George Eliot Adam Bede – Zweiter Band Viertes Buch Siebenundzwanzigster Abschnitt. Eine Krisis. Es war in der zweiten Hälfte August, fast drei Wochen nach dem Geburtstagsfeste. Die Weizenernte hatte in der nördlichen Grafschaft, wo unsre Geschichte spielt, bereits begonnen, drohte aber durch schwere Regengüsse unterbrochen zu werden, welche weithin Überschwemmungen und vielen Schaden anrichteten. In Broxton und Hayslope, wo das Land etwas höher lag und die Bäche in den Thälern das Wasser rasch abführten, hatte man nicht so zu leiden, und da die Pächter und Bauern dort keineswegs zu den Ausnahmen gehörten und etwa auf das allgemeine Beste mehr gesehen hätten als auf den eigenen Vorteil, so waren sie begreiflicherweise über das rasche Steigen der Kornpreise nicht sehr niedergeschlagen, so lange sie selbst Hoffnung hatten, ihre Ernte gut hereinzubringen; und ab und zu belebten sonnige Tage und trockene Winde diese Hoffnung. Der achtzehnte August war so ein Tag, wo gegen die vorhergegangene Trübheit der Sonnenschein um so heller aussah. Mächtige Wolkenmassen jagten am Himmel vorüber, und die große Hügelreihe hinter dem Schloß erschien wie belebt von ihren laufenden Schatten; jetzt verbarg sich die Sonne einen Augenblick und dann schien sie wieder warm hervor wie neubelebte Freude; der Wind zauste die grünen Blätter an Hecken und Bäumen; auf den Bauerhöfen klappten die Thüren auf und zu, in den Obstgärten fielen die Äpfel herunter, und den Pferden, die an den Feldwegen entlang und auf der Gemeindewiese lose weideten, wehten die Mähnen ins Gesicht. Ein lustiger Tag für die Kinder, die herumliefen und schrieen, ob sie vielleicht mit ihren Stimmchen den Wind überschreien könnten; und auch die Erwachsenen waren in guter Stimmung, da sie auf noch schönere Tage hofften, sobald sich der Wind gelegt hätte. Wenn nur das Korn nicht schon so reif war, daß es der Wind aus den Ähren blies und als unzeitigen Samen umherstreute! Und doch ein Tag, wo nagender Schmerz den Menschen befallen konnte! Denn wenn es wahr ist, daß die Natur in gewissen Augenblicken für den einen besonders zu sorgen scheint, muß es da nicht auch wahr sein, daß sie sich um einen andern gar nicht bekümmert und ihn so gut wie vergißt? Keine Stunde, die nicht Freude und Verzweiflung brächte, – kein schöner Morgen, der dem Elend nicht neue Plage, dem Genius und der Liebe nicht neue Kraft zuführte! Wir sind unser so viele und unser Los ist so verschieden; kein Wunder deshalb, daß die Stimmung der Natur oft in so schneidendem Gegensatze steht mit großen Entscheidungen in unserm Leben. Wir sind Kinder einer großen Familie und als solche müssen wir uns daran gewöhnen, daß man aus unsern Schrammen und Wunden nicht zu viel macht, müssen uns genügen lassen an geringer Pflege und Zärtlichkeit und einander um so mehr beistehen. Es gab heute viel zu thun für Adam; in der letzten Zeit hatte er überhaupt fast doppelte Arbeit gehabt, da er noch immer Werkführer bei Jonathan Burge war, bis sich ein genügender Nachfolger für ihn fände, und Jonathan beeilte seine Wahl nicht grade. Aber er hatte seine vermehrte Arbeit munter gethan, weil seine Hoffnungen auf Hetty wieder aufblühten. So oft sie ihn seit dem Geburtstag gesehen hatte, schien sie sich zu bemühen, nur noch freundlicher gegen ihn zu sein, und ihm andeuten zu wollen, daß sie ihm sein Schweigen und seine Kälte beim Tanzen vergeben habe. Das Medaillon hatte er nie wieder gegen sie erwähnt; er war zu glücklich, wenn sie ihn anlächelte, noch glücklicher, weil er eine schüchterne Zurückhaltung an ihr bemerkte, in der er den Keim weiblicher Zärtlichkeit und größeren Ernstes zu sehen glaubte. »Ah!« dachte er immer wieder und wieder, »sie ist erst siebzehn; noch kurze Zeit, und sie wird ernst genug sein. Und ihre Tante sagt ja immer, wie geschickt sie bei der Arbeit ist. Sie wird gewiß eine Frau, mit der die Mutter schon zufrieden sein kann.« Allerdings hatte er sie seit dem Geburtstage nur zweimal zu Hause getroffen; einen Sonntag, wo er aus der Kirche nach dem Pachthof gehen wollte, war Hetty mit einigen von der Dienerschaft nach dem Schloß gegangen, beinahe als wolle sie dem Gärtner Craig Hoffnung machen. »Sie fängt mir an, sich ein bißchen zu viel an das vornehme Bedientenvolk zu halten,« bemerkte Frau Poyser; ich für mein Teil habe auf vornehmer Leute Bedienten nie zu viel gegeben; sie sind fast alle wie feinen Damen ihre Schoßhündchen: taugen weder zum Bellen noch zum Einschlachten, sondern sind bloß zum Ansehen.« Und an einem andern Abend hieß es, sie sei nach Treddleston, um etwas einzukaufen, obgleich er sie nachher auf dem Rückwege nach Hause zu seiner großen Überraschung ganz abseits von dem Wege nach Treddleston traf. Aber als er eilig auf sie zuging, war sie außerordentlich freundlich, und als er sie bis an das Hofthor begleitet hatte, bat sie ihn, nochmal mit herein zu kommen. Sie sei von Treddleston auf dem Rückwege etwas weiter in die Felder gegangen, sagte sie, weil sie noch nicht habe hineingehen mögen; es sei so hübsch draußen, und die Tante habe immer so viel zu reden, wenn sie mal ausgehen wolle. »Bitte, kommt doch ja mit herein!« sagte sie, als er ihr am Thore zum Abschied die Hand geben wollte, und der Bitte konnte er nicht widerstehen. Er ging mit hinein, und Frau Poyser begnügte sich mit der kurzen Bemerkung, Hetty sei etwas länger ausgeblieben, als sie erwartet habe, während Hetty, die beim Zusammentreffen mit ihm niedergeschlagen ausgesehen hatte, nunmehr lächelte und plauderte und jedermann mit ungewöhnlicher Schnelligkeit bediente. Seitdem hatte er sie nicht wieder gesehen; aber morgen wollte er sich eine freie Stunde machen und Poysers besuchen. Heute, wußte er, ging Hetty auf das Schloß, um bei der Kammerfrau zu nähen; deshalb wollte er heute Abend so viel als möglich abmachen, um morgen Abend frei zu sein. Unter den Arbeiten, die Adam zu beaufsichtigen hatte, war ein kleiner Umbau auf dem Vorwerk in der Nähe des Schlosses, welches bisher der alte Satchel bewirtschaftet hatte, aber jetzt, wie es hieß, von dem alten Herrn an einen schmucken Mann in Stulpenstiefeln verpachtet werden sollte, der kürzlich die Ländereien zu Pferde in Augenschein genommen hatte. Daß der alte Herr eine Reparatur vornahm, ließ sich freilich nur aus dem Wunsche, einen neuen Pächter zu bekommen, erklären; obschon die Sonnabend-Gesellschaft bei Casson bei ihrer Pfeife Tabak darin übereingekommen war, kein verständiger Mensch könne das Vorwerk nehmen, wenn er nicht noch etwas Ackerland dazu bekäme. Wie dem aber auch sein mochte, der Umbau war befohlen, sollte in möglichster Eile ausgeführt werden, und Adam betrieb ihn für Meister Burge mit gewohntem Eifer. Indes hatte er heute anderswo zu thun gehabt und war daher erst spät am Nachmittag auf das Vorwerk gekommen, und da hatte er gefunden, daß ein altes Dachwerk, welches er noch zu retten gehofft hatte, mit dem Einsturz drohe. Es mußte ganz niedergerissen werden, wenn aus dem Teile des Gebäudes etwas werden sollte, und sofort entwarf Adam im Kopfe einen Plan, das Ganze umzubauen, die schönsten Ställe für Kühe und Kälber darin anzulegen und noch einen Schuppen für Ackergerät dabei und zwar alles ohne große Auslagen für Baumaterialien. Als die Arbeitsleute fort waren, setzte er sich hin, nahm sein Taschenbuch heraus und entwarf einen kleinen Riß und den Kostenanschlag; morgen früh wollte er diese Meister Burge vorlegen, damit er die Einwilligung des alten Herrn einhole. Seine Sache gut zu machen, wenn es auch die kleinste Arbeit galt, war für Adam immer eine rechte Freude, und als er so auf einem Bauklotze, sein kleines Büchelchen auf einem Zeichenbrett vor sich, da saß, begleitete er seine Arbeit ab und zu mit einem leisen Pfeifen und neigte den Kopf mit einem fast unmerklichen Lächeln der Befriedigung seitwärts – mit einem stolzen Lächeln, wenn man will, denn wie er tüchtige Arbeit gern hatte, so sagte er sich auch gern: »das habe ich gemacht.« Und von dieser Schwäche sind, glaube ich, nur die frei, die nie eine eigene Arbeit aufzuweisen haben. Es war fast sieben Uhr, als er fertig war und seine Jacke wieder angezogen hatte, und indem er sich noch einmal rings umsah, bemerkte er, daß Seth, der heute hier mitgearbeitet hatte, seinen Korb mit dem Handwerkszeuge habe stehen lassen. »Hat der Junge sein Handwerkszeug vergessen!« dachte Adam, »und muß doch morgen in der Werkstatt arbeiten. Hat man je so 'nen konfusen Kerl gesehen! Er würde seinen Kopf wo stehen lassen, wenn er lose säße. Aber 's ist gut, daß ich den Korb gesehen habe; ich will ihn mit nach Hause nehmen.« Das Vorwerk lag an einem Ende des Parks, ungefähr zehn Minuten von der Abtei entfernt. Adam war auf seinem Ponny hingeritten und wollte es nun auf dem Heimwege in den Stall stellen. Im Stall traf er den Gärtner, der sich das neue Pferd ansah, auf welchem der Kapitän übermorgen wegreiten wollte, und da der Gärtner ihm lang und breit erzählte, wie die ganze Dienerschaft sich am Hofthore aufstellen wollte, um dem jungen Herrn beim Wegreiten eine glückliche Reise zu wünschen, so war es bereits nahe an Sonnenuntergang, als Adam in den Park kam und mit dem Korbe über der Schulter dahinschritt; die Sonne sandte ihre purpurnen Strahlen am Boden hin zwischen den großen, alten Eichenstämmen entlang und gab jedem nackten Fleckchen Erde einen flüchtigen Glanz, daß es aussah, als lägen ebenso viele Edelsteine im Grase zerstreut. Der Wind hatte sich jetzt gelegt, und es ging nur eben ein Luftzug, der die zarten Blätter bewegte. Wer den ganzen Tag zu Hause gesessen hätte, wäre jetzt gewiß gern spazieren gegangen, aber Adam hatte schon frische Luft genug gehabt und verlangte daher rasch nach Hause; es fiel ihm ein, er könne seinen Weg bedeutend abkürzen, wenn er quer durch den Wildpark und das Wäldchen ginge, wo er in vielen Jahren nicht gewesen war. Mit großen Schritten eilte er durch den Park zwischen dem Gebüsch hin; die prächtig wechselnde Beleuchtung fesselte ihn nicht, kaum daß er dran dachte, und doch empfand er sie in der ruhigen, glücklichen Träumerei, die sich in seine rastlosen Gedanken an die Arbeit des Tages mischte. Wie hätte er sie auch nicht empfinden sollen? Die Tiere des Waldes selbst empfanden die Schönheit der Scene und gingen leiser und scheuer als sonst. Bald kehrten seine Gedanken zu dem zurück, was ihm der Gärtner über Arthur gesagt hatte und er malte sich dessen Abreise aus und was sich bis zur Rückkehr alles ändern könne; dann wanderten seine Gedanken liebevoll zurück zu den alten Scenen kindlicher Gemeinschaft und weilten auf Arthurs guten Eigenschaften, auf die Adam stolz war, wie jeder auf die Vorzüge eines höhergestellten Mannes stolz ist, der ihm Ehre erweist. Eine Natur wie Adam, so liebebedürftig und so ehrerbietig gegen andere, ist um glücklich zu sein, sehr auf das angewiesen, was sie von andern glauben und denken darf. Und seine Ideale lagen nicht in der Vergangenheit; er wußte zu wenig von dem Leben geschichtlicher Helden; die Wesen, an denen er mit liebender Bewunderung hängen konnte, mußte er sich unter denen suchen, die im Bereich seines Verkehrs waren. Diese angenehmen Gedanken an Arthur gaben seinem strengen, rauhen Gesichte einen milderen Ausdruck als gewöhnlich; sie waren vielleicht der Grund, weshalb er an der alten, grünen Pforte des Wäldchens still stand und seinen Gyp, der ihm immer dicht auf den Fersen folgte, streichelte und ihm ein freundliches Wort sagte. Nun schritt er auf dem breiten, gewundenen Pfade durch das Wäldchen rüstig weiter. Welch stattliche Buchen! Ein schöner Baum war Adams größte Freude; wie das Auge des Schiffers zur See am schärfsten blickt, so fühlte er sich bei Bäumen mehr zu Hause als bei andern Dingen. Mit all ihren Fehlern und Knorren, allen Krümmungen und Winkeln ihrer Zweige behielt er sie im Gedächtnis wie ein Maler, und oft hatte er die Höhe und den kubischen Inhalt eines Stammes aufs Haar richtig geschätzt, wenn er sich nur daneben stellte und ihn sich ansah. Kein Wunder deshalb, daß er trotz seiner Eile einen Augenblick stehen blieb, um eine merkwürdige, große Buche zu betrachten, die er an einer Wendung des Weges vor sich hatte stehen sehen und die er sich nun genauer darauf ansah, ob es nicht zwei zusammengewachsene Bäume seien oder wirklich bloß einer. Sein ganzes Leben lang erinnerte er sich an diesen Augenblick, wo er die Buche ruhig betrachtete, wie sich einer des letzten Blickes auf die Heimat seiner Jugend erinnert, ehe der Weg sich wandte und er sie nicht mehr sah. Die Buche stand an der letzten Biegung des Weges, wo das Wäldchen nach Osten in einen Laubengang überging, und als Adam von dem Baume zurücktrat, um seinen Weg fortzusetzen, fielen seine Blicke auf zwei Gestalten ungefähr zwanzig Schritte vor ihm. Er blieb stehen, regungslos wie eine Bildsäule und wurde fast eben so blaß. Die beiden Gestalten standen einander gegenüber, die Hände verschlungen wie zum Abschied, und grade als sie sich zum Kusse neigten, kam Gyp aus dem Gebüsche hervor und fing bei ihrem Anblick laut an zu bellen. Erschreckt fuhren sie auseinander; die eine eilte durch das Pförtchen aus dem Wäldchen hinaus; die andere wandte sich um und ging langsam, fast schlendernd, auf Adam zu, der noch immer blaß und wie angewurzelt dastand, den Stock, an welchem er den Korb über der Schulter trug, fester packte und auf die herannahende Gestalt mit Blicken hinsah, die von Entsetzen rasch in Wut übergingen. Arthur Donnithorne war rot im Gesicht und sah aufgeregt aus; um über ein gewisses unbehagliches Gefühl besser wegzukommen, hatte er heute bei Tische etwas mehr Wein getrunken als gewöhnlich, und in der angenehmen Stimmung nahm er diese unerwünschte Begegnung mit Adam leichter, als er sonst gethan haben würde. Am Ende, dachte er, sei es noch gut, daß grade Adam ihn mit Hetty zusammen gesehen habe; er war ja ein verständiger Mensch und schwatzte es gewiß nicht aus unter den Leuten. Arthur fühlte sich ganz sicher, er werde die Geschichte mit einem Scherz abmachen und ihm was vorschwatzen können, und so schlenderte er denn mit ausgesuchtester Gleichgültigkeit auf ihn zu; auf sein gerötetes Gesicht, seinen Gesellschaftsanzug mit dem feinen Leinen, seine weißen wohlgeschmückten Hände, die er halb in die Westentaschen steckte, schien die wunderbare Abendbeleuchtung, welche die hellen Wolken hoch oben am Himmel auf die Spitzen der Bäume zu seinen Häupten herniedergossen. Noch immer stand Adam ohne Regung und heftete seine Blicke auf ihn. Jetzt verstand er alles – das Medaillon und was ihm sonst noch unklar gewesen war; ein schreckliches, grelles Licht zeigte ihm die verborgene Schrift, welche seiner ganzen Vergangenheit eine andere Bedeutung gab. Hätte er nur eine Muskel bewegt, er wäre unfehlbar auf Arthur losgesprungen wie ein Tiger, aber in dem Streit der Empfindungen, welche die Ewigkeit dieser Augenblicke erfüllten, hatte er sich das Wort gegeben, seine Leidenschaft zu beherrschen und nur zu sagen, was recht sei. Wie von einer unsichtbaren Kraft versteinert, stand er da, aber die Kraft war sein eigner starker Wille. »Nun, Adam,« sagte Arthur, »Ihr habt Euch wohl die hübschen, alten Buchen angesehen? Ja, da darf die Axt nicht dran; dies ist ein heiliger Hain. Ich holte die hübsche, kleine Hetty ein, als ich grade hier in mein Nest, die Einsiedelei, wollte. Sie sollte nicht so spät nach Hause gehen. Darum begleitete ich sie ans Pförtchen und bat sie zum Lohne um einen Kuß. Aber jetzt muß ich wieder zurück, dieser Weg ist so schändlich feucht. Guten Abend, Adam; auf Wiedersehen morgen; ich muß Euch doch Adieu sagen.« Arthur war mit der Rolle, die er selbst spielte, viel zu beschäftigt, um den Ausdruck in Adams Gesicht deutlich wahrzunehmen. Er sah ihm nicht grade in die Augen, sondern warf nachlässige Blicke auf die Bäume umher und hob dann einen Fuß in die Höhe und betrachtete sich die Sohle seines Stiefels. Er hütete sich wohl noch mehr zu sagen; er glaubte, dem ehrlichen Adam grade Sand genug in die Augen gestreut zu haben, und bei den letzten Worten, die er sprach, ging er schon weiter. »Halt, Herr!« sagte Adam hart und bestimmt, ohne sich umzuwenden; »ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.« Überrascht blieb Arthur stehen. Auf schreckhafte Menschen wirkt ein Wechsel im Ton stärker als unvorhergesehene Worte. Noch mehr überraschte es Arthur, daß Adam sich gar nicht bewegte, sondern mit dem Rücken gegen ihn stehen blieb, als verlange er von ihm, dem jungen Herrn, er solle zurückkommen. Was sollte das bedeuten? Wollte er gar die Geschichte ernsthaft nehmen, der verwünschte Mensch? Arthur fühlte, wie ihm der Zorn aufstieg. Die Neigung zum Patronisieren hat stets auch ihre bedenkliche Seite, und in der Verwirrung von Angst und Gereiztheit überkam ihm das Gefühl, wem er so viel Gunst bezeigt habe wie Adam, der sei gar nicht in der Lage, sein Benehmen zu tadeln. Und doch fühlte er sich in Adams Gewalt, wie jeder, der sich im Unrecht weiß, sich von dem beherrschen läßt, auf dessen gute Meinung ihm was ankommt. Trotz seines Stolzes und Ärgers kam es daher fast ebenso bittend wie böse heraus, als er sagte: »Was soll das heißen, Adam?« »Das soll heißen, Herr,« erwiderte Adam, ebenso barsch wie vorher, aber noch immer ohne sich umzuwenden, »das soll heißen, Herr, daß Sie mich mit Ihren leichten Worten nicht täuschen. Es ist heute nicht das erstemal, daß Sie Hetty Sorrel im Park getroffen haben, noch auch das erstemal, daß Sie sie geküßt haben.« Arthur war in ängstlicher Ungewißheit, wie weit Adam aus wirklicher Kenntnis spreche und wie weit er etwa bloß vermute, und diese Ungewißheit reizte ihn nur noch mehr und verdarb ihm eine kluge Entgegnung. Er nahm einen hohen, scharfen Ton an und sagte: »Nun, und was dann?!« »Was dann?! – nun, statt zu handeln wie der rechtschaffene, ehrenhafte Mann, für den wir Sie alle hielten, haben Sie gehandelt wie ein selbstsüchtiger, leichtsinniger Schurke. Sie wissen so gut wie ich, wohin es führt, wenn ein so vornehmer Herr ein junges Mädchen wie Hetty küßt und schön mit ihr thut und ihr Geschenke giebt, die sie sich scheut vor andern Leuten sehen zu lassen. Und ich sage nochmal, Sie handeln wie ein selbstsüchtiger, leichtsinniger Schurke, obschon es mir ins Herz schneidet, das sagen zu müssen, und ich mir lieber meine rechte Hand hätte abhauen lassen.« »Ich muß Euch sagen, Adam,« erwiderte Arthur und suchte seinen Ärger zu zügeln und wieder den nachlässigeren Ton anzunehmen, »Ihr seid nicht nur verteufelt unverschämt, sondern Ihr sprecht auch Unsinn. Ein hübsches Mädchen ist nicht so 'n Narr wie Ihr, daß sie meinte, wenn ein Mann von Stande ihre Schönheit bewundert und ihr etwas Aufmerksamkeit erweist, so denke er sich was dabei. Jeder Mann hat gern so 'ne kleine Liebelei mit 'nem hübschen Mädchen, und jedes hübsche Mädchen hat's auch gern. Je größer der Abstand zwischen ihnen, desto weniger schadet's; um so weniger wird sie sich Hoffnungen machen.« »Ich weiß nicht, was Sie unter Liebelei verstehen,« erwiderte Adam; »wenn es aber heißen soll, daß man gegen ein Mädchen thut, als liebte man sie, und sie dabei doch nicht liebt, dann sage ich, das thut kein ehrlicher Mann, und was nicht ehrlich ist, daraus kommt Unheil. Ich bin kein Narr und Sie sind kein Narr, und Sie sind klüger, als Ihre Worte zeigen. Sie wissen recht gut: wenn das bekannt würde, was Sie mit Hetty vorgehabt haben, so verlöre sie ihren Ruf, und Schande und Kummer käme über sie und ihre Verwandten. Und bei dem Küssen und Schenken haben Sie sich weiter nichts gedacht?! Das glaubt Ihnen kein Mensch, und daß sie sich keine Hoffnung gemacht habe, davon seien Sie mir auch still. Ich sage Ihnen, Sie haben ihr das Herz mit dem Gedanken an Sie so erfüllt, daß es ihr leicht das ganze Leben vergiftet, und sie wird nie einen andern lieben, der ein guter Ehemann für sie wäre.« Bei diesen Worten Adams hatte sich Arthur sehr erleichtert gefühlt; er erkannte, daß Adam von dem was vorgefallen war, nichts Bestimmtes, wußte und daß der Schaden dieser unseligen Begegnung von heute Abend noch wieder gut zu machen sei. Adam ließ sich wohl noch täuschen! Und so hatte denn der aufrichtige Arthur sich in eine Lage gebracht, wo seine einzige Hoffnung war, mit Erfolg – zu lügen. Diese Hoffnung besänftigte seinen Zorn etwas. »Nun, Adam,« sagte er in dem Tone einer freundlichen Konzession, »Ihr habt vielleicht nicht Unrecht. Vielleicht bin ich ein bißchen zu weit gegangen, daß ich gegen das kleine Ding so aufmerksam gewesen bin und ihr ab und zu einen Kuß geraubt habe. Ihr seid so ein ernsthafter, ruhiger Mensch, Ihr könnt die Versuchung zu solcher Spielerei nicht begreifen. Nicht um alles in der Welt möchte ich der kleinen Hetty und den guten Poysers Kummer oder Verlegenheit bereiten. Aber Ihr nehmt die Sache wohl zu ernsthaft, scheint mir. Ich gehe jetzt fort, wißt Ihr, und solche Mißgriffe können daher nicht mehr vorkommen. Also guten Abend« – hier wandte sich Arthur zum Gehen – »und nichts mehr davon. Bald wird die ganze Geschichte vergessen sein.« »Nein, bei Gott!« brach Adam mit einer Wut, die er nicht länger beherrschen konnte, heraus, warf seinen Korb von den Schultern und schritt auf Arthur los, bis er ihm grade gegenüber stand. Seine ganze Eifersucht und das Gefühl der persönlichen Beleidigung, die er bisher niederzuhalten versucht hatte, schnellten nun empor und überwältigten ihn. Wer von uns hätte je in den ersten Augenblicken eines empfindlichen Schmerzes glauben können, daß der Mitmensch, durch den uns die Wunde geschlagen wurde, uns nicht habe verletzen wollen?! In unserer angebornen Empörung gegen den Schmerz werden wir wieder zu Kindern und wollen ein bestimmtes Ziel für unsere Rache. Adam empfand in diesem Augenblicke nur, daß ihm Hetty geraubt sei, verräterisch geraubt durch den Mann, zu dem er alles Vertrauen gehabt, und als er nun Arthur dicht gegenüberstand, leuchteten ihm die Augen wild im Kopf, seine Lippen waren blaß, seine Hände krampfhaft geballt und an die Stelle des harten Tons, in welchem er sich bisher bemüht hatte, nur eine gerechte Entrüstung auszudrücken, trat eine tiefe erregte Stimme, unter der der ganze Mann zu beben schien, während er sprach. »Nein, es wird nicht bald vergessen sein, daß Sie zwischen Hetty und mich getreten sind, während sie mich vielleicht geliebt hätte – es wird nicht bald vergessen sein, daß Sie mich meines Glücks beraubt haben, während ich Sie für meinen besten Freund und einen edlen Menschen hielt, dem ich stolz war zu dienen. Und Sie haben sie geküßt und sich nichts dabei gedacht? Ich habe sie nie geküßt in meinem ganzen Leben, aber Jahre lang habe ich schwer gearbeitet, damit ich sie einst küssen dürfte. Und Sie nehmen das so leichtfertig! Sie halten es für nichts, Dinge zu thun, die andern schaden, wenn Sie nur Ihr Spiel haben, bei dem Sie sich nichts denken. Ich verwerfe Ihre Gunst und Freundlichkeit, denn Sie sind nicht der, für den ich Sie hielt. Ich werde Sie nie mehr für meinen Freund halten. Ich wollte lieber, Sie handelten als mein Feind und schlügen sich mit mir hier auf der Stelle – es ist der einzige Ersatz, den Sie mir geben können.« Von einer Wut, die keinen andern Ausweg zu finden wußte, wie besessen, warf der arme Adam Rock und Mütze ab und sah in seiner leidenschaftlichen Verblendung die Veränderung nicht, die bei seinen Worten über Arthur gekommen war. Arthurs Lippen waren jetzt so blaß wie Adams; sein Herz schlug heftig. Die Entdeckung, daß Adam Hetty liebe, war ein solcher Schlag für ihn, daß er in dem Augenblick sich selbst in dem Lichte der Entrüstung seines Gegners sah und Adams Schmerz nicht nur als eine Folge, sondern als einen Teil seiner Schuld betrachtete. Die Worte des Hasses und der Verachtung, die ersten in seinem Leben, die er je gehört, waren wie brennende Pfeile, deren Narben sich nie würden verwischen lassen. Jeder Schutz von Selbstentschuldigung, der selten ganz schwindet, so lange uns andere noch achten, verließ ihn sofort, und Auge in Auge stand er nun dem ersten großen, unwiderruflichen Übel gegenüber, das er je verschuldet. Er war erst einundzwanzig Jahre alt und noch vor drei Monaten – nein, vor viel kürzerer Zeit hatte er den stolzen Gedanken gehabt, nie solle ihm jemand einen gerechten Vorwurf machen können. Hätte er Zeit gehabt, so würde er jetzt vielleicht sich beeilt haben, ein Wort der Versöhnung zu sprechen, aber Adam hatte kaum Rock und Mütze abgeworfen, als er bemerkte, daß Arthur blaß und ohne Regung dastand und seine Hände noch immer in der Westentasche hielt. »Wie!« rief er, »wollen Sie sich nicht mit mir schlagen wie ein Mann? Sie wissen wohl, so lange Sie so stehen, schlage ich nicht.« »Geht, Adam, geht!« sagte Arthur, »ich will mich nicht mit Euch schlagen.« »Nein,« erwiderte Adam bitter, »Sie wollen sich nicht mit mir schlagen; in Ihren Augen bin ich nur ein gemeiner Mann, den Sie beleidigen können, ohne ihm Rede zu stehen.« »Ich habe Euch nie beleidigen wollen,« sagte Arthur, dem wieder der Ärger aufstieg; »ich wußte nicht, daß Ihr Hetty liebtet.« »Aber Sie haben ihre Liebe für sich geraubt,« rief Adam. »Sie sind ein Mensch ohne Treue und Glauben; ich werde Ihnen nie wieder ein Wort glauben.« »Geht fort, sag' ich Euch,« erwiderte Arthur zornig, »oder wir werden es beide bereuen.« »Nein,« sagte Adam mit krampfhafter Stimme, »nein! Ich schwöre, ich gehe nicht fort, als bis ich mich mit Ihnen geschlagen habe. Wollen Sie noch mehr hören? Ich sage Ihnen, Sie sind ein Feigling und ein Schurke, und ich verachte Sie.« Arthurs Gesicht färbte sich wieder; im Nu ballte er die rechte Hand, und mit einem Schlage wie ein Blitz traf er Adam, daß er zurücktaumelte. Sein Blut raste jetzt ebenso wie Adams, und die Empfindungen vergessend, die sie eben noch erfüllt hatten, kämpften die beiden Männer mit der natürlichen Wut von Panthern, während das Zwielicht unter den Bäumen immer dunkler wurde. Der vornehme Herr mit der feinen Hand war dem Handwerker in allem gewachsen außer an Kraft, und durch seine Geschicklichkeit im Parieren gelang es ihm nur, den Kampf einigermaßen zu verlängern. Aber unter Unbewaffneten ist der Sieg dem Starken gewiß, wenn der Starke nicht zu ungeschickt ist, und einem wohlgeführten Schlage Adams mußte Arthur erliegen, wie dünner Stahl zerbricht unter einem eisernen Hammer. Der Schlag ließ nicht lange auf sich warten, und Arthur stürzte nieder, mit dem Kopfe tief in einen Busch, so daß Adam zunächst nur den dunkeln Leib sehen konnte. Er stand da in dem trüben Zwielichte und wartete, daß Arthur aufstände. Den Schlag, zu dem er alle Kraft seiner Nerven und Muskeln zusammengenommen hatte, den hatte er nun gegeben, und was nutzte es ihm? Was half ihm sein Kämpfen? Nur seine Leidenschaft hatte er befriedigt, nur seine Rache gekühlt, aber Hetty nicht gerettet, das Vergangene nicht wieder gut gemacht – da war es noch, vor ihm, grade wie es gewesen, und es ekelte ihn vor der Thorheit seiner eigenen Wut. Aber warum stand Arthur nicht auf? Ganz regungslos lag er da, und die Zeit schien Adam so lang ... Großer Gott! wenn der Schlag zu stark gewesen! Adam schauderte bei dem Gedanken an seine eigene Kraft und von Furcht überwältigt kniete er neben Arthur nieder und richtete ihm den Kopf in die Höhe. Kein Zeichen von Leben; Augen und Mund fest geschlossen. Das Entsetzen, welches Adam überlief, bewältigte ihn so, daß er es selbst für Wirklichkeit hielt. Er hatte keine andre Empfindung, als daß auf Arthurs Gesicht der Tod sei und er hülflos daneben; er bewegte sich nicht, sondern lag auf den Knieen – ein Bild der Verzweiflung hinstarrend auf ein Bild des Todes. Achtundzwanzigster Abschnitt Entweder – Oder Es mochten nur wenige Minuten vergangen sein – Adam blieb immer der Meinung, es sei eine lange Zeit gewesen – als er einen Schimmer von Bewußtsein auf Arthurs Gesicht und ein leises Beben an seinem Körper bemerkte. Mit der unendlichen Freude, die seine Seele durchströmte, kam auch etwas von der alten Zärtlichkeit wieder. »Fühlen Sie Schmerz, Herr Kaptän?« fragte er mit sanfter Stimme und lüftete Arthurs Halstuch. Arthur starrte ihn an und fuhr dann plötzlich erschreckt zusammen, als käme ihm die Erinnerung wieder. Aber er antwortete nicht. »Fühlen Sie eine Verletzung, Herr?« fragte Adam wieder, und seine Summe zitterte. Arthur fuhr mit der Hand nach seiner Weste, und als Adam sie aufgeknöpft hatte, holte er länger Atem. »Laßt meinen Kopf los,« sagte er mit matter Stimme, »und holt mir etwas Wasser, wenn Ihr könnt.« Adam legte den Kopf sanft ins Gras nieder, nahm das Arbeitszeug aus dem Blechkorbe und eilte zwischen den Bäumen entlang zu dem Bache am Rande des Wäldchens. Der Korb leckte, aber doch brachte ihn Adam noch halb voll zurück. Arthur sah ihn jetzt schon mit vollem Bewußtsein an. »Können Sie ein wenig aus der Hand trinken?« fragte Adam und kniete wieder hin, um Arthurs Kopf aufzurichten. »Nein,« antwortete Arthur; »taucht mein Halstuch hinein und träufelt es mir auf den Kopf.« Das Wasser schien ihm gut zu thun, denn sofort richtete er sich, auf Adams Arm gestützt, etwas mehr in die Höhe. »Fühlen Sie innerlich eine Verletzung, Herr?« fragte Adam wieder. »Nein, keine Verletzung,« antwortete Arthur immer noch matt, »aber ich fühle mich äußerst angegriffen.« Nach einer Weile sagte er: »ich glaube, ich wurde ohnmächtig, als Ihr mich niederschlugt.« »Ja, Gott sei Dank,« erwiderte Adam, »ich fürchtete, es wäre was Schlimmeres.« »Wie? Ihr glaubtet, Ihr hättet mir den Rest gegeben, he? Bitte, jetzt helft mir auf die Beine.« »Ich fühle mich schrecklich unsicher und schwindelig,« sagte Arthur, als er wieder stand und sich auf Adams Arm stützte; »der Schlag von Euch muß auf mich losgefahren sein wie ein Sturmbock. Ich glaube kaum, daß ich allein gehen kann.« »Stützen Sie sich nur auf mich, Herr Kaptän; ich will Sie schon führen,« sagte Adam. »Oder wollen Sie sich noch ein wenig hinsetzen, hier auf meinen Rock? Ich setze mich dann gegen Sie. Vielleicht wird Ihnen in ein paar Minuten besser.« »Nein,« antwortete Arthur, »ich will nach der Einsiedelei gehen; ich glaube, da habe ich etwas Cognac. Einige Schritte von hier, nahe am Pförtchen, geht ein Richtweg ab. Helft mir nur ein bißchen weiter.« Langsam, mit häufigen Pausen, gingen sie fort, ohne ein Wort zu sprechen. In den ersten Augenblicken, nachdem Arthur wieder zu sich gekommen war, hatten sie beide ihre Gedanken ganz auf die Gegenwart gerichtet gehabt, und jetzt trat ihnen wieder lebhaft vor die Seele, was vorhergegangen war. Auf dem schmalen Wege unter den Bäumen war es fast dunkel, aber zwischen den Tannenbäumen durch, die rings im Kreise um die Einsiedelei standen, konnte der heraufsteigende Mond sein Licht hineinwerfen und beschien die Fenster. Auf dem dicken Teppich der Tannennadeln hörten sie ihre eigenen Schritte nicht, und die äußere Stille schien ihre innere Erregung zu erhöhen. Arthur nahm den Schlüssel aus der Tasche, und Adam öffnete die Thür. Er wußte nichts davon, daß Arthur die alte Einsiedelei möbliert und für sich eingerichtet hatte, und war daher überrascht, in ein behagliches Zimmer zu treten, das augenscheinlich viel bewohnt wurde. Arthur ließ Adams Arm los und warf sich aufs Sofa. »Ihr werdet meine Jagdflasche irgendwo finden,« sagte er; »ein ledernes Futteral mit Glas und Flasche darin.« Adam hatte es bald gefunden. »Es ist nur wenig mehr drin, Herr,« sagte er, indem er die Flasche ganz umkehrte; »kaum dies kleine Glas voll.« »Gut, gebt mir das,« antwortete Arthur mit dem Eigensinn eines Leidenden. Er schlürfte etwas davon und Adam fragte: »Soll ich nicht lieber ins Schloß gehen und noch mehr Cognac holen? Ich kann schnell zurück sein. Sie müssen sich etwas erquicken, sonst werden Sie schlecht nach Hause kommen.« »Ja, geht nur hin. Aber sagt nicht, ich sei unwohl. Fragt nach meinem Diener Pym; er soll es sich geben lassen, aber nicht dabei sagen, daß ich hier in der Einsiedelei bin. Bringt auch Wasser mit.« Es war eine rechte Erleichterung für Adam, daß er etwas zu thun bekam, und für beide war es eine Erleichterung, sich auf kurze Zeit von einander zu trennen. Aber Adams schneller Schritt konnte den stechenden Schmerz seiner Gedanken nicht lindern – den Schmerz, die letzte schreckliche Stunde wieder durchzuleben und durchzuleiden und von ihr weg in die veränderte traurige Zukunft zu blicken. Als Adam fort war, lag Arthur noch einige Minuten still, dann erhob er sich mühsam vom Sofa und suchte in dem gebrochenen Licht des Mondes langsam nach etwas umher. Endlich fand er zwischen einem Haufen Schreib- und Zeichenmaterialien ein kurzes Stümpfchen Wachslicht, zündete es an und ging damit vorsichtig im Zimmer umher und leuchtete in alle Ecken. Endlich erblickte er etwas, etwas ganz kleines; zuerst steckte er es in die Tasche und dann nach neuem Überlegen verbarg er es tief in einen Papierkorb. Es war ein kleines rotseidnes Frauenhalstuch. Dann setzte er das Licht auf den Tisch und warf sich von Anstrengung erschöpft wieder aufs Sofa. Er erwachte aus einem Schlummer, als Adam mit seinen Vorräten zurückkam. »Ah, das ist gut!« sagte Arthur, »ich habe solche Stärkung sehr nötig.« »Ich freue mich, daß Sie ein Licht haben, Herr,« sagte Adam. »Ich habe schon gedacht, ich hätte mir wohl eine Laterne ausbitten können.« »Nein, nein, das Licht wird lange genug brennen; ich werde bald wieder so weit sein, daß ich nach Haus gehen kann.« »Ich kann nicht eher fortgehen, ehe ich Sie sicher zu Haus weiß, Herr,« sagte Adam mit einigem Zögern. »Nein, es ist besser, Ihr bleibt noch; bitte nehmt Platz.« Adam setzte sich und sie saßen einander in unbehaglichem Schweigen gegenüber, während Arthur langsam Cognac und Wasser trank, was ihn sichtlich erfrischte. Er lag jetzt viel bequemer und war augenscheinlich nicht mehr so körperlich angegriffen. Adam bemerkte das alles deutlich, und da seine Besorgnis um Arthurs Zustand sich legte, hatte er um so stärker das Gefühl jener Ungeduld, die jeden überkommt, der aus Rücksicht auf den körperlichen Zustand des Schuldigen seine gerechte Entrüstung eine Zeit lang zurückgehalten hat. Doch lag ihm noch etwas auf der Seele, ehe er seine Vorwürfe wieder aufnehmen konnte; er mußte eingestehen, was in seinen eigenen Worten ungerecht gewesen war. Vielleicht wünschte er dieses Geständnis um so mehr zu machen, damit seine Entrüstung wieder um so freieren Lauf habe; und als er an verschiedenen Zeichen merkte, Arthur erhole sich, da drängten sich ihm die Worte immer wieder auf die Lippen, und immer wieder verscheuchte sie der Gedanke, es sei doch am besten, alles bis morgen zu lassen. So lange sie schwiegen, sahen sie einander nicht an, und Adam überkam das Vorgefühl, wenn sie wieder über das Geschehene sprächen, so würden sie sich wieder ereifern. So verharrten sie denn in dem Schweigen, bis das Lichtstümpfchen tief in den Leuchter hinabgebrannt war, und jeden Augenblick wurde Adam das Schweigen unerträglicher. Arthur hatte sich grade eine neue Mischung zurecht gemacht, den Arm unter den Kopf gelegt und behaglich ein Bein aufs Sofa gezogen, da konnte Adam der Versuchung nicht widerstehen, zu sagen, was er auf dem Herzen hatte. »Sie fühlen sich doch wieder viel besser, Herr?« fing er an, als das Licht ausging und sie nun im Halbdunkel des matten Mondlichtes einander gegenüber saßen. »Jawohl, zwar noch nicht sehr kräftig, einigermaßen träge und matt, aber wenn ich dies Glas ausgetrunken habe, will ich nach Haus.« Eine kleine Pause entstand, ehe Adam fortfuhr: »Der Zorn überwältigte mich vorhin, und ich sagte, was nicht wahr ist. Ich hatte kein Recht so zu sprechen, als hätten Sie gewußt, daß Sie Unrecht gegen mich thäten; Sie hatten gar keinen Grund, das zu wissen; was ich für sie empfand, habe ich immer so geheim wie möglich gehalten.« Eine neue Pause, dann fuhr er fort: »Und vielleicht hab ich Sie zu hart beurteilt; das ist leicht mein Fehler, und Sie haben wohl mehr aus Gedankenlosigkeit gehandelt, als ich bei jemandem, der ein Herz und ein Gewissen hat, für möglich gehalten hätte. Wir sind nicht alle gleich gemacht und verkennen daher wohl einer den andern. Gott weiß, es wäre mir die größte Freude, wenn ich von Ihnen das Beste denken dürfte.« Arthur hätte am liebsten heute nichts mehr gesagt; er war geistig zu schmerzlich ergriffen und körperlich zu schwach, um heute Abend noch eine weitere Erörterung zu wünschen. Und doch war es ihm eine Erleichterung, daß Adam die Unterhaltung wieder in einer Weise eröffnete, die ihm die Antwort weniger schwer machte. Arthur war in der unglücklichen Lage eines aufrichtigen, edeldenkenden Mannes, der einen Fehltritt begangen hat, bei welchem nun Täuschung eine Notwendigkeit scheint; das natürliche Verlangen, Wahrheit gegen Wahrheit zu tauschen, Vertrauen mit offenem Geständnis zu erwidern, mußte er unterdrücken, und die Pflicht war für ihn eine Frage der Klugheit. Seine That fiel auf ihn zurück, ihre Folgen beherrschten ihn schon gebieterisch und drängten ihn auf einen Weg, gegen den sein natürliches Gefühl sich sträubte. Das einzige, was ihm jetzt noch zulässig schien, war, Adam vollständig zu täuschen; er mußte ihm eine bessere Meinung von sich geben, als er verdiente. Und als er die Worte seines ehrlichen Widerrufs vernahm, als er die wehmütige Klage hörte, mit der Adam schloß, da mußte er sich freuen über den Rest unwissenden Vertrauens, der sich darin kundgab. Er antwortete nicht sogleich, denn klug mußte seine Antwort sein, nicht wahrhaft. »Sprecht nicht mehr von unserm Zorn, Adam,« erwiderte er endlich sehr langsam, denn die Mühe des Sprechens war ihm unerwünscht; »ich vergebe Euch Eure vorübergehende Ungerechtigkeit; bei den übertriebenen Vorstellungen, die Ihr Euch machtet, war sie ganz natürlich. Hoffentlich sind wir in Zukunft ebenso gute Freunde, trotzdem wir uns geschlagen haben; ich habe den Kürzeren gezogen, und so mußte es sein, denn ich glaube, ich bin von uns beiden am meisten im Unrecht gewesen. Da ist meine Hand – kommt, schlagt ein!« Arthur hielt Adam die Hand hin, dieser aber rührte sich nicht. »Dazu will ich nicht Nein sagen, Herr,« erwiderte er, »aber einschlagen kann ich nicht, bis ich weiß, was wir darunter verstehen. Ich hatte Unrecht, als ich sagte, Sie hätten mich wissentlich beleidigt, aber ich hatte nicht Unrecht in dem, was ich vorher über Ihr Betragen gegen Hetty sagte, und ich kann Ihnen nicht die Hand geben, als wären Sie jetzt so gut mein Freund wie früher, bis Sie das nicht etwas aufgeklärt haben.« Arthur schluckte seinen Stolz und Verdruß hinunter und zog die Hand zurück. Er schwieg einige Augenblicke und sagte dann so gleichgültig wie möglich: »Ich weiß nicht, was Ihr unter Aufklären versteht. Ich habe Euch schon gesagt, daß Ihr so 'ne kleine Liebelei etwas zu ernst nehmt. Aber selbst, wenn Eure Vermutung begründet wäre, es sei Gefahr dabei – nun, ich geh ja am Sonnabend weg und die Geschichte ist zu Ende. Daß Ihr solchen Schmerz davon gehabt habt, thut mir herzlich leid. Mehr kann ich nicht sagen.« Adam antwortete nicht, sondern stand vom Stuhle auf und trat an ein Fenster, als sähe er hinaus in die dunkeln Tannenbäume, aber in Wahrheit fühlte er nur den Streit in seinem Innern. Sein Entschluß, erst morgen zu sprechen, half nun nichts mehr: jetzt, gleich hier mußte er sprechen. Aber es dauerte einige Minuten, ehe er sich umwandte, näher an Arthur herantrat und sich neben das Sofa stellte, auf dem dieser lag. »Es wird besser sein, daß ich offen rede,« sagte er mit sichtlicher Anstrengung, »so schwer es mir auch wird. Sie sehen, Herr, für mich ist dies keine Kleinigkeit, mag es für Sie sein, was es will. Ich gehöre nicht zu den Männern, die erst um eine freien und dann um eine andere, und denen es ziemlich einerlei ist, welche sie schließlich nehmen. Was ich für Hetty fühle, ist eine ganz andre Art Liebe, welche nur die verstehen, die sie selbst fühlen, und Gott, der sie den Menschen giebt. Sie ist mir mehr als alles andere auf der Welt, alles außer meinem Gewissen und meinem guten Namen. Und wenn es wahr ist, was Sie heute Abend mehrmals gesagt haben, es sei bloß Spielerei und Liebelei gewesen, wie Sie das nennen, und mit Ihrer Abreise höre es auf – nun, dann würde ich schon warten und hoffen, daß sie ihr Herz mir am Ende doch noch zuwendet. Ich kann mir nicht denken, daß Sie falsch gegen mich sind, und ich will Ihrem Worte glauben, so schlimm die Dinge auch aussehen.« »Ihr thätet Hetty mehr Unrecht als mir, wenn Ihr mir nicht glaubtet!« rief Arthur fast heftig und fuhr vom Sofa auf und versuchte zu gehen. Aber sogleich sank er wieder auf einen Stuhl und sagte mit schwächerer Stimme: »Ihr scheint zu vergessen, daß Ihr mit Eurem Verdacht gegen mich auch auf sie einen bösen Schein werft.« »Nein, Herr,« erwiderte Adam mit ruhigerer Stimme, als fühle er sich halb erleichtert – denn er war zu grade, um zwischen einer direkten und indirekten Lüge zu unterscheiden – »nein, Herr! die Dinge stehen nicht gleich für Sie und für Hetty. Was Sie auch thun, Sie thun's mit offenen Augen; aber wissen Sie denn, was in des Mädchens Seele vorgegangen ist? Sie ist ja fast noch ein Kind, welches jeder, der ein Gewissen hat, sich verpflichtet fühlen müßte zu hüten. Und was Sie auch denken mögen, ich weiß bestimmt, Sie haben ihren Frieden gestört. Ich weiß, sie hat ihr Herz an Sie gehängt; denn jetzt ist mir manches klar, was ich bisher nicht begriff. Aber was sie empfindet, daraus scheinen Sie sich nichts zu machen, daran scheinen Sie gar nicht zu denken.« »Gerechter Himmel, Adam, laßt mich in Ruh!« brach Arthur heftig aus; »ich fühle es genug, auch ohne daß Ihr mich quält.« Er bemerkte seine Unvorsichtigkeit, sobald ihm die Worte entschlüpft waren. »Nun denn, wenn Sie es fühlen,« fiel Adam lebhaft ein, »wenn Sie fühlen, daß Sie ihr etwas in den Kopf gesetzt und ihr eingeredet haben, Sie liebten sie, während Sie sich die ganze Zeit gar nichts dabei dachten, so habe ich Ihnen folgende Forderung zu stellen – nicht für mich, sondern für das Mädchen. Ich verlange, daß Sie ihr die Wahrheit sagen, noch ehe Sie abreisen. Sie gehen nicht für immer weg, und wenn Sie das Mädchen in dem Glauben lassen, Sie hegten für sie dasselbe Gefühl wie umgekehrt, dann wird sie sich immer nach Ihnen sehnen, und das Unheil kann noch größer werden. Jetzt ist es ihr vielleicht ein harter Schlag, aber am Ende erspart es ihr doch Kummer. Ich verlange, daß Sie ihr einen Brief schreiben; Sie können sich darauf verlassen, daß ich fürs Überbringen sorge; sagen Sie ihr die Wahrheit und nehmen Sie den Tadel auf sich, daß Sie sich gegen sie so benommen haben, wie Sie gegen ein Mädchen unter Ihrem Stande nicht durften. Ich spreche offen, Herr, aber ich kann nicht anders. In dieser Sache kann niemand für Hetty eintreten als ich.« »Ich kann in dieser Sache thun, was ich für nötig halte, auch ohne Euch etwas zu versprechen,« erwiderte Arthur, durch Kummer und Verlegenheit immer mehr gereizt. »Ich werde thun, was ich für passend halte.« »Nein!« sagte Adam scharf und entschieden, »das genügt nicht. Ich muß wissen, wie ich stehe. Ich muß Sicherheit haben, daß Sie mit einer Sache ein Ende machen, die Sie gar nicht hätten anfangen dürfen. Ich weiß recht wohl, was Ihnen als einem vornehmen Herrn zukommt, aber in dieser Sache sind wir Mann gegen Mann, und ich kann nicht nachgeben.« Arthur schwieg einige Augenblicke; dann sagte er: »morgen sehe ich Euch wieder; jetzt kann ich nicht mehr, ich bin krank.« Er stand bei diesen Worten auf und nahm seine Mütze, als wolle er gehen. »Sie dürfen sie nicht wiedersehen!« rief Adam aus, dem wieder Zorn und Verdacht durch die Seele stammte, und ging nach der Thür und stellte sich mit dem Rücken dagegen. »Entweder sagen Sie mir, daß sie nie mein Weib sein kann – sagen Sie mir, daß Sie gelogen haben – oder Sie versprechen nur, was ich verlange.« Als Adam dies Entweder – Oder aussprach, stand er wie ein schreckliches Schicksal vor Arthur, der ein paar Schritte vorwärts gemacht hatte und nun stehen blieb, matt, erschüttert, krank an Seele und Leib. Es schien ihnen der Kampf in Arthurs Innerm so lang; endlich sagte er mit matter Stimme: »ich verspreche es, jetzt laßt mich gehen.« Adam ließ die Thür frei und öffnete sie, aber als Arthur die Schwelle betrat, blieb er wieder stehen und lehnte sich gegen den Pfosten. »Sie sind noch nicht wohl genug, Herr, um allein zu gehen,« sagte Adam; »nehmen Sie wieder meinen Arm.« Ohne zu antworten ging Arthur weiter; Adam folgte ihm. Aber nach wenigen Schritten blieb er schon wieder stehen und sagte kalt: »ich glaube doch, ich muß Euch bemühen; es wird schon spät, und man könnte sich zu Hause meinetwegen ängstigen.