Heinrich Federer Spitzbube über Spitzbube 1 Ums Jahr 1482 waren in der groben und wildwüchsigen Schweiz zwei Bäume so hoch über alles Gefilde gewachsen, daß man sie weitum im Ausland mit Respekt bemerkte und eifersüchtig von ihrem Schirm und Schatten zu profitieren suchte. Das eine Gewächs hieß eidgenössische Rauflust und Prügelfestigkeit. Diese Bauern von Unterwalden und diese Kleinbürger von Zürich und Luzern hatten einige flotte Notkriege ausgefochten und dabei mit fröhlichem Grausen erkannt, daß das Kriegen und Siegen gar nicht schwer, ja ihnen sozusagen angeboren sei, und balgten sich nun mit den Zeptern des halben Erdteils herum. Und wie sie sich daheim belustigten, einen Ballen Zwillich mit einem Arm im Rad um den Kopf zu schwingen oder an je einem Horn zwei widerspenstige Stiere in frommen Schritt und Gleichtakt zu zwingen, so warfen sie Burgunder, Schwaben und Österreicher gleich bündelweise über den Haufen, gar nicht zu reden von den zierlich gebauten welschen Menschen des Herzogs Lodovico Maria Sforza zu Mailand, deren ein stämmiger Entlebucher gleich ein ganzes Schock auf sich genommen hätte. Diese Fäuste und breiten Füße der Eidgenossen fingen an in Europa immer lauter Musik zu machen. Man konnte sie nicht mehr überhören. Und da alle Welt Kriegskonzert und jeder Fürst sein besonderes gab, so wollte auch jeder diese rohe und gefährliche Schweizermusik, statt gegen sich heranlärmen zu lassen, schleunigst ins eigene Orchester aufnehmen und gegen die Hausfeinde ins Tempo bringen. Man lief sich fast die Sohlen nach Bern und Zürich ab, um so berühmte Kerle zu kaufen. Bald sah man denn auch die langen Schweizergesichter unter allen Fahnen stehen, roten und weißen, schmutzigen und reinen, und wiederholt drohte das Unheil, daß die süße Milch und das bittere Blut der Eidgenossenschaft sich auf fernen, so unendlich gleichgültigen Fluren gegeneinander verspritzte. Aber neben diesem unheimlichen Schweizergewächs, das so gefährlich über alle Grenzen hinauswucherte, war tief im Dunkel einer Bergschlucht, auf engem Platz, ein anderer Baum hochgediehen, fromm, stark und überhäuptig wie eine Eiche, rauschend von tapfern Gebeten, singend in süßester Mystik, kühlend, schützend, wegweisend und von der Wurzel bis zum Zacken gutes, gesundes Holz. Das war der Einsiedler Niklaus von Flüe, ehedem Bauer und Amtsmann in Obwalden, jetzt in schmaler Klause über ein viel weiteres Reich amtierend: die Geheimnisse Gottes und die Seelen seines Volkes. Vor seinem so lieben schwarzen Auge und seinem bärtigen Munde bogen sich Hirte und Schultheiß. Seitdem er gar vor einem Jahr den Selbstmord des Vaterlandes noch in der letzten Minute verhindert hatte, indem er wie ein Erzengel Michael mit der Lanze und zugleich wie ein Erzengel Gabriel mit der Lilie zwischen die rasenden Brüder getreten war, stieg sein Ansehen ins Unermeßliche. Sein Ja wog eine Tagsatzung, sein Nein ein Heer auf. Aber weise, wie dieser Pfiffikus Gottes war, sagte er selten ein steiles Ja oder ein allen Mut entwurzelndes Nein, sondern lieber jenes gnädige Zwischenwort, das den Menschen Schritt für Schritt und ohne ihm erst die Knochen zu brechen, zu einer viel reineren Zustimmung oder Absage führt, als wenn sie ertrotzt und erbettelt wäre. Unter den Tannen seiner Einsiedelei wimmelte es denn auch von Pilgern. Plumpfüßig wie das böse Gewissen stiegen sie oft die Melchaaschlucht hinunter. Aber als wären ihre Schaftstiefel Flügel geworden, schwebten sie hernach federleicht den Abhang empor. Und wie der Bruder klar in jede Heimlichkeit der Pilgerseele sah, so lag auch die Seele der ganzen kunterbunten Schweiz vor ihm aufgeschlagen wie nicht von ferne einem Politiker jener Tage. Er erkannte ihr Braves und Unartiges genau, wußte, woher es sprang und wohin es mündete und was für ein Stecken dieser großen Pilgerin not tat. Zwar hatte auch er in jungen Tagen an einem Eroberungszug und selbst an einem Bürgerkrieg mitgefochten. Aber seine Obrigkeit hatte ihn unter dem Gehorsam zitiert und dem Milchbart keine Untersuchung über Recht und Unrecht der Kampagne gestattet. Hernach ward Niklaus immer mißtrauischer in Sachen des Säbels und Schießpulvers, und als dann gar das Söldnerfieber aufblühte und seine Mitgesellen immer ärger in allen Herrenländern herumteufelten, da ließ er sehr deutlich hören, wie widermenschlich und widergöttlich ihm solche europäischen Prahlhansereien vorkämen, zumal da sie mit schmierigen Krämerbatzen vorbezahlt wären. Und wirklich, es geschah ein kleiner Stillstand im Reislaufen. Die Fürstlichkeiten, welche zu ihren Kriegen Soldaten wie laufendes Wasser brauchten, versuchten darum vorerst diesen Waldbruder zu gewinnen, bevor sie ihre Werber ins Land beorderten. Standen sie mit dem Heiligen gut, dann verlief, so dünkte sie, auch das übrige unheilige Geschäft ohne Gefährde. So schickte denn der Ludwig von Frankreich mit der ungeheuren Sichelnase einen Ballen Lyonerseide für einen Rauchmantel und zwei Kaseln her. Erzherzog Sigismund mit der langen, schleichenden Fuchsnase gab zehn Pfund ungarisches Wachs für Meßkerzen. Aber der Moro von Mailand, dem ein ganz gewöhnliches Stulpnäschen durchs dunkelgelbe Gesicht hüpfte, spedierte zwei Ballen Comerseide und zwanzig Pfund Wachs, und dieses Wachs aus dem honigblütigen Sizilien duftete in die saure Wildnis Bruder Klausens, als wäre es von den Locken und Schwingen eines Cherubims getropft. Der struppe Einsiedler roch und roch daran und freute sich, daß noch so gute Dinge auf Erden gediehen. Dann brach er die Siegel und ließ sich die Briefe vorlesen. Und sein scharfes Ohr, das den Buchfink vom Bergfink sofort unterschied, hörte aus den drei Sprachen und Sprüchen nur immer die gleiche schlaue Dummheit heraus: »Schwer ist es, Fürst zu sein. Unser landesväterliches Herz quält im Innern die heilige Sorge für den Untertan, aber von außen der verruchteste Feind. Da rufen wir denn unsern Gott und seine großen Vasallen zur Hilfe. Ihr, heiliger Mann, seid einer der vordersten. Betet also für unsre Gerechtsame und haltet ihr ein bißchen den Daumen. Im übrigen wissen wir wohl, daß hienieden alles eitel Plunder ist und nichts von Bestand bleibet als für die nackte Seele zu sorgen . . . Beinebens etwas Seide und Wachs . . . und Silber für dreißig heilige Messen und eine gute Meinung . . .« Der Franzose machte noch ein graziöses Kompliment auf die Bravour suisse , der Österreicher versprach weiteres Wachs nach der Oktoberernte in Ungarn; der Mailänder hingegen fügte das Bild des heiligen Ambrosius und drei Fäden von der wahrhaftigen Kutte Sankt Franzisci, » del Vostro vero Confratello «, hinzu. Indem zupfte sich Niklaus am langen Bart, wehrte ab, wo das Lob gar zu dick floß, lächelte maliziös, verbeugte sich endlich höflich vor den Gesandten und bot ihnen eine Schale Erdbeeren und frische Ziegenmilch von seinem Mesmer Hensli. Doch süßer noch als diese Gaben schien seine Stimme zu schmecken, da er anhob: Er danke Hochdero Herrschaften ungemein. Schwer sei es glaublich, ein Fürst, aber . . . zu ihrem Troste gesagt . . . noch schwerer, Untertan und somit zweier Herren Knecht zu sein. Doch Gott sei barmherzig und lasse gebückte und steife Rücken durchs schmale Pförtlein schlupfen. Er wolle für ihre Herren beten, daß Gott sie gesund und zufrieden erhalte. Denn ein zufriedener Herr sei wie eine unbewölkte Sonne und mache auch helle und zufriedene Knechte. Gottes Segen über Freund und Feind! Hangen wir doch alle wie Bettelkinder an den Ärmeln des Weltvaters, sind mithin Brüder vor dem schönen blauen Himmel und Brüder auf der gemeinsamen soliden Erdendiele, die solche Beeren . . . esset sie doch fertig, Ambassadore! . . . und solches Wachs und solche Seide wachsen läßt. Wie werden diese Kerzen zu Ostern brennen, und wie wird diese rote Seide in den Pfingstmessen lachen und leuchten! Zu gut meinen es eure Gnädigen mit dem geringen Waldbruder. Was geb ich dafür, ich Habenichts und Vermagenichts? Vergelt es ihnen denn einmal der liebe Gott mit dem Seiden und Kerzenglanz der Ewigkeit . . . Dann begleitete der sechs Schuh hohe, gewaltige Waldmensch die Boten zur Zelle hinaus, und nun auf dem Heimweg erst merkten die Diplomaten, daß sie zwar süße Beeren und Worte genossen, aber nichts als einen säuerlichen Schmack davon auf der Zunge behalten hatten. Was Teufels hatte der heilige Fuchs darein gemischt? Und was brächten sie nun ihren Herren heim? Wieder kamen Geschenke: Olivenöl, Samttücher, Leuchter, ein Fäßlein puren Meßweines, Wappenfensterchen, Silberkännchen, Medaillen mit den drei Fürstennasen, Teppiche, Leinen, Altarbilder, Stipendien, ein Knieschemel, ein Siegelring, kurz alles Erdenkliche, was fromme Einfalt bestechen könnte. Niklaus legte es munter zum andern, dankte behutsam und empfahl die Seelen der Wohltäter dem Herren, von dem alles Gute komme und zu dem alles Gute zurückkehre. Er segnete und betete und lächelte dazu wie ein Schelm, und nicht ein Körnchen Politik entschlüpfte ihm. Damit war den Regenten schlecht gedient. Sie schalten ihre Boten Kinds- und Kalbsköpfe, probierten es mit einem andern Schläuling, einem andern Geschenk und einem andern Stil. Umsonst, die braune Kutte nahm, dankte, segnete und blieb steif und ungerührt wie irgendeine Tanne ihrer Wildnis. Wie lästig war das! Besonders Lodovico Moro, der doppelkinnige, dickhalsige Sforza, mit der Stulpnase, dem langen, falschen Haarpelz und den kühlen Augen ärgerte sich über die Schlappe ausnehmend. Er ließ zwar seine zeremoniöse Haltung nicht außer acht, aber lief nervös durch die vielen Gänge und Zimmer des Sforzakastells, gab dem Pagen Arrigo Borghesino, der sich in einer Turmecke stürmisch mit einem Fräulein küßte, eine gesalbte Ohrfeige, rührte kaum mehr seine geliebten Eiernudeln an und vergaß seine Tagesordnung so sehr, daß Prinz Galeazzo Giovanni Sforza, für welch bleiches Waisenbüblein er mehr als vormundlich regierte, am zweiten Nachmittag zu ihm ins Kabinett sprang und mit verzogenem Mund und allzu langer, lutschender Zunge klagte: »Ohm, warum kommst du gestern und heut nicht zur Zeit mit mir spielen? Da hab ich nun Kegel und Kugeln mitgebracht; beginnen wir gleich alla Tedesca !« »Ja, gerade recht, alla Tedesca ,« dachte der Regent, den Zeigefinger, um Luft zu bekommen, zwischen Kropf und Kragensaum steckend, » alla Tedesca , wo ich immer der Verlierende bin, weil der Gewaltskegel in der Mitte einfach nicht umfallen will, und wenn ich noch so scharf ziele.« »Ohm, leg das Käpplein auf und spiel,« bat klagend der elfjährige Prinz und wischte die schöne lange Perücke des Moro mit allen Papieren zur Seite, um sein Zwergspiel rücksichtslos über den Schreibtisch aufzustellen. Der Vizeherzog deckte mechanisch den von dreißig Jahren Hof und Sonne schon fast kahlen Schädel mit der Samtmütze, sprang aus dem Lehnstuhl auf und ging wie eine Katze so behend und leise das Zimmer auf und ab. Deutsche Kegel! Schweizerkegel, summte es ihm böse durch den Kopf . . . Schwieriges Spiel . . .! »Herr Lodovico!« rief da eine singend-schöne Stimme, und rasch löste sich ein Jüngling im Pagenrock vom Türpfosten, wo er mit angelernter Unbeweglichkeit gestanden und auf Bestellung gewartet hatte. »Wenn es beliebt, ich will gerne mit Seiner Hoheit Kegel spielen . . .« Ein langer, knochiger Bursche stand da und ließ einen ungeheuern Schwall von kupferrotem Haar auf die Achseln fallen, während es kurz gestutzt in die niedrige Stirne hing. Unaufhörlich warf er die überstürzenden Locken rechts und links hinter die Ohren, rosenrote, lange, weiche Ohren, die ihm besonders lieb und wichtig schienen. Eine schöne, gerade Nase lief beinahe mit der Spitze in den Mund hinein. All dies rötliche Wesen übers Gesicht, dazu mit den zwei kleinen braunen Augen, in denen es wie von Gold flockte und die auch wie von einer steten Entzündung rot umrändert waren, gab dem Jüngling einen Anstrich von Fieber, Leidenschaft und arger Schelmerei. Aber der Unterkiefer stand mit breiter Lippe vor und machte, daß beim Sprechen oder Lachen die untern Eckzähne wie bei einem Eber herausragten. Dadurch erhielt die elegante Natur des Gesellen etwas Derbes, beinahe Rohes; aber man fühlte zugleich, daß dieser Junge nicht bloß herumflattern, sondern sich wohl auch auf etwas eine Weile verbeißen könne. Er schien kein Italiener zu sein. Sein Gang hatte eher etwas vom nordischen Hund als von der südlichen Katze, und so süß seine Stimme auch klang, gab sie doch dem Italienischen jene rauhen Kehllaute und jenen auf und ab singenden Jodel, die dem Welschen sogleich die deutsche Lippe, und zwar die schwerere der Gebirgsleute verraten. Jetzt aber glänzte er mit seinem roten Wams, den roten Seidenschuhen und den rotflockenden Augen wie die bare Spitzbübigkeit. Lodovico Moro betrachtete den heißen Menschen mit unwirscher Miene. »Dieser Mädchenfresser!« brummte er ohne viel Ernst und bewegte unmerklich die Hand: »spielt denn!« Gleich ging das Rollen und Kegelstürzen und ein fast unhöfisches Lustigsein an. Der Jüngling kegelte großartig und blitzte dabei Witz auf Witz los, so daß der bleiche Galeazzo, da er nicht laut lachen darf, weil er kränklich und weil er Herzog ist, wenigstens den Mund weit aufsperrte und dabei immer zu spät mit den Spitzenhändchen die verdorbenen Zähne deckte. Und der Page läßt das Herrchen nicht verlieren, vielmehr will er es lehren, wie man das Zentrum beschleicht und den Hauptkegel ganz allein aus dem Kranze fällt. Der Moro hört die Späße. Sie riechen nach Schnee, Kühen, Schweizergrobheit. Was Wunder, dieser Arrigo Borghesino ist ja wirklich ein Unterwaldner, ein Landammannssohn zwar, des verschmitzten Heinrich Bürglers Bub, aber eben doch Küherblut. Unterwalden! Eija, dort haust doch wohl auch der Bruderklaus, der verdammte Hauptkegel selber. Prinz Galeazzo versuchte jetzt den Trick ins Zentrum allein. Lodovico Moro aber stand vor dem Pagen still und forschte: »Der Reverendo, sagtest du nicht, er siedle in einem Walde eurer Berge?« Heinz Bürgler begriff nicht. »Euern sogenannten Heiligen meine ich doch; was treibt er denn die ganze Zeit?« »Ah, der Bruderklaus . . . beten und fasten . . . und . . . Durchlaucht, was weiß ich,« lachte der junge Weltmensch. »Hast du ihn einmal von Auge gesehen?« »Öfter, Don Lodovico. Mein Vater hat mich ganz klein mehrmals zu ihm mitgenommen. Wir sind Vettern. Ranft heißt die Schlucht . . . Wild und kühl ist es da, und dunkel. Ein Schneewasser rinnt Sommer und Winter zwischen den Abhängen, und man hört nur immer dieses Rauschen . . .« Etwas Frisches und Kühnes wehte bei diesem heimatlichen Schildern dem Burschen übers Gesicht. »Ach was, Arrigo, ich bring's nicht fertig,« zürnte der Knabe weinerlich und ließ die Zunge töricht über die Unterlippe hängen. »Mit Verlaub, Durchlaucht,« entschuldigte der Bürgler höflich gegen den Moro und nahm die Kugel. Welch eine gescheite Miene er jetzt bekam! Weich bog er den Knöchel und ließ die Kugel langsam und in schräger Zielung aus der Hand rollen, nicht ohne ihr im letzten Moment noch eine rasche schwirrende Bewegung um die eigene Achse zu versetzen. So schleifte der hölzerne Ball gemächlich links am Vorderkegel vorbei, streifte rechts den Hintermann, ward abgestoßen und traf nun mit stumpfer Kraft den Häuptling im Ries in die Rippen. Diese Kugel atmete, dachte, handelte wie ein Mensch. Lodovico Moro neigte sich vor, blähte die kleinen Nasenlöcher vor Eifer und machte im Geiste jeden Muskelgriff mit. Wahrhaftig, da liegt er, der Bruderklaus, und von seinem eigenen Landsmann gefällt. Der Regent versuchte das Kunststück auch, indem er den kleinen, steifen Körper unglaublich verrenkte und kaum noch mit den Zehenspitzen den Boden berührte. Doch wie er sich auch mühte, er warf nur Breschen ins Ries und sah im Zentrum den Waldbruder gewaltig stehen, die Kutte schütteln und ihn auslachen. »Wir können das nicht, Giovanni,« sagte er sich selbst verspottend zum Prinzen. »Wir sind zu wenig schlau.« »O wenn Ihre Herrlichkeit es übten, mit so seinen Fingern . . .« Ein unbestimmbarer Blick des Moro hieß den Pagen schweigen. »Nein, nein, das kann nur ein Unterwaldner,« entschied er. »Geht jetzt reiten, Hoheit, daß Blut in Eure Lippen kommt! Mit dem Kegelmeister da habe ich noch ein Wörtlein zu reden. Und lass' die Lazara heute ein bißchen im Trab gehen, Carino,« fügte er zärtlicher hinzu, als er den schmalen Jungen mit der schönen, dunkeln Müdigkeit in den Augen zur Türe geleitete. »Im Trabe, Altezza. So im Allerweltsschritt geht uns noch alles Mailand kaput.« Als wäre er allein, ging er dann langsam zum Tische, warf sich mit geübtem Schwung die Perücke über die Glatze und trat ins Fenster. Beinahe geringschätzig sah er zu, wie unten im Hofe eine gutmütige, fette Stute gesattelt und der Prinz vom Stallmeister mehr emporgehoben als gestützt wurde. Heinz Bürgler beobachtete genau, wie ein dunkles Lächeln der Genugtuung über das fette gelbe Gesicht des Regenten huschte, und er verstand diese Freude sehr gut. Das Büblein, welches nicht einmal allein auf einen geduldigen Gaul steigen kann, wird seinen Vormund niemals vom hohen Staatsroß herunterreißen. – Jetzt beugte der Regent sich vor und rief: »Meister Armando, seht doch, die Bügel hängen zu tief.« Armando senkte ehrerbietig die Augen, zog die Schnalle ein Riemenloch höher und küßte den kleinen Schuh des Fürsten. Dann trat er drei Schritte zurück, klatschte in die Hände und schrie feierlich: »Vorwärts, Lazara . . .! Viel Vergnügen, Altezza!« Der Knabe, dessen Wangen sich von der geringen Mühe schon gerötet hatten, dankte mit einem hübschen Blick zum Fenster empor und ritt dann, von zwei Höflingen gefolgt, aufrecht und elegant gegen das Parktor. »Er reitet nicht übel, wenn er einmal oben sitzt. Aber oben sitzen kommt zuerst,« lispelte der Moro. Dann warf er die Perücke wieder auf den Tisch und prüfte schweigend mit seinen kühlen Tintenklecksäuglein den Borghesino über die ganze lange Figur. Dieser stand frei da und rührte kein Lid. »Was hast du eigentlich mit den Mädchen?« fragte der Regent plötzlich mit merkwürdig stiller Stimme. »Bist du krank, Arrigo?« Bürgler verfärbte sich leicht; aber die Augen lachten unvermindert. »Der Landammann, dein Vater, brachte dich hierher, weil du schon daheim unter den Zöpfen übel gewirtschaftet hast. Auf den Knien bat er mich, dich streng zu halten . . .« »Es ist nicht ganz so, Hoheit, darf ich reden . . .?« »Und Sitte und Anstand zu lehren . . .« »Euer Gnaden, gönnet mir ein Wort!« »Und nun richtest du mir hier das gleiche Unheil an. Immer wieder laufen Klagen ein. Und dabei ist es dir mit niemand ernst. Du liebst, glaub ich, meine Hoffräulein, wie du meine Brötchen issest. Gegessen, vergessen . . .« Beinahe mußte der Prediger selbst lachen. »Warum sind sie auch alle so hübsch!« stotterte der Angeklagte mit süßer Melodie und lächelte freundlich. »Sonst prahlt ihr Germanen doch laut genug mit eurer Treue,« spottete der Moro. »Ver . . . giß . . . main . . . nigt . . .! Und scheltet uns Südländer Katzen. Aber mich dünkt, im Lande, wo siebenmal im Jahr der Schnee schmilzt, geht es auch mit der Liebe so.« »Oh, so oft,« sträubte sich der fröhliche Jüngling, . . . »siebenmal . . . Hoheit . . .?« und er griff ans rechte Ohr und rollte es zärtlich zusammen. »Laß das! . . . Wie steht es nun mit dieser neuen Zopferei?« fragte Moro milder, sein Lieblingswort trecciatura wiederholend. »Was neckst du das Fräulein di Baranghi für nichts und wieder nichts? Es heißt, sie schaue keinem andern Burschen mehr ins Gesicht, lerne Petrarca auswendig, schreibe dir zwanzig Zettel im Tage, schweige, wenn man sie frage, aber rede laut mit sich selber, kurz, sei wie verhext.« Heinz hörte mit leuchtenden Augen zu, nicht wie einer, dem man seine Sünden, sondern seine Tugenden aufzählt. »So verrückst du den dummen Weibsen den Kopf. Die wievielte ist es schon?« »Diesmal ist es Ernst, Hoheit. So fühlte ich noch nie,« sagte der Bürgler mit seiner schönsten Stimme. »Wir haben uns alles erzählt . . . wir haben geschworen . . . es ist . . . kurz und gut,« beschloß er fest, »wir wollen heiraten, ich und die Peppina.« »Was Peppina? Rede anständig vor deinem Herrn!« »Verzeihung, ich wollte sagen die Pepp . . . Giuseppa di Baranghi,« buchstabierte er mühsam zusammen. »Es ist alles in Ordnung. Wir halten Hochzeit, sobald Euer Gnaden erlauben.« »Und das di, das di Baranghi, Signorino!« fragte der Moro kalt. Jetzt streckte sich der schlanke Mensch sonderbar hoch. »Hoheit,« sagte er so tapfer, daß man die Zähne hörte, »mein Vater ist Landammann . . .« Lodovico Moro wollte die Hand leichthin schwenken: »Bah, euer Landammanno . . .!« Aber der Jüngling hatte etwas so Bestimmtes und Selbstbewußtes, daß er sie wieder zurück ins Wams schob. »Und wir Bürgler führen ein altes Schwert. Wir dienten schon in Italien unter Federigo, dem Secondo, von dem Ihr gerühmt habt, er sei mehr Italiener gewesen als alle Mailänder von heute zusammen . . .« So eifrig und mannestüchtig stand der Unterwaldner vor ihm und stellte die untern Zähne so spitzig vor, daß der Vizeherzog ein Gefühl von Anerkennung nicht unterdrücken konnte. Jawohl, das war der Unterkiefer des Vaters. Wie wertvoll war ihm schon der zähe Alte, wie viel wichtiger mochte ihm dereinst dieser Sohn ennet den Alpen werden. Soll man ihn nicht mit mailändischem Blut festkitten? »Du hast recht, mein Junge, du darfst dir eine noble Hochzeiterin erlauben,« lenkte er ein und pustete vor Hitze. »Aber sag, wie soll ich dir glauben? Jene Obwaldnerin, weswegen der Landammann dich hierher geflüchtet hat . . .« »Herzogliche Gnaden, das eben wollt ich Euch vorhin erklären. Das war vor Jahren, ich war kaum gefirmt und noch ein halbes Kind . . . Und sie war hübsch . . .« zauderte er; »wisset, nicht auf Eure kolossale italienische Art, auf Obwaldnerart, leiser, blond, so etwas von Milch und unserm gelben Honig und . . . es ist schwer zu sagen . . .« »Wie reif das Jüngelchen redet,« dachte hingegen der Moro. »Es brennt nicht so scharf und tut nicht so . . . so weh . . . Es ist warm und grün wie unsre Stubenöfen im Winter und geht auch so langsam und wohlig in die Seele . . . Ach, Vossignoria, es war das erste liebe Jüngferchen, dieses Seppeli . . .« »Oho, das scheint mir ein fataler Name zu sein.« »Ich hätte sie gewiß geheiratet,« erzählte Heinz mit deutlicher Rührung. »Aber sie war das sechste oder siebente Kind eines Bergbauern, ohne Geld und Rang. Hingegen mein Vater ist der oberste im Land und reich. Und ich war ein Büebli . . . Und doch meint' ich zu verbluten, als man mich wegriß . . .« »Sieben Tag' hast du geschmollt, dann kamen unsre Peppe und Seppe,« lachte nun laut der Regent, »und diese Litanei wird noch lange nicht fertig gebetet sein.« »Mit der Peppina di Baranghi, ich schwör's,« gelobte Arrigo mit feuchten, aber lustigen Augen . . . »Etwas Lieberes, Schöneres, Größeres gibt es nicht!« Der vom raschen Leben und Lieben schon ganz abgespülte Moro betrachtete den feierlichen Tunichtgut eine Weile, als zweifle er noch. Nun ergriff er seine Hand und begann mit väterlichem Tone: »Gut, werde allendlich ein Mann! Bei uns ist man es mit siebzehn Jahren. Du zählst bald zwanzig. Heirate!« Dem Heinz Bürgler musizierten die Ohren. Er wollte die Hand des Sforza küssen. »Lass', lass' . . . ich werde mit den Baranghi reden. Ist alles, wie du sagst, und dein Vater mit uns einverstanden, so soll es eine flinke Heirat geben. Aber dann nicht mehr Damenbrett spielen! Bewährst du dich, so helf ich dir voran. Den Pagen hängen wir jetzt an den Nagel. Du hast ja schon euer Offizierspatent. Ich gebe dir das Brevet zum Hauptmann in der hiesigen Besatzung dazu. Aber,« redete Sforza so ruhig, als lese er ein Papier ab, »vorher will ich eine Probe haben, daß du reif zum Weiben und Kommandieren bist.« »Alles, Herzog, alles,« versprach und lachte und fieberte der rothaarige Bengel. »So pass' gut auf, ich rede jetzt zu einem Manne,« betonte Lodovico scharf. »Ich brauche Eidgenossen. Venedig rüstet, in Paris zählt der kleine dreizehnjährige Krüppeldelphin die Tage, bis sein Alter stirbt. Dann will er über die Alpen, der Lotterbub, nach Neapel oder nach Mailand, es gehör' ihm beides. Und der Arciduca Sighismondo schneidet uns ein braves Gesicht und intriguiert im Rücken auf Tod und Leben. Auf den Heiligen Vater, Gott sei's geklagt, ist kein Verlaß. Heute stehn wir und werden durch ganz Italia beneidet. Aber morgen? Diese Erde ist eine Schaukel; nichts hält, ich altere . . .« Heinz Bürgler schüttelte höflich den Kopf. Das Erzählte da wußte er alles aus dem Hofgeschwätz, und es interessierte ihn einstweilen, bis es zum Reiten und Fechten kam, nicht gar tief. Aber ihn wunderte, welche Aufgabe ihm da nun zufiele. »Und der Herzog ist noch ein Kind, wie du ja vorhin beim Kegeln gesehen hast. Wie elend hat er geworfen! Noch schlimmer als ich, oder nicht?« fragte Lodovico mit spöttischem Tone. »Aber du bist jedesmal so schlau und so sicher ins Zentrum . . . sagen wir in die Urschweiz, in den Ranft, zum großen Klaus . . .« »Was . . . wer . . . Bruderklaus?« stammelte Heinz ungläubig. »Zum großen Klaus gelangt, daß ich dir kurz und streng befehle: gehe und gewinne mir deinen heiligen Vetter nun nicht mehr im Spiel, nein, in Tat und Wahrheit . . .! Er muß mir Soldaten geben.« »Wann? Sogleich?« rief Heinz Bürgler begeistert, und die Sohlen brannten ihn schon. Heimat, stille Berge, Wald und Ewigwasser, Alpenwind, Kuhschellen, der Vater, die braunen Häuser im Berggras und unter alten Nußbäumen der milde Sarnersee, das viele Kapellengeläute ringsum, die Gespanen, der Schwinget, die Nidel und die weiß bezopften jodelnden Jungfern um den Kessel . . . mit dem, o mit dem will er seine Peppina gerne verdienen. Da ist die Arbeit fast so schön als der Lohn . . . »Wir sind genau unterrichtet, daß Sighismondo in nächster Zeit euern Heiligen vexieren will. Da gilt es vorzukommen. Du belauerst den Österreicher, gräbst ihm den Boden ab, führst ihn irre, kurz, verdirbst ihm auf jede Art das Spiel. Was du so fein noch eben auf dem glatten Brett da getrieben hast, noch viel feiner soll's dir auf dem eigenen Boden geraten, wo du jeden Rank und Winkel kennst . . . Wie, eure Helden haben doch die Österreicher zur Tür hinausgeworfen! Wollt ihr sie zu den Fenstern wieder hereinlassen . . . Die Geßleri und Landenborghi?« »Niemals,« jubelte Heinz in einem ehrlichen Schwindel von Stolz und Glück. Wie paßte ihm das Abenteuer! So ein Versteckensspiel voll Witz und Klugheit, ernst und doch lachend. Und immer das kleine, grüne, obstselige Obwalden dabei, das man sogar im goldenen Mailand nie recht vergessen kann. Und freilich auch der Bruderklaus . . . Doch das ist Nebensache. Lodovico verfiel in den alten Kanzleiton: »Ich statte dich morgen mit dem Nötigen aus. Fürs erste ist es genug, den Sighismondo beim Bruderklaus auszustechen. Ich gebe dir auch Briefe an den Vater mit. Seine Erfahrung muß dir für das Weitere beistehen. Tu' das Mögliche! Unmögliches lass' ich dich nicht entgelten . . .« Der Jüngling strahlte den trockenen Fürsten an wie ein junger Stern. O ich bin hell genug dazu, schien er zu sagen. Lasset mich lieber allein machen. Ich bring's schon fertig. »Geh jetzt und überleg dir alles. Nach der Cena komm und erzähle mir deine Schlauheiten. Zeig mir, wie du kegeln willst.« In einem Nebel von Seligkeit, worin der kleine kahle Herzog, die gelben Vorhänge, Tisch und Kegel und Diele zerrannen, taumelte der Jüngling zur Türe, um sogleich zur Geliebten zu laufen, sie vor allen Hofleuten auf Mund und Augen zu küssen und feierlich zu verkünden: wir sind verlobt; da, Bräutchen, nimm meinen Ring! Da schlug ihm jemand leicht auf den Arm. Er wandte sich. Der Herzog stand hinter ihm. Heinz meinte, der Moro lächle, das Zimmer, das Schloß, ganz Mailand lächle ihn an. Er sah in dieser Verzauberung nicht, daß der Sforza sich in sein erhitztes Antlitz halb mit Neid, halb mit Trauer vertiefte. Aber sehr scharf und hart hörte er dann befehlen: »Capitano Borghese, wir haben im Kastell genug eheliche Zwitter und Lumpe, verstanden! Ihr geht nach Obwalden. Da gebiet ich, daß Ihr jene Tochter aufsuchet und prüfet, ob alles erloschen und Asche geworden ist . . . Jene Sepha . . . Jene Seppinella meine ich . . . die einst . . . Signor Arrigo . . . die . . .« »Gnädiger Herr,« konnte der Junge bloß stammeln. Wie wenig kennst du mich, hätte er gerne beigefügt; wie gar nicht kennt ihr mich alle. Ich bin nicht falsch, bin wie Feuer so treu. Solange ich bin, brenne ich. Und so ist Peppina. Wir brennen zusammen, unser Leben ist nichts als Feuer. Etwas anderes kennen wir nicht . . . Aber probiert nicht zu löschen! Lasset uns brennen! Indem er in den Gang hinauslief und nichts als Schneegipfel, Erzherzoge, Tannen, Altarkerzen, Brautkränze, küssende Lippen und hohe Patente wild um einen Eremitenbart tanzen sah, sang und klang ihm doch sehr deutlich durch allen Rausch das Ihr, Ihr Signore Arrigo nach. Ihr! Er war also ein Mann! 2 Während dies im heißen Mailand anfangs September 1482 geschah, saß zu Innsbruck am Fenster seiner Burg der lange Erzherzog Sigismund, sah in seine engen, an den Gipfeln schon verschneiten Berge hinauf, zog fröstelnd die Schärpe um die Achseln zusammen und brütete eine neue Falle für den Ehrwürdigen im Ranfte aus. Denn er mußte durchaus Soldaten haben. Seine blassen Augen glänzten von einem frechen Einfall. Er wollte den Waldbruder geradeswegs mit Gold ködern. Dieser Gottesmann hatte gewiß nur immer Kupfer gesehen. Und im Kupfer ist leicht heilig werden. Aber im Gold! Das kostet einen andern Schweiß. In diesem Metall wie im Sonnenschein des Teufels sitzen und sich daran erwärmen und dabei doch saubere Hände und eine lautere Seele bewahren, das kommt nicht einmal jedes Säkulum vor. Sigismund hatte zwar mehr Schulden als gelbe Haare auf dem Kopfe. Aber was verschlug es, noch eine Summe mehr in das Kamin zu kreiden. Er ließ also mit Zürnen und Bitten nicht ab, bis ihm der Schatzmeister und Kanzler der städtischen Kassen zweihundert Goldmünzen auf den Tisch schüttete, alle mit seinem langnasigen Gesicht überprägt und dem scheinheiligen Spruch auf dem Revers: nil sine Eius spiritu . Als die gelben Batzen mit einem herrlichen Gelächter über die Ahornplatte kollerten und in ihrem Widerschein sogar das trockene Gesicht des Kanzlers aus seinen hundert nußbraunen Kerben wie eine Orange aufblühte, da ward Erzherzog Sigismund seiner Sache sicher. Nicht als ob er glaubte, das rohe Gold an sich überwältige den Klausner. Dafür dachte er zu vornehm und klug vom Heiligen. Die geistliche Art, wie die Münzen geschenkt würden, sollten sie erst recht wertvoll machen, ähnlich wie Altargold nicht mehr den frechen Sinn des Dukaten atmet, der über den Markt rollt, sondern schon einen Flimmer von der Morgenröte des Himmels zeigt. So ein frommes Mäntelchen, worein dieses Sündengeld gewickelt werden konnte, wäre zum Beispiel die Bestimmung, Bruderklaus möge sich daraus einen Muttergottesaltar für seine noch so kahle Ranftkapelle beschaffen. Man konnte etwa beifügen, diese Gulden seien aus einem muselmännischen Zierat geschlagen, worauf der Halbmond und ein Koranvers gar heidenmäßig geprahlt hätten, und nun sei es artig genug, daß das nämliche edle Erz aus dem Götzentum zu Christus und seiner allerreinsten Mutter zurückkehre, ähnlich wie die Gabe des Mohrenkönigs sich zu Bethlehem in Marias Schoß ergossen habe. Des Herzogs Phantasie spielte das Gleichnis übermütig weiter, und als er den Stifterspruch rund und frech beisammen hatte, war sein wetterwendischer Sinn so obenauf gekommen, daß er nach einer alten Knabenart anfing, vor allen Hofleuten im Tanzschritt das große Vorzimmer zu durchkreisen, dazu ein Kneiplied zu pfeifen und abwechselnd bei jedem Reim den drei Windhunden, die lautlos hinter ihm liefen, einen geschickten Box zu versetzen. Indessen beschattete sich sein Gesicht rasch, als er Umschau hielt, wen er wohl am rätlichsten in den finstern Wald zum hellköpfigen Bruder schicken dürfte. Ein täppischer Mensch konnte auch dieses Geschenk um allen Erfolg bringen. So war sein Sekretarius Jost Bilander gewiß schlau und redfertig. Aber er trank unmäßig und konnte im Ranft, wo es nur Wasser und Milch gab, mit seinen Schnapsfläschchen ein böses Ärgernis geben. Auch sein Medicus Cölestin Gragg hätte einesteils gut gepaßt. Er strebte hager und würdig wie eine Kirchenfahne voran, sprach langsam, mit gemessenen Blicken, und hielt sein Latein fest beisammen. Aber er war ein Fachsimpel, der dem Eremiten leicht Puls und Zunge untersuchte und ein halbes Dutzend Mixturen verschrieb und darüber ganz vergaß, daß er ihn vielmehr zu Sigismunds Politik kurieren sollte. Auch an die Professorenwitwe Händeli dachte er flüchtig. Sie konnte das Paternoster sicher in zehn Sprachen gleich hurtig beten und hatte auch die ärgsten Martyrien unserer lieben Heiligen aus einem blutigen Spanisch in ein noch blutigeres Deutsch übersetzt; ein phantasievolles Evawesen, aber zu fürchten in ihren Sentimenten. Wogegen sämtliche Pilger eines Tones erzählten, wie der Bruderklaus ein nüchterner Kopf sei, keine Silbe Latein wisse, vielmehr seine Andacht in einem knorrigen Schweizerdeutsch verrichte. So blieb denn Sigismunds lange Fuchsnase schließlich beim städtischen Schatzmeister und herzoglichen Rat stecken, der in einem Trab mit den Hunden hinter ihm hertrippelte, um ja nicht ohne Quittung für die zweihundert Gulden verabschiedet zu werden. Denn dieses Männchen sorgte für den Stadtsäckel so geizig wie für den eigenen und war unter Sparen und Knausern mit vierzig Jahren schon grau und staubig wie ein Sechziger geworden. Soweit man dabei fromm sein kann, war er es sicherlich vor sich und den Menschen. Er betete laut und leise, fastete zu den gebotenen Zeiten und pilgerte zu den drei Klosterkirchen, wo er regelmäßig von zwei Münzen, die er eine Viertelstunde zwischen den Fingern gedreht hatte, schließlich die kleinere wie einen heißen Tropfen Fegefeuer in den Opferkasten fallen ließ. Den größern Batzen, den ihm seine milde kranke Frau zugesteckt hatte, legte er daheim mit aller Heimlichkeit in die Spartruhe, wo sein enges Himmelreich lag. Dieser Simon Quicker empfahl sich aus vielen Gründen zur heiklen Mission. Zuerst und vor allem war er so gehorsam, als große Herren es nur brauchen können. Vom Tintengütterli des Viertelschreibers rückte er zum doppelten Tintengeschirr des Steuerkassiers und dann Sprosse für Sprosse zum großen Kristallhafen des Schatzmeisters vor, ohne die großen Buchstaben kleiner oder die kleinen größer zu zeichnen, als wie er es in der Demut seiner Lehrlingswochen getan hatte. Das S und Q seines Namens bewahrte den gleichen scheuen Schnörkel einer Schnecke, die noch nie die Hörner gezeigt hat. Die Adeligen der Stadt mit Sigismund an der Spitze, denen das Fliegen, aber nicht das Kriechen der Mitmenschen Sorge macht, sahen nur, wie ihr Schreiberlein in Abhängigkeit aufgewachsen war und sich daran sozusagen gemästet hatte, und ahnten nicht, daß dieses zähe Wesen mit zunehmendem Alter und Geldsack aus seinem dunkeln Schneckenhaus an der Kunzelgasse und aus der ewigen Dienstbarkeit immer öfter in eine Freiheit, wie seine gnädigen Herren sie genossen, hinausguckte oder doch hinausblinzelte. Freilich, wie er sie nähme, diese unbekannte Unabhängigkeit, äße und verdaute, das wußte auch Herr Quicker nicht. Diese Anfechtungen waren so unbestimmter Art, daß der Kanzellarius, sobald seine Hand wieder Zahlen und Zeichen über die Folioblätter schrieb, sich darein völlig vergaß und oft, wenn er am Feierabend die übrigens seltenen Tintenkleckse mit Streusand vom Finger rieb, beinahe glaubte, es seien Tropfen seines Blutes. So blieb er genau in Wort und Ziffer, zäh, ja geizig im Werk, respektvoll in allen Manieren und trug bei viel steifer Würdigkeit gegenüber dem Volke jenen hübschen Schein von Sorge und Geduld im Gesicht, der allen Sparkatzen eignet. Aber niemand konnte denken, daß er nur wegen blöden Batzen so dulderhaft alt und beinahe abgemergelt aussehe, sondern mußte weiß Gott was für große innere und äußere Schicksale vermuten, die über dieses Haupt gefahren, es zerknittert, aber keineswegs entblättert hatten. Denn warm und dicht lief noch immer der eisgraue Haarpelz über seinen kleinen, runden Haselnußkopf in die Ohren und tief ins Genick hinunter. Seine Lippen dagegen waren dürr und in den Mund gezogen, als sögen sie unablässig an etwas. Was dem Erzherzog den Mann besonders genehm machte, war jene große Tugend, die ihm selbst durchaus abging: daß Simon Quicker bei keiner noch so langsamen und dürren Arbeit Langeweile empfand, sondern mit seinem grauen Haupt unbeweglich am gleichen Fleck auf den endlichen Erfolg harrte, wirklich ähnlich einem alten, geduldigen Kater vor dem Mauseloch. Die Heiligen, wer weiß es nicht, sind wunderbar an Gnaden; aber auch an Langeweile. Sigismund verehrte sie wie alles Außerordentliche, als da sind Alchimisten, Kunstschützen, Feuerschlucker, Schachfexen, Versespucker, Bücherfabler, Sternleser und, trotz dem Hasse auf Niklaus Cues selig, den Brixener Bischof, auch Grübler mit einer schweren Runzel in der Stirne und einem dünnen, ins Dunkel bohrenden Zeigefinger. Aber die größte Meinung hatte er doch von den Heiligen. Er hätte gerne jedem die Füße geküßt, wenn er dann sofort wieder aus ihrer Tyrannei von Kirchenstille, Sitzenbleiben und Moralpredigt hätte schicklich fliehen dürfen. Ja, diesmal würfe er sich am liebsten selbst in eine unkenntliche Tracht und wallfahrtete geradeswegs in die Urschweiz zum Eremiten. Das bildete in seinen vielen Abenteuern mit hellen und dunklen Existenzen ein ganz unterhaltliches neues. Aber die Straße war lang, der Zugang holperig, die Eidgenossen blieben auch nach dem Ewigen Frieden die alten Grobiane, der Sanktus selbst saß tief unten in einer feuchten Schlucht. Man schwitzte, fror, geriet in Nebel und Regen, und dann kam das Schlimmste, die unermeßliche heilige Langeweile. Wer weiß, durch wie viele Litaneien und Rosenkränze man sich hindurchbeten mußte, bis der große Sonderling ein vernünftiges Wort von Welt und Weltgeschäften abnahm. Nein, das war nichts für sein Quecksilber. Das war Quickers Genie. Der hatte das richtige Blei dazu. Also war denn die Mission in die Berge genau verabredet und dem Gesandten jede Kleinigkeit auf die Seele gebunden. Er sollte weder in Zürich, noch in Luzern sich länger als zur Notdurft aufhalten, weder in Gespräche, noch in Gesellschaften sich einlassen und ein kluges Inkognito behaupten, bis er vor der Zelle stände und den Klausner so recht aus dem Stegreif fassen könnte. Da mußte er dann die Türkengefahr gelb und rot malen und dartun, wie Sigismund, von den christlichen Herren Nachbarn und Vettern vexiert, sich kaum der eigenen Haut erwehren, geschweige denn gegen den nahenden Erbfeind einige Soldaten aufstellen könne, so daß der Halbmond, wenn es so weitergehe, die bequemste Straße in unsre Lande finde. Dann würden auch die Gletscher und Felsen Unterwaldens den alten Väterglauben nicht mehr schützen. Inzwischen säßen leider sotane Eidgenossen auf ihren Butterballen und Schafpelzen und sorgen sich um ihre Kälber, oder wenn sie noch über einen Ochsenschwanz hinausblicken, geschieht es, um mit den Italienern und Franzosen zu liebäugeln, obwohl es weltbekannt ist, daß diese Halunken mit den Muselmannen unter einer Decke stecken und den Halbmond gegen das Heilige Römische Reich und seinen treuesten Bannerträger Österreich aufwiegeln. Also zu Hilfe, ihr Schweizer! Ihr seid doch vom gleichen Glauben, von gleichen Sitten und vom gleichen gemütlichen Deutsch wie wir. Sigismund beistehen heißt jetzt, sich selber beistehen, noch mehr: heißt, dem Christentum beistehen. Noch vieles wurde eingeschärft. Simon Quicker notierte sich alles in kleinen zierlichen Schlagwörtern auf den innern Deckel seines großen lateinischen Gebetbuches. Darunter waren auch übelriechende und infame Anekdoten über die Sforza, den König Ludwig und seinen lockern Sohn Karl, der häßlich sei wie des Teufels Großmutter; aber auch eine Vision, in der eine hundertjährige Nonne im Pustertal den Erzengel Michael wollte gesehen haben, wie er in österreichischen Farben und mit Sigismunds langer Locke und Nase Konstantinopolis berannte und ein Kreuz auf die Sophienmoschee steckte. Aber all dies sollte dezent, ein bißchen unbestimmt, das Gröbste mehr mit Mienen und der Gebärde: lasset mich lieber schweigen! ausgedrückt werden. Auch von den Innsbrucker Gnadenorten sollte Herr Simon die Mirabilia berichten, gleichsam die Stadt und Landschaft bis unter die Felsen von allem Erbaulichen abgrasen und so unvermerkt zeigen, in welcher Luft und Geistigkeit der Herzog seine alternden Tage zubringe. So tuschelten sie in der Fensternische unter der Helle und Unschuld des Gipfelschnees und hielten, daß nichts hineinlausche, die kurze und die lange Nase wie Spitzbuben zusammen. Wenn dann der Einsiedler, von so viel frommer Schelmerei übernommen, zu allem Ja und Amen gesagt hätte, dann begänne die Mission bei den Regierenden, das Werben, Notieren, Urkunden, Siegeln, kurz ein so strammes Aufstellen der Söldnerkompagnien im Kontrakt, daß sie beim ersten Wink vom Papier auf die Sigismundschen Schlachtfelder hinausmarschieren und siegen konnten. Für jede Kompagnie bekäme Herr Quicker vier Goldgulden. In der Urschweiz selbst war wenig zu hoffen. Da fütterte man das Volk noch immer mit den alten Schauerlegenden von Blutvögten, mit denen das milde Österreich ehemals hier gewütet habe. Von einigen Junkern in Luzern . . . leider lebte der wohlgesinnte Jost Göldli nicht mehr . . . konnte man schon eher Beistand erwarten. Aber am günstigsten mochte Zürich sein, wohin Simon nach einer Anstandsvisite beim Abt von Einsiedeln sich begeben und mit dem Bürgermeister Waldmann, den Röuist und Edlibach unterhandeln sollte. Hier nun galt es, Majestät entwickeln, den schönsten Rock anziehen und vor allem in möglichst hohen Stiefelabsätzen auftreten, um einen Zoll größer zu erscheinen. Denn diese Eidgenossen sind unverschämt lange Kerle und schauen niederträchtig auf kleine Staturen hinunter. Auch mit großen Zahlen solle Simon da nicht kargen, und wenn man zum voraus Pension heische, solle er dreist schwören, daß Sigismund selbst, sobald er die Kontrakte in Händen habe, mit einer Herde silberbeladener Esel über den Arlberg kommen werde, um höchsteigen die Gelder auszustreuen und den Magistraten seine Bundesfreundschaft zu bezeigen. Das war auch nicht gerade gelogen. Sigismund reiste gerne, zumal wenn es im Prahlen der Fürstengnade geschehen konnte. Er, der Verschwender, hätte am liebsten wie eine Sonne sich über die Länder verbreitet und Gold in dicken Strahlen um sich herum ergossen. Leider, spottete der Hofnarr, habe diese Sonne für sich selber schon zu wenig Licht und müsse sich oft mit Wachs und sogar mit Unschlittkerzen behelfen. Aber zu Martini wurden nun wertvolle Pfänder im Trienter- und Brixenergebiet frei; Kaiser Friedrich hatte die Ohmgelder auszuzahlen. Dann konnte Sigismund die Sonnenrolle wohl ein Weilchen spielen und am Ende selbst die Wildnis des Eremiten damit vergolden. Im übrigen möge Simon Quicker stets seine schöne Ruhe bewahren, alles mit Würde betreiben, sich mit keinem Wort übereilen, nie Freude zeigen, und wenn der Faden leicht von der Spindel laufe, ihn doppelt sorglich zwischen den Fingern drehen. Zwei uralte Dogmen der Regierungsweisheit solle er sich ans Morgen- und Nachtgebet hängen: in diplomatia nequaquam velociter! Die Schnecke ist der beste Politiker. Und das zweite Gebot: sich nie verblüffen lassen! Ein braver Legat kennt kein Erstaunen. Als endlich der letzte Tupf aufs i gesetzt und dem Schatzamt, bis Herr Quicker zurückkäme, ein verantwortlicher Verweser gegeben war, begleitete der Herzog seinen Gesandten fröhlich zur Türe, tätschelte ihn auf die Schulter und wünschte: »So reiset denn wie ein glücklicher Österreicher! Geht mit Zügeln, kommt mit Flügeln!