Ernst Freiherr von Feuchtersleben Zur Diätetik der Seele Valere aude! Ernst Freiherr von Feuchtersleben – Eine biographische Skizze. Hat die Universal-Bibliothek seit den zwölf Jahren ihres Bestehens schon manche schöne und willkommene Gabe gebracht, so bringt sie in diesem Bändchen gewiß eine der schönsten und erwünschtesten. Denn sie liefert ein Buch, das im Lauf von 31 Jahren nicht weniger als 45 Auflagen erlebt hat. Die große Zahl dieser Auflagen muß uns aber noch mehr in Verwunderung setzen, wenn wir bedenken, daß dieses Buch nicht eine Sammlung wohllautender, allgemein singbarer Lieder, oder ein auf allen Bühnen gern gesehenes, bei jeder Aufführung einen großen Zuschauerkreis anziehendes Drama, oder eine nach dem Geschmack des großen Publikums geschriebene, äußerst spannende Novelle, sondern ein gediegenes, in faßlichen Styl geschriebenes wissenschaftliches Werk enthält; oder daß es (um uns anders auszudrücken) Beiträge zur Diätetik der Seele sind, welche eine so allgemeine Anerkennung gefunden und das deutsche Volk veranlaßt haben, auch einmal wirkliches literarisches Verdienst noch zu rechter Zeit zu krönen. Dieses große und bedeutende Werk, nach welchem schon seit seinem Erscheinen stets große Nachfrage war, ist nun Eigenthum des ganzen Volks geworden und wird fortan durch unsre Ausgabe auch dem Unbemittelsten zugänglich sein. Ein solches Werk aber wird in denkenden Lesern auch den Wunsch wecken, mit dem Verfasser desselben etwas näher bekannt zu werden. Diesem Wunsch wollen wir nun in diesen Zeilen entgegen kommen. Ernst Freiherr von Feuchtersleben, der geistvolle Dichter und gelehrte Verfasser der Diätetik der Seele, wurde am 29. April 1806 in Wien geboren und stammte aus einer in Hildburghausen ansässigen sächsischen Familie, deren letzte Söhne sich dem österreichischen Staatsdienst gewidmet hatten. Sein Vater war ein Mann von ernstem und strengem Charakter, der sich mit unermüdlichem Eifer seinen Pflichten als Staatsbürger widmete und daher der Erziehung des von der Natur trefflich begabten und frühreifen Knaben nicht viel Aufmerksamkeit zollen konnte. Seine Mutter verlor unser Dichter leider schon wenige Jahre nach seiner Geburt. Da er nun ein äußerst zartes und schwächliches Kind war, das der Mutter bald nachfolgen zu sollen schien, so war dem Vater der Rath der Aerzte, den Knaben einer Amme anzuvertrauen und aufs Land zu schicken, sehr willkommen. Dieser Rath ward sofort befolgt und bewährte sich trefflich. Der Dichter selbst sagt in den kurzen autobiographischen Mittheilungen, die er der Wiener Akademie der Wissenschaften machte: »Ich verdanke diesem frühen, und sodann noch eine Zeit lang in Pausen wiederholten Aufenthalt auf dem Lande nicht nur die Befestigung des physischen Organismus, sondern, wenn ich mich richtig beurtheile, auch die innerste Grundlage meiner spätern psychischen Entfaltung. Die ersten Eindrücke, die auf mich wirkten, waren die Eindrücke einer freundlichen Natur, einer ländlichen Existenz. Sie währten nicht lange.« Und zwar deshalb währten sie nicht lange, weil der Vater gar bald die frühe Entwicklung der trefflichen Anlagen des Knaben wahrnahm und es deshalb für gerathen hielt, ihn schon in seinem sechsten Jahre der theresianischen Akademie in Wien anzuvertrauen, wo er dann bis zum neunzehnten Jahre verblieb. Nur die Ferienzeiten durfte er im väterlichen Hause zubringen, wo dann der akademische Unterricht durch einen von Hauslehrern ertheilten ersetzt wurde. Ueber den Aufenthalt in der genannten Anstalt hat er sich freimüthig, theils mit dankbarer Anerkennung des dort empfangenen Guten, theils aber auch mit hartem Tadel des herrschenden verfehlten Systems in einem Tagebuch, das er schon als Knabe mit großer Gewissenhaftigkeit führte, ausgesprochen. Freudig erkennt er die hohen Verdienste seines Geschichtslehrers, eines gewissen Paters Bonifacius, an und rühmend hebt er hervor, daß dort die Studien der Naturwissenschaften und der griechischen Philologie nicht, wie an der hohen Schule, nur für eine Abtheilung Hörer bestimmt, sondern obligat waren. Bitter tadelnd aber spricht er sich über die verkehrte Einrichtung der Anstalt aus. Hören wir ihn selbst darüber: »Das Erziehungssystem in der Akademie,« so schreibt er, »war ganz verfehlt, wie es in fast allen öffentlichen Erziehungsanstalten in Österreich der Fall ist. Pfaffen hatten die Erziehung auf sich; über sie war ein Soldat gesetzt. Ich sah die schönsten Anlagen junger Männer unter Pfaffenstolz und Rohheit verkümmern. Alle Tage wurde in die Kirche gegangen, öfters des Tags drei Mal, oft zwei Mal; und so alle Religiosität erstickt. Unter den Pfaffen war Dummheit; wie sollten sie Wissenschaft lehren? Sie waren meistens Menschen, die nicht genug gute Säfte hatten, um Bauern, und nicht genug Verstand, um was anders zu werden. Was braucht ein Pfaffe mehr, als einen Narren vor'm Altar zu spielen, etwas Latein und Frechheit, zu lügen und zu überschreien? – Ueber diese war ein Soldat gesetzt, der sich mit ihnen über Alles zerzankte, nur darüber nicht, daß man die jungen Leute statt der Wissenschaften blinde Unterwerfung lehren müsse. So war unsre Erziehung. Aber der Mensch entwickelt sich, frei von Wind und Willkür. Und ich sah bei dieser Erziehung junge Männer auswachsen, denen man Sparta oder Rom aus der Stirn ansah.« Zu diesen letztern gehörte auch Feuchtersleben, der edle, reine Mensch. Denn er hatte sich trotz des elenden Systems in der Akademie dort so entwickelt, daß er, als er sie im Jahre 1825 verließ, schreiben konnte: »Ich nehme jetzt Abschied von der Akademie. Als Knabe von siebenthalb Jahren betrat ich dies Haus; reinen, unverdorbnen Herzens, schuldlos, einfältig und froh. Nun, nach dreizehn Jahren verlasse ich es wieder; nicht mehr schuldlos, nicht mehr einfältig, nicht mehr froh. Hier bildete ich mich zu dem, was ich geworden bin; hier lernte ich es an mir: nur aus Widerstreben geht Dasein hervor. In der Schule der Knechtschaft lernte ich frei sein, und mitten in der Finsterniß zwang ich, keck wie Prometheus, den Funken und nährte ihn. Der schnelle Contrast von dem Frühling kindlicher Seligkeit zur Wintererstarrung der Seele machte mir beides zur Gewohnheit, und gab mir – worauf ich stolz bin – Macht über mich selbst. Dies ist der Triumph der Freiheit, dies der Triumph des Willens, der Menschheit, Gottes. Die Menschen, die ich rechts und links von mir ihre Karten mischen sah, lehrten mich die ungeheure Größe ihrer Thorheit kennen, an die ich sonst nicht geglaubt haben würde; die Unzahl Bücher, die ich in dieser Klosterstille las, trug bei, meinen Glauben an die Menschendummheit zu bestätigen; und ich suchte die Weisheit beim Pöbel und fand sie. Nach zehn Jahren der Dämmrung ward es licht. Da lernte ich mir zu leben. Ich schien die Thorheiten der Menschen mitzumachen und arbeitete an ihrer Heilung.« Herrlich hatten sich seine trefflichen Anlagen entfaltet. Schon damals konnte er in dem mehrfach erwähnten Tagebuch von sich selbst sagen: »Menschheit, Vaterland, Bürgerthum waren die Trias meines Lebens.« Auch sein poetischer Genius hatte dort angefangen, mächtig seine Schwingen zu regen – und zwar schon zu einer sehr frühen Zeit, in seinem elften Lebensjahr. Sein erstes, schon 1817 verfertigtes Gedicht ist noch vorhanden und ist, in Anbetracht des sehr jugendlichen Alters, in dem der Verfasser stand, nach Form und Inhalt so gelungen, daß wir uns nicht enthalten können, es hier mitzutheilen: Dichtkunst. Sie winkt, der Musen holde Schaar, Und bietet mir die Reize dar, Die Dichtkunst uns gebar. Wohlan! ich folge ihr! Da spricht zu mir: Willkommen hier! Der Musen-Gott von seinem Thron: Komm her! empfange deinen Lohn, Und sei befreit Von deiner Last Der Sterblichkeit, Weil du nach mir getrachtet hast! Unsterblich sein, das ist der Dichtkunst Lohn. Viele der besten Stücke in der ersten Abtheilung seiner 1836 bei Cotta erschienenen »Gedichte« stammen noch aus dieser akademischen Zeit. Als Schüler der Akademie hätte ihm in seinem Vaterland eine glänzende Laufbahn im Staatsdienste offen gestanden, da den Schülern derselben gesetzmäßig der Vorzug vor andern Bewerbern um Staatsstellen zustand. Feuchtersleben aber opferte diese Vortheile willig »seiner ungemeinen Neigung« zum ärztlichen Beruf auf. Seine große Kränklichkeit während seiner ersten Kindheit hatte ihn darauf hingeführt, seinen krankhaften Zustand zu beobachten und über die Mittel zur Heilung desselben nachzudenken. Daher suchte er sich schon früh medicinische Bücher zu verschaffen – und bald wurden diese seine Lieblings-Lectüre. Als er in die höhern Studien eintrat und Vorlesungen über Naturwissenschaften und Philosophie hörte, lernte er die Arzneikunde auch von einem höhern Standpunkte aus kennen und fühlte, daß er für dieselbe in jeder Weise vorbereitet sei. Dazu kam, daß in seinem Herzen stets eine reine Liebe zur Menschheit wohnte, die er in keinem andern Beruf, als in dem ärztlichen, besser glaubte bethätigen zu können. Aus all' diesen Gründen bestürmte er seinen Vater, in seine Berufswahl zu willigen – und erhielt endlich nach langem Zögern die Einwilligung desselben. Mit Leidenschaft studirte Feuchtersleben daher auf der Wiener Hochschule acht Jahre lang Arzneikunde. – Seine Werke über medicinische Gegenstände haben bewiesen, mit welchem Erfolge. – Doch trotz aller Liebe zu seinem Fache, ging er nicht ganz und gar darin auf. Es blieb ihm noch Zeit genug, um sein zweites Lieblingsfeld, das der Poesie, anzubauen. Ein vielfacher Verkehr mit literarischen Größen, von denen wir nur Friedrich von Schlegel und dessen geistvolle Gemahlin, Grillparzer, Ed. v. Bauernfeld, Mayrhofer und v. Schober hervorheben wollen, bürgt uns dafür, daß auch sein dichterisches Talent während seiner Universitätsstudien die mannichfachsten Anregungen empfing. Davon zeugen aber auch zahlreiche Aufsätze, Fragmente und Gedichte, die von ihm während dieser Zeit in der Iris, im Morgenblatt, in der Wiener Zeitschrift für Kunst und Literatur und andern Zeitschriften und Sammelwerken erschienen. Im Jahre 1833 nahm er den Doctorgrad an und ließ sich in Wien als praktischer Arzt nieder. Ein Jahr darauf erlebte er ein schreckliches, ihn tief erschütterndes Unglück – sein von ihm über Alles geliebter Vater entleibte sich selbst – und er verlor dadurch nicht nur diesen selbst, sondern auch das Vermögen desselben. »Das gab seinem Charakter die ernste Grundlage, die ihm bis an seinem Tod geblieben ist.« Mit männlichem Muthe suchte er sich zu fassen. Er warf sich ganz auf seine Berufsthätigkeit und auf das literarische Schaffen. Sehr viele seiner medicinischen und literarischen Schriften entstanden in dieser Zeit. So lernte er bald seinen Gram überwinden und auf eignen Füßen stehen. Schon im Jahre 1834 konnte er eine Gattin heimführen und einen eignen Hausstand begründen. Zwar wurde das junge Paar in den ersten Jahren der Ehe noch manchmal durch Mangel gedrückt. Daran war aber nicht etwa die geringe Praxis, sondern der Freiherrntitel unsres Dichters Schuld. Die meisten seiner Patienten wagten nicht, dem »Herrn Baron« klingende Bezahlung anzubieten und schickten ihm (wie sein Biograph Fr. Hebbel erzählt) statt einiger Banknoten einen überflüssigen Luxusgegenstand, eine Cigarrenspitze oder ein Etui in zarter Emballirung. Es kam so weit, daß sich die jungen Leute des Abends aus Sparsamkeit nicht einmal das Stümpfchen Licht gönnten, sich in den Schlaf zu lesen. Dennoch war es, wie der Dichter selbst sagt, eine überaus glückliche Ehe, die ihm das unschätzbare Loos häuslicher Ruhe und Stille bereitete. Durch seine medicinischen und literarischen Arbeiten aber erwarb er sich bald im In- und Auslande einen nicht unbedeutenden Ruf. Er galt bald als eine wissenschaftliche Autorität. Dadurch erweiterte sich nicht nur seine Praxis bedeutend, sondern er errang auch in verhältnißmäßig kurzer Zeit eine ehrenvolle Stellung nach der andern. Er wurde 1840 Secretär der Gesellschaft der Wiener Aerzte; bald darauf Decan der medicinischen Facultät und 1847 Vicedirector der medicinischen Studien. Schon im Jahre 1838 hatte er sein weltberühmtes Buch »zur Diätetik der Seele« herausgegeben, das ihm einen Namen weit hinaus über die Grenzen Deutschlands verschaffte. Da war es denn natürlich, daß die Aufforderung an ihn erging, an der Wiener Hochschule freie Vorträge über ärztliche Seelenkunde zu halten, der er im Jahre 1844 entsprach. Diese Vorträge wurden zahlreich besucht und gaben ihm Veranlassung sein »Lehrbuch der ärztlichen Seelenkunde« zu schreiben, das nicht nur in Deutschland, sondern auch in England die günstigste Aufnahme fand und in letzterem Lande noch bis auf diesen Tag die Grundlage des Unterrichts in diesem Zweige des ärztlichen Wissens bildet. Als im Jahre 1848 ein völliger Umschwung in der österreichischen Politik eintrat, wurde Feuchtersleben dem stillen Kreise seiner wissenschaftlichen Wirksamkeit entrissen. Man trug ihm das Ministerium des öffentlichen Unterrichts an. Der schlichte, biedre Mann aber fühlte, wie wenig er für eine so glänzende Stellung, die noch dazu eine gewisse, ihm gänzlich mangelnde politische Befähigung erforderte, geeignet sei – und lehnte daher die mehrfach wiederholten Anträge beharrlich ab. Dagegen erklärte er sich bereit, die Stelle eines Unterstaats-Secretärs in diesem Ministerium annehmen zu wollen, die ihm dann auch sofort übertragen wurde. In dieser Stellung hat er sich um die Hebung und Verbesserung des Volksunterrichts hoch verdient gemacht, da jedoch die meisten seiner Vorschläge kein Gehör fanden und er sein edles Streben fast immer verkannt sah, gab er schon nach vier Monaten seine Entlassung. Er war Willens seine Stellung an der Universität wieder aufzunehmen, vermochte es aber wegen seines in Folge der bittern Erfahrungen in seiner frühern Stellung äußerst geschwächten Gesundheitszustandes, nicht mehr. Eine Erholungsreise in die österreichischen Gebirge blieb ohne den gehofften Erfolg. Mit dem Jahre 1849 trat eine allmähliche Abnahme seiner Kräfte ein, die ihn im April dieses Jahres auf das Krankenbett warf, auf welchem er fast vier Monate hindurch mit dem Tode ringen mußte. Endlich am 3. September 1849 erlöste ihn der Tod von seinen Qualen. Er starb zu früh für sein Vaterland, für die Wissenschaft und die leidende Menschheit. Zahlreiche Freunde weinten an seinem Grabe. Feuchtersleben war, wie Grillparzer sagt, ein Mann, dem kein Feld des Wissens fremd war. Das Größte aber hat er in den Gebieten der Medicin, der Dichtkunst, der Kritik und der Popular-Philosophie geleistet. Seine Verdienste als Mediciner zu würdigen, ist nicht unsres Ortes. Sie sind von Kennern genügend anerkannt worden und werden allen denkenden Aerzten noch lange Zeit hindurch in Erinnerung bleiben. Als Dichter hat er »die Gabe zu glänzen nicht besessen oder vielmehr, es nicht verstanden, in großartig scheinenden Phrasen Nebelhaftes zu reimen.« Darum ist es ihm auch nicht, wie so manchem modernen Dichter, gelungen, auf billige Weise zu großem Dichterrufe zu gelangen. Feuchtersleben ist auch in seinen Gedichten der Mann der That. In schöner reiner Form und in durchsichtig klaren Worten redet er die Wahrheit. Fast alle Erzeugnisse seiner Muse lassen den Schüler Goethe's und der Alten erkennen. Das Nebel- und Phrasenhafte in unsrer modernen Literatur war ihm so von Herzen zuwider, daß er nicht selten die oftmals ungerecht angegriffenen ältern Dichter gegen ihre modernen Kritiker in Schutz nahm. Vorzügliche Fertigkeit besaß er in der sogenannten Gnome. Daher findet sich auch im ersten Bande seiner Gedichte eine nicht geringe Zahl von dieser Dichtungsgattung. Fast alle diese Gnomen erfreuen durch richtiges Urtheil, Reinheit der Seele, Tiefe des Gemüths, Rechtschaffenheit der Gesinnung und heitern Humor. Man kann von Herzen in das Urtheil von Heinrich Kurz einstimmen: »Feuchtersleben ist, wie in seiner Diätetik der Seele, auch in seinen Dichtungen ein ächter Seelenarzt, der den Menschen mahnt, mit Ruhe und Muth dem Lebenskampf entgegenzugehen, sich gegen Alles zu verwahren, was die Kraft zu lähmen vermöge, durch rastlose Thätigkeit den Leiden des Lebens zu begegnen.« Der erste Band seiner Gedichte, der zuerst 1836 erschien, erlebte bis 1848 vier Auflagen. Der zweite wurde erst nach seinem Tode von seinem Freunde, dem berühmten Dramatiker Hebbel, zusammengestellt. Größeres wie als Dichter leistete er auf dem Gebiete der Kritik. In dieses Fach schlagen seine »Beiträge zur Literatur, Kunst- und Lebens-Theorie« (Wien 1841), und die »Lebensblätter« (Wien 1841), die den zweiten Theil des erstgenannten Werkes bilden. Auch in diesen Büchern finden sich viele einzelne Aussprüche voll tiefer, praktischer Lebensweisheit und heitern Humors, die oft eben so ansprechend sind, als diejenigen, die sich einer poetischen Form erfreuen. Dieser fragmentarischen Schreibart bediente sich Feuchtersleben überhaupt sehr oft und gern. In den von Hebbel gesammelten sieben Bänden seiner sämmtlichen Werke (Wien bei C. Gerold 1851 – 1853) findet sich eine große Anzahl von Aphorismen. Es dürfte wol eine lohnende Aufgabe sein, aus seinen poetischen und prosaischen Schriften die schönsten und herzerhebendsten Denksprüche zu sammeln und zu einem duftenden Kranze zu vereinigen. Die Gabe dürfte nicht nur auf manchem Studir- sondern auch auf manchem Familien-Tisch hoch willkommen sein. Dieser Liebhaberei für Denksprüche und Aphorismen haben wir es auch wol zu danken, daß Feuchtersleben es unternahm, den Geist aus einzelnen der vorzüglichsten unsrer Classiker (z.B. Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Jean Paul, Graf Bentzel-Sternau u.s.w.) zu ziehen und darunter gerade diejenigen auszuwählen, deren Schriften am reichsten an Aussprüchen voll praktischer Lebensweisheit sind. Diese Sammlung erschien zu Wien 1866 in dritter Auflage. Seine Kritiken waren zu ihrer Zeit sehr beliebt und erfreuen noch heute durch tiefes Eingehen in den Geist der besprochnen Schriftsteller, richtiges Urtheil und Gewandtheit der Sprache. In letzterer Beziehung ist vornehmlich die sehr interessant geschriebene Biographie Friedrich von Schlegels hervorzuheben, die als Nachwort den sämmtlichen Werken dieses Dichters beigegeben worden ist. Das Größte aber leistete Feuchtersleben offenbar als Popular-Philosoph. Hierher gehört sein berühmtes Buch: »Zur Diätetik der Seele,« das jetzt in 45. Auflage erschienen ist. In diesem Buche behandelte er ein Feld, das vor ihm noch Niemand behandelt hatte und wies unwidersprechlich nach, daß die Gesundheit des Leibes einzig und allein auf der Kraft, Ruhe, Festigkeit und Klarheit der Seele beruht; und daß eine Seele, welcher diese Kraft abhanden gekommen ist, dieselbe nur durch angestrengte Thätigkeit und eisenfesten Willen wieder zu erlangen vermag. Dieses Werk stellt sich den ähnlichen Leistungen Kants und Hufelands (»Von der Macht des Gemüths Krankheiten zu überwinden« und »Makrobiotik«, die beide ebenfalls in der Universal-Bibliothek erschienen sind)« würdig an die Seite. Wir hören in demselben den denkenden Arzt und den warmen, von tiefer Sittlichkeit und ächt religiösen Glauben durchdrungenen Freund der leidenden Menschheit reden, dem gewiß schon viele, die durch schmerzliche Leiden und bittre Lebenserfahrung die Gesundheit der Seele verloren hatten, reichen Trost, wenn nicht gar die völlige Genesung ihrer geistigen Kräfte verdanken. Dieses Werk bieten wir der Lesewelt in einer neuen, sehr billigen Ausgabe dar und wünschen, daß es auch in dieser Gestalt noch manche Auflage erleben, noch manchen neuen Freund sich erwerben, noch viel Heil und Segen stiften und dadurch der Ruhm seines gefeierten Verfassers in immer weitre Kreise getragen und die Dankbarkeit gegen den theuren Frühentschlafnen stets erhöht werden möge. Einen Umriß zur Biographie Feuchterslebens, von der Hand Friedrich Hebbels gezeichnet, enthält der siebente Band seiner sämmtlichen Werke. Derselbe ist aber nach unsrem Dafürhalten eine der schwächsten Leistungen Hebbels und genügt in keiner Hinsicht den Anforderungen, die man an eine auch nur skizzirte Biographie zu machen berechtigt ist. Möchte uns daher bald eine kundige Hand mit einer ausführlicheren und mit Liebe gearbeiteten Biographie dieses gefeierten Mannes erfreuen. Danzig , den 25. November 1879. v. Schmidt. Widmung Der würdige Mann, dem die ersten Auflagen dieses Büchleins gewidmet waren, ist nicht mehr. Ursprünglich für einen kleineren Kreis von Lesern bestimmt, hat sich die herzlich gemeinte Schrift unter den Vielen, welche den Kampf des Lebens zu bestehen haben, und welchen es Ernst mit dieser Aufgabe ist, einen größern Kreis gebildet. Möge sie ihnen fortan geweiht bleiben! Es ist mit Betrachtungen eine eigene Sache. Was man besitzt, was man vermag, zieht man selten in ihren Kreis. Man hält sich am liebsten jene Tugenden vor, deren Mangel man in sich empfindet; man streicht in Büchern, die man liest, jene Stellen an, die unserm Bedürfnisse entgegen kommen; man erbaut aus weisen Maximen eine Mauer um sich, welche die eigene Haltungslosigkeit decken soll; der behagliche Städter am wohlbeschirmten Kamin erquickt sich an den beschwerlichen Großthaten eines Hannibal und Karl des Zwölften; und was man selbst nie zu leisten vermöchte, das liebt man als Dichter zu besingen, das wagt man als Philosoph zu lehren. Was nun mir die Beschäftigung mit diesen Blättern war: Erholung von den ernsthaftern und wichtigern Geschäften des Lebens und des Denkens, – das möge sie auch Gleichbestrebten sein! Vorworte Vorwort zur zweiten Auflage. Je n`enseigne pas, je raconte. Montaigne. »Ob durch diese Blätter Ein Hypochondrist geheilt oder erheitert werden wird? Ich zweifle. Genug, wenn sie den Heitern nicht hypochondrisch machen.« ... Die Resignation in diesen Worten, womit die Einleitung des vorliegenden Büchleins schließt, hat, wie jede Resignation, ihren Lohn gefunden. Die Wirkung, welche die wohlgemeinten Betrachtungen auf so manches leidende Gemüth ausübten, war dem Verfasser die liebste Recension, und ein neuer Beweis, daß das Erlebte nie verfehlt, wieder lebendig zu wirken. Dabei konnte er sich freilich nicht verhehlen, daß die Theilnahme, die er fand, einen tiefern und allgemeinern Grund hatte, als der im Buche selbst liegt. Ich sehe ihn in dem Bedürfnisse des menschlichen Zustandes überhaupt, und unserer Zeit insbesondere. Hundert Namen, die wir diesem Zustande gegeben haben, beweisen hinlänglich sein Dasein. Wir sind müde, blasirt, zerfallen, incomplet, – wir nennen uns Epigonen, leiden am Desenganno, am Weltschmerz, an – Gott weiß was sonst noch allem! und wer uns tröstet, ist unser Mann. Wir brauchen Stärkung, bittre Mittel, – und wer sie uns am süßesten einwickeln kann, ist unser Mann. Dem sei, wie ihm wolle; genug, ich glaube den Dank für die Theilnahme des Publikums am besten durch Umarbeitung einiger Stellen, zumal des Anfangs, die mir nicht genug ins Helle gebracht schienen, und durch Zusätze, wie sie das bittersüße Leben täglich bringt, zu bethätigen. Allein auch gegen Recensenten gibt es Pflichten; gerade desto mehr, je seltener Recensionen wahrhaft förderlich zu sein pflegen. Ein denkender Freund der Sache gab in den »Blättern für literarische Unterhaltung 1839,« Nr. 83 und 84 eine sehr einsichtsvolle Beurtheilung unsres Büchleins, die ich am besten zu verstehen glaube, wo er mit mir nicht übereinstimmen kann. Ich hoffe, daß auch Er mich versteht, wenn ich hier, als Dank für die freundliche Aufmerksamkeit, einiges Allgemeine beibringe, das nebstbei Bezug auf seine Bemerkungen hat. Ich darf wol hoffen, ja begehren, daß man die Aufgabe nicht höher und weiter stelle, als ich sie mir gesetzt; daß man die drei Buchstaben »zur« auf dem Titelblatte, die nicht umsonst da stehen, berücksichtigen werde. Ich hatte vor, und bildete mir ein, nichts zu sagen, was nicht als eigentümlich, als dem Stoffe, wie er jetzt vorliegt, hinzugefügt, – wenn nicht als neu an sich, betrachtet werden konnte. Es wäre leicht gewesen, den Vorwurf in seiner ganzen Breite abzuhandeln, und die scheinbaren Lücken, die nur da sind, um das von Andern Gesagte nicht wieder zu sagen, durch Wiederholung auszufüllen; Z.B. in dem Kapitel von den Leidenschaften die einzelnen Leidenschaften in ihren Wirkungen besonders durchzugehen, in das Gebiet der Psychiatrik hinüberzuschweifen, und, was Aerzte für Aerzte schon vielfach gesammelt und niedergelegt haben (woran namentlich Ideler ein so edles und kräftiges Streben wendet), unsern Lesern wieder aufzutischen. es wäre leicht gewesen, jene systematische Anordnung zu befolgen, die nur zu oft hinter dem Scheine von Wissenschaftlichkeit Mangel an wahrem Gehalte versteckt, während die andeutende, aphoristische Darstellung hinter bescheidenen Winken oft tiefere Wahrheit, wie der heitere, oft leichtfertig gescholt'ne Mensch, hinter fröhlichem Scherze den innigsten Ernst, verbirgt. »Aus dem Leben, – zum Leben!« Dies war mein Wahlspruch, – hier, wie bei meinen übrigen Schriften. Dem Leben, nicht der Schule, gehört auch diese an. Sie soll nicht Lehrer bilden, sie soll Tröstung geben. Nur was dem Einzelnen das Leben selbst gebracht hat, darf er dem Ganzen wiederbringen; und so liegen denn auch diesem Büchlein, – Gott weiß es! gar manche bittre Selbsterfahrungen zum Grunde; und so hat es denn auch seine Früchte am Baume des Lebens getragen, von denen eine, – besonders eine, – dem Pflanzer mehr gelten darf, als alle Recensionen. Um aber doch gegen diese, wo sie es wohl gemeint, dankbar zu sein, bekenne ich, daß auch mir die Behandlung des Einganges ganz unstatthaft schien. Der französische und englische Schriftsteller steht darin in großem Vortheile, daß er sich bewußt ist, für ein Publikum zu schreiben, wo der Gelehrte nicht Pedant, der Ungelehrte nicht ungebildet ist; der Deutsche weiß nicht recht, wem er es recht machen soll, – und hieraus entstand im Eingangskapitel jene fatale Mitte zwischen Popularität und Strenge, die, aus Furcht, die Geduld des nicht gelehrten Lesers zu ermüden, und bei der unausweichbaren Tiefe des Gegenstandes, zum Unklaren und Unbestimmten führte. Diesem Uebelstande suchte ich durch gegenwärtige Umarbeitung einigermaßen abzuhelfen. Was das Mystische der Stelle Immermann's betrifft, – wem könnte mehr »vor den Illusionen bangen, zu denen solche Sätze verleiten könnten,« als mir? aber ich habe stets dafür gehalten, daß man Gespenstern nicht aus dem Wege gehen, und Probleme nicht verschweigen, sondern jenen ins Antlitz schauen, und diese, wo nicht lösen, doch aussprechen soll. Ich liebe mir Leser, die lieber angeregt, als geschulmeistert sein wollen; das Zweifelhafte scheint mir interessanter als das Ausgemachte; schreite jeder mit eigenen Füßen durch die Gefilde, wohin ich deute! Daß alle Tugend Selbstbeherrschung – wiewol nicht alle Selbstbeherrschung Tugend – sei, scheint mir allerdings gewiß. Da es aber hier nicht Zweck ist, Moral zu lehren, und ich überdieß, wie erwähnt, nicht gern etwas gut Gesagtes wiederhole, verweise ich hierüber auf das Gespräch in Goethe's Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (Bd. 15, S. 173), welches diesen Gegenstand für unsern Lesekreis so gut behandelt, als Kant's Metaphysik der Tugendlehre für den Philosophen vom Fache. Das Kapitel VII ist, wie sich der Kenner leicht überzeugt, keine Uebersetzung, sondern eine, wie ich mir schmeichle, zeit- und sachgemäße Bearbeitung, wodurch die große Denkart eines, öfter genannten als gekannten Weisen, dem Leben hoffentlich näher gebracht werden soll, als es bisher geschah. Was den Unterschied zwischen Leidenschaften und Affecten betrifft, so darf man es einem Arzte und Schriftsteller wol zutrauen, darüber gedacht zu haben. Mir scheint der Schriftsteller, wie der Mensch überhaupt, auf rechter Bahn, der über dem letzten Ziele das nächste nicht vergißt. Was Besonnenheit und Seelenkraft über Stürme des Begehrens und Gefühles vermögen, wünsche ich ans Herz gelegt zu haben; es freut mich, daß ich den, der Definitionen verlangt, auf die gründlichen Werke deutscher Psychologen verweisen kann, in welchen diese erschöpfend gegeben sind. Sollte schließlich doch die Reinheit des deutschen Ausdruckes einer Erwähnung bedürfen? Es ist für sie geschehen, was ohne Lähmung des Geistes und der Kraft im Sinne, ohne Ziererei und klein-geistigen Zwang in der Form, geschehen konnte und durfte. So viel, – vielleicht schon zu viel – von mir selbst. Ist doch alles Vorreden ein Reden von sich selbst, und mag als Defensive entschuldigt werden. Wie ich aber in diesem Werkchen die allzusorgliche Beschäftigung mit sich selbst als Sünde gegen das eigene Wohl verbot, wie sie die Gesellschaft als Sünde gegen den guten Ton betrachtet, so ist sie dem Schriftsteller Sünde gegen den höhern Zweck seiner Sendung. Eingedenk des alten Sprüchleins: habent sua fata libelli , – sage er zu dem Kinde seiner Muße: Gehe hinaus zu dulden und zu wirken! 1841.     F. Vorwort zur fünften Auflage. Es war beschlossen, um nicht Vorwort an Vorwort zu häufen, dieser fünften Auflage keines beizugeben. Allein, es ward ihr das Loos, zu einer Zeit erscheinen zu sollen, welcher gegenüber zu schweigen, unverantwortlich wäre. Unser Vaterland hat seinen größten Tag erlebt, und entfesselt tönt nun auch das Wort des stillen Denkers unter den freien Stimmen des Volkes. Der Inhalt der folgenden Blätter scheint, oberflächlich betrachtet, keinen Bezug auf die großen Fragen des Tages zu bieten. Er betrifft die inneren Heimlichkeiten des leidenden Gemüthes. Genauer betrachtet, – dürfte sich dennoch ein tieferer Bezug zwischen beiden herausstellen. Wann fühlen zarte, leidende Naturen das Bedürfniß der Beruhigung, der Kräftigung tiefer, inniger, als in den Tagen allgemeiner Bewegung? und welche Quelle der Heilung kann ihnen geboten werden, an der sie sicherer und gründlicher Rettung und Genesung fänden, – als: die große Bewegung der Zeit selbst, deren Bedeutung aufzufassen, der sich wirkend anzuschließen, – sie allein und gewiß aus dem tiefen Jammer ohnmächtiger Selbstsucht emporrütteln wird, dem sie zu verfallen im Begriffe sind! Weg den egoistischen Blick von dem kleinlichen Zustande deiner Einzelheit! – hinaus, – mit Kopf, Herz und Hand, den großen, heiligen Angelegenheiten des Volkes, der Staaten, der Menschheit, zugewendet! und die Kraft des Geistes über die Misere des Stoffes wird siegreicher und segenreicher offenbar werden, als ich es in schwachen Worten verkünden konnte. Das ist das Ergebniß mannichfacher Erörterungen in diesen Blättern, – an manchen Orten, zumal im Schluß-Abschnitte (XI) bereits früher ausgesprochen, – welches aber jetzt erst seine rechte Zeit, seine rechte Stelle zu lebendiger Wirkung gefunden hat. Möchte es sich bewähren, – zum Besten der Einzelnen, zum Heile des Ganzen! Wem ich von der Macht des Gemüthes etwa zu viel gesagt zu haben scheine, der mag bedenken, daß es sich hier nicht darum handelte, zu untersuchen, sondern zur That anzuregen. Der Mensch muß das Höchste glauben, um Hohes zu erringen, – ja um es nur zu versuchen! Ich plaidire die Sache des Geistes, und sammle, was für sie spricht. Desselben Glaubens sind Viele, sind die Besten gewesen. »Gebet dem Geiste seine Kraft – ruft Einer von ihnen (Meyern's Nachlaß. II. 249.) – und tausend Krankheiten sind gelöscht!« Amen! 1848      F. Zur Einleitung. Wir werden populär, indem wir affectiren, ärmer an Geist zu sein, als wir sind. Bulwer. Unsere Zeit ist rasch, stürmisch und leichtsinnig. Man erweiset sich selbst und dem lesenden Publikum eine ächte, geistige Wohlthat, wenn man den Blick von dem entmuthigenden Leben einer vulkanischen Gegenwart, von dem noch entmuthigenderen Schwanken einer in tausend nichtige Richtungen zerfallenen Literatur ab- , und den stillen Regionen der Naturforschung des inneren Menschen, der Betrachtung unseres Selbst zu wendet. Hier wird uns unser Zusammenhang mit den Dingen, unser Zweck, unsere Pflicht klar; und, indem wir mit der Welt, die uns nichts zu gewähren im Stande ist, heiter abschließen, fühlen wir, daß der verloren geglaubte Friede wieder bei uns einkehrt, und daß eine zweite Unschuld ihr klares, beruhigendes Licht über unser Dasein verbreitet. Mag, so lange wir Knaben sind, das Knabenspiel der Reime, das nur in der Hand des Genies zum inhaltschweren Symbole wird, auch uns Unbegabte beschäftigen; den Mann erquicke das Denken über sein tiefstes, heiligstes Verhältnis; hier übt er nur ein Geschäft aus, wozu Jeder auf Erden fähig ist, weil es Jedem aufgegeben ward. »Unsere Schriftsteller – heißt es in einem geistreichen Aufsatze des Freiherrn von Sternberg – schreiben auf dem offenen Markte, nicht mehr in der einsamen Stube. Darum findet sich so viel Lärm, so viel Staub, so viel Landstraßenwirklichkeit in ihren Werken; aber es verschwindet daraus immer mehr die geheimnißvolle Tiefe und Klarheit, die, ein schönes Wunder, in den Büchern unserer Alten lebt. Dazu kommt die Hast, zu der wir heutzutage Alle getrieben werden; um nur nicht nachzubleiben, wirft der Philosoph seine Ideen dem Staate zu, der Dichter seine Gefühle der Gesellschaft; und Beide sind zufrieden, wenn sie eine heftige, augenblickliche Wirkung sehen. Wer hat jetzt Zeit alt zu werden, und Bücher zu schreiben, welche nicht veralten?