« Adam gab ihm den Arm, und ohne ein Wort zu sprechen, gingen sie weiter, bis sie an die Stelle kamen, wo der Korb und das Arbeitszeug lagen. »Ich muß das Arbeitszeug aufnehmen,« sagte Adam; »es gehört meinem Bruder; es wird wohl etwas gerostet sein. Möchten Sie einen Augenblick warten.« Arthur stand schweigend still, und kein Wort wurde weiter zwischen ihnen gewechselt, bis sie an eine Seitenpforte kamen, durch welche Arthur ungesehen ins Haus zu treten hoffte. Da sagte er: »Danke Euch, weiter braucht ich Euch nicht zu bemühen.« »Um welche Zeit könnt' ich Sie morgen wohl sprechen, Herr?« fragte Adam. »Laßt mir um fünf Uhr sagen, daß Ihr hier seid,« erwiderte Arthur, »aber nicht früher.« »Gute Nacht, Herr,« sagte Adam. Aber er bekam keine Antwort; Arthur war schon ins Haus gegangen. Neunundzwanzigster Abschnitt Am Morgen darauf Arthur verbrachte die Nacht nicht schlaflos, im Gegenteil, er schlief lange und gut; denn den Betrübten kommt der Schlaf, wenn die Betrübten nur müde genug sind. Aber um sieben Uhr klingelte er schon und erklärte zum Erstaunen seines Bedienten, er wolle aufstehen und noch vor acht Uhr frühstücken. »Und mein Pferd muß um halb neun gesattelt sein, und wenn mein Großvater herunterkommt, so sagt ihm, es gehe mir heute früh besser und ich sei ausgeritten.« Er war schon eine Stunde wach gewesen und konnte nicht länger im Bett bleiben. Im Bette drückt einem das Gestern zu sehr; man braucht nur aufzustehen und zu pfeifen oder zu rauchen, so hat man ein Stück Gegenwart, welches der Vergangenheit sich entgegenstellt, – lebendige Empfindungen, die sich gegen die gebieterischsten Empfindungen behaupten. Und könnte man bei Gefühlen einen Durchschnitt ziehen, so ergäbe sich gewiß, daß in der Jagdzeit Bedauern, Selbstanklagen und gedemütigter Stolz auf den Gutsbesitzern leichter lasten, als spät im Frühling und Sommer. Arthur meinte, im Sattel würde er mehr Mann sein. Schon die Anwesenheit seines Bedienten, der ihm mit der gewohnten Ehrerbietung aufwartete, war ihm nach den Vorfällen von gestern eine Beruhigung. Da nämlich Arthur so viel auf die Meinung anderer gab, so war der Verlust von Adams Achtung für seine Selbstgenügsamkeit ein solcher Stoß, daß es ihm in seiner Einbildung vorkam, als sei er in aller Leute Augen gesunken – wie etwa ein plötzlicher Schrecken vor einer wirklichen Gefahr eine nervöse Frau bange macht, auch nur einen Schritt zu thun, da alle ihre Anschauungen mit einem Gefühl von Gefahr so zu sagen unterlaufen sind. Arthur war von Natur ein liebevoller Mensch. Gütig zu sein gegen andere, wurde ihm so leicht wie eine schlechte Gewohnheit: es war die Folge seiner Schwächen sowohl wie seiner guten Eigenschaften, seiner Selbstsucht so gut wie seines Mitgefühls. Er sah niemand gern leiden und liebte es, daß dankbare Augen ihm entgegenleuchteten als dem Geber von Freude. Als Junge von sieben Jahren hatte er einmal den Suppennapf eines alten Arbeitsmanns umgeworfen, bloß weil er grade was umwerfen mußte und ohne zu bedenken, daß es des Alten Mittagbrot sei; aber so wie er es erfuhr, nahm er seinen besten Schreibstift und ein Messer mit silberner Schale aus der Tasche und bot es ihm zum Ersatz. So war er immer geblieben; jedes Ärgernis suchte er durch Wohlthaten wieder gut zu machen. Was etwa an Bitterkeit in ihm war, das kam nur zu Tage, wenn sich einer nicht von ihm versöhnen lassen wollte. Und nun war vielleicht die Zeit da, wo einige Bitterkeit sich in ihm regen durfte. Im ersten Augenblick war Arthur recht betrübt und machte sich selbst Vorwürfe, als er entdeckte, Adams Glück hänge an Hetty; wäre eine Möglichkeit gewesen, Adam zehnfach zu entschädigen, – hätte er durch Geschenke, oder was es sonst sein mochte, sich Adams Zufriedenheit und Achtung als sein Wohlthäter zurückkaufen können, er würde nicht bloß ohne Zögern alles gethan haben, sondern hätte sich auch um so enger mit Adam verbunden gefühlt und wäre nie müde geworden, ihn immer von neuem zu entschädigen. Aber für Adam gab es keinen Ersatz; sein Leid ließ sich nicht wegstreichen, seine Achtung und Neigung nicht wieder erkaufen durch keine noch so rasche Sühne. Er stand vor Arthur da wie ein unbewegliches Hindernis, gegen das kein Druck etwas vermochte, eine Verkörperung dessen, woran Arthur am ungernsten glaubte – der Unwiderruflichkeit seines eigenen Unrechts. Die Worte der Verachtung, seine Weigerung, ihm die Hand zu reichen, die Herrschaft, die er bei der letzten Unterredung in der Einsiedelei über ihn behauptet hatte, und mehr als alles, das Bewußtsein der körperlichen Niederlage, womit ein Mann sich nicht grade leicht aussöhnt, – all das lastete auf ihm mit einem bittern Schmerz, der noch stärker war als seine Gewissensbisse. Wie gern hätte sich Arthur eingeredet, er habe niemandem ein Leid gethan! Und hätte ihm keiner das Gegenteil gesagt, so hätte er es sich um so leichter eingeredet. Die Nemesis kann sich selten ein Schwert aus unserm Gewissen schmieden, aus unserm Schmerz über den Schmerz, den wir andern verursachen; denn zu einer tüchtigen Waffe reicht das Metall selten. Unser sittliches Gefühl lernt den Ton der guten Gesellschaft und lächelt, wenn andre lächeln; wenn aber einer derb genug ist, unsere Handlungen beim harten Namen zu nennen, dann nimmt es Partei gegen uns. So ging es Arthur. Adams Urteil über ihn, Adams einschneidende Worte störten ihm die Betrachtungen, mit denen er sich selbst zu beruhigen suchte. Nicht als ob es ihm vor Adams Entdeckung leicht ums Herz gewesen wäre. Seine Kämpfe und Entschließungen waren schon in Gewissensbisse und Sorge übergegangen. Er war unglücklich wegen Hettys, unglücklich um seiner selbst willen, daß er sie verlassen müsse. Schon immer hatte er, wenn er seine Entschlüsse faßte und wenn er sie brach, über seine Leidenschaft hinausgeblickt und wohl erkannt, es müsse schleunig zur Trennung kommen; aber seine Natur war zu feurig und zärtlich, als daß ihm der Abschied nicht schmerzlich gewesen wäre, und Hettys wegen war er wirklich besorgt. Er hatte herausgebracht, in welchen Traumgebilden sie lebte, wie sie sich schon als eine Dame in Seide und Atlas sähe, und das erste Mal, wo er ihr zuerst von seiner Abreise sprach, hatte sie ihn zitternd gebeten, sie mitzunehmen und zu heiraten. Die peinliche Erinnerung daran hatte Adams Vorwürfen den schärfsten Stachel geliehen. Er hatte nie ein Wort gesagt in der Absicht, sie zu täuschen; ihre eigene, kindische Einbildung allein hatte sich jenes Traumbild geschaffen, aber er mußte sich gestehen, zur Hälfte hatte sie es sich schaffen können aus seinem eigenen Thun. Und um das Unheil voll zu machen, hatte er an diesem letzten Abend nicht einmal gewagt, Hetty die Wahrheit anzudeuten, sondern sich verpflichtet geglaubt, sie mit zärtlichen Worten der Hoffnung zu trösten, damit sie nicht in heftige Betrübnis fiele. Er empfand seine Lage sehr scharf, empfand den Kummer des lieben Dings für die Gegenwart und dachte mit noch düsterer Angst an die lange, lange Zukunft. Das war die eine scharfe Spitze, die ihm ins Herz drang; vor allen andern konnte er sich retten, indem er sich selbst Hoffnungen vorspiegelte und Trost einredete. Es war ja alles geheim geblieben; Poysers hatten nicht den Schatten eines Argwohns. Außer Adam wußte niemand, was vorgefallen war, erfuhr es wahrscheinlich nie jemand; denn Arthur hatte Hetty eingeschärft, sie dürften um alles nicht durch Wort oder Blick die kleinste Vertraulichkeit verraten, und Adam, der halb um ihr Geheimnis wußte, half es gewiß eher bewahren als verraten. Es war eine unglückliche Geschichte, ja, und blieb es; aber sie durch eingebildete Übertreibungen und böse Ahnungen, die vielleicht nie einträfen, noch schlimmer zu machen, dazu war doch kein Anlaß. Das schlimmste war ein vorübergehender, tiefer Kummer für Hetty; von jeder andern bösen Folge, die nicht nachweisbar unvermeidlich war, wandte er sich entschlossen ab. Aber – aber – war es denn so unmöglich, daß Hetty einen ähnlichen Schmerz in einer etwas anderen Weise hätte erleben können? Und er werde doch später imstande sein, so viel für sie zu thun und sie für all die Thränen, die sie um ihn vergösse, reichlich zu entschädigen, und diesen Anteil, den er in späteren Jahren an ihr nähme, hätte sie dann dem Kummer zu verdanken, der sie jetzt treffe. So kommt Gutes aus Bösem! So schön machen sich die Dinge in der Welt! Ihr fragt, ob dies derselbe Arthur ist, der noch vor zwei Monaten so warm empfand, einen so zarten Sinn für Ehre hatte, daß er auch das kleinste Gefühl zu verwunden sich scheute und ein wirkliches Ärgernis nicht einmal für möglich hielt? – derselbe Arthur, dem die Achtung vor sich selbst ein höherer Gerichtshof war als jede fremde Meinung? Derselbe, sage ich euch. Unsre Thaten bestimmen uns so gut, wie wir sie bestimmen, und so lange wir nicht wissen, wie eigentümlich das Zusammentreffen äußerer und innerer Thatsachen sich gestaltet hat oder gestalten wird, welches die entscheidenden Handlungen eines Menschen bestimmt, so lange mögen wir uns auf unsre Kenntnis von seinem Charakter lieber nichts einbilden. Es liegt ein furchtbarer Zwang in unseren Thaten, der wohl zuerst einen ehrlichen Mann zum Betrüger machen und ihn dann mit diesem Wechsel aussöhnen kann, aus dem einfachen Grunde, weil das zweite Unrecht ihm in der Maske des einzig möglichen Rechten erscheint. Die That, die man vor dem Vollbringen mit jener Mischung von gesundem Menschenverstand und frischer, ungetrübter Empfindung angesehen hat, welche das gesunde Auge der Seele ist, sieht man nachher durch die Brille sinnreicher Beschönigung an, durch welche alles, was die Menschen schön und häßlich nennen, als ziemlich gleichartig erscheint. Europa findet sich in ein fait accompli, und das thut der Einzelne auch, bis die friedliche Ordnung durch einen krampfhaften Ausbruch gestört wird. Diesem schlechten Einfluß eines Vergehens gegen sein eignes Rechtsgefühl kann sich niemand entziehen, und bei Arthur war die Wirkung um so stärker, eben weil er jene Achtung vor sich selbst nötig hatte, in der er, so lange sein Gewissen ruhig gewesen, den besten Schutz fand. Sich selbst anklagen zu müssen, das war ihm zu peinlich, das hielt er nicht aus. Er mußte sich überreden, er sei doch nicht so sehr zu tadeln; er fing selbst an, sich zu bemitleiden, weil er in der Notwendigkeit sei, Adam täuschen zu müssen; es war ja so durchaus im Widerspruch mit der Ehrlichkeit seiner Natur. Aber freilich, unter den jetzigen Umständen war es das einzig Rechte. Was er aber auch versehen haben mochte, die Folge davon blieb: er war sehr unglücklich, unglücklich wegen Hettys, unglücklich über den Brief, den er zu schreiben versprochen hatte und der ihm bald eine grausame Härte, bald die größte Freundlichkeit schien, die er ihr erweisen konnte. Und durch all diese Überlegungen schoß wieder ab und zu ein plötzlicher Drang, allen Folgen leidenschaftlich zu trotzen, Hetty zu entführen und alle andern Erwägungen zum Teufel zu schicken. In diesem Zustande waren ihm seine vier Wände ein unerträgliches Gefängnis; sie schienen ihm das ganze Gewirr widersprechender Gedanken und streitender Empfindungen zu bannen und auf ihn herabzudrängen; in der freien Luft mußte er selbst freier werden. Er hatte nur wenige Stunden zur Überlegung und er mußte klar werden und ruhig. Zu Pferde in der frischen Morgenluft wollte er schon die Lage mehr beherrschen. Das hübsche Tier stand da im Sonnenscheine, scharrte den Boden und zitterte vor Vergnügen, als sein Herr ihm den Kopf streichelte und noch freundlicher mit ihm sprach als sonst. Er hatte Gretchen heute um so lieber, als sie nichts von seinen Geheimnissen wußte. Und doch war sie mit dem Seelenzustande ihres Herrn so gut bekannt, wie manche andere von ihrem Geschlecht mit dem Seelenzustande der hübschen jungen Herrn, denen ihre Herzen voll Erwartung entgegenflattern. Arthur galoppierte eine Stunde weit zum Park hinaus, bis er an den Fuß eines Hügels kam, wo nicht mehr Hecken und Bäume den Weg einfaßten; dann ließ er nachlässig den Zügel hängen und überlegte. Hetty wußte, daß ihre gestrige Zusammenkunft die letzte vor seiner Abreise sei; es war keine Möglichkeit, sie noch einmal zu treffen ohne großen Verdacht zu erregen, und sie war wie ein Kind, das sich ängstigt, unfähig etwas zu bedenken, nur weinen konnte sie, wenn er vom Scheiden sprach, und dann ihr Gesicht zu ihm aufrichten und sich die Thränen wegküssen lassen. Er konnte ja nichts thun als sie trösten und sie einwiegen in Schlaf. Welche furchtbare Überraschung, sie aus Schlaf und Traum zu wecken mit einem Briefe! Und doch war in dem, was Adam gesagt hatte, Wahrheit: sie würde dadurch vor längerer Täuschung bewahrt, die doch noch schlimmer wäre als ein einmaliger, stechender Schmerz. Auch war es der einzige Weg, Adam zu befriedigen, und befriedigt mußte der doch werden aus mehr als einem Grunde. Hätte er sie nur wiedersehen können! Aber das war unmöglich; eine dichte Dornenhecke von Hindernissen stand zwischen ihnen, und jede Unvorsichtigkeit konnte verhängnisvoll werden. Und wenn er sie auch wiedersehen könnte, was hätte er davon? Er würde nur um so mehr leiden von dem Anblick ihres Kummers und der Erinnerung daran. Allein, ohne ihn hatte sie allen Grund, sich selbst zu beherrschen. Mit einemmale kam eine plötzliche Furcht über ihn, wie ein dunkler Schatten – die Furcht, sie könnte sich in ihrem Jammer ein Leides anthun, und dicht dahinter kam noch eine andere Furcht, ein noch düsterer Schatten. Aber mit der Kraft der Jugend und Hoffnung schüttelte er sie ab. Warum sollte er sich die Zukunft so finster malen? Ebensogut konnte ja das Gegenteil eintreten. Arthur sagte sich, er verdiene doch nicht, daß es so gar schlimm werde, er habe ja von vornherein nichts gegen sein Gewissen beabsichtigt, er habe sich durch die Umstände verleiten lassen. Er hatte in sich ein gewisses stilles Vertrauen, er sei wirklich im Grunde solch ein guter Mensch, die Vorsehung könne nicht hart gegen ihn sein. Auf alle Fälle konnte er nicht mehr ändern, was nun kommen mochte; den bestmöglichen Weg einzuschlagen, war für den Augenblick alles, was er vermochte. Und er kam mit sich überein, das beste sei, eine Annäherung zwischen Adam und Hetty anzubahnen. Ihr Herz konnte sich wirklich nach einiger Zeit Adam zuwenden, wie dieser ja selbst meinte, und in dem Falle wäre der Schaden nicht so groß, da es immer noch Adams heißer Wunsch war, sie zu heiraten. Freilich, Adam war betrogen, betrogen in einer Weise, die Arthur als ein schweres Unrecht geahndet hätte, wenn ihm selbst so mitgespielt wäre. Diese Erwägung verdarb ihm wieder die tröstliche Aussicht. Ja, seine Wangen brannten bei dem Gedanken vor Scham und Wut. Aber in dieser Verlegenheit – was konnte er machen? Es war eine Ehrenpflicht, kein Wort zu sagen, welches Hetty schaden konnte; seine erste Pflicht war, sie zu schützen. Für sich selbst hätte er nie eine Lüge gesagt, nie eine Lüge gethan. Großer Gott! Was für ein elender Narr war er doch, daß er sich in eine solche Verlegenheit gebracht, und doch, wenn je einer Entschuldigungen hatte, so war er es –. Nur schade, daß die Folgen sich nicht nach Entschuldigungen richten, sondern nach Handlungen. Aber der Brief mußte geschrieben werden; es war das einzige Mittel zur Lösung der Schwierigkeit. Die Thränen kamen Arthur in die Augen, wenn er dachte, wie Hetty ihn lesen würde, aber ihm selbst wurde es ja fast ebenso schwer, ihn zu schreiben; er that nichts, was ihm leicht wurde, und dieser Gedanke half ihm endlich zum Entschluß. Nie hätte er einen Schritt thun können, der andern Kummer gemacht und ihn selbst nicht berührt hätte. Ein Anflug von Eifersucht endlich bei dem Gedanken, daß er Hetty nun an Adam überlasse, überzeugte ihn vollends, er bringe ein Opfer. Einmal zu diesem Entschluß gekommen, wandte er sein Pferd und galoppierte wieder nach Haus. Zunächst wollte er den Brief schreiben, und den Rest des Tages würden schon andre Geschäfte ausfüllen; er würde gar keine Zeit haben, hinter sich zu blicken. Glücklicherweise seien Irwine und Gawaine zu Tisch eingeladen, und um die Mittagsstunde des folgenden Tages hätte er das Schloß schon weit hinter sich. In dieser beständigen Beschäftigung lag eine gewisse Sicherheit, wenn ihn etwa plötzlich der Drang packen sollte, zu Hetty hinzustürzen und ihr irgend etwas Tolles vorzuschlagen, was alles wieder verdürbe. Schneller und schneller eilte das feinfühlende Pferd beim leisesten Druck des Reiters vorwärts, bis es endlich in rasendem Galopp dahinflog. »Sagten Sie nicht gestern Abend, der junge Herr wäre krank?« fragte der alte Griesgram von Stallknecht mittags in der Bedientenstube. »Heute Morgen ist er geritten, daß das Tier keuchte, als wenn's bersten wollte.« »Das ist vielleicht eins von den Symptomen, wie's die Dokters nennen,« meinte der witzige Kutscher. »Dann wär's gut, man ließe ihm zur Ader,« sagte der Stallknecht grimmig. Adam war schon früh im Schloß gewesen, um sich nach Arthurs Befinden zu erkundigen, und die Nachricht, er sei ausgeritten, hatte ihn von jeder Sorge um die Nachwirkung seines Schlages befreit. Pünktlich um fünf Uhr war er wieder da und ließ es dem jungen Herrn melden. In wenigen Minuten kam der Diener mit einem Briefe von seiner Hand und gab ihn Adam mit der Bemerkung, der Kapitän habe so viel zu thun, daß er ihn nicht sprechen könne, und alles, was er zu sagen habe, stehe in dem Briefe. Der Brief war an Adam gerichtet, aber er öffnete ihn erst draußen. Ein versiegeltes Billet an Hetty war eingeschlossen. In dem Couvert stand an Adam geschrieben folgendes: »In dem beiliegenden Briefe habe ich alles geschrieben, was Ihr wünscht. Ich überlasse es Euch zu entscheiden, ob es besser ist, Ihr gebt ihn Hetty oder schickt ihn mir zurück. Fragt Euch selbst noch einmal, ob Ihr nicht etwas thut, was sie mehr schmerzen wird als bloßes Stillschweigen. »Es ist nicht nötig, daß wir uns jetzt wiedersehen. Nach wenigen Monaten werden wir uns freundlicher begegnen. A. D.« »Er mag wohl recht haben, daß wir uns heute besser nicht sehen,« dachte Adam. »Daß wir uns noch mehr harte Worte sagen, nutzt nichts, und daß wir uns die Hand geben und uns sagen, wir wollen wieder gute Freunde sein, nützt auch nichts. Wir sind keine Freunde mehr, darum thun wir auch besser nicht so. Vergeben und vergessen ist wohl Menschenpflicht, indes wie ich die Sache ansehe, kann das nur heißen, man muß alle Rachegedanken aufgeben, aber nicht, man muß wieder grade so fühlen wie früher; denn das ist nicht möglich. Er ist für mich nicht mehr derselbe, und ich kann für ihn nicht mehr so fühlen wie früher. Gott steh mir bei, ich weiß nicht, ob ich noch für irgend einen so fühle wie früher; ich komme mir vor, als hätte ich bei der Arbeit falsch gemessen und müßte das Messen wieder von vorn anfangen.« Aber bald fesselte die Frage wegen der Einhändigung des Briefes an Hetty Adams Nachdenken. Arthur hatte sich die Sache leicht gemacht, indem er die Entscheidung Adam überließ und ihn dabei warnte, und so wenig Adam sonst bedenklich war, hier hatte er Bedenken. Er entschloß sich, vorsichtig zu sein und sich so gut er könne über Hettys Seelenzustand zu vergewissern, ehe er diese Frage entschiede. Dreißigster Abschnitt Adam übergiebt den Brief Am nächsten Sonntag schloß sich Adam beim Herausgehen aus der Kirche an Poysers an, in der Hoffnung, sie würden ihn zu sich nach Hause einladen. Er hatte den Brief in der Tasche und sehnte sich nach einer Gelegenheit, mit Hetty allein zu sprechen. In der Kirche konnte er ihr Gesicht nicht sehen, weil sie ihren Platz geändert hatte, und als er an sie herantrat und ihr die Hand reichte, war ihr Benehmen unsicher und gezwungen. Darauf war er gefaßt; es war das erstemal, daß er sie seit der Überraschung im Wäldchen wiedersah. »Kommt, Adam, geht mit uns nach Haus,« sagte Pachter Poyser, als sie an die Stelle kamen, wo Adams Weg von dem ihrigen sich trennte. Und sobald sie aufs Feld kamen, wagte Adam, Hetty den Arm zu geben. Die Kinder gaben ihnen bald genug Gelegenheit, etwas zurückzubleiben, und Adam sagte. »Könnt Ihr es wohl so einrichten, daß ich mit Euch heute Abend in den Garten gehe, wenn es gut bleibt? Ich hab' Euch etwas Besondres zu sagen.« Hetty antwortete mit einem kurzen Ja. Sie war im Grunde eben so begierig nach einem Gespräch unter vier Augen wie Adam; sie wunderte sich, was er wohl von ihr und Arthur dächte; das Küssen mußte er gesehen haben, davon war sie überzeugt, aber von der Scene, die zwischen Arthur und Adam vorgefallen war, hatte sie keine Ahnung. Ihr erstes Gefühl war gewesen, Adam würde sehr böse auf sie sein und es vielleicht Onkel und Tante wiedererzählen; daß er es wagen würde, den jungen Herrn zur Rede zu stellen, kam ihr nicht in den Sinn. Sie fühlte sich erleichtert, als er heute so freundlich gegen sie war und sie allein sprechen wollte; denn vorher, als sie sah, er wolle mit ihnen nach Haus gehen, war sie schon besorgt gewesen, er würde alles ausplaudern. Jetzt, wo er sie allein sprechen sollte, mußte sie erfahren, was er von ihr dachte und was er zu thun vorhabe. Sie fühlte sich ziemlich sicher, sie könne ihn von allem zurückhalten, was ihr unerwünscht sei; vielleicht konnte sie ihn sogar glauben machen, sie frage nichts nach Arthur, und daß Adam alle ihre Wünsche erfüllen würde, so lange er Hoffnung habe, sie würde ihn nehmen, das wußte sie ganz bestimmt. Zudem mußte sie schon aus dem Grunde fortfahren, Adam zum Schein zu begünstigen, damit Onkel und Tante nicht böse würden und auf den Verdacht kämen, sie habe im stillen einen andern Liebhaber. So kalkulierte Hetty in ihrem kleinen Köpfchen, während sie an Adams Arm hing und Ja oder Nein antwortete auf seine Bemerkungen über die vielen Hagebutten, die es nächsten Winter für die Vögel geben würde, und über die tief herabhängenden Wolken, die gewiß heute noch Regen brächten. Und als sie Onkel und Tante wieder einholten, konnte sie ihren Gedanken ungestört nachhängen, da nach Martin Poysers Ansicht ein junger Mann wohl gern das Mädchen am Arm habe, um das er freie, aber sich dabei doch auch ganz gern vernünftig übers Geschäft unterhalte. Daneben war er seinerseits auch neugierig auf die letzten Nachrichten vom Vorwerk. Für den übrigen Teil des Weges nahm er daher Adams Unterhaltung für sich in Anspruch, und Hetty schmiedete nun ihre kleinen Plänchen und dachte sich so allerlei listige Schmeicheleien aus, während sie neben dem ehrlichen Adam die Feldwege entlang ging, ganz so gut als wäre sie eine elegante Kokette nach der Mode gewesen in ihrem einsamen Boudoir. Wenn nämlich eine Bauernschönheit in plumpen Schuhen nur seicht und oberflächlich genug ist, dann ist's ganz zum Erstaunen, wie genau bei ihr die geistigen Vorgänge denen einer Dame aus der seinen Gesellschaft gleichen können, die ihren gebildeten Verstand darauf verwendet, Indiscretionen zu begehen, ohne sich selbst bloßzustellen. Vielleicht war die Ähnlichkeit darum nicht geringer, weil Hetty sich all die Zeit sehr unglücklich fühlte. Der Abschied von Arthur war für sie doppelt schmerzlich; in das Gewirr von Leidenschaft und Eitelkeit mischte sich eine unklare, unbestimmte Furcht, die Zukunft könne sich doch ganz anders gestalten als auf ihrem Traumbilde. Sie klammerte sich an die tröstenden, hoffnungsreichen Worte, die ihr Arthur das letzte Mal gesagt hatte: »Weihnachten komme ich wieder und dann wollen wir sehen, was sich thun läßt.« Sie klammerte sich an den Glauben, er habe sie so lieb, daß er ohne sie nie glücklich werde, und noch immer hätschelte sie ihr Geheimnis, daß ein großer Herr sie liebe, mit stolzem Wohlgefallen als einen unendlichen Vorzug vor allen Mädchen ihrer Bekanntschaft. Aber die Ungewißheit der Zukunft mit all den Möglichkeiten, denen sie keine rechte Gestalt zu geben wußte, fing an auf ihr zu lasten wie die unsichtbare Schwere der Luft; sie war allein auf ihrer kleinen Trauminsel, und rings um sie her lag das dunkle, unbekannte Wasser, über welches Arthur davongegangen war. Nun trug sie den Sinn nicht mehr hoch, wenn sie vor sich blickte, sondern nur wenn sie zurücksah und auf entschwundene Worte und Liebkosungen baute. Aber seit Donnerstag Abend hatten sich ihre Ungewissen Besorgnisse bisweilen fast verloren vor der bestimmteren Furcht, Adam könne an Onkel und Tante verraten, was er wisse, und sein unerwarteter Vorschlag, mit ihr allein zu sprechen, leitete ihre Gedanken auf eine neue Bahn. Sie beeiferte sich, die gute Gelegenheit heute Abend zu benutzen, und als nach dem Thee die Knaben in den Garten gingen und Totty sofort auch mitgehen wollte, sagte Hetty mit einem Eifer, der Frau Poyser höchlich überraschte: »Ich will mit ihr gehen, Tante.« Daß Adam nun auch mitgehen wollte, schien durchaus nicht überraschend, und bald fand er sich mit Hetty allein auf dem Wege bei den Lambertsnüssen, da die Knaben an einer andern Stelle die großen, unreifen Nüsse auflasen, um damit zu spielen, und Totty ihnen dabei mit der Andacht eines jungen Hündchens zusah. Es war noch nicht lange her, kaum zwei Monate, da hatte Adam in diesem Garten bei Hetty voll der süßesten Hoffnungen gestanden. Die Erinnerung an jenen Abend war ihm seit Donnerstag oft gekommen – jener Sonnenblick durch die Zweige des Apfelbaums, die roten Johannisbeeren, Hettys liebliches Erröten! Heute kam die Erinnerung sehr ungelegen, wo der Abend so trübe war und die Wolken tief herabhingen; er versuchte sie zu unterdrücken, damit seine Empfindung ihn nicht verleite, mehr zu sagen, als was für Hetty unbedingt nötig sei. »Nach dem, was ich am Donnerstag Abend gesehen habe, Hetty,« fing er an, »werdet Ihr wohl zugeben, daß ich mir nicht viel herausnehme mit dem, was ich Euch jetzt zu sagen habe. Wenn ein Mann mit Euch schön thäte, der Euch zur Frau nehmen wollte, und ich wüßte, Ihr hättet ihn lieb und wolltet ihn nehmen, so hätte ich kein Recht, ein Wort darüber zu sagen; wenn ich aber sehe, daß Euch ein vornehmer Herr den Hof macht, der Euch nie heiraten kann und nicht dran denkt Euch zu heiraten, dann fühle ich mich verpflichtet, ein Wort hineinzureden. Mit denen, die Elternstelle bei Euch vertreten, kann ich nicht darüber sprechen, weil dann die Sache noch schlimmer würde, als sie zu werden braucht.« Adams Worte befreiten Hetty von einer Besorgnis, aber es lag darin auch etwas, das sie mit böser Ahnung schreckte. Sie war blaß und zitterte, und doch würde sie Adam zornig widersprochen haben, wenn sie gewagt hätte, ihre Empfindungen zu verraten. So schwieg sie lieber. »Ihr seid noch so jung, Hetty,« fuhr er fast zärtlich fort, »und wißt noch nicht, wie's in der Welt hergeht. Mir kommt es zu, mein Möglichstes zu thun, damit Ihr nicht in Ungelegenheiten kommt, weil Ihr nicht überseht, wohin man Euch führt. Wüßte ein andrer als ich etwas davon, daß Ihr Euch mit einem vornehmen Herrn trefft und schöne Geschenke von ihm annehmt, dann sprächen die Leute Böses von Euch, und Euer Ruf wäre dahin. Und außerdem werdet Ihr auch selbst im Herzen davon zu leiden haben, wenn Ihr Eure Liebe jemandem schenkt, der Euch nie heiraten kann und Euer Lebelang für Euch sorgt.« Adam schwieg und blickte Hetty an; sie riß Blätter von den Nußbäumen und zerpflückte sie mit der Hand. Ihre kleinen Pläne und die Reden, die sie sich ausgesonnen – wie eine schlecht gelernte Lektion waren sie alle vergessen, unter der schrecklichen Aufregung, die Adams Worte in ihr hervorbrachten. In ihrer ruhigen Sicherheit hatten diese Worte eine grausame Gewalt, die ihre nichtigen Hoffnungen und Einbildungen mit eisernem Griff zu zermalmen drohte. Gern hätte sie widerstanden, gern zornigen Widerspruch entgegengesetzt, aber der Entschluß, ihre Gefühle zu verbergen, beherrschte sie noch. Zwar kaum noch ein Entschluß, nur eine blinde Eingebung; denn sie war schon nicht mehr imstande, den Eindruck ihrer Worte zu berechnen. »Ihr habt kein Recht zu sagen, daß ich ihn liebe,« antwortete sie leise aber heftig, und riß wieder ein Blatt ab und zerpflückte es. Sie war so schön in ihrer Blässe und Aufregung; ihre großen, kindlichen Augen standen weit offen, ihr Atem ging kürzer als gewöhnlich. Ein herzliches Verlangen ergriff Adam, als er sie ansah. Ach, wenn er sie nur trösten könnte und beruhigen und befreien von diesem Schmerz! Wenn er nur eine Kraft in sich hätte, ihre arme, betrübte Seele zu erretten, wie er ihren Leib gerettet hätte aus aller Gefahr! »Es muß doch wohl so sein, Hetty!« sagte er zärtlich, »denn ich kann nicht glauben, daß Ihr Euch von einem Mann ganz im stillen küssen und ein goldenes Ding mit seinem Haar schenken ließet und ihn im Wäldchen träfet, wenn Ihr ihn nicht liebtet. Ich tadle Euch darum nicht, denn ich weiß wohl, daß es bei kleinem angefangen hat, bis Ihr endlich nicht mehr imstande waret, Euch davon loszumachen. Ich tadle nur ihn, daß er sich Eure Liebe so gestohlen hat, da er doch wußte, er könne es nie wieder gut machen. Er hat mit Euch gescherzt und gespielt und macht sich nichts aus Euch, wie ein Mann doch müßte.« »Doch, er macht sich wohl was aus mir, das weiß ich besser,« fuhr Hetty heraus, die über dem Kummer und Verdruß bei Adams Worten alles andere vergaß. »Nein, Hetty,« sagte Adam, »wenn er sich recht was aus Euch machte, dann hätte er nicht so gehandelt. Er hat mir selbst gesagt, bei dem Küssen und dem Schenken habe er sich nichts gedacht, und er hätte mir auch gern eingeredet, daß Ihr Euch ebenfalls nichts daraus machtet. Aber das weiß ich besser. Ich muß glauben, Ihr habt Euch drauf verlassen, er habe Euch lieb genug, um Euch zu heiraten, obschon er ein so vornehmer Herr ist. Und darum muß ich mit Euch darüber sprechen, Hetty, damit Ihr Euch nicht selbst täuscht. Es ist ihm nie in den Sinn gekommen, Euch zu heiraten.« »Woher wißt Ihr das? Wie könnt Ihr so was sagen?« rief Hetty und blieb zitternd stehen. Die fürchterliche Bestimmtheit in Adams Ton machte sie vor Furcht erbeben. Sie hatte nicht mehr Geistesgegenwart genug, um sich zu überlegen, daß Arthur wohl seine Gründe gehabt habe, Adam nicht die Wahrheit zu sagen. Ihre Worte und Blicke waren entscheidend für Adam: er mußte ihr den Brief geben. »Ihr könnt mir vielleicht nicht glauben, Hetty, weil Ihr von ihm zu gut denkt, weil Ihr glaubt, er liebe Euch mehr, als wirklich der Fall ist. Aber hier hab' ich einen Brief, den er selbst geschrieben hat und den ich Euch geben soll. Ich hab' ihn nicht gelesen; er hat mich indes versichert, er habe Euch darin die Wahrheit gesagt. Aber eh' ich Euch den Brief gebe, überlegt Euch die Sache und nehmt sie Euch nicht zu schwer zu Herzen. Es wäre nicht gut für Euch gewesen, wenn er die Tollheit begangen hätte, Euch zu heiraten; es hätte doch nie glücklich geendet.« Hetty erwiderte nichts; bei der Erwähnung eines Briefes, den Adam nicht gelesen hätte, fühlte sie ihre Hoffnung sich neu beleben; gewiß war der Inhalt ganz anders als er dachte. Adam zog den Brief hervor, behielt ihn aber noch in der Hand und sagte in zärtlich stehendem Tone: »Tragt es mir nicht nach, Hetty, daß durch mich dieser Kummer über Euch kommt. Gott weiß, ich hätte gern viel Schlimmeres ertragen, um ihn Euch zu ersparen. Und bedenkt, niemand weiß darum als ich, und ich will mich Eurer annehmen, als wäre ich Euer Bruder. Ihr seid und bleibt für mich dieselbe, denn ich kann nicht glauben, daß Ihr wissentlich Unrecht gethan habt.« Hetty hatte den Brief ergriffen, aber Adam ließ ihn nicht los, als bis er ausgesprochen hatte. Sie beachtete nicht, was er sagte, sie hörte es nicht einmal; aber als er den Brief losließ, steckte sie ihn in die Tasche, ohne ihn zu öffnen, und ging mit schnellen Schritten auf das Haus zu. »Ihr thut recht, ihn nicht gleich zu lesen,« sagte Adam. »Lest ihn, wenn Ihr allein seid. Aber bleibt noch ein wenig hier draußen; Ihr seht so blaß und krank aus; Eure Tante möchte es bemerken. Wir wollen jetzt die Kinder holen.« Auf die Warnung hörte Hetty; es fiel ihr dabei wieder ein, wie notwendig es sei, ihre angeborene Begabung zur Verstellung zusammenzunehmen, die unter dem heftigen Eindrucke von Adams Worten fast von ihr gewichen war. Und den Brief hatte sie ja in der Tasche; gewiß enthielt er tröstliches, was auch Adam sagen mochte. Sie lief fort, um Totty zu suchen, und als sie wiederkam, war ihr auch die Farbe wiedergekommen; sie führte Totty am Arm, die ein saures Gesicht machte, weil sie einen unreifen Apfel, den sie schon zwischen den kleinen Zähnen hatte, wegwerfen mußte. »Hurrah, Totty!« rief Adam, »komm, ich laß dich auf meiner Schulter reiten, – so hoch – bis oben an die Bäume.« Welches kleine Kind hätte jemals den herrlichen Genuß ausgeschlagen, sich von einem starken Arm fassen und hoch heben zu lassen! Ich glaube nicht, Ganymed hat geschrieen, als der Adler ihn forttrug und ihn wahrscheinlich schließlich dem alten Jupiter auf die Schulter setzte. Totty lächelte wohlgefällig herab von ihrer sicheren Höhe, und das Auge der Mutter freute sich über den Anblick; sie stand grade vor der Hausthür und sah Adam mit seiner kleinen Last herankommen. »Das gefällt dir wohl, du kleines Ding,« sagte sie und ihre sonst so scharfen Augen blickten milde vor mütterlicher Zärtlichkeit, als Totty sich zu ihr herunterbeugte und ihr die Ärmchen entgegenstreckte. Für Hetty hatte sie kein Auge und sagte nur, ohne sie anzusehen: »Hetty, geh' hin und hol' uns Bier aus dem Keller; die Mädchens sind beide beim Käse.« Als das Bier gebracht war und der Hausherr sich die Pfeife angesteckt hatte, da mußte Totty zu Bett gebracht und wieder in ihrem Nachtkleidchen heruntergeholt werden, weil sie weinte und nicht einschlafen wollte. Dann ging es an das Abendbrot und Hetty mußte immer zur Hand sein und helfen. Adam blieb so lange er nur konnte und suchte fortwährend Frau Poyser und ihren Mann mit ins Gespräch zu ziehen, damit Hetty mehr für sich sein könnte. Er zögerte so lange, weil er ihr über den Abend weghelfen wollte, und sah zu seiner Freude, wie sehr sie sich zu beherrschen verstand. Er wußte, daß sie noch keine Zeit gehabt hatte, den Brief zu lesen, aber daß die stille Hoffnung sie aufrecht erhielt, der Brief würde von allem, was er gesagt, das grade Gegenteil enthalten, das wußte er nicht. Es wurde ihm schwer, sie zu verlassen, – schwer der Gedanke, daß er Tage lang nicht erfahren würde, wie sie ihre Not trüge. Aber endlich mußte er fortgehen, und das einzige, was er thun konnte, war, ihr beim Abschied leise die Hand zu drücken, in der Hoffnung, sie würde das als ein Zeichen ansehen, daß seine Liebe ihr unverändert bliebe, wenn sie je bei ihm Schutz suchen sollte. Wie geschäftig war er auf dem Heimwege, liebende Entschuldigungen für ihre Thorheit auszusinnen, alle ihre Schwäche auf die süße Liebesfülle ihrer Natur zurückzuführen und dagegen Arthur zu tadeln, für dessen Benehmen er immer weniger und weniger die Möglichkeit einer Entschuldigung zuließ. Seine Erbitterung bei Hettys Leiden und daneben bei dem Gefühl, daß sie möglicherweise für ihn auf immer verloren sei, machten ihn taub gegen jede Vorstellung zu Gunsten des falschen Freundes, der dieses Unglück herbeigeführt hatte. Adam war ein hellsehender, billig denkender Mensch, geistig und leiblich ein prächtiger Kerl; aber selbst der gerechte Aristides war gewiß, wenn er je verliebt und eifersüchtig war, in solchen Augenblicken nicht ganz so großherzig wie sonst. Und so kann ich auch nicht behaupten, Adam habe in diesen schmerzlichen Tagen nur sittliche Entrüstung und liebendes Erbarmen gefühlt. Er war bitterlich eifersüchtig, und in demselben Maße wie ihn seine Liebe gegen Hetty nachsichtig machte, wandte sich seine Bitterkeit gegen Arthur. »Sie ließ sich gewiß leicht den Kopf verdrehen,« dachte er, »wenn ein vornehmer Herr mit seinen feinen Manieren und feinen Kleidern und weißen Händen und dem Reden, was diese vornehmen Leute an sich haben, um sie her war und sich ein bißchen dreist machte, wie von ihresgleichen so leicht keiner that, und einen gemeinen Mann mag sie gewiß nie wieder leiden.« Unwillkürlich zog er seine eigenen Hände aus der Tasche und sah sich die harten Schwielen und die zerarbeiteten Nägel an. »Ich bin doch ein derber Geselle, wenn ich mich so recht betrachte, und nun ich mal dran denke, da weiß ich kaum, was ein Frauenzimmer viel an mir lieben soll, und doch hätt' ich leicht genug eine andere zur Frau bekommen können, wenn ich nicht mein Herz so auf sie gesetzt hätte. Aber es kommt wenig drauf an, was andere Mädchen von mir halten, wenn sie mich nicht leiden mag. Vielleicht hätte sie mich ebenso gern gemocht wie jeden andern; es ist keiner hier herum, vor dem ich bange bin, wenn er nur nicht zwischen uns gekommen wäre; aber jetzt werde ich ihr wohl gar verhaßt, weil ich so ganz anders bin als er. Und doch kann man das wieder nicht wissen; sie kann sich auch ganz umdrehen, nun sie weiß, daß er sie die ganze Zeit zum besten gehabt hat; sie lernt vielleicht den Wert eines Mannes schätzen, der sich mit Freude und Dank aufs ganze Leben mit ihr verbände. Aber wie es auch kommt, ich muß mir's gefallen lassen, und muß noch dazu dankbar sein, daß es nicht schlimmer geworden ist. Ich bin nicht der einzige auf der Welt, der sich ohne Glück behelfen muß; manch gut Stück Arbeit wird mit einem betrübten Herzen gemacht. Es ist Gottes Wille, und das ist für uns genug; besser als er würden wir's doch nicht machen können, sollt' ich meinen, und wenn wir uns auch unser Lebelang den Kopf zerbrächen. Aber es würde mir doch ans Leben gegangen sein, wenn ich sie in Jammer und Schande hätte sehen müssen, und noch dazu durch den Mann, auf den ich immer stolz gewesen bin, wenn ich nur an ihn dachte. Nun mir das erspart ist, hab' ich kein Recht zu murren. Wenn einer seine Gliedmaßen noch ganz hat, kann er wohl einen scharfen Hieb vertragen.« Als Adam mit diesen Gedanken beschäftigt über einen Steg ging, sah er vor sich einen Mann durch das Feld gehen. Er erkannte sogleich Seth, der von einer Abendpredigt kam, und holte ihn rasch ein. »Ich dachte, du wärest eher nach Hause als ich,« sagte er, als Seth sich umwandte, um auf ihn zu warten; »ich habe mich heute Abend recht verspätet.« »Nun, mir ist's auch etwas spät geworden; nach der Predigt kam ich mit Barnes ins Gespräch, der in neuester Zeit recht im Stande der Gnade sein will, und ich hatte ihn manches zu fragen wegen seiner Erfahrung. Es ist so eins von den Dingen, wo man immer weiter hineinkommt, als man denkt; sie liegen nicht grade am Wege.« Eine kurze Zeit gingen sie schweigend neben einander her. Adam hatte keine Neigung, in die Feinheiten religiöser Streitigkeiten einzugehen, aber gern wollte er mit Seth ein Wort brüderlicher Zärtlichkeit und brüderlichen Vertrauens wechseln. Die Neigung kam ihm nicht oft, so sehr auch die Brüder einander liebten. Sie sprachen fast niemals von persönlichen Angelegenheiten, und auf ihre häuslichen Mißstände spielten sie höchstens eben an. Adam war von Natur in allen Gefühlssachen zurückhaltend, und Seth hegte gegen seinen praktischeren Bruder eine gewisse Schüchternheit. »Seth,« sagte Adam und legte dem Bruder seinen Arm auf die Schulter, »hast du von Dina Morris was gehört, seit sie fort ist, mein Junge?« »Ja,« antwortete Seth. »Sie sagte mir, ich möchte ihr nach einiger Zeit schreiben, wie es uns ginge und wie Mutter sich hielte in ihrem Kummer. So hab' ich ihr denn vor vierzehn Tagen geschrieben und ihr von deiner neuen Anstellung erzählt und daß sich Mutter etwas mehr beruhige, und letzten Mittwoch, als ich in Treddleston auf der Post nachfragte, war ein Brief von ihr da. Du lies't ihn gewiß auch gern, aber ich mochte dir nichts davon sagen, weil du so viel andere Dinge vor hattest. Er ist ganz leicht zu lesen; sie schreibt wunderschön für ein Mädchen.« Seth hatte den Brief aus der Tasche gezogen und hielt ihn Adam hin, der ihn nahm und sagte: »Ja, mein Junge, ich habe jetzt grade eine schwere Last zu tragen; du mußt's mir nicht übel nehmen, wenn ich etwas schweigsamer und verdrießlicher bin als sonst. Du liegst mir darum nicht weniger am Herzen. Ich weiß, wir halten zusammen bis ans Ende.« »Ich nehme dir nichts übel, Adam; ich weiß wohl, was es heißt, wenn du bisweilen etwas kurzab bist.« »Da macht die Mutter die Thür auf und sieht nach uns aus,« sagte Adam, als sie den Abhang hinangingen. »Sie hat wieder im Dunkeln gesessen, wie gewöhnlich. Schön, Gyp, schön! Freust dich, daß wir da sind?!« Lisbeth war rasch ins Haus gegangen und hatte Licht angesteckt, sobald sie den willkommenen Ton der Schritte auf dem Grase gehört hatte. »Na, Kinder, so lang sind mir die Stunden noch nie geworden, als diesen Sonntag Abend. Was habt Ihr nur beide bis jetzt gemacht?« »Du solltest nicht im Dunkeln sitzen, Mutter,« sagte Adam; »da wird dir die Zeit viel länger.« »Ah, was soll ich am Sonntag Licht brennen, wenn ich allein bin und nur ein bißchen stricke? Der Tag ist lang genug für mich, ins Buch zu sehen, denn lesen kann ich doch nicht. Es wär' 'ne schöne Art die Zeit abzukürzen, wenn man dabei das teure Licht verschwendete. Aber wer von Euch will Abendbrot haben? Ihr müßt entweder ganz verhungert oder satt sein, so spät ist's ja schon.« »Ich bin hungrig, Mutter,« sagte Seth und setzte sich an den kleinen Tisch, den die Mutter schon bei Tage gedeckt hatte. »Ich habe mein Abendbrot gehabt,« erwiderte Adam. »Hier, Gyp« fügte er hinzu und nahm eine kalte Kartoffel vom Tisch und streichelte den zottigen, grauen Kopf, den der Hund ihm zuwandte. »Du brauchst dem Hunde nichts mehr zu geben,« sagte Lisbeth; »ich habe ihn schon gut gefüttert. Ich vergesse ihn nicht leicht, kannst du glauben, wenn er das einzige ist, was ich von dir zu sehen bekomme.« »Na, denn komm, Gyp,« sagte Adam, »wir wollen zu Bett. Gute Nacht, Mutter, ich bin recht müde.« »Was fehlt ihm, weißt du's nicht?« sagte Lisbeth zu Seth, als Adam hinaufgegangen war. »Er ist diese letzten Tage gewesen, als hätte ihn der Schlag gerührt, so niedergeschlagen. Heute morgen, als du weg warst, fand ich ihn in der Werkstatt, wie er ganz still saß und nichts that, nicht mal ein Buch hatte er vor sich.« »Er hat jetzt grade recht viel zu thun, Mutter,« antwortete Seth, »und ich glaube, es geht ihm auch sonst was im Kopfe 'rum. Achte nur nicht drauf, denn das kränkt ihn. Sei so freundlich gegen ihn, wie du kannst, Mutter, und sage nichts, was ihn ärgern könnte.« »O, was sprichst du von ärgern? Und wie werde ich wohl anders gegen ihn sein als freundlich? Ich will ihm morgen zum Frühstück einen Topfkuchen machen.« Adam hatte Rock und Weste abgelegt und las Dinas Brief bei seinem kleinen Lichtstümpfchen. Lieber Bruder Seth! Euren Brief mußte ich drei Tage auf der Post liegen lassen, weil ich nicht Geld genug hatte, den Boten zu bezahlen; es herrscht hier große Not und Krankheit und so viel Regen ist gefallen, als hätten sich die Fenster des Himmels wieder aufgethan, und in solcher Zeit, wo so viele stündlich um das Notwendigste verlegen sind, von einem Tag zum andern Geld zu sparen, das wäre ein Mangel an Vertrauen, grade wie das Sammeln des Manna. Ich erwähne dies, weil ich nicht gern lässig im Antworten scheinen möchte, oder als freute ich mich nicht mit Euch über Eure Freude an dem irdischen Glück, das Eurem Bruder Adam zu Teil geworden ist. Die Ehre und Liebe, die Ihr ihm erzeigt, ist ganz in der Ordnung, denn Gott hat ihm große Gaben gegeben, und er gebraucht sie, wie der Patriarch Joseph that, der, als er zu Macht und Ansehen erhöht war, doch immer zärtlich nach seinem Vater und seinem jüngeren Bruder sich sehnte. »Mein Herz hängt recht an Eurer alten Mutter, seitdem es mir vergönnt war, an dem Unglückstage bei ihr zu sein. Sprecht ihr von mir und sagt ihr, ich trage sie oft in meinen Gedanken des Abends, wenn ich im Zwielicht sitze wie damals bei ihr, wo wir einander bei der Hand hielten und ich die Worte des Trostes sprach, die mir eingegeben wurden. O, das ist eine köstliche Stunde, nicht wahr, Seth? Wenn das äußere Licht erblaßt und der Leib ein wenig müde ist von Arbeit und Anstrengung, dann scheint das innere Licht um so heller, und wir haben ein tieferes Gefühl von der Kraft Gottes. Ich sitze im dunkeln Zimmer auf meinem Stuhle und schließe die Augen, und es ist mir als wäre ich nicht mehr in diesem Leibe und würde hinfort keinen Mangel mehr fühlen. Alle Not und Sorge und Blindheit und Sünde, die ich gesehen habe und über die ich hätte weinen mögen, ja all die Qual der Menschenkinder, die mich bisweilen umfängt wie plötzliche Dunkelheit – das alles kann ich dann willig tragen, als trüge ich mit an des Erlösers Kreuz. Denn ich fühle, ich fühle, auch die unendliche Liebe leidet – ja in der Fülle ihrer Allwissenheit leidet sie und jammert und trauert, und blinde Selbstsucht ist es, von dem Leiden frei sein zu wollen, unter dem die ganze Schöpfung ächzt und sich abmüht. Sicherlich ist es nicht der rechte Segen, von Leiden frei zu sein, so lange es Leiden und Sünde in der Welt giebt; denn nun ist ja das Leiden ein Teil der Liebe, und die Liebe sucht es nicht von sich zu werfen. Das sagt mir nicht bloß der Geist, ich sehe es in allen Worten und Werken der heiligen Schrift. Giebt es nicht Fürbitte im Himmel? Ist nicht der Dulder da in dem gekreuzigten Leibe, in welchem er hinaufgefahren ist? Und ist er nicht eins mit der unendlichen Liebe selbst, wie unsere Liebe eins ist mit dem unendlichen Leiden? »Diese Gedanken haben mich viel beschäftigt in der letzten Zeit, und mit neuer Klarheit habe ich die Bedeutung der Worte erkannt: »wer mich lieb hat, der nehme mein Kreuz auf sich.