« Dann wandte er sich zu den Windhunden, die dummhöflich hinter ihm standen, zog Zwiebackschnitzel aus dem Brustschlitz und warf sie weit ins Zimmer: »Hüst, Heinricke, pack zu! Peter, avanti  . . .!« Aber in diesem Augenblick zog ihn jemand bescheiden von hinten am Ärmel, und Simon Quicker, den er schon über Inn und Rhein wähnte, stand noch am gleichen Fleck und sagte mit leiser Zähigkeit: »Und mein Reise-, Pflege und Schmerzensgeld, herzogliche Gnaden?« »Jaso, selbstverständlich, wenn Ihr zurückkommt . . .« erwiderte Sigismund mit einem unangenehmen Lachen. »Das steht bei Gott, ob ich aus jenen Wildnissen zurückkehre,« seufzte der Gesandte. »Dann sollen sich wenigstens Frau und Kind meiner Mühsal erfreuen.« »So nehmet einen Vorschuß aus der Stadtkasse!« »Hoheit, das ist wider mein Amtsgelübde.« »Dann holet vom Eurigen, reicher Kauz. Ich erstatt' es Euch mit zehn Prozent . . . Soll ich's noch schreiben . . .? Fürstenwort . . .!« Unbeweglich stand der Ratsherr vor ihm und sagte nicht Nein. »Also klecksen wir, klecksen wir,« spottete der Herzog mit unschöner Stimme. »Beruhigen wir diesen Siebennöter.« Und er setzte sich an seinen trotz des Tages mit vier Kerzen beleuchteten Tisch am weiten Fenster, streckte die langen Beine aus, klappte kindisch die Schuhspitzen gegeneinander und suchte, während er leise durch die Zähne flötete, einen passenden Federkiel. »Zwölf Kreuzer pro Tag,« fragte er und drehte den langen Hals leicht gegen Simon, »he, das scheint mir ein reichlicher Satz.« »Geruht fünfzehneinhalb,« bettelte Herr Quicker. »Bei den Eidgenossen lebt und stirbt man teuer.« »Dann sechzehn, ich bin nicht ungerad . . . Sechs Wochen schätz ich zum längsten . . . Schmier- und Schenkgelder, sagen wir fünfzig Dukaten. Das stopft viele Mäuler . . . Also siebenmal sechzehn mal sechs . . . macht . . .« Hart neben dem Fürsten stand der Kanzellarius und fühlte bei dem leichten und lockern Gebaren Sigismunds einen dumpfen Groll in sich aufsteigen. Indem er diesen paar Federstrichen zuhörte, die eher wie ein Spiel als wie eine Arbeit klangen, und mit denen über ihn, den kleinen Simon Quicker, über sein Schicksal, seine Gefahr, vielleicht über sein Leben und Sterben im totschlägerischen Schweizerland von einem pfeifenden und stiefelklöppelnden Herrn entschieden wurde, fiel ihm seine Abhängigkeit schwer wie noch nie ins Blut. Ihn dünkte plötzlich, er stehe wie in der Luft. Wo er auch immer sitze und diene und arbeite, überall könne ihn so ein Federstrich wegblasen. Jene langen Finger da schreiben und regieren, dachte er empört; ich schreibe und ducke mich. Ja, ich schreibe und rechne und diene seit zwanzig Jahren und habe kein noch so kleines, freies Plätzchen gewonnen, wo ich Herr und Meister bin und feststehe, wenn mich ein Großer von seinen Tinten und Stühlen fortbläst. Quicker erinnerte sich mit dem alten sauren Verdruß an das kleine Haus, wo er mit Frau und Tochter wohnte, aber dessen kurzweiligere Hälfte gegen die Kunzelgasse dem Wittib seines früh verblichenen Bruders und Buchbinders selig nutznießend gehörte. Seine Kammern standen im Rücken des Hauses und sahen aus ihrer Vergitterung in einen Obst- und Wiesengarten hinaus – verwahrlostes, oberherrliches Gut – dessen Gezweige in seine Fenster kroch, ihm die Sonne stahl und doch nicht eine Birne, die ihm fast in den Mund wuchs, abzubeißen erlaubte. Dieser hoch ummauerte Garten in seiner Verwilderung und Abgeschlossenheit, voll Grün und Sonne und Stille bis zum Fluß hinunter, deuchte ihn je länger je mehr das Ideal der Unabhängigkeit. Mir und für mich! schien die Wiese, schienen die ungeschüttelten Bäume, die Beerenbüsche und ihre Gratisgäste, Vögel und Immen, schien besonders das verlotterte, aber hübsch in aller stillen Mitte liegende Gartenhaus zu sagen: mir und für mich! Oft rechnete Simon aus, was er täte, wenn ihm das Gut gehörte, welche Bäume abgeholzt, wieviele Kesselchen Beeren gewonnen, wieviel Gras gemäht, Obst gepflückt und gedörrt, welcher Bienenstand gesetzt und um welche Summe eine Meranerkuh in den Stall gelagert, endlich wie das Gartenhaus mit den sechs Fenstern bequem zu einem kleinen, einsamen, eigenherrlichen Wohnhaus umgehobelt würde. So oft beschäftigte er sich damit, wenn ihn der Amtsgürtel besonders eng deuchte, daß er die Einnahmen und Ausgaben des Gutes auf den Heller kannte, die Schuldscheine und Quittungen geschrieben sah und sich etwa beim Entschluß ertappte: Aber nächstes Jahr will ich es gegen das Wasser hinunter doch einmal mit Randich und Hasenklee probieren . . . Dann stieß er wohl mit seinem Haarschopf ans Fenstergitter, erwachte und zog seufzend das Vorhängchen vor. So galt es also auf den Tod der Schwägerin Ursula Quicker warten, um wenigstens den Käfig mit niemand teilen zu müssen. Denn was das Nächstliegende wäre, ein hübsches Haus aus seinen großen Ersparnissen zu bauen, eine solche Tollkühnheit fiel seiner unendlich konservativen, geizigen und mißtrauischen Seele nicht im Traume ein. Jene Ursula aber, schon der Name ließ nichts Gutes hoffen, zählte erst vierzig Jahre wie er, hatte noch hochblondes schweres Haar, eine Stirne, glatt und froh wie eine Fensterscheibe, und eine Mutter bei sich, die mit ihren zweiundachtzig Jahren noch Haselnüsse aufbiß. Der Herzog, der abscheuliche Kalligraph, kritzelte am Fenster sorglos weiter, und die Berge gegenüber lachten ihm wie souveräne Brüder ins Gesicht. So schreiben können! Im Rechnungsamt waren die Fenster schon viel schmaler, und erst daheim! Es war ein Käfig, und was er erschrieb und errechnete, geschah für einen Käfig und ein Käfigleben bis zum Sarg. Warum habe ich noch kein Sohlenbreit Boden, wo ich sagen kann: da steh' ich, da trotz' ich, da regier' ich . . .? Nicht einen Schritt kann ich auf Eigenem tun. Der Herzog schreibt: ich will! du gehst in die Schweiz! Du tust und dienst mir so und so, basta . . .! Und ich schreibe: gehorsamster Diener, untertänigster Rat . . . und komme in hundert Tintenklecksjahren nie zum einfachen Kritz: ich will! . . . Wann, Simon Quicker, tust du einmal etwas für dich allein? Etwa die Reise zu den Eidgenossen? So viele abenteuerliche Wochen aus meinem Hock heraus, mit Schwitzen und Schwatzen, Lügen und Betrügen und bestenfalls mit einem verkälteten und verschnupften Heimkommen und wieder in den Käfig Sitzen, mit dem Gitter, Geäst und ewigen Schatten? . . . Ein wahrer Frost überrieselte ihn. Was er in tausend kleinen, stillen Revolutiönchen an seiner Kasse und Stabelle gelitten, verbissen und immer wieder in der Amtstinte ertränkt hatte, das wollte jetzt, wo er quasi Leben und Ingenium seinem Herrn für eine ungewisse Fahrt verkauft hatte, in einer einzigen Empörung aufstehen. Zum erstenmal wagte er sich zu sagen: ist da Gold genug? aber klappte schon beim bloßen Namen des geliebten Drecks schwächlich zusammen. Nein, ermannte er sich nochmals, Gold freilich, ja, viel Gold, liebes, starkes, herrliches Gold! aber noch etwas anderes dazu, etwas Luft, Licht . . . Platz . . . etwas Gart . . . »Da!« Der Herzog reichte das Blatt und wunderte sich nicht, daß der Kanzler vor so viel Gnade in einem scharfen, erschreckten Bückling zusammenfuhr. »Leset, Herr Legat!« Simon Quicker raffte sich auf, prüfte sorglich jedes Wort des Schuldscheins nach hinten und vorne und rückte inwährend eng und enger an den herzoglichen Sessel. Die Heinricke beschnüffelte argwöhnisch seine dürren Waden. »Ist Eurer Ehrenfestigkeit noch nicht genug getan?« fragte endlich Sigismund mit einem Versuch von Gemütlichkeit. »Euer Gnaden,« erwiderte Simon und stieß alle Hörnerkraft seines Schneckenlebens in diesen einen Augenblick zusammen, »das ist Papier und regierendes herzogliches Papier. Aber in unsern wilden Zeiten verfliegt Papier wie eine Schneeflocke dort an den Gräten. Ich möchte ein Pfand,« fuhr er satzlicher fort, da er sah, daß weder die Berge ins Fenster stürzten, noch der Erzherzog eine Falte zog, noch auch nur ein Windhund knurrte, »ein handliches Pfand, geschehe was wolle, daß niemand Eueren gnädigen Willen und mein gutes Recht einmal böslich umbiegen kann . . . Verzeihung, Herr, ich . . .« »Setzen wir uns,« lud jetzt Sigismund merkwürdig sanft ein und errötete leicht den magern Hals hinauf über das farblose, lange Gesicht. Hundertmal in der Klemme, hatte er schon hundertmal solche Demütigungen erlebt. Aber jedesmal schoß ihm die Scham wieder bis unters Haar. Er sann nach und kaute dabei an den goldenen Zipfeln seines Schnurrbarts. »Ich übernehme aus purem Gehorsam für Euer Gnaden eine Sache, die mir persönlich ganz und gar wider den Strich geht,« erklärte Simon, die Stimmung rasch ausnützend, mit leiser, harter Stimme. »Eure Hoheit weiß doch, daß ich gewohnt bin, von morgens bis abends am Pult zu sitzen oder an der Kasse, und daß ich seit der hohen Schule zu Prag, wo ich leider zwei Jahre in litteris artibusque vergeudet habe, nie mehr zwei Stunden über Innsbruck hinausgekommen bin. Die Berge kenne ich nur vom Anschauen und,« vermerkte er bitter, »vom Schatten. Die schweizerischen aber sollen noch zehnmal gröber und finsterer sein als die hiesigen. Das Reisen ist mir ein Greuel. Auf Waffen versteh' ich mich nicht. Und nun überleget Euch, mit so viel Gold durch so verschrienes Volk reisen . . .« Sigismund nickte gelangweilt: ja, ja, er begreife. »Und ungern,« fuhr Simon nun in eintönigem Kanzleiton weiter, »verlass' ich für soviel Zeit und auf so ein Risiko meine . . . Ihr wisset ja . . . etwas einfältige Tochter und mein sieches Weib . . . Soll ich nun so hart wider meine Natur arbeiten und Euch das Gebet eines Heiligen und noch eine Armee bringen, so darf ich von Eurer Generosität eine feste und greifbare Gegenleistung fordern . . . Gebet mir denn, ich bitt' Euch um aller Heiligen willen . . .« er stockte, sein kleines Gesicht verschlüpfte sich beinahe zwischen dem Kragen und Haarschopf, »gebet mir das . . . Wieslin . . . den Garten . . . das Inngüetl, das Eure Wirtschafter, die Faulpelze, verlottern lassen und das so hexigschön an meine Fenster reicht . . . Ja, Inngüetl heißt es . . . da könnte meine Frau, die fast stirbt vor Schatten, in die Sonne und gute Luft hinaussitzen und noch einmal zu roten Backen kommen. Schon acht Jahre sitzen oder liegen ohne Sonne . . . Herr . . .! Und Ihr verliert ja nichts, habt noch Eure großen Schloßgärten bis zur Aue hinaus. Hingegen das Inngüetl laßt Ihr verkommen, kennet es kaum von Aug . . . o teurer Herr, schenket es mir . . .! Und ich zerreiß alsogleich diesen Schuldschein und spring wie eine Gemse in die Schweizerberge und . . . und stampf Euch, wie jener Römer sagte, Legionen aus dem Boden . . .« Er atmete schwer auf und erwartete ein Donnerwetter. Aber der Erzherzog schüttelte belustigt seine schönen, gelben Locken, das einzige echte Gold, das er noch besaß und niemandem verpfändet hatte. So komisch sah und hörte sich das trockene Zahlenmännchen an, daß er Mühe hatte, nicht wie bei einer Komödie zu klatschen und zu ermuntern: bis! bis! »Ihr scherzet doch wohl,« spaßte er endlich, »im Güetl wachsen nur saure Zwetschen und Äpfel, Herr Legatus, aus denen man Essig preßt . . .« »Um so leichter zu vergeben, Erzherzog! Ich würde dennoch Gemüse pflanzen, Kohl, Rüben, Bohnen, Salat . . .« »So was gedeiht dort gar nicht,« übertrieb Sigismund neckend. »Und häuselte mich ein bißchen über dem Wasser, wo das Stadel oder Gartenhüttel steht, mit der Familie ein . . . ich . . . einfach . . . Hoheit, nehmet den Zettel, zerreißt ihn . . .« Er hielt dem Fürsten den Schuldschein vors Gesicht. »Wir bekennen Uns schuldig . . .« grinste es ihm da häßlich in der eigenen Schrift entgegen, »pro Tag . . . pro Woche . . . zehen Procenti . . . für gütigen Vorschuß . . . in summa  . . .« Zahlen, Zahlen, Zahlen! Nichts als Geld, das er nicht hatte, nicht zahlen konnte, pfui Teufel, auch nicht zahlen wollte . . . Nur kein Geld schwitzen . . .! Wirklich, was verliert er am Inngüetl? Was schert er sich darum? Nehm' er's! Nur kein Geld! Er packt das Blatt, schwenkt es leichtherzig vor die Hunde. Sie schnuppern daran, im Nu ist's in Fetzen. »So habet den Dreck!« »Das nun möchte ich gewissenhaft dokumentiert sehen,« drängte Herr Quicker mit der herzklopfenden Angst eines Menschen, dem ein Glück, wofür er ein Leben verschwendet, nun wie ein Sonnenstrahl ohne Zwang und Not in den Hosensack schoß, aber ebenso wieder entschlüpfen könnte. Er tunkte mit verzweifelter Frechheit die Feder ins Geschirr und reichte sie dem Fürsten. »Dahero,« lispelte er dienerhaft demütig, verlange ich keine Reisevergütung, item keine Löhnung für Geleit und Sporteln, item kein Entgelt für alle Strapazen, Fährlichkeiten und Ängsten, nichts, gar nichts als mir ohnedies ausbedungen ward, scilicet vier Goldgulden für jede Kompagnie, die ich für Euer Gnaden aus jenem Soldatenlande unter Blei und Siegel zugesichert erhalte . . . bitte, durchlauchtigster Herr, bemerket nichts anderes, nur das noch auf dem Papier . . .« Sigismund runzelte leicht die Stirne, indem er nochmals zu schreiben begann. Aber seine blassen Augen heiterten sich rasch auf. Er pfiff leise durch die langen Oberzähne, punktierte und stempelte am Rande und reichte das Blatt mit witzig bewegten Mundwinkeln: »Leset, Legat!« Das braune Gesichtlein des Zahlenmenschen ward noch um eine Farbe dunkler. Der Zettel zitterte in seiner Hand, er fuhr sich wie in einem Wirbel an die Stirne und brockte endlich ärmlich hervor: »Unmöglich, Hoheit, unmöglich!« »So ist es billig,« regierte Sigismund und reckte sich vor dem kleinen Kassierer in seiner langen, schlanken Fürstlichkeit empor. Von der Höhe wie vom regierenden Himmel herab ertönte es nun kategorisch: »Simon Quicker, Euch gehören der Garten und für jede Kompagnie noch zwei Doppelgulden. Aber wenn Ihr heimkommt ohne Segen und Soldaten, dann stehen die Dinge wie vorher: ich zahle nichts und muß meine sauren Zwetschen wieder selber essen. Überlegt es Euch, bis ich die Bestien da gefüttert habe . . . He, Peter . . . Nikola, Heinricke, wer packt das . . . und das . . .? – coraggio! « Er schmiß die Biskotti aus der Brusttasche weit übers Parkett, neckte und reizte und schrie vor Spaß, wenn die schlanken Windspiele auf der schlüpfrigen Diele ausglitten oder sich in die Schnauze fuhren . . . »Sonst muß ich eben,« sagte er nachlässig gegen den Kanzler, »in Gottes Namen einen andern Boten suchen. Es machten viele den interessanten Spaziergang gerne genug . . . Wollt Ihr also?« Simon Quicker krümmte sich vor dem Papier wie in Bauchgrimmen. Er sah das Wort Hortus in Majuskeln notiert, und sogleich lag er vor seinen brennenden Blicken, der schöne, lange, einsame Garten bis zum Fluß hinunter, diese allendliche Freiheit über die engen Gitter hinaus; dieses Schalten und Spazieren da auf eigener Erde als wie ihr Herrgott so oder so, und kein Mensch darf hineinkommen, nicht einmal hineingucken. Dieses Pflanzen der Gemüse dann in geordneten Beeten, dieses Fischen im Inn an stillen Nachmittagen, so ein geduldiges und sicheres und das Blut beruhigendes Geschäft wie seine bisherige Gold- und Silberfischerei es kaum gewesen; zuletzt das Sitzen und sich Sonnen im eigenen Grün, das man mit niemand teilen muß, wenn man einmal alt und steif ist und friert und eine noch frostigere Hand in der seinigen erwärmen möchte, die Hand seiner Gertrud. Ach, wie viele Jahre friert sie schon im Zimmerschatten und sehnt sich in die Wärme jenes Rasens hinaus, oder . . . Ja, ja . . . friert . . . sehnt sich nach Wärme . . . ich . . . Sicher, ich könnte jetzt auch geben, so frei . . . so eigen . . . so im Garten . . . »Es ist ein kurzweiliges Reisen,« fiel der Erzherzog wieder ein. »Ich möchte den Legaten schier beneiden.« Er tupfte mit dem langen Zeigefinger auf einer Wandkarte neben der Türe herum, während die blöden sechs Hundeaugen ihm folgten, als gälte die Erklärung ihnen. Und wirklich foppte er: »Ihr jagt über die Weiden am Arlberg und sprengt das Herbstvieh auseinander . . . Dann seht ihr das Schloß von Sargans überm Rhein. Hier schwimmt ihr lustig durchs Wasser. 's ist nicht tief. Nun geht's gemächlich am Walensee vorbei zum obern Züricherbecken. Da könnt ihr die Schweizertrauben probieren . . . Spuckt sie aus und sauft lieber vom Most, den sie dort wie flüssig Gold verzapfen. He, Nikola, willst wohl aufpassen . . . Da ist Rapperswil und herbergt noch manchen biderben Österreicher, der euch gern den landsmännischen Pelz kraut . . . Na, er hört nicht da drüben. Aber ich hab' ihn, er zapple wie er will.« Leicht und lieblos streifte sein Auge den armen Quicker, der ganz geknickt noch an der Kante des Schreibtisches stand und sich nicht einmal mit einer Hand auf die Platte zu stützen wagte. Ja, die Reise, war sie ihm wirklich so ein Ekel und Untrost? Er reiste doch in hoher Sendung, konnte es sich bequem machen und, wo er sich eröffnete, Ehre und fette Gastlichkeit genießen. Seen und Pässe und fremde Städte interessierten ihn wenig. Aber sehr interessant war, daß er da in anderthalb Monat soviel Gold pflücken konnte, ewiges, unverblichenes Gold, wie in der gleichen Zeit zu Innsbruck altes Kupfer. War es nötig, daß der Ehrwürdige im Ranft sein Geschäft geradezu segnete? Mochte er den Segen in der Kutte behalten. Wenn er nur nicht fluchte! Und dazu war er sicher zu höflich und zu heilig. Ging Simon dann recht fromm und behutsam vor, so hatte er bald ein Dutzend Kompagnien beisammen, und im Verkehr mit Bürgermeistern, Obersten und reichen Junkern fiel sicher für den Ambassadore eines mächtigen Nachbars, wenn er ein bißchen anstellig wäre, noch manches schwere Geschenk ab. Das ist wie unter überreifen Bäumen wandeln. Streichle sie nur leise, und sie schütten dir von ihrem Reichtum in den Schoß. Freilich, die Bäume und Wiesen des Inngüetl sind noch viel wichtiger. Um das geht der Kampf . . . Leib und Seel und Ehr um das . . .! »Kommen wir zu Ende,« forderte nun Sigismund ganz nahe mit seinen lästigen Hunden. »Seht, lieber Kanzler, ich will Euch nichts aufdrängen, was Euch so schwer macht . . . Willst du wohl, Peter, weg . . .! ist das Vieh verzogen . . .! Mir fällt eben Magister Kürstein ein. Der wollte schon lange für seinen Thomas, den Studenten, der ein fließendes Bein hat, nach Maria Einsiedeln pilgern. Richtig, auch Bruderklaus soll ja allerlei Gebresten heilen . . . Jetzt hinaus, ihr verdammten Aser . . . Setzt Euch, Kanzler, Ihr seid ja grau wie Asche . . . im Augenblick bin ich zurück und dann sagt Ja oder Nein ohne alle Plag!« Er zog die Schärpe von der Achsel und peitschte die aufknurrenden Hunde, die soviel lieber ruhig um den Herrn herum auf dem Teppich lägen und mit ihren langen Nasen die Sonne sögen, durch eine ganze Flucht von Sälen. Bald näher, bald ferner tönte das Bellen und Pfeifen, das Hüst und Hott und schrille Lachen, und ein, zweimal auch der Schrei einer überrumpelten Zofe, so daß man wirklich an eine Jagd mit aufgebrachtem Wild denken konnte. Aber sehr bald kehrte der Jäger mit langen, glücklichen Schritten zurück. Hinter ihm trippelte ein Diener, beide Arme mit seidenen Hosen, Brustnetzen, Mänteln, einer Samtmaske und brodierten Pantoffeln behängt. Sigismund deutete mit dem Finger spaßig auf den Kanzler und schlüpfte in den Alkoven, der mit braunroten Fenstermalereien aus der Stubenecke hoch über seine Stadt hinaushing. Geschnitzelte Truhen mit herzoglicher Garderobe liefen wie Chorstühle ringsum. Simon Quicker merkte nichts von dem. Er war in den herzoglichen Sessel gesunken, nicht mit seinem magern Körperchen allein, sondern müde und schwer, als läge schon das ganze Schweizergebirge auf seinem Hals. Eine Art Betäubung umfing ihn, durch die aber das eine Wort klang und sich immer wiederholte, als wäre es ein Brunnen oder ein Wind, der es unaufhörlich plapperte: richtig, auch Bruderklaus soll ja allerlei Gebresten heilen . . . Er hatte heute schon an alles Mögliche und Unmögliche gedacht: Verzicht auf Amt und Kasse, eigenes Gut und Häusel, Ruhe, Freiheit, Privatisieren . . . auch sein steifes Weib an die Sonne tragen . . . er würde Bäume okulieren, den Rasen wässern, Obst und Gemüse ziehen und mit Ira im Haushalt helfen und daneben mit seinen Geldern Leih- und Wechselgeschäfte treiben, um nicht ganz ohne die liebe Zahl zu leben. Aber in allen Träumen war immer seiner Frau als der siechen, linnenbleichen und geduldigen Person gedacht, wie er sie seit vielen Jahren nicht anders kannte, mit der man längst nicht mehr spazieren, noch arbeiten, ja kaum laut reden und scherzen durfte; an deren Leiden man sich so gewöhnt hatte, wie ans Morgen- und Abendwerden, so daß man es in seinem Tun und Lassen nicht weiter berücksichtigt. Dann und wann hatte er ein dunkles Gefühl von Schuld an diesem Siechtum. Manchmal in den letzten Monaten, wo er lebhafter an eine freie Zukunft dachte, empfand er auch eine leise Rührung mit dem hilflosen Geschöpf in den Stuhlkissen, das an dem neuen Leben so wenig fröhlichen Anteil haben würde. Denn daß sie aus dem Schatten an die Sonne käme, würde diese verkrüppelte Kreatur nicht mehr warm und weichgliedrig machen. Das hatte er dem Herzog nur so aus Scheinheiligkeit gesagt. . . . Richtig, auch Bruderklaus soll ja allerlei Gebresten heilen . . . Vor einer Stunde war er noch bei Gertrud gestanden und hatte beteuert, er verwage sich nicht zu den Eidgenossen, er weise die Mission zurück. Sie aber, die nichts von einer Spitzbüberei, nur von einer Wallfahrt wußte, hatte mit ihren weichen blauen Augen ihn ungewöhnlich lebhaft angeblickt und merkwürdig heftig gerufen: nein, Simon, geh, sei doch so gut und geh, und bring uns ein Wunder heim! Er hatte gelächelt und gar nicht überlegt, was sie wohl damit meine. Jetzt wird ihm klar: Bruderklaus könnte sein Weib gesund machen. Gesund, sein Weib, wie wäre das? Der Gedanke verwirrt ihn. Sechzehn Jahre leben sie zusammen. Nie ist ein Unwort zwischen sie gefallen. Er liebt sie ehrenhaft, wie man neben der Münze in goldener Robe noch eine zweite Frau im Alltagszwilch lieben kann. Schon früh fing sie an zu kränkeln, Jahr für Jahr wurden ihre Füße schwächer, ihr Rücken haltloser, ihre Lippe bleicher und ihr Haar fadenscheiniger. Es fehlte am Blut, am Nerv, am Knochen, überall. Bald konnte sie nicht mehr allein gehen, bald nicht mehr ohne Stock aufrecht bleiben; dann saß sie ab, um nicht mehr aufzustehen, und anders als in Polster und Decken gewickelt wie ein wächsernes Christkind konnte er sie sich gar nicht mehr vorstellen. Aber das muß er bekennen, sie hat nie geklagt, nichts gewünscht, und hatte sie sich schon immer vergessen, jetzt im breiten Krankenstuhl und seinen ungeheuren Kissen verlor sich ihr zartes dünnes Wesen so ganz, als wollte es überhaupt nicht mehr bemerkt werden. So hatte sie ihn gewöhnt, sie zu übersehen, zu vergessen. Vergessen, lispelte er in einem ihm unbewußten Zusammenhang seiner Gedanken oder dessen, was im Alkoven laut geplaudert wurde. »Vergessen, wie soll man so was vergessen?« tadelte Sigismund vom Ankleidewinkel her. »Dieses gelbe Wams trug ich, exakt dieses. Und die Damen schwirrten nur so wie die Bienen auf eine Sonnwendel über mich herein . . . Weg mit dem grünen Lumpen!« »Hoheit irren . . . Ihr truget es vielleicht an Sankt Leopold . . . aber am Heinrichstag wollet Ihr diese grüne Tracht mit den Silberpuffen . . . au . . .« Eine elegante Maulschelle klatschte fröhlich in die Schreibstube hinaus. »Wie kann ich vergessen, was eine hübsche Weiblichkeit mir ins Ohr flüsterte? . . . stammst du aus der Sonne? sagte sie . . . Kann man so etwas vergessen? Ist die Sonne grün, du Esel? Gelb war's, gelb, und mit dieser Farbe hatte ich immer das beste Jagdglück . . . Fort mit dem Heuschreckkoller, langweiliger Bursche . . . Und die beiden Töchter von Steinweg kommen also pünktlich . . .? Gut, gut!« Der Herzog stand unbehilflich vor den Kammerjungen, pfiff durch die langen, prächtigen Zähne und ließ sich den Rock ausziehen. »Du glaubst nicht, Philipp, wie so ein Tanz jung macht; hast wohl noch nie ordentlich getanzt, Armer!« »Am Zofenball, Hoheit, in der großen Schloßküche . . .« »Und hell und frisch wird man dabei. Der Rost fliegt weg, man stäubt die Knochen ab, man ölt sich ein, man hüpft, man hopst, man trippelt und lacht sich gesund, ha, reinweg gesund . . .« Gesund, gesund! martert sich Simon Quicker, und fällt immer tiefer in den Stuhl. Wenn der Sanktus von Unterwalden sie gesund machte! Das sind doch wohl nicht bloß Legenden, die da landauf, landab gehen. In jeder Übertreibung steckt ein Korn Wahrheit. Und das hat er doch selber gehört, wie der Prior der Franziskaner von offener Kanzel herab rief, die Wunder des Elias seien noch nicht versiegt. Zum Exempel sei tief in einem Walde sogar ein Eidgenosse, man denke, aus jener rohen, übelbeleumdeten Rasse einer, so mit Übermacht begnadet . . . spiritus Dei flat ubi vult  . . . Aber, kömmt ihm der elende Gedanke, wäre es denn wirklich so hübsch, wenn Gertrud gesund würde? Wir leben ja eigentlich nun ganz bequem zusammen, ich am Pult, sie im Stuhl. Das Weib stört mich nirgends, und wir sind es nun so gewohnt, jedes auf seine Art, den Tag zu verspinnen. Eine häßliche Angst um seine Schreib- und Rechengewohnheiten steigt in ihm auf, um das viele schöne Alleinsein mit dem Gelde, um das junggesellenhafte Sonderlingstum, das ihm durch das Siechtum der Gemahlin nach und nach zur zweiten Natur geworden ist. Würde er sich wieder gewöhnen, daß sie mit ihm liefe, an seinem Schreibtisch säße, seiner Arbeit zuguckte . . . und in seinen Tag irgendwie hineinregierte? »Das sitzt wie angewachsen,« lobte Sigismund und sah im Fensterspiegel wohlgefällig, wie das glatte Trikot seine vornehme Gestalt noch schlanker und elastischer täuschte. Niemand hätte ihn jetzt für einen angehenden Fünfziger gerechnet. Keine Runzel trübte das lange Gesicht, nur über den schmalen Nasenrücken gingen haarfeine Rümpfchen, wie ein Leiterchen hinunter, und man sah es deutlich, ob eine Narrheit oder eine Schwermut darauf herumkletterte. Jetzt hüpfte da nichts als Tollheit. »Nun stecke mir das Wappen gut an . . . hier, etwas mehr links, wo das Herz klopft . . . so . . .« lachte der Fürst und preßte den grauseidenen Latz mit den fünf aufgestickten Vögelchen fest an die Stelle. »Was sind das eigentlich für Vögel, Euer Gnaden, Schwalben oder Tauben?« fragte der Junge mit der Vertraulichkeit des Kammerdieners. »Das sind doch Lerchen, Dummrian, unsre österreichischen Lerchen. 's ist der lustigste Vogel am Inn und an der Donau . . . und unter uns gesagt, der lockerste auch; hat hier ein Schätzchen und dort eines, treibt gottlose Vielweiberei . . .« Der Page verstand und lachte kurz und trocken, ohne Erröten. »Das ist freilich gemein, durchaus gemein! Aber heut ist mir doch auch, als trillerten fünf Lerchen unterm Brusttuch. Heut muß mir was Sondergutes begegnen . . . etwa eine Hübsche rechts, eine Hübsche links am Arm, von einem süßen Aug ins andre süße hinübersinkend . . . etwa so zwischen zwei Weiberseligkeiten spazierend, plauschend, gestützt und stützend und . . . Luft, Luft, es wird heiß hier . . .« Er öffnete eine Flügelscheibe. Die Sonne war erstarkt und ging in den Mittag. Der Inn und das Gebirge glänzten abkühlend zum Herzog herein. . . . Arm in Arm, o doch, im gewonnenen großen Obstgarten mit Gertrud spazieren, ihr alles zeigen, was wächst und Vorrat bringt, ihr vorrechnen, wieviele Säcke Apfel, Nüsse, Zwetschen man einbringt, wie's brätelt und duftet im Dörrofen, dann über alle Sorten Erbsen und Kohl und Rübchen, von den feinen welschen bis zu den gröbern Bissen des Nordtirols und zum Mastfutter für ein rüsselrotes Kirchweihschwein, mit ihr raten und taten, sie unterm Ellbogen fassen, wenn es nötig wird, ihr Brautlächeln wieder hören und ihre roten Brautbäcklein bewundern wie damals, als sie vor der Hochzeitsmesse unter den Erlen am Inn auf und ab gingen und mit einem seligen Herzklopfen unter dem viel zu eng geschnürten Leibchen auf die Trauzeugen und das erste Glockenzeichen warteten, o gewiß, das wäre wieder schön, und jetzt noch viel schöner, wo man älter und einsamer wird und sich auf sein Eigenstes zurückzieht . . . Und Gertrud ist ja die Stille und Demut selbst. Wenn er nur den Finger an die Braue hebt, wird sie neben ihm zum geräuschlosen, unfühlbaren Schatten. Arm in Arm! ja doch, sie würde ihm das neue Leben verschönern und kurzweilig machen. Denn von Natur ist er doch ein heilloser Langweiler, und wenn ihn nicht die Münze und die Zahl unterhalten hätten . . . Beinahe mußte Simon gähnen. Warum sollen Gertrud und er es nicht endlich auch einmal schön bekommen im Leben? selbander etwa den Fluß hinauf nach Zirl oder zum alten Gevatter nach Pfaffenhofen oder gar ins äbtische Stams reiten zum Pater Küchenmeister, seiner Frauen Bruder, dem Künstler im Schnecken- und Forellenbacken! Oder man fährt nach Gertraudi hinunter ins Bad, zeigt und brüstet sich ein bißchen und läßt sich beneiden wie andere rentenlebende Paare. Viel Wohliges vom Leben haben sie verloren. Nachholen, nachholen! Er zupft an seinen dicken Brauen . . . Nachholen, hm, das Wort hat einen bittern Beigeschmack. Ob er's haben will oder nicht, er hat wirklich viel nachzuholen; aber für sie; er hat gutzumachen, er ist der Sünder und Schuldner seines Weibes . . . Der Erzherzog setzte sich längshin über die Truhe und hielt den rechten Fuß hin. Unsanft wie jedesmal hob ihn der am Boden kauernde Diener aufs Knie, zog den braunen Lederpantoffel aus und legte ihm einen dünnen weißen Tanzschuh mit goldener Schnalle an. Und wieder wie jedesmal bei diesem niedrigen Amt dachte der Junge ärgerlich, nun müsse er endlich den Lohn fürs letzte Jahr bezahlt bekommen und wolle ihn beim Zubetthelfen auf Taler und Heller noch heute unerbittlich heischen; andernfalls trenne er diese Schnallen ab und nähe ganz gleiche, katzengoldene auf. Und wieder tastete er an dem Schmuck herum und argwöhnte, daß ihm ein Schlauer, vielleicht der Erzherzog selber, mit diesem Wechselgeschäft zuvorgekommen sei. Sie haben so einen grellen, fleckigen Glanz seit kurzem, diese Schnallen! Der Herzog fuhr mit den Fingern durch das hängendlange, warme Haar des Knappen und wurde dabei immer fröhlicher und geschwätziger. Jetzt um die Elfe werde nur die Probe für den Bechertanz sein. Sechzehn Jüngferchen müssen zwischen sechzehn weingefüllten, schweren Goldbechern ihre zierlichen Schleifen tanzen, ohne das Gefäß zu berühren, dann niederknien und drei Schlücke daraus kosten, ohne sich mit einem Finger auf den Boden zu stützen. Gelingt es, so hat das Fräulein den Becher dem Herzog zu kredenzen, er tut den Herrenschluck, und darnach gehört ihr der Kelch. Mißglückt aber das Kunststück oder bleibt auch nur ein Tropfen Meraner an der Nasenspitze hängen, dann ist das Trinkgeschirr verwirkt und der Archidux bestimmt hochrichterlich, wer von den Kavalieren den Wein vom Gesichtlein küssen und das süße Unglück zur Dame dieses Abends behalten darf. Da gebe es denn Bosheiten und Schelmereien ohne Ende, saure und süße Mienen und jedenfalls Kurzweil bis zum Hahnenschrei. Diesmal gehe es besonders nobel zu. Seine fürstliche Base aus München sei da, eine Allerweltsjungfer, die trinke wie ein Landsknecht und sei doch ein Ziergeschöpf, blaß, jung und duftig wie ein Schneeglöcklein. So habe er denn das beste Faß aus dem Ratskeller gerollt, Rehbraten, Forellen, Schweinswürstchen und Rosinentörtchen würden aufgetischt, und zuletzt bringe man eine Torte aus Eigelb, Zitrone, Zucker und Schnee, die haargenau die löbliche Stadt Innsbruck darstelle mit Schloß, Kirchen, Markt und Brücke und Männlein und Weiblein in den Gassen. Da werde ohne viel Zeremonie zuerst Base Elisabeth dreinbeißen und ein Stück Innsbruck vertilgen, dann der Reihe nach Damen und Herren. Diese Meistertorte koste allein zweihundertsechzig Taler, jeder Becher aber sei auf fünfundfünfzig Dukaten gewertet. Soviel Gold und Silber für ein Nachtessen! staunte Philipp und gelobte sich fest, die Schnalle noch heute nacht, wenn Sigismund weinschwer im Bette schnarche, umzutauschen, bevor alles zum Teufel ist. »So viel,« seufzte Sigismund leichten Atems und sprang vom Sitz auf. »Das begreifst du doch nicht. Behaare und bemanne dich erst und lerne in Kniestiefeln marschieren und achte dann, ob man für die schöne Eva nicht immer noch den schönsten Apfel, ach was, all sein Obst vom Baume schüttelt. Für sie kostet nichts zu viel. Mach Schulden beim Papst und Kaiser und allen Juden; aber einer lieben Frau bleibe nichts schuldig!« Schuldig bleiben . . . der lieben tröstlichen Frau nichts schuldig bleiben! Kanzler Simon hängt den Kopf tief zum Schreibtisch und noch tiefer in die Vergangenheit hinunter. Ist's die Weiberluft dieses Schlosses oder was? aber er kann nicht anders, er muß dringlich wie noch nie an seine Frau denken. Ihr, dünkt ihn, sei er wirklich etwas Großes schuldig. Geld? wenn man das mit Geld zahlen könnte . . .! Liebe? ja sicherlich, wenn Liebe allein hülfe. Er schuldet mehr; er ist ihr ein Wunder schuldig. Sonst ist er wahrhaft kein Erinnerungsmensch. Aber jetzt sieht er sich deutlich wie in einem Spiegel als armen, halbgelehrten Schlucker die Gertrud Drechs aus einem alten, vermöglichen Bürgerhaus zur Ehe holen. Er gab damals, um schneller zum Taler zu kommen, als Viertelschreiber noch nebenbei Unterricht in den vier Operationen und in der praktischen Buchführung, in referendis tabellis , wie er aus Ciceros Verresrede stahl. Es kamen fast nur Jungfern zum zwanzigjährigen, saubern, kühlen Federfuchser. Gertrud Drechs sollte für das väterliche Weingeschäft das Kontorwesen lernen. Sie nahte sehr schüchtern, sah ihm wochenlang nur auf die kleinen, hübschen Hände, redete fast nichts, aber multiplizierte so hurtig und zeichnete so scharfe Zahlen, daß er davon ganz entzückt wurde und nun auf jede Weise probierte, ihr einmal ins Auge zu blicken. Er hätte wissen mögen, wie es darin dunkelte und blitzte, während sie eine ihrer flinken Zinsrechnungen im Kopfe löste. Aber sie senkte ihre Wimpern nur noch tiefer. Einmal nun, jetzt muß er fast lächeln, als sie ihren Kalkul abschloß: bleiben also siebenmal dreizehn ein Drittel . . . gleich 92 . . . zweiundneunzig . . . fiel er ihr rasch ins Wort: 29 . . . neunundzwanzig. Zweiundneunzig wiederholte sie sanft. Ich bitte, ich bitte, Jungfer Drechs, neun . . . und . . . zwanzig, schrie er fast zornig. Da blickte sie betroffen zu ihm auf und wenn er noch nie in die Unschuld und Bläue des Himmels gesehen hatte, so war sie ihm jetzt auf einen Schlag offenbar geworden. Er war davon so erschreckt, daß er weder zu einem Scherz, noch zu einer Entschuldigung die Kraft fand, an jenem Abend nun auch seinerseits sich nicht in die bebuschten kleinen Quickeraugen sehen ließ, die rund, hart und glänzendgrau wie eine Nickelmünze sind, aber doch alle Rechnungen jener Lektion noch korrekt und ohne Schnitzer löste. Noch öfter rechnete er dann mit ihr; aber am besten an jenem Junimorgen, da er sie nach dreijährigem Widerstande ihrer Eltern zum Altar führte. Er hatte damals sogar einen Witz gemacht, der schlecht oder recht noch öfter von Freiern der Kanzleien wiederholt wurde: bis anhin hielt ich die Multiplikation für die nützlichste Operation; nun ist's doch ein Addition . . . Oder eine Subtraktion, lispelte sie ihm scherzhaft ins Ohr. Um Gotteswillen, wie kannst du so spaßen? Jedes nimmt doch vom andern weg, und so gibt es ein Neues und Gemeinsames und Einziges, Simon, etwas, was keine Addition könnte . . . so ungefähr hatte sie geantwortet, und das war das erste Wort in ihrer Ehe, das er nicht recht verstanden hatte. Subtraktion, pfui, welch ein widriger Gedanke! Aber habe ich mit Gertrud anders operiert? Genommen, genommen! . . . was gegeben? . . . Simon Quicker sah das Papier zum Unterschreiben vor sich. Aber er wußte nicht mehr, wozu es diente. Ihm schien, das ganze große hochgetäfelte Zimmer summe und klinge von dieser mißtönigen Musik: Subtrahieren. Es hatte aber der Erzherzog im Glasalkoven, indessen der Diener ihm die dreizehn Wappenschildchen seiner Gebiete in Form eines Kranzes an den luftigen Halbmantel nähte, an den Mantel, den man im Tanze hinter sich wie eine Vogelschwinge wehen oder elegant am Arme hängen läßt oder gar mit der Rechten wie eine Bandiera schwingt, es hatte der leichtherzige eben von dem kostspieligen Geschäft, Herzog zu spielen, dick und dünn gejammert und am Ende, da ihm die Zahlen wie ein Mückenschwarm um den Kopf summten, mit der langen, groß geäderten Hand nach allen Winden geschlagen, die Wolke zerstreut und mit einem wahrhaft österreichischen Sorgenbrecherlachen gesagt: »Bah, bah, man subtrahiert, das ist die Lösung. Was heißt denn Leben anders als Subtrahieren? Man subtrahiert einen Tag nach dem andern vom Leben weg, ein Glück weg, einen Becher Wein weg, einige Dukaten, einige Küsse weg, man subtrahiert von diesen dreizehn Wappen eine Burg, ein Tal, eine Grafschaft weg, subtrahiert und subtrahiert und wird nach und nach vor lauter Subtrahieren alt und arm und tot . . . Aber, junger Mensch,« rief er lustig auflebend, »dafür subtrahiert man auch von seinen Schulden, Pflichten, Arbeiten eins ums andere Stück . . . warum sollte man nicht? . . . bis ich gar nichts mehr schuldig bin, nichts mehr sorgen muß, faulenzen, schlafen, das Herzogtum von den Sohlen schütteln kann . . . Jawohl, zum Addieren hab' ich kein Ingenium. Es lebe also,« die blassen Augen blitzen geistreich auf, »es lebe die Subtraktion . . .! Hübsch nähst du die Fetzen, an dir ging ein Damenschneider verloren . . . Heut prunken wir also nochmals mit allen dreizehn Ländern . . . Das ist Meran . . . sieh, das gehört vors Pustertal . . . da, zu unterst das verdammte Brixen . . . aber ich hab ihn doch gemeistert, den Possest, den Purpurkläusl, hab den Krebs krebsen Cardinal Nikolaus Cues, der berühmte Gelehrte, der in seiner Philosophie Gott das posse und das esse , das Können und das Sein nannte. Von seinem Elternnamen Chrypffs = Krebs führte er dieses Tier im Wappen. – Mit Sigismund lebte er wegen strittiger Oberhoheit in einem fortwährenden, abenteuerreichen Kampfe 1453–1464. machen . . . und der verstand Mathematika, alle Wetter! Dennoch, ich hab ihn mit meiner Subtraktion gebodigt . . . evviva die Subtraktion . . .