Heinrich Federer Unter südlichen Sonnen und Menschen Sechs Novellen (1926) Inhaltsverzeichnis         Zwei Christbäume in Rom Sandra Giullini. Eine wilde Geschichte     aus dem hintersten Umbrien Der Wilderer Augusto Sarti Einer, der Steine sucht und Menschen findet Der rote Zauber des Mastro Giorgio von Gubbio Die Buchbinderin Mala Golzi Zwei Christbäume in Rom An einem späten Nachmittag spazierte ich glückselig durch das alte, geduldige Rom. Denn es war just am Vorabend von Weihnachten und viele Jahre vor dem großen Krieg. Damals lag Rom noch so wundervoll braun mit einem Stich ins Graugrüne da, wie nur die Legende oder ein durch alle Feuer gehärteter und gewitzigter Held braun und erdenfest aussieht. Und Rom atmete noch jene unendliche Gelassenheit, durch die es sich von allen wichtigen Städten der Welt unterschied und die so ergreifend auf diejenigen wirkt, die seine Geschichte kennen. Gerade war ich vom Aventin gestiegen, von wo aus ich die Urbs am liebsten betrachte. Ach, mit welch großartigem Phlegma lagerte die Stadt an den Schlingen des Tibers und ertrug die Axthiebe von fast drei Jahrtausenden, ohne merklich zu zittern oder ihre Gebärde zu ändern. Wie merkte ich ihr noch die Beharrlichkeit des antiken Senats, das überlegene Zaudern des Fabius und den Stolz des Pompeius an. Noch mehr, ich spürte die Geduld ihrer dreihundert Katakombenjahre, ihr dutzendmaliges Bücken vor einer Tagesgröße und ihr dutzendmaliges Über-die-Leiche-Wegschreiten, das unverwüstliche Wartenkönnen der Päpste, das Umworbensein und Körbeausteilen und das Genughaben an sich und an seiner schönen Langeweile. Durch dieses alte Rom also spazierte ich in einer milden Nachmittagsluft und in jener weichen Stimmung, die uns Nordländer um die Zeit der Krippe ergreift. Ich sah hinter der Piazza del Popolo ein paar magere Tännchen, bei den Buden der Via Rossa etliche Jesulein aus Wachs im Stroh und in wenigen altbürgerlichen Bäckereien, besonders bei meinem Freund Niccolo Maggiolini, dem ich zur Verlobung seiner Agata oder Lea, ich wußte noch immer nicht, welcher es galt, – ich sah, sage ich, einige Teigwarenkindlein mit rotem Zucker als Heiligenschein und ebensolchen Augen und Lippen aus rotem Zuckergußfaden. Diese Figürchen predigten durch die schwitzenden Fenster, so lebkuchensüß ihre Glieder auch waren, mit einer strengen, herrischen Miene, etwa wie kleine Catone oder Cäsaren, und ich dachte bei mir, es sei doch gut, daß das erstaunliche Kind Mariens nicht auf dem harten Kapitol, sondern im ölbaumumrauschten Bethlehem bei gefühlvollen Hirten zur Welt gekommen sei. In Rom hätte man es in Stein gebettet und versteinern lassen. Plötzlich hörte ich am Eck der damaligen Via Sangallo in prächtigem Alemannisch, aber mit einer dunkeln Farbe in der Stimme sagen: » Guet also, nach em Zabig zünde-mer a, chum gli! « . . . Und eine andere ebenso alemannische Stimme antwortete frauenhaft: »Mer chömid, nur wämmer jetzt no selber es Bäumli kaufe am Ponte« Wir kommen, nur wollen wir jetzt noch selbst ein Bäumchen am Ponte kaufen. . Wie ein süßer Blitz durchfuhr mich dieses Kauderwelsch. Ich rannte dem Worte nach. Mich grüßte die Heimat im Schnee und Christbaumglanz. Doch wie ich nun dem Gruße nachsprang, war er schon im vielen Volk und Geschrei der Straße wie eine Blüte niedergefallen und von hundert Schuhen zerstampft worden. Aber ich hatte genug gehört. Ach ja, meine liebe Stadt über den Alpen, der alte Kreuzplatz, Nebel über den kleinen, dörflichen Häusern, eine schmale Wiese, dahinter die Kirche nur noch wie ein felsgrauer Schatten; der schöne, greise Brunnen auf dem Platze, magere Bäume darum, Eiszapfen an den Röhren, Kinder ums Gesimse; der Kastanienbrater steht hinter dem Kessel, es duftet von Marroni; Christbäume werden dort am Hag gekauft; aus den Trams steigen Menschen voll Schachteln und Rauhreif am Pelz; in den alten Häuschen ringsum steckt man schon die Lampen an; alle Zimmer sind voll Geheimnissen . . . ach ja, schön ist der Süden, aber jetzt möchte ich für einige Stunden dort im Nebel weihnachten. * Hier in Rom war noch Sonne und blauer, von den abendlichen Meerdünsten ein wenig gedämpfter Himmel. Aber dicker deutscher Nebel wäre jetzt schöner als die lauterste Bläue. Ich kehrte zur Bäckerei des Maggiolini in der Via Marca zurück. Es wurmte mich, daß ich nicht erraten konnte, wo jene Schwaben oder Schweizer ihr Bäumchen anzünden wollten. Sicher hätte ich dort geklopft und brüderlich gefragt, ob ich mich eine Viertelstunde lang an seinen Kerzen wärmen dürfe. Auch der Meister Maggiolini hatte mir von einem Christbaum für den Verlobungsabend etwas versprochen. Un vero albero tedesco ! hatte er geschworen und dazu mit den Armen in der Luft geknetet. Immer knetet er, wenn er redet, sogar beim Beten in San Francesco. Aber sowohl die Verlobung als der Weihnachtsbaum kamen mir verdächtig vor. Frommer germanischer Waldduft wird sicher nicht durch seine Stube atmen. Ich trat in die kleine Zuckerbäckerei. Niccolo, der hastige, denksame Mann, kurz gebaut, breit. kahl, mit einer senkrechten Furche wie ein Beilhieb in der Stirne, hatte alle Hände voll am Kredenztisch zu tun, um das hereinwogende Völklein zu bedienen und ab und zu durch das Schiebfenster einer hintern Türe seinem tüchtigen Unterbäcker Crispino oder dessen Gesellen Befehle zuzurufen. Alle Leute wollten Muscheltörtchen oder Conchiglien. So taufte Niccolo seine Spezialität, gewundene, schneckige, eigelbe Brötchen mit einer Zitronenfüllung und einem gelben Zuckerstern am Gupf. Doch niemand von den Mägden und Matronen, Bürschchen und Schleckkindern, die da wie Bienen hereinsummten, wollten ein gebackenes Christkind, und man staunte mich von oben bis unten an, als ich eines, und zwar das größte Bambino kaufte. »Es ist mehr zum Anschauen als zum Essen«, lachte der Meister in seinem schwersten Baß und ohne Lustigkeit. »Auch in der Kirche, überall!« fügte er dunkel bei und walkte mit den Händen einen unsichtbaren Brotteig her und hin. Das war wieder einmal so ein Wort, wie Niccolo deren viele buk. Sie entstanden, wenn er sich über den Mehltrog bog und seufzend und keuchend den massigen Teig zur guten Form durchknetete. Der Teig war sein Feind, wie aller tüchtige, ungeklärte Stoff des Künstlers Feind ist. Er muß mit Gewalt und Liebkosung gebändigt werden. Und in solchem Kampf überlegte dann Niccolo, die Runzel noch tiefer bettend und ganz mit Finsternis füllend, was alles an Not und Gefecht durch sein kleines Leben mit der hübschen leichtsohligen Frau Amelia und durch das große Leben der Völker mit der ebenso hübschen und leichtsohligen Frau Italia gehe. Und mit der doppelten und anstrengenden Politik, Monarch im Hause und Monarchist im Vaterland zu sein, vermischt er dann alle die andern Mühsale seines Daseins im Geschäft, in der Verwandtschaft, in der Erziehung, den Launen und Bosheiten seiner zwei Töchter. Ab und zu, wenn ihm genialisch zumute wurde, schnellte er in hübschem Schwung die Hand von sich und flitzte einen Lappen Teig an die Diele. Und genau so schmiß er aus dem Backtrog seines Geistes einen jähen Spritzer heraus, einen Witz, einen Spott oder Vorwurf und lachte dazu, doch ohne die Stirne zu entrunzeln, so daß niemand recht wußte, ob er spaße oder tadle. Es ist mehr zum Anschauen als zum Essen, das Santissimo Bambino! . . . Das war auch einer dieser bittersüßen Brocken. Ich hatte monatelang bei Niccolo eine Kammer bewohnt und in seiner Familie Frühstück und Abendbrot genommen. Bald genug wurde ich gewahr, daß der liebe Bäckermeister selbst kein ausgereiftes Brot war. Schwarzseherei und rosiger Leichtsinn lebten da nebeneinander. Er konnte bei der Suppe jammern, daß Italien sich großmannssüchtig überhebe, und beim Fleischgericht schon aufjubeln, weil seine ältere brillenscharfe, politisierende Tochter Lea aus dem Secolo las, Albanien würde letztlich doch zu Italien geschlagen. In seinen Ansichten glich er ziemlich der Formlosigkeit seines Teiges. Jedem Daumendruck seines Leibblattes gab er nach. Das Heute schlug bei ihm das Gestern und das gestrige Recht tot. Aber das Morgen machte es mit Heute ebenso. Dabei war Maggiolini immer ein gescheiter und grüblerischer Kopf und zog aus dem steten Wechsel einige Schlüsse, die für ihn feststanden wie die Quadern des Titusbogens. Ein solcher festgenagelter Schluß war, daß seine Frau zu viel lache, zu leichtblütig werde und ihm einmal unter den Fingern davonschlüpfen könnte, oder daß Lea in die Redaktion eines Modeblattes treten müsse, weil sie so hübsch zeichnen und Hüte garnieren könne, und daß sie durch alle Spalten für eine nationale Tracht zu kämpfen habe, mit einem weiten Rock, stramm geschnürter Brust und kurzem Schulterbewurf. Ferner glaubte er unumstößlich, daß innert zwanzig Jahren ein Savonarola kommen werde. Denn jetzt lebe man für nichts als Krawatten, Zigarretten und freche Gassenjungfern. »Und für Euere Conchiglien, Meister Niccolo.« »Bah«, lehnte er nachlässig ab. »Keine Späße! Brot ist Brot. Aber diese Gifte im Likör, in der Cipria, in den Zähnen . . .« »Brot?« wandte ich ein. »Ihr füllt doch Eure Muscheltörtchen mit Zitronenschleh. Und . . . ich weiß nicht, aber die roten und gelben Zuckertupfe . . .« »Natur, Signore, alles Natur. Hingegen diese Haare zurückgekämmt wie ein Hundekopf, diese Salben aus Unschlitt und Üblerem, dieses Essigtrinken, um blaß und schmal zu kokettieren, und gar diese Füße, in Kinderspielschuhe gepreßt, oh . . . Seht, beim Fuß fängt der Mensch an, wie der Baum bei der Wurzel. Darauf kommt alles an, wie viel Boden einer faßt und wie er darauf steht. Ihr wißt, wie ich am Trog die Beine spreize. So schaff ich der Welt Brot. Breite Sohlen sind gut, wo alles wankt. Mich wird kein Erdbeben vom Teigbrett reißen.« So schwatzte er, Gebäck reichend, Geld wechselnd, Teller scheuernd, und zuletzt lief alles auf den Satz hinaus, daß es bald nur noch Schein gebe, ausgenommen, was er backe. »Ihr habt mich doch gestern verstanden«, brummte er mir ins Ohr, indem er das lebkuchene Christkind in ein goldbesterntes Seidenpapier wickelte und seine klobigen Hände dabei so zart verfuhren, als legte Maria selbst die Windeln um ihr heiliges Kind. – »Auch diese Bambini sind aus gutem Mehl und echtem Honig gewirkt und so Mund als Magen durchaus bekömmlich. Ihr versteht mich schon, wenn ich trotzdem wiederhole: 's ist zum Anschauen, nicht zum Essen . . . unser Christus und unsere ganze Art von Religion.« Das sagte er nun wieder laut, daß alle Käufer es hören sollten. Aber jedermann verstand, man solle so ein Gebäck lange aufbehalten und betrachten. Es sei fast schade, das Bambino aufzuessen. »Also nochmals, Ihr kommt dann zum Punsch«, fügte er wie selbstverständlich hinzu und sah mich erquickt an. Das laute Bekenntnis soeben durch die ganze vergnügte Schmausgesellschaft hatte ihm wohlgetan. – »Ich schließe um zehn Uhr!« wiederholte er streng zu den Kunden. »Familienfest! – Dann habt Ihr doch wohl zwei Stunden für uns übrig«, wandte er sich zu mir. »Kommet, kommet sicher!« – Und jedesmal bei dieser Einladung zupfte er mir am Knopf des Überziehers. »Gerne, gerne«, sagte ich voll Überzeugung zu, obwohl ich noch vor einer Viertelstunde übellaunig nachstudiert hatte, wie ich mich von dieser Höflichkeitspflicht losschwindeln könne. Jetzt im Licht des breiten, wohlgesinnten Bäckergesichts mit dem schönen, tiefen Baß und Schwatz seines Mundes konnte ich gar nicht anders als fröhlich ja sagen. Ich hätte doch auch die Bude bei ihm, hoch über dem damaligen Quartier Campitelli, gerne genug behalten, wenn mich nicht die Unheizbarkeit des Zimmers in eine wärmere Wohnung getrieben hätte. »Auch der Redakteur wird kommen, Stefano, ja natürlich,« verspottete er sich, »der Sposo gehört doch wohl zur Verlobung. Wie schwatz' ich nur! . . . Aber es ist wichtig«, fuhr er unter der Türe fort. »Sie haben doch die Karte bekommen? Agata – Stefano! Sie ist ja eigen, tut närrisch, aber sie wird . . .« Er lächelte, nickte, schaute ins Lokal zurück, furchte plötzlich den Beilhieb gewitterschwarz und verschwand wie ein dicker, geschmeidiger Barsch, unter den vielen Käuferjungens, die wie Goldfische um seine graziöse, kleine, niedlich herumhüpfende Frau schwammen und denen sie mit noch so viel Törtchen einfach nicht genügen konnte Ich zog den Kragen übers Kinn und lachte in mich hinein. Wie gut kannte ich das! Eifersüchtig wird er jetzt wieder zusehen müssen, wie seine hurtige Gattin zweimal mehr Gäste spediert als er, der breite Sohlengänger, wie sie geradezu hüpft mit den schmackhaften Tellern, wie man ihr mit Augen und Lippen dankt, die ihn gräßlich ärgern. Er wünscht, sie wäre zehnmal ungeschickter und freut sich doch über das massenhafte Geld, das sie gleichgültig wie ein Schnupftuch in ihre Ledertasche streicht. Er weiß, weniger seine famosen Conchiglien als ihre verschmitzt schönen Augen, die bald silberig, bald schwarzblau aufleuchten, und ihr witziges, rosiges Näschen locken die jungen Herren so an. Ja, es gibt Frechdachse, die zu Amelia sagen: »Allerfeinste Signora, bitte, beißen Sie erst das Güpfchen hier weg, den Zuckerstern, mit Ihren herrlichen, kleinen Zähnen. Der gehört Ihnen allein, und mir schmeckt das übrige noch einmal so gut.« Nur einmal tat sie das, in der Unschuld eines Kindes. Aber an jenem Tage rollte es wie ein verhaltenes Gewitter um sie. Als sie dann endlich beim Nachtessen allein oben im Stübchen beisammensaßen, da brach er los wie ein Campagna-Orkan. Nun fürchtete Amelia den Gatten eine Weile. Dann gut und klug, wie sie war, und gut und unklug, wie sie Niccolo schätzte, behandelte sie die Kunden vorsichtiger, ja oft beinahe hart, wenn sie seinen Gedankengraben in der Stirne von Finsternis rauchen sah; aber auch ihn behandelte sie anders, freimütig, lustig, ungezwungen, mit Güte, aber ohne Furcht. Es half nicht viel. Sie wurde umflattert von eleganten Goldfasanen und er von häßlichen Krähen des Argwohns. Nur am Backtrog war er glücklich. Dann schlief sie noch wie die schneeweiße Unschuld oder regierte oben in der Wohnung herum, oder stand sogar mit einer kleinen Handarbeit hinter ihm, und die wenigen Morgengäste bediente Agata, eben jene jüngere und viel schönere von den zwei Maggiolinitöchtern, die nach Niccolos Gebot den Stefano heiraten sollte. Dieser Stefano Toboltsch war der Leiter des Crepuscolo, der Dämmerung, eines Käseblattes, das in flauer Neutralität, niemand zu leid, aber allen zu lieb, so recht wie ein Vogel des Zwielichts sich durchschwindelte. Frau Amelia wehrte sich mit allen hellen Kräften ihres Wesens gegen diesen unklaren Freier, der dazu von den Urgroßeltern her ein Slowak war. Denn sie besaß einen geraden Sinn und liebte einen lustigen Mut. Die jüngere Tochter Agata schlug ihr nach und wollte den Redakteur auf Lea abschütteln, die sich viel mit Büchern und Unterrichtskursen abgab, jedes Vierteljahr ein schärferes Glas auf die Nase setzte und alles mit einer glücklichen Kurzsichtigkeit betrachtete. Sie fand den jungen, spiegelhübschen Zeitungsmann durch ihr dickes Augenglas noch dreimal hübscher, als er war, fand ihn begehrenswerter als das Lehrerinnenpatent, das sie jüngst erworben, Leidenschaft begann in ihrem lauen Blut zu prickeln, und eine sonderbare, aber scheinbar unnütze Verschwörung der drei Römerinnen spann sich im obersten Stock gegen den Slawen und seinen Schirmherrn Niccolo. Stefano Toboltsch schien freilich nur Agata zu sehen. Das war so natürlich, wie man lieber die rote Backe eines Apfels als seine grüne Gegenseite sieht oder gar hineinbeißt. Doch ward es Amelia schnell klar, daß es den geldlosen Federjüngling zu allererst nach der fetten Mitgift und dann erst nach der Wangenschönheit des frischen Mädchens gelüstete. Stefano hatte den Meister Niccolo durch seine ehrerbietige Höflichkeit und durch das geduldige Zuhören und Zunicken bei dessen großen Salbadereien völlig für sich gewonnen. Der Bäcker setzte auf die Feder dieses jungen Mannes geradezu unheimliche Hoffnungen. Er hatte sich mit Stefanos Vater geduzt, ja später von ihm als stellenloser Kerl einmal eine große Hilfe erlebt. Sie bildete, man kann sagen, das Fundament zum heutigen reichen Geschäft. Darüber waren Jahrzehnte verflossen, der Schulkamerad war gestorben, Stefano eine arme Waise geworden. Da war es nun der unaustilgbare Gedanke des dankbaren Niccolo, daß die lebhafte Agata sich mit Stefano vermählen und so die einstige Väterfreundschaft zu einer noch innigern Verschwägerung gestalten sollte. Alle Einwände nützten nichts. Lea fiel hier außer Rechnung. Sie mußte Redakteurin der »Neuen alte Mode« werden – so war der Titel vorgesehen – und sollte als solche unbelastet und frei vor dem Publikum erscheinen. Übrigens wollte ja Stefano auch nicht Lea, er wollte Agata. Jetzt also schien aller Widerstand gebrochen. Waren doch schon die Verlobungsanzeigen gedruckt und mir wenigstens eine durch die Post zugesandt worden. Und dennoch, wie heiter hatte eben noch Agata die Gäste bedient, wahrlich nicht wie ein zur Schlachtbank gezerrtes Opfer. Und wie aufgeräumt hüpfte Mutter Amelia herum! Dieses unvergleichliche Weibchen stammte aus dem Quartier des Schildkrötenbrunnens, wo die härtesten Römerschädel wachsen. Noch jüngst hatte sie mir vor Agata geschworen, es gebe eine heillose Niederlage Slavoniens auf Weihnachten. Ich würde etwas erleben! Und Agata hatte eine Haarlocke am Ohr um ihren kleinen Finger gedreht und entsetzlich munter gequiekt: »Ja, Freund, eine heillose Niederlage.« ›Es ist vielleicht besser, gar nicht hinzugehen‹, dachte ich wieder. ›So oder so, eine rechte Weihnachtsstimmung kann nicht aufkommen. Ein, zwei grollende Köpfe und ein ungeschickter, mißmutiger Christbaum.‹ Und in diesem Augenblick hörte ich es wieder so alemannisch traut locken: »Chum gli! nach em Zabig zünde-mer a!« Viel süßer klang mir dieses Chum gli! als das siebenmalige hitzige: » Venga, caro Signore, venga senza fallo! « * Am Ponte hol ich jetzt au e Bäumli! So sang es mir noch als letztes im Ohr. Saperlott, da kann ich doch auch hin. Ich sprang in den nächsten Tramwagen. Jene Frau mit der sanften und doch tapfern Stimme geht vielleicht zu Fuß. Ja sicher, mit ruhigen germanischen Schritten holt sie sich das Tännlein. Ich gelangte an den kleinen Platz beim Tiber, als eben die Laternen erglommen. Fast nur Deutschsprechende handelten an dem Mäuerchen um die kleinen, magern Bäume. Es war ein Versuch, dieses Tännchengeschäft, das bald wieder aufhörte. Ich suchte und wartete. Eine Frau mit einem etwa siebenjährigen Jungen, der einen Pelzkragen, aber keine Mütze und korngelbes Haar trug, also wohl kein Römerknabe war, schien gleichfalls jemanden zu suchen. Manchmal lispelte sie dem unzufriedenen Kerlchen etwas zu, das nicht italienisch klang und ihn aufheitern sollte. Schließlich verstand ich: »So mach doch nüd e so e Surampfelegesicht!« worauf es sich losriß und trotzig über die Mauer zum gelben Strom hinabspuckte. Mir schwante, diese Frau sei eine der zwei Personen, die mir vor einer halben Stunde den Sinn so schwer ins Heimweh geschlagen. So laut, daß sie es verstehen mußte, fragte ich darum den Händler, ob nicht ein Tedesco vor einiger Zeit hier einen Albero gekauft habe, e Christbäumli, fügte ich gegen die schwarzgekleidete Dame hinzu und forschte sie, so höflich ich nur konnte, mit meinen Blicken aus. »Muetter, e Züribieter!« rief der Junge frech und sprang herzu. Wie ein gelber, kleiner Luchs sah er aus mit seinen spitzigen Ohren. »Willst du wohl!« drohte die Frau und packte ihn fest am Arm. »Sie wollten wohl Herrn Furrer hier treffen?« sagte sie ernst zu mir. – Sieh, sieh, es war wirklich jene zweite, nicht so düstere, stille und herzhafte Frauenstimme, die der ersten leidenden des Mannes geantwortet hatte. »Er wollte doch hier einen Christbaum kaufen«, bemerkte ich ausweichend. »Andere Jahre, ja, haben wir immer um fünf Uhr hier zusammen unsere Bäumchen ausgelesen«, sagte sie ruhig. »Er versteht sich darauf. Aber diesmal hat er sich schon am Vormittag . . . er wollte den schönsten . . . er konnte nicht warten . . . das Vreneli, ach . . .« Ihre nußbraunen Augen wurden feucht. Ich unterbrach sie rasch. »O, die Kinder, verehrte Frau, kann man ihnen die Kerzen je zu früh anzünden?« »Aber Sie wissen ja, das Vreneli, das liebe . . . So sei doch still, Luis, du Gispel«, warnte sie ruhig den kleinen Laffen, der an ihr zerrte und sonderbar hustete. »Jawohl, Verehrteste«, rief ich und überstrudelte die Worte vor Verlegenheit. »Aber diese Kerzen, die Tannenreiser, der Waldgeruch, die Heimat lacht daraus hervor. Es könnte Nacht sein, so schwarz und trostlos es wollte . . . es könnte, ach . . .« irrte ich herum ohne Ruder und Steuer, nur beflissen, mir nichts anmerken zu lassen von meiner absoluten Unbekanntheit . . . »Ich komme eben aus einer urrömischen Familie. Sie ist zerrissen und zerspalten. Aber ich wette,« rief ich unnötig laut und mutig, »wenn man heut abend so ein Tännlein zwischen die uneinigen Leute stellte, das Christkind flöge gleich aus dem Gezweig und machte Frieden. Sie würden . . . doch entschuldigen Sie, ich halte Sie auf und bin selbst beeilt. Aber das liebe Zürideutsch, Landsmannschaft!« Ich scherzte das letzte auf den Buben hin . . . »Bitte, bitte«, versetzte die Frau. »Wir warten nur auf den Hausknecht für das Bäumchen dort. Wenn Sie Herrn Furrer gleich treffen, wollen Sie ihm sagen, daß wir in einer halben Stunde nachkommen . . . wenn er doch das Fest nun einmal so haben will«, fügte sie entschuldigend bei. »Doch sehen Sie, da verpassen wir gerade das Tram. Es hält direkt vor dem Hause meines Bruders. Ecke Via Nesi, zwölf!« rief sie mir nach, während ich den Hut lüftete und nach dem elektrischen Wagen stürzte, nur um aus ihren hellen, nußbraunen Augen zu entfliehen, vor deren Ehrlichkeit ich mir anfing mehr als abenteuerlich, fast wie ein Schwindler vorzukommen. Einfach davonlaufen wäre gewiß das gescheiteste gewesen. Aber ein Gefühl halb aus Ehre, halb aus Neugier gekocht, flüsterte mir ein, hier sei etwas unvorsichtig eingebrockt, was nun ausgegessen werden müsse. Auch reizte es mich, einen Vater kennenzulernen, der seinem Kind beinahe noch am Tag in die Sonne hinein das Bäumchen anzündet, als wollte er den Himmel überbieten. War es ein Geburtstag? Ein Sohn, der vielleicht aus Argentinien heimk . . . Doch nein, Vreneli sagte die Frau ja. Also wohl eine Verlobung auch hier. ›Das könnte mir gerade passen. Verlobung rechts, Verlobung links,‹ dachte ich frech, ›ich brauche nur zu wählen, wo ich festiere.‹ Und doch, keine rechte Fröhlichkeit. Merkwürdige Welt. Schließlich ist es wohl auch kein so namenloses Wagnis, einen Landsmann in einer welschen Großstadt am Fest der tiefsten Brüderlichkeit aufzusuchen und ihm die Hand in sein noch ganz besonderes Hausfest hineinzuschütteln. »Chum gli!« hatte er so warm und flehend gesagt, als brauchte er gute Gäste. Schwer, fast bedrückt klang seine Stimme. Er muß eben seinen Herzkäfer an ein noch innigeres Wesen verlieren. Da und dort unterwegs wurden mir Blumen angeboten, ohne daß ich es weiter achtete. Nun aber hielt mir ein keckes, fettes Mädchen höllenrote Nelken unter die Nase. Nelken? Die Blumen von scharfem Geist und Atem passen gewiß nicht am besten zur milden Weihnachtsfeier. Die schenke man, wenn eine heftige Witwe sich den vierten Gemahl erkürt oder wenn eine fast dreißigjährige, strenge, scharflogische Jungfer summa cum laude doktoriert. Indessen, der Strauß flammte mir mit so hübscher Frechheit ins Auge und reizte auch meine Nerven so merkwürdig zu etwas Waghalsigem, daß ich ihn sofort erstand und binnen kurzem ohne Bedenken an Nummer zwölf der Via Nesi läutete. Auf einem Messingplättchen über dem Drücker war der Name Fritz Furrer-Gianella, Architetta, eingestochen. Die Hausschelle gab einen scharfen Ton, und wie ich das hörte, faßte mich auf einmal ein wahres Grausen. Wie, um Gottes willen, wie konnte ich mich schicklich oder wenigstens glaubhaft einführen? Niemand erschien, und sogleich stieg mir der Übermut, vom Nelkenduft gereizt, bis zum Wirbel auf. Die da drinnen festieren so laut, daß sie nicht einmal die Klingel hören. Nur um nicht in solcher Torheit an der Schwelle zu stehen, trat ich in den Hauseingang und stieg die kleine, düstere Treppe zum Obergeschoß empor. Je nach dem, was ich etwa erspähe, wollte ich dann ganz eintreten oder mich endgültig aus dem Staube machen. Aber es blieb sonderbar still, selbst an der Gangtüre. »Die verschließen ihre Freude dicht«, murrte ich jetzt schier neidisch. »Gewiß sitzen sie im Saal nach der hintern, ungestörten Hofseite. Vielleicht liegt dort sogar ein Garten mit dünnen Pfirsichbäumen und breit verplustertem Lorbeer. Soll ich Fersengeld geben?« In diesem Augenblick knarrte unten die Haustüre. Saperment, wenn da schon die Frau Schwester mit dem mürrischen Knaben kommt! Verzweifelt läute ich nochmals und ergreife die Klinke. Die Gangtüre springt auf, und aus einem offenen Zimmer, woher eine Fülle Licht in den Korridor strömt, ruft jene bekannte gedrückte und bittende Stimme wie zu einer Überraschung: »Nur herein! Wir warten schon lange!« Mir rann der Schweiß aus den Haaren und der Atem stockte . . . »Verzeihen Sie . . . ich bin . . . ich weiß nicht recht, wie . . .,« stammelte ich laut, mich zur Stubentüre vorwärtsschlagend, ». . . Herr Architekt Furrer . . . wollen Sie, bitte, einen Landsmann, engern Landsmann, entschuldigen . . .« Die Nelken in meiner Hand baumelten schadenfroh aus meiner Hand, während das Bambinopaketchen mir unter dem Arm fast entschlüpfte. ›Es wird zu Teig‹, dachte ich noch blitzschnell. Jemand trat jetzt schwer und groß an die Türe, daß es plötzlich schattig wurde im Gang, und genau in dieser Sekunde wurde es mir entsetzlich klar, hier lache kein Fest, eher laste eine große Trauer über den Räumen. Der Herr, der nun in glänzend schwarzem Frack heraustrat, ein Riese, sah mich betroffen an. Sein breites, rotes, bartloses Gesicht war verschwollen und übernächtig, die Augen müde, aber fiebrig glänzend. Er blickte mit einer strengen Traurigkeit auf meinen unanständigen Blumenstrauß hinunter. »Ah,« stieß er aus, »das ist wohl fürs Vreneli?« und wollte mir die Blumen, wie ich sie ihm mechanisch entgegenhielt, mechanisch abnehmen. »Gewiß von den Picciardini, dem Felipe«, fuhr er in geübtem Italienisch fort. »Die haben immer solche starken Nelken . . . Ich danke, ich lasse sehr innig danken . . .« Er wollte in die Westentasche nach einer Münze langen, schaute mich näher an und hielt inne. »Sie sind wohl ein Freund der Picciardini?« fragte er nun auf Deutsch mit der steten, mühsamen, melancholischen Stimme. »Kommen Sie denn, bringen Sie es dem Vreneli selbst! Der kleine Felipe hat gar oft meiner Tochter Nelken ins Haar gesteckt . . . ja, geben Sie es ihm selbst!« In diesem Augenblick wehte ein Totengeruch an mir vorüber, kam, ging, ich weiß selbst nicht wie. Herr Furrer nahm mich weich am Handgelenk, und ahnungsschwer tat ich mit ihm drei Schritte und hielt – vor einer Kindesleiche! Fast noch rotbackig, mit schwarzen, über das Kissen wie ein Schleier verbreiteten Haaren, gefrorenen blauen Händchen, aber mit einem lächelnden, fast neugierig in die Wange hinauf geschweiften Mund, zwei zuckerige Vorderzähne ein bißchen vorstellend, so lag das siebenjährige Mädchen da, ohne Spur einer Krankheit oder eines Kampfes, etwa so, als wäre plötzlich ein Gletscherhauch über diese Blüte gefahren und hätte ihre Seele im Nu vereist, ohne daß Zeit gewesen wäre, das Äußere zu ändern. Auf der weißen Decke lag ein gebackenes Christkind von Niccolo Maggiolini, dessen große Augen noch größer schienen neben den geschlossenen Vrenelis. Blumen, alles weiße Rosen, waren über die gehäkelte Decke gestreut, worein nun meine Nelken wie Blutstropfen erschienen. Was jedoch alles überwältigte: zu Häupten brannte mit hundert gelben Flämmchen der Weihnachtsbaum. Es gab keinen dunklen Fleck ringsum, denn auch alle elektrischen Lampen waren angezündet. Eine schonungslose Helligkeit durchwütete diesen Saal wie ein Sonnenbrand die Wüste und schien die Menschensäfte darin aufzuzehren. Denn der riesenhafte Mann setzte sich sogleich auf den Stuhl am Bette, als könnte er unmöglich länger aufrecht bleiben, faltete die Hände auf der Decke, sah unverwandt auf das tote Gesicht und machte nur mit dem Kopfe eine leise Bewegung über die Schultern rückwärts, indem er müde flüsterte: »Meine Frau!« Nun erst sah ich hinten in einem Glaspavillon des Saales, von wo man wirklich in einen Garten gelangte, eine hagere, wachsweiße Frau in schwarzer Seide. Sie saß an einem Tische und las aus einem großen Buche. Es war wohl die Bibel. Ringsum standen goldgeränderte Tassen, eine Teemaschine, Likörflaschen und zwei silberdrahtene Körbchen mit Gebäck. Mir selbst überlassen stand ich da und hörte nichts als schweres Atmen, das Knistern im Tannenbaum und einmal das Umblättern der Frau in ihrem Buche. Wachs und Tannengeruch lag über uns, aber mich dünkte, es sei ein Duft, wie er im heißesten August aus einem sonnengedörrten Walde strömt. Und auch eine solche tödliche Stille herrschte. Ich bin in vielen Totenzimmern gestanden, aber so eine grelle, schattenlose Trostlosigkeit hatte ich noch nie verspürt. Hätte jemand aufgeschrien und das Haar vor Jammer gerauft, es wäre Erlösung gewesen. Erschüttert stand ich da. Alle Verlegenheit war verflogen. Indem ich mein Bambino aus dem Seidenpapier wickelte und neben das andere legte, sann ich rasch, ob hier denn gar nichts Hilfreiches gesagt und getan werden könne. Etwas mußte geschehen. Ohne Überlegung griff ich nach den gefalteten Händen des Hausherrn und fühlte mir die Rührung bis zur Kehle steigen, als er sogleich wie über etwas Unmögliches den Kopf schüttelte: »Nicht trösten! Nur nicht trösten!« – Ich aber konnte nicht mehr an mich halten und sprudelte Namen und Stand heraus und berichtete hastig weiter, wieso ich da auf ganz eigene Rechnung hereingebrochen sei. Heimweh, Tannen, Weihnachten, sein aufgefangenes Chömid gli!, mein Laufen hinter diesem süßen Wort, mein Aufpassen und Warten am Verkaufsplatz, meine Hoffnung, hier so mitten in der welschen Stadt eine kleine deutsche Freude zu erbetteln . . . »Nun ist es ja so ganz anders . . . verzeihen Sie! Aber lassen Sie mich doch an Ihrer Trauer teilnehmen. Ich will Sie ja keine Minute stören, ich gehe sofort. Nur möcht' ich, da ich nun einmal so ungeschickt hineingestürzt bin, mit Anstand weggehen. Und einen besseren Anstand gibt es nicht, als daß ich wie ein Bruder – ach, entschuldigen Sie, ich möchte nicht zudringlich erscheinen! – aber ja doch, wie ein Bruder an Ihrem Leid teilnehme und freilich dann doch auch mit dem Rechte des Bruders sagen muß, daß Sie nicht nur immer das tote, sondern auch das lebende Kind bedenken sollen . . .« »Das lebende?« murmelte er, ohne zu begreifen und wischte sich mit zwei Fingern seltsam ums Ohr. Indessen hatte mich seine Gattin lange schon bemerkt und war zögernd etwas näher getreten: eine zarte, blasse, unendlich dunkelhaarige Italienerin, aber mit den gleichen so lustig in die Wangen hinaufsichelnden Mundwinkeln wie das Vreneli und ebendenselben zwei kleinen vorstehenden Mittelzähnen, eine frühgealterte Dreißigerin. Ich verbeugte mich ehrerbietig. »Ja, das lebende«, wiederholte ich mutiger. »Denn viel lebt noch da von Ihrem Vreneli. Sie werden es noch plaudern und lachen hören. Oder glauben Sie, daß so ein Kinderlachen stirbt? Und überhaupt, daß irgend was untergehe von dem Frühling, der da gelebt hat? Sie sind Architekt«, fuhr ich immer ungestümer fort, »und behaupten, es gehe kein Kräftlein noch Körnlein im Weltall verloren . . . oder?« Er reckte den Arm, wollte widerreden, aber ließ den Kopf wieder sinken. »Aber wie, da und präzis nur da, beim Tod, soll alles wie im Wind zerstoben sein, für immer? Das ist doch gegen alle Regel und Natur. Was dieses liebe Kind Ihnen galt, gilt es jetzt noch; was es gab, haben Sie noch heute und behalten Sie. Wo Sonne war, bleibt es noch lange warm. Aber wo ein lieber Mensch gelebt, bleibt es immer warm . . . so meine ich.« Die Dame war jetzt zu ihrem Mann getreten und legte ihre lange Hand, woran zwei dünne Reife leuchteten, leicht auf seine Achsel. Sie grüßte mich nun erst, aber mit einem stillen, schönen, fast feierlichen Blick. Etwas von der Hoheit des Buches, worin sie gelesen, lag auf ihrer Stirne. Sie schien bei weitem nicht so vom Todesfall geknickt wie ihr Gemahl, horchte auf, was ich noch sage, wollte ihren Mann vor meiner Heftigkeit schützen und wünschte dennoch mit der ganzen abendlichen Pracht ihrer Augen, daß ich weiterfahre. Nun fühlte ich erst ein Befremden über meine Lage. Aber es gab jetzt nichts mehr zu bedenken. Ich war ja einmal Vikar gewesen. Das Predigen ging mir nach. »Hätten Sie das Engelchen nie besessen, so wüßten Sie nichts vom heutigen Schmerz«, fuhr ich verwirrt fort. »Aber Sie wüßten auch nichts vom Paradies, das Ihnen das Vreneli gebracht hat. Es schenkte Ihnen doch eine neue Jugend. Sie sollten sich sehen können, wie Sie heute wären, wenn Sie das Kind nicht gehabt hätten, alt, müd', verholzt. Es wäre ein bleierner Tag, aber auch gestern, aber auch morgen. Durch dieses Kind werden Sie nun nie gleichgültige Tage haben. Sie können es sich gar nicht ausrechnen, was Sie mit dem Geist dieses Vreneli in die Zukunft tragen, wie alles hier nun für Sie einen Hauch seiner Jugend hat, seines Lachens, seiner Unschuld, wie alles durch es reiner bleibt, als es sonst möglich wäre; wie Sie, ohne genau zu wissen warum, so leben, als müßten Sie immer noch mit der Kleinen rechnen. Da gucken ja noch seine Äuglein aus dem Winkel, hier glänzen seine Fußstapfen, dort streichelt sein Fingerchen, da überall geistert es herum. Ja wahrhaft«, fuhr ich durch das dankbar zunickende Auge der jungen Matrone kühner und lauter fort, »wahrhaftig, Sie müssen ernstlich mit ihm rechnen. Hundertmal werden Sie sich fragen: ›Was sagte Vreneli dazu? Dürfte es das sehen? Hören? Würd' ich vor seinem Blick bestehen?‹ – O, ihr lieben Landsleute, 's ist ja Weihnacht, das Christkind geht um. Aber auch dieses Christkind da! Hand in Hand, dünkt mich, gehen die beiden, das so göttliche und das so liebe menschliche zusammen durch diese Zimmer, ja, durch euer Leben und unterhalten sich über euch und freuen sich über euch und sind wie alles Gute immer um euch und sterben nicht, weil ja die Liebe das ist, was nicht stirbt, und weil diese zwei nur Liebe sinnen und von Liebe leben . . . weil . . . ach, ich kann's nicht sagen, mir ist nur, es sei euch heute noch mehr als für mich und andere Menschen Weihnacht, ein Fest der Liebe, des Nichtverlierenkönnens, des Christkinds, zweier . . . Christkindlein . . . ach . . .« »Sie meinen es gut«, unterbrach mich jetzt der Riese, sich langsam aufrichtend, und drückte mir die Hand, indem er mich zugleich mit einer leisen, ungeheuren Kraft von sich abdrängte. – »Es ist nur nicht so . . . so leicht . . . schon jetzt . . . da, bei der fast noch warmen Leiche . . .« »Vater, lieber Vater,« wandte die Gattin mit jenem Namen ein, den er am liebsten hörte, »der gute Herr hier hat doch recht. Du hast jetzt den ganzen Tag ins Schwarze gesonnen. 's ist Zeit, daß wir uns ermannen. Wir verderben so dem Vreneli noch den Himmel . . . Komm, lies mit mir aus der Bibel! . . . Vielleicht mag der Herr auch . . .« »Aech . . . ch . . .«, widerstrebte der Gemahl und erhob sich wie ein düsterer Berg vor uns. Mir war, ich hätte alles umsonst gesprochen. In dieser bösen Minute hörten wir rasche, ungleiche Schritte im Gange. Sogleich erschien die verschleierte Frau an der Schwelle, den Knaben mit Gewalt nachziehend. Der dicke Luis sperrte sich zwischen den Pfosten, kniff die Augen zusammen, schrie auf, und eine ungemütliche Szene wollte sich jedenfalls entwickeln. »Ich will nicht . . . ich kann nicht, Mutter . . . ich fürcht' mich, oh . . . weg . . . oh, hinaus . . .«, kreischte er mit überhoher Stimme . . . »Nein, nein, nein, oh . . .« »Aber Luis, jetzt tu mir die Augen auf«, schalt die Frau, von Zorn und Scham für ihr Söhnchen ganz gerötet. »Jetzt schau' doch dein Vreneli an . . . wie schön es ist! Gib ihm den Kranz!« »Ist nicht mein, ist nicht mein Vreneli«, tobte der Junge. »Wie still es da schläft! Es tut dir nichts. Eher betet es für dich oder lacht dich wohl gar mit allen Engeln aus, weil du so ein Furchthans bist . . . pfui doch!« Aber das Schreien wurde nur ärger. Kaum hatte Luis einen Blick auf die Spielkameradin geworfen, so sträubte sich ihm das gelbe Haar vor Schauder. Vor vier Tagen hatte sie noch mit ihm gespielt, ihn erhascht, so flink er auch um den Tisch herum sprang. Sie war noch flinker und packte ihn mit allen zehn Fingern. Jetzt lag sie da und stellte sich tot, um ihn, wenn er näher träte, plötzlich wieder so zu packen. Das merkte er leicht an den zwei Zähnen, die Vreneli jetzt wieder, wie jedesmal vor einem Streich, so tief in die Unterlippe hackte. Ja, es wird ihn packen, aber als ein anderes Vreneli, ein eisiges, aus fremden Welten, ein unbekanntes, und wird ihn mit ins Unbekannte reißen . . . »O nein, Mutter, Mutter . . . ich sterb' . . .« Die Frau des Architekten lächelte verzeihend. Aber ihr Gatte wurde finster und wuchs allmählich wie ein Gewitter in die Höhe. Wie, sein Engelchen fürchten, als wäre es etwas Böses! Da es doch wie die heilige Unschuld daliegt und sich in alles ergibt! Nicht hinzutreten, als wäre es etwas Schmutziges oder Schädliches, da es doch so hilflos und rein ist wie frisch gefallener Schnee. Eher wir besudeln es. Uns eher müßte es rufen: Nahet nicht mit eueren Niedrigkeiten! Weg, du garstiger Bub! Viel zu sauber und zu schön bin ich für dich! Solches dachte der Riese, indem er den Hals krümmte, als würge ihn etwas. Dann packte er den Knaben am Ellbogen und brach los: »Glaubst wohl, dummer Göttibub , das Vreneli sei noch froh, wenn du's grüßest? Es sei ihm eine Ehre, wenn du ihm ein paar Blumen aufs Bett werfest? Behalt deinen Kram. Es mag gar nichts von so einem.« – Furrers weiche Stimme polterte jetzt, seine Augen feuerwerkten geradezu. Luis wand sich unter dem Griff seines Paten und schielte nochmals scheu und feig zum Bett hinüber. Sogleich wurde sein hübsches Gesicht wie von Ekel und Haß beinahe grau. Er brüllte, klob den Götti in den Arm und plötzlich schüttelte ihn der Gewaltsmensch von sich – Luis hatte in seinen Handballen gebissen »Fritz . . . Luis!« riefen die Frauen gleichzeitig. »Er ist ein Kind«, entschuldigte ich. »Auch ich fürchtete die Toten . . . Alle Kinder . . .« »Nein, lieber Herr, nicht alle Kinder, Vreneli nicht!« warf der zerrüttete Vater hinein und trat, die Hand abwischend, wieder an die Leiche. Luis blickte angstvoll rechts und links, wohin er sich nur sichern könne. Mit zwei Sprüngen war er bei mir, krampfte sich in meinen Arm und lispelte: »Züribieter . . . Sie, Herr . . . o helft mir!« »Vreneli,« begann der Architekt nochmals und nickte rechthaberisch zum Bub, »sag' einmal, würdest du mit dem Luis tauschen? Kämst du wohl gerne zurück? Hast du's nicht dutzendmal besser? – Und da kommt dieser Lümmel! Aber er verdiente das Vreneli gar nicht, der Schnuderbub.« Dieses urchige Schimpfwort, das für eine ungeputzte Nase einen so imposanten Ausdruck schafft, wirkte in diesem Augenblick so erfrischend, wie, man verzeihe, ein derber Schneuz bei erstickendem Nasenkatarrh. Alle fühlten das, alle sahen ermuntert aus, der Riese am meisten. – »Wir alle verdienen dich nicht, du kleines, süßes Hexlein,« wandte er sich wie erleichtert zu uns, damit wir ein ›Ja‹ nickten, »und darum bist du uns weggelaufen.« Er lächelte schmerzlich. – »Zu den Cherubini und Serafini«, fügte die Gattin tapfer bei und hob den Kopf. »Du bist uns fortgelaufen«, wiederholte Herr Furrer halblaut und mehr zu sich. »'s ist nicht recht, daß wir dir's nicht gönnen, dich wieder einfangen wollen in den alten Käfig . . .« Er blickte in die Saalecke, wo wirklich ein verhüllter Käfig hing, und dann durch die Fenster in den Garten hinaus. – »Freilich, ich hatte immer gedacht,« wandte er sich dann weichmütig an seine Frau und nahm ihre beiden Hände in seine Pratzen, »ich hab' immer gedacht, dem Vreneli dieses alte Haus umzubauen, wenn das Kind etwa achtzehnjährig wäre. Man kann ein hübsches Nest daraus machen.« – Seine Stimme erhellte sich bei der schönen beruflichen Arbeit. – »Da hinten vor allem die Gartenseite, wo uns die Spatzen hereinfliegen, und daneben den Musiksaal. O, wissen Sie, Herr . . . Herr . . . das Kind besaß ein Ohr, ich sage Ihnen, ein Ohr für Musik! Meine Frau spielt ein bißchen. Dann warf es alle Puppen weg, ließ Schokolade und Kochzeug und kniete, hören Sie, kniete neben meine Frau hin und hörte, wie ich denk', daß ein Engel vor dem Munde Gottes so abkniet und zuhört . . .« Eine Pause entstand. Wir warteten alle, ob er nicht weiterreden wolle. Das war seine Erlösung. Allein mit seiner Frau den ganzen Tag, da hatte er und hatte sie geschwiegen, aus Angst, sich gegenseitig die Lage noch schwerer zu machen. Aber es tat nicht wohl, dieses Hinunterwürgen. Jetzt, unsere Gesellschaft hatte ihm den Stoß gegeben, er hatte sich Luft gemacht. Das tote Kind zu loben, war ihm jetzt besonders süß. Steif und stumm lag indessen das gepriesene Geschöpflein im Linnen, als wäre nie eine Melodie durch seinen Sinn gegangen. Luis hielt sich fest an mir. Er merkte, daß der Sturm sich verzogen, und blinzelte nun unter meinem Ellbogen hervor gegen sein totes Gespiel, immer noch mit Unwillen, aber auch mit Neugier. Von der Leiche stieg sein Auge zum strahlenden Baum darüber mit all seinem Leckerzeug. Und als Herr Furrer von Schokolade sprach, da küßten seine Blicke schon ganz frech die dunkelbraunen, schokoladenen Kastanien, die zwischen den Nadeln hingen und von der Hitze so vieler Kerzen fettig schwitzten. Aber er klammerte sich dennoch mit allen Fingern an mich, und ich hörte sein Bubenherz sehr laut klopfen. »Wir bauen das Haus doch so um, Carolina, ich bleib' dabei«, fuhr Herr Furrer entschlossen fort. »Warum sollte ich nicht? Wir haben so doch etwas zu tun. Bekommt Vreneli es anderswo viel schöner,« machte er fast wie in bitterem Spaß, »so wollen auch wir es wenigstens so hübsch als möglich haben. Wer weiß,« sagte er rätselhaft und heimlich, wie man ein Märchen beginnt, »vielleicht wenn hier alles schmuckfertig ist, bekommt der Engel einmal Lust zurückzukommen wie jener Spatz im Garten, weißt noch, Carolina, der plötzlich wiederkam nach zwei Jahren . . .« »Sogar nach drei«, verbesserte die Gattin. Das Ehepaar mußte recht vogelfreundlich sein. In der Ecke hing, wie ich schon sagte, ein sorglich vor dem Licht gedeckter Käfig und vor den Fenstern bemerkte ich etwas wie offene Vogelverschläge mit Nestlein. »Ich will den Kanarienvogel wecken . . . in die Stube hinauslassen . . . soll ich?« flüsterte Luis angeregt mir ins Ohr. »Vreneli und ich haben das oft gemacht. Es ist dann weniger langweilig . . .« »Nach zwei oder drei Jahren, einerlei«, versetzte Herr Furrer und sah seine Frau mit einer sonderbaren, sehnsüchtigen Wärme an. Seit zwanzig Stunden war dies das erstemal, daß er wieder an die Zukunft dachte. Er nahm Carolina wieder an beiden Händen und sagte: »Wer weiß, vielleicht fliegt es auch wieder herein . . . oder doch . . . liebe Frau . . . bitte, bitte . . . sein Schwesterlein!« Ich kann nicht beschreiben, wie rührend das zu hören war. Noch heute ergreift es mich, wenn ich zurückdenke. Er küßte die Frau dann leicht auf die Stirne und beide waren entzückend rot geworden. Wenn aber der Funke von einem Auge ins andere schon Leben erzeugen könnte, in diesem Augenblick wäre ein Kind geboren worden, mit einem so tapfern, heiligen ›Ja‹ fing die verjüngte Frau den Blick des Gatten auf. Base Maria lächelte ernst, trat hinzu, schüttelte beiden wortlos die Rechte. Meine Lage war äußerst peinlich. Mir schien, ich sollte je eher je lieber weggehen. Es gab für mich keinen gesellschaftlichen Grund, noch länger zu bleiben. Jede Minute sagte ich mir: ›Jetzt gehe ich,‹ und jedesmal wartete ich wieder in der Hoffnung. es entstehe nun doch etwa ein Grund, daß ich hier nicht so überflüssig in der leeren Luft stände oder doch mir einen bessern Abgang schaffe. Doch schenkten mir alle gute Augen und Frau Maria besonders, daß ich mich vermaß zu glauben, ich dürfte es doch noch auf ein paar Minuten ankommen lassen. Der Knabe hatte mich indessen unvermerkt gegen das Kopfende des Bettes zum Christbaum gedrängt. Als ich's gewahr wurde, drängte ich mit, bis wir im verstohlenen Hin und Her den ersten Zweig erreichten. »Gib mir die Zuckernuß dort, die braune!« lispelte der Junge mit der Schmeichelstimme eines ganz leisen Mädchens. »Nimm sie selbst!« erwiderte ich. Er zagte, sah ins Leichengesichtlein, schauderte ein wenig und wollte doch zulangen. Der Tod schien dem jungen Adam schon geringer als die süße Baumfrucht. Plötzlich schoß er erschreckt zurück. Es hatte scharf geläutet. Die Frauen sahen sich besorgt an, als komme etwas Schlimmes. Herr Furrer ging in den Gang hinaus. Ein Ruck, und die Schleckerei war vom Ast gerissen. Noch einen Blick auf das Wachsbild unter dem Baum, und da sich gar nichts regte, schob der Bub den Leckerbissen in den Mund. O, es war so süß wie immer, fast noch süßer. Luis staunte, daß er den Raub so ungeschoren vollziehen konnte. Er langte wieder ins Gezweige und stibitzte und schmatzte. Sein fettes, genußsüchtiges Gesicht bekam einen lustig-listigen Ausdruck. Er innerte sich, wie Vreneli mit ihm oft um ein Stück Marzipan gestritten hatte. Jetzt plünderte er den ganzen Baum, und sie wehrte sich nicht. Nein, so eine war nicht mehr zu fürchten. Alle Angst ist weg. Indem er nascht, rekelt er sich wohlig in den Muskeln, biegt sich vor in den Schenkeln und freut sich seiner lebendigen und genießenden Überlegenheit. Die Frauen hellten sich sichtlich auf, als der Hausherr mit einem Schock Briefe zum Tischchen schritt, rasch, elastisch, den Kopf in die Höhe geworfen, als wäre er ein ganz anderer Mann. Es war also nur die Abendpost gewesen, was da geklingelt hatte. Fritz Furrer setzte sich an den Tisch, warf die Briefe auf die offene Bibel, setzte den Kneifer auf und begann ruhig und geschäftsmäßig einen Umschlag nach dem andern aufzureißen und die Papiere zu lesen. Maria nickte der Schwägerin mit ihrem hellen Zürcherblick zu: »Siehst du, jetzt ist's vorbei!« – Aber Carolina erwiderte mit einem furchtbar schwarzen Römerauge: »Nein, nein, das wird noch lange nicht überwunden. Aber er ist ein Pedant, eine Maschine, wenn es seinen Beruf angeht. Er wird jetzt die Briefe lesen, alles andere vergessen, im Geiste schon mit Zahlungen und Zeichnungen antworten. Aber nachher erinnert er sich plötzlich wieder, daß das Vreneli nicht wie gewohnt hinter seinem Stuhl steht und die Hand vorstreckt und die Umschläge mit den bunten Briefmarken bekommt. Und dann fängt er wieder an, ich kenne ihn. Ich leide auch, Maria; aber ich darf es ja nicht einmal zeigen . . .« Die Frauen sahen es offenbar gerne, daß ich den kleinen Bösewicht so tüchtig in Ruhe hielt. Ihre ganze Sorge galt jetzt dem Hausherrn. »Wo glaubst du, daß deine kleine Freundin jetzt ist?« fragte ich Luis. Aber der hatte den Mund voll Naschzeug und zeigte nur mechanisch mit einem verschmierten Finger gen Himmel. »Wenn du gewußt hättest, daß das Vreneli in den Himmel spaziert, hättest du ihm nicht einen Auftrag gegeben?« Die fetten, blauen Knabenaugen sahen mich verständnislos an. »Du bist doch ein Zürcher. Also gut: wenn Vreneli nach Zürich reist, wirst du ihm doch allerlei bestellen, etwa, es solle die Limmat grüßen, denn sie ist doch siebenmal schöner als dieser schmutzige Tiber. Und es solle deine Vettern dort besuchen und dir von dort ein Briefchen schreiben und vielleicht ein Zürcher Geschenk schicken und dir von den Bergen erzählen, die dort ein so großartiges Kompliment in den See hinuntermachen . . .« »Ja, ich weiß«, ereifert sich der Junge. »Zürich soll klein sein, aber ganz hübsch. Meine Großmutter wohnt dort am See. Es gibt da Schnee und Schlitten . . .« »Sicher hättest du ihm also etwas auszurichten«, wiederholte ich und schwamm schon, ohne es zu merken, ganz unverbesserlich in meinem leidigen Ton der Katechese. – »Nun aber sagst du ja selber, das Vreneli sei in den Himmel geflogen, wo es doch bestimmt noch hübscher und kurzweiliger ist als in Zürich. O, weißt du, in Zürich hört man so viel seufzen wie lachen . . .« Luis bekam etwas Ernstes ins Auge. »Und wenn nun das Bäschen dir noch hätte Ade sagen können, ade, Luis, ich reise gen Himmel, soll ich dir dort etwas besorgen? – und wenn es schon auf den Zehenspitzen gestanden wäre und die Arme geschwungen und hip hip über den Boden sich gehoben hätte, geschwebt . . .« »Ich hätt' mich festgehakt, jawohl, festgehakt und wäre mit hinaufgezogen.« »Schau', schau'«, lachte ich. »Aber wenn du's nicht mehr erhaschen konntest, dann hättest du gewiß geschrien: ›Wart noch, hör', grüß' mir den Liebgott und die Engel und regne mir mal ein paar himmlische Süßigkeiten herunter! Und einen Brief . . . kannst alles in einem kleinen Nebel niederfahren lassen . . . Ja, schreib', was du Schönes dort oben bekommst, du Seliges!‹ So hättest du gerufen und ihm nachgeschaut, bis der liebe Vogel im Blau verschwunden wäre. Aber jetzt, Luis, jetzt tust du, als ob du mehr als das Vreneli wärest. Es würde dich gehörig auslachen. Das ist doch nicht das Vreneli hier im Bett. Das ist nur noch sein Kleid, das es nicht mehr braucht und hier liegen ließ. Ei, ei, du Held, vor dem Kleid hast du dich gefürchtet vorher, und jetzt vor dem Kleid Vrenelis tust du wieder großhansig.« In der Stirne des dicken Jungen bildeten sich kleine schattige Grübchen des Nachdenkens. Er wollte noch eine Feige herunterholen, aber ließ es dann bleiben. – »Nun ist das Vreneli eben weg«, sagte er entschuldigend. »Weg oder nicht weg, irgendwo muß es doch sein. Wenn wir keine Sonne haben, haben andere Leute Sonne. Aber wir spüren noch lange die Wärme und merken, daß sie wiederkommt. Dieses kleine Sönnchen da lacht jetzt auch anderswo, aber ist doch auch alle Tage wieder da. Nein,« rief ich, und rieb mir, unglücklich über den ungeschickten Vergleich, das Haar hinters Ohr, »nein, mehr als die Sonne . . . 's ist ja Geist, Seele, das Unsterbliche . . .« Der Bub blickte suchend und ratend auf das tote Kind. »Weißt du noch das vom Geßler,« wagte ich in meiner Verzweiflung den heillosen Sprung, »wie der Strenge seinen Hut auf eine Stange steckte und wollte, daß man tue, als sei der Vogt selbst da, und knickse und sich bücke. So dumm! Das Vreneli will kein solches Theater. Es ist nicht froh, wenn man hier weint oder erschrickt vor seinem Kleid. Wir sollen es nicht hier suchen beim Hut. Wir müssen ihm nachlaufen, wo es wahrhaft ist, sein schönes Seelchen einholen, der Höhe, dem Licht, dem lieben Gott entgegen.« Während dieses Plauderns hatte es wieder geschellt. Herr Furrer, der uns den Rücken kehrte, ließ sich nicht aus seiner Post aufstören. Ängstlich waren dann die zwei Frauen in den Gang geeilt. Man hörte etwas wie eine Kiste herumschieben. Blässer kamen sie zurück. Aber plötzlich lächelten sie und winkten Luis mit dem Finger auf dem Mund: »Leise!« Der Knabe verstand sogleich und huschte hinter den Onkel, der eben einen Briefumschlag über die Achsel reichte, so wie er es immer getan hatte, wenn er auf eine seltene Marke traf. Denn er wußte das Vreneli wie ein geduldiges, hungriges Hündchen hinter sich. In den Geschäftsbrief vertieft, reichte Furrer auch jetzt gewohnheitsmäßig so einen Umschlag, und Luis nahm ihn, als wäre er das Vreneli. Es war unendlich rührend, diesem süßen Betrug zuzuschauen. So reichte der Architekt noch einen dritten und vierten Umschlag. Aber nun, beim Anblick der dritten Marke aus Abessinien, vergaß sich Luis vor Freude und schrie laut auf: »Ei, das ist eine seltene, mit Überdruck!« Der Architekt fuhr entsetzlich zusammen, kehrte sich blitzschnell um und sah den Knaben beinahe feindlich an. Dieser jedoch betrachtete die Marke unverwandt. »O die kommt von weit her«, jubelte er. »Schau, schnell, Onkel, hast du noch mehr solche? Ich . . . ich . . .« sann er und fabelte er, »ich klebe sie auf den Brief ans Vreneli. Weißt du, Götti, ich schreib' ihm, nicht wahr!« wandte der Knabe sich zu mir. »Es schreibt mir dann auch. Denk mal, Götti, was für eine seltene Marke wird es mir auf den Brief kleben. Vom Himmel . . .