Heinrich Federer Umbrische Reisegeschichtlein (1917) Inhalt:         Über den umbrischen Tiber In Franzens Poetenstube Das letzte Stündlein des Papstes Frau Agnes Die umbrische Ziege In den Bergnestern Sisto e Sesto Agostino und Roberta Eine sonderbare Silvesternacht Deutsch und Latein Das letzte Dorf Wo liegt Italien? Sibilla Pagni und Taddeo Amente Was der Hausierer Marcote erzählt Glückliche Faulenzer! Aquila Der Demokrat in der Kutte Nach Amerika Gebt mir meine Wildnis wieder! Der Heilige auf dem Paß San Benedettos Dornen     und San Francescos Rosen Santissima Trinità Eine Nacht in den Abruzzen Wasserspiele von Terni Das Zahnweh der kleinen Agna Die gotischen Eichen Im Felsenstädtchen Narni Campagna-Vision Romam Versus Die Katzen vom Pantheon Über den umbrischen Tiber Wenn nichts mehr aus der alten Zeit des Romulus und Remus redete und die letzten Jungen jener milden Wölfin von einem der vielen Abbruzzenjäger erschossen sind, und wenn die mittelalterlichen Städtekriege und die napoleonischen Feldzüge und die Amerikaner und die Museen alle Dokumente beiseite geschafft hätten, ein unbestechlicher Zeuge aus jenen Tagen bleibt: der Tiber. Und er redet noch aus der gleichen Lunge wie vor dreitausend Jahren, und er hat noch das gleiche graubraune dunkle Auge und führt noch die gleiche Hirtensprache und atmet noch den gleichen sagenschweren Duft wie damals, als Ennius von den ersten Etruskern und Volskern ein Kapitel seiner Annalen begann. Einmal bin ich nachts bei offenem Fenster in Orvieto hoch oben auf dem Berg erwacht... vielleicht vom Glockenschlag, der so silberig dünn hinter dem Riesendom hervor eine Stunde nach Mitternacht anschlug. Der große italienische Himmel sah durchs Fenster. Nicht so blitzend klar und zündend frisch wie unser nordischer Meer- und Gebirgshimmel, der, von grauen Wogen oder von dunkeln Tannen oder von hellem Schnee umrahmt, oft eine fast eisige Bläue und eine metallene Sternenkraft besitzt. Nein, der leise, weiche, wohlige italienische Himmel, wie Sammet mit feinen goldenen Nadelstichen darin. Dieser Himmel, der so schwärmerisch macht, der voll Liebesabenteuer ist, der das in such a night des »Kaufmanns von Venedig«, die Petrarka-Sonette und die Tasso-Schwermütigkeit auf dem Gewissen hat. Dantes Himmel liegt viel, viel nördlicher. In such a night bin ich erwacht. Es war totenstill um mich. Aber ein um diese Zeit selten warmes Lüftchen rann leise in die Kammer und machte mir auf einmal das Bett unerträglich. Ich sprang ans Gesimse. Wie ein Märchen aus alten Zeiten sah ich die leuchtende Kathedrale, diesen schönsten Dom der Welt, mit ihren bunten Marmorgliedern gleichsam aus dem Sternenhimmel heruntersteigen und im Dunkel der breiten, schlafenden Stadtmassen versinken. Es war unsäglich feierlich und bedrückend zugleich. Plötzlich hörte ich ein fernes, klares Rollen. Wahrhaftig, das rührt vom nächtlichen Schnellzug, der unten im Tal gen Rom braust. Jetzt, dem hohlen Gerumpel nach, ist er eben über den Tiber gefahren. Die Leute in den Wagen schlafen und träumen, den Kopf in den Polstern, vom Kolosseum und von der Peterskuppel und von Michelangelos Moses. Aber nun hören sie dieses Poltern auch und erwachen halb. Und einer sagt mit ehrfürchtiger Stimme... es ist sicher ein Geschichtsprofessor aus Bologna...: das war der Tiber! Ja, das ist der umbrische Tiber. Über seine Brücke fuhr der Schnellzug. Unten schleicht das Wasser langsam und träge wie die Weltgeschichte dahin. Ein weltgeschichtliches Wasser ist es ja auch. Und ein andermal habe ich wieder in einer solchen Nacht und wieder von einem so uralten hohen Stadtplatz aus das Rollen der fernen Eisenbahn über den Tiber gehört. Weiter oben, in Perugia! – Und der Gruß des modernen Fahrzeugs an den unmodernen Fluß klang noch poetischer als in Orvieto. Warum sollte er nicht. Hier ist der Tiber noch sagenumsponnenes uraltes Provinzwasser, dort unter Orvieto fängt schon der Weltstrom an. Aber freilich, es ist schwer zu sagen, wo er schöner ist. So unendlich gewunden und gekrümmt er auch in die Campagna hinunterläuft, er hat doch nichts mehr von der Romantik oberhalb Perugia. Eine unbegreifliche epische Einfachheit ziert ihn jetzt. Er wird schlechthin klassisch. Antike Größe atmet jede Welle. Man spürt Rom. Die internationalen Hirten werden einem lebendig, die auf den sieben Hügeln Rom erbauen, um hernach die ganze Welt zu behirten. Man hört den schweren Schritt der Kohorten Scipios, die Dekrete Cäsars, die starren Perioden des alten Latein aus dem Wogenschlag heraus. Es gibt bei diesem erwachsenen Tiber keine Unarten, wie unser Rhein sie bei Schaffhausen und wie die alte Donau sie noch am Eisernen Tor verübt. Auch keine nationale Melodie singt er, wie etwa der Don und die Wolga sie bis zum Meere behalten, wenn sie selber längst wandelnde Meere geworden sind. Aber russische Meere! Und gar nicht ziert er sich von Orvieto ab mit der Behaglichkeit kleiner Uferstädte und pittoresker Kastelle. Weder die Städtemanie des Mittelrheins noch die Lebensmüdigkeit des Unterrheins sieht man da. Kurz, dieser Strom hat gar keine Romantik mehr im Leibe. Er ist Weltmensch im Sinne des S. P. Q. R.... urbi et orbi. Wird er wie alle großen Charaktere etwa einmal melancholisch, duldet er ein Grabmal wie Trajans an seinem Wasser, so tut er es wieder mit echt antiker Größe. Das Grab wird eine Festung, das Mausoleum ein Denkzeichen römisch runder Vollkommenheit. Und am Ende seines Lebens bei Isola sacra eilt er nicht mehr und zögert nicht mehr und läßt sich vom großen alten Ozean aufküssen ohne ein Wort der Freude oder des Bedauerns. Dieser wunderbare Tiber! * Aber hier oben in Umbrien ist er noch ein anderer. Gern schleicht er durch laubige und gestrüppige Orte, neben Gärten und Weinhügeln vorbei. Er ist noch starker Provinzler. Zum Weltbürger muß er erst noch erzogen werden. Ich glaube, das geschieht durch die Chiana. Das ist ein munteres Flüßchen, hat offene Gelände mit stetem Eisenbahngetöse und fabrikreichen Plätzen durchschwommen und immer so eine seltsame großartige Gebärde gehabt. Man muß sehen, wie sie mit der Paglia zusammenfließt und nun dieses erschrockene, kurzlebige, engherzige Wasser regiert und bis zur Mündung in den Tiber, gleich unter Orvieto, drangsaliert! Dann dünkt mich die Begegnung mit dem Tiber selber ein psychologisches Meisterstück. Es ist so schön, der Begrüßung zweier Flüsse beizuwohnen wie der Umarmung zweier bedeutender Menschen. Die Chiana hat auf den ersten Blick ihrer stählernen Toskaneraugen die Bedeutung des Tiber erkannt. Man muß das sonderbare Gemurmel bei der Begrüßung abhorchen, dies Wichtigtun, dieses Drängen und Zeigen der Chiana nach dem römischen Süden und dieses Stutzen und Staunen des immer noch umbrisch verträumten Tiber. Er wollte auf dem kürzesten Weg nach Westen ins Meer fahren. Aber die Chiana überzeugt ihn. Er begreift allmählich seinen großen Beruf. Weg mit den umbrischen Sentimentalitäten, sagt er und biegt mit einer unglaublichen Wendung ins Bett der Chiana-Paglia. Das ist seine erste weltpolitische Aktion, aber auch seine erste staatsmännische Treulosigkeit. Denn kaum eine Stunde weiter oben war ihm noch ganz romantisch zumute. Bei Perugia hört man ihn noch zwischen Schilf und Wasserlilien flüstern wie einen verliebten Kauz. Vor der umbrischen Hauptstadt selbst kugelt er sich noch behaglich zusammen wie ein Kätzchen, das gemütlich schlafen und schnurren will. Und gar erst droben in den umbrischen Bergen spielt er den reinsten Träumer. Bei San Sepolcro sieht er den ersten Dampfwagen über seinen Rücken rollen. Er staunt ihn an wie ein Kind. Er studiert aus den Abruzzensagen, was für ein Fabeltier das wohl gewesen sein könnte. Erst als die Bahn bei Citta ein zweites und drittes Mal über ihn braust und ihm dann ein Stück weit zur Seite geht, dämmert in ihm der Gedanke von einer weiten, fernen Welt. Aber da springt von der Gubbier Klause herunter der Chiaggio in den Tiber, drückt und kost ihn mit seinem Rangengesichtlein, die Bahn verrollt in der Ferne, der Tiber ist wieder für lange allein und phantasiert und spaßt und lallt Märchen wie ein Büblein hinterm Ofen – nein, hier oben würde ihn niemand als den spätern harten Römer erkennen. Ich bin einmal auf verdrießlich übeln Wegen bis ins Fumaiologebirge hinaufgedrungen. Hier entspringt das herrliche Wasser. Aus Schwärmerei lief ich ihm entgegen bis zu seiner Wiege. Sein erstes Lallen wollte ich hören. Auf Ehre, es war nicht zu unterscheiden vom Geplapper irgendeines Alpenlümmels, der drei, vier Stunden weit fließt und dann mit einem leichtsinnigen Sturz an einer schwäbischen Mühle oder an einem schweizerischen Wirtshaus in einen großen, unbekannten Bach fällt und stirbt. Der Fumaiolo ist etwa vierzehnhundert Meter hoch. Nicht weit unter der Kuppe ob einem von Alter fast silbergrauen Wald, zwischen Gestein und knorrigem Wurzelboden bricht der Tiber hervor. Eine kleine, überaus klare, klingende Welle, mit den Händen fast aufzufangen. Nicht manchen Steinwurf weiter östlich müßte er entspringen, und er fiele nach schnellem, unberühmtem Gang ins Adriatische Meer, mit der Marecchia gen Rimini oder mit dem Savio nach Ravenna hinauf. Wer weiß etwas von der Marecchia oder vom Savio? Und wer wüßte dann etwas vom Tiber? Wenn aber der Tiber nicht wäre, wäre dann Rom, wäre Cäsar, wäre die Siebenhügelantike? Und wären auch wir heute so? – Wegen der paar Sprünge eines tollen, sinnlosen Bächleins weiter rechts oder links – Weltgeschichte so oder Weltgeschichte anders! Ich erbebte beim Gedanken. Ich segne mich mit deinem Wasser, Brünnlein am Monte Fumaiolo, und beuge mich tief vor dem Gotte, der dich führt. Der Gott der Geographie ist auch der Gott der Weltgeschichte. * Von Perugia hinunter geht es durch Mais, Wein und dünne Pfirsichbäumchen zur Tiberbrücke gegen Assisi hinüber. Rechts und links hat man die umbrischen Hügelketten. Aber rechts gegen Perugia sind es die sanften, geduldigen Hügel, die dem Charakter des Talvolkes so gut entsprechen. Links hinter Assisi und gar zurück gegen Gubbio sind es die schroffen, harten, knorrigen der Abruzzenleute. Und zwischendrein fließt der Tiber im letzten Jünglingsjahr. Man kann auf der Brücke bei Ponte San Giovanni bequem das Gesicht des schönen, wohlgebildeten Flusses studieren. Er ist ohne Zweifel durch viel Schule gegangen. Die Flegelei der Primarklassen, aber auch die freche Fröhlichkeit der ersten Grammatik liegt weit hinter ihm. Auch durch die Ungereimtheiten der Syntax hat er sich gerungen. Jetzt kommt die Rhetorik, das Pathos. Orator Romanus fit! Die Unterhaltung mit der Chiana bis Orte ist eine gute Übung aufs Forum. Liegt einmal der klassische Soracte im Rücken, dann ist der Civis Romanus, der Homo Universalis fertig. Der Spaziergang von Perugia quer durch das Tibertal nach Assisi lohnt sich reichlich. Ab und zu lodert ein rotes Kopftuch oder eine hellblaue Schürze aus den Fruchtsträuchern. Oder es sitzen Männer am Boden und essen ihren Reis. Nie machte ich den Weg, ohne auf Buben zu stoßen, die durch die Stoppeln musizieren. Was spielen sie doch? Es ist die Holzpfeife, die Mutter der Instrumentation. Die Weise tönt sanft wie alle Hirtenweisen, idyllisch und mit der dunkeln Farbe einer leisen Melancholie durchtränkt. Diese gedehnten Melodien mit ihrer verlöschenden letzten Note passen zum langsam freundlichen Tiber hier. Sie sind seine letzte Sentimentalität. Und zu seinen letzten romantischen Träumen passen auch die Menschen hier. Alle sind so mager, knochig, von der Sonne nur leicht gebräunt, und alle mit einem milden Blick. Wer das Bolognesenauge kennt, das schwarze, stolze, oder das goldbraune unheimliche venezianische, der glaubt hier Heilige zu schauen. Man wehrt sich umsonst dagegen, der Held dieses Landes, Franz von Assisi, mit seinem heiter-ernsten Weltbettlergesicht kommt einem immer in den Sinn. Er ist hier der herrschende Typ. Solche Leute an beiden Ufern hat der Tiber natürlich nicht zu fürchten. Sie hemmen und bekämpfen ihn nicht. Sie lassen ihn fahren. Sie haben zu allen Zeiten mehr gelitten als geplagt, mehr entbehrt als genossen, mehr verzichtet als beansprucht. Etwas wie Ergebung liegt über dieser Rasse. Es ist wohl möglich, daß dies dem Tiber auffiel. Daß er sich sagte: So bringst du es gleich den Menschen da nirgends hin. So schläferst du deine Zukunft ein. Die Menschen von da unten haben kühnere Mienen, einen härteren Schritt und eine festere Sprache. – Es ist möglich, daß der Fluß da zum erstenmal aus seiner umbrischen Gleichmütigkeit erwachte und die nahe Chiana nicht mehr schwere Mühe hatte, ihn gänzlich römisch zu stimmen. Ja, er will jetzt reden, endlich einmal laut reden, so laut wie noch niemand vor ihm, wie die Cornelier und Gracchen und Cicero und Cäsar zusammen. Sicher, hier an der Brücke zwischen Assisi und Perugia faßte er schon den heimlichen Entschluß, hinfür kein Umbrier, sondern ein Römer zu sein. In Franzens Poetenstube Der gottvolle Tuchhändlersohn von Assisi, Bruder Franz, hat die umbrischen Berge kreuz und quer durchlaufen. Es gibt vielleicht kein Bächlein, das er nicht angeredet hat, keinen alten Baum, an dem er nicht zu den Vogelnestern emporgeklettert ist, um von diesen losen Burschen das einfachste, unbesorgteste Lied zu erlernen. Oft war er drei, vier Wochen vom Konvent weg. Aber seine Jünger beunruhigten sich nicht darüber. Das war eben Bruder Franz, der Herumschweifer und Herumstreifer des lieben Gottes, der heilige Vagabund. Wenn Schnee in den Höhen fiel, ging er hin und grüßte seinen keuschen Bruder Schnee. Und wenn er irgendwo Asche fand, so küßte er die gier- und sündenlose Schwester Asche. Vetter Specht und Base Drossel kannten ihn wohl, und er nannte nicht bloß die Banditen, sondern neben Hase und Fuchs auch den gefräßigen Wolf seinen Bruder. Er war ein Urmensch. Was die Künstlichkeit der Kultur und ihre Irrtümer an der guten alten Natur verdorben hatten, so zwar, daß wir fast allen innigen Zusammenhang mit dem Wasser und dem Licht und der Luft und dem Wind und der lieben feinen Tierseele verloren haben und so stehen, daß wir entweder tyrannisieren oder tyrannisiert werden – und ach, damit haben wir mehr verloren, als wir an der Elektrizität und der Farbenphotographie und dem Luftschiff je gewinnen können –, das besaß Franz noch alles. Er sah gar keine Scheidung, keine Fehde, er war noch eins mit dem allem. Der große Bildhauer und Tierfreund Troubetzkoy hält freilich auch heutzutage noch ungezähmte, undressierte Wölfe und Bären und sogar Luchse in seiner Stube und behauptet, er lebe in Frieden mit ihnen. Man müsse diese Bestien nur verstehen lernen und lieben. Aber doch auch Troubetzkoy hält immer Halszwingen und Maulkörbe bereit und läßt keines seiner Kinder neben einer Wildkatze schlummern. Franz jedoch konnte ohne Peitsche und Stecken durch die Wildnis gehen. Kein Tier hat ihm was Leides an; er kam mit Marder, Bär und Vetter Wolf sehr gut aus. In den wildesten und obersten Waldtälern des Gran Sasso soll es heute Bären und jedenfalls Wölfe nicht so selten geben. Doch zu Franzens Zeit wimmelte es bis ins Vorgebirge von bösen Tieren. Besonders die Wölfe hausten furchtbar. Aber wie man etwa vernimmt, daß ein naives, braves Menschlein unter Menschenfresser geriet, doch geschwisterlich gehalten und sogar an die Spitze des Stammes gestellt wurde, weil die Insulaner die echte, unschuldige Liebe dieses Weißen als etwas ganz Gewaltiges und Unbesiegliches verspürten, so wird es auch etwa bei den Tieren sich verhalten. Auch die Tierseele merkt gleich, ob ein Mensch noch unschuldig ist. Schon unter den Menschen heutzutage, wo immer zwei Fremde sich treffen, ist das erste Gefühl: Gegnerschaft! Rede einen wildfremden Menschen auf der Straße an, seine erste schnelle Miene zeigt Abwehr, Verteidigung. Erst die Höflichkeit deiner Worte beschwichtigt ihn. Er wird das Feindselige aufgeben, aber mit unbrüderlicher Förmlichkeit, und er wird meist recht kühl antworten. Erwiderte er dir mit Wärme, ja mit hübscher Zutunlichkeit, so würde der Städter spotten: Seht da, noch ein Rustikanus! Ein Kind vom Kartoffelland! Wenn solches unter Menschen schon geschieht, wieviel mehr bei den uns fremden Tieren, den Pflanzen, den Naturgewalten. Sie müssen wir einfangen, festlegen, ausnutzen. Das Wasser und das Licht, das Tier und der Baum müssen uns Sklave sein, nicht Freund! – Aber das gerade verstehen diese einfachen, gesunden Geschöpfe nicht. Daher Trennung, Zwiespalt, Haß zwischeneinander. Der Mensch will niemand dienen, dem Wasser nicht und der Luft nicht und nicht dem Tier. Aber ihm soll alles dienen. Als ob er noch der Paradiesmensch wäre, dem alles unterworfen ward. Diese gewalttätige Ausnahme macht alles Nichtmenschliche zornig gegen uns, so daß das Wasser ab und zu ein Land und Volk verschwemmt, oder der Blitz eine Stadt einäschert, oder ein Heuschreckenschwarm eine ganze Provinz verheert, oder ein Hagel alle Saat vertilgt, und selbst einer Mücke ist es gegeben, mit einem feinen, leisen Stich den größten Riesen und Prahlhansen ins Grab zu strecken, sicherer und grausamer, als ein Achillesspeer es könnte. Über das alles habe ich oft nachgedacht, wenn ich durch das umbrische Schluchtengebiet wanderte. Ein Wässerchen rieselt irgend aus einer Grube mit kleiner, silberner Melodie, und der Wind singt so fein, und alle übrige Natur ist so still, und stundenlang begegnet einem kein Mensch. Das war Franzens »Alleinsein mit der Seele«. Gibt es noch ein so schönes Wort in unserer Sprache wie dieses? Und Franzens sehr vornehmer und feiner Bruder, Bernhard von Quintavalle, der auch über die Maßen gern einsam spazierte, aber lieber auf den Kuppen und Gräten des Gebirges, der sagte dem: »Die Dinge von oben beschauen«. Auch das ist prachtvoll gesprochen. Ha, es war eine großartige Zeit! Alles wollte Ritterburgen bauen oder Marmordome errichten oder berühmte Gesänge schaffen oder mit den schlauen Genuesern und kecken Venezianern auf reichen Handel ausgehen. Man hatte gerade auf den Kreuzzügen die Seide von Brussa und die Spitzen von Ispahan kennengelernt, den wundersamen Damaszenerstahl und die Glut des Smyrnaweines erfahren. Eine internationale Vergnüglichkeit und ein internationales Handelsfieber ward jetzt zum erstenmal laut. Besitz, Besitz! Der fängt jetzt an. Schwertehre und Amtstitel nehmen vor dem Kapital den Hut ab, und Walter von der Vogelweide ist überglücklich, daß ihm der Staufer endlich ein paar Schuh eigenen Boden und ein kleines Betriebsgeld dazu gibt. Und da kommt nun dieser Franz und lacht den Besitz als überlästige und ganz unnötige Quälerei aus und läuft der Armut nach und wird ihr erster nobler Freier, ein unvergleichlicher Ritter von Habenichts. Als Goethe in Assisi weilte, wußte er das alles nicht. Er kannte Franz zu wenig. Sonst hätte er wohl einen Zusammenhang mit der ihm so lieben Einfachheit der Antike wahrgenommen. Franz dünkte ihn bloß ein Eiferer, der Vater aller dieser oft so häßlichen geistlichen Krambuden und frommen Prellereien in den Gassen der Wallfahrtstadt; ein schwärmerischer Geist und ein Phantast, der immer in Sturm und Drang lebt, dessen Blut immer schäumt, statt sich endlich ruhig abzulagern, der nie solider Philister wird. Das mißfiel Goethe, der gerade um jene Assisizeit herum anfing, seine Philisterhaut abzutun. Sokrates war ihm die Gesundheit, Franz das Fieber. Heute würde Goethe ohne Zweifel nicht mehr so schreiben. Er wüßte jetzt, daß dieser Franz nicht bloß seiner Kirche ein Heiliger, sondern der ganzen Welt ein genialer und gewaltiger Kulturmensch geworden ist. Vielleicht würde Goethe trotzdem auch heute noch sich in seiner Steifheit weigern, das Franziskanerkloster zu betreten, auf die Gefahr hin, der Cimabue und Giotto verlustig zu gehen. Aber anerkennen würde auch der Alte von Weimar, wenn er nur ein bißchen umbrisches Land und Volk durchstreift hätte, welch ein großer Naturfreund und Naturpoet der Poverello gewesen ist. Die Berge sind kahl, aber in den Schluchten und Klusen, wo die Quellen sich durchbrechen, da wächst ein Gebüsch und niedriger Wald. Es gibt da hunderterlei Gehölz. Und das nimmt zu, wo Feuchtigkeit und Schatten wachsen, gegen die tieferen, engeren, hinteren Täler. Und so wechseln, je tiefer man hineingeht, um so lustiger Felsen und kahle braune Halden mit belaubten Schlupfwinkeln, umwucherten, dunkelgrünen Bächen und knochigen Erdhöhlen. Weiter im Gebirge plätschert schon überall etwas Wasser, raschelt überall ein wenig Blätterwerk um uns. Der dichte, hohe, duftige deutsche Wald mit seinen Kohlenmeilern, Schneewittchen, Rotkäppchen ist hier freilich nicht zu finden. Aber es gibt doch auch hier noch kleine Dickichte und recht tiefe, dunkle Gründe und dann und wann ein Plätzchen, wo der heiße Himmel nicht bis zu Boden dringt. Manchmal stößt man doch auch noch auf einen richtigen Wald, auf Buchen und Eichen, und wie diese grünen nordischen Forste dann in die goldige Luft des Südens ihre Häupter recken, das ist jeweilen immer ein seltsames Anschauen, ist wie tiefe Nachdenklichkeit an einem lauten Fest. Dann und wann begegnet uns ein Steinbrecher, ein Holzhacker fast nie. Aber beerensuchende Leute gibt es doch auch und Kräutersammler und etwa wilde, magere, graue Hasen. Vögel hört man kaum. Dafür den summenden Schwarm der Käfer und Schmetterlinge. Überhaupt die kleine Tierwelt regiert hier, und du triffst die wunderlichsten Mücken mit Stahl- und Glasflügeln, die Wasserjungfern surren dir gewaltig ums Ohr, Heuschrecken rennen dich mit heldenmäßigen Kniesprüngen an, die naiven, dunkelgrauen Blindschleichen, Eidechsen von aller möglichen Geschecktheit, borstige, gelbgetüpfelte Graswürmer, Schnecken mit prachtvoll geäderten Häuschen auf dem Rücken, Molche wie glänzender Teer, orangenglühende Salamander, Frösche in einer ewigen Abwechslung von Todesangst und Lebenshumor und schöne, goldstriemige Kröten mit ihren Smaragdaugen und dem steifen Glauben an ihre Unsterblichkeit, das alles wimmelt bunt durcheinander. Zuweilen hört man ein Rebhuhn oder einen Fasan krächzen. Zuweilen begegnet einem auch aus einer Bergvilla ein geschmeidiger Mensch mit neunzehnjährigem Flaum auf der Lippe und einer eleganten Flinte in der Rechten. In seinen Augen glänzt die Ermordung ganzer Tiervölker. Aber in seiner Jagdtasche liegt ein einziges, mit Schrot durchschossenes Lerchenjunges. – Er schleicht weiter. Dann wird es wieder still. Das ist das Poetenstüblein des heiligen Franz von Assisi. Von Hunger und Kälte ist hier keine Rede. Dem Poeten reicht die Natur überreiche Almosen. Da gibt es wilde Feigen und Kirschen, süße Kastanien, ganze Plätze voll Erdbeeren, gutes Wasser, safrangelbe Wurzeln des Süßholzes, und viele eßbare Kräuter wachsen ringsum. Ein paar Tropfen Öl und Essig, und man hat einen Salat ohnegleichen. Und wie billig sind die Reis- und Maiskuchen! Wenn du sie in ein Bächlein tunkst und zu jedem Bissen eine Pfirsichscheibe issest, so glaubst du, wie Salomon zu tafeln. Auch im Dezember wird es nicht so arg kalt. Auf den hinteren Höhenzügen der Abruzzen fällt freilich Schnee. Aber bis in diese Hügel und Täler hinunter wallen nur selten die weißen Winterblüten, und am Morgen um neun Uhr ist alles wieder an der umbrischen Sonne geschmolzen. Ich muß gestehen, eine solche Einfachheit und Armut, wie Franz sie hier herum predigte, läßt sich im Norden kaum denken. Man friert dort und hungert, und der größte Aszet muß wenigstens aus einer Bäckerei ein Brötchen holen und ein paar Scheiter im Ofen haben. Und das allein, daß wir zu wenig Sonne und keine wilden Fruchtkörner zu schmarotzen haben, das allein hindert uns Nordländer schon gewaltig, so spatzeneinfach und franziskanisch zu leben. Es sind denn auch die meisten großen Armutsprediger aus dem Süden gekommen: Benedikt und Dominikus mit unserem lieben Franz. Auch Ignatius von Loyola. Und in einem Lande der Wärme hat auch Christus sein Evangelium begonnen und seine Missionare geschult. Im Norden wäre es viel schwieriger gegangen. Da hätte sich wohl jeder Apostel zu Hut und Stab noch soundso viele Scheffel Weizen und soundso viele Bengel Heizholz und soundso viele Ellen wollenen warmen Wintertuchs ausbedungen. Nein, im Süden hat man fürwahr leichter, arm und heiliger Aszet zu sein. Nur schon, weil man nicht frieren muß! Ach, wenn man friert, so hungert man auch, und so erlahmt der innere Schwung, erstickt die Energie, erlöscht die edle, heilige Flamme Begeisterung in uns. Bei zehn Grad unter Null schreibt man keine glühenden Hymnen mehr. Seuse, der liebste aller deutschen Heinriche, hat doch immer eine warme Zelle in Konstanz bekommen, und Thomas Kempis erhielt wenigstens eine warme Fastensuppe zu Mittag. Ohne das hätten wir sicher keine »Nachfolge Christi«und kein Horologium sapientiae empfangen. Auch bei den Heiligen hat die Erde viel zu sagen. Das Leibliche ist auch ihnen eine große Sache, Last und Lust, Hilfe und Hinderung zugleich. Und so muß es sein. Ist der Marmor schon dem Bildhauer nicht gleichgültig und bestimmt mit seinem Korn und Geäder mehr von der Schöpfung mit, als man ahnt, wie sollte dann der wunderbare Lehm des Menschenleibes nichts für unsere Werke und Ideale zu bedeuten haben? Das letzte Stündlein des Papstes Innocenz des Dritten Der grosse Innocenz lag am Nachmittag des heissen 16. Juni 1216 im erzbischöflichen Palast von Perugia, auf erhöhten Lagern, bei offenen Fenstern in den letzten Zügen. Jäh war es über den blühenden Herrn gekommen und hatte ihn aus grossen Plänen und einem Tisch voll noch nasser, weltregierender Diktate ins Sterben geworfen. Eine Orange zur Unzeit, Fieber, verwirrter Medikus und der Tod, das ging in einen halben Tag. Er sah vom Kissen aus das Tibertal zu den Gesimsen heraufleuchten und drüben die kleinen Stadtnestlein Assisi, Spello, Foligno und Trevi von den Gebirgshängen winken. Aber reden, schreiben, auch nur noch mit dem Finger deuten konnte der Sterbende nicht mehr. Steif und still lag er da. Unter den Fenstern auf dem Pflaster hörte er die Rosse trampeln, Wagen vorfahren, Eilboten im Galopp den Hügel hinunter nach Rom rasen. Er hörte die Ärzte arabische Phrasen gegeneinander schimpfen und dazu mit ihren langen Röcken rauschen. Und das Hofgesinde und die Prälaten hörte er flüstern: »Er ist aus reichem Haus und ein grosser Sparer gewesen. Wer kennt sein Testament? Was vermacht er uns?« – Und übel klang dazu, wie man sich schon um die Schlüssel zu dieser und jener Truhe sorgte. Aber noch viel übler war das fromme, ängstliche Durcheinander anzuhören: »Gott, was wird aus unserer heiligen Kirche? – So jung der Kaiser, so furchtbar der Muselman, so nötig unser Papst wie die Sonne am Himmel! Wer soll seinen Stuhl füllen? Die Welt fällt auseinander.« – Das und alle die tausend Geräusche, die das Abtreten eines Grossen und das Kommen des Nachfolgers begleiten, hörte er mit dem so feinen Ohr der Sterbenden. Aber er lachte in seine grosse Seele hinein. Ach, was war doch dies alles für Torheit! Drüben glänzt Assisi. Dort lebt der Mann, der für diesen Augenblick allein noch passt, Wo ist Franciscus, der Bettler? Franciscus her! Ach, wenn er ihn doch rufen könnte! Der stand einmal vor seinem Stuhl in Rom und fragte demütig: »Herre Papst, dürfen wir arm sein?« Der junge Papst schüttelte damals verwundert seinen lockenbraunen Kopf. Die Hofschranzen aber spotteten laut. »Dürfen wir von der Armut leben?« wiederholte Franz. Innocenz lächelte fein. Was war das für eine Speise, die Armut? Was für ein neuer Reichtum, das Nichtshaben? »Herre Papst, so meine ich’s: Darf ich eine Familie gründen aus lauter Freiern? Aber nicht aus Freiern um adelige Töchter oder um Bischofsmützen oder um Baronate! Ach nein, aus Freiern um die schöne, reine, selige Frau Armut. Dürfen wir vom Almosen leben? Und daneben wie die Vögel und die Eichhörnchen im Walde hausen, die bequeme liebe Erde zu Stuhl und Tisch und Bett und Studierpult und Futterplatz nehmen? und das Summen und Brummen der Tierlein zur Musik und das Wasser zum Spiel? Und dürfen wir uns so sorgenlos der Natur und ihres Bauherrn freuen? Und weil ganz gewiss so eine Armut allein der wahre Reichtum ist: dürfen wir unser köstliches Freiertum auch andern predigen? etwa den Schwitzenden und den Belasteten? den Verdrossenen und den Geizhälsen und den Schlemmern? Damit alle einfach werden? Denn einfach sein, ist wie das Evangelium sein, ist selig sein. Dürfen wir, Herre Papst, sag, dürfen wir?« Das sang und drang in des Heiligen Vaters Herz wie mit Vogelstimmen. Es war vor wenigen Jahren. Wie gut weiss er es noch! Und wie sieht er noch immer deutlich jenen blassen, jungen sonnigen Mönch in der staubigen Kutte mit seinen zwitschernden Gesellen vor ihm stehen und so fröhlich betteln, als hätte er den blauen Himmel im Auge und einen Engel auf der Zunge. »Aber ihr fallet den Menschen zur Last mit euerem Betteln und leidet dann Not und haltet es nicht lange aus!« »Lasset uns nur machen, Herre Papst, es wird schon gehen. Wenn es den unwissenden Vögeln gelingt, so einem Spatz und Gimpel sogar, warum nicht auch uns schlau-einfältigen Geschöpfen?« Da liess Innocenz sie gewähren. Und als die Mindern Brüder mit ihrem herrlichen Wald– und Harzgeruch aus dem Marmorsaal des Lateran hinausgesprungen waren und nur noch ein leises blaues Wolkendüftlein von ihnen an der Diele hing und still verschwebte: da fühlte der Heilige Vater zum erstenmal wieder, seit er die weisse Papstseide trug, dass es noch Grösseres gibt als die grelle Glorie seiner Regierung: Einfachheit der Seele, Franzens, des heiligen Habenichts, Einfachheit. Jetzt aus all der verschachtelten und verwinkelten Krämerwelt hinaus in die Nähe des Todes gerückt, fühlt er wie Heimweh einen Hauch dieser Einfachheit über sich kommen. Sehnsüchtig blickt er über die Bettpfosten am Fussende hinaus und hinüber nach Assisi, wo der Heilige nun schon jahrelang mit den Vögeln und Füchsen und Jüngern lebt und wirkt, der Adam einer neuen Schöpfung. Wenn doch jetzt dieser arme Franz da wäre und zu ihm ein Wort vom Frieden der Seele reden wollte, jetzt in diesen paar so wichtigen letzten Minuten! Die Umgebung sieht, wie der Schweiss aus der kühlen, bleichen Stirne des Papstes rinnt und wie sein Auge quälerisch etwas sucht. Was möchte er wohl? Ob er kühles Wasser wolle oder den Erzbischof Baldi oder seinen treuen Hofkaplan? Nein, nein, nein, nichts dergleichen. Ach, könnte er nur den einen Namen rufen! Ob man ihm etwas vorbeten solle? Seine schwarzen grossen Campagnaaugen sagen ja. Aber vorbeten sollte der grosse heilige Bettler. Das wäre ein Gebet wie von einem Riesen. Man betet mit brennenden Kerzen ums Bett aus den alten gewaltigen Psalmen. Wie das dröhnt beim hundertsten Satz: »Nimm mich nicht aus der Mitte meiner Tage weg!« – Und wieder beim neunzehnten: »Die kommen mit Wagen und die mit Rossen – ich aber im Namen des Herrn!« Oh, das alles erlöst nicht. Innocenz möchte eine mildere Sprache, er möchte das Wort Figliuolo hören, wie es Franz von Assisi so süss sagen kann, und Padre und Patria, wie er allein es so heimatlich ausspricht. Unbefriedigt irren seine Blicke umher und haften dann immer wieder an den fernen, schimmernden Mauern von Assisi. Da fällt endlich einem Kleriker ein, dass der wunderbare Franz von dort drüben zurzeit in Perugia weile. Man hat ihn noch am Vormittag mit Bettlern auf der Piazza spielen sehen. Er ist ein Narr und ein Heiliger. Vielleicht könnte der noch helfen. Und vielleicht ist es das, was der Sterbende sucht. »Soll man den Poverello holen, Heiligkeit?« Innocenzens Augen leuchteten vor Freude. Und ein Erzpriester von San Lorenzo rennt hinaus und sucht nach Franz durch alle Schnörkel der Stadt. Umsonst! Er läuft in alle Schenken! Torheit! Endlich findet er den Bruder hinten im Spitalhof, wie er einem Siechen Suppe schöpft und zu jeder Kelle ein prachtvolles Sprüchlein weiss. »Saget dem Papst«, wendet sich Franz heiter gegen den Prälaten, »ich könne nicht kommen. Ich müsse der Kranken warten. – Unser grosser Papst hat hundert Diener. Aber Nazaro hier, der Blinde, hat niemand, der ihm gut und höflich servierte.« Der Heilige Vater nickte leise mit den Augen auf diesen Bescheid und wartete geduldig. Als er dachte, Franzens blinder Krüppel sei nun wohl gut und höflich serviert, sandte er wieder hin. Und diesmal ging ein Erzbischof. Wieder suchte man lange auf und ab. Endlich traf man den Heiligen an der alten Stadtmauer zur Porta Nella hinunter in einem Rudel Gassenkinder. Franz teilte ihnen zusammengebettelte Orangen und Feigen und Brötchen aus und erzählte, während sie mit grossen, weissen Zähnen alles appetitlich assen, Geschichtlein auf Geschichtlein von hohen und mächtigen Kindern der Bibel, also vom gewaltigen Hirtenbuben und Schleuderer David, vom übermächtigen Knaben Simson, der Löwen mit blosser Hand erwürgt; dann vom viel feineren, hübschen und unsinnig schlauen Daniel und von den hellhaarigen, grossartigen sieben Söhnen der Makkabäerin, die über Feuer und Messer wie über ein dummes Spielzeug lachten. – Und immer klatschten die kleinen Zuhörer in die schmutzigen Hände, schrien: »Bravo Davide! bravo Daniele! bravissimo piccolo figlio Maccabeo!« und flehten dann: »Noch ein Geschichtlein, nur noch eines, Bruder Franz! Es ist so schön, was du da alles weisst. Wir wollen es nachmachen, sicher! Also denn, was war’s mit dem kleinen Krausebürschlein Giovanni Battista?« »Saget dem Papst«, unterbrach jetzt Franz seine Kinder und verneigte sich ehrsam vor dem Erzbischofe, »ich könnte wirklich nicht kommen. Ich müsse Kinder lehren. Unser Heiliger Vater ist ja weiser als alle Kinder und Greise. Er braucht keinen Lehrer. Er ist der Lehrer der Lehrer. Und wenn er sich doch einen klugen Spruch will sagen lassen, so hat er ja ein Dutzend Doktoren von Paris und Bologna um sich. – Und nun, ihr lieben losen Jungen, gebt acht, was ich euch vom kleinen Battista ... » Schmerzlich verzog Innocenz den feinen Mund auf diese Meldung und wartete, bis Franz alle Geschichtlein von mächtigen, heiligen Kindern den Perugierschlingeln unten an der Mauer erzählt hatte. Er galt dem heiligen Bruder also weniger als Blinder im Spital oder als irgendein ungehobelter Gassenbengel! Das war sehr betrübend. Aber Innocenz demütigte sich und glaubte, Franz tue recht. Und als er meinte, die Kinder hätten nun alle schönen Geschichtlein gehört, da sandte er, fast gar schon ohne Atem und Herzschlag, noch einmal dringend hin. Franz möge jetzt doch um alles kommen! Der Papst sterbe, wenn er zögere. Es sei doch etwas Grosses, wenn ein Papst rufe. – Diesmal waren es zwei Kardinäle in langen, brennendroten Purpurschleppen. Doch Franz befand sich schon nicht mehr bei den Kindern, sondern war durch den Garten des reichen Baglioni spaziert, als wäre der sein Gut. Und da fand man ihn mitten im Weglein zwischen den hohen Rebstangen stehen und eine Spinne trösten, der er unachtsam die silberne Hängebrücke von einem Busch zum andern zerrissen hatte. Nun flatterten die Reste traurig im Winde. Franz zog aus seinen zerfaserten Ärmeln so lange dünne Fäden, als er nur konnte, und suchte mit Bedacht und Fleiss sie zu verschlingen und mit den Enden zu verknüpfen und der Kreuzspinne so den Weg hinüber wieder ordentlich zu flicken. »Saget dem Papst, ich müsse doch wahrhaft dem Spinnlein den zugefügten Schaden wiedergutmachen. Der Heilige Vater hat mich nicht so nötig. Hundert Nachfolger warten auf sein Sterben, um gleich an seinem grossen Faden das Netz Petri weiter zu spinnen. Oder zu flicken, wie es ihnen gut scheint. – Aber du, zierlich gesprenkeltes Spinnlein, hast wohl Hunderte, die dein Gewebe zerstören; aber niemand, der es wieder flickt. Da muss schon der dumme Franz herhalten.« Und er fuhr fort, sehr feine Fasern aus dem Ärmel zu zupfen und zu verknüpfen und über das Laub zu ziehen, indessen die Spinne mit ihren hundert dankbaren, schwarz funkelnden Augen dem seltsamen Gehilfen vom gezahnten Rand eines Blattes auf jeden Finger sah und sich an dieser menschlichen Plumpheit köstlich ergötzte. Diesmal wagten die Boten nicht heimzukehren und zu sagen, Franz habe ein garstiges Ungeziefer dem heilig und dreifach Gekrönten vorgezogen. Sie warteten also, indem sie bald an der seidenen Schleppe zogen, wenn eine Schnecke darüber kriechen wollte, oder eine Fliege abwehrten, die auf ihr goldenes Brustkreuz sich geradwegs hinsetzte, weil es so funkelte in der süssen, gelben, umbrischen Vespersonne. Dann horchten sie wieder gegen San Lorenzo hinauf, ob dort vom Schalloch die Totenglocke immer noch nicht anschlage! – Endlich war Franz mit seiner Feinweberei fertig. Die Spinne bedankte sich durch ein munteres Gezappel der Füsse und durch ein gewaltiges Gefunkel der hundert Äuglein. Gehen wir jetzt«, sagte Franz fröhlich, nachdem er ringsum weder einen Krüppel noch ein Kind, noch ein Tierlein oder sonst was Bedürftiges sah, dem er etwas zulieb tun könnte. Indessen lag Innocenz hochauf in den Kissen, dem Fenster und den Bergen von Assisi zugewandt. Und es fiel gerade die Sechsuhrsonne, die tiefgelbe, umbrische, auf die päpstliche Krone zu Häupten des Bettes. Das Geschmeide flammte auf wie eine zweite Sonne und tauchte das ganze Gemach bis in die hinterste Ecke in einen seltsamen, goldig–dunkeln Dunst. Der Papst horchte auf jeden Tritt über das Strassenpflaster unter dem Fenster. Plötzlich öffnete er die Augen weit und lächelte. Von allen andern Füssen unterschied er das leichte Holzschuhgeklapper des Bruders Habenichts. Er atmete schon den Wald– und Heideduft und das Paradieslüftchen dazu, das von Franz ausging. Seine feinen, bleichen, seidigen Lippen öffneten sich leise wie zum Grüssen. Aber auf der Schwelle blieb Franz jählings stehen und hielt die Hände wie geblendet vor das Gesicht und sagte: »Herre Papst, da kann ich nicht hinein.« Man rief, drängte, stiess. Was soll nun das? Warum spielte er jetzt wieder den Sonderling? Ist dies die Demut des Gottesknechtes, sich so zu gebärden? Warum, warum doch kann er nicht hinein? »Mich blendet die Erde allhier«, antwortete der Poverello einfach. Da hoben sie die Krone weg, und es wurde dämmerig im Saal, und Franz konnte hereinkommen. Er kniete vor den Papst auf beide Knie nieder wie ein Kind. Und Innocenz lächelte so zufrieden, wie er seit der Siegeskunde von Tolosa nie mehr gelächelt hatte. Ihm war, es knie ein Cherubim an seiner Seite. Franz aber begann: »Vielglücklicher, Heiliger Vater, nun sagt Ihr: Fahr wohl, Welt! Aber da knistert und rauscht und schmeichelt sie noch immer um Euch, so dass der Himmel nicht recht herzu kann.« Sprach’s und zog dem Papst, der immer fröhlicher dreinsah, das seidene Schulterröcklein und die goldene Kette und sogar die breite, golddurchwirkte, schwere Stola ab. Alles sah zu und entrüstete sich und wagte doch keine Widerrede. Aber Franz warf seinen braunen, von so vielen Bettelreisen verstaubten und von so vielen Gassenbuben verunglimpften Mantel ab und legte ihn dem Papst über Brust und Schulter. Dann blickten sich die zwei lange in die Augen und durch diese offenen Fenster in die tiefste, heimlichste Seele, der oberste Gebieter und der unterste Knecht auf Erden – und beide verstanden sich. »Rede doch mit ihm«, gebot der Kardinalbischof von Ostia. »Deinen Trost will er haben.« »Von der Schlacht bei Navas de Tolosa sag ihm! Hunderttausend tote Heiden! sag das!« schrie der Graf von Benevent. »Oder vom Kreuzzug nach Byzanz!« meinte ein flämischer Baron. Franz zog ein paar Spinnfäden mit höflichen und feinen Fingern aus seinem Bart und zog sie dem Papst über das noch immer braune, krause und jetzt vom Sterben ganz nasse Haar. So andächtig tat er das, als wären diese grauen Fäden das Köstlichste der Welt. »Seht, Herre Papst«, sprach er dann munter, »es bleibt Euch nichts von allem Rom und Weltreich. Ja, von allem grossen Spinnen und Weben und Sorgen über Alpen und Meere hin bleibt Euch weniger als meiner Schwester Spinne drüben in den Weinlauben.« »Nicht so musst du reden«, schalt da der ritterliche Bischof von Pisa. »Von den Bannstrahlen sag ihm lieber, die über den Gotthard in den deutschen Schnee flogen; von den getrösteten Königinnen zu Paris und Leon, und solches mehr! Das klingt fürs Leben und Sterben schön.« »Und doch«, fuhr Franz fröhlich fort, ohne im geringsten auf den Hoftross zu achten, »ist Euch Köstliches geblieben und das Beste von allem, Herre Papst: die reine Armut! Da nehmt dieses Fetzlein Spinnfaden! So arm seid Ihr. Ein Bettler in Trastevere ist dagegen ein Krösus.« »Basta ... vom Konzil im Lateran erzähle!« mahnt der Statthalter von Spoleto. »Vom Krieg gegen die Ketzer!« eifert Montforts junger Vetter. Aber Franz sah die vermehrte Freudigkeit des Heiligen Vaters wie einen hellen Sonntag über die Stirne ausgebreitet und plauderte unverdrossen weiter: »Vergesset das alles, was Eure guten Herren da fabulieren. Und kehrt lieber zurück in Euere Jugend. – Da hast du«, begann er den Papst mit einem Mal zu duzen, »ein Büchlein geschrieben, lieber Bruder, weisst du noch?« Jetzt lag nichts Politisches und Staatsmännisches mehr im Papstgesicht. Ein junges, weiches Lächeln überzog alle Härte dieses Marmorkopfes. Wie ein Kind sah der grosse Innocenz aus. Denn er sah sich als feurigen, frühreifen Knaben, vom Wein und von der Minnemusik im elterlichen Palast hinauslaufen in die tiefen Rebenstauden des Schlosshügels von Segni und nachdenken, was mehr sei als so ein erhobener Becher und so ein geharfnetes Liebeslied und so ein bunter und doch schwermütiger Campagnertanz. Und wieder sah er sich nachts im Bücherzimmer seines Vaters sitzen und über dem Ekklesiastes studieren, wenn der Docht schon heruntergebrannt war und seine Adelsgenossen sich zechmüde nach Hause trollten – sah sich da sitzen im Finstern und nachsinnen über das, was das Genie aller Zeiten nie Grösseres lehrte: einfach sein! Und der Sterbende besann sich gut, wie er damals voll stürmischer Begeisterung anfing, rauhe Kleider zu tragen und das Wenigste und Gewöhnlichste zu essen und zu trinken, was durchaus zum Leben gehört; und die hochlehnigen, weichen Stühle zu fliehen und ein Werklein zu schreiben: De contemptu mundi. Ah, er weiss jetzt, dass er nie so glücklich war wie damals beim heissen, herzklopfenden Niedergekritzel jener wenigen Blätter. Sie machen ihn jetzt glücklicher als die gebogenen königlichen und kaiserlichen Knie seines ruhmvollen Pontifikats. Es war schon nicht mehr irdische Heiterkeit, es war eine andere, erdfremde Sonne, die auf seinem erblassenden Antlitz leuchtete. »Bei allen Söhnen der Armut und bei allen Töchtern der heiligen Einfachheit«, sagte Franz, »wird dein Büchlein gelten. Deine Staatspapiere lärmen sich bald aus und liegen stumm in den Archiven wie Leichen im Sarg. Aber das Büchlein bleibt, solange der Weg vom Staub zum Geist und von der Erde zum Himmel durch das heilige Tor der Armut geht!« Innozenz lag wie in Verzückung. »So vollende denn diesen Königsweg, Herre Papst und Herre Bettler. Geh im Frieden! Um dieses Büchleins und seiner Stille willen wird dir viel Lärm verziehen werden.« Damit fasste Franz die schon erkaltete Hand des Papstes, so wie man den Freund, der eine weite, gar stattliche Reise unternimmt, an der Hand fasst, als sollte er uns doch um der Bruderliebe willen aus dieser winkligen Langeweile heraus mitnehmen in seine helle, tapfere, wunderbare Strasse hinaus. Die schlanke Gestalt des Papstes tat einen leisen, feinen Ruck vom Kopf bis zu den Füssen des Bettes, dass es wie ein silbernes Leuchten durchs Zimmer ging, und öffnete den Mund und liess fröhlich das letzte Lüftchen entgleiten. Und niemand hätte seiner hellen Miene den Tod angesehen und an einen Leichnam geglaubt, wenn sich Franz nicht zu den Versammelten gewendet und beinahe lustig gesagt hätte: »Seht einmal da unsern lieben Herrn Papst! Er hat seinem Nachfolger nichts hinterlassen als dieses Lächeln auf der Stirne und diese paar Spinnfäden im Haar. Aber das ist genug.« Und mit der gleichen Heiterkeit und den feinen, höflichen Händen, womit er vorher dem blinden Nazaro serviert, die Rangen gestreichelt und das Spinnlein bedient hatte, schloss er dem Heiligen Vater den offengebliebenen Mund und scherzte noch: »Bleib nun still! Du hast genug gelärmt!« Verwirrung und Gewoge im Palast und in der Stadt Perugia. Über die Leiche hin geht Posaunenstossen und Rossgetrappel und das schwere, erhitzende Geschäft einer neuen Papstwahl. Und in diesem grossen Getöse merken nur ein paar leise, fromme Menschen das Flattern einer weissen unbekannten Taube, die sich zu Häupten des aufgebahrten Papstes in San Lorenzo niederlässt, wie damals, als man den Jüngling zum Papst erkor. Als Franz spät am Abend in die Klosterstube zu Assisi trat, sagte er: »Unser lieber Bruder Innocenz ist soeben drüben in Perugia in diesem Mantel gestorben und hat den Frieden gewonnen!« Da liefen die Brüder herzu und küssten das braune, grobe Tuch und wollten alsogleich das Requiem aeternam für den Toten anstimmen. Aber Franz vollendete: »Betet also für die arme Seele des – neuen Papstes!« Frau Agnes Assisi ist ein kleines kurzweiliges Städtchen oben am Hang des Subasio. Schon das prachtvolle Lüftchen aus den Abruzzen ist da im Sommer köstlich. So oft ich es nachmittags spürte, mußte ich an den gewaltigen frischen Wind denken, den ein Tuchhändlerssohn aus diesem Weichbild in die schlaffen Segel des 13. Jahrhunderts blies. Ich speiste und wohnte bei der Padrona Agnese di Serla. Sie besitzt ein gutes Haus mit dicken Mauem, kühlen Kammern und festen Fenstergittern. Schon weil sie einen reinen Bohnenkaffee kocht, ist sie durch ganz Italien eine Sehenswürdigkeit. Aber eine Tasse Kaffee – oder auch mehrere – an ihrem zersprungenen milchweißen Marmortisch trinken dürfen, ist mehr, ist ein Erlebnis. Ein unbekanntes Buch geht einem auf, wenn man ihren Reden zuhört. Nach ihrer Meinung gibt es keinen größeren Heiligen als den Santo von Assisi. Santissima Vergine, die heiligste Jungfrau, jawohl, da kann man nicht markten. Aber San Giuseppe, des Christbübleins Nährvater, – nein, der reicht nicht an Franz, und Johannes der Täufer auch nicht –, da kann ihr der Canonico Battista, der gelehrte Vetter, alle heiligen zwanzig Bücher über den Kopf schlagen, Franz ist größer. Petrus trägt die Himmelsschlüssel, und Paulus hat das Evangelium durch die Welt gedonnert, das ist wahr. Aber ich frage: hat einer von ihnen die Wundmale des Herrn empfangen? – Ich frage: hat einer den Vögeln gepredigt, daß sie still blieben bis zum letzten Amen und dann in einem Takt Bravissimo pfiffen? Und hat einer von den Aposteln auch wirklich gelächelt? Vielleicht Johannes Evangelista! Nun gut! Der sagte: Kindlein, liebet einander! Aber er macht doch auf allen Bildern ein trauriges Gesicht oder er blickt so nachdenklich und übermenschlich erhaben neben seinem Adler in die Wolken und verliert ganz die Erde aus dem Gesichte. Franz aber, paßt nur auf, Franz bleibt hübsch auf der Erde. Er nascht süße Trauben gern. Spielt mit den Kindern Boccia und kann spaßen. Und es will ihm einfach das Lächeln nicht von den Lippen weg. Dann denkt doch, er hat nichts gehabt und doch gelacht. Ich sage, rein sauber und glatt nichts gehabt! Und doch gelacht! Würde wohl Paulus gelacht haben, wenn man ihm seinen schönen, dicken Bart abgeschnitten hätte? Oder Petrus, wenn man ihm die Schlüssel weggerissen und dem Jakobus zugeworfen hätte? Na, ich danke schön, die hätten nicht mehr gelacht! Aber Franz hätte gelacht. Tante grazie! hätte er gerufen. Viel, viel Dank, daß ihr mir auch dieses Leidwesen mit den Schlüsseln abnehmt. O dieser göttliche Francesco! – Frau Agnese ist nie aus dem Gesicht von Assisi weggekommen. Im Schatten des heiligen Franz floß ihre Kindheit und fließt ihr Alter dahin. Wenn sie einmal nach Perugia hinüber fährt, im eigenen Wagen und mit dem eigenen Klepper, so peitscht sie das Pferdlein unbarmherzig, um möglichst rasch wieder in Assisi zu sein bei ihrem guten Kaffee, ihren abendlichen Hausgästen und ihren Devotionalien. Denn meine Padrona ist Krämerin. Sie hat ihre Bude so nahe als möglich der Franziskanerkirche, an der Ecke der Via del Principe di Napoli. Also am eindringlichsten Platz, wo ihre Bildchen und Rosenkränze und Wachskerzlein am ehesten gekauft werden. Niemand versteht seine Ware so zu preisen. Zu jedem Bildchen weiß sie einen kräftigen Spruch. Das ist der heilige Franzesco, wie er einen Toten erweckt! Einen Toten von zehn Tagen Grab und Verwesung – und augenblicklich erweckt! Seht, wie der Gestorbene um sich guckt und die schwarze Ewigkeit aus den Augen schüttelt und wieder die Sonne anliebelt! – Ach, ist der Mann glücklich! Und wie hat Franz selber am Wunder eine mächtige Freude und klatscht fast gar in die Hände und ruft:»Bravo, bravissimo, lieber, einziger Herrgott – das hast du wieder einmal famos gemacht!«– So erfindet Agnese ganze Gedichte. Fürwahr, sie hat viel Poesie im Leibe. 's ist nicht ordinäres Wasser, was sie heraussprudelt. »Vossignoria, das ist Franz, wie er mit den Vögeln parliert. Wenn er ihnen gerufen hat: ihr lieben Menschlein im Gefieder, kommt! – so sind sie hergeflogen und haben sich ihm auf Knie und Kopf und Achsel gesetzt und sind in seine Ärmel geschlüpft und in seine Rocksäcke gekrochen und haben sich in ihn hineingenistet wie in einen lieben heimlichen Baum voll Schutz und Frucht. Schwalben kamen und Finken und Amseln und, denkt euch, sogar die vorlauten Spatzen und waren ganz still. Ja, die Grobiane von Krähen und sogar die Elstern mit ihrem schlechten Gewissen und eine Menge Spechte – alle kamen, mitunter sogar ein Falke oder ein Uhu. Ach, sie hatten so lange keine Predigt mehr gehört. Seit dem Paradies keine mehr! Jetzt redet Franz. Ich weiß nicht wie – nicht lateinisch wie mein Vetter Don Battista in San Rufino oder französisch oder unser Italienisch, sondern eine Vogelsprache. Die Vögel verstanden alles, nickten nach einem besonders schönen Satz, machten: Hm!, und: Ja so! – Und: Freilich! Freilich!, und: Wenn wir das nur früher gewußt hätten! – und die Elster versprach feierlich, nie mehr etwas noch so Glitzriges zu stehlen – und der Uhu gelobte, er wolle Tag und Nacht nicht mehr verkehren, sondern wie ein rechtschaffener Christenvogel am Tage arbeiten und nachts ordentlich schlafen. Die Raben wollten nicht mehr Nägel und Hobelspäne verschlucken, und die Drosseln nicht mehr auf die Amsel eifersüchtig sein, und Finken und Meisen gelobten, sich inskünftig nicht mehr die Federn auszurupfen, sondern lieber Vetter zu sagen. Und aus diesem bußfertigen Gezwitscher heraus ging Franz zu den Menschen und machte auch da alles gut und zufrieden.« – So redet meine Padrona und glaubt, was sie sagt. Auch wenn sie erfindet. Auch wenn sie leise denkt: Franz hat nur zehn Sarazenen bekehrt – und laut sagt: zehntausend sind es gewesen! –, so glaubt sie das. Sie ist begeistert, der Heilige und die große Zahl reißen sie mit. So köstliche, fromme Übertreibungen kommen ihr wie Beten vor. Sie bekommt dabei Tränen in die Augen, ihre ganze Seele zittert vor Freude und vor Glück. Und sie schaut unter ihren schweren, grauen Wimpern über den Platz zum Kloster hinauf, wo Leute aus den Portalen treten, und sagt: »Auch die hat er gesegnet! Auch die! – Er segnet alle! Kommt, gute Herren und Damen, kommt! Hier ist das Beste in Assisi zu kaufen!« – Und sie ergrimmt, wenn viele Fremde zur anderen Bude gehen, an der Ecke der Via San Giacomo. Ach, klagt sie, es ist nichts mehr mit diesem Handel gegen früher! Die Leute bezweifeln alles. Nichts nehmen sie mehr für wahr. Wurmstichig ist die schöne Gläubigkeit der einstigen Wallfahrer geworden. Einst konnte man Tuchstücklein verkaufen, kleine braune. Das waren Fetzlein von der echten Franziskuskutte. Es gab Fasern aus dem Strick des heiligen Franz, ja, Federchen von den verschiedenen Vögeln, die ihm nachgetrippelt sind und die, während er schlief, in seine hohlen Hände ihre warmen Eier gelegt haben. Solche Federn waren sehr teuer. Man konnte für eine ganz geringe Spatzenfeder vier, fünf Lire kriegen. Eine Nachtigallenfeder aber kostete schon dreimal mehr. Gebänderte vom Uhu konnten überhaupt nur die Inglesi bezahlen. Ahi, da konnte man noch anständig verdienen. Und die ganze Welt trug damals noch etwas vom heiligen Franz an sich. Darum lebte man noch so brav. Aber der Bischof hat nun das mit den Federn und anderes verboten. Gott, warum denn einer armen Frau schaden? Nur Bildchen und Rosenkränze und Figürchen darf ich noch verkaufen. Aber Agnese übertrumpft man nicht. Es sind Gebete auf die Bildchen gedruckt. Und wer die gut betet, dem gibt der Papst oder der Bischof so und so viele Tage Ablaß. Meist steht darauf hundert Tage Ablaß. Aber das ist ein Druckfehler. Nehmt dreihundert! Oder es steht sieben Jahre. Warum nicht gar – so ein Moment! Nein, wer dieses Gebet sehr, sehr fromm verrichtet, die Hände zusammen und kein Auge offen – warum soll er nicht dreißig Jahre und mehr Ablaß haben? Gott und Seine Geschenke lassen sich doch nicht so geizig austeilen. Sicher nicht! Nehmt Gott lieber größer als kleiner, reicher als knapper – Ihr fasset Ihn dann noch immer zu klein und zu knapp. – So Agnese! Ein seltsames Weib, voll Wahrem und Falschem und dazu mit Augen wie ein schlaues Kind, hellbraune, heitere, vogelschnelle. Sie hat eine schwere Geschichte hinter sich. Ihr Mann ist ihr fast noch als Jüngling weggestorben. Aber das ist es nicht. Jedoch ihr einziger feiner Sohn Marzo wollte nicht Geistlicher werden. Das war ein großes Leid. Der Canonico erbot sich, ihn Latein zu lehren. Aber der Schlingel warf ihm alle lateinischen Bücher aus dem Fenster in den Domherrenhof. Was sagt Ihr dazu? War das nicht ein kleiner Teufel? Wir sind von den ältesten Bürgern der Stadt. Ein di Serla hat dem heiligen Franz oft Geld und Tuch und Eßzeug nach San Damaso hinuntergebracht. Mein Marzo würde hier sogleich Domherr, von der ersten Messe an. Wer weiß, er könnte Bischof werden! Nun, was gafft man mich so groß an? Ein Bischof di Serla – klingt das nicht sehr gut? Ich würde ihm den Haushalt führen.« »Aber der Kramladen, gentilissima Signora di Serla, wie?« Schmerzlich sieht Agnese auf ihren schweren, bunten Kramtisch. »Ich müßte ihn wohl aufgeben«, seufzte sie. »Vielleicht hat Michaela – doch nein, nein, nein!« Das war die erprobte Magd zu Hause. Sie besorgte die Wirtschaft vortrefflich und bediente und verhätschelte den jungen di Serla wie einen Königssohn. Als sie sah, er habe für nichts Talent als fürs Markten und Feilschen und Profitchenmachen, da bildete sie ihn in den vier Grundoperationen tüchtig aus. Denn auch sie war eine helle Rechnerin und zählte vier Kaffee, zwei Kirsch, drei Gläschen Chianti und fünf Zigarren in einem Auf- und Niederschlagen ihrer schlauen Augen auf den genauen Centesimo aus. An einem milden Tag hinten im Januar, wo man gegen die Statione hinunter schon Veilchen findet, Veilchen, wie an einem brummeligen Thüringer Wiesenbach, nur duften sie nicht so heimatlich süß – da sagte der flotte, schöne Bursche Marzo seiner Mutter zum Namenstag als Gratulation das Einmaleins vorwärts und rückwärts ohne Stottern und Zagen auf. Das Multiplizieren ging am schneidigsten. Das Dividieren zwar geschah auch sehr sicher, aber mit einem inneren Widerstreben gegen das Teilen, das Verzetteln, das Armwerden, das in dieser Operation so unheimlich angedeutet ist. Die Mutter klatschte in ihre zwei breiten Krämerinnenhände. Sie war besiegt. Sie verzichtete auf Birett und Kanonikusmäntelchen und sagte: »Also wirst du in Gottes Namen ein Kaufmann, wie alle di Serla.« Agnese freute sich an jedem kleinen Blitz von Handelsgenie, das im Geplauder aus Marzo zuckte. Jeden Soldo verehrte sie abgöttisch, von dem Marzo einen abgefeimten Krämerschlich zu erzählen wußte. Aber dann ging es auf der Industrieschule in Perugia mit dem Buben keinen Schritt mehr vorwärts. Da kamen Zeugnisse mit elenden Noten und dem Vermerk: Talentlos – Schwer von Begriff! – Eignet sich besser zum Grobschmied! – und ähnlichen Professorenwitzen. Auch San Franzesco hatte kein Einsehen, so eifrig sie zu ihm betete. Marzo war und blieb in Perugia ein unwissender Lümmel! Als er sechzehnjährig geworden, was bei uns im späteren Norden achtzehn bis zwanzig Jahre bedeutet, half er der Mutter an der Bude. Und sieh, da war der schlechte Theoretiker der beste Praktiker. Ein staunenswertes Talent kam zum Vorschein. Wo die Padrona erzählte, dichtete er schon; wo sie schilderte, malte er; wo sie versilberte, vergoldete er. Und er lächelte mit seinen schlauen, süßen, grauen Augen so charmant und zog seine niedrige, aber wachsweiße Stirne so wichtig unter dem kurzen, schwarzblauen dichten Haar zusammen, daß die Pilger bald lieber von ihm als von der Mutter kauften und ein Schatten frommer Eifersucht über die Seele Agnesens fiel. Es gab dann und wann Streit mitten im Profit zwischen den zwei Krämerseelen. Die Mißhelligkeiten wuchsen, die Eifersucht ward immer unfrommer. Zuletzt teilte man den Budentisch. Die Hälfte gegen Perugia nahm Marzo. Da waren die gelben Wachskerzen, wie man sie für Tote, für Buß' und Sünde, im großen Unglück etwa ansteckt. Dann Rosenkränze aus gedrehten Holzkügelchen und Bilder des heiligen Franz ohne die Wundmale. Auf der Tischhälfte gegen den Berg verhandelte Agnese beinerne Rosenkränze, weiße Kerzchen, wie man sie zur Freude für Unschuldige, bei Wundern und Erhörungen entfacht, und endlich Bilder mit dem Santo im mystischen Glanz der fünf Wundmale. Das Geld floß am Abend in die gleiche Truhe. Aber der Handel selbst, nicht nur der schließliche Tagesprofit, war auch ein Fest für diese zwei Budenherzen. Und gerade dieses Fest verdarben sie einander, weil jedes die höheren Noten dabei singen und das größere Amt dabei verwalten wollte. Man konnte nun außerordentliche Dinge erleben. Eines Tages stand ein grober, knochiger Schweizer aus den Urner Bergen vor dem Tisch und wollte einen Rosenkranz kaufen. Er stand so unglücklich in der Mitte, zwischen Perugia und dem Subiaso, zwischen Franz mit und Franz ohne Wundmale, daß Mutter und Sohn den seltenen Gast beanspruchten. »Hier sind Rosenkränze aus Korallen«, sagte Agnese mit ihrer großen Altstimme,»Korallen aus dem jonischen Meere, von Kreuzfahrern gehoben, von Franzens Brüdern – –« »Hier ist, edler Signore, ein Rosenkranz aus Zedernholz«, sang die süße, fast noch ungebrochene Stimme Marzos, begleitet von einem bestrickenden Knabenlächeln, »Zedernholz vom Ölberg. Ich meine den Ölberg bei Gerusalemme .« Auf diesen Trumpf wetterte die Mutter mit erhobener Stimme: »Oder wünschen Eure Herrlichkeit diesen Perlenrosenkranz? Er ist nicht teuer. Natürlich echte Perlen, gefunden im Tal Josaphat. Wie man sagt, versteinerte Tränen des großen Propheten Geremia – als er dort fastete und büßte für das arme gefangene Volk seiner lieben Juden –« »Ja, ausgezeichneter frommer Pilger, das ist sicher ein wunderbarer Rosenkranz. Aber nun erst der da!« klingelte Marzos melodische Stimme. »Diese Kügelchen sind verbürgtermaßen aus dem Napf geschnitzelt, aus dem die heilige Familie Milch und Mus gegessen hat zu Mittag und zu Nacht.« Dem Gletschermenschen vom Gotthardgebirge schmolz die harte Seele bei solchen Offenbarungen. Droben bei ihnen redete der Herr mit Lawinen und Felsstürzen. Aber hier ist es noch die alte, goldene Sprache der Wunder. Die Rosenkränze der Hirten daheim sind aus Kieseln oder aus Glasperlen gefertigt. Aber hier haben alle Geheimnisse des Morgenlandes daran mitgearbeitet. – Der Rosenkranz aus dem Näpflein des Christkindes scheint ihm das Großartigste von allem. Was er koste? Nur acht Lire! Viel Geld für einen einzigen Rosenkranz! Der Schweizer mit den zugeklobenen Händen zaudert. »Es ist nicht sicher, daß die Perlen aus der Schüssel der heiligen Familie gedrechselt sind«, mischt sich Agnese ins Geschäft. »Viele meinen, es sei nur der Topf des kleinen Johannes in der Wüste gewesen. Nun, das ist auch wertvoll. – Aber mit diesem Rosenkranz ist ein echter Splitter vom Kreuz auf Golgatha – – seht einmal in die Medaglia! – – eingefaßt, ein echter Span vom blutigen Kreuz unseres lieben Herrn Heilandes, und kostet nur sieben Lire! Una lira di meno! « »Wenn alle Splitterchen echt wären, liebe Mutter«, spottet Marzo mit aalglatter, giftiger Süßigkeit, »dann hätte unser Herr und Erlöser wohl an zehntausend Kreuzen sterben müssen. Das wäre ein ganzer Olivenwald! Aber von dieser Sorte schwarzer Rosenkränze aus der Christkindleinküche, wie man das heißt, gibt es nur ein Dutzend. Das ist doch ein Beweis, daß sie echt sind. Nicht wahr, Euere Herrlichkeit? Und da Ihr so weit her zu kommen scheint und schon so lange in der Sonne steht, so gebe ich Euch dieses Wunder von einem Rosenkranz für sechs Lire! Una Lira di meno! Aber Euch allein, und sagt es niemand! San Franzesco wird mir den Schaden gut machen.« Das entschied. Der Schweizer nahm diesen Rosenkranz mit tiefer Andacht, aber doch mit heimlicher und echt eidgenössischer Freude, sogar an einem solchen Heiligtum noch einen Profit erzielt zu haben. Wenn er zu Hause am Abend daran seinen Kindern vorbetet, so denkt er, daß an diesem ehrwürdigen Holz die kleinen, heiligen Hände des Jesuskindes und die schneeweißen der Muttergottes und auch die runzligen Zimmermannsfäuste des heiligen Joseph oft und oft gehaftet haben. Und dieser Gedanke gibt seiner betenden Stimme eine besondere Kraft und Weihe und Segnung. Aber leise, leise klingeln manchmal doch auch silberfein die zwei abgemarkteten Fränklein in die Andacht hinein. Bald danach trennten sich Mutter und Sohn. Sie blieb am alten Eckplatz der Via Principe di Napoli, er an der anderen Ecke der Via di San Giacomo. Beide hatten ihre besonderen Waren. Aber heimlich legte sich Marzo bald auch beinerne Ketten und Kränzlein und Agnese hinterrücks auch hölzerne Heiligtümer zu. Kam eines zum andern etwa an dem Marktstand vorüber, so deckten sie das verbotene Feilzeug mit einem Wachstuch zu. Noch nach Monaten und Jahren taten sie das, obwohl jedes den Betrug des anderen klar durchschaute. Tag für Tag hatten beide das Kloster und Grab des Santo vor sich. Aber beide waren gehässig aufeinander und verleumdeten einander bei den Pilgern. Marzos Zedernsächelchen seien nicht echt. Man mache das alles in der Fabrica d'Ormone in Perugia aus ganz gewöhnlichem, stark gefärbtem Pappelholz. Und Agneses angebliche Kreuzlein aus Lava bei Santa Rosalias Eremite seien nichts als einheimischer Tuff und ihre Perlen reines Glas aus Venedig. So verdarben sie einander den Profit und schütteten doch abends den Erwerb mit geiziger Freude zu einem Haufen. Dann aßen sie rasch mitsammen die Minestra und tranken von einer Flasche den blauroten Nostrano und plauderten mit den Pensionsherren und waren wieder ganz Mutter und Sohn. Jedoch sobald der Morgen graute und die Wallfahrer von der Stazione heraufkamen, und sie wieder ihre Ladentische aufstellten, waren beide auch wieder zwei bitter verfeindete Parteien, haßten einander auf Tod und Leben und machten sich den langen umbrischen Tag mit seiner süßen Sonne sauer. Aber Marzo stand dem Kloster etwas näher. Wer fromm und zerknirscht von der Gruft des Heiligen in die Stadt zurückkehrte, der kam früher an seiner Bude vorbei. Und da harrte Marzo, der jugendliche Bengel, mit seinem melodischen Gezwitscher und seiner unschuldig weißen Stirne und fragte: »Nicht wahr, ein großer Heiliger? Und wie man beten kann am Grabe! Besser als in San Pietro zu Roma und als in San Carlo zu Milano und selbst als im Sacro Specce zu Subiaco. Nicht wahr, Vossignoria ist jetzt wieder viel leichter zumute? Man sieht es. Lachen Sie doch! Ja, ja, das muß man bei Franzesco wieder lernen, das Lachen. Und Ihr seid erhört worden, lieber Herr, das merkt man gleich. Ihr habt einen Menschen aus dem Unglück herausgebetet. Ist es nicht so? Oder Euerer Frau geistliche Freude nach Hause geschickt. Oder ein schönes Kind von Euern schönen Kindern gesund gemacht. Hab ich's jetzt nicht erraten? Nun, gentilissimo Signore, nehmt da ein Andenken mit an diese Stunde. Es ist eigens für diesen Fall berechnet. Oder wollt Ihr dieses Büchlein, es sind achtundzwanzig Bilder vom Kloster und zweiunddreißig vom heiligen Franz drin. Da könnt Ihr daheim alles zeigen, wo die Stiege in die untere Kirche und in die Felsen hinabgeht und wo Vossignoria gekniet haben und wo Sie dem Heiligen am schönsten begegnet sind. Per Dio, es kostet nur die Kleinigkeit von zwanzig Soldi. Unsereiner muß heutigentags fast umsonst – –«Ein süßes, verzweifeltes Gebrummel über die elenden, gottlosen Zeiten folgt. Oft umstanden den jungen, hübschen Marzo zehn oder zwanzig Pilger und hörten ihm zu, wie am Dorfmarkt die Kinder und die Bauersleute offenen Mundes an den Lippen des hitzigsten welschen Feilbieters hängen. Marzo hatte das Fabuliertalent seiner Mutter, aber dazu eine wahrhaft bübische Keckheit und eine frische Glockenstimme voraus, vor allem aber einen unverwüstlichen, begnadeten Humor. Wie er Witze riß und gleich darauf in Taubeneinfalt die Blicke senkte und bat: »Verzeiht mir, ich bin ein Kind, meine Mutter da drüben schilt mich immer darob. – Ich weiß nicht, was ich schwatze.« Aber unten am Stande der Padrona ward es leer und leerer. Sie konnte stundenlang warten, bis ein einziger Pilger ihr ein Votivtäfelchen für sechs Soldi abkaufte. Der Racker von Tedesco , einen Sold hatte er ihr noch abgefeilscht. Mit verzehrendem Neid sah sie ihren Marzo drüben mitten im schönsten Handel, wie er seinen blauschwarzen hübschen Schädel neigte und hob, und sein Glück fraß ihr wie ein Geier am Herzen. Sie ging nach Neuigkeiten aus und fragte die Pilger, was man etwa in Rimini beim San Nicolo oder in Siena bei Sante Caterina oder in den Katakomben für frische heilige Saisonstücke sehe. Aber sie war schon zu alt zu einem Wettlauf mit dem Jungen. Marzo kam ihr überall zuvor. Er legte die Ölfläschchen von Oliveto und die heiligen Blätter vom Baume des Zöllners drei Wochen vor ihr auf. Ja, er erfand eigene, prächtige Sachen, zum Beispiel ein Lorbeerblatt, aus dem Garten seines Oheims, des Canonico, geholt und mit dem kleinen herrlichen Kirchengebet zum Santo bedruckt. Oder ein Nastuch, worauf man Franz gegen die ruchlosen Sarazenen ausziehen sah. Und er verfehlte nie zu sagen, daß man aufpassen und sich nur in die Gruppe der Muhamedaner hinein, keinesfalls in die erlauchte Schar der Bettelmönche schneuze. Als nun ein garstiges Kerlchen von Spoleto extra und aus Quälerei ins verbotene Revier sudelte, da bekam er einen Schnupfen und ein Niesen, daß es ihn hoch in die Lüfte schnellte. Mit drei Fingern könnt' er's beschwören, versicherte Marzo jedesmal. Bald darauf heiratete der vorbestimmte Canonico und Bischof von Assisi eine brave, tüchtige Giulietta, und nun hörte auch die abendliche Freundschaft der zwei Gegner daheim auf, da das junge Paar ein eigenes Haus bezog. Von nun an kannte Agnese weder Marzo noch Giulietta mehr. – Pensionäre baten die Matrone, doch den Kram aufzugeben und nur noch ihrer Pension zu leben. Sie wäre ja nun wohlhabend genug und brauchte solchen Verdruß an der Bude nicht mehr. Agnese probierte es. Aber schon am ersten Tag war ihr nirgends wohl, als sie die Front von San Francesco und die auf- und absteigenden Pilger nicht mehr sah und das viele Gebimmel in der Luft ringsum nicht mehr hörte und ihre tausend Sächelchen nicht mehr ordnen und auslegen konnte. Am zweiten Tag überwand sie das Heimweh noch. Aber am dritten saß sie wieder an der Ecke und bot Gebetbücher und Rosenkränze feil. Arme Agnese! Sie hatte nun sehr viel Zeit zur Betrachtung. Um das Ärgernis da drüben minder zu merken, fing sie an, statt mit frommen Pilgern, sich mit ihren Figürchen und Bildern zu unterhalten. Ganze Nachmittage konnte sie eine neue Serie Heiligenbilder studieren. Das hatte sie früher nie getan oder doch nur mit den rohen Augen des Krämertums. Jetzt forschte sie sich eingehend in die Gemälde hinein, las die Büchlein langsam durch und fühlte etwas wie Erleichterung und Festigkeit über sich kommen. Besonders traf sie das eine: wie Franz über allen Plunder der Welt lachte und froh und ledig aller Erde zwischen Stein und Staude ein geistlich Lied sang oder auch pfiff oder trillerte. Das muß doch köstlich gewesen sein. Und dann aber gar das: wie er selber kein Glück am Ladentisch hatte, Seide für Wolle und Wolle für Barchent verkaufte und tapfer betrogen ward und dafür zu guter Letzt vom Vater Prügel bekam und bittere Schelte, er sei kein Kaufmann, sondern ein Taugenichts und Tunichtgut, ein Vagant und Faulenzer. Solche Lesung tat Agnesen wohl. Ihre Ladenwaren und ihr Schicksal gewannen einen heiligen Zusammenhang mit dem ungeschickten Heiligen. Bald redete eine ungewohnte Innerlichkeit und Wärme aus ihr, wenn sie einem Pilger über ihre einzelnen Sachen Auskunft gab. Das Lügen verlor sich ganz von selbst. Es blieb ja doch genug Wunderbares bei allem. Sie drängte und drückte und feilschte nicht mehr, und es nahm sich großartig aus, wie sie ruhig und froh blieb, wenn nach siebenmaligem Betasten ihrer Kreuzlein aus ungedorntem Rosenholz so ein dürrer Engländer zuletzt sagte, es passe ihm nicht, und er zu Marzo hinüberstelzte. Danach fragte sie den Santo, ob sie's recht gemacht habe? Ob er gesehen habe, wie sie lachte, obwohl der Inglese sie zuerst ein wenig wurmte? Ob er also mit ihr zufrieden sei? Und es schien ihr, der Heilige nicke aus allen hundert Bildchen auf dem Tische ihr ein freundliches: »Si, si!« zu und öffne sogar ganz wenig den Mund und sage: »Bravissima, Agnese!« – Dann fing sie an, die ersten Verse seines Sonnenpsalmes zu buchstabieren und auswendig zu lernen, und ihr wurde warm und selig dabei. Es ging nicht leicht und nicht hurtig, gewiß nicht, aber es ging. Die di Serla sind immer zähe Menschen gewesen. Im Guten und im Bösen. Wo sie sich einmal festgebohrt haben, lassen sie nicht mehr los, bis sie auf den Grund stoßen. Manches war noch lange äußerlich an Agnesens Andacht und Eingezogenheit. Ein Schimmerchen Scheinheiligkeit und Theater spielt mit. Aber dann sah sie wieder das Lächeln des Santo hundertfach vom Tisch aufleuchten: Corraggio , Agnese – avanti, avanti! Und dann studierte sie ihn noch inniger und sagte langsam die Sonnenverse her, soweit sie selbe wußte, und lernte wieder zwei neue dazu und wiederholte alles, mehr singend als sprechend, und fühlte sich dann immer inniger in den sorglosen Jubel der Hymne hineingerissen mit den Vögeln und Sternen und Engeln und lachte zuletzt auf allen Plunder der Erde ein feines, echtes Franziskuslächeln. Das Gesicht der Padrona gewann dabei eine hohe, stille Fröhlichkeit. Und ihre zurückeroberte sichere Ruhe und die klugen und frommen Erklärungen, was für ein Geist in diesen Waren stecke, dazu eine sehr liebliche, frauenhafte Zurückhaltung, die sie auch erst von San Francesco gelernt hatte, weiter das Friedliche: man möge sich doch nur ihre Sächelchen ansehen; darum brauche man doch nichts davon zu kaufen – das alles konnte unmöglich auf Jahr und Tag wirkungslos bleiben. Eine kleine einheimische Gemeinde wuchs um sie und vergrößerte sich täglich, zuerst ein paar Pfarrherren, dann ältliche, fromme Weiblein, dann lustige Kinder, dann das große Volk. In den Gasthöfen, wo die Fremden den Hotelier um Rat fragten, hieß es gern: Marzo habe wohl feine Dinge und sei ein kapitaler Kerl. Aber er schwindle ein bißchen. Agnese jedoch rede kein Wort zu viel, und doch könne sie zu jedem Buch und Bild und zu allein frommen Trödel eine kleine Predigt mitgeben. Während es bei Marzo höchst geräuschvoll zuging wie auf dem vollen Markt, war um Agnese eine Luft wie Kirchenodem. Der junge Händler kleidete seinen schlanken Leib in bunte Tücher und sah darin wie ein Cavaliere so toll und prächtig aus. Die Padrona dagegen trug seit dem Tode des Canonico nur noch schwarze Röcke und einen feinen, durchsichtig schwarzen Schleier über dem Kopf, worunter ihr weißes Haar wie ein silberner Heiligenschein hervorglomm. Sie war im ganzen Leben nie so schön gewesen wie jetzt. Wie oft haben amerikanische Millionärsöhne und ungarische Gräflein sie sehr höflich gefragt, ob sie von ihr eine Momentaufnahme mit ihrem Kodak machen dürfen. Jeder fühlte, daß er hier fragen mußte. Sie lächelte dann und nickte ohne die kleinste Eitelkeit: » Le piace? – ebbene, eccomi! « Und sie hantierte weiter an ihrem Stand, genau wie vorher in göttlicher Ungezwungenheit, so daß es unvergleichlich liebe und wahre Bildchen von ihr gab. Bald sah man ihr schön verschleiertes Haupt und ihr abgeklärtes, lächelndes Gesicht in allen Papier- und Bücherläden ausgestellt. » La bella Vecchia! « forderte man einfach und bekam die Cartolina um gleiche zwei Soldi wie das Bild des Königs oder des Papstes oder Napoleons oder der reinen, schönen, wunderbaren Santa Chiara. Eine Krämerin von so vielen Jahren Eckenstehen und Menschenzuspruch bekommt eine gewaltige Einsicht in die Leute. Agnese sah es den Gesichtern an, ob man von Napoli herauf oder aus Piemonte herunter komme, ein Francese oder ein Ollandese sei. Sogar die Inglesi wußte sie von den Americani zu unterscheiden. Nur den Deutschen und den Schweizer konnte sie nicht recht auseinanderhalten. Das heißt, den Prusso schon. Aber den Swaba einfach nicht. Basel, Stuttgart, München, Zürich, Karlsruhe, das schien ihr alles so beisammen zu liegen, wie Spello, Assisi, Perugia und Foligno. »Die Schweizer reden langsamer«, erklärte ich ihr. »Tutti? No, no!«entgegnete sie. Sie dachte vielleicht an eine Schar St.-Gallischer Pilger, die selbst vor ihrem frommen Stand noch von der nächsten Bezirksrichterwahl im Rheintal hin und her gestritten hatten. Ihre Italiener aber kannte sie genau, ob einer ein Ingenieur oder ein Künstler, ein Arzt oder ein Jurist sei, ob er in Gesundheit herkomme und nur aus Neugier, oder mit einer Not oder in Zweifel und Kälte. Es kam vor, daß die gute Serla einem Pilger seinen mageren Acker zu Hause oder seinen schwierigen Martinizins ansah und ihm dann ein Bildchen oder Tonbildchen umsonst anbot. » Solamente un Paternoster per me! – In sotto! « bat sie. Für ein Vaterunser in Franzens Totengruft gab sie oft noch eine Münze zur Ware hinzu. Mit den Priestern im Kloster stand sie so gut wie Santa Chiara zu San Francesco. Die Mönche empfahlen ihren Pilgern immer, falls sie ein Andenken kaufen wollten, es bei der »bella Vecchia« zu holen. Da ruhe Segen auf jedem Fetzlein. Das junge, leichte Geschlecht huldigte wohl immer noch Marzo, weil er so schön und so witzig war. Aber die reiferen hielten sich durchaus an Agnese. Bald konnte man die bessere und zahlungsfähigere Hälfte zur Kundsame der Matrone zählen. Um diese Zeit kam ich das zweite Mal nach Assisi. Jahre waren seit meinem ersten seligen Hiersein verflossen, und ich wußte nichts von dem Wandel der Dinge an der Prinzen- und Jakobstraße. Mit der alten Freudigkeit trank ich die Lieblichkeit der umbrischen Landschaft vom Stadtgarten aus, zwischen den zwei Ausgängen Porta Nuova und dem Kapuzinertor, in mich hinein. Dann trieb es mich durch die Stadt. Sei mir gegrüßt, alter Dom, ehrwürdiger, grauer Jahrtausendgreis! Und du auch, innige, aber leider viel zu nervös-melancholische Statue des Santo vom feinen Dupré! Was gäbe ich, wenn du innig sein könntest, ohne schwermütig und gefühlvoll, ohne nervös zu scheinen! Da ist schon der Minervatempel, wo jetzt die Madonna das Szepter schwingt. Nun erst noch durch Eidechsen und silberdürres Unkraut zur Rocca hinauf, von wo die Stadt wie ein Bienenwaben aussieht, und dann hinunter nach dem Kloster. Die Padrona grüßen und immerhin doch einen Franz von Dupré, den vielbewunderten Meister, kaufen. Doch Agnese wies mich nach einem mütterlichen Willkomm zum andern Stand hinüber. »Dies Figürchen bekommen Sie drüben bei Marzo. Ich schaff's nicht mehr an. Ich versteh's doch nicht recht. 's ist mir zu neue Mode. Gehen Sie nur – gehen Sie doch!« winkte sie, als ich zögerte. »Wir sind gute Freunde!« – »Was hat es denn gekostet?« fragte sie dann, als ich ihr die kleine, wertlose Kopie vorhielt. »Dodici soldi!« »Und er ist und bleibt doch ein Lümmel!« brauste die Witwe auf. »Nehmen Sie diese Medaglia dazu!« Sie hatte wacker gealtert, das merkte ich, als sie mir am Abend auf der Terrasse ihres alten, bequemen Hauses, das Gesicht mit dem ruhigen Schleier gegen Perugia und das schönste umbrische Abendrot gewandt, mit wenigen Worten sagte, daß sie nun doch das Geschäft aufgeben und feiern wolle. Noch bis zum Kirchenfest bleibe sie. Da kommen so viele alte Kunden, die sie noch einmal sehen und denen sie ein Andenken geben will. Dann möge Marzo einen anderen Konkurrenten haben. Oh, er wird sehen! – Wenn die eigene Mutter nicht mehr an der Via del Principe sitzt –, sondern nur Krämer, nur Krämer! Ahi, er wird Augen machen! Und sie pfiff leise zwischen ihren großen, gesunden Zähnen. Dann kreuzte sie die Arme über ihre breite, runde Büste und rief schelmisch: »Marzellino!« Und da sprang augenblicklich ein kleiner, vielleicht sechs Jahre zählender Marzo vom Geländer zu ihr. Ihr Enkelbüblein! Ein wahrer Prinz, so fein und übermütig. Das ganze, bleiche Gesicht war vom dichten, blauschwarzen Kopfhaar überschattet. Er weilt fast immer bei der Großmutter. Zu Hause ist man sogar gegen das erste Kind schon geizig. Aber reich wird man. »Kerlchen, sag einmal dem Herrn da, wie du heißest! « »Marzellino – di Serla!« sagte der Knirps sehr hell und klingend. Es war die Stimme seines hübschen melodischen Vaters an der Bude. So sagt der Vater im gleichen auf und nieder schwebenden singenden Ton: » Una lira – e mezza! « »So, gut! Und was willst du denn werden?«examinierte Agnese weiter. Mit früher, köstlicher Schlauheit schlug der Kleine die großen, schwarzen Augen gen Himmel auf und erwiderte:» Prete – allora canonico – allora vescovo! « Und dann hörte ich:» Una lira – sedici lire – sessanta lire! « »Bravissimo! – Seht, Signore, das gibt nun einen richtigen Pfarrer!« »Aber jetzt gib mir etwas«, bettelte der Kleine und griff flink in die Tasche der Matrone. Mit seinen zappeligen, weichen, zum Geldzählen wie geschaffenen Händchen krümelte er in den untersten Zipfel hinunter, und seine Augen lachten vor Vergnügen, als er gleich eine Münze erhaschte. Er zog sie nicht aus dem Sack, sondern hielt sie nur fest und fragte: »Darf ich das behalten, Nonna, was ich in der Hand habe?« »Ja, wenn du weißt, wieviel es ist! Aber nicht anschauen!« »Mezza lira«, sagte Marzellino sofort. Wahrhaft, es war so. Der Halbfränkler ist leicht mit dem Quatrino zu verwechseln. Aber beim ersten Tasten erriet der Junge das Stück. »Das ist eine Kunst!« sagte Agnese stolz zu mir. »Nun geh zu Bett, Kleiner, und vergiß mir nicht das Gebetlein: O Gott, der du gesagt hast... die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige... sende...!« »Si, si, si!«lachte Marzellino und trollte sich ins Haus. Und während der Schlingel die Preghiera aus Gewohnheit ohne Sinn herunterschnabelte, drückte er den Halbfränkler wohl zwanzigmal an die Lippen und lispelte andächtig: »Una lira, due lire, cento lire!« O Padrona Agnese di Serla, laß alle violetten Hoffnungen fahren. Komm und hör' einmal, was dein zukünftiger Bischof für ein seltsames Brevier betet! Die umbrische Ziege Euch, ihr umbrischen Ziegen, muß ich ein Lied singen. Tagelang habt ihr mir die Menschen ersetzt. Es gibt aber auch nichts Unabhängigeres als euch. Ihr rupft das Gras aus einem griechischen Marmor und kümmert euch nicht, daß ein Cäsar darunter schläft und ein anderer Cäsar darauf im knappsten Latein ein Distichon schrieb. Ich sah euch zu Orvieto bis in den schönsten Dom Italiens eure Kapriolen treiben. O ihr habt keinen Respekt! Aber das steht euch gut an. So ungeniert möchte mancher Zweibeinige sein. Aber ihr seid auch die geselligsten und menschlichsten Vierbeiner. Gleich tragt ihr uns Schmollis an und plaudert so naiv und witzig die Geheimnisse eurer Ziegenseele aus, daß auch wir nicht anders können und grad oder ungrad unser Herz auch euch ausschütten. Ihr antwortet sogleich, und es wirkt ermutigend auf uns. Es klingt wie: »Nur nicht gleich alles so ernst nehmen, kleiner Mensch! Es geht schon, es geht schon – Gib nur nichts auf! Immer Kopf hoch! – Und etwa einmal die Hörner zeigen! Und dann wieder recht lustig meckern!«– Ungefähr diese schöne, gesunde Lebensweisheit liegt in euerem Zuspruch. Oft bin ich stundenlang allein durch weltferne, umbrische Täler gelaufen. Der Weg ging aus und es ward immer einsamer. Und mir lag die Warnung unserer Reisebücher im Ohr: Gib acht, Abruzzen, Räuber, Totschlag!... Da ward es mir unheimlich zumute. Besonders, weil es rechts und links in den Höhen so öde war, als sitze der Tod dort oben auf den Steinen. Und weil es hier unten so eng und schattig war und manchmal hinter mir raschelte, wie von einem versteckten Banditen oder einem giftigen Wurm. Franz von Assisi hat dann ja freilich in seinem heiligen Leichtsinn ein Lied gepfiffen. Ich versuche auch zu pfeifen... aber aus Angst. – Plötzlich... der Himmel weiß woher.... steht eine Ziege vor mir mit ihrer harten, gerechten, frommen Stirne, ihren tapfern Hörnern und ihren heillos spaßigen Augen und meckert mich leutselig an. Von meiner Brust fällt ein wahrer Berg und ich rede sie im schönsten Italienisch an, das ich weiß: Ich grüße dich, meine hübsche, liebe, kleine Ziege! – Und ich streichle ihren steilen Rücken und da folgt sie mir plaudernd, aber immer zur Linken, aus lauter italienischer Höflichkeit. »Wo kommst du her, bella mia?« frag' ich. »Von dort oben, Signore, im Schlupf San Carlo bin ich daheim.« – »Und fürchtest du Fremdlinge nicht?« fahr' ich weiter. – Da schaut sie mich spöttisch an und meint: »Ach was, hast du denn nicht eben noch gepfiffen? Du bist doch ein völlig harmloses Geschöpf.« – »Das bin ich, da hast du recht, liebe Ziege. Und ich bitte dich geradezu, bleib nur hübsch bei mir. Es wird mir unheimlich ganz allein in dieser Gegend!« – »Ich bleib schon, nur keine Angst, Pellegrino ! Ich hab' es gern, wenn Menschen mit mir wie mit ihresgleichen reden. Du sprichst zwar ein holperiges Italienisch. Aber ich versteh' dich zur Not doch. Fahr' nur fort!« Nun betracht' ich meine Begleiterin erst recht genau und sehe, wie menschlich sie mich anblickt und wieviel Ausdruck in ihrem Meckern liegt, wie sie die Substantiva so gut betont und die Zeitwörter so famos moduliert und dem Satz immer einen so freundlichen ernsten Tonfall gibt, daß es fast wie eine Stanze aus Tasso klingt. »Aber liebes, horngeschmücktes Wesen! Wo find' ich heut' abend Unterkunft? Wo treff' ich gute Menschen?« – »Folg' nur mir, amico! Ich gehe ja auch zu meinen Hirten. Sie sind ein wenig mißtrauisch, halb Phlegmatiker, halb Melancholiker, wie alle Bergleute. Aber das macht nichts! Wenn sie sehen, daß ich bei dir bin und so lustig mit dir plaudere, dann denken sie, wir seien Geschwister und nehmen dich wie meinesgleichen auf.« – »Tausendmal Dank, Signorina – oder muß ich sagen: Signora?« – »Signora«, antwortete die Geiß mit Mutterwürde. »Also Signora; aber sieh, ich hab' doch ein bißchen Angst. Es steht da allerlei Übles in den Büchern über euere Abruzzen.« – »Überlaß das alles doch nur mir, Pellegrino – Die Bücher? Ach, Dummheiten!