« Wieder beugt sich Simon Quicker aufs Papier, um zu wissen, warum er es in den Fingern hält, und wieder weiß er nichts, als daß er jetzt rechnen, subtrahieren muß. Gertrud hatte ihm ein Häufchen Gold in die Ehe gebracht, den Grundstock zum heutigen Reichtum. Sie sparten und schäufelten zusammen, und fast immer war es über einer Münze oder einem fetten Konto, daß sie die Gesichter zusammenhielten und sich einen Kuß schenkten. Aber Simon fühlte sehr wohl, wie das Metall ihn mehr und mehr überwältigte. Aus einem Knapphalter ward er ein Geizhals, bröckelte hier eine Krume und schnitt dort ein Zipfelchen von der Genüge des Lebens ab, bis der Unterhalt so schmal wurde, daß nur noch der Geiz und der Tod dabei existieren konnten. Und freilich auch die Liebe seiner Frau. Sie rechnete zwar nicht mehr mit und half nicht mehr die Münzen ordnen und beigen. Sie fühlte das Kaltwerden ihres Mannes in der Kälte des Geldes, sie sah, wie seine Seele im Eis der Zahlen mitvereiste, sie fror, magerte ab, kam von der Kraft, ward blutarm und ihre seinen Glieder, die in jedem Sinne so wenig Sonne genossen, wollten sich nicht mehr recht fügen. Ach, Simon, Simon, wie gut merkte er, was schuld war, wie schätzte er sein Weib noch um so mehr, je mehr es litt, und doch, der Hunger und die Wut nach Gold waren noch größer. Er geizte fort. Nur noch fünf, sieben, neun Jahre, dann sind wir reich genug, dann leben wir uns, dann soll Gertrud meine ganze Zeit und Sorge und Liebe haben. Manchmal, wenn die Gattin gar zu rührend ihre Fingerchen auf der Kniedecke faltete und ihm zur Türe hinaus mit den blauen Augen wie mit zwei sehnsüchtigen Vögeln nachflog, wurde ihm der Rücken heiß und er wollte sich umwenden und etwas Warmes sagen . . . aber die Zahlen, die Münzen, Meisterin Geld rief. Einmal tat er's doch, sprang zurück, kniete vor ihr und sah, daß lautlose Tränen in ihren Augen hingen. Er küßte sie weg, und an diesem Abend brachte er eine sehr teure Flasche Veltliner und einen mächtigen Schinkenschlegel heim. Aber sie sträubte sich, es besser haben zu sollen als ihr fleißiger Mann. Er sollte mitgenießen und mitgesättigt werden, oder es sollte beim alten Fasten bleiben. Und so nahmen das Geld und die Armut ihres Daseins gleichmäßig zu. Mit Mühe behauptete das Töchterlein in dieser magern Luft sein Leben. Achtjährig, wo andre Göflein in die erste freche Mädchenhaftigkeit rumpeln, fing das Kind schon an zu welken. Damals änderte Gertrud in einem heiligen Demutsaberglauben den Namen Benedikta in Ira. Niemand verstand so recht den Grund. Aber Simon fügte sich der Frau, die längst lahmgliedrig im Krankenstuhl lag. Wenn der Zorn Gottes sich wieder in Segnung wandelt, dann soll ihre Ira mit Lust wieder Benedikta heißen. Gertrudens Mutter war früh in Gicht und Lahmheit gefallen, und das entschuldigte und erleichterte viel. Jedoch auch Simon bekam nach und nach ein Gezwitter im Auge, seine Hände zitterten, und gerade jetzt unterliefen ihm im Rechnen böse Schnitzer, wo er in den Ämtern gestiegen, herzoglicher Rat, erster Quästor, dann städtischer Schatzmeister oder Kanzler geworden war: Diener freilich immer mehr, aber auch immer mehr auf einen klaren, überlegenen Dienerkopf angewiesen. Der Medikus Gragg und mehr noch sein Medikus Hausverstand sagten ihm, daß diese Lebensmanier auch vom Standpunkt eines Geizhalses außerordentlich dumm sei. So ward denn nach und nach und vorab seines korrekten Rechnens wegen die schärfste Knauserei abgetan, vor allem einmal bei Pfanne und Brattopf. Und sieh da, je lauter die Butter prasselte, je kräftiger die Fleischklöße schmorten und die Knödel dufteten, um so rascher kam Ira wieder zu Gnaden. Sie spürte den Segen zuerst. Wie in einem verspäteten, aber um so raschern Frühling blühte sie auf, schoß wie ein Turm in die Höhe und beschattete bald Vater und Mutter mit ihrer mächtigen Gestalt und dem dick umzopften, lustigen, aber etwas törichten Antlitz. Wohl verstand sie zu kochen und grob zu nähen und die Mutter großartig vom Bett zum Stuhl zu tragen und siebzig Späße dabei zu verüben. Aber wie zur Strafe für den Vater wollte ihr das Rechnen gar nicht gelingen, und wo sie mit Geld umging, verlor sie die Hälfte. Jeden Abend verbrauchte Simon eine Stunde voll heiligen Zornes und Schweißes, um ihr wenigstens das Addieren beizubringen. Er wußte nicht, daß Frau Gertrud unausweichlich jeden folgenden Morgen die große Jungfer zu ihren Füßen kauern und unter allerlei Drolligkeit das gestrige Pensum repetieren, verwirren, verderben und vergessen ließ. Das war der einzige muntere Augenblick ihres Tages. Aber sie lebte davon. Das war ein Schritt vom Zorn zum Segen. Er aber, der brave Simon, fühlte seine rechnerischen Tugenden bei der bessern Kost wieder groß werden. Noch nie hatte er so flink und siegesgewiß multipliziert. Seine Zins- und Zinseszinskolonnen flossen wie Öl übers Papier. Dabei verlor er in keiner Weise. Denn was sein Geiz dem Magen opfern mußte, das klob und listete er dafür dreimal von andern Dingen, besonders vom Herzen ab, das immer fühlloser für alle Menschlichkeit ringsum wurde und sich nur noch in seiner besondern Art für das enge Fleisch und Blut der dreiköpfigen Häuslichkeit interessierte. Es stupfte und stach ihn oft, das heiße nicht brav und ganz gelebt. Aber welch wahrhaft gemeines Wesen er trieb, empfand er darum nicht so deutlich, weil seine Habsucht nie eine Gewalttat verübte, nie gegen einen Buchstaben des Gesetzes verstieß, nicht einmal im eigentlichen Sinne des Wortes eine Ungerechtigkeit beging. Es war mehr die zähe, einzielige Jagd auf alle erreichbaren Gelder, und deren gibt es unzählige, die kniende, staubige Verehrung vor diesen Götzlein, die Verschwendung aller Gedanken und Gefühle und köstlichen Minuten an dieses eine herzlose Geschäft. Klarer wurde ihm diese Seelenschlechtigkeit . . . trotz der so weißen und saubern Hände . . . nur jedesmal dann, wenn er sich, und spitziger als je in diesem Augenblick, vorwerfen mußte, daß seine Frau nicht mehr gesunde, weil ihr Körper zu lange gehungert habe und nun eben nichts mehr als diesen Hunger verdauen könne. Wie unmenschlich schmal und blaß hatte sie diesen Morgen im Kissen gelegen, wie starr war ihr Handgelenk, wie kalt jeder einzelne Finger gewesen, den er liebkoste. Sie hatte einen ihrer Schwächeanfälle gehabt und atmete nun wie ein wundes Spätzlein so heftig und wenig tief. Aber kein Seufzer hüpfte über die weiße und wie erfrorene Lippe. Nur ihr blaues Auge mit dem süßen braunen Tupf lächelte ihn an. Er ward ganz erschüttert, hielt ihre Hände wie zwei erstorbene Zweiglein in seine Hände geschlossen und streichelte und erzählte, daß ihn Sigismund als Legaten zum Bruderklaus senden wolle. Aber er gehe nicht, schon ihretwegen nicht. Er bleibe da . . . er . . . Ja, ja . . . bald bleibe er immer bei ihr . . . er habe des Rechnens und Bückens genug . . . vielleicht auch bald des Geldes . . . Da dünkte ihn, die steifen Zweiglein zwischen seinen Händen bekommen Leben, beben, knospen, zappeln, und es rinne etwas wie Blut und Wärme bis in die Spitzen. Und sie, die ihn sonst so lange als möglich an ihrem Stuhle festzuhalten und mit ihren Fingern seine kühle Hand zu umgittern versuchte, um noch so viel als möglich von ihm zu retten, sie stieß und stupfte ihn jetzt von sich und rief mit der ganzen dringenden Süßigkeit ihrer Stimme: »Nein, du mußt gehen, absoluti gehen, Simon! Das ist eine Gnade. Lauf, lauf und bring ein Wunder heim.« Und lächelnd nickte sie zur Ira hinüber, die plump über den Schiefertisch gebeugt, eben voll Zorn eine Kette falscher Additionen von der Platte wischte, aber sofort lachend ein Stück Kreide abbiß und zum Fenster hinausspuckte. Was lag ihr doch am Rechnen. Gesunde Zähne haben und damit Nüsse aufbeißen und den süßen Kern des Lebens essen, das ist zehnmal gedeihlicher als rechnen. Aber Simon dachte, was für ein Wunder es doch wäre, wenn die Ira noch tüchtig addieren, ja sogar multiplizieren lernte. Welche Riesensummen, welche Riesenprodukte würde diese gewaltige Person schreiben . . . Gertrud lächelte. Meinte sie dieses Zahlenwunder? »Weißt du auch,« plauderte der Erzherzog indessen und reckte sich im vollen Putze zur Diele, »daß mein Vetter in Mailand, der Negerherzog, Wunder wirkt. Man schimpft ihn Altezza; aber diese Hoh–heit ist nicht höher als bei uns ein zwölfjähriges Bübel gewachsen. Dennoch ist er beim Maskenball der größte. Wie er dieses Wunder wirkt?« Die lange Nase rümpfte sich voll Schadenfreude; »zum ersten, denk mal, darf niemand in Mailand über zweieinhalb Ellen hinauswachsen, sonst wird er verbannt oder verstümmelt; zweitens darf niemand bei Hofe in Stiefeln stolzieren, sondern muß auf den dünnsten Sohlen gehen. Ihre Altezza aber hat einen vereidigten Schuhmacher, den Strecker tauft ihn der Stadtwitz. Der fertigt ihm einen Schuh, einen Sockel, ein Bein, weiß der Teufel was; kurz und gut, der Moro wächst viele Zoll über seine Natur hinaus, wird eine wirkliche Altezza, und so streckt sich dieser kleine Gernegroß über Mailand . . . ins Eidgenossenland und weiter; aber er wird uns noch lange nicht überwachsen . . . Pst!« warnte Sigismund und ging im weiten Bogen um den scheinbar eingenickten Legaten herum. Aber an der Schwelle rief er schonungslos laut: »Und auch dieser Mann hier ist ein Wunder. Seit einer Stunde hat er kein Glied bewegt und lebt doch . . .« »Soll ich ihn kitzeln?« fragte der Page und zog eine silberne Nadel aus dem Ärmel. »Lass', lass'! Er geht uns ins Land der Kuhmäuler und tut dort Zeichen und Wunder . . . Ich sage dir ja, die Luft ist voll Mirakel . . . riechst du denn gar nichts, Kleiner?« . . . . . . Nein, nein, dieses Mirakel meinte seine Frau nicht, spann Simon aufgeregt weiter. Er merkt jetzt, sein scheinbar so ergebenes, wunschloses Weibchen hofft immer noch gesund zu werden. Und wegen diesem Wunder ganz eigens muß er schon zu den wilden Eidgenossen. Dieses Wunder ist er Gertruden schuldig. Wenn die Kompagniegelder und der Inngarten und darnach die Selbstherrlichkeit auch gar nicht wären . . . schon darum . . . derohalb . . . eja . . . Eja, darum halt' ich doch auch das Papier da in der Hand. Hab ich geschlafen? wegen dem Inngüetl und den vier Dukaten von jeder Kompagnie und der Freiheit des Rentners und . . . und dazu etwa die Gesundheit meiner Frau . . . schreiben, schreiben! . . . Der Zettel deuchte ihn nicht mehr ein weinendes und seufzendes Papier. Er lachte, nickte, grüßte ihn frohäugig an. So schnell Simon konnte, netzte er die Feder und schrieb das schneckige S und Q seines Namens bescheiden wie immer hin. Dann nahm er den frühern Ton der Trauer und Ergebenheit an und erklärte zum Fürsten gewendet: »Hier, Hoheit, ich habe unterschrieben . . . Ich stelle alles auf den Zufall ab . . . verliere Geld und Schweiß und Atem vielleicht für nichts . . . 's ist nicht recht . . . aber als gehorsamer Untertan . . .« Erst jetzt sah er, daß er ins Leere hinaussprach. Außer ihm war niemand im Saal. Da rann ihm der Angstschweiß von der Stirne. Ihm war, alle grünen Wipfel des Inngüetl lachten ihn aus, grüßten Ade, entschlüpften ihm, die er noch eben fest in der Hand gepackt, verflimmerten und entschwänden ferne wie ein verlorenes Paradies. Hastig sprang er auf, rannte von einer Türe zur andern und schrie: »Euer Gnaden, da ist der Schein, ich habe ja unterschrieben, ich reise, ich . . .« »Erzherzogliche Gnaden,« meldete da ein plötzlich wie aus dem Boden geschossener Page mit geringer Verbeugung und einem schlecht unterdrückten Lachen, »sind zur Tanzprobe gegangen und haben mir aufgetragen, Eure Antwort entgegenzunehmen.« Was für ein Leichtfuß! dachte Quicker und atmete doch selbst erleichtert auf. »So gib dem Erzherzog dieses Dokument . . . oder nein,« bemerkte er mißtrauisch, »es ist ja noch nicht ordnungsmäßig gesiegelt.« Er hielt das rote Wachsstäblein an eine der vier schlanken Kerzen, die Tag und Nacht in Silberklötzen auf dem Schreibtisch brannten, faltete das Papier und tropfte das schmelzende Wachs auf den Verschluß. »Hast du nicht auch, Philipp Boheim, mit deinen Kameraden etwa im Inngüetl Allotria getrieben?« »Dutzendmal . . . Jetzt spielen wir im Poldanger, er ist näher und hübscher.« »Und gedeiht dorten wirklich kein Gemüse?« »Im Inngüetl?« »Im Inngüetl!« bestätigte Simon lauernd, indem er behutsam seinen Ring ins Siegel drückte. »Nicht ein Blatt, Herr Rat.« »Also das gib dem Erzherzog,« versetzte Herr Quicker rasch, »und bemerke, daß ich innert einer Stunde gesattelt und gepackt hier vorbeireite . . . Was das Güetl betrifft, so irrst du. Es werden dort Rüben, Bohnen und Erbsen und sogar an geschützter Stelle Blumenkohl prächtig geraten.« 3 Bis unter die Museggtürme von Luzern ging alles gut. Die Empfehlungsbriefe Sigismunds bei österreichischen Freunden verschafften dem Gesandten ohne Schwierigkeit Gratisquartiere und sehr oft auch Gratisgeleite über unsichere Straßen. Am ersten und zweiten Abend, als Simon in seine Herbergskammer trat, kam es ihm merkwürdig vor, daß er ohne das Gutnacht! seiner Frau und ohne die Rechnungsstunde mit Ira einschlafen sollte. Auch auf langen Wegstrecken, so über den schläfrigen Nachmittag, wenn er nichts als den Hufschlag im Ohr und das Einerlei der Straßenpfähle im Auge hatte, mußte er oft ans Daheim denken. So ein eingerosteter Gewohnheitsmensch, wie er geworden war, konnte Herr Quicker sich zuerst in all das Neue fast nicht schicken. Überall fehlte sein Dreibeinstuhl, sein Tisch von anbequemter Höhe, seine geblumte Tasse, sein weiter Hauskittel, die Pantoffeln am Ofensöller, fehlte das laute, arglose Gelächter Iras, und vor allem das schneeige, leise, weise Gesichtlein seiner Gertrud. Erst jetzt merkte er, daß ihr vierzehnjähriges Schweigen und Stillesitzen und ihn gütig Anschauen und mit den weichen Augensternen so rührend Umflattern für ihn nicht nur etwas Gewohntes, nein, etwas Liebgewohntes, beinahe Unentbehrliches geworden war, fast wie Essen, Rechnen und Schlafen. Aber dann ward das Reisen von Tag zu Tag kurzweiliger. Es gab so viel zu hören, zu sehen und sich hinter die Ohren zu schreiben für diesen Stubenhocker; Wirt und Weggesell ließen ihn so selten allein, und seine seit zwanzig Jahren verschlafene Neugier erwachte jetzt so knabenhaft und hungerte und sättigte sich auch so bübisch, daß die häuslichen Andenken, je tiefer die österreichischen Länder hinter seinem Pferdeschwanz verschwanden, um so blasser und unscheinbarer wurden und schließlich mit den heimatlichen Höhen am östlichen Horizont zu erlöschen schienen. Zwar die Landschaft selbst und ihre Menschen, wo man von Gau zu Gau ganz anders redete und kochte und wohnte, interessierte ihn wenig. Er war im Gegenteil enttäuscht, daß diese Bauern nicht einen Nacken wie Ochsen und Fäuste wie Ambosse besaßen. Auch wie sie sangen, sannen und arbeiteten, ließ ihn kalt. Aber das kunterbunte Geld, das da durch die Hände rann, die Straßen- und Brückenzölle, die Marchschillinge, Ohmgelder, Passierscheine und die Verordnungen wegen Waffen, Werbung, Sold, hier so und fünf Wegstunden weiter ganz anders, das gab ihm reichlich zu studieren. Es trat nun immer kräftiger sein hoffnungsvolles Geschäft in Sicht. Sehr bald bemerkte er, wie allerorts in Stadt und Dorf ein Überschuß von Rauflust vorhanden war und sich jetzt unter Freunden wehtat, da man sich nicht gegen Feinde austoben konnte. Den Franzosen war man nicht grün, weil man zu deutlich spürte, wie gerne der glatte Ludwig, nachdem die Eidgenossen ihm den Todfeind Karl von Burgund zerschmettert hatten, die Überflüssigen und Unbequemen nun irgendwo in eine sichere Rumpelkammer würfe. Sie aber wollten rumpeln, nicht Gerümpel sein. Aber auch über die Mailänder war man vielerorts gallig geworden, da sie immer wieder den Tessin heraufzogen und den frierenden Schweizern ihr Stücklein Mittag ennet dem Gotthard stehlen wollten. Vergnügt kraute sich Herr Quicker die Brauen, daß der letzte Schreibstubenstaub herausstob; das paßte ja prächtig dem Werber Österreichs, da sein Land ganz ebenso mit Welsch im Süd und Welsch im West nicht mehr geheuer stand. Quicker hatte sich in Zug erzählen lassen, daß nicht weniger als vier Schlägereien in diesem kleinen Stadtnest während zwei Monaten unter feiernden Soldaten ausgeprügelt wurden. Mit seiner wunderbaren Arithmetik wußte er daraus einen wohltuenden Schluß zu ziehen, wie viele Söldner er allein in dieser Handvoll Zug, wie viele im weit erheblicheren Luzern und gar in Zürich ausheben würde. Der sonst so nüchterne Mann sah sein Gold schon überall wachsen und mit Lenzesgewalt die Deckel seiner Truhe sprengen. Oft zupfte er sich warnend am Ohr: Du phantasierst! Bleib am Boden, bleib am Boden . . .! Aber bald verlor er sich wieder in neue Zahlenmärchen. Vielleicht hatte die ungewohnte und so erfrischende Bewegung der Reise bald zu Roß, bald am Stecken sein verhocktes Blut in Wallung gebracht; vielleicht war es auch der schwere Lombardenwein, den man hier aus großem Henkelgeschirr trank, während er daheim zu Mittag nur ein dünnes Stiefelchen Meraner mit Zuschuß von Wasser genippt hatte. Meist war er pressiert, dem Wirte mochte er nichts schenken, und so stürzte er in einer halben Stunde hinunter, woran er in Innsbruck eine Woche lang läppelte. Aber es hob ihn. Er fühlte sich jünger und kühner. Und noch tapferer wirkte letzlich diese schneegesalzene, herbe Luft der innern Schweiz auf ihn, der bisher seinen Atem fast nur aus dem Tintenhafen gezogen hatte. In Luzern kehrte der Kanzler nach Sigismunds Weisung bei der tiefschwarz gekleideten Witwe Göldli ein. Das war ein schweres, graues, feuchtes Haus mit Schildern und Wappen, in dessen Fenster auf der Abendseite die gewaltige Reuß, gegen Morgen der unendlich geschwätzige Luzernermarkt hineinsprach. Aber das Gemäuer war so dick und die Scheiben waren so fest verrahmt, daß trotzdem in ganzen Teilen des Hauses eine Totenstille herrschte. Es wohnten da mit Christofa Göldli, einer gebornen Durrer aus Obwalden, nur die beiden Kinder Eimil und Mareili, er ein vierzehn-, sie ein neunjähriges Jünkerlein, und zwei alte Mägde, die hier wohl das Gnadenbrot aßen und zwischen dem großen hurtigen Wittib beinahe wie Statuen oder doch ganz langsame Schattenbilder aussahen. Als Simon durch die modrige Dämmerung emporstieg und mehrmals laut hustete, beugte sich endlich oben Frau Christofa übers Geländer und rief erregt: »Der Pfarrer Götti kommt, Eimil!« und sprang ihm flink entgegen. »Ah,« sagte sie mit weinerlicher, heftiger Stimme, »Vergebung, wir meinten, unser lieber Pfaff Imgrund sei's . . . Der gemeldete Kanzellarius aus Innsbruck? nicht? Seid auch Ihr willkommen. Ihr habt den Vorsprung. Wer uns zuerst segnet, segnet uns am besten.« Simon verbeugte sich und ging hinter der rasch redenden Frau, die er nicht recht verstand, zögernd zur großen Stube hinein. Da lag ihr Knabe auf einem Pelz am Boden. Er war lang und steif wie eine Bohnenstange, an der ein gelbes, müdes, häßliches Gesichtlein mit breiter Nase und verschwollenem Munde wie eine kranke Frucht hing. Das Haar klebte in langen, feuchten Fetzen um Stirne und Ohren. Schön waren nur die großen Augen, die silbergrau und gereizt aus den Höhlen funkelten, wie das Eisen aus einer dunklen Schmiede. Das Mädchen Mareili hingegen kollerte rund und rot wie eine Rübe um den eckigen Bruder. Die Mägde lehnten wie Gemälde an der Wand. Beide Kinder grüßten neugierig den Österreicher. Mareili hielt sich gleich zutraulich an seinem Arm fest, während der Bub sich wieder würdevoll über sein Bärenfell ausstreckte. Indessen die Mutter mit den Mägden in der Küche herumkesselte, wurde der Gesandte mit Fragen wie mit einem Besen abgefegt. So steif der Junker dabei auch tat, seine Füße scharrten doch beständig im Pelz, und wie ein Alter rümpfte er die Stirne. Er schien nicht krank, noch weniger gesund, sondern wie von innern Hitzen verzehrt. Wie sieht Euer Sigismund jetzt aus? Kann er gut bogenschießen? Gewinnt er immer im Turnier? Ist es wahr, daß alle Eure Habsburger Herren statt der Nase . . . entschuldigt, einen Chriesihaggen haben . . .? »Einen Chriesihaggen,« lächelte und plapperte das Mareili dem Quicker harmlos ins Gesicht. Der Bub machte ein überaus ernstes Gesicht, zog die Brauen zusammen und fuhr fort: »Habt Ihr auch so einen Berg wie unsern Pilatus da drüben? Was macht der Kaiser den ganzen Tag? Wie alt ist er? Hat er auch Buben und Meitschi? Tragen sie das Krönlein nur am Sonntag oder nehmen sie's sogar ins Bett mit? Und ist ganz von Gold des Kaisers Mantel, und sind seine Schuhe aus Silberglas? Hat er wirklich einen Dolch aus Diamant, mit dem man jeden Panzer wie Papier durchlöchern kann? Wer wird Kaiser, wenn der Alte stirbt? Ist's ein Bub noch? Wo lernt er das Kaisersein? Er muß niemand folgen, oder? Sapra, der hat's schön!« Bei jeder Antwort öffneten und schlossen sich Eimils breite Nasenlöcher, als atme er davon. Aber er lachte nie, auch als Quicker den Spaß des Hofnarren Burlibur erzählte, der bei großer Tafel lebendige Mäuse, aber freilich ganz junge, essen müsse und dafür jedesmal ein gesatteltes Pferd bekomme, von weißen Mäusen einen Schimmel, von den andern einen Rappen; daher er prahle, er sei stärker als der Kaiser und fast so stark wie unser Herrgott; denn er könne machen, daß Mäuse Pferde würfen . . . »So lach doch nicht so dumm,« verwies Eimil das Schwesterchen. »Das ist eine Fabula etwan aus Ovids . . . Metamorphosen . . .« »Ich muß jetzt unsern würdigen Gast auf sein Zimmer führen, daß er sich etwas ausruhen mag,« sagte Christofa zur Türe herein wie entschuldigend zum Buben, und zwinkerte dem Gast zu. »So macht schnell!« befahl der Junker. Im Zimmer setzte sich die große Frau mit dem langgezogenen, wetterbraunen Gesicht, den kleinen, unendlich besorgten, schwarzen Augen und einem Munde, der sich auch beim Schweigen immer leise bewegte gegenüber dem Legaten ans Kredenztischchen in der Fensternische, bot ihm eine stich- und hiebfeste Luzernersuppe aus Zwiebel, Mehlklößen und Käsbrocken und dazu ein feines kleines Venezianerglas voll Wein und Brotschnitten vom eigenen Ofen. Sie zeigte auf ein Bild an der Bettwand: »Das ist mein Gatte selig. Ihr habt ihn gekannt?« »Nein, beste Frau; aber der Erzherzog redete oft und mit Verehrung von ihm . . .« Er war ein Vielverbrauch und Luftschlößler gewesen, hatte indessen ungewöhnlich viel vom Bauwesen verstanden. Doch ohne es an die feinen Finger kommen zu lassen, trieb er es mehr als Spielerei und hatte dem Herzog auch für die Brennerstraße, die gerade im Umbau lag, ein hübsches Modell geschaffen. Ziemlich verschuldet war er vor zwei Jahren gestorben. Soviel wußte Simon Quicker. »Er war doch öfter in Innsbruck. Wie konntet Ihr ihn übersehen!« staunte Christofa mit ihrer raschen, klagenden Stimme. »Wo er hinkam, hat man nur ihn gesehen.« Andächtig haftete sie am Bilde, das indessen genau die wüste, breitlöcherige Nase, den hochgeschürzten Mund und die spitzen Backenknochen seines Jungen zeigte, freilich auch dieses eisig glänzende, großartige Auge. Sie grübelte mit den großen, verschafften Händen im Schoß herum und fuhr fort: »Wie wenig hat er vom Leben gehabt! Gelitten, gestritten und mit achtunddreißig gestorben!« Ihre fleischlosen Finger klemmten das seidene Schultertuch zusammen, das bei ihren heftigen Armbewegungen immer auseinanderflog und ein schlechtgeschnürtes und schlechtgeflicktes Brusthemdchen aus dunkelblauer Seide zeigte. Simon Quicker hatte großen Hunger und aß und trank ohne Unterbruch, hörte dabei höflich zu und nickte öfter, aber sah nicht recht in die Sache. »Mein Einziger ist nicht eigentlich krank,« widersprach Christofa, als hätte er das Gegenteil behauptet. »Davon darf man ja nicht reden. Wäre er krank, so könnte ihn der Arzt kurieren. Aber es ist etwas in den Nerven, im Blut, ich weiß nicht, eine Hitze und eine Schwäche, ganz wie mein Seliger. Sie essen, sie trinken, sie atmen kräftig, husten selten und tut ihnen nirgends was weh. Im Bett ist ihnen übler als draußen. Und doch ist mein Gemahl daran gestorben . . .« »Ich habe auch,« tröstete der Kanzler mit einem tiefen Schluck ins Glas, »seit vierzehn Jahren meine Frau krank in den Kissen . . . Was wollen wir? Gott . . .« »Und Ihr geht fort . . . und so weit über Land!« schalt Christofa erregt und packte ihn heftig am Arm. »Wie konntet Ihr?« Simon versuchte zu lächeln: »Sie selbst hat mich geschickt. Geh, geh, hurtig, sagte sie.« »O wie oft schreit das mein Bub! Aber ich wage mich kaum eine stille Messe lang außer Haus. Nein, nein! Ist doch mein Mann gestorben, daß ich es kaum merkte! Nein, nein!« Zum erstenmal seit dem Abschied fiel dem Gesandten wieder ein, daß unter allen Soldaten- und Dukatengeschäften er doch auch noch ein heiligeres Traktandum besorgen möchte, Hilfe, irgendeine ihm unerklärliche Hilfe für sein krankes Weib. »Sie sagte,« entschuldigte er sich, einen endlosen Käsfaden geschickt um den Löffel spindelnd, »ich müsse ihr ein Wunder bringen . . . sie meinte vom Bruder im Ranft . . . darum . . .« »O!« rief Christofa wie entrückt und faltete die Hände. »Wie fass' ich mich, wie sag ich's? Ist das nicht schon wie ein Wunder, dieses Zusammentreffen . . .? So höret, das war es gerade auch, was ich vom Imgrund . . . nein, von Euch fordern wollte. Bringt mir ein Wunder! Es geht in einem. O ja,« jubelte sie, und ihr langes Gesicht schien um zwanzig Jahre jünger, »in der rechten Hand für Euch, in der linken für mich soll's blühen. So kehret aus dem Ranft und beschenket arme Frauen! Schaut, lieber guter Freund,« sie hielt ihn wie in Zwingen an den Handknöcheln, beängstigte ihn wahrhaft mit ihren vor Schwärze glühenden Augen und bettelte unendlich heißen Tones: »Schaut, darum wollte ich Euch einen Augenblick allein haben. Vor dem Bub kann ich's nicht frank herausschütten. Bruderklaus kennt uns. Er hat in diesem Hause mehrmals übernachtet. Er weiß nur nicht, wie das Elend mit dem Knaben gewachsen ist, sonst hätte er längst schon etwas Mächtiges für uns getan . . .« Simon krümmte die Brauen. Da gingen ihn Gebote an, Pflichten, Rätsel, von denen er nicht Maß und Gewicht und noch viel weniger einen Ausgang kannte Solche Mathematik hatte er nie probiert. All das beengte ihn. »Das, lieber Herr Kanzler, bringt ihm,« sagte Frau Göldli und lächelte verführerisch, indem sie mit unendlicher Heimlichtuerei eine Rolle von zwölf Goldstücken aus der Lendentasche zog. »Versteckt es rasch; saget, es sei der Heller der armen Witwe. Erzählet, wie Eimil leben möchte, o Gott, wie er durchaus leben muß. 's ist ja der Einzige. Er wird uns Göldli wieder hoch und hehr machen . . .« Simon steckte die Rolle instinktiv in den Gurt. »Ich wußte, daß mir heute ein Glücksbote ins Haus kommt. Aber ich meinte den Staufer Pfarrer, den Imgrund, Eimils Taufgötti. Er hat gestern im Hof gepredigt und will morgen nach Sachseln. Da wollt' ich ihm was in den Ranft mitgeben, denn er ist Bruderklausens Herzblatt. Nun seid Ihr im Vorsprung. Da soll man nicht warten. Ihr suchet das Gleiche, Ihr fordert ein Wunder. Da marktet Gott nicht. Ob für einen oder zwanzig, die's brauchen, das Wunder wird nicht an der Elle abgemessen. Wie Sonn' und Regen segnen sie einen, segnen sie alle, nicht wahr, lieber Herr Kanzler?« Sie zitterte am ganzen Leibe, redete hastig und überlaut wie in schmerzlicher Verzückung, sah den Gast gar nicht an, sondern hoch über ihn hinaus zum Porträt des Toten. »Er muß uns helfen! Mein Hochseliger hat dem Bruderklaus und den Obwaldnern viel Liebes getan, als der große Streit war . . . o, da sind die Plaggeister schon wieder . . . Bruderklaus darf gar nicht nein sagen.« Die Türe war sozusagen höflich aufgegangen. Die Kinder guckten neugierig herein. »Unterwegs,« fuhr die wohlbeschlagene Frau ablenkend fort, »seht Ihr den Nüßelerhof. Er liegt am Kernsersträßchen, kurz, eh' Ihr in den Kernwald geratet. Den grüßet uns. Ich bin dort gebor . . .« »Von dem schweig, Mutter,« herrschte der Junge und reckte sich bis zum Türbalken. »Den hab ich längst vergessen.« »Ganz gut, Eimil,« begütigte Frau Christofa, »aber doch die Großmutter grüßen, wenn der Herr Kanzler sie zufällig am Fenster sieht . . .« »Nichts, gar nichts . . . Wir sind nur noch Göldli, basta!« »Aber Eimil, sei lieb . . .« »Nichts von den Obwaldnern,« brauste das Jünkerlein auf, »die uns die Stadt brennen und ausmorden wollten. Nicht soviel will ich mit ihnen zu tun haben.« Er zeigte den kleinen schwarzen Fingernagel. »Aber das war doch nur der Amstalden und der Kunegger und etliche andre . . .« »Wenn der Heinzel, dein Vetter, jetzt da wär' und mir noch so Feines erzählte vom Strut und vom Drach und . . .« »Still, still . . . was ereiferst dich . . .!« »Und noch so hübsch die Hellebard schwäng', er ist auch so ein Falscher, ich küßt' ihn nicht mehr, pfui, ich biss' ihn . . .« »Bub, wie bös du bist! Was muß der Herr Kanzler denken . . .? Vettersleut' von mir,« erklärte Christofa zu Simon, »und ob der Alte schuldig ist, weiß niemand, der Junge, der Heinzel, war damals ein Bub . . . und . . .« »Ich küßt' ihn nicht mehr,« beharrte der Trotzkopf. »Und so unschuldig wie das Mareili da . . .« »Müetti, Müetti, lass'! das verstehst du nicht,« widersprach der Junge. »Der Vater hat gesagt, Obwalden möchte uns verbauern . . . Ja das, verbauern . . . verknechten, und gerade deine Vettern waren voran die Böcke.« Mareili lachte und streifte die Ärmel bis zu den Ellbogen zurück und schwang aus und ein, als mähte es. »Verbauern,« sprach es nach, »so in der Sonne hui, hei . . . hui hei . . . wie heiß . . . schwitzen . . .« Und das Kind mähte weiter in die Luft und lachte und kollerte wie ein übermütiges Kücken. »Hör auf!« begehrte der Bruder. »Das ist kein Spaß.« »Oder so . . . auf und ab . . . auf und ab . . .« Das spöttlerische Göflein umgriff jetzt etwas Unsichtbares mit geknotetem rechtem und linkem Händchen. »Eimi, siehst du,« lockte es, »dicke, gute Milch, trink . . .« Es war augenscheinlich, das Hexlein molk. Aber vor Lachen mußte es innehalten. Solche Komödie liebte es. Die sind alle nicht richtig im Kopfe, dachte Simon. »Pfui,« zürnte Eimil und wandte den Rücken beinahe mit Ekel. »Gehen wir lieber in die Stube hinunter. Der Herr Österreicher muß uns vom Türk erzählen.« Simon kramte das wenige aus, was er vom zweiten Muhamed und von Skanderbeg wußte. Er schämte sich, daß in den Fragen des Jungen mehr Wissen lag als in seinen Antworten. Er wolle vor dem Zubettgehen noch einiges erzählen, versprach er und machte dann einen vorsichtigen Spaziergang zur Hofkirche und zur getürmten Musegg hinauf, wo er seufzend über den abendlich geröteten See südwärts in die ferne obwaldnerische Bergöffnung nach dem vermutlichen Kernserberg suchte. Als er ins Göldlihaus zurückkam, beriet er sogleich mit Frau Christofa, wie er wohl die Wallfahrt morgens am besten einrichte, um schon andern Tags wieder in Luzern zu sein. Frau Göldli erklärte ein weniges, aber sichtlich ungern, und deutete gleich zu den Mägden, obwohl sie den Weg sehr gut, nur zu gut kannte. Aber sie wollte nicht verraten, wie oft sie von ihrem Sommersitz, dem Nüßelerhof, umsonst zu Bruderklaus gepilgert war und ihn für ihren siechen Knaben ums Knie angefleht, aber statt des wunderbaren: »Steh auf! Dein Sohn ist geheilt,« nur immer harte Sprüche bekommen hatte, wie etwa: »Säubere und ordne zuerst deine Seele! Lehre das Kind gehorchen, und du, Weib, lerne regieren! Groß und stark genug schuf dich Gott, damit du die Mutterkrone hoch hebest, nicht unter die Füße eines kleinen Trotzkopfes beugest! Es sei eine gesunde und würdige Liebe zwischen euch und nicht diese blinde und unmäßige Gier, als gäbe es nur einen Menschen, wie es nur einen Gott gibt . . .« So stach's und brannte es unlöschlich in ihre Seele. Nein, daran mochte sie jetzt nicht denken. Da mischten sich nun die Mägde gerne ein; sie kannten beide den Ranftweg gut, besonders Barbara Rohrer, selbst eine Sachslerin, und empfahlen, schon am Vormittag mit einem Boot nach Stansstaad zu rudern. So erreiche man bis Vesper gemächlich die Höhen gegen Kerns hinein und steige dann am Abhang des Berges zur Schluchthöhe von Niklausen hinauf. Das sei ein winziger Hock Häuser mit dem Heidenturm und dem Kirchlein daneben, und hänge sozusagen über dem Ranft wie in lauterer Luft, so daß man die neue Kapelle und die angebaute Zelle des Heiligen fast gerade unter sich zwischen Tannen und weißem Flußgeschäume wie kleine Tupfen und vielleicht den Mächtigen selbst ameisengroß am Wasser auf und ab wandeln sehe. Beim ersten Tagesgrauen steige der Herr dann hinunter zur Messe, aber achte gut auf den Tritt im abschüssigen Geröll und treffe den Klausner so im ersten frommen Morgenhumor, wo er selbst dem fettesten Sünder nichts abschlagen könne. So wenigstens habe ihnen ein Schläuling geraten; »'s war ein Toggenburger,« flickte die andre Magd bei. »Nein, auf Ehre, ein Äbtischer von St. Gallen,« schwor die andre, kurz, einer, der schon lustig den Abgrund heraufklomm, da sie erst schluchtab kletterten. Na, sie hatten solche Finten nicht nötig, ihr Gewissen hielt auch den Mittag aus. Sie rieten dem Gast, noch tüchtige Nägel in die Schuhe schlagen zu lassen, und packten ihm Brot und Speck ins Felleisen. Zum Boot würde ihn niemand begleiten, meinte die Herrin. Es fiele auf. Ihm paßte das, denn er konnte so besser am Fahrlohn markten. Eimil und Mareili horchten in einer Nische mit stummer Erregung, nickten sich zu und schwiegen wie kleine Verschwörer. Als sie zu Bette gegangen, bat Frau Christofa ihren Pilgrim, dem Eremiten doch ja zu erzählen, daß sich seit des Ratsherrn Jost Tod vieles im Hause geändert habe, daß Eimil recht bescheiden und botmäßig geworden sei, daß die Mutter nun den Kopf recke und regiere, daß also nichts mehr vonnöten wäre als ein körperliches Weh wegzublasen. Wenn er das wolle wegsegnen, ihre Augen schworen feierlich: er kann es ja! o dann würde Eimil noch ein heiliger Ritter wie Sankt Georg oder ein Bischof wie Sankt Leodegar. Denn ihm steckt etwas Großes im Blute. Indem kam die Magd und berichtete, der Bub könne oder wolle einfach nicht schlafen. Der Herr Gast müsse ihm absolut noch etwas Hübsches erzählen. Mit sauersüßem Gesicht setzte sich Simon ans Bett. Ihm wurde nachgerade schwül in diesem Hause. Fiebrig heiß zerrte ihn der Bursche an der Hand und forderte und horchte. Aber dem Quicker wollte nichts Grünes und Blühendes in den Sinn kommen. Da fing das Junkerlein an: »Euer Erzherzog will unsre Soldaten gegen die Türken haben?« »Ja, Herr Eimil, das ist eine glorreiche Arbeit.« »Seid ihr nicht Manns genug?« »Der Türken sind zu viele, Hunderttausende. Schlagen sie uns, dann bald auch euch. Wir müssen zusammenhalten.« »Wohin muß man gegen sie reiten?« »Durch Hungaria hinunter der Donau nach. 's ist weit und mühsam.« »Ha, Ihr sagt, es gingen auch Junge von dreizehn, vierzehn Jahren . . .?« »Nicht viele eben,« schwächte Simon behutsam ab, »die größten nur . . .« Eimil streckte sich, daß oben und unten das Bett krachte: »Und ich?« »Es gibt dort Sümpfe und dann wieder Wüsten; aber auch Berge, die ganz kahl und heiß sind wie Öfen und kein Wasser geben . . . nicht wie hier in den gesegneten Waldstätten. Man muß sehr gesund sein. Mehr Männer sterben am Fieber als am Säbel . . .« Hier stutzte er. Solches Malen ging eigentlich gegen seine Mission. Nun, beim Knaben da wird es wohl nicht gefährlich sein. Aber was machte der? Er warf sich auf den Bauch, begrub seine häßliche Nase und die wunderbaren Augen ins Kissen und schwieg. Doch das Bett zitterte wie unter einem Erdbeben. Der Wildling weinte entsetzlich und wollte doch nicht, daß man ihn höre. Aber er behielt Simons Rechte wie eine Katze umkrallt, und die Erschütterung des Jungen schwang und schwoll in die Glieder des Quicker hinüber. Er zitterte und bebte mit vor etwas Fremden, aber wie er wohl fühlte, vor etwas Wahrem, wovor er eigentlich niederknien und sich schämen müßte. Immer ungemütlicher ward ihm. Wie log er diese Unschuld hier an. Wie glühte der selig unselige Knabe von einer Lüge des Krämers, des elenden Menschenkrämers Sigismund . . . oder des noch elendern Unterkrämers Simon Quicker! Nein, er konnte dem Buben nicht weiter ins Gesicht fabeln. »Lieber Herr Junker,« bat er, »weinet nicht! Sobald Ihr . . . Euer . . .« »Geht, geht, gar nicht weine ich. Was soll ich weinen?« zürnte der Junge und kehrte sich gegen die Wand . . . »Sind Eure Schuhe jetzt gut genagelt . . .? Wisset, der Weg ist sehr übel . . . Gute Nacht!« Aber kaum war der Kanzler aus der Kammer geschlichen, so rief der Knabe: »Marei! Marei!« und im langen, noch die Füße versteckenden Hemd huschte sofort das drollige Schwesterchen, das augenscheinlich nur auf diesen Ruf gewartet hatte, aus dem Nebenzimmer herein. »Such mir jetzt die Schuhe . . . du weißt schon . . . 's kommt niemand mehr.« Mareili pustete und puffte den Atem aus und krumselte in den Ecken eines tiefen Gerümpelkastens. Endlich kam sie frohlockend ans Bett gesprungen: »Die hast du auf die Kernseralp getragen.« Es waren grobe Holzböden mit Nägeln und Lederriemen über das Rist, wie man sie in Obwalden klatschend und klotternd durchs Ländlein trägt. »Lass' mich greifen! Ja, die sind es. Die Nägel sind noch ordentlich spitzig. So geht es famos zur Melchaa hinab. Ich werd' ihm weit voraus sein. Also pass' gut auf wie ein Hundli . . . gut' Nacht!« Er warf sich glücklich auf den Rücken, Mareili ging langsam weg, stand in der Mitte des Zimmers still und wartete und kehrte sich halb . . . »Komm noch, Mareili!« gebot er weicher. Sie hüpfte zu ihm, er schlug die Arme im Bogen über ihren Kopf, riß das Gesicht des Geschwisters, das runde, weiche, zu sich nieder, preßte Wange auf Wange, küßte es wild und sagte schmeichlerisch: »Liebes, liebes Mägdli! schau, wenn Er mich gesund macht und ich nach Hungaria reite, so schicke ich dir alle Schleier und goldenen Kettlein und Reifen der Heidenweiber. Diese Schleier sind dünn und durchsichtig wie Luft, und die Gürtel blenden vor Edelsteinen . . . roten, dem Rubin . . . grünen, dem . . . dem . . . gelben, dem . . . Karfu . . .« Und vom Glanze dieses fremden Geschmeides bestrahlt, schliefen die Kinder in schneeweißen Hemdchen und schneeweißer Unschuld ein. Möglichst früh und unbemerkt suchte Simon am Morgen zu entwischen. Aber das Hundli wachte gut, lief überall hintendrein, und als es gefährlich wurde und Eimil noch nicht aufrückte, riß es den Gast am Mantel und bellte und schrie aus Leibeskräften: »Eimil, er geht! Eimil, Eimil!« Im gleichen Schuß flog der Knabe herein, erst einen Holzschuh und den unrechten angeriemt und das Lederkoller noch ungeschnürt. Wie ein wilder Vogel flog er herzu, verhackte sich in den Pilgermantel Simons, wütete und spuckte und rief überlaut: »Meiner Seel', Muetti, ich muß, ich muß mit oder ich sterb auf der Stell'. Sonst ging ich ja mit dem Götti. Ich will zum Bruder, ich will ihn zwingen, ich will . . :« Er erstickte fast vor Eifer, sein gelbes Gesicht war jetzt wie dunkles Blut. »Allweg,« schrie auch Mareili und zerrte mit am fadenscheinigen Mantel, daß es ritsch ratsch durch den halben Rücken krachte. »Eimil muß zum Bruderklaus gehen und gesund werden. Er ist dann stark. Er wird hundert Türken totschlagen in einer Stund' . . . nicht wahr du? bloß in einer Stund'! Herr Österreicher, laßt ihn mit! Ich geb Euch sieben Küßchen dafür . . .« Und im gleichen Atem sprang sie auf den Stuhl, und der lederne Legat fühlte sich von zwei dicken kleinen Armen duftigwarm umschlungen, roch ein wunderbares Kinderschnäufchen und fühlte eine kirschengroße frische Lippe auf seinem ausgetrockneten Munde. Er verlor völlig den Kopf. Aber die Mutter, die solche Auftritte kannte, beruhigte ihn sogleich mit einem bedeutsamen Seitenblick. Zum Knaben sagte sie lustig: »Du Steckkopf, so hab den Willen. Gewiß soll unser Klaus dich gesund machen. Zieh dich fertig an, Marei hilft ihn gürten und knöpfen!« »Lieber Junker,« entschlüpfte es da mehr dumm als bösartig dem Gesandten, »der Bruderklaus ist doch auch ein Obwaldner, und von einem Obwaldner wolltest du doch . . .« Er verstummte, so plötzlich ward der Knabe bleich, starr und ließ die Arme steif sinken. Aus einem Vulkan schien ein Gletscher geworden. »Ist der Bruderklaus wirklich ein Obwaldner?« fragte Mareili verwundert und sprang verlegen vom Stuhle herunter. »Er ist doch . . . warte . . . er ist . . . nein . . . doch, ein Heiliger!« »Ja, Kinder,« begann jetzt die Mutter und richtete sich hoch und schützend zwischen Simon und den Kindern auf, »der Bruderklaus ist viel zu groß, um nur ein Obwaldner zu sein. Er ist zu groß sogar für einen Eidgenossen. Er ist größer als der Tell und der Winkelried. Er gehört der ganzen Welt . . . Geht, geht, rüstet euch!« »Das war nicht gut,« flüsterte sie zum Gesandten mit einem schwachen, strafenden Lächeln. »Aber Ihr kennet eben den Eimil nicht. Ihr werdet sehen, der Knabe ist für heute wieder ein zerbrochen Ding. O Jesus,« seufzte sie und horchte au der Türe. Wirklich kam das Dirnchen schon zurückgerannt: »Geht nur allein, böser Mann! Der Eimi ist schon müd geworden.« Sie fanden denn auch den Jungen erst halb geknöpft und geschnürt auf dem Bette liegen, außer Atem, blaß, in zornigen Tränen erglänzend, aber unfähig zu reden. Er zuckte nur hilflos mit den magern Achseln und rümpfte die Stirne. »Siehst du jetzt, Büebli, wie ungeschickt es wäre, wenn du mit dem Herrn Kanzler gingest,« tadelte Christofa mit einer unendlich tröstlichen Stimme und winkte zugleich dem Mareili, zum Bruder zu sitzen und ihn auf ihre drolligliebe Art zu liebkosen. »Plötzlich an den Niklausener Schroffen ginge dir der Schnauf aus. An einem Fels oder Schneehaufen müßte man dich liegen lassen. Viel gescheiter ist, unser Freund erzählt dem Heiligen recht viel von dir, was dir fehle, was du von ihm haben möchtest und wie du eben jetzt dich abgemüht hast, um auch mitzukommen. Zeigt ihm diese Holzschuhe,« wandte sie sich lächelnd zu Simon, »einen verkehrt am Fuß, den andern noch in der Hand! Nicht wahr, Herr Kanzler,« fuhr sie nun sehr ernst fort, »das wollet Ihr für uns tun. Und dann ladet den Ehrwürdigen dringend ein, wenn er am Gallustag, und der ist bald, nach Einsiedeln geht, gütigst bei uns abzusteigen. Dann, Eimil, siehst du den großen Mann hier in der Stube. Er sitzt zu dir, nimmt dich zwischen die Knie und erzählt dir ganz Wunderbares. Und wenn du nicht schon gesund bist, so merkst du, was alle berichten, wie etwas Allmächtiges von ihm zu dir hinüberfließt, wie Eisen und Feuer, so daß du gar nie mehr müde werden kannst und bis nach Konstantinopel dem Türken nachspringst und ihn gehörig verprügeln und seinen güldenen Halbmond in hunderttausend Scherben zerschlagen kannst, du mein Goldbüebli und Türkenklopfer du!« Eimil hatte ein paar Sätze angehört, und ein bitteres Lächeln überflog sein elendes Gesicht. Nun aber tuschelte ihm Mareili etwas ins Ohr, worauf sich seine gelbe Stirne allmählich entrunzelte. Er nickte, lächelte noch einmal überaus ernst und war bald auf dem runden Ärmchen Mareilis unter Streicheln und Küßchen als auf dem besten Kissen der Welt eingeschlafen. Ja so, sein Götti . . . der Imgrund . . . das ist ein Kühner . . . Schlauer wollen sie's machen . . . morgen . . . ihn zum Dienstagschiff begleiten . . . im letzten Nu hineinspringen . . . mit! mit . . .! Ranft . . . schöner Bruderklausenbart . . . milde, kühle Hand . . . steh auf, Bübel, dir fehlt nichts mehr . . . Indessen richtete sich die Hausfrau verabschiedend zu Simon. Ihr Lächeln war gestorben. Mit einem Blicke, der den Kanzler erschaudern machte, sagte sie fast flüsternd: »Da seht, so steht es. Verliert keinen Augenblick. Bringt das Wunder!