« Er sah fragend und hilfesuchend zu mir. Auf so etwas war der düstere Mann nicht gefaßt. »O ihr Kinder«, rief er und warf die Briefe zusammen. »Ihr, ihr . . .« er hob den Knaben hoch auf den Arm, küßte ihn auf die dicken Backen und trug ihn ein hübsches Stück den Frauen zu. – »Ganz recht, so schreibet einander oft, und du zeigst mir etwa, was das Vreneli dir berichtet . . . ihr Tausendskinder!« Seine Augen füllten sich mit Tränen, zum erstenmal, und es schien ihm wohlzutun. * »Federigo,« erkühnte sich jetzt seine Frau, »Ernesto mit dem Sarg ist da und wartet. Schau', was für einen schönen Sarg er gemacht hat!« Im Nu verdunkelte sich das Gesicht des Architekten wieder. Aber seine Schwester ließ ihm keine Zeit, nahm ihn fest am Arm und sagte: »Ich bleibe und helfe euch . . . Das ist eine schöne Sache . . . Fritz, du weißt, ich habe zwei Buben eigenhändig eingesargt. Der Knabe hier ist mein dritter. Wir legen dein Vreneli wie das Christkind ins Kripplein. Aber der dumme Bub wird wieder Angst bekommen. Was mach' ich nur?« »Gar nicht, Mamma«, widersprach die Bubenstimme hell. »Ich trag's Vreneli selbst in den Sarg.« – Er stand auf der Schwelle. »O kommt, seht, welch ein schöner Sarg!« Wir traten alle zum Schreinergesellen Ernesto in den Gang hinaus. Ein weißer Sarg aus einem mir unbekannten, feingemaserten Holz lag da. Die helle Holzfarbe nahm ihm gleich allen Schrecken. Der Deckel war an die Wand gelehnt und mit den gelbsten Primeln und einem silbernen Kranz bemalt. Im Sarg lag eine Fülle zart gekräuselter Spänchen, die frisch von der Säge dufteten. Man dachte wirklich eher an eine Weihnachtskrippe, als an ein Leichenhäuschen. Ernesto grübelte mit seinen groben, verbeulten Händen ein Häufchen vergoldeter Schrauben aus dem Kittel. Jetzt erst sah ich, daß die Korridorwände mit einer Menge von sauberen Kartonbildern geschmückt waren, alles Landhäuser, Villen, Herrschaftssitze mit Aufriß, Front und Querschnitt. Herr Furrer mußte schon viel gebaut haben und zählte doch kaum fünf-, sechsunddreißig Jahre. Unter den farbigen Ansichten gab es auch Bauten exotischer Länder, Tripolis, Eritrea, Abessinien. Doch all dieser Häuserprunk verlor seine Bedeutung vor dieser letzten, kleinsten, einfachsten Sechsbretterwohnung. Ja, mit ihren Bogen, Hallen, Terrassen und Türmen schienen sie mir viel eher Särge des Lebens zu sein als diese zierlich schmale Kiste mit den gelben Primeln, wie sie fast mit Puppenfröhlichkeit einlud: »Komm nur, leg' dich hin, Kindlein, schlaf süß!« Alle bekamen wir dieses Gefühl. Eine gewisse feierliche Geschäftigkeit nahm überhand. Luis spannte die Arme an der Sarglänge. So groß rechnete er. »Mama, miß einmal an mir, würde es reichen?« Das war nun auch dieser tapferen Frau zu viel, sie drohte mit dem Finger: »Jetzt nicht wieder das Gegenteil!« Man lief in die Zimmer, um passende Kissen und eine schöne Unterlage zu finden. Da gelang dem Schlingel unbemerkt sein Vorhaben. Wir kehrten zum Sarg zurück, siehe da, der Junge lag gestreckt darin, mit Kopf und Fußspitzen sich an die Wände sperrend, die Hände über der Brust gekreuzt, die Augen geschlossen, wunderschön lieb und rein und über den naschhaften Lippen jetzt ein viel edleres Lächeln. Er spielte nicht, es war ihm ernst. Er wollte sehen, ob ihn wohl ein weißer Engelsfittich in die Seligkeiten hinaufhole. Maßlos verblüfft standen wir da. Maria schüttelte eine abergläubische Angst. »Luis, aber Luis!« rief sie beinahe weinend. Da öffnete der Knabe seine blauen zürcherischen Schelmenaugen und sagte nur: »O wie schade!« und streckte die Arme, denn allein konnte er sich nicht mehr heraushelfen. »O wie schade!« Es tönte wunderbar. Mit einem kräftigen Ruck hob Onkel Fritz das Kerlchen aus dem Sarg und fragte zögernd, indem er Luis zärtlich auf dem Arm behielt: »Hast du schon das Vreneli im Himmel gesehen? Oder was meintest du? Warum schade?« »O wie schade, Götti, daß ich nicht eingeschlafen und im Himmel erwacht bin, beim Vreneli!« Kindermund, Kinderweisheit, Kindergewalt! Von diesem Rufe Luis' an schien eine Art Sonne, stiller, verschleierter Sonne auf der breiten Stirn des Architekten. Er streichelte dem kleinen Kerl das Haar, küßte ihn und sagte: »Alle Tage mußt du zu mir kommen, verstanden? Es gibt noch viele seltene Marken. Maria, sei nicht geizig, bring' ihn oft, er muß mir das Vreneli ein bißchen ersetzen, bis . . . bis etwa ein anderes Vreneli kommt.« – Und wieder tauchten die Augen der Eheleute, die schwarzen Roms und die hellen Zürichs, in einem rührenden Verständnis zusammen. Indessen zappelte Ernesto Toppi unruhig umher. Er wollte Feierabend machen. Dieser Schabernack ging ihn nichts an. Indem er die Ärmel aufkrempelte, schienen seine Augen zu fordern: Beeilt euch! Wo habt ihr die Leiche? Ich habe noch anderes vor diesen Abend als euere Kleinigkeiten. Ich glaubte, jetzt am richtigsten zu verschwinden, und griff nach dem Hut. Da nahm mich der erlöste Hauswirt am Arm und sagte: »Nein, jetzt trinken wir zuerst ein Glas Weihnachtspunsch, Ihr auch, Ernesto! Das Vreneli litte es gar nicht anders.« Und so saßen wir noch ein Weilchen im Glaspavillon und tranken ohne viele Worte den würzigen Weihnachtsbecher. Nur Luis zwirbelte in der Wohnung herum. Da ließ Frau Maria plötzlich ihr silbernes Löffelchen fallen und starrte zur Ecke Vrenelis, als sähe sie ein Wunder. Sie vermochte nur mit dem Finger zu deuten: »Dort, seht ihr, dort!« Der Kanarienvogel war zum Bett hinübergezogen. Von unserem Gläsergeklingel erwacht, hatte er an dem Gitter gekratzt und Luis' Aufmerksamkeit erregt. Der Spitzbub' hatte dann, wie es der Vogel abends oft gewohnt war, das Türchen geöffnet. Jetzt saß der gelbe Sänger auf dem Wipfel des Christbaums und fing einen glänzenden Triller an. Dann senkte er den Schnabel zum Kinde hinunter, das er so gut kannte und zu dem er sich so oft aufs Kissen gesetzt hatte. Jetzt zögerte er. Es war doch nicht so wie andere Male. Dann trippelte er doch ein paar Äste tiefer, äugte wieder himmelhoch und ließ ein noch schöneres Trillerilli fahren. Und wieder hüpfte er tiefer und sang nun geradeswegs auf das Gesichtlein hinunter einen dritten Pfeiferjubel. Atemlos sahen und horchten wir zu. Hatte uns die Luft des Totenzimmers so benommen? Wir konnten nicht anders als das Vreneli selber aus dem Gejauchze des Vogels heraushören. Seine Seele sang uns ihr Ade zu. In diesem hellen, hohen Geschmetter hatte kein grämlicher Ton mehr Platz. Da redete der Himmel. Als ich mich – es wurde fast nichts mehr gesprochen – von der Familie verabschiedete, brauchte ich meine Entschuldigung nicht mehr zu wiederholen. Wir waren gute Freunde geworden. Am Sylvesterabend half ich den Baum abrüsten. Aber da herrschte nicht jene müde Stimmung, mit der man vom abgeschüttelten Obstbaum geht und schon den Winter im Rücken spürt. An die Stelle des dürren Tännleins kam ein immergrüner Lorbeer, der schon an allen Enden lenzlich keimte. Und da waren auch zwei Augenpaare, ein schwarzes und ein blaues, in denen auch schon der Frühling, fast hätt' ich gesagt: ein neues Kindeslächeln keimte. Und der Herbst hat es gereift. Wo ein Leichenbett im Dezember schwieg, lärmte ein Jahr darauf gewaltig eine Kinderwiege. * Und als käme ich von einer Wiege, so leicht schritt ich an jenem Abend durch die laternenhelle Straße und ihr gedrängtes Volk. Und nur der Gedanke, daß ich jetzt vom lieben deutschen Tännchen, aus dem ein Paradiesvogel gesungen, nun zu einem italienischen Christbaum gehen sollte, in dem zänkische Elstern keiften, verlangsamte nach und nach meine Schritte. Die leichtgenähte Figur des jungen Redakteurs schwebte mir besonders lebhaft vor. Er kam, obwohl ursprünglich Slawe, wie Niccolo Maggiolinis Vater aus einem Sabinerstädtchen, wo die Menschen scheinbar so steinig sind und doch jedem Drucke nachgeben. Er war durch und durch ein Krämer, und es fehlte ihm nur das Kapital, um sich rasch in hohe Ziffern hinaufzuschaffen. Da er auch gerne räsonnierte, wie alle echten Sabiner Mundstücke, so griff er als stellenloser Abiturient des Lyzeums mit beiden Händen zu, als ihm der erkrankte Barnabi gegen eine geringe Abfindung die Redaktion des »Mondguck« überließ. Maggiolini war mit blauen Geldscheinen beigestanden. Stefano gab dem Blatte sofort einen andern geheimnisvolleren Namen, und er hatte die erste Zeit ziemlich Erfolg mit dem Blättchen. Als dann aber der Reiz der Neuheit abgestumpft und immer noch nichts aus dieser »Dämmerung«, weder Tag, noch Nacht sich herausgebildet hatte, nahm seine Schwungkraft ab, und die kleine Zeitung ruderte mit schwachen Federn wie eine kranke Wildente nur noch wenig über dem Boden hin. Sie mußte es wohl bald aufgeben. Obwohl der künftige Schwiegervater den Redakteur immer wieder aufmunterte und ihm Zuschüsse hinschob, dachte der gewitzigte Stefano an nichts anderes, als gleich nach der Hochzeit die Mitgift der Frau in ein photographisches Atelier zu werfen, wie solche damals in Rom aufblühten und wofür Stefano ein vorzügliches Geschick besaß. Denn er knipste Erde, Mensch und Tier auf eine so verschmitzte Art ab, daß die Bilder zweimal schöner als das Original wurden. Von diesem Plan durfte er freilich dem Bäckermeister nichts sagen. Niccolos ehrsüchtige Seele hing vor allem an diesem Blättchen, in dem wie in einem offiziellen Leiborgan seine Ansichten und originellen Aussprüche gar oft durch Stefanos Feder in die Öffentlichkeit getragen wurden. Der arme Stefano! Er war froh um jeden noch so barocken Gedanken, den ihm der Bäcker zurechtknetete. Aber ohne das Blatt konnte ihm Stefano trotz der Väterfreundschaft gestohlen werden. Er wollte mehr das Blatt als den Redakteur in seine Familie hineinheiraten lassen. »Das ist unser zweiter Backofen«, sagte er oft seinem Schützling. »Da unten liefere ich der Stadt Brot für den Leib, und oben in deinem Büro wollen wir ihr durch deinen Crepuscolo auch etwas für den Geist backen. Nicht vom Brot allein lebt der Mensch . . . du kennst das Wort . . .« * Gegen zehn Uhr klomm ich die steilen Treppen des Maggiolinihauses zum obersten Stock fast wie in einem Turm empor. Schon dieses alte, dicke Haus, wovon drei Stockwerke teuer vermietet waren, stellte ein beträchtliches Vermögen dar. Der kleine Saal, Salotto, wie sie ihn nannten. war leer. So schien mir wenigstens. Ich öffnete sogleich das Fenster und sah in das Gewimmel der Straße hinunter. Über die Dächer zog das bekannte, im Winter oft rauhe Seelüftchen vom Meer herauf und ließ die Wäsche auf den Nachbarszinnen gemächlich hin- und herschwanken. Fast alle Fenster gegenüber standen offen. Ich sah in ein buntes Kammerleben. Schräg unter mir hopsten drei, vier Kinder im Hemde über die Stühle. Genau unter diesem Gepolter saß ein glatzköpfiger, junger Mann am Fensterpult, tupfte und tupfte mit einem Stift über Rechnungstabellen hinunter und griff mit der Linken in der Luft herum nach einem dampfenden Glase, das nebenan stand, ohne es zu fassen. Gegenüber kauerten zwei Jungfern ausgangsbereit übers Gesimse und schienen auf ein Signal zu warten. Sie klatschten ununterbrochen mit der lauten, wehrhaften Stimme römischer Lehrerinnen und lasen gleich mir im rauschenden Buche der Straße tief unten. Es war aber auch unterhaltlich, in die enge Gasse zu forschen, durch die sich das schwärmende Volk gegen die nächste Piazza drängte oder von dort hereindrückte. Es klang in mein Ohr wie das Gewässer eines tiefen Bergflusses aus einem Tobel herauf. Hie und da schoß ein helles Si! Si! wie ein silberner Spritzer in die Höhe, oder es rollte ein tiefes Ahaaha wie die breite, schwere Grundwelle durch das Bett dieses Menschenstromes. Körbe, Blumensträuße, weiße Schärpen und Zeitungen schwammen wie von selbst mit. Ein Wagen, und der grelle Pfiff des Kutschers schnitt sich durch. Er hinterließ keine Furche, so rasch flossen die lebendigen Wogen hinter ihm zusammen. Die bekannten Blätter wurden ausgerufen. Wie kleine, weiße Fahnen flatterten diese Secolo und Corriere della Sera empor und versanken wieder. Die Läden zu ebener Erde waren alle noch offen. Besonders die Bäckerei, schwindelnd senkrecht unter mir, die doch um zehn Uhr schließen wollte, erfreute sich noch eines regen Zuspruchs. Aber trotz des bunten Wirbels da unten schien mir doch, als ob dieser Menschenstrom etwas unendlich Schweres, Träges sei. Er klebte am Boden, er war noch ohne Flügel, ein Wurm. Und gleich fiel mir ein, wie hübsch das wäre, wenn Vrenelis Seele wie ein weißer Riesenschmetterling über dieser dumpfen Masse schwebte und dieses erdversunkene Treiben aufschauen machte. Jetzt fuhr mir ein Luftzug über den Rücken. Es war jemand in die Stube getreten und redete tüchtig drauf los. Ach, da saß ja Stefano in der Ecke und zog gerade die frische Nummer seines Crepuscolo aus der Mappe. Frau Amelia warf ein prachtvolles, handgewobenes Linnen über den Eßtisch, eiferte dazu im Sabinerdialekt um etwas Dringliches und schoß jetzt graziös, aber heftig wie eine Wespe die Länge des Salotto auf und ab. Ich reichte beiden die Hand und empfing von Stefano das noch feuchte, ganz entsetzlich nach Druckerschwärze stinkende Blättchen. Siamo lieti! stand wurstig dick über dem Leitartikel. Lasset uns froh sein! Natürlich, so ein Bräutigam! Es ist schwer, dieses halb verschluckte, halb verstümmelte Italienisch der hintern Sabiner zu verstehen. Aber mein hartes Ohr hatte nach und nach doch einige Übung darin gewonnen, und die Neugier schafft neue Talente. Ich setzte mich hinter die Zeitung, lesend und lauschend, wie's gerade kam. . . . Es ist ein Tag im Jahr, begann der Artikel, wo man alles Unliebe vergessen und seine Herzkammer ganz allein der Sympathie reservieren muß. Man ziehe einen neuen Rock und neue Schuhe an und schlüpfe selber auch als neuer Mensch hinein . . . »Das hättest du schon lange merken müssen«, sprudelte indessen Amelia heraus. Ah, wie sie hoch den Scheitel hob, während sie unten im Erdgeschoß sich so tief duckte! Hier oben herrschte sie, hier war ihr Reich. Und hier, nicht in der Bäckerei, sollte das Mariage-Spiel ausgetrumpft werden. »Wo hattest du deine hübschen Augen, süßer Junge?« spottete sie. »Hat Agata eine einzige Zeitung von dir je in die Finger genommen? Sie haßt die Federfuchser. Sie sagt, eine Zeitung sei nicht besser als ein verbrauchtes Fazzoletto.« »Aber sie heiratet mich, nicht die Zeitung!« »Wenn du ein richtiger Redakteur bist, so wirst du auch eins mit deinem Blatt. Nicht einmal deine Frau dürfte zwischen euch zwei stehen.« »Ho, ho«, bat Stefano. »Und Niccolo? Niccolo macht . . .« »Mein Mann macht Brot, aber keine dummen Hochzeiten.« »Ihm scheint sie sehr gescheit. Wartet nur, Tante, bis er heraufkommt! Noch gestern . . .« »Paperlapa! Was kann mein Mann dir geben? Worte! Das tut er ja. Und Geld? Das tut er, mein' ich, auch!« »Tante, bitte . . .« »Aber er kann dir doch nicht das Herz der Agata auftun wie einen Geldbeutel. Er kann ihr doch nicht Liebe einblasen. Stefano, Stefano, muß man dir das noch sagen? Pfui doch, ein Mädchen erbetteln, das dir den Rücken kehrt!« »Niccolo wird . . .« »Sieh, Bürschchen,« drohte die kleine Frau und schlug die weißen Schürzenzipfel zusammen, »wenn Niccolo wüßte, wie es eigentlich mit deiner Redaktion steht! Daß du die Hälfte der Abonnenten verloren hast, daß die meisten Artikel arme Studenten schreiben, daß du am liebsten den Tintenhafen ausgössest, he, wie wäre es? Und wenn er gar wüßte, daß du so unschmackhaft lau bist . . .« »Tante Amelia, um Gottes willen . . .« »Ja, daß du nicht kalt und nicht warm bist, kein königlicher und kein Republikaner . . .« »Aber er ist ja auch so!« »Das weiß ich nicht, das geht mich nichts an. Aber er glaubt wenigstens, daß er heiß ist. Und er will einen Heißen um sich, nicht einen, der nur heiß tut. O armes Redakteurlein!« Sie stand vor ihm, sah ihn lachend von oben bis unten an und tänzelte dann fröhlich um den Tisch. Mir aber tanzten nicht bloß ihre roten Samtpantöffelchen, sondern noch mehr die famosen Worte des Leitartikels vor den Augen. Denn da hieß es: Und als so ein neuer Mensch läßt man den Plunder des alten Jahres hinter sich, bereut alles Halbe und Unfertige, und nimmt sich vor, etwas Ganzes und Entschiedenes zu werden, ein Held, ein Märtyrer, ein Fahnenschwinger der Arbeit und der Barmherzigkeit, kurz, einer, der aus voller Seele ein Ideal liebt . . . »Du weißt,« schalt Amelia weiter, »wie Niccolo wütet, wenn das Brot einmal zu wenig gesalzen ist. O, wenn er klar sähe, und das wird er einmal, sonst öffne ich, ich ihm die Augen, – aber wenn er klar sähe, was für ein ungesalzenes Papier deine Zeitung ist, ohne Zick und ohne Zack, daß du überhaupt nicht salzen kannst, weil du selbst kein Salz hast . . . hi hi hi . . . so ein ungesalzener Schwiegersohn, ich danke!« So ein Ideal, orgelte es weiter durch die Druckzeile, heischt Mut und Kraft. Aber wozu wäre man ein Mann! Wozu hat man Faust und harte Stirn! und das Salz einer tapfern Überzeugung! als um es in den faulen Teig der Neutralität zu schleudern. Ein Ja wie ein Fels, ein Nein wie ein Fels! Und dazu eine große Liebe! Liebe kann Himmel und Erde erobern . . . »Amelia, ich bitte dich . . .«, hörte ich Stefano rufen. Es war ihm nicht mehr geheuer. Sein hübsch gelocktes, tiefbraunes Stirnhaar glänzte von Schweiß. »Und Agata liebt das Brot stark gesalzen. Sie würde schwach und krank bei deiner Kost. Sie liefe dir nach drei Tagen schon fort. Das alles weißt du übrigens. Wir Frauen haben dich deutlich gewarnt. Aber Niccolo schwatzt und schwatzt, und auf das hin willst du uns trotzen.« Sie brach zornig auf ihn los, daß das schlanke Herrlein sich mit den flachen Händen an die Wand preßte und vor Unlust und Furcht die hübschen dunkeln Nasenlöcher blähte. Er war wirklich schön, zierlich wie aus Flaum und Seide; aber diese Schönheit sagte so gar nichts. »He,« rief Amelia mit übermütigem Spaß, »sag' einmal ehrlich, kannst du wirklich da . . . da lieben?« – Sie klopfte ihm mit dem Zeigefingerknöchel fest aufs Herz. Es tönte wie auf Pappendeckel, denn sie traf gerade auf sein großes Notizbuch . . . »Und so lieben,« fuhr sie immer lustiger fort, »daß du mein Kind nähmest, wenn es nur zwei Soldi und zwei Fazzoletti brächte? Schau' mich an, Stefano, schau' mir gerade ins Auge! Kannst du ja sagen . . .?« Wieder klopfte sie, aber probierte jetzt auf der rechten Brustseite, und wieder scholl es von Pappendeckel. Denn hier trug Stefano Photographien in einem Kartonumschlag. »O Mandonnina, ich muß lachen, lachen«, schrie sie und breitete komisch beide Arme weit in die Luft aus. »Da hört man es ja. Papier, Papier, statt Herz. Und das will von Liebe reden . . .! Wie er da steht, mein Schwiegersohn. Nun so antworte mir doch etwas, Caro mio, erdenke etwas!« Sie hüpfte wieder, diese junggebliebene Frau, mit tänzelnden Pantoffeln und die Schürzenzipfel hochhebend, um den Tisch herum. Im Vorbeihuschen stieß sie absichtlich mit dem Ellbogen an meinen Stuhl. Das hieß: Was denkst du jetzt, guter Freund? Hab' ich's Euch nicht so vorausgesagt? Hier oben sind wir Weiber Meister. Ich wagte nicht, vom Blatt aufzublicken, aber bemerkte doch, wie Stefano die neuen, steifen, schwarzen Hosen über dem Knie lüpfte, sich dann vorsichtig bückte und die weiße Rose vom Boden hob, die ihm durch Amelias Ungestüm aus dem Knopfloch gefallen war. Mich ergriffen Schadenfreude und Mitleid nacheinander. Im Artikel predigte es banal weiter: Das Herz ist alles wert, nichts geht darüber. Zu Weihnachten merkt man das besser als sonst. Alles Rechnen und Wägen hört auf, der Verstand ergibt sich, Herz ist Trumpf. Ihm widersteht nichts, es erobert die Welt . . . siamo lieti! Da stand er an der Wand, ohne ein Wort, ganz zerknittert . . . siamo lieti! Amelia mit dem hübschen rosigen Nasengupf und den hellsten Schelmenaugen verspreizte sich wieder vor Stefano und sprach, die Hände in den Hüften, nun langsam, tropfenweise, Wort für Wort: »Ich hätte dir dieses Gespräch gerne geschenkt. Aber schon vorgestern warnte ich dich, und du ließest es dennoch darauf ankommen. In Gottes Namen, da hast du's!« »Wie konnte ich denken, daß die Dinge so . . . so stehen?« jammerte Stefano endlich. Er brachte kaum die Lippen auseinander. Die Frau ergriff jetzt seine beiden Hände schier mütterlich mitleidig und entgegnete: »Streiten wir nicht. Es ist einmal so. Du warst eben ganz in dich versessen und blind. Nun siehst du wohl, daß es dein größtes Unglück wäre, mit Agata zu leben. Sie würde dir eine rechte Hölle einheizen. Sie ist eine Wespe. Sie ließe dich keine Minute im Frieden.« »O . . . so gar schlimm . . .« »Doch, doch, so schlimm stände es und noch viel schlimmer. Wenn sie dir einen Kuß geben müßte, sie dächte dabei an eine andere Lippe . . .« »Eine . . . andere . . . Lip . . .« »Ja, blinder Bursche, du siehst eben nur in dich hinein, aber nicht aus dir heraus in die andern. Dein Wohlsein, Prosit! Sonst hättest du gewiß bemerkt, daß Agatas Kopf längst von einem andern Spitzbuben verdreht worden ist.« »Ahi, doch nicht der . . . der . . . der Pinsel da unten, der Gesell, der Crispino . . .« Stefano knickte schmählich in den Hüften zusammen und schnappte nach Luft. »Gerade der!« »Aber der ist ja nur ein armer Zuckerbäckergehilfe . . .« »Und du?« »Lächerlich! Er malt mit Honig, so Fäden . . .« »Und du mit Druckerschwärze, so Phrasen, ho!« Stefano schwieg aufs innigste gekränkt. »Ein Geselle, sagst du! Aber in ihm steckt schon der Meister. Niccolo kann sich zu Bette legen, kann morgen ruhig mit mir in die Campagna hinausfahren, Crispino besorgt alles, als wären wir daheim. – Und er ist etwa kein armer Schlucker wie du. Sein Vater hat was in den Schubladen. Er war auch Bäcker, aber in Mais- und Roggenbrot. Dem Sohn ist das zu grob. Er hat für die feinen Sachen Genie. Niccolo überläßt ihm die. Sogar die Santissimi Bambini, für die mein Mann doch berühmt ist, sogar die malt jetzt Crispino. Und wie . . .? Sie haben ja eines gekauft«, richtete sich die rasche Frau an mich. »Sie sind meisterlich gemalt, so daß man sie fast nicht zu essen wagt«, bekannte ich gerne. »Hörst du, so steht es, und ich habe nichts dagegen, wenn Agata so einen liebt. Das ist guter Geschmack. Sie ist doch auch die geborene Bäckersfrau, und unser Geschäft bleibt so in unsern Händen. Natürlich, Niccolo merkt nichts. Er ist ja exakt so blind wie du. Wie konnte er sonst euere Verlobungskarten drucken lassen? Ich glaube, er kann bald andere versenden, aber nicht zum Spaß!« Stefano schluckte und würgte und schwieg. Er hatte jedoch seine elegante Haltung langsam wieder zurückgewonnen. Aber man sah, es schmeckte bitter, was er da einnehmen mußte. Frau Amelia dachte, jetzt sei es genug. Sie musterte ihn ruhig vom Scheitel bis zum Fuß. Kein Zweifel, sein fast märchenhaft hübsches Gesicht, diese süße Wohlgestalt, dieses Zierliche und Sammethafte tat es auch ihr ein wenig an. Stefano war, solange man seine hohle, nüchterne Selbstsucht nicht kannte, für die Mädchen ein Prinz zum Küssen und Kosen. Er selbst aber hatte bei seiner frostigen Seele, die anderes suchte, nie danach gefahndet. Der künftigen Gattin würde er ein verläßlich treuer Ehemann sein. »Eigentlich sollte ich jetzt sagen: Geh und sei anderswo glücklicher! Aber du hast heute ins Blatt geschrieben: siamo lieti! Da möcht' ich dich doch auch noch ein bißchen lachen sehen . . . Kurz und gut, was sagst du zu Lea?« Ein rasches, widriges Lüftchen zitterte über das blanke Gesicht des Jünglings. Agata war Sonne, Lea Schatten. Aber schließlich Gold ist Gold, auch wenn es im Schatten liegt. Daß Lea ihm heimlich sehr zugetan war, hatte er sattsam gemerkt. Aber er tat, als sehe er es nicht, da er noch immer wähnte, in der Sonne zu sitzen. »Lea liebt dich«, fuhr die famose Bäckersfrau fort. »Sie ist nicht so hübsch wie Agata, aber so gescheit, o so gescheit!« – Sauer verzog hier Stefano seinen Mund. – »Sie hat viel mehr Grütze im Kopf als wir alle zusammen. Und sie ist durchaus brav und rein geblieben. Sie hat nur wenig rechte Wärme, ein kleines Herz.« »O wegen dem . . .,« stotterte Stefano, »wenn es nur das . . .« »Sie wäre eine tapfere Frau, die richtigste für dich, das heißt, wenn wir sie dir geben wollen. Sie hülfe dir beim Tintenhafen. Aber sie ist auch stark an der Pfanne. Ich lehrte meine Töchter gut kochen. Salat und Sauerkraut und alles Scharfe gerät ihr viel besser als der Agata. Sie würde dich auch ein bißchen salzen, so daß du einen Mann stellst . . . denn jetzt stellst du keinen. Sie spart und hat einen Geschäftsgeist wie sieben Levantiner zusammen . . .« So hing Frau Amelia gleichsam die Eigenschaften ihrer älteren Tochter mit Vorder- und Rückseite ans Seil, daß Stefano sie ordentlich betrachten könne. Und er lief im Geiste an dieser Wäsche entlang und besah Stück um Stück und, was andere bedenklich gestimmt hätte, empfahl sich seiner verwandten Art geradezu. Trüge sie nur keinen so herben Nasenkneifer und dafür reicheres und minder rotes Haar! »Also höre, liebes Bürschchen, wenn du bis Ostern mir und meinem Manne beweisest, daß dein Blatt ein Ja und Nein hat, daß es besser gesalzen und nahrhafter ist – Lea wird dir helfen – dann bekommst du unsere ältere Tochter, die uns gerade so lieb ist wie die jüngere, und ein schweres Stück Geld dazu. Später mögt ihr dann mit der Zeitung machen, was euch beliebt. Aber paß auf! Bis dahin lesen wir jede Nummer und machen Noten, sehr strenge Noten.« Sie klatschte ihm mit beiden molligen Händen liebkosend auf die Wangen, versprach, sogleich die Töchter hereinzurufen, damit er sich gleich in der neuen Rolle übe, und hüpfte wie eine junge Spielkatze hinaus. Ich steckte den Kopf noch tiefer ins Käsblättchen. * Stefano stand noch eine gute Weile wie festgenagelt an der Wand. Dann ging er behutsam zierlich im Zimmer hin und her und stand etwa hinter meinem Sessel still. Aber er getraute sich nicht, mich anzureden, bis ich schließlich mit Geräusch die Zeitung zusammenfaltete und sagte: »Ah, wir sind allein? Gerade las ich Ihr siamo lieti! « – Sein saures Gesicht reizte wirklich zur Fröhlichkeit. »Gefällt es Ihnen?« »Wenn es heißt: laßt uns froh sein! dann bin ich immer dabei. Sie haben recht, heut abend darf man nur Liebe haben.« »Mir,« wandte er verdrossen ein, »mir gefällt der Artikel gar nicht mehr. Er ist geschraubt. Man kann ja leicht empfehlen: sei lustig! Aber selbst lustig sein ist ein Zweites.« »Aber lieben kann man doch«, neckte ich. »Lieben«, wiederholte Stefano zögernd wie einer, der im Nebel steht und nicht weiß, wo Norden und Süden liegt, besonders nicht, wo der warme Süden liegt. Hatte er etwa Agata wahrhaft geliebt? »Ja, lieben! Etwas zum Lieben gibt es immer in der Welt. Ich freue mich jetzt zum Beispiel, so kleinlich es Ihnen klingen mag, auf den heißen Punsch und auf die Schneckenbrötchen Niccolos. Ich freue mich auf Frau Amelias Späßchen und auf Fräulein Lea, die gewiß wieder etwas Feines gelesen hat und es uns in ihrer klaren Art noch zweimal hübscher gibt, als sie es empfing; ich freu . . .« »Verzeihung, aber Sie finden auch, daß Lea besser, sozusagen richtiger erzählt als Agata?« »Nicht zu vergleichen, Herr Redakteur. Agata, ach, ein gutes, drolliges Ding. Aber hier kommt doch ernstlich nur Lea in Betracht. Niemand kann nur die Gedichte von Giuseppe Giusti so gut erklären wie sie. Nichts geht über diese Sorte junger, klarer, sicherer Mädchen. Sie schlenkern nicht rechts und links und verüben keine ärgerlichen Streiche, und wenn sie einmal den Trauring wechseln, so . . .« »Oh, ho, ah, ha!« klang es zufrieden vom Flur her, und Niccolo selbst schoß mit Wichtigkeit, händereibend und den Atem puffend, durch das Sälchen. »Also, doch, brav, brav«, rief er mir zu. – »O wie man aufatmet. Seit drei Tagen im Fegefeuer stehen und arme Seelen erlösen, und dann noch diese Schlechtigkeit . . . äh, oh, ha . . .« Fegfeuer nannte er die Bäckerei und arme Seelen die Teigwaren, bevor sie durch den Ofen gegangen. Er verschwand im Nebenzimmer, und gleich hörte man ein Patschen und Klatschen und Plätschern im Wasser wie von einem Seehund draußen im zoologischen Garten. »Was hat es denn gegeben?« fragte ich Stefano. »Er hat den Heizer verjagt.« »Wie, den Rufino, auf den er Leib und Seele verschwor?« »Er hat ihn jahrelang unbemerkt mit den Kohlen betrogen. Jetzt, wo er die Grippe bekam und im Bett lag, kam es bei der neuen Lieferung auf. Es standen immer zehn Säcke mehr auf dem Konto als auf dem Kohlenwagen. Den Profit strichen Rufino und der Fuhrmann zu ehrlichen Hälften ein. Die zehn Säcke hatten sie unterwegs an Mann gebracht.« »Und?« »Diesmal zählte nun Niccolo beim Abladen die Säcke. Und da gab es ein Hallo, und als der Heizer wieder antreten wollte, einen Schuh in den Hintern, Verzeihung! daß der Mann nur so in die Gasse hinausflog.« »Jetzt wird er niemand mehr leicht trauen«, sagte ich scheinbar für mich. »Das war schon vor drei Tagen«, beruhigte Stefano. »Lassen wir . . . die Fräulein . . .« Die Mutter mit den beiden Töchtern trat ein, schwarz gekleidet alle drei, aber was für ein helles, lachendes, seidenes Schwarz! Sie trugen Tassen und Gläser auf, die Silberkanne für den Punsch, Körbchen mit Näschereien, Weißwein, Marsala und Zitronen. Im Nu war der Tisch glänzend gedeckt. Eine weite, runde Stelle in der Tafelmitte blieb frei. Wozu wohl? Und wo stand denn eigentlich der Weihnachtsbaum, der prahlerisch seit Wochen versprochene? »Es gibt kein Fleisch, wir halten den Fasttag«, neckte Agata zu Stefano hinüber. Vigil vor Weihnachten! »Aber morgen bekommst du Rehschlegel. Sie auch«, lud Amelia mich ein. »Punkt ein Uhr mittags«. Alle drei wandten sich freundlich zu mir, aber besonders gütig zu Stefano. Dieser noch immer halbe Knabe, wenn auch schon verknöchert bis tief ins Herz, schien jetzt doch etwas wie Weichheit zu verspüren. Oder hatte er schon eine kleine Geschäftsüberlegung angestellt? Oder stand Rufinos Geist vor ihm? Jedenfalls grüßte er zuerst höflich Agata, nahm dann Lea am Arm und fragte, wo sie sitze. Er möchte den Abend neben ihr verplaudern. »Du weißt, ich vertrage nicht viel Punsch und vergesse mich doch nur zu leicht und habe hernach den Schaden. Agata würde nur immer zuschütten, sie hat kein Gewissen. Aber du bist gescheit und passest auf und zeichnest mir das Maß. Schau', gerade bis an die Röslein am Becher . . . bis hierher!« Sie sah ihn mit ihren kurzsichtigen, aber wahrhaft glanzvollen Augen überaus dankbar an. Aber Agata spöttelte: »Gerade und präzis bis an die roten Rosen, ach, und keine einzige packen!« »Nein, diese und gewisse andere Rosen nicht«, versuchte er arglistig zu werden. »Sie duften zu wenig.« »Oder sie stechen zu scharf und du bist gar zart.« »Ich werde mir meine Rose schon noch holen, und sie soll nur tapfer stechen. Das gehört dazu.« »Kinder,« gebot Frau Amelia, »was kratzt ihr euch schon wieder? Friede den Menschen auf Erden!« – Die Schelmin, wie sie dazu lachte! Lea und Stefano setzten sich bereits unten an den Tisch. Nein, die Jungfer war in der Nähe gar nicht so übel. Die Nase etwas zu klein, der Mund etwas zu groß, wenig Haar und fast kupferrotes; aber eine schöne Stirne, einen flotten Schwung der Brauen, viel Glanz im Auge, und wenn sie redete, klirrte es von großen, blanken, gesunden Zähnen. An den Zwicker kann man sich schließlich gewöhnen. »Also, bestimme, was ich trinken soll«, bat er nochmals und hätte am liebsten beigefügt: ›Und zeig' mir auch, woher und wieviel Salz ich in meinen Crepuscolo nehmen soll . . . Überhaupt, wollen wir uns nicht mit Wein und Salz und Blut und Leben gerade ganz einander in die Hand geben, für immer? . . .‹ Vielleicht träumte ich. Aber es war doch auffallend, wie die zwei in ein immer leiseres Zwiegespräch verfielen. Stefano, der weniger sichere, etwas wie Ergebenheit, Lea, die entschiedene, etwas wie Sieg auf der Stirne. Indessen trat Niccolo in Frack und weißer Weste, mit strahlendschwerer Uhrkette und einem blaßseidenen Nastüchlein in der Hand zu uns heraus und setzte sich in die Mitte der Tafel, zur Rechten seiner Frau. Seine umbuschten Augen schwammen in einer stillen Fröhlichkeit. Für morgen war ja alles gebacken, Brot und Schleckerei. Crispino, der tüchtige Gehilfe im Feingebäck, würde mit den Töchtern servieren. Er aber konnte mit der Frau nach Ara Coeli hinauf die Kinderpredigt anhören und ohne Eifersucht bis abends den Festtag an ihrer fröhlichen Seite verleben. Ach, wie selten und wie köstlich war für ihn so ein Morgen und gar so ein mit niemand geteilter, im Frauenbesitz schwelgender und vor aller Stadt prahlender Nachmittag! Ganz Rom besaß keine zweite Amelia. Jetzt rutschte er wohl etwas verlegen auf dem Sessel herum wie einer, der den Mund zu voll genommen hat. Denn er konnte es aus allen Augen lesen, daß er sich mit der Verlobung heute abend und dem Druck von dreihundert Verlobungskarten auf Büttenpapier heillos übertan hatte. Die Karten lagen noch aufgebeigt im Nebenzimmer und nur zwei, drei waren voreilig in die Öffentlichkeit hinausgeflattert. So viele Karten, so viele Fragezeichen. Er hatte heute verschiedene Male mit Amelia und Agata über Stefano zu reden begonnen. Aber bei ihren empörten Blicken blieb ihm der halbe Satz in der Gurgel stecken. Nein, da war noch nichts reif. – Und nun saß er hier oben, wo seine Frau unwidersprochen die Kelle schwang. Den Stefano wagte er zuerst gar nicht anzublicken. Der war ja gewiß in einem Himmel von seliger Gewißheit, und nun sollte er ihn in die Hölle des Sichgeduldens und Harrens hinunterstoßen. Aber nun beruhigte ihn doch, daß alle Leutchen so heiter um ihn herum saßen, daß Stefano trotz allem so fröhlich war und gar nichts Besonderes zu erwarten schien, aber sich so zutunlich um Lea, gerade um Lea, zu schaffen machte. Man konnte also wohl das schwierige Ding verschieben. Verschieben war ja das Talent und der Trost seines Lebens. Mit dieser Politik blieb er stark und scheinbar siegreich, wie alle, die ihre Gedanken eher predigen als praktizieren. Es lag ihm jetzt selbst daran, diesen Abend unbehelligt und sorglos vor der Zukunft zu feiern. So griff er denn energisch zur Punschkanne, schenkte das goldgelbe Naß in die Kelche und sagte mit herzhaftem Tone zu mir: »Nun, Freund, was haben Sie mit dem Bambino gemacht? Doch nicht schon mit Haut und Haar verschlungen?« »Es liegt,« versetzte ich ruhig, »auf einem Totenbett.« Alle hoben die Gesichter verblüfft zu mir auf. »In diesem Augenblick ist es wohl schon eingesargt mit einem anderen Bambino«, fügte ich geheimnisvoll hinzu. »Was Sie nicht sagen!« stieß Niccolo hervor und zerklüftete seine Stirnrunzel in die Breite und Tiefe. – »Ich backe doch nicht für die Toten.« Nun erzählte ich so einfach als möglich, was ich diesen Abend in jener Christbaumstube erlebt hatte. Alle hörten innig zu, nur Stefano flüsterte zwei-, dreimal der Lea etwas gewiß ganz Nebensächliches ins Ohr. Der Bäckermeister jedoch wischte sich häufig die Augen. »Das ist eine Weihnacht! Gott, welche Weihnacht!« rief er wiederholt. »Wenn wir, liebes Amelchen, an so einem Abend ein Kind verlören, oh!« Und er griff hilfesuchend nach der Hand seiner Frau. * Jetzt kam etwas Überraschendes. Amelia erhob ihr keckes rotes Näschen, reckte sich wie ein Soldat, faßte Niccolo an der Achsel und sagte: »Lieber, jetzt hör' mal! Kinder können uns verlorengehen, ohne daß sie sterben, und das ist fast noch trauriger. Versteh' mich gut, Niccolo, wenn du unsere Agata zur Heirat gezwungen hättest, verkauft hättest . . . das wäre gewesen, wie wenn uns Agata aus dem Hause weggestorben wäre. Agata, sag' du selber . . .« »Verkaufen . . . wie sagst du?« stammelte der überrumpelte Bäcker und tat wie ein Schwerhöriger, »verkaufen . . . ah . . .« »Mamma,« fiel da munter und wehrhaft das hübsche Jüngferchen ein, »o man stirbt nicht so flink. Und du weißt, ich lasse mich niemals verkaufen. Oder dann soll der Herr Käufer gehörig an mir zu würgen bekommen. Der stürbe daran lange vor mir.« Der Graben in Niccolos Stirne vertiefte sich, seine Arme kneteten in die Luft hinaus. Er schnaufte stoßweise. »Amelia,« bat er düster, »ver . . . kau . . . fen? Ich? Denk' doch einmal ehrlich nach, was du da sagst!« Aber die Frau machte mit berückender Holdseligkeit: »Pst, pst!« und schloß ihm mit ihrer kleinen duftigen Hand den Mund. »Laß Stefano selbst reden!« Sie umblitzte jetzt förmlich mit ihren Blicken den armen, tief in den Stuhl versinkenden Redakteur. ›So rede doch, du Hasenherz! Was sagte ich dir noch eben? Paß gut auf, sonst fällst du zwischen Stuhl und Bänke; dann lieg' und schäm' dich!‹ – So sprachen und reizten ihn ihre Augen, daß Stefano sich einen Ruck gab und schrie: »Onkel, reden wir heute nicht davon! Seien wir heute nichts als gute Freunde! Sprechen wir ein andermal von der Zukunft . . . und dann auch ganz anders!« Er fuhr mit den Blicken über Agata hoch hinaus wie ein Falke über eine Henne, die ihm zu mager ist. – »Lea«, setzte er sicherer fort, »versteht mich sehr gut. Also, guter Onkel, verschieben wir!« »Verschieben wir«, wiederholte Niccolo gewichtig und atmete bei so gutem Wort tief auf. »Du hast recht. Du bist ein lieber Bursche. Aber, aber einmal muß denn doch die Sache ernstlich geordnet werden,« sagte er streng zur Frau, um sich nichts zu vergeben, »einmal denn doch!« »Es wird sich alles hübsch lösen, Niccolo, zu aller Freude«, begütigte sie und spielte mit seinen Fingern. »Du hast ja gescheite Kinder. Laß sie nur ein wenig selber machen!« »Aber doch sind es Sabinerinnen,« versuchte ich witzig zu sein, »die sich rauben lassen müss . . . »O Sie Legendenheiliger«, warf sich Meister Niccolo mir stürmisch entgegen. »Dieser Raub ist doch erwiesenermaßen eine Erfindung wie auch das mit dem Scaevola und dem Horatius Cocles und den Gänsen auf dem Kapitol. Alles bis auf Hannibal ist Dichtung. Dann kommt das Faktum.« – Großartig hob Niccolo das breite, gelbliche, gedankenvolle Gesicht empor, wie nur er es konnte, knipste mit Daumen und Zeigefinger, daß es leise knallte und deutlich zeigte, daß er durchaus nicht mehr zur alten konservativen Gemeinde gehöre, die noch jedes Märchen der römischen Wiege schluckt. »Papa,« protestierte nun Agata, »ich glaube das alles, alles, alles!« und spaßig streckte sie die drei Schwurfinger statt in die Höhe gen Boden. »Bist und bleibst eine Schnepfe,« brummte Niccolo vergnügt. »Hast nichts als Allotria im Kopf. Schau', Amelchen, was für einen Haarstrubel sie hat, das reinste Vogelnest.« Gut verstand ich das frische Mädchen. O ja, die glaubte an den Raub der Sabinerinnen. Sie hatte ihn ja leibhaft erfahren. Ein echter Römer hatte sie geraubt. Ihr spaßiges Herz gehörte nicht mehr ihr. Ganz recht, daß sie diese Schwurfinger gen Boden hielt. Dort unten, vier Böden tief, schaltete in Pasteten und Sirup ihr geliebter Eroberer. Er malte jetzt wohl noch den letzten Bambini Augen und Mund auf den toten Leib, so daß sie anfingen zu leben und zu lachen wie wirkliche Kinder. O, ihr schwindelte fast beim Gedanken, wie er auch ihr die so blindlings in den Tag hineinlebte, die Augen für ein wärmeres, tieferes Dasein aufgetan. Merkwürdig still blickte Agata in ihren Punsch und beguckte sich darin. Jawohl, sie war so eine Puppe ohne Sinn und Zeichnung gewesen, selbst noch mit Stefano. Da kam er, Crispino Bellocchio, vor sechs Wochen, der starke, frische Römer-Eroberer, und hat sie mit seinem Zuckerbäckertalent so gezeichnet, daß jetzt Liebe ist, wo vorher Spaß war, Arbeitsglück, wo nur Zerstreuung, eine klare Straße und eine feste Zukunft, wo vordem kindliche Ziellosigkeit regiert hatte. Wenn er mit dem Pinseln fertig ist, so sieht er noch nach, ob der Heizer den Ofen auf 30 Grad gestellt hat, zieht den Luftschieber auf drei Viertel, läßt die Kuchenbretter und Backbleche abfegen und frisch einfetten, gibt dem Hüter für die Nacht seinen Proviant, schlüpft aus dem weißen Habit und putzt sich rasch in festliches Schwarz zurecht. Dann kommt er herauf, immer drei Stufen nehmend, um mitzufeiern. Er hat ein Gesicht so rund und gelblich wie der Brotteig, Haare und Augen braun wie Bienenhonig. Aber die Lippen brennen wie das Backofenfeuer, und ein Duft von frischen Semmeln weht aus ihm. O er kann alles backen und gut backen: Brötchen, Torten, Liebschaft, Hochzeit und gewiß einst auch die muntersten Bambini, dieser geschickteste Bäcker der Welt! Wie gut las man dies alles vom netten, dreisten Gesicht Agatas! Das Gespräch wurde immer fröhlicher. Der starke Punsch flammte einem bis unters Haar. Amelia bekam heiß. Ich öffnete das Fenster. Eine laue, aus der Straßentiefe glücklich summende Luft umspülte uns und aus einem Fenster gegenüber scherbelte Geschirr und rief man: ›Salute, Giacomino! Salute, Serafina!‹ – Mir war, unsere Tafel sei eine kleine, erhöhte, selige Insel, ringsum von Festlichkeit umbraust, aber selber auch ein Fest. Daß ich vor vier Stunden noch in eine tiefe Schwermut mit salzigem Auge geblickt hatte, in Särge und Gesichter voll Not, war vergessen. In unserem Seifenblasenleben, ach, was sind wir doch selbst für Seifenblasen! Neben jedem Besteck lag der alten Sitte halber ein Lebkuchenbambino. Ich musterte meines. »Crispino!« entschuldigte der Meister lächelnd. »Die meinigen sind alle weg. Das läuft wie Wasser. Dann erst greifen die Leute nach Crispinos Kindern. O er hat geschickte Finger, er wird sich schon noch machen. Das klang zum Lachen. Denn Crispinos Christkindlein waren viel eleganter geformt, ihre Augen waren oval, nicht rund, und der Mund war bald geschlossen, bald offen. Niccolo deutete die Ohren kaum an – zerquetschte Nullen – und kleckste ein Näschen nur so mit dem Daumen hin. Aber Crispino, den selbst fein geringelte Ohren schmückten, modellierte auch so zierliche, zärtliche Ohren aus dem Teig und ließ sogar die rosigen Nasenlöchlein sehen. Die Brauenbogen so kurz und hoch, die weich gespaltene Unterlippe und der famose Knick im Kinn, das war förmlich Agaten gestohlen. Hundertmal wahrer waren diese frommen Puppen als Niccolos steife Traditionsbambini. Aber das Volk will Tradition, trotz allen Moden, und je gröber, je lieber. »Er hat den rechten Bildhauerschmiß noch nicht gefunden«, betonte Niccolo. »Das braucht Zeit und ist dann plötzlich wie Eingebung da.« Auch Agata besah ihr Kind. Den rechten Schmiß! O, so und nicht anders soll das Bambino sein. Immer zarter wird ihr Gesicht beim Betrachten. Das ist nur Teig und Zuckerschleim. Aber wie erst, wenn . . . Sie huscht ganz leise und klein zusammen, ein heiliger Schauer durchrieselt sie. Während Amelia mit dem Gatten über Crispinos sichere Zukunft plaudert und Lea mit Stefano die Neugestaltung des Käsblattes berät und über Druckkosten und Papierpreis nachrechnet, denkt Agata, was auch ich denken muß: welch hübsches Kinderleben aus ihrem geeinten Wesen in die Welt hinaus wachsen und blühen wird . . . »Salute, Angelina, Salute, Peppo!« sang es drüben aus den lampenhellen Stuben und viele Gläser klirrten. Ich faßte den Becher, wir stießen an, wir lachten, Gold und Sterne strömten aus unsern Augen. Der Meister hielt seine kleine Frau im Arm und prahlte: »Wir nehmen Pandolfis Vittoria, nicht den Landauer, nein, die Vittoria mit den zwei Rappen. Glänzen soll es morgen!« – Ich nickte: »Tut das, nehmt drei, vier Rosse, nehmt sechs Schimmel, seid lustig, o wie schön ist das Leben!« War ich nicht zu lustig? Die Leiche, der Sarg . . . ›Evviva, evviva!‹ scholl es drüben. Gibt es denn Särge? Ah, bah, Wiegen werden wieder daraus. Und gibt es Kinderleichen? Nein, das ist die abgestreifte Larve, blick' hinauf, siehst du die himmlischen Schmetterlinge! Das Vreneli voraus! ›Salute Angelina, cara, cara Angelina!‹ Nein, du liebes Vreneli, du leuchtendes, hohes, du bist gewiß nicht böse, daß ich hier Punsch trinke und lache und alles prächtig finde. Da lebst ja erst recht. Und du schwebst über uns und lächelst superklug, weil du es noch viel lustiger hast. O du schwebst jetzt über vielen Kinderhoffnungen hier und dort, und es ist zwischen dir und den andern Kindern nur der eine Unterschied, daß sie vom Christkind kommen und viel Staub vor sich haben, du aber allen Staub abgeschüttelt hast und zum Christkind eilst, dem Kind aller Kinder. ›Salute, Angelina! Evvivano tutte le belle ragazze! ‹ ›Einverstanden‹, nickte ich hinüber, ›aber hört, mit so wenig Staub als möglich!‹ – Denn in dieser Stunde schien mir eine ungewohnte, duftige Reinheit über uns allen zu liegen. Im Schnee der Unschuld wie daheim im Norden schien mir der heilige Abend auch hier zu thronen, in einer Lauterkeit ohnegleichen. Von der Straße herauf schollen nun immer deutlicher durch das Menschengebrause die Schalmeien der Pifferari. Sie pfiffen wie unsere Murmeltiere in den Alpen und flöteten wieder wie Amseln. Dann dudelte dunkel die schwermütige Sackpfeife hinein. Eine pastorale Luft umgab uns. Ich meinte jene alten Hirten zu hören, wie sie daherrannten und riefen: ›Wo ist er, wo ist er, der neugeborene König der Welten?‹ * Ich weiß nicht, wohinaus ich noch geschwärmt hätte, wenn jetzt nicht Crispino mit seinem soliden Römerschritt heraufgekommen wäre. Alle blickten zur offenen Türe. Eine Lichtflut strömte voraus, als käme die Sonne. Dann würgte sich wahrhaftig ein Christbaum herein, aber was für einer! Und zuletzt trat er selbst über die Schwelle, Crispino. Wie schön und groß war er! Neben ihm, dem Wehrhaften, Geraden, Sichern wie eine Forumsäule, fiel der nette Stefano wie eine seidengestickte, feine Zierlichkeit zusammen. »Der Ceppo, eja, der Ceppo!« rief Amelia fröhlich. »Vielmehr der Albero«, korrigierte der Bäcker und winkte mir triumphierend zu. »Der Wai . . . nacks . . . baum! Der de . . . utsche Weinacks . . . ba . . . um! Selber gemackt, fur Sie!« Aber was war denn das? Einen Holzbengel, den sogenannten Ceppo, hielt Crispino in der Faust. Das ist jener olivene oder weidene Holzklotz, den die echten Römer sich für die Mitternacht von Natale zurechtschnitzen, oft vorher segnen lassen und mit Lorbeer umkränzt beim zwölften Stundenschlag im Hof oder am Kamin verbrennen. Niccolo hatte nun nach seiner römischen Einbildung daraus einen kleinen Weihnachtsbaum geschaffen, mit einem Stehbrett unten und mit künstlich nach oben eingesteckten Zweigen von Zypressen, Lorbeer und anderem Immergrün, so daß sich dieses Festgewächse wie ein kurzer, bunter Busch in der Höhe immer weiter verspreizte, das gerade Gegenteil von der zauberhaften Gotik unserer Tanne. Nein, dieses Gestäude konnte ich nicht als Christbaum anerkennen. Aber Meister Maggiolini hatte es gut gemeint, und je länger ich das Werk betrachtete, um so hübscher dünkte es mich in seiner Art geraten. Es konnte doch als Christbaum gelten, aber im Stil des farbigen, schneelosen Südens. Aus dem Laub, das wie grünes Gras funkelte, lachten Orangen, spanische gelbe Trauben und Feigen. Zahllose grellrote Kerzlein blitzten zwischen den Blättern hervor und leckten mit ihren heißen Zungen am Laub. Drei Engel aus Wachs schwebten in der Krone, und am Stamme lag, in die Rinde geborgen, ein winziges, rosarotes Krippenkind. Als der seltsame Baum endlich zwischen den Kannen und Bechern in der Tischmitte stand, dünkte er alle ein Wunder von weihnachtlicher Schönheit und gleichsam eine fromme Ansprache. Unwillkürlich falteten Vater und Mutter Maggiolini die Hände wie zum Beten. Aber Crispino erhob sich, gab ein Zeichen und begann mit gewaltigem Tenor: Gli angeli chiamavan: venite santi! Nato è Gesù Bambino alla capanna . . . Die Engel rufen: Kommet, ihr Geheiligten! Geboren ist Jesus, das Kind in der Hütte . . . Da standen wir alle auf und sangen recht und schlecht die uralte Strophe fertig, und das hirtenhafte Geschell und Pfeifenspiel von der Straße herauf paßte gut zu unserem: Venite tutti quanti, voi pastori, Venite a visitar nostro Signore! Kommet doch alle zusammen, ihr Hirten – Kommet und suchet heim unsern Herrn! Niccolo übertönte mit seinem rollenden Baß alle, selbst den Tenor, und sein breites Gesicht und selbst die Runzel darin leuchtete von Begeisterung. Nun setzten wir uns wieder, schenkten ein, stießen an und pflückten die Früchte vom weihevollen Bäumchen; und sprachen von der Jugend und vom dunkeln Söller des Alters und vom zufriedenen Jetzt und wie eben doch gerade nicht die Menschen, so steif sie es glauben, sondern bald etwas Dümmeres und bald etwas Gescheiteres das Kügelchen Erde regiere, aber über allen diesen Flickgesellen der Altmeister Gott walte und das letzte Ja und Nein habe. Von den Lautesten und Lustigsten war Crispino. Er saß zwischen Niccolo und Agata gerade recht und drehte bald den hohen Satz der Rede ins kleine, warme Privatgeplauder. Er redete von sich, als wäre das selbstverständlich. Vierundzwanzig Jahre zähle er im nächsten Monat und sei stark für drei Jünglinge. Sehnlich warte sein kränkelnder Vater auf ihn. Aber schön sei es eben auch bei Niccolo. Er bleibe gerne solange als möglich, obwohl er nun in der Via Pagani eine selbständige Bäckerei bald eröffnen dürfte. Der Vater dränge eben gar heillos, noch einmal den Duft von gebackenem Brot durchs Haus hinauf zu spüren wie ehedem. Sofort umschattete sich Niccolos Antlitz. »Wißt Ihr was, Meister,« fuhr Crispino mit köstlicher Draufgängerei fort, »wir sollten uns vereinigen können, Euere und meine Bäckerei.« »Wie das?« brummte der Bäcker mit schwarzer Furche. »Nichts leichter. Statt uns so nahe Konkurrenz zu machen, bleiben wir beisammen. Drüben in der Via Pagani lassen wir einen soliden Meisterknecht in Mais und Roggen schaffen, und ich sehe ab und zu nach, und mein Vater hat so auch noch seine letzte Freude.« ›Ei,‹ dachte ich und prüfte Frau Amelias schlaue Äuglein, ›ei, da ist ja schon alles abgekartet und wird gleich tödlich aufgetrumpft. Niccolo, ergib dich!‹ »Wie . . . zusammen . . .«, stotterte der Meister ganz verwirrt von Zweifeln und Hoffnungen, die ihm durch den Kopf schwaderten. – »So einen Burschen darf ich doch nicht ewig als Knecht behalten . . .« »Sicher nicht! Aber . . .« Und blitzschnell schossen Agata und Crispino von den Stühlen, gaben sich mit aller Gewalt die Hand, neigten sich dann lustig, was sag' ich? unwiderstehlich, siegreich zum Vater nieder und riefen in einem einzigen, gar beherzten Ton: »Aber als Schwiegersohn!« Das alles war längst aufs Tüpfelchen so einstudiert, und ein bißchen römisches Pathos mochte dabei sein. Dennoch, es kam von Herzen und wirkte überaus natürlich. Fassungslos starrte Niccolo sie an. Seine Hände begannen zu kneten. »Erlaube, Vater Niccolo!« Und Crispino bog sich noch tiefer und küßte den Alten auf beide Wangen, desgleichen die Mutter, die sich lachend hergab. Und dann nochmals: »Erlaube, Vater!« Und jetzt küßten sich die zwei kecken Verlobten auf Stirne, Backen und Mund. Mir war, es müsse knistern dabei wie von frischem, hellem Feuer. »Das ist recht, so soll's sein«, überhüpfte sich in höchster Stimmenfreude Amelia. »Das hat das Christkind gemacht.« Und mit ihrer ungebändigten, hohen Kinderglockenstimme begann sie nochmals: » Gli angeli chiamavan: venite santi! « Wir alle fielen ein. Auch Lea sang kräftig, und sogar Stefano hatte etwas Öl in der Stimme. Nur Niccolo saß noch und starrte und staunte. Amelia zog ihn leise empor und sang ihm ihren süßen Vers und noch süßeren Atem ins Gesicht. Da taute er aus seiner Verblüffung auf. » Nato è Gesù Bambino alla capanna «, sang er schon mit. » Venite tutti quanti, voi pastori! « Da hatte er bereits seinen vollen Kanonenbaß eingesetzt. Wie konnte er anders? Seine Frau lachte so ungeheuer ansteckend, das Pärchen stand da wie in der Sonne, sein bester Gehilfe, um den er längst gebangt, setzte sich mächtig in den Schoß seiner Familie, keine Konkurrenz von der nahen Via Pagani, vielmehr eine nützliche Filiale in braunem Roggen und gelbem Mais, keine Sorgen, Nachmittagsschläfchen und . . . Ja, und viel mehr um seine Amelia herum sein, viel, viel mehr auf sie achtgeben, den Überflüssigen die Ellbogen zeigen, ah, wie gut ist das! Daß er, der für den König und den Papst denkt und vorsorgt, nie an diese . . . ach, so selbstverständliche Einfädelung seiner eigenen Angelegenheiten gedacht hat! ›Ach, das ist es ja, ich denke immer nur an andere, nie an mich!