Sigmund Freud Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose (1909) Studienausgabe Band VII S. Fischer Verlag 1973 I. Aus der Krankengeschichte A. Die Einleitung der Behandlung B. Die infantile Sexualität C. Die große Zwangsbefürchtung D. Die Einführung ins Verständnis der Kur E. Einige Zwangsvorstellungen und deren Übersetzung F. Die Krankheitsveranlassung G. Der Vaterkomplex und die Lösung der Rattenidee II. Zur Theorie A. Einige allgemeine Charaktere der Zwangsbildungen B. Einige psychische Besonderheiten der Zwangskranken – ihr Verhältnis zur Realität, zum Aberglauben und zum Tod C. Das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel 35 Die nachstehenden Blätter werden zweierlei enthalten: erstens fragmentarische Mitteilungen aus der Krankengeschichte eines Falles von Zwangsneurose, welcher nach seiner Dauer, seinen Schädigungsfolgen und nach subjektiver Wertung zu den ziemlich schweren gezählt werden konnte und dessen Behandlung durch etwa ein Jahr zunächst die völlige Herstellung der Persönlichkeit und die Aufhebung ihrer Hemmungen erzielte. Zweitens aber in Anknüpfung an diesen und in Anlehnung an andere früher analysierte Fälle einzelne aphoristische Angaben über die Genese und den feineren Mechanismus der seelischen Zwangsvorgänge, durch welche meine im Jahre 1896 veröffentlichten ersten Darstellungen weitergeführt werden sollen ›Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen‹ (1896  b ). (II. ›Wesen und Mechanismus der Zwangsneurose‹.) . Eine derartige Inhaltsangabe scheint mir selbst einer Rechtfertigung bedürftig, damit man nicht etwa glaube, ich hielte diese Art und Weise der Mitteilung für untadelhaft und nachahmenswert, während ich in Wirklichkeit nur Hemmungen äußerlicher und inhaltlicher Natur Rechnung trage und gerne mehr gegeben hätte, wenn ich nur dürfte und könnte. Die vollständige Behandlungsgeschichte kann ich nämlich nicht mitteilen, weil sie ein Eingehen auf die Lebensverhältnisse meines Patienten im einzelnen erfordern würde. Die belästigende Aufmerksamkeit einer Großstadt, die sich auf meine ärztliche Tätigkeit ganz besonders richtet, verbietet mir eine wahrheitsgetreue Darstellung; Entstellungen aber, mit denen man sich sonst zu behelfen pflegt, finde ich immer mehr unzweckmäßig und verwerflich. Sind sie geringfügig, so erfüllen sie den Zweck nicht, den Patienten vor indiskreter Neugierde zu schützen, und gehen sie weiter, so kosten sie zu große Opfer, indem sie das Verständnis der gerade an die kleinen Realien des Lebens geknüpften Zusammenhänge zerstören. Aus diesem letzteren Umstand ergibt sich dann der paradoxe Sachverhalt, daß man weit eher die intimsten Geheimnisse eines Patienten der Öffentlichkeit preisgeben darf, bei denen er doch unerkannt bleibt, als die harmlosesten und banalsten 36 Bestimmungen seiner Person, mit denen er allen bekannt ist und die ihn für alle kenntlich machen würden. Entschuldige ich so die arge Verkürzung der Kranken- und Behandlungsgeschichte, so steht mir für die Beschränkung auf einzelne Ergebnisse aus der psychoanalytischen Untersuchung der Zwangsneurose eine noch triftigere Aufklärung zu Gebote. Ich bekenne, daß es mir bisher noch nicht gelungen ist, das komplizierte Gefüge eines schweren Falles von Zwangsneurose restlos zu durchschauen, und daß ich es nicht zustande brächte, diese analytisch erkannte oder geahnte Struktur durch die Auflagerungen der Behandlung hindurch anderen in der Wiedergabe der Analyse sichtbar zu machen. Es sind die Widerstände der Kranken und die Formen von deren Äußerung, welche letztere Aufgabe so sehr erschweren; aber man muß sagen, daß das Verständnis einer Zwangsneurose an und für sich nichts Leichtes ist, viel schwerer als das eines Falles von Hysterie. Eigentlich sollte man das Gegenteil erwarten. Die Mittel, durch welche die Zwangsneurose ihre geheimen Gedanken zum Ausdruck bringt, die Sprache der Zwangsneurose ist gleichsam nur ein Dialekt der hysterischen Sprache, aber ein Dialekt, in welchen uns die Einfühlung leichter gelingen müßte, weil er dem Ausdrucke unseres bewußten Denkens verwandter ist als der hysterische. Er enthält vor allem nicht jenen Sprung aus dem Seelischen in die somatische Innervation – die hysterische Konversion –, den wir mit unserem Begreifen doch niemals mitmachen können. Vielleicht trägt auch nur unsere geringere Vertrautheit mit der Zwangsneurose die Schuld daran, daß die Wirklichkeit jene Erwartung nicht bestätigt. Die Zwangsneurotiker schweren Kalibers stellen sich der analytischen Behandlung weit seltener als die Hysteriker. Sie dissimulieren auch im Leben ihre Zustände, solange es angeht, und kommen zum Arzt häufig erst in so vorgeschrittenen Stadien des Leidens, wie sie bei der Lungentuberkulose z. B. die Aufnahme in eine Heilstätte ausschließen würden. Ich ziehe aber diesen Vergleich heran, weil wir bei den leichten und den schweren, aber frühzeitig bekämpften Fällen der Zwangsneurose, ganz ähnlich wie bei jener chronischen Infektionskrankheit, auf eine Reihe glänzender Heilerfolge hinweisen können. Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes möglich, als die Dinge so unvollkommen und so unvollständig mitzuteilen, wie man sie weiß 37 und weitersagen darf. Die hier gebotenen, mühselig genug zutage geförderten Brocken von Erkenntnis mögen an sich wenig befriedigend wirken, aber die Arbeit anderer Untersucher mag an sie anschließen, und der gemeinsamen Bemühung kann die Leistung gelingen, die für den einzelnen vielleicht zu schwer ist. 1 38 Aus der Krankengeschichte Ein jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich mit der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen schon seit seiner Kindheit, besonders stark aber seit vier Jahren. Hauptinhalt seines Leidens seien Befürchtungen , daß zwei Personen, die er sehr liebe, etwas geschehen werde, dem Vater und einer Dame, die er verehre. Außerdem verspüre er Zwangsimpulse , wie z. B. sich mit einem Rasiermesser den Hals abzuschneiden, und produziere Verbote , die sich auch auf gleichgültige Dinge beziehen. Er habe durch den Kampf gegen seine Ideen Jahre verloren und sei darum im Leben zurückgeblieben. Von den versuchten Kuren habe ihm nichts genützt als eine Wasserbehandlung in einer Anstalt bei **; diese aber wohl nur darum, weil er dort eine Bekanntschaft machte, die zu regelmäßigem Sexualverkehr führte. Hier habe er keine solche Gelegenheit, verkehre selten und in unregelmäßigen Intervallen. Vor Prostituierten empfinde er Ekel. Sein Sexualleben sei überhaupt kümmerlich gewesen, Onanie habe nur eine geringe Rolle gespielt, im 16. oder 17. Jahre. Seine Potenz sei normal; erster Koitus mit 26 Jahren. Er macht den Eindruck eines klaren, scharfsinnigen Kopfes. Von mir befragt, was ihn veranlasse, die Auskünfte über sein Sexualleben in den Vordergrund zu rücken, antwortet er, das sei dasjenige, was er von meinen Lehren wisse. Er habe sonst nichts von meinen Schriften gelesen, aber vor kurzem beim Blättern in einem Buche von mir die Aufklärung sonderbarer Wortverknüpfungen gefunden Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1901  b ). , die ihn so sehr an seine eigenen »Denkarbeiten« mit seinen Ideen gemahnt hätten, daß er beschlossen habe, sich mir anzuvertrauen. A. Die Einleitung der Behandlung Nachdem ich ihn am nächsten Tage auf die einzige Bedingung der Kur verpflichtet, alles zu sagen, was ihm durch den Kopf gehe, auch wenn es ihm unangenehm sei, auch wenn es ihm unwichtig, nicht 39 dazugehörig oder unsinnig erscheine, und ihm freigestellt, mit welchem Thema er seine Mitteilungen eröffnen wolle, beginnt er wie folgt Redigiert nach der Niederschrift am Abend des Behandlungstages in möglichster Anlehnung an die erinnerten Reden des Patienten. – Ich kann nur davor warnen, die Zeit der Behandlung selbst zur Fixierung des Gehörten zu verwenden. Die Ablenkung der Aufmerksamkeit des Arztes bringt dem Kranken mehr Schaden, als durch den Gewinn an Reproduktionstreue in der Krankengeschichte entschuldigt werden kann. : Er habe einen Freund, den er außerordentlich hochstelle. Zu dem gehe er immer, wenn ihn ein verbrecherischer Impuls plage, und frage ihn, ob er ihn als Verbrecher verachte. Der Freund halte ihn aufrecht, indem er ihm versichere, daß er ein tadelloser Mensch sei, der sich wahrscheinlich von Jugend auf gewöhnt habe, sein Leben unter solchen Gesichtspunkten zu betrachten. Einen ähnlichen Einfluß habe früher einmal ein anderer auf ihn geübt, ein Student, der 19 Jahre alt war, während er 14 oder 15 Jahre war, der Gefallen an ihm fand und sein Selbstgefühl außerordentlich hob, so daß er sich als Genie vorkommen durfte. Dieser Student wurde später sein Hauslehrer und änderte dann plötzlich sein Benehmen, indem er ihn zum Trottel herabsetzte. Er merkte endlich, daß jener sich für eine seiner Schwestern interessierte und sich mit ihm nur eingelassen habe, um Zutritt ins Haus zu gewinnen. Es war dies die erste große Erschütterung seines Lebens. Er fährt dann wie unvermittelt fort: B. Die infantile Sexualität »Mein Sexualleben hat sehr früh begonnen. Ich erinnere mich einer Szene aus meinem 4. bis 5. Jahre (vom 6. Jahre an ist meine Erinnerung überhaupt vollständig), die mir Jahre später klar aufgetaucht ist. Wir hatten eine sehr schöne, junge Gouvernante, Fräulein Peter Der frühere Analytiker Dr. Alfred Adler gedachte einmal in einem privaten Vortrag der besonderen Bedeutung, welche den allerersten Mitteilungen der Patienten zukommt. Hier ein Beleg dafür. Die einleitenden Worte des Patienten betonen den Einfluß, den Männer auf ihn ausüben, die Rolle der homosexuellen Objektwahl in seinem Leben, und lassen gleich darauf ein zweites Motiv anklingen, welches später bedeutsam hervortreten wird, den Konflikt und Interessengegensatz zwischen Mann und Weib. Auch daß er die erste schöne Gouvernante mit ihrem Familiennamen erinnert, welcher zufällig einem männlichen Vornamen gleicht, ist in diesen Zusammenhang aufzunehmen. In Wiener Bürgerkreisen pflegt man eine Gouvernante häufiger bei ihrem Vornamen zu nennen und behält eher diesen im Gedächtnis. . Die lag eines Abends leicht bekleidet auf dem Sofa und las; ich lag neben ihr 40 und bat sie um die Erlaubnis, unter ihre Röcke zu kriechen. Sie erlaubte es, wenn ich niemand etwas davon sagen würde. Sie hatte wenig an, und ich betastete sie an den Genitalien und am Leibe, der mir kurios vorkam. Seitdem blieb mir eine brennende, peinigende Neugierde, den weiblichen Körper zu sehen. Ich weiß noch, mit welcher Spannung ich im Bade, wohin ich noch mit dem Fräulein und den Schwestern gehen durfte, darauf wartete, bis das Fräulein ausgekleidet ins Wasser stieg. An mehr erinnere ich mich vom 6. Jahre an. Wir hatten dann ein anderes Fräulein, auch jung und schön, die Abszesse am Gesäß hatte, welche sie abends auszudrücken pflegte. Ich lauerte auf diesen Moment, um meine Neugierde zu stillen. Ebenso im Bade, obwohl Fräulein Lina zurückhaltender war als die erste.« (Auf eine Zwischenfrage: »Ich schlief nicht regelmäßig in ihrem Zimmer, meist bei den Eltern.) Ich erinnere eine Szene, bei der ich 7 Jahre gewesen sein muß Er gibt später die Wahrscheinlichkeit zu, daß diese Szene 1 bis 2 Jahre später vorfiel. . Wir saßen am Abend, das Fräulein, die Köchin, ein anderes Mädchen, ich und mein um 1½ Jahre jüngerer Bruder, beisammen. Ich vernahm plötzlich aus dem Gespräch der Mädchen, wie Fräulein Lina sagte: Mit dem Kleinen könne man das schon machen, aber der Paul (ich) sei zu ungeschickt, er werde gewiß danebenfahren. Ich verstand nicht klar, was gemeint war, verstand aber die Zurücksetzung und begann zu weinen. Lina tröstete mich und erzählte mir, daß ein Mädchen, welches etwas Derartiges mit einem ihr anvertrauten Buben gemacht hatte, für mehrere Monate eingesperrt worden sei. Ich glaube nicht, daß sie etwas Unrechtes mit mir angestellt hat, aber ich nahm mir viel Freiheiten gegen sie heraus. Wenn ich zu ihr ins Bett kam, deckte ich sie auf und rührte sie an, was sie sich ruhig gefallen ließ. Sie war nicht sehr intelligent und offenbar geschlechtlich sehr bedürftig. 23 Jahre alt, hatte sie schon ein Kind gehabt, dessen Vater sie später heiratete, so daß sie heute Frau Hofrat heißt. Ich sehe sie noch oft auf der Straße.« »Ich habe schon mit 6 Jahren an Erektionen gelitten und weiß, daß ich einmal zur Mutter ging, um mich darüber zu beklagen. Ich weiß auch, daß ich dabei Bedenken zu überwinden hatte, denn ich ahnte den Zusammenhang mit meinen Vorstellungen und meiner Neugierde und hatte damals eine Zeitlang die krankhafte Idee, die Eltern wüßten meine Gedanken, was ich mir so erklärte, daß ich sie ausgesprochen, ohne es aber selbst zu hören . Ich sehe hierin den Beginn meiner Krankheit. Es gab Personen, Mädchen, die mir sehr gefielen und die ich mir 41 dringendst nackt zu sehen wünschte. Ich hatte aber bei diesen Wünschen ein unheimliches Gefühl, als müßte etwas geschehen, wenn ich das dächte, und ich müßte allerlei tun, um es zu verhindern .« (Als Probe dieser Befürchtungen gibt er auf Befragen an: »Z. B. mein Vater würde sterben .«) »Gedanken an den Tod des Vaters haben mich frühzeitig und durch lange Zeit beschäftigt und sehr traurig gestimmt.« Ich vernehme bei dieser Gelegenheit mit Erstaunen, daß sein Vater, um den sich doch seine heutigen Zwangsbefürchtungen kümmern, schon vor mehreren Jahren gestorben ist.   Was unser Patient in der ersten Stunde der Behandlung aus seinem 6. oder 7. Jahre schildert, ist nicht nur, wie er meint, der Beginn der Krankheit, sondern bereits die Krankheit selbst. Eine vollständige Zwangsneurose, der kein wesentliches Element mehr abgeht, zugleich der Kern und das Vorbild des späteren Leidens, der Elementarorganismus gleichsam, dessen Studium allein uns das Verhältnis der komplizierten Organisation der heutigen Erkrankung vermitteln kann. Wir sehen das Kind unter der Herrschaft einer sexuellen Triebkomponente, der Schaulust, deren Ergebnis der mit großer Intensität immer wieder von neuem auftretende Wunsch ist, weibliche Personen, die ihm gefallen, nackt zu sehen. Dieser Wunsch entspricht der späteren Zwangsidee; wenn er den Zwangscharakter noch nicht hat, so kommt dies daher, daß das Ich sich noch nicht in vollen Widerspruch zu ihm gesetzt hat, ihn nicht als fremd verspürt, doch regt sich bereits von irgendwoher ein Widerspruch gegen diesen Wunsch, denn ein peinlicher Affekt begleitet regelmäßig das Auftauchen desselben Es sei daran erinnert, daß man den Versuch gemacht hat, Zwangsvorstellungen ohne Rücksicht auf die Affektivität zu erklären! . Ein Konflikt ist offenbar in dem Seelenleben des kleinen Lüsternen vorhanden; neben dem Zwangswunsch steht eine Zwangsbefürchtung innig an den Wunsch geknüpft: sooft er so etwas denkt, muß er fürchten, es werde etwas Schreckliches geschehen. Dies Schreckliche kleidet sich bereits in eine charakteristische Unbestimmtheit, die fortan in den Äußerungen der Neurose niemals fehlen wird. Doch ist es beim Kinde nicht schwer, das durch solche Unbestimmtheit Verhüllte aufzufinden. Kann man für irgend eine der verschwommenen Allgemeinheiten der Zwangsneurose ein Beispiel erfahren, so sei man sicher, dies Beispiel ist das Ursprüngliche und Eigentliche selbst, das durch die Verallgemeinerung versteckt werden sollte. Die Zwangsbefürchtung lautete also, ihrem Sinne nach 42 wiederhergestellt: »Wenn ich den Wunsch habe, eine Frau nackt zu sehen, muß mein Vater sterben.« Der peinliche Affekt nimmt deutlich die Färbung des Unheimlichen, Abergläubischen an und gibt bereits Impulsen den Ursprung, etwas zur Abwendung des Unheiles zu tun, wie sie sich in den späteren Schutzmaßregeln durchsetzen werden. Also: ein erotischer Trieb und eine Auflehnung gegen ihn, ein (noch nicht zwanghafter) Wunsch und eine (bereits zwanghafte) ihr widerstrebende Befürchtung, ein peinlicher Affekt und ein Drang zu Abwehrhandlungen; das Inventar der Neurose ist vollzählig. Ja, es ist noch etwas anderes vorhanden, eine Art von Delir- oder Wahnbildung sonderbaren Inhalts: die Eltern wüßten seine Gedanken, weil er sie ausspreche, ohne sie selbst zu hören. Wir werden kaum irregehen, wenn wir in diesem kindlichen Erklärungsversuch eine Ahnung jener merkwürdigen seelischen Vorgänge vernehmen, die wir unbewußte heißen und deren wir zur wissenschaftlichen Aufhellung des dunklen Sachverhaltes nicht entraten können. »Ich spreche meine Gedanken aus, ohne sie zu hören«, klingt wie eine Projektion nach außen unserer eigenen Annahme, daß er Gedanken hat, ohne etwas von ihnen zu wissen, wie eine endopsychische Wahrnehmung des Verdrängten. Wir erkennen es nämlich klar: Diese infantile Elementarneurose hat bereits ihr Problem und ihre scheinbare Absurdität wie jede komplizierte Neurose eines Erwachsenen. Was soll es heißen, daß der Vater sterben muß, wenn im Kinde jener lüsterne Wunsch rege wird? Ist das barer Unsinn, oder gibt es Wege, diesen Satz zu verstehen, ihn als notwendiges Ergebnis früherer Vorgänge und Voraussetzungen zu erfassen? Wenn wir anderswo gewonnene Einsichten auf diesen Fall von Kinderneurose anwenden, so müssen wir vermuten, daß auch hier, also vor dem 6. Jahre, traumatische Erlebnisse, Konflikte und Verdrängungen vorgefallen sind, die selbst der Amnesie verfielen, aber als Residuum diesen Inhalt der Zwangsbefürchtung zurückgelassen haben. Wir werden späterhin erfahren, wieweit es uns möglich ist, diese vergessenen Erlebnisse wieder aufzufinden oder mit einiger Sicherheit zu konstruieren. Unterdes wollen wir noch als ein wahrscheinlich nicht gleichgültiges Zusammentreffen betonen, daß die Kindheitsamnesie unseres Patienten gerade mit dem 6. Jahre ihr Ende erreicht. Einen derartigen Beginn einer chronischen Zwangsneurose in der frühen 43 Kindheit mit solch lüsternen Wünschen, an die unheimliche Erwartungen und Neigung zu Abwehrhandlungen geknüpft sind, kenne ich von mehreren anderen Fällen. Er ist absolut typisch, wenn auch wahrscheinlich nicht der einzig mögliche Typus. Noch ein Wort über die sexuellen Früherlebnisse des Patienten, ehe wir zum Inhalte der zweiten Sitzung übergehen. Man wird sich kaum sträuben, sie als besonders reichhaltig und wirkungsvoll zu bezeichnen. So ist es aber auch in den andern Fällen von Zwangsneurose, die ich analysieren konnte. Der Charakter der vorzeitigen sexuellen Aktivität wird im Gegensatze zur Hysterie hier niemals vermißt. Die Zwangsneurose läßt viel deutlicher als die Hysterie erkennen, daß die Momente, welche die Psychoneurose formen, nicht im aktuellen, sondern im infantilen Sexualleben zu suchen sind. Das gegenwärtige Sexualleben der Zwangsneurotiker kann dem oberflächlichen Erforscher oft völlig normal erscheinen; es bietet häufig weit weniger pathogene Momente und Abnormitäten als gerade bei unserem Patienten. C. Die große Zwangsbefürchtung »Ich denke, heute will ich mit dem Erlebnisse beginnen, welches der direkte Anlaß für mich war, Sie aufzusuchen. Es war im August während der Waffenübung in ***. Ich war vorher elend und hatte mich mit allerlei Zwangsgedanken gequält, die aber während der Übung bald zurücktraten. Es hat mich interessiert, den Berufsoffizieren zu zeigen, daß man nicht nur etwas gelernt hat, sondern auch etwas aushalten kann. Eines Tages machten wir einen kleinen Marsch von ** aus. Auf der Rast verlor ich meinen Zwicker, und obwohl ich ihn leicht hätte finden können, wollte ich doch den Aufbruch nicht verzögern und verzichtete auf ihn, telegraphierte aber an meinen Optiker nach Wien, er solle mir umgehend einen Ersatz schicken. Auf derselben Rast nahm ich Platz zwischen zwei Offizieren, von denen einer, ein Hauptmann mit tschechischem Namen, für mich bedeutungsvoll werden sollte. Ich hatte eine gewisse Angst vor dem Manne, denn er liebte offenbar das Grausame . Ich will nicht behaupten, daß er schlecht war, aber er war während der Offiziersmenage wiederholt für die Einführung der Prügelstrafe eingetreten, so daß ich ihm energisch hatte widersprechen müssen. Auf dieser Rast nun kamen wir ins Gespräch, und der Hauptmann erzählte, daß er von einer besonders schrecklichen Strafe im Orient gelesen habe . . .« 44 Hier unterbricht er sich, steht auf und bittet mich, ihm die Schilderung der Details zu erlassen. Ich versichere ihm, daß ich selbst gar keine Neigung zur Grausamkeit habe, ihn gewiß nicht gerne quälen wolle, daß ich ihm natürlich aber nichts schenken könne, worüber ich keine Verfügung habe. Ebensogut könne er mich bitten, ihm zwei Kometen zu schenken. Die Überwindung von Widerständen sei ein Gebot der Kur, über das wir uns unmöglich hinwegsetzen könnten. (Den Begriff »Widerstand« hatte ich ihm zu Anfang dieser Stunde vorgetragen, als er sagte, er habe vieles in sich zu überwinden, wenn er sein Erlebnis mitteilen solle.) Ich fuhr fort: Was ich aber tun könnte, um etwas von ihm Angedeutetes voll zu erraten, das solle geschehen. Ob er etwa die Pfählung meine? – Nein, das nicht, sondern der Verurteilte werde angebunden – (er drückte sich so undeutlich aus, daß ich nicht sogleich erraten konnte, in welcher Stellung) – über sein Gesäß ein Topf gestülpt, in diesen dann Ratten eingelassen, die sich – er war wieder aufgestanden und gab alle Zeichen des Grausens und Widerstandes von sich – einbohrten . In den After, durfte ich ergänzen. Bei allen wichtigeren Momenten der Erzählung merkt man an ihm einen sehr sonderbar zusammengesetzten Gesichtsausdruck, den ich nur als Grausen vor seiner ihm selbst unbekannten Lust auflösen kann. Er fährt mit allen Schwierigkeiten fort: »In dem Momente durchzuckte mich die Vorstellung, daß dies mit einer mir teuren Person geschehe .