« Und sogleich hörte er ganz von ferne eine andere, ebenso leise und rührende Stimme wiederholen: bring uns das Wunder, das Wunder heim! Sang's fern aus dem Tirol oder noch ferner vom Himmel oder am allerfernsten . . . aus seiner eigenen Seele . . .? Er wußte kaum, wie er auf die Gasse kam; nur daß er pressieren mußte, bevor dieser tolle Göldlibub, dieser Herrengüggel erwache, aufkrähe und ihm noch einmal ins Haar fliege, ward ihm genügend klar. Sorglich glättete er den zerknüllten Mantel und fuhr entsetzt in einen langen Riß hinein. Herrgott, so was! Aber rasch sammelte er sich. Dieser Mantel wird ihn beim armen Klausner nur empfehlen. Und . . . Jawohl, er tastete und griff im Gürtel noch die zwölf Goldgulden der Witwe . . . einen davon darf er sich wohl als Schadengeld erlauben, einen oder zwei! Der gemusterte flämische Taffet hat seit den Burgunderkriegen ums Doppelte aufgeschlagen. 4 Da stand Quicker nun am Wasser und beguckte mit Genuß seine Figur im Spiegel. Ihn dünkte beinahe, es sei die Gestalt eines Knaben, so schlank und geschmeidig bewegte sie sich. Meine Gertrud sollte mich jetzt sehen, dachte er beifällig. Sie würde mich kaum erkennen. Ihm war, die herbe Seeluft stäube ein bißchen sein Herz ab, so daß allerlei Hurtiges und Zartes zum Vorschein komme. Hätte ich nur das Frauchen da, spann er fort. Wie wollte ich ihr diesen grausamen See und die Felsen drüben zeigen. Und sie dann zum Gottesmann führen . . . tragen, wenn es sein müßte . . . Seltsam, noch nie bin ich mit ihr gereist. 's ist eigentlich schandbar. Nicht einmal eine Hochzeitsfahrt hielten wir, weil damals gerade Inspektion auf der Kanzlei stattfand. Und auch nachher habe ich ihr nie etwas gezeigt. Frauen sehen doch gerne etwas Neues. Immer mein altes Gesicht und meine alten Scharteken! Und sie hat sicher auf etwas Neues gewartet, wahrhaftig, tut es jetzt noch mit den steifen Füßen . . . Bring' mir ein Wun . . . Bah, bah . . .! Unmutig bürstete er sich die Brauen mit dem Fingernagel. Welche Gedanken sind das! Ist es nicht kindisch, was mir da alles in den Kopf fährt? Von der verflixten Krankenstube der Göldli rührt das. Er schüttelte kräftig den Mantel. Holla, da ist er wieder, der famose Riß. Zwei Gulden zum mindesten rechne ich's an. Simon ging wie absichtslos gegen die Bootstelle. Das Wasser, das zwischen steilen Bergen gegen das alte Städtlein hervorschwamm, glänzte aus weiß Gott was für Tiefen herauf bald grün, bald blau, als wären Himmel und süßeste Erde in ihm zerschmolzen. Man sah nicht, wo es anfing oder aufhörte. Es kam aus Gefels und verlief im Gefels und atmete doch hoch auf wie von einer ununterbrochenen Reise. Die Innsbrucker Landratte hatte das Spiel ohne viel Denkens beobachtet. Aber jetzt, da man sich zum erstenmal diesem Unwesen eines Sees und dazu eines schweizerischen anvertrauen sollte, gruselte den Legaten ein wenig, und er zauderte noch einige Schritte lang, ehe er den langen Kerl anrief, der mit einer Angelschnur ums Handgelenk im ersten Nauen auf dem Rücken lag und ein unzufriedenes Gesicht zu den Wolken kehrte. Kaum blinzelte der träge Bursche ihn an, als Simon fragte, wie teuer er ihn nach Stansstad rudern wolle. »Ich weiß nicht,« antwortete dieser endlich, indem er laut gähnte und ein prachtvolles Gebiß zeigte, wobei die Kinnlade mit den Eckzähnen weiß und drohend vorsprang. »Sei höflich, junger Mensch, ich zahl' ordentlich!« »Hm, wegen ein paar Angstern!« Der Junge spuckte weit in den See hinaus. »Wo sind denn die richtigen Fährleute?« »Schütteln Obst, der Kündig ist krank . . . sonst . . . was weiß ich.« »Ich zahl' zum voraus,« bemerkte Simon streng, »und zahle auch das ortsübliche Trinkgeld. Nun tu' aber deine Pflicht und mach' das Schiff los.« »Ich bin heute zu faul. – ist Föhn in den Höhen. Das schlägt in die Knochen. Seht nur, wie der Schnee von den Uristöcken glitzert.« »Sankt Leopold,« seufzte Simon, »was tu' ich mit diesem Kerl?« »Wartet bis morgen, dann rudere ich vielleicht,« murrte jener böse . . . »Wißt Ihr, was Föhn ist?« »O den haben wir auch in Innsb . . .« Der Rat biß sich auf die Zunge. »Was Innsbruck? Kennt Ihr ihn hier auf dem See . . .? seid Ihr überhaupt schon in einem Boot gesessen?« examinierte der Junge aufsitzend. »Der See ist doch still, seht,« wandte Simon höflicher ein. »Aber wenn es auch stürmt, ich muß durchaus jetzt nach Stansstad. Seid gut und fahret mich . . .« »Wo habt Ihr denn Euern Ausweis? Ihr seid doch ein Fremder. Wohin des Weges?« »Hier, hier,« gehorchte Herr Quicker fast demütig. »Ich pilgere zum Bruderklaus . . . leset da: Theodor Sibald, Bürger aus Feldkirch . . . das heißt, ich verweil' mich auch etwa in Innsbruck . . . also: besucht die merkwürdigen Stätten der hohen acht Orte und hat insonderheit ein frommes Gelüst und Anliegen bei Niklaus von der Flüe; treibet daneben Botanica als Medicus und Curator hominum , und sucht rare, starke Bergkräuter . . .« »Ja, wenn das so ist,« maulte der Jüngling und erhob sich verdrießlich, »so kommet eben. Oder . . .« Unschlüssig nestelte er am Ruder, bog die langen rosigen Ohren ein, und eine peinliche Ungewißheit furchte seine Stirne. Er wurde rot bis in die Augen, seufzte, warf mit einem Ruck den Kopf hintenüber und schloß: »Oder . . . Ja, heut mittag fährt das Dienstagschiff in den Alpnachersee . . . ich mag einfach nicht! . . . nehmt das, wenn Ihr . . .« »Das ist viel zu spät,« sagte Simon, der behutsam in die Barke gestiegen war und sich mit beiden Händen am Gürtel des Fährmanns festhielt. »Macht, was Ihr wollt; aber da geh ich nicht mehr hinaus.« Zornig riß sich der junge Mann los. »Habt doch kein Bedenken wegen dem Föhn. Ich fürcht' mich nicht,« bat Herr Quicker. »Als ob es sich darum handelte,« brummte mit einem fast gehässigen Blick der Ruderer. Dann rieb er sich heftig die Stirne, stellte die Zähne vor und befahl barsch: »So setzt Euch doch, wenn Ihr nicht Seewasser saufen wollt . . .« Gleichzeitig trieb er das Schiff mit ein paar entschlossenen Ruderschlägen in den See hinaus. Welch grober, galliger Nichtsnutz! dachte Simon Quicker empört; aber beruhigte sich rasch, als er sanft und in wohligem Rhythmus über den Spiegel glitt. Es dünkte ihn wunderschön, wie man sich da von der harten Erde loslöste, wie diese fern und fadenscheinig wurde, ein wahres Nichts, während das Wasser jetzt Eins und Alles war, etwas Ungeheures, und auch der Himmel an Höhe und Kraft so brüderlich mitwuchs, daß man sich schon halb und halb in den Armen der Unendlichkeit glaubte. Ein säuerlich frischer Duft von Wind und Welle und Fisch, eine Musik von unermüdlicher und sonorer Bewegtheit und das stete Zudecken und Lüften der Abgründe zwischen den Wellen, ohne daß man doch Zeit fand, ein Geheimnis herauszuholen, umschwärmte jetzt den Quicker wie ein Rausch und kitzelte seine trockene Seele wunderlich. Er rutschte über das Sitzbrett hin und her, gewann einen feuchten Schimmer in die Augen, spitzte die Lippen und pfiff leise etwas. Ihm war, als müsse da irgendwo ein Stück seiner Jugend, seiner verschnittenen Jugend, im grünen Grunde liegen und jetzt wenigstens, solange der Wasserzauber dauere, Atem und Stimme bekommen. Auch ich habe einst Carmina gedichtet, lispelte er halblaut, obwohl kein Mensch jetzt dergleichen wissen wollte . . . Ja, an der Universitas zu Prag, . . . o tu Stellarum Stella  . . . einer Magistertochter . . . wieso nur . . .? auf der Moldaubrücke warf ich den Zettel in so ein Wasser, ut casus juvet!  . . . Die Köpfe der Berge steckten noch in einem Rauch von Gewölke. Aber der Himmel war rein, und als nun die Sonne, von den Nebeln gedämpft, ins Blaue hinausschwamm, wurde die Landschaft in ein mildes, von süßem Gold durchzittertes Oktoberlicht getaucht. Doch lag der halbe See gegenüber noch in einem kühlen, kieseldunkeln Bergschatten. Wie das läuft und spritzt durchs Wasser, dachte der Legat, das Auge unverwandt am Kiel. Nichts steht still. Aller See fließt zurück. Wohin denn eigentlich? Er wandte sich um und stutzte heillos. Sein Bursche lag wieder in seliger Faulheit, so lang und schlank ihn Gott erschaffen, über die Planken ausgestreckt. Die Ruder schleiften längs dem Schiff, es selbst schien still zu stehen, und nur das schaukelnde Wasser täuschte eine Fahrt vor. Sofort ernüchterte Simon. Was geschah da? Sein Geschäft stand still. Er kämmte heftig die Braue mit dem Daumennagel und schalt: »Was soll das? Ihr rudert nicht?« »Hier trifft uns der Wind vom Küsnachtersee. Drei Vaterunser lang stößt uns der besser als sechs Ruder. Da schont man sich. Schaut Euch einstweilen um! Wie gefallen Euch unsere Berge? Nicht gar bequeme Kerle zum Botanisieren, he?« Halb Schalkheit, halb Zorn spielten im klugen Gesicht des Ruderers. »O ich werde schon etliche heilsame Kräuter finden.« »Kennt Ihr denn alles Gras, was wächst?« »So ziemlich,« log Simon ungern. »Und wisset, wo dies und das nötig ist? Zum Beispiel einen Samen gegen Verliebtheit?« Simon schwieg. »Durchschauen könnt Ihr doch die Leute nicht.« »Aber soviel seh ich,« ermannte sich der Legat, »daß Ihr nicht an verliebtem, sondern an verfettetem Herzen sterben werdet.« »Und das Kraut dagegen?« spottete der Junge. »Bewegung, Bewegung! Packet die Ruder, wir müssen vorwärts.« »Lieget lieber zu mir ein bißchen, so, seht aufs Rückteil, und lasset Euch diese braven Berge erklären. Die sind gescheiter als wir zwei, die laufen nicht der Unruh nach, die bleiben hübsch hocken und bleiben gesund und stark dabei und behalten immer einen guten Appetit, Menschen zu verschlucken . . . Der da zum Exempel heißt Pilatus und tötet auf eigene Manier. Müßt wissen, dort spukt der gottlose Landpfleger und schneit und hagelt Verderben.« Der Bursche schlug ein Kreuz; aber durch den Flor seiner langen Wimpern und durch seine große Unzufriedenheit funkelte ein meisterloser Mutwille. Ein durchtriebener Kerl . . . redet gebildet . . . sicher von einer hohen Schule verlaufen, dachte Herr Quicker, aber bekreuzte sich immerhin mit. »Da links steht das Stauferhorn, und hinten rechts in Grau und Grün winken die Obwaldner Alpen. Von dorten stamm ich. Aber was dann noch weiter hinten in den Himmel wächst, diese vielen weißen Zinken, das gehört zum Ewigschnee der Bernerberge. Die mißt niemand, nicht einmal ein Vogel kommt so hoch.« »Gut, gut, die Bernerberge,« merkte sich Quicker ungeduldig. »Aber nun rudert, guter Freund, sonst komm ich heut niemals bis Sankt Niklausen.« »Das da im Winkel sind die Uristöcke, ein unmenschlich Gebäu. Dahinter geht es wüst und hart zum Gotthard hinauf und ins gebenedeite Italien hinunter. Ich muß lachen. Dorther ritt jüngst der Gesandte des Moro. Ein langer Weg, Herr, und dazu für nichts und wieder nichts.« Jetzt fiel Simon Quicker fast hintenüber. Er zerrte an der Braue und wollte aufschreien, weil der Italiener, sein Rivale, nun trotz und trotz aller Sterbensmühe ihm zuvorgekommen sei. Aber da fiel ihm noch zeitig das Gebot der Diplomatie ein: numquam percuti  . . . sich nie verblüffen lassen. Er hustete also, schluckte und würgte ein bißchen und sagte dann mit erzwungener Langsamkeit: »Von Paris war es noch weiter für den französischen Ambassadore, bah.« »Aber die Franzosen reisen nie umsonst,« widersprach der Schiffer witzig; »finden sie keine Freunde, so doch gewiß Freundinnen. Jedoch dieser arme Tschingg Ambiguo mit seiner großen Warze an der Nase, der fing nicht einmal einen Floh aus dem Rock des Ehrwürdigen. Wißt Ihr, wie das Volk darüber spaßt? Ein Hengst galoppiert herein, ein Esel kriecht heraus . . . Doch das langweilt Euch, das ist nicht Botanika . . . Betrachtet jetzt lieber den Spitz dort neben dem Rigiberg. Das ist der große Mythen, wohinter die Abtei Einsiedeln . . .« »Und weiß man, was sie gesprochen?« »Wer?« »Der Gesandte und der Einsiedler?« »O man fabelt gleich ein Meßbuch voll Legenden. Der Herr Ambiguo soll zu zappelig gewesen sein . . . wie Quecksilber. Er hätte ein Pfündchen Geduld und Faulheit haben sollen, wie ich, werter Herr von Innsbruck oder auch von Feldkirch . . .« Und sofort begann der merkwürdige Ferge mit einer leichtsinnig hellen Stimme und mit den wunderlichen Lauten der Obwaldnerzunge zu singen: Fuil syn ist fry syn, Fry syn ist güot syn, Güot syn ist sälig syn, Mehr syn ist nits syn. Nach jeder Zeile hackte er die Zähne zusammen, daß es klirrte vor faulem Übermut. Simon Quicker schloß aus allem, daß sein Begleiter auch den Mailänder nach Stansstad gerudert und sicher viel erhorcht habe, was dem Gegenspieler wichtig wäre. Aber in diplomatia nequaquam velocitas! Er gähnte also mit Anstand und bemerkte dann gelangweilt: »Wie heißt der hübsche Vorstich dort in den See hinaus?« »Kastanienbaum,« antwortete Heinz. Wie widerlich war ihm dieser Mensch! Wie wüst ihm das Haar bis in die Ohren wächst. Was für kleine, gierige Hände hat er. Ein Geizhals! Aber das Schlimmste sind seine dürren Lippen. Er zieht sie in den Mund, als söge er den Zahlen den Saft aus. »Ja, wachsen denn hier noch süße Kastanien?« »Roßkastanien, Herr Doktor; die sind bitter zum Gerben. 's ist überhaupt ein bitteres Land. Als der Ambassadore aus den Bruderklausenbergen herunterlief, war er grün und grau, als hätte ihm der Heilige nichts als solche Kastanien serviert . . . Aha, jetzt sind wir aus dem Wind, jetzt heißt es wieder in die Händ' speien . . .« Großartig, wie der Knecht gefaulenzt hatte, schwang er jetzt die Ruder. Nun erst bemerkte Simon die weißen Hände des jungen Mannes, mit rosigen Nägeln und dem Aufblitzen eines breiten Ringes. Ein nobler, verkommener Student, wiederholte er sich. Der Nachen fuhr nahe ans jenseitige Ufer des Bürgenstocks und da an Wald, Bergwiese und Fels entlang wieder ganz langsam, als gereue den Ruderer die Reise, als zaudere er vor etwas, das er nicht sagen könne. Erst als man gegenüber ein vierrudriges Schiff um die Horwer Nase biegen und heftig in die Seeenge von Stansstad gleiten sah, ermannte er sich wieder. »Das muß ein Extraschiff sein,« entschuldigte er auf den vorwurfsvollen Blick Simons. »Vier fahren natürlich besser als einer.« Man winkte und grüßte von dort. Es schien ein schwarzgekleideter Herr mit Schülern dort unter den Schiffern zu sitzen. Jetzt strengte sich der Schiffsknecht wieder mit gespannten Armen an. Das andere Schiff entschwand im Alpnacherarm; aber auch Simons Kahn schoß jetzt der Enge zu, wo am linken Ufer eine schmale Talöffnung sichtbar wurde. Ein plumper Turm stand dort und schnitt ein großväterliches Gesicht ins Wasser. Friedlich drängte sich daneben ein Flüßchen durch das Ried und schlüpfte unmerklich zwischen den Binsen in den See. Die dichten Brauen Quickers lichteten sich zufrieden. Die Abfuhr des Mailänders, das glatte, rasche Fahren, der schon so nahe und gemütliche Uferplatz und die Zuversicht, von seinem interessanten Begleiter noch manchen kostbaren Aufschluß zu erhalten, machten den Österreicher immer heiterer. Diesen Kameraden wollte er durchaus angehen, ihn statt irgendeines aufgelesenen Führers durchs Gebirge hin und zurück zu geleiten. Er griff unauffällig in die Gurttasche nach einem geeigneten Taggeld. Mit geübtem Daumen betupfte er den Kopf von siebenerlei Münzen und erkannte beim ersten Tasten schon am Ohr, ob es das kaiserliche zu Wien oder nur das herzogliche von Innsbruck oder das kurfürstliche von Mainz oder am Ende bloß das Eselohr einer Republik wäre, und nur darin schwankte er peinlich, ob für einen Taglohn dieses Ohr nicht zu groß, jenes nicht zu klein gewachsen sei. Indem stiegen sie aus dem Boot. Der Bursche stampfte fest auf den Grund und sagte: »So, das wäre nun wieder freier Unterwaldner Boden.« Dann zeigte er ins schmale Flußtälchen hinauf. »Nun seht Euch vor, wie Ihr zurechtkommt. Erst geht es ein Stück gerade einwärts, vor Staus biegt Ihr rechts den Allweg hinauf, dann . . .« »Gut, lieber Gespan; aber . . .« »Leute findet Ihr überall, es redet niemand Spanisch.« »Nicht das, jedoch . . .« »Nur passet auf zwischen Siebeneich und Wißerlen. Könnt Ihr klettern?« »Spaßvogel Ihr! Lasset mich lieber fragen, ob Ihr . . .« »'s ist nur das: jetzt atzet das Vieh im letzten Gras. Und da gibt es etwa einen Stier oder eine ungerade Kuh, und schläft der Hüterbub irgendwo in den Stauden und ist weitum kein Haus. Das kann dann etwa schwierig werden. Jedenfalls knüpfet den Rock zu. So ein schwefelgelbes Wams reizt höllisch.« Dem Sprecher glitzerten die Augen vor Schadenfreude. Dennoch schien er mit sich uneins und wahrhaft unglücklich. »Nun,« schrie er und streckte die Rechte vor, »was bekomme ich bezahlt?« Aber Quicker packte diese schöne Hand, die schon Schwielen trug, mit allen zehn dürren Fingern und sagte: »Nichts da, Ihr müßt mit, ich lass' Euch nicht mehr los. Nicht wegen der Kuhhörner. Da hat auch unsereiner noch seine zwei flinken Beine. Aber langweilig ist der Weg allein. Ihr seid land- und leutekundig und möget doch sicher den berühmten Waldbruder auch gern grüßen. 's ist wohl nicht das erstemal. Ja, ja,« schloß er bestimmt, und schüttelte den Jüngling leicht, »Ihr und niemand anders habt den welschen Herrn in den Ranft geführt.« »Hab' ich's denn nicht schon erzählt,« entgegnete der Bursche trocken und fast gelangweilt. »Was ist da Besonderes?« »Nichts verrietet Ihr, ganz geheim tatet Ihr! Aber ich hab' es gleich erraten. Nun bin ich ja ein gewöhnlicher Botanikus. Aber ich zahl' Euch gern für heut und morgen soviel wie jener Mailänder. Wie hoch beläuft's etwa?« fragte er unsicherer. Der Bursche schaute hoch über den Graukopf in die noch graueren Köpfe des nahen Gebirges und schien gar nichts zu hören. Seine Augen brannten trocken und blutigrot. Er wurde blaß, nagte an den Lippen, tat plötzlich einen Sprung vorwärts und rief lauter als nötig: »Abgemacht! Ihr gebt mir zwei Luzerner Taler. Komm es wie's wolle . . .!« Dann marschierten sie eilig landein, nahmen in Stans zwei Pferde und ritten gemächlich am lauen, vom Herbstlaub und nackter, müder Erde riechenden Nachmittag das Allwegtälchen gegen Kerns hinauf. Sie schwiegen lange. Das paßt auch für diese schmale, stille Gegend. Links reckt sich doppelköpfig das Stanserhorn empor, rechts läuft ein Hügel über den See mit, und zwischendrin geht das Sträßchen dünn und verlassen wie eine arme Seele. Herr Simon klagte endlich, wie unwirtlich ihn diese Öde berühre; aber der Führer tröstete, dort vorne der schwarzblaue Schatten querüber sei der Kernwald, voll Moritaten, Spuk und Brombeeren. Sei man einmal ungeschoren aus dieser Kurzweil heraus, so treffe man bald Bauerngüter, wo es Milch oder Most und Lebkuchen gebe, und Spalenkäse, der fast so berühmt sei wie der Bruderklaus. »Das ist ein unziemlicher Vergleich,« tadelte Simon. »'s ist ja nicht bös gemeint,« gab der Jüngling zurück. »Auch der Käse kommt allerenden so gut wie der Heiligenschein vom lieben Gott.« »Ihr habt eine gescheite, aber lockere Zunge,« antwortete mißfällig der Ratsherr. »Auch reitet Ihr wie ein geborner Kavaliere, und Euer Gesicht . . . Eure Hände . . . kurz und gut, woher habt Ihr das? Wollt Ihr mich noch immer narren, Ihr seied ein Bauernkind aus dieser Landschaft? Seid ein bißchen vertraulich, da wir nun eine lange Zeit zusammengehören!« »Warum nicht?« versetzte der andre gelassen. »Sagt mir Heinrich Bürgler. Mein Vater steht hier hoch im Amt. Mich ließ er Latein und Rhetorika studieren. Dann mußt' ich früh mit den Regimentern ins Italienische. Aber die Junker von Luzern, die französisch husten und schneuzen, hassen den Vater. Er liebt die Bauern und ist selbst ein Bauer, wogegen die Luzerner ihre Bauern drücken. Als er nun ihre Sauereien gegen die Knechte im Entlebuch aufdeckte, wie gottserbärmlich sie diese einst freien Hirten plagen, da machten die Stadtherren ihm den Prozeß, das heißt, sie forderten meinen Vater vor ihr Gericht und folterten und köpften, da sie ihn nicht fingen, seine bäuerlichen Freunde im Luzernischen. Jetzt herrscht natürlich Haß und Tod zwischen Obwalden und Luzern. Wenn sie nur meinen Vater in die Zange kriegten . . .! Ich blieb im Feld und bin erst vor kurzem über den Gotthard heimgereist, da wir nun leider mit Mailand kapituliert haben. So hat es sich wie von selbst gefügt, daß ich gerade dem Ambassadore den Weg zum Bruder zeigen konnte.« »Wo lebt Euer Vater?« »Dort hinten am Giswiler Stock sitzt er in einem schön getäferten Haus und melkt und käset und amtiert und läßt sich halt nicht über die March locken. Die Luzerner umspionieren ihn bis unter die Dachtraufen. Ich merk', sie haben eine Tücke vor. Drum lieg' ich verkleidet als Fährmann in Luzern, übernachte bei guten Freunden, fahr' etwa mit Fremden und errate am ehesten, was die Junker planen, und halte meinen Vater auf dem laufenden . . . Doch, wie bleich seid Ihr! Nehmt einen Schluck!« Er reichte ihm seine Feldflasche. Simon trank. Das holprige Reiten auf diesem Prügelweg hatte ihm ein wenig übel gemacht. Aber der Branntwein wirkte großartig, und Quicker erzählte rasch und alle Namen und Orte verwechselnd, wie ihm die Göldli Ähnliches von diesem Zwist der beiden Länder erzählt hätten. »Die waren auch verdächtigt, weil das Witweib eine Hiesige und dazu mit meinem Vater verschwägert ist. Bald seht Ihr ihr Weibergut.« Nach längerem Ritt wies Bürgler wirklich auf ein welkendes Buchenwäldchen und bemerkte: »Die Göldli sind eine brave Familie; aber sie haben den Sterbet im Haus. Immer der Älteste muß weg. Jetzt hat es den Eimil am Kragen . . . Schad um den Knirps! Das gäb einen General oder Schultheiß, potz Teufel . . . Er ist nur zu gescheit. So oft ich mit ihm gespielt hab', mußt' ich staunen, was dem für Gedanken aus dem Mund spritzen . . . Hat er immer noch so aufgeschwollene schwarze Lippen . . .? Da sitzt der Tod . . . buh, mir graust, denk' ich, daß der Fant mich einst wie ein Hündlein abgeküßt . . . Da ist's,« lenkte er mißgestimmt ab . . . »Was Ihr da seht, gehört den Göldli von der Frauengift her . . . oder gehörte ihnen doch einmal.« Simon Quicker betrachtete das Buchenwäldchen, das wie eine blühendrote Wolke den Berg herabhing und mit seiner Herbstfreude auch noch der fahlen Wiese einen Schein von Festlichkeit gab. Wo Wald und Matte sich trafen, lag zwischen zwei Nußbäumen ein niedriges Haus mit einer Reihe Butzenscheiben und einer Laube ringsum. In dem abgerauften kurzen Gras äseten noch Schafe, fast ohne sich zu bewegen. Waren es neun oder zehn? Simon, der sie sogleich nach seiner Kassiergewohnheit zusammenzählte, konnte einfach die genaue Summe nicht finden. Der Trunk oder sonst eine Unruhe machte ihn so zappelig. An einem offenen Fenstertürlein sah man den lichten Scheitel einer Frau. Simon fuhr zusammen. Es war genau das silbergraue Haar seiner Gertrud. Still saß sie da, das Gesicht in den Schoß gekehrt, als ob sie etwas Bequemes mache, etwa spinne oder Äpfel schäle. Der geringe Sonnenschein, der von der Pilatuskette her über den See und Hügel fiel und in den aufsteigenden feinen Nachmittagsdünsten fast versiegte, machte das Bild noch traulicher in seiner Einsamkeit. Das war der erste Mensch, dem die Pilger auf dem langen Wege begegneten. Ein zierlicher Rauch quirlte über dem Schindeldach in die Luft, gewiß vom Vesperbrot, das hier schon um drei Uhr genommen wird mit Milch und Käse und einem Teller gedörrter Kannenbirnen. Im Garten neben dem Hause standen gelbe Bienenkörbe an einem Bretterschlage. Man glaubte ihr dumpfsüßes Summen bis hierher zu hören, obwohl man kein einziges Tierchen sah. Simon war wie verhext. Noch nie hatte ihn ein so neidisches Gefühl nach Frieden und Behagen und namentlich nach Freiheit befallen, wie beim Anblick dieses seligen, alle Gegend regierenden Bauerngutes. Sein dickes, schattiges Halbhaus ohne Garten, Sonne und Gassenfreiheit drängte sich ihm sofort zu einem bösartigen Vergleich auf. O fürwahr, was hing doch von seiner Reise ab! Die ganze Freiheit seines Lebens. Nüßelerhof, Inngüetl, Seligkeit . . .! »Freund, noch einen Zug von Eurem Kirsch,« forderte er mit einer gewissen Sehnsucht in der Stimme und schlückelte und läppelte, als hätte er seit Jahren die Zunge dürr, und wischte noch mit dem Finger die Tropfen vom Schnurrbart in den Mund . . . Sicher, wenn er jetzt den Bruderklaus und damit die Kompagniegelder und das Inngüetl gewann, dann wollte er sein eigner freier Herr werden . . . Diese Frau dort mit dem silbernen Kopf, wie wohl war ihr am Fenster! Wer hinderte sie, in den Garten zu sitzen oder reife Birnen vom Bäumchen zu reißen und welche sie gelüstete anzubeißen? Oder Stuhl und Tisch vors Haus in die sanfte Sonne zu tragen und den Mägden zu befehlen: hier wollen wir miteinander spinnen und ein altes Lied singen und unsre lieben freien Berge lustiger als sonst angucken . . . Wer hindert sie zu sagen: morgen kernen wir die Nüsse, übermorgen backen wir das Wochenbrot und den Sonntagswecken; heut abend aber sollen die Mädchen mir ein Tüchtiges übers Tenn tanzen; Michel, der Knecht, spielt uns mit der Mundorgel auf . . . Solche Sachen, erzählt der Kamerad, machen sie doch hier. O Gott, die haben, die haben! Welche Lust, welch freie Hände und Füße! Was für tausend saftige Stücklein des Lebens, von denen ich keinen Fingernagel groß weiß. Ich alter Einerleimensch! Was hab' ich, ich? Den Trott zur Stadtkasse am Morgen, den Trott zur Hauskasse am Abend und dazwischen nichts als den Spaziergang von der Eins zur Zwei und Drei und Vier bis zur Neun oder Null, ja, so ist es, bis zur Null. Das ist das Fazit . . . Der Herr Rat vergaß ganz, daß er diese Alte eigentlich grüßen sollte. Plötzlich, da die Zwei so beharrlich zum Hause starrten, erhob sich die Frau, wandte das Gesicht heraus und bewegte den Mund wie in eifriger Rede. Bleich ist sie. Grüßt sie? Jedenfalls neigt Simon den Kopf. Ist sie krank? Was schaut sie so unverwandt nach ihm? Ein sonderbares Gefühl beschleicht ihn. Der Kopf wird ihm schwer. Wie merkwürdig hat dieses Weib gegrüßt. Er kann es nicht fassen, es ist Torheit des Schnapses, und doch schwört er, seine Gertrud habe dort gestanden, zum Ranft gewiesen und gebettelt und geschrien: vorwärts! Er weiß, sie meint das Vorwärts anders als er. Ihm wirbeln die Sinne durcheinander. »Euer Branntwein tut gut, lieber Genoß!« schmeichelte er verwirrt. »Laßt mich nochmals ansetzen!« »Nichts da,« entschied jetzt der Jüngling herrisch. »Ihr werdet bald weiß, bald dunkel. Dieses scharfe Branz vertraget Ihr nicht. Steigt lieber ein wenig ab. Hinter den Haselstauden dort ist ein famoser Quell, den hierzuland jedes Kind kennt. Mondbrunnen heißt er in der Chronik, weil er Euch so kühl und frisch wie Mondlicht überläuft. Aber gemeiniglich namset man ihn das Geduldwasser.« »Brr!« Der Botanikus schüttelte sich vor Ekel. »Man sagt, ein Mundvoll davon mache schon ruhig, zähme das Blut, stimm' Euch geduldig. Wenn der Wolf vor dem Schlafen davon saufe, erwache er als Lamm . . .« »Reiten wir weiter, weiter!« drängte Herr Quicker. »Bleiben wir . . . im Sattel!« Bleiben wir Wölfe, hatte er sagen wollen. Nein, diese schneeweiße Frau, das ist sonderbar, dachte er halblaut und fühlte ein beinahe süßes Gruseln über den Rücken fahren. Er überhörte, wie Bürgler lachte und sagte: »Verrückt ist sie, nichts weiter.« Er merkte es nicht einmal, wie sie beide in den Kernwald gerieten, bis man endlich absteigen und die Pferde am Halfter führen mußte. Das Gehölze wurde immer dichter und lastete zuletzt dumpf und leblos wie die Nacht über den beiden. Man sah keinen Himmel und keine Erde mehr. Alles Lebendige schien sich hier verschlafen zu haben, da es ja doch nie mehr Tag würde. Die Vogelpfiffe dann und wann, die so dünn und fern tönten, auch wenn sie von der nächsten Tanne kamen, schienen nichts als Erinnerungen zu sein, wie sie etwa in einen Schlaf wehen und verwehen. »Plaudern wir,« bat Herr Quicker und erschrak vor seiner eigenen Stimme, die hier wie aus einem Keller tönte. Gierig suchte er die paar Scherben Himmel zu behalten, die für einen Augenblick von oben hereinblitzten. Aber gleich schlug der Wald sein Rabengefieder noch schwärzer über ihren Köpfen zusammen. Mehr als einmal versuchte Simon mit einem verlegenen Hüsteln den Vordermann über den Ambassadore auszuforschen: an welchem Zipfel man den Bruderklaus wohl packen und überlisten könne. Aber immer blieb ihm schon das erste Wort in der Kehle stecken. Die Bangigkeit dieses Waldes bedrückte sein Gewissen. Es war doch etwas Zweifelhaftes, Unehrliches, etwas recht Dunkles, was er im Schilde führte. Und hier war es ohnehin dunkel genug, um nicht noch eine neue Finsternis hinzulegen. Wenn es denn sein muß, dann lieber draußen am Tage lügen und betrügen, auch wenn man erröten muß vor der Sonne und dem Gesellen da. Dann und wann flimmerte es ihm seltsam vor den Augen. Jetzt aber deuchte ihn, es bilde sich etwas wie ein weißlichgraues Nebelchen vor dem Gesichte. Er putzte die Wimpern. Umsonst, das schwebte vor ihm grünlich, silbern, wolkigweiß, bewegte sich langsam in eine schier menschliche Form. »Ihr sagtet,« begann er hastig zum Bürgler, »jenes Gut gehörte früher . . . Jetzt also nicht mehr . . . Halt! wo seid Ihr? . . . laßt mich Euern Arm greifen . . . Ihr, Bürgler, was ist das dort?« »Wo?« »Das Helle dort . . . wie Rauch . . . wie ein Men . . .« »Der Schnaps, Herr Botanikus, der Schnaps,« spottete es vor ihm aus dem Dunkel. »Nein, das lebt, das . . .« »Das weiß doch jedes Kind. Wo's feucht und finster ist, nur mal die Sonne drein schaut, an den Rinden, fängt's dann an zu glimmen und schwelen . . . Die Göldli, jaso . . .« Schon hörte der Quicker ihn nicht mehr. Er sah das Helle dort weiß wie jene Frau am Fenster werden, noch weißer, wie seine Gattin zu Innsbruck. Es formte sich immer bestimmter. Das war ihr Gesicht, ihr Kissen, ihr Händchen, das winkte . . . alles weiß und auf einmal gar nicht mehr unheimlich. Simon mußte nach Luft schnappen, nicht vor Angst, vor einem seltsamen Druck, der ihm vom Herzen in die Kehle stieg. Ein so schönes, so liebes, so weißes und ihm so zugehöriges Gesicht gab es nirgends als daheim. Er fühlte das Ungewohnteste, das ihm begegnen konnte: Tränen, weich wie warmes Wasser, über seine Wangen laufen. Mitleid, Reue, Heimweh preßten ihm die Augen zu. Was Kernwald? was Gebirge und saure Diplomatie? was einen Heiligen beschwindeln? Das ist alles gleichgültig, das sind Nebensachen. Seine Frau ruft. Wie er sie liebt in diesem Augenblick und sich ihr nah und notwendig fühlt. Muß man so weit fortgehen von einem Menschen, um ihn endlich zu finden? Sei's, wie's wolle; aber seine große Mühe durch diesen Wald und durch diese widerwärtige Mission hat nur Sinn für seine Frau. Alles andere ist Null. Dafür müßte er keinen Schuh mehr rühren. Das Wunder, ja, das Wunder, hat man gesagt. Beim besten Gewissen kann er nicht daran glauben. Aber ein Wunder ist schon da. Ich liebe meine Frau mehr als alles Geld der Erde. Und, beschwor er sich, darum, nur darum möchte ich dieses Geld haben. Ein richtiges Wunder kann man damit nicht kaufen; aber doch Wunderbares genug: den Garten, Luft und Sonne und Freiheit, frohes Zusammensein, und das sind auch die besten Doktoren der Welt. Aber ums Geld kämen auch die berühmtesten Heilkünstler von Prag und Paris ins kleine Innsbruck. Unwillkürlich tastete er in seiner Geldkatze herum und streichelte und liebkoste die Münzen; aber nicht mit der frühern kalten Gier des Geizhalses, der vor seiner leblosen Metallsammlung steht wie das größte und lebloseste unter ihnen, sondern mit jener Wärme, die in ihnen nicht mehr den Tod, sondern das Mittel zum Leben und Wunderwirken, sozusagen etwas Menschliches, Freundschaftliches, hilfreich Göttliches sieht. Jetzt will ich wie ein Fuchs hantieren, beschloß er. Fort mit allen Skrupeln! Zum Klausner, zu den Ratsherren, zu den Obersten! Gebeten, gelogen, geschworen, gefeilscht und gekloben und so rasch und heil wie nur ein glatter Spitzbube mit dem Goldwunder über die Grenze entwischt, heim zur besten, liebsten, geduldigsten und bleichsten aller Frauen. Er öffnet die Augen. Wird sie lächeln, nicken? . . . Die Erscheinung, diese Dämpfe, wie der Kamerad da sagt, sind weg. Dafür stupfte ihn eine Hand unsanft vor die Brust, und es spöttelte aus der Finsternis: »Wo seid Ihr hängen geblieben? Ich erzähle drauflos und frage und Ihr hört nichts . . . Nochmals, mußtet Ihr nicht hungern?« »Wieso hungern?« »Silbergeräte haben sie Euch gewiß aufgestellt; aber Wassersuppe drin?« »Von was redet Ihr?« fragte Simon völlig erwachend und trocknete sich hastig die Backen. Nach und nach begriff er. Der Begleiter erzählte von den Göldli. Durch Verschwendung und verfehlte Spekulationen des Hausherrn im Eschental sei ihr großes Vermögen so gesunken, daß man sie jetzt eher Kupferli oder Blechli namsen sollte. Der leichtsinnige Mann verpfändete seine Güter und geriet immer tiefer ins Debito. Schulden laufen mit tausend Füßen. Die Frau, eine reiche Durrer aus Obwalden, warf ihnen ihre Habe eins ums andere ins Maul. Aber das fraß und lief bestialisch weiter. Sie kehrten ihre Seidenkleider, denn Seide müssen die Göldli noch beim Verhungern tragen. Der Bub stolzierte einmal sogar in Pumphosen herum, die aus einem Burgunderstück von Grandson geschneidert waren. Auf dem Hintern glänzte noch das herzogliche Wappen. 's war Karls Mantel gewesen. Die schönen alten Möbel wackeln, alles wackelt, alles ist morsch. »Habt Ihr's denn nicht bemerkt?« Erst jetzt fiel Herrn Quicker allerlei auf, was er damals gedankenlos übersehen hatte, das Brusttuch der Frau, die zerfransten Bubenhosen, das unterlegte Bein seines Baldachinbettes, der dünne Wein im prächtigen, aber verbogenen Silberglas . . . Bürgler berichtete weiter, wie die Frau Göldli jeden Sommer mit ihrem hitzigen Buben zum Nüßelerhof zog, damit er da erstarke. Dem Balg tat das gut. Man lebt hier doch in einer andern Sonne als in der feuchten und schattigen Stadtgasse . . . Simon Quicker entschlüpfte ein Seufzer. »Als es nun zwischen Luzern und Obwalden wegen dem Entlebuch krachte und jenes steif behauptete, wir hätten die Hand im Garn, und den Amstalden köpfte und meinem Vater und andern Obwaldnern mit dem gleichen drohte, da hat auch der uns sonst wohlgesinnte Göldli im Kleinen Rat zu den Scharfen gehört und die Urteile mit unterschrieben. Sofort verboten die Obwaldner den Göldli die Grenze. Nach unendlichem Gebettel konnte die Mutter endlich mit Hilfe des Bruderklaus erzwingen, daß Eimil das Nüßelerhaus unversehrt besuchen und behalten dürfe, wenn er alles Göldlitum sich von Leib und Seele reiße, den Mutternamen führe und als richtiger Obwaldner sich in jungen Durrern fortpflanze. Das gab schwere Kämpfe. Zuletzt trat man doch alle Luzerner Titel und Rechte dem Mädchen ab und das Junkerlein wurde ein Durrer, ohne bei seinen sieben Jahren diese Metamorphose zu verstehen. Die Gesundheit und der Nüßelerhof sind viel wert. Aber da geschah doch zu viel auf ihre Rechnung. Überleget: Rang und Ruf und alte Väterglorie für . . .« »So ein Gut,« ließ Simon eilig entschlüpfen, »mit Garten und Wiesenfreiheit in alle Weite und Breite genießen und daran genesen, das wiegt doch wohl mehr als ein Herzogshut . . .« Bürgler schnitt eine Grimasse und fuhr dann fort: »Nun starb der Göldli so recht im Rausch seiner Schulden. Die Gläubiger wurden frecher. Die Witwe mußte vom Nüßelerhof den Wald, dann die Matte, dann das halbe Haus verkaufen. Drei sonnige Kammern verteidigte sie zuletzt noch wie eine Katzenmutter ihr Nest. Ihre Mutter, jene weißhäuptige Dame am Fenster, wehrte mit. Soviel gehört ihnen noch. Aber nun merkte Eimil, als Mareili immer Papiere unterkritzeln sollte, welcher Betrug mit ihm geschehen war, und forderte mit dem bekannten heillosen Göldlistolz Rang und Namen zurück. Er fieberte und wütete, bis alles rückgängig gemacht ward. Natürlich verschärfte jetzt Obwalden das Verbot. Nun ward es schlimm. Das Weib schmolz seine Schmucksachen ein, nahm der Mutter den letzten Gulden ab und fastete und bettelte, um den Knaben nach Baden oder Schinznach zu bringen. Über all dem wurde die Alte verrückt. Sie sitzt am Fenster und spinnt ihren Flachs und braucht, wie die Leute sagen, kein anderes Wasser als das vom Auge, um den Faden zu netzen. Wäret Ihr dort nicht so hintersinnig gewesen, so hätte ich Euch den Spaß gemacht und wäre ein paar Schritte gegen das Haus marschiert. Potz Blitz, Ihr hättet etwas erlebt. Gleich hüpft die Alte auf, versperrt die Pfosten, spuckt und rast und schreit Euch an: Pack' dich, vermaledeiter Vogt aus Österreich! . . . denn sie verwechselt jetzt alles im blöden Gehirn. Alles Böse ist österreichisch . . .« Widerwärtig lachte hier der Junge. » . . . Und so läßt Frau Göldli zu Luzern alles draufgehen, bis sie selber auch noch verstört wird. Soviel Umständ' für ein krankes, garstiges Bübchen!« Aber Herrn Simon Quicker wandelte bei dieser Elendserzählung ein ehrfürchtiger Schauer vor jener Mutter an, so daß er den österreichischen Schimpf ganz überhörte. Es ging über seinen Verstand, und doch war er jetzt gewiß, daß dieses von Schuldzetteln umflogene Weib mit dem zerfaserten Brusttuch und unter soviel verbogenem Geschirr dennoch irgendwie die bessere und höhere Rechnerin sei als er. 5 Es war ein Glück, daß nun der Weg sich leise lichtete und man bald allen Schatten verlor und wie ein andrer Mensch in einer tiefgelben Abendsonne warm und hell auf belebten Feldern stand. Da brüllte Vieh, rauchten Herbstfeuer, pfiffen und knallten Hüterbuben, bellten Hunde und winkten die kleinen Fenster der Schindelhäuser. Weit vorne in der Tiefe mußte das eigentliche Obwaldnerland liegen. Man sah davon nur das bläuliche Ende der Sarnersees, wie er zu Füßen der Giswilerberge eingeschlafen war. Diese schlossen mit beschneiten Köpfen das Bild gen Himmel ab; aber mit den Füßen standen sie noch warm in der Oktoberfreude des Tales. Der Platz zunächst, wo Simon stand, war reifes Obstland und stand hügelhoch über dem Tal. Ganz nahe zur Linken sprangen die Kernserberge steil empor. Sie standen so eng neben den schwarzblauen Sachslerbergen, daß man von der tiefen Schlucht dazwischen, aus der die Dunkel stiegen und die Marter eines gequälten Wassers schrie, hier noch keine Ahnung haben konnte. Erst nach und nach ward ein Riß und weit hinten ein neues majestätisches Gebirge sichtbar. »Geht es da nach Sankt Niklausen hinauf?« fragte Simon verschüchtert. Bürgler nickte und grüßte dann und wann etwa Bauersleute übers Feld. Weit herumgesäet lagen die Häuser mit ihren verbrannten Gesichtern. Wäsche hing an den Hecken, von den Lauben lachten Kürbisse mit ihren ungeheuren Humorbacken. Links blitzte ein Kapellentürmchen aus dem welken Laub. »Wißerlen!« bemerkte Bürgler nach rechts, »Siebeneich,« nach links zeigend. »Hier schwenken wir in die Höhe. Oder wollt Ihr durchs Dorf? Die Kernser sind wunderfitzig wie Geißen . . . Unsre Pferde bringen wir beim Balzlisepp unter, kommt!« Sie trabten einem ansehnlichen Gebäude zu, aus dessen Balkengitter junges Heu duftete, während aus den Luken des gemauerten Unterbaues jenes behagliche demokratische Gezänke oder Gespräch oder wie man's nennt, erscholl, das dumme Schweine, lustige Kälber, eine faule alte Milchkuh und nervöses Federvieh zusammen etwa verüben, um sich die langen Stallstunden zu kürzen. Daneben stand ein graues, baufälliges Hüttlein. Herr Quicker strebte mechanisch dieser Baracke zu. »He, wollt Ihr dem Balzli in die Stube reiten?« fragte Bürgler. »Jaso, dort ist der Stall. Da wohnt das Vieh also besser als der Mensch,« versuchte Simon zu witzeln. »Das gehört sich auch, gilt es doch viel mehr im Preis . . . wahr oder nicht, Obrist?« redete Bürgler den alten, unverwunderten Bauer an, der eine Mistgabel an der Brust, mit den nackten Ellbogen sich über den untern zugeriegelten Flügel des Türchens aus dem Duft und Dunkel des Stalles herauslehnte und weder grüßte, noch herauskam. »Habt Ihr nicht etliche Male in Mailand für eine Kuh zwanzig Dukaten genommen, wohingegen Ihr uns arme Teufel unserm heiligen Vater Sixtus für einen halben Gulden verkauft habt. Dunque  . . .« schloß der Jüngling herausfordernd. Balzlisepp, der einst an der Spitze von sechshundert Mann mit großer Pracht in Mailand eingezogen war, Obrist Baltassar Josef Bucher mit Kuhmist am Kittel und Strohhalmen im Haar und einer Gabel, wo einst die Stoßlanze geprunkt hatte, murrte etwas in der unvergleichlich hallenden Mundart Obwaldens. Der Innsbrucker erinnerte sich bei den vielen Oi und Ai und Hüo an das Griechische, das er in Prag ein Schnüffelchen lang gerochen hatte. Er verstand nichts. Sehr deutlich hatte er nur das Eine aufgeschnappt, daß ein gemeiner Söldner nur einen Viertelsgulden galt. Das Geschäft erwachte, die Kassierstirne trat hart und sicher hervor, und seine Lippen bewegten sich einwärts, indem sie einige Zahlen gleichsam nach innen, in die Geschäftsseele hinein sogen. So unwirtlich der Bauer dreinblickte, dennoch lud er sie, als die Einstallung der Pferde besorgt war, in die Stube zum Imbiß. Es schwirrte da von Fliegen um Milch und Honig. Bürgler achtete sie kaum; aber Herr Simon wehrte und scheuchte ab, und gerade ihm setzten sie von allen Seiten zu. »Und so wollt Ihr zum Brüoder hinauf?« fragte beinahe unwillig Balzlisepp, »und wollt seine heilige Rüoh stören. Unser Klaus liebt das nicht.« Der herzogliche Rat suchte umsonst eine Erwiderung. Das helle braune Auge des Bauern verwirrte ihn. »Oder plagt Euch ein Gebresten? Dann wohl, ich will nichts gesagt haben.« »Ich bin gesund,« versetzte Simon und fühlte sogleich, daß es so sei und daß er dennoch irgendwie jetzt heillos gelogen habe. »Er ist ja selber ein Doktor, Obrist,« verwies Bürgler und leckte boshaft mit der Zunge an seinen vorspringenden Zähnen. »Er macht doch lieber andre Leute krank.« Simon blickte verlegen in die Ohrlappenschüssel und mühte sich, eine dicke Fliege aus der Milch zu seihen. »Mit Verlaub, wie weit ist es noch von hier bis Sankt Niklausen, Herr . . . Herr Oberst . . .« stotterte er. »Die ist schlauer als Ihr,« sagte der Bauer grinsend. Dann schoß er mit zwei behaarten Fingern ins Näpflein und hielt dem Gast das Insekt wie in der Zange vors Gesicht. »So packen wir Eidgenossen!« »In was für Schlachten habt Ihr gefochten, wenn ich fragen darf?