« – Voll Verachtung hob die Ziege den Schwanz ein wenig... Und so trippelt sie immer neben mir und immer links, streift ab und zu den Bart an mir ab, zupft eine Kresse vom Ranft, riecht an meiner Hand, bettelt mich an und stiehlt mir auch etwas aus der Tasche wie eine richtige rechtschaffene Italienerin, und sagt dazu: Danke schön!, und bettelt und stiehlt wieder und erzählt daneben viel aus diesem hohen Hirtenland. Der Winter sei naß und kalt und man hocke zusammen. Aber beim ersten warmen Wind gehe es in die Höhen. Auf einmal schießt da alles Kraut hervor. Man weiß nicht, wo anfangen und wo aufhören. Die jungen Zicklein überfressen sich regelmäßig, man kann warnen, wie man will. Weiter hinten gibt es noch etwa einen Wolf. Dort treten wir immer zu vieren oder fünfen auf und stehen hart zusammen und halten die Hörner vornüber, daß der Bengel nichts wagt. Ahi, Signore, das war einmal köstlich in Benozzio oben. Dort waren unserer nur drei, ich, als junges Geißlein, eine Tante von mir und mein Onkel. Wir sagten ihm nur Barbone, weil ihm der Bart bis an den Boden reichte. Als wir den Wolf rochen, wies uns der alte Bock an, stille zu stehen, und, wenn der Kerl angreife, durchaus neutral zu bleiben. Er wolle das allein ausmachen. Er würde sich doch ewig schämen, eine ehrenwerte Dame und ein Kind als Rekruten zu brauchen. Nun kam der große, aschgraue Wolf wirklich. Zitternd sahen wir dem tapferen Onkel zu, wie er mit gesenktem Kopf dem Scheusal direkt ins Maul schoß, es überwarf, hornte, zurückwich, wieder vorschoß und wieder hornte, stach und vollboxte, so daß der Wolf gar nie zu Atem kam und in der ersten Pause, die ihm Barbone gewährte, schleunigst davonhumpelte. – Das war droben am Monte Benozzio, Signore! Man spricht noch heut' davon. Nicht wahr, eine prachtvolle Geschichte. Barbone gehörte eigentlich in die Schulbücher, so gut wie Garibaldi. »Prächtig, aber bitte, gibt es hier kein Wasser? Ich habe schrecklichen Durst.« »Ah, ihr Menschen, povera gente! – Immer habt ihr Durst oder Hunger, eins von beiden müßt ihr haben. Ohne Zweifel, ihr seid alle am Magen krank. Ei, wenn ihr so einen soliden Ziegenmagen hättet, ihr gäbet, glaub' ich, euer Lesen, Schreiben und Rechnen daran.« »All das Gelump, jawohl, meine Schwester, wenn ich jetzt nur einen Schluck Wasser hätte –« »Geduld, in einer Viertelstunde kommt die Rivola Mazza, so ein Tröpflein, weißt du, gerade genug für uns zwei.« »Danke, danke, das freut mich. Aber erzähle weiter. Ich vergesse den Durst dabei. Was hast du noch für Freunde hier?« »Hm, da gibt es noch Murmeltierchen, Schweinchen, Schafe, Hasen und Füchse –« »Erzähl' mir davon, Signora!« »Mit den Murmeltierchen kommen wir gut aus. Nur sind sie gar zu scheu und trauen keiner Seele auf drei Schritte. Sie besitzen keine Umgangsformen mehr, und wir könnten es wirklich nicht riskieren, sie in eine bessere Gesellschaft mitzunehmen. Schade, es sind sonst gute und fromme Tierchen!« »Und die Schafe, Signora?« »Das sind natürlich unsere nächsten Vettern. Aber diese Schafe, per bacco, die ihr als unschuldige und geduldige Lämmer andudelt, ich danke, das sind auch unsere größten Neider! Und dumm wie Polenta! Stets wollen sie besser sein als wir, und ihr letzter Trumpf ist immer der Spruch: Schafsbraten sei besser als Ziegenbraten. – Sie haben kein Ehrgefühl. Wer redet von seinem eigenen Braten? – Und was die Hasen betrifft, so sind es liebe, aber leichtsinnige Narren. Wir können sie lange warnen: Bleibt daheim, es ist eine Flinte unterwegs! – Dummheit, wenn es nach Kohl oder Rüben bei uns riecht, so kommen sie eben. Aber fällt dann mitten im sichersten Fressen ein Laub zu Boden, hui, wie sie erbleichen und steif werden, als hätten sie schon ein Pfund Schrot im Rücken. Sieh da, sag' ich, Freund Langohr, es war diesmal nur ein Olivenblatt. Aber gerade so gut hätte es eine Kugel sein können. – In Gottes Namen, in Gottes Namen, seufzt der Hase –, so sind wir eben. Voll Leben und Tod zugleich. Aber es war also doch nur ein Olivenblatt. Fressen wir weiter! – Und wahrhaft, er frißt sogleich mehr Kohl und Salat und Spinat weg, als wir zwei zusammen. So ist er!« »Du bist ungemein kurzweilig, Signora«, sage ich erleichtert, »und erzählst fast so saftig wie Bocaccio. Und du beobachtest, das merkt man gleich. Bitte weiter, was ist denn mit den Füchsen los?« »Pfui, mit diesem Vieh wollen wir nichts zu schaffen haben. Es ist falscher als Katzen. Aber wir haben unser Reglement. Heute glauben wir dem Fuchs genau das Gegenteil von dem, was er spricht. Er merkt das und wechselt. Also glauben wir morgen das Gegenteil vom Gegenteil. Und übermorgen vom Gegenteil des Gegenteils das Gegenteil, davvero! « »Potztausend, Signora, ihr seid ja große Philosophen!« »Ist nicht so gefährlich, Signore. Aber man kann doch nicht immer Kapriolen treiben. Herr, es gibt auch knappe Zeiten. Man ist froh um jede Distel. Da liegt man in den Steinen und kaut und kaut wieder. Und da kommen einem so Gedanken an allerlei tiefe Sachen. Man studiert und philosophiert, was zum Beispiel in Grund und Wahrheit der Hunger sei. Ist er etwas Reales und Positives oder ist er etwa nur ein Negativum oder ist er überhaupt gar nichts? – Und was ist das Genughaben? Und warum wechselt das immer, genug – Hunger – genug – Hunger? Und wo endet so eine logische Lebenskette einmal: im Hunger oder im Genughaben? Pellegrino, darüber hab' ich schon ganze Nachmittage auf dem Monte Benozzio philosophiert. – Ich höre, daß euere Philosophen... das heißt, nur die hellern... an einen Tierhimmel glauben. Corpo di bacco , ob wir da auch hineinkommen? Wir mit unsern Hörnern? Ob Onkel Barbone schon oben ist? – Attenzione, wenn dieser Bock hineinkam, und wenn ihr Menschen trotz Krieg und Lügen und Idealen hineinkommt, dann auch wir Ziegen, wenigstens in einen Tierhimmel! Was meinst du, Signore?« Ich denke heimlich: Nein, so ein Unsinn! Aber laut sag' ich: »Das könnte ja allenfalls so sein mit dem Geißenhimmel –« » Zitto , zitto, Signore, ich seh' dir an, du glaubst nicht daran. Dann lüg' mir aber auch nichts vor!« »Caprina!« wollte ich beschwichtigen. »So seid ihr Menschen. Auf Erden soll euch alles gefallen und dienen. Und den Himmel wollt ihr erst recht allein für euch. Das ist nicht edel. Was haben wir euch denn zuleid getan?« »Caprinellina! Ich werde wahrhaft froh sein, dich irgendwo im Himmel oder doch im Vorhimmel zu treffen, und auch deinen tapfern Onkel Barbone, glaub' mir! Und die Zita und...« »Basta, Signore, Basta! Aber da ist noch etwas anderes. Manchmal, wenn ich durch unsere Gassen tripple, etwa um Ostern, dann riecht mir etwas in die Nase. O entsetzlich, ihr Menschen habt wieder einen Mord begangen. Nicht genug, daß ihr Sünder einander tötet, ihr mordet auch uns Unschuldige. Ihr redet von Bratenduft. Mir ist es Gestank und Verbrechen. Ich renne, renne bergan, bis ich ganz oben im Fels bin. Und da geht das Philosophieren wieder an. Ich denke ans Messer! Seht, Herr, wie ich zittere! Es steht mir auch bevor –, still, still, ich weiß es besser. Aber warum? Warum? Was haben wir euch zuleid getan, daß ihr uns so behandelt? Milch gaben wir euch und junges Vieh. Könnt ihr nicht warten, bis wir von selbst sterben? – Dann zieht uns Haut und Hörner ab, meinetwegen! Aber warum uns im schönsten Wohlsein töten? Wißt, Herr, wenn ich merke, daß es mir an den Kragen geht, dann spring ich einen Fels hinunter oder in ein wildes Wasser. Ich will richtig sterben.« Das hübsche, leichtbeinige, strahlende Tier zu meiner Linken sah mich unendlich vorwurfsvoll an. Ich wollte es trösten. Aber wie? Wie oft hab' ich selbst Ziegenbraten gegessen, und wie gern hab' ich ihn jetzt noch, in dieser Minute! »Caprina«, sag' ich und streichle den steilen Rücken, »wir müssen doch alle einmal den Weg alles Flei...« »Schweigt, Signore, jetzt werdet ihr abgeschmackt. Das ist wieder so ein Gemeinplatz, wie man bei euch zwanzig für einen Soldo bekommt. – Aber horcht, die Rivola Mazza! – Wasser – Kommt schnell!« Wir sogen beide am dünnen Faden Wasser, der da aus einem Kalkstein rann, und vergaßen darüber Tod und Philosophie. Dann trabten wir weiter selbander. So sind die Ziegen in den Apenninen, ein Völklein voll Spaß und Ernst, voll Klatsch und Philosophie, gleich groß an Verstand und an Herz. Am Abend fand ich im Bergdorf Osterur kein Wirtshaus und ging zum Pfarrer und fragte, ob er mir etwas Minestra und Wein und hernach eine Matratze zum Schlafen geben könne. Da sagte der gastliche Mann: »Vuole capra? Wollen Sie Ziegenbraten?« »Pst, pst!« flüsterte ich schnell, »nicht so laut!... Da unten!« – und ich zeigte in den verwilderten Garten, wo etliche Ziegen weideten. Mir war, sie könnten es hören. Dann... o ich Unmensch.... aß ich doch capra. Das Fleisch war sehr gut! Aber mein Gewissen war sehr schlecht. Aus jedem Bissen hörte ich es leis und fein klagen: »Signore, was habe ich dir zuleid getan?« In den Bergnestern Wie Schwalbennest an Schwalbennest sind die kleinen umbrischen Städte ins Vorgebirge der Abruzzen hinaufgeklebt. Sie schimmern kalkweiß ins Tal hinunter. Hinter ihnen wölbt sich der Bergrücken zuerst fast mit bronzegrüner Farbe und mehr braunem als grünem, überaus spärlichem Wildwuchs. Der Scheitel ist bald grau, bald braun, von müder milder Farbe. Es geht zu ihm empor nicht so steil, aber sicher so hoch, wie von Arth-Goldau zum Rigi. Das ist für Italien eine starke Höhe. So der Subasio bei Assisi, der Calvo und Cucco bei Gubbio, der Lugo bei Spoleto. Auf der Rückseite fallen sie in ein wilderes, steileres Tal hinunter. Da gibt es nun in den Schluchten noch mächtige Bäume, Eichen, Buchen, Nadelholz, dichtes, wirres Gebüsch, wilden Lorbeer, Taxus, Kastanien und prächtige Felsen. Aber jenseits steigen noch steilere und höhere Berge auf, und dahinter stehen die allerschönsten. Bei klarem Wetter oder scharfem Seewind kann man von Subasio aus mitten in den umbrischen Abruzzen die düsteren Hoheiten der Sibyllinischen Berge erblicken. Grau und rundköpfig und gar so steinern unfreundlich stehen sie da und machen beim lustigsten Himmel ein düsteres Gesicht, eine wahre Wahrsagermiene. Doch schimmert bis tief ins Jahr Schnee auf ihren Häuptern, und das macht sie etwas freundlicher, obschon gern ein grauer, mystischer Nebel um ihr Gesicht spielt oder der dunkle Schatten einer ganz nahen Wolke auf ihnen brütet. Hinter ihnen blaut die Adria, vor ihnen lächelt das höflich-süße Umbrien. Sie aber bleiben hart und lächeln nie, so recht wie alte, ernste Sibyllen. Doch bleiben wir in den Bergnestlein der Vorberge. Ach, wie man sich da einkapseln und sicher fühlen kann! Weit unten geht die weiße, breite Heerstraße durchs Land mit ihren Hitzen und Mühen und ihrem Schweiß. Wir aber hausen da oben, schon halb in den Felsen, in göttlicher Sicherheit, weitab vom Lärm. Wir können aus unsern Schwalbennestern über allen Menschentrubel pfeifen, der sich da unten durchs breite Leben schindet. Was weiß doch einer von Umbrien, wenn er nicht in diesen schlechtgepflasterten, holprigen Städtchen herumgelungert ist und abends unter dem römischen Bogentor von Spello oder unter dem aussichtsreichen Venusportal die Fliegen aus dem gelben Wein geseiht und dem Dudelsackbläser Porta und seinen unendlich schwermütigen Weisen stundenlang zugehört hat? Und was weiß einer von Umbrien, der nicht in Foligno mindestens drei totenstille, sonnenschwere Nachmittage im Schatten der einsamen alten Vorhalle von Santa Maria intra Portas verträumte und dann und wann gegenüber in San Domenico, dem ebenso einsamen, ein paar Turnern mit weißen Hosen und brandroten Schleifen zusah, wie sie mit der süßen Schlangenhaftigkeit des Italieners am Reck ihre Künste losließen, langsam, leise, melodisch. Aber wenn die Sterne aufgingen, schlenderte der Fremdling in den Hof der alten Abtei Sassovivo, höher am Berg, wild und einsam, und meint schon von weitem durch die stille Nacht das Plätschern von Ziehbrunnen herauf oder die klappernden Holzsandalen einiger Brüder über die Fliesen zu vernehmen, etwa wenn sie in ihre Zellen zum Schlafen gehen. Das Kloster steht in wunderbarer Weltverlassenheit da. Ringsum rauschen die Bäume, und nachts hört man das Wasser aus allen Schluchten. Und man glaubt, in Rom oder in der Brunnenstadt Damaskus und nicht in einem so weltentlegenen Hofe zu sein. Aber in der dritten Nacht hängt der Pilgrim übers Gesimse des Foligner Gasthofs hinaus und hört, wie das Reden in den winkligen Gassen langsam verstummt. Ein paar Laden klappen zu, ein paar Riegel kreischen, und ein Felice notte ertönt da und dort. Aber das letzte klingt besonders fein, und es folgen noch einige Worte so weich und geschmeidig nach, wie sie nur in Umbrien gesprochen werden. Ist es wohl ein Zeppo, der seiner Geliebten hinter den Säulen von Santa Maria Maggiore noch ein heimliches Wörtchen zuflüstert? Oder ist's ein Priester, der im Kreuzgang noch die Nokturnen beendet? Oder ist's ein stiller, unberühmter Maler, aus dem noch die Schwärmerei des Tages redet? Es sind so schöne Worte: Luce... rosa... gracia... baciolino! Und da, wenn man meint, das Städtchen sei nun völlig eingeschlafen, huscht noch ein letztes silbernes Wörtchen über das Pflaster, das letzte, das ein Umbrier spricht, und ohne das er nicht schlafen könnte, und das schönste Wort der Welt: Si! Wollüstig spricht es der Venezianer mit seinen roten, vollen Lippen aus, als schlurfte er dabei schon alle Erlaubnis der kleinen Silbe in sich ein; hart beißt es der Romagnole zwischen seinen starken Elfenbeinzähnen hervor, fast wie eine zugefügte Demütigung; und kühl und scharf spricht es der Römer aus, wie ein Advokat, während es dem Toskaner wie Chianti von der Zunge fließt. Aber der Umbrier sagt es wie ein Gebet! Si, o che si! Gütig, wie einer, der alles austeilen möchte, und mild, wie einer, der nie ein Nein über sich brächte. Wahrhaft, wenn irgendein Mensch, ist der Umbrier kein Neinsager. Er nickt der Sonne und dem Gewitter, dem Schmerz und der Vergnügung gefügig zu: Che si! Nur zu! ja, ja! Er sagt es dem Wohltäter und dem Quäler gleich sanft her: Che si! Mache nur fort! Ich hindere dich nicht. Es ist wohl eine Schwachheit, dieses ewige, sanfte Jasagen, aber es ist beinahe die Schwachheit der Götter, nicht mehr der gemeinen Menschen. Und so klingt es denn jeden Abend als das letzte Wort von den wenigen Türen, die verriegelt, und von den meisten, die nicht verriegelt werden, und aus den Kammern, die keine Gitter und keine Schlösser haben: dieses kürzeste und beste und klangvollste Wort aller Sprachen, besonders aber der italienischen Zunge: Si! Wer weiß von Umbrien, der dieses Si! nicht vor Mitternacht noch einmal leis und innig wie einen Bruderkuß erklingen hörte? Und wer weiß von Umbrien, der nicht in Gubbio oben, schon mitten im Gebirge, vor dem großartigen Palast dei Consoli mit den Bettlern seine Brötchen und sein Nickel teilte und dann neben ihnen ins Gras des Staatsplatzes lag? O dieses brave, hübsche, kleine Gras, das in alle Höfe, auf alle Terrassen, in die offiziellsten Bezirke hineinwächst! O dieses Volk, wo man Natur und Kunst noch so vertraut zusammenleben läßt, daß es nicht zudringlich erscheint, wenn schon das dichteste Moos dem heiligen Cristoforo über die Knie hinaufkriecht und dem heiligen Sebastian Kresse und Spitzkraut kühlend über die Pfeilwunden streicht! – Wer weiß von Umbrien, der in diesem einzigartigen Gubbio, unter dem blauen Bergschatten, nicht mit den Kindern des Sakristans in den Johannesturm hinaufkletterte? In unsern deutschen Landen der Ordnung wäre ein solcher Aufstieg an schwindligen Wänden, über fehlende Stufen und breite Bretterlücken, bald mit, bald, wo es am gefährlichsten ist, ohne Seil, eine Waghalsigkeit, die das Gesetz mit zehn Mark Buße belegte. Aber hier ist's ein unvergeßliches Abenteuer, wenn man mit einem Fuß ins Bodenlose hinausgerät, wenn ein Schwarm Fledermäuse einem übers Gesicht streicht, und wenn das kleine Töchterchen Teresa einem auf der schwankenden Leiter kurzweg das Nastuch aus dem Rock reißt und sich das rosig gestülpte Gubbiernäschen darin schallend ausschneuzt. Droben am hohen Glockenfenster wird's schlimm. Die Kinder trippeln übers äußerste Kranzgesimse wie junge Katzen auf und nieder und spucken weit hinaus auf den Markt hinunter. Doch das ist alles nichts mehr, wenn der behende Schlingel Beato seine Frechheiten zeigt. Er sperrt das Maul auf, daß man sieht, wie er sich am Zucker seines Onkels, des Konditors Belli Bellini, alle Milchzähne bis auf die zwei mittleren ungeheuren Schaufeln ausgerissen hat, springt an die ruhige Glocke, schwingt sie zu so ungeladener Zeit auf und ab und fliegt plötzlich, bevor sie erklingen kann, an ihrem Schwengel zur Lucke hinaus, hoch über die Häuslein, die Menschlein, das ganze Städtlein durch schwindelblaue Lüfte. Dann saust er wieder herein, zum andern Fenster hinaus, zappelnd vor Tollheit und knirschend vor Lebensübermut. Starr seh' ich zu, das Blut will mir vor Grauen stocken. Aber Pepa und Teresa jubeln vor Stolz über ihren Bruder. Plötzlich, mitten im Glockenschwung, springt der Bub aus der Erzschale herunter zu uns, und der freie Schwengel schlägt gewaltig an den Mantel. Bravo, bravissimo! Was tust du, Halunke? Die Leute hören es ja. Die Polizei wird kommen. Um Gottes willen, hör auf! Aber der Spitzbube lacht mich nur aus und läßt es noch ein Weilchen weiterläuten, so prachtvoll und feierlich, als wäre morgen Allerheiligen oder der Einzug des Erzbischofs von Perugia. Und niemand kümmert sich unten um uns. Die Glocken in Umbrien dürfen wie jede andere Zunge reden, so oft und so laut es ihnen beliebt. Wer von den vielen Baedekergläubigen kennt Gubbio? Wahrhaftig, ich sage euch, eine Woche Gubbio gäbe euch mehr italienische Freuden als die Hetze via Milano-Firenze-Roma-Napoli! Freilich, ihr müßtet im Sommer kommen. Der italienische Sommer ist großartig in Umbrien. Keine Fremden! Keine Bummler! Keine Eindringlinge als du allein, Glückskind! Die Italiener unter sich! Sei denn bescheiden und tue wie alle Einheimischen! Trinke Nostrano, iß Risotto, löffle Minestrone und schlecke den dottergelben Zambiglione! Liege unter einem kühlen Säulenbogen zu Mittag und spiele Harmonika am Abend oder Boccia über die Via ducale hin mit ein paar Handelsjungen! Was italienischer Stil, latinische Gelassenheit, antikes Phlegma ist – nicht etwa Faulheit, o nein! –, großartiges antikes Phlegma, das lernst du erst hier, außerhalb der großen Städte, in den Bergen und kleinen Borghi, wo man noch altes Hirtenblut und die Seßhaftigkeit der Bauern in alle städtische Verschmitztheit gerettet hat. Liebes Gubbio in den Bergen, ich werde dich nie vergessen! Wie oft im Brausen unserer nordischen Stadt und in der Geschäftigkeit unseres nüchternen, von Dampf und Elektrizität regierten Lebens, denke ich an dich und sehne mich nach deiner so gemütlichen, sorgenlosen Klause! Oh, ich hoffe, dich wiederzusehen und deine uralten Ölbäume, deinen ewig schnupfenden Prevosto und deine zierlichen Töchter, die sonntags nach der Vesper mit verknüpften Händen in langer, die Straße sperrender Reihe von der Unterstadt zur Oberstadt spazieren, die jungen Burschen necken und singen: Gianino will mich pflücken, Ei, ei! Als ob ich eine Pfirsich wär'! Ei, ei! Lern' Haselnüsse beißen, Ha, ha! Und Röslein aus den Disteln reißen, Dann komm, dann komm, vielleicht, Bis dann Bianca sich erweicht . Auch Beato, den Sigristensohn, will ich wiedersehen. Ah, wie er dann erst läuten wird! Ganz Italien muß ihn hören! – Und die Stadtmusik in ihrer farbigen Uniform muß ich wieder auf die Piazza della Signoria marschieren sehen. Und ich will sie wieder den Marsch der Bersaglieri spielen hören. Das wird wieder so zündend sein, daß fast die Pflastersteine zu tanzen beginnen. Und sicher spielt dann Armando Grossi immer noch die Flöte und dudelt immer noch so wunderbare Triolen und Verzierungen in die Melodie wie damals, als ich ihn zuerst vernahm und glaubte, es müsse eine Drossel über den Musikanten fliegen und mittrillern. Auf Wiedersehen, einzig liebes Gubbio! Sisto e Sesto Am Fuss der sibyllinischen Berge, im einsamsten Winkel der Abruzzen, brach am Vorabend einer Tour auf den Monte Priore ein Regenwetter so sündig grau und frostig und unermüdlich los, dass mein Begleiter und ich mehrere Tage in einem kirchen– und wirtshauslosen Nest zwischen den vier dunkeln, vom offenen Feuerherd durchrauchten Wänden eines Ziegenbauern zubringen und uns die Zeit mit den wilden Sagen der dutzendköpfigen Gemeinde, die hier zusammenhockte, und mit ihrem ebenso wilden Wein vertreiben mussten. Diese alten Berichte, halb Geschichte halb Legende glichen dem Rauch der düstern Stube oder dem Nebel vor den Fenstergitterchen in Farbe und wirrem Geknäuel. Sie schlichen auch so schwer und gespenstisch an den festen Wänden der Vergangenheit zur Diele empor, verdichteten sich oben zu unheimlichen Fratzen oder Drohfiguren und lösten sich nur langsam und gleichsam gegen ihre böse Seele am Ende in leichten blauen Dunst auf. In diesen Berglegenden spielte das gesetzlose, verwilderte Element, sei es im Wasser oder Feuer oder Tier oder Menschen, die vorderste Rolle. Tote gingen um und bellten wie Wölfe, der Teufel kam in Blitz und Sonnenschein, der Himmel redete, die Gipfel des Gebirgs rauchten wie der Sinai, und bald unterirdisch, bald überweltlich erscholl Musik, wozu ein Erdbeben die Trommel oder ein dauerhafter Donner die Pauke schlug. Aber noch lieber ward von den Briganten dieser Wildnis, ihren Heldenstücken und ihrem stürmischen Untergang erzählt. Und gern tauchte die gewaltige Gestalt des Papstes Sixtus V., der vormals die Räuber durch Wald und Wüste zu Tode gehetzt hat, in mehr oder minder deutlicher Zeichnung, doch immer felsig und unerbittlich gleich dem Monte Priore, aus solch banditenreichem Sagennebel hervor. Das Schönste war die Erzählung von Sisto e Sesto. Denn hier ein einziges Mal milderte die Sage die Härten der Geschichte und zog den Fels ins menschlich warme Leben herunter. Oft schon habe ich sie erzählt. Aber nie fand ich den Mut, sie aufzuschreiben. Denn bei so einem Abenteuer muss man mit beiden Händen mitsprechen, muss leise und laute Worte wechseln, muss sich zusammenducken und plötzlich in einer scharfen Schicksalswendung emporschnellen, kurz, muss die Geschichte erleben und zeigen können, wie sie mir von Gesicht zu Gesicht im Rauch und Feuer jener Abruzzenstube geoffenbart worden ist. Krame ich sie nun doch auf diesem leblosen Papier da aus, so ist es, weil sie mir noch immer keine Ruhe lässt. Sie plagt und drängt mich wie ein Fieber und brennt mir auf die Finger. Sie will durchaus geschrieben sein. Versuch's ich denn und gleich jetzt, wo draussen ein nasser Wind ans Fenster klatscht und aus der Zimmerecke die Scheiter im Ofen krachen, so dass ich meine, noch immer in jener italienischen Bergstube zu sitzen und selber zu lauschen. 1. Kapitel Vor vierhundert Jahren hausten in den sibyllinischen Bergen weitverzweigte Banden von Räubern. Steg und Weg war unsicher und den Schurken weder mit Gesetz noch Gewalt beizukommen. Denn die kleinen Fürsten von Spoleto und Foligno und Nursia herauf und von den jenseitigen Marken herüber bedienten sich der Briganten bald für private Heimlichkeiten, bald für ihre offene Hauspolitik. Ja, angesehene Reisende, wie Botschafter und kirchliche Nuntien, die auf dem kürzesten Wege von einem zum andern Meere reisen wollten, mussten gern oder ungern solche Wildleute zu Wegweisern nehmen. Aber wer glaubt nun das: die blutigsten Banditen wohnten bei ihrer Familie im Dorf und lagen, wenn sie nicht räuberten und mordeten, so sanft phlegmatisch wie nur je ein zahmes Menschlein im Gras unter Kind und Kegel und kauten an einem Halm oder schoren ein Schaf oder orgelten ein Scherzlied aus der Handharmonika. Im Dorf Paritondo, das dem Grafen von Spenchi pflichtig war, zählte man unter fünfundachtzig Seelen ein starkes Dutzend solcher harmloser Dudler im Gras. Daneben wiegten sie ihre schmutzigen Kindlein im Arm, kochten Polenta im Freien oder scheuerten der kranken Frau bei guter Laune die Kammer, knieten Sonntags in der alten Kirche und schliefen unter der langen Predigt des Pfarrers Donaldi da Dia von Surigno wie Gerechte ein. Aber pünktlich beim Amen erwachten sie und sangen dann die Litanei so laut und so schön, als wären sie geborene Choristen. Den tiefsten und weichsten Bass sang Sesto Peretti, am Tage Küster und Gemeindeschreiber und Schafhirte in einer Person, zu Nacht Bandit vom schwärzesten Wasser. Am Tage harmlos und mild wie Milch, zu Nacht rot und gefährlich wie Blut. Sein Vater hatte nach dem Tode der ersten Frau und nach den Klostergelübden seines einzigen, kränklichen, aber streberischen Sohnes Felice eine jähe Romagnolin geheiratet. Sie ward Sestos Mutter und verflackerte wie alle solche wilde, rasche Flammen nach wenigen Jahren. Da verwilderte der Vater, der das zweite Weib dreimal heisser als die knappe und strenge Frau der ersten Ehe geliebt hatte. Lange Zeit vagabundierte der Alte mit seinem Jungen in den Marken umher und siedelte sich endlich, des Schweifens müde, in den umbrischen Bergen an. Hier starb er als hoher Achtziger im Augenblick, da sein Enkelknab Poz'do ihm den ersten selbständigen Raub vor die Füsse schüttete und zugleich das Gerücht meldete, Felice Peretti sei Kardinal der römischen Kirche geworden und lasse in allen Windstrichen nach seinem verschollenen Vater oder andern nahen Verwandten fahnden. Die rote, goldgebortete Schärpe hier und da der dicke Karfunkelring rühre vom ausgeraubten, römischen Sendling. Vielleicht hörte der Greis diese Kunde nicht mehr. Denn als man ihm gratulieren wollte zum grossartigen Sohne und nicht minder zu einem so würdigen Enkel, gab er den Händedruck nicht zurück, sondern liess den Arm wie ein Holzscheit auf die Decke fallen. Seit Tagen war er wortlos im Todeskampf gelegen. Jetzt, da er nicht nur seinen Sohn, sondern auch den Sohn seines Sohnes noch in voller Berufshöhe gesehen hatte, konnte seine Brigantenseele ruhig scheiden. Wie bei einem Docht, der kaum noch geglommen hatte, merkte keiner das genaue Erlöschen. Als er sich aber steif und eiskalt anfühlte und also sicher tot war, ging Sesto zu da Dia nach Surigno hinunter, der halbblind und dort nur noch Frühmesser war, aber als Seelsorger von Paritondo die Geburten und Todesfälle ins Kirchenbuch einzeichnen musste. Er brachte ihm den ledernen Kodex und meldete den Hinscheid. Während der Geistliche die Daten ordnungsgemäss auf Folium 19 einkritzelte, freilich mit den Buchstaben eines Riesen, schrieb auch Sesto, halblaut da Dias lateinische Worte nachplappernd, auf ein Dokument die Todesmeldung seines Vaters und erbat die Unterschrift des Priesters. In Wirklichkeit hatte er notiert, dass der alte Peretti gestorben sei und niemand wisse, wo Sesto, des Kardinals Stiefbruder, durch die Welt jage, ob er am Ende nicht längst in der Erde ruhe. Mit so tückisch kleinen Buchstaben hatte er das geschrieben, dass da Dia keine Silbe lesen konnte und mit gutem Glauben seinen Namen und das Kirchensiegel dazugab. So wanderte das Dokument zum Kardinal. Seitdem ward es still zwischen Rom und Paritondo. Bis nach Jahren die Hiobsbotschaft kam, der neue stahlharte Papst Sixtus V. jage die Räuber wie Ratten zusammen, durchstöbere ihre hintersten Löcher und hänge, wo er sie finde, alle Äste und Zäune davon voll. Er habe das Wort in seinen Bart geschworen: Ich will in meinem Hause keine Mäuse, so dass jeder Gast nachts gut schlafen kann und nicht der Bayer oder der Engländer daheim schimpft, im Kirchenstaat sei man keine Stunde seiner Tasche oder seines Lebens sicher. Doch zuerst ward um Rom und die Campagna gegen Neapel hinunter gesäubert, wo ja der Unfug den fremden Herren Gästen am meisten in die Augen stach. Darnach zogen die Beamten über die Sabinerberge und Aquila ins heilige Umbrien hinauf. Aber da gab es so viel zu fechten und zu hängen, dass wieder zwei Jahre gemächlich verliefen, ehe in Paritondo, so weit hinten an den sibyllinischen Gewaltsbergen, ein Vortrab dieser Spürhunde gesichtet wurde. Man hatte inzwischen noch Zeit, den chilenischen Granden Carlos de los Herreras um einen Seidenrock mit zehn Pfund Goldpiastern im Futter zu erleichtern, dem Baron Albert von Schreck, der vom Tirol nach Rom ritt, Zelt, Rüstungen und alle Dienstmannen abzunehmen und sogar steife venezianische Senatoren, die einen schweren Peterspfennig nebst ihren sieben glattrasierten Intrigantenköpfen nach dem Vatikan trugen, gleich von beiderlei Beschwer zu erlösen und ihnen zwischen Busch und Fels eine flinke zivile Bestattung zu geben. Aber eines Tages hatte Poz'do, der junge, rotstruppige Sohn Sestos, auf einer Spionage ins offene Tal hinunter unweit Spello einen langen Zug Geknebelter gesehen. Er konnte vor Wut kaum erzählen, wie schmählich das anzuschauen war. Edle, feine, hochhäuptige Briganten gingen in Stricken, die man von Hals zu Hals gezogen hatte, gerade wie dem Metzgervieh. Und ringsum trabten gleichgültige Soldaten zu Ross mit und stiessen jetzt ihr Maultier, jetzt ihren Gefangenen mit der Pike vorwärts. Der aalglatte Junge schlich diesem himmeltraurigen Elend mit verbissenen Lippen ins Städtchen nach. Es zwang ihn, das Unglück fertig zu kosten. Und sieh' da die Gemeinheit: ohne Verhör und Spruch, als ob sich das so von selbst verstände, ward Paar um Paar über den Markt zum grossen Brunnen geschoben, wo Stankt Michael sich hoch über dem Becken erhebt. Mit einem festen Knopf ward der eine rechts, der andere links an die eiserne Waage geknüpft, die der Erzengel weit über den Brunnenstock hinaushebt. Vornehme Leute schauten auf eigens herbeigeholten Stühlen dem Prozess zu und hatten ihren Spass daran weil das Zünglein an der Waage so drollig auf und niederspielte, bis die armen Burschen ausgezappelt hatten. Gleich folgten zwei andere, immer zwei dünne oder zwei dicke, damit nicht der gewichtigere die Schale zu tief drücke und mit den Zehen aufs Gesimse aufstehen könne. Die reichen Spellerbuben lachten, die armen weinten fast gar. Aber sie wagten nicht zu schreien: halt, das ist mein Bruder ... halt, das ist mein Vater! ... Da riss sich Poz'do schaudernd und im Innersten gekränkt los und lief Tag und Nacht über die drei Bergketten und schleuderte nach dreissig galoppierenden Stunden den braven Kumpanen in der Küsterstube diese zuckenden Marterbilder vor den Kopf. Darauf tranken jene den roten Wein aus, schoben noch ein tapferes Stück Ziegenkäse zwischen die Zähne und sagten zuletzt langsam: »Man muss es da Dia berichten. Kommt er am Samstag, Peretti?« »Wartet, das ist der dritte, nein der vierte August. Natürlich, da Dia muss uns am ersten Monatssonntag Gottesdienst halten. Im übrigen, wie viel Geld haben wir noch?« Der Genossensäckel ward über den Tisch ausgeleert. Fünfzehn Silberstücke und vier Pfund Kupfer. »Das hält noch länger als zwei Wochen,« beruhigte Sultigni, der Proviantmeister von Paritondo, und spuckte grossartig bis zur Türe hinüber. »Bis dahin ist der Schrecken vorüber.« 2. Kapitel Der alte Pfarrer und Benefiziat da Dia kam am Samstag nachmittag von Surigno herauf. Zwei Frauen knieten im Kirchlein und wollten ihre Sünden bekennen. Hernach besuchte der Priester den Pietro Solio in der obersten Dorfhütte. Der Mann litt an Wassersucht und sah heute so erbärmlich aus und schnappte so knapp nach Luft, dass Donaldi da Dia beschloss, ihm morgen die heilige Wegzehrung zu reichen. Indessen nahm er ihm die Beichte ab, salbte ihn mit dem Krankenöl und sprach ihm einige tröstliche Gebete mit seiner tiefen, stillen Greisenstimme mehr aus dem Herzen als aus dem geöffneten lateinischen Büchlein vor. Ernst und ein bisschen missmutig schritt er dann das einzige Lottergässchen Paritondos zurück zum verfallenen Pfrundhaus. Nur ein Raum zum Kochen und Schlafen und Predigtstudieren war da noch leidlich erhalten. Was brauchten auch die Paritonder ein Pfarrhaus wegen zwölf Gottesdiensten im Jahr? Nun, ja, darüber wollte sich da Dia nicht mehr ärgern. Aber von den Samstagskindern, die er nach dem Tridentinum hier jedesmal im Glauben unterweisen sollte, liess sich kein Bein sehen. Die Wildlinge trieben sich noch immer mit den Herden auf den obern Weiden von Pratalpe herum. Da war vor Mariä Himmelfahrt nichts zu machen. Verdrossen zog er sein Brevier hervor und betete, im struppigen Gärtchen auf und abschreitend, die Nokturnen, während ihm die Küstersfrau, Anizia Peretti, eine Minestra aus Kräutern, Erbsen und dünner Hühnerbrühe faustdick zusammenkochte. Ihr Gatte begab sich inzwischen in die Sakristei und legte mit ungewöhnlichem Eifer die gottesdienstlichen Gewänder für die heutige Abendandacht und den morgigen Gottesdienst bereit. Besonders stattlich hing er die weiss–seidene Kasel über den Kniestuhl aus, die schönste von den drei vorrätigen, die einzige auch, die auf ordentlichem Stiftungsweg in den Kirchenschrank von Paritondo gelangt war. Auch den besonderen Kelch für hohe Feste nahm er aus dem Beschluss und setzte dicke, weisse Kerzen in die Altarstöcke. Dann breitete er einen Teppich aus echtem Persergewebe, weiss Gott woher gestohlen und wieso dahergekommen, über die krachenden Altarstufen und zog ein prachtvoll gehäkeltes Linnen über den morschen Messtisch, in dessen Zipfeln man ein englisches Baronatswappen sah. Das Kreuz in der Mitte des Altars war einem päpstlichen Legaten auf seinem Zug nach Spoleto abgenommen und das selige Madonnenbild auf dem Steinsockel aus einem reichen Gubbierkloster schon zur Zeit der Fehde zwischen Papst und deutschem Federigo geholt worden. Diesem Liebfrauenbild hing Sesto zwei schwere Ketten aus altem, dunklem Gold und Armbänder mit echten Rubinen um und setzte ihm ein Krönlein aus haardünnem Silberdraht mit eingeflochtenen Goldrosen aufs Haupt. All dieser Schmuck war gestohlen, aber die Paritonder protzten damit hochmütiger, als wenn sie den ganzen Zierat selber gewirkt oder doch gekauft hätten. Besonders auf das Krönlein hielten sie hohe Stücke. Denn beim damaligen Überfall zweier französischer Bischöfe mit reisigem Gefolge hatten sich die Franzmänner glorreich verteidigt und drei Paritonder, darunter Sestos Schwiegervater, mit kunstgerechten Fronthieben erschlagen. Vom Szepter Mariens rührte auch der lahme Arm des Giosue Cardini, vom Armband die stumpfgehauene, nur noch dreifingrige Hand des Pietro Gualfi. Sesto Peretti selbst verdankte die tiefe Narbe von der hohen Stirne mitten in die schöne Braue dem Altarkreuz aus handgetriebenem Eisen. So oft er den heilig Gekreuzigten daran erblickte, schlug er sich brummelnd auf die Brust: Miserere nobis! und lachte dann mit beiden kieselgrauen Augen vor anregender Erinnerung ans Abenteuer. Wahrhaft, sie hatten für ihre Schätze mehr als Goldbatzen, sie hatten ihre gesunden Glieder und ihr rauchendes schweres Abruzzenblut dafür bezahlt. Darum wachten sie eifersüchtig über dem lebensgefährlichen Reichtum und verriegelten gleich nach der Kirchenfeier die ganze heilige Herrlichkeit wieder schnell in der eisernen Truhe der Sakristei. Diese Räuber fürchteten auf der Welt nichts als Räuber. Etwas fehlt. Jedes Weib in Paritondo hat einen Schleier, nur die Madonna nicht. Einst trug sie einen. Silberfädig war er, und man staunte, wie Lilienstengel und Lilienkelche da zu einem Nesseltuch verschlungen waren ohne jedes andere Zwischengewebe. Dieser Schleier blitzte wie der Weihnachtsschnee am Sasso Rompo zu Mittag. Seit er fehlte, ward es schattig ums Madonnenhaupt. Jeden Sonntag bildet es für die Paritondergemeinde eine neue Überwindung, diesen berühmten Schleier zu entbehren. Wenn doch nur eine hohe Edelfrau wieder mit einem solchen himmlischen Gespinste ihren tüchtigen Raubburschen in die Hände liefe! Jetzt schwingt Sesto das einzige scherbige Glöcklein zum Rosenkranz in den frühen Gebirgsabend hinaus. Wie das verloren aus den Bergecken zurückhallt! Schnell humpeln die alten Weiblein hinein. Dann mit einem Ruck stösst sich das Trüppchen Halbwüchsiger vor. Nun die paar Männer, die immer und so genau wie der Samstag selbst hereinkommen. Die paar? Was ist das? Mannsschritt um Mannsschritt schallt auf dem Steinboden. Das ganze Dorf kommt, füllt die Bänke, atmet schwer und sinkt wuchtig auf die Knieschemel. Der Pfarrer wundert sich gewaltig ... Die haben Angst! ... Sesto zündet sechs Altarkerzen an. Warum sechse wie zu Ostern? Zwei sind gerade recht. Per Dio, die Paritonder sind und bleiben Sonderlinge. Der Küster ringelt den Rosenkranz auf und betet vor. Da Dia setzt sich ins Chorstühlchen und beginnt bei einem züngelnden Wachsstöcklein die Laudes halb aus dem Brevier, halb auswendig zu lispeln. Aber er kann sich nicht sammeln. Immer wieder springen seine Gedanken über die alten Buchdeckel ins Kirchenschiff hinaus. Es fällt ihm auf, dass man anders betet als sonst. Es klingt weniger schläfrig und schleifend, mit einer ernsten, herzlichen Betonung. Mitunter, wie in bekümmerter Sprache, fallen Seufzer dazwischen. Es dünkte Don Dia, so stark hätten die Leute erst einmal gebetet, als das Hochgewitter eine Sintflut von Wasser und Schlamm von den Bergen niederwälzte und das Häufchen Paritondo mit Mann und Maus zu verschlingen drohte. Draussen vor der Kirche strudelten die Fluten fürchterlich, drinnen streckte man die Arme aus und überschrie den Lärm mit immer neuen Paternostern. Dennoch war es anders. Vor den Kirchenmauern lag diesmal eine stille dunkle Nacht, und in der Halle wurde ohne Geschrei, aber schön und eindringlich gebetet. Perettis Samtstimme klang noch tiefer und melodischer als gewöhnlich: »Der für uns Blut geschwitzt hat! Erbarme dich unser!« Don Dia klemmte den Daumen ins Buch und sann nach. Dieses Volk leidet. Es hat Hunger. Es kommt arm zur Welt und geht ärmer aus ihr, die doch so voll Reichtümer ist. Nicht ein Splitterchen merkt es von ihnen. Es kann wahrhaft dem Herrgott nichts davon erzählen, wenn es hinüberkommt, wie gut der Vesuvwein, wie süss die Kuchen von Siena, wie lustig der Fasching von Rom und wie prächtig die Stanzen Raffaels im Vatikan seien. Es kennt nur seine Paritonder Kirchenschätze, eine Stunde lang zum Anschauen und sich daran zu blenden. Dann kommt wieder die wochenlange glanzlose und kahle Armut des Werktags. Es gibt Räuber unter diesen Leuten. Man munkelt tief ins Tal hinunter allerlei Unsauberes. Aber müssen sie denn nicht stehlen? Sie sollten vielleicht betteln. Aber hier ist niemand, den man anbetteln könnte. Kein Signore lebt da oben. Alle sind sie Bettler. Also an die Strasse liegen und den zu Hablichen und zu Gesegneten vom Überfluss etwas abzwacken. Ach Gott, was ist das für eine Welt! »Der für uns ist gegeisselt worden«, betete Peretti, »Erbarme dich unser!« rauschte es dumpf durch die Kirche. Es sind gute Leute, spann Don Dia fort. Wie hat nicht mit heiterer Demut Pietro Solio vor einer Stunde sein geringes Sündengepäck abgeladen und Stück für Stück herzlich bedauert. Augen wie ein Kaninchen machte er dabei und nickte und dankte siebenmal dem Reverendo für den Segen. Der Pfarrer zieht entschlossen den Finger aus dem Psalmenbuch. Er bringt doch keinen Vers mehr über die Lippen. An dieses Völklein muss er nur immer denken. Er hat sie gerne, die rauhen Schweiger hier oben. Je weniger sie klagen, um so inniger fühlt er ihr Heimliches mit. Jeden zehnten April müssen sie, und sollten sie es von den eigenen Knochen schnitzeln, dem Grafen von Spenchi fünf und dem päpstlichen Legaten in Spoleto nochmals fünf Pfund Silber zinsen. Das bedeutet ein Vermögen für Bettler. Aber sie bringen es immer zusammen. Sonst würde ihr blitzendes Dutzend Jünglinge in die Garnison von Ancona oder Perugia gesteckt. Das wollen sie nicht. Krieg führen am hellen Tag, auf offenem Plan einem Menschen, der mich nichts angeht, entgegenreiten, ihn totstechen oder ihm eine Kugel durch den Kopf jagen, das widersteht ihrer sanften höflichen Gemütsart. Sie verkaufen das wenige Gemüse ihres wilden Bezirks und das erlegte Raubgetier und die Fuchs– und Marderfelle und begnügen sich mit ihren Disteln und magern Ziegen und dem Sackleinen bei Schneewetter, nur um dem Soldatendienst zu entgehen. Auch sind sie gastfreundlich und lieben einander ohne Falsch. Das ist ihre gute Seite, sozusagen die Sonnenseite ihres Lebens. Die Schattenseite, die heimliche, na ... aber vor sechs Jahren haben sie den kostbaren Schleier der Madonna, den Zwischenhändlern tausend Dublonen, ihnen hunderttausend wert, den Talgenossen nach Surigno hinunter geschickt, weil das Dorf nach langer Pest und Dürre halb verbrannt und halb verhungert dalag. Die elenden Brüder möchten Milch und Brot daraus machen. Das bleibt ihnen unvergessen. Dieser Peretti, wie er nur vorbeten kann. Wie ein Cherubim. Und wie er jetzt die Hilferufe der Litanei betont. Der Messner in der Sixtinischen Kapelle kann es sicher nicht halb so geschickt. Dieser Sesto macht eigentlich alles anders als die Hiesigen; nicht niedrig, herrisch ist sein Antlitz geformt. Und steckte sein Bube Poz'do in einem Junkerhabit, man würde den Kerl für einen Herzogssohn halten. So weisse Stirnen und schmale Nasen und lange silbergraue Augen und so leises, feines, rotbraunes Haar wachsen nicht hier. Ich wette, die haben noble Gevattersleute. Peretti ist ein grosser Name. Seine Heiligkeit in Rom heisst auch Peretti. Und sucht ja Vettern und Brüder aus dem Dunkel der gemeinen Abstammung in sein Weltlicht zu ziehen und findet sie nicht. Wer weiss, wer weiss! Nur ist der Peretti hier zahm wie ein Lamm. Der andere gebärdet sich wie ein Löwe Gottes. Sein Brüllen schallt weit über Italien hinaus. Die Könige zittern davor, und Gesetz und Recht werden wieder Herr. Sauber und vollkommen hobelt der Papst die Welt, bis sie dem reinen, runden Himmel über ihr gleicht. Der Hobel freilich tut weh. Und das Stammholz der Christenheit knirscht darunter, wenn ihm das Eisen in die harten und verwilderten Schösslinge fährt. Hier fallen dem greisen Donaldi da Dia die Galgen und Pfähle der letzten Woche ein. In Gottes Namen, Gerechtigkeit muss sein. Dem Wegelagerer, dem Brandstifter, dem sakrilegischen Dieb gehören Rad und Beil und Hänfling. Aber die Bergler hier tun einem leid, gegen die man jetzt loszieht. Das ist eine andere Sorte. Gemeine Verbrecher sind das nicht. Sünder, gut, wer heisst nicht so! Santissima Madonna, ich werde doch keine Räuber entschuldigen. Lieber beten! »Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns arme Sünder...« »Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens, Amen.« So summt es hoch und tief das Kirchlein hinunter. Dem Pfarrer wird es eigen zumute, fast wie damals, wo das Wildwasser um das Chor klatschte. Seine alten dünnen Ohren hören fein. Und er hört wieder leise glucksen, wie von kleinen Wellen, dann nagen, kerben, beissen, zischen um die Friedhofmauer. Ist das so starke Erinnerung oder was? Nach dem Rosenkranz gibt er mit dem eisernen Kreuz des Legaten von Spoleto den Segen. Tief senken sich die Kopftücher und weit ausholend bekreuzigen sich die Männer. Aber darnach rennt niemand hinaus, wie es sonst Brauch ist, um auf der Friedhofmauer noch ein wenig zu sitzen und in den grellen Bergmond oder in die mildere Himmelfahrt der Sterne ein langsames, eintöniges Hirtenlied zu singen. Selbst die Kinder bleiben. In der Sakristei fragt Peretti den Pfarrer, ob es recht sei, morgen den besseren Kelch und das feinere Messgewand aufzulegen. Ja, ja, er macht es ja immer recht. »Noch ein Wort!« Sesto Peretti wächst wie ein Übermensch dem kleinen, magern, von dünnen Silberfasern umwehten Geistlichen über den Kopf und streckt die Arme wie Eisenhämmer aus. Sein weisses Gesicht wird grau wie Stein. Die kieselfarbenen Augen leuchten und das dichte weiche Haar loht fahl an der Stirne empor. »Noch ein Wort«, droht der Riese gewaltig. »Redet doch, so redet doch, Sesto!« versetzte da Dia bange und sich duckend vor dem grossen Lamm Peretti, das urplötzlich wie ein Löwe tut. »Es sind unterm Rosenkranz Soldaten von Spoleto gekommen. Sie stehen hinter den Friedhofbüschen und wollen Räuber holen. Habt Ihr denn nichts gehört? Wir wussten, dass alles so kommt und nicht zu vereiteln ist. Jetzt sagt mir: werdet Ihr uns helfen wie ein Hirte oder uns verraten wie ein Mietling? Rasch!« Er hob den rechten Eisenhammer über das dürre Greisenköpflein, als wollte er es, sowie ein Nein hervorkäme, mit aller leiblichen Zubehör auf einen Hieb ungespitzt in den Boden schlagen, dieses sanfte Lamm Peretti. »Ich weiss nichts anderes«, schrie Don Dia, »als dass ihr gute Leute seid, ich weiss nichts anderes und will nichts anderes wissen.« »Gut, so ziehet Euch da an und kommt mit uns vor die Kirche! Ihr seid ein Reverendo, Ihr könnt am besten mit den Häschern unterhandeln.« »Wozu Albe und Kasel? So wie ich bin! Es ist jetzt nicht Messzeit.« »Da,« gebot Sesto mit furchtbarer Stimme, »und da und da!« Dabei warf er ihm Schultertuch und den langen weissen Linnenrock um, kreuzte ihm die Stola über die Brust und schob ihm einen wunderschönen, goldbortigen Manipel über den linken Arm. Dann holte er die Kasel, die nur beim heiligen Opfer getragen werden darf. »Es geht jetzt nicht zur Messe«, wiederholte der alte, kleine Priester ängstlich und half dabei doch hastig mit, dass die geweihten Gewänder gut lagen. Aber bei der Kasel weigerte er sich nun doch entschieden. »So nehmt den Vespermantel,« sagte Sesto kühl und legte ihm auch sofort statt der morgendlichen Kasel den festabendlichen, weiten Purpurmantel um, von dem es im Kircheninventar hiess, ein burgundischer Bischof habe ihn auf der Durchreise hier zurückgelassen. Gelbe Flammen loderten durch diesen schweren Brokat, die Flammen des französischen Fahnentuches. Indessen musste der geplünderte Prälat ein wahrer Roland von Grösse gewesen sein. Denn wie jetzt, befohlen und gestossen, Don Dia zum Altar trat, schleifte er den halben Purpur als Riesenschleppe hinter sich her. Er nahm das Kreuz vom Altar und schritt zur Porte hinunter, ohne zu wissen, was er nun sagen, was tun sollte. Kein Gebet, keine passende Zeremonie, nichts fiel ihm ein als eine grosse Angst vor dem, was seiner da draussen harrte, und noch mehr von dem, was hinter ihm mit der steinernen Miene Perettis drohte. Rechts und links hörte er im Vorbeigehen sich die Bänke leeren, sah das Volk ihn umringen und Sesto mit Weihwasserkessel und Wedel stramm neben ihm marschieren. Aber das Geschirr hielt der Mensch wie einen Schild und den Wedel wie ein Schwert in Händen. Als er den Ledervorhang mit dem Ellbogen zur Seite schob, blickten ihm ins Kirchlein ein Dutzend gezogener Pistolenläufe entgegen. Ein Hauptmann erhob die Hand wie zum Signal: Feuer! Hinter den zwölf Mordröhren starrten zweimal so viele spanische Piken und lange Mantuanerflinten mit ihren eisernen Beschlägen in die vom Sterngeflimmer leise erhellte Nachtluft empor. Schwarz lagen über dem Strässchen die Hütten. Nirgends äugte ein noch so schwaches Dorflicht. Am Monte Rosso oben hörte man deutlich den Wind blasen. Der Pfarrer wich zurück, aber auch die Angreifer waren auf einen solchen frommen Aufzug nicht gefasst und stutzten. Nur Peretti tunkte kurzerhand den Weihwasserwedel ins Gefäss und reichte ihn dem Priester. Instinktiv, wie jeden Sonntag vor der Hauptmesse, nahm ihn Don da Dia und besprengte die Bewaffneten, indem er dazu innig sagte: »Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!« Da senkten die Soldaten ihre Feuerwaffen, bekreuzten sich unwillig, aber brummten dennoch: »Amen!« »Mit wem wir da Händel kriegen, fragt, Curato, mit wem?« raunte der Küster dem Pfarrer ins Ohr. »Wozu seid Ihr gegen uns ausgezogen?« rief nun Don Dia im lauten Pathos der Bibel und mehr noch seiner Angst. »Was traget ihr den Krieg da herauf, wo fast keine Menschen mehr und bald nur noch Felsen sind? Was möget ihr von uns? Wasser und Steine, mehr können wir nicht geben.« Der Hauptmann ward immer verwirrter. – »Wir sind keine Verbrecher«, tuschelte Peretti dem Pfarrer als Stichwort ins Ohr. »Sucht ihr Verbrecher hier,« fuhr da Dia weiter. »Was können wir verbrochen haben bei Wasser und Stein? Verbrecher suchet drunten im Land beim Wein und Geld der Stadtleute. Gibt es hier ein Verbrechen, so ist es das, dass wir arm sind und so wenig haben als der Wind dort oben auf dem Monte Rosso und dass wir gleich ihm nie aus dem Hunger kommen. Müsset ihr das züchtigen, so züchtiget den Herrgott. Er hat uns so mit dem Hunger zusammen erschaffen. Nein, nein, gehet von uns und suchet euere Sträflinge in Florenz oder Rom!« »Bravo, Curato!« raunte ihm Sesto zu. Don da Dia, der schüchtern war, aber immer ein braves Mass von Beredsamkeit besessen hatte, das diesmal durch die Not und die Stichworte Sestos noch erheblich gewürzt wurde, Don Dia erhob beim letzten Satz beschwörend die Rechte, und da funkelte im Laternenlicht des Ministranten der Manipel auf, und deutlich gewahrte man das adelige Wappen und den harten, in der fremden Sprache der Inglesi geschriebenen Namen des bestohlenen Eigentümers. Sogleich erholte sich der Hauptmann von aller Scheu, trat fest herzu und sprach: »Mann, woher hast du denn dieses teure Kleid? und woher das seltene Kreuz? Wächst so was hier oben? Heraus mit den feinen Meistern! Wo sind euere Stickerinnen, die silberne Madonnenschleier machen, wie den von Surigno? Lasst einmal sehen, wie man solche Kunst wirkt! Ihr verbergt noch viel Ähnliches da innen. Platz da! im Namen seiner Heiligkeit, Platz!« Wieder erhoben die Soldaten ihre Terzerolen und blitzten die Piken. Der ratlose Pfarrer sprengte aufs neue das Weihwasser über die feindliche Armee. Er wusste nichts Besseres und Stärkeres zu tun. »Lass das, Pfaff, du willst wohl nur das Pulver verderben. Zieh deine gestohlenen Kleider aus, bei dir wollen wir anfangen, he, Mannschaft!« Damit riss er dem ehrwürdigen Priester den Manipel vom Arm, andere zerrten am Rauchmantel, einer griff nach dem Kreuz. Da reckte sich Sesto Peretti blitzschnell in seiner alles überragenden Grösse auf und schlug den vollen Weihwasserkessel dem Hauptmann über den Kopf, dass die Hirnschale krachte und die heilige Flut an ihm wie Regen vom Dache troff. Zugleich schrie Peretti, aber nicht mehr mit dem Psalterton des Sigrist, sondern im Gewaltskommando eines Bandenhäuptlings: »Männer, Büchsen vor!« – Und Fahnen und Kreuze und Rosenkränze fielen, und im Nu blinkte aus jedem Kittel eine Pistole oder ein Dolch hervor. »Jetzt seid so höflich und stellt euch vor!« rief Peretti. »Wer seid ihr, Feind oder gut Freund?« Der Hauptmann schüttete das gesegnete Wasser aus den Hutkrempen und sammelte sich ein kurzes Weilchen. Dann wandte er sich in seine Reihe zurück und sagte kurz und höflich: »Verlies das Dekret, Tommaseo!« Ein stangenlanger, waffenloser Mann trat aus dem Haufen. Er zog eine Rolle aus dem Ledersack und hielt sie ans Laternlein des Ministranten, um besser zu lesen. Da blies Peretti die drei Wachskerzen im Drahtgitter mit einem Atem aus. Zugleich gab der vielgewandte Mann dem Pfarrer einen bedeutsamen Wink zur Kirche hinein. »Nicht hier, nicht hier! Kommt in die Kirche«, bat Don Dia. »Dort brennen sechs Altarstöcke. Dort verleset! Gott, was Gottes, und dem Cäsar, was des Cäsar ist!« Man ging also ins Kirchlein zurück und im Schein des Altars, unter dem Blick der schleierlosen Madonna, begann Tommaseo zu lesen: »Sixtus der Fünfte, Knecht der Knechte, Statthalter der römischen Kirche und Verwalter des Patrimoniums Petri...« Bei diesen volltönenden Namen beugten sich die Dörfler und die Kriegsleute tief. Aber am tiefsten Don Dia. Durchs ganze Kirchenschiff rauschte die starre, gewaltige Seide seines Mantels bei der Reverenz. »Kund und zu wissen, dass im Gebiet zu Spoleto und Nursia unser Diener Markgraf Antonin Saavedro Gebot und Macht hat, für die Sicherheit der Provinz, vorab für strenge Säuberung der Strassen zu sorgen und dem gottlosen Treiben der Wegelagerer, Abenteurer, Räuber und Totschläger mit unserer ganzen richterlichen Schärfe zu begegnen. Auf Diebstahl über einen Dukaten ist der Strang gesetzt, auf jeden Raub desgleichen, auf Schädigung von Gut und Habe, Misshandlung und Mord desgleichen. Wird der Maleficant auf frischer Tat ertappt, oder in sonstiger Dringlichkeit des Gerichts, mag ohne Prozess exekutiert werden. Wer einem Banditen Unterschlupf gewährt oder sich ihm sonst hold erzeigt, sei an den gleichen Galgen geknüpft. Doch sorge der Richter, dass jeglicher Delinquent in Reue und Busse scheide, damit dem Tode des Leibes nicht auch der Tod der Seele folge.« Grabesstille herrschte. Nur der Rauchmantel schauderte ein weniges zusammen. Der Hauptmann winkte mit der früheren Höflichkeit und nun entrollte Tommaseo einen zweiten Pergamentbogen: »Auf mehrfaches, inständiges Klagen der Edelleute dal Pres und dal Ferri, des erlauchten Prinzen Giovanni Massari di Mugnone, des Bischofs Guereldo und der Kaufleute von Ancona, Spello, Nursia, Foligno, Spoleto und Aquila verfügen wir Markgraf von Spoleto und Bevollmächtigter des Heiligen Stuhles: »primo, das Verhör der Alpleute von Paritondo, »secundo, Festnahme und stante pede Exekution der Überwiesenen, »tertio, Auslieferung und Expedierung eines jeden, so des Raubes oder Vagantentums anrüchig ist, ans Gericht von Spoleto. »Im glorreichen fünften Jahr des Pontificats und in unterschriftlicher und besiegelter Bestätigung seiner Heiligkeit, des Papstes Sixtus des Fünften.« Wieder bogen sich alle Häupter, einige Frauen mit dem Pfarrer knieten sogar nieder, und viele Männer, diese grossen Kinder des Gebirgs, klopften wie beim Segen mit dem Allerheiligsten an ihre Brust. Nur der Messner zeigte nichts von all diesem ehrerbietigen Respekt und Schrecken. Vielmehr reckte er den Hals mit dem felsigen Kopf im Verlesen der Proklamation immer sicherer in die Höhe, und während die Seufzer des Volkes im Dunkel verschwammen, leuchtete sein fuchsgrauer Scheitel in den sechs Kerzenlichtern wie ein Berggipfel, den die Nacht am spätesten erreicht. Und über ihm lächelte jemand noch unbesieglicher und lächelte sogar unter dem rabenschwarzen Gelock hervor mit roten Wangen und kindsblauen Augen: die schleierlose Madonna auf dem Altar. »Und wie hat dieser unterschriebene Papst geheissen, bevor er auf den Thron kam?« fragte nun Sesto mit rollender Stimme. Alles war wieder still, denn die Frage hatte den Ton eines Mächtigen, der nicht vor Gericht steht, sondern selbst zu Gericht sitzt. »Felice Peretti!« riefen mehrere. »War er nicht ein Winzerbub in den Marken, der Sohn des Gianbattista Peretti?« »Ja, Felice Peretti aus Grottamare!« »Eben, so liegt der Vater dieses Papstes da draussen vor der Kirchtüre, und ich, schaut mich an, ich bin sein Kind so gut wie Sixtus der Fünfte.« Der Tod kann nicht starrer sein als die Stille, die nun ward. »Sagt ihr es, Hochwürden, habt nicht Ihr eigenhändig meinen Vater da draussen eingesegnet und ihm die erste Schaufel Erde auf den Sarg geschüttet? Und habt Ihr nicht meinen Brief an den Kardinal Felice Peretti mit einem lateinischen Satz und Euerem Namen unterschrieben und nach Rom geschickt, als mein Stiefbruder von dort wissen wollte, wo seine arme Familie lebe und wie er ihr aufhelfen könne? Perbacco, damals lachte ich, aber jetzt schrei' ich ihn an: hilf Bruder, jetzt brauchen wir dich!« Er blickte auf Poz'do, aber der Bub nickte nicht ja! Das kannte er nicht, Hilfe. Das hatte er noch nie gebraucht. Die Soldaten sperrten vor endloser Überraschung ihre bärtigen Mäuler weit auf. Doch der kleine Priestergreis im verzogenen Mantel und schiefen Birret nickte gewaltig für sieben Poz'dos mit dem dürren Köpflein, und so nass waren seine stummen Blicke und so bleich wurde Sesto selber beim Reden, dass jeder sozusagen die Wahrheit seiner Aussage mit Händen griff. »Ihr wäret...« brachte der Kapitano endlich über die schwere Zunge und wich respektvoll einen Schritt zurück »... der Bruder unseres heiligen Vaters zu Rom!« »Wartet,« befahl Sesto bündig und verschwand in der Sakristei. Ein halblautes Gerede pflanzte sich von Kopf zu Kopf durch den bewaffneten Kirchengang hinunter. Was tun wir jetzt? ... Ob er's beweisen kann? ... Klingt nicht alles wie ein Märchen? ... Aber Dieb ist Dieb und Mörder bleibt Mörder! Der Papst hat in seinen grauen Bart geschworen, dass er den eigenen Vater nicht schonen würde. Pst, pst! Da kommt der Riese zurück! ... Der Sakristan brachte das alte Kirchenbuch, woran zwei Silberschlösschen gar lustig in die so unlustige Stunde klingelten. Er öffnete ein mittleres Blatt nach allen Gesichtern hin. Es war mit guter, dickgezogener Tinte durchschnörkelt. Zuletzt hielt er es dem Pfarrer gebieterisch vor. Und mit zitteriger Stimme begann der Alte sein Skriptum zu lesen: »Anno Domini 1576 obiit in hacce villa Paritondense Joannes Baptista Peretti, nonnagenarius, ex Ancona, quem sepului die septimo Octobris 1576. Natus 1486, pater Sixti, vulgo Sesti, sacellani nostri, ex posteriore, Emminentissimi D. D. Princ. Cardinalis, Felicis Peretti, ex primo matrimonio. Cui Deo indulgeat! R.I.P.« »Vater Ihrer Eminenz,« wiederholte der Vorleser in der Landessprache, »des hochwürdigsten Kardinals und Kirchenfürsten Felix Peretti!« So stand es, so hiess es, so war es. Dem Hauptmann schwindelte. Die Mannschaft war nahe daran, vor dem Küster, über dem der Purpur des Bruders, nein, nunmehr der Schnee des Papstgewandes leuchtete, sich bis auf den Gurt zu verneigen. Stolz überschaute Sesto das volle, zu Tod verblüffte Kirchlein. Dann ergriff er seinen schlanken, rothaarigen Sohn am Arm und kommandierte ruhig: »Ihr habt es gehört. Nun führt uns zwei nach Rom. Auf mich und mein Kind nehme ich alles. Der Bruder selbst soll uns richten. Die andern,« beschloss er mit milderem Kameradenton, »die lasset bis dahin nur im Frieden. Ich bürge für sie. So ist's am gescheitesten.« »So ist's am gescheitesten,« murmelte auch der Hauptmann mit erleichtertem Herzen. Noch in der gleichen, lauen Sommernacht schritten die Soldaten mit Sesto Peretti und seinem Sohn Poz'do gegen Surigno hinunter. Die Sterne blinkten ob den schwarzen Bergmassen, die kleinen Gewässer plauderten in den Abgründen, ein Wolf bellte über Pratalpe und hinter dem weissen, kalten Stirnlein des Papstneffen schimmerte es von köstlichen Bildern. Marmortürme, Domkuppeln, hohe Flussbrücken, worunter unsäglich breite Fluten glitzern, dann Kanonen und grelle Garden, Glockengeläute bis in die Wolken, Strassengefechte, die dreifache Krone des Onkels! Und zwischen diesen Wundern zog das kühne Knabenherz wie ein junger Bergfalke nach Abenteuern aus. In Paritondo tröstete Don da Dia indessen den Pietro Solio aus, der in der Morgenfrühe, auf der Hausstiege sitzend, seine alte Älplerseele zu den Häuptern der sibyllinischen Berge emporschickte. Frau Peretti, zugleich um Bub und Mann trauernd, wachte an der Leiche mit den Mienen einer Witwe. Aber jedermann wusste, dass nicht dieser Tote, sondern zwei Lebende sie zur Witwe gemacht hatten. Aber im verlassenen Kirchlein lächelte, nachdem alle sechs Kerzen heruntergebrannt waren, noch hell und unverzagt, wie eine, die sich Lichts genug ist, die schleierlose Madonna. 3. Kapitel In einer kleinen, vergitterten Stube der Petersburg war Poz'do mit seinem Vater eingeriegelt. Rechts und links von der kleinen, stahlgebänderten Eichentüre war je eine Strohmatte in die enge, tiefe Mauernische geworfen. Das galt der kurzen Schlafenszeit. Aber für den langen, wachen Tag hatte man einige heilige Bücher auf einen Steinblock gelegt, der als Tisch dienen musste. An der Wand war ein hölzernes Kreuz befestigt. Die gewölbte Diele hing hoch und dämmerig über den zweien und war ein wahrer Lust– und Wildplatz für grosse, schwarze Spinnen. Die Peretti hörten in die Zelle hineindringen Rufe der Brückenwache, das Marktgetöse am Dienstag und Freitag, die Marienprozession am Samstag und das dunkle Rauschen des Tiber gegen Mitternacht, wenn das übrige Rom endlich stille geworden war. Auch rieselten fast den ganzen Tag Glockenstimmen ins Gefängnis, selbst von Lateran und von Santa Maria Maggiore, wenn der Wind von Albano her blies. Oft fiel das nahe Geläute der Sankt Petersglocken wie eine Vaterstimme in den Familienchor ein. Reiter trabten, Krämer schrien, die Gerüste für den Oktobermarkt wurden schon mit hundert Hämmern und Beilen gezimmert. Oft schritt eine geistliche, öfter noch eine munterweltliche Musik vorbei, umwirbelt von Kommandos oder dem übermütigen Jubel halbgebrochener Jünglingsstimmen. Einmal wurden sieben Kanonenschüsse gelöst, wohl im gleichen Burggemäuer, denn das ganze Zimmer zitterte siebenmal mit. Doch all das zusammen, dieses siegbewusste, wunderbare Geräusch der ewigen Stadt zerschlug sich an den Gittern und vermochte die entsetzliche Einsamkeit da innen nicht kleiner zu machen. Diese Einsamkeit, diese Hexe der Hexen! Vater und Sohn wurden beinahe verrückt davon und wünschten aufrichtig lieber den Henker, als nochmals so einen einsamen Tag wie heute. Sie hatten eine so müde, gliederschwere Hitze und eine so dicke, staubige Luft früher nie gekannt und erstickten fast daran. Sie standen auf die Zehen, um über das steile Gesimse des schmalen, hohen Fensters hinaus etwa ferne Berge zu erblicken. Aber die Mauer war zu hoch. Nicht einmal der Riese Sesto langte an die Brüstung auf. Da schwang sich Poz'do sehnig und geschmeidig wie eine schöne Natter am Vater empor und kniete ihm auf die Achseln. – Was siehst du? flehte Sesto. – Ach, nur wüste Dächer über Dächern, schimpfte der Bub. – Und darüber hinaus? dahinter? bettelte jener. – Staubige Bäume und leeres, langweiliges, graues Land, versetzte Poz'do und wollte flink wieder abspringen. – Und darüber, da muss noch etwas sein? schau gut, Cuore mio! hungerte der Alte. – Ehe! Ich weiss nicht, ist es Rauch vom Feldfeuer und drückt ihn die Luft so zu Boden, oder ist es eine niedrige Mauer oder sind es die Monti Sabini. Pfui Teufel, solche Häufchen, wie daheim unsere Mäuse werfen! – Poz'do spie voll Ekel zum Gitter hinaus über diese ganze Wenigkeit da draussen und sprang dann elastisch wie eine Katze rückwärts ab. Da stand er nun wieder unten im Finstern. Aber er hatte in Wirklichkeit freie, herrliche Menschen auf der Tiberbrücke und grüne Bäume auf dem Aventin und im fernen Osten Berge, ach Gott, wahre Berge gesehen! Mit müdem Gesicht blickte er den noch müdern Vater an, ob Sesto wohl seinen kindlichen Betrug bemerkt habe. Nein! Nur dünkte den Alten, Poz'do sehe auf einmal viel mutloser drein. Ach ja, wie wollte einem so jungen, wächsigen Leben nicht alle Bergkraft im Käfig gebrochen werden! Diese enge, dumpfe Stubenhaftigkeit tötete sicherer als Verhöre und Folter. Sie schliefen beisammen auf den Fliesen und umschlangen sich so fest, als schlösse der eine noch im andern das letzte Stück Freiheit und wilde Natur im Arme. Was ihre rauhe Berglerart ihnen zeitlebens nie gestattet hätte, geschah jetzt: sie küssten sich wie Verliebte. Nun gab es für Poz'do nichts Schöneres anzustaunen, als seinen prachtvollen, steinharten Riesenvater mit dem krausen, rötlichgrauen Haar, dem geraden Rücken und dem tapfern Bart. So ein Held! Und nichts war feiner und ritterlicher für Sesto, als seinen Knaben, für den er früher nie recht Zeit oder Sinn gehabt hatte, endlich einmal sattsam zu betrachten. Das hatte er ja gar nicht gewusst, dass er so einen grossartigen Buben besitze. Wie keck und üppig aufgesprungen waren seine hitzigen Lippen, wie frisch, dünkte ihn, töne noch die Melodie seiner ungebrochenen Stimme, wie unzerbrechlich glänzte die zwar von der Zimmerluft fahle, aber ungefurchte Knabenstirne, und wie tief hinab ging es in diesen kieselgrauen, immer feuchten Augen. Kam man da überhaupt auf den Grund? Schwamm und zappelte und wirrte es da nicht durcheinander und machte jeden Dreinblickenden, ehe er es sich versah, schwindlig wie beim Starren in ein tiefes, lebendiges Quellenwasser? Und was für ein Puls schlug in diesem Burschen! Am ersten Morgen wollte er den Wärter niederschlagen, am zweiten nur noch die Gitter ausbrechen und müsste er sich dabei auch alle seine zornigen Zähne ausbeissen. Aber am dritten Morgen wollte er dem Papst schreiben: Du, Onkel, sei nicht so stolz und komme mit uns zu reden! Und immer schüttelte Sesto den Kopf und küsste den Buben auf die offenen Lippen und die kalten, wilden Zähne, als wollte er die Schärfe so gefährlicher Waffen mit seiner Liebe mildern. Aber als der junge Tiger nun erst recht schnob und fauchte, da hieb ihm der Vater eine schallende Maulschelle über die Liebkosung weg. Darauf schwieg Poz'do viele Tage hindurch wie ein Stein, aber zergrübelte im Geheimen seinen unverbrauchten Verstand, um die Maulschelle zu verstehen oder doch herauszufinden, mit was für andern Vorschlägen und Streichen er dem Vater genehmer wäre. Um die Zeit erwachte Sesto eines Nachts und meinte nicht anders, als dass er in seiner Küsterei in Paritondo sei und Frau Anizia ihm vor der Türe etwas gerufen habe wie von Sakristei, Kelch, Altartüchern. Mit einem Ruck wollte er aufspringen. Da sah er den vom Mond ganz gelb gemalten Gefängnisboden und mitten drin, wie mit Kohle kreuz und quer das Fenstergitter abgezeichnet. Das weckte ihn vollends, und nun wusste er klar, wo er sei. Er konnte nicht so bald wieder einschlafen, sondern musste es leiden, dass Gedanken der Freiheit, so golden wie der Mondschein hier, und Gedanken der Haft, so schwarz wie die Gitterschatten darin, ihm in trübseligem Durcheinander den Kopf verwirbelten. Aber nach und nach legte sich diese wilde Träumerei und der Mond, so forschenden und herzdurchdringenden Lichtes er oft ist, gab den Gedanken Sestos eine geordnete und klare Richtung in die Vergangenheit zurück. Er grüsste mit merkwürdig bekanntem Gesicht durchs hohe, spitze Fenster herein und redete wie ein Kamerad aus alten Tagen mit ihm: Weisst du, damals habe ich auch geschienen zwischen den wilden Kastanien am Portsassa, wo ihr den Kaufherrn Giarni aus Verona nackt geplündert und in die Rovanaschlucht geworfen habt ... Und damals habe ich wieder geschienen, als ihr im Marchenstreit zwischen Spello und Foligno in den Garten der Väter Dominikaner schlichet und die ganze Sakristei ausraubtet ... Und in jenem September, wo ihr den deutschen Bischof bestahlt, seinen Kanzler und Hofkaplan niederhiebt, und den hohen Mann mit verbundenen Augen eine halbe Nacht lang in die Irre führtet, war ich tapfer mit dabei ... Aber damals, damals verhüllte ich mich hinter einer Wolke und traute nicht zuzuschauen, als ihr den frommen und mutigen Wallfahrer Durati, der ganz allein und unbeschirmt den Zehnten ins Waisenhaus nach Perugia trug, eurer vier oder fünfe zusammen, niederstachet. Das war Mord und Feigheit. Das dumme, gelbe, schadenfrohe Mondlicht! Am Morgen nach diesem unruhigen Lager war Sesto noch weit schweigsamer als sein Sohn und berührte keine Speise. Er fing an zu merken, dass er nicht bloss irgend ein Unrecht, sondern ein ganz gemeines Unrecht lebenslang geübt habe. Ihn fröstelte beinahe und er rückte ins Sonnenlicht, das dünn durchs Gitter hereinfloss und in dessen Strahlen wie auf einer goldenen Leiter viele lebensfrohe Fliegen mit Speckbäuchlein und Flügelgeglitzer auf und niederschwirrten und sich immer wieder gemütlich auf Sestos feuchte Krausen niedersetzen wollten. Zornig scheuchte er sie. Da schoss so ein Tier vor Schrecken in die oberste Fensterecke und blieb mit allen häckeligen Zehen im Gefäde einer Spinne hängen. Gleich rannte die hässliche, ungeheure Brigantin aus dem Verschlupf und umkrallte das arme Ding. Es schimmerte und schlug klingende Räder vor Angst, aber konnte mit allem Gezappel doch nicht loskommen. Dieses Henkerspiel hatte Sesto schon oft ohne ein anderes Gefühl als das des Respekts vor der famosen Banditin beobachtet. Aber diesmal konnte er nicht zuschauen. Er hasste die Räuberin geradezu, und da er bei weitem nicht zu ihr aufreichte, rief er dem Buben, der wie immer nicht auf dem Teppich, sondern auf den kühlen Steinplatten lag und mit dem er schon lange kein Wort mehr gewechselt hatte. Er sollte ihm nochmals auf den Buckel steigen und das Gespinst zwischen den Stäben zerreissen. Aber auch so wollte es nicht in jene Ecke langen. Und im ganzen Raum fand sich nichts Dienliches, Stiel oder Stecken, womit man das Raubnest hätte vertilgen können. Da zog Poz'do einen kleinen, gleissenden Taschendolch, den man zwischen zwei Fingern verbergen konnte, zum höchsten Staunen Sestos, unter dem Kittel hervor. Er hatte ihn, weiss Gott wie, im lang gewachsenen Haupthaar, das auch so feurig blitzte, oder im Ziegenkragen oder sonst auf einem katzenschlauen Um– und Überweg ins Gefängnis geschmuggelt und einen ganzen Roman von Befreiungskapiteln heimlich gedichtet, durch deren jedes dieser Stahl wie ein Erlöser leuchtete. Aber jetzt warf er alle Pläne von sich. Während seine langen, kieselgrauen Augen das Metall noch weit überblitzten, fragte er nur: »Soll ich?« »Tu's«, nickte der Alte. Da schmiss der Knabe den Dolch breitlings empor und gab ihm einen so schwungvollen Bogen durchs Netz hindurch, dass das Raubtier mit dem Messer und einem kleinen Fetzen seines Königreichs über das Gitter hinaus und in die Stadt hinunterstürzte, indessen die Fliege verwundet aber frei in die Sonne flog. Die Gefangenen sahen dem zerrinnenden Pünktlein lange nach und legten sich dann frierend in ihren Schatten zurück. Aber ihr Herz sang ein neues, kleines Lied. War es ihnen doch, als hätten sie einen Mord gut gemacht. Aber ach, wie viel Schuld blieb noch! In der Nacht darauf schlief Sesto bis Mitternacht auch nicht einen Augenblick. Wie viele Fliegen galt es noch zu retten! Und wog dann so ein Insekt einen Menschen auf? Seufzend wandte er sich, da traf er seines Sohnes wache, weitaufgesperrte Augen. »Vater«, bekannte der Junge leise und glänzte feucht über die mondbeschienenen Wangen herunter, »Vater, wir sind schlechte Menschen.« Sesto drehte sich eilig gegen die Mauer zurück. Er gab keine Antwort. Doch seine Glieder zuckten vor unbemeisterter Erregung. Aber in der dritten Nacht, als es irgendwoher zwölfe schlug, da sagte Poz'do plötzlich mit heller, unbesieglicher Knabenstimme: »Vater, wir müssen dem Papst zu Füssen fallen, dass er uns richtet, aber dass uns Gott vergibt. Mich plagen die Sünden in dieser stillen Stube da furchtbar.« Da widerstand der felsige Alte nicht länger. Er drückte mit beiden Armen den magern, aber wunderlieblichen Burschen an sich und liess ihn bis zum Morgen, wiewohl das Paar sogleich in einen tiefen Schlummer fiel, nicht mehr von seiner erlösten Brust los. 4. Kapitel »Nein, Mario, gib zurück!« So rollte es rauh wie Bergwasser vom schriftüberladenen Tischchen am Fenster zu den Vorhängen der Türe zurück, wo der Kammerherr stand. Ist das eine See oder ein Wind oder eine Welteiche, die so lärmt? Nein, es ist nur das kleine, grauhaarige, aber breitschulterige Männlein in schneeweissen Talar am Tischchen, das ohne sich merkbar zu rühren und ohne den umbarteten Mund grösser als zu einem Schlücklein Wasser zu öffnen, gleich alle vier Wände mit Tosen erfüllt. Diese Stimme! ... Und noch etwas: diese kleinen, scharfen, eisigen Augen im staubigen Gesicht, kalt, schwer und doch so kugelig rollend und blitzend wie Quecksilbertropfen! Das ist Sixtus V. Sein langes, überhohes Gesicht scheint grau, verwittert und formlos wie ein Stein, mit drei Hammerschlägen gemodelt. Aber wenn man näher sieht, sind hundert feine Kerbe hineingeschnitten, vom Kranksein viele, vom Studieren noch mehrere und vom Kämpfen mit seiner und der Welt Wildheit die meisten. Am Fenster arbeitet er. Wie ein Adler vom Horst späht er von hier über die Welt unter sich. Keinen Teppich unter den Füssen und keinen Baldachin ob dem Haupte mag er leiden. Zu lange hat er nur Erde zum Lager und nur den hohen Naturhimmel zum Dache gehabt. Selbst das Seidenmützchen ist ihm lästig. Es liegt auf einer alten Abschrift der Septuaginta, Folium 44, auf dessen breiten Rand der Papst noch eben seine Glossen mit kleinen, scharfen Schriftzügen hingekritzelt hat. Wer das lesen kann, muss Augen wie ein Sperber haben. Und erst, wer das so schreiben konnte! Der sieht der Menschheit auf die letzte und feinste Naht. »Gebt her, Mario!« Der Kammerherr Mario de Zucco stand schon unter den Türflügeln und machte gerade die dritte tiefe Abschiedsverbeugung, als es wie Widerwind so heftig und ungeahnt vom Schreibtisch zurückbrauste. Vor Verblüffung blieb er auf den Knien liegen. »Eilig, Mann!« herrschte ihn Sixtus an. »Wir wollen darüber nochmals mit und zu Rate sitzen.« Das war das erstemal, dass der Heilige Vater ein schon unterzeichnetes Schriftstück wieder zurückzog, er der strenge und bestimmte und unverrückbare. »Und wenn die Barone draussen warten, so führt sie herein!« rollte die Stimme zu Ende. Doch keiner der haderlustigen Herren, weder Paolo Mossi noch Arrigo Fanciolla harrten in den Vorsälen. Sixtus wäre froh gewesen, wenn die Zänker schon daständen. Er bleibt jetzt nicht gern mit dem Skriptum da allein im Zimmer. Er möchte jetzt am liebsten recht gewaltig arbeiten, da mit Exegeten über die heillose Schwierigkeit zwischen Matthäus 1 und Lukas 3, oder dort bei den Plänen mit Baumeister Fontana über die Reparaturen am Quirinal und über die oft geflickten Wasserwerke; oder er möchte grosse, schwere Rechtssachen untersuchen, urteilen, richten, strafen, Stunde auf und Stunde ab, bis zum Rosenkranz in der Sixtina, nur um den Bruder und Bruderssohn zu vergessen, die ihm so nahe leben, viele Wochen schon gefangen und immer noch nicht verurteilt. Sie wollen ihn sehen, sie heischen gebieterisch, mit dem Bruder und Onkel zu reden und das Gericht von seinem Munde zu empfangen, Gesicht gegen Gesicht, diese stolzen Bergleute und hochpochenden Verwandten. Warum konnte er mondenlang nicht seinen Namen unter das Urteil setzen: »Enthaupten! Sixtus V.«? Sonst ging er so kaltblütig mit diesen dürren, tötenden Papieren um. Aber hier? nein! So oft er unterzeichnen wollte, sah er ein altes und ein junges Gesicht aus dem Blatt schauen, hörte Vaters und seine eigene Knabenstimme, roch den Duft der armen Bauernstube daheim in Grottamare, einen Duft von Stroh, Lehm und halbgedörrten Rosinen, und den viel süssern des ersten gedruckten Buches, das ihm seine ernste Mutter heimlich eines Abends zusteckte, als er schlafen ging. Es war die Geschichte des Papstes Gregorius des Grossen von Elemente Parvi, lateinisch für Schüler mit Regeln der Grammatik, und hatte das Weib die Arbeit von Monaten gekostet. Aber wie der harte Junge jetzt mit aufglühenden Augen dankte und bald das Buch, bald die Hand der Mutter hitzig küsste, da war alles bezahlt. Der Vater brummte zwar, aber liess ihn doch gewähren und lachte dann auch, wenn Felice später mit dem Pfarrer Latein sprach und es bald schöner und schneller konnte als der Priester selbst. O die ganze Jugendgeschichte öffnete ihre längst erloschenen Augen wieder auf diesem Papier. Denn da ging es um Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blut. Er hatte seit einem Menschenalter sich frei und heimatlos und einsam geglaubt, ohne Ahne und ohne Nachkommen, ohne jede warme menschliche Gliederschaft, so recht wie sein Amt zwischen Himmel und Erde es brauchte. Und sieh, da kommen zwei Menschen, die ihm Bruder sagen und Ohm! Er hasst sie und liebt sie. Ein entwöhntes Gefühl von Herzlichkeit will ihn bei ihrem Perettinamen ergreifen. Etwas wie damals, als er die Mutter küsste oder als er vor dem Konvent der Minoriten den Vater noch einmal geschämig und doch wild umarmte und dann schnell in den dunkeln Korridor entschlüpfte. Nie hat er seitdem wieder so gefühlt. Kalt ist er geworden wie ein Buch. Aber es sind ja Banditen, punktum! Auf dieses böse Wort hin hatte er das Todesurteil rasch unterschrieben. Denn wie Erzengel Michael die Teufel, so hasste der Papst dieses Menschengezücht. Nein, nein, leicht soll es ihm werden, bei solchem blutigen Pack die Regungen der Natur zu unter ... »Euere Heiligkeit, die Herrschaften di Mossi und Fanciolla!« Feierlich führte Mario auf ein Nicken des Papstes die Gemeldeten ein. Der kahlköpfige Siebziger di Mossi und der sechzehnjährige Fanciolla, beide in braunem Samt und kurzem spanischem Degenmantel, aber ohne Waffen, traten mit einem Gefolge von Advokaten und Zeugen ein. Di Mossi ist anzusehen wie eine zähe, graue Regenwolke, Fanciolla wie ein junges, lustiges Morgenrot. Der hochadelige Bursche ist gestern mündig und unbeschränkter Herr seines gewaltigen Erbes geworden. Er lacht immer ein wenig frech vor sich hin. Seine Kirschenlippen kann er unmöglich schliessen. Die eine blutet üppig über das weisse Knabenkinn herab, die andere schwellt zur frechen Spitznase auf. Dazwischen blecken wilde, grosse Zähne wie Marmorblöcke und wollen alles, was Ordnung und Würde heisst, aus lauter lachendem Übermut wie Mandelnüsse zermalmen. Kläglich nimmt sich daneben der dürre Mossi aus, wie er den verschrumpften und zahnlosen Mund geizig zusammenknöpft. Die beiden Edelleute mit ihrem Chorus verbeugen sich dreimal in einem raschen, wunderbar gemeinsamen Rhythmus, wie nur Römer es verstehen. Es ist, als walle dreimal eine lange schöne Welle auf und nieder. Dann stellen sie sich in einem weiten Bogen vor dem Pontifex auf, di Mossi und Fanciolla an beiden Flügeln, dem Oberhirten zunächst. Es ging der Streit um ein Grenzland, halb mit Oliven, halb mit Reben bestellt, am mittäglichen Hang der Volskerberge. In diesem Prozess waren massenhaft Advokaten bestochen, falsche Eide geschworen und eine Menge Bauern halbtot gepresst worden. Aber immer, ohne mit einem Flecklein Blut die zarten, weissen Hände der beiden Nobili zu besudeln. Die Sache wurde zum Landesärgernis. Sixtus hatte sich über den Fall genau unterrichtet und wollte ihn jetzt mit einem Machtspruch ein für allemal aus der Welt schaffen. Er winkte lässig, die Kläger möchten sich nur ungeniert aussprechen. Dann blickte er hartnäckig und immer ein wenig im Barte krauend auf den Boden, wo in den bunten Marmor der schwache Richter Heli gezeichnet war, mit allem Drum und Dran der biblischen Erzählung. Die Parteien begannen, eine nach der andern, ihre Gerechtsame und erlittene Unbill zu schildern. Die Juristen mischten Sätze aus den Pandekten und aus dem Pseudoisidor ein und machten das Verzwickte mit jeder Glosse noch verzwickter. Die biedern Zeugen nickten, die Mossianer, so oft der Greis nach heiserem Gelispel wieder den Geifer vom zahnlosen Mund wischte, die Fanciollaner, so oft der üppige Arrigo den leisen Jünglingsflaum nach einem besonders tapfern und klingenden Satz mit seiner roten Zungenspitze netzte. Die Gegner schoben einander in gesitteten und höflichen Worten die gröbsten Frevel in die Schuhe. Zuletzt redeten nur noch der kahle Mossi und der frische Fanciolla, jener giftig und mager wie eine alte Wespe durch den Saal surrend, dieser hochfahrend und spottselig wie eine Edeldrossel singend. Aber alles geschah in den süssen Lauten der römischen Hochsprache. Sixtus hatte indessen den grauen, in seine sündigen zwei Söhne vernarrten Heli genügend in der ganzen Elendigkeit beschaut und fragte nun, ohne aufzusehen, möglichst leise: »Um was handelt es sich also?« Aber es rollte doch wie fernes Gewitter durch die Sala. »Um ein Stück Wald und Weinland!« ward mit Wichtigkeit wiederholt, »zwölfmal so gross wie der Petersplatz.« »Ein paar Oliven und Trauben,« wiederholte der Papst, »weiter!« Tiefer noch neigte er die Stirne und reger spielten seine kurzen Finger im Bart. Es dünkte die Signori, er höre gar nichts von ihrem Zank. Er hatte wohl etwas anderes, Grösseres zu denken, dieser Mann der Weltgeschichte. Die zwei führenden Advokaten verlasen jetzt Gutachten berühmter Bologneser Professoren, während Sixtus die gottlosen Buben des Priesters Heli verfolgte, wie sie am Tempeltor den opfernden Leuten Geld oder Geflügel oder ein frisches Böcklein abjagten und den Beraubten hintendrein erst noch ruchlos die Zunge nachstreckten. Konnten das nicht die zwei Peretti drüben in der Burg sein? Ganz Rom weiss, was die Paritonder gefrevelt haben, hundertmal mehr als diese biblischen Schurken. Und da sollte er den Heli spielen und auf seinem Stuhle die Gerechtigkeit verschlafen, damit das ungestrafte Verbrechen auf ihn auch so schnöde Grimassen schneiden kann? Niemals! – Sein weisses Haar fing an zu wehen und seine Stirne rötete sich. Aber die tiefen Quecksilberaugen, die schon so manchen Beherzten unsicher und schwach gemacht, blieben steif im Boden haften. Diese Unaufmerksamkeit des gefürchteten Richters liess die Streiter nach und nach die Rücksicht auf den Ort, wo man stand, und auf die Person, zu der man sprach, immer mehr ausser acht setzen. Die Vorwürfe wurden heftiger, die Worte minder gewählt, die Melodie des Vortrags ging verloren. Endlich gab es Schimpfnamen, wie sie vor Seiner Heiligkeit nie hätten ausgesprochen werden dürfen. »Du eitler Zuckerbube, zeig den Mädchen deine Zähne, nicht mir! Mir musst du einen Bart zeigen und noch etwas dazu ... Verstand!« »Wo suchen wir ihn, ehrwürdige Ruine unseres Jahrhunderts?« »Wo ein Naseweis, wie du, nie hinkommt!« »Und Euere Knochenherrlichkeit nie war.« »Dein Gebein wird freilich nicht alt. Die Dirnen haben es längst zermürbt. Man sehe deine Fratze! Was ist daran als Maul? Alles Maul! An Maul bist du David und Goliath in einem.« »Ach, hättet auch Ihr nur so viel Maul, um küssen und trinken zu können. Alter Salomon, ich weiss, Ihr gäbet all Euer totes Getrümmer an einen einzigen der vielen Küsse, die mich hinterm Vatikan noch diesen Abend begnadigen. Aber Ihr, ich kann es würdigen, haltet ewige Quadragesima.« »Fabelst du immer in dieser Höhe, hübsches Äfflein?« »Wann hätte, o Patriarch der Rumpelkammer, der Aschermittwoch nicht auf den Prinzen Karneval geflucht, wie so ein Habenichts immer auf den Millionär flucht?« »Gottes Wunder! im Unverstand stecken wohl deine Aktiven!« »Im Verstand, Vossignoria, Euere Passiven!« »Ein Esel, wer noch mit dir redet!« »Wohlan, nun seid Ihr gut getauft!« »Asino, asino ...« »Fahret weiter,« rollte und grollte es da unversehens vom schneegewandeten, tiefgebückten Männlein in die Gruppe hinüber. Nein, der apostolische Fischer musste tief in sein Weltgarn vergrübelt sein, dass er ihnen keinen Blitz, sondern dieses gedankenlose: fahret weiter! ins Gezänke warf. Er sann wohl über Philipp nach, der im Eskurial päpstlicher als der Papst sein wollte, und an den frühergrauten Schlaupelz in Paris, den vierten Heinz. Welcher war wohl der üblere? Und weiter kreiste und jubelte das gottlose Duett. Sisto aber fuhr weder nach Madrid noch Paris, sondern haftete jetzt am schönen Jüngling Samuel, mitten in Helis Türe stehend, links und rechts die Hand flach auf die Pfosten gestützt, weit aufgesperrt den reinen Mund und die grossen Kindsaugen, und das viele Haar gesträubt wie ein vom Geist Gottes am Schopf gepackter und unwiderstehlich getriebener Engel, schreiend mit Leib und Seele: Heli! Heli! ... Aber der mattherzige Richter hebt den Kopf kaum vom Kissen und sinkt wieder zurück in sein altes, feiges und feiles Schlafmützentum. So oft Sisto dieses sündhafte Phlegma sieht, kitzelt es ihn gewaltig, diesen Schlappgreisen aus dem Mosaik da ins spasslose und schmerzhafte Leben zu reissen, vor sein Tribunal zu schleppen, ihm seine herzliche Verachtung ins Gesicht zu speien und den Alten alsdann dem Strang zu überliefern. Warum hat die Memme ihre Kinder verschont ... selbst, da der Herr ihn so schreckhaft gemahnt hatte! ... Ihn, Sisto, soll man nicht mahnen. Kein Samuel braucht zu kommen ... Schon diese Narren, die da vor ihm ihren Wahnwitz auskramen, sind Samuels genug, ihn zu warnen, wenn er ein wenig sollte geschwankt haben. Man sieht es hier: so würde alles Volk, wenn es keinen unbestechlichen Richter mehr zu fürchten hätte, die Jungen alles verlachend wie hübsche Papageie, die Altern belfernd wie blinde und taube Uhus. Und was hätte erst der Richter oder eigentlich Missrichter und Unrichter zu gewärtigen? Auf dem mittlern Mosaik des Saalbodens kann es jeder lesen: der Bote vom Feldzug ins Fenster hereinhängend ... dass die Helisöhne von den Philistern erschlagen worden, hat er bemeldet und immer noch nicht den Atem zurückgewonnen; nun der Vater selbst, hintenüber vom Sessel gefallen, das Genick zerschmettert, und vor ihm die heilige Justitia, baumlang und gen Himmel blitzend wie eine ungebrochene Lanze. Ja, ja, mögen der Lanzenträger noch so viele sich bücken und zusammenknicken, sie bleibt immer unversehrt und hochauf. Aber er will neben ihr stehen, ganz so gerade und ganz so hoch, so dass Lanze und Lanzenhalter eines sind, und man in alle Zukunft keins vom andern trennen kann. Wer Gerechtigkeit sagt, sagt Sisto und wer Sisto meint, meint die Gerechtigkeit. So war es bis heute. Weg Fleisch und Blut! Wir zwei sind aus härterem Stoff. Zum Spruche denn! Sixtus liess die Rechte langsam aus dem Bart sinken, aber horchte nun ein Weilchen scharf der übeln Musik vor ihm zu, um aus der ehernen Bibel sich leichter in diese gegenwärtige Lappalie zu finden. Sein Gesicht war zwar von langen Priesterjahren mit hundert feinen Runzelfäden durchsponnen, aber im übrigen rauh und knochig wie seine Abstammung geblieben, und wie ein Stein lächelt, so lächelt er jetzt stumm über diese zierlich gebauten und blank gescheuerten Durchlauchten, die sich vor ihm in die Haare gerieten, wie die Gassenbuben im Trastevere. Es war, als lache der uralte Bauer über den uralten Kavalier der Weltgeschichte. »Signori,« fragte er nun, bemüht, den Donner seiner Stimme so gut er konnte zu verbergen, »sind es denn wirklich ein paar Krüge Öl und etliche Schüsseln voll Trauben wert, dass sich meine durchlauchtigsten Söhne so erhitzen! Was meint Ihr, liebe Fanciullini?