« Er sagt: Vorstellung; die stärkere und wichtigere Bezeichnung Wunsch respektive Befürchtung ist offenbar durch Zensur gedeckt. Die eigentümliche Unbestimmtheit aller seiner Reden kann ich leider nicht wiedergeben. Auf direktes Befragen gibt er an, daß nicht etwa er selbst diese Strafe vollziehe, sondern daß sie unpersönlich an ihr vollzogen werde. Nach kurzem Raten weiß ich, daß es die von ihm verehrte Dame war, auf die sich jene »Vorstellung« bezog. Er unterbricht die Erzählung, um mir zu versichern, wie fremd und feindselig sich diese Gedanken ihm gegenüberstellen und mit welch außerordentlicher Raschheit alles in ihm abläuft, was sich weiter an sie knüpft. Mit der Idee gleichzeitig ist auch stets die »Sanktion« da, d. h. die Abwehrmaßregel, der er folgen muß, damit sich eine solche Phantasie nicht erfülle. Als der Hauptmann von jener gräßlichen Strafe sprach und jene Ideen in ihm aufstiegen, gelang es ihm, sich beider noch mit seinen gewöhnlichen Formeln zu erwehren, mit einem »aber«, das von einer wegwerfenden Handbewegung begleitet ist, und mit der Rede »Was fällt dir denn ein«. 45 Der Plural machte mich stutzig, so wie er auch dem Leser unverständlich geblieben sein wird. Wir haben ja bisher nur von der einen Idee gehört, daß an der Dame die Rattenstrafe vollzogen werde. Nun muß er zugestehen, daß gleichzeitig die andere Idee in ihm auftauchte, die Strafe treffe auch seinen Vater. Da sein Vater vor vielen Jahren gestorben ist, diese Zwangsbefürchtung also noch viel unsinniger ist als die erste, versuchte sie sich noch eine Weile vor dem Eingeständnis zu bergen. Am nächsten Abend überreichte ihm derselbe Hauptmann ein mit der Post angelangtes Paket und sagte: »Der Oberleutnant A. Die Namen sind hier fast indifferent. hat die Nachnahme für dich ausgelegt. Du mußt sie ihm zurückgeben.« In dem Paket befand sich der telegraphisch bestellte Zwicker. In dem Moment aber gestaltete sich ihm eine »Sanktion«: Nicht das Geld zurückgeben , sonst geschieht das (d. h. die Phantasie von den Ratten verwirkliche sich an Vater und Dame). Und nach einem ihm bekannten Typus erhob sich sofort zur Bekämpfung dieser Sanktion ein Gebot wie ein Eidschwur: » Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 3.80 zurückgeben «, was er beinahe halblaut vor sich hinsagte. Zwei Tage später hatte die Waffenübung ihr Ende gefunden. Die Zeit bis dahin füllte er mit Bemühungen aus, dem Oberleutnant A. die kleine Summe zurückzustellen, wogegen sich immer mehr Schwierigkeiten anscheinend objektiver Natur erhoben. Zunächst versuchte er die Zahlung durch einen andern Offizier zu leisten, der zur Post ging, war aber sehr froh, als dieser ihm das Geld mit der Erklärung zurückbrachte, er habe den Oberleutnant A. nicht auf der Post angetroffen, denn dieser Modus der Eiderfüllung befriedigte ihn nicht, weil er dem Wortlaute: » Du mußt dem Oberleutnant A. das Geld zurückgeben«, nicht entsprach. Endlich traf er die gesuchte Person A., die aber das Geld mit dem Bemerken zurückwies, sie habe nichts für ihn ausgelegt, sie habe überhaupt nicht die Post, sondern Oberleutnant B. Er war nun sehr betroffen, daß er seinen Eid nicht halten könne, weil dessen Voraussetzung falsch sei, und klügelte sich sehr sonderbare Auskünfte aus: Er werde mit beiden Herren A. und B. zur Post gehen, dort werde A. dem Postfräulein Kronen 3.80 geben, das Postfräulein diese dem B., und er werde nach dem Wortlaute des Eides dann dem A. die Kronen 3.80 zurückgeben. Ich werde mich nicht verwundern, wenn das Verständnis der Leser an dieser Stelle versagt, denn auch die ausführliche Darstellung, die mir der Patient von den äußeren Vorgängen dieser Tage und seiner 46 Reaktionen auf sie gab, litt an inneren Widersprüchen und klang heillos verworren. Erst bei einer dritten Erzählung gelang es, ihn zur Einsicht in diese Unklarheiten zu bringen und die Erinnerungstäuschungen und Verschiebungen bloßzulegen, in die er sich begeben hatte. Ich erspare mir die Wiedergabe dieser Details, von denen wir das Wesentliche bald nachholen können, und bemerke noch, daß er sich am Ende dieser zweiten Sitzung wie betäubt und verworren benahm. Er sprach mich wiederholt »Herr Hauptmann« an, wahrscheinlich, weil ich zu Eingang der Stunde bemerkt hatte, ich sei selbst kein Grausamer wie der Hauptmann M. und habe nicht die Absicht, ihn unnötigerweise zu quälen. Ich erhielt von ihm in dieser Stunde nur noch die Aufklärung, daß er von Anfang an, auch bei allen früheren Befürchtungen, daß seinen Lieben etwas geschehen werde, diese Strafen nicht allein in die Zeitlichkeit, sondern auch in die Ewigkeit, ins Jenseits verlegt habe. Er war bis zum 14. oder 15. Jahre sehr gewissenhaft religiös gewesen, von wo an er sich bis zu seinem heutigen Freidenkertum entwickelt hatte. Er gleiche den Widerspruch aus, indem er sich sage: »Was weißt du vom Leben im Jenseits? Was wissen die anderen davon? Man kann ja doch nichts wissen, du riskierst ja nichts, also tu's.« Diese Schlußweise hält der sonst so scharfsinnige Mann für einwandfrei und nutzt die Unsicherheit der Vernunft in dieser Frage solcherart zugunsten der überwundenen frommen Weltanschauung aus.   In der dritten Sitzung beendigt er die sehr charakteristische Erzählung seiner Bemühungen, den Zwangseid zu erfüllen: Am Abende fand die letzte Zusammenkunft der Offiziere vor dem Schlusse der Waffenübung statt. Ihm fiel es zu, für den Toast auf »die Herren von der Reserve« zu danken. Er sprach gut, aber wie im Schlafwandel, denn im Hintergrunde plagte ihn immer sein Eid. Die Nacht war entsetzlich; Argumente und Gegenargumente bekämpften einander; Hauptargument war natürlich, daß die Voraussetzung seines Eides, Oberleutnant A. habe das Geld für ihn gezahlt, ja nicht zuträfe. Aber er tröstete sich damit, daß es ja noch nicht vorüber sei, da A. den morgigen Ritt zur Bahnstation P. bis zu einer gewissen Stelle mitmachen werde, so daß er Zeit haben werde, ihn um die Gefälligkeit anzusprechen. Er tat es nun 47 nicht, ließ A. abschwenken, gab aber doch seinem Burschen den Auftrag, ihm seinen Besuch für den Nachmittag anzukündigen. Er selbst gelangte um ½10 Uhr vormittags zum Bahnhofe, legte sein Gepäck ab, machte in der kleinen Stadt allerlei Besorgungen und nahm sich vor, darauf den Besuch bei A. zu machen. Das Dorf, in dem A. stationiert war, lag etwa eine Stunde mit dem Wagen von der Stadt P. entfernt. Die Eisenbahnfahrt nach dem Orte, wo sich das Postamt befand, hätte drei Stunden betragen; so meinte er, es würde noch gerade gelingen, nach Ausführung seines komplizierten Planes den von P. nach Wien abgehenden Abendzug zu erreichen. Die Ideen, die sich bekämpften, lauteten einerseits: es sei doch eine Feigheit von ihm, er wolle sich offenbar nur die Unbequemlichkeit ersparen, von A. dieses Opfer zu verlangen und vor ihm als Narr dazustehen, und setze sich deshalb über seinen Eid hinweg; anderseits: es sei im Gegenteile eine Feigheit, wenn er den Eid ausführe, da er sich dadurch nur Ruhe vor den Zwangsvorstellungen schaffen wolle. Wenn in einer Überlegung die Argumente einander so die Waage hielten, so lasse er sich gewöhnlich von zufälligen Ereignissen wie von Gottesurteilen treiben. Darum sagte er: Ja, als ein Gepäckträger ihn auf dem Bahnhofe fragte: Zum Zug um 10 Uhr, Herr Leutnant?, fuhr um 10 Uhr ab und hatte so ein fait accompli geschaffen, das ihn sehr erleichterte. Beim Kondukteur des Speisewagens nahm er noch eine Marke für die Table d'hôte. In der ersten Station fiel ihm plötzlich ein, jetzt könne er noch aussteigen, den Gegenzug abwarten, mit diesem nach P. und an den Ort, wo Oberleutnant A. sich aufhielt, fahren, mit ihm dann die dreistündige Bahnfahrt zum Postamt machen usf. Nur die Rücksicht auf die Zusage, die er dem Kellner gegeben, hielt ihn von der Ausführung dieser Absicht ab; er gab sie aber nicht auf, sondern verschob das Aussteigen auf eine spätere Station. So schlug er sich von Station zu Station durch, bis er zu einer gelangte, in welcher ihm das Aussteigen unmöglich erschien, weil er dort Verwandte hatte, und er beschloß nach Wien durchzufahren, dort seinen Freund aufzusuchen, ihm die Sache vorzutragen und nach dessen Entscheidung noch mit dem Nachtzug nach P. zurückzufahren. Meinem Zweifel, ob das zusammengegangen wäre, begegnet er mit der Versicherung, er hätte zwischen der Ankunft des einen und der Abfahrt des anderen Zuges eine halbe Stunde frei gehabt. In Wien angelangt, traf er den Freund aber nicht in dem Gasthause, wo er ihn zu treffen erwartet hatte, kam erst um 11 Uhr abends in die Wohnung seines Freundes und trug ihm noch in der Nacht seine Sache vor. Der Freund schlug die Hände zusammen, daß er noch 48 immer zweifeln könne, ob es eine Zwangsvorstellung gewesen sei, beruhigte ihn für diese Nacht, so daß er ausgezeichnet schlief, und ging mit ihm am nächsten Vormittag zur Post, um die Kronen 3.80 – an die Adresse des Postamtes, woselbst das Zwickerpaket angekommen war, aufzugeben. Letztere Mitteilung gab mir den Anhaltspunkt, die Entstellungen seiner Erzählung zu entwirren. Wenn er, durch den Freund zur Besinnung gebracht, die kleine Summe nicht an Oberleutnant A. und nicht an Oberleutnant B., sondern ans Postamt direkt absandte, so mußte er ja wissen und schon bei seiner Abreise gewußt haben, daß er niemand anderem als dem Postbeamten die Nachnahmegebühr schuldig geblieben sei. Es ergab sich wirklich, daß er dies schon vor der Aufforderung des Hauptmanns und vor seinem Eide gewußt hatte, denn er erinnerte sich jetzt, daß er einige Stunden vor der Begegnung mit dem grausamen Hauptmanne Gelegenheit hatte, sich einem andern Hauptmann vorzustellen, der ihm den richtigen Sachverhalt mitgeteilt hatte. Dieser Offizier erzählte ihm, als er seinen Namen hörte, er sei vor kurzem auf dem Postamt gewesen und vom Postfräulein befragt worden, ob er einen Leutnant H. (eben unseren Patienten) kenne, für den ein Paket mit Nachnahme angekommen sei. Er erwiderte verneinend, aber das Fräulein meinte, sie habe Zutrauen zu dem unbekannten Leutnant und werde unterdes die Gebühr selbst erlegen. Auf diese Weise kam unser Patient in den Besitz des von ihm bestellten Zwickers. Der grausame Hauptmann beging einen Irrtum, als er bei der Einhändigung des Pakets mahnte, die Kronen 3.80 dem A. zurückzugeben. Unser Patient mußte wissen, daß dies ein Irrtum sei. Trotzdem leistete er den auf diesen Irrtum gegründeten Schwur, der ihm zur Qual werden mußte. Die Episode des andern Hauptmannes und die Existenz des vertrauensvollen Postfräuleins hatte er dabei sich und in der Wiedergabe auch mir unterschlagen. Ich gebe zu, daß sein Benehmen nach dieser Richtigstellung noch unsinniger und unverständlicher wird als vorher. Nachdem er seinen Freund verlassen hatte und zu seiner Familie zurückgekehrt war, befielen ihn die Zweifel von neuem. Die Argumente seines Freundes seien ja keine anderen gewesen als seine eigenen, und er täuschte sich nicht darüber, daß die zeitweilige Beruhigung nur auf den persönlichen Einfluß des Freundes zurückzuführen war. Der Entschluß, einen Arzt aufzusuchen, wurde auf folgende geschickte Art in das Delir verwoben. Er werde sich von einem Arzte ein Zeugnis ausstellen lassen, daß er eines solchen Aktes, wie er ihn mit Oberleutnant A. ausgedacht, 49 zu seiner Herstellung bedürfe, und dieser werde sich durch das Zeugnis gewiß bewegen lassen, die Kronen 3.80 von ihm anzunehmen. Der Zufall, der ihm gerade damals ein Buch von mir in die Hand spielte, lenkte seine Wahl auf mich. Bei mir war aber von jenem Zeugnis nicht die Rede, er forderte sehr verständig nur die Befreiung von seinen Zwangsvorstellungen. Viele Monate später tauchte auf der Höhe des Widerstandes wieder einmal die Versuchung auf, doch nach P. zu fahren, den Oberleutnant A. aufzusuchen und mit ihm die Komödie des Geldzurückgebens aufzuführen. D. Die Einführung ins Verständnis der Kur Man erwarte nicht, so bald zu hören, was ich zur Aufhellung dieser sonderbar unsinnigen Zwangsvorstellungen (von den Ratten) vorzubringen habe; die richtige psychoanalytische Technik heißt den Arzt seine Neugierde unterdrücken und läßt dem Patienten die freie Verfügung über die Reihenfolge der Themata in der Arbeit. Ich empfing also den Patienten in der vierten Sitzung mit der Frage: »Wie werden Sie nun fortfahren?« »Ich habe mich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, was ich für sehr bedeutsam halte und was mich von Anbeginn an quält.« Er erzählt nun sehr breit die Krankengeschichte seines Vaters, der vor 9 Jahren an Emphysem verstarb. Eines Abends fragte er in der Meinung, es sei ein krisenhafter Zustand, den Arzt, wann die Gefahr als beseitigt gelten könnte. Die Antwort lautete: Übermorgen abends. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß der Vater diesen Termin nicht erleben könnte. Er legte sich um ½12 Uhr nachts für eine Stunde zu Bette, und als er um 1 Uhr erwachte, hörte er von einem ärztlichen Freunde, der Vater sei gestorben. Er machte sich den Vorwurf, daß er beim Tode nicht zugegen gewesen sei, der sich verstärkte, als ihm die Pflegerin mitteilte, der Vater habe in den letzten Tagen einmal seinen Namen genannt und an sie, als sie zu ihm trat, die Frage gerichtet: »Sind Sie der Paul?« Er glaubte bemerkt zu haben, daß die Mutter und die Schwestern sich ähnliche Vorwürfe machen wollten; sie sprachen aber nicht darüber. Der Vorwurf war aber zunächst kein quälender; er realisierte lange Zeit die Tatsache seines Todes nicht; es passierte ihm immer wieder, daß er sich, wenn er einen guten Witz gehört hatte, sagte: »Das muß ich dem Vater erzählen.« Auch spielte seine Phantasie mit dem Vater, so daß er häufig, 50 wenn es an die Türe klopfte, meinte: »Jetzt kommt der Vater«, wenn er ein Zimmer betrat, erwartete, den Vater darin zu finden, und wiewohl er die Tatsache seines Todes nie vergaß, hatte die Erwartung solcher Geistererscheinung nichts Schreckhaftes, sondern etwas höchst Erwünschtes für ihn. Erst 1½ Jahre später erwachte die Erinnerung an sein Versäumnis und begann ihn entsetzlich zu quälen, so daß er sich als Verbrecher behandelte. Veranlassung war der Tod einer angeheirateten Tante und sein Besuch im Trauerhause. Von da an fügte er seinem Gedankengebäude die Fortsetzung ins Jenseits an. Schwere Arbeitsunfähigkeit war die nächste Folge dieses Anfalles Ein Verständnis dieser Einwirkung ergibt sich später aus der genaueren Beschreibung des Anlasses. Der verwitwete Onkel hatte jammernd ausgerufen: »Andere Männer vergönnen sich alles mögliche, und ich habe nur für diese Frau gelebt!« Unser Patient nahm an, der Onkel spiele auf den Vater an und verdächtige dessen eheliche Treue, und obwohl der Onkel diese Deutung seiner Worte aufs entschiedenste bestritt, war deren Wirkung nicht mehr aufzuheben. . Da er erzählt, nur die Tröstungen seines Freundes hätten ihn damals aufrechtgehalten, der diese Vorwürfe immer als arg übertrieben zurückgewiesen, bediene ich mich dieses Anlasses, um ihm den ersten Einblick in die Voraussetzungen der psychoanalytischen Therapie zu geben. Wenn eine Mesalliance zwischen Vorstellungsinhalt und Affekt, also zwischen Größe des Vorwurfs und Anlaß des Vorwurfs vorliegt, so würde der Laie sagen, der Affekt sei zu groß für den Anlaß, also übertrieben, die aus dem Vorwurfe gezogene Folgerung, ein Verbrecher zu sein, sei also falsch. Der Arzt sagt im Gegenteile: Nein, der Affekt ist berechtigt, das Schuldbewußtsein ist nicht weiter zu kritisieren, aber es gehört zu einem andern Inhalte, der nicht bekannt ( unbewußt ) ist und der erst gesucht werden muß. Der bekannte Vorstellungsinhalt ist nur durch falsche Verknüpfung an diese Stelle geraten. Wir sind aber nicht gewohnt, starke Affekte ohne Vorstellungsinhalt in uns zu verspüren, und nehmen daher bei fehlendem Inhalt einen irgendwie passenden anderen als Surrogat auf, etwa wie unsere Polizei, wenn sie den richtigen Mörder nicht erwischen kann, einen unrechten an seiner Stelle verhaftet. Die Tatsache der falschen Verknüpfung erklärt auch allein die Ohnmacht der logischen Arbeit gegen die peinigende Vorstellung. Ich schließe dann mit dem Zugeständnisse, daß sich aus dieser neuen Auffassung zunächst große Rätsel ableiten, denn wie solle er seinem Vorwurf, ein Verbrecher gegen den Vater zu sein, recht geben, wenn er doch wissen müsse, daß er eigentlich nie etwas Verbrecherisches gegen ihn begangen habe. 51 Er zeigt dann in der nächsten Sitzung großes Interesse für meine Darlegungen, gestattet sich aber einige Zweifel vorzubringen: Wie eigentlich die Mitteilung, daß der Vorwurf, das Schuldbewußtsein, recht habe, heilend wirken könne? – Nicht diese Mitteilung hat die Wirkung, sondern die Auffindung des unbekannten Inhaltes, zu dem der Vorwurf gehört. – Ja, gerade darauf beziehe sich seine Frage. – Ich erläutere meine kurzen Angaben über die psychologischen Unterschiede des Bewußten vom Unbewußten , über die Usur, der alles Bewußte unterliegt, während das Unbewußte relativ unveränderlich ist, durch einen Hinweis auf die in meinem Zimmer aufgestellten Antiquitäten. Es seien eigentlich nur Grabfunde, die Verschüttung habe für sie die Erhaltung bedeutet. Pompeji gehe erst jetzt zugrunde, seitdem es aufgedeckt sei. – Ob es eine Garantie gebe, fragt er weiter, wie man sich gegen das Gefundene verhalten werde. Der eine, meint er, wohl so, daß er dann den Vorwurf überwinde, der andere aber nicht. – Nein, es liege in der Natur der Verhältnisse, daß der Affekt dann jedesmal meist schon während der Arbeit überwunden werde. Pompeji bestrebe man sich eben zu erhalten, solche peinigende Ideen wolle man durchaus loswerden. – Er habe sich gesagt, ein Vorwurf kann ja nur durch Verletzung der eigensten persönlichen Sittengesetze, nicht der äußerlichen, entstehen. (Ich bestätige, wer bloß die verletzt, fühle sich ja oft als Held.) Ein solcher Vorgang sei also nur möglich bei einem Zerfalle der Persönlichkeit , der von Anfang an gegeben sei. Ob er die Einheit der Persönlichkeit wiedergewinnen werde? In diesem Falle getraue er sich vieles zu leisten, vielleicht mehr als andere. – Ich darauf: Ich sei mit dieser Spaltung der Persönlichkeit durchaus einverstanden, er möge diesen neuen Gegensatz zwischen der sittlichen Person und dem Bösen nur mit dem vorigen, dem Gegensatze zwischen Bewußtem und Unbewußtem, zusammenlöten. Die sittliche Person sei das Bewußte, das Böse unbewußt Das ist alles zwar nur im gröbsten richtig, reicht aber zur Einführung zunächst hin. . – Er könne sich erinnern, daß er, obwohl er sich für eine sittliche Person halte, doch ganz bestimmt in seiner Kindheit Dinge getan habe, die von der andern Person ausgegangen seien. – Ich meine, er habe da so nebenbei einen Hauptcharakter des Unbewußten entdeckt, die Beziehung zum Infantilen . Das Unbewußte sei das Infantile, und zwar jenes Stück der Person, das sich damals von ihr abgesondert, die weitere Entwicklung nicht mitgemacht habe und darum verdrängt worden sei. Die Abkömmlinge dieses verdrängten Unbewußten seien die Elemente, welche 52 das unwillkürliche Denken unterhalten, in dem sein Leiden bestehe. Er könne jetzt noch einen Charakter des Unbewußten entdecken; das wolle ich ihm gerne überlassen. – Er findet direkt nichts Weiteres, dafür äußert er den Zweifel, ob so lange bestehende Veränderungen rückgängig zu machen seien. Was wolle man speziell gegen die Idee vom Jenseits tun, die doch logisch nicht widerlegt werden könne? – Ich bestreite die Schwere seines Falles und die Bedeutung seiner Konstruktionen nicht, aber sein Alter sei ein sehr günstiges, und günstig sei auch die Intaktheit seiner Persönlichkeit, wobei ich ein anerkennendes Urteil über ihn ausspreche, das ihn sichtlich erfreut.   In der nächsten Sitzung beginnt er, er müsse etwas Tatsächliches aus seiner Kindheit erzählen. Nach 7 Jahren hatte er, wie schon erzählt, die Angst, daß die Eltern seine Gedanken erraten, die ihm eigentlich durch das weitere Leben verblieben sei. Mit 12 Jahren liebte er ein kleines Mädchen, Schwester eines Freundes (auf Befragen: nicht sinnlich, er wollte sie nicht nackt sehen, sie war zu klein), die aber mit ihm nicht so zärtlich war, wie er es wünschte. Und da kam ihm die Idee, daß sie liebevoll mit ihm sein würde, wenn ihn ein Unglück träfe; als solches drängte sich ihm der Tod des Vaters auf. Er wies diese Idee sofort energisch zurück, wehrt sich auch jetzt gegen die Möglichkeit, es könne sich ein »Wunsch« so geäußert haben. Es war eben nur eine »Denkverbindung« Mit solchen Wortabschwächungen gibt sich nicht allein der Zwangsneurotiker zufrieden. . – Ich wende ein: wenn es kein Wunsch war, wozu das Sträuben? – Ja, nur wegen des Inhaltes der Vorstellung, daß der Vater sterben könne. – Ich: Er behandle diesen Wortlaut wie den einer Majestätsbeleidigung, wobei es bekanntlich ebenso bestraft wird, wenn jemand sagt: »Der Kaiser ist ein Esel«, wie wenn er diese verpönten Worte einkleidet: »Wenn jemand sagt . . ., so hat er es mit mir zu tun.« Ich könnte ihm ohne weiteres den Vorstellungsinhalt, gegen den er sich so sträubte, in einen Zusammenhang bringen, der dies Sträuben ausschließen würde; z. B.: »Wenn mein Vater stirbt, töte ich mich auf seinem Grabe.