« bat der Kanzler bescheiden. »Fragen dürft Ihr schon immer,« lachte der Alte grob und strich sich das viele lange Haar am Arm rückwärts. Dabei sagten seine Blicke zum Bürgler: was bringst du mir da für ein unschlaues Kaninchen in die Stube? »Erzählet doch!« forderte Bürgler und hieb tapfer in Brot und Käse ein. »So was mag ich immer hören.« Aber der Alte ließ sich nicht herbei, was er schon so oft aus Freude oder Höflichkeit erzählt hatte, bis es ihn selbst zuletzt langweilte, nun einem Hergelaufenen rein für die Neugier abzuleiern. »Bis Sankt Niklausen sind's gut anderthalb Stunden,« bemerkte er kurz, und dann, nach einigem Stocken, »merket, die Battaglien sind kein Butterbrot. Fraget nur den Klebli oben am Kappeli. Dran hat man sich bald überessen.« Verstimmt von all der Ungemütlichkeit und halben Grobheit, schob Quicker die letzte Butterschnitte in den Mund, erhob sich und fragte: »Unsere Schuldigkeit?« Der Bauer schüttelte die Hand. »Habt Ihr es so eilig?« fragte er, aber öffnete sichtlich gern die Türe. »Also bringet mir ein Andenken vom Brüoder, einen Gruß oder ein gutes Wort oder sonst was. 's ist alles recht, was vom Ranft kommt, ade!« Die Wanderer stiegen rasch die Bergwiesen gegen die Schlucht empor. Es dämmerte schon. Nahe über ihnen stand der Tannenwald und schwieg und schlief wie ein ausgeplaudertes, müdes Volk. Die Stille der Alpen wurde grenzenlos. Tief unten im Lande, das man nun von dieser Höhe völlig übersah, lagen die Dörfer am See noch in abendlicher Geschwätzigkeit. Aber hier schien schon eine Straße in die Einsamkeit Gottes zu laufen. »Nehmt kleinere Schritte, Freund Bürgler,« bat Simon weit hinter dem Jüngling. »So flink kann ich Euch nicht folgen.« Bürgler lehnte sich auf einen Hagstock und wartete. Seine losen Augen hatten jetzt einen fast frommen Glanz. Beinahe schwärmerisch blickte sein hübsches Gesicht in diese Abendseligkeit seiner Heimat hinab. Die blauen Ringe um seine Augen schienen nicht mehr von lockern Gewohnheiten, sondern von einer süßen Schwermut zu erzählen. Als Quicker anlangte, hörte er ihn mit leiser Melodie etwas vor sich hinsummen. »Was heißt das?« fragte er mit barbarischer Neugier. Stolz sah Bürgler auf das Männchen hinunter und fuhr schon mit einem Korn Selbstverspottung fort: » Lo giorno se n'andava e l'aer bruno Toglieva gli animai che sono in terra, Dalle fatiche loro, . . . ed io sol uno M'apparecchiava a sostener . . . Der Tag wich, und die Dämmerung Nahm allen Erdenwesen ihre Sorgen ab; Ich allein rüstete mich zu kämpfen . . . Inf. II, 1–4 und so weiter . . . . lari . . . fari . . . Kennt Ihr Dante? Kann man mit mehr Melancholia vom Abend reden . . .?« »Zu Prag einmal lasen wir so etwas . . . Verschwitzt, vergessen . . .! Aber saget, ist das der Wald, den Euer Bruder so mächtig lieb hat? Warum? sind doch Tannen wie überall.« »O Ihr! Dem Einsiedler ist doch der Wald, was dem Fisch das Wasser oder dem Geizhals der Geldsack . . . Nein, nein, ich will artig bleiben . . . er ist seine Ruh' und Speis', sein Haus und Tempel, seine Familie, sein Buch . . . Darin geht er mit seiner Seele spazieren, sagt das Volk, und nichts stört das Paar. Hopla ho, das ist zu poetisch. Aber ohne Spaß, Doktor, der Teufel hat den Bruder aus diesen Tannen heraus oft angefallen wie ein Bär oder eine Lawine. Aber der Klaus hat den Zauber warm wie er herunterkam, gleich mit seinen Käserarmen aufgefangen und in den Fluß geschmissen . . . da kühl' dich ab! So was hätt' ich mal sehen mögen . . .« »Ist das beglaubigt? Man fabriziert so flink aus Wasser und Wein ein Wunder.« »Aber dann ist auch Unsere hochliebe Fraue von diesem gleichen Wald zum Klausner niedergestiegen. Ich glaub' wohl, daß ihm ein Gehölz mit solchen Abenteuern gerade paßt . . .« »Wer hat's gesehen?« »Wir zwei,« hieb der Bürgler mit bissigem Humor zurück, »würden es einen Zoll vor der Nase nicht einmal sehen, wir haben zu viel Staub im Aug' . . . Doch Ihr seht ohne das nicht gut, Herr Botanikus. Nun seid Ihr schon zum drittenmal an dieser Pflanze vorbeigerannt. Und ist sie doch eine Rarität weit und breit. Wie heißt Ihr's? Ist's was zu Tee?« »Da ist ja keine Blume mehr daran . . .« »Ein Doktor Botanikus!« Der Kenner der Metalle kannte sozusagen keine Botanika, nicht blühende, geschweige denn verblühte. Seine Lage ward kitzlig. »Vielleicht eine Spezialität Subsilvaniä,« riet er. »Es ist eine gelbe Blüte,« half Bürgler und marschierte großbeinig weiter, »wie ein Schuh, mit braunen Flügeln oder Maschen oder Segeln daran . . .« »Segel, aha, velum felix , will sagen Glückssegel, da haben wir's,« schwindelte Quicker mit einer verzweifelten Raschheit. Einen solchen Namen, wenn ihn sein starkes Gedächtnis nicht trog, hatte seine Frau beim Blumenrätselspiel mit Ira oft nachdrücklich vorgebracht und mit ihrem Schneewittchenlächeln dann zu ihm oder zum Fenster gewinkt und bedeutet, woher es wohl wehen werde, dieses Glückssegel. Das prompte Latein des Begleiters machte den Bürgler stutzig. Ist er doch Botanikus? Dann entgegnete er weich: »Wir hingegen nennen es Frauenschuh »So, so! sandalum muliebre ,« stürzte der Innsbrucker hinein. »Das ist nur eine Variatio.« »Und lassen bei diesem Namen alle Segel sinken. Denn wer kann so einem seidenen Pantoffel widerstehen, mit solcher Kappe und schmalen Ferse und den Bändern daran! Ihr vielleicht habt es vermocht, Ihr seht mir ganz so aus. Aber ich nicht . . . und ich will's nicht.« Er stampfte mit dem Fuße. »Schaut es gut an,« begann er nochmals in einem Gemisch von Zorn und Schwärmerei und hielt ihm das falbe Gewächs vor die Nase, »und stellt Euch vor, was da blühte, ein so kleines, süßes, stilles Schühlein oder Füßchen, ein so liebes, das Euch folgte und folgte und nicht von Eurem Fuße weg mochte, wenn es auch doppelt so viele Schritte machen mußte . . . und wenn es sogar Fußtritte von Euren bösen Schuhen bekam, den falschen, den harten, den davonlaufenden, treulosen . . .« Wie ein Unsinniger sprudelte er das heraus, nichts als Leiden und Klage im Gesicht. Seine Lippen zuckten, die Augen schienen bis in den Stern zu bluten. Herr Quicker aber merkte nichts von dem Weh dieses Jungen. All das wilde, heiße Gerede schien auf ihn allein gemünzt. Es überflutete ihn wie ein Wolkenbruch. Er preßte die Hände vor Aug' und Stirne. Aber er sah und hörte es so nur noch deutlicher. Auf frauenhaft zarten Schühlein ging es hinter ihm, folgte, zupfte, glänzte und bedrängte ihn. »Bleib, bleib,« flehte er, »jetzt kann ich dich nicht brauchen in diesem rohen Handel; jetzt stör' mir das Geschäft nicht. 's ist ja alles für dich. Nachher putz' ich meine Hände und Füße und lauf' zu dir und knie vor dir und küss' deine Frauenschuhe . . . aber jetzt bleib zurück, Gertrud . . .« Und in einer wahren Todesangst blickte er auf, wo denn ihr Fuß so leise des Weges schlürfe, und wiederholte: »Bleib, bleib Gertrud!« »Gertrud,« schrie es neben ihm im gleichen Atem. »Was . . . was sagt Ihr . . . was wißt Ihr . . .?« fragte Simon entsetzt. »Gertrud, Schälijungfer Gertrud, Bäsi, kennst du mich wirklich nicht mehr?« Ah so, das war es gewesen. Barfuß, mit schönen weichen Schritten wie eine Gemse kam ihnen eine Jungfer von oben quer durchs kurze Gras entgegen. Sie trug einen Rückenkorb über die Schultern geschnallt mit Äxten und Sägen und anderm Werkzeug, aber ging trotz der Last bolzgerade und zeigte ein rundes, milchiges Gesicht mit Augen wie reifen Brombeeren. Sie sah den Fremdling herzhaft an und wandte sich dann mit einem freundlich-spöttischen Ton an den Führer: »Schon wieder im Land? Mußt pressieren, Heinz, wenn du im Schlegel übernachten willst; 's sind vornehme Leut' beim Klebli.« »Mach' keine Späss', Meitli,« zürnte Bürgler; »was soll ich im Schlegel? Ich übernacht' bei Euch, wie sich's unter Vettersleut' gehört. Das Seppeli ist doch noch oben?« »Der Hans . . . Ja, und drei Geißen und . . .« »Das Seppli, frag' ich,« herrschte der Jüngling dunkel vor Eifer und schüttelte die Jungfer derb am Arm; »oder ist es auch schon zum Vater nach Kerns hinabgezogen?« Gertrud Schäli blies ihre vollen Lippen auf und lachte ihm überlegen, aber nicht böse ins Gesicht und sagte: »Paperlapa, was sorgst du, wo meine Schwester ist; acht lieber, wo du bist, schöner Vettersbub du.« Damit sprang sie abkürzend über den Weg die Halde nieder. »Wart doch,« befahl er und stampfte vor Aufregung. Aber von der Jungfer sah man nur noch die Zöpfe im Abendrot glänzen und verschwinden. »Affe, verdammter,« schimpfte Bürgler. »Ihr seht, was für ein grobes Weiberpack hierzulande wächst,« entschuldigte er sich verwirrt gegen Quicker und wischte mit dem Zeigfinger einen feinen Schweiß von der geraden Nase und dem Lippenflaum. »Ich verstehe gar nichts,« sagte Simon, den dieser Auftritt ein wenig aufgerüttelt hatte. »Was heißt das, mit dem Schlegel? Wer war die Jungfer?« »Meine grobe Bäsi. Die Schäli haben eine wackere Sennhütte nur ein Paternoster weit vor Sankt Niklausen, wo sie den Sommer durch hirten. Ich bin dort wie daheim. Der Schlegel hingegen gehört dem Ratsherrn Bitzi, dem Klebli, wie's Volk ihn namset, einem komischen Alten neben der Kapelle. Dort steigen die Pilger meist ab . . .« »Also denn . . .« »Da sitzt auch der Kaplan, und Ihr werdet dick und dünn ausgefragt, und die Wallfahrer hängen Euch am Ärmel und kommen mit, und Ihr wollt doch allein . . . ganz allein,« wiederholte Bürgler scharf, »mit dem Bruderklaus reden . . .! Botanika, nicht?« »Warum . . . wie . . . was habt Ihr nur immer . . .?« »Unter uns, Mann,« der Jüngling näherte sein brennendes Gesicht und brockte hart aus den Zähnen hervor, »es gibt doch sicher noch bessere Kräuter als den Frauenschuh, etwa den Werberschuh, den Söldnerschuh, den herumlaufenden Pensionenschuh, den vergoldeten . . . ach, lieber Herr aus Innsbruck, lassen wir doch die Kappen fallen! Ihr seid der Gesandte Sigismunds, und ich bin der Sohn des Landammann Bürgler, und dort oben im Schälihüttlein ist mein Schatz. Ihr habt schlecht gemummt. Ich hab' Euch die Politik schon in Luzern angerochen . . .« Das traf. Der Legat stand und stand erst wie ein Holzscheit in den Boden geschlagen und wunderte sich, daß ihm dennoch nicht sterbensübel, im Gegenteil merkwürdig leicht ward, ähnlich einem dumpfen Kopfe, dem mit einem Hieb ein verhocktes Geschwür entleert wird. Simon fühlte sich genau so erleichtert. Wohl oder übel, der schwierigen Geheimnistuerei war er los. Wie aus einer Erstarrung erwachte er und bürstete sich die Brauenpölsterchen. Dann schüttelte er die letzte Verwirrung von sich und lachte zum erstenmal auf dem gestrengen Schweizerboden hellauf. »Gebt mir die Hand,« forderte er treuherzig. »Ihr habt recht. Das ist nicht mein Talent. Freilich, über alle Straßen den Ambassadore ausschreien, Ihr versteht, das ging auch nicht. Aber Euch hätt' ich von erst an vertrauen sollen. Ein Verliebter ist doch auch kein Diplomat . . . und Ihr, endlich merk' ich's . . . seid es über Haar und Ohren hinaus.« Heinz grinste höflich. »Jawohl, ich reise um Söldner für den Erzherzog und ich bitt' Euch kurz und gut: helfet mir! saget ja!« »Ja . . . so gut es meine Gesundheit verträgt.« »Was heißt jetzt das wieder?« »Ich meine mein Wohlsein . . . also meine Obwaldnerei . . . nein, meine Liebschaft, meine Heirat . . .« »Wie kann Euch das quer kommen?« »So . . . so . . . wer weiß, wie lang das Seil ist, wenn man nur einen Zipfel greift . . .? Hop, jetzt heißt es noch vor Nacht unter Dach kommen. Durchs Gebüsch dort und wir sehen die Hütte!« Dieses Gebüsch war aber ein recht dunkles und breites Gehölze. Wortlos tasteten sich die zwei durch. Dem Österreicher fiel auf, wie oft der Gespan sich schneuzte und nieste. Als sie aber aus dem Tann traten, erschrak er geradezu vor der fahlen Blässe des Bürgler. Malte die grüngraue Dämmerung so oder die Sehnsucht der letzten Minute? In einem weichen Tau glänzten des Jünglings Augen und schienen nichts anzuschauen und alles zu sehen. »Fühlt Ihr Euch unwohl?« fragte Quicker betreten. Heinz stellte die Zähne vor wie ein Eber. »Was spinnt Ihr?« versetzte er grob, »so laßt mich doch einmal in Ruh'!« und lief mit heftigen Sätzen voraus. Je näher er dem Häuschen kam, das er wohl vergessen konnte, aber das ihn nicht vergaß und immer wieder rief und lockte, desto unleidlicher wurde ihm die Gesellschaft des Zahlensaugers. Wie oft schon unterwegs hatte er den Graukopf zum Teufel gewünscht. Diese letzten Minuten, bevor er das Seppeli sieht, muß er allein sein. Wieder wie vor vierzehn Tagen, da er den gleichen Weg ging, wie ihn der Moro geheißen hatte, überfallen ihn die Erinnerungen. Er weiß noch gut, wie oft er da schon als Knabe heraufstieg, mit dem Haselstecken und dem Schäferhund, um einen Trupp Geißen zur Sommerung ins Melchtal auf die Alpe seines Vaters zu treiben. Bei seinen armen, aber lustigen Vettern Schäli hier oben machte er jedesmal Halt, und jedesmal strich ihm Seppeli sogleich ein dickes Butterbrot. Klar entsinnt er sich, wie er einst bei einem heillosen Berggewitter hier übernachten mußte, und als es über die Schindeln prasselte wie siebenhundert Bäche, noch im Heulager gottlos betete, der Allmächtige möge seine himmlischen Seen doch Tag und Nacht so weiter ausschütten, wie vor alters bei der Sündflut, damit er hier mit den zwei Mädchen und dem Hans noch lange weiterspielen könne. Und wenn die Flut stiege, so ließe er Hund und Geißen und sogar den Hans und die Gertrud, packte einzig das Seppeli und kletterte mit ihm die Felsen hinauf. Und schwölle das Wasser noch höher und netzte den obersten Stein des Kernserberges, dann bände er sich mit ihr am gleichen Gurt zusammen, spränge tapfer ins Wasser hinaus und den fernen Geißbergstöcken zu und von da zum Titlis und so immer zu einem höhern Gipfel, der noch übers Wasser tauchte, und wollte wahrhaft erproben, was stärker sei, das Wasser oder seine Liebe . . . Er wollte Seppelis Arche sein! »Herr Heinrich, Herr Bürgler, gemach, ich bitt' schön . . .« rief es hinten. . . . Aber dann einige Jährchen darauf kam es beinahe umgekehrt. Er fiel beim Steinrautensuchen auf Klisteralp und bekam zerschundene Knie und ein böses Loch in den Kopf. Man trug ihn hinunter in dieses Stadel. Die Vettersleut gaben ihm Seppelis Laubsack, der viel zu kurz war für seine langen Herrenbubenbeine. Aber er ringelte sich wohlig wie eine Katze darin zusammen. Das Bäschen brachte ihm den Haberbrei. So hübsch hatte er es noch nie gefunden wie jetzt, da es in die Suppe blies und dabei rundere und rötere Backen bekam als der posaunenblasende Engel am Sankt Niklauser-Altar. Sie tropfte ihm Öl in den Riß und legte Lattichumschläge auf die Stirne. Es tat wohl; aber er dachte, gäbe Seppeli ein Küßchen darauf, es heilte noch schneller. Zum Lohn für die Pflege erzählte er ihr alle Geschichten, die er vom Vater und den Älplern wußte, und wo es nicht grausig oder leuchtend genug schien, malte er noch einen dicken Strich Schwefel oder Purpur hinzu . . . Er zählte sechzehn Jahre und hatte davon schon in Basel ein Jahr verstudiert und verjubelt. He, schneller, schneller! Der Gauner dahinter läuft mir Mordio na . . . »Laßt Euch doch Zeit,« schreit er zurück, »ich wart' oben . . . ich muß was ausschwitzen . . .« . . . Wußte er keine Geschichten mehr, so erfand er solche. Die gefielen dem Seppeli noch besser. Fertig, auf Ehr und Seligkeit, 's ist fertig, mußte er immer wieder schwören. Denn noch hielt sie ihren Mund offen, um all das Wunderbare zu essen. Ja, sie sah und hörte nicht bloß, sie aß seine Geschichten wie gebratene süße Apfel. Er mußte ihr die Lippen mit zwei Fingern schließen, damit sie glaubte: punktum, das Märchen ist aus. Er sieht es noch haarscharf, wie die Sonne niedrig durchs Fenster fiel und gerade einen Honigtupf auf Seppelis Mund traf, als er nach einer solchen Sage es zum erstenmal anders probierte und Lippe mit Lippe schloß. Ach, das war süßer als Sonne und Honig. Er hätte es nie geglaubt. Aber es machte ihn nicht frech. Frech ist er erst in Mailand geworden. Er kann es sich nicht erklären, vor vierzehn Tagen hat er es wieder gefühlt, was für eine sonderbare Scheu sich von nun an in die Kameradschaft mit Seppeli mischte, ein seliges Angsthaben, ein Rot- und Beklommenwerden. Sie hockten meist zusammen, küßten sich nicht mehr, redeten die gewöhnlichsten Sachen von Milch und Käse, Kilbi in Kerns und Schwinget im Melchtal, sie lachten und spaßten; aber das Seppeli wurde immer sorgloser, er immer sorgenvoller dabei. Wenn er dachte, daß er nun bald ohne Schwindel herumgehen könne und dann nach Hause müsse, faßte er das Mädchen plötzlich an beiden Armen, daß es aufschrie und doch wieder lachte wie ein Distelfink . . . Ja, viel hat er gedacht, und nichts dachte sie, und das war vielleicht das Schöne, schoß es Heinzen durch den Kopf. »Laßt mich allein!« drohte er wütend rückwärts. Der verdammte Hund dahinten, auf den Fersen ist er mir von Luzern weg. Keinen Schnauf Ruhe gönnt er mir . . .! Was kommt jetzt? o Himmel, was kommt . . . Peppina, Seppeli, mein Seel', und ich hab' doch nur ein Herz . . . Er schnob und schwitzte wie ein gehetzter Hirsch. In diese paar Sekunden stürzten ihm die Ereignisse von Jahren. Als sein Knabenhimmel am schönsten blaute, hörte er eines Abends hinter der Bretterwand poltern: »Vetter Landammann, mit Vergunst, seht selber nach. Das ist nicht mehr Kinderei. Euer Bub tut ernst und schwer wie ein Mann mit Seppeli. Wir wollen nicht Schuld und Reu hinterher. Nehmt ihn weg, 's ist hohe Zeit. Jedem ist sein Kind lieb. Nehmt ihn, er hinkt ja schon hurtig wie ein Spitzbub . . .« Laufen, laufen, sonst verwürgt man an solchen Erinnerungen. Denn jetzt kam's schwarz und schwer über sein rotes Haar. In die Fremde mit dem Nichtsnutz, hieß es. Über den Gotthard! Aus jedem Schneegewässer und Dohlenpfiff unterwegs rief es ihm: halt! zurück . . . Wenn ihm ein Mensch auf dem Paß begegnete, schrie er jedesmal: das Seppeli grüßen oben in Nik . . . und jedesmal: klatschte ihm eine Maulschelle ins Gesicht, bevor er den Heiligen aussprechen konnte . . . Und so hat es keinen Bericht bekommen. »Trockne die Augen, sonst lachen dich die Italiener aus,« spottete der Landammann hart . . . Aber, Diavolo, wie der Alte hinter mir galoppiert! Rennen, rennen! Ich muß das fertig denken . . . Ja, bei einer Musikbande, die über den Berg zog, horchte er zum erstenmal auf und bekam die Augen von selbst trocken. Wie die spielten und hopsten, und wie mit mächtigen Ohrenringen und einem Fetzen Seide im Haar ein kohlenglutiges Mädchen vor ihm knickste und um einen Batzen bat: prego, gentilissimo Signorino  . . . Und dann am Eissee beim Hospiz, wo noch die grünen Schollen herumschwammen, da war alles neu, da vergaß er ein wenig. Und der Vater sagte: Bravo, jetzt konjugiere mir einmal ein italienisches Verbum . . . und Heinz begann, wie er gelernt hatte, amo, ami, ama, amiamo  . . . Nichts da, wetterte der Vater, prego, preghi, prega  . . . Er konjugierte es geduldig durch Präsens, Perfektum und Futurum und hörte nochmals das Zigeunerkind klingeln: prego, gentilissimo Signore . Welch ein Land mußte dieses Italien des amo und prego sein! . . . Zuletzt im Hospizkapellchen, dem rissigen und feuchten, hielt ihn der alte Mönch fest am Ärmel und sagte vor einem Heiligenbild: »Sankt Gotthart! . . . Bübel, vergiß nicht, das ist ein deutsches Wort. Da unten im Süden macht die Sonne alles pflaumenweich, und so betet ein rechter Schweizer, wenn er nach Mittag zieht, zum Heiligen: steh für mich, Sankt Gotthart, daß Gott mich hart wachsen läßt, nicht wie eine welsche Pflaume, nein, wie eine eidgenössische Nuß! . . .« Daneben stand ein junges, unbärtiges Paterlein und fügte bei: »Immerhin mit einem süßen, gelben Kern . . .« »Reverende, das kommt von selbst,« zürnte der Senior und schlug den Schnee seines Bartes grimmig um sich, »wenn die Nuß hart genug ist; sonst ist auch Euer Kern faul . . .« Und Vater Landammann lächelte: Pazienza , er versteht das noch nicht! . . .« Aber er verstand recht gut und biß sich die Zähne in die Lippe, weil er nicht hart genug gewesen und schon wegen einem Flocken Süd das nordische Bäslein schier vergessen hatte. . . . »Wollt Ihr reinweg in den Himmel stürmen?« schrie es von hinten mit erstickender Stimme. Er gab keine Antwort mehr, rannte und träumte weiter: Mailand . . . das Schloß . . . Musik, Gold, Tanz, Waffenspiele! Und was für schöne Menschen! Und allen gefiel sein Haar, sein Aug', seine Lippe so gut. Mit einer Feinheit und Frechheit sagten sie es ihm, die ihn zuerst in seiner milchigen Schweizerunschuld erschreckte, aber ihm bald auch wohltat. Ja, alle hatten ihn gern, und die schönen Mädchen vor allem. Wenn sie ihn bedrängten, schrieb er in seiner nordischen Not ein Briefchen an Seppeli. Es antwortete nie. Erhielt es die Briefe nicht? oder war es überhaupt so ein Vogel nur von einem Tag zum andern? Heinzens Lippen wurden immer trockener. Er bekam Durst. Vom Obwaldnerbrünnchen kann er nicht trinken, und aus den welschen Fontänen, die so laut springen und klingen, soll er auch nicht trinken. In all dem süßen Geplätscher soll er verdursten . . . Hat ihn dazu der Herrgott so schlank und eben erschaffen, mit solchem Mund und solchem Durst? . . . wahrhaftig nein . . . Da kam die Baranghi . . . Und im Glanze dieser großen, vollen, reifen Mailänderjungfer versank der ganze Norden in Nebel und Vergessen. Nicht einmal ein blonder Scheitel oder die Turmspitze von Sankt Niklausen tauchte daraus hervor. Kindereien, bah! Einst träumte, jetzt lebt er . . . So, jetzt ist er oben auf der Höhe. Weit hinten kriecht das Österreicherlein im Schatten herauf. Er stützt sich in den Hüften und hat fast nicht den Mut, zu den paar Hütten zu schauen, die vereinzelt am Wege zur alten Kapelle liegen. So stand er am genauen Fleck vor vierzehn Tagen, mit dem gleichen wehtuenden Gehämmer im Herzen. Als franker Hochzeiter marschierte er da auf das Kommando des Moro bergauf . . . Sonderbar, hatte er im flachen Mailand das Bergsteigen verlernt oder was war es, daß ihm der Atem so schwer wurde? Die Berge dünkten ihn zweimal höher gewachsen, die Luft machte ihn trunken, die obwaldnerischen Gesichter und Gespräche unterwegs heimelten ihn an, er fühlte sich kraftlos und halb verzaubert, bevor er nur das Seppeli sah. Wie wird er es diesmal treffen? Warum war er nicht stärker und widerstand nicht, wenn ihm der Quicker auch einen Herzogshut geschenkt hätte, dieser zweiten Reise da hinauf? Vor vierzehn Tagen stand sie am großen Käskessi, vom Rauch umwirbelt, der von der Feuerstatt empordampfte und Dach und Wände und selbst die Menschen darin berußte. Die Funken sprühten wie Sterne um sie im schwarzen Genebel. Sie rührte mit beiden Armen den Gohn durch das Gesötte, damit es nicht zu dick werde und anbrenne. Wenn es dann einmal Blasen herauspuffte, mußte sie den Hans rufen, der draußen am Trog das Kästuch netzte und salzte und die Spalen weichte. Das kurze, lichte Haar um die kleinen Ohren, das sich nicht in die Zöpfe flechten ließ, hob und blähte sich im Widerschein der Flammen und umgoldete ihr flinkes Köpflein, so daß Heinz sogleich an die lustige Madonnina denken mußte, die der Maler Vinzentino Belli dem Moro jüngst in die Hofkapelle gemalt, aber Don Tito, der Schloßkaplan, als zu ungeistlich mit einem dichten Schleier hatte zudecken lassen. Nun kannst du sogar Käse machen, war sein erstes Wort. Sie kehrte sich um, guckte ihn kräftig an und tat einen lustigen Schrei. »Du . . .? Saperment, ich kann dir jetzt nicht die Hand geben,« rief sie weiter und stieß gewaltig im Geköche herum, daß es nicht überschwelle. Sie lachte laut in den Kessel hinein vor Überraschung und Zufriedenheit, diese arglose Bergschwalbe da, die keine Hitze kennt. Bald warf sie den dünnen Hals um und rief: »He, was kannst denn du Neues? Sag' mal, hast gut welsch gelernt? Tschingga Colazza Risotto  . . .?« Und hurtig, wie alles an ihr war, kehrte sie wieder den Rücken. Er stand wie ein armer Sünder neben diesem Bergmeitschi. Wie sauber und keck war sie geblieben und wie unbeschwert hatten ihre gletschergrünen Augen ihn angeblitzt. Er setzte sich auf eine Stabelle und fühlte, daß er zu viel gewagt hatte. Alles Blut in ihm suchte gleichsam wieder die alten Ursprünge seines Lebens auf und saugte sich da fest, diese Berge, diese Luft von Fels und Gewölke, dieses Wasserrauschen allum, dieses Schneeleuchten aus den Hintergründen, die Hütte voll Heuduft und Freiheit, diese grobheimelige Sprache, diese Gesichter, dieses Feuern und Rauchen und Scheiterknistern und Leben und Lieben im leichten Hirtenkittel wie man will. Wieviel Müdigkeit, Kopfweh, Augenbrennen, Magendrücken gab es in Mailand! Wie gesund ist hier alles! Welch eine Hitze und Hetze immer dort fürs Herz. Hier redet alles von Ruhe. Wie vor drei Jahren steht der klotzige Tisch und der Banktrog noch am gleichen Platz, der Kessel hängt am gleichen schiefen Haken, das Bild vom Bischof Nikolaus klebt am gleichen Brett in der Ecke, und die Mitra ist noch blutrot, wie er sie selbst einst überstrichen hat. Und Seppeli grüßt ihn, wie wenn er nur für eine halbe Stunde zum Häuschen hinausgegangen wäre, als ob nicht das ganze Mailand dazwischen läge, das ganze, schwere, dumme Mailand! »Gib Scheiter her,« weckte sie ihn . . . »Du Ungeschickter . . . nicht solches, das sind ja Späne! Von den Bengeln dort! weißt du nicht mehr, wie man feuert? . . . Da, jetzt halt mir den Gohn. 's ist Zeit . . . ich muß den Hans holen . . .« Schwerfällig trottete der Bruder in den Holzschuhen herein, lachte ihn gutmütig an und machte sich dann am Käse zu schaffen. Heinz und Seppeli saßen zusammen. Sie strich ihm ein Butterbrot wie früher immer, wenn er eintrat. »Geschichten, Geschichten,« forderte sie. »Wie du alt geworden bist,« lachte sie und kehrte sein Gesicht mit beiden Händen gegen das Feuer. »Aber pfui, noch nicht einmal einen rechten Schnauzbart! Schau Hans an, und der ist doch jünger . . .!« »'s ist so Mode in Mailand,« verteidigte er sich. »Und das Haar fast wie eine Frau . . . nicht schön, Heinz, nicht schön . . .!« »'s ist Mode so in Mailand,« stotterte er wieder . . . »Sind die Mailänder so dumm?« fragte sie. »Na, die Zähn' hast noch immer vorne,« lachte sie beruhigt. »Kannst nicht mehr deutsch, he? Rede doch, wie war's dort unten? Ist's wahr, daß sie eine schneeweiße Kirche bauen wie aus Eis und Glas? Und daß der Herzog alle Tage andere Hosen anzieht und die Mädchen schon vierzehnjährig heiraten? Gibt's da schon Kinder?« fragte sie unschuldig. »Lieber Gott, und ich bin schon achtzehn!« seufzte sie munter . . . Und so ging es fort, und er merkte leicht, daß sie noch frisch und weiß und süß geblieben war wie die Butter, die sie ihm aufs Brot strich; aber auch so kühl. Der Laubsack, auf dem sie saßen, raschelte so traulich wie die alte Zeit, und sie plauderten und neckten sich und rückten zusammen, und eine süße warme Luft legte sich mehr und mehr um ihn. Dann mußte sie in den Stall, die Ziegen melken. Er lief mit. Dieser gemütliche Stall mit dem Gemecker der Geißen und dem Geruch warmen Tierlebens ging ihm über das ganze Sforzaschloß mit seinen Geigen und Parfüms. Laß mich, bat er plötzlich und fand sogleich den rechten Strich. Willig gaben die Tiere ihren süßen Saft. Das freute ihn unendlich. Aber da blitzte der Ring der Peppina auf an seinem Finger. Er erschrak. Doch Seppeli bewunderte das Kleinod und meinte: »Ich wette, der Reif ist vom König oder von einer schönen Tschinggin, sag' doch!« Und sie wurde nicht um ein Färblein dunkler dabei. Heinz hätte gewünscht, daß sie entsetzlich schimpfe und ihn mit Eifersucht plage. Sie aber sprang gleich auf etwas anderes über und erzählte, wie unterdessen die Mutter da oben in Niklausen lange an der Gicht krank lag und hier starb. »Schau, hier im Stall saßen wir immer zu zweit. Sie fror und fror und wollte durchaus hier in der Wärme bleiben. Gott wird meine Seele auch im Stall finden, sagte sie denen, die es übel nahmen, daß sie an einem Orte mit den Tieren zum Sterben komme. Unser Jesus Christus ist ja doch auch in einem Stall zur Welt gekommen.« Rührend war es, wie einfach und arglos Seppeli solches erzählte. Und wie sie da saß mit frischem, zufriedenem Gesicht und ihm neidlos Wort für Wort vom Munde las, wußte er plötzlich, warum sie ihm früher und jetzt über alles ging. Wegen ihrer Einfachheit und Natürlichkeit! Sie konnte ebenso gut eine Wolke am Himmel sein oder ein blustiges Bäumchen in der Wiese, eine kummerlose Bergschwalbe oder ein Sonnenstrahl, der sich selber warm genug gab, sie konnte . . . nein, sie war, wie sie da saß, sein Vaterland, sein Obwalden, so lustig, so gemütlich, so sich selbst genug, sein Obwalden, von dem er geglaubt hatte, er brauche es nicht mehr und mit dem er sich nun inniger verwachsen fühlte als seine rechte mit der linken Hand. Als er verwirrt wegfloh, ja wegfloh, und wieder in Luzern nach dem verdammten Österreicher spionierte, nahm er sich fest vor, nie mehr nach Sankt Niklausen zu gehen. Dieses Mädchen verdarb ihm ja alle welsche Freundschaft und wollte doch nichts andres als sein guter Kamerad sein. Ihn aber dünkte, er liebe es auf einmal so unsinnig, wie man Vater und Mutter und Heimat und Geliebte zusammen liebe, mit jenem schweren obwaldnerischen Heimweh, um dessentwillen starke Kerle, die keine Feindessichel niedermähte, wie dürre Halme in der Fremde niedersanken. So oft er von der Luzernerbucht in den Seewinkel gen Süden blickte, wo die sonderbar stillen und duftigen Heimatberge weich in den Himmel hinaufschliefen, zog es ihm das Herz zusammen. Er erkundigte sich bei den Göldli nach dem Österreicher, wollte nur noch den erwarten und auf irgendeine Art zum Teufel jagen und dann mit dem schnellsten Roß nach Mailand reiten. Und nun steht er doch wieder da und schämt sich und quält sich und weiß nicht aus noch ein. Daß er doch diesem Affen aus Innsbruck nachgab! Himmel, Hölle, welch ein Elend! Da steht er wieder vor der Hütte und weiß es genau, er muß hinein. Aber wie er hinauskommt, das weiß er nicht. 6 Er merkte gar nicht, daß der Quicker ihn schon lange am Arm hielt und drängte, doch ins Häuschen zu treten. Der Eingang war offen. Heinz tastete sich zur Küche vorwärts. Aber auch da war alles finster und still. Man hörte nur das Vieh sich an der Rückwand reiben. »'s ist niemand da,« murmelte Heinz. »So müssen wir doch zum Schlegel.« Unwillig, als wäre der gute Simon schuld daran, stieß er ihn vor sich her zum Ausgang. Langsam tappten sie der dunklen Masse oben am Hügel entgegen. Ein schwerer Turm, eine niedrige Kapelle, ein plumpes Gehäuse vornüber gegen den Abhang verschwammen da in der Finsternis zu einem noch finsterern, unförmlichen Klotz zusammen. »Es sind also Pilger beim Ratsherrn, und das Seppeli und der Hans müssen aushelfen.« erklärte Heinz vor dem Wirtshaus. »Morgen um fünf Uhr gehen wir aber bestimmt da hinunter,« flüsterte Simon und erschauderte beim »da hinunter«; denn man hatte rechter Hand eine gähnende Tiefe, von der jetzt nichts bemerkbar war als schweres, tiefes Wassergetöse aus einer grundlosen Nacht herauf. »Wir müssen . . . allein und ganz leise . . . ohne Gesell, nicht wahr?« bat er und griff nach Heinzens Arm. Die Stubentür war offen. An einem langen Tisch an den Fenstern saßen drei Männer. Gerade unter dem Kreuz im Eck lehnte sich mit runden Armen ans unbequeme Getäfer ein hübscher Mönch von vierzig Jahren und rutschte und rückte unablässig, um es behaglicher zu bekommen. Er war fein rasiert, trug schön gekämmtes, über die Ohren gewundenes Haar und hielt den kleinen erdbeerroten Mund ein wenig offen, als fehlte ihm die Luft. Unter dem Doppelkinn sah man deutlich die Halsader schlagen. In diesen schnellen Schlag und in das stete Hüpfen der grauen Augensterne schien alles Leben des Mannes gedrängt zu sein. Der kahle Alte rechts und der fremdartige schwarze Jüngling links schüttelten eben die Köpfe über ihn, der offenbar etwas Scharfes, ja Aufreizendes gesagt hatte. Aber sie verneinten mit einer gewissen Ehrerbietigkeit. Brot und Näpfe mit Mehlklößen und Weinbecher lagen auf dem Tisch. Ein hellhaariges Mädchen mit überaus geradem, fein gestieltem Hals stand steil davor, hob eigensinnig das Kinn und wandte sich jetzt gegen die Eintretenden. Es erkannte Heinz und grüßte ihn mit einem zutraulichen Nicken, ohne die Hand zu bieten, als wäre man noch vor eine Stunde beisammen gewesen. »Ja, Ahni,« antwortete sie gegen den Ofen, wo der Gastwirt Klebli saß, »'s hat noch genug im Kessi . . . Wollt Ihr? Habt Ihr brav Hunger?« fragte sie keck vom einen zum andern.. »Ich komm schon mit in die Küche,« bestimmte Heinz; »dorthin, Kanzler!« Er wies ans andre Tischende. Aber Simon sah und hörte nichts als das mit einer klangvollen und schmerzlichen Stimme aus der Fensterecke gesprochene Wort: »Nein, liebe Herren, sagt, was ihr wollt; aber das ist kein Leben. In die Wüste muß man wieder gehen, um das Leben zu suchen wie weiland zu Erzvater Antonius.« Simon sah deutlich, wie die Ader am Hals des Mönchs schwoll und hämmerte, und wie seine kleinen Augen hin und her schossen, um einen rettenden Ausgang zu finden. Aber schon das rosige Fett ringsum schien eine solche Flucht zu vereiteln. Simon Quicker erkannte sofort, daß dieser Mönch kein Gewächs aus dem Bauernboden hier, sondern etwas Vornehmes, Ausländisches und, nach der Kopfbedeckung zu urteilen, eine Art Magister sein müsse. Er setzte sich mit einer tiefen Verbeugung an das andre Tischende und horchte begierig, wie die zwei Genossen, der Junge mit dem langen, rabenschwarzen Schnurrbart und der stramme Kahlkopf, der sicher ein hiesiger Amtsmann und Großbauer war, dem Geistlichen widersprachen. »Das sind Ausnahmen,« erklärte der Greis. »Einen rettet es, zehn andre verdürbe es.« – »Dekan,« lachte zutraulich der junge Mann und legte seine damenhaft feine, schwer beringte Hand auf den Tisch, »Dekan Albert von Bonstetten, saget selber, was wäre zum Beispiel aus mir geworden, wenn ich Euch nicht aus der Cella Sankti Meinradi entsprungen wäre? Eine Jammerkutte, eine Not und Plage des Monasteriums! Nun ging ich an meinen Platz in der Welt, bin schon ungarischer Colonello und nehme muselmännische Nester aus.« Und er zeigte auf die gelbe Medaglia, die ihm auf die Brust fiel, jenen seltenen Türkenpfennig, in Gold geprägt, den der Papst nur für ausnehmend große Bravouren gegen den Halbmond verschenkte. »Lieber von Sax, du wirbelst mir alles durcheinander wie vormals lateinische und griechische Vokabeln. Elapsus! Gut! Du warst noch nicht geschoren. Ich rede von uns Priestern,« der Dekan griff vielleicht zum erstenmal seit Jahren mit Scham in seine unklösterliche Haartracht, »von mir! Nein, nein, das muß aufhören, diese Weltlichkeit, dieses Gejage um den Gulden und Kranz. Wie besudelt deuchte ich mich von dem allem dort unten, als der Eremit mich nur ansah . . . Auch dieses Geschreibe da, das nur Eitelkeit ist und Schmutz, weg, weg . . .! Was staunet ihr?« eiferte er mit einer edlen Röte auf der Stirne. »Helfet mir eher, als daß ihr abwehret. Ich fühle, jetzt möchte ich heilig werden und jetzt habe ich recht . . . Tu' den Plunder weg! befahl mir der große Mann. Habt ihr gesehen, wie er mich auslachte, als ich das seidige Barett bürstete, da es mir zu Boden fiel. Fast hätt' ich's wieder fallen lassen. Dir tut der Plunder weh, glaub' mir, wiederholte er. Und ich dachte, als ich seine Bank und den Stein zu Häupten und den Stecken zu Füßen sah, ja, das muß man gerade haben zum Ruhen und zum Rennen, und alles übrige ist Plunder . . . O, ihr wollt mich nicht verstehen. Das ist mein Unglück. Immer wenn ich verstehe, wollen mich die andern nicht verstehen . . . und was kann man so allein?« seufzte Albert von Bonstetten und zog schmollend seine erdbeerfarbene Lippe in die Höhe. Er schob den Becher von sich und steckte den Zeigfinger wie in Atemnot zwischen den Hals und den steifen Kragenaufsatz. »Geht nur auch Ihr und holt Euch ein kaltes Bad dort unten,« lud er zu Simon Quicker hinüber mit einem bittern Scherzlächeln ein. »Ich bin gründlich gewaschen! aber ob ich sauber werde? Dieser Mann ist rein, und wir alle, alle sind unsauber!« Simon blickte verlegen in den Napf, löffelte in seiner Milchsuppe herum und kam sich sonderbar ungeschützt vor. Aber umsonst winkte er Heinzen, der am Ofen neben dem Klebli und dem Seppeli etwas tiefer auf einem Schemel saß und ihn ärgerlich abwies. Er habe keinen Hunger und sitze hier besser. »Euer Gnaden haben ihn also gesehen . . . gesprochen,« versuchte Quicker schüchtern. »Und gefühlt! Domine mi , gefühlt wie eine Faust vom Himmel, wie ein Schwert aus dem Evangelium. Ich sag's Euch frei heraus: mehr wegen einem absonderlichen Menschen stieg ich hinunter. Aber nun weiß ich, daß ich der Absonderliche bin. Er steht in der schönen Ordnung. Wir sind außer Rand und Band. Tu' den Plunder weg! Aber wie soll man soviel Plunder wegbringen? Heißt das nicht schier, uns selbst wegtun, da wir uns selbst ganz und gar in Plunder verwandelt haben?« »Hochwürdiger Dek . . .« »Auch Ihr, Herr Landammann, müßt daran denken. Hat er Euch etwa gelobt wegen der französischen Pension? Und du, Filippo, hat er deine Medaglia auch nur bemerkt? Paperlapa! Wo ist der Türk? wo sollen wir reislaufen ? Da, da, da!« er schlug sich mit dem weichen Handballen auf die Brust, »dienen im Herrn Jesus Christus und außer ihm ist nichts . . .! Das hat er gesagt. Mir war, die Berge krachten ein Ja dazu. O Freunde, er ist ein Wunder, ein Wunder! ich erkenn's, gottlob! Aber ihr Hartohrigen . . .« Indem er das sagte, ging es wie ein leichter Trost über ihn. Erschöpft lehnte er sich zurück und schaute zur Stubendecke empor, das kindlich schöne Doppelkinn streichelnd. Landammann Reichlin von Schwyz schüttelte ungerührt und tief mißbilligend den Kopf. »Man weiß, Dekan, Ihr erhitzet Euch schnell für etwas Neues und Merkwürdiges. Aber mit aller Achtung gesagt, das ist nicht gesünder als ein Rausch. Ich bleibe lieber nüchtern . . . Laßt, laßt mich reden . . . Auch Ihr werdet wieder nüchtern. Der Klaus dort unten ist einer, der das Leben floh. Der hat gut vom Leben reden! Wenn ich nicht im Schnee stecke, friere ich nicht an den Füßen. Wir müssen draußen in der Welt stehen. Das ist eine andere Sache. Glaubt nicht, ich mißachte den Einsiedler. Ich hab' ihm da hinterrücks einen Faden vom Ärmel gestrupft, da, seht . . . diese braune Wolle . . . 's ist gutes Geweb aus Solothurn . . . hilft vielleicht daheim gegen Gliedersucht. Ein gesegneter Mann! Wenn er vom Himmel redet, glaub' ich alles. Das ist sein Fach. Aber wenn er von der Erde predigt, von der er im Loch da unten kaum eine Runzel sieht, wenn er von Kompagnien und Sold und unsern Marchen mit euch Äbtlichen schwatzt, da ist er ein Mensch und Irrgänger gerade und mehr als wir . . . da . . . da . . .« »Und,« fuhr der Junker de Sax ungeduldig drein und klemmte den schwarzen Schnurrbartzipfel zwischen den schmalen Zeig- und Mittelfinger, »und es gibt genug kluge Leute, die tadeln, daß er nicht gut tat, von Frau und Kindern zu laufen, dem Kleinsten noch beinahe im Wickel, und sich zu . . . zu . . . zu verlochen und . . .« »Besser als zu allen Dirnen laufen und Kinder da Kinder und dort, Herr Junker,« grollte eine rumpelige Stimme vom Ofen. »Wir haben's baß gesehen, bei Herren und Knechten . . .« Der Dekan lehnte sich fröstelnd ins Eck und guckte in die Diele empor. Was jene entgegnet hatten, tat ihm halb wohl, und halb ungern hörte er nun den Spruch des Klebli. »Das ist es nicht,« widersprach der Schwyzer, »seine Buben stehen aufrecht, der Hans wird nächsthin Landammann, und der Kläusli studiert unten in Basel Humaniora. Das ist es nicht. Jeder folg' seiner Stimme! Aber er lass' die andern unbeschwert, die solche Stimme nicht hören.« »Gott redet in verschiedenen Sprachen zu uns, das ist gewiß,« lenkte von Bonstetten ein, ohne von der Zimmerdecke wegzublicken. »Und kein Mensch hat ein Ohr wie der andre.« Er erinnerte sich an den Brief des Königs von Frankreich, der ihn vor zwei Tagen beglückte und nach Paris einlud, »ans Ohr eines ganzen aufmerkenden Volkes . . .« »Nein,« sann er fort, »hier zwischen wilden Wassern und Wäldern könnt' ich nicht leben. Wie hart ist diese Bank, wie niedrig hängt die Decke, wie übel riecht es hier von Mensch und Mist! Paris hat Heilige wie die Wildnis . . . und ist Ohr und Mund der Welt . . .« »Er soll nicht einmal lesen können,« witzelte von Sax, und seine schwarzen Misoxer Augen brannten mit südlichem Feuer, »keine Aventiure, nichts von Orlando . . .« Der Dekan runzelte die Stirne. Das Lesen, da haben wir wohl den Schlüssel. Lesen heißt zu den Menschen gehen, in alle Welt eilen, nie genug Fenster auftun können für die edle Neugier der Seele, die uns vom Tier abscheidet. Aber nicht lesen können heißt noch das letzte Fenster zum Wissen zutun, den letzten Riegel vors Licht schieben und in seiner eigenen Dunkelheit erblinden . . . Dennoch, wie gescheit redete Bruderklaus! Welch eine Stimme war das: tu' weg den Plunder und lach'! Ja, das fügte er bei: und lach'! Tausend Bücher können nicht so lärmen wie dieses Wort mich anschrie. Und wie der Sprecher mich dabei durch und durchschaute. Sei es, er kann nicht Buchstaben lesen; aber mich hat er von A bis Z haarklein ausgelesen . . . Und jetzt schien dem Mönch, seine lateinischen Werklein über die Eidgenossenschaft, über das Kloster, über Sankt Meinrad, an denen er mit so unendlicher Stilmühe feilte, und die er Königen und Kaisern auf den Tisch legen wollte, all das sei erst recht Plunder. Aber gleichzeitig schob ihm der Junker Filippo de Sax das Bankkissen bequemer in den Rücken, so daß er den unebenen Wandbalken minder spürte. Eine süße Schwäche übermannte ihn. Ach nein, ich bin im Plunder geboren, ich werde wohl im Plunder sterben, ich kann nicht mehr ohne ihn sein. Wie soll ich auch? Abt Konrad jagt im Vorarlbergischen auf Hirsche, Kustos Barnabas erfindet neue Gemüse, ich wenigstens studiere gern, begeistere mich an den Psalmen, feiere die heilige Messe, grüble mich schwer ins Kirchen- und Weltgeschehen und keuche, engatmig wie ich bin, den Dienern Gottes in solche Wildnisse nach. 