Henry Fielding Die Geschichte des Tom Jones eines Findlings. Zweiter Theil. 1 Fünftes Buch. Umfaßt einen Zeitraum von etwas mehr als einem halben Jahr. Erstes Kapitel. Ueber den ernsten Ton im Schreiben und wozu er dient. Es dürften dem Leser in diesem außergewöhnlichen Buche keine Stellen vorkommen, an denen er weniger Vergnügen finden wird, als die, welche dem Verfasser die größte Mühe kosteten. Zu diesen möchten wohl jene Einleitungen zu rechnen sein, welche wir dem Geschichtlichen eines jeden Buches vorausgeschickt haben, und die wir bei dieser Schreibweise, mit der wir zuerst hervorgetreten sind,. für wesentlich nothwendig erachteten. Für dieses unser Erachten einen Grund anzuführen, halten wir uns nicht gerade für verpflichtet; indem es reichlich genügt, es als eine bei Abfassung jeglichen prosaisch-komisch-epischen Werkes nothwendige Regel aufgestellt zu haben. Wer fragte wohl jemals nach den Gründen jener strengen Einheit in Zeit und Ort, welche jetzt als etwas der dramatischen Poesie Wesentliches angenommen ist? Welcher Kritiker ist wohl jemals befragt worden, warum ein Schauspiel nicht sowohl zwei Tage als einen umfassen 2 dürfe? oder warum die Zuschauer (sie müßten denn, wie Wahlmänner, kostenfrei reisen) nicht sowohl funfzig als fünf Meilen weit versetzt werden dürfen? Hat etwa irgend ein Commentator über die Grenzen des Drama, das nach einem alten Kritiker nicht mehr und nicht weniger als fünf Acte haben soll, gehörig Rechenschaft gegeben? Oder hat etwa ein jetzt Lebender zu erklären versucht, was unsere modernen Theaterrecensenten unter jenem Worte niedrig verstehen, mittelst dessen es ihnen gelungen ist, allen Humor von der Bühne zu verbannen und das Theater so langweilig wie ein Gesellschaftszimmer zu machen? In allen diesen Beziehungen scheint man einen Grundsatz unserer Gesetze angenommen zu haben, den nämlich: cuicunque in arte sua perito credendum est ; denn es mag kaum begreiflich scheinen, daß jemand so anmaßend sein sollte, in Betreff einer Kunst oder Wissenschaft ohne die mindeste Begründung dogmatische Regeln aufzustellen. In solchen Fällen sind wir demnach geneigt zu schließen, daß vernünftige Gründe da sind, wenn wir sie auch unglücklicherweise nicht aufzufinden vermögen. Gegenwärtig hat man in der That den Kritikern zuviel zugetraut und sie für Leute von tieferen Einsichten gehalten, als sie wirklich sind. Diese Höflichkeit hat sie so kühn gemacht, sich eine dictatorische Gewalt anzumaßen, was ihnen so gut gelungen ist, daß sie jetzt die Meister geworden sind und sich erdreisten, eben diesen Schriftstellern Gesetze vorzuschreiben, von deren Vorgängern sie dieselben erst entlehnten. Der Kritiker ist, richtig betrachtet, nichts weiter als ein Abschreiber, der das Amt hat, die Regeln und Gesetze jener großen Stimmberechtigten zusammenzutragen, deren hoher Genius sie in den verschiednen Gebieten der Wissenschaft fand, in denen sie den ersten Rang einnahmen. Weiter wollten die Kritiker der Alten gar nichts sein; auch wagten sie keinen 3 Ausspruch zu thun, ohne ihn durch die Autorität desjenigen, von dem er entlehnt war, zu unterstützen. Aber nach und nach und in Zeiten der Unwissenheit fing der Abschreiber an, sich die Gewalt seines Meisters anzumaßen und dessen Würde anzunehmen. Die Gesetze des Schreibens wurden nicht mehr auf die Erfahrung des Schriftstellers, sondern auf die Aussprüche des Kritikers gegründet. Der Abschreiber wurde der Gesetzgeber, und mit großer Entschiedenheit schrieben diejenigen Gesetze vor, deren Geschäft es ursprünglich blos war, sie abzuschreiben. Hieraus entsprang ein augenscheinlicher und vielleicht unvermeidlicher Irrthum; denn diese Kritiker, Leute von beschränkten Fähigkeiten, verwechselten sehr gern die reine Form mit der Materie. Sie machten es, wie es ein Richter machen würde, der sich an den todten Buchstaben des Gesetzes halten und den Geist zurückweisen wollte. Geringfügige Umstände, vielleicht Nebendinge bei einem großen Schriftsteller, wurden von diesen Kritikern als sein Hauptverdienst betrachtet, und allen seinen Nachfolgern als wesentlich empfohlen. Diesen Anmaßungen verliehen Zeit und Unwissenheit, diese zwei großen Stützen des Betrugs, Autorität; und so sind denn viele Regeln zum Gutschreiben gegeben worden, die nicht im mindesten auf Wahrheit oder Natur basirt sind und die gemeiniglich zu nichts weiter dienen, als den Genius niederzubeugen und zu hemmen, gleichwie der Tanzmeister würde gehemmt worden sein, hätten die vielen vortrefflichen Abhandlungen über diese Kunst es als eine wesentliche Regel festgestellt, daß Jedermann in Ketten tanzen müßte. Um daher allen Verdacht zu vermeiden, als wollten wir der Zukunft eine Regel aufbürden, die sich einzig und allein auf die Autorität des ipse dixit gründete – vor der wir, die Wahrheit zu sagen, nicht die tiefste Verehrung 4 hegen, – so werden wir hier auf das oben in Anspruch genommene Privilegium verzichten und dem Leser die Gründe angeben, die uns bewogen haben, jene verschiedentlichen Abschweifungen im Verlaufe dieses Werkes einzuflechten. Und hierbei sehen wir uns gedrungen, eine neue Wissensader aufzudecken, die, wenn sie schon entdeckt war, doch, so viel wir uns erinnern, noch von keinem ältern oder neuern Schriftsteller bearbeitet worden ist. Diese Ader besteht in nichts Anderm als dem Contraste, der über alle Werke der Schöpfung verbreitet ist und dem wohl ein größerer Antheil bei der Entstehung der Idee aller Schönheit, in der Natur wie in der Kunst, zukommt: denn woraus ergiebt sich uns die Schönheit und Vortrefflichkeit eines Dinges, wenn nicht aus seinem Entgegengesetzten? So wird die Schönheit des Tages und des Sommers hervorgehoben durch das Grausige der Nacht und des Winters. Und ich glaube, daß, wäre es möglich, daß Jemand nur die ersten beiden gesehen hätte, er eine sehr unvollkommene Idee von deren Schönheit haben würde. Um jedoch nicht in einen zu ernsten Ton zu fallen, läßt es sich wohl bezweifeln, daß die schönste Frau von der Welt all den Zauber ihrer Reize in den Augen eines Mannes verlieren würde, der nie eine von anderer Körperbildung gesehen hätte? Die Frauen selbst scheinen das so gut zu fühlen, daß sie alle erfinderisch darin sind, ihre Schönheit durch Folien zu heben; ja daß sie sich selbst Folien werden: denn ich habe beobachtet (zu Bath namentlich), daß sie des Morgens so häßlich als möglich zu erscheinen suchen, damit sich die Schönheit, welche sie am Abende zeigen wollen, desto vortheilhafter herausstelle. Die meisten Künstler machen Gebrauch von diesem Geheimnisse, obschon manche derselben vielleicht nicht sehr über die Theorie nachgedacht haben. Der Juwelier weiß, daß 5 der schönste Brillant einer Folie bedarf; und der Maler erwirbt sich durch den Contrast seiner Figuren oft großen Beifall. Ein großer Genius wird uns diesen Gegenstand völlig klar werden lassen. Ich kann ihn freilich keiner Classe gewöhnlicher Künstler beizählen, indem er ein Recht hat denen beigesellt zu werden: Inventas qui vitam excoluere per artes. Die durch ihre Kunst das Leben veredelt haben. Ich meine nämlich den Erfinder jener höchst vortrefflichen Unterhaltung, der englischen Pantomime. Diese Unterhaltung bestand aus zwei Theilen, die der Erfinder durch die Bezeichnung des ernsten und des komischen unterschied. Der ernste führte eine Anzahl heidnischer Gottheiten und Helden vor, die zuverlässig die schlechteste und langweiligste Gesellschaft bildeten, in welche die Zuhörer nur eingeführt werden konnten; und das (ein Wenigen bekanntes Geheimniß) sollte gerade so sein, um mit dem komischen Theile zu contrastiren und die Harlekinspossen desto besser hervorzuheben. Dies war freilich wohl nicht sehr höflich; gleichwohl war die Erfindung sinnreich genug und that ihre Wirkung. Und dies wird sich sogleich deutlich ergeben, wenn wir die Worte ernst und komisch mit langweilig und langweiligst vertauschen; denn das Komische war langweiliger als irgend etwas, was man je auf der Bühne gesehen hatte, und konnte nur durch den superlativen Grad von Langweiligkeit des Ernsten gehoben werden. Denn jene Götter und Helden waren in der That so unausstehlich ernst, daß das Erscheinen Harlekins (der keineswegs mit der französischen Familie dieses Namens verwandt ist, denn er ist von weit ernsterem Wesen), auf der Bühne stets willkommen war, weil er die Zuhörer von schlechterer Gesellschaft befreite. 6 Einsichtsvolle Schriftsteller haben diese Kunst des Contrastirens allezeit mit großem Erfolge ausgeübt. Ich war erstaunt, daß Horaz diese Kunst bei Homer tadeln sollte; allein er widerspricht sich wirklich in der nächstfolgenden Zeile: Indignor quandoque bonus dormitat Homerus, Verum opere in longo fas est obrepere somnum. Ich ärgere mich immer, wenn der gute Homer einmal schläft, Doch bei einem großen Werke ist das wohl erlaubt. Denn das ist nicht so zu verstehen, wie vielleicht manche gewollt haben, als falle ein Schriftsteller beim Schreiben wirklich in Schlaf. Es ist wahr, daß dies den Lesern nur zu leicht begegnet; aber, wäre auch das Werk so lang wie eines von Oldmiron, der Autor wird zu sehr gefesselt, als daß ihn die mindeste Schläfrigkeit überfiele. Er ist, wie Pope bemerkt: Selbst schlaflos, um dem Leser Schlaf zu bereiten. Diese einschläfernden Stellen sind, die Wahrheit zu sagen, künstlich eingeflochtene ernste Scenen, bestimmt, mit dem Uebrigen zu contrastiren und es mehr hervorzuheben; und so will es auch jener witzige Schriftsteller verstanden wissen, wo er seinen Lesern sagt, sie möchten versichert sein, daß er, so oft er langweilig wäre, eine Absicht dabei hätte. In diesem Lichte also, oder vielmehr in diesem Dunkel, wünschte ich, daß der Leser diese Einleitungen betrachten möchte. Und sollte er, nach diesem Bescheide, der Meinung sein, daß er an andern Stellen dieser Erzählung Ernstes genug finden könne, so mag er diese, worin wir absichtlich langweilig zu sein bekennen, überschlagen und bei den folgenden Büchern mit dem zweiten Kapitel beginnen. 7 Zweites Kapitel. Herr Jones erhält, so lange er das Zimmer hüten muß, viele freundliche Besuche; auch einige, mit unbewaffnetem Auge kaum wahrnehmbare, feine Winke in Bezug aus die Leidenschaft der Liebe. Tom Jones empfing, während er das Zimmer hüten mußte, viele Besuche, von denen jedoch einige ihm vielleicht nicht sehr angenehm waren. Herr Allworthy kam beinahe jeden Tag; allein wenn er auch Tom seiner Leiden wegen bemitleidete und seinem wackern Verhalten, wodurch er sich dieselben zugezogen, volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, so hielt er doch die Gelegenheit für günstig, ihm seine Unbesonnenheit von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu zeigen; und diese heilsame Belehrung konnte zu keiner gelegneren Zeit angebracht werden als jetzt, wo das Gemüth durch Schmerz und Krankheit weicher gestimmt und durch Gefahr beunruhigt war; und wo seine Gedanken nicht durch jene stürmischen Leidenschaften fortgerissen wurden, die uns bei der Verfolgung unsers Vergnügens bewegen. Jederzeit daher, wenn der gute Mann mit dem Jünglinge allein war, namentlich wenn der letztere sich vollkommen behaglich fühlte, nahm er Gelegenheit, ihm seine frühern Verirrungen vorzuhalten, immer aber auf die schonendste und zarteste Weise und einzig und allein in der Absicht, um ihn für die Zukunft vorsichtiger zu machen; »denn nur von seinem künftigen Betragen,« so versicherte er ihn, »würde sein Glück abhängen und das Wohlwollen, das er sich von seinem Adoptivvater blos dann versprechen dürfte, wenn er sich hinführo nicht seine gute Meinung verscherzte, denn was das Vergangene anlangte,« fügte er hinzu, »so sollte das vergeben und vergessen sein. Er 8 riethe ihm daher, aus diesem Vorfalle Vortheil zu ziehen, damit er am Ende zu seinem Besten gereichen möchte.« Thwackum besuchte ihn ebenfalls fleißig; und auch er hielt ein Krankenbett der Aufnahme guter Lehren für günstig. Seine Sprache war indessen strenger als die Allworthy's; denn er sagte zu seinem Zöglinge, »daß er seinen Armbruch als eine Strafe des Himmels für seine Sünden betrachten sollte, daß er wohl daran thun würde, Gott täglich auf den Knieen zu danken, daß er blos seinen Arm und nicht den Hals gebrochen hätte; welches letztere,« wie er hinzufügte, »ihm wahrscheinlich bei einer künftigen, vielleicht gar nicht fernen Gelegenheit vorbehalten wäre. Er für seinen Theil hätte sich oft gewundert, daß ihn nicht eher eine Strafe getroffen; aber es ließe sich daraus erkennen, daß Gottes Gericht, wenn es auch langsam komme, doch sicher niemals ausbliebe. Daher könne er sich mit gleicher Zuverlässigkeit nur auf noch größeres Unheil gefaßt halten, was ihn so gewiß als dieses in seiner Ruchlosigkeit ereilen werde. Dieses ist,« setzte er hinzu, »nur durch eine so vollkommene und aufrichtige Reue zu umgehen, wie sie von einem so jungen Sünder, dessen Gemüthsart, ich erschrecke es zu sagen, gänzlich verderbt ist, nicht zu erwarten und zu hoffen steht. Es ist jedoch meine Pflicht, Sie zu dieser Reue aufzufordern, ob ich gleich weiß, daß alle Ermahnungen vergeblich und fruchtlos sein werden. Indessen liberavi animam meam . Mein Gewissen kann mich keiner Nachlässigkeit zeihen; obschon ich gleichzeitig mit dem größten Bedauern sehe, daß Sie einem gewissen Elende in dieser und einer gewissen Verdammniß in der andern Welt entgegengehen.« Square drückte sich in ganz anderer Weise aus: er sagte: »Solche Ereignisse, wie ein Armbruch, wären der Beachtung eines weisen Mannes gar nicht werth. Es wäre 9 völlig genug, das Gemüth mit einem solchen Unfalle auszusöhnen, zu bedenken, daß sie dem Weisesten begegnen könnten und ohne Zweifel zum Wohle des Ganzen gereichten.« Er sagte ferner: »es wäre eine reine Wortverdrehung. solche Dinge, die kein moralisches Gebrechen enthielten, Uebel zu nennen. Schmerz, der sich als die schlimmste Folge solcher Ereignisse ergäbe, wäre das verächtlichste Ding von der Welt,« und was dergleichen Sentenzen mehr waren, die er aus dem zweiten Buche von Tullius' tusculanischen Quästionen und von Lord Shaftesbury entlehnte. Dabei gerieth er eines Tages so sehr in Eifer, daß er sich unglücklicherweise in die Zunge biß; und zwar dermaßen, daß dadurch nicht allein seiner Rede ein Ende gemacht war, sondern daß er auch vor Schmerz und Aerger einige Flüche ausstieß; aber was das Schlimmste von allem war, dieser Vorfall gab Thwackum, welcher zugegen war und alle solche Lehren für heidnisch und atheistisch hielt, Gelegenheit, mit einer Strafpredigt über ihn herzufallen. Diese hielt er ihm denn auch in einem so boshaften, höhnischen Tone, daß es den Philosophen, den sein Zungenbiß schon etwas übellaunig gemacht hatte, ganz außer Fassung brachte; und da er seinen Zorn nicht über die Lippen herauszubringen vermochte, so hätte er vielleicht eine eindringlichere Methode, sich zu rächen, gefunden, hätte nicht der Wundarzt, der glücklicherweise gerade im Zimmer war, sich, gegen sein Interesse, in's Mittel geschlagen und den Frieden aufrecht erhalten. Herr Blifil besuchte seinen Freund Jones nur selten und nie allein. Dieser würdige junge Mann bewies ihm jedoch viele Achtung und eben so große Theilnahme an seinem Mißgeschick; allein er vermied sorgfältig jede Vertraulichkeit, um nicht, wie er häufig zu verstehen gab, seinen eigenen Charakter zu gefährden, weshalb er auch beständig 10 jenes Sprichwort Salomo's gegen böse Gesellschaft im Munde führte. So bitter wie Thwackum war er freilich nicht; denn er ließ allezeit einige Hoffnung auf Tom's Besserung laut werden, »welche,« sagte er, »die unvergleichliche Güte seines Oheims bei dieser Gelegenheit sicher in einem noch nicht ganz Verdorbenen bewirken müßte;« schloß aber damit: »wenn sich Herr Jones je wieder vergehen sollte, dann vermag ich nicht eine Silbe mehr zu seinen Gunsten zu sprechen.« Was Squire Western anlangt, so fehlte er selten im Krankenzimmer, wenn er nicht im Freien oder mit der Flasche beschäftigt war. Ja er brachte bisweilen sein Bier mit und es kostete nicht geringe Mühe, ihn abzuhalten, daß er nicht Jones zwang, auch mit zu trinken: denn kein Quacksalber hielt sein Geheimmittel für eine allgemeinere Panacee, als er sein Bier, »das,« wie er sich ausdrückte, »gesunder wäre, als alle Tränkchen einer Apotheke.« Er wurde jedoch durch vieles Bitten dahin vermocht, von der Anwendung dieser Medicin abzustehen; aber davon, daß er seinem Patienten jeden Morgen, wo er auf die Jagd ging, mit dem Horne eine Morgenmusik unter den Fenstern brachte, war er unmöglich abzubringen, auch legte er jenes Geräusch nicht ab, von dem sein Auftreten in Gesellschaft stets begleitet war, wenn er Jones besuchte, und nahm keine Rücksicht auf den Kranken, mochte er zu der Zeit wachen oder schlafen. Bei diesem geräuschvollen Wesen dachte er nicht daran, daß er dadurch schaden könnte, und glücklicherweise schadete er auch nicht, und Jones wurde, als er erst wieder aufstehen konnte, für diese Unannehmlichkeit reichlich durch die Gesellschaft Sophiens entschädigt, die der Squire ihn zu besuchen mitbrachte; auch dauerte es wirklich nicht lange, bis Jones sie auf dem Clavier begleiten konnte, worauf 11 sie ihn Stunden lang mit der herrlichsten Musik erfreute, außer wenn es dem Squire einfiel, sie zu unterbrechen und auf Old Sir Simon oder einem andern seiner Lieblingsstückchen zu bestehen. Ungeachtet der strengsten Wachsamkeit über ihr Benehmen, vermochte Sophie ihre innern Empfindungen doch nicht stets durch den äußern Schein zu verbergen: denn die Liebe ist auch hierin einer Krankheit zu vergleichen, daß sie, wenn ihr der eine Weg verschlossen ist, sicher auf einem andern ausbricht. Was daher ihre Lippen geheim hielten, das verriethen ihre Augen, ihr Erröthen und viele kleine unwillkührliche Handlungen. Eines Tages, als Sophie auf dem Clavier spielte und Jones aufmerksam zuhörte, trat der Squire mit dem Ausrufe in das Zimmer: »Da habe ich, Tom, unten mit dem dicken Pfarrer Thwackum einen Streit für Dich ausgefochten. Er sagte in meiner Gegenwart zu Allworthy, daß der Armbruch eine gerechte Strafe für Dich wäre. Donner und Wetter, sage ich, wie ist das möglich? Kam er nicht dazu, als er ein junges Mädchen beschützte? – Eine Strafe, nun ja! Hol's der Henker, wenn er nichts weiter verbrochen hat, so wird er eher in den Himmel kommen, als alle Pfarrer im Lande. Er hat mehr Ursache stolz darauf zu sein, als sich zu schämen.« – »In der That, Sir,« sagte Jones, »habe ich weder Grund zu dem Einen noch zu dem Andern; aber wenn Fräulein Western dadurch vor Unglück bewahrt wurde, so werde ich dieses Ereigniß stets für das glücklichste meines Lebens halten.« – »Und noch dazu,« sagte der Squire, »Allworthy deshalb gegen Dich aufzuhetzen! Donner und Wetter, hätte der Pfarrer nicht seinen langen Rock angehabt, ich hätte ihm Eins versetzt; denn ich habe Dich lieb, mein Junge, und verdammt will ich sein, wenn irgend etwas in meiner Macht steht, was ich nicht 12 für Dich thäte. Du sollst morgen früh unter allen Pferden in meinem Stalle die Wahl haben, blos Chevalier und Miß Slouch ausgenommen.« Jones dankte ihm, lehnte jedoch das Anerbieten ab. »Ja,« fügte der Squire hinzu, »Du sollst sogar den Rothfuchs haben, den Sophie ritt. Er kostet mir funfzig Guineen und wird dies Frühjahr sechs Jahre alt.« – »Und wenn er mir tausend gekostet hätte,« rief Jones lebhaft aus, »ich würde ihn den Hunden übergeben haben.« – »Pah! pah!« entgegnete Western: »wie, weil er Dir den Arm zerbrochen hat? Du solltest vergessen und vergeben. Ich hätte Dich für männlicher gehalten, als einem unvernünftigen Thiere zu grollen.« Hier machte Sophie dem Gespräch ein Ende, indem sie ihren Vater bat, ihm etwas vorspielen zu dürfen; eine Bitte, die er ihr nie abschlug. Sophie hatte während des obigen Gesprächs mehr als einmal die Farbe gewechselt; und wahrscheinlich hatte sie dem leidenschaftlichen Unwillen, den Jones über den Rothfuchs zu erkennen gegeben, einen andern Grund untergelegt als ihr Vater. Ihr Gemüth war in sichtbarer Bewegung, und sie spielte so unerträglich schlecht, daß Western, wäre er nicht bald eingeschlafen, es müßte bemerkt haben. Jones indessen, der hinreichend wach und seiner Ohren und Augen mächtig war, machte einige Bemerkungen, welche ihm, in Verbindung mit dem Vorausgegangenen, dessen sich der Leser erinnern wird, wenn er Alles erwog, die ziemlich volle Ueberzeugung gaben, daß in Sophiens zartem Busen nicht Alles richtig war; eine Vermuthung, bei der sich ohne Zweifel viele junge Herren unendlich wundern werden, daß er sich nicht lange schon Gewißheit verschafft hatte. Die Wahrheit zu gestehen, so war er etwas zu mißtrauisch gegen sich und nicht keck genug, um das Entgegenkommen einer jungen Dame zu bemerken; ein Unglück, 13 was einzig und allein durch jene frühzeitige Stadterziehung, wie sie jetzt so allgemein in der Mode ist, gut gemacht werden kann. Als diese Gedanken in Jones Wurzel gefaßt hatten, brachten sie eine Aufregung in ihm hervor, die für eine weniger gute und feste Constitution, als die seinige war, unter solchen Umständen sehr gefährliche Folgen hätte haben können. Er wußte den großen Werth Sophiens vollkommen zu schätzen. Ihre Persönlichkeit gefiel ihm ungemein, eben so bewunderte er ihre Talente und ihre Herzensgüte nahm ihn ganz für sie ein. In der That war seine Leidenschaft für sie, da er noch nie mit einem Gedanken an ihren Besitz gedacht, noch seine Neigung irgend wissentlich genährt hatte, heftiger, als er selbst wußte. Sein Herz enthüllte ihm das volle Geheimniß zu derselben Zeit, wo es ihm die Zusicherung gab, daß der anbetungswürdige Gegenstand seiner Liebe dieselbe erwiedere. Drittes Kapitel. Worin Alle, die kein Herz haben, viel Lärmen um nichts finden werden. Der Leser wird vielleicht meinen, die Empfindungen, welche jetzt in Jones erwachten, müßten so zart und lieblich gewesen sein, daß sie eher eine freudige und heitere Stimmung seines Gemüths, als irgend eine der von uns angedeuteten gefährlichen Wirkungen zur Folge gehabt haben könnten; allein in der That sind Empfindungen der Art, so lieblich sie auch sein mögen, von sehr stürmischer Natur und haben wenig Beruhigendes. Sie wurden ferner im gegenwärtigen Falle durch gewisse Umstände verbittert, die, in Verbindung mit süßeren Ingredienzien, gleichsam ein bittersüßes Compositum bildeten; und so wie es für den 14 Gaumen nichts Widerlicheres geben kann als dies, so berührt auch, im metaphorischen Sinne genommen, nichts unangenehmer das Gemüth. Denn für's Erste war er, obschon er hinreichende Ursache hatte, sich durch seine, in Betreff Sophiens gemachten Wahrnehmungen geschmeichelt zu fühlen, noch nicht frei von Zweifel, ob er nicht Theilnahme, oder besser, Hochschätzung, für ein innigeres Gefühl genommen habe. Er war fern davon, mit sanguinischer Zuversichtlichkeit zu glauben, daß Sophie solche Gefühle gegen ihn hege, die seinen Neigungen jene Befriedigung in Aussicht stellten, wonach sie, wenn sie genährt würden, am Ende streben würden. Ueberdies, wenn er auch von Seiten der Tochter kein Hinderniß zu erfahren hoffen konnte, so glaubte er doch gewiß auf ein bedeutendes bei dem Vater zu stoßen, der, wenn gleich Landedelmann hinsichtlich seiner Lebensweise, doch ein wahrer Weltmann war, wo es auf sein Vermögen ankam, der außerordentlich für seine einzige Tochter eingenommen war und, wenn er etwas getrunken, oft auf die Freude angespielt hatte, die es ihm gewähren würde, sie an einen der reichsten Männer in der Grafschaft verheirathet zu sehen. Jones war kein so eitler Thor, um zu erwarten, daß Western, so sehr dieser ihn auch auszeichnete, jemals seine Ansichten von dem Glücke seiner Tochter aufgeben würde. Er wußte recht wohl, daß Vermögen, wo nicht die einzige, doch die Hauptrücksicht ist, welche auch die besten Eltern in diesen Angelegenheiten zu bestimmen pflegt: denn Freundschaft macht, daß wir uns mit Wärme des Vortheils Anderer annehmen; allein sie läßt uns kalt, wenn es die Befriedigung ihrer Leidenschaften gilt. In der That ist es nothwendig, um das aus diesen hervorgehende Glück zu fühlen, daß wir sie selbst besitzen. Da er demnach keine Hoffnung hatte, ihres Vaters 15 Zustimmung zu erhalten, so ging er mit dem Gedanken um, seinen Zweck ohne dieselbe zu erreichen, und auf solche Weise den großen Lebenszweck Western's vereiteln, hieß einen argen Mißbrauch von seiner Gastfreundschaft machen und die vielen kleinen Beweise seines Wohlwollens (wenn auch in rauher Weise ertheilt) mit herbem Undank lohnen. Wenn ihn ein solcher Ausgang mit Schauder und Abscheu erfüllte, um wie viel mehr fühlte er sich betroffen, wenn er an Allworthy dachte; denn so wie er diesem mehr als einem Vater verdankte, so hegte er auch gegen ihn mehr als kindliche Verehrung. Er kannte den Charakter dieses guten Mannes als jeder niedrigen und treulosen Handlung in dem Grade abhold, daß der geringste Versuch dazu ihm den Anblick des Schuldigen auf immer verhaßt und den Klang seines Namens widerwärtig machen würde. Die Gegenwart so unüberwindlicher Schwierigkeiten wäre hinreichend gewesen, ihn zur Verzweiflung zu bringen, mochten seine Wünsche auch noch so glühend sein; allein selbst diese wurden von dem Mitleiden mit einem andern Weibe in Schranken gehalten. Der Gedanke an die liebliche Molly drängte sich ihm jetzt gewaltsam auf. In ihren Armen hatte er ihr ewige Treue geschworen und sie hatte eben so oft gelobt, seine Untreue nicht zu überleben. Nun malte er sich ihren Tod in den schrecklichsten Gestalten; ja er dachte sich all das Elend eines schandbaren Lebens, dem sie sich ergeben könnte und wovon er die Ursache sein würde, für's Erste weil er sie verführt und dann weil er sie verlassen hätte: denn er wußte, wie sehr alle ihre Nachbarn und sogar ihre Schwestern sie haßten und wie gern sie alle zu ihrem Verderben beitragen würden. Er hatte sie in der That mehr dem Neide als der Schande ausgesetzt, oder vielmehr der letztern mittelst des erstern: denn viele Frauen schimpften sie eine Hure, während sie dieselbe um ihren Geliebten und 16 ihren Putz beneideten und diese recht gern um denselben Preis erkauft haben würden. Der Untergang des armen Mädchens war demnach, das sah er, wenn er sie verließ, unvermeidlich; und dieser Gedanke lastete schwer auf seinem Herzen. Armuth und Noth, meinte er, gäben keinem ein Recht, diese Drangsale noch zu erhöhen. Die Niedrigkeit ihres Standes ließ ihm ihr Unglück nicht unbedeutend erscheinen, noch schien sie seine Schuld zu rechtfertigen oder auch nur zu entschuldigen. Aber was spreche ich von Rechtfertigung? Sein eigenes Herz würde es nicht zugelassen haben, ein menschliches Wesen zu verderben, von dem er dachte, daß es ihn liebte und das dieser Liebe seine Unschuld geopfert hatte. Sein eigenes gutes Herz vertheidigte ihre Sache; nicht wie ein kalter feiler Sachwalter, sondern wie einer, der selbst Interesse am Ausgange hat. Nachdem dieser mächtige Schutzredner dadurch, daß er die arme Molly in allen Lagen des Elends dargestellt, Jones' Mitleiden hinlänglich rege gemacht hatte, rief er listiger Weise noch eine andere Leidenschaft zu Hilfe und schilderte das Mädchen in all den lieblichen Farben der Jugend, Gesundheit und Schönheit, als einen würdigen Gegenstand des Verlangens, zumal für ein weiches Gemüth, da sie zu gleicher Zeit ein Gegenstand des Mitleids war. Unter diesen Gedanken verbrachte der arme Jones eine lange schlaflose Nacht und am Morgen war das Resultat des Ganzen, Molly treu zu bleiben und an Sophien nicht mehr zu denken. Bei diesem tugendhaften Entschlusse beharrte er den ganzen nächsten Tag bis zum Abend, indem er sich nur mit Molly beschäftigte und jeden Gedanken an Sophien fern hielt; allein an diesem verhängnißvollen Abende versetzte ein geringfügiger Umstand alle seine Leidenschaften wieder in Aufruhr und brachte eine so gänzliche 17 Sinnesänderung in ihm hervor, daß wir es für passend halten, die Mittheilung davon in einem neuen Kapitel zu machen. Viertes Kapitel. Ein kurzes Kapitel mit einem unbedeutenden Vorfalle. Unter andern, die den jungen Mann noch besuchten, befand sich auch Mamsell Honour. Aus manchen ihrer früheren Aeußerungen könnte der Leser vielleicht, wenn er darüber nachdenkt, auf den Schluß gerathen, als ob sie selbst eine auffallende Neigung zu Herrn Jones hegte; allein in der That, dem war nicht so. Tom war ein hübscher junger Mann und diese standen bei der Honour in einigem Ansehen, aber ohne allen sonstigen Unterschied; denn nach ihrer unglücklichen Liebschaft mit eines Edelmanns Bedienten, der sie, nachdem er ihr die Ehe versprochen, treuloser Weise verließ, hatte sie die Trümmer ihres Herzens so sorgsam bewahrt, daß es keinem Manne seitdem gelungen war, auch nur ein Bruchstück davon zu erobern. Sie betrachtete alle hübsche Männer mit der Achtung und dem Wohlwollen, das eine verständige und tugendhafte Person gegen alles Gute hegt. Man konnte in der That von ihr sagen, daß sie die Männer liebte, so wie Sokrates die Menschen, indem sie den einen dem andern seiner körperlichen, wie er der geistigen Schönheit wegen vorzog, diesem Vorzuge aber keinen so großen Einfluß auf sich einräumte, daß dadurch die philosophische Heiterkeit ihres Gemüths eine Störung erlitten hätte. Den folgenden Tag, nachdem Jones jenen innern Kampf mit sich bestanden, wovon wir im vorigen Kapitel berichtet haben, kam Mamsell Honour zu ihm auf sein Zimmer und redete ihn, da sie ihn allein fand, folgendermaßen an: 18 »Sieh da, Herr, wo glauben Sie wohl, daß ich gewesen bin? ich stehe dafür, daß Sie es in funfzig Jahren nicht errathen; aber wenn Sie es auch erriethen, so dürfte ich es Ihnen doch nicht sagen.« – »Ja, und wenn es etwas wäre, was Sie mir nicht sagen dürfen,« erwiederte Jones, »so wird mich doch die Neugierde nicht ruhen lassen, danach zu forschen, und ich weiß, Sie werden nicht so grausam sein, mir es zu verschweigen.« – »Ich weiß nicht,« rief sie aus, »warum ich es Ihnen auch verschweigen sollte, denn Sie werden es sicher nicht weiter sagen. Und zudem, wenn Sie wüßten, wo ich gewesen bin, und nicht, was ich dort gewollt habe, so wäre das doch noch nicht viel. Nein, ich sehe nicht ein, warum es ein Geheimniß bleiben sollte; denn sie ist doch sicher das beste Fräulein von der Welt.« Hierauf wurde Jones allmälig ernstlich in das Geheimniß eingeweiht und versprach aufrichtig, es nicht weiter zu verbreiten. Sie fuhr dann also fort: – »Nun, so wissen Sie denn, Herr, mein junges Fräulein schickte mich zu Molly Seagrim, um zu sehen, wie es dieser Dirne ginge, und ob sie etwas bedürfte: es lag mir wahrhaftig nicht viel daran, aber Dienstleute müssen thun, was ihnen befohlen wird. – Wie konnten Sie sich so herabwürdigen, Herr Jones? – Also mein Fräulein hieß mich gehen und ihr etwas Leinen und einiges Andere hinbringen. – Sie ist zu gut. Wenn solche naseweise Schlumpen nach Bridewell geschickt würden, so wären sie besser aufgehoben. Ich sagte zu meinem Fräulein, sag' ich, gnädiges Fräulein, Sie unterstützen die Faulheit.« – »Wirklich, war meine Sophie so gut?« sagte Jones. – »Meine Sophie, gewiß und wahrhaftig!« entgegnete Honour. »Und wenn Sie erst Alles wüßten, – in der That, wenn ich wie Herr Jones wäre, ich würde meine Augen ein wenig höher richten als auf ein so nichtsnütziges Ding wie Molly 19 Seagrim.« – »Was meinen Sie,« erwiederte Jones, »mit jenen Worten, wenn ich Alles wüßte?« – »Ich meine was ich meine,« sagte Honour. »Erinnern Sie sich nicht, daß Sie einmal Ihre Hände in meines Fräuleins Muff steckten? ich glaube, ich könnte mir ein Herz fassen und es sagen, wenn ich nur gewiß wäre, daß mein Fräulein nichts wieder erführe.« – Jones gab ihr die feierlichsten Versicherungen und Honour fuhr fort: – »Also, sicherlich, mein Fräulein schenkte mir diesen Muff, und späterhin, als sie hörte, was Sie gethan hätten« – »Sie sagten ihr also, was ich gethan hatte?« unterbrach sie Jones. – »Wenn ich es that, Herr,« antwortete sie, »so brauchen Sie nicht böse auf mich zu sein. Viele würden, wer weiß was darum gegeben haben, hätte mein Fräulein das gesagt, und sie es erfahren – denn sicherlich, der aufgeblasenste Lord im Lande könnte stolz darauf sein – aber ich versichere, ich habe große Lust, es Ihnen nicht zu sagen.« – Jones legte sich aufs Bitten und bewog sie, fortzuerzählen. »Sie müssen also wissen, Herr, daß mein Fräulein mir diesen Muff gegeben hatte; aber einen oder zwei Tage darauf, nachdem ich ihr die Geschichte erzählt hatte, gefiel ihr das und jenes nicht an ihrem neuen Muffe, und wahrhaftig, es war der niedlichste Muff, den man jemals gesehen hatte. Honour, sagte sie, das ist ein unausstehlicher Muff: er ist mir zu groß; ich kann ihn nicht tragen: so lange bis ich einen andern habe, mußt Du mir meinen alten wieder geben und magst diesen dafür nehmen – denn sie ist ein gutes Fräulein und haßt es, etwas zu geben und zurückzunehmen, das muß ich Ihnen sagen. So gab ich ihr ihn denn zurück und ich glaube, sie hat ihn seitdem beinahe nicht von ihrem Arme gebracht; und ich wollte wetten, daß sie ihn oft geküßt hat, wenn sie von Niemandem gesehen wurde.« 20 Hier ward das Gespräch durch Herrn Western unterbrochen, welcher Jones nach dem Clavier abrief, wohin sich der arme junge Mann ganz bleich und zitternd begab. Western gewahrte es, schrieb es aber, als er Mamsell Honour erblickte, einer falschen Ursache zu; er gab daher Jones, halb im Scherz, halb im Ernst, einen derben Verweis und hieß ihn auswärts jagen und das Wild in seinem Gehäge verschonen. Sophie war diesen Abend schöner als gewöhnlich; und wir dürfen annehmen, daß ihre Reize in Jones' Augen durch den Umstand nicht wenig erhöhet worden seien, daß sie an ihrem rechten Arme zufällig gerade jenen Muff trug. Sie spielte eine von ihres Vaters Lieblingsmelodien und er lehnte hinter ihrem Stuhle, als der Muff über ihre Finger vorfiel und sie aus dem Concepte brachte. Dies störte den Squire dermaßen, daß er den Muff ergriff und ihn unter einem kräftigen Fluche ins Feuer warf. Sophie sprang augenblicklich auf und holte ihn mit der größten Begierde wieder aus den Flammen heraus. Wenn gleich dieser Vorfall vielen unserer Leser von geringer Bedeutung erscheinen wird, so machte er doch, so geringfügig er war, einen so lebhaften Eindruck auf den armen Jones, daß wir es für unsere Schuldigkeit hielten, ihn mitzutheilen. Es werden fürwahr nur zu oft von kurzsichtigen Geschichtschreibern kleine Umstände übergangen, aus denen Ereignisse von der größten Wichtigkeit hervorgehen. Die Welt läßt sich wirklich mit einer großen Maschine vergleichen, worin die großen Räder ursprünglich durch sehr kleine, dem schärfsten Auge kaum sichtbare, in Bewegung gesetzt werden. So würden all die Reize der unvergleichlichen Sophie, all der blendende Glanz und das zarte Schmachten ihrer Augen, die Harmonie ihrer Stimme und ihrer Gestalt, all 21 ihr Witz, ihr Humor, ihre Seelenstärke oder Sanftmuth nicht im Stande gewesen sein, das Herz des armen Jones so vollständig zu besiegen und in Fesseln zu schlagen, als dieser kleine Vorfall mit dem Muffe. Jones' Herz war jetzt durch Ueberrumpelung genommen. Alle jene Rücksichten der Ehre und Klugheit, welche unser Held noch vor Kurzem mit so militairischer Umsicht als Wächter vor den Zugängen seines Herzens aufstellte, liefen von ihren Posten und der Gott der Liebe hielt in Triumph seinen Einzug. Fünftes Kapitel. Ein sehr langes Kapitel mit einem sehr bedeutenden Vorfalle. So leicht es nun aber auch diesem siegreichen Gotte geworden war, seine erklärten Feinde aus dem Herzen Jones' herauszutreiben, so schwer ward es ihm, mit der Besatzung, die er selbst hineingelegt hatte, fertig zu werden. Um alle Allegorie bei Seite zu setzen, der Gedanke, was aus der armen Molly werden sollte, beunruhigte und verwirrte das Gemüth des guten Jünglings. Die größeren Vorzüge Sophiens verdunkelten oder verlöschten vielmehr völlig alle schönen Eigenschaften des armen Mädchens; aber an die Stelle der Liebe trat Mitleid anstatt Verachtung. Er war überzeugt, das Mädchen hatte alle ihre Herzenswünsche und ihre ganze Hoffnung auf zukünftiges Glück auf ihn allein gesetzt. Dazu hatte er ihr ja durch seine Zärtlichkeit, womit er sie überschüttet und die er ihr zu erhalten auf das Heiligste versprochen, Veranlassung genug gegeben. Sie dagegen versicherte ihn ihres festen Vertrauens in seine Versprechungen und erklärte durch die feierlichsten Schwüre, von seiner Erfüllung oder Nichterfüllung dieser Versprechungen würde es abhängen, ob sie die Glücklichste oder die Elendeste 22 der Menschen werden würde. Und der Urheber vom höchsten Elende eines menschlichen Wesens zu sein, das war ein Gedanke, dem er nicht auf einen einzigen Augenblick bei sich Raum zu geben vermochte. Er betrachtete das arme Mädchen als diejenige, die ihm alles, was in ihren geringen Kräften stand, geopfert hatte; die auf ihre eigenen Kosten der Gegenstand seines Vergnügens gewesen war; die selbst in diesem Augenblicke nach ihm seufzte und schmachtete. Soll also, sagte er, meine Genesung, die sie so heiß erflehet; soll meine Gegenwart, die sie so sehnlich erwartet hat, anstatt ihr die gehoffte Freude zu gewähren, sie mit einem Male in Elend und Verzweiflung stürzen? Könnte ich so schändlich handeln? Hier, als der Genius der armen Molly zu triumphiren schien, stürmte Sophiens Liebe, die nun nicht länger zweifelhaft schien, auf sein Gemüth ein und scheuchte jedes Hinderniß von hinnen. Endlich kam ihm der Gedanke bei, daß es ihm vielleicht gelingen könnte, Molly auf einem andern Wege schadlos zu halten; wenn er ihr z. E. eine Summe Geldes gäbe. Gleichwohl zweifelte er fast wieder, daß sie es annehmen würde, wenn er sich ihrer öfter wiederholten und lebhaften Versicherungen erinnerte, daß die Welt, gegen ihn in die Waagschale gelegt, ihr keinen Ersatz für seinen Verlust gewähren würde. Dennoch gab ihm ihre große Armuth und besonders ihre ausnehmende Eitelkeit (über die der Leser bereits einige Andeutungen erhalten hat) eine geringe Hoffnung, daß sie aller ihrer gelobten Zärtlichkeit ungeachtet, mit der Zeit sich vielleicht durch eine ihre Erwartungen übersteigende Summe, die ihrer Eitelkeit schmeichelte, indem sie sie über alle ihres Gleichen erhob, würde abfinden lassen. Er beschloß daher, die erste Gelegenheit zu ergreifen und ihr einen solchen Vorschlag anzubieten. Er stahl sich demnach, als sein Arm so weit geheilt war, 23 daß er, denselben in einer Binde tragend, ausgehen konnte, eines Tages, zu einer Zeit, wo der Squire bei seinen Jagdbeschäftigungen war, hinweg und besuchte seine Schöne. Ihre Mutter und Schwestern, die er beim Theetrinken antraf, sagten ihm anfangs, daß Molly nicht zu Hause wäre; dann aber berichtete ihm die älteste Schwester mit einem boshaften Lächeln, daß sie oben wäre und zu Bett läge. Tom hatte gegen diese Situation seiner Gebieterin nichts einzuwenden und stieg sogleich die Treppe zu ihrer Schlafkammer hinauf; allein, als er oben war, fand er zu seinem großen Erstaunen die Thür verschlossen; auch konnte er eine Zeit lang keine Antwort von innen erhalten; denn Molly, wie sie ihm nachher mittheilte, lag in tiefem Schlafe. Die extremen Grade des Kummers und der Freude üben sehr ähnliche Wirkungen auf uns aus, und wenn eines von beiden uns überrascht, so vermag es eine so völlige Bestürzung und Verwirrung in uns hervorzubringen, daß wir oft dadurch des Gebrauchs aller unserer Fähigkeiten beraubt sind. Es kann daher keine Verwunderung erregen, wenn der unerwartete Anblick des Herrn Jones eine so erschütternde Wirkung auf Molly's Gemüth äußerte und sie in eine solche Verwirrung versetzte, daß sie einige Minuten lang unfähig war, das große Entzücken an den Tag zu legen, wovon sie, wie sich der Leser denken wird, bei dieser Gelegenheit durchdrungen war. Was Jones betrifft, so war er so ganz eingenommen und gleichsam bezaubert durch die Gegenwart dieses geliebten Wesens, daß er eine Weile lang Sophiens und folglich des Hauptzwecks seines Besuchs vergaß. Dieser kehrte ihm jedoch bald wieder in das Gedächtniß zurück, und wie die ersten Ausbrüche der Freude über ihr Wiedersehen vorüber waren, fand er allmälig Mittel und Wege, ein Gespräch über die traurigen Folgen anzuknüpfen, welche 24 ihre Liebe haben müßte, wenn Herr Allworthy, der ihm streng untersagt hätte, sie ferner zu sehen, erfahren sollte, daß er diesen Umgang immer noch fortsetze. Eine solche Entdeckung, – und seine Feinde gäben ihm Grund, sie für unvermeidlich zu halten, – müßte mit seinem Verderben, und folglich mit dem ihrigen enden. Da es nun einmal in ihrem herben Schicksale beschlossen läge, daß sie sich trennen müßten, so rieth er ihr, es mit Standhaftigkeit zu ertragen und schwur, er würde nie, so lange er lebte, eine Gelegenheit versäumen, ihr die Aufrichtigkeit seiner Zuneigung dadurch zu beweisen, daß das, was er für sie thun werde, ihre Erwartung, ja wenn es irgend in seinen Kräften stände, ihre Wünsche übertreffen solle; und schloß endlich damit, daß sie bald einen Mann finden möchte, der sie heirathete und glücklicher machte, als sie es sein könnte, wenn sie mit ihm ein ehrloses Leben führte. Molly schwieg einige Augenblicke still, dann brach sie in eine Thränenfluth und in folgende Vorwürfe aus: »Das ist also Ihre Liebe zu mir, mich auf diese Weise zu verlassen, nun da Sie mich unglücklich gemacht haben! Wie oft, wenn ich Ihnen sagte, daß alle Männer falsch und treulos wären und unser überdrüssig würden, sobald wir ihrer niedrigen Lust zu Willen gewesen, wie oft haben Sie da geschworen, Sie würden mich nie verlassen! So meineidig könnten Sie also sein! Was sind mir alle Reichthümer der Welt ohne Sie, nun Sie mein Herz gewonnen und – und –? Warum sprechen Sie mir von einem andern Manne? Ich kann nie in meinem Leben einen andern lieben. Alle andern sind mir nichts. Wenn morgen der größte Squire im ganzen Lande um mich würbe, ich würde ihm kein Gehör geben. Nein, stets werde ich um Deinetwillen das ganze Geschlecht hassen und verabscheuen.« – In diesem Tone fuhr sie fort, als ein Ereigniß dem 25 Strome ihrer Worte, ehe er noch die Hälfte seines Laufes vollendet, Schranken setzte. Das Zimmer, oder vielmehr die Dachstube, worin Molly lag, war über zwei Treppen hoch, das heißt im Giebel des Hauses und deshalb von schräger Gestalt, gleich einem großen griechischen Delta. Unsere Leser werden sich vielleicht eine bessere Vorstellung davon machen, wenn wir ihnen sagen, daß es unmöglich war, anderswo aufrecht zu stehen, als in der Mitte. Da sich nun an dieser Stube kein Cabinet befand, so hatte Molly, um diesem Mangel abzuhelfen, eine alte Decke an die Sparren des Hauses so angenagelt, daß dadurch ein kleiner Winkel eingeschlossen wurde, in welchem sie ihren Staat, als da waren die Ueberreste jenes Negligee, dessen wir erwähnt haben, einige Häubchen und andere Gegenstände, die sie sich erst kürzlich angeschafft, aufgehangen und vor dem Staube geschützt hatte. Dieser eingeschlossene Raum war gerade zu Füßen des Bettes, dem die Decke wirklich so nahe hing, daß sie gewissermaßen die Stelle eines Bettvorhangs vertrat. Ob nun Molly im Aufbrausen ihres Zornes mit den Füßen an diese Decke stieß oder ob Jones sie berührte; oder ob der Nagel von selbst nachgab, dessen bin ich nicht gewiß; aber wie Molly die oben angeführten letzten Worte aussprach, ging die abscheuliche Decke von ihrer Befestigung los und ließ alles sichtbar werden, was dahinter war; und dort erschien denn (ich schäme mich, es niederzuschreiben, und mit Betrübniß wird es der Leser vernehmen) – der Philosoph Square, in einer Stellung (der Raum ließ nämlich eine aufrechte nicht zu), wie man sie sich lächerlicher nicht vorstellen konnte. Seine Stellung war in der That der eines Soldaten, welcher mit Hals und Füßen zusammengebunden ist, nicht sehr unähnlich, oder glich vielmehr derjenigen, in welcher 26 sich oft auf den öffentlichen Straßen Londons Bettelbuben sehen lassen und die in derselben zwar keine Strafe erleiden, wohl aber verdienen. Auf seinem Kopfe saß ein Nachthäubchen von Molly und seine großen Augen stierten, in dem Augenblicke, wo die Decke fiel, in gerader Richtung nach Jones; so daß sich Niemand, der die jetzt enthüllte Gestalt gesehen und die Idee der Philosophie mit ihr in Verbindung gebracht hätte, eines unmäßigen Lachens würde haben erwehren können. Ich untersuche nicht, ob das Erstaunen des Lesers hier so groß sein wird, als es das Jones' war, da der Verdacht, welcher aus dem Erscheinen dieses weisen und ernsten Mannes an einem solchen Orte, entspringen mußte, mit dem Character, den er bisher ohne Zweifel in der Meinung Jedermanns behauptet hatte, doch so unvereinbar erschien. Indessen, die Wahrheit zu gestehen, ist diese Unvereinbarkeit mehr eingebildet, als reel. Philosophen bestehen so gut wie andere Menschenkinder aus Fleisch und Blut und, wie geläutert und verfeinert immer die Theorie derselben sein mag, in der Praxis ist ihnen eine kleine Schwäche so natürlich wie andern Sterblichen. In der Theorie, und nicht in der Praxis, ist also, wie wir vorhin angedeutet haben, allein der Unterschied zu suchen; denn wenn auch solche erhabene Wesen viel besser und weiser denken, so handeln sie doch stets genau so wie andere Menschen. Sie wissen sehr gut, auf welche Weise alle Begierden und Leidenschaften zu unterdrücken sind und verachten Leid und Freude; und diese Kenntniß gewährt ihnen Stoff zu angenehmen Betrachtungen und ist leicht erworben: aber die praktische Anwendung derselben würde ihnen lästig und beschwerlich fallen; und somit lehrt sie dieselbe Kenntniß, durch die sie das wissen, deren praktische Anwendung vermeiden. Herr Square war zufällig an jenem Sonntage in der 27 Kirche, wo, wie sich der Leser gefälligst erinnern möge, Molly's Erscheinen in ihrem neuen Anzuge jenes große Aufsehen erregte. Hier bemerkte er sie zuerst und ward so eingenommen von ihrer Schönheit, daß er den jungen Herrn veranlaßte, die Tour ihres Rittes an jenem Abende so abzuändern, daß er an der Wohnung Molly's vorbeikäme und sie vielleicht noch einmal sähe. Da er indessen damals seine Absicht Niemandem merken ließ, so hielten auch wir es nicht für angemessen, sie dem Leser mitzutheilen. Zu den Umständen, welche nach Herrn Square's Ansichten die Unzulässigkeit der Dinge bestimmen, rechnete er unter andern Gefahr und Schwierigkeit. Demnach war die Schwierigkeit, welche es machen konnte, diese junge Dirne zu verführen, und die Gefahr, welche im Fall einer Entdeckung seinem Charakter drohte, so abschreckend für ihn, daß er wahrscheinlich anfangs den Vorsatz hatte, sich mit den angenehmen Ideen, womit der Anblick der Schönheit uns erfüllt, zu begnügen. Diese gewähren sich die ernsthaftesten Männer nach einem vollen Mahle ernsten Nachdenkens oft als Dessert, zu welchem Zwecke sich gewisse Bücher und Gemälde in die verborgensten Winkel ihrer Studirstube einschleichen und ein gewisser faftiger Theil der Naturkunde einen Theil ihrer Unterhaltung bildet. Allein als der Philosoph einige Tage später erfuhr, daß die Festung der Tugend bereits erobert gewesen wäre, da begann er seinen Wünschen einen größern Spielraum einzuräumen. Sein Geschmack war nicht so ekel, daß er einen Leckerbissen hätte verschmähen sollen, wovon ein anderer gekostet hatte. Kurz, das Mädchen war ihm, gerade weil ihr die Keuschheit mangelte, um desto lieber, weil er sonst seinem Vergnügen hätte entsagen müssen: er warb um ihre Gunst und erhielt sie. Der Leser ist im Irrthume, wenn er meint, Molly 28 habe Square den Vorzug vor ihrem jüngeren Geliebten gegeben; im Gegentheil, wäre sie auf die Wahl eines einzigen beschränkt gewesen, Tom Jones würde ohne Zweifel von ihnen beiden der Sieger gewesen sein. Auch war es nicht allein die Rücksicht, daß zwei besser sind als einer (obschon dies seinen besondern Werth hatte), welcher Herr Square seinen Erfolg verdankte: die Abwesenheit Jones', während seines Krankenlagers, war ein unglücklicher Umstand; und einige gut gewählte Geschenke des Philosophen erweichten und kirrten in der Zwischenzeit so das Herz des Mädchens, daß einer günstigen Gelegenheit nicht mehr zu widerstehen war und Square über den letzten Rest von Tugend, welcher noch in Molly's Busen lag, den Sieg davon trug. Es war nun ungefähr vierzehn Tage seit dieser Eroberung, als Jones seiner Geliebten den oben gemeldeten Besuch machte und sie mit Square im Bett antraf. Dies war der eigentliche Grund, weshalb die Mutter, wie wir sahen, sie verleugnete; denn da die alte Frau von dem Sündenlohne ihrer Tochter ihren Antheil bekam, so bestärkte sie diese in ihrer verworfenen Lebensweise und nahm sie nach Kräften in Schutz; aber der Neid und Haß der ältesten Schwester gegen Molly war so groß, daß sie, obgleich auch sie ihren Theil an der Beute hatte, diesem gern entsagt haben würde, wenn sie dadurch ihre Schwester hätte zu Grunde richten und ihr Gewerbe zerstören können. Deshalb hatte sie Jones beigebracht, daß sie oben im Bett läge, damit er sie in Square's Gesellschaft überraschen möchte. Dies wußte indessen Molly zu verhindern, weil die Thür verschlossen war und sie dadurch Zeit gewann, ihren Liebhaber hinter jene Decke zu verbergen, wo er jetzt unglücklicher Weise entdeckt war. Kaum war Square zum Vorschein gekommen, so warf sich Molly wieder ins Bett, schrie, sie wäre verloren und 29 wollte ganz verzweifeln. Das arme Mädchen, noch Neuling in ihrem Gewerbe, hatte es noch nicht zu jenem sichern Takte gebracht, welcher einer Stadtdame aus jeder verzweifelten Lage heraushilft, indem er es ihr nicht an einer Entschuldigung fehlen läßt oder ihr wohl gar eingiebt, die Sache mit Unverschämtheit gegen ihren Gatten zu verfechten, der aus Liebe zur Ruhe oder aus Besorgniß um seinen Ruf und wohl auch zuweilen aus Furcht vor dem Galan, der, wie Constantin in der Comödie, ein Schwert trägt, froh ist, wenn er die Augen zudrücken und seine Hörner in die Tasche stecken kann. Molly hingegen machte dieses Ereigniß verstummen und sie gab ohne weiteres eine Sache für verloren, die sie bisher mit so vielen Thränen und mit so feierlichen und feurigen Versicherungen der reinsten Liebe und Treue vertheidigt hatte. Was den Herrn hinter der Tapete anlangt, so war seine Bestürzung nicht geringer. Er stand eine Zeit lang da, ohne sich zu rühren und ohne zu wissen, was er sagen oder wohin er seine Blicke richten sollte. Jones, obgleich unter allen dreien vielleicht am meisten erstaunt, fand zuerst die Sprache wieder, und indem er sich von dem unangenehmen Eindrucke, den Molly's Vorwürfe auf ihn gemacht hatten, sogleich erholte, brach er in ein lautes Lachen aus, begrüßte dann Herrn Square und näherte sich, ihm die Hand zu reichen und ihn aus seinem Versteck zu befreien. Square, der nun in der Mitte des Raums angelangt war, wo man wieder aufrecht stehen konnte, sah Jones mit einem sehr ernsten Gesichte an und sagte zu ihm: »Wohlan, Herr, Sie wissen jetzt um dieses wichtige Geheimniß und, ich kann schwören, ich finde großes Vergnügen in dem Gedanken, mich bloß zu stellen; wenn Sie jedoch die Sache recht überlegen, so werden Sie finden, daß Sie allein zu tadeln sind. Ich habe keine Schuld an der 30 Verführung der Unschuld. Ich habe nichts gethan, was diejenigen, welche nach den Regeln des Rechts urtheilen, verdammen werden. Die Schicklichkeit wird beherrscht von der Natur der Dinge und nicht von Gebräuchen, Formen oder Statuten. Nichts ist in der That unschicklich, was nicht unnatürlich ist.« – »Gut räsonnirt, alter Knabe,« entgegnete Jones; »aber warum glaubst Du, daß ich Dich bloßstellen sollte? Ich versichere Dich, nie in meinem Leben hast Du mir besser gefallen; und dieser Vorfall, ausgenommen Du hättest selbst Lust, ihn zu offenbaren, soll ein tiefes Geheimniß bleiben.