« – Er ist erschüttert, ohne seinen Widerspruch aufzugeben, so daß ich den Streit mit der Bemerkung abbreche, die Idee vom Tode des Vaters sei ja in diesem Falle nicht zum ersten Male aufgetreten, sie stamme offenbar von früher her, und wir würden ihrer Herkunft einmal nachspüren müssen. – Er erzählt weiter, ein zweites Mal sei ihm ein ganz ähnlicher Gedanke blitzähnlich ein halbes Jahr vor dem Tode 53 des Vaters gekommen. Er war bereits in jene Dame verliebt Vor zehn Jahren! , konnte aber wegen materieller Hindernisse nicht an eine Verbindung denken. Da habe die Idee gelautet: Durch den Tod des Vaters werde er vielleicht so reich werden, daß er sie heiraten könne . In seiner Abwehr ging er dann so weit, daß er wünschte, der Vater solle gar nichts hinterlassen, damit kein Gewinn diesen für ihn entsetzlichen Verlust kompensiere. Ein drittes Mal kam dieselbe Idee, aber sehr gemildert, am Tage vor dem Tode des Vaters. Er dachte: »Ich kann jetzt mein Liebstes verlieren«, und dagegen kam der Widerspruch: »Nein, es gibt noch eine andere Person, deren Verlust dir noch schmerzlicher wäre.« Ein Gegensatz zwischen den beiden geliebten Personen, Vater und »Dame«, ist hier unverkennbar angezeigt. Er verwundere sich sehr über diese Gedanken, da er ja ganz sicher sei, der Tod des Vaters könne nie Gegenstand seines Wunsches gewesen sein, immer nur einer Befürchtung. – Nach dieser mit voller Stärke ausgesprochenen Rede halte ich es für zweckmäßig, ihm ein neues Stückchen der Theorie vorzuführen. Die Theorie behaupte, daß solche Angst einem ehemaligen, nun verdrängten Wunsch entspreche, so daß man das gerade Gegenteil von seiner Beteuerung annehmen müsse. Es stimmt dies auch zur Forderung, daß das Unbewußte der kontradiktorische Gegensatz des Bewußten sein solle. Er ist sehr bewegt, sehr ungläubig und wundert sich, wie dieser Wunsch bei ihm möglich gewesen sein solle, wenn ihm der Vater doch der liebste aller Menschen war. Es leide keinen Zweifel, daß er auf jedes persönliche Glück verzichtet hätte, wenn er dadurch des Vaters Leben hätte retten können. Ich antworte, gerade diese intensive Liebe sei die Bedingung des verdrängten Hasses. Bei indifferenten Personen werde es ihm gewiß leicht gelingen, die Motive zu einer mäßigen Neigung und ebensolchen Abneigung nebeneinander zu halten, etwa wenn er Beamter sei und von seinem Bureauchef denke, er sei ein angenehmer Vorgesetzter, aber ein kleinlicher Jurist und inhumaner Richter. Ähnlich sage doch Brutus über Cäsar bei Shakespeare (III, 2): »Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr' ich ihn; aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.« Und diese Rede wirke bereits befremdend, weil wir uns des Brutus Affektion für Cäsar intensiver vorgestellt haben. Bei einer Person, die ihm näherstehe, seiner Frau etwa, werde er das Bestreben nach einer einheitlichen Empfindung haben und darum, wie allgemein menschlich, ihre Fehler, die seine 54 Abneigung hervorrufen könnten, vernachlässigen, wie verblendet übersehen. Also gerade die große Liebe lasse es nicht zu, daß der Haß (karikiert so bezeichnet), der wohl irgendeine Quelle haben müsse, bewußt bleibe. Ein Problem sei es allerdings, woher dieser Haß stamme; seine Aussagen deuteten selbst auf die Zeit hin, in welcher er gefürchtet, daß die Eltern seine Gedanken erraten. Anderseits könne man auch fragen, warum die große Liebe nicht den Haß habe auslöschen können, wie man es so von gegensätzlichen Regungen gewohnt sei. Man könne nur annehmen, daß der Haß doch mit einer Quelle, einem Anlaß in einer Verbindung stehe, die ihn unzerstörbar mache. Also einerseits schütze ein solcher Zusammenhang den Haß gegen den Vater vor dem Untergange, anderseits hindere die große Liebe ihn am Bewußtwerden, so daß ihm eben nur die Existenz im Unbewußten übrigbleibe, aus der er sich doch in einzelnen Momenten blitzähnlich vordrängen könne. Er gibt zu, daß dies alles ganz plausibel anzuhören ist, hat aber natürlich keine Spur von Überzeugung Es ist niemals die Absicht solcher Diskussionen, Überzeugung hervorzurufen. Sie sollen nur die verdrängten Komplexe ins Bewußtsein einführen, den Streit um sie auf dem Boden bewußter Seelentätigkeit anfachen und das Auftauchen neuen Materials aus dem Unbewußten erleichtern. Die Überzeugung stellt sich erst nach der Bearbeitung des wiedergewonnenen Materials durch den Kranken her, und solange sie schwankend ist, darf man das Material als nicht erschöpft beurteilen. . Er möchte sich die Frage erlauben, wie es zugehe, daß eine solche Idee Pausen machen könne, mit 12 Jahren für einen Moment komme, dann mit 20 Jahren wieder und zwei Jahre später von neuem, um von da an anzuhalten. Er könne doch nicht glauben, daß inzwischen die Feindseligkeit erloschen gewesen sei, und doch habe sich in den Pausen nichts von Vorwürfen gezeigt. Ich darauf: Wenn jemand so eine Frage stellt, so hat er auch schon die Antwort bereit. Man braucht ihn nur weitersprechen zu lassen. Er setzt nun in anscheinend lockerem Zusammenhange fort: Er sei der beste Freund des Vaters gewesen, wie dieser seiner; bis auf wenige Gebiete, auf denen Vater und Sohn einander auszuweichen pflegen (was meint er wohl?), sei die Intimität zwischen ihnen größer gewesen als jetzt mit seinem besten Freunde. Jene Dame, um deren wegen er den Vater in der Idee zurückgesetzt, habe er zwar sehr geliebt, aber eigentlich sinnliche Wünsche, wie sie seine Kindheit erfüllten, hätten sich in bezug auf sie nie geregt; seine sinnlichen Regungen seien in der Kindheit überhaupt viel stärker gewesen als zur Zeit der Pubertät. – Ich meine nun, er habe jetzt die Antwort gegeben, auf die wir warteten, und gleichzeitig den dritten großen Charakter des Unbewußten aufgefunden. Die 55 Quelle, aus welcher die Feindseligkeit gegen den Vater ihre Unzerstörbarkeit beziehe, sei offenbar von der Natur sinnlicher Begierden , dabei habe er den Vater irgendwie als störend empfunden. Ein solcher Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Kindesliebe sei ein durchaus typischer. Die Pausen habe es bei ihm gegeben, weil infolge der vorzeitigen Explosion seiner Sinnlichkeit zunächst eine so erhebliche Dämpfung derselben eingetreten sei. Erst als sich wieder intensive verliebte Wünsche bei ihm eingestellt hätten, sei diese Feindseligkeit aus der analogen Situation heraus wieder aufgetreten. Ich lasse mir übrigens von ihm bestätigen, daß ich ihn weder auf das infantile noch auf das sexuelle Thema gelenkt habe, sondern daß er selbständig auf beide gekommen sei. – Er fragt nun weiter, warum er nicht zur Zeit der Verliebtheit in die Dame einfach bei sich die Entscheidung gefällt, die Störung dieser Liebe durch den Vater könne gegen seine Liebe zum Vater nicht in Betracht kommen. – Ich antwortete: Es ist schwer möglich, jemand in absentia zu erschlagen. Um jene Entscheidung zu ermöglichen, hätte ihm der beanständete Wunsch damals zum ersten Male kommen müssen; es war aber ein altverdrängter , gegen den er sich nicht anders benehmen konnte als vorher und der darum der Vernichtung entzogen blieb. Der Wunsch (den Vater als Störer zu beseitigen) müßte in Zeiten entstanden sein, in denen die Verhältnisse ganz anders lagen, etwa daß er den Vater damals nicht stärker liebte als die sinnlich begehrte Person oder daß er einer klaren Entscheidung nicht fähig war, also in sehr früher Kindheit, vor 6 Jahren, ehe seine kontinuierliche Erinnerung einsetzte, und das sei eben für alle Zeiten so geblieben. – Mit dieser Konstruktion schließt die Erörterung vorläufig ab.   In der nächsten, der siebenten Sitzung, greift er dasselbe Thema wieder auf. Er könne nicht glauben, daß er je den Wunsch gegen den Vater gehabt habe. Er erinnere sich einer Novelle von Sudermann, die ihm einen tiefen Eindruck gemacht, in welcher eine Schwester am Krankenbette der andern diesen Todeswunsch gegen sie verspüre, um deren Mann heiraten zu können. Sie töte sich dann, weil sie nach solcher Gemeinheit nicht verdiene zu leben. Er verstehe das, und es sei ihm ganz recht, wenn er an seinen Gedanken zugrunde gehe, denn er verdiene es nicht anders Dies Schuldbewußtsein enthält den offenbarsten Widerspruch gegen sein anfängliches Nein , er habe den bösen Wunsch gegen den Vater nie gehabt. Es ist ein häufiger Typus in der Reaktion gegen das bekanntgewordene Verdrängte, daß sich an das erste Nein der Ablehnung alsbald die zunächst indirekte Bestätigung anschließt. . Ich bemerke, es sei uns wohl bekannt, daß 56 den Kranken ihr Leiden eine gewisse Befriedigung gewähre, so daß sie sich eigentlich alle partiell sträuben, gesund zu werden. Er möge nicht aus den Augen verlieren, daß eine Behandlung wie die unserige unter beständigem Widerstande vor sich gehe; ich werde ihn immer wieder daran erinnern. Er will jetzt von einer verbrecherischen Handlung sprechen, in der er sich nicht erkenne, an die er sich aber ganz bestimmt erinnere. Er zitiert ein Wort von Nietzsche: »›Das habe ich getan‹, sagt mein Gedächtnis, ›das kann ich nicht getan haben‹ – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.« Jenseits von Gut und Böse, IV, 68. »Darin hat also mein Gedächtnis nicht nachgegeben.« – »Eben weil Sie zur Selbstbestrafung aus Ihren Vorwürfen Lust ziehen.« – »Mit meinem jüngeren Bruder – ich bin ihm jetzt wirklich gut, er bereitet mir gerade große Sorge, indem er eine Heirat machen will, die ich für einen Unsinn halte; ich hab' schon die Idee gehabt, hinzureisen und die Person umzubringen, damit er sie nicht heiraten kann – habe ich als Kind viel gerauft. Daneben hatten wir einander sehr lieb und waren unzertrennlich, aber mich beherrschte offenbar Eifersucht, denn er war der stärkere, schönere und darum beliebtere.« – »Sie haben ja schon eine solche Eifersuchtsszene mit Fräulein Lina mitgeteilt.« – »Also nach einer solchen Gelegenheit, gewiß vor 8 Jahren, denn ich ging noch nicht in die Schule, in die ich mit 8 Jahren gekommen bin, tat ich folgendes: Wir hatten Kindergewehre von der bekannten Konstruktion; ich lud meines mit dem Ladstock, sagte ihm, er solle in den Lauf hineinschauen, er werde etwas sehen, und als er hineinschaute, drückte ich los. Es traf ihn auf die Stirne und machte ihm nichts, aber es war meine Absicht gewesen, ihm sehr wehe zu tun. Ich war dann ganz außer mir, warf mich auf den Boden und fragte mich: Wie habe ich das nur tun können? – Aber ich habe es getan.« – Ich benutze die Gelegenheit, um für meine Sache zu plaidieren. Wenn er eine solche, ihm so fremde Tat im Gedächtnis bewahrt habe, so könne er doch nicht die Möglichkeit in Abrede stellen, daß in noch früheren Jahren etwas Ähnliches, was er heute nicht mehr erinnere, gegen den Vater vorgekommen sei. – Er wisse noch von anderen Regungen der Rachsucht gegen jene Dame, die er so sehr verehre und von deren Charakter er eine begeisterte Schilderung gibt. Sie könne vielleicht nicht leicht lieben, sie spare sich ganz für den einen auf, dem sie 57 einmal angehören werde; ihn liebe sie nicht. Als er dessen sicher wurde, gestaltete sich ihm eine bewußte Phantasie, er werde sehr reich werden, eine andere heiraten und dann mit ihr einen Besuch bei der Dame machen, um sie zu kränken. Aber da versagte ihm die Phantasie, denn er mußte sich eingestehen, daß ihm die andere, die Frau, ganz gleichgültig sei, seine Gedanken verwirrten sich, und am Ende wurde ihm klar, daß diese andere sterben solle. Auch in dieser Phantasie findet er, wie in dem Anschlag gegen den Bruder, den Charakter der Feigheit , der ihm so entsetzlich ist Was späterhin seine Erklärung finden soll. . – Im weiteren Gespräche mit ihm mache ich geltend, daß er sich ja logischerweise für ganz unverantwortlich für alle diese Charakterzüge erklären müsse, denn all diese verwerflichen Regungen stammten aus dem Kinderleben, entsprächen den im Unbewußten fortlebenden Abkömmlingen des Kindercharakters, und er wisse doch, daß für das Kind die ethische Verantwortlichkeit nicht gelten könne. Aus der Summe der Anlagen des Kindes entstehe der ethisch verantwortliche Mensch erst im Laufe der Entwicklung Ich bringe diese Argumente nur vor, um mir wieder von neuem bestätigen zu lassen, wie ohnmächtig sie sind. Ich kann es nicht begreifen, wenn andere Psychotherapeuten berichten, daß sie mit solchen Waffen die Neurosen erfolgreich bekämpfen. . Er bezweifelt aber, daß alle seine bösen Regungen von dieser Herkunft sind. Ich verspreche, es ihm im Laufe der Kur zu beweisen. Er führt noch an, daß sich die Krankheit seit dem Tode des Vaters so enorm gesteigert hat, und ich gebe ihm insofern recht, als ich die Trauer um den Vater als Hauptquelle der Krankheitsintensität anerkenne. Die Trauer hat in der Krankheit gleichsam einen pathologischen Ausdruck gefunden. Während eine normale Trauer in 1 bis 2 Jahren ihren Ablauf erreicht, ist eine pathologische wie seine in ihrer Dauer unbegrenzt.   Soweit reicht, was ich aus dieser Krankengeschichte ausführlich und in der Reihenfolge erzählen kann. Es deckt sich ungefähr mit der Exposition der über 11 Monate verlaufenden Behandlung. E. Einige Zwangsvorstellungen und deren Übersetzung Zwangsvorstellungen erscheinen bekanntlich entweder unmotiviert oder unsinnig, ganz wie der Wortlaut unserer nächtlichen Träume, und die nächste Aufgabe, die sie stellen, geht dahin, ihnen Sinn und Halt im 58 Seelenleben des Individuums zu geben, so daß sie verständlich, ja eigentlich selbstverständlich werden. Man lasse sich in dieser Aufgabe der Übersetzung niemals durch den Anschein der Unlösbarkeit beirren; die tollsten oder absonderlichsten Zwangsideen lassen sich durch gebührende Vertiefung lösen. Zu dieser Lösung gelangt man aber, wenn man die Zwangsideen in zeitlichen Zusammenhang mit dem Erleben des Patienten bringt, also indem man erforscht, wann die einzelne Zwangsidee zuerst aufgetreten ist und unter welchen äußeren Umständen sie sich zu wiederholen pflegt. Bei Zwangsideen, die es, wie so häufig, zu keiner Dauerexistenz gebracht haben, vereinfacht sich dementsprechend auch die Lösungsarbeit. Man kann sich leicht überzeugen, daß nach der Aufdeckung des Zusammenhanges der Zwangsidee mit dem Erleben des Kranken alles andere Rätselhafte und Wissenswerte an dem pathologischen Gebilde, seine Bedeutung, der Mechanismus seiner Entstehung, seine Abkunft von den maßgebenden psychischen Triebkräften unserer Einsicht leicht zugänglich wird. Ich beginne mit einem besonders durchsichtigen Beispiel des bei unserem Patienten so häufigen Selbstmordimpulses , welches sich in der Darstellung beinahe von selbst analysiert: Er verlor einige Wochen im Studium infolge der Abwesenheit seiner Dame, welche abgereist war, um ihre schwer erkrankte Großmutter zu pflegen. Mitten im eifrigsten Studium fiel ihm da ein: »Das Gebot, sich den ersten möglichen Prüfungstermin im Semester zu nehmen, könne man sich ja gefallen lassen. Wie aber, wenn dir das Gebot käme, dir den Hals mit dem Rasiermesser abzuschneiden?« Er merkte sofort, daß dieses Gebot bereits erflossen war, eilte zum Schrank, um das Rasiermesser zu holen, da fiel ihm ein: »Nein, so einfach ist das nicht. Du mußt Ich ergänze hier: »vorher«. hinreisen und die alte Frau umbringen.« Da fiel er vor Entsetzen auf den Boden. Der Zusammenhang dieser Zwangsidee mit dem Leben ist hier im Eingange des Berichtes enthalten. Seine Dame war abwesend, während er angestrengt für eine Prüfung studierte, um die Verbindung mit ihr eher zu ermöglichen. Da überfiel ihn während des Studiums die Sehnsucht nach der Abwesenden und der Gedanke an den Grund ihrer Abwesenheit. Und nun kam etwas, was bei einem normalen Menschen etwa eine unmutige Regung gegen die Großmutter gewesen wäre: »Muß die alte Frau gerade jetzt krank werden, wo ich mich nach ihr so schrecklich sehne!« Etwas Ähnliches, aber weit Intensiveres muß man nun bei 59 unserem Patienten supponieren, einen unbewußten Wutanfall, der sich gleichzeitig mit der Sehnsucht in den Ausruf kleiden könnte: »Oh, ich möchte hinreisen und die alte Frau umbringen, die mich meiner Geliebten beraubt!« Darauf folgt das Gebot: »Bring dich selbst um, als Selbstbestrafung für solche Wut- und Mordgelüste«, und der ganze Vorgang tritt unter heftigstem Affekt in umgekehrter Reihenfolge – das Strafgebot voran, am Ende die Erwähnung des strafbaren Gelüstes – in das Bewußtsein des Zwangskranken. Ich glaube nicht, daß dieser Erklärungsversuch gezwungen erscheinen kann oder viel hypothetische Elemente aufgenommen hat. Ein anderer, länger anhaltender Impuls zum gleichsam indirekten Selbstmord war nicht so leicht aufzuklären, weil er seine Beziehung zum Erleben hinter einer der äußerlichen Assoziationen, wie sie unserem Bewußtsein so sehr anstößig erscheinen, verbergen konnte. Eines Tages kam ihm im Sommeraufenthalte plötzlich die Idee, er sei zu dick, er müsse abmagern . Er begann nun, noch vor der Mehlspeise vom Tische aufzustehen, ohne Hut in der Sonnenglut des Augusts auf die Straße zu rennen und dann im Laufschritt auf die Berge zu steigen, bis er schweißüberströmt haltmachen mußte. Hinter dieser Abmagerungssucht kam auch die Selbstmordabsicht einmal unverhüllt zum Vorschein, als ihm auf einem scharfen Abhang plötzlich das Gebot laut wurde, da herunterzuspringen, was sicherer Tod gewesen wäre. Die Lösung dieses unsinnigen Zwangshandelns ergab sich unserem Patienten erst, als ihm plötzlich einfiel, zu jener Zeit sei auch die geliebte Dame in dem Sommeraufenthalte gewesen, aber in Begleitung eines englischen Vetters, der sich sehr um sie bemühte und auf den er sehr eifersüchtig war. Der Vetter hieß Richard und wurde, wie in England allgemein üblich, Dick genannt. Diesen Dick wollte er nun umbringen, er war auf ihn viel eifersüchtiger und wütender, als er sich eingestehen konnte, und darum legte er sich zur Selbstbestrafung die Pein jener Abmagerungskur auf. So verschieden dieser Zwangsimpuls auch vom vorigen direkten Selbstmordgebot zu sein scheint, ein bedeutsamer Zug ist den beiden gemeinsam, die Entstehung als Reaktion auf eine ungeheure, vom Bewußtsein nicht zu erfassende Wut gegen eine Person, die als Störerin der Liebe auftritt Die Verwendung von Namen und Worten zur Herstellung der Verknüpfung zwischen den unbewußten Gedanken (Regungen, Phantasien) und den Symptomen geschieht bei der Zwangsneurose lange nicht so häufig und so rücksichtslos wie bei Hysterie. Doch habe ich gerade für den Namen Richard ein anderes Beispiel bei einem vor langer Zeit analysierten Kranken in Erinnerung. Nach einem Zwiste mit seinem Bruder begann er zu grübeln, wie er sich seines Reichtums entledigen könne, er wolle nichts mehr mit Geld zu tun haben usf. Sein Bruder hieß Richard ( richard im Französischen: ein Reicher ). . 60 Andere Zwangsvorstellungen, wiederum nach der Geliebten orientiert, lassen doch anderen Mechanismus und andere Triebabkunft erkennen. Zur Zeit der Anwesenheit seiner Dame in seinem Sommeraufenthalte produzierte er außer jener Abmagerungssucht eine ganze Reihe von Zwangstätigkeiten, die sich wenigstens teilweise direkt auf ihre Person bezogen. Als er einmal mit ihr auf einem Schiffe fuhr, während ein scharfer Wind ging, mußte er sie nötigen, seine Kappe aufzusetzen, weil sich bei ihm das Gebot gebildet hatte, es dürfe ihr nichts geschehen Zu ergänzen: »woran er schuld haben könnte«. . Es war eine Art von Schutzzwang , der auch andere Blüten trieb. Ein andermal stellte sich bei ihm während eines Zusammenseins im Gewitter der Zwang ein, zwischen Blitz und Donner bis 40 oder 50 gezählt zu haben, wofür ihm jedes Verständnis abging. Am Tage, als sie abreiste, stieß er mit dem Fuße gegen einen auf der Straße liegenden Stein und mußte ihn nun auf die Seite räumen, weil ihm die Idee kam, in einigen Stunden werde ihr Wagen auf derselben Straße fahren und vielleicht an diesem Stein zu Schaden kommen, aber einige Minuten später fiel ihm ein, das sei doch ein Unsinn, und er mußte nun zurückgehen und den Stein wieder an seine frühere Stelle mitten auf der Straße legen. Nach ihrer Abreise bemächtigte sich seiner ein Verstehzwang , der ihn allen den Seinigen unausstehlich machte. Er nötigte sich, jede Silbe, die irgend jemand zu ihm sprach, genau zu verstehen, als ob ihm sonst ein großer Schatz entginge. So fragte er immer: »Was hast du jetzt gesagt?« Und wenn man es ihm wiederholte, meinte er, es habe doch das erste Mal anders gelautet, und blieb unbefriedigt. Alle diese Erzeugnisse der Krankheit hängen von einer Begebenheit ab, welche damals sein Verhältnis zur Geliebten dominierte. Als er sich vor dem Sommer von ihr in Wien verabschiedete, legte er eine ihrer Reden so aus, als ob sie ihn vor der anwesenden Gesellschaft verleugnen wollte, und war darüber sehr unglücklich. Im Sommeraufenthalte gab es Gelegenheit zur Aussprache, und da konnte die Dame ihm nachweisen, daß sie mit jenen von ihm mißverstandenen Worten ihn vielmehr vor Lächerlichkeit bewahren wollte. Er war nun wiederum sehr glücklich. Den deutlichsten Hinweis auf diesen Vorfall enthält der Verstehzwang, der so gebildet ist, als ob er sich gesagt hätte: »Nach dieser Erfahrung darfst du jetzt nie wieder jemanden mißverstehen, wenn du dir 61 überflüssige Pein ersparen willst.