« Ich habe das wohl so auslegen hören, als bedeute es die Trübsal und Verfolgung, die wir uns zuziehen, wenn wir Christum bekennen. Aber das ist gewiß eine engherzige Auslegung. Das wahre Kreuz des Erlösers war die Sünde und Not dieser Welt; das war's, was ihm schwer sein Herz belastete, und das ist das Kreuz, welches wir mit ihm tragen sollen, das ist der Kelch, den wir mit ihm austrinken müssen, wenn wir Teil haben wollen an der göttlichen Liebe, welche eins ist mit seinem Leiden. »Was mein äußeres Los betrifft, wonach Ihr fragt, so habe ich alles reichlich. In der Fabrik habe ich fortwährend Arbeit gehabt, während einige von den andern Arbeitern für eine Zeit entlassen sind, und körperlich bin ich sehr gestärkt, so daß ich mich nach langem Gehen und Sprechen nur wenig ermüdet fühle. Was Ihr davon sagt, daß Ihr in Eurer Heimat bei Mutter und Bruder bleiben wollt, beweist mir, daß Ihr unter rechter Leitung steht; Eure Bestimmung ist Euch dort klar gewiesen, und einen größeren Segen auswärts zu suchen, hieße für Euch ein falsches Opfer auf den Altar legen und auf Feuer vom Himmel warten, welches es anzünde. Ich habe meine Arbeit und meine Freude hier zwischen den Hügeln, und bisweilen scheint mir, ich hänge zu sehr an dem Leben unter den Leuten hier und würde mich widersetzen, wenn ich anderswohin berufen würde. »Für Eure Nachrichten über die lieben Freunde auf dem Pachthof danke ich Euch; ich habe ihnen zwar selbst auf den Wunsch meiner Tante nach meiner Rückkehr hierher einen Brief geschrieben, aber noch keine Antwort erhalten. Tante ist kein rechter Briefschreiber und hat auch im Hause hinlänglich zu thun bei ihrem schwachen Körper. Mein Herz hängt recht an ihr und ihren Kindern, als die mir die nächsten sind im Fleisch; ja an allen dort im Hause. Im Schlafe werde ich immer zu ihnen geführt und mitten in der Arbeit und selbst beim Sprechen erfaßt mich der Gedanke an sie, als wären sie in Not und Trübsal, die mir aber nur dunkel sind. Vielleicht werde ich noch richtig geleitet, aber ich warte auf Weisung von oben. Ihr sagt ja, sie seien alle wohl. »Gewiß werden wir einander wiedersehen im Fleische, wenn es auch vielleicht nicht bald ist; denn die Brüder und Schwestern in Leeds wollen mich auf kurze Zeit bei sich haben, wenn ich erst wieder Snowfield verlassen kann. »Lebt wohl, lieber Bruder, und doch nicht lebt wohl. Denn die Kinder Gottes, denen es vergönnt worden ist, sich von Angesicht zu Angesicht zu sehen und Gemeinschaft zu halten und denselben Geist in sich wirksam zu fühlen, die kann nichts mehr trennen, ob auch Hügel und Berge sich zwischen sie legen. Denn durch diese Gemeinschaft ist ihnen die Seele für immer erweitert, und sie tragen einander stets in ihren Gedanken wie eine neue Kraft. Eure treue Schwester und Mitdienerin Christi Dina Morris.« »Ich bin nicht geschickt genug, die Worte so klein zu schreiben wie Ihr, und meine Feder geht langsam. Darum bin ich beengt und sage nur wenig von dem, was ich auf dem Herzen habe. Grüßt Eure Mutter von mir mit einem Kuß. Ich mußte sie zweimal küssen, als ich von ihr schied.« Adam hatte den Brief wieder zusammengelegt und saß, nachdenklich den Kopf auf den Arm gestützt, oben auf seinem Bett, als Seth die Treppe hinaufkam. »Hast du den Brief gelesen?« fragte er. »Ja,« sagte Adam. »Ich weiß nicht, was ich von ihr und ihrem Briefe denken würde, wenn ich sie nie gesehen hätte; ich glaube beinahe, ich fände sie mit ihrem Predigen abscheulich. Aber was sie auch sagt und thut, bei ihr ist's in der Ordnung, und als ich den Brief las, glaubte ich sie zu sehen und sprechen zu hören. Es ist ganz wunderbar, wie deutlich ich mich an ihre Blicke und ihre Stimme erinnere. Sie würde dich unbändig glücklich machen, Seth; sie ist recht 'ne Frau für dich.« »Daran darf ich nicht denken,« sagte Seth niedergeschlagen; »sie sprach so bestimmt, und was sie sagt, das meint sie auch.« »Ja, aber ihr Gefühl kann sich ändern; ein Mädchen kommt wohl allmählich in die Liebe hinein, und das beste Feuer flackert nicht immer am schnellsten auf. Du mußt sie bei Gelegenheit mal besuchen; ich will es schon einrichten, daß du drei oder vier Tage wegbleiben kannst, und es ist ja für dich nicht weit zu gehen, höchstens zehn Stunden.« »Ich sähe sie gern wieder, wie's auch kommen mag, wenn sie nur über meinen Besuch nicht böse wird,« erwiderte Seth. »Sie wird nicht böse drüber sein,« sagte Adam mit Nachdruck und stand auf. »Es wär' für uns alle ein rechtes Glück, wenn sie dich nähme; Mutter hatte sich ja im Augenblick an sie gewöhnt und schien mit ihr so zufrieden.« »Ja,« bemerkte Seth etwas schüchtern, »und Dina hat auch Hetty so lieb; sie denkt viel an sie.« Darauf antwortete Adam nicht, und die Brüder wünschten sich gute Nacht. Einunddreißigster Abschnitt. In Hettys Schlafkammer. Es war nicht mehr hell genug, um ohne Licht zu Bett zu gehen, selbst nicht, wo es so früh geschah wie bei Frau Poyser, und als Hetty, bald nachdem Adam fort war, endlich zu Bett ging, nahm sie ein Licht mit und riegelte die Thür hinter sich zu. »Nun wollte sie den Brief lesen. Der Inhalt mußte tröstlich sein, war gewiß tröstlich. Wie konnte Adam die Wahrheit wissen?! Sie setzte das Licht hin und nahm den Brief zur Hand. Er hatte einen feinen Rosenduft, bei dem es ihr war als stände Arthur dicht neben ihr. Sie führte ihn an die Lippen und für wenige Augenblicke riß ein Strom von Erinnerungen jede Befürchtung hinweg. Aber ihr Herz fing an seltsam zu zittern und die Hand bebte ihr, als sie das Siegel brach. Sie las langsam; es wurde ihr nicht leicht eine vornehme Handschrift zu lesen, obwohl Arthur sich alle Mühe gegeben hatte, deutlich zu schreiben. »Teuerste Hetty! Als ich dir sagte, ich liebte dich, da sagte ich die Wahrheit, und nie werde ich unsere Liebe vergessen. Mein Lebenlang werde ich dir immer ein treuer Freund sein. Das hoffe ich dir in mancherlei Art beweisen zu können. Wenn ich in diesem Briefe etwas sage, was dich schmerzt, glaube nicht, daß es aus Mangel an Liebe und Zärtlichkeit geschieht, denn alles könnte ich für dich thun, wenn ich wüßte, daß es wirklich zu deinem Besten wäre. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß meine kleine Hetty Thränen vergießt und ich nicht bei ihr bin, sie wegzuküssen. Und wollte ich nur meiner eigenen Neigung folgen, so wäre ich in diesem Augenblicke bei ihr statt an sie zu schreiben. Es wird mir recht schwer, von ihr zu scheiden, noch schwerer, etwas zu schreiben, was unfreundlich scheinen kann und doch aus der wahrsten Freundlichkeit kommt. »Liebe, liebe Hetty, so süß mir unsere Liebe gewesen ist, so süß es für mich sein würde, dich immer zu lieben, so fühle ich doch, es wäre für uns beide besser gewesen, wenn wir dies Glück nie gekannt hätten, und ich erkenne es für meine Pflicht, dich zu bitten, hinfort mich so wenig zu lieben und an mich zu denken wie du kannst. Alle Schuld trifft mich allein; obgleich ich der Sehnsucht bei dir zu sein nicht zu widerstehen vermochte, so habe ich doch dabei immer gefühlt, deine Neigung zu mir könne dir Gram verursachen. Ich hätte mich von meinen Gefühlen nicht fortreißen lassen müssen, und ich hätte es auch nicht gethan, wenn ich ein besserer Mensch wäre als ich bin, aber da sich das Vergangene nicht ändern läßt, so bin ich wenigstens verpflichtet, dich vor jedem Übel zu bewahren, das zu verhindern in meiner Macht steht. Und da fühle ich denn, daß es ein großes Übel für dich sein würde, wenn du fortführest, so fest an mir zu hangen, daß du an keinen andern Mann dächtest, der dich mit seiner Liebe glücklicher machen könnte, als ich je vermag, und wenn du fortführest, von der Zukunft etwas zu erwarten, was doch unmöglich ist. Denn, meine liebe Hetty, thäte ich, wovon du mal zu mir gesprochen hast und heiratete dich, so hieße das nicht dich glücklich, sondern unglücklich machen, wie du später selbst empfinden würdest. Ich weiß, du kannst nie glücklich werden, wenn du nicht einen Mann von deinem eigenen Stande heiratest, und wenn ich dich jetzt heiratete, so würde ich zu dem Unrecht, was ich schon gethan habe, nur neues hinzufügen und überdies die Pflichten verletzen, die ich sonst in der Welt habe. Du kennst die Welt nicht, liebe Hetty, in der ich leben muß, und würdest sie bald nicht leiden mögen, weil es so wenig gäbe, worin wir beide gleich wären. »Und da ich dich nicht heiraten kann, so müssen wir scheiden, so müssen wir versuchen, nicht mehr wie Liebende für einander zu fühlen. Ich bin unglücklich, da ich dies sage, aber es kann nicht anders sein. Richte deinen Zorn auf mich, mein liebes Herz, ich verdiene das, aber glaube nicht, daß ich nicht immer für dich sorgen, immer dankbar gegen dich sein, immer an meine Hetty mich erinnern werde, und wenn ein Unglück kommen sollte, welches wir jetzt nicht vorhersehen, so verlasse dich darauf, daß ich alles thun werde, was in meinen Kräften steht. »Ich habe dir gesagt, wohin du einen Brief an mich adressieren kannst, wenn du mir schreiben willst, aber ich schreibe es noch mal unter diesen Brief, falls du es vergessen hättest. Schreibe nicht anders, als wenn ich wirklich etwas für dich thun kann; denn, liebste Hetty, wir müssen versuchen, so wenig an einander zu denken wie möglich. Vergieb mir und suche mich ganz zu vergessen, – nur nicht das eine, daß ich, so lange ich lebe, bin und bleibe Dein liebevoller Freund Arthur Donnithorne.« Langsam hatte Hetty den Brief gelesen, und als sie nun aufblickte, sah ihr aus dem alten trüben Spiegel ein bleiches Gesicht entgegen, ein marmorblasses Gesicht mit den runden Formen eines Kindes, aber mit einem tieferen Jammer als je ein Kind empfindet. Hetty sah das Gesicht nicht, sie sah nichts, sie fühlte nur, daß sie kalt und krank war und bebte. Der Brief zitterte ihr hörbar in der Hand. Sie ließ ihn fallen. Es war ein erschreckliches Gefühl, diese Kälte, dieses Beben; es benahm ihr die Gedanken, die es erst veranlaßt hatten, und Hetty stand auf und nahm einen warmen Mantel aus dem Kleiderschranke, hüllte sich hinein und saß als dächte sie nur daran warm zu werden. Mit festerer Hand nahm sie den Brief wieder auf und las ihn von neuem durch. Diesmal kamen ihr die Thränen, große, dicke Thränen, die ihr das Auge trübten und das Papier benetzten. Sie fühlte nur, Arthur sei grausam, grausam so zu schreiben, grausam sie nicht zu heiraten. Gründe, weshalb er sie nicht heiraten könne, gab es für sie nicht; wie hätte sie glauben können, die Erfüllung alles dessen, was sie herbeigesehnt, wovon sie geträumt hatte, könne sie unglücklich machen? Es fehlten ihr alle Gedanken, um sich von dem Unglück einen Begriff zu machen. Als sie den Brief wieder hinwarf, erblickte sie ihr Gesicht im Spiegel; jetzt war es gerötet und von Thränen naß; es war ihr fast wie ein Freund, gegen den sie klagen könne, der Mitleid mit ihr haben werde. Sie stützte sich auf den Arm und beugte sich vor und sah hinein in die dunkeln überströmenden Augen und auf den bebenden Mund, und sah, wie die Thränen immer dicker und dicker kamen, und wie der Mund vor Schluchzen krampfhaft zuckte. Die Zerstörung ihrer ganzen kleinen Traumwelt, der zermalmende Schlag auf ihre junge Leidenschaft traf ihre vergnügungssüchtige Natur mit einem überwältigenden Schmerze, der jeden Widerstand vernichtete und ihren Verdruß für den Augenblick beseitigte. Sie saß und schluchzte, bis das Licht ausging, und warf sich dann erschöpft, leidend, betäubt vom Weinen, in ihren Kleidern aufs Bett und schlief ein. Die Dämmerung war eben angebrochen, als Hetty mit einem Gefühl von dumpfem Schmerz erwachte, dessen Ursache ihr allmählich klar wurde, als sie bei dem spärlichen Lichte die Gegenstände um sich her zu erkennen begann. Und nun kam der beängstigende Gedanke, daß sie ihr Elend nicht nur tragen, sondern auch verbergen müsse bei dem traurigen Tageslichte, das nun angebrochen war. Sie konnte nicht länger liegen bleiben, sie stand auf und ging an den Tisch; da lag der Brief; sie öffnete ihre kleine Schatzkammer, da lagen die Ohrringe und das Medaillon, die Zeichen ihres kurzen Glücks, die Zeichen des lebenslangen Jammers, der nun folgen sollte. Indem sie die kleinen Schmucksachen ansah, die sie einst als die Bürgschaft ihres künftigen Paradieses von Schmuck so zärtlich betrachtet und geliebkost hatte, durchlebte sie die Augenblicke wieder, wo er sie ihr mit so zärtlichen Schmeicheleien, so wunderbar schönen Worten, so glühenden Blicken gegeben hatte, daß sie vor Entzücken ganz verwirrt und überrascht war; es war ja alles so viel süßer, als sie je etwas für möglich gehalten hatte. Und der Arthur, der so zu ihr gesprochen, sie so angeblickt hatte, der jetzt hier bei ihr war, von dessen Arme sie sich umfaßt, dessen Wange sie an ihrer, ja von dessen Atem sie sich angeweht fühlte – das war der grausame, grausame Arthur, der den Brief geschrieben hatte – den Brief, den sie hastig ergriff und zerdrückte und dann wieder öffnete, um ihn nochmal zu lesen. Halb betäubt, wie ihr von dem Weinen am gestrigen Abend der Kopf war, mußte sie noch einmal nachsehen, ob ihre jammervollen Gedanken wirklich wahr seien, ob der Brief wirklich so grausam sei. Sie ging nahe ans Fenster, wo der Lichtschein der Dämmerung am hellsten war – ja! der Brief war noch schlimmer, noch grausamer. Sie zerknitterte ihn vor Zorn, sie haßte den Schreiber dieses Briefes, haßte ihn grade deshalb, weil sie mit all ihrer Liebe an ihm hing – all der mädchenhaften Leidenschaft und Eitelkeit, aus der bei ihr die Liebe bestand. Heute hatte sie keine Thränen; die hatte sie alle gestern Abend ausgeweint, und nun empfand sie jenen Jammer, wo das Auge trocken ist, aber das Herz blutet, der schlimmer ist als der erste Schlag, weil er außer der Gegenwart auch die Zukunft umfaßt. Jeden Morgen in der endlosen Reihe, soweit ihre Einbildungskraft hinausdenken konnte, würde sie aufstehen müssen und fühlen, daß der Tag für sie keine Freude haben werde. Denn keine Verzweiflung ist so vollständig als die in den ersten Augenblicken unsres ersten großen Schmerzes, wenn wir noch nicht erfahren haben, was es heißt, erst leiden und dann genesen, erst verzweifeln und dann wieder hoffen. Als Hetty langsam träge die Kleider auszog, die sie die ganze Nacht angehabt hatte, um sich zu waschen und das Haar zu kämmen, da hatte sie das schmerzliche Gefühl, ihr Leben würde fortan in demselben traurigen Einerlei hingehen: immer würde sie thun müssen, woran sie keine Freude habe, immer dieselbe alte Arbeit verrichten, Leute sehen, nach denen sie nichts frage, zur Kirche gehen und nach Treddleston und zur Frau Best zum Thee, und nie sich glücklich fühlen. Die kurze Seligkeit ihres Liebestraums hatte ihr für immer all die kleinen Freuden vergiftet, die früher das Glück ihres Lebens gewesen waren: das neue Kleid zum Jahrmarkt in Treddleston, die Gesellschaft bei Pachter Lucas auf der Kirchweih in Broxton, die Freier, denen sie erst eine lange Zeit Nein sagen wollte, und die Aussicht auf die Hochzeit, die endlich doch käme mit dem seidenen Rock und den vielen Kleidern auf einmal – alles das war ihr nun schal und traurig, alles war ihr langweilig, und für immer trug sie ein hoffnungsloses Sehnen und Verlangen in sich. Mitten im Entkleiden hielt sie inne und lehnte sich an den dunkeln, alten Kleiderschrank; Hals und Arme waren nackt, das Haar hing ihr in zarten Ringeln hinab, und Hals, Arme und Haar waren gerade so schön wie in jener Nacht vor zwei Monaten, wo sie vor Eitelkeit und Hoffnung glühend auf und ab gegangen war. Jetzt dachte sie nicht an Hals und Arme, selbst die eigene Schönheit war ihr gleichgültig. Ihre Augen überflogen wehmütig die langweilige alte Kammer, und mit leerem Blick sah sie hinaus in das zunehmende Dämmerlicht. Stieg ihr eine Erinnerung an Dina auf? an die prophetischen Worte, über die sie sich damals geärgert hatte? an die zärtlich flehende Bitte, in ihr eine Freundin in der Not zu sehen? Nein, der Eindruck war zu leicht gewesen, um noch zu haften. Aller Zuspruch und Trost, den ihr Dina hätte geben können, wäre an jenem Morgen Hetty so gleichgültig gewesen wie alles sonst außer ihrer verwundeten Leidenschaft. Sie dachte an nichts, als daß sie nimmermehr hier bleiben könne und das alte Leben fortführen, daß sie eher etwas ganz neues ertragen könne als zurücksinken in den alten Kreislauf ihres alltäglichen Lebens. Am liebsten wäre sie gleich jetzt davongelaufen und hätte nie wieder eins von den alten Gesichtern angesehen. Aber es lag nicht in Hettys Natur, Schwierigkeiten zu trotzen, mit kühnem Wagnis ihre gewohnte Stellung zu verlassen und sich blindlings ins Ungewisse zu stürzen. Sie war eine weichliche und eitle Natur, keine leidenschaftliche, und wenn sie je einen gewaltsamen Schritt thun sollte, so mußte erst die Verzweiflung des Schreckens sie dazu drängen. Ihre Gedanken bewegten sich nur in einem kleinen Kreise von Möglichkeiten, und um aus ihrem jetzigen Leben herauszukommen, entschloß sie sich bald zu dem einen: sie wollte ihren Onkel bitten, er solle sie Kammerjungfer werden lassen; zu einer Stelle würde ihr schon Fräulein Lydias Kammerfrau verhelfen. Als sie sich das überlegt hatte, machte sie sich das Haar und wusch sich; es schien ihr jetzt eher möglich, hinunter zu gehen und sich zu benehmen wie sonst. Noch heute wollte sie den Onkel fragen. Bei Hettys blühender Gesundheit hätte es zu einem tiefen Eindruck erst viel schwererer geistigen Leiden bedurft, und als sie so nett wie gewöhnlich sich angekleidet und ihr Haar unter der kleinen Haube befestigt hatte, würden einem nicht zu scharf blickenden Beobachter mehr die jugendliche Rundung ihres Gesichts und Halses und ihre dunkeln Augen und Wimpern aufgefallen sein, als eine Spur von Traurigkeit. Aber als sie den zerknitterten Brief aufnahm und in ihren Auszug legte, um ihn wegzuschließen und nicht wieder anzusehen, da drängten bittre Thränen, bittrer als die großen Tropfen gestern Abend, sich ihr in die Augen. Sie trocknete sie rasch; sie durfte am Tage nicht weinen; niemand durfte bemerken, wie unglücklich sie sei; niemand sollte wissen, daß sie betrogen worden, und der Gedanke, daß die Blicke von Tante und Onkel auf ihr ruhen würden, gab ihr die Selbstbeherrschung, die oft ein großes Unglück begleitet. Denn aus ihrem stillen Jammer blickte Hetty auf die Möglichkeit, sie könnten je von dem Vorgefallenen etwas erfahren, wie ein armer, abgezehrter Gefangener an den Schandpfahl denken mag. Sie würden ihr Benehmen schändlich finden und Schande war ihr Qual. So weit hatte die arme, kleine Hetty ein Gewissen. Sie verschloß ihren Auszug und ging an die Arbeit. Am Abend, als Poyser seine Pfeife rauchte und darum in seiner besten Laune war, ergriff Hetty den günstigen Augenblick, wo ihre Tante nicht zugegen war, und sagte: »Onkel, ich möchte, Ihr ließt mich Kammerjungfer werden.« Der Pachter nahm seine Pfeife aus dem Munde und sah Hetty einige Augenblicke sanft verwundert an. Sie war am Nähen und nähte fleißig weiter. »Ei, wer hat dir denn das in den Kopf gesetzt, Mädchen?« sagte er endlich, nachdem er noch einmal gepafft hatte, um die Pfeife im Gang zu halten. »Ich möchte es gern; ich möchte es viel lieber als die Arbeit in der Wirtschaft.« »Nein, nein! Du denkst dir das bloß so, Mädchen, weil du's nicht kennst. Es wäre nicht halb so gut für deine Gesundheit, noch auch für dein Lebensglück. Ich möchte gern, du bliebst bei uns, bis du einen guten Mann hast; du bist meine leibliche Nichte, und so lange ich eine Heimat für dich habe, lasse ich dich nicht gern in einen Dienst gehen, wenn's auch in einem vornehmen Hause wäre.« Poyser schwieg und paffte weiter. »Ich mache gern Handarbeiten,« sagte Hetty, »und bekäme guten Lohn.« »Ist die Tante ein bißchen scharf gegen dich gewesen?« fragte der Onkel, indem er auf Hettys letzten Grund nicht weiter achtete. »Das mußt du nicht so genau nehmen, mein Kind; sie thut's zu deinem Besten; sie will dir wohl, und nicht viele Tanten hätten so viel für dich gethan wie sie, ohne daß sie mit dir eigentlich verwandt ist.« »Nein, 's ist nicht der Tante wegen,« antwortete Hetty, »aber ich thäte die andere Arbeit lieber.« »Daß du ein bißchen davon gelernt hast, das war schon recht, und ich habe auch gleich meine Einwilligung dazu gegeben, als Frau Pomfret sich erbot, es dir zu zeigen. Denn wenn was vorfallen sollte, so ist's immer gut, daß man sich auf eine oder die andere Art zu helfen weiß. Aber daß du bei fremden Leuten in Dienst gehen solltest, Kind, daran habe ich nie gedacht; wir Poysers haben unser eignes Brot gegessen, so weit wir zurückdenken können, nicht wahr, Vater? Ihr hättet es doch nicht gern, wenn eins von Euren Großkindern bei fremden Leuten diente?« »N–e–i–n,« antwortete der alte Martin und zog das Nein bitter in die Länge, indem er sich vornüber beugte und auf den Boden sah. »Aber das Mädchen artet ganz nach ihrer Mutter. Ich hatte genug zu thun, die bei mir zu behalten und sie heiratete gegen meinen Willen – heiratete einen Menschen, der bloß zwei Stück Vieh hatte, während er auf seiner Pachtung zehn hätte haben müssen; es war kein Wunder, daß sie an der Entzündung starb, ehe sie dreißig alt war.« So lange hatte der alte Mann nur selten gesprochen, aber die Frage seines Sohnes war ihm wie trockenes Holz auf die glühende Asche eines langjährigen, immer noch fortglimmenden Ärgers gefallen, der ihn stets gegen Hetty gleichgültiger gemacht hatte als gegen die Kinder seines Sohnes. Das bißchen Vermögen ihrer Mutter hatte der Nichtsnutz Sorrel durchgebracht und sein Blut floß ja auch in Hettys Adern. »Meine arme Schwester!« sagte Martin der jüngere, dem es leid that, diese bittre Erinnerung angeregt zu haben. »Ihr ist's schlecht genug gegangen. Aber Hetty hat so gute Aussicht, einen soliden, verständigen Mann zu bekommen, wie irgend ein Mädchen in unserer Gegend.« Nach diesem bezeichnenden Wink wandte er sich wieder zur Pfeife und zum Schweigen und sah Hetty an, ob sie nicht ein Zeichen gäbe, daß sie auf ihren thörichten Wunsch verzichtet habe. Aber statt dessen fing Hetty unwillkürlich an zu weinen, halb vor Ärger über die abschlägige Antwort, halb aus der allgemeinen Betrübnis, die sie den Tag über zurückgehalten hatte. »Ei, ei!« sagte der Onkel und versuchte sie durch Scherz zu beruhigen, »laß doch das Weinen. Das Weinen ist für die, die keine Heimat haben, nicht für die, welche sie loswerden wollen. Was meinst du dazu?« fuhr er zu seiner Frau gewendet fort, die nun wieder auf den Flur kam und mit wilder Geschwindigkeit strickte, als gehörte die Bewegung so notwendig mit dazu wie bei einer Krabbe das unaufhörliche Spiel der Fangarme. »Was ich meine? Nun, ich meine, die Hühner werden uns bald genug gestohlen werden, wenn das Mädchen den Verschlag des Abends immer offen läßt. Was hast du denn nun wieder, Hetty? worüber weinst du?« »Ei, sie will Kammerjungfer werden,« antwortete Poyser. »Aber ich habe ihr gesagt, da könnten wir doch noch besser für sie sorgen.« »Ich konnte mir schon denken, daß sie wieder Mucken im Kopfe hat; den ganzen Tag hat sie den Mund nicht aufgethan. Das kommt all davon, daß sie so viel mit den Dienern vom Schlosse verkehrt; wir waren rechte Thoren, es ihr zu erlauben. Sie glaubt, sie hätte dann ein feineres Leben, als wenn sie bei ihren Verwandten bliebe, bei denen sie aufgewachsen ist von früh auf, als sie nicht größer war als Martinchen. Zu einer Kammerjungfer, denkt sie, gehöre weiter nichts, als schönere Kleider zu tragen wie ihr zukommen, darauf will ich wetten. Von früh bis spät denkt sie bloß daran, was sie sich für Fetzen auf den Leib hängen will, und ich habe sie auch schon oft gefragt, ob sie nicht lieber eine Vogelscheuche auf dem Felde sein möchte, dann wäre sie ganz aus Fetzen inwendig und auswendig. Ich gebe nie meinen Konsens dazu, daß sie Kammerjungfer wird, so lange sie gute Freunde hat, die für sie sorgen, bis sie sich mal verheiratet, aber nicht an so 'nen vornehmen Bedienten, der weder ein gewöhnlicher Mann ist noch ein vornehmer Herr, und bloß von dem lebt, was andere Leute verdienen, und wohl gar seine Hände unter den Rockschoß hält und seine Frau für sich arbeiten läßt.« »Ja, ja,« meinte Poyser, »sie muß 'nen bessern Mann haben als so einen, und ein besserer ist ja wohl auch nicht weit. Nun hör' auf zu weinen, Mädchen, und geh' zu Bett. Ich weiß schon was besseres für dich, als Kammerjungfer zu werden. Davon laß uns nichts mehr hören.« Als Hetty hinaufgegangen war, sagte er: »Ich kann nicht recht daraus klug werden, daß sie weggehen will; ich glaubte, sie hätte eine Neigung für Adam; in der letzten Zeit sah sie mir ganz danach aus.« »I, das weiß kein Mensch, wofür die ein Herz hat; auf die macht ja alles so wenig Eindruck wie auf 'ne trockne Erbse. Ich glaube, das Mädchen, die Molly – sein Thun hat man auch mit ihr, so ist das nicht – aber ich glaube, wenn sie uns und die Kinder verlassen müßte, das ginge ihr näher als Hetty, und doch ist sie nächsten Michaelis erst ein Jahr bei uns. Aber daß ihr das Kammerjungferwerden im Kopf steckt, das hat sie von den Bedienten; wir hätten auch selbst vorher wissen können, wohin das führe, als wir sie die feine Arbeit lernen ließen; aber da will ich bald genug einen Stock vorstecken.« »Es thäte dir doch leid, wenn du sie gehen lassen müßtest, außer wenn's zu ihrem eigenen Besten wäre,« bemerkte ihr Mann. »Sie ist dir bei der Arbeit recht nützlich.« »Leid thun? Ja freilich; ich habe sie lieber als sie verdient, die kleine, hartherzige Hexe, die so von uns weggehen möchte. Ich werde sie doch nicht ganze sieben Jahre bei mir haben, sollt' ich meinen, und für sie sorgen und ihr alles beibringen und dann nichts nach ihr fragen. Und dann lasse ich Leinen machen und denke immer, es soll für sie sein zu Laken und Tischtüchern, wenn sie sich mal verheiratet, und sie wird hier im Dorfe bei uns wohnen bleiben und uns nie aus den Augen kommen, und bin doch ein rechter Narr, daß ich überhaupt an sie denke; sie ist ja nicht besser als 'ne Kirsche mit 'nem harten Stein drin.« »Nun, nun,« sagte Poyser beruhigend, »mach' doch aus 'ner Kleinigkeit nicht so viel. Ich weiß gewiß, sie hat uns lieb, aber sie ist jung und bekommt Dinge in den Kopf, die sie selbst nicht recht versteht. So junge Mädel gehen oft durch und wissen selbst nicht warum.« Die Antworten ihres Onkels hatten übrigens Hetty nicht nur in ihrer Erwartung getäuscht und Thränen gekostet; sie wirkten auch in einer anderen Richtung. Sie wußte recht gut, wen er bei seinen Anspielungen auf das Heiraten und einen soliden, verständigen Mann im Sinne hatte, und als sie in ihrer Schlafkammer allein war, stellte sich ihr die Möglichkeit, Adam zu heiraten, in einem neuen Lichte dar. Bei Menschen, wo keine starken Neigungen wirken, wo kein Rechtssinn die Herrschaft führt, an dem die aufgeregte Natur sich anklammern und zu, ruhigem Ausharren befestigen kann, ist eine der ersten Wirkungen des Leidens ein verzweifeltes, unbestimmtes Greifen nach dem ersten besten, was die augenblickliche Lage zu ändern vermag. Was die arme Hetty an Übersicht über ihre Zukunft besaß, war niemals mehr als eine beschränkte, unklare Berechnung ihrer eignen möglichen Freuden und Leiden, und jetzt war ihr diese ganz versperrt durch die unbedachteste Reizbarkeit über ihren augenblicklichen Kummer, und sie war zu einem jener krampfhaften, unüberlegten Schritte geneigt, mit denen unglückliche Menschen aus einem vorübergehenden Leiden sich in jahrelanges Elend stürzen. Warum sollte sie Adam nicht heiraten? Eine Veränderung in ihrem Leben mußte sie haben, einerlei welche. Sie war überzeugt, er würde sie noch immer heiraten wollen, und wie weit er selbst dabei glücklich würde, daran hatte sie noch nie gedacht. Vielleicht scheint manchem grade diese Überlegung mit ihrem Seelenzustande im schärfsten Widerspruch zu stehen und noch dazu so sehr bald nach dem Unglücksschlage. – Ja, die Entschließungen einer kleinen, unbedeutenden Seele, wie Hetty, im Kampfe mit dem ernsten, traurigen Schicksal, sind seltsam. Die Bewegungen eines kleinen Fahrzeuges, das ohne Ballast in einer stürmischen See umhergeworfen wird, sind auch seltsam. Wie sah es so hübsch aus, als es noch bunt beflaggt im Sonnenschein in seiner ruhigen Bucht lag! Die Schuld, sagt ihr, trifft den, der die Anker lichtete. Wohl, aber das rettet das Schiff nicht, das hübsche, kleine Ding, woran man noch Jahre lang seine Freude hätte haben können. Zweiunddreißigster Abschnitt Frau Poyser spricht sich aus Am folgenden Sonnabend Abend wurde in der Wirtsstube zum Donnithorne-Wappen ein Ereignis, welches denselben Tag stattgefunden hatte, lebhaft besprochen; nichts geringeres nämlich, als das abermalige Auftreten des hübschen Mannes in Stulpenstiefeln, der nach einigen der neue Pächter für das Vorwerk, nach andern der künftige Rentmeister sein sollte, aber von dem Wirte selbst als Augenzeugen seines Besuchs verächtlich für einen bloßen Verwalter erklärt wurde, wie es Satchell bisher gewesen. Obschon niemand dem Wirte bestritt, daß er den Fremden gesehen habe, so hielt er sich doch für verpflichtet, sich mit allen Einzelheiten darüber auszulassen. »Ich habe ihn selbst gesehen,« sagte er; »ich sah ihn da hinten über die Wiese kommen auf einem Pferde mit einer weißen Blässe. Ich hatte just mein Glas Bier gehabt – es war eben halb elf und da trinke ich morgens regelmäßig mein Glas Bier – und ich ging durch die Scheune den Weg da nach Treddleston hin, und grade als ich an die große Esche komme, sehe ich den Mann mit den Stulpenstiefeln auf seiner Blässe mir entgegenkommen – ich will nicht gesund sein, wenn's nicht wahr ist, und ich blieb stehen, bis er bei mir war, und ich sagte: »Guten Morgen, Herr,« sagte ich, denn ich wollte doch gern hören, was für 'nen Dialekt er spräche, und ob er hier aus unsrer Gegend wäre, und darum sagte ich: »Guten Morgen, Herr; mit der Gerstenernte wird sich's heute wohl machen; ich denke, wir bekommen ein gut Stück herein.« Und da sagte er: »O, da könnt'r wohl recht haben,« sagte er, »das mag wohl sein,« sagte er, und daran hört' ich denn gleich – hier blinzelte der Wirt mit den Augen – daß er keine hundert Meilen weit von hier zu Haus sei. Er dachte gewiß, ich spräche ganz kurios, wie ihr Leute hier herum immer denkt, wenn einer ordentlich und richtig spricht.« »Richtig spricht!« sagte Barthel Massey verächtlich. »Ihr sprecht ungefähr eben so richtig wie ein Schwein, das eine Melodie quieken will.« »Nun, ich sollte meinen,« antwortete der Wirt mit einem ärgerlichen Lächeln, »wenn einer von Kind auf unter vornehmen Leuten gelebt hat, dann wird er wohl eben so gut wissen, was recht sprechen ist wie ein Schulmeister.« »Ja, ja, Herr Wirt,« sagte Barthel spöttisch tröstend; »für Euch sprecht Ihr ganz richtig; wenn Nachbar Michel seine Ziege bä–ä–ä sagt, dann ist das ihre richtige Sprache, 's wäre unnatürlich, wenn sie einen andern Ton von sich gäbe.« Da die andern Gäste alle aus der Gegend waren, so hatte der Wirt die Lacher gegen sich und ging daher weislich auf die erste Frage zurück, die, in einem Abend bei weitem nicht zu erschöpfen, am andern Tage vor der Kirche mit dem frischen Interesse wieder aufgenommen wurde, welches alle Neuigkeiten haben, wenn sich ein neuer Zuhörer dafür findet, und der fand sich diesmal in der Person Martin Poysers, der, um mit seiner Frau zu sprechen, »niemals hinging und sich mit den Leuten besoff, die dasäßen und tränken und so klug aussähen wie ein Haufen Schellfische mit roten Gesichtern.« Wahrscheinlich wegen der Unterhaltung, die sie mit ihrem Manne auf dem Rückwege von der Kirche über diesen fraglichen Fremden gehabt hatte, kam er Frau Poyser sofort wieder in den Sinn, als sie ein paar Tage nachher, wie sie grade in der geschäftigen Müßigkeit nach dem Aufräumen nach Tisch mit ihrem Strickzeug in der Hausthür stand, den alten Herrn auf seinem schwarzen Pony und hinter ihm den Stallknecht Hans auf den Hof reiten sah. Sie führte es später immer als ein Beispiel von Vorahnung an, welches wirklich über ihren eignen Scharfsinn hinausgehe, daß sie im ersten Augenblick, wo sie den alten Herrn erblickt habe, zu sich selbst sagte: »es sollte mich nicht wundern, wenn er wegen des Menschen käme, der das Vorwerk pachten soll, und wenn er von Poyser für den was umsonst verlangte. Aber wenn Poyser das thut, ist er ein Narr.« Da die Besuche des alten Herrn bei seinen Pächtern selten waren, so mußte offenbar etwas Ungewöhnliches in der Luft sein, und obgleich Frau Poyser während der letzten zwölf Monate dem alten Herrn im voraus schon manche Rede gehalten hatte, bei denen allerlei zwischen den Zeilen zu lesen war, und sich entschlossen hatte, sie ihm wirklich zu halten, wenn er das nächste Mal auf den Pachthof käme, so waren diese Reden doch immer nur freie Übungen geblieben und nie wirklich geworden. »Guten Tag, Frau Poyser,« sagte der alte Herr und blinzte sie mit seinen kurzsichtigen Augen an – eine sehr unangenehme Art, einen anzusehen, wie Frau Poyser oft bemerkte, »grade als wenn man ein Insekt wäre, und er wollte einem dem Nagel aufdrücken.« Sie hieß ihn jedoch höflich willkommen und knixte auf das ehrerbietigste, als sie auf ihn zuging; wenn man sie nicht schwer reizte, war sie nicht die Frau, gegen Höhergestellte unhöflich zu sein und ihrem Katechismus ins Gesicht zu schlagen. »Ist Ihr Mann zu Haus, Frau Poyser?« »Ja, Herr, er ist bloß hinten auf dem Hofe, ich will ihn im Augenblick holen lassen: wollen Sie nur so freundlich sein und absteigen und hereintreten.« »Danke Ihnen, das nehm' ich an. Ich habe mit ihm was zu besprechen, aber es geht Sie auch an und vielleicht noch mehr als ihn. Ich muß Ihre Meinung auch hören.« »Hetty, lauf rasch und hol den Onkel,« sagte Frau Poyser, indem sie ins Haus trat; der alte Herr erwiderte Hettys Knix mit einer tiefen Verbeugung; Totty, die sich die Schürze mit Stachelbeersaft beschmutzt hatte, versteckte ihr Gesicht hinter der Uhr und guckte verstohlen dahinter hervor. »Was für 'ne hübsche, alte Küche das ist,« sagte der Gutsherr und sah sich bewundernd um. Er sprach immer in derselben bedächtigen, wohlgeglätteten, höflichen Art, mochten seine Worte zuckersüß oder giftig sein. »Und Sie halten sie so prächtig rein, Frau Poyser. Wissen Sie, ich habe den Hof hier viel lieber als alle andern auf meinem Gute.« »Nun, Herr, wenn Sie ihn so gern haben, dann sollt' es mich freuen, wenn Sie an unsern Gebäuden etwas reparieren lassen wollten; der Fußboden ist in so 'nem Zustande, daß uns die Ratten und Mäuse beinahe auffressen, und der Keller – da können Sie bis an die Knie im Wasser stehen, wenn Sie vielleicht hineingehen wollen und meinen Worten nicht glauben. Aber wollen Sie nicht so freundlich sein und sich setzen, Herr?« »Noch nicht, erst muß ich Ihre Milchkammer sehen. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen und höre von allen Seiten, wie schön Ihr Käse und Ihre Butter ist,« sagte der Gutsherr und sah dabei so höflich aus, als habe er keine Ahnung, daß es zwischen ihm und Frau Poyser irgend eine Meinungsverschiedenheit geben könne. »Ah, da steht grade die Thür offen; es darf Sie nicht überraschen, wenn ich auf Ihre Sahne und Butter einen lüsternen Blick werfe. Ich fürchte, Frau Satchell ihr Machwerk läßt sich mit Ihrem nicht vergleichen.« »Darüber kann ich nichts sagen, Herr. Andrer Leute Butter seh' ich nicht oft; manche freilich braucht man gar nicht anzusehen, da hat man am Riechen genug.« »So, das gefällt mir!« sagte der alte Herr, indem er sich in dem kühlen Heiligtum der Reinlichkeit, das wir schon kennen, umsah, ohne jedoch weit über die Schwelle zu gehen. »Ja, wenn ich wüßte, meine Butter und Sahne kämen aus dieser Milchkammer, dann würde mir mein Frühstück besser schmecken. Wirklich, das ist ein angenehmer Anblick. Leider muß ich mich vor Rheumatismus sehr in Acht nehmen und darf in der feuchten Kammer nicht lange bleiben; ich will mich in Ihrer behaglichen Küche niederlassen. Ah, Poyser! wie geht's? Immer an der Arbeit, wie ich sehe. Ich habe mir Eurer Frau ihre schöne Milchkammer angesehen; sie ist die beste Wirtin im Dorfe, nicht wahr?« Pachter Poyser war eben in Hemdsärmeln und offener Weste hereingekommen, im Gesicht noch röter als gewöhnlich, da er grade hatte abladen helfen. Wie er so dastand, rot, rund und strahlend dem kleinen, mageren, alten Herrn gegenüber, sah er aus wie ein Preisapfel neben einem welken Holzapfel. »Wollen Sie gefälligst diesen Stuhl nehmen, Herr?« sagte er und schob seines Vaters Lehnstuhl etwas vor; »er ist recht bequem.« »Nein, ich danke, ich sitze nie in einem Lehnstuhl,« erwiderte der alte Herr und setzte sich auf einen kleinen Stuhl neben der Thür. »Ich muß Ihnen sagen, Frau Poyser – aber setzen Sie sich doch, alle beide, bitte ich – ich bin schon lange sehr unzufrieden mit der Milchwirtschaft von Frau Satchell. Ich glaube, sie hat nicht die rechte Art wie Sie, Frau Poyser.« »Ja, Herr, darüber hab' ich kein Urteil,« erwiderte Frau Poyser nicht grade freundlich, indem sie ihr Strickzeug aufwickelte und loswickelte und mit eisigem Blick aus dem Fenster sah, während sie dem Gutsherrn gegenüber stehen blieb. Ihr Mann, dachte sie, könnte sich setzen, wenn er Lust hätte; sie dächte nicht dran, sich zu setzen, als ließe sie sich von so glattzüngigen Schmeicheleien fangen. Poyser dagegen, der wie das grade Gegenteil von Eis aussah, nahm aus seinem dreibeinigen Stuhle Platz. »Und, Poyser, da Satchell nun krank liegt, so denke ich, das Vorwerk an einen anständigen Mann zu verpachten. Das eigene Bewirtschaften habe ich satt; es hat doch keinen rechten Zug, wie Ihr wißt. Ein guter Verwalter ist schwer zu finden, und ich glaube also, Ihr, Poyser, und ich und Eure vortreffliche Frau, wir könnten eine kleine Einrichtung treffen, die uns gegenseitig zum Vorteil ist.« Poyser konnte sich durchaus nicht denken, was das für eine Einrichtung sein sollte, und stieß daher nur einen kurzen Laut aus, der wie O klang. »Wenn ich reden darf, Herr,« erwiderte Frau Poyser, nachdem sie ihren Mann wegen seiner Schwachheit mitleidig angesehen hatte, »so müssen Sie 's freilich besser wissen, aber ich kann nicht einsehen, was uns das Vorwerk angeht; wir haben mit unsrer eignen Pachtung schon Last genug. Übrigens freut's mich zu hören, daß ein anständiger Mann ins Dorf kommt; es sind schon welche 'reingekommen, die in dieser Beziehung manches zu wünschen übrig ließen.« »Sie werden gewiß in Herrn Thurle einen vortrefflichen Nachbar finden, dem es Sie freuen wird durch die kleine Einrichtung gefällig gewesen zu sein, die ich Ihnen jetzt vorschlagen möchte; um so mehr, als Sie dieselbe hoffentlich so vorteilhaft für sich selbst finden werden, als für ihn.« »Nun. Herr, wenn es etwas zu unserm Vorteil ist, dann wird's wohl das erste Anerbieten der Art sein, welches mir zu Ohren kommt. Wer selbst seinen Vorteil wahrnimmt, der hat Vorteil in der Welt, das ist meine Meinung; ehe er einem ins Haus kommt, da kann man lange warten.« »Die Sache ist die, Poyser,« sagte der alte Herr, indem er Frau Poysers Theorie über irdisches Glück ganz beiseite ließ, »bei dem Vorwerk ist zu viel Wiesenland und zu wenig Ackerland für den neuen Pächter; er will sogar die Pachtung nur unter der Bedingung antreten, daß ich ihm das anders einrichte; seine Frau scheint sich auf die Milchwirtschaft nicht so gut zu verstehen wie Eure. Da denke ich denn, wir könnten einen kleinen Tausch machen. Wenn Ihr die Weiden dahinten an der Chaussee nehmt, so könnt Ihr Eure Milchwirtschaft vergrößern, und bei der Leitung Eurer Frau kann das nur vorteilhaft sein, und Sie, Frau Poyser, müßten dann unsern Hausbedarf an Milch, Sahne und Butter zum Marktpreise liefern. Auf der andern Seite, Poyser, könntet Ihr dem neuen Pächter die Äcker, die ans Vorwerk stoßen, ablassen und bei der vielen Nässe, sollt' ich denken, wäret Ihr sie gern los. Bei Wiesenland habt Ihr viel weniger Risiko als bei Ackerland.« Poyser saß, die Ellbogen auf den Knieen, den Kopf seitwärts geneigt, den Mund etwas verzogen, vornübergebeugt da, und schien ganz vertieft darin, seine Fingerspitzen so aneinander zu halten, daß sie mit vollendeter Genauigkeit die Rippen eines Schiffes darstellten. Er war viel zu klug, um nicht die ganze Geschichte zu durchschauen und genau vorher zu sehen, wie seine Frau darüber denken würde, aber er gab nicht gern unangenehme Antworten, und außer über eine Frage der Landwirtschaft ging er lieber jedem Streit aus dem Wege, und übersdies schien die Sache seiner Frau mehr anzugehen als ihn selbst. Nach kurzem Stillschweigen blickte er deshalb zu ihr auf und fragte sanft: »was meinst du dazu?« Frau Poyser hatte ihren Mann während seines Stillschweigens kalt und ernst angeblickt, aber jetzt wandte sie den Kopf herum, warf einen eiskalten Blick auf das Dach des Kuhstalles gegenüber, steckte ihr Strickzeug mit dem einen losen Strickstock zusammen und hielt es fest zwischen ihren Händen. »Was ich dazu meine? Nun, ich meine, du kannst von deinem Ackerlande etwas abgeben, wenn du willst, ehe deine Pacht um ist, was sie nicht vor Michaelis über's Jahr sein wird, aber ich mache meine Milchwirtschaft auf keinen Fall größer, weder für Geld noch für gute Worte, und so weit ich sehen kann, giebt's hier weder Geld noch gute Worte, bloß gute Worte, die wir andern Leuten geben sollen, und das Geld soll auch in andrer Leute Tasche gehen. Ich weiß wohl, es giebt Leute, die dazu geboren sind, das Land zu besitzen, und wieder andere, die dazu geboren sind, darauf zu schwitzen« – hier machte Frau Poyser eine kleine Pause, um Atem zu schöpfen – »und ich weiß auch, es ist Christenpflicht, gegen Höhergestellte nachgiebig zu sein, soweit Fleisch und Blut es ertragen können, aber ich denke nicht dran, mich aufzuopfern und mich abzumagern, bis ich nichts bin als Haut und Knochen, und mich abzuhetzen wie ein Butterfaß, worin die Butter grade kommen will, – für keinen Gutsherrn in ganz England, und wenn es König Georg selbst wäre.« »Nein, nein, meine liebe Frau Poyser, gewiß nicht!« sagte der alte Herr, der sich noch immer auf seine Überredungskunst verließ, »Sie müssen sich nicht überarbeiten, aber glauben Sie denn nicht, daß sich auf diese Weise Ihre Arbeit eher vermindert als vermehrt? Wir verbrauchen so viel Milch im Schloß, daß Sie nur wenig Käse und Butter werden mehr zu machen haben, und die Milch zu verkaufen ist doch wohl das einträglichste bei der ganzen Milchwirtschaft, nicht wahr?« »Ja, das ist schon richtig,« erwiderte Poyser, der über eine solche Frage seine Meinung nicht zurückzuhalten vermochte, und ganz übersah, daß es in diesem Falle nicht bloß eine allgemeine Frage war. »Ja, das glaub' ich,« sagte Frau Poyser in bittrem Tone, indem sie den Kopf halbwegs zu ihrem Manne hinwandte und ihre Augen auf den leeren Lehnstuhl richtete – »für Mannsleute mag das wohl wahr sein, die ruhig am Feuer sitzen und sich und andern einreden möchten, jedes Ding in der Welt habe seine Zacken, die einfach in andere hineinpaßten. Wenn man damit seinen Pudding machen könnte, daß man bloß an den Teig denkt, dann wäre Mittagbrot kochen eine leichte Sache. Woher weiß ich denn, daß ich die Milch immer los werde? Und was giebt mir die Gewißheit, daß in ein paar Monaten die Leute im Schloß nicht auf Kostgeld gesetzt werden, und dann kann ich vielleicht die Nächte wach liegen mit zwanzig Fässern Milch auf dem Herzen, und der Kaufmann in der Stadt nimmt auch keine Butter mehr, vom Bezahlen gar nicht zu reden, und dann müssen wir Schweine fett machen, bis wir den Schlächter auf den Knieen bitten müssen, daß er sie uns nur abnimmt, und die Hälfte geht uns an den Finnen drauf. Und dann das Holen und Hinschaffen, womit einer zu Pferde den halben Tag verbringen kann, das muß doch von dem Profit wohl abgezogen werden, sollte ich meinen? Aber 's giebt Leute, die halten ein Sieb unter die Pumpe und meinen, darin könnten sie Wasser forttragen.