‹ Er wird nun bald vierundfünfzig. Frühherbst! Aber da ersteht nun ein zweiter Frühling, und die Spaziergänge mit der geliebten und immer bewunderten Frau werden noch schöner als einst im April. Dort griff man in zarte Pfirsichblüten und roch zusammen an einem weißen Orangenstern. Jetzt, o jetzt bricht man die schwellende Frucht vom Ast und hält nicht bloß die Nase daran, sondern ißt davon zusammen Schnitz für Schnitz. Und hat auch von der Leibesfrucht die gleiche Frühherbstfreude. Sind es auch nur Mädchenröcke, aber, potztausend, was nur die einzige Agata in einer Viertelstunde zwischen den Teetischen herumrennt und Tassen austeilt! Und was die Lea hinter der Brille alles weiß! Diese salomonische Jungfer! Und die Männer knien vor ihnen, und es gibt Brot und Ruhm ins alte Maggiolinihaus. Brot und Ruhm, das ist die beste römische Geschichte. Der wohligste Schwindel steigt dem Meister mit dem glühen Punsch und dem Wachsduft in den Kopf. »Ihr meint wohl, ihr habet mich überrumpelt!« schreit er in fröhlichem Zorn in die Gesellschaft hinein. »O nein, ihr nicht«, prahlt er weiter. »Mich überrumpelt niemand, nicht einmal der Menelik. Das sah ich längst kommen. Es stand zu groß auf euere Gesichter geschrieben. Ich bremste bloß. ›Man muß sie Geduld lehren, prüfen‹, sagt' ich zu mir. Ihr hättet noch lange intrigieren können, ihr kleinen Diplomaten, das hätt' euch keinen Pfifferling genützt. Ich war auf alles gerüstet, und ich dachte, dann oder dann sage ich plötzlich: ›Fertig mit dem Versteckspiel! Nehmt euch! Küßt euch! Heiratet euch!‹ – Gewiß, ich hätte noch über Neujahr gewartet. Aber nun hat mich das Christkind besiegt. Wie soll ich beten und singen und den Ceppo anzünden und allen glückwünschen, wenn ich dabei euere Freude auslösche mit einem Nein! Noch nicht! Wartet! . . . Nein und hundertmal nein, was angezündet ist, soll in Gottes Namen brennen. Habet euch, liebet euch! . . . Und ihr dort hinten, ihr Übergescheiten, ihr Tintenlecker, macht nur auch vorwärts, 's geht gerade in einem . . . Könnten wir nur die Namen verschieben auf den verflixten Verlobungskarten! . . . Na, in Gottes Namen! . . . Aufs Wohl meines Crispino und meiner Agata!« O wie gern Niccolo Reden hielt und wie er sich nun tief in den Becher trank und wie in seinen großen dunklen Augen es von Lichtern und einer begeisterten, tränenseligen Rührung wetterleuchtete! Nie sah ich ihn glücklicher. Aber der wirkliche Sieger des Abends wartete nur auf die Pause, um zu Wort zu kommen. Er ließ dem Cicero seinen Glauben. Ihm als echtem Cäsar war es ums Reale zu tun. »Dann komm' ich morgen abend«, sagte er gewaltig. »Ich komme und bringe den Vater und gestempeltes Papier mit, und wir setzen den Vertrag auf. Und auch ich komme in der Vittoria mit zwei Rappen.« »Teufelskerl!« antwortete Niccolo. »Aber alles recht, alles recht. Geb' ich den Daumen, so geb' ich auch die Hand. Der Tintenkleckser dort soll's notieren. Er schreibt so sauber wie eine Nonne. Na, Stefano, und dann hast du gleich eine Vorlage zu deinem Kontrakt!« Stefano griff unwillkürlich nach der oberen Westentasche, wo er seine Füllfeder stecken hatte, um rasche Notizen zu machen. Sauersüß sah er drein. Doch nickte er gehorsam und gewann es über sich, seinem unebenbürtigen Rivalen von oben herab mit einer gewissen Gutmütigkeit zuzulächeln. ›Nimm sie denn in Gottes Namen,‹ hieß das, ›ich verzichte. Wir teilen ja doch den Apfel. Du bekommst die rote Backe, ich die grüne. Aber schließlich ist es doch der gleiche Apfel zu gleichen Hälften.‹ Es ist mir nicht gegeben, mit kalter nordischer Tinte das Stündlein hoch oben im Römerhaus der Via Marca zu zeichnen, dieses gemütliche, von innerer Freude erbrausende und vom Stern Bethlehems gesegnete Stündlein vor Mitternacht. Immer wahrhafter kam mir der eigenartige Christbaum vor. Er schimmerte dunkelgrün wie die orientalische Nacht, und mich dünkte, solche wundervollen Büsche müßten mitsamt den Kerzenflammen um die Hütte Bethlehems gewachsen sein und geflackert haben. Unter solchen Stauden habe Maria das Kind oft in den Schatten gelegt und bei solchen Lorbeersträuchern habe sie auf der Flucht geruht, Wasser geschöpft und in ihrer Kühle den Duft und Glanz, wohl auch die bittersüße Lorbeerzukunft vorgeahnt. Um Mitternacht, als von den Kirchen das zwölfmalige Stundenschlagen über die vielen Dächer strömte, nahm Niccolo das Bäumchen mit feierlicher Gebärde vom Tische und legte es umgestürzt ins Kamin. Sogleich lohte es hochauf, glühte wie die Liebe Gottes und sank nach und nach in die Asche aller menschlichen Gebrechlichkeit zusammen. Und als alles grau wurde, mußte ich wieder ans Vreneli denken, das der Asche für immer ins Licht entflohen war. Wir andern aber gingen noch durch den Staub, wir waren noch nicht gesichert. Und daher reichten wir uns nach alter Römersitte die Hände und sagten: » Vi auguro un buon ceppo! « Ich wünsche dir eine gute Weihnacht, ein gutes neues Jahr, ein glückliches Leben und Sterben. – Als ich endlich ging, hielt mich Niccolo unter der Türe erschreckt zurück und schalt: »Sie haben ja noch keine Asche. Sie müssen Asche vom Ceppo mitnehmen. Das hilft vor Blitz und anderem Übel.« – Und indem er mir einen Löffel voll in den inneren Verschluß des Geldbeutels schäufelte, bat er geradezu: »Freund, bitte, gut aufbewahren bis zur nächsten Weihnacht. Der Redakteur da ging voriges Jahr weg ohne das. Da seht, es hat geblitzt, es hat ihm die Agata weggeblitzt, von der gedruckten Verlobungsanzeige weggeblitzt. Ha, ha . . . Und sie waren doch auf sehr solides Büttenpapier gedruckt. Also, kein Spaß!« Ich schob den Beutel in die Weste. Ich glaube nicht an Asche, ich glaube ans Feuer. Aber ich behielt sie doch ein volles Jahr in der Tasche. Mir war, es glühe da noch etwas von Rom darin. Öfter wollt' ich sie ausschütten, schon auf dem Heimweg in den Schöllenen und dann in die Limmat. Aber immer hielt mich ein süßer Aberglaube zurück. Jedesmal kam sie mir so geheimnisvoll vor, so warm, so gar nicht wie Asche, so etwas wie fernes, leise über die Schneeberge grüßendes Rom mit zwei köstlich erlebten Christbäumen. Und wahrhaft, der Blitz verschonte mich. Kleine Blitze, die nicht töten, die nur ein bißchen brennen und schwärzen, gab es wohl genug; aber keinen schweren, türbreiten, zu Boden werfenden und vernichtenden Blitz. Hingegen kam, ehe das Jahr sich völlig gedreht, eine niedliche. duftige Geburtsanzeige aus der Via Nesi und zwei, ich sage und schreibe zwei wohlbedruckte Hochzeitskarten aus der Via Marca. Die eine war streng architektonisch gezeichnet; die anderen zwei wurden von einem Gequirl und Geschnörkel umrahmt, das an die Muscheltörtchen und Bambinikrausen des Meisters Niccolo erinnerte. – – – O, wie sind die Städte und Länder und Sitten und Sprachen und Feste und Weihnachtsbäume so ungleich! Aber wie sind doch alle Menschen unseres rollenden Planeten in der Lust und Wehmut ihrer Seelen, im Spaßen, Spotten und Verliebtsein, im Auflodern und Zu-Asche-Zusammenfallen sich so geschwisterlich gleich. Und da tun sie zueinander wie Fremde! Sandra Giullini Eine wilde Geschichte aus dem hintersten Umbrien Im Dörfchen Piagghia saß ich eines Nachmittags müde von den Pilgerfreuden des vorigen Tages. O wie schön ist es, müde vor Freude zu sein! Ich hatte gute Milch bekommen und tüchtig Ziegenkäse und Maisbrot gegessen. Nun saß ich im Schatten einer Kapelle auf dem Steinsöller und ließ den Wind vom Tal herauf ins Gesicht fächeln. Von den Leuten des Ortes war die stärkere Hälfte in den Höhen beschäftigt, die Alten schliefen, die Kinder wateten durchs nahe Wässerchen oder machten Versteckensspiel in den Erlen. Nirgends hörte man eine Uhr ticken, die Zeit, die böse, friedlose Hexe, war hier mit den paar Katzen und dem greisen, weichmütigen, aber pfiffigen Ortsvorsteher Paolo Conzi eingeschlafen. Und auch ich schlummerte ein. Von der Kapelle hier übersah man die geringen Hütten und wußte eigentlich nicht, ob man in einem Dörfchen oder Weiler oder gar auf einer Voralpe weile. Gestern abend hatte man mir erzählt, daß dieses Kirchlein auch schon ein Schafstall, auch schon ein Banditenschlupf, ja, einmal sogar eine Burg der Einwohner gegen die Räubertruppen des Carletto Fanciu gewesen sei. Fanciu war eine ungewohnte Abkürzung von Fanciullo, Kind. Denn der Häuptling sei siebzehnjährig gewesen, »heute grausam wie Salz, morgen gütig wie Zucker«. Er habe mit seinen dunkeln Lippen geküßt und nachher gebissen. Aber hier in Piagghia habe er die Hütten geplündert und die Dörfler in der Kapelle belagert und mit Brandmal und Strick bedroht, weil sie seinen Aufenthalt an die Obrigkeit bis nach Perugia verraten und sogar das Haus seiner Eltern der Geheimpolizei übergeben hatten. Die ohnehin wegen ihres Sohnes unglücklichen Eltern wurden damals jämmerlich aus ihren vier alten Wänden gejagt und schwankten noch jammervoller, ob sie zu ihrem verrufenen Knaben und damit zur Sünde ihre Zuflucht nehmen oder sich an die gemächlichen Gerichte der Provinz um aussichtslosen Beistand wenden wollten. In diesem harten Kampf starb die Mutter vor Kummer und Entbehrung. Der Vater verfluchte Kind und Heimat, Richter und Räuber und wanderte aus. Als nun die Einwohner, in der Kapelle verrammelt, die Weisung Fancius von draußen vernahmen, entweder da drinnen zu verhungern oder die Pforte zu öffnen und den Sindaco Marzo, den Gendarmen und die Brüder Matteo und Pietro Giullini auszuliefern, weil diese die Rädelsführer gespielt hatten, da wurde hin und her beraten und das trostlose Häuschen immer mehr uneins. Die vier Bedrohten rieten natürlich zum Ausharren, bis die angerufene Hilfe von Spoleto käme. Das könnte nicht mehr lange anstehen. Oder ob die lieben Gemeindegenossen es wirklich übers Herz brächten, sie vier dem jungen Ungeheuer auszuliefern? »Glaubt ihr andern etwa, er schone euch? Mit uns fängt er an, mit euch hört er auf.« Aber mehr und mehr der Eingesperrten neigten zur Übergabe, komme, was wolle. So schlimm werde es wohl nicht werden. Schließlich sei auch das Fanciu ein Piagghierkind. Das gab nun heillose Auftritte von Zorn, Angst, Weinen und Fluchen. Mehrmals eilten etliche zur eisenbeschlagenen Türe, um sie aufzuriegeln, und immer wieder sprangen ihnen andere an den Hals und wehrten ab. Dann beteten alle zusammen eine Weile vor dem Altar, wo man den heiligen Franz die Ketten der in Marokko gefangenen Christen zerreißen sah, als wäre es Papier. Ja, wenn noch so ein starker Heiliger lebte! Plötzlich, als mitten im Gebet der Zank der Verzweiflung aufs neue losbrach und die Parteien sich beinahe wilder gegenüberstanden als dem Feinde draußen und die Kapelle, da sie doch ein Himmel sein sollte, eine Hölle wurde, da erhob sich ein kleines, zierliches Jüngferchen mit großem Haar und gewaltigen Ohrenringen, Alessandra, die Schwester gerade der verfemten Brüder Giullini, wand den Rosenkranz um die Hand, besegnete sich aus dem vertrockneten Weihwasserbecken und forderte, man möge sie zu Carletto hinauslassen. Sie wolle mit ihm reden, bis er weich werde. »Aber,« entgegnete man, »das Fanciu hat geschworen und noch nie ein Wort zurückgenommen.« »Lasset mich nur machen!« Diese dicht- und langhaarige Sandra war von ihren Brüdern stets übervorteilt und schier wie eine Stallmagd gehalten worden. Nur aus Not blieb sie bei ihnen. Das wußten alle, und darum traute man ihr nicht recht. Hinter dem Altar war ein Beichtstuhl. Hier saß Don Severo, der Pfarrer, ein alter, müder, sanfter Mann, der eher Don Clemente heißen sollte. Er hatte gleich anfangs geraten, das Tor zu öffnen. Aber er besaß weder gegen Carletto, noch gegen die Pfarrkinder hier Mut genug zu einem strammen Befehl. »Komme, was Gott wolle«, betete er, lehnte sich in den Sitz zurück und schlief trotz des Krawalls bei seinem friedsamen Gewissen seelenruhig ein. Bei dem Hin und Her, ob Sandra gehen solle oder nicht, weckte man den Schläfer. Was er meine? Sie solle nur gehen, gab er zurück. Sandra sei ein lauteres und tapferes Mädchen und habe doch auch die kleine Anselma aus dem Bach geholt, als kein Mann in die geschwollene, kaffeebraune Flut stürzen wollte. – Dann schlief er wieder ein. »Komme, wie's Gott will.« So knarrte denn das Tor auf und schritt das Mädchen im langen Haar, mit den blitzenden Ohrenringen und den lustigsten Augen der Welt rasch gegen Carletto hin, an dem alles finsterbraun oder schwarz war, ausgenommen die Zähne und das milchige Weiß der Augen. Er lag im Gras bei seinen Kumpanen, trank vom geraubten Wein, schnitt vom geplünderten Dörrfleisch und staunte das sechzehnjährige Kind spöttisch an, indem ihm die dicke Oberlippe bis zur Nase aufschwoll. Will man ihm etwa dieses unreife Früchtlein zum Fraß hinopfern? Schmutzig genug wären diese Krämer- und Kupplerseelen, bei denen er es nicht acht Jahre seines Lebens ausgehalten hatte. Aber das Mädchen lachte zu unschuldig und schüttelte die Sonnenflut seines Haars zu tapfer, als es vor ihn hinstand und ihn lange betrachtete. »Was gaffst du mich an? Bin ich ein Tier?« »Im Gegenteil, ein schöner, schöner Mensch.« Das kam unerwartet und tat wohl von einem so hübschen, reinen Gesichtlein. »Und also?« fragte er rauher, als ihm lieb war. »Ich schaue, ob denn einer wirklich so schön und so schlecht sein kann. Denn so sicher du schön bist, so sicher bist du auch schlecht.« »Danke, danke! Aber deine Gesellschaft dort drinnen ist nicht nur schlecht, sondern noch häßlich dazu. – Pack' dich!« »Und ich?« fragte sie schelmisch und tat, als ob das ›Pack' dich‹ sie nichts anginge. »Ich auch? Schlecht und häßlich dazu?« »Das geht mich nichts an.« »Und die dort, daß sie häßlich sind, daran ist der liebe Gott schuld. Aber, daß sie schlecht sind, daran bist du schuld. Das geht dich genug an.« »Welch ein Schnabel! Pfeif' weiter, Vögelchen!« »O, mein Lied kann dir nicht wohltönen. Sag', war nicht früher in Piagghia Friede? Wir lebten nicht braver noch schlimmer als andere Dörfer. Da seid ihr aus den Bergen gekommen und habt uns bald Geld, bald Vieh, bald Felle und Vorrat gestohlen. Wer bleibt da zufrieden? – Und dann kam die Polizei vom Land herauf und plagte uns mit Einquartierung und Verdacht und ewigen Verhören und Bußen. Wer lacht da noch! Da glaubten unsere Männer, daß man auch schlecht sein müsse gegen die Schlechten und haben zuerst die Polizei verjagt. Aber die kam immer wieder und mit immer mehr Soldaten. Nur wenn sie helfen sollten, waren sie gerade nicht da. Aber sie haben dort unten so viele Leute wie wir Steine hier oben. Da wird man nie fertig.« Aufmerksam hörte der Dunkelbraune zu. Schön war die Sprecherin. Ein Advokat, ein Prediger im Weiberrock. Aber man mußte wahrhaft schauen, ob ihr nicht Engelsgefieder aus den Schultern knospe. So licht und rein war sie bei aller Schelmerei der Blicke und allem Geklingel der Ohrenringe. Die groben Gesellen ringsum hatten zuerst faule Witze gerissen, aber dann kam's wie von selbst, daß sie horchen und immer verlegener mit den Augen zwinkern mußten. Denn dieses Gesindel besitzt bei aller Roheit etwas Gutes, Weiches, Unverdorbenes vom Kind zu innerst. Und hier redete ja Kind zu Kind. »Nun sag', du hübscher, schlechter Bursche, was sollten wir machen? Die Regierung ist zu stark, da richten wir nichts aus. Also müssen wir euch bekriegen. Ihr seid nicht so stark.« »Hoho, Naseweis, da siehst du's ja.« Das Fanciu zeigte mit der Hand auf die verrammelte Kapelle. Doch sieh', die neugierigen Piagghier hatten an der Türspalte gelauscht, jedes Wort hatte ihnen wie ein Schluck gelber Orvieterwein geschmeckt und Mut gemacht. Und so öffneten sie die Torflügel immer weiter, traten unwillkürlich aus dem Dachschirm mehr und mehr heraus, ein dichter, scharfäugiger, herzklopfender Menschenknäuel, der sich gegenseitig fest an den Ellbogen hielt oder den Nacken umschlang. Aber niemandem von der Bande fiel es ein, auf sie loszuspringen. Ein Anspruch auf Ritterlichkeit wehte von einer Gruppe zur andern. Nur die Brüder Matteo und Pietro und der Sindaco und der Gendarm steckten zitternd im hintersten Kirchleinwinkel. »Nein, ihr seid nicht so stark. Ihr habt uns hinterrücks und gerade am Sonntag abend überfallen, wo unsere starken Männer auf Petrognano hinauf Holz und Brot und Mais tragen und dort bei den Älplern schlafen und Käse und Butter zusammentun und etwa noch Schafe scheren und erst in drei, vier Tagen zurückkommen. So ist es. Das habt ihr gut gewußt, sonst hättet ihr es nicht gewagt gegen das ganze Dorf. Aber jetzt, ha, schaut . . .« und Sandra zeigte auf das Menschenhäuflein vor der Kapelle . . . »fast keine Hosen, nur Kinds- und Weiberröcke. Ist das stark?« Das Fanciu Carletto biß sich mit den weißen Zähnen in die braune Unterlippe und öffnete und schloß das Weiß der Augen unheimlich, daß es schien, als ob es blitze und gleich wieder dunkle, blitze und dunkle. Aber dann schwoll die Lippe wieder bis zur Nase empor und das Fanciu schrie: »Und ihr, seid ihr stark? Einen alten Mann und eine alte Frau aus ihrem Haus zu reißen, eurer Dutzende, ist das etwa stark gewesen? Und warum? Weil man ihren Bub nicht packen konnte! He, du Schwätzerin!« »Nein, das war nicht schön. Viele sind dagewesen, Don Severo, ich, fast alle Frauen, mancher Mann, die Kinder haben alle geweint. Aber du hättest ja kommen können und sagen: ›Da bin ich, lasset den Alten, bindet mich!‹ – Doch du, du warst eben nicht stark genug dazu. Und wie oft habt ihr selber einen Unschuldigen ins Gebirge hineingeschleppt, mit verbundenen Augen und verstopftem Mund, als Geisel, bis ihr das Geld vom Schuldigen oder ihn selbst bekämet. Wie war denn das mit dem reichen, jungen Antonio Bolla vorvoriges Jahr, he?« Carletto Fanciu wurde noch brauner und sah auf seine schmutzigen Hände und Füße. Viele goldene Ringe glänzten an den dreckigen Fingern. Er streifte ratlos einen um den andern ab und schlüpfte wieder hinein. »Einen Unschuldigen?« sagte er halblaut nach und lachte verschämt. »Eben hätt' ich Lust, es genau wieder so mit einer ganz und gar Unschuldigen zu machen . . .« »Spaße du nur nicht,« befahl Sandra immer glühender werdend, »und wirf lieber diese Ringe weg, bis auf einen, den du nicht gestohlen hast. Ein Starker soll nur einen Ring tragen, aber seine Hände sollten sauber sein.« Wieder schob der in seiner herrischen Unruhe und Gequältheit wunderschöne Jüngling Reif um Reif von den Fingern und legte sie aufs Knie. Näher und näher trat das unbedachte Volk und bildete beinahe einen Halbkreis um die seltsame Szene. Alle blickten auf ihre bäurischen Hände und putzten daran. In der Kapelle schlief Don Severo gesund weiter. Aber die gebrandmarkten Brüder kletterten zum Chorfenster hinten empor, um die Gitter herauszudrücken und im günstigen Moment Reißaus zu nehmen, während der Sindaco, dickbäuchig wie er war, jammerte und zeterte, sie dürften nicht allein fliehen, sie müßten ihm auch heraufhelfen oder er schlage Lärm. – »Gewiß, warte nur, wir seilen dich schon über«, gelobten die Giullini. »Der Gendarm buckelt dich empor und wir ziehen oben. Aber bis wir das Gestäbe los haben, steh' zur Tür hinab und passe gut auf, was die draußen treiben. Und winke im rechten Augenblick! Dann gilt es.« Endlich raffte sich Fanciu auf, bleckte seine scharfen Zähne und bestimmte: »Ich habe geschworen, ich halte Wort, basta!« Aber er sprach, als wäre es eine Last und ein Verdruß, Wort halten zu müssen. – »Geht ihr alle wieder in euer Kirchmäuseloch, hop!« Doch Sandra tat, als hörte sie nicht, und dachte streng nach, was sie noch Tüchtiges vorbringen könnte. Da schoß es ihr auch noch zeitig unter die Zöpfe. »Ich muß noch bemerken,« erhob sie frisch die Stimme, »daß Don Severo deine Eltern in sein Haus geladen hat. Sie durften immer dort bleiben. Es ist das beste Haus. Und ich sagte, ich wolle als Magd kommen und kochen und die Betten machen und waschen. Pfarrers Celestina ist ja auch nicht mehr bei Kräften. – Aber sie schüttelten den Kopf. ›Ach, sie hausen wohl nicht gerne bei einem Reverendo‹, sagte mein Oheim und bot ihnen bei sich eine Stube. Und auch unser junger Jäger Enrico Lazzari tat sein Haus auf, da er selber ja doch fast nie daheim sei. Viele, viele wollten deinen Eltern ein warmes Nest bereiten.« Fast schien es, als schlüge das Fanciu seine schwarzen Wimpern öfter zu, als zum Nachdenken oder wegen des Sonnenblendens nötig war. Es rührte ihn jeder Satz dieses wundervollen Mädchens, als schlüge es ebenso oft mit einem kleinen goldenen Hammer an sein Herz. »So laß uns also frei und ungeschoren, wenn du der Stärkere bist, und unser Dorf wird dich lieben. Jawohl, ich sehe, du bist stark genug dazu. Aber du bist nicht rein genug. Da fehlt es noch. Gib mir deine Hände.« Und ehe es zu einem Widerwort langte, war sie zu ihm niedergekniet und schien auf einmal aus einer Herrin eine Magd geworden. Sie nahm seine Hände und hernach seine Füße und küßte sie da und da und da, so daß ihm war, als setzten sich süße Honigschmetterlinge allenthalben auf seine Glieder. Und dann, als schöpfte das Mädchen aus goldenen Wellen, griff es in das üppige, kühle Haar und schlug ganze Wogen um seinen harten Fuß und um seine herrische Hand und reinigte sie und trocknete sie gleichsam damit. Staub und Erde und Bosheit und was sonst daran klebte, schien wie weggebadet. »So, und jetzt steh auf, sei gut und geh, du schöner, schöner Bösewicht!« bat sie. Carletto Fanciu war überwunden. Er erhob sich, sog das Bild der Jungfer, wie sie vor ihm auf den Knien blieb, gleich Balsam ein, sann etwas nach, lächelte und sagte mit einer fast ehrfürchtigen Knabenstimme: »Gut, ich gehe. Aber den Eid brech' ich nicht. So höret denn, ihr Leute: Meinen Vater müßt ihr suchen und zu mir bringen. Und bis ich den Alten habe, nehm' ich die Jungfer da als Geisel mit. Es soll dir nichts geschehen, niemand rührt dich an. Aber wir brauchen dich. Hand und Fuß hast du mir geputzt, aber das Herz? Da gibt es noch viel zu waschen. Kommst du?« »Gerne!« »Und dann«, kommandierte das Fanciu weiter . . . Ein garstiger, heiserer Schrei unterbrach ihn. Der dicke, gichtische Sindaco Marzo heulte an der Kapelle: »Sie sind entwischt . . . die Fenster erbrochen . . . hinten hinaus zum Wald. Eilt, eilt, packt sie! Sie dürfen es nicht besser bekommen als ich.« Sofort sprengten die sechs flinksten Banditen die Weiden hinauf. Man sah die drei Flüchtlinge sehr gut dem dünnen Wäldchen zurennen. Es wird ihnen nichts nützen. »Hurtig, hurtiger!« rief auch Sandra. »Willst du sie denn nicht retten?« fragte Carletto. »Was retten? Du hast doch allen die Strafe geschenkt. Übrigens eine Tracht Prügel dem Matteo . . .« »Wie, was schenkte ich?« fragte das Fanciu mit köstlicher Hinterlist. »Ich werde sie doch mitsamt der Hütte meines Vaters verbrennen. Ehrenwort! Aber«, flüsterte er zu Sandra, »weh soll es ihnen nicht tun. Sie sollen sich nur rot und schwarz schämen.« »Dann also vorwärts, macht Beine,« rief Sandra, die den Spaß merkte, »zum Hügel hinauf! Es gehört ihnen. Du Lieber hast zehnmal recht, es gehört ihnen.« Man zog nun zum bereits halb zertrümmerten Hüttlein, und nachdem Carletto sich mit einigen Burschen und Mädchen besprochen hatte, ward Stroh herbeigeschafft und im Nu daraus eine männliche Figur gemacht, dann noch einer, ein dritter, ein vierter Strohmann. »Das ist der Gendarm!« Carletto deutete auf die lange, hagere Puppe. Alles lachte und klatschte in die Hände. »Und diese dicke, geschwollene, das ist Marzo, der Vorsteher! . . . Bravo, bravo! . . . Die kleine da bedeutet deinen lieben Matteo, die schiefe hier den würdigen Pietro . . . O, bravissimo, wie lustig, welch Theater! . . . Verzeih, Sandra, aber es geht nicht anders. Ich muß den Eid halten. Brennen müssen deine holden Brüder!« »Nur zu! Heiz' ihnen ordentlich ein!« Bald brachten Carlettos Mannen das entflohene Kleeblatt zurück. Sogleich führte man sie mit dem winselnden Marzo ins Hüttlein, zog sie bis aufs schmutzige Sünderhemd aus, so daß sie nichts anderes vermeinten, als es gälte den Scheiterhaufen. Dann aber band man die Zitternden nur an die nächsten Bäume und zog ihre Kleider und Mützen den Strohmännern an. Es war beinahe grauenhaft, wie ähnlich den Elenden diese steifen Puppen sahen, als sie kläglich an die Hauswand gelehnt, den Kopf geknickt, gegen das Volk standen, charakterlose Jammerbilder und doch immer noch nicht so jämmerlich wie die Originale an den Bäumen. Die Brüder Giullini meinten, wenn nicht ihre Hinrichtung zu erleben, sie doch mit ansehen zu müssen. Und so war es auch. Das Feuer fiel ins Sparrenwerk, und gleich brannte alles lichterloh. In den Flammen standen die vier, knackten zusammen, zuckten, verrenkten die Glieder, es rauchte aus Hut und Hosen, die Ärmel fielen hinunter, sie standen in roter Glut, zerplatzten und sanken zu einem nichtigen Stinkhäufchen zusammen. Und die wirklichen vier wollten es nicht sehen und mußten doch hinschauen, schlotterten und schwitzten bei der nahen Feuersbrunst und hörten das schadenfrohe Lachen, nicht der Banditen, sondern des eigenen Dorfes. Sie waren für immer entehrt, in Piagghia einfach unmöglich geworden. Das fühlten sie auch und faßten in diesem gemeinsten Augenblick ihres gemeinen Lebens den Vorsatz: sobald sie eine Sohle unter der Ferse und einen Lappen um den Leib hätten, für immer aus diesem Ort zu entweichen. Hernach zog man zum Kirchlein und weckte den Pfarrer. Der machte große Augen, als er von der gelösten Geschichte erfuhr, und segnete sein gescheitestes Pfarrkind drei- und viermal. Dieses jedoch führte das Fanciu vor die Altartafel mit dem heiligen Franz von Assisi. »Hier habe ich gebetet, bevor ich zu dir hinausgetreten bin. Und ich sagte zum Santo: ›Lieber, mächtiger Franz, gib mir einige von deinen geschickten und gescheiten Wörtlein. Aber nicht von den zärtlichen . . .‹« »O, du Allerschlimmste!« drohte Carletto lachend. »Nein, heiliger Franz, nicht von den artigen und zarten! Die nützen nichts bei diesem hübschen braunen Teufel. Gib mir von deinen starken, spitzigen, witzigen Sätzlein, wie du sie auch etwa brauchtest vor dem Mohren da von Marokko.« »Paß auf, Kleine!« warnte der über und über verliebte Räuberhäuptling. »Oder vor einem Bären oder einem Luchs! Solche Worte gib mir ein, daß das Fanciu Respekt bekommt und ›Ja‹ sagen muß! – So betete ich und dann bin ich vor dich hingestanden und habe geredet.« Und sie wandte sich voll Zutraulichkeit zum Bilde und rief: »O, heiliger Franz, ich hab's gewonnen. Ich danke dir. Er steht auch da, der Böse, vor deinem Altar, und ich bete nochmals, daß . . .« »Hör' auf,« schrie jetzt Carletto zwischen Spaß und Ernst, »sonst betest du mich noch nach Spoleto hinunter zum Gericht und Galgen. Laß es gut sein! Einstweilen ist der Santo mit dir und mit mir zufrieden.« Merkwürdig, gerade da fiel die Nachmittagsonne schräg von den Vallonerhöhen durchs Fenster auf die Gestalt des Heiligen, und es nahm sich jetzt aus, als ob der angerufene Mann Gottes nicke und lächle. »Er hat genickt, ich habe es selber gesehen«, behauptete Don Severo bis zum letzten Atemzug. »Aber könntest du es beschwören, Freund«, fragte der Bischof, als er hier firmte. »Du schläfst doch so viel.« »O, damals war ich so wach wie einst am Jüngsten Tag. Er hat genickt!« »Er hat mir zugelächelt«, beschwor auch Carletto, sooft ihm Sandra später seine Sünden vorhielt. Dann ging sie mit ihm. Und da sein Vater verschollen blieb, verharrte sie bei ihm und wurde seine Frau. Don Severo gab sie zusammen. Und sie soll es durch ihre unerhörte Klugheit erreicht haben, daß Carletto seine Truppe nach und nach auflöste und mit der hilflosen Regierung einen profitabeln Frieden abschloß. Im Vertrag wurde ihm und jenen Genossen, die es ernst mit der Umkehr meinten, das weite Waldgebiet am Renaro und die anstoßenden verwilderten Sommerungen oberhalb Castellano zur Bewirtschaftung für einen niedrigen Pachtschilling überlassen. So verwandelten sich binnen kurzem die ärgsten Staatsunholde zu den besten Staatsbeamten. Carletto Fanciu trug nicht immer das sauberste Hemd, aber darunter ein blankes Herz und an der Hand nur noch einen, aber einen unabweisbaren, unlöslichen Ring – – – – – – Ich erwachte. Die Sonne stand schon recht schräg. Hatte ich geträumt? Nein, nein, das war die Geschichte, die man mir gestern abend im Hause des Conzi erzählt hatte, im Anblick eines alten, rohen und doch so schönen Holztafelporträts eben jener Alessandra Giullini. Und ebensowenig war es ein Traum, was ich jetzt selber um die Bergkapelle erleben sollte. Der Wilderer Augusto Sarti Hie und da braucht es Wochen und Monate, bis aus der Gewöhnlichkeit unseres Lebens ein ungewöhnliches Ereignis mit großer Miene und starker Wirkung emportaucht. Oft aber gehen dann wieder in die Spanne eines halben Sonnenlaufs die eindrücklichsten Erlebnisse. An jenem sommerlichen Abend im Weiler Piagghia las ich das Gras vom Kleid und trat noch schnell ins verfallene Santuario, denn eine Kapelle konnte man es kaum mehr nennen. Die Sonne, unter einer tiefen Wolkenbank hervorkugelnd, bestrahlte die verblichenen Farben und zwei rostig angelaufene Kerzenständer mit einem schmerzlich schönen, grüngelben Glanz. Ich mußte noch immer an jene Sage von der pfiffigen Sandra und dem braunen Fanciu denken. Da hörte ich Schritte von eisenbeschlagenen Schuhen und das Aufstoßen von Reisestöcken mit der Spitze. Geredet wurde nicht. Ich stand hinten in der linken Ecke, als einige Arme zur Pforte hereinlangten und einen schlampen Menschen vorstießen. »Warte hier«, sagte jemand nicht unfreundlich. Dann fiel die Türe zu, und der Außenriegel ward vorgeschoben. Gleich wandte sich der Mann um und versuchte mit dem Ellbogen den großen innern Riegel auch in die Zwingen zu stoßen. Es gelang. Dann sagte er laut: »Diesmal nicht! Hundertmal . . . aber diesmal nicht. Es soll mich keiner anrühren.« Nun erst sah ich, daß er die Hände im Rücken zusammengeschlossen hatte, ziemlich verlottert gekleidet war und ein heißes, mageres, dreißigjähriges Gesicht trug, dessen Mundwinkel immerfort zuckten. Er tat einen Schritt vorwärts, ließ sich müd' auf einen Schemel fallen, und ich meinte etwas wie leises Schluchzen zu hören. Meiner war er noch nicht gewahr geworden. An der Wand vorne, wohin die Sonne jetzt fiel, war ein kleines Franziskusbild aufgehängt. Er war nicht mehr der Kettenbrecher, sondern der verzückte Einsiedler. Er streckte die Arme aus und zeigte die Wundmale. Fünf Blitze durch die Luft zuckten daher und durchschossen ihn wie glühende Pfeile. Der Heilige blickte dorthin, woher diese süße Gottesqual kam, und nichts als Dank sprach aus seiner Miene. Der Eingesperrte schien das Bild ein Weilchen zu betrachten, dann ließ er den Kopf hängen, vornüber, fast bis in die Knie. Mir war sehr unbequem zumute. Eingeriegelt, das gefiel mir nicht, und eingeriegelt mit einem fremden Vagabunden, das war mir erst recht unbehaglich. Aber am meisten fürchtete ich mich vor dem Lautwerden. Wenn ich jetzt huste oder einen Schritt tue, Gott, wie wird er erschrecken. Am besten, ich rede ihn schnell an, dann ist's vorbei. Aber ich schluckte und würgte lange, bis mir endlich der Satz heiserig genug gelang: »Da sind wir zwei also eingeschlossen! Das ist lustig . . . nicht?« Blitzschnell schoß der Mann in die Höhe und wandte sich nach mir um. Ganz zitronengelb war sein Gesicht von der Sonne, ein müdes, bekümmertes Gesicht mit den steten nervösen Zuckungen der Mundwinkel. Er hob unwillkürlich die in Handschellen gelegten Arme im Rücken ein bißchen und lächelte matt. ›Seht, so einer bin ich‹, sollte das heißen oder vielmehr: ›als so einen vermutet man mich.‹ Ich dachte sofort, daß er beim Wildern überrascht worden sei. Denn vom Wildern hatte ich in diesen Gegenden viel gesehen und erlebt, und jeden Abend war das Geplauder der Bergler am Feuer auf dieses Thema gekommen. Gesetze gab es strenge genug, aber so gemächliche Gesetzesorgane. Jetzt hatte ein Ministerwechsel stattgefunden, und ein Scharfmacher bekam das landwirtschaftliche Departement. Von Spoleto und Norcia her fühlte man eine eifrigere Hand. Es kamen amtliche Besuche, halbamtliche Spione, Weisungen, Reglemente. Forstbeamte erschienen, die weniger den Wald als die Jäger beobachteten, und an das Patent wurden lästige Bedingungen geknüpft. »Augusto Sarti!« stellte sich der Mann indessen mit ungewohntem Anstand vor. Ich entgegnete, daß ich gemütlich den sibillinischen Bergen zuwandere und zwei Tage in diesem stillen Nest weile. Den Namen Augusto Sarti hatte ich mehrfach als den eines abgefeimten, gar nicht zu erwischenden Wilderers aus dem nahen Chiusita erwähnen hören. »Müssen wir wohl lange hier im Arrest sitzen?« fügte ich meiner Erklärung scherzhaft bei. Augusto blickte zu den hohen Fenstern empor. Wenn einer auf des andern Schultern stand, konnte er hinaussehen und rufen. »Es tut mir leid,« begann der Wilderer wieder mit unvergleichlicher Grazie trotz seiner übeln Verfassung, »daß Sie meinetwegen hier eingesperrt sind. Man könnte da hinauf und jemand herbeirufen.« »O, so lange halte ich es schon aus, besonders zu zweit. Aber warum haben Sie denn auch noch den innern Riegel vorgeschoben? So kommen wir erst recht nicht hinaus.« Jetzt wurde er brennend rot. »Ich weiß selber nicht«, stotterte er. »Vielleicht war es dumm. Ich dachte, sie sollen mich einstweilen nicht herausbekommen. Ich verschanze mich da bis zur Nacht. Dann helfen mir gute Freunde schon weg, und morgen können sie mich oben bei den Murmeltieren suchen.« Er saß wieder ab, wurde fahl über Stirne und Wangen und schnaufte sonderbar. »Bitte, mir wird übel von all dem Gehetz. Seit Vormittag hab' ich nichts mehr in den Mund bekommen. Da hängt meine Feldflasche und die Patronentasche am Gurt. Seien Sie, bitte, so gut und reichen Sie mir zu trinken.« Ich schnallte die Flasche ab und setzte sie ihm an den Mund. Er schluckte gewaltig. Dem Geruche nach war es Grappa mit Zucker und Wasser. »Ah, das tut wohl«, stieß er erleichtert heraus, indessen ihm große Schweißtropfen über die Schläfen rannen. Er schöpfte Atem und bat dann höflich: »Jetzt essen, bitte!« Also sperrte ich das Säcklein an der Ringelschnur auf. »Das Schießzeug haben mir die Kerle herausgenommen. Oh, ich will ihnen! Gebt Brot, Herr, bitte, gebt!« Es war hartes Brot. Ich brach es zu Brocken und reichte ihm Stück um Stück, sobald er eines fertiggekaut hatte und den Mund wieder aufsperrte. »Wie einem Kind«, sagte er mit einer Stimme, die jetzt ruhiger und ausnehmend melodisch wurde. »Babbo« (Vater), lächelte er mir zu. Welch ein gutes, innerliches Lächeln! Und dieser gemütvolle, singende Klang der Stimme! Nein, der konnte kein Verbrechen begehen. Sein Wildern . . . na, es schien mir auf einmal etwas Natürliches, das lediglich durch Menschenschwachheit oder Menschenpedanterie zu einer Sünde gestempelt worden war. »Ich danke, genug, gentilissimo Signore, packt gütigst wieder alles zu. Ich brauche es noch sehr.« – Er schielte wieder eigentümlich zu den Fenstern empor. »Hat man Sie mitten im Wildern ertappt?« fragte ich mitleidig. »Ich habe nicht gewildert«, versetzte er heftig. Ungläubig glotzte ich ihn an. »Zwölf Patronen hatt' ich. Eine verschoß ich an einen Habicht. Das darf man. Ich traf. Aber wo ist er? Hätte man nur gesucht! Aber sie ließen mir nicht Zeit.« »Lieber Freund,« bat ich, »von Ihnen und von Ihrer unfehlbaren Flinte hab' ich viel gehört. Großartige Streiche! Die Polizei kommt immer zu spät. Sie verspritzt vor Wut. Aber diesmal . . .« Augusto durchspähte mein Gesicht. Gleich erkannte er den Fremden, den Friedlichen, den, der zum Volke und nicht zu den Herren Regenten gehört. Seine Augensterne waren klein, scharf, blitzendgrau wie frisch gegossene Schrotkügelchen. »Vielleicht hab' ich gewildert, vielleicht hundertmal. Warum waren sie nicht da und nahmen mich am Schopf? Aber diesmal, wie sie mich bekamen, hatte ich gerade nicht gewildert.« »Das ist ein böser Zufall«, bedauerte ich. »Seht,« sagte er und fiel ins bequemere Voi, Ihr, zurück . . . »aber könntet Ihr mir nicht die dumme Sache dahinten etwas lösen . . . die Manette? Es ist verteufelt lästig, so zu hocken und zu plaudern.« »Aber die Guardia, die Polizisten?« »O, Ihr könntet sie mir wieder schließen, wie Ihr sie mir geöffnet habt. Bitte, lieber Herr, ich verdufte Euch ja nicht durch die Mauer.« Einen Augenblick zauderte ich. Darf man dem berühmten Arm der Gerechtigkeit auch nur einen kleinen gutmütigen Gegenfinger strecken? Ach wohl, ich tu's. Das ist kein Kapitalverbrechen. »Wenn sie uns überraschen, sagt Ihr, es sei mir übel geworden. Das ist nicht gelogen. Und wenn sie grob werden, werdet Ihr noch gröber und beschwert Euch, daß sie Euch hier unbesehen einschlossen, statt erst nachzusehen, wohin sie mich schaffen.« Seine Schrotkugeläuglein blinzelten überaus listig aus dem verwetterten Gesicht. Aber er hatte recht. Das konnte ich triftig den Polizisten zurückgeben, wenn sie gar zu wichtig tun wollten. Es waren die ersten Handschellen, die ich sah. Da gab es gottlob keinen Schlüssel zum Öffnen, ich brauchte nur zwei kreuzweis eingeschnappte Stahlreifen aus den sogenannten Gebissen auszuspannen, und sogleich fiel das Zwangsinstrument nichtig auseinander. »Tausendmal Dank«, sagte Sarti und rieb sich die Handgelenke. »Das sind verdammt solide Handschuhe.« Dann griff er in den Hemdschlitz, zog einen Lederumschlag hervor, entnahm ihm ein von Fingertupfen beschmutztes Briefböglein und sagte andächtig: »Lest das!« – Dabei wurde er rot und verlegen wie ein ungeschicktes Kind. Eine schmale Feder vom Eichelhäher mit den blaugrünen Bändern fiel aus dem Brief, wo in wenigen Worten mit Knabenschrift gebeten war, der Vater möge ihm doch auf den 10. September den versprochenen Vogel nach Visso bringen, einen Raben oder Häher, aber am liebsten einen Habicht . . . ›Ferruccio Sarti‹ war hübsch wild unterschrieben. Der 10. September war sein Geburtstag. »Mein Bub geht in Visso zur Schule«, erklärte der Sarti. »Ich habe eine ledige, gute Schwester dort. Als meine Frau starb, hat Monika den Kerl zu sich genommen. Was tät' ich mit einem Dreijährigen? Aber jetzt ist er zehnjährig, groß, schön, wild wie ich. Ich hab' Heimweh, möcht' ihn zu mir nehmen. Meine Hütte ist so gar ungemütlich. Keine Frau putzt ein wenig und stellt die Sachen in Ordnung. Und doch, eigentlich nur so zum Holzen und Jägern und im Rauch liegen . . . ach, ich besuch' Feruccio alle vier Wochen. Zuletzt nehm' ich ihn doch.« »Käme er gerne?« »Und wie gerne! Buch und Tinte sind ihm Mist. Entschuldigt, fremder Herr, aber es ist so. Den Vogel, den Wald, das Jägern mit mir möcht' er haben. Und ein Zeichen soll ich ihm dafür bringen, einen ausgestopften Habicht! Glaubt Ihr jetzt, daß ich auf ein Reh schoß, wie die Poliziotti behaupten, und nicht den Habicht! Was ist mir das schwerste Reh, wenn Ferruccio den Falken will! Aber mit meinem Schuß ging fast in einem Knall ein zweiter los, und wahrhaft, so toll es klingt, ein Reh sprang mir beinahe an die Beine, rannte dann seitlings ins Gestripp und fiel hin, aber war noch nicht tot. Ich lief herzu und schlug ihm die Schläfe mit dem Gewehrkolben ein. Absichtlich gab ich ihm keine Kugel, damit man sehe, daß ich nur den Habicht schoß . . .« Er zeigte die elf Patronen im Gurt. Nur der zwölfte Stecker war leer. »Kein Jäger nimmt eine Patrone mehr, als im Gurt vorgesehen ist. Dreizehn, wohin damit? Wer nimmt noch eine dreizehnte? – Dann band ich das Reh an den Beinen zusammen. Denn der Wilderer – ich kenn' ihn gut – hat sich nach meinem Schuß und Gelärm nicht hinzugewagt. Ihm schlich die Patrouille ja nach. Das hatte er längst gemerkt. Nun verschloff er sich irgendwo, und ich in meinem Eifer für Ferruccio dachte nicht, daß es jetzt über mich komme. Lange zögerte ich, das Reh anzurühren. Aber sollt' ich so ein flottes Wild da faulen oder andern Leuten lassen? Das wär' zu blöd'. So trag' ich's in einen Erdschlupf, den ich nahe weiß, und hol' es dann nachts. Aber wie ich so meinen Habicht vergesse und den Vierbeiner aufgable, überlaufen mich diese blauen Strolche. Jetzt sagt' ich alles. Aber sie lachen mir ins Gesicht und meinen, daß ich Habichte schieße, aber nicht hole, und Rehe packe, die andere schossen. ›Wir wollten den Gherardo Plegni fangen, wir hatten seine Spur. Nun fiel uns statt des Fuchses der Wolf in die Fänge‹, brüllten sie. O, wie sie lachten! Ja, der Gherardo Plegni hatte geschossen, aber ich sagte kein Wort mehr. Wir sind gute Kameraden. Wir verraten einander nicht.« »Und der Brief von Ferruccio?« »Ist das ein Beweis?« »Vielleicht! Vielleicht suchen sie dann noch den Habicht.« Sarti ließ eine Pause vergehen. Dann meinte er: »Das Papier da zeig' ich nicht. Nein, diese Affen, die nur auslachen und Handschellen anlegen können, müssen mir so einen Brief nicht beschmutzen. Nein, und wenn es mir an den Kragen geht, ich kann nicht. Mir war schon lange wind und weh deswegen, falls einer mir unter den Kittel griffe. Nehmt den Brief zu Euch, bitte! Die Feder auch! Tut es mir zulieb'! Ich meld' mich dann schon. Oder kommt Ihr mal nach Visso . . . dann . . .« Man hörte von außen Geräusch. Kinder, die etwas gerochen hatten, umlauerten das Kirchlein. Ich steckte den Zettel widerstrebend ein. Wir flüsterten nur noch. Sarti wurde sehr unruhig. »Was würde wohl der Mann da uns raten?« fragte ich und deutete auf den heiligen Franz. »O, der hätte keine Handschellen gebraucht.« »Aber er würde vielleicht doch sagen: ›Wildere nicht mehr, treib ein ehrlich' Geschäft!‹« »Das könnte er leicht sagen. Ihm sind alle Tiere eben wie Hündlein entgegengesprungen. Aber uns riechen sie von weitem und laufen davon.« »Franz wollte eben nicht töten, sondern Leben, Leben.« »Und wir und ich? Ich will auch nur leben, leben, leben. Und da helf' ich mir, wie ich kann. Oder soll ich verderben, damit ein Reh lebe? Dummes Zeug! Aber entschuldigt, guter Herr, ich bin so aufgeregt, ich rede wüst, entschuldigt!« Ach, wie lieb war mir dieser offene, herzliche Schlaumeier schon geworden! Was litt er beim Gedanken an Gericht, Zuchthaus, Zelle, Fußketten, Unfreiheit, kein Wald und keine Berge und keine Büchse mehr und das geliebte Bübchen fern und fremd. Und dazu schuldlos! Er dachte nicht, daß er hundertmal diese Strafe riskiert hatte, ihr hundertmal verfallen wäre. Er dachte nur, daß er sie dieses eine einzige Mal nicht verdiene. Und ich dachte genau so und überlegte, ob ich denn gar nichts für den Häftling tun könne. Wir schwiegen. Oft schien mir, er bete auf seine Weise. Als wir endlich die genagelten Schuhe der Gendarmen herzuklappern hörten, riß Augusto plötzlich einen schwarzen Tuchfetzen, der unter dem Hemd an einer Halsschnur gehangen, aus dem Latz und zeigte ihn mir. Es war das Skapulier, wie die Verehrer des heiligen Franz es tragen, die sich geistigerweise als Laien mit seinem Orden verbinden und sich Drittordensbrüder nennen, und deren es in allen Ländern Millionen gibt. »Ich lieb' ihn auch, wisset«, flüsterte er. »Meine Frau hat es mir beim Sterben gegeben, dies da. San Francesco«, rief er leise gegen die Wölbung, »o, San Francesco . . . Ferruccio mio!« Eben riegelte man von außen auf. Viele werden beim Lesen dieser Stelle lächeln oder gar spötteln. Ich hindere sie nicht. Wer nichts von den Geheimnissen des Heilig-Unheiligen weiß, wer vor dem Unbekannten, gerade weil es ihm unbekannt ist, Witze reißt, gut, der lache eben! Er lacht ja im Grunde sich selber aus. Drei Stimmen riefen: »Zum Teufel, was geht da vor? Willst du nicht hinaus, Sarti? . . .« und lachten heillos gemütlich. ›Das sind keine Schlimmen‹, sagte ich mir, ließ rasch die Handschellen wieder einschnappen und öffnete. »Hab' ich's nicht gesagt, er ist da drinnen, unser Fremder«, rief der fette Sindaco Paolo Conzi. »So macht ihr's, Unschuldige riegelt ihr ein, hahaha!« »Ja, Unschuldige«, schrie Sarti den verblüfften zwei Poliziotti ins Gesicht. »Sei nicht vorlaut, du da!« gebot der Ältere von den beiden. »Tut mir leid«, wandte er sich an mich. »Warum haben Sie uns nicht gerufen?« »Ihr ließet mir ja keine Zeit«, versetzte ich. »Nun bin ich froh, daß es so kam. Ich weiß jetzt, ihr habt einen Unschuldigen gepackt. Ich werde helfen, das zu beweisen.« Die beiden Grenzwächter, wie man damals diese Gendarmen eigentlich hieß, sahen sich belustigt an und zuckten die Achseln. Der Sindaco blinzelte unsicher durch die fetten Lider. Es war unklar, auf welche Seite er neigte. Wir gingen nun in seine Stube, wo eine Art Wirtschaft geführt wurde. Die zwei Männer der Guardia, der Wirt, seine viel jüngere Stiefschwester und ich saßen an den Tisch. »Du kannst jetzt auch mit uns halten«, meinte der ältere Polizist zu Augusto Sarti und löste ihm die Zwingen. Ich winkte den Frevler zu mir. Es kam Wein und gutes Brot und Käse. »Der Braten ist noch nicht fertig«, sagte die Jungfer streng. »Welcher Braten? Doch wohl nicht . . .« »Doch, doch, Sartis Reh. Was sollen wir es durch die vermaledeite Hitze talab schleppen? Es riecht ja schon an den Läufen. Du darfst auch davon essen, Augusto, du erst recht. Mußt ihn ja teuer zahlen, den Braten, und bekommst lange keinen solchen mehr. – He da, so mach' doch kein so böses Gesicht! Wir tun ja bei Gott so was ungern. Aber du treibst es auch gar zu toll.« »Keine Gabelvoll rühr' ich an«, trotzte Sarti. »Dieser Braten gehört zu einer andern Flinte. Habt ihr die Hülse gefunden? Paßt sie etwa auf mein Rohr? He, ihr Gescheitleute, was sagt ihr?« »Du bist ein elender Fuchs«, machte der Sindaco und tätschelte dem Wilderer gütig auf die Achsel. »Du hast viele Flinten. Freilich«, wandte er sich an die Guardia, »habt ihr ihn mit dieser und keiner andern betroffen.« – Und wieder blinzelte er zwischen den Fettpolstern der Augen schlau hervor. »Sollen wir etwa in allen hohlen Bäumen herumkriechen, wo du dein Arsenal versteckst?« scherzte der Jüngere der Guardia, ›Beppo‹ genannt. »Ja, das müßt ihr, wenn ihr mich anschuldigen wollt!« »Und auch den Habicht müßt ihr suchen, unbedingt«, fügte ich bei. »Ihr seht doch, was für kleine Patronen er trägt. Noch elf! Wer tötet damit Hirsche und Rehböcke? Aber wenn der Falke gefunden wird und gar noch die Kugel dazu, dann ist die Sache klar. Dann hat ein anderer das Reh geschossen.« »Sie sind hier fremd«, versetzte der ältere Polizist Ugo, sehr höflich, aber sehr bestimmt. »Aber wo habt ihr denn die Ohren gehabt?« fragte Augusto zornig. »Ihr müßt doch zwei Schüsse gehört haben, piff, paff, so schnell nacheinander.« »Piff paff, jawohl!« »Und da soll einer mit zwei Flinten so flink gefeuert haben? Bedenket!« »Ja, einmal in die Luft.« »Nein, Freunde«, bat ich, »den Habicht muß man um jeden Preis suchen. Ja, Herr Ugo, ich bin ein Fremder. Aber auf der ganzen Welt gibt es kein Gericht und keine ehrliche Polizei, die eine solche Unterlassung begehen darf. Mag meinetwegen Augusto tausendmal gewildert haben, ihr müßt beweisen, daß er gerade dieses Mal gewildert hat. Alles andere geht euch nichts an. – Aber Signora Marta, bringet noch Wein, gelben Orvieter. Ich zahle diesen Abend allen lieben Freunden das Trinken.« Das durfte ich wohl. Das Getränk war so gut wie billig, ich lebte hier wohlfeil, man hatte mir schon manche Gefälligkeit erwiesen, und das goldene Weinstündchen freute mich selber tüchtig. Wir essen, wir trinken, wir schlafen zusammen«, betonte Ugo zum Sarti. »Aber morgen wird nicht gemarktet. Du mußt mit uns nach Spoleto. Wenn sie dich dann laufen lassen, um so besser.« »Niemals werd' ich mit euch gehen.« »Seht unsere Leute«, munkelte mir der Sindaco zu; »sie stehen alle zu Augusto, besonders die Kinder. Da ist keines, dem er nicht schon etwas geschenkt hat.« In der Tat, draußen standen Buben, Mädchen, etliche Männer und Weiber. Sogar durch den Gang und die Küche drückten sie sich vor und guckten zur Stube herein. »Man sollte ein Dutzend ins Gehölze hinaufschicken, um den Habicht zu suchen.« »O. das liegt zu weit hinten, am Monte Valiano, und jetzt wird es schnell dunkel. Morgen!« »Aber morgen ist es zu spät. Die Füchse, die Marder . . .« Der Sindaco zwinkerte mit den fetten Äuglein. Er hatte wohl etwas anderes vor. Vielleicht in der Nacht läßt er den Wilderer entschlüpfen. Das ganze Dörflein wird mithelfen. Diese Leute schauen die Guardia ordentlich gehässig an. »Trinkt Wein, unser Gast zahlt, ein Svizzero«, schreit der Sindaco und füllt vom Gelben den Polizisten die hohen Standgläser wieder voll. »Evviva la Svizzera!« »Gibt es dort auch Jagd?« fragte Beppo. »Sicher.« »Und Wilderer?« »Warum denn nicht!« »Und Polizei?« »Jetzt tupft ihr am rechten Fleck. O ja, auch wir haben Polizei, aber ein bißchen andere als die hiesige. Die dürfen einen nicht so mir nichts dir nichts wie einen Mörder fassen und in Eisen legen und elend und verdurstet in eine Kapelle werfen. Sterbensübel ist dem Sarti geworden. Gottlob war ich da und konnt' ihn tränken und füttern, sonst . . . Er fiel ohnedies hin fast wie eine Leiche. Was geschähe mit euch, wenn er im Kirchlein gestorben wäre?« »Man stirbt nicht so schnell«, sagte Ugo. Aber er schien doch ein wenig eingeschüchtert. »Bei uns«, fuhr ich fort, »würde nicht der Jäger, sondern der Polizist ins Gefängnis geworfen, der ohne Beweise und Gegenbeweise kommt wie ihr. Nicht einmal den Habicht suchen! Und die Kugel im Reh paßt gar nicht in Sartis Gewehr. Und ein anderes findet ihr nicht. Und trotzdem schleppt ihr ihn in Handschellen ins Land hinunter. Herrgott, das sollte uns einer bieten . . .!« »Aber er trug doch das Reh weg. Er wollte es behalten.« »Und ihr, Männer der Gerechtigkeit, ihr bratet und esset es!« Alles lachte. Niemand war böse als der Sarti. Man aß voll Appetit und wünschte gewiß den Wilderer in alle Wälder und Freiheiten fort. Aber nun hatte man ihn eben zwischen die Finger bekommen, war soweit gegangen mit dem bittern Amt . . . wie konnte man da zurück? Dennoch war weder dem Sarti, wie er auch immer grollte, noch mir das Herz auf weiteres schwer. Wir schmeckten es sozusagen mit der Zunge, daß die Nacht Rettung bringe. Mir wäre freilich lieber gewesen, man hätte den Vogel gesucht und daraus einen gültigen Beweis für Sartis Unschuld in diesem einen Falle gezogen. Denn wenn er entfloh, blieb er doch immer ein Angeklagter und Verfolgter, trug den Schein der Schuld auf sich und konnte nicht mehr in der frühern Sicherheit über Weg und Steg gehen. Die Polizisten soffen wie Kühe, lachten, nestelten den Revolver los, knöpften schließlich Rock und Hemd auf und begannen zu singen. Der Jüngere fing an, zu dem stillen, nüchternen Sarti Freund und Bruder zu sagen. Kerzen wurden festlich angesteckt, als es dunkelte, vom Kapellchen läutete es das Angelus die Hügel hinauf. Die Holzschuhe der Kinder klapperten heim. Es ward Nacht. Aber nicht das starke Wald- und Wassergeräusch, das so herrlich unsere schweizerische Taleinsamkeit durchschauert, klang von den Bergen her, sondern eine tiefe, unermeßliche Stille von Himmel und Erde regierte hier. Ich sah, wenn ich mich übers Gesimse lehnte, ein paar Sterne hoch oben. Mir war, ich müsse ihr fernes Feuer knistern hören, so lautlos lag die Nacht da draußen. Aber plötzlich wurde es laut. Leutegemurmel, ruhige, feste Schritte, ein großer, ernster Mann mit einem schweren Sack auf der Rückengabel poltert in die Stube, rückt sich einen Stuhl zu uns an den Tisch, mitten zwischen die Guardia, schaut alle kühl an und sagt langsam, als könnte etwas verlorengehen: »Guten Abend! Habt ihr mir auch einen Bissen?« »Guten Abend, Marzo Plegni«, grüßt der Sindaco mit tiefer, zufriedener Stimme. Aber die Polizisten, der Sarti, die Jungfer Marta machten Gesichter voll Verwunderung. Dem war man doch auch auf den Fersen. »Jungfer Marta, wollt Ihr ein paar Pilze? Schöne, fette Steinpilze, bevor ich den Sack nach Preci trage und verkaufe. Den ganzen Tag sucht' ich Pilze.« Die herbe Stiefschwester des Sindaco lief sogleich zum Sack. »Lest Euch ein Dutzend aus, aber dann lasset mich hier über Nacht!« »Schon recht!« »Und erschreckt nicht. Zu oberst liegt ein Vogel, bringt ihn her!« Wir saßen wie an die Bank geleimt. Ein währschafter Habicht wurde auf den Tisch geworfen. ›Was der Teufelskerl wagt‹, dachte der Sindaco. ›Er ist halt ein echter Kamerad‹, frohlockte Augusto Sarti mit dem ganzen Gesicht. ›Jetzt bin ich frei.‹ Dann unter andauerndem Schweigen langte Marzo, derselbe Marzo, dem man unzweifelhaft den Rehschmaus verdankte, langte eine Patrone aus dem Sack. Sie war noch schmutzig von Blut und Fett. »Die steckte in der Brust«, brummte Marzo Pogni. »Seht nur an der Wunde nach! Deine Flinte, Augusto, ich wette. Zeig' mal!« Sarti schnallte heftig die Patronentasche ab. Marzo zählte eins, zwei, drei, fünf, zehn, elf . . . und schob die Hülse in den zwölften Lederschlitz. Ringsum zeigte er die Patronentasche. Ja, das war dieses zwölfte Geschoß gewesen. Jetzt ernüchterte die Polizei. Sie griff in die Wunde, holte Sartis Flinte, legte die Patrone ein, wirklich, es klappte. Augusto hatte nicht gelogen. Diesen Raubvogel hatte er mit dieser kleinen Kugel getötet. Fraglos! »Der zweite Schuß . . . na . . . Marzo, der ging nicht weit von Euch los«, hieß es heiter; »sehr nahe muß es geknallt, Euch fast die Backe versengt haben.