's ist nicht so schlimm, 's ist wahrlich nicht so schlimm. Probieren wir es so weiter. Tu' weg den Plunder! ja, sondern wir, was Plunder ist und Plunder scheint . . .! Etwas minder Politik . . . etwas mehr Bibel. Etwas minder Habsburg . . . etwas mehr Jerusalem . . . Ich wollte über König Rudolf schreiben . . . jetzt bei Gott, das ist ein Wink, jetzt schreib' ich über den Heiligen dahier . . . deutsch? . . . lateinisch? . . . Er schloß die Augen und formte im Geiste den Titel. Incipit prologus in hystoriam fratris Nicolai de Rupe heremite Underwaldensis  . . . »Der Dekan ist müd, reden wir leiser,« meinte der Schwyzer mit einem dünnen Lächeln. »Solche Bergtouren sind ihm ungewohnt.« Ratsherr Klebli am geheizten Ofen hatte ein Bein aufgestreift und wischte manchmal mit einem Lappen Öl daran. Heinz, den leicht ekelte, konnte das nicht sehen und rückte den Schemel näher ans Seppeli, das neben dem Alten auf der Ofenbank saß. Er verstand von allem Gespräch nicht drei Worte, sondern schaute von seinem niedrigen Sitz zum saubern und zufriedenen Gesicht der Jungfrau empor, fast so unruhig und doch ergeben wie ein Hund zum Herrn. Sie ließ ihm die Hand und sagte leise Ja oder Nein auf das, was er flüsterte, aber was sie im Gerede der andern nicht beachten konnte. Ihr war nicht anders als vor vier Jahren, wenn sie bei ihm saß und Geschichten hörte. Nur erzählten jetzt die Männer da. Sie merkte auf alles, und es regte sie wohltuend an. Beim Vater hörte sie nie so Neues. Der Bruderklaus hatte schon oft mit ihr gesprochen, und jetzt urteilte sie, daß jede Partei übertreibe und sich Himmel und Erde recht brav in ihm mischen; und daß er sich von links und rechts nichts dreinreden lasse, hause, wo es ihm beliebe, lebe, wie es ihm behage; das gefiel ihr besonders. Hoch reckte sie den Hals und machte unwillkürlich ein angriffiges Gesicht. Heinz jedoch dachte, daß sie wie Schnee auf ihn niederleuchte. Er erinnerte sich, wie er einst in der Mailänderschwüle zum Domgerüste emporkletterte, um jenen gewaltigen Schneeberg zu sehen, von dem man ihm erzählt hatte. So süß, so unbefleckt, aber auch so ferne, dünkte ihn, glänze jetzt ihr Gesichtlein zu ihm nieder; wie frisch gefallener Neuschnee, so rein und ach so kalt. »Ihr solltet Lattich auflegen, nicht immer Öl schmieren,« mahnte der Schwyzer den Klebli. »Lattich saugt Hitz' und Dreck aus wie kein Balsam. Mein Kuoni hatte es haargenau so überm Knie. 's rührt von einem Flamänder, nicht?« Ratsherr Klebli nickte verdrossen. »Seppi, der Junker will nochmal den Becher voll . . .« »Mach' schnell und sitz' wieder daher,« bat Heinz und zupfte sie wild am Rocksaum. »Die hatten so rostige Hacken vorne,« erklärte der Schwyzer dem Junker. »Bindet also den Lattich locker aufs Bein über Nacht, das treibt den faulen Saft heraus. Dann mittags an die Sonne mit dem Knochen, die frißt das Gift rein weg. Mein Bub konnte wieder bolzgerad laufen.« »Und mäht und ackert wieder, he?« höhnte der Invalide. »Das war dann ein richtiger Degenstich ins Genick,« bemerkte der Schwyzer, ohne den Kahlkopf zu beugen. »Und Ihr lasset Euch ölen und einfetten ganz anders als mein armes Bein und werbet und sorget für neue Krüppel. He, was meinst, Jungfer Steifhals,« schrie der Wirt zum Seppeli, »kann ich's mit meinem Hinkebein auch noch probieren, zu den Franzosen zu gehen und etwan zu sagen: da ist das rechte Bein, metzget es auch noch! Was meinst, Mädchen?« Der Schwyzer zuckte bloß mit der Achsel. Dekan Albertus lächelte leise, ohne die Augen zu öffnen. Er schlief nicht, hörte alles aus einer müden Verträumtheit heraus und pröbelte daneben immer am Exordium herum: Natus est humili genere Nicolaus cognomine de Rupe  . . . von Flüe . . . Das ist nicht Adel, dieses von, das die Bauern so leichtfertig brauchen . . . Das darf man auch bei einem Gottesfreund rügen . . . »So schau doch ein wenig zu mir, Seppeli,« tuschelte Heinz, als die Jungfer dem von Sax vorgetrunken hatte. »Gefällt dir der Tschingg so?« Sie lachte aus ihrer ganzen grauäugigen Ehrlichkeit auf ihn nieder und zerrte ihn zum Spaße am Ohr. »Das wär' wohl ein Narr;« antwortete sie mit ihrer klingenden Stimme dem Wirt, »auch noch das gesunde Bein!« »Aber exakt so närrisch habt Ihr getan, Landammann. Das gleiche Kalb habt Ihr zweimal dem Metzger gegeben.« »Toni,« warnte seine alte Schwester, die eben in den Kammern fertig geworden war und mit Seppelis Bruder, dem Hans, jetzt neben den Quicker hinsaß, der immer gebückter zuhörte. »Er wollt' es so, Ratsherr,« erwiderte der Landammann kalt. »Wie der Hans so das Hänsli,« murrte der Klebli. »Toni!« warnte die Alte mit einem stechenden Blick aus dem verrunzelten Gesicht. »Heut' tut ihm das Bein wieder sonderlich weh,« entschuldigte sie zu den Gästen, »der Föhn! Und dann jährt es sich gerade noch. So hat er eben den Kolderi .« Sie schrumpfte danach mit dem Gesicht zusammen wie alte Baumrinde, so daß man Augen und Mund geradezu suchen mußte. Ratsherr Anton Bitzi, genannt der Klebli, sah zur Wirtschafterin hinüber. Er verstand ihr Warnen. Sei doch vernünftig, hieß es. 's geht um deinen Hosensack. Ach was, ob's einem Gast gefalle oder nicht, er muß jetzt einfach den Kropf leeren: »In Kerns sind vier Familien in diesem einen Jahr verlumpt vor nichts als Reisläuferei. Und ich sitz' da schon Jahr und Tag und putz' mir den Unrat vom Gebein und heiß' drum der Klebli, und ich schlaf' nicht nachts und schaff' nichts bei Tag und schäm' mich vor Sonn' und Mond, daß ich so faulenz' wie eine Kuh, o Herregott . . . Aber ich hab' doch das Bäbi da, die Rapauzel, und Haus und Vieh und zum Leben genug. Aber Michels zum Beispiel? Die fünf Waisen im Durrerhüttli, der Leonz Gäßli und all die andern Hungerteufel . . .! In Sarnen bauen sie jetzt hinten an der Aa einen Gaden für die Siechen. Was noch stelzen kann, bettelt . . . Donnerschlag, dein Alter, Heinz, ist auch so ein Pensionenfresser, der Landammann!« Bei diesem Titel merkte der Bürgler auf. Alle schauten ihn an, aber nicht unwillig, sondern mit dem wohlwollenden Respekt, den ein so hoher Herrensohn verdient. Und Heinz fühlte die Bedeutung seines Namens angenehm mit. Er blickte mutwillig zum Seppeli auf, als wollte er auch da ein Kompliment holen. Aber es machte ein so unberührtes, gleichgültiges Gesicht, es war so überaus schön in seiner namenlosen Bauernfreiheit, daß ihm die ganze Bedeutungslosigkeit seines Ranges neben dem Mädchen klarer als je wurde und er wünschte, er könnte als ein ebenso unbekannter Bursche neben der unbekannten Jungfer sitzen. Der Schwyzer hatte indessen gegen Heinz mehrmals lächelnd auf die Stirne getupft. Da fehlt es dem Klebli, sollte das heißen. Nun wollte er sich gemächlich zur Wehr setzen. Auch von Sax nestelte hitzig am Gurt und fing an zu schreien: das sind Ehrlosigkeiten, das . . . Aber der Ratsherr war schon aufgestanden und so elend am Stecken in die Mitte der Stube gehinkt, das Gesicht grauer als sein graues Haar, daß jedes Gegenwort erlosch. Nun erst sah Simon Quicker, daß der linke Ärmel vom Ellbogen weg leer niederhing. Gerade diesen Stumpen im Ärmel erhob der Greis jetzt statt einer Hand, und näherte ihn seiner Stirne, ohne sie bei weitem zu erreichen. Dann rief er mit einem wahrhaft tödlichen Ernst: »Da, du alter Pensionär, bin ich noch ganz frisch. Aber denen, die noch immer in die Metzget gehen, fehlt es da . . . und denen, die in die Metzget schicken, auch noch da, da, da!« Und wie er nun bei diesem geschrienen da! da! linkisch aufs Herz wies, ohne es mit dem Armstumpf zu fassen, lief allen und dem nahesitzenden Simon zumeist das Grauen über den Rücken. Seppeli erschrak so sehr, daß es mit beiden Händen nach Heinzens Schultern griff. Er zog sie rasch daran herunter und fragte ungestüm: »Soll ich nicht mehr fort? soll ich hierbleiben? . . . Seppeli . . . Liebes . . . soll ich das Reisen und Kriegen . . .« »Pst, pst!« machte sie ernst . . . »der Ratsherr . . . hör' doch!« »Nichts für ungut; aber heut' ist eben Remigi,« erzählte der Ratsherr mitten in der Stube so eilig, als brenne es ihn. »Dort gegen Flandria machen sie Feiertag. Und gerad an dem Tag und um die jetzige Nachtstund' kam's. Wallonen, falsche, meineidige! Kirchvogt Omlin von Sachseln hat uns, der kleinen Stadtwach', eben den Monatsbatzen um den Marktbrunnen herum ausbezahlt. 's war so finster, daß wir das Geld nur mit Greifen abzählten . . . Ja, da kam's aus allen Gäßlein, ohne Latern' und Fackel, so daß wir nicht sahen, wer und gegen wen. In allen Fenstern erloschen plötzlich die Lichter. Und daher und von den Dächern hagelt es, und sogleich spür' ich einen Hacken im Bein. Ich tast' hinunter, zerr' aus, fall' um, schleif mich sterbensübel zur Röhre, such' Wasser, mir hangen die Arme. Um mich säbelt und brüllt man. Nichts unterscheid' ich, alles schwarz. Ich trink' . . . Da fliegen Ziegel, Steine und weiß der Teufel was in den Trog. Ich fühl' Steifes und Zappeliges um mich, Kaltes und Heißes, mir schwindelt,« immer wilder hetzte den Sprecher die Erinnerung, »ich klettre auf eine der Röhren, schwing mich zur Nische oben am Brunnenstock empor, 's ist kein Heiliger, was drinnen steht, so ein welscher Laff, ich zerr' ihn am Sockel heraus, über meinen Kopf in den Brunnen . . . hei, das klatscht und spritzt! und unterweil kriech' ich in sein Loch, steh' auf, so steif ich kann mit dem blutigen Bein, als wär' ich selbiges Bild. Ich seh' nur Dunkles unter mir auf und ab und hör' ein Verschreien und Verkeuchen, daß mir das Haar aufsteht . . . . O ihr Leut', wer das im Ohr hat, wie der Omli brüllt': Brüoder, Brüoder . . .! Und ich glaubt', er jammere zum Brüoder Niklaus da unten im Ranft, der uns so dringlich vom Feldzug abgemahnt hat . . . Aber der Kirchenvogt hielt noch den jüngern Brüoder bei sich, und der gab keine Antwort mehr. 's ist bald still geworden. Die Wallonen zündeten jetzt ihre fingergroßen Kirchenkerzen an. Dann hoben sie jede Leich' am Haar auf, zündeten ihr ins Gesicht und ließen sie wieder fallen . . . Ich sah alle meine Kameraden, neun waren es, was für Gesichter! Fast alle haben Blut ums Maul, die Zähne hangen heraus, und die Augen sind zweimal größer, und mir ist, sie glotzen zu mir herauf: da ist noch einer, der braucht's nicht besser zu haben als wir, er hat sich auch verkauft, tötet ihn . . .! Und ich hör', wie die welschen Schufte das Geld jedem aus der Tasche klopfen und auf dem Sims abzählen. Und da ruft einer, dem es in die Hosen geht, ganz deutlich aus der Ohnmacht: nehmt, nehmt, auch was mir d'Mutter ins Futter genäht hat . . . nur lasset mir die Seel', die arme Seel' . . .! Was meint ihr, was geschah? Kein Wort . . . ich hör' nur etwas ins Tuch fahren, durch und durch, dreimal wie durch einen Sack . . . und jedesmal einen Schnarch. Dann wird's still. Das ist der Remigi Reinert vom Widelerhaus, noch nicht siebzehnjährig. 's ist grad sein Namenstag. Der war ungern bei uns, wollt' immer heimdesertieren, schnarchte nachts so jung und schwer . . . O ihr Leut', da sind mir die Sinne vergangen, ich fall' steif wie ein Buchenscheit an die Wand. Heut' vor elf Jahren war's um die Stund'! . . . Wo ich erwach', ist's still. Nur drüben in den Ratstuben brennen wieder die Fenster und pokuliert man. Mir sind die Lippen vor Brand zusammengewachsen. Aber ich wag' mich nicht zur Röhre hinunter, so schön das rauscht. Da hatt' ich Zeit, dem Brüoder zu rufen. Wenn ich mit dem Leben davonkomm, gelobt' ich, so will ich von nun an immer gegen das Reislaufen reden. Bei jedem Glas, das ich verzapf', will ich bitten: Most, Wein, Branz, sauft alles, nur kein Blut . . .! Ich bet' und verschmachte schier, und zuletzt, da das Wasser unter mir so himmlisch rauscht wie unsre Melchaa daheim, setz' ich den Durst übers Leben und schlüpf' hinunter und trink' und entkomm' zum Friedhof und von dort zu den Unsrigen. Die machen rechtsum, in die meineidige Stadt, und Schuldig und Unschuldig wird zusammengemordet. Da hat's mich noch den halben Arm gekostet . . . Ja, heut' war's . . . nicht wahr, du altes Bein, du merkst es auch . . . Ich dürst' und brenn', als ständ' ich noch dort im Brunnenstock. Jungfer Geradhals, einen Topf, einen Topf Milch . . .!« Er krümmte sich auf seinen Stock nieder. Seppeli flog aus der erschütterten Stube hinaus. Zitternd hielt sie ihm dann den Napf an den Mund. Tränen schwammen ihr im Auge. Heinz half ihr den Alten zum Ofen führen. »Soll ich also auch gehen und verderben? Seppeli, um Gottes willen, so sag doch!« bat er. »Nein, nein,« bebte ihre entfärbte hübsche Lippe, »niemand soll mehr gehen . . . Bleibt doch alle da, wo wir es so schön und sicher haben . . . Lieber Gott, der arme Wideler . . . durch und durch . . . drei Stöße . . . Niemand darf mehr fort . . .« »Und unser starkes Bellenz, das den Italienern den Riegel stößt vor unser Haus?« bemerkte jetzt der Schwyzer besonnen, »und der Thurgau und überhaupt was wir sind und haben, wenn wir nur das fließende Bein putzen und jammern wollten, wo wäre das alles? Wir wären leibeigen! Wir ständen heut' nicht so in strammen freien acht Orten, wie acht Künge . . .« »In zehn jetzt, Landammann,« korrigierte der Junker, »Freiburg und Solothurn . . .« »In acht Orten und Staaten da, nicht einmal in acht Dörfern . . . und jeder gefürstete Lump schöb' uns in seinen Sack . . .« Albert von Bonstetten verzog die Lippen ein wenig. »Aber ich dächte, jetzt seien wir groß und gefürchtet genug,« wandte der Klebli müder und milder ein. »Einmal heißt es doch, den Zaun zumachen, sagt Bruderklaus. Oder wollt Ihr ans Meer mit euren Sennenkäppi, die Walfisch' melken, haha!« Der Schwyzer blickte ihn und alle in der Stube gelassen an. Sein Kahlkopf, die verwetterte Stirne, die kleinen scharfen Augen, das rasierte lange Kinn, alles verriet den Bauern, der mäht und mistet; und dennoch blitzte etwas Staatsmännisches über Dorf und Allmend weit Hinausreichendes, Unerschütterliches aus dem derben Manne. Ein römischer Konsul, träumte Albertus, der Schafe geschoren hat, die Wolle von sich schüttelt, aufs Forum geht und zum Kriege gegen Karthago rät. »Groß genug, meinst du, Ratsherr! Man ist nie groß genug, wenn noch Größere da sind,« sagte er einfach und leerte sein Krüglein Milch. »Ein famoses Wort!« lobte Albertus für sich. »Das notier' ich mir, sobald ich allein bin.« »Übrigens,« belehrte der Landammann Reichlin kühl, »worum hadern wir? Niemand muß doch gehen, jeder ist frei. Gegen Buben, sechzehnjährige, wie deinen Remigi Wideler, haben wir doch ein obrigkeitlich Verbot aufgestellt . . . Etwas anderes war es gegen den Burgunder, den Tollen. Der wollt' uns an Haus und Hals. Da mußte man! Da waren wir ja zusammen, Ratsherr Bizi, im Urbaner Wäldli vor Murten . . . Ins Flämische, das Jahr darauf, hat Euch niemand befohlen. Nicht einmal nach Nanzig hätt' einer müssen . . .« Er überlegte einen Augenblick und knüpfte dann entschlossen Kittel und Brustlatz auf. »Aber man konnte, man durfte . . . und ich sag', ein gescheiter Eidgenoß mußte dort dem Karl den Rest geben . . . Ich ging bis Nanzig . . . Da!« Er hatte das grobe, verschwitzte Hemd aufgelitzt. Von der rechten Brustwarze bis zum Hals lief eine breite, gehöckerte Narbe wie ein Strick mit vielen Knoten. »Ich schick' nicht erst andere, Ratsherr, ich gehe voraus!« Neugierig richtete der Dekan sich vor und rief bewundernd: » Spartiates es! « . . . »Ich könnt' noch anderes zeigen an der Hüfte . . . aber,« schloß er unwillig und knöpfte rasch zu, »schon das paßte sich nicht, gar nicht.« Indem war der Klebli zu ihm an den Tisch gehinkt, bot ihm die Hand und bat treuherzig: »Nichts für ungut, Kamerad. Mir brach heut' die Galle aus. Mir rauschen jene Brunnenröhren zu Rheincy noch heillos im Kopf . . . Aber geht nicht mehr! und keins von Euern Kindern! und niemand . . . Und nichts für ungut doch, wenn ich so brumme . . . kommet immer wieder, Ihr seid mir ein lieber Gast . . . ihr alle,« fügte er bei, mit einem kleinen Mißtrauen einzig den fremdartigen, einsilbigen Simon streifend; »Sommer und Winter ist hier offen, Herren . . . und 's ist schad', übermorgen kommt der neue Lombarderwein, das Faß liegt schon auf der Sust zu Alpnachstad. Von Monza herauf kommt er. Ich sag' euch, da sitzt ihr und trinkt es wie Milch, das glutig' Italia mittsdrin in unsern Bergstöcken! und ihr schaut aus den Fenstern da zum Bruderklaus hinab und werdet so zufrieden, daß ihr weiter gar nichts mehr begehrt, sicher nichts mehr als so ein Weinkrügli und den Bruderklausensegen drüber . . .« Seine Schwester Bäbi zog die hundertfurchige Rinde ihres Gesichtes auseinander, gab ihm aus zwei Runzeln hervor einen zustimmenden Blick und dachte: wenn er will, redet er besser als unser Pfarrer und Kaplan zusammen. Die Fremde hat ihm halt doch's Maul gesalbt. »Sieht man denn von da bis ins Tobel?« fragte von Sax und steckte den schwarzen Banditenkopf ins Dunkel hinaus. »Heija, da in aller Weltstiefe, wo ein Lichtlein herumtanzt, muß wohl der Ranft sein.« »Ein Licht! Ihr träumt,« sagte Seppelis Bruder. »Der Klaus schläft ohne Kerzen.« »Zwei, drei, vier!« rief von Sax, »seht selber!« »Drei,« bestätigte Simon, von einem dunklen Argwohn erfaßt, als käme ihm dort jemand zuvor und verriete ihn wohl noch gar, da seine Sach' sonst schon übel genug stand. Alles lief an die Fensterchen und sah wirklich in der Tiefe der Schlucht Laternen oder Fackeln hin und her fahren. Aber da man viele Kirchturm' hoch über dem unentwirrbaren Abgrund saß, sah das so winzig aus, wie das Flimmern der Leuchtkäferchen durch die Nacht. »Was mag es sein?« fragte der Dekan und schob sich behend, indem er die Seidenmütze aufstülpte, mit dem Kopfe zum Fensterrahmen hinaus. »Pilger, so spät? Oder ein Unglück? oder gar ein Verbrechen? Hört, hört.« Aber es wehte nur der Bergwind vom Sachslerberg stoßweise ans Haus, und aus der Tiefe toste fern und einförmig die Melchaa herauf. Unheimlich hoch gingen die Bergmassen in den Himmel. Ein Frösteln überlief den Dekan. Er schob den Fensterladen vor. Das Gleiche tat Simon Quicker. »Jetzt ist es zu kalt und naß für Wallfahrer, im Gras zu übernachten,« bedeutete der Wirt. »'s können Hirten vom Melchtal sein. Bis über den Steg und die Fluh hinauf braucht es schon Laternen. Oder Holzer . . . aber halt, jetzt stehen sie still . . . das muß bei der Klause drüben sein. Also doch zum Brüoder! Nicht einmal die Nacht lassen sie ihm . . . Aber jetzt, ich seh' nichts mehr . . . wo sind sie hin? Am End' ins Kapellchen gegangen, schlafen dort über die Bänk' wie wir im Krieg etwan . . . Aha,« er schlug sich vor den Kopf, »ich Esel, das sind ja die zwölf Römischen, eija.« »Was Römische?« fragte Albert aufmerkend. »Ein Trüpplein nach Rom . . . fast alles Sarner. Der Ludwig Durrer führt sie, der Obristenbub . . . Ja, ja, das ist's . . . Der Heilige Vater Si . . . Siri . . .« »Sixtus der Vierte,« half der Dekan, das Käpplein lüpfend. »Hat sie geworben. Zwölfe glaub' ich gibt Obwalden . . . So für den Papst,« stotterte der Ratsherr und wurde zusehends unsicher, »dürfen sie schon gehen . . . Für Sankt Peter das Schwert ziehen, nicht? Das ist doch eine andere Sache, da wird der Bruderklaus ein Auge zutun und ihnen den Segen auf die Reise geben . . . Nun, nun, meinetwegen laufen sie nach Rom und Neapel und weiter; aber meine zwei ungleichen Knochen gehen jetzt den kürzesten Weg in Stroh . . . Gute Nacht allerseits . . . Bäbi!« »Gute Nacht im Herren!« versetzte der Dekan mit lauter Kirchenstimme. »Also legen wir uns auch zur Ruhe. Wo schlaf' ich, Jungfer Bäbi?« Die Alte erhob sich groß und braun wie ein Bergbaum und streckte die dürren Finger wie Zweige aus: »Du da . . .! er dort . . .! Ihr oben . . .« Alles erhob sich und ging ohne Widerwort auseinander. Simon Quicker traf es, im kleinen, saubern Tenn zu schlafen, wo Seppelis Bruder und der Klebli übernachteten. Man hatte ihm einen guten Haufen Heu ins Eck geschüttet. Er breitete den Mantel darüber, zog das gelbe Brustkoller mit den gepufften Ärmeln aus und legte es sorglich unter den Kopf. Dann rutschte er den Beutel am Gurt näher ans Herz, schlug den Mantel über alles zu und bat die beiden Männer, die noch aufrecht auf ihren Heuschoben saßen: »Lasset die Laterne noch ein wenig neben mir brennen! ich lösch' sie dann!« Er wollte nicht eher einschlafen, bevor seine Lagergenossen schnarchten. Die Lichter im Ranft, schwante ihm, müßten irgendeine ungute Bewandtnis mit seiner Mission haben. Dazu hatte ihm das Abenteuer des Klebli, der da im Streu noch sein Bein salbte, den Kopf schwer gemacht. Jedes Widerwort des Schwyzers hätte er küssen mögen. Aber einer dumpfen Unsicherheit war er doch nicht los geworden. Ein guter Wind für seine Mission wehte hierzuland jedenfalls nicht. Nicht einmal die Söldner des Papstes schienen über jedes Bedenken erhaben. »Einen Stockösterreicher haben wir da ins Nest bekommen,« hörte er den Klebli ganz deutlich brummen. Dann tuschelten die zwei noch lange verdächtig mitsammen. »Ach, Sankt Leopold,« seufzte der Legat für sich, »jetzt bin ich nach viel Strapaze mitten unter die Grobiane dieser Wildnis und fast ans Ziel geraten. Hilf doch deinem Österreicher aus der Not. An ein paar Kapellen hab' ich dein Bild und Wappen gesehen. Denn das Land allum war einmal unser. Diese Käser und Melker haben rebelliert und es deinen Erben Stück für Stück weggeraubt. Was ich also hier hole, Gold oder Söldner, ist vom Unsrigen. Und Räuber darf man wieder ausrauben Noch nicht ganz beruhigt, fuhr er nach einem Weilchen fort: »Du weißt ja, um was es mir zu tun ist . . . nicht so sehr ums Geld, nicht einmal mehr ums Inngüetl. Aber meine arme, elende Frau hofft ein Wunder, und dazu gehört vielleicht Geld . . . das ist so eine komplizierte Sache . . . gehören vielleicht Soldaten und jenes Güetl . . . aber alles um die Frau . . .« Und indem er so weit von daheim, im fremden Gebirg und Volk, ohne einen guten Freund und Trost, an dieses ferne, zarte Wesen dachte, wurden ihm die Augen feucht. Zugleich fühlte er eine schwere Schläfrigkeit. »Wenn sie alles sähe, alles wüßte, was ich da durchmachen muß . . . o Gertrud . . . 's ist nicht so leicht, ein Wunder zu bekommen . . . Aber du mußt es haben . . . vielleicht,« er klob sich in die Lenden, um wach zu bleiben, »vielleicht nicht ein plötzliches wie aus dem Evangeli gehüpft! vielleicht nur ein langsames . . . Daheim, in einem Garten, in einer vollen Sonne, auf eigenem, freiem Boden, und muß ich's auch von der Ersparnis kaufen . . . zu Scherben alle Tintenfässer! . . . so ein langsames Wunder sicher! . . . Ich hab' auch genug für mein Teil von den Herren und ihrem gnädigen Geld geschmeckt . . . Wie die zwei Kerle da immer noch brummen. Nicht geheuer ist's. Oder murrt der Wald so hinter dem Stall? oder ein Wasser? . . . Welch ein wilder Gau ist das! . . . Sigismund sollte hier nicht betteln, sondern befehlen dürfen . . .« Und der heilige Markgraf Leopold und der unheilige Erzherzog Sigismund verschwammen in seinem schon halbträumenden Gehirn zu einer Person . . . »Wißt ihr noch immer nichts von Eurem Vetter Battist?« hörte er fragen . . . »O der, wir rechnen ihn auf dem Friedhof,« kam es zurück . . . Quicker bemühte sich, aufzuhorchen . . . . »Aber,« sagte der Alte, »besser wär's daheim vor der Kernserkirch als in einem fremden Graben . . .« Oder hie im helvetischen Heu . . . bei offenbaren Räubern, vermochte Simon hinzuzudenken, und wollte nochmals nach der Geldkatze tasten. Aber sein Arm war wie Blei. Er lallte noch etwas Unverständliches und verlor das Bewußtsein . . . Tot ist tot, entgegnete Hansens helle Stimme; das wär' mir ganz gleich, wo ich dann lieg' . . . Auch im Meer? . . . Wo du willst, was spürt meine Seele davon? . . . Aber ich hier im Stall, gerad wie deine Mutter, bei den Geißen und Kälbern . . . He, schau mal, der Österreicher schläft. Was ist ihm denn da für ein Buch aus dem Kittelfutter geschlüpft? Der hat Geheimnisse . . . Hans öffnete das Gebetbuch. Es war mit roter und schwarzer Schrift bedruckt, und dazwischen gab es kräftige Holzschnitte. Die beiden rückten die Laterne näher und besahen sich Blatt für Blatt. Da ein Fürst mit einer Kirche in der Hand. Jetzt ein Bischof mit einer Riesentraube. Nun klopft ein Einsiedler einem Abenteurer aufs Fell und zeigt in die Flußebene. Jetzt ein Mann und eine Frau, den Kopf unterm Arm . . . So was! Die Älpler staunten. Dann der von Judas geküßte Christus im Ölgarten. Judas preßte seine wulstige Lippe auf die Wange Jesu und schielte dabei zu den Ölbäumen, hinter denen die Legionäre hervorguckten. Aber auch Christus küßte, und aus seinen großen Augen tropfte eine mäßige Träne. Dennoch, er küßte. » Christe eleis ,« Christe eleison : Christus, erbarme dich unser! . . . bekannte Bitte aus der hl. Messe. seufzte der Ratsherr, da er nicht wußte, was man von solcher Liebe sagen konnte. Hans wendete das Blatt. Da, schau, schau, war die ganze Rückseite mit seiner Hand beschrieben und Satz für Satz hübsch numeriert. »Hopla,« knurrte der Invalide, »da steht was Besonderes; könnten wir nur lesen! Der da im Heu hat's geschrieben. Er hat mir gleich mißfallen. Guckt in jeden Spalt, redet fast nichts und drückt den Katzenkopf in den Kragen. Der führt nichts Sauberes im Schild . . . Es paßt wohl zum Judas hieneben. Hans, weißt du was: geh' und frag' den Heinz . . . Er schläft auf der Stubenbank.« »Sie sind ja gut Freund zusammen,« widersprach der Junge. »Ja, schön,« lachte der Klebli, »hat er doch eben noch in der Küche zwei Gütterli eingesteckt, eins mit Wein und eins mit Essig, und gedeutet, er woll' seinem Habsburger beim Klaus einen Streich spielen . . . Lauf', Bub, 's wird den Heinz selber wundern, was das Gekritzel besagt . . .« Hans fand den Bürgler böse die Stube auf und ab laufend, während das Seppeli verwundert am Fenster stand und ihm hin und her nachschaute. Sobald er sich mit dem Mädchen allein sah, war seine Leidenschaft wie ein nicht länger zu verhaltendes Gewitter losgebrochen. Er hatte sich auf das Jüngferchen geworfen, es Bräutchen und Weibchen auf Leben und Tod genannt und alla Milanese herzen und küssen wollen. Aber mit einem unvergleichlich raschen Gegenstoß hatte sie ihn abgeschüttelt, den Hals kühn gereckt und gefragt: »Jä, Heinz, was ist dir? Hast den Verstand in Mailand gelassen, he, du . . .!« »Hätt' ich nur auch das Herz noch dort,« schnaubte er und rollte die Ohren zusammen und ließ die Zähne blitzen. Aber das Seppeli stand kühl da und sah ihn fast mitleidig an. Sie ließ ihn ein Weilchen schluchzen und toben. Dann packte sie ihn fest am Ohr und sagte: »Weißt du noch, was vor vier Jahren dein Vater sagte: seine übrigen Buben hätten alle dicke, steife Ohren und können nur bauern. Aber der Jüngste, du Heirech, habest weiche, scharfe Ohren wie ein Hund, du könnest beinah noch das Denken hören im Kopfe; du dürfest dich darum nicht an ein Bauernwesen binden, du müssest in die Welt, zu den Vornehmen, und etwas Besonderes werden . . . Ja, das hat dein Vater vor uns zweien gesagt . . .,« sie gab das Ohr wieder frei. »Und mein Vater hat mir dazu noch erklärt, auf euch Bürgler sei kein Verlaß, ihr wollet zu hoch hinaus; da könne unsereiner nicht mitmachen, wir bleiben beim Käskessi . . . Sei vernünftig, Heinzel, 's ist einmal so . . .« Aber er schüttelte gewaltig sein rotes Gelock und schluckte und schnaufte und wollte sie nochmals anpacken. Da reckte sie den Hals schmal und gerade wie eine Lanze, hob das Kinn hoch und erklärte fest: »Und wenn dein Vater und mein Vater auch wollten, ich will nicht!« Ungläubig starrte er sie an. Sie lachte ihm mitten ins Gesicht und versprach, das gehe auch bei ihm vorbei wie Wind und Regen. Tausendmal besser als so ein verlorner Hitzkopf gefalle es ihr, wenn sie die alten guten Kameraden blieben, er oft komme und so schön und wichtig wie früher erzähle und sie lasse, wie sie sei. Sie habe noch nie ans Heiraten gedacht. Sie sei doch erst siebzehnjährig. Sie sehe auch den Friedli Rohrer gern, und habe an der Kilbli munter mit dem Nazi Infanger getanzt. Aber ihn, den Heinz . . . renn' er doch nicht so die Stube auf und ab . . .! habe sie noch viel lieber, so gern wie Nidel und Birnenschnitz. Aber heiraten könnte sie keinen, auch ihn nicht. Zuerst wolle sie jetzt einmal lange Zöpfe, die man fünfmal um den Gupf winden könne . . . Ach was, sie wisse nichts und kenne nichts, sie glaub', sie bleib' ihr Lebtag ledig . . . Dabei öffnete sie vor Übermut das Fenster . . . Ihr sei nur wohl, wenn man sie machen lasse, was sie wolle, da, in Kerns, überall, gerade wie einen freien Vogel. Gierig sog sie die kühle Nachtluft ein. »Aber Seppeli,« beschwor Heinz und stand vor sie hin und preßte wild und traurig ihre Handknöchel zusammen; »aber Seppeli, hast du denn einen Eiszapfen im Herzen?« Er konnte es nicht fassen, er, vor dem alle Mailänderröcke schwänzelten, leuchtete sie mit den goldflockigen Augen an und prunkte mit den vollen Lippen und strahlte mit dem wunderbaren Haar und spielte seine ganze junge, freche Schönheit wie Musik vor ihr auf, als müsse er sie damit eins, zwei, drei verzaubern und zerschmelzen. Aber sie blieb ganz ruhig und kühl. Ihre kieselgrauen Augen sagten: du dauerst mich wahrhaftig; aber was kann ich dafür? Heinz verstand diesen Blick. Er übergoß ihn wie mit Schneewasser. Dieses fischblütige Geschöpf da! Er stieß sie von sich. Schnee essen! sättigt das? Wie dumm ist doch alles mit den Mädchen . . . »Kehr dich um, da steht der Hans,« sagte Seppeli und lächelte schon wieder mit dem frühern wunschlosen Kameradengesicht. Hans Schäli spottete beide mit seinen tiefen, schelmenklugen Augen ordentlich aus. »Kinder seid ihr zwei und tut wie Große, ihr Narren! Der Heinz ist ein Gispel, ein Hurlibub, wie der April so wild und brausig. Und das Seppi! Man kann die Brunnenröhre gerade so gut küssen. Laßt, laßt, ihr Gofen,« beschwichtigte er. »Das sollst du lesen, Heirech, das hinter dem Judas. Deinem Österreicher ist es aus der Tasche geschlupft, und der Klebli meint, es steck' noch so ein Judas dahinter . . . Probier'!« Heinz nahm mechanisch das Buch und las, wo Hansens Finger hintupfte, ohne Denken und Fühlen: »Erstlich und vorab: in diplomatia nequaquam velociter! « »Was heißt das?« fragten die Geschwister. Voll Zorn und Bitterkeit schoß der Jüngling heraus: »Wenn du schwindeln willst, mach' langsam und schlau! . . . Aber ich bin kein Schwindler, Seppi. Ich hab dir alles brühwarm herausgeschüttet . . . ich kann nicht wie ein Küngel tun, du falsches Bäsi, ich bin ein Wolf oder ein Bär, meinetwegen, sag', was du willst . . .« Je gröber ihm die Wortklötze aus dem Munde kollerten, um so leichter wurde ihm. Seppeli klopfte ihm begütigend auf die Achsel »Weiter,« forschte Hans, »das da!« » Legatus numquam commoveatur!  . . . Wer betrügen will, darf kein Herz haben,« übersetzte Heinz mit gelenker Bosheit. »Aber mir war es ernst, du federleichtes . . . du . . . du . . . Du hast kein Herz, du hast mich all die Zeit betrogen.« »Was hab' ich betrogen, Heinz?« fragte das Mädchen und zeigte die kleinen Zähne, indem sie den Kopf fast hintenüber warf. Da er verwirrt die Augendeckel auf- und niederschlug, konnte sie doch nicht anders, als die ganze Geschichte spaßig finden. »Du bist mir der allerhübscheste Herr Vetter, und nichts davon und nichts dazu . . . und jetzt, bitti, bitti, Heinzel, lass' einmal die Fasnacht!« Wieder floß es ihm wie kaltes Wasser über den heißen Kopf. Ich will dir schon nicht mehr Fasnacht machen, schwor er in sich hinein, du sollst dich noch gehörig langeweilen, du Eisfratz du . . . »Lass' den Geradhals,« bat Hans, »mit dem ist nichts zu machen. Lies das mit roter Tinte! . . . der Klebli wartet.« » Donare melum non mela! . . . . den Baum verschenken; aber nicht die Äpfel . . . Ja, das paßt zu dir,« schimpfte Heinz. »Du tust, als gehörest du mir, und will ich dann erst nur einen Apfel, bekomm' ich nicht einmal einen Schnitz . . . So behalt' denn deine Galläpfel, du Geizige!« Seppeli mußte jetzt wirklich lachen. Sie verstand nichts von dem, was Heinz meinte, und ebenso wenig den Bruder, als er hinzutat: »Ja, die ist mir ein rechter Apfelbaum, knospet und bluestet. Aber Äpfel gibt's doch keine . . .« »Sakra,« keuchte es von der Türe, »was schwatzt ihr?« Der Ratsherr in Hose und Hemd schlurfte herein. »Was steht drin? kannst du's verstehen?« »Den Teufel kann ich's verstehen,« grollte Heinz, »dumme langweilige Sachen!« »Versuch' nochmals, da, das scheint nicht mehr lateinisch. Das sind unsere Buchstaben. Bei Gott, da steht mein Name Hans . . . lies das!« »Ein blöder Hans ist der Giovanni Lodovico Sforza. Er sah einmal Unterwaldnerkühe über den Domplatz gehen. Da sagte er: die vierbeinigen lass' ich am Strick holen, die zweibeinigen laufen mir von selbst nach . . .« »Das kann er nicht gesagt haben,« schrie Heinz, sein rechtes Ohr zusammenbiegend. »Das ist eine österreichische Verleumdung. Er heißt nicht einmal Giovanni . . . Die Lügner! . . .« »Sie sind alle gleich,« sagte der Ratsherr finster. »Zum Fünften,« las jetzt Heinz mit Begier, »hat der Moro dem König einen Waldbruder aus Mandelteig mit einem Sonnenschein um den Kopf nach Paris geschickt und dazu notiert:›Iß mich, nur lass' mir den Heiligenschein, den hast du ja nicht nötig . . .‹« »Saperment, ist das gesalzen,« sagte Heinz; »ihr müßt wissen, der Franzos war schon mit zwanzig Jahren vor Wüsttun kahl wie ein Rattenschwanz . . . O mi perdoni ,« hastete er aus höfischer Gewohnheit hinzu, als er Seppeli neben sich sah, und wunderte sich, daß er schon so ruhig zu ihm reden konnte, als wäre es irgendeine aus vielen. »Zum Sechsten,« fuhr er rasch fort, »ging der Herzog mit seinem Kaplan zum Lionardo, der im Refektorium der Prediger das Abendmahl malt und so faul ist, daß er jeden Monat bloß einen Apostel fertigbringt. Wer ist die? wer ist der? fragte der Moro bei jedem jungen Menschen auf der Straße. Endlich hat der Geistliche genug und belehrt scharf: »Herrlichkeit, das sind deine Kinder, vergiß es nie, sei Vater, nicht Herr! Deine Kinder im Geiste . . .!« »Noch mehr,« lachte der Herzog, »meine Kinder im Fleische . . .« Jetzt wurde es Heinzen schwül, und er blickte zum Seppeli, ob es den Unrat wohl gerochen habe. Sie aber lächelte ihn voll unwissender Unschuld an und schüttelte die kurzen, dicken Zöpfe. »Im Fleische, ha, ha, ha,« gröhlte der Klebli, »hab' ich's nicht gesagt, so treiben sie's! Wär' doch der Schnauzzipfler da, der Junker! . . . Auch den Sigismund heißen sie den Stammvater von Innsbruck . . . Hopla, du Fratz, marsch, hinaus, das ist nichts für ein Milchkind.« »Aber es ist doch ein Gebetbuch, so ein schönes mit Silberschlößchen und der Muttergottes auf dem Deckel,« entgegnete Seppeli. »Warte, verdammter Spion,« schnaubte Heinz, den Unterkiefer vorstellend, »jetzt hast du dich wüst verraten!« Mit grimmigem Eifer stürzte er sich wieder ins Gekritzel. Es kamen nun Adnotationes . Der Legat solle zuerst einen Rosenkranz mit dem Bruderklaus beten und ihm ein achatenes Kreuz schenken, dann den Vers auf dem Gulden deuten: Nil sine Ejus spiritu! Dann der Türke, verbrannte Altäre, zertretenes Kreuz, gemarterte Nonnen, Apostaten und Sigismunds Harnisch kampfbereit. Zwischenhinein immer wieder der Türke und der Moro, noch schwärzer als ein Türke, ein Kirchen-, Eid- und Seelenschänder . . . Indem das Heinz las, rief ein angeborenes ritterliches Gefühl ihn immer lauter auf, für seinen Fürsten einzustehen und ihn nicht von jemand besudeln zu lassen, der noch viel schmutziger wäre. Er wußte wohl, was man vom Moro klatschte. Aber aus diesen tückischen und grotesken Schmierereien des Quickerbuches erstand nun gerade derjenige Moro vor seinen Augen, der immer gut mit ihm gewesen war, ihn dutzendmal zu Regel und Anstand ermahnt und ihn mit einer gewissen weichen Sorgsamkeit vor dummen Streichen gewarnt hatte. Er sah plötzlich jenes finstere traurige Antlitz, mit dem er ihm das Brevet gegeben, auf die Brust geklopft und gesagt hatte: Prüfe dich durch und durch, wir haben im Kastell schon genug Zwitter und Lumpe! . . . Nichts lass' ich auf ihm sitzen, er ist ein Edelmann, schwor Heinz. Und wie er den Moro immer gerechtfertigter und glänzender werden sah, tauchten im gleichen Atem auch das Kastell, die Paläste, der Dom aus den verblaßten Farben wieder voll süßer Form und Südsonne vor ihm auf, Säle, Spiele, Samt, leise Tänze und Gitarren und zwischen Türen und Fenstern melodisch parlierende Damen und . . . eine besonders. die nicht viel redet und gen Norden schaut . . . Ich gehe zurück, beschloß er wirr und trotzig; aber nicht ins Schloß, in die Kaserne, zu meiner Kompagnie, und ich diene und tue meine Pflicht, und weiter will ich nichts . . . nicht scharmuzieren, nicht heiraten, nichts, will einfach brav sein und warten und etwa achten, ob dieser oder ein anderer Apfelbaum mir doch noch einmal Äpfel gibt . . . Weder schwärmerisch, noch grollend, sondern mit einer gewissen Hochachtung vor sich selbst betrachtete er jetzt das Seppeli, öffnete die Lippen, aber verwürgte dann den Satz: Wart nur, bald bin ich so frei wie du. Jetzt mußt du dann rufen, ich ruf' nicht mehr. Er wollte ihr noch die Hand zum Abschied geben, besann sich aber, streifte den welschen Ring vor dem verblüfften Mädchen vom Finger, schob ihn in die Tasche, und nun erst schüttelte er ihr die Rechte. »Leb' wohl, Schneejungfer,« grüßte er rot und bleich durcheinander, »gefrier' nur mit Leib und Seele hier oben ein, ich mach' dir nie mehr heiß. Soll's einmal einen Zusammenhock geben, so mußt du schreien. Ob ich's dann hören will oder nicht . . . ade, Dummes, Böses . . .« Damit stürzte er hinaus. Ratsherr Klebli und Hans schwatzten noch leise und wichtig zusammen. Zuletzt schnallte sich der Schäli die Holzböden an, nahm den Stock und lief zum Ranft hinunter, um den Bruder vor dem Schelm aus Innsbruck zu warnen. Auch der junge Bürgler komme nicht ganz sauber von Mailand herauf; aber vor allem schlimm sei der graue Schnautzli . . . Der Ratsherr aber schob das Buch, aus dem der Erzfeind mit allen Kräften stank, dem Quicker wieder unter den Kopf und spuckte auf die Finger: »Aas du, faules, wir wollen dich schon lehren, unsere gute Obwaldnerluft verpesten.« Mit grimmigen Freuden schlief er ein und durchschnarchte die Nacht ohne Traum und Beinschmerzen. Es war noch schweres Dunkel, als Simon erwachte und nichts als Rauschen und Wehen um die Hütte hörte. Eine eisige Luft zog zwischen den Balken herein. Bald nah, bald fern erklang eine Ziegenschelle. Simon fror. Er tastete hastig nach dem Beutel, wickelte sich enger ein, seufzte und spürte einen grauen Widerwillen vor dem Morgen. Er konnte nicht mehr einschlafen. Aus dem Abgrund rief der Bruderklaus: tu' den Plunder weg! Dieser Klausner wuchs gleichsam aus der Schlucht herauf und wurde immer größer, ragte über Sankt Niklausen empor und blitzte mit drohenden Augen durch Dach und Gebälke in seinen Heuwinkel hinein. Das war weder der Wald, noch das Wasser, was so furchtbar rauschte, sondern sein gewaltiger Bart. Und aus diesem Barte donnerte ein überirdischer Baß: tu' doch den Plunder weg, du Knirps, auch dein Gold, auch deinen Sigismund, auch Frau und Kind, tu' alles weg und denk' an deine Seele . . .! Ein Gruseln lief ihm über den Rücken. Schließlich weckte er den Hans Schäli neben sich und bat: »Bitte, erzählt mir etwas vom Bruderklaus, bis es dämmert.« »Vom Bruderklaus . . . Ihr . . .? was wollt Ihr?« stammelte Hans schlaftrunken, »hahaha, der Österreicher . . . laßt mich schlafen. Ihr werdet vom Bruderklaus noch genug hören . . .« Zitternd mummte sich Simon noch wärmer ein und wünschte bald den Tag, bald, daß es noch lange nicht tage. 7 Das Alpnacherschiff der Brüder Häcki, das je nach Zuspruch am Dienstag oder Mittwoch von Luzern abstieß und den faulen Bürgler vor der Stansstader Enge überholt hatte, trug wahrhaft den Pfarrer Heini Imgrund, seinen fiebernden Göttibuben Eimil Göldli, das Mareili, die alte Magd Dorothe Rohrer und einen Viehhändler Jost Zoller so eilig es konnte nach Obwalden. Als der Pfarrer beim Abschied vom Göldlihaus den Knaben gewaltsam vom Rock schütteln wollte, verdrehte dieser die Augen, verlor den Atem und glitt mit gesträubtem Haar steif wie ein Toter zur Erde, so daß Imgrund wieder in die Stube zurücktrat im Kummer, hier gelte es, einen Verscheidenden auszutrösten. Allein bald merkte der Kilchherr, daß der Junge nicht gen Himmel, sondern in den Ranft fahren wollte. Mit einem Vertrauen, das aus den großen Augen über das ganze trübe Gesichtlein des Junkers wie eine Sonne leuchtete, verschwor sich der Knabe, wenn man ihn zum Niklaus gehen lasse, werde er vor zwölf Stunden der gesündeste Luzerner sein. Es ist etwas Bergeversetzendes in solchem Glauben, dachte der Priester, und angesteckt von der seltsamen Begeisterung, nahm er es auf sich, sein Patenkind auf dem kürzern Weg über Sarnen zum Wundermann im Ranfte zu bringen. Und war es einmal so weit, so mochte auch das Mareili mitkommen, um dem Bruder den Weg zu versüßen, und die alte Dorothe für die Pflege unterwegs. In Alpnachstadt bestieg man ein Wägelchen, von Sarnen an ging es mit einem Saumpferd den Wald hinauf zum Dorni und über die Sachsler Allmend zur Fluh empor. Den vielverehrten Pfarrer von Stans kannte man wohl und grüßte ehrerbietig. Aus Respekt wagte niemand nach dem Wer und Was der Kinder zu fragen. Nicht genug konnte der Geistliche staunen, welch ein anderer Bursche der Eimil unterwegs geworden war. Nicht daß er sich aufrecht im Sattel hielt und alle Schwäche verbiß. Das konnte auch Stolz sein. Nein, gerade das Gegenteil, daß er so demütig wurde und so feierlich, je näher es dem Ranft zuging. Er verneigte sich tief vor einem langbärtigen Bergler. »Kennst du ihn denn?« fragte Mareili, das wie eine Gemse neben ihm am Bügel ging und immerfort plauderte und mit den Fingern zeigte. »Das könnte doch ein Verwandter von Ihm sein,« erklärte Eimil mit einer Stimme wie in der Kirche. »Man darf hier nicht so dumm schwatzen, Marei . . . könntest du nicht lieber ein paar Vaterunser beten?