« Stille, dann ein greises Hüsteln, dann ein Kräuseln der Knabenlippen. »Ich sehe klar, das Unrecht liegt auf beiden Seiten und keine Partei, auch die obsiegende nicht, möchte sich fürder an diesem dubiosen Stück Erde edelmännisch, ich meine, so recht in Ritterehren erlustigen. Nun wohl, erspart uns allen ein weiteres! Hier Signori,« der Papst drückte die Faust auf einen Aktenstoss seines Tisches, »hier ist für jeden Fürwitz die nötige Antwort, aber noch unbarmherzig viel mehr enthalten. Seid weise und lasset es euch darnach nicht weiter gelüsten!« Das Hüsteln wird erstickend dünn. Der alte Mossi knöpft die Lippen verzweifelt zusammen. Aber dem Fanciolla züngelt das wahre, adelige Blut in zwei roten Fackeln die bleichen Wangen herauf, und Zähne und Zunge lachen ihm sozusagen wie einem vergnügten jungen Leu aus dem offenen Maul. »Gebet also, Signori, den nichtigen Fetzen und seine ganze Plackerei dem Gubernatore in Orvieto zuhanden der dortigen Notleidenden. Es hat davon in jener Gegend eine schreckliche Menge vom Krieg und vom verflossenen Hungerjahr her. Pauperibus, figliuoli miei, pauperibus!« Als der graue di Mossi auch noch dieses letzte übelriechende Wort geschluckt hatte, verzog er sein wohlgepflegtes und glattgeschminktes, steinaltes Gesicht, als hätte er Rattengift bekommen. Und von einer solchen unglücklichen Ratte unterschied ihn auch wirklich nichts weiter, als dass er in hübscher Verkleidung und ohne sichtbaren Schwanz auf den Hinterbeinen aufrecht stand. Aber der frische Bube Fanciolla lachte grossartig und rief dann mit klirrenden Zähnen: »Euere Heiligkeit hat vollkommen recht. Ich trete meine Ansprüche all diesen Käuzen und armen Hungerleidern von Viterbo ab. Das ist die Stadt meiner Väter. Der möchte ich das Almosen zuhalten.« Sixtus nickte dem Bürschchen, das aus einem Cherub und einem jungen Teufel in den einen Junker Arrigo die Fanciolla zusammengegossen schien, ein wenig unwillig und ein wenig wohlwollend zu. Dann richtete er das Auge auf den Alten: »Und Ihr, Edler von Mossi?« Der Gerufene schrak zusammen und zitterte über den ganzen Leib. Dann aber schoss er bissig auf und pfiff giftig aus seiner grauen Rattenseele heraus: »Ich, oh no no no! Der Prozess soll entschei...« »Di Mossi«, fuhr es jetzt wie ein Donnerschlag neben ihn in den Boden. Alle hoben die Köpfe. Wenig fehlte und sie hätten sich auch noch bekreuzt. »Ich weiss«, donnerte das päpstliche Gewitter weiter, »wie du auf deinen Gütern vom Umbrischen herauf bis zu den Abruzzen deine Pächter und Zinseintreiber schalten lässest. Die Bauern müssen vom Stehlen leben, wenn sie nicht verhungert in deinen Schollen umfallen sollen. So übel saugst du sie mit Zehnt' und Fron aus!« »Heiligkeit!« stöhnte die Mossi. Jedes Wort geisselte ihn. Aber am meisten brannte es seinen uralten Grafenstolz, dass der Papst ihn so derb duzte. »Auch Ihr, Marchese Arrigo di Fanciolla«, sprach Sixtus und zielte mit dem kurzen, dicken Zeigfinger auf den Jüngling, »geht wild und herrisch mit Euern vielen kleinen Leuten um. Aber freilich, Ihr seid noch jung und hitzig und habt kein besseres Vorbild gehabt. Auch sagt man, dass Ihr Herz besitzet und Euern Knechten nach der Peitsche wieder Wein und Kuchen gönnet...« »Heiligkeit!« wehrte Arrigo überglücklich ab. »Milch und Brot sollen sie haben, das ist das wenigste«, rollte die Stimme des weissen, kleinen Mannes nun furchtbar schwer über beide schuldige Häupter, den Kahlkopf und den Bubenwirbel. »Was soll ich das Land von Dieben säubern und die Banditen aufknüpfen und – – »hier stockte das Gewitter einen schwachen Augenblick, aber polterte dann um so gewaltiger fort, »und den eigenen Bruder und Neffen unter das Beil schicken...« Tief und in feierlichem Anstand neigten hier alle die Stirnen. ... »Was hilft das, wenn ihr das arme Volk durch Euern Geiz, di Mossi, und durch Euere Tollheiten, Fanciolla, doch immer wieder in Verzweiflung treibt, bis ihnen nichts mehr übrig bleibt, als Briganten zu werden? Signori, Signori, bekennet, wo finge ich besser mit dem Galgenstrick an, dort oben im Gebirge oder hier in Rom bei meinen Adeligen mit Ring und Reif!« »Hier,« sagte mit seinen klirrenden Zähnen der junge, raschblütige Marchese und das Rot seiner Wangen fing an, aus dem hellen Übermut in eine dunklere Scham überzugehen. »Hier,« wiederholte er ehrlich und tupfte schuldbewusst an seine, aber hernach gleich auch mit kindischer Schadenfreude dem alten Widerpart an die Brust. »Geht! ... dass ich kein Wort mehr von jenem Erdhäufchen höre! Ein paar Oliven und Reben galten euch mehr als eine ganze verhungerte Provinz. Seid froh, dass ich dieses Verbrechen so sanft abtue. Das Gut gehört von jetzt an der Armengemeinde von Viterbo, und Ihr, junger Herr, leistet mir ein Probestück Eueres gebesserten Adels, indem Ihr als Schirmer und Verwalter des Vermögens darüber wie über Euer Liebstes wachet und fleissig sorget, dass jene Oliven und Trauben in die richtigen Teller fallen! Gehet!« »Euern Segen, Heiligkeit!« hörte man jetzt den alten di Mossi mit halbtoter Stimme betteln. Wenn er dann gar nichts aus der Audienz rettete, so wollte er wenigstens den einen Profit einer solchen Gelegenheit nicht fahren lassen und dem Pontifex zum mindesten einen recht scharfen Segen für das Übriggebliebene abmarkten. Denn bis ins ungreifbare Geistliche und Heilige trieb es dieser Geizhals mit seinem Prozentenhunger. Vom päpstlichen Segen, so nahe, im gleichen Saal, nur auf vierzehn Köpfe verteilt, erwartete sein sonderbares geschäftliches Christentum mindestens einen zwanzigprozentigen Nutzen. Geduldig wie unser Herrgott, der über Täubchen und Geier die Sonne aufgehen lässt und beim ersten wie beim tausendsten Mal unerschütterlich hofft, dass doch jetzt, jetzt ein Fünklein solcher Gnade auch einen schlimmen Vogel zur Tugend führe: so breitete Sixtus seine weissen, rauhen Hände aus und segnete mit gewohnter Langmut, was da vor ihm in buntscheckiger Stimmung niederkniete und ein schallendes Kreuz von der Stirne zur Brust schlug. Dann küsste vom Prozessvölklein eins ums andere den Fischerring und ging mit dreimal gebogenem Knie von dannen. Als sich Sixtus allein sah, ward ihm, dem audienzumlagerten Greis, ungefähr so viel leichter wie einem Gärtner, der von dickem Gestrüpp umwuchert, sich wieder einmal mit der Axt Luft und Licht geschaffen hat. Der kleine Herr erhob sich, nahm das Todesurteil der zwei Peretti wieder vom Tische und mass den Saal mit jenen breiten und in die Knie hotzelnden Schritten, wie er sie aus dem Bauernland gebracht, in der Klosterzucht dann abgehobelt und in der Prälatur poliert hatte, aber seit der päpstlichen Omnipotenz wieder in der rohen, ursprünglichen Zimmerung übte, zum Verdruss der spanischen Kardinäle, zum Spass der französischen, aber zur herzlichen Genugtuung der Schweizergarde, die in Pluderhosen und Harnisch ihr Hirtenblut nicht verleugnete und da einen verwandten Tropfen herausfühlte. So ging Sixtus auf und ab, immer rascher, um sich nun auch zum zweiten Gerichtsspruch zu ermannen, und immer, wenn er gegen die Helischilderung geriet, richtete er es so ein, dass er mit einem herschreitenden Fuss dem jüngern, mit einem zurückschreitenden dem ältern Schurken mitten in den Nacken trat. Dabei trug er sich seine Gedanken in lauter, eindringlicher Rede vor, als währe es eine offene Gerichtssitzung: »Die ganze Stadt weiss, dass mein Bruder und Nepote als Briganten festgenommen und in die Burg geworfen worden sind. Ich habe es sogleich und ungescheut laut werden lassen.« »Aus Eitelkeit?« Sixtus sah auf die Seite, wo er sich immer einen Doppelgänger in schwarzer Bettlerkutte vorstellte, den Mönch Sixtus, der dem Papst Sixtus ins Gewissen redete. Dieser arme, geringe Sixtus hatte soeben gesprochen. »Nein, Frater reverende, nicht aus Eitelkeit, glaub' ich, sondern aus weiser Vorsicht, um mich vor aller Welt zu binden und gegen meine eigene Schnödigkeit zu sichern, wenn ich über unsere Familie den Stab brechen muss. Dass ich unparteilich sein kann, darum!« Damit trat er dem ältern Helibuben mit der ganzen Sohle seines breiten Bauernfusses auf den Kopf. »Die Gesandten werden es nach Wien und Paris und Madrid berichten, und gross wird der Respekt in der hohen und niedern Christenheit sein, wenn es heisst: weil der Bruder Sesto ein Räuber war, hat der Bruder Sisto ihn wie irgendeinen andern Schuldigen köpfen lassen. Es waltet noch, so wird es wie ein Lied klingen, auf dieser bestechlichen Erde wenigstens ein unbestechlicher Richter. Das heidnische Rom hatte einen Brutus, hier ist der christliche Brutus! Die Bücher der Geschichte werden betitelt: Petrus der Apostel ... Gregor der Eiferer ... Innozenz der Glorreiche ... Julius der Soldat ... Pius der Heilige ... aber dann ... aber dann ... Sixtus der Gerechte!« »Der harte, der herzlose!« lispelte es nebenan. Der Papst besah sich stirnrunzelnd den Einwand. »Es ist wahr, concedo, ich fühlte bisher nichts für die zwei Verwandten. Ich kenne sie nicht, weiss nicht einmal, wie sie aussehen. Ihr Tod kostet mich keine Träne. Habe ich Brutus gesagt, christlicher Brutus? Das war falsch. Brutus hat fast seine Seele aufgegeben, als er das Schuldig über seinen Sohn verhing. Ich kann es kalt tun. Diese Gerechtigkeit ist kein Heldenstück. So weit, frommer Bruder, hast du recht.« Diesmal ging er an den Söhnen Helis vorbei. Er wusste selbst nicht wieso. Aber dem gottvollen Mahner Samuel wich er mit einer respektvollen Schleife schon von weitem aus. »Jedoch, ob kalt oder warm, das wiegt hier nicht mit. Hier gilt nur die lieb– und leidlose Sache,« beruhigte sich der Papst. »Nur die heilige Sache!« »Und doch auch, Heiligkeit, deine minder heilige Person,« kam es zurück. »Warte, warte, du bist zu hart; ja, parteiisch gegen mich. Das leugne ich ja nicht, wenn mein Gericht zu den Thronen und Pulten dringt, macht es mich berühmter, als wenn ich die alte Elisabeth bekehrte oder den Sultan am goldenen Horn taufte.« »Heiligkeit, wozu dieses Berühmtsein?« »Es nützt, es nützt. Du kannst das nicht verstehen, du bist ein weltverkapselter Zellenmensch. Ständest du aber oben auf meinem windumbrausten Petrusgipfel, die Kirche in der einen und meinen Staat in der anderen Hand, du würdest anders reden. Dieses Todesurteil wird mich furchtbar machen weitum im Lande. Und furchtbar muss man heute sein, will man der Welt Gutes erweisen. Kein König wird ein Privileg mehr fordern, wenn ich ans eigene Blut keines gehen lasse. Das Volk aber wird sagen: So haben wir es erwartet. Er ist gerecht. Er haut die eigene Hand ab, wenn sie ihn ärgert ... Ich aber füge bei: Nun wohl, so reiniget auch euch jetzt, ihr Millionen Hände, die ihr so viel Ärgernis in die Welt schafft; ihr Vagabunden im Gebirge, ihr Strassenräuber, ihr Schmäher und Schimpfer der Obrigkeit! Aber auch ihr, Volkspresser und Brandschatzer, reiniget eure Hände! ihr beschnittenen und unbeschnittenen Nörgeler der Religion, du, Elisabeth von England, und ihr, rauhe Wasa in Schweden, du, Barbar Iwan zu Moskau, du, Türk an der Donau, aber auch du, schlauer Graubart zu Paris! Reiniget euere Hände, ihr Sünder alle, der Richter naht und haut sie ab und wirft sie wie faules Holz ins Feuer, so wahr er sein eigenes Glied nicht geschont hat ... still, rede nicht weiter, Sixtus Mönch! Du bist ein Heiliger, aber kein Politiker. Ich muss beides sein.« Und indem er das in seinen langen weissen Bart schüttelte, ward sein Mut wieder hoch. Er schritt wie ein König über die biblischen Schlingel weg und trat mit einem letzten, wuchtigen Schritt dem ohnehin zerschmetterten Heli ins Genick. Dann schellte er laut. »Zucco, trag den Brief sogleich zum Kommandanten auf die Engelsburg!« »Also doch noch der alte Pontifex«, murmelte der Kammerherr im Ausgang. Aber Sixtus hatte heute einen guten, wahrhaft fürstlichen Tag. Von Österreich gingen günstige Berichte über die Operationen gegen den Muselmann ein. Auch predigte Canisius im Stefansdom bei gewaltigem Zulauf und grosser geistlicher Erbauung. Wenn er mit dem Rufe Jesus schliesse, sei es, als lohe ein überirdisch Feuer aus ihm. Aus Indien und China gingen Briefe von den Patres Ricci und Nobili ein, worin sogar von der Taufe mehrerer Prinzen die Rede war. Und in der Hugenottenstadt La Rochelle war ein anderer Jünger Lojolas zu Tode gemartert worden, ohne dass er aufgehört hätte, noch aus Feuer und Messern heraus den Namen Jesus zu singen. »Immer die Ignazianer, immer dieselben!« rief Sixtus mit einer beinahe unwilligen Bewunderung. »Was ist doch das für eine kühne Miliz Christi! Tut nichts ohne Jesu, alles für Jesu! Mögen sie denn in Gottesnamen Jesuiten heissen!« Nach diesem Entschluss, gegen den er sich monatelang gesträubt hatte, langten gegen Abend noch dreihundert neugeprägte Dukaten der Signoria von Venedig für den Schatz des heiligen Petrus an. Als die Pagen nach dem Aveläuten unter Vorantritt Zuccos die kleine, einsame Mahlzeit auf silberner Platte wie immer hereintrugen, wies Sisto die Tafel zurück und sagte seltsam weich. »Zucco, ich möchte einen Minestrone rustico, so eine Winzersuppe, wie sie die Bauern um Ancona herum geniessen. Ich hab' sie als Bub dreimal im Tag bekommen und möchte sehen, ob sie auch dem Papst noch schmeckt. Es hat darin Mehl und Rosinen und Fenchel und viel Tomate und wird dick wie Leim gesotten, so dass der Löffel aufrecht darin stehen kann. Rüste mir das, und in einem Holznäpflein, dass alles stimmt!« Die vornehmen Orsini– und Colonnabüblein, deren feine Schnäbel nur Taubenbraten und Pfirsichpasteten aus silbernen Tellern naschten, verzogen ihre zarten Schelmengesichter vor diesem barbarischen Speisezettel. Di Zucco aber verbeugte sich würdevoll und sagte zeremoniös: »Wie Euere Heiligkeit befehlen! Aber ein Holznapf dürfte im ganzen Vatikan nicht aufzutreiben sein.« »Sind wir so arm!« spöttelte Sixtus mit einem feinen Lächeln. »Dann holt nur einen aus dem Franziskanerkonvent!« Wie nun der Papst seinen Minestrone selig aus dem Holzteller löffelte, fiel der letzte flache Strahl auf den Obelisk mitten im Petersplatz. Noch nie war dem Heiligen Vater dieser ägyptische Stein so schön vorgekommen. Glich er nicht durchaus der Gerechtigkeit, so steil, so hart, so gerade und mit so goldener Spitze in den Himmel zielend? Freilich im Hintergrund starrte die schwere, runde Masse der Engelsburg in den dunkelnden Himmel auf. Seit Wochen konnte Sixtus nicht ohne Bitterkeit dorthin blicken. Aber jetzt war auch das vorbei. Ruhig schaute er zur Festung. Alles wird ja nun gesühnt. Er hat seinen eigenen seelenklugen Beichtvater Zaccaria Mense hinübergesandt, dass er die beiden zum Sterben wohl vorbereite und ihnen hernach den päpstlichen Segen erteile. Auch muss er ihnen versichern, Seine Heiligkeit werde für die Witwe daheim und für die ganze, arme Gemeinde wie ein Vater sorgen. Indessen schlagen nachts am Lateran, am Quirinal und auf der Engelsbrücke die Kanzlisten auf besondere Weisung des Papstes folgende Bekanntmachung an die Mauern: »Wegen Raub und Totschlag sind auf obersten Entscheid zum Tod verurteilt und in der Frühe des Morgens, 20. September, enthauptet worden: Sesto und Poz'do Peretti, Bruder und Neffe Seiner Heiligkeit Sixtus V.« Wenn die Römer das morgen lesen, ist das Beil schon zweimal gefallen. Einige wenige vielleicht, die den Kanzlisten im Dunkel neugierig gefolgt sind, lesen den Spruch heute schon bei der Fackel und erzählen ihn daheim und haben eine schlechte, spukhafte Nacht und stecken beim Morgengrauen, wann das Eisen die zwei Köpfe mäht, ihren Hals schaudernd und fröstelnd ins warme Bett zurück, indem sie stottern: Herr, sei den armen Sündern gnädig! Sisto, der Papst, räumt und schabt indessen gemächlich den Napf aus und liest von Zeit zu Zeit ein Blatt Salat dazu aus einem zweiten Holzgeschirr. Das gehört dazu. Es hat geschmeckt wie zu Kindeszeiten, und jeder Löffel voll hat einen Haufen alter Erinnerungen geweckt. Aber mit dem Minestrone hat er ihr Weichmütiges und mit dem Salat ihr Bitteres rasch hinuntergeschluckt und nur das Drollige und Herzhafte davon ein Weilchen gleichsam auf der Zunge behalten. Wie Zucco abtischte, sagte der Papst: »Das will ich nun immer nachts so haben, in dem Geschirr da. Woher hast du aber auch gleich zwei so artige Näpflein bekommen? In der Zeit warst du doch nicht in San Francesco!« Di Zucco entfärbte sich leicht und ein Angstschwindel trieb ihm alles Blut unters Haar hinauf. Aber seine Etikette war stärker als Schwindel und Tod. Mit einer präzisen Verneigung trat er einen Schritt zurück, stellte sich wieder im seideknarrenden Koller steif in die Höhe und sagte im reinsten römischen Kammerherrenstil: »Euere Heiligkeit haben geruht, aus einem Napf, wie ihn die Gefangenen der Engelsburg gebrauchen, den anbefohlenen Minestrone rustico und den Salat dazu zu essen. Die Minoriten speisen jetzt, wo das Holz so rar und teuer ist, aus irdenen Töpfen.« »Aus der Engelsburg?« wiederholte Sisto erschüttert. »Sag alles!« »Es sind nur diese zwei Näpfe frei gewesen, von einem verurteilten Paar, Vater und Sohn ... die ... die ... kein Geschirr mehr brauchen.« Di Zucco weiss genau, wer die beiden sind. Auch der Papst weiss es. Aus dem Schüsselchen des Bruders hat er den Minestrone, aus dem Näpflein Poz'dos den Salat gegessen. Da ist weiter nichts mehr zu sagen. Sixtus winkte denn auch stillschweigend seinem Zucco, ihn allein zu lassen. Es litt ihn nicht, einen Zeugen seiner unbemeisterten Seele zu haben. Er langte zum Brevier und las den härtesten der Psalmen, seinen Liebling, den zweiundachtzigsten, der wie ein zorniger Wind aus der Bibel stürmt und den Papst schon oft tapfer gemacht hat. Er fühlt sich auch jetzt gekräftigt und wagt sich lesend in den nächsten Psalm vor. Aber der streckt seine weissen Hände nur zum Segnen aus und singt: Selig der Mann, der bei dir Hilfe sucht ... Welch' ein Spruch! gerade jetzt! ... Sixtus blieb bei diesem Vers fassungslos stecken. 5. Kapitel Ohne Widerwort haben Sesto und Poz'do das Urteil verlesen hören. Morgens früh um fünf Uhr gilt es also! Achte hat es schon vom Turm geschlagen. Noch ein paar Stunden ist ihr Leben wert. Dann haben sie den Priester Zaccaria Mense empfangen und laut und ungescheut voreinander und miteinander gebeichtet, Vater und Sohn. Dem Geistlichen ist so ein Beichten noch nie vorgekommen, so viel Roheit im Tun und so viel Einfalt im Denken, dieses grobe Räubertum und diese Feinheit, ihm ihr Bettkissen unter die Füsse zu schieben und mit nackten Knien auf dem kahlen Steinboden zu liegen, bis er sie absolviert hat. Morgen früh, sagte Zaccaria unter der Türe, würde er nochmals kommen. Eine Stunde vor ... er verschluckte das grimmige Wort, etwa um vier Uhr. Ob es so gefalle? Gut! Er wolle sie dann mit seinem Arm kräftig bis zum Leiterchen und mit seinem Gebet bis an die Himmelspforten geleiten. So habe der Papst es ihm auf die Seele gebunden. Nun möchten sie nicht weiter grübeln, sondern tüchtig schlafen. Alles sei ja nun geschlichtet. Aber ans Schlafen mochten sie jetzt nicht denken. Nur noch sieben Stündlein dürfen sie leben. Gott! und die sollten sie noch verschlafen! Nein, wenn sie je im Leben wach waren, wollten sie es jetzt sein, wach wie nie, wach nicht wie zwei, wach wie zehntausend Wächter des Lebens. Keine Minute soll ihnen entgehen. Sesto wundert sich über den Papst. Er hat der Witwe in Paritondo Geld für ein Haus und einen Acker und zwei Kühe und eine Stallmagd zugesagt. Sisto ist doch gut. »Aber er hätte uns grüssen sollen,« betont Poz'do hartnäckig. »Er ist stolz. Er tut nicht wie Christus. Christus hat keinen Apostel zu den Sündern geschickt. Er ist selbst zu ihnen gegangen.« »Sei still, Knab!« forderte Sesto. »Wir wollen nicht mehr an das, wir wollen ans Sterben denken, auf dass wir es morgen nicht fürchten, wenn wir das Beil und den Scharlachenen sehen.« »Ich fürchte mich ja gar nicht!« erwiderte Poz'do und reckte seinen abgemagerten Leib und blähte die bleiche Spitzbubennase frech. »Es geht ja so schnell vorbei wie ein Schluck Wasser. Wir sagen einander Addio ... eins ... zwei ... drei ... und wir küssen uns schon im Paradies. Nicht wahr, Vater, so ist es! ... Aber wer soll zuerst gehen? Willst du, Vater?« Sesto erbebte bei der Frage. In diesen vergitterten und verriegelten Wochen hat er seinem Vaterherzen die lebenslang verschlossenen Türen sperrangelweit geöffnet und seinen Poz'do wie ein Nesthöckerchen in sich aufgenommen und weich gebettet. Erst jetzt ward er Vater und liebte wie ein Vater. Nun könnte er sein Kind unmöglich sehen, wie es vor dem Block abkniet, den Hals blosslegt und sich den rotverstrubelten, tapfern Knabenkopf abschlagen lässt. Früher hätte er sich daraus eine Ehre gemacht, zuerst den Sohn wie einen Helden sterben zu sehen und dann dem Henker zu sagen: »Sieh', so sterben die Peretti. Fein hat dir's mein Sohn gezeigt. Nun pass auf, was der Vater kann!« ... Aber dieser Stolz ist vorbei. Sesto ist ein anderer geworden. »Vater«, wiederholte der Jüngling, »willst du zuerst daran? Ich möchte lieber! Ich mache es dir vor. Du sollst dich freuen, wie ich gar nicht zittere, wie ich noch lache zum Tod.« Indem er das sagt, lacht er auch schon mit den harten, kieselsteinernen Augen. Schmeichlerisch kniet er zum Vater auf der Matratze und strählt ihm mit allen zehn Fingern den üppigen, verwilderten Zuchthausbart. »Gewiss, dabei bleibt es, ich sterbe zuerst. Dann wird es dir leichter, wenn du nicht zurückschauen musst: kommt mein Bub auch herzhaft nach? lässt mich nicht zu lang allein drüben warten? Es ist zuerst sehr finster und ernst im Jenseits. Da wollen wir eng nebeneinander gehen. Darum lass mich voraus und komme gleich nach! Nicht wahr, so, Vater!« »Schatz meines Lebens, niemals, niemals! Lass mich voran! Ich bin dir im Bösen vorangegangen, jetzt will ich auch im Guten zuvorderst sein.« »Vater, wenn ich nur zusehen könnte! Aber ich muss mir das Gesicht verhalten. Und doch möchte ich dich bis zuletzt im Auge haben, und gar nichts anderes, o dilettissimo padre!« »Du wirst es schon aushalten, Figliulo mio! Du bist und bleibst ja doch immer mein starker, munterer Poz'do. Nein, du wirst mit keiner Wimper zucken. Nur lachen wollen wir nicht. Wir wollen weinen, wenn wir können. Es ist nicht zum Lustigsein, wenn man sterben muss ... jetzt schon sterben, bevor ein einziger Knochen müde geworden ist, und einem das Blut noch so heillos ... ach, ich Narr, was red' ich von mir! Nein, aber du, du junger, wildwüchsiger, vollblütiger du ... da du noch so Schönes und Grosses leben könntest ... Ach, Poz'do!« Den Gewaltigen übermannte es von allen Felsen, die Poz'do noch überklettern, von allen Sonntagen, wo er Messe läuten, von allen hübschen Bergtöchtern, unter denen er sein Gepons auslesen könnte. »Vater, Guter, Liebster, nicht weinen! Tu mir's zu lieb und weine doch nicht!« heischte Poz'do. Er dachte gar nicht mehr wie der Vater über die Gitter hinaus. So war es nun einmal, also! Eine kurze Zeit, während der man die Mäuse im Luckenwerk herumknuspern hörte, schwiegen die Peretti. Aber rasch raffte sich auch der Vater wieder auf und meinte ernster als je: »Du hast soeben dem Richter zum voraus verziehen, und dem Henker und allen Plaggeistern, so wie dir Gott im letzten Stündlein verzeihen soll. Aber, Bub, Bub, nicht die Musketieri haben dich aus unserem lieben Dorf dahergeschleppt und nicht der Scharfrichter köpft sich morgen in diesem Loch ... ahi, ich bin's, ich, ich, ich! Kannst du mir das verzeihen? Du sagst ja ... weil du das Leben noch nicht kennst. Aber wenn du es kenntest wie ich, oder wenn drüben in der Ewigkeit dich ein Engel aus einer Wolkenhöhe herab über das ganze, herrliche Leben schauen lässt, das du noch vor dir gehabt hättest, o dann wirst du mich da drüben, wo sonst wohl alle Bitterkeit aufgehört hat, noch trotz der süssen Engel und der allersüssesten Madonna, die das nicht hören kann, für alle Ewigkeit verfluchen ... » »Vater!« fuhr Poz'do bitter dazwischen. »O wär' ich ein anderer gewesen,« grollte Sesto unaufhaltsam weiter, und die Gier des Lebens übernahm ihn auch schon wieder für sein eigenes graues Haar, »wahrhaft, wir stürben morgen nicht, und noch fünfzig Jahre nicht. Wir lägen jetzt im Gras am Sassalpe, wo der berühmte Barbone den Wolf zum Teufel gehornt hat, und besähen uns das heimelige Tal zu Füssen, oder wir ässen jetzt Erdbeeren im Querciawald, oder wir kletterten in den sibyllinischen Gipfeln herum, jagten und schössen auf Adler...« »Und auf Menschen, Vater, das auch!« Sesto stutzte. »Ja, ich habe dich morden gelehrt, du hast recht,« schrie er auf, »und darum sage ich ja, hast du meinethalb alles verloren, die Berge und die Ziegen darin und die Hütte von Paritondo und das Messläuten und die Freiheit und die Ehre und das Leben. Dich sollte man am Leben lassen und mich dafür zweimal töten.« »Vater, dummes Zeug, was du sagst, schweig' doch!« trotzte jetzt Poz'do. »Das ist alles nicht wahr. Viel besser weiss ich, wie du mich nie hast mitnehmen wollen. Oft, wenn ihr Mannen euch zu einem Streich fertig machtet, hast du mich auf die Alpe Pigori geschickt für nichts und wieder nichts. Einmal musste ich an die Schafschur nach Visso und vielmal im Querciawald Eichenrinden suchen. O ja, immer wolltest du mich weghaben. Da bin ich dir aber einmal doch nachgeschlichen. Weisst du noch, über der Majaschlucht, wo ihr ein Feuer machtet, traf ich dich. Die andern riefen: 'bravo, Poz'do, bravo!' Aber du hast mich...« – Poz'do lacht mit allen breiten Zähnen – »halbtot geprügelt und wie einen Hund heimgeschickt. Das zweitemal aber widerstand ich durchaus und da sagtest du:: 'In Gottes Namen, wir können nichts dafür, das liegt im Blut!' So, Vater, hast du gesagt.« Was sollte Sesto darauf entgegnen? Es ward ihm schwerer und leichter zugleich, wie einem, dem man aus der einen Hand nimmt und in die andere gibt. Es war froh, als in das ratlose Schweigen Schritte vor dem Verlies erschollen. Die drei Eisenriegel des Pförtleins wurden weggeschoben. Der Wärter erschien in der Öffnung. Bisher kalt und mit den stummen Äuglein schon zum voraus jede Frage ablehnend, war er jetzt wie ein umgekehrter Handschuh geworden. Er trug ein Körblein am Arm, verneigte sich damit höflich und warf in einem tüchtigen Schwung ein reines Tischtuch über ihren Steinklotz, an den sie tafelten. Zugleich winkte er den Pagen herein, der hinter ihm noch auf der Schwelle wartete. Dieser trug eine weite Silberplatte auf den Armen mit Krüglein und Tellern und Bechern, die lustig aneinanderklingelten und einen unsäglich feinen Duft von Gebratenem und Gebackenem in diese Hungerzelle ergossen. Überall am Geschirr war die dreifache Krone und das gekreuzte Schlüsselpaar Petri eingestichelt. Der Page hatte aber, das sah man seinem sirupverschmierten Stupsnäslein und dem Kinn und breiten Krausenkragen an, unterwegs wie ein Vogel mit dem Schnabel aus der gehäuften Pfirsichschale stibitzt. Denn an den Henkeln des schweren Tabletts konnte er keinen Finger frei bekommen. Nun hatte er wohl rasch den süssen Verrat ums Mäulchen mit der Zunge säuberlich abgeschleckt, so dass es da wie die lautere Unschuld aussah. Aber die Spitzbüberei an Nase und Kinn, wohin die längste Schelmenzunge nicht reichte, widerlegte ihn gewaltig. »Seid nicht böse,« wollte er darum fröhlich bitten. Aber als er nun zum erstenmal mit seinen Salonstiefelchen in so ein entsetzliches, unmenschliches Freiheitsloch klapperte und den Moder der schimmeligen Wände roch und als er gar den schönen, wilden Buben da sitzen sah, wohl einen gleichalterigen und doch schon Ring und Kette an den Füssen und weiss Gott was für Missetaten auf dem Gewissen, ach, da zerrann ihm der Spass, und er besann sich nur noch auf seinen kurzen Auftrag. Mit wohltönender, aber zitternder Stimme lud er ein: »Signori, erlabet euch! Das Gedeck kommt von seiner Heiligkeit Allerhöchstselbst. Es ist das Geschirr und Nachtessen des Papstes. Er bittet euch, sich dessen mit so gutem Herzen und so tapferem Appetit zu bedienen, als er sich vor einer Stunde euerer beiden Näpflein bedient hat. Ihr möchtet ihn jetzt und immer brüderlich im Sinne behalten. Gott gesegne euer Essen und Trinken!« Mit diesem üblichen Tischspruch und einer so melodischen Verbeugung, wie sie nur die Colonnapagen – die Orsini sind stolzer und steifer – hienieden fertig bringen, verabschiedete er sich und vergass vor dem Ernsten, was er eben gesehen, auf dem ganzen Rückweg seine Dieberei wegzuwischen, obwohl er nun beide Hände frei hatte. Erst als er in die vatikanischen Gärten gelangte und sich plusternd und federnd wie ein Vogel an der frischen Luft und am köstlichen Spritzwasser der Fontana Conti vom Gestank und Grausen jenes Verliesses erholt hatte, gewann er die schnelle lose Spatzenart seines Berufes zurück und bespiegelte sich im fackelhellen Wasser. Da sah er nun die Sirupnase wieder und strich sie lachend mit den weissen Fingerspitzen in den Mund. Es schmeckte auch so noch kostbar. Viel königlicher benahm sich der andere Knabe im Gefängnis. Mit einem schnöden Blick strafte er das ganze Tafelzeug und sagte dann trocken zum Schliesser: »Ach was, wozu nun so hintendrein diese Grosshanserei? Was brauchen wir noch Essen und Trinken? Daran hätte man früher denken sollen. Kommt der Korb da etwa auch noch vom Onkel Papst?« »Nein«, erwiderte der Wächter verlegen. »Schon vor Wochen hat ihn ein altes Männlein aus den Abruzzen gebracht. Ein Pfarrer oder so was. Er redete bald Latein, bald ein Römisch, das ich noch nie gehört habe. Nun, zu den Gefangenen darf ich nichts ein– und nichts auslassen, bis sie freigesprochen ... oder ... ja ... oder...« »Wir wissen schon, sag's nur!« forderten Sesto und Poz'do, einer mild, einer stolz. »Oder am letzten Tag sind. Und jetzt ist euer Urteil am Tor angeschlagen, und so habt ihr auch den Korb, wiewohl ich nicht begreife, wozu einer diesen blöden Mist so weit her zur Stadt tragen...« In diesem Augenblick schoss ihm rot und zischend wie ein Blitz eine Ohrfeige auf die Backe, wie man wohl in ganz Rom runder und vollendeter noch nie eine erlebte. Denn Poz'do hatte schon den Korb über das silberne Gedeck ausgeschüttet. Was war da herausgekollert: ein paar Steine und Erdschollen von Paritondo, einige silbergraue Zweige der Bergolive und der derbe Bart eines Abruzzen–Geissbocks. Und diese Herrlichkeiten, wogegen das ganze Kuppeln– und Säulen–Rom ein zerbrechliches Schachtelzeug war, hatte der Mensch da ... gut, wohl ihm! ... er war schon hinausgegangen! Er hatte wohl noch eine tiefe Reverenz vor der Ohrfeige des päpstlichen Neffen gemacht und wird fürder damit wie mit einer Rangerhöhung prunken. Nun erst, als den Bergleuten das Abruzzengeschenk da mitten im Silber allein und ohne fremde Augen gehörte und mit der echten Figur und dem scharfen Geruch der Alpen zu Kopfe stieg, fanden sie nicht Worte, nein, Schreie des Entzückens. »Vater, die Heimat!« »Die Heimat, Poz'do!« Sie fragten nicht nach da Dia oder wem, der das gebracht haben könnte, auch nicht nach Frau oder Mutter, die das vielleicht geschickt habe. Was war da Dia und was war gar erst Schuora Anizia? Er ein Prete und sie schon vielmehr eine Haushälterin Peretti als Frau Peretti; wie alle diese Gebirgsmütter, nachdem sie den jungen Mann beglückt und ihm Kinder beschert haben, bei allem Mannsvolk und zuerst bei den eigenen Jünglingssöhnen wieder zum Rang einer Magd herabsinken, aus dem sie für eine kurze Festzeit emporgeholt worden waren. Was also war das alles, und wäre da Dia ein Prete wie San Bernardino und Anizia eine Padrona wie die Grossmutter Christi! Das da ist Heimat, mehr gibt es nicht. Der starke Sesto nimmt jeden Erdknollen und jeden Kiesel in die Hand und küsst und segnet ihn mit feuchten Blicken. Und Poz'do riecht am Geissbart und an den verdorrten und doch so lieben Olivenblättern, und in ihren von der römischen Fieberluft entzündeten Augen steigt sie mit majestätischer Frische auf, kühlend und schattend und herzberuhigend, diese wilde, hungrige, verlotterte und doch so unendlich teure Abruzzenheimat. Wie ein helles Wolkengebilde steht sie vor ihnen, das jetzt aus dem blauesten Phantasiehimmel hervorwächst, mit hundert seltenen Gesichtern winkt und dann wieder langsam verrinnt. Sie sehen das elende Geschiebsel von vierzehn Hütten, aber hören darum und daran von weissen Ziegen und gelben Schafen ein süsses Getrappel. Die dunkelgrün niederhangenden Schatten des Querciawaldes spielen darob und noch höher, bald weiss wie Jubel, bald grau wie das Unglück, ragen die Giebel des sibyllinischen Felsenpalastes empor. Ach, das alles steigt aus dem elenden Laub und Lehm da herauf und benimmt den zweien die Sinne. Was ist doch das für ein Himmel der Paritonder? So hoch wie kein Himmel über Rom und so blau wie keiner ob Neapel und so still wie Gottes Seele, die darin schläft. Drum schweigt an solchem Orte alles und sind auch die alten Sibyllen aus ihrer tausendjährigen Ruhe noch nie erwacht. Nur zwei dunkle Pünktlein leben in diesem Himmelmeer, das Adlermännchen und Weibchen vom Quineshorst. Zehnmal flintenschusshoch nehmen sie täglich um Mittag ihr Sonnenbad, die Adlerin in einem kleinern Kreis sich wiegend und immer zum Nest der Jungen zurückäugend, er aber, in weitem selbstherrlichen Bogen um die Frau und ihre Sorgen herum. Und unten im Menschenhorst von Paritondo sieht man nun auch junge und alte Menschenvögel. Na, am Stubenfenster lebt und klebt also noch immer der alte Solio, und die Hühner der Teresi und der Puritani streiten sich auch immer noch ums Bächlein herum. Auch der Laffe Simione stottert noch immer zur Küsterei hinauf sein »Ga .. arr .. rasso .. grasso, fate sempre gr .. arar .. asso!«, obschon die arme Anizia immer nur Suppensalat kocht. Und nun ist es ja freilich wahr, am Haus neben dem Kirchlein rätscht Frau Peretti den Hanf über die Dreschklappe. Ist es der Hanf oder ihr eigen Haar, was so grau schimmert? Sie schaut nicht ein einziges Mal auf und hält sich nah ans Gefaser. Sieht sie denn nicht mehr gut oder drückt ihr das Alleinsein schon den Kopf so tief? Jawohl, das müssen wir gelten lassen, untadelig war sie. Wenig Liebe genoss sie. Sie wird wohl wieder heiraten, wenn der Kummer verraucht ist. Weg, weg! ... Doch sieh, es muss Samstag sein. Don da Dia schnauft langsam von Surigno herauf. In die Kirche, Sigrist! morgen gibt es eine gesungene Messe. Ja, da stehen wir schon mitten drin, aber was ist das für eine Ordnung! Die Weihwasserbecken sind trocken, die Kränze am Altar dürr und die Heiligenbanner voll Staub, auch das ewige Licht knistert und spritzt wie am Erlöschen. Alles ist verlottert, seit wir nicht mehr dabei sind. Aber wie kommt das, die Madonna am Altar steht ohne Stäubchen und Spinnfaden da. Und wie sie nur immer noch so lächeln kann! Ach ihr tut nichts weh! Lächle sie nur! Sie darf ja immer in Paritondo unter den hohen Bergen, im kühlen Kirchlein bleiben und dem Wind und den Ziegenschellen draussen und den wohlklingenden Litaneien in den Bänken zuhören. Hat sie es schön! Schau, schau, wie ihr Lächeln immer grösser wird! Und doch hat sie immer noch keinen Schleier! Oder doch? Was ist nun das, ist das ihr wehendes Haar oder ihr Lächeln oder ist es doch ein heller Schleier? Ja doch, ja, es ist ein Schleier, schneeweiss aus ihrer reinen Hand wie ein feiner Mondschein quillend, zu ihnen hinüber. Nehmt ... Söhne ... meinen Schleier ... zum Schirm ... zum ... Schlei ... er ... nehmt ... Schlei ... Unter diesem Schleierwehen sind Sesto und Poz'do nun doch gegen alle Verabredung eingeschlafen, die Schollen der Heimat fest in die Hand geklammert. Und das Lächeln der Madonna lächelt und der Schleier flattert durch die Träume weiter. Sie atmen nicht wie unter dem Dunkel der letzten Armsündernacht, sondern ganz wie Freie unter einer schönen umbrischen Mittagssonne sich ins Gras legen und, während es ihnen unzählige kleine Wunder ins Ohr flüstert, darüber ein Stündchen einschlafen, um dann fröhlich ihrer lieben seligen Freiheit weiter zu folgen. 6. Kapitel Noch sehr spät, als die Laternen auf der mittleren Engelsbrücke schon gelöscht waren, rannte der spindelbeinige, kleine, zarte Doktor beider Rechte Vincente Mione in den Vatikan, ein Jurist, der von der Kurie wiederholt in heikeln Prozessfragen beraten worden war, und heischte dringend und um jeden Preis den Zutritt zum Papst, auch wenn Seine Heiligkeit schon zu Bette gegangen wären, was er übrigens nicht glaube, da er vom Petersplatz das Lämpchen im päpstlichen Studierzimmer noch deutlich bemerkt habe, und da männiglich wisse, dass Sixtus nie vor Mitternacht den Schlaf suche. Als es dem Dottore dennoch nicht gelingen wollte, den Durchpass zu erzwingen, zog er kurz und gut ein federleichtes Tuchpäcklein und einen dickversiegelten, mit derben Daumennägeln petschierten Brief aus dem Magistermantel und sagte: »So bringt wenigstens das noch dem Papst! Es betrifft Seiner Heiligkeit armen Bruder.« Binnen kurzem ward der Doktor ins Schreibzimmer verlangt und vom Papst, der ohne Sandalen, barfuss am Pültlein stand, und vom Kerzenschein oder von der Aufregung oder auch vom tagüber tapfer verstellten, aber in überwachter Nacht ganz offenbaren Herzleiden ein fahlgelbes, schwerkrankes Gesicht zeigte, ganz gewaltig angefahren: »Warum bringt Ihr mir dieses Schreiben erst jetzt, unglücklicher Mann? So redet doch.« »Don Dia wollte es so haben,« versetzte der dürre Paragraphengreis, der eigentlich selbst nichts anderes als einen von den vielen mageren Paragraphen seines Faches vorstellte. In voller Ruhe fuhr er fort: »Erst wenn es mit den Gefangenen schlimm würde, sollte ich Euerer Heiligkeit diese Sachen bringen. Nun habe ich soeben auf dem Heimweg vom Archiv der Konsulta den Anschlag an der Kirche Santa Maria Maggiore gelesen. Da war kein Atem zu verlieren. Ich holte Brief und Säcklein des alten da Dia und da bin ich.« »Wer ist dieser da Dia? Woher kennt Ihr ihn?« »Er hat mit mir in Perugia Latein studiert und...« »Ein barbarisches Latein, fürwahr«, konnte sich Sixtus nicht versagen, mitten in einer Sache auf Tod und Leben einzuflicken. »Wie kann einer sepuluit statt sepelivit schreiben?« tadelte er mit der ganzen Gekränktheit seines klassischen Empfindens. »Dieser Mann ist verbauert. Euere Heiligkeit mögen bedenken, dass da Dia seit vierzig Jahren in den obersten Abruzzen pastoriert. Das ist kein Garten für Cicero–Perioden.« »Dottore! Zur Sache!« »Vor zwei Wochen war der alte Pfarrer bei mir. Gott weiss, wie er so weit herkommen und einen Advokaten meines Namens ausfindig machen konnte. Denn weder sein Latein, noch sein Italienisch klang den Hiesigen verständlich. Und kaum dass er mir die zwei Sachen gegeben und gedankt hatte, ist er auch schon wieder verschwunden. Diese Abruzzenkinder bekommen ja alle gleich Heimweh in der Stadt. Aber das rief er mir noch ernstlich nach: Erst wenn es ans Blut ginge, möchte ich Euerer Heiligkeit diese Dinge abgeben.« »Kennt Ihr den Brief?« »Nicht vom Skriptum! Doch hat da Dia in seinem Kauderwelsch mir das Primo und Secundo und Tertio ordentlich klar gemacht.« »Und was meint Ihr dazu? Redet bündig, es ist Schlafenszeit!« Durch den braungemeisselten Greisenkopf schoss ein Funke jener genialen Schlauheit, die so selten und nur in grossen, kühnen Augenblicken Feuer fängt. Seitdem Mione da Dias Auftrag besass, stand es bei ihm fest, dass er die Rettung der zwei Peretti mindestens probieren wolle. Nicht aus alter Kameradschaft zum Kumpan von Perugia, und nicht aus irgend einer Freundlichkeit für die beiden so interessanten Häftlinge, sondern allein aus einem glühenden und hochragenden Ehrgeiz heraus, seine juridische Kunst auf die höchste, menschenmögliche Wirkung emporzuschrauben. Aus dieser Gier heraus hatte er sich immer lieber den schwierigen als den leichten Rechtsfällen zugewandt und den siegreichen Sachwalter in geradezu halsbrecherischen ja, schier unmöglichen Causis gemacht. Man sagte ihm nach, er könne weiss als schwarz und schwarz als weiss beweisen, und wenn er einem Eilenden dartue, dass er stehe, statt zu laufen, glaube es dieser und fange an zu galoppieren. Dem Mione war denn auch schon Grosses gelungen. Er hatte Leibeigene aus der Fron der Massari, dieser härtesten aller römischen Herren, befreit; Landgüter den Colonna abgestritten und für die Borghesi erobert oder auch umgekehrt, als wäre die Erde sein; Gottesleugner überführt, dass sie einen Muttergottesaltar gelobt hätten, und ihr nun gar ein Kirchlein bauten; oft war er schief, oft gerade gegangen, aber immer sieghaft. Nur eines war ihm noch nie gelungen, den starren Papst Sixtus aus der Strenge zu werfen und ihm dort, wo man zwischen Schafott und Gefängnis und zwischen Gefängnis oder Geldbusse oder endlich zwischen Geldbusse und blossem Verweis füglich wählen konnte, den mildern Entscheid abzuringen. Es kam dazu, dass Mione ein alter Römerbürger war und eigentlich jeden nichtrömischen Papst als Fremdenherrschaft betrachtete. Besonders hasste er wie übrigens seine ganze Gilde die seinem römischen Rechtsempfinden und den städtischen Privilegien so feindliche bauerngrobe Justiz des Papstes, und so hoch er das Amt ehrte, so wenig konnte er sich mit der rauhen und harten Amtsführung befreunden. Nichts hätte er daher lieber gesehen, als wenn Sixtus einmal über seinem Herzen und damit über einem festen Kanon seiner Rechtsordnung gestrauchelt wäre. Dann hätte der Papst den Ruf des Unparteiischen, auf den er wie ein Fels pochte, sogleich verscherzt. Denn dieser Fels hätte einen Sprung bekommen und damit den Glauben an seine Unüberwindlichkeit verloren. Eine Spalte reisst hundert Sprünge nach sich und lockert das ganze Gefüge. Sixtus als ein kluger Mann würde nach einem solchen Fall sich der Politik der Milde zuwenden, um mit seinem Ansehen nicht zwischen Tisch und Bänke zu fallen. Bis heute hatte Mione schon oft Gelegenheit gehabt, einen Versuch an diesem Felsen zu machen. Aber er hatte ihn nie auch nur leise spalten können und gab die Hoffnung allmählich bei seinen hohen Jahren auf. Aber da kam es noch einmal wie ein grosser Wink an ihn, als da Dia ihm sein so karges und so hilfeschreiendes Brieflein vorlas und den Schleier der Madonna aus dem Paket zeigte. Jetzt fing ihn dieser Fall Sisto e Sesto, unter welchem hübschen Wortspiel der Prozess in allen Sälen und Höfen Roms längst verhandelt wurde, auch zu interessieren an. Da bot sich ja nun eine letzte, gottgegebene Probe seines Genies am Genie des Papstes. Hier spielten Familienblut und Heimatliebe in die Sache, und aus aller Roheit und Verwüstung des Gewissens schimmerten die goldenen Spuren eines ungepflegten, aber wahrhaft kindlichen Glaubens und zogen einen eigentümlichen Heiligenschein um die armen Sünder. Alles aber, was noch nicht sauber war, deckte und überschimmerte dieser mystische Madonnenschleier. Hatte ja doch selten ein Papst der Himmelskönigin so viel Treue und Verehrung bewiesen wie gerade der männlich schroffe Sixtus. Mit einem weinerlichen oder trotzigen Gefecht von Paragraphen war, wie Mione den hohen Gegner kannte, nun einmal nicht gegen das angeschlagene Urteil aufzukommen. Solch Gebaren würbe Sixtus nur verhärten. Nein, Mione wollte einmal seine gesamte Pandektenschlauheit gleichsam auf den Kopf stellen oder doch ins Simple kehren und den Papst von seiner eigenen Position aus anpacken, indem er noch viel strenger als der Gestrenge und noch viel päpstlicher als der Papst plädierte und jede mildere Auffassung oder auch nur die päpstliche Befugnis dazu hochmütig verrammelte und im übrigen das Gefühl als eine Bagatelle leichthin abfertigte. So wollte der abgefeimte Advokat den grossen, geraden Papst zum Widerspruch reizen und in die Opposition bis unter das Fähnlein der Milde treiben. All das legte sich der Alte jetzt vor und ordnete es der Reihe und dem Werte nach mit der sichern und schnellen Logik eines erfahrenen Juristen. »Einen gütigen Augenblick, Heiliger Vater«, hatte er gebeten, und sich dann mit gespreizter Rechthaberei und gegen alle Sitte, als ware das so für seine Sprachkünste nötig, ungeladen auf das nächste niedere Samtstühlchen geworfen, wobei er den Ellbogen auf die Knie stützte und mit den Händen das unfassbar feingehobelte Gesichtlein nachdenklich deckte. Sixtus hörte fünf oder sechs schwere Atemzüge, von denen jeder einen Kodex des römischen Rechts aus dem Busen heraufpumpen mochte. Dieses Schauspielerische missfiel seinem sachlichen Sinne stark, und gleich schon zum voraus ein weniges gegen das, was nun käme, eingenommen, klopfte er mit dem Knöchel seines kurzen Zeigfingers aufs Tischlein und rief: »Nun, nun?« »Erlauben Euere Heiligkeit,« bat jetzt mit zuversichtlicher Stimme und gar nicht scheuen Augen gegen den Papst hin der alte, helle Schläuling, »dass ich den Brief des biedern da Dia zur bessern Vergegenwärtigung des Pro und Contra lese, vielleicht laut vorlese!« »Avanti!« »Euerer Heiligkeit unwürdiger Knecht im Weinberge des Herrn, Donaldi da Dia, Hilfsgeistlicher von Surigno und Paritondo, hat in den schweren Unfall der beiden Signori Peretti nur drei Dinge zu sagen. Dann ist seine Seele salviert. Primo: Am Tage der heiligen Justina, Martyrin, 1576, habe ich den alten, armen und immer verschwiegenen Gianbattista Peretti, aliis verbis: Euerer Heiligkeit väterlichen Erzeuger, in Paritondo begraben ... sepului« »Sepelivi,« korrigierte Sixtus flink. »Schon dieser Gianbattista ist unter die Briganti geraten, und ditto sein Sohn und Enkel, woran nicht eine böse Natur in ihnen, sondern allererst, wie ich seit fünfzig Jahren erlebt habe, die Fron und Tyrannei der Landesherren schuld ist. Im Hunger und in der Verzweiflung haben sie erst zu räubern begonnen, dixi!« »Weiter, weiter!« forderte Sisto. »Secundo: Am Tage der heiligen Rosalia von Palermo anno Domini 1586, zur Zeit der grossen Teuerung, hat Sesto Peretti, aliis et expressis verbis: Euerer Heiligkeit Bruder, den Schleier der Madonna, den ich hier im Paketchen beilege und worauf Paritondo stolzer als auf seine Berge ist, mir, Donaldi da Dia, zuhanden der Gräfin Maria di Montasio übergeben. Dafür musste die hohe Frau zahlen: vier Fass Fett, zwölf gemästete Schafe, fünfzehn Ballen Leinen und eine Tonne Olivenöl, sowie vier Fuhren Gerste. Das wurde, ohne ein Schlecklein wegzunehmen, in Bausch und Bogen der von der Pest verseuchten und völlig ausgehungerten Nachbarpfarre Surigno überlassen, nebst achtzehn Wagen Holz und Streue von der eignen Paritonder Armut und mit zwei Krankenwärtern und einem Totengräber aus der eigenen Familie. Die Paritonder hungerten und froren in diesem Winter für ihre noch ärmeren Brüder. Den überköstlichen Schleier hat mir die Gräfin mitsamt ihren eingestickten Wappen geliehen, damit ich ihn als Zeugen meiner Worte Euerer Heiligkeit unterbreite. Ist er nicht schön, Heiliger Vater? ... Seitdem ist die Madonna von Paritondo freilich ohne Schleier. Aber sie lächelt immer noch wie früher. Wenn einer leidet im Ort, so trägt man ihm die Madonna ans Bett, dass er mit diesem Lächeln leicht stirbt oder gesundet. Dieses Lächeln der Madonna sende ich Euch, Heiliger Vater, mit dem Schleier und bitte, gebet es weiter Euerem Bruder und seinem armen Kind, damit sie gesunden und damit Maria auch Dich, strenger, heiliger Herr, anlächelt, ... ut tibi arridet!« Mione hielt an, aber Sixtus korrigierte den groben Fehler nicht. Es schien, er habe nunmehr viel schwerere Dinge als lateinische Modi auszubessern. »Das ist alles, was ich zu sagen habe ... oder doch: Tertio ... Tertio: dass Sesto Peretti, Euer Bruder, seit zweiundzwanzig Jahren Sakristan von Paritondo war, der geschickteste Kerzenanzünder und sauberste Messdiener im Land, der auch alle Samstage den Rosenkranz und die Muttergotteslitanei vorgebetet hat wie ein Cherubim. Und bei solchem Werk haben sie ihn überrumpelt und nach Rom geschleift ... Geschrieben von Don da Dia, Donaldi, sacerdos.« Es ist nicht zu sagen, mit welcher Gaunerei der geriebene Alte dieses rührende Schriftstück las, die Worte der Verwandtschaft zog er respektvoll in die Länge, aber schnatterte dafür den Bericht vom Schleier wie einen dummen Schwatz herunter. Ja dort, wo vom Totengräber die Rede war, schlug er mit dem dürren Finger ein Schnippchen und giftelte drein: »Was ist das Besonderes? Die Toten muss man doch begraben.« Die naiven Zeilen vom Madonnenschleier las er mit Spott und lächelnder Stimme. Mit einem gefühllosen Tone haspelte er die Unterschrift herunter und sagte dann mit essigscharfer Miene: »Mir scheint, hier ist nichts mehr zu sagen als: fiat iustitia! Mord ist Mord! Daran ändert kein Madonnenschleier etwas. Man möchte ja wohl schier weich werden bei dieser kindlichen Briefschreiberei. Aber spricht da nicht eher Dummheit als Einfalt aus dem Papier, so entzückend ... Pastorale con flauto ... es etwa auch klingt?« Der Papst war noch ganz erfüllt und warm vom Briefe. Er hörte ihn völlig anders als Mione ihn las. Aber er merkte die Ungezogenheiten des Lesers gut genug und spürte in ihm mehr und mehr einen Feind des Briefes heraus. Immer unangenehmer ward ihm Mione und immer mehr entfernte er sich im Geiste vom schlimmen Leser weg und zum guten Schreiber hinüber. Doch als Mione von Dummheit sprach, zitterte das feine Furchengewebe in der päpstlichen Stirne auf und nieder. Der Zorn, wie eine grosse Spinne irgendwo in der tiefsten Falte versteckt, brachte das Netz so in Erregung. Mit innerlichster Freude beobachteten die grünen Äuglein des Advokaten diese Wandlungen. Da aber Sixtus sich zum Schweigen zwang, fuhr Mione mit gutgespieltem Pathos fort. »Wo käme die Gerechtigkeit hin, wenn ein tüchtiger Kerzenanzünder dafür ebenso viele Menschenkerzen auslöschen dürfte? Oder wann eine hübschgesungene Litanei jedesmal einen greulichen Mord überschriee? Nein, erhabener Herr, hier gibt es kein Ecklein für die kleinste Gnade.« Sixtus winkte hastig, weiter zu fahren. »Es ist wohl wahr, diese Unerbittlichkeit trifft Euerer Heiligkeit nächstes Fleisch. Aber was ist Halbbruder? Ist das noch Bruder? Ich sage nein. Ein Bröcklein vom gleichen Vater und eine ganze Blutschwemme von der neuen Mutter, so dass jenes Inselchen Ähnlichkeit von diesem Meer der Fremde und Kälte im Nu verschluckt ist. Nun gar erst, wenn so ein Mensch...« »Dottore!« »Wenn der wilde Vagabund sich ein Menschenalter hindurch nie um seinen erlauchten Verwandten bekümmert hat und stolz für sich hinlebte, bis jetzt, gerade jetzt, wo er ihn fein profitieren kann, ah, da gibt es kein ius fraternum mehr. Überhaupt: kann ein Papst Verwandte, kann er Vater, Mutter, Bruder oder Schwester haben? Ich sage nochmals nein. Ein Papst ist einsam. Entweder er hat keinen oder die ganze Welt zum Bruder. Das ist sein Los. Wir andern Menschen,« plauderte Mione hier mit boshafter Herzlichkeit weiter, »ja, wir nisten uns in die Liebe von Vater und Mutter wie junge Vögel und wir küssen den teuern Bruder und umarmen die unvergessliche Schwester und wir bleiben bis zum Tode ins gleiche innige Fleisch und Blut verliebt. Und wir sind selig und stolz darin. Aber«, fiel er plötzlich in einen eiskalten Ton, »solche Gefühle sind dem Statthalter Christi nicht erlaubt. Ich bestreite sein Recht auf jegliche Freude des Familienblutes.« Die zornige Spinne zappelt immer heftiger im hundertfältigen Netz auf und nieder. Wann wird sie sich auf das übermütige Insekt stürzen? »Ich weiss wohl,« trägt Mione grossartig vor, »Mensch ist Mensch. Auch Euere Heiligkeit bleiben auf dem obersten Stuhl der Welt Mensch. Dennoch, wie sollte es in unserem Fall eine Überwindung kosten, die Menschlichkeit für einen Augenblick zu vergessen, hier, einem elenden und gemeinen Strauchritter gegenüber, der...« »Dottore!« »Verzeiht, Heiligkeit, aber ich sehe nichts Übermenschliches darin. Wie oft muss ein Vater sein Kind im Stich lassen! Wie oft sogar ein Bruder den Bruder dem Gericht überliefern! Was ist da Grosses? Und nun erst so einen Stiefbruder! ... Dazu, Euere Heiligkeit haben nicht bloss die besondere Gnade der Gerechtigkeit von oben, auch die Naturanlage macht es Euch leichter als sonst wem, streng zu sein sogar da, wo man lieber mild wäre. Die ganze Stadt hat darum das Urteil über die zwei Peretti schon genau gekannt, lange bevor es angeschlagen wurde. Der junge Ubaldi Colonna hat eine schwindelige Summe gewettet, dass das Paar hingerichtet würde, und kein einziger Orsini, nicht einmal der Waghals Arrigo die Fanciolla, hat auch nur ein kupfernes Gegengebot gemacht. Das Beil für Sesto und Poz'do war eben für Rom seit Wochen eine ausgemachte und wohlgeschliffene Sache. Euere Heiligkeit haben die Hände gebunden. Ihr könnt nicht mehr anders, auch wenn Ihr wolltet, auch wenn Ihr dürftet ... jetzt müsst Ihr, müsst Ihr so!« »Dottore!« Das Spinnetz drohte zu zerreissen. »Aber wir kennen Euere Heiligkeit. Ihr wollt auch nicht anders wollen oder dürfen. Die Gerechtigkeit schimmert Euch von der Stirne so unbestechlich, so rein und kalt wie die Mosestafeln...« »Ja, und so unzerbrechlich!« gewitterte es jetzt von dem Pültlein her unwiderstehlich los, »Dottore, meint Ihr nicht auch so? Ihr seid heute in der Bibel so übel belesen wie in der Menschenseele, scheint mir. Diesmal habt Ihr zu grob geschnitzt. Ich erkenne Euch und lasse mich nicht nach Euerem Kopf beschwatzen. Versteht, ein Papst kann binden und lösen ..., auch wieder lösen, was er selbst gebunden hat. Fiat iustitia, ja! Aber die Gerechtigkeit kann man stillen, auch ohne dass man ihr immer Blut zu trinken gibt. Ich will ihr einmal Milch für den Durst geben. Das darf ich. Geht, Dottore, ich danke Euch für das Wahre, was Ihr sagtet. Das Falsche habe ich schon in den Wind geschlagen.« Dreimal bog der alte Jurist mit respektvoller Kälte das Knie und jedesmal jubelte seine graue, aber zähe Römerseele hellauf: und ich hab' dich noch ganz anders gebogen, deine Seele gebogen, für immer gebogen! So schien es. Alle Festigkeit des Papstes, so wie er sich allein wusste, war dahin. Er drückte die breiten, kurzen Hände aufs Herz – jetzt sah es ja niemand – und zählte das Klopfen. Wie ungeregelt, einmal übereinander schlagend, einmal fast einschlafend! Nicht einmal da innen kann ich Ordnung halten, dachte er bitter, und da wollte ich den Puls der Welt regeln! Aber das klopfte ja da innen schon längst unordentlich. Das ist eben nur ein Mechanismus, basta! Da hapert es immer bald. Aber nein, auch mein Wollen ist anders geworden. Ich zaudere. Geht mein Leben am Ende doch schon zur Neige? Die Ärzte sagen, ich lebe noch lang, übers Jubeljahr hinaus, wenn ich nur das Herz schone. Das Herz sei schwächer als der Kopf in meinem Organismus. Ich fühl's, ich fühl's! Oder ist es heute auf einmal so stark geworden, dass ihm mein Kopf nicht mehr folgen kann? Was red' ich da unsinnig? Ich fiebere wohl schon ... Unschlüssig lief er hin und her und stand endlich vor dem Päcklein still. Da setzte er sich und sollte die Schnürung aufreissen, aber das ging nicht. Ein Messer! Nein, entschied er, nun will ich doch sehen, ob ich mich nicht meistern kann. Und er begann mit erzwungener Geduld die Verknüpfung zu lösen. Es ging nicht leicht mit so kurzen, klobigen Händen und in einem Augenblick, wo ihm das Blut durch den ganzen Leib bis in die Fingerspitzen hinaus quecksilberte. Aber zusehends ward er ruhiger. Mit jedem Knoten, den er mühsam löste, ging auch etwas wie ein Knoten an seinem Herzen auf. Immer leichter ward ihm. So leicht wie bei keinem Aderlass der Ärzte. Als der letzte Knopf aufsprang, war es Sixtus, als sei auch der letzte Druck von seiner Seele gewichen. Er wickelte den Umschlag auf. Per Dio, da wallte wie eine weisse, durchsichtige Wolke der Lilienschleier der Madonna von Paritondo auseinander. Das schimmerte und duftete über den grauen Büchertisch wie ein niedergegangener Mai. Und es lispelte und betete und lächelte daraus wie von tausend federknisternden Engelchen, die wohl hinter so einem Morgengewölk ihre himmlischen Spässe treiben mochten. Der Papst musste die Armlehnen fassen, so wonnig schwindelig wurde ihm von dieser geschickten und heiligen Zierlichkeit da. Aber durch all das geheimnisvolle Geflüster meinte er einen kurzen gewaltigen Krach zu hören, wirklich wie von zu Boden geschleuderten und verscherbten Steinen. Die Mosestafeln! War es nicht dort niedergegangen, wo Heli mit gebrochenem Hals unter dem eigenen Richterstuhl lag? War das eine Drohung oder hiess es vielmehr: das alttestamentliche Gesetz der Härte sei nun auch für Sixtus gebrochen und das neue der Milde hebe an? Noch einmal sträubte sich die Gewaltnatur des Papstes und stand seine ganze eiserne Vergangenheit mit ihrem glorreichen Nimbus gegen die Gnade dieses Augenblickes auf. Sixtus Quintus, dein Ruhm ist auf dem Spiel, mehr noch, dein Ruf, deine Macht, die ganze Herrlichkeit deiner Autorität. Du wirst wie alle andern gezeichnet: nepotenliebend, zuzeiten wohl erhaben und streng, aber zuzeiten, wenn der laue Wind der Rücksichten weht, parteilich und weichmütig. Jedoch aus dem Schleier der Madonna lächelt es immer himmlischer, als wäre die holdselige Gottesmutter selbst dahinter, so süss und heilig wird die Musik dieses Lächelns. Wie kann sie nur so lächeln? Müsste sie denn eigentlich nicht auch verhärtet dreinblicken, stumm, richtend? Man hat ihr den Schleier genommen, ach was, den eigenen Sohn hat man ihr genommen. Müsste sie nicht die ganze Erdenschaft darum mit Zorn heimsuchen? Nein doch, sie lächelt. Sie hat trotzdem nicht Mutter der Härte, sondern Frau der Barmherzigkeit heissen wollen. Sie will uns nicht erschrecken, sondern erfreuen, nicht töten, sondern lebendig machen. Und keineswegs das Schwert von ihrem Diener Michael, sondern die Lilie vom Erzengel Gabriel will sie tragen. Niemals hat sie: Schuldig! immer nur: Gnade! gesprochen. Gratia plena heisst sie ja. O mein Gott, Grazia ist wohl mehr als Justitia. Durch Gerechtigkeit geht die Welt wie im Schnee unter, aber durch Gnade blüht sie auf und wird schön und heilig wie im Maien. Und die ganze Weltregierung von Adam bis heute war doch die reinste Gnade immer. Da sollte denn ich, der kleine Winzerbub, den Globus zurückdrehen und sagen: jetzt hört das auf mit der Gnade, jetzt beginnt wieder die graue Ordnung der Gerechtigkeit. Ei, ei, wie der Schleier webt und lebt, wahrhaft wie von einer herrlichen Gestalt getragen, hin und her, her und hin, und musiziert sich am Ende gar in ein allerschönstes Finale aus: Mein Lächeln, hörst du's, schattiger Mensch, mein Lächeln bringe du sogleich dem Bruder und seinem Kind, dass auch sie wieder lächeln, und dass dann auch du vielleicht, unfröhlicher Diener meines Sohnes, ein Glütlein dieses Lächelns bekommst. Ich bin das grosse Lächeln des Himmelreichs. Ohne mein Lächeln ein wenig mitzulächeln, geht da niemand ein. Der Papst raffte sich vom Stuhle auf und schüttelte kräftig die Klingel. »Mögen denn die Menschen sagen, was sie wollen, mir sogar Heli, Heli! schreien, heute will ich lächeln,« murmelte er mit einem prachtvollen Trotz. Wie ein Taufglöcklein begleitete das muntere Geschelle dieses Gebrummel. In der Tat, da war auch ein neuer Mensch geboren, wenn schon mit grauem Haar und einem alten, tiefen Bass. »Di Zucco, bringt Fackeln und Diener, wir gehen zur Engelsburg!« 7. Kapitel Dicht nebeneinander im Verliess liegen Vater und Sohn Peretti und schlafen seelenruhig, obwohl der Mond sich voll und dreist durchs Gitter hinein auf ihre Gesichter legt, als fände er in ganz Rom nichts, wo er seine kalte Seele besser wärmen könnte. Sie haben ihre Matten aus der Nische in den Estrich hinausgezerrt, um noch bis zur letzten Minute beisammen bleiben zu können. Der eine hält dem andern seinen Arm zum Kopfkissen unter und in so enger, herzklopfender Einigkeit haben sie auch den gleichen Traum. Sie träumen, dass die Madonna daheim wieder ihren Schleier trage und nun vom Altar steige und den langen Weg aus dem Gebirge zu ihnen herunter nach Rom nehme. Durch die unendliche Nacht, die zwischen den Sibyllengipfeln und den Stadttürmen liegt, kommt sie fern, fern, auf einem dünnen, goldgrünen Strässchen daher, das wie ein Mondstrahl glänzt. Sie sehen nur, wie ihre Silberfüsse flink unter dem blauen Rocksaum vorwärtsschnäbeln, so flink, dass man es nicht zählen kann, und wie der Schleier gleich einem weissen feinen Nebel hinter ihr nachwallt, und wie sie gar gütig nach ihnen blickt. Sonst ist nichts als lautlose, glanzvolle Ruhe in diesem Bild. Über Schluchten und Pinienwipfel wandelt sie so auf dem feinen Strahl, eilt siebenmal über den siebenmal geschweiften Tiber und sein urweltlich summendes Wasser, fährt nun schon ans gregorische Kastell und schiesst wie ein Blitz durch die Stadtmauer, weicht keinem Turm und Tempel aus, spaziert mitten durch die gefüllten Palazzi wie eine Sonne und gelangt jetzt schon an die Engelsbrücke. Wer kann ihr Gitter vorschieben und Schlösser vorriegeln? Sie lächelt so spöttisch als ihr Unschuldsgesicht kann und tänzelt dann mitten durch die dreimal gesperrte Brücke. Keiner der zwölf Musketiere sieht sie. Aber die Marmorengel auf den Strompfeilern klappen respektvoll, wie bei der grossen Parade an Allerheiligen, ihre Fittiche in einem Tempo zusammen und salutieren famos. Nur der älteste von ihnen kommt ein wenig zu spät, weil ihm eine der vielen Wasserschnaken gerade im feierlichen Moment in die himmlische Nase fuhr und sich fast nicht mehr herausschneuzen liess. Auch die heiligen Bischöfe und Äbte auf einigen Sockeln machten den Salut nicht mit. Sie waren mit den Armeeordres des Himmels noch nicht so vertraut wie die ewigen Engel und beugten dafür ihre bärtigen Häupter bis zum Gürtel. Aber der Erzengel oben auf der Burg senkte schweigend Speer und Waage, als wäre er einstweilen ausser Kommando gestellt. Nun fährt sie unten durchs Burgtor, so viele Gurten und Ketten auch daran sind, in den Hof hinein. Der Torwächter schreit auf, die Schliesser laufen daher und die Schildwache marschiert klirrend auf, um die Erscheinung in Handschellen zu legen. Torheit! Die Madonna lächelt sie nur ein wenig an und da fallen Pike und Pistole wie dürres Laub von ihnen. Sie müssen niederknien und die Hände falten. Sie können nicht anders. Nun weht sie die Gänge und Wendeltreppen herauf. Jetzt steht sie vor ihrem Kerker. Das funkelt durchs Schlüsselloch herein wie ein Stern. Die Türe springt auf. Sie wallt herein. Sie lächelt. O Gott, sie lächelt das alte, heimatliche Lächeln. »Misericordia!« betet Sesto im Traum. Sie aber tritt ganz nahe an die Schläfer heran. Jetzt löst sie den Schleier vom Haupt, unglaublich! und lässt ihn wie weiche, kühle Schneeflocken auf ihre fieberigen Leiber fallen. Wie das kühlt! Werdet gesund! spricht sie wie je und je am Bett der todkranken Paritonder. Wahrhaft, das hat sie gesagt: werdet gesund! Und sehnsüchtig wie wirklich ein sieches Büblein streckt Poz'do die Hand nach ihr aus und flüstert: O Madonna Mamma mia! Da lächelt sie schöner als zehntausend junge rosige Mütter zusammen und spricht. Gratia, figliuoli miei, gratia! ... Aber schon ist das keine Madonnenstimme mehr. Das ist wie von der Zunge des Herrgotts gedonnert. Davon erwachen die Träumer sogleich völlig und erblicken ... den Papst! Er steht vor ihnen im weissen Talar, in den sein aschgrauer Bart niederrieselt. Sonst ist alles weiss an ihm, das Cingulum, das Schultermäntelchen und das Tonsurkäpplein. Sogar das Brustkreuz, das er nicht an einer goldenen, sondern an einer eisernen Kette trägt, blitzt glashell von Diamanten. Aber das Weisseste von allem ist der Schleier der Madonna, der ihm vom Arm auf die Schläfer niederhängt, etwa so wie ein lichtes Kirchenfähnlein tröstlich aufs Volk herabschaut. Zwei Fackelträger stehen recht und links vom Papst, dahinter der Kommandant der Festung mit vielen Schlüsseln und Don Zaccaria und einige Nobelgardisten. Poz'do sperrt die wasserdunkeln Augen gewaltig auf, kann dies grosse, weisse Bild nicht auf einmal fassen und schreit wirren Sinnes: »Ist's schon Zeit zum Sterben? ... Vater, sieh auf!« »Misericordia!« ruft Sesto zum zweitenmal und jetzt weiss er klar, was und wem er es sagt. Schon lange hatte der Papst vor ihnen gestanden und ihre Gesichter studiert. Ja, das ist sein Bruder mit der zweimal gebogenen Perettinase, der überhohen Stirne, von der so buschig, fast in die Augen hinein, die Brauen wachsen, und mit dem harten, starken, steinigen Hinterkopf. Und das ist sein Nepot, dieser lange, magere Knabe, mit noch tiefern Brauen, noch kühnerer Nase, noch wilderem Hinterkopf und mit dem wölfischen Gebiss, dessen obere Reihe er hart ins Kinn hackt. Das sind sie, das sind sie! Nur die gespaltene volle Lippe und das rötliche Strupphaar ist ihm fremd. Das und auch ihren Riesenwuchs müssen sie von einer stürmischeren und wuchtigeren Mutter her haben. Aber alles andere ist Familiengut. Es sind Peretti. Er fühlt es deutlich am eigenen Leib, das ist sein Fleisch und Blut. So wie dieser Mann sah vor fünfzig Jahren unser Vater aus, sagte sich der Papst, als er von mir Novizlein unterm Kreuzgang in Montalto Abschied nahm. Ich sah ihn nie wieder. Und so wie dieser Jüngling habe ich damals selber ausgesehen, kleiner zwar, aber auch mit meinen frischen fünfzehn Jahren schon so mager vom Hungern und schon so verzehrt vom Drang und Eifer nach etwas Besonderem. Auch die Zähne biss ich so ins Kinn, weil ich nicht wusste, wohin mit aller Kraft. Und so ein mutiger Tag und so eine sichere und tiefschlafende Nacht blitzten damals auch noch aus meinen von Welt und Weisheit unbestaubten Knabenaugen. Aber nein, so schmal war ich doch nicht, selbst als Bettelschüler in Ancona nicht wie der Bub da. Auch so zerworfen trug ich nie mein Haar und Habit und so vergrübelt nie meine Stirne, wie diese armen Genossen. Schau, schau, nicht der Alte, auch der Junge hat schon Narben ins Gesicht gekerbt. Das kommt von der Wildheit ihres Lebens. Aber warum kamen sie denn auch nicht aus ihrer Verwahrlosung heraus zu mir und holten sich Geld und schöne Kleider und ein fettes Amt oder ein Futterplätzchen und dazu den Hut der Cavalieri? ... Diese Rauhen, diese Stolzen! Was krampfen sie denn da in den Fingern? Zünde näher, Diego! Gott Italiens, ist es nicht ein Brocken Erde und ein grünes Laub von daheim? Wahrhaft, einen Fetzen Heimat und Freiheit haben sie im Gefängnis behalten und lassen ihn nicht aus der Faust. O Jugend, o Vaterland, o Liebe, wie geschieht mir! Dem alten Papst wird immer seltsamer. Diener und Schmeichler und Künstler und Kämpen kann er genug haben. Aber bei diesem Pack ist alles nur Ehrfurcht, Pflicht, Gewohnheit und alles ist darum kalt wie der Marmor des Vatikans. Und das macht unsereinen wohl so hart, so streng, so herrisch. Wenn ich doch nur immer so etwas um mich gehabt hätte wie hier, etwas so Freies und Strammes in aller römischen Weichlichkeit, und etwas so Zutrauliches und Herzliches in aller Heimatlosigkeit des Hofes, etwas, was so Hände voll Jugend entgegenstreckt wie dieser erwachende Jüngling und so in süssester Verwechslung von Erde und Himmel schreit: Madonna Mamma mia! ... und wieder etwas, was so sehnsüchtig ruft: Misericordia! mit einer Stimme und einem Blick, die mir warm machen, die von mir fordern dürfen, wie Bruder vom Bruder alles fordern darf, ... etwas, das ich duzen könnte von Seele zu Seele, ach, bis heute fand ich's nicht. Nun ist es da, hier zu meinen Füssen. O Liebe, späte Liebe, was machst du aus mir? Sixtus kann nicht anders, er muss in die vier wunderlich offenen Augen, die zu ihm aufstarren, zweimal und dreimal rufen: »Gratia, figliuoli miei, Gratia!« »Der Onkel, Vater,« jubelt jetzt Poz'do, »der Onkel Papst!« »Ich bin's, ja, ich bin's,« beschwört Sisto,...«aber die Madonna ist's, die euch rettet. Ich allein könnte es nicht. Ich bin nur ein Mensch wie ihr; dein Bruder, Sesto, ... dein Onkel, Poz'do, wirklich und wahrhaft!« Und damit sie es sicher glauben, kniete der heilige Vater nieder zu den zweien und küsste Bruder und Bruderssohn innig auf Mund und Wangen, wie Christus einst den Petrus und Johannes geküsst hatte. »Habt keine Angst«, fuhr Sisto kniend fort. »Hier bring ich euch den Schleier der Madonna, weil ihr am Sterben waret. Sie schickt mich, dass ich euch ihr Lächeln und damit die Gesundheit bringe. Wohlan, das Leben ist euch geschenkt, ihr seid frei! Nehmt den Schleier und traget ihn euerer Madonna zurück!« Nach diesem Augenblick wehrlosen Herzens erhob sich der Papst langsam, sah seine Umgebung wieder und gewann allmählich seine knochenfeste Haltung und die gewohnte pontifikale Würde zurück. Doch schien sein ganzes souveränes Gehaben wie durch so einen Madonnenschleier gemildert zu sein. Seine imposante Stimme, die auf den jungen Poz'do mehr als alle übrige Majestät des Onkels Eindruck gemacht hatte, rollte jetzt wie ein ferner, aber keineswegs unwirksamer Donner über ihre Köpfe: »Die Madonna hat euch gerettet, ich allein konnte es nicht. Lasset mich das wiederholen! Aber auch sie kann es vor ihrem Sohn, dem Jüngsttagrichter, nur verantworten, wenn ihr nun eine würdige Sühne leistet.« »Che si, o che si!« tönte es hoch wie Trompete und tief wie Posaune mit beschwörender, unüberwindlicher Gläubigkeit zu ihm empor. »Ihr habt eine schwere Schuld zu büssen. Wohlan, ich weiss jetzt wie. Da habt ihr ja eine Erdscholle und eine Pflanze in der Hand. Gut, das sei euer Wappen, Cavalieri di Terrapianta! ... Ihr wisset, die Heimat, woher diese Scholle stammt, liegt von Krieg und Teuerung und von der Faulheit vieler, aber auch von eueren wilden Sünden wie eine Wüste darnieder. So gehet denn und sammelt eure Spiessgesellen und reutet und bebaut den armen Boden, leget Äcker an und pflanzet Förste und säet Korn und Klee und Hirse und dämmt die Bäche und haltet eine schöne Zucht von Vieh und wehrt dem Raubtier sowohl oben im Gebirge, als auch, wenn es sich wieder rühren will, in euerem rauhen Herzen! Das gibt ein schweres Leben und ihr müsst schwitzen und bluten, wo ihr früher Schweiss und Blut von anderen abgefordert habt. Aber es ist ein tapferes Leben, ein rechter Ritterberuf der Cavalieri die Terrapianta und macht euch froh und euere Kinder und Kindeskinder lachen. Im Namen der hochheiligen Madonna! wollt ihr?« »Ja; heiliger Vater, ja, Onkel Papst, wir wollen, wir wollen, ... sogleich ans Werk und immerfort dabei!« Sie sprangen empor, als ginge es mit zwei Schritten in die sibyllinischen Täler hinauf. Aber sogleich fielen sie in die Knie zurück. Denn die Fussketten von Knöchel zu Knöchel hemmten sie noch. »Nicht zu hitzig, Brüder,« mahnte Sixtus mit einem leisen Anflug von Spass. »Da wollt ihr ja ungesegnet vom Statthalter Christi rennen und habt doch den Segen nötiger als irgend eine arme Seele. Empfanget ihn jetzt wie brave Christen, das übrige«, er wies auf die Fesseln, »wird sich dann leicht machen.« Darnach empfingen sie unter Fackelschein und Kettengeklirr demütig den apostolischen Segen. Die sozusagen mitgesegneten Fusseisen legten sie der Madonna daheim zu Füssen, und wenn man später in den Abruzzen »Maria von den Ketten« sagte, wusste der hinterste Mensch, was da für ein Gnadenbild gemeint sei. Und nun ward landauf, landab eine grosse Sühne mit Gertel und Axt geleistet. Das nötige Geld und Geschirr, Gesäm und Zugtier schenkte der Papst, und droben von Spoleto und Foligno weg bis unter die erstaunten Steingesichter der Sibyllen ging ein Geschaufel und Gehämmer los, als müsste man in unseres Herrgotts Taglohn ein zweites Paradies für ein neues Menschentum einrichten. Ein Paradies erblühte nun gerade nicht. Auch blieb es beim Adam und der Eva der alten Weltordnung. Doch ward die finstere Wildnis zu einem gedeihlichen Milch– und Obstland umgeschaffen und auch die dunkle Seele dieses Menschenschlages nahm ein zahmeres und helleres Wesen an. Die Männer wurden weiblicher, was reichlich not tat, das heisst, sie lernten nach dem herzlosen Hammerschlag des Werktages abends mehr und mehr die Süsse des Feierabends, die Erquickung des Weibes und den Segen ihres stillen, guten Herdes lieben. Und die Frauen wurden männlicher, was ebenso dringend geboten schien, das heisst, sie zogen keine Hosen an, sondern klopften vielmehr die Hosen ihrer vier– und sechzehnjährigen, schon flaumbärtigen Buben nach jedem Übermut noch weidlich durch. Diese Frauen merkten, je grösser der Garten, je schwerer der Kellerschlüssel und je appetitlicher die Küche wurde, auch immer greifbarer, was sie in Wahrheit zu bedeuten hätten, und die wackere und kettensprengende Tat der Madonna, die doch auch eine ihres Geschlechtes war und alles Mannesvermögen nur mit einem Lüftlein ihres Schleiers übertrumpft hatte, gab den Abruzzinnen noch den letzten und besten Stoss aus dem ehemaligen Mägdetum heraus in ein achtbares und kräftiges, wenn auch immer noch durch Rock und Zopf und andere Vorsicht der Natur im Tempo geregeltes Mitregententum. Kaum was Sesto wieder im Land, so stellten sich auch gleich die alten Rauf– und Raubgesellen unter ihren geliebten, alle überragenden Häuptling, um Segen zu säen, wie sie früher gefrevelt hatten. Dolch und Degen wurden jetzt buchstäblich in friedliches Feldgerät umgegossen, wie es in der Bibel steht. Wo man mit einem wilden Baron oder Bergtyrannen seine Abenteuer ausgefochten hatte, da focht man jetzt mit einem herrischen Wildwasser auf Tod und Leben. Und wo man eine geizige Krämerbande bis auf die Nähte ausgeplündert hatte, da raubte man jetzt die noch viel geizigere Erde bis auf den Grund aus. Und was man so oft aus verriegelten Palästen gestohlen, das holte man jetzt an Metallen und Kristallen aus kostbaren Steinbrüchen. So geschah es, dass, wo einst viel gehungert worden, man guten eigenen Wein und selbstgebackenen Fruchtkuchen genoss und am Sonntag von geräucherten Hammelkeulen seine nicht zu sorglich bemessene Portion schnitt oder zum Vespertanz der hübsch gekleideten Töchter und Söhne Romanzen sang vom Jüngling di Lossa, vom treuen Paar Rufa und Brigone aus Nursia und andere Sagen, und dass einer die Gitarre dazu zupfte oder den göttlichen Dudelsack blies. Und man durfte wohl so festlich tun. Denn wenn einer vom hohen, heimatlichen Bergfenster in die Täler hinabschaute, da sah er das liebe Land blau von Wald und gelb von Korn und grün von Gärten und selig vom Lachen der Menschen. Auch der alte da Dia nahm auf seine Weise an den Fortschritten der Kultur teil. Er ward nämlich Kanonikus von Spoleto und fuhr von Zeit zu Zeit in einem sehr langen und sehr violetten Prälatenmäntelchen nach Surigno hinauf zu seinem ehemaligen Pfarrer, der ihn früher immer ein bisschen als seinen Untergebenen geplagt und beim gemeinsamen Mittagessen mit einem geringern Wein hatte bedienen lassen, aber ihm jetzt als einem viel Höhern unter die Haustüre entgegen gehen und jedesmal einen Ehrenwein kredenzen musste. Diese Bosheit hätte man da Dia nicht zugetraut. Es war auch seine einzige. Paritondo blieb wohl ein kleines Dorf. Wie könnte man sich so hoch am Fels oben zu einer Grosstadt ausbreiten? Und ist das nötig? Genug, dass seine Wohnungen schmucker wurden, und seine einzige Gasse ein Pflaster bekam, worauf die sechzig Holzschuhe der Kinder und die sechsmal sechzig Ziegenhufe wundersam in der Morgenfrühe durcheinander dorfaus klapperten. Auch wuchs hinter jedem Haus ein Garten mit Kürbissen und wilden Trauben und Kirschen. Und die Buben brauchten am Samstag – denn früher taten sie es auch nach dem grossen Wandel der Dinge nicht! – ihren Strubelkopf nicht mehr im Paritonder Bach zu waschen, sondern sie tauchten ihn mitsamt seiner blitzäugigen Schlingelhaftigkeit von nun an bis tief zum Halszäpfchen in einen grossen siebenröhrigen Brunnen vor dem Kirchlein. Aber das feinste von allem war doch, dass die Madonna wieder ihren Lilienschleier trug. Sixtus V. aber kränkelte drunten im heissen Rom ganz insgeheim immer etwas ernstlicher und starb dann etliche Monate später eines ziemlich raschen und für die meisten Römer unerwarteten Todes, nachdem er noch bis in die letzten Tage gehofft hatte, doch noch das grosse, aber immer noch so ferne Jubeljahr 1600 ankündigen zu dürfen, wo es weder Rad noch Galgen, aber viel Verzeihung geben sollte. Er hatte kaum sechs Jahre, aber freilich gewaltig mit den Petrischlüsseln geklirrt. Da kränkte es ihn denn doppelt, dass dennoch in den letzten Zeiten in Rom herumgemunkelt und von den Höfen hin– und hergeschrieben wurde, auch dieser Papst übe das Ansehen der Person und drücke zur Sünde seiner Lieblinge geduldig ein Auge zu. Aber er tat nichts dagegen, vielleicht weil er es als Strafe für frühere Überstrenge hinnahm, vielleicht auch ahnte er doch wie alle grossen Menschen manchmal, wie nahe ihm schon der allmächtige Schnitter sei, ob er auch immer noch wie drei Gesunde im Weltacker säte und pflanzte und reutete. In seinen letzten Stunden umnebelten ihn die Fieber zum erstenmal in seinem so kühlen Verstandesleben und da meinte er zwischen dem Stempel der Kanzlisten und dem Kutschenrollen der Ambassadoren und dem Geknister der Kardinalschleppen etwas zu hören, was ihm jetzt tausendmal schöner klang: das Korn der Abruzzentäler wogen, den Ölbaum bis zu den Gräten der Apenninen rauschen und die Kelter der spoletanischen Dörfer an allen Enden klappern. Er lag am gewohnten Fenster seines Schreibzimmers, und durch die Wirrnis der letzten Züge, wo es wie vielerlei Wolken vor seinen Augen auf– und niederflatterte, meinte er immer etwas Hohes, Gipfliges, Schimmerndes zu sehen. War es denn dieser ewige, nachgerade langweilige Obelisk vor den Fenstern? Oder war es eine Zinke der Abruzzen? So oft er näher zusehen wollte, schossen neue Nebel ins Bild und überbordeten alles. Aber jetzt, blick' schnell hin, öffnete sich das Gebräue ein wenig. Wirklich, er stand auf einem wolkenumbrandeten Berg und sah bald da, bald dort durch einen tiefen Schlitz wohlbekannte und doch schon so ferne Stätten. Eja, das war ja die Vergangenheit. Sie wollte sich noch einmal in der grossen Seele dieses Mannes abspiegeln, ehe sie sich wieder für lange mit tausend kleinen Scherbenbildchen begnügen musste. Aber durch jede Aussicht schimmerte dem sterbenden Papst immer geheimnisvoll dieses Hohe, Helle, Spitze wie ein gewaltiger Finger entgegen. Es grüsste jener junge Tag zu ihm herauf, wo ihn die Brüder zum Prior von Montalto erkoren. Ach ja! Das ist nun wohl das spitze Klostertürmchen ... Oder ist es noch die spitzere Zypresse, die Sesto jetzt wie einen König unter das Krüppelgehölz der Abruzzen pflanzt? ... Und nun kommt der Tag, da Sixtus Bischof von Sant' Agatha wird. Ecco, das ist ja das Spitze: eine doppelgehörnte silberdurchwirkte Inful, die ihm der Kardinal von Bologna damals aufs gesalbte Haupt setzte ... Oder, oder? Ist es am Ende nicht eher die Zipfelmütze des übermütigen Poz'do oben bei den Sibyllen ... Riverenza, da naht als prachtvolles Finale der Tag, wo ihm die Tiara aufgelegt wurde, diese Kronenkrone mit ihren Triumphen über die drei Heinriche Frankreichs, aber auch mit ihren nutzlosen Winken an die blonde, treulose Tochter Englands; mit ihren Eroberungen im Osten der Welt, aber auch mit ihren Verlusten im Norden Europas; diese Krone voll Sieg und Niederlage, voll Schimpf und Ehrenmal, dieses Ärgernis und diese Glorie der Welt. Ist es wohl diese Kronenkrone, die so licht über sein Fieberbett emporragt, oder ist es nicht vielmehr ein schlanker, zarter Madonnenkopf mit einem wehenden Schleier und dem Willkommen: Ave, Papa, ave figlio mio!? Nein, das ist nicht mehr Fieber, er hört das wirkliche römische Aveläuten. Hundert Glocken singen es über- und untereinander. Ave hier, Ave dort, Ave von allen Winden. Das zwitschert durch die dunkelnde Luft wie von unzähligen Engelchen, alles kleinen liliengrüssenden Gabrielenengelchen, die das Gutnacht der Himmelskönigin und ihres Kindes der Menschheit in die Finsternis hinabspedieren müssen. Ein süsses, federleichtes, seliges Ave! Und die Menschen geben es zurück, hängen es jedem der Geisterchen an die Schwinge. Aber es ist ein anderes, von Erde beschwertes, dunkles, flehendes Ave, so dass die Gabrielchen es viel langsamer hinauf– als hinuntertragen. Ave Maria, gratia plena! ... Voll der Gnaden! O Gott, wie ist der eiserne Mann, dem selbst der Tod kaum ein Tröpflein Schweiss aus dem Stirnhaar treibt, wie ist er doch jetzt um jedes einzelne Fünklein Gnade froh, das er im Leben entzündet hat, zehntausendmal froher, als wenn er alle Obelisken Ägyptens nach Rom geschleppt oder sogar das heilige Land erobert hätte! Gratia plena! Ahi, wenn er jetzt nochmals von vorne anfangen könnte, dann wollte er Sixtus der Gnädige heissen. Das bleibt ja nun doch von allem Getöse allein übrig und gilt allein noch: die Gnade. Immer höher sieht er das Madonnenantlitz, immer weisser den Schleier. Es geht in die obersten Wolken und saust und braust ihm ins Ohr wie Wind der Ewigkeit. Er hört nichts mehr von Welt, verliert Halt und Stand und jedes Gefühl, schliesst schwindelnd die Augen und schaudernd die Seele und versucht nur noch ein letztes Mal mit den halbstarren Lippen zu betteln. Gratia! Ein Kanonenschuss von der Petersburg, schwarze Fahnen von allen Giebeln. In der Sixtinischen Kapelle ruft der Kardinal Camerlengo: »Betet für unsern verstorbenen Papst Sixtus den Fünften!...« »Der Herr gebe ihm die ewige Ruhe!« antwortet der purpurne Chor und murmelt es weiter endlos durch die grosse hirtenlose Herde der Welt.   