« Alle lachten, nur nicht Marzo Pogni. »Ich weiß von keinem zweiten, nicht mal von diesem ersten Schuß da«, betonte er frostig. »Jetzt schießen ja viele, Jagdzeit oder nicht. Ich habe Pilze gesammelt, das seht ihr. Aber jetzt hab' ich Hunger und Durst, und der Rücken schmerzt, als hätt' ich nicht Schwämme, sondern die beiden Polizeihunde da zwölf Stunden lang auf dem Buckel gehabt. Bücken, immer bücken und bücken und dazu zwei Gendarmen am Hals . . .« Man lachte wieder. Nicht einmal die Guardia nahm das ›Polizeihund‹ übel. Die saftigsten Bratenstücke lud man ihm auf den Teller. Er aß und ward redselig. »Das ist ein Reh! Mein Lebtag aß ich kein solches. Welcher Spitzbube hat das erlegt? Ihr etwa, Blauhösler?« wandte er sich an die Uniformen rechts und links. »Schießt ihr wirklich so gut?« Da war nichts zu machen. Die ganze Bande hier steckte unter einer Decke. Das merkten die zwei gut genug. Jetzt nur nicht noch die Gefoppten spielen! Lieber lachen und mitschmausen. »Und jetzt, was sagt ihr Hunde?« schnauzte Sarti sie an. »Gebt mir schleunigst Flinte und Rucksack und seid froh, wenn ich euch nicht verklage.« Sie holten das Abgenommene und mußten sich bescheidentlich darein ergeben. Geglaubt haben sie nichts. Sie fühlten, daß der richtige Kerl zwischen ihnen sitze, ja, zwei Kerle. Aber sie hatten an der ersten Probe genug. Also Hände weg und dafür essen und trinken bis zum Umfallen. Jetzt endlich aß auch Augusto Sarti vom Wildbret. Nachdem alle andern genug hatten und müde, übersättigte Köpfe hängen ließen, schmatzten und nagten er und Marzo noch gewaltig am Braten herum. Sie hatten ja das beste Recht darauf. Ihr Appetit wurde jedesmal frisch, wenn sie überlegten, wie lustig es eigentlich sei, vor den langen Nasen des Staates gewildertes Fleisch behaglich zu verzehren. »Wir dürfen doppelte Portionen nehmen«, höhnten sie, »sind wir doch arme, geplagte, unschuldige Waldleute und hier zu Tische geladen. Aber eine ganz andere Frage ist, ob ihr Herren Blauröcke von diesem Fleisch, das jedenfalls gewildert worden und für euern Magen und euer Gewissen ganz sündhaft ist, ob ihr auch nur eine Gabel voll essen durftet.« Nun mußten auch die Polizisten erschütternd lachen. »Nein, so etwas!« Marta kochte zwei, drei Kannen voll Kaffee. Den tranken wir in der Küche am großen Herdfeuer, und hier hockte es sich so vergnüglich, daß es unter Geschichtenerzählen und Spaßen fast Mitternacht wurde, bis man das Lager aufsuchte. Man hatte zuletzt noch alte, schwermütige, eintönige Lieder gesungen und sich dabei Arm in Arm gehalten, auch die Polizisten! Ernst, feierlich, ehrlich war man geworden. Da konnt' ich's nicht verhalten, zog den Knabenbrief hervor, las ihn laut, Stempel, Unterschrift, Feder und fragte: »Wer zweifelt jetzt noch, daß unser Freund Augusto Sarti heute nichts anderes, gar nichts anderes hätte schießen können als einen Habicht?« Der Sarti schoß mir böse Blicke zu. Aber als alles ›Bravo‹ schrie und Beppo und Ugo ihm die Hände schüttelten und nun wirklich herzliche Abbitte leisteten und sogar versprachen, sie wollten ihm nie anders als so am guten Eßtisch begegnen, und sie würden ihm in Zukunft Signale geben, etwa durch die Finger pfeifen, wenn er im Walde zu tun hätte, damit so ein Habichtschütze nur ruhig bleibe . . . »Oder noch ruhiger davonlaufe«, ergänzte Marzo Pogni. »Um nicht den Braten mit einem Dutzend Mäuler teilen zu müssen; denn«, spaßte Sarti, »mich reut, was ihr mir da alles weggefressen habt . . .« Jetzt wollte das tiefe, rauschende italienische Lachen gar kein Ende mehr nehmen. – Am Morgen gab ich dem Sarti den Brief Ferruccios zurück. Er schob ihn unters Hemd, neben das Skapulier. »Die zwei sollen beisammenbleiben, mein Sohn und San Francesco. Es ist genug, daß ich nicht dabei sein kann.« »Ihr könnt es doch.« Der hagere Mann zuckte die Schulter, hing den schönen, großen Vogel an den Rucksack, schlug ein Kreuz vor der Kapelle und wanderte in großem Schritt mit Kamerad Marzo die Höhen von Renaro hinauf. Die Freiheit, der Bergwind und die unwiderstehliche Jagdlust wirbelten ihm das schwarze Haar auf. Er blickte kein einziges Mal nach uns zurück. Was ist wohl aus ihm und seinem Büblein geworden? Ich trieb mich noch zwei Tage in der Gegend herum. Dann nahm ich die mir so unvergeßliche Bergstraße nach Visso, den sibillinischen Häuptern entgegen. Einer, der Steine sucht und Menschen findet Spoleto! Dreimal bin ich die alte Stadt der Abruzzen bergauf gewandert. Es riecht nach Rom und Goten, nach Hannibal, der die Rocca nicht erobern konnte, nach Totila, der fluchend vor ihren Felsen stand, nach Barbarossa, der das »päpstliche Nest« endlich ausräumte, und nach seinem Sohne, dem mildesten Hohenstaufen, dem herrlichen Jüngling Philipp, wie er hier als Herzog doch recht umgriffig hauste und den alten Papst neckte. Heimweh faßt mich, denk' ich an dich, du alttrautes Städtchen am Monte Luco im Atem der schönsten Eichen. Wie viele Fürsten und Bischöfe haben hier ihr Wort gesprochen und meinten, es verhalle nicht. Wie viele Künstler malten und meißelten hier in der Hoffnung, sich den Weg nach Rom zu ebnen. Und wenn ich die Gäßchen hinaufzog, wie viele stille Chronisten glaubte ich aus kleinen Fenstern ins Halbdunkel hinausträumen zu sehen. Denn was ward da in Türmen, Stüblein und Sälen geseufzt, stolziert, gequält, gelacht und wütend geküßt! Es ließen sich Folianten aus jeder alten Straße schreiben. Ich schlage ein Blatt auf und lese folgende rührende Geschichte: Eines Vormittags um die neun, als nach einem heillosen Gewitter durch alle Nacht bis tief in den Morgen der Wind vom Monte Maggiore das Gewölke zerblies und aus der zornigen Himmelsfratze ein lachendes Unschuldsgesicht schuf, so daß auch Spoleto sogleich aus der Angst in den vergeßlichsten Leichtsinn sprang und die Einwohner auf die Straße hinaustraten und einander sagten, sie hätten sich gar nicht gefürchtet. obwohl der Blitz mehrmals ihr Haar gestreift habe, während sie gemütlich an den Gesimsen gesessen und ins Gekrach und Geleuchte der Lüfte geguckt hätten – um diese aufatmende, redselige Stunde marschierte gerade ein Fremder mit hagerem Gesicht und zerschütteltem, magerem Langbart über den Tessino und freute sich ein wenig, wie dieser Bach katzengrau und geschwollen aus der Schlucht herunterbrach, trat dann durch die Porta Leonina in die Unterstadt und rückte langsam gegen den Dom herauf, wobei er die durchnäßte Kapuze hintenüberschlug, um besser die alten Häuserfronten zu betrachten. Er zeigte ein sehr altes Gesicht mit überhoher, zerfurchter, grämlicher Stirne, aber von einer solchen Neugier, ja Sehnsucht der Augen überglänzt, daß es geradezu kindlich wirkte. Die Leute grüßten ihn mit einem wortlosen Kopfnicken. »Der muß die ganze wüste Nacht unterwegs gewesen sein«, sagten sie hinter ihm, »seht nur seine Stiefel an.« Und ein Taugenichts auf der Schwelle des Schusters Troni schwang eine Bürste und rief: »Gnädiger Herr, Stiefelputzen, Stiefelputzen? . . .« Aber der Greis beachtete es nicht. Es war unrichtig, er hatte nicht die ganze Nacht marschiert. Aber freilich war er um zwei Uhr nachts mit seinem Neffen Nino Buonarotti vom Quartier in Campello aufgebrochen, da es eine Weile aufhörte zu regnen und nur ein Zucken und Schießen der himmlischen Artillerie noch glorreich über den Bergen feuerwerkte, was dem Alten wohltat. Ungern hatte er es gehabt, daß auch Felicita Franzoni mit ihrem Gemahl Carletto ihn begleiten wollte. Das war ein junges, adliges Paar, bei dessen Eltern er Gast gewesen und das eine Wallfahrt zum Kloster auf dem Monte Luco gelobt hatte, wenn die Hindernisse, die man ihrer Heirat auf beiden Seiten bereitete, in drei Monaten besiegt würden. »In drei Monaten«, erzählte Carletto, das Schnurrbärtchen streichend und die langen, schmalen Augen bis auf eine Spalte schließend. »Und in drei Monaten hatten wir es ertrotzt.« Diese Hindernisse bestanden in der Politik der Väter Franzoni, in der blutarmen, zarten Ungereiftheit der siebzehnjährigen Felicita und in der Unruhe und Seßlosigkeit des zwanzigjährigen Carletto. Er jagte unmäßig, reiste gerne weit und allein herum, stieg sogar, was ein Greuel schien, auf die kahlen Berggipfel hinauf und, munkelte man, unterschied nicht zwischen Gold und Kupfer und zwischen Liebe und Liebelei. Er wollte immer heiß haben, sei es von der Sonne, von den Abenteuern, vom Reiten, vom Tanz mit den Mädchen und vom dunkelroten Spoletanerwein, den er jedem andern vorzog. Jetzt bei der hohen Gelegenheit eines solchen Gastes wollte das Paar seine Gelübde erfüllen. Aber beide mißfielen trotz ihrer hübschen, flinken Jugend dem greisen Michelangelo, besonders die unglaublich kindliche Frau, die noch auf dem Schemel ritt, Carlettos Reithosenknie mit ihren weißen Schneeglöckleinwangen rieb und so zu ihm aufsah, als sei er der Herrgott um und um. Er nahm sie aufs Knie wie eine Puppe und küßte sie, bis das Schneeglöcklein eine Rose ward, spaßte mit ihr, neckte sie, und so gar nichts von Ernst und Lebensreife atmete gestern abend aus dem Paar, gerade als säße man in einem Puppenzimmer. Den alten Eltern, die zu Rom schöne Häuser besessen und dort ihre Jugend verbracht hatten, aber nun seit zwanzig Jahren nie mehr von ihrem geliebten umbrischen Bergsitz weggekommen waren, hatte Michelangelo nur immer von Rom erzählen müssen. »Als Ihr das Jüngste Gericht fertiggemalt hattet, sind wir zum letztenmal im Vatikan gewesen. Da nahmen wir uns an der Hand, meine Frau und ich, und liefen, den kalten Schrecken im Rücken, aus dem Palast und bald aus Rom ins Grüne hier oben. So ein Grausen, Meister!« »Und glaubt Ihr dem Gerichte entronnen zu sein? Gibt es das nur in Rom?« fragte der Künstler ernst. »Dort mehr als anderswo!« erklärte der Graf fest. »Das mag wohl sein«, gab der Greis zu und hoffte, nun schweigen und sich zu Bette legen zu dürfen. Nebenan liebelten die Jungen trotz Charon, Posaune und allen Totenschädeln der Friedhöfe. Aber man ließ dem Einundachtziger noch keine Ruhe. Er saß auch gar zu vielwissend und rüstig da. »Als die Franzoni Rom verließen, war Sankt Peter halb eine Ruine, halb ein unsägliches Baugerüste gewesen, ohne Gesicht und Gehirn«, scherzte der Graf. Wie es nun dort wohl aussehe und ob die unglaubliche Kuppel wirklich ausgeführt werde. Da vergaß sich der alte Mann, schwamm mächtig in seinem Element, erzählte, schimpfte, er habe es mit Verschnittenen zu tun, es gebe dort keine echten Menschen mehr, schlug mit der klapperigen Hand auf den Schiefertisch und zeichnete seinen Plan, das griechische Kreuz, auf die Platte. Kein Finger zitterte. Und dann riß er die Laterne hin und den himmlischen Schwung der Kuppel. Welche Bogen! Welcher Atem in jedem Strich und welche Wut, daß immer wieder die »Praktischen« kamen – o Gott, diese verfluchten Praktischen! – und das Kreuz in die Länge ziehen und die Krone des Weltdoms, die auch seines langen Lebens Krone wäre, töten oder sie ihm doch zu einer Dornenkrone machen wollten. – Nein, da saßen nicht mehr einundachtzig Jahre auf der Eichenstabelle, ein Jüngling war das, ein brausender März, ein gottgejagter, mächtiger Schaffer. Aber Kuppel hin, Kuppel her, in der Nische hörte man das Schmeicheln und Streicheln der Jungen. Sie sahen den Bart des Alten lodern und wehen, seine unsterbliche Hand mit einem ungeheuren Schatten an der Wand hin- und herregieren und von Ewigkeitsglorie reden, und schüttelten nur das warme, junge Haar und lachten einander in die Augen und umfingen und verwirrten sich wieder in ihren kleinen, elenden Seligkeiten. Den Greis ekelte es förmlich an. Und so war er denn unsagbar froh gewesen, als der Wind nach kurzem Nachtritt wieder anhob und schwere Regentropfen in die Gesichter schmiß und das bleichsüchtige Frauchen, von all dem Getöse erschreckt und angefröstelt, durchaus umkehren und den Morgen abwarten wollte. Nur Nino war dann weiter mitgeritten, der Sohn seines Brudersohnes, der gar nichts von Kunst und seiner Art verstand. Er hatte ihn in der Herrschaft der Franzoni, wo die Familie bauerte, besucht, dem Großenkel einen Beutel Silber als Patengabe an den Gurt gehängt und, erfreut über seine backenrote, gesunde Unwissenheit, nach Spoleto mitgenommen. So waren der Greis und der Bub durch die Finsternis geritten. Ein hübsches Reiten trotz Regen und Lüftegebrause. Der Alte redete mit sich oder dem Himmel und der Junge mit seinem Pferde, und jeder ließ den andern in Ruhe. Ein einziges Mal schien es Michelangelo, es wimmere etwas vom Wegrand und seufze Misericordia! Beinahe wollte er anhalten. Aber der Jüngling lachte, der Ohm träume wohl. Die Winde pfeifen so, und die Bäume jammern, und das Wasser klagt, die ganze Erde schreit. Da kann man alles hören, was man will. – Und Michelangelo hatte wirklich gerade an ein merkwürdiges Bild gedacht, an die alte, abgerackerte Mutter Erde, die müde war und nicht mehr leben wollte und aus Schweiß und Verdruß und Sünde ihre Hände zum Schöpfer hebt und bittet: ›Misericordia, nimm mich hinweg! Ich verderbe ja nur dein himmlisches Spiel. Ich bin ein Greuel für Sonne und Mond mit meinen Häßlichkeiten. Nimm mich weg! Einst war ich ja auch nicht, und du, o Gott, bist ohne mich genau so groß und so glücklich. Erlöse mich, Misericordia!‹ Dieses Misericordia hatte er von innen heraus gehört. »Aber dann«, beharrte er, »hat auch da draußen im Sturm jemand das Wort leise geschrien.« »Ach Ohm, du bist alt. Vertrau' meinem Ohr. Ich hör' zehnmal schärfer.« Sie schwiegen und ritten weiter, und erst der aufheiternde Morgen machte sie redseliger. Aber kurz vor Spoleto war das eine Pferd ausgeglitten, blutete am linken Knie und wollte keinen Schritt mehr weiter. Indessen Nino es in einen Bauernstall zur Verpflegung abgab und das andere müde Tier füttern ließ, um dann dem Großohm mit frischer Kraft nachzureiten, hatte der Greis das Städtlein zu Fuß erreicht und sog die gute, vom Gewitter herrlich durchsäuerte Bergluft munter ein, indem er gemach, aber elastischen Schrittes zur Domhöhe aufstieg und sich um den kotigen Zustand seiner Kleider nicht im geringsten kümmerte. ›Das werden ein paar schöne Tage sein,‹ dachte er, ›dort oben auf dem Luco, in Wald und Gestein, so unbehelligt und ungeärgert, auf der Suche nach dem gerühmten Stein, der dort oben gebrochen werde und bei seiner leichten, zähen Art so trefflich für seine Kuppel passen würde. Dann soll es auch Adern eines andern, feinen, mattweißen Marmors da oben geben, nicht der kalte, glänzende, sondern ein Marmor weich und leisrötlich wie Fleisch.‹ Fort von den Menschen zu den Steinen! Ja, Ruhe und Steine suchen und ganze Dichtungen darin sehen, und abends bei den Mönchen im Refektorium sitzen und der Lesung zuhören und um Mitternacht, wenn das Glöcklein weckt, auch Buch und Laterne nehmen und in den Chorstuhl sitzen und psalmodieren: Ah, das ist schön. Das sind Ferien der Stadt- und Werktagsseele. Wenn nur jenes zwitschernde, küssende Spatzenpaar ihm nicht nachflattert und die einsame Sonntäglichkeit dort oben nicht stört! * Michelangelo hätte leicht den Bischof oder den Governatore besuchen können; sie hätten ihm Komplimente, eine Sänfte, Diener und jedwede Erleichterung geboten. Aber es wäre ein Geschwätz dabei gewesen. Diese hohen Herren hätten von Gott und Kunst und frommem Beruf gesprochen, aber dann schon beim zweiten Becher über ihre irdischen Habseligkeiten und beim dritten über Feinde, Intrigen und andern Menschenstaub ihm Aug' und Herz versudelt. Er kennt das auswendig. Nein, fort, wenigstens ein paar Tage fort von den Menschen, die Staub sind und nur Staub machen! ›Wie anders der Stein!‹ dachte Michelangelo, trat in den Dom und musterte rasch die Skulpturen. Da sah er noch Frühchristliches, ungefüg, schwerhändig, von stumpfer Zunge; aber es lebte ein strammer, männlicher Sinn im Geschnörkel. Jemand spielte die Orgel irgendwo. Uralte Choräle! Der Greis lehnte sich an eine Säule und horchte und sah nicht, wie ein kleines Mädchen mit einem Strohsessel kam und sagte: »Nur zwei Quattrini!« – Er nahm etwas – Gold, Silber, Kupfer? – er sah es nicht, aus dem Gurt, reichte es, setzte sich nicht, horchte weiter. Das, was er hörte, kam nicht von Menschen. Es war übermenschlich. Es tönte, als sängen die Berge und die Ströme, die Sonnen und Monde, nein, als sänge die Ewigkeit aus ihrem schweren Munde. Dem Greise war, so müßte auch der Stein und der Hammer singen in des Bildhauers Hand, aus dem kleinen Tag ins Ewige hinausschlagend. Michelangelo ging hinaus. Da sprang ihm das Kind nach, den tropfenden Zeigefinger ihm zustreckend, und rief mit süßem Schelten: »Du bist so alt und weißt noch nicht, daß man sich in der Kirche mit Weihwasser besegnet. Auch beim Hereinkommen hast du den Finger nicht ins Weihwasser getunkt. Da, Alter, tupf' an meinen Finger! So! Und jetzt schlag das Kreuz, wie ich's dir vormache, und sag': ›Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen . . .‹ Bravo, jetzt geschieht dir heut kein Unglück.« Es half ihm den ledernen Türvorhang beiseiteschieben und sagte »Addio!« ›Ja, die Kinder,‹ dachte Michelangelo, ›das sind noch keine vollen Adame und Even. Das sind halbe Engel und halbe Teufel, so ursprünglich, so naiv, so jenseitig. Aber dann werden sie größer und versinken im gemeinen, lauen Menschentum, das ich schon oft ausgespien hätte, wenn ich Gottes Mund wäre. Sie wollen Ja, sie wollen Nein, nicken zu und winken ab zur gleichen Minute, sie liebeln wie die Maikäfer in ihrer heißesten Dummheit und vergessen und verfressen sich in Trödel wie nicht einmal die Motten. Und ist ihnen einmal ein großer Gedanke vom Himmel in den Schoß gefallen, so können sie ihn doch nicht lange groß behalten. Da verzerren sie hier und stutzen dort und verkleinern und versetzen, bis aus dem Riesen glücklich ein Zwerg, aus dem Himmelsbild eine Grimasse wird. Ach, mein Petersdom!‹ Er ging jetzt tief unter der klotzigen Burg vorbei. Sie ist fast so alt und grau wie ein Berg. Nun schritt er über den Ponte delle Torri, mit seinen zehn über die Schlucht gehobenen schweren Bogen. Am Fensterchen in der Brückenmitte, das damals ein gutes Stück mit dem Gesimse in die Luft hinaushing, kletterte er, um alles reiner zu übersehen, ohne Schwindel hinaus und betrachtete den gewaltigen Quaderbau hinauf und hinunter und an den steilen Seiten von Ufer zu Ufer und atmete schwer aus. Von vergessenen Riesen der Völkerwanderung ist das geschaffen. Die hatten tausend starke Knechtehände und sagten kurz: »So hoch, so weit, so dick muß es sein, basta!« Da krochen keine Würmer des Zweifels, keine Tausendfüßler der Bedenklichkeiten dem Herrn ins Ohr. Er sprach und es ward! Gott, welche Brücke! Nein, damals gab es noch keine Höflinge und Kammerherren. Jenseits der Schlucht wanderte er langsam die Ränfte empor. Seine Lunge arbeitete noch wacker. ›Himmel, wenn ich nur noch meine Kuppel erlebe‹, dachte er. ›Mit meinem Schnauf wäre es schon möglich. Aber der ewige Ärger. Der vergiftet.‹ – Und bitter trat ihm die letzte Woche ins Gedächtnis, wo die Kommission von Sankt Peter geratschlagt und ihm die Kasse geradezu gesperrt hatte. Da war ein alter Papst, der Rom befestigen, nicht schmücken wollte. Da war ein junger Architekt. Der wollte durchaus auf seinen Posten, so kleinlich sein Talent knospete. Da war die ganze vielköpfige Fabbrica und jammerte, daß Michelangelo ihnen nicht einmal seine Pläne zeige und seine Absichten erkläre. Was hieß das? Den frischen Saft der Eingebung mit tausend Wenn und Aber verwässern. Er verbrauche so viel Geld! Wieso? Esse und trinke ich etwa das Gold selber? Ich, der ich auf einer Strohmatte schlafe, in einer Wohnung, wo Stube und Küche zusammen ein einziges Fenster haben und das Schlafzimmer mir nur drei Schritte erlaubt. ›O, sie kritteln und ziehen ins Kleine und Niedrige jeden Schwung. Sogar der gute Kardinal Cervini sagt, es gebe zu wenig Licht ins Chor und ich sei ein alter, versteinerter Despot und wolle noch über den Herrgott hinaus regieren. O, du Großer da oben, du weißt, warum du den Menschen keine Minute voraus deine Gedanken verrätst. Das Göttliche würde vermenschlicht. Das ist der Fluch der Menschen. Sie wollen alles zu Fleisch machen, zu Fleisch, das reizt und welkt und stirbt und stinkt! Nur der Stein trotzt ihnen noch auf Erden . . . der Stein und ich. Darum sagen sie mir heimlich Unmensch.‹ Nicht der steile Marsch, sondern der schwarze Krähenflug solcher Gedanken machte ihn müde. Er setzte sich auf einen Baumstrunk und sah über das graue Städtchen hinunter und nickte im Rauschen und Strudeln des Tessino unten halbwegs ein. Und wie gewöhnlich sah er in solcher Dämmerung der Sinne etwas Hohes, wunderbar Geschwungenes, ein Gebilde ohne Erdenschwere, wie eine Melodie der Überwelt, rein vom Himmelsodem lebend und schwebend, die Peterskuppel, sah sie fertig über der Trommel geschweift und mit der Laterne diademartig gekrönt, sah das über Rom wie einen Schutzgeist der Stadt wehen, und in diesem Traume fing der Alte an wie gewöhnlich mit der Linken – denn die Rechte glaubte immer den Meißel zu halten – prachtvolle Schweife und Rundungen durch die Luft zu ziehen, bis ein lautes, klares Lachen ihn mitten in der Zeichnung abbrechen und völlig ernüchtert mit einem Satz vom Sitz aufspringen ließ. »Ach, du Bauer«, fuhr es zornig aus seinem Barte. Doch wie er dann den Burschen Nino recht betrachtete, wie er ein Pferd rechts, ein Pferd links am Halfterriemen fassend mit seinen Beinen das Sträßchen verspreizte und aus seinen runden Backen das Lachen schüttete, daß er davon in einem Sonnenschein von Spott stand, ganz wie ein derber Engel etwa über einen Schnitzer des Gevatters Teufel lacht, nein, da zerrann augenblicklich der Grimm. Das Bild war zu plastisch schön. Er zog flink das Skizzenheft hervor mit dem Rötel und befahl weicher als ein Mädchen: »Nino, lieber Nino, steh still, ganz so wie du eben noch standest, und lache, das Gesicht aufwärts, als wolltest du allen Spaß der Himmlischen zu dem deinigen hinunterlocken . . . nicht so! . . . nur einen Augenblick, das gibt ein famoses Bild, sag' ich . . .« und er blitzte und zückte und riß aufs Papier hin wie mit einem Schwert. Aber sieh, jetzt konnte Nino nicht mehr lachen, wurde trotzig und erklärte: »Ich mag nicht.« »So geh zum Teufel«, schnob ihn der Meister an. Aber der Jüngling blieb steif und wiederholte: »Ich mag nicht. Das ist dummes Zeug. Steig jetzt lieber aufs Roß, Ohm, es ist schon kuriert. Schau', wie ich es noch gestriegelt hab', das deine besonders. Der Papst mit dem Sakrament dürfte jetzt darauf reiten.« »Red' mir nicht vom Papst«, grollte der Greis, aber bekreuzte sich zugleich andächtig vor dem Sakrament. – Dann skizzierte er weiter. Was brauchte er diesen Schlingel? Er hatte in einem Augenblick genug gesehen und zeichnete jetzt herrisch weiter. Das war kein Roßbub mehr, sondern ein junger Genius, der aus der komisch kleinen, krämersüchtigen Menschheit voll Ekel entflohen war und nun mit seinen zwei treuen, beflügelten Hengsten, dem Genie und der Sehnsucht, auf einer unersteiglichen Höhe rastete und die verfolgenden Ameisenmenschen mit blendendem Hohn übergoß und jedesmal, wenn wieder so eine kribbelnde, krabbelnde Schar unverrichteter Dinge an den steilen Hängen zurückkollerte, in ein tödliches Lachen ausbrach. »Da«, sagte der Meister und zeigte dem Enkel die Skizze. Blöde starrte Nino die Zeichnung an und sagte zuletzt: »Das ist ja gelogen, das gibt es nicht.« »Du hast recht, das gibt es bei uns Affen nicht. Und was es hier nicht gibt, weil die meisten zu schwächlich oder zu dumm und bange dazu sind, das will ich machen. Was es bei uns nicht gibt, das allein ist das Echte. Das andere verdient keinen einzigen Kreidestrich.« »Ach, Ohm, reden wir etwas anderes«, bat der Jüngling gelangweilt. »Gib acht . . . hopp, hopp, Bianca! Hast du gesehen, der Schimmel hinkt nicht mehr. Wir haben ihm das Bein mit Schnaps eingesalbt, mit Schnaps und Öl. Die Kerle fraßen aber auch wie toll.« – Er tätschelte sie am Hals, als wären es seine zwei Schwestern. Man ritt nun bedächtig den krummen Weg empor, und im Anblick des Nino, dessen Backen vor Appetit am Leben geschwollen und blaurot waren, und mit seinen schweren Lippen, die sich beim Geplauder vor Frische netzten, und mit dem Heu und Schweif im Haar, aber vor allem in seinem Schwatz, der von Erde und Tier und gesunder Urmenschlichkeit roch, da übernahm es den greisen Städter und Künstler wieder. Er mußte ihm zuhorchen, er konnte nicht anders, und sich freuen, obwohl er nicht alles verstand. Ja, hie und da juckte ihn wie Flohstich die kleine Besinnung, ob so etwas Gesundes und Echtes, in Sonne, Luft und Gras Hausendes und den Himmel kindlich Ahnendes, ob es nicht noch sogar über den Stein, den vielverehrten, heiligen Stein ginge und auch über alle Steinverehrer? Es gab nichts von der Erhabenheit seines Moses in diesem Apfelmenschen da, nichts von der Grübelei seines Pensieroso, nichts von der Schwermut seiner Nacht, noch von dem idealen Schwunge seines David. Der große Atem und tiefe Gedanke seiner Marmorbilder fehlte ganz. Und doch, und doch, war nicht mehr Leben hier? Wahreres, menschenhaftes? Und plötzlich bei diesem Vergleich fühlte Michelangelo Appetit nach Essen und Trinken und sagte, dort an der Wegschleife wollten sie halten, den Sack öffnen und das Frühstück nehmen. Indem sie vergnüglich das Becherlein Weines leerten und Brot dazu aßen und gedörrtes Fleisch, das der Junge zu dünnen Blättchen schnitt, damit der fast zahnlose Großohm es leichtlich genieße, während dieser artigen Kurzweil im Grün und Duft des Waldes wurde der Tag schon ordentlich warm, und ihre verregneten Kleider trockneten und dufteten von Sonne. Aus der Stadt herauf läutete das Konventglöcklein von St. Agatha, und schon öffnete sich von dieser Höhe aus die Talung gegen Perugia und begannen die über Nacht beschneiten Köpfe der Sibillen hinter den Vorbergen hervorzuwinken. Es summte von Mücken und leuchtete von gelben und weißen Schmetterlingen an der Lichtung, und ein Lüftchen fuhr so entzückend rein und gesund den beiden ins Haar, als bliese es geradeswegs aus der ersten Schöpfung. Leben, Leben und die große Sonne umschwoll und umdrängte den Meister, und der Wein, den die Franzoni mitgegeben hatten, durchrieselte ihn wie ein zweiter fröhlicher Sonnenschein. »Wie schön ist es hier«, sagte der Greis und streckte und dehnte sich wie ein Jüngling im Frühherbstgras. »Daß ich doch der Natur so vergessen konnte in meinem Atelier!« »Aber Ohm, so rede doch etwas Vernünftiges«, rief Nino lachend. »Von all dem Gefasel versteh' ich reinweg nichts.« Der Bildhauer hörte das nicht mehr. Unverbesserlich eilte seine schwerblütige Neugier zum Stein zurück. Denn dort im Osten dräuten trotz allen Lichtes die sibillinischen Gipfel unheimlich ins Blau empor. Waren das Berge? Waren es nicht eher Statuen Gottes, aus dunklem Stein mit dunklem Hammer geschlagen? Ein Kopf sah aus, als trüge er eine Krone, aber eine Krone, die drückte. Schmerzlich duckte er sich ob der Last in die Schultern. Ein anderer tieferer Kegel schielte mit halb verdrehtem Hals wie ein Spion zu den höhern Kameraden; etwas Hündisches klebte seiner feilen, elenden Haltung an. Ein dritter Riese schlummerte halbwegs, das Haupt leicht vornüber. Die vielen Jahrtausende hatten ihn müde gemacht. Jetzt träumte er vom Überstandenen. Durch ein paar genial hingehämmerte Züge war das halbwache Hindämmern des Giganten ergreifend gedeutet. Nur die Stirne sollte breiter sein und minder glatt. Ein tiefer Riß sollte zwischen den Brauen in die Nasengrube gehen und gleich unter dem Scheitel sollten drei, vier Runzeln gleich ebenso vielen Zeilen eines melancholischen Gedichts das Stirnblatt beschreiben. Und unwillkürlich griff Michelangelo an seinen zerfurchten Kopf und begann von da in die Luft hinaus zu zeichnen und an jenem fernen Gebilde herumzukorrigieren. Gott in seiner runzellosen, leuchtenden Stete habe da vergessen, daß wir sterblich sind und verbröckeln müssen . . . und weiter korrigierte seine Hand durch die Luft. Aber zum zweitenmal störte ihn mitten im besten Spiel der Schlingel. Mit beiden Händen fiel er dem Meister geradezu in den Arm, tropfte Tränen vor Lachen und schrie: »Ohm, Ohm, du wirst alt. Du murmelst allein für dich hin, kein Mensch weiß, was und zu wem, und du fuchtelst in der Luft herum gerade wie der Valentino Stossi im Dorf, der Irre, wenn er etwa den Veitstanz kriegt.« »Schweig!« herrschte der Greis ihn furchtbar an. »Ich habe gemeißelt. Ich habe den Berg dort fertiggehauen.« Jetzt dachte Nino wirklich, der Meister sei verrückt geworden. Seine Augen wurden groß, das Lachen verging. »Welchen Berg?« fragte er. »Das ist doch alles fertig, Michel, jeder Berg . . .« »Nichts ist fertig!« ›Er ist ganz aus dem Häuschen‹, dachte der Bursche und erhob sich. »Nichts ist da,« rief er fast zornig, »was ich anders haben möchte, als dieser holperige Weg. Korrigier' den lieber!« Und als der Ohm schwieg, stellte er sich wieder in seinen geringen Kleidern zwischen die Rosse vor ihn hin, schlank, geradbeinig, bauernfest und frisch wie der Himmel, ein dreckiger, grober Engel, aber doch ein Engel, und sagte nicht sehr mild: »Den Berg hast du fertiggehauen? Haha! Bist du also mehr als Gott? Er hat doch das gemacht und am siebenten Tag gesagt, es sei gut. Kannst du's noch besser?« Mechanisch packten sie die Bündel zusammen. Michelangelos Hände wurden unsicher. Er konnte die Sackschnur nicht zuknöpfen, Nino mußte es tun. Das einfache Wort des Jungen hatte ihn wie mit einem Hammer getroffen. Er wurde finster, still und brummte: »Du verstehst mich nicht.« »Was, ich dich nicht verstehen? Das ist doch nicht schwer«, fuhr Nino unbarmherzig fort. »Du pfuschtest dem Herrgott ins Zeug, einfach so! Das sagen alle. Ich hab' das nie verstanden. Jetzt weiß ich's auch . . . ha, seine Berge fertigbauen!« Sie stiegen zu Pferde. Nino mußte wieder helfen. Der Greis sah, daß sein Enkel noch viel auf der sprühenden Lippe hatte. »Red' nur«, gebot er. »Red' nur«, bat er ein zweites Mal. »Wir haben in Foligno, wohin ich jede Woche mit Futter fahre, einen alten Schneider, Andrea Folli. Jetzt ist er so kurzsichtig, daß er nicht mehr gut nähen kann. Nichts ist ihm recht. Er ist so ein Narr, daß er einmal sagte, Gott hätte den Mond für den Tag brauchen sollen, wo es sowieso hell und heiß genug sei, und die Sonne für die Nacht, wo es sowieso zu dunkel sei. Er habe sich da vergriffen. Denke, so was! – Seitdem heißt er überall der Schulmeister Gottes, und die Kinder packen ihn am Ärmel und fragen, wann er endlich da oben einmal die Lampen wechsle. Da muß man lachen. Und jetzt fängst du an, die Berge zu verbessern!« »Reite du voraus!« bat Michelangelo als einzige Antwort. Er wollte bisher hartnäckig die Spitze halten, da man nicht nebeneinander reiten konnte. »Führe du«, sagte er jetzt milde. Er war nicht mehr zornig. »Ich merke,« fügte er bei, »daß du besser siehst, lieber Nino.« »Ja, ich bin noch jung und stark!« bestätigte der Jüngling unbarmherzig. Und er ließ sein Pferd an einer steilen Rampe in solchem Schwung nach vorne setzen, daß es einen Augenblick schien, als schwebten Roß und Reiter über dem Abgrund in lauterer Luft. So eng war der Pfad hier. Da sollte man doch sehen, wie er jung und stark und sicher sei! * Es wurde immer steiler und stiller. Die Ruhe des Himmels kam einem fühlbar entgegen. An der Cabanna Mesi, wie der Platz damals hieß, stieg Nino ab und führte den Schimmel des Ohms. Dieser protestierte, aber sah bald ein, daß der Weg für ihn zu jäh und wild wurde, um zu marschieren oder sicher zu reiten. Er ergab sich drein. »Tyrann,« scherzte er selbstverspottend, »du bevogtest mich ja wie ein Kind. Nichts darf ich träumen, noch phantasieren, noch schelten, muß dir gehorchen wie ein Hündlein. Bevormundest du alles so, auch daheim?« »Eh, eh, hör' mal, hast du denn keinen Vormund, daß er zu dir und deiner Sach' schaue?« fragte der Kerl voll ungeschminkter Neugier. »Der Conte Carletto sagte mir doch ins Ohr, du habest keine Frau und keine Magd, kochest dir sogar die Minestra und seiest zuletzt so ins Elend gekommen, daß der Papst selber dein Vormund geworden sei und dir die Steine auslese und den rechten Hammer und dich auf Schritt und Tritt überwachen lasse.« »Das könnte schon so sein«, meinte der Ohm lächelnd. »Aber bevogten läßt sich das da doch nicht.« – Und er strich mit der Hand übers Herz. – »Kennst du meine Sklaven?« »Sklaven? Hast du solche?« staunte Nino. »Ich meine von Stein, Statuen.« »Ach, immer Stein, Stein, Stein!« seufzte der Junge. »Der eine ergibt sich, er kann nicht mehr anders. Er will sich ins Schicksal fügen. Den hass' ich, ob ihn auch alle bewundern. Aber der andere bäumt sich auf, zerrt am Strick, wird ihn zerreißen und frei sein. Den lieb' ich. Der gleicht mir. Das bin ich.« »Du?« machte Nino ungläubig. Man umritt eine Flanke gen Nordwest und sah weit unten im Tal den Maroggiabach und die Straße von San Giacamo her. Wie ein Falke äugte Nino in die Tiefe. Dann jubelte er auf: »Sie kommen, gottlob, dort unten kommen sie.« »Wer?« »Gott, wie sie sprengen. Das muß Carletto sein, der vorderste. Es sind noch zwei Diener mit, bravo!« »Die verdammte Sippe! Wie kannst du froh sein? Alles verderben sie mir.« »Aber Ohm Michel, was sagst du da wieder! Carletto ist ein feiner Herr, gar nicht stolz, tut mit mir wie mit seinesgleichen und weiß immer zu spaßen. Alle mögen ihn gern. Du bist mit Verlaub ein bißchen langweilig, daß du es nur weißt.« »Ist es dir schon zu viel, mit einem alten Manne einen halben Tag zu gehen? Dann reit' in Gottes Namen diesen da unten entgegen, ich bin lieber allein.« »Ohm,« schrie jetzt der Bub schier böse, »was ist eigentlich heut mit dir? Ich von dir weggehen! Durch alle Berge da will ich mit dir. Wie man dich nur anschaut! Das tut wohl, und dann schaut man auch mich an, und etwas bin auch ich, ha, jawohl, und nicht wenig!« Und er lachte mit dem ganzen Gesicht zum verdüsterten Reiter auf, wie etwa der lockere Mai zum Himmel aufspaßt, wo eine greuliche Wolke wuchtet, und ihr sagt: ›Pst, du da, verdirb uns doch nicht die kurze, lustige Zeit, du Alte, Vergraute!‹ – »Aber«, zürnte der Junge nun drollig weiter, »soll ich etwa deinetwegen den andern Leuten ein so böses Gesicht machen wie – Ach, Ohm Michel, sag', warum hast du gerade heut eine so schlechte Laune? Wo wir doch wallfahrten! Das gefällt Gott und dem heiligen Isaak dort oben einmal sicher nicht. So finden wir keine Gnade.« Da der Greis immer noch schwieg, nur hie und da unruhig nach rechts und links in den Waldschatten sah, weil er von Zeit zu Zeit etwas glucksen oder gurgeln hörte, ähnlich einem kleinen Quell, sprudelte Nino weiter: »Schaut, Ohm, Ihr hättet eine Frau nehmen sollen. Das ist nichts, so mutterseelenallein leben. Hab' ja doch ich selber schon so halb und halb ein Weiblein.« »Wie?« entfuhr es dem Greis. »Fängt das auch bei dir schon an?« Und er wunderte sich im stillen wieder, wo es denn so eigen gluckse. »Das heißt, wir sehen uns viel und nicken uns dann so zu, wißt Ihr, so . . . so wie sonst zu niemand.« Nino wurde jetzt begeistert. – »Wir können nicht gut allein sein, die Eltern sind zu streng. Aber die Hände haben wir uns schon oft im Dunkel gegeben und so stark, daß sie aufschrie. Und . . . und . . . kann man zu dir eigentlich so viel sagen? . . .« »Schwärme nur«, spottete der Greis. »Auch einige Male haben wir uns geküßt, oh, zum Verbrennen.« – Der Jüngling erzählte es, und seine großen, gesunden Lippen dürsteten nach Neuem. – »Und du, ist es denn möglich, bist achtzig geworden und hast nie geküßt, kein einziges Mal, und gibt es doch so viele rote Münder zum Küssen, mehr als Bäche und Brunnen zum Trinken!« Michelangelo fuhr abwehrend mit der Hand durch die Luft. Es ging ein müdes, schläfriges Weh, fast wie ein bißchen Reue, durch seine Sinne. Und nochmals wehrte er ab. »Soll ich aufhören?« »Ja . . . nein! Rede nur, du Maikäfer.« »Aber so lache auch ein wenig dazu.« »O, du hörst selber noch früh genug mit Lachen auf. Die Maikäfer surren nur einen Monat herum.« »Ohm, jetzt paß auf: Ich werde immer lachen, immer mehr.« Michelangelo schüttelte energisch den Kopf. »Schau', vorher war ich ein Bub, so ein Tolpatsch, immer mit Buben, immer Raufen und Bocciaspielen. O, es war auch schön. Ich hab' gut geschlafen, und der Tag war mir nie zu lang. Dazu die Rosse, den Wagen nach Foligno oder gar Perugia fahren und auf den Sommerweiden, den Aye- und Porellealpen, ei, das ist auch gut gewesen. Aber zuletzt . . . man kann doch nicht immer mit Buben sein. Groß wird man, alt . . .« »Alt!« spottete der Uralte. »So alt, meine ich, daß man die Mädchen sieht, hübsche Teresen, Carlotten, Agnesen, Marien . . . man . . .« »Und man und man und man?« nörgelte der Greis, obwohl ihm gar nicht recht geheuer war. »Man will sie nicht bloß anschauen. He! oder?« Eine Pause entstand. Es gurgelte wieder kräftig. Hopla, jetzt hatte der Ohm den Gluckser erwischt. Nichts Geringeres geschah, als daß Nino ab und zu bei so dursterregender Beichte zur Lederflasche seines Ohms verstohlen griff und flink ein paar Schlucke herausholte. Sie baumelte gar zu bequem vom Sattel. Und dieser Durst und dieser Wein machten dem Burschen die Lippe so beweglich. »Trink mich nicht arm!« bat der Ohm und fuhr dem Schelm in den Haarstrudel. »›Wenn man nicht küssen kann, muß man trinken‹, sagt Graf Carletto di Franzoni.« »Aha, dieses weiche Kerlchen imponiert dir auch noch?« »Weich, wie redest du?« »Weich und supersüß wie Honig.« Nino mußte lachen. »Woher hast du das? Carletto ist stark und rauh, wenn er will. Er hilft mir zur Heirat, sobald ich achtzehnjährig bin. Er weiß, wie das ist, einen Schatz haben und darum sorgen müssen. Und wenn mein Vater trotzdem nicht ›Ja‹ sagt, so nimmt der junge Graf mich auf eines seiner Güter. Aber der Vater wird schon nicken.« Sie schwiegen, bis Nino von selbst weiterfuhr: »Ich gehe viel mit Carletto auf die Jagd. Er trifft immer und ist nie müd'. Wir schlafen oft im Gras, bis wir am Morgen ganz naß sind. Er hat mir die größte Ohrfeige gegeben im Leben, weil ich eine . . . eine Rehgeiß schoß. Er ist gut mit den Tieren.« »Vielleicht,« sagte Michelangelo boshaft, da ihm dieses Lob zuwider klang, »vielleicht ist er dann auch gut mit deiner Ninetta.« Bockstill stand der Bursche, sah zum Greis empor und lachte heillos. »O, du Alter, willst mich noch necken! Der hat an der seinigen genug. Und dann, meine Nina gefällt ihm gar nicht. ›Du so stattlich und sie so gering!‹ sagt er mir. Nein, sie ist nur klein, Ohm, versteh, sehr klein, und hat ein Mäulchen wie eine Erbse. Aber ihre Küsse sind mir groß genug. Und ich, o ich könnte sie verschlucken.« Nino klatschte aufs Knie und riß vor Erregung am Zügel, daß Michelangelos Pferd fragend zu ihm schaute. Der Alte aber glaubte eine verschollene Musik zu hören. »Und das hab' ich Carletto gesagt, und so will er jetzt helfen und zum Lohn doch auch einen Kuß von ihr, aber erst an der Hochzeit, vor mir, nur um zu merken, ob eine Erbse Platz hat, sagt er. O, er ist ein Spaßiger!« »Das hätt' ich nie erlaubt«, tönte es streng vom Pferde herab. »Du bist halt argwöhnisch und furchtsam wie alle Alten. Ich aber freu' mich, wenn er schmeckt, wie gut ich's bekomme . . . ich bin stolz . . .« »Aber der Vater!« bremste Michelangelo. »Ja, der Vater . . .« Nino senkte die Stimme. »Das wäre schlimm. Er mag den Carletto nicht. Seit er das Pachtgut abgekauft hat, ist er ganz frei. Ich hingegen wäre bei Carletto ein Unfreier. Ja, es wäre böse, wenn ich nicht Vaters Segen und Gut bekäme.« »Da siehst du also!« »Kannst du nicht helfen, Ohm? Wenn du reden wolltest mit ihm. Sag', du wolltest mein Brautvater sein. O dann! Und du hast doch meinem Vater Geld vorgeschossen, fast die Summe für das Gut, er muß auf dich hören. Und wenn du meinen Schatz siehst, Michel, Lieber, dann könntest du nicht anders, und sie würde dir den häßlichen Bart da streicheln, und vielleicht bekämst du gar einen Kuß. Ich erlaube ihr hundert.« Der Greis blieb stille, aber Merkwürdiges rührte ihn im Innersten. Die Jugend schwoll warm an sein hohes, kaltes Alter, Jugend, nie genossene, nie verbrauchte, in Frühreife von Kunst und Ehrgeiz verlorene. Diese Jugend grüßte, wie ein Kind an eine alte, harte Pforte pocht, die doch für niemand mehr aufgeht. Aber das Kind klopft dennoch, lächelt, blinzelt wenigstens zu einer Spalte hinein. ›Leben darstellen, ja, das konnte ich, aber ungewöhnliches, übermenschliches, nie gelebtes! Und erst Leben leben, versucht' ich's je? Konnt' ich's? Und das wäre doch das Frühere, Wichtigere, Wahrere gewesen. O Raffael, der geschmeidige, und Lionardo, der üppige, waren viel gescheiter. Hat es etwa ihrem Pinsel geschadet? ›Wenn unser Herrgott am Tor des Himmels fragt: Wo hast du dein gelebtes Leben, zeig' einmal! Was zeig' ich dann? Die abgeschundene Haut etwa wie mein Bartolomeo im Jüngsten Gericht? Oder wälze ich Steine vor ihn? Da, lieber Gott, da hast du mein Leben. Und er: Das sind ja nur Steine, du Armer. ›Der Stein, der Stein! Nein, er ist nicht das Erste und Letzte auf Erden. Da kommt viel anderes vor- und nachher . . .‹ »O Michel Ohm,« unterbrach der Junge schier befehlend, »du willst doch! Du sagst ja nichts; du überlegst. Da gibt es nichts zu denken, du mußt.« Und so herrschend stand diese zauberische Kraft der Jugend vor ihm, so fest packte der Bursche seine Handgelenke, so tapfer schürzte er seine schwere Lippe, und so unwiderstehlich drangen seine schwarzen Augensterne auf ihn ein, daß Michelangelo nicht Nein sagen konnte. »Ohm, Guter, Frommer, du mußt! Dann brauch' ich Carletto nicht. Aber du mußt. Du bist jetzt in meiner Gewalt. Der Schimmel gehorcht nur mir.« – Er riß leicht am Zügel, und das Pferd bäumte sich hochauf. »Mach' keine Dummheiten!« »Ich gehe keinen Schritt weiter, ich kehre hier um, wenn du nicht augenblicklich Ja sagst«, fuhr Nino fort, und in seine natürliche Artigkeit kam etwas bäuerlich Grobes, Unerbittliches. – »Was sollen wir da oben beten?« rief er. »Ich würde nur fluchen. Und du hättest auch keinen Segen. Da wär' es besser, gar nicht zu wallfahrten. Nein, Michel, du mußt wahrhaftig!« Er hielt mit dem Pferd steif an. Verständig blickten des Schimmels große, nachdenkliche Augen auf den jungen Herrn: ›Ich halt' es mit dir.‹ Auch das hintere Pferd stand sofort geduldig still und nickte: ›Ich auch.‹ In der linken Faust hielt Nino die Gerte, nicht wie eine Rute, sondern wie ein Zepter, so gebietend und drohend. Gewaltig blies er die Backen auf und blitzte mit den dicht verwachsenen weißen Zähnen. Michelangelo konnte sich nicht satt sehen an diesem bäurischen Erzengel. Wieder griff er inständig nach dem Skizzenheft unter dem Brustlatz, aber wagte es dann doch nicht hervorzuziehen. »Warum sollst du denn nicht heiraten?« sagte er ruhig. »Und warum soll ich nicht ein Wort einlegen beim Neffen Cecco? Wer hat denn gesagt, daß ich so ein Unmensch sei?« »Bravo! Bravo!« »Du bist ein ganzer Kerl; du weißt, was du willst. Einem solchen kann ich nichts abschlagen. Ich tue alles, was du willst, junger Meister, nur treib jetzt vorwärts. Ich bin müd! Ich möchte fast schlafen.« Sie kamen weiter Wald und Höhe empor. Nino war wie verzückt. Er streichelte dem Ohm die lange, behaarte Hand und liebelte mit der Wange über sein Knie hin oder erwies in seiner Freude dem Pferde die gleiche Zärtlichkeit, scheuchte von beiden die Mücken, hätte beide, wenn es nicht zu kindisch gewesen wäre, mit Küssen bedeckt. Er fing an zu pfeifen, mit der Gerte durch die Luft zu sausen, und seine Augen lachten tief und dunkel in sich hinein. »Ninetta, Vögelchen, klingelt es dir nicht im Ohr?« Hinter ihnen erscholl Hufschlag. Michelangelo drängte vorwärts und wurde doch immer lahmer auf seinem Schimmel. Die schlaflose Nacht, die Nässe, der Frost, keine warme Zehrung und jetzt an offenen Stellen die mittägliche Sonnenhitze, heja, wohl auch die strenge, dünne Luft und – was weiß ich? – vielleicht auch diese ganze Reihe von Niederlagen gegen einen Knaben wie Nino, das zusammen wirkte so mächtig, daß der Achtziger plötzlich mit vernebelten Blicken vornüber sank, in Schlaf oder Ohnmacht. Er hörte noch Stimmen, die verschwammen, fühlte noch zwei Hände, an denen ein dicker Ring stecken mußte. Dann hob es ihn in die Luft, und er wußte nichts mehr. * Als er die Augen öffnete, roch er zuerst stickigen Rauch und sah dann ein Feuer, das in der Baumlichtung kraftlos leuchtete, in der Sonne geradezu verglaste. Er selbst lag im Schatten einer Steineiche, neben einer der vielen zerfallenen Eremitenbaracken aus Holz, Stein und Erde. Pferde grasten hinter den Stämmen an der Kühle. Ums Feuer lagerten sechs, sieben Menschen, plauderten gedämpft, aber deutlich, um den Schläfer nicht zu stören, und der Greis merkte sogleich, daß Carletto und Felicita di Franzoni dabei waren. Er fühlte sich behaglich. Es war nicht kalt, nicht heiß und wehte ein kostbares Waldlüftchen. Wohl viele Stunden mochte er geruht haben, aber gerne wollte er noch ein Weilchen so in halber Wachseligkeit liegen bleiben und die Augen wieder schließen. Man sollte nichts merken. Da hörte er Carletto mit einer rauhen Stimme, die er noch gar nicht kannte, zu Nino sagen, er sei ein harter, gottloser Kerl und denke nur an sich und an seine Rosmarie. »Ninetta«, verbesserte der Beschuldigte lustig. ›Nein, Erbsenmarie‹, als ob es keine andern Menschen gäbe, und ließe eine alte, arme, fromme Pilgersfrau am Straßenbord verder . . . Eine greisenhaft hohe, dünne Stimme suchte zu widersprechen. Die Diener lachten. Aber noch rauher herrschte die Stimme, die gestern nur Zuckerzeug leckte, sie an: »Maulaffen, daß ihr da lachen könnt!« Jetzt wurde Michelangelo aufmerksam, blinzelte zur Gruppe hinaus und sah wahrhaft ein kleines, buckliges Weib in schwarzem Anzug, mit einem gelben, steinalten Wachsgesicht aus dem gespitzelten Kopftuch gucken. Wahrhaft, es saß beinahe auf Carlettos Schoß, ein feines Fell unter den Füßen, und das Gräflein hielt es im Arm wie gestern sein Frauchen. Aus allem Reden erhellte, daß diese alte, zähe Wallfahrerin einen Fuß verstaucht hatte. Sie war es gewesen, deren Misericordia aus dem nächtlichen Getöse an sein Ohr gebettelt hatte. Michelangelo erkannte diese Stimme deutlich wieder. Carletto hatte dann das leichte Geschöpf wie ein Huhn zu sich aufs Pferd genommen, und wie ein Huhn sträubte es sich auch, aber mußte sich fügen. Kaum glaublich, da war die junge Frau eifersüchtig geworden und forderte, er könne das Weib wohl einem Diener abgeben. Es folgten Bitten, Widerspruch, Tränen, Trotz, bis Carletto schließlich wild vorausritt und schrie: »Auf Wiedersehen bei den Beichtstühlen!« Er meinte, oben im Klösterlein sollten sie beide dann ihre Sünden bekennen und ihnen absagen, vor allem Felicita ihre blöde Eifersucht, dann wäre alles berichtigt. Denn bei Carletto gab es keine langen Geschichten, weder im Bösen, noch im Guten. Das also war die Kehrseite der Puppenspiele! Nun aber sah die Frau mordselend aus und wollte, je weiter er ritt, um so heftiger vom Pferde und es wieder zu Fuß probieren. Aber es ging erst recht nicht. Da drängte er in seiner jungen Ritterlichkeit doppelt hitzig weiter, um sie möglichst bald der Sorge des Klosters abzuladen, bis er hier unerwartet auf einen zweiten Fall von Schwäche stieß und nun absaß, dem Greise half, dann auch dem Weib, so gut er es verstand, den Fuß massierte, mit Schnaps und Öl einsalbte und verband, gerade wie Nino mit dem Pferde hantiert hatte. Inzwischen waren die andern nachgeritten, man zündete ein Feuer an, kochte Milch und Polenta, und da die Pilgerin nun schläfrig wurde, hob Carletto sie hoch, wie er vor drei Stunden den alten Buonarotti gefaßt hatte, und trug sie neben den Scheinschläfer. »Da schlafe,« hörte er den Junker gütig lustig befehlen, »schlaf sofort! Hast da einen Kollegen. Stör' ihn nicht. Er ist noch älter als du, aber auch so ein Habenichts.« Merkwürdig, wie wohl dem Greis dieser Spaß tat. »Wie alt ist er denn?« fragte die Pilgerin, streckte sich hart neben ihn und zupfte ihr Kleid säuberlich zurecht. »Einundachtzig.« »Aber ich dreiundachtzig«, antwortete sie bescheiden. »Herrgott, und da macht man sich nach Mitternacht auf und will allein auf den Monte Luco.« »O schöner junger Herr, man ist nie allein.« Es rispelte und rauschte ein bißchen neben Michelangelo vom Kleide der Alten. Dann ward sie still. ›Man ist nie allein!‹ tönte es durch seinen Sinn, nicht wie Trauer, noch Mißmut und Unlust, nein, wie Liebe, Geschwisterwärme, väterlicher Gottesatem. Die Leute am Feuer erhoben sich. Im Junker erwachte das Jagdfieber. Er besaß hier Herrenrechte. »Und ich?« schmollte Felicita. »Nino soll dich unterhalten. Oder wart', eine Viertelstunde höher liegt die Klause Oliveto. Interessant! Besuch' sie und bete Glück auf meine Flinte!« Wieder Zank, wieder Tränen, wieder Flüche. »Das ist eine Wallfahrt, zum Teufel«, tobte Carletto. »Gar wenn man mit der Flinte betet«, stach sie zurück. Und je mehr sie so stritten, um so besser gefielen sie dem alten, verschmitzten Horcher. Das war doch immer noch besser als karessieren. ›Nino, der Schuft, hat mich vergessen‹, dachte er, als schließlich Carletto mit dem Burschen und den Dienern im Gehölze verschwand. ›Er hat nun seine Sache, also!‹ – Und er war gar nicht verstimmt. Man ist nie allein. Felicita ging ärgerlich ums Feuer herum und saß dann weitab an den Ranft hinaus, wo man die weiten Fernen vor sich sah. Es schien Michelangelo zuerst, sie weine vor sich hin. Doch nein, da fing sie ja an leise zu summen und zu trällern wie ein launenhaftes Kind. Zuletzt zog sie ein Büchlein heraus, um daraus Verse nicht zu lesen, nein, fast wie Vesperpsalmen langsam auf und ab zu singen. Sie war doch nicht so übel. Aus dem Trällern wurde sozusagen eine Andacht. »Mein Meister,« sprach ich, »welchen Weg nun weiter?« Und er zu mir: »Laß keinen deiner Schritte Bergabgehn; folge mir nur gipfelwärts, Bis daß ein Wegeskundiger wird erscheinen.« ›Dante, Purgatorio!‹ staunte der aufhorchende Greis. ›Aus dem vierten Gesang. Die Gute, die Kluge! Nein, nein, ich tat ihr unrecht. In diesem schmalen weißen Köpflein steckt Tieferes.‹ Und leise flüsterte er weiter: »Hoch war der Berg, von unerschöpftem Ausblick.« »Schläfst du nicht, Bruder?« lispelte sogleich die Gespanin zur Seite. »Was betest du? . . . Vaterunser, der du bist im Himmel . . .« Was war denn das? Ist er so schwach oder so geläutert, daß die Rührung ihn nicht mehr losläßt? ›Bruder! Diese Arme. Unbekannte! . . . Und Bruder sagt sie‹ . . . »Geheiligt werde dein Name, zukomme uns dein Reich!« betete er weiter, leise, denn die Singende dort soll sie nicht stören. Hier gibt es mehr als Dante . . . Und er sieht durchs Laub der Eiche den Himmel so hoch und doch so greifbar nahe wie noch nie. Eine ganz weiße Wolke läßt sich nieder wie eine Kirchenfahne. Ihm ist, man könnte sie fassen und sich daran zum Schemel Gottes aufschwingen. »Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden«, fuhr die Alte fort und bekreuzte sich dabei. »Gib uns heute unser tägliches Brot! . . . Ach, wie gut sind doch die Menschen. Milch kochte er mir und ein goldgelbes Ei . . . das freundliche Herrchen!« Vom Wegrand her scholl es aus Dante weiter. Vers um Vers aus jenem Finale des Paradiso, wo aus Fragen, Zweifeln und Vertrauen die Gottheit immer lichter hervorschauert. ›Ja, ja, alles, alles zum Ewigen‹, überschwemmte es den Greis. ›Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern . . .‹ Und unglaublich weit weg in allen Fernen und Tiefen lag, was ihm weh getan, und war vergeben und vergessen, vom alten Papst Paul bis zum kleinen Schreiber der Domgesellschaft, bis zum letzten Krämer und Bemäkler. ›Alles, alles ist recht so. Auch ihr hattet wohl recht. Verzeiht auch mir. Ich bin ein hochmütiger Narr gewesen. Ich knurrte und bockte, statt mild zu fragen: Kann es, darf es so sein? Es wäre gut so! – Und ich hätte mein Zeug fein auseinandernehmen und jeden Faden zeigen sollen, statt so wirr und dumpf den Geheimnisvollen zu spielen. Jawohl, der Unmensch war ich. Die andern waren Menschen und bückten sich vor mir und fürchteten mich gar, und der Cervini hat seinen Purpur um meine Knie gelegt, als mich im großen Saal fröstelte . . .