« Und der Junge selbst mit dem zerfallenen, ältlichen und häßlichen Gesicht beugte jedesmal den Kopf und bewegte leise die Lippen, wenn wieder ein Bildstöcklein von Christi Leiden und Sterben erzählte. Fühlte er die Ruhe der Berge oder berührte ihn schon der Schatten des Heiligen, den er so glühend suchte: er, der auf dem See noch gefabelt und gefiebert hatte wie ein Berauschter, atmete jetzt leichter, sein falbes Gesicht rötete sich und in seine gewaltigen Herrenaugen kam etwas von der Sanftmut und vom Frieden des obwaldnerischen Abendhimmels. Immer wieder strebte er nach der Hand des Pfarrers Götti und drückte sie an die eingesunkene Brust, um irgendwie seine Dankbarkeit zu verstehen zu geben. »Warum willst du denn eigentlich gesund werden?« fragte Imgrund, als es eine Spanne weit eben ging. »Ist das denn durchaus nötig für dich oder,« schloß er lächelnd, »für die Welt?« »Absoluti,« flüsterte der Knabe errötend. »Man kann doch auch krank Gott dienen. Du weißt, der fromme Job . . .« »Der war schon alt, und damals gab es noch keine Türken.« »O die Philister, die Ägypter, die Assyrier, die . . .« »Aber er war schon katzgrau und alt, Götti,« drängte Eimil so sanft, als bitte er um ein Ja. »Ich will dann auch gerne krank sein, wenn ich sechzigjährig bin. Doch jetzt, verstehst du, wo die Türken gegen uns kommen, kann ich doch nicht im Bett liegen. Als ein guter Göldli muß ich halt ins Feld.« »Die Türken sind noch lange nicht am Rhein . . .« »Der Kanzler von Innsbruck hat aber doch furchtbar um Soldaten gebettelt. Und weißt du, Götti, wir müssen pressieren . . . hüp, Rößli, hei, hüp!« Er zwickte das fette Pferd mit der Gerte unbarmherzig in die Weichen. »Wir müssen vor dem Österreicher zum Bruderklaus kommen. Wir geben ihm keine Soldaten, daß er mit uns großtun kann . . . Wir,« eiferte der Junker immer kurzatmiger, »wir wollen es selber ausmachen, mit eigenem Banner. Der Ludi Suter, der Mani Pfyffer, der Paul Segesser, denk', sogar der jüngere Sonnenberg, der doch hinkt und allzeit hustet, und viele andere Stadtbuben wollen mitkommen . . . Ich . . . ich kommandier' natürlich den Trupp.« Er mußte verschnaufen und sah von einer großen Seligkeit übergossen zum Mareili mit jenem Blicke hinunter, der ihr die Schleier und Geschmeide der ganzen Türkei versprochen hatte. »Ich merke wohl,« rügte der Pfarrer spaßig, »mein Göttibub will einfach soldäteln. Es ist ihm ums Reiten und Raufen zu tun. 's könnt' auch gegen Christen sein. Zufällig sind es diesmal Türken.« Eimil stutzte, und während er seine übergroßen Augen auf die nahen Gipfel heftete, die so gelb und still den abendlichen Sonnenschein trugen, sann er eine Weile nach, und die Stimme klang etwas heiser, als er gestand: »Vielleicht ist meine Bravura, Herr Götti, zu wild. Aber bedenket doch, wie der Sultan in die Sophienkirche geritten ist und das Kreuz heruntergerissen hat . . . und wohin er kommt, reißt er es von den Kirchen. Was wären . . .« er hustete tief . . . »Heraus damit,« gebot der Pfarrer, »spuck' aus!« »'s ist nichts,« erwiderte Eimil schwach, und leckte etwas Rötliches von den Lippen. »Ja, was wären unsere zwei Hoftürme, wenn er seinen Halbmond draufnagelte . . . oder auf deine Stanserkirche, Götti! Was wolltest du dann? Er macht eine Moschee daraus und . . . nichts für ungut . . . aber sicher, er hängt dich an die Dachtraufe.« »St, st!« Der Pfarrer lächelte. »Du willst mir wohl bange machen. Und wirst dabei selber todbleich . . . Geh' nur, 's ist was Ernstes und Braves. Aber geh' wie ein frommer Kreuzfahrer für unsern lieben Heiland und nicht für bludden Holder und Kolder! Übrigens,« fuhr er gemütlicher fort und zeigte auf einen tiefgebogenen Greis, der eine Ziegenherde bergab trieb und auf dem Rückengestell zwei gewaltige Käse trug, aber ohne Schwanken, immer im gleichen langen, gesatzlichen Schritt, »übrigens sind wir keine Byzantiner, so fadendünn und seidenzart! und so ein Berg wie das Stanserhorn da drüben ist ein bißchen solider gebaut als das verlotterte Konstantinopel . . . Magst nicht einen Tropfen Geißmilch?« »Gitz, Gitz, Gitz,« schäkerte Mareili ganz von Ziegen umdrängt und ließ sich die Hände lecken und lachte auf vor Kitzel. »Ihr da, lieber Mann,« bat der Pfarrer, »gäbet Ihr mir wohl ein Näpflein Milch für den Bub, 's ist ihm ein wenig blöd . . .« »Ja schon; aber die Käse, wie abstellen?« beschwerte sich der Alte . . . »O bleibt nur ruhig,« versetzte Imgrund und stülpte die Ärmel zurück, »ich melk' schon, war doch auch mal Geißbub. Wo ist die frömmste?« »Die blankweiße hinter Euch. Ich wart' ja schon . . . Aber ein Geistlicher . . . melken . . . mit so weißen Händen fürs Sakrament!« »Ich brauch' auch gar nicht Milch, Götti,« rief es hochmütig vom Pferde. »Freilich braucht so ein Türkenheld Milch, oder möchtest schon Hungariawein?« spaßte der Pfarrer. Er zog ein Holznäpflein aus dem Rucksack, setzte sich ins Gras und strich so leis und dringlich die Zitzen zwischen seinen Knöcheln, daß das Tier fröhlich gab, soviel es nur hatte. Eimil und Mareili labten sich. »Die Geiß wird sich jetzt vor Stolz gar nicht mehr von mir melken lassen,« scherzte der Käser im Davontraben. »Gesegnet Gott den lieben Kindern da!« »Was leben wir doch auf einer seltsamen Welt,« murmelte der Pfarrer. »Dieser gute Senn! Hätt' ich ihm gesagt: das sind Aristokratenkinder aus Luzern, so hätt' er euch in die Milch gespuckt. So verfeindet ist Obwalden mit eurer Stadt. Und doch sind wir Brüder! Und, Eimil, eigentlich auch die Türken sind unsere Brüder! Glaubst du, die wissen, daß sie unrecht haben?« »Was, Götti, sie wissen es nicht?« »Wer sagt es ihnen? Von Kind an hören sie das Gegenteil. Gerade wie du! Und so gibt es auch bei ihnen genug Eimils, die vor Sucht brennen, gegen die Christen zu ziehen.« Eimil rümpfte die Stirne und horchte gewaltig. »Sie meinen es so gut wie du. Wo fehlt es also? Darin, daß der Eimil von Konstantinopel und der Eimil von Luzern vergessen haben, sie seien vorher Brüder, bevor sie Feinde sein können. Ihr müßtet einander verstehen wollen, dann würdet ihr euch mit Liebe, nicht mit dem Säbel unterweisen. Und so wahr Christus gotthoch über Muhammed steht, so sicher würden wir die Türken meistern, wenn wir Christen wären. Man kann nicht anders, wenn man Christus sieht, man muß ein Christ werden. Aber so verunstaltet und versudelt sehen sie ihn in uns, daß sie vor einem solchen Christus ausspeien.« »O Götti,« wehrte Eimil schmerzlich. »Man predigt zum Beispiel in Luzern: liebet einander! . . . und wir da in Obwalden nochmals: liebet einander! . . . Und dennoch hassen sich beide christliche Völklein und würden einander am liebsten auffressen. Wenn nun die Türken solches Christentum sähen, Eimil, möchten sie es auch begehren? Im letzten Christmonat haben wir alle Glocken geläutet, weil uns der Bruderklaus vor dem Bruderkrieg bewahrt hat. Aber diese zwei Gernegroß, der Luzerner und der Obwaldner, haben sich nach der ersten Rührung wieder entzweit. Bub, lieber Bub, ich sag' dir, gegen den Türk' wird man leicht ein Held. Aber im Haß der Brüder nicht hassen, nicht mitschlagen, sondern lieben, das ist eine andere Bravura!« Der Junker hörte, staunte, erblaßte. Dieser Heini Imgrund hatte an jenem Dezembertag . . . Jedes Kind weiß es . . . den Bruderklaus nach Stans geholt, als die Eidgenossen schon die Schwerter zogen. Der Einsiedler war nicht gekommen, aber hatte ihm seine Worte auf die Zunge gelegt, und schon das war genug. Man sagte, es seien merkwürdige, brennende, gewaltige Worte gewesen. Obwohl Eimil den Götti nicht ganz verstand, dünkte ihn doch, die merkwürdige, fast beleidigende Rede des Pfarrers müsse auch von jener heiligen Zunge kommen, und der gescheite Junge, der bisher aus keinem noch so kleinen Fenster ins wirkliche Leben hinausgesehen hatte, ahnte nun, daß es noch etwas viel Größerers und Schwierigeres gebe als das, was er gen Konstantinopel vorhabe. Er erbebte beim Gedanken, daß er heute noch mit dem Bruderklaus davon reden könne. Der Aufstieg wurde steiler, man mußte das Pferd im nächsten Bauerngut einstellen. Aber schon nach kurzem konnte Eimil nicht mehr weitermarschieren. Schwindel und Schwäche entfärbten das aufgeheiterte Gesicht mit einemmal. Im nächsten Buchenwäldchen legte man ihn aufs vorjährige dichte Laub am Boden. Gleich schlief er ein. Mareili suchte Buchnüsse für den Bruderklaus. Dorothe scheuchte die Mücken vom Knaben, betete und seufzte. Der Pfarrer verrichtete seine Vesper und Komplet unterm vordersten Baum. Die Sonne fiel. Die kleine Sachslerkirche in der Tiefe hatte schon Schatten, und Imgrund plante nur noch bis zum nächsten Bauernhaus am Flüelifelsen zu gelangen. Dann konnte man am Morgen in die Schlucht hinuntersteigen. Er ließ daher den Kranken schlafen, bis es dämmerte. Entsetzlich blutlos sah der Bursche aus, und einen Geruch wie von Verbranntem und Verwesendem blies er mit jedem Schnauf aus den gesperrten Nasenlöchern. Den Pfarrer bangte vor dem Aufwecken. Aber da es nachtete, mußte er wohl oder übel den Knaben stupfen und bitten, es noch auf ein paar Schritte zu probieren. Eimil gehorchte willenlos, schleifte sich ein Weilchen vorwärts, fiel in die Knie und ließ sich noch ein Stück rücklings vom Pfarrer weitertragen. Er hielt sich mit Mühe am Halse des Imgrund fest und fragte, mit flackernden Augen die Höhen betrachtend: »Ist's noch weit, ich kann fast nicht mehr!« »Ich auch nicht,« seufzte Imgrund und legte den langen, fröstelnden Jungen sachte ins Gras. »Was tun wir?« »Hab' keine Angst, Eimil,« ermutigte das Mareili gar listig, »so ist dir schon oft gewesen, nur daß du in der Stube sitzen konntest . . .« Der Bruder zuckte beim Worte Angst unwillig. »Nein, so ist mir noch nie gewesen!« »Doch, doch, Eimil! Damals, wo du mir die Puppe geköpft hast . . . weißt nicht? und hast noch Blut . . .« »St, Dummes,« drohte Eimil. »Was Blut?« fragten der Pfarrer und Dorothe erschreckt. »Ach, Nasenbluten, wie oft . . .« Bitter zog er die Brauen zusammen und rief: »Probieren wir, ich glaub' es geht wieder.« So schleppte man sich voran und hielt alle zwanzig Schritte. Mareili weinte leise in Dorothes Schürze hinein; diese betete immer lauter die Allerheiligen-Litanei, der Pfarrer aber schwitzte und pustete und erzählte, wenn sie verschnauften, was er nur Schönes vom Bruderklaus wußte: »Als junger Hauptmann zog der Klaus gegen die Österreicher ins Thurgau hinunter und hat mannlich gefochten. Es gibt viele Obstbäume dort. Da haben die Unsrigen dem Herzog die Birnen und das Krönlein miteinander vom Ast geschüttelt. Aber da stand in grünen Wiesen ein Frauenkloster, und unser Mordiovolk, von Wein und Blut besoffen, wollte auch da schütteln und mosten. 's ist leichter, die Schliere, wenn sie grau wie das Meer hinter dem Schwändiberg hervorrumpelt, mit zwei Armen aufzufangen, als so eine unmenschliche Rotte zu bändigen. Aber der von Flüe kann's! Er spreizte sich vor das zerschmetterte Tor, und sein Zurück, sein Blick, sein Schwert blitzten, als säße der dreifaltige Gott drin. Wie wenn dir der Donnerschlag vor die Füße fährt, so war's. Kehrum und davon! . . . Wie geht's, Büebli, liebes, kannst wieder zwei Schritt gehen . . .?« »Hundert, wenn du willst . . . aber erzähle, was geschah noch?« »Doch einst,« fuhr Heini Imgrund milder fort, »viele lachen darüber, wir zwei aber nicht . . . also einmal sah der Klaus auf diesen stillen Bergmatten, die schon alle eingeschlafen sind, eine Ilge schneeweiß und schlank und hoch wie eine Pappel aus seinem Munde gen Himmel wachsen. Bravo, du lachst nicht! . . . Hör' nur: Wie er sich ganz in diese Gewaltsblume verschaut und verstaunt, trottet sein Gaul herzu und frißt ihm die Ilge rasch wie der Teufel weg . . .« »Saperlott!« »Unser Bruder erwacht vom Gesicht und denkt: aha, dieses Roß hab' ich einst in den Krieg gespornt, und wie es schnob und dampfte und wieherte, so noch viel mehr meine ehrsüchtige Seel'. Und hätte ihr doch der Friede so wohl getan, und schrie und stieg doch aus der Tiefe herauf eine Sehnsucht nach Höherem als diesem verrückten Lorbeerblättlein im Staub und . . .« »Steh' ab . . . verschnaufen . . . etwas anderes,« gebot der Junge. »Geh' nur voraus, Marei, mit der Magd. Das ist für mich allein.« Der Pfarrer flitzte sich den Schweiß mit dem Zeigfinger von der Stirne und sah düster ins dunkle Tal, aus dem sich der See etwas heller abhob. Träge und stumm lag das Wasser dort zwischen den Abhängen, von vielen Sternen wie vom Echo des Himmels, des niemals müden und niemals rastenden Himmels bespöttelt. Ein leiser Wind ging durch die Stauden, und eine eigentümliche Unruhe wie von Föhn und einem heimlichen Widerstreben der Natur, die nicht herbsten, nicht sterben, nicht in Nacht versinken wollte, atmete durch die einsame Landschaft. Manchmal hörte man einen Wisch Blätter von den abgeheimsten Birnbäumen rascheln. Lautlos versanken sie im feuchten Gras. »Soll ich dir erzählen, wie er einmal ins Sinnen geriet und plötzlich vor einem Palasttor stand? Unter den Marmorstaffeln rann eine Quelle hervor aus Honig, Öl und Wein, unvermischt wie drei Seelen nebeneinander. Und seine Musik klingt drinnen, und eine Stimme lockt: wer Durst hat, schöpfe doch! Niklaus trinkt und fühlt eine Wonne und einen Aufschwung wie eine Lerche, wenn sie Sonne getrunken. Warum, denkt er, kommt doch niemand hier trinken? Er geht vors Dorf und sieht da ein Schaffen und Schuften mit Schaufel und Hammer und Mundorgel und frisch geschliffenen Säbeln; aber auch ein Müdewerden und Runzelnbekommen und Verschmachten . . . und doch wollen sie nicht zur Quelle . . .« Jetzt unterbricht Eimil scheltend: »Warum immer solche Sachen . . . lieber Götti . . . vom Teufel erzähl', wie er ihn . . .« »Ja,« lachte Imgrund gezwungen, »das war ein Hosenlupf! Man sagt, es habe gekracht bis nach Sarnen hinunter, und viele schauten zum Berg, ob denn eine Ribi komme. Der Satan hat Knochen wie das Stanserhorn. Aber der Klaus packt ganz sachte an, schiebt näher und näher, drückt, pufft, stößt und plötzlich eine Faust, ein Schlag, bumm, bumm, und die schwefelgelbe Majestät rasselt zu Boden wie fauler Schiefer . . . tschä, tschä, tschä . . .« »Tschä, tschä,« jubelte Eimil sich vergessend, »da hat er's einmal . . . Gehen wir weiter . . .« Er lachte, versuchte zwei Schritte, hustete, wischte rasch etwas vom Munde, strauchelte und fiel dem Pfarrer in die Arme. »Es geht nicht mehr,« hauchte er, »Götti, ich muß abliegen.« Pfarrer Imgrund trug den langen Burschen, der wie ein Tuch an ihm herunterhing, zu einem kleinen offenen Holzgaden, unter dessen Vordach Streue lag. Hier legte er ihn nieder. Ein dünner Faden Blut klebte dem Knaben übers Kinn hinunter. Er hatte nicht mehr die Macht gehabt, ihn abzuwischen, schloß die Augen und schimpfte nur heiser: »Ach, wie dumm ist das : . .!« Es war völlig Nacht geworden und Dorothe zündete ihre Handlaterne an. Weder sie, noch der Pfarrer getrauten sich von Eimil wegzugehen, und doch sollte man eilig den Bruderklaus holen. Da erscholl unweit Hundegebell. Mareili, das Wange an Wange neben dem Bruder lag und ihm die kalten Finger küßte, dieses witzige Mareili schoß auf, stand hinaus und ahmte wundervoll das Gebell eines antwortenden kleinen Hundes nach. Sogleich galoppierte der wirkliche Feldhund näher und spreizte sich mit wütendem Gekläff vor die verdächtige Gruppe, bis endlich ein junger, raufbärtiger Mann nachrückte, mit Drahtschlinge und Gurtmesser, wie man sie beim Marderfang braucht. »Gott sei Dank, das ist Hilfe!« rief Imgrund. »Junger Freund, geht sogleich mit der Dorothe und dem Kind da zum Bruder, er solle flugs herabkommen, der Heini Imgrund bitte. Ein elendes Büblein wolle zu ihm und sei hier stecken geblieben. Es brauche ihn wie Luft und Licht. Rasch, rasch! . . . Und du, Mareili, küss' ihm die Hand und sag', dein Bruder schrei' nach ihm mit aller Seele. Er müsse kommen . . .« »Wer sind denn die?« fragte der Jäger mißtrauisch . . . »etwa Katzenstrecker ? Der Zunge nach . . .« »Ist das jetzt die Frage, du heller Christ?« brauste Imgrund auf. Er stand hoch und streng vor den Kerl hin, und seinen schwarzen Rock auseinanderschüttelnd wie ein Gewitter, donnerte er immer strenger: »Ja, Luzernerkinder, daß du es nur weißt! Und nun rechtsum und den Klaus geholt für den Junker Göldli, hurtig! . . . Und wenn du einmal vor dem ewigen Richter stehst, so bleich und steif wie der da, so zeig' deinen Obwaldner Kittel, du Affe, und probier', ob das genug ist für den Himmel, diese Dorfgerechtigkeit: Schau, Herrgott, ich bin ein Sachsler! . . . Probier!« So wuchtig schleuderte er das dem Jüngling in den Bart, daß dieser rücklings zurückwich und der Frau und dem Mädchen mit der Laterne stumm winkte mitzukommen. In der Klemme zwischen dem gewaltigen Pfarrer, der ihm gleich das Jüngste Gericht auf den Buckel schmiß, und zwischen dem noch Gewaltigeren im Ranft, von dem männiglich wußte, daß er auf keine Standes- und Landesfarben, sondern nur auf das Schwarz und Weiß des Gewissens sah, wagte der Jäger lange Zeit nicht einmal den Mund zu öffnen. Schließlich aber, da er der Dorothe und dem ihm am Arm hängenden Kind mehrmals hatte über eine Holperigkeit weghelfen müssen, ermunterte er sich doch und wagte die kleine Bosheit: wozu sie denn in Feindesland betteln kämen? sie, die Bauernverächter und Bauernquäler, bei Obwaldnern betteln! Ob Luzernermilch so fad sei, daß sie noch die Obwaldnerkuh melken wollen . . .? Dieser Witz machte ihn frecher. »He, ihr Bettelleut' . . .?« »Was singst?« fragte Mareili, sich mit dem Kopf vertraulich an seinem Ellbogen reibend. »Schau, wie mir der Hund schon flattiert . . . Nur nicht so wild, Bläßli . . . Er heißt doch Bläßli, hä?« »Dax!« belehrte der Jäger. Der Duft des süßen Kindes stieg in seine grobe Nase und nahm auf unerklärliche Weise auch seine grobe und schon lange verwaiste Seele gefangen. »Nein, Bläßli muß er heißen, nicht anders. Alle heißen Bläßli, die mir gefallen . . . Aber was singst du?« fragte es nochmals. Die seltsamen Töne der hiesigen Mundart reizten das Kind trotz Angst und Nacht zum Lachen. Sagte er doch Buir für Bauer und Brioder Klais für Bruderklaus und hob und senkte die Stimme wie beim Jodeln. »So heiß' er meinethalb Bläßli,« gab dieser zu; »dummes Gof, und wie kauderwelschest du erst!« Dankbar streichelte Mareili ihm den aufgekrempelten borstigen Arm bis zum Ellbogen. »Aber so sagt,« plagte er sanfter, »seid ihr nicht arme Katzenstrecker?« »Du Lappi du!« platzte jetzt Dorothe auf gut Obwaldnerisch heraus, »schwatz doch nicht so blödes Zeug mit einer Sachslerin. Bin ich etwa nicht eine Rohrer von der Furre wie du ein Omli vom Baschischütz bist?« Der Jäger stand bockstill vor Verblüffung. »Sind wir zwei etwa Herrenleut'? Amtsleut'? Was geht uns an, was die ordnen und unordnen. Lass' sie kochen und auslöffeln. Wir zwei wollen lieber im Frieden zum Ranft gehen und ein Leben retten. Das ist obwaldnerisch und luzernerisch . . . Was stehst du still, hop!« Der Bursche brummte etwas Unverständliches. »Übrigens war ich bei deines Vaters Taufe Schlottergotte und hab' ihm ein Pulverhorn voll kleiner welscher Rüebli geschenkt, wie man sie damals aus der Lombardei gebracht hat. Ich wollte, weil ihr alle so arge und verschriene Wildleute seid, daß niemand zur Taufe mit euch mochte, warnen: das ist dein Pulver, werd' ein sanfter Jakob, kein unholder Esau! . . . Man hat lange davon geredet. Aber die Rüebli hatten keine Kraft. Das Tiertöten sitzt euch im Blut . . . Nun, jetzt hilf' dafür ein Menschenleben erhalten.« Unvermerkt war nun auch sie stillegestanden und hatte, um voller zu atmen, die Hände in die Hüften gestemmt und sah ihn schwatzhaft und mit den Lippen kauend an. Mareili ahmte einen Augenblick ihre famose Stellung nach und kicherte zum Omli empor. Dann aber schrie es heftig: »Weiter, weiter, der Eimil,« und das runde Gesicht wollte vom Lachen ins Weinen fallen. »Wir müssen laufen, gewiß schläft der Bruderklaus schon . . . Darf ich ihn am Bart zupfen, leis, leis: Doktor Bruderklaus, steh' auf und mach' mir den Bruder gesund! Nein, ich sag' Brioder wie du: mach' mir den Brioder gesund!« »Er hilft schon, Schatzli du,« tröstete der Omli. »Schwatz nur, wie dir der Schnabel gewachsen ist.« Die Alte hielt nur mühsam Schritt, aber mußte weiter belfern: »Jägert in Gottes Namen! Aber auf Kinder jägern, du blauer Herrgottshimmel, auf kleine unschuldige Kinderchen, zart wie Kaninchen, hoi, Omlibaschischütz, das gibt keinen Kranz. Das schmeckt nicht nach Tell!« »Verdammte alte Drucke ,« dachte der Jäger und mahnte doch so ungrob er konnte: »Da passet auf, es kommt ein Tritt . . . links . . . so!« Sie fragte ihn über ihre Vettern und Basen aus, seufzte dann wieder und trieb zur Eile. Der struppige Führer wurde immer stiller und bedrückter. Endlich sagte er stockend: »Seht das Licht dort, da wohnt die alte Frau des Bruderklaus mit dem zweitjüngsten Buben. Geht jetzt und klopfet nur ans Fenster, wie es der Klaus auch immer macht, wenn er vorbeigeht . . .« »Wie? was tut er dann? . . . und sie?« fragte Dorothe neugierig. »Das weiß man auswendig im ganzen Land, wie er ernst grüßt und frägt: Schwester mein, steht alles gut? . . . Sie beuge den Kopf wie vor einem Engel und sage ganz froh: Ja, Bruder und Gemahl im Herrn, wir haben deinetwegen Segen bis unters Dach . . . 's ist ja wahr,« bemerkte der Omli dazu, »sie sind mordioreich . . .« »Und?« trieb die Magd an. »Und etwan sagt sie, der Kläusli studiere gut in Basel, und die gescheckte Kuh habe vorgestern gekalbert, ein prächtiges Junges, und mit Dörrobst seien noch die vier obern Schnitztröge gefüllt. Aber dem Ältesten, dem Venner, müss' er einmal sagen, daß er die Schillinge nicht so oft zähle. Sie kleben ihm an der Hand . . . Und sonst, das hat man oft gehört, und sonst, sagt sie, brauch' ich nichts, lieber Kläusi, als deinen Segen. Er macht ihr das Kreuz auf die Stirne, und sie, so erzählt sie selbst, denke dann allemal: das war mein Mann, im gleichen Haus und Bett einmal, und wird wieder mein Mann im Himmelreich sein, in einer Seele sozusagen. Jetzt aber, wo ich ihn so gnädig lange für mich und die Meinigen genossen, wollte ihn der Herrgott für sich und sein ganzes Land haben. Und so, heißt es landauf und ab, putzt sie ihm noch die Flecken von der Kutte und säumt ihm einen Zottel am Ärmel ein und fragt dann mit halber Angst: »Brauchst denn gar nichts von uns? Einen Laubsack jetzt, wo's kaltet, und wollene Socken?« Dann aber lächele er und sage: Du kleines Vertrauen! Was soll ich kalt haben bei Gott . . .? Aber einen Stoß Schafwolle in die Schuh'? bittet sie. Doch er läuft schon weg und spaßt: ich glaub', du würdest noch im Himmel dem Christkind wollene Strümpfe stricken, wenn's da unten schneit, oder einen Holdertee kochen, wenn's einmal zum Zeitvertreib husten wollt'. O ihr Röcke, ihr Röcke voll Falten und Sorgen . . .« »Hm, hm,« brummte Dorothe nicht ganz befriedigt. »Das erzählt man auswendig in allen Dörfern; aber ich wollt' vorhin sagen: geht hinüber und klopft ans Fenster und nehmt ihren Sohn mit in den Ranft . . . Ich warte hier unter dem Nußbaum.« »Hopla, das wär' mir jetzt lustig. Fürchtest du dich gar?« »So halb und halb.« »Warum denn?« »Eben das verflixte Jägern.« »Narretei! Vorwärts, Omlibaschi!« »Kein Spaß . . . wisset,« erzählte der Jäger ungern und doch wie zur Beichte getrieben, »'s war voriges Jahr ein Bär in der Gegend ruchbar. Der Klaus natürlich ängstigte sich nicht und hielt sein Zell' immer offen. Aber die Obrigkeit forcht' für ihn und tat so, als ob man nur wegen dem lieben Vieh hier herum nachts Jagd und Hut stelle . . . Nun ja, da ging halt mancher bei der Gelegenheit und jagte auch anderes Wild. Nämlich soweit der Klaus es merken kann, wird sonst nie gejagt um den Ranft herum. Er hat die Tiere lieb. Das merken sie und nisten gern um seine Kutte herum. Und so bin ich mal auch auf sotane Bärenjagd gegangen und hab' eine Rehgeiß getötet, fast vorm Kapellchen. Sie lief und lief mit dem Spieß in der Huft, und ich ihr nach. Mir brannten die Füß'. Sie purzelt über, ich knie aufs Tier und stoß' das Messer da in den Hals. Aber ich glaub', mir war schlimmer als dem Reh, sowie mich jemand hinten am eigenen Hals faßt und Bruderklaus dasteht wie ein Baum und mit seiner Stimm', Herrgott welch eine tiefe Stimm'! . . . also da sagt er: So . . . o . . . o! Und eine tragende!« »Verklag' mich nicht, sonst büßen sie mich scharf,« bitt' ich . . . »Sie? wer sie . . .? Eine tragende . . .!« Immer das sagt er. Ich verstand nicht, was er noch dazu gepredigt hat vom Leben, wo's herkomm' und verfließ'. Aber er tat, als hätt' ich einen Menschen getötet oder gar ein ganzes Volk ausgerottet. Und fast hab' ich's auch geglaubt. Ich floh. Battist, rief er nach, heirat' nicht, dir würden keine Kinder reif . . . so was, denkt! Und in meiner Dummheit lief ich ins Haus hier und bot der Frau den Braten und meinte, das sühne. Ich Esel! Sie stand am Herd, kehrte sich um, wurde rot wie ein Hahn und zeigte mit der Hand zur Türe hinaus . . . Nein, dahin geh' ich nicht mehr. Immer seh' ich den Finger . . . weg . . . weg!« Er, eine verwilderte Waise, der außer dem Dorf fast wie ein Zigeuner hauste, hatte seit vielen Jahren nie mehr ein Kind berührt. Der warme, süße Duft des Mägdleins in seinem Arm erfüllte ihn mit einer grenzenlosen Weichheit. Er begriff es selbst nicht, wieso er, der tagelang kein Wort sprach, da seine Untat erzählte. Aber es war etwas weich in ihm geworden und sprudelte und wollte einfach hinaus. Und erst jetzt, beim Erzählen, spürte er etwas Unklares, Schreckliches im Worte Niklausens: eine Tragende! heirat' nicht, dir würden keine Kinder reif! . . . Er drückte das Mareili gewaltig an sich und fühlte ein Würgen in der Kehle, als sollte er schreien. »Warum auch,« trotzte er gegen Dorothe, »habt Ihr meinem Vater ein Pulverhorn geschenkt. Konntet Ihr die Rüebli nicht in einem Körbchen spendieren? Ein Pulverhorn, das war dumm . . . Dort steht jemand am Fenster, geht jetzt . . . geht.« Er gab dem Kind einen kleinen Schupf, schlich unter den Nußbaum und beobachtete scharf, wie die Zwei am Fenster grüßten, die Greisinnen sich rasch erkannten und die von Flüe ein paar ruhige Worte in die Stube hinein sprach. Gleich schritt ein lang gelockter Jüngling mit einer Laterne und einem schelmischen Lächeln zur Türe heraus, nahm das Mareili am Arm und ging voraus zum Ranfttobel hinunter, wo nichts als Nacht und Wassergetöse regierte. Widerwillig und doch mit einem inneren Müssen folgte ihnen der Omlibaschi von weitem und verwünschte den Bruderklausenbub, der das Kind in den Armen halten durfte. 8 Inzwischen zählte Pfarrer Imgrund zum weiß Gott wievieltenmal die Pulsschläge Eimils an den Schläfen und hoffte, bevor das Hundert voll sei, müsse endlich Hilfe kommen. Dann wischte er ihm das Blut ab, das wieder und wieder in kleinen dunklen Flecken zwischen den Lippen durchsickerte. Darob öffnete der Bub groß die Augen, schauderte zusammen und bat mit einer heißen Inbrunst der Blicke: hilf, hilf doch! »Hast du schon oft so geblutet? Ich wußte das ja gar nicht . . . Rede nicht! Gib nur ein Zeichen.« Eimil nickte ergeben. »Hast du's denn immer verheimlichen können?« Wieder nickte der Junge. Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. »Warum auch?« tadelte Imgrund betrübt. Darauf lispelte Eimil etwas von Helden, die ihre Wunden verbergen, und von der Angst der Mutter. Nasenbluten machte er ihr weis. Imgrund schüttelte den Kopf über solchen Wirrwarr von Edelmut und Torheit. »Wie soll ich also den Bruderklaus anreden?« fragte Eimil leise: »Großer Held Gottes etwa . . . oder Pater Patriä?« Er erquickte sich einen Moment bei den großen Worten. »Sag' ihm einfach: Bruder, hilf dem Brüderlein!« Eimil nickte demütig und fragte: »Wie redest du mit ihm . . .? Als du zu ihm sprangst von der Tagsatzung . . . wie hast . . . o erzähl' das . . . 's tut so wohl . . .« »'s war viel Schnee und dunkel,« begann Imgrund, leuchtend von der großen Erinnerung, und kniete neben den Knaben und nahm ihn an beiden Händen. »In Sankt Niklausen mußt' ich das Hemd wechseln, so troff ich von Schweiß. Dort warnten sie mich, ins Tobel zu steigen. Die Ränfte seien vereist. Aber ich hatte keine Zeit zum Umweg, klemmte die Fußeisen an die Schuhe und kletterte hinab. Du weißt, es war grad vor Weihnacht, und ich dachte, sollt' es auch finster werden, o, irgendein Stern wie der von Bethlehem wird mich gewiß zur Zelle führen. Es ist doch für das gleiche Et in terra pax hominibus . Und so schloff und rutscht' ich eben hinunter, sprang übers Wasser und zum Klaus hinauf. Und als ich in die Zelle kam ohn' Sprach und Atem, da saß er unter dem Leiterchen an einem verlöschenden Feuer und sagte: sitz ab und sammle dich, Freund Heinrich. Was hetzest wie ein Hund? Wähnst denn Gottes Lieb' und Schnelligkeit noch zu überlaufen, kleines Vertrauen du! Glaubst, es häng' an deiner Sohle ganz allein das Vaterland, Krieg und Frieden? . . . Ich fiel zusammen. Denn wahrhaft, Büebli . . . aber wie ist dir? was schaust so groß? Was horchst denn . . .?« Eimil Göldli machte ein ungeduldiges Zeichen, doch weiter zu fahren. »Jawohl, ich hatte mich unterwegs so wichtig gedeucht, als ob gerade ich, Heini Imgrund, mit meinem schnellen Laufen das Land vom Bruderkrieg retten müsse . . .« Eimil hörte gierig zu. Aber es war klar, daß er daneben noch etwas anderes zu hören schien, vom Berge her. »Dann tätschelte er mich wie ein Kind auf die Backe; denn er will nie weh tun, auch beim gesalzensten Spruch nicht. Ich mußte erzählen, wie die Tagherren auf eins wieder bitter gegeneinander wurden, wie Städt' und Länder mit jedem Wort sich gehässiger anschnauzten, wie man sich schon laut und lauter das Wort Krieg ins Gesicht spuckte und es zum Ärgernis meiner lieben Stanser aus dem Ratsaal auf die Gasse hinaustönte wie von einem Konzil Toller und Voller. Schon wollten die Schwyzer und Zürcher zur Tür hinaus, da bat ich sie um einen barmherzigen Aufschub, um Euch zu rufen. Euch! . . . Und ich faßte ihn an beiden Ellbogen, als hielt' ich den Herrgott selber fest.« Eimil lächelte blaß, zitterte leis mit den Ohren wie von jenem fernen Geräusch und flüsterte: »Und Er?« »Er sah zu den verkohlenden Scheitern in der Grube und sagte gelassen: schau, Hitziger, da ist schon fast alles Asche und hat noch eben bis zur Decke gespritzt – Eimil, im selben Augenblick wußte ich, daß auch der Brand im Vaterländischen in diesem Nu gelöscht werde. Ich hatte vor, seine Ellbogen nicht mehr loszulassen, ohne Bruderklaus gar nicht nach Stans zurückzukehren. Die Tagherren, die kleinlichen, sollten ihn sehen, barfuß und barhaupt, von der Kutte geschüttelt alles Niedrige, Ewigkeit aus den Augen streuend . . .« »O wie schön!« lispelte der Knabe. »Und sie sollten seine Stimme hören, von der man meint, sie komme von der Sonne herunter, so erhaben tönt sie. Jetzt aber wußte ich, daß er nicht einmal mitkommen muß. Was sag' ich den Herren? bat ich getrost und gab seine Arme frei. Da sagt er mir die Worte. Weiß ich sie noch? Ich lief wie ein Pfeil heim, damit ich nichts vergesse und alles warm und frisch, wie's der Heilige gab, ins Rathaus bringe. Mir war, ich trage einen Blitz durch die Winternacht. Sicher hab' ich's nur matt und lau den Ratsherren übermeldet. Aber auch so noch war's mehr als genug. Sie fühlten, da sprach etwas, mit dem sich so wenig spaßen ließ als mit dem Tod, und was so klar und sicher war wie der Morgen. Die Herren sahen sich an und erschraken, daß sie so klein und übel waren, sie begannen mit Entschuldigen, baten sich alles Vorherige ab, umarmten sich zuletzt, und der Reding biß sich in den Bart, wie er immer tut, wenn ihn was erschüttert und er's nicht zeigen mag. Und jeder rief: ich geb' nach für Obwalden, ich für Bern, ich für Glaris! und man küßte mir die Hände, weil die Bruderklausenhand drin gelegen. O Eimil, das war eine heilige Stunde, du . . . aber wie ist dir? was siehst du dort hinauf? erblickst du was?« »Horch!« gebot Eimil. Imgrund hörte ein fernes Singen und dazwischen ein paar Trommelschläge. Es mußte ein Trüppchen Soldaten sein, die von Sachseln her die Hügel herauf stiegen. Aber Eimil schien nicht das, sondern etwas ganz anderes zu vernehmen. »Er kommt,« flüsterte er mit einem wirren, süßängstlichen Lächeln und strich sich, was er bisher nie getan hatte, die dicken Haare aus der Stirne, die immer wieder zurückfielen. »Hörst du, das ist sein Schritt . . . Aber wenn er mich sieht, so einen Bub, so was Kleines . . .« »Und schlag ich nit, so schlagest du, Drum hau und stech ich selber zu, 's lebt keiner für den andern. Juhui! trumm, trumm!« scholl es von einer Hügelhöhe keck durch die Nacht. »Welch dummes Gefasel,« sagte der Pfarrer und schlug mit der Hand das ferne Echo wie eine Mücke vom Ohr weg . . . »Doch was sagtest du: so was Kleines? Ihm ist nichts zu klein.« »Du hast ihn fürs Vaterland geholt . . . da glaub' ich schon, daß er hilft . . . Aber ich . . . Er wird glauben, ein König oder ein Bischof liege da . . . O du, was haben wir gemacht . . . Götti, Götti, wie unwichtig bin ich! . . . Werd' ich nicht kleiner gerade jetzt? . . . schau, schau, ich spür's doch . . . halt mich . . . siehst mich noch?« »Göttibub Eimil, red' nicht so! Du träumst halb . . . Lass' das Haar . . . 's ist gut so . . . Eine Ameise ist ihm mächtig genug. Wie käm' er sonst? Wahrhaftig, ich hör' ihn auch . . . Jetzt nur noch einen Augenblick tapfer sein . . .« »Ich bin mein eigner Thron und Turm, Mein eigner Sturz und Totenwurm, 's stirbt keiner für den andern, Juhui . . . trumm, trumm!« . . . »Welch ein Leichtsinn,« antwortete Imgrund in die Stille hinaus. »Sicher sind es Söldner und wollen auch zum Klaus. Mit solchem Gesinge . . .! Aber, was machst denn mit dem Haar?« »Es wächst und wächst und macht dunkel . . . hast keine Schere . . . ich seh' mich ja nicht mehr . . . Götti, wo bist? . . . Pst, Schritte . . . Jetzt, jetzt . . . wie schnell er kommt . . . Ich fürcht' mich fast . . . Götti, fass' mich um . . . mehr . . . ganz eng . . . an . . . so!« Wieder rieselte Blut aus den Mundwinkeln. Der elende Körper bebte. »Halt dich fest, Knab Gottes,« bat der Pfarrer, »mußt doch ein Held werden, fürchten nit Türk', nit . . .« »Ach,« stöhnte der Junge tonlos. »Und wenn nun nicht der Türk', sondern der Tod mit dir kämpfen wollte, der zehnmal stärker ist als Sultan Muhammed, wagst du's? zitterst nicht? 's ist mehr als Winkelried . . .« Der Knabe nickte und preßte die Zähne zusammen. »Das hab' ich gewußt, bravo . . . Aber bist auch rein genug,« fragte der Pfarrer heftig und von der schauerlichen Größe dieser Minute hingerissen, »hast den Schmutz der Erde weg? . . . Glänzt dein Schwert blank? . . . Du lächelst, nickst, verstehst . . .« »Was sagst . . . was tun?« lallte der Junge. Er sah, wie sein Götti über ihm betete, ein herrliches Kreuz schlug, ihm zulächelte. Und zugleich hörte er ein Tosen, wie von einem ihm zuwogenden, unendlichen Meer. Und durch dieses ungeheure Geräusch klangen Schritte, rief man seinen Namen. Er kommt, Er ist da, Er, Er! Eimil wollte sich aufrichten, entgegenrufen . . . Wie nur hat der Götti gesagt? . . . Bruder hilf dem Brüderlein . . . Er streckt den Arm. Da schießt ein letzter Guß aus Mund und Nase, der lange Hals krümmt sich hintenüber, und mit dem Gesicht zum Nachthimmel erlöschen seine Augensterne. Aber es ist, als brennen dafür die Sterne dort oben wie von neuem Öl aufgefrischt. Während Heini Imgrund der Leiche die Hände faltete und die Augendeckel schloß und ein hurtiges Totengebet der jungen Falkenseele nachsandte, damit es womöglich sie noch auf der Reise überhole und dem Wäger und Weiser allen Lebens gnädigst anempfehle, waren wirklich jene Schritte im Ohr des Sterbenden durch das Gras bis zum Gaden herangekommen und standen nun plötzlich wie erstarrt vor dem Toten still. Dann aber entfuhr Dorotheen ein wildes, heiseres: »Tot?« Sie kauerte sich ins Gras und kratzte wie eine Henne am Boden und schrie und überschluckte sich: »Ist es das, o Himmel, ist es das . . .?« Aber der Omlibaschi winkte böse: »Pst! seid doch ruhig.« Denn das Mareili schlief auf seinen Armen und sein flinkes Schnäufchen wärmte ihm den Hals und liebkoste seine plumpe Seele, daß sie immer süßer auftaute und alles Liebe ersann, um das unschuldige Geschöpf nicht zu wecken. Er setzte sich neben die Leiche, leuchtete ihr ins Gesicht und brummte: »Das ist schnell gegangen. Wie er aufschwillt vom Brand! . . . Was nützt Euer Geschrei? Bindet ihm lieber das Kinn ein . . .« Mit dem gleichen kühlen Auge, mit dem er das noch halbwarme Wild jeweilen musterte, bevor er ihm die Füße zusammenband, betrachtete er die Leiche; »sonst grinst er uns morgen elend an.« »Warum ist Er denn nicht gekommen?« fragte Imgrund trübe. »O, o,« flennte Dorothe. »Das ist nicht recht . . . Mag er heilig sein über alle Cherubim, ich sag's ihm doch ins Gesicht: das ist nicht recht. Nein, nein, nein!« »Was sprach er denn?« wiederholte Imgrund. »Sagte er wirklich nein, ich komme nicht?« Nun erzählte Battist Omli, wie der Sohn Josef sie begleitet und den Bruderklaus geweckt habe. Sogleich trat der Einsiedler vor die Zelle und hörte der Dorothe ruhig zu. Dann fing das Mareili an in die Händchen zu klatschen und auf die Zehen zu stehen und seine Finger zu küssen und zu bitten: Komm schnell, der Eimil kann nicht warten . . . er kann nicht warten . . . Der Bruder habe schwer geseufzt: ihr Armen, ihr könnt nie warten. Gott wird euch schon warten lehren . . . So ungefähr! Dann machte er ein Kreuz über das Mareili und sprach: »Es ist ganz abgängig, daß ich schwacher Knecht komme. Ein Stärkerer hat euch schon geholfen. Gehet und sehet selber, ob er nicht der gesündeste Luzerner geworden ist!« Wie der Baschi das sagte, raufte die alte Magd aufs neue im Gras vor Zorn und rief: »Und wir glaubten, das Wunder sei uns vorausgelaufen . . . und jetzt . . . o weh . . . so . . . ist das heilig?« »Tut nicht wie ein Unchrist,« bat Imgrund düster. »Der Knabe ging tapfer von hinnen . . .« »Gut, gut, jetzt soll er den Toten lebendig machen,« schwor sie, »es ist ihm nicht geschenkt . . .« »Dem Eimil ist jetzt leichter als uns allen . . . Aber wozu das Gejammer . . . hier können wir nicht übernachten, Dorothe . . .« »Zum Bruderklaus!« flehte die Alte. »Er muß helfen . . . Auch Sankt Peter und Paul haben Tote lebendig gemacht . . . Im Namen Jesu kann man alles . . . Warum hat der Bruder gewartet, als Eimil noch lebte. Ist das Wunder jetzt schwerer . . . gut, mach' er das mit dem Herrgott aus . . . 's ist seine Schuld.« Wie eine alte Druide schimmerte die Greisin im weißen Haar und wilden Auge in das nächtige Feld hinaus. »Er muß, er muß . . . und er kann. O Herr Jesu, gib ihm die Seel' des Büebli zurück . . .« Müde klappte sie in den Knien zusammen. »Ich fürcht',« warnte Imgrund, »Ihr macht uns noch den ganzen Himmel da oben zum Feind, wenn Ihr so weiter lästert. Wollet uns lieber helfen, daß wir bald zum Bruderklausenhaus hinaufkommen . . . Da, packet zu!« Man legte das Mareili behutsam neben den Toten auf die Streue, stellte die Laternen rechts und links und brach im nächsten Gebüsch Äste für eine Bahre. Als man zurückkam, lag Mareilis Händchen auf Eimils Herz, als suche es dort etwas. Alle waren davon ergriffen. Es war gut, daß die zerrütteten Leidleute nun mit dem Traggeflecht und hernach mit dem Transport des lebenden und toten Kindes zur Fluh hinauf soviel Arbeit bekamen, daß sie kaum noch einen Atem zum Klagen übrig hatten. 9 Es war noch schwere Dämmerung, als Heinz und Simon furchtbar nüchtern hintereinander die steile Niklauser Seite der Ranftschlucht hinunterstiegen. Aber Heinz hatte gut geschlafen und fühlte sich so befreit und sicher darüber, was er tun müsse, wie noch nie seit der Heimkehr. Dieser Österreicher hinter ihm, dieser katzengraue und katzenfalsche, soll heute beim Bruderklaus zuschanden gemacht werden, das gehört ihm, und zwar so vollständig, daß er an den Ranft so gern wie an Sempach denkt. Damit hab' ich dem Moro mehr als genug getan und kann mit Gunst und Ehre nach Mailand zurück, um . . . ah bah, das Weitere läuft von selbst eins nach dem andern weiter wie das Wasser da unten . . . Die Gipfel vom Geisberg fingen an bleich zu werden, der Himmel graute, feuchte Dünste stiegen fröstelig aus dem Tobel, alles, nicht bloß das dumme Mädchen, auch die ganze heimische Erde, die ihn gestern noch weiß der Teufel mit welchem Zauber berückt hatte, ernüchterte ihn jetzt. Sie machte so ein gewöhnliches langweiliges Werktagsgesicht, daß er gar nicht begreifen konnte, wie er es hier Jahr und Tag aushielte. Dieses Seppeli . . . er sagte es sich mit einer gewissen Scham . . . ist doch noch ein Kind, ein Spielzeug, und dazu ein ziemlich hölzernes, bei dem man nichts von rechtem Leben fühlt. Bei der Peppina lebte und leuchtete alles. Seppelis Lippen sind so hüsch gezackt wie ein junges Buchenblatt, aber bleich und kalt wie Schnee. Peppinas voller Mund ist eine Flamme. Freilich der Welschen, dieser großen, majestätischen Dame fehlt etwas, was das Seppeli hatte. Aber worin dieses Etwas besteht, kann er nicht sagen. Sie ist vier Jahre älter. Etwa das? Schon zuviel Frau? . . . zu reif, zu fertig, wie eine zu weiche Kirsche? . . . zu ergeben? zu . . . zu . . . ach, wie kann er's sagen . . . Oder ich, überrascht er sich plötzlich, ich selber bin vielleicht zu grün, zu unreif, noch zuviel Kind . . . Paperlapa . . . ich geh' ins schöne warme Mailand, bin Hauptmann, exerzier' und marschier' mit meinem Trupp zum Schutz der Stadt und schau derweil zwanzig Wochen lang kein Mädchen mehr an, nicht eines . . . und dann wird sich alles von selbst machen. Aber der Ring! die Peppina! hm . . . Er rollte ein Weilchen das Ohr zusammen, hustete, spuckte kräftig in den Abgrund hinunter und fühlte sich auch ohne Antwort erleichtert. Hinter ihm blieb der Quicker weit zurück, so daß Heinz immer rufen und warten mußte. Riecht er am Ende gar die Falle? fragte sich Heinz. Er macht ein verdrücktes Gesicht. 