« – Solchen gerechten Klagen zu begegnen, solchen Tendenzen entgegen zu wirken, sind diese Blätter geschrieben. Sie sind im Sinne des Ausruhens abgefaßt worden, zu eigener Erholung und Sammlung; in diesem Sinne müssen sie auch gelesen werden, wenn sie dem Leser etwas sein sollen. Durch ein vielleicht seltsam scheinendes Gewebe von Ethik und Diätetik, habe ich die Macht des menschlichen Geistes über den Leib zu praktischer Anschaulichkeit zu bringen versucht. »Die Aerzte« – pflegt das Publikum zu sagen – »erklären sich heftig gegen alles Populärmachen ihrer Kunst, gegen alles medicinische Selbststudium; sie fürchten, wie es scheint, daß wir das Zweifelhafte, das Unzulängliche ihrer Erkenntnisse, ihres Verfahrens, gewahr werden, und so das Vertrauen verlieren möchten; es ist ihr Vortheil, uns in der Täuschung zu erhalten.« So raisonnirt das Publikum; ja ein ärztlicher Schriftsteller der jüngsten Tage vereinigt sich mit ihm. – Gesetzt, Alles das wäre so, – ist es nur unser Vortheil? ist es nicht auch der Eure ? Wenn euch das Vertrauen heilt, seid ihr dann weniger geheilt, als wenn euch Eisen oder China geheilt hätte? ist das Vertrauen nicht auch eine wirkliche Kraft? ist es Täuschung, wenn man sich ihrer so gut als einer physischen bedient? Sollte man nicht wünschen, sie in sich selbst erwecken zu können? die Kunst der Selbsttäuschung zu eigenem Wohle zu besitzen – wenn sie so schöne Wunder wirkt? Was nun von ihr etwa lehrbar wäre, andeutend mitzutheilen, dazu eben wollen die folgenden Blätter beitragen. Ich sage »andeutend« – denn bei Allem, was der Mensch auf sich selbst beziehen, was in ihm praktisch werden soll, muß das Beste ihm selbst überlassen bleiben. Ich habe mich bemüht, im besten Sinne des Wortes »populär« zu sein. Durch ächte Popularität sinkt der Schriftsteller nicht zum Gemeinen herab; er zieht das Gemeine empor, indem er dem Geiste des Bildungslustigen überhaupt, ohne Rücksicht auf Gelehrsamkeit, das Höhere und Höchste näher bringt, faßlicher und anziehender macht; indem er das gewöhnliche, stoffartige Wissen durch fruchtbare Behandlung, durch lebendige Bezüge, zur ächten Bildung adelt. Er arbeitet mit am großen Werke der Menschheit, am Plane der Vorsehung, welche, wie es die Geschichte lehren zu wollen scheint, die Intelligenz zuerst in einzelnen Geistern zur Reife bringt, und dann, von ihnen aus, über die Erde weiter verbreitet; wie der Strahl des Tages von den Gipfeln aus allmählich die Thäler und Ebenen erhellt. Die häufigen Anführungen bedeutender Worte von bedeutenden Menschen wünschen darzulegen, wie sehr die Einsichtsvollen, die Erfahrensten von jeher in diesen Dingen Einer Ueberzeugung waren – wie sehr die mannichfachsten Ergebnisse zum Glauben drängen – und: daß ich nichts sage, was nicht vor mir schon gedacht, schon gesagt worden wäre. Leider! ist es so Vielen noch neu; und man darf wol behaupten, daß von allen Künsten keine so selten das Geschäft eines menschlichen Lebens ausmacht, als die Kunst, die ich hier predige, die Kunst: sich zu beherrschen. Und doch ist sie das Erste und das Letzte. Nichts wird zur Fleischwerdung der Gesetze, deren Geist wir hier aufzufassen streben, förderlicher sein, als die redliche Führung eines Tagebuchs, das aus kurzen, aber wahren, fruchtbaren, individuellen Notizen bestehen mag: eben so treu und fein, nur etwas weniger hypochondrisch als das Lichtenbergs. Hippel meint, daß das, was man gewöhnlich für Genie halte, nichts sei, als unausgesetzte Beschäftigung mit sich selbst. Die als Anhang beigegebenen Blätter sind einem solchen Tagebuche entnommen. Nur freilich mußte hier, mit Rücksicht auf Veröffentlichung gerade das Individuelle wegbleiben, und nur, was sich als Maxime aussprechen ließ, gegeben werden. Das Namenregister verdanke ich der Gefälligkeit eines Freundes. Unsere Zeit legt auf den Namen einen besondern Werth. Jede Ansicht, jeder Ausspruch soll gestempelt sein, soll eine berühmte Firma vorzuweisen haben; Album's mit angesehenen Unterschriften werden errichtet, Autogramme bekannter Personen werden gesammelt. Citate dürfen nicht fehlen, wenn ein docirendes Buch für anziehend gelten soll. Nun gut, hier gibt es Citate. Und damit ja die Neugierde nicht unbefriedigt bleibe, gibt jenes Verzeichnis auch über solche Stellen Aufschluß, deren Eigener im Texte, um diesen nicht zu bunt und unterbrochen zu machen, nicht genannt wurden. Ob durch diese wohlgemeinten Reflexionen auch nur Ein Hypochondrist geheilt oder erheitert werden wird? Ich zweifle. Genug, wenn sie den Heitern nicht hypochondrisch machen. I. Begriff. Wirkungen des Geistes im Allgemeinen Der Geist ist an den Stoff gebunden, aber auch der Stoff an den Geist. Unter dem Ausdrucke »Seelendiätetik« wird man sich eine Lehre von den Mitteln denken, wodurch die Gesundheit der Seele selbst bewahrt wird. Diese Lehre ist die Moral; und wenn gleich zuletzt alle Bestrebungen und Erkenntnisse des Menschen sich in dem großen Ziele vereinigen: seine Sittlichkeit, die eigentliche Blume seines Lebens, die Bestimmung seines Daseins, zu pflegen und zu fördern, – so haben wir doch hier vorzugsweise jene Kraft des Geistes vor Augen, wodurch er die dem Körper drohenden Uebel abzuwehren vermag – eine Kraft, deren Vorhandensein kaum je geläugnet, deren Wunder oft erzählt und bestaunt, deren Gesetze selten untersucht, deren Thätigkeit noch seltener ins praktische Leben gerufen zu werden pflegt. Jede Kraft aber, welche aus der Quelle des geistigen Lebens fließt, vermag der Mensch, indem er sie bildet, zur Kunst zu gestalten; denn die Kunst ist ein gebildetes Können, und wenn er es dahin gebracht hat, daß ihm das Leben selbst zur Kunst ward, warum soll es ihm die Gesundheit nicht werden können, die das Leben des Lebens ist? Das ist nun die Diätetik der Seele (die Seele der Diätetik, – wie einer unserer Recensenten eben so freundlich als treffend commentirte –), von der ich spreche, die ich nicht abhandeln, wol aber Beiträge zu ihr liefern will. Kant hat in einer wohldurchdachten Schrift »von der Macht des Gemüths« gehandelt, »durch den bloßen Vorsatz krankhafter Gefühle Meister zu werden.« Wir gehen weiter; wir wollen nicht blos Gefühle bemeistern, sondern wo möglich das Erkranken selbst. Man kann so oft der Seele nur durch den Körper, – warum nicht diesem auch einmal durch jene zu Hilfe kommen? Vielleicht haben Aerzte und – wir selbst (denn hier gälte es vor Andern wol sein eigener Arzt zu sein) diesem Gesichtspunkte noch nicht die volle Aufmerksamkeit gewidmet, die er verdient. »Glückliche Zweiheit menschlicher Natur! – ruft eine gemüthliche Schriftstellerin Fried. Bremer. – du allein erhältst die Einheit unsres Wesens! Das Thier trägt den Geist, der Geist das Thier, – und so allein kann der Mensch leben.« Wie er es vor Siechthum bewahren möge, das wäre unsere Aufgabe. Es wäre zu viel von uns verlangt, wenn man eine abgeschlossene Lehre über einen Gegenstand hiermit forderte, der, wie alle geistigen, ja sagen wir lieber alle lebendigen Erscheinungen, so oft entschlüpft, als man sich freut, ihn gefaßt zu haben. Man mag es uns vielmehr danken, daß wir das eitle Behagen, ein System zu bauen, der Wahrscheinlichkeit opfern, man werde unsern Skizzen den Vorwurf des Rhapsodismus machen. Es gibt Gegenstände, in denen man zu wenig erlangt, wenn man zu viel verlangt. Vielleicht gehört die Physiognomik in diesen Bereich; und so wollen denn auch wir, wie Lavater mit physiognomischen Fragmenten, mit Fragmenten zu unserer Diätetik der Seele uns bescheiden. Damit es uns aber nicht ergehe, wie jener Akademie der Wissenschaften, die untersuchte, warum das Wasser sammt dem Fische darin nicht schwerer wiege, als das Wasser ohne den Fisch, aber zu untersuchen vergaß, ob dem auch so war, – so laßt uns beim Daß noch einen Augenblick verweilen, ehe uns das Wie in seine Labyrinthe zieht. Ist doch das Daß in allen Verwandlungen jenes Proteus, den wir Leben nennen, dasjenige, was gerne bei uns verbliebe, während das Wie beständig vor uns auf der Flucht ist; bei Jenem ist es gut sein; es lebt sich heiter und gelinde mit ihm; es ist und macht klar. Dieses hinwieder treibt schlimme Künste, lockt und verlockt, ist mit dem Guten wie mit dem Bösen in uns im Bunde, – und mögen besonders die Forscher der Natur vor diesem dämonischen Wesen auf ihrer Hut sein! – ... »Ueber das Ich des unbefriedigten Geistes düst're Wege zu späh'n ...« kann unsere Absicht nicht sein. Untersuchungen über die Unterscheidung, ja das Dasein von Seele und Leib, wie sie die Philosophen von Alters her liebten und immer lieben werden, haben für den gesund und praktisch Denkenden etwas Komisches. Ich appellire an das unbefangene, ungetrübte Gefühl jedes Menschen. Wer zweifelt, ob er eine Seele habe, lese mich nicht. Wer alle Wirkungen, von denen ich als von Thatsachen der Erfahrung erzähle, dem Körper zuschreibt, der übersetze sich meine Sprache so: »Gewalt desjenigen Theiles des Körpers, dem die sogenannten Seelenverrichtungen zufallen, über die andern Theile.« So verschroben eine solche Ansicht der Sache sei, – die Thatsache bleibt auch dann noch Thatsache, die aus ihr sich ergebende Maxime auch dann noch nützlich, – und um das fruchtbare Wahre allein ist es uns zu thun! Ich weiß für jene Thatsache kein näher liegendes Beispiel als das eines Menschen, der sich aus dem Schlafe ermuntert. Hier ist auch, wie von den Gegnern eingewendet wird, eben das gefesselt, was befreien sollte, und doch hat es Kraft genug, sich emporzuringen, und, diese Kraft kann durch Uebung gesteigert werden. Es gibt einen Grad von Unfreiheit, wo leider keine Gegenwirkung mehr möglich ist, die Nacht des Geistes; aber es gibt einen mildern Grad, – der Dämmerung; für diesen gibt es Impulse, für diesen gelten meine Sätze. Zwischen beiden liegt noch ein Grad, – die eigentliche Seelenkrankheit, wo auch der Impuls des Willens wirkt – denn sonst gäbe es keine Heilung! – aber nicht durchs eigne, sondern durch fremdes Bewußtsein. Diese Zustände in ihren Wurzeln darlegen, hieße tiefer graben, als es räthlich ist. Aber auch ohne Grübelei, ohne Luftschifffahrt in die Nebel der Metaphysik, denken wir vorerst die Aufgabe zu lösen: über die Grundbegriffe unsres Gegenstandes klar zu werden. Der völlig unbefangene Mensch fühlt sich als Eins, und lebt als solches, unbewußt. Mit dem Bewußtsein geht diese geistige Unschuld verloren, es tritt eine Spaltung ins Leben. Die Thatsachen des Bewußtseins, welche gewahr zu werden eine innere Erziehung erforderlich ist, führen auf ein anderes Princip, als die Thatsachen der Sinnlichkeit. Wir nennen es Geist; vergessen aber nicht, daß wir mit diesem Wort nur eine Abstraction bezeichnen. Denn der Geist erscheint uns auf diesem Planeten nur, in so ferne er sich eben im Menschen, also in körperlichem Wesen, offenbart. In dieser Verbindung mit Körpern nennt ihn der vernünftige Sprachgebrauch Seele, und den mit ihm verbundenen Körper: Leib. Der Beweise, daß die Seele auf den Leib wirke, sollte es also gar nicht bedürfen, da wir Beides nur in der Einheit der Erscheinung fassen, und es schon der höchsten Ausbildung bedarf, um ihre Verschiedenheit ausfindig und sich klar zu machen. Ihren Zusammenhang erklären zu wollen, ist noch vergeblicher; da wir ja eben schon als Einheit denken, und dieses Denken, womit wir begreifen, nicht wieder begreifen, das Unmittelbare nicht vermitteln können, – so wie die rechte Hand wol die linke, aber nie sich selbst ergreifen kann. Unser Denken in der Zeitlichkeit begleitet auch das Räumliche, so viel ist gewiß; und Lachen und Weinen sind das nächstliegende Symbol geistig körperlichen Zusammenwirkens. Daß die Nerventhätigkeit das zunächst anschließende Glied in der Kette dieses Zusammenwirkens ist, bemerkt der Arzt. Jede weitere Frage ist eine müßige Frage. Wir haben den Begriff festgestellt, – und von nun an über diese Probleme keine Sylbe mehr. Eben so wenig können wir uns hier auf eine genetische Erörterung über die Gründe des Erkrankens und Genesens einlassen. Es bedarf auch einer solchen gar nicht. Uns genügt es zu bedenken, daß alles Erkranken entweder von Innen oder von Außen bedingt werde. Man wird entweder krank, weil sich ein Keim, der mit unserm individuellen Dasein gegeben ist, entwickelt, – freilich nicht ohne einige Anregung von Außen, oder weil unser organisches Einzel-Leben im Kampfe gegen die feindlichen, der Welt, die uns umgibt, fortwährend entquellenden Gewalten erliegt; – freilich nicht ohne Voraussetzung einer mitgebornen Empfänglichkeit, die auf Schwäche beruht. Zu den Krankheiten der erstem Art gehören außer jenen, die unter dem Namen der angeerbten, der constitutionellen, bekannt sind, noch gar manche Zustände, die vielleicht noch nicht überall aus diesem Gesichtspunkte sattsam gewürdigt sind, und von denen man nur zu oft nicht weiß, ob man sie Entwickelungen oder Krankheiten nennen soll. Der denkende Arzt mag diesen Wink benutzen und zusehen, ob er die Ideen, von welchen Malfatti bei seiner Pathogenie aus den Evolutionen des Lebens ausging, praktisch ins Leben zu leiten und fortzuführen vermag. Sollte zur Beherrschung solcher Zustände der Geist gar nichts vermögen? Es versteht sich, daß hier nicht von jenen prophylaktischen Vorkehrungen die Rede ist, welche die Aerzte zur Verbesserung der Anlagen, zur Abwehr ihnen entsprechender Einflüsse, anbefehlen; diese Verordnungen entspringen wol auch dem Geiste, aber nicht dem des Leidenden. Die Philosophen, zumal die philosophischen Dichter, bemühen sich vielfach, uns anschaulich zu machen, wie eine einseitige ethische Anlage, eine wuchernde Richtung, in sich zurückzudrängen, zu begrenzen, zu determiniren sei; sollte das nicht auch in unserem Bezirke ausführbar sein? Wie äußert sich die Gesammtanlage eines Menschen, in Bezug auf seine Gesundheit, für den Nichtarzt, für ihn selbst am erkennbarsten? Mich dünkt durch das, was man sich als Temperament eines Menschen denkt, wenn dieses Wort im lebendigen Sinne der Volkssprache aufgefaßt wird, nicht mit den Begriffen, welche ihm seit den vier Qualitäten des Aristoteles die Schule unterlegt hat. Der Mensch ist nun einmal ein Eines aus Vielem; und die feinsten Naturforscher gelangen nicht weiter, als: sich die Temperamente als »zu einem individuellen Leben temperirte Elemente« vorzustellen. »Jeder einzelne Mensch – sagt Herder – trägt, so wie in der Gestalt seines Körpers, so auch in den Anlagen seiner Seele, das Ebenmaß, zu welchem er sich selbst ausbilden soll, in sich. Es geht durch alle Arten und Formen menschlicher Existenz, von der kränklichsten Unförmlichkeit, die sich kaum lebend erhalten konnte, bis zur schönsten Gestalt eines griechischen Gottmenschen. Durch Fehler und Verirrungen, durch Erziehung, Noth und Uebung, sucht jeder Sterbliche dies Ebenmaß seiner Kräfte, weil darin der vollste Genuß seines Daseins liegt.« – Und die Bedingung seiner Gesundheit; – setzen wir hinzu. Und sollte der Mensch, das einzige Wesen in der Natur, das sich zum Gegenstande werden kann, nicht zu jenem Selbstbegriffe gelangen dürfen? Er, den Protagoras »das Maß des Weltalls« nannte, sollte nicht auch das Maß seiner selbst sein? Gewiß, wer je aus dem Wirrsal der Außendinge auf sich zurückgeschaut, wird den Einfluß des Geistes von dieser Seite am wenigsten bestreiten; wird zugeben, daß man eine Macht erringen könne über sich selbst, – also auch über das Erkranken, in so fern es in der Tiefe der Eigennatur wurzelt. Und nur um dieses Daß war es zuvörderst zu thun; über das Wie sind fast alle folgenden Kapitel ein Commentar. Wunderbarer und zweifelhafter mag es Manchem scheinen, daß der Seele auch eine Kraft und Herrschaft über ihr Gebiet hinaus zugestanden werden soll, – als ob die Welt, in der wir leben und weben, nichts als das Gewebe unseres Lebens sei. Und doch! was ist sie für uns anders? Dem Manne erscheint sie männlich, dem Kinde kindisch, dem Frohen heiter, dem umflorten Auge getrübt, und wie sie empfangen wird, so wirkt sie. Immer sind es doch die unserer Seele am stärksten gewordenen Bilder, immer unsere Vorstellungen, die das Glück des Menschen ausmachen, so wie sein Elend. Und sollte es unmöglich sein, ihr Auf- und Niedertauchen in unsere Gewalt zu bekommen? Sollten wir uns kein helles Auge anschaffen können, wie wir leider so oft alle erdenkliche Sorgfalt und allen Scharfsinn anwenden, es zu verdunkeln, zu stumpfen? Der wilde Sturm auf der Haide, der den Gefährten Lears bis an die Haut dringt, berührt den Unglücklichen nicht, in welchem der innere Sturm des Unwillens allen äußern übertäubt. Ja der schlagendste Beweis für die Macht des Geistes ist eben – wunderbar genug! – seine Ohnmacht . Wem ist es nicht bekannt, daß die Unglücklichen, deren Seele in der Nacht des Wahnsinnes irrt, in ihrer Jammerzelle frei von so vielen Körperleiden bleiben, welche einzeln oder gleichzeitig, die um sie herum Lebenden ergreifen, während die in einen Wahn concentrirte Seele, indem sie ihre Aufmerksamkeit vom Körper entfernt hält, ihn für die äußern Einflüsse unempfänglich macht? Und ein gebildeter, auf heilige Ziele der Vernunft gerichteter Wille sollte nicht mehr, nicht eben so viel vermögen, als stürmischer Unwille, als die grauenvolle Gewalt des Irrsinnes? Ein brittischer Correspondent, der über den Einfluß jenes aus Nebel und Steinkohlenqualm gebildeten Klima's auf die Gesundheitszustände seiner Landsleute berichtet (Medical Rapports 1830) , fügt seiner Erzählung die Ergebnisse der Beobachtung bei: »Inzwischen bleibt es unermittelt – sagt er – ob von jenen Krankheiten, welche dem Dunstkreise unserer Stadt beigemessen werden, nicht gar manche den Sitten entspringen. Wie der Leib, bei allem Temperaturwechsel von Außen, seine innere Wärme wenig ändert, so gibt es eine innere Kraft des Widerstandes im menschlichen Gemüthe, die, wenn sie zur Thätigkeit geweckt wird, meist hinreicht, der feindlichen Thätigkeit äußerer Kräfte das Gleichgewicht zu halten. Aerzte erzählen von kranken Frauen, welche, zur Zeit da sie sich zu matt empfanden durchs Zimmer zu gehen, ohne ein einziges Gefühl von Beschwerde die halbe Nacht mit einem begünstigten Tänzer durchwalzten. So weckt der Lieblingsreiz die belebte Faser. Darum sind es auch die Müßigen, die Leeren, die Fashionables, die von Londons Atmosphäre am meisten leiden. Jemand, dessen Aufmerksamkeit und Kraft stets in Wirksamkeit verflochten ist, kennt das Barometer nicht. Man weiß zwar, daß der düstere November die Zeit der Melancholie und des Selbstmordes ist; die dunkle Färbung des Himmels aber kann den Aether eines hellen Gemüthes nicht umnachten. Selbst die pathologische Aufregung der Manie schwingt sich über den Einfluß der Atmosphäre hinaus. Es sind die Gedanken, welche der Mensch, immer geneigt sich zu quälen, an die Erscheinungen des entblätternden Herbstes knüpft, die ihn drücken, die ihn besiegen. Und wenn auch die Besorgnisse des Hypochondristen mit dem Wetter fallen und steigen, so ist's am Ende doch nur seine Wirkungskraft, die über seine Stimmung und über deren Erfolg entscheidet. Der Hypochondrist ist stets, sei es auch nur momentan, schwach an Charakter; begreift er dies einmal mit Ernst und entschieden, und arbeitet unverdrossen an seinem Heile, so wird er sich selbst der beste Arzt.« – Welcher Arzt, selbst in einem engen Kreise von Erfahrungen, fühlte sich hier nicht angeregt, eine Anzahl von ähnlichen aus seiner Sphäre mitzutheilen? sind sie nicht beinahe eben so häufig, als irgend sonst medicinische? zumal in größern Städten? scheint hier nicht der Dunstkreis, der sie umschleiert, aus den Leidenschaften, Sorgen und Gedanken der Bewohner zu bestehen? ist nicht der Selbstmord, mag auch Werther immerhin die Theilnahme, die man unglücklichen Kranken schuldig ist, fordern (S. 75 u. f.), die traurige Erbschaft allzuzarter Naturen, weicher Gemüther, die in den Kreisen des Lebens, gegen die Härte und Rauhheit des Realen, sich nicht zu behaupten im Stande sind? (man denke an Heinrich von Kleist); hat es nicht jeder thätige Arzt an sich selbst erfahren, daß nur die aufopfernde Erfüllung seiner Pflichten in verhängnißvollen Tagen die Wolken zu zertheilen fähig war, die sich um sein eigenes sittliches und körperliches Dasein zu legen begannen? Daß eine solche Thätigkeit ihn sogar vor jenen Gefahren schirmte, die mit ihr selber verbunden sind? – wie denn immer in den Wunden, welche die Pflicht schlägt, auch schon der Balsam liegt, der sie heilt. »Ich war – erzählt Goethe, den ich hier anführe, weil eben in diesem Falle der stärkere Impuls des Berufes fehlt, und die reine Macht des Wollens ohne Nöthigung nur um so auffallender erscheint, – ich war bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt, und wehrte blos durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir ab. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag! er durchdringt gleichsam den Körper, und versetzt ihn in einen activen Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Furcht ist ein Zustand träger Schwäche, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen.« – Wenn man über Thatsachen des Seelenlebens Goethe citirt, so hat das einen eignen Werth; bei ihm ist alles erlebt und factisch, was bei so vielen Andern nur schöne Selbsttäuschung ist. Was ist denn das Leben selbst, als die sich behauptende Kraft des Individuums, das Begegnende einem innern Gesetze zu unterwerfen, das Fremde sich anzueignen, und so in steter Bewegung beharrlich, zwar im Zustande nie aber im Wesen sich zu ändern? Sollte eine solche Kraft der leiblichen Natur nicht in der geistigen, deren eigentlichen Charakterzug sie ausmacht, ihren stärksten Träger, ihre festeste Stütze finden? Selbsttätigkeit ist Bedingung der Selbsterhaltung; Entwicklung des Geistigen im Menschen, Bedingung der Selbstthätigkeit; je größer die Macht des Gedankens in einem Menschen, desto größer seine Spontaneität, je größer diese, desto mehr lebt er, ist er. Gewiß tausend Influenzen lauern auf den bedürftigen Sterblichen, ja die ganze Welt ist eine Influenz, aber die stärkste von allen ist der Charakter des Menschen. Er ist eigentlich wir; denn wie alle Wesen der Natur nichts anderes sind als dargestellte Kräfte, so kann auch der Mensch nichts sein Eigen rühmen, als die Energie, mit welcher er sich offenbaret; und wäre es eine aufgedrungene! wenn er die eigene aus sich zu erregen nicht vermag, versetzte er sich durch einen Ruck in einen Zustand, in welchem er wollen muß . Es ist eine alte gegründete Wahrnehmung, daß selten Jemand auf der Reise oder im Bräutigamszustande stirbt. »Selten, ja kaum jemals in der Jugendzeit – sagt der denkende Bulwer – wird sich Krankheit unheilbar an uns klammern, wenn wir nicht selbst den Glauben an sie hegen und nähren; sieht man doch Menschen von der zartesten Körperbeschaffenheit in steter Berufstätigkeit nicht Zeit haben, krank zu sein. Laß sie müßig gehen, laß sie nachdenken, – sie sterben. Rost frißt den Stahl, der blank bleibt, wenn er benützt wird. Und wenn auch das eitel wäre, wenn Thätigkeit und Indolenz einerlei Uebel erzeugten, so räume ein, daß bei jener demselben leichter zu entrinnen ist, daß sie einen edleren Trost verleiht.« – Ich aber darf mich durch die übereinstimmende Denkweise eines trefflichen Schriftstellers nicht verleiten lassen, mehr zu leisten, als ich soll. Hier galt es die empirische Beglaubigung einer geistigen Wirksamkeit zur Abwehrung von Krankheitseinflüssen, – und ich glaube zu dieser Absicht eher zu viel, als zu wenig gesagt zu haben. II. Auf Schönheit, als Reflex der Gesundheit Weihe dich selbst ein, und verkündige: daß die Natur allein ehrwürdig und die Gesundheit allein liebenswürdig ist. Fr. v. Schlegel. In dem ersten dieser Fragmente zur Seelendiätetik war ich bemüht, dem Geiste des Menschen eine Kraft des Widerstandes gegen die Welt äußerer Einflüsse zuzusprechen. Es war meine Absicht weiter zu gehen; von einer Kraft des Widerstandes auf eine Kraft der Einwirkung. Geistreiche Mystiker haben von geheimnißvollen Wirkungen des gottergebenen Willens wie der Sünde auf die mütterliche Erde gesprochen; sie wagten den Schluß: da unser Leib das Werkzeug zur Bildung und Umgestaltung der Welt sei, so sei Beherrschung seiner, eine Beherrschung der Welt. Allein den Vorwurf allzugewagter Folgerungen befürchtend, brach ich ab. Der Zufall aber führt gerade ein geistvolles Buch in meine Hände, in welchem ich nichts weniger zu finden erwartete als Reflexionen über jene Grillen, die wir eben zu fangen beschäftigt sind. Hier nun lese ich mich ausgesprochen, ja mehr ausgesprochen, als ich gewagt hätte und – doch was hindert mich die supplirenden Worte ganz herzusetzen: »Ist es so ungereimt, anzunehmen, daß die Wirkung zwischen Geist und Körper, wie jede vollkommene, eine Wechselwirkung sei? daß auch die Seele ihrerseits, als höchst durchdringendes Fluidum (? – Agens) auf die Außenwelt Einfluß übe, und in ihren stärksten Aeußerungen, den Boden, diesen gemäß und analog, zu imprägniren vermöge? Ja, wenn man consequent denken, nicht bei Halbheiten stehen bleiben will, so kann man eigentlich nichts Anderes annehmen. Freilich dürfte man jetzt nur erst als Hypothese hinwerfen, daß der gute Mensch den Boden und die Luft gesund mache, der Böse und die böse That hingegen die Stelle verpeste, so daß den Tugendhaften daselbst ein Schauder, den Schwachen ein Gelüst zum Unerlaubten anwandle. Noch klingt dies barok und aberwitzig; nach hundert Jahren gehört es vielleicht zu den trivial gewordenen Sätzen. Man denke an den Volksglauben von den Orten, wo ein Mord verübt ward. Der Volksglaube ist aber für die Erkenntniß der natürlichen Dinge eine sehr ergiebige, wichtige Quelle, denn er ist das Unisono derjenigen Menschen, welche Augen und Ohren für sie haben, und nicht mit Reflexionen ihnen beikommen wollen. Es ist Schade, daß man nicht weiß, ob der vortreffliche Berliner Arzt Heim, der als Diagnostiker so berühmt war, und die Hautausschläge durch den Geruch aufs Feinste unterschied, nicht auch durch dasselbe Organ etwa moralische Individualitäten herausgewittert?« – Indem ich dieses merkwürdige Bruchstück dem Leser zurechtzulegen und zu beschränken oder zu erweitern überlasse, suche ich wieder gebahnte Wege. Das Wahrscheinliche wird zur Gewißheit, wenn man das Unglaubliche der Wahrscheinlichkeit genähert bat. Ich habe es vielleicht auch mit Leserinnen zu thun: ihnen ist der folgende Absatz gewidmet. »Sogar gesund werden – schrieb eine geistreiche Frau – können Personen wie wir nur, wenn sie den höchsten Ekel vor Kranksein fassen, wenn sie davon durchdrungen sind, daß Gesundheit schön und höchst liebenswürdig ist.« – Wir wollen uns denn davon durchdringen, indem wir bedenken; daß die Gestalt des Menschen der Ausdruck seines Wohlseins ist. Es ist einer der schönsten Abschnitte der physiognomischen Fragmente, in welchem Lavater darzuthun versucht, daß eine sichtbare Harmonie zwischen moralischer und körperlicher Schönheit, und zwischen moralischer und körperlicher Häßlichkeit bestehe; so gewiß als die ewige Weisheit jedem Wesen seine bestimmte Form zu erschaffen habe. Es kommt hier nun freilich darauf an, daß man unter Schönheit nicht das flüchtig Reizende, sondern den überall durchbrechenden Geist begreife, und daß die Verwüstungen, welche eingeimpfte Thorheiten und Leidenschaften unwiderruflich aufprägen, hinweggedacht werden. Ist es aber die Sache des Physiognomisten, zu erweisen, was man ihm schwerlich wird wegbeweisen dürfen, daß in der Organisation bereits die Entwicklungsformen bedingt und vorgebildet sind, und daß die Consequenz, mit welcher die Natur verfährt, mit jener, welche das Gesetz unseres Denkens ausmacht, Eine sei, – so schließen wir nur zu unseren Zwecken weiter, daß, wenn der Geist eine leiblich bildende Gewalt besitzt, diese sich eben so wol als Schönheit wie als Gesundheit offenbaren werde. Nach der Gewohnheit zu empfinden und zu wollen, welche den Charakter erzeugt, bilden sich die Bewegungsweisen der willkürlichen Muskeln, also auch die sogenannten Gesichtszüge, welche eigentlich den Ausschlag geben, ob ein Mensch schön sei oder nicht. Jeder oft wiederholte Zug im Antlitz, Lächeln, Zucken, Höhnen, Weinen, Zürnen, hinterläßt gleichsam eine Fährte in dessen weichen Theilen, ein Gedächtniß seiner selbst, eine Leichtigkeit zu reproduciren, welche endlich bleibend und gestaltend auf Muskeln und Zellgewebe wirkt. Die Kraftäußerungen der ersten aber werden wieder ihrerseits nicht lange Statt haben können, ohne in den unterliegenden festern Gebilden Spuren zu hinterlassen. In wiefern das knöcherne Cranium selbst, wo sich Muskeln anheften, in Folge der fortgesetzten Action derselben, plastische Veränderungen erleiden möchte? ist eine Frage, welche der Cranioscopie, die vielleicht bisher zu sehr nur die Wirkung von Innen berücksichtigt hat, von Bedeutung sein kann. Leidenschaftliche Menschen haben im Alter viel mehr Gesichtsrunzeln als ruhige; sie haben die Gesichtshaut weit öfter durch Geberden contrahirt und expandirt, – es bleiben nun für immer die Falten zurück. Was aber in den zarten Theilen, die zur Physiognomie des Gesichtes mitwirken, vorgeht, das geschieht auch in allen übrigen Organen und Systemen. Niemand wird, von beklemmender Sorge frei, durch einen längeren Zeitraum leicht und frisch aus voller Brust athmen, ohne daß sein Brustkorb sich wirklich, zum Besten der darin enthaltenen wichtigen Organe, erweitern wird; Niemand im Gegentheile, dessen Blutumlauf, gehemmt durch niederdrückende Gemüthsleiden, languescirt, wird den Folgen eines anhaltenden Zustandes solcher Art, gestörten Ab- und Aussonderungen, zurückbleibender Ernährungsthätigkeit u.s.w. entgehen. Je früher in den Perioden des Lebens, je gewaltsamer und eingreifender, je übereinstimmender mit dem ursprünglichen Naturelle des Individuums, je wiederholter solche Eindrücke auf dasselbe wirken, desto unausbleiblicher, desto augenscheinlicher wird dieses das organische Gepräge derselben, in Form und Verrichtung, mit sich durchs Leben tragen. Alle Partieen der menschlichen Organisation, welche einen lebendigen Kreis darstellt, greifen wechselwirksam in einander; was das bleiche, faltenvolle Antlitz zur Schau trägt, werden die leise Stimme, der schwankende Schritt, die unsichern Schriftzüge, die unschlüssige Stimmung, die Empfänglichkeit für den Wechsel der Witterung, die sich allmählich aber gründlich einschleichende Krankheit, auf andere Weise verrathen. Der Leib wird von Früchten, deren Samen der Geist gesäet hat, vergiftet werden, – oder auch bewahrt und geheilt. Schönheit selbst ist in gewissem Sinne nur die Erscheinung der Gesundheit; das Ebenmaß in den Functionen wird ein Ebenmaß in den Producten, in den Formen nach sich ziehen. Wenn also Tugend verschönert, Laster verhäßlicht – wer möchte läugnen, daß Tugend gesund erhalte, Laster krank mache? Die Natur übt ein heimliches Gericht; leise und langmüthig aber unentrinnbar; sie kennt auch jene Fehltritte, welche das Auge der Menschen fliehen und ihrem Gesetze nicht erreichbar sind; ihre Wirkungen, ewig, wie Alles, was als Strom dem Quell der Urkraft entfließt, verbreiten sich über Generationen, und der Enkel, der verzweifelnd über das Geheimniß seiner Leiden brütet, kann die Lösung in den Sünden der Väter finden. Das alte tragische Wort: »Wer that, muß leiden,« gilt nicht blos sittlich und rechtlich, es gilt auch physisch. Was jene vorhin erwähnten Mystiker von der Entstehung von Mißgeburten, von der Regeneration des Geschlechtes überhaupt gesagt haben, verdient die Zurechtlegung von Seiten eines menschenfreundlichen Naturforschers, und es wird immer mehr anerkannt werden, daß der schwächliche Zustand, ja die Krankheiten selbst unserer Mitgebornen mehr im Sittlichen, als Leiblichen ihre Wurzel haben, und weder durch das kalte Waschen, noch die entblößten Hälse, noch sonstige Rousseau-Salzmannische Abhärtungs-Experimente an Kindern, sondern durch eine höhere Cultur ganz anderer Art, deren Anfang in uns selbst gemacht werden muß, verhütet und, so Gott will, vertilgt werden können. Man hat uns Aerzten oft genug – vielleicht nicht immer mit Unrecht – einen ausschließlichen Sensualismus vorgeworfen, welchem der Mensch als ein vom Sauerstoffe der Luft durchs Blut in Bewegung gesetzter Knäuel von Knochen, Knorpeln, Muskeln, Eingeweiden und Häuten erscheint. Hier thut sich nun eine Sphäre auf, wo wir diesen Vorwurf widerlegen können. Der Arzt sieht und verkündet seinerseits das Heil von eben dorther, wohin der Moralist und der Priester deuten. »Wer begreift nicht, – schrieb der Liebling unserer Nation, den man den tugendhaften Künstler, genannt hat, in seiner Jugend, – daß jene Verfassung der Seele, die aus jeder Begebenheit Vergnügen zu schöpfen, jeden Schmerz in die Vollkommenheit des Universums aufzulösen weiß, auch den Verrichtungen der Maschine am zuträglichsten sein muß? Und diese Verfassung ist die Tugend.