Henry Fielding Die Geschichte des Tom Jones eines Findlings. Dritter Theil. 1 Achtes Buch. Umfaßt gegen zwei Tage. Erstes Kapitel. Ein wunderbar langes Kapitel über das Wunderbare, das längste von allen unsern einleitenden Kapiteln. Da wir jetzt an ein Buch gelangen, in welchem der Gang unserer Geschichte uns nöthigen wird, seltsamere und überraschendere Dinge zu erzählen, als bis jetzt vorgekommen sind, so dürfte es nicht ungeeignet sein, in dem einleitenden Kapitel etwas über sogenannte Wunderschriften zu sagen. Wir werden versuchen, zu unserm und Anderer Besten dieser Wunderbeschreibung bestimmte Grenzen zu setzen. Es ist dies auch gar sehr nöthig, da der Kritiker oder vielmehr verständige Leute überhaupt über diesen Punkt in sehr verschiedene Extreme zu verfallen pflegen; denn während einige mit Dacier bereitwillig zugeben, das Unmögliche könne gleichwohl wahrscheinlich sein, besitzen andre so geringen historischen oder poetischen Glauben, daß sie alles das weder für möglich noch für wahrscheinlich halten, was ihnen selbst noch nicht vorgekommen ist. 2 Erstens also, meine ich, darf man wohl mit Recht von jedem Schriftsteller verlangen, daß er sich in den Grenzen der Möglichkeit halte und nie vergesse, wie der Mensch unmöglich das für geschehen halten kann was unmöglich geschehen kann. Diese Ueberzeugung gab vielleicht Veranlassung zu manchen Geschichten von den alten heidnischen Göttern (denn die meisten derselben sind dichterischen Ursprungs). Der Dichter, der seiner ausschweifenden Phantasie freies Spiel zu lassen wünschte, nahm seine Zuflucht zu der Macht, deren Ausdehnung seine Leser nicht beurtheilen konnten oder die sie vielmehr für unbeschränkt hielten; deswegen konnten sie durch kein Wunder überrascht werden, das von derselben erzählt wurde. Dies ist zur Vertheidigung der Wunder Homer's angeführt worden und es ist vielleicht wirklich eine Vertheidigung, ich wollte aber, Homer hätte die von Horaz vorgeschriebene Regel gekannt, übernatürliche Kräfte so selten als möglich einzuführen. Seine Götter würden dann nicht unbedeutender Dinge wegen erschienen sein, noch sich auf eine Weise benommen haben, durch welche sie sich nicht blos jeden Anspruchs auf Ehrfurcht verlustig machten, sondern sogar ein Gegenstand der Verachtung und Verspottung wurden und die sich nur durch die Annahme rechtfertigen läßt, zu der ich mich selbst bisweilen hingezogen gefühlt habe, nämlich daß dieser herrlichste Dichter, der er sicherlich ist, die Absicht gehabt habe, den Aberglauben seiner Zeit und seines Vaterlandes lächerlich zu machen. Doch ich halte mich so lange bei einer Lehre auf, die einem christlichen Schriftsteller von keinem Nutzen sein kann, denn da er in seine Werke die himmlischen Heerscharen nicht aufnehmen darf, die zu seinem Glauben gehören, so ist es höchst kindisch, in der heidnischen Theologie nach jenen Gottheiten zu suchen, die lange schon ihre Unsterblichkeit 3 verloren haben. Lord Shaftesbury bemerkt, es sei nichts so kalt als die Anrufung der Muse durch einen neuen Dichter; er hätte hinzusetzen können, nichts sei alberner. Ein neuer Dichter könnte eben so wohl eine Ballade anrufen oder einen Krug Bier, welches letztere sicherlich zu weit mehr Versen und Prosa begeistert hat als alles Wasser der Hippocrene. Die einzigen übernatürlichen Mächte, die uns Neuern in irgend einer Art gestattet werden können, sind Geister, doch möchte ich jedem Schriftsteller rathen, dieselben nur äußerst sparsam und selten anzuwenden. Sie sind wie Arsenik oder andere gefährliche Stoffe in der Medizin; sie dürfen nur mit der größten Vorsicht gebraucht werden. Auch rathe ich die Anwendung von Geistern in allen den Werken oder bei allen den Schriftstellern ab, welchen ein lautes Lachen nachtheilig sein kann. Elfen und Feen und dergleichen Mummenschanz erwähne ich absichtlich nicht, da ich jene überraschenden Phantasien durchaus nicht beschränken möchte, für welche die Grenzen der menschlichen Natur zu eng sind, deren Werke für eine neue Schöpfung gehalten werden sollen und die folglich ein Recht haben, in ihrer eignen Schöpfung nach Gutdünken zu verfahren. Der Mensch also ist der höchste Gegenstand (außer in sehr außergewöhnlichen Fällen), der sich der Feder unseres Geschichtsschreibers oder unsers Dichters darbietet und bei der Erzählung seiner Handlungen muß man sich sehr sorgfältig hüten, über die Fähigkeit der Macht, die man schildert, hinauszugehen. Auch rechtfertiget die Möglichkeit allein uns noch nicht; wir müssen uns auch in den Regeln der Wahrscheinlichkeit halten. Es ist, denke ich, die Meinung des Aristoteles, oder, sollte dies nicht sein, die Ansicht irgend eines weisen 4 Mannes, dessen Autorität von eben so großem Gewicht sein wird, wenn sie eben so alt ist, »es sei keine Entschuldigung für den Dichter, der etwas Unglaubliches erzählt, daß das Erzählte wirklich geschehen.« Dies kann man in Bezug auf die Poesie wohl gelten lassen, sicherlich darf man es aber nicht auf den Geschichtschreiber ausdehnen, denn dieser muß die Dinge berichten, wie er sie findet, wenn sie auch so außerordentlich sind, daß ein nicht geringer Grad von historischem Glauben dazu gehört, um sie gelten zu lassen. Dahin gehört die erfolglose Rüstung des Xerxes, die Herodot beschreibt, und das glückliche Unternehmen Alexander's nach der Schilderung Arrians. Dahin gehört in neuerer Zeit der Sieg Heinrichs V. bei Agincourt und jener Karls XII. von Schweden bei Narwa. Alle diese Beispiele erscheinen um so erstaunlicher, je mehr man darüber nachdenkt. Der Geschichtschreiber, der solche Thatsachen im Verlaufe der Erzählung erwähnt, der sie wohl gar zum wesentlichsten Theile derselben macht, ist nicht blos zu rechtfertigen, wenn er sie anführt, wie sie wirklich geschahen, es würde sogar unverzeihlich sein, wenn er sie unerwähnt ließe oder veränderte. Es giebt aber andere Dinge, die nicht so wichtig oder so nöthig sind und, obwohl vollkommen beglaubiget, dennoch der Vergessenheit übergeben werden können, dem ungläubigen Leser zu Gefallen, z. B. die denkwürdige Geschichte von dem Geiste Georg Villers'. Um die Wahrheit zu sagen, der Geschichtschreiber wird, wenn er sich auf das beschränkt, was wirklich geschah, und jeden Umstand unbeachtet läßt, der, obwohl vollkommen beglaubiget, seiner Ueberzeugung nach falsch sein muß, wohl bisweilen Wunderbares, nie aber Unglaubliches zu berichten haben. Er wird oft in seinem Leser Verwunderung und Erstaunen hervorrufen, niemals aber jenen ungläubigen Unwillen, den Horaz erwähnt. Dadurch also, daß wir in 5 die Dichtung gerathen, sündigen wir meist gegen diese Regel, indem wir die Wahrscheinlichkeit aufgeben, welche der Geschichtschreiber selten oder nie verläßt, so lange er seinem Charakter treu bleibt und nicht Romanschreiber wird. Darum haben jene Geschichtschreiber, welche Staatsereignisse erzählen, einen Vortheil vor uns voraus, die wir uns auf Vorgänge im Privatleben beschränken. Die Glaubwürdigkeit des erstern wird eine lange Zeit durch das allgemeine Bekanntsein dessen unterstützt, was er erzählt, und die Staatsurkunden, nebst dem übereinstimmenden Zeugnisse vieler Schriftsteller bestätigen die Wahrheit in spätern Zeiten. So haben ein Trajan und Antonin, ein Nero und Caligula Glauben bei der Nachwelt gefunden und Niemand zweifelt daran, daß einst so gute und so schlechte Menschen ihre Mitmenschen beherrschten. Wir aber, die wir uns mit Privatcharakteren beschäftigen, in die verborgensten Oerter dringen und Beispiele der Tugend und des Lasters aus Höhlen und Winkeln der Welt hervorziehen, befinden uns in einer gefährlichern Lage. Da uns nicht allgemeines Bekanntsein zur Seite steht, da wir keine Urkunden für das vorzulegen haben, was wir berichten, so müssen wir uns streng in den Grenzen nicht nur der Möglichkeit, sondern auch der Wahrscheinlichkeit halten besonders da, wo wir schildern, was ungewöhnlich gut und anmuthig ist. Schlechtigkeit und Thorheit, wenn auch noch so groß, findet leichter Glauben. So können wir vielleicht mit geringer Gefahr die Geschichte Fishers erzählen, der lange seinen Unterhalt von dem edelmüthigen Derby erhielt, und als er eines Morgens eine bedeutende Gabe aus der Hand desselben empfangen hatte, dennoch, um in Besitz dessen zu gelangen, was noch in seines Freundes Pult zurückgeblieben war, im Temple sich verbarg, um einen Weg in die Zimmer Derby's zu 6 finden. Hier hörte er wie Derby mehrere Stunden lang bei einem Festmahle sich erfreuete, das er diesen Abend seinen Freunden gab und zu dem auch Fisher eingeladen worden war. In dieser Zeit regten sich keine freundschaftlichen, dankbaren Gedanken in ihm, die ihn von seinem Vorhaben hätten abbringen können, sondern als der Unglückliche seine Freunde hinaus begleitet hatte, trat Fisher vielmehr plötzlich aus seinem Verstecke hervor, schlich sich hinter seinen Freund und schoß ihm eine Kugel durch den Kopf. Dies wird man glauben, wenn die Gebeine Fishers längst in Staub zerfallen sind. Ja man glaubt es vielleicht, daß der Bösewicht zwei Tage darauf mit einigen jungen Damen in das Theater ging, um Hamlet zu sehen und mit unverändertem Gesichte eine der Damen, welche nicht ahnte, wie nahe sie der Person war, ausrief: »guter Gott, wenn der Mörder Derby's gegenwärtig wäre!« Wenn ich dagegen meinem Leser erzählen wollte, daß ich einen Mann gekannt habe, der durch seinen scharfsinnigen Verstand auf einem Wege, wo ihm keine Bahn vorgezeichnet war, ein großes Vermögen erworben; daß er dies gethan, ohne im mindesten seiner Rechtlichkeit zu nahe zu treten und nicht blos ohne Verletzung eines Andern und ohne Ungerechtigkeit gegen Jemanden, sondern selbst mit dem höchsten Vortheile für den Verkehr und mit bedeutender Erhöhung des Staatseinkommens; daß er einen Theil des Ertrags seines Vermögens darauf verwendet, einen edleren Geschmack als den gewöhnlichen durch Werke zu verbreiten, in denen die höchste Würde sich mit der reinsten Einfachheit verband, und einen andern Theil ausgab, um einen höhern als den gewöhnlichen Grad der Gutherzigkeit zu zeigen, in Handlungen der Mildthätigkeit nämlich gegen Personen, deren einzige Empfehlung ihre Verdienste oder ihre Armuth waren; daß er sich unablässig bemühete, das 7 nothleidende Verdienst ausfindig zu machen und zu unterstützen, und dann, was er gethan hatte, sorgsam (vielleicht zu sorgsam) verheimlichte; daß sein Haus, sein Hausgeräthe, sein Garten, sein Tisch, seine Gastlichkeit und seine öffentliche Freigebigkeit, Alles ein Zeugniß seines Geistes und seines Herzens, reich und edel nämlich, ohne Flitterwerk oder äußerliche Prahlerei war; daß er in jeder Beziehung im Leben Tugend entfaltete; daß er fromm ergeben gegen seinen Schöpfer und treueifrig gegen seinen Fürsten, ein zärtlicher Gatte gegen seine Frau, ein liebevoller Verwandter, ein freigebiger Gönner, ein warmer, festaushaltender Freund, ein fröhlicher und kenntnißreicher Gesellschafter, nachsichtig gegen seine Dienstleute, gastlich gegen seine Nachbarn, mildthätig gegen die Armen und wohlwollend gegen die ganze Menschheit war; fügte ich dazu die Beiwörter weise, brav und jedes andere, das unsere Sprache hat, so könnte ich wohl mit Recht ausrufen: »Wer würde mir glauben? Niemand, wahrhaftig Niemand.« Und doch kenne ich einen Mann, der alles das ist und thut, was ich erwähnt habe. Aber ein einzelnes Beispiel (und ich kenne wirklich kein zweites) reicht nicht hin, uns zu rechtfertigen, während wir für Tausende schreiben, die niemals von der Person hörten oder von einer ihr ähnlichen. Solche rarae aves sollten dem Grabschriftschreiber oder einem Dichter überlassen werden, der sie so leicht und sorglos in ein Verschen bringt, daß der Leser ebenfalls leicht darüber hinschlüpft und kein Aergerniß daran nimmt. Zuletzt sollten die Handlungen von der Art sein, daß sie nicht blos in den Bereich menschlichen Thuns paßten und in der Wahrscheinlichkeit begründet, sondern auch den Vollbringern und Charaktern derselben angemessen wären, denn was bei einem Menschen nur wunderbar und überraschend 8 ist, kann unwahrscheinlich oder gar unmöglich werden, wenn es von einem andern erzählt wird. Das letztere Erforderniß ist das, was die dramatischen Kritiker Durchführung und Bewahrung des Charakters nennen; es erfordert einen außerordentlichen Grad von Urtheilskraft so wie eine sehr genaue Kenntniß der menschlichen Natur. Ein ausgezeichneter Schriftsteller macht die treffende Bemerkung, daß der Eifer einen Menschen eben so wenig antreiben könne, in geradem Widerspruche mit sich selbst zu handeln, als ein reißender Strom ein Boot gegen seine Strömung zu tragen vermöchte. Ich behaupte, daß es für einen Mann, wenn nicht geradezu unmöglich, doch eben so unwahrscheinlich und wunderbar ist als irgend etwas, in geradem Widerspruche mit den Forderungen seines ganzen Wesens zu handeln. Was würde unglaublicher sein, als wenn man die besten Theile der Geschichte Antonin's dem Nero oder die schlechtesten Handlungen des letztern dem erstern zuschriebe? Während beide, von der rechten Person berichtet, das wahrhaft Wundersame bilden. Die Bühnendichter sind sehr häufig in den hier angedeuteten Fehler verfallen; in den ersten vier Acten der Trauerspiele sind ihre Helden Bösewichter, während sie im fünften vortreffliche Menschen werden. Diese Veränderung hat häufig keine andere Begründung als die, daß das Stück zu Ende geht. Mit den angedeuteten Beschränkungen darf nun wohl, meine ich, jeder Schriftsteller das Wunderbare anwenden, wie es ihm gut dünkt; ja, wenn er sich in den Grenzen des Glaubhaften hält, wird er die Aufmerksamkeit des Lesers um so mehr fesseln, ihn um so mehr bezaubern, je mehr er ihn überrascht. Wie ein Genie vom höchsten Range bemerkt: Die große Kunst aller Poesie beruht darin, 9 Wahrheit mit Dichtung zu vermischen, um das Glaubliche mit dem Ueberraschenden zu verbinden. Denn obgleich jeder gute Schriftsteller sich in den Grenzen des Wahrscheinlichen halten wird, so müssen doch seine Charaktere und Begebenheiten keineswegs gewöhnlich und gemein sein, wie sie auf jeder Straße, in jedem Hause vorkommen und in jedem Journalblatte zu lesen sind. Auch darf es ihm nicht verwehrt sein, Personen und Ereignisse vorzuführen, welche möglicherweise den meisten seiner Leser noch nicht vorgekommen sind. Wenn der Schriftsteller die oben angegebenen Regeln streng befolgt, so hat er das Seinige gethan und darf dann einigen Glauben von seinem Leser verlangen, der sich wirklich kritischer Untreue schuldig macht, wenn er ihm nicht glaubt. Wegen Mangels eines Theiles dieses Glaubens wurde, wie ich mich erinnere, der Charakter einer jungen Dame von Stande auf der Bühne einmüthig durch ein zahlreiches Publicum von Commis u. dergl. für unnatürlich erklärt, obgleich viele Damen vom höchsten Range den Charakter ganz treu und aus dem Leben gegriffen fanden. Zweites Kapitel. In welchem die Wirthin dem Herrn Jones einen Besuch abstattet. Als Jones von seinem Freunde, dem Lieutenant, Abschied genommen hatte, versuchte er seine Augen zu schließen, aber vergebens; sein Geist war zu aufgeregt, als daß er hätte schlafen können. Er verlangte also, nachdem er sich bis zum Morgen mit Gedanken an Sophien unterhalten oder vielmehr gepeiniget hatte, einige Tassen Thee, und die Wirthin nahm sich vor, bei dieser Gelegenheit selbst zu ihm zu gehen. 10 Es war das erste Mal, daß sie ihn sah oder wenigstens Notiz von ihm nahm; da aber der Lieutenant versichert hatte, er sei sicherlich ein junger vornehmer Herr, so nahm sie sich vor, ihn so artig als möglich zu behandeln, denn ihr Haus war eines von denen, in welchem man für Geld die größten Ehrenbezeugungen erhält. Sobald sie anfing, den Thee zu bereiten, begann sie auch ein Gespräch: »es ist recht Schade,« sagte sie, »daß ein so hübscher junger Herr sich so wegwirft, um mit diesem Soldatenvolke umzugehen. Sie spielen die Herren, aber mein seliger erster Mann pflegte zu sagen, sie sollten nie vergessen, daß wir sie bezahlen. Vorige Nacht hatte ich zwanzig hier, ohne die Officiere. Soldaten mögen noch angehen, aber die Officiere! Nichts ist ihnen gut genug, und Sie hätten nur die Rechnung sehen sollen; es verlohnte sich nicht der Mühe. Ich habe viel weniger Mühe und Noth gehabt mit der Familie eines vornehmen Mannes, dem wir 10 Thaler für eine Nacht ansetzen. Dann schwören und fluchen sie, daß Einem Hören und Sehen vergeht; wo solche gottlose Menschen sind, kann es nicht gut gehen. Und Einer hat Sie so grausam behandelt; aber Sie können mir's glauben, es würde dem Menschen ganz gleichgiltig gewesen sein, wenn Sie auch in Todesgefahr gewesen wären. Sie halten auch alle zusammen wie Kletten und würden den Mörder gewiß haben entwischen lassen. Ich möchte um keinen Preis eine solche Sünde auf dem Gewissen haben. Aber es giebt noch Recht und Gerechtigkeit im Lande und wenn Sie sich an den Advokaten Small wenden wollen so werden Sie sehen, daß der ihn aus dem Lande treibt, wenn er nicht schon fort ist, denn solche Menschen sind heute da, morgen dort. Ich hoffe, Sie werden sich die Sache zur Warnung dienen lassen und zu den Ihrigen zurückkehren; sie werden in tausend Aengsten um Sie sein und wenn 11 sie erst wüßten, was geschehen ist! Du lieber Gott, ich möchte es ihnen nicht erzählen! Wir wissen, was es gegeben hat; aber wenn die Eine nicht will, so will die Andre; ein so hübscher Herr bekommt immer eine Frau. Wenn ich wie Sie wäre, ich würde um keines Mädchens willen Soldat; werden Sie nur nicht roth (das wurde Jones wirklich sehr bedeutend). Sie dachten, ich wüßte nichts von der Sache, von der Sophie?« – »Wie?« fragte Jones, indem er sich aufrichtete, »Sie kennen meine Sophie?« – »Wie sollte ich nicht?« antwortete die Wirthin; »hat sie doch gar oft in diesem Hause geschlafen.« – »Wahrscheinlich mit ihrer Tante,« meinte Jones. – »Ja, ja,« fuhr die Wirthin fort. »Ich kenne die alte Dame recht wohl. Und ein liebes junges Mädchen ist Fräulein Sophie, das muß wahr sein.« – »Ein liebes süßes Mädchen!« wiederholte Jones. »Wie konnte ich glauben, daß Sie meine Sophie gekannt?« – »Ich wollte,« sagte die Wirthin, »Sie wüßten nur halb so viel von ihr. Was würden Sie darum gegeben haben, an ihrem Bette zu sitzen? Welchen prächtigen Hals sie hat! Ihre lieben Glieder haben sich in demselben Bette ausgestreckt, in welchem Sie jetzt liegen.« – »Hier,« rief Jones, »hier hat Sophie geruhet?« – »Ja, ja, hier in demselben Bette, und ich wollte, Sie hätten sie jetzt da, und sie wünscht es wohl auch, wie ich mir denken kann, denn sie hat mit mir von Ihnen gesprochen.« – »Wie! sie erwähnte ihren armen Jones? Sie schmeicheln mir; ich kann es nicht glauben.« – »So wahr ich selig werden will, und der Teufel soll mich holen, wenn ich eine Sylbe mehr spreche als wahr ist, ich habe sie Herrn Jones erwähnen hören, aber in ganz bescheidener und artiger Weise, das muß ich gestehen, ob ich gleich wohl merkte, daß sie mehr dachte, als sie sagte.« – »Ach gute Frau,« äußerte Jones, »ich werde ihres Andenkens nimmer würdig 12 sein. Sie ist die Güte, die Freundlichkeit selbst. Warum wurde ein solcher Bösewicht, wie ich, geboren, um ihrem Herzen einen Augenblick Unruhe zu machen. Alles Leid und alles Elend, das ein böser Geist jemals ersann, um die Menschen zu quälen, würde ich ertragen, könnte ihr dadurch etwas Gutes erzeigt werden; ja die Folter selbst würde für mich keine Qual sein, wenn ich nur wüßte, daß sie glücklich sei.« – »Ich sagte ihr auch, daß Sie ein treuer Liebhaber wären,« fuhr die Wirthin fort.« – »Aber, gute Frau,« entgegnete Jones, »sagen Sie mir, wann und wo erfuhren Sie etwas von mir? Ich war noch niemals hier und erinnere mich auch nicht, Sie jemals gesehen zu haben.« – »O,« antwortete die Frau, » Sie waren noch ein ganz kleines Ding, als Sie bei dem Herrn auf meinem Schooße lagen.« – »Bei dem Herrn Allworthy?« fragte Jones; »Sie kennen also den lieben guten Mann?« – »Freilich kenne ich ihn,« entgegnete sie; »wem in der Gegend wäre er nicht bekannt?« – »Der Ruf von seiner Güte und Großmuth,« sprach Jones, »muß sich freilich weit verbreitet haben; die Größe seiner Güte aber kann nur der Himmel kennen, der ihn auf die Erde sendete als sein Bild. Die Menschen kennen solche himmlische Güte eben so wenig als sie derselben würdig sind; keiner aber ist ihrer unwürdiger als ich selbst. Ich, den er so hoch erhob, den er, wie Sie wissen werden, als armes niedriggeborenes Kind aufnahm und wie seinen eigenen Sohn behandelte, ich wagte es, ihm durch meine Thorheiten und Streiche zu mißfallen und seinen Unwillen mir zuzuziehen. Ja, ich verdiene Alles, und werde nie so undankbar sein, auch nur zu glauben, er habe mir Unrecht gethan. Nein, ich verdiene es, daß er mich aus seinem Hause verstoßen hat. Und nun, Frau Wirthin, werden Sie mich nicht tadeln, daß ich Soldat werde, besonders da 13 ich nicht mehr als dies in meiner Tasche habe.« Bei diesen Worten zog er seine Börse, in der sich sehr wenig befand und in der die Wirthin noch weniger vermuthete. Die gute Wirthin erschrak und verwunderte sich nicht wenig über diese Erzählung. Sie antwortete kalt: es müsse freilich jeder am besten beurtheilen können, was für seine Umstände das Beste sei. »Aber,« setzte sie hinzu, »ich glaube, ich werde gerufen. Ich komme – ich komme schon. Hört denn das Volk nicht? Ich muß hinuntergehen; wenn Sie noch etwas wünschen, wird das Mädchen kommen. Ich komme ja schon!« Damit eilte sie, ohne Abschied zu nehmen, aus der Thüre hinaus. Die Leute aus den untern Ständen sind sehr geizig mit Höflichkeit, und ob sie gleich dieselbe unentgeldlich vornehmen Leuten zukommen lassen, so gebrauchen sie dergleichen doch nie gegen Leute ihres eigenen Standes, ohne Sorge zu tragen, daß sie reichliche Vergeltung dafür erhalten. Drittes Kapitel. Der Wundarzt tritt zum zweitenmale auf. Ehe wir weiter gehen, damit die Leser nicht irrigerweise glauben, die Wirthin habe mehr gewußt, oder sich wundern, daß ihr so viel bekannt gewesen, wird es nöthig sein ihm anzuzeigen, daß der Lieutenant ihr erzählt hatte, der Name Sophie sei die Veranlassung zu dem Streite gewesen. Woher sie das übrige wußte, wird der Leser aus der vorhergegangenen Scene abgenommen haben. Sie besaß allerdings neben ihren guten Eigenschaften eine große Portion Neugierde und ließ gutwillig Niemanden aus ihrem Hause, bevor sie ihn über seine Familie und alle seine Angelegenheiten gehörig ausgefragt hatte. 14 Kaum hatte sie sich entfernt, als Jones, statt über ihr Benehmen nachzudenken, seine Gedanken auf den reizenden Umstand lenkte, daß er sich in demselben Bette befinde, das seine theure Sophie umfaßt hatte. Dieser Umstand weckte tausend zärtliche Gedanken, bei denen wir uns länger aufhalten würden, wenn wir nicht darauf Rücksicht nähmen, daß solcher Liebhaber wenige unter unsern Lesern sein werden. In diesem Zustand fand ihn der Wundarzt, als derselbe erschien, um ihm die Wunde zu verbinden. Sobald der Doctor bei der Untersuchung fand, daß der Puls unregelmäßig war, und sodann hörte, der Patient habe nicht geschlafen, erklärte er, derselbe sei in großer Gefahr, ja er fürchte, es möchte ein Fieber eintreten. Dies wollte er durch Aderlassen abwenden, aber Jones gab seine Zustimmung dazu nicht und erklärte bestimmt, er würde nicht mehr Blut hergeben. »Und, Doctor,« setzte er hinzu, »wenn Sie nur so gut sein wollen, meinen Kopf zu verbinden, so zweifle ich nicht, daß in einem oder einem Paar Tagen alles wieder gut ist.« »Ich wollte,« entgegnete der Wundarzt, »ich könnte Ihnen die Versicherung geben, daß Sie in einem oder einem Paar Monaten wohl sein werden. Aber von solchen Contusionen erholen sich die Leute nicht so schnell wieder. Uebrigens lasse ich mir von meinen Patienten keine Vorschriften machen und ich bestehe auf einer Blutentziehung vor dem Verbinden.« Jones beharrte fest auf der Weigerung und der Doctor gab endlich nach, erklärte indeß zugleich, er nehme die Verantwortlichkeit wegen der etwaigen schlimmen Folgen nicht auf sich, und hoffe, der Herr werde ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen und anerkennen, daß er ihm das Gegentheil gerathen, was der Patient bereitwillig versprach. Der Doctor kehrte darauf in die Küche zurück, wo er sich 15 gegen die Wirthin bitter über das ungehörige Benehmen seines Patienten beschwerte, der sich keine Ader öffnen lassen wolle, ob er gleich das Fieber habe. »Das Freßfieber wird er haben,« entgegnete die Wirthin, »denn er hat diesen Morgen zum Frühstücke übermäßig gegessen.« – »Wohl möglich,« meinte der Doctor, »es ist mir schon vorgekommen, daß Leute in völligem Fieber aßen; auch läßt sich das leicht erklären, weil die Säure, die durch den Fieberstoff erzeugt wird, die Nerven des Zwerchfells reizt und dadurch ein Verlangen veranlaßt, das nicht leicht von der gewöhnlichen Eßlust zu unterscheiden ist. Aber die Nahrungsmittel werden nicht in Chylus verwandelt, zerfressen vielmehr die Gefäßöffnungen und erhöhen und verschlimmern dadurch die Fiebersymptome. Mit dem Manne oben steht es sehr schlimm und wenn ihm kein Blut abgelassen wird, wird er, fürchte ich, sterben.« »Jedermann muß irgend einmal sterben,« antwortete die gute Frau; »das ist meine Sache nicht. Ich hoffe, Doctor, Sie werden nicht verlangen, daß ich ihn halte, während Sie ihm zur Ader lassen. Aber ein Wort! Ehe Sie sich zu viel Mühe geben, erkundigen Sie sich, wenn ich Ihnen rathen darf, wer Sie bezahlt.« – »Bezahlt!« wiederholte der Doctor, indem er die Augen weit aufriß; »behandele ich denn nicht einen vornehmen jungen Mann?« »Ich hielt ihn auch dafür,« entgegnete die Wirthin, »aber, wie mein Seliger zu sagen pflegte, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Er ist ein Erzlump, versichere ich Sie. Lassen Sie sich aber nichts merken, daß ich etwas davon gegen Sie erwähnt; meiner Meinung nach sollten Geschäftsleute einander solche Dinge immer mittheilen.« 16 – »Und ich habe mir von einem solchen Menschen Vorschriften machen lassen?« rief der Doctor höchlich erzürnt. »Ich soll meine Handlungsweise von Einem tadeln lassen, der mich nicht bezahlt? Es freut mich, daß ich diese Entdeckung noch zeitig genug gemacht habe. Jetzt wollen wir einmal sehen, ob er sich eine Ader schlagen lassen will oder nicht.« Er ging sogleich die Treppe wieder hinauf, riß die Thür des Zimmers heftig auf, erweckte den armen Jones aus dem tiefen Schlafe, in den er gesunken, und was noch schlimmer war, aus einem süßen Traume von Sophien. »Wollen Sie sich nun eine Ader schlagen lassen oder nicht?« rief der Doctor wüthend. – »Ich habe Ihnen meinen Willen bereits erklärt,« antwortete Jones, »und wünsche sehr, Sie hätten auf meine Antwort geachtet, denn Sie haben mich aus dem süßesten Schlafe geweckt, den ich in meinem Leben gehabt habe.« »Ja, ja,« antwortete der Doctor, »mancher Mensch hat sein Leben verschlafen. Der Schlaf ist nicht immer gut, ebenso wenig als Essen; jetzt frage ich Sie zum letzten Male, wollen Sie sich eine Ader öffnen lassen oder nicht?« – »Und ich antworte zum letzten Male, daß ich keine Lust dazu habe,« antwortete Jones. – »Dann mag ich von Ihnen nichts mehr wissen und ersuche Sie, mich für die Mühe zu bezahlen, die ich mit Ihnen bereits gehabt habe. Zwei Wege à 1 Rthlr. 16 Gr., zwei Verbände à 1 Rthlr. 16 Gr. und eine halbe Krone für den Aderlaß.« »Ich will nicht hoffen, daß Sie mich in diesem Zustande verlassen,« entgegnete Jones. »Das werde ich allerdings,« sagte der Andere. – »Dann haben Sie schändlich an mir gehandelt und ich bezahle Ihnen keinen Pfennig,« fuhr Jones fort. – »Auch gut,« 17 erwiederte der Arzt, »der erste Verlust ist der beste. Das dachte auch die Wirthin, daß sie wegen solcher Landstreicher zu mir schickte!« Mit diesen Worten lief er schnell aus dem Zimmer hinaus, sein Patient dagegen wendete sich auf die andre Seite und schlief bald wieder ein. Sein Traum freilich war dahin. Viertes Kapitel. In welchem einer der liebenswürdigsten Barbiere auftritt, welche die Geschichte kennt, den Barbier von Bagdad und selbst den in Don Quixote nicht ausgenommen. Es hatte fünf Uhr geschlagen, als Jones aus einem Schlafe von sieben Stunden so gestärkt, so vollkommen gesund und heiter erwachte, daß er sich vornahm aufzustehen und sich anzukleiden. Er öffnete zu diesem Zwecke seinen Mantelsack und nahm weiße Wäsche und einen Anzug heraus. Vorher fuhr er jedoch in einen Schlafrock und er ging in demselben in die Küche hinunter, um sich etwas für den Appetit zu bestellen, der sich ungestüm kund gab. Da er die Wirthin selbst traf, so fragte er sie sehr artig, was er zu essen bekommen könnte. »Zu essen!« wiederholte sie; »es ist jetzt gar keine Essenszeit. Vorräthig haben wir nichts und das Feuer ist fast ausgegangen.« – »Zu essen muß ich etwas haben; was, ist mir ganz gleichgiltig, denn in meinem Leben bin ich nicht so hungrig gewesen.« – »Da stehet noch etwas Rindfleisch mit Möhren; dieses können Sie haben.« – »Wenn nichts Besseres zu haben ist, bin ich zufrieden; lassen Sie aber das Fleisch ausbraten.« Dazu erklärte die Wirthin sich bereit und sie setzte dann lächelnd hinzu, sie freue sich, ihn wieder so wohl auf zu sehen. Die gewinnende Freundlichkeit unseres Helden war 18 fast unwiderstehlich; übrigens war sie im Grunde keine hartherzige Frau. Sie liebte nur das Geld so sehr, daß sie alles haßte, was wie Armuth aussah Jones kehrte in sein Zimmer zurück, um sich anzukleiden, während man ihm seine Mahlzeit zubereitete. Wie er verlangt hatte, fand sich ein Barbier bei ihm ein. Dieser Barbier, der als der kleine Benjamin bekannt war, stak voll Humor, Witz und drolliger Einfälle, die ihm freilich oft kleine Unannehmlichkeiten einbrachten, wie Ohrfeigen, Tritte an den Hintern, Beinbrüche \&c. Nicht jeder versteht einen Spaß, und die, welche Spaß verstehen, wollen häufig nicht der Gegenstand desselben sein. Der Witz war jedoch bei ihm ein unverbesserliches Laster, und ob er gleich oftmals dafür hatte büßen müssen, so konnte er doch keinen Einfall bei sich behalten, die Personen, die Zeit und der Ort mochten sein, welche sie wollten. Er hatte außerdem noch viele andere Eigenthümlichkeiten an sich, die ich nicht besonders erwähnen will, da sie der Leser bei näherer Bekanntschaft mit diesem außerordentlichen Menschen leicht selbst erkennen wird. Da Jones sehr bald angekleidet sein wollte und zwar eines Umstandes wegen, der sich leicht errathen läßt, so meinte er, der Barbier nehme sich mit dem Schaumschlagen zu viele Zeit und forderte ihn darum auf, sich etwas zu beeilen. Darauf antwortete der andere sehr ernst, wie er denn niemals seine Gesichtsmuskeln verzog: » Festina lente , ist ein Sprichwort, das ich lange vorher lernte, ehe ich ein Rasirmesser in die Hand nahm.« – »Sie sind ja ein Gelehrter, mein Freund,« entgegnete Jones. – »Ein armer,« erwiederte der Barbier, » non omnia possumus omnes .« – »Noch etwas!« sprach Jones; »ich glaube gar Sie machen selbst Verse.« – »Entschuldigen Sie,« antwortete der Barbier, » non tanti me dignor honore .« Dann fuhr 19 er in seiner Arbeit fort und sagte dabei, »seit ich mich mit dem Schaumschlagen beschäftige, habe ich nie mehr als zwei Gründe für das Rasiren entdecken können, den einen nämlich, einen Bart zu bekommen, und den andern, einen Bart los zu werden. Ich vermuthe, es ist noch nicht lange her, daß Sie sich aus dem erstern Grunde rasirten. Sie haben wirklich viel Glück dabei gehabt, und man könnte wohl von Ihrem Barte sagen, er sei tondenti gravior .« – »Sie scheinen ein sehr komischer Mensch zu sein,« fiel Jones ein. – »Da verkennen Sie mich gewaltig,« antwortete der Barbier; »ich beschäftige mich zu viel mit dem Studium der Philosophie; hinc illae lacrymae ; das ist mein Unglück. Zu große Gelehrsamkeit ist mein Verderben gewesen.« – »Wahrhaftig,« fuhr Jones fort, »Sie besitzen, ich muß gestehen, größere Gelehrsamkeit, als man gewöhnlich in Ihrem Stande findet; wie dieselbe Ihnen aber verderblich gewesen sein soll, kann ich nicht begreifen.« – »Ach, lieber Herr,« antwortete der Barbier, »mein Vater enterbte mich darum. Er war ein Tanzmeister und weil ich lesen konnte, ehe ich zu tanzen verstand, faßte er eine Abneigung gegen mich und gab alles, was er hatte, seinen andern Kindern. Wollen Sie auch an den Backen . . ach! ich bitte um Verzeihung, ich glaube, da ist ein hiatus in manuscriptis . Ich hörte, Sie wollten in den Krieg gehen, es war aber, wie ich finde, ein Irrthum.« – »Woraus schließen Sie das?« fragte Jones. – »Ich halte Sie für zu klug, als daß Sie einen zerbrochenen Schädel dahin tragen; das hieße Wasser in das Meer gießen.« »Wahrhaftig,« rief Jones, »Du bist ein närrischer Kauz und Dein Humor gefällt mir ausnehmend; Du würdest mir einen großen Gefallen erzeigen, wenn Du nach Tische zu mir kommen und ein Glas mit mir leeren wolltest. Ich möchte genauer mit Dir bekannt werden.« 20 »Ach, lieber Herr,« antwortete der Barbier, »ich kann Ihnen einen zwanzigmal größern Gefallen thun, wenn Sie ihn annehmen wollen.« – »Und da wäre?« fragte Jones. – »Ich will eine Flasche mit Ihnen leeren, wenn es Ihnen beliebt; mir geht die Gutmüthigkeit über alles, und wie Sie die Entdeckung gemacht haben, daß ich ein komischer Kerl sei, so will ich mich nicht auf Physiognomie verstehen, wenn Sie nicht einer der gutmüthigsten Herren in der Welt sind.« Jones ging nun nett gekleidet die Treppe hinunter und der schöne Adonis war vielleicht nicht liebenswürdiger; dennoch hatte er keine Reize für die Wirthin, denn wie diese gute Frau ihrer Persönlichkeit nach gar keine Aehnlichkeit mit Venus hatte, so glich sie dieser auch im Geschmacke nicht. Für Aennchen, das Hausmädchen, wäre es ein Glück gewesen, hätte sie mit den Augen ihrer Herrin gesehen, denn dieses Mädchen verliebte sich binnen fünf Minuten so heftig in ihn, daß ihre Leidenschaft ihr später manchen Seufzer kostete. Das Mädchen war sehr hübsch und auch sehr spröde, denn sie hatte bereits manche Anträge zurückgewiesen; die schönen feurigen Augen unseres Helden thaueten aber in einem Augenblicke die Eisrinde von ihrem Herzen ab. Als Jones wieder in der Küche erschien, war noch nicht gedeckt für ihn; auch sah er noch keine Anstalt dazu, da sich alles, selbst das Feuer auf dem Herde, noch in demselben Zustande wie vorher befand. Diese getäuschte Erwartung würde manchen philosophischen Gleichmuth in Hitze gebracht haben; auf Jones brachte sie diese Wirkung nicht hervor. Er beschwerte sich nur sehr gelinde gegen die Wirthin und sagte, er wolle das Fleisch kalt essen, da es so schwer zu sein scheine, dasselbe aufzubraten. Die Frau mochte jetzt Mitleid, Scham oder sonst etwas fühlen, genug, sie schalt ihre Leute darum, daß sie die Befehle nicht 21 vollzogen, die sie ihnen gegeben, hieß sie dann decken und ging in allem Ernst an die Bereitung des Essens, das sie denn auch bald zu Stande brachte. Man führte ihn in die sogenannte Sonne, die so hieß wie lucus a non lucendo denn die Sonne schien schwerlich jemals hinein. Es war das schlechteste Zimmer im Hause. Jones fühlte indeß so gewaltigen Hunger, daß ihm alles recht war; erst als er seinen Appetit gestillt hatte, befahl er dem Kellner, eine Flasche Wein in ein besseres Zimmer zu tragen und schmollte etwas darüber, daß man ihn in ein so finsteres Loch gewiesen habe. Nachdem der Kellner die Befehle vollzogen hatte, fand sich bald darauf der Barbier ein, der ihn nicht so lange würde haben warten lassen, hätte er nicht in der Küche auf die Wirthin gehört, welche mehrern um sie herumstehenden Personen eben die Geschichte des armen Jones erzählte, die sie zum Theil von diesem selbst gehört hatte, zum Theil erfand, denn sie sagte, er sei ein armer Waisenknabe, den Herr Allworthy in sein Haus genommen habe, wo er erzogen, aber jetzt fortgejagt worden sei, weil er allerhand schlechte Streiche begangen, besonders aber weil er sich in die junge Dame im Hause verliebt, vielleicht auch weil er dieses bestohlen habe; wie sei er sonst wohl zu dem wenigen Gelde gekommen, das er besitze. – »Ein Diener des Herrn Allworthy!« fragte der Barbier; »wie heißt er?« – »Er sagte mir selbst, er heiße Jones,« antwortete sie; »vielleicht hat er sich aber einen falschen Namen beigelegt. Ja, und er sagte mir auch, der Herr habe ihn gehalten wie seinen eigenen Sohn, ob er ihn gleich nun fortgeschickt.« – »Wenn er Ihnen sagte, er heiße Jones, so hat er Ihnen die Wahrheit gesagt, Frau Wirthin,« bemerkte der Barbier darauf; »denn ich habe Verwandte in jener Gegend, und manche Leute sagen gar, er sei des Herrn eigener 22 Sohn.« – »Warum führt er dann den Namen seines Vaters nicht?« – »Das kann ich nicht sagen,« meinte der Barbier; »gar mancher Sohn heißt nicht wie sein wahrer Vater.« – »Hm,« entgegnete die Wirthin, »wenn ich hätte glauben können, er sei vornehmer Leute Kind, wenn auch nur ein Fallkind, so würde ich ihn doch anders behandelt haben; denn manche solche Fallkinder sind große Männer geworden, und mein Seliger sagte immer, man dürfe keinen Gast vernachlässigen, der aus vornehmer Familie sei.« Fünftes Kapitel. Ein Gespräch zwischen Jones und dem Barbier. Das erwähnte Gespräch fand statt, während Jones in dem finstern Loche aß und zum Theil noch, als er den Barbier in dem Gastzimmer erwartete. Sobald es zu Ende war, erschien Herr Benjamin, wie bereits erwähnt, und wurde von Jones freundlich aufgefordert, Platz zu nehmen. Jones schenkte ein Glas voll, trank des Barbiers Gesundheit und nannte denselben dabei doctissimus tonsorum .« – » Ago tibi gratias, domine ,« entgegnete der Barbier, der dann Jones fest anblickte und sehr ernsthaft, mit scheinbarer Ueberraschung sagte, als erinnere er sich eines Gesichtes, das er schon einmal gesehen: »Darf ich mir die Freiheit nehmen und fragen, ob Sie nicht Herr Jones heißen?« Jones bestätigte dies. » Proh Deûm atque hominum fidem! « fuhr darauf der Barbier fort; »wie sich's in der Welt seltsam trifft! Herr Jones, ich bin Ihr gehorsamer Diener; Sie kennen mich nicht, wie es scheint, und es ist auch nicht zu verwundern, da Sie mich nur einmal gesehen haben und damals noch sehr jung waren. Wie geht es dem guten Herrn Allworthy? Wie befindet sich ille optimus 23 omnium patronus? « – »Sie scheinen mich wirklich zu kennen,« entgegnete Jones, »während ich nicht so glücklich bin, mich Ihrer zu erinnern.« – »Das wundert mich nicht,« sagte Benjamin; »das aber, daß ich Sie nicht früher erkannte, denn Sie haben sich durchaus nicht verändert. Und darf ich, ohne zudringlich zu erscheinen, fragen, wohin Sie reisen?« – »Schenken Sie sich ein, Herr Barbier,« antwortete Jones, »und fragen Sie nicht weiter.« – »Ich wollte Sie nicht belästigen,« entschuldigte sich Benjamin; »ich hoffe, Sie halten mich nicht für einen Mann von zudringlicher Neugierde, denn dies ist ein Fehler den mir Niemand zur Last legen kann; aber ich bitte um Verzeihung, denn wenn ein Herr wie Sie ohne Diener reis't, kann man gleich annehmen, er wünsche, wie wir zu sagen pflegen, in casu incognito zu sein und vielleicht hätte ich nicht einmal Ihren Namen erwähnen sollen.« – »Ich gestehe,« sagte Jones, »ich erwartete es nicht, hier in der Gegend so bekannt zu sein als ich es wirklich bin, wie ich finde; aus besondern Gründen würde ich Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie meinen Namen gegen Niemanden äußern wollten, bis ich fort bin.« – » Pauca verba ,« fuhr der Barbier fort, »und ich wünschte, Sie wären außer mir Niemanden bekannt hier; denn manche Leute haben Zungen; aber ich versichere, ich kann ein Geheimniß für mich behalten. Selbst meine Feinde müssen mir diese Tugend zugestehen.