's ist verdächtig, wie er immer zurückschaut. Noch immer wollte es im Tobel nicht recht Morgen werden. Auch im Kopfe des Gesandten dämmerte es unsicher zwischen Tag und Nacht. Er hatte das unheimliche Vorgefühl eines schlecht vorbereiteten Schülers, der in das Examen muß und sieben gegen eins durchfallen wird. An einer Stelle brach das Weglein ab. Der letzte Regen hatte eine tiefe Rinne fast senkrecht zur Melchaa hinuntergeschnitten. Simon sah entsetzt, wie sein Kamerad mit beiden Händen den Stecken umfaßte und in einem behenden Katzensprung über den Schlipf setzte. Er überlegte einen Moment, ob er nicht umkehren und alles liegen lassen solle, komme, was wolle. Schlimmer als der Tod da unten oder das Gericht da drüben konnte es nicht werden. Denn wirklich, auch die neue weiße Ranftkapelle blickte so strenge und richterlich herüber, daß ihm der Mut völlig zu Wasser ward. Der Schuft will mir entschlüpfen, dachte Heinz wütend. »He,« schrie er, »nehmt das Herz, perdoni , den Geldsack in die Hände, und herüber!« »Ich kann nicht, 's ist unnütz, ich kann nicht,« rief Simon schlotternd. »Der Italiener hat gesagt: sakra! und ist eins, zwei, drei wie ein Bolzen herübergeschossen . . . Wollt Ihr etwa umkehren? Mir ist es gleich.« Heinz warf die Hände gleichgültig auseinander und kam zwei Schritte zum Graben zurück. »So reicht mir den Stecken herüber . . . so . . . helft!« Mit einem leisen Schrei erreichte Simon das andere Bord. »Ihr kommt mir vor,« spottete Heinz, »wie einer, der Tag und Nacht seinem Durst nachgelaufen ist, und jetzt, wo er am Brunnen steht und den Becher faßt, bekommt er einen Schauder und läuft mit verdorrter Zunge davon . . . Da, nehmt einen Schluck für den Schrecken,« er setzte dem Quicker das Weinfläschchen an den Mund . . . »So in den nüchternen Magen?« »Es wirkt desto besser . . . seht, Euere Augen werden munter . . . 's ist grad als hab' man zwei Kerzen frisch angezündet, die schon erlöschen wollten . . . Noch einen Schluck . . . tiefer . . . so! Nun geht's auch bequemer. Schaut dort das Brett, 's ist der Steg übers Wasser. Vor dort können wir nebeneinander laufen und uns noch ein bißchen zum Frag- und Antwortspiel beim Bruderklaus rüsten.« Das Brücklein war verfault. Da schwang Heinz den Innsbrucker ohne weiteres auf den Rücken und sprang von Stein zu Stein übers Wildwasser in die Wiese hinüber. Hier auf grüner fester Erdsohle und vom ungewohnten Morgentrunk erhitzt, fing Simon Quicker an, sich innerlich auszuschelten über seine Lahmheit. Er strich wieder fröhlicher über den Gurt mit dem Gold, betete dazwischen ein Helf' mir Gott und der selige Markgraf! und fragte endlich, wie man sich nun benehmen müsse, um nicht wie der welsche Legat . . . »Der Bruderklaus,« haschte Heinz schnell nach Antwort, »redet nicht gern, aber hört um so lieber zu. So müsset denn Ihr den Mund gehörig aufsperren. Er hört auch nicht sonderlich gut. Das ewige Rauschen da unten und die Feuchtigkeit haben sein Ohr stumpf gemacht. Da müßt Ihr eben ganz nah heranreden, fast hätt' ich gesagt schreien . . . Weiter liebt er wie jeder Gottesfreund theologische Gespräche, etwan wer näher bei der Dreifaltigkeit stehe, Johannes der Täufer oder Johannes der Evangelist? Und wie viele Staffeln näher? ob die Ewigkeit blau oder weiß sei? ob man glauben dürfe, daß der Teufel das Kredo noch beten könne . . .?« »Aber . . .« »O wenn Ihr wüßtet, was diese einsamen Träumer alles ausdenken . . . Da habt Ihr mein Scherchen. Immer nehm' ich's mit. Damit schnappt Ihr ihm ein Fetzlein von der Kutte, unten am Saum, wo ihm die Wolle ohnedies zerfasert . . . 's ist eine Reliquie für Euere Frau daheim und wirkt wie Gesundpflaster . . . Auch das Fläschchen und Becherlein stecket ein,« mahnte er eifrig und schob ihm das rote Essiggütterli in den Brustschlitz. »Wo's dann paßt, schenkt Ihr ihm ein und saget bloß, es sei Theoduliwein . . . Sankt Theodul ist unser Kirchenpatron und hat die Trauben im Wallis so süß gemacht . . . Und dann erzählt Ihr etwa, wie viele Rosenkränz' der Sigismund im Tage bete, inwährend der Moro das Paternoster nicht mehr auswendig weiß, und zählet das Geld hin und betet, er mög' niemandens Werbung segnen als Eueres Herzogs und auch die nur gegen den Türk. Sigismund weiß dann schon, welcher Türk gemeint ist. So etwa! Doch da sind wir vor der Klause.« »Ob er wohl noch schläft?« »Der wacht vor der frühesten Amsel auf . . .« »Horcht!« Von der andern Seite der Kapelle, wohin das Zellenfenster des Bruders sah, hörte man etwas wie Gemurmel und Fußtritte. Simon stutzte. »Kommt,« drängte Heinz, »wir müssen die ersten sein.« Er packte Simons Arm und zog ihn hinter sich durch den Eingang und das Leiterchen empor. Auf der Vordiele schob er den Österreicher hastig zur offenen Zelle. Simon sah zuerst das Altärchen links an der Wand mit dem Bilde des Dreifaltigen und einer Öllampe davor. Der Bruderklaus aber saß im Hintergrund gegen das Fensterloch gekehrt und suchte mit seinen großen, erdbraunen Händen einen Riß im Knie der Kutte zu vernähen. Herr Quicker, der Bücklinge gewohnt, verneigte sich mehrmals und kniete, den Boden ein wenig wischend, vor ihm nieder. Der warme Duft der Holzwände und des Öllichtes, das sanfte Dunkel mit einem grünen Funken Wald in der Luke heimelten ihn sonderbar an. Vor allem zerstob alle Beklemmung beim Anblick dieses Mannes, der nicht schwebte, noch Funken aus Haar und Bart spritzte, sondern wie ein gewöhnlicher Klausner auf der Bank hockte und etwas so Gewöhnliches tat, ja, offenbar nicht einmal das vermochte, denn oft fuhren die Stiche nebenaus. Simon erschrak sozusagen vor Enttäuschung wie einer, der in die Höhe steigt und noch eine Stufe nimmt, wo keine mehr ist, so daß er ins Leere tappt und beinahe strauchelt. Er war auf alles gefaßt gewesen, auf einen Elias, der ihn hinauswirft, einen Nathanael, der ihn streichelt und sagt: alles, was du nur willst, Kind . . . aber auf einen Schneider sozusagen war er nicht vorbereitet. Wie konnte dieser mit der Nadel so ungeschickte Mann Fürsten beugen und Heere hemmen? »Gottes Liebe mit euch,« grüßte indessen der Bruder freundlich, ohne aufzublicken. »Man müdet und ruft mich da unten, entschuldigt; aber so ungeflickt darf ich doch nicht hinaus.« Simon rückte frech ans Knie und schrie mit aller Kraft seiner Stimme zum Einsiedler auf: »Darf ich das nähen, heiliger Mann? Ich habe darin eine ziemliche Fertigkeit!« »Habt Ihr denn das Eurige alles schon zurecht geflickt?« fragte der Bruder und ruhte mit seinen schwarzen, stillen Augen spaßig auf dem Fremdling. »Stehet doch auf, da ist noch Platz. Setzet euch beide!« Eine Weile blieb es still. Man hörte nur das ewige Schneewasser der Melchaa seinen Psalm in die Fensterluke singen und ein, zweimal Bruderklaus! Bruderklaus! von unten murmeln. Simon wurde verlegen. Das erste Wort, wie schwierig das war! Heinz hatte die Kapuze seines Mäntelchens über die Stirne geschlagen und stupfte Simon, allerwenigstens eine von den verratenen Schlauheiten zu servieren. »Es ist kalt, Freund Gottes,« rief Simon dem Bruder ins Ohr und nahm flink Becher und Gütterli hervor. »Trinket das, 's ist Theodosi . . .« »Theoduliwein,« lispelte Heinz lustig. »Sankt Theoduliwein . . . vom Gnadenhubel bei Innsbruck, womit der Heilige viele Menschen glücklich gemacht hat . . .« »Dann muß der Trank süß sein wie die Nächstenliebe,« meinte Niklaus lächelnd mit einer höflichen Abweisung der Hand. »Ich vertrag's aber nit. Trink' also du für mich, Spitzbub' Heinz! Was soll die Fasnacht mit der Kapuze? Trink' Nächstenliebe, Gott gesegne's dir!« »So hast du mich doch erkannt, Vetter Klaus,« sagte mit erzwungenem Lachen Heinz und würgte in einem zornigen Schwung die Sauerkeit hinunter, indessen ihm der Bruder fröhlich ins Gesicht sah. Dann wurde es wieder still. Bruderklaus flickte gemächlich weiter. Das Gemurmel drang deutlicher und flehender von außen zum Fenster: »Bruderklaus, komm doch . . .! wir warten schon die halbe Nacht . . .« Simon glaubte bekannte Stimmen zu hören. »Sei barmherzig, Fründ Gottes . . .!« »Die Reliquienschere!« flüsterte Heinz dem verstummten und verlegenen Simon zu. Dieser holte das Scherchen hervor und schnappte blitzschnell nach einem Fransen am Saum des Klausnerrockes. Bruderklaus versuchte gerade einen neuen Zwirn durchs Öhr zu fädeln. Er lächelte. »Was tut Ihr, Fremdling? So werd' ich nie mit Flicken fertig.« »Vetter Klaus,« setzte Heinz ein, »nehmet meinem Kameraden nichts übel. Er verehrt Euch mächtig und bringt Euch ein Herz ganz voll von frommer Neugier . . . So redet doch, Herr Magister,« fuhr er ärgerlich den Quicker an. »Wir dürfen den Bruder nicht zu lange bemühen. Es scheint, draußen warten schon Leute . . . Was war's denn nur mit den Johannessen?« »Ein kitzeliger Streit,« ermannte sich der Legat, der längst nicht mehr den Schneider in Bruderklaus sah, »im Konvent der Hochwürdigen zu Stams: wer wohl Christo näher gestanden sei, Johannes der Täufer oder Johannes Baptista . . .« Heinz brach in ein köstliches leises Lachen aus. »Ich denk', aufs Haar sind sie gleich,« spöttelte Niklaus schier mitleidig. »Aber Ihr wolltet ja gewiß Johannes Evangelista sagen.« »Ach,« Simon schlug sich auf den Mund, »natürlich der Evangelist! lapsus linguae , Ehrwürdiger. Wer also scheint Euch der größere Johannes?« »Groß ist die Strenge des Baptista und groß die Milde des Evangelista. Aber fast noch größer ist die Dummheit von uns Blinden, rätseln zu wollen, ob dies, ob jenes Licht heller brenne, indessen wir im Dunkeln tappen.« Bruder Klaus hämmerte diese Worte furchtbar klar hervor, aber begleitete jeden Schlag mit einem begütigenden Lächeln. Versteh' mich wohl, bat dieses Lächeln, ich muß weh tun, um wohl zu tun. Freundlich reichte er jetzt dem entmutigten Quicker den Faden und bat: »Seid doch so gut und zwirnt mir da ein. Ihr habt viel bessere Augen.« Simon versuchte es viermal und fünfmal, aber fuhr immer daneben. Da riß ihm Heinz den Faden weg und zog ihn glatt beim ersten Stupf durchs Öhr. »Auch ich,« begann Niklaus wieder, »möchte euch ein Rätsel aufgeben. Spitzet die Ohren: wer ist der schlauere Spitzbube, der Bote des Sigismund oder der Bote des Lodovico Sforza, du oder du?« fragte er und tupfte zuerst dem Quicker rechts und dann dem Bürgler links mit seinem gewaltigen Zeigefinger auf die Brust. Es traf wie mit einem Speer. »Unser Heinzli meint wohl, er sei's, weil er so gut einzufädeln versteht. Aber eingefädelt ist noch nicht genäht. Bürschlein, sieh zu, daß du nicht mehr in die Nadel nimmst, als du nähen kannst.« Damit erhob sich der Eremit, spannte die Arme und stand nun riesengroß da, als wollte er dieses Schneckenhaus von einer Zelle mit dem nächsten Atemzug auseinandersprengen, um Platz zu haben. Und wenn das wirklich geschehen, Wand und Diele zusammengekracht und der Klaus aus den Trümmern in den Berghimmel hinauf gewachsen wäre, so hätte es die beiden nicht ärger erschüttert als dieses heillos gestupfte: du oder du! Simon hatte nicht einmal mehr die Kraft, über Heinz zu staunen oder zu zürnen, so elend knickte er zusammen. Dieser aber fühlte sich vom Blick Bruderklausens wie ein leeres Glas durchschaut, erschauerte bis in die Seele vor dieser Bloßstellung seiner Dummheit und stammelte: »Ich wollte nur . . . gegen Österreich . . . ich wollte nichts für den Moro . . . ich will ja zurück . . . ich, Bruderklaus, will ja dem Herzog gerne sagen, daß ich . . .« »Heinzli, armer Heinzli, soviel für nichts.« Bruderklaus zupfte ihn mitleidig am Ohr. »Für nichts,« wiederholte er mit einem so eigenen Ton, daß Bürgler aufsehen mußte. Aber schnell ließ er das Gesicht wieder erdwärts sinken. Denn das Auge dieses Menschenkenners lachte und spottete: weiß ich etwa nicht, wozu du von Mailand hergereist bist und wie dich gestern das Vorgestern und heute das Gestrige wieder reute . . . ja wahrhaft, wie alles um nichts geschah? . . . Vor diesem stillen Blick und diesem Lächeln der Ewigkeit sieht der Jüngling deutlich, daß alles, was ihn bisher laufen und schwitzen machte, bedrängte und entflammte, Launen waren, Knabenlaunen, Aprillaunen, kein fester Himmel, keine feste Erde, kein fester Halt von diesem zu jenem, sondern nur ein zappeliges Gewölke, das dazwischen streicht, sich färbt und verfärbt und verrinnt und nichts zurückläßt. Und so steht er da, nichts in der Hand, nichts im Kopf, nichts im Herzen als Leere. Sogar sein Schelmenstücklein ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Nicht einmal zum Spitzbuben ist er gut genug. Scheu blickte er nochmals auf, warum denn nicht weiter gesprochen werde. Da sieht er den Simon Quicker, bleich, haltlos, zertrümmert, und dieser erwidert seinen Blick. Aber kein Vorwurf liegt in seinem müden Auge. Er ist von der Bank gerutscht und kauert erbärmlich am Boden. Mechanisch kraut er in der Braue und zupft Härchen heraus und scheint Heinzen nur noch zu sagen: die Gewalt Gottes hat uns getroffen, weh uns! Aber er kratzte weiter in der Braue, als säße da ein wildes Haar, das an allem Schuld wäre. Ein eigentümliches Mitleid erfaßte Heinzen. Er möchte aufstehen, zum verachteten Gesellen hinknien und bitten: Verzeih' mir, ich hielt dich zum Narren; aber siehe, ich habe mich selbst ja doppelt genarrt . . . Ich wollte dir schaden; aber ich habe mir zehnmal ärgeres Leid angetan . . . Zum erstenmal sieht er im Gesichte Simons nicht mehr diese eckigen harten Lippen, die den Zahlen den Saft aussaugen. sondern Lippen, die zucken und dürsten und so recht menschlich wehschreien. Nicht mehr den bezahlten Österreicher und Werber und Feind, bemerkt er, sondern etwas Verwandtes, rührend Nahes, Brüderliches. Nie hatte er sich bisher gefragt, ob so einer auch Frau und Kinder und Sorgen der Liebe und Seufzer und Nöten der Seele haben könne. Jetzt auf einmal vor dieser vergrübelten Stirne und diesem verzweifelten Zupfen und Krauen der Braue weiß Heinz, daß dieser Simon Quicker noch ein anderes Leben führt als nur dieses pergamentene und dukatenfressende, rein äußerliche Leben, das er so oberflächlich fürs Ganze nahm. Nein, nein, in diesem Manne ist mehr zerstört als nur eine diplomatische Mission. Und wieder übergoß Heinzen die heiße Scham, daß er so dumm und so schlecht sein konnte, einen guten Teufel in die Falle zu stürzen und dazu noch um selbst mit hineinzuplumpsen. Er hörte jetzt den Bruder den letzten Nadelzug tun, knüpfen und den Faden abreißen. So . . . o . . . o! klang es zufrieden. Darauf hörten die zwei Gebeugten seine Stimme wie einen verhaltenen, sanften Donner über ihre gebückten Häupter rollen: »Für nichts plagt ihr euch beide. Denn für eine Herrenlaune schaffen, heißt wahrhaft für nichts schaffen. Wäret ihr gute Diener, so hättet ihr mit Respekt gesagt: Herre mein, das ist gegen das Gesetz der Liebe, ich darf's nit tun, und du erst recht nicht . . . Meldet euern Herzogen, daß ich für sie nicht um tapfere Soldaten, aber um tapfere Diener bete, die auch nein sagen können. Meldet das . . . »Was glotzest mich so an, Österreicher? Sag' ich etwas Neues und Besonderes? Ist denn der Herzog nicht ein Mensch wie ich, seine Hand wie meine Hand, sein Mund wie mein Mund, und ihm Essig sauer wie mir, und Zucker süß wie mir? Schwitzt er nicht und wird er nicht müd' und muß schlafen und sterben und faulen im Boden gerade wie ich . . .? Kinder, Kinder, stehet auf, stehet gerade und groß auf und denkt: auch ihr seid Könige! gebaut aus dem gleichen schönen Gebein, gewärmt vom gleichen köstlichen Blut, beschienen von der gleichen Sonnenkrone und für die gleichen Sitze der Ewigkeit bestimmt. Ist der Kaiser etwa allein unsterblich? oder um eine Minute unsterblicher als ihr? Könige seid ihr, aber,« schloß er mit Wehmut, »was nützt es euch, daß ihr Könige seid, wenn ihr es nicht wisset!« Damit winkte der Bruderklaus, sie möchten ihm voraus das Leiterchen hinuntergehen. Ohne ein Wort gehorchten sie. Aber am Ausgang blieb Simon wie gebannt stehen, und ein Frost stieg ihm bis ins Haar. Ist das möglich, der kleine Göldli! Da lag er auf Tannengezweig vor die Zelle hingelegt, Gesicht und Füße sehnsüchtig still zum Pförtlein gekehrt, das sich ihm nicht mehr aufgetan hatte. Das Gesicht war blau und wie erfroren, das Haar starr, die häßliche Quetschnase gespreizt, die Lippen unförmlich aufgeschwollen, der dünne Hals einwärts geknickt, so daß das Kinn auf die Brust fiel. Aber die Stirne war ganz entfurcht und glänzte fröhlich, und der Tote stemmte die Beine so heftig vor und spannte die Knie so steil, daß man trotz dem erloschenen Gesicht glauben mußte, es dürfte sich nur ein Muskel rühren und der ganze schlanke Mensch springe auf und lebe weiter. So bist mir also doch nachgesprungen, du kleiner, wilder Friedlos, dachte Simon ergrausend und zog den Mantel an sich, als könnte der Tote ihn nochmals daran zerren. Am Kopfende stand Pfarrer Imgrund, mit dem Auge zum Eingang zielend wie ein Schütze auf Tod und Leben. Die alte Dorothe stützte sich verweint und übernächtig auf Bruderklausens Weib, während der Omlibaschi das Mareili, das sich jetzt vor dem toten Eimil fürchtete, mit einer schützenden, plumpen Zärtlichkeit an sich zog. Dahinter standen zwei Holzhacker, der Mesner Hensli, einige Pilgersleute und endlich mit geschlitzten Hosen, gepufften Ärmeln und gelb geflammtem Koller in flottem Halbbogen eine Schar Bewehrter. Sie hielten ein kurzes Schwert im Gürtel und lange eschene Speere im Ellbogen. Der Vorderste war ein steiler, stolzer Jüngling voll Märzenflecken und mit abenteuerlich blitzenden, grauen Augen. Er grüßte zu Heinz hinüber. Ah, Ludwig Durrer, der ehemalige Genosse im Latein beim Kernser Kaplan. Wie sein großer Mund mit den langen Zähnen immer noch lacht. Mit Verdruß nickte er ihm zu. Wie kann man hier solche schwellendrote, lustige Lippen zeigen? Er mußte immer wieder zum verschwollenen, unförmlichen Mund des Toten blicken und immer wieder voll Ekel und Schauder die Erinnerung an das liebkosende Büblein von Luzern abschütteln. Jetzt krachte das Leiterchen. Die großen Füße, der braune Rock, der Strick, der Bart, das ernste Gesicht des Bruders, der die Welt so innig floh, wie sie ihn innig suchte, ward eins ums andere sichtbar. Er bückte sich unter dem Türrahmen durch und reckte sich dann im Freien in die Höhe und überragte jetzt alle vom Bart weg. Kein Wort sprach er, sondern blickte nur mit seinem klaren schwarzen Auge auf die Leiche. Nichts hörte man als den Tau vom Kapellendach tropfen und unten das tiefe, gleichgültige Rauschen der Melchaa. Alle fröstelte es wie von einem Hauch aus andern Welten. »Mußtest du so weit laufen, lieber Naseweis, um in den großen Spiegel zu gucken, aus dem man nicht mehr zurückschaut,« scherzte Bruderklaus endlich mit einem geheimnisvollen Tone, »und hättest ihn doch überall vor der Nase gehabt. Aber den nächsten, besten Wege will keiner gehen . . .« Bei diesen Worten konnte die Amme Dorothe nicht länger an sich halten. Sie brach in ein so ungestümes, heiseres Schluchzen aus, daß alle Zuhörer erbebten. »Jetzt mach' ihn lebendig,« kreischte sie und riß sich wild von der von Flüe los. »Da ist er! Wegen dir ist er gestorben. Gib ihm das Leben wieder, du Wunderbarer, du . . . du . . .,« sie erhob die Hand und ließ alle Rücksicht fahren, »du, der du ihn auch getötet hast.« Liebevoll sah Bruderklaus von dem jungen Toten zu dieser wildlebigen Alten und von ihr auf Simon und Heinz und die Söldner und schüttelte den Kopf, und es schien, als wisse er nicht, wer von allen am meisten Mitleid brauche. Herr Quicker fühlte sich von diesem merkwürdigen Blicke genau am Hinterkopf getroffen, wo der Haarwirbel war. Und sogleich fühlte er da etwas sich ringsum bewegen gleich Ameisen, zehn, hundert, tausend Ameisen, vom Wirbel rund um den Kreis hinauskribbeln, kitzeln und quirlen, bis ihn schwindelte und er alles zwiefach sah. Und indem nun Bruderklaus hart an die Leiche trat, hörte Simon von innen und außen mit jener frühern, ihm so wohlbekannten, nun vertausendfachten Geisterstimme leise rufen: bring' uns das Wunder heim! das Wunder! . . . Da geschieht es ja, dachte er . . . ein Toter wird lebendig . . . Aber das Wunder, das Wunder, schrie es in seinen Ohren weiter, nicht dies, nicht jenes, dein Wunder . . . deines, deines . . . Er drückte die Schläfen zusammen, spürte seine Augen überquellen und betete seiner nicht mehr mächtig: da bin ich, schlag' ein! In diesem Augenblick vergaß er seine Sendung, ihr Gold und ihre Schande, Sigismund, Innsbruck, Gertrud, alles, er sah überhaupt nichts hinter sich, wußte nichts von gestern und vorgestern, es war alles nur dieses blitzende, treffende Jetzt. Ihm schien, es drehe sich der Schaft seines Lebens in seinem Innern, er krache wie morsches Holz, und dazwischen sang und jubelte es: das Wunder, das Wunder! Und noch deutlicher als vorhin fühlte er das Ameisenwerk in ihm; aber es waren jetzt tausend und tausend kluge, süße Finger, die an ihm tasteten, strichen, krauten und bis ins Innerste grübelten. Ihm war, er sei ein Baum, an dem sich Rinde auf Rinde löse und etwas Empfindliches und Zartes an die Luft trete, weh und wohl zugleich, etwas Neues, Knospendes, Grünes, eine neue Seele. Das Wunder, das Wunder, klang und widerklang alle Luft. Er wußte, daß er keine Hand mehr danach strecken, daß er nur an sein Herz greifen müsse, so habe er es, und doch wußte er nicht, was das eigentlich war: Schwindel, Traum, Tod, Gesicht Gottes, und merkte nicht, wie er langsam neben Niklaus ins Gras sank. »Gute Dorothe Rohrer, weckt mir das Kind nicht mehr,« hörte er jetzt die wundervolle Baßstimme wie von ferne sagen; »es würde dir nicht danken.« »Und seine Mutter?« überschrie ihn das Weib, wirr durch ihr zerrauftes weißes Haar fahrend; »was bring' ich ihr? Sie wird dich und mich verfluchen.« Alles schwieg, und durch die Stille hörte man das Mareili mit kindlichem Vorwurfe sagen: »Aber Dorothe, d'Muetter ist doch immer so guet gsi .« »Also gegen die Türken wolltest du dich gürten, gutes Büebli,« wandte sich Niklaus wieder zur Leiche, »und nicht einmal das brauchte Gott. Ehevor ließ er dich einschlafen.« »Und ihr,« hob er unerwartet die Stimme, »ihr Kriegsleute, was wollet denn ihr?« Ich hab' es ja gesagt, dachte der elegante Hauptmann Durrer, das ist nicht der richtige Humor, uns zu segnen . . . Er hatte eine Ansprache vorbereitet vom Tragen des Schlüsselbanners bis ans Meer, vom Zitternmachen der Throne, von Battaglien gegen die Störenfriede Europas. Aber jetzt, so frech seine langen Zähne bleckten, wagte er nicht einmal das zu sagen, was er als letzten Trumpf dem Einsiedler in den Bart schleudern wollte, daß der Heilige Vater zu Rom höchstselbst sie in Dienst und Segen genommen habe. Vor Bruderklaus schien ihm sogar dieses Argument nicht mehr stich- und kugelfest. »Du, Obristensohn Durrerludi, sag' mir, was wollet ihr, was bei dem Ewigen wollet ihr mit euerem Eisen- und Pumphosenflitter? Daß euch der Tod morgen das Bein vorhalte wie heut' dem Knirps da und sage: halt, lieg', bleib', Amen . . .? Saget mir doch, wer hat euch gerufen?« Wieder stemmte sich der behende Ludwig Durrer vor, um zu sagen: Seine Heiligkeit, der glorreich regierende Papst Sixtus der Vierte . . . Und wieder gefror ihm vor dem kühlen Blick Niklausens das Wort auf der Lippe. »Wenn ihr mir sagtet, Gott ruft, so erklärt mir doch: wo, wann, wohin rief euch Gott? Wenn wahrhaft Gott zu euch sprach, dann habt ihr ihn schlecht verstanden. Denn Gott sagt nicht: geht zum Moro oder Sigismund oder Ludwig und opfert ihren Kindereien euer Blut . . . Mir gehörst du, sagt Gott. Von mir hast den Atem eingeblasen und das Augenlicht angezündet bekommen, mir bist du's schuldig, o Knecht, nicht den Herren, die doch auch meine Knechte sind, die euch weder Atem, noch Licht geben können, sondern die wie ihr im Staube kriechen müssen, solange es mir beliebt . . . Das hat Gott zu euch gesagt . . .« wiederholte Klaus und fuhr sich erinnernd an die Stirne . . . »Wie er mir armem Ding, da ich in die Fremde fliehen wollte, vor Liestal durch einen Bauern riet: bleib' besser daheim! . . . und ich glaubte es und kehrte um, so glaubet auch mir und bleibet daheim! Hier seid ihr so warm in den Boden gesteckt und müßt wachsen und reifen zur Höhe . . . In der Fremde werdet ihr zum Unkraut verwildern und bitter verderben . . . »Lieber Hauptmann Ludi, du schüttelst deinen bockigen Durrerkopf. Ich kenn' dich, eigensinnig bist und willst mir den Zettel vom Papst zeigen . . .« Hier bog Niklaus tief das Haupt, aber hob es gleich noch höher und rief: »So erzähle mir doch, braucht euch der Heilige Vater für unsern lieben Christenglauben? Da hat er bessere Helfer zu Rom als uns Küher und Grobiane aus den Bergen. Oder will er euch zur Bekehrung der Heiden? Dazu sind bekömmlicher die Jünger ohne Helm und Spieß. Oder sollt ihr seine Kirchen und Kapellen schirmen? Niemand greift die an. Franzos und Spaniol und Schwab sind eines Glaubens . . . O ich wette, ihr habt auch den Papst falsch verstanden . . . oder,« fügte er schelmisch bei, »er hat euch falsch verstanden. Er hat gemeint, ihr seid Heilige und hättet an euch und an dem Eurigen nichts mehr zu hobeln, ihr seid Brüder im Frieden, die Acht Orte gesund und sauber, das ganze Vaterland hab' Sonntag. Er glaubte, ihr würdet noch einschlafen vor heiligem Sattsein wie die Murmeltiere in euern Bergen, und ihr wollet daher gerne anderswo zur Ehre Gottes schwitzen. Und sicher dachte der Heilige Vater, ihr tätet alles gratis für ihn, um Christi willen! Beileibe nähmet ihr keinen Batzen und dächtet an keine Ehren, um Christi willen! und wäre die Mühe noch so sauer, und hörte und sähe euere Hiebe kein Mensch, um Christi willen! Saget nun selbst, hat er euch oder habet ihr ihn falsch verstanden . . .?« »Sakra, sakra, sakra,« knirschte der Durrer, »so ein Spitzbub'!« »Aber riefe unser Heiliger Vater auch dann noch: kommet, fechtet für mich! . . . so hat da Sixtus der Erdengewinner, aber nicht Sixtus der Himmelgewinner gerufen. Jener ist Mensch mit Menschenstimme, nur dieser ist unser Fels und Schlüsselherr, und er wird den andern schnell korrigieren und sagen: hängt das Schwert an den Nagel, nehmt Schaufel und Habersack, erstechet einander nicht, säet und erntet lieber das ehrliche Brot miteinander! . . . Gott bewahr', daß ich törichter Waldbruder etwas besser wissen will, als unser Heiliger Vater. Ich weiß nur Eines: Liebet einander! »Dich, du bleicher Bruder, hat wenigstens eine schöne Leidenschaft, ein heiliger Kreuzfahrergeist in den Tod gerissen. Sei froh, daß du's nicht hören mußt, was ich jetzt von diesen Mannen sag': euch reißt nichts anderes als der Geldseckel und der Nachtbubengeist in den Tod.« Ludwig Durrer blähte zornig die Lippen auf und blitzte seine Söldner an, ob man so etwas auf sich sitzen lassen müsse. Aber die Laffen senkten alle die Köpfe. »Ihr werdet nicht gern sagen: ja Bruder, hast recht. Aber wenn alle unsere armen Toten aufstehen könnten aus den welschen Schlachtfeldern und mit ihren zerrissenen Hemden und Herzen hieher kommen und mir antworten, es gäbe mehr als Bäume hier und rauschte schwerer als der ganze Wald: ja, Bruder, nicht für Gott, noch für der Seele Not und Heil, sondern für die elenden Batzen sind wir verdorben und in ungeweihte Erde verscharrt – So geht ihr Männer denn trotz und trotz, ziehet den Säbel, seid Helden des Batzens, Märtyrer des Batzens, und schauet, ob euch diese Batzenhaftigkeit selig macht. Was sag' ich gehet,« predigte der Klausner immer gewaltiger, »ihr braucht nicht zwei Schritte zu machen. Da steht einer, der hat den Gurt um und um voll Dukaten und will euch kaufen. He Ihr, Herr Gesandter von Österreich, predigt jetzt Euere Mission, beginnet den Markt, da ist die Ware, hebet an mit Bot und Gegenbot, kaufet, verkaufet die Seelen . . . Aber wisset, dieses Geld baut keine Häuser, nährt keine Kinder, macht alt und krank, und wenn sie genug geglänzt haben, Euere dreißig Silberlinge, dann kommt der Strick . . .« »O, o,« stöhnte es zu Füßen des unerbittlichen Sprechers wie von einem Sterbenden. Ludwig Durrer erbleichte. Einige Reisläufer verzogen grinsend ihre Gesichter, andere sahen erschreckt zu ihrem Hauptmann auf und schoben sich rückwärts. »Du lieber unschuldiger Heißsporn,« bat Niklaus mit milderer Stimme, »zeig' ihnen doch deine Armseligkeit!« Er bückte sich über den struppigen Knabenkopf und löste die Binde, so daß die dicken, unförmlichen Lippen auseinanderklappten, der Rachen sich dunkel aufsperrte und die geschwollene Zunge wie ein Klumpen zwischen die Zähne fiel. Auch die Lider gingen halb auf und zeigten die einst so wunderbaren Augen irre und gläsern. Es war grauenhaft. Man vernahm einen entsetzlichen Schrei, wie von einem Kinde. Und doch kam er nicht vom Mareili, das sich mit seinem Gesichtlein in Omlibaschis Kittel verkroch, sondern von Heinz, der aschfahl wurde, sich abwandte und doch wieder hinschauen mußte. Hochmütig lachte ihn von drüben der Obristensohn Durrer an; aber niemand beachtete es, denn nun stürzte Dorothe abwehrend zur Leiche vor. »Zurück, Weib,« donnerte der Bruderklaus sie an und entblößte auch den mageren Hals und die flache Brust, wo kein Puls mehr schlug . . . »Zeig' ihnen doch deine Figur! Du wolltest die Heiden erschrecken, erschrecke jetzt deine lieben Eidgenossen, das ist noch nötiger . . . »Wißt ihr Mannen, was ich in dieser Leiche sehe,« fragte der Bruder unendlich traurig, »unser armes Vaterland. Das Herz verwürgt, der Atem erstickt, der Blick erloschen, die Seele erfroren oder verdorrt vor Leidenschaft, eine Leiche auch bald, die nur noch den Mund offen hält, als wollte sie immer noch Gold und Lorbeer fressen, so einen Stein und so ein Unkraut . . . und immer nur Gold und Lorbeer . . . Armes Vaterland . . .! »Nein, nein, ich tu' dir unrecht, Gottesknab', du bist noch zur rechten Zeit gestorben,« verbesserte er sich und schnürte das Antlitz der Leiche wieder in die Binde, daß es still und schlafend aussah wie vorher. »Aber ihr andern, ihr werdet noch an diesen Toten denken und einst in Flandria oder in der heißen Lombardei noch im Tode schreien: lägen wir doch, wo jene junge Leiche lag, in unsern kühlen Bergen, im Segen unserer Kirchen, im Gebet unseres Dorfes, ohne Sold und Schuld . . . o ihr werdet an diese junge Leiche noch denken!« Bruderklaus legte das Knabenköpflein sanft in die Tannenreiser zurück und erhob sich . . . Wie? was? Nur noch das Grüpplein der Leidleute stand da. Die rotweißen Pumphosen verschlüpften lautlos zwischen den Stämmen, einzig der freche Durrer widerstand noch vorne am ersten Baum. Simon Quicker aber lag am Boden. Den Gürtel mit der Geldkatze hatte er von sich geworfen, das Gesicht zur Erde gepreßt und in einem Krampfe von Reue und Scham netzte er die wurzeligen Füße des Einsiedlers mit seinen Tränen: »Wie gemein, wie schlecht bin ich, o Gott, wie stinkend schlecht,« klagte er innerlich; »so eine Leiche wollte ich aus mir und allem machen. Wo hatt' ich den Kopf? Aber da kam's ohne Wollen oder Nichtwollen, ich war ein Stein, da schlug dieser Hammer drein und spaltete mich bis auf den Grund. Und jetzt seh' ich und hör' ich und leb' ich erst . . . Das Vorher, was war es wohl . . .? Mir ist, ich sei soeben gestorben und im gleichen Augenblick wiedergeboren worden . . .« Er wollte beten, schreien, sich anklagen, jubeln und brachte nichts heraus als ein Geflüster dessen, was er in sich und um sich brausen hörte: das Wunder, gottlob, es ist geschehen, es ist überstanden, ich lebe . . . Im Nachwehen dieses Seelensturmes dachte er, es müsse auch außerhalb donnern und blitzen und Berge spalten und ihn, den Wurm, zerschmettern. Aber alles war still. Da hob er langsam den Leib über die Knie auf und blickte scheu um sich. Noch nie hatte er gespürt, was ihn jetzt durchdrang, so einen Frieden ohnegleichen. Ihm war, die Berge, die jetzt schon bis zum Nabel in der Sonne saßen, der Melchaafluß mit einem nie gehörten Liede, Tannen und Wiesen, das sei alles gerade jetzt erschaffen worden, so neu und jung sah alles aus, so kindersüß duftete die ganze Natur; alles fange erst in dieser Minute an, auch er, er vor allem, seinen eisgrauen Haaren zum Trotz, fange wie ein Kind jetzt erst zu leben an. Er wollte fragen: Bruderklaus, was soll ich jetzt tun? Aber sogleich kam ihm die Antwort von selbst: das Wunder heimtragen; mich, den neuen Simon Quicker heimbringen, und gar nichts anderes. Sigismunds Zorn, verlornes Geld, vergittertes Inngüetl, ach, wie mußte er über solches lachen. Er fühlte jetzt nur eine gewaltige Lust zu leben, zu arbeiten, zu sorgen, zu lieben, gleichviel was, und das Meer von Wundern, das durch seine Seele brauste, über alle Ufer zu Freund und Feind wallen und den gleichen Segen wirken zu lassen. Tintenfässer, Zahlen, Kassen, Bücklinge, Schattenstuben, kranke Frau, närrisches Kind, ach bah, was sind das für Nebensachen. Alles, alles lieb haben, allem gut sein, allem helfen, das ist das Wahre. Er trägt eine Sonne in sich, er spürt es, mit der er nicht bloß den langen Weg nach Hause, nicht Innsbruck allein, nein, alle Breite und Weite erhellen kann, wohin er nur wandern mag. Ja, Gertrud, endlich weiß ich, was du gemeint hast. Es ist! es ist da! Indem hörte er Bruderklaus wehmütig zum Durrer hinüber sagen: was sucht ihr noch Könige? Selbst seid ihr Könige. Aber was nützt es, König sein, wenn du's nicht weißt. Noch einmal funkelte etwas Kühnes und Edles in Ludwig Durrers großen Katzenaugen auf, er beugte sich vor, biß die langen Zähne zusammen und schwankte. Da dröhnten ein paar Trommelschläge von ferne, der elegante Hauptmann griff an den Hut, Addio! und verschwand. Aber in Simon Quicker jubelte das Wort vom Königsein fort. »O ich weiß es, ich fühl' es,« rief er zum Bruder auf. »Frei bin ich, ledig aller Last, niemand kann mir was anhaben . . . es gibt keine Ketten mehr. Die letzte zerreiß' ich . . .« Er riß wie ein Kind den Beutel auf und schmiß das Gold übers Gras. Teufelssame, verdirb! Und es schmerzte ihn, daß er mit diesen paar Dukaten nicht zugleich alles übrige Gold, das je durch seine Finger geronnen, so von sich schmeißen konnte, alle Papiere, Rechnungen, Titel, allen Plunder, er, der König ganz anderer Reichtümer. Dekan Bonstetten, rief er, komm, hilf, schau, wie grau das Gold da im Gras liegt. Herregott, ist das wirklich Gold? Und für solchen Dreck habe ich bis zur Stunde gelebt! »Bruder Klaus,« sagte jetzt eine feierliche Stimme, und hüstelte ein bißchen, »und was geschieht mit dem Bub da? Wenn du wüßtest, wie er nach dir gerufen und dich noch mit dem letzten Schrei gesucht hat . . . Wir dachten, es muß einfach so sein, daß er dich noch sieht, tot oder lebendig. Was soll es also jetzt mit dem lieben Kind? Ist alles umsonst gewesen, das Schreien und Hinaufschwitzen zu dir, und das Liegen die ganze Nacht vor deinem Fensterchen und . . .« »Red' nit so, hochwürdiger Frynd, red' nit so,« beschwor Bruderklaus und streckte warnend den Arm aus; »versuch' Gott nit!« »Hat nicht unser Herre Christ selbst auch ein Kind der Mutter wieder aus dem Sarg geholt und den Lazarus sogar aus dem Grab? Auch viele Diener Gottes taten so in der Kraft des Herrn. Kannst denn nicht auch du ein Wunder . . .« »Red' nit so, fürweiser Heini Imgrund,« flehte Niklaus dringend und drückte ihn schwer am Arm, »daß uns Gott sonst straft. Da ist ja schon einer lebendig geworden; der war viel mehr tot als das Büblein. Ist das nicht Wunder genug? Oder red' ich falsch, lieber Freund,« wandte er sich zu Simon hinunter und hob ihn am Ellbogen sanft zu sich empor, »steht aufrecht und schaut froh um Euch und geht von heut' an uns andern voraus! Euch muß Gott sonderlich lieb haben, daß er solche Macht an Euch aufwandte. Gottlieb sollt Ihr fürder heißen. So habet denn auch uns lieb und empfehlet uns ihm.« »Und ich?« fragte Heinz zaudernd. Er hatte sich lange nicht vom Anblick des Toten erholen können. Erst drei Verstorbene hatte er gesehen: seinen Großvater, der war dürr und gelb, als schliefe er bloß, und zwei Erstochene; aber die lagen so frisch auf dem Pflaster wie eben gemähtes Gras. Jedoch diese Leiche mit der schwarzen Geschwulst statt den Lippen, von Schmeißfliegen umschwirrt, mit grinsenden Zähnen, prr, die hatte nichts mehr mit dem Bürschchen gemein, das er einst aufs Knie genommen und liebkost hatte. Jene Küsse ekelten ihn jetzt, als klebte Leichengeruch daran. Er wischte sich den Mund, blickte über die Bäume und wünschte sich weit weg. Fort, nach Italien. Dort sah ich nie solches. Aber nach diesem greulichen Mund, wie kann man noch an Mädchen und Küsse denken? Wird jeder Mund einmal so . . .? Peppina . . .! Wenn sie so da läge . . .! Natürlich, ich muß ihr guten Tag sagen . . . in sechs Tagen bin ich in Mailand . . . ja, guten Tag sagen; aber sie sogleich mahnen: du, jetzt gilt nicht mehr spaßen. Ich werde ihr alles erzählen, diese schwarze Lippe, ja, das besonders . . . Jetzt wollen wir ernst werden . . . Aber fort, heute noch fort . . .! Dieses Wort fort, so erfrischend für die Jugend, die noch rasche Beine hat, machte ihm auf einmal das Herz leichter. Er sah schon die Marchsteine hinter sich verschwinden, die Alpen steigen und sinken, die Ebene aufblauen. Etwas Fröhliches dämmerte in ihm auf. Der Klausner hatte soeben das tote Gesichtlein wieder eingebunden, so daß der schreckliche Mund nun minder grausig erschien, ja, wie Heinzen bedeuchte, ihn an etwas erinnern wollte, was mit seinen Gedanken zusammenhing. Was konnte es nur sein! Etwas Fröhliches und Tröstliches jedenfalls . . . Mutiger wiederholte er jetzt die Frage: »Und ich, Bruderklaus, was soll ich tun?« Aber er hatte eine leise Angst, der Einsiedler werde ihm etwas raten, was ihm ganz gegen den Strich ginge . . . »Traget jetzt den Toten heim,« gebot Niklaus. »Du Heinz und Ihr, Ambassadore, gehet mit. Ihr habt noch die heitersten Gesichter. Und richtet der Frau Christofa aus, sie solle bald einmal zu mir kommen. Ich wolle ihr den Weg zeigen, auf dem man gewißlich zu ihrem Büblein kommt. Du, Mareili, sollst mitkommen; wir wollen den Eimil bald finden . . . Nein auch, wie ist es bleich, das Dirnlein! gebt ihm einen Teller Geißmilch, Hensli, rasch! und der guten Dorothe auch einen!« »Und dann, von Luzern, Gevatter Klaus,« fragte Heinz, »was tu' ich weiter?« »Wie alt bist du?« »Schier zwanzig.« »Einmal zum Kind heraus!« Heinz atmete auf. Er hatte etwas Strengeres erwartet, wippte schon mit einem Hauch von Leichtsinn die schlanken Hüften und wollte scherzen: Wie kann man aus seiner Haut heraus? als der Eremit trocken fortfuhr: »Für einen Spitzbuben bist du wirklich noch zu viel Kind. Zwar, Ihr Ambassadore, habt für diese Sorte noch weniger Talent. Wollte einer den andern überlisten, und handkehrum waren beide vom Dritten übertölpelt . . .« Heinz wurde immer mutwilliger und witzelte: »Herr Vetter, das wäret also Ihr, so ein Spitzbub' Gottes!« Ernst wies Niklaus mit seinem langen rindenbraunen Zeigfinger auf die Leiche, die man bereits in Tücher wickelte und auf die Bahre festband. »Das Spitzbüblein dort hat Euch umgeworfen. Schaut seine steife Hand, nicht ein Korn kann sie geben und nehmen. Herr Simon, was ist also Besitz . . .? Und du, Heinzli, betracht' noch schnell dieses Mäulchen, schon braun und fad wie Erde . . . Ist denn wirklich Küssen das erste und letzte? Der Spitzbub' da, ade lieber Engelsschatten . . .« er winkte der Leiche, da eben Frau von Flüe und ihr Josef das Gesicht in Leinen wickelten, und gerade die Nasenspitze zuletzt verschwand . . . »der hat euch gepredigt, was Halt und Ziel hat. Über Helme und Truhen und schöne Gesichter hinaus, übers ganze kleine Menschlein hinaus etwas Ewiges lieben, das befiehlt er euch, so wie ein Engel befehlen darf . . . Gebt her, Mesner, die Milch!« Der Tote war jetzt zugedeckt, und Heinzen wuchs der Mut von Atem zu Atem. Er dachte: in Wahrheit, mit dem Küssen ist es nicht gemacht, da hat der Bruderklaus recht. Es muß noch etwas anderes dabei sein als die Lippe, das Herz . . . noch mehr, sozusagen die Seele. Was, ja so, das ist ja nicht mein Wort, das Junkerlein hat's gesagt: ich küss' dich mit meiner Seele . . . An das wollte er mich vorhin erinnern. Wider solchen Kuß wird auch der Heilige nichts einwenden. Und frech, wie er war, und strahlend im wiedergewonnenen Lebensmut, begann er mit seiner melodiösen Stimme, die selbst einen Aszeten betören könnte: »Bruderklaus, ich glaub' dir. Aber horch', dieses Junkerlein hat mir einst, als ich sein tolles Liebkosen abwehrte, weil er mir die Schärpe und den gespitzelten Kragen für den Fasnachtumzug dabei verdarb, und als ich sagte: lass', es ist dir doch nicht ernst, ja, wahrhaftig, da hat er mir gesagt: Aber ich küss' dich ja mit meiner Seele . . . Und wenn es so kommt, an mich einmal herankommt hier im Land oder draußen, mit der Seel' kommt, wie der Bub' gesagt hat, und so mit der Seel' küßt . . . ach, er hat's ja nur halb verstanden, was er da sagte, und ich schon gar nicht . . . aber jetzt, in diesem Augenblick ist es mir klar geworden . . . sag' an, wirst du's dann erlauben und nicht wieder mit deinem erschrecklichen Zeigfinger auf Tod und Fäulnis weisen . . . da wir doch leben und jung sind . . . und der Herrgott uns doch die Seele . . . und zur Seele auch die . . . die . . .« er verschluckte: die süße Lippe gegeben hat. Er verschluckte das; denn Bruderklaus lächelte so spitzbübisch, wie man zu einem kleinen Schelm lächelt, wenn er eine Frage stellt, auf die es am klügsten ist, weder Ja noch Nein zu sagen. Denn so ein Schelm weiß auf dem Ja und Nein zu seinen Zielen zu reiten. Vorsichtig nahm der Bruder jetzt den Napf voll Milch, bückte sich auf ein Knie, setzte Mareili aufs andere und hob das Geschirr behutsam an den kleinen Mund. Und wie er ernsthaft achtete, daß das Kind nicht zuviel auf einmal schluckte, sondern absetzte und wartete und wieder eingoß, da deuchte es alle, die herumstanden, das sei nicht ein einfacher Waldbruder, der da zufällig ein Dirnlein tränke, sondern ein Völkerhirte, der seinem Vaterland, ja der ganzen Menschheit, den Hunger stillte, wenn sie sich nur an sein Knie getraute. Ende