« – Da, wo die gütige Natur dem sittlichen Bestreben auf halbem Wege entgegen kam, dadurch, daß sie mittelst einer glücklichen Organisation die höheren Entwicklungen erleichterte (und ist es nicht lange anerkannt, daß es sittliche Genies so gut wie künstlerische gibt? z.B. Mark Aurel, Sokrates, Howard, Penn), wird die Erscheinung eines harmonischen Daseins freilich offenbarer und lieblicher sein, als da, wo nur das schmerzliche Ringen des Geistes dem rauhen Boden der Leiblichkeit spärliche Blüten der Freiheit abtrotzt; aber desto herrlicher werden solche verlorne Strahlen eines höheren Lichtes, wie Blitze aus Nächten hervorbrechen und die Hülle verklären, wie einst in der Physiognomie des Sokrates; und das Wort, das von Apollonius gesagt worden ist: »Es gibt eine Blüte auch bei Runzeln« – wird sich immer wieder erfüllen. Was ist denn eigentlich Schönheit, als der die Hülle verklärende Geist, und was ist Gesundheit, als Schönheit in den Functionen? Wo die Seele ein gestimmtes Instrument findet, da wird man über der Leichtigkeit, mit welcher sie die Tugend übt, ihre Herrlichkeit nicht wahrnehmen; es wird scheinen, als könne es eben nicht anders sein. Wo sie aber den Dissonanzen einen Akkord zu entringen hat, da wird man ihre Wirkungen Wunder nennen. Und wie oft in Einem großen feierlichen Momente die verschlossene Schönheit aus dem Antlitze eines Guten erblüht, so wird auch das schöne Gut der Gesundheit oft durch einen einzigen kühnen, tiefen Vorsatz errungen. »Denket nicht – ruft der begeisterte, prophetische Physiognomist – den Menschen zu verschönern, ohne ihn zu verbessern!« – Und denket nicht – setzen wir aus innigster Ueberzeugung hinzu – ihn gesund zu erhalten, ohne ihn zu verbessern! III. Phantasie Die Phantasie ist der Merkurius in der menschlichen Complexion; sie vermittelt alles, und macht, daß der Mensch so gut und so bös ist. Heinse. Die Psychologen der neuen Aera pflegen denen der ältern den Vorwurf zu machen: daß sie durch Aufstellung mehrerer, und zwar höherer und niederer, Seelenvermögen, einer Vernunft, eines Verstandes, eines obern und untern Begehrungsvermögens, einer Einbildungs- und Erinnerungskraft u. dgl. m. die lebendige Einheit des menschlichen Geistes zersplittern und tödten. Sobald die erwähnten, sogenannten Vermögen, als besondere, nach eigenen Gesetzen wirkende Wesen gedacht werden, haben die Tadler recht; denn der Geist des Menschen ist eine einzige, ganze, untheilbare Kraft; und alles, was man an ihm unterscheiden kann, sind nur die Formen seiner Thätigkeit, in welchen er sich äußert. Aber diese Formen lassen sich auch wirklich deutlich genug und zu großer, praktischer Förderniß von einander unterscheiden; und da das Unterscheiden von jeher der Welt weniger Schaden gebracht hat, als das Zusammenwerfen, so wollen wir unsererseits jener ältern Schule lieber danken, daß sie uns gelehrt hat, den Menschen zu analysiren, statt ihn als ein Wunder anzugaffen, – wollen, dem Winke gemäß, den sie uns gibt, indem wir die geistige Kraft des Menschen beschauen und bewundern, uns an die Verschiedenheit ihres Wirkens halten. Wir mögen uns in so viele Radien auseinander legen, als nur vom Mittelpunkte unseres innersten Wesens zum Umkreise der Unendlichkeit denkbar sind; drei Richtungen werden es doch am Ende sein, auf welche sich alle andern so ziemlich zurückführen lassen: die des denkenden Vermögens, die des empfindenden, in welchem Phantasie und Gefühl zusammenfließen, und die des wollenden; dies zusammen ist der innere Mensch, – sein ganzes Wesen, seine ganze Tendenz: das, was der immer philosophische Sprachgebrauch »sein ganzes Denken , Dichten und Trachten « nennt. Gedanken sind die Nahrung, Gefühle die Lebenslust, Willensakte die Kraftübungen des geistigen Lebens. Wie nun die Seele auf diese dreifache Weise gegen die hereinbrechenden Leiden der Leiblichkeit thätig ist, wollen wir gesondert in Betrachtung ziehen. Wenn schon eine Rangordnung im Reiche des Geistes stattfinden soll, so mag die Phantasie die niedrigste, der Wille die mittlere, die Vernunft die höchste Stufe einnehmen. Dies ist wenigstens die Ordnung, in welcher sich während unsers Lebens jene Thätigkeiten entwickeln. Der Knabe phantasirt, der Jüngling begehrt, es denkt der Mann, und wenn es wahr ist, daß die Natur bei ihrem Wirken vom Kleineren zum Größeren fortschreitet, so ist jener Stufengang bewiesen. Sie fängt mit ihren Entwicklungen bei der Phantasie an, und so wollen auch wir bei ihr anfangen. Ist doch die Phantasie die Brücke, von der Körperwelt in die der Geister! Ein wunderbares, wandelvolles, räthselhaftes Wesen, von welchem man nicht weiß, ob man es dem Leibe oder der Seele zueignen soll, ob es uns oder wir dasselbe beherrschen? So viel ist gewiß, daß es sich eben um dieser Stellung willen ganz besonders dazu eignet, die Wirkungen der Seele auf den Körper zu vermitteln, und daß es uns gerade als solches Mittelglied hier besonders wichtig sein muß. Und in der That, wenn wir auf die Vorgänge in unserem Innern genau Acht geben, so werden wir wahrnehmen, daß weder der Gedanke, noch das Begehren unmittelbar in uns körperlich werden – sondern daß sie immer erst durch die Berührung der Phantasie zur Erscheinung gelangen: eine Bemerkung, die für den Psychologen und Arzt bedeutend genug ist. Die Phantasie ist die Vermittlerin, die Ernährerin, die Bewegerin aller vereinzelten Glieder des geistigen Organismus. Ohne sie stagniren alle Vorstellungen, und wenn deren Fülle noch so groß wäre; die Begriffe bleiben starr und todt, die Empfindungen roh und sinnlich. Daher der belebende Zauber der Träume, dieser lieblichen Kinder der Phantasie – die bethätigende Macht des Genies, der Dichtung und alles Hohen, das nie ohne Poesie ist. Ueberhaupt ist die Phantasie – nach dem Worte eines weitausgreifenden Denkers – noch die unerforschteste und vielleicht die unerforschlichste der menschlichen Seelenkräfte; denn da sie mit dem ganzen Bau des Körpers, insonderheit mit dem Gehirn und den Nerven zusammenhängt, wie so viele wunderbare Krankheiten zeigen, so scheint sie nicht nur das Band und die Grundlage aller feineren Seelenkräfte, sondern auch der Knoten des Zusammenhanges zwischen Geist und Körper zu sein; gleichsam die sprossende Blüte der ganzen sinnlichen Organisation zum weiteren Gebrauch der denkenden Kräfte.« – Und Kant, der Philosoph griechisch: χαι εξοχην, der weit weniger, als sein eben angeführter großer Gegner, der Mann war, jener »ewig beweglichen, immer neuen Göttin« eine Hymne zu singen, macht doch auch die Bemerkung, daß ihre bewegende Kraft weit inniger sei, als jede mechanische. Ein Mensch – pflegte er zu sagen – den gesellige Freude recht vom Grund aus durchdrungen, wird mit weit mehr Appetit essen, als Einer, der zwei Stunden auf einem Pferde gesessen hat, und erheiternde Lectüre ist gesünder, als Körperbewegung. In diesem Sinne betrachtete er das Träumen als eine Motion im Schlafe, von der Natur veranstaltet, um das Getriebe der Organisation lebendig zu erhalten. Ja, in dem tiefsinnigsten seiner Werke erklärt er auch das Vergnügen der feinen Gesellschaft für den Effect der geförderten peristaltischen d.h. wurmförmige Bewegung der Därme, wodurch der Inhalt derselben fortbewegt und die Verdauung befördert wird. A.d.H. Darmbewegung, und die dadurch erhöhte Gesundheit für den wahren und besten Zweck so vieler zarten Empfindungen und geistreichen Gebauten. Mag es doch dem Philosophen erlaubt sein, indem er uns guten Rath ertheilt, sich nebenbei ein bischen Luft zu machen! – Ein anderer Denker nannte die Phantasie passend »das Klima des Gemüthes.« In ihm haben auch einzig und allein die eigentlichen Krankheiten der Seele ihre Wurzel und ihren (sogenannten) Sitz. Denn wäre ihr Herd der Geist, so waren sie Irrthümer oder Laster, und nicht Krankheit; wäre es der Leib, so wären sie nicht Krankheit der Seele ; nur wo Beides sich wundersam berührt, in der räthselhaften Dämmerung, wo der Schatten des Seelenlichtes durch den Körper bedingt wird, da taucht diese Schreckgestalt der Menschheit auf, die uns äffend höhnt, von der wir uns mit tiefem, innerstem Schauder abwenden, und welche weit und für immer von uns zu bannen, die eigentliche und letzte Aufgabe der Diätetik der Seele ist. Phantasie bleibt immer ein Vermögen für das Nichtwirkliche, und mit einem solchen Vermögen ist der Kenn des Glückes und Elendes in uns gelegt. Wuchert sie maßlos fort, so macht sie uns wachend träumen, – und wir stehen auf der ersten Stufe des Irrsinnes. Und selbst »Des Dichters Aug', in schönem Wahnwitz rollend –« blickt es nicht manchmal die furchtbaren Dämonen, wie durch unheimlichen Zauber, herbei, die es nur verscheucht, wenn es fest dem ewigen Sterne der Schönheit zugewendet bleibt? Aber auch im gewöhnlichen Zustande des Daseins, – übt nicht die Phantasie eine langsam unaufhörlich bildende Gewalt über uns? Haben wir nicht in der Phantasie der Aeltern (wenn nicht den einzigen, doch) einen sehr einflußreichen Grundkeim zur Lebensform des künftigen Menschen zu suchen? und wenn nun insofern der ganze Mensch ein Sohn der Phantasie zu nennen wäre, – ist da nicht die Phantasie etwas sehr Ursprüngliches in uns? Man kann sagen, sie ist in uns, ehe wir noch wir selbst sind, und wenn wir es kaum mehr sind; – in allen jenen merkwürdigen Zuständen, in welchen die freie Besonnenheit unter die Gewalt einer dunkeln Willkür geräth, in der Kindheit, im Schlummer, im Wahnsinn, in jener poetischen Periode, die ein Gemisch von allen dreien ist, walten ihre Zauber am mächtigsten. Was die umgebende Außenwelt mit all ihren wichtigen Einflüssen für den auswendigen, das ist die Phantasie, diese innere, den Kern des Lebens umgebende Welt von Bildern, für den inwendigen Menschen. Wie sollte nicht ihr Weben und Walten für Gesundheit und Krankheit entscheidend sein? »Ich habe oft Stunden lang – erzählt Lichtenberg von sich – allerlei Phantasien nachgehängt. Ohne diese Phantasien-Cur, die ich meist um die gewöhnliche Brunnenzeit gebrauchte, wäre ich nicht so alt geworden.« Wenn ich vorhin sagte, in ihr stieße Empfinden und Einbilden zusammen, so war das nicht gesagt, um eine genauere Distinction zu ersparen, sondern weil in der That Gefühl und Phantasie nur der leidende oder thätige Zustand eines und desselben Vermögens sind; denn wir empfinden auch, indem wir phantasiren; wir empfinden dann, was wir uns einbilden, so wie sich die Phantasie, welche in diesem Falle thätig war, leidend mit den Eindrücken beschäftigt, welche ihr die Außenwelt aufdrängt – als Empfindung. Wer geübt ist, über sich selbst nachzudenken, wird bald merken, daß hier mehr als ein bloßes Wortspiel zu Grunde liegt. Wir werden leiden, wenn wir die empfindende Fläche unseres Wesens der Welt entgegen halten; – wir werden uns von Leiden befreien, wenn wir eine thätige Phantasie ihr entgegen stellen. So kommt auch hier, wie in allen Dingen, Leid und Freude den Menschen aus Einer Quelle. Und wenn Jedem von uns die furchtbare, wie die herrliche heilsame Gewalt der Phantasie in kranken Zuständen aus Erzählungen und Beispielen hinlänglich bekannt ist, – muß nicht, was Krankheiten heilen kann, auch im Stande sein, sie abzuwehren, – was sie tödtlich machen kann, sie herbeizuführen? Wie tief und gefahrvoll leiden jene Unglücklichen, die sich der fixen Einbildung irgend eines ihnen drohenden oder schon gegenwärtig gewähnten Uebels überlassen? Früher oder später führen sie es wirklich herbei. Eine anhaltend auf Ein Organ geleitete Innervationsströmung, die nicht ermangeln kann, auch die Vegetation desselben in ihren Bann zu ziehen, ist die physiologische Ursache eines solchen Phänomens. Man kennt jenen Schüler Boerhave's, der den entsetzlichsten Cursus der Medizin durchmachte, indem alle krankhaften Zustände, welche der beredte Lehrer mit lebensvollen Farben malte, nach und nach an ihm wirklich zum Vorschein kamen; nachdem er so im Wintercurse die Fieber und Entzündungen und im Sommer die Neurosen durchgemacht, hielt er es für gerathen, ein Studium aufzugeben, welches ihn an den Rand des Grabes docirt hätte. Ein Kellner las im September 1824 in einer Zeitung die Schilderung des durch den Biß eines wüthenden Hundes erfolgten Todes eines gewissen James Drew, wurde nach der Lectüre von der Wasserscheu befallen, und im Guy-Hospital noch dem Tode entrissen. (Britannia, April 1825.) Unglückliche, die sich im Innern vom Vorwurfe einer ausschweifend verlebten Jugend gequält fühlen, und die körperlichen Folgen davon fürchten, drücken das Bild der ihnen drohenden Uebel so tief und wiederholt in ihre Seele, bis jener Zustand entsteht, welchen Weikard als Tades imaginaria d.h. eingebildete Schwindsucht. A.d.H. charakterisirt, und welcher ein trauriges Gemisch von Besorgnissen und durch Besorgnisse wirklich erzeugten Leiden ist. Jeder ausübende Arzt hat, zumal in unseren überbildungssiechen Tagen, oft genug Gelegenheit, analoge Erscheinungen an sich und Andern zu bemerken. Während des Studiums der Augenheilkunde schweben manchem Jünger unserer Kunst Mouches volantes d.h. fliegende Mücken, eine der Sehkraft schädliche Augentäuschung. A.d.H. vor den Augen und schwächen diese wirklich, während das Schreckbild des schwarzen Staars der Phantasie droht. Wie häufig während der furchtbaren Epidemie, welche in den letzten Jahren zur europäischen Angelegenheit geworden ist, Die Cholera, id. hörte man, nachdem das gesellige Gespräch sich eine Zeit lang um jene Achse gedreht hatte, Diesen und Jenen über beängstigende Empfindungen im Unterleibe klagen, bis er wirklich Symptome des gefürchteten Uebels äußerte! – Ich greife absichtlich nach Beispielen in die nächste Nähe; aus Büchern könnten sie ins Erstaunliche vermehrt werden. Und diese Phantasie, welche im Stande ist, den Sterblichen in solch einen tiefen Jammer zu stürzen, sollte nicht Kraft genug haben, ihn zu beglücken? Wenn ich erkrankte, weil ich mir einbilde, zu erkranken – sollte ich mich nicht gesund erhalten können, dadurch, daß ich mir fest einbilde, es zu sein? Wenden wir uns zu der erfreulichen Betrachtung jener Fälle, welche diese Frage bejahen. Ich wiederhole hier nicht, was von Wundern des Zutrauens, der Hoffnungsbilder, der Träume, der Sympathien, der Musik in Krankheiten erlebt worden ist; es stehe nur als ein Wink hier, daß das, was auf schon zerrüttete Organe heilend wirkt, noch wirksamer gesunde bewahren werde. Alle jene Mittel zur Heilung gehören ins Gebiet der Phantasie, und eine fortrückende Zeit wird unsere Enkel belehren, daß noch gar manche Heilmethode in dieses Gebiet gehöre, deren Grund wir heute noch ganz wo anders suchen. Dadurch wird ähnlichen Mitteln gar nichts genommen; wenn mich die Einbildung gesund gemacht hat, ist nun meine Gesundheit nur Einbildung? Ein Kranker, der von seinem Arzte durchaus gewisse Pillen verlangte, die dieser, weil er sie unzweckmäßig fand, verweigerte – ertrotzte endlich, daß ihm der wohlmeinende Arzt, unter dem Vorwande, ihm zu willfahren, Brodpillen gab, die er übergüldete. Wie mag der gute Doctor erstaunt sein, als ihm der Kranke des andern Tages dankbar die Wirkung der Pillen rühmte, die nicht nur was er wünschte, sondern noch zum Ueberflusse Erbrechen erregt hatten! War diese Wirkung weniger vorhanden, weil sie aus Einbildung entstanden? Ein englischer Arzt wollte bei einem seit Langem an Zungenlähmung leidenden Manne, dem bisher nichts half, ein von ihm erfundenes Instrument versuchen, von welchem er sich viel versprach. Um sich zuerst von der Temperatur der kranken Zunge zu unterrichten, bringt er ein kleines Taschen-Thermometer unter dieselbe. Der Kranke, im festen Glauben, dies sei das neuerfundene Heilinstrument, versichert entzückt nach wenigen Minuten, daß er seine Zunge bewegen könne (Sobernheim, Gesundheitslehre 1835). – Konnte er sie etwa weniger bewegen, weil ihn eine Einbildung geheilt hatte? – Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, wie viel von den Erscheinungen des animalischen Magnetismus hierher gehört. Die Beobachtung der körperlichen Wirkungen einer absichtlich gestimmten Phantasie ist wenigstens eine der ältesten, welche Menschen gemacht haben. »Was würden Sie sagen – schreibt Foutanier, ein in Asien reisender Gelehrter, aus Teheran vom August des Jahres 1824, an Jaubert in Paris, – wenn ich Ihnen melden müßte, daß die Theorie (Erfahrung?) dessen, was wir den thierischen Magnetismus nennen, den Einwohnern des Orients viel früher bekannt gewesen, als man in Europa daran dachte? Daß es Leute in Asien gibt, welche die Praxis jener Theorie zu ihrem eigentlichen Gewerbe machen, und von den Molla's verfolgt werden?« – Nun sind die Söhne des Ostens weit mehr in der Welt der Phantasie daheim und erzogen, als wir, und die Mysterien des Wunderreiches mußten, als ihre ersten Erfahrungen, ihnen bekannter werden, als uns. Alle die Einwirkungen, welche wir täglich kräftigere und reichere Naturen auf unbestimmtere und zartere ausüben sehen, scheinen in diesen Bezirk zu gehören, und durch Operationen der Phantasie bewerkstelligt zu werden. Auch die Vernunft eines höheren Menschen wirkt erst in die unsere, wenn die Phantasie ihr den Weg gebahnt hat. Bedeutende Menschen wirken nicht dadurch, daß man sie sogleich versteht ( exempla odiosa !), sondern durch den Nimbus, der sie umglänzt, und die Phantasie der übrigen in ihre Atmosphäre zieht. Es sind diese Phänomene Sinnbilder für so Vieles, für das Größte und Wichtigste, was in der Menschenwelt geschieht. Eine geistige Atmosphäre, wie eine äußere, umgibt die Welt und jeden ihrer Theile, umgibt das Jahrhundert und den Tag. In sie verbreiteten sich alle lebendigen Wirkungen des Einzelnen zu einem Ganzen; aus ihr wirken sie, ihm unbewußt, auf den Einzelnen zurück. Gedanken, Empfindungen, Vorstellungsweisen schweben ungesehen in der Atmosphäre; wir athmen sie ein, assimiliren sie und theilen sie mit, ohne uns dieser Vorgänge deutlich bewußt zu sein. Man könnte sie die äußere Seele der Welt nennen; der Geist der Zeit ist ihr Reflex in der Geschichte, und das merkwürdige Phänomen der Mode eine Fata Morgana dieses Luftkreises. Er umgibt auch die kleineren Kreise der Gesellschaft, und wie eine zarte Contagion lösen sich Gedanken in ihm auf, und influenziren auf diejenigen, die wir unsere eigensten wähnen. Ist er gleich das naturnothwendige Ergebnis der organischen Wirkungen eines Ganzen, so bemerkt der genaue Beobachter doch bald, wie vorzugsweise die Lebensenergie eines Einzelnen ihn bestimmt, ihn zum Träger seiner Daseinsweise, und diese dadurch zu der seiner Umgebung macht. Der Muth des Helden theilt sich wie ein belebender Aether den halbgelähmten Schaaren der Gefährten mit; das Zittern der Furcht steckt unwillkürlich an; ein gemüthliches Lachen, so recht vom Herzen aus, der Geist einer unverwüstlich frohen Laune reißt in sanften, aber unwiderstehlichen Schwingungen eine ganze Gesellschaft mit sich fort, und selbst der Grämliche kann, halb verschämt und halb verdrießlich, das Lächeln seiner Lippen nicht zurückzwingen; und wieder – das Gähnen der langen Weile aus einem einzigen Munde, erzeugt es nicht eine Epidemie des Gähnens in einer ganzen Gesellschaft? wirkt es nicht wie die schwüle Gegenwart eines Verräthers unter Freunden? und man fragt noch (wie ich so oft gefragt wurde), wie es möglich sei, daß eine Anzahl gesunder, unbefangener und ehrlicher Menschen die Gespenster wirklich gehört und gesehen zu haben versichert, welche der Exorcist beschwor? Im guten und schlimmen Sinne sei es gesagt: Es ist eine allmächtige Kraft, die Kraft des Glaubens, und noch geschehen Wunder, – da, wo sie lebt und wirkt, die Gewalt, welche Berge versetzt. Halte deinen Bruder für gut, und er ist es; vertraue dem Halbguten, und er wird gut! muthe deinem Zöglinge Fähigkeiten zu, und er wird sie entwickeln, – halte ihn für unbildbar – und er wird es bleiben. Erkläre dich für gesund – und du magst es werden! Die ganze Natur ist ja nur Echo des Geistes, und es ist das höchste Gesetz, welches sich in ihr ausfinden läßt: daß aus dem Ideellen das Reale werde – daß die Idee allmählich die Welt nach sich gestalte. Ueber dieses Kapitel wären Bücher zu schreiben; ich aber kehre von meiner Abschweifung zurück, und will nur andeuten, daß dort, wo die eigene Phantasie zu lahm geboren ist, um in meine seelendiätetischen Pläne einzugehen, sie sich an eine mächtigere schließen und aus ihr den Odem und die Milch geistiger Gesundheit schlürfen mag. »Seelenhektisch ist jeder – sagte der noch nie ganz gewürdigte Hippel – dessen Einbildungskraft auf schwachen Füßen geht. Die Phantasie ist die Lunge der Seele.« – In der That, wenn es erlaubt ist, Gleichnißreden fortzuspinnen, erscheint die Phantasie als die vegetative Sphäre des innern Menschen, dessen irritable das fühlende, dessen höchste, das geistige Nervensystem bedeutende, das denkende Vermögen darstellt. Die Phantasie ist weiblicher Natur; das weibliche Leben ist im Ganzen ausdauernder, als das männliche, und jene hohe physische Kraft, welche – nach der Erfahrung des Menschenforschers – der Zartheit und Reinheit verliehen ist, möchte ihr Ergebniß sein. Und sehen wir nicht, wie sich so häufig zarte, wie aus Mondschein und Aether gewebte Lianen-Naturen, zum Staunen ihrer selbst und der Ihren, erhalten und schützen, blos von der duftigen Kost leichter, feenhafter Träume genährt? Ist nicht die Hoffnung, nächst dem Schlafe, dem Bringer der ächten Träume, – selbst in den Augen Kants – des nüchternsten der Vernunft-Evangelisten – die Beschützerin und der Genius des menschlichen Lebens? und was ist die Hoffnung meist anders, als eine Tochter der Phantasie? eine Schwester des holden Traumes? Gewiß, Hufeland hat Recht, wenn er eine lieblich gerichtete Einbildungskraft unter den wichtigsten Verlängerungsmitteln des Lebens mit aufzählt. Kallobiotik ist nur ein Theil der Macrobiotik, und die Schönheit des Daseins liegt in den Händen der Phantasie. Wenn eine in neuesten Tagen berühmt gewordene Frau von sich rühmt: »bei altersmäßiger Reife alle Springfedern wahrer Kindheit und Jugend im Gemüthe bewahrt zu haben,« – wem hatte sie das zu danken, als jener mit den Schwingen ewiger Jugend beflügelten Phantasie, welche ihre Leser an ihr so gerne bewundern? Lange würde die traurige Katastrophe über Naturelle, wie das eines Novalis, eines Heine, v. Kleist, nicht hereingebrochen sein, wenn nicht dieselbe Phantasie, welche thätig war, sie abzuwehren, durch die verderbliche Richtung, die sie annahm, vielmehr selbst die Lähmung aller frohen Kräfte herbeigeführt hätte. Und hier bin ich nun, wo ich anlangen wollte. Eben weil die Einbildungskraft nur die schwärmende Seite des Empfindungsvermögens, weil sie weiblicher Natur ist, so soll sie auch nie, wenn sie gedeihlich werden will, ihres passiven Standpunktes vergessen. Sie ist ein sanftes vestalisches Feuer, welches, wenn es jungfräulich gehütet wird, leuchtet und belebt, – wenn man es aber entfesselt, verzehrend um sich greift. Hier tritt noch ein anderes beseligendes Wesen in unsere Nähe, das jene Flamme nährt und mit freundlichem Lächeln auch zu dämpfen versteht. Witz, – herrliches Element im Ganzen menschlicher Bildung! mit deinen fröhlichen Genossen, dem Humor und der Jovialität, übst du die heilsame Macht des Lächerlichen, und rettest uns so oft von Dünkel, Beschränktheit, Pedantismus, eitler Größe und trübsinnigem Bangen! Vor deinem leichten, gewaltigen Scepter fliehen beschämt die grämliche Sorge, die aufgeblasene Hoheit, der peinigende Wahn; die heitere Stimmung, ein linder Balsam, den du im kranken Gemüthe zurücklässest, bleibt ein unschätzbares Trostmittel auch dort , wo Trostgründe nicht mehr ausreichen. Wer wollte nicht versuchen, diesen Balsam bereiten, wenigstens anwenden zu lernen? Unter den Bestrebungen, die das geistige Leben des Menschen auf unserem Planeten bilden, ist es die Kunst , welche der Sphäre zugehört, in der wir uns eben bewegen. Wie im Traume ein freundliches Vegetiren den ermüdenden Kampf des Geistes mit der Körperwelt ablöst und, indem es Leib und Seele näher verschwistert, das Dasein durch Ersatz wiedergebiert, so erschafft uns die Kunst im Wachen Träume, welche das Leben unterhalten, das dem Zwiespalt der Wirklichkeit erliegen will. Halb an den Leib, halb an die Seele spricht die Musik, die bildende und die redende Kunst. Von der Musik namentlich meinte ein scharfer Beobachter, der es sich zur Aufgabe gemacht, zu jeder Blüte den Stamm und die Wurzel zu suchen, – es laufe bei ihr zuletzt doch Alles auf Gesundheit hinaus; denn wenn ein lebendiges Wesen sich selbst mit all seinen Kräften und Trieben recht innig fühle, so befinde es sich wohl. Durch Gesang und Musik aber entstehe eine harmonische Belebung aller Organe; die zitternde Bewegung theile sich dem ganzen Nervensysteme mit; der ganze Mensch sänge und töne gleichsam mit, seinem angebornen Triebe gemäß sein Dasein auszuposaunen. Und in der That, – ist unser Gefühl selbst etwas anderes, als eine beständige Musik des Lebens, – eine Schwingung in uns, welche die Tonkunst nur gleichsam in Luft verkörpert, außer uns darstellt? und beruht nicht jede andere Kunst, wie die Musik, auf dem Gefühle harmonischer Verhältnisse? So werden sie alle zum Palladium der Gesundheit und des frohen Zustandes werden, wenn sie, den obigen Erörterungen gemäß, von dem männlichen Geiste beherrscht und geleitet, zum Frieden und zur Versöhnung hinwirken. Dann wird ihr holder Aether uns durchs ganze Leben erquicken, und noch im Tode werden uns, wie es von Jakob Böhme erzählt wird, Harmonien umringen und mit nie gehörter Herrlichkeit in die größere und ewige Harmonie der Sphären hinübergeleiten. Aber hier läge die Versuchung nahe, eine ästhetische Vorlesung zu halten und zu fragen, ob der jetzige Zustand der Kunst diesem schönen, freundlichen Zwecke entspreche? ob die Werke unserer Maler, wie der Anblick des vatikanischen Apoll, uns mit innerer Gesundheit erfüllen? ob die der Dichter uns zu erheitern, zu bilden, zu beleben, gesund zu erhalten, geschrieben und geeignet sind? Diese Fragen gehören weit mehr, als man etwa glauben möchte, in das Gebiet einer Diätetik der Seele. IV. Wille, Charakter, Unentschlossenheit, Unaufgelegtheit, Zerstreutheit Ein sittlich erhabener Charakter scheint in der That die Disposition zu typhösen, epidemischen Krankheiten zu vermindern. Sammlung medic. Beob. Wenn ich vom Willen spreche, so verstehe ich darunter keineswegs das Begehrungsvermögen, weder ein niederes, noch ein höheres, – sondern jene innige, aus allen übrigen Kräften unserer Seele, wie die Blüte aus Blättern, sich entfaltende, in allen Richtungen unseres Wirkens thätige Energie des Daseins, die man leichter in sich zu fühlen und anzuerkennen, als zu definiren fähig ist, und die man am füglichsten das rein praktische Vermögen im Menschen nennen möchte. Jeder, auch der geistig Schwächste, hat die Erfahrung an sich gemacht, daß er diese Kraft, zu wollen , besitzt, die sich im Starken zum Charakter ausbildet. Diese Kraft, welche im tiefsten Grunde der individuelle Mensch selbst ist, welche Phantasie und Verstand erst in Bewegung setzt, welche die Wunder des geistigen Lebens zur Offenbarung bringt, – sie ist es, auf welche der Sittenlehrer, der Gesetzgeber, der Pädagog, der Arzt, und, den wir eben hier im Auge haben, der Diätetiker, zumal der Diätetiker seiner selbst, zu wirken suchen muß, wenn die Herrschaft des Geistes, von der wir so viel verheißen, zur Erscheinung kommen soll. Hier ist gleichsam die verklärte Seele Stahls, indem jene Kraft, von welcher dieser tiefe Denker so viele Wunder verkündet, während sie noch in die Nacht des Instinktes verhüllt ist, – als Wille an den Tag des Bewußtseins gelangt, und sollte sie da weniger vermögen? Der Verstand wird bei Irren vergebens aufzuklären versucht, die fixe Idee des Unglücklichen ihm vergebens in ihrer Nichtigkeit dargestellt; aber es gelingt, ihn zu heilen, wenn seine Thätigkeit angeregt, wenn die Kraft zu wollen, zu wirken in ihm aufgerufen wird. Und wie viel größere Wirkungen müßten geistig Schwache und Kränkliche an Seele und Leib erfahren, wenn sie einen solchen Balsam in ihrem Gemüthe zu bereiten verständen, – bereiten lernen wollten? Denn auch der Wille kann gebildet und in gewissem Sinne gelernt werden; und es that nie mehr Noth, das auszusprechen und zu wiederholen, als eben in unseren Tagen, wo Einbildungskraft und Verstand sich der üppigsten Cultur erfreuen, während die eigentliche Kraft zum Handeln und Leben meist traurig darniederliegt. Wenn Charakter (wie Hardenberg sagte) ein vollkommen gebildeter Wille ist, so kann kein Zweifel bleiben, worauf es bei der Charakterbildung eigentlich ankomme. Der Verstand, von den ersten Gründen bestimmt, wird durch die folgenden vielleicht umgestimmt; das Gefühl, durch den ersten Eindruck bewegt, unterliegt eben so leicht einem zweiten, ihm widersprechenden. Also Wille ohne oder gegen Verstand und Gefühl? Gewiß nicht; die Aufgabe bleibt eben, ihn biegsam ohne Schwäche, kräftig ohne Starrheit zu machen. Der innere Mensch ist doch zuletzt nur Einer, Eine Kraft. Diese Kraft dem Rechten zuzuwenden und zu stärken, – das ist es, was Noch thut. »Ueberlegung – möchte man mit Carlos einem Geschlechte, das ein Clavigo ist, zurufen – Ueberlegung ist eine Krankheit der Seele und hat stets nur kranke Thaten gethan. Du bist von allem Leid befreit, wenn Du willst ; der allerelendste Zustand ist: Nichts wollen können. Fühle dich, und du bist Alles, was du warst, was du sein kannst!« Leib und Seele schmachten in hundert Banden, die unzerreißbar sind; aber auch in hundert andern, die ein einziger Entschluß zerreißt; Banden, die wir uns größtentheils selbst auferlegen, und mit den in der Gesellschaft hergebrachten Benennungen: Unentschlossenheit, Zerstreutheit, Unaufgelegtheit, Verdrießlichkeit, – entschuldigen. Es ist in der Diätetik der Seele gerade der Ort, diese Dämonen der Gesundheit beim rechten Namen zu nennen. Unentschlossenheit , ein unseliger Krampf der Seele, der nur zu leicht – mit Lähmung endet! Nicht der Tod ist grausam gegen den Menschen; nur der Mensch ist es gegen sich selber, der ihn blinzelnd ansieht, und, das unsichere Bild im halbgeschlossenen Auge, bald ihm entgegen, bald von ihm ab, die zögernden Schritte wendet. Es gibt kaum ein sprechenderes Beispiel von der verzehrenden Macht der Ungewißheit, und von der siegenden des Entschiedenseins, als jenen Kranken, von dem M. Herz erzählt. Er lag im letzten Stadium eines Zehrfiebers. Die Hoffnung, die ihm der Arzt machen zu müssen glaubte, mit seinem eigenen Gefühle eines trostlosen Zustandes beständig kämpfend, nährte und verdoppelte das Fieber. Da entschloß sich Herz zu einem letzten, gewagten Schritte. Er kündigte dem Unglücklichen an, daß er verloren sei. Es erfolgte eine natürliche, ungestüme Aufregung – sodann dumpfe traurige Stille. Des Abends war der Puls regelmäßig, die Nacht ruhiger, als eine der vorigen. Das Fieber besserte sich von Tag zu Tage; nach drei Wochen war der Kranke hergestellt. Freilich muß Herz seinen Mann gekannt haben, um das Experiment mit ihm zu wagen. Dieser Mann war K. P. Moritz, der bekannte Verfasser der auch in der U.-B. erschienenen Mythologie. S. Varnhagen von Ense: Deutsche Erzählungen. Stuttgart 1879. S. 181. A.d.H. Der Grund aber, auf den er es wagte, ruht tief und fest in der menschlichen Natur. Ein nur zu häufiger Grund der Unentschlossenheit liegt in dem unseligen Gedanken: »es ist zu spät: es lohnt nicht mehr der Mühe!