« Aber dieser Vorsatz ist nicht nur von dem einen Anlaß her verallgemeinert, er ist auch – vielleicht wegen der Abwesenheit der Geliebten – von ihrer hochgeschätzten Person auf alle anderen minderwertigen Personen verschoben. Der Zwang kann auch nicht allein aus der Befriedigung über die von ihr empfangene Aufklärung hervorgegangen sein, er muß noch etwas anderes ausdrücken, denn er läuft ja in den unbefriedigenden Zweifel an der Wiedergabe des Gehörten aus. Die anderen Zwangsgebote leiten auf die Spur dieses andern Elementes. Der Schutzzwang kann nichts anderes bedeuten als die Reaktion – Reue und Buße – gegen eine gegensätzliche, also feindselige Regung, die sich vor der Aufklärung gegen die Geliebte gerichtet hatte. Der Zählzwang beim Gewitter deutet sich durch das beigebrachte Material als eine Abwehrmaßregel gegen Befürchtungen, welche Lebensgefahr bedeuteten. Durch die Analysen der ersterwähnten Zwangsvorstellungen sind wir bereits darauf vorbereitet, die feindseligen Regungen unseres Patienten für besonders heftig, von der Art der sinnlosen Wut zu schätzen, und dann finden wir, daß diese Wut gegen die Dame auch nach der Versöhnung ihren Beitrag zu den Zwangsbildungen stellt. In der Zweifelsucht, ob er richtig gehört, ist der fortwirkende Zweifel dargestellt, ob er wohl diesmal die Geliebte richtig verstanden hat und ihre Worte mit Recht als Beweis ihrer zärtlichen Neigung auffassen darf. Der Zweifel des Verstehzwanges ist Zweifel an ihrer Liebe. Es tobt in unserem Verliebten ein Kampf zwischen Liebe und Haß, die der gleichen Person gelten, und dieser Kampf wird plastisch dargestellt in der zwanghaften, auch symbolisch bedeutsamen Handlung, den Stein von dem Wege, den sie befahren soll, wegzuräumen und dann diese Liebestat wieder rückgängig zu machen, den Stein wieder hinzulegen, wo er lag, damit ihr Wagen an ihm scheitere und sie zu Schaden komme. Wir verstehen diesen zweiten Teil der Zwangshandlung nicht richtig, wenn wir ihn nur als kritische Abwendung vom krankhaften Tun auffassen, wofür er sich selbst ausgeben möchte. Daß auch er sich unter der Empfindung des Zwanges vollzieht, verrät, daß er selbst ein Stück des krankhaften Tuns ist, welches aber von dem Gegensatz zum Motiv des ersten Stückes bedingt wird. Solche zweizeitige Zwangshandlungen, deren erstes Tempo vom zweiten aufgehoben wird, sind ein typisches Vorkommnis bei der Zwangsneurose. Sie werden vom bewußten Denken des Kranken natürlich mißverstanden und mit einer sekundären Motivierung versehen – 62 rationalisiert Vgl. Ernest Jones (1908). . Ihre wirkliche Bedeutung liegt aber in der Darstellung des Konfliktes zweier annähernd gleich großer gegensätzlicher Regungen, soviel ich bisher erfahren konnte, stets des Gegensatzes von Liebe und Haß. Sie beanspruchen ein besonderes theoretisches Interesse, weil sie einen neuen Typus der Symptombildung erkennen lassen. Anstatt, wie es bei Hysterie regelmäßig geschieht, ein Kompromiß zu finden, welches beiden Gegensätzen in einer Darstellung genügt, zwei Fliegen mit einem Schlag trifft Vgl. ›Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität‹ (Freud, 1908  a ). , werden hier die beiden Gegensätze, jeder einzeln, befriedigt, zuerst der eine und dann der andere, natürlich nicht ohne daß der Versuch gemacht würde, zwischen den beiden einander feindseligen eine Art von logischer Verknüpfung – oft mit Beugung aller Logik – herzustellen Ein anderer Zwangskranker berichtete mir einmal, er sei im Parke von Schönbrunn mit dem Fuße auf einen im Wege liegenden Ast gestoßen, den er nun in die den Weg begrenzende Hecke schleuderte. Auf dem Heimwege überkam ihn plötzlich die Sorge, in der neuen Lage könnte der jetzt vielleicht etwas vorragende Ast zum Anlasse eines Unfalles für jemand werden, der nach ihm an derselben Stelle vorbeigehe. Er mußte von der Trambahn abspringen, in den Park zurückeilen, die Stelle aufsuchen und den Ast in die frühere Lage zurückbringen, obwohl es jedem anderen als dem Kranken einleuchten würde, daß die frühere Lage doch für einen Passanten gefährlicher sein müßte als die neue im Gebüsche. Die zweite feindselige Handlung, die sich als Zwang durchsetzte, hatte sich vor dem bewußten Denken mit der Motivierung der ersten, menschenfreundlichen geschmückt. . Der Konflikt zwischen Liebe und Haß tat sich bei unserem Patienten auch durch andere Anzeichen kund. Zur Zeit seiner wiedererwachenden Frömmigkeit richtete er sich Gebete ein, die allmählich bis zu 1½ Stunden in Anspruch nahmen, weil sich ihm – ein umgekehrter Bileam – in die frommen Formeln immer etwas einmengte, was sie ins Gegenteil verkehrte. Sagte er z. B. » Gott schütze ihn « – so gab der böse Geist schnell ein » nicht « dazu Vergleiche den ähnlichen Mechanismus der bekannten sakrilegischen Einfälle der Frommen. . Einmal kam ihm dabei die Idee zu fluchen; da werde sich doch gewiß ein Widerspruch einschleichen; in diesem Einfalle brach sich die ursprüngliche, durch das Gebet verdrängte Intention Bahn. In solcher Bedrängnis fand er den Ausweg, die Gebete abzustellen und sie durch eine kurze Formel zu ersetzen, die aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangssilben verschiedener Gebete zusammengebraut war. Diese sprach er dann so rasch aus, daß ihm nichts dazwischenfahren konnte. 63 Er brachte mir einmal einen Traum, der die Darstellung desselben Konfliktes in der Übertragung auf den Arzt enthielt: Meine Mutter ist gestorben. Er will kondolieren, fürchtet aber, daß er dabei das impertinente Lachen produzieren wird, das er schon wiederholt bei Todesfällen gezeigt hat. Er schreibt darum lieber eine Karte mit p. c. , aber diese Buchstaben verwandeln sich ihm beim Schreiben in p. f. Dieser Traum gibt die Aufklärung des so häufigen und als rätselhaft betrachteten Zwangslachens bei Traueranlässen. Der Widerstreit seiner Gefühle gegen seine Dame war zu deutlich, als daß er sich seiner bewußten Wahrnehmung gänzlich hätte entziehen können, wenngleich wir aus den Zwangsäußerungen desselben schließen dürfen, daß er für die Tiefe seiner negativen Regungen die richtige Schätzung nicht besaß. Die Dame hatte seine erste Werbung vor zehn Jahren mit einem Nein beantwortet. Seither wechselten Zeiten, in denen er sie intensiv zu lieben glaubte, mit anderen, in welchen er gleichgültig gegen sie fühlte, auch in seinem Wissen miteinander ab. Wenn er im Laufe der Behandlung einen Schritt tun sollte, welcher ihn dem Ziele der Bewerbung näher brachte, so äußerte sich sein Widerstand gewöhnlich zuerst in der Überzeugung, er habe sie eigentlich gar nicht so lieb, die freilich bald überwunden wurde. Als sie einmal in schwerer Krankheit zu Bette lag, was seine äußerste Teilnahme hervorrief, brach bei ihrem Anblicke der Wunsch bei ihm durch: so soll sie immer liegen bleiben. Er deutete sich diesen Einfall durch das spitzfindige Mißverständnis, er wünsche nur darum ihr beständiges Kranksein, damit er die Angst vor wiederholten Krankheitsfällen loswerde, die er nicht ertragen könne! Ein Beitrag eines andern Motivs zu diesem Zwangseinfall ist nicht abzuweisen: des Wunsches, sie wehrlos gegen seine Absichten zu wissen. Gelegentlich beschäftigte er seine Phantasie mit Tagträumen, die er selbst als »Rachephantasien« erkannte und deren er sich schämte. Weil er meinte, daß sie einen großen Wert auf die soziale Stellung eines Bewerbers legen würde, phantasierte er, daß sie einen solchen Mann in amtlicher Position geheiratet habe. Er tritt nun in dasselbe Amt ein, bringt es dort viel weiter als jener, der zu seinem Untergebenen wird. Eines Tages hat dieser Mann eine unlautere Handlung begangen. Die Dame fällt ihm zu Füßen, beschwört ihn, ihren Mann zu retten. Er verspricht es, eröffnet ihr, daß er nur aus Liebe zu ihr in das Amt eingetreten sei, weil er einen solchen Moment vorausgesehen habe. Jetzt sei mit der Rettung ihres Mannes seine Mission erfüllt; er lege sein Amt nieder. 64 In anderen Phantasien, des Inhaltes, daß er ihr einen großen Dienst leiste u. dgl., ohne daß sie erfahre, daß er es sei, anerkannte er bloß die Zärtlichkeit, ohne den zur Verdrängung der Rachsucht bestimmten Edelmut nach Muster des Dumasschen Grafen von Montecristo nach dieser seiner Herkunft und Tendenz zu würdigen. Übrigens gestand er zu, daß er gelegentlich unter sehr deutlichen Impulsen stehe, der von ihm verehrten Dame etwas anzutun. Diese Impulse schwiegen meist in ihrer Gegenwart und träten in ihrer Abwesenheit hervor. F. Die Krankheitsveranlassung Eines Tages erwähnte unser Patient flüchtig eine Begebenheit, in welcher ich sofort die Krankheitsveranlassung, wenigstens den rezenten Anlaß des noch heute anhaltenden Krankheitsausbruches vor etwa 6 Jahren erkennen mußte. Er selbst hatte keine Ahnung, daß er etwas Bedeutsames vorgebracht hatte; er konnte sich nicht erinnern, der Begebenheit, die er übrigens niemals vergessen hatte, einen Wert beigelegt zu haben. Dieses Verhalten fordert eine theoretische Würdigung heraus. Bei Hysterie ist es Regel, daß die rezenten Anlässe der Erkrankung der Amnesie ebenso verfallen wie die infantilen Erlebnisse, mit deren Hilfe jene ihre Affektenergie in Symptome umsetzen. Wo ein völliges Vergessen unmöglich ist, da wird die rezente traumatische Veranlassung doch von der Amnesie angenagt und zum mindesten ihrer bedeutsamsten Bestandteile beraubt. Wir sehen in solcher Amnesie den Erweis der stattgehabten Verdrängung. Anders ist es in der Regel bei der Zwangsneurose. Die infantilen Voraussetzungen der Neurose mögen einer – oft nur unvollständigen – Amnesie verfallen sein; die rezenten Anlässe der Erkrankung finden sich dagegen im Gedächtnis erhalten. Die Verdrängung hat sich hier eines andern, eigentlich einfacheren Mechanismus bedient; anstatt das Trauma zu vergessen, hat sie ihm die Affektbesetzung entzogen, so daß im Bewußtsein ein indifferenter, für unwesentlich erachteter Vorstellungsinhalt erübrigt. Der Unterschied liegt im psychischen Geschehen, das wir hinter den Phänomenen konstruieren dürfen; der Erfolg des Vorganges ist fast der nämliche, denn der indifferente Erinnerungsinhalt wird nur selten reproduziert und spielt in der bewußten Gedankentätigkeit der Person keine Rolle. Zur 65 Unterscheidung der beiden Arten der Verdrängung können wir zunächst nur die Versicherung des Patienten verwenden, er habe die Empfindung, daß er das eine immer gewußt, das andere seit langer Zeit vergessen habe Man muß also zugeben, daß es für die Zwangsneurose zweierlei Wissen und Kennen gibt, und darf mit dem gleichen Rechte behaupten, der Zwangskranke »kenne« seine Traumen, wie, daß er sie nicht »kenne«. Er kennt sie nämlich, insofern er sie nicht vergessen hat, er kennt sie nicht, da er nicht ihre Bedeutung erkennt. Es ist im normalen Leben oft auch nicht anders. Die Kellner, die den Philosophen Schopenhauer in seinem Stammgasthaus zu bedienen pflegten, »kannten« ihn in gewissem Sinne zu einer Zeit, da er sonst in und außerhalb Frankfurt unbekannt war, aber nicht in dem Sinne, den wir heute mit der »Kenntnis« von Schopenhauer verbinden. . Es ist darum kein seltenes Vorkommnis, daß Zwangskranke, die an Selbstvorwürfen leiden und ihre Affekte an falsche Veranlassungen geknüpft haben, dem Arzt auch von den richtigen Mitteilung machen, ohne zu ahnen, daß ihre Vorwürfe nur von diesen letzteren abgetrennt sind. Sie äußern dabei gelegentlich verwundert oder selbst wie prahlerisch: Daraus mache ich mir aber gar nichts. So war es auch in dem ersten Falle von Zwangsneurose, der mir vor vielen Jahren das Verständnis des Leidens eröffnete. Der Patient, ein Staatsbeamter, der an ungezählten Bedenklichkeiten litt, derselbe, von dem ich die Zwangshandlung an dem Ast im Schönbrunner Park berichtet habe, fiel mir dadurch auf, daß er mir für den Besuch in der Sprechstunde stets reine und glatte Papiergulden überreichte. (Wir hatten damals in Österreich noch kein Silbergeld.) Als ich einmal bemerkte, man erkenne doch gleich den Staatsbeamten an den nagelneuen Gulden, die er von der Staatskasse beziehe, belehrte er mich, die Gulden seien keineswegs neu, sondern in seinem Hause gebügelt (geplättet) worden. Er mache sich ein Gewissen daraus, jemand schmutzige Papiergulden in die Hand zu geben; da klebten die gefährlichsten Bakterien daran, die dem Empfänger Schaden bringen könnten. Mir dämmerte damals bereits in unsicherer Ahnung der Zusammenhang der Neurosen mit dem Sexualleben, und so wagte ich es, den Patienten ein andermal zu befragen, wie er es in diesem Punkte hielte. »Oh, alles in Ordnung«, meinte er leichthin, »ich leide keinen Mangel. Ich spiele in vielen guten Bürgerhäusern die Rolle eines lieben alten Onkels, und die benütze ich, 66 um mir von Zeit zu Zeit ein junges Mädchen für eine Landpartie abzubitten. Ich richte es dann so ein, daß wir den Zug versäumen und auf dem Lande übernachten müssen. Ich nehme dann immer zwei Zimmer, ich bin sehr nobel; aber wenn das Mädchen zu Bett ist, komme ich zu ihr und masturbiere sie mit meinen Fingern.« – »Ja, fürchten Sie denn nicht, daß Sie ihr schaden, wenn Sie mit Ihrer schmutzigen Hand in ihren Genitalien herumarbeiten?« – Da brauste er aber auf: »Schaden? Was soll es ihr denn schaden? Keiner hat es noch geschadet, und jeder war es recht. Einige von ihnen sind jetzt schon verheiratet, und es hat ihnen nicht geschadet.« – Er nahm meine Beanständung sehr übel auf und kam nie wieder. Ich konnte mir aber den Kontrast zwischen seiner Bedenklichkeit bei den Papiergulden und seiner Rücksichtslosigkeit beim Mißbrauch der ihm anvertrauten Mädchen nur durch eine Verschiebung des Vorwurfsaffekts erklären. Die Tendenz dieser Verschiebung war deutlich genug; wenn er den Vorwurf dort beließ, wohin er gehörte, so mußte er auf eine sexuelle Befriedigung verzichten, zu der er wahrscheinlich durch starke infantile Determinanten gedrängt war. Er erzielte also durch die Verschiebung einen namhaften Krankheitsgewinn . Auf die Krankheitsveranlassung bei unserem Patienten muß ich aber nun ausführlicher eingehen. Seine Mutter war als entfernte Verwandte in einer reichen Familie aufgezogen worden, die ein großes industrielles Unternehmen betrieb. Sein Vater trat gleichzeitig mit der Heirat in den Dienst dieses Unternehmens und gelangte so eigentlich infolge seiner Ehewahl zu ziemlichem Wohlstand. Durch Neckereien zwischen den in vortrefflicher Ehe lebenden Eltern hatte der Sohn erfahren, daß der Vater einem hübschen armen Mädchen aus bescheidener Familie den Hof gemacht hatte, eine Zeitlang bevor er die Mutter kennenlernte. Dies die Vorgeschichte. Nach dem Tode des Vaters teilte die Mutter eines Tages dem Sohne mit, es sei zwischen ihr und ihren reichen Verwandten die Rede von seiner Zukunft gewesen, und einer der Vettern habe seine Bereitwilligkeit ausgedrückt, ihm eine seiner Töchter zu geben, wenn er seine Studien beendigt habe; die geschäftliche Verbindung mit der Firma werde ihm dann auch in seinem Berufe glänzende 67 Aussichten eröffnen. Dieser Plan der Familie entzündete in ihm den Konflikt, ob er seiner armen Geliebten treu bleiben oder in die Fußstapfen des Vaters treten und das schöne, reiche, vornehme Mädchen, das ihm bestimmt worden, zur Frau nehmen solle. Und diesen Konflikt, der eigentlich ein solcher zwischen seiner Liebe und dem fortwirkenden Willen des Vaters war, löste er durch Erkrankung, richtiger gesagt: er entzog sich durch die Erkrankung der Aufgabe, ihn in der Realität zu lösen Es ist hervorzuheben, daß die Flucht in die Krankheit ihm durch die Identifizierung mit dem Vater ermöglicht wurde. Diese gestattete ihm die Regression der Affekte auf die Kindheitsreste. . Der Beweis für diese Auffassung liegt in der Tatsache, daß hartnäckige Arbeitsunfähigkeit, die ihn die Beendigung seiner Studien um Jahre aufschieben ließ, der Haupterfolg der Erkrankung war. Was aber der Erfolg einer Krankheit ist, das lag in der Absicht derselben; die anscheinende Krankheitsfolge ist in Wirklichkeit die Ursache, das Motiv des Krankwerdens. Meine Aufklärung fand begreiflicherweise bei dem Kranken zunächst keine Anerkennung. Er könne sich eine solche Wirkung des Heiratsplanes nicht vorstellen, derselbe habe ihm seinerzeit nicht den mindesten Eindruck gemacht. Im weiteren Verlaufe der Kur mußte er sich aber auf einem eigentümlichen Wege von der Richtigkeit meiner Vermutung überzeugen. Er erlebte mit Hilfe einer Übertragungsphantasie als neu und gegenwärtig, was er aus der Vergangenheit vergessen hatte oder was nur unbewußt bei ihm abgelaufen war. Aus einer dunkeln und schwierigen Periode der Behandlungsarbeit ergab sich endlich, daß er ein junges Mädchen, welches er einmal auf der Stiege meines Hauses angetroffen, zu meiner Tochter erhoben hatte. Sie erregte sein Wohlgefallen, und er imaginierte, daß ich nur darum so liebenswürdig und unerhört geduldig mit ihm sei, weil ich ihn zum Schwiegersohne wünsche, wobei er den Reichtum und die Vornehmheit meines Hauses bis zu dem ihm zum Vorbild passenden Niveau erhöhte. Gegen diese Versuchung stritt aber in ihm die unauslöschliche Liebe zu seiner Dame. Nachdem wir eine Reihe der schwersten Widerstände und ärgsten Beschimpfungen überwunden hatten, konnte er sich der überzeugenden Wirkung der vollen Analogie zwischen der phantasierten Übertragung und der damaligen Realität nicht entziehen. Ich gebe einen seiner 68 Träume aus dieser Zeit wieder, um den Stil seiner Darstellung an einer Probe zu zeigen. Er sieht meine Tochter vor sich, aber sie hat zwei Dreckpatzen anstatt der Augen. Für jeden, der die Sprache der Träume versteht, wird die Übersetzung leicht sein: Er heiratet meine Tochter nicht ihrer schönen Augen, sondern ihres Geldes wegen. G. Der Vaterkomplex und die Lösung der Rattenidee Von der Krankheitsveranlassung reiferer Jahre führte ein Faden zurück in die Kindheit unseres Patienten. Er fand sich in einer Situation, wie sie nach seinem Wissen oder Vermuten der Vater vor seiner eigenen Eheschließung bestanden hatte, und konnte sich mit dem Vater identifizieren. Noch in anderer Weise spielte der verstorbene Vater in die rezente Erkrankung hinein. Der Krankheitskonflikt war im Wesen ein Widerstreit zwischen dem fortwirkenden Willen des Vaters und seiner eigenen verliebten Neigung. Nehmen wir Rücksicht auf die Mitteilungen, die der Patient in den ersten Stunden der Behandlung gemacht hatte, so können wir die Vermutung nicht abweisen, daß dieser Widerstreit ein uralter gewesen sei und sich schon in den Kinderjahren des Kranken ergeben habe. Der Vater unseres Patienten war nach allen Auskünften ein ganz vortrefflicher Mann. Er war vor der Heirat Unteroffizier gewesen und hatte eine aufrichtige soldatische Art sowie eine Vorliebe für derbe Ausdrücke als Niederschlag aus diesem Stücke seines Lebens behalten. Außer den Tugenden, die der Leichenstein an jedermann zu rühmen pflegt, zeichnete ihn ein herzlicher Humor und eine gütige Nachsicht gegen seine Mitmenschen aus; es steht gewiß nicht im Widerspruche mit diesem Charakter, stellt sich vielmehr als Ergänzung zu ihm dar, daß er jäh und heftig sein konnte, was den Kindern, solange sie klein und schlimm waren, gelegentlich zu sehr empfindlichen Züchtigungen verhalf. Als die Kinder heranwuchsen, wich er von anderen Vätern darin ab, daß er sich nicht zur unantastbaren Autorität emporheben wollte, sondern in gutmütiger Offenheit die kleinen Verfehlungen und Mißgeschicke seines Lebens ihrer Mitwissenschaft preisgab. Der Sohn übertrieb gewiß nicht, wenn er aussprach, sie hätten miteinander verkehrt wie die besten Freunde, bis auf einen einzigen Punkt (vgl. S. 54 ). An diesem einen Punkte mußte es wohl gelegen sein, wenn den Kleinen der Gedanke an den Tod des Vaters mit ungewöhnlicher und 69 ungebührlicher Intensität beschäftigte ( S. 41 ), wenn solche Gedanken im Wortlaute seiner kindlichen Zwangsideen auftraten, wenn er sich wünschen konnte, der Vater möge sterben, damit ein gewisses Mädchen, durch Mitleid erweicht, zärtlicher gegen ihn werde ( S. 52 ). Es ist nicht zu bezweifeln, daß auf dem Gebiete der Sexualität etwas zwischen Vater und Sohn stand und daß der Vater in einen bestimmten Gegensatz zu der frühzeitig erwachten Erotik des Sohnes geraten war. Mehrere Jahre nach dem Tode des Vaters drängte sich dem Sohne, als er zum ersten Male die Lustempfindung eines Koitus erfuhr, die Idee auf: »Das ist doch großartig; dafür könnte man seinen Vater ermorden!« Dies zugleich ein Nachklang und eine Verdeutlichung seiner kindlichen Zwangsideen. Kurz vor seinem Tode hatte der Vater übrigens direkt gegen die später dominierende Neigung unseres Patienten Stellung genommen. Er merkte, daß er die Gesellschaft jener Dame aufsuchte, und riet ihm von ihr mit den Worten ab, es sei nicht klug und er werde sich nur blamieren. Zu diesen vollkommen gesicherten Anhaltspunkten kommt anderes hinzu, wenn wir uns zur Geschichte der onanistischen Sexualbetätigung unseres Patienten wenden. Es besteht auf diesem Gebiete ein noch nicht verwerteter Gegensatz zwischen den Ansichten der Ärzte und der Kranken. Letztere sind alle darin einig, die Onanie, unter der sie die Pubertätsmasturbation verstehen, als Wurzel und Urquell all ihrer Leiden hinzustellen; die Ärzte wissen im allgemeinen nicht, wie sie darüber denken sollen, aber unter dem Eindrucke der Erfahrung, daß auch die meisten später Normalen in den Pubertätsjahren eine Weile onaniert haben, neigen sie in ihrer Mehrzahl dazu, die Angaben der Kranken als grobe Überschätzungen zu verurteilen. Ich meine, daß die Kranken auch hierin eher recht haben als die Ärzte. Den Kranken dämmert hier eine richtige Einsicht, während die Ärzte in Gefahr sind, etwas Wesentliches zu übersehen. Es verhält sich gewiß nicht so, wie die Kranken ihren Satz selbst verstehen wollen, daß die fast typisch zu nennende Pubertätsonanie für alle neurotischen Störungen verantwortlich zu machen sei. Der Satz bedarf der Deutung. Aber die Onanie der Pubertätsjahre ist in Wirklichkeit nichts anderes als die Auffrischung der bisher stets vernachlässigten Onanie der Kinderjahre, welche zumeist in den Jahren von 3 bis 4 oder 5 eine Art von Höhepunkt erreicht, und diese ist allerdings der deutlichste Ausdruck der sexuellen Konstitution des Kindes, in welcher auch wir die Ätiologie der späteren Neurosen suchen. Die Kranken beschuldigen unter solcher 70 Verhüllung also eigentlich ihre infantile Sexualität, und darin haben sie vollauf recht. Das Problem der Onanie wird hingegen unlösbar, wenn man die Onanie als eine klinische Einheit auffassen will und daran vergißt, daß sie die Abfuhr der verschiedenartigsten Sexualkomponenten und der von ihnen gespeisten Phantasien darstellt. Die Schädlichkeit der Onanie ist nur zum geringen Anteil eine autonome, durch ihre eigene Natur bedingte. Der Hauptsache nach fällt sie mit der pathogenen Bedeutung des Sexuallebens überhaupt zusammen. Wenn soviele Individuen die Onanie, d. h. ein gewisses Ausmaß dieser Betätigung, ohne Schaden vertragen, so lehrt diese Tatsache nichts anderes, als daß bei ihnen die sexuelle Konstitution und der Ablauf der Entwicklungsvorgänge im Sexualleben die Ausübung der Funktion unter den kulturellen Bedingungen gestattet hat Vgl. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905  d ). , während andere infolge ungünstiger Sexualkonstitution oder gestörter Entwicklung an ihrer Sexualität erkranken, d. h. die Anforderungen zur Unterdrückung und Sublimierung der sexuellen Komponenten nicht ohne Hemmungen und Ersatzbildungen erfüllen können. Unser Patient war in seinem Onanieverhalten recht auffällig; er entwickelte keine Pubertätsonanie und hätte also nach gewissen Erwartungen ein Anrecht darauf gehabt, frei von Neurose zu bleiben. Dagegen trat der Drang zur onanistischen Betätigung im 21. Jahre bei ihm auf, kurze Zeit nach dem Tode des Vaters . Er war sehr beschämt nach jeder Befriedigung und schwor ihr bald wieder ab. Von da an trat die Onanie nur bei seltenen und sehr merkwürdigen Anlässen wieder auf. Besonders schöne Momente, die er erlebte, oder besonders schöne Stellen, die er las, riefen sie hervor. So z. B. als er an einem schönen Sommernachmittag einen Postillon in der Innern Stadt so herrlich blasen hörte, bis ein Wachmann es ihm untersagte, weil in der Stadt das Blasen verboten sei! Oder ein andermal, als er in Dichtung und Wahrheit las, wie sich der junge Goethe in zärtlicher Aufwallung von der Wirkung eines Fluches befreite, den eine Eifersüchtige über die ausgesprochen, welche nach ihr seine Lippen küssen würde. Lange hatte er sich wie abergläubisch durch diesen Fluch abhalten lassen, jetzt aber zerriß er die Fessel und küßte sein Lieb herzlich ab. Er verwunderte sich nicht wenig, daß er gerade bei solchen schönen und erhebenden Anlässen zur Masturbation gedrängt worden sei. Ich mußte 71 aber aus diesen beiden Beispielen als das Gemeinsame das Verbot und das Sichhinaussetzen über ein Gebot herausheben. In denselben Zusammenhang gehörte auch sein sonderbares Benehmen zu einer Zeit, da er für eine Prüfung studierte und mit der ihm liebgewordenen Phantasie spielte, der Vater lebe noch und könne jeden Moment wiederkommen. Er richtete es sich damals so ein, daß sein Studium auf die spätesten Nachtstunden fiel. Zwischen 12 und 1 Uhr nachts unterbrach er sich, öffnete die auf den Hausflur führende Tür, als ob der Vater davorstünde, und betrachtete dann, nachdem er zurückgekommen war, im Spiegel des Vorzimmers seinen entblößten Penis. Dies tolle Treiben wird unter der Voraussetzung verständlich, daß er sich so benahm, als ob er den Besuch des Vaters um die Geisterstunde erwartete. Zu seinen Lebzeiten war er eher ein fauler Student gewesen, worüber sich der Vater oft gekränkt hatte. Nun sollte er Freude an ihm haben, wenn er als Geist wiederkam und ihn beim Studieren traf. An dem andern Teile seines Tuns konnte der Vater aber unmöglich Freude haben; damit trotzte er ihm also und brachte so in einer unverstandenen Zwangshandlung die beiden Seiten seines Verhältnisses zum Vater nebeneinander zum Ausdrucke, ähnlich wie in der späteren Zwangshandlung vom Steine auf der Straße gegen die geliebte Dame. Auf diese und ähnliche Anzeichen gestützt, wagte ich die Konstruktion, er habe als Kind im Alter von 6 Jahren irgendeine sexuelle Missetat im Zusammenhange mit der Onanie begangen und sei dafür vom Vater empfindlich gezüchtigt worden. Diese Bestrafung hätte der Onanie allerdings ein Ende gemacht, aber anderseits einen unauslöschlichen Groll gegen den Vater hinterlassen und dessen Rolle als Störer des sexuellen Genusses für alle Zeiten fixiert. (Vgl. die ähnlichen Vermutungen in einer der ersten Sitzungen, S. 55 .) Zu meinem großen Erstaunen berichtete nun der Patient, ein solcher Vorfall aus seinen ersten Kinderjahren sei ihm von der Mutter wiederholt erzählt worden und offenbar darum nicht in Vergessenheit geraten, weil sich so merkwürdige Dinge an ihn knüpften. Seine eigene Erinnerung wisse allerdings nichts davon. Die Erzählung aber lautete: Als er noch sehr klein war – die genauere Zeitbestimmung ließe sich noch durch das Zusammentreffen mit der Todeskrankheit einer älteren Schwester gewinnen –, soll er etwas Arges angestellt haben, wofür ihn der Vater prügelte. Da sei der kleine Knirps in eine schreckliche Wut geraten und habe noch unter den Schlägen den Vater beschimpft. Da er aber noch keine Schimpfwörter kannte, 72 habe er ihm alle Namen von Gegenständen gegeben, die ihm einfielen, und gesagt: »du Lampe, du Handtuch, du Teller« usw. Der Vater hielt erschüttert über diesen elementaren Ausbruch im Schlagen inne und äußerte: »Der Kleine da wird entweder ein großer Mann oder ein großer Verbrecher!« Die Alternative war unvollständig. An den häufigsten Ausgang so vorzeitiger Leidenschaftlichkeit, an den in Neurose, hatte der Vater nicht gedacht. Er meint, der Eindruck dieser Szene sei sowohl für ihn wie für den Vater ein dauernd wirksamer gewesen. Der Vater habe ihn nie wieder geprügelt; er selbst leitet aber ein Stück seiner Charakterveränderung von dem Erlebnisse ab. Aus Angst vor der Größe seiner Wut sei er von da an feige geworden. Er hatte übrigens sein ganzes Leben über schreckliche Angst vor Schlägen und verkroch sich vor Entsetzen und Empörung, wenn eines seiner Geschwister geprügelt wurde. Eine erneuerte Nachfrage bei der Mutter brachte außer der Bestätigung dieser Erzählung die Auskunft, daß er damals zwischen 3 und 4 Jahre alt war und daß er die Strafe verdient, weil er jemanden gebissen hatte. Näheres erinnerte auch die Mutter nicht mehr; sie meinte recht unsicher, die von dem Kleinen beschädigte Person möge die Kinderfrau gewesen sein; von einem sexuellen Charakter des Delikts war in ihrer Mitteilung nicht die Rede Man hat es in den Psychoanalysen häufig mit solchen Begebenheiten aus den ersten Kinderjahren zu tun, in denen die infantile Sexualtätigkeit zu gipfeln scheint und häufig durch einen Unfall oder eine Bestrafung ein katastrophales Ende findet. Sie zeigen sich schattenhaft in Traumen an, werden oft so deutlich, daß man sie greifbar zu besitzen vermeint, aber sie entziehen sich doch der endgültigen Klarstellung, und wenn man nicht mit besonderer Vorsicht und mit Geschick verfährt, muß man es unentschieden lassen, ob eine solche Szene wirklich vorgefallen ist. Auf die richtige Spur der Deutung wird man durch die Erkenntnis geführt, daß von solchen Szenen mehr als eine Version, oft sehr verschiedenartige, in der unbewußten Phantasie des Patienten aufzuspüren sind. Wenn man in der Beurteilung der Realität nicht irregehen will, muß man sich vor allem daran erinnern, daß die »Kindheitserinnerungen« der Menschen erst in einem späteren Alter (meist zur Zeit der Pubertät) festgestellt und dabei einem komplizierten Umarbeitungsprozeß unterzogen werden, welcher der Sagenbildung eines Volkes über seine Urgeschichte durchaus analog ist. Es läßt sich deutlich erkennen, daß der heranwachsende Mensch in diesen Phantasiebildungen über seine erste Kindheit das Andenken an seine autoerotische Betätigung zu verwischen sucht , indem er seine Erinnerungsspuren auf die Stufe der Objektliebe hebt, also wie ein richtiger Geschichtsschreiber die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart erblicken will. Daher die Überfülle von Verführungen und Attentaten in diesen Phantasien, wo die Wirklichkeit sich auf autoerotische Betätigung und auf Anregung dazu durch Zärtlichkeiten und Strafen beschränkt. Ferner wird man gewahr, daß der über seine Kindheit Phantasierende seine Erinnerungen sexualisiert , d. h., daß er banale Erlebnisse mit seiner Sexualbetätigung in Beziehung bringt, sein Sexualinteresse über sie ausdehnt, wobei er wahrscheinlich den Spuren des wirklich vorhandenen Zusammenhanges nachfährt. Daß es nicht die Absicht dieser Bemerkungen ist, die von mir behauptete Bedeutung der infantilen Sexualität nachträglich durch die Reduktion auf das Sexualinteresse der Pubertät herabzusetzen, wird mir jeder glauben, der die von mir mitgeteilte ›Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben‹ im Gedächtnis hat. Ich beabsichtige nur, technische Anweisungen zur Auflösung jener Phantasiebildungen zu geben, welche dazu bestimmt sind, das Bild jener infantilen Sexualbetätigung zu verfälschen. Nur selten ist man wie bei unserem Patienten in der glücklichen Lage, die tatsächliche Grundlage dieser Dichtungen über die Urzeit durch das unerschütterliche Zeugnis eines Erwachsenen festzustellen. Immerhin läßt die Aussage der Mutter den Weg für mehrfache Möglichkeiten offen. Daß sie die sexuelle Natur des Vergehens, für welches das Kind gestraft wurde, nicht proklamierte, mag seinen Grund in ihrer eigenen Zensur haben, welche bei allen Eltern gerade dieses Element aus der Vergangenheit ihrer Kinder auszuschalten bemüht ist. Es ist aber ebenso möglich, daß das Kind damals wegen einer banalen Unart nicht sexueller Natur von der Kinderfrau oder der Mutter selbst zurechtgewiesen und dann wegen seiner gewalttätigen Reaktion vom Vater gezüchtigt wurde. Die Kinderfrau oder eine andere dienende Person wird in solchen Phantasien regelmäßig durch die vornehmere der Mutter ersetzt. »Wenn man sich in die Deutung der diesbezüglichen Träume des Patienten tiefer einließ, fand man die deutlichsten Hinweise auf eine episch zu nennende Dichtung, in welcher sexuelle Gelüste gegen Mutter und Schwester und der frühzeitige Tod dieser Schwester mit jener Züchtigung des kleinen Helden durch den Vater zusammengebracht wurden. Es gelang nicht, dieses Gewebe von Phantasieumhüllungen Faden für Faden abzuspinnen; gerade der therapeutische Erfolg war hier das Hindernis. Der Patient war hergestellt, und das Leben forderte von ihm, mehrfache, ohnedies zu lange aufgeschobene Aufgaben in Angriff zu nehmen, die mit der Fortsetzung der Kur nicht verträglich waren. Man mache mir also aus dieser Lücke in der Analyse keinen Vorwurf. Die wissenschaftliche Erforschung durch die Psychoanalyse ist ja heute nur ein Nebenerfolg der therapeutischen Bemühung, und darum ist die Ausbeute oft gerade bei unglücklich behandelten Fällen am größten. Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in der autoerotischen Betätigung der vorherrschenden Sexualkomponenten, in Spuren von Objektliebe und in der Bildung jenes Komplexes, den man den Kernkomplex der Neurosen nennen könnte, der die ersten zärtlichen wie feindseligen Regungen gegen Eltern und Geschwister umfaßt, nachdem die Wißbegierde des Kleinen, meist durch die Ankunft eines neuen Geschwisterchens, geweckt worden ist. Aus der Uniformität dieses Inhaltes und aus der Konstanz der späteren modifizierenden Einwirkungen erklärt es sich leicht, daß im allgemeinen stets die nämlichen Phantasien über die Kindheit gebildet werden, gleichgültig, wieviel oder wie wenig Beiträge das wirkliche Erleben dazu gestellt hat. Es entspricht durchaus dem infantilen Kernkomplex, daß der Vater zur Rolle des sexuellen Gegners und des Störers der autoerotischen Sexualbetätigung gelangt, und die Wirklichkeit hat daran zumeist einen guten Anteil. . 73 Indem ich die Diskussion dieser Kindheitsszene in die Fußnote verweise, führe ich an, daß durch deren Auftauchen seine Weigerung, an eine prähistorisch erworbene und später latent gewordene Wut gegen den geliebten Vater zu glauben, zuerst ins Wanken geriet. Ich hatte nur eine stärkere Wirkung erwartet, denn diese Begebenheit war ihm so oft auch vom Vater selbst erzählt worden, daß ihre Realität keinem Zweifel unterlag. Mit einer Fähigkeit, die Logik zu beugen, welche bei den sehr intelligenten Zwangskranken jedesmal höchst befremdend wirkt, machte er aber immer wieder gegen die Beweiskraft der Erzählung geltend, er erinnere sich doch nicht selbst daran. Er mußte sich also die Überzeugung, daß sein Verhältnis zum Vater wirklich jene unbewußte Ergänzung erforderte, erst auf dem schmerzhaften Wege der Übertragung erwerben. Es kam bald dazu, daß er mich und die Meinigen in Träumen, Tagesphantasien und Einfällen aufs gröblichste und unflätigste beschimpfte, während er mir doch mit Absicht niemals etwas anderes als die größte Ehrerbietung entgegenbrachte. Sein Benehmen während der Mitteilung dieser Beschimpfungen war das eines Verzweifelten. »Wie kommen Herr Professor dazu, sich von einem schmierigen, hergelaufenen Kerl wie ich so beschimpfen zu lassen? Sie müssen mich 74 hinauswerfen; ich verdiene es nicht besser.« Bei diesen Reden pflegte er vom Diwan aufzustehen und im Zimmer herumzulaufen, was er zuerst mit Feinfühligkeit motivierte; er bringe es nicht über sich, so gräßliche Dinge zu sagen, während er behaglich daliege. Er fand aber bald selbst die triftigere Erklärung, daß er sich meiner Nähe entziehe, aus Angst, von mir geprügelt zu werden. Wenn er sitzen blieb, so benahm er sich wie einer, der sich in verzweifelter Angst vor maßlosen Züchtigungen schützen will; er stützte den Kopf in die Hände, deckte sein Gesicht mit dem Arme, lief plötzlich mit schmerzlich verzerrten Zügen davon usw. Er erinnerte, daß der Vater jähzornig gewesen war und in seiner Heftigkeit manchmal nicht mehr wußte, wie weit er gehen durfte. In solcher Schule des Leidens gewann er allmählich die ihm mangelnde Überzeugung, die sich jedem andern nicht persönlich Beteiligten wie selbstverständlich ergeben hätte; dann war aber auch der Weg zur Auflösung der Rattenvorstellung frei. Eine Fülle von bisher zurückgehaltenen 75 tatsächlichen Mitteilungen wurde nun auf der Höhe der Kur zur Herstellung des Zusammenhanges verfügbar. In der Darstellung desselben werde ich, wie angekündigt, aufs äußerste verkürzen und resümieren. Das erste Rätsel war offenbar, weshalb die beiden Reden des tschechischen Hauptmannes, die Rattenerzählung und die Aufforderung, dem Oberleutnant A. das Geld zurückzugeben, so aufregend auf ihn gewirkt und so heftige pathologische Reaktionen hervorgerufen hatten. Es war anzunehmen, daß hier »Komplexempfindlichkeit« vorlag, daß durch jene Reden hyperästhetische Stellen seines Unbewußten unsanft berührt worden waren. So war es auch; er befand sich, wie jedesmal im militärischen Verhältnisse, in einer unbewußten Identifizierung mit dem Vater, der selbst durch mehrere Jahre gedient hatte und vieles aus seiner Soldatenzeit zu erzählen pflegte. Nun gestattete der Zufall, der bei der Symptombildung mithelfen darf wie der Wortlaut beim Witz, daß eines der kleinen Abenteuer des Vaters ein wichtiges Element mit der Aufforderung des Hauptmannes gemeinsam hatte. Der Vater hatte einmal eine kleine Summe Geldes, über die er als Unteroffizier verfügen sollte, im Kartenspiele verloren ( Spielratte ) und wäre in arge Bedrängnis gekommen, wenn ein Kamerad sie ihm nicht vorgestreckt hätte. Nachdem er das Militär verlassen und wohlhabend geworden war, suchte er den hilfreichen Kameraden auf, um ihm das Geld zurückzugeben, fand ihn aber nicht mehr. Unser Patient war nicht sicher, ob ihm die Rückerstattung überhaupt je gelang; die Erinnerung an diese Jugendsünde des Vaters war ihm peinlich, da doch sein Unbewußtes von feindseligen Ausstellungen am Charakter des Vaters erfüllt war. Die Worte des Hauptmannes: Du mußt dem Oberleutnant A. die Kronen 3.80 zurückgeben, klangen ihm wie eine Anspielung an jene uneingelöste Schuld des Vaters. Die Mitteilung aber, daß das Postfräulein in Z. die Nachnahme mit einigen für ihn schmeichelhaften Worten selbst erlegt hatte Vergessen wir nicht, daß er dies erfahren hatte, ehe der Hauptmann die (unberechtigte) Aufforderung der Rückzahlung an Oberleutnant A. an ihn richtete. Es ist dies der für das Verständnis unentbehrliche Punkt, durch dessen Unterdrückung er sich die heilloseste Verwirrung bereitete und mir eine Zeitlang den Einblick in den Sinn des Ganzen verwehrte. , verstärkte die Identifizierung mit dem Vater auf einem andern Gebiete. Er trug jetzt nach, daß in dem kleinen Orte, wo sich auch das 76 Postamt befand, die hübsche Wirtstochter dem schmucken jungen Offizier viel Entgegenkommen gezeigt hatte, so daß er sich vornehmen konnte, nach Schluß der Manöver dorthin zurückzukommen, um seine Chancen bei dem Mädchen zu verfolgen. Nun war ihr in dem Postfräulein eine Konkurrentin erstanden; er konnte, wie der Vater in seinem Eheroman, schwanken, welcher von beiden er nach dem Verlassen des Militärdienstes seine Gunst zuwenden sollte. Wir merken mit einem Male, daß seine sonderbare Unschlüssigkeit, ob er nach Wien reisen oder an den Ort des Postamtes zurückkehren solle, seine beständigen Versuchungen, auf der Reise umzukehren (vgl. S. 47 ), nicht so sinnlos waren, wie sie uns zuerst erscheinen mußten. Für sein bewußtes Denken war die Anziehung des Ortes Z., an dem sich das Postamt befand, durch das Bedürfnis motiviert, dort mit Hilfe des Oberleutnants A. seinen Eid zu erfüllen. In Wirklichkeit war das im nämlichen Ort befindliche Postfräulein der Gegenstand seiner Sehnsucht und der Oberleutnant nur ein guter Ersatz für sie, da er am selben Ort gewohnt und selbst den militärischen Postdienst versehen hatte. Als er dann hörte, nicht der Oberleutnant A., sondern ein anderer Offizier B. habe an dem Tage bei der Post amtiert, zog er auch diesen in seine Kombination und konnte sein Schwanken zwischen den beiden ihm gnädig gesinnten Mädchen nun in den Delirien mit den beiden Offizieren wiederholen Nachdem der Patient alles dazu getan hatte, die kleine Begebenheit von der Rückzahlung der Nachnahme für den Zwicker zu verwirren, ist es vielleicht auch meiner Darstellung nicht gelungen, sie ohne Rückstand durchsichtig zu machen. Ich reproduziere darum hier eine kleine Karte, durch die Mr. und Mrs. Strachey die Situation zu Ende der Waffenübung verdeutlichen wollten. Meine Übersetzer haben mit Recht bemerkt, daß das Benehmen des Patienten noch immer unverständlich ist, solange man nicht ausdrücklich anführt, daß Oblt. A. früher am Ort des Postamtes Z. gewohnt und dort die militärische Post versehen hatte, daß er aber in den letzten Tagen der Übung dieses Amt an Oblt. B. abgegeben und nach A. versetzt worden war. Der »grausame« Hauptmann wußte noch nichts von dieser Änderung, daher sein Irrtum, die Nachnahme sei an Oblt. A. zurückzuzahlen. . Bei der Aufklärung der Wirkungen, welche von der Rattenerzählung des Hauptmannes ausgingen, müssen wir uns enger an den Ablauf der Analyse halten. Es ergab sich zunächst eine außerordentliche Fülle von assoziativem Material, ohne daß vorläufig die Situation der Zwangsbildung durchsichtiger wurde. Die Vorstellung der mit den Ratten vollzogenen Strafe hatte eine Anzahl von Trieben gereizt, eine Menge von Erinnerungen geweckt, und die Ratten hatten darum in dem kurzen 77 Intervalle zwischen der Erzählung des Hauptmannes und seiner Mahnung, das Geld zurückzugeben, eine Reihe von symbolischen Bedeutungen erworben, zu welchen in der Folgezeit immer neue hinzutraten. Mein Bericht über all dies kann freilich nur sehr unvollständig ausfallen. Die Rattenstrafe rüttelte vor allem die Analerotik auf, die in seiner Kindheit eine große Rolle gespielt hatte und durch jahrelang fortgesetzten Wurmreiz unterhalten worden war. Die Ratten kamen so zur Bedeutung: Geld Vgl. ›Charakter und Analerotik‹ (1908 b ). , welcher Zusammenhang sich durch den Einfall Raten zu Ratten anzeigte. Er hatte sich in seinen Zwangsdelirien eine förmliche Rattenwährung eingesetzt; z. B. als ich ihm auf Befragen den Preis einer Behandlungsstunde mitteilte, hieß es bei ihm, was ich ein halbes Jahr später erfuhr: » Soviel Gulden soviel Ratten. « In diese Sprache wurde allmählich der ganze Komplex der Geldinteressen, die sich an die Erbschaft nach dem Vater knüpften, umgesetzt, d. h. alle dahin gehörigen Vorstellungen wurden über diese Wortbrücke Raten-Ratten ins Zwanghafte eingetragen und dem Unbewußten unterworfen. Diese Geldbedeutung der Ratten stützte sich überdies auf die 78 Mahnung des Hauptmannes, den Betrag der Nachnahme zurückzugeben, mit Hilfe der Wortbrücke Spielratte , von der aus der Zugang zur Spielverfehlung des Vaters aufzufinden war. Die Ratte war ihm aber auch als Träger gefährlicher Infektionen bekannt und konnte darum als Symbol für die beim Militär so berechtigte Angst vor syphilitischer Infektion verwendet werden, wohinter allerlei Zweifel an der Lebensführung des Vaters während seiner militärischen Dienstzeit versteckt waren. In anderem Sinne: Träger der syphilitischen Infektion war der Penis selbst, und so wurde die Ratte zum Geschlechtsglied, für welche Verwendung sie noch ein anderes Anrecht geltend machen konnte. Der Penis, besonders der des kleinen Kindes, kann ohne weiteres als Wurm beschrieben werden, und in