« – »Nein, Herr Jones,« erwiederte Square, »ich möchte nicht dafür gelten, als schätzte ich einen guten Ruf gering; nein, er ist eine Art καλὸν und es ist keineswegs schicklich, ihn zu vernachlässigen. Uebrigens wäre, seinen eigenen Ruf morden, eine Art Selbstmord, ein verabscheuungswürdiges Laster. Wenn es Ihnen also gut dünkt, irgend eine meiner Schwächen (denn davon mag ich nicht frei sein, da Niemand völlig vollkommen ist), zu verheimlichen, so verspreche ich Ihnen, daß ich mich nicht selbst verrathen werde. Es giebt Dinge, die man schicklicher Weise thun kann, deren man sich aber schicklicher Weise nicht rühmen darf; denn bei dem verkehrten Urtheile der Welt wird dasjenige oftmals Gegenstand des Tadels, was der Wahrheit nach nicht blos unschuldig, sondern auch lobenswerth ist.« – »Recht so!« rief Jones, »was kann unschuldiger sein, als einem natürlichen Triebe nachzugeben, oder was lobenswerther, als die Fortpflanzung unseres Geschlechts?« – »Ernstlich gestehe ich Ihnen,« antwortete Square, »daß es mir immer so geschienen hat.« – »Und gleichwohl,« sagte Jones, »waren Sie anderer Meinung, als mein Umgang mit diesem Mädchen zuerst entdeckt ward.« – »Ei, da muß ich gestehen,« sagte Square, »wie mir die Sache fälschlich von dem Pastor 31 Thwackum dargestellt worden war, konnte ich die Verführung der Unschuld verdammen: das war es, Herr, das war es – und das –; denn Sie müssen wissen, Herr Jones, in Rücksicht auf Schicklichkeit machen sehr kleine Umstände, ja, sehr kleine Umstände einen großen Unterschied.« – »Nun gut,« rief Jones, »sei dem wie ihm wolle, es wird, nach dem was ich Ihnen versprochen habe, Ihre Schuld sein, wenn Sie jemals wieder etwas von diesem Abenteuer hören. Behandeln Sie das Mädchen freundlich, und es wird nie gegen irgend Jemand etwas davon über meine Lippen kommen. Und Sie, Molly, seien Sie Ihrem Freunde treu, und ich werde Ihnen ihre Untreue gegen mich nicht allein vergeben, sondern Ihnen auch nach allen Kräften zu Diensten sein.« Damit verabschiedete er sich kurz, schlüpfte die Treppe hinunter und zog sich eilig zurück. Square freute sich, daß dieses Abenteuer wahrscheinlich keine übeln Folgen haben würde; und Molly, nachdem sie sich von ihrer Verlegenheit erholt hatte, begann damit, ihm Vorwürfe zu machen, weil er ihr Jones' Verlust verursacht hätte; doch er fand bald Mittel, ihren Aerger zu beschwichtigen, und zwar theils in Liebkosungen und theils in einem kleinen Arkanum aus seiner Börse, was zur Vertreibung böser Launen und zur Wiederherstellung des guten Humors von wundervoller und erprobter Wirksamkeit ist. Darauf überschüttete sie ihren neuen Liebhaber mit Zärtlichkeit, verdrehete den Sinn alles dessen, was sie zu Jones gesagt hatte und machte diesen selbst lächerlich; dabei schwur sie, daß, wenn er auch einst ihre Person besessen, doch Niemand als Square jemals ihr Herz besessen hätte. 32 Sechstes Kapitel. Durch Vergleichung dieses mit dem vorigen Kapitel kann der Leser vielleicht einen Irrthum wieder verbessern, dessen er sich bei Anwendung des Wortes Liebe schuldig gemacht hat. Molly's Untreue, die Jones jetzt entdeckt hatte, würde vielleicht eine empfindlichere Ahndung verdient haben, als die er ihr bei dieser Gelegenheit widerfahren ließ; und wenn er sie sogleich von diesem Augenblicke an verlassen hätte, so würden, glaube ich, sehr Wenige ihn darum getadelt haben. Zuverlässig, indessen, wurde er in seinem Betragen gegen sie vom Mitleid bestimmt, und wenn auch seine Liebe zu ihr nicht der Art war, daß ihm ihre Unbeständigkeit großen Kummer verursachen konnte, so war er doch ein wenig erschrocken über den Gedanken, daß ihre Unschuld durch ihn den ersten Flecken erhalten habe; denn auf diesen ersten Fehltritt führte er den ganzen lasterhaften Lebenswandel zurück, dem sie sich zu ergeben geneigt zu sein schien. Diese Betrachtung verursachte ihm nicht wenig Unruhe, bis Betty, die älteste Schwester, etwas später so gefällig war, ihn durch die Erklärung völlig zu kuriren, daß ein gewisser Wilhelm Barnes, und nicht er, Molly's erster Verführer gewesen wäre, und daß jenes Kind, das er bisher so unbedenklich für das seine gehalten, sehr wahrscheinlich wenigstens ein gleiches Recht haben dürfte, Barnes für seinen Vater anzusprechen. Jones forschte dieser Spur, so wie er darauf geleitet worden war, eifrig nach und gelangte nicht allein durch das Bekenntniß des Burschen, sondern auch durch Molly's eigenes, zu der genügenden Ueberzeugung, daß ihm das Mädchen die Wahrheit gesagt hatte. 33 Dieser Wilhelm Barnes, obwohl Bauerbursch, war ein Mädchenjäger und hatte eben so viele Trophäen aufzuweisen, wie irgend ein Fähndrich oder Schreiber eines Advocaten im ganzen Königreiche. Er hatte in der That mehrere Frauen in die tiefste Verworfenheit gestürzt, hatte mehrere dem Grame ihres Herzens preisgegeben und die Ehre gehabt, daß ein solch' armes Mädchen seinetwegen eines gewaltsamen Todes starb, entweder dadurch, daß sie sich ertränkte, oder, was noch wahrscheinlicher ist, daß sie durch ihn ertränkt wurde. Unter andern Siegen, die er errungen, hatte dieser Bursch auch über Betty's Herz triumphirt. Er hatte ihr den Hof gemacht, lange ehe noch Molly so weit herangewachsen war, daß sie füglich ein Gegenstand seiner Wünsche sein konnte, hatte jene späterhin verlassen und sich der Schwester zugewendet, deren Gunst ihm auch fast unmittelbar darauf zu Theil wurde. Nun besaß Wilhelm in der That allein Molly's Zuneigung, während Jones und Square, einer kaum minder als der andere, Opfer ihres Interesses und ihres Stolzes waren. Daher war jener unversöhnliche Haß entstanden, der, wie wir gesehen haben, in Betty's Busen wüthete; gleichwohl hielten wir es nicht für nöthig, diese Ursache desselben früher anzugeben, als bis der Neid für sich allein schon hinreichend war, das Erzählte geschehen zu lassen. Jones war durch den Besitz dieses Geheimnisses hinsichtlich Molly's vollkommen ruhig geworden; keineswegs aber hinsichtlich Sophiens; ja sein Gemüth gerieth in der That in die heftigste Bewegung: sein Herz war nun, um mich dieser Metapher zu bedienen, gänzlich geräumt, und Sophie nahm vollständigen Besitz davon. Er liebte sie auf das Leidenschaftlichste und erkannte deutlich, welch' zärtliche Gefühle sie für ihn hegte; dennoch vermochte diese Zuversicht seine 34 Verzweiflung an der zu erlangenden Einwilligung ihres Vaters, und die schrecklichen Folgen nicht zu mildern, welche daraus entstehen mußten, wenn er auf eine niedrige oder verrätherische Weise zu ihrem Besitze gelangte. Das Unrecht, das er dadurch Herrn Western zufügen mußte, und der Kummer, den es Herrn Allworthy verursachen würde, waren Umstände, die ihn alle Tage quälten, und ihm auch des Nachts keine Ruhe gönnten. Sein Leben war ein ununterbrochener Kampf zwischen Ehre und Neigung, welche abwechselnd über einander triumphirten. Oftmals faßte er, wenn Sophie abwesend war, den Entschluß, ihres Vaters Haus zu meiden und sie nicht wieder zu sehen; in ihrer Gegenwart vergaß er eben so oft alle diese Vorsätze und nahm sich vor, sein Leben, ja was ihm noch weit theurer war, als dieses, an ihren Besitz zu setzen. Dieser innere Zwiespalt brachte bald sehr auffallende und sichtbare Veränderungen mit ihm hervor: er hatte alle seine gewohnte Lebhaftigkeit und Heiterkeit verloren und war, nicht nur wenn er allein, traurig und schwermüthig, sondern zeigte sich auch in Gesellschaft niedergeschlagen und zerstreut; ja, wenn er sich einmal, Herrn Westerns guter Laune zu Gefallen, zur Heiterkeit zwang, so blickte doch dieser Zwang so deutlich hindurch, daß er durch diese Verstellung erst recht an den Tag zu legen schien, was er zu verbergen sich bemühete. Vielleicht ließe sich die Frage aufwerfen, ob die List, welche er anwandte, um seine Leidenschaft zu verbergen, oder die Mittel, deren sich die ehrliche Natur bediente, um dieselbe zu offenbaren, ihn am meisten verriethen: denn während die List ihn gegen Sophien zurückhaltender als je sein ließ, und ihn abhielt, irgend ein Gespräch mit ihr zu führen, ja während er mit der größten Vorsicht ihren Blicken auswich, war die Natur nicht minder geschäftig, 35 ihm entgegen zu wirken. Daher kam es, daß er, so wie das junge Mädchen sich näherte, erbleichte, und wenn sie unvermuthet erschien, zusammenfuhr. Wenn seine Blicke zufällig den ihrigen begegneten, stieg ihm das Blut in die Wangen und sein Gesicht sah aus wie mit Scharlach überzogen. Wenn die Gesetze der Höflichkeit ihn nöthigten, das Wort an sie zu richten, etwa um bei Tische ihre Gesundheit zu trinken, da fing seine Zunge sicher an zu stammeln. Wenn er sie berührte, zitterte seine Hand, ja alle seine Glieder. Und selten erweckte ein Gespräch, wenn auch nur entfernt, den Gedanken an Liebe, ohne daß sich unwillkürlich ein Seufzer aus seinem Busen stahl. Dabei war die Natur bewunderungswürdig erfinderisch, täglich dergleichen Vorfälle herbeizuführen. Alle diese Merkmale entgingen der Beobachtung des Squire; nicht so Sophien. Sie nahm bald diese Gemüthsbewegungen an Jones wahr und errieth deren Ursache; denn sie fand sie in der That in ihrer eignen Brust wieder. Und in dieser Erkenntniß besteht, wie ich vermuthe, jene den Liebenden so oft zugeschriebene Sympathie, aus der sich dann zur Genüge erklärt, warum sie so viel scharfsichtiger war als ihr Vater. Allein, um die Wahrheit zu sagen, es giebt eine einfachere und deutlichere Erklärungsweise jenes wunderbaren Scharfblickes, den manche Menschen in einem hohen Grade vor den übrigen voraus haben, und zwar eine Erklärungsweise, die nicht blos auf Liebende, sondern auf alle Andere Anwendung findet. Woher kommt es, daß ein Schelm gemeiniglich Schelmereien so leicht durchschaut, durch welche oft ein ehrlicher Mann von weit durchdringenderem Verstande hintergangen wird? Es giebt gewiß keine allgemeine Sympathie der Schelme; noch haben sie, wie die Freimaurer, eine allgemeine Zeichensprache. Die Sache liegt einzig und 36 allein darin, daß sie dasselbe in ihren Köpfen haben und daß ihre Gedanken dieselbe Richtung gehen. Daß also Sophie die deutlichen Zeichen der Liebe an Jones wahrnahm und Western nicht, kann gar nicht Wunder nehmen, wenn wir erwägen, daß der Gedanke an Liebe dem Vater nicht in den Kopf kam, während die Tochter damals an nichts weiter dachte. So wie Sophie von der Stärke der Leidenschaft, welche Jones quälte, volle Ueberzeugung hatte, und nicht minder davon, daß sie deren Gegenstand war, wurde es ihr auch nichts weniger als schwer, sich sein gegenwärtiges Betragen zu erklären. Dies machte ihn ihr unendlich theuer und erweckte in ihrer Brust zwei der schönsten Gefühle, die ein Liebender seiner Geliebten nur wünschen kann. Diese waren Achtung und Mitleid: denn gewiß werden es selbst die Strengsten ihres Geschlechts entschuldigen, daß sie einen Mann bemitleidete, der um ihretwillen litt; auch werden sie nicht tadeln können, daß sie denjenigen achtete, der, offenbar aus den edelsten Beweggründen, eine Flamme in seinem Busen zu beherrschen suchte, welche sein Leben zu verzehren drohte. So waren seine Zurückhaltung, sein Ausweichen vor ihr, seine Kälte und sein Schweigen gerade seine lautesten, wärmsten und beredtesten Fürsprecher und wirkten so gewaltig auf ihr zartfühlendes Herz, daß sie bald alle jene Gefühle für ihn hegte, die ein tugendhaftes und edles weibliches Gemüth nur hegen kann; kurz alles empfand, wozu Achtung, Dankbarkeit und Mitleid gegen einen angenehmen Mann ein solches nur immer aufzufordern vermögen; in der That alles, was das feinste Zartgefühl zu gestatten vermag. Mit einem Worte, sie war zum Sterben in ihn verliebt. Eines Tages begegnete sich das junge Paar zufällig im Garten, am Ende der beiden Gänge, die jener Kanal begrenzte, 37 in welchem Jones einst beinahe ertrunken wäre, als er Sophiens kleinen Vogel zu fangen suchte. Diesen Platz hatte Sophie in der letztern Zeit oft besucht. Hier pflegte sie, mit aus Schmerz und Freude gemischten Empfindungen über einem Ereignisse zu brüten, das, so geringfügig es an sich war, vielleicht den ersten Keim zu jener Neigung gelegt hatte, die jetzt in ihrer Brust zu solcher Reife gediehen war. Dort also begegneten sie einander. Sie waren fast an einander, ehe eines des andern Annäherung bemerkte. Wer dabei gestanden hätte, würde unzweideutige Spuren der Verlegenheit auf beider Gesichtern entdeckt haben, aber sie selbst waren zu sehr mit ihren Gefühlen beschäftigt, um irgend eine Wahrnehmung zu machen. Nachdem sich Jones von seiner ersten Ueberraschung ein wenig erholt hatte, redete er die junge Dame in einigen der gewöhnlichen Begrüßungsformeln an, die sie in gleicher Weise erwiederte; und ihre Unterhaltung begann mit dem gewöhnlichen Thema, mit der Schönheit des Morgens. Davon gingen sie über zu der Schönheit des Platzes, über den sich Jones in den höchsten Lobeserhebungen ergoß. Als sie zu dem Baume kamen, von dem er in den Kanal gestürzt war, konnte Sophie nicht umhin, jenes Vorfalles zu gedenken und äußerte: »Ich sollte meinen, Herr Jones, Sie müßten ein wenig schaudern, wenn Sie dieses Wasser sehen.« – »Ich versichere Sie, Fräulein,« antwortete Jones, »die Betrübniß, welche Sie über den Verlust Ihres kleinen Vogels empfanden, wird mir immer als der wichtigste Umstand bei jenem Abenteuer erscheinen. Der arme kleine Tommy! dort ist der Zweig, auf dem er saß. Wie konnte der kleine Thor auch jenem Aufenthalt des Glücks entfliehen, dem ich ihn wiederzugeben suchte? Sein Schicksal war eine gerechte Strafe für seine Undankbarkeit.« – »Nun wahrhaftig, Herr Jones,« sagte 38 sie, »Ihre Galanterie entging nur mit vieler Mühe einem eben so harten Schicksale. Die Erinnerung daran muß ohne Zweifel einen tiefen Eindruck auf Sie machen.« – »Allerdings, Fräulein,« war seine Antwort, »wenn ich irgend einen Grund habe, mit Unmuth daran zu denken, so ist es vielleicht der, daß das Wasser nicht ein wenig tiefer war, wodurch ich manchem bitteren Gram, den mir das Geschick beschieden zu haben scheint, hätte entgehen können.« – »Pfui, Herr Jones,« entgegnete Sophie; »gewiß ist das nicht Ihr Ernst. Diese affectirte Verachtung des Lebens ist nichts als eine Uebertreibung Ihrer Artigkeit gegen mich. Sie wollten meine Verpflichtung herabsetzen, die ich Ihnen dafür schuldig bin, daß Sie es zweimal um meinetwillen aufs Spiel setzten. Hüten Sie Sich vor dem dritten Male.« Diese letzten Worte sprach sie mit einem Lächeln und einer unaussprechlichen Milde. Jones antwortete mit einem Seufzer, »Er fürchte, daß es zur Vorsicht bereits zu spät sei,« und rief dann, indem sein zärtlicher Blick auf ihr haftete, aus: »O, Fräulein Western! können Sie mir wünschen, daß ich leben soll? Können Sie mir so Arges wünschen?« Sophie entgegnete, den Blick zu Boden gesenkt, unter Zögern: »In der That, Herr Jones, ich wünsche Ihnen nichts Arges.« – »Ach, ich kenne diesen unübertrefflichen Charakter nur zu wohl,« rief Jones aus, »nur zu wohl diese himmlische Güte, welche alle übrige Reize überstrahlt!« – »Wie?« erwiederte sie, »ich verstehe Sie nicht. Ich kann nicht länger verweilen.« – »Ich – ich wollte nicht verstanden sein!« rief er; »nein, ich kann nicht verstanden werden. Ich weiß nicht, was ich sage. Sie so unerwartet hier zu treffen, – ich bin unvorsichtig gewesen; um des Himmels willen, verzeihen Sie mir, wenn ich etwas sagte, was Sie beleidigte. – Ich wollte es nicht. Fürwahr, lieber hätte ich sterben mögen – ja, der bloße Gedanke würde mich tödten.« – 39 »Sie setzen mich in Erstaunen,« antwortete sie, »wie können Sie nur glauben, mich beleidigt zu haben?« – »Furcht, Fräulein,« sagte er, »springt leicht zu Wahnsinn über; und größere Furcht kann es nicht geben, als ich davor habe, Sie zu beleidigen. Wie kann ich nun sprechen? Nein, sehen Sie mich nicht zornig an; ein zorniger Blick würde mich vernichten. Tadeln Sie meine Augen, oder tadeln Sie diese Reize. Was sage ich? Verzeihen Sie mir, wenn ich zu viel gesagt habe. Mein Herz strömte über. Ich habe mit meiner Liebe aufs Aeußerste gekämpft, ich habe mich bemüht, ein Fieber zu verbergen, das mein Leben verzehrt und werde es hoffentlich so weit gebracht haben, daß ich Sie nie mehr kränken kann.« Jones fing jetzt an zu zittern, als würde er vom Fieberfrost geschüttelt. Sophie, deren Zustand von dem seinigen nicht sehr verschieden war, gab ihm Folgendes zur Antwort: »Herr Jones, ich will mich nicht stellen, als verstünde ich Sie nicht: im Gegentheil, ich verstehe Sie nur zu gut; aber, um des Himmels willen, wenn ich Ihnen nicht gleichgültig bin, so lassen Sie mich jetzt ins Haus zurückkehren. – Wolle Gott, daß mich die Kraft bis dahin nicht verläßt.« Jones, der sich selbst kaum aufrecht halten konnte, bot ihr seinen Arm, den sie freundlich annahm; doch bat sie ihn, für jetzt kein Wort mehr über diesen Gegenstand zu erwähnen. Er versprach es; nur drang er noch in sie, möchte ihm das vergeben, wozu die Liebe ihn unwillkührlich fortgerissen hätte. Sie stellte ihrer Vergebung sein künftiges Betragen zur Bedingung, und nun wankte das junge Paar zitternd dahin, und nicht ein einziges Mal wagte der liebende Jüngling seiner Geliebten die Hand zu drücken, die er in der seinigen hielt. Sophie begab sich sogleich auf ihr Zimmer, wo Mamsell Honour und das Riechfläschchen zu ihrem Beistande entboten 40 wurden. Was den armen Jones wieder herstellte, war eine unwillkommene Neuigkeit, die uns eine von der bisherigen ganz verschiedene Scene eröffnet, und die wir daher dem Leser im nächstfolgenden Kapitel mittheilen werden. Siebentes Kapitel. Worin Herr Allworthy auf dem Krankenbette erscheint. Herr Western war so sehr für Jones eingenommen, daß er ihn nicht fortlassen wollte, obgleich sein Arm lange geheilt war; und Jones ließ sich, entweder aus Liebe zum Vergnügen, oder aus irgend einem andern Grunde, leicht überreden in dem Hause ferner einzusprechen, wo er bisweilen vierzehn Tage lang verweilte, ohne Herrn Allworthy ein einziges Mal zu besuchen; ja, ohne nur einmal etwas von ihm zu hören. Herr Allworthy war seit einigen Tagen mit einem Schnupfen behaftet, dem sich etwas Fieber beigesellt hatte. Dies war jedoch von ihm vernachlässigt worden, wie es gewöhnlich mit allen Krankheiten geschah, die ihn nicht zwangen sich niederzulegen, oder Functionsstörungen im Körper erzeugten; – ein Verfahren, das wir keinesweges zu billigen oder zu empfehlen gesonnen sind; denn gewiß haben die Bekenner der äskulapischen Kunst mit dem Ausspruche Recht, daß, so wie die Krankheit zu einer Thür herein ist, der Arzt auch schon zur andern eintreten sollte. Was sonst ist mit jenem alten Sprichworte gemeint: Venienti occurrite morbo ? »Einer Krankheit begegne bei Zeiten.« Auf diese Art ist der Kampf zwischen dem Arzte und der Krankheit ein ehrlicher und gleicher; während die letztere, wenn wir ihr Zeit lassen, oftmals sich verstärkt und verschanzt, wie eine französische Armee, so daß es der gelehrte Mann sehr schwer, 41 bisweilen unmöglich findet, an den Feind hinanzukommen. Ja bisweilen bedient sich die Krankheit, wenn sie Zeit gewinnt, der französischen Kriegslist und macht durch Bestechung, daß sich die Natur auf ihre Seite schlägt, und dann muß alle Macht der Medicin zu spät kommen. Mit diesen Betrachtungen übereinstimmend war, so viel ich mich erinnere, die Klage des großen Dr. Misaubin, der sich darüber, daß man seine Geschicklichkeit erst spät in Anspruch nahm, sehr pathetisch so auszusprechen pflegte: »Wahrhaftig ich glaube, meine Patienten halten mich für den Todtengräber; denn sie schicken nicht eher nach mir, als bis die Aerzte sie gemordet haben.« Herrn Allworthy's Krankheit nahm durch diese Vernachlässigung so überhand, daß, als ihn die Zunahme des Fiebers Hülfe zu suchen nöthigte, der Doctor bei seinem ersten Besuche den Kopf schüttelte und wünschte, daß man eher möchte nach ihm geschickt haben, weil das Uebel einen sehr gefährlichen Grad erreicht hätte. Herr Allworthy, der alle seine Angelegenheiten in dieser Welt geordnet hatte und für die andere so wohl vorbereitet war, als es ein Mensch nur sein kann, nahm diese Erklärung mit der größten Ruhe und dem größten Gleichmuthe auf. Er konnte wirklich, so oft er sich zur Ruhe niederlegte, mit Cato sagen: —   —   Laß Schuld oder Furcht der Menschen Ruhe stören, Cato kennt sie nicht; ihm gilt es gleiche Wahl, Schlaf oder Tod. Ja, er konnte dies mit zehnmal größerem Rechte und mit mehr Zuversicht sagen, als Cato oder als irgend ein anderer Prahler unter den alten oder modernen Heroen; denn er war nicht allein frei von Furcht, sondern dürfte auch unter die treuen Arbeiter gezählt werden, wenn er nach der Ernte gerufen wird, aus den Händen eines gütigen Herrn den Lohn zu empfangen. 42 Der gute Mann gab sogleich Befehl, alle Glieder seiner Familie zu ihm zu bescheiden. Keines derselben war damals abwesend, als Madame Blifil, die sich einige Zeit in London aufgehalten hatte und Jones, den der Leser so eben in dem Hause des Herrn Western verlassen hat, und der diese Aufforderung unmittelbar nach Sophiens Weggange erhielt. Die Nachricht von Herrn Allworthy's Gefahr (der Diener sagte ihm nämlich, er läge im Sterben) verscheuchte alle Liebesgedanken aus seinem Kopfe. Er sprang ohne Verzug in den Wagen, dem man ihm mitgeschickt hatte und empfahl dem Kutscher die größtmögliche Eile an; auch glaube ich, daß er unterweges nicht mit einem einzigen Gedanken an Sophien dachte. Und wie nun die ganze Familie, nämlich Blifil, Jones, Thwackum, Square und einige von den Dienstleuten (denn so war es Herrn Allworthy's Wille), um sein Bett versammelt war, setzte sich der gute Mann in demselben auf und war im Begriff zu sprechen, als Blifil in heftiges Schluchzen und laute und bittere Klagen ausbrach. Da schüttelte ihm Herr Allworthy die Hand und sagte: »Betrübe Dich nicht so sehr, theurer Neffe, über ein Ereigniß, das alle Menschen ohne Unterschied erwartet. Wenn Unglücksfälle über unsere Freunde hereinbrechen, da haben wir gerechte Ursache zur Betrübniß; denn das sind Ereignisse, die sich vielleicht oftmals hätten vermeiden lassen, und die in unsern Augen das Schicksal eines Menschen unglücklicher gestalten, als anderer; aber der Tod ist jedenfalls unvermeidlich und das gemeinschaftliche Loos, worin allein sich aller Menschen Schicksal gleich gestaltet; auch ist die Zeit, wann es uns trifft, nichts sehr Wesentliches dabei. Wenn die weisesten Männer das Leben seiner Dauer nach einer Spanne verglichen, so können wir es uns wohl auch wie einen Tag vorstellen. Mir ist beschieden, dasselbe am Abende 43 zu verlassen; aber diejenigen, welche früher abgerufen werden, haben nur wenige Stunden eingebüßt, die, wenn es hoch kommt, kaum des Beklagens werth und weit öfter Stunden der Mühe und Arbeit, des Schmerzes und der Sorge sind. Ein römischer Dichter vergleicht unsern Austritt aus dem Leben mit dem Weggange von einem Festmahle; – ein Gedanke, der mir oft eingefallen ist, wenn ich gesehen habe, wie manche sich bemühten, eine Unterhaltung fortzuspinnen und die Gesellschaft ihrer Freunde einige Momente länger zu genießen. Ach! wie kurz sind die längsten solcher Genüsse! Wie unwesentlich ist der Unterschied für den, der sich zuerst entfernt, und den, der bis zuletzt verweilt! Dies ist die beste Ansicht vom Leben, und dieses Sträuben, unsere Freunde zu verlassen, ist der edelste Beweggrund, den wir der Furcht vor dem Tode unterlegen können; und doch ist die längste Dauer dieses Genusses so kurz nur, daß ein weiser Mann keinen Werth auf dieselbe legt. Freilich denken nur wenig Menschen so; denn in der That denken nur wenige eher an den Tod, als bis er sie in seinen Klauen hat. Wie ungeheuer und schrecklich er nun erscheinen mag, wann er ihnen nahet, so sind sie nichtsdestoweniger unfähig, ihn aus einiger Ferne zu betrachten; ja, sollten sie auch noch so sehr geängstiget und in Schrecken gesetzt worden sein, wenn sie sich in Gefahr zu sterben wähnten, so sehen sie sich doch nicht sobald von dieser Gefahr befreiet, als auch die Todesfurcht aus ihrem Gemüth verschwunden ist. Aber, ach! wen der Tod verschonte, den hat er nicht losgegeben; nur eine Frist, und zwar eine kurze Frist hat er ihm zugestanden. »Betrübe Dich daher, liebes Kind, nicht weiter über diesen Umstand; ein Ereigniß, das jede Stunde eintreten kann, das jedes Element, ja fast jedes Atom der uns umgebenden Materie hervorzubringen vermag, und das uns 44 alle zuletzt unvermeidlich treffen muß und wird, sollte uns weder überraschen, noch uns eine Wehklage ablocken. »Mein Arzt hat mich davon in Kenntniß gesetzt (und ich weiß es ihm vielen Dank), daß ich in Gefahr schwebe zu sterben und Euch sehr bald verlassen zu müssen, daher habe ich beschlossen, einige Abschiedsworte an Euch zu richten, ehe meine Krankheit, die ich rasch zunehmen fühle, es mir unmöglich macht. »Doch ich werde meine Kräfte zu sehr anstrengen. Ich beabsichtigte, über meinen letzten Willen zu sprechen, von dem ich, ob ich ihn gleich bereits lange niedergelegt habe, Euch die Euch betreffenden Punkte mitzutheilen für zweckmäßig erachtete, damit ich den Trost hätte, wahrzunehmen, daß Ihr mit dem, was ich Euch vermacht habe, alle zufrieden seid. »Neffe Blifil, ich setze Dich zum Erben meines ganzen Vermögens ein, mit Ausnahme von 500 Pf. jährlich, welche nach dem Tode Deiner Mutter auch auf Dich zurückfallen, von ferneren 500 Pf. jährlich, und der Summe von 6000 Pf., über die ich folgendermaßen verfügt habe: »Die jährliche Rente von 500 Pf. habe ich Dir zugetheilt, Jones: und da ich das Unbequeme des Mangels an baarem Gelde kenne, so habe ich 1000 Pf. baar hinzugefügt. Ich weiß nicht, ob ich hierin Deine Erwartung übertroffen habe oder dahinter zurückgeblieben bin. Vielleicht meinst Du, ich habe Dir zu wenig gegeben, und die Welt wird mich ebenso schnell tadeln, daß ich Dir zu viel gegeben habe: aber das letztere Urtheil verachte ich; und das erstere traue ich Dir nicht zu.« Jones warf sich seinem Wohlthäter zu Füßen, ergriff die Hand desselben und versicherte ihn, daß seine Güte, die er ihm gegenwärtig und zu allen Zeiten bewiesen, nicht allein über sein Verdienst, sondern auch über seine 45 Erwartungen so unendlich weit hinaus ginge, daß sich seine Gefühle durch Worte nicht ausdrücken ließen. »Und ich versichere Sie,« fügte er hinzu, »daß Ihre jetzige Freigebigkeit mir Ihrer traurigen Veranlassung wegen Kummer macht. Ach mein Freund! mein Vater!« – Hier erstickten ihn seine Worte und er wendete sich weg, um die Thränen zu verbergen, die seinen Augen entstürzten. Allworthy drückte ihm hierauf liebreich die Hand und fuhr also fort: »Ich bin überzeugt, mein Kind, daß Du viel Herzensgüte, Großmuth und Ehrgefühl besitzest: wenn Du Dir zu diesen noch Klugheit und Religion aneignen wirst, so mußt Du glücklich sein; denn die drei ersten Eigenschaften, ich räume es ein, machen Dich des Glückes würdig, aber nur durch die letztern wirst Du es erlangen. »Ein tausend Pfund habe ich Ihnen angesetzt, Herr Thwackum; eine Summe, die, wie ich überzeugt bin, Ihre Wünsche sowohl als Ihre Bedürfnisse bei weitem übersteigt. Indessen werden Sie dieselbe als ein Andenken an meine Freundschaft annehmen; und wie großer Ueberfluß Ihnen auch immer zufließen mag, Ihre strenge Frömmigkeit wird Sie lehren, welchen Gebrauch Sie davon zu machen haben. »Eine gleiche Summe, Herr Square, habe ich Ihnen zugedacht. Diese, hoffe ich, wird Sie in Stand setzen, sich besser im Leben zu stellen als bisher. Ich habe oft mit Betrübniß beobachtet, daß Noth leichter Verachtung als Theilnahme erregt, namentlich unter Geschäftsleuten, bei denen Armuth mit Mangel an Fähigkeit für gleichbedeutend gilt. Nun aber wird die Kleinigkeit, die ich Ihnen geben kann, Sie jener Verlegenheiten überheben, mit denen Sie früherhin zu kämpfen hatten; und dann zweifle ich nicht, daß Ihre Umstände sich nicht so gedeihlich gestalten sollten, um das zu ergänzen, was ein Mann von Ihrem philosophischen Sinne sich wünschen mag. 46 »Ich fühle meine Kräfte schwinden, und so verweise ich Sie wegen des Uebrigen auf mein Testament. Dort sind für meine Dienstleute einige Geschenke aufgezeichnet, bei denen sie sich meiner erinnern mögen und einige Legate, deren gewissenhafte Vertheilung ich meinen Testamentsvollstreckern anvertraue. Gott segne Euch alle! Ich muß ein wenig aussetzen, ehe Ihr –.« Hier trat ein Bedienter eilig in das Zimmer und meldete, daß ein Advokat aus Salisbury mit wichtigen Aufträgen da wäre, die er Herrn Allworthy selbst mittheilen müßte: daß er sehr eilig zu sein schiene und vorgäbe, von so vielen Geschäften gedrängt zu werden, daß, wenn er sich in vier Theile theilen könnte, dies doch noch nicht ausreichen würde. »Geh, Kind,« sagte Allworthy zu Blifil, »sieh zu, was der Herr bringt. Ich bin jetzt zu keinem Geschäft fähig, auch kann er keines mit mir haben, bei dem Du jetzt nicht mehr betheiligt wärest, als ich selbst. Ueberdies bin ich wirklich – wirklich außer Stande, jetzt Jemand zu empfangen, oder meine Aufmerksamkeit länger auf etwas zu richten.« Er grüßte hierauf alle und sagte, vielleicht würde es ihm möglich sein, sie noch einmal zu sehen: aber jetzt wäre es ihm lieb, wenn er sich ein wenig sammeln könne, weil ihn das Sprechen zu sehr angegriffen habe. Einige der Anwesenden vergossen Thränen beim Hinweggehen, und selbst der Philosoph Square wischte sich die Augen, »obgleich Rührung ihm fremd war.« Auch Jungfer Wilkins entträufelten ihre Perlen, »so reichlich wie den arabischen Bäumen ihr Gummi;« denn das war eine Ceremonie, welche diese Dame bei geeigneten Gelegenheiten nie unterließ. Hierauf legte sich Herr Allworthy wieder auf sein Kissen zurück, um sich der Ruhe zu überlassen. 47 Achtes Kapitel. Enthält mehr Natürliches als Erfreuliches. Außer der Trauer um ihren Herrn, war es noch eine andere Quelle, aus der jener salzige Strom, der in Fluthen über die berghohen Backenknochen der Haushälterin rann, seinen Zufluß erhielt. Kaum war sie allein, so begann sie folgendes anmuthige Selbstgespräch vor sich hinzumurmeln: »Ich hätte doch wahrhaftig gedacht, der Herr würde einen Unterschied machen zwischen mir und den Dienstleuten. Ich vermuthe, er hat mir Trauerkleider vermacht; nun wahrhaftig! wenn das alles ist, so mag sie meinetwegen der Teufel für ihn tragen. Ich hätte es seiner Gnaden sagen sollen, daß ich keine Bettlerin bin. Ich habe mir fünf hundert Pfund in seinen Diensten gespart, und nun so behandelt zu werden. – Es ist eine schöne Aufmunterung für Dienstboten, ehrlich zu sein; und wahrlich, wenn ich mir bisweilen hie und da eine Kleinigkeit zu Nutzen gemacht habe, so haben andere das zehnmal mehr gethan; und nun werden wir alle in eine Brühe geworfen. Wenn es so sein soll, gut, so mag das Legat zum Teufel gehen, und er auch, der es gab. Nein, aufgeben will ich es doch auch nicht, denn das würde gewissen Leuten recht lieb sein. Nein, ich will mir das bunteste Kleid kaufen, das ich nur bekommen kann, und darin auf des alten Knickers Grabe tanzen. Dies ist also mein Lohn, daß ich so oft seine Partei genommen habe, wenn alle Welt Schande über ihn schrie, daß er seinen Bankert so erzog; aber er ist jetzt auf dem Wege dahin, wo er für alles büßen muß. Es würde ihm besser angestanden haben, auf seinem Sterbebett seine Sünden zu bereuen, als sich derselben zu rühmen, und sein Vermögen seiner eignen Familie zu entziehen, um es an ein uneheliches Kind hinzugeben. In seinem Bette 48 gefunden, nun wahrlich! eine hübsche Geschichte! ja, ja, die etwas verbergen, wissen auch wo es zu finden ist. Gott mag's ihm vergeben! Ich wette darauf, er hat noch für mehr uneheliche Kinder zu stehen, wenn man es nur recht wüßte. Es ist nur ein Trost, daß sie alle erfahren werden, wohin sein Weg jetzt geht. – »Dort sind für meine Dienstleute einige Geschenke aufgezeichnet, bei denen sie sich meiner erinnern mögen.« das waren seine Worte; ich werde sie nie vergessen und wenn ich tausend Jahre leben sollte. Ja, ja, ich werde mich Ihrer erinnern, dafür daß Sie mich mit den andern Dienstboten zusammenwerfen. Man hätte doch denken sollen, er würde meinen Namen eben so gut nennen, wie Square's; aber der ist freilich ein vornehmer Mann, ob er gleich keinen Rock auf dem Leibe hatte, als er zuerst hierher kam. Gott erbarme sich über solche vornehme Leute! wenn er gleich so viele Jahre hier lebt, so ist wohl kaum ein Diener im Hause, der weiß wie sein Geld aussieht. Der Henker mag einem solchen vornehmen Herrn aufwarten.« In der Art murrte sie noch vieles vor sich hin; doch dieses Pröbchen wird dem Leser genügen. Nicht besser waren Thwackum und Square mit ihren Legaten zufrieden. Wenn sie auch ihren Verdruß nicht laut werden ließen, so nehmen wir doch aus ihren mißvergnügten Mienen sowohl, als aus dem folgenden Zwiegespräch ab, daß sie keine sonderliche Freude empfanden. Ungefähr eine Stunde später, als sie das Krankenzimmer verlassen hatten, begegnete Square Thwackum im Saale und redete ihn mit folgenden Worten an: »Nun, Herr, haben Sie etwas Neues von Ihrem Freunde gehört, seit wir ihn verließen?« – »Wenn Sie Herrn Allworthy meinen,« antwortete Thwackum, »so denke ich, Sie sollten ihn eher Ihren Freund nennen; denn er scheint mir diesen Namen verdient zu haben.« – »Wohl eben so gut von 49 Ihrer Seite,« entgegnete Square; »denn seine Güte, wie sie nun gerade ist, hat sich gegen uns beide gleich bewiesen.« – »Ich würde nicht davon angefangen haben,« rief Thwackum aus; »aber da Sie es erwähnen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich anderer Meinung bin. Es ist ein großer Unterschied zwischen Geschenken und Belohnungen. Das Amt, das ich in seiner Familie verwaltet habe und die Leitung der Erziehung seiner beiden Knaben, sind Dienste, für die manche Leute eine größere Vergeltung erwartet haben dürften. Glauben Sie aber nicht, daß ich deshalb unzufrieden bin; denn St. Paulus hat mich gelehrt, mit dem Wenigen, was ich habe, zufrieden zu sein. Wäre der mäßige Theil, der mir zugefallen, auch noch geringer, so würde ich doch meine Pflicht gekannt haben. Aber obgleich die Schrift mir auferlegt, zufrieden zu sein, so schreibt sie mir doch nicht vor, vor meinem Verdienste meine Augen zu verschließen, oder nicht zu sehen, wenn ich durch eine ungerechte Vergleichung gekränkt werde.« – »Da Sie mich herausfordern,« erwiederte Square, »so wissen Sie, dieses Unrecht ist mir geschehen; auch habe ich nimmermehr geglaubt, daß Herrn Allworthy meine Freundschaft so wenig gegolten hätte, daß er mich mit einem gleichstellt, der seinen Gehalt bekam. Ich weiß woher das rührt: es kommt von jenen kleinlichen Grundsätzen, die Sie ihm, mit Verachtung von allem was groß und edel ist, seit langer Zeit beizubringen sich bemüht haben. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der Freundschaft ist zu blendend für blöde Augen; sie kann auch nur durch das Medium des untrüglichen Rechtsgefühls wahrgenommen werden, das Sie so oft lächerlich zu machen sich bestrebten, daß Sie Ihres Freundes Verstand verdreht haben.« – »Ich wünsche,« rief Thwackum aufgebracht, »ich wünsche, um seiner Seele willen, daß Ihre verdammungswürdigen Lehren seinem 50 Glauben nicht geschadet haben. Diesem schreibe ich sein gegenwärtiges, einem Christen unziemliches Verfahren zu. Wem anders als einem Atheisten konnte es beikommen, die Welt zu verlassen, ohne seine Sünden zu beichten und die Absolution zu empfangen, da er doch wußte, daß einer im Hause war, dem es rechtmäßig zustand, ihm die letztere zu ertheilen? Er wird dieses Bedürfniß fühlen, wenn es zu spät ist, wenn er dorthin gelangt sein wird, wo Heulen und Zähnklappen ist. Dann wird er erkennen, was ihm jene heidnische Gottheit, jene Tugend, die Sie und alle Deisten dieser Zeit verehren, Großes helfen wird. Dann wird er seinen Geistlichen rufen, wenn keiner da ist, und wird schmerzlich jene Absolution entbehren, ohne die kein Sünder selig werden kann.« – »Wenn das so nothwendig ist,« sagte Square, »warum geben Sie sie ihm nicht unaufgefordert?« – »Sie hat,« sprach Thwackum, »nur bei solchen Kraft, die gut gesinnt genug sind, sie zu verlangen. Doch was rede ich von solchen Dingen mit einem Heiden und einem Ungläubigen? Sie waren es, der ihm den Unterricht gegeben hat, für den Sie Ihren rechtschaffenen Lohn haben in dieser Welt, wie Ihr Schüler ihn ohne Zweifel bald in jener empfangen wird.« – »Ich weiß nicht, was Sie mit dem Lohne meinen,« sagte Square;« aber wenn Sie auf jenes erbarmungswürdige Andenken unserer Freundschaft anspielen, das er mir zugedacht hat, so verachte ich es; und nur die traurige Lage meiner Umstände würde mich bestimmen, es anzunehmen.« Der Arzt kam jetzt hinzu und fragte die beiden Streitenden, wie es oben ginge? »Erbärmlich,« antwortete Thwackum. »Ich erwartete es nicht anders,« rief der Doctor aus: »aber ich bitte, was für Zeichen sind denn erschienen, seit ich Sie verließ?« »Keine guten, fürchte ich,« versetzte Thwackum: »nach dem zu urtheilen, was 51 bei unserm Weggange geschah, glaube ich, ist wenig Hoffnung.« Der Arzt für die körperlich Kranken mißverstand vielleicht den Seelenarzt; und ehe es zu einer Erklärung kam, trat Herr Blifil mit einer höchst traurigen Miene zu ihnen und sagte, daß er schlimme Neuigkeiten brächte; seine Mutter wäre nämlich zu Salisbury gestorben: sie wäre auf ihrem Heimwege von Kopf- und Magengicht befallen und in wenigen Stunden dahingerafft worden. »Ist's denn möglich!« rief der Doctor aus. »Man kann für Unglück nicht stehen; aber ich wünschte dazu gerufen worden zu sein. Die Gicht ist eine schwer zu behandelnde Krankheit; doch ich habe merkwürdiges Glück darin gehabt.« Thwackum und Square bezeigten Herrn Blifil ihre Theilnahme über den Verlust seiner Mutter, den der eine ihm wie ein Mann, der andere wie ein Christ zu tragen empfahl. Der junge Mann sagte, er wüßte recht wohl, daß wir alle sterblich wären und wollte sich seinem Schicksale zu fügen suchen: er könnte gleichwohl nicht umhin, sich ein wenig über die besondere Strenge desselben zu beklagen, da es ihm die Nachricht eines so traurigen Ereignisses auf so unerwartete Weise zuführe und gerade zu einer Zeit, wo ihm stündlich der härteste Schlag eines tückischen Geschicks bevorstände, der ihn jemals treffen könne. Er sagte, bei der gegenwärtigen Gelegenheit würden ihm die trefflichen Lehren, die ihm Thwackum und Square beigebracht hätten, sehr zu Statten kommen; und ihnen allein würde er es zu verdanken haben, wenn er solche Unglücksfälle überlebe. Nun wurde darüber berathen, ob man Herrn Allworthy mit dem Tode seiner Schwester bekannt machen solle. Der Doctor widersetzte sich dem, und ich glaube, hierin würden alle seine Collegen mit ihm übereinstimmen; aber Herr Blifil meinte, sein Oheim hätte ihm so bestimmte Befehle 52 und wiederholt gegeben, ihm nichts zu verheimlichen, etwa aus Furcht, ihn zu beunruhigen, daß er nicht daran denken dürfe, jenen Befehlen zuwider zu handeln, was für Folgen es auch immer haben möchte. Er seines Theils könnte, in Betracht der religiösen und philosophischen Denkungsart seines Oheims, nicht mit in die Befürchtungen des Doctors einstimmen. Er wäre daher entschlossen, es ihm mitzutheilen: denn wenn sein Oheim genäse (was er von Herzen wünschte), so wäre er sicher, dieser würde es ihm nie vergeben, daß er ihm einen solchen Umstand zu verheimlichen gesucht hätte. Der Arzt war gezwungen, sich diesen Beschlüssen, welche von den andern beiden gelehrten Herren nachdrücklich unterstützt wurden, zu unterwerfen. So begaben sich Herr Blifil und der Doctor gemeinschaftlich nach dem Krankenzimmer, wo der Doctor zuerst eintrat und sich dem Bette näherte, um den Puls des Patienten zu untersuchen. Kaum war dies geschehen, so erklärte er, daß er ihn weit besser fände, daß die letzte Verordnung Wunder gethan und das Fieber zum Aussetzen gebracht hätte, so daß jetzt eben so wenig Gefahr mehr vorhanden zu sein schiene, als vorher Hoffnung. Die Wahrheit zu sagen, so war Herrn Allworthy's Zustand nimmermehr so schlecht gewesen, als die große Vorsicht des Doctors ihn dargestellt hatte; aber so wie ein weiser Feldherr nie seinen Feind verachtet, so gering dessen Streitkräfte auch immer sein mögen, eben so wenig verachtet ein weiser Arzt eine Krankheit, wie unbedeutend sie auch immer sei. So wie der erstere dieselbe strenge Disciplin handhabt, dieselben Wachen ausstellt, dieselben Spione ausschickt, wenn auch der Feind noch so schwach ist; eben so macht der Arzt dasselbe ernsthafte Gesicht und schüttelt den Kopf mit derselben wichtigen Miene, sei die Krankheit auch noch so 53 unbedeutend. Und beide können unter andern den haltbaren Grund für ihr Verfahren anführen, daß sie durch solche Mittel ihren Ruhm vergrößern, wenn sie den Sieg gewinnen, und die Schande vermindern, wenn sie durch irgend einen unglücklichen Zufall überwunden werden. Herr Allworthy hatte kaum seine Augen erhoben und dem Himmel für die Hoffnung zu seiner Genesung gedankt, als Herr Blifil mit großer Niedergeschlagenheit näher trat und, ein Tuch vor die Augen haltend, als ob er seine Thränen trocknete, seinem Oheim mittheilte, was dem Leser bereits bekannt ist. Allworthy vernahm die Nachricht mit Bedauern, Geduld und Ergebung. Er vergoß eine Thräne zärtlicher Wehmuth, faßte sich aber alsdann und rief endlich aus: »des Herrn Wille geschehe immerdar.« Er fragte nun nach dem Boten, worauf ihm Blifil sagte, daß es unmöglich gewesen wäre, ihn einen Augenblick länger aufzuhalten, denn nach seiner großen Eilfertigkeit zu schließen, müßte er Geschäfte von Wichtigkeit vorgehabt haben; wenigstens hätte er mehrmals wiederholt, daß, wenn er sich in vier Theile theilen könnte, er einen jeden zu beschäftigen wüßte. Hierauf übertrug Allworthy Blifil die Veranstaltungen zum Begräbniß. Er wünschte, daß seine Schwester in seiner Capelle beigesetzt würde: was aber die einzelnen Verfügungen anbelangte, so überließ er sie seinem eigenen Ermessen und bestimmte nur den Geistlichen, der bei dieser Gelegenheit das Amt verrichten sollte. 54 Neuntes Kapitel. Kann unter anderm als ein Commentar zu dem Ausspruche des Aeschines dienen, daß »sich die Seele eines Menschen in der Trunkenheit abspiegele, wie sein Körper in einem Spiegel.« Vielleicht wundert sich der Leser, in dem vorhergehenden Kapitel nichts über Herrn Jones vernommen zu haben. In der That war sein Betragen von dem der darin erwähnten Personen so verschieden, daß wir seinen Namen mit den ihrigen nicht zusammenstellen wollten. Nachdem der brave Mann zu sprechen aufgehört hatte, war Jones der letzte, der ihn verließ. Er begab sich auf sein Zimmer, um ungestört seinem Kummer nachzuhängen; allein seine Gemüthsbewegung ließ ihn dort nicht lange verweilen: er schlich sich daher in aller Stille nach Allworthy's Thür, wo er eine geraume Zeit horchte, ohne irgend etwas anderes zu hören, als ein heftiges Schnarchen, das ihm seine von Befürchtungen bewegte Einbildungskraft als ein Stöhnen darstellte. Dies beunruhigte ihn so, daß er sich nicht enthalten konnte, in das Zimmer einzutreten, wo er den Kranken sanft und ruhig schlafend im Bett fand und seine Wärterin ihm zu Füßen lag und in der eben beschriebenen herzhaften Weise schnarchte. Er bediente sich sogleich der einzigen Methode, diesen Brummbaß zum Schweigen zu bringen, dessen Musik, wie er fürchtete, Herrn Allworthy stören könnte; dann blieb er bei der Wärterin still und regungslos sitzen, bis Blifil und der Doctor zusammen hereinkamen und den Kranken weckten, damit der Doctor den Puls fühlen und der andere ihm jene Neuigkeit mittheilen könnte, die, hätte Jones darum gewußt, unter solchen Umständen schwerlich zu Herrn Allworthy's Ohren gekommen sein würde. 55 Im ersten Augenblicke, als er Blifil seinem Oheim die Sache vortragen hörte, konnte Jones kaum seinen aufwallenden Zorn über diese Unbesonnenheit zurückhalten, besonders als der Doctor den Kopf schüttelte und seine Mißbilligung darüber zu erkennen gab. Da ihn indessen seine Leidenschaftlichkeit nicht so weit aller Fassung beraubte, daß er nicht die möglichen Folgen eines heftigen Auftretens gegen Blifil für den Kranken erwog, so beschwichtigte diese Befürchtung seine Entrüstung für den Augenblick; und späterhin gab er sich damit, daß jene Nachricht wirklich nicht geschadet hatte, so zufrieden, daß er seinen Unwillen besiegte, ohne jemals etwas gegen Blifil davon laut werden zu lassen. Der Arzt blieb über Mittag in Allworthy's Hause; und als er nach Tische von dem Besuche seines Patienten zur Gesellschaft zurückkehrte, berichtete er, er könne jetzt die Versicherung geben, daß jener außer aller Gefahr sei, daß das Fieber vollkommene Intermissionen mache und daß er nicht daran zweifle, durch Interponiren der Chinarinde die Rückkehr zu verhüten. Ueber diese Nachricht war Jones so erfreut, daß er alle Haltung verlor und wahrhaft freudetrunken genannt werden konnte. Nun ist der Zustand der Freudetrunkenheit den Wirkungen des Weins sehr günstig, und da er bei dieser Gelegenheit auch der Flasche sehr zugesprochen hatte (denn er trank mehrere Humpen auf des Doctors Gesundheit und brachte auch noch andere Toaste aus), so ward er sehr bald im wahren Sinne des Worts betrunken. Jones war von Natur sehr sinnlich, und wenn diese seine sinnlichen Triebe aufgeregt und durch den Geist des Weines noch erhöht waren, da rissen sie ihn zu mancherlei ausschweifenden Handlungen fort. Er küßte den Doctor und umarmte ihn mit der größten Zärtlichkeit, indem er betheuerte, daß er ihn, nächst Herrn Allworthy, unter allen 56 lebenden Menschen am meisten liebe. »Doctor,« setzte er hinzu, »Sie verdienen, daß Ihnen auf öffentliche Kosten ein Denkmal errichtet wird, dafür, daß Sie dem Leben einen Mann erhalten haben, der nicht allein der Liebling aller guten Menschen ist, die ihn kennen, sondern auch ein Segen für die Gesellschaft, der Ruhm seines Landes und eine Zierde der Menschheit. Nicht selig will ich werden, wenn ich ihn nicht mehr als meine Seele liebe.« »Schämen Sie sich,« rief Thwackum. »Wenn ich gleich glaube, daß Sie Ursache haben, ihn zu lieben, denn er hat sehr gut für Sie gesorgt. Und gleichwohl möchte es für manche Leute besser gewesen sein, daß er es nicht erlebt hätte, gerechte Ursache zur Widerrufung seiner Schenkung zu finden.« Jones erwiederte, Thwackum mit dem Ausdrucke der tiefsten Verachtung anblickend: »Und bildete sich Ihre gemeine Seele ein, daß ich mich durch solche Rücksichten bestimmen ließe? Nein, lieber mag sich die Erde öffnen und ihre Schätze verschlingen (wenn ich Millionen hätte, ich würde das sagen), als meinen theuren herrlichen Freund!« Quis desiderio sit pudor aut modus Tam chari capitis! »Was könnte unserer Sehnsucht nach einem so theuern Freunde Grenzen setzen!« Der Doctor schritt jetzt vermittelnd ein und verhütete, daß der in Jones und Thwackum glühende Zorn in offene Flammen ausbrach, worauf der erstere sich ganz seiner fröhlichen Laune überließ, einige Liebeslieder sang und alle mögliche Tollheiten verübte, zu denen eine ungezügelte Freude nur verleiten kann; doch hielt er sich so fern von aller Zanksucht, daß er wo möglich noch gutmüthiger als im nüchternen Zustande war. 57 Es ist in Wahrheit nichts irriger, als die gewöhnliche Meinung, daß Leute, die im Rausche böswillig und zanksüchtig sind, im nüchternen Zustande von gutem Charakter wären, denn das Trinken ändert wahrhaftig die Natur nicht um oder schafft im Menschen Leidenschaften, die zuvor nicht in ihm existirten. Es schläfert die Vernunft, den Wächter unsers Denkens und Handelns, ein und zwingt uns, uns von derjenigen Seite zu zeigen, die Viele im nüchternen Zustande geschickt genug sind zu verbergen. Es erhöht und entstammt unsere Leidenschaften (und zwar im Allgemeinen die am meisten in uns vorherrschenden), so daß der Zorn, die Verliebtheit, die Großmuth, die Gutmüthigkeit, der Geiz und alle sonstigen Eigenschaften schärfer und deutlicher hervortreten. Bei keiner Nation kommen wohl so viele Händel in Folge des Rausches, namentlich unter den niedern Klassen, vor als bei den Engländern (denn bei ihnen sind trinken und sich schlagen fast synonyme Ausdrücke); dennoch, dünkt mich, wäre es unrecht, daraus schließen zu wollen, daß die Engländer das bösartigste Volk wären. Vielleicht liegt dem einzig und allein die Ruhmbegierde zu Grunde, so daß man folgern zu müssen scheint, der gemeine Engländer besitze von dieser Eigenschaft und von Prahlerei mehr, als die Plebejer anderer Nationen. Und dies ist das Wahrscheinlichste, indem bei solchen Gelegenheiten selten etwas Unedles oder Boshaftes geschieht, ja die Kämpfenden selbst während des Kampfes Wohlwollen für einander äußern, und so wie ihre vom Rausche erzeugte Lustigkeit gemeiniglich mit einem Kampfe schließt, die meisten ihrer Kämpfe in Freundschaft ausgehen. Doch kehren wir zu unserer Erzählung zurück. Obgleich Jones keine Absicht zu beleidigen hatte sehen lassen, so fühlte sich Herr Blifil doch durch ein Betragen, das mit 58 seiner nüchternen und klugen Zurückhaltung so unverträglich war, höchlich verletzt. Seine Geduld, mit der er es ertrug, war um so größer, als es ihm zu dieser Zeit sehr unschicklich erschien, »wo,« wie er sagte, »das Haus, des Todes seiner theuern Mutter wegen, ein Trauerhaus wäre; und hätte es dem Himmel gefallen, ihnen einige Hoffnung auf Herrn Allworthy's Genesung zu geben, so würde es ihnen besser geziemt haben, die Freude ihres Herzens durch Dankgebete als durch Betrunkenheit und Lärmen auszudrücken, wodurch Gottes Zorn eher erhöht als abgewendet würde.« Thwackum, der mehr als Jones getrunken hatte, dem es aber weniger zu Kopfe gestiegen war, stimmte in Blifil's fromme Rede mit ein; Square aber schwieg, aus Gründen, die der Leser wahrscheinlich errathen kann, völlig still. Der Wein hatte Jones nicht so gänzlich von Besinnung gebracht, daß er sich nicht sogleich des Verlustes, den Blifil erlitten, erinnert hätte, so wie er nur erwähnt wurde. Da nun Niemand bereitwilliger sein konnte, als er, seine Fehler zu bekennen und zu tadeln, so reichte er Herrn Blifil die Hand dar und bat ihn um Verzeihung, indem er sagte, seine übergroße Freude über Herrn Allworthy's Genesung hätte keinen andern Gedanken in ihm aufkommen lassen. Blifil stieß die Hand zornig zurück und entgegnete mit großer Entrüstung, es wäre wenig zu verwundern, wenn traurige Scenen auf einen Blinden keinen Eindruck machten; er für seinen Theil hätte leider das Unglück, zu wissen, wer seine Eltern wären und müßte folglich durch deren Verlust betrübt werden. Jones, der trotz seiner Gutmüthigkeit leicht zum Zorn zu reizen war, sprang hastig von seinem Sitze auf und schrie, indem er Blifil beim Kragen packte: »Verdammter Schurke! willst Du mich mit dem Mißgeschick meiner 59 Geburt kränken?