« Gerade diese Ueberlegung sollte entschlossen machen. Ist es wirklich zu spät, so wird der Entschluß leicht, weil nothwendig; ist es nicht zu spät, so entschließe dich schleunig, weil das Gelingen jede Mühe lohnt! Es ist ein schöner Sinn in den alten Sagen, daß der Ritter, der den Schatz gewinnen wollte, sich nicht umsehen durfte. Zerstreutheit , welche man eine Unentschlossenheit des Aufmerkens nennen kann, ist im Seelenleben derselbe Zustand, wie das Zittern der Muskeln im körperlichen: eine Oscillation, d.h. ein Schwanken, Schwingen. welche ausdrückt, daß die Kraft der Seele nicht hinreicht in Einer Richtung mit Stätigkeit zu wirken, so, daß ein Ausruhen, ein Nachlassen, ein Wechsel jeden Augenblick sich nöthig macht. Lehrt nun die Erfahrung, schon bei körperlichen Zuständen, daß durch einen kräftigen Impuls jene Schwäche für eine Zeit lang, und nach und nach auch für die Dauer gehoben werden kann, so dürfen wir dem Antriebe des Willens, des tiefsten und individuellsten Impulses, gewiß das Unerwartetste zutrauen. Ich habe an meinem Auge selbst die Beobachtung gemacht, daß jene flüchtigen Erscheinungen, welche unter dem Namen der Mouches volantes bekannt sind, so wie ein Zittern der Buchstaben auf dem Papiere, verschwinden, sobald ich den Blick mit Festigkeit auf die schwankenden Gegenstände hefte. So gibt ein fester Entschluß auch dem Inneren Richtung, Halt und Kraft. Ich habe daher stets die vielgerühmte Zerstreuung für ein sehr zweideutiges Heil- und Vorbauungsmittel gegen Krankheiten des Gemüthes wie des Körpers gehalten, und geglaubt, daß im Gegentheile Sammlung (der auf Selbsttätigkeit fixirte Wille) dasjenige sei, wovon in solchen Lagen Rettung oder Schutz zu erwarten wäre: denn das Leben wirkt von innen nach außen; der Tod, wie die Krankheit, wirkt von außen nach innen. Wendet Jemand ein, ihm gebreche durchaus die Kraft, sich eine Richtung zu geben, – gut, so stürze er sich in eine Situation, wo er muß ; das kann Jeder. Es handelt sich um den Anfang, das Weitere gibt sich von selbst. Gesetzt, ich habe keine bestimmte Beschäftigung, auch keine Lust, eine zu ergreifen; so kann ich mich doch zu meinem Heile entschließen, mich dem Staate oder irgend Jemanden dergestalt darzubieten, daß ich nach eingegangenen Bedingungen gezwungen bin, zu arbeiten. Und so bezwinge ich das Schwanken der Entschlüsse, indem ich das erste Beste ergreife, und das Wählen abkürze; so vernichte ich das melancholische Gewühl peinigender Gedanken, indem ich mich, auch gegen meine Neigung, in das eines bewegten, geselligen Lebens tauche, wo mir dann die Pflicht der Geselligkeit, indem sie mich von der Grillenjagd abruft und in den Kreis der Versammlung bannt, eine frohe Stimmung erst oberflächlich anhaucht, endlich wirklich in mir erzeugt. »Zur Heilung von Gemüthsleiden – schrieb ein tiefer Kenner – vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel, Resignation und Thätigkeit Alles.« Es gründet sich eine solche vorbauende oder wirklich heilende Behandlung auf das Gesetz: ein stärkerer Reiz verdrängt einen geringeren. Wenn ich der Seele und durch sie dem Körper, den, ich möchte sagen, diffusibelsten und potenzirtesten aller Reize, den des Willens einflöße, so werden alle die anderen, stumpferen, wenig Schaden thun. Ein immerwährendes sich Abwenden von allem Schädlichen, Verletzenden, Aufreibenden in der Körper-, wie in der Gedankenwelt ist nicht möglich; aber ein Hinwenden nach einer bestimmten Richtung schließt schon das Abwenden von allem Uebrigen in sich, besonders wenn es eine thätige, keine beschauliche Richtung ist. Aber selbst die beschauliche wirkt solche Wunder, wenn die Seele sich ganz in ihre Tiefe versenkt; wenn Zeit und Raum für sie aufhören zu sein, und Unendlichkeiten in Augenblicken durchlebt werden; wenn Semler den Brand seines Hauses nicht wahrnimmt, oder Archimedes zum Krieger, der das Schwert über seinem Haupt schwingt, sagt: »Störe mir diese Zirkel nicht!« Unaufgelegtheit heißt der abscheuliche Dämon, der unter dem ästhetischen Titel »Stimmung« sich Platz und Stimme in der Gesellschaft zu erschleichen gewußt hat. Man hat allerdings Stimmungen, aber wehe dem, den die Stimmungen haben! Wenn eine geistreiche Schriftstellerin dem Dichter anbefiehlt, daß er seine Stimmungen brauche, wie der Bildhauer seinen Marmor, – warum soll, was vom Dichter gilt, nicht vom Menschen überhaupt gelten? ist ächte Diät nicht auch ein Kunstwerk des Lebens? wir sollten wenigstens den Versuch wagen, sie dazu zu erheben. Kallobiotik Die Kunst gut zu leben. A.d.H. wird dann vielleicht, wie bei den heiteren und gesunden Griechen, zur Macrobiotik werden. Lavater hat eine sittliche Predigt gegen die üble Laune geschrieben; man wäre versucht, eine ärztliche zu schreiben. Der Traurigkeit kann sich kein Mensch erwehren, der Verdrießlichkeit Jeder. In der Traurigkeit liegt noch ein gewisser Zauber, eine Poesie; die Verdrießlichkeit ist alles Zaubers bar; sie ist die eigentliche Prosa des Lebens, die Schwester der langen Weile und der Trägheit, dieser langsam tödtenden Giftmischerinnen. Man darf sie mit Recht eine Sünde wider den heiligen Geist im Menschen nennen. Fragen wir nach der Quelle dieses Giftes, so deutet die Beobachtung des täglichen Lebens zuerst auf die Gewohnheit , »die Amme des Menschen« und seiner Laster hin. Wären wir von Kindheit an gewohnt, nie zu rasten, sondern jede Stunde, die nach ernsteren Tätigkeiten übrig bleibt, auf heitere zu verwenden, bis uns der sanfte, dringende Schlaf zu gesunden Träumen nöthigt, – wir würden nie unaufgelegt sein. Wären wir von Kindheit an gewohnt, die holden Morgenstunden nicht zu verschlafen, – wir würden jene mürrische Indolenz nicht kennen, die meistens die Folge der unangenehmen Empfindung ist, mit der wir beim Erwachen darüber erschrecken, – daß es schon so spät ist. Wären wir von Kindheit an gewohnt, unsere Umgebung zu einer freundlichen Ordnung zu gestalten, so würde auch unser Inneres diese Ordnung durch eine harmonische Stimmung der Seele abspiegeln. In einem aufgeräumten Zimmer ist auch die Seele aufgeräumt. Die Hauptsache aber in der Kunst, sich vor übler Laune zu wahren, liegt in der Erkenntniß und richtigen Behandlung der Momente. Der Mensch kann nicht immer zu Allem aufgelegt sein, aber er ist immer zu Etwas aufgelegt. Dieses thue er, und begnüge sich mit der Einsicht, daß der Wechsel nun einmal unter dem Monde Gesetz ist. »Hast in der bösen Stund geruht, Ist dir die gute doppelt gut;« sagt der Dichter. Einsamkeit macht verdrossen, und, nach Plato, eigensinnig. Umgang mit der Welt macht auch verdrossen, mag auch wol eigensinnig machen; ein angemessener Wechsel von beiden wird unverdrossen, heiter und innerlich gesund machen. Religion aber, wahre Erkenntniß der Liebe, die uns auf jedem Schritte begleitet und trägt, wird uns am gewissesten vor übler Laune bewahren. Ein für alles Gute dankbar offenes Gemüth wird auch das Schlimme leichter tragen. Und wenn ein Sterblicher so unselig wäre, die üble Laune als Mitgift eines verstimmten Organismus auf diese dunkle Erde gebracht zu haben, so betrachte er sich nicht, wie es meist der Fall ist, als weise, – sondern als krank. Er thue Alles, um seiner herben Qual ledig zu werden, und verschmähe die bittersten Arzneien nicht. Doch zurück von der üblen Laune zu den Mitteln, welche sie heilen, zu der Kraft des Willens über Zustände, die mit ihren Wurzeln sich an die Nerven des leiblichen Organismus klammern. Es lassen sich Beispiele dafür die Menge anführen. Ich las, ich weiß nicht wo, von einem Menschen, der, sobald er lebhaft wollte, an jedem Theile seines Körpers eine rothblaufarbige Entzündung hervorbringen konnte. Auf die Phänomene des Gesichtsinnes hat der Wille eine merkwürdige Gewalt. Es gibt Menschen, bei denen das Herz, dieser unwillkürliche Muskel, zum willkürlichen geworden ist. Die Wilden eines amerikanischen Stammes, wenn sie glauben, sie hätten ihr Tagewerk sattsam vollbracht, seien sie auch noch in der Blüte ihrer Jahre, legen sich hin, drücken die Augen zu, nehmen sich vor zu sterben, – und sterben. Die siegreichen Bemühungen des unbegabten Demosthenes über sich selbst sind bekannt genug. In den nachgelassenen Schriften des Amerikaners Brown erzählt der Bauchredner Carvin, wie er seine Kunst gelernt habe; der ganze Gang der Sache ist merkwürdig, physiologisch, psychologisch und ethisch, als ein Sinnbild jeder menschlichen Bestrebung. Erst eine Ahnung, durch den Zufall geweckt, – ein leiser Versuch, – scheinbares Gelingen, – Enttäuschung; – Streben nach Wiedererringung des glücklichen Momentes, – zweites, zweitens, wirkliches Gelingen; – (so in der 5. Aufl.). wirkliches Gelingen! rastlose, freudige Uebung; – Fertigkeit, – Gewohnheit. Solche an sich selbst gemachte Erfahrungen nöthigen dem denkenden Manne folgende Reflexionen ab: »Betrachten wir, wie vielen Modificationen die Muskelbewegung unterworfen ist, wie wenig diese in unseren Tagen meistens geübt wird, und daß der Bereich des Willens unbegrenzt ist , so ist kein Wunder mehr darin. Es gibt ja Menschen, welche ihre Zunge so verbergen, daß selbst ein Anatom sie nicht findet; das geschieht durch Muskelbewegungen, die fast kein Mensch kennt, die doch aber jeder in sich entwickeln könnte, wenn er wollte. Als ich einmal die seltsame Anlage in mir entdeckte, beobachtete ich sorgfältig alle die neue Erscheinung begleitenden Umstände, unterwarf sie meiner Muskelkraft, und was mir anfangs sehr schwer fiel, wurde mir durch Uebung und Gewohnheit endlich zum Spiel.« – Gewiß, es schlummern ungeahnte Kräfte im wunderbaren Organismus des Menschen; eiserner und beharrlicher Wille kann sie erwecken und offenbaren. Der ächte Stoizismus, gewiß von den vorchristlichen Lehren die reinste, erhabenste, wirksamste, und die sich die größte Anzahl praktischer Schüler erworben hat, – er hat uns thatsächlich bewiesen, was ein starker Wille vermag. Denn Niemand wähne, daß die kalten Syllogismen der Schule den Schüler der Stoa gestählt haben; es war die Kraft des Wollens, welche die sittlichste aller heidnischen Lehren in ihm hervorrief, – was jene Wunder wirkte, die nun ein willenloses Geschlecht mit den Märchen der müßigen Scheherazade zugleich bewundert. Das Raisonniren kommt immer erst nach dem Erfahren; noch nie ist eine Erfahrung durch Raisonnement erzeugt worden, wenn man nicht ein todtgeborenes, krüppeliges Experiment Erfahrung nennen will. Wenn jener stoische Philosoph, von dem Cicero erzählt in Gegenwart des großen Pompejus, als er den Satz zu beweisen suchte, »daß der Schmerz nichts Böses sei,« dadurch an seinem eigenen Körper einen heftigen Gichtanfall überwältigte und sich diesen gleichsam an die Füße herabdemonstrirte, – war es da die nüchterne Demonstration – war es nicht vielmehr das lebendige Gefühl ihrer Bedeutung, das jenes Wunder wirkte? Erst lehrte die Stoa durch große Beispiele ihre Jünger wollen , dann sahen diese, daß es ging, machten Betrachtungen darüber, und hinterließen uns endlich den einfach großen Ausspruch: »Der Geist will, der Körper muß.« Nicht Lehre oder Betrachtung, nicht Begeisterung allein kann den Menschen, wie ein Licht von oben herein, durchwärmen, beleben und beseligen; er selbst, von innen heraus, muß sich emporarbeiten. Die Raupe wird nicht zum Schmetterling, weil sie den Nektar der Blumen gekostet hat; sondern sie nährt sich vom Safte des Honigs, weil sie Schmetterling geworden ist. Es kommt nur darauf an, ob wir die schönen Reflexionen, die wir so eben niederschrieben, wie wir sie großen Vorbildern abgelernt, durch festen, ausharrenden Vorsatz wieder in Fleisch und Blut zu verwandeln im Stande sind. Gott gebe es! V. Verstand, Bildung Selbst physischen Schmerz halt' ich für Verwirrung, in die wir nicht einzudringen wissen. ... Klarheit im Geiste, reiner, wo möglich starker Wille, ist unsere Aufgabe. Zu dem Uebrigen können wir lachen, beten, weinen. Rahel Varnhagen. Wir haben der Kraft des Willens eine Lobrede gehalten, und darauf gedrungen, daß man sich eine Richtung gebe, in welcher man beharrlich fortwirke; aber was soll man wollen? welche Richtung ergreifen? – Es ist die Erkenntniß , welche auf diese Lebensfrage Antwort ertheilt; die Erkenntniß, die höchste, ewige Frucht am Baume der Menschheit, gereift am Strahle der Vernunft. Verloren in Träume irrt die Phantasie, in ein wildes Nichts stürzt sich der Wille, – ertheilt ihnen nicht der Geist die Weihe, »der Chaosordner, Schicksalslenker«. Es ist das höchste Thema der Seelendiätetik: die Gewalt der Bildung über die dunkeln Kräfte der sinnlichen Natur zu erörtern; auszusprechen – was geistige Cultur zur Begründung der Gesundheit Einzelner, wie ganzer Gesammtheiten, ja der Menschheit im Großen vermag. Es gibt vielleicht für den tiefer dringenden Forscher in das Wesen des Menschen kein merkwürdigeres Phänomen, als die Möglichkeit des Wirkens vom abstracten Gedanken aus auf den concreten, leiblichen Organismus, – durch jenes Mittelglied, welches man »Gedankengefühle« nennen kann. Das eben ist das Prärogativ des Menschen, daß Begriffe in ihm Gefühle erregen können, und daß durch diese der Geist den Körper gleichsam abwärts influenzirt, wie der Körper den Geist aufwärts durch die Gefühle, die man schlechthin so zu nennen pflegt. In dieser Möglichkeit eines intellectuellen Gefühles, wie das sittlich-religiöse, liegt die Wurzel der Humanität. Niedere Wesen denken nicht, was sie empfinden; reine Gedankenwesen haben keinen Bezug, der Gefühle wie die unsern möglich machte; nur in uns ist ein solcher Bezug gegeben, als Thatsache des Bewußtseins gegeben, – über die aber nicht weiter zu grübeln, sondern sie zur Thatsache der Anwendung zu machen, hier unsere Aufgabe ist. Genug, wer sich dazu gebildet hat, fühlt die Macht des Gedankens über sein ganzes Wesen, und gibt auch hierin dem Geiste die Ehre. Wer bei psychologischen Forschungen sich angewöhnt hat, – wie es ein großer Herzenskenner fordert, – immer das Innere und Aeußere verflochten zu betrachten, als Ein- und Ausathmen des Einen lebendigen Wesens, – der wird die Aussicht, die wir hier eröffnen, leicht überschauen und fassen. Nicht so derjenige, welcher gewohnt ist, Geist und Körper als einen gewaltsam in sich verbundenen Widerspruch anzusehen, und die Meinung Vieler zu theilen: daß jeder Genuß der sinnlichen Natur ein Mord an der höheren sei, und daß man den Geist nur auf Kosten des Körpers zu bilden vermöge. Traurige Ansicht, nach welcher dem armen Sterblichen von jener schöpferischen Kraft, die jede Sehnsucht in seinen Busen legte, nur die Wahl zwischen einer oder der andern Art des Unterganges gelassen ward! – Und doch: scheinen nicht die häufigen Beispiele von siechen Gelehrten und fetten Unwissenden diese Meinung zu bestätigen? vom gesunden Landmanne und schwächlichen Städter? – Es kommt hier darauf an, daß man den rechten Begriff von Bildung habe. Jener Gelehrte hat vielleicht sein halbes Leben der Betrachtung geometrischer Figuren gewidmet, und die des Menschen darüber versäumt; er hat die Adern der Geschichte aufgewühlt, und das Gold der Gegenwart im Sande liegen gelassen; er hat den Kern der Dinge öffnen wollen, ohne die Schale zu berühren. Dieser Beleibte ist vielleicht nicht ganz so geistesarm, als es jenem Gelehrten scheinen mag; er hat die Kunst zu genießen zu seinem Studium gemacht. Jener Landmann weiß gerade so viel, als nöthig ist, seiner sittlichen und bürgerlichen Pflicht zu genügen, und das ist wahrlich! nicht zu wenig für Menschen; dieser Städter weiß es nicht, und geht seinem selbst verschuldeten Geschicke entgegen. Aechte Bildung ist harmonische Entwicklung unserer Kräfte. Sie nur macht uns glücklich, gut und gesund. Sie klärt uns über den Kreis auf, den wir, vermöge unserer Fähigkeiten, auszufüllen haben; sie lehrt uns unsere Kräfte erkennen, indem wir sie prüfend üben; sie läßt uns die Phantasie des Knabenalters und den raschen Willen der Jünglingsjahre dem klaren Lichte einer männlichen Vernunft unterordnen, ohne sie zu zerstören. Es ist also hier jener Theil der Seelen-Diätetik, dessen Bearbeitung an der eigenen Individualität vorzugsweise dem Alter der Reife, der Sonnenhöhe des Lebens zukommt. Läßt sich überhaupt die Gesinnung, die Bildung des Willens, deren Einfluß wir schon erörterten, von der des Erkennens sondern? Wille und Gefühl, also auch Leid und Lust im Innern, sind ja nur Ergebnisse des Gesichtspunktes, von dem aus wir die Welt und uns anschauen, und dieser Gesichtspunkt ist Ergebniß unserer Bildung. In uns ist Trost und Verzagen, in uns ist Paradies und Wüste. Ist das Auge klar, so ist es auch die Welt; und wenn die Denkart, die Ueberzeugung den Grund zu unserer Stimmung legt, so legt sie auch den Grund zu unserem Wohlsein. So viel vermag ein System von Gedanken, wenn es selbstgedacht und mit unserm ganzen Wesen Eins geworden ist. Es wird zur Stütze für den Müden, zum Ruhekissen für den Leidenden, zum Palladium für den noch Gesunden. Spinoza hätte schwerlich so lange ausgedauert, ohne die folgerichtige Ueberzeugung in seiner Seele. Man denke die Welt in ihrem Zusammenhange, und der Blick wird sich erheitern. Man fasse die letzten Zwecke ins Auge, und die Uebel der Welt werden sich mindern. Man mache den Beifall der Menschen sich weniger zum Zwecke – und Zwecke kann man sich ja machen! – und sein Mangel wird uns weniger quälen. »Man denke das Gegentheil von dem, was Einen schmerzt, und man weiß sodann, was der Zusammenklang des Ganzen fordert. Wenn der Egoist die Uebel am meisten fühlt, weil sich die wenigsten Dinge zu seinem engen Zwecke vereinigen, so bestraft sich der Egoismus durch seinen Gesichtspunkt.« Man lerne diesen also erweitern, und große Gedanken haben! Man lerne einsehen, daß das Leben zwar eine Gabe, vor Allem aber ein Auftrag ist; eine Vollmacht zu Rechten, aber nur im geheiligten Namen der Pflicht! Wenn der Hauptgrund des Kränkelns in der ängstlich übertriebenen Aufmerksamkeit auf die Angelegenheiten des lieben Körpers zu suchen ist, – wie ein erfahrner Blick auf das Geschlecht unserer Mitgebornen überzeugt, – was kann dem Uebel sicherer begegnen, als jenes höhere, geistige Streben, welches uns von einem niedrigen erhebend abzieht? Es ist erbärmlich, jene kleinen Geister zu beobachten, wie sie mit der unaufhörlichen Sorge für ihr unschätzbares materielles Dasein dieses selbst leise zu untergraben jämmerlich beflissen sind! Der Arzt selbst, den sie ewig consultiren, muß sie verachten. Sie sterben an der Sehnsucht nach dem Leben. Und warum? weil ihnen die Cultur des Geistes gebricht, welche allein fähig ist, den Menschen aus dieser Misere herauszureißen, indem sie seinen besseren Theil entfesselt und ihm Gewalt über den irdischen ertheilt. Ich will von den ehrfurchtwirkenden Erscheinungen des Stoizismus nichts sagen; wir haben sie mehr dem Willen als dessen Gründen zugeschrieben; aber wer sind sie, die das äußerste, dem Sterblichen gegönnte Maß seines irdischen Bleibens mit gesunder Freudigkeit gemessen haben, als die ernsten, den höchsten Ideen innig zugewendeten Geister, von Pythagoras an bis auf Goethe? – Nur ein heiterer Blick ins Ganze gewährt Gesundheit, und nur Einsicht gewährt diesen heitern Blick. Der scharfsinnigste Denker, der sich am tiefsten in den wunderbaren Abgrund der Geistigkeit versenkt, und durch ruhige Beschauung ein von der Parze für den baldigen Schnitt bereitetes Leben zu verlängern gewußt hat, – der Denker, der stets für den grübelndsten und vielleicht finstersten von allen gehalten wurde, that den merkwürdigen Ausspruch, den er, nach seiner Weise, in geometrischen Formeln bewies: »Die Heiterkeit kann kein Uebermaß haben, sondern ist immer vom Guten; dagegen die Traurigkeit ist immer vom Uebel. Je mehr aber unser Geist versteht, desto seliger sind wir.« Das ist die stille, hohe Gewalt der ächten Philosophie, daß ihr gegeben ist, dem Menschen einen Standpunkt anzuweisen, von welchem er, nicht ohne Theilnahme, aber ohne Kampf, aus unangefochtener Höhe herabsieht auf den wechselvollen Strom der Erscheinungen, auf welchem in der reichen, aber zur Einheit durchgebildeten Fülle seines Gemüthes, ihm die Vergangenheit als heiliges Vermächtniß, die Zukunft als hoffnungsvolles Ziel einer erkannten Bestimmung, die Gegenwart als ein anvertrautes Gut erscheint, dessen wahren Werth er allein gehörig zu schätzen, dessen Zinsen er allein zurückzulegen, und mit fröhlichem, immer gleichem Jugendsinne zu genießen versteht. Das ist die Macht der Philosophie, aber nur jener, bei der nicht die Köpfe glühen und die Herzen frieren, – die aus dem Innern des Denkenden selbst hervorgeht und sein ganzes Wesen ergreift, die nicht gelernt, sondern gelebt sein will, die damit anfängt und endet, sich selbst zu prüfen und zu begreifen. Thörichtes Preisen und Beneiden unbewußten Glückes! nur im Geiste kann das Glück gefunden werden, da es selbst nur ein Begriff ist. Wer je den dumpfen Zustand rein sinnlichen Behagens mit dem Gefühle geistiger Klarheit in der Erfahrung vergleichen lernte, weiß, daß es sich hier nicht um ein Wortspiel handelt. Jenes Beneiden trifft eigentlich nur das Nicht-Bewußtsein des Unglücks, welches letztere ja auch nur ein Begriff ist. Klarheit im Geiste bleibe denn das Schutz- und Heilmittel unseres Daseins! Das wichtigste Resultat aller Bildung ist die Selbsterkenntnis . Jedem Menschen ist von der Gottheit ein bestimmtes Maß zugeordnet, – ein bestimmtes Verhältniß der Kräfte, welche sich in einem abgegrenzten Kreise bewegen. Dieses Maß, nicht überschritten und nicht lückenhaft, bestimmt die Integrität, die Gesundheit des Individuums, als eines solchen, denn eben durch dieses Verhältniß ist Jeder er selbst. Es richtig gemessen zu haben, ist die Krone menschlicher Weisheit; weiter bringt es doch Keiner, und mehr hat die Aufschrift des delphischen Tempels nicht verlangt. Wer dieses Maß seines individuellen Daseins mit jener ächten Bildung, die selbst ein Sein und kein bloßer Besitz ist, auszufüllen weiß, der wird sein Leben und seine Gesundheit bewahren. Er wird in einem freien, zwanglosen Zustande leben, nur sich selbst angehören, und mit Egmont der Natur gebieten können, jeden fremden, kranken Tropfen aus seinem Blute wegzuspülen. »Das höchste Gut, was Gott allen Geschöpfen geben konnte, war und bleibt eigenes Dasein.« Wenn dieses Wort Herders wahr ist, so ist die Bildung der Schlüssel zum höchsten Schatze; denn, wie uns die Natur die Dauer der eigenen Existenz ihrerseits durch eine uns angeborne Kraft des Widerstandes und der Selbsterneuerung gesichert hat, so können wir unsererseits diese Gabe durch die selbsterrungene Macht des Geistes noch übertreffen. Der Leichtsinn, diese fröhliche Aeußerung der natürlichen Elasticität des Charakters, hat schon eine wunderbar erhaltende Kraft, und durchdringt, wie der Balsam eines feinen Aethers, unser ganzes Wesen mit Leben, und sollte der leichte Sinn, der daraus entspringt, daß wir ganz, klar und wir selbst sind, nicht tiefer und anhaltender wirken, als jener unbewußte, vergängliche Rausch? Hat der Gebildete den Kranz der Selbst-Erkenntniß errungen, so geschah dies nur, indem er sich als Theil eines Ganzen fassen lernte und mit andern Theilen desselben Ganzen zusammenhielt. Ja, man kann sagen, daß mit diesem Begriffe, sobald er lebendig wird, eigentlich die wahrhaft menschliche Bildung anfängt und mit ihr auch ein zufriedener, geistig-leiblicher Zustand. Man beobachte unbefangen und scharf den Hypochondristen, – und man wird mit Bedauern gewahr werden, daß sein Uebel eigentlich in einem dumpfen, traurigen Egoismus besteht. Nur für das jämmerliche, von tausend Feinden bedrohte, kleine Ich lebt, denkt und leidet er; abgewendet von allem Schönen und Großen, das die Natur und die Menschenwelt einem offenen Herzen bieten, theilnahmlos für die Freuden, – und, was noch fürchterlicher ist! – für die Leiden seiner Brüder, lauert er mit qualvoller Beharrlichkeit auf jede leiseste Empfindung in den düsteren Winkeln seines bangen Selbst, und stirbt, gefoltert, ein ganzes Leben lang. Andere sind ihm ein Gegenstand des Neides; er selbst ist sich ein Quell von Bangigkeiten, der nur mit dem Dasein zugleich versiegt. Das Leben, das er stets erhaschen will und stets verjagt, wird ihm endlich gleichgültig, und er versinkt in einen dumpfen, thierischen Zustand. Er kann nicht mehr mit dem reinen, gesunden Menschen sagen: »Nichts Menschliches ist mir fremd«; ihm ist alles Menschliche fremd; er klammert sich mit der unbewußten Verzweiflung eines Orestes, dem die rächenden Gottheiten sein Höchstes, die Selbstbesinnung, allmählich rauben, an das elende Stück der Erde an, das er sein Ich nennt, und sinkt mit ihm zur Scholle hin, die er sich aufgewühlt hat. Was ist ihm Welt, Natur, Menschheit, Bildung? Hypochondrie ist Egoismus, und Egoismus ist Rohheit. Gebt dem Geiste dieses Unglücklichen, wenn es noch Zeit ist, eine Richtung gegen das Ganze, öffnet sein Herz und seinen umnebelten Blick dem Schicksale seines Geschlechtes, – mit einem Worte: bildet ihn! – und der Dämon, der keinem Nerven- und Magen-stärkenden Tränkchen wich, wird vor dem Lichte des geistigen Tages sich verbergen. Und wäre Heilung unmöglich, so liegt doch Tröstung darin, mit dem unglücklichen Dichter zu sagen: »Alles leidet! ich allein Soll erhaben über Schmerzen, Unter Gräbern glücklich sein?« Wenn dem Kranken die Aufgeschlossenheit für das Ganze so viel frommt, wie viel mehr wird sie dem Entstehen des Uebels vorbeugen! Aus solchen Gesinnungen und Erkenntnissen gehen die höchsten praktischen Resultate hervor, zu denen der Mensch gelangen kann, und welche allein die Gesundheit, insofern sie sein eigenes Werk ist, bedingen: Selbstüberwindung und Entsagung; in ihrem Gefolge die Mäßigung, an welcher beide gleich viel Antheil haben. Ist es ein Großes, die Energie eines kräftigen Willens zu rechter Stunde zu bethätigen, so ist es ein noch Größeres, sie zu rechter Stunde aufzugeben; ein Entschluß, den nur die Bildung zu reifen vermag, indem sie den Geist zur Idee der Gesetzmäßigkeit erhebt, vor welcher alle Willkür zur Thorheit wird. Der Wille wirkt, lebhaft angeregt, am deutlichsten in vorübergehenden Zuständen, die Vernunft in chronischen Seelenleiden – so wie die Freude den Lebensprozeß augenblicklich erhöht, und, oft wiederholt, erschöpft, während die Heiterkeit ihn gelinde, aber stetig aufrecht hält, und, man möchte sagen, einen nährenden Einfluß ausübt. »Erhebung – hat irgend ein geistreicher Mann gesagt – ist das beste Mittel, aus allen Collisionen zu kommen, gesellschaftlichen wie natürlichen.« Zu erheben aber vermag den Menschen nur die Betrachtung, die Tochter der Vernunft. Gedanken Gottes beseelen dieses unermeßliche All, und der Mensch, der die seinen entwickelt, vermählt sich mit ihnen und nimmt Theil an dem quellenden Leben, das die unendliche Schöpfung durchströmt. In das Meer der Beschauung versenkt, untertauchend, den Selbstwillen den Wogen des Ewigen hingegeben, mäßig und zufrieden, durchlebt der Bramine in heiterer Gesundheit einen Zeitraum, den kein rastlos mit Nichts beschäftigter Europäer erlebt. Stiefmütterlich von der Natur bedacht, gründet sich Kant, aus großen Gedanken Kraft und Fülle saugend, eine dauernde Gesundheit, und liefert einen Beleg den Hypothesen der Forscher, welche schon lange die Verwandtschaft der Indostaner und der Deutschen nachzuweisen sich bemühen. Man kann nicht sagen, daß Wieland dieses Musterbild eines harmonischen Lebens, wiewol er ein Dichter war, durch Phantasie oder heftige Intention das liebliche Wunder seines schönen Daseins geleistet habe: es war die gleichmäßige Ausbildung seiner geistigen Kräfte, die Richtung seines hellen Verstandes auf das Gesetzliche im Gange der Natur, was ihm, freilich nebst einer glücklichen Organisation, das frohe, gesunde Alter verschaffte, das in der deutschen Literatorengeschichte wie ein freundlicher Mythos dasteht. Ist doch das Denken an und für sich eine wahrhaft menschengemäße, wohlthätige, beglückende Beschäftigung, die zwischen Zerstreuung und Fixirung eine gedeihliche Mitte hält, und den Menschen seiner höheren Bestimmung gelinde zulenkt, indem sie seiner irdischen entspricht! Wie wohl thut dieser Blick in die große Verkettung der Weltkräfte, welche alle irgendwo in einander greifen und auf eine letzte, beseligende Einheit hindeuten! Wie wohl thut es, auf jene leuchtenden Naturen mit Ehrfurcht hinweisen zu können, die, als Zeichen der Macht des Geistes über das Verneinende irdischer Hinfälligkeit, wie greisenhafte Götterbilder im Tempel der Geschichte stehen! Platon lehrte und lernte noch in seinem achtzigsten Lebensjahre; als Greis dichtete Sophokles den Oedipus in Kolonos; Cato fühlte im gleichen Alter keinen Lebensüberdruß; Isokrates glänzte als Redner im vierundneunzigsten, Fleury als Staatsmann im neunzigsten Jahre; Loudon's Scharfblick – sagt sein Biograph – traf noch bei Belgrad so entschieden als dreißig Jahre früher bei Dommstädtl; und Gedanken, die das Geheimniß der bildenden Natur im Urtypus ihrer Geschöpfe belauschen, begleiten Goethe, weitüber der gewöhnlichen Grenze des Menschenlebens, in ein höheres hinüber. Sage Niemand, daß unsere Zeit ein trauriges Gegenbeispiel liefere, wenn von der Wirkung der intellectuellen Ausbildung auf die leibliche die Rede sei; daß es scheine, als nehme mit der Verfeinerung des Verstandes, mit der Aufklärung vielmehr die Schwächlichkeit und Kränklichkeit der Generation zu! – Ist Verfeinerung ächte Bildung? Hat ächte Bildung da, wo unser Jahrhundert sie wirklich ins Leben rief, nicht die erfreulichsten Früchte gezeitigt? Und wo vielleicht vorzeitige, überspannte Anregung des intellectuellen Lebens auf das physische wirklich störend eingewirkt haben mag, – hat da nicht jenes selbst wieder den Balsam für die Wunden mitgebracht, welche es diesem schlug? Sind nicht durch Lectüre, Gespräch und eigenes Denken die herrlichsten Quellen eröffnet, an denen wir uns wieder zu erneuen, zu erfrischen gewiß sind? Es ist nicht die Rede von der Umwandlung eines dürftigen Organismus; Wunder wirkt eher Phantasie oder Glaube; des Verstandes Sache sind sie nicht; aber man beobachte wahrhaft gescheidte, klare Menschen, und man wird sie weit weniger über Verstimmungen und Uebelsein klagen hören, als beschränkte, denen ihr Unterleib das Sinnbild der ganzen Erdkugel ist; die, wenn sie das blinde Loos auf den Richterstuhl setzt, in Einem Augenblicke das Geschick ihres zitternden Bruders zum Leben oder Tode entscheiden, – je nachdem ihre leiblichen Functionen nach Wunsche von statten gingen oder nicht. Haben wir durch Kunst unsere Einbildungskraft erquickt, durch Sittlichkeit unseren Charakter gestählt, und durch Bildung unser Dasein erweitert und begnügt, so werden wir den Gewalten mit Leichtigkeit widerstehen, welche die rohen Elemente täglich aus allen Winkeln des Universums feindlich aussenden, uns zu verwandeln, zu zerstören. Wir gewahren mit inniger Befriedigung, daß die geistigen und leiblichen Bestrebungen und Tätigkeiten jeder Art zu Einem Ziele hinwirken – uns zu vollenden, zu beglücken; daß Leben, Kunst, Wissen, Strahlen Einer Sonne sind, an deren Lächeln alles Dasein gedeiht. Und indem wir unsere bisherigen rhapsodischen Betrachtungen überblicken, bemerken wir, daß wir eigentlich ein einziges Thema dreimal variirt haben, oder eine Melodie auf drei Instrumenten gespielt, – indem wir den Menschen, der ewig Einer ist, wenigstens für die Beobachtung zu trennen versuchten. Es ist eine Selbstwiederholung, und ist auch keine; denn wie das Verhältniß der Kräfte und Richtungen in jedem Einzelnen verschieden ist, so wird Jeder, der unsere Erörterungen seiner Aufmerksamkeit werth hält, nach seiner Weise damit zu verfahren wissen, und die träumende, wollende, oder denkende Richtung in sich aufrufen oder beschränken, – oder jene Methode versuchen, die wir im Folgenden, zur Begründung eines gesund-frohen Zustandes, in Vorschlag bringen. Wie sehr unsere vorschreitende Zeit den Werth der Intelligenz auch in Bezug auf das leibliche Wohl des Geschlechtes begreifen und schätzen lernt, zeigen die neuesten dem Leben abgewonnenen Erörterungen Brighams. Er sucht in denselben nachzuweisen, daß Gelehrte meist ein hohes Alter erreichen, daß die Sterblichkeit in allen Ländern im Verhältniß zu den Fortschritten der Civilisation sich vermindert habe, wobei er einen großen Werth auf die Mäßigkeitsvereine legt, – und daß zumal in der Veredelung der Vergnügungen das vorzüglichste Mittel zu suchen sei, durch welches die Bildung ihr Heil über das körperliche Wohlsein verbreite. VI. Temperament, Leidenschaft Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte. Goethe. Man würde diese Aufsätze doch für gar zu willkürlich und unvollständig halten, wenn darin der Temperamente und Leidenschaften nicht wenigstens mit Einigem gedacht würde. Freilich ist an den Temperamenten wenig mehr zu temperiren, und also für die Seelendiätetik wenig zu gewinnen; freilich ist über die Leidenschaften, mit und ohne Leidenschaft, schon so viel geredet worden, und sie beherrschen uns noch immer; freilich hätte ich gehofft, daß sich das für unseren Zweck Wesentliche darüber aus dem Gesagten von selbst entwickle; – aber wie es Leser gibt, denen man Freude macht, wenn man ihnen Vieles verschweigt, so gibt es mehrere, denen man Alles sagen muß. Mögen daher Jene zu Gute halten, was ich, Diesen zu Liebe, noch beizufügen im Begriffe bin. Es sind nur zerstreute Bemerkungen. Die Kapitel der Psychologie und Lebens-Philosophie, wo sie hingehören, mag sich Jeder hinzudenken, wenn wir nicht ein ganzes Lehrbuch hier einschalten sollen. Es gibt im Grunde nur zwei Temperamente, – von welchen die allbekannten vier und die wenig bekannten Millionen nur Modificationen, und wieder Combinationen dieser Modificationen sind, – nämlich, ein thätiges und ein leidendes. In diese zwei Hauptformen werden sich die einzelnen Glieder der großen Kette des menschlichen Geschlechtes bequem unterscheiden lassen. Glieder, welche andere umklammern, und Glieder, welche sich von andern umklammern lassen. Lavater, Zimmermann, von Hildenbrandt, sind in ihren Werken derselben Ansicht. Der ehrwürdige Verfasser des uralten unter den hippokratischen Schriften befindlichen Buches »von der Diät« bekannte sich zu ihr. Die Brown'sche Schule, den Gegensatz von Sthenie und Asthenie festhaltend, war ihr geneigt. Wie der Charakter das Ganze des gebildeten Wollens umfaßt, so ist das Temperament nichts Anderes, als das Ganze der angebornen Neigungen. Die Neigung aber ist nur der Stoff des Willens, und wird, von ihm beherrscht, zum Charakter, – ihn beherrschend, zur Leidenschaft. – Das Temperament ist also die Wurzel der Leidenschaften, und es gibt auch nur zwei große Gruppen von Leidenschaften, wie es zwei von Temperamenten gibt. Einsichtsvolle Psychologen und denkende Aerzte haben das immer gefühlt, und jene haben die Temperamente in thätige und leidende, diese die Leidenschaften (sagen wir nur zugleich: auch die Affecte, um auszudrücken, daß von Gemüthsbewegungen die Rede ist, unter welchen Begriff sich ohne Wiederholung Alles auf beide Bezügliche zusammenfassen läßt) in erregende und niederschlagende unterschieden. Die gewöhnlich als sanguinisch und cholerisch bezeichneten bilden unser thätiges, die als phlegmatisch und melancholisch bekannten unser leidendes Temperament. Es ist nicht wahr, wie man denken möchte und hin und wieder wol auch äußern hört, daß die trägen Temperamente bei der praktischen Philosophie des Lebens ein leichtes Spiel haben. Die Trägheit ist die stärkste Kraft in der Natur, und am Menschen weit schwerer zu überwinden, als die Lebhaftigkeit. Auf Ueberwindung aber beruht die Diätetik der Seele, – und ächte Lebensweisheit ist der Bewegung hold, nicht dem Stillstande. Hier heißt es wieder: das eigene Maß erkennen, zu welchem jeder Einzelne gebildet, in welchem er gesund ist, – und demgemäß sich beruhigen oder anregen. – Gleichgiltigkeit ist der eigentliche Tod. Hiermit ist das Vorurtheil, welches die Leidenschaften in ihrer Quelle austrocknen möchte, bekämpft. Diese Quelle ist die Neigung. Ohne Neigung kein Interesse, ohne Interesse kein Leben. Die Alten haben gedichtet, daß die Musen die Töchter der Erinnerung sind: die Mutter der Erinnerung aber ist die Liebe. Die Neigung muß erst vorhanden sein, ehe die Weisheit ihr eine Richtung vorzeichnen kann. Gleichgiltigkeit beherrscht das öde Gefilde, wo Neigung mangelt. Die Schwester der Gleichgiltigkeit ist die entsetzliche Langeweile, – ihr Bruder der Müßiggang: eine furchtbare Sippschaft. »Wer mich verwundet – klagt ein lebhafter, beweglicher Autor – hat nur meinen Körper verletzt; wer mich aber langweilt, ermordet meine Seele.