‹ »Und führe uns nicht in Versuchung!« flüsterte die Frau unendlich schlicht. »Der Stein, der Stein! Nein, nichts vom Stein will ich hier oben suchen,« schwor Michelangelo, »keinen neuen Hochmut. Das ist mein Teufel. Freude mit Gott und den Menschen! Bete fertig, gute, liebe Frau!« »'s ist an dir, Bruder.« »Sondern erlöse uns von dem Übel«, flehte er. »Amen.« O welch ein sicheres, prachtvolles Amen sagte die alte Frau. Wie das saß! So sicher hatte er noch nie einen letzten Hammerschlag an seinen Statuen getan. So sicher klänge vielleicht der letzte Stein auf der Peterskuppel nicht einmal. »Amen, Amen!« wiederholte er. »Ist dir nun wieder wohl?« fragte die Frau. »Vogelwohl! Und dir?« »Mir auch. Nur der Fuß will noch nicht recht tun, Bruder.« »Das kommt auch noch, gute Frau.« »Warum Frau? Sag' doch, Schwester!« »Wie sollte . . . warum . . . freilich, du sagst mir ja auch Bruder . . .« Das ist doch Christenbrauch, wenn man sich auf der Wallfahrt begegnet. Fratello . . . Sorella! »So erzähle mir, liebe Schwester, wie du daher kommst.« »Du hörtest mich nicht im Vorbeireiten«, sagte sie lächelnd. »Gewiß, ich hörte dich«, gestand Michelangelo schwer. »Misericordia riefst du. Aber mein Begleiter, so ein Schlingel, der nur an sein Mädchen denkt, sagte bestimmt, es sei Schwindel. Ach, und ich schwärmte so für mich hin von toten Steinen und überhörte es doch halb, dein Misericordia, und glaubte, es komme aus einem Traum, und ritt weiter. Das war schlecht von mir . . .« »Von Steinen?« Sie mußte lachen mit dem ganzen zahnlosen Mund. O wie glich sie jetzt einem unschuldigen Kinde! »Ja, von Steinen«, wiederholte er voll Schwermut. »Und darob vergaß ich, daß ein Mensch schreie. So schlimm steht es.« »Der Wind ging ja, Alterchen, und die Bäume lärmten so stark. Und man sah seine eigene Hand nicht. Nein, das ist nicht schlimm. Und außerdem bin ich doch nie allein.« Er fühlte ihre vertrocknete, lederne Hand auf der seinigen liebkosend tasten. »Man ist nie allein, Bruder. Und sieh, da kam er ja auch bald und hob mich auf, ich weiß selbst nicht wie, und trug mich bis hierher. Aber ich frage, ist das noch Wallfahrt? Er lachte und sagte: ›Und die Engel fliegen, ist das noch Dienst?‹ Was wollen wir? Alt und dumm sind wir gegen ein solches Herrchen. Er ist nobel . . . und gut, wie gut! Denk' doch, so eine gemeine, bittere Alte . . .«, sie kicherte leise . . . »auf die Arme nehmen, wo er so einen hübschen Schatz bei sich hat, denk' mal das!« – Sie bekreuzte sich wieder. Michelangelo zog vor, zu schweigen. »Und das schöne Hexlein wurde bös und macht' ihm Geschichten, ah. Mir ward entsetzlich dabei. Sie hat recht. Soll ich denn reiten, so ist jeder Diener genug. Die Kleine weinte sogar und riß sich im Haar. Aber erst recht packt er mich fest und saust davon wie eine Schwalbe. Mir ward ganz übel und doch so sicher, als läge ich in Herrgotts Arm.« Michelangelo schwieg. . . . Und am Feuer haben sie erzählt, als der Herr ein bißchen schlief, daß er einfach niemand könne leiden sehen, daß er noch dem Teufel – fast kann man's nicht sagen – aus dem Schwefelbrand hülfe. Ein wenig plagen, ja, das tue er gern und ziemlich fest. Aber nur er, andere dürfen nicht! Du liebe Zeit und Ewigkeit, was man nicht erlebt! Was sagst du dazu?« Dem Michelangelo schwindelte es von allen Erkenntnissen, wie sie in dieser gesegneten Stunde über ihn herfielen. Er bekam es schwer genug, sich darin notdürftig zu erhalten. Da er schwieg, bekreuzte sie sich im Glauben, er wolle lieber beten. »Noch ein Paternoster zusammen, Alterchen!« Das geschah. Wieder ein Amen, als würde das letzte Wort zur Seligkeit gesprochen. »Wer bist du eigentlich, liebe Schwester?« »Wollenspinnerin, nichts sonst, überflüssig, eine Last daheim. Schon lange seh' ich den Faden nicht mehr. Trag' nur noch schwarze Wolle herum für Strümpf' und Röck', bettle ein wenig, übernachte in den Ställen und Gaden und sitz' am Tag bei der Hitze viele Stunden in den Kapellen. Hab's gut. Niemand tut mir Leides. Sie lachen alle, wenn ich komme, und schreien: ›Peppino, hol' einen Batzen, die alte Hexe Marta ist da.‹ Hexe sagen sie zum Spaß und streicheln mich. Und die Kinder, o die süßen Kinder sagen: ›Liebe Hexe Großmutter‹ und überküssen mich. Denkt! O ich hab's schön. Und du? Du bist wohl so ein Heimatloser. Komm mit mir. Ich teil' gern mit dir. Immer hab' ich zuviel . . .« »Könnt' ich nur! . . . Kinder küssen . . .« »Warum kannst du nicht? Wüßtest du, wie schön es ist, bei den Schafen zu schlafen. Kein Bett gibt so warm. Beim Erwachen hast du gleich frische Milch. Und dann wandert man eben und betet und grüßt die Leut' und verkauft und bettelt, wenn 's nicht reicht. Aber dann, am Mittag, wenn die Sonne dir geradezu in den Kopf sticht, da säßest du wahrlich gut neben mir im Kirchlein. Kein Mensch ist da, es gehört alles uns. Und was würdest du erst Augen machen in der Kapelle von San Lorenzo! Da schaut dich das Bild an, o, wie es schaut. Der Heiland, große, große Augen . . . und den Finger streckt er gegen dich. Komm du bald! So etwa. Da kann man hundert Vaterunser nacheinander beten und wird nicht müd' . . . Aber wir klatschen wie Spatzen, statt zu beten wie Pilgersleut'. Ein Vaterunser, Bruder!« Und wieder begann sie leise, singend, glücklich. Es war, als entsende sie mit jedem Wort eine Lerche gen Himmel. Diesmal betete der Greis minder andächtig. Er mußte an das Christusbild in San Lorenzo denken. Gut kannte er den Grobian, der in der hiesigen Gegend alle Wände übermalt hatte, ohne einen ganzen Knochen und Muskel zu kennen. Das waren Hälse und Hände und Beine von Holz; darinnen floß kein Leben. »Große Augen?« fragte er. »Wie das?« »Der Christus dort? So komm doch mit, ich zeig' dir alles. Und der Finger so . . . schau', so: Komm bald zu mir! Auch der Graf hat das Bild gerühmt. Ich sagt' ihm davon. O, er kenne es gut. In Rom habe ein Michel, ein gescheiter, großer Michel, auch einen Christus gemalt oder zwei oder drei . . . ich weiß's schon nicht mehr. Davor könne niemand beten. Aber hier könnte sogar er einen ganzen Rosenkranz lang ruhig knien, obwohl ihm sonst schon bei fünf Ave-Maria so unwohl sei, als kröchen ihm Ameisen die Beine herauf . . . Ach, da spaßte er nur, denn . . .« Der Greis hörte nicht weiter. Wieder ward er nicht zornig, sondern eine wohlige Ergebenheit leuchtete vom Gesicht den Bart hinunter. ›Es wird auch das wahr sein. Jener rohe Pinsler hat eben doch das Rechte gefunden, das einfältige Reden zwischen Himmel und Erde. Ich will zu diesen Augen und zu diesem Finger pilgern. Da gibt es zu lernen. Das Gräflein ist boshaft, aber es hat wahr gesprochen. Vor meinem Weltrichter in der Sistina, vor meiner Madonna zu Florenz und vor dem Marmorchristus mit dem Kreuz kann ich selbst nicht einmal beten. Wie kommt nun das? Da müssen wohl Meißel und Pinsel sich verirrt haben.‹ Und er studiert und grübelt und wähnt, am Ende habe er wohl nicht den Erlöser, sondern die Unerlöstheit gesucht. ›Ja, darin sind meine Künste groß, da gefallen sie, da geben sie gewaltige Seufzer und drücken . . . wie, wie Stein. Den Stein hab' ich angebetet, und der Stein hat mich besiegt.‹ Solches war ihm schon oft halb wie Frage, halb wie Reue in den Sinn gekommen. Aber dann, wenn die einen so stürmisch lobten und die andern, oft die besten, so schwierig bekrittelten, wischte er diese Reue aus und verbiß sich noch tiefer in den Stein. Nun erst merkte er, daß die Alte immer noch von Carletto sprach. Sobald er auf ihr singendes Erzählen hörte, ward er wieder ruhig und ergeben. Es wirkte wie Musik. Dazu das leise Laubgeflüster im Baum und die große Einsamkeit. Sie kramte genau aus, wie der Graf sie gut verband, ans Feuer trug, Milch einlöffelte. Aber freilich habe er das Pferd wild gespornt und sogar einem Knecht mit der Peitsche übers Gesicht gehauen, als er, weiß Gott warum, lachte, und seinem bleichen Frauchen habe er kein mildes Wort gegönnt. »O er ist noch jung, noch heftig wie neuer Wein . . . noch . . .« Wie brach die Greisin plötzlich ab, wie schossen die beiden auf! Über ihnen klang es fein, aber fest: »Nein er hat nicht gespornt und nicht gepeitscht, gute Frau. Er schlägt nie, wenn es nicht nötig ist. Das weiß ich am besten. Und er war gut mit mir und geduldig . . . Erzählet nicht solches Zeug dem Manne da!« Wie auf den Mund geschlagen, verstummte die Frau. Aber ihr gutes Lächeln redete gütig weiter. Felicita war aufmerksam geworden, herzugeschlichen, hatte alles vernommen, das Beten und Plaudern, war dann neben ihnen ins Knie gesunken, hatte wahr und unwahr protestiert, aber selig protestiert, und jetzt umarmte sie diese verrunzelte, lederne Marta, küßte ihre blaue Lippe, ihre Hände, streichelte sie und bat beide: »Verzeiht mir, ich bin noch so unreif, so dumm.« »Wer ist denn reif?« erwiderte der Meister verlegen. »Nein, Freund, Ihr hattet recht, mich gestern abzuschütteln, so eine blöde . . . Aber jetzt, wie anders lieb' ich Carletto, viel besser, glaubt mir! Aber ach, es war schon vielmal so. Nachher fall' ich ins alte Übel zurück, ich Tropf . . .« »Und erlöse uns von dem Übel, Amen«, flehte, nein frohlockte die alte Frau und wurde immer lachlustiger. »Lacht mich nicht aus, bitte, tut es nicht«, rief die junge Frau, und alles ward Licht in ihrem verschämten, aber so reinen Gesichtlein. »Oder ja, lacht nur, straft mich, daß ich gescheiter werde! Da, Meister Michelangelo, haben wir einen echten Menschen gefunden«, fügte sie leiser hinzu und grüßte immerfort mit feuchten Blicken zum alten Weib hinunter. »Und schier gar eine Heilige«, antwortete er. »O, o«, protestierte die Alte und drohte mit dem Finger. »Geklatscht hab' ich wie am Waschtrog, statt zu beten.« Und wieder begann sie leis, innig, mit lerchenentschwebenden Lippen ihr Vaterunser. Ein Schneeglöcklein oder ein wöchiges Kind sah nicht unschuldiger aus als diese braune, auf der Erde kauernde und fast in die Erde verbröckelnde Frau mit dem Himmelsatem. ›Was für feine Menschen gibt es noch‹, dachte Michelangelo, als er und Felicita die hinkende Greisin zum Feuer führten. »Sind nicht alle eher gut als schlecht? Eher lieb als bös'? Und nicht erst hier oben in der reinern Luft, auch unten auf der Straße, auch zu Rom. Man muß nur auch selbst gut sein, nicht ein Gesicht wie Stein machen, sonst verstecken sie ihr Gutes. Was taten sie mir nur diesen heutigen Tag Gutes! Der Nino trug mich vom Pferde . . .‹ »Nein, Meister, Carletto hat Euch dahergebettet. Er sagte, ich mach's feiner als du . . .« »Ah, darum, ich spürte den Ring. Dennoch, auch Nino ist gut. Er soll seine Nina haben, der brave Bursche. Und erst Ihr, ich tat Euch gestern unrecht, Frau Felicita, ich grollte Euch, weil ich so kurzsichtig und kurzherzig war und ich das Gekose nicht aushielt. Nun seh' ich klarer. Ihr seid herrlich, Ihr liebt recht, Ihr sucht nicht Steine, Ihr sucht das Warme, das Herzliche . . . Aber seht, ich Alter bin in meinem Handwerk fast versteinert und bin häßlich dazu und kann nicht gesellig schwatzen, und das Lachen kostet mich fast eine Lüge . . . Und so werd' ich hart, und es braucht Schläge wie heute, bis ich ein bißchen menschlich auftaue.« »Sagt was Ihr wollt, aber gestern, ich weiß, ich weiß, das war zu arg«, klagte sie sich an. »Ihr aber macht Euch immer schlimmer, als Ihr seid. Ihr tut nur so grimmig, aber alle sagen, insgeheim seid Ihr der zarteste Mensch.« ›Insgeheim!‹ verspottete sich der alte Buonarotti. »Was heißt das? Null! Was hülf' uns die Sonne, wenn sie uns nur insgeheim leuchten und wärmen sollte, so daß niemand etwas merkt? An den Tag hinaus muß das Gute, das Böse tut es ohnehin laut genug . . .« Er knurrte schon wieder ein bißchen. »Nein,« flüsterte die Alte und stupfte den Gespanen, »nein, nicht laut, nicht zum Zeigen, nicht, nicht! Wenn's der Herrgott weiß, wer braucht's dann noch zu wissen, sag', Bruder?« Aber Michelangelo schüttelte den Bart und hätte noch stärker gemurrt, wenn nicht Stimmen hinter den Bäumen und das Rascheln des dürren Laubes unter vielen Stiefeln laut geworden wäre. »O er kommt«, sagte Felicita und fuhr zusammen. Aber dann biß sie den Mund fest zusammen, schüttelte den Greis am Ellbogen und befahl; »Jetzt also zeig' offen, daß du gut bist, Meister! Hilf mir! Carletto ist seit gestern sehr böse, er verachtet mich, er . . .« »Aber er küßt dich doch sieben mal sieben mal, Kind Gottes. Du träumst.« »Eben das, gerade das! Er schimpft, ich spiele Puppe mit ihm, ich mach' ihn zum Weib. Gestern war er müd', und da nutzt' ich's und ward wieder so ein schwaches Ding und machte auch ihn schwach. Aber nachher schämt er sich jedesmal und flieht mich und gibt mir Blicke, o Blicke . . . Und nun tat ich heut noch so dumm, so häßlich dumm, Meister . . . Nein, er mag mich nicht mehr. Er kann so ein Geschöpf nicht lieben, er . . .« sie begann zu weinen, »er, so stark, so lustig, so ein . . . er sagt es selbst, so ein Hengst . . . ach, und ich so eine Schoßkatze . . .« Und wieder rieselte es über ihr blasses Mädchengesicht, das so gar keine Frau verriet. »Was soll ich dann tun, ich linkischer Kauz?« fragte Michelangelo ernstlich verwirrt, und ungeschickt setzte er hinzu: »Euer Gemahl ist doch auch nicht so ein Engel . . .« »Halt!« wehrte das Frauchen, und jetzt kam wirklich etwas Frauenhaftes voll thronender Würde über sie. Ihre Augen blitzten. »Könnt Ihr behaupten,« fuhr Michelangelo mit junggesellenhafter Taktlosigkeit fort, »daß Carletto treu ist . . . heißt das . . . ich meine . . .« suchte er, ob dem harten Wort selbst erschreckt, zu mildern . . . »nicht untreu, aber doch ein wenig flatterhaft . . . Maikäfer, nicht?« . . . Er verwickelte sich immer übler ins Zeug, je bleicher und strenger er die eben noch als Mädchen dasitzende Donna erblickte, wollte einige Nein hinzuschmeicheln und verstärkte nur das Ja. »Ja, ja, das ist er doch, ein bißchen Schürzenjäger, eine honigschleckende Hummel von Lippe hier und Lippe dort. Das ist ja vielleicht so harmlos wie Euer Fehler, daß er vor jedem hübschen Rock galant wird,« stotterte der Greis verzweifelt weiter . . . »daß er zum Beispiel Ninos Nina am Hochzeitstag noch küssen will, . . . daß die Bauernmädchen seiner Gegend von der Mutter in die Küchenecke gejagt werden, wenn er in der Nähe reitet . . . daß . . .« Jetzt blühte das ergebene Schneeglöcklein zu einer zornigen Blutrose auf, und sie wollte mit bittern Dornen stechen. Aber Frau Marta legte ihre grabeskühle Hand auf das niedliche Fäustchen und lispelte heiter: »Bleib gut, lieber Engel, bleib gut!« – Und sofort unerklärlich wohlig abgekühlt sank die Purpurblume wieder ins reine, schlichte Schneeglöcklein zurück. Und dieses weiße Geschöpflein läutete wild: »Michelangelo Buonarotti, ja das ist ein Fehler; aber nicht Carlettos, das ist mein Fehler ganz allein.« »Bravissimo!« flüsterte die Alte glücklich, und ihre Lippen beteten unbewußt weiter. »Jawohl, du alter Mann, der du Himmel und Hölle, Gottvater und Adam und Eva geschaut und gemalt hast . . .« »Was, er kann malen?« fragte mit biederer Ungläubigkeit die Pilgerin. »Der da, ein Maler?« Sie schüttelte den Kopf barmherzig. »Ich glaub's ja . . . wenn schon . . .« Aber Felicita fuhr unbeirrt fort: »Der du Adam und Eva am Apfelbaum so herrlich gemalt hast, weißt du so wenig, wer zuerst gesündigt hat?« Der Meister beugte das Haupt. »Damals wußtest du's. Tu jetzt nicht so unwissend! Und schau', noch eines: Wenn Eva dem Adam nicht genug gibt, so geht er im Hunger und Durst zu andern Even, er muß genug haben. Verstanden?« Die alte Pilgerin Marta rümpfte ihr verrunzeltes Gesicht noch mehr, aber sagte dann heiter: »Das versteh' ich nicht.« »Aber du, Meister, verstehst mich. Ich bin eine Gaukelkatze, will streicheln und an der Wange kleben und gebe nur Zuckerzeug . . . still, nur still, das brummtest du gestern abend, ich hört' es wohl . . . und dann schmoll' und groll' ich, wenn der Adam sagt: ›Gib mir Besseres, gib mir Brot, Milch, Suppe, gib mir Ruh' und Frieden und Schwung.‹ Und ich gab wieder nur Zucker. Da lief er eben weg und holt' es, wo es wuchs. Er sollte nicht, . . . schon, schon recht! Aber wenn du wüßtest, wie ich ihn geplagt habe, und wie es ihm verleiden mußte! Nein, das soll nun eine Wallfahrt zum Guten sein. Nun will ich anders, ganz, ganz anders werden . . . Und Ihr sollt mir nun gar nicht helfen. Schlecht geriete es Euch. Ich allein mach' es fertig. Eine rechte Frau soll für hundert Fräulein gut sein . . .« »O seht, da ist er, jetzt schaut, wie er groß ist und schön!« überrannten sich ihre Lippen. »Und er hat etwas Großes geschossen. Wie kann er anders? . . . Ei, seht doch, gelb, so gelb . . . meiner Seel', einen Luchs, so eine böse Bestie!« »Gott segne dich, Herr«, grüßte die Pilgerin schon von weitem. Aber Felicita huschte dem Gemahl gebückt entgegen, und es schien geradezu, als wollte sie vor seinen Füßen demütig in die Erde verhuschen. Er aber groß, schlank, mit dem langen Gesicht, der langen Nase, den langen dunkeln Schlitzen der Augen und das Haar wie ein schwarzes Gewölk emporgeballt, Carletto di Franzoni sah sie trocken an, hielt sie dann mit der Hand eine Armspanne von sich ab und schritt vornehm seinem Trüppchen voraus, um Michelangelo zu grüßen. Da verlor Felicita allen Mut, schlich hinter ihm und saß, als alles im Umkreis niederkauerte, wie ein fahler Schatten neben ihm. Nino aber, von der Jagd erregt, legte sich neben den Ohm und schnaufte wie ein abgehetzter Hund, zerbiß ein Eichenblatt ums andere und wollte um jeden Preis, daß der Meister die herrliche Katze abzeichne. »Danach kannst du auch Löwen hauen«, meinte er. Doch der Greis war in einer andern Welt. Wie noch nie hatte er heute ins Fühlen und Begehren der lieben gewöhnlichen Menschheit hineingesehen. Diese Wünsche und Hoffnungen, dieses Zanken, Schmollen, Suchen, Trotzen, diese Eifersucht, dieses Schwärmen und Puppenspiel und gleich wieder Sich-Sehnen und Recken nach Besserem, so schmerzlich süßes Plagen, so Stolz- und Demütigsein, wie eben jetzt die Felicita dem Verehrten ans Knie sinken wollte, ah, wie das rieselte und rauschte, brannte und kühlte, vor allem, wie das wahr war, wie ungekünstelt, wie schwillt einem das Blut im Leibe von diesem echten Dürsten und Trinkenwollen des Lebens! Das lebt wie Gras, glitzert wie Sterne, braust wie das Meer, das ist Leben, nicht Stein. Diese Pferde, die so mutwillig stampften, die Knechte mit Hopp und He, dieser Nino, der die Zukunft im Hosensack trägt, dieser prächtige Franzoni, der so hart und so weich sein kann, dieser bleiche Schmetterling, der nur von seinem Atem lebt, o, und diese Nachbarin, so eine köstliche Bettlerin, Franzens, des heiligen Habenichts Schwester, was war die für ein Mensch! So was hatte er noch nicht gekannt. In keiner seiner Figuren lebte etwas so Großes, Weises, Heiliges. Seine Madonnen sind dagegen Barbarinnen. Wie das quillt von Leben, sogar auf diesem abgelegenen Einsiedlerberg. Und er sah nichts und wurde achtzig. Und hätt' es in jedem Nebengäßlein zu Rom oder Florenz ebenso frisch vom Ast haben können. Dafür hat er Stein gewollt! Aber jetzt wird ihm warm. Er bekommt Aufgaben wie sein Lebtag noch nie. O wie gerne will er mit der letzten Kraft noch an diese neue lebendige Bildhauerei gehen, den Vater Ninos geduldig meißeln, bis er sagt: Ja, Knab', nimm die Nina, so arm sie ist, und sei glücklich! – und den Carletto hier mit soliden Schlägen in ein ruhigeres, genügsameres Gehaben hämmern, enger an sein Weib gelehnt, den Rücken gegen fremde Lockungen gekehrt. So, ja so muß man meißeln. Das erst gibt Unsterblichkeit. Mit greisenhaftem Eifer wandte er sich an den einsilbigen Junker und sagte: »Graf, ich verfilzter, verholzter Junggeselle muß Euch eine Predigt über die schöne, warme Ehe halten. Denn unrecht tut ihr . . .« Erschreckt sah Felicita zu ihm, Carletto aber streckte sich steif in die Höhe. Eiskälte überzog sein Gesicht. Er wies mit der Hand ab. Er wollte solches nicht hören. »Seid nicht ein Trotzkopf, wie ich leider einer wurde, seid . . .« »Nicht so, nicht so!« beschwor mit bittender Stimme die Pilgerin und fuhr laut fort: »Ach, liebe Leute, 's wird schon alles recht. Pfusche nicht hinein, Bruder Michel! Der junge Herr dort ist der allerbeste Mensch!« »Das ist er!« rief noch lauter Felicita. Das lange Gesicht des Junkers rötete sich. Auf solchen Krieg war er nicht gerüstet. »'s braucht alles Zeit, sogar unser Herrgott«, fuhr die Alte fort. »Er wird mit der Felicita schon noch glücklich. Warum hätte sie sonst diesen Namen?« Wieder Stille. Michelangelo horchte wie ein Schüler auf, der sehr schlecht aufgesagt hat und nun das gleiche von einem Meisterschüler tausendmal besser aufsagen hört. »Darüber gibt es nichts mehr zu reden, das ist so! Nicht wahr?« – Sie lächelte ringsum alle an und nickte tausend Ja, und alle nickten mehr oder weniger mit. Man konnte nicht anders. Diese Alte war wirklich eine Hexe und verhexte alle. Sie richtete sich höher und sprach: »Ich will euch, bis ihr aufbrecht, die Legende vom heiligen Isaak erzählen. Die weiß ich auswendig und inwendig wie das Paternoster. O, sie ist wärmer als die Sonne und nährt besser als Milch und Brot. Höret auch, wenn ihr's schon wißt. Mit diesem Geschichtlein dank' ich Euch, Herr, junger Graf« – sie verneigte sich vor Carletto, »und Euch, lustiger Rotbackenmann« – und sie nickte zu Nino – »und Euch, schöne, zarte, weiße Frau, und allen, allen. Dann Addio!« – Sie drückte Michelangelo verständnisvoll die Hand und bedeutete damit: ›Nachher, nicht wahr, gehen wir zwei allein unseres Weges.‹ Mit der Neugier und Grazie, die das hiesige Volk für altersgraue Berichte bezeigt, rückten die Leutchen rasch zusammen, blickten der Greisin erwartungsvoll auf die dürre Lippe und die große Zahnlücke, als ob dahinter Frühling wäre, und sahen auch mit den klaren, behenden Augen der Bergler-Rasse, sowie das Wort herausfloß, es als Ereignis mit Fleisch und Bein vor der Nase herumgehen. Die Pilgrin Marta schloß die Augen und begann wie aus einem vertrauten Buche: Isaak der Stotterer * »Der Jüngling Isaak war ein Morgenländer und hatte als Advokat ein Haus voll Geld und eine Stadt voll Freunde gewonnen. Denn er konnte reden wie Feuer und Schnee, daß einem heiß und kalt wurde und man sich sogleich ergab. »Da wurde er frech und dachte an nichts, das höher als sein Witz wäre. Und es wurde ihm langweilig. weil alle andern Menschen viel dümmer waren. ›Wenn sie doch so große Spitzbuben wären wie ich‹, seufzte er. ›Ach, wie muß es der sogenannte Herrgott langweilig haben‹ – denkt, so arg redete er,« sagte die Pilgerin und bekreuzte sich sogleich – »weil er keinen gleichen Herrgott zur Kurzweil hat.« Michelangelo klopfte sich leise an die Brust: » Mea culpa «. »Da begab es sich, daß gerade mitten in einer seiner schönsten Reden vor Gericht ein Erdbeben losbrach. Das war dort nichts Neues, noch weniger als bei uns. Aber diesmal krachte es besonders grausam. Das Gerichtshaus bewegte sich wie ein Baum im Wind, und es regnete Balken und Quadern wie Laub herunter. Alles floh wie Vögel davon. Isaak wurde auf der Schwelle in einen Spalt zwischen Getrümmer geklemmt. Da steckte er lebendig wie in einem Sarg, und er sah, wie eine ungeheure Säule leise knirschte und sich langsam gegen ihn neigte, immer mehr und immer mehr, und ihn in Zeit eines Ave-Maria verschütten würde. »Er wollte schreien, beten, sich losmachen, nichts von alledem vermochte er, rein nichts. Er war steif und festgenagelt wie ein Brett. »So mußte er zusehen, wie die Säule, so groß wie ein Turm, sich immer tiefer gegen ihn bog. Er konnte nicht mehr atmen, es wurde ihm schwarz vor den Sinnen, er schließt die Augen. Da kracht es, als zerbräche die Himmelsdecke, die Erde wirft sich hochauf, Isaak wird wie ein Federflaum aus dem Graben gewirbelt, aber die Säule liegt vier Schritte von ihm in hundert Scherben.« »Ah, eh, oha«, tönt es erleichtert ringsum von den Zuhörern. »So sagt die Legende. Jedes Wort ist so wahr wie ein Stern. Aber die ganze Geschichte ist viel schöner als der ganze Sternenhimmel. Höret nur: Das Volk jener Stadt wurde sogleich munter und schüttelte den Schrecken von sich. Und als Isaak dahersprang, gesund und voll Atem, da hob es ihn auf die Schultern und trug ihn wie einen Götzen auf ein Stück Marmor . . .« »Diese verfluchten Steine!« brummte Michelangelo in den Bart. ». . . und sagte: ›Ein Spaß, baff! und schon ist's vorbei. Nun rede fertig, Mächtiger! Vollende, du Herrlicher!‹ »Dem Isaak schwindelte noch ein bißchen. Aber da lebte und lachte ja alles und war wie vorher. Dieser Übermut tat ihm wohl. Er fraß wie ein Wolf davon, lachte mit, besann sich dann, wo er beim Erdbeben steckengeblieben war, winkte, öffnete die schwungvolle Lippe und . . . und . . . was meint ihr . . .« »Stotterte! . . .« überholten einige Zuhörer die Erzählerin. »Stotterte wie ein Kindlein ohne Zähne. Kein Wort kam glatt heraus. Fetzen, Fetzen. Mä . . . mä . . . nun . . . Männer, Da . . . da . . . da . . . men . . . Damen . . . und so weiter.« ›Gestottert hab' auch ich‹, dachte Michelangelo, ›gestottert mein Leben lang im Stein. Brocken hier, Brocken dort, nur Silbenzeug, keinen lebendigen Satz . . .‹ Und er klopfte zum zweitenmal an die Brust: › Mea culpa! ‹ »O mach' doch nicht ein so bitteres Gesicht, Bruder«, bat die Erzählerin, da sie das Brustklopfen gehört hatte. »Es kommt ja alles hübsch ins Glied und End', wartet nur!« – Und sie schloß die Augen wieder und fuhr fort: »Alles stutzte, erschrak, glotzte den Stammler an und mußte zuletzt, da es ihn so wunderlich den Mund aufreißen, keuchen, husten und Mä . . . mä . . . mä oder Da . . . da . . . da herausbringen sah, ja wahrhaft, mußte ihm zuletzt hell ins Gesicht lachen.« »Mä . . . mä . . . mä . . .« hörte man den Nino lustig und fast wie ein blökendes Schaf nachahmen. Ein tiefes, brummelndes Lachen rollte leise wie eine silberne Kugel im Ring der Horcher herum. Nur Michelangelo lachte nicht. Aber Felicita, alles Frühere vergessend, kicherte am längsten und süßesten, bis Carletto sich zu ihr niederbog und ihr freundlich seine schmale Herrenhand auf den Mund legte. Und er hätte nicht gezürnt, o nein, er hätte es gerne gehabt, wenn das Frauchen wie schon oft einen Kuß auf diese Hand gedrückt hätte. Aber sogleich ward sie ernst und schob ebenso freundlich die Hand des Gatten auf sein Knie hinunter. »Aber«, fuhr die greise Marta fort, »dem schönen jungen Manne stand das Haar zu Berg. Wegen des Stotterns zuerst. Das war doch fürchterlich. Das traf ihn ins Mark. Mit dem Redner war es aus. »Doch zum zweiten und dies viel heftiger: Wegen des Volkes, wegen dieser tausend Gesichter, die lachen, spotten, schier übergehen vor Spaß. Und eben trugen sie ihn noch auf den Achseln und riefen ihm: ›Herrlicher!‹ – Er wird zornig, seine Augen regnen Feuer, seine Hände zeichnen Wunderliches in die Luft. Aber er stottert immer gräßlicher . . . ›Verrückt geworden! . . . kindisch! . . . ins Narrenhaus!‹ . . . hört man schreien. ›Am Ende steckt er uns noch an! . . .‹ Man läßt ihn stehen, kehrt ihm den Rücken, rennt davon. »Und so steht er noch lange wie ein Stein auf dem Stein. Er steht, bis es dunkel wird. In der Nacht flieht er. Zwölf Kamele tragen sein Gold und seine Kränze hinter ihm. »Vielleicht macht ihn Gott wieder gesund. Ja, endlich denkt er an Gott. Dann wird er zurückkehren und diese falschen Menschen mit einer Blitz- und Donnerrede stottern machen, ha! »Er pilgert nach Jerusalem, teilt Gold nach allen Seiten aus. Aber da sieht er nichts als Streit. Bis ans Grab unseres Herrn zanken die Christen und sudeln Blut und Geifer zu Gottes Füßen hin, wie schrecklich! . . .« Man hört jetzt mitten im Lauschen der sechs Personen einen Hieb. »Sieh nur, Nino hat dem Luchs eins über die Lefzen gehauen. Der Tolpatsch!« Aber die alte Marta fährt auswendig aus ihrem Buche fort: »Da erfaßt ihn eine Sehnsucht wie noch nie. Wo denn der Herrgott und Herrgottsfriede sei? Er merkt jetzt, daß das nicht der gröbere Fehler an ihm ist, das Stottern. O nein, daß auch seine Seele schon lange gestottert hat, ja, nicht einmal gestottert, sondern stumm lag wie ein Stein . . .« »Stein, Stein!« seufzte jemand leise. »Und er dachte, alle Menschen sind schlecht. Ich muß von den Menschen weg. So find' ich Gott und seine Ruhe. »Doch versucht' er's noch im stillern Bethlehem. Aber auch da bis zur Krippe des santissimo Bambino Schmutz und Zwist. Abendländer, Griechen, Araber, alle verdrecken das Heilige mit Zank und Dünkel. Aber in der Grotte, wo San Geronimo gelebt hat, erzählt ihm ein Klausner, wie jener Heilige der gescheiteste Kopf der Welt gewesen, ein Redner wie ein Schwert, ein Schreiber wie ein Held, aber ohne Frieden, bis er sich da in derselben Höhle wie ein Wurm verkrochen habe. »›Das ist's,‹ sagte sich Isaak. Und er verteilte alles, entließ die Diener und zog in die Ferne, wo ihn, den Weltbekannten, niemand kenne. So fuhr er übers Meer und hörte nicht auf zu wandern und zu klettern, bis das verschneite Gebirge dort hinten ihm alle Aussicht gen Morgen versperrte. Hier war der Berg noch wild und dornig. Das gefiel ihm. Er baute sich eine Klause zu unterst. Still war es ringsum. In Wind und Wasser redete der Herrgott mit ihm. Und Isaak lernte beten, fasten und Himmlisches denken. Keine Lippe öffnete er, tat wie stumm. Er war fromm, aber noch lange nicht heilig. Er hätte ruhig stottern sollen. Was Gott an uns tut, ist keine Schande. »Aber die Bewohner wurden aufmerksam und begannen den strengen Büßer zu verehren. Mit Zeichen und Mienen bat er, sie möchten in allen Dingen hinauf, nicht hinabschauen. Bald gab es welche aus Spoleto, – das war noch ein kleines Dorf mit Ringmauern –, die auch zu klausnern anfingen. Da und dort entstand eine Eremitenhütte und ein braves Leben blühte am Fuße des Berges.« – Hier hielt die Legendensagerin inne. Ihre Zunge ward trocken. Felicita reichte ihr im eigenen Silberbecherchen Wein. Marta schluckte, nickte dankbar, lächelte, als sie merkte, wie Carletto seinem Weib näher rückte und dieses um ebensoviel ferner rutschte und dachte: ›O du liebe Unruhe!‹ Dann schloß sie heiter die alten Lider und fabelte auswendig und selig fort: »So ward es nun aber dem Isaak zu unruhig. Auch kitzelte ihn die Eitelkeit, daß er sein Stottern verrate. Den stummen Heiligen pries ihn ja das Tal. Den Stummen, das ließ er sich nicht ungern nachsagen; den Heiligen, das bedrückte ihn doch. Und so zog er nachts aus und klomm höher in die Wildnis hinauf. Und er fühlte sich von Stund' an glücklicher, und die Paternoster flogen ihm wie leichte Goldwölklein vom Munde.« »Was aß und trank er dann?« unterbrach Nino voll grober Weltlichkeit den Fluß der Legende. Grimmig blickte Michelangelo auf den Schnöden. Aber Frau Marta lächelte: »Wasser hat er getrunken und Brombeeren gegessen für den Durst. Aber für den Hunger aß er Süßwurz und Pilze und Sauerklee, und sicher hat er auch Mais und etwas Milch zum Almosen bekommen.« »Und davon ist er so alt geworden? Hatte der einen Magen!« Wieder brummelte ein gar nicht spöttisches, nur seelenlustiges Lachen leise wie eine Silberkugel durch den Ring. Aber Michelangelo blitzte seinen Knecht an und wetterte: »Zum Teufel mit deinem Geplapper!« »Bruder, Bruder,« beschwichtigte die Greisin, »was kann denn so ein hübscher apfelbackiger Junge von Büßerdingen verstehen . . . Ja, Freundchen,« gab sie Nino hinüber, »man kann damit leben und hundertjährig werden, ich weiß es.« O sie wußte es. Wie oft hatte sie wochenlang von exakt der gleichen Naturkost gelebt und war dabei am behendesten geblieben. »Weiter, Marta, weiter«, befahl Graf Carletto, die dunkeln Schlitze der Wimpern vor Spannung noch schmäler ziehend. Und wieder rutschte er verstohlen der Felicita zu. Aber wieder hatte sie aufgepaßt und rückte um so viel weiter ab, und der ganze Ring mußte sich ein wenig mitbewegen. Und wieder verzog die Alte ihre verschrumpften Züge munter und dachte: ›O du liebe Unruhe nach Ruhe!‹ schloß die Augen und spann wie einen Sonnenfaden ihre Buchgeschichte weiter: »Doch die Jünger ließen ihm keine Ruhe. Sie rückten ihm jedesmal ein gleiches Stück nach« – hier schoß sie einen kleinen fröhlichen Blick unter dem Lid direkt auf den Junker ab. – ›Er ist sicher nicht stumm‹, munkelte man. ›Er könnte gewiß dichten und lobsingen und predigen wie Elias. Aber er macht sich aus Buße stumm.‹ – »Da floh Isaak ganz zur steilen Höhe hinauf. Es war ein schwieriges Stück damals in der wilden alten Zeit, wo es noch keine Wege und Brücken gab. »Weit sah er nun übers tiefe Land und jubelte, so ferne von aller Unruhe zu sein. Er wähnte, jetzt fehle nur noch ein Schritt in den Himmel, und die Paternoster schossen wie Blitze aus seinem Munde und leuchteten hoch hinauf. Aber, aber . . . er war noch nicht heilig genug.« ›Herrgott noch einmal! Noch nicht heilig genug!‹ wollte Nino losbrechen. Aber der Meister drohte mit dem Finger und so hieb er, als hülfe das, der Bestie im Rücken ein Zweites über den Katzenschädel. »Bis dahin«, erklärte Marta, »hatte er nicht mit Worten gebetet wie wir, sondern nur in Gedanken. Denn er konnte sich nicht stottern hören. Und er meinte – aber das kam erst langsam hinterher – es sei auch Gottes unwürdig, so gen Himmel zu stammeln. Aber doch wurde er dabei nicht so froh, wie er gedacht hatte. Auf dem Gipfel sei der höchste Friede, glaubte Isaak. Statt dessen murrte etwas in ihm und nagte und plagte. Oft, wenn er im Abendrot selig einschlief, erwachte er im Morgenrot unzufrieden. Und wenn er noch so viel gebetet und noch so tief an die Ewigkeit gedacht hatte, war ihm oft, als ob der Tag nicht fertig beschrieben sei, als gebe es auf dem Blatt eine wüste, träge Lücke. Jämmerlich quälte er sich, was wohl sei. ›Ich bin doch zu oberst und einsamer als einsam. Was fehlt jetzt noch?‹ »Und in einer besonders sauren Stunde wollte er laut klagen und das Miserere zu Gott aufschreien . . . und siehe, da war er stumm! . . .« »Ah, oh, ehi!« flüsterte es leise ringsum, von einem knorrigen Sakra überlärmt. Michelangelo ward nicht mehr zornig. Er schloß wie die alte Schwester das Auge und sah so besser, was er sehen mußte. »Da blieb Isaak auf einem Stein hocken wie einst nach dem Erdbeben.« »Gestanden, gute Alte, gestanden ist er dort, habt Ihr gesagt!« wandte Nino hitzig ein. Sie lächelte und sagte: »Nun, jetzt saß er stundenlang und sann nach, was wohl dieses Zeichen wolle. Ist das Strafe oder Lohn? Und sogleich wußte er, daß es nicht Lohn sein konnte. Denn das Sprechen ist eine himmlische Gabe und so fein, daß alle Tiere es bis zum letzten Schnauf unermüdlich probieren zu erlernen. Das Stottern war dem Isaak zur Strafe überkommen und jetzt das Stummsein noch viel mehr.« »Strafe, wofür?« schrie Nino. »Ach, wie einfach! Weil er besser sein wollte als die andern, einsamer, höher oben und stumm dazu wie das Grab des Herrn, statt sein Stottern zu zeigen und dafür Spott zu tragen. Darum doch! »Stundenlang saß er und sann. Es finsterte, die Sterne gingen auf, die Wölfe und Luchse heulten, der Wind keuchte durchs Dickicht. Er aber saß und sann bis zum Hellwerden, und da ward es auch morgenhell in ihm. Nicht die Menschen gierig suchen soll man, wie er früher getan, und nicht die Menschen gierig meiden, wie er jetzt tat, sondern gerade so zwischen Suchen und Fliehen freundlich in der Mitte verharren, es nehmen, wie Gott es gibt, einmal Trubel, einmal Stille, jetzt drei, vier in der Stube, jetzt schweigsam in einer Ecke, nun verlassen auf weiter Straße, nun im Stadtgeschrei. Nur nicht daran schulmeistern! Oder wie, will man denn im Himmel auch allein sein? Da ist doch der Herrgott überall. Und da ist noch die Madonna und San Giuseppe und Peter und Paul und der heilige Franz und Sant' Antonio und ein ungeheures Gezwitscher von fliegenden Engeln. Aber doch ist kein böser Lärm. »Und wer ist denn überhaupt allein? Der Uhu im Wald und der Teufel. Mit ihnen will niemand gehen. Ja, sogar die unvernünftigen Bäume stehen zusammen, und die Brombeeren küssen sich an den Dolden, und die Steine, sogar die Steine kleben zusammen und wärmen sich aneinander . . . ›Und wir haben doch Vater und Mutter und Geschwister, und es soll Kinder und Kindeskinder geben und die Welt von Menschen musizieren . . . o ich Tor!‹ »So dachte Isaak. ›Und nun geschieht mir recht, daß ich stumm bin. Ich wollte ja keinen Menschen. Dann brauch' ich auch keine Sprache. Nein, hier oben werd' ich nicht besser. Je höher, je unheiliger. Zurück in die Tiefe!‹ »Und da stieg er demütig wieder in seine vorherige nächstuntere Einsiedelei. Aber da saß schon ein Eremit. Und da bat Isaak, ihn bei sich zu lassen, und schon ward ihm leichter und lichter. Er schrieb in die Erde: Ich bin wirklich stumm, Strafe des Herrn! Früher stotterte ich nur und schämte mich dessen . . . Aber der andere konnte nicht lesen und wollte den Stummen nur noch inniger bedienen. Einer neigte sich tiefer vor dem andern, und es entstand eine süße Brüderlichkeit. ›Das ist zu schön, das verdien' ich nicht‹, sagte sich Isaak und zog tiefer hinab, in seine zweitnächste Hütte. Sieh, da hausten ihrer schon vier Einsiedler. Sie erkannten ihn und wollten ihn gleich zum Vater. Aber einer konnte seine Schrift lesen: Von Gott mit Stummheit geschlagen! Da wurden sie minder ehrerbietig, ließen ihn gern das Niedrigste schaffen und zuletzt aus der Schüssel schöpfen. Doch er tat es so lustig und schaffte so frohmütig, daß sie nicht anders konnten als ihn heimlich hochachten, ja beinahe fürchten. Da stieg er noch tiefer bergab. »Und je tiefer er kam, desto gehobener fühlte er sich. Je mehr Brüder und Arbeit, Not und Verkennung, harte Ellbogen und kühle Blicke, um so ruhiger ward sein Herz, und um so schneller gewann er die Menschen. Sein Atem wurde so friedlich, als bliese er aus einem Lamm . . .« »Oha!« widersprach Nino. »Aus dem Lamm Gottes selber . . . wisse du!« Nino senkte den Strubelkopf. »Und je tiefer er ins Dunkel hinunterstieg und in den Staub, um so reiner glänzte sein Antlitz, als stände er im Morgenrot zuoberst auf dem Gipfel. Er kannte jetzt die Menschen, die stolzen und furchtsamen, die argen und harmlosen, die Brummer und Schmeichler, die Trotzköpfe, die Verliebten, die Zweifler, Mutlosen, Frechen, Quäler. Ganz Spoleto lief ja zu ihm. Und in jedem Menschen sah er neben einer Nessel einen Kornhalm wachsen. Niemand hatte nur Korn, niemand nur Nesseln. Und allein konnte sich nicht jeder helfen. Da hatte nun Isaak die geschicktesten Finger. O wie leise bog er das Unkraut nieder, zupfte es Blatt für Blatt und Stengel für Stengel ab und grub das letzte Würzelchen aus und strich dafür geduldig den Halm in die Sonne empor. O seine Finger redeten jetzt, da seine Lippen schwiegen. Daß er doch auch noch reden könnte, wünschte das Volk. Er risse die Erde zum Himmel.« Alles hing tiefversunken an der welken Alten. Eine Art Heiligkeit wehte auch hier wohlig durch jedes Herz, als säße Isaak unter ihnen. Carletto rückte zum letztenmal sehr ernst und ehrfurchtsvoll zu Felicita, und nun wich diese nicht mehr, sondern schlug den Arm um seinen Nacken. »Ich bin zu Ende«, sagte die Greisin. »Nur noch etwas Schönes! Der Monte Luco wurde lebendig von unten bis oben wie ein frommer Bienenstand, und die Mönche hatten dann auf der Höhe ein Kirchlein gebaut und viele Zellen und zwangen Isaak brüderlich wieder hinauf, um ihr Abt zu sein. »Aber da brachen eines Tages die Barbaren ins Land, Mord und Rauch um sich. Sie ritten gen Spoleto. Aber Isaak hatte sich vor das Tor gestellt, bleich wie Schnee, steinalt, einen Bart wie Silber, die Augen voll Himmel und mit der Rechten gewaltig in die Luft schreibend. »Die schwarzen Massen des Feindes stauten sich vor ihm, stutzten, aber sahen dann auf die Stadt. In den fünfzig Jahren, seit Isaak hier wirkte, war sie fünfzigmal schöner und größer geworden. Diese Hunnen oder wie sie hießen, erblickten gierig die vielen Paläste, die hohen Türme, die herrlichen Menschen auf allen Mauern, die reichen Jünglinge und noch mehr, ach, die schönen Spoletaner Mädchen, und trotz ihrem innern Schauder legten sie die Pfeile auf, zückten die Spieße, und der Mord blitzte aus ihren schwarzen wilden Gesichtern. »Und seht, da würgte und erstickte es beinahe den heiligen Isaak im Hals, das Blut schwoll ihm empor, der Krampf packte seine Kehle, es zerbrach etwas in ihm wie ein Eiszapfen im März, er öffnete den Mund und – – konnte reden, ungeheuer reden. Nicht glatt wie Narren, nicht ohne Stocken, nein, stotternd, aber Stück für Stück wie Felsblöcke vom Monte Luco über den Feind schleudernd. Etwa so, wie der Donner dort drüben im Süden rollt, dann über Spoleto rumpelt, wieder aufhört und einen letzten Krach gegen Foligno hinab tut. So war sein Satz. Da lachte niemand mehr Mä . . . Mä . . . und Da . . . Da . . . Da . . .! Da blieb kein Nino zum Spaßen übrig . . .« Alles blickte auf den Burschen, der in die Backen pustete und den Kopf fast in die Knie hing. »Den Heiden«, erklärte Marta, »kam dieses gewaltige, herrische Stottern schrecklicher vor, als wenn der Merkwürdige im schönsten Fluß sie mit Schelten überschüttet hätte. Und sie staunten noch mehr, als ganz Spoleto, vom jähen Wunder überrascht, ohne Waffen und ohne Vorsicht, Kinder, Weiber, Männer, alles zu ihm heraussprang, vor ihn hinkniete, seine Füße küßte und dem Feind zuwinkte und zulächelte, ein gleiches zu tun. Ein Wunder stehe ja da vor ihren Augen. »Grauen übernahm die Heiden ob diesem Unerfaßlichen. Das mußte der Zauberer aller Zauberer sein. Sie duckten die langhaarigen Köpfe in die Achseln, rissen die Rosse um und galoppierten davon, als säße ihnen kein Heiliger, sondern der Satan im Nacken. »Isaak aber stotterte noch einige Jahre und starb als Heiliger und wirkt heute noch fort und hilft, daß die Prahlhänse verstummen und die Demütigen großartig reden. Das ist die Legende. Und im Buch steht zuletzt: Zum Groß- und Heiligwerden eines Menschen gehören viele Mitmenschen, gute und böse, sonst hätte Gott Adam und Eva kinderlos und die schöne Welt den Tieren gelassen. Amen.« – Alles drang auf die Alte ein, schüttelte ihr die Hand, dankte, Nino ein bißchen eilig, Felicita mit reichlichen Küssen, Carletto vornehm und ernst. »Gehet, gehet jetzt, lasset mich, seid so gut, ich kann sehr gut weiter gehen. Der Alte da kommt mit! Nicht wahr, Bruder?« Michelangelo nickte herzhaft, und es gab nichts anderes bei zwei so alten Steckköpfen, als daß die übrige Karawane vorausreiten mußte, die Bettlerin aber mit ihrem berühmten Brudergespan langsam, still, glücklich zu Fuß auf den Luco stieg. Wer sie so uralt und knochig sah, mit blutlosem Gesicht und steifem Rücken, der hätte an zwei mühsam bewegte Steine, zwei wandelnde herbe, kalte Statuen denken mögen. Aber er hätte sich himmelhoch geirrt. Diese zwei herrlichen Greise, die so gemach schritten und sich gegenseitig stützten, dann stillestanden, Berg und Tiefe bewunderten und den Waldatem tief einsogen, die sich dann wie Bruder und Schwester liebkosten, beteten und wieder wundervoll schwiegen, sie beide waren die wahrhaftesten und lebendigsten und wärmsten Menschen, die je diesen Pfad emporpilgerten. Michelangelo meißelte nicht mehr. Er hatte den Stein auf andere Art überwunden. * Einige Wochen später bog sich der schwerhörige und dem Bildhauer unliebe Pontifex Paul IV. vom hohen Throne zum Schemel des Künstlers nieder und fragte mit einer kleinen Bosheit in der Stimme: »Nun, Meister, wie war die Aussicht vom Monte Luco?« Und Michelangelo, wieder der vornehme römische Greis in Handschuhen und schwarzem Samtwams, reckte das Gesicht zum Papst empor und antwortete sinnvoll: »Die Aussicht, Heiligkeit, die Aussicht! Sie dünkte mich groß auf dem Gipfel, aber wurde mir Unwürdigem, exakt wie dem Diener Gottes, dem heiligen Isaak, um so weiter und wahrer, je tiefer ich den Berg hinunter, von den Steinen zu den Menschen schritt.« Der hohe Achtziger im weißen Habit des Weltenpriesters glaubte wohl, der Sonderling spaße auf seine rätselreiche Art. Er verbiß aber die weiteren Fragen, denn dieser strenge, herbe Hohepriester wußte viel von Himmel und Erde, aber just nichts als Name und Ort vom heiligen Isaak und wollte dem Laien diese verzeihliche Blöße nicht zeigen. Erst später, als er im großen Elend aus seiner unnahbaren Höhe niedersteigen und in den Wirrwarr naher Menschen energisch greifen mußte, sah auch er menschlich weiter und tiefer und dachte an den Monte Luco. Jetzt aber sagte er mit seinem neapolitanischen Witz: »Dann sollten wir eigentlich hier die Sessel tauschen, denn ich bedarf einer größern Aussicht als Ihr.« »O spaßet nicht«, bat Michelangelo; »Gott sorgt schon selbst, daß Eure Heiligkeit den Monte Luco nicht nur hinauf, sondern auch hinunter kommt.« – »Zu unsern Geschäften«, befahl Paul mit kühlem Lächeln und rollte die vielen Pläne des Kuppelbaues auf. Ehrerbietig trat der ganze Domrat hinzu. Ach, wie war dem Meister sogar diese Kuppel jetzt gleichgültig geworden! Er erklärte, zeichnete, antwortete und korrigierte schier mechanisch auf die Fragen des Papstes, aber seine Seele weilte voll Heimweh unter den lebendigen Eichenkuppeln des Monte Luco. Der rote Zauber des Mastro Giorgio von Gubbio Hundert und hundert Histörchen kleben an allen Mauern Umbriens. Keine noch so geringe Stadt, wo nicht eine besondere Sage aus alten Toren singt. Da mischt sich die gewissenlose Phantasie hübsch mit der redlichen Geschichte, ein Erdbeben kracht hinein, ein Künstler zaubert, der schwarze oder schwefelgelbe Satan bockfüßelt herum, und ein Heiliger, gerne der sonnige Franz von Assisi, hilft der schiefen Geschichte zuletzt noch ins Blei. Gubbio ist so ein Plätzchen. Es kriecht am Monte Ingino hinauf mit uralten Häusern, Bögen, Türmchen und Berggäßlein. Es ist mir mit Spello und Narni und Norcia eines der unvergeßlichen Städtchen Italiens geworden. Einen Nachmittag hoch über dem Städtchen im Schatten des Klosters Ubaldo zu verbringen und dort unter einer wilden Kastanie sitzend die hinreißend schöne, eigenartige, weite Aussicht über Täler und Berge zu genießen, das gehört zu den köstlichsten Stunden des – ach, alles in allem gar nicht so köstlichen Lebens. Aber nicht hier oben, sondern weit hinten in der Schlucht des Camignano oder Metaurus, die sich links hinter den Stadthäusern öffnet, habe ich von einem Polizisten das Abenteuer des Meisters Jürg klar und bündig vernommen. Wir setzten uns auf einen Bock neben dem trägen, damals geringen Schluchtwasser. Der Polizist schwitzte und kühlte sich die Stirne mit ein paar Güssen. Er schöpfte das Wasser mit einem zierlich gebauchten Majolikakrüglein. Der Dieb, den er so weit in den Berg verfolgt hatte, war ihm schließlich doch entwischt, aber hatte diesen kleinen, zerbrechlichen Raub mitten auf die Straße oben gestellt, als ob er sich damit aller Schuld entledige. Er trug sicher noch anderes bei sich, verschwor sich mein Nachbar, aber lachte doch erleichtert auf, weil er mit dem eroberten Gefäß seiner Amtspflicht genug getan hatte. Dieses Beutestück mußte jeder Obrigkeit beweisen, wie ihr Diener kam, sah, siegte. Ich wußte, daß Gubbio in den Majoliken eine berühmte Hand besaß, einst die beste im ganzen Land. Denn damals verstand es eine karminrote Farbe so wunderbar in den glasigen Ton zu brennen, daß von dem Geschirr ein geheimnisvoll tiefer, brünstig leuchtender Metallglanz ausging. Niemand kannte das Rätsel dieses Farbenfeuers außer Don Giorgio Andreoli, dem Erfinder. »Ist es wahr,« fragte ich, »daß der Mastro mit dem Blute lebendiger Menschen dieses Rot zubereitete?« »Man sagt so. Wenn gefoltert oder enthauptet wurde, habe er dabeistehen und den Saft noch ganz menschenwarm aufschöpfen dürfen, gerade wie ich hier jetzt Wasser aufnehme.« – Damit schüttete sich der erhitzte Ordnungsmann ein weiteres Krüglein klassisches Metaurusnaß über den Kopf. Aber dieser Saft sei zu dick und zu heiß gewesen. Er habe nicht rot genug gefärbt. Denn Mastro Giorgio habe eine tiefe, dunkelglühende Röte im Sinne gehabt, Tag und Nacht davon geträumt und sei schier im Wahnsinn herumgegangen, weil die Majoliken von Urbino und Pesaro immer noch ein besseres Rot vermocht hätten. Endlich, als er umsonst alle möglichen Erden und Säfte versucht, vor vielen Altären mehr getobt als gebetet und freilich zuletzt ein Rot wie die Urbiner, aber doch nicht ein besseres erreicht habe, da sei ihm in den Sinn gekommen, daß man von den Glasfärbern Urbinos erzählte, sie hätten sich mit dem Teufel verbündet. ›Was die machen, kann ich auch‹, dachte Giorgio und rief in einer schweren, gewitterhaften Mitternacht den Satan zu sich. Der stand schnell und gefügig da wie ein dressierter Hund und erklärte sehr höflich, er bewahre freilich noch ein glühenderes Rot für sich, den sogenannten Höllenpurpur. Aber dieses Rot sei eigentlich nur für die Teufel reserviert, nur für unterirdische Vergnügen. Billig könnte er dieses beste Rot, das je erfunden worden, nicht für irdische Egoisten hergeben. Was er denn vom Meister der Urbiner Gilde, von Don Pier Monti, damals bekommen habe? »O diese Urbiner,« versetzte der Schwarze verdrießlich, »viel zu wenig haben sie bezahlt. Hinterhältige Krämerseelen sind sie.« »Haben sie denn weniger geleistet als die von Pesaro?« »Wie eine Wildkatze peitschte der Teufel beim Wort Pesaro den Schwanz hin und her. Die mußten ihm doch innert dreißig Tagen hunderttausend Goldstücke entrichten oder, wenn die Summe nicht voll würde, ihm die Seele ihres jüngsten talentvollsten Glasfärbers verschreiben. Und die Summe ist ungeheuerlich, wird nicht voll. So viel Gold in so wenig Zeit brächte nicht einmal Florenz oder Mailand auf. »Aber schau, schau, am gesetzten Tag wurden ihm die hunderttausend Goldbatzen in allen möglichen Größen und Prägungen Stück für Stück vorgezählt. Durch ganz Italien und Frankreich schienen sie Gold entlehnt zu haben. Fünferlei Päpste, die Herren von Montefeltro, Ferrara, Gonzaga, Este, die Signorien von Florenz und Genua, die Münze von Perugia, Cremona und Mailand und noch viel anderes erkannte man da im Schnitt der Gelder und zählte sie dem Leibhaftigen vor die Schnauze. »So nahmen nun die von Pesaro das Rezept, er, der Teufel, das Geld und fluchte sich von dannen. Zwar schien ihm, wie er seewärts hinkte, man rufe etwas von der Zitadelle hinunter wie Rame (Kupfer)! Aber er achtete es in seiner Wut nicht, bis er, je tiefer der Flug in die Hitzen ging, immer deutlicher fühlte, daß in den Goldsäcken etwas Ungehöriges vorging. Er sieht nach. O je, alles ist minderwertiges Gemisch von Kupfer, Silber, Nickel und schmilzt zur lügnerischen Vergoldung hinaus. Gold hätte bis zur Schatzkammer standgehalten. »An das dachte jetzt der Gehörnte und fauchte und sagte zu Don Giorgio: ›Noch ärger haben mich diese Urbiner betrogen. Sie gingen mit mir zur Kirche San Giuseppe und hoben die Finger und schworen, dieses Haus zu schließen, so daß nie mehr darin mein großer Feind gelobt und bedient werden könne. Das behagte mir. Eine Tür zu Gott zu, eine Tür zum Teufel auf. Und ich glaubte ihnen. Denn sie standen weit und breit im Rufe kalter Christen. So gab ich ihnen mein zweitbestes Rot. Und bald hör' ich auch, daß die Kirche geschlossen wird, aber . . . wegen Baufälligkeit. Ein Jahr darauf wird sie abgerissen und am gleichen Platze eine neue, viel größere Kirche gebaut! Denn mit diesem Rot verdienen sie ein Heidengeld.« »›Nun‹, fuhr der Schwefelpeter fort, ›hüt' ich mein letztes teuerstes Rot gut. Um das soll mich niemand narren.« »›Ich denke nicht daran‹, versetzte Giorgio in seiner düstern Leidenschaft. ›Ohne Umschweife, da hast du meine Seele.