« Er begleitete diese Worte mit so rohen Thätlichkeiten, daß Blifil's ruhiges Temperament bald nicht mehr Stand dagegen hielt und sich eine Rauferei entspann, die zu Unheil hätte führen können, wäre dies nicht durch die Vermittelung Thwackum's und des Arztes abgewendet worden; denn Square's Philosophie machte diesen über alle Regung erhaben und er rauchte ruhig seine Pfeife, wie das jedesmal bei Streitigkeiten seine Gewohnheit war, wenn er nicht zu fürchten brauchte, daß sie ihm im Munde zerbrochen werden könnte. Da sich die Streitenden nun verhindert sahen, ihre Rache jetzt an einander auszulassen, so machten sie ihrer Wuth durch Drohungen und Herausforderungen Luft. In dieser Art Kampf war das Glück, das sich während ihres persönlichen Angriffs auf Jones Seite zu neigen schien, durchaus auf Seiten seines Feindes. Dennoch ward endlich durch die Vermittelung der neutralen Parteien ein Waffenstillstand geschlossen und die ganze Gesellschaft setzte sich wieder um den Tisch. Dadurch, daß man Jones vermochte, um Verzeihung zu bitten, und Blifil, sie zu gewähren, ward der Frieden hergestellt und alles schien in statu quo zu sein. Allein obgleich der Streit allem Anscheine nach vollkommen beigelegt war, so war doch die gute Laune, die durch denselben eine Unterbrechung erlitten hatte, keineswegs wieder hergestellt. Alle Heiterkeit war von jetzt an zu Ende und das Gespräch beschränkte sich auf ernsthafte Erzählungen von Thatsachen und auf eben so ernsthafte Betrachtungen darüber; – eine Art von Conversation, mit der zwar viel Würde und Belehrung, aber wenig Unterhaltung verbunden ist. Da wir nun dem Leser blos diese letztere zugedacht haben, so werden wir alles, was gesprochen wurde, übergehen bis dahin, wo die Uebrigen sich 60 allmälig entfernt hatten und Square und der Arzt allein noch da waren. Da nämlich erhielt das Gespräch wieder etwas mehr Leben durch einige Bemerkungen über das, was sich zwischen den beiden jungen Männern zugetragen hatte, die der Doctor für nicht besser als ein Paar Schufte erklärte, worin ihm der Philosoph durch ein sehr kluges Kopfnicken beistimmte. Zehntes Kapitel. Worin die Wahrheit der vielfachen, von Ovid und andern gewichtigen Schriftstellern gemachten Beobachtungen unwiderleglich dargethan wird, daß der Wein oft die Unkeuschheit in seinem Gefolge habe. Jones verließ die Gesellschaft, in der wir ihn zuletzt sahen und ging hinaus ins freie Feld, um sich durch einen Spaziergang an der frischen Luft abzukühlen, ehe er sich zu Herrn Allworthy begäbe. Dort ereignete sich, während er jene Betrachtungen über sein Verhältniß zu Sophien wieder aufnahm, die durch die gefährliche Krankheit seines Freundes und Wohlthäters einige Unterbrechung erfahren hatten, ein Vorfall, den wir mit Kummer erzählen und den der Leser gewiß mit Kummer vernehmen wird; dennoch sind wir es der historischen Wahrheit, der wir mit unverbrüchlicher Treue ergeben sind, schuldig, ihn der Nachwelt mitzutheilen. Es war an einem schönen Juniabende, als unser Held einem herrlichen Wäldchen zuging, wo das Säuseln der Blätter in dem milden Hauche der Abendluft mit dem süßen Plätschern eines murmelnden Baches und den melodischen Tönen der Nachtigall sich zur entzückendsten Harmonie verbanden. In dieser Scene, den Träumen der Liebe so hold, 61 dachte er an seine theure Sophie. Während seine üppige Phantasie ungezügelt in ihren Reizen schwelgte und seine lebendige Einbildungskraft ihm diese in verschiedenen entzückenden Formen vormalte, floß sein glühendes Herz von Zärtlichkeit über; und indem er sich endlich am Rande eines lieblich murmelnden Baches niederwarf, brach er in die folgenden Ausrufungen aus: »O Sophie, gäbe der Himmel Dich in meine Arme, wie glücklich würde ich sein! Verwünscht sei das Vermögen, das sich zu einer Schranke zwischen uns erhebt! Wärest Du nur mein, und machten wenige Lumpen auch Dein ganzes Besitzthum aus, wer wäre der Mann auf Erden, den ich beneidete? Wie verächtlich würde die blendendste Schönheit Circassiens, geschmückt mit allen Juwelen Indiens, meinen Augen erscheinen! Aber warum erwähne ich nur ein anderes Weib? Könnten meine Augen mit Zärtlichkeit auf eine andere hinblicken, diese Hände sollten sie aus meinem Kopfe herausreißen. Nein, meine Sophie, wenn das grausame Schicksal uns für immer auseinander hält, so soll meine Seele Dir doch allein angehören. Die keuscheste Treue will ich ewig Deinem Bilde bewahren. Soll ich auch nie Deine reizende Person besitzen, sollst doch Du allein meine Gedanken, meine Liebe, meine Seele haben. Ach! mein liebendes Herz liegt so fest in diesem zärtlichen Busen verschlossen, daß die glänzendsten Schönheiten keinen Reiz für mich haben und ihre Umarmungen einen Eremiten nicht kälter lassen würden. Sophie, Sophie allein soll die Meine sein! – Welch' Entzücken liegt in diesem Namen! ich will ihn in jeden Baum eingraben.« Bei diesen Worten sprang er auf und erblickte – nicht seine Sophie – auch keine Circassierin, reich und elegant geschmückt für des Großherrn Serail. Nein; prunklos, in ein grobes Röckchen gehüllt, das nicht das reinste war 62 sondern Spuren von den Arbeiten des Tages trug, und eine Heugabel in der Hand haltend, trat ihm entgegen Molly Seagrim. Unser Held hatte sein Federmesser zu dem oben erwähnten Zwecke hervorgezogen; als sich ihm das Mädchen näherte, rief sie lächelnd aus: – »Ich hoffe doch nicht, Herr, daß Sie es auf mein Leben abgesehen haben?« – »Warum das?« versetzte Jones. »Doch nein,« erwiederte sie, » nach der grausamen Weise, in der Sie mit mir verfuhren, als ich Sie das letzte Mal sah, würde der Tod vielleicht noch zu mild für mich sein.« Hierauf entwickelte sich ein Gespräch, das ich, da ich mich nicht für verbunden halte, es wiederzugeben, übergehen werde. Es genüge zu erwähnen, daß es eine volle Viertelstunde dauerte und daß sie sich, als es zu Ende war, in den dichtesten Theil des Waldes zurückzogen. Manche meiner Leser werden diesen Vorfall vielleicht für unnatürlich zu halten geneigt sein. Indessen, die Sache ist wahr und läßt sich auch wohl dadurch genügend erklären, daß Jones gedacht haben mag, Ein Weib sei besser als gar keines, und daß Molly wahrscheinlich meinte, zwei Männer seien besser als einer. Außer diesem, Jones' gegenwärtigem Beginnen untergelegten Beweggrunde wird der Leser sich auch noch gefälligst erinnern, daß jener dieser herrlichen Kraft der Vernunft, vermöge deren strenge und weise Männer ihre aufbrausenden Leidenschaften zügeln und verbotene Lust von sich zurückweisen, damals nicht mächtig war. Der Wein hatte diese Kraft in Jones völlig überwältigt; denn er befand sich in einem Zustande, in welchem die Vernunft, wenn sie auch nur berathend hätte wollen auftreten, die Antwort erhalten haben möchte, die einst ein gewisser Cleostratus einem albernen Menschen gab, der ihn fragte, ob er sich nicht schäme, betrunken zu sein? »Schämst Du Dich nicht« entgegnete Cleostratus, »einem 63 Betrunkenen Ermahnungen zu ertheilen?« – Das ist wahr, vor einer gerichtlichen Behörde darf die Betrunkenheit keine Entschuldigung finden, wohl aber vor der Behörde des Gewissens; daher giebt auch Aristoteles, welcher die Gesetze des Pittakus empfiehlt, nach denen Betrunkene für ihre Verbrechen doppelt hart bestraft werden sollen, zu, daß diesem Gesetze mehr Politik als Gerechtigkeit zu Grunde liege. Giebt es nun irgend verzeihliche Fehltritte, die der Zustand des Rausches zur Folge hat, so sind es sicherlich solche, deren sich Herr Jones gegenwärtig schuldig machte und worüber ich mich mit einer reichen Fülle von Gelehrsamkeit verbreiten könnte, wenn ich dächte, daß der Leser dadurch Unterhaltung finden oder etwas lernen würde, was er nicht schon wüßte. Um seinetwillen also werde ich meine Gelehrsamkeit für mich behalten und zu meiner Erzählung zurückkehren. Man hat die Beobachtung gemacht, daß das Schicksal selten etwas halb ausführt. Wahr ist es, daß seine Launen unendlich sind, mag es uns wohl oder übel wollen. Kaum hatte sich unser Held mit seiner Dido zurückgezogen, als Speluncam Blifil dux et divinus eandem Deveniunt   —   —   — der Geistliche und der junge Herr, die einen ernsthaften Spaziergang mit einander machten, an dem in den Wald führenden Steige anlangten und der letztere das Liebespaar erblickte, gerade wie es aus dem Gesichte verschwand. Blifil erkannte Jones ganz genau, obgleich er auf zweihundert Schritte entfernt war, eben so gewiß war er seiner Sache im Betreff des Geschlechts seiner Begleiterin, wenn auch nicht ihrer individuellen Persönlichkeit. Er staunte, segnete sich und that einen feierlichen Ausruf. Thwackum drückte seine Verwunderung über diese plötzliche Gemüthsbewegung aus und fragte nach deren Ursache, 64 worauf ihm Blifil zur Antwort gab, daß er einen Burschen und eine Dirne hätte in das Gesträuch schlüpfen sehen, die ohne Zweifel nichts Gutes im Sinne hätten. Jones' Namen hielt er für gut zu verschweigen, warum, muß dem Urtheile des scharfsinnigen Lesers überlassen werden; denn wir pflegen den Handlungen der Menschen nie Beweggründe unterzulegen, wenn eine Möglichkeit vorhanden ist, daß wir uns irren. Der Geistliche, welcher nicht allein für seine eigene Person in strenger Keuschheit lebte, sondern auch an allen Andern das entgegengesetzte Laster von Herzen haßte, gerieth in Feuer und Flammen bei dieser Mittheilung. Er verlangte, daß Herr Blifil ihn sogleich zu der Stelle hinführte, und erschöpfte sich, je näher sie kamen, in Drohungen und Klagen; auch konnte er nicht umhin, auf Herrn Allworthy einige Seitenhiebe fallen zu lassen, indem er zu verstehen gab, daß die Leichtfertigkeit in der Gegend hauptsächlich von seiner Aufmunterung zu diesem Laster herrühre, weil er nämlich einen Bastard so wohlwollend behandelt und jene gerechte und heilsame Strenge des Gesetzes gemildert hätte, das über lockere Dirnen eine sehr strenge Strafe verhänge. Der Weg, auf dem unsere Jäger ihr Wild verfolgten, war so mit Dornen besetzt, daß sie nur langsam vordringen konnten und überdies ein solches Geräusch verursachten, daß Jones ihre Annäherung lange genug vorher merkte, ehe sie ihn zu entdecken vermochten; ja es war Thwackum so unmöglich, seine Entrüstung zurückzuhalten und er eiferte bei jedem Schritte mit solcher Heftigkeit, daß dieser Umstand allein Jones hinlänglich überzeugt haben mußte, daß man ihn (um in der Jägersprache zu reden) auf dem Neste finden wollte. 65 Elftes Kapitel. Schildert ein so blutiges Gefecht, wie es ohne Stahl und Eisen nur immer geliefert werden kann. Wenn in der Brunstzeit (ein wunderlicher Ausdruck, womit man gewöhnlich jene artige Tändelei bezeichnet, die in dem Walde von Hampshire die Liebespaare unter den Thieren mit einander treiben), während der stolze Edelhirsch auf verliebte Spiele sinnt, ein paar junge Hunde oder andere feindlich gesinnte Thiere sich dem Tempel der Venus ferina so nahe wagen sollten, daß die schöne Hindin zurückgescheucht wird durch jenes Etwas, sei es Furcht oder Laune, womit die Natur alle weibliche Creatur ausgestattet, oder die sie dieselbe zu benutzen gelehrt hat, damit nicht durch die Unzartheit des männlichen Geschlechts die Mysterien profanen Augen preiß gegeben würden; – denn bei der Feier dieser Mysterien ruft die weibliche Priesterin mit der des Virgil (welche damals wahrscheinlich auch eifrig mit einer solchen Feier beschäftigt war): —   Procul, o procul este, profani; Proclamat vates, totoque absistite luco. Haltet euch, ruft die Seherin, fern von dem Wald, ihr Profanen. Wenn, sage ich, während diese heiligen Gebräuche, welche dem genus omne animantium gemeinschaftlich zukommen, von dem Hirsch und seinem Weibchen geübt werden, irgend ein feindliches Thier sich zu nahe heranwagen sollte, so stürmt der Hirsch beim ersten Zeichen der erschrockenen Hindin fort an den Eingang des Dickichts: dort hält er Wache über sein Liebchen, stampft den Boden mit seinen Füßen und fordert, seine Geweihe hoch in die Lust schwingend, mit stolzer Geberde den gefürchteten Feind zum Kampfe heraus. So, und schrecklicher noch, stürmte unser Held, als er 66 des Feindes Annäherung gewahr wurde, diesem entgegen. Manchen Schritt legte er zurück, um die zitternde Hindin zu verbergen und wo möglich ihren Rückzug zu decken. Und jetzt begann Thwackum, nachdem er ihm einige stolze Blicke, feurigen Blitzen gleich, zugeworfen hatte, herauszudonnern: »Pfui! pfui! Herr Jones! Ist es möglich, daß Sie das sind?« – »Sie sehen,« antwortete Jones, »es ist möglich, daß ich hier bin.« – »Und wer ist,« fuhr Thwackum fort, »jene liederliche Dirne, die mit Ihnen ist?« – »Wenn ich eine liederliche Dirne mit mir habe,« rief Jones lebhaft, »so ist es möglich, daß ich Sie nicht wissen lassen werde, wer sie ist.« – »Ich befehle Ihnen, mir es augenblicklich zu sagen,« polterte Thwackum; »und bilden Sie sich ja nicht ein, junger Mann, daß Ihr Alter, wenn es auch die Dauer der Aufsicht etwas abgekürzt hat, Sie der Autorität des Lehrers gänzlich enthoben habe. Das Verhältniß des Lehrers und Schülers ist unauslöschbar, wie es in der That alle andern Verhältnisse sind; denn alle haben ihren Ursprung vom Himmel. Sie sollten sich daher jetzt eben so sehr für verpflichtet halten, mir zu gehorchen, wie damals, als Sie die ersten Anfangsgründe von mir lernten.« – »Ich glaube, Sie möchten das,« schrie Jones; »aber das wird nicht geschehen, Sie müßten denn dasselbe birkene Argument haben, um mich zu überzeugen.« – »Nun, dann muß ich Ihnen unverhohlen sagen,« erklärte Thwackum hierauf, »daß ich beschlossen habe, die liederliche Dirne aufzufinden.« – »Und ich muß Ihnen unverhohlen sagen,« entgegnete Jones, »daß ich beschlossen habe, es nicht geschehen zu lassen.« Thwackum wollte hierauf vorwärts dringen, aber Jones hielt ihn an den Armen fest; worauf Blifil einen Versuch machte, diese zu befreien, indem er erklärte, »er werde seinen vormaligen Lehrer nicht beleidigen lassen.« 67 Wie Jones sah, daß er es mit zweien zu thun habe, da hielt er es für nothwendig, sich sobald als möglich eines seiner Gegner zu entledigen. Er wendete sich daher zuerst gegen den Schwächsten; und indem er den Geistlichen losließ, versetzte er dem jungen Herrn einen Schlag auf die Brust, der auch eine so gute Wirkung that, daß er ihn der Länge lang zu Boden streckte. Thwackum war so begierig auf die Entdeckung, daß er, so wie er sich befreit fühlte, mitten durch das Farnkraut vorwärts eilte, ohne sich sonderlich darum zu bekümmern, was inzwischen aus seinem Freunde werden möchte; aber er hatte kaum einige Schritte in dem Dickicht gethan, als Jones, der mit Blifil fertig war, ihn einholte und ihn am Rockschooße rückwärts zog. Thwackum war in seiner Jugend ein gewaltiger Kämpe gewesen und hatte sich, auf der Schule sowohl als auf der Universität, mit seiner Faust viel Ruhm erworben. Er hatte nun zwar bereits seit einer Reihe von Jahren dieser edlen Kunst entsagt; doch war sein Muth noch immer so stark wie sein Glaube und sein Körper nicht minder stark wie beide. Er war überdies, wie der Leser vielleicht schon wahrgenommen haben wird, etwas zorniger Natur. Wie er daher zurückblickte und seinen Freund auf den Boden hingestreckt sah, sich selbst aber gleichzeitig von einem, der früherhin bei allen ihren Streitigkeiten passiv geblieben war (was die Sache noch zu größerer Bedeutung erhob), so stürmisch angegriffen fand, da ging ihm endlich die Geduld aus; er setzte sich in Positur, die Offensive zu ergreifen, und indem er alle seine Kräfte zusammennahm, machte er einen eben so stürmischen Angriff von vorn auf Jones, als dieser von hinten her auf ihn gemacht hatte. Unser Held empfing den feindlichen Angriff mit der größten Unerschrockenheit und seine Brust dröhnte von den 68 erhaltenen Stößen. Diese gab er ihm nun mit nicht geringerer Heftigkeit zurück, wobei er sich des Geistlichen Brust gleichfalls zum Ziele nahm; allein dieser schlug ihm geschickt die Faust nieder, so daß sie blos seinen Bauch traf, worin gegenwärtig zwei Pfund Rindfleisch und eben so viel Pudding aufgeschichtet waren, so daß also kein hohler Ton entstehen konnte. Viele kräftige Püffe, die angenehmer und leichter mit anzusehen als zu lesen oder zu beschreiben sind, fielen auf beiden Seiten: endlich ermattete ein heftiger Ausfall, bei welchem Jones mit den Knien gegen Thwackums Brust rannte, letztern so sehr, daß der Sieg nicht länger zweifelhaft gewesen wäre, hätte nicht Blifil, der sich unterdeß erholt hatte, den Kampf wieder erneuert und dadurch, daß er Jones zu Leibe ging, dem Geistlichen ein wenig Zeit verschafft, seine Ohren zu schütteln und wieder zu Athem zu kommen. Und nun griffen beide vereint unsern Helden an, dessen Stöße jetzt nicht mehr die Kraft hatten wie zu Anfange, so sehr hatte ihn sein Kampf mit Thwackum ermattet; denn obgleich der Pädagog auf dem menschlichen Instrumente lieber Solos spielte, womit er sich zuletzt allein abgegeben hatte, so war ihm doch noch genug von seiner früheren Geschicklichkeit geblieben, um auch in einem Duett seine Rolle sehr gut auszuführen. Der Sieg schien sich, wie dies in neuerer Zeit gewöhnlich der Fall ist, auf die Seite der Mehrzahl neigen zu wollen, als plötzlich ein viertes Paar Fäuste auf dem Kampfplatze erschien und sogleich dem Geistlichen seine Aufwartung machte, wobei der Besitzer derselben ausrief: »Schämt Ihr Euch nicht, Ihr Hallunken, zwei über einen herzufallen?« Der Kampf wüthete mit der größten Heftigkeit einige Minuten lang, bis Blifil zum zweiten Male von Jones zu Boden gestreckt lag und Thwackum seinen neuen Gegner 69 um Pardon bat. Dieser neue Gegner aber war, wie sich jetzt zeigte, Niemand anderes als Herr Western; denn in der Hitze des Gefechts hatte keiner der Kämpfenden ihn erkannt. In der That, dieser ehrenfeste Squire war auf seinem Nachmittagsspaziergange, den er mit Gesellschaft unternahm, in die Gegend des Kampfplatzes gerathen und hatte aus der Zahl der Kämpfenden geschlossen, daß auf einer Seite zwei gegen einen sein müßten; daher eilte er von seiner Gesellschaft hinweg und nahm sich, mit mehr Muth als Klugheit, der schwächern Partei an. Dadurch verhütete er wahrscheinlich, daß Jones ein Opfer von Thwackum's Zorne und von Blifil's zärtlicher Freundschaft für seinen vormaligen Lehrer wurde; denn, wenn auch diese beiden im Nachtheile waren, so hatte doch auch Jones in seinem gebrochenen Arme noch nicht die volle Kraft wieder erlangt. Diese Verstärkung machte indessen bald dem Kampfe ein Ende und Jones trug mit seinem Verbündeten den Sieg davon. Zwölftes Kapitel. Führt uns ein rührenderes Schauspiel vor, als alles Blut von Blifil und Thwackum und noch zwanzig andern der Art, darzubieten im Stande ist. Herrn Western's Begleiter waren jetzt herangekommen und zwar gerade, als der Kampf vorüber war. Sie bestanden in dem wackeren Geistlichen, den wir früherhin bei Herrn Western kennen gelernt haben, dem Fräulein Western, Sophiens Tante, und endlich der lieblichen Sophie selbst. Auf dem Schlachtfelde sah es nun folgendermaßen aus. Auf der einen Seite lag bleich und fast athemlos der besiegte Blifil am Boden. Neben ihm stand der Sieger Jones, fast ganz mit Blut bedeckt, wovon ein Theil sein eigenes 70 und ein anderer vor Kurzem noch das Eigenthum des ehrwürdigen Herrn Thwackum gewesen war. An einer dritten Stelle stand der nämliche Thwackum, gleich dem Könige Porus , sich mürrisch seinem Sieger unterwerfend. Die letzte Stelle nahm Western der Große ein, großmüthig des besiegten Feindes schonend. Blifil, der kaum noch ein Lebenszeichen von sich gab, war fürs Erste der Hauptgegenstand der Beachtung aller und namentlich des Fräulein Western, die ein Riechfläschchen aus ihrer Tasche gezogen hatte und damit beschäftigt war, es ihm vor die Nase zu halten, als plötzlich die Aufmerksamkeit der ganzen Gesellschaft von Blifil abgelenkt wurde, dessen Geist, wenn er sonst gewollt hätte, jetzt die beste Gelegenheit gehabt haben würde, sich ohne alle Ceremonien von dieser Welt hinwegzustehlen. Denn jetzt lag ein rührenderer und lieblicherer Gegenstand vor ihnen. Dies war Niemand anderes als die reizende Sophie, welche von dem Anblicke des Blutes, oder aus Besorgniß um ihren Vater, oder aus irgend einer andern Ursache in Ohnmacht gefallen war, ehe ihr irgend Jemand beistehen konnte. Fräulein Western die ältere erblickte sie und schrie laut auf. In demselben Augenblicke schrien zwei bis drei andere Stimmen: »Fräulein Western ist todt!« Riechsalz, Wasser, alles wurde beinahe auf einmal verlangt. Der Leser möge sich erinnern, daß wir in unserer Beschreibung dieses Wäldchens eines murmelnden Baches erwähnten, welcher nicht hierher kam, wie ähnliche liebliche Bäche, die durch gewöhnliche Romane fließen, blos um zu murmeln. Nein, das Schicksal hatte diesen kleinen Bach zu etwas Edlerem, zu einer höheren Ehre bestimmt, als irgend einer von denen, die Arkadiens Auen bespülen, jemals verdiente. 71 Jones rieb gerade Blifil die Schläfe, denn er fing an zu fürchten, er habe ihm einen Schlag zu viel gegeben, als mit einem Male die Worte: »Fräulein Western ist todt!« in sein Ohr schallten. Er sprang auf, überließ Blifil seinem Schicksale und flog hin zu Sophien, die er, während alle andern hin und her und wider einander liefen und sich auf dem trockenen Wege nach Wasser umsahen, in seine Arme aufnahm und fort über das Feld an den oben erwähnten Bach trug, wo er ihr Gesicht, Kopf und Nacken reichlich mit Wasser besprengte. Ein Glück war es für Sophien, daß die nämliche Verwirrung, welche ihre andern Freunde abhielt, ihr Hilfe zu leisten, dieselben zugleich verhinderte, Jones in seinem Beginnen zu stören. Er hatte mit ihr bereits den halben Weg zurückgelegt, ehe sie nur wußten, was er vorhatte, und sie war wirklich dem Leben schon wieder zurückgegeben, ehe sie das Ufer des Baches erreichten. Sie streckte ihre Arme aus, öffnete die Augen und rief: »O Himmel!« gerade wie ihr Vater, ihre Tante und der Geistliche herbeikamen. Jones, der diese liebliche Bürde bisher in seinen Armen gehalten hatte, ließ sie jetzt los, gab ihr aber in demselben Augenblicke ein Zeichen seiner Zärtlichkeit, das ihr, wären ihre Sinne vollkommen wieder hergestellt gewesen, nicht hätte entgangen sein können. Da sie also kein Mißvergnügen über diese Freiheit zu erkennen gab, so vermuthen wir, daß sie sich damals von ihrer Ohnmacht noch nicht völlig erholt hatte. Diese traurige Scene ward nun plötzlich in eine freudige verwandelt. In dieser spielte unser Held ohne allen Zweifel die Hauptrolle; denn so wie er wahrscheinlich über Sophiens Rettung größeres Entzücken empfand als jene selbst, so kamen auch die Glückwünsche, die man ihr darbrachte, 72 denen nicht gleich, welche Jones empfing, und zwar namentlich von Seiten Western's, der, nachdem er seine Tochter einige Mal umarmt hatte, Jones um den Hals fiel und ihn herzte und küßte. Er nannte ihn Sophiens Retter und erklärte, es gäbe außer ihr und seinem Gute nichts, was er ihm nicht mit Vergnügen geben würde; doch nahm er nach einigem Besinnen noch seine Fuchshunde, Chevalier und Miß Slouch (sein Lieblingspferd) aus. Da jetzt alle Besorgniß um Sophie verschwunden war, so ward Jones der Gegenstand der Beachtung des Squire. »Komm, mein Junge,« sagte Western, »zieh Deinen Rock aus und wasche Dir das Gesicht; denn Du bist verteufelt zugerichtet, sage ich Dir. Komm, komm, wasche Dich, und dann gehst Du mit mir nach Hause; da wollen wir sehen, ob wir einen andern Rock für Dich finden.« Jones folgte dieser Aufforderung, warf seinen Rock ab, ging zum Wasser und wusch sich Gesicht sowohl als Brust; denn die letztere war eben so blutig wie ersteres. Aber wenn auch das Wasser das Blut wegnehmen konnte, so blieben doch die schwarzen und blauen Flecke, die Thwackum seinem Gesichte und seiner Brust aufgeprägt hatte, und bei deren Anblick Sophie einen Seufzer ausstieß und ihm einen Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit zuwarf. Dieser Blick, den Jones gleichsam in sich sog, übte eine unendlich stärkere Wirkung auf ihn aus als alle Contusionen, die er empfangen, aber auch eine unendlich verschiedene; denn sie war so sanfter und balsamischer Art, daß sie, selbst wenn alle seine empfangenen Stöße Dolchstiche gewesen wären, ihn deren Schmerz auf Minuten lang würde haben vergessen lassen. Die Gesellschaft bewegte sich nun wieder zurück und gelangte bald an den Ort, wo Thwackum Herrn Blifil wieder auf die Beine gebracht hatte. Bei dieser Gelegenheit können 73 wir einen frommen Wunsch nicht unterdrücken, den nämlich, daß doch alle Streitigkeiten bloß durch die Waffen entschieden werden möchten, mit denen uns die Natur, welche weiß was uns frommt, versehen hat, und daß man das Eisen verwenden möchte, keine andern als die Eingeweide der Erde zu durchwühlen. Dann würde der Krieg, der Zeitvertreib der Monarchen, fast unschädlich sein, und Schlachten zwischen großen Armeen könnten auf besonderes Verlangen vornehmer Damen geliefert werden und diese mit den Königen selbst bei dem Kampfe persönliche Zuschauerinnen abgeben. Dann wäre vielleicht das Schlachtfeld in diesem Augenblicke mit menschlichen Leichen übersäet und im nächsten erhöben sich die Todten, oder doch bei weitem der größte Theil, gleich Bayes's Truppen, und marschirten entweder nach dem Schalle einer Trommel oder einer Geige, je nachdem man sich zuvor darüber vereiniget hätte, wieder ab. Ich wollte diesen Gegenstand nicht gern scherzhaft behandeln, damit nicht ernste Leute und Politiker, die sich, wie ich weiß, durch einen Scherz leicht beleidigt fühlen, die Nase darüber rümpften; allein könnte nicht wirklich eine Schlacht eben so gut durch die größere Anzahl zerschlagener Köpfe, blutiger Nasen und blauer Augen entschieden werden, als durch die größeren Haufen verstümmelter und gemordeter Menschenkörper? Könnten nicht Städte auf dieselbe Art zufrieden gestellt werden? Man würde freilich gegen dieses System einwenden können, daß es den Interessen der Franzosen nachtheilig sei, weil diese ihres Vortheils, den sie in der Vorzüglichkeit ihrer Ingenieure über andere Nationen haben, verlustig werden würden; aber wenn ich die Galanterie und die Großmuth dieses Volkes erwäge, so bin ich überzeugt, daß sie es nie ablehnen würden, sich hinsichtlich der Vortheile mit ihren Gegnern gleich zu stellen, d. h. mit gleichen Waffen gegen sie zu kämpfen. 74 Allein solche Verbesserungen sind eher zu wünschen als zu hoffen; daher werde ich mich auch mit dieser kurzen Andeutung begnügen und zu meiner Erzählung zurückkehren. Western fing nun an nach der Ursache dieses Streites zu fragen, worauf ihm weder Blifil noch Jones eine Antwort gab; Thwackum aber sagte mürrisch: »Ich glaube, die Ursache liegt nicht weit; wenn Sie die Büsche gehörig durchsuchen, so können Sie sie finden.« – »Sie finden!« versetzte Western: »was, haben Sie sich einer Dirne wegen geschlagen?« – »Fragen Sie den Herrn in der Weste da,« sagte Thwackum: »der weiß es am Besten.« – »Ja also,« rief Western, »es ist sicher eine Hure. Ah, Tom, Tom, Du bist ein Mädchenjäger. – Aber kommt, Ihr Herren, seid alle Freunde, geht mit mir nach Hause und macht über einer Flasche endlich Frieden.« – »Ich muß um Verzeihung bitten, Herr,« sagte Thwackum: »es ist für einen Mann meines Standes keine so gleichgültige Sache, von einem Knaben so gröblich beleidigt und gepufft zu werden, bloß weil ich meine Schuldigkeit thun und eine freche Hure entdecken und der Gerechtigkeit überweisen wollte: aber es ist keine Frage, der Hauptfehler liegt in Herrn Allworthy und Ihnen; denn wenn Sie die Gesetze so in Anwendung brächten, wie Sie es sollten, dann würde das Land bald von diesem Geschmeiß gesäubert sein.« »Eben sobald wollte ich das Land von Füchsen säubern,« rief Western. »Ich meine, es verdiente eher eine Aufmunterung, wenn die Menge Leute, die wir täglich im Kriege verlieren, immer neu ersetzt werden. – Aber wo ist sie denn? Zeige mir sie doch, Tom.« Er suchte nun umher, als ob er einen Hasen aufspürte und rief endlich aus: »Holla! Das Häschen ist nicht weit weg. Hier ist seine Gestalt, bei meiner Seele; ich glaube, es hat sich weggeschlichen!« Und so war es in der That; denn er hatte 75 jetzt die Stelle entdeckt, von welcher aus das arme Mädchen, als der Streit anfing, sich auf eben so viel Füßen, als ein Haase gewöhnlich zu seiner Fortbewegung braucht, hinweggeschlichen hatte. Sophie bat jetzt ihren Vater, nach Hause zurückzukehren, indem sie vorgab, sie fühle sich sehr unwohl und fürchte einen Rückfall. Der Squire willigte in die Bitte seiner Tochter (denn er war der zärtlichste der Väter). Er gab sich ernstliche Mühe, die ganze Gesellschaft zu vermögen, daß sie mitginge und zum Abendessen bei ihm bliebe; doch Blifil und Thwackum weigerten sich durchaus. Der erstere brachte zur Entschuldigung vor, er hätte mehr Gründe, als er jetzt angeben könnte, aus denen er diese Ehre ablehnen müßte, und der letztere erklärte (wohl mit Recht), daß es mit seinem Stande unverträglich sei, sich in dem Zustande, worin er sich jetzt befände, irgendwo sehen zu lassen. Jones konnte sich unmöglich das Vergnügen versagen, mit seiner Sophie zusammen zu sein; und so machte er sich mit Squire Western und den Damen auf den Weg und der Geistliche bildete die Nachhut. Dieser hatte wirklich seinem Amtsbruder Thwackum angeboten, bei ihm zu verweilen, weil dieser vorgab, seines Aufzugs wegen nicht mitgehen zu können; allein Thwackum lehnte diese Gefälligkeit ab und schob ihn ohne große Höflichkeit Herrn Western nach. So endete der blutige Kampf, und hiermit soll das fünfte Buch dieser Erzählung enden. 76 Sechstes Buch. Umfaßt einen Zeitabschnitt von ungefähr drei Wochen. Erstes Kapitel. Von der Liebe. In unserm letzten Buche haben wir uns ziemlich viel mit der Liebe beschäftigen müssen und in unserm folgenden werden wir gezwungen sein, diesen Gegenstand noch umfassender abzuhandeln. Es dürfte daher hier nicht unpassend sein, jene moderne Lehre etwas näher zu untersuchen, nach welcher gewisse Philosophen, außer andern wunderbaren Entdeckungen, herausgefunden zu haben behaupten, daß eine solche Leidenschaft in der menschlichen Brust gar nicht existire. Ob nun diese Philosophen mit den Anhängern jener merkwürdigen Sekte, von denen Swift zu ihrem Ruhme berichtet, daß sie durch das bloße Genie, ohne die mindeste Unterstützung irgend einer Art von Kenntniß oder auch nur Lectüre, jenes tiefe und unschätzbare Geheimniß gefunden hätten, daß kein Gott sei, dieselben sind, oder nicht vielmehr mit denen, die vor einigen Jahren die Welt in Verwirrung brachten, indem sie lehrten, daß Tugend oder Güte gar nicht wirklich existiren und daß unsere besten Handlungen aus Stolz entsprängen, will ich hier nicht zu 77 entscheiden wagen. Ich bin in der That zu der Vermuthung geneigt, daß alle diese verschiedenen Wahrheitsjäger ganz identisch sind mit denen, die von andern Goldmacher genannt werden. Die von beiden bei ihrem Suchen nach Wahrheit und nach Gold angewandte Methode ist wirklich eine und dieselbe, nämlich schmutzige Winkel zu durchsuchen und zu durchwühlen, und zwar im ersteren Falle böse Anlagen und Neigungen . Aber obgleich in dieser Beziehung und vielleicht in Hinsicht auf den Erfolg die Wahrheitsjäger und die Goldmacher sehr passend mit einander verglichen werden können, so hört doch sicher in Hinsicht auf Bescheidenheit jede Vergleichung zwischen ihnen auf: denn wer hörte wohl jemals, daß ein Goldmacher so unverschämt oder albern gewesen wäre, sich durch die Erfolglosigkeit seines Forschens zu der Behauptung bestimmen zu lassen, daß es so etwas wie Gold in der Welt gar nicht gäbe? Wogegen der Wahrheitsjäger, nachdem er die Schundgrube, seine eigene Seele, durchwühlt und keinen Funken der Gottheit, noch etwas Tugendhaftes oder Gutes, Liebenswürdiges oder Liebe darin zu erspähen vermocht hat, sehr wahr, ehrlich und logisch schließt, daß so etwas in der ganzen Schöpfung nicht existire. Um indessen womöglich allen Streit mit diesen sogenannten Philosophen zu vermeiden und zu zeigen, wie geneigt wir sind, die Sache friedlich beizulegen, werden wir ihnen hier einige Zugeständnisse machen, wodurch der Streit vielleicht zu einer Ausgleichung gelangt. Fürs Erste wollen wir zugeben, daß in manchen Seelen, vielleicht in denen der Philosophen, auch nicht die mindesten Spuren einer solchen Leidenschaft zu finden sind. Zweitens, daß dasjenige, was gewöhnlich Liebe genannt wird, nämlich das Verlangen, eine unbändige Begierde mit einer gewissen Quantität zarten weißen Menschenfleisches 78 zu stillen, keineswegs die Leidenschaft ist, für die ich streite. Dies ist eigentlich mehr Hunger zu nennen; und da kein Schwelger sich scheut, seinem Appetit die Benennung Liebe beizulegen und zu sagen, er liebe die und die Gerichte, so kann auch der Liebhaber dieser Art gleich passend sagen, er hungere nach so und so beschaffenen Weibern. Drittens will ich zugeben, und das ist meiner Meinung nach ein höchst annehmbares Zugeständniß, daß diese Liebe, die ich in Schutz nehme, obgleich sie auf eine weit zartere Weise befriedigt wird, dennoch, eben so sehr als die roheste aller Begierden, ihre Befriedigung sucht. Und endlich, daß diese Liebe, wenn sie auf das andere Geschlecht gerichtet und ihrer völligen Befriedigung nahe ist, sich sehr geneigt zeigt, jenen oben von mir erwähnten Hunger zu Hilfe zu rufen, durch den sie nicht im Entferntesten unterdrückt wird, ja der vielmehr alle ihre Wonne zu einem Grade steigert, der für diejenigen, welche für andere, als aus jener Begierde hervorgehende Regungen nie empfänglich waren, kaum begreiflich ist. Dagegen fordere ich von den Philosophen, mir zuzugestehen, daß in mancher (ich glaube in vieler) Menschen Brust ein zartes Wohlwollen liegt, das in dem Wirken für das Glück anderer seine Befriedigung findet; daß in dieser Befriedigung allein, als in der Freundschaft, in älterlicher und kindlicher Zuneigung, so wie in der That in der allgemeinen Menschenliebe ein großer und ausgezeichneter Genuß liegt; daß, wenn auch das aus so reiner Liebe entspringende Vergnügen durch das Hinzukommen zärtlicher Triebe erhöht und versüßt wird, die erstere dennoch allein bestehen könne und durch die Dazwischenkunft der letzteren nicht vernichtet werde; endlich, daß Achtung und Dankbarkeit die eigentlichen Motiven zur Liebe enthalten, so wie Tugend und Schönheit die des Verlangens, und daß 79 demnach, wenn auch dieses Verlangen naturgemäß aufhört, sobald Alter und Krankheit über den Gegenstand desselben hereinbrechen, diese doch keinen Einfluß auf die Liebe äußern, noch in einem guten Menschen jenes Gefühl und jene Leidenschaft, deren Basis Dankbarkeit und Achtung ist, jemals erschüttern oder aufheben können. Die Existenz einer Leidenschaft leugnen, von der uns oft deutliche Beispiele vorkommen, scheint sehr sonderbar und absurd zu sein und kann fürwahr nur von jener Selbstbewunderung herrühren, deren wir oben erwähnt haben: aber wie unschön ist diese! Wird denn Jemand, der in seinem Herzen weder Spuren von Habsucht noch von Ehrgeiz findet, deshalb schließen, solche Leidenschaften seien der menschlichen Natur ganz fremd? Warum wollen wir nicht bei Beurtheilung des Guten eben sowohl wie des Schlechten bescheiden die nämliche Regel beobachten? Oder warum wollen wir in irgend einem Falle, wie sich Shakespeare ausdrückt, »die Welt in unsere Person stecken?« Uebermäßige Eitelkeit ist, wie ich fürchte, hier nur zu sehr im Spiele. Dies ist ein Beispiel von jener Schmeichelei, die wir, und zwar fast durchgängig, uns selbst machen. Denn kaum giebt es einen Menschen, wie sehr er auch den Charakter eines Schmeichlers verachte, der nicht so weit gehen wird, sich auf die niedrigste Weise zu schmeicheln. An diese wende ich mich daher hinsichtlich der Wahrheit der obigen Bemerkungen, ihr Inneres kann Zeugniß ablegen für meine Behauptungen. Prüfen Sie Ihr Herz, lieber Leser, und entscheiden Sie sich, ob Sie eines Sinnes über diesen Gegenstand mit mir sind. Sind Sie es, so mögen Sie zur Erläuterung desselben auf den folgenden Seiten übergehen; sind Sie es nicht, so, ich versichere Sie, haben Sie schon mehr gelesen, als Sie verstanden; und es würde klüger sein, Ihrem Geschäft 80 oder Ihrem Vergnügen (welcher Art sie sein mögen) nachzugehen, als noch mehr Zeit mit dem Lesen von etwas, was Ihnen nicht zusagt und was Sie nicht begreifen, wegzuwerfen. Ihnen die Wirkungen der Liebe zu erklären, würde so absurd sein, als einem Blindgebornen eine Vorlesung über die Farben halten zu wollen, da Ihre Ansicht von der Liebe wahrscheinlich so absurd sein mag, wie die, von der uns erzählt wurde, daß sie ein solcher Blinder von der Scharlachfarbe gehegt hätte. Diese schien ihm nämlich sehr viel Aehnliches von dem Schalle einer Trompete zu haben; und so mag die Liebe wahrscheinlich nach Ihrer Meinung sehr viel mit einer Schüssel Suppe oder einem Rindslendenbraten gemein haben. Zweites Kapitel. Der Charakter von Fräulein Western, der älteren. Ihre große Gelehrsamkeit und Weltkenntniß und ein Beispiel von ihrem daraus hervorgegangenen Scharfsinne. Wie der Leser gesehen hat, gingen Herr Western, seine Schwester und Tochter mit dem jungen Jones und dem Geistlichen zusammen nach Herrn Western's Wohnung, wo der größere Theil der Gesellschaft den Abend sehr vergnügt zubrachte. Sophie war in der That die einzige ernsthafte Person; denn was Jones betrifft, so erheiterte ihn, obgleich die Liebe jetzt völlig von seinem Herzen Besitz genommen hatte, doch die angenehme Erinnerung an Herrn Allworthy's Genesung und die Gegenwart seiner Geliebten, die es sich nicht versagen konnte, ihm dann und wann einen zärtlichen Blick zuzuwerfen, so sehr, daß er in die Fröhlichkeit der übrigen Drei einstimmte, die vielleicht das heiterste Völkchen in der Welt waren. 81 Sophie kam mit derselben ernsten Miene am nächsten Morgen zum Frühstück, vom dem sie sich auch früher als gewöhnlich zurückzog und Vater und Tante allein ließ. Der Squire hatte nicht Acht auf die Veränderung in seiner Tochter Betragen. Die Wahrheit zu sagen, besaß er, obgleich er etwas von einem Politiker hatte und zwei Mal Wahlcandidat der Grafschaft gewesen war, keine sonderliche Beobachtungsgabe. Seine Schwester war eine Dame von einem ganz andern Schlage. Sie hatte am Hofe gelebt und die Welt gesehen. Dort hatte sie alle jene Kenntniß erworben, welche die Welt gewöhnlich verleiht und war eine vollendete Dame in Manieren, Gewohnheiten, Ceremonie und Mode. Damit hörte aber ihre Bildung noch nicht auf. Sie hatte ihren Geist durch Studium wesentlich vervollkommnet: sie hatte nicht allein die modernen Schauspiele, Opern, Oratorien, Gedichte und Romane gelesen und wußte sie zu beurtheilen, sondern war auch durch Rapin's Geschichte von England, Echard's römische Geschichte und viele französische Mémoires pour servir à l'Histoire hindurchgedrungen; diesen hatte sie noch die meisten der in den letzten zwanzig Jahren erschienenen politischen Flugschriften und Journale hinzugefügt. Dadurch hatte sie ein sehr competentes Urtheil über Politik erlangt und konnte sehr gelehrt über die europäischen Angelegenheiten reden. Sie war ferner ausgezeichnet gut in der Lehre von der Liebe bewandert und wußte es besser als irgend Jemand, wenn zwei einander zugethan waren; auch wurde ihr die Erlangung dieser Geschicklichkeit um so leichter, als ihr Streben danach nie durch irgend ein persönliches Interesse gestört wurde: denn entweder hatte sie nie eine Neigung, oder es hatte sich nie Jemand darum beworben, welches letztere in der That sehr wahrscheinlich ist; denn ihre männliche Gestalt von beinahe sechs Fuß Höhe, dazu ihre 82 Manieren und Gelehrsamkeit, konnten leicht das andere Geschlecht abhalten, sie, trotz dem Unterrocke, für ein Weib zu nehmen. Da sie indessen den Gegenstand wissenschaftlich betrachtet hatte, so kannte sie, obschon sie dieselben nie geübt, alle Künste vollkommen genau, deren sich feine Damen bedienen, um aufzumuntern, oder ihre Neigung zu verbergen, kannte den ganzen reichhaltigen Zubehör von Lächeln, Liebäugeln, Seitenblicken u. s. w., wie sie gegenwärtig unter der beau monde gebräuchlich sind. Mit einem Worte, keine Art Verstellung oder Affectation war ihrer Aufmerksamkeit entgangen; aber das unverstellte einfache Walten einer unverfälschten Natur, das kannte sie nur wenig. Vermöge dieses wunderbaren Scharfsinnes hatte das Fräulein jetzt, wie sie glaubte, eine Veränderung in Sophiens Gemüthszustande entdeckt. Das erste Merkmal davon war ihr das Betragen derselben auf dem Schlachtfelde, und der Verdacht, den sie daraus schöpfte, wurde wesentlich bestärkt durch einige Wahrnehmungen, die sie an jenem Abende und am darauf folgenden Morgen gemacht hatte. Da sie jedoch mit großer Vorsicht zu vermeiden suchte, eines Irrthums überwiesen zu werden, so bewahrte sie das Geheimniß ganzer vierzehn Tage in ihrem Busen und gab nur einige entfernte Andeutungen durch Lächeln, Augenblinzeln, Kopfnicken und dann und wann durch ein hingeworfenes dunkles Wort von sich, was Sophien wirklich Unruhe genug machte, vom Bruder aber durchaus unbemerkt blieb. Endlich war sie jedoch vollkommen von der Wahrheit ihrer Beobachtung überzeugt und nahm daher eines Morgens, als sie mit ihrem Bruder allein war, Gelegenheit, dessen Pfeifen mit folgenden Worten zu unterbrechen: »Ich bitte, Bruder, hast Du nicht in der letzten Zeit etwas ganz Ungewöhnliches an meiner Nichte bemerkt?« – 83 »Nein, ich nicht,« antwortete Western: ist dem Mädchen etwas begegnet?« – »Ich denke so,« versetzte sie, »und obendrein etwas sehr Bedeutendes.« – »Sie klagte ja nichts,« rief Western aus. »Die Blattern hat sie gehabt.«– »Lieber Bruder,« erwiederte sie, »Mädchen sind noch anderen Krankheiten, als den Blattern unterworfen und bisweilen wohl noch schlimmern.« Hier unterbrach sie Western und bat sie sehr ernst, ihm es sogleich zu sagen, wenn seiner Tochter etwas fehlte, denn sie wisse ja, daß er dieselbe mehr wie sich selbst liebe und daß er bis ans Ende der Welt nach dem besten Arzte für sie senden würde. »Nein, nein,« antwortete sie lächelnd, »so schrecklich ist die Krankheit nicht; aber ich glaube, Bruder, Du traust mir zu, daß ich die Welt kenne, und ich sage Dir, in meinem Leben habe ich mich nicht ärger getäuscht, wenn meine Nichte nicht bis zum Sterben verliebt ist.« – »Was! verliebt?« rief Western in leidenschaftlicher Hitze; »verliebt, ohne mir etwas zu sagen? Ich enterbe sie; ich werfe sie splitternackt und ohne ihr einen Heller zu geben zum Hause hinaus. Ist das der Dank für alle meine Güte und Liebe, sich zu verlieben, ohne mich zu fragen?« – »Aber Du wirst doch,« entgegnete Fräulein Western, »diese Tochter, die Du mehr wie Dich selbst liebst, nicht aus dem Hause hinauswerfen, ehe Du weißt, ob Du ihre Wahl billigen wirst. Gesetzt, diese wäre gerade auf die Person gefallen, die Du Dir selbst wünschtest, so wirst Du doch hoffentlich nicht böse darüber sein?« – »Nein,« rief Western aus, »das wäre eine andere Sache. Wenn sie einen Mann heirathet, mit dem ich zufrieden bin, so mag sie lieben, wen sie Lust hat, das soll mir einerlei sein.« – »Das ist gesprochen, wie es einem verständigen Manne ziemt,« antwortete die Schwester; »aber ich glaube, daß ihre Wahl gerade auf denjenigen gefallen ist, den Du für sie 84 ausgewählt haben würdest. Ich will mich nicht auf die Welt verstehen, wenn dem nicht so ist; und ich denke, Bruder, Du giebst zu, daß ich mich ein wenig darauf verstehe.« – »Je nun, warum nicht, Schwester,« sagte Western, »so weit das ein Weib im Stande ist; und das sind nun gerade Weibersachen. Du weißt, ich hab's nicht gern, wenn Du über Politik redest; die gehört für uns und Weiber sollten sich darein nicht mischen; aber sag' an, wer ist der Mann?« – »Ei sieh doch!« sagte sie, »such ihn doch gefälligst selbst heraus. Ein so großer Politikus wie Du, kann nicht lange in Ungewißheit sein. Der Scharfblick, der in die Cabinete der Fürsten eindringt und die geheimen Triebfedern entdeckt, durch welche die großen Räder der politischen Maschinen Europa's in Bewegung gesetzt werden, muß doch ohne Zweifel durchschauen können, was in dem ungekünstelten einfachen Gemüthe eines Mädchens vorgeht.« – »Schwester,« rief ihr der Squire zu, »ich habe Dir oft gesagt, Du sollst mir mit Deinem Hofgeschwätz vom Halse bleiben. Ich sage Dir, ich verstehe die Sprache nicht; aber eine Zeitung kann ich lesen. Und wenn auch vielleicht dann und wann ein Vers darin ist, aus dem ich mir nicht viel nehmen kann, weil die Hälfte der Buchstaben weggelassen ist, so weiß ich doch recht gut, was damit gemeint ist, und daß nicht alles so geht wie es sollte, der Bestechungen wegen.« – »Ich bemitleide Deine ländliche Unwissenheit von Herzen,« rief die Lady aus. »Wirklich?« antwortete Western; »und ich bemitleide Deine Stadtgelehrsamkeit: ehe ich ein Hofmann und ein Presbyterianer und wohl gar, wie manche, ein Hanoveraner wäre, da wollte ich doch lieber sonst was sein.« – »Wenn Du auf mich zielst,« entgegnete sie, »so weißt Du, daß ich ein Frauenzimmer bin, Bruder; und es ist gleichgültig, was ich bin. Außerdem« – »Ich weiß, daß Du ein Frauenzimmer bist, und Du kannst froh 85 sein, daß Du eins bist; denn wenn Du ein Mann gewesen wärst, hättest Du schon lange eine Ohrfeige.« – »Nun ja,« sagte sie, »darin liegt Eure ganze eingebildete Ueberlegenheit. An Körpermasse überwiegt Ihr uns, aber nicht an Gehirn. Glaube mir, es ist ein Glück für Euch, daß ihr uns schlagen könnt, sonst würden wir mit unserer geistigen Ueberlegenheit Euch alle zu dem machen, was die Edeln und Weisen, die Witzigen und Gebildeten schon sind – zu unsern Sklaven.« – »Ich freue mich, Deine Gesinnungen kennen zu lernen,« erwiederte der Squire. »Aber wir wollen davon ein andermal sprechen. Jetzt sage mir, wer der Mann ist, den Du meinst.« – »Nur einen Augenblick Geduld,« sagte sie, »bis ich jene unbeschränkte Verachtung überwunden habe, die ich gegen Dein Geschlecht hege, sonst möchte ich auch Dir böse werden. Da – ich habe versucht, sie hinabzuschlucken. Und nun sag', lieber Politikus, was meinst Du zu Herrn Blifil? Fiel sie nicht in Ohnmacht, wie sie ihn leblos am Boden liegen sah? Erbleichte sie nicht wiederum, nachdem er sich erholt hatte und als wir zu der Stelle kamen, wo er stand? und was, frage ich Dich, sollte sonst die Ursache sein, daß sie an jenem Abende, den folgenden Morgen und überhaupt seitdem so traurig war? – »Bei George!« rief der Squire, »jetzt fällt mir's ein, jetzt erinnere ich mich an alles. Gewiß ist es so, und ich freue mich von ganzem Herzen darüber. Ich wußte doch, daß Sophie ein gutes Mädchen ist und mir, wenn sie sich verliebte, keinen Verdruß machen würde. In meinem Leben bin ich nicht so vergnügt gewesen: denn nichts kann so passend beisammen liegen, als unsere beiden Güter. Dieser Umstand ist mir lange schon im Kopfe herumgegangen; denn die beiden Güter sind gewissermaßen schon zusammen verheirathet und es wäre jammerschade, wenn sie getrennt werden sollten. Das ist wahr, es giebt 86 größere Güter im Königreiche, aber in unserer Grafschaft nicht; und lieber wollte ich etwas einbüßen, ehe ich meine Tochter an einen Fremden oder Ausländer verheirathet hätte. Ueberdies sind die meisten dieser großen Güter in den Händen von Lords und die kann ich schon um ihres Namens willen nicht leiden. Aber, Schwester, was räthst Du mir nun zu thun? denn ich sage Dir, Weiber sind in diesen Dingen besser bewandert wie wir.« – »Ei, Ihre gehorsame Dienerin, mein Herr,« antwortete die Lady, »wir sind Ihnen verbunden, daß Sie uns doch zu etwas für fähig halten. Da es Ihnen denn gefällt, mein Herr Politikus, mich um Rath zu fragen, so dächte ich, Sie machten Herrn Allworthy selbst den Heirathsvorschlag. Er enthält nichts Unschickliches, wenn er von den Aeltern der einen oder der andern Seite kommt. Der König Alcinous in Pope's Odyssee trägt dem Ulysses seine Tochter an. Einem so großen Politiker, wie Du bist, brauche ich nicht zu sagen, daß Du von der Liebe Deiner Tochter nichts erwähnen darfst; das würde freilich gegen allen Anstand sein.« – »Gut,« sagte der Squire, »ich will ihm den Vorschlag machen; aber ich gebe ihm gewiß Eins, wenn er mir eine abschlägliche Antwort giebt.« – »Fürchte nichts,« meinte Fräulein Western, »die Partie ist zu vortheilhaft, um ausgeschlagen zu werden.« – »Ich weiß das nicht,« antwortete der Squire: »Allworthy ist ein wunderlicher Kautz und Geld macht's bei ihm nicht aus.« – »Bruder,« sagte die Lady, »Deine Politik setzt mich in Erstaunen. Giebst Du wirklich auf Versicherungen so viel? Meinst Du, daß Herr Allworthy das Geld geringer achtet als andere Leute, weil er es vorgiebt? Solche Leichtgläubigkeit würde uns Frauen besser anstehen, als diesem weisen Geschlechte, das der Himmel zu Politikern gestempelt hat. Wahrhaftig, Bruder, Du würdest einen vortrefflichen Plenipo 87 abgeben, um mit den Franzosen zu unterhandeln. Sie würden Dich bald überreden, daß es eine bloße Vertheidigungsmaßregel von ihnen wäre, Städte zu erobern.« – »Schwester,« antwortete der Squire sehr höhnisch, »über die eroberten Städte laß Dir von Deinen Freunden bei Hofe Rechenschaft geben; da Du ein Weib bist, so will ich Dir es nicht anrechnen; denn ich stelle mir vor, daß sie klüger sind, als daß sie Weibern Geheimnisse anvertrauen sollten.« Er begleitete diese Worte mit einem so sarkastischen Lachen, daß Fräulein Western es nicht länger ertragen konnte. Sie war an einer sehr verwundbaren Stelle angegriffen worden (denn sie war wirklich äußerst erfahren in diesen Dingen und konnte sich darüber sehr ereifern) und gerieth daher in solchen Zorn, daß sie ihrem Bruder erklärte, er wäre ein grober Tölpel und ein Dummkopf und sie würde nicht länger in seinem Hause bleiben. Der Squire war, obgleich er vielleicht Macchiavel nie gelesen hatte, nichts desto weniger in manchen Stücken ein vollendeter Politiker. Er hielt sich streng an alle die weisen Grundsätze, die in jener politisch-peripatetischen Schule der Börse so wohl eingeprägt werden. Er kannte den wahren Werth und einzigen Nutzen des Geldes, dasselbe nämlich aufzuhäufen. Er war gleichfalls wohl erfahren in der genauen Schätzung rückfälliger und zu hoffender Gelder u. s. w. und hatte oft die Summe des Vermögens seiner Schwester und die Anwartschaft erwogen, welche er oder seine Nachkommen auf deren Nachlaß hätten. Auch war er viel zu klug, um diesen einer läppischen Empfindlichkeit zu opfern. Wenn er also einsah, daß er zu weit gegangen war, so suchte er wieder einzulenken und eine Versöhnung herbeizuführen, was ihm nicht sehr schwer gemacht wurde, weil die Lady eine große Anhänglichkeit an ihren Bruder und eine noch größere an ihre Nichte hatte; und wenn sie 88 auch durch einen Zweifel an ihren politischen Kenntnissen, auf die sie sich viel einbildete, nur zu leicht gereizt werden konnte, so war sie doch eine Person von überaus guter und sanfter Gemüthsart. Nachdem er sich also zuerst der Pferde mit Gewalt versichert hatte, denen er keinen andern Ausweg aus dem Stalle als die Fenster offen ließ, wendete er sich zunächst an seine Schwester, beruhigte und besänftigte sie durch Widerrufen alles dessen, was er gesagt und durch Versicherung gerade des Gegentheils von dem, womit er sie erzürnt hatte. Zuletzt nahm er seine Zuflucht zur Beredtsamkeit Sophiens, die ihrer Tante auf eine freundliche und gewinnende Weise zuredete und den Vortheil hatte, bei ihr das geneigteste Gehör zu finden. Das Endresultat war ein gütiges Lächeln, womit Fräulein Western die folgenden Worte begleitete: »Bruder, Du bist ein ausgemachter Croat; aber so wie diese ihr Gutes in der Armee der Kaiserin Königin haben, so hast Du auch Dein Gutes. Ich will daher noch einmal einen Friedensvertrag mit Dir abschließen, nur sieh zu, daß Du ihn nicht brichst; wenigstens erwarte ich von Dir, als einem so vorzüglichen Politiker, daß Du, wie die Franzosen, so lange Deine Verträge hältst, bis es Dein Vortheil mit sich bringt, sie zu brechen.« Drittes Kapitel. Enthält zwei Herausforderungen an die Kritiker. Der Squire konnte, nachdem die Streitigkeiten mit seiner Schwester, wie wir im vorhergehenden Kapitel gesehen haben, geschlichtet waren, die Zeit nicht erwarten, Allworthy seinen Vorschlag mitzutheilen, und Fräulein 89 Western hatte die größte Mühe, ihn abzuhalten, daß er den alten Herrn nicht während seiner Krankheit in dieser Angelegenheit besuchte. Allworthy war damals, als er krank geworden, von Western zu Tische eingeladen worden. Es war daher, sobald ihn der Arzt seiner Pflege entlassen, seine erste Sorge, seiner Verbindlichkeit nachzukommen, wie er denn das überhaupt, bei den wichtigsten und unwichtigsten Dingen, in der Gewohnheit hatte. In dem Zeitraume, der auf das im vorigen Kapitel mitgetheilte Zwiegespräch folgte, war Sophie durch gewisse dunkle Andeutungen ihrer Tante auf die Befürchtung gekommen, diese scharfsinnige Dame ahne ihre Liebe zu Jones. Sie beschloß daher, die heutige Gelegenheit zu benutzen, um jeden derartigen Verdacht zu verwischen und in dieser Absicht ihrem Betragen allen möglichen Zwang anzulegen. Fürs Erste bemühte sie sich, ihre Traurigkeit hinter der Maske des heitersten Gesichts und der frohsten Laune in ihrem Betragen zu verbergen. Zweitens richtete sie ihr Gespräch einzig und allein an Blifil und nahm den ganzen Tag über keine Notiz von dem armen Jones. Der Squire war über dieses Benehmen seiner Tochter so entzückt, daß er bei Tische kaum etwas aß und fast die ganze Zeit auf eine Gelegenheit aufpaßte, seiner Schwester durch Zuwinken und Kopfnicken Zeichen seines Beifalls zu geben. Diese war jedoch anfangs mit dem, was sie sah, nicht so ganz zufrieden, wie ihr Bruder. Kurz, Sophie trug die Farben ihrer Rolle so stark auf, daß ihre Tante für den Anfang zweifelhaft wurde und schon an eine Affectation bei ihrer Nichte dachte; allein da sie selbst voller List war, so kam sie bald auf die Vermuthung, daß es eine zu weit getriebene List von Sophien wäre. Sie erinnerte sich der vielen Anspielungen, die sie auf die Liebe 90 ihrer Nichte gemacht hatte und meinte, die letztere hätte diesen Weg eingeschlagen, um sie durch eine übertriebene Höflichkeit in ihrer Meinung irre zu führen; in welcher Ansicht sie noch durch die ungemeine Lustigkeit, mit der jene alles behandelte, bestärkt wurde. Wir können hier die Bemerkung nicht unterdrücken, daß dieser Schluß besser begründet gewesen sein würde, wenn Sophie zehn Jahre in London gelebt hätte, wo junge Damen eine bewundernswürdige Kunstfertigkeit erlangen, mit jener Leidenschaft zu tändeln und zu spielen, die auf dem einsamen Lande, hundert Meilen von London entfernt, etwas gewaltig Ernsthaftes ist. In Wahrheit, es kommt bei Entdeckung einer Hintergehung von Seiten anderer viel darauf an, daß unsere List mit der ihrigen auf gleichem Standpuncte steht; denn bisweilen gehen sehr listige Menschen um deswillen fehl, weil sie andere für klüger, oder mit andern Worten für größere Schelme halten, als sie wirklich sind. Da diese Bemerkung einigermaßen dunkel ist, so will ich sie durch folgende Anekdote erläutern. Drei Bauern verfolgten einen Dieb aus Wiltshire durch Brentford. Der simpelste unter ihnen rieth, als er ein Schild mit der Aufschrift »Gasthaus zur Grafschaft Wiltshire« erblickte, seinen Begleitern, da hinein zu gehen, weil sie wahrscheinlich hier ihren Landsmann finden würden. Der zweite, welcher klüger war, lachte über diese Einfalt; aber der dritte, noch klüger als der zweite, meinte: »Wir wollen doch hineingehen, denn er wird denken, daß wir ihn unter seinen Landsleuten nicht suchen.