Das ist die Geschichte von Sisto und Sesto, und ich habe weiter nichts beizufügen, als dass Sesto nicht bloss Sisto, sondern noch drei Päpste überlebte, so gut und gesund haushaltete er. Poz'do aber überlebte sieben Päpste und drei tüchtige Ehefrauen und war als Witwer unter den siebzig Kindeskindern immer noch derjenige Peretti, der am schnellsten bergauf sprang, am sichersten auf den fliegenden Häher schoss, allein von allen, ohne auf die Zehen zu stehen, ans Kirchendach langte, aber auch am Sonnabend mit dem tiefsten und frömmsten Bass aller Abruzzenbässe der Jungfrau im Schleier die Litanei vorsang. Agostino und Roberta Altes Städtchen mit den dreizehn Türmen, getauft nach einem noch viel älteren Heiligen, du einziges Gimignano auf dem geduldigen Hügel, warum muß ich wohl immer wieder an dich denken? Ist doch schon ein Menschenalter verflogen, seit ich von dir Abschied nahm. Der Nebel drückt an mein nordisches Fenster. Im Ofen krachen die Scheiter. Ich sitze im dämmerigen Zimmer und blättere in einem Album herum, das mir aus dem florentinischen Städtchen zugeschickt wurde. Und da lebt jenes Weihnachten auf, das ich dort so glücklich zugebracht habe. Da ist der Gemüsemarkt; da seh' ich vom Rathaus auf die vier dicksten, im Mondschein bald wie altes Silber, bald wie altes Gold leise aufleuchtenden Türme. Da ist der herrliche Palast Friani, wo Agostino unter dem Spitzbogenfenster aufs Gesimse hinaus kniete und sich siebenmal zur Piazza hinunter vor der Bettlerin Roberta tief verneigte. Da ist zuoberst die zerstörte und verwilderte Burg, wo noch Eidechsen in der Wintersonne herumschlüpfen. In der Tiefe verzieht sich das Elsatal mit seinem meist so kümmerlichen Wässerchen. Aber da ist vor allem am nördlichen Zipfel die einsame Augustinuskirche mit dem stillen Platz davor und dem alten Ettore Serpi im Lädelchen nebenan. Wie oft führte er mich durch die wunderlich liebe Kirche und plauderte mir vor den Bildern des Benozzo Gozzoli seine Seele aus! Dann saßen wir stundenlang in seinem Laden, wo er alles und nichts verkaufte. Alles: Zigaretten, Zündhölzchen aus Wachs, verblichene Ansichtskarten, alte Bücher, Postpapiere, Sandalen, Nastücher, Mandelnüsse und unmodische, dicke, runde Tassen; nichts: denn es vergingen Tage, bis jemand etwas bei ihm holte. Der Laden und der siebzigjährige Ettore waren beide am Aussterben. »Ich habe genug zum Leben«, brummte er, »und meine Frau braucht nichts mehr.« Er zeigte mit dem Finger gen Himmel, aber so schief, daß er fast die ferne Apenninkette berührte. »Denn, ich will nicht behaupten, daß sie schon dem Christkind zu Füßen sitzt. Sie hat mich dreißig Jahre geplagt. Dreißig Jahre Fegfeuer sind nicht zu viel.« Aber er lachte dazu und schmückte ihr Grab noch jetzt, nach einem Dutzend Jahren, jeden Sonntag mit Blumen. »Auch meine Chiara«, er wies aufs Zimmerchen neben dem Laden, »erbt mehr als genug, um es hier auszuhalten. Sie soll nicht ins Asyl. Das Fosselchen sorgt für sie wie für eine Mutter.« Chiara war die fünfzigjährige Magd. Sie lag meist in Gicht auf einem Sofa und las alte Geschichten. Oft war es wirkliche Gicht, oft nur die Vorstellung davon, was sie quälte. Wochenlang besorgte sie dann wieder das kleine Hauswesen wie eine Gesunde. Nur Wasser holte sie nicht. Dabei sei sie erkrankt. Denn Ettore wollte nur von den Brunnen vor der Stadt trinken, und das ist ein weiter Weg bergab. Man schwitzt, man friert im Gewölbe, und gleich ist die Verkältung da. Obwohl nun täglich das Fosselchen, so nannte er die zwölfjährige Roberta Fossa, eine Waise, wie eine große Frau in allem half, und man denke: für zwanzig Centesimi, so ging nun doch immer der Alte Wasser schöpfen. Wie oft begleitete ich ihn und half ihm dabei! Dort unten bei den Quellen plauderte er seine Geschichten, die eigene und die fremden, weiter. Er mußte auskramen von dem vielen, was er erlebt oder in Papieren erschnüffelt hatte. Und es rauschte dann lebendig wie aus den Brunnen. »Die kleine Roberta ist eine Spitzbübin«, sagte er oft. »Sie stammt vom ältesten Adel. Ein Friani, wißt, von jenem Agostino, der sich siebenmal vor der Bettlerin verneigte. Aber arm wie dieser leere Krug. Doch hübsch und schlau wie ein Hexlein. Sie hat zarte Händchen wie das Christkind. Und trotzdem glaub' ich, kommt sie verstohlen da hinab zu den Fonti und füllt die Krüge. Wenn ich frage: ›Habt ihr noch Wasser?‹, schreit das Ding hell auf: ›Kommt Gevatter, und schaut, der Krug ist noch gut halb voll.‹ Und die Magd nickt: ›Ja, halb voll!‹ Sie nickt zu allem, was das Kind sagt. Aber ich trinke doch so viel Wasser und verschütte alle Tage zwei Gläser an den Blumenstock fürs Grab der Frau selig. Das geht ja fast zu wie mit dem Wein bei der Hochzeit zu Kana...« »Oh, so ein weitbauchiger Krug hält einige Dutzend Gläser«, beschwichtigte ich ihn. Aber ich mußte das Lachen verhalten. Sah ich doch, wie das Hexlein vom gewöhnlichen städtischen Wasser immer wieder zuschüttete. So geschah das Wunder. Wir waren bei jenem Gespräch gerade mit dem Krug unterwegs zu den Brunnen, aber auf dem hübschen Umweg über das lauschige Kirchlein San Jacopo, wo man unter den damals noch reichlicheren Schattenbäumen einen guten, gelben Chianti bekam. Wir setzten uns an den Steintisch. Es war mild wie bei uns in Bern an einem föhnigen Ostertag. Und doch schrieb man den 24. Dezember. Kein Schnee, kein Nebel, kein Christbaum, kein süßes Erwarten und Horchen und Stubengeflüster der Heimat. Ich bekam Heimweh; ich mußte Gemütlichkeit haben, und so schmiegte ich mich an den lieben Alten, schenkte ein, stieß an und bat um ein Geschichtlein. Aber Ettore Serpi stellte das unberührte Glas auf den Tisch. »Bitte, ein Krüglein Wasser! Ich trinke nie Wein.« »Nicht einmal an diesem schönen Weihnachtstag?« »Gerade heute am wenigsten.« »Aber ein Geschichtlein?« »So viele Ihr wollt.« »Ihr habt soeben Agostino Friani genannt. Und oft und oft hör' ich Euch diesen Jüngling erwähnen. Ich weiß nichts von ihm als das siebenmalige Verneigen vor einer Bettlerin Roberta. Warum erzählt Ihr mir das nie?« »Das hab' ich auf heut' oder morgen erspart, Signor Curioso e Svizzero. Jetzt paßt es am besten. 's ist eine Weihnachtsgeschichte. Sitzt mir zur Rechten, so hör' ich mich und Euch besser! Dann wißt Ihr auch, warum ich keinen Wein trinke.« Von der Stiftskirche in der Stadt erscholl ein zerstreutes Geläute, wie fernes melodisches Herbstblätterfallen, und gerade so kam dem Alten damals und kommt mir Altem heute unser Erzählen vor.   »Die Welt ist immer die gleiche«, begann Ettore, »und die Menschen sind die gleichen, Winter, Sommer, Winter, Sommer, so kommt's und geht's auch heut' noch im Leben. Dieser Agostino Friani lebte vor sechshundert Jahren und war von uraltem Adel. Und meine ich, geringer Schlucker, er gleiche mir ganz merkwürdig. Auch ich war ein toller Bursche und liebte und trank mich voll und trieb allen Holdrio, bis mich ein Weib bekehrte, genau wie den Friani.« Dieser hübsche Jüngling war früh Waise geworden und hatte bald das halbe Vermögen mit Mädchen und losen Gesellen verpraßt. Aber bei allem Sudel lebte doch etwas Hohes in ihm. Oft, wenn ihn nach ausschweifender Nacht die Kameraden nach Hause begleiteten, setzte er sich auf den Türsöller, fing an wie ein Kind zu weinen und jagte die Bande fort. Als unser großer Dante in die Stadt kam, um ein Bündnis mit Florenz zu vereinbaren, hat dieser Friani ihn am Rathaus mit einem Gedicht und Lorbeer begrüßt. Und der Dichter runzelte die Stirn und sagte: »Was hast du für blaue Ringe ums Auge, Knabe. Bewahr' doch lieber die Bläue in deinen großen, stolzen Augen...« Denn Agostino trug zwar pechschwarzes Haar, aber seine Augen waren blau wie der Himmel über Toskana. Nur wenn der Junge widrig wurde, schienen seine Blicke grün und grausam zu leuchten. »Habt doch Sorge zu diesem feinen Müsterchen da!« ermahnte Dante die Ratsherren. »Er gehorcht uns nicht!« versetzten sie. Da klopfte der tiefe Menschenkenner dem Bürschchen auf die Brust und sagte hart und ehern wie mit Glockenschlägen: »Agostino, gehorche dir selbst, bevor dich andere zwingen!« – Der Bub verstand und verstand nicht, wurde dunkel wie Purpur, aber hat dieses Wort nie mehr vergessen, so ausgelassen er weiterlebte. Unsere Stadt hatte nie rechten Frieden. Es waren zu viele da, die befehlen wollten. Wie heute! Jetzt zanken sie in den Zeitungen; damals trieben sie es ehrlicher mit Schwert und Spieß. Wer konnte, befestigte sein Haus mit einem Turm. Auch die Friani hatten einen solchen, die Torre Pucci, an die Wohnung gebaut. Den Jungen freute der Kampf. Oft fochten zehn, fünfzehn, zwanzig Türme gegeneinander. Kein Mensch wagte sich auf die Gasse. Die Luft toste von Geschossen. Das niedrige Volk mußte sich in alle Winkel drücken. In einer solchen Fehde war der arme Bürger Pietro Fossa für die Friani gefallen. Diese nahmen nun die Witwe, die in Mutterhoffnung war, als Magd auf und hielten sie wie eine Freundin in Ehren. Das neugeborene Kind, Roberta, wuchs mit Agostino, um zwei Jahre jünger, unter dem gleichen Turmschatten auf und spielte oft mit ihm wie ein Geschwister. Dann aber, mit acht Jahren etwa, behandelte der Herrensohn das Mädchen minder zart. Er merkte, wer er und wer sie war, küßte sie oft und biß sie noch öfter, und es war allen recht, daß die Mutter ihre hübsche, gescheite Roberta einer Tante übergab, um das Kind vor den Übergriffen zu retten, die sich die Mächtigen fast immer über die Schutzlosen erlauben. Die Kinder sahen sich fortan nur noch am Vorabend von Weihnachten, also heute, lieber Freund, bei dem Hirtenumzug. Er ist leider längst aus der Mode gekommen. Aber ich habe noch als fünfjähriger Krippleinträger einmal mitgemacht. War das schön!« »Wie schade«, bedauerte ich, »daß man so was Köstliches heute nicht erleben kann.« »Seht, an diesem Abend ward Friede, auch wenn es zwischen den Hauptparteien der Salvucci und Ardinghelli wütete und man sich morgen wieder die Köpfe einschlug! Bei diesem Umzug redeten Leute wieder miteinander ein gutes Wort, die sich ein Jahr lang keinen Blick gegönnt hatten. Ja, auf diesem mit den Fackeln und Hirtenlaternen, dem Christkind und den Engeln, der Madonna und San Giuseppe, sah man sich oft wieder tief ins Auge, fühlte etwas Warmes aufsteigen, die Kehle zusammenschnüren und konnte sich zuletzt Bruder sagen. Und dann kam das zweite Wort Pace, Friede sei mit Dir! So sind die zwei alten Todfeinde Tolomei und Pecori, nachdem sie sich ein Leben lang nichts als Elend zugefügt, in einem solchen Augenblick für immer Freunde geworden. Im Museum kannst du sie Arm in Arm auf einer Marmorplatte sehen. In diesem Hirtenzug mußte immer die schönste Jungfer, 's war nicht immer auch die sauberste, das Christkind tragen. Damals war es noch ein lebendiges, womöglich das jüngstgeborene Kind der Stadt. Gott, was ging da zum Heiligen oft Unheiliges zu, mit Hurenkindern – aber das waren doch so unschuldige Kinder wie andere – und mit unwürdigen Kindleinträgerinnen. Aber da geschah ja jenes berühmte Wunder, daß die noble Dirne Teresa Salvucci das Knäblein in ihrem Arm immer mit schwereren Augen anblicken mußte und plötzlich schrie: ›Liebe Leute, das ist mein Kind, und dort der Alfonso Ardinghelli ist sein Vater!‹ Und sie zeigte auf den Hirten, der den Esel der Heiligen Familie an der Leine führte. Das war ihr vieljähriger Mitsünder. Und von dieser Sternenmacht und Heiligabendgnade ergriffen, stürzte der Edelmann auf das Kind und küßte es vor der ganzen Stadt und lud alle zur morgigen Hochzeit. In die Chronik hat man das Ereignis geschrieben wie einen Sieg über Siena oder Florenz.« »Oh!« rief ich begeistert, »ich glaube es ohne Dokumente. Aber weiter, weiter, was geschah mit Agostino?« Vor Neugier vergaß ich meinen gelben Wein. Der Alte aber trank wieder ein halbes Gläschen Wasser, ehe er weiterspann: »Nun, der schöne, lose Schlingel wollte immer der König Herodes hoch auf dem Rappen sein. Schlank im engen schwarzen Samt, einen goldenen Reif in den Locken, ritt er hinter dem Christkind und seiner Mutter und lächelte bald wie ein Engel und blitzte bald wie ein Teufel aus seinen blauen Riesenaugen über die Menge. O wie viele Zöpfe vernarrten sich an diesem Abend in den gleichen unerreichbaren Jüngling! Aber bevor der freche Friani Herodes wurde, ging er als Hirtenknabe mit dem Schaffell im Zuge. Roberta Fossa hingegen war ein Engelchen mit angenähten Schwanenflügeln, einem weißen Kleid und einer Lilie in der Hand. Sie war ein so lichtbrauner, fröhlicher Engel, mit solcher himmlischer Überlegenheit auf der Stirne, daß alles sie anstaunte und sich zuflüsterte: »Die wird bald einmal das Christkind tragen, ob sie auch noch so bettelarm ist.« »Ihr meint wohl, ich male zu stark. Aber vorhin, unter dem Conservatorio, standet Ihr plötzlich still und packtet mich am Arm, daß es mir weh tat. ›Wer ist das‹, fragtet Ihr, ›das Jüngferchen dort neben der Mauer? Ist das noch ein Mensch?‹ spaßtet Ihr. – Nun, das ist das Bäschen meiner Roberta daheim, eine Fossa. Alle sind unfehlbar schön, haben Haar wie ein Kornfeld, so gelb und reich, Augen wie altes Silber und sind weiß und schnell wie Tauben, alle! Aber alle heute noch bettelarm!« »Ja, ja!« bat ich ungeduldig. »In dieser Christnacht sahen sich die zwei Kinder für eine kurze, zauberische Stunde, dann das ganze Jahr nicht mehr. Denn je gefährlicher der Junker wurde, um so sorglicher ward Roberta gehütet. War sie arm, gut, aber ärmer sollte sie nicht werden. Es kam dazu, daß die Angehörigen der Tante zur Partei der Salvucci hielten, die Friani aber auf Tod und Leben mit den Ardinghelli verbrüdert waren. Damals glühte dieser Haß am feurigsten, und jeder Parteigänger suchte dein Gegner mit allen Mitteln zu schaden, auch gern genug so, daß er die Ehre seiner Frauen und Töchter besudelte. Was waren das dann ungewohnte, prächtig-heilige Stunden am Christabend. Alle wurden gut. Säbel und Dolch blieben daheim. Die stolzen Lippen schienen nur noch Gebete und Friedensküsse tauschen zu können. Die zähen, grauen Alten wurden sozusagen wieder Kinder der blondesten Unschuld. Man sah, wie der dunkle Hirte Agostino sich zum hellen Engel Roberta drängte. Sie lachten und schwatzten zusammen, und das Schaffell verwickelte sich mit dem Schwanengefieder, bis man diese Kinder und ehemaligen Gespielen schalt: »Auseinander! Der Hirte darf doch nicht so nah an den Engel kommen.« Beide freuten sich schon wochenlang auf dieses Wiedersehen. Es dünkte sie, sie gehörten auf irgendeine Art zusammen. Die Kindheit wurde lebendig. Und beide bewunderten einander und wußten nichts und nirgends etwas Schöneres. Einige Jahre flogen wie Schwalben dahin. Agostino reifte zum jungen Manne. Das geschieht so rasch unter unserer toskanischen Sonne. Er verwüstete, wie ich schon sagte, seine Tage mit Nichtstun oder Gefecht, mit Schlafen oder Becherleeren und wurde gierig nach den hübschen Mädchen unserer Stadt. Keines widerstand ihm lange. Aber es geht die Sage, der Friani habe sie nur genarrt. Sobald es so weit war, daß die Närrchen ihm in die Arme oder vielmehr vor die Knie fielen, habe er genug gehabt und sie voll Ekel von sich gestoßen. Genau, wie er mit dem Luigi Salvucci tat, der ihm hinter den Zwillingen mit dem Dolch in den Rücken fiel. Aber Agostino brachte ihn doch unters Knie, entwand ihm den Dolch, spuckte darauf und ließ den Kerl laufen. So einer ist er. Wenn er nur nie den Orvieterwein geschmeckt hätte! Immer hatte er noch etwas Durst, nach einer Heldentat oder nach einem großen Freund oder nach einer unmöglich schönen und tapferen Braut, kurz, nach etwas, das es nicht gab, und dann löschte er diesen Durst im elenden Wein und verlotterte und verlor die Sinne. »O ich weiß, ich weiß«, gestand der Alte im Fieber des Erzählens, »was das für ein Durst ist. Ich war kein Edelmann und arm, aber auch ein Krämer kann Durst haben, wisset, Durst über seine Verhältnisse hinaus, Durst nach Höherem als dem gewöhnlichen Tingeltangel, ach, Ihr versteht wohl nicht...« Verwundert blickte ich auf. Die Lippen des Greises waren trocken und heiß. Er trank ein ganzes Glas Wasser aus. »Was ist das für ein seltsamer Nachmittag«, sagte ich glückselig in mich hinein. »Diese laue Luft, fast wie Frühling, dieses alte, gemütliche Kirchlein dort, dieser Hof mit den müden und doch nicht hoffnungslosen Bäumen und diese sanften Hügel bergab ins warme, stille Flußtal. Und die Vespersonne so gelb und von der Stadt so ein mildes Stundenschlagen, heut' abend Weihnacht und Himmel und Erde ringsum tun so merkwürdig leise und doch so wachsam, als käme etwas Großes. Nein, nein, nicht nur im schneeigen Schweizerländchen, auch in diesem fremden, klaren, fernen Hügelland geht das Sehnen nach etwas Besserem, als was wir sind und haben, so ein unendliches Wünschen nach Frieden, nach Brüderlichkeit... ach, was umschreib' ich's!... nach einem Christkind, das alles, alles bringt, was gefehlt hat, ich sage, geht diese unmenschliche Weihnachtsstimmung durch jedes Gras, jeden dürren Zweig, jedes Wölklein, jedes Fenster, jedes Herz, selbst durch das aller-unwissendste.« Ja, der Alte hat recht, Durst, Durst! Wir alle dürsten. »Ich versteh' Euch gut«, sagte ich, sein Glas mit dem wahrhaft prachtvollen Wasser wieder füllend. Ich aber schlückelte wieder vom goldgelben Chianti. Wir saßen still unter dem Baum, und kaum wagte ich endlich zu betteln: »Was ist's nun mit Agostino Friani?« »Ach ja!«rief der Alte, wie erwachend. »Das ist nun leicht zu verstehen und bald erzählt.« »Macht es nicht kürzer, als es ist, bitte!« bat ich. »Seht, noch steht die Sonne über den Türmen! Ihr erzählt so warm.« Das Lob mit den grauen Äuglein trinkend, aber mit einer Handbewegung abweisend, erzählte Ettore Serpi weiter: »Bei seinem niedrigen Leben freute sich der Friani doch auf jede Weihnacht, als käme da seine Erlösung. Aber drei Jahre hintereinander fand er den Engel bei dem Umzug nicht mehr, und alles ward ihm lichtlos. Oft bestürmte er seine Amme, die Mutter Robertas: ›Wo hast Du den Engel versteckt? Ich brauch' ihn. Er soll mich weiß machen... Oder nein, sag' es lieber nicht, ich könnte ihn am Ende schwarz machen...‹ In bösen Augenblicken schlug er die Frau; einmal sperrte er sie wochenlang in den finsteren Hausturm; ja, er soll sie dort gefoltert haben, weiß ein Schwätzerchronist. Das glaub' ich nicht. Diese demütige Magd, die eine so tapfere Mutter war, imponierte ihm. Und zuletzt befahl er immer: ›Nein, sagt es mir nie, wo Roberta steckt; auch nicht, wenn ich Euch erwürge!‹ – Der Magd sagte er du, der Mutter Robertas respektvoll ihr! Ach, diese Mutter hatte den jungen Herrn mit sonderbaren Frauen und Fräulein kommen sehen, bankettieren, sie küssen und beschimpfen in der gleichen halben Stunde, ihnen den Schuh zur Türe hinaus nachwerfen und sich dann unter Tisch und Stuhl hinunter betrinken. Alles wollte die Witwe erleiden, nur nicht ein solches Leiden der Tochter. Daher war sie lange Zeit in Empoli in Dienst, und wenn sie in Gimignano bei der Tante weilte, so lag doch das elende Hüttlein außer der Stadt, am stillen Hang zum Elsatal hinunter. Die Mutter konnte ihr Kind nur besuchen, wenn Agostino im Rausche lag. Und immer fragte dann Roberta nach ihm. Und immer flehte die Mutter: ›Frage nicht; ich kann dir nur Wüstes von ihm berichten!‹ Dann schwieg die groß, ernst und tapfer erwachsene Jungfer, aber ihre Seele fragte noch immer. So kam nun wieder der Christabend mit dem Umzug. Jetzt geschah der erste Streich der Roberta. Sie ging unter den großen Engeln. Agostino war Herodes. Als er sie sah, schwindelte ihm. Mitten im Zug sprengte er in die Engel hinein und drängte zu Roberta vor. ›Halt!‹ herrschte sie ihn an und wurde bleicher als Schnee. ›Halt! Die Hirten dürfen nicht zu nah' an die Engel kommen!‹ Der Friani stutzte, ward ebenso bleich und stammelte verlegen: ›Aber ich bin König Herodes!‹ ›Um so schlimmer!‹ rief Roberta hallend laut über den Platz. ›Und ich bin nur ein bettelarmer Engel!‹ – Dann kehrte sie ihm den Rücken.   Aber daheim fiel sie zu Boden und weinte bis zum Morgen, weil sie sich einen Engel gerühmt und noch mehr, weil sie, die Bettlerin, ihn wie einen noch elendern Bettler behandelt hatte. Ach, wie hatte ihr vor dem trostlosen Dunkelblau seiner Augen geschaudert! Welch ein Mitleid schüttelte sie, als sie an seinen bitter verzogenen Mund dachte. Wie elend, wie gar nicht weihnachtlich hatte sie gehandelt. Um sie von der Prozession abzuschrecken, hatte die Tante ihr endlich alles Wahre und Unwahre erzählt, was das Gerücht über den heimlich und immer Geliebten wußte. Das hatte die Jungfer überwältigt. Doch jetzt, bei der Erinnerung an sein Bleichwerden und an seine Miene voll ehrlicher Bubenangst konnte sie unmöglich all das Böse glauben. Und, o Herrgott, wenn auch alles wahr wäre, sie liebte ihn dennoch und gerade jetzt, wie noch gar nie, liebte ihn zum Herzzerspringen. Welch ein schweres, trauriges Jahr schlich nun bis zur nächsten Weihnacht hin! Oh, dann wollte sie das Verpaßte einholen und den Fehler gutmachen. Aber noch viel lastender waren die Tage für Agostino. Wie ein Wahnsinniger war er aus der Prozession davongaloppiert durch die leere Stadt, immer noch in Goldreif und Purpur des Herodes. Und sicher hätte er in der jetzigen Tollheit nicht bloß die unschuldigen Kinder, sondern auch alle Jungfrauen und Männer, groß und klein, von Gimignano niederhauen lassen, wenn er die Macht dazu gehabt hätte. Eine ungeheure Aufregung hatte die Stadt wegen dieser Störung des Zuges ergriffen. Das haben die Salvucci angestiftet, hieß es. Nicht einmal Weihnachten gibt mehr Frieden. Und man verschanzte sich in die Türme und bewaffnete sich bis ans Kinn. Nur die Witwe Roberta war wehrlos, als der Junker ins Haus stürzte und mit beiden Fäusten auf sie losdrang. Sie floh rückwärts, bis in den Stubenwinkel. Aber da nahm sie sich zusammen, hob den Kopf und sagte: ›Schlagt nur zu! 's ist ja bloß eine Frau!‹ – Und als er zauderte: ›Mein Mann starb für Euern Herrn Vater. Schlagt zu, aber sagt mir vorher, für wen ich sterben soll!‹ Das traf. Agostino bog sich und küßte der Frau die Hand. Aber nach den Tagen der Reue kamen die Tage der Wildheit und Empörung wie hungrige Wölfe zurück. Was litt die Witwe da! Er schmeichelte ihr wie eine Katze, bellte sie an wie ein Hund und drangsalierte sie wie ein Tyrann seine Sklavin, nur um zu erfahren, wo Roberta sei. Er wollte sie heiraten, er könne nicht leben ohne sie. Sie hätten ja beide die gleiche Milch getrunken. Sonst breche er in die Häuser und suche und verderbe, was er nur könne. Oh, er finde sie schon! Aber dann Gnade ihr Gott! Sie sei ein Engel. Ohne sie werde er immer schlechter. Wie Gewitter rollten diese Reden mit Blitz und Donner über die Frau hin. ›Nein, nein!‹ schrie sie, und auf jedes Nein traf sie ein Faustschlag. Er strafte sie mit Hunger und Haft im Turm, ließ ihr Tag und Nacht keine Ruhe, umgab sie mit Spionen und gestattete ihr keinen Schritt zum Haus hinaus. Dann ging er mit seinen Helfershelfern tagelang auf die Suche, und das Mutterherz zitterte, bis er leer heimkam. Dann wieder nannte er sie sein Schwiegermütterchen, liebkoste sie, weinte und flehte sie mit den blauesten Augen der Welt an, doch Mitleid mit ihm, mit sich und mit der Tochter zu haben. Das alles und noch mehr der Zweifel, ob sie eigentlich recht tue, ob Roberta wohl den Ruin aufhalten könnte oder mitruiniert würde, und trotz allem eine heimliche, fast mütterliche Liebe zu Agostino und sein sicheres Rennen ins Elend vor Augen, das alles warf sie nieder, um nicht mehr aufzustehen. Sie wurde immer schwächer und konnte doch das Heimweh, ihr Kind noch einmal zu sehen, nicht stillen. Denn der Junker bewachte das Haus wie ein Falke; selbst im Rausch war er hierzu noch nüchtern genug. Eines Nachts aber, als unter ihrer Diele gezecht und gebrüllt wurde und die Witwe sich besonders elend fühlte, übernahm es ihre Kraft, und sie bat die zweite Küchenmagd, um Gottes willen zum Hüttlein des Prati, eine Viertelstunde unter der Porta San Matteo, zu laufen und Roberta zu holen. Die Mutter sterbe. Jetzt ging alles rasch. Das falsche Mägdlein verriet den Auftrag dem Junker; dieser zog betrunken mit seinen Betrunkenen sofort nach dem Versteck Robertas. Sturm aufs Haus, eine schwer mißhandelte, vor Schreck halbtote Frau, aber keine Roberta. Fluchen, Zertrümmern, in Brand stecken des Hüttleins und im Katzenjammer nach Hause torkeln. Rechts und links verloren sich die Spießgesellen stumpf und scheu in den Seitengassen. Agostino, zerfahren und zerschlagen, stieg schwierig zur Kranken empor. Da brannte die Totenkerze. Ein müdes, weißes Leichengesicht lag im Kissen, mild, gütig, ohne Klage, die Augen für immer geschlossen. Verzeihung übers ganze Antlitz ergossen, eine Magd und doch so adelig wie kein Friani, noch Ardinghello. Der Junker brach am Bett zusammen. Eine lange Krankheit, schwere Geldbußen und bittere Vorwürfe des niedrigen, herzlosen Volkes gingen über ihn. Aber die Adeligen beschirmten den Standesgenossen, entschuldigten sein Vergehen, und viele waren sogar stolz auf solche vornehme Bengelhaftigkeit. Von ihm selbst wußte man nur, daß er sehr langsam genese, nur noch Wasser trinke und kaum ein Wort rede. Weihnachten kam, und er hatte noch nie das Haus verlassen, sich nicht einmal am Fenster gezeigt und keiner Menschen vorgelassen. Es ist heilloser Stolz, hörte man sagen. Gebt acht, der Junker bereitet einen unerhörten Streich vor. O ja, einen Streich, wie man noch nie gehört, aber ganz anders, als ihr Leutchen denkt! Im Dunkel und Fackelschein der Nacht zog die Prozession langsam vom Dom her durch die Straßen, und sieh da, wer trug das Christkind im blauen Kleid der Madonna: Roberta. Oh, auch sie hatte einen Streich vor, und wahrlich keinen madonnenhaften, daher sie die Hilfe der listigen Salvucci nicht ablehnte. Aber sie wollte für sich und das arme Volk handeln, nicht für die Adeligen, so oder so. Vor dem Friani-Palast wollte sie den Mörder ihres Glückes so lange herausrufen, bis er kommen mußte und sich dann vor dem gesamten Aug' und Ohr der Stadt bis in den Staub demütigen. Unter Gebet, Sang und Geplauder mit den Umstehenden wallte der Zug dem großen Ereignis entgegen, das nur Roberta kannte. Und auch sie kannte es nur halb. Fest biß sie die Lippen zusammen, je näher man der Entscheidung kam. Sooft sie das Kindlein betrachtete, das trotz Lärm und Feuer ruhig in ihren Armen schlief, wollte jene alte Liebe oder doch ein mit ihr verwandtes Mitleid erwachen. Aber dann dachte sie an das elende, einsame Sterben ihrer Mutter, an den Überfall und Brand des Hauses und an die Geistesgestörtheit ihrer guten Zia und überhaupt, daß sie wegen des nobeln Verbrechers da nie frei und froh wie andere, sondern immer im Schatten und Versteck, fern von der Mutter, die blauesten Jugendtage hatte vertrauern müssen. Nein, nein, jetzt sollte schonungsloser Gerichtstag sein, Gerichtstag nicht bloß für sich, Gerichtstag für das ganze, unter den Herren leidende, so unbeholfene Volk. An den Fenstern und unter den Türen hielten Mütter ihre Kinder, blickten die Kranken für einen Augenblick wie Gesunde ins Fest, riefen Bettler um Almosen oder schrie ein Schuldner seinen Gläubiger um Gnade an. Selbst aus den vergitterten Lucken des Gefängnisturmes reckten sich dünne Arme. Und dreimal durfte die Madonna nicken, und jedesmal mußte da Gnade für Recht ergehen. Dreimal nickte sie auch, und jedesmal griff es ihr ans, ach, so menschliche, so weibliche Herz. Sollte sie nicht noch ein viertes Mal?... Nein, nein! Und härter ward ihr schmales Liliengesicht. Jetzt um's Eck des Clarohauses, da ist die Piazetta, da ist der Friani-Palast mit dem Prachtfenster. O Gott, was ist das? Am steinernen Mittelpfeiler sich haltend, zitternd, gebückt, kriecht etwas aufs Gesimse hinaus. In grauem Sünderhemd kniet es da, ein mageres, furchtbar weißes Gesicht reckt sich auf, es spannt die Arme, es öffnet den Mund, es neigt sich tief und tiefer bis zum Fensterrand, und die lautlose, wie erstarrte Prozession hört einen schwachen Schrei: ›Misericordia!‹ O Himmel und Hölle, Agostino! flüstert es durchs Volk. Und die Salvucci, die so viel von diesem Abend und von Roberta gegen diesen Häuptling der Ardinghelli gehofft, ahnen, daß hier höhere Politik walte. Agostino richtet sich auf, sucht mit seinen blauen Augen die Madonna, verneigt sich ein zweites Mal bis zum Gesimse, und wieder schreit es wie aus einem verängstigten Kind heraus: ›Misericordia!‹ Und so siebenmal. Das ist kein Theater. Das ist so ernst wie der Tod. Roberta steht da wie vereist, sieht, hört, vergißt alles, alles hinter sich, weiß nur noch von diesem Menschen da oben, und langsam, langsam, wie wenn Sonne in den erfrorenen Baum fällt und es süß zu tauen beginnt, tropfen Tränen über ihr Gesicht. Sie wollte fluchen und muß segnen. Sie wollte den Säugling wie eine Schande gegen ihn, den natürlichen Vater erheben; nun küßt sie das fremde Kind, als wär' es ihr eigenes: sie wollte hassen und muß lieben. Ach, was sind wir Gimignaner für harte und doch wieder so wachsweiche Menschen! Bei der dritten Verneigung des Büßers brauste es im Volke von Mitleid. Beim vierten rief man: Genug, genug, alle verzeihen dir! Beim fünften gab es nichts mehr als Verehrung für Agostino; beim sechsten beneidete ihn auch die, die schwer von ihm gelitten, und beim siebenten Bücken schrie alles: Un Santo! Un Santo! Aber da überscholl eine Jungfrauenstimme den Lärm: ›Nein, kein Santo, ein großer Sünder, aber einer, der bereut und gutmachen will! Komm' herab, Friani, zu deinem Kind und zu deiner Braut! Wir sind keine heilige Familie, aber wir wollen wenigstens eine brave Familie werden.‹ – Und sie hob ihr vom Purpur der schönen Scham übergossenes, wahrhaft adeliges Madonnengesichtlein und das aufwachende und staunende Kindlein zu ihm empor. Und da sah man auch sein todtrauriges Gesicht leise nicken und lächeln...« »Was ist noch zu sagen«, schloß Ettore, trank das Glas aus und erhob sich. »Hochzeit, glückliche Ehe, schöne Kinder, weiser Staatsmann, das versteht sich, und immer Wasser trinken, Wasser trinken; denn von seinen Schlingeltagen her hat Agostino, wie ich, einen steten Durst ins gelassene Leben hinüberbekommen. Roberta hat ihn gewiß auch oft unter die Pantoffeln genommen. Aber mit so viel Liebe und Klugheit und Wasser hat sie ihm auch zu manchem Erfolg geholfen. Aber, ich weiß nicht warum, von da an hat man im Christnachtzug keine lebenden, nur noch wächserne Weihnachtskindlein herumgetragen...« »... Ihr habt es zu kurz gemacht«, klagte ich leise, da Ettore schwieg. »Aber es war doch schön und hat mich so gepackt, daß ich selber auch einen frommen Durst nach dem Brunnenwasser bekam. Die Sonne ist verschwunden. Gehen wir, füllen wir die Krüge, die Krüge des Segens.« Still lag das Land. Festliche Wolken schwebten am Abendhimmel. Von den Kirchen hob das Geläute an, und in den uralten Straßen schwärmte ein sichtlich sorgloses Volk herum. Eine schöne, südliche Christnacht brach rasch herein. Wie oft in meiner nordischen Winterstube denke ich noch daran! Eine sonderbare Silvesternacht »Nimm dich doch ein bißchen zusammen«, bat ich wohl zum vierten oder fünften Male mit einem leisen, aber immer selbstgefälligeren Ton von Überlegenheit. »Das geht vorüber!« Sonst war ja ich immer der Schwächere. Aber just am letzten Tag im Jahr, da wir zu zweit aus dem hohen Apennin gegen das offene Flußgelände hinaus wanderten, marschierte ich viel besser als mein Reisekamerad. Er klagte seit dem Mittagessen über eine seltsame Übelkeit mit Kopfweh und Frösteln. Der gelbe, milde Landwein, den wir zum Vesperbrot in einem namenlosen Dorfe genossen, und der meinem Freunde zuerst wohlgetan hatte, erwies sich im Weitermarsch wie Gift. Corrado schleppte sich immer langsamer vorwärts, ächzte immer erbärmlicher, und mir ward es selbst wie eine Erlösung, als wir beim Zunachten gerade noch die nächste Stadt erreichten. Die Gasthäuser eines solchen Ortes sind um diese Jahreszeit nicht für delikate Gäste eingerichtet und schlecht oder gar nicht geheizt. Da Corrado zusehends fieberte, so dünkte mich von allen Übeln das geringste, gleich mit ihm ins Spital zu fahren. Denn eine fröhliche Sache schien mir auch dieses nicht. Das Portal war miserabel beleuchtet, die Hausglocke versagte, in den langen klösterlichen Gängen roch es nach moderiger Feuchtigkeit, da und dort lagen welche Zitronenschalen und verschmiertes Zeitungspapier herum, und das einzige gut heizbare Lokal barg noch zwei Kranke. »Nimm dich doch zusammen«, bat ich den Freund, der nach Art frischer, starker, junger Menschen, die noch nie über das Wort Krankheit nachdenken mußten, bei diesem ungewohnten Mißgeschick das Herz in die untersten Hosen fallen ließ und schmählich jammerte. »Jetzt bist du wenigstens geborgen«, tröstete ich, »und gleich wird der Arzt da sein.« Corrado klapperte mit den Zähnen vor Frostschauder. Aber in der Bettwärme wurde ihm sichtlich besser. »Siehst du!«triumphierte ich. »Nein, nein«, keuchte er aufgebracht. »Du wirst schon sehen, das gibt eine böse Geschichte. Im Kopf.... im Unterleib.... das Herz...« Aber dabei wurde er immer ruhiger und schlief halb ein. Es dauerte eine wohlbemessene Stunde, bis der Arzt von einem Bankett, das um fünf Uhr begonnen hatte, wegzubekommen war. Die Silvesternacht wölbte sich mit dem unsagbar klaren südlichen Himmel und seinem Riesengefunkel über die alte Stadt. Man hörte Raketen abzischen, das Knallen von Pulverteufeln und das schleppend-schöne, dumpfsüße Singen von schlafunlustigem Gassenvolk. Im Küchensaal, sagte man mir, feiere auch das Hausgesinde. Daher guckte nur ab und zu eine ältere Frau zur Türe herein, nickte befriedigt, weil niemand aufschrie oder fluchte, und tätschelte einem Mädchen von vierzehn Jahren gütig auf die Zöpfe und verschwand eilig wieder. Dann blieb nur dieses Mädchen auf einem Schemel unter der Türlaterne bei uns. Es strickte, ging dann und wann auf das eine Bett zu, das uns gegenüber lag, und woher man nicht den leisesten Schnauf hörte, als befände sich ein Toter darin, lächelte jedesmal und setzte sich wieder auf die Stabelle an der Türe. Manchmal zog es etwas aus der Schürze hervor und sog daran. Erst nachher bemerkte ich, daß es eine Zitrone war. Endlich kam der Doktor, ein geschickter Mann, das sah man sofort, mit erfahrenem, klugem Blick, weicher, zuverlässig tastender Hand, knappen, aber das Wesentliche treffenden Fragen, dabei hurtig in allem, aber auch sehr begehrlich nach dem Punsch, dessen Glut auf seinen fetten Backen strahlte, und den er mit zwei Gläsern keineswegs zu erledigen gedachte. Er untersuchte meinen Freund genau und versicherte dann, es sei absolut nichts von Bedeutung, eine Magenverstimmung mit ungewöhnlich hohem Fieber, das jedoch bereits zu sinken beginne. Kamillentee, Ausschlafen und am Morgen eine Schleimsuppe, basta. »Was ist das für ein Kranker, rechts da, unter dem Garibaldibild, der so heillos hin und her strappelt?«fragte ich und half dem Arzt in den Überzieher. »Niente!« lachte der Doktor. Also auch nichts von Bedeutung. »Aber warum wälzt er sich dann so rastlos herum?« »Briefträger!«erklärte der Arzt und hob den Zigarrenstummel auf, mit dem er eingetreten war. »Flügel an den Füßen wie Merkur und nur glücklich, wenn er mit Briefen und Paketen stiegenauf, stiegenab rennen kann. Der reine Windhund. Nun hat er sich verkältet. Man hob ihn von der Gasse auf. Oh, er wird bald genesen, aber träumt Tag und Nacht vom Stiegenauf, Stiegenab, und das verzögert die Heilung etwas...« »Und dort, wo es so still ist?«, bat ich und zeigte zur Wand gegenüber. »Ottanta sette!« erwiderte der Arzt mit einer plötzlich langsam und weich gewordenen Stimme und blies auf seinen Stummel, der am Erlöschen war. Noch ein Fünklein glomm, aber es reichte nicht mehr zum Rauchen. »So, wie hier«, versuchte er zu scherzen. Dann aber verneigte er sich höflich, schwang den Hut und... lief zum Siebenundachtzig hinüber. Sieh, sieh, er beugt sich tief ins Kissen hinunter, ich höre einen lauten Kuß. Dann, ohne uns nochmals anzusehen, geht er viel langsamer hinaus, als er hineintrat. In einem Dorfe, zuhinterst im Apennin, hörte ich einst den Spruch: Sterbende Greise küssen, gibt langes Leben. Als ich den Kopf schüttelte, wurde es mir gäßchenauf, gäßchenab wie ein Sprichwort wiederholt, ja, geradezu nachgerufen. War es nun das? Dieser vierzigjährige, wohlgebaute, elastische Doktor wollte gewiß lange leben und noch manchen Silvesterpunsch trinken. Das Mädchen brachte einen Spiritusapparat, und wir bereiteten zusammen den Kamillentee. Dabei wurden wir schnell vertraut. Lorenza trug die dicke, gleichsam geschwollene Nase wie einen Kolben im Gesicht, und eine von Drüsen rote, narbige Haut zog sich vom Hals bis an die Unterlippe und weit in die Wangen hinauf. Man sah noch kreuz und quer die Schnitte einer gröblichen Operation. Diese Häßlichkeit hätte geradezu erschreckt, wenn daraus nicht zwei helle, saubere, merkwürdig gelbe Augen wie zwei Sterne aus einem schmutzigen Regenhimmel gefunkelt hätten. Sie will eine richtige Krankenschwester werden. Zwar die Vorsteherin sagte, sie sei zu häßlich dafür. Aber der Dottore hilft ihr. Ganz im Gegenteil, behauptet er, sie sei gerade richtig häßlich dazu. Die häßlichsten Suore seien die besten. Er wette, sogar das Christkind habe nicht dieses sogenannte hübsche Puppengesicht getragen, das ihm die Herren Pinsler geben. Schöne, echte Augen, das genüge. »Dottore Biglio hat solche und dazu doch noch ein schönes Gesicht, nicht wahr, Herr? Oh, und er ist auch noch gut dazu, so gut, wenn er schon oft einen Mordsrausch hat. Er macht doch nie etwas verkehrt, auch im hohen Rausche nicht. Der Stadtrat hat ihm schon zweimal mit Absetzung gedroht. Aber das ganze Spital ist jedesmal für ihn von Pontius zu Pilatus gelaufen. Diese Nacht wird er sich wieder gehörig betrinken, ach!« – Lorenzas Sterne wurden vor Mitleid feucht. –»Aber schauen Sie dann selbst am Morgen, wie er den Rausch am Bett der Patienten ablegt, als wär's nur der Überzieher. Er ist dann sogleich nüchtern, wie wir zwei...« Indem ich dem Mädchen angeregt zuhörte, näherte ich mich einmal dem Bette meines Reisekameraden. Er ist nach dem Tee so still geworden. Sieh da, er war nun gehörig eingeschlafen und zog einen prachtvollen Atem aus und ein. Jetzt schenkten auch wir zwei Wachthabende uns eine Tasse voll Tee ein. Für ein Spital war das Geschirr nicht zu blank. Aber so heikel ich sonst darin bin, diesmal störte es mich nicht im geringsten. Die blitzende Sauberkeit des Augenpaares gegenüber läuterte alles. »Warum hat Doktor Biglio die Greisin dort geküßt?«bat ich. »Er küßt alle, von denen er glaubt, daß er sie bei der nächsten Visite nicht mehr am Leben finde, alle. Und er tut es so... so schön... so andächtig, meine ich, daß alle es gerne haben und es allen wohl tut. Aber Signorina Cecca ist dazu seine Amme gewesen. Jetzt ist sie müde und hat nichts mehr. Bettelarm hat der Dottore sie daher gebracht und bezahlt nun ihre Spitalpflege schon durch die drei Jahre. Er täte es hundert Jahre, rief er, als ihm die Direktion anerbot, die Alte gratis zu behandeln. Was gratis? Er wurde wild. Ist das noch Gratitudine, dieses Gratis? Ich zahle, was man für jedes andere Bett auch zahlt und wenn ich's vom Zigarrengeld nehmen muß. – Und es ist wahr, er zahlt so gut, daß die alte Cecca die beste Matratze bekommen hat, richtiges Roßhaar und darüber eine faustdicke Lage Schafwolle. Diese dort«, das Mädchen wies gegen die zwei anderen Betten, »die haben nur ordinäres Zeug, wisset, so Ausschußware.« Bei diesem Worte machte Lorenza ein ungeheuer hausmütterliches und beinahe ein wenig beleidigtes Gesicht. »Ah«, lächelte das Jüngferchen sogleich wieder mit wunderbar strahlender Augenstellung, »seht einmal, Herr, jetzt wird Franko auch still.« Sie blickte zum Briefträger hinüber. »Jetzt träumt er, alle Post sei vertragen, und er klappe seinen leeren Sack zusammen. Das hat er uns selbst erzählt. Und merkwürdig, dann träumt und zappelt er nicht mehr...« Und ich dachte: der Glückliche! Wann habe auch ich einmal treppauf, treppab, so wie dieser da, meine Pflicht getan und meine Mappe mit all ihren Pflichten, Schulden, Aufträgen redlich bis auf die Bodennaht geleert? Der Glückliche! Von Zeit zu Zeit ging das Mädchen zum Bett der Greisin. Dabei geschah etwas Sonderbares. Der Saal hatte nämlich noch von den Zeiten her, da dieses Gebäude ein Kloster war, den grauen, unregelmäßigen Steinplattenboden behalten, und ich mochte noch so behutsam wie nur möglich auftreten, so lärmten meine Schuhe doch. Dieses Jüngferchen hingegen besaß trotz seiner Holzsandalen eine Art zu gehen, daß man beinahe nichts hörte. Es streckte die Ellbogen rechts und links wie ein Fisch beim Schwimmen die Seitenflossen, beugte den Oberkörper leicht vor und schwamm sozusagen durch die geteilte Luft geräuschlos her und hin, gerade so, als bewegte sie sich nicht mit den Sohlen, sondern mit diesen melodisch geschwungenen Ellbogen. O dieses unsinnig geschickte Wesen, dachte ich bei jedem leisen Armschwung; es wird das Muster einer Krankenschwester, wird hurtig Oberin, das kann nicht fehlen. Wäre das alte Haus noch ein Frauenstift wie ehedem, Lorenza würde mit zwanzig Jahren und päpstlicher Dispens die hohe, herrschende Äbtissin. Die eine Lichtseite des Ecksaals, wo just die Alte lag, ging gegen die Straße. Doch das Gemäuer war zwei Meter dick, und bei jedem Fenster lief eine schmale Nische zu den vergitterten Scheiben. Rumpelte auch ein Wagen über die gefrorene Straße, huschten grelle Lampions vorbei und schlug Geschrei und Lachen an die Wände, die wuchtigen Mauern dämpften alle Gewalt der Straße. Was draußen wie ein lauter, frecher Uhu kreischte, schwebte hier wie ein samtstilles Nachtpfauenauge irgendwo in den Schatten nieder. Lorenza Speri lautete der volle Namen des Dirnleins. Schon früh Waise, hatte die Armenverwaltung es bald da, bald dort verdungen, bis endlich der Präsident des Spitalrats, der ihm zu Gevatter gestanden, das überall gelobte Mägdlein als Aushilfe für den Krankendienst hier ins Erdgeschoß gestellt hatte. Nach einer bestimmten Probezeit wird sie fest besoldet, und wenn die müde Suora Teresa einmal abdankt, wird Lorenza richtige Suora und bekommt den grauen, langen, ernsten Rock, den steifen Kragen und die weiße Schürze mit Brustlatz. Jetzt hat sie erst die Schürze und ohne den behäbigen, rechts und links hochgehefteten Latz, der den Frauen hier so etwas Hausmütterliches und sozusagen Machtvolles verleiht. Je mehr Lorenza plaudert, süß geflüsterte, wohlgeformte, solide Sätzlein, desto weniger sehe ich die widrige Verunbildung ihres Gesichtes und die unschöne Bewegung ihrer verzogenen Lippen. Ich sehe nur diese lauteren, gelben Augen. Von da kommen die Worte, und von da kommt Glanz, Wärme, Herzlichkeit. Sie vergolden alle Häßlichkeit. Zwar die Hände wären ohnehin feingliedrig und zierlich wie bei einem Engel des Filippino Lippi. Aber sie sind recht unsauber, und die Schürze hätte heute fürs neue Jahr, wenn nicht schon längst fürs alte, gewechselt werden müssen. Sie sieht aus, als hätten alle dreihundertfünfundsechzig Tage des entschlüpfenden, in wenigen Minuten entschlüpfenden Jahres ihre Finger daran abgeputzt. Lorenza und ich sind schon in ein so zutrauliches Geflüster geraten, daß mich dünkt, ich dürfte, ja, ich sollte dem Jüngferchen sagen, es solle doch die hübschen Hände reinlicher halten und die Schürze wechseln; zu ihren sauberen Augen passe solche Unsauberkeit nicht. Aber wahrhaft, ich bringe es nicht heraus. Und wie sie mir die grauen italienischen Zückerchen in die Tasse wirft, sehe ich die schwarzen Nägel an den klebrigen Engelsfingern nicht mehr. Ich sehe nur noch den Engel, nicht mehr den Dreck daran. Und mir ekelt doch so schnell. Ach, ein blühendes Geplauder, ein schimmerndes Auge, ein helles, aufrechtes Seelchen, und man ist im Nu aus der bockbeinigsten Pedanterie geworfen und schier ins leichtsinnigste Gegenteil verkehrt. Mir war gar nicht mehr spitalmäßig zumute. Und als ich wieder ans Bett meines Fahrtgenossen trat, da wurde ich noch vergnügter. Große, kristallhelle Schweißtropfen rieselten ihm aus dem Haar übers Gesicht hinunter. Es dampfte geradezu aus seinen Kissen in die kühle Zimmerluft empor. »Das ist gut!« lispelte die Kleine. »Bis morgen hat der Patient die ganze Geschichte ausgeschwitzt. Aber dann soll er noch einen Tag im Bett bleiben. Sie können inzwischen unsere Stadt anschauen. Es gibt da viel Kurzweiliges, besonders morgen, wo wir Markt haben.« »Markt, am Neujahrsfest?« »Neujahrsmarkt vor den zwei Kirchen an der Piazza! Zuerst ein großes Hochamt mit Geigen und Trompeten. In San Giovanni predigt der Bischof selber. Er steigt auf die Kanzel mit Inful und Stab. Alles ist Gold an ihm. Und wie er redet und die Hand hochhebt und der blaue Karfunkel am Fingerring blitzt! Aber«, und traurig ließ das Mädchen die Stimme fallen, »ich muß leider hier bleiben, mich trifft die Hauswache. Doch«, lebte sie rasch wieder auf, »an Dreikönigen kommt der Bischof zu uns und segnet das Haus. Zwar kennt man ihn fast nicht mehr, so einen einfachen schwarzen Mantel trägt er dann bis zu den Schuhen. Aber der blaue Stein am Finger! Und wenn er dann redet, o dann ist es der gleiche wie auf der Kanzel oben. Unser Direktor mag ihn nicht leiden. Er ist, wie man hier sagt...«, sie zauderte, öffnete dann aber weit den Mund für das vokalreiche Wort und spuckte es sozusagen wie eine giftige Sache möglichst hastig heraus, »... antiklerikal. Verstehen Sie? Er geht nie in die Messe. Ich glaube nicht, daß er noch das Kreuzzeichen richtig machen könnte. Und doch, Herr, und doch sagt er selbst, jedesmal nach dem Besuch des Bischofs gehe es allen Kranken besser. Eine Suggestion!, sagt er und lacht, eine Suggestion! Was so viel heißt als ein Wunder. Suora Teresa hat es mir erklärt. Jawohl, da können Sie von Bett zu Bett gehen, das Fieber ist gesunken, die Schmerzen sind kleiner, und die Patienten machen ein mutiges Gesicht, und man hört lange Zeit kaum mehr einen Seufzer. Denn der Bischof geht von Bett zu Bett und macht jedem das Kreuz auf die Stirne und sagt etwas Starkes. Und ich darf hinter der Suora mitgehen durch die vier Säle im Parterre... Sie sollten so lange dableiben, Sie dürften mitkommen, und der Bischof würde Ihnen gewiß auch etwas Gutes sagen...« »Ich möchte wohl, aber es geht leider nicht. Wir sollten schon morgen in Neapel sein... Und dann ist also Markt? Am Freitag?« »Warum nicht? Und was für ein Markt! 's ist gerade, als wollten die Leute schon am ersten Tage zeigen, was sie vom Besten und Schönsten fürs ganze Jahr zu verkaufen haben. Aus den Bergen kommen sie mit kleinen Käsen wie Butter; und mit einer Schafwolle wie Seide. Und vom Land herauf bringen sie Früchte wie im Sommer, und Tücher und Garn von hundert Farben. Aber wir hier«, fügte sie mit leisem Bedauern hinzu, »wir tragen nur Weiß und Grau. Das ist einmal so!« »Ich finde das schön, Weiß und Grau«, erwiderte ich und konnte es nun doch nicht unterdrücken, scheinbar harmlos zu wiederholen: »Recht hübsch grau und sehr, sehr weiß!« »Und denken Sie«, fuhr Lorenza ungerührt über meine Bosheit hinweg, »da gibt es Geflügel, schon gebraten, tellerwarm. Du sitzest gleich hin und issest. Und Krebse, groß wie mein Kopf. Man meint, sie seien gefroren, so tot liegen sie im Zuber. Aber tupfst du hinein, rattadibatta fängt alles zu leben an.« »Und was noch?« fragte sich Lorenza und rieb mit dem Handrücken die Schläfe... »Ach ja, Hasen, Fasanen, Rehbraten bekommt man und ist doch die Jagd verboten. Aber kein Mensch sagt ein Wort, und der Bischof am Portal segnet alles. So wird es wohl in Ordnung sein.« In solchem Ton und frischem Zug plauderte das noch halbe Kind, aber vergaß dabei nicht, bald an dieses, bald an jenes Bett zu treten, die Decken zurechtzuziehen, den Ofenschieber zu regulieren und alles in den sonst so klappernden Zoccoli wie auf Katzenpfoten, die Arme vorgebogen, eher schwimmend als gehend. »Ihr Freund hat kaum noch Fieber«, brachte sie vom Lager Corrados zurück. »Ich schätze 37,3 Grad, höchstens 37,4 Grad. Der Puls geht durchaus normal. Und Sie? Bitte!« Ich bot ihr den Handknöchel. Etwas wie Samt legte sich mit ihren beschmierten weichen Fingern darum. Aber mir war, ein Funken Jugend hüpfe aus dieser Hand in mein altes Gehäuse hinüber, und nicht bloß Jugend, auch ein Funke Güte, Heiterkeit, Gott- und Menschenvertrauen, ein Funke Mut für den großen Unbekannten: das neue Jahr. »Ihr Puls geht viel schneller. Das hüpft ja nur so. Sie haben Ihrem Freunde das Fieber abgenommen«, spaßte sie. »Der viele Tee«, widersprach ich, »daher kommt's.« – Ich schob die Tasse weg. Unvermerkt hatte ich sie wohl zwei-, dreimal nachfüllen lassen und ausgetrunken. »Kamille beruhigt doch!« »Im Gegenteil, mich regt sie auf.« Es gab einen kleinen munteren Streit, dem ich damit ein Ende machte, daß ich bat, die alte, verlöschende Cecca betrachten zu dürfen. Lorenza nahm die Handlampe und zündete über das sozusagen versteinerte Gesicht der hohen Achtzigerin. Diese Greisin merkte nichts mehr von Licht oder Dunkelheit. Die Augen waren streng geschlossen, und die Wimpern schienen wie verdorrt. Aber die kleinen Nasenlöcher hielt das Weib gespreizt und den Mund halb offen. Luft! Luft! Die Zungenspitze lag schief und leicht gerollt auf der Unterlippe, trocken und schwach bewegt im letzten Durst des Lebens. Lorenza träufelte aus einem Fläschchen etliche Tropfen darauf. Aber die Alte regte sich nicht. Welch kleines Köpflein! Wird man zuletzt, bevor man zur Erde verbröckelt, so klein? Und was für ein braunes Gesicht, als wollte es sich möglichst der nahen Scholle angleichen. Man merkte kaum noch einen Hauch aus ihm. Über dem Bette tickte eine leise Wanduhr. Der Zeiger stand fünf Minuten vor Mitternacht. Und so verhielt es sich wohl auch mit Cecca. Noch ein paar Augenblicke, und ihr großer, langer Tag war vorbei. Ja, man hätte glauben können, es habe hier schon Zwölfe geschlagen. Das also bleibt, so ein unbewegliches, hilfloses Häufchen aus Haut und Bein und versiechendem Atem, nach einem langen, starken geschäftigen Leben! O Gott, und da sollte nachher alles zu Ende sein, so zu Ende! Unsinn! Aber trotz ihrem erbärmlichen Zustand machte die Sterbende einen fast lieblichen Eindruck. Da gab es keine Reue, keine Angst, keine Bitterkeit, sondern eine unnennbare Ergebenheit, eine Geduld und Entsagung, wie dies des entlaubten Baumes im Spätherbst, aber dann da und da und überall huschte mit göttlicher Heimlichkeit etwas herum von einem großen, sichern Nachher, ein Warten, ein Vor-der-Türe-Stehen, ein Wissen, daß sie aufgeht, eine sorglose Sicherheit des ewigen Daseins. »Als Cecca noch bei Bewußtsein war«, erzählte Lorenza, »wettete die Alte mit dem Doktor, sie würde das neue Jahr noch erleben. Es gilt eine Flasche Vesuvio, sagte sie. Davon trank sie gern ein Gläschen. He, he, sehen Sie, jetzt schlägt es. Bravissima, sie hat die Wette gewonnen.« Lorenza klatschte in die Hände, die Uhr aber schnarrte leise und klöppelte dann zwölf rasche Schläge hintereinander, Neujahr! Der Augenblick hatte etwas Rührendes und zugleich Festliches. Wir vergaßen, uns die Hand zu reichen und den üblichen Neujahrsspruch zu sagen. Es fiel mir auch nicht ein, wie ich mir vorgenommen hatte, meinen Freund zu wecken, um der erste Gratulierende zu sein. Nun schlug auch eine Uhr im Gang, und bald vernahmen wir aus der Ferne Glockengeläute. Die Straße vor uns wurde laut. Plötzlich knallte es wie von einer Bombe auf und blitzte für einen Augenblick grell in unsern Saal. Feuerwerk! Aber die Greisin bewegte sich nicht im geringsten. Sonne und Mond konnten platzen, sie blieb so. Man hörte Jauchzen, Musik, Böllerschüsse, Raketen. Vom Korridor kamen Schritte. Die Suora brachte uns zwei dampfende Gläser Punsch, und jetzt erwachten auch wir fürs neue Jahr, dieses große, süße Geheimnis, tranken, gratulierten, lachten wieder. Beim Weggehen versprach die Suora, sie wolle Lorenza um ein Uhr ablösen. Sie sängen in der Küche noch ein paar Lieder. Ich bekäme Nummer neun zum Schlafzimmer. Mir war aufgefallen, wie die Alte so ein blendend weißes Hemd trug. Ein unsagbarer Odem von Sauberkeit umgab sie sogar jetzt noch in ihrer Ohnmacht. Das sagte ich nun dem Jüngferchen und konnte mich dabei doch nicht enthalten, sehr kritisch auf seine garstigen Hände zu gucken. Jetzt wurde Lorenza rot, schob die Hände unter die Schürze, rollte auch diese zusammen und blickte scheu zur Seite. Sie hatte verstanden. »Ich weiß schon, o entschuldigen Sie, wir haben kein Wasser als in der Küche. Aber freilich, man sollte... Nun, wir bekommen zu Ostern die Leitung in die Zimmer. Der Dottore hat es endlich erzwungen. Dann, o dann! Ach, Herr, wenn man das Wasser nicht hört und nicht sieht, wie daheim am Brunnen, so vergißt man zuletzt...« »Schon recht, ja, ja, schon recht«, bat ich und bereute schon meine Kritik. Bleib' nur, wie du bist, dachte ich, sauber, wo's am schönsten ist. Aber Lorenza erzählte nun, was für eine blitzblanke Wäscherin Cecca gewesen sei, die sprichwörtliche Reinlichkeit und dem ganzen Spital ein Vorwurf. Man habe sich so geschämt, und besonders der Arzt, daß es nun keine Ruhe mehr gab, bis die Stadtverwaltung eine Wasserleitung durchs ganze Gebäude zusagte, und zwar kaltes und warmes Wasser. »Denken Sie, Herr, warmes auch«, staunte Lorenza mich an. »Dann will ich so sauber sein wie die gute Cecca, bestimmt. Als Don Filippo der Alten die Sakramente reichte, sagte er: ›Du bist ja weißer als ich!‹ Jawohl, sein Chorrock war auch nicht am saubersten. Da mußt' ich weinen, einfach ich mußte. ›Was hast du?‹ fragte er. Ich zeigte auf meine Schürze. ›Schon, schon‹, antwortete Don Filippo, ›waschen, ja sicher, waschen, aber zuerst von innen heraus.‹ Nein, nein, auch von außen, dacht' ich mit Respekt...« Oh, wie sie plapperte, die junge, glückliche Unschuld, bis mir die Augen zufielen und ich nach Nummer neun schwankte. Nie, nie werde ich diesen Silvesterabend vergessen. Als ich zwei Tage später mit dem genesenden Kameraden weiter zog, bot mir Lorenza unter der Kammertür, im Vestibül und am Haustor, jedesmal kräftiger die Hand. Sieh', sieh', sie trug eine blendend weiße Schürze, aber die Fingernägel, ach, die Fingernägel waren an den schwarzen Rändern noch nicht beschnitten. Jedoch die Augen strahlten wie mit frischem, goldigem Öl gefüllte Lampen. Der Briefträger schrieb schon Adressen im Bett; aber Cecca lag unveränderlich da, und ihr Mückenatem trübte noch leise das Spiegelchen. Sie wollte die Wette nicht knapp, sondern reichlich gewinnen. Wer weiß, ob sie nicht noch den gewonnenen Vesuvierwein sehen, daran riechen, ihn einpacken und als kräftigen Reiseschluck auf den ungeheuren Weg ins Jenseits mitnehmen will? Deutsch und Latein Den Unterschied zwischen Romane und Germane kann man in Rom und Florenz und Neapel wohl auch ein bißchen studieren. Aber wer da meint, ihm auf den Grund zu sehen, täuscht sich schwer. Zwischen den zwei Rassen vermischen sich viele Unterschiede, je größer und moderner das Gemeindebild ist. Die große Stadt tötet das Individuum. Wer jedoch das deutsche Städtchen mit dem italienischen vergleicht, das große Sachsendorf mit dem umbrischen Borgo, der merkt nun sehr innig, wieweit die Seele der beiden Völker auseinandergeht. Bei uns ein Sich-Rühren-und-Regen, ein Klatschen und Räsonieren, und ein Auf-die-Zehen-Stehen und Sich-hochstädtisch-Geberden – und am Ende und im Grunde doch Recht-dörflichen-Herzens-Bleiben: – hier aber eine majestätische Gleichgültigkeit, ein Unbekümmertsein um alle andere Welt, und nie die Frage, ob man Stadt ist oder Dorf. Ins kleinste Nest stellt man einen breiten, schweren Großstadtdom. Zwischen blinde oder einäugige Menschenhütten baut man einen Palast wie für einen Herrn der Welt. Man will Dorf und Flecken sein und hat doch die Seele der Stadt. Alles, was sie hier tun, wenn sie zum Beispiel nur zwei Steine aufeinanderbeigen, bekommt gleich einen großen urbanen Zug. Der Türbogen einer Kapelle ist so stattlich geschwungen wie der Eingang zum Papst oder Kaiser. Oft gibt es daneben nur noch elende Häuslein, zumal im Kalabrischen drunten, Höhlen, Ruinen, wo das Volk wohnt. Dann ist eben dieser einzige alte Bogen oder dieser Herrenpalast für die Leute die Stadt. Sie vergessen das Elend der übrigen Gassen und Mauern so sehr, daß sie überhaupt in weiten Landstrichen den Begriff Dorf gar nicht kennen. Und bei allem kleinen Leben und aller naiven Neugier für jedes fremde Bein, das über ihr Pflaster geht, haben sie doch eine große, echt römische Gebärde bewahrt. Und die behalten sie, selbst wenn ein Bauernweib auf dem Domplatz von Orvieto Schweine hütet oder wenn aus einer alten Bischofstadt der Basilicata das ganze verlumpte Volk auf zweirädrigen Karren auf die Acker hinaus graben und reuten und Vieh hüten geht. Freilich, in den umbrischen Städtchen, von denen ich rede, wohnt eine solche südliche Armut und Blöße des Lebens noch nicht. Um so freier und größer und lebensfroher ist das ganze Gehaben. Gibt es ein Rom? Meinetwegen! – Ein Venedig oder Florenz? – Mag sein! Aber wir sind Leute von Spello! Das ist Narni, hier auf dem Fels! Seit Urzeiten nisten wir da oben. Nirgends sind wir so wohl daran wie hier. Von selbst muß das alles so entstanden sein. Das ist der Berg von Narni und das ist der Himmel von Narni, und das rundum ist die Aussicht von Narni, gleichsam auch noch Narni selber, und wir wissen und fühlen und sind nichts anderes als Narni! Und so lebt man und macht sich keine Gedanken und Rechnungen, warum und wieso, ob mit Recht oder Unrecht, wie groß, wie klein? Es ist so! So und nicht anders, bravo! O du helles, sicheres Latein! Wie anders bei uns in der Provinz! Wie haben wir deutschen Menschen immer so etwas Ergrübeltes und Ersonnenes und Eingefädeltes in unserem Weichbildleben! Wie fern von uns ist meist Natürlichkeit und Unbefangenheit! Hier im Italienischen verstehen sich Dorf und Residenz, Hauptstadt und hinterstes Provinznest ohne weiteres, kraft dieses Natürlichen! Das italienische Herz ist einfach geblieben, und sein klares, scheiben- und spinnwebenfreies Auge packt darum gleich die Kanten und Ecken einer Sache. Wir nordischen Denker gehen zuerst durch die zehn Plagen der Theorien und Methoden hindurch, ehe wir endlich mit dem Finger an die Realitäten tupfen. O du nebliges, augenverschlossenes, geduldiges und doch auch so liebes und reiches Deutsch! Durch diese angebotene Fähigkeit und Freudigkeit an der reinen Sache sind der Hirte und der römische Patrizier, der Krämer in Spoleto und der geschminkteste Marchese von Turin sich viel verwandter und ebenbürtiger als wir germanischen Spintisierer mit unsern hundertundzwei Unterschieden untereinander. Zwischen dem ersten und zweiten Schreiber in einem Hamburger Geschäft besteht eine größere Kluft als zwischen dem Milchträger Federigo Spazzi und dem Großhändler Marozzo in Neapel. Selten sah ich einen vornehmen Jüngling auf dem römischen Korso hochnasig über einen gewöhnlichen Bettler hinwegschauen, oft aber mit ihm scherzen und Zigaretten anzünden. Und nie sah ich ein noch so armes und niedriges umbrisches Geschöpf vor einer städtischen Gold- und Buchstabenweisheit so auf dem Bauche kriechen, wie ich in der freien, geßlertötenden Schweiz das oftmals beobachtet habe. Es ist wahr, so ein Italienerchen kann auch unendlich kriechen und schmeicheln, aber immer wegen der Sache, nie wegen des Menschen. Also um der schönen Lira willen! Mit dem Silber hört auch das Kriechen auf. Wir aber, diesseits der Alpen, kriechen noch weiter wegen der Idee des Silbers. Bei uns ist es nicht die Sache so sehr als vielmehr ihre moralische Gewalt, die wir der Sache dazu oft noch andichten, wovor wir uns so gern in Kratzfüßen und Katzenbuckeln multiplizieren und potenzieren. Der Archivar in Rom und der Archivar in dem winzigen Spello tragen ein gleiches Seidenkäppi, die gleiche gemütliche Amtsfalte in der Stirne und tun gleich wichtig und freundlich. Auf der Hauptpost in Rom kannst du am Schalter mit dem Beamten in ein so breites Geplauder geraten wie am kleinen Schiebfenster der Trevener Poststube. In Peglio, unweit Urbino, erzählte mir eine ganze Schule, sie hätten noch keine Eisenbahn gesehen. Nein, doch! –»Pietro Stessi sah eine kleine!« schrien einige Schüler schnell. »Sein Vater hat viel Geld. Und so ist er einmal mit ihm nach Cagli zum Schafmarkt gefahren.« Pietro schüttelte energisch den Kopf. »Das ist nicht wahr! Lügt doch nicht so!« – Dann aber, als es ihm bewiesen wird, wird er rot wie eine Kirsche. Er schämt sich, daß er mehr als die andern gesehen hat. Denn er spielte vorhin doch nicht besser als die andern Boccia, und wird von den Mädchen darum nicht höher eingeschätzt, und er ringt und pfeift nicht feiner. Die andern sehen ihn fast mitleidig an. Keinen dünkt es eine große Sache, was der Stessi ihnen voraus hat. Im Gegenteil, sie waren ihm überlegen, weil sie bisher ohne Eisenbahn ausgekommen sind. Und in Mailand sagte mir einmal ein witziger und geschliffener reicher Korsoschlingel, der schon aus allen feinen Zigarrenläden geraucht, in allen erstklassigen Cafés getrunken, jeden Verdi, Puccini, d'Annunzio und jede Rolle der Duse gehört hat, er sei noch nie über die Stadtgrenze hinausgekommen und habe noch nie den grünen Tessin bei Pavia oder einen andere Fluß und noch nie einen Berg bemerkt. Ja, vom Domdach aus habe er eines linden Abends gen Nordwest etwas fernes Weißes gesehen. Ob das Schnee war und Gipfel der Alpen? Man sagt es. Oder nur Gewölke? Nun, sei es so oder so, ihm sei der Dom Schneeberg genug. Wenn Schweizer Bauern mit ihren braunen Unterwaldner Kühen und Urner Geißen vom Gotthard hinab durch die Mailänder Straßen trieben, sah so ein italienischer Range kaum hin. Das sonore Schellengeläute und das Hüst und Hoiho der Älpler und der ganze Berggeruch dieser wunderbaren Prozession bringt ihn nicht aus dem Gleichgewicht. Er schielt leichthin den Leitochsen an und horcht einen Augenblick auf das grobe Gejodel. Und er fühlt, daß es solche Dinge und Menschen geben muß, – selbstverständlich. Aber das Nachdenken darüber, das Sich-den-Kopf-darob-Zerbrechen, das verwunderte deutsche Augenaufreißen, das alles kennt er nicht. Gleich wendet er sich wieder dem Maueranschlag zu und liest gemütlich weiter, wie nun der Kinematograph der Fratelli Pagnatte von der Porta Braganza zum Castello übersiedelt ist. Und der Taugenichts rechnet aus, daß er nun in Zukunft zweihundert Schritte näher bei der Vorstellung ist. Fern gegen die Brera verhallt das Knallen der Geißeln, die Schellen und das schwerfällige Hufgetrappel und dumpfe Gemuhe der Schweizer Kühe! Bravissimo, zweihundert Schritte näher dem Cinema! Mein lieber Italiener hat keinen Sinn für Geographie. Weil ihm jedes Plätzchen recht und gut genug ist. In Gubbio frägt niemand nach Rom, und in Rom keiner nach Gubbio. Fast alle Kinder über zwölf Jahre wissen, daß London die größte, aber Paris die feinste und Rom die berühmteste Stadt der Welt ist. Allein die Strecken da und dort hin sind für alle gleich weit, weil gleich unbekannt. Die Schweiz ist voll Schnee und das Deutsche Reich ist voll Nebel, und noch weiter oben herrscht fast immer Nacht. Dann kommt der Nordpol. Aber unter Neapel wird es heiß und heißer. Die Menschen werden vor so viel starker Sonne immer brauner und zuunterst und zuletzt sind sie schwarz wie Ruß. Das ist einmal so. Dagegen ist nichts zu machen. Und warum sollte es auch nicht so sehr gut sein? Vielleicht gerade wegen dieser wenigen so allgemeinen Geographie kennt man weder in Rom noch im kleinen Gubbio unsere germanische Leidenschaft für die Heimlichkeit der Stube und unsere Versessenheit auf ein und die nämliche Scholle. Zügelt einer nach Narni oder Trevi hinauf oder nach Bari hinunter, gut, nun ist eben da sein Rom, sein Gubbio. Nicht der Ort, der Mensch macht die Heimat, am Namen hängt nichts. So kennt das italienische Gemüt denn wirklich eine großartige geographische Freizügigkeit. Nichts leichter, als sich ins Dorf gewöhnen für den Städter oder in die Stadt für den Dörfler! Diese Romanen hängen ihr Herz nicht an geographische Details, sondern an die Hauptsache: an ihren blauen Himmel, an ihre mächtigen Kastanien und Reisfelder und Reben und an ihre wie Orgelschlag schallende Sprache. Was dann weiter unter dieser Hauptsache in verschiedene Nebensachen auseinanderfällt, hat keinen Wert: Dorf oder Stadt, Schafhirt oder Senator, Gubbier oder Florentiner. In ihren Schelmengeschichten und Liebesliedern kommen daher keine solche kleinwinklige und verschachtelte Traulichkeiten vor wie bei uns Romantikern der Giebelkammern und Erkernestchen. Sie singen nicht von der Mühle in einem verborgenen Wiesengrunde, noch vom versteckten Veilchen in einem Hag, noch von einem stillen Waldbrünnlein oder einer einsamen Linde oder einem verschwiegenen Kleeplatz im Münsterhof Unserer Lieben Frau. Solche dörfliche Sentimentalitäten kennt der Italiener, auch der Umbrier nicht. Und doch liebt er auch mächtig genug. Aber seine Liebe und Leidenschaft ist groß, klar und offen wie die Sonne. Er singt vom Kastell, aber Kastelle gibt es Tausende im Land; von einem Garten, aber es können Rosen, Tulpen oder auch Gänseblümchen, ja sogar Kohlköpfe darin wachsen –, er meint einfach einen der hunderttausend Gärten auf Erden. Oder er feiert eine Sposa, doch braucht es keine Müllerstochter oder Schenkwirtin oder ein Barbiermägdlein zu sein. Es ist einfach eine hübsche Jungfer. Basta! Ihm ist nicht die Hauptsache, ob Märzglöcklein oder Heideröschen am Stelldichein blühen, sondern ob sie kommt. Wo wir Germanen erst noch lange riechen, ißt der Romane schon. Wo wir malen, formt er schon. Wo wir träumen, lebt er schon. Wo wir sehnen, hat er schon. Wir sind viel mehr Lyriker, er ist viel mehr Epiker des Gemütslebens. Die Umbrier würden mich auslachen, wenn sie zu lesen bekämen, was ich da über ihre Vogelneststädtchen an den Berghängen aufgeschrieben habe. Das alles kann nur ein Deutscher herausschnüffeln, würden sie sagen. Natürlich, sie haben recht. Sie erleben, also brauchen sie nicht zu dichten. Sie sitzen warm im Nest und können den Maler und Poeten draußen lustig auspfeifen. Das letzte Dorf Wir gingen zwischen Steinen und dürren Kräutern in weglosen Windungen bergauf. Hinter uns lagen noch fünf, sechs Hütten und ein Kapellchen, schauten uns noch ein paar Menschen und meckerten uns noch einige Ziegen nach. Dann ward es still. Vor uns steht die große, leblose Einsamkeit dieser ausgedörrten, wasserlosen, steinernen Gebirge. Kein Mensch mehr, kein Dach, kein Tier. Nur noch Steine und steinerne Stille und oben der große, starre Himmel der Abruzzen. Als wir schon ziemlich hoch oben waren, mein Träger Tieco und ich, setzte ich mich, um es nochmals anzustaunen, dieses allerletzte Dörflein dort unten. Ich sah den dünnen, kalkweißen Weg, der irgendwoher sich zu diesen Häuschen verlor, irgendwoher aus einer großen Menschenstraße bis in diesen Winkel herauf. Und ich sah, wie der helle Faden plötzlich abbrach, als wäre hier das Ende der Welt, als könnte kein Fuß mehr weitergehen, dürfte nicht weitergehen. In diesem Örtchen Mulizio oder wie es heißt, ich fand es auf keiner Karte, sagten die Leute, weiter gebe es keine Dörfer und Menschen mehr. Ach, wie stolz sie das sagten! Wie einer, der den Rücken frei hat. Es klang fast so, als meinten sie: Da rechts in der Tiefe fängt es mit den Menschen an. Da, links gegen die Höhen, kommt gleich der Herrgott. Es waren sieben Weibsleute, vier oder fünf Männer und ein Haufe Kinder. Mager und hart sahen alle Gesichter aus. Von so viel Stein und von so wenig Halm wird niemand fett. Aber sie hatten keine Runzeln. Sie kannten ja das Staubschlucken und die Sekundenhetze und die Tyrannei der Gesellschaft und Gesellschaftsordnung nicht. Der Himmel ist zu nahe. Gelassene Menschen sind es, ruhige, zufriedene, schweigsame. Sie tragen noch eine alte, bunte Kopftracht und seltsame Busentücher und hosenähnliche Unterkleider, wie vor hundert und hundert Jahren. Und sie reden auch noch so alt. Kein Professor kennt ihre Grammatik. Sie blicken dich an, als kämest du aus einer andern Welt. Die Kinder recken sich an dir auf und betasten dich. Als ich ihnen im guten freundlichen Italienisch sagte: Vi reverisco!, schrien sie zu den Alten unter den Türen: Domm parling, Domm parling! Er kann reden, hört, er kann reden. So wenigstens verstand ich das. Die kahlen Berge schauen, einer über den andern, auf diesen Winkel nieder. Das drückt und schattet. Daher haben auch diese Leute so dunkelgraue, schwere, schattige Augen. Aber das Weiße darin schimmert rein wie der Himmel. Man erzählte mir: ihre Kinder weinen nicht, wenn sie stürzen, und die Alten sterben ohne Seufzen. Es ist vielleicht nicht wahr. Aber man könnte es glauben, so wenig Wehleidigkeit und Sentimentalität hat hier Platz. Dieses letzte Dorf der Welt kommt einem wie eine wunderbare Dichtung vor, ohne Vers und Reim, urzeitlich, urweltlich, wie ein stiller Berg oder ein einsames ernstes Wasser, von Anfang so und am Ende noch so! Es war schwierig, sich hier verständlich zu machen, sogar für meinen umbrischen Führer. Wir redeten mehr mit den Fingern und Augen. Denn man muß wissen, daß wir hier zu den ohnehin verlassenen sibyllinischen Bergen erst noch an einer völlig unbegangenen Stelle den Aufgang nahmen. Vittorio Emanuele, Pio decimo? – Ja, das verstanden sie. Sie nickten, und ihre Blicke wurden freundlich. Guglielmo secondo? Niente! Tsar Nicolo secondo? Niente! I Giaponesi? Niente! Napoleone?... Sie stutzten. Vielleicht!... Gab es nicht einmal einen schwarzen Engel oder ein Ungeheuer dieses Namens? Was für eine Politik und Historie haben sie? In ihrem Denken gibt es keinen Cäsar und keinen Bismarck, keinen Russisch-Japanischen Krieg, keine englische Flotte, kein Haager Schiedsgericht, kein Sternenbanner. Sie wissen nichts von Zollkrieg und drahtloser Elektrizität. Sie haben keinen Kinematographen gesehen. Könige sterben, Könige werden, Kaiserthrone modern, Republiken grünen –, sie bleiben hier oben das unveränderliche, letzte Dörflein mit seinen paar Ziegen, seinem magern Gemüse, seinen harten Maiskuchen und seinen kühlen Stuben. Und sie sind zufrieden damit. Man kann also leben ohne Weltgeschichte. Sieh da, Professor Guidone von Perugia, das hast du bei allem Aktenstudium nicht gewußt. Du würdest sterben ohne deine historische Vergangenheit. Die leben ohne sie, und leben gesünder als du. Die Leute haben zwei Stunden ins nächste armselige Nest, wo man ihre Toten neben einer zerfallenen Kapelle rasch und wenig tief begräbt. Den königlichen Namen Dorf verdient auch dieser Ort noch lange nicht. Immerhin wird hier jeden Sonntag im Sommer eine heilige Messe gelesen. Dann gehen die Mulizianer hinunter und hören alles, was sie brauchen und wovon ihre kargen Seelen leben. Mit einem Duft von Weihrauch und mit dem großen Klang des Evangeliums gehen sie wieder die zwei Stunden bergauf in den Schatten der letzten, höchsten Berge, geradewegs an die Stiege des Himmels, wie sie es nennen. In ihren Ohren schallt und schwingt noch fort das allgewaltige: » In illo tempore dixit Jesus... « Zur gleichen Stunde singt es der Archidiakon in der größten Kirche der Welt, verkündet es der deutsche Pfarrer an der Ostsee, ruft es der Hofprediger vor dem Kaiser, rezitiert man es im Westminster zu London und geht es in der Neuen Welt von Kathedrale zu Kathedrale. Aber auch hier oben hört man die gleichen Worte, ohne Sammet und Gold, aber im gleichen lichten Messiasrock. Das Evangelium ist hier oben, wo man nichts vom Zar und von der Schlacht am Yalu und von der Krönung Georgs in Indien weiß, die Weltsprache, das Weltbekenntnis. In illo tempore dixit Jesus: Eccolo: vom Sämann und von der Witwe mit dem einzigen Heller, von der klugen Jungfrau und vom Samaritan und vom verirrten hundertsten Schäflein, vom Füßekuß der Magdalena, vom Mundkuß des Judas und vom reinen Kinderkuß des Meisters – und dann von Kreuz und Grab und Gloria – Weltsprache! In illo tempore dixit Jesus parabolam hanc! Ach, wie sie horchen, die wenigen Älpler, wenn der Pfarrer, selbst unter lauter Steinen und Bergmenschen ein Älpler geworden, aus dem alten Buch vorzulegen beginnt. Ums Kapellchen rauscht ein kleines Bächlein, huschen die wilden Rebstauden, meckern die Ziegen und schreien die winzigen Barfußkinder. Aber in die kleinen, mit roten Vorhängen halb geschlossenen Chorfenster schauen die grauen Berge herein mit ihren gelassenen ewigen Gesichtern und bestätigen stumm: Es ist so, wahrhaftig, es ist so! In illo tempore – in jener Zeit nahm Jesus den Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, mit sich auf einen hohen Berg. Und da ward er vor ihnen verklärt. Und sein Antlitz leuchtete wie die Sonne. Und es erschienen Moses und Elias und redeten mit ihm. Da sagte Petrus zu Jesus: »Herr, hier ist gut sein. Wenn du willst, bauen wir hier drei Hütten, dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine.« Wo klingt dieses Evangelium schöner? Da sind sie ja, die Petrus, Jakobus und Johannes, hier oben, fern der trüben Welt, auf dem Tabor! Und sie hören Gott ganz nahe aus den Wolken rufen, wenn es blitzt fast an ihr Haar, wenn es donnert in ihr Gebein. Und sie haben hier drei Hütten gebaut, dem Herrn aber ein besseres Kapellchen. Und wenn sie herunterschreiten vom Berge wie die Apostel, dann heißt es auch: »Saget niemand, was ihr gesehen habt!« Nein, nein, wir verraten es nicht, wie zufrieden, wie allein und wie nahe wir der Ewigkeit sind! Wer lange Zeit unter diesen Einsamen weilte, würde ihre Sprache allmählich ordentlich verstehen. Und da würde er mit Staunen bemerken, daß diese Leute im ernsten feierlichen Reden die Sprache der Heiligen Schrift wunderlich schön und unbewußt gebrauchen. »Und ich sage dir, so ist es. – Wahrlich, wahrlich, wir müssen sorgen, daß Giovanni, der Hirt, einen Knecht bekommt. – Es ist nicht möglich, daß er allein so viele Schafe hütet. – Gebt dem Knecht, was rechtens ist, und behaltet, was euch gebührt! – Unser Vater, der in den Himmeln ist, schirme dich, Kindlein! Er hat jedes deiner Haare gezählt. – Geh im Frieden, Pilger!« – Glaubt man nicht, im Lande der Patriarchen zu wohnen? Es ist leider wahr, ich könnte doch nicht hier bleiben mit meiner Unruhe in den Füßen und Fingern. Ich bin verdorben von der Welt. Diese Einsamkeit ist zu gewaltig für einen, dem der Tingeltangel der irdischen Narrengasse alle Nerven zerrüttete. Aber ich beneide euch. Ich möchte sein wie ihr, Menschen zuhinterst und zuoberst auf Erden. Ich möchte mich an diese Einsamkeit gewöhnen, ehe die große Einsamkeit des Todes mich zwingt – gern oder ungern – einsam zu werden. Nimm den Sack, Tieco! Avanti! Und vorwärts zu den sibyllinischen Gipfeln! Wo liegt Italien? Wo liegt Italien? – Die allermeisten wissen es nicht recht. – Von den sibyllinischen Bergen her aus dem Nera- ins Velinertal hinüber und auf Rieti und Aquila zu ist eine Strecke von wenigen kurzen, schönen Tagmärschen. Man läuft eine Straße ab, hart und schneeweiß wie alle Straßen da unten, an den Lehnen prachtvoll gemauert und schwungvoll über Bäche oder Runsen gehoben. Jedoch, sowie wir den weiten Verkehrsweg abkürzen und quer durch Nebentäler gehen wollen, sind es sogleich nur noch Sträßchen. Und übersetzt man nun gar eine Hügelkette – Berge nennt man sie hier –, um gleich ins jenseitige Tal zu gelangen, so hat man bald nur noch Fußtritte von Hirten oder Stapfen von Ziegen und Maultieren und befindet sich nach einer Stunde schon wieder in weglosen Steinhaufen oder an schlüpfrigen, dürren Ränften. Selten geht es höher, als achthundert Meter. Aber das genügt, um einen halben Tag und mehr toteneinsam durch eine gewaltige Stille des Lebens zu gehen. Im Norden haben wir das nicht. Steigt man dann hinab ins neue Tal, so grüßen schon nahe herauf schimmernde Kalkstädtchen, halb Stein, halb Mauerwerk, und noch einige Schleifen tiefer die alten Marmorvillen aus schweren, schwarzen Zypressengärten. Wo ein wenig Wasser die Bergfalte niederträufelt, da breiten sich unverweilt ganze Wälder von Büschen, wildem Obst und zahmen, gütigen Fruchtbäumchen aus. Und immer gelber, dünkt uns, werde die Sonne und immer würziger und dichter die Luft. Fast hört man schon den großen alten Atemzug Roms. Wer solche Gänge nicht kennt, kennt Italien nicht. Italien präsentiert sich auf dem Markusplatz und prahlt vor Sankt Peter und predigt Geschichte vor dem Palazzo Vecchio und tanzt am Kai von Neapel. Aber das ist alles ein bißchen Bühnenitalien. Man hört den gelehrten Souffleur, der alles gar zu gut auswendig weiß, Historie, Kunst, Poesie, und man hört das Ah und Oh und Händeklatschen des internationalen Publikums vor den Kulissen. Das stört. Aber noch mehr, mitten in der Musik der Orlando di Lasso-Sprache fallen greuliche Mißtöne: englische Heiserkeit, französischer Nasenkatarrh, deutscher Husten. Und schließlich, bei all den Herrlichkeiten fragt man: ja, habt ihr denn nur Säle, liebe welsche Brüder, nur Kirchen und Museen? Besteht Italien aus alter Malerei, altem Marmor, Garibaldistatuen, Priestern, Kutschern, Bettlern und Trinkgeldern? Ist das alles? Wo liegt Italien? In der Tat, Neapel und Venedig sind seine schönen Augen, Rom ist seine ernste Stirne und Florenz sein blühender Mund. Bologna ist ein, Genua der andere Goldfinger seiner feinen Hände. Mailand und Turin sind seine rüstig ausholenden Füße. Die Riviera ist sein Lachen, und die Abruzzen sind seine wilden Krausen. Aber wo ist sein Herz, sein innerstes, tiefstes, warmes Herz? Von Hunderten, die nach Italien gehen, haben vielleicht neunundneunzig das echte Italien nicht gesehen. Sie standen vor dem Gemälde Italien, aber nicht vor dem lebendigen, menschlichen Italien. Sie sahen den Salon, aber nicht die Stüblein und Kammern, nicht die Herzen Italiens. Ich habe zuerst nicht das Spotten verhalten können, als ich die elenden Geographiekenntnisse der Italiener erfuhr. So viele wußten nicht, wo meine kleine Alpenrepublik liege, und es war schon wunderbar, wenn ein gescheites Mädchen, nachdem ich ihm meine Schweizerstadt genannt hatte, die Achseln fröstelnd zusammenzog und sagte-»Ach, ja, dort, Zurigo, unter finsterem Wald und Schnee und wildem Getier, puh, dort!« Auch das eigene Land kennen sie nicht zum besten. Sie werfen Parma und Pisa und Padua und Pavia ungeniert untereinander. Selbst am Hauptbahnhof in Rom hat man mich von Schalter zu Schalter geschickt, als ich nach einem gar nicht fernen und gar nicht unbekannten Städtchen Anticoli Corrado über Tivoli und die Verzweigung Subiaco fahren wollte. Niemand wußte mir die Station, wo ich aussteigen mußte, anzugeben. Aber was soll man sich darüber aufhalten? Wegen einer Stadt oder eines Dorfes? Wenn wir Nordländer mit einem jahrzehntelang abgerackerten Sümmchen Geld Südlandferien machen – nennt man es nicht so? – und Reisebücher kaufen und tischbreite Karten und Stadtpläne ausspannen, und wenn wir dann hinunterfahren ins mittägliche Land und schwitzen und hetzten und studieren und notieren und ein mühseliges italienisches Kauderwelsch dazu reden, – – und dann doch noch immer nicht wissen, wo Italien liegt, sind wir dann hellere Geographen? Wahrhaft, ich übertreibe nicht. Wer von Basel nach Zürich und Luzern und Genf fährt, in jeder Stadt ein paar Tage hockt, durch Kirchen, Bibliotheken und Zeughäuser läuft und am Ende noch in Altdorf den Wilhelm Tell aufführen sieht, der kennt die Schweiz darum noch lange nicht. Hätte er sich für zehn Tage in ein Entlebucher Dorf eingenistet oder hätte er im Appenzellischen eine Woche unter Hirten und Geißen am Säntis zugebracht, bei Schotten, Käse und dürren Zwetschgen, und hätte er dann einer Alpstubete beigewohnt oder einem Meiringer Hosenlupf: er hätte mehr von der Schweiz gesehen, als aus sieben Münstern und siebzig Turmbesteigungen. So verhält es sich auch mit Italien. Eine Wanderschaft durch Gebiete, wo keine Eisenbahn fährt und keine Kurorte sich breitmachen, offenbart dir das Herz des italienischen Volkes weit besser als das Straßenleben seiner gekuppelten und getürmten Hauptstädte. Wo liegt Italien? Abseits in Umbrien, in den kalabrischen Nestern, in den Dörfern der Marken, im zerstreuten toskanischen Hügelland, in den lombardischen Maisfeldern und den venetischen Fischerstädtlein, aber vor allem in den Abruzzentälern, wo ich jetzt auf und nieder gehe. Da hörst du kein anderes Wort als italienisch, und auch dieses kann nur der Pfarrer buchmäßig sprechen. Was man da ißt und trinkt und womit man sich kleidet, ist vom Eigenen. Was für einen Wein schluckt man da aus Tonkrügen! Es ist ein starker, blauroter, erdschwerer Saft, der wie dickes Blut in den Leib strömt. Und was für Bilder hängen da in den dunkeln Stuben! Die längst entschwundenen Päpste Gregor XIV. und Pius VIII., und Garibaldi als blutjunger Freischärling und ein zopfiger König von Turin. Auch das mutet eigen an, wie man sich nur beim Taufnamen auf der Straße anredet, und wie abends das ganze Dorf in die Gasse hinaushockt oder liegt und laut plaudert und nichts vor den Mitbürgern geheimhält. Die Straße ist die allgemeine Stube, voll Werktagsarbeit und Kindergeschrei schon am Morgen, voll Schnarchen und Träumen nachts. Im Kirchlein betet alles ordnungslos durcheinander, einzelne singen, ein Kätzlein miaut, und Vögel fliegen zwischen den Rippen des Chorgewölbes wie in einem Baumgeäst auf und nieder. Ei, wie führen sich da die Altarbuben um den Opfertisch herum auf! Einmal wie kleine Teufel und einmal wie kleine Cherube. Im ganzen Dorf hat nur der Wirt eine Uhr, aber eine steinschwere, an einem Lederriemen. Die Sekunden weist sie nicht. Der Pfarrer besitzt eine Stockuhr, deren Pendel seit Jahren stillsteht, und am Kirchenturm, den die Buben schon von außen an den vorspringenden Steinen und Haken bis zum Schalloch erklettert haben, sieht man nur eine Sonnenuhr. Die frechsten Kletterer haben sogar ins gemalte Zifferblatt ob dem Glockenfenster ihren Namen und eine spöttische Nase gekritzelt. Das italienische Singen lernt man nur hier kennen. Es ist schwer, davon richtig zu reden. Tief und düster wie der Dudelsack klingt es zumeist, mit ein paar mehr schrillen als freudigen Pfiffen und Triolen dazwischen und einem flüchtig dreinfallenden Geplätscher und Geschäcker, als spotteten Gassenkinder. Aber der dunkle Strom von Mollakkorden erstickt den lautesten Kerl. Man versteht nur langsame, lange Wörter vom Text. Es ist mehr Naturlaut als satzlicher Vers im Lied, ähnlich dem Jodel der Alpen. So singt man in den wilden Abruzzen. Aber in den Tälern von Umbrien, auf Rieti und Rom zu, ist das Singen schon lebhafter, schon ein bißchen Oper. Ein Bursche fängt an mit der Kehlkopfstimme, dann choralen die Bässe drein, dann trillert eine Jungfer mit rotem Kopftuch hochauf wie ein Rotkehlchen, zum Necken oder Tändeln, man weiß es nicht. Tief und schwer antworten die Männer darauf, daß man an den Chor der Alten in der griechischen Tragödie denken muß. Der Vorsänger kann sich an dieses Maß nicht halten. Er ist der eigentlich Handelnde und Held und jubelt und jammert unbändig. Die Jungfer geht ihm mit ihren Soprannoten nach, einmal als suche sie ihn zu verstehen, einmal als äffe sie ihn nach, einmal als schmähe sie ihn mit klingend giftigen Worten. Er verzweifelt, sie lacht. Er droht, sie schmollt. Er wütet, sie duckt sich und schweigt zuletzt. Aber unter allem fließt die dunkle Männerbegleitung wie ein tiefer Fluß. Er und sie sind darauf das lichte und dunkle Schiff, die sich befehden, suchen, trennen und wiederfinden. Nach und nach geht das alte Thema in einen Stegreif über, alles wird Improvisation, der Sänger erfindet neue Strophen und Situationen, und sie sekundiert in ebenso geschickter Eingebung. Die Knaben auf den Knien lauschen mit offenem Mund und gleißenden Raubtierzähnen, und ihre runden Mohrenaugen glühen immer dunkler. Die Mädchen aber stehen auf der Mauer und versuchen leise mitzuspielen. Es wird schattig. Sterne flimmern auf die Köpfe nieder. Von den Bergen die Kühle und von den luftgefächelten Gärten der Pfirsichduft schweben über uns. Der Sang wird dünner. Die zwei Gegenspieler verstummen. Der Chor fließt langsam aus. Da und dort löst sich eine Gestalt vom Haufen, jetzt zwei, jetzt drei mitsammen. Gute Nacht! Aber dann, wenn alles still ist und selbst die ewigen Zikaden schweigen, sieht man noch ein Knabenauge glühen. Unendliches Wachsein ist in ihm. Oh, Ernesto Bigio wartet aufs Leben, wo das alles wahr wird, was ihm jetzt vom Hassen und Lieben so abenteuerlich singt. Oh, er will mittun, an beiden mittun, daß einst die Dörfer abends auch von ihm singen und allen kommenden Buben die Zähne gleißen vor Durst nach gleicher Lieder- und Lauscherehre. Das Leben ist von einer großartigen Einfachheit. Immer Reis oder Mais mit Öl und Wein oder wilden Früchten; hartes Brot, Kürbisse in Essig, Ziegenkäse und zuletzt etwas hartes, geräuchertes Fleisch. Du findest keine Zeitungen und keine Bücher hier, keine Brunnen als die Bäche und Zisternen, keine Musik als die Handorgel oder Holzpfeife, keinen Mann, vor dem man sich beugt als den alten Pfarrer, keinen Doktor als den Mesner mit seinen Kräutersalben, keine Laden, noch Handwerker, keine Arbeiter, nur Hirten. Und das geehrteste und ersehnteste Feierkleid ist ein schönes, feines, unbefleckt weißes Ziegenfell. Man hat hier kein Zahnweh, kein Kopfweh, kurz keine Nerven. Stundenlang kann man im Steinflur des Hauses oder unter der Türe liegen und vom Mittag bis Vesper wie eine Katze schlafen. Schreiben können in diesen oberen Tälern, von denen ich rede, nicht viele Hände. Nur wer will, geht zum Pfarrer oder Maestro in die Schule. Ein paar Wochen im Jahr. Was lernt man? Zehnmal zehn sind hundert. Die Erde ist eine Kugel. Der Mond ist nur ihr kleiner folgsamer Kamerad. Italien hat einen König und den Papst der ganzen Welt. Aber es ist weit zu ihnen nach Rom. London ist die größte Stadt der Erde. Die Russen sind ein Volk im Schnee. Sie tragen hohe Pelzmützen wie Türme. Aber die Chinesen sind gelb und haben Zöpfe. Jeder Brief fängt mit Herr an und endet mit Diener... Das lernt man und noch einige große Wahrheiten. Das ist genug. Bei dieser Kost behalten sie Nerven wie Seile. Was ist ihnen Dieselmotor und Aeroplan und Stenographie und Kabinettsorder und Börsenfinessen? Dummheiten. Lieber nicht lesen und schreiben können, aber dafür gesund und stark und wohlauf sein. Das Leben ist ohnehin so kurz, und gar so ein Jahr dreht sich schnell wie ein Wagenrad. Soll man es noch mit Hitze und Hetze kürzer machen? Lieg auf dem Rücken und laß es kommen und gehen! Was fehlt uns? fragen diese Glücklichen den Fremden. Kann man das Leben besser leben? Und lieben wir etwa nicht auch so tüchtig wie irgendwer und irgendwo? Geh hinunter zur Kirchhofmauer! Dort spazieren sie am Sonntag nach Vesper, Pietro und Maria, und schwören sich bei Sonne, Mond und dem größten Stern der Nacht ewige Liebe. Sie ist wie ein Feuer und er wie ein scharfer Wind. Das gibt eine hohe Glut. Rücken sie dem Pfarrhaus zu, so vergessen sie oft, früh genug umzukehren. Die alte Köchin Marina hat das Paar schon gesehen und schreit ihnen aus der Küche nach: »Schämt ihr euch nicht? He, auseinander!