« »Die Schwierigkeit mit dein Holen und Hinbringen werden Sie nicht haben, Frau Poyser,« meinte der alte Herr, der in diesem Eingehen der Pächterin auf Einzelheiten eine entfernte Neigung zur Nachgiebigkeit sah – »wir wollen alles regelmäßig mit dem Ponywagen abholen lassen.« »O, Herr, da muß ich doch sehr um Verzeihung bitten; daran bin ich nicht gewöhnt, daß vornehmer Leute Bedienten mir in die Hinterstube kommen und mit beiden Mädchens auf einmal herumscharmieren, wo die dann den Arm in die Seite stemmen und alles dumme Zeug ruhig anhören, während sie auf den Knieen liegen und scheuern sollten. Wenn wir uns mal ruinieren sollen, dann soll's doch nicht so geschehen, daß wir uns aus der Backstube eine Wirtsstube machen lassen.« »Nun, Poyser,« meinte der Gutsherr mit veränderter Taktik, indem er that, als wäre Frau Poyser plötzlich aus der Unterhaltung verschwunden und hätte das Zimmer verlassen, »Ihr könnt die Wiesen an der Chaussee zu Weideland benutzen. Wegen der Versorgung meines Hauses kann ich leicht eine andere Einrichtung treffen. Und ich werde Euch nicht vergessen, wie bereitwillig Ihr Eurem Gutsherrn und Eurem neuen Nachbarn entgegengekommen seid. Gewiß erneuert Ihr Eure Pacht gern wieder auf drei Jahre, wenn der jetzige Kontrakt um ist, sonst glaube ich, nähme Thurle, der einiges Kapital besitzt, gern alle beide Pachtungen, da sie sich so gut zusammen bewirtschaften ließen. Aber ich möchte mich von einem so alten Pachter wie Ihr seid nicht gern trennen.« In solcher Weise aus der Verhandlung ausgeschlossen zu werden, hätte hingereicht, Frau Poysers Erbitterung aufs höchste zu steigern; der schließlichen Drohung bedurfte es kaum. Ihr Mann war ganz erschrocken über die Möglichkeit, das alte Haus, wo er geboren und aufgewachsen war, verlassen zu müssen – denn der alte Herr schien ihm zu allen fähig – und er begann daher, um die Unbequemlichkeiten auseinander zu setzen, welche ihm eine Vergrößerung seiner Wirtschaft machen würde, eine sanfte Gegenvorstellung mit den Worten: »Aber Herr, es ist doch ein bißchen hart ....« als Frau Poyser mit dem verzweifelten Entschluß, sich diesmal gründlich auszusprechen, und wenn es Kündigungen regnen sollte und ihr einziger Zufluchtsort das Arbeitshaus wäre, ihm in die Rede fiel: »Wenn ich denn auch mal sprechen darf, – und wenn ich auch nur eine Frau bin, und mancher vielleicht denkt, eine Frau sei Narr genug dabei zu stehen und zuzusehen, wenn die Männer sich die Seele aus dem Leibe verschreiben, so habe ich doch ein Recht zu sprechen, denn den vierten Teil von der Pacht bringe ich auf und das andere Viertel erspare ich – dann muß ich sagen, wenn der Herr Thurle so sehr drauf brennt, Pachtungen von Ihnen anzunehmen, dann ist's recht schade, daß er nicht bloß unsere allein nimmt und zusieht, wie's ihm gefällt, in einem Hause zu wohnen, wo alle Plagen von Ägyptenland drin sind – der Keller voller Wasser und Frösche und Kröten hüpfen drin auf den Stufen herum, und die Fußböden sind verfault, und die Ratten und Mäuse fressen jedes Stück Käse und laufen einem im Bett über die Köpfe, daß man glaubt, sie fressen einen noch lebendig auf – ein rechtes Glück, daß sie die Kinder nicht schon längst gefressen haben. Ich möchte wohl sehen, ob sich das ein anderer Pächter gefallen läßt als Poyser, daß ihm nie etwas repariert wird, als bis es einfällt, und auch dann bloß mit Bitten und Flehen, wenn er die Hälfte selbst bezahlt, und daß ihm die Pacht so in die Höhe getrieben wird, daß er von Glück sagen kann, wenn er's nur wieder aus dem Lande herausschlägt, obschon er sein eigenes Geld noch dazu hineingesteckt hat. Probieren Sie doch mal, ob Sie einen Fremden finden, der sich das gefallen läßt; eine Made muß in dem faulen Käse geboren sein, um ihn gern zu fressen. Ja, laufen Sie nur weg vor meinen Worten, Herr,« fuhr Frau Poyser fort und folgte dem alten Herrn zur Thür hinaus – denn nach den ersten Augenblicken stummer Überraschung war er aufgestanden, hatte ihr lächelnd mit der Hand zugewinkt und war nach seinem Pony hinausgegangen. Aber er konnte nicht sogleich fortkommen, da der Stallknecht das Pony im Hofe auf und abführte, und als sein Herr ihm winkte, grade am andern Ende war. »Laufen Sie nur weg vor meinen Worten, Herr, und suchen Sie unter der Hand gegen uns Unheil zu brauen, denn den Schwarzen haben Sie ja zum Freunde, wenn auch sonst keinen, aber das sage ich Ihnen einmal für allemal, wir sind keine Tiere, die sich von jedem, der eine Peitsche in der Hand hat, mißbrauchen und ausnutzen lassen, weil sie sich nicht aus ihrem Riemzeug loszumachen verstehen. Und wenn ich auch die einzige bin, die spricht, wie sie's denkt, es denken genug Leute ebenso in diesem Dorfe und in der Nachbarschaft, und Ihr Name ist für jedermanns Nase grade so angenehm wie ein Schwefelholz, ausgenommen vielleicht zwei oder drei alte Leute, denen Sie wohl mal einen Fetzen Flanell geben oder einen Löffel Suppe, um doch auch was für Ihr Seelenheil zu thun. Na, und für Ihre Seele! Sie sparen ja sonst so gern; die Mühe könnten Sie sich auch sparen!« Es giebt Fälle, wo zwei Dienstmädchen und ein Knecht ein fürchterliches Publikum sind, und als der alte Herr auf dem schwarzen Pony davonritt, konnte er trotz seiner Kurzsichtigkeit recht gut bemerken, daß Molly und Nanny und Gottlieb nicht weit davon standen und übers ganze Gesicht grinsten. Vielleicht vermutete er, der alte Griesgram Hans hinter ihm grinse ebenfalls, und das war auch richtig. Und zugleich führten der Bullenbeißer und der schwarzbraune Dachshund und der Schäferhund und der Gänserich, der in sicherer Schußweite von dem Hufe des Pony loszischte, das Thema von Frau Poysers Solo in einem eindrucksvollen Quartett aus. Frau Poyser hatte jedoch kaum ihren Besuch vom Hof wegtraben sehen, als sie sich umwandte, den beiden lustigen Mädchen einen Blick zuwarf, der sie wieder in die Backstube trieb, und ihr Strickzeug loswickelte, mit gewohnter Schnelligkeit wieder zu stricken anfing, und ins Haus zurückging. »Das hättest du also gehabt,« sagte ihr Mann, immer noch erschrocken und bestürzt, aber doch höchlich belustigt über den Ausbruch seiner Frau. »Ja, das hätt' ich gehabt,« erwiderte Frau Poyser; »ich habe mich ausgesprochen und das soll mir für mein ganzes Leben gut thun. Es ist ein trauriges Leben, wenn man immer zugekorkt sein soll und was man denkt nur so leise heraussickert wie bei 'nem lecken Faß. Ich werde es nicht bereuen, daß ich gesprochen habe, wie mir's ums Herz ist, und sollte ich so alt werden wie der alte Herr selbst. Das hat zwar nicht leicht was zu sagen; es scheint beinahe, als wären die Leute, die hier keiner mag, die einzigen, die man in der andern Welt auch nicht haben will.« »Aber es wird dir hart ankommen, wenn du Michaelis übers Jahr hier weg mußt aus dem alten Hause,« sagte Poyser, »und in ein fremdes Dorf ziehen sollst, wo du keine Seele kennst. Es wird uns beiden hart ankommen und Vater auch.« »I, darum muß man sich noch nicht quälen; zwischen heute und Michaelis übers Jahr kann manches passieren; der Kaptän ist dann vielleicht längst Herr, das kann man nicht wissen,« sagte Frau Poyser, die eine Verlegenheit, welche durch ihr eigenes Verdienst und nicht durch anderer Leute Schuld herbeigeführt war, gern von der besten Seite nahm. »Ich quäle keinen,« erwiderte ihr Mann, indem er von seinem dreibeinigen Stuhle aufstand und langsam nach der Thür ging, »aber recht ungern verließe ich Haus und Hof und das Dorf, wo ich geboren und erzogen bin und Vater vor mir auch. Unsere Wurzeln blieben hier stecken, fürchte ich, und wir würden nie wieder gedeihen.« Dreiunddreißigster Abschnitt Noch mehr Fesseln Die Gerste war endlich eingebracht und die Erntefeste gingen vorüber, ohne daß man erst auf die häßliche schwarze Bohnenfrucht wartete. Die Äpfel und Nüsse waren abgenommen und eingespeichert, der Molkengeruch wich aus den Bauernhäusern und statt dessen roch es vom Brauen. Die Gehölze hinter dem Schloß und alle Hecken und Bäume nahmen unter dem dunkeln, tief herabhängenden Himmel einen feierlichen Glanz an. Michaelistag war da mit seinen duftenden Körben voll rötlicher Pflaumen und dem matteren Rot des Maaslieb und den Knechten und Mägden, die aus und in Dienst gehen und ihre Bündel unterm Arm zwischen den gelben Hecken sich hinbewegen. Aber obgleich Michaelistag gekommen war, der ersehnte Pächter auf das Vorwerk war nicht gekommen, und der alte Herr hatte doch wieder einen neuen Verwalter einsetzen müssen. In beiden Dörfern war es bekannt geworden, der Plan des alten Herrn sei gescheitert, weil Poysers sich nichts hätten bieten lassen, und der Ausbruch von Frau Poyser wurde bei allen Pächtern mit einem Eifer besprochen, den häufige Wiederholung nur noch erhöhte. Die Nachricht von »Bonepartes« Rückkehr aus Ägypten war daneben gleichgültig, und die Vertreibung der Franzosen aus Italien war gar nichts gegen die Vertreibung des alten Herrn durch Frau Poyser. Der Pastor hatte in jedem Hause seines Kirchspiels eine andere Lesart darüber gehört, nur nicht im Schlosse selbst. Da er aber stets mit wunderbarer Geschicklichkeit jeden Streit mit dem alten Herrn vermied, so konnte er sich das Vergnügen, über die Niederlage des alten Herrn zu lachen, nur bei seiner Mutter erlauben, die ihrerseits ganz voll davon war; wenn sie reich genug wäre, erklärte sie, so würde sie Frau Poyser eine lebenslängliche Pension aussetzen. Und sie hätte wohl gewünscht, ihr Sohn möchte sie ins Pfarrhaus einladen, damit sie aus Frau Poysers eigenem Munde einen Bericht darüber höre. »Nein, nein, Mutter!« erwiderte der Pastor, »es war eigentlich ein Stück unerlaubter Selbsthilfe von Frau Poyser, und das darf eine obrigkeitliche Person wie ich nicht begünstigen. Es darf nicht heißen, ich hätte von dem Streit Notiz genommen, sonst verliere ich das bißchen guten Einfluß, das ich auf den alten Mann noch habe.« »Wirklich, die Frau selbst gefällt mir noch besser als ihr Rahmkäse,« sagte Madame Irwine; »sie hat Courage für drei Männer, so blaß sie auch aussieht, und weiß so scharf zu sprechen.« »Scharf?! Ihre Zunge ist wie ein frisch geschliffenes Rasirmesser. Und dabei ist sie so originell und hat den natürlichen Witz, der eine ganze Grafschaft mit Sprichwörtern versorgt. Ich hab' dir doch die vortreffliche Geschichte von ihr und dem Gärtner Craig erzählt; sie meinte, er sei wie ein Hahn, der glaube, die Sonne wäre aufgegangen, um ihn krähen zu hören. Das ist eine äsopische Fabel in einem Satze!« »Aber es wird doch eine schlimme Geschichte, wenn der Alte ihnen nächsten Michaelis die Pachtung nimmt,« bemerkte Madame Irwine. »O, das darf nicht sein; auch ist Poyser so 'n guter Pächter, daß der Alte es sich wohl zweimal überlegen wird und seinen Ärger gewiß lieber verschluckt, als ihm kündigt. Aber sollte er's zu Ostern doch thun, so müssen Arthur und ich Himmel und Erde in Bewegung setzen, um ihn zu besänftigen. Leute, die so lange im Kirchspiel sind, dürfen uns nicht verlassen.« »Ei, man kann ja auch nicht wissen, was noch bis Ostern passiert,« sagte Madame Irwine. »Auf Arthurs Geburtstage ist mir recht aufgefallen, daß der alte Mann ein bißchen herunter ist; er ist auch schon dreiundachtzig. Wirklich ein ganz unverantwortliches Alter. Nur Frauen haben das Recht, so lange zu leben.« »Wenn sie alte Junggesellen zu Söhnen haben, die ohne sie verloren wären,« erwiderte der Pastor lachend und küßte seiner Mutter die Hand. Auch Frau Poyser hatte jedesmal, wenn ihr Mann von einer bevorstehenden Kündigung sprach, die Antwort bereit: »man kann noch nicht wissen, was bis Ostern passiert« – eine von jenen unbestreitbaren allgemeinen Behauptungen, die aber gewöhnlich einen besonderen und sehr bestreitbaren Sinn haben sollen. Aber es ist wirklich zu hart für Menschenart, wenn es als Kriminalverbrechen gelten sollte, den Tod eines Dreiundachtzigjährigen für möglich zu halten, und wenn's auch der König wäre. Unter dieser harten Bedingung würden gewiß nur die stumpfsinnigsten Britten gute Unterthanen sein. Von dieser Aussicht in die Zukunft abgesehen, gingen die Dinge in Poysers Hause so ziemlich ihren gewohnten Gang. An Hetty glaubte Frau Poyser eine überraschende Besserung wahrzunehmen. Freilich wurde das Mädchen immer verschlossener und bisweilen »schienen keine zehn Pferde ein Wort aus ihr herausbringen zu können;« aber sie dachte viel weniger an ihre Kleider und war eifrig hinter der Arbeit her, ohne daß man sie erst zu erinnern brauchte. Und ganz merkwürdig war, daß sie jetzt nie ausgehen mochte, ja nur schwer dazu zu bringen war, und als ihre Tante dem Unterrichte im feinen Nähen auf dem Schlosse ein Ende machte, nahm sie es ganz ohne Schmollen oder Murren hin. Das ließ sich, meinten Onkel und Tante, doch nur daher erklären, daß sie endlich Adam ins Herz geschlossen habe, und der plötzliche Einfall, Kammerjungfer werden zu wollen, mußte durch ein vorübergehendes Mißverständnis zwischen ihnen veranlaßt sein. Wenn jetzt Adam auf den Pachthof kam, schien Hetty immer in besserer Laune und gesprächiger zu sein als sonst, wogegen sie fast verdrießlich wurde, wenn der Gärtner oder ein anderer Verehrer einen Besuch machte. Adam selbst hatte sie zuerst mit Zittern und Angst beobachtet, dann mit Verwunderung und endlich mit freudiger Hoffnung. Fünf Tage nach der Übergabe des Briefes hatte er es gewagt, wieder nach dem Pachthof zu gehen, mit der stillen Befürchtung freilich, sein Anblick würde ihr peinlich sein. Sie war nicht auf dem Flur, als er hereintrat, und während der ersten Minuten, wo er mit Poyser und seiner Frau allein war, bebte ihm das Herz vor Furcht, er werde hören müssen, Hetty sei krank. Aber nicht lange und er erkannte einen leichten Schritt, und als Frau Poyser sagte: »Nun, Hetty, wo bist du gewesen?« mußte er sich umdrehen, obschon er befürchtete, sie in Ausdruck und Gesicht verändert zu finden. Er schrak fast zusammen, als er sie lächeln sah, als ob sie sich über seinen Besuch freue, und auf den ersten Blick sah sie grade so aus wie immer, nur daß sie eine Haube auf hatte, die sie sonst des Abends nie trug. Als er sie jedoch wiederholt beobachtete, während sie umherging oder bei der Arbeit saß, bemerkte er eine Veränderung: ihre Wangen waren so rosig wie je und sie lächelte so viel, wie sie in der letzten Zeit immer gethan hatte, aber in ihren Augen, im Ausdruck ihres Gesichts, in allen ihren Bewegungen war ein Unterschied; Adam fand, sie sähe härter, älter, weniger kindlich aus. »Das arme Ding!« sagte er zu sich selbst, »ja, so pflegt's zu gehen. Sie hat ihr erstes Herzeleid gehabt; aber sie hat einen Sinn, es tapfer zu tragen. Dem Himmel sei Dank dafür!« Wie die Wochen verstrichen und sie sich immer über seinen Besuch zu freuen schien, ihr liebliches Gesicht ihm zuwandte, als wolle sie ihm ihre Freude zeigen, und ihre Arbeit immer so gleichmäßig ohne jedes Zeichen von Betrübnis that, da fing er an zu glauben, ihr Gefühl für Arthur könne lange nicht so tief gewesen sein, als er in der ersten Entrüstung und Besorgnis gemeint hatte, und sie habe einsehen lernen, daß ihr kindischer Einfall, Arthur sei in sie verliebt und werde sie heiraten, eine Thorheit gewesen sei, von der sie zu rechter Zeit geheilt worden. Und vielleicht war nun eingetreten, was er bisweilen in freudigen Augenblicken gehofft hatte: ihr Herz wandte sich wirklich mit um so größerer Wärme dem Manne zu, von dem sie wußte, daß er sie ernstlich liebte. Mancher ist vielleicht der Ansicht, Adam sei durchaus nicht scharfsinnig in seinen Deutungen und für einen verständigen Mann sei es höchst unpassend, sich so zu benehmen wie er – sich in ein Mädchen zu verlieben, die an Vorzügen in der That nichts als ihre Schönheit aufzuweisen hatte, ihr eingebildete Vorzüge beizulegen und sich sogar so weit herabzulassen, daß er fest an ihr hielt, nachdem und trotzdem sie sich in einen andern verliebt hatte, und auf freundliche Blicke von ihr zu warten, wie ein Hund geduldig und zitternd wartet, daß das Auge seines Herrn sich ihm zuwende. Aber bei einer so verwickelten Geschichte, wie die menschliche Natur ist, müssen wir uns schon gefallen lassen, kaum eine Regel ohne Ausnahmen zu finden. Natürlich weiß ich, daß in der Regel verständige Männer sich in das verständigste Mädchen ihrer Bekanntschaft verlieben, alle kleinen Listen der Koketterie durchschauen, nie geliebt zu sein glauben, wenn sie nicht geliebt werden, bei jedem wirklich ausreichenden Grund zu lieben aufhören und endlich die heiraten, die für sie in jeder Beziehung am meisten paßt – so durchaus paßt, daß alle unverheirateten Damen ihrer Bekanntschaft, auch die ältesten, ihre Billigung nicht versagen können. Aber selbst für diese Regel kommt ab und zu im Laufe der Jahrhunderte eine Ausnahme vor, und Freund Adam war eine. Ich meinerseits schätze ihn indes darum nicht weniger; im Gegenteil glaube ich, seine tiefe Liebe für die süße, jugendliche, knospenhafte, dunkeläugige Hetty, über deren Inneres er wirklich recht wenig Bescheid wußte, stammte grade aus der Stärke seiner Natur und nicht aus einer Schwäche, die damit unvereinbar gewesen wäre. Ist's denn eine Schwäche, wenn schöne Musik ergreifend auf uns wirkt? Eine Schwäche, ihre wunderbaren Harmonien zu empfinden, wie sie die feinsten Gänge unserer Seele, die zarten Lebensfasern, wohin kein Gedächtnis dringt, aufsuchen und unser ganzes Sein, vergangenes wie gegenwärtiges, in ein unaussprechliches Beben vereinigen, uns in einem Augenblicke hinschmelzen mit all der Zärtlichkeit und Liebe, die über eine lange Reihe mühevoller Jahre verstreut war, in ein einziges Gefühl von Heldenmut oder Ergebung alle harten Lehren selbstloser Aufopferung zusammenfassen, die Freude der Gegenwart mit entschwundenem Schmerz und den Schmerz der Gegenwart mit aller entschwundenen Freude in eins fügen? Wenn nicht, dann ist es auch keine Schwäche, daß die schönen Linien an Wange, Hals und Armen einer Frau, die feuchten Tiefen ihrer flehenden Augen, das süße, kindliche Spiel ihrer Lippen ergreifend auf uns wirken. Denn liebliche Frauenschönheit ist wie Musik; kann man mehr sagen? Die Schönheit hat einen Ausdruck, der weit und hoch hinausreicht über die Seele der einzelnen schönen Frau; sie ist wie eine Offenbarung und Verkörperung einer höheren, unendlichen Liebe, und ein rundlicher Hals und ein feiner Arm mit Grübchen darin rührt uns nicht bloß an sich, sondern mehr noch durch seine stillen Beziehungen zu allem, was uns je Zärtliches und Liebes nahe gekommen ist. Von diesem unpersönlichen Ausdruck der Schönheit sehen natürlich, das brauche ich kaum zu sagen, viele Herren mit gefärbten und ungefärbten Backenbärten nie etwas, aber je höher eines Mannes Natur steht, desto mehr sieht er sie, und aus diesem Grunde ist der edelste Mann oft am blindesten über den Charakter der Frauenseele, die von solcher Schönheit umkleidet ist. Darum fürchte ich auch, die Tragödie des menschlichen Lebens wird wohl noch einige Zeit so fortgehen, so viele Seelenärzte auch mit den besten Rezepten bei der Hand sind gegen alle etwaigen Mißgriffe. Unser guter Adam konnte sein Gefühl für Hetty nicht in schöne Worte kleiden, nicht so wie wir das Geheimnis mit dem Schein von Einsicht umhüllen; wir wissen schon, er nannte seine Liebe ganz offen ein Geheimnis. Er wußte nur, daß Hettys Anblick und Gedächtnis ihn tief bewegte und die Wurzel aller Liebe und Zärtlichkeit, alles Glaubens und alles Mutes in seinem Innern berührte. Wie hätte er bei ihr Engherzigkeit, Selbstsucht, Härte vermuten sollen? Die Seele, an die er glaubte, schuf er sich aus seiner eigenen, und er hatte eine große, selbstlose und weiche Seele. Seine Hoffnung auf Hetty stimmte ihn gegen Arthur etwas milder. Gewiß konnten seine Aufmerksamkeiten für Hetty nur leicht und oberflächlich gewesen sein; unrecht waren und blieben sie, und niemals hätte ein Mann in Arthurs Stellung sie sich erlauben dürfen, aber sie mußten so harmlos ausgesehen haben, daß sowohl er selbst sich über ihre Gefährlichkeit täuschen, als auch Hettys Herz nicht viel dabei empfunden haben konnte. Wie Adams neue Aussicht auf Glück stieg, ließ seine Entrüstung und Eifersucht nach; Hetty war nicht unglücklich geworden; er glaubte fast, sie habe ihn lieber als Arthur, und bisweilen ging ihm sogar der Gedanke durch den Kopf, in zukünftigen Tagen könne auch die Freundschaft wieder aufleben, die ihm einst für immer tot geschienen, und er würde nicht den stattlichen, alten Wäldern Lebewohl zu sagen brauchen, sondern sie nur um so lieber haben, weil sie Arthur gehörten. Denn diese neue Aussicht auf Glück war jenem furchtbaren Schlage so schnell gefolgt, daß sie auf den nüchtern verständigen Adam, der in seinem vielgeplagten Leben nicht mit Hoffnung verwöhnt war, berauschend wirke. Er sollte also wirklich doch noch ein glückliches Los haben? Fast schien es so; denn zu Anfang November entschloß sich endlich Meister Burge, da er für Adam gar keinen Ersatzmann fand, ihm einen Anteil am Geschäft unter der einzigen Bedingung anzubieten, daß er fortfahre, ihm seine ganze Kraft zu widmen, und jeden Gedanken an ein besonderes Geschäft aufgebe. Ob Schwiegersohn oder nicht, Adam war für ihn unentbehrlich geworden und sein Kopf war für das Geschäft so viel wichtiger als seine geschickte Hand, daß seine Anstellung als Forstaufseher den Wert seiner Dienste nicht verringerte, und bei dem Ankauf von Holz aus den Forsten des Gutsherrn ließ sich leicht eine dritte Person hinzuziehen. Adam sah sich also eine weite Aussicht auf gewinnreiche Arbeit geöffnet, nach der er sich seit zehn Jahren mit allem Ehrgeiz gesehnt hatte; es konnte ihm in Zukunft beschieden sein, eine Brücke oder ein Stadthaus oder eine Fabrik zu bauen, denn er war immer der Ansicht gewesen, das Geschäft von Meister Bürge sei wie eine Eichel, die noch zum großen Baum werden könne. So machte er denn mit Burge das Geschäft ab und ging voll der glücklichsten Zukunftsträume nach Haus. In diesen Träumen neigte sich Hettys Bild lächelnd – gebildete Leser werden sich vielleicht darob entsetzen – über Entwürfe, wie sich Holz mit geringen Kosten trocknen lasse, über Berechnungen, um wieviel billiger Ziegelsteine zu Wasser zu beziehen seien, und über einen Lieblingsplan, durch eine besondere Art eiserner Tragbalken Dächer und Mauern fester zu machen. Aber für solche Dinge war Adam ja einmal enthusiasmiert, und in unsern Enthusiasmus ist unsere Liebe als feiner Zusatz verarbeitet, wie die Elektrizität in die Luft. Adam überlegte sich, er würde jetzt ein Haus für sich nehmen können und seine Mutter in dem alten wohnen lassen. Seine Aussichten rechtfertigten eine baldige Heirat, und wenn Dina sich entschlösse, Seth zu heiraten, so würde seine Mutter vielleicht zufrieden sein, nicht bei Adam selbst zu wohnen. Aber er wollte sich nicht übereilen, nahm er sich vor, vor allen Dingen nicht Hettys Gefühl auf die Probe zu stellen, bis es Zeit gehabt habe, sich zu stärken und zu befestigen. Indessen, morgen nach der Kirche wollte er nach dem Pachthof gehen und da die Neuigkeit erzählen. Dem braven Poyser, das wußte er im voraus, würden nicht fünf Pfund so lieb sein wie die Nachricht, und ob Hettys Augen wohl dabei glänzen würden? Er wollte genau aufpassen. Keinesfalls wollte er sich durch den thörichten Eifer, der ihn seit kurzem überkommen hatte, zu vorschnellen Worten hinreißen lassen. Und doch, als er nach Haus kam und seiner Mutter die gute Nachricht mitteilte und sein Abendbrot aß, wobei sie fast vor Freude weinte und ihm zuredete, er solle nun auch doppelt so viel essen als sonst, da konnte er es nicht lassen, sie auf die bevorstehende Veränderung sanft vorzubereiten, und die Andeutung entfiel ihm, das alte Haus sei doch für sie alle auf die Dauer zu klein. Vierunddreißigster Abschnitt Die Verlobung Es war ein trockner Sonntag und für den zweiten November wirklich ein hübscher Tag. Zwar die Sonne schien nicht, aber die Wolken standen hoch und der Wind war so still, daß die gelben Blätter, welche von den Ulmen herabschwirrten, vor eigener Trockenheit abgefallen sein mußten. Trotzdem ging Frau Poyser nicht zur Kirche, weil sie bös erkältet war; erst vor zwei Wintern hatte sie wochenlang an einer Erkältung gelitten, und da seine Frau nicht zur Kirche ging, meinte ihr Mann, am Ende bleibe er am besten auch zu Haus und leiste ihr Gesellschaft. Die Gründe dieses Entschlusses hätte er vielleicht nicht genau präzisieren können; aber alle Leute von Erfahrung wissen ja, daß unsere festen Überzeugungen oft von sehr feinen Eindrücken abhängen, für die ein Wort ein viel zu derber Ausdruck ist. Was aber auch die Gründe sein mochten, aus Poysers Hause gingen den Nachmittag nur Hetty und die Knaben zur Kirche, und trotzdem war Adam kühn genug, sie nach der Kirche anzusprechen und nach Hause zu begleiten. So lange sie durch das Dorf gingen, schien er sich hauptsächlich mit Martinchen und Thoms zu beschäftigen; er erzählte ihnen von den vielen Eichhörnchen im Walde und versprach, sie einmal mitzunehmen. Als sie aber ins Feld kamen, sagte er zu den Jungen: »nun wollen wir mal sehen, wer von euch am raschesten gehen kann. Wer zuerst zu Haus am Hofthor ist, den nehm' ich zuerst auf dem Esel mit nach dem Walde. Aber Thoms muß bis an den nächsten Steg Vorsprung haben, weil er der kleinste ist.« So deutlich hatte Adam nie zuvor gehandelt. Sobald die Jungen sich in Trab gesetzt hatten, sah er Hetty an und sagte: »Wollt Ihr nicht meinen Arm nehmen, Hetty?« Und er sagte das in einem Tone, als hätte er sie schon darum gebeten und sie es ihm abgeschlagen. Lächelnd blickte Hetty zu ihm auf und legte sofort ihren Arm in seinen. Ihr war das gleichgültig, aber sie wußte, daß er sich viel daraus machte, und das war ihr nicht gleichgültig. Ihr Herz schlug nicht rascher als vorher, und ebenso dumpf als gedrückt fuhr sie fort, die halbkahlen Felder und das gepflügte Ackerland zu betrachten. Aber Adam war es kaum noch, als wenn er ginge; er glaubte, Hetty müsse fühlen, daß er leise, ganz leise ihren Arm drücke, und Worte drängten sich ihm auf die Lippen, die er nicht zu äußern wagte, die er entschlossen war noch nicht zu äußern, und so blieb er still. Die ruhige Geduld, mit der er einst auf Hettys Liebe gewartet und sich mit ihrer Nähe und dem Gedanken an die Zukunft begnügt hatte, war seit dem furchtbaren Schlage vor fast drei Monaten von ihm gewichen. Die Qualen der Eifersucht hatten seine Leidenschaft in Ruhelosigkeit verwandelt, hatten ihm Furcht und Ungewißheit fast unerträglich gemacht. Aber durfte er auch Hetty noch nichts von seiner Liebe sagen, von seinen neuen Aussichten wenigstens wollte er ihr erzählen und sehen, ob ihr das Freude mache. Sobald er die Herrschaft über sich selbst wieder erlangt hatte, sagte er: »Ich werde Eurem Onkel etwas Neues sagen, das ihn überraschen wird, Hetty, und freuen wird es ihn auch.« »Was denn?« erwiderte Hetty gleichgültig. »Meister Burge hat mir einen Anteil an seinem Geschäft angeboten, und ich hab's angenommen.« Bei diesen Worten veränderte sich Hettys Gesicht, offenbar nicht wegen eines angenehmen Eindrucks, den diese Nachricht auf sie machte. In der That war sie erschrocken und verwirrt; sie hatte ihren Onkel so oft andeuten hören, Adam könne jeden Augenblick Marie Burge und einen Anteil am Geschäft haben, wenn er nur wolle, daß ihr in diesem Augenblicke beides zusammenfiel und sie sofort dachte, Adam habe sie vielleicht wegen der jüngsten Vorfälle aufgegeben und sich um Marie Burge beworben. Ehe sie Zeit hatte, sich die Gründe zu vergegenwärtigen, weshalb das nicht wahr sein konnte, brachte dieser Gedanke von neuem ein Gefühl der Verlassenheit und Enttäuschung über sie; die einzige Hoffnung, der einzige Mensch, auf den sich ihr Geist in seiner dumpfen Ermattung noch verlassen hatte, war ihr entschlüpft, und vor Verdruß und Kummer traten ihr die Thränen in die Augen. Sie blickte zu Boden, aber Adam sah ihr Gesicht, sah ihre Thränen, und ehe er noch sagen konnte: »Hetty, liebe Hetty, warum weint Ihr?« hatte er in Gedanken rasch alle möglichen Gründe überflogen und endlich halb das Rechte getroffen. Hetty glaubte, er werde Marie Burge heiraten – sie sah das ungern – ob sie's wohl ungern sah, daß er eine andere nähme als sie selbst? Alle Vorsicht war nun dahin, jeder Grund dazu war verschwunden, und Adam fühlte nichts als Freudebeben. Er beugte sich zu ihr, nahm ihre Hand und sagte: »Ich könnte mich jetzt verheiraten, Hetty – ich könnte eine Frau ernähren; aber ich werde nie heiraten, wenn Ihr mich nicht haben wollt.« Hetty blickte zu ihm auf und lächelte unter Thränen, wie sie den ersten Abend im Wäldchen bei Arthur gethan hatte, als sie glaubte, er komme nicht, und er doch kam. Was sie jetzt fühlte, war ein viel schwächerer Triumph, aber die großen, dunkeln Augen und die süßen Lippen waren so schön wie je, vielleicht noch schöner, denn in der letzten Zeit war Hetty voller und frauenhafter geworden. Adam konnte kaum an das Glück dieses Augenblicks glauben. Seine Rechte faßte ihre Linke und er preßte ihren Arm fest ans Herz, als er sich zu ihr niederbeugte. »Liebst du mich wirklich, Hetty? Willst du mein liebes Weib sein und mich lieb haben und für mich sorgen, so lange ich lebe?« Hetty sprach kein Wort, aber Adams Gesicht war nahe an dem ihren und sie legte ihre runde Wange an seine wie ein Kätzchen. Sie wollte geliebkost sein, wollte fühlen, als sei Arthur wieder da. Danach bedurfte es für Adam der Worte nicht mehr, und den Rest des Weges sprachen sie kaum. Er sagte nur: »ich darf's doch an Onkel und Tante sagen, nicht wahr, Hetty?« Und sie antwortete Ja. Die rote Flamme auf dem Herde des Pachthofes schien den Abend auf vergnügte Gesichter, als Hetty hinaufgegangen war und Adam die Gelegenheit ergriff, um dem Pachter und seiner Frau und dem Großvater zu erzählen, er dürfe jetzt daran denken, sich zu verheiraten, und Hetty habe eingewilligt, die Seine zu werden. »Darf ich hoffen, daß Sie keine Einwendungen dagegen haben?« fügte er hinzu; »noch bin ich zwar nur arm, aber es soll ihr nichts abgehen, was sich durch Arbeiten verdienen läßt.« »Einwendungen!« erwiderte der Hausherr, während der Großvater sich vornüber bückte und sein langgezogenes »nein, nein!« vorbrachte. »Was für Einwendungen könnten wir wohl gegen Euch haben, mein Junge? Wenn Ihr auch noch nichts habt, in Eurem Kopfe steckt Geld, so gut wie in einem Saatfelde; es dauert nur eine Weile. Für den Anfang habt Ihr genug, und was Ihr zur Aussteuer nötig habt, dafür wollen wir schon sorgen. Du hast doch Bettzeug und Leinwand übrig? – die Masse? he?« Diese Frage war natürlich an Frau Poyser gerichtet, die in warme Tücher eingehüllt dasaß und zu heiser war, um mit ihrer gewohnten Leichtigkeit sprechen zu können. Zuerst nickte sie bloß kräftig mit dem Kopfe, aber sofort war sie auch unfähig, der Versuchung einer deutlicheren Erklärung zu widerstehen. »Das wäre noch schöner, wenn ich nicht Bettzeug und Leinwand hätte,« sagte sie mit heiserster Stimme; »bei uns wird ja jedes Huhn erst gepflückt, eh' wir's verkaufen, und das Spinnrad steht die ganze Woche nicht still.« »Komm her, Mädchen,« sagte Poyser, als Hetty wieder herunterkam, »komm her und gieb mir 'nen Kuß und nimm unsern herzlichen Glückwunsch.« Hetty ging sehr ruhig auf ihn zu und küßte den dicken, gutmütigen Mann. »Da!« sagte er und klopfte sie auf den Rücken, »nun küss' auch die Tante und den Großvater. Ich freue mich so, daß du dich glücklich verheiratest, als wenn du meine eigene Tochter wärest, und das thut die Tante auch, dafür stehe ich, denn sie hat diese sieben Jahre an dir gehandelt, Hetty, als wärst du ihr eigenes Kind. Aber hör',« fuhr er lustig fort, als Hetty der Tante und dem Großvater ihren Kuß gegeben hatte, »Adam will auch seinen Kuß haben, sollt' ich meinen, und jetzt hat er ein Recht dazu.« Hetty lächelte und ging wieder nach ihrem Stuhl. »Nun, Adam, dann nehmt Euch einen, oder Ihr seid nur ein halber Kerl.« Adam stand auf, wurde rot wie ein kleines Mädchen – der große, starke Bursch – und indem er Hetty umfaßte, bückte er sich nieder und küßte sanft ihre Lippen. Eine hübsche Scene bei dem roten Schein des Feuers! Denn Lichter brannten nicht; wozu auch, da die Flamme so hell loderte und von allem Zinn und dem blanken Eichenholz wiederstrahlte, und am Sonntag Abend natürlich niemand arbeitete. So freundlich war die Scene, daß selbst Hetty inmitten all der Liebe einen Anflug von Zufriedenheit spürte. Adams zärtliche Neigung und seine Liebkosungen regten zwar keine Leidenschaft in ihr auf und konnten ihrer Eitelkeit nicht mehr genügen, aber sie waren das beste, was das Leben ihr jetzt noch bot, und versprachen Veränderung. Ehe Adam fortging, wurde noch vielfach besprochen, ob er wohl ein Haus finden werde, worin er sich zunächst niederlassen könne. Außer dem Hause neben Wilhelm Maskery stand keines im Dorfe leer, und das war jetzt für Adam zu klein. Poyser bestand darauf, es sei am besten, wenn Seth mit der Mutter auszöge und Adam das alte Haus ganz für sich behielte; nach einiger Zeit könne er etwas anbauen, da im Holzhof und Garten noch Platz genug sei, aber von dem Ausziehen seiner Mutter wollte Adam nichts hören. »Nur ruhig, ruhig!« sagte Poyser endlich, »wir brauchen ja heute Abend nicht alles auf einmal abzumachen. Wir haben Zeit, uns das noch zu überlegen. Vor Ostern ist nicht an die Hochzeit zu denken. Ich bin zwar nicht für einen langen Brautstand, aber etwas Zeit muß man doch haben, um alles nett und ordentlich einzurichten.« »Ja gewiß,« sagte Frau Poyser mit heiserem Geflüster; »ein Christenmensch kann nicht so Hochzeit machen wie ein Kuckuck.« »Ich bin doch ein bißchen bange,« bemerkte Poyser, »wenn ich daran denke, daß wir vielleicht gekündigt werden und zehn Stunden weit ziehen müssen, um wieder eine Pachtung zu finden.« »Ja, ja,« sagte der alte Großvater, indem er auf den Fußboden hinstarrte und mit den Händen auf- und abfuhr, während er die Ellbogen auf der Lehne ruhen ließ, – »ja, ja, es wär' 'ne schlimme Geschichte, wenn ich unser altes Haus verlassen müßte und auf einem fremden Kirchhof begraben würde, und du wirst leicht doppelt so viel bezahlen müssen,« fügte er zu seinem Sohne gewandt hinzu. »I, ängstigt Euch nicht vor der Zeit!« antwortete ihm der Sohn. »Vielleicht kommt der Kaptän nach Hause und versöhnt den alten Herrn wieder mit uns. Darauf rechne ich; der Kaptän leidet kein Unrecht, wenn's sein kann, das weiß ich.« Fünfunddreißigster Abschnitt. Die stille Angst. Es war eine unruhige Zeit für Adam von November bis Anfang Februar, und außer an Sonntagen sah er Hetty nur wenig. Aber eine glückliche Zeit war's doch; sie brachte ihm den März immer näher, wo die Hochzeit sein sollte, und jede kleine Zurüstung für den neuen Hausstand war ein Beweis, daß der ersehnte Tag herannahe. An das alte Häuschen wurden zwei neue Zimmer angebaut, damit Mutter und Bruder bei ihm wohnen bleiben könnten. Bei dem Gedanken, von Adam wegziehen zu müssen, hatte Lisbeth so jämmerlich geweint, daß er sofort Hetty gebeten hatte, aus Liebe zu ihm Nachsicht mit seiner Mutter zu haben und in das Zusammenwohnen zu willigen. Zu seiner großen Freude hatte Hetty geantwortet, ihr sei's ganz recht; – ihr lastete in dem Augenblicke viel was schwereres auf dem Herzen als die Schwächen der alten Lisbeth; die waren ihr ziemlich gleichgültig. Das tröstete denn Adam für seine Betrübnis um Seths vergeblichen Besuch in Snowfield; da sei nichts zu machen, hatte er bei der Rückkehr gesagt; Dinas Sinn gehe nicht aufs Heiraten. Als Adam seiner Mutter mitteilte, Hetty sei es recht, daß sie alle zusammenwohnten, und sie brauchten deshalb an Trennung nicht mehr zu denken, antwortete sie in einem zufriedeneren Tone, als er seit seiner Verlobung von ihr gehört hatte: »Mein Junge, ich will so still sein wie unsere alte Katze und mich in nichts mischen; bloß die grobe Arbeit will ich thun, die sie nicht mag. Und dann brauchen wir auch die Schüsseln und das alles nicht zu teilen, die auf dem Bort zusammengestanden haben, als du noch nicht mal geboren warest.« Nur eine Wolke zog dann und wann über den heiteren Himmel seines Glücks: Hetty schien bisweilen unglücklich zu sein. Aber auf alle seine zärtlich besorgten Fragen antwortete sie mit der Versicherung, sie sei ganz zufrieden und habe keine Wünsche, und wenn er sie dann das nächste Mal wiedersah, war sie munterer als sonst. Möglich, daß sie sich mit Arbeit und Sorge etwas übernommen hatte; denn bald nach Weihnachten hatte sich Frau Poyser abermals erkältet und eine Entzündung bekommen, welche sie den ganzen Januar ans Zimmer fesselte. Die ganze Wirtschaft unten im Hause lag auf Hetty, und Mollys Platz mußte sie auch noch halb ausfüllen, so oft diese Krankenpflegerin war, und so gänzlich schien sie sich ihrem neuen Amte hinzugeben und mit einer Beständigkeit, die man sonst an ihr nicht kannte, zu arbeiten, daß Poyser oft gegen Adam äußerte, sie wolle ihm gewiß zeigen, was er für eine gute Hausfrau bekäme; aber er fügte die Befürchtung hinzu, das Mädchen überarbeite sich, und es sei gut, wenn die Tante bald herunterkäme, damit Hetty sich etwas erholen könne. Dieses freudige Ereignis, daß Frau Poyser das Zimmer verlassen durfte, trat zu Anfang Februar ein, als einige milde, sonnige Tage die letzten Fleckchen Schnee von den fernen Hügeln wegtauten. An einem dieser Tage, bald nachdem ihre Tante wieder unten war, ging Hetty nach Treddleston, um noch einiges zur Hochzeit einzukaufen, was sie, wie Frau Poyser vorwurfsvoll bemerkte, wohl nur deshalb vergessen hatte, »weil es nichts fürs Äußere wäre, sonst hätte sie's gewiß rasch genug gekauft.« – Es war gegen zehn Uhr, als Hetty sich aufmachte, und der Reiffrost, von dem früh am Morgen die Hecken geglänzt hatten, war verschwunden, als die Sonne am wolkenlosen Himmel heraufstieg. Schöne Februartage haben einen stärkeren Zauber von Hoffnung, als alle andern Tage im Jahre. Man steht so gern still in den milden Strahlen der Sonne und sieht sich die Pferde vor dem Pfluge an, wie sie am Ende der Furche sich geduldig wenden, und giebt sich dem Gedanken hin, daß das Schöne vom Jahre nun noch ganz vor einem liegt. Die Vögel scheinen dasselbe Gefühl zu haben: ihre Töne sind so klar wie die klare Luft. Bäume und Hecken stehen noch ohne Laub, aber wie grün ist schon das Gras und das junge Korn auf den Feldern! Und das dunkle Rotbraun der Schollen und der kahlen Zweige ist auch schön. Wie glücklich sieht die Welt aus, wenn man so über Thal und Hügel reitet oder fährt! Das ist mir oft eingefallen, wenn in fremden Ländern, wo die Felder und Wälder mir so aussahen wie in unserem Loamshire, das fruchtbare Land ebenso sorgsam bestellt war und die Wälder sich die sanften Abhänge hinab bis an die grünen Wiesen hinzogen, mir am Wege etwas aufstieß, was mich mahnte, daß ich nicht in Loamshire sei – ein Bild von Schmerz und Leiden, das Bild des Gekreuzigten. Es stand Wohl unter einem Dach von Apfelblüten oder im hellen Sonnenschein am Kornfeld oder an einer Wendung des Weges am Walde über einem klaren murmelnden Bach; und gewiß, wenn ein Fremdling auf diese Erde käme, der von der Geschichte der Menschheit, die darauf lebt, nichts wüßte, dem würde dies Bild des Leidens inmitten der heiteren Natur ganz unbegreiflich sein. Er würde nicht wissen, daß hinter den Apfelblüten versteckt oder im goldenen Korn oder unter den schützenden Zweigen des Waldes vielleicht ein Menschenherz in bitterer Not vergeht, ein junges blühendes Mädchen vielleicht, die nicht weiß, wohin sie sich wenden soll, um vor schnell wachsender Schande sich zu retten, die von der Welt und dem Leben nicht mehr versteht als ein thörichtes, verirrtes Lamm, welches in der Nacht immer weiter und weiter wandert auf der einsamen Heide, und die doch von der Bitterkeit des Lebens das Bitterste kostet. Dergleichen verbirgt sich bisweilen in den sonnigen Feldern und unter blühenden Bäumen, und wenn man an dem murmelnden Bach ein wenig hinaufginge bis an das kleine Gebüsch, dann hörte man vielleicht in sein Murmeln das Geschluchze eines verzweifelnden Menschenherzens sich mischen. Kein Wunder darum, daß der Mensch bei seiner Religion so viel an Leiden denkt; kein Wunder, daß er einen leidenden Gott braucht. Im roten Mantel und warmer Kapuze, den Korb in der Hand, wendet sich Hetty auf einen Fußweg, der von der großen Straße abführt. Aber nicht, um gemächlicher zu schlendern und sich am Sonnenschein zu erfreuen und voll Hoffnung in das lange Jahr vor sich hinaus zu blicken. Daß die Sonne scheint, weiß sie kaum, und seit Wochen schon, wenn sie überhaupt gehofft hat, ist's eine Hoffnung gewesen, vor der sie selbst zittert und schaudert. Sie verläßt die große Straße nur, damit sie langsam gehen kann und ihr Gesicht nicht zu beherrschen braucht, wenn sie über ihr Unglück nachdenkt. Der Feldweg zieht sich hinter dichten Hecken hin. Ihre großen, dunkeln Augen schweifen mit leerem Ausdruck über die Felder; das sind nicht die Augen der versprochenen Braut eines braven, zärtlichen Mannes; so dürfte nur die aussehen, die verlassen, heimatlos und ungeliebt ist. Aber in den Augen ist keine Thräne; sie haben sich ausgeweint in trauriger Nacht, ehe der Armen der Schlaf kam. Am nächsten Stege teilt sich der Fußweg; links geht's die Hecke entlang allmählich wieder auf die große Straße, rechts in die Felder weit von ihrer Richtung ab in sumpfiges Weideland; da wird ihr niemand begegnen. Sie wählt diesen Weg rechts und beschleunigt ihren Schritt ein wenig, als sei ihr plötzlich etwas in den Sinn gekommen, dem zuzueilen sich wohl der Mühe verlohne. Bald ist sie mitten in den Wiesen, wo der Boden sich allmählich senkt, und sie folgt der Senkung. Etwas weiter stehen einige Bäume unten in der Senkung, darauf geht sie zu. Aber nicht nach den Bäumen geht sie, sondern nach dem dunkeln, kleinen Teiche, der darunter versteckt liegt und den die winterlichen Regengüsse so gefüllt haben, daß die untersten Zweige der Holunderbüsche tief im Wasser liegen. Sie setzt sich im Grase nieder an den krummen Stamm der großen Eiche, die über den dunkeln Teich hinüberhängt. An diesen Teich hat sie im letzten Monat oft des Nachts gedacht und jetzt endlich ist sie da und sieht ihn. Sie schlägt die Hände ums Knie und beugt sich vornüber und blickt ernst darauf hin, als suche sie zu erraten, was für ein Bett ihre jugendlichen, runden Glieder da finden würden. Nein, sie hat nicht den Mut hineinzuspringen in das kalte nasse Bett, und wenn sie ihn hätte – man würde sie finden und entdecken, weshalb sie ins Wasser gegangen sei. Nur eins bleibt ihr übrig: sie muß fortgehen, weit fort, wo sie niemand findet. Als wenige Wochen nach der Verlobung mit Adam zum erstenmal das Grausen dieser Angst über sie gekommen war, hatte sie in der blinden, unbestimmten Hoffnung, es müsse irgend etwas sich ereignen, was sie von dieser Angst befreie, gewartet und gewartet, aber nun durfte sie nicht länger zögern. All ihre Kraft hatte sie aufgewandt zu der einen Anstrengung, es zu verheimlichen, und mit unwiderstehlicher Angst war sie vor allem zurückgebebt, was ihr unglückliches Geheimnis hätte verraten können. Wohl war ihr der Gedanke gekommen, an Arthur zu schreiben, aber sie hatte ihn verworfen; Arthur konnte nichts für sie thun, um sie vor Entdeckung und Verachtung zu schützen unter ihren Verwandten und Nachbarn, die nun wieder ihre ganze Welt ausmachten, da ihr luftiger Traum dahin war. Jetzt war bei Arthur kein Glück mehr für sie, denn er konnte nichts thun, was ihren Stolz befriedigt oder beschwichtigt hätte. Nein, irgend etwas trat gewiß ein, irgend etwas mußte eintreten, um sie aus dieser Angst zu erlösen. Jugendliche, kindlich unwissende Seelen haben immer dieses blinde Vertrauen auf ein gestaltloses Etwas; daß ein großes Unglück sie wirklich befallen könne, wird jungen Leuten so schwer zu glauben, wie daß sie sterben müssen. Aber jetzt drängte die Not, ihre Hochzeit stand nahe bevor, sie konnte nicht länger bei diesem blinden Vertrauen sich beruhigen. Sie mußte entfliehen, mußte sich verbergen, wo kein bekanntes Auge sie finden könne, und neben der schrecklichen Aussicht, hinaus zu wandern in die weite, unbekannte Welt, erschien die Möglichkeit, zu Arthur zu gehen, fast wie ein tröstlicher Gedanke. Sie fühlte sich jetzt so hilflos, so unfähig, sich ihre Zukunft zu gestalten, daß die Aussicht, sich ganz auf ihn zu werfen, ihr eine Erleichterung war, vor der ihr Stolz sich beugte. Wie sie da saß an dem Teiche und über das dunkle, kalte Wasser schauderte, fühlte sie sich in der Hoffnung, er würde sie freundlich aufnehmen und für sie sorgen, wie in milde Wärme eingelullt, und für den Augenblick schien ihr alles andere gleichgültig, und sie dachte nur noch, durch welche List sie sich von Hause losmachen könne. Kürzlich hatte ihr Dina einen freundlich-liebevollen Brief über die bevorstehende Verheiratung geschrieben, von der sie durch Seth wußte, und als Hetty diesen Brief ihrem Onkel vorlas, da hatte er gemeint: »wenn Dina doch jetzt wieder herkäme, sie wäre meiner Frau ein rechter Ersatz für dich, Hetty. Was meinst du, Mädchen, wenn du sie besuchtest, sobald du abkommen kannst; und sie überredetest, dich herzubegleiten? Vielleicht bringst du's fertig, wenn du ihr sagst, daß die Tante sie nötig hat, und wenn sie auch zehnmal sagt, sie könnte nicht kommen.