« Und wer sich selbst langweilt? fragt die Diätetik der Seele weiter. Liebe und Haß, das sind die tiefsten Gründe unseres Lebens. Es nützt uns hier wenig, zu wissen, daß auch der Haß nur eine verborgene Liebe, wie der Tod ein geheimes Leben ist. Genug, daß beide Aeußerungen des Einen Lebens: Anziehen und Abstoßen, zu dessen Gesundheit gehören. Auch Unmuth ist ein Element lebendigen Wirkens, und der Mensch des Gemüthes kann dessen so wenig entbehren, als der leibliche der Galle. Ueberhaupt: Leidenschaften sind Kräfte, – so gut wie andere, geistige oder körperliche. Muth kann sich Niemand aufdemonstriren; ein leichter Grad des Unwillens wird ihn erregen und waffnen. Kräfte muß man nie vernachlässigen oder gar ertödten: man muß sie studiren, zu bändigen, zu steigern, zu ordnen, zu beherrschen suchen. Das ist Alles. Spricht nicht der besonnene Lessing von einer Leidenschaft fürs Wahre? Ist nicht Begeisterung ein Affect? und ist sie nicht die Flamme, die das Leben des Menschen, das geistige, wie das irdische, nährt und erhält? Sie hebt über hundert Klippen, an welchen kalte Berechnung zerschellt; sie füllt mit einer Wärme, in welcher ungeahnte, mächtige Kräfte der Erhaltung wie der Heilung sich entfalten. Wer sich beobachtet, fühlt, wie heilsam ihm die frische Bewegung der Seele ist. Tüchtige Menschen vor Anderen lieben sich einen Schauplatz der Uebung, – eine Erregung im Innern oder in der Außenwelt. Cato, der ältere, – erzählt sein griechischer Biograph – war nur recht glücklich, wenn Jupiter donnerte. – »Aber – wendet ihr mir ein – bewahrt ein leidenschaftloses Leben nicht vor der Selbstaufreibung? erhält man nicht Insecten durch Jahre unter der Hülle ihrer Verpuppung? Pflanzen im Keller versperrt, bleiben sie nicht länger am Leben, als die in der freien Atmosphäre, deren Säfte durch die mütterliche Wärme der Erde in steter Bewegung erhalten werden? Was sagst du vom Murmelthiere, von in Steinen verschlossenen Kröten?« – Ich sage, daß ein langes Leben deshalb nicht ein gesundes ist, und daß Menschen keine Kröten sind. Und wenn die Leidenschaften – die gesteigerten Neigungen – zu gar nichts gut wären, so sind sie es dazu, um die Leidenschaften zu bekämpfen. Reflexion allein wird nie im Stande sein, einen Affect zu vernichten, – kaum, ihn zu beschwichtigen; aber wol kann durch eine heftige Neigung eine andere balancirt, ein Affect durch den andern gedämpft werden, die Liebe durch den Stolz, und umgekehrt; der Unwille durch die Freundschaft, der Zorn durch das Lachen u.s.w. Die Natur selbst, die weiseste und sicherste Erzieherin, leitet den Menschen durch Neigungen; sie aber weiß am besten, wo er zu fassen ist. Schnelle Freude erregt, und erschöpft durch Erregung. Anhaltende Heiterkeit unterhält den plastischen Lebensprozeß. Jene wirkt wie ein reizendes, diese wie ein stärkendes und nährendes Heilmittel. Eben so verhält sich brausender Zorn wie jene, edler Unwille wie diese. Auch greifen Ethik und Diätetik wundersam in einander. Verderblich wirkt die Flamme des Zornes auf den Bau des Organismus, wohlthätig oft das stille Feuer der Indignation; und hängen nicht diese Grade zumeist von den Gegenständen und Charakteren, also von sittlichen Momenten ab? Der Zorn ist eine gemeine Erregung über Gemeines, und zieht zum Gegenstande herab: wenn wir zürnen, hat unser Gegner seinen Zweck erreicht, wir sind in seiner Gewalt. Indignation ist eine sittliche Bewegung, eine edle Leidenschaft, die uns über das Gemeine erhebt und, indem sie es uns verächtlich macht, uns davor bewahrt. Es ist das leise, hohe Zürnen, das, wie ein unabsichtliches Zeichen der Göttlichkeit, um die Lippen des belvederischen Apoll spielt. Plato nannte Leidenschaften »die Fieber der Seele, – « weil sie Krisen darstellen, welche, wie jene körperlichen, oft die eingewurzeltsten Uebel der Seele heilen, – durch Reinigung, durch einen läuternden Prozeß. Was nun von den anerkannt schlimmen gilt, das braucht von den bessern gar nicht erst bewiesen zu werden. Nur das will ich anführen: daß von allen Affecten Hoffnung der belebendste, also für die Diätetik der Seele der wichtigste ist. Diese himmlische Vorempfinduug ist nichts Anderes, als ein zarter Theil unseres Selbst, ein holdes Ich, das sich nie vernichten lassen will. Damit es aber nicht scheine, als nähmen wir die Leidenschaften in unsern Schutz, so wollen wir nur gleich hinzufügen, daß alles Günstige, was wir ihnen zugeschrieben, nur zu erwarten sei, so lange sie unter einem gewissen Grade erhalten werden, das heißt, so lange sie activ sind. Denn die activen Leidenschaften, wenn sie die Linie der Mäßigung überschreiten, werden passiv. Activ ist Alles, was sich der vernünftigen Seite des Menschen anschließt, weil er nur in dieser Sphäre als Mensch thätig zu sein vermag; passiv ist Alles, was der Sinnlichkeit unterliegt, indem hier der Mensch rohen Naturkräften leidend anheim fällt. Diese Richtung vorzuzeichnen liegt an uns. Rührung ist belebend, so lange sie Bewunderung ist; wenn sie zum Mitleid wird, zieht sie uns herunter und wird schwächend. Heftiger Zorn ist nicht, wie man wähnen möchte, activ. Der von ihm wie von einem Dämon Ergriffene leidet seinem bessern Theile nach, und der heftigste Zorn wird selbst in seinen Aeußerungen passiv. »Es war nicht Ruhe – sagt Plutarch vom Stillschweigen des Coriolanus – es war Stärke des Zornes, welches Unwissende – setzt er hinzu – für keine Betrübniß halten.« Heftige Leidenschaften – so paradox es auf den ersten Blick scheinen mag – kommen mehr der Schwäche zu. Das Unglück erregt sie zumeist, das unsere eigentlichste, innigste Stärke, das den Geist in uns niederdrückt. Der Knabe weint, wüthet, und will sich den Kopf einrennen, wo der Mann mit ernster Fassung der Zukunft entgegen wirkt. Sanfte Leidenschaften erheitern den Horizont des Daseins; bewegen, ohne zu ermüden; erwärmen ohne zu verzehren, und verklären allmählich die Flamme, die in jedem Busen brennt, zum stillen, befruchtenden Segenslichte. Sie sind die Insignien wahrer Stärke, welche das Scepter der Geistesherrschaft nie aus den Händen läßt. Vielleicht hat Kant ähnliche Betrachtungen im Sinne gehabt, als er seine »rüstigen und schmelzenden Affecte« unterschieden wissen wollte. Er macht bei einem solchen Anlaß eine Bemerkung, die zu schön gedacht ist, um sie zu übergehen. Ein Ausdruck Saussüre's: »es herrsche in den Gebirgen von Bonhomme eine gewisse abgeschmackte Traurigkeit«, regt sie ihm an. Saussüre – sagt er sich – kennt also auch eine andere, eine interessante Traurigkeit, welche vielleicht der Anblick einer Einsamkeit einflößt, welcher der Mensch durch seines Wesens Kraft ein Leben abgewonnen; es gibt also auch eine Traurigkeit, die zu den rüstigen Affecten gehört, und die zu der schmelzenden wie etwa das Erhabene zum Schönen sich verhält. – Wie tief greift diese Bemerkung, wie weit führt sie den Blick über das Leben hinaus! – Der Schmerz einer großen Seele, sei es um Verlust »Den Blitzstrahl, Der verklärt, was er uns raubt,« sei es über das Kleinliche dieses im steten Kreislaufe um das ewige »Vergebens« sich müde drehenden Daseins, – er ist kein niederdrückendes, er ist ein wack'res, ein erhebendes Gefühl. Er ist eine Art von leidendem Stolze, der allein die Gewalt des Schicksals überwindet. Und so hat die Natur ihren Willen auch in der Trennung der Geschlechter ausgesprochen. Sanfte Bewegungen des Gemüthes hat sie dem zarteren, kräftige dem männlichen als heilsam zugeordnet. In dieser Activität oder Passivität (Leidenheit?) des Empfindens liegt jede Differenz, die in Bezug auf das Verhältniß der Geschlechter einen Grund zu Verschiedenheiten in den Verhältnissen des inneren Lebens beider geben darf: der Gedanke und seine Welt sind nur Eines für jedes Geschlecht. Es sei genug an diesen hingeworfenen Winken. Ich bin absichtlich in diesem Abschnitte kurz, weil ihn ausführen weit über unsere Grenzen hinaus führen würde. Und soll ich über die leiblichen Wirkungen der Gemüthsbewegungen noch ein Wort verlieren? Sind wir je im Stande, durch besonnene Willkür den organischen Bau in solche Erschütterungen zu versetzen, als es die stürmische Gewalt des Affectes nur zu oft, ohne uns zu fragen, thut? Wem fielen hier nicht merkwürdige Thatsachen aus der Geschichte, aus dem Leben bei? Der stumme Sohn des Crösus, der als er das Schwert des Feindes über dem Haupte seines Vaters gezückt sah, plötzlich ausrief: »Mensch! tödte den Crösus nicht!« – Der gleichfalls stumme Jäger, der sich von einem Weibe verhext wähnte, und bei ihrem Anblick vor Zorn die Sprache wiederfand; Effecte, von Dichtern weit öfter, von Aerzten weit seltener, als beide sollten, benützt. Wie oft werden die psychologischen Experimente jenes orientalischen Leibarztes nachgeahmt, der durch Erregung des Schamgefühls eine Lähmung – Boerhave's, der durch Furcht die Fallsucht im Armenhause zu Harlem, ja des kühnen M. Herz, der durch Todesfurcht, wie ich oben erzählte, eine wirklich den Tod drohende, abzehrende Krankheit heilte? Ich führe hier nur, unserm Zwecke gemäß, Beispiele heilsamer Wirkungen an. Die von verderblichen sind noch häufiger. Man denke an die Vergiftung animalischer Säfte durch den Zorn, an die Todesfälle durch plötzliches Leid oder Freude; man lese die zahllosen Geschichten, welche Zimmermann in seinem reichen Buche von der Erfahrung (XI. Kapitel) aufzubewahren der Mühe werth gehalten hat. Ist Jemand, der sie nicht erfahren – nicht beschrieben hat? Wer kennt nicht das klare, glänzende Auge, den größeren, schnelleren Puls, das freiere Athmen, das blühende Gesicht, die glatte Stirne des Freudigen? Wer nicht das Zittern, Stammeln, die Kälte, den Hautkrampf, das sich sträubende Haar, das Herzklopfen, die Angst, das beengte Athmen, die Blässe, den gesunkenen Puls, die Uebelkeiten des Furchtsamen? das langsame, oft schwere, stets zum Weinen bereite Athmen, die kalte, bleiche, gerunzelte Haut, den zusammenknickenden, zögernden Schritt, den schwachen, langsamen Puls des Hoffnungslosen? das leise oder wallende Erröthen der Scham, das Erbleichen des verächtlichen Neides? das schwellende Antlitz der beglückten, das schmachtende der unerwiederten Liebe? den gepreßten, zusammenschnürenden Schmerz der Eifersucht um die Brust, vom Zwergfell hinauf bis an die Kehle? das Toben in den Adern des Zürnenden? sein blutrothes Antlitz, den sichtbar schlagenden Puls, das keuchende Athmen, die wilden Blicke und alle Vorboten des Schlagflusses? – Es ist ja keine Erfindung der deutschen Poeten, daß auf »Schmerz« gerade »Herz« reimt. Da klopft die Leidenschaft sinnlich an, da drückt und ängstiget ihre Hand, und Störung des Kreislaufes ist immer das erste Zeichen ihrer physischen Gewalt. Was fehlgeschlagene Hoffnung auf den Körper vermag, haben viele denkende Aerzte in ihren Schriften auseinander gesetzt; Ramadge, in seinem so bekannt gewordenen Buche über die Auszehrung, leitet einen großen Theil der in England so häufigen Lungensuchten von den zerstörten Plänen und Hoffnungen her, die dort vielleicht öfter als sonst wo auf der Erde vorkommen. Es ist auch begreiflich, daß die aus chronischer Traurigkeit entstehenden Congestionen nach der Brust allmählich die Anlage oder Entwicklung so trauriger Uebel bedingen. Wie sehr die Reue, dieses bitterste unfruchtbarste Gefühl, den Unglücklichen herabbringt, den es foltert – sollte Jeder gesehen haben, um sich davor zu bewahren. Temperamenten und Leidenschaften wird, wie wir schon angedeutet, auf dreierlei Weise entgegen gewirkt; durch Gewohnheit, Vernunft und Leidenschaften. Das Vermögen, sich etwas anzugewöhnen, ist die liebevollste Anstalt der gütigen Vorsehung, den Geschöpfen Dauer zuzusichern. Es ist die Kraft der Lebendigkeit, sich zu behaupten, und das Fremde leise in sich selbst zu verwandeln. Sich zum Rechten gewöhnen, ist der Inbegriff der ganzen Moral und zugleich der Seelen-Diätetik. Die Vernunft wirkt nie im Augenblicke des Affectes. Sie wirkt aber dadurch, daß sie, indem sie den Menschen bildet, das Eintreten solcher Augenblicke in Voraus verhütet; dadurch, daß sie die werdenden Neigungen, die zarten Keime der Leidenschaften allmählich einer gebildeten Gewohnheit unterwirft. Wahre Ruhe ist nicht Mangel an Bewegung, sie ist Gleichgewicht der Bewegungen. Wie sich die Leidenschaften einander dämpfen, haben wir gesagt. Aber sie erregen sich auch wechselseitig: active die übrigen activen, passive die passiven. Man braucht also vorerst in einem bestimmten Individuum nur Eine, welche eben diesem Naturell in seiner jetzigen Stimmung am meisten zusagt, anzuklingen, so tönen nach und nach schon auch die Saiten der übrigen mit, bis das ganze Instrument in die Stimmung kommt, die ihm das rechte Lied seines Lebens abzuspielen gestattet. Denn nicht Schweigen, sondern Harmonie wird von ihm gefordert. Und wenn es erlaubt ist, sich selbst zu citiren, so schließe ich mit den Worten, die ich zu einer anderen Zeit niederschrieb: Göttliche Apathie und thierische Indifferenz werden nur zu oft verwechselt. Diese ist der Zustand der Larve, jene der des Schmetterlings. Nun aber glaube ich dem Leser einen großen Gefallen zu erweisen, indem ich, ehe wir weiter schreiten, meine wenigen Andeutungen über die Leidenschaften durch das Folgende ergänze, welches die Bearbeitung einer alten Abhandlung über denselben Gegenstand ist, die wenigen unserer Leser zugänglich sein möchte. VII. Lehre von den Affecten – – – Si quid novisti rectius istis. Candidus imperii, si non, his utere mecum. Horat. Die Meisten, welche von den Affecten geschrieben haben, scheinen nicht von natürlichen Dingen, die dem Gesetze des Alls unterworfen sind, sondern von Dingen, die außerhalb der Natur sind, zu sprechen. Sie beweinen, belachen, bestaunen und verachten den Menschen, statt ihn zu studiren. Ich aber denke so: Nichts geschieht in der Natur, was man ihr vorwerfen dürfte; denn sie ist immer und überall die Eine, und folgt einem unwandelbaren Gesetze. Haß, Zorn, Neid u.s.w., an sich betrachtet, folgen also aus derselben Notwendigkeit, als alles Uebrige; sie erkennen mithin bestimmte Ursachen an, durch welche sie verstanden werden können, und haben bestimmte Eigenschaften, welche unserer Wißbegierde eben so würdig sind, als die Eigenschaften aller anderen Dinge, an deren Betrachtung wir uns ergötzen. Wir wirken, wenn etwas in oder außer uns geschieht, dessen wahre Ursache wir sind, das heißt: wenn aus unserem Wesen etwas folgt, was aus diesem Wesen begriffen werden kann. Wir leiden, wenn sich in uns etwas ereignet, wovon wir nur zum Theile die wahre Ursache sind. Affect ist, was unsern Körper dergestalt afficirt, daß seine Kraft zu wirken dadurch erweitert oder beschränkt wird. Wenn wir also von solchen Affecten die wahre Ursache sind, so wird der Affect zur Handlung, wo nicht, zum Leiden. So wirkt denn unser Geist Manches, und Manches leitet er: so lange er nämlich wahr und er selbst ist, d.h. klare Ideen hat, wirkt er; sobald er irrt, leidet er. Daraus folgt, daß unser Geist um so mehr den Leidenschaften unterworfen sein wird, je mehr er dem Irrthum verfällt; je mehr er sich zur Wahrheit bildet, desto activer wird er sein. Freude ist der Affect, welcher den Geist zu höherer Vollkommenheit erhebt, was ihn seiner Thatkraft beraubt, ist Traurigkeit. Liebe ist nichts Anderes, als Freude, von der Vorstellung einer äußern Ursache begleitet, – Haß nichts Anderes, als Traurigkeit, von einer solchen Vorstellung veranlaßt. Die Aehnlichkeit eines Gegenstandes mit einem, der uns einst Freude oder Trauer erregte, erregt nun Liebe oder Haß in uns, deren Gründe uns nicht gleich klar sind, – was wir dann Sympathie und Antipathie nennen. Die Ohnmacht des Menschen, seine Affecte zu mäßigen, zu beherrschen, nenne ich Knechtschaft. Der Geist hat sein Recht den äußeren Dingen abgetreten, so daß er nun gezwungen wird: das Bessere zu billigen und dem Schlimmen zu folgen. Und wie Geist und Körper innig verbunden zu betrachten sind, so wird nun auch dieser der Gewalt der äußern Natur, deren er ein Theil ist, dahingegeben. Darum habe ich meinen Geist zur Freudigkeit gestimmt, weil Thränen, Seufzer, Furcht und dergleichen Zeichen einer ohnmächtigen Seele, zugleich Hindernisse der Tugend und Gesundheit sind. Je gesünder aber der Körper ist, desto geneigter ist er, den Geist mit Stoffen zu versorgen, woraus dieser sich bildet und seine Macht erweitert. Welche Freudigkeit ich aber meine, will ich bald erklären. Nach der Vernunft handeln, heißt nichts Anderes, als dasjenige thun, was aus der Nothwendigkeit unserer Natur, an sich betrachtet, folgt. Die Natur aber jedes Wesens strebt, sich in ihrem Dasein zu erhalten. Ein freier Mensch wird an keine Sache weniger denken, als an den Tod, und seine Weisheit wird keine Betrachtung des Todes, sondern des Lebens sein. Denn ein freier Mensch, das ist ein Mensch, der nach Vernunft lebt, wird nicht von der Furcht beherrscht, sondern strebt, durch Wirksamkeit sich in seinem Dasein zu erhalten. Er sucht die Dinge, wie sie an sich sind, zu begreifen, und die Hindernisse der wahren Erkenntniß zu beseitigen, als da sind: Haß, Zorn, Neid, Stolz, Dünkel, – damit er handeln und sich freuen könne. Alle unsere Bemühungen und Triebe folgen aus der Nothwendigkeit unserer Natur, dergestalt, daß sie entweder durch diese allein, als durch ihren nächsten Grund, zu begreifen sind, oder insofern wir uns als Theile der Natur betrachten, welche an sich, ohne Bezug auf andere Individuen, nicht begriffen werden können. Jene Triebe, welche so aus unserm Wesen folgen, daß sie aus diesem allein zu verstehen sind, beziehen sich auf den Geist, insofern dieser in klaren Ideen lebt; die übrigen Triebe beziehen sich nicht auf den Geist, außer insofern er unklar ist. Ihre Gewalt darf man keine menschliche nennen, weil sie von den Dingen außer uns abhängt. Daher heißt man billig jene: Tätigkeiten, und diese: Leidenschaften. Denn jene zeigen unsere Kraft, diese unsere Schwäche und Unwissenheit. Jene sind immer gut, diese bald gut, bald übel. Für's Leben ist es also zuvörderst nützlich, die Vernunft nach Kräften zu bilden, und in diesem Einen ruht alle Glückseligkeit des Menschen, welche ja nichts Anderes ist, als jener Friede des Gemüthes, welcher der Anschauung Gottes entquillt. Die Vernunft bilden ist aber wieder nichts Anderes, als die Gottheit in den notwendigen Gesetzen der Natur erkennen zu lernen. Das also ist der höchste Zweck, das der lebhafteste Affect des in der Vernunft lebenden Menschen, durch den er alle übrigen Affecte zu beherrschen strebt: sich und alle Dinge, die in seinem Kreise liegen, klar begreifen zu lernen. Ein Affect, der zur Leidenschaft geworden ist, hört auf Leidenschaft zu sein, sobald wir uns von ihm einen klaren Begriff gemacht haben. Denn alle Leidenschaft ist ein verworrener Begriff. Es gibt aber keinen Affect, von dem wir nicht einen klaren Begriff erlangen könnten. Klar begreifen wir, was wir im Zusammenhange mit den Gesetzen des Weltalls begreifen, im Sinne der ewigen Gerechtigkeit. Man lernt hieraus zweierlei: erstens, wie viel der Mensch vermöge, sein Leiden, insofern es Affecten entspringt, zu mindern; zweitens, daß Thätigkeit und Leiden dem Menschen aus Einem Triebe kommen. Die Natur des Sterblichen ist z.B. so geartet, daß Jeder wünscht, die Uebrigen möchten nach seinem Sinne leben. Dieser Wunsch wird in Jenem, der nicht nach der Vernunft lebt, zum Leiden, welches Dünkel heißt; in Jenem, der im Geiste lebt, zur Tugend, welche sich in thätigem Streben äußert. So sind alle Triebe Leidenschaft, so lange sie verworrenen Begriffen entspringen, – Handlungen, sobald sie der Erkenntniß angehören. – Es gibt also kein wirksameres und herrlicheres Mittel, die Affecte zu zähmen, als: ihr Verständniß. Wenigstens läßt sich innerhalb der Grenzen unserer Macht kein anderes erdenken; denn darin einzig besteht die Gewalt unseres Geistes: klare Ideen zu bilden. Je mehr die Vernunft alle Dinge unter dem Begriffe der Nothwendigkeit auffaßt, desto mehr erlangt sie Gewalt über die Leidenschaften, desto weniger leiden wir also. Je deutlicher diese Einsicht in uns jedes einzelne Verhältniß beleuchtet, desto mehr wächst die Gewalt. Die Erfahrung bestätigt das. Denn wir sehen, daß die Trauer über einen Verlust sich mildert, wenn wir einsehen, daß das Verlorne auf keine Weise zu retten war. Wir sehen, daß Niemand ein Kind bedauert, weil es nicht sprechen, gehen oder conversiren kann, oder weil es so viele Jahre seiner unbewußt hinlebt. Aber wenn die meisten Menschen im Zustande Erwachsener und nur Ein und der Andere als Kind zur Welt kämen, dann würde Jeder die Kinder beklagen, weil dann die Kindheit nicht als Naturnothwendigkeit, sondern als eine traurige Ausnahme von den Gesetzen der Natur erschiene. Das Beste also, was wir thun können, so lange wir noch zu keiner klaren Erkenntniß unserer Neigungen gelangt sind, ist: daß wir eine rechte Art zu handeln, gewisse Dogmen des Lebens festsetzen und unserm Innern eindrücken, die wir den einzelnen Zuständen des Daseins anpassen, damit unser Wesen allmählich von ihnen durchdrungen und geläutert werde. Unter die Dogmen des Lebens gehört es z.B., daß durch Liebe der Haß zu bezwingen sei. Um dieses Gesetz stets bereit zu halten, mögen wir die Seligkeiten bedenken, die unserem Geschlechte aus der Liebe zufließen, und daß die Menschen nach unabänderlichen Impulsen der Natur handeln, dann wird das Unrecht, das sie thun und das unsern Zorn erregen möchte, nur einen kleinen Winkel unserer Einbildungskraft einnehmen. Aber das ermahne ich, daß wir bei diesem Ordnen der Gedanken immer das vor Augen haben sollen, was an jeder Sache Gutes ist, damit uns immer das Gefühl der Freudigkeit zum Handeln bewege. Wenn Jemand einsieht, daß ihn der Ruhm anreize, so denke er dem nach, was am Ruhme Aechtes und Gutes ist, und wie der wahre Ruhm zu erlangen sei, nicht aber über seinen Mißbrauch, seine Vergänglichkeit und dergleichen, worüber sich nur ein krankes Denken quält. Solche Vorstellungen peinigen den Ehrsüchtigen, dessen Pläne gescheitert sind, und der, indem er seine Galle ausschüttet, weise scheinen will. Gewiß ist es, glaubt mir, daß Jene den Ruhm am heftigsten begehren, die ewig von seiner Nichtigkeit declamiren. Der verarmte Geizhals hört nicht auf, vom Mißbrauch des Geldes, von den Lastern des Reichen zu schwatzen; der unglücklich Verliebte klagt unaufhörlich über die Unbeständigkeit des weiblichen Geschlechtes, und Beide erreichen nichts, als daß sie ihr Elend vermehren, und beweisen, wie sie nicht nur es nicht zu ertragen wissen, sondern das Glück Anderer mit scheelem Auge ansehen. Ein Affect kann durch nichts besiegt werden, als durch einen stärkeren. Die stärkeren sind die thätigen, die sich auf den Geist der Menschen beziehen. Je mehr der Geist umfaßt, je mehr er alles Einzelne auf Eines zu beziehen fähig wird, desto lebhafter werden die Affecte, die ihm angehören. Nun aber kann es der menschliche Geist so weit bringen, daß sich in ihm die Gestalten aller einzelnen Dinge auf die Idee der Gottheit beziehen, die höchste, die ihm erreichbar ist. Hieraus entquillt die Liebe zu Gott, der reinste, beste und stärkste aller Affecte. In ihr verschwindet alles Andere; wer sie ergreift, wandelt thätig im klaren Lichte, und mit ihr ist Alles ausgesprochen, was sich über die Besiegung der Leidenschaften überhaupt sagen läßt. Aber auch dieser Affect hat seine Wurzel in der Erkenntniß, wie alle thätigen, aus ihm entspringenden. Je mehr wir alle einzelnen Dinge verstehen lernen, desto mehr nähern wir uns der Erkenntniß des Höchsten. Aus dieser Erkenntniß fließt dann die innigste Befriedigung des Geistes, die sich erdenken läßt. Das ist die Freudigkeit, von welcher ich oben geredet habe. Liebe – sagte ich – ist nichts Anderes als Freude, von der Vorstellung ihrer Ursache begleitet. Die Freude aber, womit wir Alles umfassen, weil wir in Gott die Ursache von Allem erkennen, muß eine ewige Liebe in uns gebären. Sie überwindet Alles, weil sie selbst unüberwindlich ist. Wir sehen also hieraus klar ein, worauf unser ganzes Heil, unser Glück, unsere Freiheit, unsere Gesundheit beruht: nämlich auf der beharrlichen und unwandelbaren Liebe zu Gott. Die Ueberzeugung der Menge freilich ist eine andere. Frei glauben sie zu sein, wenn sie ihren Gelüsten gehorchen dürfen; ihren Rechten glauben sie etwas zu vergeben, wenn sie sich ewigen Gesetzen unterwerfen sollen. Sie wissen nicht, daß Seligkeit nicht der Lohn der Liebe, sondern die Liebe selbst ist, und daß wir ihrer nicht theilhaft werden, weil wir unsere Leidenschaften bezwingen, sondern daß wir diese bezwingen, weil wir selig sind. Hiermit habe ich Alles, was ich von der Gewalt des Geistes über die Leidenschaften, von der Freiheit des Geistes zu sagen gedachte, gesagt. Es geht daraus hervor, um wie viel mehr der Weise vermöge, als der Thörichte. Denn dieser wird von den äußeren Dingen im Kreise herumgejagt, kommt nie zur Befriedigung in sich selbst, lebt Gottes, der Welt und seiner selbst unbewußt, und hört in demselben Augenblicke auf da zu sein, in welchem er aufhört zu leiden. Der Weise aber als solcher, wird im Innern von keinem Sturme bewegt, sondern Gottes und der ewigen Nothwendigkeit eingedenk, hört er niemals auf, zu sein, zu wirken. Und wenn auch der Weg, den ich hiezu vorbezeichnet habe, gar schwierig scheint, – glaubt mir, zu finden ist er doch. Und wahrlich schwierig muß es ja wol sein, was so selten gefunden wird. Denn wie könnte es geschehen, wenn das Heil bereit läge und ohne Mühe zu gewinnen wäre, daß es fast von Allen versäumt würde? Aber alles Herrliche ist schwierig und ist selten. VIII. Oscillation Ich hieß meinen Schmerz willkommen; er ward zum Sinnbilde des allgemeinen Lebens; ich glaubte die ewige Zwietracht zu fühlen und zu sehen, durch die Alles wird und existirt in dieser ungeheuren Welt von unendlicher Kraft und von unendlichem Kampf. Fr. v. Schlegel. Das Leben des Menschen, wie das der ganzen Natur, besteht aus Gegensätzen, die einander folgen, begleiten, bedingen. Es herrscht im Weltall ein Gesetz des Gleichgewichtes, in welchem sich die Gegensätze lösen, indem sie sich aussprechen: ein ewiger Pulsschlag der Natur, der das Leben durch die Adern aller Welten treibt. Selbst bei der stillen, regelmäßigen Bildung der Gewächse, dieser zarten Kinder des Friedens und der Stille, geht die Natur nach diesem Gesetze zu Werke, und verbirgt einen tiefen, inneren Gegensatz. Sie gestaltet die Pflanzen von Knoten zu Knoten, wobei sie ihre schaffenden Kräfte durch Zusammenziehung immer gleichsam in sich sammelt, um sie sodann in der Ausdehnung wieder wirken lassen zu können. Und so herrscht dieser Typus durch alle Naturen. Es gibt im Reiche der Schöpfungen keinen Vorzug ohne Mangel, keinen Gewinn ohne Verlust, kein Steigen ohne Fall, keinen Zwiespalt ohne Versöhnung. So wechselt denn auch im Leben des Menschen, dieser kleinen Welt, beständig fort Spannung und Nachlaß, Schlaf und Wachen, Freude und Schmerz, wie das Ein- und Ausathmen des belebenden Elementes. Unser Dasein ist ein steter Kreislauf, von solchen Schwingungen bedingt. Je kräftiger der Eine dieser Momente ist, desto lebhafter drängt sich dann der entgegengesetzte vor, den er aufruft. Ein Naturforscher schildert diese Vorgänge so: »Wer zu schnell geht, muß auch alsbald ebenso langsam gehen. Wer sich unmäßig in Bewegung setzt, muß auch eben so sehr wieder ruhen. Wer sich in Einem Tage für zwei Tage anstrengt, in Handlung und Empfindung, muß dafür auch einen Tag länger Unthätigkeit und Stumpfheit erfahren. Je unmäßiger die Aufregung des Wachenden war, um so tiefer und länger wird der Schlaf. Je mehr der nothwendige Schlaf bekämpft und verachtet wird, um so tiefer und länger tritt er in alle Glieder als Mattigkeit und Unlust. Je lebhafter eine Empfindung ist, um so schneller erlischt sie. Je heftiger ein Wille, eine Begierde ist, um so leichter erkalten sie. Je höher der Zorn steigt, um so näher ist er seiner Lösung. Die wildesten Thiere sind auch die zähmbarsten, und die Löwennatur ist in gleichem Maße, wie sie zur höchsten Wuth entbrennt, auch der höchsten Milde fähig. Je freier und gewaltiger die Selbstheit sich behaupten kann, desto tiefer wird auch die Hingebung ans allgemeine Leben möglich und in ihr selbst gefordert.