« Sie traten demnach ein, forschten im Hause nach und verfehlten dadurch den Dieb, der damals nur einen kleinen Vorsprung vor ihnen voraus hatte und der, wie sie alle wußten, woran sie aber gar nicht gedacht hatten, nicht lesen konnte. Der Leser wird eine Abschweifung, worin ein so unschätzbares Geheimniß mitgetheilt wird, entschuldigen, indem 91 jeder Spieler die Nothwendigkeit eingestehen wird, das Spiel eines andern genau zu kennen, um dessen Absichten vereiteln zu können. Daraus wird sich ferner ergeben, warum der Klügere, wie das oft vorkommt, von dem weniger Klugen an der Nase herumgeführt und warum mancher einfache und unschuldige Charakter so allgemein mißverstanden und falsch beurtheilt wird; aber was das wichtigste ist, wir erhalten daraus Aufschluß über den Betrug, den Sophie ihrer politischen Tante spielte. Nach Tische begab sich die Gesellschaft in den Garten, wo Herr Western, durchaus überzeugt von der Zuverlässigkeit dessen, was ihm seine Schwester gesagt hatte, Herrn Allworthy bei Seite nahm und ohne Umschweife mit seinem Heirathsplane herausplatzte. Herr Allworthy gehörte nicht zu denen, die bei jeder unerwarteten Nachricht von einem zeitlichen Vortheile sogleich außer sich gerathen. Sein Gemüth besaß wirklich jene philosophische Ruhe, die einem Manne und Christen ziemt. Er affectirte keineswegs, über Lust und Schmerz, über Freud und Leid völlig erhaben zu sein; aber er ward auch nicht durch jedes zufällige Ereigniß, durch jede Gunst oder Ungunst des Schicksals außer Fassung gebracht. Er empfing daher Herrn Western's Antrag ohne irgend eine sichtbare Bewegung, ohne irgend eine Veränderung in der Miene. Er sagte, die Verbindung wäre der Art, wie er sie aufrichtig wünschte, verbreitete sich dann in sehr gerechten Lobeserhebungen über die Tugenden der jungen Dame, erkannte an, wie vortheilhaft das Anerbieten in Hinsicht auf die Vermögensverhältnisse wäre, und schloß, nachdem er Herrn Western für die gute Meinung gedankt hatte, die er von seinem Neffen zu erkennen gegeben, mit dem Ausspruche, daß, wenn die jungen Leute einander gewogen wären, er das Zustandekommen dieser Angelegenheit sehr gern sehen würde. 92 Western fand sich ein wenig getäuscht in Herrn Allworthy's Antwort, die er etwas wärmer erwartet hatte. Er behandelte den Zweifel, ob die jungen Leute einander gewogen sein möchten, sehr geringschätzig, indem er sagte, »Aeltern könnten über die schickliche Verheirathung ihrer Kinder am besten urtheilen; er für seinen Theil würde auf den strengsten Gehorsam seiner Tochter dringen, und wenn irgend ein junger Kerl eine solche Bettgenossin ausschlagen könnte, so könnte er auch nichts dagegen haben, und er hoffte, daß es ihm nicht übel genommen werden möchte.« Allworthy versuchte, diese Empfindlichkeit durch mancherlei Gutes, das er an Sophien rühmte, zu beschwichtigen und erklärte, er zweifle nicht, daß Blifil das Anerbieten mit Freuden aufnehmen werde; aber alles war vergeblich: er konnte keine andere Antwort vom Squire erlangen, als: – »Ich will weiter nichts sagen – ich hoffe, daß mir's nicht übel genommen wird – damit gut.« Und diese Worte wiederholte er wenigstens hundertmal, ehe sie von einander schieden. Allworthy kannte seinen Nachbar zu gut, als daß er sich durch dieses Betragen hätte beleidigt fühlen sollen; und ob er gleich gegen die Strenge, womit manche Aeltern ihre Kinder behandeln, wenn es eine Verheirathung gilt, so sehr eingenommen war, daß er sich vorgesetzt hatte, nie der Neigung seines Neffen Zwang anzuthun, so war er nichts desto weniger sehr erfreut über die Aussicht zu dieser Verbindung; denn überall vernahm man Sophiens Lob, und er selbst hatte die ungewöhnlichen Eigenschaften ihres Geistes und ihrer Person oft bewundert. Diesem dürfen wir wohl noch die Rücksicht auf ihr bedeutendes Vermögen hinzufügen, denn wenn er auch zu nüchtern war, um sich durch dasselbe bethören zu lassen, so war er doch auch zu verständig, um es zu verachten. 93 Und hier muß und will ich, allen kläffenden Kritikern der Welt zum Trotz, eine Abschweifung zu Gunsten wahrer Weisheit machen, von der Herr Allworthy in der That ein eben so großes Muster war als von Herzensgüte. Wahre Weisheit also besteht, was auch Hogarth's armer Poet gegen den Reichthum alles geschrieben, und was auch irgend ein reicher wohlgemästeter Geistlicher alles gegen das Vergnügen gepredigt haben mag, weder in der Verachtung des einen, noch des andern. Es kann einer, der Ueberfluß an Vermögen hat, eben so viel Weisheit besitzen, als irgend ein Bettler auf den Landstraßen, oder einer, der ein schönes Weib oder einen Herzensfreund hat, eben so weise sein wie irgend ein mürrischer päpstischer Klausner, der alle seine gesellschaftlichen Talente vergräbt und seinen Leib abhungert, während er seinen Rücken gehörig durchgeißelt. Die Wahrheit zu sagen, von dem weisen Manne ist es am wahrscheinlichsten, daß er allen weltlichen Segen in einem vorzüglichen Maße besitzt; denn da jene Mäßigkeit, welche uns die Weisheit vorschreibt, der sicherste Weg zu nutzbarem Wohlstande ist, so kann sie allein uns in Stand setzen, viele Vergnügen zu genießen. Der Weise befriedigt jedes Verlangen und jede Neigung, während der Thor alle übrigen opfert, um einer zu fröhnen. Es ließe sich vielleicht einwenden, daß wahrhaft weise Männer notorisch habsüchtig gewesen wären. Ich erwiedere, hierin waren sie nicht weise. Es könnte gleichfalls gesagt werden, daß die weisesten Männer in ihrer Jugend vergnügungssüchtig gewesen wären. Ich antworte, damals waren sie nicht weise. Kurz, die Weisheit, deren Lehren von denjenigen, die nie in ihrer Schule waren, als so schwer zu erlernen dargestellt worden sind, lehrt uns blos, einen einfachen, allgemein bekannten und gerade unter den niedersten Classen 94 befolgten Grundsatz etwas weiter auszudehnen, als es im Leben gewöhnlich geschieht. Und dieser ist, nichts um zu hohen Preis zu verkaufen. Wer nun immer diesen Grundsatz mit sich hinaus auf den großen Markt der Welt nimmt und ihn auf Ehren, Reichthümer, Vergnügen und alles andere, was dieser Markt darbietet, in Anwendung bringt, der ist, ich wage es zu behaupten, ein weiser Mann und muß im weltlichen Sinne des Worts dafür anerkannt werden; denn er macht den besten Kauf, weil er in der That alles um den Preis von ein wenig Mühe erlangt und alle die erwähnten Güter erwirbt, während er seine Gesundheit, seine Unschuld und seinen Ruf, die gewöhnlichen Kaufpreise, welche von andern dafür gezahlt werden, unverletzt und für sich behält. Aus dieser Sparsamkeit zieht er noch zwei andere Lehren, die seinen Charakter vollenden; nämlich erstens, nie sich übermäßiger Freude zu überlassen, wenn er den besten Kauf machte, und dann, den Muth nicht zu verlieren, wenn der Markt leer ist oder seine Waaren für ihn zu theuer sind. Aber ich muß bedenken, was ich eigentlich schreiben will und darf die Geduld eines gutgesinnten Kritikers nicht zu sehr mißbrauchen. Ich schließe daher hiermit das Kapitel. Viertes Kapitel. Enthält verschiedene merkwürdige Dinge. Sobald als Herr Allworthy nach Hause kam, nahm er Blifil bei Seite und machte ihn nach einigen einleitenden Worten mit Herrn Western's Antrage bekannt, fügte auch gleichzeitig hinzu, wie angenehm diese Verbindung ihm selbst sein würde. Die Reize Sophiens hatten nicht den geringsten 95 Eindruck auf Blifil gemacht: nicht etwa, daß sein Herz schon über ihn verfügt gehabt hätte, noch daß er für die Schönheit ganz unempfänglich oder den Frauen abgeneigt gewesen wäre; aber seine Neigungen waren von Natur so gemäßigt, daß er sie, sei es nun durch Philosophie-Studium oder durch irgend eine andere Methode, leicht zu beherrschen im Stande war; und was die Leidenschaft betrifft, von der wir im ersten Kapitel dieses Buchs gehandelt haben, so war nicht die geringste Spur davon in seinem ganzen Wesen anzutreffen. Allein ob er gleich von dieser Leidenschaft, für welche Sophien ihre Tugenden zu einem würdigen Gegenstande machten, ganz frei war, so besaß er doch dafür einige andere in desto vollerem Maße, und diese versprachen sich in dem Vermögen der jungen Dame reichliche Befriedigung. Sie waren Habsucht und Ehrgeiz, und beide theilten sich in die Herrschaft seiner Seele. Er hatte mehr als einmal an den Besitz dieses Vermögens als an etwas sehr Wünschenswerthes gedacht und ihn nie ganz aus dem Gesicht verloren; allein seine Jugend sowohl wie die der jungen Dame, und, was eigentlich die Hauptsache war, der Gedanke, daß Herr Western wieder heirathen und noch mehr Kinder bekommen könnte, hatte ihn von einer zu eiligen oder eifrigen Bewerbung zurückgehalten. Dieses letztere und wichtigste Bedenken trat jetzt sehr in den Hintergrund, da der Antrag von Herrn Western selbst herkam. Er antwortete daher Herrn Allworthy, ohne sich eben lange zu besinnen, daß das Heirathen ein Gegenstand wäre, an den er noch nicht gedacht hätte; er wäre jedoch von seiner väterlich-freundlichen Sorge für ihn so gerührt, daß er sich in allen Stücken nach seinen Wünschen fügen würde. Allworthy besaß ein lebhaftes Temperament, und seine 96 gegenwärtige gemessene Ruhe verdankte er wahrer Weisheit und Philosophie, keineswegs einem ursprünglich phlegmatischen Wesen; denn er war in seiner Jugend sehr feurig gewesen und hatte eine schöne Frau aus Liebe geheirathet. Er war daher nicht sonderlich erbaut von dieser kalten Antwort seines Neffen; auch konnte er es sich nicht erwehren, einiges zu Sophiens Lobe zu sagen und seine Verwunderung auszudrücken, daß ein junger Mann der Gewalt solcher Reize widerstehen könne, wenn er nicht durch eine frühere Neigung dagegen geschützt würde. Blifil versicherte ihn, daß so etwas bei ihm nicht der Fall wäre und ließ sich in so weisen und religiösen Betrachtungen über Liebe und Ehe aus, daß er auch einen Vater zum Schweigen gebracht haben würde, der weit weniger dazu geneigt gewesen wäre als sein Oheim. Am Ende war der gute Mann zufrieden, daß sein Neffe, weit entfernt irgend einen Einwand gegen Sophien zu haben, jene Achtung gegen sie hegte, die in verständigen und tugendhaften Gemüthern die sichere Grundlage der Freundschaft und Liebe ist. Und da er nicht zweifelte, daß der Liebende in kurzer Zeit seiner Geliebten auch bald angenehm werden würde, so versah er sich für alle Parteien einer sehr glücklichen Zukunft aus einer so passenden und wünschenswerthen Verbindung. Mit Herrn Blifil's Bewilligung schrieb er daher am andern Morgen an Herrn Western und meldete ihm, daß sein Neffe den Antrag sehr dankbar und mit Freuden angenommen hätte und dem Fräulein, sobald ihr sein Besuch angenehm sein würde, seine Aufwartung zu machen gedächte. Western war hocherfreut über diesen Brief und ließ sogleich eine Antwort zurückgehen, in der er, ohne seiner Tochter ein Wort davon zu sagen, denselben Nachmittag zur Eröffnung der Bewerbungsscene festsetzte. 97 Unmittelbar darauf suchte er seine Schwester auf, die er damit beschäftigt fand, Herrn Supple die Zeitungen vorzulesen und zu erklären. Dieser Erklärung mußte er, obgleich, wie sich bei seinem stürmischen Wesen denken läßt, mit großem Widerstreben gegen eine Viertelstunde anhören, ehe ihm zu sprechen erlaubt ward. Endlich fand er jedoch eine Gelegenheit, der Lady zu sage, daß er ihr Dinge von großer Wichtigkeit mitzutheilen habe, worauf sie erwiederte: »Bruder, ich bin ganz zu Deinen Diensten. Die Sachen stehen so gut im Norden, daß ich nie in besserer Stimmung war.« Nachdem sich der Geistliche entfernt hatte, erzählte ihr Western alles was geschehen war und wünschte, daß sie Sophien davon unterrichten möchte, was sie denn auch bereitwillig und gern übernahm, obgleich ihr Bruder es vielleicht diesen günstigen Aussichten im Norden, über die sie so sehr erfreut war, ein wenig mit zu verdanken hatte, daß er keine Bemerkungen über seine Fortschritte zu hören bekam; denn diese waren allerdings ein wenig zu eilig und ungestüm. Fünftes Kapitel. Worin erzählt wird, was sich zwischen Sophien und ihrer Tante zutrug, Sophie las in ihrem Zimmer, als ihre Tante eintrat. So wie sie diese erblickte, schlug sie ihr Buch mit solcher Hast zu, daß die gute Lady nicht umhin konnte, zu fragen, was für ein Buch es wäre, das sie sehen zu lassen so sehr fürchtete? »Auf mein Wort, Tante,« antwortete Sophie, »es ist ein Buch, das gelesen zu haben, ich ohne Beschämung oder Furcht gestehen darf. Es ist das Werk einer vornehmen jungen Dame, deren Verstand nach meinem 98 Urtheile ihrem Geschlecht und deren Herzensgüte der menschlichen Natur Ehre macht.« Fräulein Western nahm das Buch auf und warf es auch sogleich wieder hin, indem sie sagte: – »Ja, die Verfasserin ist von sehr guter Familie; aber sie kommt nicht viel unter Leute, die man kennt. Ich habe es nie gelesen; denn die besten Beurtheiler sagen, daß nicht viel daran ist.« – »Ich darf zwar,« sagte Sophie, »meine Ansicht gegen die besten Beurtheiler nicht geltend machen, aber mir scheint viel Natürliches darin zu herrschen, und an vielen Stellen so viel wahres Zartgefühl und Feinheit des Geschmacks, daß es mir manche Thräne gekostet hat.« – »Nun, Du liebst also wohl das Weinerliche?« sagte die Tante. – »Ich liebe eine zarte Empfindung,« entgegnete die Nichte, »und würde jederzeit eine Thräne darum geben.«.– »Nun gut, aber zeige mir,« fuhr die Tante fort, »was Du lasest, als ich hereinkam? ich glaube, es war etwas sehr Zartes und etwas sehr Zärtliches obendrein. Du erröthest, meine theure Sophie. Ah! Kind, Du solltest Bücher lesen, die Dich ein wenig in der Verstellung unterrichteten, die Dich Deine Gedanken ein wenig besser verbergen lehrten.« – »Ich hoffe, Tante,« antwortete Sophie, »keine Gedanken zu haben, deren ich mich zu schämen brauche.« – »Zu schämen! Nein,« rief die Tante, »ich glaube nicht, daß Du Gedanken hegst, deren Du Dich zu schämen hättest; und doch, Kind, erröthetest Du, gerade als ich das Wort zärtlich nannte. Liebe Sophie, sei versichert, daß Du nicht einen einzigen Gedanken hast, von dem ich nicht wohl unterrichtet wäre; eben so wohl, Kind, wie die Franzosen von unsern Bewegungen, lange bevor wir sie ausführen. Meintest Du, Kind, Du könntest, weil Du Deinen Vater täuschen kannst, auch mich täuschen? Bildest Du Dir ein, ich wüßte die Ursache nicht, warum Du gestern Deine Freundlichkeit gegen Herrn Blifil 99 übertriebst? Ich bin mit der Welt ein wenig zu gut vertraut, um so hintergangen zu werden. Nein, nein, werde nur nicht wieder roth. Ich sage Dir, es ist eine Leidenschaft, deren Du Dich nicht zu schämen brauchst. Es ist eine Leidenschaft, die ich selbst billige und die ich Deinen Vater gut zu heißen bereits vermocht habe. Ich berücksichtige wirklich bloß Deine Neigung; und ich würde diese wo möglich stets begünstigt haben, wenn man gleich wohl höhere Ansprüche machen könnte. Wohlan, ich habe Neuigkeiten für Dich, die Dich entzücken sollen. Schenke mir Dein Vertrauen und ich will es unternehmen, Dich so glücklich zu machen, als Du nur wünschen magst.« – »Aber! Tante,« sagte Sophie, auf deren Gesicht sich die größte Verwirrung ausdrückte, »ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wie, Tante, sollten Sie Verdacht haben?« – »Nein, keine Unredlichkeit,« entgegnete Fräulein Western. »Bedenke, daß Du mit einer Deines Geschlechts, mit Deiner Tante, und ich hoffe, Du bist überzeugt davon, Deiner Freundin, sprichst. Bedenke, daß Du mir blos anvertraust, was ich bereits weiß und was ich gestern deutlich sah, trotz jener überaus listigen Verstellung, die Du angenommen hattest und die einen jeden getäuscht haben müßte, der die Welt nicht vollkommen kennt. Endlich bedenke, daß es eine Leidenschaft ist, die ich höchlich billige.« – »Aber! Tante,« sagte Sophie, »Sie stürmen so unerwartet und so plötzlich auf mich ein. Es ist wahr, ich bin nicht blind – und freilich, wenn es ein Fehler ist, alle menschlichen Vollkommenheiten vereinigt zu sehen – aber ist es möglich, daß Sie, Tante, und mein Vater mit meinen Augen sehen?« – »Ich sage Dir,« erwiederte die Tante, »wir sind ganz damit einverstanden, und noch diesen Nachmittag will der Vater, daß Du Deinen Geliebten empfangen sollst.« – »Mein Vater! diesen Nachmittag!« rief Sophie, und das Blut strömte ihr zu 100 Gesicht. – »Ja, Kind,« versetzte die Tante, »diesen Nachmittag; Du kennst die Ungeduld meines Bruders. Ich machte ihn mit der Leidenschaft bekannt, die ich zuerst an jenem Tage entdeckte, wo Du auf freiem Felde in Ohnmacht fielst; ich sah sie in Deiner Ohnmacht; ich sah sie unmittelbar nachdem Du wieder zu Dir gekommen warst; ich sah sie an jenem Abende über Tische, den andern Morgen beim Frühstück (Du weißt, Kind, ich habe die Welt gesehen). Nun wohl, ich hatte meinen Bruder kaum damit bekannt gemacht, als er auch sogleich Allworthy einen Heirathsvorschlag thun wollte. Er that ihn gestern; Allworthy war damit einverstanden (und zwar, wie das nicht anders sein konnte, mit Freuden); und diesen Nachmittag, sage ich Dir, gilt es, Deine beste Miene anzunehmen.« – »Diesen Nachmittag!« rief Sophie. »Theure Tante, Sie erschrecken mich so, daß ich von Besinnung komme.« – »O! meine Liebe, Du wirst Dich bald wieder erholen; denn er ist ein liebenswürdiger junger Mann, das ist wahr.« – »Ja, ich gestehe es,« sagte Sophie, »ich kenne keinen andern, der solche Vorzüge besäße. Er ist so männlich und doch so sanft, so witzig und doch so gutmüthig; so menschenfreundlich, so höflich, so artig, so schön! Was kümmert seine uneheliche Geburt, wenn solche Eigenschaften für ihn sprechen?« – »Uneheliche Geburt! was willst Du damit sagen?« fragte die Tante; »Herrn Blifil's uneheliche Geburt!« Sophie erbleichte augenblicklich bei diesem Namen, den sie mit leiser Stimme wiederholte und worauf die Tante ausrief: »Herr Blifil! nun ja, Herr Blifil; von wem sonst haben wir gesprochen?« – »Mein Himmel!« antwortete Sophie, die sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, »von Herrn Jones, dachte ich; ich kenne wenigstens keinen andern, der verdiente« – – »Ich gestehe,« rief die Tante, »jetzt bin ich es, die erschrickt. 101 Herr Jones also, und nicht Herr Blifil, ist der Gegenstand Deiner Liebe?« – »Herr Blifil!« wiederholte Sophie. »Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein; wenn es so ist, so bin ich die unglücklichste Person, die da lebt.« Fräulein Western stand einige Augenblicke schweigend da, während ihre Augen glühenden Zorn sprüheten. Endlich polterte sie, die ganze Kraft ihrer Stimme zusammennehmend, folgende artikulirte Laute hervor: »Ist 's möglich, daß Du daran denken kannst, Deine Familie durch eine Verbindung mit einem Bastard zu entehren? Kann dem Blute der Western solche Schmach widerfahren? Wenn Du nicht Verstand genug hast, solche widernatürliche Neigungen zu unterdrücken, so dächte ich, der Stolz unsrer Familie würde Dich abgehalten haben, eine so verwerfliche Leidenschaft im mindesten zu nähren; noch weniger hätte ich mir eingebildet, daß Du jemals den Muth haben würdest, mir sie so ins Gesicht zu gestehen.« »Tante,« antwortete Sophie zitternd, »was ich gesagt habe, haben Sie mir abgedrungen. Welche Gedanken ich auch immer über diesen armen unglücklichen jungen Mann hegte, ich war entschlossen, sie mit mir ins Grab zu nehmen, wo ich jetzt allein noch Ruhe erwarten kann.« Hier sank sie, in Thränen schwimmend, auf ihren Stuhl nieder und bot so in ihrem stillen unaussprechlichen Kummer einen Anblick dar, der ein Herz von Stein hätte rühren müssen. All dieser zarte Kummer erweckte jedoch kein Mitgefühl bei ihrer Tante. Im Gegentheil, sie gerieth jetzt in die heftigste Wuth. – »Und ich wollte Dir lieber,« rief sie so laut sie konnte, »in Dein Grab folgen, als Dich und Deine Familie durch eine solche Heirath entehrt zu sehen. O Himmel! Hätte ich jemals ahnen können, daß ich es erleben müßte, zu hören, meine Nichte liebe einen solchen Menschen! Du bist die erste, – ja, Sophie, Du bist die 102 erste unseres Namens, die jemals einen so niedrigen Gedanken faßte: und aus einer Familie, die der Klugheit ihrer Frauen wegen ausgezeichnet ist.« – So ging es eine volle Viertelstunde fort, bis sie ihren Athem, nicht sowohl ihre Wuth, erschöpft hatte und sie schloß mit der Drohung, sogleich zu ihrem Bruder gehen und ihn davon unterrichten zu wollen. Hierauf warf sich ihr Sophie zu Füßen und bat sie, indem sie ihre Hand ergriff, mit Thränen, das ihr entlockte Geheimniß zu verschweigen; sie gab ihr die Heftigkeit ihres Vaters zu bedenken und betheuerte, daß keine Neigung sie vermögen würde, etwas zu thun, das ihn kränken könnte. Fräulein Western sah sie einen Augenblick schweigend an und sagte dann, nachdem sie sich gesammelt hatte, »daß sie blos unter einer Bedingung ihrem Bruder das Geheimniß vorenthalten wolle, und diese wäre, daß Sophie versprechen sollte, Herrn Blifil diesen Nachmittag als ihren Geliebten zu empfangen und ihn als denjenigen, der ihr Gemahl werden sollte, zu behandeln.« Sophie befand sich zu sehr in ihrer Tante Gewalt, um ihr irgend etwas geradezu abzuschlagen: sie sah sich genöthigt, zu versprechen, daß sie Herrn Blifil sehen und so höflich als möglich behandeln wolle, bat jedoch ihre Tante, die Heirath ja nicht eilig zu betreiben. Sie sagte, daß sie Herrn Blifil durchaus nicht leiden könne und hoffe, ihr Vater werde nicht wollen, daß sie die unglücklichste aller Frauen werde. Fräulein Western versicherte sie, daß man über die Heirath vollkommen einig wäre und daß nichts dieselbe rückgängig machen könnte oder sollte. – »Ich muß gestehen,« fuhr sie fort, »daß mir die Sache ziemlich gleichgültig war, ja daß ich wohl gar einige Skrupel dabei hatte, die jedoch sogleich schwanden, als ich glaubte, sie stimme mit Deinen 103 Wünschen völlig überein; doch jetzt halte ich diese Heirath für die allervorzüglichste, auch soll sie, so weit ich es verhindern kann, keinen Augenblick weiter hinaus verschoben werden.« Sophie bat: »Aufschub wenigstens, Tante, lassen Sie mich von Ihrer und meines Vaters Güte erwarten. Gewiß werden Sie mir Zeit geben, daß ich über eine so große Abneigung, wie ich sie jetzt gegen diese Person hege, die Oberhand zu gewinnen suche.« Die Tante erwiederte: »sie kenne die Welt zu gut, um sich dadurch täuschen zu lassen; sie werde; da sie wisse, daß ein anderer Mann ihre Neigung besitze, ihren Bruder bereden, die Heirath so viel als möglich zu beschleunigen. Es würde wahrhaftig eine sehr schlechte Politik sein,« setzte sie hinzu, »wenn man den Sieg aufschieben wollte, während die feindliche Armee da und zu fürchten ist, ihn zu verlieren. Nein, nein, Sophie, da ich überzeugt bin, daß Du eine heftige Leidenschaft hegst, die Du nie mit Ehren befriedigen kannst, so will ich alles Mögliche thun, um Deine Familie der Sorge um Deine Ehre zu überheben; denn wenn Du verheirathet bist, so gehen diese Dinge einzig und allein Deinen Gemahl an. Ich hoffe, Kind, Du wirst stets klug genug sein, um zu handeln, wie es sich geziemt; wäre dies jedoch nicht der Fall, nun so hat eine Heirath schon viele Frauen vor Verderben bewahrt.« Sophie verstand wohl, was ihre Tante meinte; hielt es aber nicht für gut, ihr eine Antwort zu geben. Dennoch beschloß sie, Herrn Blifil zu sehen und ihm so höflich als möglich zu begegnen; denn nur unter dieser Bedingung erhielt sie das Versprechen von ihrer Tante, das Geheimniß ihrer Liebe, das ihr böses Geschick vielmehr als die List von Fräulein Western ihr entrissen hatte, zu verschweigen. Sechstes Kapitel. Enthält ein Zwiegespräch zwischen Sophie und Jungfer Honour, die zarten Besorgnisse ein wenig zu mildern, welche die vorausgegangene Scene in dem Gemüth eines theilnehmenden Lesers erregt hat. Nachdem Fräulein Western, wie wir im letzten Kapitel gesehen haben, jenes Versprechen von ihrer Nichte erhalten hatte, entfernte sie sich; und sogleich darauf trat Jungfer Honour ein. Sie war in einem Nebenzimmer beschäftigt gewesen und durch die Heftigkeit des vorigen Zwiegesprächs an das Schlüsselloch gezogen worden, wo sie den noch übrigen Theil mit anhörte. Bei ihrem Eintritte in das Zimmer fand sie Sophien regungslos da stehend und in Thränen. Sie besorgte sogleich die gehörige Quantität Thränen in ihre eigenen Augen und begann also: »O Jemine! mein gutes Fräulein, was giebt's denn?« – »Nichts!« rief Sophie. – »Nichts! O theures Fräulein!« antwortete Jungfer Honour, »Sie müssen mir das nicht sagen, wenn Sie in einer solchen Verfassung sind und wenn ein solcher Auftritt mit Ihrer gnädigen Tante vorausgegangen ist.« – »Quäle mich nicht,« rief Sophie, »ich sage Dir, es ist nichts. Gott im Himmel! warum bin ich geboren!« – »Nein, Fräulein,« sagte Jungfer Honour, »Sie werden mich nimmermehr überreden, daß Sie um nichts willen so klagen können. Es ist wahr, ich bin nur eine dienende Person; aber ich bin Ihnen gewiß immer treu gewesen und wollte Ihnen gewiß mit meinem Leben dienen.« – »Meine gute Honour,« sagte Sophie, »es steht nicht in Deiner Macht, mir zu helfen. Ich bin unrettbar verloren.« – »Das verhüte der Himmel!« antwortete das Kammermädchen: »aber wenn ich Ihnen nicht helfen kann, bitte, sagen Sie mir nur, Fräulein, – es wird mir ein Trost sein, es zu 105 wissen, – bitte, liebes Fräulein, sagen Sie mir, was es ist.« – »Mein Vater,« rief Sophie, »will mich an einen Mann verheirathen, den ich verachte und verabscheue.« – »Ach, theures Fräulein,« versetzte die andere, »wer ist denn dieser abscheuliche Mann? denn er ist gewiß sehr schlecht, sonst würde mein gnädiges Fräulein ihn nicht verachten.« – »Die Nennung seines Namens ist meiner Zunge Gift,« erwiederte Sophie, »Du wirst es nur zu bald erfahren.« Die Wahrheit zu gestehen, so wußte sie es bereits und war über diesen Punkt nicht so sehr neugierig. Sie ließ sich dann folgendermaßen weiter vernehmen: »Ich maße mir nicht an, Fräulein, Ihnen einen Rath zu geben, Sie wissen weit besser was Sie zu thun haben, als ich Ihnen das sagen kann, denn ich bin nur ein Dienstbote; aber, wahrlich! kein Vater in England sollte mich gegen meinen Willen verheirathen. Und der Squire ist gewiß so gut, daß er, wenn er nur wüßte, daß Sie den jungen Mann verachteten und haßten, gewiß nicht auf eine Heirath mit ihm dringen würde. Und wenn mein gnädiges Fräulein mir nur erlauben wollten, es meinem Herrn zu sagen, so – gewiß würde es schicklicher sein, wenn es aus Ihrem Munde käme; aber da Sie sich mit seinem schmutzigen Namen die Zunge nicht beschmutzen wollten« – »Du irrst Dich, Honour,« sagte Sophie; »mein Vater hatte es so bestimmt, ehe er noch für nöthig hielt, mir etwas davon zu sagen.« – »Desto schlechter von ihm,« rief Honour; »Sie sollen doch mit ihm zu Bette gehen und nicht der Herr: und wenn ein Mann auch noch so hübsch ist, so wird er doch nicht einer jeden gefallen. Ich bin gewiß, mein Herr würde niemals so handeln, wenn es aus seinem eigenen Kopfe käme. Ich wünschte, manche Leute bekümmerten sich nur um das, was sie angeht; sie würden es auch nicht leiden, glaube ich, daß man sich in 106 ihre Angelegenheiten mischte; denn wenn ich auch nur ein Kammermädchen bin, so kann ich mir doch leicht vorstellen, daß einem nicht ein Mann gefällt wie der andere. Und wozu nützt Ihnen ein so großes Vermögen, wenn Sie sich nicht einmal nach Gefallen den Mann wählen können, den Sie am hübschesten finden? Meinetwegen, ich sage nichts; aber gewiß, es ist jammerschade, daß manche Leute nicht anders geboren worden sind: übrigens, was das betrifft, da würde ich mich nichts drum scheren; aber dann ist auch nicht so viel Geld da: nun was thut das? Sie, Fräulein, haben Geld genug für beide; und wie könnten Sie Ihr Vermögen besser anwenden? denn gewiß, das muß jeder sagen, daß er der schönste, reizendste, feinste, schlankste, zierlichste Mann von der Welt ist.« – »Was soll diese Sprache bedeuten?« rief Sophie, indem sie einen strengen Ernst annahm. – »Habe ich Dir jemals solche Freiheiten erlaubt?« – »Nein, Fräulein, ich bitte um Verzeihung; es war ja nicht böse gemeint,« antwortete sie; »aber gewiß, der arme Herr ist mir, seit ich ihn diesen Morgen gesehen, nicht wieder aus dem Kopfe gekommen. Ach, Sie hätten ihn nur eben jetzt sehen sollen, gewiß hätte er Sie gedauert. Der arme Herr! wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist; denn er ging mit über einandergeschlagenen Armen und sah so traurig aus den ganzen Morgen, – ich schwöre es Ihnen zu, daß ich bald laut aufgeschrien hätte, als ich ihn erblickte.« – »Wen erblickte?« sagte Sophie. – »Den armen Herrn Jones,« antwortete Honour. – »Ihn sahst Du! wie, wo war es, wo sahst Du ihn?« rief Sophie. – »Am Kanal, Fräulein,« erwiederte jene. »Dort ist er diesen ganzen Morgen umhergegangen und dort legte er sich endlich nieder: ich glaube, daß er noch dort liegt. – Gewiß hätte ich, wäre meine Bescheidenheit nicht gewesen, da ich doch nur ein Kammermädchen bin, 107 mich ihm genähert und mit ihm gesprochen. Ach, Fräulein, lassen Sie mich doch nur zum Spaß hinsehen, ob er noch dort ist.« – »Was sagst Du!« rief Sophie. »Dort! nein, nein; was sollte er auch dort? Er ist sicher schon wieder weggegangen. Ueberdies, warum – was – wozu wolltest Du nachsehen? – überdies brauche ich Dich zu etwas anderm. Geh, hole mir Hut und Handschuhe. Ich werde mit meiner Tante vor Tische einen Spaziergang in das Wäldchen machen.« Honour that sogleich, was ihr geheißen worden war und Sophie setzte ihren Hut auf; als sie sich jedoch im Spiegel betrachtete, stellte sie sich vor, das Band am Hute kleide sie nicht und so schickte sie das Mädchen fort nach einem andern; dann schärfte sie Jungfer Honour zu wiederholten Malen ein, ja ihre Arbeit nicht zu verlassen, weil es damit große Eile hätte und sie noch diesen Tag fertig werden müßte, murmelte etwas vom Waldgehen, lief dann den entgegengesetzten Weg hinaus und schritt so schnell sie ihre zarten zitternden Glieder tragen konnten, gerade auf den Kanal zu. Jones war dort gewesen, wie ihr Jungfer Honour gesagt hatte; er hatte wirklich diesen Morgen in traurigen Gedanken an seine Sophie zwei Stunden dort zugebracht und war gerade in dem Momente zu der einen Thür aus dem Garten hinausgegangen als sie zur andern hereinkam; so daß jene unglücklichen Minuten, die über dem Wechseln der Bänder hingegangen waren, das Zusammentreffen der Liebenden jetzt verhinderten; – ein höchst unglücklicher Zufall, aus dem meine schönen Leserinnen nicht verfehlen werden, eine sehr heilsame Lehre zu ziehen. Und hiermit verbiete ich allen männlichen Kritikern aufs strengste, sich mit einem Umstande zu befassen, den ich blos der Damen wegen erzählt habe, und über den sie allein sich aussprechen dürfen. 108 Siebentes Kapitel. Scene eines formellen Liebesantrags in Miniatur gezeichnet, wie das immer sein sollte; und eine Scene zärtlicherer Art in voller Größe dargestellt. Es war eine richtige Bemerkung, die von irgend einem (und vielleicht von mehrern) gemacht wurde, daß ein Unglück nicht allein komme. – Diese Wahrheit bestätigte sich jetzt an Sophien, die nicht allein ihren Geliebten nicht gesehen, sondern auch noch die Mühe hatte, sich anders anzukleiden, um von einem Manne, den sie haßte, einen Besuch anzunehmen. Erst an jenem Nachmittage machte Herr Western seine Tochter mit seinem Vorhaben bekannt, indem er ihr sagte, daß er recht gut wüßte, daß sie es schon von ihrer Tante gehört hätte. Sophie machte ein sehr ernstes Gesicht dazu und konnte nicht verhindern, daß ihr einige Thränen in die Augen traten. »Geh, geh,« sagte Western, »nichts von Euren Mädchenpossen: ich weiß alles; ich sage Dir, die Schwester hat mir alles gesagt.« »Ist es möglich,« sagte Sophie, »daß meine Tante mich schon verrathen haben kann?« – »Ja, ja,« sagte Western; »Dich verrathen! Ja doch; du verriethst Dich ja selbst gestern bei Tische. Du gabst doch, meine ich, Deinen Gedanken sehr deutlich zu erkennen. Aber Ihr jungen Mädchen wißt nie was Ihr wollt. So weinst Du nun, weil ich Dich an den Mann verheirathen will, den Du liebst. Deine Mutter winselte und heulte just auch so; aber vier und zwanzig Stunden nach der Hochzeit war alles vorbei; Herr Blifil ist ein flinker junger Mann und wird Deiner Empfindelei bald ein Ende machen. Komm, heitere Dich auf, sei lustig: ich erwarte ihn jeden Augenblick.« Sophie war jetzt überzeugt, daß ihre Tante ihr Wort 109 ehrlich gehalten hatte und setzte sich vor, diesem unangenehmen Nachmittage mit so viel Entschlossenheit als möglich entgegen zu gehen und nicht den leisesten Verdacht bei ihrem Vater zu erregen. Herr Blifil erschien bald, und Herr Western entfernte sich kurz darauf, um das junge Paar allein zu lassen. Nun folgte eine lange Pause von beinahe einer Viertelstunde, denn der Herr, an dem es war, die Unterhaltung zu beginnen, besaß in hohem Grade jene unschickliche Bescheidenheit, welche nichts anders als Blödigkeit ist. Er wollte oft sprechen, unterdrückte aber eben so oft in demselben Augenblicke seine Worte. Endlich brachen sie in einem Strome weit hergeholter und geschraubter Complimente hervor, die sie mit Niederschlagen der Augen, mit halben Verbeugungen und einsylbigen Höflichkeitsausdrücken erwiederte. – Blifil nahm, bei seiner Unbekanntschaft mit den Launen der Frauen und bei seiner hohen Meinung von sich selbst, dieses Betragen für eine bescheidene Annahme seiner Bewerbung; und als Sophie, um eine Scene, die sie nicht länger ertragen konnte, abzukürzen, aufstand und das Zimmer verließ, schrieb er auch dies einzig ihrer Schüchternheit zu und tröstete sich damit, daß er bald ihre Gesellschaft genug werde genießen können. Er war überhaupt über den zu erwartenden Ausgang seiner Angelegenheit vollkommen zufrieden gestellt; denn von jenem einzigen und gänzlichen Besitz des Herzens der Geliebten, den gefühlvolle Liebhaber verlangen, kam ihm nie der entfernteste Gedanke ein. Ihr Vermögen und ihre Person waren die einzigen Gegenstände seiner Wünsche und er zweifelte nicht, dieselben bald gänzlich sein zu nennen, weil Herr Western die Heirath so ernstlich wünschte und weil er den willigen Gehorsam kannte, mit welchem Sophie ihres Vaters Willen stets zu erfüllen bereit war, und den 110 noch größeren, den ihr Vater von ihr fordern würde, wenn es nöthig sein sollte. Dieser väterlichen Gewalt also, verbunden mit den Reizen, womit er seine Person und seine Unterhaltung ausgestattet glaubte, konnte seiner Meinung nach eine junge Dame unmöglich widerstehen, deren Herz, woran er nicht zweifelte, noch völlig frei war. Gegen Jones hegte er wirklich nicht die mindeste Spur von Eifersucht; und ich habe mich oft darüber gewundert. Vielleicht wähnte er, daß der Ruf, in welchem Jones in der ganzen Umgegend stand (mit welchem Rechte, möge der Leser entscheiden) nämlich einer der ausschweifendsten Burschen in ganz England zu sein, ihn einer Dame von der musterhaftesten Sittsamkeit verhaßt machen müsse. Vielleicht auch, daß sein Verdacht durch das Betragen Sophiens und Jones' selbst, wenn sie in Gesellschaft zusammen waren, eingeschläfert wurde. Endlich und überhaupt hatte er die feste Ueberzeugung, daß keine andere Person im Spiele wäre. Er bildete sich ein, Jones durch und durch zu kennen und hatte in der That eine sehr schlechte Meinung von dessen Verstande, weil er nicht mehr auf sein Interesse bedacht war. Blifil dachte ferner, daß das Verhältniß mit Molly Seagrim noch immer seinen Fortgang habe und mit einer Heirath enden werde; denn Jones liebte ihn wirklich von seiner Kindheit an und hatte kein Geheimniß vor ihm, bis sein Betragen während Herrn Allworthy's Krankheit sein Herz ganz von ihm abwendete; und jener Kampf, welcher damals entstand und dem noch keine Versöhnung gefolgt war, war der Grund, daß Blifil von der Aenderung, welche in Jones' Neigung zu Molly vor sich gegangen war, nichts erfahren hatte. Deshalb also sah Herr Blifil kein Hinderniß für das Gelingen seiner Bewerbung um Sophien. Er schloß, ihr Betragen sei das aller jungen Damen beim ersten Besuche 111 eines Liebhabers gewesen, und es hatte in der That seinen Erwartungen gänzlich entsprochen. Herr Western lauerte dem Liebhaber bei seinem Weggange von seiner Geliebten auf. Er fand ihn so aufgeregt über seinen Erfolg, so eingenommen für seine Tochter und so befriedigt von ihrer Aufnahme, daß der alte Herr im Saale herumzuspringen und zu tanzen und durch andere seltsame Handlungen seine übermäßige Freude auszudrücken begann; denn er besaß nicht die geringste Herrschaft über irgend eine seiner Leidenschaften; und diejenige, die nun einmal in seinem Gemüthe die Oberhand bekam, trieb ihn zu den ausschweifendsten Handlungen fort. Sobald sich Blifil entfernt hatte, was Western nicht eher als nach vielen herzlichen Küssen und Umarmungen geschehen ließ, suchte dieser sogleich seine Tochter auf, war außer sich vor Entzücken, als er sie fand und hieß sie von Kleidern und Juwelen auswählen, was sie nur wollte; denn der einzige Gebrauch, den er von seinem Vermögen machen könnte, erklärte er, wäre, sie glücklich zu machen. Dann überschüttete er sie mit Liebkosungen, nannte sie mit den zärtlichsten Namen und betheuerte, daß sie seine einzige Freude auf Erden wäre. Als Sophie gewahrte, daß ihr Vater in einer so zärtlichen Stimmung war, deren Ursache sie sich nicht recht enträthseln konnte (denn solche Anfälle von Zärtlichkeit waren nicht ungewöhnlich bei ihm, nur nicht so heftig wie dieser), da dachte sie, eine bessere Gelegenheit als diese könne es nicht geben, um sich ihm wenigstens in Betreff Blifil's zu entdecken; auch sah sie nur zu wohl voraus, daß eine vollständige Erklärung doch bald nothwendig werden würde. Nachdem sie daher dem Squire für alle die Verssicherungen seines väterlichen Wohlwollens gedankt hatte, fügte sie mit einem Blicke voll unaussprechlicher Zärtlichkeit 112 hinzu: »Und ist es möglich, daß mein Vater so gütig sein und seine ganze Freude in seiner Sophie Glück setzen kann?« Dies bekräftigte Western durch einen schweren Eid und einen Kuß, worauf sie seine Hand ergriff, auf ihre Knie niederfiel und ihn nach vielen warmen Versicherungen ihrer Liebe und Ehrerbietung flehentlich bat, sie nicht zur Heirath mit einem Manne, den sie verabscheue, zwingen und dadurch zu dem unglücklichsten Geschöpf auf Erden machen zu wollen. »Darum bitte ich Dich, lieber Vater,« sagte sie, »um Deinetwillen sowohl als um meinetwillen, weil Du so unendlich gütig bist, mir zu versichern, daß Dein Glück nur von dem meinigen abhänge.« – »Wie! was!« sagte Western, sie mit einem wilden Blicke anstierend. – »O, theurer Vater,« fuhr sie fort, »nicht allein Deiner armen Sophie Glück, ihr ganzes Leben und Sein hängt von Deiner Erfüllung dieser Bitte ab. Ich kann mit Herrn Blifil nicht leben. Mich zur Heirath mit ihm zwingen, hieße mich umbringen.« – »Du kannst mit Herrn Blifil nicht leben?« sagte Western. – »Nein, bei meiner Seligkeit, ich kann es nicht,« antwortete Sophie. – »So stirb und sei verflucht,« rief Western aus, indem er sie von sich stieß. – »O Vater!« rief Sophie, den Saum seines Rockes erfassend, »Erbarmen, ich bitte Dich, sei nicht so grausam – – Kann Dich diese schreckliche Lage Deiner Sophie nicht rühren? Kann der beste der Väter mein Herz brechen? Wird er mich durch den schmerzhaftesten, grausamsten Tod langsam morden wollen?« – »Pah! pah!« rief der Squire; »alles Schnickschnack und Unsinn; alles Mädchenpossen. Dich umbringen, wahrhaftig! Wird Dich das Heirathen umbringen?« – »O mein Vater,« antwortete Sophie, »eine solche Heirath ist schlimmer als der Tod. Er ist mir nicht blos gleichgültig; ich hasse und verabscheue ihn.« – »Wenn Du ihn noch so sehr 113 verabscheutest,« rief Western, »so sollst Du ihn doch nehmen.« Dies bekräftigte er durch einen Eid, der zu schrecklich war, um ihn zu wiederholen; und nach vielen heftigen Betheuerungen schloß er mit folgenden Worten: »Ich habe diese Heirath einmal beschlossen, und wenn Du nicht darein willigst, so werde ich Dir nicht einen Groschen, nicht einen einzigen Heller geben; nein, und wenn ich Dich auf der Straße verhungern sähe, ich würde Dir nicht einen Bissen Brot reichen. Dies ist mein fester Entschluß und somit verlasse ich Dich, daß Du darüber nachdenken kannst.« Hier riß er sich mit solcher Heftigkeit von ihr los, daß sie mit dem Gesicht gegen den Fußboden aufschlug, und während er zum Zimmer hinausstürmte, ließ er die arme Sophie auf den Boden hingestreckt zurück. Auf dem Vorsaale begegnete er Jones, der, als er seinen Freund so verstört, bleich und fast athemlos erblickte, nicht unterlassen konnte, nach der Ursache dieser traurigen Anzeichen zu fragen. – Der Squire machte ihn sogleich mit allen Umständen bekannt, indem er damit schloß, bittere Drohungen gegen Sophien zu schleudern und höchst pathetisch alle Väter zu beklagen, die so unglücklich wären, Töchter zu haben. Jones, dem alle zu Gunsten Blifil's getroffenen Vorkehrungen noch ein Geheimniß waren, war durch diese Erzählung anfangs wie vom Donner gerührt; doch erholte er sich bald wieder und nun gab ihm reine Verzweiflung, wie er späterhin sagte, einen Einschlag, der mehr Dreistigkeit zu erfordern schien, als man je hinter einer menschlichen Stirn angetroffen hat. Er bat nämlich Herrn Western um die Erlaubniß zu Sophien gehen zu dürfen, um zu versuchen, ob er sie für ihres Vaters Willen günstig stimmen könne. Wäre der Squire so scharfsichtig gewesen, als er in hohem Grade das Gegentheil davon war, so hätte ihn vielleicht in 114 diesem Augenblicke seine Leidenschaftlichkeit geblendet. Er dankte Jones für sein Anerbieten, sich dieser Mühe unterziehen zu wollen und sagte: »Geh, geh, bitte, sieh zu was Du ausrichten kannst;« und dann schwur er viele fürchterliche Eide, daß er sie aus dem Hause hinauswerfen wollte, wenn sie sich zu dieser Heirath nicht verstünde. Achtes Kapitel. Jones' und Sophiens Zusammentreffen. Jones suchte sogleich Sophien auf und fand sie, als sie sich gerade mit thränenschweren Augen und blutenden Lippen vom Boden aufrichtete, wo sie ihr Vater hatte liegen lassen. Er eilte schnell hinzu und rief mit einem Ausdruck der größten Zärtlichkeit und des größten Schreckens in der Stimme: »O, meine Sophie! was bedeutet dieser schreckenvolle Anblick?« Sie sah ihn einen Augenblick mild und schweigend an, dann sagte sie: »Herr Jones, um des Himmels willen, wie kommen Sie hierher? – Verlassen Sie mich sogleich, ich bitte Sie darum.« – »Warum diesen strengen Befehl?« versetzte er, »mein Herz blutet stärker als diese Lippen. O Sophie! wie gern wollte ich meine Adern öffnen, wenn ich damit einen Tropfen dieses theuern Blutes schonen könnte.« – »Ich bin Ihnen bereits zu viele Verpflichtungen schuldig,« antwortete sie. Sie blickte ihn fast eine Minute lang zärtlich an, dann rief sie, von einem inneren Kampfe überwältigt, aus: »O Herr Jones, warum retteten Sie mir das Leben? der Tod würde ein größeres Glück für uns beide gewesen sein!« – »Ein größeres Glück für uns beide?« wiederholte er. »Hätte der Tod schmerzlicher für mich sein können als Sophiens – ich kann das schreckliche Wort nicht aussprechen – Lebe ich nicht einzig für sie?« Seine Stimme wie sein Blick waren voll 115 der unaussprechlichsten Zärtlichkeit, als er dies sprach; und gleichzeitig ergriff er sanft ihre Hand. Sie zog sie nicht zurück, denn, die Wahrheit zu sagen, sie wußte kaum, was sie that oder geschehen ließ. Beide schwiegen jetzt einige Augenblicke, während seine Augen fest auf Sophien, die ihrigen auf den Boden geheftet waren: endlich gewann sie wieder so viel Kraft, daß sie ihn von Neuem bat, sie zu verlassen, weil es zu ihrem Verderben sein würde, wenn man sie beisammen fände. »Ach, Herr Jones,« setzte sie hinzu, »Sie wissen nicht, was diesen unglücklichen Nachmittag vorgegangen ist!« – »Ich weiß alles, meine Sophie,« antwortete er; »Ihr grausamer Vater hat mir alles erzählt, und er selbst hat mich her zu Ihnen geschickt.« – »Mein Vater Sie zu mir geschickt!« versetzte sie: »sicher träumen Sie.« – »Wollte der Himmel,« rief er aus, »daß es ein Traum wäre! ach! Sophie, Ihr Vater hat mich zu Ihnen geschickt, daß ich der Fürsprecher für meinen verhaßten Nebenbuhler sein, Sie zu seinen Gunsten stimmen soll. Ich griff nach jedem Mittel, zu Ihnen zu gelangen. O sprechen Sie, Sophie! trösten Sie mein blutendes Herz. Nie hat Jemand so heftig, so innig geliebt als ich. Ziehen Sie nicht unfreundlich diese theure liebliche Hand zurück – ein Moment vielleicht reißt uns auf ewig aus einander – nichts geringeres als dieses grausamen Ereignisses bedurfte es, glaube ich, um die Achtung und Ehrfurcht, die Sie mir eingeflößt haben, zu besiegen.« Sie schwieg eine Weile verlegen still; dann fragte sie, indem sie ihn zärtlich anblickte: »Was können Sie von mir wollen, Herr Jones?« – »O versprechen Sie blos,« rief er, »daß Sie Blifil nie diese Hand geben wollen.« – »Nennen Sie diesen verhaßten Namen nicht,« antwortete sie. »Sein sie versichert, nie werde ich ihm geben, was in meiner Macht steht, ihm zu versagen.« – »Wohlan denn,« fuhr er fort, »da Sie 116 so unendlich gütig sind, o so gehen Sie noch etwas weiter und sagen Sie mir, daß ich hoffen darf.« – »Ach! Herr Jones,« sagte sie, »wohin werden Sie mich treiben? Welche Hoffnung vermag ich zu geben? Sie kennen meines Vaters Absichten.« – »Aber ich weiß auch,« antwortete er, »daß Sie nicht gezwungen werden können, sich denselben zu fügen.« – »Was,« erwiederte sie, »wird aber nothwendig die Folge meines Ungehorsams sein? Mein eigenes Schicksal ist meine geringste Rücksicht. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, die Ursache von meines Vaters Kummer zu sein.« – »Er ist selbst die Ursache dazu,« rief Jones, »weil er eine Gewalt über Sie übt, die ihm die Natur nicht verliehen hat. Denken Sie an den Kummer, der mich erwartet, wenn ich Sie verlieren soll, und sehen Sie, auf welche Seite das Mitleid die Wagschaale neigen wird« – »Daran denken!« erwiederte sie, »können Sie glauben, daß ich nicht das Unglück fühle, das ich über Sie bringen müßte, wenn ich in Ihre Wünsche willigte? Dieser Gedanke ist es, der mir die Entschlossenheit giebt, Sie zu bitten, daß Sie mich für immer fliehen, um ihrem eigenen Verderben zu entgehen.« – »Ich fürchte nichts,« rief er aus, »als den Verlust Sophiens. Wenn Sie mir den bittersten Kummer ersparen wollen, so nehmen Sie diesen grausamen Ausspruch zurück. Gewiß, ich kann mich nie von Ihnen trennen, gewiß, ich kann es nicht!« Die Liebenden standen jetzt beide schweigend und zitternd da, Sophie unfähig, Jones ihre Hand zu entziehen und dieser fast unfähig, sie zu halten; da wurde die Scene, die vielleicht manchen meiner Leser lange genug gedauert hat, durch eine andere von so ganz verschiedener Art unterbrochen, daß wir die Schilderung derselben für ein anderes Kapitel aufsparen. 117 Neuntes Kapitel. Von weit stürmischerem Inhalte als das vorige. Ehe wir zu dem übergehen, was sich nun mit unsern Liebenden zutrug, dürfte es zweckmäßig sein, zu berichten, was sich unterdeß auf dem Vorsaale ereignet hatte. Bald nachdem Jones Herrn Western, wie oben erwähnt worden, verlassen hatte, kam dessen Schwester hinzu und wurde sogleich von allem, was zwischen ihrem Bruder und Sophien im Betreff Blifil's verhandelt worden war, in Kenntniß gesetzt. Dieses Betragen ihrer Nichte betrachtete die gute Dame als eine offenbare Verletzung der Bedingung, unter welcher sie, ihre Liebe zu Herrn Jones geheim zu halten, sich verbindlich gemacht hatte. Der Gedanke an eine Verheirathung von Jones mit seiner Tochter war dem Squire nie in den Kopf gekommen, weder in solchen Momenten, wo sein Wohlwollen gegen diesen jungen Mann am wärmsten war, noch bei irgend einer andern Gelegenheit. Er hielt überhaupt eine Gleichheit des Vermögens und der Verhältnisse für ein physisch eben so nothwendiges Erforderniß zu einer Heirath, als Verschiedenheit der Geschlechter, oder irgend eine andere wesentliche Bedingung, und fürchtete eben so wenig, daß seine Tochter sich in einen armen Mann verlieben könnte, als in irgend ein Geschöpf von einer andern Species. Er war daher ganz versteinert über die Mittheilung seiner Schwester. Anfangs vermochte er gar nichts zu antworten, so war ihm vor Erstaunen der Athem ausgeblieben. Dieser kam indessen bald wieder und, wie dies auch in andern Fällen einer Intermission gewöhnlich ist, mit verdoppelter Kraft und Heftigkeit. 118 Der erste Gebrauch, den er nach seiner Erholung von den plötzlichen Wirkungen seines Erstaunens von der Fähigkeit zu sprechen machte, war, daß er in eine Fluth von Flüchen und Verwünschungen ausbrach, worauf er auf das Zimmer losstürmte, wo er die Liebenden zu finden hoffte und bei jedem Schritte Drohungen hervormurmelte oder vielmehr hervorbrüllte. Wie wenn zwei Waldtauben, oder (was noch bezeichnender ist) wenn Strephon und Phillis sich in ein einsames Lustwäldchen zurückgezogen haben, um mit Amor, jenem schüchternen Knaben, zu scherzen, der, wo viele sind, nicht sprechen kann und nur unter dreien ein guter Gesellschafter ist, wenn hier, während alles ringsum ruhig und heiter ist, plötzlich ein Donnerschlag durch die gebrochenen Wolken kracht und dröhnend am Himmel hinrollt, die erschrockene Jungfrau von der Moosbank oder dem grünen Rasen aufspringt, Todtenblässe an die Stelle der Röthe tritt, womit die Liebe zuvor ihre Wangen geschmückt hatte, Furcht ihren ganzen Körper erschüttert und ihr Geliebter kaum ihre zitternden, schwankenden Glieder zu unterstützen vermag – So zitterte die arme Sophie, so erbleichte sie bei dem Toben ihres Vaters, der mit einer Schrecken erregenden Stimme schwörend, fluchend und Jones Verderben drohend nahete. Die Wahrheit zu sagen, ich glaube, der Jüngling selbst würde aus klugen Rücksichten damals lieber an einem andern Orte gewesen sein, hätte seine Besorgniß um Sophien ihn an etwas anderes denken lassen, als was seine Liebe zu ihr betraf. Und jetzt, nachdem der Squire die Thür aufgestoßen hatte, erblickte er einen Gegenstand, der augenblicklich all seinen Zorn gegen Jones lähmte: es war das geisterhafte Aussehen Sophiens, die in ihres Geliebten Armen ohnmächtig geworden war. Diesen traurigen Auftritt gewahrte Herr Western nicht so bald, als ihn seine ganze 119 Wuth verließ: er schrie aus aller Macht nach Hilfe, lief zuerst zu Sophien hin, dann zurück zur Thür, um nach Wasser zu rufen, und dann wieder zu seiner Tochter, ohne irgend zu bedenken, in wessen Armen sie lag, noch sich wohl auch nur zu erinnern, daß solch eine Person wie Jones auf der Welt war; denn ich glaube in der That, daß der Zustand seiner Tochter jetzt der einzige Gedanke war, der ihn beschäftigte. Fräulein Western und eine Schaar von Dienstleuten kamen Sophien bald mit Wasser, belebenden Arzneien und allem, was man in solchen Fällen für nöthig hält, zu Hilfe. Diese Mittel wurden mit so gutem Erfolge angewendet, daß Sophie in wenigen Minuten sich erholte und alle Lebenszeichen zurückkehrten. Dann ward sie von ihrem Kammermädchen und Fräulein Western hinweggeführt, welche letztere jedoch ihrem Bruder zuvor einige heilsame Ermahnungen rücksichtlich der schrecklichen Folgen seiner Leidenschaftlichkeit, oder wie sie es nannte, seiner Tollheit gab. Der Squire verstand vielleicht diese gute Lehre nicht, weil sie in dunkeln Andeutungen, Achselzucken und Ausrufungen der Verwunderung ertheilt wurde; wenigstens, wenn er sie ja verstand, zog er sehr wenig Nutzen daraus; denn kaum war er von seiner größten Besorgniß um seine Tochter befreit, als er in seine vorige Raserei zurück verfiel und Jones sogleich einen Kampf geliefert haben würde, wäre nicht Herr Supple, der ein sehr starker Mann war, zugegen gewesen und hätte ihn mit Gewalt von Thätlichkeiten zurückgehalten. Sobald Sophie hinausgebracht worden war, näherte sich Jones Herrn Western, den der Geistliche in seinen Armen hielt, mit bittender Miene und ersuchte ihn, sich zu beruhigen; denn, wenn er in seiner Leidenschaftlichkeit beharrte, würde es unmöglich sein, ihm Genugthuung zu geben. 