« Hetty war damals nicht darauf eingegangen, weil sie gar kein Verlangen trug, Dina zu sehen, und hatte sich damit entschuldigt, es sei so sehr weit nach Snowfield. Aber jetzt überlegte sie sich, sie könne diesen Besuch als Vorwand benutzen um wegzukommen. Bei der Rückkehr wollte sie ihrer Tante sagen, zur Abwechslung ginge zu gern auf eine oder anderthalb Wochen nach Snowfield, und wenn sie erst in Stoniton sei, wo sie niemand kenne, dann wolle sie nach dem Wagen fragen, der in der Richtung nach Windsor fahre. Arthur war in Windsor, und zu ihm wollte sie. Sobald Hetty sich diesen Plan ausgedacht hatte, erhob sie sich von ihrem feuchten Sitze, nahm den Korb wieder auf und ging nach Treddleston, um die Sachen zur Hochzeit einzukaufen, obschon sie dieselben nie gebrauchen würde. Sie mußte sehr vorsichtig sein und keinen Verdacht erregen, daß sie ans Entfliehen denke. Frau Poyser war angenehm überrascht, daß Hetty Dina besuchen wollte und sie auf längere Zeit mit zurück zu bringen gedächte. Da das Wetter jetzt so schön war, so war es am besten, wenn sie sich so bald als möglich aufmachte, und als Adam abends davon hörte, riet er, Hetty gleich am folgenden Tage abreisen zu lassen, weil er sie dann nach Treddleston bringen und bis an den Wagen, der nach Stoniton fuhr, begleiten könne. »Ich möchte, ich könnte mit dir gehen und dich unterwegs beschützen,« sagte er am andern Morgen, als er sich an den Kutschenschlag lehnte, »aber du bleibst doch nur etwas über eine Woche fort? – Die Zeit wird mir lang werden.« Er sah sie zärtlich an, und seine kräftige Hand hielt die ihrige fest umschlungen. Hetty fühlte sich so sicher und geschützt in seiner Nähe; sie hatte sich jetzt daran gewöhnt; hätte sie nur das Vergangene ungeschehen machen können und nie eine andere Liebe gekannt, als die ruhige Neigung zu Adam! Die Thränen traten ihr in die Augen, als sie ihn zum letztenmale ansah. »Gottes Segen über sie, daß sie mich so liebt,« sagte Adam, als er, von Gyp begleitet, sich wieder auf den Rückweg machte. Aber Hettys Thränen flossen nicht um Adam, nicht um die Not, die über ihn kommen würde, wenn er entdeckte, daß sie für immer von ihm gegangen. Um ihr eigenes Unglück und Elend flossen sie, welches sie von diesem braven, zärtlichen Manne, der sein ganzes Leben ihr opfern wollte, hinwegriß, und sie als eine arme, hilflose Flehende dem zuführte, der es für ein Unglück halten würde, daß sie sich an ihn habe wenden müssen. Als Hetty um drei Uhr nachmittags in dem Wagen saß, der sie, wie sie erfuhr, auf dem weiten, weiten Wege nach Windsor bis Leicester bringen sollte, da kam ihr die trübe Ahnung, die lange, traurige Reise, die sie jetzt unternähme, könne wohl zu neuem Unglück führen. Indes, Arthur war in Windsor: er zürnte ihr gewiß nicht, daß sie käme. Wenn er auch nicht mehr so für sie fühlte wie früher, er hatte versprochen, gut gegen sie zu sein. Fünftes Buch Sechsunddreißigster Abschnitt Die Reise in Hoffnung Eine lange, einsame Reise mit Trauer im Herzen, von Heimat und Freunden weg in die Fremde – das ist ein hartes und böses Ding selbst für den Reichen, den Starken, den Gebildeten, das ist hart und bös selbst wenn uns die Pflicht ruft und nicht die Angst forttreibt. Was mußte es erst für Hetty sein?! Ihre armseligen beschränkten Gedanken lösten sich nicht mehr in unbestimmte Hoffnungen auf, sondern waren belastet mit dem Schauder einer ganz bestimmten Furcht; immer und immer wieder drehte sie sich in demselben kleinen Kreise von Erinnerungen, immer und immer wieder machte sie sich dieselben kindischen Bilder von der Zukunft; in der großen Welt sah sie nichts als die kleine Geschichte ihrer eigenen Freuden und Leiden, und der Weg war so lang und schwierig und das Geld in ihrer Tasche so wenig. Die Fahrt nach Stoniton hatte schon viel mehr gekostet, als sie erwartete, und sie begann zu ahnen, daß sie nicht den ganzen Weg im Wagen fahren könne; wenn sie aber auf Kärrnerwagen und Kohlenkarren warten müsse, wie lange würd' es dann dauern, bis sie an das Ziel ihrer Reise käme! Der dicke alte Kutscher, der sie bis Oakbourne, der nächsten Station, fuhr, lud das hübsche Mädchen ein, sich neben ihn zu setzen, und da er es als Mensch und Kutscher für seine Pflicht hielt, das Gespräch mit einem Scherz zu eröffnen, so suchte er, sobald sie das Straßenpflaster hinter sich hatten, mit einem recht passenden aufzuwarten. Nachdem er einige Male mit der Peitsche geknallt und Hetty von der Seite angeblinzelt hatte, hob er den Mund über den Rand seines Mantelkragens und sagte: »Er hat gewiß seine sechs Fuß, nicht wahr?« »Wer?« fragte Hetty erschrocken. »Nun, der Liebste, den Ihr zu Haus habt, oder der, zu dem Ihr hinreist – welcher von beiden ist es?« Hetty fühlte ihr Gesicht rot und wieder blaß werden. Sie dachte, dieser Kutscher müsse etwas von ihr wissen, kenne vielleicht Adam und würde ihm erzählen, wohin sie gegangen sei; denn Landleute können sich kaum denken, daß die, welche in ihrem eigenen Dorfe eine Rolle spielen, nicht überall bekannt sind, und eben so wenig vermochte Hetty einzusehen, daß zufällig hingeworfene Worte genau auf ihre Verhältnisse passen konnten. Sie war so erschrocken, daß sie nicht zu antworten vermochte. »He he he!« sagte der Kutscher, als er bemerkte, daß sein Scherz nicht sehr freundlich aufgenommen wurde, »Ihr müßt das nicht so ernst nehmen; ist er schlecht gegen Euch gewesen, nehmt 'nen andern. So 'n hübsches Mädel wie Ihr kriegt alle Tage einen Liebsten.« Als Hetty allmählich merkte, der Kutscher mache keine weiteren Anspielungen auf ihre persönlichen Verhältnisse, da legte sich ihre Furcht, aber sie hütete sich doch, ihn nach den weiteren Stationen bis Windsor zu fragen, sondern sagte ihm, sie ginge bloß hier in die Nähe, und als der Wagen auf der nächsten Station hielt, machte sie sich mit ihrem Korbe eilig davon in einen andern Teil der Stadt. Bei ihrem Plane, nach Windsor zu gehen, hatte sie nur an die Schwierigkeiten des ersten Fortkommens gedacht, und als sie diese durch den Vorwand eines Besuchs bei Dina überwunden hatte, flogen ihre Gedanken, ohne sich bei den Wechselfällen der Reise selbst aufzuhalten, sofort zu dem Wiedersehen mit Arthur und dem Empfang bei ihm hinüber. Sie wußte vom Reisen so gar nichts, daß sie an die Einzelheiten nicht weiter dachte, und mit ihrem vielen Gelde in der Tasche – ganze drei Goldstücke – hielt sie sich reichlich versorgt. Erst als die Fahrt bis Stoniton so viel kostete, fing sie an, sich zu ängstigen, und ihre Unkenntnis des Weges fiel ihr schwer aufs Herz. Von dieser neuen Sorge bedrückt ging sie in den finster blickenden Straßen von Stoniton hin und her und kehrte endlich in einem ärmlichen, kleinen Wirtshause ein, wo sie ein billiges Unterkommen für die Nacht zu finden hoffte. Hier fragte sie den Wirt, ob er wisse, durch welche Orte der Weg nach Windsor führe. »Nach Windsor? das kann ich so genau nicht sagen. Windsor muß ungefähr bei London sein, weil der König da wohnt. Jedenfalls müßt Ihr erst nach Ashby, das liegt südlich von hier. Aber bis London – ja, da giebt es noch so viele Orte, wie Häuser in Stoniton sind, so sagt man wenigstens. Ich bin selbst nie auf Reisen gewesen. Aber wie kommt Ihr, ein einzelnes junges Mädchen, dazu, Euch auf eine so weite Reise zu machen?« »Ich will meinen Bruder besuchen, er ist in Windsor Soldat,« antwortete Hetty, die bei der Frage des Wirts fast erschrak. »Ich kann das teure Fahrgeld für den Wagen nicht bezahlen; es geht ja wohl morgen früh ein Karren nach Ashby.« »Ja, Karren gehen schon, wenn man nur wüßte, wo sie abfahren, aber Ihr könntet die ganze Stadt absuchen, ehe Ihr das herausbrächtet. Am besten ist's, Ihr macht Euch früh auf und geht und verlaßt Euch auf eine Gelegenheit unterwegs.« Wie Blei fiel der armen Hetty jedes Wort auf die Seele; jetzt sah sie die Reise Stunde für Stunde sich dehnen; schon nach Ashby zu kommen schien schwierig; vielleicht dauerte es einen ganzen Tag, und gegen den Rest des Weges war das noch nichts. Aber es mußte geschehen, sie mußte zu Arthur. – O, wie sehnte sie sich, wieder jemand bei sich zu haben, der für sie sorge! Nie war sie morgens aufgestanden ohne die Gewißheit, bekannte Menschen zu sehen, auf die sie ein anerkanntes Recht hatte; ihre weiteste Reise war nach Rosseter gewesen, wohin sie ihr Onkel auf seinem Pferde mitgenommen hatte; ihre Gedanken hatten immer in erträumtem Vergnügen geschwelgt, weil die eigentliche Arbeit ihres Lebens andere für sie thaten, und nun sollte dieses kleine Kätzchen von einer Hetty, die bis vor wenigen Monaten höchstens den Schmerz gekannt hatte, Marie Burge um ein neues Band zu beneiden oder Tottys wegen von ihrer Tante ausgescholten zu werden, ihre friedliche Heimat auf immer verlassen, durch die Welt ziehen, einsam, nichts vor Augen als eine ungewisse Hoffnung! Zum erstenmale fühlte sie jetzt, wo sie sich auf dem fremden, harten Bett ausstreckte, daß sie eine glückliche Häuslichkeit gehabt habe, daß ihr Onkel sehr gut gegen sie gewesen sei, und ihr ruhiges Los in Hayslope unter lauter bekannten Sachen und Menschen, wo sie auf ihr eines, bestes Kleid und ihren besten Hut ihren kleinen Stolz setzte und vor niemandem etwas zu verbergen brauchte – wie gern wäre sie zu diesem Lose wieder erwacht! Wie viel hätte sie darum gegeben, wenn all die Aufregung, die sie sonst erlebt, nur ein kurzer, böser Traum gewesen wäre! An alles, was sie verlassen hatte, dachte sie nun mit reuiger Sehnsucht zurück; ihr eigenes Unglück erfüllte ihr das Herz; sie hatte keinen Raum darin für fremde Leiden. Und doch wieder, bis zu dem grausamen Briefe war Arthur so zärtlich und liebevoll gewesen, und die Erinnerung daran hatte immer noch einen Zauber für sie, obschon es nur noch ein beruhigender Trank war, der den Jammer eben erträglich machte. Denn Hetty konnte sich in Zukunft keine andere Existenz denken, als eine verborgene, und für sie wäre ein Leben in der Verborgenheit selbst von Liebe verschönt ohne Reiz gewesen; wie viel weniger denn ein Leben von Schande belastet! Sie sah in der Zukunft keine andere Möglichkeit, als daß Arthur in irgend einer Weise für sie sorge und sie vor Haß und Verachtung schütze. Sie heiraten und zu einer Dame machen, das konnte er nicht, und was er sonst etwa für sie zu thun vermochte, entsprach nicht ihrer Sehnsucht und ihrem Ehrgeiz. Am andern Morgen stand sie früh auf, genoß zum Frühstück nur Milch und Brot und machte sich auf den Weg nach Ashby. Schwer und grau wie Blei hing der Himmel über ihr, nur am fernen Horizonte schimmerte ein schmaler Streifen Gelb wie eine entschwindende Hoffnung. In ihrer jetzigen Herzensangst über die Länge und Schwierigkeit der Reise fürchtete sie sich am meisten davor, daß ihr das Geld ausginge und sie so arm würde, bei den Leuten betteln zu müssen; denn Hetty hatte nicht nur den Stolz ihrer eigenen Natur, sondern auch den einer stolzen Klasse von Menschen – der Menschenklasse, welche das meiste Armengeld zahlt und am meisten vor dem Gedanken schaudert, von diesem Armengelde selbst etwas nehmen zu müssen. Daß sie für das Medaillon und die Ohrringe, die sie mitgenommen hatte, Geld lösen könne, war ihr noch nicht eingefallen, und sie strengte ihre ganze kleine Rechenkunst an, um heraus zu bringen, zu wie viel Mahlzeiten und wie viel Meilen im Wagen die beiden Goldstücke und das bißchen Silbergeld wohl reichten. Die erste Stunde hinter Stoniton schritt sie rüstig weiter; aber als sie endlich an einem Meilenstein sah, eine wie kleine Strecke sie erst zurückgelegt habe, da sank ihr der Mut. Nach einer so kurzen Strecke Weges fühlte sie sich schon müde und beinahe wieder hungrig von der frischen Morgenluft; denn obschon an häusliche Thätigkeit gewöhnt, war ihr das Wandern im Freien ungewohnt. Während sie noch den Meilenstein anblickte, fühlte sie im Gesicht einige Tropfen: es fing an zu regnen. Das war wieder etwas Neues, woran sie in ihrer Betrübnis nicht gedacht hatte, und ganz niedergedrückt durch diese plötzliche Vermehrung ihrer Last setzte sie sich auf einen Stein am Wege und schluchzte krampfhaft. Der Anfang von Mühseligkeit ist wie der erste Bissen von einer bittern Speise; für den Augenblick scheint er unerträglich, aber wenn wir nichts weiter für den Hunger haben, nehmen wir einen zweiten Bissen und finden es möglich, damit fortzufahren. Als Hetty sich von dem Anfall von Weinen erholt hatte, nahm sie ihren schwindenden Mut zusammen: es regnete, und sie mußte versuchen, ein Dorf zu erreichen, wo sie ein Unterkommen finden und sich ausruhen könnte. Indem sie mühsam weiter ging, hörte sie hinter sich das Rollen von schweren Rädern; langsam schleichend kam ein bedeckter Karren heran, dessen Führer neben den Pferden herging und sie antrieb. Es war ein großer, derber Mann, dem ein Sack als Mantel über die Schultern hing. Sie hätte kaum gewagt, ihn anzusprechen, aber vorn auf dem Wagen saß ein kleines Hündchen; sonst wäre ihr ein solches Tier gleichgültig gewesen, jetzt gaben ihr seine sanften Augen Mut, den Fuhrmann anzureden. »Ihr könntet mich wohl auf Eurem Wagen mitnehmen, wenn Ihr nach Ashby fahrt,« sagte Hetty; »ich will Euch auch dafür bezahlen.« »Ja wohl,« antwortete der große Kerl mit jenem langsamen Lächeln, welches dummen Gesichtern eigen ist, »ich kann Euch recht gut mitnehmen, auch ohne Bezahlung, wenn Ihr Euch gefallen laßt, ein bißchen unbequem auf den Wollsäcken zu liegen. Wo seid Ihr denn her und was wollt Ihr in Ashby?« »Ich bin aus Stoniton und will weit von hier, nach Windsor.« »Wie, sucht Ihr einen Dienst, oder was sonst?« »Ich will meinen Bruder besuchen, er ist da Soldat.« »Schön, schön; ich fahre bloß bis Leicester, aber ich will Euch mitnehmen, wenn es Euch nur nicht zu lange dauert. Euer Gewicht werden die Pferde wohl nicht spüren, so wenig wie von dem kleinen Hunde da vorne, der mir neulich auf der Chaussee zugelaufen ist. Kommt her, gebt mir Euren Korb und laßt mich Euch hinaufheben.« Auf den Wollsäcken zu liegen war für Hetty jetzt eine wahre Herrlichkeit, und sie verschlief manche Stunde, bis der Führer des Karrens zu ihr trat und sie fragte, ob sie nicht etwas essen wolle. In später Nacht kamen sie nach Leicester, und so war der zweite Tag der Reise überstanden. Sie hatte kein Geld ausgegeben, außer für ihr Essen, aber sie fühlte, daß ihr das langsame Reisen auf die Dauer unerträglich sei, und am andern Morgen fragte sie in einem Postbureau nach, ob ihre Mittel wohl ausreichten, einen Teil der Reise im Wagen zu machen. Aber die Entfernungen waren zu groß, das Fahrgeld zu hoch; sie mußte den Plan aufgeben, und der einzige Vorteil, den sie von ihrer Erkundigung hatte, war der, daß ein freundlicher Beamter ihr die Namen der Hauptorte aufschrieb, über welche der Weg nach Windsor führte. Und so wanderte sie weiter, bald einen Karren, bald eine Wagengelegenheit benutzend, bald wieder einige Stunden zu Fuß, allein, müde, traurigen Herzens, von allen Leuten angegafft, da sie ihr Antlitz hätte verbergen mögen – sie, die sonst so gerne sich von allen angaffen ließ! – und bisweilen mit rohen Späßen heimgesucht, die sie empörten. So ging es vier Tage lang weiter. Das fruchtbare Land mit den weiten Gefilden und mit Landhäusern und Dörfern und Flecken besät, von denen ihrem gleichgültigen Auge immer eins aussah wie das andere, schien gar kein Ende nehmen zu wollen; es kam ihr vor, als müsse sie ewig im Kreise herumwandern. Endlich, als sie nur noch eine Tagereise von Windsor war, konnte sie es vor Ungeduld und Erschöpfung nicht mehr aushalten, und sie beschloß, den letzten Teil des Weges zu fahren, wenn es sie auch das letzte Geld kostete. In Windsor hatte sie ja nichts mehr nötig als Arthur. Sie behielt nur einen Schilling übrig, und als um die Mittagsstunde des siebenten Tags ihrer Reise der Wagen vor dem grünen Mann in Windsor hielt, kam der Kutscher an sie heran und bat sie um ein Trinkgeld. Sie holte den Schilling aus der Tasche, aber in dem Gefühle ihrer Erschöpfung und bei dem Gedanken, daß sie, ehe sie Arthur aufsuche, doch einer Erquickung bedürfe, kamen ihr die Thränen in die Augen, als sie das letzte Geldstück weggeben sollte. Sie sah dem Kutscher mit ihren dunkeln, feuchten Augen ins Gesicht und sagte: »könnt Ihr mir die Hälfte herausgeben?« »Nein, nein,« antwortete er mit rauher Stimme, »laßt das nur, steckt Euren Schilling wieder ein.« Der Wirt zum Grünen Mann hatte diesen Vorgang mit angesehen. Er war einer von denen, die im behaglichen Wohlleben so gutmütig bleiben, wie sie wohlbeleibt werden. Freilich das liebliche, thränenfeuchte Antlitz Hettys wäre wohl den meisten Männern zu Herzen gegangen. »Kommt herein, Mädchen, hier herein!« sagte er, »und genießt etwas; Ihr seid ja ganz erschöpft, man sieht's Euch an.« Er führte sie in das Schenkzimmer und sagte zu seiner Frau: »Da Frau, nimm das Mädchen mit in die Wohnstube, sie ist sehr angegriffen« – denn Hettys Thränen flossen jetzt reichlich, krampfhafte Thränen der Erschöpfung; sonst hatte sie ja keinen Grund mehr zu weinen, und sie ärgerte sich, daß sie zu schwach und matt sei, um sich dessen erwehren zu können. Endlich war sie ja in Windsor, in Arthurs Nähe. Mit gierigen, hungrigen Augen blickte sie auf das Brot und Fleisch und Bier, welches die Wirtin ihr brachte, und die nächsten Minuten vergaß sie alles über dem köstlichen Gefühl, ihren Hunger zu stillen und sich von ihrer Erschöpfung zu erholen. Die Wirtin saß ihr gegenüber, als sie aß und sah sie ernsthaft an. Kein Wunder; Hetty hatte ihren Hut abgelegt und die Locken hingen ihr lose um den Kopf; ihr junges, schönes Gesicht sah in der Erschöpfung um so rührender aus, und bald richteten sich die Augen der guten Frau auch auf Hettys Gestalt, die sie bei dem eiligen Ankleiden auf der Reise versäumt hatte geschickt zu verbergen. »Nun, Ihr scheint mir nicht ganz dazu gemacht, auf Reisen zu gehen,« sagte sie und blickte bei diesen Worten auf Hettys Hand, die keinen Ring am Finger trug. »Kommt Ihr weit her?« Hetty merkte an dieser Frage, daß sie sich mehr zusammennehmen müsse, und da sie sich nach dem Essen kräftiger fühlte, so antwortete sie: »Ja, ich habe eine lange Reise gemacht, die mich sehr angegriffen hat. Aber jetzt fühl' ich mich besser. Könnt Ihr mir vielleicht sagen, wo ich nach diesem Hause hier komme?« und dabei zog sie ein Stück Papier aus der Tasche: es war der Streifen von Arthurs Briefe, wo er ihr seine Adresse aufgeschrieben hatte. Inzwischen war auch der Wirt hereingekommen und fing an, sie ebenso ernsthaft anzusehen, wie seine Frau gethan. Er nahm das Stückchen Papier in die Hand, welches Hetty über den Tisch ihm entgegenhielt, und las die Adresse. »Was wollt Ihr denn in dem Hause?« fragte er. Gastwirte und alle solche Leute, die selbst nichts eiliges zu thun haben, fragen gern so viel wie möglich, ehe sie eine Antwort geben. »Ich will einen Herrn sprechen, der da wohnt,« antwortete Hetty. »Aber da wohnt kein Herr jetzt,« entgegnete der Wirt. »Das Haus steht leer, schon seit vierzehn Tagen. Und wie heißt denn der Herr, zu dem Ihr wollt? Vielleicht kann ich Euch sagen, wo Ihr ihn finden könnt.« »Es ist Kaptän Donnithorne,« sagte Hetty mit zitternder Stimme, und ihr Herz zuckte krampfhaft zusammen, daß ihr die Hoffnung fehlschlug, Arthur sogleich zu treffen. »Kaptän Donnithorne? Halt mal!« antwortete der Wirt langsam. »War der nicht in der Loamshire-Miliz? Ein hübscher, großer Offizier, hatte blondes Haar und einen rötlichen Backenbart, und sein Bedienter hieß Pym?« »Ja, ja!« sagte Hetty; »Ihr kennt ihn also, wo ist er?« »O, der ist manch' liebe Meile von hier; die Loamshire-Miliz ist nach Irland, schon seit vierzehn Tagen.« »Da, sieh! Sie wird ohnmächtig,« sagte die Wirtin und beeilte sich, Hetty in ihren Armen aufzufangen, die ihr trauriges Bewußtsein verloren hatte und aussah wie eine schöne Leiche. Sie trugen sie aufs Sofa und machten ihr das Kleid los. »Das ist 'ne böse Geschichte, wie mir scheint,« sagte der Wirt, nachdem er etwas Wasser geholt hatte. »Na, was das für 'ne Geschichte ist, das ist klar genug,« erwiderte die Frau. »Sie ist kein gewöhnliches, leichtsinniges Mädchen, das sieht man ihr an. Sie sieht wie ein anständiges Landmädchen aus, und nach ihrer Aussprache zu schließen muß sie recht weit her sein. Sie spricht beinah wie der Hausknecht, den wir mal aus dem Norden hatten; er war der ehrlichste Dienstbote, den wir je gehabt haben; die Leute sind alle ehrlich da oben im Norden.« »So 'n hübsches, junges Mädchen hab' ich in meinem Leben noch nicht gesehen,« sagte der Mann. »Sie ist wie ein Bild im Kunstladen. Es geht einem zu Herzen, wenn man sie ansieht.« »Für sie wär's viel besser, wenn sie häßlicher gewesen und sich besser aufgeführt hätte,« sagte die Wirtin, die sicherlich mehr »gute Aufführung« als Schönheit hatte. »Aber sie kommt wieder zu sich; hole noch etwas Wasser.« Siebenunddreißigster Abschnitt Die Reise in Verzweiflung Hetty blieb den ganzen Tag so unwohl, daß die Wirtsleute keine Fragen an sie richten konnten, ja daß sie selbst über das Elend, welches ihr nun bevorstand, nicht nachzudenken vermochte. Sie fühlte nur, all ihr Hoffen sei zertrümmert und statt ein rettendes Asyl zu finden, habe sie nur eine neue Wüste betreten, wo sie kein Ziel vor Augen sah. Für den Augenblick zog sie zwar körperliche Ermattung, die Ruhe eines behaglichen Bettes und die Pflege der gutmütigen Wirtin von ihren Gedanken ab, aber als Schlaf und Ruhe ihr die Kraft wiedergegeben hatten, um geistiges Leiden in seiner ganzen Schärfe empfinden zu können, als sie am andern Morgen erwachte und das Tageslicht heraufsteigen sah, das wie ein grausamer Zuchtmeister sie zu einem neuen Rundgang verhaßter, hoffnungsloser Arbeit anzutreiben schien, da fing sie an zu überlegen, was sie thun müsse, sich zu erinnern, daß sie kein Geld mehr habe, und die Aussicht, wieder hinauswandern zu müssen in die Fremde, in dem neuen Lichte ihrer auf dem Herwege nach Windsor gesammelten Erfahrungen ins Auge zu fassen. Aber wohin konnte sie sich wenden? Einen Dienst anzunehmen war für sie unmöglich, selbst wenn sie ihn hätte bekommen können; sie sah nur Armut und Bettelei vor sich. Sie erinnerte sich eines armen Geschöpfes, das eines Sonntags morgens, halb tot vor Kälte und Hunger, ein kleines Kind in den Armen, an der Kirchthür von Hayslope gefunden war; es war gerettet worden und dann ins Armenhaus gebracht. Das Armenhaus! Der Leser wird wohl kaum begreifen, wie dies Wort so schwer auf Hetty lasten konnte, aber sie war unter Leuten aufgewachsen, die in ihren Empfindungen selbst gegen Arme etwas hart zu sein pflegten, die bei der Feldarbeit, von der sie lebten, in Mangel und Elend nicht ein hartes, unvermeidliches Schicksal, wie es wohl in großen Städten erscheinen mag, sahen, sondern nur die Folge von Müßiggang und Laster, und Müßiggang und Laster waren es nach ihrer Ansicht, was sie ihr schweres Armengeld kostete. Für Hetty kam das Armenhaus gleich nach dem Gefängnis, und fremde Leute um etwas zu bitten – zu betteln, das lag für sie mit unerträglicher Schande in derselben schrecklichen weiten Ferne, der je nahe zu kommen Hetty ihr ganzes Leben lang für unmöglich gehalten hatte. Aber nun drängte die Erinnerung an jenes unglückliche Geschöpf, welches sie selbst zu Josua Rann ins Haus hatte bringen sehen, ihr das neue schreckliche Bewußtsein auf, daß sie jetzt selbst nur noch wenig von demselben Schicksal entfernt sei. Und mit dieser Furcht vor Schande mischte sich die Furcht vor körperlicher Beschwerde; denn Hetty war weichlich wie ein wohlgenährtes, glattes Schoßhündchen. Wie sehnte sie sich, wieder in ihrer ruhigen Heimat zu sein, wieder geliebt und gepflegt zu werden, wie bisher! Das Schelten ihrer Tante um jede Kleinigkeit wäre jetzt ihren Ohren Musik gewesen; sie verlangte danach; als sie es noch hörte, hatte sie ja nur Kleinigkeiten zu verbergen gehabt. War das dieselbe Hetty, die in der Milchkammer, wo die Schneebälle zum Fenster hereinguckten, Butter gemacht hatte, sie die nun flüchtig geworden war, der ihre Freunde gewiß nicht wieder die Thür öffneten, die hier in einem fremden Bette lag und wußte, sie habe kein Geld mehr, um für ihre Pflege zu bezahlen, und werde den fremden Leuten einige von ihren Sachen anbieten müssen?! – Da fielen ihr das Medaillon und die Ohrringe ein und sie griff nach ihrem Korbe, der in der Nähe stand, und breitete den Inhalt vor sich auf dem Bette aus. Medaillon und Ohrringe waren da, in den kleinen, mit Seide gefütterten Etuis, und daneben ein schöner silberner Fingerhut, am Rande mit der Umschrift »Gedenke mein«, den ihr Adam geschenkt hatte; ferner ihre kleine Börse mit dem letzten Schilling und ein Taschenbuch von rotem Leder. Die schönen kleinen Ohrringe mit den zarten Perlen und Granaten – wie sehnsüchtig hatte sie in dem hellen Sonnenschein am dreißigsten Juli sie sich anprobiert! Jetzt trug sie kein Verlangen sie anzulegen; ihr Kopf mit den dunkeln Locken sank matt ins Kissen zurück, und die tiefe Trauer, die ihr auf Stirn und Augen lag, würde jedem Beschauer eine zu schreckliche Erinnerung hinterlassen haben. Doch faßte sie mit der Hand nach dem Ohr; sie trug ja noch dünne Goldstreifen darin, die auch etwas wert sein mußten. Gewiß bekam sie für diese Putzsachen einiges Geld! Die von Arthur hatten sicher viel gekostet. Die Wirtsleute waren freundlich gegen sie gewesen; vielleicht halfen sie ihr die Sachen verkaufen. Aber das Geld dafür würde nicht lange vorhalten; was sollte sie machen, wenn es zu Ende wäre? Wohin sich wenden? Der schreckliche Gedanke an Mangel und Not drängte ihr wieder die Überlegung auf, ob sie nicht zu Onkel und Tante zurückkehren, ihnen alles gestehen und sie um Mitleid und Vergebung anflehen solle. Aber sie bebte davor zurück wie vor glühendem Erz. Die Schande zu ertragen vor Onkel und Tante, vor Marie Burge und den Bedienten auf dem Schloß und den Leuten in Broxton und allen, die sie kannten – das war unmöglich. Nie durften sie erfahren, was mit ihr vorgegangen war. Was aber sonst beginnen? Sie wollte von Windsor fort, sich wieder auf die Reise machen wie in den letzten Tagen, in die weiten grünen Felder gehen mit den hohen Hecken, wo niemand sie sähe und kenne, und da würde sie vielleicht in der letzten Not den Mut finden, sich in einem Teiche zu ertränken, wie der in dem Sumpflande auf dem Wege nach Treddleston. Ja, sobald als möglich wollte sie von Windsor fort; es war ihr unangenehm, daß die Leute im Wirtshause etwas von ihr wußten und erfahren hatten, sie sei wegen des Kaptän Donnithorne gekommen; sie mußte sich etwas ausdenken, weshalb sie nach ihm gefragt habe. Damit legte sie die Sachen wieder in den Korb und entschloß sich, aufzustehen und sich anzukleiden, ehe die Wirtin heraufkäme. Sie hatte gerade das lederne Taschenbuch in der Hand, als ihr einfiel, auch darin könne vielleicht noch etwas stecken, was Geldeswert habe; denn ohne zu wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen solle, scharrte sie alles zusammen, um so lange wie möglich leben zu können, und wenn man recht begierig nach etwas verlangt, dann sucht man leicht auch da, wo es zu finden kaum möglich ist. Aber nein, in dein Taschenbuch waren nur Nadeln und getrocknete Blumen zwischen den Papierblättern, wo sie ihre kleinen Rechnungen aufgeschrieben hatte. Aber auf einem dieser Blätter stand ein Name, der, so oft sie ihn auch vorher gesehen hatte, jetzt wie eine neue Botschaft ihr durch die Seele stammte. Der Name war: Dina Morris in Snowfield, ein Bibelvers stand darüber; beide hatte Dina eines Abends, wo sie zusammensaßen und Hetty das Taschenbuch offen vor sich liegen hatte, eigenhändig mit Bleistift hineingeschrieben. Den Spruch las Hetty jetzt nicht; nur der Name fesselte sie. Jetzt zum erstenmale erinnerte sie sich ohne Gleichgültigkeit an die herzliche Güte, welche Dina ihr bewiesen hatte, und an jene Worte in der Schlafkammer, daß sie an ihr eine Freundin haben werde, wenn sie in Not sei. Wie, wenn sie zu Dina ginge und sie um Hilfe bäte? Dina sah die Dinge anders an als sonst die Leute; sie war für Hetty ein Rätsel, aber daß sie immer gütig sei, soweit kannte sie Hetty. Daß Dina mit Vorwürfen und Verachtung ihr Antlitz von ihr wende, mit ihrer sanften Stimme schlecht von ihr spräche oder über ihr Unglück als eine gerechte Strafe sich freue, das konnte sie sich gar nicht denken. Dina schien gar nicht der Welt anzugehören, deren Blicke Hetty fürchtete wie glühendes Feuer. Und doch selbst zu ihr mit flehendem Geständnis sich zu wenden, auch davor bebte Hetty zurück; sie konnte es nicht über sich gewinnen zu sagen: »ich will zu Dina gehen;« nur als eine Möglichkeit schwebte es ihr vor, falls sie nicht den Mut gewinnen sollte, zu sterben. Die gute Wirtin war überrascht und erstaunt, als Hetty nett gekleidet und äußerlich wieder ganz Herr ihrer selbst zu ihr in die Wohnstube trat. Sie sei heute wieder ganz wohl, sagte Hetty; sie sei nur sehr erschöpft und angegriffen gewesen von der Reise, denn sie sei weither gekommen, um nach ihrem Bruder sich zu erkundigen, der fortgelaufen und vielleicht Soldat geworden sei, und da er den Kaptän Donnithorne früher gut gekannt habe, so hätte sie sich bei diesem erkundigen wollen. Die Geschichte hinkte etwas, und die Wirtin sah Hetty ungläubig an, als sie so sprach, aber sie zeigte heute früh so viel Entschlossenheit und Selbstvertrauen statt der gestrigen Hilflosigkeit und Niedergeschlagenheit, daß die Wirtin kaum etwas zu erwidern wußte. Sie lud sie nur zum Frühstück ein, und nach einiger Zeit holte Hetty ihre Ohrringe und das Medaillon hervor und fragte den Wirt, ob er ihr wohl behülflich sein könne, die Sachen zu Gelde zu machen. Die Reise, sagte sie, habe sie viel mehr gekostet, als sie erwartet, und nun habe sie kein Geld zu der Rückreise, die sie sofort antreten wolle. Die Wirtin kannte die Schmucksachen schon, da sie den Inhalt von Hettys Körbchen gestern untersucht und sich mit ihrem Manne darüber unterhalten hatte, wie ein Mädchen vom Lande so schöne Sachen haben könne; sie war dabei in der Überzeugung bestärkt worden, Hetty sei von dem hübschen jungen Offizier elend betrogen. »Ja wohl,« sagte der Wirt, als Hetty ihre kleinen Schätze vor ihm ausgebreitet hatte, »wir könnten sie zu dem Goldschmied bringen, der hier nebenan wohnt, aber du lieber Himmel, der giebt ja nur ein Viertel von dem was sie wert sind. Und Ihr trennt Euch doch wohl auch nicht gerne davon?« fügte er mit einem forschenden Blick auf Hetty hinzu. »O, mir liegt nicht viel dran,« erwiderte Hetty eilfertig; »wenn ich nur Geld zur Rückreise bekomme.« »Ja, und die Leute denken vielleicht, die Sachen wären gestohlen, da Ihr sie verkaufen wollt,« fuhr der Wirt fort; »es ist ein bißchen auffallend, daß ein Mädchen wie Ihr so schöne Schmucksachen hat. Vor Ärger trat Hetty das Blut ins Gesicht. »Ich bin von ehrlichen Leuten,« sagte sie, »und kein Dieb.« »Nein, das seid Ihr nicht, dafür steh' ich,« sagte die Wirtin, »und du solltest so was gar nicht sagen,« wandte sie sich unwillig an ihren Mann; »sie hat die Sachen geschenkt bekommen, das ist doch klar genug.« »Ich meinte ja gar nicht, daß ich das glaubte, entschuldigte sich der Mann, »sondern bloß, was der Goldschmied vielleicht dächte und weshalb er uns nicht viel dafür geben würde.« »Nun,« sagte die Frau, »wie wär's denn, wenn du ihr etwas auf die Sachen vorschössest? sie kann sie später einlösen, wenn sie wieder zu Haus ist; wenn wir aber in zwei Monaten nichts von ihr hören, dann können wir damit machen, was wir wollen.« Bei diesem Vorschlag zur Güte kann ich die Wirtin nicht gegen den Verdacht schützen, daß sie zum Lohne für ihre Gutmütigkeit sich nicht die Hoffnung gemacht habe, schließlich selbst in den Besitz der Ohrringe und des Medaillons zu kommen, vielmehr hatte sich der Eindruck, den sie damit aus die Krämerfrau nebenan machen wollte, ihrer raschen Einbildungskraft bereits auf das lebhafteste dargestellt. Der Wirt nahm die Schmucksachen in die Hand und warf nachdenklich die Lippen auf. Er fühlte ein gewisses Wohlwollen für Hetty, aber wie viele, die uns wohlwollen, sind doch gern zufrieden, ihren kleinen Nutzen an uns zu machen! Unsere Wirtin ist herzlich gerührt, wenn wir ausziehen, erklärt uns, wie sehr sie uns achtet, und nimmt den innigsten Anteil an unserm Glück, wenn sich ein edelmütiger Wohlthäter für uns findet, aber zu gleicher Zeit überreicht sie uns eine Rechnung, bei der sie so viel herausschlägt wie möglich. »Wie viel braucht Ihr, um nach Haus zu kommen, Mädchen?« fragte der wohlwollende Wirt endlich. »Drei Pfund,« antwortete Hetty, die in Ermangelung jedes andern Maßstabes die Summe vorschlug, mit der sie sich auf die Reise gemacht hatte, und bange war zuviel zu fordern. »Nun, drei Pfund will ich Euch wohl vorschießen,« erwiderte der Wirt, »und wenn Ihr sie mir später bezahlen und die Schmucksachen wieder haben wollt, so könnt Ihr das ruhig thun; der grüne Mann läuft Euch nicht davon.« »Ich werde Euch recht danken, wenn Ihr mir das geben wollt,« sagte Hetty, die froh war, daß sie nicht zu dem Goldschmied zu gehen und sich angaffen und ausfragen zu lassen brauche. »Aber wenn Ihr die Sachen wieder haben wollt, da dürft Ihr nicht gar zu lange damit warten,« bemerkte die Wirtin; »wenn Ihr zwei Monat vergehen laßt, dann nehmen wir an, Ihr wollt sie nicht mehr.« Mit dieser Verabredung waren alle zufrieden. Der Wirt, weil er am Ende bei dem Verkaufe der Sachen ein gutes Geschäft zu machen hoffte, und die Wirtin, weil sie ihren Mann bereden zu können glaubte, daß er sie behielte. Und sie thaten ja auch der armen Hetty einen Gefallen, dem hübschen, anständigen Mädchen, das offenbar in böser Not war. Für Kost und Pflege in ihrem Hause lehnten sie jede Bezahlung ab. Und um elf Uhr nahm Hetty mit derselben ruhigen, entschlossenen Miene von ihnen Abschied, die sie den ganzen Morgen gehabt hatte, und bestieg die Kutsche, welche sie die ersten Meilen auf den Rückweg bringen sollte. Es giebt eine Kraft der Selbstbeherrschung, welche anzeigt, daß die letzte Hoffnung entschwunden ist. Die Verzweiflung lehnt sich so wenig an andere, wie vollkommene Zufriedenheit, und in der Verzweiflung hat der Stolz nicht mehr an dem Gefühl der Abhängigkeit ein Gegengewicht. Hetty fühlte, nun könne sie niemand mehr von den Übeln befreien, die ihr das Leben verhaßt machten, und niemand sollte nun auch je ihr Elend und ihre Erniedrigung erfahren. Nein, nicht einmal Dina wollte sie ein Geständnis ablegen; sie wollte sich ertränken, wo ihr Leib nie gefunden werden könne, und nie sollte jemand erfahren, was aus ihr geworden sei. Nach der ersten Fahrt im Wagen ging sie wieder zu Fuß oder fuhr bisweilen in einem Karren, lebte so billig als möglich und wanderte ohne bestimmte Absicht vorwärts, aber seltsam, wie durch Zauber gefesselt, schlug sie denselben Weg ein, den sie gekommen, obschon sie entschlossen war, nicht in ihre Heimat zurückzukehren. Ihr Sinn war auf die weiten Gefilde von Warwickshire gerichtet, wo die dichten mit Bäumen besetzten Hecken, wie sie auf der Hinreise bemerkt, selbst in dieser kahlen Jahreszeit manchen Versteckplatz boten. Sie ging jetzt langsamer als vorher und saß oft stundenlang vom Wege abseits an einer Hecke, blickte aus den leeren, schönen Augen starr vor sich hin, dachte sich an den Rand eines tiefliegenden, versteckten Teiches, wie der in jenem Sumpfland, der ihr nicht aus dein Gedächtnis kam, und überlegte sich, ob es wohl ein schmerzlicher Tod sei, sich zu ertränken, und ob nach dem Tode wohl etwas Schlimmeres komme, als was sie jetzt in diesem Leben fürchte. Die Lehren der Religion hatten nie in ihrer Seele gehaftet; sie gehörte zu den vielen, die getauft werden, ihren Katechismus lernen, sich einsegnen lassen und jeden Sonntag zur Kirche gehen, und doch, was Geistesstärke im Leben oder Mut im Tode angeht, niemals einen einzigen christlichen Gedanken oder ein christliches Gefühl in sich aufgenommen haben. Der Leser würde Hettys Gedanken in diesen Tagen des tiefsten Elends mißverstehen, wenn er dabei irgend etwas von religiösen Befürchtungen oder Hoffnungen vermutete. Endlich war sie wieder in der offenen Landschaft mit den weiten Feldern, wo sie den Teich zu finden hoffte. Aber immer noch hielt sie ihr Geld zusammen und behielt ihren Korb bei sich; der Tod schien noch so fern zu sein und das Leben in ihr so stark! Begierig verlangte sie nach Speise und Ruhe; in demselben Augenblicke, wo sie sich die Stelle ausdachte, von der sie in den Tod springen wolle, eilte sie diesen letzten Genüssen entgegen. Schon fünf Tage war sie von Windsor fort, war viel umhergewandert, hatte die fragenden Worte und Blicke der Menschen vermieden, und wenn sie beobachtet wurde, nahm sie den alten Ausdruck stolzer Abgeschlossenheit wieder an; immer noch ging sie in ein anständiges Nachtquartier, zog sich morgens nett an und machte sich früh rüstig auf den Weg und blieb unter Obdach, wenn es regnete, als sei das Dasein, für welches sie sorgte, ein glückliches. Und doch war ihr Gesicht, sogar wenn sie am selbstbewußtesten aussah, so ganz verschieden von jenem, welches in dem alten fleckigen Spiegel sich selbst angelächelt, oder andere angelächelt hatte, wenn sie es bewundernd anstaunten. Ein harter, ja wilder Blick war jetzt in ihren Augen, obschon sie noch ganz ihren dunkeln Glanz hatten und die Wimpern ebenso schön lang waren wie je. Auf ihrer Wange spielte jetzt kein lächelndes Grübchen mehr. Es war noch immer das rundlich, kindlich hübsche Gesicht, aber alle Liebe und aller Glauben an Liebe war daraus gewichen, und vor Schönheit sah es nur noch trauriger aus, grade wie das wunderbare Antlitz der Meduse mit den leidenschaftlichen, leidenschaftslosen Lippen. Da war sie nun endlich zwischen den Feldern, von denen sie geträumt hatte, auf einem langen, schmalen Fußwege, der zu einem Holze führte. Wenn in dem Holze ein Teich wäre! Er wäre besser versteckt als auf dem Felde. Aber nein, es war kein Gehölz, nur ein wüstes Gebüsch über verschütteten Sandgruben, von denen noch kleine Erhöhungen und Löcher zu sehen waren. Auf und ab suchte sie darin herum und hoffte in jeder Senkung einen Teich zu finden, bis sie ermattet sich niederließ, um auszuruhen. Es war hoch am Nachmittage, und der graue Himmel wurde schon dunkel. Nach kurzer Zeit fuhr Hetty wieder auf, weil sie die Dunkelheit hereinbrechen sah; sie mußte es schon bis morgen verschieben, den Teich zu finden, und für die Nacht sich ein Unterkommen suchen. Bei dem Herumwandern in den Feldern hatte sie den Weg verloren, und es war ganz einerlei, in welcher Richtung sie ging. Von Feld zu Feld wanderte sie, und kein Dorf, kein Haus war zu sehen, aber da, am Ende einer Wiese, war eine Öffnung in der Hecke, und der Boden schien sich etwas zu senken,, und zwei Bäume neigten sich quer über die Öffnung gegen einander. Mächtig klopfte Hetty das Herz bei dem Gedanken, da müsse ein Teich sein. Mit schweren Schritten ging sie über die Wiese darauf zu, das Blut wich ihr von den Lippen und sie zitterte am ganzen Körper; es war, als ob das Verhängnis ihr entgegen käme statt sich erst suchen zu lassen. Ja, da war der Teich! Das Wasser erschien schwarz unter dem dunkeln Himmel; keine Bewegung ringsum, kein Laut. Sie setzte ihren Korb hin und sank dann selbst zitternd auf das Gras. Der Teich war ganz voll von der Nässe des Winters; wenn er wieder seicht war, im Sommer, da konnte niemand mehr ihren Leib erkennen. Aber ihr Korb! – den mußte sie auch verbergen und ins Wasser werfen, ihn erst mit Steinen beschweren und dann versenken. Sie stand auf und sah sich nach Steinen um; bald hatte sie ein halb Dutzend gefunden, legte sie neben den Korb und setzte sich dann wieder. Sie brauchte sich ja nicht zu beeilen; sie hatte die ganze Nacht vor sich, um sich zu ertränken. Den Ellbogen auf den Korb gestützt saß sie da. Sie war so müde, so hungrig. Vom letzten Mittagsessen hatte sie einige Butterbrote im Korbe; die nahm sie jetzt heraus, aß sie gierig auf, saß dann wieder still und blickte auf den Teich. Die Beruhigung, die mit der Stillung des Hungers über sie kam, und die regungslose, träumerische Stellung machten sie schläfrig und bald sank ihr der Kopf auf die Knie. Sie schlief sofort ein. Als sie erwachte, war es tief in der Nacht, und sie bebte vor Kälte. Sie war bange in der Dunkelheit, bange über die lange Nacht, die vor ihr lag. Wenn sie es doch fertig brächte, sich ins Wasser zu stürzen! Nein, noch nicht. Sie fing an umher zu gehen, um wieder warm zu werden, als wenn sie das entschlossener machen würde. O, wie lang wurde ihr die Zeit in der Dunkelheit! Der heimische Herd mit seiner hellen Flamme und das Behagen und die Stimmen der Heimat – das sichere Erwachen und Schlafengehen – die vertrauten Gefilde, die bekannten Menschen, die Sonntage und Festtage mit ihren einfachen Freuden über das beste Kleid und das gute Essen – all die süßen Erinnerungen ihres jungen Lebens drangen nun auf sie ein und sie schien die Arme nach ihnen auszustrecken, wie über einen großen Abgrund hinweg. Wenn sie an Arthur dachte, biß sie die Zähne zusammen und fluchte ihm, ohne zu wissen, was ihr Fluchen ihm schaden könne, und sie wünschte, er möge auch erfahren, was Einsamkeit sei und Kälte und ein Leben voll Schande, welches er durch den Tod zu enden nicht den Mut habe. Ihr Schauder über diese Kälte und Dunkelheit und Einsamkeit – von der menschlichen Hilfe so fern – steigerte sich mit jeder Minute; es war fast, als sei sie schon tot und wisse, daß sie tot sei und sehne sich ins Leben zurück. Aber nein, noch lebte sie, noch hatte sie den furchtbaren Sprung nicht gethan. In seltsamem Wechsel fühlte sie sich elend und wieder unaussprechlich glücklich – elend, weil sie nicht wagte, dem Tode ins Antlitz zu schauen; glücklich, daß sie noch am Leben sei, noch Licht und Wärme wieder empfinden könne. Wie sie so auf und ab ging, um sich zu erwärmen, gewöhnten sich ihre Augen allmählich an die Nacht und fingen an, die Gegenstände ringsum ein wenig zu erkennen – die dunkle Linie der Hecke, die schnelle Bewegung von etwas lebendigem, vielleicht einer Feldmaus, welche durch das Gras schlüpfte. Sie hatte nicht länger das Gefühl, als wenn die Dunkelheit sie umschlossen halte; sie dachte, sie könne ihren Rückweg quer durchs Feld nehmen und über den Steg kommen und im nächsten Felde, erinnerte sie sich, müsse eine Strohhütte bei einer Schafhürde sein. Wenn sie in die Hütte kommen könnte, würde ihr wärmer werden; sie konnte die Nacht da zubringen, wie Alick immer in Hayslope that, wenn die Schafe lammten. Der Gedanke an diese Hütte belebte sie mit der Kraft neuer Hoffnung; sie nahm ihren Korb auf und schritt quer über das Feld, aber es dauerte einige Zeit, ehe sie einen Steg finden konnte. Die Bewegung und das Suchen nach dem Stege machten sie wieder munter und milderten das Grausen der Finsternis und Einsamkeit. Auf dem nächsten Felde waren Schafe, und als sie über den Steg kletterte, scheuchte sie einen Trupp auf; das Geräusch der laufenden Tiere gab ihr die beruhigende Gewißheit, ihre Erinnerung habe sie nicht getäuscht; auf diesem Felde mußte die Hütte sein. Sie erreichte das Gitter gegenüber, tastete an der Hürde entlang, bis ihr endlich das Stroh in die Hand stach. Köstliches Gefühl! das war Obdach; sie fand die Thür und stieß sie auf. Drinnen roch es schlecht und war dumpfe Luft, aber es war warm und auf dem Boden lag Stroh; mit einem Gefühl von Rettung sank Hetty nieder. Die Thränen kamen ihr, Thränen, die sie seit ihrer Abreise von Windsor nicht vergossen und sie schluchzte krampfhaft vor Freude, daß sie das Leben noch festhalte und noch die alte Erde betrete, die alten Vertrauten vom Pachthof, die Schafe, in der Nähe habe. Das bloße Gefühl ihrer eigenen Glieder war ihr ein Entzücken, sie streifte die Ärmel auf und küßte sich die Arme vor leidenschaftlicher Liebe zum Leben. Bald wiegten sie mitten im Schluchzen Wärme und Ermattung in Schlaf und sie träumte, sie stände wieder am Rande des Teiches, träumte, sie habe den Sprung ins Wasser gewagt und dann fuhr sie erschrocken plötzlich wieder auf und wußte nicht wo sie war. Endlich überfiel sie ein tiefer, treuloser Schlaf; ihr Kopf, vom Hute noch bedeckt, fand auf dem harten Stroh ein weiches Kissen, und die Unglückliche, die zwischen zwei gleich großen Schrecken hin- und hergeworfen wurde, fand die einzige Erleichterung, die es für sie geben konnte, die Erleichterung der Bewußtlosigkeit. Ach, aber auch diese Ruhe schien zu enden, nachdem sie kaum begonnen. Es war Hetty, als seien jene halbwachen Träume nur in einen andern Traum übergegangen; sie befand sich hier in derselben Hütte, und mit einemmale stand ihre Tante vor ihr mit einem Lichte in der Hand. Sie zitterte unter dem Blick der Tante und schlug die Augen auf. Es brannte kein Licht in der Hütte, aber es war hell; der frühe Morgen sah durch die offene Thür. Und ein Gesicht beugte sich über sie, aber es war das unbekannte Gesicht eines ältlichen Mannes in einem Kittel. »Was macht Ihr denn hier in der Hütte, Mädchen?