« – Folgen nun die lebendigen Gegensätze kräftig, folgen sie gesteigert, folgen sie schnell auf einander, so ist es wol begreiflich, daß das Leben sich aufreiben muß, und zwar um so früher, je auffallender die eben genannten Umstände eintreten. Neigt sich wieder das Leben dauernd nach einer Seite hin, so geht jenes Wechselspiel verloren, ohne welches es nicht bestehen kann, ja welches es selbst ist. Alles kommt also darauf an, daß man diese Gegensätze zu behandeln verstehe, und glücklich ist der Mensch zu preisen, der es dahin gebracht hat, da, wo die drohende Kirchhofsruhe des entschlummernden Lebens eintreten will, den verjüngenden Kampf in sich zu wecken, aber auch da, wo dieser Kampf die Kräfte seines Wesens zu zerstören droht, ihn zu beschwichtigen, und durch eine gewisse anhaltende Kraft und Stille des Gemüthes das Gleichgewicht und die Versöhnung in sich zu erschaffen. Es ist möglich, einen Moment durch den andern zu mäßigen, einen durch den andern zu erhöhen. Hierin liegt das Grundgesetz der ganzen Seelendiätetik. Aber Niemand ist im Stande es zu erfüllen, ja nur es zu verstehen, der nicht zuvörderst daran geht, sich kennen und beherrschen zu lernen. Es genügt nicht, auf Speisen und Getränke Acht zu haben, Ruhe und Bewegung gehörig abzumessen, den zweiten Theil von Hufelands Makrobiotik auswendig zu lernen, oder unsere Rhapsodien über die Einwirkungen des Fühlens, Wollens und Denkens auf das Wohlsein des Menschen zu lesen; wir fordern mehr, – wir fordern, daß man sich Gewalt anthue, daß man sich kennen lerne, daß man sich ausbilde, sittlich und intellectuell, und man wird erfahren, was das heiße: Gesundheit, Integrität des Menschen. Und Niemand sage: mir ist eine solche Anstrengung nicht möglich, mir sind solche Kräfte nicht verliehen! – Ein inneres Leben, auf dessen Voraussetzung alle unsere Forderungen beruhen, ein Geist, der fähig ist oder befähigt werden kann, den Körper zu beherrschen, sie sind Jedem verliehen, der im Stande ist diese Zeilen zu lesen, und sich gegen sie zu wehren; und Jeder kann , was er soll . Das Bedürfniß der Freude und Erholung nach Pausen ernster Thätigkeit und Duldung, und der Trieb es zu befriedigen, darf Niemandem bekannt gemacht werden. Es kündet sich von selbst an, wie die gütige Natur nach wiederholten Anstrengungen von selbst zum erquickenden Schlafe ladet, und ihn mit sanfter Unwiderstehlichkeit herbeiführt. Höchstens bedürfte der rastlos im Staube der Wissenschaft wühlende Gelehrte einer solchen Mahnung an die Gebote der Natur und des Lebens, die nie ungestraft übertreten wurden. Wenn Mephistopheles dem Dr. Faust keinen andern Dienst erwiesen hätte, als daß er ihm den gelehrten Mantel lüftete, so hätte der Doctor nicht zu verzweifeln gebraucht. – Aber mit dem Erwachen ist's nicht immer so wie mit dem Einschlafen. Hier wird oft die strengere Hand des Zwanges nöthig. Das Leben weiset Jedem mit einem eisernen Stabe seine Bahn. Wohl dem, der den Stab sieht, seiner Weisung mit ernstem Schritte folgt, und nicht wartet, bis er, schwer und nicht mehr abzuschütteln, auf seinem blutenden Rücken liegt! Es gehört schon ein hoher Grad von innerer Cultur, oder ein feiner, nur Wenigen gegebener Tact dazu, im Taumel oder doch im verweilenden Spiele des Genusses das Bedürfniß des Ernstes, ja des Schmerzes zu empfinden. Quelle est – fragte sich der geistvolle Salvandy, der sittlichste aller neueren Dichter – – quelle est cette mystérieuse puissance, qui fait toujours sortir une affliction du milieu des nos joies les plus vives, comme si, en les goûtant, l´homme était infidèle à sa mission? – Was hier ein zartes Gemüth sittlich anerkennt, das gilt auch diätetisch. Der Schmerz ist nicht blos die Würze, – er ist die Bedingung eines ächten, belebenden Vergnügens, – wie es Nacht werden und gewesen sein muß, damit der Tag sich entwickle, und seinen belebenden Kreislauf halte. Die Natur weiß immer, was sie thut, und gibt nie ohne Liebe; sie hat den Rosen Dornen beigesellt, – und wer uns von allem Schmerze befreien wollte, würde uns zugleich auch jede Freude genommen haben. Unlust ist der Sauerteig in der Gesammtmischung des Menschen, das Element der Bewegung, ohne dessen Reiz wir endlich verschimmeln würden. Ein kleiner Verdruß, aus zufälliger Ursache entstanden, befreit oft von einer schwermüthigen Stimmung, gegen welche lange Zeit hindurch kein Mittel verfangen wollte. Reiche, satte, unthätige Menschen sind es, die zuerst in die Folterarme der Hypochondrie fallen, – Menschen, welche, in aller Fülle des Genusses schwelgend, von Thoren glücklich gepriesen werden. Eine tief in ihnen versteckte Mahnung treibt sie unaufhörlich sich selbst zu quälen, weil doch eine Lücke in ihrem Dasein ist, welche der Genuß nicht auszufüllen vermag. Der Weise kommt diesen peinigenden Gefühlen zuvor, und sucht selbst den Schatten, der auf der schwülen Wallfahrt durch dieses Leben nun einmal nicht zu entbehren ist. Dämmerung ist Menschenloos – in jeder Beziehung. In der blendenden Schwüle des Glückes, wie in der Nacht des Unglückes lauert die Versuchung. Wer sie kennen gelernt hat, wird in tiefer Bewunderung der Vorsehung, statt über den Ursprung des Bösen fruchtlos zu grübeln, im Lärm der Freude gerne und entschlossen den geheimnißvollen Warnerton des Schmerzes nicht nur vernehmen, sondern selbst aus seinen Tiefen hervorrufen. Das ist der Höhepunkt der Kunst zu leben, der Gipfel der Seelendiätetik; am schwersten zu ersteigen, aber am lohnendsten, wenn man oben ist. Als dieses Büchlein zuerst erschien, war es dieser Abschnitt, der selbst von Solchen, welchen der Inhalt des Ganzen wohlthat, welche auf dessen Absicht eingingen, manchen Widerspruch erfuhr. »Was ist am Süden so schön und gesund – fragte mich eine geist- und lebensvolle Frau – als daß er das annähernde Bild eines ewigen Frühlings gibt? und wie denken wir uns ein besseres Dasein als eben in diesem Bilde der Dauer und Ungetrübtheit? ist das nicht eine traurige, eine mönchische Ansicht, die den Schmerz und das Böse mit zum Leben rechnet, als sei die Menschheit zu ewiger Betrübniß verdammt? Nein, nein! uns zu freuen, uns zu beglücken sind wir da, und – das Schöne, das Gute über die ganze Erde zu verbreiten, und allmählich allein herrschend und für immer dauernd auf ihr zu machen, – das ist die Bestimmung der ganzen Menschheit, wenn sie kein Traum sein soll; und alle zarten Wünsche schönerer Seelen, sie müssen dereinst in Erfüllung gehen, wenn sie nicht der Spott höhnender Dämonen, wenn sie Verheißungen einer liebenden Gottheit gewesen sind.« – Wie gerne hörte ich dem schmeichelnden Widerspruche zu, der aus einer wirklich schönen Seele kam; und wer träumte sie nicht gerne mit, die Träume, ohne welche das Leben nur eine farblose Fläche darstellt? allein wir erwachen, und nun gilt es, zu sein und zu wirken in der Welt, die ist, – und des schönen Traumes auf eine Weile zu vergessen – damit er um so schöner und wahrer bleibe und immer wiederkehre. Denn die Sehnsucht und die Ahnung sind dem Menschen gegeben, um ihn zum Höheren hinauszuheben, nicht um das Höhere in die irdische Wirklichkeit herabzuziehen! Sie sollen nur hindeuten: nicht durch Erfüllung vernichten, wie die Alles aussprechenden Griechen durch den Mythos von Semele und dem Gotte, den sie zu schauen begehrte, lehrten. Wenn der Cultus des Höhern die heiligste Pflicht des Menschen ist, so ist es eine Pflicht dieser Pflicht, sie nicht durch Gewöhnung zu mißbrauchen und zu verflachen, – nur Einen Sonntag in der Woche zu haben. Schauen wir einmal ruhig unser Dasein an, mit der Betrachtung, nicht mit den Wünschen, .... so werden wir uns resigniren, es zu nehmen wie es ist, und das Gemälde des orientalischen Freudenhimmels Jenem zu überlassen, der im Stande ist, mit purem Lichte, ohne Schatten zu malen. Nehmen uns vollkommenere Welten in ihren Schooß, so werden wir anders organisirt sein; in unserer jetzigen Organisation ist einmal Lust durch Leid bedingt, und Schmerz die tiefe Wurzel des Lebens und Thätigseins. Und die ausgesprochenen Wünsche der Verbesserung, – wer wird sie eher verwirklichen, der Mensch mit dem unbefriedigten Wunsche im Herzen, oder der mit dem Bewußtsein des Wirklichen im Kopfe? und – was eigentlich den Zweck der Diätetik der Seele berührt – wer wird zufriedener genießen, – der, welcher eine andere Welt fordert, oder der, welcher die vorhandene mit Ergebung auffaßt? Es bleibt also wol bis auf Weiteres bei der alten Wahrheit und den berühmten Sätzen des Grafen Veri: Unser Leben besteht in Thätigkeit. Das Gefühl von Hemmung dieser Thätigkeit ist der Schmerz; das Gefühl von Beförderung der Thätigkeit ist das Vergnügen. Es kann aber keine Beförderung erfolgen, wenn nicht – sei es in noch so geringem Grade – eine Hemmung vorhanden war. Das Vergnügen setzt also den Schmerz voraus. Wenn wir unsere Lebensthätigkeit über das Maß steigern wollen, so bringt das Uebermaß eine Hemmung hervor. Das Maß ist Gesundheit. Wenn wir uns aufmerksam beobachten, so werden wir in uns einen steten Trieb gewahr, aus unserem Zustande herauszugehen. Vergnügen an der Gegenwart kann dieser Trieb nicht sein; der Mensch befindet sich also in einem immerwährenden Schmerze, und dieser Schmerz des Lebens ist der Sporn zur Thätigkeit in der menschlichen Natur. In unserm Loose ist nichts dauerhafter, als der Schmerz, und das Vergnügen ist nichts Positives, sondern nur seine Linderung. Scheine diese Ansicht düster, – sie ist es nicht; sie ist das treue Spiegelbild unseres Zustandes und ein wundervoller Lichtstrahl unserer Bestimmung. Die tiefen Gedanken, die sie eröffnet, verdienen nach allen Richtungen hin verfolgt zu werden, und sie offenbaren dem, der sich ihrer Betrachtung hingibt, die Geheimnisse des sittlichen, wie des Naturlebens. Die Natur selbst durch ihre Gesetze deutet an, daß diese Gesetze einem Höhern untergeordnet sind. Das Gemenge von Lust und Schmerz im Labyrinthe des menschlichen Lebens ist – menschlich zu sprechen – ein Symbol der göttlichen Absicht. Ohne Leiden bildet sich kein Charakter, ohne Vergnügen kein Geist. Der Mensch soll also wol an beiden reifen. So auch die Menschheit. Nicht das Behagen des Menschen, sondern seine Pflicht ist der Zweck, wohin Alles tendirt – in welchem auch das Behagen erst seine Gewähr findet. Das schale Einerlei des Genusses lehrt durch Sättigung – den Gedankenlosen zu spät – den Werth der Arbeit, und die Begierde, für welche Himmel und Erde nicht genug haben, führt den Thoren zur Verzweiflung – den Besonnenen zur Genügsamkeit. Langeweile ist das ganze Dasein des Menschen, – ein leeres Blatt, ein inhaltloser Begriff, – wenn ihn der rastlose Stachel im tiefsten Innern nicht treibt, im Schweiße seines Angesichtes die Geschichte hinzuschreiben: daß er litt, – das ist, daß er lebte. Und daß er sie hinschreibt, darin besteht sein Glück: schreibe er mit Thaten, Freuden oder Worten – es sind die Zwischenräume seiner Leiden. Wir haben keinen anderen Begriff vom Glücke; genug, wenn wir glücklich in diesem Begriffe sind! Hat das Leben durch diese Betrachtung – die freilich der Jüngling, an Illusionen reich, nicht machen wird, und der enttäuschte Mann schon ohne uns gemacht hat! – scheinbar seinen Werth verloren, so hat es an Bedeutung – und das ist sein wahrer Werth – gewonnen. Ungewiß und vergänglich ist das Glück; gewiß und ewig bleibt die Pflicht. Die Vorsehung schuf den Schmerz nur, um auch den Trost erschaffen zu können, und gerade der schmerzliche Widerspruch in unserer Natur ist das Siegel ihrer höheren Bestimmung. Schöner ist kein Lächeln, als das, welches mit der noch nicht versiegten Thräne im Auge kämpft; höher und dauernder ist keine Sehnsucht, als die nie zu befriedigende; reiner und wahrer genießt Niemand, als der freiwillig Entbehrende, und so mag und wird das Kreuz, mit Rosen umschlungen, das tiefste Symbol unseres Lebens bleiben. Ungern reiße ich den Faden dieser Betrachtungen ab, der ununterbrochen verfolgt, durch manche düstere, aber für den ernsten Weltbetrachter erkenntnißreiche Irrgänge unseres vielverflochtenen Geschickes führen würde, – um, dem praktischen Zwecke dieser Blätter gemäß, das Handeln zu berathen. In der Betrachtung wäre also jener Gegensatz festgestellt. Nun heißt es, dem Wechsel in allen Kreisen unseres Wirkens und Leidens, dem Gleichgewichte in allem Wechsel nachspüren, damit allenthalben das erkannte Gesetz sich heilsam bethätige. Freude und Schmerz sind Aeußerungen der zartesten Sphäre des Menschen, der empfindenden. Auch in einer gröberen gilt dasselbe von Ruhe und Bewegung. Thätigkeit bedingt das Leben des Menschen; ja das Leben ist nichts Anderes, als Thätigkeit; aber auch eine allzugroße Thätigkeit, sei sie es der Intension oder Dauer nach, kann der Harmonie des Lebens tödtlich werden und ist zu beschränken. Endlich, auch in der materiellsten Sphäre des menschlichen Organismus, macht sich die gleiche Regel geltend: der Wechsel zwischen Nahrung und Kräfteaufwand wird durch Genügsamkeit, durch Mäßigkeit balancirt. Und wieder: selbst in den höchsten Bezirken des menschlichen Webens und Wirkens, in denen des Gedankens, wird eine erhaltende Oscillation nöthig; die feinsten Denker, welche über das Denken hinauszudenken fruchtlos bemüht sind, kommen endlich zu solchen Ergebnissen und müssen, was eine scharfblickende Frau von den Dichtern sagt, zuletzt vom Menschen gelten lassen: daß sein Heil auf einem Wechsel von Bewußtsein und Nichtbewußtsein beruhe. Es wäre Pedanterie, mittelst des Verstandes ein solches Gleichgewicht in sich erzwingen zu wollen, diese oder andere diätetische Schriften in der Hand jedem flüchtigen Augenblicke dieses wandelvollen Lebens mit lächerlich ernsthafter Amtsmiene zuzurufen: Bis hieher und weiter nicht! – und sich selbst wie den Compaß seiner Taschenuhr zu behandeln, den man nach Belieben auf Avance oder Retard richtet. Man kann durch keinen Act des Bewußtseins dem Bewußtsein entgehen; wol aber kann man eine Stimmung in sich hervorrufen, und sich ihr hingeben. Es ist jener besonnene und doch halb unwillkürliche Zustand einer behaglichen Lebensanschauung, was dem Gedeihen der Zufriedenheit und Gesundheit am günstigsten ist; ein Zustand, der, zwischen angespannter Aufmerksamkeit und nachlässiger Zerstreuung eine heilsame Mitte haltend, uns immerfort zugleich beschäftigt und beruhigt, der unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst nie zur Grillenfängerei werden läßt, indem er sie stets mit jener auf die äußere Welt verbindet und versöhnt; ein Zustand, dessen nur der Gebildete, dem es zugleich an Gefühl für die Sprache der zarteren Lebenserscheinungen nicht gebricht, fähig ist; ein Zustand, der sich nur schwer mit Worten einigermaßen deutlich machen läßt, weil er, wie alle Zustände, etwas Mystisches hat; den der sinnende Schelver den heiligen Instinct des Lebens nennt, und nach seiner poetischen Weise so schildert: »Frage doch der Mensch nur seine eigene Erfahrung, wo und wann er die Fülle der Seligkeit genossen habe. Doch wol da, wo er thätig, vom Rade des Lebens unsichtbar fortgerissen, im beständigen Werden schwebt. Da gehört er sich selbst kaum an, denn er ist in der Seligkeit des Lebens verloren! er genießt sie und weiß nicht, was er genießt, und das einzige Gefühl, welches sich löset, ist die stille Rührung des sich selbst unbegreiflichen Herzens. Seine Werke gehen aus seinem Gemüthe hervor, wie Blumen und Früchte aus dem herben harten Holze; sie sind ihm nicht Absicht und Künstelei, wie sie den Anderen erscheinen mögen, sondern natürlich, leicht, einfältig und alltäglich! er war darin nur glückselig. Wissen wir nicht, daß der, welcher mit hastiger Begier die Gegenstände ergreift und halten will, in demselben Momente auch schon das vorher Gefundene verliert? Er ist irrig, da er greifen will, wo er empfangen soll. Es ist ja Alles schon da, und es fehlt nur, daß es für ihn da sei. So nehme er es ruhig auf und die Pforten der Welt werden sich vor ihm öffnen. Darum hat das Kind ein so weites Gedächtniß, das an der Welt ohne Eingriff vorübergeht. Darum tritt im höheren Alter, wo der heftige Wille gemäßigter wird, Erinnerung und Behagen wieder ans Herz. Aus dem Zwiespalte des Begehrens und Mangelns kehrt der Mensch in diesen heiligen Instinct des Lebens zurück: ihn zu bewahren, kann allein seine Sorge sein.« Gewiß, es bleibt die höchste Aufgabe der Kunst zu leben überhaupt, und also auch der Seelendiätetik: sich immer klar zu sein, ohne ängstlich auf sich Acht zu geben; – für alle Erscheinungen um und in sich eine heitere Objectivität zu bewahren; Alles auf sich wirken zu lassen, und doch alle Wirkung zu assimiliren, und durch alle Verwandlungen stets man selbst zu bleiben. Sagen wir es nur immerhin, wer das erreicht hat, der ist sich selbst Alles, – Lehrer, Freund, Gegner, Beschützer, – Arzt. Alles Leben wirkt in Pulsen. So auch das unsere. Wie unser Gehen ein beständiges Fallen ist, von der Rechten zur Linken, und wieder zurück, so besteht der harmonische Fortschritt unsers Daseins im schönen Gleichgewicht wechselnder Gegensätze, welches für jeden Einzelnen ein Anderes ist, das aber Jeder durch Uebung seiner Kräfte sicherer als durch Nachsinnen finden wird. Wenn er dann den Augenblick erfährt, wo er kein Organ seines Wirkens als besonderes, sondern nur die Freiheit dieses Wirkens als den gemeinsamen Ausdruck seines Selbst herausfühlt – dann ist er ganz und gesund. Seinen Magen empfinden heißt: ihn verdorben haben; keinen Theil seines Organismus vor dem andern herausfühlen heißt: gesund sein. Das nächste Kapitel wird uns Anlaß geben, diese Erfahrung an einer traurigen Erscheinung genauer zu prüfen. IX. Hypochondrie Das Kleinliche macht den Fluch des Lebens aus. Die ärmlichen Sorgen des Tages, des Körpers reiben uns auf. Darum nährt den göttlichen Theil eurer Natur: den Trieb der Bewunderung! Bulwer. Erörterungen über Diätetik der Seele sind ganz der Art, der thörichtsten und zugleich traurigsten der Menschenplagen: der Hypochondrie , eine besondere Betrachtung zu widmen. Vernunft, Sittlichkeit, Witz, und selbst Religion haben freilich, und mit Recht, diesem Dämon schon auf alle Arten, in Schweinsleder und Broschüren, auf dem Kothurn und mit der Jokusmaske, von der Kanzel und von der Bühne herab, beizukommen gesucht, – aber er, ein Milchbruder der Sorge, die bekanntlich durchs Schlüsselloch dringt, hat sich in den Schleier seiner Nichte; der Klugheit gewickelt, da will Keiner so dumm sein, ihn abzuweisen, und warum sollten nicht auch wir es versuchen, ihm diesen Schleier zu entreißen, da er leider! auch an uns seine blutigen Krallen bewährt hat. Wir haben ihn Egoismus gescholten; aber das rührt ihn nicht, er ist modern geworden, und weiß, daß Egoismus für Geist und freie Denkungsart gilt. Am besten wäre es, ihm zu zeigen, daß er Nichts ist, und das ist es, was wir, ohne scherzende Miene, völlig catonenmäßig versuchen wollen. »Wenn der Mensch – sprach eine ehrwürdige Stimme, als Wieland gestorben war, an seinem Sarge – wenn der Mensch über sein Körperliches und Sittliches nachdenkt, findet er sich gewöhnlich krank. Wir leiden Alle am Leben.« Das ist der wahre Begriff von jener Hypochondrie, die ich meine, und die in die Seelendiätetik gehört. Es gibt eine andere, welche der Arzt zu behandeln hat. Von jener aber, die wir im Auge haben, ist es durchaus nicht genug gesagt, wenn sie für Krankheitseinbildung erklärt wird. Man braucht sich nichts einzubilden; man hat im Wirklichen genug. Wir Alle, die wir unter dem Monde leben, sind nur relativ gesund; Jedem ist der Weg, auf welchem gerade Er sterben wird, in sein Wesen gezeichnet, und er darf nur in sein Inneres schauen, allenfalls noch die Brille halben Wissens vor den Seelenaugen, so wird er ihn finden, – um ihn schneller zu gehen. So lange wir gesund genug sind, unser Tagewerk zu verrichten, und nach gethaner Arbeit das Behagen der Ruhe zu schmecken, – so ist es unsere Pflicht, – ich sage Pflicht, bürgerliche und diätetische, uns um unser Leibliches nicht weiter zu kümmern. Der Schmerz ist ein anmaßendes Nichts, das zum Etwas wird, wenn wir es anerkennen. Wir sollten uns schämen, ihm so viel Ehre anzuthun, mit ihm zu liebeln, ihn zu hätscheln und groß zu ziehen, bis er uns über den Kopf wächst. Er wird nur groß, so lange wir klein sind. Wer kann sich einen Themistokles, einen Regulus denken, der seine Zunge im Spiegel besehe und sich den Puls fühlte? Ja, ich gehe weiter; ich rufe die Furcht selbst auf, die Quelle dieses Uebels, um es durch sie zu heilen. Macht sie es besser? oder nicht vielmehr schlimmer? Nichts in der Welt macht früher alt, als die beständige Furcht, es zu werden. Fünf Dinge erklärte schon vor Jahrhunderten der weise Perser Attar für die Verkürzungsmittel des Lebens, lange ehe noch der Plan zu Hufelands Makrobiotik im Gehirne seines Ur-ur-ahns vorgebildet ward: Eins ist: zu darben als ein alter Mann; Dann lange Krankheit; lange Wand'rung dann; Viertens der stete Hinblick auf das Grab. Er zieht dich leise vor der Zeit hinab; Und wird dir erst im tiefsten Herzen bang – Dies Fünfte ist des Todesengels Gang! Mit Nr. 5 meint der Weise die Furcht überhaupt; und gibt es eine Hypochondrie ohne Furcht? Stirbt der Hypochondrist nicht täglich aus Furcht zu sterben? Das sind jene kleinlichen Unglücklichen, von welchen ich in einem früheren Absatze sagte, daß sie der Arzt selbst verachten müsse, den sie ewig consultiren; das sind jene freiwilligen Candidaten der Medizin, die sich in die ganze Krankheitslehre hineinlesen, die sich aus Büchern Recepte verschreiben, zu deren Einem Marcus Herz, der berühmt gewordene Feind alles Schwindels, eines Tages sagte: Lieber Freund! Sie werden noch einmal an einem Druckfehler sterben! Das sind jene Nieten von Menschen, die der göttliche Platon aus seiner Republik verwies, die der göttliche Platon – also auch schon kannte; und wie sollte sie Athen, das Paris und London des Alterthums zugleich, nicht gekannt haben? »Zur Heilkunst seine Zuflucht nehmen müssen – läßt er seinen Sokrates-Silenos sagen – weil man sich, nicht der Wunden und unausweichlicher Krankheiten wegen, sondern um des Müßigganges und der Ueppigkeit willen Zustände zugezogen, für welche die klugen Nachkommen des Aeskulap erst Namen erfinden müssen – ist das nicht schändlich? Wenn ein Zimmermeister krank wird, so läßt er sich vom Arzt, sei es durch ekelhafte Reinigungen, sei es durch Schneiden, sei es durch Brennen, seines Uebels entledigen. Wollte der ihm eine langweilige Lebensordnung verschreiben, ihm tausenderlei kleine Vorsichten empfehlen, gleich würde er sagen, daß er keine Zeit habe, krank zu sein, daß es ihm wenig frommen würde, seine Gedanken immer mit der Krankheit zu beschäftigen, und die Beschäftigung, die ihm zukomme, liegen zu lassen. Lebe wohl! würde er einem solchen Arzte zurufen, zu seiner gewohnten Lebensweise zurückkehren, gesund werden, leben und arbeiten. Sind aber seine Kräfte zu schwach, sich emporzuraffen, so wird er Abschied nehmen und eines jämmerlichen Zustandes los werden. So der Zimmermann. Wer aber einen höheren Beruf zu wirken hat, soll der kleinlicher denken? Beim Zeus! nichts in der Welt hindert so sehr, einen würdigen Anspruch ans Leben machen zu dürfen, als diese übertriebene Sorgfalt für seinen Leib. Sie erschwert die Führung häuslicher Geschäfte, die Wirksamkeit des Kriegers, die Obliegenheiten des Bürgers im Staate. Sie macht unfähig zu allen Künsten und Wissenschaften, von welcher Art sie auch seien; unfähig zum Begreifen und Ueberdenken, da ihr immer von Leiden träumt, die sie selbst ersinnt; finde sie sich daher wo sie wolle – sie hindert, daß man ein guter, ein bewährter Mensch werde. Helden waren es, die Aeskulap von ihren Wunden befreite; das findet sich nirgends, daß er gesucht habe, solchen Menschen, die ewig über Kränklichkeiten klagten, durch langwierige Heilungen ein langes und unglückliches Dasein hinzudehnen, und sie so zu veranlassen, ein zweites Geschlecht von Nachkommen zu zeugen, elend und jammervoll wie sie. Von einem schwachgebornen und durch Unmäßigkeit zu Grunde gerichteten Menschen glaubte er, daß es weder ihm noch seinen Mitbürgern fromme, wenn er lebe; daß diese Kunst für einen solchen nicht gegeben sei, und wenn er reicher wäre als Midas.« Mag uns Enkeln einer allmählich ganz anders gearteten Welt eine solche Art, die Sache anzugreifen, gar zu antik vorkommen, – es bleibt noch immer, auch für uns, genug aus ihr zu lernen übrig. Die hellen, verständigen Menschen erklären die Hypochondrie, von welcher wir hier nicht sprechen, für eine Krankheit, um derentwillen sich an den Arzt zu wenden sei; die Hypochondrie aber, von welcher wir sprechen, so wie wir, für Nichts. Einer der hellsten und verständigsten, der noch dazu selbst von diesem Nichts genarrt wurde, – Kant, verfährt als ächter deutscher Philosoph, annihilirt, was ihm im Wege steht, und erklärt alle Menschen für unvernünftig, die eine solche Hypochondrie statuiren, als ein Wirkliches nämlich. »Wenn ihn Grillen anwandeln, so fragt er sich, ob ein Object derselben da sei. Findet er keines, oder sieht er ein, daß, wenn auch gegründete Ursache zur Beängstigung da wäre, doch dabei nichts zu thun möglich sei, die Wirkung abzuwenden, so geht er mit diesem Ausspruch seines innern Gefühles zur Tagesordnung, d.h. er läßt seine Beklommenheit an ihrer Stelle liegen, als ob sie ihn nichts anginge, und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Geschäfte, mit denen er zu thun hat.« Wir geben ihm zu diesem Entschlusse unsern völligen Beifall; ja wir wissen, daß es ihm damit gelungen ist; denn der Aristoteles von Königsberg ist, trotz des Nichts, das ihn zur Bejahung zwingen wollte, und eigentlich in einer flachen Brust bestand, die seinen Lungen nicht sattsam Platz machte, alt genug geworden. Der geistvollste aller Grillenfänger, und der grillenvollste aller Geistreichen: Lichtenberg, dachte von solchen Gespenstern auch nicht anders. »Es gibt, sagte er, große Krankheiten, an welchen man sterben kann; es gibt ferner welche, die sich, ob man gleich nicht daran stirbt, doch ohne vieles Studium bemerken und fühlen lassen; endlich gibt es aber auch solche, die man ohne Mikroskop kaum erkennt. Dadurch nehmen sie sich aber ganz abscheulich aus; – und dieses Mikroskop ist – Hypochondrie. Wenn sich die Menschen recht darauf legen wollten, die Krankheiten mikroskopisch zu studiren, sie würden die Satisfaction haben, alle Tage krank zu sein.« – Besonders häufig ist die hypochondrische Vorstellung, an der Schwindsucht zu leiden, die durch die sentimentalen Schilderungen oberflächlicher Beobachter in Romanen und Novellen nicht wenig unterhalten wird. Schon Weikard fand es vor fünfzig Jahren angemessen, eine eigene Species von Gemüthsleiden unter dem Namen »eingebildete Abzehrung« aufzustellen. Der Schwindsüchtige hustet, aber nicht Jeder, der hustet, ist schwindsüchtig; und so ist es mit allen übrigen vereinzelten Symptomen des Krankseins. Ueberlasse man doch dem Arzte die Beurtheilung ihres Complexes, ihrer Bedeutung! Für den Nichtkenner sind sie Nichts. Von dem Nichts aber kann man sich nur dadurch retten, daß man es ewig verneint; ein verneintes Nichts ist ein Dasein, und es gibt kein anderes Dasein, als Thätigkeit, welche zugleich der reinste, eigentlich der einzige Genuß lebendiger Wesen ist. Da die Hypochondrie, von welcher wir jetzt reden, auch nicht einmal Krankheit ist, so wird sie selbst durch Krankheit verneint, und der Geistesbruder des kurz vorher Genannten hat Recht, wenn er behauptet: »Man mache den Hypochondristen krank, damit er einsehe, was krank sein heiße, und er wird gesund werden. Probatum est . Man lasse den Hypochondristen hypochondrisch sein; denn er weiß sonst Nichts mit sich anzufangen. Auch probatum est .« – Betrachtet diesen leidigen Zustand als was Ihr wollt: als Schwäche, Einbildung, Faulheit, Dummheit, Egoismus, Krankheit, anfangenden Wahnsinn, – denn er ist das Alles und mehr; sein Name ist Legion, und er kommt vom Obersten der Bösen; – immer bleibt Thätigkeit der Engel mit dem Flammenschwerte, der ihm den Eintritt ins Paradies verwehrt, welches Menschen bewohnen, die der Natur und Pflicht getreu geblieben sind. Ruhe gebührt nicht eher, und Ruhe bekömmt nicht eher, als bis man ihrer bedarf . Da eigentlich solche Hypochondristen, denen Nichts fehlt (oder die das Nichts plagt), gar kein Mitleid erregen oder verdienen, so sehe ich nicht ein, warum man sie nicht lieber für unhöflich erklärt, was sie doch wahrlich sind, und, indem man sie mit diesem gesellschaftlichen Brandmal bezeichnet, zu ihrer Beschämung von der Societät ausschließt. Das würde vielleicht, zu ihrem eigenen Heile, der Sache schneller ein Ende machen, als alle meine und andere philosophische Discussionen darüber. Ja, man plage sie zu ihrem Heile; wenn die Gesellschaft in irgend einem Falle das Recht hat, zu peinigen, so ist es hier; sagt doch des Dichters erprobtes Wort: Der Hypochonder ist bald curirt, Wenn dich das Leben recht cujonirt. Er kann eigentlich gar nicht entstehen, wo die diätetischen Seelenanstalten getroffen worden sind, die den Inhalt unserer vorigen Aufsätze ausgemacht haben. Ich möchte den Menschen sehen, der, von freundlichen Phantasien umgaukelt, mit ruhig sicherem Wollen die Bahn des Lebens schreitet, das Auge mit Klarheit auf die breite Welt geheftet, in schöner Harmonie aller seiner Kräfte, Thätigkeit und Genuß verschmilzt, – ich möchte den Menschen sehen, der so innerlich fest und gebildet, und dabei hypochondrisch wäre. Ich müßte mich also wiederholen, wenn ich hier ausführlicher sein wollte; und doch bot sich das viel besprochene Nichts, diese Malcontentheit mit allem Etwas, – das eigentliche Sinn- oder Unsinnbild unserer Zeit, mir mit so viel Anmaßung als wichtig dar, daß ich mich genöthigt fühlte, es nicht zu verschonen. Es sind besonders drei Gemüthslagen, die zu jener Hypochondrie disponiren, von welcher wir hier sprechen, die wol auch den Arzt – wenn er ein Seelenarzt ist – aber nicht den Apotheker, angeht. Sie heißen: Egoismus, Müßiggang, Pedantismus. Von den ersten beiden ist in diesen Blättern oft genug die Rede, aber der letzte wird nur zu häufig im Lebensverkehr irrig gedeutet; wird dem angeschuldigt, der frei von ihm ist, wird dort am wenigsten gesucht, wo er am völligsten zu finden ist. Nicht Ordnung und Pünktlichkeit, von der sich nicht leicht eine Uebertreibung denken läßt, ist Pedantismus; der Geist der Kleinlichkeit , der den Zweck über den Mitteln verläßt, der ein Sklave selbstgemachter oder conventioneller Götzen ist, – er, und er allein verdient diesen Namen. Nicht der stille Gelehrte, der über der besseren Gesellschaft seiner Bücher die schlechtere der Welt vernachlässigt, und vielleicht wirklich ihre Convenienzen schon gelernt hat, ist der Pedant, sondern nur der Gelehrte, dem die Convenienzen der Bücherwelt höher als die Welt des Geistes gelten, die durch den Buchstaben nur vertreten, nicht verdrängt werden soll; dem nur die Ausgaben des Aristoteles, nicht was Aristoteles dachte und wollte, wichtig sind; nur die Urkunden verflossener Jahrhunderte, nicht der Sinn, den sie ausdrücken, nicht der Zweck, dem sie absichtslos dienten. Und der sich's am wenigsten träumen läßt, der Geck im Salon, dessen Lebenslust Ton, Formen, Mode, alle jene Kleinlichkeiten sind, welche der Mißverstand der Angewöhnung aus Mitteln eines nothwendigen oder angenehmen socialen Verkehrs zu selbstständigen Zwecken erhoben hat, – er ist der lächerlichste, der eigentliche Pedant. Das Spiel ist ihm zum Ernste geworden, und er hält nun das Ernsteste für Spiel. Und nun darf ich wol den Blick auf das Motto lenken, das ich diesem Abschnitte vorsetzte, um die Beziehung, in welche ich den Pedantismus hier bringe, zu verstehen. Was gibt es Kleinlicheres, als die körperlichen Unbequemlichkeiten, an deren ewig wiederkäuende Betrachtung der Hypochondrist sein besseres Selbst vergeudet? Man könnte die Hypochondrie die Eitelkeit des Befindens nennen. Und diese thörichte, grillenhafte Selbstbespiegelung, – sie führt zum geistigen Tode in dem Maße, als sie mit knabenhafter Angst das ihr unablässig vorschwebende Schreckbild des körperlichen Todes zu fliehen bemüht ist. Aber sie gefällt sich in ihrer Schwäche, und hat sich sogar in unserem Jahrhunderte nichtiger Verfeinerung ein Idol erfunden, in welchem sie sich beschönigen, ja verehren kann. Wir wollen es näher ins Auge fassen. Es ist manchmal von der Melancholie berühmter Männer die Rede. Der Ausspruch des Stagiriten: daß erhabene und tiefblickende Menschen meist zur Traurigkeit hinneigen, legitimirt sie gleichsam. Camoens, Tasso, Young, Lord Byron schweben uns in idealer Düsterheit vor; die beiden ersten haben wir zur Verherrlichuug der Hypochondrie aufs Theater gebracht; an ihren Leiden erbauen wir uns, die der letztern affectiren wir zu theilen. Alles dies gehört auf ein anderes Blatt. Wie es großen Männern zu Muthe ist, mögen sie selbst ausdrücken und ins Reine bringen; aber von der modernen Poesie laßt uns hier ein Wort einschalten. Bei ihr ist nicht die Rede von großen Männern, – wol aber von krankhaften Zuständen. Sagen wir's nur immer gerade heraus: Hypochondrie, entgeistete, grämliche, affadirende Hypochondrie ist die Amme der modernen Literatur, und man wird nächstens, zur richtigen Beurtheilung unserer jüngsten Dichter, des Arztes statt des Recensenten bedürfen. Ein junger Mensch, im mütterlichen Hause er- oder vielmehr verzogen, ohne Erfahrung, ohne Studium, ohne bestimmte Richtung, ohne Kraft zu arbeiten oder wahrhaft zu genießen, wird sich seines elenden Schwebens zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Nichtgewesensein und Nichtwerden, inne. Er liest Novellen und geht ins Theater, vergleicht sich mit Dichtern und Helden und macht Verse. Nun wird es ihm auf einmal klar, daß sein erbärmlicher Zustand von Langeweile eigentlich eine unausgefüllte Tiefe, eine unbefriedigte Sehnsucht ist. Er greift in das Meer melancholischer Phrasen, womit die poetischen Ströme von Jahrzehnten uns überschwemmt haben; er badet sich in diesen Wässern und spiegelt sich in ihnen; Camoens und Byron sind seine Leidensgenossen; nur daß sein Jammer, weil seitdem die Zeit vorgeschritten ist, viel interessanter wird, und nächstens eine zweite Auflage zu erleben hofft. So bringt der Unglückliche seine Jugend hin, – und greift ihm nun das Leben, das er versäumt hat, wirklich an die Kehle, steigt ihm ein anderes Wasser, als sein poetisches, an den Hals, – dann ist sein Elend fertig. Er, der weder die Welt noch sich selber kennen gelernt hat, schnappt nun vergebens nach seinen poetischen Bildern; er kann sie nicht brauchen, sie können ihn nicht trösten; er geht mit sammt seinen dichterischen Herrlichkeiten kläglich zu Grunde. So geht es dem Unbegabten; aber auch dem eigentlich Talentvollen, der zum Dichter berufen wäre, wird es nicht besser, – ja schlimmer. Der verliert sich erst recht in die schauerlichen Abgründe seines kleingroßen Ich: glaubt zu dichten, indem er hypochondrisch grübelt, – und ladet sich jene größte Lebenskrankheit des innerlichen Zwiespaltes wirklich auf den Hals, welche Jener nur heuchelt. Solche Dichter ziehen dann natürlich ihr Publikum nach, – und da jetzt fast Alles Publikum ist, Alles von Literatur singen und reden will, – so begreift sich, wie nöthig es ist, diese literarischen Interessen in einer diätetischen Schrift zu besprechen, wenn man noch einen Theil des Publikums vor dem Gräuel der Hypochondrie retten will. Es gehört also zur Diätetik der Seele, daß wir, weil wir die soi disants Youngs und Byrons unserer Tage doch nun einmal kaum überzeugen werden, daß sie vorerst was Rechtes lernen sollten, – es gehört, sage ich, zur Seelendiätetik, daß wir sie jammern lassen. Mögen sie des traurigen Gefühls ihrer Unzulänglichkeit in behaglichem Wiederkäuen selbst genießen! Wir wollen am Leben halten, und uns Muth statt Verzweiflung zu verschaffen suchen; Hippel aber sagt: »Nichts ist gewisser, als daß ein Kerl, der lesen kann, schon ein Maß Muth weniger habe; singt er, so fehlen ihm zwei Maß.