« – »Sie ist eigentlich nicht die charakteristische Ihres Standes, Herr Barbier,« antwortete Jones. – »Ach, Herr,« meinte Benjamin, » non si male nunc et olim sic erit Ich wurde nicht zu einem Barbier geboren oder erzogen, versichere ich Sie. Ich habe den größten Theil meiner Zeit unter gebildeten Leuten verbracht und dürfte also wohl etwas von guter Lebensart verstehen. Wenn Sie mich Ihres Vertrauens für so würdig gehalten 24 hätten wie andere Leute, so würde ich Ihnen bewiesen haben, daß ich ein Geheimniß besser zu bewahren weiß. Ich hätte Ihren Namen nicht in einer Küche herabgewürdiget, wie es andere Leute gethan haben, welche nicht blos öffentlich erzählten, was Sie ihnen von Ihrer Veruneinigung mit dem Herrn Allworthy anvertrauten, sondern überdies Dinge hinzusetzten, die, wie ich gewiß weiß, Lügen sind.« – »Sie überraschen mich sehr,« entgegnete Jones. – »Auf mein Wort, werther Herr,« fuhr Benjamin fort, »was ich sage, ist die Wahrheit und ich brauche nicht hinzuzusetzen, daß ich die Wirthin meine. Ich hoffe zuversichtlich, daß die Erzählung der Frau falsch ist, denn ich fühle hohe Achtung für Sie, wahrhaftig ich fühle sie, und habe sie immer gefühlt, seit Sie sich so gutmüthig gegen den Schwarzen Georg zeigten, was in der ganzen Umgegend allgemein besprochen wurde und worüber ich mehrere Briefe erhalten habe. Jedermann liebte sie darum, wahrhaftig. Sie werden mir also verzeihen, denn nur aus wirklicher Theilnahme erlaubte ich mir die Fragen; ich bin gar nicht neugierig, gar nicht zudringlich, aber ich liebe die Gutmüthigkeit und daher schreibt sich die amoris abundantia erga te .« Der Unglückliche schenkt jeder Freundschaftsversicherung gern und willig Glauben und man darf sich deshalb nicht wundern, daß Jones, der nicht blos unglücklich, sondern auch sehr offenherzig war, die Betheurungen Benjamin's bereitwillig glaubte und denselben in sein Herz schloß. Die lateinischen Brocken, die Benjamin am schicklichen Orte anbrachte, schienen, wenn sie auch nicht von eben großer Gelehrsamkeit zeigten, in dem Manne eine mehr als gewöhnliche Barbier-Bildung zu verrathen, deren Zeugniß auch sein Benehmen überhaupt war. Jones glaubte demnach an die Wahrheit dessen, was jener in Bezug auf seine Herkunft und Erziehung sagte, und sprach endlich nach 25 vielen Bitten: »Da Sie, lieber Freund, von meinen Angelegenheiten so viel gehört haben und die Wahrheit wissen zu wollen scheinen, so will ich Ihnen alles erzählen, falls Sie die Geduld haben, mich anzuhören.« – »Geduld!« rief Benjamin; »Geduld werde ich haben und wäre die Geschichte auch noch so lang und ich bin Ihnen sehr verbunden wegen der Ehre, die Sie mir erzeigen.« Jones fing nun an, erzählte seine ganze Geschichte, vergaß nur einen oder ein Paar Umstände, nämlich alles was an dem Tage geschehen, da er mit Thwackum gekämpft und schloß mit der Erklärung, er habe die Absicht gehabt, zu Schiffe zu gehen, bis der Aufstand im Norden ihn auf einen andern Entschluß und an den Ort gebracht habe, wo er sich eben befinde. Der kleine Benjamin, der ganz Ohr war, unterbrach die Erzählung nicht einmal, nach Beendigung derselben konnte er sich aber nicht enthalten, die Bemerkung zu machen, die Feinde des Herrn Jones müßten noch etwas erfunden und dem Herrn Allworthy hinterbracht haben, sonst hätte ein so guter Mann Einen, den er so zärtlich geliebt, sicherlich nicht auf solche Weise verstoßen. Jones antwortete darauf, er zweifele auch nicht, daß man solche hinterlistige Tücke angewendet habe, um ihn zu verderben. Und gewiß Jedermann hätte dieselbe Bemerkung, wie der Barbier, machen müssen, der von Jones keinen einzigen Umstand erfahren hatte, um dessentwillen er verurtheilt worden, denn seine Handlungen erschienen jetzt nicht in dem nachtheiligen Lichte, in welchem sie dem Herrn Allworthy vorgestellt worden waren; auch konnte er jene mannichfaltigen falschen Beschuldigungen nicht erwähnen, die man Allworthy hinterbracht hatte, weil ihm selbst nichts davon bekannt war. Ferner hatte er, wie wir bereits bemerkten, 26 manche wichtige Thatsachen in seiner jetzigen Erzählung übergangen. Jones wollte keineswegs die Wahrheit verbergen oder verunstalten; eben so wenig lag es in seinem Willen, daß ein Tadel auf den Herrn Allworthy fallen sollte, weil er ihn bestraft hatte; es trat der gewöhnliche Fall ein; ein Mensch mag noch so redlich sein, so wird der Bericht von seinem Leben unwillkührlich sich so günstig gestalten, daß seine Fehler gereiniget über seine Lippen gehen und, wie gut durchgeseihete trübe Flüssigkeiten, das Schlechte zurücklassen. Wenn auch die Sachen selbst zu Tage kommen, so werden doch die Beweggründe, die Umstände und Folgen so verschieden sein, je nachdem der Mensch selbst seine Geschichte oder der Gegner dieselbe erzählt, daß die Thatsachen kaum für dieselben zu erkennen sind. Obgleich der Barbier begierig die Erzählung angehört hatte, so war er doch noch nicht befriediget. Noch gab es einen Umstand, über den er gar gern nähere Auskunft gehabt hätte. Jones hatte seine Liebe erwähnt und daß er der Nebenbuhler Blifil's gewesen, sorgfältig aber den Namen der jungen Dame verschwiegen. Endlich, nach einiger Zögerung und vielen Hms! ersuchte ihn der Barbier, doch auch den Namen der Dame zu nennen, welche die Hauptursache seines ganzen Unglücks zu sein scheine. Jones besann sich einen Augenblick, dann sagte er: »Da ich Ihnen einmal so viel anvertraut habe und, wie ich fürchte, ihr Name bei dieser Gelegenheit nur zu bald bekannt geworden ist, so will ich denselben vor Ihnen nicht verschweigen. Es ist Sophie Western.« » Proh Deûm atque hominum fidem! Der alte Western hat eine erwachsene Tochter?« – »Ja wohl,« fiel Jones ein, »ein Mädchen, dem in dieser Welt nichts gleich kommt. Kein Auge sah etwas so Schönes, aber die Schönheit ist 27 ihr geringster Vorzug. Sie besitzt so viel Verstand und ein so gutes Herz! Ach, ich könnte sie ewig rühmen und würde doch die eine Hälfte ihrer Vorzüge und Tugenden verschweigen müssen!« – »Western hat eine erwachsene Tochter?« wiederholte der Barbier; »ich kann mich noch der Zeit erinnern, da der Vater ein Knabe war. Oh tempus edax rerum! « Da der Wein ausgetrunken war, so wollte der Barbier noch eine Flasche bringen lassen, aber Jones weigerte sich entschlossen und sagte, er habe bereits mehr getrunken als er sollte und er werde sich lieber in sein Zimmer begeben, wo er gern lesen möchte, wenn er sich ein Buch verschaffen könnte. »Ein Buch!« rief Benjamin; »was für ein Buch wünschen Sie, ein lateinisches oder ein englisches? Ich besitze einige vortreffliche Bücher in beiden Sprachen, z. B. Erasmi Colloquia , Ovid de Tristibus, Gradus ad Parnassum , den sechsten Band von Pope's Homer, den dritten des Spectator , den zweiten von Echard's Roman History , Robinson Crusoe, Thomas a Kempis und zwei Bände von Tom Brown's Werken.« »Die letztern kenne ich noch nicht und Sie würden mir einen Gefallen erzeigen, wenn Sie mir einen Band davon leihen wollten.« Der Barbier versicherte, er würde sich sehr dabei unterhalten; er halte den Verfasser für einen der geistreichsten Männer, welche England hervorgebracht habe. Dann ging er in seine nicht weit entfernte Wohnung und kam gleich darauf zurück. Nachdem ihm Jones die strengste Verschwiegenheit anempfohlen und der Barbier geschworen hatte, das Geheimniß zu bewahren, trennten sie sich; der Barbier ging nach Hause und Jones begab sich in sein Zimmer. 28 Sechstes Kapitel. In welchem sich einige andere Talente Benjamin's zeigen. Auch ergiebt es sich, wer dieser außergewöhnliche Mensch war. Früh war Jones über das Ausbleiben des Chirurgen etwas besorgt, da er Unannehmlichkeit, wenn nicht gerade Gefahr fürchtete, wenn seine Wunde nicht verbunden würde; er erkundigte sich demnach bei dem Kellner, welche andere Wundärzte in der Nähe zu haben wären und erfuhr, daß einer nicht weit entfernt wohne, der sich aber gewöhnlich weigere, Hilfe zu leisten, wenn vor ihm nach einem andern geschickt worden sei. »Aber, Herr,« fuhr der Kellner fort, »wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, so sage ich Ihnen, daß kein Arzt im Lande den Verband besser machen kann als der Barbier, der gestern Abend bei Ihnen war. Wir halten ihn für einen der geschicktesten Männer, denn ob er gleich kaum drei Monate hier ist, so hat er doch schon einige große Curen gemacht.« Der Kellner wurde sogleich zu dem kleinen Benjamin beordert, der sich auch bald darauf einfand, aber diesmal mit ganz verschiedener Miene und ganz anderm Aussehen denn da, als er das Barbierbecken unter dem Arme trug, so daß er kaum für dieselbe Person zu erkennen war. »Sie beschäftigen sich, tonsor , wie ich finde, mit mehr als einem Gewerbe,« sagte Jones; »warum sagten Sie mir das gestern Abend nicht?« – »Ein Wundarzt,« antwortete Benjamin sehr gravitätisch, »betreibt eine Kunst und Wissenschaft, kein Gewerbe. Ich erzählte Ihnen gestern nicht, daß ich diese Kunst treibe, weil ich der Meinung war, daß Sie von einem andern behandelt würden, und ich greife meinen Collegen nicht in ihre Kundschaft. Ars 29 omnibus communis . Jetzt aber, mein Herr, will ich Ihren Kopf untersuchen, wenn es Ihnen beliebt, und Ihnen sogleich sagen, wie es mit Ihnen steht.« Jones hatte kein großer Vertrauen zu seinem neuen Arzte, ließ jedoch den Verband von demselben abnehmen und die Wunde besichtigen. Kaum war dies geschehen, so begann Benjamin zu brummen und gewaltig den Kopf zu schütteln, so daß Jones ihn aufforderte, doch nicht den Narren zu spielen, sondern gerade heraus zu sagen, wie er ihn finde. »Soll ich Ihnen antworten als Wundarzt oder als Freund?« fragte Benjamin. – »Als Freund und ernst,« entgegnete Jones. – »Nun, wahrhaftig« sprach Benjamin, »es würde große Kunst dazu gehören, um zu verhindern, daß Sie nach wenigen Verbänden vollkommen wohl wären, und wenn Sie gestatten, will ich eine von meinen Salben auflegen, für deren Trefflichkeit ich bürge.« Jones willigte ein und das Pflaster wurde demnach aufgelegt. »Nun,« fuhr Benjamin fort, »werde ich mein früheres Selbst wieder annehmen. Ein Mann muß eine gewisse Würde in seinem Gesichte bewahren, während er solche Operationen vornimmt, sonst würde sich die Welt ihm nicht anvertrauen. Sie können sich schwerlich vorstellen, von welcher Wichtigkeit ein ernstes Aussehen bei einem ernsten Charakter ist. Ein Barbier darf sie zu Lachen machen, ein Wundarzt sollte sie eher zum Weinen bringen.« »Herr Barbier oder Herr Wundarzt, oder Herr Barbier-Wundarzt,« sagte Jones. – »O, lieber Herr,« unterbrach ihn Benjamin, » infandum, regina, jubes renovare dolorem . Sie erinnern mich an die grausame Trennung der vereinten Corporationen, welche leider für beide Nachtheile hat, wie sie jede Trennung haben muß nach dem alten Sprichworte: vis unita fortior . Welcher Schlag ist 30 sie aber besonders für mich, der ich beide Corporationen in meiner Person vereinige!« – »Nun, welchen Titel man Ihnen auch geben mag,« fuhr Jones fort, »Sie sind sicherlich einer der närrischsten, komischsten Käuze, die ich jemals kennen gelernt und in Ihrer Lebensgeschichte, die ich, wie Sie selbst gestehen werden, ein Recht zu erfahren habe, muß es mancherlei Ueberraschendes geben.« – »Ich gestehe es,« antworte Benjamin, »und will sie Ihnen gern erzählen, wenn Sie einmal Zeit genug haben, denn sie ist ziemlich lang.« Jones entgegnete darauf, er könne schwerlich jemals mehr Zeit übrig haben als eben jetzt, und Benjamin fuhr fort: »so will ich Ihren Wunsch erfüllen, erst aber die Thüre verschließen, damit uns Niemand störe.« Er verriegelte die Thüre, trat dann mit feierlichem Ernste an Jones und sprach: »vor allem muß ich Ihnen sagen, daß Sie mein größter Feind gewesen sind, den ich im Leben gehabt habe.« Jones erschrak einigermaßen über diese unerwartete Erklärung und sagte verwundert und ernst: »ich, Ihr Feind!« – »Nun, erzürnen Sie sich nur nicht,« antwortete Benjamin; »ich bin darum nicht aufgebracht gegen Sie. Sie sind an dem Schaden, den Sie mir zufügten, vollkommen unschuldig, denn Sie waren damals noch ein Kind. Ich werde Ihnen wohl sogleich das Räthsel lösen, sobald ich meinen Namen nenne. Haben Sie niemals von einem gewissen Partridge gehört, der die Ehre hatte, für Ihren Vater zu gelten, und durch diese Ehre in Unglück gestürzt wurde?« – »Ich habe allerdings von diesem Partridge gehört,« antwortete Jones, »und mich auch immer für den Sohn desselben gehalten.« – »Nun,« fuhr Benjamin fort, »dieser Partridge bin ich, aber hier entbinde ich Sie von jeder Kindespflicht gegen mich, denn ich schwöre es Ihnen zu, daß Sie mein Sohn nicht sind.« – »Ist es möglich,« 31 sprach Jones, »daß ein solcher Verdacht Ihnen alles das Unglück zuzog, das mir nur zu wohl bekannt ist?« – »Es ist möglich,« entgegnete Benjamin, »denn es ist so; aber ob es gleich sehr natürlich ist, daß Menschen selbst die unschuldige Ursache ihres Unglückes hassen, so steht es bei mir doch anders. Ich habe Sie geliebt, seit mir Ihr Benehmen gegen den schwarzen Georg bekannt wurde, wie ich Ihnen schon sagte, und das jetzige unerwartete Zusammentreffen giebt mir die Ueberzeugung, daß Sie alles wieder gut machen sollen, was ich um Ihretwillen gelitten habe. Ueberdies träumte ich die Nacht vorher, ehe ich Sie sah, ich stolperte über einen Stuhl, ohne mir wehzuthun, was offenbar etwas Gutes bedeutet, und in der vorigen Nacht träumte ich wieder, ich sitze hinter Ihnen auf einem milchweißen Pferde, was gewiß ein ganz vortrefflicher Traum ist, der großes Glück verheißt, das ich zu verfolgen entschlossen bin, wenn Sie nicht so grausam sind, es mir zu versagen.« »Es würde mich sehr freuen, Herr Partridge,« antwortete Jones, »wenn es in meiner Macht stünde, Ihnen für das, was Sie um meinetwillen gelitten haben, Vergeltung zu gewähren; für jetzt sehe ich die Möglichkeit nicht ein, doch verspreche ich Ihnen, Ihnen nichts zu versagen, was ich Ihnen gewähren kann.« »Es steht vollkommen in Ihrer Macht,« entgegnete Benjamin, »denn ich wünsche weiter nichts, als Sie auf Ihrer Wanderung begleiten zu dürfen. Ich habe meinen Sinn so fest darauf gestellt, daß Sie, durch eine Weigerung, einen Barbier und einen Wundarzt in einem Athem umbringen werden.« Jones erwiederte lächelnd, es würde ihm sehr Leid thun, wenn er die Ursache eines so großen Unglücks für das Publicum sein sollte; dann aber äußerte er manche verständige 32 Gründe, um Benjamin (den wir nun wieder Partridge nennen werden), von dem Vorhaben abzubringen, jedoch vergebens. Partridge vertrauete unerschütterlich fest auf seinen Traum von dem milchweißen Pferde. »Uebrigens versichere ich Sie, daß ich der Sache so aufrichtig zugethan bin, als es irgend Jemand sein kann. Ich werde gehen, Sie mögen mir erlauben, in Ihrer Gesellschaft zu reisen oder nicht.« Jones, dem Partridge so wohl gefiel als er Partridge gefallen konnte und nicht nach seinem Wunsche, sondern des Vortheils des Andern wegen ihn ersucht hatte, dazubleiben, willigte endlich ein, als er seinen Freund so fest entschlossen fand; doch setzte er hinzu: »vielleicht glauben Sie, Herr Partridge, ich könne Sie erhalten; das vermag ich nicht.« Zum Beweise zog er seine Börse und schüttete neun Guineen heraus, die, wie er versicherte, sein ganzes Vermögen waren. Partridge antwortete, er verlasse sich blos auf seine spätere Gunst, da er fest überzeugt sei, der Herr Jones werde bald mehr vermögen. »Gegenwärtig,« setzte er hinzu, »bin ich vielleicht reicher als Sie und alles, was ich habe, steht zu Ihrem Dienste und zu Ihrer Verfügung. Ich bestehe darauf, daß Sie Alles nehmen und bitte blos, Sie als Ihr Diener begleiten zu dürfen. Nil desperandum est Teucro duce et auspice Teucro .« Jones jedoch wollte von dem uneigennützigen Anerbieten durchaus keinen Gebrauch machen. Sie kamen überein, am nächsten Morgen aufzubrechen, aber da zeigte sich eine Schwierigkeit wegen des Gepäckes, denn der Mantelsack unseres Jones war zu groß, als daß er ohne ein Pferd hatte getragen werden können. »Wenn ich einen Rath geben darf,« sagte Partridge, »so lassen wir den Mantelsack mit allem, was darin ist, 33 mit Ausnahme einiger Wäsche, zurück. Dieß werde ich leicht für Sie tragen können; Ihre übrigen Kleidungsstücke können ganz sicher in meinem Hause bleiben.« Dieser Vorschlag wurde sogleich angenommen, worauf der Barbier fortging, um alles zu der Abreise vorzubereiten. Siebentes Kapitel. Dieses offenbart bessere Gründe für das Benehmen Partridge's, als bis jetzt zum Vorscheine gekommen sind. Auch enthält es seine Apologie für die Schwachheit des Herrn Jones und einige weitere Anekdoten von der Wirthin. Obgleich Partridge ein höchst abergläubischer Mensch war, so hätte er doch sicherlich schwerlich blos in Folge seiner zwei Träume von dem Stuhle und dem Pferde, den Herrn Jones zu begleiten gewünscht, wären seine Aussichten nicht besser gewesen, als Beute auf einem Schlachtfelde zu machen. Als er über die Erzählung nachdachte, die er von Jones gehört hatte, konnte er durchaus nicht glauben, daß Herr Allworthy seinen Sohn (denn für diesen hielt er Jones) aus einem der angeführten Gründe aus dem Hause verstoßen haben sollte. Er schloß demnach, das Ganze sei eine Erdichtung und Jones, von dessen Charakter man ihm die seltsamste Schilderung gemacht hatte, sei seinem Vater davon gelaufen. Da setzte er sich in den Kopf, wenn er den jungen Herrn vermögen könnte, zu seinem Vater zurückzukehren, würde er dadurch dem Herrn Allworthy einen Dienst erzeigen, über welchem dieser seinen frühern Unwillen vergessen werde; ja er bildete sich ein, dieser Unwille sei nur erheuchelt gewesen und Allworthy habe ihn seinem eigenen Rufe geopfert. Diese Muthmaßung fand er durch die 34 liebevolle Behandlung vollkommen bestätiget, welche der vortreffliche Mann dem Findlinge gewährt hatte; durch die Strenge gegen Partridge, der, da er sich schuldlos wußte, nicht zu begreifen vermochte, wie er von Andern für schuldig gehalten werden könnte, und endlich durch die Unterstützung, die er insgeheim lange erhalten hatte, nachdem ihm der Gehalt öffentlich entzogen worden war, und die er für eine Art Schmerzensgeld oder für eine Schadloshaltung ansah. Es ist, wie ich glaube, sehr ungewöhnlich, daß Leute die Wohlthaten, welche sie erhalten, bloßer Mildthätigkeit zuschreiben, wenn sie dieselben möglicherweise auf eine andere Art erklären können. Wenn er also auf irgend eine Art den Jüngling überreden konnte, nach Hause zurückzukehren, so würde er, glaubte er, die Gunst des Herrn Allworthy wieder gewinnen, wohl gar für seine Mühe belohnt werden und die Erlaubniß erhalten, in seine Heimath zurückzukehren, was er eben so innig wünschte, als es Ulysses gewünscht haben mag. Jones seiner Seits war von der Angabe, die Partridge gemacht hatte, vollkommen befriediget und glaubte, derselbe habe keine andere Veranlassung als die Liebe zu ihm und den Eifer für seine Sache, – ein tadelnswerther Mangel an Vorsicht und an Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Menschen. Es giebt nur zwei Wege, auf denen der Mensch sich diese vortreffliche Eigenschaft verschaffen kann. Der eine ist lange Erfahrung und der andere angeborene Klugheit. Die letztere dürfte noch weit besser sein als die erstere, nicht blos, weil sie weit früher im Leben benutzt werden kann, sondern auch, weil sie weit minder trügt; denn obgleich ein Mensch von Vielen betrogen und hintergangen worden ist, hofft er doch noch immer, ehrlichere zu finden; während der, welcher die nöthigen Ermahnungen von seinem Herzen erhält, weit minder leicht getäuscht werden kann. Jones 35 hatte diese Gabe von der Natur nicht erhalten und war noch zu jung, um durch Erfahrung klug geworden zu sein, zu welcher wir leider meist erst spät im Leben gelangen, was vielleicht der Grund ist, warum manche alte Leute die Klugheit aller derer, die etwas jünger sind als sie, so gern verachten. Jones verbrachte einen großen Theil des Tages in der Gesellschaft eines neuen Bekannten, des Gastwirthes nämlich oder vielmehr des Mannes der Wirthin. Er hatte erst vor kurzem das Krankenzimmer verlassen, in welchem er durch die Gicht lange zurückgehalten worden war, die ihn überhaupt meist die Hälfte des Jahres in sein Zimmer gebannt hielt. In der andern Hälfte ging er in dem Hause umher, rauchte seine Pfeife und trank seine Flasche mit seinen Freunden, ohne sich im mindesten um das Hauswesen zu bekümmern. Er hatte eine vornehme Erziehung genossen, das heißt nichts rechtes gelernt und ein kleines Vermögen, das er von einem fleißigen Pachter, seinem Oheime, geerbt, durch Jagen, bei Wettrennen und Hahnenkämpfen durchgebracht. Endlich war er von der Wirthin zu gewissen Zwecken geheirathet worden, denen er aber seit lange nicht mehr entsprechen konnte, weshalb sie ihn von Herzen haßte und ihn häufig durch Vergleiche mit ihrem ersten Manne herabsetzte, in dessen Lobe sie kein Ende fand. Nach einem langen und glücklichen Kampfe hatte sie es endlich dahin gebracht, daß sie frei im Hause nach eigenem Willen schalten und walten konnte, während sie ihren Mann thun ließ, was ihm beliebte. Abends, als Jones sich in sein Zimmer begab, entstand ein kleiner Zank zwischen dem zärtlichen Paare über ihn. »Was!« sagte die Frau, »du hast mit dem Herrn getrunken?« – »Ja,« antwortete der Ehemann, »wir haben eine Flasche mit einander ausgestochen; er ist ein sehr artiger Mann und versteht sich trefflich auf 36 Pferde, ob er gleich noch jung ist und nicht viel in der Welt gesehen hat, auch bei nicht vielen Wettrennen gewesen ist.« – »Ist er Einer von Deinem Schlage?« antwortete die Frau; »da er von Pferden reden kann, muß er freilich ein vornehmer Mann seyn. Der Teufel hole diese vornehmen Leute; wollte Gott, ich hätte nie einen der Art gesehen! Ich habe große Ursache, solche Pferdeliebhaber sehr zu lieben.« – »Die hast du auch,« fiel der Ehemann ein, »denn ich war Einer, wie du weißt.« – »Ja, und einer von den ächten,« antwortete sie. »Ich kann, wie mein Seliger zu sagen pflegte, alles Gute, das ich durch dich erlangt habe, in die Augen stecken, ohne deshalb schlechter zu sehen.« – »Hol' der Teufel deinen Seligen!« rief er. – »Er war doch besser als du bist, und wenn er noch lebte, dürftest du nicht so von ihm reden.« – »Dann meinst du, ich hätte nicht so viel Herz im Leibe als du, da du ihn doch vielmals in meiner Gegenwart zum Teufel gewünschet hast.« – »Habe ich es gethan, so habe ich es oft und lange bereuet und er wird mir ein Wort gewiß verzeihen, das ich in der Uebereilung gesprochen. Er war mein Mann und wenn ich auch in der Hitze einmal ein böses Wort von ihm sagte, so nannte ich ihn doch nie einen Taugenichts und ich würde eine Lüge gesagt haben, hätte ich ihn so genannt.« Sie sprach noch viel, aber der Mann hörte es nicht, denn er zündete sich seine Tabakspfeife an und hinkte so schnell als möglich fort. Wir werden deshalb auch nicht mehr von ihrer Rede mittheilen, da sie sich immer mehr und mehr dem Punkte näherte, der zu indelicat ist, als daß wir ihn in unserer Geschichte erwähnen könnten. Früh am Morgen erschien Partridge am Bette unseres Helden reisefertig, den Tornister auf dem Rücken. Es war derselbe ein Werk seiner Hände, denn Partridge war unter 37 anderm auch kein übler Schneider. Er hatte bereits seine ganze Wäsche hineingepackt, nämlich vier Hemden; dazu legte er noch acht von Jones, dann packte er das Felleisen und wollte dasselbe in sein Haus tragen, wurde aber von der Wirthin unterwegs angehalten, die nichts von den Habseligkeiten fortschaffen lassen wollte, bevor ihre Rechnung bezahlt sey. Die Wirthin herrschte, wie erwähnt, unumschränkt im Hause, Partridge mußte sich also in ihr Gebot fügen. Die Rechnung, die sich auf eine weit höhere Summe belief, als Jones nach dem, was er erhalten hatte, vermuthen konnte, wurde sofort geschrieben; doch wir müssen hier einige Maximen veröffentlichen, welche von Gastwirthen für große Geheimnisse ihres Geschäfts gehalten werden. Die erste besteht darin, wenn sie etwas Gutes im Hause haben (was sehr selten der Fall ist), dies nur den Personen vorzulegen, die mit Equipage reisen. Die zweite ist die, sich das Schlechteste so gut wie das Beste bezahlen zu lassen, und die dritte besteht darin, den Gästen, die nur wenig verlangen, alles mit doppelter Kreide anzuschreiben, so daß die Rechnung sich immer gleich bleibt. Nachdem die Rechnung gemacht und bezahlt war, brach Jones mit Partridge auf, der seinen Tornister trug. Die Wirthin ließ sich nicht herab, ihm eine glückliche Reise zu wünschen, denn das Wirthshaus schien nur von vornehmen Leuten besucht zu werden und ich weiß nicht woher es kommt, daß alle die, welche ihren Unterhalt von vornehmen Leuten ziehen, so grob gegen die übrigen Menschen werden, als gehörten sie selbst zu den Vornehmen. 38 Achtes Kapitel. Jones kommt nach Gloucester und begiebt sich in die Glocke. Beschreibung dieses Hauses und eines Rabulisten, den er da trifft. Jones und Partridge oder der kleine Benjamin (das Beiwort »klein« war ihm offenbar spottweise beigelegt, da er fast sechs Fuß maß) verließen in der angegebenen Weise ihr letztes Quartier und wanderten nach Gloucester, ohne ein Abenteuer zu erleben, das des Erzählens werth wäre. In dieser Stadt kehrten sie in der »Glocke« ein, einem vortrefflichen Hause, das ich jedem empfehle, der jene alte Stadt besucht. Der Wirth ist ein geradherziger redlicher Mann. Seine Frau mag früher recht hübsch gewesen seyn und ist noch immer nicht häßlich. Ihre Figur und Haltung dürften in den fashionablesten Zirkeln Aufsehen erregt haben; aber ob ihr gleich diese und viele andere Vorzüge bekannt sein müssen, so scheint sie doch mit ihrem Berufe vollkommen zufrieden zu seyn. Sie ist dabei eine gutmüthige freundliche Frau und beeifert sich so, Jedermann gefällig zu sein, daß die Gäste sehr hypochondrisch sein müssen, wenn sie ihr Haus nicht völlig befriediget verlassen. Madame Whitfield war eben in dem Hofe, als Jones mit seinem Begleiter eintrat. Sie erkannte in unserm Helden sogleich etwas, das ihn von den gemeinen Leuten unterschied. Sie befahl deshalb ihren Leuten, ihn sofort in ein Zimmer zu führen und lud ihn darauf ein, mit ihr zu speisen, welche Einladung er dankbar annahm, denn nach so langem Fasten und so weitem Gange würde ihm eine weit minder angenehme Gesellschaft als die der Madame Whitfield und ein geringeres Essen, als sie ihm vorsetzte, willkommen gewesen sein. Außer Jones und der guten Hausfrau befand sich am 39 Tische ein Advokat von Salisbury, derselbe, welcher die Nachricht von Mad. Blifil's Tode dem Herrn Allworthy überbracht hatte und dessen Name, den wir vorher nicht erwähnten, Dowling war. Ferner war ein Mann zugegen, der sich ebenfalls einen Advokaten nannte und in der Nähe von Linlinch zu Hause war. Dieser Mann nannte sich, sage ich, einen Advokaten, war aber ein höchst gemeiner Rabulist, ohne alle Kenntnisse, ein Mensch, den man den Schleppenträger des Gesetzes nennen konnte, ein Supernumerar in dem Advokatenstande. Bei Tische erinnerte sich dieser Mann des Gesichtes Jones', den er bei Herrn Allworthy gesehen hatte, bei welchem er häufig einzusprechen pflegte. Auch fragte er sogleich nach der trefflichen Familie mit einer Vertraulichkeit, als sei er Herrn Allworthy's bester Freund. Ueberhaupt bot er alles auf, um sich als einen solchen darzustellen, ob er gleich mit Niemanden in dem Hause, als den Bedienten in der Küche gesprochen hatte. Jones beantwortete alle Fragen sehr artig, ob er sich gleich nicht erinnerte, den Mann früher gesehen zu haben, und aus dem Aussehen desselben schloß, er gebe sich für mehr aus als er eigentlich sei. Da ihm die Unterhaltung nicht zusagte, so entfernte sich Jones sobald der Tisch abgeräumt war, und nöthigte so Madame Whitfield, ihren Gästen Gesellschaft zu leisten, was die Wirthe nicht selten mit Recht für eine große Strafe erklären. Jones hatte das Zimmer kaum verlassen, als der Rabulist halblaut Madame Whitfield fragte, ob sie wüßte, wer der junge Mensch sei. Sie erklärte, den Herrn noch niemals gesehen zu haben. »Den Herrn! hm!« erwiederte der Rabulist; »ein schöner Herr! Er ist der Bastard eines Kerls, der wegen Pferdediebstahls gehangen wurde. Man setzte ihn an Herrn Allworthy's Thüre aus, wo er von 40 einem der Dienstleute in einer Schachtel gefunden wurde, die so voll Regenwasser war, daß er sicherlich ertrunken wäre, hätte ihn das Schicksal nicht zu etwas anderm aufgespart.« – »Ja, ja, Sie brauchen das »etwas Anderes« nicht zu nennen,« fiel Dowling ein, »wir wissen schon, was Sie meinen.« – »Der Herr Allworthy ließ das Kind in das Haus nehmen, denn er ist bekanntlich ein gutmüthiger Mensch. Da wurde der Bastard genährt und gekleidet wie anständiger Leute Kind, später schwängerte er eine Magd und überredete sie, es zu beschwören, der Herr Allworthy selbst sei der Vater ihres Kindes; nachher zerschlug er einem Geistlichen Thwackum den Arm, blos weil dieser ihm empfahl, nicht den Huren nachzulaufen; ferner schoß er ein Pistol hinter Herrn Blifil's Rücken ab und als Herr Allworthy einmal krank war, nahm er eine Trommel und trommelte in dem ganzen Hause herum, damit er nicht schlafen könne. Kurz er machte tausend schlechte Streiche, bis ihn der Herr, einige Tage, bevor ich mich aus jener Gegend entfernte, aus dem Hause jagte.« – »Und das mit Recht, behaupte ich,« sagte Dowling; »ich würde meinen eigenen Sohn aus dem Hause werfen, wenn er sich halb so viel zu Schulden kommen ließe. Und, sagen Sie, wie heißt der Monsieur?« »Sein Name? Man nennt ihn Thomas Jones.« – »Jones!« antwortete Dowling etwas rasch, »Herr Jones, der in dem Hause des Herrn Allworthy war! Das war der Herr, der hier mit uns aß?« – »Derselbe,« sagte der Andere. – »Ich habe oft von ihm gehört,« fuhr Dowling fort, »aber niemals etwas Unrechtes.« – »Und ich sage,« bemerkte Madame Whitfield, »wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Herr da eben erzählte, so trügt das Gesicht dieses Herrn Jones mehr als irgend eines, das ich jemals sah; denn nach seinen Zügen erwartet man etwas ganz anderes von ihm, und nach der kurzen Zeit, die ich 41 ihn gesehen habe, scheint er ein ganz artiger, wohlerzogener und gebildeter junger Mann zu sein.« Der Rabulist bestätigte und betheuerte das, was er erzählt hatte, mit so vielen Eiden und Schwüren, daß der Wirthin die Ohren summten und sie dem Schwören dadurch ein Ende machte, daß sie erklärte, sie glaube ihm. Darauf fuhr jener fort: »Sie werden hoffentlich mir nicht zutrauen, daß ich falsche Dinge von Jemanden sage, wenn ich von der Wahrheit nicht überzeugt bin. Was kann mir es helfen, Jemanden, der mich nie beleidiget hat, um den guten Ruf zu bringen? Ich versichere Sie, jede Sylbe von dem, was ich gesagt habe, ist Wahrheit und die ganze Gegend weiß es.« Da Madame Whitfield keinen Grund zu der Vermuthung hatte, der Rabulist könne absichtlich Jones verläumden, so wird der Leser sie nicht tadeln, daß sie glaubte, was ihr mit so vielen Eidschwüren versichert wurde. Sie gab ihren Glauben an die Physiognomie auf und faßte eine so schlimme Meinung von ihrem Gaste, daß sie herzlich wünschte, er möge aus ihrem Hause fort sein. Der Widerwille wurde durch einen Bericht gesteigert, den Herr Whitfield aus der Küche mitbrachte, wo Partridge erzählt hatte, ob er gleich den Tornister trage und sich begnüge bei den Dienstleuten zu bleiben, während Tom Jones (wie er ihn nannte) in dem Gastzimmer tafele, so sei er doch der Diener desselben nicht, sondern ein Freund und Begleiter, so viel und so gut als der Herr Jones selbst. Dowling saß die ganze Zeit über schweigend da, kauete an den Nägeln, verzog das Gesicht, lächelte und gab sich ein höchst schlaues Aussehen, endlich aber that er den Mund auf und versicherte, der junge Mann sehe aus wie jeder andere. Darauf verlangte er seine Rechnung, erklärte 42 geschäftig, er müsse noch denselben Abend in Hereford sein, jammerte über zu große Geschäftslast und wünschte, er könne sich in zwanzig Stücke theilen, damit er zu gleicher Zeit an zwanzig verschiedenen Orten sein könne. Der Rabulist entfernte sich ebenfalls und Jones ersuchte darauf Madame Whitfield mit ihm Thee zu trinken, was sie indeß ablehnte und zwar in einer Art, die so ganz von der verschieden war, mit welcher sie ihn bei Tische behandelt hatte, daß sie ihn etwas überraschte. Er bemerkte bald, daß sie ihr Benehmen überhaupt geändert habe, denn statt der früher von uns gepriesenen Freundlichkeit, lag in ihrem Gesichte jetzt eine gewisse Strenge, die dem Herrn Jones so unangenehm war, daß er sich entschloß, das Haus noch denselben Abend zu verlassen, ob es gleich bereits spät war. Er erklärte sich diese plötzliche Umwandlung auf eine etwas unbillige Weise; nicht genug, daß er harte und ungerechte Bemerkungen über die weibliche Unbeständigkeit und Veränderlichkeit machte, schob er den Mangel an Artigkeit auf den Umstand, daß er ohne Pferde reise, welche Thiere, da sie keine Wäsche beschmuzen, der Meinung der Gastwirthe nach, für ihre Lagerstelle besser bezahlen als ihre Reiter und deshalb auch willkommener seien. Madame Whitfield dachte indeß besser, diese Gerechtigkeit müssen wir ihr widerfahren lassen. Sie war gut erzogen und konnte recht artig sein auch gegen die Fußreisenden. Sie hielt unsern Helden aber für einen Taugenichts und behandelte ihn als solchen. Jones würde sie sicherlich darum nicht getadelt haben, hätte er gewußt, was der Leser weiß, im Gegentheile er hätte gewiß ihr Benehmen gebilliget und sie nur um so mehr geachtet. Es ist dies ein erschwerender Umstand, wenn eine Person ungerechter Weise in Mißcredit gebracht wird; denn ein Mann, der weiß, daß er für einen schlechten 43 Menschen gilt, kann nicht wohl mit denen zürnen, die ihn vernachlässigen und unbeachtet lassen, sollte vielmehr diejenigen verachten, die seine Unterhaltung suchen, bevor sie durch genauere Bekanntschaft mit ihm sich überzeugt haben, daß er verläumdet worden ist. Dies war bei Jones nicht der Fall; denn da er das Sachverhältniß durchaus nicht kannte, mußte er mit Recht die Behandlung, die erfuhr, übelnehmen. Er bezahlte darum auch seine Rechnung und brach auf ganz gegen den Willen des Herrn Partridge, der lange vergebliche Gegenvorstellungen machte, endlich aber doch seinen Tornister nahm und dem Freunde folgte. Neuntes Kapitel. Verschiedene Gespräche zwischen Jones und Partridge über Liebe, Kälte, Hunger und andere Dinge; auch entgeht Partridge mit genauer Noth aber glücklich der Gefahr, seinem Freunde eine schlimme Entdeckung zu machen. Die Schatten der hohen Berge begannen sich länger zu dehnen; die gefiederten Bewohner der Luft hatten sich zur Ruhe begeben. Die höchste Klasse der Sterblichen setzte sich zur Mittagsmahlzeit, die niedrigste zum Abendessen nieder; mit einem Worte, es schlug fünf Uhr, als Jones von Gloucester Abschied nahm, eine Stunde, in welcher (da es mitten im Winter war) die schmuzigen Finger der Nacht ihren dunkeln Vorhang über die Welt gezogen haben würden, hätte ihr der Mond nicht gewehrt, der jetzt mit einem vollen und rothen Gesichte, wie das mancher Menschen, die, wie er, die Nacht zum Tage machen, sich von dem Bette zu erheben begann, wo er den Tag verschlafen 44 hatte, um die ganze Nacht aufzubleiben. Jones war noch nicht weit gegangen, als er dem schönen Himmelskörper seine Huldigung darbrachte, sich an seinen Begleiter wendete und denselben fragte, ob er jemals einen so herrlichen Abend gesehen habe. Da Partridge auf die Frage nicht sogleich antwortete, so pries er den Mond weiter und citirte einige Stellen von Milton, der alle andern Dichter in seiner Beschreibung der Himmelskörper übertroffen. Dann erzählte er eine Geschichte von zwei Liebenden, die übereingekommen waren, dadurch in der Ferne sich an einander zu erinnern, daß sie zu einer bestimmten Stunde den Mond betrachteten. »Diese Liebenden,« setzte er hinzu, »müssen im Stande gewesen sein, die ganze Wonne des erhabensten aller menschlichen Gefühle zu empfinden.« – »Wahrscheinlich,« antwortete Partridge; »aber ich würde sie mehr beneiden, wenn sie im Stande gewesen wären, die Kälte nicht zu fühlen; ich bin fast erfroren und fürchte sehr, ein Stück von meiner Nase zu verlieren, ehe wir ein anderes Wirthshaus erreichen. Es ist uns auch ganz recht, wenn wir für unsere Thorheit gestraft werden, so in der Nacht eines der trefflichsten Gasthäuser zu verlassen, die ich jemals betreten habe. Ich glaube in meinem Leben nichts Schöneres gesehen zu haben und der größte Herr im Lande kann in seinem eigenen Hause nicht besser leben wie dort. Und ein solches Haus zu verlassen, um im Freien herumzulaufen, Gott weiß wohin! per devia rura viarum! Ich für meinen Theil sage nichts, andere Leute aber könnten wohl auf den Gedanken kommen, wir wären nicht recht bei Sinnen.« – »Pfui, Partridge!« entgegnete Jones; »fassen Sie mehr Muth; Sie wollen gegen einen Feind kämpfen und fürchten sich vor ein wenig Kälte? Ich wünsche nichts weiter, als daß wir einen Führer hätten, der uns sagte, welchem von diesen Wegen wir folgen müssen.« – »Darf ich einen 45 Rath geben?« fragte Partridge. » Interdum stultus opportuna loquitur. « – »Nun welchen würden Sie empfehlen?« – »Keinen von allen,« antwortete Partridge. »Den einzigen, den wir gewiß finden, ist der Weg, auf dem wir bis jetzt gegangen sind. Wenn wir gut ausschreiten, kommen wir in einer Stunde nach Gloucester zurück; gehen wir vorwärts, so mag der Teufel wissen, wenn wir ein Wirthshaus treffen, denn ich kann wenigstens 50 (engl.) Meilen weit sehen, erblicke aber durchaus nichts von einem Hause.« – »Wir haben wirklich eine schöne Aussicht hier,« sagte Jones, »die durch den ungewöhnlichen Glanz des Mondes noch lieblicher wird. Ich werde hier links weiter gehen, da dieser Weg nach den Bergen zu führen scheint, die nicht fern von Worcester liegen sollen. Wollen Sie mich verlassen, so thun Sie es und kehren Sie um, ich für meinen Theil gehe gewiß weiter.« »Es ist nicht recht von Ihnen,« meinte Partridge, »eine solche Absicht in mir zu vermuthen. Ich gab meinen Rath eben so gut Ihret-, als meinetwegen, da Sie aber durchaus weiter gehen wollen, so bin ich bereit zu folgen. I prae, sequar te. « Sie gingen einige Meilen schweigend weiter; Jones seufzte dabei oft und tief und Benjamin stöhnte, indeß aus ganz andern Gründen. Endlich blieb Jones stehen, drehete sich um und sagte: »Wer weiß, Partridge, ob nicht das liebenswürdigste Mädchen in der Welt in demselben Augenblicke auch den Mond betrachtet, gleich mir!« – »Wohl möglich,« antwortete Partridge; »aber wenn ich ein gutes Stück Roastbeef vor mir sähe, möchte der Teufel den Mond und die Hörner desselben dazu nehmen.« – »Partridge! Haben Sie in Ihrem Leben niemals Liebe gefühlt oder hat die Zeit alle Spuren davon aus Ihrer Erinnerung verwischt, da Sie eine so prosaische Antwort 46 geben können?« – »Ach!« seufzete Partridge, »wohl mir, hätte ich nie gewußt, was Liebe ist. Infandum, regina, jubes renovare dolorem . Ich habe alle Wonne und alles Leid der Liebe empfunden.« – »War Ihre Geliebte so schlimm?« fragte Jones. – »Sehr schlimm,« antwortete Partridge, »denn sie heirathete mich und wurde eines der bösesten Weiber auf Gottes Erdboden. Doch, dem Himmel sei Dank, sie ist todt, und wenn ich glaubte, sie befände sich in dem Monde, wie ein Buch, das ich einst gelesen habe, meint, er sei der Aufenthalt abgeschiedener Geister, ich sähe ihn nicht wieder an, aus Furcht, sie wieder zu erblicken. Dagegen wünsche ich um Ihretwillen, der Mond wäre ein Spiegel und Fräulein Sophie Western stände jetzt vor ihm.« – »Welcher Gedanke, Partridge!« sprach Jones; »ein solcher kann nur in der Seele eines Liebenden entstehen. Ach, Partridge, könnte ich hoffen, dieses Antlitz noch einmal zu sehen! Aber ach, alle diese goldenen Träume sind für immer entschwunden und ich kann mich vor zukünftigem Elende nur dadurch retten, daß ich den Gegenstand meines frühern Glückes vergesse.« – »Und verzweifeln Sie wirklich ganz daran, Fräulein Western jemals wieder zu sehen?« antwortete Partridge. »Wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, so wette ich, daß Sie die Schöne nicht blos wiedersehen, sondern sogar in Ihre Arme bekommen.