« fragte der Mann etwas rauh. Bei diesem wirklichen Schreck zitterte Hetty noch mehr, als sie im Traume gethan, wo die Tante sie ansah. Sie kam sich schon wie eine Bettlerin vor, daß man sie so schlafend gefunden habe. Aber trotzdem sie zitterte, beeilte sie sich, über ihre ungewöhnliche Lage dem Manne Auskunft zu geben und antwortete sogleich: »Ich habe mich verirrt; ich bin auf der Reise nach dem Norden und bin von dem Wege ab in die Felder gekommen und die Dunkelheit hat mich überrascht. Könnt Ihr mir sagen, wo ich nach dem nächsten Dorfe komme?« Bei diesen Worten war sie aufgestanden, hatte sich den Hut zurecht gerückt und ihren Korb in die Hand genommen. Der Mann sah sie eine Weile mit trägem Blicke an und gab ihr zunächst gar keine Antwort. Dann drehte er sich um und ging auf die Thür der Hütte zu; da stand er still und wendete sich halb zu ihr mit den Worten: »Ja, den Weg kann ich Euch zeigen, wenn Ihr es wünscht. Aber wie kommt Ihr nur dazu, Euch von der großen Straße zu verirren?« fuhr er mit plumpem Vorwurf fort. »Seht Euch vor, sonst kommt Ihr in Ungelegenheit.« »Ja,« erwiderte Hetty, »ich will's nicht wieder thun, ich will mich auf der großen Straße halten; seid nur so gut und weiset mich zurecht.« »Warum haltet Ihr Euch nicht da, wo es Wegweiser giebt und Leute, die Ihr fragen könnt?« sagte der Mann fast grob. »Ihr seht so wild aus; man sollte glauben, Ihr wärt verrückt.« Bei dieser letzten Andeutung wurde Hetty ganz bange. Indem sie ihm aus der Hütte folgte, überlegte sie sich, sie wolle ihm etwas für seine Bemühung geben; dann hielte er sie gewiß nicht für verrückt. Als er stehen blieb, um ihr den Weg in der Ferne zu zeigen, steckte sie die Hand in die Tasche, um das Geld herauszuholen, und als er sich abwenden wollte, ohne auch nur guten Morgen zu sagen, hielt sie es ihm hin und sagte: »ich danke Euch; seid so freundlich und nehmt etwas für Eure Bemühung.« Er sah sich das Geld langsam an und erwiderte: »ich brauche kein Geld von Euch. Nehmt Euch nur damit in acht, sonst wird es Euch gestohlen, wenn Ihr so in den Feldern verbotene Wege geht wie ein verrücktes Frauenzimmer.« Damit wandte er sich ab und Hetty ging ihres Wegs. Ein neuer Tag war angebrochen und sie mußte ihre Wanderung fortsetzen. Ans Ertränken war kein Gedanke mehr; sie hatte nicht den Mut dazu, so lange sie noch Geld besaß um für Essen und Trinken zu bezahlen und kräftig genug war weiter zu gehen. Aber das eben gehabte Erlebnis erhöhte ihre Angst vor der Zeit, wo sie gar kein Geld mehr hätte; dann würde sie den Korb und ihre Kleider verkaufen müssen und wirklich wie eine Bettlerin oder eine Verrückte aussehen, wie ihr der Mann gesagt hatte. Die leidenschaftliche Freude am Leben, die sie in der Nacht empfand, nachdem sie von dem Rande des schwarzen, kalten Todes in dem Teiche sich gerettet hatte, war nun vergangen. Jetzt im Morgenlichte, unter dem Eindruck des bösen, verwunderten Blickes jenes Mannes war ihr das Leben so furchtbar wie der Tod, ja schlimmer als der Tod; es war ein Schrecken, an den sie sich gefesselt fühlte, vor dem sie zurückbebte immer banger und banger wie vor dem schwarzen Teiche und vor dem sie doch keine Rettung finden konnte. Das Geld in ihrer Tasche betrug noch zweiundzwanzig Schilling, damit konnte sie noch manchen Tag leben oder rascher nach Stonyshire kommen, in Dinas Nähe. Der Gedanke an Dina drängte sich ihr jetzt stärker auf, seit in der letzten Nacht ihre schaudernde Einbildungskraft sie von dem Teiche weggetrieben hatte. Wäre es nichts weiter gewesen, als zu Dina zu gehen, – hätte niemand anders es dann erfahren, so würde sich Hetty wohl entschlossen haben, sie aufzusuchen; die sanfte Stimme und die mitleidigen Augen des frommen Mädchens hätten sie hingezogen. Aber erfahren mußten es ja dann auch die andern, und in die Schande konnte sie sich so wenig stürzen wie in den Tod. Wandern mußte sie, immer weiter wandern und erst noch tiefer in Verzweiflung geraten, um Mut zu gewinnen. Vielleicht auch kam ihr der Tod von selbst, denn von Tage zu Tage wurde sie schwächer. Und doch, so wunderbar ist das Getriebe unsrer Seele, daß es uns mit heimlichem Verlangen grade da hinzieht, wovor wir uns scheuen, und Hetty erkundigte sich in dem ersten Flecken nach dem nächsten Wege, der gen Norden nach Stonyshire führe und verfolgte ihn den ganzen Tag. Die arme umherirrende Hetty mit dem kindlich weichen Gesicht und dem harten, lieblosen, verzweifelten Gemüt, welches daraus hervorsah, mit dem kleinen Herzen und den beschränkten Gedanken, in der kein Raum war für fremde Leiden, und die das eigene Leid um so bitterer durchrostete! Mir blutet das Herz um sie, wie ich sie so müde und erschöpft sich weiter schleppen und auf einem Karren sitzen sehe, die Augen leer auf den Weg geheftet, unbewußt und unbekümmert, wohin er geht, bis ihr der Hunger kommt und das Verlangen weckt, daß doch ein Dorf in der Nähe sein möchte. Und was wird das Ende sein? – das Ende dieser ziellosen Wanderung, wo sie von aller Liebe fern ist, wo nur ihr Stolz noch nach menschlichen Wesen fragt, und sie sich nur an das Leben klammert wie das gehetzte, verwundete Tier des Waldes – ? Leser, Gott bewahre dich und mich, daß wir je an solchem Elend schuld sind! Achtunddreißigster Abschnitt Die Nachforschung Die ersten zehn Tage nach Hettys Abreise verstrichen den Leuten auf dem Pachthofe und Adam bei seinem Tagewerk so ruhig wie je. Sie alle waren darauf gefaßt, daß Hetty eine Woche oder zehn Tage wenigstens wegbliebe, und wenn Dina mit ihr zurückkäme, vielleicht noch etwas länger, weil sie dann wohl erst einigen Aufenthalt in Snowfield hätten. Als aber vierzehn Tage vergingen, war man etwas überrascht, daß Hetty noch immer nicht zurückkam; gewiß hatte sie den Besuch bei Dina angenehmer gefunden, als sie gedacht hatte. Adam wurde sehr ungeduldig, sie wieder zu sehen, und entschloß sich, wenn sie nicht am folgenden Tage (Sonnabend) wiederkäme, am Sonntag Morgen sich aufzumachen und sie zu holen. Am Sonntag ging kein Wagen; aber wenn er sich vor Tagesanbruch aufmachte und vielleicht unterwegs eine Fahrgelegenheit fand, so konnte er noch ziemlich früh nach Snowfield kommen und am folgenden Tage mit Hetty und womöglich auch mit Dina zurückkehren. Für Hetty war es die höchste Zeit, und er wollte den Montag daran setzen, um sie abholen zu können. Auf dem Pachthof, wohin er noch am Sonnabend Abend ging, billigte man seinen Entschluß vollkommen. Frau Poyser schärfte ihm nachdrücklich ein, er dürfe nicht ohne Hetty zurückkehren; sie sei schon zu lange ausgeblieben und habe bis Mitte März noch so viel zu besorgen, und eine Woche Erholung sei doch wahrlich lange genug. Daß sie Dina mitbrächten, hoffte Frau Poyser kaum, oder sie müßten sie denn überzeugen, den Leuten in Hayslope gehe es noch mal so schlecht als denen in Snowfield. »Freilich,« meinte Frau Poyser zum Schluß, »Sie könnten sie wohl daran erinnern, Herr Bede, daß sie bloß noch eine Tante hat, und die ist beinahe zum Schatten abgemagert, und nächsten Michaelis sind wir alle vielleicht schon viele Stunden weiter weg von ihr und sterben unter fremden Leuten an gebrochenem Herzen und lassen die Kinder ohne Vater und Mutter zurück.« »Nein, nein!« sagte Poyser, der allerdings nicht nach Sterben aussah, »so schlimm ist's noch nicht. Du siehst jetzt recht gut aus und wirst alle Tage stärker. Aber ich wollte mich recht freuen, wenn Dina käme; sie würde dir bei den Kindern helfen, die haben sich so schön an sie gewöhnt.« Am Sonntag früh bei Tagesanbruch machte Adam sich auf. Die erste Stunde begleitete ihn Seth, den der Gedanke an Snowfield und die Möglichkeit eines Besuchs von Dina ganz aufgeregt hatte. Erst als er und Adam, beide in ihren besten Kleidern, in der kalten Morgenluft dahinschritten, überkam ihn wieder ein Gefühl von Sonntagsruhe. Es war der letzte Februar, der Himmel bedeckt und grau, und auf dem grünen Rande des Weges und den dunkeln Hecken lag etwas Reiffrost. Sie hörten das Gemurmel des vollen Baches den Hügel hinab und das leise Gezwitscher der ersten Vögel; denn sie gingen schweigend neben einander und erfreuten sich nur im stillen einer an des andern Gesellschaft. »Nun adieu, mein Junge, bis morgen,« sagte Adam, indem er Seth zum Abschied die Hand auf die Schulter legte und ihn zärtlich anblickte; »ich möchte, du gingst den ganzen Weg mit mir und wärst so glücklich wie ich.« »Ich bin zufrieden, Adämchen, ganz zufrieden,« antwortete Seth heiter; »ich werde wohl ein alter Junggeselle werden und mit deinen Kindern spielen.« Sie trennten sich, und Seth ging behaglich langsam nach Haus, indem er sich im stillen einen seiner Lieblingsgesänge wiederholte, die er so gern hatte: Trübe geht der Morgen auf, Wenn er ohne dich anbricht; Freudlos ist des Tages Lauf, Bis ich seh' dein Gnadenlicht, Bis du Inneres Licht verleihst, Herz und Auge mir erfreust. Dringe denn, du Himmelsglanz Durch der Sünde Dunkelheit, Fülle mir die Seele ganz Und die Zweifel scheuche weit: Leuchte heller je und je, Daß den vollen Tag ich seh'! Adam ging unterdes rüstig weiter. Es hätte eine Freude sein müssen, den großen, breitschultrigen Mann so aufrecht und fest wie ein Soldat entlang schreiten zu sehen und den freudigen Ausdruck seiner Augen zu bemerken, als die dunkelblauen Hügel in der Ferne vor ihm aufstiegen. Selten in seinem Leben war Adams Gesicht so frei gewesen von jeder Wolke von Besorgnis wie diesen Morgen, und in dieser heiteren Stimmung beobachtete er, wie praktisch verständige Leute seiner Art zu thun pflegen, die äußeren Gegenstände um so schärfer und war um so empfänglicher für jede Anregung, die sie ihm für seine Lieblingspläne und scharfsinnigen Erfindungen etwa geben konnten. Sein Liebesglück und das Bewußtsein, daß seine Schritte ihn immer näher zu Hetty brächten, die er bald die Seine nennen durfte, waren für seine Gedanken, was die köstliche Morgenluft für seine Empfindungen: sie gaben ihm ein Gefühl von Wohlsein, welches ihm die Thätigkeit der Bewegung zur Freude machte. Bisweilen vertiefte und verstärkte sich sein Gefühl für sie so, daß alle andern Bilder außer Hettys verschwanden, und damit zugleich kam ein Gefühl von dankbarer Verwunderung über ihn, daß so großes Glück ihm geworden sei, daß dieses Leben so süß sein könne. Wenn aber sein Gefühl in dieser Weise auf- und abgewägt und sich ergossen hatte, dann kamen die geschäftigen Gedanken mit um so größerer Stärke wieder, und diesen Morgen beschäftigten sie sich mit Plänen, wie die schlechten Wege in der ganzen Gegend ausgebessert werden könnten und wie viel Nutzen ein einziger Gutsbesitzer schaffen könne, wenn er sich ordentlich dran gäbe, solche Verbesserungen auf seinen eigenen Besitzungen ins Werk zu richten. Die paar Stunden bis Oakbourne, wo er frühstückte, schienen ihm nur ein kurzer Spaziergang. Von da ab wurde die Gegend immer kahler: keine Wälder mehr an den Abhängen, keine breit verzweigten Bäume an zahlreich verstreuten Bauernhäusern, keine buschigen Hecken, sondern graue Steinmauern zwischen den mageren Weiden und traurig aussehende Häuser von grauem Stein auf zerklüftetem Boden, wo früher Gruben gewesen waren, die nun nicht mehr bebaut wurden. »Das ist ja eine hungrige Gegend,« sagte Adam bei sich; »ehe ich hier wohnte, ginge ich doch lieber nach dem Süden, wo der Boden so flach sein soll wie ein Tisch; wirklich, wenn Dina am liebsten da ist, wo sie den Leuten am meisten Trost bringt, dann hat sie recht, hier zu wohnen; hier muß sie ja aussehen, als wäre sie gradeswegs vom Himmel gekommen, wie die Engel in der Wüste.« Und als er endlich Snowfield zu Gesicht bekam, da fand er, der Flecken passe vollkommen zu der Gegend, obschon der breite Bach, der bei der großen Fabrik durchs Thal floß, den Feldern unterhalb einen munteren grünen Schein gab. Finster, steinern und ungeschützt zog sich das Städtchen einen steilen Hügel hinan. Dina wohnte vor dem Thor, nicht weit von der Fabrik, in einer alten strohbedeckten Hütte, die seitwärts am Wege stand, von dem sie durch ein kleines Stück Kartoffelland getrennt war. Dinas Wirtsleute waren ein altes Ehepaar, und wenn sie und Hetty nicht zu Haus sein sollten, so konnte Adam von ihnen erfahren, wo sie hingegangen seien oder wann sie wieder zurückkämen. Dina war vielleicht zum Predigen gegangen, Hetty vielleicht allein zu Haus, so hoffte Adam beinahe, und als er nun die Hütte am Wege vor sich sah, da glänzte über sein Gesicht jenes unwillkürliche Lächeln, womit unsere Erwartung eine nahe Freude begrüßt. Rasch eilte er an die Thür und klopfte; sie ging auf, eine reinliche alte Frau, der der Kopf schon etwas wackelte, stand vor ihm. »Ist Dina Morris zu Haus?« fragte Adam. »Zu Haus? Nein,« antwortete die Alte und sah den großen Fremdling so verwundert an, daß sie noch langsamer sprach als gewöhnlich. »Wollt Ihr nicht hereintreten?« fügte sie hinzu und trat von der Thür zurück, als besänne sie sich erst jetzt; »Ihr seid wohl der Bruder von jenem jungen Menschen, der neulich mal hier war, nicht wahr?« »Ja freilich,« sagte Adam, indem er ins Haus trat, »das war Seth Bede, ich bin sein Bruder Adam, ich soll Euch recht von ihm grüßen und Euren guten Mann auch.« »Ah, danke, danke! grüßt ihn schön wieder; er war ein lieber junger Mann. Und Ihr seht ihm ähnlich, nur etwas dunkler seid Ihr. Setzt Euch da in den Lehnstuhl. Mein Mann ist noch nicht aus der Versammlung zurück.« Adam faßte sich in Geduld und nahm Platz; er mochte die gebrechliche alte Frau nicht mit Fragen übereilen; aber er sah begierig nach der engen, gewundenen Treppe in der Ecke; Hetty konnte ja seine Stimme gehört haben und käme gewiß da herunter. »Ihr kommt also, um Dina Morris zu besuchen?« fuhr die alte Frau fort, indem sie sich vor ihn stellte. »Und wußtet also nicht, daß sie fort ist?« »Nein,« erwiderte Adam, »aber ich dachte mir wohl, sie sei vielleicht heute am Sonntag auswärts. Aber das andere junge Mädchen – ist die zu Haus oder ist sie mit Dina ausgegangen?« Die alte Frau sah ihn erstaunt an. »Mit ihr ausgegangen?« sagte sie. »Ei, Dina ist nach Leeds, einer großen Stadt weit weg, von der Ihr wohl gehört habt; es sind da recht viele von den Erwählten des Herrn. Sie ist schon Freitag vor vierzehn Tagen abgereist; das Geld zur Reise haben sie ihr geschickt. Ihr Zimmer will ich Euch zeigen,« fuhr sie fort und öffnete eine Thür, ohne zu bemerken, welchen Eindruck ihre Worte auf Adam machten. Er stand auf, ging hinter ihr her und warf einen raschen, begierigen Blick in das kleine Stübchen mit dem schmalen Bette, dem Bilde von Wesley an der Wand und der großen Bibel, auf der noch ein paar andere Bücher lagen. Er hatte die thörichte Hoffnung gehabt, Hetty sei vielleicht in dem Stübchen. Aber es war leer; bei dem Anblick versagte ihm die Sprache; eine unbestimmte Furcht ergriff ihn – Hetty mußte auf der Reise etwas zugestoßen sein. Indes die alte Frau sprach und begriff so langsam; am Ende war Hetty doch noch in Snowfield. »Es ist recht schade, daß Ihr es nicht gewußt habt,« meinte die Alte. »Seid Ihr ausdrücklich hergekommen, sie zu besuchen?« »Aber Hetty – Hetty Sorrel!« fuhr ihr Adam dazwischen; »wo ist die?« »Ich kenne niemand, der so heißt,« sagte die alte Frau verwundert. »Ist es jemand, von dem Ihr in Snowfield gehört habt?« »Ist hier nicht ein junges Mädchen – recht jung und hübsch – Freitag vor vierzehn Tagen zum Besuch bei Dina Morris angekommen?« »Nein, ich habe kein junges Mädchen gesehen.« »Denkt mal nach; wißt Ihr's ganz bestimmt? Ein Mädchen von achtzehn Jahren, mit dunkeln Augen und dunkelm Lockenhaar, in einem roten Mantel und mit einem Korbe am Arm? Ihr müßt es behalten haben, wenn Ihr sie gesehen habt!« »Nein; Freitag vor vierzehn Tagen – das war grade der Tag, wo Dina wegging – da ist niemand gekommen. Auch seitdem hat keiner nach ihr gefragt bis auf Euch; die Leute hier herum wissen alle, daß sie fort ist. Ach aber, was habt Ihr denn? Fehlt Euch was?« Die alte Frau hatte endlich die geisterbleiche Furcht auf Adams Gesicht gesehen. Aber er war nicht niedergeschmettert noch bestürzt; er überlegte eifrig, wo er sich nach Hetty erkundigen könne. »Ja, ein junges Mädchen aus unserem Dorfe ist Freitag vor vierzehn Tagen auf einen Besuch bei Dina fortgegangen. Ich wollte sie hier abholen. Ich fürchte, es ist ihr was zugestoßen. Ich kann mich nicht aufhalten. Adieu.« Er eilte aus der Hütte, und die alte Frau folgte ihm bis an das Pförtchen und sah ihm traurig kopfschüttelnd nach, als er fast laufend nach der Stadt eilte. Er wollte sich in dem Wirtshause erkundigen, wo der Wagen aus Oakbourne hielt. Nein! Ein Mädchen wie Hetty war da nicht gesehen worden. War vielleicht dem Wagen vor vierzehn Tagen unterwegs etwas zugestoßen? Nein. Und heute ging kein Wagen mehr nach Oakbourne zurück. Aber er konnte ja zu Fuß gehen; dazubleiben, in dieser schrecklichen Unthätigkeit, das war nicht möglich. Der Wirt bemerkte, daß Adam in großer Aufregung war, und ging auf diesen neuen Vorfall mit dem Eifer eines Mannes ein, der einen großen Teil seiner Zeit damit verbringt, die Hände in den Taschen in eine hartnäckig langweilige Straße zu sehen; er bot daher Adam an, ihn noch denselben Abend auf seinem eigenen Karren nach Oakbourne zu bringen, und da es noch nicht fünf Uhr war, so hatte Adam hinlänglich Zeit, erst zu essen und doch noch vor zehn Uhr nach Oakbourne zu kommen. Er machte einen vergeblichen Besuch, ein wenig zu genießen, steckte sich etwas in die Tasche und war, nachdem er einen Schluck Bier getrunken, zum Aufbruch bereit. Als sie an die Hütte kamen, fiel ihm ein, er würde gut thun, sich bei der alten Frau nach Dinas Adresse in Leeds zu erkundigen; wenn es vielleicht Trübsal gäbe auf dem Pachthof – eine Möglichkeit, die er nur halb zuließ – dann würden Poysers gern nach Dina schicken. Aber Dina hatte keine Adresse zurückgelassen, und die alte Frau hatte ein so schlechtes Namensgedächtnis, daß sie sich auf den Namen der »frommen Frau«, welche Dinas beste Freundin in der Gemeinde zu Leeds war, nicht besinnen konnte. Während der langen, langen Fahrt auf dem Karren hatte Adam Zeit zu all den Vermutungen drängender Furcht und hoffenden Zweifels. In der ersten Erschütterung über die Nachricht, daß Hetty nicht in Snowfield gewesen sei, hatte ihn der Gedanke an Arthur wie ein stechender Schmerz durchzuckt, aber er versuchte eine zeitlang ihn wieder von sich abzuwehren, indem er die erschütternde Entdeckung auf ganz andere Weise zu erklären sich abmühte. Hetty war ein Unglück zugestoßen; durch irgend eine seltsame Fügung war sie in Oakbourne auf einen falschen Wagen gekommen, war dann krank geworden und mochte ihre Angehörigen nicht mit der Nachricht ängstigen. Aber diese schwache Schutzmauer von unbestimmten Unwahrscheinlichkeiten erlag bald unter dem Andrang von nur zu bestimmten, entsetzlichen Befürchtungen. Hetty hatte sich selbst mit dem Glauben getäuscht, sie könne ihn lieben und heiraten; die ganze Zeit hatte sie Arthur lieb gehabt, und jetzt, in der Verzweiflung über die Nähe der Hochzeit war sie geflohen – und geflohen zu ihm. Die alte Entrüstung und Eifersucht stieg wieder in ihm auf und gab ihm den Verdacht ein, Arthur habe falsch gespielt, habe an Hetty geschrieben, sie verleitet zu ihm zu kommen, weil er sie am Ende doch keinem andern überlassen mochte. Vielleicht hatte er die ganze Geschichte ausgedacht und geleitet, ihr Anweisungen gegeben, wie sie ihm nach Irland folgen könne; denn Adam wußte, Arthur sei schon vor drei Wochen dorthin gegangen; er hatte es kürzlich auf dem Schlosse erfahren. Jeder traurige Blick Hettys seit ihrer Verlobung trat ihm jetzt wieder vor die Seele, mit all der Übertreibung, die ein schmerzlicher Rückblick veranlaßt. Wie thöricht erschien ihm nun all sein Hoffen und die Sicherheit, in die er sich gewiegt! Das arme Ding hatte vielleicht selbst lange Zeit nicht recht gewußt, was sie wolle; hatte gehofft, sie könne Arthur vergessen, hatte sich für den Augenblick hingezogen gefühlt zu dem Manne, der ihr den Schutz seiner treuen Liebe bot. Er konnte es nicht, übers Herz bringen, sie zu tadeln; sie hatte gewiß nie daran gedacht, ihm diesen furchtbaren Schmerz zu machen; Schuld und Tadel traf den Mann, der selbstsüchtig mit ihrem Herzen gespielt, sie vielleicht gar mit voller Überlegung hinweggelockt hatte. In Oakbourne erinnerte sich der Hausknecht im Wirtshause, daß ein Mädchen, auf welches Adams Beschreibung paßte, vor stark vierzehn Tagen mit dem Wagen von Treddleston angekommen sei, – »ein hübsches Mädchen, ja, das er sobald nicht vergaß,« – ebenso bestimmt wußte er, daß sie nicht mit dem Wagen in der Richtung nach Snowfield weitergefahren sei, aber während er die Pferde in den Stall gebracht hatte, war sie ihm aus dem Gesicht gekommen, und er hatte sie nicht wieder gesehen. Adam ging nun sofort nach dem Hause, wo die Wagen nach Stoniton abfuhren, weil Stoniton für Hetty als nächste Station die gelegenste war, wohin sie auch ihre weitere Reise richten mochte; denn gewiß war sie auf der Hauptstraße geblieben. Auch hier war sie bemerkt worden, und man erinnerte sich, sie habe sich auf den Bock neben den Kutscher gesetzt, aber der Kutscher war nicht in Oakbourne, sondern in Stoniton, und so mußte der bekümmerte Adam schweren Herzens warten bis zum folgenden Tage, bis elf Uhr morgens, wo der Wagen nach Stoniton abfuhr. In Stoniton gab es wieder neuen Aufenthalt, denn der alte Kutscher, der an jenem Tage gefahren hatte, kam nicht vor Abend zurück. Als Adam ihn sprach, erinnerte er sich Hettys recht gut und gab seinen Scherz, den er an sie gerichtet hatte, mehr als einmal zum besten und bemerkte jedesmal dabei, es müsse wohl seine besondere Bewandtnis mit ihr gehabt haben, denn sie habe über seinen Witz gar nicht gelacht. Aber er erklärte grade wie die Leute im Wirtshause, daß er sie sofort, als sie abgestiegen sei, aus den Augen verloren habe. Am andern Morgen verbrachte Adam wieder mehrere Stunden mit vergeblichen Nachforschungen an allen Orten der Stadt, wo Wagen abfuhren – sie mußten wohl vergeblich sein, da Hetty von Stoniton aus nicht gefahren, sondern beim Morgengrauen zu Fuß weiter gegangen war – und dann ging er auf den verschiedenen großen Straßen bis an die ersten Chausseehäuser, ob er vielleicht da eine Spur von ihr fände. Aber nein, über Stoniton hinaus war jede Spur verloren, und nun hatte Adam die schwere Aufgabe, sich auf den Rückweg zu machen und die Unglücksbotschaft nach dem Pachthofe zu bringen. In dem Aufruhr seiner Empfindungen und Gedanken, der während dieser Nachforschungen in ihm getobt hatte, war er zu zwei bestimmten Entschlüssen gekommen: von Arthurs Verhältnis zu Hetty wollte er schweigen, bis die Notwendigkeit darüber zu reden klar vorläge; es war ja noch möglich, daß Hetty zurückkäme, und die Enthüllung könnte sie kränken und ihr schaden; und ferner, sobald er zu Haus die nötigen Vorbereitungen für eine längere Abwesenheit getroffen, wollte er sich nach Irland aufmachen, und wenn er unterwegs keine Spur von Hetty fände, gerades Wegs zu Arthur gehen und von ihm erfahren, inwiefern er mit ihrer Reise und ihrem jetzigen Aufenthalte bekannt sei. Mehrmals kam ihm in den Sinn, Pastor Irwine um Rat zu fragen, aber er verwarf das als nutzlos, wenn er ihm nicht alles sagen und so das Geheimnis von Arthur und Hetty verraten wolle. Es scheint auffallend, daß Adam bei seinem unaufhörlichen Nachdenken über Hetty niemals auf die Möglichkeit kam, sie könne, aus Unbekanntschaft mit Arthurs Versetzung, nach Windsor gegangen sein. Der Grund war wohl der, daß er sich nicht denken konnte, Hetty habe sich unaufgefordert zu Arthur begeben; er wußte von keiner Ursache, die sie veranlaßt haben könnte, nach jenem Briefe Arthurs im vorigen August einen solchen Schritt zu thun. Er sah nur zwei Möglichkeiten: entweder hatte Arthur wieder an sie geschrieben und sie zu sich gelockt, oder sie war nur vor der Heirat mit ihm selbst geflohen, weil sie endlich entdeckt, sie habe ihn doch nicht lieb genug, und sich dabei vor dem Zorn ihrer Verwandten gefürchtet hatte, wenn sie von der Verlobung zurückträte. Diesen letzten Entschluß, gerades Wegs zu Arthur zu gehen, fest im Herzen, quälte sich Adam darüber, daß er mit fast nutzlosen Nachforschungen zwei Tage verbracht hatte, und doch mußte er Poysers sagen können, daß er so weit wie möglich ihre Spur verfolgt habe, weil er ihnen weder seine Überzeugung, wohin Hetty wirklich gegangen sei, noch auch seine Absicht, ihr selbst dahin zu folgen, mitteilen wollte. Dienstag Mitternacht war schon vorüber, als Adam Treddleston erreichte, und da er Mutter und Bruder zu so später Stunde nicht stören und sich ihren Fragen nicht aussetzen mochte, warf er sich in einem Wirtshause angekleidet aufs Bett und schlief aus reiner Ermattung bald fest ein. Indes schon nach vier Stunden wachte er wieder auf und vor fünf Uhr, als kaum der Morgen graute, war er schon auf dem Heimwege. Den Schlüssel zur Werkstatt hatte er immer in der Tasche, und er hoffte daher, ins Haus kommen zu können, ohne seine Mutter zu wecken; er wollte es gern vermeiden, ihr selbst die Trauerkunde zu bringen und lieber erst mit Seth sprechen, damit der es ihr erzählen könne, wenn's nötig wäre. Er ging leise über den Hof und drehte leise den Schlüssel in der Thür, aber Gyp hatte sein Lager in der Werkstatt und erhob, wie sich erwarten ließ, ein lautes Gebell. Als er Adam erblickte, der ihm mit erhobenem Finger Stillschweigen gebot, wurde er wieder still, und in seiner stummen Freude mußte er sich damit begnügen, seinen Leib an den Beinen seines Herrn zu scheuern. Adam war zu schwer herzenskrank, um die Liebkosung des Hundes zu beachten. Er warf sich auf die Bank und starrte in dumpfem Brüten die hölzernen Bretter und das Handwerkszeug an, indem er sich verwundert fragte, ob er wohl je wieder Freude daran haben werde, während Gyp in der dunklen Ahnung, mit seinem Herrn sei etwas besonderes vorgefallen, ihm seinen zottigen, grauen Kopf auf das Knie legte und mit verzogenen Augenbrauen zu ihm aufblickte. Bisher war Adam seit Sonntag Abend unter fremden Leuten und an fremden Orten gewesen, die mit den Einzelheiten seines täglichen Lebens nichts gemein hatten, und jetzt, wo er beim ersten Schein des Morgens nach Haus zurückgekommen war und sich umgeben sah von den altbekannten Gegenständen, die für immer ihres Reizes beraubt schienen, da bedrückte ihn die Wirklichkeit, die harte unentrinnbare Wirklichkeit seiner Leiden mit neuer Schwere. Grade vor ihm stand eine halbfertige Kommode, die er für Hetty in freien Augenblicken gemacht hatte – auf die Zeit, wo sein Haus auch das ihre wäre! Seth hatte Adam nicht ins Haus kommen hören, aber von dem Bellen des Hundes war er aufgewacht und Adam hörte ihn oben in der Kammer. Seths erster Gedanke galt seinem Bruder; gewiß kam er heute endlich zurück, denn morgen war er im Geschäft dringend nötig, aber er freute sich doch, daß Adams Ferien länger geworden seien, als er beabsichtigt hatte. Und ob Dina wohl mitkäme?! Er fühlte, das sei das größte Glück, was er für sich selbst erwarten könne, obschon er keine Hoffnung mehr hegte, daß sie ihn je lieb genug haben würde, um ihn zu heiraten; aber er hatte sich oft gesagt, Dinas Freund und Bruder zu sein sei mehr wert, als ein anderes Mädchen zur Frau zu haben. Wenn er ihr nur immer nahe sein könnte, statt so ferne von ihr zu leben! Er kam die Treppe herunter und öffnete die innere Thür, die vom Hausflur in die Werkstatt führte, um Gyp herauszulassen, aber wie von einem plötzlichen Schlage getroffen, blieb er auf der Schwelle stehen: vor ihm auf der Bank saß Adam, lautlos, blaß, ungewaschen, mit eingesunkenen stieren Augen, fast wie ein Trunkenbold nach durchschwärmter Nacht. Aber Seth erkannte sofort, was diese Zeichen bedeuteten: nicht Trunkenheit, sondern ein großes Unglück. Adam blickte zu ihm auf, ohne ein Wort zu sprechen, und Seth ging auf ihn zu und zitterte selbst so, daß ihm das Sprechen schwer wurde. »Gott sei uns gnädig, Adam!« sagte er leise und setzte sich zu ihm auf die Bank, »was hast du?« Adam war unfähig zu sprechen; der starke Mann, der so gewohnt war, seinen Schmerz zu beherrschen, fühlte bei diesem ersten Zeichen von Teilnahme sein Herz aufschwellen wie ein Kind; er fiel Seth um den Hals und weinte und schluchzte. Jetzt war Seth auf das Schlimmste gefaßt; selbst aus seiner Kindheit konnte er sich nicht erinnern, daß Adam jemals geschluchzt hatte. »Tot, Adam? Ist sie tot?« fragte er mit gedämpfter Stimme, als Adam den Kopf erhob und wieder etwas zu sich kam. »Nein, mein Junge; aber sie ist fort – sie hat uns verlassen. Sie ist gar nicht in Snowfield gewesen. Dina ist schon seit Freitag vor vierzehn Tagen nach Leeds, gerade seit dem Tage, wo Hetty wegging. Bis Stoniton habe ich ihre Spur verfolgt, aber wohin sie weiter gegangen ist, kann ich nicht herausbringen.« Seth verstummte vor äußerstem Erstaunen; er konnte sich keinen Grund denken, weshalb Hetty fortgegangen sei. »Hast du 'ne Ahnung, warum sie das gethan hat?« fragte er endlich. »Sie muß mich nicht geliebt haben; die Heirat ist ihr zuwider gewesen, als sie nahe bevorstand – das muß es sein,« antwortete Adam, entschlossen, keinen weiteren Grund zu erwähnen. »Ich höre die Mutter oben,« sagte Seth; »wollen wir's ihr sagen?« »Nein, noch nicht,« erwiderte Adam und stand von der Bank auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht, wie um sich selbst zu ermuntern. »Sie darf es jetzt noch nicht wissen, und wenn ich im Dorfe und auf dem Pachthofe gewesen bin, muß ich mich gleich wieder auf die Reise machen; ich kann dir nicht sagen, wo ich hingehe, und du mußt ihr erzählen, ich sei in Geschäften fort, von denen niemand etwas wissen dürfe. Jetzt will ich mich waschen.« Mit diesen Worten ging Adam nach der Thür der Werkstatt, aber nach wenigen Schritten wandte er sich um, sah dem Bruder mit einem Blick stiller Wehmut in die Augen und sagte: »ich muß alles Geld aus der Sparbüchse nehmen, mein Junge, aber wenn mir etwas zustoßen sollte, dann gehört alles übrige dir und du kannst es für die Mutter verwenden.« Seth wurde blaß und zitterte am ganzen Leibe; er fühlte, hier sei ein schreckliches Geheimnis verborgen. »Bruder,« sagte er mit matter Stimme – so nannte er Adam nur in feierlichen Augenblicken – »Bruder, du wirst doch nichts thun, wozu du nicht Gott um seinen Segen anflehen kannst?« »Nein, Seth,« erwiderte Adam, »fürchte nichts; ich will nur thun, was Mannes Pflicht ist.« Der Gedanke, daß ihn die Mutter, wenn er ihr von seiner Not erzähle, nur mit Ausbrüchen ungeschickter Zärtlichkeit oder auch mit triumphierenden Worten darüber quälen würde, wie sehr sich ihre Prophezeiung bestätige, daß Hetty nicht für ihn zur Frau passe, – dieser Gedanke gab ihm zum Teil seine gewohnte Festigkeit und Selbstbeherrschung wieder. Als sie herunterkam, sagte er ihr, er sei auf dem Rückwege unwohl geworden, und deshalb die ganze Nacht in Treddleston geblieben, und ein böses Kopfweh, das ihn auch heute früh noch nicht verlassen habe, mußte für sein blasses Aussehen und seine müden Augen vorhalten. Zunächst entschloß er sich, ins Dorf zu gehen, eine Stunde nach dem Geschäft zu sehen und Burge anzuzeigen, daß er genötigt sei, eine Reise anzutreten, von der er niemanden etwas sagen dürfe; er wollte es nämlich vermeiden, um die Frühstückszeit auf den Pachthof zu kommen, weil dann die Kinder und die Dienstboten auf dem Flur wären und Zeugen der Verwunderung sein würden, daß er ohne Hetty zurückgekehrt sei. Er wartete bis neun Uhr, ehe er die Werkstatt im Dorfe verließ, und ging dann übers Feld nach dem Pachthof. Als er schon nicht mehr weit davon war, sah er zu seiner großen Freude Poyser selbst auf sich zukommen. Er konnte sich also den peinlichen Besuch im Hause ersparen. Poyser fühlte sich recht munter an dem frischen Märzmorgen; er war ausgegangen, um ein neues Karrenpferd beschlagen zu sehen, und hatte seinen Stock mit der kleinen Schaufel in der Hand. Sein Erstaunen war groß, als er Adam zu Gesicht bekam, aber er ahnte nicht so leicht Unheil. »Wie? Adam, Junge, seid Ihr das? So lange seid Ihr weg gewesen und habt doch die Mädchen nicht mitgebracht? Wo bleiben sie denn?« »Nein, ich habe sie nicht mitgebracht,« antwortete Adam und wandte sich um, damit er gleich mit Poyser zurückgehen könne. »Aber was seh ich?« sagte Poyser und blickte Adam scharf an, »Ihr seht ja schlecht aus; ist was vorgefallen?« »Ja,« erwiderte Adam mit schwerer Stimme. »Etwas Trauriges ist vorgefallen. Ich habe Hetty nicht in Snowfield getroffen.« Auf Poysers gutmütigem Gesichte zeigte sich Bestürzung und Erstaunen. »Sie ist nicht gefunden? was ist ihr denn passiert?« fragte er, indem er zunächst an körperliches Leiden dachte. »Ob ihr etwas zugestoßen ist, kann ich nicht sagen. Sie ist gar nicht in Snowfield gewesen, sie ist nach Stoniton gefahren, aber was nachher aus ihr geworden ist, habe ich nicht erfahren können.« »Wie, Ihr wollt doch nicht sagen, sie sei weggelaufen?« sagte Poyser und blieb so bestürzt und erschrocken stehen, daß er das schwere Gewicht der Thatsache zunächst noch gar nicht empfand. »Ja, das fürcht' ich,« antwortete Adam. »Sie hat unsre Heirat nicht gemocht, als die Entscheidung herankam – das muß es sein. Sie hat sich über ihre Gefühle getäuscht.« Poyser schwieg einige Minuten, blickte zu Boden und schaufelte im Grase herum, ohne zu wissen was er that. Seine gewöhnliche Langsamkeit steigerte sich immer, wenn ihm der Gegenstand des Gespräches peinlich war. Endlich sah er auf, blickte Adam grade ins Gesicht und sagte: »Dann war sie Eurer nicht wert, mein Junge. Und ich fühle mich selbst dabei schuldig, denn sie war meine Nichte, und ich war immer darauf versessen, daß sie Euch heiraten sollte. Ich kann Euch nichts zum Ersatz bieten, mein Junge; desto mehr thut's mir leid; es ist ein böser Schlag für Euch, fürcht' ich.« Adam konnte nicht antworten; schweigend gingen sie wieder etwas weiter, dann fuhr Poyser fort: »Verlaßt Euch drauf, sie ist fortgegangen, um eine Stelle als Kammerjungfer zu suchen; das hatte sie schon vor einem halben Jahre vor und bat mich um meine Einwilligung. Aber ich habe besser von ihr gedacht,« fügte er hinzu und schüttelte langsam und traurig den Kopf – »ich habe besser von ihr gedacht und war auf so was nicht gefaßt, nachdem sie Euch zugesagt hatte und alles schon so weit vorbereitet war.« Adam fühlte sich verpflichtet, Poyser in dieser Annahme möglichst zu bestärken, und versuchte sogar, sich selbst einzureden, sie sei möglicherweise richtig. Noch hatte er ja keine Gewißheit, daß sie zu Arthur gegangen sei. »Es ist so doch besser,« sagte er so ruhig wie möglich; »wenn sie einmal fühlte, sie könne mich nicht zum Manne nehmen – besser daß sie jetzt entflohen ist als nachher zu bereuen. Ich hoffe, Ihr werdet nicht zu hart gegen sie sein, wenn sie zurückkommt, und das thut sie vielleicht, wenn ihr das Fortkommen in der Fremde zu schwer wird.« »Ich kann sie nicht wieder so aufnehmen, wie früher,« erwiderte Poyser mit Bestimmtheit. »Sie hat schlecht an Euch gehandelt und schlecht gegen uns alle. Aber ganz will ich mich doch nicht von ihr abwenden; sie ist noch jung und es ist das erste Leid, was sie mir anthut. Aber es wird mir sauer werden, es ihrer Tante zu sagen. Doch warum habt Ihr Dina nicht mitgebracht? Sie hätte recht mit helfen können, die Tante zu beruhigen.« »Dina war nicht in Snowfield; sie ist seit vierzehn Tagen in Leeds, aber ich konnte von ihrer alten Wirtin keine genaue Adresse erfahren, sonst hätt' ich sie Euch mitgebracht.« »Sie thäte viel besser, zu ihren eigenen Verwandten zu kommen« bemerkte Poyser entrüstet, »als so bei fremden Leuten herumzugehen und ihnen was vorzupredigen.« »Ich muß jetzt fort,« sagte Adam; »ich habe noch viel zu thun.« »Ja, Ihr geht am besten wieder an Eure Arbeit, und ich muß es meiner Frau sagen, wenn ich nach Haus komme, es wird mir recht sauer.« »Aber, sagte Adam, ich bitte Euch recht, behaltet es noch ein oder zwei Wochen für Euch. Ich habe meiner Mutter auch noch nichts davon gesagt, und man kann nicht wissen, wie sich die Sache noch wendet.« »Ja, ja, je weniger man davon spricht, desto besser. Wir brauchen ja nicht zu sagen, warum aus der Heirat nichts wird, und vielleicht hören wir bald von ihr. Gebt mir die Hand, mein Junge; ich wollte, ich könnte das an Euch gut machen.« Poysern schien was in der Kehle zu stecken, als er diese wenigen Worte sagte; sie kamen etwas abgebrochen heraus. Um so besser fühlte Adam, wie sie gemeint waren, und die beiden braven Männer schüttelten sich die harten Hände und verstanden sich. Nun war Adam durch nichts mehr gehindert, seine Reise anzutreten. Er hatte Seth aufgetragen, aufs Schloß zu gehen und dem alten Herrn zu bestellen, er habe plötzlich eine dringende Reise antreten müssen, und genau das und nichts weiter sollte er jedem andern antworten, der etwa nach ihm fragte. Poysers würden schon wissen, daß diese Reise Hetty gelte, wenn sie davon hörten. Er hatte vorgehabt, sich gleich vom Pachthof auf den Weg zu machen, aber nun kam ihm der Gedanke, der ihm so oft durch den Kopf gegangen war, zum Pastor Irwine zu gehen und ihn ins Vertrauen zu ziehen, mit aller Kraft wieder; es sollte ein letzter Versuch sein. War er doch im Begriff, eine lange, schwierige Reise anzutreten, über See zu gehen, und keine Seele wußte, wo er hin sei. Wenn ihm nun etwas zustieße? Oder wenn er für Hetty durchaus der Hilfe bedürfte? Auf den Pastor war Verlaß, und die Abneigung, etwas zu verraten, was ihr Geheimnis war, mußte der Rücksicht weichen, daß sie außer ihm selbst noch jemand nötig habe, der für sie einträte, wenn es zum Äußersten käme. Gegen Arthur fühlte sich Adam nicht zum Stillschweigen verpflichtet, selbst wenn er keine neue Schuld auf sich geladen haben sollte; Hettys Interesse verlangte, daß er jetzt rede. »Ich muß es thun,« sagte Adam, als diese Gedanken, die ihn auf seiner traurigen Wanderung schon stundenlang beschäftigt hatten, nun mit einemmale wie eine langsam angewachsene Woge auf ihn einstürzten; »ich muß es thun, es ist das Rechte. Ich kann nicht länger so allein stehen.« Neununddreißigster Abschnitt Die Schreckenskunde Mit schnellen Schritten ging Adam den Weg nach Broxton; er fürchtete, der Pastor sei vielleicht schon ausgegangen und vor Sorge und Eile war er heftig aufgeregt, als er auf den Pfarrhof trat. Vor der Hofthür sah er frische Pferdespuren im Sande, aber sie waren nach dem Hause hin gerichtet, nicht nach draußen und das Pferd, welches vor dem Stalle stand, gehörte nicht dem Pastor; augenscheinlich war es heute früh schon geritten und gehörte jemandem, der beim Pastor Geschäfte hatte. Dieser war also zu Hause, aber Adam konnte kaum Atem und Ruhe finden, um dem Bedienten zu sagen, er wünsche den Pastor zu sprechen. Das zwiefache Leiden gewissen und ungewissen Schmerzes hatte den starken Mann schon etwas erschüttert. Der Bediente sah ihn verwundert an, als er sich im Flur auf eine Bank warf und wie abwesend die gegenüberstehende Uhr anstarrte; es sei jemand beim Pastor, sagte er, aber er höre die Thür des Studierzimmers gehen; der Fremde scheine herauszukommen, und da es Adam sehr eilig habe, so wolle er ihn sofort anmelden. Adam saß da und blickte die Uhr an; mit lautem, hartem, einförmigem Ticken bewegte sich der Minutenzeiger über die letzten fünf Minuten vor zehn und Adam folgte der Bewegung und horchte auf den Ton so aufmerksam, als hätte er einen verständigen Grund dafür. In Zeiten bitteren Leidens kommen fast immer solche Pausen, wo unser Bewußtsein gegen alles abgestumpft ist, nur nicht gegen eine ganz gewöhnliche Beobachtung oder Empfindung; es ist dann, als käme ein halber Blödsinn über uns und gewähre uns Erholung von den furchtbaren Gedanken, die selbst im Schlaf nicht weichen wollen. Der Bediente kam zurück und rief Adam wieder wach zu dem Gefühl seiner Qual. Er möchte sofort ins Studierzimmer kommen, sagte er. »Ich verstehe nicht, was der Fremde bei meinem Herrn will,« fügte er geschwätzig hinzu, indem er Adam den Weg zeigte; »er ist ins Eßzimmer gegangen. Und unser Herr sieht ganz sonderbar aus, grade als ob er einen Schreck gehabt hätte.« Adam achtete nicht darauf; was gingen ihn jetzt fremder Leute Geschäfte an? Aber als er in das Studierzimmer trat und dem Pastor ins Gesicht sah, erkannte er sofort einen neuen Ausdruck darin, der von der warmen Freundlichkeit, die es sonst immer für ihn hatte, seltsam abstach. Auf dem Tische lag ein offener Brief, und der Pastor hielt die Hand darauf, aber der veränderte Blick, den er auf Adam warf, konnte nicht lediglich durch eine frühere Beschäftigung mit etwas Unangenehmem veranlaßt sein; denn er sah eifrig nach der Thür, als sei ihm dieser Besuch peinlich und beklemmend. »Ihr wollt mich sprechen, Adam,« sagte er in dem leisen, gezwungen ruhigen Tone eines Mannes, der seine Aufregung zu beherrschen sucht. »Setzt Euch zu mir.« Er zeigte auf einen Stuhl grade gegenüber, in seiner unmittelbaren Nähe, und Adam nahm mit dem Gefühle Platz, daß diese kalte Art des Pastors ihm seine Aufgabe unerwartet erschwere. Aber wenn Adam sich einmal etwas vorgenommen hatte, dann war er nicht der Mann, anders als aus den dringendsten Gründen darauf zu verzichten. »Ich komme zu Ihnen, Herr Pastor,« sagte er, »weil Sie mir von allen Leuten am höchsten stehen. Ich habe Ihnen etwas Schmerzliches zu sagen – etwas, was Ihnen peinlich sein wird zu hören, wie es mir peinlich ist zu erzählen. Aber wenn ich von dem Unrecht spreche, was andere Leute gethan haben, so werden Sie sehen, daß ich es nur mit vollem Grunde thue.« Der Pastor nickte langsam mit dem Kopfe, und Adam fuhr mit zitternder Stimme fort: »Sie wissen, am fünfzehnten dieses Monats wollte ich mit Hetty Sorrel Hochzeit machen. Ich glaubte, sie hätte mich lieb, und war der glücklichste Mensch im Dorfe. Aber ein furchtbarer Schlag hat mich betroffen.« Unwillkürlich fuhr der Pastor vom Stuhle auf, aber, entschlossen sich zu beherrschen, that er, als habe er nur ans Fenster gehen wollen und blickte hinaus. »Sie ist fortgegangen, Herr Pastor, und wir wissen nicht wohin. Freitag vor vierzehn Tagen sagte sie, sie wolle nach Snowfield, und letzten Sonntag ging ich hinüber, um sie abzuholen; aber sie ist nicht nach Snowfield gegangen, sondern nach Stoniton; weiter kann ich ihre Spur nicht verfolgen. Aber jetzt gehe ich auf eine lange Reise, um sie zu suchen und nur Ihnen kann ich anvertrauen, wo ich hingehe.« Irwine kam vom Fenster zurück und setzte sich wieder. »Könnt Ihr den Grund nicht ahnen, weshalb sie fortgegangen ist?« fragte er. »Der Grund ist klar genug; sie hat mich nicht heiraten mögen, Herr Pastor,« erwiderte Adam. »Als die Hochzeit so nahe war, konnte sie sich nicht entschließen. Aber das ist nicht alles, fürchte ich. Ich muß Ihnen noch etwas anderes sagen. Es hat außer mir noch jemand mit der Sache zu thun.« Ein Strahl von – es war beinahe Freude und Herzenserleichterung überflog in diesem Augenblick den Ausdruck unruhiger Angst in Irwines Gesicht. Adam blickte zur Erde und machte eine kleine Pause: die nächsten Worte wurden ihm schwer, so schwer. Aber als er fortfuhr, hob er den Kopf in die Höhe und blickte den Pastor grade an. Er wollte thun, was er beschlossen hatte, ohne Zittern und Zögern. »Sie wissen, Herr Pastor, wer der Mann ist, den ich für meinen größten Freund gehalten habe, und für den ich mit Stolz mein ganzes Leben zu arbeiten gedachte, und den ich immerfort, seit unsrer Knabenzeit ...