‹ Und er langte mit beiden Händen an die Brust, als wollte er die Seele aus dem Leibe reißen und dem Teufel in die Krallen schmeißen. »Es wurde ein Pergament aufgesetzt. Aber im Augenblick, wo Mastro Giorgio mit seinem wilden, verhetzten Blute unterschreiben wollte, stutzte er und bemerkte, das gelte nur unter der Bedingung, daß es nicht noch ein röteres Rot gebe. Er opfere seine arme Seele nur, wenn er zeitlebens das schönste Rot besitze. Sobald etwas Besseres irgendwo erfunden werde, halte er sich nicht mehr an den Kontrakt gebunden, da dieser ja dann sein Ziel nicht erreicht hätte. »Der Teufel schmunzelte und nickte. Selbstverständlich gelte der Vertrag dann nicht mehr. Aber es sei ganz ausgeschlossen, daß Menschengenie noch ein besseres Rot finde. Teufelswitz gehe doch über jeden andern Witz. Kurz und gut, er sei zufrieden, wenn er Mastro Giorgios Seele so sicher habe, wie dieser sein bestes Rot. »Die Klausel ward immerhin eingefügt und dann das Dokument beiderseitig unterzeichnet. Und bald tauchten in Gubbio jene wunderbaren Geschirre und Vasen auf, die mit ihrer nie gesehenen, heißen, gefährlich leuchtenden Karminröte allen bisherigen Majolikaglanz in Schatten stellten. Es war beinahe nicht mehr ein irdischer Glutzauber. Die Künstler von Pesaro und Urbino wurden fahl vor Neid. Diese Gubbierfarbe schlug alle Konkurrenz nieder. Mastro Giorgios Schüsseln, Krüglein, Blumentöpfe und Zierteller eroberten Italien, und Ruhm und Zuspruch strömte massenhaft die steilen Gäßchen des Städtchens herauf. »Aber nachdem das so eine Weile gedauert und der Meister sich daran gehörig überessen hatte, fing der Mann an, sich zu langweilen und zu ekeln und mehr und mehr in Schwermut zu verfallen. Er besaß überdies einen einzigen Knaben, dessen Geburt der Mutter das Leben gekostet hatte und der nicht die geringste Neigung für das väterliche Gewerbe empfand. Eher mochte Odoardo ein Pfaff werden. Auf des Vaters Ausruf bei einer ausnehmend glänzenden Vase: ›Leuchtet das nicht überirdisch?‹ schrie dieser Jüngling einmal mit bebender, aber überzeugter Stimme: ›Nein, Vater, unterirdisch!‹ So eine feine Witterung besaß dieser Bursche. Aber wie sollte es anders sein, da Odoardo so oft zum heiligen Bruder Franz nach Assisi lief und dann viele Tage jeweilen fortblieb. »Sooft er seit jenem Unterirdisch dem Vater begegnete, ward dieser einsilbig und ließ den Kopf immer tiefer hängen. Das unheimliche Wort begann in Mastro Giorgios Seele immer stärker zu rumoren. Er hatte jetzt den Ruhm und den Reichtum erlebt und nichts Besonderes dabei gefühlt. Früher hatte ihn jede kleinste Erfindung oder Verbesserung in seiner Kunst auf Jahre hinaus froh gemacht. Wie ging es nun zu, daß er dieses Erstaunlichste schon so bald satt bekam? Etwa weil es nicht sein Werk war, sondern etwas Erkauftes, Erlistetes, Fremdes? War der Reiz so rasch verflogen? Was kam jetzt? Nichts als immer diese entlehnte, erschmuggelte Farbe und immer nur diese rote Langeweile, und dann der Tod und die Hölle. »Er begann, dieses Rot zu hassen und die alte selige Zeit mit dem geringeren Ruhm, aber köstlicheren Leben zurückzuwünschen. »Tag und Nacht grübelte er nach einem noch tiefer und wilder glühenden Rot, um sich vom höllischen Kontrakt loszumachen. Er überwand sich sogar und schrieb einen Preis für denjenigen aus, der sein Rot übertreffe, wobei er besonders innig die Pesarer und Urbiner zum Wettbewerb aufreizte. Aber nichts verfing. Er hatte das beste Rot, und der Teufel hatte die beste Hypothek auf seine Seele. Oft wenn dem Meister beim Abenddämmern sonderbar graute, wenn er sein plötzlich ergrauendes Haar betrachtete, wenn ein Gleichalteriger mit dem Ablaßkreuz in den Fingern starb und er entsetzt an den eigenen unseligen Tod denken mußte, oft schien es ihm dann, es kichere und höhne ganz nahe und spotte seiner Ohnmacht. »Wie oft wollte er seinem Sohne das Geheimnis mitteilen, bevor es ihm das Herz abdrückte. Aber Giorgio war mit seinem Sohne nie vertraut gewesen. Jahrelang hatte er ›den Balg‹ kaum anrühren mögen, der ihm das Beste im Leben, seine milde, verständige, tröstliche Frau genommen und dafür nichts als seine so unschöne, scheue, zurückgezogene Winzigkeit gegeben hatte. Dann, als Odoardo sich ein bißchen umzuschauen begann und sich nun gern vom Vater dies und das hätte mögen erklären lassen, da hatte den Mastro schon jene wüste Hast nach den leuchtendsten Farben, und wie man sie in Glas und Metall brenne und erglühen lasse, völlig übernommen, ja geradezu besessen gemacht. Jetzt war die Frau tot und der erwachsene Sohn entfremdet, jetzt, wo Giorgio vom toten Metall zum lebendigen Menschen fliehen wollte. »Dann aber schämte er sich auch ganz heillos, zu bekennen, sein Ruhm sei gar nicht eigenes Verdienst, sondern erkauft, erschwindelt. Vom Teufel! Und das war das Schlimmste an der Sache. Er wäre der Gottlosigkeit und Zauberei angeklagt, in den Turm geworfen, unsäglich gefoltert und zuletzt wohl erdrosselt oder verbrannt worden. ›Meine Seele, meine arme Seele!‹ schrie er nun oft, wenn er sich allein glaubte. Als Odoardo ihn einst so jammern hörte, drang er zum Vater ein und bat ihn dringlich, ihm doch das Herz auszuschütten. Da entschlüpfte dem gequälten Giorgio wenigstens das Wort: ›Gibt es kein stärkeres Rot als das meinige, Knabe, dann hab' ich Ehr' und Seligkeit verloren.‹ »Das gibt es nicht, das gibt es nicht!« rief eine gar wüste, übermütige, stinkende Stimme aus dem Stubenwinkel. »Da wußte der Jüngling genug. ›Und das gibt es und muß es geben‹, schleuderte Odoardo verwegen in die Finsternis und rannte dann zum allhelfenden Franz nach Assisi hinüber um Beistand. »Aber der Heilige wollte nicht selbst ins Zeug greifen. Er behauptete, das könne auch Odoardo vollbringen, und es sei sogar gut, wenn das Kind den Vater erlöse. Da käme dann Wärme ins Haus, und der Teufel hätte so das Spiel gründlicher verloren als je einmal. Überdies, fügte Franz bescheiden hinzu, hinderten ihn die Wunden. Er meinte jene wunderbaren Male, die er bei der Versenkung ins Leiden Christi vor bald einem Jahre bekommen hatte, genau, als wäre er mitgekreuzigt worden, und die oft noch durch die Lumpen des Verbandes leuchteten. – Ein Maultier! – Ach, er ritt nicht gerne wie ein Herr. »So wies Franz den Jüngling genau an, was und wie er mit dem Vater vornehmen solle, und schärfte ihm daneben noch besonders ein, den Teufel jeweilen, wenn er sich bemerklich mache, recht höflich zu behandeln. Sogar Beelzebub könne man mit Höflichkeiten kirren. Fröhlich kehrte Odoardo heim, obwohl er vom Regen unterwegs bis auf die Haut durchnäßt war. Doch wie er so mit leeren Händen in die Werkstatt trat, kehrte der Vater sich enttäuscht von ihm ab. Er hatte gehofft, Franz oder sonst ein Wunder käme mit dem Buben. Nun wurde sein trübes Gesicht noch verhärmter. ›Ich werde dir helfen‹, versprach Odoardo. »›Du?‹ antwortete der Meister höhnisch. ›Du? wo es scheint's Franz nicht einmal kann!‹ »›Ja, ich.‹ »›Wann denn?‹ »›Nur Geduld, 's ist noch alle Zeit.‹ »›So reden die falschen Propheten.‹ »Odoardo widersprach nicht mehr. Aber morgens und abends sah er sehnsüchtig gegen den Monte Urbino, den Böswetterberg, ob denn dieses heillose Sudelwetter nicht bald aufhöre. Es schien, er brauche heitern Himmel zu seinem Unternehmen. In den Hauswinkeln kicherte und spöttelte es indessen immer garstiger. Doch Odoardo hatte genug vom Meister in Assisi gelernt und lächelte und tat, als höre er nichts. »In jener düstern Zeit hielt der Mönch Egidio Salvari in Gubbio Volksmission. Seine Bußpredigten donnerten furchtbar in die Kirchenstühle hinunter. Er trug einen Totenkopf in der Hand und malte so viel Hölle, daß man keinen Himmel mehr sah. Mastro Giorgio ging sozusagen selbstmörderisch in jede Predigt und saß hernach jedesmal noch mutloser an seiner Tischecke beim Stubenfenster. Ach, welch ein Leben ohne Freude! Der Säufer hat wenigstens seinen Wein bis zum letzten Schluck und der Liebhaber seinen Schatz bis zum letzten Kuß. Aber er, Giorgio, hat nichts als dieses vergiftete und verfluchte Höllenrot und hernach die Hölle selbst. Eine ungeheure Furcht vor der Ewigkeit machte ihn schlottern. Er wagte in keinen Winkel zu schauen, in keine Nische zu sitzen, sondern hockte sich zuvorderst ans offene Fenster, als müßte er immer zur Flucht bereit sein. »Da, eines Abends hellte sich der Regenhimmel auf, eine weite, goldene Bläue überspannte die Stadt, und die Höhen vor Costaciarro und Sigillo begannen sich langsam im Widerschein der verblutenden Sonne in ein tiefes Purpurrot zu kleiden. »›Schau‹, sagte Odoardo und atmete schwer, denn nun galt es, ›schau wie rot!‹ »Mastro Giorgio stierte blöde hinüber und verstand den Sinn nicht. »›Komm hierher, an dieses Fenster‹, bat der Sohn. ›Da sehen wir noch Besseres.‹ – Irgendwo in der Stubendämmerung begann es unruhig zu knistern. »Westlich, gegen Sant' Angelo war die Sonne untergegangen. Nun sind die Sonnenuntergänge von Gubbio aus ein prachtvolles Schauen, besonders nach Regenschauern, wenn die Luft noch feucht ist und leichte Dunstschleier über den abendlichen Ausgängen der Talung wehen. Alle Luft ringsum, nicht bloß der Himmel, scheint dann glührot zu flammen und in einen immer tiefern Purpur hinunterzubrennen. Die ganze Welt gleicht dann einer einzigen dunkelroten Feuerrose. Wer hineinblickt, wird selber Rose. »Dieses Wunder des Abendrots geschah jetzt, und wie Giorgio hineinstaunte und Odoarda ihn stupste und reizte: ›Vater, nun urteile selber, ist das nicht noch ein viel kräftigeres und innigeres Rot als das deinige? . . .‹ da begann etwas im Trübsinnigen zu zerreißen, ein schwarzes Tuch oder eine finstere Hoffnungslosigkeit oder etwas Ähnliches. Dieses Abendrot dort, so eine gewohnte selbstverständliche Erscheinung, bekam plötzlich ein außerordentliches, ungeheuer wichtiges Gesicht. ›Rot, rot‹, stotterte er, ›sehr, sehr rot!‹ Aber er wagte noch nichts zu folgern. »Odoardo drückte ihm ermunternd die Hand, wandte sich mit der andern einladend gegen die hinterste Stubenecke und rief mit ausgesuchter Höflichkeit: ›Darf ich Sie bitten, geehrter Herr Dunkel, vormals Exzellenz Luzifer, dieses mächtigste Rot auf Erden in gnädigen Augenschein zu nehmen? Ihr fachmännisches Auge wird mir beistimmen, daß nie ein stärkeres Rot erfunden ward. Ich gebe viel auf Ihre Zustimmung.‹ »Unwillig, hinderlich, knurrend kam etwas gegen das Fenster. Man hörte es nur und roch etwas, aber sah nichts. Eine kleine Pause entstand. Dann rief Giorgio, immer mutiger und berauschter vom Anblick dieser zwingenden Himmelsröte: ›Der Teufel ist übertrumpft, alleluja, es gibt noch ein röteres Rot als das seinige.‹ »Da keuchte es häßlich und heiser in der Nähe: ›Mag sein, dummer Tropf, ja, förmlich zugegeben! Aber was hat das mit deinen Majoliken zu tun? Mein Rot bringst du ins Glas. He, so versuch' denn, fang auf, so viel du kannst von diesem roten Nichts da draußen und misch' es im Tiegel. Wir wollen sehen, was da herauskommt.‹ »Ach wie kindisch und doch wie rührend ward nun Mastro Giorgio! Verstörten Geistes lief er in die Werkstatt, trug den Arm voll ungefärbten Geschirres herein und stellte es aufs Gesimse. Sogleich flammten die Gläser auf, das ganze Abendrot fing sich in ihnen, sie schienen mit überirdischem Blut, dem Blut der Himmlischen, wenn man so sagen darf, überfüllt. »›Da sieh, da sieh‹, jauchzte der Meister. Ein dürres, krähendes Lachen antwortete zur Seite. ›Armer Narr, schau' jetzt!‹ Und der Unhold rückte mit unsichtbaren Fingern das Geschirr in den Schatten, daß es sogleich farblos und tot aussah. »›Da sieh, da sieh‹, äffte er den Mastro Giorgio. »Es genügt, geehrter Herr Dunkel, daß Sie, daß wir alle hier noch ein röteres Rot als das Ihrige – gewiß ganz ausgezeichnete – soeben erlebt haben. Nach dem Wortlaut des Vertrages würde das meinen Vater bereits von jeder Verbindlichkeit befreien. Denn es steht da ausdrücklich: ›Sofern nicht ein noch besseres Rot erfunden ist‹. »›Wollt ihr Toren sagen, ihr hättet das Abendrot erfunden?‹ »›Es sollte heißen: gefunden; so ist es natürlich gemeint.‹ »›Es steht aber: erfunden. Zur Zeit unseres Vertrages war das Abendrot schon erfunden oder auch gefunden, ganz wie ihr wollt. Aber wir meinten außerdem ein Rot, das in eurem Gewerbe praktisch verwendbar ist. Also steht der Vertrag in Kraft.‹ »›Aber der Herr Doktor hatte doch schon ein bißchen Angst,‹ scherzte Odoardo, ›so viel ich merk.‹ »›Ach, woher!‹ »›Und doch war das erst ein kleiner Versuch, so ein Spaß vor dem Ernst. Aber jetzt kommt der Ernst. Paßt gut auf‹, bat der Jüngling. »Indessen Odoardo so redete, lächelnd, voll heiliger Überlegenheit, das bleiche, franziskanische Gesicht noch ganz überflutet vom glühenden Himmel und besonders in den tapfern Augen das Abendrot zweimal widerspiegelnd, aber so tief, so warm, als komme das Leuchten nicht von außen, sondern aus dem Herzen und als wäre darinnen noch ein viel größeres und süßeres Glühen: da konnte Vater Giorgio kein Auge mehr von ihm abwenden. So einen schönen, beinahe feuerspeienden Menschen hatte er noch nie gesehen, und nie hatte er gewußt, daß sein eigener Sohn ein solcher Mensch sein, so reden, so glänzen, so lächeln und siegen und vor allem ihn aus dem seelengrauen Elend so heiter retten könne. Denn daß er nun gerettet würde, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr, obwohl er keine Ahnung hatte, wie es dabei zugehen müsse. Ihn dünkte, er sollte sich vor Odoardo niederwerfen und ihm die Füße küssen. Denn was hatte er ihm je Väterliches erwiesen? Vater war er an seinen Majolika, aber nie an seinem Odoardo gewesen. »So innig wie ein Sehendgewordener zum Himmel aufblickt, so umflatterten und küßten Giorgios Blicke gleichsam das Antlitz seines lautern Kindes. Alles, was früher war, dünkte ihn wie Staub und Tod. Jetzt kam das Leben, denn jetzt kam das wahre, warme Lieben. »Und nun hob Odoardo an, gerade von der Liebe zu Gott dem Vater und zum Menschen, dem Vaterskind, unserm lieben Bruder, zu reden. Zu reden? Nein, das war Musik. Das kam vom seligen Franz her, das waren Strahlen aus seinem Sonnengesang. »Es gebe noch etwas, viel röter und blühender als das Morgen- und Abendrot, greifbar und fühlbar nicht bloß alle Seelen, sondern auch das elendeste irdene Geschirr durchleuchtend, nie veraltend, nie Farbe verlierend, im Gegenteil immer tiefer leuchtend: die Liebe. In solcher Liebe sei der Himmel zum heiligen Franz niedergestiegen und habe ihm die fünf Wundmale des Herrn eingeprägt. Die blühten wie keine irdische Rose. Dagegen sei das Rot des Herrn Dunkel eher katzengrau. Exzellenz solle verzeihen, Odoardo verneigte sich gegen die Stelle, wo das Fauchen und Schwanzpeitschen wieder anfing, – aber es sei einmal so. Er, Odoardo, mache den gefälligen Vorschlag, daß sie drei zusammen nach Assisi zögen und sich davon überzeugten. »Es möge sein, es möge ganz wohl sein, keifte der Hinkebein. Er widerrede gar nicht. Aber er mache auch keine nutzlosen Wallfahrten. Denn er müsse wiederholen, hier handle es sich einzig um ein Rot für Mastro Giorgios Gewerbe. Wenn der Meister jene Fünfwundenglut ins Glas zaubere, gut, dann wolle er abdanken. Aber das sei so unmöglich wie mit dem Blitz schreiben. »Doch wieder entgegnete Odoardo, im Vertrage stehe einfach, falls ein besseres Rot erfunden, d. h. gefunden werde. Dies sei nun der Fall. Der Bettelkönig Franz habe es mit des Himmels Gnade vor just einem Jahre am 14. September erfunden und damit basta. »›Nein, nicht basta‹, fauchte es. »Entzückt schaute Giorgio seinen kühnen Sohn an. Er fühlte, wie ein Strom von heißer, noch nie empfundener Zärtlichkeit ihn durchwogte, wie sein Welt- und Lebensbild, nachdem es sich so schmählich lange Zeit in ein paar Majoliken und in ein sattes rotes Färblein verkrüppelt hatte, sich ihm in dieser Gnadenstunde unendlich erweiterte und erhöhte, wie er am liebsten Odoardo am Arm genommen, sein glühes Geschirr zu Scherben getreten und sich mit dem Sohne als liebedürstender, liebeschmeckender Jünger dem heiligen Franz angeschlossen hätte. So furchtbar lange war er kalt wie ein nie geheizter Ofen gewesen. Jetzt kam das Feuer so stürmisch, daß es ihn fast zersprengte. Seine Seele war unter Glas und Ton erwacht. Es hatte mit der Angst vor dem Teufel begonnen und ging jetzt in die Freude und in den Mut zu Gott über. »›Komm, du mein Trost‹, rief er Odoardo zu. ›Wir gehen zum Santo und küssen seine heiligen Male. Und das übrige ist bei Gott, dem Wunderwirker. Und wenn du anständig tust, nicht knurrst, noch bellst, darfst du mitkommen. du da!‹ lachte Giorgio gemütlich zur Seite, wo er den Gottseibeiuns vermutete. »Und wie der Zottige sich auch sperrte, tobte und zähnefletschte, vor Mitternacht, bei schwachem Mond und lauer Luft ritten Vater und Sohn gegen Assisi hinunter. Sie nahmen den Weg über Urbino und erreichten bei Bosco den muntern Tiber, fast vor den Toren Perugias. Da übernachteten sie. Hinter ihnen trottete sterbensunfroh der Höllenhund und dachte, das sollte ihm jetzt noch widerfahren, nach den Urbinern und Pesarern auch noch den Kuckucksdank von diesem Gubbier Kerl! »Als sie frühmorgens das Tal durchqueren wollten, hielt sie ein vermummter Pestbruder an und sagte, die Seuche verheere das linke Tibergelände, und Assisi und die hinteren Ortschaften seien gesperrt. – ›Aber vor einer Woche war noch kein krankes Bein da herum‹, widersprach Odoardo. – ›O, die Pest reitet schnell‹, kam es zurück. ›Hört ihr denn nicht die Totenglocken läuten? – In der Tat, talauf, talab brummte es von den Kirchtürmen. Da schlug der hartgesottene Jüngling ein Kreuz. ›Au‹, schrie es hinter ihm, als hätte der Hund sich in den Schwanz gebissen. Das ganze Truggebilde war verschwunden. »Indessen stolperten die Pferde jeden Augenblick über ein Hindernis, die Hufeisen lotterten, man verlor viel Zeit in den Wiesen von Pentimento, so nannte man die Flur vor dem Chiggiafluß. Sie war durch die Regengüsse überschwemmt. Bei der damaligen San-Vittore-Brücke arbeiteten die Maurer, um die geborstenen Bögen vorläufig mit Pfählen und Latten zu ersetzen. Der Vorarbeiter lüpfte die Mütze und rief: ›Durchgang unmöglich!‹ – Wütend schossen die grauen Bergwasser zwischen dem Getrümmer talab. Aber zum zweitenmal schlug Odoardo ein Kreuz, und siehe, da stand nur noch der Brückenwart, erhob den Zoll und führte mit sorglicher Hand Reiter um Reiter über den geflickten Steg. Der Teufel aber, dem all sein Genie nichts frommte, stürzte sich, statt über die Bretter zu laufen, vor heller Wut ins schmutzige Wasser. Denn es zischte und rauchte, als fiele eine ganze Feuersbrunst in den Fluß. ›Wohl bekomm's!‹ lachten die zwei Andreoli. »Sie gelangten nun an den Abhang des Städtchens Assisi, der unten gegen den Talboden bewaldet war und die einfachen Hütten des heiligen Franz auf jener Lichtung barg, die man bald die Portiunkulawiese nannte. Aber wie sie zum Kirchlein strebten, kam ein Bettelmönch, der Bruder Wachholder, den Pilgern eilig entgegen, verwehrte mit freundlicher Geste den Weg und erzählte, Vater Franz liege schwerkrank danieder und wolle und dürfe mit niemand sprechen. Sie sollten in einer Woche wiederkommen. »›Aber Bruder Juniperus,‹ fragte Odoardo mißtrauisch, ›wo hast du das Kreuzlein, das doch immer in deinem Gürtel steckt?‹ »Der Frate verzog unschön das Gesicht. »›Und warum sagst du nicht wie üblich: Gelobt sei Jesus Christus!‹ »Jetzt verzerrte sich das Mönchsbild zu einer Grimasse. »›So nimm denn mein Kreuzlein‹, forderte der Jüngling immer sicherer. »Da barst der Spuk auseinander, und sie konnten ruhig zur begrasten Kirchenschwelle treten, wo der heilige Franz in der Sonne ruhte und der echte Bruder Wacholder ihm gerade die Verbände an den Händen und Füßen löste. Denn es war der vierzehnte des Herbstmonats, der Jahrestag des schmerzlichsüßen Wunders, das Gott und Gottesliebe ihm angetan hatten. »Als die zwei Gubbier ganz hinzutreten wollten, bedünkte sie nicht nur, es zerre sie etwas von hinten an den Mänteln mit sieben Mäulern und Krallen verzweifelt rückwärts, sondern auch Bruder Wachholder gab ihnen mit einer deutlichen Miene zu verstehen, sie sollten den verzückten Franz jetzt nicht stören, sondern in seinem stillen Himmelsgespräch mit Gott allein lassen. Und wirklich, der selige Mann sah nicht wie ein Mensch aus, so blaß, schwach und mit schwitzend schwarzem Haar er auch dalag, vielmehr wie etwas Erd-Enteiltes, Wolkendurchflogenes, Himmeldurchschauertes. So mochte Stephanus, der berühmte Diakon, im Sterbstündlein ausgesehen haben, als sich vor seinem begeisterten Blick die ganze Pracht des Himmels öffnete. »Verlegen guckte Mastro Giorgio hin und her und bemerkte sogleich, daß sie nicht allein seien. Hinter Weiden und Buchenbüschen sahen Gruppen von Pilgern, Verehrer Franzens und auch ein sehr großer, schmutziger Rest von Neugier hervor. Da waren Zweifler und Spötter neben den innigst Knienden, rohe Bauern und schmale, steinharte Aristokratenherren, Geistliche, die Tränen vergossen, andere, die von Zauberei und Sensationsmacherei munkelten, und im unansehnlichen Reisemantel stand an einer Steineiche der Kardinal Ugolino und hätte am liebsten Franzens derbe Kutte angezogen und dafür den Bettler da mit seinem Purpur umwickelt. – »Aus den offenen Fenstern des Klosters blickten verstohlen die Brüder heraus, um wenigstens von ferne beim geliebten Vater zu sein. Da sah man den feinen, aber sonngebräunten Bernhard von Quintavalle, den massigen Bruder Masseo, das Lämmchengesicht des Bruders Leone und andere in tiefster Beschauung, als müßte nochmals ein Wunder geschehen. Ja, die Erwartung eines Wunders zitterte über den ganzen Platz, machte das Gras leise beben, die Tannen, Pappeln, Oliven erschauern und selbst das kecke Gevögel still auf den äußersten Zweigen verharren. »Der Meister wußte nicht, wollte er hier gleich ins Gras knien oder sich zu den Leuten im Busch verstecken. Da zerrte der Teufel wieder erbärmlich von hinten, ganz wie ein Hund, der seinen Herrn in die größte Gefahr rennen sieht. Zornig schlug Don Giorgio mit seinen Reitstiefeln hintenaus, zweimal, dreimal, zehnmal, und hieb mit dem Peitschenstiel rückwärts. Besonders die Schwünge des gespornten Stiefels schienen ein Weilchen zu fruchten. Aber dann begann das Winseln und Reißen und Dreinhauen wieder, so daß auch die Pilger schließlich aufmerkten. »Indessen zog Odoardo eine durchsichtig helle Kristallschale unter dem Gewand hervor. Da merkte Bruder Juniperus, daß es sich um etwas Ungewöhnliches handle, und halb mit, halb gegen seinen Willen entfuhr ihm: ›Frate Odoardo ist mit seinem Vater da.‹ Frate nannten die Brüder den jungen Gubbier schon lange, da ihm dazu ja nur noch das Habit fehlte. »Bei diesen Worten senkte Franz das himmelerhobene Auge, erblickte das Gubbierpaar und lächelte es einladend an. Da traten sie tapfer herzu. »Der Bruder hatte bereits die Verbände von den Händen gelöst, die Franz nun sehnsüchtig ausstreckte, als wolle er alles an die Brust drücken und dann gleich damit in die Höhen schweben. Auch den linken Fuß hatte Juniperus entblößt und wickelte jetzt den rechten los. Über die Seitenwunde hatte er eine weiße Binde gezogen. Denn Franzens keusche Demut duldete nicht einmal so viel Entblößung. Aber die Wunde glühte in unbegreiflichem Purpur durch das Linnen. »Bei jeder Entblößung rieselte ein Blutbächlein ins Gras, und jedesmal dachten die Jünger und Ottavio mit ihnen: ›Wie schade um diesen kostbaren Saft! Mögen die schönsten Blumen entspringen, viel besser wäre es doch, diesen Tau zur Heilung der armen Menschheit aufzufangen.‹ Jeder Tropfen, der sich da in die Erde verlor, tat ihnen mehr weh, als dem schlimmsten Geizhals ein entschlüpftes Goldstück. »Aber auch Mastro Giorgio riß die übernächtigen Augen immer weiter auf. Das rieselte ja wie geschmolzenes Gold, was sage ich, wie flüssiges Morgenrot, nein, noch köstlicher, tiefer, feuriger aus den blassen Gliedern. So ein Rot hatte noch niemand erblickt. Das schlug alle erdenkbare Farbenglut tot. »Es sott in ihm das Blut. Künstlerbegeisterung, Farbenrausch erfaßte ihn. Er dachte nicht mehr an den Teufel, noch an den Heiligen, sondern nur an dieses unbegreifliche Rot, riß dem Sohn die Schale aus der Hand, kniete vor Franz nieder und ließ das Blutbächlein in sein Geschirr träufeln. Das geschah schnell wie der Blitz, niemand konnte es hindern. Und hastig schwang er die Schale in die Höhe und zeigte sie allum. Sie zuckte in Millionen Strahlen und brannte wie die heißeste Abendsonne. »›Das roteste Rot,‹ schrie er wild, ›über Pesaro und Urbino, über mich und allen Teufel hinaus rot!‹ »Sowie er den Namen seines schwarzen Tyrannen ausgerufen hatte, kam ihm sogleich wieder seine Lage und die Absicht der Wallfahrt in den Sinn. Aber die Verzauberung wäre wohl zu mächtig gewesen, wenn den Verirrten nicht eben jetzt der durchdringend klare, gütige Blick Franzens getroffen hätte, ein Blick, der so liebreich sagte: ›Armer Schwärmer! Und deine Seele? Deine Seele über alle roten Sonnen köstlich! Gib doch acht auf sie!‹ »Die Mönche in den Fenstern, das Volk im Wäldchen, die Vögel im Geäst, alles reckte die Hälse, würgte an einem Schrei und fand den Atem vor Schauensnot nicht mehr. Jetzt hörte man durch die Totenstille jene ruhige, tröstliche, zarte Stimme, wie sie nur Franz gleich einer Orgel spielte. Deutlich hörte man sie sagen: ›Gemeines, sündiges Blut! Schütt es aus, schütt es sogleich aus, mein Sohn.‹ »Das traf den Meister wie ein Herzschlag. Wie, dieses Gold, dieses Himmelsrot, diese über Welt und Unterwelt siegende Farbe? Wie, diese Rettung seiner Seele vor dem Satan? Um deswillen war er ja daher gereist. Wenn er diesen Saft nicht behielt, war er verloren. Verstört, an allen Gliedern bebend, mit todraurigem Auge stand er da und krampfte die Schale fest. »›Schütt' es aus!‹ gebot Franz noch milder und bezwingender. ›Vertrau' und wirf alle Eitelkeit weg! Nur Gott, nur Liebe, nichts anderes!‹ »Das wirkte überwältigend. Noch einen Moment zauderte Giorgio. Dann blickte er auf diesen Heiligen, der nur Freude und Liebe war und der im Himmel viel mehr als auf Erden daheim schien. Er ertrank sozusagen in den himmlischen Blicken Franzens und fühlte dabei, wie seine Seele sich losmachte vom schönsten Rot und von Hölle und Höllenangst, wie er nur noch eines empfand, lieben zu können, lieben zu dürfen wie dieser Santo, und dann stürze alles zusammen und komme, was wolle, einerlei. Und jetzt, in diesem unendlichen Schwung seines ganzen Menschen schleuderte er das Blut übers Gras und wollte auch das Geschirr zu Boden schmettern und kindlich stottern: ›So, Heiliger, und was soll ich jetzt?‹ »Aber er kam nicht zu Worte. Die Schale in seiner Rechten leuchtete weiter wie eine Sonne, obwohl kein Tropfen Blutes mehr darin klebte. Ja, immer noch ein tieferes Gefunkel sammelte sich im Kristall, von einem unglaublichen Purpur in einen noch unglaublicheren hinab, so wie man beim Untergang der Sonne meint, jetzt, jetzt ist sie am rötesten und sie doch noch röter wird. Doch hier war kein Sonnenuntergang. Diese Schale verkündete Sonnenaufgang ringsum in allen Zuschauern und vornehmlich in Mastro Giorgio. So wie er das Glas in die Höhe hob, ward es auf einmal allen klar, das sei keine gewöhnliche Trinkschale, das sei das Menschenherz voll Opferliebe und Ewigkeitsdurst, es sei das Bild der von Gottesliebe und Gottesheimweh durchsonnten Menschheit. »Das spürten alle wie in einer Pfingstoffenbarung. Alle fühlten eine kleine Feuerzunge in ihre Seele schweben, alle merkten, daß sie bisher wenig an dieses Rot geleistet hatten. Jene argwöhnischen Priester fielen aufs Knie, jene Grafen lehnten sich brüderlich an die Bauern, und diese dachten nicht mehr an falsche Unterwürfigkeit, sondern Du und Ihr mit der gleichen Herzlichkeit. Die Vögel pfiffen wie trunken aus den Dolden herab, und vom bretternen Klostergang erscholl ein Choral der Mönche. Sie sangen das Sonnenlied ihres Meisters. Und das Volk summte mit und klopfte an die Brust, und in diesem frommen Lärm merkte niemand als der Mastro Giorgio, wie es noch einmal verzweifelt am Mantelsaum riß, den Schuh ins Gefräß bekam und verröchelnd endete. Und in diesem Augenblick war Don Giorgio buchstäblich drei Zoll größer geworden, so lebensfroh reckte er sich aus seiner langen, elenden Gepreßtheit in die Höhe. Seine Seele aber war nicht nur um drei Zoll, sondern um ein Unendliches, um die franziskanische Liebe größer geworden. »Odoardo nahm die Kutte. Der Meister hingegen verkaufte seine Werkstatt, siedelte sich im Assisistädtchen an und half gar oft den hungernden und frierenden Armutssöhnen mit seinen Almosen aus. Er gab sich nicht mehr mit Glasfärberei ab, sondern goß Kelche für das Blut Christi und Schalen für die Hostien, und eine wackere Goldschmiedgilde stammt von ihm ab und füllte eine ganze Gasse mit ihrer Kunst, bis die ewigen Kriege und Zerstörungen und die daherige Verarmung auch dieses Gewerbe nach und nach im Moder begrub. »Aber dieses Kneten und Klauben und Pochen in Gold oder Silber füllte lediglich Giorgios Vormittag aus. Nach dem Minestrone und dem Krüglein Chianti legte der Meister sich aufs rechte Ohr, bis die zwei heißen, schläfrigen Stunden des Nachmittags vorbei waren. »Um die vier griff er dann zu einem geringern Stoff. Aus billigem Lehm drillte und brannte er dann weite Tassen und tiefe Teller, Schüsseln und Henkeltöpfe und glasierte sie weiß und blau und rot und schnörkelte ein großes Wort darauf wie Amore oder Carità oder Fratellanza. Und abends, wenn die Gassen im ersten Dunkel lagen, ließ er sich vom Bauern Giuseppe Corni die Gefäße mit Milch, Wein, Eiern und süßer Butter füllen und trug sie mit seinem bekutteten Sohn oder sonst einem gutherzigen Kameraden leisen Fußes und milden Blickes in die Kammern der Armut, Gebrechen und Sünde. »Und wenn jene Menschen das Geschirr geleert und sauber geputzt und bewundert hatten und es errötend zurückgaben, dann sagte er: ›Behaltet es nur und leset das Wort darauf und laßt mich wiederkommen und mit euch davon plaudern.‹ »Und so hausierte er unentgeltlich mit seiner Liebe und machte viele Traurige froh. Und dieses irdene Geschirr freute ihn mehr als die einstigen roten Herrlichkeiten, ja mehr als der feinste Altarkelch. Aber auch diese irdene Ware ist verscherbelt und vom Staub und Dunkel der Jahrhunderte verschüttet worden. »Aber kein Staub ist so dicht und kein Dunkel so schwarz, daß nicht jene franziskanische Purpurschale La Rivincita – die Vergeltung genannt – mächtig durch alle Zeit leuchtete. Dieses Leuchten sagte: ›Die Sonne ist stärker als die Nacht, die Liebe ist stärker als die Sünde, der Himmel ist stärker als die Hölle, das Gute ist näher als das Böse. Immer heißt es wieder: Es werde Licht, und es ward Licht!‹ Das ist der Trost der Weltgeschichte.« * So klang die Erzählung von Mastro Giorgio zwischen Busch und Stein im mageren Bett des Metaurus. Der Polizist hat die Geschichte kürzer erzählt, schöner, markiger. Ich habe sie beim Niederschreiben verwässert, indem ich bewußt und unbewußt meine Gedanken in die Legende schmuggelte. Das ist ja das Heil wie Unheil des Geschichtenschreibers. Aber ein leises Funkeln, hoff' ich doch, blinzle von jenem purpurnen Kristall noch in diesen armen Abklatsch eines unvergeßlichen umbrischen Stündleins. »Wo ist denn jetzt diese Schale?« fragte ich im Hinausschreiten zum Hügelstädtchen. »Kann man sie sehen?« »Das ist das Traurige, niemand will wissen, wo sie sich befindet«, erwiderte der Carabiniere. »Im Stadthaus zeigt man eine Schale. Viele glauben, es sei die echte. Aber die Farbe kommt mir verblüht vor, und dann ist es nicht Kristall.« »Kristall oder Ton oder was, das wäre doch Nebensache«, meinte ich. »Das Licht ist die Hauptsache.« »Man meint, in den Wirren habe ein Kloster oder ein Bischof oder gar ein schlauer Sammler das Geschirr versteckt. Weiß ich warum? Sei es, wer es wolle, mich dünkt das Diebstahl. Was denken Sie dazu?« ›Ach,‹ dachte ich, ›schließlich ist es doch auch nur ein irdisches Geschirr, eine Scherbe mit einem Schein von Ewigkeit daran, nicht mehr. Es hatte eine augenblickliche Aufgabe und hat sie damals tüchtig erfüllt. Wenn so was verlorengeht oder selbstsüchtig von einem geizigen Frömmling versteckt wird, nun, was macht das? Jenes ewige Rot soll doch eigentlich weniger im Geschirr, woraus wir trinken, als in uns Trinkenden brennen. Und auf solche Menschengeschirre hatte es Franz abgesehen.‹ – Und ich fing an, mein Geschirr der Seele zu prüfen. O wie viel farbloses Glas, o wie wenig Glut! »Was denken Sie dazu?« wiederholte der Polizist und knöpfte zu und glättete die schöne Uniform, denn wir kamen in die Via Gabrielli, wo viele Frauen und Mädchen an den Gesimsen oder Söllern lehnten und er eifrig grüßte. »Ich denke, dieses Rot, von dem Sie mir ein so hübsches Histörchen erzählt haben, dürfe auf allen Majoliken erlöschen, wenn es nur in uns brenne.« »Sind Sie Priester?« fragte die Uniform erstaunt. »Ich möchte, ich sollte, ich hoffe . . .« »Ah,« lächelte er, »ich verstehe.« Hatte er wirklich verstanden? Habe ich selber recht verstanden? O Gott, wie ist die wahre Liebe, von der es doch heißt, sie komme von selbst wie Wind und Sonnenschein, wie ist sie sogar nach einem solchen Wunder noch so schwer zu verstehen . . . . . . Am folgenden Vormittag zwischen elf und zwölf saß ich mit Freund Arnaldo, dem spitzigen Advokaten, an einem Morgenschöpplein oben an der Piazza della Signoria. Der Carabiniere von gestern setzte sich bald herzu. Er habe hier, spaßte er, wo sich weitaus am meisten Volk ansammle, den richtigsten Platz gewählt, um das Verbrechen zu belauern und gleich am Schopf zu fassen. Da erzählte ich Arnaldo die Legende von der roten Schale. Er kannte sie schon. Dennoch hörte er mit italienischer Höflichkeit zu, lächelte geduldig und sagte zuletzt mit einer jener geheimnisvollen Runzeln, die Anwälte so wichtig über der Nase rümpfen: »Aber ich muß dennoch bei allem Respekt vor dem Wunder feststellen, daß der Kontrakt mit dem Teufel rechtlich nicht gelöst und Euer guter Mastro Giorgio, juristisch genommen, eigentlich noch immer mit seiner Seele haftbar war.« »Wieso das?« fuhren wir schier beleidigt auf. – »Das sind so Eure Juristenkniffe.« »Gar nicht! Reine Wahrheit. Überlegt selber: Nach dem Vertrag handelt es sich nicht um das schönste Rot am Himmel oder an einem verzückten Heiligen, sondern lediglich um die beste rote Farbe für Giorgios Majoliken. Da nützte diese einzige Blutschale gar nichts. Er konnte wohl auch nicht dem heiligen Franz gewerbsmäßig Blut abzapfen. Außerdem, das Wunder ist etwas Rares. Es wiederholt sich nicht Tag für Tag wie ein Geschäft. Darum hat ja der Meister Andreoli auch später gar nicht mehr gewagt, rotes Geschirr zu modeln, der Fuchs, er wurde Goldschmied.« »Wer weiß, die Liebe, die ihn nun durchflutete, hätte . . .« »Die Liebe ist kein Färbemittel, Freund. Nein, nach dem Kontrakt wäre Giorgio noch immer haftbar gewesen. Juristisch behielt der Teufel recht. Er war ein Narr, das Spiel so früh aufzugeben . . .« »Aber im Zivilrecht steht doch, wenn die eine Partei ihre Klage und Rechte aufgebe, so werde die andere von selbst frei.« »Schon, schon! Ich behaupte nur, wenn Euer Herr Dunkel auf dem Buchstaben beharrt hätte, wäre Giorgio trotz dem heiligen Franz verdammt.« »Und die Liebe?« »Kommt im Zivilrecht nicht vor.« »Oho!« »Gewiß nicht.« »Und ich sage, die Liebe schlägt Eure ganze Juristerei und Kasuistik tot. Sogar Euer feinstes Vorbild, der Teufel, sah das ein. Er gäbe doch die Partie nicht auf, solange er noch den kleinsten Stein auf dem Brett hat.« »Dann verstehe ich nicht«, sagte Arnaldo liebenswürdig ausweichend, »nein, dann . . .« »Ja, du verstehst nicht, und der Polizist hier versteht nicht, und ich verstehe ebensowenig. was die große, ewige Liebe vermag. Aber wir wollen uns wenigstens nicht mit diesem Nichtverstehen brüsten, sondern bescheiden warten, bis wir verstehen. So ein Geschichtlein hilft uns vielleicht ein bißchen vorwärts. Und nun stoßen wir an, Polizei, Jurisprudenz und ich Papierkleckser, auf den famosen Mastro und . . . auf seine prachtvollen Stiefelabsätze.« Wir tranken den köstlichen gelben Chianti, von dem so wenige nordische Menschen etwas wissen und der so gut und fröhlich macht. Vor uns lief das rüstige Gubbiervölklein, das schon einen Tropfen Berglerblut in den Adern hat, aus dem Häusergewirr zu uns herauf und strömte wieder bergab und sang, indem es sprach und lachte. Neben uns klafterte ein ungeheures Palazzo des Mittelalters, im Rücken schlug die Domuhr schnarrend, unter uns die Dächer der steilen Stadt, noch tiefer das milde Tal mit dem bronzegrünen Urbinergebirge jenseits. Ich schaute, trank, philosophierte, schwärmte und weiß heute noch kein so seliges italienisches Wanderstündlein wie dieses da zwischen Teufel und Santo, Advokat und Carabiniere, Mastro Giorgios Geschirr und meinem goldgelben Wein, irdisch froh und doch durchflutet von einer Ahnung jener Liebe, die über allen Menschennöten und Menschenfreuden so unveränderlich und hoch steht wie der Himmel über der Erde. Die Buchbinderin Mala Golzi Es ist noch alles unverwüstet-alt im Felsenstädtchen Todi. Aber an der Gassenecke, die zum Garibaldiplatz sieht und sich vor den drei trotzigen Palästen der Stadtherrschaft ringsum nicht fürchtet, gab es vor sechzig Jahren ein Buchbinderlädelchen im erdebenen Stock, das jetzt nicht mehr existiert. Im oberen Boden hielten die Serra eine Gaststube. Es war weder Hotel, noch Wirtschaft, sondern neben der großen, wandgefensterten Küche ein noch größerer düsterer Saal, in dem man durch den Schieber ein gutes hiesiges Mittag- und Nachtessen bekam. Im Notfall ward einem noch ein hartes, knisteriges Laubbett in der Mansarde eingeräumt. Doch davon wußten die Fremden nichts und von den Einheimischen außerhalb des Weichbildes nur wenige. Im dritten Stock wohnte die Buchbinderfamilie Golzi und hatte die beste Kammer dem Obersten Pigrino eingerichtet. Der alte Soldat hatte aus den achtundvierziger Kämpfen ein schwaches Auge heimgetragen und war nach und nach erblindet. Bei den Golzi und Serra verzehrte er seine kleine Pension, da er keine Verwandten, aber in einem entfernten Vetter der Serra, dem Canonico Massimo droben im Domherrenstift, seinen besten Freund besaß. Don Massimo holte ihn oft aus der Libreria, wie man sonderbarerweise damals das Haus der Buchbinderfamilie hieß, zu einem Spaziergang ab. Gewöhnlich schlenderten sie gemächlich über San Fortunato, wo der Priester jeweilen seufzte: »Ach, diese Fassade! Nie wird sie vollendet. Kasernen, ja! Kirchen nein! – Miserable Zeit!« – Dann geriet man gleich über die Piazza Pignatara, wo der Oberst seinerseits sich jedesmal rächte: »Und das Kloster drüben, lieber Massimo, bleibt ausgefegt, ja, ausgefegt von Dunkelmännern. Helle, saubere Zeit!« – Denn von hier schoß einem die Flanke des einstigen Konvents ins Auge. Das wußte der Blinde, sobald man auf eine bestimmte höckerige Stelle des Platzes trat. »Soll ich davonlaufen,« drohte der Domherr alsdann, »Sie dunkelster aller Dunkelmänner!« – »O wenn alle wären wie Sie!« beruhigte flink der kleine, breite Oberst und tastete sich fester an seinen Führer. »Sie dürfen sieben Klöster stiften, und ich lasse mir auch noch die Locken scheren.« Dann lachten beide, denn ihre Häupter waren kahl und geschliffen wie Mühlsteine. Und trotz ihrer Gegensätze im Kirchenpolitischen konnten sie ohneeinander nicht drei Tage auskommen. Das war um die Siebzig, und damals wimmelte das Haus Golzi-Serra von Jugend. Vierzig Jahre später lagen die Freunde längst unter dem Grabstein. Aber auch im Hause war es merkwürdig still. Oben fast keine Gäste und nur noch zwei alte Schwestern Serra, immer in schwarzen Röcken, da ihr einziger, vergötterter Bruder Piso so seltsam gestorben war. Unten im Laden die lichte Sechzigerin Mala Golzi, über und über von feinen Runzeln durchstrichelt, aber von gesunder apfelroter Farbe, den Hals gerade und mit den prachtvollen braunen, aber etwas harten Augen unter dem halben Lid zufrieden hervorzwinkernd wie einst in den Jüngferchentagen. Sie arbeitete am offenen Fenster. Man konnte gut hereingucken. Oft saßen Kinder rittlings übers Gesimse und bettelten farbiges Papier oder Goldschnüre. Sonst gab es im Stübchen nur noch einen Schrank, zwei Sessel, einen Liegestuhl, und am Türhacken hing eine alte, grüne Feldjägeruniform. Doch die Alte am Fenstertisch voll Kleistertöpfen, Haftschächtelchen, Kartonscheiben, Drahtnetzen und Beigen von Papier pinselte und schnitt und nähte und besorgte das klebrige Geschäft noch bis ins letzte von Hand, aber von so rascher, geschickter, peinlich solider Hand, daß selbst von Perugia aus der Präfektur, ja vom Kardinal-Erzbischof Aufträge kamen. Ein Einband von ihr überdauert Jahrhunderte. Doch sie war vermöglich und nahm nur noch an, was ihr behagte, etwa Heiligenleben und vom Profanen, was sich recht kurzweilig las. Denn ehe sie einband, las sie alles Material. Das Werk über die Spezialpflanzen zwischen Tiber und Naia und die Baugeschichte von San Fortunato und alles Fremdsprachige wies sie bündig ab. Dagegen bat sie den Stadtschreiber und Bücherwurm Mossa um Abenteuer und Romanzen. Sie wolle das gratis binden. Denn Frau Mala wollte all das Interessante mittags und abends dem Manne vorlesen, der ihr zunächst im Lehnstuhl saß mit roten Pantoffeln und einem gefleckten herrlichen Jaguarfell auf den Knien. Sein feines Greisengesicht paßte nicht in diesen schlichten Raum. Er war mager und blank und kahl wie eine dürre Birke. In seinen Beinen und Armen marterte die Gicht mit Millionen Messerchen. Er konnte zeitweise nicht zwei Schritte tun. Doch hielt er standhaft aus. Das Schönste in seinem edelgeformten, aber verdorrten Gesicht waren die zwei silbergrauen Augen, die wie große Monde auf und nieder gingen. Aber meist hielt er die Lider geschlossen, der müde Elvezio dalla Rocca. Als ich etliche Jahre später da hineintrat, war der alte Herr nicht mehr da. Sie trug noch immer keine Brille und blinzelte noch immer köstlich unter halben Lidern hervor und lächelte aus hundert apfelroten Runzelchen; aber der Lehnstuhl blieb leer. Indessen lag noch die getigerte Decke darauf und das rote Pantoffelpaar darunter und ein Fußpolster, gerade, als müßte Elvezio dalla Rocca im Augenblick von einem kleinen Spaziergang zurückkommen und ins Tuch schlüpfen. Ich wußte jedoch, daß er jene Reise, die kein Retourbillett kennt, bereits angetreten hatte. An der Türe hing feierlich die grüne Soldatenkleidung. Frau Mala band immer noch Bücher ein. Das war ihr eine Lebensnotwendigkeit wie das Atmen. Aber sie tat es jetzt gemächlich und nahm nur noch kleine Sachen an, am liebsten Legenden und Gedichte und solches, was vom großen Sohne dieser Stadt, dem Mönch und Dichter Giacopone, veröffentlicht wurde. Die Gaststube zu Häupten war eingegangen, und die beiden schwarzgewandeten Schwestern Serra kamen meistens nach Vesper hinunter und strickten und plauderten leise und schlürften einen Kaffee. Diese drei Siebzigerinnen sahen aus wie drei heiterstille Oktobertage. Die hellste von ihnen, Mala Golzi, erschien mir, wenn sie so kleisterte und zusammenheftete, selbst wie ein Geschichtenbuch, mit fröhlich bunten Deckeln, aber streng geschlossenen, geheimnisvollen Seiten. Was mochten wohl da drinnen für Kapitel stehen? Denn daß ein Haus voll schallenden Lebens, mit prächtigen Jünglingen und hübschen Fräulein zu diesem greisen Rest zusammenschrumpfte, dazu bedurfte es doch wohl absonderlicher Fügungen. Ich besaß eine lose Sammlung von Dichtungen Giacopones in deutscher Übersetzung. Damit ging ich zur Buchbinderin. Aber Frau Mala weigerte sich, diese Blätter einzubinden. » Tedesco, no! « Sie binde ja nicht einmal mehr das schönste liebste Italienisch ein. Noch gestern habe sie Marco Visconti, man denke, so eine famose Geschichte, ohne Umschweife abgelehnt. »Ich komme wieder und bettle wieder«, sagte ich. »Es handelt sich doch um den größten Bürger von Todi, um sein Armutslied. Sollen das nur die Italiener haben? Sind wir Deutschen nicht auch Christen und möchten probieren wie Giacopone, die Lumpen des Reichtums von uns zu werfen und im stillen Glanz der Armut zum Himmel aufzuleuchten?« Frau Mala schüttelte den Kopf. Sie verstand mich nicht. Das klang ihr zu großartig. Öfter kam ich nun und grüßte und bettelte wieder. Und einmal warf ich die berühmten Verse hinein: Udite nova pazzia Che mi viene in fantasia! Gleich zuckte es um Malas Mund, und sie antwortete flüsternd: Viemmi voglia d'esser morto Per che io sono visso a torto. Und ein mild klagender Blick traf den leeren Stuhl mit Decke und Pantoffeln. Io lasso il mondan conforto Per pigliar più dritta via schloß ich die Strophe, mit der jener Mönch des Mittelalters seine Abkehr von der wilden Geschäftigkeit der Welt beginnt. »Ja, wenn man nur könnte«, seufzte Mala. Es tönte leicht wie ein Vogelseufzer. »Ich lese eben noch immer gar zu gern Abenteuer und Liebesgeschichten.« – Ihr verschrumpftes Gesicht glänzte in rosiger Kindheit. »So bindet mir jetzt die paar Blätter ein«, bat ich. »Tut das zur Buße! Seht, da steht gerade das Gedicht › Udite ‹.« »Aber deutsch.« »Aber kein Wort anders als wie Giacopone dachte.« Ich las: O hört der neuen Torheit Sang, Die wundersam ins Herz mir drang. Sehnsucht des Todes mich umschwebt. Zu Unrecht, ach, hab' ich gelebt. Ich lass' die Welt, die ich erstrebt, Für einen bessern gradern Gang. »O, o!« machte die Alte und hielt sich die zarte Hand ans Ohr. »Gefällt es Euch nicht?« »O was für eine Musik!« spaßte sie. »Wie . . . wie . . . das knarrt und . . . ja . . . hustet . . . dieses Deutsch. Wenn Giacopone das hörte . . . o!« »So würde er sagen: bindet ihm, dem fremden Manne, der nicht schöner reden kann, bindet ihm die Blätter. Froh bin ich, wenn man meine Lieder in allen Sprachen hört. Auch in dieser rauhen da. Gott versteht es schon. Es steckt ja überall das gleiche Gebet drin.« Langsam überprüfte Frau Mala die deutschen Buchstaben. Es wollte ihr nicht recht in den Kopf, daß in diesen Haken und Häklein der gleiche Franziskaner rede. Aber zuletzt sagte sie kurz: »Gebt her! Ich mach's!« Und nun kam ich Tag für Tag her, sah zu, wartete, plauderte und brachte den drei Frauen etwa Blumen oder die neueste Zeitung und las ihnen daraus das Feuilleton vor: »Die Tochter des Kastellans«, mit seinen blutroten Unwahrscheinlichkeiten. Diese Tochter liebte, ward geraubt, saß gefangen, schrieb Billettchen und knüpfte Strickleitern, floh, ward nochmals gefangen, ach, man kam nicht aus der Hetze heraus. Aber das greise Kleeblatt legte, sowie ich mit dem Provinzblatt hereinkam, Kaffeelöffel und Rosenkranz und Gummipinsel weg und rief einhellig: » È scapata?  . . . ist sie nun wieder entschlüpft?« Und ich mußte die Fortsetzung lesen von feuchten Mauern, Ketten, die klirren, Zeichen, die durchs Gitter flattern. O es war sehr romantisch. Trotz diesen Opfern erlangte ich keine Silbe aus der Vergangenheit Malas. Im Städtchen freilich konnte ich Glaubliches und Unglaubliches zusammenlesen, soviel ich nur wollte. Wenn ich dann mit so einem Bündel Neuigkeiten in die Buchbinderei trat, prüfte ich alles an den drei Gesichtern, ob es stimmen könne, und wußte bald, was übertrieben, was Zutat war, strich aus und verbesserte in Einfalt und wagte dann und wann im Zweifel sogar eine Frage an Mala. Sie lächelte jedesmal wie zu einem Schläuling, aber nickte dann doch oder schüttelte den Kopf. Und zwischen diesen Ja und Nein bildete sich die folgende, kleine, schwere Geschichte. * Mala hatte schon als Kind den Eltern beim Buchbinden geholfen. Der Vater kramte ihr Wahres und Unwahres aus, was in den Bogen stand, und eine ungeheuere Leidenschaft, eigentlich die einzige echte Leidenschaft ihres Lebens, wucherte von da in der Kleinen empor, Geschichten zu lesen, Altes, Neues, je wunderbarer je besser. Im Hause ging es wie in einem Taubenschlag zu. Sie hatte zwei kecke, lärmende Brüder, und die Serra zählten vier Töchter und den Bruder Piso. Toll genug lärmte es unter so vielen Sohlen. Nur Mala ging sachte und wie auf Katzenpfoten so leis. Aber ihr Herz klopfte am neugierigsten von allen. Da brach jene unvergessene Seuche ein, von den ewigen Kleinkriegen in Italien in die stillsten Orte geschleppt. Einige sagen, es sei eine versteckte Art von Blattern gewesen, andere nennen es gar die Pest. In den Jungwuchs von fünfzehn, sechzehn Jahren fiel sie mit der Wut eines Geiers und riß die Schreienden und Wehrenden in wenigen Stunden so weit weg, als die Ewigkeit mißt. Zwei Mädchen der Serra und beide Brüder Malas glühten am Morgen auf und erfroren vor Sonnenuntergang im Eis des Todes. Kaum wuchs ein bißchen Gras auf den Gräbern, so legte sich auch der Buchbinder in den Sarg. Die Witwe Mira kränkelte seitdem, und die Einsamkeit ringsum fröstelte sie so eigentümlich an, daß sie meist das Bett hütete und man nach drei Jahren gar keine Änderung empfand, als die Mutter Golzi nicht mehr in der Kammerecke, sondern in der Friedhofecke schlief. Längst hatte sich das Jüngferchen Mala als Hauptperson an den Kleistertopf gesetzt und versah den Beruf bald besser als Vater und Mutter ehedem zusammen. Oft kam Piso, während seine zwei übriggebliebenen Schwestern dem alten Serra die Wirtschaft führten, in den Laden hinunter. Er war ein breiter, kurzgewachsener Bursche, mit kleinen unruhigen Augen, starken Backenknochen, einer schmutziggelben Haut, aber einem großen, langsamen Mund, der in purpurdunkler Begehrlichkeit leise fieberte, dürstete, glühte und von wunderbarem Schnitt der Lippen war. ›Will er trinken, küssen, beißen?‹ mußte man sich bei diesem schwülen Anblick unwillkürlich fragen. Etwas Wildes und zugleich Scheues lag im Ausdruck des Jünglings. Er saß zu Mala, um Geschichten zu hören oder zu lesen. Häufig brachte er eine Flasche Chianti mit und netzte damit unaufhörlich seine schwere Zunge. Stundenlang konnte er Mala zuhören, ohne den Blick von ihren saubern Lippen zu trennen. Auch Mala gewann ihn lieb. Am Sonntag zogen sie die Gardinen nieder, riegelten die Türen und lebten für nichts als ihre gemeinsame Neugier. Dann nötigte Piso das Mädchen, mit ihm aus der Flasche zu trinken. Sein großer voller Mund, der ihr gar wohl gefiel, wurde flinker, er spitzte die breiten Lippen zu einem melodischen Pfeifen. O wie er pfiff, wie Nachtigall und Lerche zusammen! Leise begleitete er ihr Vorlesen mit diesem flötensüßen Pfeifen, blies ihr dazu seinen starken Knabenatem ins Gesicht und küßte sie zuletzt. So fing es an. Sie trug noch kurze Röcke und er noch keinen Flaum. Sie redeten nun oft zwischen den fremden Ereignissen eines Romans in halb kindlicher Weise vom eigenen Heiraten. Sie solle dann die Buchbinderei aufgeben, meinte er, und hier unten eine Weinlaube eröffnen. Da widersetzte sie sich. Ohne Bücherbinden möge sie nicht leben. Dann wurde sein Mund schwer und roh. Dann zog er die große Hand von ihrer Schulter, schwieg, wurde unheimlich. Und dann kam er ihr häßlich vor. Auch beim Lesen von herrlichen Prinzen, mit schwarzen Schnurrbärten und gespornten Stiefeln, mit Augen wie Adler, aber Händen wie Lilien und mit Schwüren, die wie rote Flammen von den Lippen flogen, ach, da dünkte ihr Piso ein häßlicher Gesell, der ganz in den Schatten fiel. Aber wenn Piso dann wieder, die Ellbogen auf den Knien, zu ihrem Buch emporlauschte, die Rosenknospe bildete, melodisch mitpfiff und sein graues zappeliges Auge still wie ein Nachtfalter auf ihrem Munde gleichsam absaß, dann war er ihr wieder der liebste und beste Knabe. Wenn er nur nicht schon Chianti wie ein Erwachsener tränke! Das macht ihn so aufsässig! Einmal bat sie ihn, auch Buchbinder zu werden. Sie könnten dann mitsammen ein tüchtiges Geschäft betreiben. Er bekäme die lustigen Sachen zum Einbinden, sie die ernsten, und wenn er zu sehr lachte, läse sie ihm ihr Trauriges vor, und wenn sie zu düster würde, müßte er ihr von seinen Späßen borgen. Und so würden sie belesen und reich und dazu noch Mann und Weib. Er könne aber den Kleister nicht ertragen. Sie wollte solchen beschaffen, der wie Ambra dufte. Und er könne das Schmieren nicht ansehen. Das sei viel reinlicher als die Sauereien der Gäste oben im Gastzimmer. Sogar der Oberst spucke ringsum den Boden voll. Wer seine Frau werden wolle, dürfe kein gesondertes Gewerbe treiben; sie müsse neben ihm stehen und tun, was er tue. Sie wolle niemals wirten. Nie habe jemand in ihrer Familie gewirtet. »Nein,« grollte Piso, »dann passen wir nicht zusammen, und ich suche eine andere.« »Ja, und ich bleibe hier am Buchbindertisch . . .« Das waren noch Kindereien. Aber sie mehrten sich und wurden reifer. Als die zwei gegen die Achtzehn rückten, waren sie einander äußerlich gleichgültiger geworden, und vielleicht war es nur noch das kurzweilige Geschichtenbuch und eine warme Gewohnheit des Zusammenlebens, wenn sie noch oft abends bei einem Roman die Köpfe zusammensteckten. Da kam die Erhebung um 1868 und weiter. Piso schlüpfte – kein Mensch hätte ihm das zugetraut – freiwillig in die grüne Feldjägeruniform. Zwei Jahre schlug er sich in allen Teilen Italiens herum, und von den zweien schien keines das andere zu entbehren. Spät nachts vor dem Abmarsch zur Truppe suchte Piso seine Freundin noch im Laden. Er war sicher, daß sie wartete. Sie tat, als ob sie die halbe Nacht an einem pressanten Werk arbeiten müsse. Als er in der buntgrünen Uniform vor ihr stand, wurden beide verlegen, grübelten nach Worten und wußten nicht einmal, ob sie sich umarmen sollten. Daß sie einander so sonderbar fern ständen, fühlten beide gleich schmerzhaft. »Bücher binden, immer Bücher binden?