« – »Wecken Sie keine solchen Gedanken in mir!« sprach Jones; »ich habe genug gekämpft, um solche Wünsche niederzuhalten.« – »Wenn Sie nicht wünschen, Ihre Geliebte in Ihren Armen zu halten, so sind Sie ein ganz ungewöhnlicher Liebhaber.« – »Sprechen wir nicht weiter davon,« sagte Jones;»aber theilen Sie mir Ihren Rath mit.« – »Da wir Soldaten sind, so will ich Ihnen denselben militairisch ausdrücken: »rechtsumkehrt!« Wir wollen umkehren; wir können Gloucester noch diese Nacht 47 erreichen, wenn es auch spät wird, während wir, gehen wir noch weiter vorwärts, allem Anscheine nach, noch lange wandern müssen, ehe wir ein Haus finden.« – »Ich habe bereits meinen Entschluß ausgesprochen, weiter zu gehen,« antwortete Jones; »kehren Sie in Gottes Namen um. Ich danke Ihnen, daß Sie mich so weit begleiteten und nehmen Sie diese Guinée als Zeichen meiner Dankbarkeit an. Ich würde wirklich grausam sein, wollte ich Sie noch weiter mitgehen lassen, denn, um es gerade herauszusagen, ich suche einen ruhmvollen Tod in dem Dienste für König und Vaterland.« – »Ihr Geld, Herr, stecken Sie ein,« sagte Partridge; »ich nehme jetzt nichts von Ihnen an, denn ich bin gegenwärtig, glaube ich, reicher als Sie. Sind Sie entschlossen, weiter zu gehen, so bin ich es nicht minder, Ihnen zu folgen. Meine Anwesenheit scheint sogar nothwendig zu sein, weil Sie so verzweifelte Absichten haben, die ich durchaus nicht theile. Wie Sie entschlossen sind, wo möglich in der Schlacht zu fallen, so habe ich mir vorgenommen, wenn es angeht, mit heiler Haut davon zu kommen. Mich tröstet überhaupt der Gedanke, die Gefahr werde nicht eben groß sein, denn ein katholischer Priester sagte mir erst kürzlich, der Sache würde bald abgeholfen sein und zwar ohne Schlacht.« – »Einem katholischen Priester,« antwortete Jones, »kann man, wie ich gehört habe, nicht immer glauben, wenn er für seine Religion spricht.« – »Er sprach gar nicht für seine Religion,« fuhr Partridge fort, »sondern versicherte vielmehr, die Katholiken erwarteten keinen Gewinn von der Veränderung, denn Prinz Karl sei ein so guter Protestant als irgend Einer in England; nur die Rücksicht auf das Recht mache ihn und die übrige katholische Partei zu Jacobiten.« – »Ich glaube, sein Protestantismus ist eben so groß wie sein Recht,« sagte Jones; »ich zweifele an unserm Siege nicht, aber 48 nicht ohne Schlacht, und hegt also keine so sanguinischen Erwartungen wie Ihr katholischer Priester.« – »Nun,« fuhr Partridge fort, »alle Prophezeihungen, die ich gelesen habe, sagen, es würde viel Blut in dem Streite vergossen werden, und der Müller mit drei Daumen, der jetzt lebt, soll, bis an die Knie in Blut, die Pferde dreier Könige halten. Gott sei uns allen gnädig und sende uns bessere Zeiten!« – »Mit welchem Unsinne haben Sie Ihren Kopf gefüllt?« rief Jones; »das kommt wohl auch von dem katholischen Priester? Wunder und Ungeheuer sind die rechten Gründe zur Unterstützung ungeheuerlicher, alberner Lehren. Die Sache des Königs Georg ist die Sache der Freiheit und der wahren Religion, mit andern Worten, die Sache des gesunden Verstandes, und sie wird siegen und ob Briareus selbst mit seinen hundert Daumen wieder aufstände und Müller würde.« – Partridge antwortete darauf nicht. Er war durch die Erklärung seines Freundes in die äußerste Bestürzung gerathen, denn, um dem Leser ein Geheimniß mitzutheilen, das zu enthüllen, wir noch keine passende Gelegenheit gefunden haben, Partridge war in der That ein Jacobit und immer der Meinung gewesen, Jones gehöre zu derselben Partei und wolle sich den Rebellen anschließen. Diese seine Meinung war auch nicht unbegründet, das vieläugige, vielzüngige, vielmündige, vielöhrige Ungethüm Virgils, das Gerücht, hatte die Geschichte von dem Streite zwischen Jones und dem Officiere mit seiner gewöhnlichen Rücksicht auf die Wahrheit erzählt. Es hatte den Namen Sophiens in den des Prätendenten umgeändert und berichtet, Jones sei darum zu Boden geworfen worden, weil er die Gesundheit desselben betrunken habe. Dies hatte Partridge gehört und steif und fest geglaubt. Man braucht sich also nicht zu wundern, daß er die oben erwähnte Meinung von Jones hegte, die er beinahe 49 ausgesprochen hätte, ehe er seinen Irrthum erkannte. Alle Umstände hatten ihn von demselben nicht abgebracht, weil er glaubte, die ganze Nation sei im Herzen jacobitisch; ja auch das hatte ihn nicht gewundert, daß Jones in Gesellschaft von Soldaten gewesen, weil er wähnte, die Armee hege dieselbe Gesinnung, wie sie seinem Glauben nach das Volk hegte. So sehr er aber auch Jacob oder Karl zugethan sein mochte, so war er doch dem kleinen Benjamin noch mehr zugethan und kaum hatte er die Grundsätze seines Reisegefährten erkannt, so beschloß er, die seinigen gegen den Mann zu verbergen oder äußerlich aufzugeben, durch welchen er sein Glück zu machen gedachte, indem er keineswegs glaubte, daß die Sache des Herrn Jones bei dem Herrn Allworthy so schlecht stehe, als es wirklich der Fall war. Da er mit einigen seiner Freunde, seit er jene Gegend verlassen, fortwährend in Briefwechsel geblieben war, so hörte er viel, mehr als wahr war, von der großen Liebe des Herrn Allworthy zu diesem jungen Manne, der, wie man dem Herrn Partridge gemeldet hatte, denselben beerben würde und den er, wie wir bereits erwähnten, durchaus für den Sohn dieses Herrn hielt. Er meinte deshalb, wenn auch eine Uneinigkeit zwischen beiden eingetreten sei, so würde sie bei der Rückkehr des Herrn Jones gewiß beseitigt werden. Von diesem Umstande versprach er sich große Vortheile, wenn er sich den jungen Herrn verpflichten könnte. Konnte er irgend auf eine Weise dazu beitragen, die Rückkehr desselben zu bewirken, so, meinte er, würde dies ihm auch die Gunst des Herrn Allworthy wieder gewinnen. Wir haben bereits bemerkt, daß er ein sehr gutmüthiger Mensch war und er selbst hat seine große Zuneigung zu der Person und dem Charakter des Herrn Jones ausgesprochen; wahrscheinlich bestimmten 50 ihn jedoch die Absichten, die ich eben erwähnte, zum Theil auch mit, diese Wanderung anzutreten, wenigstens dieselbe fortzusetzen, nachdem er entdeckt, daß sein Begleiter und er selbst einem ganz verschiedenen Ziele nachgingen. Zu dieser Vermuthung bringt mich die Bemerkung, welche ich gemacht habe, daß, obgleich Liebe, Freundschaft, Achtung und dergl. großen Einfluß auf das Herz des Menschen haben, der Eigennutz doch selten das Ingrediens ist, welches kluge Leute übergehen, wenn sie für Anderer Zwecke zu arbeiten scheinen. Zehntes Kapitel. Unsere Reisenden erleben ein ganz ungewöhnliches Abenteuer. Eben als Jones und sein Freund das Ende ihres Gespräches in dem letzten Kapitel erreicht hatten, gelangten sie an den Fuß eines sehr steilen Berges. Jones blieb stehen und sah schweigend hinauf. Endlich rief er seinen Begleiter und sagte: »Partridge, ich wollte, ich wäre auf diesem Berge; man muß von seinem Gipfel eine herrliche Aussicht haben, besonders in diesem Mondenscheine; denn das bleiche Licht, das der Mond über alle Gegenstände verbreitet, ist über alle Beschreibung schön, besonders für eine Phantasie, welche gern melancholische Ideen hegt.« – »Sehr wahrscheinlich,« antwortete Partridge, »wenn aber der Gipfel am meisten geeignet sein soll, melancholische Gedanken zu erzeugen, so werden wohl am Fuße die heitersten entstehen und diese halte ich für besser. Ich versichere, mein Blut erstarrte bei Ihrer bloßen Erwähnung des Gipfels dieses Berges, der einer der höchsten in der Welt zu sein scheint. Nein, wenn wir nach etwas suchen, so möge es ein Plätzchen unter der Erde sein, wo wir uns 51 vor der Kälte schützen können.« – »Thun Sie das; nur sorgen Sie, daß Sie mich von hier aus hören können; ich werde Sie bei meiner Rückkunft rufen.« – »Sie sind doch gewiß nicht toll,« meinte Partridge. – »Ich bin es gewiß,« antwortete Jones, »wenn es Tollheit ist, auf diesen Berg hinaufzusteigen; bleiben Sie unten, da Sie schon jetzt sich so sehr über die Kälte beklagen, binnen einer Stunde bin ich gewiß wieder zurück.« – »Verzeihen Sie,« fiel Partridge ein, »ich bin entschlossen, Ihnen überall hin zu folgen.« Er fürchtete sich wirklich zurückzubleiben, denn ob er gleich in jeder Hinsicht feig war, so fürchtete er sich doch besonders vor Geistern, für welche die Nachtzeit und die Oertlichkeit ganz geeignet zu sein schienen. In diesem Augenblicke sah Partridge ein Licht durch einige Bäume hindurch schimmern, die sehr nahe zu sein schienen. Sogleich rief er entzückt aus: »Ach, der Himmel hat endlich mein Gebet erhört und uns an ein Haus geführt; vielleicht ist es ein Wirthshaus. Lassen Sie sich beschwören, wenn Sie Mitleid mit mir und mit sich selbst haben und verschmähen Sie die Güte der Vorsehung nicht, sondern lassen Sie uns gerade auf dieses Licht zugehen. Mag es ein Wirthshaus sein oder nicht, wenn Christen darin wohnen, werden sie Personen in unserm Zustande ein Plätzchen nicht versagen.« Jones gab endlich den ernsten Bitten Partridge's nach, und so gingen sie gerade nach dem Orte zu, von wo das Licht schimmerte. Sie gelangten bald an das Haus oder vielmehr Häuschen. Jones klopfte mehrmals an der Thüre an, ohne eine Antwort von innen zu erhalten, weshalb Partridge, dessen Kopf voll von Geistern, Gespenstern, Teufeln und Hexen war, zu zittern anfing und sagte. »Herr, habe Erbarmen mit uns! Die Leute darin sind gewiß alle todt. Ich sehe jetzt auch kein Licht mehr, ob ich gleich dasselbe 52 noch den Augenblick vorher bemerkte. Ich habe von dergleichen schon gehört.« – »Was haben Sie gehört?« fragte Jones. »Die Leute schlafen entweder sehr fest oder fürchten sich, was noch wahrscheinlicher ist, ihre Thüre zu öffnen, da das Haus einsam steht.« Darauf rief er laut und endlich fragte eine alte Frau, die ein Fenster oben öffnete, wer sie wären und was sie wollten? Jones antwortete, sie wären Reisende, hätten sich verirrt und wären, da sie ein Licht hier gesehen, auf dasselbe zugegangen, in der Hoffnung, ein Feuer zu finden, an dem sie sich wärmen könnten. »Wer Ihr auch sein möget,« sagte die Frau; »Ihr habt hier nichts zu schaffen und ich öffne in dieser Nachtzeit die Thüre Niemanden.« Partridge, dem der Klang einer menschlichen Stimme die Furcht ganz vertrieben hatte, begann nun auf das flehendlichste zu bitten, die Frau möchte ihn doch nur auf einige Minuten an das Feuer lassen und sagte, er sei fast erfroren. Er versicherte, der Herr, welcher sie vorher angesprochen, sei einer der vornehmsten Herren im Lande, kurz er bot alle Gründe auf, welche die Frau bestimmen konnten, bis auf einen, den Jones später und zwar mit guter Wirkung hinzusetzte, das Versprechen einer halben Krone nämlich, was eine zu große Lockung war, als daß ihr eine solche Person hätte widerstehen können, besonders da sie durch die gute Kleidung unsres Helden, die sie im Mondenschein deutlich erkennen konnte, so wie durch sein artiges Benehmen von ihrer ersten Besorgniß, es möchten Diebe sein, völlig zurückgekommen war. Sie willigte also endlich ein, sie in das Haus zu lassen, wo Partridge zu seiner großen Freude ein gutes Feuer fand. Der arme Mann hatte sich indeß kaum aufgewärmt, als die Gedanken, welche in seinem Kopfe immer obenauf waren, ihn zu beunruhigen begannen. An nichts glaubte er fester als an Zauberei, und der Leser wird sich keine 53 Gestalt denken können, welche eine Hexe besser vorstellen kann als die alte Frau, welche vor den beiden Reisenden stand. Hätte sie unter der Regierung Jacob's I. gelebt, so würde ihr bloßes Aussehen vollkommen hingereicht haben, sie an den Galgen zu bringen. Es kamen überdies noch mehrere Umstände zusammen, welche Partridge in seiner Meinung bestärkten, z. B., daß sie, wie er damals glaubte, allein an einem so einsamen Orte und in einem Hause lebte, dessen Aeußeres schon für sie viel zu gut zu sein schien, während das Innere sehr zierlich und elegant eingerichtet war. Jones selbst war, wenn wir die Wahrheit gestehen sollen, über das, was er sah, nicht wenig überrascht, denn, nicht genug, daß das Zimmer höchst reinlich aussah, war es auch mit einer großen Menge zierlicher Kleinigkeiten und Merkwürdigkeiten ausgeschmückt, welche die Aufmerksamkeit eines Kenners gefesselt haben dürften. Während Jones diese Gegenstände bewunderte und Partridge in dem festen Glauben, daß er sich in dem Hause einer Hexe befinde und deshalb zitternd, dasaß, sagte die alte Frau: »ich hoffe, meine Herren, Sie werden sich so sehr als möglich beeilen, denn ich erwarte eben meinen Herrn und möchte nicht, wenn Sie mir auch das Doppelte gäben, daß er Sie hier träfe.« – »Ihr habt also einen Herrn?« fragte Jones; »nun, Ihr werdet mir's nicht übel nehmen, ich wunderte mich auch sehr, alle diese schönen Dinge in Euerm Hause zu finden.« – »Ach, Herr,« antwortete sie, »wenn der zwanzigste Theil von diesen Dingen mein wäre, würde ich mich für eine reiche Frau halten. Aber, guter Herr, bleiben Sie nicht länger, denn ich erwarte ihn jede Minute.« – »Er würde gewiß nicht mit Euch zürnen,« sagte Jones, »daß Ihr eine so gewöhnliche Handlung der Menschenliebe gethan.« – »Ach, guter Herr,« antwortete sie, »er ist ein seltsamer Mann, gar nicht wie andere Leute. Er geht mit Niemanden um und verläßt das Haus selten als in der Nacht, denn er will sich nicht sehen lassen und alle Leute hier in der Gegend fürchten sich ihm zu begegnen, denn sein Anzug schon reicht hin, sie zu erschrecken, wenn sie nicht daran gewöhnt sind. Sie nennen ihn den Mann vom Berge.(denn da geht er in der Nacht umher) und ich glaube, sie fürchten sich vor dem Teufel selbst nicht mehr, als vor ihm. Er würde entsetzlich zornig sein, wenn er Sie hier träfe.« – »Wir wollen den Herrn nicht böse machen,« fiel Partridge ein, zu Jones gewendet; »ich bin bereit weiter zu gehn und ganz durchwärmt. Wir wollen gehen. Hier über dem Kamine hängen Pistolen: wer weiß, sie können geladen sein.« – »Fürchten Sie nichts, Partridge,« entgegnete Jones, »ich werde Sie vor der Gefahr bewahren.« – »Was das betrifft,« fiel die Frau ein, »so thut er Niemanden etwas zu Leide, aber es ist nöthig, daß er Waffen zu seiner eigenen Sicherheit hier hat, denn sein Haus ist schon mehr als einmal angefallen worden und erst vor nicht langer Zeit glaubten wir Diebe in der Nähe zu hören. Ich habe mich oft gewundert, daß er nicht von irgend einem schlechten Menschen ermordet wird, wenn er allein, zu dieser Zeit draußen umhergeht; aber, wie gesagt, die Leute fürchten sich vor ihm und außerdem meinen sie wahrscheinlich, er habe nichts, was gestohlen zu werden verdiene.« – »Aus dieser Sammlung von Merkwürdigkeiten möchte ich schließen,« sagte Jones, »daß Euer Herr viel gereiset ist.« – »Ja, Herr, er ist sehr viel gereiset; es kann wenige Leute geben, die von allen Dingen so viel wissen als er. Ich glaube, er hat eine unglückliche Liebe gehabt oder so etwas; aber in den dreißig Jahren, die ich nun bei ihm bin, hat er nicht mit sechs Menschen gesprochen.« Dann ersuchte sie die Fremden nochmals, sie 55 möchten sich entfernen, und Partridge unterstützte dieses ihr Gesuch, Jones dagegen zog die Abreise absichtlich in die Länge, da er sehr begierig war, den außerordentlichen Mann zu sehen. Obgleich also die alte Frau jede ihrer Antworten mit dem Wunsche schloß, er möchte doch nun gehen und Partridge ihn sogar am Aermel zog, so ersann er doch immer neue Fragen, bis die Frau erschrocken erklärte, sie höre ihres Herrn Zeichen. In demselben Augenblicke hörte man draußen an der Thüre mehrere Stimmen ausrufen: »Gleich zeigt uns Euer Geld! Euer Geld oder wir schlagen Euch das Hirn durch die Ohren heraus.« »Ach du lieber Gott!« rief die alte Frau, »schlechte Kerle haben gewiß meinen Herrn angefallen. Was soll ich thun? Was soll ich thun?« – »Sind diese Pistolen geladen?« fragte Jones. – »Ach, guter Herr, es ist nichts drin. Ermorden Sie uns nicht!« (denn sie hielt jetzt die im Hause nicht für besser als die draußen). Jones antwortete nicht, sondern riß ein altes breites Schwerdt von der Wand und eilte hinaus, wo er den alten Herrn im Kampfe mit zwei Kerlen fand, die er um Gnade anflehete. Jones fragte nicht lange, sondern fing an, das Schwerdt so rasch und kräftig zu brauchen, daß die Kerle ihre Beute bald losließen und, ohne sich gegen unsern Helden zu wenden, das Hasenpanier ergriffen. Er selbst verfolgte sie nicht, da er vollkommen damit zufrieden war, den alten Herrn befreit zu haben. Auch hatte er die Räuber recht arg zugerichtet, denn sie jammerten und wehklagten sehr, als sie entflohen und riefen, sie wären verloren. Jones beeilte sich, den alten Mann aufzuheben, der im Kampf niedergeworfen worden war, und fragte besorgt, ob er verletzt sei. Der Mann sah einen Augenblick Jones verwundert an und sagte sodann: »nein, ich bin nicht verwundet, ich danke Ihnen. Gott sei mir gnädig!« 56 – »Ich sehe, Sie sind nicht ganz ohne Besorgniß selbst vor denen, die das Glück hatten, Sie befreien zu können; doch kann ich sie darum nicht tadeln. Beruhigen Sie sich aber, denn Sie haben keine Ursache zu Besorgniß; wir sind Freunde. Wir hatten uns in der kalten Nacht verirrt und nahmen uns die Freiheit, uns an Ihrem Feuer zu wärmen; wir wollten uns eben wieder entfernen, als wir Sie um Hilfe rufen hörten, die Ihnen die Vorsehung so unerwartet gesendet zu haben scheint.« – »Ja, die Vorsehung,« sagte der Alte, »wenn es so ist.« – »Es ist wirklich so,« wiederholte Jones. »Hier ist Ihr eigenes Schwerdt; ich brauchte es zu Ihrer eigenen Vertheidigung und gebe es Ihnen nun zurück.« Als der alte Mann das Schwerdt, das von dem Blute seiner Feinde befleckt war, schaute, sah er Jones einige Augenblicke fest und unverwandt an und sagte endlich mit einem Seufzer: »Sie werden mir verzeihen, junger Herr; ich war nicht immer mißtrauisch, auch bin ich nicht undankbar.« – »So danken Sie der Vorsehung, die Ihre Befreiung veranlaßte; ich für meinen Theil habe nur die gewöhnliche Pflicht der Menschlichkeit erfüllt und nichts gethan, was ich nicht für jeden Menschen in einer ähnlichen Lage thun würde.« – »Lassen Sie mich Ihr Angesicht noch etwas länger sehen,« sprach der Alte. »Sind sie ein menschliches Wesen? Vielleicht sind Sie es. Kommen Sie, gehen Sie in mein Häuschen mit herein. Sie sind wirklich mein Befreier gewesen.« Die alte Frau fürchtete sich vor ihrem Herrn und fürchtete für ihn; größere Furcht aber fühlte wo möglich Partridge. Die Frau jedoch beruhigte sich bald, als sie ihren Herrn freundlich mit Jones sprechen hörte und erfuhr, was geschehen war; Partridge aber hatte den Mann kaum erblickt, als ihm der Anzug desselben noch weit größere Furcht einflößte, 57 als die Beschreibung, die er von ihm vernommen oder der Lärm vor der Thüre, in ihm schon hervorgebracht hatten. Allerdings hätte das Aeußere des Mannes wohl auch einen Festern einigermaßen zum Schauern bringen können. Der Mann war nämlich ungewöhnlich groß und hatte einen langen schneeweißen Bart. Bekleidet war er mit einer Eselshaut, der man einigermaßen die Form eines Rockes gegeben hatte. Er trug Stiefeln an den Beinen und eine Mütze auf dem Kopfe, aber auch diese waren aus dem Felle von Thieren gemacht. Sobald der Greis in sein Haus getreten war, wünschte ihm die Frau Glück wegen seiner Rettung aus den Händen der Räuber. »Ja, ich bin ihnen entgangen, Dank sei es meinem Retter,« entgegnete er. – »Gott segne ihn!« fiel sie ein; »er ist gewiß ein guter Mensch. Ich fürchtete, Sie würden mir zürnen, daß ich ihn eingelassen, und ich hätte es gewiß auch nicht gethan, wenn ich nicht im Mondenscheine gesehen, daß er ein anständiger Herr und fast erfroren war. Gewiß hat ihn ein guter Engel dahergeführt und mich geleitet, daß ich die Thüre aufschloß.« – »Es thut mir leid,« sagte der alte Mann zu Jones, »daß ich nichts in dem Hause habe, das Sie essen oder trinken können, Sie müßten denn einen Schluck Branntwein annehmen wollen; davon kann ich Ihnen etwas vorzügliches geben; ich habe ihn dreißig Jahre hier.« Jones lehnte dieses Anerbieten höflich ab und der Alte fragte ihn sodann, wohin er wanderte, als er sich verirrt. »Ich muß gestehen, daß ich mich wundere, einen jungen Mann wie Sie zu Fuße in dieser Zeit reisen zu sehen. Sie sehen nicht aus wie Einer, der immer ohne Pferde zu reisen pflegt.« – »Der Schein trügt,« antwortete Jones; »die Menschen sehen oft aus wie das, was sie nicht sind. Ich bin 58 nicht aus der Gegend hier und wohin ich reise, weiß ich eigentlich selbst nicht.« »Wer Sie auch sein mögen und wohin Sie reisen,« fuhr der alte Mann fort, »ich bin Ihnen Verbindlichkeiten schuldig, die ich nicht erwiedern kann.« – »Ich wiederhole noch einmal,« entgegnete Jones, »daß Sie mir keine Verbindlichkeiten schuldig sind, denn es kann kein Verdienst sein, das für Sie gewagt zu haben, was für mich keinen Werth hat. Nichts ist in meinen Augen so verächtlich als das Leben.« »Es thut mir leid, junger Mann,« sagte der Greis, »daß Sie in Ihren Jahren bereits Ursache haben sollten, unglücklich zu sein.« »Ich bin wirklich,« antwortete Jones, »der unglücklichste Mensch.« – »Vielleicht hatten Sie einen Freund oder eine Geliebte?« fragte der Andere. – »Sie erwähnen zwei Worte, die mich zur Verzweiflung treiben können.« – »Eines davon reicht schon hin, einen Mann zur Verzweiflung zu bringen,« entgegnete der alte Mann; »ich frage nicht weiter; vielleicht hat mich meine Neugierde bereits zu weit geführt.« – »Ich für meinen Theil,« fiel Jones ein, »kann eine Leidenschaft nicht tadeln, welche ich in diesem Augenblicke auf das Stärkste fühle. Sie werden mir verzeihen, wenn ich Sie versichere, daß Alles, was ich gesehen und gehört habe, seit ich dieses Haus betrat, die größte Neugierde in mir rege gemacht hat. Sie müssen durch etwas ganz Außergewöhnliches zu dieser Lebensweise gebracht worden sein und ich fürchte, daß auch Ihre Geschichte nicht ohne Unglück ist.« Der alte Mann seufzete und schwieg einige Minuten lang; endlich aber blickte er Jones ernsthaft an und sagte: »wie ich gelesen habe, ist ein gutes Gesicht ein 59 Empfehlungsbrief; ist dem so, so kann Niemand besser empfohlen sein, als Sie. Wenn ich mich nicht aus anderer Rücksicht zu Ihnen hingezogen fühlte, müßte ich der undankbarste Unmensch auf Erden sein, und es thut mir leid, Ihnen auf keine andere Weise als durch Worte meine Dankbarkeit bezeugen zu können.« Jones entgegnete nach kurzem Zögern, er könne ihm durch Worte einen sehr großen Dienst erzeigen. »Ich habe meine Neugierde bekannt; brauche ich Ihnen zu sagen, wie sehr verbunden ich Ihnen sein würde, wenn Sie dieselbe befriedigen wollten? Wollen Sie mir also die Bitte erlauben, mich, wenn Sie sonst davon nicht abgehalten sind, die Gründe wissen zu lassen, welche Sie veranlaßten, sich so von der Gesellschaft der Menschen zurückzuziehen und eine Lebensweise zu beginnen, zu welcher Sie offenbar nicht geboren wurden?« »Nach dem, was geschehen ist, glaube ich Ihnen kaum irgend etwas verweigern zu dürfen,« antwortete der alte Mann. »Wünschen Sie also die Geschichte eines Unglücklichen zu hören, so werde ich Ihnen dieselbe erzählen. Sie haben ganz Recht, wenn Sie meinen, es liege in dem Schicksale derer, welche die Gesellschaft fliehen, meist etwas Ungewöhnliches, denn wie seltsam, wie widersprechend es auch scheinen mag, so ist es doch gewiß, daß hauptsächlich große Menschenliebe uns geneigt macht, die Menschen zu meiden und zu hassen, nicht sowohl wegen ihrer besonderen und selbstsüchtigen Laster, sondern wegen der relativen, z. B. Neid, Bosheit, Verrath, Grausamkeit und andern Arten des Uebelwollens. Dies sind die Laster, welche die wahre Menschenliebe verabscheut, die lieber die Gesellschaft ganz meidet, als jene Laster immer zu sehen. Sie scheinen mir, und ich will Ihnen damit kein Compliment machen, keiner von denen zu sein, die ich hassen und meiden würde; 60 ja es scheint nach den wenigen Worten, die Sie fallen ließen, unsere Geschichte etwas Aehnliches zu haben. Ich hoffe indeß, die Ihrige werde ein besseres Ende nehmen.« Es folgten nun einige Complimente zwischen unserm Helden und dessen Wirthe, der sodann seine Erzählung beginnen wollte; Partridge unterbrach ihn. Die Angst hatte denselben jetzt so ziemlich verlassen, wenn auch noch einige Wirkungen seines Schreckens zurückblieben. Er erinnerte nämlich den Alten an den Branntwein, den derselbe erwähnt. Dieser wurde sogleich gebracht und Partridge nahm ein großes Glas voll zu sich. Der Greis begann darauf ohne weitere Vorrede, was man in dem folgenden Kapitel lesen kann. Elftes Kapitel. Der Mann vom Berge fängt an seine Geschichte zu erzählen. Ich wurde in einem Dorfe in Somersetshire, Mark mit Namen, in dem Jahre 1657 geboren. Mein Vater war ein angesehener Pachter, besaß ein eigenes Gut, das etwa 300 Pf. St. jährlich einbrachte und hatte ein anderes von etwa gleicher Größe in der Nähe gepachtet. Er war klug und fleißig und ein so guter Landmann, daß er ein sehr gemächliches Leben hätte führen können, wäre ihm dasselbe nicht von einem bösen Weibe verbittert worden. Obwohl nun dieser Umstand ihn unglücklich machte, wurde er doch nicht arm dabei, denn er beschränkte sie fast gänzlich auf das Haus und ertrug lieber fortwährendes Gezänke in demselben, als daß er ihr erlaubte sein Vermögen zu gefährden durch ein glänzendes Leben auswärts. Von dieser Xantippe (– »So hieß die Frau des Socrates,« bemerkte Partridge –) hatte er zwei Söhne, und 61 ich war der jüngere. Er wollte uns beiden eine gute Erziehung geben lassen, mein älterer Bruder aber, der zu seinem Unglücke der Liebling meiner Mutter war, vernachlässigte das Lernen ganz und gar, so daß mein Vater, als der Lehrer ihm sagte, es würde durchaus nichts nützen, den Jungen noch länger in der Schule zu lassen, endlich der Mutter den Willen that und ihn von dem Tyrannen, wie sie den Lehrer nannte, weg und nach Hause nahm. Obgleich der Lehrer den Jungen weit weniger züchtigte, als er nach seiner Faulheit verdient hatte, so war es doch schon mehr, als ihm gefiel, denn er klagte fortwährend gegen die Mutter über Mißhandlung und sie hörte ihn immer an. »Ja, ja,« fiel Partridge ein, »ich habe auch solche Mütter gesehen, und bin von ihnen ganz mit Unrecht geschmähet worden. Solche Mütter verdienen Züchtigung eben so wie ihre Kinder.« Jones schalt den Pädagogen wegen der Unterbrechung und der alte Mann fuhr sodann fort: – Mein Bruder entsagte in einem Alter von funfzehn Jahren allem weitern Lernen und überhaupt jeder Beschäftigung als der mit seinen Hunden und seiner Flinte, in deren Gebrauche er so geschickt wurde, daß er nicht blos mit großer Sicherheit jedes Ziel traf, sondern wirklich ein Mal eine Krähe im Fluge schoß. Er wußte auch sehr geschickt einen Hasen im Lager aufzufinden und galt deshalb bald für einen der besten Jäger im Lande, über welchen Ruf er selbst und seine Mutter sich eben so sehr freuten, als hätte er für den größten Gelehrten gegolten. Ich selbst hielt, da ich in der Schule bleiben mußte, im Anfange mein Schicksal für hart; bald jedoch änderte sich meine Ansicht, denn da ich schnelle Fortschritte in dem Wissen machte, wurde mir die Arbeit leicht, so angenehm und genußreich, daß die Ferien die lästigste Zeit für mich 62 waren; denn meine Mutter, die mich niemals liebte, fürchtete jetzt, ich würde von meinem Vater am meisten geliebt, fand oder glaubte zu finden, daß gebildete Leute, namentlich der Geistliche des Ortes mich meinem Bruder vorzogen, warf deshalb einen Haß auf mich und machte mir den Aufenthalt im älterlichen Hause so unangenehm, daß ich gern in die Schule zurückkehrte. Von dieser ersten Schule kam ich in das Exeter-College in Oxford, wo ich vier Jahre blieb, bis ein unglückliches Ereigniß meinen Studien mich gänzlich entzog. Von da an schreibt sich alles her, was mich später im Leben betraf. Es befand sich mit mir in dem Exeter-College ein gewisser George Gresham, ein junger Mann, der einmal ein bedeutendes Vermögen erben sollte, in dessen vollen Besitz er aber nach dem Testamente seines Vaters erst mit dem fünfundzwanzigsten Jahre eintreten konnte. Seine Vormünder ließen ihn indeß diese Bestimmung seines Vaters wenig bedauern, denn sie verwilligten ihm jährlich 500 Pf. St. (3000 Thlr.), so lange er auf der Universität blieb, wo er sich Pferde und Mädchen hielt und ein so ausschweifendes Leben führte, als könne er über sein ganzes Vermögen verfügen, denn außer den 500 Pf. St., die er von seinen Vormündern erhielt, gab er wenigstens noch 1000 aus. Er stand etwa im einundzwanzigsten Jahre und es wurde ihm nicht schwer, soviel Geld, als er brauchte, aufzunehmen. Dieser junge Mann besaß außer andern ziemlich schlechten Eigenschaften eine ganz teuflische. Es machte ihm nämlich das größte Vergnügen, Jünglinge von geringerm Vermögen dadurch zu ruiniren, daß er sie in Ausgaben hineinzog, denen sie weniger gewachsen waren als er; je besser, würdiger und mäßiger solche Jünglinge waren, um so größeres Vergnügen machte es ihm, sie in's Unglück zu stürzen. Das Unglück wollte es, daß ich mit ihm bekannt und 63 befreundet wurde. Da ich in dem Rufe stand, fleißig mich mit meinen Studien zu beschäftigen, so war ich für seine boshaften Absichten ganz geeignet und meine eigene Neigung machte es ihm leicht, das Ziel zu erreichen; denn ob ich mich gleich eifrig mit den Büchern beschäftigt hatte, die mir große Freude gewährten, so fand ich doch noch größeres Vergnügen an andern Beschäftigungen; ich besaß eine unbändige Lebenskraft, war etwas ehrgeizig und sehr verliebt. Bald nachdem ich mit Georg bekannt geworden, nahm ich an allen Vergnügungen desselben Theil und als ich erst diese Bühne betreten hatte, erlaubte mir meine Neigung nicht, mit einer untergeordneten Rolle mich zu begnügen. Ich gab keinem in der Gesellschaft in irgend einer Ausschweifung etwas nach, ja ich zeichnete mich bald in allem Unfug so aus, daß mein Name auf der Liste der Taugenichtse obenan stand, und statt als der unglückliche Verführte beklagt zu werden, für den Verführer des hoffnungsvollen jungen Gresham galt, der zwar überall der Rädelsführer und Anstifter war, niemals aber dafür galt. Endlich gerieth ich in die Hände des Vicekanzlers und nur mit Mühe entging ich der Strafe der Ausstoßung. Sie werden leicht glauben, daß ein solches Leben, wie ich es eben beschrieben habe, mit fernerem Fortschreiten in Kenntnissen unverträglich war, und daß ich, je mehr ich mich den lockern Vergnügungen hingab, mehr und mehr in meinen Studien zurückkommen mußte. Dies war auch wirklich die Folge davon, jedoch nicht die einzige. Meine Ausgaben überstiegen nicht blos weit mein früheres Einkommen, sondern auch die Zuschüsse, welche ich meinem armen edeln Vater als die Summen abpreßte, die ich zur Erlangung des Baccalaureats nöthig zu haben vorgab. Diese Forderungen wurden endlich so häufig und so groß, daß mein Vater allmälig auf das Gerücht hörte, das ihm von vielen Seiten 64 her über mein Betragen zukam, und das meine Mutter stets treu und laut nachsprach, während sie hinzusetzte: »das ist das junge Herrchen, der Gelehrte, welcher der Familie so große Ehre macht. Ich habe es gleich gedacht, was aus all' der Gelehrsamkeit werden würde. Er wird uns alle ruiniren, nachdem seinem ältern Bruder um seinetwillen das Nothwendigste entzogen worden ist. Ich dachte mir es gleich, welche Zinsen er uns dafür zahlen würde.« In diesem Tone ging es lange fort. Mein Vater fing an, mir auf meine Forderungen Vorwürfe, aber kein Geld zu schicken, was meine Angelegenheiten wahrscheinlich etwas früher zu einer Crisis brachte; hätte er mir aber auch alles gegeben, was er besaß, es würde doch, wie Sie sich denken können, nur auf eine kurze Zeit für Einen hingereicht haben, der mit dem Aufwande Gresham's Schritt hielt. Höchst wahrscheinlich würde die Geldnoth, in welcher ich mich befand und die Unmöglichkeit, auf dem betretenen Wege fortzugehen, mich wieder zu Verstand gebracht und zu meinen Studien zurückgeführt haben, hätte ich die Augen geöffnet, ehe ich in Schulden gestürzt wurde, aus denen ich mich nie herauszuarbeiten hoffen konnte. Dies war die große Kunst Georg's, wodurch er das Verderben vieler vollendete, die er nachher als Narren auslachte, weil sie, wie er sich ausdrückte, mit einem Manne von seinem Vermögen zu wetteifern gesucht. Er pflegte ihnen selbst bisweilen kleine Summen vorzuschießen, um ihren Credit bei andern Leuten zu erhalten, bis sie eben durch diesen Credit völlig zu Grunde gerichtet waren. Nachdem mein Gemüthszustand so verzweifelt geworden war wie mein Vermögen, dachte ich wohl an jede Schlechtigkeit, durch die ich mir Erleichterung hätte verschaffen können. Selbst über Selbstmord ging ich ernstlich mit mir zu Rathe und ich würde mich auch sicherlich dazu entschlossen 65 haben, hätte ihn nicht ein schändlicherer, obgleich vielleicht minder sündhafter Gedanke aus meinem Kopfe verdrängt. – Hier hielt der Alte einen Augenblick inne, dann sprach er: so viele Jahre, die seitdem vergangen sind, haben die Schaam über diese That nicht vertilgt, und ich werde erröthen, während ich sie erzähle. – Jones äußerte, er möchte doch Alles mit Stillschweigen übergehen, was ihn schmerzlich berühre, Partridge aber meinte: dies erzählen Sie uns doch ja, ich höre dies lieber als alles Uebrige, und werde, so wahr ich selig werden will, kein Wort davon weiter erzählen. – Jones wollte ihn darüber schelten, der Alte verhinderte es aber, indem er fortfuhr: ich hatte als Stubenburschen einen recht klugen und eingezogen lebenden jungen Mann, der zwar keine große Summe zu seinem Unterhalte erhielt, sich aber doch gegen vierzig Guineen erspart hatte, die er in seinem Schreibpulte verwahrte. Ich benutzte also einmal die Gelegenheit, während er schlief, den Schlüssel aus seiner Beinkleidertasche zu nehmen, und eignete mir seinen ganzen Schatz zu; dann steckte ich den Schlüssel wieder in seine Tasche, stellte mich als schliefe ich, ob ich gleich kein Auge schloß, und blieb im Bett liegen, bis er aufstand und zum Gebete ging, das ich schon seit langer Zeit versäumte. Schüchterne Diebe setzen sich oft durch zu große Vorsicht der Entdeckung aus, welcher sichere entgehen. So erging es mir; hätte ich sein Schreibpult keck aufgebrochen, so wäre sein Verdacht vielleicht gar nicht auf mich gefallen; da aber so offenbar der Dieb, welcher ihn beraubt, seinen Schlüssel benutzt hatte, so zweifelte er, sobald er sein Geld vermißte, keinen Augenblick, daß sein Stubenbursch der Dieb sein müsse. Da er jedoch sehr furchtsam war, mir auch an Kraft und, wie ich glaube, an Muth nicht gleichkam, so wagte er nicht, mir die That vorzuhalten, aus Besorgniß, er könne sich körperliche Züchtigungen zuziehen. Er begab sich deshalb 66 sogleich zu dem Vicekanzler, beschwur den Diebstahl und erhielt leicht einen Haftbefehl gegen Einen, der bei der ganzen Universität in sehr schlechtem Rufe stand. Zum Glück für mich schlief ich den nächsten Abend auswärts, denn ich fuhr diesen Tag mit einem jungen Mädchen nach Witney, wo wir die ganze Nacht blieben, und bei der Rückkehr früh nach Oxford begegnete ich einem Bekannten, der mir so viel von dem Vorfalle mittheilte, daß ich es für gerathen hielt, sogleich wieder umzukehren. »Erwähnte er etwas von dem Haftbefehl?« fragte Partridge; Jones aber ersuchte den Alten, sich durch solche Fragen nicht stören zu lassen, und der Erzähler fuhr demnach fort: Da ich jeden Gedanken an eine Rückkehr nach Oxford aufgeben mußte, so entschied ich mich zuerst für eine Reise nach London. Ich theilte diese meine Absicht meiner Begleiterin mit, welche anfangs Einwendungen dagegen machte, aber sogleich einwilligte, als ich ihr mein Vermögen zeigte. Am zweiten Abend waren wir bereits in London. Wenn Sie bedenken, an welchem Orte und in welcher Gesellschaft ich nun war, so werden Sie wohl glauben, daß das Geld, in dessen Besitz ich auf so unrechtmäßige Weise gekommen war, sehr bald zu Ende ging. Ich befand mich nun in weit größerer Noth als vorher; die nothwendigsten Bedürfnisse fingen an, mir zu fehlen, und das Schlimmste dabei war, daß das Mädchen, das ich grenzenlos liebte, die Noth mit mir tragen mußte. Eine Geliebte in Noth zu sehen, ihr nicht helfen zu können und von dem Gedanken gepeinigt zu werden, die Ursache von ihrem Unglücke zu sein, ist vielleicht ein Fluch, von dessen Schrecken sich die, welche sie nicht selbst fühlten, gar keine Vorstellung machen können – »Ich glaube es,« unterbrach Jones den Erzähler, »und bemitleide sie aus 67 Herzensgrunde.« Dann ging er ein paar mal in dem Zimmer auf und ab, bat um Verzeihung, warf sich auf einen Stuhl und rief: »Gott sei Dank, dem bin ich entgangen!« Dieser Umstand, fuhr der Erzähler fort, verschlimmerte die Schrecken meiner damaligen Lage so sehr, daß sie mir völlig unerträglich wurde. Mit minderm Schmerz hätte ich selbst Hunger und Durst ertragen können, als ich die launenhaftesten Einfälle eines Mädchens unbefriedigt zu sehen vermochte, die ich so heftig liebte, daß ich fest entschlossen war, sie zu heirathen, ob ich gleich recht wohl wußte, daß sie bereits die Geliebte der Hälfte meiner Bekannten gewesen war. Das gute Wesen wollte indeß in einen Schritt nicht willigen, welchen die Welt mir so sehr zum Nachtheil auslegen würde, und da sie wahrscheinlich Mitleid mit der Sorge fühlte, die ich mir täglich um ihretwillen machte, entschloß sie sich, meine Noth zu endigen. Sie fand bald Mittel, mich aus meiner angstvollen Lage zu befreien, denn während ich mich abmühete, ihr Vergnügungen zu verschaffen, – verrieth sie mich einem ihrer frühern Liebhaber zu Oxford, durch dessen Vermittelung ich sogleich festgenommen und in das Gefängniß gebracht wurde. Hier fing ich zuerst an, über mein früheres Leben ernstlich nachzudenken, über die Verirrungen, deren ich mich schuldig gemacht, über das Unglück, das ich mir zugezogen, und über den Kummer, den ich dem besten Vater bereitet haben mußte. Wenn ich dazu die Treulosigkeit meiner Geliebten rechnete, wurde mir das Leben, statt noch länger wünschenswerth zu erscheinen, der Gegenstand meines Abscheus, und ich würde gern dem Tode, als dem besten Freund, in die Arme geeilt sein, hätte ich es ohne Schande thun können. Die Zeit der Assisen rückte heran und ich wurde nach Oxford gebracht, wo ich sicher Ueberführung und 68 Verurtheilung erwartete. Zu meiner großen Verwunderung erschien indeß kein Ankläger gegen mich und ich wurde deshalb nach Beendigung der Assisen frei gelassen. Mein Stubenbursche hatte nämlich unter der Zeit Oxford verlassen und entweder aus Trägheit, oder aus irgend einem andern Grunde, sich nicht weiter mit der Sache befassen mögen. »Vielleicht,« fiel Partridge ein, »wollte er Ihren Tod nicht auf dem Gewissen haben, und er hatte ganz Recht. Wenn durch mich eine Person an den Galgen käme, würde ich mein Lebtage lang nicht wieder allein schlafen können, aus Furcht, den Geist des Gehenkten zu sehen.« »– Ich werde nun bald nicht wissen, Partridge,« bemerkte Jones dagegen, »ob es Ihnen mehr an Muth oder an gesundem Verstande fehlt.« – »Sie können mich auslachen, wenn Sie wollen,« antwortete Partridge; »Sie werden aber Ihre Meinung ändern, wenn Sie eine kleine Geschichte anhören wollen, die ich Ihnen erzählen kann. In dem Kirchspiele, in welchem ich geboren wurde . . .« Jones wollte ihn zur Ruhe verweisen, der Alte bat aber, er möge ihn nur die Geschichte erzählen lassen, er selbst würde sich unterdeß auf die seinige vollends besinnen. Partridge fuhr also fort: »In dem Kirchspiele, in welchem ich geboren wurde, lebte ein gewisser Pachter Bridle, der einen Sohn, Franz, hatte, einen guten, hoffnungsvollen jungen Burschen. Ich besuchte die Schule mit ihm, wo er bis zu Ovid's Episteln kam, in denen er oft drei Zeilen zusammenbringen konnte, ohne daß er dreimal in das Wörterbuch zu sehen brauchte. Ueberdies war er ein sehr guter Junge, versäumte nie Sonntags die Kirche und galt für einen der besten Psalmsänger in der Gemeinde. Sein einziger Fehler war, daß er bisweilen ein Glas zu viel trank.