« Nicht mehr fähig, sich zu beherrschen, ergriff der Pastor Adam beim Arm, packte ihn krampfhaft fest wie in furchtbarem Schmerz und sagte mit bleichem Munde leise und hastig: »Nein, Adam, nein! sagt das nicht, um Gotteswillen!« Adam war überrascht durch die Heftigkeit dieses Ausbruchs und bereute schon die Worte, die ihm über die Lippen gekommen, und schwieg bekümmert still. Allmählich ließ Irwine den Arm wieder los und lehnte sich im Stuhle zurück, indem er sagte: »weiter, weiter; ich muß alles wissen.« »Der Mann hat mit Hettys Herzen sein Spiel getrieben und sich gegen sie benommen, wie er gegen ein Mädchen von ihrem Stande nicht durfte, hat ihr Geschenke gemacht und ist mit ihr spazieren gegangen; ich entdeckte das erst zwei Tage vor seiner Abreise, wo ich dazukam, als er sie zum Abschiede im Wäldchen küßte. Damals war zwischen mir und Hetty noch kein Wort von Verlobung gefallen, obgleich ich sie schon lange lieb hatte und sie das wußte. Aber ich machte ihm Vorwürfe über sein Unrecht, und es kam darüber zwischen uns zu harten Worten und zu Schlägen, und danach versicherte er mich feierlich, es sei alles Unsinn gewesen und nur ein bißchen Liebelei. Und er mußte mir einen Brief an Hetty schreiben, daß er sich nichts dabei gedacht habe; denn aus verschiedenen Zeichen, die ich früher nicht begriffen hatte, erkannte ich deutlich genug, Herr Pastor, daß er ihr Herz gefangen habe, und ich glaubte, sie würde vielleicht immerfort an ihn denken und dann niemals einen andern lieben, der sie heiraten könnte. Und den Brief gab ich ihr selbst, und nach einiger Zeit schien sie es besser zu tragen, als ich erwartet hatte... und sie wurde immer freundlicher gegen mich ... ich glaube bestimmt, sie kannte ihr eigenes Herz nicht, das arme Ding, und sie wurde sich erst klar, als es zu spät war ... ich will sie nicht weiter tadeln... ich kann mir nicht denken, daß sie mich hat betrügen wollen. Aber ich durfte glauben, sie habe mich lieb und ... das übrige wissen Sie, Herr Pastor. Aber es liegt mir so im Sinn, daß er falsch gegen mich gewesen ist und sie weggelockt hat und daß sie zu ihm gegangen ist – und jetzt will ich auch hin und nachsehen; an die Arbeit kann ich doch nicht wieder, bis ich weiß, was aus ihr geworden ist.« Während Adams Erzählung hatte Irwine Zeit gehabt, trotz der qualvollen Gedanken, die auf ihn einstürmten, die Herrschaft über sich selbst wiederzugewinnen. Eine bittere Erinnerung war es ihm jetzt – jener Morgen, wo Arthur bei ihm frühstückte und auf dem Punkte schien, ein Geständnis zu machen. Jetzt war es deutlich genug, was er hatte gestehen wollen. Und hätte ihr Gespräch eine andere Wendung genommen, wäre er selbst nicht so überzart gewesen, in das Geheimnis eines andern nicht eindringen zu wollen ... welch' furchtbare Qual nun zu denken, wie unendlich nahe die Rettung gewesen aus all dieser Schuld und diesem Elend! Jetzt sah er die ganze Sache in dem schrecklichen Lichte, welches die Gegenwart auf die Vergangenheit zurückwirft. Aber alle andern Gefühle, wie viele ihrer auch auf ihn einstürmten, traten zurück vor dem Mitleid, dem tiefen, ehrfurchtsvollen Mitleid für den Mann, der vor ihm saß, – der, schon so gebeugt vom Schicksal, blind und wehmütig sich in ein eingebildetes Leiden ergab, während ein wirkliches Leiden ihn getroffen hatte, welches über den Bereich gewöhnlicher Heimsuchungen zu weit hinausging, als daß er es je hätte befürchten können. Irwine fühlte seine eigene Aufregung durch einen gewissen Schauder gedämpft, der einem großen Schmerz gegenüber uns überkommt; denn für ihn war der Schmerz schon da, den er nun Adam bereiten mußte. Wieder legte er ihm die Hand auf den Arm, der noch auf dem Tische ruhte, aber diesmal sehr sanft und feierlich sprach er: »Adam, mein lieber Freund, Ihr habt schon schwere Heimsuchungen in Eurem Leben gehabt. Ihr könnt Schmerz männlich tragen so gut wie männlich handeln; beides verlangt Gott von uns. Und ein schwereres Leid kommt jetzt über Euch, als alles was Ihr bisher erfahren. Aber Ihr seid nicht schuldig, dies schwerste Leid trifft Euch nicht. Gott helfe dem, den es trifft!« Die beiden blassen Gesichter sahen einander an; auf Adams Gesicht war zitternde Erwartung, auf Irwines Gesicht zögerndes, scheues Mitleid. Aber er fuhr fort: »Ich habe heute Morgen Nachricht von Hetty erhalten. Zu ihm ist sie nicht; sie ist in Stonyshire, in Stoniton selbst.« Adam sprang vom Stuhle auf, als wenn er in einem Augenblick zu ihr eilen könne. Aber der Pastor faßte ihn wieder beim Arm und sagte sanft: »Geduld, Adam, wartet,« und Adam setzte sich wieder. »Sie ist in einer sehr unglücklichen Lage – in einer Lage, daß es schlimmer für Euch ist, sie wieder zu finden, mein armer, armer Freund, als sie für immer verloren zu haben.« Adams Lippen bebten, aber sie gaben keinen Laut. Sie bewegten sich wieder und er flüsterte: »sprechen Sie.« »Sie ist verhaftet ... ist im Gefängnis.« Es war, als hätte ein schimpflicher Schlag Adam die Kraft des Widerstandes zurückgegeben. Das Blut trat ihm ins Gesicht und mit lauter, scharfer Stimme fragte er: »Weswegen?« »Wegen eines schweren Verbrechens, – sie hat – ihr Kind – umgebracht.« »Es ist unmöglich!« schrie Adam laut, sprang vom Stuhle auf und machte einen Schritt nach der Thür zu. Aber er wandte sich wieder, lehnte sich mit dem Rücken gegen das Bücherbrett und sah den Pastor grimmig an. »Es ist nicht möglich. Sie hat kein Kind. Sie kann nicht schuldig sein. Wer sagt das?« »Gebe Gott, daß sie unschuldig ist, Adam! Noch können wir es hoffen.« »Aber wer sagt, daß sie schuldig ist?« fragte Adam heftig. »Sagen Sie mir alles.« »Hier ist ein Brief von der Gerichtsperson, der man sie vorgeführt hat, und der Konstabler, der sie verhaftet hat, ist im Eßzimmer. Sie will nicht sagen, wie sie heißt, noch wo sie her ist, aber ich fürchte, ich fürchte, es ist gewiß Hetty. Die Beschreibung ihrer Person trifft zu, nur soll sie sehr blaß und elend aussehen. Man hat ein kleines Taschenbuch von rotem Leder bei ihr gefunden, worin zwei Namen stehen, einer vorne: »Hetty Sorrel, Hayslope,« und der andere weiter hinter: »Dina Morris, Snowfield.« Was ihr eigener Name ist, will sie nicht sagen; sie leugnet alles und antwortet auf keine Frage, und ich bin in meiner Eigenschaft als Magistratsperson aufgefordert, ihre Identität feststellen zu helfen, weil man es für wahrscheinlich hält, daß der erste von den beiden Namen ihr eigener ist.« »Aber welche Beweise liegen gegen sie vor, wenn es wirklich Hetty ist?« fragte Adam immer noch heftig und in einer Aufregung, die seinen ganzen Bau zu erschüttern schien. »Ich will es nicht glauben. Wenn es wäre, so hätte es einer von uns wissen müssen.« »Schwerer Beweis, daß sie wohl versucht sein konnte, das Verbrechen zu begehen, aber es ist noch Raum zu hoffen, daß sie es nicht wirklich beging. Da, Adam, leset den Brief selbst.« Adam nahm den Brief, obschon ihm die Hände flogen und versuchte die Augen fest darauf zu richten, während der Pastor ihn für einen Augenblick verließ. Als er wieder in die Stube trat, war Adam immer noch auf der ersten Seite – er konnte nicht lesen – konnte nicht die Worte aneinander reihen, nicht ihre Bedeutung fassen. Endlich warf er den Brief hin und ballte die Faust. »Es ist sein Werk!« rief er aus; »wenn ein Verbrechen begangen ist, dann trifft ihn die Schuld, nicht sie. Er lehrte sie, uns zu täuschen – er täuschte mich zuerst. Ihm muß man den Prozeß machen – ihn neben sie vor Gericht stellen, und ich will den Leuten sagen, wie er ihr Herz umgarnt hat und sie ins Verderben gelockt und dann mich belogen. Soll er frei ausgehen und alle Strafe auf sie fallen, die so schwach ist und jung?« Diese letzten Worte riefen Adam ein Bild vor die Seele, welches seinem betäubten Gefühl eine neue Richtung gab. Er schwieg still und blickte in die Ecke des Zimmers, als sähe er da etwas. Dann fuhr er wieder in einem Tone stehenden Jammers heraus: »Ich kann es nicht ertragen ... o Gott, es liegt zu schwer auf mir – es ist zu hart, zu denken, daß sie schlecht ist.« Der Pastor hatte sich wieder gesetzt und schwieg; er war zu verständig, um schon jetzt ein Wort der Beruhigung zu versuchen, und der Anblick Adams, der plötzlich so alt aussah, wie es wohl einem jungen Gesichte in Augenblicken schrecklicher Erregung widerfahren kann, – seine Haut schien hart und blutlos, um den bebenden Mund zogen sich tiefe Falten, und auf der Stirn zeigten sich Furchen – der Anblick dieses starken Mannes, der unter dem unsichtbaren Schlage des Schmerzes zusammenzuckte, bewegte ihn so tief, daß ihm das Sprechen nicht leicht wurde. Adam stand ohne Regung; seine Augen starrten ein paar Minuten ins Leere: in dem kurzen Zeitraume hatte er seine ganze Liebe wieder durchgelebt. »Sie kann das nicht gethan haben,« sagte er noch immer starr vor sich hinblickend, als spräche er nur mit sich selbst; »aus Furcht hat sie es verborgen ... ich vergebe ihr, daß sie mich getäuscht hat ... ja, ich vergebe dir, Hetty ... du bist auch getäuscht worden ... es ist dir schlimm mitgespielt, meine arme Hetty ... aber glauben kann ichs nie.« Wiederum schwieg er einige Augenblicke und dann fuhr er wild heraus: »Ich will zu ihm – ich will ihn herbringen – er soll hingehen und sie in ihrem Elend sehen – soll sie ansehen, bis er es nie vergessen kann – Tag und Nacht soll es ihn verfolgen – sein ganzes Leben soll es ihn verfolgen – diesmal soll er nicht mit Lügen abkommen – ich will ihn holen, will ihn selbst herschleppen.« Mit diesen Worten stürzte Adam nach der Thür, aber mechanisch blieb er stehen und sah sich nach seinem Hute um, völlig ohne Bewußtsein, wo er sei und in wessen Gesellschaft. Der Pastor folgte ihm, nahm ihn am Arm und sagte ruhig, aber bestimmt: »Nein, Adam, nein; Ihr werdet gewiß gern hier bleiben und versuchen, was für sie geschehen kann, statt nutzlos auf Rache auszugehen. Die Strafe trifft ihn doch, auch ohne Euch. Übrigens ist er nicht mehr in Irland; er muß schon auf dem Wege hierher sein, oder wenigstens wird er es sein, lange ehe Ihr zu ihm kämet; schon vor zehn Tagen, das weiß ich bestimmt, hat ihm sein Großvater geschrieben, er möchte kommen. Jetzt müßt Ihr mit mir nach Stoniton. Ich habe schon ein Pferd für Euch bestellt und sobald Ihr Euch etwas gefaßt habt, wollen wir fortreiten.« Während Irwine so sprach, war Adam wieder zum Bewußtsein gekommen; er strich sich das Haar von der Stirn und hörte zu. »Erinnert Euch,« fuhr der Pastor fort, »wir müssen noch an andere denken und für sie handeln; da sind Hettys Verwandte, die guten Poysers; auf sie wird dieser Schlag so heftig fallen, daß ich den Gedanken nicht ertragen kann. Von Eurer Geistesstärke, Adam, von Eurem Pflichtgefühl gegen Gott und Menschen erwarte ich, daß Ihr versuchen werdet, zu handeln, so lange handeln noch etwas nutzen kann.« In Wahrheit schlug der Pastor diese Reise nach Stoniton um Adams selbst willen vor. Bewegung mit einer bestimmten Absicht schien ihm das beste Mittel, der Heftigkeit seines Schmerzes in den ersten Stunden entgegenzuwirken. »Ihr geht also mit mir nach Stoniton, Adam?« fragte er nach kurzer Weile wieder. »Wir müssen nachsehen, wißt Ihr, ob es wirklich Hetty ist.« »Ja, Herr Pastor,« erwiderte Adam, »ich will thun, was Sie für recht finden. Aber die Leute auf dem Pachthofe?!« »Sie brauchen's nicht eher zu erfahren, als bis ich wiederkomme und es ihnen selbst sage. Ich werde dann über manches Gewißheit haben, was mir jetzt unsicher ist, und zurück muß ich sobald als möglich. Jetzt kommt; die Pferde stehen bereit.« Vierzigster Abschnitt Bittere Wasser Noch an demselben Abend kehrte der Pastor von Stoniton zurück, und das erste, womit ihn sein Diener empfing, war die Nachricht, der alte Herr Donnithorne sei gestorben, man habe ihn am Morgen um zehn Uhr tot im Bette gefunden und Madame Irwine lasse ihn bitten, er möge nicht zu Bett gehen, ohne sie erst noch zu sehen, sie würde wach bleiben und auf ihn warten. »Nun, Dauphin,« sagte seine Mutter als er in ihr Zimmer trat, »da bist du endlich wieder. Die unruhige Besorgnis und Niedergeschlagenheit des alten Herrn, als er so plötzlich nach Arthur verlangte, haben also doch was zu bedeuten gehabt. Der Diener hat dir wohl gesagt, daß man ihn heute früh tot im Bett gefunden hat. Ein ander Mal wirst du meinen Prophezeiungen mehr Glauben schenken, denke ich; indes werde ich wohl schwerlich noch etwas anderes prophezeien, als meinen eigenen Tod.« »Was ist denn wegen Arthurs geschehen?« fragte der Pastor. »Hat man ihm einen Boten mit der Nachricht nach Liverpool entgegengeschickt?« »Ja wohl; es war schon einer fort, ehe sie's uns sagen ließen. Der liebe Arthur! Nun seh ich ihn doch noch als Herrn auf dem Schlosse. Jetzt kommt 'ne glückliche Zeit für das Gut; er ist so großherzig und brav. Er wird so glücklich sein wie ein König.« Der Pastor konnte nicht umhin, laut zu seufzen; er war von Anstrengung und Sorge erschöpft, und die leichtfertigen Worte seiner Mutter waren ihm fast unerträglich. »Warum bist du so trübe, Dauphin? Ist was Schlimmes vorgefallen? Oder denkst du an Arthurs gefährliche Reise über den bösen Kanal in dieser Jahreszeit?« »Nein, Mutter, daran denk' ich nicht, aber ich bin nicht in der Stimmung, mich recht zu freuen.« »Ah, ich sehe schon, diese Geschichte, derentwegen du nach Stoniton gewesen bist, hat dich angegriffen. Was in aller Welt ist es nur, daß du mir's nicht sagen kannst?« »Mit der Zeit wirst du's schon erfahren, Mutter. Es wäre nicht recht von mir, wenn ich's dir jetzt erzählte. Gute Nacht; wenn dir niemand mehr zuhört, wirst du schon einschlafen.« Der Pastor hatte die Absicht gehabt, Arthur einen Brief entgegen zu schicken, aber jetzt gab er sie auf, da Arthur auf die Nachricht von dem Tode seines Großvaters die Rückreise gewiß möglichst beschleunigen würde. Er konnte jetzt zu Bett gehen und sich einige Ruhe gönnen, deren er so sehr bedurfte; am andern Morgen wartete die schwere Pflicht auf ihn, die Trauerkunde auf den Pachthof und in Adams Haus zu bringen. Adam selbst war nicht mit von Stoniton zurückgekommen; obschon er Hetty nicht sehen mochte, konnte er es doch nicht ertragen, wieder so weit von ihr fortzugehen. »Es hilft doch nichts, Herr Pastor,« hatte er gesagt, »wenn ich mit Ihnen zurückgehe. An die Arbeit kann ich nicht wieder, so lange sie hier ist, und den Anblick der Dinge und Leute zu Haus kann ich nicht ertragen. Ich werde mir hier ein kleines Zimmer nehmen, wo ich die Mauern des Gefängnisses sehen kann und vielleicht bringe ich es mit der Zeit auch noch fertig, ihren Anblick zu ertragen.« In seinem Glauben an Hettys Unschuld war Adam nicht wankend geworden, denn der Pastor fühlte, er würde unter der Last erliegen, wenn er sie für schuldig halten müsse, und hatte ihm deshalb die Thatsachen verschwiegen, die ihm selbst keine Hoffnung ließen. Es war gar kein Grund, die ganze Last mit einemmale auf Adam zu werfen, und der Pastor sagte daher beim Scheiden nur: »wenn die Beweise gegen sie zu stark sein sollten, Adam, dann dürfen wir noch auf Gnade hoffen. Ihre Jugend und andere Umstände werden für sie sprechen.« »Ja und es ist nicht mehr als billig, daß die Leute erfahren, wie sie auf den Weg des Unrechts verleitet worden ist,« erwiderte Adam bitter. »Es ist nicht mehr als billig, daß die Leute erfahren, ein feiner Herr habe ihr den Hof gemacht und den Kopf verdreht. Und Sie erinnern sich doch, Herr Pastor?! Sie haben mir versprochen, meiner Mutter und Seth und den Leuten auf dem Pachthofe zu sagen, wer sie zum Unrecht verleitet hat; würde man sonst härter über sie urteilen, als sie verdient. Wenn Sie ihn schonen, thun Sie ihr schweres Unrecht, und nach meiner Ansicht ist er vor Gott der schuldigste, mag sie gethan haben, was sie will. Wenn Sie ihn schonen, dann stelle ich ihn blos!« »Euer Verlangen ist gerecht, Adam,« sagte Irwine; »aber wenn Ihr erst ruhiger seid, werdet Ihr auch barmherziger sein gegen Arthur. Jetzt sage ich nur: seine Strafe ist in andern Händen, nicht in unsern.« Der Pastor empfand es schwer, daß grade er von Arthurs schlimmem Anteil an dieser Geschichte von Sünde und Leid erzählen solle, – er, der immer für Arthur eine väterliche Neigung, väterlichen Stolz gehabt hatte. Aber er erkannte deutlich, das Geheimnis müsse, auch abgesehen von Adams Entschluß, doch bald bekannt werden, da sich kaum annehmen ließ, Hetty würde bis zuletzt in ihrem hartnäckigen Schweigen verharren. Er nahm sich vor, Poysers sofort alles zu sagen, da keine Zeit war, sie auf die Schreckenskunde allmählich vorzubereiten. Hetty sollte vor die nächsten Assisen kommen, die schon in der folgenden Woche in Stoniton stattfanden. Es ließ sich kaum hoffen, daß ihr Onkel der peinlichen Verlegenheit entgehen würde, als Zeuge auftreten zu müssen und es war am besten, ihn so früh wie möglich von allem zu unterrichten. Am Donnerstag Morgen vor zehn Uhr war schon der Pachthof ein Haus der Trauer. Das Unglück war schlimmer als Tod. Die Familie hatte ein zu scharfes Gefühl für diese Entehrung, als daß selbst in dem gutherzigen Pachter Raum für Mitleid gegen Hetty gewesen wäre. Er und sein Vater waren einfache Bauern, stolz auf ihren fleckenlosen Charakter, stolz auf ihre Abstammung von einer Familie, die den Kopf hatte hochtragen dürfen all die Zeit her, seitdem ihr Name im Kirchenbuche stand und Hetty hatte Schande gebracht über sie alle – unauslöschliche Schande. Das war das überwältigende Gefühl bei beiden, Vater und Sohn – das brennende Bewußtsein der Schande, welches jede andere Regung unterdrückte und Irwine war ganz überrascht und betroffen, daß Frau Poyser weniger hart war als ihr Mann. Sanfte Leute erschrecken uns oft durch ihre Strenge bei außerordentlichen Gelegenheiten. Der Grund ist, daß diese sanften Leute leicht unter der Herrschaft hergebrachter Eindrücke stehen. »Gern will ich alles bezahlen, was nötig ist, um sie durchzubringen,« sagte der Hausherr, als Irwine fort war, während der alte Großvater auf seinem Stuhl saß und weinte, »aber nie will ich ihr wieder nahe kommen, niemals sie wieder sehen. Sie hat uns allen für immer das Leben verbittert und nie werden wir wieder unsern Kopf hoch tragen können, weder in diesem Dorfe, noch in einem andern. Der Pastor meinte, die Leute hätten Mitleid mit uns; kann ihr Mitleid uns ersetzen, was wir verloren haben?« »Mitleid?!« sagte der Großvater mit scharfem Tone; »ich habe in meinem Leben von andern Leuten kein Mitleid nötig gehabt und nun muß ich die Leute auf mich herabsehen lassen und bin schon über zweiundsiebzig und all die Träger, die ich schon für mein Begräbnis ausgewählt habe, wohnen hier in dem Dorfe und in dem nebenan ... das ist jetzt alles umsonst ... fremde Leute werden mich zu Grabe tragen.« »Ereifert Euch nicht so, Vater,« sagte Frau Poyser, die von ihres Mannes Härte und Entschiedenheit fast überwältigt war und daher bis jetzt wenig gesprochen hatte. »Ihr behaltet ja Eure Kinder bei Euch und die Jungens und unser kleines Mädchen werden in einem andern Dorfe ebenso gut heranwachsen wie in dem hier.« »Ja, hier ist unsres Bleibens nicht länger,« sagte der Pachter, und bittere Thränen liefen ihm langsam über die runden Backen. »Wir meinten, es würde schlimm, wenn uns der alte Herr am Mariätag kündigte, aber jetzt muß ich selbst kündigen und zusehen, daß ich einen finde, der herkommt und nach der Ernte sieht, die ich gesät habe; denn freiwillig bleib' ich keinen Tag länger auf dem Menschen seinem Grund und Boden. Und hab' ihn doch immer für einen guten, offenen jungen Mann gehalten und mich darauf gefreut, wenn er erst unser Gutsherr wäre. Ich werde den Hut nicht wieder vor ihm abnehmen und nicht in derselben Kirche mit ihm sitzen... so 'nem Menschen, der Schande gebracht hat über ehrliche Leute ... und that immer so freundlich und gut mit allen Menschen ... Der arme Adam ... ein netter Freund ist er für den gewesen; hält Reden und schwatzt so schön und zur selben Zeit vergiftet er dem armen Jungen sein Leben; der wird auch kaum hier bleiben können, eben so wenig wie wir.« »Und daß du vor Gericht gehen mußt und dich zu ihrem Verwandten bekennen!« fiel der Großvater wieder ein. »Die Leute werden's eurer Jüngsten nachtragen, die noch nicht vier Jahr alt ist – sie werden ihr nachsagen, ihre Base sei von den Geschworenen wegen Mordes verurteilt.« »Das wäre schlecht genug von den Leuten,« erwiderte Frau Poyser beinahe schluchzend. »Aber einer ist über uns, der wird das unschuldige Kind beschützen, sonst löge ja der Pastor auf der Kanzel.« »Wir sollten nach Dina schicken, wenn wir nur wüßten, wo sie ist,« meinte Poyser, »aber Adam sagte, sie habe nicht hinterlassen, wo sie in Leeds zu finden ist.« »Ei, sie wird bei der Frau sein, die eine Freundin von ihrer Tante Marie war,« sagte Frau Poyser, welche durch diesen Vorschlag ihres Mannes sich etwas getröstet fühlte. »Ich habe Dina oft von ihr sprechen hören, aber auf den Namen kann ich mich nicht mehr besinnen. Aber Seth Bede – der wird's wohl wissen; sie predigt ja unter den Methodisten und gilt viel bei ihnen.« »Ich will zu Seth schicken,« sagte Poyser; »Alick soll ihm bestellen, er möge doch herkommen oder uns den Namen der Frau aufschreiben und du kannst einen Brief schreiben, damit wir ihn gleich abschicken, sowie wir die Adresse haben.« »Es schreibt sich schlecht Briefe, wenn Leute zu einem kommen sollen in der Not,« erwiderte Frau Poyser. »Vielleicht bleibt der Brief eine halbe Ewigkeit unterwegs und am Ende bekommt sie ihn doch nicht.« Ehe Alick mit der Bestellung vom Pachter ankam, hatte auch Lisbeth schon an Dina gedacht und zu Seth gesagt: »Für uns giebt's keinen Trost mehr auf der Welt, wenn du nicht machen kannst, daß Dina Morris hier ins Haus kommt, wie damals als mein Alter starb. Wenn sie doch wieder käme und mich bei der Hand faßte und mit mir spräche! Sie würde mich schon zurecht sprechen, glaube ich; sie sähe vielleicht was Gutes in all der Trübsal und herzbrechenden Not, die über den armen Jungen gekommen ist, der nie in seinem Leben was Böses gethan hat, sondern besser war als alle andern Menschenkinder in der ganzen Grafschaft. Ach, mein Junge! Adam, mein armer Junge!« »Was meinst du, Mutter, wenn ich hinginge und Dina holte?« sagte Seth, während seine Mutter schluchzte und sich auf ihrem Stuhle hin- und herwiegte. »Sie holen?« erwiderte Lisbeth, indem sie aufblickte und mit Weinen nachließ, wie ein Kind, dem mitten im Weinen etwas versprochen wird. »Wo ist sie denn eigentlich hin?« »Ziemlich weit weg, Mutter; Leeds heißt der Ort; es ist eine große Stadt. Aber in drei Tagen wollte ich zurück sein, wenn du mich entbehren könntest.« »Nein, nein, ich kann dich nicht entbehren. Du mußt hingehen und deinen Bruder sehen und mir Bescheid bringen, was er macht. Der Pastor will auch herkommen und es mir erzählen, aber aus seinen Worten kann ich nicht so recht klug werden. Du mußt selbst hingehen, da Adam mich nicht hinkommen läßt. Aber schreib doch einen Brief an Dina! Oder kannst du nicht? Schreibst doch sonst gern genug, wenn kein Mensch was danach fragt.« »Ich weiß nicht genau, wo sie in der großen Stadt ist,« erwiderte Seth. »Wenn ich selbst hinginge, dann könnt' ich sie bei den Mitgliedern unserer Gemeinde ausfindig machen. Aber vielleicht trifft sie der Brief, wenn ich ›Sarah Williamson, Predigerin bei den Methodisten‹ drauf schreibe; ganz wahrscheinlich ist sie bei Sarah.« Jetzt kam Alick mit seiner Bestellung und da Frau Poyser an Dina schrieb, so gab Seth die Absicht auf; er ging aber nach dem Pachthof, um Poysers alles zu sagen, was er über die Adresse wisse und sie darauf aufmerksam zu machen, daß der Brief wohl erst ziemlich spät hinkommen würde, da er eine genaue Adresse nicht geben könne. Von Lisbeth war der Pastor zu Jonathan Burge gegangen, der auch einen Anspruch hatte, mit dem Vorgefallenen bekannt gemacht zu werden, weil Adam voraussichtlich längere Zeit von der Arbeit wegblieb und so gab es denn um sechs Uhr abends in ganz Broxton und Hayslope nur wenige, die von der traurigen Nachricht nichts gewußt hätten. Der Pastor hatte bei Meister Burge Arthurs Namen nicht genannt und doch war sofort die Geschichte seines Verhältnisses mit Hetty mit all seinen schrecklichen Folgen so bekannt, wie daß sein Großvater gestorben und er nun der Gutsherr sei. Denn Poyser fühlte sich nicht veranlaßt, gegen die wenigen Nachbarn, die gleich am ersten Tage ihn zu besuchen und ihm teilnehmend traurig die Hand zu schütteln wagten, Stillschweigen zu beobachten und der Bediente in der Pastorei, der für alles die Ohren offen hatte, machte sich aus allerlei Andeutungen die Geschichte zurecht und fand bald Gelegenheit, sie zu erzählen. Einer von den Nachbarn, die zu Poyser kamen, war Barthel Massey; er faßte ihn bei der Hand und konnte einige Minuten nicht sprechen. Er hatte seine Schule geschlossen und war auf dem Wege nach der Pfarrwohnung. Um halb acht des Abends kam er dort an und ließ dem Pastor mit vielen Entschuldigungen wegen der späten Stunde sagen, er habe ihm etwas Besonderes mitzuteilen. Er wurde ins Studierzimmer geführt und der Pastor kam sogleich zu ihm herein. »Nun, Barthel,« sagte er und hielt ihm die Hand hin Er begrüßte sonst den Schulmeister nicht so, aber in Tagen der Trübsal behandeln wir alle, die mit uns fühlen, ziemlich als Unsersgleichen. »Setzt Euch.« »Sie können sich schon denken, warum ich zu Ihnen komme, Herr Pastor,« sagte Barthel. »Ihr wollt wissen, was an der traurigen Nachricht wahr ist ... wegen Hetty Sorrel?« »Nein, Herr Pastor; was ich wissen möchte, betrifft Adam Bede. Ich höre, Sie haben ihn in Stoniton gelassen, und ich bitte Sie um die Freundlichkeit, mir zu sagen, wie es mit dem armen Jungen aussieht und was er zu thun gedenkt. Das bißchen Rot und Weiß, was man sich die Mühe genommen hat ins Gefängnis zu stecken – die gilt mir nicht so viel wie eine wurmstichige Nuß – wie eine wurmstichige Nuß; ich denke nur daran, was Gutes oder Böses durch sie auf einen braven Mann kommt, auf diesen Jungen, von dem ich so große Stücke halte und der mein bißchen Schulmeisterei recht zu Ehren bringen sollte in der Welt. Er ist der einzige Schüler, Herr Pastor, den ich unter diesem dummen Volke gehabt habe, der je den Willen oder den Kopf zur Mathematik hatte. Hätte er nicht so viel schwere Arbeit thun müssen, der arme Junge, dann hätte er noch höher steigen können und dann wäre dies nie vorgefallen – wäre nie vorgefallen.« Von der Anstrengung, bei großer geistiger Aufregung schnell zu gehen, war Barthel erhitzt und konnte sich nicht gleich bei der ersten Gelegenheit, wo er seinen Gefühlen Luft machte, im Zaume halten. Aber jetzt hielt er inne und trocknete sich die feuchte Stirn und wahrscheinlich die feuchten Augen auch. »Entschuldigen Sie, Herr Pastor,« sagte er, nachdem er sich etwas gesammelt, »daß ich mich so über meine eigenen Gefühle auslasse, grade wie mein verrückter Hund, der beim Gewitter heult; mich verlangt ja kein Mensch zu hören. Ich bin hergekommen, um Sie sprechen zu hören, nicht um selbst zu schwatzen; haben Sie nun die Güte und sagen Sie mir, was der arme Junge macht.« »Thut Euch keinen Zwang an, Barthel,« erwiderte Irwine. »Ich bin selbst ziemlich in derselben Lage wie Ihr; mir liegt manches schwer auf der Seele und es wird mir sauer, von meinen eigenen Empfindungen ganz zu schweigen und nur auf andere zu achten. Ich nehme auch Anteil an Adam wie Ihr, aber er ist in dieser Sache nicht der einzige, dessen Leiden mir nahe gehen. Er will bis nach dem Prozeß in Stoniton bleiben, der Prozeß findet wahrscheinlich morgen über acht Tage statt. Er hat sich dort eingemietet und ich habe ihm dabei zugeredet, weil er jetzt besser von Hause wegbleibt und der Unglückliche glaubt immer noch, Hetty sei unschuldig; er sucht es über sich zu gewinnen sie zu sehen, wenn er kann; er will den Ort nicht verlassen, wo sie ist.« »Das Geschöpf ist also schuldig?« fragte Barthel: »glauben Sie, daß sie gehängt wird?« »Ich fürchte, es geht schlimm mit ihr; die Beweise sind zu stark. Und ein böses Zeichen ist, daß sie alles leugnet – leugnet, daß sie überhaupt ein Kind gehabt hat, trotz der bestimmtesten Beweise. Ich selbst habe sie gesehen und auch gegen mich schwieg sie hartnäckig: bei meinem Anblick fuhr sie zusammen wie ein Tier, das sich ängstigt. Nie hat mich etwas so entsetzt wie die Veränderung, die mit ihr vorgegangen ist. Aber im schlimmsten Falle hoffe ich, daß wir eine Begnadigung durchsetzen, um derer willen, die unschuldig mitleiden.« »Dummes Zeug! Unsinn!« fuhr Bartel heraus und vergaß in seiner Aufregung, mit wem er sprach – »ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Pastor; ich meine nur, es ist dummes Zeug und Unsinn, daß die Unschuldigen was darnach fragen, ob sie gehängt wird. Ich für mein Teil glaube, je eher man solche Frauenzimmer aus der Welt schafft, desto besser und die Männer, die ihnen geholfen haben Unrecht zu thun, sollten sich auch lieber mit ihnen davonmachen. Was soll Gutes dabei herauskommen, wenn man solches Gewürm am Leben läßt? Die essen ja doch bloß das Brot, wovon vernünftige Wesen leben könnten. Aber wenn Adam thöricht genug ist, was darnach zu fragen, dann soll er nicht mehr leiden als nötig ... ist er sehr angegriffen, der arme Junge?« fügte Barthel hinzu, indem er seine Brille herausnahm und aufsetzte, als könnte die seine Einbildungskraft unterstützen. »Ja, ich fürchte, der Gram geht ihm ans Leben,« antwortete der Pastor. »Er sieht furchtbar zerstört aus und gestern überkam ihn bisweilen eine gewisse Heftigkeit, daß ich wünschte, ich hätte bei ihm bleiben können. Aber morgen gehe ich wieder nach Stoniton und ich habe das Vertrauen, Adams Grundsätze sind stark genug, daß er das Schlimmste zu ertragen vermag, ohne sich zu einem unüberlegten Schritte hinreißen zu lassen.« In den letzten Worten äußerte der Pastor unwillkürlich mehr seine eigenen Gedanken, als eine Antwort für Barthel Massey; er dachte an die Möglichkeit, die Rachsucht gegen Arthur – denn diese Form nahm Adams Schmerz unaufhörlich an – könne ihn zu einer Begegnung treiben, die wahrscheinlich schlimmer enden würde als jene im Wäldchen. Der Gedanke an diese Möglichkeit erhöhte die Angst, mit der er Arthurs Ankunft entgegensah. Aber Barthel verstand ihn so, als wenn er an Selbstmord dächte und ein neuer Schrecken malte sich auf seinem Gesichte. »Ich will Ihnen sagen, was ich vorhabe, Herr Pastor,« sprach er, »und ich hoffe, Sie werden es billigen. Ich will die Schule schließen; wenn die Schüler kommen, müssen sie wieder weggehen, weiter ist nichts dabei; und ich gehe nach Stoniton und sehe nach Adam, bis die Sache vorbei ist. Ich will thun als wollte ich die Gerichtsverhandlungen mit anhören, dagegen kann er nichts haben; was meinen Sie dazu, Herr Pastor?« »Nun,« antwortete Irwine etwas zögernd, »das hätte manche Vorteile und ich ehre Euch, Barthel, wegen dieser Freundschaft für Adam. Aber ... Ihr müßt mit Euren Reden etwas vorsichtig sein. Ich fürchte, Ihr habt zu wenig Mitgefühl mit dem, was Ihr seine Schwäche für Hetty nennt.« »Verlassen Sie sich auf mich, Herr Pastor, verlassen Sie sich auf mich. Ich weiß schon, was Sie meinen. Ich bin früher selbst mal ein Thor gewesen, aber das bleibt unter uns. Ich werde mich ihm nicht aufdrängen, nur ein Auge auf ihn haben und zusehen, daß er was Gutes zu essen bekommt und dann und wann ein Wort mit ihm reden.« »Dann muß ich sagen,« erwiderte der Pastor einigermaßen beruhigt, »Ihr thut ein gutes Werk; aber Ihr müßt Adams Mutter und Bruder wissen lassen, daß Ihr zu ihm geht.« »Ja wohl, Herr Pastor,« sagte Barthel, indem er aufstand und die Brille abnahm, »das will ich thun, das will ich thun; zwar die Mutter ist ein weinerliches Ding und ich komme ihr nicht gern zu nahe, aber sie ist brav und reinlich, nicht so 'ne Schlampe. Nun adieu, Herr Pastor; besten Dank, daß Sie so viel Zeit für mich übrig gehabt haben. Sie sind jedermanns Freund in dieser Sache – jedermanns Freund. Sie haben eine schwere Last auf dem Halse.« »Adieu, Barthel; auf Widersehn in Stoniton, denk' ich.« Barthel eilte aus der Pfarrwohnung fort, indem er den geschwätzigen Fragen des Bedienten auswich und sagte in erbittertem Tone zu Füchschen, die mit ihren kurzen Beinen neben ihm hertrabte: »Nun, ich werde sie mitnehmen müssen, sie unnützes Frauenzimmer; sie würde sich zu Tode grämen, wenn ich sie verließe – das weiß sie selbst wohl, und vielleicht ließe sie sich von einem Landstreicher auffangen; und jetzt, fürchte ich, wird sie auf der Reise schlechte Gesellschaft aufsuchen und die Nase in jedes Loch stecken, wo sie nichts zu thun hat; aber wenn sie mir Schande macht, dann sag' ich mich von ihr los – merke sie sich das, Frauenzimmer, merke sie sich das!« Einundvierzigster Abschnitt Am Abend vor dem Prozeß Eine öde Straße in Stoniton, ein kleines Häuschen, ein Zimmer im oberen Stock, zwei Betten darin, eins davon auf dem Fußboden. Es ist Sonnabend Abend zehn Uhr und die dunkle Mauer dem Fenster gegenüber verdeckt das Mondlicht, so daß nur ein kleines Talgstümpfchen das Zimmer erleuchtet; bei dem Lichte sitzt Barthel Massey und thut als wenn er läse, während er in Wahrheit über die Brille weg Adam Bede anblickt, der im Dunkeln am Fenster sitzt. Adam ist kaum wieder zu erkennen. Sein Gesicht ist so mager geworden die letzte Woche; die Augen sind ihm eingesunken, der Bart ist vernachlässigt, er sieht aus als sei er vom Krankenbett erstanden. Das schwarze Haar hängt ihm schwer über die Stirn und er hat nicht den Trieb, es wegzustreichen, damit er besser auf das achten könnte, was um ihn vorgeht. Sein einer Arm hängt über die Lehne des Stuhls und er scheint auf seine zusammengepreßten Hände hinabzublicken. Ein Klopfen an der Thüre ermuntert ihn. »Da ist er,« sagte Barthel Massey, stand schnell auf und öffnete die Thür. Es war Pastor Irwine. Adam erhob sich mit natürlicher Ehrerbietung, als der Pastor auf ihn zutrat und ihm die Hand reichte. »Es ist mir spät geworden, Adam,« sagte er, indem er sich auf den Stuhl setzte, den Barthel ihm reichte; »aber ich bin nicht so früh von Broxton weggekommen als ich vorhatte und seit ich hier bin, habe ich unaufhörlich zu thun gehabt. Nun bin ich aber auch fertig, wenigstens mit allem, was sich heute Abend thun ließ. Setzt euch beide zu mir.« Adam nahm mechanisch wieder Platz und Barthel, für den kein Stuhl mehr da war, setzte sich im Hintergrunde aufs Bett. »Haben Sie sie gesehen, Herr Pastor?« fragte Adam mit zitternder Summe. »Ja, Adam, ich und der Kaplan sind beide heute Abend bei ihr gewesen.« »Haben Sie gefragt, Herr Pastor... haben Sie ihr etwas von mir gesagt?« »Ja,« sagte der Pastor mit einigem Zögern; »ich habe von Euch gesprochen. Ich sagte, Ihr wünschtet sie vor dem Prozeß zu sehen, wenn sie nichts dagegen habe.« Der Pastor schwieg und Adam sah ihn mit eifrig forschendem Blicke an. »Ihr wißt, Adam, sie sträubt sich davor, irgend jemand zu sich zu lassen. Ihr seid es nicht allein; ihr Herz scheint überhaupt gegen alle Mitmenschen böse verschlossen. Sie hat dem Kaplan und mir kaum etwas anderes geantwortet als Nein. Als ich sie vor drei oder vier Tagen, ohne Euren Namen zu erwähnen, fragte, ob sie jemand von ihrer Familie sehen wolle, – jemand, dem sie ihr Herz erschließen könne, erwiderte sie heftig schaudernd: »sagen Sie ihnen, daß sie mir nicht nahe kommen; ich will niemand sehen.« Adam ließ den Kopf wieder hängen und sprach kein Wort. Einige Minuten war es still in dem kleinen Zimmer; dann sagte der Pastor: »Ich möchte Euch nichts raten, was gegen Euer eigenes Gefühl ist, Adam, wenn Ihr Euch stark getrieben fühlt, morgen früh zu ihr zu gehen und sie zu sprechen, selbst ohne ihre Einwilligung. Trotz des Anscheins vom Gegenteil wäre es ja möglich, daß die Unterredung günstig auf sie wirkte. Aber es schmerzt mich, Euch sagen zu müssen, ich wage das kaum zu hoffen. Sie schien gar nicht bewegt, als ich Euren Namen nannte und sagte bloß Nein ebenso kalt und hart wie sonst. Und wenn Eure Zusammenkunft auf sie keinen guten Einfluß hätte, für Euch wäre sie bloß vergebliches Leiden – schweres Leiden, fürchte ich. Sie ist sehr verändert.« Adam sprang vom Stuhle auf und ergriff seinen Hut, der auf dem Tische lag; aber er blieb stehen und sah Irwine an, als wolle er ihn etwas fragen, was ihm schwer werde auszusprechen. Barthel Massey stand ruhig auf, schloß die Thür ab und steckte den Schlüssel in die Tasche. »Ist er schon zurückgekommen?« fragte Adam endlich. »Nein, noch nicht,« erwiderte Irwine ruhig. »Legt Euren Hut wieder hin, Adam, wenn Ihr nicht etwa mit mir in der frischen Luft spazieren gehen wollt. Ich fürchte, Ihr seid heut noch nicht ausgewesen.« »Täuschen Sie mich nicht, Herr Pastor,« entgegnete Adam, indem er Irwine scharf anblickte und in einem Tone zornigen Argwohns sprach. »Sie brauchen von mir nichts zu fürchten; ich verlange nur Gerechtigkeit. Er soll fühlen, was sie fühlt. Sein Werk ist es... sie war ein Kind, dessen Anblick jedem zu Herzen gehen mußte ... ich frage nichts darnach, was sie gethan hat ... er hat sie dahin gebracht. Und er soll wissen ... er soll es fühlen ... wenn's eine Gerechtigkeit im Himmel giebt, so soll er fühlen, was es heißt, ein Kind wie sie in Sünde und Elend gebracht zu haben.« »Ich täusche Euch nicht, Adam,« sagte Irwine. »Arthur Donnithorne ist noch nicht zurück – war noch nicht zurück, als ich fortging. Ich habe einen Brief für ihn zurückgelassen; sobald er ankommt, wird er alles erfahren.« »Aber Sie fragen nichts darnach,« erwiderte Adam entrüstet. »Ihnen ist es einerlei, daß sie daliegt in Schande und Elend und er nichts davon erfährt – nichts dabei leidet.« »Adam, er wird es erfahren – er wird leiden, lange und bitter. Er hat ein Herz und ein Gewissen; so ganz kann ich mich in seinem Charakter nicht täuschen. Ich bin überzeugt – ich weiß gewiß, er ist der Versuchung nicht ohne Kampf erlegen. Er mag schwach sein, aber gefühllos ist er nicht und nicht kalt und selbstsüchtig. Ich bin überzeugt, für ihn wird dies ein Schlag sein, dessen Wirkung er sein ganzes Leben fühlt. Warum brennt Ihr so auf Rache? Keine Qual, die Ihr ihm zufügen könntet, würde ihr zu gute kommen.« »Nein – o Gott, nein,« ächzte Adam und sank wieder auf den Stuhl. »Aber das ist's grade, das ist der schwerste Fluch dabei ... das macht die Sache so schwarz ... sie läßt sich nie wieder ungeschehen machen. Meine arme Hetty ... nie kann sie wieder meine süße Hetty sein ... das hübscheste Ding, was Gott geschaffen ... Wenn sie mich so anlächelte! ... Ich glaubte, sie hätte mich lieb... und sei ein gutes Mädchen.« Adams Stimme war allmählich zu einem heisern Flüstern herabgesunken, als spräche er nur mit sich selbst; aber plötzlich fuhr er wieder auf und blickte Irwine an: »Aber sie ist nicht so schuldig, wie die Leute sagen! Sie halten sie nicht für schuldig, Herr Pastor? Sie kann es nicht gethan haben.« »Das läßt sich vielleicht niemals mit Sicherheit ausmachen, Adam,« antwortete Irwine sanft. »In solchen Fällen bilden wir uns ein Urteil nach dem, was uns starker Beweis scheint, und doch kann unser Urteil falsch sein, weil wir eine einzige kleine Thatsache nicht wissen. Aber nehmt das Schlimmste an; dann habt Ihr kein Recht zu sagen, die Schuld ihres Verbrechens treffe ihn und darum müsse er auch die Strafe tragen. Es ist nicht Menschensache, die sittliche Schuld und Vergeltung zu verteilen. Ist es uns doch unmöglich, selbst bei der Entscheidung darüber, wer ein einzelnes Verbrechen begangen habe, Irrtümer zu vermeiden und an die Frage, wie weit einer für die unvorhergesehenen Folgen seiner eigenen Thaten verantwortlich gemacht werden kann, werden wir nicht ohne Zittern gehen dürfen. Wie viele böse Folgen in einer einzigen Handlung selbstsüchtigen Leichtsinns im Keime liegen können, das ist ein so furchtbarer Gedanke, daß er doch etwas bescheidenere Empfindungen in uns erwecken sollte, als ein vorschnelles Verlangen nach Strafe. Das könnt Ihr selbst recht gut einsehen, Adam, wenn Ihr erst ruhig seid. Glaubt mir, ich verstehe den Schmerz recht gut, der Euch so zu Haß und Rachsucht treibt; aber bedenkt eins: wenn Ihr Eurer Leidenschaft folgtet – denn es ist Leidenschaft und wenn Ihr von Gerechtigkeit sprecht, so täuscht Ihr Euch selbst – dann könnte es Euch grade so gehen, wie es Arthur gegangen ist, ja noch viel schlimmer; Eure Leidenschaft könnte Euch zu einem schrecklichen Unrecht verleiten.« »Nein, nicht schlimmer,« sagte Adam bitter; »ich halte es nicht für schlimmer – ich thäte es eher, beginge eher eine Schlechtigkeit, für die ich selbst leiden müßte, als daß ich sie dahin gebracht hätte, eine Schlechtigkeit zu begehen und dann dabei stände und ruhig zusähe, wie sie bestraft wird, während ich frei ausgehe und all das für eine flüchtige Lust; hätte er ein menschliches Herz, er hätte sich lieber die Hand abhauen sollen, als sich das zu erlauben! Und als wenn er nicht vorhergesehen hätte, was kommen mußte? Klar genug sah er das; er durfte für sie nichts anderes erwarten, als Unglück und Schande. Und dann wollte er es mit Lügen so leichthin abmachen! O, es werden wohl Leute für Dinge gehängt, die nicht halb so schändlich sind als das. Mag einer thun was er will, so lange er weiß, daß ihn selbst, ihn ganz allein die Strafe trifft – so einer ist nicht halb so schlecht als ein gemeiner, selbstsüchtiger Schurke, der seine Lust büßt und dabei weiß, die Strafe fällt auf einen andern.« »Auch da täuscht Ihr Euch zum Teil, Adam. Es giebt kein Unrecht, wobei einer die Strafe allein tragen kann; man kann sich nicht gegen andere abschließen und sagen, das Böse solle nur auf uns selbst zurückfallen. Die Menschen hängen im Leben so genau miteinander zusammen wie die Luft, welche sie atmen. Das Böse verbreitet sich so notwendig wie eine Krankheit. Ich fühle recht wohl, wie furchtbar weit sich der Jammer erstreckt, den diese Sünde Arthurs über andere gebracht hat, aber jede Sünde macht anderen Schmerz und nicht bloß denen, die sie begangen haben. Wenn Ihr an Arthur Rache nähmet, so wäre das nur ein neues Übel zu denen, unter welchen wir jetzt schon leiden; Ihr könntet nicht die Strafe allein tragen, Ihr brächtet den bittersten Jammer über jeden, der Euch lieb hat. Eine Handlung blinder Wut würdet Ihr begehen, welche alle gegenwärtigen Übel genau so ließe wie sie sind und noch schlimmeres Übel hinzufügte. Ihr habt gut sagen, Ihr wolltet nicht tötliche Rache nehmen; aber aus einem solchen Gefühle, wie Ihr jetzt hegt, da kommen auch solche Handlungen und so lange Ihr ihm nachhängt, so lange Ihr nicht seht, daß auf Arthurs Bestrafung bedacht zu sein für Euch nicht Gerechtigkeit ist, sondern Rache, so lange seid Ihr in Gefahr, Euch zu großem Unrecht verleiten zu lassen. Erinnert Euch, wie Euch zu Mute war, als Ihr Arthur jenen Schlag im Wäldchen gegeben hattet!« Adam schwieg; die letzten Worte hatten ihn zu lebhaft an die Vergangenheit erinnert und Irwine überließ ihn seinen Gedanken, um mit Barthel Massey über das Begräbnis des alten Donnithorne und andere gleichgültige Sachen zu sprechen. Aber endlich wandte sich Adam um und sagte mit unterdrückter Stimme: »Ich hab' mich auch noch nicht nach den Leuten auf dem Pachthof erkundigt, Herr Pastor. Kommt Poyser?« »Er ist schon hier in Stoniton. Aber ich mochte ihm nicht raten, Euch aufzusuchen, Adam. Er ist selbst geistig sehr angegriffen und ihr seht euch besser nicht, als bis Ihr ruhiger seid.« »Ist Dina Morris bei Poysers? Seth hat mir gesagt, sie hätten nach ihr geschickt.« »Nein; wie mir Poyser sagt, war sie noch nicht da, als er fortging; sie sind bange, sie habe den Brief nicht erhalten. Ich glaube, sie hatten keine genaue Adresse.« Adam saß eine kurze Zeit in stillem Überlegen und sagte dann: »Ich möchte wissen, ob Dina wohl zu ihr gegangen wäre. Aber vielleicht wären Poysers sehr dagegen, da sie ihr selbst nicht nahe kommen wollen. Indes, ich glaube doch, sie hätt' es gethan; die Methodisten sind recht die Leute, Gefängnisse zu besuchen und Seth meinte auch, sie thäte es Wohl. Sie war immer so liebevoll mit ihr, die Dina. Ob es ihr wohl gut gethan hätte! – Sie haben sie nie gesehen, Herr Pastor, oder doch?« »Ja freilich hab' ich sie gesehen; ich hatte eine lange Unterhaltung mit ihr und sie hat mir sehr gefallen. Und nun Ihr mich daran erinnert, möchte ich wohl, daß sie käme; es ist möglich, daß das milde, sanfte Mädchen Hetty dahin brächte, ihr Herz zu öffnen. Der Kaplan des Gefängnisses hat eine recht barsche Art.« »Aber wenn sie nicht kommt, ist's auch einerlei,« sagte Adam traurig. »Hätte ich früher daran gedacht, so würde ich versucht haben, sie ausfindig zu machen,« erwiderte der Pastor; »aber ich fürchte, jetzt ist es zu spät ... Nun, Adam, ich muß gehen. Versucht heute Nacht etwas zu schlafen. Gott segne Euch. Morgen in aller Frühe sehe ich Euch wieder.