der Erzählung des Hauptmannes wühlten die Ratten im After, wie in seinen Kinderjahren die großen Spulwürmer. So ruhte die Penisbedeutung der Ratten wiederum auf der Analerotik. Die Ratte ist ohnedies ein schmutziges Tier, das sich von Exkrementen nährt und in Kanälen lebt, die den Abfall führen Wer diese Sprünge der neurotischen Phantasie kopfschüttelnd ablehnen will, der sei an ähnliche Capriccios erinnert, in denen sich die Phantasie der Künstler gelegentlich ergeht, z. B. an die Diableries érotiques von Le Poitevin. . Es ist ziemlich überflüssig anzuführen, welcher Ausbreitung das Rattendelirium durch diese neue Bedeutung fähig wurde. »Soviel Ratten – soviel Gulden«, konnte z. B. als eine treffliche Charakteristik eines ihm sehr verhaßten weiblichen Gewerbes gelten. Hingegen ist es wohl nicht gleichgültig, daß die Einsetzung des Penis für die Ratte in der Erzählung des Hauptmannes eine Situation von Verkehr per anum ergab, die ihm in ihrer Beziehung auf Vater und Geliebte besonders widerlich erscheinen mußte. Trat diese Situation in der Zwangsandrohung wieder auf, welche sich nach der Mahnung des Hauptmannes bei ihm gestaltete, so erinnerte dies unverkennbar an gewisse bei den Südslawen gebräuchliche Flüche, deren Wortlaut man in der von F. S. Krauß herausgegebenen Anthropophyteia nachlesen kann. All dieses Material und noch anderes reihte sich übrigens mit dem Deckeinfall » heiraten « in das Gefüge der Rattendiskussion ein. Daß die Erzählung von der Rattenstrafe bei unserem Patienten alle vorzeitlich unterdrückten Regungen eigensüchtiger und sexueller Grausamkeit in Aufruhr brachte, wird ja durch seine eigene Schilderung und durch seine Mimik bei der Wiedererzählung bezeugt. Doch fiel trotz all dieses reichen Materials so lange kein Licht auf die Bedeutung seiner 79 Zwangsidee, bis eines Tages die Rattenmamsell aus Ibsens Klein Eyolf auftauchte und die Folgerung unabweisbar machte, in vielen Ausgestaltungen seiner Zwangsdelirien bedeuteten die Ratten auch Kinder Ibsens Rattenmamsell ist ja sicherlich von dem sagenhaften Rattenfänger von Hameln abgeleitet, der zuerst die Ratten ins Wasser lockt und dann mit denselben Mitteln die Kinder der Stadt auf Nimmerwiederkehr verführt. Auch Klein Eyolf stürzt sich unter dem Banne der Rattenmamsell ins Wasser. Die Ratte erscheint in der Sage überhaupt nicht so sehr als ekelhaftes, sondern als unheimliches, man möchte sagen chthonisches Tier und wird zur Darstellung der Seelen Verstorbener verwendet. . Forschte man nach der Entstehung dieser neuen Bedeutung, so stieß man sofort auf die ältesten und bedeutsamsten Wurzeln. Bei einem Besuche am Grabe des Vaters hatte er einmal ein großes Tier, das er für eine Ratte hielt, am Grabhügel vorbeihuschen gesehen Eines der auf dem Wiener Zentralfriedhofe so häufigen Erdwiesel. . Er nahm an, sie käme aus dem Grabe des Vaters selbst und hätte soeben ihre Mahlzeit von seinem Leichnam eingenommen. Von der Vorstellung der Ratte bleibt als unzertrennlich, daß sie mit scharfen Zähnen nagt und beißt ›Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten,     Bedarf ich eines Rattenzahns     —   —   —     Noch einen Biß, so ist's geschehn« – sagt Mephisto. ; die Ratte ist aber nicht etwa ohne Strafe bissig, gefräßig und schmutzig, sondern sie wird von den Menschen, wie er oft mit Grausen gesehen hatte, grausam verfolgt und schonungslos erschlagen. Oft hatte er Mitleid mit solchen armen Ratten verspürt. Nun war er selbst ein so ekelhafter, schmutziger, kleiner Kerl gewesen, der in der Wut um sich beißen konnte und dafür fürchterlich gezüchtigt worden war (vgl. Seite 72 ). Er konnte wirklich sein ganz »natürlich Ebenbild« Auerbachs Keller. in der Ratte finden. Das Schicksal hatte ihm in der Erzählung des Hauptmannes sozusagen ein Komplexreizwort zugerufen, und er versäumte nicht, mit seiner Zwangsidee darauf zu reagieren. Ratten waren also Kinder nach seinen frühesten und folgenschwersten Erfahrungen. Und nun brachte er eine Mitteilung, die er lange genug aus dem Zusammenhange ferngehalten hatte, die aber jetzt das Interesse, das er für Kinder haben mußte, voll aufklärte. Die Dame, die er durch so lange Jahre verehrte und zu heiraten sich doch nicht entschließen konnte, war infolge einer gynäkologischen Operation, der Entfernung beider Ovarien, zur Kinderlosigkeit verurteilt; es war dies 80 sogar für ihn, der Kinder außerordentlich liebte, der Hauptgrund seines Schwankens. Erst jetzt wurde es möglich, den unbegreiflichen Vorgang bei der Bildung seiner Zwangsidee zu verstehen; mit Zuhilfenahme der infantilen Sexualtheorien und der Symbolik, die man aus der Deutung von Träumen kennt, ließ sich alles sinnreich übersetzen. Als der Hauptmann auf der Nachmittagsrast, bei der er seinen Zwicker einbüßte, von der Rattenstrafe erzählte, packte ihn zuerst nur der grausam lüsterne Charakter der vorgestellten Situation. Aber sofort stellte sich die Verbindung mit jener Kinderszene her, in der er selbst gebissen hatte; der Hauptmann, der für solche Strafen eintreten konnte, rückte ihm an die Stelle des Vaters und zog einen Teil der wiederkehrenden Erbitterung auf sich, die sich damals gegen den grausamen Vater empört hatte. Die flüchtig auftauchende Idee, es könnte einer ihm lieben Person etwas dergleichen geschehen, wäre zu übersetzen durch die Wunschregung: »Dir sollte man so etwas tun«, die sich gegen den Erzähler, dahinter aber schon gegen den Vater richtete. Als ihm dann 1½ Tage später Nicht am nächsten Abend, wie er zuerst erzählte. Es ist ganz unmöglich, daß der bestellte Zwicker noch am selben Tage angelangt wäre. Er verkürzt diese Zwischenzeit in der Erinnerung, weil in ihr die entscheidenden Gedankenverbindungen sich herstellten und weil er die in sie fallende Begegnung mit dem Offizier verdrängt, der ihm vom freundlichen Benehmen des Postfräuleins erzählte. der Hauptmann das mit Nachnahme angelangte Paket überreicht und ihn mahnt, die 3 Kronen 80 Heller dem Oberleutnant A. zurückzugeben, weiß er bereits, daß der »grausame Vorgesetzte« sich irrt und daß er niemand anderem als dem Postfräulein verpflichtet ist. Es liegt ihm also nahe, eine höhnische Antwort zu bilden wie: »Ja freilich, was fällt dir denn ein?« oder: »Ja, Schnecken«, oder: »Ja, einen Schmarren Wienerisch. werd' ich ihm das Geld zurückgeben«, Antworten, die er nicht hätte aussprechen müssen. Aber aus dem unterdes aufgerührten Vaterkomplex und der Erinnerung an jene Infantilszene gestaltet sich ihm die Antwort: »Ja, ich werde dem A. das Geld zurückgeben, wenn mein Vater und meine Geliebte Kinder bekommen«, oder: »So wahr mein Vater und die Dame Kinder bekommen können, so gewiß werde ich ihm das Geld zurückgeben.« Also eine höhnende Beteuerung an eine unerfüllbare absurde Bedingung geknüpft Die Absurdität bedeutet also auch in der Sprache des Zwangsdenkens Hohn so wie im Traume. Siehe Traumdeutung (1900  a , Kapitel VI (G)). . Aber nun war das Verbrechen begangen, die beiden ihm teuersten 81 Personen, Vater und Geliebte, von ihm geschmäht; das forderte Strafe, und die Bestrafung bestand in dem Auferlegen eines unmöglich zu erfüllenden Eides, der den Wortlaut des Gehorsams gegen die unberechtigte Mahnung des Vorgesetzten einhielt: » Jetzt mußt du wirklich dem A. das Geld zurückgeben. « Im krampfhaften Gehorsam verdrängte er sein besseres Wissen, daß der Hauptmann seine Mahnung auf eine irrige Voraussetzung gründe: »Ja, du mußt dem A. das Geld zurückgeben, wie der Stellvertreter des Vaters verlangt hat. Der Vater kann nicht irren.« Auch die Majestät kann nicht irren, und wenn sie einen Untertan mit einem ihm nicht gebührenden Titel angesprochen hat, so trägt er fortan diesen Titel. Von diesem Vorgange gelangt in sein Bewußtsein nur undeutliche Kunde, aber die Auflehnung gegen das Gebot des Hauptmannes und der Umschlag ins Gegenteil sind auch im Bewußtsein vertreten. (Zuerst: Nicht das Geld zurückgeben, sonst geschieht das . . ., und dann die Verwandlung in den gegenteiligen Eidauftrag als Strafe für die Auflehnung.) Man vergegenwärtige sich noch die Konstellation, in welche die Bildung der großen Zwangsidee fiel. Er war durch lange Abstinenz sowie durch das freundliche Entgegenkommen, auf das der junge Offizier bei den Frauen rechnen darf, libidinös geworden, war überdies in einer gewissen Entfremdung von seiner Dame zur Waffenübung eingerückt. Diese Libidosteigerung machte ihn geneigt, den uralten Kampf gegen die Autorität des Vaters wieder aufzunehmen, und er getraute sich an sexuelle Befriedigung bei anderen Frauen zu denken. Die Zweifel am Andenken des Vaters und die Bedenken gegen den Wert der Geliebten hatten sich gesteigert; in solcher Verfassung ließ er sich zur Schmähung gegen beide hinreißen, und dann bestrafte er sich dafür. Er wiederholte damit ein altes Vorbild. Wenn er dann nach Schluß der Waffenübung so lange schwankt, ob er nach Wien reisen oder bleiben und den Eid erfüllen solle, so stellt er damit in einem die beiden Konflikte dar, die ihn von jeher bewegt hatten, ob er dem Vater gehorsam und ob er der Geliebten treu bleiben solle Es ist vielleicht interessant hervorzuheben, daß der Gehorsam gegen den Vater wiederum mit der Abwendung von der Dame zusammenfällt. Wenn er bleibt und dem A. das Geld zurückgibt, so hat er die Buße gegen den Vater erfüllt und gleichzeitig seine Dame gegen die Anziehung eines anderen Magneten verlassen. Der Sieg in diesem Konflikte verbleibt der Dame, allerdings mit Unterstützung der normalen Besinnung. . Noch ein Wort über die Deutung des Inhaltes der Sanktion: »sonst 82 wird an den beiden Personen die Rattenstrafe vollzogen«. Sie ruht auf der Geltung zweier infantiler Sexualtheorien, über die ich an anderer Stelle Auskunft gegeben habe Vgl. ›Über infantile Sexualtheorien‹ (1908  c ). . Die erste dieser Theorien geht dahin, daß die Kinder aus dem After herauskommen; die zweite schließt konsequent mit der Möglichkeit an, daß Männer ebensowohl Kinder kriegen können wie Frauen. Nach den technischen Regeln der Traumdeutung kann das Aus-dem-Darm-Herauskommen durch seinen Gegensatz: ein In-den-Darm-Hineinkriechen (wie bei der Rattenstrafe) dargestellt werden und umgekehrt.   Einfachere Lösungen für so schwere Zwangsideen oder Lösungen mit anderen Mitteln zu erwarten, ist man wohl nicht berechtigt. Mit der Lösung, die sich uns ergab, war das Rattendelirium beseitigt. 83 II Zur Theorie A. Einige allgemeine Charaktere der Zwangsbildungen Verschiedene der hier und im nächsten Abschnitte behandelten Punkte sind in der Literatur der Zwangsneurose bereits erwähnt worden, wie man aus dem gründlichen Hauptwerke über diese Krankheitsform, dem 1904 veröffentlichten Buch von L. Löwenfeld, Die psychischen Zwangserscheinungen, ersehen kann. Meine im Jahre 1896 gegebene Definition der Zwangsvorstellungen, sie seien »verwandelte, aus der Verdrängung wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle, mit Lust ausgeführte Aktion der Kinderjahre beziehen« ›Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen‹. , erscheint mir heute formell angreifbar, obwohl sie aus den besten Elementen zusammengesetzt ist. Sie strebte zu sehr nach Vereinheitlichung und nahm sich den Vorgang der Zwangskranken selbst zum Muster, welche mit der ihnen eigentümlichen Neigung zur Unbestimmtheit die verschiedenartigsten psychischen Bildungen als »Zwangsvorstellungen« zusammenwerfen Dieser Mangel der Definition wird im Aufsatze selbst verbessert. Es heißt darin: »Die wiederbelebten Erinnerungen und die aus ihnen gebildeten Vorwürfe treten aber niemals unverändert ins Bewußtsein ein, sondern was als Zwangsvorstellung und Zwangsaffekt bewußt wird, die pathogene Erinnerung für das bewußte Leben substituiert, sind Kompromißbildungen zwischen den verdrängten und den verdrängenden Vorstellungen.« In der Definition ist also ein besonderer Akzent auf das Wort »verwandelt« zu legen. . Es ist in der Tat korrekter, von »Zwangsdenken« zu sprechen und hervorzuheben, daß die Zwangsgebilde den Wert der verschiedenartigsten psychischen Akte haben können. Sie lassen sich als Wünsche, Versuchungen, Impulse, Reflexionen, Zweifel, Gebote und Verbote bestimmen. Die Kranken haben im allgemeinen das Bestreben, diese Bestimmtheit abzuschwächen und den seines Affektindex beraubten Inhalt als Zwangsvorstellung zu führen. Ein Beispiel für solche Behandlung eines Wunsches, der zur bloßen »Denkverbindung« herabgesetzt werden sollte, bot uns unser Patient in einer der ersten Sitzungen ( S. 52 ). Man muß auch bald zugestehen, daß bisher nicht einmal die Phänomenologie des Zwangsdenkens entsprechend gewürdigt werden konnte. 84 In dem sekundären Abwehrkampf, den der Kranke gegen die in sein Bewußtsein eingedrungenen »Zwangsvorstellungen« führt, kommen Bildungen zustande, die einer besonderen Benennung würdig sind. Man denke z. B. an die Gedankenreihen, die unseren Patienten während seiner Rückfahrt von der Waffenübung beschäftigen. Es sind nicht rein vernünftige Erwägungen, die den Zwangsgedanken entgegengesetzt werden, sondern gleichsam Mischlinge zwischen beiden Denkungsarten, sie nehmen gewisse Voraussetzungen des Zwanges, den sie bekämpfen, in sich auf und stellen sich (mit den Mitteln der Vernunft) auf den Boden des krankhaften Denkens. Ich meine, solche Bildungen verdienen den Namen von » Delirien «. Ein Beispiel, das ich an seine Stelle in der Krankengeschichte einzufügen bitte, wird die Unterscheidung klarmachen. Als unser Patient sich eine Zeitlang während seines Studiums dem beschriebenen tollen Treiben hingegeben hatte, bis in die späte Nacht zu arbeiten, dann für den Geist des Vaters die Türe zu öffnen, dann seine Genitalien im Spiegel zu beschauen ( S. 71 ), suchte er sich mit der Mahnung zurechtzubringen, was wohl der Vater dazu sagen würde, wenn er wirklich noch am Leben wäre. Aber dieses Argument hatte keinen Erfolg, solange es in dieser vernünftigen Form vorgebracht wurde; der Spuk hörte erst auf, nachdem er dieselbe Idee in die Form einer deliriösen Drohung gebracht hatte: Wenn er diesen Unsinn noch einmal übe, werde dem Vater im Jenseits ein Übel zustoßen. Der Wert der sicherlich berechtigten Unterscheidung zwischen primärem und sekundärem Abwehrkampf wird in unerwarteter Weise durch die Erkenntnis eingeschränkt, daß die Kranken den Wortlaut ihrer eigenen Zwangsvorstellungen nicht kennen . Es klingt paradox, hat aber seinen guten Sinn. Im Verlaufe einer Psychoanalyse wächst nämlich nicht nur der Mut des Kranken, sondern gleichsam auch der seiner Krankheit; sie getraut sich deutlicherer Äußerungen. Um die bildliche Darstellung zu verlassen, es geht wohl so zu, daß der Kranke, der sich bisher erschreckt von der Wahrnehmung seiner krankhaften Produktionen abgewendet hatte, ihnen nun seine Aufmerksamkeit schenkt und sie deutlicher und ausführlicher erfährt Bei manchen Kranken geht die Abwendung ihrer Aufmerksamkeit so weit, daß sie den Inhalt einer Zwangsvorstellung überhaupt nicht angeben, eine Zwangshandlung, die sie unzählige Male ausgeführt, nicht beschreiben können. . Eine schärfere Kenntnis der Zwangsbildungen gewinnt man überdies auf zwei besonderen Wegen. Erstens macht man die Erfahrung, daß die 85 Träume den eigentlichen Text des Zwangsgebotes u. dgl. bringen können, der im Wachen nur verstümmelt und entstellt, wie in einer verunstalteten Depesche, bekannt worden ist. Diese Texte treten im Traume als Reden auf, entgegen der Regel, daß Reden im Traume von Reden am Tage herrühren Vgl. Traumdeutung (1900 a , Kapitel VI (F)). . Zweitens gewinnt man in der analytischen Verfolgung einer Krankengeschichte die Überzeugung, daß oft mehrere aufeinander folgende, aber im Wortlaute nicht identische Zwangsvorstellungen im Grunde doch eine und dieselbe sind. Die Zwangsvorstellung ist das erstemal glücklich abgewiesen worden, sie kehrt nun ein andermal in entstellter Form wieder, wird nicht erkannt und kann sich vielleicht gerade infolge ihrer Entstellung im Abwehrkampfe besser behaupten. Die ursprüngliche Form aber ist die richtige, die oft ihren Sinn ganz unverhüllt erkennen läßt. Hat man eine unverständliche Zwangsidee mühselig aufgeklärt, so kann man nicht selten vom Kranken hören, daß ein Einfall, Wunsch, Versuchung wie der konstruierte, wirklich vor der Zwangsidee einmal aufgetreten ist, aber sich nicht gehalten hat. Die Beispiele hiefür aus der Geschichte unseres Patienten würden leider zu umständlich ausfallen. Die offiziell so bezeichnete »Zwangsvorstellung« trägt also in ihrer Entstellung gegen den ursprünglichen Wortlaut die Spuren des primären Abwehrkampfes an sich. Ihre Entstellung macht sie nun lebensfähig, denn das bewußte Denken ist genötigt, sie in ähnlicher Weise mißzuverstehen wie den Trauminhalt, der selbst ein Kompromiß- und Entstellungsprodukt ist und vom wachen Denken weiter mißverstanden wird. Das Mißverständnis des bewußten Denkens läßt sich nun nicht nur an den Zwangsideen selbst, sondern auch an den Produkten des sekundären Abwehrkampfes, z. B. an den Schutzformeln nachweisen. Hiefür kann ich zwei gute Beispiele bringen. Unser Patient gebrauchte als Abwehrformel ein rasch ausgesprochenes aber , von einer abweisenden Handbewegung begleitet. Er erzählte dann einmal, diese Formel habe sich in letzter Zeit verändert; er sage nicht mehr áber , sondern abér . Nach dem Grunde dieser Fortentwicklung befragt, gab er an, das stumme e der zweiten Silbe gebe ihm keine Sicherheit gegen die gefürchtete Einmengung von etwas Fremdem und Gegensätzlichem, und darum 86 habe er beschlossen, das e zu akzentuieren. Diese Aufklärung, ganz im Stile der Zwangsneurose gehalten, erwies sich doch als unzutreffend, sie konnte höchstens den Wert einer Rationalisierung beanspruchen; in Wirklichkeit war das abér eine Angleichung an Abwehr , welchen Terminus er aus den theoretischen Gesprächen über die Psychoanalyse kannte. Die Kur war also in mißbräuchlicher und deliriöser Weise zur Verstärkung einer Abwehrformel verwendet worden. Ein andermal sprach er von seinem Hauptzauberwort, das er zum Schutze gegen alle Anfechtungen aus den Anfangsbuchstaben aller heilkräftigsten Gebete zusammengesetzt und mit einem angehängten Amen versehen hatte. Ich kann das Wort selbst nicht hierhersetzen aus Gründen, die sich sogleich ergeben werden. Denn, als ich es erfuhr, mußte ich bemerken, daß es vielmehr ein Anagramm des Namens seiner verehrten Dame war; in diesem Namen war ein S enthalten, welches er ans Ende und unmittelbar vor das angehängte Amen gesetzt hatte. Er hatte also – wir dürfen sagen: seinen Samen mit der Geliebten zusammengebracht, d. h. mit ihrer Person in der Vorstellung onaniert. Diesen aufdringlichen Zusammenhang hatte er aber selbst nicht bemerkt; die Abwehr hatte sich vom Verdrängten narren lassen. Übrigens ein gutes Beispiel für den Satz, daß mit der Zeit das Abzuwehrende sich regelmäßig Eingang in das verschafft, wodurch es abgewehrt wird. Wenn behauptet wird, daß die Zwangsgedanken eine Entstellung erfahren haben ähnlich wie die Traumgedanken, ehe sie zum Trauminhalte werden, so darf uns die Technik dieser Entstellung interessieren, und es stünde nichts im Wege, die verschiedenen Mittel derselben an einer Reihe von übersetzten und verstandenen Zwangsideen darzulegen. Auch hiervon kann ich aber unter den Bedingungen dieser Publikation nur einzelne Proben geben. Nicht alle Zwangsideen unseres Patienten waren so kompliziert gebaut und so schwer aufzuschließen wie die große Rattenvorstellung. Bei anderen war eine sehr einfache Technik gebraucht worden, die der Entstellung durch Auslassung – Ellipse  –, die beim Witz so vorzügliche Anwendung findet, aber auch hier ihre Schuldigkeit als Schutzmittel gegen das Verständnis tat. Eine seiner ältesten und beliebtesten Zwangsideen (vom Wert einer Mahnung oder Warnung) lautete z.B.: » Wenn ich die Dame heirate, geschieht dem Vater ein Unglück « (im Jenseits). Setzen wir die übersprungenen und aus der Analyse bekannten Zwischenglieder ein, so lautet 87 der Gedankengang: »Wenn der Vater lebte, so würde er über meinen Vorsatz, die Dame zu heiraten, ebenso wütend werden wie damals in der Kinderszene, so daß ich wiederum eine Wut gegen ihn bekäme und ihm alles Böse wünschte, was sich kraft der Allmacht Über diese »Allmacht« siehe später. meiner Wünsche an ihm erfüllen müßte.« Oder ein anderer Fall von elliptischer Auflösung, gleichfalls einer Warnung oder eines asketischen Verbotes. Er hatte eine herzige kleine Nichte, die er sehr liebte. Eines Tages bekam er die Idee: » Wenn du dir einen Koitus gestattest, wird der Ella ein Unglück geschehen « (sterben). Mit Einsetzung des Ausgelassenen: »Bei jedem Koitus, auch mit einer Fremden, mußt du doch daran denken, daß der Sexualverkehr in deiner Ehe nie ein Kind zur Folge haben wird« (die Sterilität seiner Geliebten). »Das wird dir so leid tun, daß du auf die kleine Ella neidisch werden und der Schwester das Kind nicht gönnen wirst. Diese neidischen Regungen müssen den Tod des Kindes zur Folge haben.« An die Verwendung der Auslassungstechnik beim Witze will ich durch einige Beispiele erinnern, die ich einer Schrift von mir entnehme. ( Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten , 1905  c , Studienausgabe , Bd. 4, S. 75.) »In Wien lebt ein geistreicher und kampflustiger Schriftsteller, der sich durch die Schärfe seiner Invektive wiederholt körperliche Mißhandlungen von Seiten der Angegriffenen zugezogen hat. Als einmal eine neue Missetat eines seiner habituellen Gegner beredet wurde, äußerte ein Dritter: › Wenn der X. das hört, bekommt er eine Ohrfeige . . . ‹ Der Widersinn vergeht, wenn man in die Lücke einsetzt: › Dann schreibt er einen so bissigen Artikel gegen den Betreffenden, daß ‹ usw.