« – »Nun, kommen Sie zu Ihrem Geiste!« rief ihm Jones zu. – »Ganz unbesorgt, lieber Herr! Ich 69 werde bald genug zu ihm kommen,« antwortete Partridge. »Sie müssen wissen, Pachter Bridle verlor einmal eine Stute, eine braune, so viel ich mich besinnen kann. Bald nachher nun, ich denke, es war . . . ich kann mich auf den Tag nicht besinnen, kurz er war zu Hindon und siehe da, er sah einen Mann auf seines Vaters Stute. Franz rief sogleich: »Haltet den Dieb!« und da es mitten auf dem Markte war, so konnte der Mann nicht entkommen. Man hielt ihn fest und führte ihn vor den Richter, es war, wie ich mich erinnere, Villoughby von Noyle, ein sehr würdiger Mann, der ihn ins Gefängniß setzen ließ. Endlich kam der Lord Oberrichter Page, um die Assisen abzuhalten. Der Mann sollte vor denselben erscheinen und Franz gegen ihn zeugen. Ich werde mein Lebtage das Gesicht des Richters nicht vergessen, als er ihn fragte, was er gegen den Gefangenen zu sagen habe. Der arme Franz zitterte und bebte am ganzen Leibe bis in die Fußzehen. »Was hast Du zu sagen?« fragte der Richter wieder. »Steh nicht so stumm da, sondern rede.« Dann wendete er sich an den Angeklagten und fragte ihn, was er zu seiner Vertheidigung vorzubringen habe, und der Mann sagte, er habe das Pferd gefunden. »Ach,« erwiederte der Richter, »Du bist ein glücklicher Patron; ich bin nun vierzig Jahre im Lande umher gereiset und habe mein Lebtage kein Pferd gefunden. Ich will Dir etwas sagen, Freund, Du warst glücklicher, als Du wußtest, denn Du fandest nicht blos ein Pferd, sondern auch einen Strick.« Das werde ich nie vergessen. Alle lachten; wer konnte es unterdrücken? Er machte noch zwanzig andere Witze, deren ich mich jetzt nicht sogleich erinnere. Der Richter muß ein sehr braver Mann gewesen sein, wie ein sehr gelehrter. Ueberhaupt ist es eine angenehme Unterhaltung, Verhören über Leben und Tod beizuwohnen. Eins nur hielt ich für etwas hart, daß nämlich 70 der Advocat des Gefangenen nicht für denselben sprechen durfte, ob er gleich nur um ein Paar Worte bat. Der Richter wollte ihn nicht anhören, ob er gleich einen Rath eine halbe Stunde lang gegen den Mann sprechen ließ. Ich hielt dies für hart, daß so viele, der Richter, der Gerichtshof, die Geschwornen, die Advocaten und die Zeugen, gegen einen einzigen, den armen Gefesselten, sein sollten. Genug, der arme Kerl wurde gehangen und der gute Franz wurde sein Lebtage nicht wieder froh. Sobald er allein im Dunkeln war, glaubte er den Geist des Gehenkten zu sehn.« – »Und das ist die Geschichte?« fragte Jones. – »Nein,« antwortete Partridge. »Gott stehe mir bei! Jetzt eben komme ich zur Hauptsache. Einmal in der Nacht, als Franz aus einem Bierhause durch eine lange, schmale, dunkele Gasse allein nach Hause ging, rannte der Geist, der ganz weiß aussah, gerade an ihn an; Franz, ein starker Mann, packte seiner Seits den Geist und es kam zu einer Balgerei, bei welcher der arme Franz tüchtige Puffe erhielt; endlich entwischte er aber doch und schlich nach Hause. Freilich mußte er wegen der Puffe und der Furcht vierzehn Tage lang im Bette liegen. Das ist die vollkommene Wahrheit und die ganze Gemeinde wird es bezeugen.« Der Unbekannte lachte über die Erzählung und Jones folgte dem Beispiele, worauf Partridge rief: »Ja, lachen Sie nur; andere Leute haben auch gelacht, besonders ein Herr, der wohl nicht besser ist, als ein Atheist, und der behauptete, weil man am andern Tage ein todtes Kalb mit einem weißen Kopfe in demselben Gäßchen fand, Franz habe mit diesem Kalbe gekämpft, als wenn ein Kalb einen Mann anfiele! Franz hat mir überdies gesagt, er wisse es genau, daß es ein Geist gewesen, und er könnte es vor jedem Gerichte in der ganzen Christenheit beschwören, auch habe er damals nicht eben gerade sehr viel getrunken gehabt. 71 Der Herr sei uns gnädig und bewahre uns davor, daß wir unsere Hände in Blut tauchen.« »Da Partridge nun seine Geschichte beendigt hat,« sagte Jones zu dem Unbekannten, »so hoffe ich, er wird Sie nicht wieder unterbrechen, wenn Sie die Gefälligkeit haben wollen, fortzufahren.« Der Alte setzte seine Erzählung auch wirklich fort, da er aber eine Zeit lang ausgeruhet hatte, so halten wir es für gerathen, auch dem Leser ein wenig Ruhe zu gönnen und werden also dieses Kapitel schließen. Zwölftes Kapitel. Der Mann vom Berge setzt seine Erzählung fort. Ich hatte nun zwar meine Freiheit wieder gewonnen, sagte der Fremde, aber meinen guten Ruf verloren, denn es ist ein großer Unterschied zwischen der Sache eines Mannes, der durch ein Gericht von einem Verbrechen frei gesprochen wird, und dem, welcher von seinem eigenen Herzen und von der Meinung der Welt frei gesprochen wird. Ich war mir meiner Schuld bewußt und konnte Niemanden in das Gesicht sehen; ich nahm mir deshalb auch vor, Oxford am nächsten Morgen zu verlassen, bevor mich das Tageslicht irgend einem Menschen zeige. Als ich die Stadt hinter mir hatte, gedachte ich zuerst nach Hause zu meinem Vater zurückzukehren und mich zu bemühen, die Verzeihung desselben zu erlangen; da ich aber keinen Grund hatte, daran zu zweifeln, daß ihm alles, was geschehen war, bekannt sei, und ich wohl wußte, wie sehr er jede unredliche Handlung verabscheute, so konnte ich nicht hoffen, Aufnahme bei ihm zu finden, besonders da ich wußte, wie sehr meine Mutter sich für mich verwendet haben würde. Ja, wäre mir auch die Verzeihung meines Vaters 72 so sicher gewesen, als meiner Meinung nach sein Haß war, so zweifele ich doch, ob ich keck genug gewesen sein würde, ihm vor die Augen zu treten, oder ob ich es hätte über mich gewinnen können, mit denen zu leben und zu sprechen, die wußten, daß ich mich einer so schändlichen Handlung schuldig gemacht hatte. Ich eilte demnach nach London zurück, wo Jedermann, wenn es nicht eine allgemein bekannte Person ist, seinen Gram und seine Schande am sichersten verbergen kann; denn dort hat man den Vortheil der Einsamkeit ohne den Nachtheil derselben, da man in einer und derselben Zeit allein und in Gesellschaft sein kann; während man unbemerkt einhergeht oder dasitzt, unterhält Lärm und eine ununterbrochene Aufeinanderfolge von verschiedenen Gegenständen den Geist und verhindert denselben, sich in sich selbst zurückzuziehen, oder von seinem Grame oder seiner Schande zu zehren, was die ungesundeste Kost von der Welt ist. Da jedoch der Mensch kaum etwas Gutes hat, dem nicht auch etwas Schlimmes zur Seite stände, so giebt es Leute, die eine Unannehmlichkeit in dieser Stimmung der Menschen finden, sich um andere nicht zu bekümmern, ich meine nämlich die Leute, welche kein Geld haben; denn wenn man von den Leuten, denen man nicht bekannt ist, nicht in Verlegenheit gebracht wird, so erhält man von ihnen auch weder Kleidung noch Essen, und es kann Jemand mitten in London eben so bequem verhungern, wie in den arabischen Wüsten. Mein Schicksal wollte, daß ich in jener Zeit ganz frei von jenem großen Uebel sein sollte, für das es mehrere Schriftsteller halten, die davon wahrscheinlich sehr gedrückt wurden, ich meine das Geld. – »Mit Erlaubniß,« fiel Partridge ein, »ich erinnere mich nicht, daß dies von irgend einem Schriftsteller malorum genannt worden wäre, wohl aber irritamenta malorum, Effodiuntur opes, irritamenta 73 malorum .« Nun, fuhr der Unbekannte fort, es mag ein Uebel oder die Ursache von Uebeln sein, ich entbehrte es ganz und gar, so wie Freunde und, wie ich glaubte, Bekannte. Eines Abends aber, als ich durch Inner Temple ging, sehr hungrig und sehr niedergeschlagen, hörte ich mich mit einem Male ganz vertraulich bei meinem Taufnamen rufen. Als ich mich umdrehete, erkannte ich in dem Manne, der mich angerufen hatte, sogleich einen Universitätsfreund, der seit einem Jahre die Universität verlassen hatte, also lange vorher, ehe mich ein Unglück betroffen. Er hieß Watson, reichte mir herzlich die Hand, bezeigte große Freude über dieses Wiedersehn und schlug sogleich vor, eine Flasche mit einander zu leeren. Anfangs lehnte ich dies ab und gab dringende Geschäfte vor; da er aber sehr ernstlich in mich drang, so überwand der Hunger meinen Stolz und ich gestand, daß ich kein Geld in der Tasche habe, doch nicht ohne auch eine Lüge mit auszusprechen, da ich es auf den Umstand schob, daß ich unlängst andere Beinkleider angezogen hätte. Watson antwortete, er dächte, wir wären zu alte und gute Bekannte, als daß so etwas nur erwähnt zu werden brauchte. Dann nahm er meinen Arm und zog mich mit sich fort, doch wurde ihm dies nicht schwer, denn meine eigenen Neigungen zogen mich noch stärker. Wir gingen in ein bekanntes Wirthshaus, wo es immer lustig herzugehen pflegte. Watson bestellte da nur etwas zu trinken; er konnte es ja nicht wissen, daß ich so lange gefastet hatte. Ich ersann aber eine andere Lüge und sagte meinem Begleiter, ich sei in einem wichtigen Geschäfte am andern Ende der Stadt gewesen und habe eilig nur ein Paar Bissen gegessen, weshalb ich denn wieder hungrig sei und ihn ersuche, ein Beefsteak mit zu bestellen. – »Manche Leute sollten ein gutes Gedächtniß haben,« fiel Partridge ein; »oder fanden Sie gerade so viel Geld in der 74 Tasche, um die Paar Bissen bezahlen zu können?« – Ihre Bemerkung ist ganz richtig, antwortete der Unbekannte; ich glaube, solche Widersprüche kommen überall und immer beim Lügen vor. Ich fahre jedoch fort. Ich fing an, mich ganz behaglich zu fühlen. Das Essen und der Wein heiterten mich bald vollkommen auf, und ich fand ein großes Vergnügen an der Unterhaltung meines Freundes, zumal da ich meinte, er wisse von dem, was seit seinem Abgange auf der Universität geschehen, durchaus nichts. Er ließ mich jedoch nicht lange in diesem angenehmen Wahne, denn er nahm das Glas in die eine Hand, faßte mit der andern die meinige und sprach: »Ich wünsche Dir von Herzen Glück, daß Du so ehrenvoll von der Sache, die man Dir zur Last legte, freigesprochen worden bist. Ich war bei diesen Worten wie vom Donner gerührt; Watson, der dies bemerkte, fuhr aber fort: »Schäme Dich nicht; Du bist freigesprochen worden und Niemand wird es nun wagen, Dich schuldig zu nennen; aber sage mir – ich bin ja Dein Freund – nicht wahr, Du hattest ihn wirklich bestohlen? Ich hoffe es, denn es war wirklich eine verdienstliche Handlung, einen so erbärmlichen Duckmäuser auszuziehen. Ich wollte nur, Du hättest statt der 200 Guineen 2000 genommen. Schäme Dich nicht, mir es zu gestehen; ich stehe nicht mit der Polizei in Verbindung. Gott verdamm' mich, ich achte Dich darum, denn so wahr ich selig zu werden hoffe, ich würde mir kein Gewissen daraus gemacht haben, eben so zu handeln.« Diese Erklärung richtete mich ein wenig wieder auf und da mir der Wein das Herz bereits etwas geöffnet hatte, so gestand ich den Diebstahl ein, sagte aber auch zugleich, daß er in Bezug auf die entwendete Summe falsch berichtet worden wäre und dieselbe wenig mehr als den fünften Theil der von ihm genannten betragen hätte. 75 »Das thut mir sehr leid,« sagte er, »und ich wünsche Dir für ein andermal mehr Glück. Wenn Du aber meinem Rathe folgen willst, wirst Du keine Gelegenheit mehr haben, Dich solcher Gefahr auszusetzen. Das,« sagte er, indem er Würfel aus der Tasche nahm, »das ist die Sache, das sind die Doctoren, welche die Krankheit des Beutels curiren. Folge meinem Rathe und ich will Dir zeigen, wie Du einem Gimpel die Taschen leeren kannst, ohne daß Du Dich vor dem dreibeinigen Thiere zu fürchten brauchst.« Wir hatten ein jeder eine Flasche geleert, als Watson sagte, die Gesellschaft wäre eben beisammen und er müsse zu ihr, auch in mich drang, ihn zu begleiten und mein Glück zu versuchen. Ich antwortete, daß, wie er wisse, dies gegenwärtig mir nicht möglich sei. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so muß ich bekennen, daß ich nach seinen vielfachen Freundschaftsbetheuerungen erwartete, er würde mir eine kleine Summe zu diesem Werke leihen; er entgegnete aber: »Das hindert nicht; frisch gewagt, nur sieh Dich mit dem Manne vor, den Du vor Dir hast. Ich werde Dich auf die rechte Person aufmerksam machen, da Du in der Stadt nicht bekannt bist und schwerlich einen ächten Gimpel von einem verstellten unterscheiden kannst.« Die Rechnung wurde gebracht, Watson bezahlte seinen Antheil und wollte gehen. Ich erinnerte ihn erröthend daran, daß ich kein Geld bei mir habe, wie er wisse. »Das schadet nichts,« antwortete er; »schleich Dich fort, oder geh keck hinaus ohne Umstände, oder bleibe, ich will zuerst hinausgehen, dann nimmst Du mein Geld da und entfernst Dich damit. Ich warte an der Ecke auf Dich.« Ich sprach mein Mißfallen darüber aus und erwähnte, daß ich erwartet habe, er werde das Ganze bezahlen; aber er betheuerte, kein Geld weiter zu haben. Er ging darauf, ich mußte das Geld nehmen und ihm 76 folgen, was ich so bald that, daß er noch hören konnte, wie ich dem Kellner sagte, die Bezahlung liege auf dem Tische. Der Kellner ging an mir vorüber hinauf und ich schritt so schnell auf die Straße hinaus, daß ich von seiner Aeußerung über den Betrug nichts hörte. Wir begaben uns nun geradezu an den Spieltisch, wo Herr Watson zu meiner Verwunderung eine große Geldsumme vor sich hinlegte, was auch viele andre thaten, welche ohne Zweifel ihr Geld für so viel Lockvögel ansahen, welche das Geld ihrer Nachbarn herbeilocken sollten. Es würde zu langweilig sein, alle die Streiche zu erzählen, welche Fortuna oder vielmehr der Würfel in diesem ihrem Tempel spielte. Haufen von Gold wurden in wenigen Augenblicken auf der einen Seite des Tisches in Nichts verwandelt, während sie sich eben so plötzlich auf der andern aufthürmten. Der Reiche wurde in einem Augenblicke arm und der Arme eben so plötzlich reich, so daß ein Philosoph seine Schüler sicherlich an keinen geeignetern Ort hätte führen können, um sie den Reichthum verachten zu lehren; wenigstens würde er ihnen die Unbeständigkeit desselben nirgends eindringlicher haben vor Augen stellen können. Ich verlor nach einiger Zeit das, was ich besaß und gewonnen hatte. Auch Watson stand bald einigermaßen aufgeregt auf und erklärte, er habe viel verloren und würde nicht mehr spielen. Dann kam er zu mir und forderte mich auf, mit ihm wieder in jenes Gasthaus zu gehen; dies schlug ich jedoch geradezu ab, indem ich erklärte, daß ich mich nicht noch einmal in solche Verlegenheit bringen würde, zumal er selbst sein Geld verloren hätte und sich in gleicher Lage befände, wie ich. Bah! sagte er, ich habe eben ein Paar Guineen von einem Freunde geborgt und eine davon steht Dir zu Diensten. Er drückte mir auch wirklich 77 sogleich das Goldstück in die Hand und ich widerstand nun seiner Aufforderung nicht länger. Anfangs wurde es mir allerdings schwer, in das Haus zurückzukehren, aus welchem wir uns auf so unredliche Weise entfernt hatten, da aber der Kellner sehr höflich blos die Bemerkung machte, er glaube, daß wir zu bezahlen vergessen hätten, wurde ich vollkommen wieder ruhig und gab ihm die Guinee, daß er sich damit bezahlt mache. Watson bestellte das kostbarste Abendessen, das er erdenken konnte, und wollte nichts, als den feinsten Burgunder trinken. Unsere Gesellschaft vergrößerte sich bald durch die Ankunft einiger Herren von dem Spieltische, von denen die meisten, wie ich später sah, nicht erschienen, um zu trinken, sondern in Geschäften, denn die ächten Spieler stellten sich unwohl und wiesen die Gläser zurück, während sie zwei junge Herren zum Trinken aufforderten, die nachher gerupft werden sollten, was denn auch ohne Barmherzigkeit geschah. Von dieser Beute erhielt ich auch einen Antheil, ob ich gleich in das Geheimniß damals noch nicht eingeweiht war. Bei diesem Spiele in dem Wirthshause trug sich ein bemerkenswerther Vorfall zu, denn das Geld verschwand allmälig gänzlich, so daß, obgleich am Anfange der Tisch mit Gold halb bedeckt gewesen, doch bei dem Ende des Spieles, das erst am nächsten Tage, an einem Sonntage, zu Mittage eintrat, kaum noch eine Guinee zu sehen war. Dies war um so seltsamer, da jeder der Anwesenden, mich ausgenommen, verloren zu haben behauptete. Was aus dem Gelde geworden, wenn es der Teufel nicht geholt, dürfte demnach schwerlich zu ermitteln sein. »Gewiß hat es der Teufel geholt,« fiel Partridge ein, »denn böse Geister können alles fortschaffen, ohne gesehen zu werden, wenn auch sehr viele Personen in dem Zimmer 78 anwesend sind. Ich würde mich gar nicht gewundert haben, wenn er die ganze Gesellschaft von Taugenichtsen entführt hätte, die während der Predigt beim Spiele saßen. Ich könnte Ihnen eine wahre Geschichte erzählen, wenn ich wollte, wie der Teufel einen Mann aus dem Bette der Frau eines Andern holte und durch das Schlüsselloch der Thüre entführte. Ich habe das Haus gesehen, in welchem dies sich zugetragen hatte, weshalb seit dreißig Jahren Niemand darin hat wohnen wollen.« Obgleich Jones sich durch diese Bemerkung seines Begleiters verletzt fühlte, so mußte er doch über die Einfalt desselben lachen. Der Fremde that dasselbe und fuhr dann in seiner Geschichte fort, wie man in dem nächsten Kapitel finden wird. Dreizehntes Kapitel. Die vorstehende Geschichte wird fortgesetzt. Mein Universitätsfreund hatte mich so in ein neues Leben eingeführt. Ich lernte bald die Gesellschaft der falschen Spieler kennen und wurde in die Geheimnisse derselben eingeweihet, d. h. in die Kenntnisse der plumpen Kniffe und Pfiffe, durch welche die Unerfahrnen betrogen werden, denn die feinen sind nur wenigen bekannt, welche Meister in ihrer Kunst sind, welchen Grad ich nicht zu erreichen hoffen durfte, da meine unmäßige Trinksucht und meine Leidenschaftlichkeit mich verhinderte, große Erfolge in einer Kunst zu erlangen, welche so viel Ruhe verlangt, als die strengste Schule der Philosophie. Watson, mit dem ich nun in der vertrautesten Freundschaft lebte, besaß den erstern Fehler ebenfalls in großer Ausdehnung, so daß er, statt durch sein Gewerbe sich etwas 79 zu verdienen, wie die andern, bald reich, bald arm und oft genöthiget war, seine kaltblütigern Freunde über einer Flasche, die sie nie anrührten, den Raub zu überlassen, den er vorher sich angeeignet hatte. Es gelang uns beiden aber doch, ein recht gemächliches Leben zu führen, und zwei Jahre lang setzte ich dasselbe fort, in welcher Zeit ich jeden Wechsel des Glückes erfuhr, bisweilen in Ueberfluß schwelgte, bisweilen mich mit der armseligsten Nahrung begnügen mußte. Die feine Kleidung, die ich den einen Tag trug, mußte häufig am nächsten zu dem Pfandleiher wandern. Einst in der Nacht, als ich ohne einen Pfennig in der Tasche den Spieltisch verließ, bemerkte ich auf der Straße eine große Menschenmenge und bedeutenden Lärm. Da ich von Taschendieben nichts zu fürchten hatte, so wagte ich mich in das Gedränge hinein, wo ich auf Erkundigung erfuhr, daß ein Mann durch einige Bösewichter beraubt und gemißhandelt worden sei. Der Verwundete war mit Blut bedeckt und schien sich kaum auf den Füßen halten zu können. Da ich in meiner damaligen Lebensweise die Menschlichkeit nicht verloren hatte, obgleich nur wenig Scham und Rechtlichkeitsgefühl geblieben war, so bot ich dem Unglücklichen sogleich meinen Beistand an, den er dankbar annahm. Er ersuchte mich, ihn in irgend ein Wirthshaus zu bringen, von wo er nach einem Arzte schicken könnte, da er, wie er sagte, in Folge des Blutverlustes ganz schwach und einer Ohnmacht nahe sei. Er schien sich sehr zu freuen, Jemanden gefunden zu haben, der dem Aeußern nach ein anständiger Mann zu sein schien, denn alle Uebrigen, die sich um ihn gesammelt hatten, sahen nicht so aus, als ob er ihnen Vertrauen schenken dürfte. Ich nahm den Arm des Unglücklichen und führte ihn in das Wirtshaus, wo wir unsre Zusammenkünfte zu halten 80 pflegten, weil dasselbe das nächste war. Auch befand sich zufällig ein Wundarzt gleich im Hause, der den Verwundeten verband, und von welchem ich mit Vergnügen hörte, daß die Wunden nicht sehr gefährlich wären. Der Arzt erkundigte sich, nachdem er sein Geschäft schnell und gewandt beendigt hatte, in welchem Theile der Stadt der Verwundete wohne, der darauf antwortete, er sei erst diesen Morgen in die Stadt gekommen, sein Pferd befinde sich in einem Wirthshause in Piccadilly, er selbst habe kein andere Wohnung und wenig oder gar keine Bekanntschaft in der Stadt. Dieser Wundarzt, dessen Namen ich vergessen, ob ich mich gleich noch erinnere, daß er mit einem R anfing, war in seiner Kunst ausgezeichnet und Leibwundarzt des Königs. Ueberdies besaß er manche gute Eigenschaften, war ein sehr edelsinniger, gutmüthiger Mann und immer bereit, seinen Mitmenschen zu dienen. Er bot seinem Patienten seinen Wagen an, um ihn in demselben in das Wirthshaus zu bringen; gleichzeitig flüsterte er ihm zu, wenn er Geld brauche, würde er ihm gern damit aushelfen. Der Arme konnte in diesem Augenblicke für das edle Anerbieten nicht danken, denn nachdem er mich eine Zeit lang unverwandt angesehen hatte, sank er auf seinen Stuhl zurück und rief: »Ach, mein Sohn!« Dann fiel er in Ohnmacht. Viele von den Anwesenden glaubten, dies sei eine Folge des Blutverlustes; ich aber fand meine Vermuthung bestätigt, da ich mich unterdeß der Züge meines Vaters ebenfalls erinnerte, und erkannte mit Freuden, daß er es sei. Ich eilte sogleich zu ihm, hob ihn auf und küßte seine kalten Lippen mit der größten Innigkeit. Ich muß indeß einen Schleier über diese Scene ziehen, die ich nicht zu schildern vermag, denn ob ich gleich meine Besinnung nicht ebenfalls 81 verlor, so fühlte ich mich doch so von Schrecken und Ueberraschung übermannt, daß ich nicht weiß, was einige Minuten geschah und wann mein Vater aus seiner Ohnmacht wieder zu sich gekommen war. Ich fand mich in seinen Armen wieder und die Thränen strömten ihm und mir über die Wangen. Auf die meisten Anwesenden schien dieser Auftritt Eindruck zu machen, da wir aber Beide wünschten, so schnell als möglich den Augen der Neugierigen uns zu entziehen, so nahm mein Vater den ihm von dem Wundarzte so freundlich gebotenen Wagen an und ich begleitete ihn in sein Wirthshaus. Als wir allein waren, machte er mir sanfte Vorwürfe darüber, daß ich ihm so lange nicht geschrieben, erwähnte aber durchaus das Verbrechen nicht, welches dieses Schweigen von meiner Seite veranlaßt hatte. Dann erzählte er mir, daß meine Mutter gestorben sei, bestand darauf, daß ich mit ihm nach Hause zurückkehre und sagte, er habe die größte Angst um mich gehabt, ob er gleich nicht wisse ob er meinen Tod mehr gefürchtet oder gewünscht, da er viel Schlimmeres gefürchtet. Endlich, fuhr er fort, habe ihn ein Herr in der Nähe, dessen Sohn eben aus London zurückgekommen, gesagt, wo ich mich befände, und er habe die Reise hierher blos in der Absicht unternommen, um mich zu suchen und mit sich nach Hause zu nehmen. Er dankte dem Himmel, daß es ihm gelungen sei, durch einen Unfall mich zu finden, der ihm hätte verderblich werden können; auch freuete er sich, daß er sein Leben zum Theil meiner Menschenfreundlichkeit verdanke, die ihm noch mehr werth sei, als wenn ich gewußt, daß der Verwundete mein Vater sei und ich ihm also aus Kindesliebe beigestanden. Das Laster hatte mein Herz nicht so verdorben, daß es unempfindlich gegen so große Vaterliebe geblieben wäre, ob 82 sie gleich gänzlich unverdient war. Ich versprach sogleich, ihm zu gehorchen und mit ihm nach Hause zurückzukehren, sobald er wieder zu reisen vermöchte, was in Folge des Beistandes des trefflichen Wundarztes in wenigen Tagen geschah. Am Tage vor der Abreise meines Vaters (bis dahin hatte ich ihn kaum verlassen) ging ich aus, um von einigen meiner vertrautesten Freunde, besonders von Watson, Abschied zu nehmen. Der letztere rieth mir dringend ab, mich, wie er es nannte, aus bloßer Gefälligkeit für die Wünsche eines thörichten Alten, zu begraben. Seine Worte machten jedoch keinen Eindruck auf mich und ich sah meine Heimath wieder. Mein Vater forderte mich dringend auf, an meine Verheirathung zu denken, aber dagegen sträubten sich meine Neigungen. Ich hatte die Liebe bereits kennen gelernt und vielleicht wissen auch Sie, wozu die zärtlichste und heftigste Leidenschaft zu führen vermag. – Der alte Mann hielt bei diesen Worten inne und sah Jones an, dessen Gesicht in einer Minute abwechselnd erröthete und erbleichte, worauf der Alte, ohne irgend eine Bemerkung darüber zu machen, seine Erzählung wieder aufnahm. Da es mir jetzt an den Bedürfnissen des Lebens durchaus nicht gebrach, so wendete ich mich wieder dem Studium zu und zwar mit größerm Fleiße als je vorher. Die Bücher, welche meine Zeit ausschließlich beschäftigten, waren die, alte und neue, welche von wahrer Philosophie handeln. Ich las die Werke des Aristoteles und Plato, so wie die übrigen unschätzbaren Schriften, welche das alte Griechenland der Welt hinterlassen hat. Diese Schriftsteller unterrichteten mich zwar in keiner Wissenschaft, durch welche die Menschen Schätze oder weltliche Macht erlangen können, lehrten mich aber die Kunst, beide zu verachten. Sie erheben den Geist und stählen ihn 83 gegen die launenhaften Wechsel des Glückes. Sie unterrichten nicht blos in Weisheit, sondern zeigen auch, daß sie unsre Führerin sein müsse, wenn wir zu dem höchsten irdischen Glücke gelangen oder uns mit einiger Sicherheit gegen die Noth und das Elend vertheidigen wollen, die uns überall umringen und auf uns einstürmen. Damit verband ich ein anderes Studium, mit dem verglichen alle von den weisesten Heiden gelehrte Philosophie wenig besser als ein Traum ist, das der göttlichen Weisheit nämlich, die sich allein in der heiligen Schrift findet, welche uns Kenntniß von Dingen giebt, die unserer Aufmerksamkeit würdiger sind, als alle, die uns die Welt bieten kann, Kenntniß von Dingen, die uns der Himmel selbst offenbart hat und die der höchste menschliche Scharfsinn niemals geahnt haben würde. Ich fing an zu glauben, die Zeit, welche ich auf die heidnischen Schriftsteller verwendet, sei wenig mehr als verlorne Mühe. Es ist wahr, die Philosophie macht uns weiser, aber das Christenthum macht uns zu bessern Menschen. Die Philosophie erhebt und stählt den Geist, das Christenthum besänftigt das Herz. Die erstere macht uns zu Gegenständen menschlicher Bewunderung, die letztere zu denen göttlicher Liebe. Jene sichert uns irdisches, diese ewiges Glück. Doch ich fürchte, Sie zu ermüden . . . »Keineswegs,« fiel Partridge ein; »wir werden doch nicht ermüden, gute Dinge anzuhören.« Ich hatte, fuhr der alte Mann fort, etwa vier Jahre auf die angenehmste Weise, ganz in Nachdenken und Betrachtung, abgezogen von allen weltlichen Angelegenheit, verbracht, als ich den besten der Väter verlor, den ich so sehr liebte, daß mein Kummer über seinen Verlust über alle Beschreibung groß war. Ich ließ meine Bücher liegen und gab mich einen ganzen Monat lang der Trauer und 84 Verzweiflung hin. Die Zeit ist jedoch der beste Seelenarzt und sie brachte auch mir Linderung. »Ja, ja,« bemerkte Partridge, » tempus edax rerum .« Dann kehrte ich, erzählte der Fremde weiter, zu meinen frühern Studien zurück, welche, wie ich sagen kann, die Heilung vervollständigten, denn Philosophie und Religion kann man die Thätigkeit des Geistes nennen, und wenn dieser gestört ist, kann sie für ihn so heilsam sein, wie die Arbeit und Thätigkeit dem kranken Körper ist. Sie bringen ganz ähnliche Wirkungen hervor, denn sie stärken und kräftigen den Geist, bis er Mensch wird, wie Horaz sagt: Fortis et in se ipso totus teres atque rotundus, Externi ne quid valeat per laeve morari; In quem manca ruit semper fortuna. Jones lächelte hier über etwas, das ihm eben einfiel; der Fremde aber bemerkte es wahrscheinlich nicht und fuhr fort: Meine Umstände hatten sich durch den Tod des Besten der Menschen sehr verändert, denn mein Bruder, der nun Herr des Hauses geworden, war in seinen Neigungen so sehr von mir verschieden, daß wir für einander die schlechteste Gesellschaft waren. Noch unangenehmer wurde unser Zusammenleben durch den Umstand, daß die wenigen, welche mich besuchten, mit den vielen Jagdfreunden \&c., welche meinen Bruder von dem Felde an den Tisch begleiteten, durchaus nicht zusammenpaßten. Denn solche Menschen belästigen nicht nur die Ohren ruhiger Leute mit Lärm und Unsinn, sondern versuchen auch immer, dieselben mit Schmach und Verachtung zu behandeln. Dies war so sehr der Fall, daß ich mit meinen Freunden nicht einmal zum Essen bei ihnen sitzen konnte, ohne daß wir verspottet wurden, weil wir mit der 85 Jägersprache nicht bekannt waren. Männer von ächter Gelehrsamkeit und fast universellen Kenntnissen haben stets mit der Unwissenheit Anderer Mitleid; diejenigen aber, welche sich nur in einer kleinen, niedrigen und verächtlichen Kunst auszeichnen, pflegen immer die über die Achsel anzusehen, welche ihre Kunst nicht verstehen. Kurz, wir trennten uns bald und ich begab mich auf den Rath des Arztes nach Bath, um das dortige Wasser zu trinken, denn mein tiefer Gram im Verein mit der sitzenden Lebensweise hatte mich fast gelähmt, und solchen Leiden soll jene Quelle fast unfehlbare Heilung bringen. Am zweiten Tage nach meiner Ankunft ging ich am Flusse spazieren; die Sonne schien so heiß, ob es gleich noch früh im Jahre war, daß ich den Schatten einiger Weiden aufsuchte und mich da am Ufer niedersetzte. Ich hatte nicht lange gesessen, als ich Jemanden an dem andern Ende der Weiden seufzen und sein Schicksal bitterlich beklagen hörte. Nach einem fast gottlosen Eide rief er endlich plötzlich: »Ich bin entschlossen, es nicht länger zu ertragen,« und stürzte sich in das Wasser. Ich sprang sogleich auf, eilte an die Stelle und rief zu gleicher Zeit so laut als möglich um Hilfe. Zum Glück angelte ein Mann nicht weit unterhalb, den ich wegen einer hohen Hecke nicht hatte sehen können. Er kam sogleich herbei und es gelang uns Beiden, nicht ohne Lebensgefahr, den Unglücklichen an das Ufer zu bringen. Anfangs bemerkten wir kein Lebenszeichen an ihm, als wir aber den Körper umstürzten (es kam jetzt Hilfe genug), gab er eine Menge Wasser durch den Mund von sich; endlich entdeckten wir ein schwaches Athmen und bald darauf bewegte er die Hände und die Füße. Ein Arzt, der sich unter den Herbeigekommenen befand, rieth, den Körper, der Wasser genug von sich gegeben zu haben schien und nun von krampfhaften Bewegungen 86 geschüttelt wurde, sogleich fort und in ein warmes Bett zu bringen. Dies geschah; der Arzt und ich folgten. Auf dem Wege nach einem Gasthause, denn die Wohnung des Mannes war uns unbekannt, begegneten wir glücklicherweise einer Frau, die nach heftigem Geschrei uns sagte, der Herr wohne in ihrem Hause. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß der Unglückliche sicher in das Bett gebracht war, überließ ich ihn dem Arzte, der, wie ich vermuthe, auf die richtige Weise mit ihm verfuhr, denn am nächsten Morgen hörte ich, er sei vollkommen wieder zu sich gekommen. Ich besuchte ihn nun in der Absicht, so gut als möglich die Ursache herauszufinden, die ihn zu einer so verzweifelten Handlung getrieben, und zu verhindern, daß er seine That später wiederhole. Ich war kaum in sein Zimmer eingetreten, als wir uns erkannten; der Unglückliche war kein anderer, als mein Freund Watson. Ich will Sie nicht mit der Erzählung dessen belästigen, was bei unserm ersten Beisammensein vorging, denn ich möchte so kurz als möglich sein. – »Erzählen Sie uns immer Alles,« fiel Partridge ein; »ich möchte wohl wissen, was ihn nach Bath geführt hätte.« Sie sollen alles Wesentliche hören, antwortete der Fremde, und dann erzählte er weiter, was wir aufzeichnen werden, nachdem wir uns selbst und dem Leser einige Ruhe gegönnt haben. – 87 Vierzehntes Kapitel. Der Mann vom Berge beschließt seine Geschichte. Watson, fuhr der Fremde fort, theilte mir unumwunden mit, daß seine unglückliche Lage in Folge eines anhaltenden Unglückes im Spiele ihn gewissermaßen gezwungen habe, seinem Leben ein Ende zu machen. Ich dagegen sprach ernstlich mit ihm und bestritt diesen heidnischen, ja teuflischen Grundsatz von der Rechtmäßigkeit des Selbstmordes. Ich sagte alles, was mir über diesen Gegenstand eben einfiel, schien aber, wie ich zu meinem großen Bedauern bemerken mußte, keinen tiefen Eindruck auf ihn zu machen. Er schien seine That nicht im Mindesten zu bereuen und gab mir Ursache zu fürchten, daß er bald einen zweiten Versuch dieser Art machen würde. Als ich meine Rede geendiget hatte, versuchte er keineswegs mir durch Gründe zu antworten, sondern sah mich fest an und sagte lächelnd: »Du hast Dich sehr verändert, seit ich Dich nicht gesehen habe. Ich zweifle, ob unsere Bischöfe besser gegen den Selbstmord sprechen könnten, als Du gethan hast; wenn Du aber Niemanden findest, der mir hundert Füchse leihet, so muß ich mich entweder erhängen, oder ertränken, oder verhungern, und meiner Meinung nach ist die letztere Todesart die schrecklichste von den dreien.« Ich antwortete ihm ernst, daß ich mich allerdings geändert, seit ich ihn das letztemal gesehen, daß ich Muße gefunden habe, meine Thorheiten einzusehen und sie zu bereuen. Dann rieth ich ihm, denselben Weg einzuschlagen, und endlich schloß ich mit der Versicherung, daß ich ihm selbst hundert Pfd. St. leihen würde, wenn ihm ein Dienst damit geschehen könnte und er das Geld nicht wieder an den Spieltisch tragen wollte. 88 Watson, den der erste Theil meiner Rede fast eingeschläfert hatte, wurde durch den letztern ganz aufgemuntert. Er griff hastig nach meiner Hand, dankte mir tausendmal und erklärte, ich sei wirklich ein Freund, auch setzte er hinzu, er hoffe, daß ich eine bessere Meinung von ihm habe, als zu glauben, er habe von der Erfahrung so wenig gelernt, um den Würfeln noch zu vertrauen, die ihn so oft getäuscht hätten. »Nein, nein,« sprach er; »wenn ich nur einmal wieder feststehe, so will ich dem Glücke verzeihen, wenn es mich auch später zu einem bankerotten Kaufmanne macht.« Ich verstand diese Redensarten recht wohl und entgegnete deshalb mit ernster Miene: »Lieber Watson, Du mußt irgend ein Geschäft oder ein Amt zu erhalten suchen, das Dir Deinen Unterhalt giebt, und ich verspreche, könnte ich nur mit einiger Wahrscheinlichkeit erwarten, später wiederbezahlt zu werden, Dir eine viel größere Summe, als die erwähnte vorzuschießen, um Dich zu einem redlichen und ehrenwerthen Berufe auszurüsten; zu dem Spiele aber taugst Du, abgerechnet die Schlechtigkeit, dasselbe zu einem Gewerbe zu machen, durchaus nicht und es würde Dich sicher zuletzt doch noch in das Verderben stürzen.« »Es ist sonderbar,« antwortete er, » keiner meiner Freunde will mir zugestehen, daß ich etwas von der Sache verstehe, und doch glaube ich, bei jedem Spiele eine schon so gewandte Hand zu haben, als Einer von Euch, und ich wünsche von Herzen, mit Dir um Dein ganzes Vermögen zu spielen; mehr verlange ich nicht und ich will Dich sogar das Spiel selbst wählen und bestimmen lassen; aber, lieber Freund, hast Du denn wirklich hundert Pfd. St. in der Tasche?« Ich entgegnete, daß ich nur 50 bei mir habe, die ich ihm gab, während ich ihm die andern 50 am andern 89 Morgen zu bringen versprach. Nachdem ich ihm noch mehr guten Rath gegeben hatte, entfernte ich mich. Ich war besser, als mein Wort, denn ich ging schon den Nachmittag wieder zu ihm. Als ich eintrat, saß er im Bette und spielte mit einem bekannten Spieler Karte. Dieser Anblick verletzte mich, wie Sie denken können, nicht wenig, zumal ich den Verdruß hatte, sehen zu müssen, daß er meine 50 Pf.-Note seinem Gegner gab und nur 30 Guineen dafür erhielt. Der andere Spieler entfernte sich sogleich und Watson erklärte, er schäme sich, mich zu sehen, aber, setzte er hinzu: ich finde, daß das Glück sich ganz von mir abgewendet hat und ich werde deshalb nie wieder spielen. Ich habe über das freundschaftliche Anerbieten nachgedacht, das Du mir machtest, und ich verspreche Dir, daß die Schuld nicht an mir liegen soll, wenn ich es nicht ergreife. Ob ich gleich seinen Versprechungen wenig glaubte, so gab ich ihm doch die andere Hälfte der hundert Pfd. St. vollends, und er überreichte mir dafür eine Verschreibung, außer der ich für mein Geld nie etwas zu erhalten erwartet habe. Wir wurden an weiterm Gespräche durch die Ankunft des Arztes verhindert, der mit großer Freude im Gesicht und ohne selbst seinen Patienten zu fragen, wie er sich befinde, erklärte, er habe durch einen Brief eine wichtige Nachricht erhalten, die bald öffentlich bekannt werden würde; der Herzog von Monmouth sei nämlich im Westen mit einem großen holländischen Heere gelandet und eine andere große Flotte liege vor der Küste von Norfolk, um da eine Landung zu bewirken und das Unternehmen des Herzogs durch eine Diversion an diesem Punkte zu begünstigen. Dieser Arzt war einer der größten Politiker seiner Zeit. Ueber das schlechteste Schiff freuete er sich mehr, als über den besten Patienten, und die höchste Freude fand er darin, 90 eine Stunde früher als irgend Jemand in der Stadt eine Nachricht zu erhalten. Seine Nachrichten waren aber selten wahr, denn er nahm fast alles für begründet an, weshalb Viele sich den Scherz machten, ihm Lügen aufzubinden. Als solche erwieß sich auch seine gegenwärtige Mittheilung, denn es zeigte sich bald, daß der Herzog zwar gelandet sei, seine Armee aber blos in einigen Dienern bestehe; die Sache von der Diversion in Norfolk war ganz unbegründet. Der Arzt blieb nicht länger in dem Zimmer, als er nöthig hatte, uns seine Nachricht mitzutheilen; ohne eine Sylbe mit seinem Patienten oder über einen andern Gegenstand zu sprechen, eilte er fort, um seine Neuigkeit weiter in der Stadt zu verbreiten. Staatsangelegenheiten dieser Art drängen gewöhnlich alle Privatsachen in den Hintergrund. Auch unser Gespräch wurde ganz politisch. Auf mich hatte schon eine Zeit lang die Gefahr, der die protestantische Religion unter einem katholischen Fürsten ausgesetzt sein mußte, einen tiefen Eindruck gemacht, und ich hatte diese Besorgniß allein für eine hinreichende Rechtfertigung des Aufstandes angesehen; denn gegen den Verfolgungsgeist des Papstthums giebt es auf keine andere Weise Sicherheit, als wenn man ihm alle Macht entzieht, wie es leider die Erfahrung bestätiget hat. Sie wissen, wie sich der König Jacob benahm, nachdem er den Versuch bewältiget hatte, wie wenig er sein königliches Wort, seinen Krönungseid, die Freiheiten und Rechte seines Volkes achtete. Im Anfange ließ sich dies nicht so leicht voraussehen, deshalb wurde der Herzog von Monmouth nur schwach unterstützt; als das Uebel eintrat, fühlten es freilich alle, und deshalb verbanden sie sich, diesen König zu vertreiben, gegen dessen Vertreibung während der Regierung seines Bruders eine große Partei unter uns warm gestritten hatte. »Was Sie da sagen,« fiel Jones ein, »ist sehr wahr, 91 und ich habe es oft für das Wunderbarste in der Geschichte gehalten, daß es sobald nach dieser überzeugenden Erfahrung, welche unsre ganze Nation veranlaßte, sich einmüthig zu der Vertreibung des Königs Jacob zu verbinden, um unsre Religion und unsre Freiheiten zu erhalten, eine Partei unter uns geben sollte, die so unsinnig ist, jene Familie wieder auf den Thron setzen zu wollen.« – Sie scherzen, antwortete der alte Mann, es kann keine solche Partei geben. Eine wie schlechte Meinung ich auch von den Menschen habe, so kann ich doch nicht glauben, daß sie in solchem Grade verblendet sind. Es mag einige hitzköpfige Papisten geben, die von ihren Priestern angetrieben werden, sich in diese verzweifelte Sache einzulassen und dieselbe für einen heiligen Krieg zu halten; daß aber Protestanten, Mitglieder der Kirche von England, so abtrünnig sein könnten, kann ich nicht glauben. Nein, nein, junger Herr, so unbekannt ich auch mit dem bin, was in den letzten dreißig Jahren in der Welt geschehen ist, so lasse ich mich doch nicht bereden, ein solches Mährchen zu glauben; Sie wollen mit meiner Unwissenheit Spott und Scherz treiben. – »Ist es möglich,« fiel Jones ein, »daß Sie so ganz abgeschieden von der Welt gelebt haben, um nicht zu wissen, daß während dieser Zeit zwei Rebellionen zu Gunsten des Sohnes Königs Jacobs stattgefunden haben, daß eine eben jetzt mitten im Königreiche wüthet?