter einen, der nicht mehr ans Davonlaufen dachte. »Lang macht er's nimmer«, sagte der Gendarm, »der Messerstich, den er selbigsmal ins Lüngerl kriegt hat, muß wieder aufbrochen sein. Allweil kommt ihm 's Blut.« Ob der Doktor bei ihm wäre? Nein. Den zu holen, daran hatte niemand gedacht. Der hätte wohl auch keine Zeit jetzt für den Ratzenspeckl, meinte der Gendarm, sein Versäumnis entschuldigend. Der mußte jetzt dem Sohn des reichen Bachbauern die zerschmetterte Schulter flicken, so gut es noch ging. Dem Pfarrer schienen die Knie schwach zu werden, als er in den Kotter trat. Auf dem Boden stand eine Laterne. Ihr Lichtschein machte die feuchten Wände glitzern und warf von Hanspeters Kopf einen großen, finsteren Schatten auf die Mauer, gleich dem ungeheuerlichen Haupt eines Riesen, der das Gesicht zu drolligen Grimassen verzog. Diese Beweglichkeit des Schattens kam nur vom Geflacker der Kerzenflamme. Hanspeter, mit dem Arm ein wenig aufgestützt, lag ruhig auf der Stangenpritsche. An seinem Kinn, an seinem Hals und auf der Brust war etwas Schwarzes; als der Gendarm mit der Laterne näher leuchtete, war es rot. »Peter Johannes –« stammelte Herr Felician. Der dritte Name schien ihm nicht über die Lippen zu wollen. Kaum merklich bewegte sich Hanspeter. Das Gesicht war schon zerfallen und kalkig, in den Augen schon das Erlöschen. Langsam ließ er den brechenden Blick an Herrn Felician hinaufgleiten. Ein wenig lächelte er: »So so? Der gute Herr Pfarr! Ah ja, versteh schon.« Mit murmelnder Stimme begann der Mesner zu beten, während Herr Felician das Mäntelchen vom Kelche nahm. So erschüttert war der alte Herr, daß er kaum zu sprechen vermochte. »Peter Johannes!« Er beugte sich über den Sterbenden. »Was du tatest in deinem Zorn, das war die einzige Sünde deines Lebens. Sag mir, daß du sie bereust!« Hanspeter schüttelte ruhig das ›driedoppelte Köpfl‹. Herr Felician, dem das Wasser in den Augen flimmerte, hatte wohl nicht recht gesehen und mochte glauben, daß Hanspeter genickt hätte. Hastig sprach er die Worte der Absolution und wollte dem Sterbenden die heilige Zehrung reichen. Da klangen angstvolle Stimmen vor dem Kotter draußen, jagende Schritte kamen näher. Und als der Gendarm mit erhobener Laterne zur Türe ging, fiel der helle Kerzenschein auf Roman und Lisbeth. »Hanspeter!« stammelte das Mädchen und streckte die Arme. Der Anblick seines Blutes machte sie schauern. Zitternd vergrub sie das Gesicht an Romans Brust, der sie tröstete: »Geh, Schatzl mein liebs, sei stark! Geh, schau, a bißl stark mußt sein!« Langsam richtete Hanspeter sich von der Pritsche auf. Als stünde ein Wunder vor ihm, so staunte sein Blick. Wie neu erwachendes Leben glomm es in seinen Augen. Tief grub sich ein Zug des Schmerzes in seine kalkigen Züge und löste sich wieder und wurde ein Lächeln. »Ah ja, versteh schon. Und dir, Mandi, ghört allweil 's Best. Und d' Lieb is da – d' Lieb is aussikommen – und ich hab's gstrichen.« Seine Stimme wurde Blut. Er fiel zurück, und schwer glitt seine Faust am Pfarrer hinunter bis auf den Boden. Das klang auf den Fliesen wie ein dumpfer Hammerschlag. »Hanspeter!« Herr Felician schrie es dem Sterbenden ins Ohr: »In dir ist heilige Reu. Gott wird sich versöhnen mit dir, dein Gott, der die Liebe ist.« Er gab ihm die heilige Zehrung zwischen die Lippen. Hanspeter schluckte – den letzten Trost zusammen mit seinem Blut. Noch einmal schlug er die Augen auf. Dann streckten sich die drei Zentner in die Länge. Und sein Tod war ein Lächeln. Die Altenöderin kam, verstört, völlig erschöpft, und hinter ihr der Gemeindediener, der eine Prise nahm und noch immer gemütlich erzählte, ganz Philosoph. Lisbeth war neben dem lächelnden Peter Johannes auf die Knie gefallen. Und Roman hob die erkaltende Faust des Hanspeter von den Steinen auf. »Vergeltsgott, Peterl! Für alls!