« – Dieser elliptische Witz zeigt auch inhaltliche Übereinstimmung mit dem obigen ersten Beispiel. Die elliptische Entstellungstechnik scheint für die Zwangsneurose typisch zu sein; ich bin ihr auch bei den Zwangsgedanken anderer Patienten begegnet. Besonders durchsichtig und durch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Struktur der Rattenvorstellung interessant war ein Fall von Zweifel bei einer wesentlich an Zwangshandlungen leidenden Dame. Sie ging mit ihrem Manne in Nürnberg spazieren und ließ sich von ihm in einen Laden begleiten, in dem sie verschiedene Gegenstände für ihr Kind, darunter auch einen Kamm, einkaufte. Der Mann, dem das Wählen zu lange dauerte, gab an, er habe auf dem Wege einige Münzen bei einem Antiquar gesehen, die er erwerben wolle; er werde sie nach dem Kaufe aus diesem Laden abholen. Er blieb aber nach ihrer Schätzung viel zu lange aus. Als er wiederkam und auf die Frage, wo er sich aufgehalten, antwortete: »Eben bei jenem Antiquar«, bekam sie in demselben Momente den quälenden Zweifel, ob sie den fürs Kind gekauften Kamm nicht vielmehr seit jeher besessen habe. Natürlich 88 verstand sie den simplen Zusammenhang nicht aufzudecken. Wir können gar nicht anders als diesen Zweifel für einen verschobenen erklären und den vollständigen unbewußten Gedanken in folgender Art konstruieren: »Wenn es wahr ist, daß du nur beim Antiquar warst, wenn ich das glauben soll, dann kann ich ebenso glauben, daß ich diesen eben gekauften Kamm schon seit Jahren besitze.« Also eine höhnische persiflierende Gleichstellung, ähnlich wie der Gedanke unseres Patienten: »Ja, so gewiß die beiden (Vater und Dame) Kinder bekommen werden, so gewiß werde ich dem A. das Geld zurückgeben.« Bei der Dame hing der Zweifel an der ihr unbewußten Eifersucht, die sie annehmen ließ, ihr Mann habe das Intervall zu einem galanten Besuch benutzt. Eine psychologische Würdigung des Zwangsdenkens versuche ich diesmal nicht zu unternehmen. Sie würde außerordentlich wertvolle Ergebnisse bringen und zur Klärung unserer Einsichten in das Wesen des Bewußten und Unbewußten mehr leisten als das Studium der Hysterie und der hypnotischen Erscheinungen. Es wäre sehr wünschenswert, daß die Philosophen und Psychologen, welche vom Hörensagen her oder aus ihren konventionellen Definitionen scharfsinnige Lehren über das Unbewußte entwickeln, sich vorher die entscheidenden Eindrücke aus den Erscheinungen des Zwangsdenkens holten; man könnte es beinahe fordern, wenn es nicht soviel mühseliger wäre als die ihnen sonst vertrauten Arbeitsweisen. Ich werde hier nur noch anführen, daß bei der Zwangsneurose gelegentlich die unbewußten seelischen Vorgänge in reinster, unentstellter Form zum Bewußten durchbrechen, daß der Durchbruch von den verschiedensten Stadien des unbewußten Denkprozesses her erfolgen kann und daß die Zwangsvorstellungen im Momente des Durchbruches meist als längst bestehende Bildungen erkannt werden können. Daher die auffällige Erscheinung, daß der Zwangskranke, wenn man mit ihm dem ersten Auftreten einer Zwangsidee nachforscht, dieselbe im Laufe der Analyse immer weiter nach rückwärts verlegen muß, immer neue erste Veranlassungen für sie findet. B. Einige psychische Besonderheiten der Zwangskranken – ihr Verhältnis zur Realität, zum Aberglauben und zum Tod Ich habe hier einige seelische Charaktere der Zwangskranken zu behandeln, welche an sich nicht wichtig scheinen, aber auf dem Wege zum 89 Verständnisse von Wichtigerem liegen. Sie waren bei meinem Patienten sehr deutlich ausgesprochen – ich weiß aber, daß sie nicht seiner Individualität, sondern seinem Leiden zuzurechnen sind und sich in ganz typischer Weise bei anderen Zwangskranken wiederfinden.   Unser Patient war in hohem Grade abergläubisch, und dies zwar, obwohl er ein hochgebildeter, aufgeklärter Mann von bedeutendem Scharfsinn war und zuzeiten versichern konnte, daß er von all dem Plunder nichts für wahr halte. Er war also abergläubisch und war es doch nicht und unterschied sich doch deutlich von den ungebildeten Abergläubischen, die sich eins mit ihrem Glauben fühlen. Er schien zu verstehen, daß sein Aberglaube von seinem Zwangsdenken abhing, obwohl er sich zuzeiten voll zu ihm bekannte. Ein so widerspruchsvolles und schwankendes Benehmen läßt sich am ehesten unter dem Gesichtswinkel eines bestimmten Erklärungsversuches erfassen. Ich habe nicht gezögert anzunehmen, daß er betreffs dieser Dinge zwei verschiedene und entgegengesetzte Überzeugungen hatte und nicht etwa eine noch unfertige Meinung. Zwischen diesen beiden Meinungen oszillierte er dann in sichtbarster Abhängigkeit von seiner sonstigen Stellung zum Zwangsleiden. Sowie er eines Zwanges Herr geworden war, belächelte er seine Leichtgläubigkeit mit überlegenem Verständnis, und es ereignete sich ihm nichts, was ihn hätte erschüttern können, und sobald er wieder unter die Herrschaft eines ungelösten Zwanges – oder was gleichwertig ist: eines Widerstandes – gekommen war, erlebte er die sonderbarsten Zufälle, welche der gläubigen Überzeugung zu Hilfe kamen. Sein Aberglaube war immerhin der eines gebildeten Mannes und sah von Abgeschmacktheiten, wie die Angst vor dem Freitag, vor der Zahl 13 u. dgl., ab. Er glaubte aber an Vorzeichen, an prophetische Träume, begegnete beständig jenen Personen, mit denen er sich unerklärlicherweise eben beschäftigt hatte, und erhielt Briefe von Korrespondenten, die sich ihm nach den längsten Pausen plötzlich in geistige Erinnerung gebracht hatten. Dabei war er rechtschaffen genug oder vielmehr so weit seiner offiziellen Überzeugung getreu, daß er Fälle nicht vergessen hatte, in denen die intensivsten Ahnungen zu nichts gekommen waren, z. B. einmal als er sich in den Sommeraufenthalt begab, die sichere Ahnung, er werde nicht mehr lebend nach Wien zurückkehren. Auch gab er zu, daß die größte Mehrzahl der Vorzeichen Dinge betrafen, die keine besondere Bedeutung für seine Person hatten, und daß, wenn er einem Bekannten begegnete, an den er sehr lange nicht und gerade wenige 90 Momente vorher gedacht hatte, sich zwischen diesem wundersam Erschauten und ihm weiter nichts zutrug. Natürlich war er auch nicht imstande, es in Abrede zu stellen, daß alles Bedeutsame seines Lebens sich ohne Vorzeichen zugetragen hatte, so wie er z. B. vom Tode des Vaters ahnungslos überrascht worden war. Aber alle solche Argumente änderten an dem Zwiespalt seiner Überzeugungen nichts und erwiesen nur den Zwangscharakter seines Aberglaubens, der bereits aus dessen mit dem Widerstand gleichsinnigen Schwankungen zu erschließen war. Ich war natürlich nicht in der Lage, alle seine älteren Wundergeschichten rationell aufzuklären, aber für das, was sich von ähnlichen Dingen während der Zeit der Behandlung ereignete, konnte ich ihm nachweisen, daß er selbst beständig an der Fabrikation der Wunder beteiligt sei und welcher Mittel er sich dabei bediene. Er arbeitete mit dem indirekten Sehen und Lesen, mit Vergessen und vor allem mit Gedächtnistäuschungen. Am Ende half er mir selbst die kleinen Taschenspielerkünste aufdecken, durch welche jene Wunder gemacht wurden. Als interessante infantile Wurzel seines Glaubens an das Eintreffen von Ahnungen und von Vorhersagen ergab sich einmal die Erinnerung, daß die Mutter so oft, wenn ein Termin gewählt werden sollte, gesagt hatte: »An dem und dem Tage kann ich nicht; da werde ich liegen müssen.« Und wirklich lag sie an dem angekündigten Tage jedesmal zu Bett! Unverkennbar, daß es ihm ein Bedürfnis war, im Erleben solche Stützpunkte für seinen Aberglauben zu finden, daß er darum die bekannten unerklärlichen Zufälligkeiten des Alltags so sehr beachtete und mit dem unbewußten Tun nachhalf, wo diese nicht ausreichten. Dies Bedürfnis habe ich bei vielen anderen Zwangskranken gefunden und vermute es bei noch mehreren. Es scheint mir aus dem psychologischen Charakter der Zwangsneurose gut erklärlich. Wie ich vorhin ( S. 64 ) auseinandergesetzt, erfolgt bei dieser Störung die Verdrängung nicht durch Amnesie, sondern durch Zerreißung von kausalen Zusammenhängen infolge von Affektentziehung. Eine gewisse mahnende Kraft – die ich an anderer Stelle mit einer endopsychischen Wahrnehmung verglichen habe Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1901 b ), Kapitel XII, Abschnitt C (b) . – scheint nun diesen verdrängten Beziehungen zu verbleiben, so daß sie auf dem Wege der Projektion in die Außenwelt eingetragen werden und dort Zeugnis ablegen für das im Psychischen Unterbliebene. 91 Ein anderes den Zwangskranken gemeinsames seelisches Bedürfnis, das mit dem eben erwähnten eine gewisse Verwandtschaft hat und dessen Verfolgung tief in die Trieberforschung führt, ist das nach der Unsicherheit im Leben oder nach dem Zweifel . Die Herstellung der Unsicherheit ist eine der Methoden, welche die Neurose anwendet, um den Kranken aus der Realität zu ziehen und von der Welt zu isolieren, was ja in der Tendenz jeder psychoneurotischen Störung liegt. Es ist wiederum überdeutlich, wieviel die Kranken dazutun, um einer Sicherheit auszuweichen und in einem Zweifel verharren zu können; ja, bei einigen findet diese Tendenz einen lebendigen Ausdruck in ihrer Abneigung gegen – Uhren, die wenigstens die Zeitbestimmung sichern, und in ihren unbewußt ausgeführten Kunststückchen, jedes solche den Zweifel ausschließende Instrument unschädlich zu machen. Unser Patient hatte eine besondere Geschicklichkeit in der Vermeidung von Auskünften entwickelt, welche einer Entscheidung in seinem Konflikt förderlich gewesen wären. So war er über die für die Eheschließung maßgebendsten Verhältnisse seiner Geliebten nicht aufgeklärt, wußte angeblich nicht zu sagen, wer die Operation an ihr ausgeführt und ob sie ein- oder doppelseitig gewesen sei. Er wurde dazu verhalten, das Vergessene zu erinnern und das Vernachlässigte zu erkunden. Die Vorliebe der Zwangskranken für die Unsicherheit und den Zweifel wird für sie zum Motiv, um ihre Gedanken vorzugsweise an jene Themen zu heften, wo die Unsicherheit eine allgemein menschliche ist, unser Wissen oder unser Urteil durch Notwendigkeit dem Zweifel ausgesetzt bleiben mußte. Solche Themen sind vor allem: Die Abstammung vom Vater, die Lebensdauer, das Leben nach dem Tode und das Gedächtnis, dem wir ja Glauben zu schenken pflegen, ohne für seine Verläßlichkeit die mindeste Gewähr zu besitzen Lichtenberg: »Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Astronom ungefähr mit der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer sein Vater war, aber nicht mit der, woher er weiß, wer seine Mutter gewesen ist.« – Es war ein großer Kulturfortschritt, als die Menschen sich entschlossen, den Schluß neben das Zeugnis der Sinne zu stellen und vom Mutterrecht zum Vaterrecht überzugehen. – Prähistorische Figuren, in denen eine kleinere Gestalt auf dem Kopfe einer größeren sitzt, stellen die Abstammung vom Vater dar: die mutterlose Athene entspringt aus dem Haupte des Zeus. Noch in unserer Sprache heißt der Zeuge vor Gericht, der etwas beglaubigt, nach dem männlichen Anteil am Geschäfte der Fortpflanzung, und schon in den Hieroglyphen wird der Zeuge mit dem Bilde der männlichen Genitalien geschrieben. .   Der Unsicherheit des Gedächtnisses bedient sich die Zwangsneurose in ausgiebigster Weise zur Symptombildung; welche Rolle Lebensdauer 92 und Jenseits inhaltlich im Denken der Kranken spielen, werden wir bald erfahren. Ich will als passendsten Übergang vorher noch jenen Zug des Aberglaubens bei unserem Patienten besprechen, dessen Erwähnung an einer früheren Stelle ( S. 87 ) gewiß bei mehr als einem Leser Befremden erregt haben wird. Ich meine die von ihm behauptete Allmacht seiner Gedanken und Gefühle, guten und bösen Wünsche. Die Versuchung, diese Idee für einen Wahn zu erklären, welcher das Maß der Zwangsneurose überschreitet, ist gewiß nicht gering; allein ich habe dieselbe Überzeugung bei einem andern Zwangskranken gefunden, der seit langem hergestellt ist und sich normal betätigt, und eigentlich benehmen sich alle Zwangsneurotiker so, als ob sie diese Überzeugung teilten. Es wird unsere Aufgabe sein, diese Überschätzung aufzuklären. Nehmen wir ohneweiters an, daß in diesem Glauben ein Stück des alten Kindergrößenwahnes ehrlich eingestanden wird, und befragen wir unseren Patienten, worauf er seine Überzeugung stützt. Er antwortet mit der Berufung auf zwei Erlebnisse. Als er zum zweitenmal in jene Wasserheilanstalt kam, in welcher er die erste und einzige Beeinflussung seines Leidens erfahren hatte, verlangte er das nämliche Zimmer wieder, welches seine Beziehungen zu einer der Pflegerinnen durch seine Lage begünstigt hatte. Er erhielt die Antwort: das Zimmer sei schon vergeben, ein alter Professor habe es bereits bezogen, und er reagiert auf diese seine Kuraussichten sehr herabsetzende Nachricht mit den unfreundlichen Worten: »Dafür soll ihn aber der Schlag treffen.« Vierzehn Tage später erwachte er aus dem Schlaf, durch die Vorstellung einer Leiche gestört, und am Morgen hörte er, daß den Professor wirklich der Schlag getroffen und daß man ihn etwa um die Zeit seines Erwachens aufs Zimmer gebracht habe. Das andere Erlebnis betraf ein älteres, sehr liebebedürftiges Mädchen, welches sich sehr entgegenkommend gegen ihn benahm und ihn einmal direkt befragte, ob er sie nicht liebhaben könne. Er gab eine ausweichende Antwort; wenige Tage nachher hörte er, daß sich das Mädchen aus dem Fenster gestürzt habe. Er machte sich nun Vorwürfe und sagte sich, es wäre in seiner Macht gelegen, sie am Leben zu erhalten, wenn er ihr seine Liebe geschenkt hätte. Auf solche Weise gewann er die Überzeugung von der Allmacht seiner Liebe und seines Hasses. Ohne die Allmacht der Liebe zu leugnen, wollen wir hervorheben, daß es sich in beiden Fällen um den Tod handelt, und 93 werden uns der naheliegenden Erklärung anschließen, daß unser Patient wie andere Zwangskranke gezwungen ist, die Wirkung seiner feindseligen Gefühle in der Außenwelt zu überschätzen, weil seiner bewußten Kenntnis ein großes Stück der innern psychischen Wirkung derselben Gefühle entgeht. Seine Liebe – oder vielmehr sein Haß – sind wirklich übermächtig; sie schaffen gerade jene Zwangsgedanken, deren Herkunft er nicht versteht und gegen die er sich erfolglos wehrt Die Allmacht der Gedanken, richtiger der Wünsche, ist seither als ein wesentliches Stück des primitiven Seelenlebens erkannt worden. (Siehe Totem und Tabu , 1912–13.) .   Zum Thema des Todes hatte unser Patient ein ganz besonderes Verhältnis. Er nahm an allen Todesfällen warmen Anteil, beteiligte sich pietätvoll an den Leichenbegängnissen, so daß er von den Geschwistern spöttisch der Leichenvogel genannt werden konnte; er brachte aber auch in der Phantasie beständig Leute um, um herzliche Teilnahme mit den Hinterbliebenen zu äußern. Der Tod einer älteren Schwester, als er zwischen 3 und 4 Jahren alt war, spielte in seinen Phantasien eine große Rolle und war in die innigste Beziehung zu den kindlichen Missetaten jener Jahre gebracht worden. Wir wissen ferner, wie frühzeitig der Gedanke an den Tod des Vaters ihn beschäftigt hatte, und dürfen seine Erkrankung selbst als Reaktion auf dieses 15 Jahre vorher im Zwange gewünschte Ereignis auffassen. Nichts anderes als eine Kompensation für diese Todeswünsche gegen den Vater ist die befremdliche Erstreckung seiner Zwangsbefürchtungen auf das »Jenseits«. Sie wurde eingeführt, als die Trauer um den verstorbenen Vater 1½ Jahre später eine Auffrischung erfuhr, und sollte, der Realität zum Trotze und dem Wunsche, der sich vorher in allerlei Phantasien versucht hatte, zuliebe, den Tod des Vaters wieder aufheben. Wir haben den Zusatz »im Jenseits« an mehreren Stellen ( S. 84 und 86  f.) übersetzen gelernt mit den Worten: »wenn der Vater noch lebte«. Aber nicht viel anders als unser Patient benehmen sich andere Zwangskranke, denen das Schicksal nicht ein erstes Zusammentreffen mit dem Phänomen des Todes in so frühen Jahren beschieden hat. Ihre 94 Gedanken beschäftigen sich unausgesetzt mit der Lebensdauer und der Todesmöglichkeit anderer, ihre abergläubischen Neigungen hatten zuerst keinen andern Inhalt und haben vielleicht überhaupt keine andere Herkunft. Vor allem aber bedürfen sie der Todesmöglichkeit zur Lösung der von ihnen ungelöst gelassenen Konflikte. Ihr wesentlicher Charakter ist, daß sie der Entscheidung zumal in Liebessachen unfähig sind; sie trachten jede Entscheidung hinauszuschieben, und im Zweifel, für welche Person oder für welche Maßregel gegen eine Person sie die Entscheidung treffen sollen, muß das alte deutsche Reichsgericht ihr Vorbild werden, dessen Prozesse gewöhnlich durch den Tod der streitenden Parteien vor dem Richterspruch beendigt wurden. So lauern sie in jedem Lebenskonflikt auf den Tod einer für sie bedeutsamen, zumeist einer geliebten Person, sei es eines Teiles der Eltern, sei es eines Nebenbuhlers oder eines der Liebesobjekte, zwischen denen ihre Neigung schwankt. Mit dieser Würdigung des Todeskomplexes bei der Zwangsneurose streifen wir aber bereits an das Triebleben der Zwangskranken, das uns nun beschäftigen soll. C. Das Triebleben und die Ableitung von Zwang und Zweifel Wenn wir zur Kenntnis der psychischen Kräfte gelangen wollen, deren Gegenspiel diese Neurose aufgebaut hat, so müssen wir auf das zurückgreifen, was wir bei unserem Patienten über die Anlässe seiner Erkrankung im reifen Alter und in der Kindheit erfahren haben. Er erkrankte in den zwanziger Jahren, als er vor die Versuchung gestellt wurde, ein anderes Mädchen als die von ihm längst Geliebte zu heiraten, und entzog sich der Entscheidung dieses Konfliktes durch Aufschub aller für deren Vorbereitung erforderlichen Tätigkeiten, wozu ihm die Neurose die Mittel lieferte. Das Schwanken zwischen der Geliebten und der anderen läßt sich auf den Konflikt zwischen dem Einfluß des Vaters und der Liebe zur Dame reduzieren, also auf eine Konfliktwahl zwischen Vater und Sexualobjekt, wie sie den Erinnerungen und Zwangseinfällen zufolge schon in früher Kindheit bestanden hatte. Überdies ist durch sein ganzes Leben unverkennbar, daß in bezug auf seine Geliebte wie auf seinen Vater ein Widerstreit zwischen Liebe und Haß bei ihm bestand. Rachephantasien und Zwangserscheinungen wie der Verstehzwang oder die Hantierung mit dem Steine auf der Landstraße 95 bezeugen diesen Zwiespalt in ihm, der bis zu einem gewissen Grade normal verständlich war, denn die Geliebte hatte ihm durch eine erste Abweisung und durch spätere Kühle Grund zu feindseligen Gefühlen gegeben. Aber die gleiche Zwiespältigkeit der Gefühle beherrschte, wie wir durch die Übersetzung seiner Zwangsgedanken erfahren haben, sein Verhältnis zum Vater, und auch der Vater mußte ihm in Kinderzeiten Grund zur Feindseligkeit gegeben haben, wie wir fast mit Sicherheit feststellen konnten. Sein aus Zärtlichkeit und Feindseligkeit zusammengesetztes Verhältnis zur Geliebten fiel zum großen Teile in seine bewußte Wahrnehmung. Er täuschte sich höchstens über das Maß und über den Ausdruck des negativen Gefühls, hingegen war die einst intensiv bewußt gewesene Feindseligkeit gegen den Vater ihm längst entrückt und konnte nur gegen seinen heftigsten Widerstand ins Bewußtsein zurückgebracht werden. In der Verdrängung des infantilen Hasses gegen den Vater erblicken wir jenen Vorgang, welcher alles weitere Geschehen in den Rahmen der Neurose zwang. Die einzeln bei unserem Patienten aufgezählten Gefühlskonflikte sind nicht unabhängig voneinander, sondern paarig miteinander verlötet. Der Haß gegen die Geliebte mußte sich zur Anhänglichkeit an den Vater summieren und umgekehrt. Aber die zwei Konfliktströmungen, die nach dieser Vereinfachung erübrigen, der Gegensatz zwischen dem Vater und der Geliebten und der Widerspruch von Liebe und Haß in jedem einzelnen Verhältnisse haben inhaltlich wie genetisch nichts miteinander zu schaffen. Der erste der beiden Konflikte entspricht dem normalen Schwanken zwischen Mann und Weib als Objekten der Liebeswahl, welches dem Kinde zuerst in der berühmten Frage nahegebracht wird: »Wen hast du lieber, Papa oder Mama?