« Bei diesen Worten sprang der alte Mann auf und beschwor im feierlichsten Tone Jones bei seinem Schöpfer, ihm zu sagen, ob das, was er sage, wirklich wahr sei. Als der andere dies betheuert hatte, ging er mehrmals schweigend in dem Zimmer auf und ab, dann weinte, dann lachte er und endlich sank er auf seine Knie und dankte Gott laut dafür, daß er ihn vor allem Verkehr mit Menschen bewahrt habe, die solcher Thorheiten fähig wären. Endlich wurde 92 er jedoch von Jones daran erinnert, daß er ihm seine Geschichte noch nicht völlig erzählt habe, worauf er in derselben also fortfuhr: Da die Menschen in der Zeit, von welcher ich spreche, noch nicht zu jenem Grade der Tollheit gelangt waren, dessen sie, wie ich höre, jetzt fähig sind, und dem ich selbst wohl nur deshalb entgangen bin, weil ich allein und fern von der Ansteckung lebe, so erhoben sich viele für Monmouth, und ich schloß mich ihm ebenfalls an, weil meine Grundsätze mich zu seiner Partei hinzogen. Watson faßte aus andern Gründen denselben Entschluß (denn die Spielsucht bringt einen Mann bei einer solchen Gelegenheit eben so weit als die Vaterlandsliebe), wir versorgten uns deshalb bald mit allem Nöthigen und begaben uns zu dem Herzoge zu Bridgewater. Der unglückliche Ausgang der Unternehmung ist Ihnen ohne Zweifel eben sowohl bekannt wie mir. Ich entkam mit Watson der Schlacht zu Sedgemor, wo ich eine leichte Wunde erhielt. Wir ritten fast 40 Meilen weit auf der Straße von Exeter hin, veräußerten dann unsre Pferde und wanderten über die Felder und auf Nebenwegen hin, bis eine alte Frau sich unsrer annahm und meine Wunde mit einer Salbe verband, von welcher sie schnell heilte. – »Wo war die Wunde, wenn ich fragen darf?« fiel Partridge ein. Der Unbekannte sagte ihm, daß sich dieselbe am Arme befunden habe und erzählte sodann weiter: Hier verließ mich Watson am andern Morgen, um, wie er vorgab, Lebensmittel für uns aus der Stadt Collumpton zu holen, aber – kann ich es erzählen oder können Sie es glauben? – dieser Watson, dieser Freund, dieser niederträchtige, heimtückische Bösewicht, verrieth mich an einen Reiterhaufen des Königs Jacob und überlieferte mich demselben bei seiner Rückkehr. 93 Die Soldaten, sechs an der Zahl, brachten mich nach Staunton in das Gefängniß, aber weder meine Lage noch die Besorgniß wegen der Zukunft war für mich halb so betrübend als die Gesellschaft meines falschen Freundes, der sich selbst überliefert hatte und ebenfalls als Gefangener angesehen, aber besser behandelt wurde als ich. Zuerst versuchte er seinen Verrath zu entschuldigen, als er aber nur Verachtung und Vorwürfe zur Antwort erhielt, änderte er seinen Ton, schmähete mich als den schändlichsten und böswilligsten Rebellen und legte seine ganze eigene Schuld mir zur Last, da ich, wie er sagte, ihn gebeten und durch Drohungen gezwungen haben sollte, die Waffen gegen seinen gnädigen und rechtmäßigen Souverain zu ergreifen. Dieses falsche Zeugniß verletzte mich tief und erregte einen Unwillen in mir, der sich weder beschreiben, noch begreifen läßt. Das Schicksal hatte jedoch endlich Mitleid mit mir, denn als wir etwas über Wellington hinauskamen, erhielten meine Wachen die falsche Nachricht, es wären etwa funfzig Feinde in der Nähe, weshalb sie eilig die Flucht ergriffen und mir, wie meinem Verräther, überließen, dasselbe zu thun. Der Schurke lief auch wirklich sogleich fort und ich freue mich, daß er es that, da ich sicherlich versucht haben würde, obgleich ich keine Waffen hatte, Rache an ihm zu nehmen. Ich war also wiederum frei, verließ sofort die Straße, begab mich auf die Felder, wanderte hier weiter, ohne eigentlich zu wissen, wohin ich gehen wollte, und war hauptsächlich darauf bedacht, alle Hauptstraßen und Städte, ja selbst alle Häuser zu vermeiden, da ich mir einbildete, jedes menschliche Wesen, das ich sähe, wolle mich verrathen. Endlich, nachdem ich mehrere Tage in dem Lande umhergeirrt war, während welcher die Felder mir dasselbe Bett und dieselbe Nahrung gewährt hatten, die die Natur unsern 94 wilden Brüdern giebt, gelangte ich hierher und die Einsamkeit, die Rauhheit der Gegend luden mich ein, meinen Aufenthalt da zu nehmen. Die erste Person, bei der ich meine Wohnung nahm, war die Mutter dieser alten Frau, bei der ich mich verborgen hielt, bis die Nachricht von der glorreichen Revolution allen meinen Besorgnissen vor Gefahr ein Ende machte und mir erlaubte, meine Heimath nochmals zu besuchen, um mich um meine Angelegenheiten zu kümmern, die ich bald zu meiner und meines Bruders Zufriedenheit in Ordnung brachte, indem ich ihm alles überließ, wogegen er mir tausend Pfd. St. zahlte und mir ein Jahrgeld aussetzte. Sein Benehmen war in diesem Falle wie in allen andern eigennützig und unedel. Ich konnte ihn nicht für meinen Freund ansehen und er wollte auch nicht als solcher erscheinen; ich nahm deshalb sowohl von ihm als von meinen andern Bekannten Abschied, und von diesem Tage an ist meine Geschichte wenig mehr als ein leeres Blatt. »Ist es möglich,« fragte Jones, »daß Sie von jenem Tage bis heute hier gewohnt haben?« – »Das that ich nicht,« antwortete der Alte; »ich bin viel gereiset und es dürfte wenige Theile von Europa geben, die mir unbekannt geblieben sind.« – »Ich wage es nicht, Sie jetzt weiter zu fragen; es würde grausam sein, nachdem Sie bereits so viel gesprochen haben; dagegen erlauben Sie mir wohl, eine andere Gelegenheit zu wünschen, die trefflichen Beobachtungen zu vernehmen, die ein Mann von Ihrer Sinnesart und Ihren Kenntnissen auf so lang dauernden Reisen gemacht haben muß.« – Ich werde allerdings, mein junger Freund, antwortete der Fremde, Ihre Neugierde auch in diesem Stücke, so viel ich vermag, zu befriedigen suchen. Jones wollte sich nochmals entschuldigen, wurde aber verhindert, und während er und Partridge aufmerksam 95 hörend dasaßen, fuhr der Fremde fort, wie in dem nächsten Kapitel zu lesen sein wird. Funfzehntes Kapitel. Eine kurze Geschichte von Europa und ein merkwürdiges Zwiegespräch zwischen Jones und dem Manne vom Berge. In Italien sind die Wirthe schweigsam, in Frankreich schwatzlustiger, aber doch artig, in Deutschland und Holland aber meist sehr impertinent. Mit der Ehrlichkeit ist es wohl in allen Ländern so ziemlich gleich bestellt. Die Lohnbedienten versäumen sicherlich keine Gelegenheit, Sie zu betrügen, und die Postillone sind, glaube ich, einander in der ganzen Welt so ziemlich gleich. Dies sind in Bezug auf die Menschen die Beobachtungen, die ich auf meinen Reisen gemacht habe; mit andern habe ich keinen Umgang gehabt. Ich hatte nur die Absicht, mich durch die Betrachtung der wunderbar mannichfaltigen Aussichten, Thiere. Vögel, Fische, Insecten und Gewächse zu zerstreuen, mir denen Gott die verschiedenen Gegenden der Erde geschmückt hat, und welche dem nachdenkenden Beschauer nicht blos großes Vergnügen gewähren, sondern auch von der Macht, der Weisheit und der Güte des Schöpfers zeugen. Es giebt in der That in seiner ganzen Schöpfung nur ein Werk, das ihm keine Ehre macht, den Menschen, und mit diesem habe ich seit langer Zeit jeden Umgang vermieden. »Verzeihen Sie mir,« warf Jones ein, »ich bin immer der Meinung gewesen, daß es in dem Werke, das Sie erwähnen, eine eben so große Mannichfaltigkeit giebt, wie in allen übrigen, denn außer den verschiedenen Neigungen haben auch die Gewohnheiten und das Klima, wie man 96 mir gesagt hat, eine unermeßliche Verschiedenartigkeit in der menschlichen Natur veranlaßt.« Im Ganzen doch nur eine sehr geringe, antwortete der Alte; diejenigen, welche Reisen unternehmen, um die verschiedene Lebensweise der Menschen kennen zu lernen, könnten sich diese ganze Mühe ersparen, wenn sie den Carneval zu Venedig besuchten, denn dort kann man alles beisammen sehn, was man an den verschiedenen Höfen Europas findet, dieselbe Heuchelei, denselben Trug, kurz dieselben Thorheiten und Laster in verschiedenen Bekleidungen. In Spanien zeigen sie sich unter großem Ernst, in Italien unter vielem Pomp. In Frankreich ist ein Schurke wie ein Stutzer gekleidet und in den nördlichen Ländern gemein und nachlässig. Die menschliche Natur aber ist überall dieselbe, überall der Gegenstand des Abscheus und der Verachtung. Ich bin durch alle diese Nationen gewandert, wie Sie vielleicht durch eine Volksmenge bei irgend einer Sehenswürdigkeit, d. h. ich mußte die Ellenbogen brauchen, um durchzukommen, mit der einen Hand die Nase, mit der andern die Tasche zuhalten, ohne irgend ein Wort mit Einem zu sprechen, während ich mich durcharbeitete, um zu sehen, was ich sehen wollte. Wie unterhaltend dies nun auch an sich sein mochte, so entschädigte es mich doch kaum für die Belästigung, die ich durch die Gesellschaft erfuhr.« »Fanden Sie nicht einige der Nationen, die Sie besuchten, weniger belästigend als andre?« fragte Jones. O ja, antwortete der Alte; die Türken kamen mir weit erträglicher vor, als die Christen, denn sie sind sehr schweigsame Leute und belästigen einen Fremden niemals mit Fragen. Bisweilen schleudern sie einen kurzen Fluch gegen ihn oder spucken ihm in das Gesicht, während er in den Straßen hingeht, dann sind sie aber auch fertig mit ihm, und man kann ein Jahrhundert unter ihnen leben, ohne ein Dutzend 97 Worte von ihnen zu hören. Vor Allem aber bewahre mich Gott vor den Franzosen. Mit ihrem Geschwätz und ihrer Höflichkeit sind sie so lästig und unausstehlich, daß ich lieber mein ganzes Leben lang unter den Hottentotten zubringen, als Paris noch einmal betreten möchte. Jene sind ein schmuziges Volk, aber der Schmuz liegt außen; in Frankreich dagegen und bei einigen anderen Nationen, die ich nicht nennen will, liegt der Schmuz inwendig und sie werden meinen Gefühlen dadurch widerwärtiger, als die Hottentotten meiner Nase. – So habe ich die Geschichte meines Lebens beendiget, denn die Reihe von Jahren, welche ich hier zurückgezogen verlebt habe, enthält nichts, das Ihnen Unterhaltung gewähren könnte und kann als ein Tag angesehen werden. Ich habe so ganz zurückgezogen gelebt, daß ich in den afrikanischen Wüsten schwerlich hätte einsamer sein können, als hier inmitten eines volkreichen Landes. Da ich kein Gut besitze, so werde ich weder von Pächtern noch von Verwaltern geplagt; mein Jahrgeld wird mir ziemlich regelmäßig ausgezahlt, wie es sich gehört, denn es ist geringer, als ich für das, was ich aufgab, wohl hätte erwarten können. Besuche nehme ich nicht an, und die alte Frau, die mein Hauswesen führt, weiß, daß sie ihre Stelle nur so lange behält. als sie mir die Mühe erspart, das einzukaufen, was ich brauche, alle Gesuche und Geschäfte von mir entfernt und ihre Zunge ruhen läßt, wenn ich in der Nähe bin. Da ich nur in der Nacht ausgehe, so kann ich so ziemlich sicher darauf rechnen, in dieser wilden unbesuchten Gegend keine Gesellschaft zu finden. Ich habe zwar zufällig einigen Personen begegnet, die meiner Kleidung und meines Aussehens wegen mich für einen Geist oder ein Gespenst hielten und erschrocken davonliefen; der Vorfall in der heutigen Nacht aber beweist mir, daß ich selbst hier vor der Schlechtigkeit der Menschen nicht geborgen bin, denn 98 ohne Ihren Beistand würde ich nicht blos beraubt, sondern wahrscheinlich auch ermordet worden sein.« Jones dankte dem Alten dafür, daß er ihm seine Geschichte erzählt, und äußerte dann seine Verwunderung darüber, wie derselbe ein so einsames Leben habe ertragen können. »Ich kann nicht begreifen, wie Sie eine so lange Zeit ausgefüllt oder vielmehr vertrieben haben.« Ich wundere mich gar nicht, antwortete der Andere, daß Jemand, dessen Neigungen und Gedanken der Welt angehören, der Meinung ist, es müßte mir hier an Beschäftigung gefehlt haben; es giebt eine einzige Handlung, für welche das ganze menschliche Leben nicht hinreicht; welche Zeit genügt zur Betrachtung und Anbetung jenes glorreichen, unsterblichen und ewigen Wesens, unter dessen Werken nicht blos diese Erde, sondern selbst jene zahllosen Gestirne, die am ganzen Himmel funkeln und von denen manche vielleicht Sonnen sind, welche verschiedene Weltsysteme beleuchten, vielleicht nur Sonnenstäubchen sind im Vergleich mit der ganzen Schöpfung? Muß nicht ein Mensch, der bei dem Nachdenken gleichsam ein Gespräch hält mit dieser unaussprechlichen und unbegreiflichen Majestät, Tage, Jahre, Jahrhunderte für zu kurz für eine solche erhebende Ehre halten? Sollen die unbedeutenden Freuden, die vergänglichen Vergnügungen, das thörichte Geschäftstreiben dieser Welt, unsere Stunden uns so schnell entführen, daß der Gang der Zeit einem Geiste zu träge vorkäme; der sich mit so erhabenen, so wichtigen und glorreichen Studien beschäftiget? Wie hierzu keine Zeit hinreicht, so ist auch kein Ort ungeeignet. Welchen Gegenstand können wir betrachten, der uns nicht an Gottes Macht, Weisheit und Güte erinnerte? Es ist nicht nöthig, daß die aufgehende Sonne ihre feurigen Strahlen über den östlichen Himmel verbreitet; es ist nicht nöthig, daß tobende Winde aus ihren Höhlen hervorbrechen 99 und den hohen Wald erschüttern; es ist nicht nöthig, daß die Wolken ihren Schoos öffnen und die Ebenen überschwemmen; kein Insect, kein Gewächs steht in der Ordnung der Schöpfung so tief, daß es nicht Zeichen der Attribute seines großen Schöpfers an sich trüge, Zeichen nicht nur seiner Macht, sondern auch seiner Weisheit und Güte. Der Mensch allein, der König dieser Erde, das letzte und größte Werk des höchsten Wesens unter der Sonne, der Mensch allein hat seine eigene Natur geschändet und durch Unehrlichkeit, Grausamkeit, Undankbarkeit und Verrath die Güte seines Schöpfers in Zweifel gestellt, so daß wir nicht begreifen können, warum ein so wohlwollendes Wesen ein so thörichtes und gemeines Geschöpf ins Leben rief. Dieses Geschöpf ist es, dessen Umgang ich, wie Sie meinen, unglücklicherweise entbehrt habe und ohne dessen Gesellschaft, Ihrer Ansicht nach, das Leben langweilig und freudenlos sein muß. – »Mit dem ersten Theile Ihres Ausspruchs stimme ich bereitwillig und von Herzen überein, aber ich glaube und hoffe, daß der Abscheu, den Sie am Schlusse gegen das ganze Menschengeschlecht aussprachen, viel zu allgemein ist. Sie verfallen hier in einen Irrthum, der, wie mich schon meine geringe Erfahrung gelehrt hat, ein sehr häufig vorkommender ist; Sie beurtheilen die Menschheit nach den schlechtesten Menschen, während, wie ein vortrefflicher Schriftsteller sagt, nichts für characteristisch an einer Spezies gehalten werden sollte, was sich nicht an den besten und vollkommensten Individuen jener Spezies findet. Diesen Irrthum begehen, wie ich glaube, im Allgemeinen diejenigen, welche in Folge nicht gehöriger Vorsicht in der Wahl ihrer Freunde und Bekannten, durch schlechte und unwürdige Menschen gelitten haben; zwei oder drei Beispiele der Art werden dann der ganzen Menschheit zur Last gelegt.« 100 Ich glaube Erfahrung genug gehabt zu haben, antwortete der Andere; meine erste Geliebte und mein erster Freund betrogen mich auf die schändlichste Weise, und zwar in Dingen, die mich mit den schlimmsten Folgen bedroheten, mich selbst zu einem schmachvollen Tode bringen konnten. »Sie werden mir verzeihen,« fiel Jones ein, »wenn ich Sie ersuche, zu bedenken, wer Ihre Geliebte und wer Ihr Freund war. Was konnten Sie Besseres erwarten von der Liebe aus dem Freudenhaus oder von der Freundschaft, die sich von dem Spieltische herschrieb? Wenn man das weibliche Geschlecht nach dem ersten oder die Männer nach dem zweiten Beispiele beurtheilen wollte, würde man ebenso Unrecht thun, als wenn man behauptete, die Luft sei ein widerliches und ungesundes Element, weil man sie so in einem geheimen Gemache findet. Ich habe erst kurze Zeit in der Welt gelebt, aber doch Männer, die der höchsten Freundschaft würdig sind, und Frauen kennen gelernt, welche die höchste Liebe verdienen.« Ach, junger Mann, antwortete der Alte, Sie haben, wie Sie sagen, nur eine sehr kurze Zeit in der Welt gelebt; ich war bereits älter, als Sie jetzt sind, da ich noch derselben Meinung war. »Sie würden derselben treu geblieben sein,« entgegnete Jones, »wenn Sie bei der Wahl Ihrer Freunde nicht unglücklich, ich will nicht sagen, nicht unvorsichtig, gewesen wären. Gäbe es auch in der Welt wirklich mehr Schlechtigkeit als es giebt, so würden doch solche allgemeine Behauptungen gegen die menschliche Natur nicht gerechtfertiget sein, weil Manches blos aus Zufall geschieht und mancher Mensch, der Böses thut, im Herzen nicht ganz schlecht und verdorben ist. Niemand hat wohl eigentlich ein Recht, zu behaupten, die menschliche Natur sei nothwendig und allgemein schlecht, als die, welche selbst ein Beispiel dieser 101 Schlechtigkeit sind, was, wie ich überzeugt bin, bei Ihnen nicht der Fall ist.« Schlechte Menschen werden ebensowenig sich bemühen, Sie von der Schlechtigkeit der Menschen zu überzeugen, als Sie durch einen Straßenräuber erfahren werden, daß es diese auf der Straße giebt. Sie würden dadurch vorsichtig werden und die Pläne derselben vereiteln. Schlechte Menschen reflectiren niemals über die menschliche Natur im Allgemeinen. Der alte Mann sprach dies mit so viel Wärme, daß Jones, weil er daran verzweifelte, ihn zu bekehren und ihn auch nicht beleidigen wollte, gar nicht antwortete. Der Tag begann jetzt zu grauen und Jones entschuldigte sich gegen den Fremden, daß er so lange geblieben sei und ihn vielleicht von der Ruhe abgehalten habe. Der Fremde antwortete darauf, er habe der Ruhe nie weniger bedurft, als gerade jetzt, Tag und Nacht wären ihm ganz gleich und er brauchte gewöhnlich den erstern zur Ruhe, die letztere dagegen zu seinen Spaziergängen und Studien. Es ist, sagte er, ein sehr schöner Morgen, und wenn Sie noch länger Schlaf und Zeit entbehren können, so will ich Ihnen gern einige sehr schöne Ansichten zeigen, die Sie wahrscheinlich noch nicht gesehen haben. Jones nahm dieses Anerbieten gern an und sie verließen deshalb Beide sogleich das Haus. Partridge seinerseits war eben, als der Fremde seine Erzählung geschlossen hatte, in einen tiefen Schlaf gesunken, denn seine Neugierde war befriediget, und das nachfolgende Zwiegespräch vermochte den Schlaf von seinen Augen nicht fern zu halten. Jones ließ ihn schlafen, und da der Leser vielleicht selbst schläfrig geworden ist, so wollen wir hier das achte Buch unserer Geschichte schließen. 102 Neuntes Buch. Umfaßt zwölf Stunden. Erstes Kapitel. Ueber die, welche Geschichten, wie die vorliegende, schreiben, und die, welche dergleichen nicht schreiben dürfen. Unter andern Zwecken, um deretwillen ich diese verschiedenen einleitenden Kapitel einführte, war auch der, daß sie eine Art Zeichen oder Stempel sein sollten, nach dem selbst ein unachtsamer Leser das, was in dieser Art von Geschichtschreibung wahr und ächt ist, von dem Falschen und Nachgeahmten unterscheiden könnte. Ein solcher Stempel scheint wirklich in der Kürze nöthig zu werden, da die günstige Aufnahme, welche einige Schriftsteller mit Werken dieser Art bei dem Publicum gefunden haben, andere wohl veranlassen dürfte, auch solche zu verfassen, so daß eine Masse alberner Novellen und ungeheuerlicher Romane zu Tage kommen würde zum Nachtheile der Buchhändler und zum Verderben der Moralität der Leser. Ich will nun zwar keineswegs behaupten, daß das größte Verdienst solcher historischer Erzählungen jemals in diesen einleitenden Kapiteln liegen könnte; aber jene Theile, welche blos Erzählung enthalten, reizen doch die Feder der 103 Nachahmer mehr als jene, welche Beobachtungen und Reflexionen bieten. Es gehört gewiß ein seltenes Talent dazu, gute Erzählungen zu erfinden und sie gut vorzutragen, und doch hält man Beides für sehr leicht; denn wer weiter nichts schreiben kann, glaubt doch einen Roman schreiben zu können. Daher schreibt sich denn auch die Verachtung, mit welcher diese Art Werke meist angesehen werden. Um nun in Zukunft solchen Mißbrauch, der mit der Zeit, mit Papier und Tinte und mit der Druckfreiheit getrieben wird, einigermaßen zu verhindern, will ich hier einige der Eigenschaften anführen, welche Derjenige nothwendig besitzen muß, der einen solchen historischen Roman schreiben will. Die erste ist Geist, den, wie Horaz sagt, kein Studium zu ersetzen vermag. Unter Geist verstehe ich aber die Fähigkeit, alle Dinge, die wir zu erreichen vermögen und kennen, zu durchdringen und ihre wesentliche Verschiedenheit zu ergründen. Diese Fähigkeit ist keine andere, als das Erfindungs- oder das Urtheilsvermögen, und beide zusammen nennen wir Geist, da wir diese Gaben der Natur mit auf die Welt bringen. Manche sind in Bezug auf dieselben in große Irrthümer verfallen, denn unter Erfindung versteht man meist die Fähigkeit zu schaffen, auf welche allerdings die meisten Romanschriftsteller Anspruch zu haben scheinen, während Erfindung eigentlich weiter nichts bedeutet, als Entdeckung, Ausfindigmachung, oder ein schnelles und scharfsinniges Erkennen des wahren Wesens aller Gegenstände, die wir betrachten. Dieß kann ohne Urtheilskraft nicht oder nur selten bestehen. So selten nun auch diese beiden Eigenschaften in einem Menschen vereiniget sind, so reichen sie doch zu unserem Zwecke allein nicht hin, ohne einen guten Theil von Gelehrsamkeit. Hier könnte ich wiederum Horaz und viele Andere, 104 wenn es nöthig wäre, als Autorität anführen, um zu beweisen, daß Werkzeuge einem Arbeiter nichts nützen, wenn sie nicht durch die Kunst geschärft werden, oder wenn es ihm an Material fehlt, das er damit bearbeiten kann. Alles dies gewährt die Gelehrsamkeit, denn die Natur kann uns nur die Fähigkeit, oder, wie ich ausdrückte, die Werkzeuge zu unserer Beschäftigung geben; die Gelehrsamkeit muß sie für den Gebrauch vorrichten, bei dem Gebrauche als Lehrerin dienen und häufig das Material herbeischaffen. Eine vollkommne Kenntniß der Geschichte und schönen Literatur ist hier durchaus nothwendig, und ohne dieselbe als Schriftsteller in diesem Fache auftreten zu wollen, wäre eben so thöricht und vergeblich, als wenn man versuchte, ein Haus ohne Holz und Mörtel und Steine zu bauen. Eine andere Art Kenntniß kann dagegen wiederum die Gelehrsamkeit nicht geben; sie ist vielmehr blos durch Umgang mit Menschen zu erlangen. Dieser ist so nothwendig zum Verständniß der Charactere der Menschen, daß derselbe Niemandem mehr abgeht, als jenen gelehrten Pedanten, die ihr Leben ausschließlich in Schulen und unter Büchern verbracht haben, denn wie trefflich auch die menschliche Natur von Schriftstellern beschrieben worden sein mag, das wahre practische System kann doch blos in der Welt selbst erlernt werden. Der Umgang mit der Welt, den ein Romanschriftsteller zu pflegen hat, muß allgemein sein, d. h. er muß sich auf jeden Rang und Stand der Menschen ausdehnen; denn wer das vornehme Leben kennt, weiß darum noch nichts von dem niedern und umgekehrt. Obgleich man vielleicht glaubt, die Kenntniß eines dieser Stände befähige wenigstens zur Schilderung desselben, so ist dies doch nicht ganz begründet, denn die Thorheiten jedes Standes erläutern einander. Alle diese bisher erwähnten Eigenschaften reichen noch 105 immer nicht aus; der Romanschriftsteller muß auch das, was man unter einem guten Herzen versteht, und Gefühl besitzen. Der Schriftsteller, der mich zum Weinen bringt, sagt Horaz, muß vorher selbst geweint haben. Und es kann in der That Niemand Noth und Leid gut schildern, wer es bei der Beschreibung nicht mit empfindet. Ich zweifele nicht im mindesten daran, daß die rührendsten Scenen mit Thränen in den Augen geschrieben worden sind. Ebenso ist es mit dem Lächerlichen. Ich bin überzeugt, daß ich meinen Leser niemals zu herzlichem Lachen nöthige, als da, wo ich vor ihm gelacht habe, er müßte dann, statt mit mir, über mich lachen. Dies ist vielleicht auch bei einigen Stellen in diesem Kapitel der Fall gewesen, und um nicht wieder dazu Veranlassung zu geben, schließe ich. Zweites Kapitel. Enthält ein sehr überraschendes Abenteuer, das dem Herrn Jones auf seinem Spaziergange mit dem Manne vom Berge zustieß. Aurora öffnete ihr Fenster, d. h. der Tag brach an, als Jones mit dem Fremden hinausging und den Mazardberg bestieg. Kaum hatten sie den Gipfel desselben erreicht, als sich eine der schönsten Aussichten in der Welt vor ihnen entfaltete, die wir den Lesern auch vorstellen könnten, wenn uns nicht zwei Gründe entgegenständen; erstens verzweifeln wir daran, diejenigen, welche jene Gegend gesehen haben, zur Bewunderung unserer Beschreibung zu bringen, und zweitens glauben wir nicht, daß die, welche sie nicht sahen, nach einer Beschreibung sich eine Vorstellung davon machen können. 106 Jones stand einige Minuten unbeweglich da und blickte nach Süden, weshalb der Alte fragte, was er so aufmerksam betrachte. »Ach, Herr,« antwortete er mit einem Seufzer, »ich versuchte den Weg zu verfolgen, der mich hierher gebracht hat. Guter Gott, wie weit liegt Gloucester von uns! Und welch' weiter Raum muß mich von meiner Heimath trennen!« Ja, ja, junger Herr, fiel der Andere ein, und Ihrem Seufzer nach von dem, was Sie mehr lieben, als Ihre Heimath, wenn ich mich nicht irre. Das, nach dem Sie blicken, ist nicht zu erkennen, und doch sehen Sie, wie ich glaube, mit Vergnügen in jener Richtung hin. Jones antwortete mit einem Seufzer: »Sie haben, alter Freund, die Gefühle Ihrer Jugend nicht vergessen. Meine Gedanken waren allerdings mit dem beschäftiget, was Sie vermutheten.« Sie gingen dann weiter nach jenem Theile des Berges, der nach Nordwesten sieht und einen weitgedehnten Wald überragt. Kaum waren sie hier angekommen, als sie in der Ferne das laute Schreien einer weiblichen Person hörten, das aus dem Walde unten heraufzudringen schien. Jones horchte einen Augenblick, dann lief er, ohne ein Wort zu seinem Begleiter zu sagen (die Sache schien sehr dringend zu sein), den Berg hinunter und eilte, ohne im Geringsten an seine eigene Sicherheit zu denken, gerade nach dem Dickichte hin, von dem die Stimme herzukommen schien. Er war nicht weit in den Wald hineingekommen, als sich ihm ein höchst ungewöhnlicher schrecklicher Anblick darbot; eine völlig entkleidete Frauensperson befand sich nämlich in den Händen eines Bösewichtes, der ihr sein Knieband um den Hals gelegt hatte und sie daran auf einen Baum hinaufzuziehen suchte. Jones fragte nicht erst lange, sondern fiel sogleich den Kerl an und brauchte seinen eichenen Stock 107 so wirksam, daß er den Uebelthäter niederstreckte, ehe derselbe sich wehren konnte, ja selbst ehe er wußte, daß er angegriffen werde; auch stellte er seine Schläge nicht ein, bis das Frauenzimmer selbst bat, aufzuhören. Die Arme sank sodann vor Jones auf ihre Kniee nieder und dankte ihm tausendmal für ihre Rettung. Er hob sie sogleich auf und sagte, er freue sich sehr über den Zufall, der ihn ihr zu Hilfe gesendet habe, wo sie sonst wahrscheinlich keine hätte finden können, so daß ihn der Himmel zum glücklichen Werkzeuge ihrer Rettung auserkoren haben müsse. »Ja,« entgegnete sie, »ich könnte Sie fast für einen guten Engel halten, und Sie gleichen auch wirklich in meinen Augen mehr einem Engel, als einem Menschen.« Jones war allerdings ein schöner Mann, und wenn eine schöne Figur, eine angenehme Gesichtsbildung, Jugend, Gesundheit, Kraft, Muth und Gutmüthigkeit einen Menschen einem Engel gleichmachen können, so glich Jones gewiß einem solchen. Die befreite Gefangene dagegen hatte nicht eben viel von einem Engel; sie schien wenigstens in dem mittlern Alter zu stehen und in ihrem Gesichte war nicht viel von Schönheit zu entdecken; da ihr aber die Kleidungsstücke am oberen Theile des Körpers ganz abgerissen waren, so zogen ihre schön geformten und außerordentlich weißen Brüste die Blicke ihres Befreiers an. So standen sie eine Zeit lang einander schweigend gegenüber und blickten einander an, bis der Kerl am Boden sich wieder zu regen anfing, weshalb Jones das Knieband nahm, das zu einem andern Zwecke hatte dienen sollen, und ihm damit die Hände auf dem Rücken zusammenband. Er sah ihm jetzt auch zum ersten Male in das Gesicht und erkannte zu seiner großen Verwunderung, sowie wahrscheinlich mit nicht geringerer Genugthuung den Fähndrich Northerton. Dieser hatte seinen früheren Gegner auch nicht vergessen, und erkannte denselben, sobald er wieder zu sich kam. 108 Jones half ihm auf die Beine, sah ihm dann fest in das Gesicht und sagte: »Sie glaubten wohl, mir in dieser Welt niemals wieder zu begegnen, und ich gestehe, daß auch ich nicht erwartete, Sie hier zu finden. Das Schicksal hat uns indeß noch einmal zusammengeführt und mir Genugthuung für die Beleidigung gegeben, die ich erhielt, ohne es selbst zu wissen.« »Es verräth allerdings einen Mann von Ehre,« entgegnete Northerton, »sich dadurch Genugthuung zu verschaffen, daß man einen Gegner von hinten zu Boden schlägt. Ich kann Ihnen hier nicht Genugthuung geben, da ich keinen Degen habe, wenn Sie aber wirklich ein Ehrenmann sein wollen, so lassen Sie uns dahin gehen, wo ich mir eine Waffe verschaffen kann, und ich werde thun, was einem Manne von Ehre ziemt.« »Ziemt es einem Schurken, der Sie sind,« fiel Jones ein, »das Wort Ehre in den Mund zu nehmen? Doch ich will meine Zeit nicht durch Streiten mit Ihnen verschwenden. Sie sind jetzt der Justiz Genugthuung schuldig und sie soll dieselbe haben.« Dann wendete er sich an die Frau und fragte sie, ob sie in der Nähe wohne, oder, wenn dies nicht der Fall sei, ob sie ein Haus in der Nachbarschaft kenne, wo sie anständige Kleidung sich verschaffen könne, um sich zu einem Friedensrichter zu begeben. Sie entgegnete, daß sie in dieser Gegend völlig fremd sei, und Jones fuhr darauf fort, er habe einen Freund in der Nähe, der ihnen wohl Auskunft geben könne. Er wunderte sich eigentlich, daß der Mann vom Berge ihm nicht helfe. Dieser hatte sich aber, als unser Held sich entfernt, niedergesetzt, und ob er gleich ein Gewehr in der Hand hielt, ruhig und geduldig auf den Ausgang des Abenteuers gewartet. Jones trat aus dem Walde heraus und stieg schnell zu 109 dem Alten hinauf, der ihm rieth, die Frau nach Upton zu bringen, als der nächsten Stadt, wo er ihr alle Bequemlichkeiten und Bedürfnisse würde verschaffen können. Jones ließ sich darauf den Weg zeigen, nahm Abschied von dem Manne vom Berge, ersuchte denselben, Partridge ihm nachzusenden und kehrte schnell in den Wald zurück. Als unser Held sich entfernte, um bei seinem Freunde Erkundigung einzuziehen, war er der Meinung gewesen, der Bösewicht könne der armen Frau kein Leid zufügen, da ihm doch die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. Außerdem wußte er, daß er einen Hilferuf immer hören müßte. Er hatte ferner dem Uebelthäter erklärt, er würde sogleich schwere Rache an ihm üben, wenn er versuche, irgend etwas Unrechtes zu unternehmen. Jones vergaß aber, daß, wenn auch Northertons Hände gebunden, doch die Füße desselben frei waren; auch hatte er ihm nicht verboten, von diesen Gebrauch zu machen, wie es ihm beliebe. Northerton hatte nichts versprochen, und meinte also, er könne sich entfernen, ohne sein Ehrenwort zu verletzen. Er brauchte also ohne Umstände seine Beine und entfernte sich durch den Wald hindurch, der seine Flucht begünstigte. Die Frau, deren Augen wohl mehr nach ihrem Befreier gewendet, achtete auf die Flucht des Verbrechers nicht und versuchte deshalb auch nicht, sie zu verhindern. Jones fand also die Frau bei seiner Rückkehr allein. Er würde wohl versucht haben, Northerton wieder zu finden, aber sie wollte nicht zugeben, daß er ihn suche, sondern bat ihn, er möge sie nach der Stadt begleiten, nach welcher der Mann vom Berge sie gewiesen. »Die Flucht des Bösewichts,« sagte sie, »beunruhiget mich nicht, denn die Philosophie und das Christenthum predigen uns, Beleidigungen zu verzeihen. Dagegen thut es mir sehr leid, daß ich Ihnen Störung verursache, und ich sollte mich wirklich schämen, 110 Sie anzusehen, da ich so ganz entblößt bin. Müßte ich nicht Ihren Schutz wünschen, so möcht' ich wohl allein gehen.« Jones bot ihr seinen Rock an, aber sie weigerte sich, ich weiß nicht, aus welchen Gründen, bestimmt, von dem freundlichen Anerbieten Gebrauch zu machen. Er ersuchte sie also, die Ursachen ihrer Verlegenheit zu vergessen; »ich habe, als ich Sie beschützte, weiter nichts als meine Pflicht gethan, und um Ihre Schamhaftigkeit zu schonen, werde ich immer vor Ihnen gehen, denn erstens möchte ich nicht, daß meine Augen Sie beleidigten, und zweitens kann ich nicht dafür bürgen, ob ich so vielen Reizen, als ich erblicke, zu widerstehen vermag.« So gingen unser Held und die befreiete Schöne, wie in alter Zeit Orpheus und Eurydice gingen, indeß mußte Jones doch sich häufig umkehren, weil die Schöne oftmals seine Hilfe in Anspruch nahm, wenn ich auch nicht behaupten will, daß sie es absichtlich that. Auch war er glücklicher als Orpheus, denn er brachte seine Begleiterin, oder vielmehr Nachfolgerin, sicher in die berühmte Stadt Upton. Drittes Kapitel. Jones kommt mit der Geretteten in dem Wirthshause an. Eine sehr ausführliche Beschreibung der Schlacht zu Upton. Obgleich der Leser, wie wir nicht zweifeln, gewiß sehr gern wissen möchte, wer die Gerettete war und wie sie dem Fähndrich Northerton in die Hände gerieth, so müssen wir ihn doch ersuchen, seine Neugierde eine Zeit lang zu mäßigen, da wir dieselbe aus Gründen, die er später vielleicht selbst 111 erräth, nicht sogleich befriedigen können. Sobald Jones mit seiner schönen Begleiterin die Stadt erreicht hatte, begab er sich sogleich in das Wirthshaus, das von außen am besten aussah. Jones hatte einem Kellner aufgetrieben, ihm ein Zimmer anzuweisen, und er ging die Treppe hinan, als die Schöne mit dem aufgelöseten Haar, die ihm eilig folgte, von dem Hausherrn ergriffen wurde, der ausrief: »Heda! Wohin will das Bettelmensch? Sie bleibt hier unten.« Jones aber donnerte ihm von oben mit so gebieterischer Stimme entgegen: »Man lasse die Frau heraufgehen,« daß der gute Mann sogleich losließ und die Angehaltene so schnell als möglich in das Zimmer zu gelangen suchte. Jones wünschte ihr hier Glück zu der Ankunft und entfernte sich sodann, um, wie er versprochen hatte, die Wirthin mit einigen Kleidungsstücken zu ihr zu schicken. Die Arme dankte ihm herzlich für alle seine Güte und Freundlichkeit und setzte hinzu, sie hoffe ihn bald wiederzusehen, um ihm noch viel tausendmal mehr zu danken. Während dieses kurzen Gesprächs bedeckte sie ihren weißen Busen so gut als möglich mit ihren Armen, denn Jones konnte nicht umhin, einigemale darnach zu schielen, ob er sich gleich alle mögliche Mühe gab, sie nicht in Verlegenheit zu bringen. Unsere Reisenden hatten ihre Wohnung in einem Hause von sehr gutem Rufe genommen, in welchem irische Damen von strenger Tugend und viele Mädchen aus dem Norden auf dem Wege nach Bath einzukehren pflegten. Die Wirthin würde also durchaus nichts Unehrbares unter ihrem Dache geduldet haben. Freilich kann in einem öffentlichen Wirthshause die Keuschheit nicht so streng gewahrt werden, wie in dem Tempel der Vesta. Auch hoffte dies die gute Wirthin nicht, ebensowenig wie die erwähnten Damen; aber jeder Wirth hat es doch in seiner Gewalt, alle gemeine Unzucht aus seinem Hause fern zu halten. 112 Nun gehörte eben kein tadelnswerther Grad von Argwohn dazu, um zu glauben, Jones und seine zerlumpte Begleiterin hätten gewisse Dinge vor, die zwar in einigen christlichen Ländern geduldet, in andern nicht beachtet und in allen geübt werden, aber doch so streng wie Todschlag und andere große Verbrechen durch die Religion verboten sind, an die man in jenen Ländern allgemein glaubt. Die Wirthin hatte also nicht sobald von der Ankunft der obenerwähnten Personen gehört, als sie zu überlegen begann, wie sie dieselben am schnellsten wieder hinausbringe. Sie ergriff zu diesem Zwecke ein langes tödtliches Werkzeug, mit welchem in Friedenszeiten das Hausmädchen die Arbeit der fleißigen Spinnen zu zerstören pflegte, oder mit anderen Worten einen Besen, und wollte eben damit aus der Küche eilen, als Jones sie um einige Kleidungsstücke ansprach, damit die halbnackte Frau oben bekleidet werden könnte. Nichts kann das menschliche Temperament mehr reizen, oder gefährlicher für jene Cardinaltugend sein, welche Geduld heißt, als das Verlangen außergewöhnlicher Gefälligkeiten für die Personen, gegen die man schon aufgebracht ist. Aus diesem Grunde läßt Shakespeare kunstreich für Desdemona Gunstbezeugungen für Cassio von ihrem Gemahle erbitten, um nicht nur dessen Eifersucht, sondern auch die Wuth auf den höchsten Grad zu steigern, und wir finden, daß der unglückliche Mohr bei dieser Gelegenheit seine Leidenschaft noch weniger beherrschen kann, als selbst da, wo er das Geschenk, welches er seiner Gattin gegeben, in den Händen seines muthmaßlichen Nebenbuhlers sieht. Wir sehen solche Forderung als eine Beleidigung unseres Verstandes an, und einer solchen kann sich der menschliche Stolz nur mit Mühe unterwerfen. Die Wirthin besaß, obgleich sonst eine sehr gutmüthige Frau, in ihrem Character wahrscheinlich etwas von diesem 113 Stolze; denn Jones hatte kaum seine Bitte ausgesprochen, als sie über ihn mit einer gewissen Waffe herfiel, die zwar weder lang, noch scharf, noch hart ist, noch ihrem Aussehen nach den Tod geben oder eine Wunde verursachen kann, die aber doch schon von manchem klugen, ja von manchem tapfern Manne sehr gefürchtet und verabscheuet worden ist. Mancher von denen, die Muth genug hatten, einer geladenen Kanone in den Rachen zu sehen, wagten es nicht, in den Mund zu sehen, wo diese Waffe geschwungen wurde, und spielten, statt sich derselben auszusetzen, lieber die jämmerlichste und lächerlichste Figur vor allen ihren Bekannten. Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so fürchte ich, daß Jones einer von diesen war, denn ob er gleich mit der genannten Waffe angegriffen und heftig bearbeitet wurde, konnte er doch nicht dahin gebracht werden, Widerstand zu leisten, sondern ersuchte vielmehr auf sehr feigherzige Weise und unter vielen Bitten seine Gegnerin, ihr Schlagen einzustellen, mit andern Worten, er bat sie in allem Ernste, ihn anzuhören. Ehe er jedoch seine Bitte erfüllt sah, mischte sich der Wirth selbst in den Kampf und trat auf die Seite der Partei, welche einer Hilfe durchaus nicht zu bedürfen schien. Es giebt eine Art Helden, welche, wie man meint, bei der Wahl oder dem Vermeiden eines Kampfes durch den Character und das Benehmen der Person bestimmt werden, mit der sie sich schlagen sollen. Von diesen sagt man, sie kennten ihren Mann, und Jones, glaube ich, kannte seine Frau, denn ob er gleich so unterwürfig gewesen war, so zeigte sich doch, sobald er sich von dem Manne derselben angegriffen sah, der Geist der Rache in ihm, und er gebot ihm bei schwerer Züchtigung Stillschweigen. Der Mann antwortete mit großem Unwillen, aber mit einer Beimischung von Mitleid: »Sie müssen mir erst gewachsen sein,« und ging hinauf zu der Dame, um derselben 114 ein halbes Dutzend Huren in das Gesicht zu werfen. Kaum aber hatte er dieses Wort zum letzten Male ausgesprochen, als ihm ein wohl geführter Hieb mit dem Stocke, den Jones in der Hand hatte, auf den Rücken brannte. Es dürfte kaum zu ermitteln sein, ob der Wirth oder die Wirthin den Schlag schneller zurückgab. Der Wirth, der nichts in der Hand hatte, arbeitete mit den Fäusten, und die gute Frau, die ihren Besen schwang und damit nach dem Kopfe des armen Jones zielte, hätte wahrscheinlich dem Kampfe sofort ein Ende gemacht und dem Leben Jones' mit, wäre nicht das Herabfallen dieses Besens verhindert worden, keineswegs durch das wunderbare Einschreiten einer heidnischen Gottheit, sondern durch einen sehr natürlichen und glücklichen Zufall, nämlich durch die Ankunft Partridge's, der in diesem Augenblicke in das Haus trat (die Furcht hatte ihn veranlaßt, von dem Berge her mehr zu laufen, als zu gehen), und als er die Gefahr sah, welche seinen Herrn oder Begleiter (wie man ihn nennen will) bedrohete, eine solche traurige Katastrophe verhinderte, indem er den Arm der Wirthin ergriff, als er erhoben war. Die Wirthin bemerkte das Hinderniß bald, und da sie ihren Arm aus den Händen von Partridge nicht losmachen konnte, so ließ sie den Besen fallen. Sie überließ die Züchtigung Jones' ihrem Manne und fiel dagegen mit der äußersten Wuth über den armen Teufel her, der sich bis dahin nur durch den Ausruf bemerklich gemacht hatte: »Wollt Ihr meinen Freund umbringen?