120 »Ich will Genugthuung von Dir,« antwortete der Squire; »wirf nur Deine Kleider ab. Dich Milchbart will ich durchbläuen, wie Du in Deinem Leben noch nicht durchgebläuet worden sein sollst.« In diesem Tone, der unter Landjunkern, wenn sie über einen Punkt streitig werden, gewöhnlich ist, fuhr er ununterbrochen fort und hieß ihn dabei häufig den Theil seines Körpers begrüßen, der bei allen Streitigkeiten unter den niedern Klassen des englischen Landadels bei Wettrennen, Hahnenkämpfen und andern öffentlichen Gelegenheiten, eine große Rolle spielt. Anspielungen auf diesen Körpertheil werden gleichfalls oft aus Scherz gemacht. Und hier glaube ich, wird der Witz gemeiniglich mißverstanden. Er liegt nämlich darin, daß man einen andern, der einem unmittelbar vorher diesen Theil zu zerprügeln drohte, denselben caressiren heißt; denn ich habe sehr genau beobachtet, daß nie einer diesen Theil seines eigenen Körpers einem andern zum Zerprügeln anbot, noch sich geneigt zeigte, denselben an einem andern zu caressiren. Es mag gleichfalls überraschend erscheinen, daß unter den vielen tausendartigen Einladungen dieser Art, wie sie jeder, der mit Landjunkern umgegangen ist, gehört haben muß, in keinem einzigen Falle, wie ich glaube, Folge geleistet worden ist; – ein unzweideutiges Beispiel ihres Mangels an Höflichkeit: denn in Städten kann nichts gewöhnlicher sein, als daß die feinsten Herren ihren Vorgesetzten täglich diese Ceremonie erweisen, ohne daß man sie jemals von ihnen gefordert hätte. Auf alle dergleichen Witzreden antwortete Jones ruhig: »Sir, diese Begegnung möchte wohl jede andere Verpflichtung, die ich Ihnen schuldig bin, ausgleichen, außer einer, die Sie nie von mir nehmen können; auch werde ich mich durch Ihre Mißhandlung nicht bestimmen lassen, meine Hand gegen Sophiens Vater zu erheben.« 121 Durch diese Worte wurde der Squire nur noch aufgebrachter, so daß der Geistliche Jones bat, sich zu entfernen, indem er sagte: »Sie sehen, wie sein Zorn durch Ihre Gegenwart gesteigert wird, lassen Sie mich Sie deshalb bitten, nicht länger zu verweilen. Seine Erbitterung gegen Sie ist jetzt zu groß, als daß Sie sich mit ihm verständigen könnten. Sie thun daher besser, Ihren Besuch abzubrechen und was Sie für sich vorzubringen haben, auf eine andere Gelegenheit zu verschieben.« Jones nahm diesen Rath dankbar an und entfernte sich sogleich. Der Squire erlangte nun die Freiheit seiner Hände wieder und zugleich so viel Mäßigung, daß er sich über den ihm auferlegten Zwang einigermaßen zufrieden äußerte, indem er erklärte, daß er ihm gewiß das Gehirn aus dem Kopfe geschlagen hätte und hinzusetzte: »Es würde einem doch infam zu Muthe gewesen sein, sich um eines solchen Lumpenkerls willen hängen zu lassen.« Der Geistliche fing nun an über den Erfolg seiner Bemühungen um die Herstellung des Friedens zu triumphiren und ließ sich in einer Vorlesung gegen den Zorn aus, durch die er diese Leidenschaft in reizbaren Gemüthern vielleicht eher aufgeregt als besänftigt hätte. Diese Vorlesung stattete er mit vielen schätzbaren Citaten aus den alten Schriftstellern, namentlich Seneca aus, welcher diese Leidenschaft wirklich so schön abgehandelt hat, daß sie außer einem sehr zum Zorne Geneigten Niemand ohne großes Vergnügen und ohne Nutzen lesen kann. Der Doctor beschloß seine Moral mit der bekannten Anekdote von Alexander und Clitus, die ich aber, weil ich sie unter die Rubrik Trunkenheit gebracht habe, hier nicht erzählen werde. Der Squire nahm so wenig Notiz von dieser Anekdote, als vielleicht von allem andern, was er ihm sagte; denn er unterbrach ihn, ehe er noch damit zu Ende war und 122 rief nach einem Kruge Bier, wobei er bemerkte (und diese Bemerkung ist wahrscheinlich so richtig, wie nur irgend eine über dieses Gemüthsfieber sein kann), daß der Zorn einen Menschen austrockne. Kaum hatte der Squire einen kräftigen Zug gethan, als er wieder auf Jones zurück kam und sich entschlossen erklärte, den nächsten Morgen früh zu Herrn Allworthy gehen und ihm alles erzählen zu wollen. Sein Freund suchte ihm dies aus reiner Gutmüthigkeit auszureden; allein seine Bemühung hatte keinen andern Erfolg, als daß der Squire zum großen Aergerniß der frommen Ohren Supple's in einen Strom von Schwüren und Flüchen ausbrach, gegen welche keine Einwendungen zu machen waren, weil er sonst sein Privilegium als freier Engländer würde geltend gemacht haben. Die Wahrheit zu sagen, der Geistliche durfte seinen Gaumen an der Tafel des Squire ergötzen, mußte aber dafür sich gefallen lassen, daß seinen Ohren etwas zugemuthet wurde. Er beruhigte sich mit dem Gedanken, daß er diese üble Gewohnheit nicht hervorrief und daß der Squire keinen Eid weniger schwören würde, wenn er seine Schwelle nicht beträte. Wenn er sich nun aber auch die Unhöflichkeit nicht zu Schulden kommen ließ, den Edelmann in seinem Hause zu tadeln, so zog er nichts desto weniger in allgemein gehaltenen, aber auf diesen gemünzten Strafpredigten von der Kanzel gegen ihn los, was zwar nicht die Wirkung hatte, den Squire zu bessern, aber doch in so weit sein Gewissen rührte, daß er die Gesetze gegen andere sehr streng in Ausübung brachte und somit der Gerichtsherr die einzige Person in der Gemeinde war, welche ungestraft schwören konnte. 123 Zehntes Kapitel. In welchem Herr Western Herrn Allworthy einen Besuch abstattet. Herr Allworthy war so eben mit seinem Neffen vom Frühstück aufgestanden und mit dem Berichte des jungen Mannes über den Erfolg seines Besuchs bei Sophien sehr wohl zufrieden (denn er wünschte diese Heirath von Herzen, mehr um des jungen Mädchens Charakters, als um ihres Reichthums willen), als Herr Western plötzlich hereinstürmte und ohne alle Ceremonie, wie folgt, begann: »Na, da haben Sie doch was Schönes zu Wege gebracht, wahrhaftig. Sie haben Ihren Bastard zu was Gutem erzogen; nicht daß ich glaubte, Sie hätten die Hand dabei im Spiele, das heißt, wie man zu sagen pflegt, absichtlich; aber 's ist eine schöne Suppe, die mir in meinem Hause angerichtet worden ist.« – »Was kann denn geschehen sein, Herr Western?« fragte Allworthy. – »Geschehen sein, o über alle Begriffe geht's: meine Tochter hat sich in Ihren Bastard verliebt, nun wissen Sie alles; aber nicht einen Heller will ich ihr geben, nicht den zwanzigsten Theil eines rothen Hellers. Ich habe immer daran gedacht, was dabei herauskommen sollte, einen Bastard wie einen großen Herrn zu erziehen und ihn mit zu ehrlichen Leuten zu bringen. Er kann froh sein, daß ich ihn nicht erwischt habe; die Beine hätte ich ihm entzweigeschlagen; ein solches Mädchen ist nicht für seines Gleichen. Von mir soll er keinen Bissen Brot bekommen, keinen Heller, sich welches zu kaufen. wenn sie ihn nehmen will, so soll ein Hemd ihr ganzes Theil sein. Lieber wollte ich mein Hab und Gut verkaufen, das freie England verlassen und nach Hannover gehen.« – »Es thut mir herzlich leid,« rief Allworthy. – »Leid, was da 124 leid,« fuhr Western fort, »das kann mir viel helfen, wenn ich mein einziges Kind verloren habe, meine arme Sophie, die die Freude meines Herzens war und meine ganze Hoffnung und mein Trost in meinen alten Tagen; aber das habe ich mir fest vorgenommen, aus dem Hause will ich sie werfen: betteln soll sie, verhungern und unter freiem Himmel verfaulen. Nicht einen Heller, nicht einen rothen Heller soll sie je von mir bekommen. Er wußte immer gut einen Hasen in seinem Lager aufzuspüren, doch der soll ihm verfaulen: ich habe wenig daran gedacht, was für ein Häschen er auf dem Korne hatte; aber es soll das schlechteste sein, das er je in seinem Leben gefunden hat. Nicht besser als ein Aas soll sie ihm sein, der Balg soll das Ganze sein, was er davon hat, und das können Sie ihm sagen.« – »Ich bin ganz erstaunt,« rief Herr Allworthy, »über das, was ich höre, nach dem was nur erst gestern zwischen meinem Neffen und dem jungen Mädchen statt gefunden hat.« – »Ja, Sir, es war gleich nachher, wie die ganze Geschichte an den Tag kam. Herr Blifil war kaum fort, als der Schurke ins Haus geschlichen kam. Ich werde daran nicht denken, wenn ich ihn zum Jagen zu mir einlade, daß er auf meine Tochter Jagd macht.« – »Aber wahrhaftig,« sagte Allworthy, »ich hätte gewünscht, daß Sie ihm nicht so viel Gelegenheit gegeben hätten, mit ihr beisammen zu sein; und Sie werden mir darin Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich stets dagegen gewesen bin, daß er so oft in Ihrem Hause war, ob ich gleich bekenne, so etwas nicht geahnet zu haben.« – »Wie, Donner und Hagel!« rief Western, »wer hätte so etwas auch ahnen können? Was zum Teufel hatte sie denn mit ihm zu thun? Er kam doch nicht, mit ihr zu sponsiren; er kam ja, mit mir zu jagen.« – »Aber war es möglich,« sagte Allworthy, »daß Sie von dieser Liebe nie etwas bemerkten, da Sie sie doch so 125 oft beisammen sahen?« – »Nie, mein Lebtage nicht, so wahr ich selig werden will,« rief Western aus: »In meinem ganzen Leben sah ich nicht, daß er sie nur einmal geküßt hätte; und anstatt ihr die Cour zu machen, war er weit stiller in ihrer Gesellschaft, als zu jeder andern Zeit, und was das Mädchen betrifft, so war sie immer weniger höflich gegen ihn als gegen jeden andern jungen Mann, der in's Haus kam In solchen Sachen macht mir nicht so leicht einer ein X für ein U; das glauben Sie ja nicht, Nachbar.« Allworthy kostete es alle Mühe, das Lachen zu verbeißen; aber er that sich Zwang an, denn er besaß hinreichende Menschenkenntniß und zu viel Bildung und Herzensgüte, als daß er den Squire in seiner gegenwärtigen Lage hätte kränken sollen. Dann fragte er Western, was er wolle, daß er in dieser Sache thun sollte; worauf der andere erwiederte, »daß er verlange, den Schurken aus dem Hause zu jagen; und er wolle gehen und das Mensch einsperren, denn er habe sich nun einmal vorgenommen, sie an Herrn Blifil zu verheirathen, ihr zum Trotz.« Er schüttelte hierauf Blifil die Hand und schwur, daß er keinen andern zum Schwiegersohne haben wolle, als ihn. Darauf nahm er Abschied, indem er bemerkte, sein Haus wäre in einer solchen Verwirrung, daß er eilen müsse, nach Hause zu kommen, damit ihm seine Tochter nicht entwischte; wenn er aber Jones noch dort anträfe, den würde er so zustutzen, daß ihm das Heirathen vergehen sollte. Als nun Allworthy und Blifil wieder allein waren, entstand eine lange Pause, die der Jüngling mit Seufzern anfüllte, denen theils Mißvergnügen, theils Haß zu Grunde lag; denn Jones's Glück machte ihm mehr Kummer als der Verlust Sophiens. Endlich fragte ihn sein Oheim, was er nun zu thun gedenke, worauf er folgende Worte entgegnete: »Ach! Sir, 126 kann es zweifelhaft sein, welchen Schritt ein Liebender thun soll, wenn Vernunft und Neigung verschiedene Wege zeigen? Ich fürchte, daß er in dieser Verlegenheit gewiß stets der letztern folgen wird. Die Vernunft gebietet mir, alle Gedanken an ein Weib, dessen Neigung einem andern zugewendet ist, aufzugeben; meine Leidenschaft heißt mich hoffen, sie werde mit der Zeit ihre Gesinnungen zu meinen Gunsten ändern. Hiegegen läßt sich jedoch, wie ich wohl einsehe, ein Einwand machen, der, wenn er nicht volle Widerlegung fände, mich von jeder ferneren Bewerbung abschrecken würde. Ich meine nämlich den, daß es unrecht sei, sich in ein Herz einzudrängen, das bereits von einem andern in Besitz genommen zu sein scheint; allein Herrn Western's feste Entschließung zeigt, daß ich in diesem Falle, wenn ich jenes Herz gewinne, das Glück aller Parteien befördere; nicht allein das des Vaters, der dadurch dem höchsten Grade des Kummers entrissen wird, sondern auch der beiden andern, die sich durch diese Heirath den Untergang bereiten würden. Das Fräulein, dessen bin ich gewiß, wird in jeder Hinsicht unglücklich sein; denn, abgesehen von dem Verluste des größten Theil ihres Vermögens, wird sie nicht allein einen Bettler heirathen, sondern das geringe Erbtheil, das ihr ihr Vater nicht vorenthalten kann, wird auch an jene Dirne verschwendet werden, mit der er es, wie ich weiß, noch immer hält. Ja, das ist noch wenig; denn ich weiß, daß er einer der schlechtesten Menschen von der Welt ist; denn hätte mein theurer Oheim gewußt, was ich bis jetzt zu verschweigen gesucht habe, so würde er schon längst einen so Verworfenen verlassen haben.« – »Wie,« sagte Allworthy: »hat er etwas noch Schlimmeres gethan als ich schon weiß? Sage mir es, ich bitte Dich.« – »Nein,« erwiederte Blifil; »es ist jetzt geschehen und vielleicht hat er es bereuet.« – »Ich mache es Dir zur Pflicht, mir 127 zu sagen, was Du meinst.« – »Sie wissen, Sir, daß ich Ihnen nie ungehorsam war; aber es thut mir leid, etwas davon erwähnt zu haben, weil es jetzt wie Rache aussehen könnte, obgleich mir ein solcher Beweggrund, Dank dem Himmel, nie in den Sinn gekommen ist; und wenn Sie mir es zur Pflicht machen, es zu entdecken, so muß ich mich zugleich für ihn verwenden und Sie um Ihre Vergebung bitten.« – »Ich will keine Bedingungen,« antwortete Herr Allworthy; »ich glaube ihm Wohlwollen genug bewiesen zu haben, mehr vielleicht als Du mir danken wirst.« – »Ich fürchte in der That, mehr als er verdient,« rief Blifil; »denn an jenem Tage, wo Sie in der größten Gefahr schwebten, wo ich und alle übrigen Thränen vergossen, erfüllte er das Haus mit Schwelgen und Toben. Er trank und sang und schrie; und als ich ihm das Unschickliche seines Betragens auf eine freundliche und schonende Weise verwies, gerieth er in heftige Wuth, fluchte, schimpfte und schlug mich.« – »Wie!« rief Allworthy, »so weit konnte er sich vergehen, daß er Dich schlug?« – »Allerdings,« erwiederte Blifil, »ich habe ihm das längst vergeben. Ich wünschte, daß ich ihm seine Undankbarkeit gegen den edelsten der Wohlthäter so leicht vergessen könnte; und doch hoffe ich, Sie werden ihm auch das vergeben, weil ihn gewiß ein böser Geist besessen haben muß; denn an jenem nämlichen Abende, als wir, Herr Thwackum und ich, einen Spaziergang ins Freie machten, und uns unserer Freude über die glückliche Wendung Ihrer Krankheit überließen, sahen wir ihn leider mit einer liederlichen Dirne in einer Verfassung, welche die Schicklichkeit näher anzugeben verbietet. Herr Thwackum bewies mehr Muth als Klugheit, daß er auf ihn zuging, um ihm das Tadelhafte seines Verhaltens vorzustellen, denn (kaum wage ich es zu sagen), er fiel über den würdigen Mann her und schlug ihn auf 128 so empörende Art, daß er noch jetzt an seinen Beulen zu leiden hat. Auch ich bekam meinen Theil, während ich meinen Lehrer zu beschützen suchte: aber das ist längst vergeben; auch Herrn Thwackum vermochte ich, ihm es zu vergeben und Sie nicht mit einem Vorfalle bekannt zu machen, der, wie ich fürchtete, traurige Folgen für ihn nach sich ziehen möchte. Und nun, Sir, da ich unvorsätzlich das Ganze erzählt habe, da mich vielmehr Ihr Befehl dazu verpflichtete, lassen Sie mich ein gutes Wort für ihn einlegen.« – »Ach Kind!« sagte Allworthy, »ich weiß nicht, soll ich Dich Deiner Güte wegen, mir eine solche Schändlichkeit auch nur einen Augenblick zu verhehlen, tadeln oder loben; aber wo ist Herr Thwackum? Nicht daß ich einer Bestätigung dessen bedürfte, was Du mir gesagt hast; nein, aber ich will alle Beweise für die Sache untersuchen, um vor der Welt die Strafe zu rechtfertigen, die ich diesem Abscheulichen zugesichert habe.« Thwackum wurde nun herbeigerufen und erschien auch sogleich. Er bestätigte jeden Umstand des von dem Andern Erzählten; ja er producirte das Document auf seiner Brust, wo Jones' Handschrift in sehr leserlichen schwarzen und blauen Zügen noch vorhanden war. Er schloß seinen Bericht mit der Erklärung, daß er Herrn Allworthy schon längst von dem Vorfalle unterrichtet haben würde, hätte ihn nicht Herr Blifil durch die wärmsten Gegenvorstellungen davon abgehalten. »Er ist,« setzte er hinzu, »ein vortrefflicher Jüngling: doch seinen Feinden so viel verzeihen, heißt die Sache zu weit treiben.« Es ist wahr, Blifil hatte sich damals einige Mühe gegeben, den Geistlichen von der Entdeckung des Vorgefallenen abzuhalten, und zwar aus verschiedenen Gründen. Er kannte die Menschen in so weit, daß er wußte, ihre gewöhnliche Strenge werde durch Krankheit gemildert und 129 abgespannt. Ueberdies bedachte er, daß, wenn die Sache auf frischer That erzählt würde, während der Arzt noch im Hause aus- und einging, der ja die reine Wahrheit enthüllen, und er seiner Darstellung nie die boshafte Wendung geben könnte, die er beabsichtigte. Er wollte daher dieses Geschäft so lange aufschieben, bis Jones durch seine Unbesonnenheit Anlaß zu neuen Klagen geben würde; denn er dachte, je mehr sich die Last der Beschuldigungen gegen ihn häufte, desto eher würde sie ihn vernichten; und er wartete demnach nur auf eine solche Gelegenheit, wie sie ihm der Zufall jetzt so günstig dargeboten hatte. Endlich wußte er, daß, wenn er Thwackum dahin brachte, die Angelegenheit eine Zeit lang zu verschweigen, er Herrn Allworthy noch mehr in der ihm mit vieler Mühe beigebrachten Meinung bestärkte, er hege die freundschaftlichsten Gesinnungen gegen Jones. Elftes Kapitel. Zwar kurz, aber für den theilnehmenden Leser reich genug an Interesse. Herr Allworthy hatte die Gewohnheit, nie Jemanden zu bestrafen, selbst einen Dienstboten nicht fortzujagen, wenn er leidenschaftlich aufgeregt war. Er beschloß daher, Jones' Urtheilsspruch bis auf den Nachmittag zu verschieben. Der arme junge Mann war, wie gewöhnlich, bei Tische zugegen; aber sein Herz war ihm zu schwer, als daß er hätte etwas essen können. Sein Kummer wurde noch um ein Bedeutendes erhöht durch die unfreundlichen Blicke Herrn Allworthy's, woraus er schloß, daß Western das Ganze in Betreff seiner und Sophiens entdeckt hatte; aber von Blifil's Beschuldigungen ahnete er nicht das Mindeste; denn der größere Theil derselben traf ihn unschuldig und was das 130 Uebrige anlangt, so dachte er, weil er es vergeben und vergessen hatte, an keine Rache von der andern Seite. Nach Tische und als die Dienstboten sich entfernt hatten, fing Herr Allworthy an, in einer langen Anrede die vielen Fehltritte aufzuzählen, deren sich Jones schuldig gemacht hatte, namentlich die am heutigen Tage ans Licht gekommenen, und endigte damit, ihm zu sagen, daß, wenn er sich gegen die Anklagen nicht hinlänglich vertheidigen könne, er ihn auf immer aus seiner Gegenwart verbannen werde. Es hatte viel Schwierigkeit für Jones, sich zu vertheidigen, ja er wußte wirklich kaum, wessen man ihn beschuldigte; denn da Herr Allworthy, wie er von dem Rausche \&c. während seiner Krankheit sprach, aus Bescheidenheit alles namentlich auf ihn Bezügliche, was aber in der That hauptsächlich das Vergehen ausmachte, milder darstellte, so konnte Jones die Beschuldigung nicht leugnen. Uebrigens war ihm das Herz schon fast gebrochen und sein Muth dergestalt gesunken, daß er kein Wort für sich vorbringen konnte, sondern alles zugab und gleich einem verzweifelnden Verbrecher sich in die Arme der Gnade warf, indem er zum Schlusse sagte, daß er, obgleich er sich vieler Fehler und Thorheiten schuldig bekennen müsse, dennoch nichts begangen zu haben hoffe, wodurch er das verdient habe, was für ihn die größte Strafe aus der Welt sein würde. Allworthy antwortete, daß er ihm in Betracht seiner Jugend und in der Hoffnung auf seine Besserung schon zu oft vergeben habe; daß er ihn jetzt für einen verstockten Bösewicht halten müsse, den auf irgend eine Weise zu unterstützen und aufzumuntern ein Verbrechen sei. »Nein,« sagte Herr Allworthy zu ihm, »Dein kühnes Unternehmen, das junge Fräulein zu gewinnen, macht es mir zur Pflicht, Dich zu strafen. Die Welt, welche schon die Dir von mir erwiesene Auszeichnung getadelt hat, möchte, wenigstens 131 mit einem Schein von Recht, glauben, daß ich eine so niedrige und grausame Handlung gut hieße: eine Handlung, vor der ich, wie Dir bekannt sein muß, den größten Abscheu habe, und die zu begehen Dir, wenn Dir meine Ruhe und Ehre nur irgend etwas galt, nie in den Sinn kommen durfte. Pfui, junger Mensch! es giebt wahrhaftig keine Strafe für Deine Verbrechen und ich kann kaum bei mir rechtfertigen, was ich jetzt noch an Dir thun will. Da ich Dich indessen wie mein eigenes Kind auferzogen habe, so will ich Dich nicht nackend in die Welt hinausstoßen. Wenn Du daher dieses Papier öffnest, wirst Du finden, was Dich, wenn Du thätig bist, in Stand setzen kann, ein anständiges Leben zu führen; verwendest Du es aber zu schlechten Zwecken, so werde ich mich nicht für verpflichtet halten, Dich ferner zu unterstützen, indem ich mir vorgesetzt habe, von diesem Tage an in keinerlei Verkehr weiter mit Dir zu stehen. Ich muß noch anführen, daß nichts in Deiner Aufführung mich mehr schmerzt, als Deine üble Behandlung jenes jungen Mannes (er meinte Blifil), der sich in seinem Betragen gegen Dich so zart und ehrenhaft bewiesen hat.« Diese letzten Worte waren ein zu bitterer Kelch für Jones. Ein Thränenstrom entstürzte seinen Augen und das Vermögen der Sprache wie der Bewegung schien ihn gänzlich verlassen zu haben. Es verging einige Zeit, ehe er im Stande war, Allworthy's bestimmtem Befehle, zu gehen, Folge zu leisten. Endlich gehorchte er, nachdem er seines Wohlthäters Hände mit einer schwer zu beschreibenden Inbrunst mit Küssen bedeckt hatte. Der Leser müßte sehr schwach sein, wenn er, unter der Voraussetzung, daß ihm Jones in demselben Lichte erschiene wie Herrn Allworthy, diesen seiner Strenge wegen tadeln wollte. Und dennoch verschrie die ganze Nachbarschaft, sei es nun aus einer solchen Schwäche oder aus schlimmeren 132 Beweggründen, diese Gerechtigkeit und Strenge als die höchste Grausamkeit. Ja, gerade diejenigen Personen, welche den guten Mann wegen seines Wohlwollens und seiner großen Güte gegen einen Bastard (den man allgemein für seinen Sohn hielt) bekrittelten, erhoben ihre Stimme jetzt eben so laut über das Verstoßen seines eigenen Kindes. Die Frauen insbesondere nahmen einstimmig Jones' Parthei und wußten bei dieser Gelegenheit mehr Geschichtchen zu erzählen, als dieses Kapitel fassen würde, wenn ich sie alle anführen wollte. Eins muß ich noch erwähnen, daß nämlich trotz allem Hin- und Herreden über dieses Ereigniß Niemand der Summe gedachte, die Allworthy Jones in jenem Papiere gab, und die sich auf nicht weniger als fünfhundert Pfund belief; vielmehr stimmten alle darin überein, daß er ohne einen Pfennig Geld und, wie sich einige ausdrückten, nackend aus dem Hause seines unmenschlichen Vaters hinausgestoßen wurde. Zwölftes Kapitel. Enthält Liebesbriefe. Jones erhielt den Befehl, das Haus augenblicklich zu verlassen; dabei sagte man ihm, daß seine Kleider und alles Uebrige ihm dahin nachgeschickt werden sollten, wohin er es bestimmen würde. Er brach also auf und ging ziemlich eine halbe Stunde weit, ohne zu beachten und wirklich ohne kaum zu wissen wohin. Endlich warf er sich an einem kleinen Bache, an den ihn sein Weg führte, nieder, indem er mit einiger Entrüstung vor sich hinmurmelte: »Diesen Platz wird mir mein Vater doch zum Ausruhen vergönnen!« Hier brachen seine Gefühle sogleich in den heftigsten 133 Aufruhr aus, er raufte sich das Haar aus und benahm sich überhaupt so, wie sich Wahnsinnige, Rasende und Verzweifelte zu benehmen pflegen. Als sich auf diese Weise seine Leidenschaftlichkeit ausgetobt hatte, kam er wieder etwas zu sich selbst. Sein Kummer nahm nun eine andere Wendung und äußerte sich etwas milder, bis er sich endlich in so weit gelegt hatte, daß er über seine Leidenschaft nachdenken und überlegen konnte, was er in seiner traurigen Lage am Besten thue. Und jetzt war die große Frage, wie er sich in Betreff Sophiens zu verhalten habe. Der Gedanke, sie zu verlassen, war seinem Herzen besonders schmerzlich, aber die Befürchtung, sie ins Verderben zu stürzen und zur Bettlerin zu machen, folterte ihn noch mehr, und wenn das heftige Verlangen nach dem Besitz ihrer Person ihn hätte zweifelhaft machen können, so war er doch noch immer keineswegs gewiß, ob sie sich entschließen würde, seinen Wünschen um einen so hohen Preis zu entsprechen. Der Verdruß und die Unruhe, welche er Herrn Allworthy dadurch bereiten mußte, stritten heftig dagegen; und endlich kam dazu noch die augenscheinliche Unmöglichkeit seines Erfolgs, selbst wenn er alle diese Rücksichten dahingestellt sein lassen wollte; und so gewann endlich die Ehre, unterstützt durch Verzweiflung, Dankbarkeit gegen seinen Wohlthäter und wahre Liebe gegen Sophien, die Oberhand über sein brennendes Verlangen und er beschloß, lieber Sophien aufzugeben, als sie durch seine Bewerbung unglücklich zu machen. Es ist schwer für einen, der es nicht empfunden hat, sich eine Vorstellung von der Wärme der Gefühle zu machen, die bei der ersten Betrachtung seines Siegs über die Leidenschaft ihm die Brust erfüllte. Sein Stolz schmeichelte ihm so angenehm, daß sich sein Gemüth in der glücklichsten Stimmung zu befinden schien; allein dies war blos 134 momentan: Sophiens Bild kehrte bald wieder vor seine Seele zurück und mischte die Freude seines Triumphs mit nicht weniger bitterem Weh, als ein gutmüthiger General es empfinden muß, wenn er die blutenden Gefallenen überschaut, mit deren Blut er seine Lorbeeren erkauft hat; denn Tausende von zarten Gefühlen lagen gemordet vor unserm Sieger da. Gleichwohl entschlossen, auf dem einmal eingeschlagenen Pfade der Ehre fortzugehen, nahm er sich vor, Sophien einen Abschiedsbrief zu schreiben und machte sich daher nach einem nicht mehr fernen Hause auf, wo er sich Schreibmaterialien geben ließ und wie folgt schrieb: »Mein Fräulein, »Wenn Sie sich die Lage vergegenwärtigen, in der ich an Sie schreibe, so wird Ihre Güte mir gewiß verzeihen, was mein Brief etwa Widersprechendes oder Ungereimtes enthält; denn mein Herz ist mir so voll, daß keine Sprache seine Gefühle auszudrücken vermag. »Ich habe den Entschluß gefaßt, Fräulein, Ihrem Befehle zu gehorchen und Ihr theures, liebliches Angesicht auf immer zu fliehen. Es ist in der That ein grausamer Befehl; aber es ist eine Grausamkeit, die von dem Schicksale, nicht von meiner Sophie ausgeht. Das Schicksal fordert es zu Ihrer Erhaltung, daß Sie vergessen, daß jemals ein so Unglücklicher, wie ich bin, auf der Welt war. »Glauben Sie mir, ich würde meiner Leiden gegen Sie gar nicht erwähnen, wenn ich mir denken könnte, daß sie Ihnen möglicher Weise verborgen bleiben könnten. Ich kenne Ihr gutes und zartfühlendes Herz und würde Ihnen den Schmerz, den Ihnen das Unglück stets verursacht, erspart haben. Lassen Sie jedoch durch nichts, was Ihnen über mein hartes Schicksal zu Ohren kommen wird, sich 135 auch nur einen Augenblick Kummer verursachen; denn nach Ihrem Verluste ist alles nur Kleinigkeit! »O Sophie! es ist hart, Sie zu verlassen; härter noch ist es, zu verlangen, daß Sie mich vergessen sollen; und dennoch macht die aufrichtigste Liebe mir beides zur Pflicht. Verzeihen Sie mir, wenn ich mir einbilde, daß eine jede Erinnerung an mich Sie beunruhigen könne; aber wenn sich mit meinem Unglück so viel Ehre verbindet, o so opfern Sie mich ja Ihrem Wohle. Denken Sie, ich hätte Sie nie geliebt; oder denken Sie was wahr ist, wie wenig ich Sie verdiene, und lernen Sie mich verlachen wegen einer Anmaßung, die niemals streng genug bestraft werden kann. – Ich bin unfähig, mehr zu sagen. – Mögen schützende Engel stets mit Ihnen sein!« Er suchte jetzt in seinen Taschen nach Siegellack, fand aber keines, so wie überhaupt nichts darin, denn er hatte in seiner Raserei alles von sich geworfen und unter anderm auch seine Brieftasche, die er von Herrn Allworthy bekommen und die er nicht geöffnet hatte, was ihm alles jetzt erst einfiel. Man half ihm im Hause mit einer Oblate aus, und nachdem er den Brief gesiegelt hatte, kehrte er eilig nach dem Bache zurück, um das Verlorene zu suchen. Auf seinem Wege dahin begegnete ihm sein alter Freund, der schwarze Georg, der ihn seines Unglücks wegen herzlich bedauerte; denn er hatte es schon erfahren, so wie es auch in der ganzen Nachbarschaft bekannt war. Jones theilte dem Jäger seinen Verlust mit und dieser ging mit ihm zurück an den Bach, wo sie jedes Grasplätzchen, wo Jones gelegen hatte und wo er nicht gelegen hatte, durchsuchten; aber es war alles vergebens, denn sie fanden nichts; freilich unterließen sie, obgleich die Sachen damals auf der Wiese waren, gerade an dem einzigen Platze 136 nachzusuchen, wo sie sich befanden, und das waren die Taschen des genannten George; denn er hatte sie unmittelbar vorher gefunden und da er auch glücklicherweise hinter ihren Werth kam, sie sorgfältig für seinen eigenen Gebrauch aufgehoben. Nachdem der Jäger so viel Eifer bei der Aufsuchung der verlorenen Gegenstände bewiesen hatte, als löblich gewesen wäre, wenn er gehofft hätte, sie zu finden, hieß er Herrn Jones sich besinnen, ob er nicht noch anderswo gewesen wäre, »denn,« sagte er, »wenn Sie die Sachen erst hier verloren hätten, so müßten sie doch auch noch dagewesen sein; denn an diesem Platze kommt nicht so leicht Jemand vorbei.« Auch war es wirklich ein großer Zufall, daß er selbst diesen Weg kam, aber er wollte Schlingen legen für Hasen, um diese einem Hühnerhändler den andern Morgen nach Bath mitzugeben. Jones gab jetzt alle Hoffnung, das Verlorene wieder zu finden, auf und zugleich fast jeden Gedanken daran. Er kehrte sich darauf zu dem schwarzen George und fragte ihn ernst, ob er ihm den größten Gefallen in der Welt thun wolle. George antwortete mit einigem Zögern: »Sie wissen, daß Sie von mir verlangen können, was nur irgend in meiner Macht steht, und ich wünsche von Herzen, daß es in meiner Macht stehen möge, Ihnen zu dienen.« Die Frage machte ihn wirklich verlegen; denn er hatte sich durch den Verkauf von Wild ein ansehnliches Sümmchen in Western's Diensten erworben und fürchtete, Jones möchte eine Kleinigkeit von ihm borgen wollen. Dieser befreite ihn jedoch alsbald von seiner Angst, indem er ihn bat, einen Brief an Sophien zu bestellen, was jener auch mit großem Vergnügen versprach. Ueberhaupt glaube ich, daß es wenig Gefälligkeiten würde gegeben haben, die er Jones nicht gern 137 erwiesen hätte; denn er fühlte sich ihm zu Danke verbunden und war so gefällig, wie Leute, denen das Geld über alles in der Welt geht, es nur immer sein können. Nachdem beide darin übereingekommen waren, den Brief durch Mamsell Honour an Sophien gelangen zu lassen, trennten sie sich von einander; der Jäger kehrte nach Hause zurück und Jones nach einem eine Viertelstunde entfernten Bierhause, um jenes Rückkehr abzuwarten. George langte nicht sobald zu Hause an, als er Mamsell Honour aufsuchte, sie durch einige Fragen erst auf die Probe stellte und ihr dann den Brief für ihre Herrin übergab. Dagegen erhielt er gleichzeitig einen andern von ihr, den sie, wie sie sagte, den ganzen Tag im Busen bei sich herumgetragen und kaum mehr anzubringen gehofft hatte, an Herrn Jones. Der Jäger kehrte eilig und froh zu Jones zurück, der sich mit Sophiens Briefe sogleich entfernte, ihn begierig öffnete und Folgendes darin las. »Mein Herr, »Was ich seit Ihrer letzten Anwesenheit gefühlt habe, vermag ich unmöglich auszusprechen. Daß Sie meinetwegen so grausame Beleidigungen von Seiten meines Vaters ruhig über sich ergehen ließen, das werde ich Ihnen nie vergessen. Da Sie seine Heftigkeit kennen, so bitte ich Sie um meinetwillen, ihm auszuweichen. Ich wünschte ein tröstendes Wort für Sie zu haben; inzwischen glauben Sie, daß nichts als die äußerste Gewalt mich je vermögen soll, so über meine Hand oder mein Herz zu verfügen, daß es Ihnen Kummer verursachen könnte.« Jones las diesen Brief wohl hundert Mal und küßte ihn eben so oft. Seine Leidenschaft rief alle zarten Wünsche in seine Seele zurück. Er bereuete es, Sophien so geschrieben zu haben, wie wir oben sahen; aber noch mehr 138 bereuete er, während der Abwesenheit des Boten an Herrn Allworthy einen Brief geschrieben und abgeschickt zu haben, worin er auf das Heiligste versprach, jeden Gedanken an Sophien aufgeben zu wollen. Wie er jedoch zu kälterer Ueberlegung kam, sah er deutlich ein, daß seine Lage durch Sophiens Brief um nichts gebessert oder verändert war, außer daß ihm in ihrer Beständigkeit ein geringer Strahl von Hoffnung auf einen spätern günstigen Zufall blieb. Er raffte daher seinen Muth zusammen, nahm von dem schwarzen George Abschied und brach nach einer einige Stunden weiter gelegenen Stadt auf, wohin er seine Sachen zu schicken gebeten hatte. Dreizehntes Kapitel. Sophiens Benehmen unter den gegenwärtigen Umständen, das keine ihres Geschlechts, die sich auf gleiche Weise zu benehmen fähig ist, tadeln wird. – Die Verhandlung eines schwierigen Punktes vor dem Gerichtshofe des Gewissens. Sophie hatte die letzten vier und zwanzig Stunden auf nicht eben beneidenswerthe Weise zugebracht. Einen großen Theil dieser Zeit hatte ihre Tante sie mit Klugheitslehren unterhalten und sie auf das Beispiel der feinen Welt verwiesen, in welcher die Liebe durchaus verlacht werde und die Frauen die Ehe nicht anders betrachten, als die Männer öffentliche Aemter, nämlich blos als das Mittel, ihr Glück zu machen und in der Welt emporzukommen. Die Auslegung dieses Textes hatte ihre Beredtsamkeit durch mehrere Stunden in Anspruch genommen. Diese klugen Lehren, obgleich sie weder dem Geschmacke noch der Neigung Sophiens entsprachen, waren ihr dennoch weniger lästig als ihre eigenen Gedanken, welche sie die 139 Nacht über beschäftigten und sie keinen Augenblick ruhen ließen. Aber ob sie gleich weder Schlaf noch Ruhe in ihrem Bett fand, so fühlte sie doch auch keinen Beruf aufzustehen und ihr Vater fand sie noch darin, als er von Herrn Allworthy zurückkam, was nicht früher als nach zehn Uhr Morgens war. Er ging geraden Weges nach ihrem Zimmer, öffnete die Thür und als er sah, daß sie noch nicht aufgestanden war, rief er: »Ah, da bist Du gut aufgehoben, da sollst Du mir bleiben.« Dann schloß er die Thür ab und übergab den Schlüssel an Honour, nachdem er ihr zuvor die strengsten Instructionen ertheilt und diese mit großen Versprechungen zum Lohne ihrer Treue und mit den fürchterlichsten Strafandrohungen für den Fall ihrer Untreue begleitet hatte. Honour's Instructionen waren, ihre Herrin ohne die Erlaubniß des Squire nicht aus ihrem Zimmer heraus, und Niemanden außer ihm und ihrer Tante zu ihr hineinzulassen; sie sollte aber Sophien alles gewähren, was sie wünschte, mit Ausnahme von Tinte, Feder und Papier, deren Gebrauch ihr untersagt war. Der Squire befahl seiner Tochter, sich anzukleiden und bei Tische zu erscheinen, wo sie ihm Gehorsam leistete. Nachdem sie die gehörige Zeit dabei abgesessen hatte, ward sie wieder in ihren Gewahrsam abgeführt. Gegen Abend überbrachte ihr die Gefangenwärterin Honour den vom Jäger empfangenen Brief. Sophie las ihn zu wiederholten Malen sehr aufmerksam durch, warf sich dann auf ihr Bett hin und brach in einen Strom von Thränen aus. Mamsell Honour äußerte großes Erstaunen über das Benehmen ihrer Gebieterin und bestürmte sie mit Bitten, ihr doch die Ursache dieser Gemüthsbewegung mitzutheilen. Sophie gab ihr eine Zeit lang keine Antwort, 140 erhob sich dann plötzlich, ergriff ihr Mädchen bei der Hand und rief aus: »O Honour! mit mir ist es aus.« – »Das wolle Gott verhüten,« rief Honour: »Ich wünschte lieber, ich hätte den Brief verbrannt, als ihn hierher gebracht. Ich dachte ganz gewiß, mein gnädiges Fräulein sollte Trost darin finden, aber lieber wollte ich, er wäre beim Teufel gewesen, als daß ich ihn angerührt hätte.« – »Honour,« sagte Sophie, »Du bist ein gutes Mädchen, und wozu soll ich Dir länger meine Schwachheit verhehlen. Ich habe mein Herz an einen Mann weggeworfen, der mich verlassen hat.« – »Ist es möglich,« versetzte das Mädchen, »daß Herr Jones so treulos handelt?« – »Er hat auf immer in diesem Briefe Abschied von mir genommen,« sagte Sophie. »Ja, er wünscht, daß ich ihn vergessen soll. Konnte er das wünschen, wenn er mich liebte? Konnte er einen solchen Gedanken fassen? Konnte er ein solches Wort niederschreiben?« – »Nein, wahrhaftig, gnädiges Fräulein,« rief Honour, »und gewiß, wenn der beste Mann in England von mir wünschte, daß ich ihn vergessen sollte, ich würde ihn beim Worte nehmen. Wahrhaftig! das gnädige Fräulein haben ihm, gewiß, zu viel Ehre angethan, daß Sie jemals an ihn gedacht haben. Ein junges Fräulein, die unter allen jungen Männern im Lande die Wahl hat. Da ist, wenn ich meine Meinung sagen soll, der junge Herr Blifil zum Beispiel; der ist, abgesehen davon, daß er von ehrlichen Aeltern stammt und einmal einer der größten Squires in der ganzen Gegend werden wird, meiner geringen Ansicht nach gewiß ein noch einmal so schöner und höflicher Mann, und noch dazu ist er ein solider junger Herr, dem Niemand etwas nachsagen kann, der nicht liederlichen Vetteln nachläuft und dem keine Kinder vor die Thür gelegt werden. Vergessen Sie ihn immerhin! So weit ist es, Gott sei Dank, mit mir selbst noch nicht 141 gekommen, daß ich mir von einem Manne zweimal sagen ließe, ich sollte ihn vergessen. Und wenn er der beste Mensch von der Welt wäre, der mir eine solche Beleidigung sagte, ich würde ihn nie wieder ansehen, so lange es noch andere junge Männer im Königreiche giebt. Und wie ich schon sagte, gewiß, da ist der junge Herr Blifil zum Beispiel.« – »Nenne mir diesen verhaßten Namen nicht,« rief Sophie. – »O nein, gnädiges Fräulein,« sagte Honour, »wenn Sie ihn nicht leiden können, so giebt es ja mehr hübsche junge Männer, die sich um Sie bewerben würden, wenn man es ihnen nur von Weitem zu verstehen gäbe. Es wird kaum einer in der ganzen Grafschaft oder noch weiter herum zu finden sein, der nicht gleich anbisse, wenn Sie ihn nur etwas merken ließen.« – »Für was für eine Elende hältst Du mich,« rief Sophie, »mich so etwas hören zu lassen! Ich verabscheue alle Männer.« – »Ja, das ist gewiß, gnädiges Fräulein,« erwiederte Honour, »was Sie da erfahren haben, das muß sie Ihnen zum Abscheu machen. Sich von einem so bettelarmen Wicht so übel begegnen lassen zu müssen.« – »Schweig mit Deiner Lästerzunge,« rief Sophie; »wie darfst Du es wagen, seinen Namen mit Geringschätzung vor mir auszusprechen? Er mir übel begegnen! Nein, sein blutendes Herz litt mehr, als er die grausamen Worte niederschrieb, wie das meinige beim Lesen derselben. O! seine Tugend ist ganz Aufopferung, seine Güte engelgleich. Ich schäme mich der Schwäche meiner Leidenschaft, daß ich tadeln konnte, was ich bewundern sollte. O Honour! mein Wohl allein hat ihn dazu bestimmt. Meinem Interesse opfert er sich und mich. Die Furcht, mich unglücklich zu machen, hat ihn zur Verzweiflung getrieben.« – »Ich bin sehr froh,« sagte Honour, »daß Sie sich die Sache überlegen; denn gewiß konnte es nur Ihr Unglück sein, Ihr Herz an einen Verstoßenen zu 142 hängen, der keinen Heller im Vermögen hat.« – »Einen Verstoßenen!« rief Sophie hastig: »wie! was willst Du damit sagen?« – »Je nun ja, Fräulein, der gnädige Herr hatte kaum Herrn Allworthy erzählt, daß Herr Jones sich um Ihre Liebe bewerbe, als dieser splitternackend aus dem Hause gejagt wurde.« – »Ha,« sagte Sophie, »ich bin die elende Ursache seines Verderbens gewesen! Er hilflos und verstoßen! Hier Honour, nimm all das Geld, das ich habe, nimm die Ringe von meinen Fingern. Hier, meine Uhr: bringe ihm alles. Geh, such ihn augenblicklich auf.« – »Um Gottes willen, Fräulein,« entgegnete Mamsell Honour, »bedenken Sie doch, wenn der gnädige Herr eines von diesen Dingen vermissen sollte, ich würde dafür verantwortlich sein. Geben Sie daher, ich bitte sie darum, Ihre Uhr und Juwelen nicht weg. Ueberdies dächte ich, wäre es mit dem Gelde auch genug; und davon kann der Herr auch nie etwas erfahren.« – »So nimm denn,« rief Sophie, »nimm alles, was ich nur habe; suche ihn sogleich auf und gieb es ihm. Geh, geh, verliere keinen Augenblick.« Mamsell Honour gehorchte ihrem Befehle und da sie den schwarzen Georg noch unten fand, so übergab sie ihm die Börse mit sechszehn Guineen, worin die ganze Baarschaft Sophiens bestand; denn obgleich ihr Vater sehr freigebig gegen sie war, so war sie doch viel zu wohlthätig, um reich zu sein. George machte sich mit der Börse auf nach dem Bierhause; aber unterwegs kam ihm der Gedanke ein, ob er nicht dieses Geld gleichfalls behalten sollte. Sein Gewissen schauderte jedoch gleich bei diesem Vorsatze und machte ihm Vorwürfe über die Undankbarkeit gegen seinen Wohlthäter. Dagegen wendete seine Habsucht ein, das hätte sein Gewissen zuvor bedenken sollen, ehe er den armen Jones 143 seiner 500 Pf. beraubte; da es geschwiegen hätte bei einem um so viel wichtigeren Gegenstande, so wäre es absurd, wo nicht offenbare Heuchelei, um dieser Kleinigkeit willen Unruhe zu affectiren. Das Gewissen wiederum suchte, gleich einem guten Advocaten, zu unterscheiden zwischen einem absoluten Treuebruche, wie hier, wo das Gut anvertraut war, und einem bloßen Verheimlichen von etwas Gefundenem, wie in dem vorigen Falle. Dies zog die Habsucht sogleich ins Lächerliche, nannte es eine Unterscheidung ohne Unterschied und bestand auf der Behauptung, daß, wenn einmal in einem Falle alle Ansprüche auf Ehre und Tugend aufgegeben worden wären, das Präjudiz einer Beanspruchung derselben in einem zweiten von selbst wegfalle. Kurz, das arme Gewissen wäre gewiß rücksichtlich der Argumentation unterlegen, hätte sich nicht die Furcht zu ihrem Beistande aufgeworfen und streng darauf bestanden, daß der wirkliche Unterschied zwischen den beiden Handlungen nicht in den verschiedenen Graden von Ehre, sondern von Sicherheit liege; denn die 500 Pf. zu verheimlichen, wäre sehr wenig riskant, während die Verheimlichung der sechszehn Guineen höchst gewagt wäre. Durch diese freundliche Unterstützung von Seiten der Furcht, errang das Gewissen einen vollständigen Sieg über des schwarzen Georg's Seele und zwang ihn, nach einigen ihm über seine Ehrlichkeit gemachten Complimenten, das Geld an Jones abzugeben. 144 Vierzehntes Kapitel. Ein kurzes Kapitel mit einem kurzen Gespräch zwischen dem Squire Western und seiner Schwester. Fräulein Western war den ganzen Tag über auswärts gewesen. Der Squire ging ihr bei ihrer Rückkehr entgegen und berichtete ihr auf ihre Fragen nach Sophien, daß er sich ihrer hinreichend versichert hätte. »Sie ist in ihrem Zimmer eingeschlossen,« rief er, »und Honour hat den Schlüssel.« Seiner unendlich weisen und klugen Miene nach zu urtheilen, mit welcher er seiner Schwester diese Auskunft gab, erwartete er vermuthlich großen Beifall über diese seine Anordnung; allein wie sehr fand er sich getäuscht, als sie mit der verächtlichsten Miene ausrief: »Wahrhaftig, Bruder, Du bist doch der schwächste von allen Männern. Warum verlässest Du Dich nicht auf mich, was die Leitung meiner Nichte anlangt? Warum willst Du Dich darein mischen? Du hast nun alles wieder verdorben, was ich, ohne meinen Athem zu schonen, gutgemacht hatte. Während ich mich bemüht habe, ihr Gemüth mit Lehren der Klugheit zu erfüllen, hast Du sie gereizt, dieselben von sich zu weisen. Englische Frauen, Bruder, sind, Dank dem Himmel, keine Sklavinnen. Wir sind nicht einzusperren, wie die spanischen und italienischen Weiber. Wir haben ein eben so gutes Recht zur Freiheit als ihr. Wir sind nur durch Gründe und durch Ueberredung zu überzeugen und nicht durch Gewalt zu regieren. Ich habe die Welt gesehen, Bruder, und weiß was für Beweisgründe anzuwenden sind; und hätte sie, wärest Du mit Deiner Thorheit nicht dazwischen gekommen, so weit gebracht, daß sie ihr Verhalten nach jenen Regeln der Klugheit einrichtete, die ich ihr bereits eingeschärft habe.« – »Das ist doch wahr,« sagte der Squire, »Ich habe 145 allemal unrecht.« – »Bruder,« entgegnete das Fräulein, »Du hast nicht unrecht, außer wenn Du Dich in Sachen mischest, die Du nicht verstehst. Du mußt zugeben, daß ich viel von der Welt gesehen habe; und es wäre ein Glück für meine Nichte gewesen, wenn man sie meiner Aufsicht nicht entzogen hätte. Dadurch, daß sie bei Dir zu Hause gelebt hat, ist sie auf romanhafte Begriffe von Liebe und andern Unsinn gerathen.« – »Ich hoffe doch nicht,« rief der Squire, »daß Du glaubst, ich hätte ihr solche Dinge beigebracht.« – »Deine Unwissenheit, Bruder,« erwiederte sie, »besiegt meine Geduld, wie der große Milton sagt.« Des Lesers Geduld dürfte vielleicht auch besiegt werden, wenn er nach dieser Stelle in Milton suchen wollte. – »Hol' der Teufel Deinen Milton!« versetzte der Squire: »wenn er die Unverschämtheit hätte, mir so etwas in's Gesicht zu sagen, so bekäme er eine Maulschelle von mir, wenn er auch ein noch so großer Mann wäre. Geduld! Wenn Du darauf kommst, Schwester, die muß ich wohl mehr haben, mich wie einen großen Schuljungen von Dir behandeln zu lassen. Denkst Du etwa, es habe Niemand weiter Verstand, als wer bei Hofe gewesen ist? Hol's der Henker! Die Welt ginge einen guten Schritt, wahrhaftig, wenn wir alle Narren wären bis auf ein Paar Rundhüte und Hannöversche Ratten. Alle Teufel! Ich hoffe, die Zeiten sollen kommen, daß wir aus ihnen Narren machen und daß sich Jedermann des Seinigen freuen kann. Das ist's, Schwester, daß sich Jedermann des Seinigen freuen kann. Ich hoffe es zu erleben, Schwester, ehe die Hannöverschen Ratten alles unser Korn aufgefressen und uns nichts als Rüben übrig gelassen haben.« – »Ich bekenne, Bruder,« rief sie, »daß Du jetzt meinen Verstand beschämt hast, Dein Kauderwälsch von Rüben und 146 Hannöverschen Ratten ist mir vollkommen unverständlich.« – »Ich glaube,« rief er, »Du magst nichts davon hören; aber darum wird das Interesse des Landes doch gedeihen.« – »Ich wünschte,« erwiederte sie, »Du bekümmertest Dich ein wenig um das Interesse Deiner Tochter; denn die ist, glaube ich, in größerer Gefahr, als die Nation.« – »So eben,« sagte er, »schaltst Du mich ja, daß ich mich darum bekümmere und wolltest die Sorge darum allein für Dich haben.« – »Das will ich auch,« antwortete sie, »wenn Du mir versprichst, Dich nicht mehr darein zu mischen.« – »Wohlan, ich bin's zufrieden,« sagte der Squire, »denn Du weißt, ich bin immer damit einverstanden, daß Weiber mit Weibern am Besten umzugehen verstehen.« Fräulein Western entfernte sich hierauf, indem sie mit einer verächtlichen Miene etwas von Weibern und Umgehen vor sich hin murmelte. Sie begab sich sogleich auf Sophiens Zimmer und befreite diese, nach eintägiger Gefangenschaft, wieder aus ihrer Haft. 147 Siebentes Buch. Umfaßt drei Tage. Erstes Kapitel. Eine Vergleichung der Welt mit der Bühne. Die Welt ist oft mit einem Theater verglichen worden, und viele Schriftsteller, Prosaiker sowohl als Dichter, haben das menschliche Leben als ein großes Drama, fast in jeder Beziehung als jenen theatralischen Darstellungen gleichend, dargestellt, welche Thespis zuerst erfunden haben soll und welche in allen gebildeten Ländern mit so viel Beifall und Entzücken aufgenommen worden sind. Dieser Gedanke ist so weit ausgedehnt und so allgemein geworden, daß manche technische Theaterausdrücke, die anfangs metaphorisch auf die Welt übergetragen wurden, jetzt ohne Unterschied und wörtlich von beiden gebraucht werden: so sind uns Bühne und Scene durch ihre gemeinschaftliche Anwendung eben so gewöhnlich geworden, wenn wir vom Leben im Allgemeinen sprechen, als wenn wir uns auf dramatische Darstellungen beschränken; und wenn von Verhandlungen hinter dem Vorhange die Rede ist, so fällt uns wohl eher St. James als Drurylane ein. Das alles scheint sich ziemlich leicht erklären zu lassen, wenn man erwägt, daß das Schauspiel nichts weiter ist, 148 als eine Darstellung, oder, wie sich Aristoteles ausdrückt, eine Nachahmung desjenigen, was in der Wirklichkeit existirt; und daher könnten wir schon jenen Schriftstellern ein großes Compliment machen, die durch ihre Schriften oder Schilderungen das Leben so nachzuahmen vermochten, daß ihre Gemälde gewissermaßen mit den Originalen verwechselt wurden. Aber wir sind wirklich nicht so freigebig mit Complimenten gegen diese Leute, mit denen wir umgehen, wie häufig Kinder mit ihren Spielsachen, indem wir sie lieber auszischen und auspfeifen, als ihre Geschicklichkeit bewundern. Es giebt noch manche andere Gründe, aus denen uns die Analogie zwischen der Welt und der Bühne gerechtfertigt erscheint. Manche haben den größeren Theil der Menschen mit Schauspielern verglichen, weil sie fremde Charaktere darstellen, die ihnen eben so wenig eigen sind, als der Schauspieler wirklich der König oder Kaiser ist, dessen Rolle er giebt. Auf diese Art kann ein Heuchler ein Schauspieler genannt werden; und in der That benennen die Griechen beide mit einem und demselben Namen. Die Kürze des Lebens hat gleichfalls Gelegenheit zu dieser Vergleichung gegeben. So sagt der unsterbliche Shakspeare – Das Leben gleicht einem armen Schauspieler, Der sich sein Stündchen auf der Bühne brüstet und ereifert, Und dann nicht weiter gehört wird. In allen solchen Vergleichungen zwischen dem Leben und dem Theater ist die Aehnlichkeit stets von der Bühne allein hergenommen. Niemand hat, so viel ich mich erinnere, irgend wie auf die Zuschauer bei diesem großen Drama Rücksicht genommen. Allein da die Natur oft ihre besten Vorstellungen vor 149 einem vollen Hause giebt, so wird das Benehmen ihrer Zuschauer die oben erwähnte Vergleichung nicht weniger zulassen als das ihrer Schauspieler. In diesem großen Theater der Zeit saßen der Freund und der Kritiker; und da ward geklatscht und gejubelt und gepfiffen und gezischt, kurz da war alles, was man je in dem königlichen Theater gesehen oder gehört hat. Lassen Sie uns das an einem Beispiele sehen, und zwar an dem Benehmen der Zuschauer bei jener Scene, welche die Natur im zwölften Kapitel des vorhergehenden Buches darstellte, wo sie den schwarzen Georg vorführte, wie er seinem Freunde und Wohlthäter mit den 500 £ davonging. Diejenigen, welche in der obersten Gallerie der Welt saßen, behandelten diesen Vorfall, davon bin ich fest überzeugt, auf ihre gewöhnliche lärmende Weise, und es wurde bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich kein pöbelhafter Ausdruck des Vorwurfs gespart. Wären wir zur nächsten Abtheilung der Zuschauer herabgestiegen, so würden wir einen gleichen Grad von Abscheu, obgleich weniger Geschrei und Gemeinheit wahrgenommen haben; und dennoch überantworteten hier die guten Frauen den schwarzen Georg dem Teufel und viele derselben erwarteten jede Minute, daß der Herr mit dem Pferdefuße sich seines Eigenthums versichern würde. Das Parterre war ohne Zweifel, wie gewöhnlich, getheilt: diejenigen, welche nur an aufopfernder Tugend und Vollkommenheit des Charakters Gefallen finden, verwarfen die Vorführung solcher Beispiele von Bosheit, ohne zugleich die strenge Bestrafung derselben mit folgen zu lassen. Einige Freunde des Autors riefen: »Ja, meine Herren, der Mann ist ein Bösewicht; im Ganzen ist die Sache aber doch natürlich.