« – Haben wir gleich selbst Lectüre unter die Mittel gezählt, unser inneres und dadurch auch das äußere Leben frisch und gesund zu erhalten, – so gibt es doch solcher Mittel noch ein Paar, die nebst der Thätigkeit, welche das Alpha und Omega ist, wenigstens für die erwähnten Candidaten der Hypochondrie wichtiger sind, als Alles, was in Büchern zu finden ist. Ich will sie im nächsten Abschnitte nennen, damit der Leser inzwischen Zeit habe, zu versuchen, wie sich das Ei auf die Spitze stellen ließe. X. Natur, Wahrheit Maudits polirons! pourquoi n'avez-vous pas le courage d'être vous-mêmes? vous seriez mille fois mieux. Point de graces, point d'onction, sans le naturel! rien de ferme aussi, rien d'imposant. Neker. Die ersten Heilmittel gegen alle Uebel, denen das menschliche Geschlecht unterworfen ist, – also auch die eigentlichsten Mittel, allen diesen Uebeln zuvorzukommen, sind – nun seht zu, wie ihr das Ei auf die Spitze bringt! – sind: Wahrheit und Natur . Wir können, auch wenn wir wollten, eines freien, reinen Daseins nicht genießen; denn eine einzige, große, allgemeine, unausweichliche Lüge umgibt uns, die Lüge des gesellschaftlichen Umganges. Es ist ein Zwang, der uns von außen kommt, – dem wir nicht wehren können, ja der uns mitunter Achtung abnöthigt. Aber ihm noch einen andern, selbst auferlegten Zwang, von innen heraus, hinzuzufügen, – das ist eine Thorheit, die uns Niemand zumuthen sollte, – die unsere innere und äußere Gesundheit allmählich, aber unüberwindlich untergraben muß, und der wir uns mehr oder weniger Alle schuldig machen. Es gibt nur eine Sittlichkeit, und das ist die Wahrheit; es gibt nur Ein Verderben, und das ist die Lüge. Dort ist Leben und Gesundheit, hier ist Verwesung. Wie ein heimliches Gift nagt und frißt die beständige Lüge, der peinliche Selbstzwang an den innigsten Kräften unseres Daseins, und mit krankhaftem Behagen füttern wir den Wurm, der uns verzehrt. Nie war diese Kunst so weit gediehen, als in unseren Tagen, und wie wir überhaupt auf unsere Kränklichkeit, wie thörichte Städterinnen auf ihre blassen Wangen, uns etwas zu Gute thun, so sehen wir in dem Raffinement, zu welchem wir die Verwicklung unwahrer Verhältnisse gebracht haben, die Höhe der Bildung, auf welcher wir uns zu stehen rühmen. So rühmt der unheilbare Kranke, der rettungslos Verlorne, die Abnahme seiner Schmerzen; er glaubt, das Uebel schwinde, weil er es nicht mehr fühlt; Hoffnung und Genügen lächeln auf seinem Angesichte, und schärfen nur durch bittere Ironie den Schmerz seiner Lieben und seines Arztes, welche besser wissen, wie es um ihn steht. Das ist das Bild unserer Welt. Niemand hat den Muth, Er selbst zu sein; und doch beruht alle Gesundheit nur auf der Behauptung des ächten Selbst gegen Alles, was das Individuum in die Enge treiben will. Denker verkennen das Uebel nicht. »Euer Heil – rufen sie den Zeitgenossen zu – liegt in der Wahrheit. Seid wahr in jedem Athemzuge!« – Und was sie dem Geschlechte zurufen, das legt der Arzt dem Einzelnen ans Herz. Durchs ganze Leben hin eine Rolle zu spielen, und könnte man in der Schlußscene mit demselben Rechte als August sagen: plaudite ! – muß vor der Zeit ermüden. Hufeland vergleicht diesen Zustand einem beständigen Krampf der Seele, einem schleichenden Nervenfieber. Und warum unterwerfen wir uns ihm? ist es nicht weit bequemer, wahr zu sein? braucht es so viel Anstrengung, uns darzustellen, wie es uns der tiefste, eingeborne Trieb gebietet? Den Männern sag' ich dies: es gibt keine Kraft ohne Wahrheit, und den Frauen sei es gesagt: ohne Wahrheit gibt es keine Anmuth. Und soll ich ein Geheimniß ausplaudern, welches eben so nahe liegt, und eben so schwer gefunden wird, als die Kunst mit dem Ei des Columbus, so wisset, daß das, was ihr als Genie bewundert, nichts ist als – Wahrheit. Jeder erscheint originell, der, ehe er sich ans Schreibpult setzt, statt Bücher zu berathschlagen, sich selber fragt und redlich antwortet. Er bringt Dinge aufs Papier, von denen die Studirtesten mit neidischem Staunen nicht wissen, woher er sie hat. Er bringt sie mit einer Frische und Unmittelbarkeit, um welche ihn jeder Dichter beneidet. Gewiß, wir würden bessere Schriftsteller sein, wenn wir wahrer wären. Wir sind Nichts, weil wir krank, weil wir falsch sind. Scham und Reue sind die entnervenden, die lähmenden Nachübel, die uns auf diesen Wegen erwarten. Wir können aber unserem Tode von dieser Seite entgehen, wenn wir nur Muth fassen; Muth, Andere und uns selbst nicht zu belügen, – Muth, zu sein, was wir sind. Seine Seligkeit in sich zu haben! immer und überall sein Glück in sich! .... gibt es ein anderes Glück? Ueberall und immer gibt der Gedanke Stoff zum Selbstgespräch, die Dichtungskraft Bilder, das Dasein Raum für Gefühle, für ein reines Wollen! Wer aber rettet uns aus der Lüge, die uns von außen umgibt? Die Freude an der Natur. Ihr Genuß und Studium liefern uns den Aether, aus welchem unser tiefstes, feinstes Wesen geboren und genährt wird. Wenn die zarte Pflanze, die wir unseren Geist nennen, schon im Treibhaus der Societät verdorren und absterben will, so versetzt sie, die Ihr sie retten wollt, in eine einsame Wildniß, und sie lebt wieder auf. Der genußliebendste Epikuräer, der vielleicht je bekannt geworden, ist nach durchgenossenen Freuden aller Art doch zuletzt auf das Ergebniß gekommen: »daß die höchsten Genüsse diejenigen sind, welche den Frieden der Seele nicht trüben.« Wenn ich bedachte, von wem dieser Ausspruch kam, so war er mir immer bedeutend. Und was sind das für Genüsse? Ich kenne nur zwei: die Betrachtung des Geistes und der Natur. Es ist gewiß herrlich und merkwürdig, und erregt den ernsteren Denker zu Ahnungen geheimnißvoller Tiefen: daß die Schönheit und Größe der Natur sich seinen erquickten Sinnen nicht entfalten könne, ohne daß zugleich sein Geist sich in sich erweitere und erhöhe. Sagt was Ihr wollt zu Gunsten der Gesellschaft; sie lehrt den Menschen seine Pflicht, und das ist das Höchste, was man überhaupt aussprechen kann; aber sein Glück erschafft ihm nur die Einsamkeit. Der Blick, in das unendliche Blau des Aethers verloren, oder über die reiche, mannichfache Schönheit der bunten Erde hingleitend, wendet sich ab von den Armseligkeiten, die ihn im Gewühle des Marktes trüben und verwirren. Die Natur denkt lauter große Gedanken, und die des Menschen, indem er ihnen nachsinnt, lernen sich ausdehnen und werden den ihrigen ähnlich. Das kleine Ich lernt sich als Atom begreifen, und wird doch, mitten im Anschauen der Unendlichkeit, seines Daseins froh, da es die Harmonie des Ganzen gewahr wird. Gerechtigkeit lernt sich an den unerschütterlichen Gesetzen der Natur; sie liebt, auch wenn sie vernichtet; nur in ihr ist Wahrheit, Ruhe und Gesundheit. »Der Aufenthalt im Freien – schrieb eine geistreiche Frau – habe für sie etwas Zauberisches: die Geliebten stünden ihr hier näher, und die Beschwerlichen entfernter.« – Alle gesunden Geister, die der Menschheit die Früchte einer schönen Einsamkeit zu genießen gaben, gediehen im Schooße solcher Gefühle, und werden, wie jener bekannte Arzt, das Wort Natur immer mit einer gewissen Ehrfurcht aussprechen, »wie man im Tempel sich vor dem Namen des Allerhöchsten beugt.« – Daß Lessing kein Gefühl für Natur gehabt habe, ist eine Fabel, die aus einem muthwilligen Paradoxon entsprang, wie man es dann und wann wol einem lästigen Narren hinwirft, um ihn los zu werden. Naturforscher sind es, unter denen man die meisten jener Gelehrten nennt, die das höchste, das heiterste Alter erlebten. Wie das ächte, innige Studium der Natur, wenn es tiefe Offenbarungen gewähren soll, kindliche Gemüther verlangt, dergleichen Howard und Novalis waren, – so erzeugt es auch wieder in denen, die sich ihm weihen, eine eigene Kindlichkeit, und gibt ihnen ihre Jugend wieder. Im Grunde ist jedes Streben des Geistes Naturforschung, und nur wer Alles um und in ihm naturgeschichtlich zu behandeln die Kraft und Einsicht erlangt, wird seinen Geist gesund und selig erhalten. Mit dem steten, unhörbaren Schritte der immer wandelbaren und immer treuen Tage und Nächte wird auch sein inneres Leben den stillen Kreislauf einer gewohnten Gesetzlichkeit gehen, und er wird im Entzücken inne werden, daß sein Gefühl für diese Harmonie nichts Anderes ist, als eben die Harmonie selbst, von der ja sein Geist, der sie denkt, ein Theil ist. Dieses inne zu werden, – dazu hat die Natur dem Wilden und dem Kinde das Gefühl ihrer Schönheit in den Busen gelegt; – dazu und weiter nicht führt den sinnenden Newton die Betrachtung des Weltgebäudes, und so erreicht sich der erste und nächste Zweck der Schöpfung, daß das Geschöpf seinem Standpunkte genügen lerne, und in diesem Genügen glückselig werde. Es ist wunderbar, welcher Balsam aus diesen Ansichten auf unser Wesen niederträufelt, – wie aus ihnen ein geheimer Quell heiliger Lebenskraft in alle Adern unseres Wesens sich ergießt. Wer es nicht erfahren hat, wird das Alles für Phrasen halten; aber wer es zu erfahren versuchen will, wird bald einsehen, warum wir solche Andeutungen an den Gipfel unserer seelendiätetischen Ermahnungen gestellt haben. Jeder Mensch ist ein Antäus; jeden stärkt und belebt bis zur Unüberwindlichkeit die mütterliche Erde, wenn er an ihr liebend festhält. Die Natur bestätigt und bejaht Jeden in seiner Eigenheit, auf welcher ja seine Gesundheit zuletzt beruht; sie erregt keine Leidenschaft, – ja vor ihr brechen sich vielmehr alle Leidenschaften und werden lächerlich, – auf denen doch zuletzt alle Krankheit des menschlichen Geistes beruht. Sie erzieht allmählich und gelinde, – aber sicher, unentrinnbar; und was ist alle Diätetik der Seele als eine zweite Erziehung? Der Umgang mit der Natur leistet Alles, was wir in allen unseren vorangegangenen Bemerkungen von der Kraft des Menschen gefordert haben. Die Natur wirkt auf den gesammten Menschen, indem sie an alle seine Organe spricht; sie füllt seine Einbildungskraft mit bedeutenden, großen, erfrischenden Gebilden aus; sie schreibt seinem Wollen feste, eiserne Grenzen vor, während sie es innerlich befestigt und härtet; ihr anhaltsvolles Schweigen bildet; ihre großen, einfachen, aber gesetzlichen und ins Unendliche greifenden Wirkungen wecken tüchtige, belebende Gedanken in uns; der stete Kreislauf ihrer unabänderlichen Ereignisse erhält uns in einem gedeihlichen Gleichgewichte; ihre Schönheit, die sie auf allen Wegen, in Blüten und Sternen, mit verschwenderischer Liebe in den Wandel belebter Welten streut, scheucht die Falten der kleinlichen Sorge, der engherzigen Hypochondrie aus unserem Antlitz; ihre Größe führt uns über uns selbst hinaus, und all unser Fühlen, Denken und Begehren verliert sich zuletzt in eine allgemeine Anschauung, die uns der Ergebung in das höchste Waltende, – der Religion, in die Arme führt, welche, tief verstanden und lebendig erfühlt, das Höchste, das Letzte ist, wozu der Mensch gelangen kann. Hier, wo die Betrachtung sich selbst aufhebt, ist der Ort, sie zu schließen, damit der angeschlagene Ton im empfänglichen Gemüthe leise anhaltend nachklinge, und verwandte Töne im Innern erwecke, daß sie sich wechselweise begleiten, erwiedern, und das klanglose Leben verschönern und heiligen. Aber dieses wird uns auch hier wieder klar: daß alle Bestrebungen, sittliche wie intellectuelle, Philosophie, Kunst, Moral, sociale Bildung und Diätetik der Seele, zuletzt doch nur das Eine, wollend oder nicht wollend, bezwecken, in Eins zusammenstießen. Als Schlußempfindung mag uns das immer bedeutend genug vorschweben; sie soll uns aber nicht abhalten, im Leben wie in der Wissenschaft, uns stets dem Besonderen zuzuwenden, stets den kleinen, abgeschlossenen Kreis der Einzelnheit liebevoll zu pflegen, und wie der Landmann sein schmales und doch segenreiches Erbe immer wieder von neuem durchzupflügen, weil doch Jeder nur den seinen auszufüllen im Stande ist, und am Ende alle die kleinen Sphären von selbst zu jener allgemeinen Bewegung und Harmonie zusammenklingen, welche das Bild und den Begriff einer Welt darstellt. In singulis et minimis salus mundi . Im Einzelnsten und Kleinsten ruht das Heil der Welt. A. d. H. Ich müßte mich, wie der Lauf dieser Kreise, ewig wiederholen, wenn ich meine Betrachtungen in alle Bezirke hinüberspielen lassen wollte. Ich ziehe es vor, dem Leser etwas zur Entwicklung übrig zu lassen, und, zur Commentirung dieses Abschnittes, ihn auf jenes Buch zu weisen, welches die Religion, die Wahrheit und die Natur selbst geschrieben zu haben scheinen; ich meine: Marc Aurel's Selbstbetrachtungen. Universal-Bibliothek Nr. 1241, 1212.] Wir wollen nur noch im Folgenden das Praktische unserer Ergebnisse in wenige Maximen zusammenfassen, an deren Hälfte der Leser wie der Verfasser fürs Leben genug zu thun haben. Vielleicht zu viel! XI. Resumé Sei Herr deiner selbst, und bleibe guten Muthes, in gesunden wie in bösen Tagen! Marc Aurel. I. 15. Betrachtungen über das, was wir in der Dämmerung unseres Selbstanschauens den Zusammenhang zwischen Leib und Seele nennen, sind eitel, ja sind bedenklich, wenn sie nicht schon von vorne herein in der Absicht angestellt werden, zu praktischen Ergebnissen zu gelangen; wenn sie nicht am Schlusse wirklich solche Ergebnisse liefern. In diesem Sinne wird es unseren Lesern nicht unwillkommen, wenigstens nicht unförderlich sein, wenn wir die Stationen des zurückgelegten Weges mit Einem Rückblicke überschauen, und, was wir bisher als Untersuchungen vorgetragen, schließlich als Maximen zusammenfassen. Dabei sei es erlaubt, Einiges nachzubringen, was am Anfange nicht gut einzuschalten war. Das erste Unerläßliche, was dem Menschen nöthig ist, damit sein Geist eine Herrschaft über den Körper erringe, kraft welcher dieser durch jenen in seiner Integrität und Lebens-Energie erhalten werde, ist: daß man an die Möglichkeit einer solchen Herrschaft glaube . Mag der Theoretiker die Möglichkeit zu demonstriren suchen, indem er nachzuweisen strebt, wie solche Geheimnisse sich erklären ließen; – uns schien es praktischer, die Möglichkeit durch die Wirklichkeit zu beweisen, indem wir geschichtlich darthaten, daß solche Wunder des Lebens sich vor unseren Augen begeben. Wir hätten nebst den angeführten noch gar manche Beispiele beibringen können, und wollen zur schließlichen Bekräftigung noch welche anführen. Mead erzählt von einem Frauenzimmer, das nach langwierigem Leiden von einer mit einem Marasmus der Glieder verbundenen Bauchwassersucht – also keinem imaginären, sondern einem sehr materiellen Uebel – durch die entschiedene Richtung ihrer Gedanken auf Einen Gegenstand wieder gesundete. Er berichtet von einer andern, die in dem betrübendsten Stadium der Auszehrung durch einen erschütternden Rückblick ihrer Seele auf ein Dasein, welches ihr nur der Stoff zu ewiger Reue zu sein schien, von den traurigsten Symptomen befreit ward. Ein eigentlicher Triumph der Gelehrsamkeit, der uns praktischern Menschen wol schwerlich gelingen möchte, war es freilich, daß Conring durch das Vergnügen, sich mit Meibom zu unterreden, von einem dreitägigen Fieber geheilt wurde. Sind solche Ereignisse meist die Frucht des Zufalls, das heißt nicht durch die menschliche Voraussicht herbeigeführt, so finden sich in dem unschätzbaren Werke von M. Herz über den Schwindel noch mehrere Beispiele von solchen Fällen aufbewahrt, in welchen ein ähnlicher Erfolg die Absicht des weisen Arztes krönte. Ja, wenn ich im Anfange meiner Betrachtungen so weit ging, dem Geiste ein wenigstens mittelbares Spruchrecht über Leben und Tod zuzuerkennen, so kommt mir ein Fall zu statten, der sich den abenteuerlichsten Vorstellungen nähert, und der in den medicinischen Jahrbüchern des österreichischen Staates (XIV. 4) nach Dr. Cheyne erzählt wird. Colonel Townshend legte sich, wenn es ihm beliebte, auf den Rücken und gab kein Zeichen von sich. Dr. Cheyne faßte seine Hand, fühlte den Puls allmählich sinken, und ein vor den Mund gehaltener Spiegel ward nicht durch den leisesten Hauch getrübt, – so daß der Arzt erschreckt besorgte, der Spaß sei Ernst geworden. Nach einer halben Stunde kehrte etwas Bewegung zurück, Puls und Herzschlag hoben sich allmählich, und der Obrist unterhielt sich wie sonst mit seinen Aerzten. – Doch wir wollen nicht fort beweisen, wir wollen recapituliren. Hat sich der Mensch im tiefsten Innern zum Glauben an die Gewalt des Geistes gebildet und gewöhnt, so kommt es darauf an, sich objectiv zu werden. Und dies ist eine weit schwerere Aufgabe, als man wol denken möchte. Wer sich in seinen Gesundheitszuständen fortwährend selbst auf der Lauer ist, wird zum Selbstquäler, wenn nicht zum Narren, – wer sich außer Acht läßt, wird nie zum Selbstbeherrscher werden. Hier wird jener heitere Blick auf sich selbst gefordert, welcher, als gesunde, humoristische Selbstironie, die Seele der künstlerischen Hervorbringung, der eigentliche Inhalt aller wahren Philosophie und das schöne Ergebniß eines ächt sittlichen Daseins ist. Indem wir uns nun unbefangen beschauen, nicht in müßiger Grillenfängerei, die wir etwa System oder Wissenschaft nennen, sondern nach den Antrieben unserer Wirksamkeit – unterscheiden wir an uns Etwas, das Bilder und Gefühle auffaßt, – Etwas, das will, – und Etwas, das denkt. Diesen Spuren sind wir nachgegangen, und es haben sich uns bedeutende Grundsätze ergeben: man wende die Phantasie dem Schönen, dem Erfreulichen zu; man nähre das Gefühl mit dem Großen und Heitern: man bilde Beides durch Theilnahme an der Kunst. Man stärke, reinige, veredle den Willen, und gebe ihm eine Richtung auf das eigene Ich; man bilde ihn durch eine ächte, gesunde Moral. Selbstbeherrschung , das ist die ewige, große Lehre, die dem Menschen das Leben, die Pflicht – und die Diätetik der Seele predigt. Ihr Haupthebel ist: das Wort, das man im geheimsten Innern sich selber gibt – im Rechten und klar Erkannten zu beharren. Wer geistig und dadurch leiblich gesund bleiben will, muß in einer ernsten Stunde sich fest vorgesetzt haben, sich zu bewältigen, und – diesem Vorsatze fürs Leben treu zu bleiben; kommen auch anfangs noch Rückfälle (und sie kommen gewiß), – der feste Vorsatz, immer wieder erneut, übt und stärkt das Vermögen zu wollen, und erlangt endlich den gewissen Sieg. Man fordere sich also diese Ehren-Parole des sittlichen Werths, ohne Zögerung, ohne Appellation, kategorisch ab. Der Unentschlossenheit stelle man dieses neue, selbsterschaffene Ich entgegen. Der Zerstreutheit, dem unglücklichen Getheiltsein der Seele, werde die Sammlung, der Unaufgelegtheit, der Mutter innerlichen Erkrankens, ein fester Entschluß entgegengesetzt. Wer ein Kind der Gewohnheit ist, reiße sich los von dieser »gemeinen Amme Aller;« und wer ein Spiel der Augenblicke ist, lerne, sich zum Rechten zu gewöhnen. Man sei bestrebt, die Kraft des Gedankens in sich zu entwickeln; man gebe auch dem Verstande eine Richtung auf das Ich; was beim Willen Selbstbeherrschung war, wird hier Selbsterkenntniß; man bilde auch diese Seite des Menschlichen durch die ächte, lebendige Wissenschaft, und lerne so an den Früchten das Göttliche der Erkenntniß, der harmonischen Bildung, fassen. Die höchste Erkenntniß, indem sie uns den Begriff unseres Selbst in die Idee eines Ganzen versenken lehrt, führt uns der Religion in die Arme, an deren Busen wir jener Empfindung einer allgemeinen und vollkommenen Entsagung theilhaft werden, woraus allein eine dauernde innerliche Heiterkeit, so wie aus dieser ein gesunder Zustand hervorgeht. Nur wer vor sich selbst klein geworden ist, kann das Große empfinden und erreichen. Dann wiederhole Jeder das schöne Gebet: »um ein reines Herz und große Gedanken!« Ruhe , innere wie äußere, ist das erste, unerläßliche Heilmittel in allen menschlichen Uebeln, inneren wie äußeren; in den meisten Fällen zur Heilung allein ausreichend, in den übrigen zur Unterstützung der anderen Mittel nöthig, in allen als Vorbauungsmittel unschätzbar; diese Ruhe aber ist eine Tochter des Geistes. Von allen Studien und Wissenschaften wird sie durch das Studium der Natur am sichersten hervorgebracht – welches von unserem diätetischen Standpunkte aus weit rathsamer ist, als das einem zarten Naturell oft Feindliche und Gefährliche der Geschichte, deren Betrachtung so manchen Schmerz, so manche leidenschaftliche Regung in uns aufruft. Dem, was man in sich als Temperament gewahr wird, suche man durch eine zum Gegensatze bestimmte Thätigkeit die Wage zu halten: dem thätigen durch eine intellectuelle, dem leidenden durch eine praktische. Die Leidenschaften wolle man nicht ertödten, wodurch die geheimnißvollen Keime und Triebkräfte des Lebens und der Gesundheit getödtet würden; man wisse sie nur gegenseitig zu balanciren, zu mäßigen, zu beherrschen. Die thätigen lasse man vorwalten, die niederdrückenden halte man hintan. Muth, Freudigkeit und Hoffnung sei das Dreigestirn, das man nicht aus den Augen lasse. Man erziehe sich selbst durch Stimmung und Richtung der Neigungen, denn durch Neigungen erzieht uns die Gottheit; und die Seelendiätetik, was ist sie sonst als eine Erziehung des Leibes durch die Seele? Jene Stimmung wird durch den Wechsel der Zustände bezweckt, der dem Oscillationsgesetze unseres Daseins entspricht und das Grundprincip der Seelendiätetik ist. – Freude und Leid, Spannung und Nachlaß, Denken und Thorheit (dulce est desipere in loco) weiß der Weise aneinander zu dämpfen und zu erfrischen, wie der Maler seine Farben; und den wird schwerlich das Gift innerer Erkrankung anhauchen, der es in der prophylaktischen Behandlung seiner selbst so weit gebracht hat, in gewissen Stunden die Eumenide des Ernstes, der schmerzlichen Erinnerung, der Sorge selbst über sich herauf zu rufen. Hier wäre es am Orte, jener Schwingungen zu gedenken, denen das leibliche Dasein durch unseren Zusammenhang mit dem Weltganzen, durch den Wechsel der Tage und Stunden hingegeben ist: man nehme denn wohl in Acht, was der Morgen, der Mittag, der Abend für Stimmungen erzeugen, für Stimmungen erfordern. Das allgemein Hingeworfene genüge hier und hinterlasse dem Leser eine gedeihliche Anregung zum weiteren Selbstentwickeln. Wer endlich schon dem furchtbaren Dämon der Hypochondrie verfallen ist, dem konnten wir nur einen Rath ertheilen, welchen wir nun wiederholen: den umflorten Blick von der dumpfen Enge des kümmerlichen, gequälten Selbst hinauszuwenden auf das unendliche Schauspiel der leidenden und jubelnden Menschheit, – und in der Theilnahme am Ganzen, die am eigenen Jammer zu verschmerzen, oder doch wenigstens die Anderer zu verdienen. Eine Aufgabe, welchen die großen Entwicklungsbewegungen der Gegenwart ohnehin Jedem nahe legen, und wenn er der Zeit würdig sein will, zur heiligen Pflicht machen. Eine Aufgabe, leichter, als sie dem in Gewohnheit untergegangenen blasirten Selbstling scheinen mag. Denn ist es nicht – nach dem Ausdrucke eines liebenswürdigen Dichters und Arztes – unser eigener Zustand, wenn wir einen fremden empfinden? – Und vollends: In der Herrlichkeit der ewig sich neugebärenden, alllebendigen Natur, da lerne der Unselige den Balsam finden und bereiten, der allen Creaturen gegönnt und gegeben ist; in dem ungeheuren Zusammenspiel menschlicher Charaktere und Geschicke, da lerne er das Maß finden, zu welchem er selber geboren ist; und wenn er dieses einmal erkannt hat, so strebe er nach nichts Weiterem als: Er selbst zu sein und zu bleiben – rein und wahrhaftig, wie ein unverfälscht ausgesprochenes Wort Gottes. Denn Gesundheit ist nichts Anderes als Schönheit, Sittlichkeit und Wahrheit. Und so sind wir denn wieder, wo wir ausgingen und wo wir endeten; so haben wir auch auf diesem Felde den Kreislauf menschlicher Betrachtungsweise durchgemessen; und wir dürfen die belebende Empfindung innerer Zuversicht und Klarheit, womit wir diese Blätter schrieben, ihnen als Segen zu fröhlichem Wirken und Gedeihen mitgeben! Tagebuchblätter. Condo et compono, quae mox depromere possim. Horat. Die Werke der Dichter, – Romane und Theater, – haben vor rein didactischen Büchern eben das voraus, daß sie nicht Alles aussprechen (woraus Langeweile entsteht); sondern daß sie im Leser, indem sie ihm ein Problem hinwerfen, das eigene Nachdenken anregen. Haben wir ihn nun in den vorangehenden Blättern gelangweilt, so gedenken wir uns durch die folgenden dem eben genannten Vortheile der Dichter zu nähern. Denn aphoristische Reflexionen reizen mehr an, als sie befriedigen, regen mehr an, als sie geben. Das Leben streut überall Aufgaben, und für den Aufmerksamen (in Symbolen) Grundsätze aus. Ein Gleiches leisten vortreffliche Bücher und erfahrene Menschen. Wir müssen überall hinhorchen, woher Beruhigung und Kräftigung zu gewärtigen ist. Was wir auf diese Weise uns aneignen, wenn wir das uns Gemäßeste finden und in uns verwandeln, ist eben sowol unser Eigenthum, als das, was wir erdacht zu haben glauben. Denn erfinden kann der Mensch doch Nichts; er bethätigt, indem er denkt, nur das in ihm, wie in Allen, wirkende Gesetz des Denkens; ihn umgibt die Atmosphäre des Wahren, aus welcher er einhaucht und wieder ausathmet. In diesem Sinne kann jenes Wort von Goethe Manchem, der sich mit unserer Aufgabe beschäftigt, sehr gemäß und fruchtbringend sein: »Ein zu zart Gewissen, das eigene Selbst überschätzend, macht auch hypochondrisch, wenn es nicht durch große Thätigkeit balancirt wird.« So auch dieses andere Wort eines deutschen Schriftstellers: Wer Geist und Körper in vollkommener Gesundheit erhalten will, muß frühzeitig an den allgemeinen Angelegenheiten der Menschen Theil nehmen.« Nach Gleichgewicht gegen außen und in sich, ist zu streben. Nun ist dies, in so weit es durch den Willen erreichbar ist, in Bezug auf vegetatives Leben: Genügsamkeit, – in Bezug auf irritables: Balance zwischen Bewegung und Ruhe; – in Beziehung auf sensitives: Behagen. Hierin liegt unser Gesetz. Es gelingt nur den geistig kräftigen und sittlich durchgebildeten Menschen, in sich eine gewisse Stille zu bewahren, die selbst während bewegter Momente und Epochen, wie der Punkt des Archimedes, noch eine Stätte für die Betrachtung bietet; die dem Sein das Denken zugesellt, welches die wahre Glückseligkeit des Menschen ausmacht. Mit der Leidenschaft möchte es immerhin angehen, – wenn sie nur commensurabel wäre. Oft habe ich mich scharf beobachtet, und gefunden: auch bei umwölktestem Kopfe ist der Gedanke rein und frei, wie Etwas, das, von außen gedrängt, sich unendlich unverletzbar zurückzieht. Nur die Wirkung ist ihm gehemmt; er kann gleichsam nicht empfunden werden. Es gibt kühlende Gedanken, wie es erhitzende gibt. Das Verhältniß ist nicht wie das der fröhlichen und traurigen, beide können beides sein. »Der Zweifel, das bangste aller Gefühle, löst sich durch die Verzweiflung, die oft zum wahren Heilmittel wird.« Es gibt Augenblicke, glückliche Augenblicke, von denen man sagen kann: der Körper hat sich bis auf das Vergessen seiner Bedürfnisse dem Geiste untergeordnet. Der freie Schwung unserer Kräfte strömt wie ein Meer zwischen einem sichtbaren und einem unsichtbaren Lande. Wohl Jenem – geistig und leiblich – dem solche Augenblicke werden; der sie durch eine ideale Richtung des Lebens zu rufen, – aber auch durch Besonnenheit zu mäßigen versteht! »Die Natur heilt, wo sie verwundet. Aber wo der Mensch sich selbst zu nahe tritt, – soll sie da, wie die Mutter des verwöhnten Kindes, ihn noch stolz durch ihre Theilnahme machen? Ist diese Ruhe, dieser schlängelnde Bach, dieser stille Wald, dieser blaue Himmel, diese allgemeine Harmonie der ewigen Schönheit, nicht mütterlicher Balsam genug in deine Seele?« Und ist es nicht edler und natürlicher, die kleine Dissonanz der Selbstheit in jenen harmonischen Einklang aufzulösen, als ihn durch sie zu verderben? Eine Kunst, das Leben zu verlängern? ... Lehrt den, der es kennen gelernt hat, lieber die Kunst, es zu ertragen! »Das ganze Geheimniß, sein Leben zu verlängern, besteht darin: es nicht zu verkürzen.« Dreierlei muß bei der Thätigkeit berücksichtigt werden, wenn sie wahren Segen bringen soll: 1. Sie muß ihr Maß bewahren; »ohne Rast, aber ohne Hast .« 2. Sie muß in der rechten Stunde den rechten Gegenstand mit Liebe ergreifen, nicht invita Minerva . 3. Sie muß abwechseln – mit Ruhe und mit den Gegenständen. Die Natur des Geistes ist so geartet, daß uns der Wechsel meist mehr Erholung schafft, als die Ruhe. Ruhe, Genuß oder Strapaze? – »Der angemessene Wechsel von abhärtender Thätigkeit und dadurch bedingtem gründlichen Behagen.« Leicht bemerkt es sich, daß die Lebensansicht, die den Genuß apotheosirt, weniger Genuß schafft, als die, welche ihn mit Maß schätzen, also auch den geringeren würdigen lehrt, daß jene unfehlbar den Lebensüberdruß erzeugt, den diese allein zu heilen fähig ist. Für den rechten Menschen ist Trost nicht heilsam, weil er schwächt. Pflicht ist sein wahrer Trost. Sehnsucht ins Unendliche ist Verkennen des Endlichen; Jammer über Verkanntsein – Verkennen des Menschenzweckes, der nicht draußen liegt. Ja, Seelenleiden sind nur zu oft Bußen – d.h. natürliche Folgen innerlicher Unnatur! Das Uebersehen der geistigen Wirksamkeit rührt bei Gebildeten meist von jener flachen Ansicht: Alles, was lebt, lebt durch Etwas außer ihm. So wird das Leben des Menschen zu einem abstracten Nichts gemacht, welches eine medizinische Schule: Erregbarkeit genannt hat. Allein das Leben wirkt von innen heraus. Mens agitat molem . Was wir leiblich thun, um zu leben, aneignen und aussondern, einathmen und ausathmen, – müssen wir geistig wiederholen. Eine Systole und Diastole Eine Einschränkung und Scheidung. A. d. H. muß das innere Leben sein, wenn es gesund bleiben soll. Jetzt erweitern wir uns, wir lernen, wir genießen, wir handeln, wir gehen aus uns heraus – und schon treibt uns der ewige Pulsschlag des Schicksals wieder in uns zurück und nöthigt uns, alle unsere Kräfte in Einen Punkt zu sammeln, um sie von da aus wieder in die Breite zu versenden. Wer sich immer ausdehnt, zerfließt, – wer sich immer in sich zurückschließt, erstarrt. Immer aufmerken, immer denken, immer lernen, – darauf beruht der Antheil, den wir am Leben nehmen, – das erhält die Strömung des unsern und bewahrt es vor Fäulniß. Und so gut wie vom »Lieben und Irren« läßt es sich sagen: »wer nicht mehr strebt, wer nicht mehr lernt, der lasse sich begraben.« O what a noble mind is here overthrown! Ich kenne keinen tieferen, sittlichern Schmerz, als den diese Worte aussprechen. Die Verneinung scheint sich ans Ewige selbst zu wagen und Nichts mehr beharren zu können. Und doch bietet unsere Zeit uns keinen Schmerz öfter als diesen. Möge doch jede bessere, zarte Natur auch jene materielle Härte an sich ausbilden, die in dem Kampfe mit den irdischen Mächten nun einmal unerläßlich ist! Der Zartheit ist die Geduld zur Erhalterin beigegeben; der Kraft bereitet die Ungeduld oft den Untergang. Geduld! ernstere Schwester der Hoffnung, wohlthätiger Balsam der heilenden Natur des Geistes; wundervolle, tief-innere Kraft des Wollens – nicht zu wollen, wirkend durch Leiden! welcher Kranke hat nicht im glücklichen Augenblicke deinen Zauber erfahren – wenn er ihn heraufzubannen verstand! welcher Arzt weiß nicht, daß die Fieberparoxysmen vor dir weichen, und wenn du das Bett des Leidenden verlassest, sich verdoppeln, daß du die heftigsten Schmerzen bändigen, die schwierigsten Kuren beschleunigen hilfst! Du allein bist stark im Schwachen, du allein schon die völligste, die zarteste, die schönste Offenbarung der Seele als heilender Kraft im Leibe. Hypochondrie ist Egoismus. Dichter, gewohnt in den Tiefen ihres eigenen Busens zu wühlen, ihre Gefühle und inneren Zustände zu zergliedern, sich als den Mittelpunkt der Welt zu empfinden, fallen meist diesem Dämon anheim. Ich habe einen dieser schön und traurig Begabten gekannt, den nur das Studium der Geschichte, die reine Theilnahme an dem Weltganzen, auf Augenblicke von solchen Qualen befreite. Diese Richtung würde ihn unfehlbar ganz geheilt haben, wenn es nicht zu spät gewesen wäre. In der Brust eines jeden Menschen schläft ein entsetzlicher Keim von Wahnsinn. Ringt mittelst aller heitern und thätigen Kräfte, daß er nie erwache! Scepticismus, der trübe, kleinliche Scepticismus des Weltlings ist Schwäche. Man resignirt sich beim Gewahrwerden der Schwierigkeiten, welche der Muthige mit Ausdauer bekämpft, welche der Glaube allein zu überwinden hoffen darf. Halbe Aerzte sind meist Sceptiker. Es handelt sich nicht darum, sich Apathie anzubilden; es gilt die reinsten, die edelsten Leidenschaften in sich zu entzünden und zu hegen. Halte dich ans Schöne! Vom Schönen lebt das Gute im Menschen, und auch seine Gesundheit. Berufsthätigkeit ist die Mutter eines reinen Gewissens; ein reines Gewissen aber die Mutter der Ruhe, – und nur in der Ruhe wächst die zarte Pflanze des irdischen Wohlseins. Es kommt weniger darauf an, sich immer bei Verstand zu erhalten (und wem gelänge das so leicht?) – als eine gefaßte Stimmung in sich zu bewahren, – und Etwas zu haben, woran man sie emporhält, wenn sie sinken will. »Wissen gibt eine Stimmung und nimmt eine Stimmung.