« Obgleich nicht kampflustig, wollte doch Partridge nicht stillstehen, als sein Freund angegriffen war, auch mißfiel ihm der Theil des Kampfes nicht, der ihm zu Theil wurde. Er gab also der Wirthin die Schläge zurück, sobald er sie erhalten hatte, der Kampf wurde nun von allen Seiten hartnäckig fortgesetzt, und es schien zweifelhaft zu sein, 115 auf welche Seite sich Fortuna neigen würde, als die unbekleidete Dame, die oben auf der Treppe das Gespräch mit angehört hatte, welches dem Gefechte vorausgegangen war, plötzlich herunterkam und ohne auf die Ungleichheit von zwei Personen gegen eine Rücksicht zu nehmen, über die arme Frau herfiel, die sich mit Partridge boxte, welcher große Held nun nicht etwa abließ, sondern seine Wuth vielmehr verdoppelte, als er sah, daß er Succurs erhalten. Der Sieg hätte nun den Reisenden zufallen müssen (denn die tapfersten Truppen müssen der Ueberzahl weichen), wäre nicht glücklicher Weise Susanne, das Stubenmädchen, ihrer Gebieterin zu Hilfe gekommen. Diese Susanne war ein Mädchen mit so tüchtigen Fäusten, als irgend eine im Lande, und sie würde vielleicht die berühmte Thalestris selbst oder irgend eine der Amazonen, der Unterthanen derselben, besiegt haben. Wie ihre Arme ganz dazu geeignet waren, einem Feinde sehr nachdrückliche Streiche zu versetzen, so konnte ihr Gesicht manche Schläge empfangen, ohne gerade großen Nachtheil zu erleiden, da die Nase bereits platt auf das Gesicht gedrückt war; ihre Lippen waren so dick, daß sie durch kein Aufschwellen entstellt werden konnten, und überdies so hart, daß eine Faust kaum einen Eindruck auf dieselben zu machen vermochte. Endlich standen ihre Backenknochen so heraus, als habe sie die Natur dazu bestimmt, zwei Bastionen zum Schutze der Augen in solchen Kämpfen zu sein, für die sie ganz geschaffen zu sein schien und für welche sie eine besondere Vorliebe besaß. Das schöne Wesen betrat den Kampfplatz und trat sogleich auf den Flügel, wo ihre Herrin einen so ungleichen Strauß gegen eine ihres Geschlechtes bestand. Sie forderte Partridge zum Zweikampfe heraus; er nahm die Ausforderung an und es begann zwischen ihnen ein höchst erbitterter Kampf. 116 Nachdem so die Kriegshunde losgelassen waren, fingen sie an, ihre blutigen Lippen zu lecken; die Victoria schwebte auf goldenem Fittig über ihnen; Fortuna nahm ihre Wagschaalen zur Hand und begann das Geschick des Tom Jones, seiner Gefährtin und Partridge's gegen den Wirth, die Wirthin und die Magd abzuwägen; sie hielten sich in völliger Gleichheit, als plötzlich ein gutmüthiger Zufall dem blutigen Streite ein Ende machte. Dieser Zufall war die Ankunft einer vierspännigen Kutsche. Der Wirth und die Wirthin zogen sich alsbald aus dem Kampfe zurück, und erlangten es auf ihre Bitten, daß ihre Gegner dasselbe thaten; nur Susanne war nicht so freundlich gegen Partridge, denn die amazonenhafte Schöne hatte ihren Gegner niedergeworfen und bearbeitete ihn eben lustig mit beiden Fäusten, ohne auf seine Bitte, die Feindseligkeiten einzustellen, oder auf das laute Geschrei: »Mörder!« das er ausstieß, zu hören. Jones hatte kaum den Wirth losgelassen, als er seinem besiegten Begleiter zu Hilfe eilte, den er mit Mühe dem wuthigen Stubenmädchen entriß. Partridge bemerkte seine Befreiung nicht einmal sogleich, denn er lag der ganzen Länge nach am Boden und hielt die Hände vor das Gesicht; auch hörte er nicht auf, laut zu schreien, bis Jones ihn nöthigte, aufzusehen und zu bemerken, daß der Kampf zu Ende sei. Der Wirth, der keine sichtbare Verletzung erhalten hatte, und die Wirthin, die ihr ansehnlich zerkratztes Gesicht mit dem Taschentuche verhüllte, eilten an die Thüre der Kutsche entgegen, aus welcher eine junge Dame mit ihrer Dienerin stieg. Diese führte die Wirthin ohne Umstände in das Zimmer, in welches Jones zuerst seine schöne Beute gebracht hatte, da es das beste im Hause war. Dahin mußten sie wieder über den Kampfplatz gehen, was sie mit der größten Eile thaten, wobei sie ihre Gesichter mit den Tüchern verhüllten, um nicht gesehen zu werden. 117 Die Vorsicht war ganz unnöthig, denn die arme unglückliche Helena, die Ursache dieses Blutvergießens, war selbst ausschließlich damit beschäftiget, ihr Gesicht zu verbergen, und Jones hatte vollauf zu thun, um Partridge von der Wuth Susannens zu befreien. Als dies endlich glücklich geschehen war, ging der arme Teufel sogleich an den Brunnen, um sein Gesicht abzuwaschen und den Blutstrom zu stillen, der durch die unsanfte Berührung Susannens aus seiner Nase gelockt worden war. Viertes Kapitel. Die Ankunft eines Kriegsmannes macht den Feindseligkeiten ein Ende und führt zu dem Abschlusse eines festen und dauernden Friedens zwischen allen Parteien. Um diese Zeit kam ein Sergeant mit einigen Soldaten an, die einen Deserteur transportirten. Der Sergeant fragte sogleich nach der ersten Magistratsperson in der Stadt und erhielt von dem Wirthe die Antwort, daß er dies sei; darauf verlangte er seine Quartierbillets nebst einem Kruge Bier, klagte über die Kälte und streckte sich vor dem Feuer in der Küche aus. Jones tröstete in diesem Augenblicke die arme Dame, die an einem Tische in der Küche saß, ihren Kopf auf ihren Arm stützte und ihr Unglück bejammerte. Damit aber meine schönen Leserinnen wegen eines besondern Umstandes nicht in Besorgniß sein mögen, halte ich es für zweckmäßig, zu erklären, daß sie sich, ehe sie das Zimmer oben verließ, mit einem Kissenüberzuge, den sie dort gefunden, verhüllt hatte, und ihre Schamhaftigkeit also durch die Gegenwart so vieler Männer in der Küche nicht verletzt wurde. 118 Einer der Soldaten trat nach einiger Zeit zu dem Sergeanten und flüsterte ihm etwas in das Ohr, worauf derselbe die Dame forschend ansah, als dies geschehen, zu ihr ging und sagte: »ich bitte um Verzeihung, Madame, aber ich irre mich gewiß nicht, Sie können keine andere sein, als die Frau des Capitain Waters.« Die arme Frau, die in ihrer Noth auf die Anwesenden wenig geachtet hatte, sah nun ihrerseits den Sergeanten an, erinnerte sich auch desselben, nannte seinen Namen und antwortete sodann, sie sei allerdings die unglückliche Person, die er in ihr vermuthe, setzte aber hinzu: »ich wundere mich, daß man mich in diesem Anzuge erkennt.« Darauf entgegnete der Sergeant, er sei sehr verwundert, die Dame in einem solchen Zustande zu erblicken, und müsse fürchten, daß ihr irgend ein Unglück begegnet sei. – »Ein Unglück ist mir allerdings begegnet,« sagte sie, »und ich bin dem Herrn da (auf Jones deutend) sehr verbunden; ohne seine Hilfe würde ich nicht mehr unter den Lebendigen sein.« – »Was der Herr Euch gethan hat,« fiel der Sergeant ein, »der Capitain wird es ihm vergelten. Wenn ich Ihnen einen Dienst erzeigen kann, so haben Sie nur zu befehlen, und ich werde mich glücklich schätzen, Ihnen dienen zu können. Jeder in einer solchen Lage wird sich gratuliren können, denn der Capitain wird es gewiß vergelten.« Die Wirthin, welche auf der Treppe das, was zwischen dem Sergeanten und Mad. Waters vorkam, mit angehört hatte, kam schnell herunter, eilte sogleich auf sie zu, bat sie um Verzeihung wegen des Geschehenen und ersuchte sie, alles dem Umstande zuzuschreiben, daß sie nicht gewußt habe, wer sie sei. »Wie sollte ich mir haben einbilden können, eine Dame von Ihrem Stande würde in einem solchen Aufzuge erscheinen? Hätte ich es nur ahnen können, so würde ich lieber meine Zunge verbrannt, als das gesagt 119 haben, was ich sagte. Ich hoffe, Madame, Sie nehmen ein Kleid von mir an, bis Sie eigene Kleidungsstücke erhalten können.« »Schweigen Sie,« antwortete Mad. Waters; »wie können Sie glauben, daß ich irgend etwas beachte, was von den Lippen so gemeiner Menschen kommt? Aber es wundert mich, daß Sie glauben können, ich würde nach dem, was vorgefallen ist, etwas von Ihren Habseligkeiten annehmen.« Hier schlug sich Jones in's Mittel und ersuchte Mad. Waters, der Wirthin zu verzeihen und das angebotene Kleid anzunehmen; »denn ich muß gestehen,« sagte er, »unser Aussehen, als wir hereintraten, war wohl etwas verdächtig, und ich bin überzeugt, daß die gute Frau alles, was sie that, nur in Rücksicht auf den guten Ruf ihres Hauses that.« »Ja, ganz gewiß,« entgegnete sie; »der Herr spricht wie ein Ehrenmann und er ist es sicherlich auch. Glauben Sie, mein Haus hat einen so guten Ruf, als irgend eines an der Straße und wird von vornehmen Leuten besucht. Hätte ich, wie gesagt, gewußt, daß die Dame eine vornehme Dame ist, ich würde mir lieber die Finger verbrannt, als sie beleidiget haben. Sie werden mir es nicht verdenken, daß ich da, wo vornehme Leute einkehren und ihr Geld verzehren, kein Lumpenpack dulde, das überall, wo es sich aufhält, mehr Ungeziefer, als Geld sitzen läßt. Solches Volk erregt niemals mein Mitleid, und es ist auch ganz thöricht, mitleidig zu sein; wenn unsere Obrigkeit thäte, was sie thun sollte, wären alle nichtsnützigen Armen längst schon aus dem Lande hinausgepeitscht, und das wäre das Beste für Alle. Sie, es thut mir herzlich leid, hat gewiß ein Unglück betroffen, und wenn Madame mir die Ehre erzeigen wollen, meine Kleider zu tragen, bis Sie eigene erhalten können, so stehen Ihnen meine allerbesten zu Diensten.« 120 Ich will es unentschieden lassen, ob die Kälte, oder das Zureden Jones, mehr über Mad. Waters vermochten; genug, sie ließ sich durch diese Rede der Wirthin besänftigen und ging mit derselben fort, um sich anständig zu kleiden. Der Wirth wollte ebenfalls eine Anrede an Jones beginnen, er wurde aber sogleich von dem jungen Manne unterbrochen, der ihm herzlich die Hand schüttelte und ihm gänzliche Verzeihung zusicherte, indem er sagte: »Wenn Sie zufrieden gestellt sind, mein würdiger Freund, ich bin's,« und in einem Sinne hatte der Wirth alle Ursache, zufrieden zu sein, denn er hatte eine Tracht Prügel erhalten, während Jones kaum einen Schlag gefühlt. Partridge, der diese ganze Zeit über beschäftiget gewesen war, seine blutende Nase an dem Brunnen zu waschen, erschien in der Küche, als eben Jones und der Wirth einander die Hände schüttelten. Da er ganz friedlich gesinnt war, so sagte ihm dieses Zeichen der Versöhnung gar sehr zu, und obgleich sein Gesicht manche Spuren von Susanna's Faust und noch mehr von ihren Nägeln an sich trug, so begnügte er sich doch lieber mit dem Ausgange des letzten Kampfes, als daß er versucht hätte, einen bessern herbeizuführen. Die heroische Susanne war ebenfalls mit ihrem Siege wohl zufrieden, ob er ihr gleich ein blaues Auge gekostet, das sie von Partridge bei dem ersten Angriffe erhalten hatte. Zwischen Beiden wurde also ein Bündniß geschlossen, und dieselben Hände, welche die Kriegswerkzeuge gewesen waren, wurden die Vermittler des Friedens. So war die vollkommene Ruhe wieder hergestellt, und er Sergeant gab seine Zufriedenheit damit zu erkennen, ob es gleich seinem Stande entgegen war. »Das ist recht, das ist freundschaftlich,« sagte er, »Gott verdamm' mich, ich kann es nicht leiden, wenn zwei mit einander grollen, 121 nachdem sie einen Strauß mit einander gehabt haben. Die einzige Art, wie Freunde einen Streit, den sie mit einander haben, auf freundschaftliche Weise tilgen können, ist entweder mit der Faust, mit dem Degen, oder dem Pistole, je nachdem es ihnen gefällt; dann aber muß es genug sein; ich für meinen Theil, Gott verdamm' mich, habe meinen Freund niemals lieber, als wenn ich mich mit ihm schlage. Nachzutragen ist Französisch, nicht Englisch.« Dann schlug er ein Trankopfer vor als einen nothwendigen Theil der Ceremonie bei allen Verträgen solcher Art. Vielleicht schließt der Leser daraus, er sei in der alten Geschichte wohl erfahren gewesen; ich will es aber nicht behaupten, obwohl es wahrscheinlich ist, da er keinen Gewährsmann anführte. Jedenfalls gründete sich seine Meinung auf eine sehr gute Autorität, denn er betheuerte sie mit vielen kräftigen Flüchen. Jones hatte kaum von dem Vorschlage gehört, als er auch mit dem gelehrten Sergeanten einstimmte und eine Bowle oder vielmehr einen großen Krug mit der Flüssigkeit bestellte, deren man sich bei solchen Gelegenheiten bedient, und dann die Ceremonie begann. Er legte seine rechte Hand in die des Wirthes, ergriff die Bowle mit der linken, sprach die gewöhnlichen Worte und goß etwas von dem Inhalte aus, worauf alle andere Anwesende diesem Beispiele folgten. Es ist nicht eben nöthig, die ganze Förmlichkeit genau zu beschreiben, da sie bekannt genug ist. Die Hauptverschiedenheit von der Ceremonie der Alten lag darin, daß Jeder aus der Gesellschaft den Trank in die Kehle goß und daß der Sergeant, der als Priester fungirte, zuletzt trank. Er behielt jedoch, glaube ich, darin die alte Form bei, daß er das Meiste genoß und daß er allein nichts zu den Kosten beitrug. Die guten Leute stellten sich nun um das Küchenfeuer, wo die gute Laune unbeschränkt zu herrschen schien. Partridge 122 vergaß nicht blos seine schmachvolle Niederlage, sondern wurde bald außerordentlich spaßhaft. Wir müssen indeß die angenehme Gesellschaft eine Zeit lang verlassen und Jones in das Zimmer der Mad. Waters begleiten, wo die Mahlzeit, die er bestellt hatte, auf dem Tische stand. Es gehörte freilich auch keine große Mühe zur Vorrichtung, da sie schon drei Tage alt war und nur gewärmt zu werden brauchte. Fünftes Kapitel. Eine Apologie für alle Helden, die gute Magen haben, nebst einer Beschreibung eines Liebeskampfes. Helden haben trotz der hohen Vorstellung, welche sie infolge von Schmeicheleien von sich selbst hegen mögen oder die die Welt sich von ihnen macht, gewiß mehr Menschliches als Göttliches an sich. Wie erhaben auch ihr Geist sein mag, ihr Körper wenigstens (bei den Meisten die Hauptsache) ist den schlimmsten Schwächen ausgesetzt und den gemeinsten Bedürfnissen der menschlichen Natur unterworfen. So muß denn auch das Essen, das nach einigen weisen Männern etwas sehr Gemeines, die philosophische Würde Benachtheiligendes ist, in gewissem Grade auch von dem größten Fürsten, Helden oder Gelehrten auf Erden verrichtet werden, ja bisweilen hat die Natur ein solches Spiel getrieben, gerade von solchen würdevollen Personen ein weit größeres Opfer in dieser Hinsicht zu verlangen, als von den niedrigsten Ständen. Da nun kein bekannter Bewohner dieser Erde wirklich mehr ist, als ein Mensch, so braucht sich eigentlich auch Keiner zu schämen, sich dem zu unterwerfen, was die menschlichen Bedürfnisse erfordern; wenn aber die großen 123 Personen, die ich erwähnt habe, dahin streben, solche niedrige Verrichtungen für sich allein in Anspruch zu nehmen, indem sie durch Aufhäufung oder Zerstörung von Nahrungsmitteln die Andern verhindern zu wollen scheinen, auch zu essen, so werden sie sicherlich völlig verächtlich. Nach dieser kurzen Vorrede halten wir es für keine Beeinträchtigung oder Herabsetzung unseres Helden, wenn wir seinen ungemeinen Eifer erwähnen, welchen er bei dieser Gelegenheit zu erkennen gab. Es läßt sich wirklich bezweifeln, ob Ulysses, der, nebenbei bemerkt, der beste Esser unter all' den Helden in jenem Eßgedichte, der Odyssee, gewesen zu sein scheint, jemals eine bessere Mahlzeit hielt. Drei Pfund wenigstens von dem Fleische, das früher einem Ochsen angehört hatte, erhielt die Ehre, ein Theil des Herrn Jones zu werden. Diesen besondern Umstand zu erwähnen, hielten wir für nöthig, da er es erklärt, warum unser Held auf einige Zeit seine schöne Gefährtin vernachlässigte, die sehr wenig aß und sich in der That mit sehr verschiedenen Gedanken beschäftigte, welche von Jones unbemerkt blieben, bis er den Appetit gänzlich gestillt, den er durch ein Fasten von 24 Stunden erlangt hatte. Seine Mahlzeit war jedoch kaum beendiget, so wendete sich auch seine Aufmerksamkeit wieder anderen Gegenständen zu, und mit diesen wollen wir nun den Leser bekannt machen. Herr Jones, von dessen persönlichen Eigenschaften wir bisher sehr wenig gesagt haben, war wirklich einer der schönsten jungen Männer in der Welt. Sein Gesicht trug, ungerechnet, daß es das Bild der Gesundheit war, die offenbarsten Zeichen der Sanftmuth und Gutmüthigkeit an sich. Diese Eigenschaften sprachen sich auf seinem Gesichte so deutlich aus, daß der Geist und das Gefühl, die in seinen Augen lagen, wenn sie auch einem genauen Beobachter 124 nicht entgehen konnten, von einem minder Aufmerksamen zu übersehen waren. Vielleicht lag es mit daran, so wie an der sehr feinen Farbe, daß sein Gesicht eine fast unbeschreibliche Zartheit besaß, die ihm etwas Weibliches gegeben haben würde, hätte es nicht mit einem höchst männlichen Aeußern in Verbindung gestanden, das weit mehr von dem Hercules, als die erstere von dem Adonis hatte. Außerdem war er rührig, artig, heiter und gut gelaunt, so daß jede Unterhaltung, an der er Theil nahm, bald sehr lebendig wurde. Wenn der Leser diese vielfachen Reize unseres Helden gehörig berücksichtiget und zugleich die Verpflichtungen bedenkt, die Mad. Waters gegen ihn hatte, so wird es mehr Pruderie als Aufrichtigkeit verrathen, eine schlimme Meinung von ihr zu hegen, weil sie eine sehr gute Meinung von ihm faßte. Welcher Tadel aber auch gegen sie ausgesprochen werden mag, es ist meine Pflicht, Alles wahr zu erzählen. Mad. Waters hatte also nicht blos eine gute Meinung von unserem Helden, sondern auch eine große Zuneigung zu ihm. Um es gerade herauszusagen, sie liebte, nach der jetzt allgemein angenommenen Bedeutung dieses Wortes, nach welcher Liebe ohne Unterschied auf die wünschenswerthen Gegenstände aller unserer Leidenschaften, unseres Verlangens und unserer Sinne angewendet wird, und jenen Vorzug anzeigt, den wir einer Art Nahrung vor der andern geben. Obgleich nun aber die Liebe zu diesen verschiedenen Gegenständen möglicher Weise in allen Fällen eine und dieselbe ist, so sind doch ihre Wirkungen, wie man zugeben muß, verschieden; denn wie sehr wir auch einen vorzüglichen Rinderbraten oder eine Flasche Burgunder, eine Rose, eine Cremoneser Geige lieben mögen, so äugeln, lächeln, 125 schmeicheln wir doch nicht, putzen uns nicht und wenden keine anderen Kunstgriffe, keine andere List an, um die Liebe des genannten Rinderbratens \&c. zu gewinnen. Seufzen können wir allerdings, dies geschieht aber meist in Abwesenheit, nicht in Gegenwart des geliebten Gegenstandes. Das Gegentheil geschieht bei der Liebe,. welche zwischen Personen einer und derselben Art, aber von verschiedenem Geschlechte wirkt. Kaum ist diese Liebe entstanden, so wird es unsere Hauptsorge, die Neigung des geliebten Gegenstandes zu erwerben. Zu welchem andern Zwecke sonst würden unsere jungen Leute in allen den Künsten unterwiesen, sich angenehm zu machen? Wenn es nicht wegen dieser Liebe geschähe, so bezweifele ich es, daß die Leute, welche sich mit dem Herausputzen der menschlichen Person beschäftigen, ihren Lebensunterhalt finden würden. Ja, jene großen Abglätter unserer Sitten, die nach Einiger Meinung das lehren, was uns hauptsächlich von der thierischen Schöpfung unterscheidet, sogar die Tanzmeister würden möglicher Weise keinen Platz in der Gesellschaft finden. Kurz, alle Anmuth, welche junge Mädchen und auch junge Männer von Andern lernen, und die vielfachen Verbesserungen und Nachhilfen, die sie mit Unterstützung des Spiegels an sich vornehmen, sind eigentlich jene von Ovid so oft erwähnten spicula et faces amoris ; oder, wie man bei uns wohl auch bisweilen sagt, die ganze Artillerie der Liebe. Sobald Mad. Waters und unser Held sich mit einander niedergesetzt hatten, begann die Erstere, diese Artillerie gegen den Letztern spielen zu lassen. Hier halten wir es aber, da wir eine Beschreibung versuchen wollen, die bisher weder in Prosa noch in Versen versucht worden ist, für zweckmäßig, den Beistand gewisser luftiger Wesen anzurufen, die uns, wir zweifeln nicht, bei dieser Gelegenheit freundlich zu Hilfe kommen werden. 126 »Sagt also, ihr Grazien, die ihr den himmlischen Aufenthalt in Seraphinens Antlitz gewählt habt, denn Ihr seid wahrhaft göttlich, immer in ihrer Gegenwart, und kennt genau alle Künste der Zauberei, sagt, welche Waffen wurden jetzt gebraucht, um das Herz des Herrn Jones zu fesseln?« Zuerst flogen aus lieblich blauen Augen, deren funkende Kugeln Blitze sprüheten, zwei scharfe Liebesblicke, doch trafen sie zum Glück für unsern Helden nur ein großes Stück Rindfleisch, das er eben auf seinen Teller hob, und stumpften daran schadlos ihre Kraft ab. Die schöne Kriegerin bemerkte ihr Versehen und zog sofort aus ihrem schönen Busen einen tödtlichen Seufzer, einen Seufzer, den Niemand ungerührt hören konnte und der hingereicht haben würde, ein Dutzend junge Herren mit einem Male zu besiegen, einen so süßen, so weichen, so zärtlichen Seufzer, daß die einschmeichelnde Luft den Weg zu dem Herzen unseres Helden gefunden haben müßte, wäre er nicht zum Glücke durch das grobe Glucken einer Flasche Bier, die er eben ausschenkte, von seinem Ohre abgehalten worden. Sie versuchte es noch mit vielen anderen Waffen, aber der Gott des Essens (wenn es eine solche Gottheit giebt) beschützte seinen Verehrer. Die gegenwärtige Sicherheit des Herrn Jones dürfte sich indeß auch durch natürliche Mittel erklären lassen, denn wie die Liebe oft vor Hunger schützt, so kann auch möglicher Weise der Hunger in manchen Fällen gegen die Liebe schützen. Die Schöne, die durch dieses öftere Mißlingen ihrer Versuche erbittert wurde, entschloß sich, die Waffen auf eine kurze Zeit niederzulegen; aber sie benutzte diese Zeit der Ruhe, um jedes Werkzeug des Liebeskampfes bereit zu machen, damit sie den Angriff erneuern könnte, sobald die Mahlzeit zu Ende sei. Sobald abgedeckt war, begann sie ihre Operationen auch 127 wirklich von Neuem. Zuerst brachte sie ihr rechtes Auge von der Seite gegen Herrn Jones und warf ihm einen höchst durchdringenden Blick zu, der auch allerdings nicht ganz ohne Wirkung blieb, obgleich ein großer Theil seiner Kraft verflogen war, bevor er unsern Helden erreichte. Als die Schöne dies bemerkte, zog sie schnell ihre Augen zurück und schlug sie nieder, als thue ihr leid, was sie gethan; aber sie wollte dadurch ihn blos verleiten, minder auf seiner Hut zu sein und die Augen aufzuschlagen, durch die sie den Weg in sein Herz zu finden hoffte. Dann hob sie vorsichtig jene beiden glühenden Augen wieder, die bereits angefangen hatten, einen Eindruck auf den armen Jones zu machen, und ließ eine ganze Ladung kleiner Reize auf einmal von ihrem ganzen Gesichte in einem Lächeln los, nicht in einem Lächeln der Heiterkeit oder der Freude, sondern in einem Lächeln der Liebe, welches die meisten Frauen immer bereit haben, und das sie in den Stand setzt, zu gleicher Zeit ihre gute Laune, ihre hübschen Grübchen und ihre weißen Zähne zu zeigen. Dieses Lächeln erhielt unser Held vollständig in die Augen, und es war so gewaltig, daß er sogleich wankte. Er errieth die Absichten des Feindes und fühlte wirklich auch den Erfolg. Es kam zu einer Unterhandlung zwischen den beiden Parteien, und dabei setzte die listige Schöne so schlau und unbemerklich ihren Angriff fort, daß sie das Herz unseres Helden fast besiegt hatte, ehe sie wieder zu feindseligen Handlungen schritt. Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, so muß ich bekennen, daß Jones die Besatzung verrätherischer Weise übergab, ohne gehörig seine Allianz mit der schönen Sophie zu erwägen. Kurz, die Liebesunterhandlungen waren kaum zu Ende und die Dame hatte die königliche Batterie enthüllt, indem sie nachlässig das Busentuch von den Achseln fallen ließ, als das Herz des Herrn Jones völlig überwunden 128 war und die schöne Siegerin die gewöhnlichen Früchte ihres Sieges genoß. Hier halten es die Grazien für geeignet, ihre Beschreibung zu endigen, und wir glauben, es dürfte am besten sein, auch das Kapitel zu schließen. Sechstes Kapitel. Ein freundschaftliches Gespräch in der Küche, das ein sehr gewöhnliches, nicht eben freundschaftliches Ende nahm. Während sich unsere Liebenden in der Art, wie wir theilweise in dem vorhergehenden Kapitel beschrieben haben, unterhielten, bildeten sie auch den Gegenstand der Unterhaltung ihrer guten Freunde in der Küche, und zwar in doppeltem Sinne, indem sie ihnen zu gleicher Zeit Stoff zum Gespräche und Getränke zur Aufheiterung boten. Außer dem Wirth und der Wirthin, die gelegentlich ab- und zuging, waren jetzt um das Küchenfeuer versammelt Herr Partridge, der Sergeant und der Kutscher, welcher die junge Dame mit der Kammerjungfer gefahren hatte. Nachdem Partridge der Gesellschaft mitgetheilt, was er von dem Manne vom Berge über den Zustand erfahren hatte, in welchem Mad. Waters von Jones gefunden worden, begann der Sergeant den Theil ihrer Geschichte, welche er kannte. Er sagte, sie sei die Frau des Herrn Waters, eines Hauptmanns in seinem Regimente, und habe sich öfters bei demselben im Hauptquartiere befunden. Manche, fuhr er fort, bezweifelten es freilich, daß sie rechtmäßig in einer Kirche getraut worden wären. Mich geht das nichts an, aber ich muß gestehen, und wenn ich darauf schwören sollte, ich glaube, sie ist wenig besser, als Einer von uns. Die 129 Frau ist übrigens eine sehr gute Frau, hat die Soldaten gern und bat Manchen von der Strafe los. Der Fähndrich Northerton und sie waren in unserem letzten Quartiere sehr genau mit einander bekannt, das weiß Jeder, nur der Capitain nicht, und so lange er auch genug findet, sehe ich nicht ein, warum es ihm nicht einerlei sein sollte. Er liebt sie darum nicht weniger und würde, das bin ich überzeugt, Jeden erstechen, der etwas Schlechtes von ihr sagte; ich spreche deshalb auch durchaus nichts Schlechtes von ihr; ich wiederhole nur, was andere Leute sagen; an dem, was Alle sagen, muß freilich etwas wahr sein. – »Sehr viel, sehr viel, das kann ich versichern,« fiel Partridge ein. » Veritas prium parit .« – »Böse Nachrede, weiter nichts,« bemerkte die Frau vom Hause. »Ich bin überzeugt, sie sieht jetzt, da sie angekleidet ist, ganz wie eine vornehme Dame aus; auch benimmt sie sich ganz so; denn sie gab mir eine Guinee für die Benutzung meiner Kleider.« – »Ja, 's ist eine sehr brave Dame,« fiel der Wirth ein, »und wenn Du nicht so voreilig gewesen wärst, würdest Du nicht so mit ihr in Streit gekommen sein, wie es geschehen ist.« »Du hast gar nicht Ursache, das zu erwähnen,« antwortete sie; »ohne Dein albernes Gerede wäre nichts geschehen. Aber Du mußt Dich immer in Sachen mischen, die Dich nichts angehen.« – »Nun,« sagte er besänftigend, »was geschehen ist, kann nicht geändert werden, damit basta!« – »Ja für diesmal,« fuhr sie fort; »wirst Du Dich aber später bessern? Es ist nicht das erste Mal, daß ich um Deiner Dummheit willen leiden mußte. Ich wollte, Du hieltest im Hause immer Dein Maul und bekümmertest Dich blos um die Dinge draußen, die Dich angehen. Weißt Du noch, was vor sieben Jahren geschah?« – »Na, na, liebe Frau,« antwortete er, »rühr' alte Geschichten nicht wieder auf. Komm her, 's ist gut, und es thut 130 mir leid, was ich gethan habe.« Die Wirthin wollte eben wieder antworten, sie wurde aber durch den friedenstiftenden Sergeanten, zum großen Verdienste Partridge's, daran verhindert, der ein großer Freund von Spaß war und noch lieber solche unschädliche Zankereien förderte und anschürte, welche eher komische, als tragische Ereignisse herberführen. Der Sergeant fragte Partridge, wohin er und sein Herr reiseten. »Ich bin Niemandes Diener,« antwortete Partridge, »denn wenn ich auch in der Welt Unglück gehabt habe, so heiße ich doch »Herr,« lasse mich so nennen und schreibe mich so; so arm und gemein ich auch aussehe, so habe ich doch früher lateinischen Unterricht gegeben. Sed hei mihi! non sum quod fui .« – »Es war nicht bös' gemeint, Herr,« fiel der Sergeant ein; »wohin wollen Sie also, wenn ich so frei sein und darnach fragen darf, mit Ihrem Freunde reisen?« – »Jetzt haben Sie uns recht genannt,« sagte Partridge. » Amici sumus . Und ich sage Ihnen, mein Freund ist einer der vornehmsten Herren in dem Königreiche. (Der Wirth und die Wirthin spitzten die Ohren). Er ist der Erbe des Herrn Allworthy.« – »Was? des Herrn, der so viel Gutes in der ganzen Gegend thut?« fragte die Wirthin. – »Desselben,« antwortete Partridge. – »Nun dann wird er einmal ein unermeßliches Gut besitzen,« setzte sie hinzu. –»Ganz gewiß,« bestätigte Partridge. – »Nun ja,« fuhr sie fort, »ich sah es ihm auch gleich auf den ersten Blick an, daß er ein vornehmer Herr sein müsse; aber mein Herr Mann, der ist immer klüger, als andere Leute.« – »Ich gestehe es, liebe Frau,« entgegnete dieser, »es war ein Irrthum.« – »Ein Irrthum, freilich,« fuhr sie fort; »habe ich mich jemals so geirrt?« – »Aber wie kommt es denn,« fragte der Wirth Partridge, »daß ein solcher Herr zu Fuße im Lande umherläuft?« – »Das weiß ich nicht,« erwiederte Partridge; »große Herren haben 131 bisweilen seltsame Einfälle. Er hat ein Dutzend Pferde und Diener in Gloucester. Nichts ist ihm recht; vorigen Abend, da es sehr schwül war, wollte er sich durch einen Gang auf jenen hohen Berg abkühlen, und ich ging mit ihm, um ihm Gesellschaft zu leisten. Aber dahin bringt mich Niemand wieder; ich bin mein Lebtag nicht so sehr erschrocken. Wir trafen da den allerseltsamsten Mann.« – »Ich will mich hängen lassen, wenn es nicht der Mann vom Berge gewesen ist, wie man ihn nennt, wenn er ein Mann ist; viele Leute, das weiß ich, meinen, er sei der Teufel.« – »Ja, ja, er sieht ganz darnach aus,« entgegnete Partridge; »Sie bringen mich erst auf den rechten Gedanken. Ich glaube es jetzt auch wirklich und wahrhaftig, daß er der Teufel ist, wenn ich auch den Pferdefuß nicht gesehen habe. Vielleicht hat er die Macht, ihn zu verbergen; die bösen Geister können ja in jeder Gestalt scheinen, die ihnen gefällt.« – »Ich bitte, Herr,« fiel der Sergeant ein, »es ist nicht bös' gemeint, aber ich bitte, was für ein Mann ist der Teufel? Manche von unseren Offizieren behaupten, es gäbe gar keine solche Person, es sei blos eine Erfindung der Geistlichen, mit der sie den Leuten Angst machten; denn wenn es öffentlich bekannt würde, daß es keinen Teufel gäbe, wären die Geistlichen eben so wenig nütz, als wir Soldaten in Friedenszeiten.« – »Diese Herren Offiziere waren gewiß große Gelehrte,« meinte Partridge. – »O, mit der Gelehrsamkeit ist es nicht weit her,« antwortete der Sergeant, »sie wissen nicht halb so viel, als Sie, glaube ich. Ich für meine Person habe immer geglaubt, es müsse einen Teufel geben, was die Offiziere auch sagen, und obgleich einer davon ein Capitain ist; denn, wenn es keinen Teufel giebt, wie kann man denn Jemand zum Teufel wünschen? Auch habe ich ein Buch gelesen, in dem stand es, es gäbe einen Teufel.« – 132 »Na,« fiel der Wirth ei, »Einige von Ihren Offizieren werden sich noch zeitig genug und zu ihren Schrecken davon überzeugen, daß es einen Teufel giebt. Ich denke, sie werden ihm einige alte Zechen bezahlen müssen, die sie mir schuldig geblieben sind. Ich hatte da Einen ein halbes Jahr im Quartiere, der sich anmaßte, eines meiner besten Betten zu nehmen, ob er gleich täglich kaum acht Groschen im Hause verzehrte und seine Leute in der Küche kochen ließ, weil ich Ihnen Sonntags nicht umsonst zu essen geben wollte. Jeder gute Christ muß wünschen, daß es einen Teufel giebt, damit solche schlechte Menschen ihre Strafe erhalten.« – »Hören Sie, Herr Wirth,« fiel der Sergeant ein, »auf das Militair lasse ich nichts kommen.« – »Hol' der Teufel das Militair,« sagte der Wirth, »es hat mir genug zu schaffen gemacht.« – »Sie sind Zeugen, meine Herren,« sprach der Sergeant, »er flucht auf den König, und das ist Hochverrath.« – »Ich fluche auf den König, Sie Lump?« rief der Wirth. – »Ja, das thun Sie,« antwortete der Sergeant, »Sie verfluchen das Militair und damit verfluchen Sie den König. Es ist eins und dasselbe.« – »Entschuldigen Sie, Herr Sergeant,« fiel Partridge ein, »das ist ein non sequitur .« – »Mit Ihren ausländischen Redensarten bleiben Sie mir vom Leibe,« antwortete der Sergeant, indem er aufsprang. »Ich leide es nicht, daß man das Militair beschimpft.« – »Sie irren sich, Freund,« entgegnete Partridge; »ich wollte das Militair keineswegs beschimpfen; ich sagte blos, Ihr Schluß sei ein non sequitur .« – »Ich bin ebensowenig ein sequitur als Sie. Sie sind Alle zusammen Lumpenpack und ich will es beweisen; ich wette um 20 Pf. St. und stehe mit meiner Faust dafür ein. Da bin ich; kommen Sie her.« Diese Aufforderung brachte Partridge sogleich zum Schweigen, denn er hatte nach den fühlbaren Püffen und Schlägen 133 von den Fäusten Susannens durchaus nicht Lust, auch mit der Faust des Sergeanten Bekanntschaft zu machen. Der Kutscher aber, dem die Knochen weniger schmerzten und der mehr Lust zum Schlagen hatte, nahm den Schimpf nicht so leicht hin, von dem seiner Ansicht nach auch auf ihn ein Theil kam. Er sprang deshalb von seinem Sitze auf, trat an den Sergeanten hinan, schwur, daß er sich für einen Mann halte, der eben so viel werth sei, als einer in der Armee, und erklärte sich bereit, um eine Guinee zu boxen. Der Soldat nahm das Boxen an, mochte aber die Wette nicht halten. Beide zogen sich sogleich aus und schlugen einander, bis der Kutscher von dem Sergeanten so zugerichtet war, daß er den wenigen Athem, den er noch besaß, dazu verwenden mußte, um Pardon zu bitten. Die junge Dame wünschte jetzt weiter zu reisen und hatte Befehl gegeben, ihren Wagen bereit zu halten; das war aber vergebens, denn der Kutscher konnte für diesen Abend sein Amt nicht verrichten. Ein alter Heide hätte diese Unfähigkeit vielleicht ebensowohl dem Gott des Trinkens, als dem Kriegsgotte zugeschrieben, denn die beiden Kämpen hatten der einen Gottheit so gut geopfert, wie der zweiten. Um es gerade herauszusagen, sie waren Beide völlig betrunken, und Partridge befand sich in keinem besseren Zustande. Was den Wirth betraf, so war das Trinken sein Handwerk, und das Getränk machte auf ihn nicht mehr Eindruck, als auf irgend ein anderes Gefäß in seinem Hause. Die Wirthin, welche aufgefordert wurde, dem Herrn Jones und dessen Begleiterin Gesellschaft zu leisten, gab eine ausführliche Beschreibung des letzten Theils der Scene und sprach zugleich ihr großes Bedauern über die junge Dame aus, »die,« wie sie sagte, »höchst bestürzt und traurig darüber sei, ihre Reise nicht fortsetzen zu können. Sie ist ein hübsches, liebes Mädchen,« setzte sie hinzu, »und 134 ich wollte darauf wetten, sie schon früher gesehen zu haben. Meiner Meinung nach ist sie verliebt und entflieht vor ihren Verwandten. Vielleicht wartet irgend ein junger Herr auf sie, dem das Herz so schwer ist, wie ihr.« Jones seufzte bei diesen Worten tief. Mad. Waters bemerkte dies wohl, achtete aber weiter nicht darauf, während die Wirthin im Zimmer war. Sobald jedoch diese sich entfernt hatte, konnte sie nicht umhin, ihren Argwohn auszusprechen, daß sie in seinem Herzen eine gefährliche Nebenbuhlerin zu fürchten habe. Das etwas verlegene Benehmen des Herrn Jones bei dieser Gelegenheit überzeugte sie vollständig, ohne daß er ihr eine bestimmte Antwort auf eine ihrer Fragen gab; doch war sie in ihrer Liebe nicht so selbstsüchtig, um über die Entdeckung sich gerade sehr zu betrüben. Die Schönheit des jungen Jones gefiel ihren Augen wohl, um das Herz kümmerte sie sich nicht eben sehr, da sie es nicht sehen konnte. Sie konnte an dem Tische der Liebe mit dem größten Appetite genießen, ohne sich in dem Genusse durch den Gedanken stören zu lassen, daß vielleicht schon eine andere Person von demselben Gerichte genossen habe, oder nach ihr genießen würde. Ein solches Gefühl ist minder launenhaft, vielleicht auch minder unnatürlich und selbstsüchtig, als der Wunsch jener Frauenzimmer, welche zufrieden sind, wenn sie ihre Liebhaber nicht besitzen, sobald dieselben nur keiner Anderen angehören. 