« Und alle jungen Kritiker, 150 Schreiber, Lehrlinge u. s. w. nannten es gemein und fingen an zu seufzen. Was die Logen anlangt, so benahmen die sich in ihrer gewohnten höflichen Weise. Die meisten erwarteten noch weiter etwas. Einige wenige, die die Scene auf irgend eine Weise beachteten, erklärten, daß er ein schlechter Mensch wäre, während andere mit ihrer Meinung zurückhielten, bis sie die der besten Kunstrichter gehört haben würden. Wir nun, die wir hinter den Coulissen dieses großen Theaters der Natur Zutritt haben (und kein Schriftsteller, der nicht dieses Privilegium hat, sollte etwas Anderes schreiben als Wörterbücher und Abcbücher), wir können die Handlung beurtheilen, ohne einen unbedingten Abscheu gegen die Person zu fasse, die die Natur vielleicht nicht für alle ihre Dramen zu schlechten Rollen bestimmt hat; denn in dieser Beziehung gleicht das Leben ganz genau der Bühne, indem oft die nämliche Person den Bösewicht und den Helden darstellt: und der sich heut eure Bewunderung erwirbt, wird sich vielleicht morgen eure Verachtung zuziehen. So wie Garrick, den ich im Trauerspiele für das größte Genie halte, das die Welt jemals hervorgebracht hat, sich bisweilen dazu hergiebt, den Narren zu spielen, so machte es, nach Angabe des Horaz, einst Scipio der Große und Lälius der Weise; ja Cicero berichtet über sie, daß sie »ungemein kindisch« gewesen wären. Diese spielten freilich, gleichwie mein Freund Garrick, den Narren nur im Scherze; aber verschiedene eminente Charaktere haben in unzähligen Fällen ihres Lebens den Narren ganz vortrefflich im Ernste dargestellt; so zwar, daß es einigermaßen zweifelhaft wurde, ob ihr Verstand oder ihre Narrheit das Uebergewicht hatte, oder ob sie mehr Beifall oder Tadel, Bewunderung oder Verachtung, Liebe oder Haß verdienten. Diejenigen Personen also, welche irgend eine Zeitlang 151 hinter der Coulisse dieses großen Theaters verweilt haben und nicht allein mit den mannigfachen Verkleidungen, welche dort vorgenommen werden, sondern auch mit dem fantastischen und launenhaften Wesen der Leidenschaften, in deren Händen die oberste Leitung dieses Theaters ist (denn die Vernunft, welche eigentlich das Privilegium hat, ist eine sehr müßige Person und macht sich selten geltend), vollkommen vertraut sind, werden höchst wahrscheinlich das bekannte nil admirari des Horaz verstehen gelernt haben. Eine einzige schlechte Handlung stempelt eben so wenig einen Bösewicht im Leben, als eine einzige schlechte Rolle auf der Bühne. Die Leidenschaften nöthigen oft, gleichwie die Directoren eines Schauspielhauses, Leute zur Uebernahme von Rollen, ohne zu bedenken, ob diese ihrer Denkungsart oder ihren Fähigkeiten angemessen sind. So kann der Mensch, eben so wie der Schauspieler, seine Handlungsweise verabscheuen; ja es ist sogar etwas Gewöhnliches, zu sehen, daß das Laster manche Menschen eben so wenig kleidet, wie der Charakter des Jago dem ehrlichen Gesicht William Mill's entsprach. Mit einem Worte also, der Biedere und wahrhaft Verständige beeilt sich nie mit seinem Verdammungsurtheil. Er kann einen Fehler, oder selbst ein Laster rügen, ohne gegen den Schuldigen zu wüthen. Kurz all dem Schreien und Toben, im Leben sowohl als auf der Bühne, liegt derselbe Mangel an Verstand, dasselbe kindische Wesen, dieselbe schlechte Erziehung und dieselbe Bosheit zum Grunde. Gemeiniglich führen die schlechtesten Menschen die Worte Schurke und Bösewicht am häufigsten im Munde, so wie die gemeinsten Seelen am ersten im Parterre ihr »gemein« ausrufen. 152 Zweites Kapitel. Herr Jones hält ein Selbstgespräch. Jones erhielt seine Sachen von Herrn Allworthy am andern Morgen früh mit der folgenden Antwort auf seinen Brief: »Mein Herr, »Im Auftrage meines Oheims melde ich Ihnen, daß er nicht ohne die reiflichste Ueberlegung und ohne die vollste Ueberzeugung von Ihrer Unwürdigkeit zu den gegen Sie genommenen Maßregeln schritt, und daß es nie in Ihrer Macht stehen werde, ihn zur geringsten Aenderung in seinem Entschlusse zu vermögen. Er drückt seine große Verwunderung über Ihre Anmaßung aus, die Sie in den Worten an den Tag legen, daß Sie allen Ansprüchen auf eine junge Dame entsagt hätten, auf deren Besitz Sie unmöglich jemals Ansprüche haben konnten, da sie vermöge ihrer Geburt und ihres Vermögens unendlich weit über Ihnen steht. Endlich soll ich Ihnen sagen, daß mein Oheim nur das als Beweis Ihrer Fügung in seinen Willen ansehen wird, daß Sie unverzüglich dieses Land verlassen. Ich kann nicht schließen, ohne Ihnen meinen Rath, den Rath eines Christen, anzubieten, daß Sie nämlich ernstlich daran denken mögen, Ihren Lebenswandel zu bessern. Daß Ihnen die Gnade des Himmels darin beistehen möge, ist das Gebet »Ihres ergebenen Dieners »W. Blifil.«         Viele einander widerstreitende Leidenschaften wurden durch diesen Brief in unseres Helden Seele erweckt; aber die sanften behielten endlich die Oberhand über die stürmischen, und ein Strom von Thränen erleichterte ihn zu 153 rechter Zeit und verhinderte vielleicht, daß ihm sein Unglück die Fassung raubte oder ihm das Herz brach. Bald erwachte indessen die Schaam über seine Schwäche; er raffte sich auf und rief: »Wohlan denn, ich will Herrn Allworthy den verlangten Beweis meines Gehorsams geben; ich will mich sogleich aufmachen – aber wohin? – Wie? das gute Glück mag mich führen; da niemand auf dieser Welt ist, den es kümmert, was aus mir wird, so soll es mir auch gleichgültig sein. Soll ich allein mich kümmern, da sonst niemand – Ha! habe ich nicht Ursache zu glauben, daß es doch jemanden giebt? – eine, die mir mehr gilt als die ganze Welt! – Ich darf, ich muß annehmen, daß es meiner Sophie nicht gleichgültig ist, was aus mir wird. Soll ich also diese einzige Freundin verlassen – solch eine Freundin verlassen? Soll ich nicht bei ihr bleiben? – Wo – wie kann ich in ihrer Nähe bleiben? Habe ich die entfernteste Hoffnung, sie je zu sehen, wenn sie es auch so sehnlich wünscht wie ich selbst, ohne sie dem Zorne ihres Vaters auszusetzen? und zu welchem Ende? Kann ich daran denken, solch ein Wesen zu bestimmen, daß es sich in sein Verderben stürzt! Soll ich einer Leidenschaft nachgeben, die ein solches Opfer fordert? Soll ich in dieser Gegend wie ein Dieb mit solchen Plänen herumschleichen? Nein, ich verachte, ich verabscheue den Gedanken. Lebe wohl, Sophie; lebe wohl, Du Holde, Du Geliebteste« – hier versagte ihm die Sprache und seine Gemüthsbewegung machte sich durch Thränen Luft. Und jetzt, da er den Entschluß gefaßt hatte, das Land zu verlassen, fing er an mit sich zu Rathe zu gehen, wohin er sich wenden sollte. Die ganze Welt, wie Milton sagt, lag vor ihm, und Jones hatte niemanden, bei dem er Trost oder Beistand suchen konnte. Alle seine Bekannten waren die Bekannten Allworthy's; und von diesen durfte 154 er auf keine Unterstützung rechnen, da ihm Letzterer seine Gunst entzogen hatten. Männer von erhabenem und gutem Charakter sollten wirklich sehr vorsichtig darin sein, wie sie solche, die von ihnen abhängig sind, von sich entfernen; denn die Folge für diese Unglücklichen ist, daß sich alle andern von ihnen zurückziehen. Eine zweite Frage war nun, was er ergreifen, welche Laufbahn er einschlagen sollte: und in dieser Hinsicht bot ihm die Zukunft eine traurige und öde Aussicht. Jeder Erwerbszweig erforderte Zeit, und was das Schlimmste war, Geld; denn so ist nun einmal die Einrichtung der Dinge, daß der Grundsatz »aus nichts kann nichts werden« in der Natur eben so Anwendung findet als im Staate; und ein jeder, dem es an Gelde fehlt, ist darum aller Mittel beraubt, welches zu erwerben. Endlich öffnete der Ocean, dieser gastliche Freund der Bedrängten, seine weiten Arme, ihn aufzunehmen, und er faßte sogleich den Entschluß, seine freundliche Einladung anzunehmen. Um mich weniger figürlich auszudrücken, er nahm sich vor, zur See zu gehen. Dieser Gedanke hatte sich ihm in der That kaum dargeboten, als er ihn mit Begierde erfaßte. Er miethete sogleich Pferde und machte sich nach Bristol auf, ihn zur Ausführung zu bringen. Doch ehe wir ihn auf dieser Expedition begleiten, wollen wir ein wenig im Hause des Herrn Western verweilen, um zu sehen, wie es der lieblichen Sophie erging. Drittes Kapitel. Enthält verschiedene Gespräche. An dem Morgen, an welchem Herr Jones abreiste, rief Fräulein Western Sophien zu sich auf ihr Zimmer und 155 hielt ihr, nachdem sie ihr zuerst mitgetheilt, daß sie ihr die Freiheit bei ihrem Vater ausgewirkt hätte, eine lange Vorlesung über die Ehe, die sie keineswegs als ein romantisches Gemälde von Liebesglück darstellte, wie die Dichter gethan haben; auch erwähnte sie keine jener Zwecke, nach denen sie, wie die Geistlichen lehren, ein Fonds ist, in welchem kluge Frauen ihr Vermögen gegen die besten Zinsen anlegen. Nachdem Fräulein Western geendet hatte, antwortete Sophie, »daß sie keineswegs mit einer Dame, die so überlegene Kenntnisse und Erfahrung wie ihre Tante hätte, zu streiten im Stande wäre, namentlich über einen Gegenstand, wie die Ehe, über den sie so wenig nachgedacht hätte.« »Streiten, mit mir, Kind!« erwiederte die andere: »das erwartete ich auch nicht. Ich müßte wahrhaftig sehr wenig Gewinn davon haben, daß ich die Welt gesehen habe, wenn ich mit einer von Deinen Jahren mich auf Streiten einlassen wollte. Ich habe mir diese Mühe genommen, um Dich zu belehren. Die alten Philosophen, als Sokrates, Alcibiades und andere, pflegten sich nicht mit ihren Schülern zu streiten. Du hast mich, Kind, wie Sokrates zu betrachten, wie er frage ich nicht nach Deiner Meinung, sondern will Dich von der meinigen unterrichten.« Aus diesen letzten Worten dürfte der Leser vielleicht abnehmen, daß diese Dame von der Philosophie des Sokrates nicht mehr gelesen hat, als von der des Alcibiades; in der That können wir in dieser Hinsicht seine Neugier nicht befriedigen. »Tante«, rief Sophie, »ich habe mich nie unterstanden, irgend eine Ihrer Meinungen zu bestreiten; und was diesen Gegenstand anlangt, so habe ich, wie ich gesagt, noch nie darüber nachgedacht, und dürfte es vielleicht auch nie thun.« 156 »Nun wahrhaftig, Sophie,« erwiederte die Tante, »diese Verstellung gegen mich ist sehr thöricht. Die Franzosen sollen mich eben so leicht überreden, daß sie blos zur Vertheidigung ihres Landes fremde Städte erobern, als Du mich glauben machen kannst, Du hättest noch nie ernstlich über die Ehe nachgedacht. Wie kannst Du leugnen wollen, Kind, daß Du daran gedacht hast eine Verbindung einzugehen, wenn Du so wohl weißt, daß mir die von Dir beabsichtigte Partie bekannt ist? – eine Verbindung, die so unnatürlich und Deinem Interesse so zuwider ist, wie ein Separatvertrag mit den Franzosen es dem Interesse der Holländer sein würde? Wenn Du aber dennoch über diesen Gegenstand noch nicht nachgedacht hättest, so sage ich Dir, daß es nun hohe Zeit ist, es zu thun; denn mein Bruder ist entschlossen, den Contract mit Herrn Blifil unverzüglich abzuschließen, und ich habe eine Art Bürgschaft in der Sache übernommen und Deine Zustimmung versprochen.« »Dies, Tante,« rief Sophie, »ist gerade der einzige Fall, in welchem ich Ihnen sowohl wie meinem Vater ungehorsam sein muß. Denn das ist eine Heirath, zu deren Verweigerung es von meiner Seite sehr wenig Ueberlegung bedarf.« »Hätte ich es in der Philosophie nicht eben so weit gebracht, wie Sokrates selbst,« versetzte Fräulein Western, »so könntest Du meine Geduld ermüden. Was kannst Du gegen den jungen Mann einzuwenden haben?« »Sehr Wichtiges, meinem Dafürhalten nach«, sagte Sophie. – »Ich hasse ihn.« »Wirst Du nie die Worte in ihrer richtigen Bedeutung gebrauchen lernen?« war die Antwort der Tante. »Wirklich, Kind, Du solltest Bailey's Wörterbuch studiren. Es ist unmöglich, daß Du einen Mann hassen kannst, von 157 dem Du keine Beleidigung empfangen hast. Unter Haß verstehst Du daher nichts weiter als Abneigung, und dies ist kein genügender Einwand gegen eine Verheirathung mit ihm. Ich habe viele Eheleute gekannt, die sich einander durchaus nicht leiden konnten, und doch ein recht angenehmes und anständiges Leben führten. Glaube mir, Kind, ich kenne das besser, als Du. Du wirst mir, denke ich, zugeben, daß ich die Welt gesehen habe, und da habe ich denn nicht eine unter meinen Bekannten gefunden, die ihrem Gatten wohl nicht eher abgeneigt als zugethan gewesen wäre. Das Entgegengesetzte ist so altmodischer romanhafter Unsinn, daß der bloße Gedanke daran anekelt.« »Im Ernst, Tante«, entgegnete Sophie, »ich werde nie einen Mann heirathen, den ich nicht leiden kann. Wenn ich meinem Vater das Versprechen gebe, nie eine Heirath gegen seinen Willen einzugehen, so denke ich doch hoffen zu dürfen, daß er mich nie zu einer Heirath gegen meine Neigung zwingen wird.« »Neigung!« rief die Tante etwas gereizt, »Neigung! Ich erstaune über Deine Unverschämtheit. Ein junges Frauenzimmer von Deinem Alter, und unverheirathet, von Neigung zu reden! Aber, welche Bewandtniß es immer mit Deiner Neigung haben möge, mein Bruder ist entschlossen; ja, da Du von Neigung redest, werde ich ihm rathen, den Abschluß zu beschleunigen. Neigung!« Sophie warf sich ihr zu Füßen und Thränen träufelten aus ihren glänzenden Augen. Sie bat ihre Tante, Mitleiden mit ihr zu haben und ihr ihre Weigerung nicht so grausam entgelten zu lassen, daß sie sie unglücklich mache; auch führte sie zu wiederholten Malen an, daß sie ja allein betheiligt wäre und daß nur ihr Glück auf dem Spiele stünde. 158 Gleichwie der Scherge, wenn er, autorisirt durch seinen Verhaftbefehl, sich der Person des unglücklichen Schuldners bemächtigt hat, bei allen dessen Thränen ungerührt bleibt, trotz der Versuche des armen Gefangenen, sein Mitleid rege zu machen, trotz seines Widerstrebens, als dessen Grund er die Verlassenheit des zarten Weibes, des kleinen plaudernden Knaben oder des erschrockenen Mädchens anführt; gleichwie dieser, gegen alles Elend blind und taub, sich über jede Regung der Menschlichkeit hinwegsetzend, seine unglückliche Beute den Händen des Gefangenwärters zu überliefern beschließt, so war die politische Tante blind gegen die Thränen und taub gegen die Bitten Sophiens, nicht minder entschlossen, die zitternde Jungfrau den Armen Blifil's auszuliefern. Sie antwortete mit großer Heftigkeit: »Was das anlangt, Fräulein, daß Du allein betheiligt seist, so ist Dein Interesse im geringsten dabei im Spiele, oder sicherlich das am wenigsten wichtige. Die Ehre Deiner Familie ist es, die bei dieser Verbindung betheiligt ist; Du bist blos das Werkzeug. Meinst Du, Fräulein, daß bei einer Heirathsverbindung zweier Königreiche, wie wenn eine Tochter Frankreichs nach Spanien verheirathet wird, die Prinzessin allein berücksichtigt werde? Nein, es ist vielmehr eine Ehe zwischen zwei Königreichen, als zwischen zwei Personen. Derselbe Fall ist es mit großen Familien, wie die unsrige. Die Verbindung zwischen den Familien ist die Hauptsache. Du solltest mehr Rücksicht auf die Ehre Deiner Familie nehmen, als auf Deine Person; und wenn Dich das Beispiel einer Prinzessin nicht zu so edeln Gesinnungen entflammen kann, so sollst Du Dich wenigstens nicht beklagen, schlechter als irgend eine behandelt worden zu sein. »Ich hoffe, Tante,« rief Sophie mit etwas erhobener Stimme, »nie etwas zu thun, was meiner Familie zur Unehre gereichen wird; aber was Herrn Blifil betrifft, so 159 habe ich mich, was auch immer die Folgen sein mögen, gegen ihn entschieden und keine Macht soll mich zu seinen Gunsten bestimmen.« Western, der sich in der Nähe aufgehalten und den größeren Theil des vorausgehenden Gesprächs mit angehört hatte, trat jetzt, als seine ganze Geduld erschöpft war, in heftiger Bewegung in das Zimmer und rief: »Verflucht will ich sein, wenn Du ihn nicht nehmen sollst, verflucht will ich sein, wenn Du nicht sollst, und damit Punktum – damit Punktum; verflucht will ich sein, wenn Du nicht sollst.«. Fräulein Western hatte ein ziemliches Maaß Zorn gegen Sophien gesammelt; aber sie leerte es jetzt bis zum Boden gegen den Squire aus. »Bruder,« sagte sie, »ich muß erstaunen, daß Du Dich in eine Angelegenheit einmischest, die Du mir allein zur Ausgleichung überlassen hattest. Rücksichten gegen meine Familie haben mich vermocht, die Rolle der Vermittelung zu übernehmen, um jene Verstöße gegen die Klugheit, die Du Dir bei der Erziehung Deiner Tochter hast zu Schulden kommen lassen, wieder gut zu machen. Denn, Bruder, Du bist es – Dein widersinniges Benehmen ist es gewesen, wodurch all der gute Saamen, den ich früherhin in ihr zartes Gemüth gestreut hatte, wieder ausgerottet worden ist. Du selbst hast sie diesen Ungehorsam gelehrt« – »Hölle und Teufel!« rief der Squire, schäumend vor Wuth, »Du könntest den Teufel um seine Geduld bringen! Habe ich jemals meine Tochter gelehrt, ungehorsam zu sein? – Hier steht sie. – Sprich ehrlich, Mädchen; hieß ich Dich jemals ungehorsam gegen mich sein? Habe ich Dir nicht alles zu Gefallen gethan, damit Du mir folgen solltest? Und sie war mir sehr gehorsam, wie sie noch ein kleines Kind war, ehe Du sie in Deine Hände bekamst und sie verzogst und ihr den Kopf mit einem 160 Haufen Hofideen verdrehtest. Wie, – wie, – wie, – hörte ich Dich nicht zu ihr sagen, sie müßte sich wie eine Prinzessin betragen? Du hast eine Whig aus dem Mädchen gemacht; wie soll da ihr Vater, oder sonst jemand, Gehorsam von ihr erwarten?« – »Bruder,« antwortete Fräulein Western mit einem Ausdrucke tiefer Verachtung, »ich vermag die Verachtung, die ich gegen alle Deine Politik hege, nicht auszusprechen; aber ich will mich gleichfalls auf die junge Dame selbst berufen, ob ich ihr Lehren des Ungehorsams beigebracht habe. Im Gegentheil, Nichte, habe ich Dir nicht einen richtigen Begriff von den verschiedenen Verwandtschaften, in denen menschliche Geschöpfe in gesellschaftlicher Beziehung zu einander stehen, beizubringen gesucht? Habe ich mir nicht unendliche Mühe gegeben, Dir zu beweisen, daß das Naturgesetz Kindern Pflichten gegen ihre Eltern aufgelegt hat? Habe ich Dich nicht gelehrt, was Plato über diesen Gegenstand sagt; – einen Gegenstand, mit dem Du so durchaus unbekannt warest, als Du zuerst unter meine Aufsicht kamst, daß ich wirklich glaube, Du wußtest nichts von einer Verwandtschaft zwischen einer Tochter und einem Vater.« – »Das ist eine Lüge,« antwortete Western. »Das Mädchen ist nicht so dumm, daß sie bis ins elfte Jahr gelebt hätte, ohne zu wissen, daß sie mit ihrem Vater verwandt wäre.« – »O! mehr als Gothische Unwissenheit!« antwortete die Lady. »Und was Deine Manieren betrifft, Bruder, so muß ich Dir sagen, daß sie den Stock verdienen.« – »Ei so magst Du mir ihn geben, wenn Du Dich tüchtig dazu fühlst,« rief der Squire: »ja ich glaube, Deine Nichte würde Dir bereitwillig beistehen.« – »Bruder«, sagte Fräulein Western, »obgleich ich Dich über alle Ausdrücke verachte, so werde ich doch Deine Unverschämtheit nicht länger ertragen; ich wünsche daher, daß mein Wagen sogleich in Bereitschaft gesetzt werde, denn ich bin 161 entschlossen, noch diesen Morgen Dein Haus zu verlassen.« – »Und mich zu befreien obendrein,« antwortete er; »ich kann Deine Unverschämtheit nicht länger ertragen, daß Du es nur weißt. Verdammt! reicht es nicht allein schon hin, meinen Verstand in den Augen meiner Tochter herabzusetzen, wenn sie Dich jede Minute sagen hört, Du verachtest mich?« – »Es ist unmöglich, es ist unmöglich,« rief die Tante; »niemand kann einen solchen Bauer herabsetzen.« – »Bauer!« erwiederte der Squire, »ich bin kein Bauer; nein, auch kein Esel; und auch keine Ratte, Fräulein. Merke Dir das – auch keine Ratte. Ich bin ein ächter Engländer und nicht von Deiner hannöverschen Brut, die die Nation aufgefressen hat.« – »Du bist einer von jenen weisen Männern,« rief sie, »deren unsinnige Grundsätze der Nation zum Verderben gewesen sind, indem sie im Lande unsrer Regierung Fesseln anlegten und auswärts unsere Freunde entmuthigten und unsern Feinden Muth machten.« – »Ho! kommst Du schon wieder mit Deiner Politik?« rief der Squire: »die gilt mir nicht mehr wie ein –.« Dabei machte er eine Bewegung, durch die er das Wort, das er nicht aussprechen wollte, nicht deutlicher hätte bezeichnen können. Fräulein Western fühlte sich, ob mehr durch die gegen ihre Politik ausgedrückte Verachtung, oder die Art und Weise wie dies geschah, will ich nicht entscheiden, so sehr beleidigt, daß sie in die heftigste Wuth gerieth, Reden ausstieß, die sich nicht eignen hier wiederholt zu werden und in der größten Hast zum Hause hinauslief. Auch dachte weder ihr Bruder noch ihre Nichte daran, sie aufzuhalten oder ihr zu folgen; denn die eine war so befangen in ihrem Kummer, der andere in seinem Aerger, daß sie beide sich kaum rührten. Der Squire sendete seiner Schwester denselben Ausruf nach, mit dem er einen Hasen zu begrüßen pflegte, wenn 162 er plötzlich vor den Hunden aufspringt. Er war überhaupt ein großer Meister in Ausrufungen und hatte eine passende für beinahe jedes Ereigniß im Leben. Frauen, die, wie Fräulein Western, die Welt kennen und sich mit Philosophie und Politik beschäftigt haben, würden sich Herrn Western's gegenwärtige Stimmung sogleich zu Nutze gemacht und ihm auf Kosten seiner abwesenden Gegnerin schlau einiges Verbindliche über seine vernünftigen Ansichten gesagt haben, aber dazu war die arme Sophie zu einfach. Mit diesem Worte wollen wir dem Leser nicht etwa zu verstehen geben, daß sie einfältig gewesen wäre, was mit einfach gemeiniglich für synonym gilt. Denn sie war in der That ein sehr kluges Mädchen und ihr Verstand von ganz vorzüglicher Schärfe; aber es gebrach ihr ganz und gar an jener nützlichen List, welche Frauen auf so viele gute Zwecke im Leben verwenden, und welche, da sie mehr vom Herzen als vom Kopfe ausgeht, oftmals die Eigenschaft der einfältigsten Frauen ist. Viertes Kapitel. Conterfei einer Landedeldame nach dem Leben. Als Herr Western mit seinem Schreien aufgehört und wieder etwas Athem geschöpft hatte, fing er an in sehr nachdrücklicher Weise die Männer zu beklagen, »die,« so sagte er, »bei jedem Tritt und Schritt von den Launen irgend einer verdammten Hexe verfolgt würden. Ich denke, ich war von Deiner Mutter geplagt genug für einen Mann; kaum ist die weg, so ist wieder eine andere da; aber bei meinem Wams, keine soll mich länger an der Nase herumführen.« Sophie war bis zu dieser unglücklichen Angelegenheit mit Blifil nie über irgend etwas mit ihrem Vater in Streit gerathen, außer wenn sie ihre Mutter in Schutz nahm, 163 die sie auf das Zärtlichste geliebt hatte, obgleich sie erst elf Jahr alt war, als sie dieselbe verlor. Der Squire, dem dieses arme Weib, so lange ihre Ehe währte, mehr eine getreue Haushälterin und Dienerin gewesen war, hatte ihr dieses Benehmen dadurch vergolten,. daß er ihr, was die Welt so nennt, ein guter Gatte war. Er fluchte sehr selten (vielleicht nicht über einmal wöchentlich) auf sie und schlug sie nie: sie hatte nicht die geringste Ursache, eifersüchtig zu sein und war unumschränkte Gebieterin ihrer Zeit; denn sie wurde nie von ihrem Gemahl gestört, da dieser den ganzen Morgen mit seinen Beschäftigungen im Freien und den ganzen Abend mit seinen Saufkumpanen zubrachte. Sie bekam ihn beinahe nie außer bei Tische zu sehen, wo sie das Vergnügen hatte, die Gerichte vorzulegen, mit deren Zubereitung sie vorher beschäftigt gewesen war. Von diesen Mahlzeiten entfernte sie sich fünf Minuten später als die andern Dienstleute; nachdem sie noch zuvor einmal »auf den König, den Beherrscher der Gewässer« getrunken hatte. So war, wie es schien, Herrn Western's Befehl: denn es war ein Grundsatz von ihm, Frauen sollten mit dem ersten Gericht erscheinen und nach dem ersten Glase wieder gehen. Diesen Befehlen zu gehorchen war vielleicht keine schwierige Aufgabe; denn die Unterhaltung (wenn man es so nennen darf) war selten so, daß sie eine Dame hätte fesseln können. Sie bestand hauptsächlich in Schreien, Singen, Erzählungen von Jagdabenteuern und in Schimpfen auf die Weiber und auf die Regierung. Dies waren indessen die einzigen Zeiten, wo Herr Western seine Gattin sah; denn des Abends beim Zubettgehen war er gewöhnlich so betrunken, daß er sie nicht sehen konnte; und in der Jagdzeit stand er stets wieder auf, ehe es Tag wurde. Somit war sie unbeschränkte Gebieterin ihrer Zeit und hatte überdies eine Kutsche mit Vieren 164 fortwährend zu ihrer Verfügung, was ihr jedoch wegen der schlechten Nachbarschaft und der schlechten Wege nicht viel nützte; denn niemand, der sein Leben lieb hatte, wagte sich gern durch die erstere, und niemand, dem seine Zeit einigermaßen theuer war, auf die letzteren. Um nun aber ehrlich mit dem Leser zu sein, müssen wir gestehen, daß sie so viel Zärtlichkeit nicht ganz so erwiederte, wie man hätte erwarten sollen; denn ihr eitler Vater hatte sie gegen ihren Willen verheirathet, weil ihm die Verbindung sehr vortheilhaft schien, indem der Squire ein jährliches Einkommen von 3000 £ hatte und ihr ganzes Vermögen nicht über 8000 £ betrug. Dadurch war vielleicht ihr Gemüth etwas verstimmt worden; denn sie war mehr eine gute Dienerin als eine gute Gattin; auch war sie nicht immer so gefällig, die wilde und lärmende Lustigkeit, mit der ihr der Squire entgegenkam, auch nur mit einem freundlichen Lächeln zu vergelten. Sie sprach ferner bisweilen über Dinge, die sie nichts angingen, wie über das unmäßige Trinken ihres Gemahls, was sie in den mildesten Ausdrücken tadelte, wenn sich ja einmal die selten günstige Gelegenheit dazu darbot. Und ein einziges Mal in ihrem Leben bat sie ihn recht dringend, sie auf zwei Monate nach London zu bringen, was er ihr auf das Bestimmteste abschlug, ja worüber er ihr für alle Zukunft zürnte, weil er den festen Glauben hatte, daß jeder verheirathete Mann in London ein Hahnrei wäre. Aus diesem letztern, so wie aus vielen andern Gründen, faßte Western endlich einen tiefen Haß gegen seine Gattin, und so wie er diesen bei ihren Lebzeiten nie verbarg, so vergaß er ihn auch nach ihrem Tode nicht; sondern machte, wenn ihn irgend etwas im Geringsten ärgerte, wie etwa eine ungünstige Witterung zur Jagd, oder eine Krankheit unter seinen Hunden, oder ein ähnliches Unglück, seinem 165 Verdrusse durch Schmähungen der Verstorbenen Luft, indem er sagte: »Wenn meine Frau noch lebte, die würde sich darüber freuen.« Diese Schmähungen ließ er vorzüglich gern in Sophiens Gegenwart laut werden; denn da er sie über Alles liebte, so war er wirklich eifersüchtig, daß sie ihre Mutter mehr geliebt haben möchte als ihn. Und diese Eifersucht erhöhte Sophie bei solchen Gelegenheiten nur noch; denn er begnügte sich nicht, ihre Ohren mit Verunglimpfungen ihrer Mutter zu beleidigen, sondern suchte ihr auch die ausdrückliche Erklärung abzunöthigen, daß er Recht habe, wozu er sie jedoch niemals weder durch Versprechungen noch Drohungen zu bewegen vermochte. Dieserhalb werden sich manche meiner Leser vielleicht wundern, daß der Squire Sophien nicht ebenso sehr gehaßt habe wie ihre Mutter; aber ihnen muß ich zu Herzen führen, daß der Haß nicht eine Folge der Liebe ist, selbst dann nicht, wenn Eifersucht ins Spiel kommt. Es ist in der That sehr möglich, daß eifersüchtige Personen den Gegenstand ihrer Eifersucht tödten, aber nicht, daß sie ihn hassen. Dieser Ausspruch ist allerdings eine etwas harte Nuß und scheint etwas paradox zu sein, wir schließen daher das Kapitel, damit sie der Leser mit Muße knacken könne. Fünftes Kapitel. Sophiens edelmüthiges Betragen gegen ihre Tante. Sophie hatte zu allem, was ihr Vater bisher gesagt hatte, still geschwiegen und nur mit einem Seufzer geantwortet. Die Sprache der Augen verstand er nicht, und so forderte er eine deutlichere Erklärung von seiner Tochter, ob sie seinen Ansichten beistimme, indem er, wie gewöhnlich, 166 sagte, »er sei darauf gefaßt, daß sie sich eher für jeden andern als für ihn erklären werde, wie sie sich immer für das Beest, ihre Mutter, erklärt habe.« Da Sophie noch immer schwieg, so rief er aus: »Wie, bist Du stumm? Warum sprichst Du nicht? War Deine Mutter nicht stets ein Beest gegen mich? Antworte mir. Was, ich glaube, Du verachtest Deinen Vater auch, und hältst ihn nicht einmal für gut genug, mit ihm zu sprechen?« »Um des Himmels willen, Vater,« antwortete Sophie, »lege meinem Schweigen nicht eine so schreckliche Absicht unter! Lieber wollte ich sterben, als mich einer Unehrerbietigkeit gegen Dich schuldig machen; aber wie kann ich zu sprechen wagen, wenn jedes Wort entweder meinen theuern Vater verletzen oder mich des schwärzesten Undanks gegen die beste der Mütter zeihen müßte; denn das ist sie mir doch stets gewesen?« »Und Deine Tante ist auch die beste der Schwestern, nicht wahr?« entgegnete der Squire. »Wirst Du so gut sein, mir zuzugeben, daß sie eine Hexe ist? das kann ich doch wohl behaupten.« »Doch, Vater,« sagte Sophie, »bin ich ihr große Verpflichtungen schuldig. Sie ist mir eine zweite Mutter gewesen.« »Und mir eine zweite Frau,« versetzte Western; »so willst Du also auch ihre Partei nehmen? Du willst nicht bekennen, daß sie die schlechteste Schwester von der Welt gegen mich gewesen ist?« »Wahrhaftig, Vater,« rief Sophie, »ich müßte mein Herz belügen, wenn ich es thäte. Ich weiß, die Denkungsweise meiner Tante ist sehr verschieden von der Deinigen; aber ich habe sie tausendmal in den Ausdrücken der herzlichsten Zuneigung von Dir sprechen hören, und ich bin überzeugt, daß sie nichts weniger als die schlechteste 167 Schwester ist, ja daß es sehr wenige geben wird, die einen Bruder mehr lieben als sie.« »Das heißt mit andern Worten,« entgegnete der Squire, »ich habe Unrecht. Ja, gewiß. Ja, ja; die Weiber haben Recht, und der Mann hat allemal Unrecht.« »Verzeihung, Vater,« rief Sophie. »Das habe ich nicht gesagt.« »Was hättest Du nicht gesagt?« erwiederte der Vater; »Du hast die Unverschämtheit zu sagen, daß sie Recht hat; folgt daraus nicht natürlich, daß ich Unrecht habe? Und vielleicht habe ich Unrecht, daß ich eine solche presbyterianische Hexe in meinem Hause dulde.« »Sie beabsichtigt so wenig, Dir oder Deinem Vermögen zu schaden,« sagte Sophie, »daß ich überzeugt bin, wäre sie gestern gestorben, sie hätte Dir alles was sie besitzt hinterlassen.« Ob es nun Sophiens Absicht war oder nicht, will ich nicht entscheiden; aber gewiß ist es, daß diese letzten Worte einen sehr tiefen Eindruck auf ihren Vater machten und eine weit größere Wirkung hervorbrachten als alles, was sie zuvor gesagt hatte. Wie der Laut seine Ohren traf, machte er ungefähr dieselbe Bewegung wie einer, der eine Kugel vor den Kopf bekömmt. Er schrak zusammen, wankte und wurde leichenblaß, dann schwieg er über eine Minute lang still und fing endlich an zu stottern: »Gestern! gestern würde sie mir ihr Vermögen hinterlassen haben? Warum gerade gestern unter allen Tagen im Jahre? Ich glaube, wenn sie morgen stirbt, wird sie es jemand anderm vermachen, und vielleicht niemandem aus der Familie.« – »Meine Tante,« rief Sophie, »ist in einer sehr großen Aufregung und ich kann nicht dafür stehen, was sie unter deren Einfluß morgen thun wird.« »Du kannst nicht!« erwiederte der Vater; »und ich 168 bitte Dich, wer war die Ursache, daß sie in so heftiger Aufregung ist? Ja, wer hat sie jetzt so aufgeregt? Warst Du nicht in hitzigem Streite mit ihr, als ich in's Zimmer trat? Und überdies, kam nicht unser ganzer Zank um Dich her? Ich habe mich die ganzen Jahre nicht mit der Schwester gezankt außer um Deinetwillen; und jetzt willst Du die ganze Schuld auf mich wälzen, als ob ich die Ursache wäre, warum sie der Familie ihr Vermögen entzieht. Ich konnte es freilich nicht besser erwarten: das ist wahrscheinlich Dein Dank für alle meine Liebe.« »Ich bitte Dich, Vater,« rief Sophie, »auf den Knien bitte ich Dich, wenn ich die unglückliche Ursache dieses Zwistes gewesen bin, versuche es, die Tante zu versöhnen und laß sie nicht in solchem Zorne aus Deinem Hause gehen; sie ist gut von Gemüth und wenige freundliche Worte werden bei ihr alles wieder gut machen. – Ich bitte Dich, mein Vater.« »So muß ich gehen und um Deines Fehlers willen um Verzeihung bitten, nicht?« entgegnete Western. »Der Haase ist fort, Du hast die Spur verloren und ich muß überall herumsuchen, um sie wieder zu finden? Freilich, wenn ich gewiß wüßte –« Hier hielt er inne und Sophie, die jetzt noch mehr bat, überredete ihn endlich, so daß er, nach einigen bittern sarcastischen Aeußerungen gegen seine Tochter, so schnell als er konnte davon eilte, um seine Schwester noch wieder zu gewinnen, ehe ihre Equipage in Bereitschaft gesetzt wäre. Sophie kehrte dann in ihr Trauergemach zurück, wo sie sich ihrem zärtlichen Kummer überließ und so zu sagen darin schwelgte. Sie las mehr als einmal den Brief, den sie von Jones empfangen hatte; auch ihren Muff liebkoste sie und zerfloß dabei fast in Thränen. Bei dieser Gelegenheit erschöpfte die freundliche Mamsell Honour ihr ganzes 169 Talent, um ihre betrübte Herrin zu trösten. Sie zählte die Namen vieler junger Herren auf und rieth Sophien, nachdem sie vieles zu deren Empfehlung beigebracht, einen daraus zu wählen. Solche Heilmethoden müssen jedenfalls in ähnlichen Fällen mit einigem Erfolge angewendet worden sein, sonst würde ein so geschickter Praktiker, wie Mamsell Honour, nicht gewagt haben, die Zuflucht dazu zu nehmen; ja ich habe gehört, daß das Collegium der Kammermädchen sie für vorzüglicher hält als irgend eine, die das Receptbuch der Frauen aufzuweisen hat; aber ob nun Sophiens Krankheit ihrem innern Wesen nach von den Fällen, mit denen sie nach ihren äußern Symptomen zu urtheilen Aehnlichkeit hatte, verschieden war, will ich nicht bestimmen; allein so viel ist Thatsache, daß das gute Kammermädchen mehr Schaden als Nutzen stiftete und ihre Gebieterin endlich so sehr reizte (was sonst nicht leicht geschah), daß diese ihr in einem zornigen Tone befahl, sie allein zu lassen. Sechstes Kapitel. Handelt von sehr verschiedenartigen Dingen. Der Squire holte seine Schwester ein, gerade als sie im Begriff war in den Wagen zu steigen und erlangte, theils durch Gewalt, theils durch Bitten, den Befehl von ihr, ihre Pferde wieder in den Stall zurückzuführen. Dieser Erfolg wurde ihm nicht sehr schwer; denn die Dame war, wie wir bereits angedeutet haben, von sehr versöhnlicher Natur und liebte ihren Bruder sehr, obgleich sie seine geistigen Eigenschaften oder vielmehr seine geringe Weltkenntniß verachtete. Die arme Sophie, welche diese Versöhnung erst eingeleitet hatte, ward nun zum Opfer derselben ausersehen. Sie stimmten beide im Tadel ihres Benehmens überein, 170 erklärten ihr gemeinschaftlich den Krieg und gingen ohne Verzug mit einander zu Rathe, wie er auf das nachdrücklichste zu führen sei. Zu diesem Zwecke schlug Fräulein Western das sofortige Zustandebringen des Vertrags mit Allworthy und seine ungesäumte Ausführung vor, indem sie sagte, »es gäbe ihrer Nichte gegenüber keine andern als Zwangsmittel und sie wäre überzeugt, daß Sophie nicht Entschlossenheit genug besäße, um diesen zu widerstehen. Unter Zwangsmitteln,« fügte sie hinzu, »verstehe ich vielmehr schleunige Maßregeln; denn was Einsperrung oder absolute Gewalt betrifft, so etwas kann und darf nicht versucht werden. Unser Plan muß auf eine Ueberrumpelung und nicht auf einen Sturm abzielen.« Diese Beschlüsse waren eben gefaßt worden, als Herr Blifil ankam, um seiner Gebieterin einen Besuch abzustatten. Der Squire hatte kaum seine Ankunft erfahren, als er auf Anrathen seiner Schwester hinwegging, um seine Tochter auf den Empfang ihres Liebhabers vorzubereiten. Das that er denn auch, indem er ihrer Weigerung die bittersten Verwünschungen und Drohungen entgegensetzte. Dem Ungestüm des Squire mußte alles weichen; und Sophie war, wie ihre Tante sehr schlau vorhersah, unvermögend, ihm zu widerstehen. Sie erklärte sich daher bereit, Blifil zu empfangen, obgleich sie kaum Kraft genug fand, ihre Zustimmung auszusprechen. Es war in der That nichts Leichtes, einem Vater, den sie zärtlich liebte, entschieden entgegenzutreten. Wäre dieser Umstand nicht gewesen, so hätte es vielleicht einer weit geringern Entschlossenheit, als sie wirklich besaß, bedurft; aber es ist nichts Ungewöhnliches, solche Handlungen, die großentheils aus Liebe entsprungen sind, auf Rechnung der Furcht zu schreiben. In Folge des ausdrücklichen Befehls ihres Vaters nahm also Sophie Herrn Blifil's Besuch an. Scenen wie diese, 171 wenn sie ausführlich geschildert werden, bieten, wie wir bemerkt haben, dem Leser sehr wenig Unterhaltung dar. Wir wollen uns daher hier streng an eine Regel des Horaz halten, welche Schriftstellern vorschreibt, alle solche Dinge mit Stillschweigen zu übergehen, die sie nicht in ein glänzendes Licht zu setzen hoffen dürfen; – eine Regel, die, wie man begreift, für den Historiker wie für den Dichter gleich ersprießlich ist, und die, wenn sie befolgt wird, zum Wenigsten das Gute haben muß, daß manches große Uebel (so werden alle großen Bücher genannt) dadurch auf ein kleines reducirt wird. Es wäre möglich, daß die List, mit der sich Blifil bei dieser Zusammenkunft benahm, Sophien verleitet hätte, einen andern Mann unter solchen Umständen zu ihrem Vertrauten zu machen und ihm das ganze Geheimniß ihres Herzens zu entdecken; aber sie hatte eine so üble Meinung von diesem jungen Herrn gefaßt, daß sie sich vorgenommen hatte, ihm kein Vertrauen zu schenken; denn die Einfachheit, wenn sie gezwungen wird, auf ihrer Hut zu sein, nimmt es oft mit der List auf. Ihr Betragen gegen ihn war daher ganz und gar gezwungen und wirklich so, wie es Jungfrauen für den zweiten formellen Besuch desjenigen, der ihnen zum künftigen Gemahl bestimmt ist, vorgeschrieben zu werden pflegt. Obgleich nun Blifil sich gegen den Squire vollkommen zufrieden mit seiner Aufnahme erklärte, so war doch der letztere, der mit seiner Schwester gehorcht und Alles mit angehört hatte, minder zufriedengestellt. Er beschloß, in Folge des Rathes, den die weise Lady gegeben, die Angelegenheit so rasch wie möglich zu betreiben, und rief, indem er sich nach einem lauten Halloh an seinen zukünftigen Schwiegersohn wendete, in der Jägersprache: »Drauf, drauf, mein Junge; spute Dich, spute Dich; so ist's recht. Todt, todt, todt. Nur nicht 172 blöde, oder besonnen, soll ich, soll ich? Allworthy und ich, wir können diesen Nachmittag alles abmachen, und dann mag morgen die Hochzeit sein.« Blifil drückte in seinen Mienen die größte Freude aus und antwortete: »Da nichts in der Welt mir so erwünscht ist als eine Verbindung mit Ihrer Familie und meine Vermählung mit der liebenswürdigen Sophie, so können Sie sich leicht denken, wie ungeduldig ich der Erfüllung dieser meiner höchsten Wünsche entgegensehen müsse. Wenn ich Sie daher in dieser Angelegenheit nicht bestürmt habe, so mögen Sie es einzig und allein meiner Furcht zuschreiben, das Fräulein durch eine größere Beschleunigung eines so beglückenden Ereignisses, als mit den Regeln der Schicklichkeit und des Anstandes verträglich ist, zu beleidigen. Allein, wenn sie sich durch Ihre Vermittelung, Sir, dahin bewegen ließe, auf alle Formalitäten zu verzichten –« »Formalitäten! zum Henker mit den Formalitäten!« antwortete der Squire. »Pah, ist alles dummes Zeug, alles Unsinn. Ich sage Dir, sie soll Dich morgen nehmen. Du wirst die Welt besser kennen, wenn Du erst in meine Jahre kommst. Weiber geben nie ihre Einwilligung, wenn's irgend angeht, 's ist einmal ihre Mode so. Hätte ich die Einwilligung ihrer Mutter abwarten wollen, dann glaube ich, wäre ich noch heutiges Tages ein Junggesell. – Drauf, drauf, mein Junge, das ist recht. Ich sage Dir, sie soll morgen Dein sein.« Blifil ließ sich durch die gewaltige Beredtsamkeit des Squire besiegen; und nachdem man übereingekommen war, daß Western diesen Nachmittag mit Allworthy alles ordnen sollte, kehrte der Liebhaber nach Hause zurück, bat jedoch vorher angelegentlichst, daß man durch diese Eilfertigkeit dem Fräulein keinen Zwang anthun möge, ungefähr so wie ein päpstlicher Inquisitor den Folterknecht ersucht, dem 173 ihm überantworteten Ketzer, den die Kirche verurtheilt hat, keine Gewalt anzuthun. Und, die Wahrheit zu sagen, Blifil hatte über Sophien abgeurtheilt; denn wie zufrieden er sich auch gegen Western über seinen Empfang ausgesprochen hatte, so war er es doch keineswegs, wo er nicht gar von ihrem Hasse und ihrer Verachtung überzeugt war; und dieser Umstand hatte wiederum in ihm Haß und Verachtung erweckt. Man könnte vielleicht fragen: Warum machte er nicht sogleich jeder fernern Bewerbung ein Ende? Ich antworte, aus eben dem Grunde, so wie aus verschiedenen andern gleich triftigen, die wir dem Leser jetzt vorlegen wollen. Obgleich Herr Blifil nicht Jones' Natur hatte und in jedes Frauenzimmer, das er sah, gleich verliebt war, so empfand er gleichwohl jenes Begehren, das allen thierischen Wesen gemein ist. Dabei besaß er gleichfalls jenen unterscheidenden Geschmack, vermöge dessen die Menschen in der Wahl des Gegenstandes oder der Nahrung je nach der Verschiedenheit ihres Begehrens geleitet werden; und dieser lehrte ihn, Sophien als einen ausgesuchten Bissen zu betrachten; machte dasselbe Verlangen in ihm rege, das eine Schnepfe in der Seele eines Epicuräers erweckt. Nun erhöhte der Kampf in Sophiens Gemüth eher noch ihre Schönheit, als daß er sie verminderte; denn ihre Thränen verschönten den Glanz ihrer Augen und ihr Busen ward von ihren Seufzern gehoben. In der That, niemand hat die Schönheit in ihrem höchsten Glanze gesehen, wer sie nicht im Unglück gesehen hat. Blifil betrachtete daher diese Schnepfe in Menschengestalt mit größerem Verlangen als zuvor; auch ward dasselbe durch ihre deutliche Abneigung gegen ihn keineswegs vermindert. Im Gegentheil trug sie vielmehr dazu bei, das Vergnügen, das ihm der Genuß ihrer Reize versprach, durch den hinzukommenden Triumph noch zu erhöhen; ja, der absolute Besitz ihrer Person sollte ihm zur Erfüllung noch anderer Wünsche dienen, deren bloße Erwähnung wir verabscheuen; und selbst das Gefühl der Rache war nicht ausgeschlossen von dem Genusse, den er sich in Aussicht stellte. Der Gedanke an seinen Nebenbuhler, den armen Jones, und die Hoffnung, ihm ihr Herz abwendig zu machen, war ein fernerer Antrieb zur Fortsetzung seiner Bewerbung, und verlieh seinem Entzücken einen Reiz mehr. Außer allen diesen Interessen, welche manchen gewissenhaften Leuten zu viel Bosheit an sich tragen mögen, hatte er noch eines dabei, das wenige Leser ihm zu großer Schande anrechnen werden, nämlich das Besitzthum Western's, das ganz auf dessen Tochter und ihre Nachkommen übergehen sollte; denn die Liebe dieses überzärtlichen Vaters ging so weit, daß, wenn sein Kind sich nur dazu verstand, mit dem Gatten, den er ihr wählte, unglücklich zu sein, es ihn nicht kümmerte, um welchen Preis er ihn erkaufte. Aus diesen Gründen war Herrn Blifil so viel an der Partie gelegen, daß er Sophien zu täuschen suchte, indem er ihr Liebe heuchelte und ebenso ihren Vater und seinen Oheim, indem er vorgab von ihr geliebt zu sein. Hierin stützte er sich auf die Frömmigkeit Thwackum's, welcher behauptete, daß, wenn der Zweck ein religiöser wäre (wie das doch bei der Ehe der Fall ist), nichts darauf ankäme, wie schlecht die Mittel wären, durch die er erreicht würde. Bei andern Gelegenheiten kam ihm Square's Philosophie zu statten, welche ihn lehrte, daß der Zweck gleichgültig wäre, wenn sich nur die Mittel mit der Moral vertrügen. So gab es denn in der That wenig Vorfälle im Leben, bei denen er nicht aus den Lehren des einen oder des andern dieser großen Meister Vortheil ziehen konnte. 175 Herrn Western gegenüber bedurfte es allerdings nur geringer List, weil er auf die Neigung seiner Tochter eben so wenig Gewicht legte als Blifil selbst; allein da die Denkungsart des Herrn Allworthy in dieser Hinsicht eine ganz andere war, so war es durchaus nothwendig, ihn zu täuschen. Hierin wurde jedoch Blifil von Western so gut unterstützt, daß dem Gelingen keine Schwierigkeit im Wege stand; denn da Herr Allworthy von ihrem Vater die Versicherung erhalten hatte, daß Sophiens Neigung der des jungen Blifil entspräche, und daß an allem dem, was er in Betreff Jones' vermuthet hätte, durchaus nichts wäre, so brauchte Blifil diese Angaben blos zu bestätigen. Dies that er denn auch, aber freilich in so zweideutigen Ausdrücken, daß er seinem Gewissen eine Hinterthür offen hielt und damit soviel erreichte, seinem Oheim eine Lüge aufzuheften, ohne sich mit der Schuld derselben zu beladen. Als Allworthy ihn hinsichtlich der Neigung Sophiens befragte und hinzusetzte, »er würde nie seine Hand dazu bieten, ein junges Mädchen zu einer Heirath gegen ihren Willen zu zwingen,« da antwortete er, »daß es sehr schwer sei, hinter die wahren Gesinnungen junger Mädchen zu kommen; daß ihr Betragen gegen ihn so beschaffen sei, wie er es sich nur wünschen könne, und daß sie, wenn er ihrem Vater glauben dürfe, alles das für ihn empfinde, was ein Liebender nur immer erwarten könne. Was Jones betrifft,« fügte er hinzu, »den ich mit innerm Widerstreben einen Schändlichen nenne, wenn gleich sein Betragen gegen Sie, mein Herr, diesen Namen hinlänglich rechtfertigt, so mochte wohl in seiner Eitelkeit oder in wer weiß was für niedern Absichten der Grund liegen, warum er sich etwas rühmte, was erdichtet war; denn hätte Fräulein Western ihn wirklich geliebt, so würde er sie um ihres großen Vermögens willen schon nicht aufgegeben haben, was er doch, 176 wie Sie wissen, gethan hat. Endlich versichere ich Sie, mein Herr, daß ich selbst, unter keiner Bedingung, um aller Schätze der Welt willen, mich nicht dazu verstehen würde, diese junge Dame zu heirathen, wenn ich nicht von ihrer Neigung zu mir überzeugt wäre.« Diese herrliche Methode, eine Falschheit im Herzen zu begehen, ohne die Zunge einer Unwahrheit schuldig zu machen, indem man sich der Zweideutigkeit und des Betrugs als Mittel dazu bedient, hat schon das Gewissen manches ausgemachten Betrügers beschwichtigt; und dennoch muß dieselbe, wenn wir erwägen, daß es die Allwissenheit ist, die solche Menschen zu hintergehen suchen, nur eine sehr flüchtige Beruhigung gewähren können, so daß man meinen sollte, diese erkünstelte und spitzfindige Unterscheidung zwischen dem Beibringen und dem Aussprechen einer Lüge, sei kaum der Mühe werth, die sie kostet. Allworthy war mit dem, was ihm Western und Blifil sagten, ziemlich wohl zufrieden, so daß nach zwei Tagen der Vertrag abgeschlossen war. Es blieb nun bis zur priesterlichen Weihe nichts mehr übrig als die richterliche Bekräftigung, zu welcher die Gerichtspersonen so viel Zeit verlangten, daß sich Western lieber durch alle möglichen Gewährleistungen binden als das Glück des jungen Paares verzögern wollte. Er drängte überhaupt so sehr, daß ein Unparteiischer hätte glauben können, er wäre näher bei der Partie betheiligt als er es wirklich war: aber dieses ungeduldige Wesen war ihm in allen Dingen eigen, und er betrieb jedes Geschäft, das er unternahm, so, als ab von ihm allein die ganze Glückseligkeit seines Lebens abhängig wäre. Das vereinte Treiben beider, des Vaters und des Schwiegersohnes, würde wahrscheinlich Herrn Allworthy zum Nachgeben gebracht haben, da es ihm überhaupt schwer 177 ankam, bei der Beförderung des Glücks anderer einen Aufschub eintreten zu lassen, hätte Sophie es nicht selbst verhindert und Maßregeln genommen, wodurch der ganze Vertrag vernichtet und die Geistlichkeit sowohl wie die Gerichtspersonen um jene Sporteln gebracht worden wären, die diese weisen Corporationen der Fortpflanzung des Menschengeschlechts gesetzmäßig aufzuerlegen für gut befunden haben. Davon im nächsten Kapitel. Siebentes Kapitel. Ein merkwürdiger Entschluß Sophiens und eine noch merkwürdigere List der Mamsell Honour. Obgleich Mamsell Honour hauptsächlich auf ihr eigenes Interesse bedacht war, so besaß sie doch einige Zuneigung für Sophien. Es ist wahr, wer diese junge Dame kannte, dem würde es sehr schwer geworden sein, sie nicht auch zu lieben. Kaum erfuhr sie daher eine Neuigkeit, von der sie glaubte, daß sie für ihre Gebieterin von Wichtigkeit sein müsse, als sie, den Aerger, den sie vor zwei Tagen durch ihre unfreundliche Entlassung aus Sophiens Gegenwart erfahren hatte, gänzlich vergessend, zu ihr eilte, um ihr die Neuigkeit mitzutheilen. Der Beginn ihrer Rede war so abrupt wie ihr Eintritt in das Zimmer. »Ach gnädiges Fräulein!« sagte sie, »was denken Sie wohl? Wahrhaftig, ich bin außer mir, so bin ich erschrocken; und dennoch hielt ich es für meine Pflicht, es Ihnen zu sagen, wenn Sie auch böse darüber werden sollten; denn wir Dienstmädchen wissen nicht immer, was unsere Herrschaften böse machen wird; denn das ist wahr, wir müssen immer alles ausbaden. Wenn unsere Herrschaften nicht bei Laune sind, nun da müssen wir herhalten; 178 und es wäre gewiß kein Wunder, wenn Sie, Fräulein, nicht bei Laune wären; nein, Sie werden sicher erstaunen, ja, und sich darüber entsetzen obendrein.« – »Gute Honour, erzähle ohne lange Umschweife,« sagte Sophie; »es giebt wenig Dinge in der Welt, ich versichere Dich, über die ich erstaunen, und noch weniger, über die ich mich entsetzen werde.« – »Theures Fräulein,« erwiederte Honour, »gewiß und wahrhaftig, ich hörte den gnädigen Herrn zu Herrn Supple sagen, er sollte diesen Nachmittag einen Erlaubnißschein besorgen, weil Sie morgen früh getraut würden.« Sophie erbleichte bei diesen Worten und wiederholte hastig: »morgen früh!« – »Ja, Fräulein,« versetzte das Kammermädchen ehrlich, »ich will einen Eid darauf schwören, daß der gnädige Herr so sagte.« – »Honour,« sagte Sophie, »Du hast mich in einem solchen Grade erschreckt, daß ich weder Athem noch Besinnung mehr habe. Was ist zu thun in dieser schrecklichen Lage?« – »Ich wünschte, ich könnte Ihnen rathen, Fräulein,« sagte sie. – »O rathe mir,« rief Sophie; »bitte, liebe Honour, rathe mir. Denke Dir, was Du an meiner Stelle thun würdest.« – »Wahrhaftig,« rief Honour, »ich wünschte mit Ihrer Lage tauschen zu können; das heißt, ich meine nämlich ohne Ihren Schaden; denn ein Dienstbote zu sein, das möchte ich Ihnen nicht wünschen; aber gesetzt den Fall, ich wäre an Ihrer Stelle, ich würde gar keine Schwierigkeit finden; denn, meinem schwachen Verstande nach ist der junge Squire Blifil ein scharmanter, lieber, hübscher Mann.« – »Davon will ich nichts wissen,« rief Sophie. – »Davon nichts wissen,« wiederholte Honour. »wie so? Nun ja, wahrhaftig, was dem einen gefällt, das ekelt den andern an, accurat so geht es den Frauenzimmern.« – »Honour,« sagte Sophie, »ehe ich mich darein ergäbe, das Weib dieses Erbärmlichen zu werden, lieber wollte ich 179 mir einen Dolch in das Herz stoßen.« – »Mein Gott, Fräulein!« versetzte die andere, »ich bin außer mir vor Schrecken. Ich bitte Sie, lassen Sie sich nicht so schreckliche Gedanken beikommen. O mein Gott! ich zittere wahrhaftig an allen Gliedern. Bedenken Sie nur, theures Fräulein, ohne ein christliches Begräbniß, einen Pfahl durch den Leib, an der Heerstraße eingescharrt zu werden, wie der Pachter Heller, dessen Geist seitdem beständig am Kreuzwege umgeht, denn es haben ihn Viele gesehen. Wahrhaftig, nur der Teufel kann einem solche gottlose Gedanken eingeben; denn es ist gewiß weniger gottlos, der ganzen Welt zu schaden, als sich selbst, das habe ich von mehr als einem Geistlichen gehört. Wenn Sie eine so heftige Abneigung vor dem jungen Squire haben und ihn so erschrecklich hassen, daß Sie den Gedanken nicht ertragen können, das Bett mit ihm zu theilen; denn, das ist gewiß, solche Antipathien giebt es in der Natur, und mancher würde lieber eine Kröte angreifen, als manche Person. –« Sophie war zu sehr in ihre eigenen Gedanken vertieft, als daß sie den schönen Betrachtungen ihres Mädchens große Aufmerksamkeit hätte schenken sollen; sie unterbrach sie daher, ohne ihr zu antworten, und sagte: »Honour, ich habe einen Plan gefaßt. Ich bin entschlossen noch diese Nacht meines Vaters Haus zu verlassen; und wenn Du mir wirklich mit der Freundschaft zugethan bist, wie Du mir oft versichert hast, so wirst Du mich begleiten.