« Denn sie ist eine dürre, alte Pomeranze und sieht es nicht gern, wenn junge Pomeranzen anfangen zu blühen und zu duften. Und weil die zwei sie auslachen, wirft sie ihnen Seife und Bürste vom Gesims hinunter, trifft jedoch nie. Das Paar aber, nicht faul, hebt die Sachen auf und ruft: »Wir danken vielmal. Das ist das erste Hochzeitsgeschenk.« – Siehst du, Herr, was wir für Spaßvögel sind! – Da schreit Marina: »Ich sag's sogleich dem Hochwürdigen.« Und das Paar: »Geh! je bälder, je lieber! Müssen wir ja doch bald die Sponsalien ablegen.« – Da steckt die Alte den Kopf nicht mehr heraus und zerbricht ein paar Tassen vor Ärger. Sieht der Pfarrer die Scherben, so lacht er und sagt: »Ach, ich hab' ja so viel altes Geschirr im Haus!« Merkt ihr den Witz? Pietro und Maria aber spazieren übermütig weiter, und wenn sie wieder auf den Kirchplatz kommen, sind sie rot wie angeblasene Kohlen und lachen dunkel ins Pflaster hinein und reden kein Wort mehr. Ist das nicht schön? Oder sieh dir mal den Wirtssohn Michele an! Er ist vierzehnjährig und groß wie ein Baum. Da ging er zum Pfarrer und sagte: »Du, Priester Don Pol (Don Paolo), schreib' mir die Catarina Saldi auf! Schreib' sie dick in dein Kirchenbuch! Das ist meine Frau!« »Ebben«, sagt der Pfarrer und gibt dem schlanken Schlingel eine Prise von seinem scharfen Schnupf. Da er ja schon eine Braut hat, wird er wohl auch schnupfen dürfen wie ein Erwachsener. Sibilla Pagni und Taddeo Amente Hoch oben in Pigni, halb einem Ziegen-, halb einem Menschennest, prahlten die Leute an einem Feierabend mir, dem Fremdling, vor, wie sie alles besser hätten als die Menschen in der Tiefe: Wir haben Milch genug und süßes Wasser und Käse und Wein und weiche Kleider aus Pelz. Wir leben ohne Tränen und sterben ohne Krankheit, und wir schlafen viel und gut. So gut, wie wir, kann niemand schlafen. »Aber, liebe Leute«, fragte ich, »könnt ihr auch lieben?« »Eh, Signore, du kommst uns recht. Weißt du nichts von Sibilla Pagni?« Ich schüttelte den Kopf. »Und von Taddeo Amente?« »Nein, Freunde!« »Dann weißt du nichts von Amore!« Und nun erzählt man, bald mit einer, bald mit drei und vier Stimmen zusammen, in einem Abruzzendorf ohne Uhren, Schulbücher und ohne ganze Hosensäcke, unter einer offenen Steintüre, bei einem Topf Wein, eine Geschichte junger, liebender Leute, die viel zu schön ist, als daß ich daraus eine korrekte deutsche Novelle spinnen könnte. Webe dir sie selber aus! Ich reiche dir nur den Faden, wie die Abruzzenleute ihn mir gesponnen haben:   Dall’ Amore Das dunkle Mädchen Sibilla Pagni liebte den weißflockigen Taddeo Amente schon von klein auf. Die Pagni haben zehn Schafe und zehn Ziegen. Aber Taddeos Vater hat nur zwei Schafe und zwei Ziegen. Da gibt es keine Heirat, sagt der alte Pagni. Und so ist es in diesen Dörfern. Man kann nur mit gleich viel Schafen und gleich viel Ziegen heiraten. Wer aber noch Esel und Rinder hat, der heiratet keine Schafe und keine Ziegen. Das wäre ja zum Lachen. Aber Sibilla rechnete gar nicht mit den Tieren. Ihr galt nur der schöne Mensch Taddeo Amente. Sie ließ ihn nicht los. Nur für ihn hatte sie Augen und Gebete und sang zu keinem Lied, wo er nicht mitsang, und trank aus keinem Napf, wo er nicht vorher mit seinen frostigen Lippen getrunken hatte. Sie war rotwangig und rund und saftig anzusehen wie eine der vollen roten Nelken im Pfarrgarten. Er aber war bleich und schlank und still und rauh wie eine der Steinnelken droben am Pratimonte. Nie sagte er ihr ein warmes Wort. Er mied sie und verzog den Mund, wenn sie neben ihm saß. Da mußte sie ihn nach und nach fürchten. Aber sie liebte ihn darum nur noch mehr. Wenn er seinen Bock und seine Geiß zum Bache trieb, hatte sie früher auch ihre fünf Paare zur gleichen Tränke geführt. Da sagte er einmal mit unaussprechlichem Hohn in seiner harten, kühlen Larve: »Schau, das reicht gerade für fünf Hochzeiten und kein Fetzlein mehr. Addio!« Und er lief unter Geißelknallen mit seinem Vieh an eine andere Wasserstelle. Da nahm Sibilla am folgenden Tage nur die zwei magersten Ziegen an den Bach und wartete mit klopfendem Herzen, was er ihr nun Gutes sagen werde. Taddeo aber kniff die sonnendürren Lippen noch giftiger zusammen und meinte: »Sind schon so viele Schätzchen zusammengekoppelt?« »... Nein«, rief hier ein Bube in die Erzählung, »nein, Taddeo sagte: zusammengekuppelt! Das ist böser...« »... Zusammengekuppelt, ja!« bestätigte es im Chor. Das tönt viel schlimmer. Aber weiter, weiter mit der Geschichte! Nun ja, das sagte Taddeo, und von nun an nahm er seinen kleinen Halbbruder Felice mit ans Wasser. Jedoch wenn die Töchter und Jünglinge im Mai in die obersten Bergweiden zogen, dann konnte es nicht fehlen, daß Sibilla und Taddeo oft zusammentrafen. Und einmal, als im Reihen viel Prächtiges gesungen und dazu ein heftiger Wein getrunken worden war, lief die Jungfer... ich weiß nicht vor Elend oder in einem kleinen Räuschlein.... dem alten Knaben nach und kniete vor ihn und sagte wie kleines Kind: »Taddeo, ich kann nicht leben ohne dich. Lieb' mich doch auch ein bißchen.« Darauf fragte er frostig: »Dummes Ding, wie heiß' ich denn, sag'!« »Amente«, erwiderte sie einfältig. »Siehst du, Gänslein, das heißt, ich habe keinen Sinn für solche Narrheit, ich fühle nichts. Amente!... So heiß' ich, so bleib' ich! Addio!« Und er schlenkerte mit den mageren Beinen bergauf zu den Gespanen zurück. Aber er ging auch mit keinem andern Mädchen. Von jenem Kniefall an traf man ihn nie mehr unterwegs ohne den kleinen Felice neben sich. Sonst saß er daheim bei seiner alten Großmutter Zura und besserte am wackeligen Häusel herum. Nun traf es sich anfangs Juni, als man das Vieh in den obersten steinigen Triften grasen ließ, bevor die Sonne alles verbrannte, daß ein ungewohnt langer Regen in die Täler goß. Wochenlang. Es ward so kalt auf den Höhen wie im Christmonat. Man trieb das Vieh wieder Schritt für Schritt ins Dorf hinunter. Taddeo, immer blank und frisch wie ein Eiszapfen, fror noch lange nicht. Er blieb. Seine Tiere würden so allein da oben ein wahres Festfressen haben. Da wartete und wartete auch Sibilla mit ihrer Herde und ließ alle Hirtenschaft voraus, um mit Taddeo allein hinunterzugehen. Wenn er im ganzen Heimweg auch keine Silbe redete und immer auf die andere Seite blickte, einerlei, einerlei! Wenn sie nur mitgehen und hier und da einmal seinen schönen, flinken Schatten streifen durfte. Sie hütete etwas tiefer unten, an einem Durchpaß, wo Taddeo durchaus vorbeiziehen mußte. »Warum liebst du den Bub so blind?« fragte die letzte talabsteigende Hirtin das Mädchen mitleidig. »Nicht blind, sag' das nicht! Ich lieb' ihn, weil ich ihn so gut sehe.« »Du bist verhext!« »Kann sein, Maddalena, kann sein. Mit Milch verhext! Willst du wissen wie?« »Sag'! Das wundert mich.« »Taddeo und ich sind am gleichen Tag geboren.« »Das sind noch viele.« »Aber seine Mutter ist an der Geburt gestorben. Und meine Mutter war krank und schwach. Da trug man uns zur dicken Linda, der Amme. Und die ließ zuerst Taddeo und dann mich trinken. Er immer zuerst, weil er so dünn war; ich immer zuletzt, weil ich schon rote Backen hatte.« »Ja, ja, davon wird es rühren. Aber dann soll er dich doch auch lieben. Die gleiche Milch, Sibillchen!« »Oh, er liebt mich. Er zeigt es nur nicht. Er ist viel zu stolz!« »Närrchen...« »Nein, ich weiß es. Laß mich allein. Du sollst nicht lachen. Du wärest froh, wenn du Sibilla Pagni wärest.« »Wie kann man so groß und so dumm sein«, schrie die andere fast zornig. »Jetzt weiß ich, du bist verrückt.« Sie lief hinunter, um den andern vom tollen Glauben Sibillas zu erzählen. Und die Hirtin da oben wird einsam. Sie wartet und bohrt die großen, schwarzen Augen in den Nebel hinauf, woher er kommen mußte. Endlich tauchte etwas aus dem großen Rauch, aber ward je näher, je kleiner. Es war Felice, der allein aus dem Nebel abstieg. Nur drei Tiere folgten ihm. »Wo bleibt Taddeo?«fragte sie scheu. »Wir haben den Widder verloren. Er verfriert oben, so kalt ist's.« Dem Bübel dampfte bei jedem Wort der Atem zwischen den blauen Lippen hervor, dem Jüngferchen ins Gesicht. 's ist sein Bruder, dachte sie und sog ihn glücklich ein. »Ich will ihm helfen suchen«, sagte Sibilla fast im Tone des Bettelns. Denn schon zog auch das Brüderchen eine krause Stirne, genau wie Taddeo, schüttelte den schafgelben Schopf und sprach, indem er sie mit den zwei blitzend blauen, kalten Augen kaum streifte: »Du, das macht Taddeo schon allein!« »Sag', was du willst«, schrie ihm das Mädchen in den Nebel nach, »aber ich helf' ihm. Es wird ja Nacht. Weiß Gott, ob es nicht zu schneien kommt!« Sofort lief sie hinauf, nachdem sie noch ihre Herde unter einen Felsen geschirmt und warm zusammengekoppelt hatte. Sie lief von einer wilden Höhe in die andere, noch wildere, vom Nebel fast blind, während der Wind ihr das Haar in wilden Schlangen auseinanderriß. Zuweilen stand sie still und horchte. Aber sie wagte nicht zu rufen, weil sie fürchtete, wenn er sie höre, verberge er sich geflissentlich. Höher und höher stieg sie. Schon lange war das letzte Hirtenhorn der zu Tal Ziehenden aus der Tiefe verstummt. Ringsum lag Nacht und Bergbrausen. Bissige Hagelkörner schossen herum. Endlich ließ der Sturm ein bißchen nach, und es fing an, in dichtern Flocken zu schneien. Wie Tücher wehten sie nieder. Da vernahm Sibilla nun auch ganz nahe das Trappeln eines Tieres. Es war der verlorene Schafbock. Aber Taddeo sah man nirgends. Jetzt rief sie gewaltig: »Taddeo, Taddeo! Ich habe deinen Bock gefunden. Ich halt ihn fest, komm!« Sogleich hörte sie ganz nah und trocken irgendwo vom Boden heraufsagen: »Ich kann jetzt nicht aufstehen. Tu' mir den Widder heim! Das ist das Gescheiteste!« Aber das Jüngferchen tastet im Dunkel der Stimme nach, bis sie Taddeo neben einem Steinblock findet. Er ist darüber gestürzt und muß etwas gebrochen haben. Denn er hat es vielmal versucht, aber kann einfach nicht aufstehen. »Laß mich liegen, ich liege ganz bequem«, befiehlt er stolz. »Führ' du nur den Bock heim, wenn du so nützlich sein willst. Du kannst auch dem Onkel Simone sagen, daß man mich morgen holen soll!« Nach einem Weilchen fügte er bei und stotterte ein wenig: »Ich danke dir dafür!« »Laß mich bei dir wachen?« flehte sie. »Ich brauche niemand, mach' dich weg!« Da gehorchte sie und packt den Widder am Halsband. Aber vorher nimmt sie ihr Fell und ihre Decke von der Achsel und wickelt den völlig machtlosen Jüngling darin ein, wie grimmig er auch zürnt und schimpft. Unter den blonden Kopf legt sie ihm ihr Haarmützchen und ihre Überjacke. So macht sie ihm ein kleines Nest in der steinigen Bettstatt. Halb entkleidet springt sie mit dem Tier davon. Aber schon nach zehn Schritten muß sie abstehen. Es ist unmöglich, eine Richtung nach Ost oder Süd zu finden. Die Nacht und der Nebel und das graue Geflock weben eine undurchdringliche Finsternis. Taddeo begreift das. Ein paar Stunden hockt sie neben ihm in der Nässe und durchdringenden Kälte. Es schneit immer dichter. All der Nebel scheint sich in Schnee aufzulösen. Ganze Schwaden fallen nieder. Taddeo redet kein Wort. Stundenlang hört er ihr Atmen kaum. Sie rührt kein Glied. Diese Hexe, diese heillose, himmlische Hexe! Wird man ihr nicht Meister? Er liebt und haßt sie. Endlich, da sie ihm die Flocken abwischt und die Felle enger wickelt, flüstert er: »Hast du mich denn so gern?« Sie will etwas antworten. Aber es würgt sie zu sehr am Hals. Es schneit und schneit unaufhaltsam. Wohin man langt, ist nichts als Schnee. Trotz Decken und Jacke friert Taddeo. Die Schmerzen im Rücken bohren wie Schrauben. Er fiebert. Seltsame, verdrückte Silben stößt er aus. Da stützt sie sich mit beiden Armen über ihn, wie ein Hausdach, so daß kein Schnee mehr über ihn fallen kann. Alles, was danieder flockt, nimmt sie mit Kopf und Rücken auf. Naß ist sie bis auf die Haut. Aber sie fühlt keine Kälte. Sie liebt ja. Taddeo klappert mit den Zähnen. Er redet irre, ruft erbärmlich die heiligsten Namen, Iddio, Madonna und dann... auch Sibilla. Da, halb in Todesangst um ihn, halb in eigener Gliederschwäche, sinkt sie über Taddeo hin. Sanft und barmherzig wie ein warmer Mantel legt sie sich über den Jüngling. Von jetzt an ist er still, wie wenn er schliefe. Sie deckt ihn, wie eine Schwester den Bruder in der Not deckte. Nach Mitternacht hört das Schneien auf. Der Himmel schaut eiskalt mit glitzerigen Sternenaugen auf das merkwürdige Paar herab. Der Schnee wird hart. Sibilla fühlt ihre Ärmel, ihren Rücken steif werden. Einerlei, ganz einerlei! Sie merkt, wie sie nach und nach starr wird, wie ein Holz oder ein Eiszapfen. Einerlei, ganz einerlei! Sie weiß nicht mehr, wo ihre Füße sind. Aber sie hat immer noch Wärme genug, ihm das kalte Gesicht anzuhauchen und zu wärmen. Sie fühlt seinen schnellen, kurzen Atem, sie riecht seinen jungen Mund. Sie könnte ihn jetzt küssen. Tausendmal hat sie davon geträumt. Jetzt wäre es erfüllt, wenn sie die Lippen nur leise neigte. Er hätte es vielleicht gern. Aber nein! Diese Nacht ist sie nur Schwester, nur Mutter, nichts anderes. Soll sie seine Braut sein, dann morgen, wenn er gesund und wach und stark ist. Aber er muß es zuerst sagen. Taddeo scheint zu träumen. Er lispelt etwas durcheinander, bald von dem Widder, bald von Bruder Felice und von der Nona , bald ruft er die Schäferhunde, bald die Hirten an, daß sie sich doch ein wenig sputen. Plötzlich sieht er mit den dunkelblauen Augen zu Sibilla auf, als sei er wach und klar und mild geworden und bittet mit der Stimme eines Kindes: »Wenn du mich also so gern hast, Mädchen, so gib mir jetzt deinen Mund, daß ich dir danken kann.« Sie gewährt es ihm nicht. Jetzt ist sie stolz. Aber, was sie kann, tut sie. Er fühlt ihren Atem unterm Kopf, ihre Hand an seiner Wange, ihre Seite an seiner Seite. Und die Sterne scheinen ihm plötzlich zu lachen und die Winde in der eisklaren Luft wie Harfen zu klingen, und indem er lallend wiederholt: »Ich will dir ja nur danken... danken...« schläft er ein. So finden ihn mit Laternen und Hunden die Hirten. Sein spröden Gesicht ist wie in Tau aufgelöst, weich und gütig. Er schläft noch. Und sorglich deckt ihn die starre, in Eiskrusten wie in einem Silbergewand leuchtende Sibilla. Auch sie schläft. Sie sieht aus wie eine schneeweiße Henne, die über ihrem Kücklein das Gefieder verspreizt und im Schlafe noch sich sorgt und kümmert, daß es keine Blöße leidet. Man trägt die beiden heim, und da erweist es sich, daß Taddeo in wenigen Tagen wieder gesund und behend herumwandelt wie zuvor. Ja, er ist eher noch schlanker und schöner geworden. Aber Sibillas Füße sind erfroren und ihre hübschen Händchen sind steif. Sie kann zeitlebens keinen Schritt mehr gehen. Ihr Gesicht ward wieder rot und duftig wie eine Nelke im Pfarrgarten. Aber ihre Finger bleiben verschrumpft und ihre zierlichen Zehen bleiben verbogen wie Wurzeln. Alle Schafe und Ziegen bis auf zwei mußte Vater Pagni verkaufen, weil Sibilla in die Stadt zum Doktor mußte. Vielleicht konnte man ihre Glieder noch retten. Zuerst verkaufte er nur zwei Paare und war immer noch sehr stolz gegen Taddeo Amente. Aber der Doktor vermochte nichts mit der ersten Kur und versuchte eine zweite Methode, und da hieß es wieder zwei Paare verkaufen. Nun ward der Pagni bescheidener und nahm Taddeos Gruß ab. Zum dritten probierte der Doktor es mit Magnetismus, und das kostete wieder zwei Paare. Nun grüßte Pagni den Burschen Amente zuerst auf der Gasse. Beim Dampf- und Schwitzsystem, das Dottore Marchi als letztes anwandte, kamen noch zwei Ziegen und Schafe aus dem Stall. Jetzt ging der Vater nach dem Aveläuten zur Nonna Zura Amente hinüber und sagte: »Frau, Taddeo sollte eigentlich meine Tochter heiraten oder mir als Knecht dienen. Das ist er uns schuldig.« »Sag' es ihm selber!«wehrte die Greisin ab. Aber dem jungen, wortlosen, bleichen Menschen wagte er kein Wort zu sagen. Und als Sibilla von der weisen Arzneistadt in der Ebene zurückkam, ein Blumengesichtlein in einem Haufen Verkrüppelung, da brachte er erst recht kein Wort von Heirat mehr hervor. Nein, solche Menschen sollen nicht heiraten. Nach zwölf Wochen wird Sibilla das erstemal in einem zweirädrigen Wägelchen in die Kirche gerollt. Es ist Sankt-Anna-Fest. Hier sehen sich seit der so bittern Nacht die zwei Leutchen Taddeo und Sibilla zum erstenmal wieder. Der Pfarrer hat eine tapfere Predigt gehalten und die Messe gesungen und das Weihwasser gesprengt und beim letzten Schwung des Wedels gesagt: »So gehet hin im Frieden!« Da stellt sich Taddeo vor ihn mitten in den Gang, wird schlanker und bleicher und zugleich gewaltiger als der Sankt Michael auf dem Altar und ruft: »Don Paolo Brusa, verkündet Sibilla Pagni und mich, Taddeo Amente, als Hochzeiter!« Steif und ungläubig glotzt alles Volk den Jungen und das Krüppelchen an und kann sich nicht fassen. Sibilla deckt das Gesicht mit den dürren, krummen Fingern und schreit wie ein kleines Kind: »Ich will nicht, ich will nicht. Ich bin ein Krüppel. Taddeo ist schön wie ein Engel und muß auch eine schöne Frau haben!« »Aber ich will«, sagte Taddeo mit unwiderstehlicher Stimme. Mit einem Ruck hebt er Sibilla auf die Arme, leicht, als hebe er ein Vögelchen aus dem Nest. »Nimm Lucia Bonati«, piept das Vögelchen, »sie ist jung und schön und gesund und blickt dir nach, wo du stehst und gehst.« Ihr ist es bitter ernst. Sie stemmt und sträubt sich und bittet und weint. Und die Bonati springt hurtig aus den Bänken, die Augen voll Liebeshunger, und schreit: »Da bin ich! Da bin ich!« Aber Taddeo stößt sie verächtlich mit dem Ellbogen von sich und legt dafür sein lahmes Vögelchen vor den Altar nieder, zu Füßen des Pfarrers, und kniet daneben, aber hält Sibilla mit den Armen gerade so, wie sie ihn einst gestützt und gedeckt hat. »Hast du ein Gelübde getan?« fragt Don Paolo mitleidig. »Dann sag' ich dir, Taddeo, daß selbst ein Eid dich nicht mehr bindet. Denn du hast der gesunden Sibilla, nicht dieser siechen zugeschworen.« Aber Taddeo schüttelt den Kopf. Dann beugt er sich zum herrlichen Duldergesichtlein nieder, küßt es vor allen Kirchenleuten und vor dem Pfarrer und der Madonna kräftig auf den Mund und gebietet: »Pfarrer, gebt uns zusammen! Ich will es so, punktum. Ich liebe sie.« »Aber, aber...« stotterte Don Paolo noch immer und zeigt auf die krummen Glieder der Jungfer. »O das tut nichts! Ich habe Hände und Füße für uns beide!« »Das ist wahr«, gesteht der Pfarrer mit einem bewundernden Blick auf den großmächtigen Jüngling. »Und sie hat dafür ein Herz für Hunderte, so stark.« »Auch das ist wahr«, bekannte der Priester, indem er Sibilla musterte und sich vorstellte, wie dieses kleine Geschöpf so eine große Tat droben auf Pratimonte vollbracht hatte. »Ja, es ist wahr«, scholl es vielstimmig durchs ganze Schiff hinunter. »Sie hat ein Herz für Zwei, für Hunderte, für Tausende. Sie hat ein Herz fürs ganze Dorf.« Und so wurde es denn Wahrheit: seine Hände und Füße und ihr Herz zusammen schlossen eine prächtige Ehe. Auf dem Heimweg soll Sibilla gefragt haben: »Taddeo, sag' mir jetzt auf Ehre und Seligkeit, hast du mich geheiratet per Amore oder per Misericordia?« »Per Amore«, antwortete er sogleich und fuhr piano, piano mit dem Wägelchen über das elende Gäßchenpflaster. »Warum hast du mich denn nicht schon früher geliebt? Wo ich noch so viel schöner war?« »Ach du«, lachte er, »damals hattest du zu viele Ziegen und Schafe, fünfmal zu viel!« So spaßte er noch. Und es gab große, flinke, wetterharte Kinder aus dieser sonderbaren Ehe. »Herr, morgen ist Sonntag. Wenn Ihr um acht Uhr daher steht, könnt Ihr sie beide sehen. Drei Buben und der Vater gehen mit dem Wägelchen. Morgen wird Tito den Karren stoßen. Die Reihe ist an ihm. Und er läßt keinen andern vor.« * »Und nun, Herr, wißt Ihr, ob wir lieben können. Hat Euch die Geschichte gefallen? Gut, so erzählt uns jetzt auch eine!« »Ich weiß keine«, sagte ich demütig ganz leise, und schwieg. – Was der Hausierer Marcote erzählt Die Häuschen von Prigni liegen frech wie ein Habichtsnest in den obersten Hängen der Montagna Buroglia auf einer grauen Felskrönung, drei scharfe, steile Wegstunden vom letzten Zipfel einer Straße entfernt. Es sind eigentlich eher Hütten als Häuser und bilden mehr ein Ziegen- als ein Menschendörflein. Auf fünf bis sechs Horntiere trifft es erst einen vernünftigen Zweibeiner. Gerade darum ist es so wunderbar hier oben. Man hat alles, was man zum Leben braucht, und keiner steht dem andern auf die Füße. Über Tag liegt Prigni totenstill da. Menschen und Tiere weilen in selbstherrlicher, bunter Zerstreuung stundenweit auf den Alpweiden, die sich in reicher Bänderung nach rechts und links, nach oben und unten durch das Steingerölle ziehen. Aber nach Vesper kehrt man heim, melkt das Vieh vor den Ställen, schüttet den Überfluß in Kessel und Tröge ab, um ihn dann nach kühler Lagerung in aller Herrgottsfrühe zum Käsen oder Buttern zu verbrauchen. Gegen sieben Uhr bekommt man Feierabend. Das Volk sitzt zusammen auf die Schwellen hinaus und hört gern einem Sang zur Handorgel, aber noch viel lieber einem Geschichtenerzähler zu. Von Poling her, einem Nest halb unten, ist so ein Mensch heraufgestiegen, der Schnüre aus Lammhaar, Seifen, Tücher, Kettlein, Gürtel und bunte, leichte Schürzen feilträgt. Er heißt Filippe Marcote und ist die wandernde Chronik des Landes, hört von allem, lebt von allem, gibt von allem. Er ist gewiß ein tüchtiger Hausierer, aber noch ein viel besserer Dichter. Gewöhnlich übernachtet er hier beim Sigrist. Jeden Monat erscheint er einmal. Dann, wenn er seine Sachen verkauft hat, am Abend, muß er erzählen. Und er täte es ungebeten. Müde vom langen Herumstolpern und Feilschen sitzt er auf dem Brunnenmäuerchen, gegenüber dem breitesten Haus im Dorf, wo wohl dreißig Menschen auf Stiegen, Söller und Gesimsen zusammenhocken können, und fängt an...   Was sind alle gedruckten und hübsch in Schweinsleder gebundenen Romane gegen die lebendige Erzählung Marcotes, des Händlers? Sie riecht nicht nach Papier und vernagtem Federkiel. Sie riecht genau wie das Leben. Das muß man nun gesehen haben, wie alt und jung aufhorcht und weder hustet noch die Nase putzt, solange das Wort klingt. Nur die kleinen Kinder schlafen zwischen den Knien der Jünglinge oder in den Schürzen der Frauen ein. Und wie alle Hörer erleben, was auf den dürren Plapperlippen des Hausierers geboren wird! Ihre Füße zittern, ihre Holzschuhe klappern, ihre großen Ohrenringe klimpern, wenn dem Helden ein Wagnis gelingt, wenn zwei schöne Menschen sich küssen, wenn eine alte müde Frau ihren braunen Sohn nach langer Soldatenzeit im gefährlichen Äthiopien schon am Schritt vor dem Haus erkennt! Aber fast immer wird die Erzählung zuletzt traurig, so daß man totenstill verharrt. Und auch Marcote, zu allem Dichten noch ein richtiger Schauspieler, schweigt am Schlusse eine lange, sehr schwere und drückende Pause lang und trinkt ernst sein Glas aus. Dann plötzlich schmeißt er eine lustige Frage in das große Loch der Schwermut, das er da geöffnet hat. Und sieh, alle Gesichter erheitern sich, alle Hälse recken sich frisch. Ob sie wollen? Den Witz hören wollen, warum die gescheiten Menschen tief unten im Land das Abc brauchen. Che si! Das wollen wir. Fang' er schnell an. Marcote machte ein kluges Zeichen gegen sein leeres Glas, nickt beim Einschenken ein wenig, schnalzt mit den Fingern und beginnt:   Wie das Abc entstand »Auf den Höhen, wo die Menschen zuerst lebten, kam es keinem in den Sinn, daß man anders als von Lippe zu Lippe reden könne. Nur, wo ein Stummer aufwuchs, sprach er mit den Augen und Händen. Man verstand ihn. Es blieb doch noch immer eine Art Sprache. Aber hier oben muß man arbeiten, wenn man leben will. Jede Arbeit ist hier ein Kampf. Mit dem Wasser, mit dem Feuer, mit dem Stein, mit Luft und wildem Tier, mit allein müssen wir kämpfen. Sonst überwältigt uns eines ums andere. Und dieses Kämpfen ist schön und lustig, und man hat es keine Stunde langweilig.« Alles nickte um Marcote herum. Haargenau so ist das Leben hier oben. »Aber die meisten Menschen wurden faul und neugierig und dumm und stiegen darum tief und tiefer bis ins flache Land und vermehrten sich unten, wo sie nicht zu arbeiten, noch zu kämpfen, nur um Essen und Trinken zu spielen brauchten, ich sag' euch, vermehrten sich wie Kaninchen. Und nun kam ein Übel nach dem andern. Die Luft ward schlecht, die Hitze groß, die Fliegenstiche entsetzlich und das Menschenleben viel kürzer. Dabei ward es langweilig zum Sterben. Wir leben nicht halb so lang, klagte man, wie einst auf den Bergen. Aber doch dünkt uns das Dasein zweimal länger. Wir müssen etwas erfinden, um das Leben auszuhalten. Wir müssen eine Kurzweil ersinnen, um darüber die ewiglange, gleichmäßige Schnur der Zeit zu vergessen. Zuerst saßen sie zusammen wie wir hier, und wollten sich die alten Lieder vorsingen. Aber siehe da, sie hatten keine schönen Stimmen mehr. Wenn sie hoch singen wollten wie du, schöne Jungfer Rosetta Galdi, dann war die Luft zu dick, und sie erstickten an der Note. Und wenn sie tief singen wollten wie du, mein lieber dicker Padrone Sakristan, der du mir immer das Glas nur halb voll schenkst...« »Hier, hier, hier, Marcote! Nein, nimm mein Glas!«tönte es von allen Seiten. »Danke, danke, gute Leute! Er ist übrigens besser, dieser Rote, als der beim Giuseppe Nati in Orvieto... Also, wenn sie tief in den Baß brummen wollten, dann war der Atem zu dünn. Der schönste Baß zerrann wie ein Sandhaufen. Eccola, jetzt wollten sie sich Geschichten erzählen. Und ihr bestes Maul fing an, mit dem schönsten Märchen, das es gibt, wisset, das von der alten Glockenfrau Sagnia, ihrem Töchterlein Bia und den sieben süßen Prinzen, vor allem dem Prinzen der großen Glocke, Mansueto.« »O si, si, splendida favola!« zittert und ruft und staunt es im Chor. »Also eine Geschichte, die man sehr leicht erzählen kann. Ich will sie euch vorsagen, daß ihr alle zuerst weint und dann wieder lacht. Ja, das will ich!«... Der Hausierer schnalzte großartig mit Daumen und Zeigefinger. »Das kannst du, wir wissen es. Fahr' nur fort, Carussim !« sagt man ringsum. »Aber ich würde nicht weinen!« schreit eine kecke Knabenstimme. Es ist Tito Amente, der lahmen Frau Sibilla jüngster, tollster Bub. »Schweig, kleiner Affe!« überschreit man ihn. »Natürlich würdest du weinen. Zu allererst! Weiter, Marcote, weiter, hör nicht auf den Knirps da!« »Weinen würde der Schuft wie ein schmelzender Bach, sag' ich. Übrigens, wenn ihr zweifelt und vielleicht...« »Jawohl, ich glaub' auch«, lenkte der kluge, bildschöne Sohn des Taddeo Amente ein. »Nicht wie ein Bach, aber so wie das Brünnlein hinter dir, lieber Zio, würd' ich wohl weinen.« Weiß Gott, ob Marcote weiter erzählte, wenn das bleiche Bürschchen nicht so verschmitzt nachgegeben hätte. Aber der Sohn der Amente hat gelogen. Er würde in keinem Fall weinen. Er weinte nicht, als der gute Großvater im Zwilchsack festgeschnürt und ins Grab versenkt wurde. Trocken und kalt und bleich blieb er. Und er weinte auch nicht, als ihm der Mesner fast die Ohren ausriß, weil er zur Unzeit die Glocke geläutet hatte. Er gleicht dem Vater. Er weint nie. »Also«, hebt Marcote wieder an, »dieser Erzähler fing an, die graue Sagnia und den Prinzen Mansueto zu schildern. Aber da habt ihr's: es kamen keine Farben und Lichter in seine Geschichte, wo doch schon die Prinzenlocken leuchten wie gekräuselte Sonnenstrahlen. Und es gab kein Lachen und Singen und Weinen in seinem Satz. Ihr könnt euch wohl denken, wo es keine Bäche und Felsen und Bergwinde hat und auch keine Aussicht weit über Himmel und Erde wie hier oben, wie will man da Geschichten erzählen? Etwa aus einer Schachtel heraus? Ich bedanke mich. Nein, es ward alles langweilig, garstig, grau, was jener Mann hervorbrachte. Man schlief ein, zuerst die Ältesten, dann die Jüngsten, dann die Frauen, dann die Männer. Zuletzt der Erzähler selber mitten in einem Satz. Wahrhaft, so ist's.« »Nur ein kleiner Naseweis, namens Tito Amente«, fuhr der Hausierer mit einem boshaften Blinzeln und Lächeln fort, »ein Fürwitz erster Klasse, schlief nicht ein. Er war viel zu trocken und so vernagelt, daß er es nie aus dem eigenen Hören herausmerkte, ob ein Geschichtlein fein oder blöd sei. Auch dünkte es ihn lustig, daß so viele Menschen da nebeneinander in Stühlen und an Tischen schliefen und ein ganzes Donnerwetter zusammenschnarchten. Und der magere Schlingel ging herum und fing Fliegen und warf sie ihnen ins Maul. Na, das war das Gescheiteste, was der Lümmel bisher getrieben hatte.« Alles lachte und zeigte mit gütiger Schadenfreude auf den wirklichen Tito Amente, der dunkeläugig am Boden lag, keine Miene verzog, aber leise studierte, wie er den Hieb recht bitter zurückgeben könnte. »... So geht es eben auch nicht, sagten die Menschen, als sie erwachten und die Fliegen ausgespuckt hatten. Wir müssen etwas anderes erfinden.« Und sie erfanden die Eisenbahnen und die Tretmaschinen und das Papier und das Zeichnen und Malen und die Brillen und die Photographie und das Klavier und so weiter, Tirli... birli... mirli... chirli... Aber darum blieb es doch langweilig. Auf und ab, auf und ab, Gähnen, Schlafen, Gähnen, Schlafen, so ging's tagaus, tagein. Und in diesem Einerlei und in der schweren, schlechten Luft und im steten Herumstudieren wurde man nach und nach schrecklich vergeßlich. Niemand wußte mehr recht, wann man von den Bergen gestiegen, niemand, wie alt man war. Man vergaß, ob es Samstag oder Montag sei, man vergaß seinen eigenen Namen, glaubt mir, man vergaß mitunter zu schnaufen, und so starben viele aus lauter Vergeßlichkeit. Da fingen sie an, in den Gurt oder Schürzenzipfel einen Knopf zu machen, wenn sie etwas durchaus im Sinn behalten wollten. Aber dann wußten sie am Abend nicht mehr, warum sie den Knopf gemacht hatten, und knoteten einen zweiten Knopf mit dem Sinne: er müßte den ersten Knopf erklären. Und für den zweiten Knopf brauchten sie einen dritten und so fort, bis die Schärpe oder Schürze nur noch aus Knöpfen bestand. Das war für einen Augenblick kurzweilig anzuschauen. Aber nachher ward man doppelt niedergeschlagen. Es ist schade um Gurt und Schürze, sagt man. Können wir uns denn nicht auf eine andere Art merken, was wir sonst einfach vergessen?... Ein Giovanni Battista Dongio wollte am nächsten Morgen eine Ziege schlachten. Da kritzte er auf ein Papier zwei Hörner und mitten drin ein Messer. Benone, nun weiß ich's! Am Morgen sah er nun das Papier und wußte sofort, daß er etwas Zweihörniges töten müsse. Nur erinnerte er sich nicht mehr, ob es eine Ziege oder ein Schaf sei. Er hatte, wißt, nur so im allgemeinen zwei Hörner gezeichnet. Das war schade. Er schlachtete nun den Stier seines verhaßten Vetters Enzo. Dafür wurde er an einen Baum gehenkt. Denn damals machte man nicht viel Federlesens. So hatte sich Battista denn leider geirrt, ich gebe es zu. Aber er hatte doch etwas Zweihörniges getötet: das ist die Hauptsache. Und dann wollte Bartolomeo Gerunde sich das Haar schneiden lassen und zeichnete etwas wie eine Mähne oder einen Besen aufs Papier. Er war stolz auf die Zeichnung. Als er jedoch am Morgen das Bild besah, blieb ihm nur noch ein Schimmer von der Idee, und er ging und rupfte dem Hahn die Federn aus. Dafür hat ihm sein Weib drei Maulschellen gegeben. Das war schon linder als Erhenken. Als er nun merkte, daß seine Zeichnung eher Haar als Federn betreffe, ging er zum Barbier und zeigte ihm das Blatt. Der hieb ihm den Bart nieder. Lacht nicht! Das war doch schon nahezu das Richtige. Am dritten Tag merkte Bartolomeo dann wie von selbst, daß eigentlich sein Haupthaar gemeint war. Und da sagte, nachdem noch viel auf diese Weise verschnitzelt worden war, ein besonders heller Kerl: Leute, warum Bilder machen? Das gibt zu viel Arbeit. Und es wird nie genau. Können wir nicht bequem Zeichen erfinden für die Bilder? Barba... capilli.... das ist nicht das gleiche. Wir sagen ihm doch auch ganz anders. So, wie wir's sagen, müssen wir's aufs Papier schreiben. B . . a . . r . . b . . a . . , für jeden andern Ton ein anderes Zeichen. Ich höre da drei Töne – Nun ging es los. Jetzt hatten die Menschen wieder etwas zu tun. Man studierte Jahre und Jahrhunderte hindurch. Zuletzt gab es a und b und c, vierzig oder hundert eigene Zeichen. Aus denen sind die Worte gemacht. Ecco, das Alphabet und das Schreiben! Von nun an, was die Menschen dachten, redeten, tun wollten, alles ward zuerst aufgeschrieben. Um es ja nicht zu vergessen, haben sie es sogar zwei- und dreimal notiert und auswendig gelernt. Wenn sich zwei Nachbarn begegnen und begrüßt haben, nehmen beide sogleich zweitausend Papierchen aus den Taschen und sehen nach, ob nichts drinnen steht, was sie einander sagen sollten. Ahi, das Alphabet ist etwas Köstliches! Bis sie die viertausend Zettel untersucht haben, vergeht eine Woche! Sie schreiben einander auch Briefe, Zeitungen, Bücher. Sie schreiben einander nicht nur, was sie sagen möchten, sie schrieben einander auch von dem, was sie einander schreiben sollten und vom Geschriebenen und..., o Gott, mir wird schwindelig, es nur zu sagen. Sie gehen nicht mehr aus. Sie stecken im Tischwinkel und schreiben. Statt zu essen und zu trinken und zu schlafen, schreiben sie. Statt zu leben, schreiben sie. Ihr Leben ist Papier... Ecco, das Alphabet! Auch sie selber sind weiß geworden und ohne Blutfärblein wie Papier. Und wenn ihr sie an den Händen nehmt, knistert es wie Papier. Wolltest du, heilloser Tito und Mädchenplager, ein Jüngferchen mit deinem Gurtmesser ein wenig am Hals ritzen, es käme schwarzes Blut, es käme Tinte heraus. Ecco, das Alphabet! Ich sag' euch, kauft keine Bücher und keine Zeitungen. Es stinkt von allem Papier schon bis hinauf in unsere schönen Berge. Kauft lieber meine roten und blauen Schärpen, dodici Soldi das Stück, und die violette Seife, Soltanto sei Soldi! Und da, die Schlinge, aih, aih, blutrot, wie sie Garibaldi in Sicilia trug, und des Königs Bub sie heut' trägt. Zwei zusammen nur cinquanta Centesimi! Kauft kein Papier! Aber kauft meine Kettlein! Wenn ihr springt darin, o Jungfern, ist es, als ob die Glocken von Sant' Andrea am Sonntag läuten. Das ist ein Abc... per Dio..., da kann man leben.« Während Marcote das sagt, hat er sein Ränzlein aufgetan und den Rest des Verkaufstages über seine ausgebreiteten Arme gehängt. Man erkennt keine Farben. Alles ist blau oder grün im Mondlicht. Aber zauberisch glitzert der Flitter. Und da und dort reißt man ihm einen Kram vom Gelenk und wirft eine Münze auf sein Knie, bis der Krämer allen Trödel los ist. Aber ei, ei, was geschieht? Hinter seinem Rücken stöbert der rachsüchtige Tito Amente im Tornister. Denn er weiß etwas Schlimmes, hat aber geschwiegen bis jetzt. Und nun streckt er beide Hände in die Höhe, beladen mit kleinen, fliegenden, am Titelblatt greulich bemalten Indianerheftchen. Er schleudert sie über den atemlosen Volkshaufen und schreit übermütig: »Jetzt seht einmal den Lügner! Da verkauft er selber Papier, pfui!« Und frech schürzt der bleiche Schlingel die Lippen und spuckt dem Hausierer vor die Füße. Der Mond versilbert dem hübschen kalten Teufel das Gesicht. Aber aus seinem wilden, blonden Haar dampft es wie feines Goldgewölk. »Was sagst du jetzt, alter Marcote! He, gib Bescheid!« fordert er und steht kühn vor dem Alten. »Was ich sage«, beginnt der Händler, nachdem er blitzschnell die Wut verbissen und den Schalk hervorgekehrt hat, »das ist kurz: muß ich nicht auch drunten im Land hausieren! Hätt' ich genug zu beißen vom Geld, das ich von euch in den Bergen kriege? Es langte nicht einmal zum Vespern. Und ich hab' Frau und sechs Kinder daheim. Da muß ich mich sputen, wenn keines verhungern soll. Verhungert wären sie alle und ich dazu, wenn mir jeder nur so viel abkaufte wie der Lümmel da. Er hat mir das Gurtmesser abgemarktet, hat mir drei Soldi zu wenig und einen falschen Quattrino gegeben. Nur schwindeln kann er und alte, ehrwürdige Leute anspucken!« Böse schauen die Leute auf den mondumflossenen Burschen. Man murrt ihn an. Aber da fliegt ein blanker Quattrino und noch einer dem Alten vor die Füße. Im gleichen, hochmütigen Bogen, wie er vorher ausspie, schmeißt Tito sein ganzes Geld hin. Und da ist alles, der Krämer zuerst, entwaffnet. »Aber du bist ein Amente, ich wußte es schon«, ändert Marcote den Ton. »Stolz, hart, ein Plaggeist für alt und jung, aber Ehre habt ihr alle, Diavolo, Ehre wie ein König im Leib. Ich danke, ich danke, lustiger Tito. Grüße mir die Mutter Sibilla und den Vater Sindaco! Aber jetzt hilf mir die Hefte zusammenlegen. Ah, da sind sie schon.« Nein, Tito bewegte keinen Finger nach dem Kram. Das soll der Gauner selbst zusammenpacken. Aber als die übrigen ringsum rasch den ganzen Stoß beisammen hatten und dem Manne auf den Schoß legten, sagte Tito mit seiner kältesten Knabenstimme: »Darum hast du eben doch gelogen, Filipe Marcote. Du verkaufst stinkiges Papier!« »Hab' ich denn gesagt, ich verkaufe nicht? Euch hab' ich gebeten, nicht zu kaufen, um Gottes willen nicht. Es ist mein Schaden. Aber ihr seid zu gut für Papier. Euch geb' ich Messer und Mützen und Gürtel und Ledertaschen. Aber nicht alle sind wie ihr. Im Land unten wollen sie Papier, wollen sie lesen, würden sie mich in Stücke reißen, wenn ich ihnen kein Papier brächte. Was ist da zu machen? Tito, hitziger Narr, weißt du mir wohl einen Ausweg?«   »Ja so... dann, freilich... diesen Affen da unten...« Der Knabe spuckte jetzt weit über alle Köpfe gegen Süden aus, wo die Berge zur unsichtbaren, fernen Ebene abfielen. Und alle Buben dachten: Wie der spucken kann, großartig, wie ein alter Raucher. Daß wir's doch auch könnten! »Aber meint ihr, ich verkaufe den Abc-Menschen so gewöhnliches dummes Zeug zum Lesen? Weit gefehlt! Seht einmal diese Heftlein an! Kann einer von euch lesen?« Marcote blickte fragend ringsum. In der Tat, verschiedene Zuhörer konnten buchstabieren, schwierig, ungern, aber von Zeit zu Zeit, wenn es galt, einen Anschlag an der Kirchenmauer zu erklären oder der Base den Brief ihres Geliebten in der römischen Kaserne zu entziffern, prahlten sie gewaltig damit. Jetzt hingegen wollte niemand lesen können. Sie schämten sich, diese vier Leser unter dreißig Nichtlesern, ihrer unsaubern, verdammungswürdigen Kunst. »Also niemand kann lesen?«wiederholte Marcote befriedigt. »Ich wünsche euch Glück dazu. Nun, es wäre auch zu dunkel. Aber die Bilder seht ihr noch, diese roten und schwarzen Teufel und diese braven weißen Krieger. Sieh mal hier, Tito! So wisset, das sind die Abessinier, die Mohren des Menelik, mit denen wir Italiener in Krieg geraten sind, immer einer gegen zwanzig solcher Rußteufel! Seht, wie wir uns wehren, wie wir dreinsäbeln und niederknallen, und wie wir noch im Sterben rufen: Italia, Patria!« »Italia, Patria!«summt es ergriffen im Chor. Auch Tito ist ganz feierlich geworden, hält beide Knie des Alten und schluckt gierig die Worte des Patriotismus ein. »Davon ist im Heft ein langes und breites geschrieben. Es ist das Beste, was man lesen kann. Die langweiligen armen Menschen in der Ebene vergessen das Gähnen dabei. Sie werden mutig. Sie schnallen den Säbel an und schultern das Gewehr und marschieren auf den Feind. Kurz, sie werden Italiener wie ihr. Wollt ihr so ein Heft? Ihr braucht ja nur die Bilder anzuschauen. Dann versteht ihr genug. Dann wird euch heiß ums Herz, dann kämpfet ihr mit, dann musiziert es aus eurer Hirtenseele: O Italia, o Patria!... Wer will so ein Heft? Zwei Soldi das Stück. Fünfzig Bildchen sind drin!« Alles will von den Heften. Tito kauft gleich drei, eines für die Mutter, eines für sich und eines... Ja nun, eines für Bruna Baldi, mit der er auf der gleichen Weide hütet und gemeinsam aus einem Napf die Milch löffelt. Am Sonntag bringen die zwei dem Pfarrer ein Kesselchen voll Heidelbeeren. Dafür muß er ihnen lesen, was so dick unter jedem Bild gedruckt steht. – Mit zufriedenen Seelen gehen die Leute auseinander. In fünf Minuten liegt schon alles auf dem Stroh. Die verlogenen Indianergeschichten unter dem Laubkissen, aber eine helle vaterländische Begeisterung im Kopf. Sie schlafen im Nu, diese Analphabeten. Denn ihre Herzen sind rein. Kein Tintenklecks, kein Schreibfehler besudelt ihr Gewissen... Gute Nacht! Glückliche Faulenzer! Einen Tag hatte ich im Dörfchen Prio zugebracht, wo niemand lesen und schreiben konnte, aber wo man reichlich von seinen Weiden, dem Vieh und dem Obst zu leben hat, und wo die stärksten und flinksten Jünglinge und die muntersten Töchter leben, wo man jahrelang keinen Arzt sieht, in der Regel von nichts als vom zu hohen, atemdünnen Alter stirbt, und wo eine Achtzigerin noch Haselnüsse mit ihren weißen Zähnen aufbeißt. Am Abend sitzen sie beisammen über Stiegen und Straßen, und die Hirten erzählten alte Sagen, oder der Hausierer Marcote berichtet irgend etwas Fabelhaftes aus dem tiefen, fernen Menschenlande... »Dorther!« sagt er, und zeigt mit dem braunen Arm in den unendlichen Dunstring, der zwischen Himmel und Erde gen Sonnenuntergang liegt. –»Dorther!« wiederholen die Berglerinnen mitleidig, »aus solcher Tiefe und Elendigkeit! Die armen Sandwürmer!« Als ich Prio am nächsten Morgen verließ und durch einen glitzerig grünen Kastanienwald ins Land der lesenden und schreibenden Menschen hinunterstieg, da war es mir, als hätte ich das Paradies einen Augenblick bewohnt und sei nun leider wieder auf jener gottverfluchten Erde angelangt, wo man auf dem Bauch kriecht, in saurer Miene schwitzt und Dornen und Disteln ißt: mit einem Wort, wo man wieder Zeitungen, Hefte und Bücher schreibt. Ich bin in jener ersten bittern Verstimmung etwas zu weit gegangen, als ich sagte: Möchte doch die Menschheit eines Morgens erwachen ohne Schulmeister und Schulbuch! Mögen alle Zeitungen in hübsche Nastüchlein für saubere Menschen und alle Tintenhäfen in Blumentöpfe verwandelt sein! Ich ging zu weit. Nein, nein, das Tintengeschirr ist heute leider so notwendig wie die Milchtasse, und die Zeitungen sind beinahe so nützlich wie Nastücher. Das sehe ich wohl ein. Aber ich sehe nicht ein, warum man diese Italiener ewig als Faulenzer und Nichtswisser beschimpft. Wenn man das Unwägbare wägen und die wahre Arbeit und das wahre Wissen zahlenmäßig feststellen könnte, du mein Gott, wie hoch würde doch die Schale eines sogenannten süßen Nichtstuers emporschnellen! Vor allem: Muß denn ein jegliches geschrieben sein, was man denkt? Gibt es nicht sehr große Dichter, die keine einzige Zeile schreiben? Und ich glaube, unter diesen Hirten und Nomaden sind viele solche Poeten. Oder ist denn das erst ein Gedicht, was man in ein Buch schreibt, daß man es bewundere, und daß arme, geplagte Schulkinder es auswendig lernen können? Ist das etwa nicht auch ein feines und großes Gedicht, was so ein Nichtstuer auf dem Rücken sich austräumt, wenn er in den blauen Himmel guckt und den Ernst und die Lustigkeit der Wolken betrachtet und sich daraus eine Tragödie oder eine famose Posse erdichtet? Oder wenn er das Ohr auf die Erde legt und dieser altersgrauen Mutter das Herz aushorcht? Und ist nur das Musik, was einer in Noten setzt und von einem Trüpplein gerechter Geiger sich vorspielen läßt, und worüber dann die Kritik ihre wohllautenden Orakelsprüche abgibt? Ist vielleicht nicht auch das Musik, was so ein Analphabet alles hört, wenn er immer die gleiche, über ein Brett gespannte Schnur zupft? Er hört vielleicht eine Musik, wie Mozart im Rausch seiner Phantasien auf dem Spinett, wie Beethoven beim Sterben und Hinüberschauen in die Ewigkeit. Es singt vielleicht und orgelt so wunderbar durch seine Seele, wie man es mit dem elenden Behelf von Noten und Takten nicht aussprechen kann. Und doch zupft er nur immer an einer Schnur! Genug, daß er hört! Und so kann mancher Junge kein A und kein B zeichnen, aber er sieht Bilder im Nebel, im Baumgeschwirr, im Sandhaufen, daß ein Tizian und ein Phidias ihn darum beneiden müßten. Jawohl, viele von diesen Analphabeten sind Künstler, Dichter, Musiker, aber für sich, in ihrer Seele, ohne Bühne, Szene und Händeklatschen. Und oft habe ich mich gewundert, wie solche Analphabeten klar reden, scharf und schnell erwägen und sicher entscheiden. Die Schule mit ihrer unabweisbaren Schablone von Klasse zu Klasse, mit ihrem Einerlei durch die ganze Bank hin, mit ihrer Tretmühle des Gedächtnisses und ihren zwei Drohmännchen: Examen und Zeugnis, die Schule mit ihrer Abschaffung der Eigenheiten, der Persönlichkeiten, des Naturgenies der Zöglinge, ihrem Zwang und Drill und Nümmerchengeist, diese Schule hat die Analphabeten nicht bilden, aber auch nicht verbilden können. Sie sind noch naiv, die Abruzzenkinder, noch frisch und eigenartig. Sie denken noch ohne Lineal und Winkelmaß. Jedes redet anders, lacht, schimpft, gebärdet sich anders, ist etwas Eigenes und kommt mit dem eigenen Schiff dereinst an sein Gestade. Jedes ist mit einem Wort ein eigener Mensch. Es gibt bunte Arten von Faulheit. Die eine ist ein Laster, die andere eine Krankheit, die dritte eine Philisterhaftigkeit. Von diesen dreien weiß die Abruzzenseele nichts. Ihre Faulheit, wenn man sie so nennen mag, ist die Faulheit der Natur, der Berge, der Bäume, des Meeres, der Tiere, besser gesagt, ist die Beharrlichkeit des Stoffes. Dabei ist der Abruzzer dennoch rege und frisch. Im Augenblick springt er gemsenschnell auf, und im Augenblicke schlendert er, streckt alle Viere von sich und schlummert. Aber er faulenzt nicht. Er hört und merkt alles. Das Lüftchen vom Gebüsch her, das Aufbellen der Hunde, die tausendfältigen Menschentritte auf der Straße, das Klingeln einer Kupfermünze irgendwo, der Stundenschlag, alles. Durch seinen Kopf wandern stete, rasche, bunte Pilgerzüge von Gedanken. Er lacht, flucht, hofft, macht Pläne, studiert, grübelt voraus und rechnet in Früheres zurück. Er redet mit sich. Tut er nur wenig das Auge auf, so fährt er den Linien von Himmel und Erde nach und zeichnet sie weiter, rundet, verlängert, schattiert, vollendet. So ist er. In dieser scheinbaren Faulenzerei hat er sich mit den köstlichsten Dingen beschäftigt und unendliche Kurzweil genossen. Der Deutsche, der Engländer, der Franzose verstudiert, verplaudert, verrechnet die Natur. Aber der Italiener liegt auf seinem schönen runden Römerschädel im Gras oder auf einem Mäuerchen, den Hut auf der Stirne, die Hände im Sack und rechnet nicht und schreibt nicht und redet nicht.... sondern sieht, hört, erlebt, genießt. Das ist mehr. Erst das ist nämlich genug. Millionen Kinder müssen vom Morgen bis Abend in den Schulen, Millionen Jüngferchen und Jünglinge in höheren Studien oder in Arbeitskasernen ihre frische junge Seele ermüden. O wieviel schöner haben es meine Jungen von Pratimonte, von Lieghino, von Sassalpe und Montifiero... Viele hunderttausend Leutchen ihres Alters müssen das schönste Drittel des ohnehin knappen Lebens in den Studierbänken verbringen. Wenn sie herauskommen, sind sie keine Analphabeten mehr, sie sind vielleicht Doktores und Professores. Aber gar oft sind sie über einen Leist geschlagen, glatt gehämmert ist ihre einstige gehörnte, geniale Eigenheit, in der Ursprünglichkeit und natürlichen Schwungkraft sind sie fast alle geknickt. Sie fliegen nicht mehr wild und frei und hoch. Sie kennen ja jetzt das zahme Abc und leben auch danach in einerlei Geschrei und Trab und Mode. Die Analphabeten der Welt... ich nehme jetzt das Wort weiter und nenne jeden so, der nicht auf die Kultur des Papiers, der Tinte und des Schulbakels schwört, die Analphabeten sind allein noch die sonnigen, kurzweiligen Originale der Menschheit und des Lebens, die andern sind fast nur noch Kopien oder gar Kopien der Kopie. Jene schwingen noch etwa die Fackel des Genies durchs vielzimmrige Welthaus. Diese tragen die Stubenlampe des Talents mit vorsichtigen Pantoffelschritten über ihren abgezirkelten Weg. Diese kennen das Tote, jene das Lebendige besser, diese schreiben und lesen und dozieren prachtvoll, jene leben noch prächtiger. Wer beides könnte, wäre der rechte Mensch. Aquila In dieser alten, altertümlichen, von Bergen überschatteten Stadt sah ich nach manchem Wandertag wieder die erste Eisenbahn. Eine halbe Bergbahn. Denn man steht hier fast mitten in Italiens Apenninen-Majestäten. Die gewaltige Gruppe des Gran Sasso hält einem stundenlang die Morgensonne ab. Von hier aus wird der gipfelreiche Koloß am ehesten erobert. Läuft man dem Flüßchen Anterne drei Stunden weit ins Gebirge hinauf nach und steigt dann an seinen Ränften noch eine Stunde steil empor, sieht man den Gran Sasso nahe vor sich wie eine vom Alter graue, schwer beschossene, breschenreiche Stadt, die aber immer noch schier uneinnehmbare Bollwerke gen Himmel hebt. So kahl und tot ist es dort in den Höhen, daß man meint, die Ewigkeit mit ihren eisgrauen Schwingen brüte darauf. Aber in seinen tausend Talfalten kriecht ein wunderbarer Wald dem Berge bis ans Herz hinauf. Da sind Haine voll runder Kastanien, wilde Kirschen, Zypressen, Tannen, Eichen, Buchen und wilder Lorbeer nebeneinander. Dieses tiefgrüne Laub und würzige Nadelholz drängt sich und schiebt sich so leidenschaftlich an den Bergleib, daß man meinen sollte, er müßte lächeln und sich für so viel Anhänglichkeit ein bißchen bedanken. Aber er bleibt ein kalter, antiker Geselle. Das Schmeicheln und Weihräuchern dieser bunten Gesellschaft benebelt seinen scharfen Römerverstand keinen Augenblick. Mit ungerührter, strenger Stirne blickt er nieder, abweisend, rügend, unmalerisch und unpoetisch wie ein richtiger herzloser Stein. Der Monte Velino im Süden der Stadt wächst auch noch zu zweitausendfünfhundert Meter auf, und ist gleichfalls prachtvoll mit Laub umkränzt. Aber er erscheint zahm gegen den Nachbarn. Hier hausen nur Hasen und Füchse, während im Gran Sasso noch mehr als ein Petz brummt und fast jeden Herbst die Hirten einige Wölfe mit ihren Knüppeln totschlagen. Vom Adriatischen Meer her fliegt ein Vogel über seine Klüfte, der stolz wie ein Adler und gierig wie ein Geier aussieht, und dessen unvergleichlichen Spaziergängen im trunken-süßen Blau ich einst stundenlang auf dem Rücken liegend zugesehen habe. Es war eine himmlische Geometrie von Kreisen und Ellipsen. Dieser Vogel fliegt nie zum Velino hinüber. Zweitausendfünfhundert Meter sind für Dohlen das Maß, nicht für ihn. Ich aber schäme mich nicht, statt den Gran Sasso den Velino bestiegen zu haben. Die Tour ist immer noch zeitraubend und mühsam genug. Aber welche Rundschau genießt man auf der obersten Zinne! Unheimlich dräut gegenüber die weite Gran-Sasso-Familie, ein Gesicht finsterer als das andere. Oben im Norden buckeln sich mit krummen Greisinnenrücken die sibyllinischen Berge hoch unter das Himmelsdach. Sie tragen fast immer graue Schleier ums Haupt, und man möchte sie wahrhaft in ihrer undurchdringlichen Miene für versteinerte Seherinnen halten, in deren Brust Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft stillesteht wie ein totes Uhrwerk. Südöstlich schwingt sich in bronzebraunem Glanz die Majella aus allem Gebirge gleich einer Riesenmauer ins Blau. Fast bringt sie es auch noch auf dreitausend Meter. Bis hinunter zum Ätna auf der Sizilischen Insel reckt kein Geschöpf mehr den Kopf so hoch. Und erst der Blick ins tiefe Land! Das Auge verwirrt sich von den hundert und aber hundert Tälchen, die aus den Gliedern der Apenninen wie Kleiderfalten niederfließen, unten sich verbreitern, in weitere Täler münden und zuletzt ins Flache hinauswollen. Ist es Traum oder Lufttäuschung, aber sicher, dort rechts und links leuchtet die blaue Unendlichkeit des Ozeans, der Italien umspült. Die Sonne scheint warm, die Luft ist frisch, da und dort aus einem ewigen Schattenloch blinkt dich ein Häufchen schmutzig vereister Schnee an. Städte, Dörfer sieht man nirgends. Ich und der Berg und die unbewohnte Weltweite, wir drei sind allein. Doch nein, da steht noch ein viertes neben dir und kaut Lehm und Disteln und schaut dich mit großen, treuen, genügsamen Augen an: dein braver italienischer Leibeigener, das Maultier. In seinen rostbraunen, nassen Blick malt sich diese so fremde, unglaublich große, herbsüße Urwelt zweimal ab, so klein, wie sie groß ist, und so lebendig, wie sie totenstill ist. Frischer, tapferer, farbenlustiger ist es, auf dem Säntis oder im Granit und Wassergeplätscher des Gotthard zu stehen. Majestätischer blickt man in den unermeßlichen Schnee des Walliser Hochgebirgs ringsum. Traulicher und herzlicher fühlt man sich auf einem lieben, grünen Voralpengipfel Unterwaldens. Aber nichts läßt sich mit der unendlichen Runde dieser italienischen Gipfelschau vergleichen, mit diesen entsetzlichen Kontrasten, wo uns die Steinwüsten ringsum fast mitversteinern, während die unmeßbare Ferne aus Luft und Wasser und paradiesischem Land uns das Herz doch unsäglich weich und selig stimmen möchte. Und dieser steinerne Tod so nahe und diese Zauberei des Lebens so ferne, beide sind gleich still, sie reden nicht, dringen mit keinem Lüftchen an uns, sind wie gemalt. Wir stehen da und greifen um uns wie verzaubert und atmen schwer vor der Süßigkeit und Last eines solchen Lebensbildes. Das ist der Blick vom Velino, vom Vittore, von der Majella. Das ist ihr Zauber und Schrecken. Darin kommt ihnen nichts im Bereich der Alpen gleich. In diesen Berggewalten liegt das alte Aquila, siebenhundertfünfzig Meter hoch. Das ist für Italien, was zwölf- und vierzehnhundert Meter für die Schweiz. Aquila könnte das Grindelwald oder Engelberg Italiens sein. Man dächte, diese Bergstadt lebte verschlossen und unbekannt für sich hin. Es ist auch glücklich wahr, daß heute wenige Touristen hinkommen. Aber die Einheimischen gehen fleißig in die sommerliche Waldfrische da hinauf. In alten Zeiten jedoch reiste man von Ferrara und Rimini und aus der Mark Ancona lieber über Aquila und Sulmona nach Rom oder Neapel. Der ganze mühselige Weg lief durch fieberloses Land, gab Schatten und kühle Luft und kleine Herbergen und bot nur die unheimliche Kurzweil, daß plötzlich in der ödesten Wildnis eine Bande Banditen aus dem Boden wuchs und die Reisenden um ihre irdischen Sorgen erleichterte. Keine Stadt Italiens ist so klein, daß nicht die Hand eines großen Künstlers in ihr Weichbild seine Fingermale drückte. Selbst da oben im Gebirge gibt es eine Gemäldesammlung, machen uns eigentümliche, aber für das Gesicht dieser hohen Landschaft gar wohlersonnene Palastfronten mitten in den schmalen Straßen stillestehen. Die Fassade der Franziskanerkirche verrät mächtiges Selbstbewußtsein. Düster und wie mit Eigensinn gebaut, erscheint San Massimo, die Kathedrale. Andere Gotteshäuser und Stifte, vom spanischen Kastell nicht zu reden, nehmen sich schwer wie Festungen aus. Bei jedem Schritt begegnet mir etwas Besonderes. Diese Stadt lag zu fern von Florenz und Perugia und Rom, um eine Nachahmerin zu werden. Am ehesten denkt man an Neapel. Aber auch das ist ohne Bedeutung. Aquila hat durchaus nach ihrer eigenen Seele gelebt. Etwas Rauhes im Antlitz, etwas Knochiges in den Bauten, etwas Frisches, doch Sachtes im Schritt, etwas Zähes im Wort, etwas Schlaues, Süßes, Poetisches im Auge, etwas Eigensinniges im Herzen – so sehe ich die sonderbare Stadt an, die auch ein sonderbarer Mensch, der zweite Friedrich der Staufe, gegründet hat. Man könnte ein Buch über ihre Historie und ein zweites Buch über ihre lebendigen inneren Reize schreiben. Sehr umfangreich müßte dann das Kapitel werden, das über ihr unvergleichliches Talent spräche, über Wohnhaus und Kirche, Stüblein und Gassenfronten eine allerfeinste Industrie zu spinnen: Spitzen und Bandgarnituren. Man denkt an Appenzellerinnen, die vor ihren Häusern klöppeln, an St.-Galler Sticker, die im Keller ihre fingerspitzenfeine Maschine regieren. Und doch ist es wieder ganz anders, froher, leichter, nachlässiger und kunstreicher zugleich. Daneben riecht es durch die Gäßlein nach Safran, und in jedem Gemüse bekommst du den gelben Krokussaft zu kosten. Denn hier in Aquila wird diese köstlichste aller Pflanzen gebaut, mit ihren gelblichen, langhalsigen Blüten und ihrem seltsam betörenden, asiatischen Duft. Im Herbst blüht sie, aber erst im nächsten Frühling schlagen die Blätter aus. Die lange Hülse der Narbe wird aus dem Kelch gerupft und sorglich getrocknet. Aus diesen Narbenblättchen erzeugt man das gewaltige Färbe- und Reizmittel Safran. Mühsam ist die Lese. Sechzigtausend Narben liefern kaum ein Pfund reinen Safrans. Wievielmal muß da der todmüde Finger zupfen! Das Kilo kostet denn auch im Gewürzhandel achtzig Lire und zählt noch zur geringeren Marke. Viele Leute kauen und saugen hier Safran. Ich habe es auch probiert. Es regt auf, reizt die Nerven, zündet im Gehirn und beschleunigt den Herzschlag. Der Appetit wird wach, der Atem adlerleicht, aber dieser Zauber ist gefährlich; er macht dich zum Sklaven, und bald bist du in einem steten, leisen, feinen Opiumräuschchen. Nur einige große Herren verdienen an diesem Teufelskraut erheblich. Das gewöhnliche Volk hat davon nur die Mühe und einen spottkleinen Taglohn. Kümmerlich schlägt sich die Mehrzahl in Aquila durch. Aus der Stadt und dem Tal wandern Jahr für Jahr ganze Scharen nach Argentinien. So prachtvoll die Wälder und so stattlich die Berge hier sind, sie geben kein Brot. Immer und immer wieder aus aller Poesie der italienischen Städte, der kleinen insbesondere, reißt den Besucher das schmerzliche Gefühl, wie hundert, ja tausend kleine Leute hier nichts gelten und nichts haben, weil der Tausendundeinte, ein zufällig reich geborener Sohn, alles hat: das Geld, den schweren Namen, die Verwaltung der Stadt und die Geißel der willkürlichen Politik. Was würde das gesunde, starke, gescheite Italienervolk leisten, wenn es nicht immer wie eine Reihe Nullen hinter der einen vornehmen Zahl demütig nachkriechen müßte! Früher gehorchte eine ganze Talschaft dem Edeln Aldo Franzoni oder dem Duca Odoardo da Forni. Jetzt müssen sie den Banknoten des Signor Bolla, der Fabrik des Herrn Prati oder den Pächtern des großen Gutsbesitzers Leonte gehorchen. Die persönliche Kraft und Initiative des Volkes, die Macht und Tapferkeit der Einzelarbeit ist hier noch ein Windelkind. Die Leute haben keine wirtschaftliche Eigenmächtigkeit. Und es kommt nie, nie dazu, wenn sie nicht zu dem großen und einzigen Mittel der Organisation greifen wie im lombardischen Norden. Wohl versperren hier, im Hochland der Abruzzen, das Kapital und der Grundbesitz den Weg zur ökonomischen Freiheit so tyrannisch, wie der Gran Sasso und die Majella das Tal zuriegeln. Aber die Ingenieurskunst hat dennoch beide Riesen gebändigt und breite Pässe über ihren Nacken gelegt. Und wenn die Menschen, die hier so erbärmlich darben, ihre Arbeitshände, so rauh und bettelhaft bezahlt, ihre Rücken, so in Knechtedienst gebückt, und ihre Seelen, so erniedrigt und doch so aller Erhebung wert, zu Zehntausenden organisierten, schulten und ins Gefecht schickten: ah, dann möchte ich die Türen sehen, die vor der gottgewollten, sozialen Rechtsforderung dieses starken Volkes nicht zerbrächen, und die Herrenköpfe, die sich vor ihr nicht neigten! Ach, gerade diese alte Gebirgsstadt hat einen ausgeprägten Herrencharakter. Nirgends, auch in den Sabinerbergen nicht, sah ich Menschen auf der Gasse so hungrig und gemein Abfälle essen, so gierig das Almosen aufschnappen, eine silberne Münze mit so viel Ehrfurcht bestaunen. Vor dem Gold würden sie fast wie vor dem Sakrament niederknien. Auch habe ich nie so schmale Tische eines arbeitenden Volkes gesehen. Die Wohnungen der Großzahl zeigen ein geringes Gesicht. Aber die Palazzi prunken wie altes Gold, und ein paar Industriemächtige oder auch eine Gruppe von Sommerfrischlern leben wie Fürsten. Dieser Riß zwischen oben und unten tut mir hier weher als anderswo, weil gerade das Bergvolk hier so tüchtig, bieder und lieb ist. Könnt' ich doch den König bitten, jedem ein kleines, sauberes Haus, ein Gärtlein daran, einen kleinen Brunnen und eine wackere Arbeit zu geben. Die Ratsherren am Monte Citorio schwatzen gar viel gescheites Zeug und brüten die größten kolonialen Welteier aus. Würden sie doch einmal zuerst ihre Fittiche über die Inlandkolonien schlagen und da ein kleines, nahrhaftes nationales Ei ausbrüten! Eines abends fügte es die Gunst des Schicksals, daß ich der Ablöhnung von Arbeitern und Arbeiterinnen beiwohnen durfte. Hätte ich sie lieber nicht gesehen! Sie verfolgt mich wie eine Fratze, diese schmähliche Genügsamkeit, womit die magern Leutchen einen so winzigen Preis für ihre unendliche Wochenarbeit empfingen, und diese selbstgefällige Miene, womit so ein Lohn hingeschmissen und gleichsam zu jedem Schmutzpapierchen gesagt wurde: Wie unverschämt viel ihr heischt – ihr Bettler! Damals hätte ich wie ein heiliges Donnerwetter dreinfahren mögen. Möchte doch, schrie ich auf, aus diesen Bauern und Dörflern und Kleinstädtern heraus ein sozialer Apostel erwachsen, voll Gewalt wie Paulus und voll Liebe wie Johannes. Aber es müßte ein Laie sein, einer, der im Drang des Augenblicks auch drohen und blitzen und schlagen darf, einen Kopf voll Praxis, eine Zunge voll Sturm, Hände voll Segen und ein Herz, zäh wie Gold; einer, der unter allen hunderttausend Erlösungstheoretikern der Erlösungspraktiker, unter Millionen Politikern der unpolitische Volkswirtschaftler, der gesunde Volksfreund wäre. Ein christlicher Gracchus! Aber als ich immer wieder das demütige Auffangen des Papiergeldes, das viele Danken und Kopfneigen der Söldner sah, da mußte ich mir gestehen: Ein solcher Apostel, und wäre er reiner als Schnee und eifriger als loderndes Feuer, würde mit diesem Volk nichts ausrichten. Kann er aus Wachs Erz machen? Kann er solche Kaninchen zu Löwen umschaffen? Nein, hier frommt es nicht, sich heldenhaft ins Volk zu stürzen, hier frommt es nur, ein Eremit zu sein, der vor dieser rätselhaften Welt mit ihrem dankbaren Zuwenig und mit ihrem hochmütigen Zuviel, mit ihren Regungen eines Hundes und eines Raubtiers irgendwohin in eine unauffindbare Höhle flöhe und nur noch unverdorbenes Bergwasser und reine Waldfrüchte genösse. Das sagte ich wütend, mit beiden Armen böse um mich schlagend, den Mund naß vor Schimpfen, zum alten Kustoden im Palazzo Gragonetti, mit dem ich abends gern verkehrte, weil er mir so viel von diesem Land und seiner Geschichte erzählte, seltene Bücher lieh und alte Säle und Schränke öffnete und sich bei allem als ein fast außerweltliches, von keinem Taglärm berührtes, überweises Männlein offenbarte, dessen dickes kurzes Silberhaar und dessen zufriedene, lichthelle Äuglein staubfrei und sonnennahe wie die Gran-Sasso-Gipfel erschienen. Dieser himmlische Greis klopfte mir lustig auf die Achsel und rief laut: »Das haben wir ja hier schon lange, so einen Demokraten und so einen Eremiten.« »Ihr spaßt«, zürnte ich. »Aber mir ist bitter Ernst.« »Mir auch, lieber Herr!« entgegnete er mit seiner hohen, dünnen Stimme. »Das möcht' ich bewiesen haben!« »Im Augenblick! Der Demokrat wohnt mitten in unserer Stadt, bei den Franziskanern, und der Eremit haust nun in Santa Maria da Collemaggio. Wollt Ihr sie morgen einmal besuchen? Da, nehmt für heut abend dieses Büchlein!« San Bernardino und Peter, der Eremit! Es war eine so stille Nacht, daß man die vom Regen gesegneten Bäche im Gebirge rauschen hörte. Ich saß zwischen beiden Fenstern meiner Kammer und las und las beim ehrwürdigen Licht eines dreiarmigen uralten Kerzenständers. Kein anderes Licht hätte so gut zu diesem braunen moderigen Chronikbüchlein und zu den Bildern aus großer Vergangenheit gepaßt, die seine schlichten, legendenhaft klingenden Sätzlein in diese alte Kammer der alten Abruzzenstadt beschworen. Zum einen Fenster jagte ich gar bald meine unlautern Revolutionsgedanken, zum andern meine weltflüchtige, welthassende Stimmung hinaus. Und am folgenden Tag legte ich bescheiden ein Knie nach dem andern vor dem Grab des Demokraten und dann vor dem andern des Eremiten zur Huldigung nieder. Der Demokrat in der Kutte In der schönen Franziskanerkirche liegt das Grab des Mönchs Bernardino von Siena. Eigentlich ist die ganze Kirche sein Grabmal. Denn schon acht Jahre, nachdem der Tod den rüstigen Mann mitten auf der eiligsten Reise in dieser Gebirgsstadt übernommen und in die Erde zu den andern Stillen und Stummen gelegt hatte, wurde diese prächtige und gemütvolle, wenn auch sehr ernste Kirche über sein Grab gewölbt. Er wäre nicht hier geblieben, wenn er die Wahl gehabt hätte. Er wäre weit lieber in Mailand gestorben, woher er kam, oder in Neapel, wohin es ihn zog. In einer großen Stadt hätte er das letzte Stündlein begehen mögen, mit einem letzten Blick auf wimmelnde Gassen, das Getöse der Arbeit, der Aufregung, der Mühsale im Ohr und um sich den Geruch des Volkes, diesen ihm so lieben Duft schwitzender Stirnen, staubiger Füße, müder, heißer Hände. Nicht der Harzgeruch der Eichen hier oben, noch die stille Bergluft, noch die plaudernde Poesie der Wässerlein vom Gran Sasso. Nein, nein, nicht das! Bernardino konnte nicht mehr leben, ohne mitten im großen Volke und in dessen gewaltigen Lebensfragen zu stehen. War er allein in seiner Zelle im Kloster, wie es die Mönchsregel so oft mich sich brachte, so ging er breitfüßig den engen Boden auf und ab und stellte sich vor, er mache den Missionsweg von Venedig nach Rom. Er betete laut, als ob hinter ihm ein Dom von Menschen mitbetete, oder er übte sich in einer Morgenpredigt mit den echten Gebärden eines Kanzelmannes, gerade als hätte er nicht vergitterte Fenster, bildlose Wände, eine Strohmatte und drei, vier Bücher, sondern zehntausend Augen und Ohren um sich. Alles wurde um ihn herum lebendig. Im Garten des Klosters fing er an mit den Schmetterlingen zu plaudern, aber – denn dies sind Aristokraten – noch lieber mit den Käferchen, Spinnen und Ameisen. Er sprach Hunde und Katzen und Pferde an. Aber wenn irgendwo ein Mensch zum Vorschein kam, dann ließ er alles andere liegen. Der Mensch, der unsterbliche Mensch ist da! Das war ihm das UnübertreffIiche. Für einen Menschen, einen ganz kleinen, ganz gemeinen, hätte er alle Berge und Wasserfälle, alle Statuen Griechenlands und alle Marmorbrunnen Roms gegeben. Alle Natur, alle Kunst für einen Menschen! Auch die Bücher, auch die Studien, auch den Psalter. Ein Mensch ist da! Seine Wiege stand am bewegten, bürgerreichen Marktplatz von Siena. Bernardino war ein kluger und feiner Edelmann, an der Universität der erste Student, ein prächtiger Gesellschafter und liebenswürdiger Plauderer. Und schön! So schön, daß seine apollonische Figur auf Schritt und Tritt Aufsehen erregte. Daß er kein Spiel liebte und gern in einsamen Sälen ratschlagend auf und nieder ging, zeugte nicht gerade von seinem demokratischen Sinn. Aber da brach 1400 die Pest mit jener dämonischen Gewalt aus, in der sie Boccaccio schon 1348 gesehen und so klassisch beschrieben hatte. Bernardino hatte sie noch viel klassischer erlebt. Boccaccio ist in ein Landhaus geflohen, bis die grausige Beulenseuche sich verzog. Bernardino lief ihr entgegen, umarmte sie gleichsam, wusch ihre Eiterwunden, salbte ihre Narben, heilte, heiligte sie, während die ganze stolze Stadt zitterte und ihre Adeligen und Vermögenden sich in die fernen baumgeschützten Landgüter verkrochen, blieb Bernardino auf dem Platze, eilte ins erste und letzte Haus und trotzte an hundert Betten hundertmal dem Tode. Nach dieser echt franziskanischen Reifeprüfung trat er in den Orden des Heiligen von Assisi. In jenen Tagen der wenigen und schlechten Straßen und der wochenlangen Reise, um nur von einer größern Stadt zur Nachbarin zu gelangen, mußte ein junger Mensch schon sehr viel Reichtum oder Gewalt und Würde und Keckheit besitzen, um über den Schatten seiner Provinz hinaus zu wirken. Bernardino war denn auch gewiß als Laie nicht weiterhin bekannt, obwohl er als reich und altadelig gelten durfte. Ein Principe war er eben doch nicht unter den zweimal zwanzig Fürsten der Halbinsel. Auch besaß er weder am römischen Hof noch bei den Sforza und Visconti und Este irgendeinen Fürsprecher oder nepotenliebenden Onkel. Da haben nun die Bettelorden eine wahrhaft weise, demokratische Vorsehung gespielt. Über ganz Italien verzweigt, stellten sie ihre tüchtigen Leute sogleich an die bedeutenderen Posten der Arbeit. Für sie gibt es keine Entfernung. Ihre großen Prediger stehen im April auf der Mailänder Kanzel, halten die Pfingstpredigten in Sizilien und feiern den Advent droben im Österreichischen. Dem demokratischsten aller Orden, den Minoriten, verdankte Bernardino es, daß er sehr früh als gewaltiger Volksmann wirken konnte. Es fällt auf, daß er zuerst unter den Ackersleuten Umbriens und den Rebenbauern Toskanas predigen mußte. Fünfzehn Jahre lang! Und doch kannten die Oberen seine fürstliche Beredsamkeit. Einen gleich großen Redner hatten damals weder sie noch irgendein anderer Orden. Dennoch mußte er dem Landvolk und Kleinbürgertum predigen. Über dieses Rätsel ist noch kein Forscher hinausgekommen. Aber was würden ihm Dokumente erklären? Seelenleser muß man sein. Wer Bernardinos Charakter studiert, findet für das Geheimnis wohl bald eine recht wahrscheinliche Lösung. Seit der Pest und dem franziskanischen Noviziat hat sich die demokratische Gesinnung Bernardinos immer kräftiger entfaltet und ist mit der Priesterweihe und dem ersten seelsorglichen Wirken rund und reif geworden. Von nun an ist er der reine, ausgesprochene Mann des Volkes. Die kleinen Leute bilden seine große Welt. Seine Kanzelsprache, sein Ton, seine Bilder und Beweise richten sich wunderbar nach der Einfalt des Volksherzens ein. Er schildert kräftig, malt dick und groß, wirft tiefe Schatten, zündet grelle Lichter an. Er erschreckt, begeistert, macht lustig und traurig mit oft beinahe brutaler Heftigkeit. Er fürchtet kein grobes Wort für eine grobe Sache. Selbst die Plastik und Wucht der Gassensprache ist ihm recht, wenn er die Gemeinheit der Gasse verspottet. Nicht das Adelshaus von Siena, sondern der Volksmarkt gibt ihm die Worte ein. Aber er weiß sie der grandiosen Bibelsprache in einer Art anzubequemen, daß der Gedanke nie auch nur ein Streifchen seiner Würde verliert. Einen solchen Prediger konnten die Obern nicht an die feinen Höfe der Humanisten, in die Gesellschaft der Renaissance schicken. Ein Mann, der vor dem Ferrareser Herzog und den Medici in Florenz und selbst vor dem Piccolomini, einem so anders gearteten Sienesen, bestehen mochte, mußte das Evangelium ästhetischer verkünden, mußte griechische Dichter zitieren, Ciceros Perioden nachahmen, sangvolle Satzkadenzen formen und sich in der Mythologie fast so gut wie in der Christologie auskennen. Es kommt dazu, daß Bernardino der strengem Observanz im Orden angehörte. Dieser rigorose Zweig der Franziskaner hatte im lauen Zeitalter des Humanismus ohnehin einen harten Stand. Er galt als geistliche Roheit, als revolutionär, als fanatisch. Da fürchtete denn der Prior in Siena Ungelegenheiten von Bernardinos Eifer. Denn er kannte den Frate. Dieser schöne Mann mit den tiefen Brauenbögen, dem gelbblonden Haar, den Wangen, bald rot, bald blaß, dem vor Inbrunst blühenden Mund, der kleinen, raschen, tapfern Gestalt und einer Händebeweung, die aus dem gemeinen, dunkeln Habit heraus so leuchtende Zeichnungen zum Wort schrieb, daß man sie noch lang nach der Predigt durch die graue Kirchenluft meinte schweben und schwingen zu sehen – dieser Bernardino sah wie ein lanzenschwingender Erzengel Michael aus, wenn er gegen die Mißbräuche der Zeit redete. Die feine Welt hätte seine Blitze und Donner nicht ertragen. Ein andermal, ein andermal! Hätte ein Statthalter Felix nach dem andern gerufen. Aber als das Volk in Prozession dem Heiligen nachzog, als ganze Provinzen unter seiner Tribüne zusammenliefen und keine Kirche die Zuhörer mehr faßte, als in den durchpredigten Landstrichen Zucht und Friede zurückkehrten und dem jungen Prediger durchs blonde Haar schon aschgraue Fäden liefen, da versuchte ein erleuchteten und furchtloser Prior den Bruder in Mailand zu verwenden. Zuerst in der Ordenskirche und in kleinen Gotteshäusern der Vororte. Aber jetzt gab es kein Aufhalten mehr. Von Straße zu Straße drang sein Ruf. Die Bürgerschaft verlangte ihn zum Fastenprediger im Dom. Sie fühlte, daß dieser Mann wie schon lange keiner mehr ihr Herz kannte, ihr armes, geplagtes, von keinem Fürsten und gar oft auch vom geistlichen Hirten nicht verstandenes, hungriges und durstiges Volksherz. Und nun erscholl die Stimme des mächtigen Kanzelrufers in Santa Maria Nascente vor einer unzählbaren Menge, die durch die Türen sich in dichtem, stillhorchendem Knäuel noch weit auf den Platz und in die Straßen hinaus fortsetzte. Dunkelnächtig ist der Dom. Aber die Blitze von Bernardinos Evangelium durchzuckten ihn wie mit lebendigem Feuer. Schwer und breit lasten die Bündelsäulen des ungeheuren Baues vom Gewölbe zum Boden. Wie Felsen! Aber sie erbebten dennoch vor der Majestät und Unwiderleglichkeit dessen, was der Prediger von Jesus und für Jesus sprach. Eng schließen sich Quader an Quader, Bogen an Bogen zusammen. Aber noch inniger verschmolz in Bernardinos Sermon Satz mit Satz, Teil mit Teil und der Anfang mit dem Schluß. Und wenn sich die Wölbung des Domes so breit und hoch ausspannt, als gäbe es keine schwere Erde mehr und müßte darob gleich der offene Himmel sein, so war der begeisterte Schwung, womit der Mönch seinen Vortrag schloß und ihn mit der Hoheit und Liebe Jesu wie mit einer überirdischen Kuppel krönte, noch tausendmal überwältigender. Reich und arm, gemein und herrschaftlich, Krieger und Krämer, Herzog und Bettler, alles kam, horchte atemlos, bangte, zürnte, erblaßte, klopfte an die Brust und gelobte Besserung. Von jetzt an wurde Bernardino auch Fürstenprediger. Aber er wählte die Worte nicht feiner und schliff den Satz nicht sorglicher. Gerade das wirkte. Rhetoriker und Theatraliker und Künstler kannten die Nobili zu Dutzenden, aber einen einfachen, evangelischen Sprecher nicht mehr. Da kam nun dieser Demokrat ohne Feile und Komplimente und sagte Maitressenwirtschaft des Landesherrn sei Ehebruch, Steuerdruck gegen die Untertanen sei Plünderung, Kriegführen aus Ehrgeiz und Erobern komme dem gemeinen Mord und Raub gleich, Prunk mit Denkmälern und Statuen sei Eitelkeit wie übertriebenen Schmuck anlegen, kurz und gut, ganz genau so heiße das Sünde beim Herrn, was als Sünde beim Bauer und Handwerker gelte. Du! rief er alle von der Kanzel an, du Herzog, du Knecht, du Färber, du Senator, du Bischof und du General! Keinen Namen nannte er ausdrücklich und keine Person stellte er bloß, damit er um so klarer ihre Sünden schelten dürfe. Jedoch so traf er weit genauer. Jeder fühlte den Hieb, der ihm von der Kanzel her galt, jeder die Beschwörung, die ihn zur Buße und Genugtuung trieb. So zog der Mönch durch das obere und mittlere Italien. Es gab keinen Fürstenhof, der ihn nicht hörte. Der Doge von Venedig, der junge grausame Tyrann von Siena, sein Anbeter, der gewissenlose Machiavelli in Florenz, die leidenschaftlichen Este, die kühlen Medici, die Egoisten von Mailand, die harten Herren von Verona und Modena, die Bürgerschaft von Perugia und Bologna: alle verließen erschüttert die Predigt. Kriege hörten auf, Luxusbauten wurden unterbrochen, Abgaben vermindert, Ehen gültig gemacht, Kebsen entlassen, Schulen gestiftet, die Tracht vereinfacht. Den Armen ward Geld verteilt, Söldner wurden in ihre Heimat gesandt, Spitäler gebaut, Religionslehrer in die Provinz hinausgeschickt. Bruderschaften zum Schirm der Hilflosen, der einsamen Kranken, der Waisen, zur Pflege der Siechen, zum Begräbnis der Hablosen wurden überall gegründet. In nomine Jesu! Und alles für das Volk, alles für das Volk! Den heiligen Redner freute es, wenn ein Regierender vor dem Evangelium das Knie beugte und seine Schuld bekannte. Aber wenn ein ganzes Volk unter seinen Trostworten aufatmete und mit großen gläubigen Augen ihm zunickte, dann war seine Freude unendlich größer. Oh, er wußte himmlisch mit ihm zu reden: Der Herr, der Allgerechte, werde richten und schlichten. Kein falsches Fädchen dulde er. Er werde, wenn sie nur seine Söhne sein wollten, die Lasten von ihnen nehmen, die Kriege fernhalten, die Saaten segnen, lachende Sprößlinge in ihre Stuben setzen, ihre Krüge füllen und ihre alten Tage wohlig machen. Er werde ihnen eine gute Obrigkeit, aber auch eigenen Verstand und Herzmut geben, daß sie nicht bloß gedankenlos gehorchen, sondern auch brüderlich mit den Herrschenden herrschen dürften. Denn auch sie seien Könige und Gesalbte vor Gott, weil ihre Seele so viel gekostet habe und so viel Himmel erbe als die Seele des Königs von Frankreichs oder des römisch-deutschen Kaisers. Wenn er dann zuletzt eine Fahne entrollte, worauf in flammender Schrift gestickt war: In nomine Jesu flectatur omne genu! , und wenn er sah, wie diese geliebten Tausende von Zuhörern sich freudig neigten und das steifste, aber auch tiefste Knie darunter einem zerknirschten Herrenmenschen gehörte, dann erst triumphierte die himmlische Demokratie seines Herzens, dann jubelte seine Stimme, dann segnete er, dann glänzte der heilige Schweiß von seinem Antlitz in tausend kleinen, feinen Diamanten – o sicher! –, dann sah er ganz Italien vor sich, alle vierzig Stätlein wie Brüder geeint und in den Staub gebückt vor ihrem großen, gemeinsamen Könige Christus. Keinem Großen ist die paulinische Erfahrung vom falschen Bruder erspart. Auch Bernardino litt darunter. Es bemühten sich eine ganze Reihe Schwächlinge, diesen Starken zu brechen. Es waren Schwächlinge der Sünde, aber auch Schwächlinge einer weichlichen Güte, einer alten, aristokratischen Tradition, eines humanistischen Schwindels, moralische Furchthänse, Hasen des geistlichen Lebens, Schemeldiener und Hörige der Menschenfurcht. Bischöfe befanden sich in der Zahl, selbst Kardinäle. Mit Verdächtigen fing es an, spann mit Lüge und Verleumdung weiter, stieg bis zu Anklagen der Irrlehre und endete mit einem oberhirtlichen Verbot, weiter zu predigen. Bernardino verschwand in der Zelle. Kein Zeitgenosse weiß Genaueres aus dieser Zeit. Nicht ein glaubwürdiges Schriftstück kam aus jenen bittern Tagen auf uns. Was der Heilige in der Ungnade des Papstes und in der Verbannung von der Kanzel litt, drang mit keiner Silbe aus seiner Klause. Bernardino hatte großartig geredet. Noch viel großartiger schwieg er jetzt. Es war kein trotziges Schweigen, kein stolzes Verbeißen der Klage. Es war das demütigste und gehorsamste Silentium, das man je an einem Gescholtenen wahrnahm. Man sah den Mönch mit den Konfratres in das Chor gehen, in seinem Stühlchen knien, am Pultlaternchen aus dem großen Buch die Nokturnen rezitieren und die Laudes beim Spiel der Morgenröte durch die Fensterbogen freudig psalmieren. Man sah ihn zufrieden und ruhig zelebrieren und Levitendienste beim Hochamt tun. Und das so häufige Wort der Psalmen iniquitas floß ohne Bitterkeit von seiner Lippe. Man wußte: dieser Held hält sich in Zucht. Aber er war doch immer ein Mensch. Und ein gewaltiges Temperament! So beruhigt er aus der Sakristei trat, es war die Ruhe nach Donner und Blitz und schwer durchfochtenen Gewittern. Droben in der Zelle von Ara Coeli rang der Mönch sich durch einen unsäglich harten Krieg. Der gedemütigte Kopf, das gekränkte Herz, die beleidigte Unschuld, das Heimweh nach der Kanzel, die Sehnsucht nach dem Volke, all das bedrängte ihn unendlich. Seine Klause wurde zu einem unerhörten Fechtboden, wo das Heilige mit dem Menschlichen rang, bis die letzten Reste von Eitelkeit zerstoben und Bernardino wieder selig wie ein Kind lächeln konnte. Er ist so das Vorbild aller Edeln geworden, denen von dort, wo das Recht kommen müßte, unrecht geschieht. Allen sagt er: Selig, wenn ihr dulden und schweigen und zufrieden lachen könnt, aber unselig seid ihr, wenn ihr trotzt. Gott will, daß ihr warten lernt. Warten heißt Siegen. Bernardino wartete nicht umsonst. Die Art seiner Unterwerfung war seine beste Rechtfertigung. Der Heilige Stuhl gab ihm volle Genugtuung, erklärte Bernardino für unschuldig, stieß den Prozeß um, öffnete ihm alle, auch die römischen Kanzeln, und trug ihm zu dreien Malen den Bischofshut an. Er empfahl den Prediger den Bischöfen und Fürsten zur Abhaltung von Missionen und stellte ihn den jungen Dienern der Kanzel zum Muster vor. Wieder übte Bernardino sein Lehramt in einem wahrhaft königlichen Siegeszug durch das obere Italien bis Florenz hinab. Noch kraftvoller wurde sein Wort, noch reicher die Saat seiner evangelischen Gedanken; aber auch eine wunderbare Milde gegen die Schwäche, eine Barmherzigkeit, die freundlich hob und Mut machte, brach sich jetzt, wie nie zuvor, durch die reißende Gewalt seiner Predigt durch. Sie zähmte seinen ehrlichen und tapfern Satz nicht, aber sie ließ in dem für viele so schreckhaft strammen Gebäude des Glaubens überall Fenster der Hoffnung und Liebe offen. Wo nur ein Splitterchen guten, demütigen Willens blieb, neigte sich die Mönchspredigt wie ein Samaritan dem Sünder zu, hob ihn aufs Maultier, führte ihn zur Herberge, salbte seine Wunden und zahlte die Pflege- und Heilkosten für ihn. Und alle mußten sich nach der Predigt brüderlich die Hand reichen. In Ferrara schwang er das evangelische Wort noch einmal mit der Schärfe eines zweischneidigen Schwertes. Denn hier regierte der Herzog hart und knechtete das gemeine Volk bis in den Kot. Bernardino schleuderte ihm den Goldbeutel der Bestechung vor die Füße, lachte über seine Drohungen und bezwang ihn schon am dritten Tag. Das war ein großes Schauspiel für die ganze Stadt. Noch lange sprach man davon. An der damaligen Piazza del Duca, dem Dom gegenüber, hielt zwölf Jahre später eine Witwe ihren Jungen zwischen den Knien und erzählte, daß sie an jenen Abenden unter der Kanzel gestanden und gehört habe, wie er dem Tyrannen das Herz aufblätterte und durchlas wie einer der alten Seher, und wie er ihn zittern machte mit einer einzigen erhobenen Hand, aber wie er mit der andern das Volk in der Gnade Jesu Christi ermutigte. Und da flammten dem kleinen Gerolamo die Augen seltsam feierlich auf, seine Lippen rissen auseinander, als wollte er auch schon gewaltig sprechen; der magere Knabenleib erzitterte wie von einem innerlichen Erdbeben, und als es eines Tages hieß, er müsse Arzt wie sein seliger Vater werden, da entwich er nachts, und sein erster Brief, um Verzeihung bittend, aber im Vorsatz beharrend, kam aus dem Dominikanerkloster von Bologna und war unterschrieben: Unwürdiger Novize Gerolamo Savonarola! Dreißig Jahre später predigt dieser Mann in Santa Maria del fiore wie ein Jüngsttagrichter und verkündet die göttliche Demokratie der Republik Florenz! Das Bild des Tyrannenbrechers Bernardino, des heiligen Donnerers, lebte im Jünger. Hätte er doch auch das andere Bild Bernardinos gekannt: des heiligen Schweigers! In voller Rüstigkeit – Bernardino wurde je älter, je gesünder und stärker – rief man ihn nach Neapel, ins volksreichste Land, wo er noch nie gepredigt hatte, wo die Sünde der Mächtigen heißer als der Vesuv glühte und die Masse des Volkes in Verwahrlosung und geistlicher Unwissenheit erstarrt war wie die Lava an den Hängen des Kegels. Längst hatte es den Prediger dorthin gezogen. Mit der Sehnsucht eines Paulus eilte er auf dem kürzesten Weg durchs Gebirge gegen Sulmona auf Capua hinunter. Da, mitten auf der Straße im einsamen Hochgebirge, packt ihn das Fieber an, wirft ihn auf die Strohmatte der Franziskaner und rafft ihn nach ein paar Stunden hin. O wie ungern – menschlich gesprochen – muß er da gestorben sein! Zwar die Legende erzählt, er sei mit einem Lächeln verschieden. Nun ja, die Heiligen wissen zu sterben. Sie verstehen es, noch dabei zu lächeln. Das macht ihnen niemand nach. Aber darum gefiel Bernardino dieses verriegelte Städtchen zum Sterben doch nicht besonders. Er hätte es andern gewünscht. Neapel, Fischer, Gassenleute, Krämer, Bettler, Gedrückte, Seufzende – hätte sie segnen, hätte ihnen noch einmal zurufen mögen: »Brüder seid ihr, alle Brüder, mit dem Papst und den Königen. Gleichmachen wird euch der Herr an seinem Tage. Hand in Hand werdet ihr gehen, und es wird greifbar wahr werden das Evangelium, wo man sich du sagt, du Fischer und du Kaiser, du Krämer und du Bischof, ihr alle gleich unsterbliche Brüder Christi.