« und das ihn dann durchs Leben begleitet trotz aller Verschiedenheiten in der Ausbildung der Empfindungsintensitäten und in der Fixierung der endgültigen Sexualziele. Nur verliert diese Gegensätzlichkeit normalerweise bald den Charakter des scharfen Widerspruches, des unerbittlichen Entweder-Oder: es wird Raum für die ungleichen Ansprüche beider Teile geschaffen, obwohl auch beim Normalen jederzeit die Wertschätzung des einen Geschlechtes durch die Entwertung des anderen gehoben wird. Fremdartiger berührt uns der andere der Konflikte, der zwischen Liebe und Haß. Wir wissen, daß beginnende Verliebtheit häufig als Haß wahrgenommen wird, daß Liebe, der die Befriedigung versagt ist, sich leicht zum Teil in Haß umsetzt, und hören von den Dichtern, daß in stürmischen Stadien der Verliebtheit beide gegensätzliche Gefühle 96 eine Zeitlang nebeneinander wie im Wettstreite bestehen können. Aber ein chronisches Nebeneinander von Liebe und Haß gegen dieselbe Person, beide Gefühle von höchster Intensität, setzt uns in Erstaunen. Wir hätten erwartet, daß die große Liebe längst den Haß überwunden hätte oder von ihm aufgezehrt worden wäre. Wirklich ist ein solcher Fortbestand der Gegensätze nur unter besonderen psychologischen Bedingungen und durch Mitwirkung des unbewußten Zustandes möglich. Die Liebe hat den Haß nicht auslöschen, sondern nur ins Unbewußte drängen können, und im Unbewußten kann er, gegen die Aufhebung durch die Bewußtseinswirkung geschützt, sich erhalten und selbst wachsen. Die bewußte Liebe pflegt unter diesen Umständen reaktionsweise zu einer besonders hohen Intensität anzuschwellen, damit sie der ihr konstant auferlegten Arbeit gewachsen sei, ihr Gegenspiel in der Verdrängung zurückzuhalten. Eine sehr frühzeitig, in den prähistorischen Kindheitsjahren erfolgte Scheidung der beiden Gegensätze mit Verdrängung des einen Anteiles, gewöhnlich des Hasses, scheint die Bedingung dieser befremdenden Konstellation des Liebeslebens zu sein Vgl. die Erörterungen hierüber in einer der ersten Sitzungen. – Für diese Gefühlskonstellation ist später von Bleuler der passende Name »Ambivalenz« geschaffen worden. Vgl. übrigens die spätere Fortführung dieser Erörterungen im Aufsatze ›Die Disposition zur Zwangsneurose‹ (1913  i ). . Wenn man eine Anzahl von Analysen Zwangskranker überschaut, so muß man den Eindruck gewinnen, daß ein solches Verhalten von Liebe und Haß wie bei unserem Patienten zu den häufigsten, ausgesprochensten und darum wahrscheinlich bedeutsamsten Charakteren der Zwangsneurose gehört. Aber so verlockend es wäre, das Problem der »Neurosenwahl« auf das Triebleben zu beziehen, man hat doch Gründe genug, dieser Versuchung aus dem Wege zu gehen, und muß sich sagen, daß man bei allen Neurosen die nämlichen unterdrückten Triebe als Symptomträger aufdeckt. Der von der Liebe in der Unterdrückung des Unbewußten zurückgehaltene Haß spielt doch auch eine große Rolle in der Pathogenese der Hysterie und der Paranoia. Wir kennen das Wesen der Liebe zu wenig, um hier eine bestimmte Entscheidung zu treffen; insbesondere das Verhältnis ihres negativen Faktors »Ja, oft habe ich den Wunsch, ihn nicht mehr unter den Lebenden zu sehen. Und doch, wenn das je einträfe, ich weiß, ich würde noch viel unglücklicher sein, so wehrlos, so ganz wehrlos bin ich gegen ihn«, sagt Alkibiades über den Sokrates im Symposion (übersetzt von R. Kassner). zur sadistischen 97 Komponente der Libido ist völlig ungeklärt. Es hat daher etwa den Wert einer vorläufigen Auskunft, wenn wir sagen: in den besprochenen Fällen von unbewußtem Hasse sei die sadistische Komponente der Liebe konstitutionell besonders stark entwickelt gewesen, habe darum eine vorzeitige und allzu gründliche Unterdrückung erfahren, und nun leiten sich die beobachteten Phänomene der Neurose einerseits von der durch Reaktion in die Höhe getriebenen bewußten Zärtlichkeit, anderseits von dem im Unbewußten als Haß fortwirkenden Sadismus ab. Wie immer aber dies merkwürdige Verhalten von Liebe und Haß zu verstehen sein mag, sein Vorkommen ist durch die Beobachtung an unserem Patienten über jeden Zweifel erhaben, und es ist erfreulich zu sehen, wie leicht begreiflich nun die rätselhaften Vorgänge der Zwangsneurose durch die Beziehung auf dieses eine Moment werden. Steht einer intensiven Liebe ein fast ebenso starker Haß bindend entgegen, so muß die nächste Folge eine partielle Willenslähmung sein, eine Unfähigkeit zur Entschließung in all den Aktionen, für welche die Liebe das treibende Motiv sein soll. Aber die Unentschlossenheit bleibt nicht lange auf eine Gruppe von Handlungen beschränkt. Denn erstens, welche Handlungen eines Liebenden träten nicht mit seinem Hauptmotiv in Beziehung? Zweitens kommt dem sexuellen Verhalten eine vorbildliche Macht zu, mit der es umformend auf die übrigen Reaktionen eines Menschen wirkt, und drittens liegt es im psychologischen Charakter der Zwangsneurose, von dem Mechanismus der Verschiebung den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. So breitet sich die Entschlußlähmung allmählich über das gesamte Tun des Menschen aus. Damit ist die Herrschaft von Zwang und Zweifel , wie sie uns im Seelenleben der Zwangskranken entgegentreten, gegeben. Der Zweifel entspricht der innern Wahrnehmung der Unentschlossenheit, welche, infolge der Hemmung der Liebe durch den Haß, bei jeder beabsichtigten Handlung sich des Kranken bemächtigt. Er ist eigentlich ein Zweifel an der Liebe, die ja das subjektiv Sicherste sein sollte, der auf alles übrige diffundiert und sich vorzugsweise auf das indifferenteste Kleinste Vgl. Die Darstellung durch ein Kleinstes als Witztechnik. 98 verschoben hat. Wer an seiner Liebe zweifelt, darf, muß doch auch an allem andern, geringeren, Zweifeln? Hamlets Liebesverse an Ophelia: Doubt thou the Stars are fire; Doubt that the sun doth move; Doubt truth to be a liar; But never doubt I love. (Akt II, Szene 2) Es ist derselbe Zweifel, der bei den Schutzmaßregeln zur Unsicherheit und zur fortgesetzten Wiederholung führt, um diese Unsicherheit zu bannen, der es endlich zustande bringt, daß diese Schutzhandlungen ebenso unvollziehbar werden wie die ursprünglich gehemmte Liebesentschließung. Ich mußte anfangs meiner Erfahrungen eine andere und allgemeinere Ableitung der Unsicherheit bei den Zwangskranken annehmen, die sich näher an die Norm anzuschließen schien. Wenn ich z. B. während der Abfassung eines Briefes durch Zwischenfragen einer andern Person gestört worden bin, so empfinde ich hernach eine berechtigte Unsicherheit, was ich wohl unter dem Einflüsse der Störung geschrieben haben mag, und ich bin genötigt, zur Sicherheit den Brief, nachdem er fertig geworden ist, nochmals durchzulesen. So konnte ich auch meinen, daß die Unsicherheit der Zwangskranken, z. B. bei ihren Gebeten, daher rühre, daß sich ihnen unaufhörlich unbewußte Phantasien als Störer in die Tätigkeit des Betens mengten. Diese Annahme war richtig und ist doch leicht mit unserer früheren Behauptung zu versöhnen. Es trifft zu, daß die Unsicherheit, eine Schutzmaßregel vollzogen zu haben, von den störenden unbewußten Phantasien herrührt, aber diese Phantasien enthalten eben den gegenteiligen Impuls, der gerade durch das Gebet abgewehrt werden sollte. Es wird dies einmal überdeutlich bei unserem Patienten, indem die Störung nicht unbewußt bleibt, sondern sich laut vernehmen läßt. Wenn er beten will » Gott schütze sie «, so stürzt plötzlich aus dem Unbewußten ein feindseliges » nicht « dazu heraus, und er hat erraten, daß es der Ansatz zu einem Fluche ist ( S. 62 ). Bliebe dieses »nicht« stumm, so befände auch er sich im Zustande der Unsicherheit und würde sein Beten immer mehr verlängern; auf das Lautwerden hin hat er endlich das Beten aufgegeben. Ehe er das tat, versuchte er wie andere Zwangskranke allerlei Methoden, um die Einmengung des Gegensatzes hintanzuhalten, die Verkürzung der Gebete, das beschleunigte Aussprechen derselben; andere bemühen sich, jede solche Schutzaktion sorgfältig von anderem zu 99 » isolieren «. Aber alle diese Techniken fruchten auf die Dauer nichts; hat der liebevolle Impuls in seiner Verschiebung auf eine geringfügige Handlung etwas durchführen können, so wird ihm der feindselige bald auch dahin folgen und sein Werk wieder aufheben. Wenn dann der Zwangskranke die schwache Stelle in der Sicherung unseres Seelenlebens, die Unverläßlichkeit des Gedächtnisses, entdeckt hat, so kann er mit ihrer Hilfe den Zweifel auf alles ausdehnen, auch auf bereits vollzogene Handlungen, die noch nicht in Beziehung zum Liebe-Haß-Komplex standen, und auf die ganze Vergangenheit. Ich erinnere an das Beispiel jener Frau, die eben im Laden einen Kamm für ihre kleine Tochter gekauft hatte und nach dem Argwohn an ihrem Mann zu zweifeln begann, ob sie ihn nicht vielmehr schon längst besessen: Sagt diese Frau nicht direkt: »Wenn ich an deiner Liebe zweifeln kann« (und das ist nur eine Projektion ihres Zweifels an der eigenen Liebe zu ihm), »so kann ich auch daran, so kann ich an allem zweifeln«, und gibt so den verborgenen Sinn des neurotischen Zweifels unserem Verständnisse preis? Der Zwang aber ist ein Versuch zur Kompensation des Zweifels und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungszustände, von denen der Zweifel Zeugnis ablegt. Ist es endlich mit Hilfe der Verschiebung gelungen, irgendeinen der gehemmten Vorsätze zum Entschluß zu bringen, so muß dieser ausgeführt werden; es ist freilich nicht der ursprüngliche mehr, aber die dort aufgestaute Energie wird auf die Gelegenheit, an der Ersatzhandlung ihre Abfuhr zu finden, nicht mehr verzichten. Sie äußert sich also in Geboten und Verboten, indem bald der zärtliche, bald der feindliche Impuls diesen Weg zur Abfuhr erobert. Die Spannung, wenn das Zwangsgebot nicht ausgeführt werden soll, ist eine unerträgliche und wird als höchste Angst wahrgenommen. Aber der Weg selbst zu der auf ein Kleinstes verschobenen Ersatzhandlung wird so heiß umstritten, daß diese meist nur als Schutzmaßregel im engsten Anschlüsse an einen abzuwehrenden Impuls durchgesetzt werden kann. Durch eine Art von Regression treten ferner vorbereitende Akte an die Stelle der endgültigen Entschließung, das Denken ersetzt das Handeln, und irgendeine Gedankenvorstufe der Tat setzt sich mit Zwangsgewalt 100 durch anstatt der Ersatzhandlung. Je nachdem diese Regression vom Handeln aufs Denken mehr oder weniger ausgeprägt ist, nimmt der Fall von Zwangsneurose den Charakter des Zwangsdenkens (Zwangsvorstellung) oder des Zwangshandelns im engeren Sinne an. Diese eigentlichen Zwangshandlungen werden aber nur dadurch ermöglicht, daß in ihnen eine Art Versöhnung der beiden einander bekämpfenden Impulse in Kompromißbildungen statthat. Die Zwangshandlungen nähern sich nämlich immer mehr, und je länger das Leiden andauert, um so deutlicher, den infantilen Sexualhandlungen nach Art der Onanie. So ist es bei dieser Form der Neurose doch zu Liebesakten gekommen, aber nur mit Zuhilfenahme einer neuen Regression, nicht mehr zu Akten, die einer Person gelten, dem Objekte von Liebe und Haß, sondern zu autoerotischen Handlungen wie in der Kindheit. Die erstere Regression, die vom Handeln aufs Denken, wird durch einen andern an der Entstehung der Neurose beteiligten Faktor begünstigt. Ein fast regelmäßiges Vorkommnis in den Geschichten der Zwangskranken ist das frühzeitige Auftreten und die vorzeitige Verdrängung des sexuellen Schau- und Wißtriebes, der ja auch bei unserem Patienten ein Stück seiner infantilen Sexualbetätigung dirigiert Hiermit hängt wahrscheinlich auch die im Durchschnitt recht große intellektuelle Begabung der Zwangskranken zusammen. . Wir haben der Bedeutung der sadistischen Komponente für die Genese der Zwangsneurose bereits gedacht; wo der Wißtrieb in der Konstitution des Zwangskranken überwiegt, da wird das Grübeln zum Hauptsymptom der Neurose. Der Denkvorgang selbst wird sexualisiert, indem die sexuelle Lust, die sich sonst auf den Inhalt des Denkens bezieht, auf den Denkakt selbst gewendet wird, und die Befriedigung beim Erreichen eines Denkergebnisses wird als sexuelle Befriedigung empfunden. Diese Beziehung des Wißtriebes zu den Denkvorgängen macht ihn besonders geeignet, in den verschiedenen Formen der Zwangsneurose, an denen er Anteil hat, die Energie, die sich vergeblich zur Handlung durchzudringen bemüht, aufs Denken zu locken, wo sich die Möglichkeit einer andern Art von Lustbefriedigung bietet. So kann sich mit Hilfe des Wißtriebes die Ersatzhandlung durch vorbereitende Denkakte weiter ersetzen. Der Aufschub im Handeln findet aber bald seinen Ersatz durch das Verweilen im Denken, und der ganze Prozeß ist schließlich mit Erhaltung all seiner Eigentümlichkeiten auf ein neues Gebiet übersetzt, wie die Amerikaner ein Haus zu » moven « vermögen. 101 Ich würde mich nun getrauen, den lange gesuchten psychologischen Charakter, der den Produkten der Zwangsneurose das »Zwangsartige« verleiht, in Anlehnung an die obenstehenden Erörterungen zu bestimmen. Zwanghaft werden solche Denkvorgänge, welche (infolge der Gegensatzhemmung am motorischen Ende der Denksysteme) mit einem – qualitativ wie quantitativ – sonst nur für das Handeln bestimmten Energieaufwand unternommen werden, also Gedanken, die regressiv Taten vertreten müssen . Die Annahme wird wohl keinen Widerspruch erfahren, daß das Denken sonst aus ökonomischen Gründen mit kleineren Energieverschiebungen (wahrscheinlich auf höherem Niveau) betrieben wird als das zur Abfuhr und zur Veränderung der Außenwelt bestimmte Handeln. Was als Zwangsgedanke überstark zum Bewußtsein durchgedrungen ist, muß nun gegen die auflösenden Bemühungen des bewußten Denkens versichert werden. Wir wissen bereits, daß dieser Schutz durch die Entstellung erreicht wird, welche der Zwangsgedanke vor seinem Bewußtwerden erfahren hat. Doch ist dies nicht das einzige Mittel. Überdies wird selten versäumt, die einzelne Zwangsidee der Situation ihrer Entstehung zu entrücken, in welcher sie trotz der Entstellung am leichtesten dem Verständnisse zugänglich wäre. In dieser Absicht wird einerseits ein Intervall zwischen die pathogene Situation und die abfolgende Zwangsidee eingeschoben , welches die Kausalerforschungen des bewußten Denkens irreführt; anderseits wird der Inhalt der Zwangsidee durch Verallgemeinerung aus seinen speziellen Beziehungen gelöst. Ein Beispiel hiefür gibt unser Patient im »Verstehzwang« ( S. 60 ); ein besseres vielleicht eine andere Kranke, die sich verbot, irgendwelchen Schmuck zu tragen, obwohl die Veranlassung auf ein einziges Schmuckstück zurückging, um welches sie ihre Mutter beneidet hatte und von dem sie hoffte, es würde ihr dereinst durch Erbschaft zufallen. Endlich dient noch zum Schutze der Zwangsidee gegen die bewußte Lösungsarbeit der unbestimmt oder zweideutig gewählte Wortlaut, wenn man diesen von der einheitlichen Entstellung absondern will. Dieser mißverstandene Wortlaut kann nun in die Delirien eingehen, und die weiteren Fortbildungen oder Ersetzungen des Zwanges werden an das Mißverständnis anknüpfen anstatt an den richtigen Text. Doch kann man 102 beobachten, daß diese Delirien bestrebt sind, immer wieder neue Beziehungen zu dem nicht im bewußten Denken aufgenommenen Gehalt und Wortlaut des Zwanges zu gewinnen. Einer einzigen Bemerkung wegen möchte ich noch zum Triebleben der Zwangsneurose zurückkehren. Unser Patient erwies sich auch als ein Riecher , der nach seiner Behauptung in der Kindheit wie ein Hund jeden Menschen nach dem Geruch erkannt hatte und dem auch heute noch Riechwahrnehmungen mehr sagten als anderen Ich füge hinzu, daß in seinen Kinderjahren starke koprophile Neigungen gewaltet hatten. Dazu die bereits betonte Analerotik ( S. 77 ). . Ich habe ähnliches auch bei anderen Neurotikern, Zwangskranken und Hysterikern gefunden und gelernt, der Rolle einer seit der Kindheit untergegangenen Riechlust in der Genese der Neurosen Rechnung zu tragen Z. B. bei gewissen Formen des Fetischismus. . Ganz allgemein möchte ich die Frage aufwerfen, ob nicht die mit der Abkehrung des Menschen vom Erdboden unvermeidlich gewordene Verkümmerung des Geruchssinnes und die so hergestellte organische Verdrängung der Riechlust einen guten Anteil an seiner Befähigung zu neurotischen Erkrankungen haben kann. Es ergäbe sich ein Verständnis dafür, daß bei steigender Kultur gerade das Sexualleben die Opfer der Verdrängung bringen muß. Wir wissen ja längst, welch inniger Zusammenhang in der tierischen Organisation zwischen dem Sexualtrieb und der Funktion des Riechorgans hergestellt ist.   Zum Schlusse dieser Arbeit will ich die Hoffnung aussprechen, daß meine in jedem Sinne unvollständigen Mitteilungen wenigstens anderen die Anregung bringen mögen, durch weitere Vertiefung in das Studium der Zwangsneurose mehr zutage zu fördern. Das Charakteristische dieser Neurose, das, was sie von der Hysterie unterscheidet, ist meines Erachtens nicht im Triebleben, sondern in den psychologischen Verhältnissen zu suchen. Ich kann meinen Patienten nicht verlassen, ohne dem Eindrucke Worte zu leihen, daß er gleichsam in drei Persönlichkeiten zerfallen war; ich würde sagen: in eine unbewußte und zwei 103 vorbewußte, zwischen denen sein Bewußtsein oszillieren konnte. Sein Unbewußtes umschloß die frühzeitig unterdrückten, als leidenschaftlich und böse zu bezeichnenden Regungen; in seinem Normalzustande war er gut, lebensfroh, überlegen, klug und aufgeklärt, aber in einer dritten psychischen Organisation huldigte er dem Aberglauben und der Askese, so daß er zwei Überzeugungen haben und zweierlei Weltanschauungen vertreten konnte. Diese vorbewußte Person enthielt vorwiegend die Reaktionsbildungen auf seine verdrängten Wünsche, und es war leicht vorherzusehen, daß sie bei weiterem Bestände der Krankheit die normale Person aufgezehrt hätte. Ich habe jetzt Gelegenheit, eine an schweren Zwangshandlungen leidende Dame zu studieren, die in ähnlicher Weise in eine tolerante, heitere und in eine schwer verdüsterte, asketische Persönlichkeit zerfallen ist, die erstere als ihr offizielles Ich vorschiebt, während sie von der letzteren beherrscht wird. Beide psychischen Organisationen haben Zugang zu ihrem Bewußtsein, und hinter der asketischen Person ist das ihr völlig unbekannte Unbewußte ihres Wesens aufzufinden, bestehend aus uralten, längst verdrängten Wunschregungen Der Patient, dem die mitgeteilte Analyse seine wiedergegeben hatte, ist wie so viele andere wertvolle und hoffnungsvolle junge Männer im großen Krieg umgekommen. . 324 Bibliographie der Schriften Freuds G. W. = S. Freud, Gesammelte Werke (18 Bände und ein unnumerierter Nachtragsband), Bände 1–17 London, 1940–52, Band 18 Frankfurt am Main, 1968, Nachtragsband Frankfurt am Main, 1987. Die ganze Edition seit 1960 bei S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. Studienausgabe = S. Freud, Studienausgabe (10 Bände und ein unnumerierter Ergänzungsband), S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1969–75. Die in runde Klammern gesetzten Zahlen am Ende bibliographischer Eintragungen geben die Seite(n) des vorliegenden Textes an, wo auf das betreffende Werk hingewiesen wird. (1895 c ) ›Obsessions et phobies‹, G. W. , Bd. 1, S. 345. (98) (1896 b ) ›Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen‹, G. W. , Bd. 1, S. 379. (35, 83) (1900 a ) Die Traumdeutung , Wien. G. W. , Bd. 2–3; Studienausgabe , Bd. 2. (80, 85, 99, 101) (1901 b ) Zur Psychopathologie des Alltagslebens , Berlin, 1904. G. W. , Bd. 4. (38, 90) (1905 c ) Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten , Wien. G. W. , Bd. 6; Studienausgabe , Bd. 4, S. 9. (87, 97) (1905 d ) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie , Wien. G. W., Bd. 5, S. 29; Studienausgabe , Bd. 5, S. 37. (70, 102) (1905 e ) ›Bruchstück einer Hysterie-Analyse‹, G. W. , Bd. 5, S. 163; Studienausgabe , Bd. 6, S. 83. (36, 66, 99) (1906 a ) ›Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen‹, G. W. , Bd. 5, S. 149; Studienausgabe , Bd. 5, S. 147. (74) (1907 b ) ›Zwangshandlungen und Religionsübungen‹, G. W. , Bd. 7, S. 129; Studienausgabe , Bd. 7, S. 11. (97) (1908 a ) ›Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität‹, G. W. , Bd. 7, S. 191; Studienausgabe , Bd. 6, S. 187. (62) (1908 b ) ›Charakter und Analerotik‹, G. W. , Bd. 7, S. 203; Studienausgabe , Bd. 7, S. 23. (77) (1908 c ) ›Über infantile Sexualtheorien‹, G. W. , Bd. 7, S. 171; Studienausgabe , Bd. 5, S. 169. (74, 82) (1909 a ) ›Allgemeines über den hysterischen Anfall‹, G. W. , Bd. 7, S. 235; Studienausgabe , Bd. 6, S. 197. (67) (1909 b ) ›Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben‹, G. W. , Bd. 7, S. 243; Studienausgabe , Bd. 8, S. 9. (72–3, 84) (1910 h ) ›Über einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne‹, G. W. , Bd. 8, S. 66; Studienausgabe , Bd. 5, S. 185. (74) (1911 b ) ›Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens‹, G. W. , Bd. 8, S. 230; Studienausgabe , Bd. 3, S. 13. (101) (1912–13) Totem und Tabu , Wien, 1913. G. W. , Bd. 9; Studienausgabe , Bd. 9, S. 287. (93) (1913 i ) ›Die Disposition zur Zwangsneurose‹, G. W. , Bd. 8, S. 442; Studienausgabe , Bd. 7, S. 105. (96) (1915 c ) ›Triebe und Triebschicksale‹, G. W. , Bd. 10, S. 210; Studienausgabe , Bd. 3, S. 75. (97) (1915 d ) ›Die Verdrängung‹, G. W. , Bd. 10, S. 248; Studienausgabe , Bd. 3, S. 103. (97) (1916–17) Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse , Wien. G. W. , Bd. 11; Studienausgabe , Bd. 1, S. 33. (66, 74) (1918 b ) ›Aus der Geschichte einer infantilen Neurose‹, G. W. , Bd. 12, S. 29; Studienausgabe , Bd. 8, S. 125. (74) (1919 e ) ›»Ein Kind wird geschlagen«‹, G. W. , Bd. 13, S. 197; Studienausgabe , Bd. 7, S. 229. (74) (1919 h ) ›Das Unheimliche‹, G. W. , Bd. 12, S. 229; Studienausgabe , Bd. 4, S. 241. (90, 92) (1923 b ) Das Ich und das Es , Wien. G. W. , Bd. 13, S. 237; Studienausgabe , Bd. 3, S. 273. (97) (1925 h ) ›Die Verneinung‹, G. W. , Bd. 14, S. 11; Studienausgabe , Bd. 3, S. 371. (56) (1926 d ) Hemmung, Symptom und Angst , Wien. G. W. , Bd. 14, S. 113; Studienausgabe , Bd. 6, S. 227. (65, 93) (1927 e ) ›Fetischismus‹, G. W. , Bd. 14, S. 311; Studienausgabe , Bd. 3, S. 379. (102) (1930 a ) Das Unbehagen in der Kultur , Wien. G. W. , Bd. 14, S. 421; Studienausgabe , Bd. 9, S. 191. (102) (1939 a ) Der Mann Moses und die monotheistische Religion , G. W. , Bd. 16, S. 103; Studienausgabe , Bd. 9, S. 455. (74) (1950 a ) Aus den Anfängen der Psychoanalyse , London; Frankfurt am Main, 1962. (Enthält ›Entwurf einer Psychologie‹, 1895.) (74) (1955 a ) Originalnotizen zu dem Fall von Zwangsneurose (›Der Rattenmann‹), G. W. , Nachtr., S. 509. (46, 76, 86)