135 Siebentes Kapitel. Enthält einen ausführlichern Bericht über Mad. Waters, wie über die Umstände, die sie in jene schreckliche Lage brachten, aus der Jones sie befreiete. Obgleich die Natur keineswegs jedem menschlichen Herzen einen gleichen Theil von Neugierde oder Eitelkeit gegeben hat, so lebt doch vielleicht keine Person, der sie von beiden nicht so viel gegeben hätte, daß Kunst und Mühe dazu gehört, sie im Zaume zu halten, was jedoch von Jedem nothwendiger Weise geschehen muß, welcher einigermaßen für klug oder gut erzogen gelten will. Da nun Jones mit Recht ein gut erzogener junger Mann genannt werden konnte, so hatte er auch jede Neugierde unterdrückt, welche die außerordentliche Art, wie er mit Mad. Waters bekannt geworden war, in ihm wohl hervorgerufen haben konnte. Zwar hatte er Anfangs gegen die Dame einige Male darauf angespielt, sich aber, sobald er bemerkte, wie sorgfältig sie einer Erklärung auswich, zufrieden gegeben, zumal er argwöhnte, es möchten irgendwie Umstände dabei im Spiele sein, die sie zum Erröthen zwingen müßten, wenn sie die ganze Wahrheit erzählen wolle. Da es nun aber wohl möglich ist, daß einige unserer Leser sich nicht so leicht zufrieden geben, wir auch den Wunsch hegen, Alle zufrieden zu stellen, so haben wir uns besondere Mühe gegeben, um über die Sache klar zu werden, und mit der Erzählung derselben wollen wir denn dieses Kapitel beschließen. Diese Dame hatte einige Jahre mit einem Capitain Waters gelebt, welcher Capitain in demselben Regimente war, welchem Northerton angehörte. Sie galt für die Frau 136 des Capitains und führte dessen Namen; dennoch zweifelte man einigermaßen, wie schon der Feldwebel erwähnt hat, ob sie auch wirklich getraut worden wären, was wir hier nicht weiter untersuchen wollen. Mad. Waters hatte, wie ich leider gestehen muß, seit einiger Zeit ein vertrautes Verhältniß mit dem obenerwähnten Fähndrich angeknüpft, was ihrem Rufe freilich nicht sehr günstig sein konnte. Daß sie eine große Vorliebe für diesen jungen Mann besaß, ist eine ausgemachte Sache; ob es dabei wirklich zu verbrecherischen Vorfällen kam, läßt sich nicht so genau ermitteln, man müßte denn annehmen, die Frauen bewilligten einem Manne niemals jede Gunst bis auf eine, ohne ihm auch diese eine zu bewilligen. Die Abtheilung von dem Regimente, zu welcher Capitain Waters gehörte, war der Compagnie Northerton's auf dem Marsche zwei Tage voraus, so daß die erstere Worcester gerade an dem Tage nach dem unglücklichen Vorfalle zwischen Jones und Northerton erreichte, den wir früher erzählt haben. Mad. Waters und der Capitain waren übereingekommen, daß sie ihn auf seinem Marsche bis Worcester begleiten sollte, wo sie Abschied von einander nehmen wollten und von wo sie nach Bath zurückkehren sollte, um da bis zur Beendigung des Winterfeldzuges gegen die Rebellen zu bleiben. Von dieser Verabredung wurde Northerton unterrichtet. Ja, um die Wahrheit zu sagen, die Dame hatte ihn gerade an den Ort bestellt und versprochen, in Worcester zu bleiben, bis seine Compagnie dahin käme; in welcher Absicht und zu welchem Zwecke muß dem Scharfsinne des Lesers überlassen bleiben, denn ob wir gleich Thatsachen erzählen müssen, so sind wir doch nicht verbunden, unserem Herzen Gewalt anzuthun und zum Nachtheile für den liebenswürdigsten Theil der Schöpfung Betrachtungen anzustellen. Northerton hatte kaum seine Freiheit erlangt, wie wir gesehen haben, als er forteilte, um Mad. Waters einzuholen, was ihm denn auch in der letzterwähnten Stadt gelang, in welcher er ankam, nachdem sie Capitain Waters einige Stunden vorher verlassen hatte. Er machte kein Geheimniß aus dem unglücklichen Vorfalle, den er wirklich als sehr unglücklich darstellte, indem er Alles davon verschwieg, was ihm zum Nachtheile gereichen könnte, wenigstens vor einem Ehrengerichte, wenn auch Manches übrig blieb, was vor einem gewöhnlichen Gerichte nicht ohne Tadel würde hingegangen sein. Die Frauen, zu ihrem Ruhme sei es gesagt, sind in höherem Maße als die Männer jener heftigen und anscheinend uneigennützigen Leidenschaft der Liebe fähig, welche nur das Gute ihres Gegenstandes sucht. Mad. Waters hatte also kaum von der Gefahr gehört, welcher ihr Geliebter ausgesetzt gewesen war, als sie Alles über seiner Sicherheit vergaß, und da dies für den Herrn eine ebenfalls angenehme Sache war, so besprachen sie sich denn Beide sogleich darüber. Nach einer langen Berathung kamen sie endlich überein, daß der Fähndrich quer durch das Land nach Hereford gehen sollte, von wo er wohl Gelegenheit nach einem Seehafen in Wales finden und von da aus in das Ausland entfliehen könnte. Mad. Waters versprach, ihn auf dieser ganzen Reise zu begleiten, für welche sie ihm auch Geld, einen für Northerton sehr wichtigen Gegenstand, liefern konnte, da sie drei Banknoten in Betrag von gegen 400 Thlrn. nebst einigem klingenden Gelde besaß und einen Diamantring von ansehnlichem Werthe am Finger hatte. Dies gestand sie mit völligem Vertrauen dem schlechten Menschen, ohne im Geringsten zu muthmaßen, daß sie auf diese Weise in ihm die Absicht errege, sie zu berauben. Da sie nun, wenn sie von Worcester aus Pferde genommen, ihren Verfolgern 138 die Mittel in die Hand gegeben hätten, den Weg ausfindig zu machen, welchen sie eingeschlagen, so schlug der Fähndrich vor, was die Dame auch sogleich genehmigte, die erste Station zu Fuße zurückzulegen. Der größte Theil des Gepäckes der Dame befand sich bereits in Bath und sie hatte nichts bei sich, als einige weiße Wäsche, die der Galan zu tragen versprach. Nachdem so am Abende Alles verabredet war, standen sie am nächsten Morgen frühzeitig auf und verließen um fünf Uhr Worcester, zur damaligen Jahreszeit zwei Stunden vor Tagesanbruch. Der Mond, welcher gerade schien, leuchtete jedoch hell genug. Mad. Waters gehörte nicht zu den zarten Damen, welche es nur der Erfindung der Fuhrwerke verdanken, daß sie sich von einem Orte zum anderen bewegen können, und die also einen Wagen zu den Bedürfnissen des Lebens rechnen. Ihre Glieder waren kräftig und gewandt, und da es ihr ebensowenig an Muth gebrach, so konnte sie mit ihrem flinken Liebhaber recht wohl Schritt halten. Nachdem sie einige Meilen auf der Landstraße gegangen waren, die, wie Northerton gehört haben wollte, nach Hereford führen sollte, gelangten sie mit Tagesanbruche an einen großen Wald, wo er mit einem Male stehen blieb, mit sich selbst zu Rathe zu gehen schien und seine Besorgnisse darüber aussprach, noch länger auf einer Landstraße zu gehen. Er beredete deshalb seine schöne Begleiterin leicht, ihn auf einem Wege zu folgen, der gerade durch den Wald zu führen schien und der sie endlich an den Fuß des Mozzard-Berges brachte. Ob der abscheuliche Plan, den er hier auszuführen versuchte, die Folge früherer Ueberlegung war, oder ob er ihm jetzt erst in den Sinn kam, vermag ich nicht anzugeben. 139 Genug, sobald sie diese einsame Stelle erreicht hatten, wo sie aller Wahrscheinlichkeit nach schwerlich gestört werden konnten, band er sich plötzlich das Knieband ab, packte die arme Frau und versuchte die schreckliche und abscheuliche That auszuführen, die wir früher erwähnten und welche durch das Erscheinen des Herrn Jones auf so glückliche Weise verhindert wurde. Es war ein Glück für Mad. Waters, daß sie nicht zu den Schwächsten der Frauen gehörte, denn sie bemerkte kaum, als er eine Schleife in sein Knieband machte, und durch seine Erklärung, welche teuflische Absicht er hatte, als sie sich kräftig zur Wehr setzte und so mit ihrem Gegner kämpfte, und dabei so laut nach Hilfe rief, daß sie die Ausführung des Vorsatzes des Bösewichtes um mehrere Minuten verzögerte, und es dem Herrn Jones möglich machte, ihr gerade in dem Augenblicke zu Hilfe zu kommen, als die Kräfte sie verließen. Sie wurde also aus den Händen des Bösewichtes befreit, ohne etwas Anderes zu verlieren, als die Kleidungsstücke, welche ihr vom Leibe gerissen wurden, so wie den Diamantring, den sie im Kampfe entweder verlor, oder den ihr Northerton vom Finger zog. So, lieber Leser, haben wir Dir das Resultat schwieriger Nachforschungen mitgetheilt, die wir um Deinetwillen anstellten. Wir eröffneten Dir damit zugleich ein Schauspiel von Thorheit und Schlechtigkeit, deren, wie man glauben möchte, die menschliche Natur gar nicht fähig sein sollte. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß jener Bösewicht damals den festen Glauben hegte, bereits einen Mord begangen und sein Leben dadurch vor dem Gesetz gefährdet zu haben. Da er deshalb meinte, er könne sich nur durch die Flucht retten, so glaubte er durch das Geld der Frau dieselbe zu erleichtern. 140 Bei dieser Gelegenheit müssen wir Dich, lieber Leser, dringend warnen, niemals aus den schlechten Handlungen eines solchen Bösewichtes einen Schluß auf eine so würdige und ehrenwerthe Gesellschaft von Männern zu ziehen, wie die Offiziere in unserer Armee im Allgemeinen sind. 141 Zehntes Buch. Die Geschichte geht um etwa zwölf Stunden weiter. Erstes Kapitel. Belehrungen, die mit Nutzen von modernen Kritikern gelesen werden dürften. Es ist unmöglich, lieber Leser, zu wissen, was für eine Person Du bist. Du kannst die menschliche Natur so genau kennen, wie Shakespeare, aber auch nicht klüger sein, als Einige der Herausgeber desselben. Sollte das Letztere der Fall sein, so halten wir es für zweckmäßig, ehe wir mit einander weiter gehen, Dir einige nützliche Ermahnungen zu geben, damit Du uns nicht auf so plumpe Weise mißverstehest und falsch deutest, wie Einige der genannten Herausgeber ihren Dichter mißverstanden und falsch gedeutet haben. Zuerst also fordern wir Dich auf, irgend eines der Ereignisse in dieser unserer Geschichte nicht zu voreilig für unpassend, zur Hauptsache nicht gehörig zu erklären, weil Du nicht sogleich begreifen kannst, in welcher Weise ein solches Ereigniß doch für die Hauptsache wesentlich sein kann. Das vorliegende Werk kann für eine große Schöpfung angesehen werden, und es dürfte deshalb von Seiten eines kleinen Reptils von einem Kritiker höchst anmaßende Albernheit 142 sein, irgend einen Theil davon tadeln zu wollen, ohne zu wissen, wie das Ganze zusammenhängt, und ehe er zu dem Ende gelangt. Die Metapher, die wir hier gebraucht haben, ist, wie wir gestehen müssen, für den vorliegenden Fall eine viel zu große, aber es giebt keine andere, welche den Unterschied zwischen einem Schriftsteller vom ersten Range und einem Kritiker vom letzten genügend bezeichnet. Eine andere Warnung, die wir Dir geben möchten, gutes Reptil, ist die, keine zu große Aehnlichkeit zwischen gewissen hier auftretenden Personen herauszufinden, wie z. B. zwischen der Wirthin im siebenten und jener im neunten Buche. Du mußt wissen, Freund, daß es gewisse charakteristische Kennzeichen gibt, die sich bei den meisten Personen eines Standes und eines Gewerbes finden. Ein Talent eines guten Schriftstellers ist es, diese charakteristischen Kennzeichen zu bewahren und sie doch zu gleicher Zeit verschieden wirken zu lassen. Ein anderes zeigt sich bei der Andeutung der feinen Unterschiede zwischen zwei Personen, die durch ein gleiches Laster oder eine gleiche Thorheit beherrscht werden. Wie dieses letztere Talent sich bei sehr wenigen Schriftstellern findet, so erkennen es auch wenige Leser. Ferner müssen wir Dich ermahnen, würdiger Freund (denn vielleicht ist Dein Herz besser, als Dein Kopf), einen Charakter nicht schlecht zu nennen, weil er kein ganz guter ist. Wenn Dir solche Muster von Vollkommenheit gefallen, so gibt es Bücher genug, die Dich darin zufrieden stellen werden; da wir aber in unserem ganzen Leben keine einzige solche Person getroffen haben, so mochten wir auch in dem vorliegenden Werke keine auftreten lassen. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, ich bezweifele es ein wenig, ob jemals ein Mensch zu diesem höchsten Grade der Vortrefflichkeit gelangte, sowie, ob jemals ein Ungeheuer lebte, das schlecht genug war, um Juvenals 143 —   —   nulla virtute redemptum A vitiis zu rechtfertigen. Ich sehe auch die guten Absichten nicht ein, welche erreicht werden könnten, wenn man solche Personen von engelgleicher Vollkommenheit oder von teuflischer Schlechtigkeit schildert, da der Mensch schwerlich irgend einen guten Gebrauch von solchen Mustern machen wird. Wenn nur so viel Gutes in einem Charakter liegt, daß es die Bewunderung und die Liebe eines gutgesinnten Herzens erregt, so werden jene kleinen Flecken, quas humana parum cavit natura , eher unser Mitleid, als unseren Abscheu erregen. Nichts kann in der That von größerem moralischen Nutzen sein, als die Unvollkommenheiten, die wir an solchen Beispielen sehen, da sie überraschend und mehr geeignet sind, Eindruck auf uns zu machen, als die Fehler der lasterhaftesten, schlechtesten Personen. Die Schwächen und Fehler der Menschen, in denen zu gleicher Zeit viel Gutes liegt, werden durch die Tugenden mehr hervorgehoben, so daß ihre Häßlichkeit greller hervortritt. Finden wir nun, daß die schlimmen Folgen solcher Laster bei unseren Lieblingscharakteren nicht ausbleiben, so lernen wir dieselben nicht blos zu unserem eigenen Vortheil vermeiden, sondern sie auch hassen wegen des Unheils, das sie bereits angerichtet haben. Nachdem ich Dir, lieber Freund, diese wenigen guten Lehren gegeben habe, wollen wir, wenn es Dir gefällig ist, in unserer Geschichte weiter gehen. 144 Zweites Kapitel. Enthält die Ankunft eines Irländers, sowie sehr ungewöhnliche Abenteuer, welche in dem Wirthshause eintreten. Jetzt hüpft der kleine zitternde Hase, den die Furcht vor allen seinen zahlreichen Feinden, namentlich vor dem listigen, grausamen und fleischfressenden Thiere, dem Menschen, den ganzen Tag über in dem Verstecke gebannt gehalten hat, lustig und wohlgemuth über die grünen Waldwege; jetzt heult auf irgend einem hohlen Baume die Eule, der heisere Cantor der Nacht, Töne hervor, welche wohl die Ohren irgend eines modernen Musikkenners entzücken könnten; jetzt malt die Phantasie dem halbtrunkenen Tölpel, wenn er über den Gottesacker nach Hause taumelt, schreckliche Gespenster vor; jetzt wachen Diebe und Bösewichte, während ehrliche Wächter schlafen, mit einem Worte, es war Mitternacht, und die Gesellschaft in dem Wirthshause, sowohl Diejenigen, welche in dieser Geschichte bereits erwähnt worden sind, als einige Andere, die am Abende ankamen, lag im Bette. Nur Susanne, die Magd, war noch beschäftiget, da sie die Küche scheuern mußte, ehe sie in die Arme des zärtlichen harrenden Stallknechtes sank. So standen die Sachen in dem Wirthshause, als ein Herr daselbst ankam. Er sprang sogleich vom Pferde, trat zu Susannen und fragte sie, fast athemlos vor Hast und Eifer, ob eine Dame im Hause sei. Susanne erschrak nicht wenig, was bei dieser späten Nachtzeit und dem Wesen des Mannes, der wild um sich blickte, gar nicht zu verwundern war. Sie zögerte deshalb, ehe sie eine Antwort gab, worauf der Mann mit doppeltem Eifer sie beschwor, ihm die Wahrheit zu sagen, und zugleich erklärte, er habe seine Frau 145 verloren und suche dieselbe. »An zwei bis drei Orten war ich nahe daran, sie zu erwischen; sie war nur leider jedesmal eben fort, als ich ankam. Wenn sie in dem Hause ist, so führe mich im Dunkel zu ihr und zeige sie mir; ist sie aber schon wieder fort, so sage mir, welchen Weg sie einschlug, damit ich sie einhole, und Du sollst die Reichste unter allen Armen im Lande werden.« Er zog eine Hand voll Goldstücke aus der Tasche, welche wohl Personen von größerer Standhaftigkeit als das arme Mädchen zu weit Schlimmerem verführt haben würden. Susanne zweifelte nach dem, was sie von Mad. Waters gehört hatte, nicht im Geringsten, daß dieselbe Diejenige sei, welche der rechtmäßige Besitzer verfolge, und da sie daraus den Schluß zog, sie würde niemals Geld auf redlichere Weise verdienen können, als wenn sie eine Frau dem Manne derselben wiedergebe, so bedachte sie sich nicht lange weiter, sondern versicherte den Frager, die Frau, welche er suche, befinde sich allerdings in dem Hause, und ließ sich (durch große Versprechungen und eine Daraufgabe) vermögen, den Mann in das Schlafzimmer der Mad. Waters zu führen. Es ist ein in der gebildeten Welt längst schon bestehender und zwar auf triftigen Gründen ruhender Brauch, daß ein Mann in das Zimmer seiner Frau, ohne vorher anzuklopfen, nicht eintreten darf. Der Leser, welcher die Welt einigermaßen kennt, braucht auf die mancherlei vorzüglichen Vortheile dieses Gebrauches nicht erst aufmerksam gemacht zu werden, denn die Frau gewinnt dadurch Zeit, sich in gehörigen Stand zu versetzen oder irgend einen unangenehmen Gegenstand wegzuschaffen; es gibt ja einige Lagen, in welchen zartfühlende Frauen von ihren Männern nicht überrascht werden möchten. Es gibt überhaupt unter dem gebildeten Theile der Menschen einige Ceremonien, die dem ungeübten Verstande 146 vielleicht als bloße Förmlichkeiten erscheinen, deren Zweckmäßigkeit von Schärferblickenden aber recht wohl erkannt wird, und es wäre ein Glück gewesen, wenn der obenerwähnte Gebrauch in dem eben erzählten Falle von dem Fremden beobachtet worden wäre. Er klopfte allerdings an der Thüre an, aber nicht so schonend und leise, wie es bei solchen Gelegenheiten gebräuchlich ist. Er donnerte vielmehr, als er die Thüre verschlossen fand, mit solcher Heftigkeit daran, daß das Schloß augenblicklich nachgab, die Thüre aufsprang und er der Länge lang in das Zimmer hineinfiel. Kaum hatte er sich wieder auf die Beine geholfen, als aus dem Bette ebenfalls auf die Beine – mit Schaam und Bedauern erzählen wir weiter – unser Held selbst sprang, welcher den Mann mit drohender Stimme fragte, wer er sei und wie er sich unterstehen könnte, sein Zimmer auf solche beleidigende Weise zu erbrechen. Anfangs glaubte der Fremde, er sei fehl gegangen, und er wollte eben um Entschuldigung bitten und sich entfernen, als er mit einem Male, da der Mond hell schien, ein Corsett, ein Frauenkleid, Unterröcke, Häubchen, Bänder, Strümpfe, Kniebänder, Schuhe \&c. bemerkte, welche auf dem Boden umherlagen. Diese Gegenstände regten die natürliche Eifersucht seines Temperamentes an und brachten ihn dermaßen in Zorn, daß er gar nicht zu sprechen vermochte, sondern, ohne Jones eine Antwort zu geben, an das Bett zu treten suchte. Jones stellte sich ihm in den Weg und es kam zu einem heftigen Wortwechsel, der bald in Thätlichkeiten von beiden Seiten ausartete. Mad. Waters (wir müssen gestehen, daß sie sich in demselben Bette befand), die wahrscheinlich aus dem Schlafe geweckt wurde, fing an, als sie zwei Männer in ihrem Schlafzimmer einander schlagen sah, laut zu schreien: »Mörder! Räuber!« 147 Neben dem Zimmer der Dame lag der Körper eines Irländers, der zu spät in dem Wirthshause angekommen war, als daß er noch hätte erwähnt werden können. Der Irländer war ein sogenannter Cavalier, der jüngere Sohn einer guten Familie, der, weil er in der Heimath kein Vermögen hatte, in die Fremde gehen mußte, um sich dergleichen zu suchen. Er war deshalb auf dem Wege nach Bath, um sein Glück beim Spiele und bei den Frauen zu versuchen. Der junge Herr lag im Bette und las einen Roman, weil ihm ein Freund gesagt hatte, er würde sich den Damen nie wirksamer empfehlen können, als wenn er seinen Verstand ausbilde und gute Bücher lese. Kaum hörte er den gewaltigen Lärm in dem Nebenzimmer, als er aus dem Bette aufsprang, seinen Degen in die eine, das Licht in die andere Hand nahm und so in Mad. Waters' Zimmer erschien. Wenn der Anblick noch eines Mannes im Hemde anfangs die Schamhaftigkeit der Dame noch mehr verletzte, so trug derselbe doch auch sogleich dazu bei, ihre Angst zu mildern; denn der irische Cavalier war kaum in das Zimmer getreten, als er ausrief: »Herr Fitzpatrick, was zum Teufel bedeutet denn das?« Der Andere antwortete darauf: »Ach, Herr Macklachlan! Ich bin erfreut, Sie hier zu sehen. – Dieser Mensch da hat meine Frau verführt; er lag bei ihr im Bette.« – »Welche Frau?« rief Macklachlan; »kenne ich nicht Mad. Fitzpatrick sehr wohl und sehe ich nicht, daß die Dame, bei welcher der hier im Hemde stehende Herr im Bette gelegen hat, sie nicht ist?« Fitzpatrick, der jetzt sowohl an dem Aussehen der Dame, als an ihrer Stimme, die er wohl auch in größerer Entfernung hätte unterscheiden können, anerkannte, daß er sich geirrt habe, bat die Dame sehr artig um Verzeihung, wendete sich dann auch an Jones und sagte: »Bemerken Sie 148 sich, daß ich Sie nicht um Verzeihung bitte, denn Sie haben mich geschlagen, und Sie werden mir sogleich blutige Rechenschaft dafür geben müssen.« Jones behandelte diese Drohung sehr verächtlich und Herr Macklachlan antwortete: »Wahrhaftig, Fitzpatrick, Sie sollten sich schämen, die Leute zu dieser Stunde in der Nacht zu stören; wenn nicht Alle in dem Wirthshause schliefen, würden Sie dieselben geweckt haben, wie mich. Der Herr da hat Sie ganz recht behandelt. Wahrhaftig, ob ich gleich keine Frau habe, so würde ich Sie doch erwürgt haben, wenn Sie dieselbe so behandelt hätten.« Jones war um den Ruf seiner Dame so besorgt, daß er wirklich nicht wußte, was er thun oder sagen sollte; die Frauen aber wissen, wie die Erfahrung häufig schon gelehrt hat, schneller als die Männer etwas zu ersinnen. Sie erinnerte sich, daß ihr Zimmer mit dem des Herrn Jones in Verbindung stand, und antwortete, indem sie sich auf seine Ehre und auf ihre eigene Keckheit verließ: »Ich weiß nicht, was Sie wollen! Ich bin die Frau Keines von Ihnen. Hilfe! Räuber! Mörder! Sie wollen mir Gewalt anthun!« In diesem Augenblicke erschien die Wirthin in dem Zimmer, Mad. Waters sprach sich alsbald bitter aus, und sagte: sie habe geglaubt, in einem anständigen Hause und nicht in einem Hurenhause zu sein; da wären aber diese Männer in ihr Zimmer gedrungen, um ihre Ehre, wenn nicht gar ihr Leben anzutasten, die ihr beide gleich theuer wären. Die Wirthin fing jetzt eben so laut zu schreien an, als die arme Frau im Bette vorher geschrien hatte. Sie jammerte, es sei um sie geschehen und der Ruf ihres Hauses, der bisher so fleckenlos gewesen, auf immer dahin. Dann wendete sie sich an die Herren und rief: »Was, in des Teufels Namen, soll denn diese Störung in dem Zimmer der Dame bedeuten?« Fitzpatrick, der den Kopf hängen 149 ließ, entgegnete, er habe sich geirrt und bitte herzlich um Verzeihung, worauf er sich mit seinem Landsmanne entfernte. Jones, der zu klug war, als daß er den Wink, welchen ihm seine Schöne gegeben, nicht hätte benutzen sollen, behauptete keck, er sei ihr zu Hilfe geeilt, sobald er gehört, daß man ihre Thüre einschlage, da er nichts Anderes habe glauben können, als daß man sie berauben wolle. Dies habe er zum Glücke abgewendet, wenn es beabsichtiget worden sei. – »In meinem Hause ist niemals ein Raub begangen worden, so lange es mir gehört,« jammerte die Wirthin; »ich nehme keine Räuber und Diebe auf, das merken Sie sich. Nur ehrliche gute Leute sind in meinem Hause willkommen, und, ich danke meinem Schöpfer, ich hatte immer genug solche Gäste, so viel als ich nur beherbergen konnte. Hier wohnte Lord . . .,« und dann zählte sie eine endlose Menge von Namen und Titeln auf. Jones, der sie eine Zeit lang geduldig anhörte, unterbrach sie endlich, indem er sich bei Mad. Waters entschuldigte, im Hemde vor ihr erschienen zu sein, und versicherte, nichts als die Besorgniß um ihre Sicherheit habe ihn verbögen können, so zu handeln. Der Leser mag sich die Antwort der Dame denken, so wie ihr ganzes Benehmen zu Ende dieses Auftrittes, wenn er berücksichtiget, daß sie sich wie eine höchst verschämte Frau stellte, welche durch die Anwesenheit von drei fremden Männern in ihrem Zimmer aus dem Schlafe geweckt worden. Diese Rolle hatte sie zu spielen unternommen, und sie führte dieselbe auch wirklich so gut durch, daß keine Schauspielerin in oder außer der Bühne sie übertroffen haben würde. Daraus können wir denn wohl auch einen Schluß ziehen, um zu beweisen, wie ganz natürlich die Tugend dem schönen Geschlechte ist; denn ob es gleich unter Zehntausenden nicht Eine gibt, die eine gute Schauspielerin werden könnte, und 150 ob wir gleich selbst unter diesen selten zwei eine und dieselbe Rolle gut spielen sehen, so vermögen doch Alle die Rolle der Tugend vortrefflich zu spielen, sie mögen dieselbe wirklich besitzen, oder nicht. Als die Männer sich entfernt hatten, erholte sich Mad. Waters von ihrer Furcht wie von ihrem Aerger und sprach weit freundlicher mit der Dame, welche sich wegen des Rufes ihres Hauses nicht so leicht beruhigte. Endlich wurde sie von der Dame ersucht, sie ruhen zu lassen, da sie sich sehne, den übrigen Theil der Nacht ruhig zu schlafen. Die Wirthin entfernte sich darauf mit vielen Knixen. Drittes Kapitel. Ein Zwiegespräch zwischen der Wirthin und Susannen, das von allen Wirthshausinhabern und deren Dienstmädchen mit Nutzen gelesen werden dürfte, nebst der Ankunft und dem liebenswürdigen Benehmen einer schönen jungen Dame, woraus Personen von Stande lernen können, wie sie sich die Liebe Aller zu erwerben vermögen. Die Wirthin, die sich erinnerte, daß nur Susanne noch nicht zu Bett gewesen, als die Thüre eingeschlagen worden war, begab sich sogleich zu derselben, um nach der ersten Ursache der Störung, so wie darnach zu fragen, wer der fremde Herr und wann und wie er angekommen sei. Susanne erzählte den ganzen Vorgang, den der Leser bereits kennt, veränderte die Wahrheit nur in einigen Stücken, wo es ihr vortheilhaft vorkam, und schwieg ganz und gar von dem Gelde, das sie erhalten hatte. Da aber ihre Herrin in der Einleitung zu ihrem Verhöre mit großem 151 Mitleide von der Angst gesprochen hatte, in welches die Dame wegen etwaiger Angriffe auf ihre Tugend geschwebt, so konnte Susanne nicht umhin, ihre Herrin darüber zu beruhigen, indem sie hoch und theuer schwur, sie habe den Herrn Jones aus dem Bette der Dame springen sehen. Die Wirthin gerieth bei diesen Worten in gewaltigen Zorn. »Eine sehr wahrscheinliche Geschichte,« rief sie, »daß eine Frau schreien und sich der Gefahr aussetzen sollte, wenn dies der Fall wäre! Ich möchte wissen, wie eine Frau einen bessern Beweis von ihrer Tugend geben könnte, als wenn sie schreiet? Du wirst Dich hüten und kein solches Aergerniß von einem meiner Gäste ausbreiten, denn es würde nicht nur ihm, sondern auch dem Hause nachtheilig sein, in dem gewiß weder Vagabunden, noch schlechte bettelhafte Leute einkehren.« »Nun so darf ich meinen eigenen Augen nicht glauben,« antwortete Susanne. – »Das darfst Du auch nicht immer,« entgegnete die Wirthin; »ich selbst würde bei solchen anständigen Leuten meinen eigenen Augen nicht geglaubt haben. Es ist in dem letzten halben Jahre kein so gutes Abendessen bestellt worden, wie von ihnen, und sie waren so gutmüthig, so leicht zu befriedigen, daß sie meinen Worcestershire Birnenwein nicht tadelten, den ich ihnen für Champagner verkaufte, der aber auch so gut schmeckt und so gesund ist, wie der beste Champagner im Lande, sonst würde ich ihn nicht für solchen verkaufen. Sie tranken zwei Flaschen. Nein, von solchen vortrefflichen Leuten glaube ich im Leben nichts Schlechtes.« Da Susanne dagegen nichts vorbringen konnte, fuhr die Wirthin fort: »Du sagst mir, der fremde Herr kam zu Pferde an und brachte noch einen Reitknecht mit? So ist er gewiß auch ein vornehmer Herr. Warum fragtest Du 152 ihn nicht, ob er etwas zu essen haben wollte? Er wird in dem Zimmer des anderen Herrn sein, geh' und frage, ob er gerufen hat. Vielleicht bestellt er etwas, wenn er sieht, daß noch Jemand im Hause auf ist. Sei nicht dumm, wie gewöhnlich, und sage nicht etwa, das Feuer wäre aus und die Hühner wären noch nicht abgeschlachtet. Wenn er Schöpsenbraten bestellt, so schwatze es nicht aus, daß wir keinen haben. Der Fleischer schlachtete, wie ich weiß, ein Schaf, eben als ich zu Bette ging, und er läßt mir gern etwas davon ab, wenn es auch noch warm ist. Geh' und denke, daß allerhand von Schöps und Geflügel da sei; geh' und mach' die Thüre auf und frage: »riefen die Herren?« Wenn sie nichts sagen, so frage, was der gnädige Herr zu speisen wünscht? Vergiß den »gnädigen Herrn« nicht. Wenn Du Dir alles dies nicht besser merkst, wird niemals aus Dir etwas Rechtes werden.« Susanne ging und kam bald mit der Angabe zurück, die beiden Herren hätten sich in ein und dasselbe Bett gelegt. »Zwei Herren,« rief die Wirthin, »in einem Bette! Das ist nicht möglich. Das müssen Taugenichtse, Habenichtse sein, und ich glaube, der junge Herr Allworthy hatte ganz Recht, als er meinte, der eine Mensch habe die Dame bestehlen wollen; wenn er in der bösen Absicht eines anständigen Mannes die Thüre der Dame aufgebrochen hätte, würde er nicht in ein anderes Zimmer geschlichen sein, um die Ausgabe für ein Abendessen und ein Bett zu ersparen. Sie sind gewiß Diebe und geben nur vor, daß sie eine Frau suchten.« Die Wirthin that dem Herrn Fitzpatrick mit solchem Tadel sehr Unrecht, denn er war wirklich ein geborner Edelmann, obgleich keinen Groschen werth, und obgleich sich vielleicht an seinem Herzen eben so viel aussetzen ließ, als an seinem Kopfe, wenn er auch zu den Heimtückischen 153 und Geizigen nicht gehörte. Er war vielmehr so freigebig, daß er bereits jeden Pfennig von dem ansehnlichen Vermögen seiner Frau bis auf eine Kleinigkeit durchgebracht hatte, über die sie allein verfügen konnte. Um auch in den Besitz dieses Vermögens zu kommen, hatte er sie so grausam behandelt, daß sie deshalb und wegen seiner unerträglichen Eifersucht von ihm hatte entfliehen müssen. Da dieser Herr sehr ermüdet war von seiner langen Reise von Chester in einem Tage, sowie von den ziemlich empfindlichen Schlägen, die er in dem Kampfe mit Jones erhalten hatte, so schmerzten ihm seine Knochen, ungerechnet das Weh in seinem Herzen, so sehr, daß er gar keinen Appetit zum Essen hatte. Da er sich ferner in der Frau, die er nach der Andeutung der Magd für die seinige gehalten, so gewaltig getäuscht hatte, so fiel es ihm nicht ein, daß sie dennoch in dem Hause sein könnte, wenn er sich auch in der ersten Person, die er angehalten, geirrt hatte. Er gab deshalb dem Zureden seines Freundes nach, diese Nacht sie nicht weiter zu suchen, und nahm das Anerbieten an, mit ihm das Bett zu theilen. Der Reitknecht und der Postillon befanden sich in einer anderen Stimmung und waren schneller, zu bestellen, als die Wirthin, ihre Befehle auszuführen. Als sie indeß von denselben überzeugt worden war, daß der Herr Fitzpatrick wirklich kein Dieb sei, ließ sie sich überreden, ihnen kaltes Fleisch vorzusetzen, das sie eben begierig verzehrten, als Partridge in der Küche erschien. Er war durch den Lärm, den wir bereits beschrieben haben, geweckt worden, während er aber wieder einzuschlafen suchte, hatte eine Eule vor seinem Fenster eine solche Abendmusik gemacht, daß er endlich entsetzt aus seinem Bette sprang, rasch in seine Kleider fuhr und hinunter eilte, um unter den Menschen zu sein, die er in der Küche sprechen hörte. 154 Seine Ankunft hielt die Wirthin ab, sich wieder zur Ruhe zu begeben, was sie eben thun wollte; aber der Freund des jungen Herrn Allworthy durfte nicht so vernachlässiget werden, zumal er ein Glas Glühwein verlangte. Sie setzte sogleich Birnenwein an's Feuer, denn dieser galt für jede Art von Traubensaft. Der irische Bediente hatte sich zu Bett begeben und der Postillon wollte ein Gleiches thun, Partridge lud ihn aber ein zu bleiben und mit ihm zu trinken, was derselbe dankbar annahm. Der Schulmeister fürchtete sich wirklich, wieder in sein Bett zu gehen, und da er nicht wußte, wie bald er die Gesellschaft der Wirthin einbüßen würde, so nahm er sich vor, sich wenigstens die des Postillons zu sichern, in dessen Gegenwart er selbst den Teufel nicht fürchtete. In diesem Augenblicke kam ein anderer Postillon am Thore an. Susanne öffnete, und kam bald mit zwei jungen Damen in Reitanzügen zurück, von denen eine so reich betreßt war, daß Partridge und der Postillon sogleich von ihren Stühlen auffuhren und die Wirthin außerordentlich tiefe und zahlreiche Knixe machte. Die Dame in dem reichen Anzuge sagte mit einem sehr gnädigen Lächeln: »Wenn Sie erlauben, Frau Wirthin, werde ich mich einige Minuten an Ihrem Küchenfeuer erwärmen, denn es ist wirklich sehr kalt; aber ich bitte, daß sich Niemand stören lasse.« Dies galt dem Herrn Partridge, der sich an das andere Ende zurückgezogen hatte, weil er durch den Glanz des Anzuges der Dame ganz geblendet und verblüfft war. Die Dame hatte indeß einen noch ganz anderen Anspruch auf Achtung als diesen, denn sie war Eine der schönsten Damen in der Welt. Sie forderte Partridge ernstlich auf, seinen Platz wieder einzunehmen, konnte ihn aber nicht dazu vermögen. Dann zog sie ihre Handschuhe ab und zeigte am Feuer zwei Hände, 155 die jede Eigenschaft des Schnees hatten außer der des Zerschmelzens. Ihre Begleiterin, die ihre Dienerin war, zog ebenfalls die Handschuhe ab und zeigte etwas, das, der Kälte wie der Farbe nach, vollkommen einem Stücke gefrorenen Rindfleisches glich. »Ich wünsche, gnädiges Fräulein,« sagte die Letztere, »daß Sie diese Nacht nicht weiter reiseten. Ich fürchte sehr, daß Sie die Strapazen nicht ertragen.« – »Das gnädige Fräulein,« fiel die Wirthin ein, »können so etwas nicht beabsichtigen. Weiter in der Nacht! Bedenken Sie doch, gnädiges Fräulein! Nein, Sie werden es nicht thun, gnädiges Fräulein. Was beliebt Ihnen zu genießen? Ich habe Schöps in allen Arten und schöne Hühnchen.« »Ich dächte,« fiel die Dame ein, »es wäre besser, wir frühstückten, statt zu Abend zu essen; ich kann gar nichts essen, und wenn ich bleibe, werde ich mich nur auf ein Paar Stunden niederlegen. Nur ein wenig Molken mit Sect, sehr dünn, geben Sie mir.« – »Sogleich, gnädiges Fräulein,« antwortete die Frau vom Hause, »ich habe vortrefflichen weißen Wein.« »Sect haben Sie also nicht?« fragte die Dame. »Auch den habe ich, gnädiges Fräulein; im ganzen Lande ist kein besserer zu finden. Aber wollen das gnädige Fräulein nicht auch etwas essen?« – »Ich kann keinen Bissen essen,« antwortete die Dame, »und werde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie mir so schnell als möglich ein Zimmer bereit machen wollen, da ich nach drei Stunden weiter reiten will.« »Susanne,« rief die Wirthin, »ist noch Feuer in der »Wilden Gans«? Es thut mir leid, gnädiges Fräulein, alle meine besten Zimmer sind bereits besetzt. Mehrere sehr vornehme Personen schlafen bereits da, ein junger Herr 156 und mehrere Andere.« Susanne antwortete, die irländischen Herren wären in der wilden Gans. – »Warum hebst Du aber nicht einige der besten Zimmer auf, da ja kaum ein Tag vergeht, ohne daß Jemand einkehrt? – Wenn sie wirklich vornehme Herren sind, so werden sie gewiß wieder aufstehen, sobald sie erfahren, daß das Zimmer für eine Dame ist.« »Ich werde Niemanden stören,« entgegnete die junge Dame. »Wenn Sie ein nur leidlich anständiges Zimmer haben, so bin ich vollkommen zufrieden. Ich bitte, machen Sie sich meinetwegen nicht so viele Mühe.« – – »Ach, gnädiges Fräulein,« entgegnete die Wirthin, »ich habe zwar noch mehrere gute Zimmer, aber keines, das für das gnädige Fräulein gut genug wäre. Da Sie jedoch so gnädig sind, sich mit dem besten begnügen zu wollen, so gehe, Susanne, und zünde sogleich in der »Rose« Feuer an. Ist es dem gnädigen Fräulein gefällig, sogleich mit hinaufzugehen oder hier zu bleiben, bis das Feuer angemacht ist?« »Ich denke, mich ziemlich erwärmt zu haben und werde also sogleich mitgehen. Ich fürchte, Leute und besonders den Herrn da (sie meinte Partridge) bereits zu lange fern von dem Feuer gehalten zu haben.« Sie ging darauf mit ihrer Dienerin fort und die Wirthin leuchtete mit zwei Lichtern voran. Als die gute Frau zurückkam, drehete sich das Gespräch ausschließlich um die Schönheit der jungen Dame. Es liegt ja auch in der vollendeten Schönheit eine Macht, die Niemand verkennen kann; denn selbst die Wirthin erklärte, obgleich die abschlägliche Antwort wegen des Abendessens ihr nicht gefallen hatte, sie habe niemals eine so liebenswürdige Dame gesehen. Partridge ließ sich in die übertriebensten Lobpreisungen ihres Gesichtes aus, konnte aber auch nicht umhin, den 157 Goldtressen auf ihrem Anzuge einige Complimente zu machen. Der Postillon pries ihre Herzensgüte und der andere Postillon, der jetzt auch hereingekommen war, stimmte in diese Lobeserhebungen mit ein. »Sie ist gewiß eine sehr gute Dame, dafür stehe ich,« sagte er; »sie hatte Mitleid selbst mit dem Viehe, denn sie fragte mich manchmal, ob ich nicht meine, daß sie den Pferden Schaden thue, wenn sie zu schnell reite. Und als wir ankamen, trug sie mir auf, den Pferden so viel Hafer geben zu lassen, als sie fressen wollten.« So gewinnend ist die Freundlichkeit und so gewiß erwirbt sie die Lobeserhebungen aller Leute. Sie läßt sich mit einem geschickten Kleidermacher vergleichen. Wie dieser hebt sie die weiblichen Vorzüge noch mehr heraus und verhüllt und verbirgt die Mängel. Die Wahrheit wird uns bald nöthigen, auch das Gegentheil von solcher liebenswürdigen Freundlichkeit zu zeigen. Viertes Kapitel. Unfehlbare Geheimmittel, sich allgemeine Mißachtung und allgemeinen Haß zuzuziehen. Kaum hatte die Dame sich zur Ruhe begeben, als die Dienerin derselben wieder in der Küche erschien. um sich einige der leckern Speisen auszubitten, welche ihre Gebieterin nicht annehmen wollte. Die Gesellschaft erwies ihr bei ihrem Eintritte dieselbe Achtung, welche sie der Gebieterin gezollt hatte, sie stand auf; das Mädchen aber ahmte sie nicht nach, indem sie vergaß, die Leute aufzufordern, wieder Platz zu nehmen. Dies wäre freilich auch kaum möglich gewesen, denn sie stellte ihren Stuhl so, daß sie fast das ganze Feuer für sich allein einnahm. Dann befahl sie sogleich, ein Hühnchen zu 158 braten und erklärte, wenn es in einer Viertelstunde nicht bereit sei, werde sie keine Minute länger darauf warten. Obgleich nun aber das Hühnchen noch im Hühnerstalle saß und die verschiedenen Ceremonien des Einfangens, Abschlachtens und Rupfens nöthig waren, ehe es auf den Rost gebracht werden konnte, so würde es die Wirthin dennoch unternommen haben, alles dies in der angegebenen Zeit zu thun; da aber das Mädchen sich unglücklicher Weise hinter den Coulissen befand, so hätte sie den Betrug mit ansehen müssen; die arme Frau sah sich deshalb zu dem Geständnisse genöthiget, sie habe kein Hühnchen im Hause; »dagegen,« setzte sie hinzu, »kann ich Ihnen Alles, was Sie von Schöps zu haben wünschen, sogleich von dem Fleischer holen lassen.« »Denken Sie denn,« fiel das Mädchen ein, »ich hätte einen Magen wie ein Pferd, und könnte Abends Schöpsenfleisch essen? Die Leute, die Wirthshäuser halten, bilden sich doch immer ein, andere Leute wären nicht mehr und nicht besser als sie. Ich erwarte, in dieser schlechten Kneipe gar nichts zu bekommen. Ich wundere mich, daß meine Dame hier geblieben ist. Wahrscheinlich kehren nur Handwerksleute und Bauern da ein.« Die Wirthin wurde über diesen Schimpf, den man ihrem Hause anthat, über und über roth; sie unterdrückte jedoch ihren Zorn und begnügte sich mit der Antwort: »Gott sei Dank, mein Haus wird von sehr angesehenen Leuten besucht.« »Reden Sie nichts von angesehenen Leuten,« entgegnete die Andere. »Ich glaube, ich verstehe mich besser auf angesehene Leute als Personen, wie Sie. Es fällt mir indeß nicht ein, mich mit Ihnen zu streiten, sagen Sie also ohne weitere Umschweife, was ich zum Abendessen erhalten kann; denn wenn ich auch kein Pferdefleisch esse, so bin ich doch sehr hungerig.« – »Ich maß gestehen,« antwortete die Wirthin, »daß 159 ich nichts im Hause habe, als ein Stück kaltes Rindfleisch, das der Bediente eines Herrn und der Postillon beinahe aufgegessen haben.« »Frau!« rief da die Abigail (so wollen wir sie der Kürze wegen nennen), »ich beschwöre Sie, machen Sie mich nicht krank. Und wenn ich einen Monat gefastet hätte, könnte ich von dem nicht essen, was solche Finger berührt haben. Ist gar nichts Reinliches und Eßbares in dem schrecklichen Neste zu haben?« – »Was meinen Sie zu Eier und Schinken?« fragte die Wirthin. »Sind Ihre Eier frisch gelegt? Wissen Sie gewiß, daß sie erst heute gelegt wurden? Und den Schinken schneiden Sie ganz dünn und zierlich; denn ich kann nichts Plumpes essen. Machen Sie Ihre Sache gut, wenn es möglich ist, und bilden Sie sich nicht ein, Sie hätten eine Pachterfrau oder dergleichen vor sich.« Die Wirthin fing an, ihr Messer zu handhaben, die Andere aber unterbrach sie mit den Worten: »Gute Frau, ich muß Sie bitten, daß Sie erst Ihre Hände waschen, denn ich bin außerordentlich ekel und von der Wiege an gewöhnt, Alles nett und zierlich zu haben.« Die Wirthin, die mit Mühe an sich hielt, begann nun die nothwendigen Vorbereitungen, denn Susanne wurde gänzlich verworfen, und zwar auf eine so verächtliche Weise, daß es dem armen Mädchen eben so schwer wurde, nicht mit den Fäusten darein zu schlagen, wie der Wirthin, die Zunge im Zaume zu halten. Dies Letztere that Susanne nicht ganz, denn sie murmelte mehrmals vor sich hin: »Nun was Sie ist, sind wir auch,« und andere ähnliche Redensarten. Während das Abendessen zubereitet wurde, fing Abigail an zu klagen, daß sie kein Feuer in dem Speisezimmer habe 160 anzünden lassen, setzte aber hinzu, nun sei es zu spät. »Indeß,« fuhr sie fort, »die Neuheit empfiehlt die Küche, denn ich glaube, ich habe mein Leben lang noch in keiner gegessen.« Dann wendete sie sich an die Postillone und fragte dieselben, warum sie nicht bei den Pferden im Stalle wären. »Wenn ich mein ärmliches Gericht hier verzehren soll, Madame,« sagte sie zu der Wirthin, »so bitte ich, die Küche zu räumen, damit nicht alles gemeine Volk um mich hersteht. Sie,« setzte sie zu Partridge gewendet hinzu, » sehen ziemlich anständig aus und können sitzen bleiben, wenn es Ihnen beliebt, denn ich will Niemanden vertreiben, als das gemeine Volk.« »Ja, ja,« antwortete Partridge, »ich bin ein anständiger Mann, das versichere ich Sie, lasse mich auch nicht stören. Non semper vox casualis est verbo nominativus. « Diese lateinischen Worte hielt sie für eine Beleidigung und sie antwortete deshalb: »Sie können ein anständiger Mann sein, aber Sie betragen sich nicht als solcher, da Sie Lateinisch mit einer Dame sprechen.« Partridge gab eine artige Antwort und schloß von Neuem mit lateinischen Brocken. Da rümpfte sie das Näschen, begnügte sich aber, ihn spöttisch einen großen Gelehrten zu nennen. Da das Abendessen jetzt auf dem Tische stand, so ließ es sich Abigail, für eine so verwöhnte Person, vortrefflich schmecken. Während sie eine zweite Portion bereiten ließ, sagte sie zu der Wirthin: »Ihr Haus wird also von sehr vornehmen Personen besucht?« Die Wirthin bejahete dies und setzte hinzu: »Es befinden sich auch heute mehrere angesehene und vornehme Leute darin, z. B. der junge Herr Allworthy.