«– Oh, ich weiß, in Bernardinos brechenden Augen droben am Berg glitzerte noch eine heilige Sehnsucht nach den fünfzig gleich Wüstenbronnen dicht umlagerten und umdürsteten Kanzeln dieser seelenarmen, seelenreichen Stadt am Meer. Es sollte nicht sein. Im Anblick stummer Tannen und Felsen, die ihm so viel weniger gefielen als Menschen, mußte er sterben. Gott ist die unergründliche Weisheit. Vielleicht hat Bernardino einst im Anblick der Zehntausende, die ihm zur Kanzel eine ehrerbietige Gasse öffneten, eine geheime menschliche Eitelkeit verspürt, so eine leise Selbstgefälligkeit, die fein, lautlos, blitzschnell wie ein Mückenstich an uns gerät. Oder vielleicht auch wollte Gott, daß dieser Held des lauten Lebens und lärmenden Volkes, dieser Demokrat der Kanzel, dieser Mönch ohne Zelle, ohne schweigsame Stunden, ohne Ruheplätzchen, wenigstens für den wichtigsten Augenblick seines irdischen Wandels einen friedlichen, stillen Ort finde. Da zog er ihn zwischen die höchsten und einsamsten Berge des ganzen Landes, um ihn ja recht sicher zu haben. Und hier ward dem großen Prediger von einem noch größeren gepredigt: Stille sein! Und so ruht denn sein einst so unrastiges Gebein hier im schattigen Aquila. Mir war, als ich am stillen Grab stand, ich höre sie wieder: die unzähligen Schritte dieses Menschen durch die ganze Halbinsel, das Rauschen seiner Ärmel bei den Gesten, die gewaltige Melodie seiner Kanzelsprache, die wie Orgelspiel in den weichen, tiefen Bässen geklungen haben muß, besonders aber dieses eine geflügelte, unruhige, ewig dürstende Apostelwort: Amplius!, weiter, o nur immer weiter! Nach Amerika Auf dem Gang zum zweiten Grab, das vor der Stadt liegt, konnte ich eine Weile nicht recht vorwärtskommen. Es drängten sich Frauen und Männer und Kinder mit Bündeln auf dem Rücken und mit langen Stecken in der Hand die Gasse hinaus, wo eine Menge von Karren, mit Kisten und Körben überlastet, reisefertig standen und von den Buben schon ungeduldig hin und her gestoßen wurden. Die Männer trugen dicke braune Samthosen, und die Weiber hatten feste Wolldecken unter dem Arm. Es galt jedenfalls ein großes Stück Weg. Die Jüngeren sahen ernst, die Älteren beinahe gleichgültig drein, den Frauen hingen Tränen in den Wimpern. Aber die Kinder lachten, und ihre Köpfe zappelten, und gar die Knie der acht oder neun Knaben zitterten vor Reiselust. Alle Gesichter waren weich und feucht wie nach Küssen und Umarmungen. »Avanti!« rief ein großer, starker Mann an der Spitze, schwenkte nochmals den breiten Filzhut gegen ein Fenster und schritt voraus. » Orsu! « – Die Truppe mit Bündeln und Karren setzte sich gegen den Bahnhof in Bewegung. Da blitzte es. Nein, es war nur ein Schrei: »Maddalena!« Eine dünne, alte, heftige Stimme schrie das irgendwoher. »Nicht zurückschauen! Nicht zurückschauen!« murmelten sich die Pilger zu, und man schob eine hübsche, junge Frau in die Mitte zwischen zwei schwerknochige Männer. Aber da blitzte der Schrei wieder durch die Luft, scharf und blutend: »Maddalena!« »Corraggio!«brummten die zwei Männer und klemmten die Bedrängte mit den Ellenbogen wie eine Zange. Aber das Weib ward bleich, zitterte und wandte sich mühsam um. »Fanciullina mia! Fanciullina!« klang es jetzt wie ein Trompetenruf. Das war so hell und dringend, daß die Frau sich losriß, mit ein paar Stößen durch den hinteren Zug rang und die drei plumpen Stufen zum nahen Haustor emporflog in die ausgebreiteten Arme einer alten, kleinen, schwerverrunzelten Mutter. Man hörte nur Schluchzen und Küssen. Es war ein hartes Trennen. Der Zug stockte. Die ganze Gesellschaft kehrte sich um und sah unwillig und doch mitleidig zu. Was hatte es gekostet, der Alten Lebewohl zu sagen, schon drinnen in der Stube! Und das dürre Weiblein hatte versprechen müssen, nicht herauszukommen, bis der Zug vorbei sei. So geschehe die Trennung am leichtesten. Dafür bekam sie nochmals drei warme Küsse. Aber als sie nun die Karrenräder rollen und den Schritt der Männer auf dem Holperpflaster hörte, übernahm es ihre alte heiße Seele, und sie stürzte zum Tore hinaus und schrie, wie ein geängstigtes Drosselweibchen dem Jungen nachschreit, das heute flügge ward und eigene Wege sucht. Hinter ihr stand der Vater, ein Blödsinniger, noch älter und runzliger. Aber er nickt, lächelt töricht und sagt immer: »Sta bene, sta bene!« Er will an der lautlosen Umarmung von Mutter und Tochter nicht teilnehmen. Aber er singt mit seiner Greisenstimme dazu ganz zufrieden: »Sta bene!« »Giorgio!« gebot nun die junge Frau über die Achsel der Mutter in die Gasse hinab. Auch das noch! Der Schwiegersohn, Maddalenas Gemahl, stößt seinen Buben aus der Reihe. »Geh'«, murrt er anscheinend böse, »und gib der Nonna noch einen Kuß. Aber recht! Nicht wie vorhin! Lauf!« Der schlanke Junge mit dem schmutziggelben Gesicht, den rabenschwarzen Krausen und mit Zähnen, die wie scharfe, silberne Nägel aus dem hungrigen Maul blitzen, wendet sich zurück in die Schar. Er will nicht. Siebzehn Jahre zählt er. Das ist zu viel, um vor allen Leuten auf der Straße eine uralte Donna zu küssen. Ja, das Kind Benedetta nebenan auf dem Karren, das würde er vor der ganzen Stadt küssen. Er hat glänzende, doch schon etwas trübe Augen, und um seine magern Wangen spielt etwas wie Leidenschaft. Wahrhaftig, der hat schon reichlich geküßt! Aber hier will er nicht. Er verbirgt sich unter den andern Köpfen. »Giorgio!« befiehlt nun die junge Mutter fast drohend. »Wohin reisen denn diese vielen Leute?« frage ich einen zuschauenden Mann in blauen Hosen mit roten Schnüren. Es ist der Polizeikapitän del Sere. »Nach Amerika... Argentinia... Hier haben die jungen Leute nichts zu tun, als zu hungern.« Ah, nach Amerika! jetzt begreife ich. »Signore, dort müssen sie schwer arbeiten. Aber sie haben zu essen und bekommen Silber, wahrhaftiges Silber. Nur für uns Alte ist das nichts mehr. Die Alten haben nichts mehr zu suchen! Die Alten müssen zu Hause sterben. – Aber schau, schau, nun geht Giorgio doch hinauf. Wußt' ich's doch!« Jawohl, der Bub sieht Großmutter nie wieder. Es ist wahr. Also springt er rasch mit einem Schritt die drei Stufen hinauf, rot bis unters Stirnhaar vor Scham. Und die Greisin läßt ihre Tochter los und nimmt dafür ihren angebeteten Enkel an beiden hüpfenden Backen in ihre dürren Hände, schaut ihn mit schwimmenden Augen ganz nahe an und überküßt ihn. «Tu – tu – o tu!« stöhnt sie. Geschaukelt hat sie ihn, gepäpelt und verhätschelt, so bös und stolz er war, und nun entschlüpft er ihr für immer, dieser ewige Quäler und ewige Erquicker ihres Alters! Ach, sonnenlos ist, was noch kommt! »Addio! Ich werde dir Geld schicken, Nonna!« »Ach, was ist das, Geld – Aufs Wiedersehen«, sagt sie, »aufs Wiedersehen!« Das kann er nicht erwidern, nein. Groß ist das Leben, das nun kommt. Großmütter sterben wie Fliegen weg, schon eh' es recht beginnt. Sehen werd' ich dich nie mehr. »Addio, Nonna! Addio! Bald schreib' ich dir!« »A riverderci!« behauptete die Alte steifsinnig und küßt ihm nochmals die Schläfen mit dem ersten Flaum der Mannbarkeit und, ach!, der Unkindlichkeit. Aber jetzt ertönt von der Spitze des Zuges gewaltig wie Donner: »Avanti!« Der Führer ruft es und weist die Straße hinab. »Il treno, orsu!« Flink rennen Maddalena und Giorgio stiegab und versinken im Zug. Tapp, tapp, tapp, marschiert die Kolonne vorwärts. Da sieht Giorgio, noch immer gerötet, nach dem Kind auf dem Karren vorne. Wie Benedetta ihm das Gesicht durchmustert! Sie hat alles gesehen und gehört. Am besten das Küssen. Und jetzt forscht sie mit halb offenem Mäulchen den hübschen Jungen an, warum er wohl so geliebt und geküßt wird. Da reißt der nimmerfaule Bursche seine nassen, heftigen Lippen auf, schlitzt mutwillig die Augen zusammen und beugt sich drohend vor, als wollte er das Dirnlein gleich wie ein Kirschendieb vom Ast beißen und erbarmungslos verschlucken. Der Spitzbub, wie gefährlich er aussieht! Das Mägdlein starrt ihn noch ein willenloses Momentchen an und kehrt sich dann erschreckt um. Aber Giorgio lacht weiter. Diese Kirsche und noch viele Kirschen, bei Gott, er will sie stibitzen! Von der Hausstiege nickt der kindische Alte noch immer: »Sta bene, sta bene!« Dann schlürft er ins Haus. Aber die Nonna schaut dem Zug nach. mit beiden Händen sich an den Pfosten haltend, und flüstert immer leiser: »A riverderci, a riverderci!« Dann grübelt sie etwas aus der Tasche. Gott, wie närrisch!, einen Pfirsichstein. Vom ersten Pfirsich dieses Jahres: Giorgio hat die samtene Frucht vor ihren Augen gegessen und das letzte rote Fleisch wie ein junges Raubtier vom Stein gekerbt. Wie seine Augen dabei glänzten und ihm der Saft von den Zähnen tropfte! Dann gab er ihr großartig den Stein zum Geschenk. Ecco, Nonna, mußt auch etwas davon haben. Ei der Tausend, den will sie sogleich in einen Blumentopf stecken! Und sie sitzt am Topf und wartet, bis ein grüner Schimmer herausblitzt. Das wird in einem Jahr geschehen. Dabei vergeht die Zeit. Und noch drei Jahre wird sie warten, dann blüht das Geschöpflein. Und so vergeht die Zeit. Und in zehn Jahren – oh, sie hätte Geduld für hundert Jahre! –, aber schon in zehn Jahren wächst ein Pfirsich daran. Ganz gewiß. Und das ist Giorgios Pfirsich, fast wie aus seinem Munde gewachsen. Den muß er wieder essen, damit sie den Stein bekommt, O ja, a riverderci, kein Zweifel, so geht es weiter und weiter. Lustig über ihr graues, nasses Runzelgesichtlein hüpft dieser Traum, und behend wendet sich das kleine Frauelein und trippelt ins dunkle Haus hinein, um den schönsten ihrer vielen Blumentöpfe auszulesen. In der fernen, ungeraden Straße verschwindet die Karawane. »Sie haben noch viel Zeit«, murmelte der Capitano, »und pressieren so! Kurios, immer pressieren sie so... Das sind elf Familien. Im April vorigen Jahres waren es auch elf.« »So viele?« »Und vorletztes Jahr sind vierundsiebzig Menschen hinübergereist...« Er winkte mit dem Käppi über den Monte Velino, wo nach seiner bescheidenen Globuskenntnis Argentinien liegen mußte. Ich suchte umsonst etwas Nutzloses hervorzuwürgen. »Ein paarmal schreiben sie, dann wird es still. Nach drei, vier Jahren weiß kein Mensch ihre Adresse mehr.« »Und die Nonna?«preßte ich bekümmert hervor. »Bah!« Der Alte schüttelte die Hände wie über eine Zwecklosigkeit. Schüttelte er sie nur über die verlassene Großmutter hier? Oder galt es der alten Frau Italien, die ihrer Kinder noch nie wahrhaft froh werden konnte? Niedergedrückt zog ich weiter. O Bernardino von Siena, sei froh, daß du das nicht mehr siehst. Nicht einmal Brot hat deine Mutter für ihre Jungen mehr. Die halbe Welt müssen sie durchfechten um eine Krume zum Sattwerden. Und das andere Brot, ohne das man bei allen Fleischtöpfen Ägyptens und Argentiniens hungert, ach, Bernardino, wer gibt ihnen dieses andere Brot? Gebt mir meine Wildnis wieder! Das ist der alte Eremit Petrus, der im verriegelten Schloß bei Fumone von der Türe zum Fenster lief, hin und her, hin und her, mit der fiebrigen Behendigkeit eines zähen, achtzigjährigen Greises, und um der Barmherzigkeit Gottes willen bat, daß man ihn doch zum Gran Sasso oder zur Majella in seine Waldklause heimkehren lasse. Er rief es und weinte es und betete dann seine Psalmen weiter: Benedicite montes et colles Domino... Benedicite glacies et nives Domino! Lobet den Herrn, ihr Berge und Hügel; lobet den Herrn, Eis und Schnee! – Oh, wenn er diese Verse wieder unter den Eichen und Wildkastanien seiner Einsiedelei beten könnte, am Monte Morone, oberhalb Sulmona, gegenüber den grauen und so einsiedlerisch stillen Kämmen der Majella, im Anblick des hellen Januarschnees auf allen Gipfeln! Oh, nur fort aus diesen Marmorsälen und seidenen Kleidern, aus diesen höflichen, glatten Dienerverbeugungen, fort aus dieser herz- und atembeengenden römischen Herrlichkeit in die Gottesfreiheit der wilden Abruzzen! Der Greis hörte nicht auf zu bitten und zu betteln, und als er es nicht mehr sagen durfte oder konnte, da schrie es seine Seele voll Heimweh weiter. Mit diesem heiligen Schrei nach der Heimat ist der seltsame Mann verschieden. Der Volksmann Bernardino muß in der Schweigsamkeit des Gebirges sterben, zwei, drei stille Brüder um sich. Und der Eremit Petrus erblaßt in einem päpstlichen Schloß in hohen Ehren und königlicher Haltung. Der eine schreit immer: In die Stadt, in die Stadt, unter die Menschen! Und der andere schreit immer: In die Berge, in die Berge, weit weg von allen Menschen! Wie doch der große Weber der Menschenschicksale dann und wann an seinem Riesenwebbaum das Schifflein so seltsam hin und wider schiebt! Aber hier, du merkwürdiger Mann, in diesem stillen, großen Kirchenbau vor der Stadt Aquila, so nahe deinen Bergen, deinen Bächen und deinem Schnee, schlummerst du nun zufrieden. Du hast doch wenigstens das Grab wieder da gefunden, wo du deine lebenslange, schöne Heimat besaßest. Die Geschichte des Petrus Morone, der hier unter den Platten liegt, erschüttert mich immer. Es ist das Trauerspiel zwischen der Härte der Politik und der Weichheit ihres Trägers. Die Härte siegt. Mit dem hochbetagten, himmelvertrauten, aber weltunkundigen Eremiten kommt ein Idyll auf den ersten kirchenpolitischen Posten der Welt, aber wird sogleich vom kalten Zugwind, der auf solchen Spitzen weht, mitleidlos entblättert. Petrus war in den Naturklausen der Abruzzen um Aquila herum ein hoher Greis geworden, hatte einen Orden gegründet, nicht aus Lust, sondern aus Not, um seinen zahllosen Jüngern Halt und Ziel zu geben. Immer, wenn seine Nacheiferer wieder ein wildes Geklüfte um ihn herum bevölkert hatten, war es ihm zu laut geworden und hatte er sich in ein noch wilderes Gefelse geflüchtet, bis ihn die andrängende heilige Leidenschaft der Jünger zum dritten- und viertenmal in immer strengere Einsamkeiten trieb. Nahe dem achtzigsten Jahr war er so zu einem wahrhaften Heiligen gereift und genoß wegen seines frommen Lebens und seines starken Gebetes einen Ruf weit über die Länder bis Rom und Neapel. Alle Welt wußte davon, nur er wußte es nicht. Dabei war er ein ungelehrter Mann, ohne Erdenkunst und Erdenwissen, ohne die Welt, der er sein Lebtag den Rücken gekehrt hatte, auch nur im gröbsten Fadenschlag zu kennen. Er brauchte das auch nicht, lebte mit Gott, den Vögeln und Sternen und war gleich diesen Geschöpfen so lichtfroh und himmelnahe und seelenzufrieden. Nun war Papst Nikolaus IV. im Frühling 1292 gestorben. Die Kardinäle versammelten sich zu einer Neuwahl. Aber große und kleine Politik hintertrieb immer wieder die Ernennung eines tüchtigen Mannes. Die französischen Kardinäle wollten einen Franzosen, mindestens einen Freund Karls von Anjou in Neapel, desselben düstern Mannes, der den Staufen Konradin hatte enthaupten lassen. Andere begehrten einen deutschfreundlichen Statthalter Christi. Von einem unabhängigen Kirchenhaupt war keine Rede. Zugleich spaltete sich das Kollegium in eine Orsini- und Colonnapartei, nach den gleichnamigen, zwei sich tödlich hassenden Adelsfamilien Roms. Keine gönnte der anderen die Tiara. So tief war der purpurne Senat gesunken, daß er mehr mit Maklern als mit Gottberatenen verglichen ward. Es kam zu keiner Wahl. Die graue Elster der Politik, nicht die weiße Taube des Heiligen Geistes schwebte über den Häuptern. Zwei volle Jahre hatte man sich schon beraten. Die katholischen Völker wurden besorgt, der Klerus ärgerte sich, die Regenten sandten Gold und Drohungen, immer wirrer wurde die Sache. Man änderte den Ort, als ob es damit besser würde. Aber die Intrige folgte den Wählern von einer Stadt in die andere. Endlich, im Hochsommer 1294, versammelte man sich im alten umbrischen Perugia. Und da erinnerte sich wohl mehr als ein Kardinal an den großen Papst, der hier in der Domgruft schlief. Man schämte sich vor dem Toten, man beeilte sich jetzt. Fast ein Säkulum war verflossen, seit Innozenz III. den Hirtenstab der Welt so unvergleichlich stark in die junge Hand genommen hatte. Damals freilich saß den Wählern noch ein heilloser Schrecken vor Barbarossa und mehr noch vor seinem furchtbaren jungen Sohne, Heinrich VI., dem germanischen Cäsar, in allen Knochen. Da erlosch jegliche Intrige. Rasch ward der jüngste, aber gewaltigste Mann des Kollegiums gewählt, auf den weltlichen folgte ein geistlicher Cäsar. Man hörte die Kirche an jenem Tage aufatmen wie zu Konstantins Zeiten. Wohlan, zur Wahl, o Väter von Perugia! Aber nehmt keinen Innozenz! Jetzt ist ein großer Heinrich oder Friedrich nirgends, wohl aber ein strammer Papst zu fürchten, der in die Wirrnis und Verdorbenheit der Kirche wie ein anderer Elias fahre. So erkor man einen Heiligen Vater, den die meisten Bischöfe nur dem Namen nach kannten und von dem die lauesten Priester nichts zu fürchten hatten, weil er zwar ein Heiliger, aber ein Tor der Welt war, so ein verwilderter, alter Einsiedler, der viel besser den Amselpfiff von Drosselpfiff als die welsche von der germanischen Politik zu unterscheiden wußte. Man wählte zum Papst den nie gesehenen, aber landberühmten Petrus droben in den apulischen Bergen. Ist je ein Mensch so erschrocken wie der uralte Petrus Morone, als eines Tages plötzlich durch das Gestrüpp seiner Wildnis samthosige Junker, behelmte Ritter und drei seidenschimmernde Bischöfe brachen, müde und schwitzend von der harten Bergtour, dahinter ein Gezwitscher junger Höflinge und Knappen? Als sie alle die Knie vor dem elend bekutteten, struppigen Klausner bogen, ihn Papa und Pontifex Maximus nannten und ihm dann mit begeisterten Versen die gültige Ernennung zum Herrn der Christenheit anzeigten? Er glaubte es nicht, bis er das Pergament mit dem Siegel des Fischerrings durch seine zitternden Finger gleiten ließ. Nun fiel der Arme zu Boden vor Entsetzen, weinte, wehrte ab, rutschte flehend wie ein Kind von einem Gesandten zum andern, wies auf sein kahles Haupt, seinen verwilderten Bart, seine Hände, braun und knorrig wie Tannenwurzeln. Besonders entblößte er sich in seiner ganzen Unwissenheit an allem, was man unter den Menschen und vor allem auf ihrer obersten Spitze wissen müsse. Er habe ja darum auch die Leitung seiner eigenen Ordensfamilie, so einfacher, roher Waldbrüder, längst niedergelegt und sich ganz still hierher zurückgezogen. Denn er könne kein noch so kleines Gemeinwesen regieren und verwalten, höchstens so eine Klause mit etlichen Waldvögeln, Hasen und seinem eigenen überlästigen, dem Tode verfallenen Menschen. Nein, nein, sie sollen zurückkehren! Es sei ein Irrtum. Er würde dem Heiligen Stuhl Spott und Schaden bereiten. Dies da sei sein Purpur. Er hob seinen halb weißen, halb braunen Habit voll Tannennadeln und Harztropfen über die Fußknöchel. In dem fühle er sich allein wohl. Je mehr der Eremit in seiner großartigen Schlichtheit sprach, um so wahrhaft erlesener und päpstlicher kam er den Sendlingen vor. Erschüttert hörten sie zu. Eine Ahnung davon, wie tief sie in der Erde steckten und wie viel Himmel so ein Heiliger ihnen bringen könnte, beschlich den weltlichsten Junker und den losesten Pagen. Dennoch vermochten die Bischöfe der hinreißenden, zu Tode geängstigten, auf den Knien flehenden Beredsamkeit dieses außerordentlichen, geistlichen Naturmenschen keine Gegengründe vorzuhalten. Noch tiefer als bei der Begrüßung verneigten sich alle und gingen leise bergab. Sie hatten erwartet, einen neuen Papst zu sehen, und nun eine viel größere und schönere Neuigkeit erlebt: einen wahrhaften Heiligen. Als die Deputation weggegangen war, glaubte der Alte, aus seiner Jünglingszeit und jener raschen Römerwoche geträumt zu haben, da man ihn zum Priester weihte. So schnell als möglich war er damals aus der heißen Stadt in seine Einöde zurückgekehrt, so daß er nur ein jähes Aufschimmern von Gold und Marmor davon in seiner Erinnerung bewahrt hatte. Flackerte nun dies Anerbieten nochmals vor dem Tod in ihm fast greifbar und heiß wie ein wirkliches Feuer aus der Asche seiner Vergangenheit auf? Seltsam wäre das. Oder war es eine Versuchung gewesen? So ein schlaues Blendwerk der Hölle, wovon man in den Einsiedler-Legenden so viel liest? Peter Morone lachte wie ein Kind. Dann hat der Widersacher schlecht Theater gespielt. Mit Seide und Gold und hohen Stuhllehnen kann man einen so alten, widerhaarigen Barbaren des Gebirgs wahrhaftig nicht mehr ködern. Das hat der Teufel nun einmal gänzlich dumm angestellt. Geißel und Stachelgürtel und eine noch rauhere und frömmere Aszese hätte er mir im Glorienschein anderer, größerer Eremiten zeigen und damit meinen Neid wecken sollen. Der gehörnte Narr! Nun hat er die gute Gelegenheit für immer verpaßt. Zufrieden suchte Peter ein paar Schwämme, um sie in seinem Töpflein mit Wasser und Reis aufzukochen, und pfiff ein helles Liedchen aus seinem stillachenden Mund, um den eine weltfremde Seligkeit spielte. So pfeift ein frischer Knabe, wenn er aus einem bösen Traum erwacht, mit festen Füßen in den Tag hineinspringt und merkt, daß das alles nur Spuk und Spinngewebe der Nacht war. Doch nein, hier war es kein Traum. Petrus war wirklich gewählt. Immer dringendere Deputationen bestiegen den Berg. Die Könige von Neapel und Ungarn kamen höchstselbst herauf und beschworen Peter, sich der papstlosen Welt zu erbarmen. Die Kardinäle drohten, er verschulde den Zorn des Himmels, wenn er sich länger weigere, der Kirche den Frieden zu geben. Wie ein Meer so groß und tief sei das Ärgernis der Christenheit über den seit Jahren verwaisten und widerlich umzankten Hirtenstab Petri geworden. Bald würden ganze Länder an Rom irre und abfallen. Von seinem Ja oder Nein hänge das Schicksal der Welt ab. So gab der Greis denn verzweifelt nach und ward feierlich nach Aquila hinuntergeführt. Halb Italien lief in die Abruzzen hinauf, um den so wundersam Gekrönten zu sehen. Nun stand wieder einmal ein Heiliger am Steuer der Kirche.   Aber sieh da, der Papst blieb Wochen und Monate in der Bergstadt. Sich von seinen Bergen trennen, war ihm beinahe, wie Leib und Seele voneinander scheiden. Die Römer, die Fürstenboten, die Kardinäle mußten zu ihm hinaufkommen. Hier oben erledigte er die Amtsgeschäfte, wohin man erst unter vielen beschwerlichen Tagreisen gelangte. Man bat ihn stündlich, nun doch nach Rom zu ziehen, wohin jeder Papst so sicher als das Licht am Himmel gehöre. Aber beharrlich weigerte er sich. Er ist der erste Papst, der Rom nie sah, und der einzige, der es nie zu sehen wünschte. Der alte Mann, der sich sein Lebtag selbst bedient hatte, ward jetzt von einem ganzen Troß von Kämmerlingen umgeben. Edelknaben schenkten ihm kniend den Wein in den schweren Goldbecher. Ach, wieviel lieber hätte er mit der hohlen Hand das Wasser aus einem Bächlein geschöpft! Ganz ungewohnt kamen ihm die dicken, von Edelsteinen strotzenden Ornate vor. Sein Ohr, das ans Rauschen der Eichenkronen gewohnt war, konnte das gleißende Knistern der Seide nicht ertragen. Nie taten ihm, wenn er über grobe Felsen oder knorrige Stämme emporkletterte, die Hände so weh wie jetzt beim Betasten von so viel weichem, wulstigem Samt. O Eichen, o Felsen, o himmlische Wildnis! Was wußte er von Akten und Kassen und dem Gekritzel der Kanzleien? Was behelligte ihn das bisher? Nie hatte er mit solchem Wisch zu tun gehabt. Sich als Achtziger daran gewöhnen, war nicht mehr möglich. Die pfiffigen Höflinge merkten das sogleich. Wie die Diener goldenes Geschirr stahlen und verkauften, so vergaben die Beamten seines Hofes, weltliche oder doch verweltlichte Herren, Bistümer und geistliche Privilegien um Geld, täuschten dem greisen Papst je nach ihrem Profit eine Sache weiß oder schwarz vor, ahmten seine gröbliche Unterschrift nach. Die Einfalt dieses Kindes des Lichtes ward von den kniffereichen Weltkindern mißbraucht, und die Kirche Gottes litt mehr unter diesem betrogenen Papst als in allen papstlosen Zeiten. Endlich brachte der König Karl von Anjou es durch Schmeicheln und Gewalttätigkeit fertig, den Heiligen Vater in seine Residenz Neapel einzuquartieren. Von nun an regierte der Anjou die Kirche. Er las die Kandidaten des Kardinalsenats durchweg aus seinem französischen Klerus aus. Petrus hatte nur ein willenloses Ja zu nicken. Zuletzt wollte sich der König sogar schon einen ihm genehmen, sklaventreuen Papst als Nachfolger dieses Greises sichern. Die paar ernsthaften und unabhängigen Kardinäle sahen mit tiefem Kummer, in welche unziemliche Dienstbarkeit der Heilige Stuhl mehr und mehr verfalle. Da heimsten nun auch sie den Lohn für ihre ungeistliche Furcht vor einem starken Papst ein. Dafür trugen sie jetzt das Joch eines tyrannischen Königs und den Unfug von hundert kleinen, welschen Päpstlein. Diese Einsicht reinigte manches Herz. Immer mehr erlosch der Hader zwischen den italienischen Orsini- und Colonna-Kardinälen, immer mehr auch der Schrecken vor einem päpstlichen Helden und Eiferer. Ja, zuletzt war die Sehnsucht nach einer starken Innozenziusstirne und Innozenziushand in manchem geheimen Prälatenbrief und selbst in offener, tapferer Predigt laut. Es ist nicht zu sagen, wie unglücklich indessen Papst Cölestin – so hieß er sich wohl im Heimweh nach seinem verlorenen, heiligen Berghimmel – die glänzenden Hoftage von Neapel verbrachte. Jeder neue Morgen sagte ihm mit neuer Klarheit, wie unfähig er zum Regiment der Weltkirche sei. Während er noch eben im Gebirge wie ein Jüngling ausgeschritten war, behend, mit roten Greisenbäcklein, leichtatmig und scharfäugig, siechte er jetzt in den Sälen dahin, welk, müde, kurzsichtig, und vermochte die Tiara nicht ein Viertelstündchen lang auf dem Kopfe zu behalten. Und der sollte den christlichen Erdkreis tragen? Sowie er sich unbelauscht meinte, streifte er den schweren Siegelring und die mächtige Brustkette ab, schlüpfte aus den goldbrokatenen Pantoffeln und lief barfuß und barhaupt ans Fenster, in das – ach, kein Abruzzenlüftchen!, sondern der vulkanische Atem Neapels dick und lavaschwer hereinfloß. Wenn dann der Kämmerer stirnrunzelnd vorstellte: »Aber Heiligkeit, Eure Würde! Das Ärgernis!«, dann schob Cölestin seine erdbraunen Einsiedlerfüße wieder seufzend in die heißen, seidengepolsterten Schuhe und flehte: »Gebt mir um Himmels willen meine Wildnis zurück!« Trat er zum Palast hinaus auf die schreiende Straße oder ins Gelärm des Hafenplatzes, dann dachte er: »Wie still muß es jetzt droben im Wald von Morone sein!« Die Hitze dieser Sonne und dieser feurigen Menschen machte ihm Heimweh nach der kühlen, menschenlosen Klause am Gran Sasso. O ihr Herren Könige und Bischöfe, gebt mir meine Wildnis zurück! Zuerst betete er still für sich darum, dann flüsterte er es, dann bat er scheu wie ein Kind, dann rief, dann schrie er es, daß es durch alle Gemächer drang und man ihn beschwor, doch um des Ärgernisses willen zu schweigen und sich zu gedulden. Aber als er nach und nach auf die Schliche seiner Kanzlisten kam, als er gar von einem erlogenen Breve und zwei erschwindelten Bischofshüten sich unwiderleglich überzeugen mußte, da hielt ihn nichts mehr. Sein Gewissen überschrie alle Bedenken. Er verderbe die ganze Welt, und sie verderbe ihn. Alles noch so drohende Zureden des Anjou und alles Pathos der französischen Kardinäle vermochte nichts mehr über ihn. Am 13. Dezember, nach vierteljähriger Tiara, trat der Greis im vollen Papstornat unter die versammelten Kardinäle und dankte in einer kurzen, ergreifenden Rede ab. Er sei zu alt, zu elend, zu unvermögend. Gezwungen sei er Papst geworden. Aber nicht Eisen noch Feuer hielten ihn ab; nur noch einen Tag Papst zu bleiben. Die Kirche Gottes litte wie zur Zeit der römischen Cäsaren. Der Fluch des Himmels könne jeden Augenblick sich über seinem Haupte entladen, wenn er zögere. Bald müsse er sterben. Da wolle er denn in der Einsamkeit seines Berges und in der Gnade des ausgesöhnten Gottes, aber nicht hier auf falschem Sessel und Posten wie in einer Lüge sterben. Dann nahm er mit zitternden Händen die Krone ab und legte sie schnell, als brenne sie ihn, aufs Samtkissen des knienden Pagen. Und nun flog zum erstenmal seit drei Monaten wieder ein Lächeln über sein Gesicht. Darauf küßte er das wuchtige, goldene Brustkreuz, legte es samt der Kette aufs nämliche Kissen, und schon wurde sein Lächeln heller und seine Stimme fröhlicher. Jetzt zog er auch die Stola und den Seidenrock ab, löste den Fischerring von der Hand und warf die heißgeliebte Kutte seiner Einsiedlerschaft über sich. Und siehe, da fielen ein paar Tannadeln aus dem Ärmel zu Boden. Rasch, als gälte es seine Seele, bückte sich der Greis, las sie alle auf und betrachtete sie. Die waren ja noch vom Sommer des Jahres, von der seligen Klausnerzeit, vom Gran Sasso. Petrus meinte, seine Wildnis in der Hand zu haben. Seine Stimme klang jetzt wieder frisch wie oben am Morone unter Vögeln und Eichhörnchen, und er lachte laut und hoch wie ein Kind. In der Kirchengeschichte gibt es manchen genialen Augenblick. Diese Entkleidung vom Papst zum Waldbruder war einer der großartigsten, eine Gnade für die Christenheit, aber auch eine gewaltige Predigt. Die kirchlichen und weltlichen Regenten hatten es bitter nötig, nach so vielen gierigen Händen, die nach den Papstinsignien griffen, auch einmal zwei Hände zu sehen, die diese Kleinodien munter von sich taten. Päpste hatte es genug gegeben, die aus Angst oder Demut sich der petrinischen Schlüsselgewalt durch zeitige Flucht zu entziehen suchten. So sogar noch der große Innozenz. Aber wenn sie dann gewählt und gekrönt waren, hat sie keine Liebe und kein Haß der Welt ihrem Thron abspenstig machen können. Cölestin ist vor- und nachher der einzige geblieben, der die Erhabenheit und Pracht der Tiara zwar gekostet, aber wie eine Last lächelnd von sich geworfen hat. Wie ein Erlöser stand er jetzt da. Man wählte nun einen welterfahrenen, starken Papst, den unabhängigen Kardinal Benedikt Caëtani, der auch sogleich mit fester Hand sich die Tiara aufsetzte und als Bonifatius VIII. sich in der Historie einen heißumstrittenen Weltruf erwarb. Cölestin war der erste, der sich vor ihm bog. Dann bat er glückselig um die Erlaubnis, in seine Abruzzenklause zurückkehren zu dürfen. »Meine Kutte hab' ich. Nun noch meine Berge, meine Einöde, meine Einsiedelei!« Aber das schien dem politischen Kopf Bonifatius' höchst gefährlich. Das Volk, das den Papst Cölestin kaum einmal sehen konnte, aber ihn als einen Heiligen kannte und verehrte, würde ihn nach wie vor als den gültigen Papst ansehen. Es weiß gar nicht, daß einer, der Papst ist, aufhören kann, Papst zu sein. Aber noch stärker war der andere Grund. Wollte Bonifatius wahrhaft Papst und nicht eine Staatspuppe Karls sein, so mußte er sich durchaus von den Franzosen freimachen. Wie leicht konnten die nun den einfältigen Cölestin oben im Gebirge wieder in ihre Klauen nehmen und, ob er wollte oder nicht, als Gegenpapst und italienischen Heiligen gegen Bonifatius ausspielen! War das etwa nicht schon zu dutzend Malen vorgekommen, wo man einen Gegenpapst erst machen mußte? Hier aber hatte man einen Mann, der wahrhaftiger Papst gewesen war. Schon ging ein Gemunkel durch das neapolitanische Land, Bonifatius habe den alten Cölestin gezwungen abzudanken. Ein Schisma konnte entstehen. Die schwer gequälte Kirche ertrug das nicht auch noch zu aller andern Not. Nein, der Eremit Petrus darf nicht wie ein freier Waldvogel heimfliegen. Er muß im Käfig, ich will sagen, am Hofe des neuen Papstes behalten werden, muß mit ihm nach Rom gehen oder wohin der Heilige Vater ziehen wird. Er ist die Geisel zur Sicherheit der Kirche. Jedoch Peter Morone fleht so herzbeweglich, schüttet so grenzenloses Heimweh aus seinem alten Herzen, und die heilige Unschuld leuchtet so übermächtig aus ihm, daß nur ein Mann so herkulisch und felsig wie Bonifatius widerstehen konnte. Dieser Papst war aus dem Stoffe der Cäsaren gehauen. Doch darf man ihn nicht mit Innozenz vergleichen. Der hätte den Eremiten fröhlich ziehen lassen. Seinen politischen Schwung und seine eiserne Tatkraft besaß Bonifatius, aber nicht sein prachtvolles Genie der Praktik. Und noch etwas Großes fehlte diesem Kraftmenschen, der gleich Innozenz ein Campagner war: die innerliche, tiefe Glut des Herzens. Bonifatius war neben dem Staatsmann nicht auch Poet. Sonst hätte er den Klausner begriffen. Ein Innozenz hätte nicht einen schwachen Eremiten Petrus, sondern einen Karl von Anjou und Philipp den Schönen zeitig genug unschädlich gemacht. Den Vorgänger hätte er der Welt als Heiligen, als konkurrenzlose Größe vorgestellt. Bonifatius hat geniale Züge, ohne ein eigentliches Genie zu sein. Sein Benehmen gegen Cölestin ist staatsklug und polizeilich mustergültig, aber es läßt das Weitblickende, Hellseherische eines Genies durchaus vermissen. Petrus mußte in seiner Nähe bleiben. Er ward mit Ehrerbietigkeit behandelt als der oberste unter den Kardinälen. Aber der Greis fühlte, daß dies eben doch Gefangenschaft war, und entfloh. Wie dies geschah und wie ein Achtziger von Anagni weg bis in die Abruzzen gelangen mochte, darüber fehlt uns jede Kunde. Aber rührend ist die Naivität dieses Heiligen, sich wieder in den Schlupfwinkel am Monte Morone einzukapseln, wo ihm die Gesandten die Papstwahl mitgeteilt hatten, und wo ihn die Verfolger jedenfalls zuerst aufspüren mochten. Wirklich kamen die Boten des Papstes bald genug den Berg herauf. Allein, trotz ihres strengen Auftrages, den Ehrwürdigen tot oder lebendig nach Anagni zu schaffen, brachten die Gesandten es nicht übers Herz, den Greis, der so rührend um ein ruhiges, letztes Lebensstündlein hier oben bat, aus seiner Zelle zu reißen und in die Haft nach Anagni zurückzuschleifen. Sie kehrten um. Da wurden härtere Mannen mit geschärfter Weisung zur Einsiedelei entsandt. Aber die Klause stand leer. Petrus hatte sich wohlweislich weiter in die Berge geflüchtet. Nun wurde Militärgewalt aufgeboten. Späher und Kriegsleute durchstöberten in langen Zeilen die ungeheure Wildnis. Ein ganzes Heer ward gegen einen greisen Klausner, der nichts als ein friedliches Sterbestündchen wollte, über Berg und Tal in Bewegung gesetzt. Das machte das fromme, von so viel kirchlichen Wirren verwirrte Volk nun erst recht zum Verehrer des Verfolgten. Den Leuten ward es nun völlig gewiß, daß Petrus der wahre Heilige Vater blieb, und daß sein Bedränger ein Afterpapst war, der sich nicht sicher fühlte, solange der echte und heilige Statthalter Christi lebte. Die Mönche in den Abruzzen, die Hirten der Alpweiden, die Leute in den verschlüpftesten Talweilern beherbergten den Eremiten, schirmten ihn, trugen ihn von Wald zu Wald, über die ganze ungeheuerliche Gran-Sasso-Kette ans Adriatische Meer. Und hier, im Begriffe, nach Dalmatien hinüberzusegeln, fing man ihn. Unter großen Beschwerden ward der arme Mann zuerst vor den strengen Papst nach Anagni und dann in das feste Kastell Fumone gebracht, dessen Ruinen heute noch von den Campagnahöhen ins Tyrrhenische Meer hinausschauen. Soldaten mit Schild und Lanze hüteten den Eingang, marschierten im Wachtschritt durch die Gänge oder standen vor den Gemächern bewegungslos aufgepflanzt. Aber drinnen weilten zwei Ordensbrüder bei dem gebrochenen Greis und pflegten seine letzten Tage. In dem schwülen, moderigen Odem dieser Burg lebte Petrus noch ein paar Wochen. Die Sehnsucht nach der Freiheit der Berge verzehrte ihn. Nur waren es nicht mehr der Gran Sasso und die Majella, sondern die Colles aeterni, die ewigen Hügel, wonach sein Heimweh nach so viel Enttäuschung wie eine flinke, makellose Taube flog. Von jenen Höhen wird ihn kein Papst und kein Kaiser mehr holen können. Dort ist die ewige Einsiedlerruhe. Schon im Mai 1296 starb Petrus. Anderthalb Jahre hatte seine welthistorische Rolle gedauert. Auch hier erzählt die Legende, wie er mit zufrieden gefalteten Händen und mit lächelndem Munde gestorben sei. Ich wiederhole: die Heiligen wissen zu sterben, Bernardino droben am Berg, verzehrt vom Stadtheimweh, Petrus hier im Soldatenkastell, aufgerieben vom Bergheimweh. O ja, die wissen zu sterben! Wenn auch ihr Herz sich müd geschrien hat nach einer Stadt voll Menschen oder nach einem Berg voll Einsamkeit, schließlich, was ist Leben? Was ist Erde? Sie glauben an die Ewigkeit. Und dort, Bernardino, ist die große, ewige, seelengefüllte Stadt! Und dort, Petrus, ist der hohe Berg Tabor mit seiner unendlichen Einsamkeit in Gott! Aber auch die Heiligen sind Menschen bis zum letzten Atemzug. Ihr Sterbliches wünscht auch sein sterblich Teil Heimat. Obwohl Bonifatius in übertriebener Staatsklugheit den heiligen Greis am Hochaltar zu Ferentino zehn Ellen tief in den Boden legen ließ, immer schien es, als höre man rufen: Gebt mir meine Wildnis wieder! Aus solcher Tiefe heraus! Und immer meinte man, Holzsandalen klappern und einen Pilgerstab klopfen zu hören wie von einem, der aufbricht und ins Gebirge zieht. Selbst so viel schwere Erde schien das unruhige, heimatsüchtige Gebein da unten nicht stillen zu können. Bis nach zwanzig Jahren Papst Klemens V. den Leichnam ausgraben und in Aquila oben, im Schatten der geliebten Einsiedlerberge, bestatten ließ. So hatte Peter Morone endlich Ruhe, und wahrhaft, er ruht gut. Es ist in dieser Kirche seltsam einsam. Die Schritte des Pilgers tönen, als ginge man durch einen stillen Wald. Die Vorhänge an den Fenstern rauschen wie die Büsche am Monte Morone. Der KIosterbrunnen plaudert wie ein Waldbächlein, es duftet und schattet und kühlt hier wie unter hohen, grünen Buchendolden. Ja, Petrus hat seine Heimat hüben und drüben gefunden, sage ich mir, und fühle selber eine wohlige Heimatlichkeit durch meine Seele gehen. Ich stand und stand und freute mich; da erreichte mich aus dem Freien, tief herüber, ein schriller Pfiff. Die Eisenbahn! Sie rollt in die Weite, aus den Bergen, aus der Heimat, in die Fremde. Und die Auswanderer mit ihr, diese ruhelosen Giorgio und Maddalena, diese Arbeit, Geld, Brot, Heimat suchenden Menschen der Abruzzen. Sogleich ist es um mein Heimatgefühl geschehen. Nein, ach nein, Torheiten! Solange man lebt, soll man nicht von Heimat reden. Es gibt kein Bleiben und Sattwerden und Ausruhen allhier. Es ist alles ein stetes Zeltstellen und Zeltbrechen, wie der große Weltreisende Paulus sagt. Nicht wahr, Bernardino und Petrus, ihr heiligen Männer, nicht wahr? Man hat nirgends ein Daheim, bis man das kleinste aller Häuschen für den großhansigen Leib und das größte von allen für sein demütiges Seelchen gefunden hat! Der Heilige auf dem Paß Sechs Jahre gingen über Bernardinos Sarg. Da wollte die Christenheit durchaus, daß der Verstorbene, der allen Herzen heilig war, auch von Amts wegen heilig erklärt würde. Es geschah. Und mitten im rauschenden Feiertag von Sankt Peter hielten drei auffällig scharf und klassisch geformte Männer über Papst Nikolaus V. und dem Bildnis Bernardinos in seiner Hand die vorderen Stangen des wie aus Äther so duftig gewobenen und leise erschauernden Traghimmels. Diese Stangen aber waren aus Elfenbein geschnitzte Palmen. Zuunterst an jedem Schaft saß König David und spielte mit orientalisch zarten Fingern auf einer Zither. Zwischen diese Elfenbeinhände mußten die Träger des Baldachins wie in eine Handhabe greifen. Der eine, ein Sechziger, haar- und bartlos und voll steiniger Magerkeit, trug eine vornehme, kühle Schwermut im Gesicht. Es war der Baron de Sacco, dessen schönstes Schloß und Glück am Büdnerpaß zwischen Italien und Germanien in wachsender Verarmung lag, dazu von einem Völklein umdräut, das weder ordentlich dem italienischen Mittag noch der deutschen Mitternacht angehörte, einer wunderbaren Rasse in ihren Härten und Hitzen, die, wenn sie regieren, sich bücken, und wenn sie sich bücken, regieren. Baron de Sacco trug einen Degen im Gurt, dessen goldener Korb eher von gelber Seide als von Draht gesponnen schien, so fein, so viel zu fein und schon etwas zerfasert sah die Arbeit aus. Er dachte voll Ekel an seine Schulden und betete zu San Bernardino, falls ihm das Herrentum und sein Genuß über die steifen Misoxer Bauern bliebe, wolle er dem Heiligen zuoberst am Paß, wo die letzten Hirten wohnten, ein Kirchlein gründen und die Straße gen Norden nach ihm taufen. Aber der Demokrat San Bernardino schüttelte herrischer als der härteste Herr seinen kleinen Heiligenkopf. Die Straße! Ja, das gefiele ihm schon. Ihr Wandern, Suchen, Friedenbringen. Aber mit Tyrannen schloß er schon auf Erden keinen Pakt, wie denn gar im freien Himmel! Der zweite Träger war de Saccos Schwiegersohn Trivulzi, ein glattes Diplomatengesicht, mit vielen kaufmännischen Schlitzen und Taschen im Seidenrock. Er trug ein leichtes Stilett, vielleicht mehr ein Waidmesser, vielleicht sogar eher ein Instrument, um Pakete aufzutrennen und Zahlen zu radieren. Indessen seine Hand war so breit wie lang, und fähig, zur Zeit auch ein zehnpfündiges Schwert zu schwingen. Aber mehr vom Ehrgeiz der Börse als der Lanze gestochen, betete er zu San Bernardino hinauf mit schneller und korrekter Buchhalterstimme: er möge den de Sacco in einem raschen, schmerzlosen Tode des Staubes entheben, damit die würdigeren und sparsameren Trivulzi in jenen reichen, ruhigen Alpengütern hausen und die Stipendien der Fürsten und die Prozente einer sattelfesten Kaufmannspolitik in unzerstörbaren Felsenkellern aufspeichern können. Er wollte Maria und ihrem Diener San Bernardino zusammen eine hübsche Pfarrkirche im Schutz und Schatten des Misoxer Kastells erbauen, mit einem eleganten lombardischen Campanile... und einem tiefen Opferkasten!... Und ihn, den Bettelmönch, neben die Erlauchteste unter den Heiligen nach schönster Leibesähnlichkeit an die Wände malen lassen. Aber San Bernardino lächelte schlauer als der pfiffigste Schläuling und schüttelte wieder ein Nein hernieder. Hatte er schon zu Lebzeiten die Habsucht und das Prassen vermaledeit, um jetzt als Seliger einen Geizhals zu segnen? Hebe dich! Jedoch die dritte Stange des Baldachins trug der siebzehnjährige Jüngling Maria Giuseppe a Marca. Ein traffer, behender Bursche mit dunklem Haar und harter Stirne, einem knochigen Oval und einer Nase, die gerade und klug vorwärtslief, bis sie am Zipfel wie zum Spaß einen kleinen, frechen Satz nach vorne nahm, die schmalen, dunkelherrlichen Augen blühten in Mut oder Scheu, wie es eben paßte, während aus den vergnüglich geschwollenen Lippen ein kleiner vorstehender Eckzahn, wie ein naives Raubtier immer wieder zurückgeschoben, immer wieder nach den süßesten Gelegenheiten des Lebens hervorspähte. Als dieser junge den Trivulzi so komisch aus seinen Taschen und den de Sacco von seinem verharschten Schwert zum Heiligen emporbeten sah, rümpfte er die Nase vor lachender Schalkheit und flüsterte: »Heiliger, auch meines Vaters Reben und Tannen und Schafweiden gehen jener Alpenstraße entlang. Und auch ich will in Glorie und Sattheit durch die kurzen Jahre spazieren und, darf es sein, ein wenig hart und Herr sein. Aber dazu brauch ich dich nicht. Das mache ich besser allein ab. Ich kann es. Nur bitten wir dich, doch immer auf dem Passe zu stehen und dort unserer armen Seele zu achten, wenn sie am Geldsack oder am Degen zu schwer trägt oder zu steinig in den Steinen des Misox oder zu übermütig auf seinen Gipfeln wird. Dann nimm unsere Seele wahr, da sie doch immer das Erste und das Letzte und das Beste von uns Herren a Marca bleibt!... Doch jetzt bin ich hier an deinem Fest und trage den Baldachin etwas höher als die Männlein dort und guck mir die Fahnen und Leute an... und dort... dort scheint das holde Komteßchen de Ramontigni mir zu nicken... ah!...!« Indem der Jüngling sein Gebet in solch weltlich-geistlicher Unordnung beschloß, umfaßte er unwillkürlich die Stange heftiger, und da sah man, daß seine Hände zum Verwechseln so adelig und weiß und zierlich gebaut waren wie die davidischen, welche zitherschlagend aus dem elfenbeinernen Knauf langten, so zwar, daß man bald nicht mehr wußte, wem die einen und andern Finger gehörten. San Bernardino wollte auf das so lustige Gebet schon zu einem ebenso lustigen Nein ausholen, als er noch eben diese weichen, leisen, zarten Hände des Knaben erblickte. Da besann er sich, Ei, welche Gliederchen! Wie harmlos, wie zerbrechlich! Wie will er damit Goldbarren schleppen, Schwerthiebe austeilen, arme Leute knechten, martern, würgen? Spielen und Zupfen wie die davidischen, ja, und sich Kirschen vom Leben pflücken und zu so drolligen Gebetlein manchmal sich falten, das ist die ganze Gefahr dieser Hände. Lassen wir den lieben Schelm!... San Bernardino, San Bernardino! Hat denn nicht auch David noch andere Musik als die der Psalmen gespielt? Aber es war geschehen. San Bernardino hatte sich in all seiner gescheiten Heiligkeit von zwei scheinbar zahmen Knabenhänden überlisten lassen. Zwar die de Sacco und Trivulzi errichteten jene Kirchen und bemalten jene Wände und tauften die Alpenstraße San Bernardino-Paß. Aber dann mischten sich bald die zarten, unmäßig geschickten Hände des Knaben Maria Giuseppe drein, und nach und nach gingen Sack und Degen und regierende Herrlichkeit auf die Signorina a Marca über. Sie bauten wunderlich schöne und feste Häuser, herrschten in hochlehnigen Sesseln und mehrten die Habe vom Wein in San Vittore bis zum Gletscher des Tambohorns. Und sie lachten und liebten und fochten mit Auszeichnung unter den würdigsten Fahnen Europas. Etwas Internationales wurden sie an der internationalen Straße unter dem internationalen Heiligen. Aber in ihre Eisen- und Goldgeschäfte hatte San Bernardino nichts zu sagen. Erst wenn ein a Marca sich zum Abschied rüstete, kam der Heilige raschen Ganges die Straße daher, nahm die fröstelnde Seele gleichsam in seine warme Hand und führte sie über den Paß in die Ewigkeit... ... In einer finstern Oktobernacht, doppelt schwarz in den senkrechten Misoxer Bergen, stieg ich mit einem jungen a Marca nach einem gewohnten langen Zank unserer so verschiedenen Rassen und Herzen zu den Ruinen des Trivulzi-Kastells hinauf. In den Schluchten toste greulich die Moësa. Oben am Fels starrten die schwarzen und zerhackten Mauern gen Himmel. Der Jüngling, der aufs Tüpflein jenem Ahnherrn in Sankt Peter glich, nahm den Weg durch die Wildnis auf die schwindeligen Zinnen mit jener kühnen und verschmitzten Findigkeit, mit der seine Vorfahren durch den Wechsel so vieler Jahrhunderte ordentlich heil gegangen sind. In der Tiefe sah ich das helle Band der San-Bernardino-Straße, von Italien kommend und über das Joch zu den nordischen Völkern führend. Einsam, mächtig, schneeweiß lag sie da. Alles war schwarz ringsum, die ganze Welt schlief. Sie allein wachte und ihr heiliger Patron. Seine Kirchenbilder sind erblaßt, die Schlösser der Barone zerfallen, selbst die Berge sind morscher geworden, aber San Bernardino und seine Straße bleiben jung. Hallt nicht sein Schritt von Süden nach Norden unaufhaltsam hin und her? Hör' ich ihn nicht rufen? Was predigt er? Was streckt und schließt er die Arme? Was möchte er zusammenbringen? Ach, Hände, warme Menschenhände, weiße und braune, grobe und feine, des Südens, des Nordens, alle, alle Hände der Welt! A Marca, fangen wir zwei an! Gib mir die Hand, und es gelte für Tausende, die sich die Hände heute noch nicht geben können!... Morgen auch sie, und übermorgen alle! San Benedettos Dornen und San Francescos Rosen Die erste Nacht, die ich zur Pfingstzeit in den Sabinerbergen, in der Felseneinöde von Subiaco zubrachte, bleibt mir unvergeßlich. Es ist wahrhaft eine Eremitenlandschaft, wohin sich der stolze, aufrechte Jüngling Benediktus im Brausen der Völkerwanderung und im Zerfall der alten Kultur flüchtete, um eine neue Kultur, eine klassische Zeit der Seele zu begründen. Diese wilde Landschaft ist zu nichts als zu Einkehr und Ewigkeitsgedanken geschaffen. Ich sehe wohl Blumen im Klostergarten, Hortensienstöcke an der Mauer und von einem Gesims schwer niederhängende Nelken. Aber wie düster ist das Grün, wie schwarz der überall hervorspringende Fels, wie feierlich das Rauschen des Anio aus den Schluchten herauf! Die Raben vom Sacro Speco mildern den Eindruck nicht. Und hoch über uns sind die Berge wie übereinandergebaut und beschatten nicht bloß die Erde, sondern auch den Himmel ob Subiaco. Alle irdischen Späßchen erlöschen hier glanzlos, und Fragen, grau und groß wie die Felsen, wachsen vor dir auf: Mensch, woher... Mensch, wohin?... Ich konnte nicht einschlafen in meiner klösterlichen Gastkammer. Die Aufregung malte mir, ob ich die Augen offenhielt oder schloß, stets riesenhafte Gestalten im Habit Benediktus' vor, mit weißem Scheitel, wallendem Bart, gesunden, roten Backen, aber einem weit- und himmelergründenden Augenpaar. Die Benediktinerpäpste, der große Gregor vor allem, dann die Maurus und Plazidus, Anselmus mit seiner wunderbaren Denkerstirne und dem scharf gehakten Kinn, Bonifazius, der Wanderriese, Gallus, der fröhliche Träumer, Bernhardus voll Honig und Salz, alle zogen sie in schleppend feierlicher Prozession an meiner Zelle vorbei, Schriftrollen unter dem Arm, Kirchenmodelle auf der flachen Hand oder den Finger am Mund, aber alle auf irgendeine feine Art auf den Mann in ihrer Mitte weisend, der das geradeste Haupt, den längsten Bart und den breitesten Heiligenschein ums Antlitz trug: Benedikt!... Silentium! Lärmt doch nicht so, ihr Menschlein, habt doch ein wenig Respekt vor der großen Seele der Einsamkeit! Zwischenhinein hörte ich eine uralte, scharfzüngige Uhr die Stunden durch den Korridor schlagen. Dann wieder rauschte etwas zu meinem Gitterfenster empor. Waren es die Raben oder die Zypressen im Garten oder der Anio aus dem Tobel herauf oder der Wind von den Klippen der Sabinerkette? Oder rauschten die weiten Ärmel und Säume der Kutten so, die da wohl zum Chorgebet an meiner Schwelle vorübereilten? Ich setzte mich ans Pültchen, zündete die Kerze wieder an und öffnete das vergilbte Büchlein, das ein freundlicher Mönch mir da neben ein Glas voll kleiner, völlig ungedörnter Rosen hingelegt und auf der elften Seite mit einem Merkzeichen versehen hatte. Aha, eine Legende... von diesen Röslein ist die Rede... von einem Wunder... von... ach, nein, ich will das heiligzierliche Geschichtlein gleich ganz aus seinem alten italienischen Druck heraus vorlesen... vorsingen möcht' ich's lieber, wenn mir genug Musik dazu auf der Lippe säße.   Aus der Chronika unseres Stiftes. Lies es einfältigen Sinnes, o Bruder Leser: Eines Tages klopfte der arme heilige Bettelmann Franz von Assisi mit etlichen Gespanen seiner Regel an unserer fürnehmen Abtei und speiste im Refektori aus einer Schüssel mit unserem gnädigen Herrn Abt und dem ganzen Konvent. Ganz eigen und erquicklich war da zu schauen, wie die gröbliche Kutte der Mindern Brüder und unsere feinere schwarze ein friedlich Farbenspiel abgaben. Aber nicht so einen Fadens und Sinnes spielten ihre Geister zusammen. Unser Abbas zwar und der ehrwürdige Bruder Franz redeten vielerlei vom heiligen Erzvater Benedikt, und aus dem schier singenden Mund des Gastes ward das Lob unseres Stifters so süß wie das Geklingel unserer obersten silbernen Pfeiflein an der neuen Orgel zu hören. Aber an den unteren Ecken der Tafel, wo die jungen Bettelbrüder neben unsern Fraters saßen, hub ein hitziges Disputieren an, was mehr gelte: aus Gottesliebe zu leben oder aus Gottesliebe zu sterben... und spann sich dann mehr erdwärts: ob ein Engel oder ein meßlesender Priester verehrlicher sei... und zuletzt ganz in der menschlichen Neugier zu enden; wer wohl größer sei, unser weiland Vater Benedikt oder dieser muntere Armutssohn Franz. Billig focht unser Konvent für seinen heiligen Abbas und ereiferte sich dabei schier gar mit geistlichem Übermut zu vexierlichen Anspielungen auf die barfüßigen sogenannten Mindern Brüder. Dazumal glänzte unser Stift hier oben von Würdigkeit und strengen Züchten in die laute Welt hinunter wie ein lauterer Schneegipfel der Alpen. Aber, und das klagte der Abt dem Poverello, es wärmte nicht. Vielmehr verkältete es die Menschen, alldieweil viele Patres vermeinten, sonderlich hoch in unseres Herren Gnade zu stehen, alleine Seine himmlische Gerechtsame zu genießen oder doch von Seinen Erlesenen hinwiederum die Erlesenen zu sein. Sie beteten weit über die Mitternacht hinaus, kasteiten sich grausam, fasteten unmäßig für jedes enthüpfte irdische Lächeln und trieben die armen Sünder mit Geißel und Bußgürtel in den vom Wind verfegten Hof des Monasteri hinaus. Daher sie nun den Gästen vor allem vom Hungern des Erzvaters, von seinem versiegelten Mund, seinen rauhen Stricken und dem Totenkopf auf seinem Pult erzählten und die geschorenen Köpfe schüttelten, weil die Mindern Brüder noch immer lächelten und sich blaß am eingeschenkten Wein und aufgeschütteten Obst erlaben mochten. »Merkt wohl«, rief man, »daß Euer Ehrwürden niemals auf Rosenbluest, sondern über gar bitteres Gedörn zur Stadt Gottes gelangt.« Die Brüder lächelten noch lustiger. »Merkt wohl, Brüder im Herrn, wie unser Erzvater da draußen Stachelbüsche großzog, worin er das sündige Fleisch und Blut erstickt hat! Auch wir pflegen das so, und ihr könnt in jeder Zelle eine Dornenrute davon auf unserem Tischlein sehen. Doch ihr, so geht die Sage, liebet wacker das Singen und scherzen, lachet mit Blumen und Vögeln und Kindern und anderem sotanem Flatterzeug, und euer Meister, nehmt es nicht für ungut, Brüder, steckt sich sogar Rosen, wie ein Verliebter, in den Gurt.« »Gestrenge, fromme Väter«, wehrte sich jetzt ein kleiner brauner Frater, »wollet uns nicht für schlimmer nehmen, als wir sind. Weh uns, wenn wir nicht Dornen kännten! Fraget, Hochwürden, fraget unsern Vater Franz, wie oft man uns durch die Gassen jagte, Hirnwütige benamste und von den Fenstern auf uns spuckte! Wie viele Kirchen und Klosterstuben man vor unserer Nase verrammelte und uns Zuchtlosigkeit und Ketzerei statt Brot vorwarf. Das waren Dornen, und die uns am tiefsten stachen, heiß' ich wie olim Paulus: die falschen Brüder.« »Pst! Pst!«machten da etliche braune Kapuzen und schwänzelten keck mit dem Haubenzipfel. »'s ist lang nicht so schlimm, Elia, lange nicht!« »Und wir leiden es leicht«, spann ein zweiter, blonder Frater den Faden fort!»Aber maßen das Leben der Fährlichkeiten und Herzplagen dick voll ist, täte ein wohlgeschaffenes Erdkind übel, wenn es das bißchen liebe lustige Herrgottssonne nicht in seine Kümmernis lachen ließe und nicht mit frohfarbigen Gänseblumen und Finkenpfiff und allen andern Ergötzlichkeiten, die zur Aufheiterung unserer schweren Gemüter erschaffen sind, sich die schweren Tage ein wenig erhellen und gleichsam aus unseres Herrgotts Malkasten unsere Schattenstube vergolden wollte. So mein' ich armer, dummer Bruder Beppo. Verzeiht mir das unziemliche Widerspiel eurer Rede, Hochwürdige. Euer Ernst ist mir heilig. Aber Gott segne auch mein Lachen!« Und wie er denn nicht anders vermochte, sperrte der junge, hellockige Bruder die unrasierten Lippen auf, daß die Zähne wie Kiesel hervorglitzerten, und lächelte den Konvent mit dem ganzen frischen Lerchengesicht, insonderheit mit ein paar so frohen, goldbraunen Augen an, daß die Sonne selber dagegen fast wie ein Schatten aussah. Dieser lichte Übermut focht die gestrengen Klosterherren noch mehr an. Und als sie bemerkten, wie nicht nur der Bruder Franz, sondern auch sein Wirt, der Abbas selber, dem Jüngling gütig zunickte, da verdüsterten sich ihre grauen Mienen noch mehr. Er verzaubert alles, dachten sie. Da hat er schon unsern Gnädigen betört. Nach dem Essen begaben sich die Mönche mit den Gästen in den Garten, wo Falter und Käfer über den Blumen schaukelten und die Sonne wie in einem leisen Räuschchen über allen Beeten lag. Aber unsere Klosterherren achteten diese geflügelte Heiterkeit mit keinem Blick, sondern führten die braunen Brüder zu den finstern Dornenbüschen, die der Erzvater von den Felsen heruntergeholt und hierher gepflanzt hatte. Und stachelig und dunkel wie dieser Wildwuchs sah der Pater Senior selbst nun aus, als er dräuend gegen Franz und seine Jünger das Wort schleuderte: »Hier habt ihr den Wappenbaum des Gerechten.« »Aus diesem harten Buch lesen wir Himmelstrost«, fügte ein Zweiter hinzu. Ein Dritter: »Wer Tränen säet, wird Lachen ernten.« »Wie dem alten Moses zeigt sich uns Gott im Dornbusch!« Mit solchen und andern mehr und minder biblischen Sprüchen zürnten die Patres gegen die Franziskaner, und man sah es ihren gedörnten Blicken an, daß sie auf nichts Hoffnung gaben, was nicht durch Marter und Seufzer erworben würde. »Wem sein Heil lieb ist, der nehme ein spitzes Zweiglein mit heim«, gemahnte der Senior, »damit er in der Zucht des Herrn verharre. Fanget Ihr an, ehrwürdiger Bruder Franz.« Der Mann von Assisi trat gerne hinzu und brach lächelnd ein Ästchen vom Gesträuch. Aber, o da, o da, seht! Wie Blut sprang es plötzlich aus dem Holz, und statt der Stacheln trug die Gerte eine Unzahl kleiner roter Rosen. Ein Schrei des Staunens ging durch den Garten. Über alle Beete ergoß sich das rosige Wunder. Strauch um Strauch lohte auf in einer solchen Feuersbrunst von Röschen. Was vorher wie eine schreckhafte Wildnis aussah, war jetzt nichts anderes als wie ein Meer von duftigen Rosenköpflein anzublicken, wahrhaft, wie ein einziges großmächtiges Lachen... Widerlegt und beschämt durch sotanes Wunder und Zeichen des Herrn schlich einer unserer Väter nach dem andern, den Ärmel vor dem geblendeten Gesicht, in seine Klause. Ei der Tausend, auch der Dornstengel auf jedem Tischchen und Pültchen hatte sich in einen langen, blühenden Rosenzweig verwandelt und räucherte die Zellen mit einem paradiesischen Aroma voll. Da erfaßten es denn auch unsere verbohrtesten Rigorosi, daß dem lieben Gott viel genehmer als alle Strengheiten der Disziplin eine freie, gottesfrohe Seele sei, und daß dieses eineinzigen Franz' Lächeln mehr wiege vor dem Himmel als zwölf Abteien voll schattiger Heiligengesichter. So sind aus den Dornen Benedicti die Rosen Francisci gewachsen und röten und weihräuchern noch heute den alten Stiftsgarten. Du aber, frommer Legendenleser, mögest hinfür immer ein Schoß von Franzens wundersamem Rosenbäumchen, will sagen, ein kleines Lächeln mit dir durchs unzarte Leben in die ewigen Urständ' tragen! Amen. Santissima Trinità Dieser Wallfahrtsort liegt noch viele Stunden tiefer und einsamer im Gebirge als Subiaco. Man bricht zu Pferd oder Maultier nach Vesper auf und zieht den Abend und die halbe Nacht durch eine unbegreiflich einsame Welt. Steinhügel klaftert auf Steinhügel. Je höher man im Gerölle bergansteigt, um so grauer und größer wird die Wüste. Selten ein Krüppel von Pflanze, ein Zwergstrauch. Kein Haus, kein Mensch, kein Bach, kein Vogel. Eine ausgestorbene, versteinerte Weit. In den Alpen meiner Heimat, hoch über dem letzten Halm und Laub, ist das Panorama der Höhen gewiß auch unwirtlich und steinig genug. Aber da gibt es doch noch Schnee, herrlichen Schnee, der das Grau unterbricht und als eine mächtige Erfrischung des Auges durch das gesamte Bergbild wirkt. Welch ein Anblick bot unsere Karawane in der Nacht! Ein langer, langsamer Zug von Berittenen und etlichen in Holzsandalen klappernden Jungen, die unsere Tiere halten, Fackeln schwingen, den störrischen Eseln »ehe-e-e-he!« und »oho-o-o-ho!« durch die feierliche Nacht zurufen und hie und da einen dumpfen Schlag auf ihren Rücken fallen lassen, daß ich meine, das Tier müsse krach zusammenbrechen. Wir haben Proviant und Wolldecken bei uns für die kalte Nacht hier oben in den Apenninen. Ein Gaul zuhinterst befördert sogar eine Sänfte. Zuvorderst spielt ein verlumpter Kauz die Holzpfeife. Schwermütige Lieder sind es alle. Wie lichtscheue Nachtfalter schweben sie in die stille Nacht empor. Eine Gruppe Menschen vor mir murmelt lateinische Gebete. Es sind Landleute aus dem Aniotal. Dann plaudern sie wieder oder singen zur Flöte mit verhaltener tiefer Begleitstimme den melancholischen Refrain. In einer andern Gruppe, dicht hinter mir, reitet ein schwindsüchtiger Junge von vielleicht sechzehn, vielleicht nur zwölf Jahren. Das Leiden läßt ihn wohl älter erscheinen. Dem Prachtmaultier sowie den köstlichen Decken, dem Sattelwerk und den drei Begleitern nach zu urteilen, die sorglich nebenhergehen und auf jedes Zucken der jungen violetten Lippen achten, muß es ein vornehmer Patient sein. Zuweilen blick ich über die Achsel zurück nach ihm, und allemal friert mich bei diesem im Takt der Eselhufe auf und nieder geschüttelten steifen, schneeigen Gesicht des Todes. »Wundervoll«, meinte mein Freund und Gespan, Carlitos de Herreras, ein Maler merkwürdiger Schatten und Lichter, »wenn man das im Pinsel behalten könnte bis morgen!« In der Tat, die Unruhe dieser roten Laternen, die Riesenschatten der Wandelnden, die in die Schluchten hinuntergeworfen werden und dort mitschleichen; diese Provinzler dann in ihrer breiten Tracht, die Treibjungen mit der ungebrochenen, aber so barschen Stimme, der Parroco Celesio mit dem Sakristan in weißem Chorhemd und das Biret auf dem Haupte, eine Frau, die sich von zwei erwachsenen Söhnen eher tragen als stützen läßt und immer sagt: »'s geht schon, 's geht schon!« –, dann der Lungenkranke mit dem Vater und zwei Dienern und ihrem steten Geflüster –, die endlos gen Himmel aufgetürmten Steinhaufen, das Rieseln der Kiesel unter den Füßen, das Flöten vorne und hinten das Singen, die klare Nacht, von leisen, frostigen Winden durchbebt, ab und zu die Rufe: Gesù! Madonna! Christo! Rufe einer stürmischen Andacht: ach, so wenig der Pinsel, so wenig vermag die Feder dieses unvergeßliche Nachtstück festzuhalten. Mir war, ich sei irgendwo im fernsten Orient, fast ertrunken in der Unermeßlichkeit der Wüste, auf der Suche nach dem verlorenen Eden. Es gingen zwei neugierige Engländer und etliche Kunstmaler von Sarazenesco mit, Freigeister, die nur noch den Gottesdienst der Natur und der Kunst behalten haben. Neben ihrem Unglauben in Seidenstrümpfen und wattiertem Frack schritt barfuß und lustig die naive Gläubigkeit der Landleute vom Anio. Ihre Stimmen klangen so hell und ihre Augen lohten so feierlich, daß die Kunstbegeisterung der Maler daneben glanzlos verfiel. »Könnt ich nur eine Stunde so fühlen wie mein Eseltreiber«, behauptete Carlitos, »oh, ich wollte den Zauber heruntermalen, daß ganz Rom auf die Zehen stände.« Gegen drei Uhr nachts sahen wir in der Höhe an einer steilen Wand gleichsam klebend die Umrisse der Wallfahrtskirche. Zuoberst in den Bergen mußte sie wohl liegen, an der Wasserscheide zweier Meere. Ich konnte mir beim Anblick auf die vor und hinter mir sinkenden wellenförmigen Anhöhen nichts anderes denken. – Unsere Wallfahrt war sozusagen durch eine Reihe frommer und profaner Zufälligkeiten zu dieser ungewohnten Zeit ermöglicht worden. Wäre es der Ende Juli übliche Pilgergang gewesen, dann hätten wir rings um die Kirche schon hundert Beter getroffen, einige mit Teppichen und zeltartigen Schirmen, andere, die um ein Feuer sitzen und Suppe oder Polenta kochen, auch solche, die nebeneinander knien und beten. Man hätte Kranke bemerkt, die sich über die Schwelle der verschlossenen Türe legten, um beim Öffnen der Kirche ja die ersten zu sein, die der Santissima Trinità ins Auge fielen. Und auf den Gesimsen der Kirchenfenster hätte man Buben, die kein Schlaf ankam, sich in die Mauernische ducken sehen. Denn ringsum gibt es kein Obdach, keine Wirtschaft.   Heute bot unsere Gesellschaft das kleinere, aber nicht minder bunte Bild einer frommen Karawane. Man lagerte sich, so bequem es ging, auf dem Felsvorsprung, zehrte vom Vorrat, dann ging es an ein Gliederstrecken und Zudecken hier, dort an erneutes Kochen und an ein Plaudern, das seltsam, fast unwürdig in die starre Einsamkeit dieser Berge hineinscholl. Die Maler skizzierten bei der Laterne an der Kirchentüre nächtliche Gruppen, die mit dem Dunkel zu so unförmlichen Massen verschmolzen, daß man nicht leicht unterschied, sollten Baumkronen, Berghäupter, Drachen oder harmlose Menschenköpfe dargestellt werden. Ich fand keinen Schlaf und ging unterhaltungsbedürftig von einer wachen Gruppe zur andern. So stieß ich denn auch auf den kranken Herrensohn. Auf dicken Polstern lag der Junge, und wie ein Hund kauerte der jüngere Diener ihm zu Füßen, indem er ihm die Beine mit einem Kissen warm hielt. Der müde Vater war eingeschlafen. Der ältere Diener aber saß aufrecht neben dem jungen Herrn und flüsterte: »Reden Sie nicht so viel! Die Nachtluft« – »Was tut das?« zürnte der Jüngling mit schwacher, zänkischer Stimme. »Gib Wein!« Man gab ihm. Er verschüttete davon auf die Decke, so sehr zitterten seine wächsernen Finger. »Sie frieren, Arrigo!« sorgte der Alte wieder. »Du bist ein Esel!« Der Gescholtene schwieg. »Das macht alles nichts«, sprach der unterwürfig zu Füßen Hockende. Seine Stimme klang falsch und süß wie von einem glatten Weibe. »Morgen, Signor Marchese, morgen muß die Madonna Sie doch gesund machen.« Die müden Augen des Jungen sperrten sich hell auf. »Selbstverständlich, sie muß mich heilen«, rief er heiser. »Papa hat ihr ja einen Altar hierher neben der Santissima Trinità versprochen; so weit oben bekäme sie sonst keinen. Von Silber und Gold. Er kostete viele tausend Lire. Und das weiß Madonna.« Gebieterisch blickte der Bursche zum Gotteshaus hinüber, das von den Wachtfeuern leise gerötet wurde. Dort lag nun das hinkende Weib an der Türe. Die zwei stämmigen Söhne knieten neben ihr. Bis zu uns herüber drang ihr Wechselgebet: » Salus infirmorum! – Ora pro nobis! « »Wir wollen auch beten«, bat der Alte zaghaft. »Ach beten!« Die violetten Lippen verzogen sich und bei jedem Wort glänzten, ja fletschten die langen weißen Zähne des abgemagerten jungen Marchese. »Beten, wie die dort! Mir«, vollendete er eigensinnig und stützte die Knie unter der Decke auf, »mir muß Madonna helfen, nicht dem alten Weibe.« »Die dort ist krank«, schmeichelte und wedelte der Hund wieder; »aber Sie sind nur schwach, einfach etwas von Kräften.« Und wie er sah, daß in die harten, knochigen Züge der Schwindsüchtigen eine leise Selbstgefälligkeit spielte, fügte der Hund bei: »Da ist ja nicht einmal ein Wunder nötig.« »Ora pro nobis!« flehte es drüben immer dringlicher. »Mateo, sagt, daß sie mit dem Geschrei dort aufhören«, gebot der Jüngling. »Ich will versuchen, noch eine Stunde zu schlafen. Die Decke fester wickeln!« Damit schloß Arrigo die Augen und sah jetzt genau wie eine Leiche aus, wenn man nicht das starke Heben und Senken der weißen Nasenflügel hätte bemerken müssen. Ungern ging der Alte hinüber. Man widersprach ihm heftig. Er faltete die Hände über die Brust, bat und bettelte, legte den Finger an den Mund und sagte leise, indem er zum Knaben deutete: »Er wartet auf ein Wunder, stört ihn nicht!« »Ach, wir, wir wollen ein Wunder«, schrien die Männer und glotzten groß und eifersüchtig zum kleinen Marchese hinüber, der ihnen wegen seiner Vornehmheit gewiß überall auf Erden zuvorkam und nun auch noch im Himmel bei Maria und der Santissima Trinità zuvorkommen wollte. Darauf der Alte: »So wollen wir zwei Wunder erbeten. Nur flehet nicht so laut! Maria hört gut. Seht, mein Herr ist auf den Tod krank.« Er hielt die Laterne, welche am Türpfosten hing, so, daß ein Schimmer gerade das Gesicht Arrigos traf. Das wirkte. »Misericordia, der Signorino ist tot!« lispelt die Lahme. »Stille! Er hält nur die Augen zu.« Voll Mitleid blickte die Kranke hinüber und sagte dann: »Nun, Pietro, Beppo, ein Vaterunser für den armen Marchese!« Und alle drei fingen ein tiefes Murmeln an. »Es ist mir schon leichter«, meinte der Jüngling, als er den Alten wieder neben sich hörte. Und ohne die Lider zu heben, flüsterte er für sich: »Gewiß, nun weiß ich's, ich werde wieder ganz gesund!« Dem Alten rissen fast die Lippen vor verhaltenem Weinen. »Gesünder als wir alle«, flötete der Sklave zu Füßen. Ein Lächeln hüpfte über das Knabengesicht. Er war seiner Sache nun sicher. Die Madonna mußte morgen kommen und ihn heilen. Morgen, während Parroco Celesio die Messe für ihn liest. Wie die Magd oder der Kammerdiener mitten aus dem schwersten Schlaf daherrannte, wenn er mächtig klingelte, so würde die Madonna für ihn bereitstehen. Er war nicht zu jung, um hart und böse zu sein, aber noch zu jung, um nicht an die Madonna zu glauben. Er glaubte an ihre Hilfe und ihre Wunder. Aber er faßte die ancilla domini irdisch und herrisch auf. Drüben an der Kirche vollendete das Trio: » Nunc et in hora mortis nostrae. Amen. « Schon zweimal hatte mich Mateo verweisend angeschaut. Was hatte ich da zu tun? Was mischte ich mich in ihre Betrübnis? Jetzt, da sein BIick mich zum drittenmal aufforderte wegzugehen, gehorchte ich mit einem letzten Auge auf Arrigo. Er schlief nun. Seine Stirne, die er wach immer rümpfte, entrunzelte sich und ward hell. Sicher erspähte der Junge im Traume die Madonna, wie sie, einen himmelblauen Mantel über die Sterne und Wolken nachschleifend, zu ihm niedersteigt, die heilige Hand auf seine Brust legt und lächelnd spricht: »Arrigo, die Santissima Trinità läßt dir sagen: erhebe dich, du bist geheilt!« Am Morgen öffnete sich die Kirche, und die Messe mit dem gedehnten Litaneigesang der Pilger begann. Das Glöcklein, das schier seine Stimme in dieser Bergeinsamkeit verlernt hatte, rief überall in der steinernen Umgebung ein frommes Echo wach. Da erwachten auch die Skulpturen und Bilder der Kirche. Lebendig ward alles. Eine Kirchenfahne flatterte, Kerzen flackerten, Weihrauchwolken flogen wie blaue Vögel zu den feuchten Dielen und dem uralten Bild der Dreifaltigkeit auf. Und wie stille Beter lagen draußen die Berge, der Sonnenschein und die unbeweglichen, weißen, nahen Wolken und feierten mit. Ein sichtbares Wunder erlebte ich nicht. Die halbgelähmte Witwe erklärte wohl, sich viel besser zu fühlen. Aber der kleine Marchese wurde nicht mehr in den Sattel gesetzt, sondern für die Heimreise in die mitgebrachte Sänfte gebettet. Nur einmal noch sah ich das starre, bittere, schneekalte Gesicht durch die Scheiben leuchten, mit gepreßten Lippen, zugekniffenen Augen und tief in die Achseln gedrücktem Kopf. Bedächtig trugen die zwei Diener die Sänfte die steilen Halden hinunter, zurück in die Villa von Vicovaro, wo der Jüngling eines Morgens nicht bleicher als jetzt, aber ohne Atem im Ruhebett gefunden wird. Hinter der Sänfte ging der Vater müde und achtlos wie einer, der nichts mehr verlieren kann. Eine Nacht in den Abruzzen Der Himmel drohte den ganzen Tag mit Gewittern, so daß ich, im hintersten Umbrien, wo die Abruzzen den mächtigsten Schatten werfen, immer wieder nach einem kleinen Marsche mich vor den rechts und links züngelnden Blitzen und dem unheimlichen Grollen ferner Donner in die erste, beste Hütte flüchtete. Nach kurzer Rast, da es noch immer nicht losbrach, zog ich dann unter einem sonnenlosen, stahlgrauen, schwülen Julihimmel wieder ein Stück weiter und redete mir trotz der dörferlosen und wahrhaft unwirtlichen Landkarte dieses Bezirkes dennoch immer wieder die eitle Hoffnung ein, bald einen Kirchturm und ein Gasthöflein zur nächtlichen Unterkunft zu finden. Es wurde beinahe acht Uhr abends, als mich der Weg hart an einer einsamen Kapelle vorbeiführte. Sie stand etwas erhöht über der Straße. Ein niedriges, vertrocknetes Bachbett trennte Weg und Kirchlein. Solche wasserlose Steinrinnen gab es da allenthalben von den Hängen hinunter durch das kurze Weideland. Hirten und Vieh werden im September von den höheren Atzungen in diese Futterplätze hinunterziehen, nachdem es reichlich geregnet hat. Jetzt aber ist es von Menschen und gemütlichen Tieren hier weitum totenstill. Es wird mir nichts anderes übrigbleiben, dachte ich, als in dieser Kapelle zu übernachten, und trat mit Stock und Rucksack unter das offene Portal. Ganz erstaunt blieb ich stehen. Vorne im Chor gab es Menschen. Eine Leiter war an die Chormauer gelehnt, und ein langer Mann mit bronzener Gesichtsfarbe malte da rasch in einer Heiligengruppe. Über ihm auf dem obersten Tritt strich mit breitem Pinsel ein schlanker Junge das Firmament blau und ließ etliche kräftiggraue Wolken gewitterhaft durch die Luft fahren. Sogleich erkannte ich die beiden mitsamt dem Diener Gonzal, der auf der Stufe des danebenstehenden Altärchens saß und zu schlafen schien. Es war mein Freund Carlos Luis de Herreras mit seinem zwölfjährigen Knaben Ximenes. Ich erinnerte mich jetzt, daß er mir vor Wochen in Perugia erzählt hatte, es gebe in den Abruzzen ein Kirchlein, wo er das interessanteste Fresko der Welt halbverblichen bewundert habe: das spanische Amerika vor der Krippe Jesu. Statt der drei Könige sei es ein Peruaner, ein Mexikaner und ein Chilene, die dem armen kleinen Gott die Schätze ihres Landes zu Füßen legen. Es gebe da Gelegenheit, alle Sorten von Metall zu malen, Erze, Gläser, Perlen, in hundertblitzigen Lichtern, und zugleich seinem Patriotismus als Chilene ein Vergnügen zu schaffen. Er habe sich also die Erlaubnis des Erzbischofs und der Regierung erwirkt und wollte mit einer schönen umbrischen Streiferei die Renovation eines gescheiten alten Freskos verbinden. Carlos de Herreras hatte ich im Sommer vorigen Jahres auf der wunderbaren Wallfahrt durch die Sabinerberge nach Trinità dei Monti hoch im nächtlichen Gefelse kennengelernt. Wir lagen auf der gleichen Matratze und wärmten uns am gleichen Feuerchen. Dann trafen wir uns öfter in Rom und vor kurzem wieder in Perugia, wo ich nun auch seine kranke Frau, sein Töchterlein Anita und seinen Knaben Ximenes häufig traf. Ursprünglich war Carlos eine hohe Militärperson in Chile und besonders für die heimatliche Artillerie tätig, deren Triumphe über Peru und Bolivia er schon als Knabe erlebt hatte. Bei einem Manöver im Gebirge erfroren ihm die Füße. Zwei Jahre dokterte er herum, ließ sich bei einem Spezialisten in Paris behandeln, verlor einige Zehen und verbrachte die übrige Kurzeit in Italien. Er verkehrte viel mit den Malern, und da an militärische Tätigkeit nicht mehr zu denken war, gab er sich zuerst als talentvoller Dilettant, dann als ernster Fachmann völlig ihrer Kunst hin. Tiefe Gedanken suchte er nicht. Ein tapferes, kleines Thema war ihm genug. Wenn es nur viel Glanz und Farbenkühnheit brauchte. Im Malen metallischer Gegenstände, etwa Waffen in der Mittagssonne, Harnische, aus dem Dunkel leuchtend, Silberschalen mit einer Ampel zumitten durch eine Domdämmerung schwebend, Prunkgewänder der Kirche im Kerzenlicht der Altäre, Gold und Edelgestein aus kupfergebuckelten Truhen geschöpft, in solchem war er ein unübertroffener Meister. Das suchte er auch mit einer fast krankhaften Leidenschaft. Vielleicht stammte diese Sucht von seiner früheren Tätigkeit in den Arsenalen. Er selbst, schlank und geschmeidig, nur an den Füßen etwas steif, glänzte wie Bronze, hart, metallisch, funkensprühend, aber ohne tiefe, innere Wärme. Religiöse Gefühle hatte ich nie an ihm bemerkt, und im alten Palast Meligni zu Perugia, wo er sich herrschaftlich niederließ, herrschte eine zwar stille, noble, aber lauterste Weltlichkeit. Rührend war jedoch seine Sorge für Frau Teresita, die nie einen gesunden Tag hatte, und in deren großem Schlafsaal er meistens malte, um Kunst und Leben mit ihr zu teilen. Ihretwegen hatte er sich in der gesunden, ruhigen Hauptstadt Umbriens häuslich niedergelassen. Ihm hätte Rom weit mehr zugesagt. Im übrigen war er unbändig reich, vorab von seinen großen Ländereien in Chile her, die ihm jeden Monat ihren Segen in Form eines schweren Schecks oder eines prachtvoll musizierenden Goldsäckleins nach Europa sandten. Neben der Malerei befliß er sich der Kriegsgeschichte, und ich könnte es wohl verstehen, daß dem kleinen Ximenes zwischen den Kanonen und den Erzbildern des Vaters das kleine Seelchen eingefroren war. Er glich dem Vater gänzlich mit seinem länglichen, bronzenen Gesicht, den schmalen Augen, in denen die Pupillen wie schwarze Steine funkelten, der langen geraden Nase, dem dünnen Munde mit langen weißen Zähnen und mit seinem seltsamen indianischen Zuge durch das feine, aber harte, knochige Gesichtlein. Ich wußte nicht, daß er auch schon malte. Ich hatte ihn spielen, reiten, lesen, streiten und sogar jagen sehen, aber malen nie. Freilich kannte ich ihn nur obenhin. Jetzt, in dieser Wildnis und im Brummen des nahen Abruzzengewitters, wurde mir beim Anblick der Bekannten warm ums Herz. Alle Bangigkeit verschwand. Wir begrüßten uns fröhlich. Auch die Herreras freuten sich über die neue Unterhaltung. Von dem nahen Unwetter besaßen sie keine Ahnung, so tüchtig hatten sie sich in ihre Arbeit vertieft. Sie kamen zu mir ans Portal und sahen verblüfft, wie es mit Wind und Wasser nun von den Bergen niederrauschte. Wir wollten eilig zur Sennhütte laufen, wo Carlos, zwanzig Minuten vom Kirchlein entfernt, Pferde, Wägelchen und Säcke nebst einem zweiten Knecht zurückgelassen hatte. Aber nun brachen die Blitze und Donnerschläge so hageldicht herein, und ein solcher Wolkenbruch ging nieder, daß wir sogleich in die Kapelle zurückflohen. In wenigen Minuten war es Nacht. Es goß so furchtbar über unser Dach, als hämmerten tausend Werkleute. Die Fenster knarrten, die Altartücher wehten, und binnen kurzem brauste ein wilder, brauner Bach unter dem Portal vorbei und überschwemmte die Straße und füllte alle Gräben. Wir waren wie auf einem Inselchen. Zwei Stunden warteten wir so. Schließlich blieb nichts übrig, als uns hier zum Schlafen einzurichten. Wir aßen vom Proviant, drückten uns in den Bänken an die Wände und suchten einzunicken. Am Altärchen steckten zwei Kerzen. Die zündete ich an. Sie erhellten nur sein kleines Tafelbild, eine verblichene Darstellung wild durcheinander stoßender Jünglinge mit einem Knaben am Boden. Sein schönes Gesicht war noch leidlich erhalten, aber das Haar und der Heiligenschein waren völlig verblichen. Daneben konnte man nur einzelne hübsche, aber böse römische Gesichter, heftige Ellbogen, losgerissene Fäuste und eine dem liegenden Jungen zuschwebende weiße Hostie sehen. »Ach ja, Tarcisius«, murmelte ich nach einiger Überlegung und kehrte an meinen Platz zurück. Mit heißen, strengen Augen hatte mich Ximenes begleitet. Aber er wagte keine Frage. Die Kerzenstumpen waren bald niedergebrannt. Es wurde tiefe, schwere Nacht, nur daß immer wieder blaue und gelbe Blitze durch das Kirchlein schossen, an den vielen metallischen Zieraten siebenfach funkelten und jählings vor den geblendeten Augen in doppelt schwarzer Finsternis verstummten, wie wilde, grelle, plötzlich abgerissene Schreie. Carlos setzte sich ganz zu hinterst, um das seltene Spiel besser zu beobachten. Er und der Hausdiener Gonzal waren wohl darüber eingeschlafen, als ich in meinem leisen Hindämmern durch ein Streicheln und Anschmiegen an meiner Seite, ähnlich dem einer Katze, aufgeschreckt wurde. »Frierst du, Ximenes?«fragte ich. »Ein wenig, ja. Und dazu kann ich gar nicht einschlafen wie die andern... Aber Sie sind auch wach... Sie haben vorhin etwas gemurmelt und mit den Händen so... so gemacht, sehen Sie!... warten Sie, bis es wieder blitzt, ich zeige es Ihnen.« »Ach du!... Nimm den Zipfel um dich... so!...« Ich umhüllte das magere und leise schaudernde Bürschchen mit der Hälfte meiner gewaltigen Pelerine, so daß wir unter einem Mantel uns gegenseitig warm gaben. »Das ist fein!« lobte das Herrlein. »Nun aber, wie vertreiben wir die Zeit? Erzählen Sie mir etwas. Sie schreiben ja Geschichtenbücher. Gewiß haben Sie vorhin an etwas herumgedichtet. Oder haben Sie gebetet? Doch nicht! Ich müßte ja lachen... so... mit ausgestreckten Armen!« Vielleicht hatte ich nur geträumt, vielleicht auch gebetet, ich wußte es selber nicht. Meine Schweizer Heimat, meine Dorfkirche am Abend und alle Heimlichkeiten unseres viel gemütvolleren germanischen Gottesdienstes, besonders der herrlichen Vesper mit den ewiggrünen, in die Gewölbe emporjauchzenden Hirtenpsalmen, war mir durch den Sinn gefahren. Dann aber, beim Lodern der Blitze, sah ich für einen Augenblick die südländischen Figuren vor dem Christkind, das römische Knabenantlitz mit der Hostie, die Barockengelchen am Chorbogen, genau wie umbrische Gassenkinder in pompösem Aufputz, und mir schien, sie vespern und psalmieren in einem Tone mit den vielen Kirchen unserer Schweizer Dörfer mit. Und es klingt von heute und gestern und aus den Zeiten Judas' und aus den göttlichen Tagen der ersten Christen. Und um das besser zu überlegen, stützte ich meine Arme weit auseinander über die Bank, wie dies so meine Unart ist, und vielleicht entschlüpfte mir dabei unbewußt irgendein Psalmvers. Warum sollte ich das nicht dürfen?... Wegen eines Heidenbübchens?... »Beten ist für mich so etwas Tapferes und Männliches, wie Statuen hauen, Musik erfinden oder Schlachten gewinnen, lieber Ximenes... Ja, beten...