« – »Das will ich, Fräulein, bis an der Welt Ende,« erwiederte Honour; »aber ich bitte Sie, überlegen Sie die Folgen, ehe Sie zu einer so raschen That schreiten. Wohin könnten Sie denn gehen wollen?« – »Ich habe,« antwortete Sophie, »in London eine Verwandte, eine vornehme Dame, die sich einige Monate bei meiner Tante hier auf dem Lande aufhielt: diese zeigte sich mir die ganze Zeit über sehr wohlwollend 180 und hatte mich so gern, daß sie meine Tante ernstlich bat, mich mit ihr nach London gehen zu lassen. Da sie eine sehr angesehene Dame ist, so werde ich sie leicht auffinden und ich zweifle nicht an einer sehr guten und freundlichen Aufnahme von ihrer Seite.« – »Ich möchte nicht, daß Sie zu fest darauf bauten,« rief Honour; »denn die erste Dame, bei der ich lebte, pflegte die Leute sehr dringend zu sich einzuladen; aber wenn sie dann hörte, daß sie kommen wollten, so ging sie ihnen gewöhnlich aus dem Wege. Ueberdies, wenn nun auch diese Dame sehr erfreut sein sollte, Sie zu sehen, wie das wahrhaftig jedermann sein würde; wie dann, wenn sie hört, daß Sie dem gnädigen Herrn davon gelaufen sind?« – »Da bist Du irrig, Honour,« sagte Sophie: – »sie betrachtet die Autorität eines Vaters mit andern Augen als ich; denn sie drang sehr in mich, mit ihr nach London zu gehen, und als ich das ohne meines Vaters Bewilligung nicht thun wollte, lachte sie mir ins Gesicht, nannte mich ein albernes Landmädchen und sagte, ich würde ein armes liebendes Weib werden, da ich eine so gewissenhafte Tochter sein könnte. Daher hege ich keinen Zweifel, daß sie mich nicht allein aufnehmen, sondern auch beschützen wird, bis mein Vater, wenn er sieht, daß ich seiner Gewalt entzogen bin, zu einiger Besinnung gebracht werden kann.« »Gut, aber Fräulein,« entgegnete Honour, »wie gedenken Sie Ihre Flucht zu bewerkstelligen? Wie wollen Sie Pferde oder ein Fuhrwerk bekommen? Denn Ihr eignes Pferd, das wird Robin, da alle die Dienstleute ein wenig wissen, wie die Sachen zwischen dem gnädigen Herrn und dem Fräulein stehen, nicht ohne den ausdrücklichen Befehl des Herrn herauslassen, ja, eher ließ sich der hängen.« – »Meine Absicht ist,« sagte Sophie, »durch die Thüren hinauszugehen, wenn sie offen sind. Dem Himmel sei Dank, 181 meine Beine können mich recht gut tragen. Sie haben mich manchen langen Abend nach dem Takte einer Geige beim Tanze mit einem nicht sehr angenehmen Tänzer getragen; und so werden sie mich auch nicht im Stiche lassen, wenn es gilt, einem so abscheulichen Lebensgefährten zu entgehen.« – »Mein Himmel, Fräulein! bedenken Sie auch, was Sie sagen?« rief Honour: »kann es Ihr Ernst sein, zu Fuße durch das Land bei Nacht und allein zu reisen?« – »Allein nicht,« antwortete das Fräulein: »Du hast mir ja versprochen, mich zu begleiten.« – »Ja, wahrhaftig,« rief Honour, »durch die ganze Welt will ich Ihnen folgen; aber Sie würden nicht besser daran sein, als wenn Sie allein wären; denn ich werde nicht im Stande sein, Sie zu vertheidigen, wenn Sie von Räubern oder anderm schlechten Gesindel angefallen würden. Nein, ich würde in eben so große Furcht gerathen wie Sie, und sie würden uns gewiß beide entführen. Ueberdies bedenken Sie, Fräulein, wie kalt die Nächte jetzt sind: wir werden erfrieren.« – »Ein rascher Gang,« erwiederte Sophie, »wird uns vor der Kälte schützen; und wenn Du mich gegen einen Bösewicht nicht vertheidigen kannst, Honour, so will ich Dich vertheidigen; denn ich werde ein Pistol mit mir nehmen. Es hängen immer zwei geladene im Vorsaale.« – »Bestes Fräulein, Sie erschrecken mich nur noch mehr,« rief Honour: »Sie werden es wahrhaftig nicht abzufeuern wagen! da könnte mir wohl eher sonst etwas begegnen, ehe Sie das thun würden.« – »Warum nicht?« sagte Sophie lächelnd: »würdest Du, Honour, nicht auf einen jeden, der Dir die Tugend rauben wollte, ein Pistol abfeuern?« – »Es ist wahr, Fräulein,« rief Honour, »die Tugend ist ein theures Gut, namentlich für uns arme Dienstboten; denn sie ist, kann man wohl sagen, unser Vermögen; dennoch hasse ich die Feuergewehre bis in den Tod hinein; 182 denn es ist so viel Unglück durch sie geschehen.« – »Gut, gut,« sagte Sophie, »ich glaube Deine Tugend um einen sehr billigen Preis sicher stellen zu können, ohne daß wir Waffen mit uns zu nehmen brauchen; denn ich gedenke in der ersten Stadt, in die wir kommen, Pferde zu miethen, und bis dahin werden wir schwerlich einem Angriffe ausgesetzt sein. – Sieh, Honour, mein Entschluß, fortzugehen, steht fest; und wenn Du mich begleiten willst, so verspreche ich Dir, daß Du belohnt werden sollst, so gut es nur immer in meinem Vermögen stehen wird.« Dieses letzte Argument übte eine mächtigere Wirkung auf Honour aus als alle vorhergehenden; und da sie ihre Herrin so fest entschlossen sah, stand sie von allen ferneren Einreden ab. Sie besprachen sich hierauf über die Mittel und Wege zur Ausführung ihres Planes. Hier begegneten sie einer sehr großen Schwierigkeit, welche darin bestand, wie ihre Effecten fortzubringen wären, und über welche die Herrin leichter hinwegkam als die Dienerin; denn wenn sich eine Dame einmal vorgenommen hat, einem Liebhaber zu folgen, oder ihm zu entfliehen, erscheinen alle Hindernisse geringfügig. Ein solcher Beweggrund fand sich aber bei Honour nicht vor; sie sah kein Entzücken vor sich und kein Entsetzen hinter sich; und abgesehen von dem reellen Werthe ihrer Kleidungsstücke, in denen ein großer Theil ihres Vermögens bestand, hatte sie eine kindische Anhänglichkeit für manches Kleid und für manche andere Dinge, entweder weil sie sie gut kleideten, oder weil sie ihr von der oder jener Person geschenkt worden waren; weil sie dieselben erst kürzlich gekauft, oder sie so lange schon getragen hatte, oder aus andern eben so wichtigen Gründen; so daß sie sich mit dem Gedanken nicht vertraut machen konnte, diese armen Sachen in der Gewalt Western's zurückzulassen, 183 weil sie nicht daran zweifelte, daß dieser ihnen ein Märtyrerthum bereiten würde. Nachdem die erfindungsreiche Mamsell Honour ihr ganzes Rednertalent aufgewendet, um ihrer Herrin von ihrem Plane abzurathen und daraus gesehen hatte, daß sie durchaus entschieden war, so brachte sie endlich folgendes Mittel, ihre Kleider zu retten, vor; sie wollte sich nämlich diesen Abend noch aus dem Hause fortjagen lassen. Sophie billigte diese Maßregel vollkommen, war aber mit sich nicht einig über die Ausführung derselben. »O Fräulein,« rief Honour, »das überlassen Sie nur mir; wir Dienstboten wissen recht gut, wie wir zu dieser Gunst bei unsern Herrschaften gelangen; freilich, wo sie uns mehr Lohn schuldig sind, als sie beim besten Willen bezahlen können, da geschieht es bisweilen, daß sie sich allen unsern Trotz gefallen lassen und kaum von irgend einer Art Aufkündigung Notiz nehmen: aber unter diese gehört der Squire nicht; und da Sie diese Nacht fort wollen, so stehe ich dafür, daß ich diesen Nachmittag außer Dienst komme.« Es ward nun beschlossen, daß sie mit ihren eignen Sachen einige Wäsche und einen Nachtanzug für Sophie einpacken sollte; alle ihre übrigen Kleider ließ die junge Dame zurück, ohne ein größeres Bedauern zu fühlen, als der Seemann, wenn er die Güter Anderer über Bord wirft, um sein eigenes Leben zu retten. Achtes Kapitel. Enthält Wortwechsel von gar nicht seltener Art. Mamsell Honour war kaum von ihrer jungen Lady weggegangen, als ihr irgend etwas (denn ich möchte nicht, wie jenes alte Weib in Quivedo, dem Teufel durch eine 184 falsche Beschuldigung Unrecht thun, und er konnte möglicher Weise außer dem Spiele sein), ich sage darum, irgend etwas den Gedanken eingab, daß sie, wenn sie Sophien opferte und alle ihre Geheimnisse Herrn Western verriethe, wahrscheinlich ihr Glück machen könne. Zu dieser Entdeckung fand sie sich durch mancherlei Beweggründe aufgefordert. Die schöne Aussicht auf eine gute Belohnung für einen so großen und annehmlichen Dienst, den sie dadurch dem Squire leistete, reizte ihre Habsucht; und dagegen machte die Gefahr des projectirten Unternehmens, die Ungewißheit seines Ausgangs, Nacht, Kälte, Räuber, Entführer, alles ihre Furcht rege. Dies alles wirkte so mächtig auf sie ein, daß sie nahe daran war, geraden Weges zu dem Squire zu gehen und ihm die ganze Sache aufzudecken. Sie war gleichwohl ein zu ehrlicher Richter, um sich für die eine Seite zu entscheiden, ohne die andere gehört zu haben. Und hier schien nun zuerst eine Reise nach London sehr für Sophien zu sprechen. Sie hätte für ihr Leben gern einen Ort gesehen, wo sie alle die Zauber erwartete, die sich ein Geistlicher in seiner Verzückung vom Himmel verspricht. Da sie ferner wußte, daß Sophie freigebiger war als ihr Vater, so versprach sie sich von ihrer Treue einen größern Lohn, als vom Verrath zu hoffen stand. Sie ging dann nochmals alle Punkte, die ihr Furcht gemacht hatten, genau durch und fand bei reiflicher Ueberlegung, daß sie von sehr geringer Bedeutung waren. Und jetzt, wo beide Wagschaalen einander ziemlich gleich standen, brachte ihre Liebe zu ihrer Herrin die Wagschaale ihrer Redlichkeit schon zum Sinken, als ihr plötzlich ein Umstand einfiel, der eine gefährliche Wirkung hervorgebracht haben würde, wäre er mit seinem ganzen Gewicht in die andere Wagschaale eingelegt worden. Dies war die Länge der Zeit, welche nothwendig zwischen Sophiens Versprechungen und deren möglicher Erfüllung 185 lag; denn ob sie schon nach ihres Vaters Tode auf das Vermögen ihrer Mutter, und mit ihrer Mündigkeit auf eine Summe von 3000 Pf., die ihr von einem Oheim vermacht worden waren, Anspruch hatte, so waren das doch ferne Zeiten, und mancher unvorhergesehene Umstand konnte der Freigebigkeit der jungen Dame noch hinderlich werden; wogegen die Belohnung, welche sie von Herrn Western erwarten durfte, unmittelbar bevorstand. Aber während sie sich noch mit diesem Gedanken beschäftigte, führte Sophiens guter Genius, der über Honour's Redlichkeit wachende Genius, oder auch der bloße Zufall ein Ereigniß herbei, das auf einmal ihre Treue rettete und sogar das beabsichtigte Unternehmen beförderte. Fräulein Western's Kammermädchen wollte aus verschiedenen Rücksichten weit mehr gelten als Mamsell Honour. Fürs erste stand sie von Geburt höher; denn ihre Urgroßmutter von mütterlicher Seite war eine nahe Verwandte von einem irländischen Peer. Fürs zweite bekam sie höhern Lohn. Und endlich war sie in London gewesen und hatte folglich mehr von der Welt gesehen. Sie hatte daher in ihrem Betragen gegen Mamsell Honour stets jenes zurückhaltende und vornehme Wesen beobachtet, das jene Klasse von Frauen gegen andere aus einem niederen Stande zu beobachten pflegt, und einen gewissen Respekt von ihr verlangt. Da nun Honour hierin nicht mit ihr einverstanden war, sondern sogar oft gegen den verlangten Respekt sündigte, so konnte Fräulein Western's Kammermädchen sie nicht leiden, ja sie wünschte sich sehnlichst nach dem Hause ihrer Herrin zurück, wo sie nach Gefallen über die andern Dienstleute befehlen konnte. Sie war daher sehr mißvergnügt darüber, daß Fräulein Western diesen Morgen ihren Entschluß hinsichtlich der Abreise wieder aufgegeben hatte und befand sich seitdem in einer sehr übeln Laune. 186 In dieser Gemüthsverfassung trat sie in das Zimmer, wo Honour auf die oben angegebene Weise bei sich berathschlagte. Kaum erblickte Honour sie, als dieselbe folgende verbindliche Redensart an sie richtete: »Allerliebst! wir werden also das Vergnügen Ihrer Gesellschaft noch länger genießen, um das wir durch den Streit zwischen meinem Herrn und Ihrer Lady beinahe gekommen wären.« – »Ich weiß nicht,« erwiederte die andere, »was Sie mit »wir« sagen wollen. Das versichere ich Sie, daß ich unter den dienenden Personen des Hauses niemanden finde, der eine passende Gesellschaft für mich abgäbe. Für die bin ich denn doch wohl noch ein wenig zu gut. Ich spreche nicht in Beziehung auf Sie, Mamsell Honour; denn Sie sind ein gesittetes junges Frauenzimmer, und hätten Sie noch ein bischen mehr von der Welt gesehen, so wollte ich mich nicht schämen mit Ihnen in St. James's Park spazieren zu gehen.« – »Alle tausend!« rief Honour, »Sie sind sehr gnädig, das muß ich gestehen. Mamsell Honour, wahrhaftig! warum nennen Sie mich nicht bei meinem Zunamen? denn wenn mich auch meine Lady Honour nennt, so habe ich doch einen Zunamen so gut wie andere Leute. Sich schämen mit mir zu gehen, nun wahrlich! so viel wie Sie, denke ich, bin ich auch.« – »Da Sie meine Höflichkeit so erwiedern,« sagte die andere, »so muß ich Ihnen erklären, daß Sie nicht so viel sind, wie ich. Auf dem Lande freilich, da muß man sich mit allerhand Bettelvolk abgeben; aber in der Stadt gehe ich blos mit Frauenzimmern bei Herrschaften von Stande um. Ja, ja, Mamsell Honour; es ist wohl ein Unterschied zwischen Ihnen und mir.« – »Ei das glaube ich auch,« antworte Honour; »es ist ein Unterschied zwischen unserm Alter und vielleicht auch zwischen unsrer Persönlichkeit.« Bei den letzten Worten stolzirte sie an Fräulein Western's Kammermädchen vorüber und blickte sie 187 mit hoch getragener Nase und zurückgeworfenem Kopfe stolz und verächtlich an. Die andere sagte mit einem äußerst höhnischen Lächeln: »Kreatur! Sie stehen zu tief, um mich zu ärgern; und es ist unter meiner Würde, mich mit einer so frechen unverschämten Dirne einzulassen; aber, wissen Sie das, Sie Mensch, aus Ihrer Lebensart erkennt man Ihre niedere Herkunft und Ihre schlechte Erziehung; darum passen Sie auch ganz gut zu einer gemeinen Dienstmagd eines Landmädchens.« – »Das verbitte ich mir, so von meinem Fräulein zu reden,« rief Honour; »das lasse ich mir nicht von Ihnen gefallen; sie ist weit besser als Ihr Fräulein, denn sie ist jünger und zehn tausendmal schöner.« Hier wollte der Zufall, daß Fräulein Western herbeikam und ihr Mädchen in Thränen schwimmen sah, die nun erst recht zu fließen anfingen. Auf ihre Erkundigung, warum sie weine, gab diese die Antwort, daß die grobe Behandlung der Kreatur hier, wobei sie auf Honour deutete, schuld daran sei. »Aber Fräulein,« setzte sie hinzu, »alles andere, was sie zu mir sagte, würde mich nicht so gekränkt haben; aber sie hat die Frechheit gehabt, Sie zu schmähen und Sie häßlich zu nennen. – Ja, Fräulein, sie nannte Sie eine häßliche alte Katze, mir ins Gesicht. Ich konnte das nicht ertragen, Sie häßlich nennen zu hören.« – »Wozu brauchst Du ihre Unverschämtheit so oft zu wiederholen?« sagte Fräulein Western. Und dann, sich an Mamsell Honour wendend, fragte sie diese: »Wie können Sie sich unterstehen, meinen Namen mit Geringschätzung auszusprechen?« – »Geringschätzung, Fräulein!« antwortete Honour, »ich habe Ihren Namen gar nicht erwähnt; ich sagte blos, es wäre jemand nicht so schön als mein Fräulein, und das wissen Sie gewiß eben so gut wie ich.« – »Mensch,« versetzte die Lady, »ich will Dich freches Ding lehren, daß ich kein Gegenstand für eure 188 Unterhaltung bin; und wenn Dich mein Bruder nicht diesen Augenblick fortjagt, will ich nie wieder unter seinem Dache schlafen. Ich will ihn aufsuchen, daß er Dich augenblicklich fortschickt.« – »Fortschickt!« rief Honour; »und wenn ich nun fortgeschickt werde: es giebt mehr als diesen einzigen Dienst in der Welt. Gott sei Dank, gute Dienstboten finden immer eine Stelle; und wenn Sie alle die wegschicken, die Sie nicht für schön halten, so werden Sie sehr bald keine mehr haben; das will ich Ihnen nur sagen.« Fräulein Western polterte irgend eine Antwort hervor; da sie aber schwerlich artikulirt war, so wissen wir nicht genau die Worte anzugeben; wir werden es daher unterlassen, sie anzuführen, zumal da sie im besten Falle ihr nicht zu großer Ehre gereichen würde. Sie ging dann hinweg, um ihren Bruder aufzusuchen; dabei hatte ihr Gesicht einen solchen Ausdruck von Wuth, daß sie eher einer Furie, als einem Menschen ähnlich sah. Die beiden Kammermädchen, die nun wieder allein waren, geriethen zum zweiten Male in Wortwechsel, der bald in Thätlichkeiten überging. In diesem Kampfe blieb der Sieg jener vom niedern Range, wenn schon nicht ohne einigen Verlust von Blut, Haaren und Musselinfetzen. Neuntes Kapitel. Das weise Verfahren Herrn Western's in seiner Function als Gerichtsherr. Ein Wink für Friedensrichter, im Betreff der nothwendigen Eigenschaften eines Canzlisten; nebst ungewöhnlichen Zügen väterlichen Eigensinns und kindlicher Liebe. Logiker beweisen bisweilen zu viel durch ihre Schlüsse, und Politiker bevortheilen sich oft selbst bei ihren Plänen. 189 So hätte es leicht der Mamsell Honour ergehen können, die, anstatt ihre übrigen Kleider zu retten, beinahe noch die verloren hätte, die sie auf dem Leibe trug; denn der Squire hörte nicht sobald von ihrer unstatthaften Aufführung gegen seine Schwester, als er durch zwanzig Eide betheuerte, daß er sie ins Zuchthaus schicken wolle. Fräulein Western besaß ein sehr gutes und versöhnliches Gemüth. Sie hatte noch vor Kurzem einem Postillion, der ihren Wagen in einen Graben warf, seine grobe Nachlässigkeit vergeben; ja sie hatte sich sogar der gerichtlichen Verfolgung eines Straßenräubers widersetzt, der ihr nicht nur eine Summe Geld, sondern auch ihre Ohrringe abgenommen und unter Verwünschungen gesagt hatte: »Solche alte Hexen brauchen keine Juwelen.« Aber so unbeständig sind nun unsere Launen, so ganz verschieden gestimmt sind wir zu verschiedenen Zeiten, sie wollte nichts von Milderung hören; aller von Seiten Honour's geheuchelten Reue, aller Bitten Sophiens für ihre Dienerin ungeachtet, drang sie allen Ernstes in ihren Bruder, sein Richteramt zu verwalten. Aber glücklicherweise besaß der Canzlist eine Eigenschaft, deren kein Canzlist eines Friedensrichters entbehren sollte, nämlich einige Kenntniß von den Landesgesetzen. Er flüsterte daher dem Friedensrichter in's Ohr, daß er seine Autorität überschreiten würde, wenn er das Mädchen ins Zuchthaus schickte, weil kein Versuch zu einem Friedensbruche vorläge; »denn ich fürchte, Sir,« sagte er, »daß Sie niemanden wegen einer blosen Unmanierlichkeit gesetzmäßig ins Zuchthaus schicken können.« In Angelegenheiten von hoher Wichtigkeit, namentlich in solchen, die sich auf die Jagd bezogen, schenkte der Richter diesen Erinnerungen seines Canzlisten nicht immer Aufmerksamkeit; denn bei der Handhabung der darauf 190 bezüglichen Gesetze meinen viele Friedensrichter eine sehr ausgedehnte Gewalt zu haben, vermöge deren sie oft, unter dem Vorwande, Instrumente zur Vertilgung des Wildes zu suchen und wegzunehmen, ganz nach Gefallen widerrechtliche Handlungen und bisweilen Verbrechen begehen. Aber das vorliegende Vergehen war nicht von so hoher Bedeutung und nicht so gefährlich für die menschliche Gesellschaft. Daher nahm der Richter hier einige Rücksicht auf den Rath seines Canzlisten; denn es waren in der That schon zwei Klagen gegen ihn bei der King's-Bench angebracht worden, und er hatte nicht Lust sich einer dritten auszusetzen. Der Squire nahm daher eine ungemein weise und wichtige Miene an und sagte nach mehreren Hms und wiederholtem Räuspern zu seiner Schwester, daß er nach reiferer Ueberlegung der Meinung wäre, daß, da hier kein Friedensbruch vorläge, »worunter das Gesetz,« so erklärte er ihr, »das Thüreinbrechen, oder Zaundurchbrechen, oder Halsbrechen oder irgend eine ähnliche Art von Brechen verstehe, die Sache auch kein Verbrechen wäre und daher im Gesetze keine Strafe darauf stünde.« Fräulein Western bemerkte dagegen, »sie kennte die Gesetze besser; sie hätte Dienstboten gekannt, die wegen ihres groben Benehmens gegen ihre Herrschaft sehr streng bestraft worden wären,« und nannte dann einen gewissen Friedensrichter in London, der die Dienstboten jederzeit ins Zuchthaus schicken würde, wenn es die Herrschaft verlangte. »Leicht möglich,« rief der Squire; »das kann in London so sein; aber auf dem Lande ist das Gesetz anders.« Hier folgte eine sehr gelehrte Disputation zwischen dem Bruder und der Schwester über das Gesetz, die wir mittheilen würden, wenn wir hoffen dürften, daß sie von vielen unsrer Leser verstanden werden würde. Endlich legten 191 sie jedoch ihren Streit dem Canzlisten zur Entscheidung vor, und dieser entschied zu Gunsten des Gerichtsherrn; und Fräulein Western mußte sich endlich mit der Genugthuung zufriedenstellen, daß sie Honour fortgejagt hatte, wozu Sophie selbst sehr bereitwillig und gern ihre Zustimmung gab. Nachdem sich somit Fortuna nach ihrer Gewohnheit durch einige Launen zerstreut hatte, fügte sie endlich alles zum Besten für unsere Heldin, der in der That ihr Betrug sehr wohl gelang, zumal wenn man bedenkt, daß es der erste war, den sie jemals begangen hatte. Honour spielte ihre Rolle unübertrefflich. Sie sah sich nicht sobald sicher vor der Gefahr ins Zuchthaus geschickt zu werden, einen Ort, von dem sie sich die schrecklichsten Vorstellungen gemacht hatte, als sie ihr gewöhnliches unbefangenes Wesen, das durch den Schrecken ein wenig eingeschüchtert worden war, wieder annahm und ihre Stelle mit so viel affectirter Ruhe, ja Verachtung niederlegte, als je bei der Resignation auf Aemter von weit größerer Bedeutung gezeigt worden ist. Wenn es daher dem Leser recht ist, so sagen wir lieber, sie resignirte – ein Ausdruck, der stets synonym gehalten worden ist mit fortgejagt werden. Herr Western befahl ihr, sich mit dem Einpacken ja dazuzuhalten; denn seine Schwester erklärte, sie würde mit einer so frechen Dirne nicht noch eine Nacht unter demselben Dache schlafen. Sie machte sich daher ans Werk und griff es mit solchem Eifer an, daß sie Abends bei guter Zeit mit allem zu Stande war. Nachdem sie ihren Lohn empfangen hatte, machte sie sich mit Sack und Pack auf und davon, und zwar zu großer Zufriedenheit von jedermann und zur größten Freude von Sophien, die sich nun selbst zu ihrer Abreise anzuschicken begann, um mit ihrem Mädchen an 192 dem bezeichneten Orte unweit dem Hause, genau zur Geisterstunde, zusammenzutreffen. Allein zuvor hatte sie noch zwei peinliche Audienzen zu geben, und zwar die eine ihrer Tante, die andere ihrem Vater. Fräulein Western sprach in einem entschiedeneren Tone mit ihr, als vorher; aber ihr Vater vollends ließ sie so heftig und hart an, daß sie, dadurch eingeschüchtert, sich zum Schein in seinen Willen fügte, was den guten Squire so hoch entzückte, daß seine zornige Miene in ein Lächeln und seine Drohungen in Versprechungen verwandelt wurden. Er betheuerte, sie sei sein ganzes Leben, und ihre Einwilligung (denn als solche nahm er die Worte: – »Du weißt, Vater, ich kann und darf einem unbedingten Befehle von Dir den Gehorsam nicht verweigern«) habe ihn zum glücklichsten der Menschen gemacht. Dann gab er ihr eine ansehnliche Summe in einer Banknote, wofür sie sich einige Kleinigkeiten kaufen sollte, umarmte und küßte sie auf das Zärtlichste, während Thränen aus jenen Augen träufelten, aus denen vor wenigen Augenblicken dem Gegenstande seiner Zärtlichkeit Flammen der Wuth entgegenblitzten. Beispiele dieser Handlungsweise sind bei Eltern etwas so Gewöhnliches, daß der Leser ohne Zweifel über Western's ganzes Betragen sehr wenig erstaunt sein wird. Wäre er es dennoch, so gestehe ich, darüber keine Rechenschaft geben zu können; daß Western aber von da an seine Tochter auf das Zärtlichste liebte, darüber, denke ich, waltet kein Zweifel ob. Das haben auch viele andere, die ihre Kinder durch die nämliche Behandlung unsaglich unglücklich gemacht haben; und diese Behandlung, ob sie gleich fast allgemein bei Eltern vorkommt, ist mir stets als die unerklärbarste aller Absurditäten erschienen, die jemals aus dem Gehirne »dieses Wunderwerkes der Schöpfung, des Menschen,« entsprungen ist. 193 Western's Art und Weise, wie sie sich zuletzt äußerte, machte einen so tiefen Eindruck auf Sophiens gefühlvolles Herz, daß ein Gedanke in ihr aufstieg, auf den sie durch alle Sophistik ihrer politischen Tante, durch alle Drohungen ihres Vaters nimmermehr gebracht worden wäre. Sie hing mit so kindlicher Verehrung und mit so kindlicher Liebe an ihrem Vater, daß sie kaum an irgend etwas mehr Vergnügen fand, als an dem, was sie zu seiner Freude und Zufriedenheit beizutragen vermochte; denn er konnte nie seine Freude zurückhalten, wenn er ihr Lob hörte, und das hörte er fast jeden Tag ihres Lebens.. Der Gedanke also, wie unendlich glücklich sie ihren Vater durch ihre Einwilligung in diese Heirath machen könnte, brachte einen tiefen Eindruck in ihrem Gemüthe hervor. Auch die hohe Frömmigkeit, welche in einem solchen Akt des Gehorsams lag, forderte sie mächtig dazu auf, weil sie eine sehr warme Empfänglichkeit für Religion hatte. Als sie endlich erwog, was sie selbst würde dulden müssen, indem sie sich wirklich der kindlichen Liebe und Pflicht gewissermaßen zum Opfer brachte, da empfand sie einen angenehmen Reiz in jener kleinen Leidenschaft, die zwar weder mit der Religion noch mit der Tugend unmittelbar verwandt ist, aber doch die Zwecke beider zu fördern sehr bereitwillig und thätig mitwirkt. Sophie gefiel sich in dem Gedanken, eine so heroische That zu vollbringen, und fing schon an, sich mit etwas voreiliger Selbstgefälligkeit zu betrachten, als Cupido, der in ihrem Muffe verborgen lag, plötzlich hervorkroch und, gleich dem Polichinell im Puppenspiele, alles um sich her verjagte. In Wahrheit (denn wir verschmähen es, unsere Leser zu täuschen, oder den Charakter unsrer Heldin dadurch zu beschönigen, daß wir ihren Handlungen einen übernatürlichen Impuls als Beweggrund zuschreiben), der Gedanke 194 an ihren geliebten Jones und einige (wiewohl leise) Hoffnungen, bei denen Jones ganz besonders betheiligt war, rissen alles wieder nieder, was kindliche Liebe, Frömmigkeit und Stolz in vereintem Streben aufzubauen bemüht gewesen waren. Aber ehe wir weiter gehen, müssen wir einen Blick auf Jones zurückwerfen. Zehntes Kapitel. Handelt über verschiedene, ziemlich natürliche aber gemeine Dinge. Der Leser wird so gefällig sein, sich zu erinnern, daß wir Herrn Jones zu Anfange dieses Buchs auf dem Wege nach Bristol verließen, wohin er sich begab, um zur See sein Glück zu suchen, oder in der That vielmehr, von seinem Glücke hinweg der Küste zu zu fliehen. Der Zufall wollte (was gar nicht ungewöhnlich ist), daß der Führer, der es übernommen hatte, ihm den Weg zu zeigen, diesen unglücklicherweise nicht kannte, so daß er, nachdem er die Richtung verloren hatte und sich gleichwohl schämte, jemanden zu fragen, rück- und vorwärts wanderte, bis die Nacht herankam und es dunkel zu werden anfing. Jones, der die Sache ahnete, äußerte dem Führer seine Bedenken; allein dieser behauptete, sie wären auf dem richtigen Wege und fügte hinzu, es würde sehr sonderbar sein, wenn er den Weg nach Bristol nicht kennen wollte; ob es gleich wirklich viel sonderbarer gewesen sein würde, wenn er ihn gekannt hätte, da er ihn in seinem Leben nicht passirt war. Jones hatte kein so unbedingtes Vertrauen zu seinem Führer, daß er nicht, bei ihrer Ankunft vor einem Dorfe, den ersten Burschen, den er sah, hätte fragen sollen, ob 195 sie auf dem rechten Wege nach Bristol wären. »Woher kommen Sie denn?« rief der Bursche. »Darauf kommt nichts an,« sagte Jones ein wenig ungeduldig; »ich wollte wissen, ob dies der rechte Weg nach Bristol wäre.« – »Der Weg nach Bristol!« rief der Bursche, sich auf dem Kopfe kratzend: »Nun, Herr, ich glaube kaum, daß Sie Bristol heute Abend auf diesem Wege erreichen.« – »Drum bitte ich, Freund,« antwortete Jones, »uns zu sagen, welches der Weg ist.« – »Nun Herr,« rief der Bursche, »Sie müssen, Gott weiß wie, von Ihrem Wege abgekommen sein; denn dieser Weg führt nach Gloucester.« – »Gut, und welcher nach Bristol?« sagte Jones. »Nun, Sie entfernen sich ja immer mehr von Bristol,« antwortete der Bursche. – »Gut, und wenn wir wieder zurück auf die Anhöhe gekommen sind, welchen Weg müssen wir dann einschlagen?« – »Nun, dann gehen Sie den geraden Weg.« – »Aber ich erinnere mich, daß dort zwei Wege sind, von denen einer rechts, der andere links geht.« – »Nun, Sie müssen rechts gehen, und dann immer gerade fort; merken Sie sich nur, daß Sie zuerst rechts gehen, und dann wieder links, da kommen Sie, wenn Sie sich rechts halten, an den Edelhof; und nachher müssen Sie gerade aus und sich links wenden.« Es kam jetzt ein anderer Bursche heran und fragte, wohin die Herren wollten; als ihm Jones das gesagt hatte, kratzte er sich zuvörderst auf dem Kopfe, stützte sich dann auf einen Pfahl, den er in der Hand hatte und belehrte ihn: »Er müsse ungefähr eine halbe bis drei Viertelstunden, oder so darum, auf dem Wege rechts fortgehen, sich dann eine kurze Strecke links halten, worauf er bei Herrn Bearnes anlangen würde.« – »Aber wer ist das, Herr Bearnes?« fragte Jones. »Mein Gott!« rief der Bursche, »kennen Sie Herrn Bearnes nicht einmal? Wo kommen Sie denn her?« 196 Diese beiden Bursche hatten Jones' Geduld beinahe erschöpft, als ein schlichter wohlgekleideter Mann (er war nämlich ein Quäker) ihn folgendermaßen anredete: »Freund, ich höre, Du bist von Deinem Wege abgekommen; und wenn Du meinem Rathe folgen willst, so gieb Dir keine Mühe, ihn heute noch wieder zu finden. Es ist beinahe finster und der Weg schwer zu finden; überdies sind kürzlich zwischen hier und Bristol verschiedene Räubereien vorgekommen. Hier ist ganz in der Nähe ein gutes Wirthshaus, wo Du bis morgen früh ein bequemes Unterkommen finden kannst.« Jones willigte nach einigem Zureden ein, bis zum andern Morgen hier zu bleiben und wurde von seinem Freunde in das Wirthshaus geleitet. Der Wirth, ein sehr höflicher Mann, sagte zu Jones, »er hoffe, daß er ihn seiner schlechten Bewirthung wegen entschuldigen werde, weil seine Frau außer dem Hause wäre und fast alles verschlossen und die Schlüssel mit sich genommen hätte.« Der eigentliche Umstand war nämlich der, daß sich eine Lieblingstochter von ihr gerade verheirathet hatte und diesen Morgen von ihrem Gatten heimgeführt worden war. Diese und ihre Mutter hatten dem armen Manne fast alle seine Habe und all sein Geld mitgenommen; denn ob er gleich mehrere Kinder hatte, so war doch alle Sorge der Mutter nur auf diese Tochter, ihren Liebling, gerichtet, und den Launen dieses einen Kindes würde sie mit Vergnügen alle übrigen und ihren Ehegemahl obendrein geopfert haben. Obgleich Jones für keinerlei Gesellschaft Sinn hatte und lieber allein gewesen wäre, so konnte er doch den Zudringlichkeiten des ehrlichen Quäkers nicht widerstehen, der seine Gesellschaft um so mehr suchte, weil er die Traurigkeit auf seinem Gesicht und in seinem ganzen Wesen wohl bemerkt 197 hatte und dieselbe durch seine Unterhaltung einigermaßen zu zerstreuen hoffte. Nachdem sie eine Zeitlang beisammen gesessen hatten, ohne ein Wort zu wechseln, so daß sich der ehrliche Quäker in eine seiner schweigsamen Versammlungen mochte versetzt glauben, begann er, von irgend einem Geiste, vermuthlich dem der Neugierde, getrieben, so zu sprechen: »Freund, ich sehe Dir an, daß Dich irgend ein Unglück betroffen hat, aber ich bitte, tröste Dich. Vielleicht hast Du einen Freund verloren. Ist das der Fall, so mußt Du bedenken, daß wir alle sterblich sind; und warum wolltest Du Dich auch grämen, da Du weißt, Dein Gram wird Deinem Freunde nichts nützen? Wir sind alle zu Leiden geboren. Ich selbst habe meine Sorgen, sowohl wie Du, und höchst wahrscheinlich größere Sorgen. Ob ich gleich ein reines Einkommen von jährlich 100 £ habe, was mehr ist als ich brauche, und dabei, Gott sei Dank, ein vorwurfsfreies Gewissen; ob ich gleich gesund und stark bin, niemandem etwas schulde und von niemandem eines Unrechts angeklagt werden kann, so sollte es mich doch wundern, Freund, wenn Du unglücklicher wärest als ich.« Hier schloß der Quäker mit einem tiefen Seufzer und Jones erwiederte ihm darauf: »Ich bedaure zu hören, daß Sie unglücklich sind, was auch immer die Ursache dazu sein möge.« – »Ach! Freund,« versetzte der Quäker, »eine einzige Tochter ist die Ursache. Eine Tochter, die meine größte Freude auf Erden war, und die in dieser Woche von mir fortgelaufen ist, um sich gegen meinen Willen zu verheirathen. Ich hatte ihr eine passende Partie, einen braven und dazu einen wohlhabenden Mann ausgesucht. Aber sie, wahrhaftig, sie wollte selbst wählen und da ist sie mit einem jungen Menschen fortgegangen, der keinen Groschen im Vermögen hat. Wäre sie gestorben, was, wie ich vermuthe, 198 mit Deinem Freunde geschehen ist, ich würde glücklich gewesen sein.« – »Das ist sehr sonderbar, Herr,« sagte Jones. – »Wie so, wäre es nicht besser für sie, todt zu sein, als eine Bettlerin?« entgegnete der Quäker; »denn wie ich Ihnen sagte, der Mensch hat keinen Groschen, und sie kann doch wahrhaftig nicht erwarten, daß ich ihr je einen Schilling geben werde. Nein, hat sie nach Liebe geheirathet, mag sie von der Liebe leben, wenn sie kann; sie mag ihre Liebe nur zu Markte bringen und sehen ob sie ihr jemand in Silber oder auch nur in Kupfer umsetzt.« – »Sie kennen Ihr eignes Interesse am besten,« sagte Jones. – »Es muß ein lange vorbereiteter Plan gewesen sein,« fuhr der Quäker fort, »mich zu betrügen; denn sie haben einander von Kindheit auf gekannt; und ich habe ihr immer gegen die Liebe vor gepredigt und ihr tausendmal gesagt, daß es nichts als Thorheit und Leichtfertigkeit sei. Ja, das schlaue Geschöpf gab auch vor, mir Gehör zu geben und alle Fleischeslust zu verabscheuen; und dennoch sprang sie endlich zwei Stockwerk hoch aus dem Fenster: denn ich fing wirklich an ein wenig argwöhnisch gegen sie zu werden und hatte sie sorgfältig eingeschlossen, in der Absicht, sie den nächstfolgenden Morgen nach meinem Wunsche zu verheirathen. Aber sie vereitelte meinen Plan und entfloh zu dem Manne ihrer eignen Wahl, welcher keine Zeit verlor, sondern innerhalb einer Stunde mit ihr getraut, zusammengebettet und alles war. »Aber das soll ihnen beiden schlechten Lohn bringen; denn meinetwegen mögen sie zusammen verhungern, oder betteln oder stehlen. Von mir sollen sie keinen Heller bekommen.« Hier fuhr Jones in die Höhe und rief aus: »Ich muß wirklich um Entschuldigung bitten; ich wünschte, daß Sie mich allein ließen.« – »Was da, Freund,« sagte der Quäker, »laß Dich nicht vom Kummer überwältigen. 199 Du siehst, es giebt außer Dir auch noch unglückliche Leute.« – »Ich sehe, es giebt Verrückte und Narren und Schurken in der Welt,« rief Jones. »Aber nehmen Sie einen Rath von mir an – lassen Sie Ihre Tochter und Ihren Schwiegersohn nach Hause kommen, und sein Sie nicht selbst die einzige Ursache des Unglücks derjenigen, die Sie zu lieben vorgeben.« – »Sie und ihren Mann nach Hause kommen lassen!« rief der Quäker mit lauter Stimme; »eher wollte ich meine ärgsten Feinde in der Welt zu mir kommen lassen!« – »Wohlan, so gehen Sie selbst nach Hause, oder wohin es Ihnen beliebt,« sagte Jones, »denn ich mag nicht länger in solcher Gesellschaft sein.« – »Nein Freund,« entgegnete der Quäker, »ich will meine Gesellschaft niemandem aufdringen.« Er wollte nun Geld aus der Tasche ziehen, aber Jones schob ihn mit einiger Heftigkeit aus der Thür. Der Inhalt der Erzählung des Quäkers hatte Jones so tief erschüttert, daß er während der ganzen Zeit des Gesprächs mit verstörtem Blicke vor sich hinstarrte. Der Quäker hatte das bemerkt, und dieser Umstand, verbunden mit seinem ganzen übrigen Wesen, brachte unsern Freund Breitkrämpe auf den Gedanken, daß es mit dem Verstande seines Gefährten wirklich nicht ganz richtig sei. Daher ward der Quäker, anstatt sich durch die ihm zu Theil gewordene Begegnung beleidigt zu fühlen, von Mitleid für sein trauriges Schicksal ergriffen. Er theilte dem Wirthe seine Vermuthung mit und rieth ihm, ja auf seinen Gast Acht zu haben und ihn mit der größten Höflichkeit zu behandeln. »Nun wahrhaftig,« sagte der Wirth, »ich werde so große Umstände nicht mit ihm machen; denn trotz seiner bordirten Weste scheint er mir nichts Vornehmeres zu sein als ich auch bin, etwa ein armer Bastard von einem großen Squire, ungefähr sieben Meilen von hier, aufgezogen, und 200 jetzt fortgejagt (gewiß, etwas Besseres nicht). Ich werd machen, daß ich ihn sobald als möglich aus meinem Hause los werde. Büße ich meine Rechnung ein, nun, so ist der erste Verlust immer der beste. Es ist noch nicht über ein Jahr her, daß mir ein silberner Löffel wegkam.« »Was sprichst Du da von einem armen Bastard, Robin?« antwortete der Quäker. »Gewiß mußt Du Dich in Deinem Manne geirrt haben.« »Durchaus nicht,« versetzte Robin; »der Führer, der ihn sehr gut kennt, sagte es mir.« In der That hatte der Führer nicht sobald in der Küche seinen Platz am Feuer eingenommen, als er die ganze Gesellschaft mit allem, was er von Jones wußte oder je gehört hatte, bekannt machte. Der Quäker war kaum über Jones's Herkunft und Schicksal im Reinen, als alle Theilnahme für ihn erlosch; und der ehrliche schlichte Mann kehrte nach Hause zurück, nicht geringeren Ingrimm im Herzen tragend, als ein Herzog empfunden haben würde, wenn ihm von einem solchen Menschen eine Beleidigung widerfahren wäre. Der Wirth selbst hegte einen gleich großen Abscheu vor seinem Gaste; so daß man Jones, als er die Glocke zog und zu Bett zu gehen wünschte, sagte, er könne hier kein Bett bekommen. Außerdem, daß Robin seinen Gast um seiner bedrängten Lage willen verachtete, hatte er ihn noch in einem starken Verdacht in Hinsicht auf seine Absichten, die, seiner Meinung nach in nichts anderm bestanden, als eine günstige Gelegenheit abzupassen, um das Haus zu bestehlen. Auf diese Befürchtung konnte er freilich sehr leicht durch die klugen Vorsichtsmaßregeln seiner Frau und Tochter gebracht worden sein, die bereits alles in Sicherheit gebracht hatten, was nicht niet- und nagelfest war; aber er war auch von Natur argwöhnisch und war es seit dem 201 Verluste seines Löffels nur noch mehr geworden. Kurz, die Furcht bestohlen zu werden, hatte ihn den tröstlichen Gedanken ganz vergessen lassen, daß er eigentlich nichts zu verlieren hatte. Als Jones die Gewißheit vor sich sah, kein Bett bekommen zu können, setzte er sich gelassen auf einen großen aus Binsen geflochtenen Stuhl; und bald kam der Schlaf, der noch vor Kurzem in weit besseren Zimmern seine Gesellschaft geflohen hatte, ihm in dieser niedern Zelle großmüthig einen Besuch abzustatten. Den Wirth aber ließ die Furcht nicht zur Ruhe kommen. Er kehrte daher in die Küche zum Feuer zurück, von wo aus er die einzige Thür zur Gaststube, oder vielmehr zu der Höhle, in welcher Jones saß, übersehen konnte; und was das Fenster der Stube anlangte, so wäre es für jede Kreatur, größer als eine Katze, eine Unmöglichkeit gewesen, durch dasselbe zu entkommen. Elftes Kapitel. Das Abenteuer mit einem Trupp Soldaten. Der Wirth hatte seinen Sitz der Thür der Gaststube gerade gegenüber gewählt und sich vorgenommen, die ganze Nacht hier Wache zu halten. Der Führer und noch ein anderer Kumpan leisteten ihm lange Gesellschaft ohne seinen Verdacht zu kennen oder irgend selbst einen zu haben. Die eigentliche Ursache ihres Wachens machte in der That demselben auch ein Ende; denn dies war keine andere, als die Stärke und Güte des Bieres, von dem sie, weil sie eine sehr große Quantität gezecht hatten, erst sehr laut und lustig, dann aber so müde wurden, daß sie beide einschliefen. 202 Aber der Gerstensaft hatte nicht die Kraft, Robin's Furcht einzuschläfern. Er wachte noch immer auf seinem Stuhle, die Augen unverwandt auf die Thür geheftet, die nach Jones' Zimmer führte, als ein starkes Pochen an die äußere Thür ihn von seinem Sitze hinwegrief und dieselbe zu öffnen veranlaßte; kaum hatte er dies gethan, so war auch sogleich seine Küche mit Herren in rothen Röcken gefüllt, die mit einem solchen Lärm über ihn herfielen, als ob sie sein kleines Castell mit Sturm hätten einnehmen wollen. Der Wirth war jetzt gezwungen, seinen Posten zu verlassen, um seine zahlreichen Gäste mit Bier zu versorgen, wonach sie sehr stürmisch verlangten; und bei seiner zweiten oder dritten Rückkehr aus dem Keller, sah er Herrn Jones mitten unter den Soldaten vor dem Feuer stehen; denn es läßt sich leicht denken, daß die Ankunft von so viel guter Gesellschaft jedem Schlafe, den ausgenommen, aus dem wir durch die letzte Posaune erweckt werden sollen, ein Ende macht. Nachdem die Gesellschaft ihren Durst recht leidlich gestillt hatte, blieb nichts übrig als die Zeche zu bezahlen, ein Umstand, der unter Leuten niedern Standes, welchen das Abschätzen der nach Verhältniß des Getrunkenen auf jeden kommenden Summe immer Schwierigkeit verursacht, oft viel Unheil und Unzufriedenheit hervorgebracht hat. Diese Schwierigkeit zeigte sich auch gegenwärtig; und sie war um so größer, als mehrere der Herren in übertriebener Eil nach dem ersten Schluck weiter marschirt waren und ihren Antheil zur besagten Zeche beizusteuern gänzlich vergessen hatten. Es entstand nun ein heftiger Streit, in welchem beinahe jedes Wort durch einen Eid bekräftigt wurde; denn jedes zweite Wort, das man hörte, war ein Schwur. Dabei sprach die ganze Compagnie zu gleicher Zeit und ein jeder 203 schien ernstlich darauf bedacht zu sein, die Summe, welche auf seinen Antheil kam, zu schmälern; so daß sich mit der größten Wahrscheinlichkeit voraussetzen ließ, es werde ein großer Theil der zu bezahlenden Rechnung auf den Wirth fallen, oder (was das nämliche ist) unbezahlt bleiben. Während dieser ganzen Zeit war Jones in einem Gespräch mit dem Sergeanten begriffen; denn dieser Officier war bei dem gegenwärtigen Streite ganz unbetheiligt, weil ihn ein seit undenklichen Zeiten bestehendes herkömmliches Privilegium von aller Contribution befreite. Der Streit wurde jetzt so hitzig, daß es damit zu einer militärischen Entscheidung kommen zu wollen schien, als Jones vortrat und ihr Schreien mit einem Male durch die Erklärung beschwichtigte, daß er die ganze Zeche, die in der That nicht mehr als drei Schilling und vier Pence betrug, bezahlen werde. Diese Erklärung erwarb Jones den Dank und Beifall der ganzen Truppe. Die Ausdrücke ein honetter, nobler und braver Herr erschollen von einem Ende des Zimmers bis zum andern; ja, selbst der Wirth fing an eine bessere Meinung von ihm zu bekommen und der Aussage des Führers beinahe zu mißtrauen. Der Sergeant hatte Herrn Jones erzählt, daß sie gegen die Rebellen marschirten und von dem berühmten Herzog von Cumberland commandirt werden würden, woraus der Leser ersehen mag (was wir bis jetzt anzugeben nicht für nothwendig hielten), daß es gerade zu der Zeit war, wo die Rebellion ihren höchsten Grad erreicht hatte; und wirklich waren die Räuber jetzt in England eingedrungen und beabsichtigten, wie man meinte, die königlichen Truppen anzugreifen und nach der Hauptstadt vorzudringen. Jones hatte den Muth eines Helden in seiner Brust und war der ruhmvollen Sache der Freiheit und der 204 protestantischen Religion von Herzen zugethan. Kein Wunder also, daß er unter Umständen, die ein noch so abenteuerliches und kühnes Unternehmen hätten voraussetzen lassen, auf den Gedanken gekommen sein würde, die Expedition als Freiwilliger zu begleiten. Unser commandirender Officier hatte vom ersten Augenblicke seiner Bekanntschaft mit ihm alles mögliche angewendet, um diese günstige Stimmung zu erhöhen und zu benutzen. Er erklärte jetzt laut die edle Absicht unseres Helden, die von der ganzen Truppe mit großer Freude und unter dem Ausrufe: »Gott segne König Georg und Euer Gnaden, für Euch beide unsern letzten Blutstropfen,« aufgenommen wurde. Der Bursche, welcher die ganze Nacht gezecht hatte, wurde durch einige Gründe, die ihm ein Corporal begreiflich machte, ebenfalls vermocht, die Expedition mit zu machen. Und jetzt, nachdem Jones' Mantelsack auf den Packwagen geladen war, schickten sich die Truppen zum Aufbruch an, als der Führer auf Jones zutrat und sagte: »Herr, ich hoffe Sie werden nicht vergessen, daß die Pferde die ganze Nacht außer dem Stalle gewesen, und daß wir ein großes Stück Weges umgeritten sind.« Jones war erstaunt über diese unverschämte Forderung und machte die Soldaten mit dem eigentlichen Verhalten der Sache bekannt, worauf diese einstimmig den Führer verurtheilten und erklärten, er wolle einen Gentleman betrügen. Einige sagten, er müsse mit Kopf und Fersen zusammengebunden werden; andere, er verdiene Spießruthen zu laufen; und der Sergeant schwang seinen Stock, indem er sagte, er wünschte nur, daß er ihn unter seinem Commando hätte, er wollte, und das beschwor er hoch und theuer, ein Muster von einem Soldaten aus ihm ziehen. 205 Jones begnügte sich jedoch mit einer negativen Strafe und brach mit seinen neuen Kameraden auf, den Führer seiner ohnmächtigen Rache überlassend, ihn zu schelten und zu schmähen, worin der Wirth mit ihm einstimmte, indem er sagte: »Ja, ja, das ist ein sauberes Herrchen, das versichere ich Dich. Ein hübscher Gentleman, wahrhaftig, der mit den Soldaten fortgeht. Eine bordirte Weste zu tragen, nun wahrlich. Es ist ein altes und ein wahres Sprichwort: Nicht alles ist Gold, was glänzt. Ich bin froh, daß ich ihn aus dem Hause los bin.« Diesen ganzen Tag marschirten der Sergeant und der junge Soldat zusammen; und der erstere, ein durchtriebener Bursch, erzählte dem andern viele unterhaltende Geschichtchen aus seinen Feldzügen, ob er gleich in der That noch keinen mitgemacht hatte; denn er war erst kürzlich in den Dienst eingetreten und hatte sich durch seine Gewandtheit bei seinen Officieren so beliebt gemacht, daß er zum Sergeanten erhoben wurde; und zwar wegen seiner Verdienste im Recrutiren, worin er eine vorzügliche Geschicklichkeit besaß. Es herrschte viel Leben und Fröhlichkeit unter den Soldaten auf ihrem Marsche. Sie erzählten sich die mancherlei Abenteuer, die sie in ihren letzten Quartieren erlebt hatten und ein jeder machte nach Gefallen seine Scherze über die Officiere; und manche dieser Scherze waren so grober Natur, daß sie sehr nahe an Scandal streiften. Dies erinnerte unsern Helden an den unter Griechen und Römern herrschenden Gebrauch, bei gewissen Festen und feierlichen Gelegenheiten den Sklaven zu gestatten, daß sie sich ungebunden über ihre Herren aussprechen durften. Unsere kleine Armee, die aus zwei Compagnien Infanterie bestand, war jetzt an dem Orte angelangt, wo das Nachtquartier aufgeschlagen werden sollte. Der Sergeant meldete seinem Lieutenant, der das Commando hatte, daß 206 sie an diesem Tage auf dem Marsche zwei Bursche angeworben hätten, von denen der eine ein so schöner Mann sei, wie man nur irgend einen sehen könne (er meinte den Zecher), denn er halte nahe an sechs Fuß, sei wohlproportionirt und stark von Gliedern, der andere (womit er Jones meinte) für das hintere Glied recht gut passe. Die neuen Soldaten wurden nun dem Officier vorgestellt, der, nachdem er den Mann von sechs Fuß zuerst gemustert hatte, weil dieser erst vortrat, nun auch an Jones kam, bei dessen Anblick der Lieutenant einige Verwunderung nicht unterdrücken konnte; denn ausgenommen, daß er sehr gut gekleidet und von elegantem Äußern war, hatte er etwas auffallend Edles in seiner Miene, was man bei gemeinen Leuten selten findet und mit den Gesichtszügen Höherer nicht einmal unzertrennlich verbunden ist. »Herr,« sagte der Lieutenant, »mein Sergeant meldet mir, daß Sie sich in die Compagnie, die ich gegenwärtig commandire, anwerben lassen wollen; wenn dem so ist, so werden wir mit Vergnügen einen Mann aufnehmen, der der Companie Ehre zu machen verspricht.« Jones erwiederte, daß er vom Anwerben nichts erwähnt habe; daß er sich eifrig für die Sache interessire, für die sie zu fechten im Begriff stünden, und daß er als Freiwilliger zu dienen wünsche; schloß mit einigen Complimenten; die er dem Lieutenant machte und versicherte, daß es ihn sehr freuen solle, unter seinen Befehlen zu stehen. Der Lieutenant erwiederte seine Höflichkeit, lobte seinen Entschluß, schüttelte ihm dann die Hand und lud ihn ein, mit ihm und den übrigen Officieren zusammen zu speisen. 207 Zwölftes Kapitel. Das Abenteuer mit einer Gesellschaft von Officieren. Der Lieutenant, dessen wir im vorhergehenden Kapitel erwähnten, und der diese Abtheilung befehligte, war jetzt nahe an sechzig Jahre alt. Er war sehr jung zur Armee gekommen und hatte als Fähndrich in der Schlacht von Tannieres mitgefochten; hier hatte er zwei Wunden erhalten und sich so sehr ausgezeichnet, daß ihn der Herzog von Marlborough unmittelbar nach der Schlacht zum Lieutenant machte. In diesem Range war er nun seitdem, das heißt gegen vierzig Jahre hindurch, geblieben und hatte in dieser Zeit sehen müssen, daß ihm eine große Anzahl vorgezogen wurde; und jetzt erfuhr er noch die Kränkung, von Knaben commandirt zu werden, deren Väter noch bei der Amme waren, als er seine ersten Kriegsdienste that. Von diesem Mißgeschick, das ihn in seiner Carriere betraf, war nicht die einzige Ursache, daß er unter den Großen keine Freunde hatte. Er hatte das Unglück, seinem Obristen zu mißfallen, der viele Jahre hindurch das Commando über dieses Regiment führte. Dieses Uebelwollen von Seiten jenes Mannes hatte er sich auch nicht durch Nachlässigkeit oder Pflichtvergessenheit im Dienste oder durch irgend einen persönlichen Fehler zugezogen, sondern es traf ihn einzig und allein in Folge der Indiscretion seiner Gattin, die sehr schön war, und die, wie überaus zärtlich sie sich auch gegen ihn bewies, doch sein Avancement nicht auf Kosten gewisser Gunstbezeugungen erkaufen wollte, um die sich der Obrist bei ihr bewarb. Der arme Lieutenant fühlte sich vorzüglich unglücklich, die Folgen der Ungnade seines Obristen zu empfinden, ohne 208 zu wissen, oder nur zu ahnen, daß jener ihm wirklich übel wollte; denn er war sich nicht bewußt, irgend eine Veranlassung dazu gegeben zu haben; und seine Gattin, aus Furcht vor dem, wozu die strengen Ansichten von Ehre ihren Gemahl veranlassen möchten, begnügte sich mit der Wahrung ihrer Tugend, ohne den Triumph ihres Sieges zu feiern. Dieser unglückliche Officier (denn ich glaube, daß man ihn so nennen kann) hatte viele gute Eigenschaften, abgesehen von seinen militärischen Verdiensten; denn er war ein religiöser, biederer, gutmüthiger Mann; auch hatte er sich in seinem Dienste so wohl betragen, daß er nicht allein bei den Soldaten seiner eigenen Compagnie, sondern bei dem ganzen Regimente hochgeachtet und beliebt war. Die andern Officiere, welche mit ihm marschirten, waren ein französischer Lieutenant, der so lange außerhalb Frankreich gelebt, daß er seine Muttersprache vergessen, der aber noch nicht so lange in England war, daß er englisch gelernt hatte und somit eigentlich fast gar keine Sprache sprach und sich wirklich über die gewöhnlichsten Dinge nicht verständlich machen konnte; ferner zwei Fähndriche, ein paar blutjunge Bürschchen, von denen der eine bei einem Advocaten erzogen worden und der andere der Sohn der Frau eines Kellermeisters bei einem vornehmen Herrn war. Nach beendigtem Mahle erzählte Jones der Gesellschaft von der lauten Fröhlichkeit, welche auf dem Marsche unter den Soldaten geherrscht hatte; »und dennoch,« setzte er hinzu, »trotz all ihres Schreiens, wollte ich schwören, daß sie sich vor dem Feinde mehr wie Griechen als Trojaner benehmen werden.« – »Griechen und Trojaner!« sagte einer von den Fähndrichen; »wer zum Teufel sind denn die? ich habe doch von allen Truppen in Europa gehört, aber von diesen in meinem Leben nicht.« 209 »Stellen Sie Sich nicht unwissender als Sie sind, Herr Northerton,« sagte der würdige Lieutenant. »Sie werden wohl von den Griechen und Trojanern gehört haben, wenn Sie auch vielleicht Pope's Homer nicht gelesen haben sollten, wo, wie dieser Herr so eben erwähnt, der Marsch der Trojaner mit dem Gackern der Gänse verglichen und dagegen das Schweigen der Griechen gerühmt wird. Und bei meiner Ehre, die Bemerkung des jungen Mannes ist sehr richtig.« »Ah, ick entsinnen mir sehr wol,« sagte der französische Lieutenant; »ick abe kelesen in die Schule dans Madame Daciere, des Grecs, des Trojans, das kämpften wegen einer Frau, – oui, oui, ick abe kelesen all das.