« Mutter Nannimai blieb stumm. Sie strich nur mit der Hand dem Toten über die Stirn – wie einem Kinde, das schlafen soll. Als der Mesner klingelte und der Hochwürdige den Kotter verließ, begannen die anderen zu beten. Draußen der dröhnende Hall der Feuerglocke, und zwischen den dreizehn Schlägen immer das dünne Gebimmel. Herr Felician trug den Mahlkelch der Sterbenden in die Kirche zurück. Dann kam er wieder. Der Gendarm war fortgegangen. Und während die drei betenden Stimmen aus dem Kotter klangen, rauchte der Gemeindediener unter dem roten Nachthimmel sein Pfeife. Er hätte gern mit dem Hochwürdigen einen gemütlichen Plausch begonnen. Doch Herr Felician hörte nicht. Auf der Schwelle hatte er sich an den Pfosten der Tür gelehnt und betrachtete den vom Lichtschein der Laterne umzitterten Schläfer, der still und lächelnd auf den Stangen lag: ein Mensch wie ein Berg, ein ungeheuerlicher Einfall der Natur, zu dem das Leben den Kopf geschüttelt hatte. Herr Felician dachte zurück an jenen Morgen, an dem er das nackte, wimmernde Kind neben der toten Mutter auf den Stufen des Liebfrauenaltars gefunden hatte. Roheit und Aberglaube der Menschen waren die Lebenswecker dieses Kindes, Aberglaube und Roheit seine Totengräber. Ein hilfloses Kind der Liebe hatte sich ausgewachsen zu einem Berserker des Zornes. Sonst hatte sich nichts geändert in dieser ganzen, langen Zeit. Mit diesem Gedanken zog Herr Felician die Rechnung seiner Lebensarbeit. Er sah den Toten an und sah hinaus in den wachsenden Feuerschein, er hörte den Schmerz der betenden Stimmen und hörte das Dröhnen der Feuerglocke. Ein schwerer Seufzer quälte seine Brust. Dann legte er dem jungen Waldhofer die Hand auf die Schulter und sagte müd: »Dreißig Jahr lang, Roman! Dreißig Jahr lang hab ich predigt, einen Feiertag um den andern. Dreißig Jahr lang hab ich mich plagt mit die Leut. Und jetzt schau her! Soviel hab ich ausgerichtet.« »Hochwürden! Lieber Herr Pfarr!« stammelte Roman erschrocken. Weiter wußte er nichts zu sagen. Dann fiel ihm plötzlich etwas ein. »Herr Pfarr! Amal, da hat mir der Hanspeter gsagt: › Schau, Mandi‹, hat er gsagt, ›a Bauer, der baut sein' Acker, und da kommt a Wolkenbruch und schlagt ihm alles zamm, und reißt den besten Boden davon und d' Saat und alles! Muß er halt wieder bauen, a bißl ebbes wachst noch allweil, ja!‹ So hat er gsagt, der Hanspeter.« Herr Felician hob das Gesicht und sah in das rötliche Zwielicht des Kotters. Der Philosoph mit dem qualmenden Pfeifl kam näher und lachte gemütlich. »Tun S' Ihnen 's Leberl net beschweren, Herr Pfarr! Lassen S' Fünfe grad sein! Da kommt einer am besten durch. D' Welt, sag ich halt, is wie mein Pfeifl. Alls wird nachanander hergraucht, die guten Blattln wie die schlechten. Gibt alls den gleichen Rauch. Bloß schmeckt er a bißl anders.« Herr Felician nickte. Aber das war nicht die Antwort auf die Philosophie der Tabakspfeife. Der Pfarrer hatte diese Weisheit gar nicht gehört, hatte nur immer auf den stillen Schläfer hingesehen. Jetzt nahm er den jungen Waldhofer bei der Hand. »Schau den Hanspeter an, Roman! Still liegt er da, und kalt. Und noch allweil tut er predigen.« Da kam die Jungfer Kathrin gelaufen, atemlos, mit einem großen Pack auf den Armen. Aus Sorge, daß sich der Hochwürdige verkühlen könnte in dieser bösen Nacht, hatte sie alles für ihn herbeigeschleppt: seine schweren Stiefel, seinen Hut, einen wollenen Schlips und einen Mantel. »Nur die Stiefel brauch ich«, sagte Herr Felician, »das ander kannst wieder heimtragen!« Er schleuderte den Hausschuh vom rechten Fuß und fuhr in die schwarze Röhre. »Komm, Roman! Es brennt. Arme Leut in Not, tät der Hanspeter sagen. Da müssen wir löschen helfen.« Hastig schlüpfte er in den zweiten Stiefel. Und als er auf den festen Sohlen stand, schien er auch das Gleichgewicht seiner Seele wieder gefunden zu haben. »Komm, Bub! Und die andern! Alle müßts mit! Und beim Wassertragen fallt mir schon 's richtige Wörtl ein für meine Osterpredigt morgen.« Er fing zu laufen an. Roman und Lisbeth hinter ihm her. Hand in Hand. Dann die Jungfer Kathrin, mit dem Pack der überflüssigen Kleidungsstücke, immer wimmernd: »Herr Pfarr, Sie verkühlen Ihnen! Jesus Maria, den Mantel nehmen S' um! Herr Pfarr, Sie kriegen den Rheumatisi!« Und weil Herr Felician nicht hören wollte, schalt die Köchin in Zorn und Tränen: »Da gib ich's auf! Der wird seiner Lebtag nimmer gscheid.« Die Altenöderin war bei dem lächelnden Peter Johannes zurückgeblieben. Ihm zu Füßen saß sie auf der Stangenpritsche. Ihre Hände hielt sie im Schoß gefaltet; sie betete nicht, sah nur immer sein ruhiges Lächeln an, als möchte sie das lernen von ihm – für den einsamen Rest ihres Lebens. In der Laterne war die Kerze niedergebrannt, und zuckend erlosch das bläuliche Flämmchen. Nun warf die rote Nacht ihren Schein in die Finsternis des Kotters. Und manchmal flogen ein paar kleine Funken an der Tür vorüber. Die kamen nicht von der fernen Brandstätte. Es waren Funken aus der Pfeifenglut des schmauchenden Philosophen, der die anderen löschen ließ und unter der eigenen Nase das wärmende ›Fuierl‹ schön gemütlich in Brand erhielt.