« »Puh, das wird langweilig, lassen wir das! Beten Sie, beten Sie, so viel Sie wollen; aber wenn Sie nicht bei mir sind. Bei mir müssen Sie Geschichten erzählen...« Die leise, deutliche, etwas fremdartig im G und K und Ch klingende Stimme des Jungen befahl immer strenger. »Was hast du für ein enges Gehirnlein«, spöttelte ich. »Also erzähle ich dir vom großen Bischof Athanasius...« »St!... St!...« machte der Chilene verächtlich. »Nicht st... st!... Du wirst unzählige Soldaten hören, fünf Kaiser, den Nil, Flucht in die Wüste, Buchenwälder im Norden, gewaltige Predigten und Psalmen, den alten Erzvater Antonius, Rom...« »Ist dieser Bischof ein Heiliger?« flüsterte es aus dem Mantel hart heraus. »Natürlich!« »Dann will ich es nicht hören«, klirrte der Chilene leise mit den langen, dichtgepreßten Zähnen hervor. »Das riecht nicht gut... so nach Weihwasser... Ich will«, forderte er immer leiser, aber auch immer eigensinniger, »etwas von Banditen oder Bärenjagden hören, oder von Hannibal, von dem Sie uns in Perugia so ein schlaues und freches Stück erzählt haben... Vorwärts! Oder von einem andern General... Sie dürfen auch von einem Schiffskapitän berichten, von Meer, Wind, Piraten... das liebe ich. Tun Sie's doch, bitte.« Wie eine Katze schmiegt er sich an mich, und seine Augen leuchteten gelblich auf im Dunkel. »Gut«, versetzte ich. »Aber laß mich einen Augenblick nachdenken!« Ich überlegte die Situation. Das war also eines der unzähligen vornehmen Früchtlein, die am Baume der religiösen Gleichgültigkeit unter der schönen südlichen Sonne reiften. Seltsames Volk! Entweder sind die Kinder der reichen und gebildeten Familien wahre Kirchenengelchen, die man gleich neben einen Tabernakel stellen könnte, oder aber die reinsten lustigsten Heiden. Das macht die italienische Mutter. Betet sie, so tut sie es auch so herrlich, daß das Haus und das letzte jüngste Mäulchen mitbeten muß, ja sogar der ungläubige Gemahl von Zeit zu Zeit in einer Abendstunde die Antworten der lauretanischen Litanei mit einem heimlichen Heimwehschauder nach einem verlorenen Paradies ihr abnimmt. Aber wenn sie nicht betet, da ist es, als sei das ganze Haus und sein Glauben und überweltlich Sinnen vergletschert. Selbst was in den Kindern noch ein bißchen grün und blumig treiben möchte, erstarrt im Nu. Das sind dann jene Knaben, die verwundert oder gar spöttisch den Kopf schütteln, wenn Wörtchen an ihr Ohr pochen, wie Herrgott, Himmel, Engel, Sonntag, Gebet. Und das sind jene kleinen Mädchen, hübsch und knisternd in Seide und Schleifen, mit einem so zierlichen Schnäbelchen, mit einem flink klopfenden Herzen unter dem Brusttuch, woher das Lachen und Weinen noch so natürlich wie ein Bronn hervorsprudelt – ach, so wunderbare Menschenblümchen sind das, auf zarten Stengeln sitzend und mit blitzsaubern Kelchen glühend. Aber riechst du daran, so duften sie nicht. Sie haben keinen himmlischen Odem. Bei so schönen Blumen ist das furchtbar schade. So ein himmelferner Weltknabe war dieser Ximenes. Ich wußte, daß der Vater an nichts als an den Glanz der Metalle glaubte. Aber war denn die Mutter auch so kalt?... »Müssen Sie sich so lange besinnen?« stupfte mich hier der zugleich so liebe und so garstige Knabe. »Fangen Sie doch an, es geht schon. Probieren Sie's nur!« »Sogleich, sogleich«, beschwichtigte ich. Mir, der schon viele Tage keine Kinder gesehen hatte und sie doch vom kleinsten Schnäuferchen bis zum ausgewachsenen stolzen Flegel so innig liebt, mir war der erst noch so feindliche Sinn schon völlig nach diesem Kerlchen so mittäglich umgekehrt. Und wie ich es so warm eingepackt hatte, daß es nicht mehr fror, so schien es mir, müßte ich nun auch seine junge starre Seele ein bißchen zum Tauen bringen. Warum wäre es mir etwa sonst so eigentümlich nahe gekommen, fast buchstäblich in die Arme gefallen? Junggesellen haben oft mütterliche Empfindungen und brauchen sich ihrer wahrlich nicht zu schämen. So ein Gefühl, daß der braune Schlingel da keine Mutter habe, wenigstens diese Nacht keine, die ihn im Bett recht warm und sicher versorge, aber vielleicht seit allen Nächten keine Mutter genoß, die auch seinem inneren, tiefen Menschlein warm machte, so ein Gefühl ergriff mich jetzt immer stärker, und ich war entschlossen, wenigstens diese Stunde, so gut ich konnte, eine solche Mutter zu spielen. Ich schmeichelte mir gar nicht mit einer Bekehrung oder wie man das nennen mag. Aber ein Fünklein konnte ich doch in den Buben werfen, das dann weiter glomm und vielleicht wieder einmal von einer gnädigen Gelegenheit frisch angeblasen wurde. Der Junge hatte Sinn für Großartigkeit und Heldentum. Da war er verletzlich. Da mußte ich ihn treffen. Ich will ihm etwas Starkes erzählen. Ich erzähle gern, tausendmal lieber als ich schreibe, und hoffentlich auch tausendmal besser. »Jetzt erzählen Sie«, zwängerte Ximenes, »oder ich schreie laut und pfeife und singe bis am Morgen. Geschwind!« »Nur nicht kommandieren, sonst tu' ich's schon gar nicht!« »Bitte tun Sie's. Ich bettle ja schon zwanzigmal!« »Also horch! Doch zuvor sag' mir: was denkst du, wenn du die gemalten Engel und Heiligen und das Christkind hier im Kapellchen siehst? Dein Vater malt sie oft. Glaubst du, daß solche irgendwo leben oder gelebt haben?« Verdutzt schwieg Ximenes. Dann meinte er: »An das habe ich nie gedacht. Ich weiß nichts von all dem Zeug.« »Aber die Märchen kennst du, vom Rotkäppchen und Schneewittchen und vom Einhorn, Zwergkönig und einäugigen Riesen. Glaubst du, daß die einmal waren? Daß man ihnen im Walde begegnen könnte?« Der Bub lachte großhansig. »Solches werden Sie mir doch nicht erzählen. Das sind ja Märchen. Von einem General, hab' ich gesagt, oder von einem Kapitän müssen Sie erzählen. Etwas Wahres! Ich merke flink, ob es erdichtet ist. Dann pfeif' ich aber sogleich... und wie... hören Sie mal...!« »Halt!« Ich schlug ihm den Plaid übers Gesicht. »Dann red' ich kein Wort mehr mit dir.« »Das ist doch nur Spaß. Sie sind... ach... Sie sind ein richtiger Tedesco oder Svizzero... Die verstehen keinen Spaß, sagt Papa!« »Nun also, bei Märchen weiß man, daß sie erfunden sind; aber diese Engel und Heiligen sind nicht erfunden, sonst wären sie schon längst wie die Märchen ins Schlaraffenland und in die Bücher geflohen. Statt dem leben und wirken sie. Man fühlte sie tausendmal. Man sah, hörte, genoß sie. Aber jetzt nichts mehr davon! Ich erzähle dir von einem Kapitänhelden oder von vielen...« »Meine Schwester wird Ihnen dafür ein Küßlein geben. Sie kann das gut, und sie tut es auch gern. Avanti! Avanti!«   Mein Geschichtlein »Da wir in einem Gotteshaus sind, kann ich dir keine weltlichen Abenteuer erzählen. Vielleicht in Perugia einmal! Aber du sollst nicht in Schaden kommen. Ich erzähle dir etwas aus der ersten Christenheit.« »Ach was!« zürnte Ximenes leise. »Wo ist nun der General oder der Kapitän?« »Das kommt alles, du Heißsporn. Meinst du etwa, die Türkenkriege und die Taten des Cortez oder eure großartigen Siege über Peru vor wenig Jahren, das begeistere mich nicht auch? Ein Trommelwirbel, eine Feldmusik, wehende Vaterlandsfahnen... und ich würde wahrhaft schon einen Flintenschuß nicht mehr spüren. Was habe ich nicht Hannibal zeitlebens verehrt, und wie begeistert es mich, von einem Genie wie Turenne oder Prinz Eugen zu lesen! Aber all das wird klein vor der Größe der Glaubenshelden.« Ich meinte, ein ungläubiges Hm! zu hören. »Schau, lieber Ximenes, wenn ich hier so im Dunkel sitze und hie und da wie von einer Fackel getroffen ein Heiligenbild im Blitz aufleuchtet und wieder in die Nacht versinkt, dann muß ich an die Katakomben denken, wo die ersten Christen auch in einem solchen unbequemen Dunkel ihre Gottesdienste feierten, ihre toten Helden begruben und ihre Jungen begeisterten, in die Weltstadt zu gehen und alle goldenen Götzen umzustoßen. Du warst doch in Rom?« »O vielmal.« »Und in den unterirdischen Christenwohnungen?« »Nein. Ich habe gehört, das sind Rattenlöcher und Rattengänge. Vater und ich lieben die Sonne.« »Ja, das sagst du gut, Rattengänge. Wenn sie nicht atmen durften in der Sonne, nicht beten, nicht einmal begraben werden im Licht, da mußten sie sich wohl unter den Boden verkriechen. O ja, das waren Ratten, aber merkwürdige, großartige, ein neues Weltfundament grabende Ratten. Alle andern Tiere der Welt, die römische Wölfin, der germanische Bär, der afrikanische Leu, alle wurden von dieser wunderbaren Ratte überwunden. Aber ich mag jenes erste Christentum doch nicht gern mit einer Ratte vergleichen. Es ist vielmehr der im Boden liegende lebendige Heldensame. Er darf noch nicht herausgucken. Der herzlose Winter würde ihn zerstören. Aber ein paar besonders starke und heldenmütige Keime müssen doch von Zeit zu Zeit sich ins Freie wagen, um die Zeit, ihre Gunst und ihr Recht zu studieren und den Brüdern drunten mutige Winke zu geben. Viele werden dabei getötet. Was macht das? Sie düngen die Erde. Andere folgen ihnen immer reger. Bald sind sie nicht mehr umzubringen. Sie brechen Eis und Schnee und Sand und Fels, sie gießen ihr neues Leben auch über eine neue Welt aus, sie machen die Zeit, die Geschichte. Frühling ist es worden.« »Die Geschichte! Das alles versteh' ich nicht. Die Geschichte vom General!« bat Ximenes und war nahe daran, vor Ärger zu weinen. »Aber sie haben es verdienen müssen. Mehr als zweihundert Jahre Katakomben, Rattenhöhlen, denke! Und nun höre gut: Da steckte auch so ein Knabe in deinem Alter unten in den Erdgängen. Vater und Mutter waren als Christen enthauptet worden. Den Palast und die großen Güter am Monte Cavo hatte man ihm genommen. Denn auch er glaubte, daß es nicht zweihundert komische goldene Götzen, sondern nur einen einzigen, furchtbar ernsten, aber auch unbegreiflich lieben Gott gebe. So stark, ja wild war er von diesem Glauben ergriffen, daß er beschloß, beim ersten öffentlichen Todesgericht über einen Christen im Augenblick, wo das Beil geschwungen oder der Holzstoß angezündet würde, zum Verurteilten in die gleiche Sterbensmarter zu stürzen und zu rufen: Auch ich kleiner Mann bin ein Christ. Ich heiße Tarcisius. Wer in Zukunft Tarcisius heißt, soll an mich denken und auch ein Christ werden und den Tod auslachen wie ich jetzt. Da, Henker, tötet mich!... So wollte er laut übers Volk schreien. Mußt du nicht sagen, Ximenes, daß er ein ganz heilloser Mutbolz war?« »Es scheint wirklich so«, sagte zögernd und mit altkluger Stimme der Chilene. »Auf der See oder in einem Landkrieg hätte er wohl auch etwas leisten können.« »Nun, muß es gerade ein Meersturm oder ein Gefecht sein? O Kleiner, es gibt noch größere Schrecken, wo mancher Cäsar, der sonst nie eine Miene verzog, zittern würde wie ein Kind... Aber ich rede vom feinen römischen Christenknaben Tarcisius. Täglich schlich er in die Gerichtsverhandlungen und traf endlich, worauf er so sehnlich wie auf seinen Geburtstag gewartet hatte: das Verhör und Todesurteil zweier herzhaften Christen, des alten herrschaftlichen Fräuleins Monica Severa und ihres treuergebenen Sklaven Onostopolos. Severa war ein fünfzigjähriges, von der Gicht gerümpftes und halbgelähmtes Jüngferchen mit dem schneeweißen Haar einer Hundertjährigen. Man glaubte, ein Häuflein Asche zu sehen. Aber als sie dem Richter antworten mußte, da schlug aus dieser Ruine ein so gewaltiger tiefer Glockenschlag, daß man eher einen Riesen als ein Weiblein dahinter vermutet hätte. Und aus der welken Haut flammten die sonst fast immer geschlossenen Augen wie Sonnen. Alles staunte. Nun ja, hieß es, sie stammt von Gaius Marius ab. Die haben alle so einen Gewaltsblick. Schafft sie nur rasch weg, sonst verhext sie noch die Lektoren und selbst den Statthalter!... Man hatte sie in einer Sänfte vor den Richter getragen, und der Sklave Onostopolos hatte sie wie ein graues altes Vögelchen herausgehoben und auf den Steinsitz der Zeugen gesetzt. Sie wurde zum Beil verurteilt, während ihr Begleiter als wertloser Sklave ohne Federlesen beim nächsten Spiel den Bestien in die Arena geworfen werden sollte. Diese Ungleichheit allein tat dem Paar weh. Es hatte nicht wie Herrschaft und Knechtschaft, sondern wie Schwester und Bruder die vielen stillen Jahre im Marcianischen Hause gelebt. So baten sie beide denn um die Gunst des gleichen Todes, sei es das Schwert, sei es auch der Zahn eines Tigers. »Gut denn«, gab der Präses spöttisch zu. »Mögen die beiden zu den wilden Tieren spazieren. Ambulent!« sagte er ausdrücklich, als wäre es nur so ein fröhlicher Bummel in die Gärten des Lukull. Aber die Domina Severa nahm das Wort nicht im Spott auf, sondern jubelte mit ihrer gewaltigen Männerbaßstimme: »O ja, da sagst du recht, Meleager« – so hieß der Prätor –, »ich habe nie einen besseren Spaziergang vorgehabt! Du solltest eigentlich mitkommen, Freund, wie du so oft mit Flavius Cura und der guten Priscilla und mir auf den Aventin spaziert bist. In der Kinderzeit! Weißt du noch? Ich lade dich höflich ein!« Der Präses winkte böse zum Abmarsch. Er bekam ein dunkles Gesicht vor Scham, eine Gespielin... oder mehr als eine Gespielin seiner heißen Jugendzeit... verurteilt und dazu noch verspottet zu haben. Und es tauchten die grünen Tage der Kindheit vor ihm auf mit den laubigen Hügeln Roms und seiner so früh und fromm verstorbenen Schwester Priscilla. Er winkte nochmals hurtiger. Aber siehe, da fehlte die Sänfte. Und ein Spottvogel rief: »Wenn das Fräulein so gern spaziert, macte, macte, nehm' sie frisch den Weg unter die Füße!« »Und hüpfe sie, saltet virgo«, hänselte ein junger Soldatenhauptmann mit glattrasiertem Kindskopf, »das Jüngferchen springe! Denn unsere Löwen gelüstet nach so einem Schleck!« Im Blick auf das kleine, magere Fräulein, an dem man nur Knochen und dürre Haut sah, lachten die derben Soldaten unbändig, während die meisten Zuschauer, aus angeborenem Takt für weibliche Zartheit, den Lachkitzel verwürgten. Mehr taten auch sie nicht. »Ich habe gehört«, gab jetzt Monica Severa donnernd zurück, »daß die Löwen an einem starken Knochen mehr Freude haben als am faulen Sitzfleisch unserer Dicklinge.« Dabei zeigte sie mit ihrem groben Finger auf die richterlichen Beistände, von denen die meisten ihren Sitz übermäßig belasteten. »Und daß unsere Knochen stark sind, das, glaub' ich, hat man schon am Gaius Marius erlebt und auch an seinem Schwiegersohn Gaius Cäsar. Sonst hätten euch die Barbaren längst aufgefressen.... Aber verzeih' mir Gott, daß ich so ins Prahlen komme!« brach sie plötzlich mit viel heiserer Stimme ab und lächelte wie ein im Übermut ertapptes Kind. Dieses Lächeln war so bescheiden und bittend, als flehte sie, so weit es reichte: Verzeiht mir das, was ich gesagt habe. Es war nicht schlimm gemeint! – Dann machte das Fräulein eine hilflose Gebärde gegen den Diener, weil sie eben doch nicht einen einzigen Schritt allein gehen konnte. Sie errötete jetzt. Denn nun ward es ja offenbar, wie sie vorhin mit den starken Mariusknochen geprahlhanst hatte. Aber der Sklave, ein Greis, dem das Haupthaar und der Bart wie eine Wildnis ums Gesicht zusammenwuchsen, faßte sie sogleich wieder leicht und scheu wie etwas Kostbares in die Hände, hob sie behutsam auf den rechten Arm und trug sie unter einem atemlosen Respekt der ganzen Zuschauerschaft zum Säulenportal hinaus. »Famos!« lispelte Ximenes und lüftete die Kapuze ein wenig, damit ihm bei der dicken Vermummung doch kein Wort entgehe. Soweit hatte der Ritterknabe Tarcisius voll Eifer zugeschaut. Es kitzelte und stach ihn, sofort seinen großartigen Trumpf zu spielen und jetzt... jetzt mit einem frechen Schrei sich ins herrliche Theater zu stürzen. Und immer wieder zwang ihn die Neugier, was nun wohl geschehe, noch ein Weilchen und wieder eines zuzuwarten. Als dann die Enkelin des großen Marius, des Teutonen- und Zimberntöters, auf einmal so demütig ward, leiser sprach, nach allen Seiten um Verzeihung lächelte und wie ein Krüppelzwerglein von einem Sklaven sich wegtragen ließ, ohne auch nur eine Silbe für sich zu reden, und besonders, als der herrliche Knecht stattlichen Ganges mit ihr zum Portal den Bestien entgegenschritt, ohne zu eilen, ohne zu zögern, sicher und gelassen, wie er denn auch im ganzen Verhör nichts als ja oder nein gesagt hatte, ob man zu ihm nun von der Straße sprach, wo er wohnte, von seinem früheren Müllerberuf oder von den Löwen, die ihn zermalmen sollten: da blieb dem Bürschlein alle Waghalsigkeit in der Kehle stecken. Nicht, als ob er sich nun vor Leu und Ur gefürchtet hätte. Aber er glaubte, wenn so ein Mann, wie dieser riesenhafte Grieche, schweige, dann dürfe ein Knabe wie er ihm doch gewiß nicht ins heilige Spiel pfuschen oder spektakeln. Aber als dann die Märtyrer verschwunden, die Richter abgezogen und das Volk verlaufen war, da reute es ihn wieder, so heldenlos heim in die finstern Katakomben zu gehen. Er schalt sich einen Tropf. Er fing an, in seiner hübschen Unerfahrenheit sich Vorwürfe der Feigheit zu machen und hatte zuletzt nichts anderes übrig, als was auch letzten Endes den ritterlichsten Knirpsen noch allein bleibt... zu weinen. Dabei dachte er, ob er nicht den Lektoren nachspringen und ihnen: »Christus ist Gott! Christus allein!« zuschleudern oder ob er in die Gerichtsbasilika stürmen und den Apoll, Mars und Jupiter, die dort aufgestellt waren, vom Sockel schütteln wolle. Er lief wie irre hin und wider und hätte gewiß etwas Unsinniges getan, wenn ihn nicht plötzlich eine Faust gepackt und ein geharnischter großer Mann gefragt hätte, was er sich da so toll herumtreibe? Ob er nicht sehe, wie es zunachte? So ein Knabe gehöre doch heim. Er wolle ihn jetzt die Via Appia hinausgeleiten, gehe er doch auch zur Predigt und zum Abendmahl... Das andere verschluckte er aus gewohnter Vorsicht. »Kennst du mich denn?« –»Ei ja, du bist doch der wilde Tarcisius, der unserem Bischof bei der Messe so feurig das Rauchfaß schwingt, daß fast immer Gluten herausspritzen. Und jetzt hast du gar noch dein Leben so übermütig verspritzen wollen. Ich habe dich wohl beachtet. Aber ich konnte nicht mit dir reden. Ich war im Amtskleid der kaiserlichen Garde da und hätte dich und mich nutzlos in Gefahr gebracht. Gott sei gedankt, du hast dich doch nicht toll gehen lassen. Aber dein schwarzes kurzes Kraushaar hat sich gesträubt und deine braunen Augen sind rot geworden, wie wenn sie bluteten, und deine sonnenverbrannte Stirne hat geglänzt von großen Schweißtropfen. Auch die Hände hast du beständig zu Fäusten geballt. Wenn er nur nichts Dummes macht!, dachte ich. Was hätte es jetzt genützt, mit den beiden andern zu sterben? Die sind auch nicht zum Henker gelaufen. Der Henker hat sie holen müssen. Was würde aus uns, wenn alle sterben wollten? Es braucht auch Märtyrer des Lebens, nicht nur des Todes. Das Sterben ist jetzt leicht, aber das Leben ist schwer. Unser großer Christ kann uns jetzt nicht alle drüben in seinen Himmeln haben. Er braucht uns auf Erden. Denn wir sollen groß werden wie Rom, nein, wie das Kaiserreich, wie die Welt. Da haben wir keine Zeit zu sterben. Leben, leben, für das große neue Reich leben müssen wir. Und ihr Knaben voran. Ihr seid am wichtigsten. Ihr habt das größte Leben... Hier warte... oder gehe langsam geradeaus! Ich hole dich schnell ein. Warum ziehst du dein Fell nicht an?« Es war Sebastian, der Hauptmann der kaiserlichen Palastwache. Er ging durch einen kleinen Garten in seine Villa, um sich umzukleiden. Tarcisius aber nahm den Überwurf vom Arm, der wie roter Purpur, aber doch nicht so rot wie seine Scham leuchtete. Man dachte, es sei ein Mantel, wie ihn die vornehmen Jünglinge abends bei der Kühle über der leichten Tunika trugen. Aber siehe, das war nur die eine zur Täuschung berechnete, sozusagen städtische Seite des Tuches. Die innere Seite war aus Lappen von Schafspelz zusammengestückt. Die kehrte Tarcisius jetzt heraus, so daß man ihn für einen kleinen Schäferbuben der Campagna gehalten hätte. So konnte er unbehindert zum Appischen oder noch eher zum Asinarischen Tor hinaus. Mit diesen Fellen deckte er jetzt alles zu, den Purpur, seinen Adel und seine gewaltige, herzklopfende Zerknirschung. Bald hatte ihn Sebastian wieder erreicht. Er sah aus wie ein dicker Gärtner. Denn er hatte den Rockschurz und Kapuzenmantel seines Gärtners über sich geworfen und trug Samenbeutel und Ackergeräte mit sich. Aber unter diesem gemeinen Überkleid glänzte verstohlen das schönste Soldatenkleid seines hohen Ranges. Vor seinem Christus wollte er sich mindestens so schön und feierlich wie vor seinem Kaiser zeigen. So gingen sie durch die Porta Asinaria und schwenkten dann westwärts den Hütten des Campus Vaccarum zu, wo ganze Hirtenfamilien gemeindeweis beisammenlebten und die untere Hälfte der Stadt, soweit sie östlich der Via Latina lag, mit Milchwaren versahen. Bei der Pastorie der Klementinen, wo jeder Gehöftebesitzer unweigerlich Klemens heißen mußte, kehrten sie beim zweiten Feldhäuschen ein. Von dort ging eine Erdstiege in die kühle Käsekammer hinunter. Und hier öffnete sich hinter einem Milchtrog eine Falltüre, die noch zehn Stufen tiefer führte und unten bald in einen weiten Katakombengang mündete. Schon sah man eine ferne Helligkeit, hörte ein Gesumme von Stimmen und langte schließlich in einem großen, kreisförmigen Raume an, wo ein Tisch mit weißem Linnen in der Mitte stand, ein edler Mann, Kelch und Brot vor sich, wunderbare Gebete sprach, bald gen Himmel, bald zum ringsum knienden Volke, bald in sein augenverschlossenes, innerstes Wesen hinein. Das war der Bischof von Rom. Er las die heilige Messe, und nachdem er selber vom Opfertisch genossen, wandte er sich gegen das Volk und rief: »Reinigt eure Seelen! Der Allreine kommt!« Da bekannte das Volk, was ihm das Herz schwer machte. Die schuldigten sich des Geizes, jene des Hochmutes, andere der Menschenfurcht oder des Wortverdrehens oder des unbezähmten südlichen Blutes an. Kinder lispelten ihre Harmlosigkeiten und winzigen Sündlein, ohne ein Lid zu zucken. Aber hier und da stand ein grauer Mann oder ein heißer Jüngling hastig auf, kniete dem Bischof zu Füßen und hauchte ihm mit nassen Augen etwas Schweres ins Ohr. Trat eine Pause ein, so rief der Papst eine neue Gewissensfrage in die Menge. Dann schüttelten viele glücklich die Köpfe, während andere schamhaft nickten und bekannten. In dieser großen, lauten Beichte, wo alles die Barmherzigkeit Gottes anrief, seine herzliche Reue bezeugte und dann im Namen der Dreifaltigkeit vom Bischof an Christi Statt losgesprochen wurde und mit erleichtertem Herzen einen Bußpsalm sang, in dieser Beichte hörte man allein die glockenhelle Stimme des Tarcisius nicht. Er sah sich immer wieder in der Basilika, ward uneins und zornig mit sich, schalt auf Sebastian und ward immer verstörter. Plötzlich hörte er neben sich sagen: »Nimm hin und iß, das ist mein Fleisch... Nimm hin und trink, das ist mein Blut!« Der Levite Felix stand nebenan vor den zwei Schafbuben Ajax und Romulus mit dem Abendmahl in der Schüssel, und der Levite Cyrill folgte mit dem großen Kelch voll Blut. Und die Buben empfingen mit niedergeschlagenen Augen von beidem. – Ich nicht! Ich nicht!, dachte Tarcisius entsetzt und schüttelte ein trauriges Nein mit dem Krauskopf, als das Sakrament des Weines an ihn trat. Harte Tränlein schossen ihm aus den Augen. Aber nein, er konnte, er durfte nicht kommunizieren, und der goldene Kelch schwebte vorbei. Danach predigte ein Diakon, und ein anderer verkündete, wer die letzten Tage den Martertod erlitten habe. Die Namen wurden langsam und laut gesprochen und dann vom Volke singend wiederholt. Die einen riefen: »Der Herr gebe ihnen seinen Frieden.« Andere beten schon: » Orate pro nobis !«. Nun wurden die Körbe ausgepackt, die rings an den Wänden lagen. Alles setzte sich, der Papst mitten unter seine Kinder, und aß und trank von den Gaben. Für viele war das die einzige Mahlzeit im Tage. Es war ein irdisch Essen und doch immer noch wie Gottesdienst. In jedem zweiten Satz hörte man »Christus« sagen. Alle Leute sahen aus wie abgehetzt und abgeplagt. Aber dennoch lachten ihre Augen. Sie schienen alle fröhlich irgendwohin in die Ferne und Höhe zu blicken, und sie sahen, obwohl in einem tiefen Erdloch vergraben, auch wirklich viel weiter als der Cäsar vom Kapitol oder der Jupiter von der Zinne seines aventinischen Heiligtums. Viele Witwen waren dabei und viele Waisenkinder. Andere hatten verstümmelte Arme oder einen siechen Leib, weil sie schon einmal auf die Folter gestreckt worden waren. Auch Brandmale trugen viele an der Stirne. Die alle kannte Tarcisius. Sie hatten ihm oft und oft ihre Marter haarklein erzählen müssen, und was sie antworteten im Verhör, und er hatte sie geküßt auf die Narben, und nur da hatte ihm die Geschichte nicht mehr gefallen, wo sie durch eine Gnade des Gerichts oder durch einen Aufschub des Prozesses oder gar durch eine Schlauheit oder listige Flucht dem Feuer und Messer entronnen waren. Dann hatte er sich die Ohren verhalten und geschrien: »Oh, ich wäre nicht aus der Kette gesprungen! Ich hätte gesagt: Gebt mir den Tod, euer Leben will ich nicht...!« Jetzt würde er das nicht mehr sagen. Helden sind es doch. Und der Bischof ist auch einer. Geht er doch in jedes Zirkusspiel immer an den gleichen Platz, wo ihn die armen Christen der Arena sehen und im Entsetzen der Löwen und Tiger noch seinen Segen und sein Absolvo und das lächelnde Nicken seines Apostelhauptes empfangen. Diese himmlische Gebärde: Keine Angst, der Herr Christus ist bei euch! Einen Augenblick nur, und dann seid ihr ewig Selige!... O ja, und Sebastian, der gegen die Barbaren an der Donau gefochten hat und zuerst über das Eis des Stromes gesprengt und in die Barrikaden der Sueven geritten ist, Sebastian, der am Hof, fast unter den Augen des Kaisers ein Dutzend Höflinge zu Täuflingen gemacht hat, Sebastian fürchtet den Tod gewiß auch nicht. Nein, aber tapfer leben ist auch etwas. Tapfer leben! Ach, wie kann das Tarcisius, hier unten in den Höhlen oder als Vermummter in der Stadt oder, und dies die längste Zeit, bei den Ziegen und Schafen des Pastors Klemens Rufus? Da sitzt er den ewiglangen Tag auf einem Stein neben den Hirtenbuben, die ihn auslachen, weil er nicht melken und keine ungesottene Milch trinken kann... »... Das kann ich auch nicht!« lispelt es neben mir aus dem Mantel hervor. »Und überhaupt... ja...« »Was überhaupt?« »... Sieht mir... ich weiß nicht... dieser Tar . . c . . isius sehr ähnlich«, bröckelte Ximenes langsam hervor. »Meinst du?« »Er hat Haare und Augen wie ich, ist von der Sonne auch so verbrannt, und tut geradeso, wie ich auch täte, wenn ich dort in den Rattenlö... nein, in den Katakomben sein müßte. Wie ist es denn nun mit ihm bei den Hirten?... Da sind wir doch stecken geblieben.« Ja, Tarcisius dachte, wie er morgen und übermorgen wohl wieder dort auf dem Steine sitzen und etwa einen störrischen Bock am Horn schütteln... ach, wäre es doch lieber der Präses oder gar der Imperator ! Und etwa ein blondes Schäfchen vor einem Widder schirmen wird Ach, wäre es doch ein gefangenes Christkind! Aber es sind nur Ziegen und Schafe. Und schläfrig dehnen sich die braungrünen und grauen Campagnastrecken mit den weißen, schnurgeraden Straßen aus. Da und dort starren die Häupter traumseliger Ulmen oder totenstiller Zypressen in den trägen Himmel auf. Den Tiber hört man nirgends. Aber in nördlicher Klarheit schimmert Rom mit seinen marmorbebauten Hügeln, den Tempeln voll goldener Götzen auf den Dächern, den Theatern, Bädern, Triumphbogen, den kaiserlichen Palästen auf dem Palatin und den baumerfüllten Villenhöfen zu ihm herunter. O dieses Rom! Wie es lärmt und funkelt! Jetzt, jetzt ist ein Rennen, jetzt hört er Löwen brüllen, jetzt musiziert man vor Cäsars Haus. Und indessen liegen Hunderte in tiefen Verliesen oder werden auf der Drehbank ausgerenkt oder hängen an Kreuzen oder müssen als Sklaven die Mühlen drehen, den Holzteller um den Hals. Wer weiß, was eben jetzt so ein Christ schreit!... Hilfe, Hilfe!... »Tarcisius!« ... Oder wie einer sich gegen zehn Schergen verteidigt oder einer vor zehn andern wie vor Bluthunden durch alle Gäßchen des Trastevere jagt! Hilfe ! Hilfe! Und Tarcisius hockt hier bei langweiligen Schafbuben und muß das alles leiden und geschehen lassen und darf nichts tun als beten und das Rauchfaß schwingen. Oh, Sankt Peter und Paul, daß er es doch mit allen Feuerkohlen dieser Tyrannenstadt um den verfluchten Kopf schlagen könnte! »Tarcisius!« Wer ruft ihn? Ach, der schöne Gardistenhauptmann! Neben dem stillen, feierlichen Papst sitzt er und ruft schon wieder. Und alles sieht auf ihn. Auch die narbigen Gesichter, auch das blasse und so milde Antlitz des römischen Bischofs, auch die Hirtenbuben, auch die Frauen und Kinder, die ganze unterirdische Gesellschaft blickt voll Erwartung auf ihn. »Schläfst du denn, kleiner Held?« frägt Sebastian mit geduldiger Stimme. »Du sollst dem Heiligen Vater und allen Brüdern und Schwestern hier erzählen, was du in der Basilica Ämilia gesehen hast. Du warst von Anfang dort... Wie? Du kannst es nicht?... Du schüttelst den Kopf!... Schon weinst du wieder!... Ehrwürdiger Vater, dieser Junge ist ein Flaminier. Du weißt, das sind unverbesserliche Kämpfer. Gar unser Tarcisius ist unglücklich, weil er noch kein Schwert bekommt zum Dreinschlagen oder zum Martertod. Kann man ihn denn nirgends brauchen? Ich wette, er stellte überall seinen ganzen flaminischen Mann.«, Papst Caius, mit dem Beinamen Mansuetus, blickte in stillem Ergötzen dem Buben ins Gesicht. Siedend heiß und blutdunkel ließ der verschüchterte Knabe den Kopf fast zwischen die Knie sinken. Der Heilige Vater lächelte immer zufriedener. Also, der Junge hat Kühnheit! Aber er hat auch Scham! Das ist die rechte Mischung zum Helden. Oh, Caius kennt das Bürschlein wohl. Er hat längst beachtet, wie es sich in Sehnsucht nach etwas Heldischem verzehrt. Zum drittenmal ist der Bub' heute in die Stadt entlaufen. Und nun weint er gar, weil er nicht in einen Kerker kriechen oder auf ein Schafott steigen durfte. Ja, das sind Flaminier. So war sein Vater Paulus, so sein Ahne Marcian. Da hilft nichts. Das sind Leute entweder zum Schlagen oder Geschlagenwerden. Die Behaglichkeit mittendrin würden sie nicht aushalten. Er wird wieder in die Stadt springen, dieser flinke Knabe. Es ist etwas in ihm, das ihn fortreißt, etwas wie Thomasgeist, etwas, dem kein Mensch und am wenigsten ein Christenmensch widerstreben soll. Denn der Geist weht, wo er will. Jetzt hat er diesen jungen Schopf am Wirbel gefaßt. Es hieße, der Gnade widerstehen, widerstände man dem herrlichen Kinde. Und sogleich blüht im genialen Kopf des Papstes ein Plan auf, breitet sich aus wie ein raschwüchsiger, mächtiger Baum, greift mit den Ästen über die große Stadt und fingert mit einem Zweiglein in jedes Gäßchen, selbst in die Gefängnisse, ins Amphitheater, in die Gerichtsstuben und wirft einen greifbaren Segen in jeden armen Christenwinkel, während der Wipfel immer höher gen Himmel rauscht... »Was ist es denn!« stupft mich Ximenes. »Vorwärts! Das wird prachtvoll...« Ich höre deutlich, wie sein Atem leise keucht und schnaubt. »So sage mir, Tarcisius«, fragte Papst Caius Mansuetus gütig, »kannst du durch die Stadt laufen mit einem wichtigen Brief in der Tasche, ohne rechts und links zu schielen oder in die Läden zu gucken oder dich in eine Komödie beim Forum oder in ein Soldatenspiel vor den Thermen zu vergaffen, immer nur die Hand und das Herz am wichtigen Brief? Kannst du das?« »O Heiliger Vater...« vermochte der Junge nur zu stammeln. Aber dieses Gestammel kam heißer als tausend Schwüre aus seinem Mund. »Und ohne stillezustehen, wenn Christen vorbeigeschleppt oder auf einem öffentlichen Platz gemordet werden? Ohne ein Wort zu sagen oder eine Faust zu ballen? Könntest du auch das, wenn du mir etwas Wichtiges besorgen müßtest?« »Ja... Bischof! ja!« schrie Tarcisius jetzt schon ruhiger. »Und wenn es gar das heiligste Sakrament wäre? Unser Abendmahlsheiland? Zu einem Kranken, zu einem Verurteilten? Würdest du auch wissen, was Großes du trägst? Demütig und still vor dich hingehen? Du wilder Sohn, wärest du zahm genug?« Der Knabe erblaßte vor freudigem Erschrecken, rutschte vom Stühlchen auf den Boden, spannte flehend die Arme nach dem Bischof und hielt den Mund weit aufgerissen vor Durst nach dem letzten schönen Worte. Ihm schwindelte vor Glück. »Begreifst du, was das für ein großes Amt ist?« bat der Papst jetzt furchtbar eindringlich. »Was du jetzt versprichst, mußt du auf Leben und Sterben halten. Bist du geschickt genug?« Da rief der Kleine mit brennenden Lippen: »Heiligster Vater, war das Eselein am Palmsonntag so geschickt, so bin ich's noch viel mehr. Oh, ich will unsern lieben Christ durch die Henker und durch die Löwen...« »St! St! Still und demütig, daß niemand auf dich achtet...«, korrigierte Sebastian. »Ja, daß niemand auf mich achtet«, gelobte das Bürschlein folgsam. »Und wenn es auch nie zwischen die Löwen und Tiger, vielleicht nur zu den Sklaven und zu den armen Christinnen im Tiberviertel geht!« »Zu den Sklaven und armen Christinnen...«, wiederholte der Knabe und verbiß herzhaft eine leise Enttäuschung wegen der Löwen und Tiger. »Es geht uns wie dem alten Samuel«, wandte sich jetzt der Papst erklärend an die ganze Gemeinde ringsum. »Wir müssen die Bundeslade dem Knaben David anvertrauen. Nicht diesem da allein. Ich hoffe, wir haben noch viele Davide hier. Unsere Gesalbten, die Prediger und Täufer und Katecheten, dürfen wir nicht alle auf der Pastoration verlieren. Besonders nicht so, wie den unseligen Porphyrius, diesen gottgeschlagenen Saul!«... Hier erbebte die ruhige Stimme des Bischofs leise, und alle senkten die Stirnen wie in Scham für jenen treulosen Priester, der das Haupt zu hoch gereckt und es nun vor wenigen Tagen als Apostat unter die Füße der Römer Götzen schmählich gebogen hatte. Einer aber knirschte mit den Zähnen. Das war Tarcisius. »Es ist auf die Hirten abgesehen, und jener Mietling, wenn ihn alle Gnade verlassen hat, ist feig genug, sie wie Judas zu verraten. Da tun uns die Kinder not. Sie sind unverdächtig und können leicht mit Botschaft und Almosen und selbst mit dem heiligen Sakrament in Türen schlüpfen, wo kein Mann zukäme. Und so einen Gang, Tarcisius, halte ich für dich bereit. Du mußt zu Laban gehen, dem Futtermeister, am Zirkus Maximus. Er ist ein Jude, aber liebt uns, weil wir seine Frau und sein Knäblein beim Auflauf gegen die Hebräer gerettet haben.«... Der Papst zeigt auf Sebastian... »Seitdem hilft uns der gute Mann, zu den Zirkusverliesen zu gelangen. Aber seit vorgestern wird leider der Zugang von Gardisten bewacht. Laban hat uns unterrichtet, daß man nur noch in sein Häuschen vor der Bühnenmauer kommen dürfe, und nur noch selten, und keiner der bisherigen, und daß in die Kerker selbst gar niemand mehr ohne Gefahr für sein Haupt gelange.« Ein tiefes Seufzen stieg da und dort aus der lautlos horchenden Schar. »Nun ist mir, wie ich den trostlosen Tarcisius sah, ein Licht aufgegangen. Dieser Knabe kann am ehesten ins Haus und vielleicht sogar zu den Eingekerkerten dringen. In jedem Fall wird er zu Laban gelangen und, wenn es nicht anders geht, durch diesen Juden das heilige Abendmahl der Monica Severa und ihrem Diener zukommen lassen. Lege dich schlafen, Tarcisius, daß du morgen zeitig aufbrichst, und vergiß nicht, daß du versprochen hast, demütig und schlicht wie das Palmeselein unsern König in die Stadt zu tragen!« »Nicht anders, Heiliger Vater!« beschwor Tarcisius und ging so leicht und so selig, als könnte er fliegen, mit den Schafbuben Ajax und Romulus den holperigen und oft von ihm verschimpften Weg zu den klementinischen Hütten, wo er neben den Schafen im Laub sein Lager hatte. Aber er konnte nicht einschlafen. »Bleibt auch noch ein wenig wach!« bat der Hitzige die zwei ruhig neben ihm liegenden Hirtlein. »Ihr schnarcht ja schon.« »Laß uns in Ruhe!« bat Ajax. »Ich weiß wohl, warum du nicht schlafen kannst.« »Nein, das weiß er nicht«, lachte Tarcisius in sich hinein. »Warum kann er nicht schlafen?« fragte schläfrig Romulus. »Weil er nicht aus dem Kelch getrunken und nicht vom Abendmahlsleib gegessen hat. Er hat beidemal unsern lieben Heiland vorbeigehen lassen. Ich sah es gut. Und ohne Christus kann man nicht schlafen.« »O ihr... wenn ihr wüßtet!« rief Tarcisius und umschlang die Bauernsöhne leidenschaftlich und drängte sie rechts und links an sich... »ich war ja so wild, so zornig, so... ach, ich konnte gar nicht mittun... weil ich in der Basilika... nein, nein, das könnt ihr nicht verstehen. Aber morgen trag' ich Christum da, seht, da auf der Brust, unter dem Gewande da, in dieser meiner rechten Hand. Wie der Papst!« »Aber wir haben seinen Leib genossen und sein Blut getrunken. Tarcis! Wir haben ihn schon im Herzen drin, denke!« Verblüfft schwieg das römische Junkerlein. »Ja«, sagte er zuletzt demütig, »ihr seid wohl viel besser. O Christkind, mach mich auch so!« Das hörten die Geißbuben schon nicht mehr. Sie schliefen mit dem Weichselstock und dem Kürbis neben sich, die Füße im Stroh, aber alle Sterne des Himmels im Gesicht und das leibhaftige Kind von Bethlehem im Herzen, tausendmal seliger als ihre ersten Ahnen in der ersten Weihnacht... * Ich hielt einen Augenblick in meiner Geschichte vom Knaben Tarcisius inne. Schlief mein Nachbar, daß er so unbeweglich geworden war? Ich hätte ihn jetzt sehen mögen. Es war ein eigentümliches, beklemmendes Erzählen so ganz ins Finstere hinein. Zwischen dem, der spricht, und dem, der horcht, sollte es nicht undurchdringlich dunkel sein. Nein, man muß sich sehen, wenn auch lieber in einem leisen Dämmer als im grellen Licht, aber man muß sich im Gesicht des andern beobachten, stärken, erquicken können. Dann erst lebt die Geschichte, glänzt, fliegt, reißt das Herz mit. Aber kaum hatte ich zwei, drei Atemzüge lang ausgesetzt, so suchte Ximenes auch schon meine Hand, drückte sie dankbar an sein Herz und bat mit ganz schwacher, aber feiner Stimme: »Was haben Sie? jetzt geht Tar . . c . . isius nach Rom. Nun wird es prächtig. O schnell weiter!... Hören Sie, wie flink mein Puls geht... vor... vor...« »Laß mich doch nur eine Minute ausruhen«, sagte ich, »und mich auf den Rest ordentlich besinnen. Hast du übrigens das Bild des heiligen Knaben an der Altartafel beachtet?« »Ja so!« sagte der Chilene erstaunt. »Jetzt erinnere ich mich... Sie sagten Tarcisius... nicht? Das muß ich aber morgen gut anschauen.« »Man sieht nicht viel. Das Gemälde ist halb verblichen. Aber das Bild wird dich doch freuen.« Ich wußte nicht einmal sicher, ob die verwüstete Schilderung auch wirklich den heiligen Ministranten Tarcisius darstellen wollte. Denn es waren, wie gesagt, nur ein paar junge, unbärtige Köpfe, einige erregte Hände und Füße, etliche wilde Fetzen Tuch und um den schönsten Bubenscheitel der schwache Schimmer einer Gloriole sichtbar, aber auch das alles mehr oder minder vom Moder verwischt. Jedoch hatte ich deutlich ein seidiges Tüchlein mit der Ähre bestickt unter einem Knabenfuß wahrgenommen, während dem kleinen Heiligen etwas Rundes gen Mund schwebte. Sicherlich die Hostie. Es fiel mir ein, daß ich vielleicht diese Tarcisiuslegende zu weltlich male. Ich wußte nicht auswendig, in welche Zeit dieses glorreiche Kindesleben fällt. Keine Einzelheit war mir aus den Akten bekannt. Vorweg hatte ich alles Drum und Dran erfunden und fürchtete sehr, daß ich dabei unheilig verfahren sei und vielleicht dem historischen Knaben Tarcisius ein zu gewöhnliches, zu bübisches Gewändlein und Wesen angezogen habe. Aber ich konnte nun nicht mehr zurück. Jetzt ging es ja auch dem prachtvollen und wahrhaft heiligen Schluß der Novelle entgegen. Ich nahm mir vor, nun sicher keinen Abstecher mehr von der geraden Spur der Legende zu machen, einer kurzweiligen Fabel zulieb oder um meinen ungläubigen Zuhörer zu bestechen... damit ich mich morgen vor dem Bilde an der Wand nicht zu schämen hätte.   Draußen hatte der Regen nachgelassen. Aber vor der Schwelle hörte man noch immer das Vorbeifließen und Klatschen der Wasser, die sich über die ganze Wegbreite zu einem wahren Flusse gesammelt hatten und gewiß noch bis morgen von all den kahlen Berghöhen herab reichlich gespeist würden. Auch durch die brüchige Dachdiele tropfte es da und dort. Hinter uns schnaufte schwer der Diener Gonzal. Von Carlos hörte ich keinen Laut. Eine schwache Helligkeit sickerte durch die hohen Rundfensterchen herein. Sie blickten wie blasse Augen ins Dunkel des Kirchleins. War das schon nahender Tag oder hatte das Gewitter den Himmel mit seinen Sternen sauber und blank hervorgefegt? Dieser Schein von oben genügte, um nach und nach einige Formen des Altars, den unteren Chorbogen und die Umrisse meines kleinen Nachbars zu erkennen. Ximenes hatte die Kapuze abgeworfen, und sein ovaler, nach hinten hochgewölbter Kopf war wie ein feingezogener Schatten an der Wand anzusehen. »Nun, nun!«klang es heftig aus diesem Schatten. Er ward größer. Ich spürte die heiße Luft eines nahen Gesichtes und den Glanz zweier großen Augen. »Nun, nun!« befahl es beinahe. So begann ich denn: Als Tarcisius mit seinem nun wieder purpurnen Mäntelchen am nächsten Tag schon recht früh gegen die Stadt zog, schien er ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Sonst hüpfte und pfiff er. Jetzt schritt er gleichmäßig vor sich hin, sah kaum rechts und links, lispelte hie und da ein halblautes Wort in sich hinein, aber konnte nur nicht das Blitzen seiner Augen verbergen, dieses gewaltige Blitzen vor Freude und Würde und königlicher Erwartung. Und so belebt, trotz des stillen Schrittes, war das sonnenbraune Gesicht des Jungen, als steckte er im eifrigsten Gespräch mit einem andern unsichtbaren Begleiter. Das war denn auch so. Von einem Seidentüchlein umhüllt, trug er das Abendmahl in kleiner Brotsgestalt unter dem Brustlatz und ließ es nicht aus der linken Hand. Die rechte Hand steckte Tarcisius in den Gurt, an die Stelle, wo er, wie alle Patrizierknaben, schon einen Ziersäbel zu tragen pflegte. Aber heute durfte er ihn nicht tragen. Papst Caius hatte gesagt, daß Christus auch ohne Säbel nach Jerusalem zog, und daß er nicht einmal dem Stürmer Petrus oder Thomas ein Schwert gelassen habe. Auch hilft kein Säbel, wenn Jesus nicht hilft. Dennoch, wenn irgendwo aus den schwachen Erhebungen der Äcker eine Gestalt auftaucht oder hinter ihm auf dem Pflaster der Appischen Straße ein Roßhuf ertönt, legt Tarcisius unwillkürlich die Hand an den leeren Gurtschlitz. Er kann nicht anders. Dann redet er leise mit seinem Begleiter weiter. »O Cäsar der Cäsaren«, betet sein Flaminiermund, »ich habe dem Bischof gesagt, daß ich dich wie das Palmeselein in die Stadt tragen wolle. Aber das war falsch gesprochen. Wußte denn das dumme Tier, wen es trug? Ich aber weiß es. Oh, du regierst den Himmel, wie du auch bald die Erde da unten regieren wirst. Du wirst den Kaiser und die Götzen in den Staub schlagen und unsere Kirche auf s Kapitol bauen und die Heidenpriester verjagen und die Arena zuriegeln oder... Ja, das wäre gut... die Tröpfe, die sich nicht taufen lassen und nicht auf Caius hören und uns widerstreben, einfach den Bestien ins Maul werfen... Aber warum wartest du so lang? Das allein kann ich nicht begreifen. Schon mein Vater und meine Mutter haben es erleben wollen und sind vorher gemordet worden. Und unsere Alten, mit den verbrannten Gesichtern, der einäugige Paternus und Pia Sorta mit den lahmen Füßen, und viele andere warten Tag und Nacht darauf. Ist es denn schön, wenn die Buben in der Gasse unsere Christen anspeien oder, wie dem seligen Curius, das Gesicht verschmieren und schreien: Danket uns! Jetzt gleicht ihr eurem Sudelgott!, und wenn sie spotten: Wann kommt er eigentlich, euer Blitz- und Donnergott? Schläft er? Oder hat er schon ausgeblitzt und ausgedonnert? Wir haben nichts gemerkt... O diese Laffen!... Doch nein, ich darf nicht wütend werden. Still, still!... Aber sag' mir, o Christ, werden wir in den Zirkus gelangen? So viel mußt du schon tun. Sieh, die Monica und ihr Diener werden vielleicht schon heut abend den Bären oder Luchsen gegeben. Und sicher, sie warten auf dich. Dann erst haben sie Mut genug. Das wäre furchtbar, wenn wir nicht zu ihnen gelangten. Da bitt' ich schön, hilf mit! Ich tue auch, was ich vermag. Ich will so herzhaft und schlau die Sache einrichten, wie ich nur kann. Aber was hilft das, wenn du es anders fügst? O heiligster Christ, hilf uns!« »Für mich habe ich keine Angst. Mich laß nur! Mich soll niemand schonen. Ich schone auch keinen. Bald muß mich Sebastian in die junge Stadttruppe aufnehmen. Dann werde ich Centurion, befehlige hundert Mann, kämpfe am Rhein oben im Schnee oder unten in der Wüste und lasse Christ werden, wer will, und mache nur Christen zu Reitern und siege immer und werde Feldherr. Und wenn ich heimkehre, sage ich dem Kaiser: Ich habe die Mohren besiegt! Ich habe die Barbaren vernichtet. Jetzt, ja oder nein, will ich auch noch dich überwinden. Schnell werde Christ! Da ist Bischof Caius und da ist der Diakon Philippus und da ist Wasser zur Taufe. Eins, zwei, drei... oder mein Herr bricht über dich wie eine Wolke herein und nimmt dir den Thron und das Leben... eins, zwei, drei...« »Ach nein, so kann man doch niemand zwingen! Papst Caius sagt mit Liebe! Was ist das, mit Liebe?...« Ganz betrübt, daß er immer wieder sich in so harte Phantasien verirrt, furcht er die niedrige braune Stirne. Und es dünkt ihn, er hätte gestern eben auch beichten und kommunizieren sollen, dann würde er frömmer denken und viel besser wissen, wie man mit Liebe, ach mit Liebe Heiden bekehrt. Er hatte gestern ein bißchen Titus Livius gelesen. Das wollte Papst Caius, daß er fleißig studiere und nach den heiligen Büchern auch die berühmten weltlichen kennenlerne. Die Reden der Feldherren vor der Schlacht am Po hatte er gelesen. All das soldatische Blut seines Geschlechts stieg ihm zu Kopfe. Dieser große Hannibal! Dieser feine Bub des Publius Scipio! Oh, das waren Helden! Aber Caius hatte gesagt: »Nun probier' einmal und lies darauf Johannes Kap. 13 oder Kap. 19.« Es ist wahr, das klang anders. Die Feldherren verschwanden wie Nebel, als Jesus die Füße wusch, das Brot brach, so hoheitsvoll zum Verräter und so ewigschön zu Johannes und Petrus redete. Und erst mit Pilatus im neunzehnten! Und am Kreuz! O Himmel, da überliefen ihm die Augen! Da dachte er nicht mehr an Rom und Sieg und irdisches Geflunker. Da sah er eine andere Welt. Aber er hat einen heillos raschen Kopf. Das hastet nur so her und hin. Er will in Zukunft nicht immer in den Königen und Makkabäern lesen. Nein, im Johannes. Da lernt er das: mit Liebe! Mit Liebe! Indessen gelangt er ans Appische Tor. Da muß er warten. Es drängt viel Volk herum, und Soldaten sperren die Straße. Tarcisius wundert sich. Aber es steht ihm nicht an zu fragen. Sein Christus weiß ja alles. Jetzt, jetzt!, schreien die vordersten. Richtig, ein geordneter Zug naht unter dem Bogen hervor, Bewaffnete, zwei Liktoren zu Roß, dann... ach, wie schnell kennt man sie!... ein Trüpplein Christen. Sie haben Ketten an den Füßen, aber ihre Arme sind frei. Denn sie tragen Körbe und Säcke auf den Rückhaltern und Stricke und lange Ruder und Schöpfkübel auf der Achsel. Kein Zweifel, die einen sind zu den Galeeren nach Neapel, die andern in die Schwefelgruben um den Ätna verbannt. Aber drei von ihnen tragen nichts und halten die Hände auf den Rücken gebunden. Zwei sind Griechen, ein Vater und ein Sohn, denn sie gleichen sich im Gesicht zu wunderbar. Der Vater ist Hauslehrer. Er trägt noch den weißen Rock und die eingestickten Eulen am Ärmel. Neben ihnen mit kurzen Geißeln, fast wie Viehtreiber, gehen vier Neger. Den Griechen hauen sie selten einmal auf die nackten Beine. Aber dann zucken die feinen zwei Menschen jedesmal wie von einer Flamme gebrannt zusammen, und der Jüngere schreit jedesmal auf. Herr von Kalvaria, und doch sieht es so aus, als ob die da irgendwo zu Tode gegeißelt werden sollten. Jetzt... Tarcisius entfliegt fast der Atem vor Erregung... Jetzt kommt ein Hüne mit schafblondem Haar und ganz hellen kleinen Augen. Ah, das ist so ein langes, breites Germanengesicht mit dicker, kurzer Nase, aber einer goldenen Herrlichkeit vom Kinn zur Brust hinunter. Welch ein Bart! Und wie er ruhig mit den grauen Äuglein über die Menge blickt! Wohin wohl? Ist er vom sagenhaften Rhein oder gar vom Eismeer? Und denkt er an seine Fischerhütte oder an seinen Bogen, ob ihn wohl der kleine Biwolf, sein einziger Bub, schon mit bloßer Hand spannen könne? Und ob man dort schon bis zur Kolonie, schon über den Rhein, schon über die Alpen, ach, ob man dort bald bis nach Rom schießen könne. Einmal sicher!... Aber nein, der Riese lächelt. Er hat die Heimat verloren, aber ist Christ geworden. Das dünkt ihn kein schlimmer Tausch. Ihn peitschen sie viel und gern. Es spritzt und zischt wie Funken um seinen Kopf. Aber er zittert nur ein wenig, der Koloß, und lächelt wieder und zieht ruhig weiter am offenen Sänftewagen, an den man ihn wie einen Stier gespannt hat. In den roten Polstern des Wägelchens sitzt vergnügt ein Jüngelchen von siebzehn Jahren. Es ist der Älteste des Statthalters Marcus Maximinian, vor dem sich alle Hunde Roms verkriechen, und den die Buben und Mädchen wie den Cerberus fürchten. Man kennt das Wappen an der Sänfte sogleich am großen und kleinen M. Tarcisius hört erzählen, wie sich der Hauslehrer Eurosius und sein Sohn Pylon in die Familie schlichen, den Waffenträger und Fechtmeister des jungen Herrn, eben diesen germanischen Riesen, mit der heillosen Lehre vom gekreuzigten Juden ansteckten und schon ein giftiges Netz von Verräterei durch den großen Palast und Park gesponnen hatten. Der zarte Pylon gefiel dem vornehmen Herrlein. Er konnte hübsche Figuren meißeln und hatte das übermütige Junkergesicht mit den aufgesprungenen Lippen und den rotumränderten und immer so bösartig lachenden Samtaugen, sowie mit der gedrückten eigensinnigen Stirne und dem dicken Haar außerordentlich lebendig in farbigem Ton gekünstelt. Darauf befahl der junge Maximinian, daß ihm Pylon auch einen Mars und eine Venus, zum Opfern, so natürlich und farbig modelliere. Pylon suchte Ausreden, und zuletzt, vom Gebieter auf ja und nein gezwungen, bekannte er, daß solche Götzen zu schaffen ihm sündhaft scheine. Jetzt kam man dem ganzen Christennest auf die Spur. Neben dem Waffenträger, der vom Jüngling hochgeschätzt worden war, gab es noch etwa vierzig verhetzte und verzauberte Sklaven. Sie wurden auf die Galeeren und in die Bergwerke des Statthalters geschickt. Aber die drei Rädelsführer sollten auf dem Wege von der Stadt zu seines Vaters Landhaus Senepia Rosa zu Tode gepeitscht werden. Soweit wollte der junge Herr mitfahren. Wo es ihm gefiele, würde er winken und zuerst den Sohn, und wieder eine Strecke weiter, wo es ihn am lustigsten dünkte, den Vater geißeln lassen. Hei, werden die zarten Graeculi schreien! Der Germane aber muß ihn durch die heiße Campagna bis zur Villa ziehen. Jeden Augenblick pfeift der Junker leise durch die Zähne. Das heißt: haut ihn! Dann prasseln die Zwicke der Riemen auf den Riesen nieder. Und Maximinian beugt sich vor, denn er ist trotz allem Augengefunkel sehr kurzsichtig, und lacht sein rohes, trockenes, helles Lachen und foppt: Proficiat! Wohl bekomm's!... Es ärgert ihn, daß er nicht aufbrüllt, den Sänftewagen vor Qual schüttelt, dieser Stier! Daß er so zufrieden über die Äcker blinzelt und lächelt, als füttere man ihn mit dem besten Grase statt mit Hieben. Ihn will er im großen Garten der Villa dann mit aller Bedachtsamkeit zu Tode quälen, vielleicht im Hechtweiher zappeln lassen, vielleicht mit Pfeilen totschießen. Er hat ihn ja meisterlich Bogenschießen gelehrt... Hart, böse, ganz grausam muß man sein. So ist man Herr und hat ein blutig schönes Leben. Das alles wird um Tarcisius herum erzählt. Er möchte sich die Ohren stopfen und muß doch zusehen, wie dieser Zug voll Lüsternheit und Entbehrung in langsamen, regelmäßigen Schritten vorbeitrabt und schwer und unerbittlich in der Sonne der Campagna weiterzieht, bis der Teufelssohn Maximin die Peitsche ergreift und kommandiert: »Hier fangen wir mit dem Pylon an! Ich zähle und ihr trefft.« Tarcisius geht zum Tore ein. »Hast du das auch gesehen, heiliger Christ?« lispelt er wütend. »Und wenn du es gesehen hast, wie konntest du diesen Fratz in der Sänfte hocken lassen! Zum Satan soll er! O Christkind, Christkind, du bist zu geduldig; du wartest zu lange. Wenn das so fortgeht, gibt es keine Christen mehr... Aber da rase ich wieder. Jetzt gib mir auch Geduld von deiner Geduld. Weiß ich doch nicht, was mir in dieser Heidenstadt noch alles begegnet und mich grimmig macht! Oh, um alles nicht darf ich jetzt frech werden. Still! Still! Niemand soll merken, wer bei mir ist. Aber schöner wäre es, dich im Galopp und mit Musik und Adlern da herein und aufs Kapitol zu tragen, als wie ein Dieb mit dir durch die engsten Gäßlein zu schleichen.« An der Kreuzung der Via Latina mit der Appischen Straße sieht er den Pontifex Maximus mit einigen Senatoren stehen. Ihre Tuniken leuchten in der so saubern vormittäglichen Sonne Roms. Bei jedem Worte des Pontifex verneigen sich die Herren vom Senat. Fast muß Tarcisius lachen. So eine Komödie! Was ist denn ein Pontifex? Eine Null vor Christus. Die Gottheit, die Tarcisius auf der Brust trägt, müßte nur winken, und spurlos weggeblasen wären alle Pontifices der Erde... Am Heiligtum des Pan sieht der Knabe Vogelschauer und Opferpriester sich am Mauerbrünnlein die Hände waschen und lebhaft mit dem Seher Fabius, den ganz Rom am zweizipfligen roten Bart kennt, Worte und Zeichen wechseln. Und wieder muß Tarcisius fast laut lachen. Was wissen die? Wenn der Herr hier in seiner Hand nur ein bißchen wollte, wie Fetzen fiele der Zeremonienschwindel von diesen gespreizten Leuten und sie ständen als nackte Betrüger da... Unweit davon ist das Häuslein, wo Diokletian im Schatten des Kapitols fast den ganzen heißen Tag zubringt. Jedes Kind kann dir das Gesimse dort an der zweiten Säule zeigen, hinter dem der erhabene Imperator zehn Schreibern seine Befehle nach allen Grenzen der Welt diktiert, auch die Kriegspläne mit den Feldherrn ausdenkt und die Skizze zu seinen großen Bauten entwirft. Wer da vorübergeht, atmet leiser und beugt beinahe ein Knie vor solchem Weltkommando. Was seid ihr für Narren! Dieser Kaiser ist doch ein Bettler vor meinem Herrn, den ich jetzt in himmlischer Unsichtbarkeit und doch so fühlbar und wahr bei mir habe. Dieser Diokletian wäre einst froh, wenn er meinem Kaiser nur den Staub von den Sandalen küssen dürfte. Er meint, er regiere die Welt. Keinen Finger könnte er rühren ohne meinen Christ. Mein Herr muß nur sagen: Halt!, und alles das fällt zusammen wie ein Kartenhaus. Man hört es kaum. So hat Papst Caius gesagt. Vielleicht sollte man geradewegs zum Kaiser! Tarcisius wird glutrot beim Gedanken. Die Soldaten am Portal ließen ihn schon zu. Ich komme vom Kaiser von Asien, würde Tarcisius sagen. Und das wäre nicht gelogen. Dort liegen ja Bethlehem und Jerusalem. Und dann ginge er hinein. Der Kaiser ist ein edler Mann, das weiß man. Es muß ihm einer nur einmal die Wahrheit sagen. Ich, Tarcisius! Ich zeig' ihm das Abendmahl. Ich erzähl ihm das Wunder. Er muß niederknien und mit mir beten... oh, das ist das Rechte! Beim Kaiser muß man anfangen. Dem Tarcisius schlägt die Begeisterung wie rote Flammen über dem Kopf zusammen. Zum Kaiser! Zum Kaiser! Im Augenblick vergißt er Monica Severa und den alten Diener im Verlies, vergißt den Schließer Laban und die Worte des Bischofs Caius und alle Vorsicht. Er ist nicht mehr das Palmeselein des Herrn. Er will ein Löwe des Herrn sein, ein brüllender Löwe Gottes. Er geht ein paar Schritte dem kleinen Portal entgegen, blind und wild vor heiliger Waghalsigkeit. Dann klingen ihm plötzlich drei schrille Caveas! Gib doch acht! ins Ohr. Nicht von den Wachtsoldaten. Nein, von den fünf oder sechs großen, feinen Buben, die auf den Marmorplatten des Platzes das klassische Belagerungsspiel: Obsessio Carthaginis , ausführen. »Was trittst du mir auf die Linea?« schreit den Tarcisius jetzt einer an. »Sieh doch, von hier muß ich in die Vorstadt dringen.« Eifrig stößt er mit dem Ellbogen den kleinen Fremdling zurück. Nun erst bemerkt Tarcisius, was er vor der Wichtigkeit seiner eigenen Obliegenheiten völlig übersehen hatte: das mit Kohle über die Platten gezeichnete Spiel: Karthago in der Mitte, ein großer Kreis mit den rundum laufenden kleineren Kreisen der Vorwerke. Dann römische Stationen von allen Seiten furchtbar nahe gerückt, und dazwischen ein quadratisches Netz von Zufahrten und Einbruchsstellen, wo punische und römische Elfenbeinfigürchen in geistreicher Einteilung hin und her postiert sind und sich nach einer fein geregelten Mathematik gegenseitig zu schädigen und dringend auf den Leib zu rücken suchen. Tarcisius kennt das Spiel gut. Es ist seine Liebhaberei. Wie oft hat er Karthago schon eingenommen, sogar von der Meerseite allein und nur mit drei statt mit den üblichen sechs Legionen! Oh, er kann erobern! Er wird dem Kaiser sagen: Ich bin ein Flaminier. Ich will ins Heer. Lasse mich bald Feldherr werden! Du wirst was erleben... Ei, ei... – Tarcisius sieht genauer hin – wie ungeschickt Hasdrubal kommandiert! Da läßt er den Quintus Marcius um den Ostturm marschieren und wirft den Hauptstoß gegen die Seetruppen und merkt nicht, daß Marcius an der dritten Station eine Schwenkung nach rechts vollziehen und mit drei Läufen bequem durchs Hinnaltor in die obere Stadt spazieren kann. Der Dummkopf! So ist das Spiel nicht schön... Laut schreit er: »Du bist ein hübscher Karthager! Dich peitschte Hannibal! Sieh da, die dritte Station!... und Marcius... schnell auf den Campus Ibig!... nein, nein!... nicht mit diesen... da mit der Truppe Hispania!... so... so!... Das ist gut!« Die Belagerer sehen den Fremdling wütend an. Aber Tarcisius lebt schon ganz im Spiel. An der Seestation gibt es noch eine Schlauheit. Sie verstecken dort das halbe Militär und locken die Hasdrubalisten ans Nordwerk. Daß die Stadt das nicht merkt!... »Hier, gib doch acht!... Man kann es nicht mit ansehen!... Du da, Hasdrubal... sieh doch die Statio marit...!« »Willst du schweigen, Laffe!« droht jetzt der größte der fünf Buben und stößt dem Warner die Faust vor die Brust. Tarcisius taumelt ein wenig zurück, die linke Hand unbeweglich unter dem Brusttuch, als trüge er den Arm in einer Schlinge, aber schon rettungslos mit Kopf und Herz in die Operation auf den Fließen verrannt. Indessen hat Karthago an der Nord- und Ostflanke noch zeitig den rettenden Gegenzug getan. Die Stadt ist einstweilen ohne Gefahr. Die Scipionen sehen allen Fleiß und alles Genie einer Stunde verloren. Der Jüngste wirft zornig mit einem Fuß das ganze Lager zusammen und springt wie eine Katze fauchend auf Tarcisius los. Es ist Clodius Piro, ein verwöhntes Jüngelchen des Feldherrn Piro Anxius. Auch die anderen drei Adelsbuben, deren Väter Senatoren sind und wohl beim Kaiser drinnen Rat pflegen, machen sich bösartig an den Knaben. Sie bilden einen drohenden Ring um ihn, fangen an zu knuffen und zu stoßen. Aber der Karthager, dem Tarcisius die Stadt gerettet hat, gibt ihm mit seinem Schnürschuh einen scharfen Tritt und sagt: »Meinst du, ich brauche deine Hilfe? Du Geck! Da! Und da!«... Und blitzschnell schlägt er ihm das Bein ums Knie und stößt ihn hintenüber zu Boden. Doch noch schneller hüpft Tarcisius wieder auf, die Augen voll Empörung, aber den linken Arm steif unterm Rock. »Warum wehrst du dich nicht?« spottet Clodius. »Was trägst du so versteckt bei dir? Heraus mit der Hand. Kämpfe mit mir, wenn du so ein punischer Prahler bist!« »Die Hand heraus!« schreien die Buben. »Er hat einen Dolch bei sich! Oder etwas gestohlen! Ein Dieb! Faßt ihn, packt ihn!« Tarcisius sieht auf einmal mit zu Tode erschrockenen Augen, in was für eine furchtbare Geschichte er sich... nein, nicht sich... seinen heiligen Christ verwickelt hat. »Laßt mich!« bittet er, und alle Kühnheit schmilzt in seinen Augen, »laßt mich! Ich muß ja weiter. Es ist nichts für euch... o lasset mich!«... »Hab' ich nicht recht? Das Bürschlein hat gestohlen. Zerrt ihm den Arm herfür!... He, Sklaven!« gebietet der schmal- und blaßwangige, hartmäulige, aber vor Freude am Abenteuer jetzt aufglühende Clodius. Und sogleich stürzen einige Mohrenjungen, die ehrerbietig unter den Säulen auf ihre Herrchen aufpassen mußten, über den Platz herzu. Da wollen sie zugreifen. Da wollen sie die Gunst ihrer launischen Regenten erwerben. Sie, die oft Geprügelten und Gemarterten, wie selten können sie's vergelten! Als Tarcisius diese ungeheure Not sah und nirgends eine Ritze zur Flucht, da schrie er hell auf. »O mein Herr Jesus Christus, was habe ich gemacht!« »Christus! Ein Christ! Hört ihr?« ging es jetzt jubilierend durcheinander. »Das sind alles Verräter, Diebe, Mörder! Hab' ich's doch gleich gedacht. Haut ihn! Würgt ihn! Den Arm heraus!... Er ist ein Eselanbeter... Man darf ihn töten wie eine Ratte.« Ein wilder Knäuel entstand. Mit Riesenkraft drückt Tarcisius die Hostien an sich. Mag man ihn töten, wenn sie nur seinen herrlichen Gott nicht antasten können, diese Sudler und Geiferer. O Ewigkeit, aber wie kann er's wehren? »Jesus, verzeih mir! Laßt mich sterben! Aber du entflieg! Fahr auf wie ein Vogel aus meiner Hand. O Christus, rette du dich schnell, schnell!« Er fühlt nichts von den Fußtritten und Schlägen und merkt es nicht einmal, wie Clodius ihn wie ein Tiger in den linken Arm beißt. Er fühlt nicht, wie ihm unter den Negerfingern am Hals der Atem ausgeht. Er spürt nur, wie alles an seinem Rock zerrt und an seinem Christus sich vergreifen will. Sie klauben ihm schon die Finger auseinander. »Christkind, allerheiliges, ich kann dich nicht mehr schirmen. Sag', wo rett' ich dich? Sag' doch!« »Zeig', was du hast!« fordert Clodius ins blaue, erstickende Gesicht hinein, »oder wir würgen dich, wie man euch in der Arena erdrosselt, ihr Kindleinfresser!« Dieses Schimpfwort war wie eine Erleuchtung für Tarcisius. In diesem Augenblick schien es ihm, als sänge Christus an seiner Brust: »Wohin du mich retten sollst? Kannst du fragen? Zu dir! In dein Herz! Jetzt, jetzt empfange mich zum Abendmahl, weil du es gestern nicht konntest.« »Ich will... euch... zeigen«, röchelt es aus seiner Kehle.... »lasset mich... sonst zerdrück... und ihr seht... nichts.« »Curius! Timon! Sparto!... Lasset ihn los!« befiehlt Clodius, »er will uns zeigen, was er in der Faust hat... Gib her, Schuft! Aber dann in die Kloaken mit ihm!«... Einen Moment lang ist Tarcisius frei. Er fühlt seine Kräfte schwinden und etwas wie einen Schleier über seine Augen gehen. Blitzschnell muß er die Gnade benutzen. »O Jesus, ich bin nicht würdig«, betet er leise, reißt die Hand mit den zerbrochenen Hostien aus dem zerfetzten Rock, ruft mit schwacher Stimme: »Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt!«... und während die Buben noch vor Staunen stillstehen, schluckt der kleine Held unter seligem, siegreichem Lächeln das heiligste Sakrament rasch hinunter. Wie sie ihn jetzt auch erbost wieder würgen und schütteln und zu Boden stampfen und Clodius ihn schandbar verspeit, er bewegt keinen Finger mehr, hört nicht auf, unter den Negertatzen zu lächeln, und weilt schon lange bei seinem geliebten König Jesus, während die römischen Fratzen noch immer aus seinem entseelten Figürchen das heilige Geheimnis herauszumartern suchen. Er lächelt immer noch. Er ist kein Feldherr geworden und hat kein Kapitol erobert. Aber er hat in seinem Heldenstündlein alle Wildheit seines Lebens gutgemacht und die ewigen Hügel und Throne in einem Siegesstreich genommen. Auf das furchtbare Gerumpel und Gebrüll vor dem Tor trat der Kaiser aus seinen großen Weltgeschäften unwillig ans Gesimse und rief: »Ruhe!« Da sah er die Leiche des Knaben und daneben die jungen Mörder. Und Clodius, ein Schwestersohn Diokletians, hatte den Mut zu sagen: »Kaiser, dieser kleine Schuft hat so gelärmt, bis wir ihn stille machten. Es ist ja nur ein Christ!« Da schickte der Kaiser den Senator Felix Drusus mit zwei Quästoren zum Trüpplein, um die Sache zu untersuchen, und kehrte mit einem nochmaligen und stärkeren Kommando: »Ruhe!«, vom Gesimse zu seinem mit Karten und Schriften beladenen Tische zurück. Aber eines der schönsten Engelchen im Himmel, dessen goldenes Gefieder nagelneu schimmerte und dessen Heiligenschein ums Haupt besonders mächtig gezackt war und das dem braunen Heldengesicht des ehemaligen Tarcisius bis zum Nasenzipfel glich, so ein Engelchen, das gerade den letzten Staub Erde von den Zehen putzte, hörte das kaiserliche: »Ruhe!«, und mußte unsäglich fein lächeln: »Nein, nein, Kaiser, wir lassen dir keine Ruhe! Schau, was so ein Knirps von Tarcisius dir schon für einen Skandal macht. Nun rechne, wenn unsere großen Mannen kommen! Nein, wir lassen der Welt keine Ruhe. Wir rumpeln und schreien, bis sie christlich geworden ist.« Dann schlenkerte das hübsche Himmelsgeschöpf noch einmal beide Füße, ob ja nichts Irdisches mehr daran klebe, lächelte nochmals zur alten, törichten Erde und dem dummen Kaiser hinunter und flog dann bolzgerade durch eine rosarote Wolke empor, um vor dem Thron der Dreifaltigkeit seinen schönsten Knix zu machen und dann sogleich dem silbergrauen Apostel Petrus sein Geschichtlein und viele Grüße vom Papste Caius zu erzählen. * Zweifelnd, ob ich der Legende und ihrem frohen Märtyrerknaben nicht wehe getan hätte, horchte ich dem etwas spaßigen Echo der letzten Worte nach und erwartete von meinem totenstillen Nachbar in der Bank jetzt ein Wort des Dankes oder der Befriedigung. Aber er regt sich nicht. Dachte er über all das nach, über dieses Neue in der christlichen Welt? Hat es ihm imponiert? Würde er es in Zukunft mit Ehrerbietigkeit betrachten und nie mehr darüber spötteln? Oder schlief er am Ende gar? Ich konnte es nicht herausbringen. Um keinen Preis aber wollte ich ihn jetzt anreden. Möge er sich mit Tarcisius unterhalten! Das wird ihm wohltun. Ich hüllte mich besser in meine Tücher, schloß die Augen und horchte noch ein Weilchen auf das Tropfen der Dachtraufen. Jeden Augenblick erwartete ich, daß Ximenes die Stille bräche. Endlich war es mir, er sage etwas. Aber es schien doch nicht seine trockene, kindlich heisere Stimme. Es klang lauter. Zugleich zuckte ich unter einer Berührung zusammen. Eine Hand legte sich auf meine Achsel. Aber ich konnte die Augen noch nicht recht öffnen und mich auch nicht vom Platze bewegen. War ich nicht in einem engen unterirdischen Gang, an Händen und Füßen festgekeilt? Jetzt holen sie mich für die Bestien, sicher! Ich hörte meinen Namen wieder aufrufen, ich stemme mich in die Ellbogen, sperre die Füße in den Boden und... erwache. Carlos steht neben mir und lächelt sein kühnes Lächeln. Die Kapelle ist voll süßem, sonnigem Morgen. »Sie schlafen lange!« sagte Carlos. »Jetzt rollen Sie sich erst aus Ihren Wickeln und dann lade ich Sie zum Frühstück ein...« Er zeigte vor die Kapelle, wo ein Feuerchen brannte und Gonzal die wunderbarsten Kaffeedüfte in einem Pfannkessel entwickelte. Rasch rieb ich mir alle Schläfrigkeit von der Stirne, sprang auf und wollte meine steifen Beine in die warme Sonne hinaustragen. Da rief mir eine junge, melodische Stimme: »Guten Morgen, lieber Herr Erzähler!« Ei, ei! Ximenes trug einen Malschurz, stand hoch auf dem Leiterchen und malte an Sankt Tarcisius herum. Schon hatte er die verblaßten Haare und die erloschenen Augen aufgefrischt, die Backen tiefrot getüpfelt und das Gewand, wovon nur noch Fetzen sichtbar waren, glatt und lang zu den nackten Füßen heruntergemalt. Tarcisius war aus den schattenhaften Umrissen wieder zu einem kräftigen, farbenlustigen Dasein erwacht. Nun malte Ximenes eben die letzten Zacken des Heiligenscheines um den gestrubelten Kopf. Gewaltige Zacken, wie lange spitze Sonnenflammen in zitronengelbem Ton zückten da rundum! Es lebte nicht viel Seele in der Schilderung. Auge, Mund und Nase besaßen noch etwas von unbeholfenem, kindlichem Schreibtafelgekritzel. Damit vermischte sich ganz eigentümlich eine gewisse frühe Geschicklichkeit, nach Mustern zu zeichnen. So bekam das Gemälde eine steife und harte Unpersönlichkeit. Trotzdem gefiel mir dieser Tarcisius seltsamerweise. Er besaß etwas Großes, Überweltliches, Unerbittliches, ja, er war der Tarcisius, der den Buben nicht wich, das Sakrament nicht aus der Hand gab, großartig ohne Schrei und Seufzer starb. Er hatte hier gewiß wenig Seele, aber er hatte eine gewaltige Macht der Figur, der Haltung, der Unbewegtheit wie eine Trutz- und Ehrensäule. Von den Schnörkeln meiner Erzählung war da nichts zu spüren, besonders nichts vom himmlischen Schabernack am Schlusse. Ximenes hatte für diese Krausen und Flausen um ein wichtiges Menschenbild wohl kein Auge. Er war gewiß beim letzten Atemzuge des Heiligen gleich eingeschlafen, weil das Porträt für ihn nun fertig und die letzten heiligen Drolligkeiten meiner Schilderung für ihn völlig wertlos waren. Ich schämte mich ein wenig vor diesem ernsthafteren Erzähler an der Tafel, als er vom Leiterchen stieg, mir vorsichtig die farbbeschmierten Finger zum Guttag bot und mit hochgezogenen Wimpern und stolzem Blick auf mein Urteil wartete. Ungeduldig stupfte er mich und sagte schließlich: »Ich ließ Sie nicht wecken, bis ich fertig war. Um fünf Uhr habe ich angefangen... Hab' ich's getroffen? Ist das der Tarcisius?« »Ja, er ist es!« sagte ich und schüttelte ihm voll Ergriffenheit die harte, schmale Hand. »Und er ist besser als der meinige«, fügte ich ehrlich bei. * Nach wenigen Tagen reiste ich meinem lieben Norden zu. Ich besah den bronzefarbenen Knaben nie mehr. Oder doch, im Geiste sehe ich ihn noch immer, den Glorienschein um den jungen, heiligen Römer... oder wie?... wäre es möglich?... jetzt um sein eigenes, wildedles Wesen malen. Fürwahr, ich möchte ihm noch einmal begegnen. Wasserspiele von Terni Mir war für lange die Lust vergangen, allein mit meinem Gedanken zu sein. Nur immer öde, hohe Winkel, stille Berge, schweigsame, leblose Hüttlein, das hält kein Mensch, der menschlich fühlt, lange aus. Ich fürchtete die Einsamkeit je länger, je mehr. Lache oder lache nicht, mein Freund, aber statt das Ränzlein zu schultern und bergauf, bergab über die Ketten des Velino ins Gelände des Polto zu steigen und von da hinüber zum Tuanerflüßchen, um mit ihm nach Terni und seinen Wasserwundern zu laufen, dankte ich meinen Führer ab und warf mich ins elende Wägelchen der Sulmoner-Bahn. Ich fuhr aus den Knien des Hochgebirges mit erleichtertem Atem in die Hügellandschaft der alten Sabiner hinaus. Vom Fenster der rechten Wagenseite sah ich hoch oben die klare Straßenzeile, die von Aquila über die mächtige Gran-Sasso-Kette nach Ceramo und von da ans Adriatische Meer geht. Eine prachtvolle Reise soll das sein, zu dreien oder vieren, mit Proviant und Revolvern versorgt, diesem Paß in die majestätische Gebirgshöhe und dann ans ewigblaue Gelände der Adria zu folgen. Ein andermal! Atridoco... sieh da, schon eine andere Welt! Alle Wasser von Aquila gehen ins östliche Meer! Hier aber bricht der Velino aus einem schluchtartigen Tal und wendet sich ohne langes Besinnen westwärts, romwärts. Von jetzt an will alles nach Rom. Was da hüpft und springt und schäumt, alles schreit: Nach Rom, nach Rom! Sei mir gegrüßt, Rieti, du weißes Kalksteinstädtchen mit deinen muntern Augen und leichtsinnigen Stirnen! Du hast etwas Erlöstes an dir. Sind es die Fluren um dich, der Obstgeruch deiner dunkellaubigen Gärten und die in ferner Dämmerluft zurückgelassenen Berge, warum du so frei aufatmest und dein Besucher mit dir? Ach, ich sage dir, wir tun unrecht. Wir täuschen uns. Gehe nur hinunter mit deinen Kindern nach Rom. Die heiße Stadt wird ärger auf euch lasten als alle Riesen des Gran Sasso... Aber was schwatze ich? Rieti lacht aus seinen Reben, dem gelben Korn und den schlanken, silberhellen Pfirsichbäumen heraus. Lache denn... und siehe selber zu, was dir wohl tut! Und schau, schau, wie schnell das Lachen vergeht! Bald genug, gegen Terni zu, wird das Gesicht der Gegend wieder finster. Das machen die schroffen Abhänge des rechten Nera-Ufers, diese schwarze Schluchtwand, die näher und näher rückt. Alles wird enger, dunkler, wie vor einem Unglück. Dem Velino wird bange in seinem friedlichen Bett. Was gibt es wohl da vorne? Was steht ihm bevor? Wenn er es wüßte! Ich steige aus. Noch eine halbe Stunde Marsch, und nun stehe ich am Rande des Abgrundes, wo der Velino schäumend und brausend in die Nera hinunterstürzt. Er tut das in drei Sätzen, zuerst zaghaft und sich sträubend, zwanzig Meter tief, dann, da es nun so weit ist und auf Tod und Leben geht, hundert Meter, und endlich verzweifelt noch eine letzte grauenhafte Stufe von sechzig Metern hinunter. Langsam, langsam war ich dem Absturze entgegengegangen. Was wird das Großes sein?, dachte ich. In Italien macht man mit jedem kleinen Spaß, den ein loses Wässerchen treibt, ein gewaltiges Wesen. Was waren denn eigentlich diese Sprünge des Agnone in Tivoli bei Rom, womit man so ungeheuer prunkt? Nun ja, es ist ja hübsch, daß gerade bei einer Weltstadt so ein Schlingel von Bach seine unklassische Natur und Waghalsigkeit zeigt. Aber alles in allem bleibt er ein harmloser Tropf gegen die Wasserfälle in der Schweiz. Von denen kann er noch viel lernen: vor allem einen ganz andern Hochsprung, viel mehr Frechheit, Schäumen, Spritzen und Tosen; ein Unbändigtun, als müßte sogleich die Welt untergehen. Die italienischen Bäche sind zahm. So wird es auch beim Velino sein, ein mäßiges Wasser, ein schönes, braves Hinuntergleiten in eine Schlucht, eine klangvolle Melodie dazu, basta. Aber wie ich mich dem Abgrunde näherte und das jenseitige dräuende Bord sah, hörte ich auch ein tiefes, unterirdisches Grollen und bemerkte schon das Aufwallen von Wasserdämpfen in die sonnige Luft. Nein, Schweizer, es muß doch etwas Großes da unten vor sich gehen. Spute dich! Nun zog ich mit recht eigensinnigem, holzigem Stolze extra möglichst langsam vorwärts, einem trefflichen Ausguck zu. Weil alle Welt so hindrängte, wollte ich den Großhans spielen, der so was wie Terni und sein Wasserkunststück sozusagen in den Hosensack nimmt; der daheim ganz andere Sachen zeigen kann; ach was, aber der nun einmal aus Gutmütigkeit und Höflichkeit gegen die Welschen auch diesem Spielzeug ein bißchen Aufmerksamkeit bezeigen will. Nur erwarte man keine Hymnen! Ein Eidgenosse, der so oft am Rheinfall stand, ins Höllengrauen der Handeck hinunterstarrte, den Reichenbach photographierte und am wunderbaren Tosafall stand – der freilich auf der italienischen Bühne, aber mit Schweizerhelden seine Tragödie abspielt –, ein solcher Eidgenosse... ihr versteht, liebe italienische Freunde, wird an euern zierlichen Wasservagabunden keine Oden singen. Aber er wird das Käppi lüften. Alle Achtung! Es ist ja außerordentlich viel, daß euer zahmes Land auch nur noch diese Keckheiten der Natur zuweg bringt. Noch ein kleiner Umweg! Ich stehe in halber Höhe zum obern und gegenüber dem mittlern Wasserfall. Und ich gestehe es, das hatte ich nicht erwartet. Ich ducke mich zusammen, ich bitte ab wegen meinem Hochmut, ich nehme alles zurück, was ich da prahlte. Nein, nein, das ist ein Wasserfall, besonders dieser Marmora, ein wirklicher und wahrhafter Wasserfall, kein Stiefgeschwister, sondern ein echter Bruder unserer schweizerischen Bachheroen. Die hellbraunen und doch so düstern Felsen, der tiefe Kessel, das Gelärm der Fluten, die paar Eichen und Terebinthen auf einzelnen Absätzen, die immer zittern und ihr Haar flattern lassen im Luftzug, der dieses unheimliche Loch durchweht, nein, das ist ein großartiger Witz, das ist ein Heldenspaß dieses an sich so geringen Flüßchens. So groß war es nie und so groß wird es nie mehr sein wie bei diesem Streich. Das ist der große Augenblick seines Lebens. Es hat ihn gepackt, wirft alles an ihn hin, stürzt sich kopfüber hinein und wird weltberühmt durch diese eine Minute, wo es Genie und Held ist. Es könnte noch so viele Fabriken treiben und Äcker bewässern und in geduldiger arbeitsreicher Wanderung noch so viele Völker segnen, das würde alles nicht an den Ruhm dieses einen wilden Augenblickes reichen. Seltsam zu denken, ergreifend in der lebendigen Anwendung auf den Menschen, aber durchaus wahr! Einmal im Leben muß man durchaus aus seinem braven, biedern Philisterbett heraus, ja, gleichsam aus sich herausstürzen, einmal im Leben muß man Waghals und Held sein und ohne langes Besinnen den großen Streich wagen, den einem das Schicksal, vielleicht nur einen Augenblick lang, wie eine Krone entgegenhält. Man muß, will man nicht als langweiliger Mensch in einer entsetzlichen Korrektheit und Kleinheit seine Seele versanden und ersticken lassen. Nachdem ich eine Weile die Fälle besehen hatte, kehrten die anfänglichen Bedenken wieder zurück. Ich mußte mir ernsthaft sagen, daß unsere Wasserfälle mehr Flut besitzen, höher und in schreckhaftere Abgründe fallen, daß sie titanenhafter tosen und eine weit wildere Umgebung zeigen. Wenn diese drei Fälle irgendwie in den Berner oder Walliser Alpen spielten, würden sie kaum groß beachtet. Dennoch, trotz diesen unleugbaren Wahrheiten konnte ich das tiefe Schaudern meiner Seele vor diesem Wassersturz nicht überwinden. Er blieb mir trotzdem als etwas Großartiges und Grausenvolles im Sinne. Das kam so. Stundenlang hat man an der Nera und am Velino hinunter ein fruchtbares Wiesenland um sich gehabt, Ölbäume schimmerten, Weinberge grünten, Dörfer lachten aus großem Getreide heraus. Und ein schönes, liebreiches Wasser, dem man nichts als Artigkeit zutraute, ging melodisch mit. Darob hat der blaueste Himmel geleuchtet, und jene unvergleichlich rhythmischen Hügellinien, die nun einmal in das umbrisch-sabinische Bild gehören, Linien wie Wellen oder Kuppeln oder geschlängelte Bänder, haben gleich einem stillen, sanften Singen die ganze Gegend begleitet. Da hätte man denn eine reine, stille, leuchtende Stadt voll Blumen und Alabastersäulen, voll zierlicher Springbrunnen mit Putten erwartet; oder dann einen großen, glatten, tiefblauen See, befahren von weißen Schwänen und harmonischen Menschen; oder auch einen Park voll feingeschnittenen Büschen, Marmorthermen, lauschigen Lauben und feiertäglichen Leuten, die da lächelnd hin und her lustwandeln. Man hätte irgendein Fest, einen Sonntag, einen großen Frieden erwartet. Und nun: klüftet sich plötzlich die Erde tief auf, füllt sich eine Schlucht zwischen gähnenden Felsen mit Tosen und Stürzen, brodelt es in der schwarzen Tiefe, beschattet das Auge, macht das Herz bange; kurz, geht aller schöne Traum, das erwartete Rokoko-Idyll in eine revolutionäre Tragödie aus. Es geht mir, als hätte ich nach viel Lächeln und Spaßen einen Kuß erwartet, und nun bekomme ich einen Faustschlag. Er braucht nicht schwer zu sein. Eine kleine Hand genügt. Aber er schmettert mich doch zusammen. Nein, darauf war man nicht gefaßt. Das ist der düstere Zauber der Wasserfälle von Terni. Durch ihre mächtige Überraschung wirken sie so ungeheuer. Ich sah sie dreimal. Immer kam ich mir dabei vor wie ein Gast, der mitten im Hochzeitsfest voll Gitarrengeklimper und Becherläuten durch die Trommel eines Trauermarsches aufgeschreckt wird. Er läßt das Instrument aus der Hand fahren und das Glas in Scherben fallen. Er wird ernst. Er denkt an die Kürze des Lebens, an die Unsicherheit des Glückes und an die vielen Särge, die vor der lustigsten Stube stehen. Das Zahnweh der kleinen Agna In der wackeligen, kleinfenstrigen und alten Eisenbahn, die ich von den Wasserfällen zurück nach Terni benutzte, in der düstern, schmutzigen, mit Papierfetzen und Zigarrenstummeln überstreuten dritten Klasse saß ich gegenüber einem kleinen Ding von Mädchen, neun- oder zehnjährig, oder gar nur sieben – denn diese welschen Kinder haben immer ein ältlicheres Aussehen als unsere deutschen vom gleichen Wiegentag. Sie tun schon merkwürdig frauenhaft und rümpfen die weiche Stirne schon so superklug. Neben dem Kinde saß der ältere Bruder. Ich sah es den starken tuchenen Hosen und dem famos gestrickten Überhemd an, daß es Kinder eines vermöglichen Winzers oder eines Pächters der großen, schönen Ölpflanzungen im Umkreis sein mußten. Feines, leichtes Tuch trifft man nicht selten auch bei Ärmern. Aber das dicke feste, in der Sonne kühle und im Winterregen warme Kleid aus Ziegenhaar oder Schafwolle, so ein prachtvolles, unzerreißbares und mattglänzendes Tuch, das tragen nur ganz vermögliche Landbauern und Kleinstädter hier. Das Mädchen stak in einem weißen Rock und in einer Art Mieder, wie es hier Landtöchter gegen die Berge zurück mehr aus Zierlichkeit als aus alter Tradition gern ein paar junge Jahre hindurch tragen. Es hatte ein Haar, geschmeidiger und heller als rohe Seide, das auch bei jeder Bewegung so zu knistern schien, lange goldene Wimpern, süße graue Augen darunter, und das ganze Gesichtlein war wie eine halbreife Pfirsich anzuschauen, noch etwas grün und hart, aber doch schon hübsch dabei, langsam rot und samtig zu werden. Doch hatte das liebe Kind ein verschwollenes Mäulchen. Zahnweh! Etwas, was einem sonst in diesen Landen nie begegnet. Und es war ein wüster, großer, wilder Zahn, einer, der die ganze Nacht sticht und brennt und schneidet wie dreihundert Messerchen miteinander. So sagte die Kleine selber und streckte alle zehn Finger vor, als wollte sie die barbarischen Messer verdeutlichen, aber deckte dann rasch wieder die aufgeschwollenen Lippen mit den Händen. Manchmal, wenn wieder so ein Stich aus dem Zahn in das zierliche Köpflein fuhr, zuckte sie wie ein erschrockenes Hühnchen zusammen und drängte sich heftig an den großen, langen Kerl von Bruder, einen Jungen von zwölf Jahren, der gleichfalls wie eine unreife Pfirsich aussah, nur größer, farbloser, härter. Er rauchte schon die dritte Zigarette und blies dem Schwesterchen allen Rauch ins Gesicht. Dabei schwieg er stolz und ließ nur immer das Mädchen reden, obwohl es behauptete, ihm tue jedes Wort fürchterlich weh. Aber es mußte erzählen. Man ging zum Zahnarzt nach Terni. Er ist berühmt. Alle Tage reißt er zweihundert Zähne aus, alte, Milchzähne, Augenzähne, Stockzähne. Er hat einen ganzen Kasten voll und verdient ein unsägliches Geld dabei. Und er macht schnell mit der Zange. Man sieht sie nicht einmal... jetzt nickte der Junge zum erstenmal zustimmend und bedeutend... »Aber ich habe doch Angst«, fuhr das Kind fort; »denn ich habe sehr große und starke Zähne. Ich weiß nicht... o weh, nun hab' ich zu viel geredet... da kommt es wieder, o...!« Die kleine Plaudertasche stöhnte auf und kroch dem Bruder hart an den Hals. Da pafften ihr aus seinem großen, feurigen Mund drei, vier schwere Tabakwolken ins Mäulchen. »Das tut gut«, sagte er; »das tut sehr gut. Und wenn du nur selber auch rauchen wolltest, das hülfe noch besser...«, damit qualmte er sie nochmals an. Sie aber hielt, die Wimpern leise geschlossen, mit offenen Lippen geduldig her und redete sich ein, es tue wirklich gut. Es war lustig zu schauen, wie er den Rauch von zwei, drei tiefen Zügen einsog, dann die Lippen spitzte und dem Schwesterchen den gesammelten Nebel ins aufgesperrte Mäulchen dampfte. Es war greulich. Aber Carletto mußte es doch wissen, daß dies gut tat. »Wenn es nur vorbei wäre beim Doktor«, warf die kleine Schwatzbase plötzlich wieder ins Stillschweigen. »Du mußt nur nicht daran denken«, tröstete ich. »Man hat mir schon viele Zähne ausgezogen. Das geht schnell. Man streicht dir etwas an, kühl wie Schnee, und gleich fühlst du gar nichts mehr, auch wenn man dir den Kopf umdrehte. Du bist dann am Mäulchen wie gefroren. Nun die Augen zu, den Sessel fest in die Hand, mit den Füßen gesperrt... eins... zwei... drei, blick auf, da ist der Zahn!