« fragte er nachlässig. Aber seine schöne Stimme war heiser. Sie rang nach Atem und Luft. »Sag' doch!« befahl er herrischer. »Immer!« hauchte sie. »Ich kann nicht anders.« »Dann leb' wohl!« Geringschätzig zuckte er die Achseln und ging mit flüchtigem Winken der Hand hinaus. Ihr schien, er sei voll von Ferne und Zukunft und vergesse sie leicht. Aber nie war er ihr so sicher und stattlich vorgekommen wie in dieser blaugrünen Soldatenmontur mit dem flotten Käppi und dem Säbel. Alles Plumpe war verschwunden. * Um jene Zeit war Oberst Pigrino schon etliche Jahre im Golzihaus in Pension. Durch ihn gab es wertvolle Kunden in Malas Laden. Der Domherr Massimo ließ den ganzen Cesare Cantu und die Predigten von Segneri binden. Seinetwegen gab die bischöfliche Kanzlei einen Berg amtlicher Erlasse in schweinslederne Folianten. Aber die meisten Aufträge brachte Elvezio, der einzige Sohn des verarmten Aristokraten Paolo dalla Rocca, ein gescheites, elegantes, feingliedriges Herrchen von zweiundzwanzig Nichtstuerjahren. Er brachte alte große Ausgaben von Dante und Ariost, deren dicke Blätter von Mäusen angefressen waren, aber die von wunderlich schönen Bildern im Text wimmelten. Es war eine entsetzliche Mühe, so eine zerrüttete Divina Commedia zurechtzuflicken und ordentlich einzuheften. Fast an jedem Blatt mußte herumgedoktert werden. Der Vater Paolo dalla Rocca war in ganz Todi verschuldet. Er zahlte auch hier nichts, sondern ließ sich nur immer neue Rechnungen stellen und sagte: »Wartet, bitte, sobald mein Prozeß . . .« Aber niemand glaubte mehr, auch Elvezio nicht, daß dieser Prozeß wegen eines fernen amerikanischen dalla Rocca je eine Lösung fände oder auch nur einen roten Saldo ergäbe. Trotzdem sagte Paolo immer: »Geduld! Sobald der Prozeß . . .« Elvezio genierte sich darob nicht im mindesten. Er hatte nichts anderes als Schulden erlebt und ihn bedünkte, solche Herren von Adel könnten gar nicht anders handeln. Und Mala, sonst eine so exakte Kassenführerin, dachte plötzlich auch so gewissenlos und bat Elvezio, nur wacker neue Arbeit zu bringen. Sein Vater würde gewiß noch einmal jenen geheimnisvollen, in Perugia anhängigen Prozeß gewinnen. Aber das sagte sie nur so. Seine schöne, noble Gegenwart ging ihr über jede Zahlung. Die Abenteuer im Orlando furioso kamen an die Reihe, dann Tassos Befreites Jerusalem und Alfieris Saul. Alles war ihr neu. Nun griff man zu den Promessi Sposi. Das züchtige Fräulein Mala hatte sich ganz und gar in die üppigen Szenen des Orlando vernarrt. Aber bei der Lucia Mondella atmete sie wieder erfrischt und reinlich auf. Elvezio freilich behauptete mit einem bübischen Hochmut, auch er wäre imstande, eine hübsche Geliebte zu entführen, aber ohne Helfershelfer täte er den Streich. Als er das behauptete und sie lustig musterte, der schmale, feingesichtige Junker, mit der kühlen Nase, der scherzhaften, bleichen Lippe und den Augen wie blitzende Silbermonde, da erschauderte sie wie in einem Schüttelfrost, bückte sich tief zum Buche nieder und konnte ein Weilchen keinen Atem tun. Sie hatte zwar ähnliche, wenn auch nicht so mächtige Erschütterungen beim Lesen wilder, gefährlicher Rittergeschichten erlebt. Immerhin, von diesem Augenblick an war Piso ausgewischt, und Tag und Nacht stand der Jüngling mit der geschmeidigen Gestalt, dem kühnen Wort und den weißen Funken im Auge vor ihr. Stundenlang blieb er in der Libreria. Nie gab er ihr die Hand, die zarte Faulenzerhand. Dazu stand er noch zu hoch. Aber je länger er erzählte und je mehr ihr Zuhorchen ihn labte, ihr Verstehen und Nicken ihn stolz machte, ihr Staunen ihn beglückte, und je heller er dieses hübsche, rotwangige, reine Gesicht unter seinem Aug' und Mund aufglänzen sah wie eine frische Flut unter der Sonne, um so heftiger zwang es ihn, wiederzukommen und sie wieder so willig und leuchtend unter ihm zu sehen. Denn er saß immer auf der Tischecke, die Füße wippend, und blickte wie ein junger Gott auf das arbeitende und lauschende Menschenkind hinunter. O ja, da war nun einer wirklich gekommen, so glänzend wie nur je die, von denen die Romane singen. Er hauste in einem zerfallenden Herrschaftshaus, bei seinem verschuldeten Vater, freilich, freilich. Aber Schulden, Zerfall, Staub und graue Armut, einerlei, er schimmerte nur um so sonniger durch diese Verfinsterung des Lebens hindurch. Sie wußte nicht, was mit ihr geschah, blinzelte mit ihren verschleierten Augen über den Arbeitstisch zum Fenster, als versuchte sie zu fliehen, aber merkte gut, daß dieser Bursche nicht bloß ihre Stube, sondern ihre ganze kleine Welt füllte. Und er? Wer kann herausbuchstabieren, wie das schrittweise vor sich geht, von der Neugier und Herablassung zur Aufmerksamkeit, von der Aufmerksamkeit zum wärmern Interesse, vom Interesse zur Zuneigung und von ihr, der noch so milden Lampe, zur Feuersbrunst der Liebe. Elvezio wußte nach wenigen Wochen, daß er ihr Herr, aber sie zugleich seine Herrin geworden sei. Aber bald war Mala in diesen Gefühlen die besonnenere. Er dachte an gar nichts, als diese schöne gute Kleine einmal, wenn es sein konnte, bald zu besitzen. Um alles andere kümmerte er sich nicht. Sie jedoch gewann beim Buchbinden, wo man genau, vorsichtig und beinahe kleinlich, aber auch recht solid hantieren muß, immer wieder soviel Überlegung, um sich zu fragen, ob das etwas Haltbares sei, dieses so merkwürdig hereingeplumpste Ereignis, ob es Wurzeln habe, ob Elvezio brenne oder nur flackere . . . Und wie es mit dem Buchbinden wäre? Ob sie das so weitertreiben dürfe? Denn in seinem verlotterten Hause nichtstuerisch sitzen, frieren, magere Kost essen und unbezahlte Rechnungen studieren, nein, das hielte ihr flinkes Wesen nicht aus. Ja, diese Schulden. Wer zahlt denn die einmal? Etwa sie mit ihrem Buchbindervermögen? Bei solchen Fragen verflogen die romantischen Liebhabereien. Ihre angeborne Nüchternheit regte sich wieder. Lesen ist nicht Leben. Dort mag man schwärmen, hier heißt es rechnen. Sie liebte Elvezio, o kein Zweifel. Dennoch nahm sie sich oft am Ohr und fragte, ob das der richtige Mann für sie sei, nicht eher ihr Prinz aus einem Märchen, ihr Traum, ihr Biskuit? ›Wir müssen uns einmal noch ganz gehörig aussprechen‹, schloß sie. * Die beiden Schwestern Serra hätten Mala zu gern mit ihrem Bruder Piso verheiratet gesehen. Sie schienen kurzsichtige, beinahe einfältige Jungfern zu sein. Aber sie hatten sehr gut erkannt, wie es um Piso stand. Vor dem dalla Rocca warnten sie sozusagen mit Händen und Füßen. Seine Besuche waren ihnen ein Greuel. Diese Familie sei am Aussterben, habe kein frisches Blut mehr, Cadaveri! Das machte Malas Herz nicht schwer. Sie fühlte sich frisch und flink für hundert Matte. Die Aussprache mit Elvezio verschob sie von den Wochen in die Monate, obwohl ihr Rechnungssinn sehr danach dürstete. Er selbst drängte auch gar nicht zur Verlobung und tat auch nicht so stürmisch wie Piso einst, wenn er liebkoste. Es war eine gewisse wohltuende Vornehmheit in allem, was er tat. Er fühlte sich ihrer auch so sicher wie eines hübschen Vogels im Käfig. Ringsum in den Provinzen knallte und stob es von Kampf. Gerne hätte auch Elvezio zum Degen gegriffen. Das Blut der alten Barone meldete sich leise. Doch er würde für die alten Herrschaften, nicht für die neue, protzige Einheitsregierung fechten. Sein Vater erklärte aber, das wäre nutzlos. Der Piemontese habe den Glücksstern an den Schnauzzipfeln hängen. Da wäre es schade, einen einzigen Tropfen Schweiß zu vergießen. In der Tat folgten Vittorio Emmanueles Siege Schlag auf Schlag. Rom fiel, Neapel war sein, der letzte Widerstand zerstob im Winde. Von Piso Serra wußte man nichts Gewisses. Es verlautete, er sei ein rühiger Offizier geworden, habe eine schwere Kopfwunde erlitten, ein paar Frechheiten von Rang verübt und sei rasch zum Hauptmann emporgestiegen, der Jüngste von allen! Aber selbst Oberst Pigrino konnte diese Berichte nicht bestätigen. Piso selbst hatte nie eine Zeile geschickt. Dann ward es wieder lange totenstill. Die Serra verloren den Vater und ließen die Trauerbotschaft ans Regiment abgehen, in dem sie Piso wußten. Aber es kam keine Antwort. Nun forschten sie durch bekannte Militärpersonen nach dem Bruder und wurden immer ängstlicher, da niemand etwas vom Gesuchten erfahren hatte. »Es hat ihn gewiß eine Kugel getroffen«, klagte Schwester Mira. »Nein,« widersprach Mara. »ich glaube, ein Degenstoß hat ihn getötet.« Und die von der Kugel und die vom Degenstoß weinten abendelang. Interessant wurden die Dispute zwischen dem Oberst und dem Domherrn. Pigrino schenkte dem Freunde keine schwarze Botschaft. »Bei Forli sind die Päpstlichen gewichen.« »Aber der Erzbischof von Bologna schleuderte den Bann.« »Jetzt geht es auf Rom.« »Der Papst exkommunizierte den König.« »Trotzdem gibt es ein einiges Italien.« »Aber eine uneinige italienische Seele!« – Das Jüngferchen Mala mußte um diese Zeit viele militärische Flugblätter, Feldberichte und Soldatenzeitungen in Hefte binden. Zuerst hatte sie jede Zeile gelesen. Dann langweilte sie der Text, da es immer ums gleiche ging, und sie schnürte und leimte die Blätter unbesehen. Einst, beim Zurechtlegen solcher losen Berichte vom Felde, klagte Elvezio ihr neuerdings, wie gerne er ein bißchen mitgekämpft hätte. Aber nun hätten die alten Parteien alles verspielt. Überdies meine der Vater, er, Elvezio, hielte die Strapazen nicht aus. Er verfiele der Gicht. Die dalla Rocca bekämen sie ohnehin alle schon früh. Der Vater könne oft keinen Finger bewegen. Mala war heimlich zufrieden, daß Elvezio daheim blieb. Dennoch spürte sie etwas Abkühlendes bei seiner Erzählung von der Gicht über sich gehen. So ein sauberer, heller, feiner Jüngling, so gescheit und gelenk! Und rieselte dahinter doch jenes dünne, träge Blut, wovon die Schwestern Serra sprachen? »Es ist wahr,« fuhr Elvezio fort, während Mala die Bogen nach dem Datum ordnete, »ich habe keine Kraft in der Hand. Ein Gewehr könnte ich nicht lange hochheben.« – Er breitete seine schlanken, blaßgeäderten Hände vor ihr wie ein Spitzenwerk aus. Wirklich Nonnenhände! Mala hätte sie küssen mögen, und doch erschien ihr Elvezio im gleichen Augenblick unmännlich. Wieder ging etwas Erkältendes über sie. Wohl lag in seinen Augen eine große Macht. Aber alles andere war zu fein. Auch die langen, schmalen Füße, die er aus den Sandalenriemen lose heraushängen ließ, ach, das war doch nichts, um fest im Boden zu wurzeln. Das tanzte vielmehr. Wo war der Held? Dennoch streichelte sie ihn von ihrer tiefen Stabelle aus über das Rist. Er saß auf der Tischecke, und seine Herrensohlen hingen fast in ihren Schoß hinunter. Dann aber kam zur Zartheit etwas Zänkisches über sie. »Was willst du denn eigentlich tun, Elvezio, wenn wir verheiratet sind? Das möcht' ich einmal wissen.« Er sah sie verwundert an mit seinen Silbermonden. »Du bist doch aus der Universität weggelaufen und wolltest nicht länger die Rechte studieren. Und seitdem tatest du nichts. Und ins Militär kannst du also auch nicht. Ja. was bleibt dann?« – Mala wurde im Sprechen immer sicherer. Da lachte er ihr ganz köstlich ins Gesicht. »Nein, ohne Spaß,« drängte sie, »was willst du tun?« »Nichts, gar nichts!« »Aber . . .« »Das heißt lesen werde ich, das Stammhaus hüten, meine Güter . . . die alten Urkunden vom Dachboden holen und sortieren. O es wird nie langweilig. Vielleicht schreib' ich an der Chronik der dalla Rocca im Winter.« »Aber«, wagte Mala, »deine Güter sind doch alle überschuldet. Das rinnt dir durch die Finger weg wie Wasser, wenn du nichts verdienst.« »O so weit ist es noch lange nicht«, erwiderte der Jüngling sorglos. »Mein Vater findet immer Auswege.« »Und ich? Was ist dann mit mir?« »Du? Was denn? Du bist doch bei mir und machst mir das Leben schön.« Er spielte in ihrem Haar . . . »Ich diktiere dir unsere Chronik.« »Und die Buchbinderei?« Sie versuchte, das Haar los zu bekommen, aber er erwischte eine andere Flechte und küßte sie. »Verkaufen wir! Siehst du, da gibt es ja schon Geld. Nein, nein, Kleine, da ist keine Not.« – Er begann mit den Beinen elegant hin und her zu wippen. Jetzt riß sich Mala los Ihr war, als hätte man sie mitten auf den Kopf geschlagen. Nein, auf diese Art dachte sie sich weder die Heirat, noch die Zukunft, noch überhaupt eine richtige Liebe. »Und ich soll aufstecken? Kein Buch mehr binden?« »Ha, ha, ha, du Plebejerin!« Er lachte, daß seine blassen Lippen safteten. »Im Ernst, Elvezio!« »Wo denkst du hin, Kind!« widersprach er nun vernünftiger. »Das würde mein Vater nicht zugeben. Ich muß froh sein . . .« Er zauderte. »Was mußt du froh sein?« zwängte sie rasch. »Daß . . . daß er mich nach meinem Herzen heiraten läßt. Er versteht das nicht. Auch ich verstand es früher nicht, daß . . .« Wieder zögerte er. »Rede, rede!« »Daß ein dalla Rocca eine Bürgerliche ehelicht!« Sie wollte aufspringen. Er drückte sie nieder. »Seit ich dich kenne, bist du mir zehnmal mehr als die ganze Nobiltà von Perugia. Da! da! Liebe.« Er wollte ihre Stirne küssen. Sein Gesicht glänzte von Zufriedenheit. Aber sie wich zurück und starrte ihn offenen Mundes an. »Aber Elvezio!« flehte sie fassungslos. »Ach, jetzt mach' dir doch keine Sorgen. Es kommt schon alles von selbst gut.« Nein, niemals wird sie diesen Laden aufgeben, so wenig als sie eine Weinlaube daraus machen würde. In diesem braun getäfelten Stübchen zu ebener Erde steckt das Glück der Golzi durch viele zufriedene Buchbindergeschlechter, steckt auch ihr eigenes Kindes- und Jugendglück. Nötig genug wird sie übrigens für so einen nobeln Tunichtgut kleistern und helfen müssen. Nein, immer wird sie Bücher binden, selbst wenn sie Königin würde und auf einem Thron sitzen müßte, würde sie Pappendeckel und Gummi mitnehmen. Doch für heute will sie nicht weiter streiten. Sie legt Bogen auf Bogen, notiert: fünf, sechs, sieben, lächelt wie um Verzeihung zum herrlichen Prinzen empor, der so einen Zauber über sie ausübt, und sagt beschwichtigend: »Ja, reden wir später dav . . .« In diesem Augenblick will ihr der Puls stocken. »Piso Serra« sieht sie auf der ersten Seite eines Bogens dick gedruckt aus dem Text springen. Sie fuhr sich ins Haar, ob sie denn träume. Nein, da stand es noch immer schwarz auf weiß und erlosch nicht. Und sofort sah sie die blaugrüne Uniform der Feldjäger, den Säbel, das Käppi schief und hörte seinen stolzen Schritt zum Laden hinaus. Wieder sah sie schmerzlich zur Schwelle. Totes erwachte unglaublich frisch. »Was hast du?« fragte Elvezio und hob mit zwei Fingern ihr Kinn empor. »Was steht da?« »Etwas von Piso,« stotterte sie scheu, »von Piso, dem Kameraden dieses Hauses . . .« »Ah, der mit der Negerlefze, der?« scherzte Elvezio von oben herab. »Gar nicht mit der Negerlippe, pfui, wie du redest! Er hat einen schönen Mund und pfiff . . . o wie er pfeifen konnte! Wie ein Engel.« »Pfeifen denn die Engel?« spottete Elvezio »Ich glaubte, sie sängen bloß.« »Ach, du wenigstens kannst nicht so pfeifen.« »Nein,« gestand Elvezio, »ich bekomme zu wenig Luft in die Kehle. Der Atem ist zu kurz.« »O Piso hatte Luft, daß einem vor Wind das Haar aufwirbelte.« Sie erschrak, sowie ihr das entschlüpft war. Aber Elvezio kannte keinen Argwohn. – »Das hätte ich hören mögen. Er muß uns zur Hochzeit pfeifen«, scherzte er. Sie schwieg. Ihre Lippen zitterten. »Nun, so lies, was da von ihm steht!« »Lies du!« »Ich bin zu faul, ich höre lieber zu« – Er reichte ihr das Blatt. »Da!« Seine Stimme näselte, wenn er anfing zu befehlen. Auch das fiel ihr jetzt auf und dünkte sie unangenehm. Die Buchstaben hüpften ihr wie Heuschrecken auf einer Wiese hin und her. Nicht Elvezios Befehl, die Neugier trieb sie zu lesen: »Piso Serra, der Ulisse von Todi! Im Geplänkel, das am 13. Mai auf der Straße nach Sulmona zwischen den Unsrigen und den Sizilischen stattfand und mehr einer Spielerei als einem Gefecht glich, ließen sich zehn Mann von der fünften etruskischen Jägerkompanie trotz der Warnung des jungen Leutnants Serra in einen Verhau locken, wurden umstellt und mußten, um nicht wie zusammengetriebenes Wild niedergeknallt zu werden, in den dortigen Steinbruch kriechen. Piso Serra schlich nun nachts voll Staub und Sand, in elenden Steinhauerhosen, mit Axt und Stemmeisen, als ob er aus dem Loch hervorkäme, zu den Feinden oben am Ranft und erzählte, er habe da drinnen geschlafen. Da hätten die Teufelskerle ihn überrumpelt, niedergehauen und seine Zehrung aufgefressen.« Mala mußte vor Aufregung innehalten. »Weiter«, gebot der feine Herr über ihr. »Als er erwacht sei, habe er die Burschen durch die Gänge stolpern hören. Er aber sei durch den richtigen Stollen, der beim Spiellobach münde, leise entflohen. Nach kurzem würden die Soldaten wohl auch diesen Weg finden. Er zeigte eine grausige Wunde überm linken Ohr. Das Haar war da ein gutes Stück ausgerissen und die Kopfhaut in Fetzen.« Wieder mußte Mala absetzen. »Gott, wie übel du liesest«, schimpfte Elvezio. »Gib doch auf die Worte acht!« »Er konnte nur noch sagen: ›Wasser! . . . lauft rechts über den Pingonhügel . . . Spiellobach . . . aber zwei da . . . bleiben . . . still! . . .‹ und fiel in Ohnmacht.« Immer trauriger las Mala. Jetzt ließ sie die Hand sinken. Tränen tropften aufs Papier. »Wie wunderlich du tust! Schau' mich an!« herrschte Elvezio zur Leserin und strahlte sein himmlisches Silber über sie aus und lachte voll gesunder Neugier ins Papier. »Acht wohl, Kleine, das ist eine Finte deines Piso. Der famose Kerl! Pfeifen muß er uns zur Hochzeit. Hip, hip!« »Zuerst dachten die Sizilianer an einen Schwindler. Aber die Ohnmacht war echt. Alle bis auf drei Mann sprangen über den Hügel. Diese hier wuschen dem Elenden die Wunde und flößten ihm Schnaps ein. Da kam er zu sich und klapperte vor Fieberfrost mit den Zähnen, aber sagte: ›Nicht so ein weißer Verband, da sähe man uns. Gebt mir eine schwarze Binde, so. Nun schnell zum Eingang. Blockieren wir ihn, daß die Blaugrünen nicht im Haufen herausfliehen können. Wir drei wären zu schwach.‹ Jetzt las das Jüngferchen leichter und froher. »Gesagt, getan. Sie lösten Gurt und Säbel, packten Steine und wälzten sie gegen das Loch. Aber in diesem Moment sahen sie vier Pistolen aus der Höhle auf sie gerichtet. Hände hoch! Aufs Knie! Die zehn springen heraus, binden die Gegner mit ihren eigenen Gürteln und reiten mit ihnen flugs zur Truppe. Aber Piso behandelt die zwei Gefangenen sehr nobel, füttert und tränkt sie unterwegs wie Säuglinge und verspricht ihnen rasche Auswechslung. Aber an die Steinwand hat er noch den Spruch geschmiert: E vivano le marmotte che ingannano le volpi . Man mußte lachen durch die ganze Provinz. Denn der Führer der feindlichen Reitertruppe hieß Andrea Volpi.« Eher gesungen als gelesen flossen diese Zeilen über Malas Lippen. Sie jubelte geradezu, während Elvezio sich vor Lachen schüttelte und ein übers andere Mal rief: »Der Tausendsassa!« Da hob Mala den Finger sorglich und endigte gedämpft: »Aber die Wunde, die sich der Held beigebracht hatte, um das Stück recht glaubhaft zu spielen, war ernster Natur. Piso Golzi schwebte wochenlang zwischen Leben und Tod. Jetzt ist er genesen, bekam den Hauptmannsstreifen und wird von der Kompanie vergöttert. Sie nennen ihn den Ulisse von Todi. Ja, Italien, du geeintes Vaterland, du hast deine Hektor, Achilles und Ulisse wie nur je das tapfere Hellas!« . . . Mala schwieg und versank im Lob des Kameraden wie in einem tiefen, wohligen Meer. Aber Elvezio musterte unwillig seine dünnen Handgelenke und zierlichen Füße. Ein leiser Verdruß umspülte ihn, daß er nicht wie ein Leu oder doch wie ein solches Murmeltier an derlei Abenteuern mitregieren konnte. Aber er dachte auch an den Schmutz und Staub jener Löcher und an das kahle Stück Schädel Pisos und gewann rasch das Gleichgewicht zurück. »Das muß ich sogleich den Schwestern oben vorlesen«, schrie Mala plötzlich und schnellte vom Sessel auf. »Komm mit!« Und ohne zu warten, hüpfte sie die Stiegen empor. Großmütig, als schenke er unverdient viel Ehre, folgte Elvezio langsam in die Wirtsstube und stieß mit den drei Jungfern sein Glas Spoletaner auf den neuen Ulisse an. Aber er fand die Geschichte zum zweitenmal schon etwas langweilig und begriff nicht, wie Mala sie nochmals so begeistert vorlesen konnte. Schließlich war es doch nur ein Gastwirtsbub mit dunkler Negerlefz . . . Negerlippe. * Von da an schwankte die Buchbinderstochter zwischen zwei peinlichsüßen Gefühlen. Sie liebte Elvezio mit der vollen Freude des Besitzes; und doch quälte sie ein wehmütiges Heimweh nach Piso Serra. Das ganze Städtchen hörte sie von ihm reden. Man wünschte ihn heim, um ihm ein Fest zu bereiten. Die Schwestern Serra schwebten in einem Gewölke von Rührung und Stolz, und wenn sie den Gästen das Glas einschenkten, überlief es jedesmal. »O wir sind blind vor Freude«, entschuldigten sie. »Unser Piso, so einer, denkt doch!« Dann verkroch sich Mala vor aller Anfechtung wieder in ihre altgewohnte Buchbinderei, las vergilbte Blätter, die sie zusammenheften sollte, nistete stundenlang in den Turmgelassen, Palästen und Kohlmeilern jener biedern Erzählungen und vergaß dabei sogar ein Weilchen, daß es daneben einen Piso und Elvezio gab. ›Liebst du denn eigentlich niemand?‹ warnte sie dann das Gewissen. ›Liebst du wohl nur das Erdichtete?‹ Eines Tages brachte Elvezio eine prachtvoll illustrierte, aber leider gründlich verlumpte Ausgabe der Odysse. Er las daraus ganz Herrliches, während das Golzifräulein im Papier herumschneiderte, aber immer wieder innehielt, um dem Leser ins Gesicht zu schauen. Dann klang das schöne Lied noch schöner. Was für Männer gab es da, helle, starke, geschmeidige, einer den andern überstrahlend! Natürlich, Elvezio war Achilles, so schlank, fein, schnell, mit so unerbittlichen Augen und die Lippe so unberührbar, stolz, schier etwas Göttliches. Ohne es zu merken, streichelte sie die auf ihren Schemel niederhangenden, behenden, zarten Füße des Jünglings. O wie sie ihn gerade jetzt verehrte! Und wieviel sie in ihn hineindichtete! Aber dann gab es da einen Odysseus oder Ulisse. Kein Zweifel, das war Piso, der schlaue Bursche mit den fleckigen Katzenaugen, dem gelben Gesicht, aber dem großen vollen Mund, der so scheu schwieg und so süß pfiff. Aber Achill ist viel prächtiger. Eine merkwürdige, abenteuerliche Sucht faßte sie, ihn auch wirklich als Achill im Leben, nicht nur im Lesen zu erschauen. Er sollte einen Helm aufsetzen, eine schimmernde Uniform umtun, einen Degen schwingen, in hohen Reiterstiefeln über die Böden knarren oder auf einem glühen Rappen durchs Feld stürmen . . . Achill, Achill! Und sie begann ihm davon vorzureden, ihm solches auszumalen, beinahe mit nassen Augen ihn darum zu bitten. Doch er schüttelte den Kopf, nahm sie zornig an beiden Backen und biß ihr in die Lippe. Ob sie seiner schon überdrüssig sei, ihn forthaben, in eine Flintenkugel jagen wolle? Nichts da! Jetzt habe er sie mit den Zähnen gezeichnet. Da lasse ein dalla Rocca nicht mehr von der Beute. »Schau' meine Hände, wie dünn, wie bleich meine Fingernägel, wie wenig Blut ist in meiner Lippe! Da kann ich nicht noch Blut verspritzen. 's ist doch auch kein homerisches Ringen. Nein, Blut saugen muß ich von dir, Schätzchen. Blutsauger hieß man uns doch vor alters. Ich habe Durst, Kleine. Bald muß die Hochzeit sein, bald!« Er mußte über die eigenen Worte lachen. Gerne überhob er sich in grausamen Gebieterworten. Aber dann spottete er sich selbst mit einem freundlichen Lachen aus. Denn er besaß keine Härte, keine Bosheit, nichts Gewalttätiges. Er war ein innerlich zäher, ruhiger Charakter, nach außen ein selbstliebender, froher Faulpelz, der auch allen andern wohlwollte, die ihm mit Respekt und Gefälligkeit begegneten. »Sag', was du willst, Elvezio,« schwärmte das Ladenfräulein, »aber du solltest wirklich ein paar Monate in den Krieg.« »Nie mehr will ich das hören«, befahl er jetzt drohend. »Soll ich mir etwa auch die Kopfhaut abreißen?« – Er strich das Haar, daß wie blaßbraune Seide glänzte. über die zierlich geschneckelten Ohren hinunter. Aber in diesem Moment sah Mala den Piso im schwarzen Verband, das Haar struppig, die Hosen verschmiert, die Katzenaugen siegreich leuchtend und aus der dunkeln Lippe das süßeste, duftigste Triumphlied pfeifend. Mit einer wahren Andacht dachte sie an ihn, und Elvezios Glanz verblaßte ein wenig. Er war doch nicht Achill, nein. Eher der hübsche Paris. Der war auch etwas frech und ein vornehmer Aristokrat und schöner als alle andern, so daß die Mädchen ihn wie die Mücken einer Nachtlaterne umschwirrten. Ja, das war der Helenaräuber. Sie hatte er geraubt. Wie eigentlich? Im offenen Kampf? Mit Sturm? Im Duell mit Piso? Warum nicht gar! In den Sandalen und Seidenstrümpfen, mit Visiten, Geschichtlein und hundert Zierlichkeiten gewann er sie. Nun, auch so einem Paris konnte man sich ergeben. Freilich, jener Ulisse in der Ferne war eine großartigere Gestalt, sie wuchs unheimlich und warf einen erstaunlichen Schatten bis in den Buchbinderladen. Der guten Mala bangte vor ihm. * Es kam nun schließlich doch zur Verlobung, und etliche Wochen später, an einem Sonnabend, da alle Glocken Todis das geeinte Italien vom Felsen hinunterläuteten, forderte Elvezio die rasche Heirat. Sei es, daß Mala zu viel von Piso sprach, sei es, daß Elvezio von dessen Heimkehr Hindernisse befürchtete, einerlei, er bekam plötzlich eine fieberhafte Eile zum Trauring und Altar. Aber nochmals schob Mala die Sache auf. An einem sonnigen Spätnachmittag stieg Elvezio mit mißfärbigem Gesicht, arg verschwollenen Augen, aber leichtfüßiger als je vom wurmstichigen Palast zum Laden hinunter. Er war bis Mittag im Bett gelegen, um den Wein auszuschlafen, mit dem Vater und Sohn in der Bibliothek einen unerwarteten Glücksfall bis tief in den Morgen gesegnet hatten. Elvezio war das Bechern und Verjubeln der Nacht nicht gewohnt, darum sah er so zerfallen aus. Die Sache aber war, daß der Prozeß wegen des amerikanischen dalla Rocca sich zugunsten der Linie in Todi entschieden hatte. Vor etwa dreißig Jahren hatte die Familie einen jungen unverbesserlichen und unerträglichen Sprossen mit dreihundert Goldstücken nach Amerika spediert. Dort hatte die derbe Faust des neuen Weltteils den lockern Gino gehörig durch Not und Schweiß geschüttelt und zu einem Hauptkerl von Arbeit und Erfolg erzogen. Er wollte die blutarme Sippe in Europa vergessen, nur hätte er gerne eine Landsmännin geheiratet, um wenigstens ein bißchen Vaterland in der Pflanzung auf Florida zu erhalten. Aber im Drang der Geschäfte kam er nie dazu. Auch war sein Herz von den frühern Irrungen ziemlich ausgebrannt. Als er nun endlich als hoher Vierziger sich zu einer schnellen, sozusagen geschäftsmäßigen Brautreise nach Italien einschiffte, starb er auf dem verseuchten Dampfer an den Blattern. Paolo Rocca und ein Eugenio von Perugia kamen als sehr ferne Vettern, aber doch als die nächsten Erben in Betracht. Nach und nach ergab sich die Lage jenes Eugenio, eines vermöglichen, ältern Bankiers, als die aussichtsreichere. Einzig weigerte sich jener eingefleischte Umbrier, nach Amerika zu fahren, was laut Testament vom allfälligen Erben bedingungslos verlangt wurde. Er müsse sich persönlich verpflichten, so viele Jahre die Pflanzung selbst zu verwalten, wie der Erblasser es getan. Das wären beinahe dreißig Jahre. Er müsse auch aus dem schlaffen Italiener ein frischer Amerikaner werden. Aber es ging um Millionen. Nun besaß jener Eugenio einen sechzehnjährigen Sohn. Sowie er mündig würde, übernähme der Junge den überseeischen Besitz. Dieses Verdrehen und Verschleppen des Streites focht Paolo als gesetzwidrig an. Neues Hin und Her. Da half der Löser aller Prozesse, der Tod. Jener Knabe focht in der Romagna wie viele Halbwüchsige mit und verschwand plötzlich. Sicher war er irgendwo gefallen und unerkannt verschüttet. Aber ein Totenzettel lag nicht vor, und der Bankier erstrebte immer neue Fristen für den Fall, daß sein Sohn doch noch lebte, heimkehrte und das Erbe fassen könnte. Gestern, spät am Abend, kam nun die behördliche Einladung an Paolo dalla Rocca, daß die Güter in Florida ihm zugesprochen würden, wenn er nur in zwei Wochen die Klausel unterschreibe. Man merkte es dem Texte an, wie sehnsüchtig der Fiskus beide Arme nach einem Nein ausstreckte. Denn dann fiel alles in seinen Sack. Paolo und Elvezio hatten längst nicht mehr an diese goldene Möglichkeit gedacht. Zuerst sahen sie nur die Millionen. Rob, der steife, an Hunger und Faulheit gewöhnte Hausdiener, mußte Champagner holen, und die zwei dalla Rocca tranken sich ins Morgenrot eines neuen, reichen Lebens hinein. Freilich, die Klausel! Elvezio reiste gerne zum Zeitvertreib und Goldholen übers Meer. Aber dreißig Jahre dort auf einer stadtfernen, fremden, wilden Plantage zu wohnen, ging auch ihm schwierig genug ein. Indessen – eine solche Gelegenheit, aus dem Armuts- und Schuldensumpf zu Macht zu gelangen, gab es nicht mehr. Zum erstenmal im Leben hörte Elvezio den Vater sagen: »Ich bin ein Bettler. Willst du auch einer sein?« So beschlossen sie, man müsse mit allen zehn Fingern zugreifen. Es gab doch auch viel Tröstliches. Elvezio würde fleißig Geld schicken, dann und wann monatelang mit Negerdienern und Pferden auf Besuch kommen und – das Liebste von allem – er nähme gleich die Mala Golzi als Gattin mit. Dieser Gedanke entzückte ihn. So führen sie Arm in Arm übers grüne Riesenwasser und hätten gleich im wildfremden Florida ein warmes Nestchen. Fröhlich hüpfte der Junker an San Fortunato vorbei und trällerte dazu die alte Volksweise: » Se venisse il frate e disse: non sposar ! . . . « Er hörte den Freudenschrei Malas voraus und sah, wie sie die Arme reisefroh zum Fenster hinausstreckte. Da und dort hingen rote Teppiche wie am Fronleichnamstag aus den Fenstern. Man sah Blumenstöcke, Girlanden, Kränze an den Türen, Fähnlein an den Balkonen. Elvezio fragte gar nicht, was das bedeute. Er fand es selbstverständlich in seinem Jubel und wiederholte: » Se venisse il frate e disse: non sposar! « und nickte jedesmal: »Doch, doch, sposar! « »He, he«, rief ihm da der Oberst Pigrino zu. »Wohin so lustig? Wer ist es, Don Massimo?« Aber der Domherr sah eben die alte, unfertige Baute und schalt: »Diese Fassade, ach, diese Fassade wird nie fertig, miserable Zeiten!« »Elvezio dalla Rocca«, gab sich der Jüngling zu erkennen. »Ah, du willst zur Libreria. Mußt dich beeilen. Piso kommt.« »O,« widersprach Don Massimo, »überlauf dich nur nicht. Ihr kommt alle zu früh oder zu spät. Ich kenne die Golzi.« »Was heißt jetzt das wieder?« fragte Pigrino. »Das sind Leute, die sich nie entschließen können. So war's mit der Mutter selig. Man hat ihr den Gemahl fast anschmieden müssen. Und er war auch ein Golzi und hätte hundert Jahre gewartet. Sie sind freundlich, sie lieben beinahe, haben gern Freunde, aber dann, so um die elf, bleibt der Zeiger stehen. Die Uhr tickt schon weiter. Aber der Zeiger bekommt Angst vor der zwölf und bleibt stehen.« »Eine sonderbare Alte war die Nina, Ihr habt recht. Immer hat sie das, was sie las, und das, was sie erlebte, miteinander verwechselt . . . Ah,« der Oberst scharrte mit den Stiefeln, »ah, Piazza Pignattara. Freund, Freund, hier wenigstens hab' ich's nicht gelesen, sondern erlebt: das Kloster ist sauber gefegt von den Dunkelmännern!« »Wer redet denn von Dunkelmännern, wenn ihn Gott selbst mit der tiefsten Dunkelheit schlug«, wollte der Canonico zum ixtenmal sagen. Aber Elvezio kam ihm zuvor und fragte: »Hochwürden, wieso komm' ich auch zu Jungfer Mala zu früh oder zu spät? Wir sind doch Verlobte.« »Verlobte!« lächelte Don Massimo und schwenkte den bezottelten Muschelhut. »Da steht der Zeiger noch immer auf elf.« »O ich habe einen Magnet, der ihn auf zwölf zieht«, betonte der Junker. »Auch Piso hat einen Magnet. Siehst du nichts?« Der Domherr zeigte auf die Farben und Fahnen der Häuser. »Piso kommt morgen. Schon rüstet man.« »Und sein Magnet ist ein Lorbeer«, fügte der Oberst hinzu. »Der meinige ist von Gold und Adel.« Damit maß der junge Herr überlegen das greise Kameradenpaar, grüßte und sprang weiter. »Auch von Gold?« sagte Don Massimo verwundert. »Gold und dalla Rocca!« lachte Pigrino. »Schaumgold!« »Ach, lieber Freund,« bat der Geistliche leise, »was ist denn eigentlich nicht Schaum? Mein Altes und dein Neues auch! Seifenblasen, und jede platzt.« »Bitte, keine Predigt, liebes Pfäfflein.« * Als Elvezio in den Laden sprang, hatte Mala gerade eine Historie der Santa Teresa unter den Händen. Sie trennte die Bogen aus dem alten Rücken und las Stück für Stück von dieser außerordentlichen, männerbeherrschenden und doch so unterwürfigen Frau. Wie sie voll Leidenschaft und voll Ruhe war wie ein tiefes Wasser! Sie diente allem und gebot allem. Klein wie Spielzeug erschien um diese Mächtige das Küssen und Kosen verliebter Jugend. Mala wurde ernst. Sie lehnte sich ins Stühlchen zurück und hielt die Hand vors Auge. O diese liebe Buchbinderei, diese Zuflucht, dieser Trost, dieses Heim! Sie hat den Piso gehen lassen, sie wird auch den Elvezio lieber als ihr teures Klecks- und Klebeamt verabschieden. Hier wurzelt sie; hier bleibt sie. Es zieht wohl oft das Seelchen dahin, dorthin. Sei klug! Wart', bis der ärgste Wind aufhört. So steht es auch im Theresienbuch. Dann bist du nachher froh genug, daß du nicht im ungewissen verkamst. Bleib bei dir! – Das Buch sagt freilich: bleib beim Gewissen! Ist das denn nicht dasselbe? Wohl, wohl. Mit den zwei Gespanen geht die unsicherste Zukunft, das merkt sie wohl. Gut, sie wird Elvezio heiraten. Aber sie wird Buchbinderin bleiben. Und er darf nicht mehr faulenzen. Einen Nichtstuer könnte sie nicht dauerhaft lieben. Sie wollen nach und nach die Schulden einlösen, dann soll sich der junge Gemahl an die Bewirtung der Güter machen. Bei Pondero hängt ein verwildertes Gehölze vom Berg. Das gehört ihm. Er soll einen Pfad zur Straße bahnen und dann teures Holz verkaufen. Ein Vermögen verfault jetzt dort. Dann sind die drei Äcker bei Preghia. Er hat sie einem Schlendrian von Pächter sozusagen um nichts vergeben. Nicht Korn, Steine wachsen darauf. Hop, hop! Selber in die Faust nehmen! Sie will Pflug und Geräte kaufen, einen Knecht besolden und für die Stiere aufkommen. Sie hat ja ein hübsches Geld zur Seite, geerbtes viel, erspartes noch mehr. So kommt der Baron in Wohlstand und wird gut gelitten. Man wählt ihn in die Stadtämter, Sindaco Elvezio dalla Rocca. Er ist gescheit und kann trefflich kommandieren. In ihm steht das niedergeworfene Geschlecht wieder auf und hebt den Kopf hoch. Derweil er wirtschaftet, wird sie täglich ihre vier, fünf Stunden buchbinden. Daran liegt alles. Von da kommt ihr Kraft, Humor und Geld. Mit Bücherbinden wird sie sich und Elvezio auch das Leben zu einem stattlichen Band zusammenbinden. Am Feierabend, von allem Schaffen gesegnet, lesen sie dann, Wange an Wange, vom Besten zusammen, was sie über Tag gefunden. Sie rutscht erfrischt auf ihrem Stühlchen herum. Auf diesem Schemel ist sie stark. Hier haftet sie mit Leib und Seele. Auf diesem Schemel will sie dienen und herrschen. Elvezio wird das begrei . . . »Mala, Malina, Maletta!« rief und stürzte wie ein Windstoß der flotte Bursche selber herein. Nein, nicht wie ein Wind, wie eine Sonne. Die ganze Kammer schien unter seinen Siegeraugen von Licht zu flimmern. – »Kind, wir zwei gehen nach Amerika!« Sie wehrte mit beiden Händen wie vor einem Tollhäusler. Aber er war schneller und drückte die Widerstrebende an seinen Mund. Und der Duft des herrschenden Geschlechts und einer echten Liebe betäubten sie einen Augenblick. »Jetzt gilt kein Zaudern mehr«, sagte er mannhaft. »Der Prozeß ist gewonnen. Ich erbe die große Pflanzung in Florida. Aber ich muß hin, muß sie selber leiten, muß . . .« »Elvezio!« schrie die Jungfer ungläubig. »Dreißig Jahre lang! Aber das wird wohl nicht so buchstäblich gelten. Amerikanisches Testament, bah!« – Er knipste mit den langen, weißen Fingern. »Dreißig Jahre . . . ich verstehe nicht . . .« »Wenn es uns verleidet, gibt es dann schon Auswege, Reisen, Besuche. Aber ich glaube, wir bleiben gerne dort. Dutzende von Dienern, Neger auf den Feldern, großes, bequemes Landhaus, nur zwei Stufen in die Stube, ganz wie hier. Pfirsiche, Trauben, Orangen, reicher Wald, Jagd, liebe Nachbarn, zu denen man reitet, wir halten Feste in einem grünen Laubsaal, und wir kaufen alle kurzweiligen Bücher für den Abend, und du bekommst Gold, alle Schürzen voll zum Reißen . . .« »Ich verstehe gar nichts«, flehte Mala und wischte sich die schönen Augen wie von einem Schwindel rein. Dann packte sie das Theresienbuch wie eine Waffe und drückte es an die Brust. Auf einmal schien ihr Elvezio, der nach Amerika wollte, ganz fremd. Als Elvezio ihr das Ereignis nochmals ruhiger erklärt hatte, spitzte sie den Mund scharf wie einen Dolch und sagte fest: »Ich komme nicht mit, ich kann nicht, ich will nicht.« Elvezio griff nach der Tischkante, so heillos traf ihn diese Antwort. Seine Lippen wurden blau, und in seinen Augen ward es wie Mondfinsternis. Nein, wirklich nicht. Sie bleibe hier. Es wäre ihr Tod, von Todi wegzugehen. Auch das Buchbinden würde sie nie aufgeben. Ganz anders habe sie sich das Leben mit ihm vorgestellt. Beide würden arbeiten, sie am Tisch hier, er auf seinen Gütern. Dazu hätte ihr Vermögen völlig gereicht. An den Schürzen voll amerikanischem Gold liege ihr nichts. Wie gesagt, für sich habe sie genug Marenghi . Und auch für ihn, wiederholte sie schon etwas schalkhaft, besäße sie mehr als genug. »Du!?« Beinahe wie ausgespuckt kam dies Wort. O das hätte er nicht sagen sollen. Vielleicht hätte es doch noch eine Verständigung gegeben, trotz dem nahen Piso und aller Glorie dabei. Dieses Du, in diesem Tone, wie von einem Turm herab auf die Bettlergasse, nie hätte er es aussprechen sollen. Er sah wohl wunderbar vornehm, hart, elfenbeinern aus in diesem Augenblick, er glänzte wie ein kaltheißer Sirius am Nordhimmel. Aber sie konnte nur anstarren, schaudern, kopfschütteln davor. Gott weiß, was sie spürte im hintersten Herzwinkel. Denn dieses Buchbinderinnenherz war doch auch von rotem rauchendem Blut durchsaftet. Aber dieses hochmütig erhabene Du zeigte ihr auf einmal eine feste Schranke zwischen ihnen, die nie umgerissen, nur von der Liebe, diesem Königsadler, überflogen werden konnte. Aber wenn nun die Liebe etwas müder und kleiner würde, nur noch ein Falke oder gar ein Spatz! Wie dann? Du?! Vielleicht hätte sie doch noch den Schleier einer reisenden Todifrau umgeworfen, die Schuhe geschnürt, den Laden zugeriegelt und wäre mit ihm gezogen. Denn nicht bloß ihre Augen und ihre Phantasie, sondern auch ihre Liebe hatte etwas Lichtes, Vertrauliches, Hingebungsvolles. Sicher hätte sie von Gummipinsel und Kleistertopf nicht für ewig Abschied genommen, sie hätte sehr wichtig Auf Wiedersehen gesagt und vielleicht einiges Geräte mit übers Meer geschleppt. Aber sie hätte doch ihr Zaudern und ihre Winkelsüße überwunden, und dann wäre das große Leben jenes Weltteils und das größere des Zusammenseins in Fleisch und Blut mit dem bewunderten Jüngling über sie hingegangen und hätte ihr Wesen groß und frei gestaltet. Aber ein einziges Wort kann töten. Hier geschah es. Vor diesem zu Boden schleudernden Du erlosch ihr Mut und Glauben an ihn. Sie gefror sozusagen in ihrer kleinen, engen Bürgerlichkeit vor diesem Du zu Eis. Sie redeten nicht mehr viel. Die Sache lag zu klar. Mala hielt sich geduckt, über ihn aber ging eine Art von Versteinerung. Er war dennoch nicht zornig. Vornehm grüßte er, duldete es leise, daß sie seine schöne Hand suchte und an ihre Lippen drückte und ging dreimal langsamer, als er gekommen war, davon. Später hieß es, der junge dalla Rocca liege schwer krank in Perugia. Andere sagten, er fahre bereits über den Ozean. Nach vier Monaten erst bekam der Vater eine Post von Florida: fünf, sechs trockene Worte und fünf- oder sechshundert Goldstücke. * Als Elvezio hinausgeschritten war, fühlte Fräulein Mala sich so, als wäre etwas Köstliches, Schweres von ihr gefallen. Ja, etwas Köstliches und das machte sie düster, aber auch etwas Schweres, und das ließ sie aufatmen wie schon lange nicht mehr. Hurtig setzte sie sich an die Bogen und begann zu heften. Der Tag war lang. Nach dem Zunachten sollte sie mit den Schwestern Golzi durch die Stadt spazieren und gucken, wie man für Piso schmückte. Es war nur noch ein Bogen von Santa Teresa einzuhaken. Da stand: »An einem Karfreitag abends kam eine stattliche Jungfer zur Heiligen und gestand, sie liebe einen Jüngling und wisse doch, daß er schlecht sei und Tag für Tag trinke, falsch spiele, Mädchen betöre und die Bauern seines Dorfes elend presse. Sie kämpfe umsonst, aber liebe ihn trotzdem.« Ob er denn so schön sei, fragte die Santa freundlich. Nein, eher garstig. Aber er küsse so herrlich und habe Augen so finster und traurig wie die Mitternacht. Alma dachte an Piso. Ihre Füße zitterten. »Kommst du endlich? Wir gehen«, riefen die Geschwister Serra. »Geht nur, ich hole euch schon ein.« Die Mädchen verschwanden vom Fenster. Ob sie denn meine, ihn retten zu können, fragte Santa Teresa mit seltsamem Lächeln. Sie wisse nicht. Sie habe nie daran gedacht. Sie liebe einfach ganz maßlos. Maßlos sei nur Gott. Nichts Menschliches könne maßlos sein. Da irre sie. Jedoch ihre Liebe zu jenem Manne sei noch lange nicht groß genug. Sie müsse über alle Menschenköpfe hinausgehen und bis zu Gottes Füßen reichen. Fast übermenschlich sei das. Die junge Dame meinte, sie liebe so. Wenn sie ihn wirklich so liebe, so sollte sie ihn auch retten können, das heißt geben, nur geben! Gar nichts für sich wollen . . . So fange das Retten an . . . Wolle man auch noch einen Profit für sich, viel oder wenig, so habe man schon eine Hand zur Rettung nicht mehr frei. Man müsse ganz unbelastet sein. Hier hielt Mala inne und fiel in ein langes Nachsinnen. »Mala!« Himmel, Erde . . . Mala erbebte. Sie blickte nicht vom Buche auf. Diese schöne, tiefe Stimme klang aus der Zimmerecke, von Piso. »Mala!« Sie hielt die Hand vor die Kerze und blickte in den Schatten. Da tauchte etwas langsam auf, kam näher, warf die Kapuze weg, ja er, Piso. Die Türe war offengestanden, auf der Piazza lärmte es. Da hatte sie ihn nicht hereinschleichen hören. »Du, Piso?« schrie sie leise, und eine bange Wohligkeit durchströmte sie. »Lösche!« Sie blies die Kerze aus. Nun leuchtete nur von der Piazza her eine schwache Laterne. Er setzte sich neben sie und schien ihr im Dunkel größer. »Nun, kannst du nicht grüßen?« sagte er lustig. »Wenn man so hereinschleicht . . .«, nörgelte sie zum Schein. »Was soll das dumme Zeug da draußen? Das mag ich nicht. Drum bin ich nachts unbemerkt heraufgekommen. Sorget nur, ihr Mädchen, daß man morgen weiß, ich sei schon daheim.« Sie begriff das. Er war ja im Grunde so schüchtern. Übrigens habe er es noch zwei Kameraden zugesteckt. Die werden auch helfen. Ein kleines Abenteuer, was ist das? Gott, da gab es andere Helden. Aber die bekamen Erde zu schlucken, kein Mensch kennt das Loch. Wozu dann diese Dummheiten! Unwillkürlich fanden sich im Dunkel ihre Hände. Die seine war groß und stark und hart. Da hielt man etwas in den Fingern. Sie vergaß, daß sie vor wenigen Stunden eine viel schwächere Hand verehrt und sogar geküßt hatte. »Ich muß dich anschauen«, sagte sie und staunte selbst, wie schnell die alte Vertraulichkeit gefunden ward. Flink schloß sie die Laden, zündete wieder an und bestaunte ihn. Er trug einen kleinen, krausen, schwarzen Bart von Ohr zu Ohr. Das Haar fiel schwer wie Nacht in die Stirne. Die Augen brannten etwas trüb und hinterhältig. Aber der Mund war derselbe, groß, reich, glüh wie hoher Sommer und die Stimme daraus wie Nachtigallenschlag. »Wenn du mich fertig beguckt hast, dann bring mir etwas zum Trinken. Ich laufe schon sechs Stunden ohne Einkehr.« Nun saßen sie da beisammen, lachten, scherzten, gaben sich leichte Püffe und schwere Spitznamen und fühlten sich wie alte Spielkameraden, die einst vom selben Pfirsich gebissen. Das Stüblein schien total ein anderes, als wenn jeweilen Elvezio drin weilte. »Und Elvezio?« brach er plötzlich heraus. »Der! Nach Amerika reist er für immer.« »Und du nicht mit?« – Sie hörte ihn leise keuchen. »Warum sollte ich?« machte sie trotzig. »Waret ihr denn nicht fast versprochen?« »Ich sagte ihm, was ich dir gesagt habe: Buchbinderin bleib' ich.« Da zog er sie mit unnennbarer Gewalt an sich und küßte sie auf Stirne und Mund. »Wie ein Bruder!« entschuldigte er und lächelte. Eine graue verschmitzte Unklarheit wich nicht völlig aus seinen Augen, aber es glänzte dazwischen etwas Gutes und Dankbares. So war es immer gewesen. Über dem rechten Ohr, gegen den Wirbel empor, gab es eine kahle Stelle, die er nicht ganz mit dem übrigen Haar verdecken konnte, und das Ohr selbst war verstümmelt. Das alles wirkte häßlich. Aber man spürte Kraft und Hitze in ihm, und auf seiner Stimme lag Seele. Mala fühlte sich seltsam zu ihm hingezogen. War es Sinnlichkeit, Kameradschaft, Kindertreue, Rührung, sie wußte es nicht; aber sie hob sich auf die Zehen und berührte seinen Ohrstummel mit andächtiger Lippe. Und gleich fiel ihr die stattliche Jungfrau bei Santa Teresa ein, sonderbar . . . Er trank, rauchte, erzählte, trank wieder. Seine kleinen Augen wurden kindlich. Er ließ sie nicht mehr aus dem Arm. »Ich hab' dich nötig, Mala,« schrie er plötzlich, »immer hatte ich dich nötig, du Böse. Aber von jetzt an am meisten.« »Ach was plapperst du«, sagte sie und schlug ihm auf den Mund. Ihr schien, er lalle schon ein wenig. Sie suchte sich loszuringen. Er plauderte weiter, nicht vom ernsten Krieg, nein, von Raufereien, Bettlerstücken, Gepolter, Schmutziges und Holdes, von feilen und feinen Mädchen, falschen Genossen, ehrlichen Feinden und daß er es nicht über den Hauptmann hinauf brachte trotz mangelnder Führer, weil er zuviel Räusche gesoffen habe. »So mach' ich's«, stammelte er, schob das Glas weg und trank geradeswegs aus dem Kruge. Entsetzt riß sie ihm das Gefäß weg. »O Piso, sei vernünftig!« »Der Wein, der Wein, der tötet mich noch. Und das Faulenzen.« – Er stand auf. »Mala, ich verwüste dir die Stube. Da ist nichts als Ordnung. Da pass ich nicht mehr hinein. Da stürbe ich.« – Er schüttelte sich und begann wie ein Kind zu schluchzen. Sie nötigte ihn auf den Stuhl zurück, streichelte ihm den Bart, tröstete, das überwinde er bald, andern gehe es nicht besser. Sie küßte ihn vor Mitleid und wußte nicht, daß Leidenschaft dabei war. Und wieder kam ihr ein Wort Teresas in den Sinn und biß sie: ›Geben, immer geben, nichts für dich wollen, so fängt die große Liebe an, die retten kann.‹ Sie wurde rot und wußte auf einmal, wie ferne sie noch von dieser göttlichen Selbstlosigkeit war. O nie könnte sie so werden, sie mußte von allem Süßen auch einen Schleck haben. Bücherbinden, Bücherbinden, ja! Aber Menschen in eine gesunde, glückliche Fassung bringen, selbstlos, ohne Profitchen, nein, diese Kunst war ihr zu hoch. Piso hatte sich einen schweren Rausch aufgeladen. Er schlief über den Stuhl hängend ein, schnarchte wie ein Bär, und Mala mußte schließlich die beiden Schwestern holen, um den Helden von Todi, dem man die Straßen bekränzte, zu Bett zu bringen. Diese guten Seelen hatten sich den Empfang des Bruders wahrlich anders vorgestellt. Das ganze Quartier lachte, als Piso am Morgen in Zivilkleidung durch die Gassen spazierte und da und dort einen Kranz abriß oder einer Matrone zornig zurief, sie möchte die bunten Lappen zum Fenster hereinziehen. Aber er konnte es nicht hindern, daß in der folgenden Nacht die Musik vor der Libreria spielte, eine Rede auf das geeinte Italien und auf seinen schlauen Hauptmann gehalten, nachher in der Golzi-Gaststube bankettiert und der gefeierte Piso von allen Festleuten zuerst benebelt wurde und unter die Bank fiel. In dieser geräuschvollen Nacht war der halbkranke Elvezio mit seinem Vater in geschlossener Kutsche gen Perugia gefahren. Nach einigen Monaten waren alle Schulden bezahlt, und zwei alte Livreediener hüteten bei gutem Sold das graue dalla Roccahaus. Fast wie zwei Spinnen klebten sie rechts und links am Steinrahmen des Portals, gähnten etwa in die Sonne, rauchten, verschwanden zum Essen, kamen wieder an beide Türseiten und wußten nichts auf die hundertfache Neugier zu erzählen als buchstäblich den einen steifen Satz: »Baron Elvezio ist glücklich, unser Padrone auch, alles geht gut, Millionen!« »Was Millionen?« »Millionen, basta!« * Mädchen, Mädchen, was ist mit dir? Hübsch bist du wie eine junge Beere, und Jünglinge kommen und möchten dich pflücken, und Jünglinge gehen ungestillt weg. Du lauschest, flüsterst, erbebst, loderst auf, duckst dich wieder und liegst da wie noch warme, stille Asche. Warst du vielleicht immer Asche? Hast du das Glütlein nur vorgetäuscht? Tag für Tag saß der knochige fahlbraune Piso mit dem großen Mund in Malas Lädchen. Die grünblaue Uniform hängte er an den Nagel. Hier sollte sie ewig vor Malas Augen bleiben. Er hatte einen Krug Wein neben sich, horchte viel, schwieg noch mehr. Abends lasen sie zusammen, er die rechte, sie die linke Buchseite. Ihr Atem vereinigte sich. Beim Blattumwenden profitierte er und küßte sie, wo es traf, ins Gesicht. Seine Schwestern vergötterten ihn. Und doch tat er nichts als kleine Schlücke Chianti läppeln, sitzen, die Beine strecken, träumen, schlafen, lesen und . . . Mala anschauen. Selten einmal führte er den blinden Oberst auf die Rocca. Aber Pigrino erklärte, es wäre viel kurzweiliger allein mit einem Hund am Bändel als mit diesem verdrückten Burschen zu gehen, der nur Ja und Nein und Ich weiß nicht und Vielleicht antwortete. So ein Schnauzerli würde wenigstens zwanzigmal knurren und bellen. Es ist ihm ins Gehirn gefahren, hieß es im Städtchen, wenn man ihn so allein und scheu an den Wänden der Gäßlein hinstreichen sah. Saht ihr nicht, das halbe Ohr ist auch weg. Wie hat er das nur angestellt? Wie wild! Wie grausig! Zu leben hatte er genug. Die Serra sind so hablich wie die Golzi. Aber man muß doch sogar in so einem trägen, alten Landstädtchen tun, als ob man etwas täte. Piso gab sich nicht einmal diesen geringen Schein. Nicht einmal die leichte Aufsicht über die Waldungen der Stadtgemeinde auf den nächsten Höhen wollte er auf sich nehmen. Zwei Vettern im Rat konnten sie ihm leicht verschaffen. Wenn er nüchtern war, konnte er sich oft mit einer Güte benehmen, die Mala tief ergriff. Dann hätte sie in einer Aufwallung der Seele ihm alles geben und nichts für sich nehmen wollen, ganz wie Santa Teresa riet. Aber nur drei Minuten lang. Und gerade diese drei Minuten war es nicht nötig, wollte er nicht, hätte er selbst alle Dienste getan. Jedoch wenn er dann trank und schläfrig oder grob ward und scheinbar gleichgültig hindämmerte, dann wurde er ihr lästig. Er stank dann von Wein und Magensäure und trug sich unordentlich in den Kleidern. Etwas Gemeines geriet in seine flackerigen Augen, und er wollte sie mehrmals lüstern herumreißen. Jetzt, o jetzt hätte sie wohl an Santa Teresa denken müssen. Es hätte kein Abscheu ins Auge, kein Groll auf die Zunge, kein Ekel in ihre zarten Fingerchen kommen dürfen. Jetzt hätte sie sich seiner annehmen müssen mit jener Liebe, die »über alle Menschenhäupter hoch hinaus bis zu Gottes Füßen reicht«. Sie erinnerte sich jener Worte, wollte sich erheben, zu ihm eilen, vor ihn hinknien, ihn stützen und ganz mit Herzlichkeit umgeben und läutern. Aber dann blieb sie doch im Stühlchen am Buchbindertisch. Es war zu groß, zu schwer. So sehr liebte sie doch nicht. Und sie seufzte leicht, griff zum Karton, schnitt, heftete und band ein und fühlte, daß sie klein sei und nur Kleines vermöge. Ach, was waren das für Zeiten voll Licht und Dunkel durcheinander. Oft, wenn sie zu Bette ging, dachte sie an Elvezio. noch öfter freute sie sich, jetzt eine ruhige Nacht allein zu sein, und am meisten – o Eva! Eva! – gefiel ihr, daß Piso morgen wieder ins Lädelchen komme. Sie zählte jetzt einundzwanzig Jahre. Soweit sie sich besann, war immer ein Knabe und ein Kleistertopf um sie gewesen. Sie konnte ohne das nicht mehr leben. Aber das konnte doch nicht das Richtige sein, nicht für sie, noch weniger für ihn. Doch eines Abends kam er sehr spät zum Lesen. Er roch nicht von Chianti, sondern von Tannen. Er war nun doch einmal mit seinem Oheim, dem Oberförster, durch die Forste gestrichen. Es war still, kühl und kurzweilig gewesen und hatte ihm so gefallen, daß er eine Probe machen, den Aufseher spielen wollte. Er war ja einst als Bube oft mitgegangen, kannte die Hölzer und hatte eigentlich nichts zu tun, als zwischen den Bäumen zu spazieren, die verdorbenen Stämme und die überalten anzuzeichnen mit einem roten Klecks, dann etwa ein, zwei Gesellen zum Putzen mitzunehmen, zu achten, daß nicht im Holz gefrevelt, aber auch nicht gewildert werde. Das ginge in einem. Ab und zu hätte er einen Bericht einzuliefern, doch gehe das auch mündlich. An jenem Abend wehte etwas Frisches aus Piso, woran sie keinen Verdienst trug. Das quälte sie. Er sah stolzer aus als damals in der Uniform. Die freie Arbeit im Walde hatte ihm wohlgetan. Das Gebietendürfen flößte ihm Würde ein. »Zieh mir die Stiefel aus!