« »Hole der Teufel den Homer,« sagte Northerton; »ich fühle ihn noch auf meinem Rücken. Da ist der Thomes von unserm Regiment, der führt stets einen Homer in der Tasche bei sich; verdammt will ich sein, wenn ich ihn einmal erwische und nicht verbrenne. Dann ist der Corderius, noch ein solcher verdammter Wicht, um den ich manchen Hieb bekommen habe.« »Demnach sind Sie auf der Schule gewesen, Herr Northerton?« sagte der Lieutenant. »Verdammt, freilich bin ich das,« antwortete er; »der Teufel danke es meinem Vater. Der alte Narr wollte einen Geistlichen aus mir machen, aber verflucht, dachte ich bei mir, den Alten willst Du prellen; der soll um seines Unsinns willen an mich denken. Auch Jemmy Oliver von unserm Regiment sollte ein Kopfhänger werden, und das wäre jammerschade gewesen; denn verflucht will ich sein, wenn es einen netteren Burschen in der Welt giebt; aber der hat dem alten Pinsel eine größere Nase gedreht als ich, denn Jemmy kann weder lesen noch schreiben.« 210 »Sie geben Ihrem Freunde ein schönes Lob,« sagte der Lieutenant, »und verdient mag es auch sein. Aber ich bitte Sie, Northerton, legen Sie Ihre thörichte und häßliche Gewohnheit zu schwören ab; denn Sie irren sich, ich versichere Sie, wenn Sie glauben, daß Witz oder Höflichkeit darin liege. Auch wünschte ich, daß Sie meinen Rath befolgten und das Schimpfen auf die Geistlichkeit unterließen. Schmähungen gegen irgend einen Stand müssen stets ungerecht sein; insbesondere aber, wenn sie ein so heiliges Amt betreffen: denn den Stand schmähen, heißt das Amt selbst schmähen; und bedenken Sie nur, wie unschicklich so etwas für Männer ist, die im Begriff stehen, die protestantische Religion zu vertheidigen.« Herr Adderly, der andere Fähndrich, der bisher mit den Absätzen getrommelt und eine Melodie dazu gebrummt hatte, ohne dem Anscheine nach auf das Gespräch zu hören, antwortete jetzt: » O monsieur, on ne parle pas de la religion dans la guerre. « – »Wohl gesprochen, Jack,« rief Northerton: »wenn sich's blos um die Religion handelte, so könnten die Geistlichen meinetwegen ihren Kampf selbst ausfechten.« »Ich weiß nicht, meine Herren,« sagte Jones, »wie Ihre Gesinnung sein mag; aber ich denke, es giebt keine edlere Sache, für die man sich interessiren kann, als seine Religion; und so wenig ich von der Geschichte kenne, so habe ich doch die Bemerkung gemacht, daß die Soldaten immer am tapfersten gefochten haben, die von einem religiösen Eifer begeistert waren; für mich wenigstens, ob ich gleich meinen König und mein Vaterland eben so sehr zu lieben glaube, als irgend jemand, ist das Interesse des Protestantismus kein geringer Beweggrund, der Sache desselben als Freiwilliger zu dienen.« 211 Northerton winkte jetzt Adderly und flüsterte ihm leise zu: »Schraube den Laffen, Adderly, schraube ihn.« Dann wendete er sich an Jones und sagte. »Es freut mich sehr, daß Sie zu unserm Regimente gekommen sind; denn wenn unser Geistlicher einmal sollte ein Glas zu viel nehmen, dann glaube ich, werden Sie seine Stelle versehen können. Vermuthlich sind Sie auf Universitäten gewesen; darf ich mir die Frage erlauben, auf welcher?« »Herr,« erwiderte Jones, »nicht nur, daß ich auf keiner Universität gewesen bin, sondern ich bin sogar in demselben Vortheile gewesen wie Sie; ich war nämlich nie auf der Schule.« »Ich schloß das,« rief der Fähndrich, »blos aus Ihrer großen Gelehrsamkeit.« – »O!« entgegnete Jones, »es ist eben so gut möglich, daß man etwas weiß, ohne auf der Schule gewesen zu sein, als daß man auf der Schule gewesen ist, ohne etwas zu wissen.« »Sehr gut, junger Mann,« sagte der Lieutenant. »Auf mein Wort, Northerton, Sie hätten besser gethan, ihn in Ruhe zu lassen; denn Sie werden mit ihm nicht so leicht fertig werden.« Northerton fühlte sich nicht eben angenehm berührt durch Jones beißende Antwort; aber es lag ihm auch keine genügende Herausforderung darin, um einen Schlag, oder einen Schurken oder Hundsfott, die einzigen sich ihm darbietenden Erwiederungen zu rechtfertigen. Er schwieg daher für den Augenblick, nahm sich jedoch vor, die erste Gelegenheit zu ergreifen, um sich für den Scherz zu rächen. Es kam jetzt die Reihe an Jones, einen Toast anzugeben, und er konnte nicht umhin, seiner theuern Sophie zu gedenken. Er that es um so freudiger, als er es für ganz unmöglich hielt, daß jemand unter den Anwesenden errathen könne, welche Person er meine. 212 Allein der Lieutenant, welcher die Toaste ausbrachte, war mit Sophie allein nicht zufrieden. Er sagte, er müsse auch ihren Zunamen haben. Jones nannte nach einigem Zögern Fräulein Sophie Western. Fähndrich Northerton erklärte, diese Gesundheit neben der seinigen nicht trinken zu können, wenn sich nicht jemand für die Genannte verbürge. »Ich kenne eine Sophie Western,« sagte er, »die sich von der Hälfte der jungen Männer zu Bath öffentlich die Cour machen ließ; und vielleicht ist dies dieselbe.« Jones suchte ihn vom Gegentheil zu überzeugen, indem er anführte, daß die von ihm genannte Dame einer angesehenen und reichen Familie angehöre. »Ja, ja,« sagte der Fähndrich, »so ist es; verdammt will ich sein, wenn es nicht die nämliche ist; und ich wette ein Dutzend Flaschen Burgunder, daß sie Tom French von unserm Regimente in jedes Weinhaus von Bridgesstreet in unsere Gesellschaft bringt.« Er beschrieb dann ausführlich ihre Person (denn er hatte sie mit ihrer Tante gesehen) und schloß mit den Worten: »Ihr Vater hat eine große Besitzung in Somersetshire.« Zärtliche Liebhaber können durch den geringsten Scherz mit dem Namen ihrer Geliebten in Harnisch gebracht werden. Jones indessen, obschon er alle Zärtlichkeit und allen Heldenmuth eines Liebhabers besaß, rächte diese Verleumdung nicht so schnell, als er es vielleicht gesollt hätte. Die Wahrheit ist, daß er, weil er diese Art Witz noch wenig kannte, denselben nicht sogleich verstand und eine lange Zeit glaubte, Northerton habe seine Geliebte mit einer andern verwechselt. Aber jetzt sagte er, indem er sich mit finsterm Ernst gegen den Fähndrich wendete: »Ich bitte, suchen Sie sich jemand anders für Ihren Witz; denn ich versichere Sie, daß ich über den Charakter dieser Dame keinen Scherz dulden werde.« – »Scherz,« rief der andere aus; »verdammt will ich sein, wenn mir es je in meinem 213 Leben mit etwas mehr Ernst war. Tom French von unserm Regimente hat zu Bath von beiden, von ihr und ihrer Tante, genossen, was die Gunst eines Weibes nur immer gewähren kann.« – »Nun so muß ich Ihnen im Ernst sagen,« rief Jones, »daß Sie der frechste Schurke von der Welt sind.« Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als der Fähndrich unter Fluchen Jones eine volle Flasche an den Kopf warf und ihn über dem rechten Schlafe so traf, daß er augenblicklich zu Boden stürzte. Der Sieger, als er seinen Gegner ohne Regung vor sich da liegen und das Blut in einem Strome aus seiner Wunde dringen sah, ging jetzt mit dem Gedanken um, das Schlachtfeld, auf dem keine Ehre mehr zu verdienen war, zu verlassen; aber der Lieutenant verhinderte es, indem er ihm die Thür vertrat und ihm somit den Rückzug abschnitt. Northerton war sehr verdrießlich darüber, daß der Lieutenant ihn aufhielt. Er deutete auf die übeln Folgen, die sein längeres Verweilen haben könnte und fragte, was er wohl anders habe thun können? »Donner und Wetter!« setzte er hinzu, »ich machte ja nur einen Scherz mit dem Menschen. In meinem ganzen Leben habe ich nichts Nachtheiliges von Fräulein Western gehört.« – »Also nicht?« sagte der Lieutenant; »dann verdienen Sie doppelt den Strick, einmal für einen solchen Scherz und dann für den einer solchen Waffe. Sie sind mein Arrestant; Sie gehen nicht von der Stelle, bis Sie eine Wache abführen wird.« Der Lieutenant wußte sich so in Respekt zu setzen bei dem Fähndriche, daß dieser mit all dem Muthe, den er an unserm Helden bewiesen hatte, kaum gewagt haben würde, den Degen gegen den Lieutenant zu ziehen, wenn er ihn damals an der Seite gehabt hätte; aber alle im Zimmer 214 aufgehangene Waffen waren, so wie der Streit begann, von dem französischen Officier in Sicherheit gebracht worden. Somit sah sich Northerton genöthigt, den Ausgang dieser Sache in Geduld abzuwarten. Der französische Lieutenant und Herr Adderly hatten auf den Wunsch ihres Commandanten Jones in die Höhe gerichtet; ließen ihn aber, da sie nur wenig (wenn überhaupt) Lebenszeichen an ihm fanden, wieder nieder, wobei Adderly fluchte, weil er sich die Weste blutig gemacht hatte, und der Franzos erklärte: »Ik nik anrühr der Todten; ik aben kehört, daß der englisch Kesetz ängt den Mann, der anrührt zuletzt ein Todten.« Als sich der gute Lieutenant an die Thür postirte, zog er auch gleichzeitig die Klingel und befahl dem Kellner, eine Abtheilung Soldaten und einen Chirurgen zu holen. Auf diese Befehle, so wie des Kellners Bericht von dem, was er gesehen, erschienen alsbald nicht allein die Soldaten, sondern auch der Wirth des Hauses, seine Frau und die Dienerschaft, und überhaupt alle, die sich damals gerade im Hause befanden. Jeden einzelnen Umstand der folgenden Scene zu schildern und wiederzugeben, was dabei alles gesprochen wurde, liegt außer meiner Macht, denn ich hätte vierzig Federn haben und mit allen auf einmal schreiben müssen, so wie die Gesellschaft unter sich sprach. Der Leser muß sich daher mit dem Wichtigsten begnügen und wird uns wegen des Uebrigen gefälligst entschuldigen. Das erste was geschah, war die Verhaftung Northertons, welcher von sechs Mann Wache, einen Corporal an der Spitze, von einem Orte, den er sehr gern verließ, abgeführt und an einen andern gebracht wurde, den er leider sehr ungern betrat. Es ist wahr, so wunderlich sind die Wünsche des Ehrgeizes, daß dieser junge Mann in 215 demselben Momente, als er das Ziel seines Ehrgeizes erreicht hatte, sehr froh gewesen sein würde, wenn er sich in irgend einen verborgenen Winkel der Welt hätte zurückziehen können, wohin ihm die Kunde des Geschehenen nicht nachgefolgt wäre. Uns überrascht es, und es wird dem Leser vielleicht eben so gehen, daß der Lieutenant, ein so braver und guter Mann, seine erste Sorge darauf richtete, sich des Verbrechers zu versichern und nicht lieber darauf, das Leben des Verwundeten zu retten. Wir machen diese Bemerkung nicht, um ein so ungeeignetes Verfahren zu rechtfertigen, sondern damit sich nicht ein Kritiker hinterdrein rühme, es entdeckt zu haben. Wir wollten diesen Herren nur zeigen, daß wir wohl einsehen, was an einem Charakter zu tadeln ist; dagegen ist es unsere Pflicht, die Thatsachen zu erzählen, so wie sie sind; und haben wir das gethan, dann ist es die Sache des erfahrenen und scharfsinnigen Lesers, das Buch der Natur zu Rathe zu ziehen, woraus wir jede Stelle unsrer Erzählung entnehmen, obgleich wir nicht immer die Pagina zur Beglaubigung anführen. Die jetzt versammelte Gesellschaft wurde von verschiedenen Gefühlen bewegt. Sie suspendirte ihre Neugierde hinsichtlich der Person des Fähndrichs, in der Erwartung, ihn späterhin in einer interessanteren Stellung wiederzusehen. Für jetzt war ihre ganze Aufmerksamkeit auf den blutigen Körper des am Boden liegenden Verwundeten gerichtet, der, nachdem man ihn aufgerichtet und auf einen Stuhl gebracht hatte, alsbald Zeichen des Lebens von sich gab. Diese waren kaum wahrgenommen worden (denn man hatte Jones Anfangs allgemein für todt gehalten), als alle mit gutem Rath bei der Hand waren; denn da sich kein Arzt unter den Anwesenden befand, so nahm ein jeder die Function eines solchen über sich. 216 Aderlassen erscholl es wie eine Stimme im ganzen Zimmer; aber unglücklicherweise fehlte es an einem Operateur dazu; nun schrieen alle: »Man rufe einen Barbier;« aber keiner rührte sich von der Stelle. Auf die nämliche vergebliche Weise wurden alle belebenden Mittel empfohlen, bis der Wirth einen Krug starkes Bier vorschlug, das, wie er meinte, das beste Belebungsmittel wäre. Wer bei dieser Gelegenheit die thätigste, und wirklich die einzige Hülfe leistete, oder doch zu leisten schien, das war die Wirthin; sie schnitt ihr eigenes Haar ab und legte es auf die Wunde, um das Blut zu stillen; sie rieb die Schläfe des Jünglings mit ihrer Hand und schickte, nachdem sie sich mit der größten Mißbilligung über die Verordnung ihres Gatten ausgesprochen hatte, eine ihrer Mägde auf ihre Kammer nach einer Flasche Branntwein, wovon sie Jones, der seine Besinnung unterdeß wiedererlangt hatte, einen tüchtigen Schluck zu nehmen überredete. Bald darauf kam auch der Chirurg an, der, nachdem er die Wunde besichtigt, seinen Kopf geschüttelt und alles was vorgenommen worden war, getadelt hatte, seinen Patienten zu Bett bringen ließ. Wir halten es daher für zweckmäßig, ihn seiner Ruhe zu überlassen und dieses Kapitel hiermit zu beschließen. Dreizehntes Kapitel. Worin das geschmeidige Benehmen der Wirthin, die große Gelehrsamkeit des Chirurgen und die gründliche Casuistik des Lieutenants vorgeführt werden. Als der Verwundete in das Bett gebracht worden war und der Tumult, den dieser Vorfall im Hause veranlaßt hatte, sich zu legen anfing, redete die Wirthin den 217 commandirenden Officier folgendermaßen an: »Ich vermuthe, Herr, dieser junge Mensch hat sich nicht so gegen Euer Gnaden aufgeführt, wie er sollte; und wenn er um's Leben gekommen wäre, so hätte er's doch wohl verdient gehabt; es ist wahr, wenn gemeine Leute in die Gesellschaft von vornehmen Herrn zugelassen werden, so sollten sie immer den Unterschied bedenken; aber, wie mein erster Mann immer sagte, wenige wissen sich darein zu schicken. Ich für meine Person, ich hätte gewiß nicht zugegeben, daß sich ein solcher Bursche in vornehme Gesellschaft eindrängte, aber ich dachte immer, er wäre ein Officier, bis mir der Sergeant sagte, daß er nur ein Recrut ist.« »Frau Wirthin,« erwiederte der Lieutenant, »Sie irren sich in der ganzen Sache. Der junge Mann betrug sich ausgezeichnet gut und ist, glaube ich, ein weit gebildeterer Mann als der Fähndrich, der ihn mißhandelte. Wenn der junge Mann stirbt, so wird der, welcher die Schuld davon trägt, am meisten Ursache haben, es zu bedauern; denn das Regiment wird sich eines solchen Unruhestifters, der eine Schande für die Armee ist, entledigen; und wenn er den Händen der Gerechtigkeit entgeht, so soll mich der Vorwurf treffen, darauf verlassen Sie sich, Frau Wirthin.« »Ei! ei! ist's möglich!« sagte die Wirthin; »wer hätte das denken sollen? Ja, ja, ja, ich bin überzeugt, daß Euer Gnaden Gerechtigkeit üben werden; und das sollte mit jedem geschehen. Die Großen sollten nicht arme Leute todtschlagen dürfen, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. Ein armer Mensch hat auch eine Seele, die selig werden will, eben so gut wie seine Vorgesetzten.« »Wahrhaftig, Frau Wirthin,« sagte der Lieutenant, »Sie thun dem Freiwilligen Unrecht; ich kann es Ihnen zu schwören, daß er mehr Gentleman ist, als der Officier.« 218 »Ach!« rief die Wirthin, »sehen Sie nur: ja, mein erster Mann war ein kluger Mann; der sagte wohl immer, man kann nicht stets vom Rocke auf das Herz schließen. Doch jener könnte auch wohl gut genug gewesen sein, denn ich sah ihn erst, als er über und über voll Blut war. Wer hätte das gedacht! vielleicht ein junger Edelmann, der eine unglückliche Liebe hat. Ach, wenn er sterben sollte, wie würden sich seine Eltern grämen! der Teufel muß doch den Elenden zu einer solchen That getrieben haben. Es ist wahr, er ist eine Schande für die Armee, wie Euer Gnaden sagen; denn die meisten Herren von der Armee, die ich jemals gesehen, waren ganz andere Leute und sahen nicht aus, als ob sie Christenblut vergießen wollten, eben so wenig wie andere Menschen; ich meine nämlich in friedlichen Zeiten, wie mein erster Mann immer sagte. Denn freilich, wenn sie in den Krieg kommen, da müssen sie Blut vergießen, aber darum sind sie nicht zu tadeln. Je mehr Feinde sie umbringen, desto besser; und ich wünschte von ganzer Seele und von ganzem Herzen, daß sie sie Alle umbringen könnten.« »O pfui, Frau Wirthin!« sagte der Lieutenant lächelnd: » alle , das wäre ein etwas zu grausamer Wunsch.« »Durchaus nicht,« antwortete sie; »ich bin gar nicht grausam, bloß gegen unsere Feinde; und das schadet nichts. Es ist doch ganz natürlich, daß wir unsern Feinden den Tod wünschen, damit die Kriege einmal aufhören und unsere Abgaben geringer werden; denn es ist erschrecklich, was wir bezahlen müssen. Was sagen Sie dazu, über vierzig Schillinge Fenstersteuer geben zu müssen, bei alledem daß wir zugesetzt haben, so viel wir nur konnten; fast das ganze Haus haben wir verfinstert, ja wahrhaftig. Ich sagte zu dem Steuereinnehmer, sagte ich, ich dächte Sie sollten glimpflich mit uns verfahren; wir sind doch gewiß 219 gut Freund mit der Regierung; und das sind wir auch sicher, denn wir bezahlen ihr einen hübschen Thaler Geld. Und gleichwohl denke ich oft bei mir, die Regierung glaubt nicht mehr auf uns halten zu müssen als auf die, die ihr nicht einen Heller einbringen. Ja, ja, das ist so der Welt Lauf.« In dieser Weise fuhr sie noch fort, als der Chirurg in das Zimmer trat. Der Lieutenant fragte sogleich, wie es seinem Patienten ginge, wurde jedoch mit der Antwort abgefertigt: »Jedenfalls besser, als es gegangen sein würde, wenn man mich nicht gerufen hätte; und es würde vielleicht noch besser gewesen sein, wenn ich früher gerufen worden wäre.« – »'s ist doch hoffentlich kein Schädelbruch vorhanden?« fragte der Lieutenant weiter. – »Hm,« meinte der Chirurg: »Schädelbrüche sind nicht immer die gefährlichsten Symptome. Quetschungen und Zerreißungen werden oft von schlimmern Erscheinungen begleitet und haben oft nachtheiligere Folgen als Knochenbrüche. Leute, die von der Sache nichts verstehen, glauben, wenn der Schädel nicht verletzt ist, dann ist alles gut; dagegen hätte ich für manche Contusionen, die mir vorgekommen sind, lieber gesehen, der Schädel wäre in Stücke zerbrochen gewesen.« – »Davon sind doch hoffentlich,« sagte der Lieutenant, »keine Symptome vorhanden.« – »Symptome,« entgegnete der Chirurg, »sind nicht immer regelmäßig oder constant. Es sind mir des Morgens sehr bedenkliche Symptome vorgekommen, die des Nachmittags in günstige übergingen und zum Abend wieder bedenklich wurden. Von Verwundungen kann man wirklich mit Fug und Recht sagen: Nemo repente fuit turpissimus . Ich erinnere mich, einmal zu einem Patienten gerufen worden zu sein, der eine heftige Contusion an der Tibia erlitten hatte, wodurch die äußere Cutis zerrissen und ein profuser Blutverlust entstanden war; 220 auch die innern Membranen waren so in ihrem Zusammenhange getrennt, daß man durch die Apertur oder Oeffnung der Wunde sehr deutlich den Knochen wahrnehmen konnte. Zu gleicher Zeit stellten sich einige fieberhafte Symptome ein (denn der Puls war sehr aufgeregt und indicirte eine Phlebotomie), ich fürchtete sofort eintretenden Brand. Um diesen zu verhüten, machte ich sogleich eine große Oeffnung in die Vene des linken Arms und ließ zwanzig Unzen Blut weg, das ich sehr dick und zähe, oder gar coagulirt zu finden erwartete, wie es in pleuritischen Entzündungen zu sein pflegt; aber zu meinem Erstaunen war es schön hochroth und in seiner Consistenz wenig von dem Blute eines vollkommen Gesunden verschieden. Ich ließ dann an den verletzten Theil eine Bähung machen, die ihrem Zwecke völlig entsprach; und nach drei- bis viermaligem Verbinden sonderte die Wunde einen dicken Eiter ab, wodurch die Cohäsion – – aber vielleicht bin ich Ihnen nicht ganz verständlich?« – »Nein, in der That,« antwortete der Lieutenant, »ich kann nicht sagen, daß ich eine Silbe verstehe.« – »Nun gut,« sagte der Chirurg, »dann will ich Ihre Geduld nicht ermüden; also kurz, binnen sechs Wochen war mein Patient so weit, daß er wieder so gut auf den Beinen war, wie vor der Verletzung.« – »Ich wünschte nur, Herr,« sagte der Lieutenant, »daß Sie so gefällig wären, mir darüber Aufschluß zu geben, ob die Wunde wohl tödtlich sein kann.« – »Herr,« entgegnete der Chirurg, »bei dem ersten Verbande sagen zu wollen, ob eine Wunde tödtlich werden wird, oder nicht, würde eine sehr thörichte Anmaßung sein; wir sind alle sterblich, und es kommen bei einer Cur Symptome vor, die auch die Gelehrtesten unseres Standes nicht vorherzusehen vermögen.« – »Aber glauben Sie, daß er in Gefahr ist?« fragte der andere. »In Gefahr! ei gewiß,« rief der Doctor: 221 »wen gäbe es unter uns, von dem man, wenn er auch noch so gesund ist, sagen könnte, daß er nicht in Gefahr wäre! Kann daher ein Mann mit einer so schlimmen Wunde als nicht in Gefahr schwebend betrachtet werden? Alles was sich gegenwärtig sagen läßt, ist, daß man wohl gethan hat mich zu rufen, und daß es vielleicht besser gewesen wäre, wenn man mich eher gerufen hätte. Ich werde ihn morgen früh wieder besuchen; unterdeß lassen Sie ihn nur sich ruhig verhalten und fleißig Gerstenwasser trinken.« – »Erlauben Sie ihm denn Molken?« fragte die Wirthin. »Ja, ja, Molken,« rief der Doctor, »immerhin, nur dünn müssen sie sein.« – »Und ein wenig Hühnerbrühe auch?« setzte sie hinzu. »Ja, ja, Hühnerbrühe,« sagte der Doctor, »ist sehr gut.« – »Darf ich ihm nicht auch etwas Gelee machen?« fragte die Wirthin weiter. – »Ei ja,« antwortete der Doctor, »Gelees sind sehr gut für Wunden, denn sie fördern die Cohäsion.« Und es war wirklich ein Glück, daß sie nicht kräftige Suppen und Saucen erwähnt hatte, denn der Doctor würde eher in alles gewilligt haben, ehe er die Kundschaft des Hauses eingebüßt hätte. Der Doctor war kaum fort, als die Wirthin sich in einen Strom von Lobreden über ihn gegen den Lieutenant ergoß, dem jedoch die kurze Bekanntschaft keine ganz so günstige Meinung von seiner ärztlichen Geschicklichkeit beigebracht hatte, als sie die gute Frau und die ganze Nachbarschaft hegten (und vielleicht sehr mit Recht); denn ob ich gleich vermuthe, daß der Doctor ein wenig von einem eingebildeten Narren hatte, so mochte er doch nichts desto weniger sehr viel von einem Chirurgen haben. Da der Lieutenant sich aus dem gelehrten Gespräche des Chirurgen so viel herausgenommen hatte, daß Herr Jones in großer Gefahr wäre, so gab er Befehl, Herrn Northerton in strenger Haft zu halten, denn er hatte sich 222 vorgenommen, ihn den nächsten Morgen vor ein Friedensgericht zu bringen und das Commando der Truppen bis Gloucester dem französischen Lieutenant zu übertragen, der, obgleich er weder lesen, noch schreiben, noch eine Sprache sprechen konnte, dennoch ein guter Officier war. Am Abende ließ unser Commandant Herrn Jones sagen, daß, wenn ihm ein Besuch nicht beschwerlich fiel, er ihn besuchen würde. Diese Höflichkeit wurde von Jones sehr freudig und dankbar aufgenommen und der Lieutenant ging daher hinauf in das Zimmer und fand den Patienten besser als er erwartet hatte; ja, Jones versicherte seinen Freund, daß er schon längst würde aufgestanden sein, wenn es der Chirurg nicht geradezu verboten hätte; er fühle sich so wohl wie immer und werde durch weiter nichts als einen heftigen Schmerz auf der rechten Seite des Kopfes an seine Wunde erinnert. »Es sollte mich sehr freuen,« sagte der Lieutenant, »wenn Sie so wohl wären als sie sich vorstellen; denn dann würden Sie im Stande sein, sich unverzüglich Genugthuung zu verschaffen: denn wenn eine Sache einmal nicht beigelegt werden kann, wie das in diesem Falle nicht angeht, so thun Sie um so besser, je eher Sie ihn herausfordern; aber ich fürchte, Sie halten sich für wohler als Sie sind, und dann würde er einen zu großen Vortheil über Sie haben.« »Ich will es dennoch versuchen,« erwiederte Jones, »wenn Sie die Güte haben und mir einen Degen leihen wollen, denn ich selbst habe keinen.« »Mein Degen steht herzlich gern zu Ihren Diensten, mein theurer junger Freund,« rief der Lieutenant, ihn umarmend; »Sie sind ein braver Jüngling und Ihr Muth macht mir Freude; aber ich bin besorgt um Ihre Kräfte; denn ein solcher Schlag und solcher Blutverlust müssen Sie sehr 223 geschwächt haben; und wenn Sie sich auch im Bett nicht schwach fühlen, so werden Sie es doch wahrscheinlich nach einigen Gängen desto mehr. Ich bin nicht dafür, daß Sie ihn heut Abend noch herausfordern; aber ich hoffe, Sie werden im Stande sein, uns einzuholen, ehe wir noch viele Tagemärsche voraushaben; und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie sollen Satisfaction haben, oder der Mann der Sie beleidigte, soll nicht länger in unserm Regimente dienen.« »Ich wünschte,« sagte Jones, »daß es möglich wäre, die Sache noch heut Abend auszumachen; jetzt da Sie es einmal in Erwähnung gebracht haben, werde ich nicht eher Ruhe haben.« »O denken Sie doch nicht daran,« erwiederte der andere; »einige Tage machen keinen Unterschied. Die Wunden der Ehre sind nicht so beschaffen wie die an Ihrem Kopfe: sie werden durch den Aufschub der Kur um nichts schlimmer. Es ist ganz gleich für Sie, ob Sie jetzt Satisfaction erhalten, oder nach einer Woche.« »Aber gesetzt,« sagte Jones, »es würde schlimmer mit mir und ich stürbe in Folge meiner jetzigen Wunde.« »Dann bedarf es,« erwiederte der Lieutenant, »einer Ehrenrettung überhaupt nicht mehr. Auch übernehme ich es, Ihrem Charakter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und der Welt zu bezeugen, daß Ihre Absicht war, als Mann von Ehre zu handeln, wenn Sie genesen wären.« »Noch,« versetzte Jones, »habe ich ein Bedenken bei dem Aufschube. Ich wage kaum, es gegen Sie, einen Soldaten, auszusprechen; indessen, ob ich gleich ein sehr ungezügeltes Leben geführt habe, so bin ich dennoch in meinen ernsteren Momenten und der Hauptsache nach ein wahrhafter Christ.« 224 »Das bin auch ich, glauben Sie mir,« sagte der Officier; »und zwar ein so eifriger, daß es mir Freude machte, als Sie über Tische die Sache unsrer Religion in Schutz nahmen; und es thut mir leid, jetzt zu hören, daß Sie sich scheuen, Ihr Glaubensbekenntniß vor einem jeden offen darzulegen.« »Aber wie schrecklich,« rief Jones, » muß es für einen wahrhaften Christen sein, Rache in seinem Busen zu nähren, im Widerspruch mit der Lehre desjenigen, der sie ausdrücklich verboten hat? Wie soll ich auf dem Krankenbett den Gedanken daran ertragen? oder wie mich rechtfertigen vor der Stimme, die sich in meinem Innern wider mich erhebt?« »Ja, wir haben eine solche Lehre erhalten,« rief der Lieutenant; »aber ein Mann von Ehre kann sie nicht befolgen. Und Sie müssen auf die Ehre halten, wenn Sie in der Armee dienen wollen. Ich erinnere mich, einst bei einer Bowle Punsch den Gegenstand unserm Feldprediger vorgelegt zu haben, und er bekannte, daß er schwer zu entscheiden sei; allein er meinte, daß das Gesetz in diesem einen Falle wohl auf die Soldaten etwas weniger streng anzuwenden sei und wahrlich, das müssen wir hoffen; denn wer möchte wohl leben ohne Ehre? Nein, nein, mein theurer Freund, sein Sie ein guter Christ, so lange Sie leben; aber sein Sie auch ein Mann von Ehre und dulden Sie keine Beleidigung; dazu sollen alle Bücher und alle Geistliche der Welt mich nicht vermögen. Ich achte meine Religion sehr hoch, aber höher noch meine Ehre. Es muß irgend ein Irrthum in den Worten des Textes, oder in Uebersetzung, oder in der Erklärung oder sonst wo vorhanden sein. So überlassen Sie sich diese Nacht der Ruhe, und ich verspreche Ihnen, Sie sollen Gelegenheit finden, sich Genugthuung zu verschaffen.« Hier gab er Jones einen herzlichen Kuß, schüttelte ihm die Hand und verließ ihn. 225 Aber wenn auch der Lieutenant mit seinem Räsonnement sehr zufrieden war, mit seinem Freunde verhielt es sich nicht ganz so. Nachdem sich Jones daher die Sache reiflich überlegt hatte, kam er endlich zu einem Entschlusse, rücksichtlich dessen wir den Leser auf das folgende Kapitel verweisen. Vierzehntes Kapitel. Ein schaudererregendes Kapitel, an das sich wenig Leser des Abends wagen sollten, zumal wenn sie allein sind. Jones trank eine große Portion Fleischbrühe mit vortrefflichem Appetite und würde auch noch das Huhn, woraus sie bereitet war und ein Stück Schinken obendrein verzehrt haben; und da er sich jetzt weder unwohl noch muthlos fühlte, so beschloß er aufzustehen und seinen Feind aufzusuchen. Aber zuvörderst schickte er nach dem Sergeanten, seiner ersten Bekanntschaft unter diesen Herren vom Militär. Unglücklicherweise hatte dieser brave Officier so viel getrunken, daß er im buchstäblichen Sinne des Worts voll war, und sich seit einiger Zeit auf sein Lager zurückgezogen, wo er so laut schnarchte, daß es keine leichte Sache war, vor seinen Ohren ein Geräusch zu machen, wodurch das aus seinen Nasenlöchern hervordringende übertäubt worden wäre. Da indessen Jones darauf bestand, ihn zu sehen, so gelang es endlich einem Kellner, der gut bei Stimme war ihn aus dem Schlafe zu erwecken und mit dem Auftrage, den er hatte, bekannt zu machen. Diesen hatte der Sergeant nicht sobald gefaßt, als er von seinem Lager aufstand, und da er seine Kleider bereits anhatte, sogleich mitging. 226 Jones hielt es nicht für gerathen, den Sergeanten von seinem Plane in Kenntniß zu setzen, obgleich er das ohne Gefahr für seine Sicherheit gekonnt hätte, denn dieser war selbst ein Mann von Ehre und hatte seinen Mann gestanden. Er würde daher dieses Geheimniß, so wie überhaupt jedes andere, für dessen Entdeckung kein Preis ausgesetzt worden, treulich bewahrt haben. Aber da Jones bei ihrer so kurzen Bekanntschaft diese Tugend noch nicht kennen gelernt hatte, so war seine Vorsicht jedenfalls klug und lobenswerth. Er sagte daher dem Sergeanten, daß er jetzt, wo er in Kriegsdienste getreten sei, sich schämen müsse, des nöthigsten Werkzeugs eines Soldaten, nämlich eines Degens zu entbehren, und fügte hinzu, daß er ihm sehr dankbar sein würde, wenn er ihm einen verschaffen könnte. »Ich will ihn gut bezahlen,« sagte er; »auch kommt mir es nicht auf einen silbernen Griff an; wenn er nur eine gute Klinge hat und sonst für einen Soldaten passend ist.« Der Sergeant, welcher über das, was sich zugetragen hatte und über Jones' gefahrvolle Lage wohl unterrichtet war, schloß sogleich aus einem solchen Anliegen, zu einer solchen Zeit an ihn gerichtet, daß ein Mann unter diesen Umständen nicht mit voller Ueberlegung handle. Er faßte sich daher schnell und gedachte aus dieser Stimmung des Kranken seinen Vortheil zu ziehen. »Herr,« sagte er, »ich glaube, damit kann ich dienen. Ich habe einen herrlichen Degen. Er hat zwar kein silbernes Gefäß, worauf Sie ja auch gar nicht sehen; aber es ist ganz anständig und die Klinge eine der besten in Europa. Es ist eine Klinge, die – eine Klinge – Kurz, ich will den Degen gleich holen, und da sollen Sie selbst sehen und urtheilen. Ich freue mich von Herzen, Ew. Gnaden so wohl zu sehen.« 227 Er kehrte alsbald mit dem Degen zurück und übergab ihn Jones, der ihn untersuchte und, da er ihn gut fand, nach dem Preise fragte. Der Sergeant fing nun an sich in dem Lobe seiner Waare zu ergehen. Er sagte (ja er beschwor es hoch und theuer), daß der Degen in der Schlacht bei Dettingen einem hohen französischen Officier abgenommen worden wäre. »Ich selbst,« sagte er, »habe ihn demselben abgenommen, nachdem ich ihn niedergehauen hatte. Das Gefäß war von Gold. Das habe ich an einen von unsern eleganten Herren verkauft; denn da giebt es welche, mit Ew. Gnaden Erlaubniß, die bei einem Degen mehr auf das Gefäß sehen als auf die Klinge.« Hier unterbrach ihn der andere und ersuchte ihn, den Preis zu bestimmen. Der Sergeant, in der Meinung, daß Jones nichts weniger als bei Besinnung und seinem Ende nahe sei, besorgte, seiner Familie zu nahe zu treten, wenn er zu wenig forderte. Indessen begnügte er sich nach einigem Zögern mit einer Summe von zwanzig Guineen, und schwur, billiger würde er ihn seinem eignen Bruder nicht ablassen. »Zwanzig Guineen!« sagte Jones, aufs höchste erstaunt; »Sie müssen mich wahrhaftig für verrückt halten, oder glauben, ich habe in meinem Leben noch keinen Degen gesehen. Zwanzig Guineen, wahrhaftig, ich glaubte nicht, daß Sie es wagen würden, mich so zu prellen. Hier, nehmen Sie Ihren Degen. – Doch nein, gut daß es mir einfällt, ich will ihn behalten, um ihn morgen dem Lieutenant zu zeigen und ihm gleichzeitig zu berichten, welchen Preis Sie mir dafür abgefordert haben.« Der Sergeant wußte sich, wie wir schon oben sahen, jederzeit schnell zu fassen; und da er nun wohl einsah, daß es mit Jones' Geistesverfassung anders stand, als er 228 vermuthet hatte, so stellte er sich jetzt eben so erstaunt wie jener und sagte: »Nun, das ist doch wahrhaftig nicht zu viel gefordert. Uebrigens müssen Sie bedenken, daß es der einzige Degen ist, den ich habe, und daß ich mich, wenn ich ihn weggebe, einer Rüge von Seiten meiner Officiere aussetze. Kurz, wenn Sie die Sache recht überlegen, glaube ich nicht, daß zwanzig Schillinge eben zu viel ist.« »Zwanzig Schillinge!« rief Jones; »Sie forderten ja so eben zwanzig Guineen.« – »Wie!« rief der Sergeant; »da müssen mich Ew. Gnaden mißverstanden haben; oder ich habe mich versprochen – nun, ich bin freilich noch halb im Schlafe. Zwanzig Guineen, wahrhaftig! da ist es kein Wunder, daß Ew. Gnaden so aufbrausten. Ich sagte also zwanzig Guineen? Nein, nein, ich meine zwanzig Schillinge, ich versichere Sie. Und wenn Ew. Gnaden es sich überlegen, so werden Sie das hoffentlich nicht zu hoch finden. Es ist allerdings wahr, Sie können für weniger Geld eine Waffe kaufen, die eben so gut aussieht; aber –« Hier unterbrach ihn Jones und sagte: »Lassen Sie uns nicht so viel Worte verlieren, ich will Ihnen einen Schilling über Ihre Forderung geben.« Er gab ihm hierauf eine Guinee, hieß ihn in sein Bett zurückkehren und wünschte ihm einen guten Marsch, indem er hinzusetzte, er hoffe die Division einzuholen, ehe sie Worcester erreicht haben werde. Der Sergeant empfahl sich sehr höflich; er war vollkommen zufrieden mit seinem Handel und nicht wenig froh über die geschickte Wendung seines Fehlers, zu dem ihn seine Vermuthung, daß der Kranke nicht bei voller Besinnung sei, verleitet hatte. Sobald der Sergeant fort war, stand Jones vom Bett auf, zog seine Kleider an, selbst seinen Ueberrock, der, weil er von lichter Farbe war, die über denselben 229 herabgeflossenen Blutströme sehr deutlich erkennen ließ und war jetzt, den neuerkauften Degen in der Hand, bereit aufzubrechen, als der Gedanke an sein Vorhaben plötzlich seine Schritte hemmte und zur Vorstellung ward, daß er in wenigen Minuten vielleicht ein menschliches Wesen des Lebens berauben, oder sein eignes verlieren könne. »Wohlan,« sagte er, »was treibt mich, mein Leben zu wagen? Meine Ehre ist's. Und wer ist dieses menschliche Wesen? Ein Schurke, der mich ohne Veranlassung beleidigt und beschimpft hat. Aber ist die Rache nicht von Gott verboten? Ja, aber sie wird von der Welt gefordert. Gut, aber soll ich der Welt gehorchen im Widerspruch mit dem ausdrücklichen Willen Gottes? Soll ich mir eher Gottes Ungnade zuziehen als die Namen – ha – Memme – Schurke? – Ich will nicht mehr darüber nachdenken; es ist beschlossen, ich muß mich mit ihm schlagen.« Die Glocke hatte so eben zwölf geschlagen und jedermann im Hause lag in seinem Bett und schlief, ausgenommen die Schildwache, welche Northerton bewachte, als Jones, leise die Thür öffnend, heraustrat, um seinen Feind aufzusuchen, dessen Gefängniß er sich von dem Kellner genau hatte bezeichnen lassen. Man kann sich nicht leicht eine schrecklichere Gestalt vorstellen, als die seinige in diesem Augenblicke. Er trug, wie wir erwähnten, einen hellfarbigen Rock, mit Strömen von Blut bedeckt. Sein Gesicht, worin man eben jenes Blut und noch zwanzig Unzen mehr, die ihm der Chirurg abgezapft, vermißte, war leichenblaß. Um seinen Kopf schlang sich ein Verband, der einem Turban nicht unähnlich war. In der rechten Hand hielt er den Degen und in der linken ein Licht. Der blutige Banquo wäre bei einem Vergleiche noch hinter ihm zurückgeblieben. In der That, ich glaube, eine schrecklichere Erscheinung ist nie auf einem Kirchhofe oder in der Einbildung furchtsamer 230 und abergläubischer Landleute in einer grausigen Winternacht gesehen worden. So wie die Schildwache unsern Helden nur ankommen sah, sträubte sich ihr unter der Grenadiermütze das Haar zu Berge, ihre schlotternden Kniee schwankten. Dann wurde der ganze Mann wie von einem Fieberfrost durchschüttelt; er feuerte seine Flinte ab und fiel platt mit dem Gesicht zu Boden. Ob Furcht oder Muth ihn zum Abfeuern seines Gewehrs bewog, und ob er dabei den Gegenstand seines Schreckens zum Ziele nahm, kann ich nicht sagen. Wenn er es that, so war er wenigstens so glücklich, sein Ziel zu verfehlen. Jones errieth, als er den Burschen fallen sah, die Ursache des Schreckens und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, ohne jedoch im mindesten an die Gefahr zu denken, der er so eben entgangen war. Er ging dann an der noch immer am Boden liegenden Schildwache vorüber und trat in das Zimmer, worin, wie ihm gesagt worden war, Northerton gefangen gehalten wurde. Hier fand er auf einem Tische einen leeren Bierkrug, dem man es ansah, daß das Zimmer noch kürzlich bewohnt gewesen war; doch jetzt war es völlig leer. Jones vermuthete, daß irgend ein anderes Gemach daran stoßen möchte, konnte jedoch trotz allem Suchen keine andere Thür auffinden, als durch die er hereingekommen war und vor welcher die Schildwache gestanden hatte. Er rief nun Northerton mehrmals bei seinem Namen, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten; vielmehr diente es dazu, die Schildwache, welche glaubte, der Freiwillige wäre an seinen Wunden gestorben und sein Geist nun gekommen, um den Mörder aufzusuchen, in ihrer Befürchtung zu bestärken. Sie lag jetzt da, der ganzen Gewalt ihres Schreckens hingegeben; und ich wünschte nichts mehr, als daß einige von 231 den Schauspielern, die irgend einmal einen bis zum Wahnsinnigwerden Erschrockenen darzustellen haben, ihn gesehen hätten, um von der Natur zu lernen und sie nachzuahmen, anstatt durch verschiedene antike Stellungen und Gesten zur Unterhaltung der Gallerien sich um deren Beifall zu bewerben. Als er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Vogel ausgeflogen war, oder wenigstens, daß er ihn hier nicht finden werde, und mit Recht fürchtete, daß der Schuß das ganze Haus in Aufruhr bringen möchte, blies unser Held sein Licht aus und schlich leise wieder auf sein Zimmer und in sein Bett, wohin er jedoch schwerlich unentdeckt gelangt sein würde, hätte, außer einem Herrn, den die Gicht an das Bett fesselte, sonst noch jemand in derselben Etage gewohnt; denn ehe er noch die Thür seines Zimmers erreichte, war das Vorhaus, wo die Schildwache ihren Posten hatte, halb mit Leuten erfüllt, die einen im bloßen Hemd, die andern nicht zur Hälfte bekleidet und alle durch einander eifrig fragend, was es gäbe. Man fand nun den Soldaten an demselben Platze und in derselben Stellung daliegen, wie wir ihn so eben verlassen haben. Mehrere der Anwesenden legten sogleich Hand an, um ihn aufzurichten, während einige ihn für todt hielten, von diesem Irrthume aber alsbald zurückkamen, weil er denen, die ihn anfaßten, nicht allein Widerstand leistete, sondern auch brüllend wie ein wüthendes Thier wieder zu Boden fiel. Wirklich glaubte er von eben so viel Geistern oder Teufeln gepackt zu werden; denn seine von dem Schrecken der Erscheinung befangene Einbildungskraft verwandelte jeden Gegenstand, den er sah oder fühlte, in ein Gespenst. Endlich ward er durch die Zahl überwältigt und auf die Füße gebracht; und da nun auch Lichter herbeikamen und er zwei oder drei seiner Kameraden vor sich sah, so kam er ein 232 wenig zu sich; aber als man ihn fragte, was es denn eigentlich gäbe, da antwortete er: »Ich bin ein Mann des Todes, das ist Alles; ich bin ein Mann des Todes, ach, das überlebe ich nicht, ich habe ihn gesehen.« – »Was hast Du gesehen, Jack?« fragte einer von den Soldaten. – »Nun, den jungen Freiwilligen, der gestern ermordet wurde.« Er bekräftigte dann mit den gräßlichsten Flüchen, daß er denselben, über und über mit Blut bedeckt, Feuer aus Mund und Nase schnaubend, hätte an ihm vorüber in das Zimmer des Fähndrichs Northerton gehen, diesen an der Gurgel packen und unter Blitz und Donner mit ihm verschwinden sehen. Dieser Bericht wurde von der Versammlung beifällig aufgenommen. Alle anwesende Frauen glaubten steif und fest daran und beteten zu Gott, sie vor Mord zu bewahren. Auch unter den Männern gab es mehrere, bei denen die Geschichte Glauben fand; aber andere machten sich darüber lustig und zogen sie ins Lächerliche, und ein Sergeant, der sich unter den Anwesenden befand, bemerkte sehr kalt: »Junger Mann, davon wirst Du mehr hören, daß Du auf Deinem Posten schläfst und träumst.« Der Soldat entgegnete: »Sie können mich bestrafen, wie Sie wollen; aber ich war so wach wie in diesem Augenblicke; und der Teufel soll mich holen, wie er den Fähndrich geholt hat, wenn ich nicht den Ermordeten gesehen habe, wie ich sage, mit Augen so groß und so feurig wie zwei große Fackeln.« Der Commandant der Truppen und der Commandant des Hauses waren jetzt auch herbeigekommen; denn der erstere, der noch wach gewesen war, als er den Schuß hörte, dachte, obgleich er es für seine Pflicht hielt, sogleich aufzustehen, dennoch nicht, daß die Sache viel zu bedeuten haben werde; dagegen waren die Befürchtungen des letztern, der 233 Wirthin nämlich, um so größer, denn sie dachte, ihre Löffel und Krüge könnten sich auf den Marsch machen, ohne dazu Ordre von ihr erhalten zu haben. Unsere arme Schildwache, welcher der Anblick dieses Officiers nicht viel erfreulicher war, als der des Gespenstes, das sie vorhin gesehen zu haben vermeinte, erzählte die schreckliche Geschichte, und zwar mit neuen Zuthaten von Blut und Feuer ausgeschmückt, noch einmal; aber sie hatte das Unglück, bei keiner der letztgenannten Personen Glauben zu finden; denn der Officier, ein so religiöser Mann er auch war, war unzugänglich für alle solche Schrecknisse; da er überdies, wie wir gesehen haben, Jones in erwünschtem Befinden verlassen hatte, so glaubte er um so weniger an seinen Tod. Was die Wirthin anlangt, so war diese, obgleich nicht über die Maaßen religiös, der Lehre von Gespenstern keinesweges abhold; allein die Erzählung enthielt einen Umstand, von dem sie wußte, daß er falsch war, wie wir dem Leser sogleich zeigen werden. Mochte nun aber Northerton unter Blitz und Donner oder auf welche andere Weise entführt worden sein, so viel war gewiß, daß seine Person nicht mehr in Haft war. Daraus zog der Lieutenant einen Schluß, der von dem oben erwähnten des Sergeanten nicht sehr verschieden war, und ließ sogleich die Schildwache arretiren. So daß durch eine seltsame Wendung des Geschicks (die übrigens im Soldatenleben nichts so Ungewöhnliches ist) der Wächter der Bewachte wurde. 234 Funfzehntes Kapitel. Schluß des vorigen Abenteuers. Außer dem Verdachte, daß die Schildwache geschlafen haben möchte, hegte der Lieutenant noch einen schlimmern gegen dieselbe, nämlich den des Verraths; denn da er von der Spukgeschichte nicht eine Sylbe glaubte, so hielt er das Ganze für eine Erdichtung des Soldaten, den Northerton bestochen hätte, damit er ihn entwischen ließe. Und dies war ihm um so wahrscheinlicher, als sich bei einem Manne, der für einen der tapfersten und kühnsten im Regimente galt, der in mehreren Treffen mit gefochten und verschiedene Wunden erhalten, kurz, der sich stets als einen guten und tüchtigen Soldaten bewiesen hatte, Furcht nicht füglich voraussetzen ließ. Damit der Leser also nicht etwa von einer solchen Person eine schlechte Meinung fasse, werden wir keinen Augenblick länger anstehen, ihren Charakter von diesem Vorwurfe zu befreien. Herr Northerton war mit dem Ruhme seiner That vollkommen zufrieden. Er hatte vielleicht gesehen, oder gehört, oder errathen, daß Mißgunst gern dem Ruhme nachstellt. Nicht, daß ich damit sagen will, er hätte sich zu dem heidnischen Glauben an die göttliche Nemesis oder zu deren Verehrung hingeneigt; denn ich bin in der That überzeugt, daß er sie nicht einmal den Namen nach kannte. Er liebte überdies eine freie Thätigkeit und hatte eine große Abneigung gegen jene beengenden Winterquartiere im Schlosse zu Gloucester, zu denen ihm ein Friedensrichter leicht eine Eintrittskarte geben konnte. Ferner empfand er einiges Unbehagen bei dem Gedanken an ein gewisses hölzernes Gebäude, das ich nicht nennen will, und das mehr als jedes andere öffentliche Gebäude eine Wohlthat für die 235 menschliche Gesellschaft ist. Kurz, um nicht noch mehr Beweggründe für sein Vorhaben anzuführen, Herr Northerton trachtete ernstlich danach, diese Nacht zu entfliehen, und dazu blieb ihm nur noch das Wie zu ermitteln übrig, was ihm eine Sache von einiger Schwierigkeit zu sein schien. Nun war dieser junge Mann, obgleich von der moralischen Seite betrachtet, etwas verkrüppelt, von Person vollkommen gerade, wohlgewachsen und kräftig. Auch sein Gesicht wurde von der Mehrzahl der Frauen hübsch gefunden; denn es war voll und roth und hatte Zähne von ziemlich guter Beschaffenheit. Solche Reize verfehlten ihren Eindruck auf die Wirthin nicht, die an dieser Art von Schönheit gerade großen Wohlgefallen fand. Sie fühlte in der That Mitleiden mit dem jungen Manne; und da sie von dem Chirurgen hörte, daß die Sache mit dem Freiwilligen wahrscheinlich einen schlimmen Ausgang nehmen würde, so erblickte sie darin auch eine unerfreuliche Aussicht für den Fähndrich. Da sie ihn nun bei einem Besuche, den sie ihm zu machen die Erlaubniß erhalten hatte, in einer sehr trüben Stimmung antraf, die sie durch ihre Aussage, daß kaum einige Hoffnung zur Wiederherstellung des Freiwilligen übrig sei, noch um ein Bedeutendes erhöhte, so ließ sie einige verstohlene Winke fallen, die der andere bereitwillig und eifrig aufnahm, so daß es bald zu einem deutlichen Verständniß kam, in Folge dessen endlich die Uebereinkunft getroffen wurde, daß der Fähndrich auf ein gegebenes Zeichen im Kamin, das in geringer Höhe mit dem der Küche communicirte, aufsteigen und sich in letzterer wieder herunterlassen sollte, wozu sie ihm durch Reinhalten des Weges behülflich sein wollte. Damit aber diejenigen unsrer Leser, welche anderer Gesinnung sind, diese Gelegenheit nicht zu hastig erfassen, 236 um alles Mitleid als eine Thorheit und der Gesellschaft gefahrbringend zu verdammen, dürfen wir hier eines Umstandes nicht unerwähnt lassen, der vielleicht einigen Einfluß auf diese Handlung gehabt haben dürfte. Der Fähndrich hatte zufällig damals die Summe von funfzig Pfund, welche der Compagnie gehörten, in Verwahrung; der Hauptmann hatte sich nämlich mit dem Lieutenant veruneinigt und aus diesem Grunde den Sold seiner Compagnie dem Fähndrich anvertraut. Dieser hielt es jedoch für gerathen, das Geld bei der Wirthin niederzulegen, vielleicht als eine Bürgschaft dafür, daß er zurückkommen werde, um sich gegen eine Klage zu verantworten; genug, sie hatte das Geld und der Fähndrich seine Freiheit. Der Leser erwartet vielleicht von dem mitleidigen Herzen dieser guten Frau, daß sie sich, als sie die arme Schildwache einer, wie sie wußte, ungegründeten Beschuldigung wegen arretiren sah, für dieselbe verwendet haben werde; allein war es nun, daß sie bei dem obigen Vorfalle ihr ganzes Mitleiden bereits erschöpft hatte, oder daß die Gesichtszüge dieses Burschen, obgleich von denen des Fähndrichs nicht sehr verschieden, dasselbe nicht zu rühren vermochten, ich will es nicht bestimmen; aber, weit entfernt den gegenwärtigen Gefangenen in Schutz zu nehmen, suchte sie vielmehr den Officier in seinem Verdacht zu bestärken, indem sie mit erhobenen Augen und Händen erklärte, um alles in der Welt möchte sie einem Mörder nicht zur Flucht verholfen haben. Alles war nun wieder ruhig geworden und die meisten zogen sich in ihre Betten zurück; aber die Wirthin fühlte, entweder aus ihrem natürlichen Drange zur Geschäftigkeit oder aus Besorgniß für ihr Geschirr, keine Neigung zum Schlafe und überredete daher die Officiere, die kurze Zeit 237 bis zu ihrem Abmarsch, nicht viel über eine Stunde, mit ihr bei einer Bowle Punsch zuzubringen. Jones war diese ganze Zeit über wach gewesen und hatte einen großen Theil des Lärms und Getöses mit angehört, dessen nähere Umstände er jetzt gern hätte wissen mögen.. Er zog daher die Klingel, er läutete wenigstens zwanzigmal, aber umsonst; denn die Wirthin befand sich mit ihrer Gesellschaft in so lebhafter Unterhaltung, daß außer dieser nichts zu hören möglich war; und der Kellner und das Stubenmädchen, die zusammen in der Küche saßen (denn sie duldete nicht, daß er allein aufblieb, und er duldete nicht, daß sie allein im Bett lag) geriethen, je stärker die Klingel gezogen wurde, in um so größere Furcht und blieben wie angenagelt auf ihren Plätzen sitzen. Endlich, als glücklicherweise in dem Gespräch eine Pause entstand, erreichte der Schall der Klingel das Ohr der Wirthin, die nun sogleich ihren Dienstleuten zurief. Als beide erschienen, sagte die Gebieterin: »Joseph, hörst Du nicht, daß der Herr die Klingel zieht? Warum gehst Du nicht hinauf?« – »Es ist nicht mein Amt,« antwortete der Kellner, »auf den Zimmern aufzuwarten, – es ist Bettys, des Stubenmädchens Sache.« – »Ei ja,« entgegnete das Mädchen, »es kommt mir nicht zu, Herren zu bedienen. Ich habe es wohl manchmal gethan; aber ich will des Teufels sein, wenn ich es wieder thue, da Sie ein Muß daraus machen.« Da die Klingel noch immer heftig läutete, so ward die Wirthin zornig und schwur, wenn der Kellner nicht sogleich hinaufginge, ihn noch diesen Morgen fortzujagen. »Wenn Sie das thun,« sagte dieser, »so kann ich mir nicht helfen. Ich werde nicht die Arbeiten Anderer thun.« Sie wendete sich dann zu dem Mädchen und suchte diese durch freundliche Worte zu bewegen; aber alles vergebens. Betty war eben so wenig von der Stelle 238 zu bringen als Joseph. Beide behaupteten, es wäre nicht ihr Amt, und sie würden es nicht thun. Der Lieutenant lachte und sagte: »ich werde dem Streite ein Ende machen.« Er wendete sich an die Leute und rühmte sie ihres Vorsatzes wegen, durchaus nicht nachzugeben, setzte aber hinzu, er sei überzeugt, wenn die Eine gehe, würde der Andere auch nicht zurückbleiben. Dazu erklärten sich beide sogleich bereitwillig und sie gingen demnach ganz freundschaftlich mit einander hinauf. Als sie fortwaren, besänftigte der Lieutenant den Zorn der Wirthin. Bald kamen sie zurück und erzählten ihrer Herrin, der Kranke sei so wenig todt, daß er vielmehr so geläufig und kräftig rede, als befinde er sich ganz wohl, er lasse sich dem Capitän empfehlen und es würde ihn sehr freuen, könnte er ihn vor dem Abmarsche noch einmal sehen. Der gute Lieutenant fügte sich sogleich diesem Wunsche, setzte sich an dem Krankenbette nieder, beschrieb den Auftritt, der unten stattgefunden hatte und erklärte endlich, er werde die Sache exemplarisch bestrafen lassen. Jones erzählte ihm darauf die ganze Wahrheit und bat ihn ernstlich, den armen Soldaten nicht zu bestrafen, »der, wie ich überzeugt bin,« setzte er hinzu, »so unschuldig an der Flucht des Fähndrichs ist, wie an dem Versuche, Sie zu belügen.« Der Lieutenant bedachte sich einen Augenblick, dann antwortete er: »Da Sie den Mann von einem Theile der Schuld gereiniget haben, wird es unmöglich sein, den andern zu beweisen, weil er nicht die einzige Wache war. Ich habe aber wohl Lust, den Kerl wegen seiner Feigheit zu bestrafen; indeß wer weiß, welche Wirkung der Schreck haben kann und eigentlich hat er sich vor dem Feinde immer gut benommen. Es ist gewiß etwas Gutes, ein Zeichen von Religion bei diesen Leuten zu sehen, und so verspreche 239 ich Ihnen, er soll in Freiheit gesetzt werden, sobald wir aufbrechen. Aber hören Sie! Es wird Generalmarsch geschlagen. Noch einen Schmatz! beunruhigen und beeilen Sie sich nicht, sondern denken Sie an die christliche Lehre von der Geduld und Sie werden bald im Stande sein, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen und ehrenvolle Rache an dem zu nehmen, der Sie verletzte.« Der Lieutenant entfernte sich darauf und Jones versuchte zu schlafen.   Ende des zweiten Theils.