« Ich hielt dem armen Fant Daumen und Zeigefinger vor die Nase, als wollte ich ihr den entwurzelten, kleinen Wüterich zeigen. Der Knabe hatte mich bisher kaum mit einem Blicke seiner harten Stahläuglein beehrt. Hochmütig lehnte er sich in die Ecke und spreizte die langen Beine auseinander, als gehörte die Erdkugel dazwischen hinein. Nun dünkte ihn jedoch, ich hätte klug mit seiner Schwester gesprochen. Er nickte mir zu, aber hoch von oben und ohne Lächeln, wie etwa ein General dem Gemeinen zunickt, der einmal zur Seltenheit etwas richtig ausgeführt hat. »Ist es wahr, Carletto, sag, ist das wahr?« flehte indessen das Mädchen. »Sicher! Ich habe ja doch schon zweimal hergehalten. Du meinst, der Doktor fange erst an, und da zeigt er dir schon den Zahn in der Zange...« »Huh!« machte die Kleine und erschauerte in sich zusammen wie ein vom Wind erfaßter kleiner Busch etwa von Heideröslein. Das Wort Zange warf wieder allen gesammelten Mut nieder. »Nein, ich will umkehren«, schrie sie und erhob sich, als könnte sie, wo sie wollte, aus dem eiligen Zug steigen. »Carletto, schau, es tut jetzt nicht mehr weh. Die Zange ist furchtbar, ich sterbe!« Der kalte, knappe Carletto lächelte mit seinen zwei grauen Augen ein wenig, wie eisige Wintersterne lächeln. Dann sagte er fest und bestimmt: »Nein, diesmal mußt du kommen..., nicht wie das letzte Mal!« Das Kind wurde ganz rot. Ah ja, das letzte Mal war sie mitten auf dem Wege zum Zahnarzt wieder heimgesprungen. »Dann hast du die ganze Nacht wie toll geschrien, so weh hat es dir getan«, fuhr der bleiche Bruder in seinem langsamen, unbarmherzigen Tone fort. »Nein, heute mußt du durchaus dran!« endigte er mit einer unsagbaren Bestimmtheit, und ich sah deutlich voraus, wie er einst mit der gleichen Sicherheit seinen Nebenbauern, die nicht zeitig an Mariä Himmelfahrt den Zins bringen, in seiner hellen, langsamen Sprechweise sagen wird: »Ich muß euch betreiben, es geht nicht anders, basta!« »Carletto, Carletto!« schrie das Mägdlein, sich immer lebhafter die Zange und ihr Klemmen und Stoßen und Ausreißen vorstellend. Ein Mitfahrer, der neben uns saß, wollte sich dreinmischen. Er sagte wie ein Schulmeister so trocken: »Aber Mädchen, wenn es dir doch nicht mehr weh tut, so laß den Zahnarzt und...« Da traf ihn ein kühler Blitz aus den Augen des jungen Landherrleins. Das Wort erlosch. Dafür befahl Carletto: »Redet uns nichts von der Art! Agna weiß, daß sie muß!« Himmel, wie der Bub das Wort »muß« aussprach! Aber er strich dem Schwesterchen hierbei seine lange, lederharte Hand möglichst schonend über das flimmernde Haar und flüsterte weicher: »Nachher dankst du mir, ich weiß.« Ich sah sogleich, daß dieser junge, steinharte Mensch doch auch einen schönen, warmen Funken barg. Wen er liebt, der wird es gut bei ihm bekommen. Wen er schirmt, dem kann nichts Übles passieren. Aber das Kind flennte beinahe und flehte dazu: »Nein, du bist böse gegen mich. Ich will nicht, ich will nicht.« – Sie stampfte mit den Füßen. »Meine hübsche Agna«, wandte ich ein, begierig, nicht bloß dieses Kind, sondern auch den großartigen Burschen freundlich zu stimmen, »jetzt hör' einmal, was mir drunten in Rom ein Bekannter aus dem Quirinal erzählt hat. Es ist ein Geschichtlein vom König und noch mehr von der Königin, aber am allermeisten von ihrem kleinen Mädchen, Jolantha, oder wie es heißt, das gerade so alt ist wie du, Agna, aber nicht so schön, auch wenn es ein goldiges Mützlein und ein seidiges Röcklein trägt, nicht so schön wie du.« Agna lächelte durch ihre Schmerzen hindurch. Dann sagte sie hurtig: »La Principessa? La piccola Principessa? Und hat auch Zahnweh gehabt?« »Fürchterliches Zahnweh! Denn da saß auch so ein frecher Lümmel im Mund, und alle Tropfen von Wacholder und Genziana verfingen nicht. Das holde Königskind bekam Fieber in der Nacht, daß seine runden Backen funkelten. Am folgenden Tag war es dann ganz müde und unlustig.« »Siehst du, Agna«, belehrte der Bub und zwinkerte mir schlau zu, damit ich merke, wie gut er meine List verstehe, und nicht etwa meine, er halte diese Fabel für wahr, er Carletto Amaro, der gescheite Pächtersohn. »Siehst du, ganz wie du«, wiederholte er scheltend und warf mir sogleich wieder den früheren großartigen Blick zu. Aber nicht mehr wie ein General einem gemeinen Soldaten, sondern etwa wie einem Hauptmann gegenüber. »Und weiter, Signore!«gebot er kühl. »Nun ja, weiter war nichts zu tun, als den groben Zahn auszuziehen. Das sagte die Königin dem Kind. Denn sie ist eine tapfere Dame. Sie kommt hoch von den Schwarzen Bergen her. Aber da lief die Principessa zum Vater König und weinte und wollte nicht. Und der König, Agna, du weißt, ist ein weicher Mann und kann es nicht haben, wenn jemand leiden muß, und besonders nicht, wenn seinen Kindern etwas Schmerzhaftes droht. Und so sagt er aus seinem Vaterherzen heraus: »Nein, nein, du mußt nicht zum Zahnarzt gehen. Es wird schon von selbst wieder besser. Wir machen Umschläge mit Schwarzbrot und Essig wie die Leute im Piemont, und wir gehen nicht an die Zugluft und betten uns nachts recht warm, und weg ist's!« »Siehst du, siehst du«, frohlockte Agna zum Bruder, der mich wieder anfing wie einen ungeschickten Gemeinen oder allerhöchstens wie einen Korporal zu betrachten. »So mach' ich es auch. A casa, a casa!« »Aber«, fuhr ich eilig weiter, »nun kam die schöne Königin Elena ins Zimmer des Königs gerauscht. Sie ist eben eine ganz große, gescheite, mutige Frau. Und sie lachte und spottete dem Kind ins Gesicht: »Willst du denn immer eine Puppe bleiben? Ein Bambino im Wickel? Hundert und tausend italienische und deutsche Kinder lassen heute einen kranken Zahn ziehen, damit ein gesunder nachwächst. Hundert und tausend Kinder schreien ein wenig, und dann laufen sie heim und bringen den Zahn wie einen erschossenen Raubvogel der Mutter und lachen und sperren den Mund weit auf und zeigen das Loch. Und sie alle können sagen: ›Vater, ich habe schon einen kleinen Schmerz ausgehalten!‹ Aber mein Prinzeßchen will keine Schmerzen ertragen. Nein, ihm soll man nur immer Zuckerstengel geben und Flaumkissen. Und doch muß es einmal leiden und sterben wie jede andere Jolantha oder Agnese oder Rosina.« – Da ward das Kind still, und sogar der König probierte kein Wörtlein dagegen zu sagen. »Aber«, redete die schöne Königin weiter, und ihre Seide rauschte gewaltig wie in einem starken Wind, »König mein, willst du auch noch helfen, daß unsere Kinder die schwächsten im ganzen Lande sind? Daß sie sich hinter die Hintersten stellen müssen? Sollen sie nicht vor die Vordersten stehen? Meinst du, König, wenn das Prinzeßchen diesmal den Zahn nicht ziehen läßt, es komme später nicht wieder ein böser Zahn oder weher Finger oder sonst ein Schmerz? Und je älter es wird, immer ein größerer Schmerz? Den kann es noch weniger überwinden. Ist es aber erwachsen, dann kommen für unser Kind die ganz großen. Dann wird Jolantha in die Knie brechen und schon vor Angst sterben. Und doch sollte sie einmal Königin werden, eine Mutter des ganzen Landes. Ja, eine saubere Mutter, wenn sie nicht einmal einen Milchzahn ausreißen läßt! Nichts da, unser Kind muß sich an die Schmerzen gewöhnen. Haben etwa du, mein König, und ich uns nicht auch schon früh daran gewöhnt? Und war es nicht gut so? Weißt du noch, Vittore Emanuele?«... Der König nickte. Er sah die alte Stadt Monza, ein großes Volk, wilde Sonne, einen Revolver neben dem Wagen seines Vaters aufblitzen und hörte wieder, wie einer voll Schweiß auf ihn zusprang und rief: »Man hat deinen Vater erschossen!« »Ja, holdes Schätzchen«, sagte er ernst, »die Mutter hat recht. Du mußt dich an die Schmerzen gewöhnen. Du mußt unsern Töchtern vorangehen. Das muß eine Prinzessin!« Das Königskind hörte stumm zu. Ei, es hatte nun doch auch ein tapferes Seelchen. Bergleuteblut rollte in seinen Adern, gerade wie in den deinen, hübsche Agna. Von der Mutter her, die in den Bergen geboren worden ist. Und in den Bergen sind die Menschen viel mutiger. So hat denn das Prinzeßchen sogleich genickt und gesagt: »Ich will! Ich will! Laßt nur sogleich den Doktor kommen. Ich werde nicht einmal schreien, wenn er mir die Zange in den Mund steckt.« »Und weiter, was geschah weiter?« drängte mich Agna mit unbeweglich offenen Augen. »Der Doktor kam und zog den Zahn. Es war ein sehr böser, tiefer, fester Zahn. Man konnte es fast nicht begreifen, wie so ein Unhold in ein so feines Mündchen gekommen war. Aber das hohe Kind tat keinen Schrei. Es hatte nur nasse Augen und ein Rümpflein in der Stirne, als der Doktor den Zahn mit einem Tropfen Blut an der Wurzel dem Kind vor die Augen hielt. Aber es lachte. Und nun bekam es zuerst vom König und dann auch von der Königin einen prachtvollen Kuß...« Agna hüpfte auf. »Fein, fein! So mach' ich's auch«, sang sie lustig. »Jawohl, der Zahn muß ausgerupft werden. Hört, was schreit man: Terni? Da ist es schon. Komm, Carletto, komm!« Ich schüttelte dem Mägdlein das Händchen. Dann dem kühlen Jungen. »Evviva il Re Dolore!« rief ich ihm nach und blickte so drein, daß er nicht recht wußte, ob ich ihn, Carletto Amaro, oder das so nützliche Zahnweh meinte. »Evviva!« antwortete der Knabe und schenkte mir zum Abschied einen Blick, wie ihn ein würdiger General weder einem Korporal noch einem Hauptmann, sondern einem ebenso würdigen General gibt. Ich war aber auch ordentlich stolz und froh über diese Auszeichnung. Agna jedoch trampelte schon über die zwei hohen Wagentritte hinunter und rief mit frohen, wenn auch nun wirklich vom Schmerz ein bißchen verzogenen Kinderlippen hell wie ein Trompetchen: »Evviva la Principessa!« Unter der Türe gab mir Carletto einen höflichen Schupf und sagte: »Das haben Sie erfunden, Herr! Sie sind gewiß so ein Poeta oder Scrittore...« »Hast du gehört«, unterbrach ich ihn schnell, »wie das so tapfer klang: Evviva la Principessa!? Geh schnell mit Agna! Nun ist sie mindestens auch so ein tapferes Italienerkind wie Jolantha.« »Aber das haben Sie erfunden«, beharrte der Junge noch unten am Wagen. Ich überhörte ihn. Denn nochmals winkte mir Agna lustig zu und nochmals schallte es kostbar süß von ihrem wehen Mündchen: »Evviva la Principessa!« Den ganzen Tag lief mir dieses Wort nach. Wo von einem Campanile das Glöcklein bimmelte, wo ein Kind auflachte, wo ein Vogel zwitscherte, immer meinte ich das »Evviva la Principessa!« zu hören. Und so oft es in mein Ohr sang, sagte ich mir: Ja, lebe hoch, König Schmerz, der vor keinem noch so hübschen und noch so hohen Wesen halt macht! Und lebe hoch, du kleines Seelchen des Südens, des Nordens, kleines Menschenseelchen aller Winde und aller Prüfungen, das aus dem Schmerz das Lachen, aus dem Leiden die Kraft, aus der Mühe des Lebens seinen Triumph holt. Hast du vor der Zange des Zahnarztes nicht gebebt, wirst du auch vor der Sense des Todes einst nicht zittern. Die gotischen Eichen Von Terni nach Narni kann man auch am heißesten Mittag im Schatten gehen, im schönsten Schatten der Welt: in Eichenwald. Ja, hier gibt es hohe, uralte Eichen. Fremd und übergewaltig ragen sie aus diesem Land der kleinen Gebüsche. Fährt um zwei Uhr der Meerwind herein, so neigen sich die Häupter hin und her, wie an einem Thing würdiger und feierlicher Männer man einer Rede zuhört, diskutiert und bei einem besonders wichtigen Satze sich die Gesichter zuwendet, verneint oder nickt und ruft: »So ist es! Wohlgesprochen!« Ich horchte und fragte mich: Was reden sie eigentlich? In welcher Sprache? Italienisch musiziert es nicht und doch verwandt, deutsch rumpelt es nicht und doch ähnlich. Ah, es ist Latein, das Latein, wie die alten Goten es sprachen, diese schweren, großen Schneeleute vom Norden, die der Süden lockte und die dann siebenmal nach Rom drangen und die weibischen, aber immer noch genialen Griechen in die Schiffe jagten, und die siebenmal hier zurückflohen, vom kleinen, magern, schmaläugigen Byzantiner Narses immer wieder besiegt. Sie hatten eine große Wut, Rom ihr eigen zu nennen, und doch auch ein schweres Heimweh nach den verlorenen Heimstätten über den Alpen. Berge hätten sie wohl behauptet gegen römische Kraft und griechische Schlauheiten. Aber sie wollten die Städte, die Markthallen, die Theater, Brunnen, Säulentempel. Sie wollten aus der Provinzgeschichte in die Weltgeschichte hinaus. Als nun wieder einmal ihr Zug auf einer Flucht oder Sammlung in diesem Tale rastete und viele ihre Wunden im Flusse wuschen oder ihre bösen Beulen an der Sonne ausheilten, saß Gotis, der bange und schwächliche Neffe des Königs Totila, mit seinem Gespielen, dem langen, flinkatmigen Teyja, unter den faulenzenden Soldaten und läutete wie immer das Glöcklein vom Heimgehen über die Alpen. Ganz nahe schlief Totila im Gras. »Heimgehen!« spottete Teyja mit seiner bleichen Lippe. »Katzen gehen heim, aber der Hund rennt seinem Herrn voraus gegen den Feind.« »Dafür hat die Katze eine heimelige Stube, aber der Hund bloß einen Stall«, wendete Gotis mit feiner Sanftmut ein. »Gotis«, belehrte Teyja drohend und buschte seine blonden Knabenbrauen zusammen, »die Berge sind uns verriegelt! Wo willst du daheim sein? Wir sind nur in Rom daheim.« »In Rom schliefen wir nie länger als eine halbe Nacht. In Rom war noch niemand recht daheim«, stritt Gotis innig ab, aber küßte wie verzeihungbittend Teyjas mageres Fäustchen. »Widerrede mir nicht«, befahl dieser rauh. »Ich muß es besser wissen. Sieh, schon wächst mir der Bart – hier, greife einmal.« Er führte Gotis' Fingerchen über seinen unmerklichen Flaum... »Du aber hast noch das reinste Mädchengesicht, was gilt da Reden?« »Dann bleiben wir wenigstens hier«, bat der zierliche Gotis. »Es hat fast Berge da und ein schönes Wasser und bald, bald auch Eichenwald...« »Narr«, schrie Teyja, »zeig mir nur ein Blättchen davon!« »St! St! Ihr weckt noch den König«, murrte man. »So komm«, flüsterte Gotis. »Ich zeige dir eine Eiche... Hier!« lächelte er glücklich nach wenigen Schritten. Alle sahen ein zartes, helles Gewächs wie eine Gerte, das schon das süßherbe Gekräusel jungen Eichenlaubs zeigte. »Siehst du, ist das nicht ein junger Gote wie wir? Und hat er nicht schon mehr Flaum als du, Teyja?« spaßte Gotis mit gescheitem Augenzwinkern. »Gib nun auch deine Eichel! Setzet ihr alle euern Samen hier! Und wir haben bald Wald und Heimat... tut es, tut es...!« Die Goten griffen in den Sack nach dem abergläubischen Amulett ihrer Eichel, das sie aus dem Vaterland mitgenommen, um ein schöneres Vaterland zu gewinnen. Es ist wahr, hier könnte ein Wald wachsen, sagten sie, und steckten die Kerne in den Boden. Wenn wir fliehen, soll uns dieser Wald bergen, trösteten sich die Vorsichtigen. Wenn wir in Rom zu heiß haben, kühlen wir uns hier ab, protzten die Frechen. Bis wir heimfahren können, wollen wir hier vom Daheim träumen, schwärmte Gotis. Und alles gab seine Eichel. Nur Teyja nicht und der schlafende König Totila nicht... ... Bald ging es wieder südwärts in die Schlachten. Aber kam man zurück auf Flucht oder Sammlung hierher, so sah man, wie ein kindlicher Wald aufkeimte, sich bubenhaft spreizte, mit Flaum und Jünglingsschopf emporschoß und immer stattlicher ward, gleich schönen, bewehrten Männern. Und je weniger Goten zurückkamen, um so mehr Eichen gab es hier. Als jedoch Totila mit seinem letzten verzweifelten Genie nochmals die ganze Halbinsel in die Faust packte, ein seliges Räuschchen lang, da brausten sie hellauf. Doch als er bei Gubbio oben fiel und statt Gotis der schnellpulsige Teyja König wurde und trotz ihrem Kopfschütteln und trotz Gotis' Flehen gen Süden brach, da rauschten die Eichen ihren düstersten Psalm. Wie aber der herrlichfreche Teyja am Fuße des Vesuv in die Lava sank, die Eichel und auch nur noch so viel Heimat und Herrschaft in der erstarrten Faust, und als Gotis halsumschlungen neben ihm starb und ihre Leichen in der grausamen Sonne dorrten, ohne ein Läubchen Schatten: da wäre der Wald hier am liebsten auch gestorben. Aber nun lebten die Eichen einmal und gediehen bei allem Unglück großartig. So ermannten sie sich denn, wuchsen herzhaft weiter und überdauerten Goten und Griechen, deutsche und welsche Siege, der Weltwaage ewiges Auf- und Niedergehen, und predigen dem heutigen Pilger nach anderthalb Jahrtausenden in ihrer alten Sprache, diesem Gotenlatein, in dem Teyjas Eisen klirrt und Gotis' Heimweh singt, predigen ihm die Tragödien der Vergangenheit in die Seele. Und hat der Reisende ein gutes Ohr, so hört er zuletzt immer: Heim! Heim! Viele verstehen es auch richtig, binden die Schuhe und wandern heim. Und Gotis' lächelnder Schatten geht selig mit. Aber andere verstehen es falsch und rasen weiter, und der Fiebergeist Teyjas fliegt mit ihnen. Besinne dich gut, Freund, unter den gotischen Eichen zwischen Narni und Terni, welchen Rank du deinem Leben geben willst! Im Felsenstädtchen Narni Es war tiefer Abend, und Straße und Nerafluß waren schon ganz in violette Schatten gehüllt, als ich hoch ob dem Dunkel in den Felsen mit Mauern und Türmen ein Städtchen sah. Mit den Füßen fest im Gestein, aber die schönen Schultern in den schwindelnd blauen Himmel gehoben, war es im Verlöschen der Sonne wie ein Werk halb aus Himmel, halb aus Erde anzuschauen. Ich stieg den Hügel hinauf und schlief in einer Kammer mit offenen Fenstern und einem wunderbaren Blick auf die dämmernde Abendlandschaft in der Tiefe. Beim Erwachen aber schien der ganze lustige Morgenhimmel durch diese Fenster hineinzustürmen. In den Stufengäßchen und auf den offenen Plätzen war es herrlich herumzuvagabundieren. Da ward nun doch einmal nichts als Italienisch gesprochen. Heißer Sommer lag auf den grauen Dächern. Die Fliegen summten. Nun liegt Deutschland im Gebirg oder Meerbad, England allenfalls noch in einem kühlen Museum von Perugia oder Siena; die Herrschaften aus Rom und Florenz nisten sich weiter oben im Abruzzengebiet ein. Die Seele des Volkes blieb ungestört in ihrem Haus. Narni hat seine Kathedrale, eine alte, feierliche Basilika, seinen Bischof, sein Rathaus, seine Brunnen, Abbati und Nonnen, seine mittelalterliche Burg, seine Signori, es hat seine lästerlichen Bettler, seine Schelmen und seine sehr schönen, tiefverschleierten Matronen. Am Palazzo Communale herrscht schon um zehn Uhr vormittags eine sengende Hitze. Aber zwischen ein und zwei Uhr nachmittags kam der Meerwind wie immer und strich erfrischend über die Ziegel und heißen Köpfe. Nun ward Narni munter. Das Laufen und Plappern in den Gassen fing an und wurde gegen Abend immer stärker und für den Fremdling entzückender. Die Leute sind meist klein und mager und haben ein sonnverbranntes Gesicht. Sie singen das A und rollen das R in ihrem städtischen Namen auf eine unnachahmlich süße Art. Man sagt, sie konnten das R früher überhaupt nicht aussprechen. Denn in den grauen Etruskertagen hieß die Stadt Nequinum und war ohne Zungenbeschwerde zu sagen. Aber die Römer, die keinen Buchstaben so lieben wie das speer- und panzerklingende R, nannten die Stadt Narni, und die weicheren Nachkommen lassen es heute mit einem milden I ausklingen. Ohne weiteren Zweck, einzig zum Übernachten, war ich hergekommen. Aber nun blieb ich Tage und Tage hier und kam fast nicht mehr fort. Denn gar kurzweilig ist es in so einem klassischen Häusernest. Und man wohnt in Narni wie an der Türe zu den wichtigsten und feinsten Stuben der Welt. Noch ein paar Stufen hinab, und man steht vor der gewaltigen Campagna mit ihrem urweltlichen Hirten- und Historienodem. Da hocken wir Leutchen uns denn gern noch einmal zuvor an der gastlichen Narnischwelle so recht schwalbennestlich zusammen. Aber auch schon mit etwas Zugvogelgeist! Man versucht schon leise seine Fittiche. Ein paar schöne Schwünge ostwärts, und man sitzt auf den Gipfeln des Gran Sasso. Aber heute und morgen und übermorgen bleiben wir hier und halten uns recht warm! Das Städtchen ist klein. Ich kannte bald den Pfarrer dieser und jener Kirche, den frühesten Eisverkäufer, den lautesten Zeitungsjungen, den ältesten Bürger und den Laden, wo man für ein paar Soldi sozusagen alles und noch einiges kaufen konnte, vor allem ganz wunderbare Schuhschnüre. Und haltbare Schuhschnüre sind etwas Wichtiges im Menschenleben. Wenn sie reißen, hält kein Schuh mehr, gibt es keinen richtigen Erdenschritt, ist alle Ordnung und Disziplin des Lebens zunichte. Aber Schnüre, gewichst und glänzend, wie die des Händlers Bornio, von seinem Burschen Vittorio dreimal durch die Tigerzähne gezogen, um ihre irdische Unverletzlichkeit darzutun, solche Schnüre geben dir einen festen Schritt und damit einen wahrhaft männlichen Charakter. Du fühlst dich groß, stark, einheitlich, du holst aus wie ein Riese, die Welt dünkt dich klein. Nichts ist dir unerreichbar. Du lachst. So eine Kleinigkeit wie Schuhschnüre! Aber ich sage dir, an dieser Kleinigkeit hängt der ganze Mensch. Auch die Musikanten von Narni und den Organisten Leponti kannte ich sofort, den Tüncher Berani aus Neapel und das Fräulein Bigna, das rote und blaue Nastüchlein straßauf, straßab verkauft und bei allen Heiligen von Umbrien beteuert, daß sie nicht abfärben. Und zum Beweis schneuzt sie sogleich in so ein rotes Tuch und zeigt es triumphierend her: Ecco, was rot ist, bleibt rot, und die weißen Tupfen bleiben weiß. Nun hat das Jüngferlein ja freilich ein sehr schönes Stulpnäschen, so daß diese Reklame immer noch appetitlich bleibt. Ja, es gibt Bürschchen in Narni, die dann gerade so ein Musterfazzoletto wollen, in das Teresa Bigna sich vorwitzig geschneuzt hat, und das Mädchen ist schlau genug, den roten Fetzen sogleich um zwei Soldi teurer anzubieten. Aber ich kannte auch die drei vornehmsten Knaben aus dem altadeligen Geschlecht der Portaglioni, die immer miteinander in einem unvergleichlich kavalieren Schritt die Gassen niederspazieren, Ellbogen in Ellbogen, sich auch im engsten Sträßchen nicht loslassen, so daß man ihnen ausweichen muß, und die dann und wann eine halbe Zigarette einem Barfußjungen vor die Füße werfen und sagen: »Carling, da, rauch sie fertig!« Und Carlo Sestini, der Sohn des Portiers im Palazzo Portaglioni, nimmt sie flink auf und putzt das Mundstück ab, nicht etwa aus Ekel, sondern aus Ehrfurcht, und raucht dann stolz und glücklich den Rest fertig. Weiter unten, gegen das Ristorante del Re, steht einer der Prinzen dem Balzo Feda auf die nackten Zehen, weil er ihn so verwundert angeglotzt hat, und sagt mit seinem feinen Herrenstimmlein: »Schrei nur, du Laffe! Warum gaffst du mir so dumm ins Gesicht! Da hast du's!« – Jedoch, vor dem Albergo di Luna schwingen alle drei ihre Panamas in einem flotten Kreisel über dem glattgekämmten Scheitel und grüßen ritterlich an ein Fräulein von sechzehn Jahren hinauf, das am Fenster sitzt, bleich und kühl, als friere es da oben im Schatten, und sich doch in feierlichem Hin und Her die Wangen fächelt. Das ist das Nichtlein des Bischofs! Es nickt ein bißchen und lächelt schwach hinunter. Und die drei Ritter verneigen sich auch ein wenig. Aber der bleichste von ihnen mit den schwärzesten Augen, der gleiche, der vorhin den armen Zeitungsbuben Balzo so grausam mit dem blanken Stiefel getreten hat, wirft hintenher mit seiner schmalen Aristokratenhand einen galanten Kuß hinauf. Jetzt errötet das frierende Kind oben am Gesimse und deckt sich schnell das Gesicht mit dem Fächer. Und so bleibt es, bis die Jünglinge längst um die Ecke verschwunden sind. Dann schaut es furchtsam in die Gasse, ob wohl jemand etwas bemerkt habe. Dann lächelt es leise und schließt die Augen halb und erlebt das süße Ereignis noch einmal und friert auf einmal nicht mehr. Da knarrt die schwere Türe hinter ihr im dunkeln Zimmer auf, und die schwarzverschleierte Mutter, ein großes Gebetbuch in der Hand und schon einen ganzen kerzenreichen Gottesdienst in den Augen, ruft leise: »Kind, komm! Es ist Zeit!« – »Gern, gern«, klingelt das Mündchen der Kleinen; sie wirft ein weißes Spitzentuch über das schwarze Haar und geht mit der Mutter in die Abendandacht. Oh, sie kann jetzt fröhlich beten! Ganz tapfer ist ihr zumute. Besonders für einen Menschen will sie beten. Ja, für ihn ganz allein diesmal. Denn er selber betet wohl nicht mehr viel und ist ein gefährlicher Knabe. Aber am Sonntag – nein, er ist doch ein guter! –, da spielt er im Hochamt das Ave Maria auf seinem Cello während der Opferung. Es tönt durch die alte Kirche, süßer als der reinste und frömmste Vogelgesang. Es zwitschert und zittert und seufzt um die alten Marmorengel an den Säulen, zum Onkel Bischof auf seinem geschnitzten Thron und vor die vergoldeten Türen des Tabernakels. Und der Bischof blickt vom Pultbuch auf, und Domherr Agni vergißt zu schnupfen, und die Mutter selbst, die strenge Donna, nickt auf und ab mit ihrem steifen Kinn: »Dieser Innocente di Portaglioni ist ein junger Erzengel, ein Michael oder noch vielmehr ein Gabriel.« – »Nein, Mutter, nein«, erwidert das Mägdlein, »so heilig ist er nicht. Vielleicht jetzt, wo er geigt. Da vergißt er alle Bosheit. Aber in der Stadt plagt er die Mädchen und die Knaben und ist jähzornig wie ein Gewitter und will, daß ihm alle gehorchen. Heilige Maria, Muttergottes, bitt für uns arm... bitt für Innocente, den armen Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. Amen!« Indessen wandern die drei Portaglioni die dämmernden Sträßchen auf und ab, schauen alles an, als gehöre es ihnen, reden, mit wem sie wollen, trinken da ein Glas Eislimonade, kaufen dort ein Biskuit und lassen sich vom Schuhhändler Magazzi das neueste Paar Herrenstiefelchen zeigen, grüngelbes Leder, Schnüre, wie goldene Schlänglein, einen Schnitt und eine noble Fußspitze, wie gemacht für sechzehnjährige, schlanke Cäsarenschritte. Sie mustern sie, stoßen schnell ein paar Worte aus und gebieten mehr mit der Hand als mit dem Mund: Daß dieses Paar noch heute abend ins Palazzo getragen wird... Schurke, heute abend noch, sonst...!, bedeutet Innocente dem Laufbuben. Ach, sie haben Geld, diese Knaben! Nur einige Sommerwochen wohnen sie hier oben in ihrem Stammhaus, mit einem Hauslehrer, zwei, drei Dienern und dem Verwalter, alles Leuten voll Buckeln und Bücklingen. Denn die Mutter ist leider gestorben, als noch keiner der drei Buben ordentlich laufen konnte, und der Vater politisiert in Rom und geht den eigenen, wahrlich nicht häuslichen Freuden nach. Und so ist es nicht zu verwundern, wenn die drei jungen Marchesi nun laufen, toll und böse und gewalttätig und in so harten, feinen Stiefeln, als ihnen gerade gefällt, so vielen Abhängigen diese Sohlen auch Schmerzen machen. Später weilen sie im Meerbad zu Livorno oder in einer Bergvilla gegen Vallombrosa zu. Die übrige Zeit verbringen sie in Rom. Sie studieren alle drei Rechtswissenschaft und kümmern sich daneben um nichts als die eigene Rechthaberei. Aber sie haben alle etwas Gutes an sich, einer musiziert großartig, Cenzo malt vortrefflich, und Piero ist ein Mathematiker kühlen Geistes. Dabei reiten sie, fechten sie, spielen sie Boccia wie kein zweiter in Narni, und endlich werfen sie Geld nach allen Seiten aus, und wen sie wohlmögen, den überschütten sie mit den herrischen Almosen ihrer Barmherzigkeit. Wie sie den Hauptweg herauf zum Palazzo zurücksteigen, kommt ihnen der barfüßige Balzo wieder in den Weg. Sicher, er hat auf sie gelauert. »Vossignoria«, sagt er diensteifrig, »das haben sie verloren, eccolo!« Und mit seinen Sudelfingern hält er ihnen ein weißseidenes Taschentüchlein entgegen, das einem der Marchesi entschlüpft sein muß. Denn es ist mit einem verschnörkelten Wappen und prachtvollen P in jeder Ecke bestickt. Schlau hält er das Tuch hin. Und dieser ewige Innocente mit seinem so unpassenden Taufnamen schaut es an, spuckt hinein und wirft es dem Bettelbuben ins Gesicht: »Teng! Behalt es nur!« – Ich hab' es zufällig erhascht, dieses elende, hochmütige Teng! Und so empört war ich, daß mir die Füße in den Sandalen zitterten wie auf einem schwindeligen Grat in den Abruzzen. Ah, das sind nicht mehr die Jungen von Pratimonti und Ferocemonte! Denen sollte einer auf die Zehen treten oder so einen Fetzen besudeltes Almosen ins Gesicht schleudern! Potz, die würden so ein Gräflein nicht übel in ihre Hirtenfäuste packen und aufs Pflaster strecken. Aber hier sind es wieder zahme Umbrier und... ach, diese Leute kennen das Alphabet! Und das Alphabet lehrt ein wüstes, gemeines Wort, das heißt: arm, und ein schönes, kostbar duftendes, das heißt: reich! Und das gleiche Alphabet hat ein beschmutztes und verspienes Wort, das lautet: Knecht! Und es hat ein anderes Wort voll glänzender Härte, das lautet: Herr! – Merkt euch, ihr Schwachen und Furchtsamen und Dienstseligen, dieses Alphabet gut! Indessen, diesem Lümmel von einem Balzo bin ich am nächsten Tag vor dem Städtchen begegnet. Er verkauft morgens und abends die römischen Blätter und den »Corriere«. Jetzt war er eben fertig mit dem Morgengang, zündete eine letzte, verkrempelte Zeitung an und hielt sie tapfer in der Hand, bis sie ganz Feuer war. Da ließ er sie fallen, und ich sah etwas Schlüpfriges und Schnelles aus der Flamme gleiten. Eine Eidechse! Der Schlingel hatte sie im »Secolo« munter verbrennen wollen. Sogleich verflog mein soziales Mitleiden und ich brummte: Es geschieht ihm ganz recht, wenn sie ihm wacker auf die Füße treten! Am Abend saß ich im Scheine der Lampen vor dem Ristorante Barzola und trank mein Korbfläschchen Chianti. Der Himmel blitzte von sieben oder acht großen und hunderttausend ganz kleinen Sternen. Ringsum an den Tischen ward getrunken sehr spärlich und geraucht ganz ungeheuer. In den Nebensträßchen schäkerten die Mädchen und jubelten oder pfiffen die Gassenrangen. Manchmal kam ein Schrei aus dem Dunkel ans Licht zu uns herein. Zuerst hatte es wie Schrecken geklungen, ward dann aber zahmer, je lichter es ringsum wurde, und schien zuletzt in Lustigkeit aufzugehen. Mir war wohl, wie nie auf der schweren Schweizer Erde. Ich hatte an keine Briefe und Bücher zu denken, an keine alte Studierstube, an keine Besuche, an keine Arbeit und Sorge. Ich war frei. An den Tisch da konnte ich sitzen und mit dem Ellbogen auf die Platte klopfen und sagen: »Gebt mir Risotto und roten Wein!« Und ich konnte an den Tisch dort sitzen und sagen: »Ich will ein Hühnchen und Makkaroni!« Und an einen dritten Tisch konnte ich sitzen und befehlen: »Hier laßt mich einen Kaffee trinken und schweigen und zuhören!« Ach, wie frei, wie leicht, wie vergnügt saß ich da! Nie waren mir die Hosen so bequem, nie Rock und Weste so weit und lustig vorgekommen. Es nahm mir den Humor darum auch nicht, als plötzlich die drei vornehmen Jünglinge wieder kamen, Arm in Arm, niemand ausweichend, und sich, da alle andern Tische rasch besetzt waren, an meine kleine Tafel setzten. Allerdings, sie machten eine sehr artig entschuldigende Verbeugung. Rechts und links zog man tief den Hut vor den Grünschnäbeln ab. Zweimal redete sie eine Notabilität von Narni, der Sindaco und ein prachtvoll aufgeputzter Maggiore an. Aber was die Knaben erwiderten, war ein kurzes: Si! No! Si! Mehr schenkten sie keinem Ohr. Dazu rauchten sie sehr feine, würzige Zigaretten, deren Duft durch den übrigen Tabakrauch in blauen, zierlichen Weihrauchringeln in die Nachtluft flog, ohne sich mit dem allgemeinen Kanaster zu vermischen. Nun konnte ich sie genauer betrachten. Sie glichen sich im schmalen Gesicht, der geraden Nase, dem zierlichen Mäulchen, den kleinen, abstehenden Ohren aufs Tüpfelchen. Auch das Haar hatten sie halbkurz geschnitten und über dem linken Ohr sauber gescheitelt. Schwarz war dieses Haar, aber noch viel schwärzer waren die großen Augen, die nur ein dünner Kohlenstrich von Braue überwölbte. Es waren Drillinge, zur selben Stunde geboren, in einer regenfinstern Weihnacht um die Zwölfe. Nicht der Glanz des goldigen Bambino, sondern das Dunkel jener Mitternacht hing an ihnen. Doch funkte und zuckte ein heißes Leben von ihren hellen Lippen, und so kalt und ruhig ihre Augen schienen, sie leuchteten doch bei jeder Bewegung wie ein nächtliches Wasser auf. Sie leckten Gefrorenes mit Schokolade, und der Dunkelste von ihnen, der den Becher im Nu ausgelöffelt hatte, hämmerte mit den langen, wohlgepflegten Fingern ungeduldig auf dem Tisch, als wartete er auf etwas. Er redete kein Wort. Die beiden andern dagegen schwatzten mit ihren halbgebrochenen Stimmen über jedes Mädchen, das vorüberwandelte, mit kritischem Blick und herrischer Freiheit. Da hörte man von ferne ein lautes, schrilles Gebrüll: »Novità, recentissimi Telegrammi!«... Die Gesellschaft reckte die Köpfe aus dem Gesumme. Das Geschrei kam näher. Einige Männer machten einen Soldo bereit. Der Olivenfarbenste von den drei Brüdern, Innocente, griff geradewegs in die Westentasche nach der ersten besten Münze, und seine Augen loderten gewaltig der Stimme in die Nacht entgegen. »Stupenda cosa... Signori...« brüllte es schon nahe, »... incredibile notizia da Londra...! Eh... mirando discorso del Presidente... leggete, leggete!« Jetzt taucht eine flinke, geduckte Figur aus dem Dunkel. Sieh da, unser Balzo, der Eidechsenquäler. »... Il Polo Nord e preso!« Mit seinem breiten Dickkopf überfliegt er die Gesellschaft triumphierend. Kann ein König Größeres melden? Er sieht alle Hände nach sich ausgestreckt und faßt schon mechanisch eine entsprechende Menge von Zeitungsnummern zwischen die kurzen, schmutzigen Finger: »... sei... dodici... ventun... ebben ventun!« Da erst erblickt er hinter dem Balkonpfeiler unsern Tisch und die drei Marchesesöhne. Es ist Innocente, der ihm die Zehen zertrat. Und wie ein treuer Hund beachtet Balzo keinen der einundzwanzig schreienden und heischenden Menschen mehr, sondern bricht sich mitten durch Gäste und Sessel hindurch Bahn und legt die erste und oberste Zeitung dem Olivgrünen mit einem tiefen Knicks bequem und entfaltet auf den Tisch. Dann den beiden andern je eine. Darauf wirft der erste, schon in die Zeitung vertieft, eine Silbermünze gegen den Buben. Der, beide Hände voll Zeitungen, schnappt sie wie ein Pudel mit dem Mund auf und grinst glücklich dazu. Diese bleichen Adelsbuben in den feinen gelben Hosen sind verdammt hochmütig und launisch, das ist wahr. Aber dafür geben sie ihm Silber. Das gleicht sich prächtig aus. Und sie klopfen ihm oft auf die Achseln wie einem ihresgleichen, oder lassen ihn ein halbes Glas Gazzosa austrinken. Was wahr ist, muß man gelten lassen. Nun erst, mit der Silbermünze zwischen den blitzenden Zähnen, geht Balzo Feda von Tisch zu Tisch und verteilt die übrigen Zeitungen. Zwischenhinein spuckt er die Münze in den Ärmel und schreit mit heiserer Stimme weiter: »Trovato il Polo! Miratevi, Signori!... da P . . .ë . . . a . . . r . . . y!« Also doch, also doch, sagten die Leute. Der Nordpol entdeckt! Das ist das Oberste von der Welt, das Schwierigste, das Eisigste, wo die weißen Bären hocken, und wo sogar die Luft gefriert. Und ein Engländer hat ihn gefunden! Diese verfluchten Engländer! Erst haben sie sich an einem Seil in den Höllenkrater des Vesuv hinuntergelassen, und jetzt finden sie mitten in Eisbergen auch den Nordpol. Nichts ist ihnen zu kalt und nichts zu heiß... So redet, schreit, erklärt man, gebärdet sich wie ein Mitentdecker, und der Barbier Tononi, ein geborener Römer, zeigt, wie die Seehunde watscheln, und ahmt das blöde Schnüffeln der Walrosse nach. Man plaudert von grünem Eis und von siebzig Grad Celsius unter Null. Und wirklich, in die immer noch große umbrische Schwüle dieses Bergstädtchens kommt nach und nach ein kühles, süßes, eisblaues Aroma vom obersten Globus und legt sich auf das stets noch sonnenwarme Pflaster und erfrischt die müde Luft. Die drei Herrchen lesen und rauchen und löffeln ein zweites Glas Limoneneis aus. Sie verwundern sich gar nicht über die Eroberung des Nordpols. Das gehört sich, daß man diesen Fleck Erdkugel endlich erreicht. Und überhaupt, man soll nur erfinden und entdecken und durch das Land und alle Wissenschaft sich hindurchschwitzen! Wozu sind denn die Menschen da? Doch zum Dienen und Bequemmachen der Welt. Dafür zahlen wir sie, und dafür müssen sie uns unterhalten und die Zeitungen mit ihrer Not und ihren Erfolgen füllen. Wir reichen Marchesi sitzen dann an ein Glas süßes Eis, kaufen die Zeitung und lesen ihre Geschichten. Ehre genug für sie, unsere braven Theaterspieler. Genußselig schlecken sie an ihrer Süßigkeit weiter. Inzwischen hat Balzo allen sein Blatt ausgehändigt. Nun kommt er an unsern Tisch zurück. Er hat mich sogleich erkannt und zwinkert mir verschmitzt mit den Augen zu. Na, Herr, soll das heißen, die Eidechse ist ja nicht verbrannt, machen wir Frieden! Bescheiden rückt er an mich heran und frägt: »E Lei, Signore, ne vuole? Il Messaggero?« »Gib mir denn einen!« »Benbene, il Polo è trovato da P . .ë . . a . . r . . y!« »Da P . . i . . r . . i, si dice!« knirscht Innocente mit aufblitzenden Augen und tritt geschickt mit seinem schönen gelben Stiefelabsatz dem Burschen auf die Zehen, genau, wo er ihn gestern gequetscht hat. »Uch . . ch . . ch . . risto santo!« schreit Balzo und hebt das Bein. »Stimatissimo Signorino, perche non l'altro?« »So gib den andern Fuß her, vorwärts!«lachte Innocente belustigt. Aber Balzo hütet sich wohl, den rechten Fuß auch noch treten zu lassen. Sorglich zieht er vor den gelben Schuhen seines Peinigers die nackten Füße zurück. Nun erst sehe ich, daß Innocente das wundervolle neue Paar trägt. Wie viele Füße wird er wohl mit diesen neuen Stiefeln treten? Und wann kommt wohl einmal die Reihe an ihn? Etwa nie? Das wäre gegen alle Ordnung. Balzo Feda jedoch blieb immer nahe stehen und beguckte mit frechen Bettleraugen die drei Eisbecher. Innocente hatte noch ein zitronengelbes Stücklein Eis im Glas. »Darf ich?« flüsterte Balzo und streckte die Hand darnach aus. Der bleiche Innocente wirft rasch seine angebrannte Zigarette in den Becher, daß es zischt. Dann nickt er und sagt: »So, nimm jetzt!« Balzo Feda nicht faul, fischt sogleich die Zigarette aus dem schwimmenden Eis, leert das Glas, bedankt sich und bittet um Feuer. Der junge Baron zündet sich sofort eine Zigarette an und da, wahrhaft!, hält er sie Mund gegen Mund an das Stümplein des Bettelbuben, bis dieses wieder hübsch aufglimmt. Gleich dampft Balzo eine mächtige Wolke aus beiden Nasenlöchern, bedankt sich nochmals mit tiefgeneigtem Kopf und spricht: »Vossignoria fedelissim' Servitor! Felice notte!« Dann taucht er im Dunkel unter. Aber an der nächsten Straßenecke brüllt er nochmals: »Der Nordpol entdeckt von P . . i . . r . . i! Si dice P . . i . . r . . i!« »Er ist ein guter Teufel«, lachte Innocente. »Da hört, nun spricht er schon P . . i . . r . . i!« »Auf Ehre, das ist ein flinker Schüler«, mischte ich mich ein. Ich konnte nicht mehr schweigen. Der junge Herr sah mich verwundert und eiskalt an. Ich aber ließ mich nicht irre machen, sondern wiederholte mit einem boshaften Lächeln: »Geradezu das Ideal eines Schülers...« »Er ist ein armer, guter Narr!« beliebte mich jetzt der Sechzehnjährige zu belehren. Er redete nachlässig durch die Nase. »Aber er wird bald englisch sprechen, ich wette..., diese Fußtritte...« »Oh!«näselte das hübsche Marcheslein und blies eine blaue Zigarettenwolke aus dem Munde, »cotale non ne sente... das spürt so einer nicht.« Und wohlgefällig betrachtete er seine zwei gelben, schönen, grausamen Stiefelchen. Aber Balzo ging, die Zigarette im Mund, spuckend und den Rauch durch die Nase ziehend, mit fröhlicher, wenn auch müder Schlingelhaftigkeit in sein elendes Quartier auf die harte Strohmatratze. Er überschlug, auf dem Rücken liegend, das heutige Geschäft. Es ist ein guter Tag, dachte er. Ich habe eine Zigarette, einen sehr guten Schluck Eislimone und eine Lira bekommen. Alles von diesem großartigen Innocente di Portaglioni, ungerechnet die üblichen Tageseinnahmen. Freilich, auch zwei Fußtritte. In Gottes Namen. Für eine Lira und eine Zigarette ist das nicht zu viel. Aber morgen ziehe ich die Sandalen an. Von nun an grüßte mich Balzo Feda immer sehr vertraulich. Sicherlich nur, weil er mich am gleichen Tisch mit seinen drei Prinzen gesehen hatte. Am Tag meiner Abreise besuchte ich noch das Rathaus und betrachtete mir dort aufmerksam »Die Verkündigung Mariens«. Das Bild ist von Ghirlandajo. Viel Andacht war daraus nicht zu schöpfen. Es ist, wie so viele andere des gleichen Meisters, von einer gewissen malerischen Zungenfertigkeit, geschickt und sicher hingemalt und darf sich noch jetzt, nach vierhundert Jahren, in seiner farbigen Stärke sehen lassen. Aber es lebt so gar keine himmlische Atmosphäre in dieser Gruppe, alles hat seine kurze, eitel-irdische Absicht, jede Wolke, jeder Engel, jedes Lächeln. Dabei geht die einzige erlaubte Absicht, Andacht, geht die ganze religiöse Seele des Ereignisses verloren. Wieder, wie so oft, versuchte ich mir umsonst das Rätsel dieses Mannes zu deuten, der so viele Fresken und Bildnisse schuf, dieses Rätsel, gemischt aus Frische und Mache, aus Theater und Natürlichkeit, aus Geistesfülle und Seelenlosigkeit. Da zog mich jemand am Ärmel. Der kleine Balzo Feda stand hinter mir mit seinem Bündel Morgenblätter. Er war barfuß, aber hatte eine Zehe schmierig verbunden. »Ist das nicht gut gemalt?« sagte er wichtig in seinem weichen Umbrisch. »Die Madonna und der Engel dort?« »O... das macht sich... ich glaube, Maria war viel schöner und frömmer.« »Das kann nicht sein. Ein Inglese hat allein für den Kopf des Engels Gabriel zwanzigtausend Lire geboten... ein Inglese oder Amerikaner!« »Ach, die Engländer und Amerikaner!« sagte ich leichthin und zuckte die Achseln. »Oho, Signore, das sind die gescheitesten Leute. Die verstehen die Bilder und zahlen gut. Und sie erfinden am meisten. Sie haben den Nordpol erfunden...« »Erfunden... das glaub' ich eher als... gefunden.« »Gefunden, gefunden, Signore. P . . i . . r . . i ist ein Inglese oder Amerikaner. Ne vuole?...« Er zeigte auf die Morgenblätter. »Gib also!« Er gab mir einen »Secolo«. Da erinnerte ich mich an jenen andern, brennenden »Secolo« vor zwei Tagen. Ich zahlte ihm das Doppelte, aber klopfte dann ernsthaft auf seine Achsel und sagte: »Vorgestern wollte ich dir eine Ohrfeige geben.« »Ei, was, Sie spaßen. Warum denn?« fragte der Junge und machte ein unschuldigeres Gesicht als der Engel Ghirlandajos. »Weil du die Eidechse verbrennen wolltest. Pfui, ein liebes Tier so martern!« »Ma, Signore«, versetzte jetzt der Bub und lachte mit allen breiten Schaufelzähnen und unerhört ehrlichen Augen zu mir herauf, »cotale non ne sente, niente, niente... das spürt nichts, gar nichts!« Ich stand da wie ein verdutzter Professor, dem plötzlich mitten im Schelten der ganze Faden, ich weiß nicht wie, entschlüpft, so daß er sucht und schnappt und um sich greift und ohne Halt, wirr und stumm in den Stuhl zurücksinkt. Zuletzt, um nur den so verwunderten und spöttischen Augen des Balzo zu entwischen, sagte ich in heller Verlegenheit: »So gib mir doch einen Secolo!« Ich zahlte das Blatt – es war das nämliche, das ich schon in der Hand hielt – und lief davon. O ihr gefühllosen Schlingel des Südens! – Doch nein, ich nehme das zurück. Denn als ich durchs Städtlein ins Tal hinunterstieg, sah ich das Nichtlein wieder so still und frierend wie vor drei Tagen am Gesimse sitzen und scheinbar teilnahmslos ins Straßenvolk schauen. Aber dann und wann, wenn ein Gassenmensch zum Töchterchen aufblickte, nur einen Augenblick, aber mit den großen, frechen, starken Bubenaugen Italiens, dann schirmte sie das Gesichtlein rasch mit dem Fächer und getraute sich lange nicht mehr hervor. Alsdann war sie nicht mehr so alabasterbleich, sondern von einer scheuen Röte wie nach einer großen Scham. Ach, dachte ich mir, dieses Narni ist so ein kleines, vergessenes Bergnest. Und trotzdem gibt es da alle Freuden und Schmerzen, jeden Hochmut und jede Niedrigkeit der Welt. Cäsaren und Bettler, Engel und Teufelchen, Tyrannen und Märtyrerinnen leben hier. Und dieses Nichtlein des Bischofs, das sich heimlich verzehrt in Sehnsucht nach dem schönen, stolzen Innocente und ihn doch halb verabscheut, sich schämt, ihn zu sehen, und dann doch wieder für ihn mit der Inbrunst einer Heiligen betet, ist dieses Jungfräulein nicht mehr als so ein Narnikind, ist es nicht das junge Italien selber, nämlich jenes junge, reine, edle Italien, dessen Herz nicht im Montecitorio, noch auf dem Kapitol, noch in den lärmenden Gazetten Roms und Mailands, sondern in einer scheuen, tausendfältigen Verborgenheit schlägt und sich freut und schämt, liebt und duldet und betet für seinen Geliebten, den noch so unruhigen, ungeläuterten, aus Stolz und Hochsinn, aus cäsarischem und gracchischem Geist, aber auch aus uraltem Sklavensinn gemischten, mächtig ausschreitenden Jüngling Staat? Werden sich diese beiden wohl einmal finden? Campagna-Vision Auf und ab geht es im Gebirge zwischen Corese und Fara Sabina. Immer wieder taucht sie auf im Süden... die Campagna... beinahe hätte ich gesagt: die Weltgeschichte. Und wenn ich sie lange anstaune, brennt mir das Auge, und ich schreie: Schatten, Berge, Abruzzen, rettet mich...! Und wo eine Kuppe sie mir verdeckt, muß ich schnaufend und schwitzend empor, um sie doch wieder in meine Seele hineinzutrinken, diesen Engel und Teufel aller Geographie. Campagna! Laß dich noch einmal grüßen! Wie schildere ich dich, du sonderbare, geheimnisvolle, gewellte Flur mit den dürren Halmen, dem bald so dunkeln, bald so leuchtenden Ried, den stillen, gleichsam verwitweten Bäumen, den herrlichen Fetzen eines uralten Bogengemäuers, das hoch über den Wipfeln der Platanen einst die schallenden Wasser des Gebirges in den großen dürstenden Mund der Stadt leitete? Ein gelbes, schmutziges Gehöfte, fast nirgends ein sichtbarer Weg, Wässerchen, die ihr Siechtum durch das Gras schleppen, ein paar magere Kühe und Ziegen unter dem Schatten einer Kastanie. Im übrigen Schweigen, Hitze und endlose Weite. In nahender Wohlgestalt die Ansätze der Albaner- und Sabinerberge und im Rücken immer und immer das Gefühl des majestätischen Rom. Das ist die Campagna. Alles glitzert vor Sonne, jedes Gras, jeder Kiesel, jedes Baumblatt, jede Kalkwand. Bald weht ein Wind vom Meer, bald verscheucht ihn ein anderer von den Bergen her. Aber trotzdem ist die Luft glühend und trocken wie aus einem Ofen. Ein Dunst von Schwüle und Fieber liegt glashell und süß zwischen der harten Erde und dem noch härteren Himmelsbogen. Nicht Lenz oder Herbst, der italienische Sommer nur gibt der Landschaft die echte, römische Stimmung, diese heiße, wie sie aus den Schlachtenbüchern des Livius, aus Märchen Ovids und aus den schattensuchenden Strophen Horazens empfunden wird. Da sieht man Haus und Äckerlein, das der gute Mäzenas ihm gab, in die Frische einiger Oliven gestellt und ringsum von der wütenden Sonne und den wütenden Zikaden belagert. Da quaken Ovids Frösche, indem sie den breiten Rücken gegen die Sonne stellen. Da mustert Scipio die Legionen, mit denen er nach Afrika übersetzen will. Nur hier im italienischen Sommer kann man sich die Konsuln vorstellen, die aus den heißen Ämtern der Stadt auf ihr Gut fliehen, Beete jäten und Gemüse für die Küche schneiden. Nur hier sieht man die Sklavenzüge, die schwitzenden, mückenverstochenen, welche mit der Sänfte ihrer Herrschaft auch die Götterbilder des Hauses, die Aschenkrüge und Weinschläuche, die Bibliothek und das Geräte der Küche hinauf in die Bergferien tragen, und sieht umgekehrt von den Bergen einen andern knechtischen Troß durch den Brand der gequaderten Straße die dicksten geschälten Akazienstämme, glatte Platanenbalken, mächtige Blöcke der Steineiche und schwere, vom Wasser phantastisch zernagte Felsen von Tivoli nach der Urbs tragen. Das ist die beutereiche Heimkehr des Senators Cajus Vitellius Piso aus seiner Sommerfrische in den Abruzzen. Es gräbt sich eine tiefe Runzel in seine Stirne, so oft er von einem schmalen Papyrus aufblickt und durch die Ritze der Vorhänge aus der Sänfte auf die müde Prozession seines Reichtums blickt. Die Knechte haben einen heißen Atem, dürre Lippen, rote, sonnenmatte Augen. Zumeist sind es Afrikaner und Hispanier. Aber da sehe ich auch einen blonden, riesengroßen Mann im Haufen. Es ist gewiß einer aus dem Reußtal, einer von denen, die gern im blauen Eiswasser baden und für die eine Sonne ohne Schatten der Tod ist. Mühsam schleppt er sich vorwärts. Breiter sind seine Achseln als aller übrigen im Zuge. Dennoch trägt er die kleinste Last, das duftende Holz wilder Rosenbäume, das der Faber lignarius in Rom auf die feinste Art drechseln und zu kunstvollen Wandtafeln verwenden wird. Der Mut seiner blauen Augen ist gebrochen. Sein grobes Gesicht sieht in der Fieberröte feiner und glatter aus als das eines Kindes. Jetzt steht er baumstill. Die Peitsche des Aufsehers trifft ihn. Er bäumt sich nicht auf. Er zittert nur wie ein armes, müdes, überzahmes Roß unter dem Hiebe. Aber er schreitet nicht weiter. Ein neuer Geißelschlag. Dem Mann schwindelt, er taumelt. Durch sein Ohr rauscht die Reuß, orgeln die kühlen Tannenwipfel im Wind. Er sieht sein Weib aus dem reisig-geflochtenen Hüttlein treten, den Bub auf den Armen, und warten und harren und zu den Kämmen aufblicken, woher der liebe Mann käme. »Freya, Freya!« schreit er unter dem letzten Riemenstreich und stürzt leblos im römischen Ried zusammen. Der Aufseher aber treibt den Zug weiter. Und wie die Sänfte des Senators an der Leiche vorbeigetragen wird, lächelt verächtlich ein kühles, blasses Jünglingsgesicht zwischen den Vorhängen hervor und sagt: »Vater, ein Germane ist niedergefallen. Sind das so schwache Leute?« »Als Sklaven zu schwach, als Freie zu stark!« gibt der Senator zurück und liest mit bewölkter Stirne sich aus Tacitus' Germania in neue Sorgen um die Zukunft Roms. Romam Versus Die Geleise der Eisenbahn Rom-Terni-Sulmona-Rom schließen ein gebuckeltes Land ein, mit lauter Ketten und Tälern, die gern mit der Halbinsel parallel gehen und auf der Karte wie feine, kleine Nähte des italienischen Stiefels aussehen. Es sind nicht mehr hohe Berge, wenigstens für einen Schweizer, sondern starke Hügellinien, die geliebten und vielgelobten Sabinerberge mit inbegriffen. Neben den Schluchten, aber am liebsten auf halber Höhe, doch auch einigemal auf den obersten Kamm geschneit, findest du die kleinen Borghi und Paesi, Städtchen und Dörflein. Geringe Flüßchen brechen sich überall durch. Daher deckt dickes Buschwerk und halbwilde Gartenpflanzung die tiefern Plätze. Zum Tiber, zum Tiber, raunt und schreit das nasse Maul all dieser Gewässer. Und mit dem Tiber nach Rom! Denn alle wollen sie die Urbs sehen, ihre Marmorfüße küssen, ihre Säulenköpfe widerspiegeln und unter ihren alten Brücken das große, herrische Weltvolk da oben anstaunen. Im kleinsten Bächlein zuckt ein Nerv von Weltgröße. An den Hängen dieser Berglein gedeiht schon überall Wein, und abends, wenn der Wind von Osten kommt, schwängert sich die Luft mit Pfirsichblüten. Feigen und süße Kastanien wachsen. Aber kaum gehst du ein wenig in die Höhe, so bist du gleich wieder auf einsamen Wegen, in unfruchtbarer Öde, und bald, bald ohne menschliche Fußstapfen weit und breit. Jedoch nach drei, vier Stunden Marsch geht es schon wieder abwärts in ein warmes Tal, Straßen blitzen, Menschen schreien, ein Engländer mit großem Sonnenschirm und ein deutscher Kodakheld begegnet dir, und viel zu früh mußt du schon den Autos der jungen, Zeit und Welt vergeudenden reichen Römer ausweichen. War die Sprache weiter oben noch sonderbar steinig und schroff, so kommen jetzt hier unten gleich weiche, tiefe Noten hinein. Die schwere Bergmelodie läutert sich. Bocca Romana! Rom, Rom, du bist nahe. Ich spüre es der heißen Luft an. Es ist ein Gefühl wie vor dem Atem einer Löwin. Wer so weit ging, kann kaum mehr zurück. Er ist eine Beute dieses gewaltigen Raubtieres. Aber ich, von den vielen Bergen rauh und stark gemacht, sagte gegen Süden hinunter: Mich sollst du nicht haben, du alles verschlingende Gigantin! Sieh, du große heiße Katze mit den wunderbaren Augen: so viele Mäuse auch in deinen Krallen verschwunden sind, nachdem du mit ihnen gespielt und sie reichlich genarrt hast, dieses eine nordische Mäuschen will dich jetzt narren. Es spielt mit dir. Es sieht dich lauern, kommt ganz nahe, pfeift und lockt. Aber sowie deine Pfote ausholt, hopst es blitzschnell zurück ins Gebirg oder in die Campagna und lacht dich so recht frech in deine goldgrünen Augen hinein aus. – Ich weiß wohl, das Spiel ist gefährlich. Zu lange darf man in diese smaragdenen Augen nicht schauen, sonst bekommt man Schwindel und Fieber und einen Durst, den man nur noch in den rauschenden Brunnen der Stadt, im Schatten des Pincio oder unter den Ruinen des Forums meint stillen zu können. Die kühlen Dome, die Adelshäuser, die Bogen und Brücken und Säulen, der so schmutzige und doch so unvergleichliche Tiber, Vatikan und Kapitol, Tiara und Krone, sie ziehen unwiderstehlich an. Aber ein bißchen spielen ist doch gar zu schön! Bald lief ich nun durch kleine Täler romwärts, bald ging ich sogar dem Tiber entlang, der sich wunderlich schlängelt. Man könnte Bücher über dieses Land vor den Toren Roms schreiben. So nahe dem Mäcenas ein Dorf, das nicht lesen kann! So nahe dem Lukullus ein Dorf, das nur Reis ißt und Ziegenmilch trinkt! So nahe dem Cäsar der Nomade! Allmählich geriet ich aus den Bergen in die Campagna. Die meisten denken dabei an den Süden Roms. Nein, man muß auch an den Osten und Norden Roms denken. Mir gerade hat es die nördliche Campagna angetan. Wie oft habe ich sie durchstreift und bin ihren Sagen und Historien nachgegangen! Wie oft habe ich am Feuer bei Herdenführern gesessen und mich innig bemüht, ihr Nomadenherz, das immer herumschweift und sich doch nie aus der Campagna wagt, begreifen zu lernen! Vom berühmten Soracte an, wo Horaz ein Fetzlein Schnee sah und Frösteln kriegte, von diesem klassischen Berglein an beginnt die eigentliche Welt der Campagna-Einsamkeit, der Träumerei, der Schwermut, das Kaiserreich der Hirten und der Maler, der Schnaken und Poeten, die Heimat der Fieber und der kleinen faulen, silbergrauen Schlangen in Halmen und Sandlöchern und das Vaterland der frühsommerlichen Gewitter. Campagna-Gewitter! Wer das nicht erlebte, hat eine der größten Naturtragödien nicht gesehen. Nirgends stampft der Donner so klotzfüßig über die Erde, und nirgends züngeln die Blitze so schwertbreit nieder und streichen ziegelrote und rußige Wetterwolken fast bis zum Boden wie hier. Nirgends darnach ist aber auch der Himmel so tiefblau und die Sonne so durchsichtig gelb und flammend. Vor allem aber: nirgends sind die frühen Morgen so feierlich still und so großartig ernst. Von der Nacht hängt noch Tau und Nebel im weiten Ried. Die Sonne ist noch nicht da. Es ist grau, so weit du schaust. Da und dort tröpfelt ein Wasser durch die Halme. Ferne blinkt eine Schleife des Tibers, kalt, silberig, schlangenglatt. Du bist allein. Es riecht wie nach dem Lehm des Sechstagewerks. Dir ist, jetzt müsse irgendwo aus dem Weidengebüsch der große Schöpfer hervortreten, der Urvater der Menschheit mit dem weißen, wallenden Bart und den herrlichen Greisenaugen der michelangelesken Zeichnung, den Mantel, der von Ewigkeiten rauscht, weit umgetan, ausgehend nach dem Klotz Erde, woraus Adam geschaffen werden soll. So einsam, so menschentot, so unweltlich ist es hier. Und ich schrecke zusammen, weil wirklich irgendwo die Gräser auseinandergehen und eine hohe Gestalt mit langem Bart hervortritt. Und schon will ich mich bücken und das Gesicht auf die Erde werfen... Aber sieh da, es ist ein Maler! Mein Freund Carl Herreras. Ach, du großer Meister Herreras! Magst du den ersten Pinsel der Welt führen, – aber jetzt hast du mir ein Bild zerstört, wie dir keines zu schaffen gelänge! Die Katzen vom Pantheon Ein ganzes Buch von Pantheonmärchen flüsterte in meinem Ohr, als ich das erstemal aus der Via Giustiniani heraus gegen den steinalten Rundbau mit der himmlischen Bedachung vortrat. Dieses Runde! Es verhexe vor allem die germanische Seele, die so viel mit Ecken und Steifheiten zu fechten habe. Vor dieser aufgelösten Zirkelpracht höre man um Mitternacht die Seufzer des malenden und meißelnden Nordens wie unerlöste Gespenster herumstreichen. Es gebe Kunsthistoriker, die nach dem Genusse dieser runden römischen Hexe alle noch so blutsverwandten Beziehungen zur Frau Gothik abbrechen. Das Quadrat erscheine vor dieser melodischen Vollkommenheit wie eine Pedanterie, das Parallelogramm wie eine Verdrehtheit, das Trapez geradezu als ein Affe und Narr der Kunst. Dieser erstaunliche Tempel habe manchen fröhlichen Könner zu Genietaten, manchen Schwächling zum Selbstmord verleitet und sei sogar am Kubismus und Futurismus nicht ganz unschuldig. Das sind ärmliche Legenden, die alle beim Anblick des Pantheons in nichts ersterben. So groß ist die Wahrheit des Gebäudes selbst. Und doch, als ich das erstemal vor seine Säulenhalle trat, da sah ich nichts von der weisen Geometrie und nichts von der steinernen Melodie dieses Werkes, ich sah nur wohlgezählte siebzehn magere, graue Katzen der Länge nach über die Fliesen des Vorhofs gestreckt. Sie hatten den langen, dünnen Schwanz zu einer Ellipse geringelt und schienen ein bißchen zu schlafen und ein bißchen auch die trägen, aber lüsternen Tigeraugen aufzuschlitzen und eine arme deutsche Seele anzublinzeln. Ich liebe die Katzen wie ein Mozart-Allegro, wie ein Correggio-Engelchen, wie – wie – ja, wie eine kleine, geistreiche, graziöse Bosheit von Zeit zu Zeit. Aber so viele Katzen auf einmal! In unserer nordischen Heimat, dem Vaterland der Vereine, sah ich einmal fünf Katzen beieinander. Das war die größte zisalpine Versammlung. Aber sie fand im Hornung statt. Doch jetzt im trägen, trockenen Juli, so außer aller Schwarmzeit, am offenen, hellen Tag, mitten in der Großstadt siebzehn Katzen –, man überlege sich das einmal! Und alle trugen das gleiche wilde, graue Fell, einen etwas zerzausten Schnurrbart, einen geschmeidigen, langen, mageren Leib, und alle lagen in monumentaler Stille da, die einen alle vier von sich streckend, andere ineinander gehaspelt, dritte unter den Bauch verkrochen, vierte wie Philosophen sitzend, mit samtenen Knien und beschaulich vor sich hin auf die Nasenspitze blickend. Obwohl ich ganz solche Stellungen auch an deutschen Katzen oft bemerkt hatte, so fehlte hier doch etwas. Was war es nur? Ach ja, das Gemütliche und Stubenhafte unseres Hinz und unserer Mieze. Selbst die verkrochenste Katze hatte hier etwas Klassisches und öffentliches. Alle lagen in antikem Stile da. Es waren keine Hauskatzen, sondern römische Panther von jener Sorte, die am goldenen Gespann des schneebleichen, grausamen, satanisch schönen Cäsarbuben Caligula angeschirrt waren, oder Kinder von jenen Tigern, die Sankt Ignatius in der Arena zerrissen haben, oder es waren Schoßkätzchen jener furchtbaren römischen Weiber, der Messalina oder der Poppäa – kurz diese Katzen waren so alt wie das Pantheon. Das fühlte ich. Und sie waren bis heute Heidinnen geblieben. Alles hatte sich bekehrt. Ganz Rom hatte sich in vier Jahrhunderten taufen lassen. Löwen hatten dem Einsiedler Paulus das Grab gehackt, den Märtyrern die Füße geleckt, Bären trugen dem Prediger Gallus Balken und Scheiter zum Zellenbau, Raben dienten dem Klausner Meinrad, ein Wolf stellte sich gehorsam dem Franz von Assisi und selbst die schwachsinnigen Fische bemühten sich, der Predigt Antons von Padua zu folgen. Das ganze Tierreich ergab sich. Nur diese Forumkatzen behielten ihr zähes Heidenherz. Zwar anfangs fühlte ich das nicht so deutlich, und in der ersten deutschen Katzenfreude rief ich sie in unserer herzlichen Mundart an mit: Züs! Züs! – oder Büsi, Büsi! – und Mimeli und Minettli!, kurz, ich schmeichelte ihnen mit all den Traulichkeiten, womit man sie in den Rheinlanden, im Schlesischen, drunten im Mecklenburgischen und droben in den Schweizeralpen grüßt. Aber sie zwinkerten kaum mit dem schrägen, gelben Schlitz ihrer Augen. Ein kleines, spöttisches Grinsen lief über ihre blutrote Lippe. – »Der Dummkopf«, dachten sie wohl. »Was sind das für plumpe Gesindenamen? Kann er nicht rufen: Felis Augusta! Felis Caesarea! Felis Capitolina! Felis Regina! Kennt der Barbar kein Latein?« Ich zog meine Hände zurück, so gern ich diese weichen, sonnensprühenden Felle gestreichelt hätte. Alles Vertrauen in diese Tiere war verschwunden. Schnurrte und spulte ja auch keines von ihnen in träumerischer Gemütlichkeit wie etwa unser Zim-Zim auf dem warmen Fenstergesimse sommers oder auf dem wärmeren Ofenziegel winters. »Das sind wohl die letzten Hüter des Heidentums«, dachte ich, »verkappte alte Götzen, der kräftige, sehnige Kater dort, der Mars, und die schöne, biegsame Kätzin da mit dem melodischen Kopf, die Venus. Und hier, mit seinem größten Schnurrbart und den dichten Brauen, der hohe Jupiter, und da drüben das kleine, freche Ding, das war wohl der lose Olympierknab Amor. Lagen sie da vor dem Haus aller Götter – Pantheon –, nisteten wenigstens noch an den Portalen, nachdem der bleiche Mann aus Judäa sie aus ihrem Heiligtum vertrieben hatte?« Diese süßen, kleinen Ungeheuer erfüllten mich ganz mit altrömischen Erinnerungen, machten mich selbst zu einem halben Heiden. Ich vergaß, daß da innen Altäre sind und Lichter vor dein Tabernakel brennen, daß man da zur Messe klingelt und zur Wandlung läutet und das Evangelium vom armen Gott der Krippe und des Kreuzes predigt. Ich glaubte wahrhaft, vor einem Tempel Cäsars zu stehen, und meinte nichts anders, als im nächsten Augenblick träten die Priester heraus und die weißen Vestalinnen und die Vogelschauer und die Haruspices und Cäsar mit seinem genialen Advokatengesicht. Und rechts von ihm geht der mit zwölf Jahren schon so alte, kalte, kleine August mit seinen zwei blauen, großen Rätseln im Antlitz, diesen so gar nicht römischen Augen. Aber links wiegt sich galant Antonius hin und her, der schöne, hohe, weinäugige Mann mit einer Stirne, die immer lacht, und mit Lippen, die immer dürsten. Und mir ist, auch Cicero müsse mit in der Gruppe sein, in den Mundwinkeln zuckend und die Warze im Gesicht reibend, wie immer, wenn er sich ärgert. Denn Cäsar hat das griechisch-lateinische Weihegebet übler als je verrichtet, das Latein mit lauter langweiligen Imperfekten und das Griechische mehrmals mit starkem, statt schwachem Aorist. Schade, der Mann verliert Stil – Ach was, ich träume. Das ist eine christliche Kirche, und ich bin ordentlicher Christ. Hinein also! Ich gehe zum Eingang; aber da erhebt Kater Jupiter den bärtigen Kopf und mustert mich drohend. Aha, ihr seid da, um Verehrer für Euren zerbrochenen Olymp zu keilen. – Verzeih, Vater der schönen Mythen und Märchen, aber du bist wirklich ein Anachronismus. Und nur unsere Gymnasialprofessoren weihräuchern Dir noch, weil sie am Ende selbst auch Anachronismen sind. Entschlossen betrete ich die Schwelle. Da gähnt Kater Mars gewaltig auf und sperrt mir seinen weißzähnigen Rachen entgegen, als wollte er mich verschlingen. Es hilft Euch alles nichts, entgötterte Katzen, ich muß hinein! Ich fasse den ledernen Vorhang und sehe schon aus dem Dunkel etwas wie altes, gelbes Altargold blinken. Da springt vom glatten Marmor die Kätzin Venus auf. Welch ein Sprung ist das! Welch elegantes Muskelspiel! Sie dehnt sich, reckt sich, höckert sich, rund und reich wie ein Lied, und schlängelt mir entgegen, wellenweich, samtig, leis und duftig. Das ist die reinste Zauberei. Römische Verhexung. Aber ich kann nicht anders, wie das Kätzchen aufs Sims springt, behend und geschmeidig das Köpflein mir entgegenreibt, da lasse ich den Türteppich fallen. Miau! Es kommt leis und zischend zwischen den blutroten Lippen und den elfenbeinhellen spitzen Zähnen hervor. Es ist nicht das trauliche vom Kätzchen Spiegel. Nein, es ist ein Ton aus fernen Grüften, aus verschütteten Tempeln herauf. Es ist dazu ein schwacher Ton, die Stimme eines Weibes, einer Sirene, so melodisch, so betörend. Es ist ein Venussang. Ach, ich liebe die Katzen unbesonnen. Und so greif' ich nach dem schönen Ding, das doch so gar nichts Zahmes an sich hat. Streicheln, streicheln dieses glänzende Fell! – Aber kaum berühr' ich den Samtpelz, so faucht das Tier, spuckt und spritzt und dampft mir entgegen und blendet mich mit seinen zündgelben, bösen Augen. »Herr, sie beißen und kratzen! Das sind ja wilde Katzen!« – ruft mir ein Zündhölzchenjunge zu. Er lacht über mein entsetztes Zurückfahren und mein Erbleichen. »Ecco, zolfanelli, un soldo soltanta!« Ich kaufe sie mechanisch und verschwinde rasch hinter dem Türvorhang. * Andächtig scheint es mir da drinnen nicht, noch traulich, nicht einmal schön. Eine kühle, reine Genauigkeit und Rundheit der Masse, das ist wahr. Aber ich ziehe die warme, herzliche Ungenauigkeit mit Winkeln und Ecken, tiefen Dielen und Rotunden, verschneckten Gängen und plötzlich wieder hohen Wölbungen vor. Es riecht hier zu scharf nach Geometrie. Die formelle Formlosigkeit der Natur ist mir lieber. Am Hauptaltar ging ein Küster lärmend und roh auf und ab. Ich weiß nicht, was er ordnen mußte. Die italienischen Mesner sind sonst ein ehrerbietiges, höfliches Völklein. Aber der stand auf dem Altartisch und schnarrte laut mit seinen Rangen. Das Ewige Licht glomm leise. Es schämte sich vor diesen frechen Dienern. Es wäre am liebsten ganz erloschen. Auch die Riesenkränze auf dem Grab des ermordeten Umberto ergriffen mich nicht. Und noch weniger die Marmortafel am Grabe des großen Consalvi. Ich fühlte zu deutlich, daß in diese antike Tempelhaftigkeit da nicht wieder ein nachgeahmtes antikes Christentum gehört, sondern etwas Neues, Inniges, Einfältiges und Schlichtes. Kein Thorwaldsen! Aber eine Christkindleinkrippe, ein altes Orgelspiel, ein paar Kinder, die »Jesuskind, mach' mich fromm, daß ich in den Himmel komm'!« beten. »Ein andermal«, dachte ich, »wenn ich besser bei Andacht bin« – und wollte wieder hinaus. – Nur noch schnell das Grab Raffaels grüßen. An der Pest gestorben – es ist schon so! –, an einem milden Karfreitag –, ein blühender junger Mann –, mehr als der Papst und der deutsche Kaiser und der König von Paris berühmt –, über Michelangelo und Lionardo, die vor ihm geboren und glanzvoll geworden sind, noch weit hinausstrahlend –, schön, geliebt, angebetet, reich, ohne Hasser, ohne Tadler –, so starb er und ward von lauter Domherren und Grafen in diese Gruft gesenkt.   Ich suche mich in jenen Ostermontag hineinzuleben. Das Gepränge, das Weinen der Schüler, die dunkeln Gesichter der Pestbrüder, Kardinal Bembo ganz erschüttert, Sebastiano del Piombo heimlich froh, aber mit theatralischer Trauer den Bahrenzipfel tragend, der verpichte Sarg, aus dem dennoch der furchtbare Geruch des Todes schwelt, und fast zu hinterst Michelangelo, schon grauhaarig und mit gerümpftem Gesicht, die Brust voll zorniger Anklagen, weil ihm dieser Tote da alles vorweggenommen hat, das Glück und die Liebe, die rasche, heiße Arbeit und die leichte, anmutige, allen verständliche Schönheit, einen kurzen, jungen Rausch des Lebens und nun auch noch das ersehnte, dauerhafte Grab. Überall war ihm dieser leichte Jüngling zuvorgekommen. Michelangelo wollte beten, aber er war zu zornig dazu. Aber auch ich fand keine richtige Stimmung. Da war einfach nichts zu machen. Ich wollte nun durchaus gehen. Da trat ein dürftiger Mensch ans Grab, den ich zu erkennen glaubte. Er legte einen sehr schönen und sehr großen Kranz auf den Stein. Zypressen und rote Nelken darin. »Es ist geglückt«, sagte er, halb wie Gebet und halb wie Geplauder, in echt römischer Naivität, »Vielen Dank vom Meister!« Dabei lächelte er mich an, und ich erkannte, daß er es eigentlich mir hatte sagen wollen. »Zenone?«fragte ich. »Eccomi!« Ja, das war Zenone, der Handlanger seines Bruders, des Flachmalers Daniele Bocchi. Sie hatten das Vestibül unseres Hotels auszumalen gehabt. Das war die erste öffentliche Arbeit Danieles gewesen, des ungebildeten und talentlosen, aber zähen Burschen. So sehr aller Phantasie bar war er, daß er nicht einmal ein eigenes, noch so geringes Ornament hatte erfinden können. Alle Füllung der Wände und Dielen schrieb er aus Dantellis Lehrbuch ab. Abschreiben konnte er wie ein Genie. Aber der Hotelier hatte ihn dennoch gewählt, weil Daniele der Neffe seines tüchtigen, ja unentbehrlichen Kellners war. Dieser Mann hielt mit seinem schönen, raschen Schritt, seiner süßen, sorgenvollen Umfrage nach den weitern Wünschen seiner Gäste, seinem arabischen Kaffee, den er selber an einem Nebentischchen zubereitete und kredenzte, und endlich mit den wunderbar gefalteten Servietten so recht eigentlich das Hotel auf der Höhe des neuen Jahrhunderts. Er war eine unschätzbare Seele. Aus Rücksicht gegen ihn hatte der Hotelier Daniele angestellt. Wie so merkwürdig viele Römer, verstand der Padrone von echter und falscher Kunst keinen Deut. Wenn Daniele nur recht frische, starke Farben nahm und runde Bogen mit Weinlaub und einen blauen Himmel zuwegebrachte! Das hatte Daniele auch redlich vollbracht. Stundenlang in der mittäglichen Siesta hatte ich dem Jüngling zugeschaut, wie er die Wände als Reblauben darstellte und dem vogelarmen Rom wenigstens hier einen Reichtum von heimischem und exotischem Federvieh schenkte. Brave Tierchen! Mit so wohldressierten Gebärden, wie sie im Dantelli standen, saßen sie neben den dunkelblauen Trauben, und der frechste Spatz pickte keine Beere weg. Das imponierte den römischen Gästen. In den Laubbögen standen Kalabresierinnen mit Krügen und Trinkschalen, und über die Achsel schauten ihnen kußbereite, hübsche Jünglinge aus Neapel zu und drohten mit Zärtlichkeiten. Die Figuren waren famos aus den Zeichnungen der Carracci entlehnt. Daniele hatte doch Farbensinn. Es war plastisch gemalt. Man glaubte, die Leute mischten sich im nächsten Augenblick aus den Reben heraus unter uns lebende Gäste. Aber man sollte wissen, daß wir in Rom leben. Daher pinselte der Meister aus den Lauben in die Diele auf allen vier Seiten empor die Ruinen des Kolosseums mit den Nischen und Fensteröffnungen des alten Baues. Schummrig silbergrau sah das Gemäuer aus und stach prachtvoll vom Himmel herein. Das war nun etwas langweilig zu sehen. Diese Mauerfenster liefen um den Dielensaum wie ein Fries, und es hätte da außerordentlich gut in jede Nische etwas Lebendes hineingepaßt. Aber was? Umsonst befragte Daniele seinen Dantelli. Nun, bis er den Himmel im Scheitel fertig gemalt und tiefblau genug gestrichen hatte – più azurro! Ancora un po' più azurro! –, mahnten der Padrone und der Kellner Tag für Tag, – bis dahin würde sich schon irgend etwas erstehlen lassen.   Indessen mußte Daniele seine hundertfünfzig Lire Lohn bereits bekommen haben. Von diesem ersten Künstlerlohn hatte er gelobt, dem Raffael im Pantheon einen Kranz zu kaufen. Und sicher, so wie der Kranz aussah, reich, fein und groß, mochte er die Hälfte des ganzen Geldes gekostet haben. Ein paar Minuten darauf kam er selber und legte den Kranz etwas genauer in die Mitte. Dann kniete er nieder und betete ein Paternoster ums andere. Und wenn er während der ganzen Hotelmalerei nie so recht wie ein Künstler ausgesehen hatte, jetzt flammten seine Augen in einer Art echt künstlerischer Verzückung. Und in dieser herrlichen Erhebung seiner sonst so nüchternen Seele betete er für Raffael, daß er im Himmel nun zunächst seiner schönsten Madonna throne, ein ziemlich hohes Stück ob Michelangelo und Tiziano. Und daß er von da oben ihm, dem kleineren, aber nicht unwürdigen Daniele, immer ein bißchen heimlich beistehen wolle, zugleich mit dem selig verstorbenen Dantelli. Er sagte auch begeistert, daß ihm das erste Fresko erstaunlich gelungen sei und daß ihm Raffael daher nun immer größere und reichere Aufträge nicht bloß von Hoteliers, sondern auch von Herzögen und Kardinälen erflehen wolle. – Da sei sein Kranz. Achtzig Lire habe er gekostet. Aber ihn reue das nicht. Raffael verdiene noch viel bessere Kränze. Ob er für diesmal aber doch mit diesem da zufrieden sein wolle? Zypressen und Nelken, das sei etwas Gewöhnliches. Aber sobald er im Vatikan oder beim jungen reichen Farnese habe malen dürfen, müsse Raffael einen Kranz von vergoldeten Palmen und echt silbernen Lilien haben. Davvero! Daniele war in jenen Minuten rührend anzuschauen. Jedes Wort war ihm ernst. Das Genie Raffaels hatte gewiß noch nie eine so ehrliche Huldigung erlebt. Neben dem Bruder stand Zenone und ließ nicht einen Blick von ihm. Er bewunderte in diesem Augenblick den lebenden Meister mehr als den toten. Das änderte mit einem Schlag auch meine Stimmung. Ich wurde zufrieden. Die Kirche ward mir heimelig. Auf einmal dünkte mich hier alles bewundernswert und lieb. Der Altar schien mir erhaben wie nur irgendeiner, der Küster wie ein heiliger Levite, so eifrig und wohlbestallt. Consalvis Grab, wo Napoleons einziger unerschrockener und ungebändigter Gegner schläft, nötigte mir eine tiefe Verbeugung ab, und es erschütterte mich, bei Umbertos Grab an jenen schönen Sonntag zu denken, wo in einem Volksfest und in einer starken Lebensfreude der böse Schuß knallte und den Monarchen zu den Toten legte, mitten in der hellsten lombardischen Sonne. Es gingen mir ein paar einfältig fromme Gedanken durch den Kopf, ich murmelte herzlich ein gutes Sprüchlein und ging dann wohlgestimmt und zufrieden hinaus. * Da lagen die verdammten Katzen noch immer. Frau Venus schleckte an ihrem blitzenden Fell und gab mir keinen Blick aus ihren gelben Schlitzen. Und Jupiter zückte mit keiner Braue und Mars zog keine Kralle hervor. Sie verachteten mich augenscheinlich. Ich machte Pst, dz! dz! dz! – aber sie rührten sich nicht. Der Zündhölzchenbub aber lief wieder her und sagte: »Vuole una scattolina? – Aber die Katzen müssen Sie schlafen lassen... soltanto un soldo!« –, da sah er einen Engländer. Gleich war er an ihm. »Uollen Sir una scattolina? Soltanto venti centesimi!« – Der Halunke! »Ein schöner Kranz, nicht wahr!« sagte mir der Lehrbub. Mit Daniele trat er hinter mir aus dem Tempel. »Aber Sie müssen einmal sehen, wie das Werk gelungen ist! Ahi!« Daniele Bocchi zog nur den Hut und harrte auf meinen Weihrauch. »Wem gehören eigentlich diese Katzen?« fragte ich mit unverschämter Rücksichtslosigkeit. Verwundert sahen mich die Zwei an. »Das sind doch wilde Katzen, die Forumskatzen. Die gehören niemand. Jedes Kind in Rom weiß das«, plapperte Zenone. Daniele nickte nur großartig. »Solche Katzen solltet Ihr in Eure Lünetten malen«, sagte ich zu Daniele ohne großen Ernst. »Ihr habt ja die Laubenfenster noch immer leer. Correggio hat Putten, und die Carracci haben Masken und Tierköpfe in die Zwickel gemalt. Auch Ihr solltet etwas Lebendiges in Euer Kolosseum setzen.« Daniele horchte aufmerksam zu. Ich wurde lebhafter. War die Idee mit den Katzen etwa so schlecht? »Euer Raffael hat in der Farnesina jeden Winkel mit göttlichem Spuk erfüllt. Schmuggelt nun Ihr diese Forumskatzen in Euer Gemäuer! Das paßt!« Der Maler faßte mich am Ärmel, als wollte er noch mehr aus mir drängen. »Graue Katzen in jeder Nische, mit zitronengelben Schlitzaugen –, ha, das wäre ein neues, originelles Ornament!« Daniele nickte. Katzenmuster gab es zu hunderten im Dantelli. Sein Ehrgeiz schwoll, Correggio, Annibale Carracci, Rafaele und nun er, Daniele Bocchi! »Wolltet Ihr nicht noch gestern die Wappen der römischen Adelsleute in die Öffnungen setzen? Nun, da habt Ihr das echte Wappen des alten Kolosseums von Rom! Und wie könnt Ihr das Tier modulieren! Bei allen Göttern dieses Hauses, gibt es ein Geschöpf, das so viele Gesten und Gebärden reißen kann!« »O Ihr habt recht, Signore –, gleich, gleich an die Arbeit!« »Nicht aus dem Buche, Maestro«, bat ich und faßte Daniele am dunkelbraunen Samtwams, womit er prunkte. »Ihr zeichnet ja so trefflich ab. Hier habt Ihr die besten Modelle.« – Daniele riß ein Blatt aus dem Skizzenheft, setzte sich auf die Brüstung des Mäuerchens und entwarf Katze um Katze. Indessen erzählte mir Zenone, was er von diesen herrenlosen Tieren wußte. Ab und zu klatschten wir in die Hände, um die Modelle zu erschrecken und dem Zeichner einen andern Vorwurf zu verschaffen. So bekam er denn liegende und sitzende, geduckte und gestreckte, lange und gekringelte Katzen, eine ganze Galerie von Geschmeidigkeit und Eleganz. Zenone erzählte und erzählte weiter – oder träumte ich halb? –, wie sich dieses graue Raubtiervölkchen seit den Tagen der Imperatoren hier erhalten habe. Sie betteln in den Nachbarhäusern des Forums und bekommen reichlich. Am Tage schlafen sie am liebsten ums alte Pantheon herum. Das ist ihr heiliges Quartier. Man kennt kein anderes und niemand macht ihnen den Platz dahier streitig. Kein Bube wirft Steine nach ihnen. Und doch gehen gerade die jungen Römer Rangen so unbarmherzig mit den Tieren um. Freilich, diese Katzen lassen sich auch von niemand liebkosen. Sie stammen von alten Etruskermüttern und kompromisseln mit der Neuzeit niemals. Im kühlen Duft des Marmors und in der Harmonie des runden Heidentempels ist ihnen wohl. Da schlafen sie wie die grauen Forumtrümmer, so antik und klassisch ruhig. Aber wenn die Häuserschatten sich von Gasse zu Gasse spinnen, dann werden sie wach und gehen ins alte Rom hinüber. Dort zwischen alten Säulen und Tempelsöllern schleichen sie wie Tiger herum und machen Jagd auf Mäuse, Blindschleichen, Eidechsen. Ein großartiges Jagdrevier. Man denke, vom Kolosseum über den ganzen Palatin, durchs Forum und die Felsen hinauf zum Kapitol. Alles gehört ihnen da. Und es ist abwechslungsreich. Wie köstlich ergeht es sich bei Mondschein nur schon über den Ruinenberg des Kolosseums hinauf, durch seine Gänge und Löcher! Und welche feinen Erinnerungen gibt es da auf Schritt und Tritt an blutdürstige Vorfahren, die da Sklaven und Christen, blonde Germanen und schwarze Mohren zerreißen durften. So großartig lebt sich's heutzutage nicht mehr. Aber die Pirsch ist auch jetzt noch ergiebig. Denn die Fremden essen gern, indem sie diese Ruinen durchwandern, Schinkenbrötchen oder Würstchen oder auch Teiggebackenes und lassen zahllose Reste fallen. Das zieht die Mäuse an. Aber die Katzen fallen über sie her wie einst die römische Wölfin über die umliegenden, kleinen Räuberstämme. Und zu Füßen der alten Götter, beim heiligen Mondlicht, hauchen unter den Tigerkrallen Ratten und Mäuse ihre arme, zappelige Seele aus. Zuerst spielen die Katzen noch mit den Opfern, kratzen sie schwer und lassen sie wieder los. Da hüpft so ein Mäuschen schnell mit dünner Blutspur hinter sich zu einem schönen Gott, kriecht ihm in die Marmorsandalen und will an seinem Stab empor in die wallenden Ärmel klettern. Aber einer rechten Pantheonkatze ist kein Asyl heilig. Wild hackt sie das Tierchen herunter und beißt und krallt und quält, bis die Maus neben Amor oder Apoll oder einem andern grausam lächelnden Gott verendet. Oh, es spielen sich hier Tragödien ab wie zur Zeit der Cäsaren und der dampfenden Märtyrer-Arena! Aber eins darf man nicht übersehen, so ward ich belehrt, daß diese Tiere den antiken Boden rein halten. Sie schützen die Denkmäler vor dem Zerbröckeln und Zernagen durch barbarische Feldmäuse. Und kein Hund wagt sich aufs Forum. Er käme übel an. Kein Vogel verunreinigt diese alten Plätze. Die Katzen sind die unbezahlten, treuen, unsterblichen Hüterinnen des alten Rom. Besonders gern streifen sie um die Rostra herum, wo Cicero geredet hat. Er liebte die Katzen. Sie waren noch geschmeidiger als seine Advokatenreden und gingen auf melodischeren Füßen als seine Perioden. Er lernte von ihnen. Und so ist es: wenn Rom schläft und vielleicht nur noch ein alter Minister in seinem Bureau sich sorgenvoll auf die morgige Debatte auf dem Monte Citorio vorbereitet oder der müde Heilige Vater am bekannten Vatikanfenster sein spätes Brevier über die Stadt betet: »Noctem quietam et finem perfectum da nobis, Domine –«, aber wenn sonst alles schläft, der König und die schöne, hohe Königin, das Kronprinzlein und die Königsmädchen und die Generäle und die Kutscher und die Gasthofwirte, die vielen Mönche und Pfarrer und Touristen und deutschen Professoren und schwäbischen Hochzeitspaare, und wenn selbst der treueste Hund in der ganzen Stadt schläft, der große, graue, glatte Ettore in unseren Albergo –, dann wachen diese Katzen hier mit offenen, gelben Kreiselaugen über Rom, schnurren und mausen und führen unwidersprochenes blutiges Regiment. »Kommen Sie doch einmal da weg«, sagte der Maler ungeduldig, »ich bin schon lange fertig.« »Bitte, zeigt mir einmal!« Gott, welche Katzen waren das! Nein, nach der Natur zeichnete Daniele noch immer sehr schwach. Immer wieder merkte man den Leitfaden Dantelli. Das Beste waren noch Schwanz und Schnurrbart. Im übrigen hätten es auch Murmeltiere oder Seehunde sein können. »Es ist ganz ordentlich«, sagte ich und hörte Daniele erleichtert aufatmen. »Aber es muß noch nachgebessert werden. Diese Beine und dieser Kopf zum Beispiel – nun, Euer Buch –« »Natürlich«, frohlockte der Meister, »es sind viele Katzen darin!« Als hätte er die großartigste Inspiration vom Grabe Raffaels geholt, so sprang der Maler ins Hotel und ließ das Gerüste, das man abzubrechen begann, wieder in den frühern Zustand richten. Der Hotelier war mit unserer Erklärung, daß in die Mauerlöcher des Kolosseums Katzen gemalt werden sollten, statt des reinen blauen Himmels, sehr wohl einverstanden. Daniele zeichnete nun die ganze Nacht Katzen aus dem Dantelli, versuchte danach seine Naturskizzen zu korrigieren und brachte zuletzt ein prachtvoll aus Natur und Theorie gemischtes Katzengeschlecht zustande. Sie verloren dabei von ihrer Wildheit und nahmen etwas Gemächliches und Stubenhaftes an, was der gerühmten Gastlichkeit des Albergo ausgezeichnet entspricht. – Schon nach zwei Tagen war die Malerei vollendet und schauten diese silbergrauen Miezchen und Kater mit ihren gelben Augen und vollen Schnauzen in zwanzigfacher possierlicher Haltung zu den Nischen und Höhlen des Kolosseumgemäuers auf uns kaffeeschlürfende Siestagäste nieder. Sie machten sich gut und bildeten ein munteres Fries rundum. Zwei Zeitungen berichteten von ihnen – und erwähnten insbesondere die hübsche Tatsache, daß alle vierundzwanzig Katzen den Schwanz in Form eines S oder P ringeln. Das war meine Idee gewesen und versinnbildete das antike stolze Lapidarwort: Senatus Populusque Romanus. Jeder Deutsche, der ins Hotel tritt, freut sich an diesen Vestibülkatzen. Er kennt ja die unheimlichen Originale noch nicht und denkt beim Anblick dieser Geschöpflein da oben an warme Dezemberöfen im Norden, an summende Wasserkrüge, an Schnee auf den Gesimsen und an das urheimliche Schnurren und Spinnen unseres lieben Hinz auf den grünen Kacheln. Wenn aber ein Engländer fragt: »Uaß sein daß fur Tier?« –, so antworte ich mit feierlicher Geste: »Das sind die berühmten Katzen vom Pantheon!« »Daß uill ich schauw!«ruft der Angle und rennt gaßein. »Uo sein die cäts of Pantheon?«fragte er den Zündhölzchen- und Secolojungen. Und rennt weiter nach den Katzen, nachdem er dem Schlingel sogar trenta centesimi für die Schachtel gezahlt, aber dafür die schöne, abgefeimte Lüge kapiert hat, daß die Engländer einen indischen Paß zum erstenmal überschritten haben, am Korikjalgebirge oder am – ach, diese fremden Namen! Daniele hat dreimal mehr Aufträge, als er mit Hilfe der neuesten Auflage des Leitfadens von Dantelli bewältigen kann. Und am Pantheon schlafen die seltsamen, heidnischen Katzen ihren unsterblichen, uralten, klassischen Schlaf weiter.