« sagte er klar und bestimmt. Und sie bückte sich und tat es und legte ihm sogar die Pantoffeln an. »Gib mir etwas zu trinken! Eine Grenadina!« Sie lief. Sie konnte nicht anders. Beinahe hätte sie ihm noch das Glas an den Mund gehalten. ›Was ist mit ihm?‹ dachte sie. * Von nun an sah man Piso nicht mehr herumhocken und zechen. Er nahm sich des Waldes so ernstlich an wie einst seiner Kompanie. Knaben und Gesellen kamen mit. Mit Axt, Gertel und Hacke ward im Wirrwarr gearbeitet, der Boden gesäubert, faules Holz gefällt, wilde Wucherungen beschnitten, Kanälchen für das Wildwasser gegraben und Jungwuchs eingesetzt. Dabei stieß man auf allerlei heimliches Schattenvolk, Strolche, Gauner, Diebe, Wilderer. Es gab hie und da Flintenschüsse und Arrestanten. Pisos Kühnheit und großer Zorn siegten jedesmal ohne obrigkeitliche Zuhilfenahme. Die Behörden und die reichen Waldbesitzer setzten bald rücksichtsloses Vertrauen in den Eifrigen. Aber das niedrige Volk sah in ihm je länger je ungemütlicher einen Zerstörer des alten Schlendrians. Heimlicher Groll entstand. Kam er abends zu Mala, so duftete der häßlichschöne Bursche geradezu von Wald und Herrschaft. Ihr freilich kam er nun durchaus schön vor. Schnell stellte sie den Kleister vors Fenster, den er so ungern roch, und zog ihm die langen Kniestiefel aus. Dann lasen sie. Jetzt befahl er den Stoff. Von den Römern. Wie sie Kolonien gründeten, Straßen bauten, Wildnisse reinigten, überall siegten, aber dann leider entarteten und vor Barbaren den Nacken biegen mußten. Es ergab sich aber oft, daß Piso sehr spät kam. Dann zählte sie die Schläge an der Domuhr, horchte auf die Schritte über der Piazza Garibaldi, bürstete seine Uniform, küßte sie dort, wo ihr Tuch sein Herz, das tolle, zudeckte und konnte nicht mehr recht kleistern oder allein lesen. Manchmal kam er gar nicht. Dann wurde sie unwirsch über diese Försterei, die ihn ihr stahl, und über seine Arbeitsglut. Fast hätte sie ihm wieder ein Räuschchen gegönnt. Die Einsamkeit abends wurde ihr unheimlich. Ist es wirklich nur der Wald, warum er sich so verspätet? Könnte nicht ein Mädchen dahinter stecken? Und wäre das so unbegreiflich? Sie verdiente es nicht besser, da sie ja immer nur im Halben stehen blieb. Er war ein Ganzer und wollte etwas Ganzes. Aber vor diesem Ganzen schauderte ihr. In einer illustrierten Volksausgabe des Cantu stieß das lesende Paar auf den Mönchvater Benedikt mit seinen Kindern, und man erlebte eine neue Eroberung Europas, indem diese Kutten Jesum predigten, die Wälder rodeten, Gärten anlegten, Korn und Obst pflanzten und dem heillosen Ur und Bär und Wolf wehrten. Piso dachte, daß er ja im kleinen auch so etwas tue, und meinte, das Mädchen neben ihm müsse das gleiche denken. Sie jedoch fühlte, daß sie in kurzem dem Piso vor die Füße fallen müsse, wenn ihr Herz nicht zeitig vorsehe. Und dann würde der Dunkle, der sich jetzt so eigenwillig und beinahe hart bezeigte, sie vielleicht gar mit den Füßen von sich stoßen. Da wußte sie denn nichts Gescheiteres als sich Elvezios helle Person, seine silbernen Blicke, sein feines Haar und feines Reden und die vornehme Trauer vorzustellen, womit er von ihr schied. Und jetzt, da man von fernen Urwäldern las, dachte sie wirklich nicht an Pisos nahe kleine Försterei, sondern an die wilden, freien Gebiete Elvezios in Florida. Der Oberst Pigrino sagte, es sei ein waldreiches Land, voll Sonne und Papageien, und ein kühler Meerwind fingere nachmittags ins Laub. Man beiße die Feigen vom Ast, besitze dreißig Dienstboten und werde hundertjährig. Der Canonico brachte dann ein dickes Buch voll Bilder. Herrliches stand darin von Orangen, Palmen, Hängematten unter duftenden Bäumen und von einer Pflanze, die Papier gebe, sehr schönes Druckpapier, und von einem Tier, das allerfeinstes Leder liefere, womit man die köstlichsten Bücher einbinde, und von einer Pflanze, deren Schweiß den besten Klebstoff ergebe . . . zum Kleistern! . . . Das erschütterte Mala geradezu, noch mehr als Hängematte und Papagei. Freilich hause dort auch eine böse, gefleckte Riesenkatze und ein Bär. Doch wozu hätten sie so famose Reiter und Jäger, wandte der Oberst ein. Das sei ein adeliger Sport, so recht für Elvezio. – Aber hier stehe noch, fuhr Don Massimo fort, daß diese Jaguare Frauen und Kinder überfallen und in den Wald schleifen. – Versteht sich, gab Pigrino zu, aber nicht, wo ritterliche Kavaliere sind. – Und Mala spürte, wie so ein Untier auf sie losstürze, aber noch im letzten Satz unter einem Schusse zusammenknickt und auf den Rücken rollt und wie sie ihr nasses Gesicht lachend und weinend an Elvezios Retterbrust birgt . . . O wie ihr doch, der nüchternen Buchbinderstochter, die vielen Romane im Kopfe herumspuken! Wenn sie doch mit ihm gereist wäre! Vielleicht wäre ihr jetzt wie einem Vogel, der immer meinte, im Käfig sei es am besten, aber nun doch ins Freie mußte und Besseres schmeckt. Auch Elvezio geht jetzt mit Werkleuten in die Wildnis und reutet aus und säet. Und wenn er auch nur auf dem Pferde sitzt, die Gerte sausen läßt und zuschaut und regiert, so ist es doch von der gleichen Arbeit. Es muß Kommandanten haben. Piso bückte sich gewiß auch nicht zur Erde. Aber was sind Pisos Tannen gegen Elvezios Urwald! »So schaufelt jetzt auch Elvezio drüben in Amerika«, unterbrach sie die Lesung. »Red' mir nicht von diesem Zuckerstengel«, gebot Piso rauh und hoch von oben herab. »Zuckerstengel?« wiederholte sie empört. »O gib acht, was du schwatzest.« »Was soll ich acht geben? War er etwa nicht ein Puppenkönig? Konnte nur schlecken, spielen und den Mädchen den Hof machen! Aber das gefällt euch.« Jetzt verteidigte sie Elvezio so bitter ernst, wie sie einst Piso verteidigt hatte. Gewiß, er sei zierlich und faulenzte gern. Aber er kannte alle alten berühmten Bücher, er verstand die Dichter und wußte schier alles, was vor und seit Christi Geburt auf der Welt vorgegangen war. Und wie höflich, wie vornehm war alles an ihm. Er kannte kein Arg. Und ob er schön war? Frage man die Straße! Warum hieß er denn Bellino? – Und ein gutes Herz besaß er . . . das wisse sie besser als die andern. Dunkel hörte Piso zu Ende. »Reut es dich wohl gar,« kerbte er nach einer Pause langsam aus den Zähnen, »daß du nicht mit ihm übers Wasser gefahren bist?« – Er zog die Stiefel wieder an. Sie bewegte den Kopf seltsam hin und her. Hatte sie genickt? Oder ein Nein geschüttelt? »Es fahren jetzt noch genug Schiffe hinüber!« fuhr er hochmütig fort. Aber seine Lippen wurden fahl. »Vielleicht nehme ich eines«, trotzte sie gereizt und klappte das Buch zu. Fast ging ihr der Atem aus. »Gute Reise!« – Er wandte ihr den Rücken und marschierte fest hinaus. Sie hörte ihn über den Platz schreiten. Aber sie war so zerquält, daß sie nicht merkte, wie sein Schritt immer langsamer wurde, fast tonlos und leise, leise zurückkam. Sie lief zwei, dreimal im Kämmerlein hin und her, stand vor der Uniform still und roch daran, als wäre Atem darin. Dann küßte sie verschämt den Brustlatz und sprang zum Tischchen zurück. Und da fiel ihr just ein, daß vom Pflanzenbuch des Martin Grosso noch zwei Bogen in der Hafte fehlten. Gleich setzte sie sich, glättete die Bogen, nähte sie am Rücken ein, und das untiefe Seelein ihrer Seele hatte sich schon ein wenig beruhigt. * Eine Woche verging ohne Piso. Mala suchte allein zu lesen. Benedikts heilige Schwester Scholastika trat jetzt auf den Plan. Das paßte der Buchbinderin nun gerade nicht. Schon der Name erkältete sie. Mala griff wieder zur Santa Teresa-Novelle. Aber wie sie den Deckel nur berührte, schrak sie auch gleich wieder zurück. Sie fühlte die Vorwürfe dieser entsagungsvollen Blätter voraus. Endlich bat sie Piso durch die Schwestern demütig, doch wieder einmal zu kommen. Aber der Förster hatte seine hartnäckige Politik, so sehr sie ihm selber ins Fleisch schnitt. Er verhärtete seine Miene. Sie möge warten. Übrigens paßte ihm das Waldleben, wie er gar nicht geglaubt hätte. Da konnte er sich mit seiner zehrenden Liebe herumschlagen, niemand grinste ihm ins Gesicht oder plagte ihn mit Fragen. Aber er konnte auch mit zwei, drei treuen Gespanen das Elend zu vergessen suchen. Es war schön, von morgens bis abends da oben im grünen Geheimnis der Tannen zu leben, ein Feuer anzumachen und daran einen Kessel voll Polenta zu kochen und Salat zu schneiden und den Krug herumgehen zu lassen und hoch über der grauen Alltäglichkeit fast feiertäglich zu plaudern. Lieder wurden gesungen, eine Ziehharmonika spielte, und dann und wann pfiff Piso schöner und dunkler als jede Nachtigall hinein. Und er sollte nicht pfeifen, sogar fröhlich pfeifen dürfen, wenn man sah, wie alles gedieh, was gepflanzt worden, wie reinlich das Erarbeitete dastand, wie die Regenwasser bei den Wolkenbrüchen hübsch in den Gräblein zum Tiber hinunterschossen und wie Ziegen und Schafe die Setzlinge nicht mehr abnagen konnten, da dichte Dornhecken weitum gezogen wurden. Eher hörte man wieder die Vögel zwitschern und das Wild ward minder scheu. Ach, wie schnell versteht das Tier den Menschen! Aber glücklich konnte Piso doch nicht werden. Diese Arbeit rettete ihn vor dem Verelenden, aber nicht vor dem Elend. Seinen Gram und Groll ließ er an denen aus, die ihm beim Holz und Wildfrevel in die Hände fielen. Zuerst ging man ja noch gemächlich mit den Gewohnheitssündern um. Einst hatte doch die ganze Stadt hierin gesündigt. Aber jetzt war ein neues Italien da, mit einem ganz neuen Gebiß. Die Zähne werden sich später schon abstumpfen, aber jetzt beißen sie scharf zu. Als daher der Drohfinger und selbst eine Tracht Prügel nicht viel halfen, einige dicke Bösewichte sogar grüne Bäume total schindeten und die Schutzhecken anzündeten, da mahnte die Behörde zur Strenge, und es wurden hohe Geldstrafen und langes Zuchthaus auf den Anschlägen verkündet. Pisos ohnehin düsteres Antlitz nahm einen unheimlichen, grausamen Ausdruck an. Er trug zwei Revolver im Gurt und hatte das beste Gewehr von den Brüdern Lossore geschultert. Stets gingen zwei, drei Gehilfen mit ihm. Im Nest der Gesetzlosen wurde es merkwürdig still. Wochenlang sah und hörte man nichts Ungerades. Aber ehrliche Kameraden warnten Piso, die Sache nicht auf die Dolchspitze zu treiben, sonst könnte sie ihn zuerst stechen. Auch Maria Gagni, die frühere Magd der Golzi, wollte im Schmiedgäßlein Unheimliches gehört haben. Oberst Pigrino hingegen steifte dem jungen Beamten erst recht das Rückgrat. Nur jetzt nicht nachgeben, nicht um Nagelsbreite, sonst bricht der alte Schlendrian wieder herein und die Dinge werden ärger als vorher. Jetzt hat man Angst, gewöhnt sich an Zucht und dankt ihm später zehnmal lauter, als man ihn heute schimpft. Piso lachte über die Gefahr. Und wenn auch ein Unheil käme und ihn niederschlüge, täte ihm das so furchtbar leid? Ihm, der am Herzen so arm ist, daß er im Tode nichts verlieren, eher gewinnen kann? Hatte er sich nicht wieder in Räusche stürzen wollen, nur um dieses Leben zu vergessen? O die ersten seligen Stunden der Trunkenheit! Aber nachher dieses stiere, blöde Versiechen! Nein, sterben ist besser. Da gibt es Ehre und Erlösung. Mögen die Meuchler nur kommen. Er wird sich rechtschaffen wehren wie im Krieg, nicht ums Leben, ums Recht. Er wird lachen, töten und sterben. So wird es gut sein. Die Mala, die schnöde, kalte, kleinliche, selbstsüchtige, sie soll ihn noch um sein Ende beneiden, wenn sie dazu noch genug Größe besitzt. Aber eines Abends wollte er doch wieder zu ihr, der lieben Hexe, an ihrer Seite lesen, sie nahe haben, obwohl ihm nachher das Gemüt noch schwerer war. Sie bettelte ihn ja so dringend zu sich. Sie meinte, er sei noch ein Schulbub und habe genug daran, neben ihr zu hocken und ins gleiche Buch zu schauen wie in der Schulbank, die Närrin. Aber gehen wir, probieren wir es noch einmal! Da saß der Canonico unter dem Tor seines Pfrundhauses, schnupfte und hielt ihm lächelnd von weitem die Dose hin. So wenig diese Geste bedeutete: für Piso, der sich überall, wo Menschen waren, immer fremder machte, ganz wie ein Waldtier, war dieses gütige Zulächeln und warme Winken viel. Er saß neben den Priester hin, sog den Duft des schwarzen Habits ein, Weihrauch, Schnupf, dürres Obst und allverstehende Väterlichkeit. Und da schlüpfte ihm sozusagen die klare, nackte Seele auf die Zunge. Wie schlecht es ihm gehe, was für ein falsches, scheckiges Geschöpf diese Mala sei, wie er zum Säufer neige, nirgends Lichter sehe und darum das Leben am liebsten recht wütend verrauchen wolle. Aber andere müßten solchen Essig auch trinken. »Warum lacht Ihr, Reverendo?« murrte Piso bitter. »Ist das zum Lachen?« »Santa Madonna, wenn das nicht zum Lachen ist. Da, schnupft und nießt den ganzen Unsinn heraus!« Der junge Golzi wollte aufspringen und wegrennen. »Schnupfe!« Diesmal gebot der Canonico energisch, wie ein Arzt dem Kranken befiehlt: »Zeig' die Zunge! Huste!« – und dieser nicht anders kann als die Zunge zeigen und husten. Gleichzeitig zog er mit der bloßen Linken den Jüngling unwiderstehlich zu sich auf den Söller zurück. Piso schnupfte wirklich, nieste, fühlte sich etwas leichter und rückte näher. »Glaubst du nicht,« fragte Don Massimo ruhig und blies den Tabak von der Brust, »daß unser Herrgott über dich und deinesgleichen lacht . . . aber höre! . . . zornig lacht, wie man über etwas Verkehrtes lacht, weil es so unvernünftig ist? Von solchem Lachen hör' ich viel in der Heiligen Schrift. Es ist eigentlich ein schreckliches Lachen.« Piso rückte wieder etwas weg. »Da hat der liebe Gott so viele Freuden für euch Jungens erschaffen. Und ihr tut wie blind und wollt von hunderten nur eine, die gerade nicht für dich blüht. Da ließ er so hübsche Jüngferchen wachsen und du siehst nur eine, die nicht für dich paßt, und siehst die andern nicht und rennst dir den Kopf ein. Nein, Piso, Pisello, da lach' ich.« »Ach, Ihr, ein Geistlicher, was versteht Ihr davon, wenn man liebt!« »Haben wir etwa einen Stein, da links unter der Weste?« »Nein, aber . . .« »Aber genau ein Herz wie ihr andern. Und mit diesem Herzen muß es sein wie mit einem gesunden Appetit, der an eine üppige Tafel tritt: Ich will Huhn! Da heißt es: Schon vergeben! – Und nun wäre da noch Kalbsbraten und Mortadella und Salami und Milkepastetchen und Pasta frolla und viererlei Käse. Aber ich will durchaus Hühnlein und marschiere zornig vom Tische und hungere. Gut, so verhungere, sagt der Herrgott und lacht seinen Zorn über dich Tölpel.« Piso wollte auffahren. »Und ich, donnert der Herr, ich bin dir nichts, ich, der Alleshabende, Ausgebende? Nur so ein Hühnlein . . . Du Knirps im Staub!« »O Don Massimo!« seufzte der junge Serra. »Glaub' mir, Kind, die Jungfer Mala Golzi ist nicht für dich . . .« »Aber für Elvezio«, brauste Piso jäh auf. »Ist überhaupt für niemand. Die hat für einen einzigen zu wenig Herz, aber zuviel für die vielen.« »Ich verstehe nicht, Reverendo.« »Sie kann nicht lieben, und das möchte doch der einzige, sie kann nur liebeln, was die Hundert und Tausend wollen. Verstehst du?« »Ein wenig!« Tief ließ Piso den Kopf sinken. »Ach,« ermutigte der Canonico und schüttelte geräuschvoll die schwarze Sutane, »das sind alles Menschlichkeiten, nicht einmal Sünden, und niemand stirbt daran. Aber eine Todsünde ist es, bei solchem Spiel und Genarr den Vater aller Liebe so ganz und gar zu vergessen. Gewiß betest du schon lange kein Paternoster mehr und stehst bei der Messe auf der Piazza.« »O wenn ich wieder einmal in Ordnung wäre, dann wollt' ich ganze Rosenkränze . . .« »Pst! Jetzt, jetzt,« wiederholte Don Massimo nachdrücklich, »jetzt, wo gerade Unordnung ist, mußt du beten. Schau', weil man in der Unordnung nicht betet, gibt es nie Ordnung.« »Aber . . .« »Kein aber! Man hebt die Klöster auf, man raubt dem Heiligen Vater den Kirchenstaat, man verspottet die Priester, schreibt Zeitungen ohne Glauben, der Katechismus . . .« »Aber, Reverendo, was hat das mit Mala und mir zu tun?« »Viel hat es zu tun. Du bist auch so ein neues kleines Italien. Jeder Mensch ist ein kleines Königreich. Und du hast auch solche Geschichten ohne Gott angefangen. Bet' jetzt nur ein schlichtes, tiefes Vaterunser. Da, falte die Hände, probieren wir!« Sie saßen in der Dämmerung der kühlen Hausflur. Über die Domdächer woben Abendmücken und tiefgelbe Sonnenstrahlen einen goldigen Nebel. Kinder spielten das beliebte Quadrato, und ihre Glaskugeln klingelten nicht heller als ihre süßen Kehlen. Von der Stadt herauf summte der plauderhafte, spazierfrohe, pfeifende Feierabend. Eine solche Minute hatte Piso seit Kindstagen nicht mehr erlebt. Unschuld und Himmelsschauer durchströmten ihn. Im Paternoster des Alten lag der Friede auf jedem Wort. Pisos schmutziges Abenteurergesicht wurde licht, in seine hastigen Augen trat Windstille, und seine dunkle Lippe bekam beim Nachbeten der großen Worte ein reines Rot, als hätten Engel alle niedrige Sinnlichkeit weggeküßt. Wie schön sah er jetzt aus! Er zehrte noch von diesem Vaterunser auf dem Wege nach Hause. Er vertraute, der Himmelsvater, der alle seine Kinder liebe, führe ihn, stoße ihn von selbst zum Rechten. Aber schon beim Anblick der Libreria begann der Zweifel, ob er doch noch hineingehen oder vorübergehen sollte. Davon stand nichts im Vaterunser. Führe uns nicht in Versuchung! Ja, das schon. Aber welches war die Versuchung: das Vorbeigehen, wozu ihn ein süßer Trotz lockte, oder das Hineingehen, wonach sein Blut ihn trieb? Er klopfte, was er früher nie getan, und trat gewaltsam ein. Sofort erkannte er, daß Malas Gesicht nicht aufjubelte, wie er nach ihrem Flehen erwarten durfte, sondern eher erschrak und ein Papier in die Brust schieben wollte. Es gelang ihr nicht mehr. Da faßte sie sich und legte den Brief aufs Tischchen. Wozu auch heimlich tun? Aber sie war erregt und übersprudelte sich. Elvezio hatte wirklich geschrieben. »Welch wundervolle Schrift schon. Sieh nur selbst! Jeder Buchstabe ein Graf wie er selber. Und jeder Satz so kurz und vornehm. Lies . . . was sagst du dazu?« Er stand da wie ein Stein. Eiskalt überlief es ihn. Don Massimo, Hühnchen, Vaterunser, alles war zerstoben. Seine Augen röteten sich. ›O‹, dachte Mala, ›wenn er jetzt nur eifersüchtig wird, wenn er mich in die Arme drückt und küßt und befiehlt: Schreibe ihm, daß es zu spät ist, daß wir zwei heiraten, in zwei, drei Wochen heiraten! Aber daß wir ihn wie gute Freunde grüßen.‹ Statt dessen keuchte Piso unheilvoll: »Lies du!« Sie hielt das schöne Papier mit dem dalla Rocca-Wappen vor sich und ihn hin und las immer unsicherer: »Liebe Mala, ich bin nun solid in meiner großen Plantage eingebürgert. Alles gefällt mir, so neu es auch ist, oder gerade darum: das Leben, die Arbeit, der Lohn. Mir ist, ich sei ein anderer Mensch geworden, ein nützlicher, glaub' es nur, Kleine! Ich segne mein Schicksal, und zum vollen Glück fehlt mir nur noch eins, das Wichtigste, Du, Allerliebste. Komm! Ja, schreib schnell, daß Du kommst, und ich schicke Dir einen treuen Reisebegleiter. Laß nicht warten Deinen Elvezio dalla Rocca.« In dieser Sekunde tat Mala einen Schrei und ließ das Blatt fallen. Piso hatte darauf gespuckt. Blut war dabei. Seine Lippen tropften noch vom Speichel. Wie sie noch dastand, aus ihrer Buchbinderinnensanftmut auflodernd, gab er ihr einen groben Stoß vor die Brust und sagte mit wüstem Lachen: »Hurtig, stiefle dich! Ihr gehört zusammen, ihr Falschen. Mala heißest du und eine Schlechte bist du immer gewesen, Malissima!« Sie hatte sagen wollen, daß dieser Brief sie nicht im mindesten verführe, daß sie nur ihn liebe, sie wisse es jetzt klar, daß sie nur ihn begehre . . . Ob er noch wolle, sogleich wolle? . . . Aber da spuckte er und traf noch ihre Finger. Das ging auch über ihre Buchbinderinnengeduld. Sie brachte nichts anderes hervor als: »Bestia! . . .« Und dann: »Fertig! Basta!« Nie hat sie später gewußt, was sie eigentlich damit gemeint hat. Fertig mit Piso? Mit Elvezio? Mit allem? Oder fertig für heut abend, kein Wort mehr reden, genug! Sprechen wir uns aus, wenn wir ruhiger sind. Freilich, sie hatte auch Bestia gesagt. Du Tier du! Aber was heißt das im Zorn und in unserm überschäumenden Italienisch? Er aber verstand das Bestia und Fertig und schoß wirklich wie ein wildes Tier in die Nacht hinaus. * Von nun an tobte er sich im Walde aus. Manchmal betrank er sich wieder. Aber, potztausend, wie nüchtern war er bei Tag und Nacht, wenn es galt, den Schlichen der Frevler auf die Spur zu gehen, das Heimlichste dieser Bande zu belauschen. Es war dann schwer, ihn zu verstehen. Wer versteht den Donner? Und schwer, ihm zu folgen. Wer hält Schritt mit dem Blitz? Und Blitz und Donner schien er geworden; jede Woche gab es Schießerei und Hetze. Mala war wie gebrochen seit jenem Abend. Zum erstenmal schob sie Messer und Falzbein trostlos von sich. Sie putzte den Brief, küßte ihn, bald für Elvezio, bald für Piso, und litt, wie ein einundzwanzigjähriges, etwas stubenhaftes, ein bißchen eingetrocknetes Jungferchen nur leiden kann. Oft stand sie auf dem Punkte, einzupacken und nach Amerika zu reisen. Da geschah ein neues Abenteuer und gab dem krausen Gang des Schicksals endlich den letzten Bogen. Eines Nachmittags begegnete Piso Serra dem alten dalla Rocca mit der Flinte, Pulverhorn und Patronen und mit zwei erlegten Fasanen tief hinten in Selvatorta, wie jener Waldteil damals noch hieß. Er hatte deutlich zwei Schüsse gehört, schlich der Fährte nach und stand nun so verdutzt da wie nicht einmal der gräfliche Wilderer. Dalla Rocca hatte immer behauptet, das neue Reglement für niedere Flugjagd sei ungesetzlich. Spatzen und Finken und Amseln schieße er wenigstens, wann und wo er wolle, und wäre es an der Stumpfnase des neuen Königs vorbei. Überdem hätten die dalla Rocca stets Jagdprivilegien genossen. So mir nichts dir nichts könne man sie nicht wegblasen. Nun aber guckten freilich zwei Fasanen aus seinem Lendensack. Ging das Vorrecht vielleicht bis zum Auerhahn, Hasen und Fuchs? Nach der ersten Verblüffung fuhr eine Freude, schwarz wie der Teufel, durch Pisos abgezehrten, knochigen Leib. Das war ja auch wie vom Leibhaftigen eingefädelt. Nun passet auf, ihr zwei ehrlos Verliebten, ich tu' den ersten Streich. Höflich grüßte der Baron und wollte ungeniert weiter. Aber Piso faßte ihn am Arm und donnerte: »Halt!« »Was beliebt?« fragte dalla Rocca und zerrte sich unwillig los. »Sie haben gejagt. Zeigen Sie mal Ihr Patent.« »Ich brauche keins für solches Zeug.« Geringschätzig wies er auf das Geflügel. »Sie brauchen es so gut wie jeder andere. Und dazu ist Schonzeit.« »Schonzeit?« »Sie haben gewildert und müssen sofort mit mir ins Stadthaus gehen.« »Was fällt dir ein, junger Mensch! Kennst du mich nicht? Baron Andrea Carlo Paolo dalla Rocca!« »Gerade darum müssen Sie erst recht kommen. Einem Baron ist nicht mehr erlaubt als einem Schustergesell.« Sogleich knickte der Mut des kleinen, dünnen Mannes zusammen. In seinen feinen Zügen zitterte es. Er strich mit der behandschuhten Hand über sein immer noch frisches, blondes Haar und seufzte: »Leider nicht, ja, leider nicht! Aber ich dachte wirklich nicht, daß man einem dalla Rocca wegen solcher Nichtigkeiten . . .« wieder warf er einen herablassenden Blick auf seine Beute . . . »Willst du die Fasanen?« wandte er schnell den Satz. »Ich schenke sie dir gerne. Der eine ist feist wie ein Hammel. Sieh da . . .« Er betastete den Bauch und zerrte einen Schenkel aus dem Flaum. »Sieh nur . . . Golzi – der junge Golzi, nicht?« Piso griff wieder nach seinem Arm. Der Alte wich zurück und verlegte sich aufs Bitten. Wie ein Kind lispelte er: »Bitte, tu mir den Gefallen, nimm sie! Ich will nichts davon. Die Buchbinderin soll sie dir braten. Ich höre ja, daß . . .« er lächelte mit einer artigen Schlauheit . . . »Guten Appetit!« »Wir verlieren nur Zeit, kommen Sie«, sagte Piso hart. Er mußte mit sich selber kämpfen. Dieser Alte war keiner von der Bande, wußte nicht einmal davon, ist einfach da so leichtsinnig und selbstgefällig ins Vergehen gerutscht. Sollte er ihn nicht laufen lassen? – Aber da gab ihm das Wort Buchbinderin eine neue, böse Energie. »So gehen, mit dir, etwa in Arrest? Ich, ein dalla Rocca! So durch die Stadt? Bitte, mein Herr, das ist kein vornehmer Spaß.« – Er wehrte mit beiden Armen und warf die zwei Vögel weit von sich. Wie ein Kind. »Fertig, du gehst mit mir«, schrie jetzt Piso rauh. Er hob die Fasanen auf, hörte ein Rascheln hinter sich, wahrhaft, der Alte schlüpfte davon wie eine Eidechse. Einen Moment schwankte Piso wieder: ›Soll ich den Tropf nicht laufen lassen? Er ist ja verkindet. Aber sein Sohn Elvezio, der Brief aus Amerika, wie Mala aufglühte, ihr: Bestia, fertig! Dieses ganze heillose, gemeine Nest, nein, zugepackt!‹ Er sprang dem Flüchtling nach und dachte, diesen Narren zu fangen, sei Spiel. Aber war es eine angeborene Behendigkeit dieses Aristokraten, den man sonst nur als Faulpelz kannte, oder seine heillose Angst vor der öffentlichen Schande, kurzum, er hüpfte so possierlich schnell zwischen den Stämmen durch, lief um Büsche, kroch durch Gräben und machte so einen verflixten Zickzack, daß Piso zehnmal zu fassen glaubte und zehnmal leer griff. Wütend gab er einen Alarmschuß ab. Seine Arbeiter waren nicht weit. Aber wie nun der Baron zu allem Rennen fluchte, flehte, die Fäuste ballte, der Madonna rief und ab und zu einen Knüppel hinter sich schleuderte, da schämte sich der junge Serra ernstlich solcher Jagd. ›So macht euch denn aus dem Staub‹, wollte er rufen. ›Ihr dauert mich. Aber laßt Euch kein zweites Mal hier treffen! . . .‹ Doch bevor er eine Silbe herausbrachte, war dalla Rocca elend an einem Brombeerbusch noch halb ins Gedörn niedergesunken. Er atmete mühsam, der Hals und die rechte Gesichtshälfte war von Blut überspritzt, er kniff die Augen zusammen und blieb reglos liegen. So kläglich sah sich das an, daß die letzte Rache aus Piso wich und er die ganze Suppe mitsamt dem Teufel, der sie eingebrockt, zum Teufelsteufel wünschte. Aber schon nahten die Forstgehilfen und erkannten sofort den Vorgang. Jetzt gab es kein Zurück mehr für Piso, sollte er nicht seinen unparteiischen Ruf und damit seine einzige Kraft und Sicherheit verlieren. So setzte er denn die strengste Miene auf, und da der Baron zuerst sich todkrank schwindelte, dann plötzlich mit der Flinte um sich fuchtelte und aus Torheit gefährlich werden konnte, legte er ihm Handschellen an und ließ ihn zur Amtsstube des Verhörrichters abführen. Piso selbst blieb unzufrieden mit sich und aller Welt im Walde zurück. So ward der Baron in schmählichen Handschellen zwischen zwei Aufsehern, besudelt und voll Schrammen, wie ein Verbrecher das Städtchen hinaufgeschleppt, umgafft, bestaunt und von schlechten Witzen überregnet. Er glaubte es nicht zu überstehen, aber überstand es doch und saß dann acht Wochen gemütlich in der Arrestzelle, mit dem Malen seines Stammbaumes beschäftigt und bedient wie ein Fürst. Denn von Amerika strömte ihm Geld in Fülle zu, und seine Trinkgelder wurden berühmt. Aber auf Mala wirkte dieses Ereignis so niederschmetternd, und sie schämte sich so fürchterlich für Elvezio, Elvezios Vater und sich selber, daß sie nun heftig beschloß, vor Piso und allen Unruhen nach Amerika zu fliehen. Ja, recht eigentlich zu fliehen. Hier konnte man doch nicht mehr in Frieden leben und buchbinden. Sie zitterte nicht vor der Reise, sondern vor dem Abschied vom alten Leben. Sie erinnerte sich noch immer mit Schaudern, wie sie schon einmal eine große Frechheit im Leben gewagt hatte. Es handelte sich damals um eine dicke, wertvolle Chronik von Perugia, die sie in einen Band binden sollte, mit schwarzem Leder und Goldschnitt. Aber ihr kam der Umfang viel zu groß für einen Band vor, und auch der schwarze Einband und der Goldschnitt schienen ihrem feinen Empfinden hier ganz textwidrig. Und sie, die Genaue, Folgsame, Pünktliche, zerlegte das Werk unter Herzklopfen in zwei Bände, und zwar mit braunem Leder und altrotem Schnitt. Es schwindelte ihr der Kopf noch heute wie vor einem kühnen Wunder, wenn sie an jene Frechheit dachte. ›Wenn ich das konnte und es gut ablief,‹ versprach sie sich, ›so kann ich auch nach Amerika ohne Gefährde reisen. Es ist nicht schwerer.‹ Und sie half sich noch besser, sie überblickte auf der Landkarte das weite blaue Meer und dann auf dem kleinen Tupf Todi diese Buchbinderei, wo man sich zwischen vier Stühlen, zwei Tischen und einem Schrank kaum bewegen konnte. Soll nun ihr ganzes Leben in diesem Winkel ersticken? Geht das in einen einzigen, so schmalen Band? Aus der Chronik machte sie doch zwei, kann sie ihr Leben nicht auch in zwei Bücher teilen: erster Band Todi, zweiter Band Amerika? Und alles in einen frohen, lebenslustigen, roten Schnitt! Sie hörte von Piso nur Wildes, Räusche, Hinterhalte, Fallenlegen, Abfang armer Schlucker, Kämpfe, Verwundungen, gesalzene Strafen und wieder Räusche. Nein, da gab es keine Ordnung mehr. Und so packte sie ein kleines Bündel zusammen, notierte alles, was Haus und Habe betraf, in ein Heft für die Schwestern Serra und reiste verstohlen an einem sehr frühen Morgen nach der Hauptstadt der Provinz ab. An die Porta Perugina hatte sie einen zweirädrigen Karren bestellt. Von Perugia wollte sie dann die Eisenbahn nach der Hafenstadt Livorno nehmen. Aber im Wagen neben dem Fuhrmann Personi redete sie merkwürdig. Sie gehe nur Waren für ihren Laden einkaufen. Aus der Ferne bediene man sie oft schlecht. Jetzt wolle sie einmal persönlich mit dem Gerber Quantone und der Papierhandlung Simonetta e Fratelli verhandeln. Und doch fielen wieder Worte wie: jetzt beginne ein anderes Leben, aber wie schwer sei es, fern von Todi zu arbeiten und froh zu werden. Der Fuhrmann erwiderte, er fahre gerne einmal nach Perugia hinauf. Aber nach drei Tagen zerre es ihn schon mit allen Stricken und Gäulen nach Todi zurück. Langsam fuhr der Wagen hügelauf, hügelab. Personi sagte, die Jungfer solle doch nicht so traurig auf dem Brett sitzen. So eine Junge, Hübsche, brauche nur zu winken, und gleich rolle ihr das Glück in die Beine. Übrigens raste er nur zwei Tage in Perugia. Wolle sie dann mit ihm heimfahren, so brauche sie nur am Albergo della Stella nach ihm oder Tomasini, dem Fuhrhalter, zu fragen. Es ist wahr, zuerst schnappte sie die zügige Luft um den Reisewagen voll Appetit auf, wie etwas Neues nach der langen Zimmerluft. Aber je länger es durchs Tibertal hinaufging, um so fremder und ungewohnter kam ihr alles vor. Mochte das gelbgrüne Flußwasser noch so frisch zu ihr aufatmen, die umbrische Pfirsich noch so fein duften, sie schnüffelte unruhig nach etwas anderem, das wie Kleister riechen sollte. Bei Rigabianca sprang damals ein hohes Gebüsch von Weiden, Birken und Erlen zur Straße. von Wässerchen durchbrummelt. Da saßen zwei Musikanten, einer zog die Harmonika, der andere blies auf einer Art Flöte. »Was singen sie?« fragte Mala, von der Melodie unwiderstehlich angezogen. Man hielt ein Viertelstündchen. Die Gauner saßen im Erlenlaub und hatten eine Flasche Chianti zwischen den Beinen und harte Maistorten auf einer Zeitung und tranken, bissen ins Gebäck und dehnten die Wanderglieder und sangen zweistimmig, wie die Weltstraße doch so weit und grau und unfreundlichen Sinnes sei, wie man sich darauf hundert Schuhe und seine einzige Seele ablaufe und doch kein warmes Ziel finde. »O Seelchen,« klagten sie, »wärst du doch im Nest geblieben, so klein und dunkel es auch war. Wanderschwalbe Seele, nun verlierst du alle Federn und erstickst im Buio.« Ja, im Buio sangen sie, im Dreck. Und die Seele Malas zog zitternd ihre schon so müden Fittiche zusammen. Ach, was für eine weite, weite Reise! Und das Ziel Elvezio, ist das Ziel genug? In Perugia konnte sie die erste Nacht keine Minute schlafen. Den ganzen Tag stand sie wie zwischen zwei Messern. Soll ich die Eisenbahn nehmen, ade? Oder soll ich mit dem Karren zurück? Mechanisch ging sie zum Bahnhof hinunter und löste sich ein Billett nach Livorno. Sie wußte kaum, was sie tat. Aber dann lief sie am zweiten Morgen in mehrere Geschäfte, kaufte flüssigen Gummi, der goldene Honigfäden zog, ein neues Messer, das totenstill den dicksten Karton durchschnitt, weißes und farbiges Deckelpapier, Rückenleder, Goldstaub und Pinselchen. Für den Urwald? Einerlei, sie kaufte. Dann fragte der Ladenherr, ob sie das schon kenne, und hielt ihr ein kleines Rätsel aus Metall vor Augen. Hinten war ein Hebel zum Niederziehen und vorne biß ein spitzer Eisenzahn bei jedem Hebelzug ein scharfes Löchlein durch Hunderte von Blättern, durch eine ganze Beige von Bogen und zog zugleich einen Draht oder Faden durch, eine stramme Naht. Bei diesem Buchbinderwunder klatschte Mala in die Hände. Todi und Piso, Florida und Elvezio verdufteten vor dieser kleinen sechzigfränkigen Heftmaschine zu nichts. Sie kaufte und kaufte und packte ein und stand wieder ratlos auf der Straße. Kaum dreimal vierundzwanzig Stunden war sie von Todi fort. Sie aber dünkte es schon lange und furchtbar ferne. Da schrie ein Zeitungsverkäufer etwas Besonderes über den Platz vor San Lorenzo. Es gab ein Gedränge von Neugierigen, alles kaufte das Blatt und disputierte und fuchtelte mit den Armen. Die Aufregung wuchs. Aus den Fenstern kamen Fragen, und aus den Türen sprang das junge Volk. Dort beim Barbier Giobbi stand auch ihr Kutscher und winkte heftig, als ginge die Sache sie besonders an. ›Etwas mit Piso!‹ dachte sie entsetzt und hörte nun im Herzuspringen einen düstern großen Mann zu einer Gruppe wiederholen: »Ja, großer Waldbrand bei Todi, Kampf mit den Untätern . . . drei Tote . . . worunter auch der Förster Piso Golzi . . . wisset, jener Ulisse . . . Jener kühne Hauptmann . . .« Mala schüttelte den Kutscher an beiden Ellbogen. Ihre weichen blauen Augen schienen herauszutropfen. »Giobbi oder Personi oder wie, fahren wir sofort heim, bitte, noch diese Stunde. Es gibt eine warme, helle Nacht. Ich zahl' Euch das Doppelte.« »Ja,« entschloß sich Personi, »das müssen wir sehen. Herrgott, bei Porchiano hab' ich zwei Juchart altes Buschland. Sogleich füttere ich die Pferde. So ein Feuer! Und Euer armer Piso!« ›Mein Piso, ja, mein Piso, du hast recht‹, sagte das schöne kleine Fräulein innerlich und drückte ihn im Geiste an ihren barmherzigen Mund. »Ist mein Sack gut verstaut, daß er nicht rutscht«, bat sie, als Personi die Geißel über das Pferdepaar knallen ließ. »Es hat Dinge drin, die nicht zerbrechen dürfen.« – Dann fuhren sie in den wehenden Abend des Tibertals hinunter; von der vollen roten Mondscheibe am südlichen Apennin wie mit Blut und Feuer überspritzt. * Als Piso Serra, von innern und äußern Fiebern geschüttelt, sich spät nachts in Rock und Stiefeln aufs Bett warf, sprangen die Schwestern herein und erzählten händeringend, Mala sei nach Amerika verreist. Diesen Brief habe sie hinterlassen. Es stehe ein Gruß für Piso drin. Der Bruder starrte die Geschwister schneeweiß an, biß sich rechts und links in die Lippe, sprang dann auf, wischte den Schweiß ab und stürzte wortlos, mit dem Stutzen auf der Achsel, in die Nacht hinaus. Er wußte nicht, was er wollte, jedenfalls in den Wald. Am Prillonehügel keuchte er empor. Die Wächter weiter unten sollten ihn nicht bemerken. Aber der Hund schlug an und verriet ihn. Sie erschraken vor seinem verzerrten Gesicht und wichen nicht von seiner Seite, ob er auch mit dem Revolver drohte. Sie hätten nun ja ohnehin nach ihm geschickt. Denn sie hatten rechts in den Höhen Pfiffe gehört und Laternen durch die Lichtung blinzeln sehen. Das anrüchige Ristorante Bolzi war am Abend fast leer gewesen. Die Halunken hatten also etwas vor. »Habt ihr geladen?« Sie klopften an den Gürtel. »Stramm geladen.« »Dann schräg hinauf!« Sie liebten Piso trotz seiner finstern Art. Denn er hatte sie doch immer als Kameraden behandelt und Regen und Sonne mit ihnen geteilt. Sie fühlten überdies, daß er noch viel ärmer sei als sie Habenichtse. Es war gegen Mitternacht und dumpf und heiß auch im Dickicht. An den fernen Hügelrändern wetterleuchtete es rastlos. Die Vögel mucksten nicht, kein Blatt rührte sich. Die Luft war dick und lastend, und der Wald gähnte um sie herum schwarz wie das Maul eines Riesenunglücks. Der Mond war noch nicht da. Die Lichter von Todi zitterten dann und wann durch eine Lichtung herauf. Sie hörten durch die Stille etwas wie Tasten, Knistern, Murmeln. Wie Katzen schlichen sie höher, vergaßen alle Müdigkeit, und plötzlich meinten alle drei gleichzeitig, einen brenzligen Geruch in der Nase zu spüren, wie von einem halberstrickten Feldfeuer oder einem qualmenden, ungern brennenden, grünen Holz. Das ward mit jeder Minute heftiger. Nun sah einer, dann alle drei einen lichten Fleck, der wuchs und immer weiter herum rötete. Am Sasso bello war Feuer. Sie schrien auf vor Schrecken, einer lief nach Mannschaft in die Stadt, Piso raste den andern weit voraus bergauf; nur der schnelle Martino vermochte ihm noch eine Weile auf der Ferse zu folgen, dann mußte auch er innehalten und Atem schöpfen. Und da gerade sah er Pisos Schatten in einen abgeholzten Platz springen, vor sich die rasende Helligkeit, sah plötzlich einen zweiten, dritten, vierten Schatten, es lief zusammen, floß lautlos auseinander, und als Martini endlich an der Stelle war, wäre er bei einem Haar über Piso gestrauchelt, der über eine Wurzel längelang ausgestreckt lag, das Haar voll Blut, den Zahn in die Unterlippe gebissen, wie tot. Durch das dürre Unterholz knisterten Millionen gelbe und blaue Flämmlein herzu, während weiter oben schon ganze Bäume aufloderten. Der treue Martini lud seinen Meister auf die Schulter, floh ans Brünnlein Naldi hinunter, netzte und wusch Piso und pfiff, so mächtig er konnte, durch die gebogenen Finger um Hilfe für den armen Wald und den noch ärmern Waldhüter Piso. Als Jungfer Mala nun zwei Tage später heimkehrte, fand sie Piso auf einer Matratze in ihrer Buchbinderei liegen, ohne sie zu kennen, aber ihren Namen immerfort durch die großen Zähne bröckelnd und mit Blut, Feuer, Mörder verbindend. Auf der rechten Kopfseite, wo er schon einmal schwer verletzt war, klaffte eine breite Wunde. Statt sich mit dem Sterbenden die steilen, engen Stiegen hinaufzuquälen, hatte man ihn gleich hier zu ebener Erde hingelegt, als gehörte er nirgendwo anders hin. Die meisten wußten nichts von Malas Abreise und nahmen es als selbstverständlich, daß sie den elenden Freund betreue. Das tat sie Tag und Nacht, und stundenlang starrte sie ihm in die irren Augen, um seine Vernunft herauszubitten und ihm dann eine demütige, heiße Reue zu bekennen. Der goldgelbe Gummi und der neue Kleister vertrockneten in den Gläsern. »Könnten wir nicht heiraten?« fragte sie in blutroter Verwirrung den Canonico bei einem Krankenbesuch. »Piso und ich, so wie wir jetzt eben sind? Er liebt mich, ich ihn, also!« »Aber er hat kein Bewußtsein vom Sakrament. Es wäre keine gültige Ehe«, widersprach Don Massimo, der dieser kleinen Eva überhaupt nicht traute. – »Er kann ja nicht einmal Ja sagen.« »O,« rief sie, und es rann ihr der Purpur der Scham und Freude übers kleine Gesicht, »er hat tausendmal Ja gesagt, als ich's nicht hörte. Jetzt hör' ich's, auch wenn er schweigt.« »Ich müßte es auch hören, Kind Gottes. Geduld, er wird schon zu sich kommen und vielleicht Ja sagen. Ihr seid dumme, unartige Rangen gewesen, bis euch der Herrgott zurechtgeprügelt hat. Dankt ihm!« Aber heimlich dachte dieser Kenner der Herzen, das sei so ein sentimentaler Einfall. Sie passe nicht zur Ehefrau, basta. Aber auch Mala tröstete sich. Sie hatte nun Piso so hübsch bei sich, so ganz in ihrer Hand wie noch gar nie. Sie ganz allein durfte ihn pflegen. Immer gab es da etwas zu tun: das Essen zu richten, die Medizin einzulöffeln, seinen Schweiß zu trocknen, die Kissen bequemer aufzuschütten, die Vorhänge zuzuziehen, Umschläge zu machen, die Wunde schonlich zu salben, die Fieber zu messen, auf sein irres Geschwätz sanft zu antworten und für ihn zu beten. Tag und Nacht kam sie nicht zur Ruhe. Aber indem sie das alles wunderbar genau verrichtete, verschönte und veredelte sich ihr Gesicht. Etwas Weiches wie Pfirsichflaum ging darüber, und niemand konnte sagen, ob der milde Ausdruck ihrer Mienen mehr von jungfräulicher oder mehr von mütterlicher Liebe stamme. Als Piso stiller wurde und weniger brauchte, begann Mala doch den neuen Gummi aufzulösen und das Heftmaschinchen zu probieren. Es ließ sich köstlich damit wirken. Sie falzte, schnitt und verklebte wieder und besorgte den Kranken in der Ecke und fühlte sich alles in allem zufrieden, da Piso sie allmählich erkannte, anlächelte und endlich ihre Hand suchte und an seine Brust drückte. Wie hatte er beim ersten Zerreißen des Dunkels gestaunt. War es möglich? Saß wirklich sie dort im Fensterlicht und rispelte und raspelte und guckte unendlich mütterlich jede Minute in seine Ecke? Gerne schlug er die Augen wieder zu und glaubte daran und träumte davon. Und als er sie wieder aufschlug, war sie noch da, zierlicher und sauberer als je, etwas schier unangreifbar Hübsches, Leises, Geschäftiges und rispelte und raspelte noch und sorgte mit zwei flinken Augen jeden Augenblick zu ihm hinüber. Er siechte an der unheilbaren, zerstörenden Wunde dahin. Sie las ihm nun oft wieder vor wie früher. Sie speisten, lebten, schliefen im gleichen Stübchen, schliefen oft so, daß sie einfach neben seinem Kopfende saß, das Gesicht auf sein Kissen legte und, indessen seine Hand zärtlich über ihr Haar fuhr, neben ihm wie eine Schwester oder Mutter einschlummerte. Nun mahnte Don Massimo seinerseits: »Jetzt könntet, ja solltet ihr eigentlich heiraten. Er kann sehr gut Ja sagen.« »Nein«, sagte hingegen Piso sehr klar. »Nein, Reverendo.« »Warum nicht?« »Fürs Leben heiratet man. Das ist der Sinn der Hochzeit. Aber lieben tut man für Tod und Ewigkeit. Komm, Malinetta!« Er küßte sie auf beide Wangen und auf den Mund. Aber er tat es so rein, daß auch ein Reverendo und Reverendissimo ganz wohl zuschauen durfte. »Das ist mir noch nie vorgekommen«, brummte Don Massimo im Heimgehen. »Sind es Geschwister, sind es Brautleute? Da sehe Gott zu!« »Es sind Brautleute, sag', was du willst«, widersprach der Colonella gewohnheitsmäßig. »Und ich sage, es sind Geschwister; das waren sie von klein auf, das bleibt.« »Brautleute!« »Bruder und Schwester!« * Wenige Wochen nach Pisos Tod saß Mala von morgens bis abends wieder in alter, vergnügter Geschäftigkeit am Kleistertisch und blickte, die blauen Augen zwinkernd, von Zeit zu Zeit über die Papierstöße hinaus zur Uniform am Türhaken, um mit beruhigter Miene zum Tischlein zurückzukehren. Früher hatte sie zum horchenden Knabengesicht, dann zum verbundenen Kopf im Bett blicken müssen. Jetzt war jenes Kleid ihr Piso genug. Sie lebte halb davon. Sie sah Piso und streichelte ihn über Stirn und Wange, so oft sie die grüne, tapfere Uniform betrachtete. Abends nach Wirtschluß kamen die beiden Schwestern Pisos herab, und man redete vom Toten zehnmal mehr als einst vom Lebenden. Man sagte, es habe in Gottes Namen so kommen müssen. Des Himmels Gewalt! Im Walde, tröstete man sich, sei ein Steinblock mit seinem Namen übergoldet und auf dem Grabstein stehe sehr dick gemalt: »Er hat zweimal das Leben für Italien geopfert, einmal für seine Ehre und einmal für seine Ordnung. Achtet ihn!« – Und der Canonico hatte beigefügt: »Und er ist ohne Zorn, weise und brav wie ein Christ gestorben; liebet ihn!« Und bei solchen Reden wurden die Jungfern gerührt, freuten sich eines solchen Grabes und des Helden darin, und es waren nicht zwei, es waren fortan drei Schwestern. – – Und die Jahre hinkten oder rannten an diesen stillen Fräulein vorbei wie unten am Stadthügel der alte Tiberfluß. Der Oberst, der Domherr, der Baron dalla Rocca starben, die Wirtschaft wurde stiller, sozusagen eine Gaststube für ein paar Freunde zu Mittag und zum Abendessen. Unten im Erdgeschoß strich und tüpfelte Mala und fühlte nun gut, daß ihr Leben in einem einzigen Band mehr als genug Platz habe. Abends zündete sie die Lampe an und las in alten Büchern und betete fünf langsame Vaterunser für Piso und dann ein flinkes für Elvezio. Aber sie schrieb diesem nie, und zwischen ihnen lag nicht bloß der Ozean voll Wasser, sondern auch ein Ozean voll Schweigen. Ledige Jüngferchen bleiben meist gesund und bekommen viele, aber nicht tiefe Runzeln und verfärben sich nicht und werden fast hundertjährig. Aber siehe, nach beinahe vierzig Jahren kam noch in Malas Leben nicht ein zweiter Band, aber doch ein ganz neuer Abschnitt. Denn eines Nachmittags, so um die drei, da sie leise vor sich hinsummte und ein Drahtnetzlein ordnete, dieses Rätselweiblein, da hörte sie durch die öde, leere Stunde einen sonderbaren Schritt übers Pflaster nahen. Sie wollte ihrem Ohr nicht trauen, aber schon zuckte es durch ihren Körper. Es klopfte nicht an der Türe, nein, es stieß gleich den Fensterladen von außen auf. So sicher war es, was da kam. Mala sah den schmalen weißen Griff der Finger und rief: »Elvezio!« Da stand er im Fenster, ein bißchen ins Licht zurück, so daß sie ihn sogleich erkannte, schneeweiße Haarbüschel um die Ohren und so ein Kränzlein gegen den Nacken, sonst kahl und ausgebrannt wie die Piazza da draußen in der Sonne. Und wie mager war er und wie alt machten ihn die weißen Brauen und der eisige Schnurrbart! Aber wie elegant stand der Sechziger noch da, wie behend neigte er den Hals, und vor allem wie unverblüht groß und silbern leuchteten immer noch die Augen. Aber sonst gab es nichts als ein braungeröstetes Gesicht und Kahlheit und ein bißchen Schnee darüber. Sie sahen sich stehend und wortlos an, dann ging die Erregung und Neugier ihrer Blicke in Milde über, und in einer Art von Andacht reichten sie sich ganz leise die Hand. Elvezio hatte weit über die Testamentsklausel hinaus herzhaft auf seinem Posten verharrt. Nun endlich verkaufte er alles und kehrte zur Wiege seines Daseins zurück. Das ist so menschlich, ist vor allem so italienisch. Aber Mala merkte bald, daß noch ein besonderer Grund zu diesem Entschlusse mitgewirkt hatte. Elvezio litt schwer an Gicht. Wie beim Vater gab es Tage und Wochen von jünglinghafter Geschmeidigkeit, um nachher doppelt hilflos im Stuhl zu liegen. Es war ein Familienerbe und hatte sich im feuchten Klima seiner wasserreichen, schwerbewaldeten Pflanzung schon früh bei Elvezio gemeldet und schon zeitweise einen fast unerträglichen Grad erreicht. Die Ärzte wiesen ihn nach Mexiko hinunter, wo es hoch und trocken sei. Ach, wo schien es dem Altgewordenen so hoch und trocken und sonnig wie auf dem Felsen zu Todi, im engen Städtchen, wo von den Hügeln der warme Geruch von Gras, Gebüsch und Wald am Nachmittag hineinfächelte. Heim! Heim! Als er sich ins großartige Gedränge der Arbeit geworfen hatte, da konnte er dieses Todi vergessen. Jetzt, da er wochenlang im Liegestuhl faulenzen mußte, bohrte sich das kleine, ferne Ding wieder merkwürdig in seine Gedanken, durch Meer, Prärien und Urwald bis in sein tiefstes Herz. Elvezio wußte alles, was in Todi geschehen war. Doch redeten sie nie davon, sondern deckten sozusagen die Hände über alles, saßen friedlich zusammen, lesend, plaudernd, er rauchte die langen Virginiastengel und durchlief amerikanische Riesenzeitungen, sie buchbinderte, und beiden genügte nach so vielen Erwartungen und Bestellungen für eine reiche Mahlzeit nun auch das wenige vollkommen, womit das Schicksal ihren späten Tisch noch gedeckt hatte: ein wenig Brot und Wein, ein wenig Süßes und ein wenig Saures und zuletzt ein sattes Falten der Hände und Wohlbekomm's! Freilich, wie hatten sie einst so viele und schöne Sachen auf die Tafel ihres Lebens gehofft, was für ein Lieben und Eheglück, welche Küsse und Feste, was für vornehme Tage und süße Nächte. Und nun saßen sie da nebeneinander, alt, etwas abgebraucht und müde, er meist das getigerte Fell auf den Knien und in roten Pantoffeln. Und sie sahen im Reden und Horchen einander wie durch einen blassen, fernen Spiegel so, wie sie einst waren, aber sie fühlten sich, wie sie jetzt sind, und keine Begehrlichkeit neckte ihr Blut. Aber einmal zeigte sie ihm bei guter Laune, nachdem sie sicher ein halbes Gläschen zu viel getrunken, das Billett von Perugia nach dem Hafen von Livorno. Das hatte er nicht gewußt. Seine Augen wurden größer, er umarmte sie und sagte dann resigniert: »O ich habe lange gewartet.« Da gab sie ihm die Liebkosung zurück, und eine Weile spann etwas wie herbstliche Traurigkeit um sie. In dieser Stimmung fragte einst Elvezio: »Sollten wir nicht einen alten Fehler gutmachen und doch noch heiraten?« Es war eine überaus vernünftige, ruhige, fast blutlose Frage, und beide nahmen sich dabei aus, als blickten sie zu einer einzigen halbvertrockneten Kirsche empor. Da hing noch diese einzige am geplünderten Baum. Die andern Kirschen hatten geglüht und gesaftet, aber da waren beide fern von der Lese gewesen. Jetzt hätten sie Gelegenheit, noch die letzte Beere zu pflücken, nur damit der Baum abgedankt und der Herbst zu Ende ist. So, nicht mehr und nicht weniger wichtig war es auch mit dieser späten Hochzeit beschaffen. Das wußten sie. Noch leiser wiederholte Elvezio die Frage: »Sollten wir nicht einen alten Fehler gutmachen und noch heiraten, bevor das ganze Städtchen den Kopf über uns schüttelt?« Ach, die Fehler kann man nicht gutmachen. Hunderttausend Kirschen sind und bleiben verpaßt. Was hilft da diese letzte eingeschrumpfte Beere? Mala küßte ihm schwesterlich die Frage auf der Lippe tot. Sie zeigte auf Pisos Uniform. »Ich meine, das wäre zum alten ein neuer Fehler«, lispelte sie. »Könnten wir als Gatten bessere Freunde sein? Bleiben wir so. Kein Mensch kann von uns übel denken.« Wirklich, das tat niemand. Die ganze Stadt verstand das alte Paar und erquickte sich daran. Und es störte auch den guten Don Massimo in seinem Grabe nicht. Mehrere Jahre hielt sich Elvezio tapfer mit seiner Gicht. Er hauste im Zimmer des Obersten selig und aß mit Mala und tat der Gemeinde viel Gutes. Sie aber war ihm Magd und Freundin, Schwester und Mutter, Wärterin und Trösterin, kurz, alles was man weniger, aber auch mehr als Gattin sein kann. Es war ein schöner, langer Oktober. Dann aber griff das Übel aufs Herz über, und Elvezio starb wie Piso auf dem gleichen Feldbett, im gleichen Stüblein, in den gleichen Armen. Jetzt legte sie die Jaguardecke auf den Stuhl und die Pantoffel zu Füßen. Das verlangte die Gerechtigkeit gegenüber Pisos grüner Uniform. Zwischen den beiden Reliquien zappelte Mala noch immer recht lebhaft her und hin, wie zwischen zwei guten Geistern, die ihren Frieden hatten. Und abends kommen die Frauen Serra hinunter mit Wein und etwas zum Essen. Und die drei schwarzen Damen speisen sozusagen mit zitternden Fingern auf den Knien, plaudern leise, nicken sachte, lächeln, tauchen die alte Seele in Erinnerungen von Sonne und Jugend und schlückeln von Zeit zu Zeit aus einem Gläschen den hellen Chianti. Aber es ist, als seien nicht drei, sondern fünf Personen im Zimmerchen. Wahrhaftig, sie tun auch so, diese guten, alten Frauen. Und wenn Mala redet, schweigen die beiden andern. Spricht sie von Piso, so neigt sie liebevoll ihr immer noch graziöses Köpfchen zur Uniform an der Tür, und spricht sie von Elvezio, so ruht ihr zwinkerndes Auge auf den roten Pantoffeln und dem gefleckten Fell. Für mich ist es gar keine Frage, daß die Frauen Piso dort am Posten stehen und Elvezio im Stuhle sitzen sehen und fühlen, wie beide zuhorchen, mitreden und zuletzt beim Auseinandergehen auch gute Nacht wünschen, gute, selige Schlafensnacht.