« »Wer ist dieser junge Herr Allworthy?« fragte Abigail. – »Wer soll er sein,« antwortete Partridge, »als der Sohn und Erbe des großen Squire Allworthy in Somersetshire.« 161 »Sie erzählen mir da wirklich seltsame Neuigkeiten, denn ich kenne den Herrn Allworthy aus Somersetshire recht wohl und weiß, daß er keinen Sohn hat.« Die Wirthin horchte auf und Partridge machte ein etwas verlegenes Gesicht. Nach kurzer Zögerung aber antwortete er: »es ist allerdings wahr, daß nicht Jedermann weiß, daß er des Squire Allworthy Sohn ist, denn der Squire war mit der Mutter seines Sohnes niemals verheirathet; aber sein Sohn ist der junge Herr gewiß und beerben wird er ihn auch, so gewiß er Jones heißt.« Bei diesem Namen ließ Abigail den Schinken fallen, den sie eben zum Munde führen wollte, und rief: »Sie überraschen mich, Herr! Ist es möglich, daß Herr Jones in diesem Augenblicke hier im Hause wäre?« – » Quare non? « antwortete Partridge, »es ist möglich und sogar wahr.« Abigail verzehrte schnell was sie noch auf ihrem Teller hatte und begab sich dann zu ihrer Herrin zurück, mit der sie das Gespräch hatte, welches man in dem nächsten Kapitel lesen kann. Fünftes Kapitel. Wer die liebenswürdige Dame und deren nicht liebenswürdige Begleiterin waren. Wie im Monat Juni die damascener Rose, welche zufällig unter Lilien wächst, mit deren weißer Farbe ihr glühendes Roth vermischt, oder wie in dem blühenden Monat April die sanfte treue Taube auf einem grünenden Zweige sitzt und an ihr Männchen denkt, so lag, unbeschreiblich reizend, im Gedanken mit ihrem lieben Tom beschäftiget, Sophie (denn sie war es selbst) da, das liebliche Haupt auf ihre Hand gestützt, als ihre Dienerin in das 162 Zimmer trat, gerade an das Bett eilte und sagte: »Fräulein, – Fräulein, wer, denken Sie wohl, mag in dem Hause hier sein?« Sophie richtete sich bestürzt auf und antwortete: »ich will nicht hoffen, daß mein Vater uns eingeholt hat.« – »Nein, Fräulein, Jemand, der besser ist wie hundert Väter, Herr Jones selbst ist diesen Augenblick hier.« – »Herr Jones!« wiederholte Sophie. »Das ist nicht möglich. So glücklich bin ich nicht.« Das Mädchen betheuerte die Sache und wurde sogleich abgeschickt, ihn zu ihr zu bescheiden, da Sophie erklärte, sie sei entschlossen, ihn sogleich zu sehen. Mamsell Honour hatte kaum in der oben beschriebenen Weise die Küche verlassen, als die Wirthin ihrer Zunge freien Lauf ließ. In dem Herzen der armen Frau hatte sich aller Unwille aufgehäuft und ihr Mund floß über von anzüglichen Worten, wie der Koth von einem Schmuzkarren fällt, wenn das Schutzbret weggenommen wird. Partridge half ihr redlich, das Mädchen herunter zu reißen, ja er versuchte sogar, den lilienreinen Charakter Sophiens selbst anzuschwärzen. »Wie die Tonne, so der Hering,« sagte er, » Noscitur a socio , ist ein wahres Wort. Man muß zwar gestehen, daß die Dame in dem schönen Anzuge höflicher ist, aber ich wette, keine ist besser, als sie sein müssen. Ein Paar Freudenmädchen von Bath, ich stehe dafür; anständige Damen reiten in dieser Nachtzeit nicht auf den Straßen herum.« – »Ja, ja, Dirnen sind's,« sagte die Wirthin; »Sie haben es gewiß errathen; denn anständige Leute kehren abends nicht in einem Gasthause ein, ohne ein Abendessen zu bestellen, sie mögen davon essen oder nicht.« Während sie so sprachen, kam Mamsell Honour zurück und entledigte sich ihres Auftrages, indem sie die Wirthin aufforderte, sogleich den Herrn Jones zu wecken und ihm 163 zu sagen, es wünsche ihn eine Dame zu sprechen. Die Wirthin wies sie an Partridge, indem sie sagte, derselbe sei der Freund des jungen Herrn; sie für ihren Theil wecke niemals Männer im Bette, Herren gar nicht. Honour wendete sich an Partridge, der sich jedoch weigerte, »denn,« sagte er, »mein Freund ging spät zu Bett und würde sehr aufgebracht sein, wenn ich ihn so bald wecken wollte.« Mamsell Honour bestand darauf, Herr Jones müßte gerufen werden, »denn,« setzte sie hinzu, »er wird, statt aufgebracht zu sein, im höchsten Grade sich freuen, wenn er erfährt, warum er geweckt wurde.« – »Zu einer andern Zeit wäre es vielleicht der Fall,« sagte Partridge, »aber von omnia possumus omnes : ein Frauenzimmer auf einmal ist für einen verständigen Mann genug.« – »Was meinen Sie mit ›ein Frauenzimmer auf einmal‹?« fragte Honour. Partridge erzählte darauf ganz aufrichtig, Jones liege eben mit einem Mädchen im Bette, und bediente sich auch dabei eines Ausdruckes, der zu undelicat ist, als daß er hier wiederholt werden könnte, was Mamsell Honour so empörte, daß sie in laute Schimpfreden ausbrach und schnell zu ihrer Gebieterin zurückkehrte, die sie mit dem Erfolge ihrer Sendung sowie mit der Nachricht, die sie erhalten, bekannt machte und dieselbe, wo möglich, noch übertrieb, da sie auf Jones so aufgebracht war, als wenn er selbst die Worte gesprochen hätte, die sie von Partridge gehört hatte. Sie ergoß einen Strom von Verwünschungen gegen den jungen Herrn und forderte ihre Gebieterin auf, jeden Gedanken an einen Mann aufzugeben, der niemals bewiesen habe, daß er ihrer würdig sei. Dann rührte sie die Geschichte mit der Molly Seagrim wieder auf und wußte den Umstand, daß er früher Sophien selbst verlassen, auf das boshafteste zu erklären. Sophie war mit ihrem Gram und Kummer zu sehr 164 beschäftiget, als daß sie dem Wortstrom ihrer Dienerin hätte Einhalt thun können. Endlich unterbrach sie dieselbe doch, indem sie sagte: »ich kann dies nimmermehr glauben; es hat irgend ein böser Mensch ihn verläumdet. Du sagst, sein Freund habe es erzählt; ein Freund verräth sicherlich solche Geheimnisse nicht.« – »Vermuthlich,« entgegnete Honour, »ist der Freund sein Verführer, denn ich habe noch nie ein so häßliches Gesicht gesehen. Uebrigens schämen sich ausschweifende Menschen wie der Herr Jones solcher Dinge nicht.« Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so finde ich das Benehmen Partridges fast nicht zu entschuldigen; indeß er hatte den Rausch vom vorigen Abende noch nicht ausgeschlafen, der am Morgen durch andere Getränke neue Unterhaltung gefunden, und dies dürfte einigermaßen zu seiner Entschuldigung dienen. Während die arme von Angst gequälte Sophie nicht wußte, was sie glauben, oder wozu sie sich entschließen sollte, brachte Susanne den bestellten Glühwein. Mamsell Honour rieth sogleich ihrer Gebieterin dieses Mädchen auszufragen, um so vielleicht die Wahrheit zu erfahren. Sophie billigte diesen Rath und begann demnach: »Komm zu mir, mein Kind; antworte mir die Wahrheit auf das, was ich Dich fragen werde und ich verspreche Dir eine gute Belohnung. Ist ein junger Herr hier im Hause, ein hübscher junger Herr, der . . .« Susanne wurde roth und verlegen. »Ein junger Herr,« fiel die Honour ein, »der in Gesellschaft mit dem Menschen ankam, welcher jetzt in der Küche sitzt?« Susanne antwortete: »ja.« – »Weißt Du irgend etwas von einem Frauenzimmer?« fuhr Sophie fort. »Ich frage nicht, ob sie hübsch ist oder nicht; vielleicht ist sie es nicht, aber das thut nichts zur Sache; weißt Du etwas von einem Frauenzimmer?« – »Sie 165 sind ein schlechter Examinator, mein Fräulein,« fiel Honour ein. »Höre, Kind,« fuhr sie fort, »liegt nicht der junge Mann jetzt mit irgend einem Frauenzimmer im Bette?« Susanne lächelte und schwieg. »Antworte auf die Frage, mein Kind,« fiel Sophie ein, »und hier ist eine Guinee für Dich.« – »Eine Guinee, Ew. Gnaden!« rief Susanne. »Was ist eine Guinee? Wenn es meine Frau erführe, so würde ich gewiß auf der Stelle fortgejagt.« – »Hier ist noch eine für Dich,« sagte Sophie, »und ich verspreche Dir, die Frau Wirthin soll nichts davon erfahren.« Susanne nahm nach einiger Zögerung das Geld, erzählte die ganze Geschichte und schloß mit den Worten: »wenn Sie sehr neugierig sind, so kann ich mich in sein Zimmer schleichen und sehen ob er jetzt in seinem Bette ist oder nicht.« Sie that es auf Sophiens Wunsch und kam mit der Meldung zurück, der junge Herr sei nicht in seinem Bette. Sophie zitterte und erblaßte. Mamsell Honour ersuchte sie, sich zu trösten und an einen so unwürdigen Menschen gar nicht mehr zu denken. »Nehmen Sie mir's nicht übel,« fragte Susanne, »heißen Sie nicht Sophie Western?« – »Wie ist es möglich, daß Du mich kennst?« antwortete Sophie. – »Nun der Mann, von dem die Dame da sprach, und der in der Küche ist, sprach vorigen Abend von Ihnen. Aber ich hoffe, Sie nehmen mir's nicht übel.« – »Gewiß nicht, mein Kind,« antwortete Sophie; »sage mir nur alles und ich verspreche Dir eine gute Belohnung.« – »Nun, gnädiges Fräulein,« fuhr Susanne fort, »der Mann sagte uns allen in der Küche, das Fräulein Sophie Western, ich weiß wirklich nicht, wie ich es über die Zunge bringen soll.« Sie hielt ein, bis sie von Sophie noch einmal aufgefordert war, während Mamsell Honour eifrig in sie drang. Endlich fuhr sie fort: 166 »er sagte uns, gnädiges Fräulein, aber es ist gewiß eine Lüge, Sie wären in den jungen Herrn zum Sterben verliebt und er gehe in den Krieg, um Sie nur los zu werden. Ich dachte gleich bei mir, er sei ein falscher lügenhafter Mensch, und nun sehe ich eine so feine, so reiche, so schöne Dame wegen eines so gewöhnlichen Weibes verlassen, denn das ist sie gewiß und noch dazu die Frau eines andern Mannes. Es ist etwas Unnatürliches.« Sophie gab ihr eine dritte Guinee, empfahl ihr, nichts von dem Vorgefallnen zu erwähnen, Niemanden zu sagen, wer sie sei, und entließ sie dann mit dem Auftrage an den Postillon, die Pferde sofort bereit zu halten. Als sie mit ihrer Vertrauten allein war, sagte sie, sie habe sich nie so ruhig gefühlt als in diesem Augenblicke. »Ich bin jetzt überzeugt, daß er ein gemeiner verächtlicher Mensch ist. Alles könnte ich ihm vergeben, aber daß er meinen Namen auf eine solche Weise bloßstellte . . . das macht ihn zu einem Gegenstande meiner Verachtung. Ja, Honour, jetzt bin ich ganz ruhig, wahrhaftig, ganz ruhig.« Und die Thränen strömten ihr über die Wangen. Nach einer kurzen Zeit, in welcher Sophie abwechselnd weinte und ihrer Dienerin versicherte, sie fühle sich vollkommen ruhig, kam Susanne mit der Meldung zurück, daß die Pferde bereit ständen. Da kam unsere junge Heldin auf einen seltsamen Gedanken, durch den sie dem Herrn Jones anzeigen wollte, daß sie in dem Wirthshause gewesen, und gerade auf eine Weise, daß, wenn noch ein Funken von Liebe in ihm geblieben, er für sein Vergehen gestraft würde. Der Leser wird sich eines kleinen Muffs erinnern, welcher die Ehre gehabt hat, in dieser Geschichte bereits mehr als einmal erwähnt worden zu sein. Dieser Muff war seit der Entfernung Jones der beständige Begleiter 167 Sophiens am Tage und ihr Bettgenoß in der Nacht gewesen. Diesen Muff hatte sie auch jetzt am Arme; sie zog ihn unwillig ab, schrieb ihren Namen mit Bleistift auf ein Stück Papier, heftete dies daran und bestach Susanne, so den Muff in das leere Bett des Herrn Jones zu legen und ihm denselben, wenn er ihn nicht finden sollte, auf irgend eine Weise vor die Augen zu bringen. Nachdem sie bezahlt, was Honour gegessen hatte, bei welcher Rechnung sich auch das mit befand, was sie selbst hätte gegessen haben können, bestieg sie ihr Pferd, versicherte ihrer Begleiterin nochmals, daß sie vollkommen ruhig sei und setzte ihre Reise fort. Sechstes Kapitel. Zeigt unter andern den Scharfsinn Partridge's, den Wahnsinn des Herrn Jones und die Narrheit Fitzpatrick's. Es war jetzt fünf Uhr früh vorüber und andere im Hause standen allmälig auf und kamen in die Küche, darunter der Sergeant und der Kutscher, die sich vollkommen mit einander ausgesöhnt hatten und ein Glas mit einander tranken. Bei diesem Trinken ereignete sich nichts besonderes außer dem Benehmen Partridges, der, als der Sergeant auf das Wohl des Königs Georg trank, nur das Wort König wiederholte und nicht vermocht werden konnte, mehr zu sagen; denn ob er gleich auf dem Wege war, gegen seine eigene Sache zu kämpfen, so ließ er sich doch nicht bewegen, gegen dieselbe zu trinken. Jones, der jetzt in sein eigenes Bett zurückgekehrt war (woher er kam, dürfen wir nicht sagen), rief Partridge 168 aus der angenehmen Gesellschaft ab und dieser sprach, als er nach einer ceremoniösen Vorrede die Erlaubniß erhalten hatte, seine Meinung zu sagen: »Es ist ein altes und ein wahres Sprichwort, daß ein gescheidter Mann bisweilen auch von einem Narren etwas lernen kann; ich möchte deshalb wohl so kühn sein und meine Meinung aussprechen, welche die ist, nach Hause zurück zu kehren und die horrida bella , die blutigen Schlachten, Menschen zu überlassen, die zufrieden sind, wenn sie Pulver schlucken, weil sie sonst nichts zu essen haben. Jedermann weiß, daß Ihnen zu Hause nichts abgeht, und warum sollte der Mensch, wenn dies der Fall ist, im Lande umher reisen?« »Partridge,« rief Jones, »Du bist eine feige Memme, ich wünsche also ebenfalls, daß Du nach Hause zurück kehrest und mich nicht länger belästigest.« – »Ich bitte um Verzeihung,« entgegnete Partridge, »ich sprach mehr Ihret-, als meinetwegen, denn meine Umstände sind, Gott weiß es, schlecht genug und statt furchtsam zu sein, kann ich versichern, daß ich mir aus einem Pistole oder einem andern solchen Dinge nicht mehr mache als aus einer Knallbüchse. Jedermann muß einmal sterben, auf die Art, wie es geschieht, kommt nichts an; übrigens kann ich ja auch mit dem Verluste eines Armes oder eines Beines davon kommen. Ich kann versichern, daß ich in meinem Leben niemals furchtsam gewesen bin und wenn Sie also entschlossen sind, weiter zu reisen, so bin ich auch entschlossen, Ihnen zu folgen. In diesem Falle möchte ich aber meine Meinung zum besten geben. Es ist gewiß scandalös, daß ein vornehmer Herr wie Sie zu Fuße geht. Hier stehen zwei bis drei gute Pferde im Stalle, die Ihnen der Wirth gewiß ohne Bedenken anvertraut; will er es nicht, so kann ich sie leicht stehlen; der König 169 verzeiht es gewiß, wenn er erfährt, daß es nur geschah, um schneller ihm zu Hilfe zu kommen.« Partridge würde eine solche That gewiß nicht versucht haben, hätte er sich dabei nicht für ganz sicher gehalten. Jones schalt ihn tüchtig aus, als er sich überzeugte, daß derselbe in vollem Ernste sprach. Partridge versuchte dem Gespräche eine andere Wendung zu geben und sagte, er glaube, sie befänden sich in einem schlechten Hause, denn es habe ihm viel Mühe gekostet, zwei Frauenzimmer zu verhindern, den jungen Herrn mitten in der Nacht in dem Schlafe zu stören. »Sie müssen sogar gegen meinen Willen hier im Zimmer gewesen sein, denn da liegt der Muff der Einen an dem Boden.« Jones war im Dunkel in das Bett zurück gekommen, hatte den Muff auf dem Bett nicht bemerkt und heruntergeworfen. Partridge hob ihn jetzt auf und wollte ihn in die Tasche stecken als Jones denselben zu sehen verlangte. Der Muff war so merkwürdig, daß unser Held denselben vielleicht auch ohne den daran befindlichen Zettel wieder erkannt hätte. Sobald er »Sophie Western« gelesen hatte, sprang er auf wie wahnsinnig und rief. »Himmel, wie kam dieser Muff hierher?« – »Das weiß ich eben so wenig als Sie,« antwortete Partridge, »aber ich sah ihn an dem Arme Eines der Frauenzimmer, die Sie gestört haben würden, wenn ich es zugelassen hätte.« – »Wo sind sie?« fragte Jones, indem er aus dem Bette sprang und nach seinen Kleidungsstücken griff. – »Jetzt wahrscheinlich bereits viele Meilen weit weg,« antwortete Partridge. Jones überzeugte sich nach mehrern weitern Fragen, daß die Inhaberin des Muffes keine andere als die liebenswürdige Sophie selbst gewesen sein konnte. Das Benehmen unseres Helden, seine Gedanken, seine Mienen, seine Worte, seine Handlungen lassen sich 170 unmöglich beschreiben. Nach vielen Verwünschungen gegen Partridge und gegen sich selbst, befahl er dem armen Teufel, der im höchsten Grade erschrocken war, sogleich hinunter zu gehen und um jeden Preis Pferde zu miethen. Einige Minuten später, als er so schnell als möglich in seine Kleider gefahren war, eilte er ebenfalls die Treppe hinunter, um den Befehl selbst auszuführen, den er eben gegeben hatte. Bevor wir aber erzählen, was bei seiner Ankunft in der Küche geschah, wird es nöthig sein, das zu erwähnen, was bereits geschehen war, seit Partridge auf den Ruf seines Herrn sich entfernt hatte. Der Sergeant war eben mit seiner Mannschaft abmarschirt, als die beiden irischen Herrn aufstanden, herunter kamen und sich beschwerten, so oft durch den Lärm in dem Wirthshause geweckt worden zu sein, daß sie die Augen nicht hätten schließen können. Der Kutscher, welcher die junge Dame und deren Dienerin gebracht hatte, kehrte nach Bath zurück, woher er war und erbot sich, als er hörte, daß Herr Macklachlan auch nach Bath reise, denselben zu einem sehr mäßigen Preise mitzunehmen. Zu diesem Anerbieten bewog ihn die Angabe des Hausknechtes, der sagte, das Pferd, welches Herr Macklachlan von Worchester gemiethet habe, würde lieber zu seinen Freunden daselbst zurückkehren als noch weiter reisen, da dieses Pferd mehr ein zweibeiniges als ein vierbeiniges Geschöpf sei. Herr Macklachlan nahm den Antrag sogleich an und beredete auch seinen Freund Fitzpatrick, den vierten Platz in dem Wagen zu nehmen, was derselbe that, da er seine Frau gewiß in Bath zu finden glaubte und eine kleine Verzögerung also nicht schaden konnte. Macklachlan, der wohl der klügste von beiden war, 171 hatte kaum vernommen, daß die Dame von Chester komme und die andern Umstände von dem Hausknecht erfahren, als es ihm einfiel, sie könne wohl die Frau seines Freundes sein, und er auch demselben seine Muthmaßung mittheilte, die dem Herrn Fitzpatrick nicht in den Sinn gekommen war, denn er gehörte zu den Menschen, welche die Natur in zu großer Eile schafft und denen sie deshalb etwas Hirn mitzugeben vergißt. Sobald Macklachlan seine Vermuthung ausgesprochen hatte, stimmte Fitzpatrick ein; er eilte die Treppe wieder hinauf, um seine Frau zu überraschen, ehe er noch wußte, wo sie sich befand, und lief (wie es bisweilen geschieht) vergebens mit dem Kopf an mehrere Thüren und Säulen an. Nach einem langen und vergeblichen Suchen kehrte Herr Fitzpatrick endlich in die Küche zurück, wo, als gebe es wirklich eine Jagd, ein Herr mit Hallohrufen erschien. Derselbe war eben von seinem Pferde abgestiegen und ihm folgten mehrere Diener. Hier, lieber Leser wird es nöthig sein, Dich mit einigem bekannt zu machen, was Du freilich auch schon wissen kannst, wenn Du klüger bist, als ich glaube. Es soll in den nächsten Kapitel geschehen. Siebentes Kapitel. Die Abenteuer in dem Wirthshause zu Upton endigen. Der Herr also, welcher eben ankam, war kein anderer als der Squire Western, der seine Tochter suchte. Wäre er nur zwei Stunden früher gekommen, so würde er nicht nur diese, sondern auch seine Nichte gefunden haben, denn das war die Frau Fitzpatricks, der mit derselben vor fünf 172 Jahren aus der Aufsicht der klugen Dame Western entflohen war. Diese Dame hatte das Wirthshaus zu derselben Zeit verlassen wie Sophie, denn als sie die Stimme ihres Mannes hörte, schickte sie nach der Wirthin, erfuhr von derselben was es gab und vermochte die gute Frau durch ein gutes Stück Geld, ihr Pferde zur Flucht zu verschaffen. So viel vermochte das Geld in dieser Familie. Herr Western und sein Neffe kannten einander noch nicht persönlich, auch würde der erstere von dem letzteren keine Notiz genommen haben, wenn er ihn gekannt hätte, denn da die Heirath eine geheime, folglich nach der Ansicht des Squire Western eine unnatürliche war, so hatte er das junge Mädchen, die damals höchstens achtzehn Jahre zählte, als mißrathen ihrem Schicksale überlassen und in seiner Gegenwart sie nicht einmal erwähnen lassen. Die Küche war jetzt ein Schauplatz allgemeiner Verwirrung. Western fragte nach seiner Tochter, und Fitzpatrick eben so fleißig nach seiner Frau, als Jones unglücklicherweise mit Sophiens Muff in der Hand eintrat. Sobald Western unsern Helden erblickte, begann er den Jagdruf, welchen die Jäger hören lassen, wenn sie das Wild erblicken. Er packte Jones zu gleicher Zeit und rief: »jetzt haben wir den Fuchs, die Füchsin wird nicht weit davon sein.« Als Jones sich durch die Vermittelung einiger Anwesenden von Western frei gemacht hatte, betheuerte er seine Unschuld und daß er nichts von der Dame wüßte, worauf der Geistliche Supple auftrat und sagte: »es ist Thorheit, hier zu leugnen, denn er hat die Beweise seiner Schuld in der Hand. Ich will es beschwören, daß der Muff, den er in der Hand hat, Sophien gehörte, denn ich habe denselben in der letztern Zeit sehr oft bei ihr gesehen.« – 173 »Meiner Tochter Muff!« fiel der Squire heftig ein. »Hat er meiner Tochter Muff? bezeugt es, man hat Sachen bei ihm gefunden. Ich werde ihn sogleich vor einen Friedensrichter stellen. Wo ist meine Tochter?« – »Beruhigen Sie sich nur,« antwortete Jones. »Der Muff gehört allerdings der jungen Dame, ich gestehe es, sie selbst aber habe ich auf meine Ehre! nicht gesehen.« Western verlor bei diesen Worten alle Geduld und konnte vor Wuth nicht weiter sprechen. Einige der Diener erzählten dem Herrn Fitzpatrick, wer der Herr Western sei, und der gute Irländer, der eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, seinem Oheime einen Dienst zu erzeigen und dadurch vielleicht die Gewogenheit desselben zu gewinnen, trat zu Jones und sagte: »nun Herr, Sie sollten sich schämen, in meiner Gegenwart zu läugnen, die Tochter des Herrn gesehen zu haben, da Sie doch wissen, daß ich Sie mit ihr im Bette überrascht habe.« Dann wendete er sich an Western und erbot sich, ihn sogleich in das Zimmer zu führen, wo sich seine Tochter befinde. Das Anerbieten wurde angenommen und der Squire, der Geistliche und einige andere begaben sich alsbald in das Zimmer der Madame Waters, in welches sie mit nicht geringerem Ungestüm eindrangen als es Fitzpatrick in der Nacht gethan hatte. Die arme Frau fuhr verwundert und erschrocken aus dem Schlafe auf und sah an ihrem Bette eine Gestalt, die man wohl für eine aus dem Narrenhause entlaufene halten konnte, eine solche Wildheit lag in dem Gesicht des alten Western, der aber kaum die Dame erblickt hatte, als er zurückprallte und durch sein Benehmen deutlich bewies, noch ehe er sprach, daß sie die Gesuchte nicht sei. Die Frauen halten auf ihren Ruf in dem Maße mehr als auf ihre Person, daß, obgleich die letztere jetzt in größerer 174 Gefahr zu sein schien als früher, die Dame, da der erstere gesichert war, nicht so heftig schrie als das erste mal. Sobald sie aber wieder allein war, gab sie jeden Gedanken an fernere Ruhe auf und kleidete sich schnell an, da sie Grund genug hatte, mit ihrer Wohnung sehr unzufrieden zu sein. Herr Western durchsuchte das ganze Haus eben so vergeblich, als er die arme Mad. Waters gestört hatte und kehrte endlich trostlos in die Küche zurück, wo Jones von den Dienern im Gewahrsam gehalten wurde. Der heftige Lärm hatte alle Leute im Hause geweckt, obgleich der Tag kaum angebrochen war. Unter ihnen befand sich auch ein ernster Mann, welcher die Ehre hatte, für die Ruhe und den Frieden der Grafschaft Worcester sorgen zu müssen. Western hatte dies kaum erfahren, als er ihm seine Klage vorlegte. Der Richter weigerte sich, sein Amt hier zu verwalten, indem er sagte, er habe weder einen Secretair, noch ein Buch bei sich, könne aber unmöglich alle Gesetze über das Entführen von Mädchen und dergleichen im Kopfe mit sich herum tragen. Fitzpatrick erbot sich sogleich, ihm behülflich zu sein, indem er den Anwesenden erzählte, daß er selbst für die richterliche Laufbahn bestimmt gewesen sei. (Er hatte wirklich drei Jahre bei einem Advokaten in dem Norden von Irland gearbeitet, aber, da ein bequemeres Leben ihm besser gefiel, denselben verlassen, sich nach England begeben und das Geschäft begonnen, welches keine Lehrzeit erfordert, das eines Stutzers nämlich, in welchem er denn auch, wie wir um Theil bereits erwähnten, Glück gehabt hatte.) Herr Fitzpatrick erklärte, das Gesetz über Mädchen komme hier gar nicht in Betracht, sondern die Entwendung eines Muffs, die denn auch vollkommen könne 175 bewiesen sein, da man das corpus delicti in den Händen des Angeklagten gefunden habe. Der Friedensrichter wurde endlich durch den Zuspruch eines so gelehrten Beistandes und durch das heftige Andrängen des Squire veranlaßt, seinen Platz einzunehmen. Jones hielt den Muff noch in der Hand, der Geistliche beschwur es, daß derselbe dem Fräulein Sophie Western angehöre und der Friedensrichter forderte Herr Fitzpatrick auf, eine Anklage zu entwerfen, die er unterzeichnen wolle. Jones verlangte gehört zu werden, was man ihm denn endlich auch gestattete. Er berief sich auf das Zeugniß des Herrn Partridge, den Muff gefunden zu haben, und was noch mehr ist, Susanne erklärte, Sophie selbst habe ihr den Muff übergeben, damit sie denselben in das Zimmer trage, in welchem Jones ihn gefunden hatte. Ich will es nicht untersuchen, ob Susanna zu dieser Aussage durch ihre Gerechtigkeitsliebe oder durch die ungewöhnliche Schönheit des Herrn Jones veranlaßt wurde; ihre Aussage aber hatte die Folge, daß der Friedensrichter erklärte, die Sache sei auf Seiten des Angeklagten völlig klar. Der Geistliche stimmte ihm bei und sagte: »Gott verhüte, daß wir Ursache sein sollten, einen Unschuldigen in Haft zu bringen.« Der Richter erhob sich darauf von seinem Sitze und sprach den Angeklagten frei. Western verfluchte alle Anwesenden mit kräftigen Worten, verlangte sogleich seine Pferde und setzte die Verfolgung seiner Tochter fort, ohne sich im mindesten um seinen Neffen Fitzpatrick zu kümmern trotz dem Diensteifer, den derselbe bewiesen hatte. In seiner leidenschaftlichen Eile vergaß er jedoch zum Glücke, von Jones den Muff zurück zu verlangen; ich sage »zum Glücke,« denn Jones würde ihn nur mit seinem Leben von sich gegeben haben. Jones brach mit seinem Freunde Partridge ebenfalls, 176 sobald sie ihre Rechnung bezahlt hatten, auf, um die liebenswürdige Sophie zu suchen, denn er hatte sich vorgenommen, nicht abzulassen, bevor er sie gefunden. Er konnte es nicht einmal über das Herz bringen, Abschied von Mad. Waters zu nehmen, die er jetzt vom Grunde seines Herzens haßte, da sie, wenn auch unabsichtlich, die Ursache gewesen war, daß er Sophien nicht traf, der er ewige Treue geschworen hatte. Mad. Waters selbst benutzte die Kutsche, welche nach Bath fuhr, wohin sie sich in Gesellschaft der beiden Irländer begab, nachdem die Wirthin ihr gutmüthig ihre Kleidungsstücke geliehen hatte, für welche sie freilich den doppelten Werth an Geld erhielt. Unterwegs söhnte sie sich vollkommen mit dem Herrn Fitzpatrick aus, der ein sehr schöner Mann war, und sie that Alles, um ihn über die Abwesenheit seiner Frau zu trösten. So endigten die mannigfaltigen und seltsamen Abenteuer, die dem Herrn Jones in dem Wirthshause zu Upton begegneten, wo man noch heutigen Tages von der Schönheit und dem liebenswürdigen Benehmen der reizenden Sophie spricht, welche man den Engel von Somersetshire nennt. Achtes Kapitel. Die Geschichte geht zurück. Ehe wir in unserer Geschichte weiter gehen, wird es zweckmäßig sein, einen Blick zurück zu werfen, um das unerwartete Erscheinen Sophiens und ihres Vaters in dem Wirthshause zu Upton zu erklären. Der Leser wird sich erinnern, daß wir in dem neunten Kapitel des siebenten Buches unserer Geschichte Sophien 177 nach einem langen Kampfe zwischen Liebe und Pflicht verließen, in welchem, wie es wohl gewöhnlich geschieht, die Liebe zuletzt den Sieg davon trug. Der Kampf war entstanden, wie wir damals zeigten, in Folge eines Besuches, den ihr ihr Vater gemacht hatte, um sie zu der Einwilligung in die Heirath mit Blifil zu zwingen. Nach diesem Besuche hatte der Squire seinen gewöhnlichen Abendtrunk genommen und zwar in großer Freude, weil er glaubte, er habe seinen Zweck erreicht. Da er die Gesellschaft liebte und sein Glück gern mit andern theilte, so floß auf seinen Befehl das Bier auch in der Küche reichlich, so daß noch vor elf Uhr Abends in dem ganzen Hause Niemand nüchtern war als die Schwester des Squire und die reizende Sophie. Früh am Morgen wurde ein Bote abgeschickt, welcher den Herrn Blifil herbescheiden sollte, denn obgleich der Squire glaubte, der junge Mann kenne von der Abneigung Sophiens gegen ihn weniger, als wirklich der Fall war, so wußte er doch, daß sie ihm ihre Einwilligung noch nicht gegeben hatte und er wünschte also, ihn zu benachrichtigen, daß Sophie sich nicht länger sträuben würde. Was die Hochzeit selbst betrifft, so sollte sie, wie die Trinkgesellschaft am Abend bestimmt hatte, am zweitnächsten Tage gefeiert werden. Das Frühstück war aufgetragen und Blifil angekommen. Der Squire und dessen Schwester erschienen in dem Zimmer und es sollte nun Sophie gerufen werden. Ach, Shakespeare, hätte ich Deine Feder! Ach, Hogarth, könnte ich Deinen Pinsel führen! Ich würde dann eine Schilderung von dem armen Diener entwerfen, der mit bleichem Antlitze, mit stieren Augen, zähneklappernd, stotternd und 178 zitternd in das Zimmer trat und erklärte, – Fräulein Sophie sei nirgends zu finden. »Nicht zu finden!« rief der Squire, indem er von seinem Stuhle aufsprang. »Donnerwetter! Blut und Wuth! Wo? Wenn? Wie? Was? – nicht zu finden? Wo?« – »Lieber Bruder,« fiel Fräulein Western mit ächt diplomatischer Ruhe ein, »Du fährst immer so heftig auf und um nichts. Meine Nichte ist vermuthlich blos in den Garten gegangen. Du wirst so ungestüm und so unverständig, daß es wirklich unmöglich ist, in einem Hause mit Dir zu leben.« »Ja, ja,« antwortete der Squire, der sich eben so schnell wieder faßte, als er außer sich gerathen war; »wenn es weiter nichts ist, so hat es ja nichts zu bedeuten, aber, auf Seele! ich vergaß mich, als der Mensch sagte, sie sei nirgends zu finden.« Er befahl demnach, die Klingel in dem Garten zu ziehen und setzte sich ruhig wieder nieder. Es konnten zwei Dinge unmöglich verschiedener von einander sein als in den meisten Fällen hier Bruder und Schwester, besonders darin, daß der Bruder niemals etwas voraussah, aber immer sehr klug war, sobald sich etwas wirklich ereignet hatte, während die Schwester immer in die Ferne blickte und über die Dinge in der unmittelbaren Nähe hinwegsah. Der Leser wird Beispiele von beidem bemerkt haben. Die Talente beider in dieser Art waren außerordentlich groß, denn während die Schwester oft Dinge voraussah, welche niemals eintrafen, so sah der Bruder oft mehr, als wirklich vorlag. Diesmal war es nicht der Fall. Man brachte denselben Bericht aus dem Garten, wie vorher aus dem Zimmer, daß nämlich Fräulein Sophie nirgends zu finden sei. 179 Jetzt machte sich der Squire selbst auf, und rief Sophien mit so gewaltiger und heiserer Stimme als in frühern Zeiten Hercules den Hylas rief. Wie damals, nach der Erzählung des Dichters, das ganze Ufer den Namen des schönen Jünglings wiederholte, so erschollen jetzt das Haus, der Garten und die umliegenden Felder nur von dem Namen Sophiens. Eine lange Zeit herrschte die schrecklichste Verwirrung, bis endlich der Squire, nachdem er sich athemlos gerufen hatte, in das Zimmer zurück kehrte, wo er seine Schwester und den Herrn Blifil fand, und verzweiflungsvoll in einen Lehnstuhl sank. Die Schwester begann also ihn zu trösten: »Bruder, es thut mir leid, was geschehen ist und daß sich meine Nichte in einer Art betragen hat, welche sich für unsere Familie so wenig ziemt; aber es ist alles Deine Schuld und Du hast nur Dir darüber Vorwürfe zu machen. Du weißt, sie ist immer gegen meinen Rath erzogen worden. Du siehst nun die Folgen davon. Habe ich nicht tausend Mal mit Dir darüber gesprochen, daß Du dem Mädchen zu sehr ihren Willen ließest? Aber ich konnte Dich nie überzeugen; als ich mir endlich so viele Mühe gegeben hatte, ihren Eigensinn zu brechen und die Fehler, die Du bei ihrer Erziehung begangen, wieder gut zu machen, nahmst Du sie wieder von mir, so daß ich nichts zu verantworten habe. Wäre mir ihre Erziehung gänzlich überlassen worden, so würde Dich ein solcher Unfall nicht betroffen haben. Du mußt Dich also mit dem Gedanken trösten, daß es Deine eigene Schuld ist; was konnte man auch anders von Deiner Nachsicht erwarten?« – »Donnerwetter, Schwester,« antwortete er; »Du treibst mich zur Tollheit. Bin ich nachsichtig gegen sie gewesen? Habe ich ihr ihren Willen gelassen? – Erst vorigen Abend noch habe ich ihr gedrohet, sie, wenn sie mir nicht 180 gehorche, ihr Lebenlang bei Wasser und Brod in ihrem Zimmer einzusperren. Du könntest der Geduld Hiobs ein Ende machen.« »Hat jemals ein Mensch etwas der Art gehört?« entgegnete sie. »Bruder, wenn ich nicht so viel Geduld besäße als funfzig Hiobs, ich würde bei Dir alle Schicklichkeit und allen Anstand vergessen. Warum mischtest Du Dich ein? Habe ich Dich nicht gebeten und beschworen, die ganze Sache mir zu überlassen? Du hast alle meine Operationspläne durch einen einzigen falschen Schritt vereitelt. Würde wohl irgend ein vernünftiger Mensch seine Tochter durch solche Drohungen gereizt haben? Wie oft habe ich Dir gesagt, daß Engländerinnen nicht wie ciraicostische (– sie meinte wahrscheinlich circassische) Sclavinnen behandelt sein wollen? Wir wollen nur durch sanfte Mittel gewonnen werden; wir lassen uns nicht durch Drohungen und Mißhandlungen bewegen. Gott sei Dank, hier herrscht kein salisches Gesetz. Bruder, Du bist in Deinem Wesen so rauh und roh, daß es kein Weib außer mir zu ertragen vermag. Ich wundere mich nicht, daß meine Nichte aus Furcht und Schrecken diesen Schritt gethan hat, und aufrichtig, ich glaube, sie ist vor der Welt gerechtfertiget. Ich wiederhole es nochmals, Bruder, Du mußt Dich mit dem Gedanken trösten, daß Du an allem selbst Schuld bist. Wie oft habe ich Dir gerathen . . « – Hier sprang Western hastig von dem Stuhle auf und eilte mit einigen derben Flüchen hinaus. Als er fort war, sprach sich seine Schwester mit (wo möglich) noch größerer Bitterkeit gegen ihn aus, als sie in seiner Gegenwart gethan hatte. Sie forderte Herrn Blifil zur Bestätigung auf. Dieser schenkte zwar Allem, was sie sagte, vollkommnen Beifall, entschuldigte aber alle Fehler des Herrn Western, »denn,« sagte er, »sie sind aus 181 einer zu großen väterlichen Liebe hervorgegangen, die freilich auch eine Schwäche ist.« – »Um so weniger ist er zu entschuldigen,« fiel die Dame ein, »denn wen anders macht er durch seine Liebe unglücklich als sein eigenes Kind?« Das gab Herr Blifil zu. Fräulein Western äußerte nun große Verlegenheit wegen des Herrn Blifil und der Behandlung, die er von einer Familie erfahren, die er so sehr geehrt habe. In dieser Hinsicht sprach sie sich sehr hart über die Thorheit ihrer Nichte aus, schrieb jedoch zuletzt wiederum alle Schuld ihrem Bruder zu, der, wie sie sagte, nicht zu entschuldigen sei, daß er so weit gegangen, ohne den Willen seiner Tochter besser zu kennen. »Sein Temperament war immer so heftig und ich kann mir es kaum selbst verzeihen, so vielen guten Rath an ihn verschwendet zu haben.« Nach einer langen Unterhaltung in diesem Tone, welche den Leser wahrscheinlich nicht eben sehr erfreuen würde, wollten wir sie vollständig mittheilen, empfahl sich Herr Blifil und kehrte, ziemlich unwillig wegen seiner getäuschten Hoffnung, nach Hause zurück. Neuntes Kapitel. Sophiens Flucht. Es ist nun Zeit, daß wir uns auch nach Sophien umsehen, die, wie der Leser gewiß mit Vergnügen erfährt, wenn er sie nur halb so sehr liebet als ich, glücklich den Händen ihres zornigen Vaters und des ihr bestimmten Liebhabers entgangen war. Zwölfmal schlug die Zeit auf die tönende Glocke und forderte die Geister auf sich zu erheben und ihre nächtliche Wanderung zu beginnen, oder einfacher, es war zwölf Uhr und die 182 ganze Familie schlief oder war betrunken, wie wir erwähnt haben, Fräulein Western, die eben eine politische Broschüre las, und unsere Heldin ausgenommen, welche sich leise die Treppe hinabschlich, eine der Hausthüren öffnete und zu dem bestimmten Orte eilte. Trotz der vielfachen Künste, welche die Frauen bisweilen aufbieten, um ihre Furchtsamkeit bei jeder geringfügigen Gelegenheit zu zeigen (wie die Männer, die ihrige zu verbergen), so giebt es doch gewiß einen Grad von Muth, der sich nicht nur für ein Weib ziemt, sondern sogar oft für sie nöthig ist, wenn sie ihre Pflicht erfüllen soll. Ja, eine Frau, die laut aufschreit, wenn sie eine Maus oder eine Ratte sieht, ist vielleicht sogar im Stande ihren Mann zu vergiften oder, was noch schlimmer ist, ihn dahin zu bringen, daß er sich selbst vergiftet. Sophie besaß bei aller Sanftmuth, die ein Weib haben kann, allen Muth, den sie besitzen soll. Als sie deshalb an dem bestimmten Orte statt ihre Dienerin zu treffen, wie verabredet worden war, einen Mann sah, der gerade auf sie zugeritten kam, schrie sie weder noch fiel sie in Ohnmacht; ihr Puls freilich klopfte nicht mit der gewöhnlichen Regelmäßigkeit, denn sie war einigermaßen verwundert und erschrocken, aber sie beruhigte sich auch sogleich wieder, als der Mann, indem er seinen Hut abnahm, sie sehr unterthänig fragte, ob sie hier nicht ein anderes Frauenzimmer erwarte, und dann hinzusetzte, er habe den Auftrag, sie zu demselben zu begleiten. Sophie konnte hier keinen Argwohn hegen; sie stieg deshalb rasch hinter dem Manne auf, der sie wohlbehalten in eine etwa fünf engl. Meilen entfernte Stadt brachte, wo sie die gute Honour fand. Sie überlegten nun mit einander, welchen Weg sie wohl einzuschlagen hätten, um der Verfolgung Westerns zu entgehen, der, wie sie mit 183 Bestimmtheit erwarteten, ihnen nach wenigen Stunden nachsetzen lassen würde. Der Weg nach London kam der Mamsell Honour besonders lockend vor und sie meinte, da man Sophien vor acht bis neun Uhr des Morgens nicht vermissen werde, so könnten die Verfolger sie nicht einholen, selbst wenn sie wüßten, welchen Weg sie genommen hätten. Sophie aber hatte zu viel zu wagen, um etwas dem Zufall zu überlassen und trauete auch ihren zarten Gliedern nicht zu viel zu, wenn es darauf ankommen sollte, so schnell als möglich zu reiten. Sie nahm sich deshalb vor, wenigstens 20 bis 30 M. in das Land hinein zu reisen und dann erst sich nach London zu wenden. Sie miethete deshalb Pferde und ritt mit dem Manne als Führer fort, der sie begleitet hatte, und jetzt Mamsell Honour hinter sich nahm, aber seine Einwilligung nicht geben wollte, als Sophie nach einigen hundert Schritten ihren Wunsch aussprach, die Straße zu verlassen. Er hatte Mancherlei dagegen einzuwenden und in dem Gespräche hörte denn Sophie, daß der Mann unsern Helden auf der Reise hier begleitet hatte. Dies bestimmte sie sogleich, dem Führer eine Guinee zu bieten, wenn er sie denselben Weg führen wolle, welchen Jones eingeschlagen habe. Das geschah denn und die Reisenden kamen bei Tagesanbruch in Hambrook an, in dem Dorfe, wo Jones den Quäker getroffen hatte. Von da an suchte Sophie immer die Spur ihres geliebten Jones ausfindig zu machen und so gelangte sie denn, wie wir erzählt haben, in das Wirthshaus zu Upton, wo sich unser Held eben auch befand. Nachdem wir Sophie bis nach Upton gebracht haben, wollen wir auch ihren Vater mit wenigen Worten dahin begleiten. Der Squire fragte Jedermann nach seiner Tochter und begegnete auch dem Führer, welcher dieselbe nach Hambrook gebracht hatte. Von ihm erfuhr er, welchen 184 Weg sie eingeschlagen hatte und er verfolgte sie bis nach Upton, was ihm nicht schwer wurde, da er überall erfuhr, welche Straße Jones genommen habe, über den ja Partridge in allen Wirthshäusern ausführliche Auskunft hinterlassen hatte, und der alte Western nicht im mindesten zweifelte, daß seine Tochter derselben Straße folge. Er bediente sich dabei freilich nicht dieses Ausdruckes, sondern eines sehr derben, den wir nicht mittheilen können; Fuchsjäger, die allein ihn verstehen würden, werden ihn wohl auch errathen.   Ende des dritten Bandes.