« Man nöthige präcipitirte voreilige. Naturen zu langsamem Gehen und Schreiben; unentschlossene zu raschen Handlungen; in sich versenkte, träumerische gewöhne man den Kopf stets in der Höhe zu halten, Andern ins Gesicht zu sehen und laut und vernehmlich zu sprechen. Es ist unglaublich, aber ich habe es erfahren, wie sehr solche Angewöhnungen auf Seele und Körper wirken. Es ist nicht genug, sich als Gegenstand zu betrachten, man muß sich auch so behandeln. Welcher Umgang dich kräftig, dich zur Fortsetzung der Lebensarbeit tüchtiger macht, den suche; welcher in dir eine Leere und Schwäche zurückläßt, den fliehe wie ein Contagium. Leiden sich als Prüfungen vorzustellen, bleibt ewig der schönste und fruchtbarste Anthropomorphismus. menschliche Vorstellung. A. d. H. Er macht uns sittlich und gibt uns Kraft. Entschiedene, eingreifende Activität ist dem Manne von Natur zugewiesen; passives Weben und Leben dem Weibe. Beide Gesetze dürfen nicht ungestraft überschritten werden. Bücher sind Brillen, durch welche die Welt betrachtet wird; schwachen Augen freilich nöthig zur Stütze, zur Erhaltung. Aber der freie Blick ins Leben erhält das Auge gesünder. »Nicht eine kränkelnde Moral, – uns frommt eine robuste Sittlichkeit.« »Was man kräftig hofft, das geschieht. Ein keckes Wort, was aber wunderbar tröstet.« Die Trauer kommt von innen und untergräbt aus der Tiefe den menschlichen Organismus. Ein Verdruß, der von außen kommt, stellt das Gleichgewicht am besten wieder her. Gelingt es, die Aufmerksamkeit, sei es durch die Unterhaltung mit einem Freunde oder Buche, sei es durch Erinnerung oder Pflichtgefühl, auf einen gegebenen Punkt zu concentriren, so wird innere Traurigkeit und äußerer Schmerz noch gewisser den Stachel verlieren. Am gewissesten, wenn diese Richtung, dem Leidenden unbemerkt, von einem Andern gegeben werden kann. »Durch tiefes Denken – sagt Hippel – gewöhnen wir unsere Seele zu einer Art Existenz außerhalb des Körpers; sie bereitet sich durch einen Weg über Feld zu einem größeren, der uns Allen bevorsteht.« Das Abstrahiren, das sogenannte »Sich zerstreuen« taugt nichts. Indem ich beständig den Vorsatz in mir festhalte und innerlich ausspreche, von dem Gegenstande A oder B zu abstrahiren, halte ich eben dadurch den Gegenstand A oder B in mir fest und verfehle meinen Zweck. Indem ich aber den Gegenstand C fixire, weicht A oder B von selbst. Nur durch Position eines Andern wird etwas wahrhaft negirt. Ein Gesetz, welches nicht nur für die Diätetik der Seele, sondern für das ganze Leben von den wichtigsten Ergebnissen ist. Das Gemeine, Schlechte, Falsche und Häßliche werden nur dann wahrhaft verneint, wenn man das Edle, Gute, Wahre und Schöne an ihre Stelle setzt. Wer alle jene Uebel als wirkliche Dinge betrachtet und gegen sie ankämpft, ist verloren; man muß sie als Nichts behandeln und Etwas erschaffen. Ein gemäßigter Optimismus, wie er ja ohnehin aus einer ächten Philosophie des Lebens entspringt, gehört zur Diätetik der Seele. Wer mit der Welt nicht zufrieden ist, wird es auch mit sich selbst nicht sein; und wer es mit sich nicht ist – wird er sich nicht in Unmuth aufzehren? wird er die innere Gesundheit bewahren können? – Es ist kein Mensch, der nicht schon unerwartet Gutes erlebt hätte. Das halte dir vor, und du wirst nicht an der Zukunft verzweifeln. Die Erinnerung wird – wie sie ein Dichter nennt – die Ernährerin der Hoffnung werden. Wir sollen uns so behandeln, wie es von Reil gesagt wurde, daß er seine Kranken behandelte: die Unheilbaren verloren das Leben, aber die Hoffnung nie. Auf Energie beruht die Möglichkeit, sich den Mächten des All gegenüber als Einzelwesen zu behaupten. Alle Energie aber, die wir uns geben können, beruht auf Bildung. Energieen (der Erfahrung zufolge): die träge ( vis inertiae ), Kraft der Unthätigkeit. A. d. H. die zähe, die stille, die feste, die beharrliche, die stoßweise, die duldende, die zarte, die wilde, die heitere, die, welche mehrere dieser Kriterien in sich vereint. Ein Anderes sind die einzelnen Vermögen in ihrer Potenzirung: Verstand, Wille, Phantasie u.f. »Energie« als Gesammtausdruck, bezieht sich auf das Resultat aus ihnen und Anderem, oder auf die individuellste, ihrem Ursprunge nach unbekannte, dem lebendigen Wesen eingeborne Kraft. Nicht verstimmt zu sein – ist eine Forderung, die weder dieses Buch, noch irgend eine Pflicht an den Menschen machen kann. Die Saiten eines Flügels werden durch die Atmosphäre (als Hygrometer), Feuchtigkeitsmaß. A. d. H. sie werden durch ihre eigene Beschaffenheit verstimmt, das ist nicht zu ändern. Nun ist freilich auf einem solchen Instrumente gut zu spielen – ein schwierig Ding; aber der Virtuose leistet's – eine gute Weile; – leistet's, bis die Verstimmung Saite nach Saite ergreift und keine mehr Antwort gibt. Stimmungen nicht zu haben , ist nicht in unsere Gewalt gegeben, wol aber vermögen wir sie zu benützen, wie es der Dichter thut. Er gestaltet ein Kunstwerk aus ihnen, wie der Bildhauer aus seinem Marmor. »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab ihm ein Gott, zu sagen, was er leidet.« In diesem Sinne lassen wir auch jenen Augenblicken ihr Recht widerfahren, in welchen das Bewußtsein das seine verliert; ja wir begeben uns zuweilen desselben. Mögen sie Schmerz oder Freude bringen, sie gehören zur Dämmerung unseres Zustandes. »Es sind – wie Rahel sagt – Parenthesen im Leben, die uns eine Freiheit geben, welche uns bei gesundem Verstande Niemand einräumen würde. Entschlösse sich – fragt sie – Jemand, ein Nervenfieber zu nehmen? und doch kann es uns das Leben retten. Es kommt aber von selbst.« Ueber die Stimmung durch Tageshelle habe ich neulich eine lebhafte Erfahrung gemacht. Die Lampe, die in meinem Schlafzimmer des Nachts brennt, brannte sehr helle. Ich erwachte und wußte nicht, welche Zeit es war. Gewohnte, nächtliche, meist ernste, ja düstere Gebilde nahmen Besitz von meiner Phantasie und verjagten den Schlaf. Da schlug die Uhr fünf, und ich erkannte, daß das, was ich für Lampenschein gehalten, schon Tageshelle war. Augenblicklich veränderte sich meine Stimmung; dieselben Gegenstände, die mich eben verdüstert, erschienen im heitern Lichte, und ich hatte wieder Muth. Ich empfand diese Veränderung wie einen Ruck im Gehirne. Eine gerührte Stimmung ist wie das Abendroth oder ein farbiges Glas, durch welches wir die Welt schöner, wie überzaubert erblicken. Je ne sais, – mais j'aurais plus d'horreur d'un poison noir que d'une eau transparente comme celle-ci; sagt ein Mädchen im Théâtre de Clara Gazul , die, im Begriffe sich zu vergiften, die klare Flüssigkeit betrachtet. Sie gibt uns eine gute Lehre. Es kommt auf die Farbe an, die wir den Dingen verleihen, welche uns nun einmal bestimmt sind. Das Leben des Menschen muß eine Morgenröthe haben; ist sie einmal aufgegangen, so bleibt es Tag und es bedarf keiner Lampe mehr. Jeder, der den Namen Mensch verdient, hat diese Epoche der innern Geburt erlebt: da er sich sein bewußt ward. Aber ein müßiges Aufpassen auf jeden Zahn im Räderwerke unseres Treibens ist gegen die Natur. Ich bin nicht blos Hirn, ich bin auch, und mehr noch, Herz, Hand, Fuß. Hat das Auge sein Ziel gefaßt, so braucht der Körper nicht nachzudenken, um sich hin zu bewegen. Die Rosen blühen unbewußt, und eben so reifen die Früchte. Der Grundfehler des Menschen ist Trägheit. Er untergräbt in tausend Formen unser Wohlsein. In Gebildeten verlarvt er sich in jene philosophisch sein sollende trübe, sceptische Weltansicht, die man Hamletismus nennen könnte, um sie für den Erfahrenen mit Einem treffenden Typen zu bezeichnen. Es ist ein Aufgeben seiner selbst, ein freiwilliges Erkranken und Sterben. Gesundheit und Leben ist Selbsterweckung. Wenn der Verstand Alles vermöchte, so hätten wir weder Gefühls- noch Einbildungsvermögen. Leib und Seele werden durch erschütternden Wechsel von Frost und Hitze, Lust und Qual gehärtet und gestählt. So erzieht die Natur ihre herrlichsten Söhne, so die Dichtkunst durch die ächte Katharsis. Reinigung. A. d. H. Die Erkenntniß kann uns keine Theilnahme am Leben einflößen; sie zeigt es uns vielmehr in seiner Nichtigkeit. Phantasie und Gefühl erregen unser Interesse für dessen vergängliche Erscheinungen, und machen uns dadurch glücklich. In diesem Sinne ist die Kunst ein gesünderes Streben, als die Philosophie. Ein Begriff füllt den Menschen nicht aus, macht ihn nicht handeln, beruhigt ihn nicht. Dieses Alles wirkt nur die Gesinnung, das je ne sais quoi , welches sich nicht nennen, aber an Andern auffassen, an sich selbst lernen und üben läßt. Von Hafisens Gedichten ist sehr gut gesagt worden, daß sie nicht durch den Sinn der Worte, sondern durch die heitere Gesinnung, die sich aus ihnen über den Hörer verbreitet, so wunderbar erquicken. Nichts schützt so kräftig vor dem schauerlichen Gespenste des Alters, vor der Verknöcherung unseres Wesens, die es verkündet oder begleitet, als ein heiterer Scepticismus. Nicht über ewige Wahrheiten, sondern über sich selbst. Vor der Einseitigkeit des eigenen Individuums beständig auf der Hut sein, das ist die ewige Jugend. Ein tüchtiger Mensch muß immer ein tüchtiges Werk vor sich haben. Eine Aufgabe, die ein Zusammenstreben aller seiner Kräfte verlangt. Dieses Leben ist ja doch nur eine Spannung, mehr oder weniger gewaltsam; jedes Nachlassen ist ein Erkranken, ein Ersterben. Das Schreiben, und wenn man auch nicht ans Druckenlassen denkt, ist ein wahrhaft diätetisches Stärkungsmittel, dessen in unserer überbildeten Zeit sich ohnehin fast Jeder bedienen kann. Man befreit sich von einem quälenden Gedanken, von einer drückenden Empfindung am besten, indem man ihn klar niederschreibt, indem man sie rein darstellt. Der Krampf der Seele löset sich, und der Wiederkehr ist vorgebaut. Die Philosophie, welche sich der Betrachtung des Todes widmet, ist eine falsche; die wahre Philosophie ist eine Weisheit des Lebens; für sie gibt es gar keinen Tod. Aechte Tugend und wahres Wohlsein gründet sich auf Leitung durch sich selbst. Wer sich je mit dem Nachdenken über seine eigenen leiblich-geistigen Zustände befaßt hat, frage sich selbst: ob er nicht erfuhr, daß sich die Empfindungen weit mehr nach den Vorstellungen, als die Vorstellungen nach den Empfindungen richten? Die Leidenschaft ist das eigentliche Leiden; das besonnene Leben die wahre Thätigkeit. Denn dort leidet unser innerstes Wesen, hier wirkt es. Je mehr die Thätigkeit zur Gewohnheit, zum Elemente wird, desto mehr schützt sie vor dem Leiden. Das Leiden drückt nieder, das Wirken erhebt; die Erhebung belebt, Krankheit und Tod sind theilweiser oder völliger Mangel an Erhebung. Die Fehler früherer Jahre, physische wie sittliche, wirken auf die späteste Lebenszeit hinaus. So auch das frühzeitig errungene Gute. Ich muß wollen, ich will müssen. Wer das Eine begreifen, das Andere üben gelernt hat, der hat die ganze Diätetik der Seele. Wer gesund bleiben und es weiter bringen will, muß alle Thätigkeiten und Zustände in der Zeit wohl von einander zu sondern wissen. Einsamkeit ist sehr gedeihlich: aber in der Gesellschaft muß man nicht einsam sein wollen. »Könnte man die Schnellkraft der Jugend mit der Reife des Alters verbinden, – da wäre man geborgen!« – Strebe nur, die erste zu bewahren! da die andere sich von selbst aufdringt, so wird eine Epoche eintreten, in der dein Wunsch erfüllt wird. Wornach Einer recht mit allen Kräften ringt, das wird ihm, – denn die Sehnsucht ist nur der Ausdruck dessen, was unserem Wesen gemäß ist. Wer klopft, dem wird aufgethan; das Leben zeigt uns täglich Beispiele an Abenteurern, Reichen, Ruhmsüchtigen, edel Strebenden. Und sollte es mit der Gesundheit anders sein? Wir müssen in der ersten Epoche unseres Selbstbewußtwerdens die jugendliche Glut und Frische unserer Gefühle nur scheinbar, nur für eine Zeit lang aufopfern, um sie später, nur durch Einsicht und Erfahrung um so fester gegründet, wieder aufzunehmen. Steht dir ein Schmerz bevor, oder hat er dich bereits ergriffen, so bedenke: daß du ihn nicht vernichtest, indem du dich von ihm abwendest. Sieh ihm fest ins Auge, als einem Gegenstande deiner Betrachtung, – bis dir klar wird, ob du ihn an seiner Stelle liegen lassen, oder etwa pflegen und verwenden sollst. Man muß erst eines Objectes Herr werden, ehe man es verachten darf. Was nur so auf die Seite geschoben wird, dringt sich mit verschärftem Trotz immer wieder auf. Nur der wirkliche Tag besiegt alle Nachtgespenster, indem er sie beleuchtet. Die Bildung ist wol nöthig, damit der Wille mit Klarheit wirke, aber nicht damit er überhaupt wirke. Man muß, während man mit der Cultur seiner selbst beschäftigt ist, ehe man damit zu Stande gekommen ist, das eigene Wohl durch Erweckung allgemeiner Energie zu fördern fähig sein. Die Intelligenz steht höher als der Wille, aber dieser muß zuerst gebildet werden, damit er ihren Auftrag zu erfüllen vermöge. Ich kann aber nicht wollen – sagst du – ohne Etwas zu wollen. Und dies Etwas muß ich doch früher wissen! – Gut, aber dies Wissen braucht kein Verstehen zu sein. Du weißt, was du willst, – im Allgemeinen – du weißt es nur zu oft nicht, im strengeren Sinne. Kein Begriff ohne Erfahrung – äußere oder innere; – wol aber gibt es Erfahrungen, vor (also ohne) den Begriff davon. Die Leere des Innern, da sie eine Verneinung ist, kann eigentlich nicht empfunden werden. Manchmal aber verdichtet sich gleichsam diese Leere, und es entsteht das Gefühl derselben. Das ist der Anfang zur Heilung; denn ein Streben wird Bedürfniß. »Die Seele übermäßig Reicher , deren ungebildeter Geist die große Kunst, reichselig zu leben, nicht versteht, und keine edlere Beschäftigung kennt, ermattet im Genießen und Wünschen, und sehnt sich dunkel nach Gegenständen, die ihrer Kraft hinreichenden Widerstand leisten könnten.« Wie im Auge des Menschen ein Punkt ist, der nicht sieht, so ist in seiner Seele ein dunkler Punkt, der den Keim zu Allem in sich schließt, was uns von innen heraus untergraben kann. Es kommt Alles darauf an, diesen Punkt in sich durch Klarheit, Frohsinn und Sittlichkeit zu beschränken, – daß er, so lange wir leben, unsichtbar bliebe. Wird ihm Raum gegeben, so breitet er sich weiter aus; ein Schatten wirft sich über die Seele, und die Nacht des Wahnsinns bricht endlich über uns Unglückliche herein. Eben so gibt es auch in der Seele einen lichten Punkt, ein tiefstes, innigstes Plätzchen der Stille, der Helle, wohin kein Sturm und keine nächtliche Gewalt zu dringen vermögen. Wir können und sollen uns dahin flüchten, darin heimisch sein; es retten, bewahren, – es auszubreiten suchen. Selbst der Wahnsinn läßt ja – wie Jean Paul sagte – der Seele noch diese ewig lichte Stelle. Man hat noch nicht bestimmt, bei welchem Grade von Seelendisharmonie der Wahnsinn anfange. Nur zu oft wird Kraft mit Sinn verwechselt. Diesen, der mit der kränklichen Zartheit wächst, bildet unsre Zeit genug aus; jene, welche der Kern der Gesundheit ist, liegt brach. Wir haben Sinn für Alles, aber zu gar Nichts Kraft. Den Zwiespalt des menschlichen Daseins, mag ihn auch die Reflexion wegdemonstriren, werden wir nie beseitigen. Wir wollen ihn lieber gewähren lassen, und uns der lichten Stunden freuen, wo wir in That oder Liebe eine höchste Einheit ahnen. Der Mensch kann mit der Zeit jedes Zustandes Meister werden: sei es durch Verständniß oder, wo dies unmöglich ist, durch Assimilation. Wie sich der Organismus an Gifte gewöhnt. »Nur im Schweigen des Nachdenkens keimen und wachsen die Erinnerungen. Das beste Mittel, uns einen Gegenstand gleichgiltig zu machen, besteht darin, uns fortwährend davon vorzusprechen, damit wir nicht mehr den Wunsch hegen, daran in der Einsamkeit zu denken.« Man erhält sich vorzüglich auch dadurch in einem gesunden Zustande, daß man die Vorzüge jedes Lebensalters gehörig zu schätzen und auszubilden versteht. Die Frische und kräftige Unbewußtheit der Jugend, die besonnene Mäßigung der Männlichkeit, den ruhigen Ueberblick des Alters. Krank macht den Jüngling die zaudernde Ueberlegung, den Greis die unreife Heftigkeit. Die gütige Natur hat jede Zeit des Lebens mit Blüten geschmückt und mit Früchten bedacht. Gleicherweise gedeihlich ist eine stete, dankbare Aufmerksamkeit auf die Millionen unbemerkter, immer wiederkehrender Freuden, die uns der Lauf der Stunden zustießen läßt. Wie viele freudige Empfindungen läßt der Mensch mit stumpfer Gleichgiltigkeit täglich sich an ihm versuchen, – deren Anerkennung ihm erst ein dauerndes Behagen geben würde! Zarte, geistreiche Menschen haben diese Reflexion häufig angestellt. Man muß lernen, wie Jean Paul, jedes Gelingen, jedes Fertigwerden, jedes erwünschte Begegnen, auf die Wagschale zu legen! – wie Goethe die Natur zu preisen, die mit jedem Athemzuge ein neues Leben einflößt, – wie Hölderlin die Seligkeit zu segnen, daß wir der Sonne genießen dürfen, – und wie Hippel jeden Tag als eine Gnade zu begreifen, auf die wir keinen Anspruch zu machen hatten. Ein reiner und edler Egoismus ist erforderlich, um heiter und gesund zu bleiben. Wer nicht sich selbst zu Liebe und Dank arbeitet, liebt und lebt, der ist übel d'ran. Von außen, von andern kommt selten oder nie ein reines Behagen. Alle Handlungsweisen des Menschen nähren ihre Früchte selbst und bringen sie unausbleiblich, gute wie schlimme. Die menschliche Seele kann es sich nicht verhehlen, daß ihr Glück doch zuletzt nur in der Erweiterung ihres innersten Wesens und Besitzes bestehe. Frage sich jeder Gebildete aufrichtig: wann er sich wahrhaft glücklich gefühlt habe? nur in jener herrlichen Zeit jugendlicher Entfaltung, da mit jedem Tage neue Welten seinem Geiste sich aufthaten, neue Sphären des Gedankens. Je älter man wird, desto sparsamer werden die Beglückungen; die irdischen Erkenntnisse haben zuletzt doch sichtbare Grenzen, und den erfahrensten Greis, muß ihn nicht am Ende nur noch die Aussicht über sie hinaus – erhalten und beseligen? Das ist das Wahrzeichen, wodurch der gemeine und höhere Mensch sich unterscheiden; daß Jener sein Glück nur dann findet, wenn er auf sich selbst vergißt, Dieser, wenn er zu sich selbst wiederkehrt; Jener, wenn er sich verliert, Dieser, wenn er sich besitzt. Begib dich mit deiner kranken, rathlosen Seele, mit deinen Bangen und Zweifeln, in die Kreise der Gesellschaft. Dort hat oft ein hingeworfenes Wort, wie ein Blick, die fürchterlichsten Nächte aufgehellt. Auch die, welche dir die Nächsten und Liebsten sind, erträgst du manchmal schwer. Sei gewiß, es geht ihnen mit dir eben so. Das bedenke gut und oft. Es gibt kein besseres Prophylacticum. Vorbeugungsmittel. Unser Zweck ist: dem Geiste im Allgemeinen die gesunde und wahrhafte Richtung zu geben, und indem wir ihn durch unsere Betrachtungen erweitern und befreien, in diesen Blättern selbst ein Mittel zu liefern, welches, so oft sie etwa zur Hand genommen werden möchten, nie ganz seine heilsame, anregende Kraft versage. Im Einzelnen nachzuweisen, was Alles der Wille in den gewöhnlichsten, alltäglichen Verrichtungen und Zuständen des körperlichen Lebens zu wirken im Stande sei, wäre Pedanterie und würde unsere Absicht eher vereiteln. Es läßt sich in den Schriften aufmerksamer Aerzte nachlesen, wie der Zorn aufs Gallensystem wirke, so daß die Galle in großer Menge, oder krankhaft geartet durch den Stuhlgang oder das Erbrechen abgeht, – der Wirkung eines Brechmittels analog; der Schreck auf die Nerven, welche zum Herzen oder zu den großen Gefäßen gehen, u.dgl.m. – wie Furcht und Haß Kälte hervorbringen, Freude oder Angst Hitze, frohe wie bange Erwartungen Herzklopfen, Abscheu und Ekel Ohnmachten, wie das Lachen und das Weinen vorzüglich Anstalten der versorgenden Natur zu unserem physischen Wohle – ja das letztere oft eine eigentliche Krisis mannichfach verwickelter Leiden – darstelle. Niesen, Gähnen, Seufzen, stehn – wenigstens negativ – in unserer Gewalt. Aber das Feinste, Merkwürdigste, und zugleich Alltäglichste in diesen Wirkungen ist mit Worten kaum auszusprechen; allein Jeder wird dessen zu seinem Erstaunen inne werden, der Alles das, was wir von der Macht des Vorsatzes über den Körper schwärmten, mit Beharrlichkeit praktisch zu erproben versuchen will. Man will bemerkt haben, daß der Anblick des Schönen wohlthätig auf das Gesichtsorgan einwirke, wie die grüne Farbe der Wiesen, die tiefblaue des Himmels. Die Hypochondrie und Hysterie waren den Alten fremd. Versuchen wir zu sein wie die Alten, – edel wie die Griechen, kräftig wie die Römer, – vielleicht wird sie uns auch wieder fremd! Hypochondrie ist es nicht blos, sich ein Leiden, das man nicht hat, einzubilden, sondern Leiden, die man hat, zu aufmerksam zu beschauen. Seelenkranke sollten in ihr Tagebuch nur solche Gedanken einschreiben, die ihnen Trost gewähren und freundliche Bilder vor's Gemüth führen, um sie in düstern Stunden gegenwärtig haben zu können. So kann das Buch einen Freund vorstellen, der solchen Kranken mindestens eben so nöthig ist, als ein Arzt. In einer anzuordnenden Diät für die Seele müßten besonders die Lebensalter wohl verstanden und berathen werden. Denn jede Epoche des Menschenlebens hat ihr Ideal im Wünschen und im Sollen, das nicht für die nächste paßt. Mag der Jüngling hin und her schweifen, wie ihn das gährende Streben im Innern treibt; hier ist eine gewisse diätetische Unordnung, welche allen Keimen Freiheit zur Entwicklung gewährt, dem Willen der Natur gemäß. In der Mitte des Lebens, mit dem festhaltenden Charakter, beginne auch die Gewohnheit; das Alter bewahre sie heilig, als freundliches Sinnbild und Bürgschaft des Beständigen. Schön ist es, daß die Erinnerung, bewahre sie Lust oder Leid, immer freundlich ist, und daß die Freuden, nicht aber die Schmerzen jedes Lebensalters in das spätere hinüberragen. Was ist die Vergangenheit? Du selbst. Nichts aus ihr vermagst du festzuhalten, Nichts ist mehr für dich als die Keime, die sie in dein Wesen legte, und die mit diesem sich allmählich entwickelten und verschmolzen. Was ist die Zukunft? für dich – Nichts als du selbst. Sie kann dich nur angehen, in so weit es deine Aufgabe ist, dich ihr zuzubilden. Erinnern und Hoffen in jedem andern Sinne ist Täuschung eines Traumes; sich ihr hingeben, – Hätscheln des Gefühls. Jeder Rückweg scheint weit schneller und kürzer, als der Hinweg schien. So auch das Altwerden. Man kann es nur dadurch um diesen Schein betrügen, daß man es als einen Hinweg betrachtet und behandelt. Hufeland hält das verheirathete, Kant das cölibatäre Leben für tauglicher zur langen Dauer. Beide berufen sich auf Erfahrung; jener auf die Beispiele des höchsten Alters, dieser auf das Wohlaussehen alter Garçons. Der Schlüssel des Räthsels liegt wohl darin, daß in der aufsteigenden Hälfte des Lebens die Energie der Vitalität durch das Cölibat bewahrt, in der absteigenden das schwächere Dasein durch häusliche Pflege länger erhalten wird. Das Leben ist kein Traum. Es wird nur zum Traume durch die Schuld des Menschen, dessen Seele dem Rufe des Erwachens nicht folgt. Eine sanfte, elegische Stimmung, von Zeit zu Zeit gehegt, hat wie der Anblick des Mondes, etwas Erquickendes. Man sollte versuchen und verstehen, die dumpfe und verdrießliche Stimmung in die traurige hinüberzuspielen, – und selbst sparsam fließende Thränen würden zum schmelzenden Balsam für verhärtete Wunden werden. Wer genügt sich je, der es tiefer und redlich meint? Allein Ungenügen mit sich selbst untergräbt die Kräfte, die allein zum Zwecke führen. So muß man selbst das Höchste: die Pflichten, herabzustimmen wissen, um ihnen desto sicherer zu genügen. In Caspers Wochenschrift erzählt Pritsch von sich: daß er es durch Uebung dahin gebracht habe, Phänomene des Gemeingefühls wie der Sinne, als: Mückensehen, Klingen, Singen, Läuten, Brausen u. dgl. m. willkürlich zum Bewußtsein zu bringen. Justinus Kerner kann sein Herz nach Belieben langsamer schlagen machen. Wie vorzugsweise Schwind- und Wassersuchten durch Seelenleiden ausgebildet werden, so wird vorzugsweise die zu ihrer Heilung erforderliche Aufsaugung durch Thätigkeit und Freude befördert. Ich sah das oft, und es kommt jedem praktischen Arzte vor. Hufelands Rath: durch Willkür die täglichen Aussonderungs-Functionen zu regeln, ist bekannt und begründet; und ich füge bei diesem Anlaß den, freilich mehr zur leiblichen Diätetik gehörigen hinzu: während des Lesens und Schreibens, wo man unbewußt den Athem einhält, manchmal absichtlich tief einzuathmen, selbst vom Tische aufzustehen und ein paar Mal durchs Zimmer zu gehen, – so wie, zumal bei feinerer oder abendlicher Arbeit, manchmal für einige Minuten die Augen zu schließen. Der Laie befolge diesen Rath, der Arzt begreift ihn. Die genaue, jammervolle Selbstschilderung des Hypochondristen, – ach, sie schildert im Grunde nichts Anderes, als den Zustand des Menschen überhaupt, den ein gemüthlich und körperlich gereiztes und geschwächtes Wesen nur schärfer und quälender empfindet! Wir haben viel von der Kraft des Willens gerühmt – aber öfter wird sie dem Seelenkranken in der sich selbst entgegengesetzten Richtung frommen. Ich meine die Kraft: nicht zu wollen, wo Zwang nur aufriebe; sich zu einer beschwichtigenden Resignation zu entschließen, keine Pläne zu nähren und die Zukunft in keiner andern Gestalt, als in jener der Hoffnung, vor die Seele treten zu lassen (Se laisser aller.) Oft, ja meistens, sind dunkle Vorstellungen in ihrer Wirkung stärker als klare; z.B. das Aufwachen aus dem Schlafe zur Stunde, die man sich Tags vorher vorsetzte, die Macht der Leidenschaften u. dgl. Allein derjenige, bei welchem klare Vorstellungen stärker sind, dessen geistiges und leibliches Wohl ist besser bedacht. Höchst sachverständig nennt Kant die Einbildungskraft in ihrer Thätigkeit eine Motion des Gemüthes, die zur Gesundheit diene. Denn, genau betrachtet, ist die vereinzelte Thätigkeit des Verstandes eine lähmende, und die reine Betrachtung macht die Seele zu einem stehenden Wasser, in welchem sich die Gegenstände spiegeln, – das aber allgemach in Fäulniß übergeht. Eben so treffend gibt er die Ursache der Schädlichkeit des Wachens vor Mitternacht an. Die Phantasie ist zu dieser Zeit am thätigsten, und wirkt allzu erregend auf's Nervensystem. Lichtenberg, der feinste Maler der Seelenzustände, der Columbus der Hypochondrie, liefert die nützlichsten Winke. »Wir liegen oft – sagt er – mit unserem Körper so, daß gedrückte Theile uns heftig schmerzen: allein, weil wir wissen, daß wir uns aus dieser Lage bringen können, wenn wir wollen, empfinden wir wirklich sehr wenig.« – Er findet die bezeichnendsten Worte für die Hypochondrie, die er einmal »pathologischen Egoismus«, ein ander Mal »Pusillanimität« Kleinmütigkeit. nennt. »Mein Körper – heißt es an einer andern Stelle – ist derjenige Theil der Welt, den meine Gedanken verändern können. Im ganzen übrigen All können meine Hypothesen die Ordnung der Dinge nicht stören.« – »Als ich – erzählt er – am 18. December 1789 in meiner Nervenkrankheit die Ohren mit den Fingern zuhielt, befand ich mich besser, weil ich nun das kränkliche Sausen für ein erkünsteltes hielt.« – Wie der Hypochondrist aus allen Betrachtungen Gift saugt, so läßt sich aus diesen Balsam gewinnen. Es gibt eine unwillkürliche Hypochondrie und das ist die, an welcher wir Aerzte manchmal leiden. Denn wenn Hypochondrie das Mikroskop ist, durch das man die sonst unsichtbaren, kleinen Leiden des eigenen Körpers sieht, so haben wir dies unabweisbare Mikroskop – in unserer Wissenschaft, die uns alle möglichen Ursachen, Verkettungen und Folgen jedes Uebels zeigt. Wenn es wahr ist, wie die Weisen sagen, daß die Kunst des Vergnügens Eins ist mit der Kunst des Selbstvergessens, so ist sie auch Eins mit dem Streben und Wirken nach einem Zwecke, der uns ganz erfüllt. Wenn wir die Augenblicke des Vergnügens, der Seligkeit analysiren, so ist es ein, wie alle menschlichen Zustände, doppelter Zustand (homo duplex) : ein Vergessen seiner selbst, ein völliges Besitzen seiner selbst; ein erhöhtes Dasein, ein dem Dasein Entrinnen. Ein Widerspruch, wie der Mensch – und kein Widerspruch! denn was man vergißt, sind die Fesseln, und was man erhöht empfindet, ist die Freiheit des Lebens. »Wie soll ich aber wollen, da es eben die Kraft zu wollen ist, lieber Doctor, was mir fehlt?« Wenn Sie sich selber fehlen, lieber Kranker, was kann ich Ihnen verordnen, als: sich selber? Der »Weltschmerz«, wenn er nämlich das Gefühl der Mängel dieser Welt bedeuten soll, ist ein Motiv der Vorsehung, uns zur Abhilfe dieser Mängel anzuregen, unsere Kräfte zur Thätigkeit zu entwickeln. Das mögen diejenigen wohl bedenken, die sich ihm hingeben. Wer sich innerlich für krank erklärt, wird hypochondrisch unglücklich; wer sich mit Leichtsinn und Trotz für gesund erklärt, kann durch Versäumniß unglücklich werden. Zwischen beiden liegt die Aufgabe: sich als Valetudinarier (maladif) zu behandeln, – denn das sind wir Alle , und müssen, mit diesem Zustande zufrieden, vorsichtig leben. Der Bewegtrieb für die heilende Seelenthätigkeit sollte freilich in vielen Fällen, wo gar nicht an das Leiden gedacht werden darf, von Anderen ausgehen, die sich dann als Aerzte verhielten; ihn vom Leidenden selbst fordern, heißt vielleicht zu viel fordern. Allein, wer kennt deine Krankheit wie du selbst? wer kennt die Gabe und den rechten Augenblick für das Heilmittel, wie du selbst? Es gilt also durchaus: sich zusammennehmen, und sehen was möglich ist! Es gibt im Ganzen (und das gilt nun von der Diätetik der Seele, wie von allem menschlichen Streben und Wirken) zwei Arten, das Leben anzuschauen und zu behandeln. Entweder: man setzt sich in den Mittelpunkt und sucht das innere Leben gegen die Dinge zu behaupten, und durch Ausbildung des Charakters in seiner Kraft zu steigern; eine Denkart, welche man die subjective oder sittliche nennen könnte (Kant); oder: man gibt sich willig der Welt hin, und sucht sich den Gegenständen anzueignen, indem man auch sich selbst als solchen auffaßt, und als Theil des Ganzen behandelt; eine Denkart, welche man die objective oder poetische nennen könnte (Goethe). Durch die große Einheit und Gesetzlichkeit der Natur, vermöge welcher sich die entgegengesetzten Pole suchen, führen auch diese Gegensätze zu Einem Ziele. Denn wer nur das Subject recht in sich ausbildet, kommt dem Zwecke des Ganzen entgegen, dessen Theile Subjecte sind, und wer die Objecte treu abspiegelt, wird auch sich selbst klar werden, und, indem er sich opfert, sich nur um so sicherer wiederfinden. Keine Ansicht hat Unrecht, jede paßt für einen eigenen Charakter, wie überhaupt die Denkart des Menschen aus seinem Charakter hervorgeht; und wenn es scheint, als widersprächen sich hier oder da die Rathschläge, die diese Blätter ertheilen, so wird nun mindestens deutlich sein, wie es gemeint ist. Sie wollen jedem nach seinem Bedürfnisse helfen und wohlthun. Jeder Mensch hat seinen Weg vorgezeichnet, auf dem eben Er zum gemeinsamen Ziele gelangt. Mir ist es nun einmal gemäß, die Dinge von ihrer sittlichen Seite anzuschauen, und so sind diese diätetischen Betrachtungen moralischer ausgefallen, als es in ihrem Wesen zu liegen scheint. Es kommt nun darauf an, was uns Noth thut. Ende. Namenregister. Antoninus, siehe: Marc Aurel Attar (Ferideddin) Böhme (Jakob) Boerhave Börne Bremer (Friederike) Brigham Brown Bulwer Byron Comoens Carvin Casanova (Iac) Casper Cheyne Clara Gazul, siehe: Gazul Conring Drew (James) Fleury Foutanier Gazul (Clara) Goethe Grillparzer Hardenberg, siehe: Novalis Heinse Herder Herz (Marcus) Hildenbrandt (J V von) Hipp l Hölderlin Horaz Howard (John) Hufeland Jaubert Ideler Jean Paul Immermann Kant Kerner Kleist (Heinr v) Laube (H) Lavater Lessing Lichtenberg Loudon Malfatti Marc Aurel Antonin Mayrhofer (Joh) Mead Meibom Meyern Montaigne Neker Novalis (Hardenberg) Penn (W) Plato Plutarch Rahel (Varnhagen v. Ense) Ramadge Rousseau (J J) Salvandy Salzmann Saussüre Schelver (J F) Schiller (Fr v) Schlegel (Fr v) Sobernheim Souvestre (Emile) Spinoza Steffens Sternberg (Freih. v) Townshend Veri Zimmermann