« Zweiundvierzigster Abschnitt. Der Tag der Entscheidung. Am folgenden Tage um ein Uhr saß Adam einsam in seinem öden Stübchen; die Uhr hatte er vor sich auf dem Tische, als zähle er die langen Minuten. Er hatte keine Ahnung, was die Zeugen etwa aussagen würden; denn von den Einzelheiten über Hettys Verhaftung und Anklage hatte er nichts wissen wollen. Der tapfere, thatkräftige Mann, der sich in jede Gefahr und Mühe gestürzt hätte, um Hetty vor drohendem Unglück und Unrecht zu bewahren, fühlte sich dem Übel und Leiden gegenüber machtlos, welches nicht wieder gut zu machen war. Seine Reizbarkeit, die für ihn bei einer Möglichkeit zu handeln eine treibende Kraft gewesen wäre, wurde zu hilflosem Jammer, nun er unthätig sein mußte, oder suchte höchstens einen Ausweg in dem Gedanken der Rache gegen Arthur. Energische Naturen, die zu jeder starken That kräftig genug sind, ziehen sich von einem hilflosen Dulder oft zurück, als wären sie hartherzig; es ist das überwältigende Gefühl des Schmerzes, was sie zurücktreibt. Adam hatte es über sich gewonnen, Hetty zu besuchen, wenn sie ihn sehen wolle, weil er glaubte, das Zusammentreffen mit ihm thäte ihr vielleicht gut und helfe die furchtbare Härte lösen, von der er gehört hatte; wenn sie sehe, er vergebe ihr, was sie an ihm gethan, so öffne sie ihm vielleicht ihr Herz. Aber dieser Entschluß hatte ihn eine ungeheure Anstrengung gekostet; bei dem Gedanken, sie so ganz verändert wieder zu sehen, zitterte er wie ein furchtsames Weib vor dem Messer des Arztes und heute hatte er es vorgezogen, lieber die langen Stunden banger Erwartung zu ertragen, als dem für sein Gefühl unerträglicheren Schmerze sich auszusetzen, ihrem Prozesse beizuwohnen. Tiefes, unaussprechliches Leiden kann man wohl eine Taufe, eine Wiedergeburt, den Beginn eines neuen Lebens nennen. Die sehnsüchtigen Erinnerungen, das bittere Bedauern, das schmerzliche Mitleid, das Sehnen und Rufen nach der ewigen Gerechtigkeit – alle diesen tiefen Empfindungen, welche die Tage und Nächte der vergangenen Woche erfüllt hatten und sich jetzt wieder in die Stunden dieses einzigen Morgens zusammendrängten, ließen Adam auf seine frühere Lebenszeit zurückblicken, als hätte er da nur ein unbestimmtes Traumleben geführt und sei erst jetzt zu vollem Bewußtsein erwacht. Es kam ihm vor, als hätte er früher das Leiden seiner Mitmenschen immer für leicht gehalten, als wäre alles, was er selbst erduldet und bisher Schmerz genannt hatte, nur ein leichter Schlag, der nicht einmal eine Schramme gemacht habe. Unzweifelhaft kann ein großer Schmerz bewirken, was lange Jahre nicht vermocht hätten und aus dieser Feuertaufe können wir hervorgehen mit einer Seele voll neuen Mitgefühls und neuer, heiliger Scheu. »O Gott!« ächzte Adam, indem er sich über den Tisch beugte und leeren Blickes auf die Uhr sah, »und so haben Menschen schon sonst gelitten ... und arme, hilflose junge Dinger haben gelitten wie sie ... so kurz ist's erst, da sah sie so glücklich und so hübsch aus ... und küßte sie alle, den Großvater und alle, alle und sie wünschten ihr Glück ... o meine arme, arme Hetty ... weißt du das wohl noch?« Adam fuhr zusammen und sah sich um nach der Thür. Füchschen hatte zu winseln angefangen und auf der Treppe hörte man das Geräusch von einem Stock und von Tritten. Es war Barthel Massey, der aus dem Gerichte kam. Konnte jetzt schon alles vorbei sein? Barthel trat ruhig herein, ging auf Adam zu, faßte ihn bei der Hand und sagte: »ich wollte dich einen Augenblick sehen, mein Junge; es ist 'ne kleine Pause unten.« Adam schlug das Herz so heftig, daß er unfähig war zu reden; er konnte nur den Händedruck seines Freundes erwidern; Barthel holte den zweiten Stuhl heran und setzte sich Adam gegenüber, indem er Hut und Brille abnahm. »Das ist mir doch noch nie passiert,« bemerkte er, »daß ich hinausgegangen bin und die Brille aufbehalten habe. Ich habe reinweg vergessen, sie abzunehmen.« Der brave alte Barthel machte diese gleichgültige Bemerkung, weil er es für besser hielt, überhaupt nicht auf Adams Aufregung einzugehen; er würde schon mittelbar schließen, daß noch nichts Entscheidendes vorgefallen sei. Sofort stand er wieder auf und sagte: »Jetzt muß ich aber darauf sehen, daß du ein Stück Brot ißt und von dem Wein trinkst, den der Pastor heute Morgen geschickt hat. Er wird böse mit dir sein, wenn du nichts davon genießest. Da, Adam,« fuhr er fort, indem er die Flasche und das Brot holte und ein Glas Wein einschenkte, »ich muß selbst ein bißchen essen und trinken. Trink' auch einen Tropfen Wein, Junge, da – trink'!« Adam schob das Glas sanft zurück und sagte bittend: »Erzählen Sie mir doch, Herr Massey, erzählen Sie mir alles. War sie da? Hat es schon angefangen?« »Ja wohl, mein Junge, ja wohl; es dauert schon die ganze Zeit, seit ich fort bin; aber es geht langsam und der Verteidiger, den sie ihr genommen haben, schiebt immer seinen Stock zwischen, wo er nur kann und macht sich unbändig viel zu schaffen mit dem Kreuzverhör der Zeugen und zankt sich mit den anderen Leuten vom Gericht herum. Das ist alles, was er für sein Geld thun kann und 'ne schwere Summe ist es – 'ne rechte schwere Summe. Aber scharf ist er und hat ein Auge, daß er dir Nadeln aus dem Heu suchen könnte im Handumdrehen. Wenn man nur kein Gefühl hätte, dann wäre das Zuhören bei den Verhandlungen so gut wie eine mathematische Lektion, aber ein zartfühlendes Herz macht den Menschen dumm. Ich wollte nie wieder was mit Zahlen zu thun haben, wenn ich nur für dich was Gutes hätte mitbringen können, du armer Kerl.« »Aber scheint die Sache ungünstig für sie zu gehen?« fragte Adam. »Sagen Sie mir doch, was vorgefallen ist. Ich muß es jetzt wissen; ich muß wissen, was gegen sie vorgebracht wird.« »Nun, die Hauptzeugen sind bis jetzt die Ärzte gewesen, und dann noch Poyser, der arme Poyser. Alle Leute im Saale hatten Mitleid mit ihm; es war ein Geschluchze, als er aufhörte. Das Schlimmste war, als er die Angeklagte ansehen mußte. Das wurde ihm sauer. Adam, der Schlag trifft ihn so schwer wie dich; du mußt dem armen Poyser beistehen, mein Junge; du mußt dich tapfer halten. Trink' jetzt etwas Wein und zeig' mir, daß du's tragen willst wie ein Mann.« Barthel hatte die rechte Saite angeschlagen. Adam gehorchte schweigend, nahm das Glas und trank etwas. »Und wie sah sie aus?« fragte er dann. »Erschrocken, recht erschrocken, als sie zuerst hereingeführt wurde. Es war das erste Mal, daß sie die Menge Volk und den Richter sah, das arme Ding. Und nahe bei dem Richter sitzt ein Haufen von närrischen Weibsleuten in schönen Kleidern, mit allerlei Krimskrams an den Armen und Federn auf den Hüten; man sollte meinen, sie hätten sich so herausgeputzt als Vogelscheuchen, um die Männer zu warnen, daß sie sich nie wieder mit einer Frau einließen; sie nahmen die Guckgläser vor die Augen und stierten sie an und flüsterten. Aber nachher stand sie da wie eine Bildsäule, blickte auf ihre Hände nieder und schien weder zu sehen noch zu hören. Und sie ist so weiß wie ein Laken. Als sie gefragt wurde »schuldig oder nichtschuldig,« da antwortete sie nicht und es wurde für sie »nichtschuldig« plädiert. Aber als der Name ihres Onkels genannt wurde, da schien sie am ganzen Leibe zu beben und als er sie ansehen mußte, da ließ sie den Kopf sinken und kroch in sich zusammen und verbarg das Gesicht in den Händen. Er konnte nicht recht mit der Sprache heraus, der arme Mann, so zitterte ihm die Stimme. Und die Advokaten, die sonst immer so hart aussehen wie Eisen, schonten ihn, das sah ich, so viel sie konnten. Der Pastor stand nahe bei ihm und begleitete ihn nachher aus dem Gerichtssaal. O das will etwas sagen, wenn man seinem Nächsten so beistehen und ihm in solcher Not eine Stütze sein kann!« »Gott segne ihn dafür und Sie auch, lieber Herr Massey,« sagte Adam leise und legte seine Hand Barthel auf den Arm. »Ja, ja, er ist vom echten Metall und giebt den rechten Klang, wenn man ihn versucht. Und ein verständiger Mann; der nicht mehr sagt als nötig. Ist keiner von denen, die einen zu trösten meinen durch vieles Schwatzen, als wenn die, welche dabei stehen und zusehen, besser wüßten, was Trübsal sei, als die, welche sie selbst tragen müssen. Ich habe früher wohl solche Leute gekannt, da unten im Süden, als mir's selbst schlecht ging. Der Pastor soll auch nachher noch auftreten, als Entlastungszeuge, weißt du und über ihren Charakter und ihre Erziehung sprechen.« »Aber die andern Zeugen... haben die andern Zeugen schwer gegen sie ausgesagt?« fragte Adam. »Was glauben Sie Herr Massey? sagen Sie mir die Wahrheit.« »Ja, mein Junge, ja; die Wahrheit bleibt immer das Beste; endlich muß sie doch heraus. Die Aussage der Ärzte spricht schwer gegen sie, sehr schwer. Aber von Anfang bis zu Ende hat sie geleugnet, sie habe überhaupt kein Kind gehabt; die armen, thörichten Weibsleute! – haben nicht so viel Verstand um zu wissen, daß leugnen nichts hilft, wenn etwas bewiesen ist. Bei den Geschwornen wird's ihr schaden, fürcht' ich, daß sie so hartnäckig ist; sollte der Spruch gegen sie ausfallen, dann wird sie wohl nicht so leicht zur Begnadigung empfohlen. Aber bei dem Richter läßt unser Pastor nichts unversucht, darauf kannst du bauen, Adam.« »Ist keiner im Gerichtshof, der zu ihr steht und sich ihrer annimmt?« fragte Adam. »Der Kaplan des Gefängnisses sitzt bei ihr, aber er hat ein Gesicht so scharf wie ein Iltis, ganz anders als unser Pastor; die Geistlichen in den Gefängnissen sind ja meist rechter Ausschuß, heißt's.« »Ich weiß einen, der bei ihr sein sollte,« sagte Adam bitter. Gleich darauf richtete er sich in die Höhe, sah mit festem Blick aus dem Fenster und schien sich augenscheinlich etwas zu überlegen. »Herr Massey,« sagte er endlich und strich sich das Haar von der Stirn, »ich will mit Ihnen gehen. Ich will mit in den Gerichtshof. Es ist feige von mir, daß ich wegbleibe. Ich will zu ihr stehen – mich zu ihr bekennen – so sehr sie mich getäuscht hat. Poysers sollten sie nicht so von sich stoßen; sie ist doch ihr eigen Fleisch und Blut. Wir empfehlen andre der Gnade Gottes und selbst zeigen wir keine Gnade. Ich war früher wohl oft hart; ich will nie wieder hart sein. Ich will gehen, Herr Massey – will mit Ihnen gehen.« Es war eine Entschiedenheit in Adams Wesen, die Barthel an jeder Einrede verhindert haben würde, selbst wenn er Lust dazu gehabt hätte. Er sagte nur: »Dann iß und trink' noch etwas, Adam; thu's mir zu Liebe. Sieh, ich muß erst selbst was essen. Da, iß du auch.« Durch einen thatkräftigen Entschluß gestärkt, nahm Adam einen Bissen Brot und trank etwas Wein. Sein Bart war noch so struppig und sein Gesicht entstellt und hager wie den Tag vorher, aber er stand wieder aufrecht da und war wieder etwas der alte Adam Bede. Dreiundvierzigster Abschnitt Der Urteilsspruch Zum Gerichtshof war den Tag eine große, alte Halle eingerichtet, die jetzt durch Feuer zerstört ist. Die Mittagssonne, die auf die dichtgedrängten Menschenköpfe schien, fiel durch eine Reihe hoher spitzbögiger Fenster, auf denen die verblaßten Farben alter Glasmalerei wechselten. Düstere, bestaubte Rüstungen hingen vor der dunkeln, eichenen Galerie am unteren Ende und unter dem breiten Bogen des großen Erkerfensters gegenüber war ein alter, gewirkter Vorhang hergezogen, auf dem einige trübe Gestalten halb verschwammen wie ein matter, unbestimmter Traum aus vergangenen Zeiten. Das ganze übrige Jahr hindurch spukten in der großen Halle die Schatten alter Könige und Königinnen, die unglücklich gewesen waren, entthront und eingekerkert, aber heute waren alle diese Schatten entflohen und in der großen Halle war keine Seele, die an andern Kummer gedacht hätte, als den, der um sie her lebte und in lebenswarmen Herzen zuckte. Aber so recht empfand man diesen Schmerz erst jetzt, als Adams große Gestalt plötzlich sichtbar wurde und neben der Anklagebank Platz nahm. In dem hellen Sonnenlicht der großen Halle, unter den glatten, wohlgewaschenen, rasierten Gesichtern der Zuschauer, erschreckten die Spuren des Leidens auf seinem Gesichte selbst den Pastor, der ihn zuletzt in der trüben Beleuchtung seines kleinen Zimmers gesehen hatte und die Nachbarn aus Hayslope, die zugegen waren und Hetty Sorrels Geschichte noch im späten Alter am Herde erzählten, vergaßen nie zu erwähnen, wie es sie ergriffen habe, als der arme Adam Bede, der die meisten Leute um eines Kopfes Länge überragte, in den Gerichtssaal getreten sei und an ihrer Seite Platz genommen habe. Aber Hetty sah ihn nicht. Sie stand noch immer in derselben Stellung, die Barthel Massey beschrieben hatte, die Hände gekreuzt und die Augen darauf gerichtet. Zuerst wagte Adam nicht, sie anzusehen, aber nachher, als die allgemeine Aufmerksamkeit durch die Verhandlungen abgezogen wurde, wandte er sein Gesicht zu ihr, fest entschlossen, den Blick nicht abzuwenden. Warum hatten die andern alle gesagt, sie sei so verändert? In der Leiche eines Geliebten sehen wir die Ähnlichkeit und die Ähnlichkeit macht sich um so bestimmter fühlbar, weil etwas anderes dagewesen ist und jetzt nicht mehr ist. Da waren sie ja noch – das süße Gesicht und der Hals, die dunkeln Ringeln des Haars, die langen, dunkeln Wimpern, die runde Wange und die vollen Lippen, blaß und mager – ja, aber doch wie Hetty und nur wie Hetty. Andere meinten freilich, sie sähe aus, als habe ein Dämon ihr einen bösen Blick zugeworfen, ihr die weibliche Seele ausgesogen und nur den hartnäckgen Trotz der Verzweiflung gelassen. Aber Mutterliebe – dieser vollendetste Ausdruck des Lebens in einem andern Leben, welches das wahre Wesen wirklicher Liebe ist – Mutterliebe fühlt das geliebte Kind selbst in dem entarteten, verderbten Manne heraus und für Adam war diese blasse Verbrecherin mit dem harten Ausdruck immer noch dieselbe Hetty, die ihn im Garten unter dem Apfelbaum angelächelt hatte, – sie war der Leichnam dieser Hetty, den er zuerst nur mit Zittern angesehen und von dem er nun die Augen nicht mehr abwenden mochte. Aber bald drang etwas an sein Ohr, was ihn aufhorchen machte und ihn von diesem Anblick abzog. Eine Zeugin wurde vernommen, eine Frau in mittleren Jahren, die mit fester deutlicher Summe folgende Aussage machte: »Ich heiße Sarah M., bin Witwe und halte einen kleinen Gewürzladen hier in Stoniton. Die Angeklagte ist dasselbe Mädchen, welches krank und matt, einen Korb am Arm, am Sonnabend Abend den 27. Februar zu mir ins Haus kam und mich um Nachtquartier bat. Sie hatte das Haus für ein Wirtshaus gehalten, weil vor der Thür ein Schild ist. Als ich ihr sagte, ich beherbergte niemand, fing sie an zu weinen und sagte, sie sei zu erschöpft, um anderswo hinzugehen und sie wollte nur für eine Nacht ein Bett haben. Und wegen ihres hübschen Aussehens und ihres Zustandes und weil sie in ihren Kleidern und in ihrer ganzen Art etwas Anständiges hatte und in Not zu sein schien, konnte ich es nicht übers Herz bringen, sie abzuweisen. Ich bat sie, sich zu setzen, gab ihr Thee und fragte sie, wo sie hinginge und wo sie zu Haus sei. Sie sagte, sie sei auf dem Wege nach Hause, ihre Familie seien Pachtersleute weit von hier und sie habe eine lange Reise gemacht und mehr Geld verbraucht, als sie erwartet habe; deshalb habe sie nur wenig Geld mehr in der Tasche und ginge nicht gern wohin, wo es teuer sei. Die meisten Sachen aus ihrem Korbe habe sie schon verkaufen müssen, aber sie wolle mir gern einen Schilling für das Bett bezahlen. Ich sah keinen Grund, weshalb ich das Mädchen nicht für die Nacht beherbergen sollte. Ich hatte bloß ein Zimmer, aber es waren zwei Betten darin und ich sagte ihr, sie könnte bei mir bleiben. Ich dachte mir, sie sei auf Abwege geraten und darum in Not, aber wenn sie wieder zu ihrer Familie ginge, dann sei es wohl ein gutes Werk, ein wenig für sie zu sorgen.« Dann gab die Zeugin an, die Angeklagte habe in der Nacht ein Kind geboren und sie erkannte das Kinderzeug, welches man ihr vorwies, für dasselbe, welches sie selbst dem Kinde angezogen habe. »Das sind die Kleider. Ich habe sie für mein letztes Kind gemacht und seitdem immer aufbewahrt. Ich gab mir viel Mühe mit dem Kinde und der Mutter. Ich fühlte mich ordentlich hingezogen zu dem kleinen Dinge und sorgte recht dafür. Zum Doktor schickte ich nicht, weil es nicht nötig schien. Am Tage darauf sagt' ich der Mutter, sie müßte mir den Namen ihrer Familie nennen und wo die wohnte, damit ich an sie schreiben könnte. Sie antwortete, später wolle sie schon selbst schreiben, aber den Tag noch nicht. Trotz alles meines Widerspruchs stand sie bald auf und zog sich an. Sie sagte, sie fühle sich wieder ganz kräftig und es war auffallend, wie tapfer sie sich hielt. Aber ich wußte nicht recht, was ich mit ihr machen sollte und gegen Abend nahm ich mir vor, ich wollte nach dem Gottesdienst zu unserm Geistlichen und die Sache mit ihm besprechen. Um halb neun verließ ich das Haus. Ich ging nicht durch die Ladenthür, sondern durch die Hinterthür, die in ein enges Gäßchen führt. Ich wohne zu ebener Erde und die Küche und meine Schlafkammer gehen beide auf das Gäßchen. Als ich fortging, saß die Angeklagte in der Küche am Feuer, ihr Kind auf dem Schoße. Sie hatte den Tag nicht geweint und schien gar nicht niedergeschlagen, wie die Nacht vorher. Es kam mir vor, als sähe sie ein bißchen seltsam aus den Augen und gegen Abend bekam sie etwas Röte ins Gesicht. Ich war bange, es wäre das Fieber und nahm mir vor, ich wollte eine Freundin von mir, die sich auf so was versteht, auf dem Rückwege abholen und mit zu mir nehmen. Es war sehr dunkel den Abend. Ich verschloß die Thür nicht hinter mir; sie ist inwendig mit einem Riegel zu verschließen und wenn niemand zu Hause ist, gehe ich immer vorne heraus. Aber ich glaubte, es habe keine Gefahr, wenn sie die kurze Zeit unverschlossen bliebe. Ich blieb länger weg, als ich gedacht hatte, weil ich auf meine Freundin warten mußte, die mit mir nach Haus ging. Es dauerte anderthalb Stunden, ehe wir zurückkamen und als wir eintraten, stand das Licht noch so und brannte grade, wie ich es verlassen hatte, aber die Angeklagte und das Kind waren beide fort. Mantel und Hut hatte sie mitgenommen, aber den Korb mit den Sachen dagelassen. Ich war furchtbar erschrocken und böse auf sie, daß sie weggegangen war. Ich zeigte die Sache weiter nicht an, weil es mir nicht in den Sinn kam, sie habe was Böses vor und weil ich wußte, sie habe noch Geld, um für Essen und Unterkommen zu bezahlen. Ich mochte ihr die Polizei nicht auf den Hals schicken, weil sie ja ein Recht hatte, von mir zu gehen, wenn sie wollte.« Auf Adam wirkte diese Aussage wahrhaft belebend und gab ihm neue Kraft. Hetty konnte nicht schuldig sein – ihr Herz mußte an dem Kinde gehangen haben – warum hätte sie es sonst mitgenommen? Sie hätte es ja auch zurücklassen können. Das arme, kleine Ding war eines natürlichen Todes gestorben und dann hatte sie es versteckt; Kinder sterben ja so leicht und bei dem stärksten Verdacht fehlt oft jeder Beweis der Schuld. Er war so beschäftigt, sich gegen solche Verdachtsgründe Gegengründe auszudenken, daß er das Kreuzverhör nicht beachtete, welches Hettys Verteidiger – freilich vergebens – anstellte, um eine Aussage zu erlangen, daß die Angeklagte mütterliche Liebe für ihr Kind gezeigt habe. Die ganze Zeit, daß diese Zeugin verhört wurde, war Hetty so regungslos geblieben wie immer; kein Wort schien ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Aber der Ton der Stimme des nächsten Zeugen traf eine Saite in ihr, die noch anklang; sie fuhr zusammen und blickte ihn erschrocken an, aber sofort wandte sie sich wieder ab und sah auf ihre Hände nieder. Dieser Zeuge war ein derber Bauer. Er sagte: »Ich heiße Hans Olding, bin Arbeitsmann und wohne zwei Meilen von hier bei der Mühle am Steinbach. Letzten Montag vor acht Tagen gegen ein Uhr nachmittags ging ich da nach dem Eichenbusch und ein paar Minuten diesseits von dem Gebüsch sah ich die Angeklagte in einem roten Mantel nicht weit vom Stege an einem Heuschober sitzen. Als sie mich sah, stand sie auf und ging an mir vorbei. Es war ein gewöhnlicher Feldweg und nichts besonderes daran, daß ein Mädchen da ging, aber sie fiel mir doch auf, weil sie so blaß und angegriffen aussah. Wäre sie nicht so gut angezogen gewesen, so hätte ich sie für eine Bettlerin gehalten. Es war mir beinahe, als sei sie nicht recht bei Sinnen, aber das ging mich nichts an. Ich blieb stehen und sah ihr nach; sie ging grade aus, so lange ich sie sehen konnte. Ich hatte auf der andern Seite des Gebüsches zu thun und Stangen da zu holen. Ein Weg führt grade durch und hier und da ist eine kleine Lichtung, wo die Bäume umgehauen und noch nicht alle weggefahren sind. Ich verfolgte den Weg nicht ganz, sondern ging ungefähr in der Mitte ab und schlug mich grade durch nach dem Platze hin, wo ich zu thun hatte. Ich war noch nicht weit vom Wege auf eine von den Lichtungen gekommen, als ich ein sonderbares Schreien hörte. Es schien mir von keinem Tiere zu kommen, das ich kannte, aber ich hatte grade keine Lust, mich danach umzusehen. Indes, das Schreien hielt an und war mir doch so auffallend, grade an der Stelle, daß ich es nicht lassen konnte, stehen zu bleiben und mich umzusehen. Ich dachte, ich könnte vielleicht etwas Geld damit verdienen, wenn es was Neues wäre. Aber ich konnte zuerst nicht recht herausbringen, wo es herkam und eine zeitlang sah ich immer nach oben in die Zweige. Und dann dacht' ich, es käme von der Erde her; da lagen eine Menge Holzspäne umher und lose Stücke Rasen und ein paar Baumstümpfe. Und ich guckte dazwischen herum, konnte aber nichts finden und zuletzt hörte das Schreien auf. Da ließ ich denn das Suchen und ging an meine Arbeit. Aber als ich ungefähr eine Stunde nachher denselben Weg wieder zurückkam, konnt' ich's doch nicht lassen, meine Stangen hinzulegen und mich noch mal umzusehen. Und grade als ich mich bückte und die Stangen hinlegte, sah ich was rundes und weißliches unter einem Busch neben mir auf der Erde liegen. Und als ich mich auf Hände und Knie bückte, um es aufzunehmen, da sah ich, es war die Hand von einem kleinen Kinde.« Bei diesen Worten ging ein Schauder durch die ganze Versammlung. Hetty zitterte sichtlich; jetzt zum erstenmal schien sie zu hören, was ein Zeuge aussagte. »Grade unter dem Busch war eine Vertiefung und ein Häufchen Bauspäne waren da zusammengelegt und dazwischen guckte die Hand hervor. Aber an einer Stelle war ein Loch gelassen und da konnte ich durchsehen und dem Kinde seinen Kopf sehen, und schnell riß ich die Stücke Rasen und die Späne auseinander und nahm das Kind heraus. Es hatte ganz warme Kleider an, aber der Leib war kalt und ich dachte, es müsse tot sein. Rasch machte ich mich aus dem Walde nach Hause und brachte es meiner Frau. Sie sagte, es wäre tot und ich sollte damit auf die Polizei gehen und es dem Konstabler anzeigen. Und ich sagte: ›ich will meinen Kopf lassen, wenn das Kind nicht der jungen Frauensperson gehört, die mir vorhin auf dem Wege begegnete.‹ Aber sie schien schon über alle Berge. Und da nahm ich das Kind nach der Polizei und zeigte es an und der Konstabler ging mit mir nach dem Richter. Und dann suchten wir nach dem Mädchen bis spät in die Nacht und gingen hierher nach Stoniton und zeigten es an, damit man sie anhalten könne. Am andern Morgen kam der Konstabler zu mir und ich ging mit ihm nach dem Platze, wo ich das Kind gefunden hatte. Und als wir dahin kamen, da saß die Angeklagte an dem Busche, wo ich das Kind gefunden hatte und als sie uns sah, schrie sie auf, blieb aber ruhig sitzen. Auf dem Schoße hatte sie ein großes Stück Brot.« Während dieser Zeugenaussage hatte Adam vor Verzweiflung still vor sich hin gewimmert. Er hielt sein Gesicht mit dem Arme bedeckt, der auf der Brüstung vor ihm lag. Es war der Augenblick des tiefsten Jammers: Hetty war schuldig und schweigend rief er zu Gott um Hilfe. Er hörte nichts weiter von den Zeugenaussagen und bemerkte nicht, daß Pastor Irwine als Zeuge für Hetty auftrat und von ihrem fleckenlosen Ruf im Kirchspiel erzählte und von der guten, sittlichen Erziehung, die sie genossen. Dieses Zeugnis konnte auf den Spruch der Geschworenen selbst keinen Einfluß üben, aber es sollte die Begnadigung befürworten, um die ihr eigener Verteidiger nachgesucht haben würde, wenn er für seine Klientin hätte sprechen dürfen; diese Vergünstigung wurde indes in jenen finstern Zeiten Verbrechern nicht zuteil. Endlich richtete Adam den Kopf in die Höhe, weil er eine allgemeine Bewegung um sich her bemerkte. Der Richter hatte seine Ansprache an die Geschworenen beendet; diese zogen sich zurück. Der entscheidende Augenblick nahte. Adam durchbebte ein schauderndes Entsetzen und er konnte Hetty nicht ansehen, aber sie war längst schon wieder in ihre harte Gleichgültigkeit zurückgesunken. Aller Augen waren auf sie gerichtet; sie stand da wie ein Bild dunkler Verzweiflung. Während dieser Zwischenzeit ging ein leises Summen und Geflüster durch den Saal. Niemand wollte für den Augenblick etwas mehr hören, jeder hatte leise ein Gefühl oder eine Ansicht zu äußern. Starr vor sich hinblickend saß Adam da. Aber er sah nichts von dem, was grade unter seinen Augen vorging – sah nicht, wie der Ankläger und die Advokaten sich mit ruhiger Geschäftsmiene unterhielten, wie der Pastor leise und eindringlich mit dem Richter sprach, sich dann aufgeregt wieder hinsetzte und traurig den Kopf schüttelte, als ihm jemand etwas zuflüsterte. Adam war innerlich zu thätig, um äußere Eindrücke in sich aufzunehmen, bis ihn eine starke Empfindung wieder ermunterte. Es dauerte nicht lange, kaum mehr als eine Viertelstunde, als das laute Klopfen, welches anzeigte, die Geschworenen hätten sich geeinigt, das Zeichen zu allgemeinem Stillschweigen gab. Es hat etwas Erhabenes, diese plötzliche Stille einer großen Menge, welche beweist, daß ein Gedanke sie alle erfüllt. Das Schweigen schien immer tiefer zu werden gleich der sinkenden Nacht, während die Namen der Geschworenen aufgerufen wurden und die Angeklagte ihre Hand emporhalten mußte und die Jury um ihren Wahrspruch gefragt wurde. »Schuldig.« Es war das Urteil, welches jeder erwartet hatte, aber aus manchem Munde kam ein Seufzer der Enttäuschung, weil nicht hinterher folgte, daß die Geschworenen die Angeklagte zur Begnadigung empfahlen. Indes der Gerichtshof fühlte kein Mitleid mit der Gefangenen; die Unnatürlichkeit ihres Verbrechens erschien durch ihre harte Gefühllosigkeit und ihr eigensinniges Schweigen um so schroffer. Selbst der Wahrspruch der Geschworenen schien denen, die sie aus der Ferne sahen, keinen Eindruck auf sie zu machen. Aber die ihr näher standen, sahen wie sie zitterte. Die Stille hatte schon etwas nachgelassen, als der Richter sich die schwarze Mütze aufsetzte und der Kaplan in vollem Ornate hinter ihn trat. Nun war' wieder tiefes Schweigen, noch ehe der Gerichtsschreiber Zeit hatte, es zu gebieten. Wenn man noch einen Laut hörte, so waren es die Schläge von Menschenherzen. Der Richter sprach: »Esther Sorrel ...« Hetty stürzte das Blut ins Gesicht und entwich dann wieder, als sie zu dem Richter aufblickte und die Augen weit offen wie von Furcht gefesselt auf ihn gerichtet hielt. Adam hatte sich noch nicht wieder zu ihr gewandt; zwischen ihnen lag tiefes Entsetzen wie ein furchtbarer Abgrund. Aber bei den Worten: »und dort aufgehangen zu werden am Halse, bis Ihr tot seid,« durchfuhr ein geller Schrei den Saal. Der Schrei kam von Hetty. Entsetzt sprang Adam in die Höhe und streckte seine Arme nach ihr aus; aber er konnte sie nicht mehr auffangen: sie war ohnmächtig hingefallen und wurde bewußtlos aus dem Saale getragen. Vierundvierzigster Abschnitt Arthurs Rückkehr Als Arthur Donnithorne in Liverpool ans Land stieg und den Brief las, worin Tante Lydia ihm den Tod seines Großvaters kurz anzeigte, da war sein erstes Gefühl: »Der arme Großvater! Ich wollte, ich hätte ihn noch am Leben treffen können. Vielleicht hätte er mir vor seinem Ende noch etwas zu sagen gehabt, was ich nun nie erfahre. So einsam zu sterben!« Tiefer ging sein Gram nicht. Mitleid und eine freundliche Erinnerung traten an die Stelle der alten Abneigung und wie der Wagen ihn rasch der Heimat zuführte, wo er jetzt Herr sein sollte und seine Gedanken eifrig in die Zukunft vorauseilten, da bemühte er sich immer wieder von neuem, wie er das Andenken seines Großvaters durch nachträgliche Erfüllung seiner Wünsche ehren könne, ohne dabei gegen seine eigenen Lieblingswünsche für das Beste der Pächter und des Gutes zu handeln. Aber es liegt nicht in Menschenart – nur in menschlicher Übertreibung – daß ein junger Mann wie Arthur, mit gesundem Körper und lebhaftem Temperament, mit sich und der ganzen Welt zufrieden und der auch die ganze Welt mit sich zufrieden glaubt und ein sehr eifriges Verlangen trägt, der Welt für ihre gute Meinung immer mehr Grund zu geben – daß ein solcher junger Mann, wenn er durch den Tod eines hochbejahrten Mannes, mit dem er nie Liebe getauscht hat, in den Besitz eines glänzenden Vermögens kommt, etwas anderes empfinden soll als Freude und Jubel. Jetzt erst begann sein Leben recht; jetzt hatte er Raum und Gelegenheit zum Handeln und er wollte sie benutzen. Er wollte den Leuten in der Grafschaft zeigen, was ein tüchtiger Gutsbesitzer sei; er hätte diese Stellung mit keiner andern unter der Sonne vertauscht. Er sah sich schon an kühlen Herbsttagen über die Hügel reiten und Entwässerungen und Verzäunungen beaufsichtigen, die ihm sehr am Herzen lagen; dann sah er sich an nebligen Morgen bei der Jagd bewundert als der beste Reiter auf dem besten Pferde; an Markttagen sprach man gut von ihm als einem ausgezeichneten Gutsherrn; mit der Zeit hielt er große Reden bei Wahlbanketts und bewies eine wunderbare Kenntnis des Landbaues; er patronisierte neue Pflüge und Eggen, sagte unordentlichen Landwirten tüchtig die Meinung und war vor allem ein lustiger Geselle, den jeder gern haben mußte, den vergnügte Gesichter überall auf seinem eigenen Gute grüßten und mit dem die Familien der Nachbarschaft auf dem besten Fuße standen. Irwines sollten jede Woche bei ihm essen und ihren eigenen Wagen haben; denn auf eine sehr zarte Weise, die er sich schon ausdenken wolle, müsse er den Pächter der Zehnten in Hayslope dahin bringen, daß er dem Pastor ein paar hundert Pfund jährlich zulege. Seine Tante sollte es so gut haben wie möglich und auf dem Schlosse weiter leben, wenn sie wollte, trotz ihrer altjüngferlichen Gewohnheiten – wenigstens bis er sich verheiratete und dies Ereignis lag noch in weiter Ferne, weil Arthur die passende Frau für das »Muster eines Gutsbesitzers« noch nicht gesehen hatte. So weit die Gedanken eines Menschen während stundenlanger Fahrt sich in wenige Sätze zusammenfassen lassen, die sozusagen nur eine Namensliste enthalten von den verschiedenen Scenen eines langgedehnten, farbenglänzenden, mit allen Einzelheiten des Lebens ausgefüllten Panoramas, waren dies die Gedanken, die Arthur hauptsächlich beschäftigten. Die glücklichen Gesichter, von denen er sich im Geiste gegrüßt sah, waren nicht blasse Schattenbilder, sondern wirkliche frische Gesichter, ihm seit lange vertraut: Pachter Poyser war dabei, das ganze Poysersche Hans. Auch Hetty? Ja, auch Hetty. Arthur war über sie ganz beruhigt; zwar nicht ganz beruhigt über die Vergangenheit, denn die Ohren brannten ihm wohl etwas, sobald er an die Scenen mit Adam im vergangenen August dachte, aber ganz ruhig über ihr jetziges Los. Irwine hatte ihm regelmäßig alle Neuigkeiten aus der ganzen Gegend mitgeteilt und ihm fast vor drei Monaten geschrieben, Adam Bede werde nicht Marie Burge heiraten, wie er geglaubt habe, sondern die hübsche Hetty Sorrel; sowohl Poyser als auch Adam selbst hätten ihm alles erzählt; schon seit zwei Jahren sei Adam in Hetty bis über die Ohren verliebt und jetzt sei die Hochzeit auf Mitte März angesetzt; der stattliche Bursch, der Adam, sei ein Schelm und so verliebter Natur, wie er (der Pastor) sich nie vorgestellt; es sei wirklich eine ganz idyllische Liebesgeschichte und wenn es für einen Brief nicht zu lang wäre, so beschriebe er gern, mit welchem Erröten und wie einfachen, kräftigen Worten der vortreffliche, brave Mensch ihm sein Herzensgeheimnis mitgeteilt habe. Er wisse, schloß der Pastor, Arthur würde es gern hören, daß Adam nun auch dieses Glück bevorstehe. Ja freilich hörte es Arthur gern! Als er die Stelle in dem Brief gelesen hatte, fühlte er sich wie neugeboren und es wurde ihm zu eng in seinen vier Wänden. Er riß die Fenster auf, stürzte aus der Thür in die kalte Dezemberluft und grüßte jeden, der ihn ansprach, so heiter und lustig, als wenn eine neue Siegesbotschaft von Nelson eingetroffen wäre. Zum erstenmale seit seiner Abreise von Haus hatte er wieder frischen Jugendmut; die Last, die ihn bedrückte, war von ihm genommen, die Furcht, die ihn verfolgt hatte wie ein Gespenst, war gewichen. Jetzt, dachte er, könne er wieder seine Bitterkeit gegen Adam überwinden, ihm die Hand reichen und ihn bitten, wieder sein Freund zu sein, obschon ihm noch immer die Ohren brannten vor schmerzlicher Erinnerung. Er war zu Boden geschlagen worden und in die Notwendigkeit gebracht zu lügen, das läßt immer eine Narbe, mag man thun was man will. Aber wenn Adam wieder derselbe wäre wie in alten Tagen, dann wollte Arthur auch wieder derselbe sein und Adam sollte zu seinem Geschäft und zu seiner Zukunft gehören, wie er bis zu der verwünschten Überraschung im August immer gehofft hatte. Ja, er wollte jetzt noch viel mehr für Adam thun als er sonst gethan hätte; Hettys Mann hatte noch besondere Ansprüche auf ihn und Hetty selbst sollte fühlen, daß er ihr jeden Kummer, den er ihr früher gemacht, hundertfältig ersetze. Und besonders tief konnte es bei ihr doch nicht gegangen sein, da sie so bald eingewilligt habe, Adam zu heiraten. Man sieht also deutlich, welches Bild Adam und Hetty auf dem Zukunfts-Panorama machten, das Arthur auf seiner Reise nach Haus vor sich entrollte. Es war schon im März, bald machten sie Hochzeit, vielleicht waren sie bereits verheiratet. Und jetzt stand es wirklich in seiner Macht, viel für sie zu thun, recht viel. Die liebe, süße Hetty! Das kleine Ding hatte sich nicht halb so viel aus ihm gemacht wie er sich aus ihr; er war ja noch immer ganz närrisch in sie vergafft, war beinahe bange vor dem Wiedersehen und hatte seit dem Abschied von ihr kaum eine andere Frau eines Blickes gewürdigt. Wie die zierliche Gestalt im Wäldchen auf ihn zukam, mit den kindlichen, dunkelgesäumten Augen ihn anblickte, ihm die reizenden Lippen zum Kuß reichte – das Bild war in all den Monaten noch nicht verblaßt. Und noch immer sah sie so aus, ganz gewiß. Wie er vor sie treten werde, konnte er sich gar nicht denken; gewiß würde er beim Wiedersehen zittern. Seltsam, wie lange so etwas nachwirkt; er war doch sicher jetzt in Hetty nicht mehr verliebt, hatte Monate lang ernstlich gewünscht, sie möchte Adam heiraten und auch jetzt machte ihn nichts glücklicher als der Gedanke an diese Heirat. Gestehen wir es: es war nur die Übertreibung seiner Einbildungskraft, welche sein Herz auch jetzt noch bei dem Gedanken an sie schneller schlagen machte. Wenn er das kleine Ding wiedersah, wie sie wirklich war, als Adams Frau und ganz prosaisch bei der Arbeit in ihrem neuen Haushalt, dann wunderte er sich vielleicht, wie es nur möglich gewesen, daß er früher so für sie geschwärmt. Aber dem Himmel sei Dank, daß es sich so gut gewandt! Jetzt, dachte er, habe er ja genug zu thun und zu bedenken, um sein Leben auszufüllen und laufe nicht Gefahr, wieder zum Narren zu werden. Wie lustig, wenn der Postillon mit der Peitsche knallt! Wie angenehm das Gefühl, rasch und behaglich durch eine englische Landschaft hinzurollen, die so an die eigene Heimat erinnert und nur nicht ganz so hübsch ist. Hier war ein Marktflecken – beinahe wie Treddleston, wo auf dem Schilde des ersten Wirtshauses das Wappen des benachbarten Gutsherrn stand; dann kamen Felder und Hecken, so nahe bei dem Städtchen, daß sie angenehm an hohen Pachtzins erinnerten und nun kamen sauber bestellte Feldfluren und die Gehölze mehrten sich und endlich blickte das weiße oder rote Haus des Gutsherrn von einer mäßigen Anhöhe herab oder lugte mit Zinnen und Schornsteinen aus dichten Eichen und Ulmen hervor, die schon von frühen Knospen einen rötlichen Hauch trugen. Dicht dabei das Dorf; die kleine Kirche mit dem roten Ziegeldach sah selbst unter den verfallenen Häusern aus Fachwerk noch bescheiden aus; daneben die alten bemoosten Grabsteine, von Nesseln halb überwachsen; nichts frisch und munter als die Kinder, die ihre runden Augen weit aufrissen über die schnelle Extrapost; nichts laut und geschäftig als die kläffenden Köter von zweifelhafter Herkunft. Da war Hayslope doch ein viel hübscheres Dorf! Und es sollte nicht so verfallen wie dies hier; tüchtig sollte gebaut werden an allen Bauernhöfen und Hütten und die Reisenden, welche die große Straße von Rosseter entlang kämen, sollten nichts thun als bewundern. Und alle diese Bauten sollte Adam Bede leiten; er hatte ja jetzt bei Burge einen Anteil am Geschäft und wenn's ihm recht wäre, wollte Arthur etwas Geld hineinstecken und dem alten Mann in ein oder zwei Jahren das Geschäft ganz abkaufen. Die Geschichte vom letzten Sommer war allerdings eine böse Sache, das sah er ein. Aber die Zukunft sollte alles wieder gutmachen. Wie mancher andere hätte gegen Adam ein Gefühl von Rachsucht behalten! Das wollte er nicht; jede Kleinigkeit dieser Art wolle er tapfer überwinden; denn gewiß sei er sehr im Unrecht gewesen und obgleich Adam barsch und heftig aufgetreten sei und ihn in eine peinliche Verlegenheit gebracht habe, – der arme Mensch war ja verliebt und wirklich gereizt. Nein, in Arthurs Seele war kein Groll, kein unfreundlicher Gedanke gegen irgendwen auf der Welt; er war glücklich und wollte auch jeden glücklich machen, der in seinem Bereich lebte. Und endlich war das liebe, alte Hayslope wirklich da und lag so ruhig auf dem Hügel als schliefe es im letzten Nachmittagsscheine, im Hintergrunde die mächtigen Hügel gelagert, und darunter das rötliche Dunkel der Wälder an den Abhängen und endlich sah die weißgraue Front der Abtei aus den Eichen des Parks hervor. »Der arme Großvater, da liegt er nun tot. Auch er war mal jung und trat das Gut an und machte seine Pläne für die Zukunft. Das ist der Lauf der Welt! Die arme Tante Lydia muß sich recht verlassen fühlen; aber ich will sie so verziehen wie sie ihren fetten Schoßhund.« Im Schlosse hatte man schon ängstlich auf Arthurs Rückkehr gewartet, denn heute war Freitag und das Begräbnis schon zwei Tage aufgeschoben. Ehe sein Wagen auf den Hof fuhr, hatten sich alle Diener des Hauses versammelt, um ihn so ernst und gemessen zu empfangen, wie es sich für ein Haus des Todes ziemte. Noch vor einem Monat würde es ihnen vielleicht schwer geworden sein, die nötige Betrübnis im Gesicht zu bewahren, wenn Arthur damals sein Erbe angetreten hätte. Aber heute trauerten sie im Herzen um etwas anderes als den Tod des alten Herrn und mehr als einer hätte gewünscht, mit dem Gärtner Craig in Stoniton zu sein und zu wissen, was aus Hetty Sorrel würde, der hübschen Hetty Sorrel, die sie früher jede Woche im Schloß gesehen hatten. Natürlich waren sie als alte Diener des Hauses etwas parteiisch und gingen in ihrer Entrüstung gegen den Urheber dieses Übels nicht so weit wie die Bauern, sondern suchten ihn möglichst zu entschuldigen; aber trotzdem mußten doch die besten unter ihnen, die Jahre lang freundlichen Verkehr mit Poysers gehabt hatten, wohl fühlen, daß dem lang ersehnten Tage, wo der junge Herr das Gut antrat, alle Freude genommen sei. Für Arthur hatte es nichts überraschendes, daß die Diener ernst und traurig aussahen; er war selbst sehr gerührt, sie alle wieder zu sehen und zu fühlen, daß er zu ihnen jetzt in einem neuen Verhältnis stehe. Er hatte so jene Art von leidenschaftlicher Empfindung, die mehr freudig als schmerzlich ist, – vielleicht der angenehmste Zustand für einen gutmütigen Menschen, der sich der Macht bewußt ist, seiner Gutmütigkeit Genüge thun zu können. Das Herz schwoll ihm angenehm als er sagte: »Nun, Johann, wie geht's meiner Tante?« Aber da trat der Advokat, der seit dem Tode des alten Herrn immer im Hause gewesen war, an ihn heran, um sich dem neuen Herrn ehrfurchtsvoll zu empfehlen und seine Fragen zu beantworten und Arthur ging mit ihm in die Bibliothek, wo ihn Tante Lydia erwartete. Die Tante war die einzige im ganzen Hause, die nichts von Hetty wußte; in ihren Schmerz als die einzige und unverheiratete Tochter des Verstorbenen mischten sich keine anderen Gedanken als die der Sorge wegen des Begräbnisses und ihrer eigenen Zukunft, und nach Frauenart trauerte sie um den Vater, der ihr Leben zu etwas gemacht hatte, um so mehr, als sie im stillen fühlte, die Trauer um ihn sei sonst nicht groß. Aber Arthur küßte ihr das weinende Gesicht zärtlicher als er je gethan. »Liebe Tante,« sagte er herzlich, indem er ihre Hand ergriff, »du hast am meisten verloren, aber du mußt mir sagen, wie ich versuchen kann, es dir dein ganzes übriges Leben zu ersetzen.« »Es kam so plötzlich und war so schrecklich, Arthur,« begann das arme Fräulein und erging sich in ihren kleinen Klagen und Beschwerden; Arthur mußte sich setzen und mit ungeduldiger Geduld zuhören. Endlich benutzte er eine Pause und sagte: »Jetzt muß ich dich auf eine Viertelstunde verlassen, Tante, und auf mein Zimmer gehen; dann wollen wir alles genau überlegen. – Mein Zimmer ist doch in Ordnung, Johann?« sagte er zu dem Kellermeister, der unruhig im Vorzimmer zu warten schien. »Ja wohl, Herr Kaptän und es sind Briefe für Sie da; sie liegen alle auf dem Schreibtisch in Ihrem Ankleidezimmer.« In dem kleinen Vorzimmer, welches das Ankleidezimmer hieß, obschon Arthur fast immer nur darin faulenzte und schrieb, warf er im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick auf den Schreibtisch und sah verschiedene Briefe und Pakete daliegen, aber er war von der langen, eiligen Reise ganz verstaubt und mußte sich etwas erfrischen und umkleiden, ehe er die Briefe lesen konnte. Sein Bedienter hatte schon alles in Ordnung und bald fühlte er sich so frisch als finge er einen neuen Tag an und ging in das kleine Zimmer zurück, um die Briefe zu lesen. Die Strahlen der späten Nachmittagssonne fielen voll durch das Fenster und als sich Arthur in ihrem angenehmen warmen Scheine auf den sammetnen Armstuhl niederließ, empfand er jenes ruhige Wohlbehagen, wie du es, lieber Leser und ich selbst wohl schon an einem sonnigen Nachmittag empfunden haben, wenn in den Tagen unserer besten Jugend und Gesundheit das Leben sich mit einer neuen Aussicht vor uns erschloß und eine lange, thätige Zukunft sich vor uns dehnte wie eine liebliche Ebene, die wir uns gar nicht beeilen brauchten genau anzusehen, weil sie ganz uns gehörte. Der oberste Brief trug Irwines Handschrift und »sofort zu bestellen« war darauf bemerkt. Einen Brief von Irwine grade jetzt vorzufinden, war für Arthur nichts weniger als überraschend; natürlich hatte er ihm etwas mitzuteilen, noch ehe sie einander sehen konnten. Arthur brach den Brief auf, indem er sich schon im voraus freute, den Schreiber selbst auch bald zu sehen: »Ich schicke Ihnen diesen Brief gleich zu Ihrer Ankunft entgegen, Arthur, weil ich dann selbst wohl in Stoniton bin, wohin mich die schmerzlichste Pflicht ruft, die ich je habe erfüllen müssen und weil es recht ist, daß Sie ohne Aufschub erfahren, was ich zu sagen habe. »Ich will nicht versuchen, der Vergeltung, die jetzt auf Sie fällt, ein Wort des Vorwurfs hinzuzufügen; was ich auch schreiben könnte, würde schwach und unbedeutend sein neben der einfachen Thatsache, die ich Ihnen berichten muß. »Hetty Sorrel ist im Gefängnis und steht am Freitag vor Gericht wegen Kindesmordes ...« Weiter las Arthur nicht. Er sprang vom Stuhl auf und bebte einen Augenblick am ganzen Leibe so furchtbar, als wenn das Leben mit heftigen Pulsschlägen aus ihm entwiche, aber im nächsten Augenblick war er schon aus dem Zimmer gestürzt, immer noch den Brief fest in der Hand und eilte über den Flur die Treppe hinunter aus der Hausthür. Der Kellermeister stand noch da, aber Arthur sah ihn nicht, als er gleich einem Gehetzten hinausstürzte, den Weg nach dem Stalle hin. Der Diener eilte hinter ihm her, so schnell seine alten Glieder erlaubten; er ahnte, er wußte, wo der junge Herr hinwollte. Als er den Stall erreichte, wurde schon ein Pferd gesattelt und Arthur stand dabei und zwang sich, den übrigen Inhalt des Briefes zu lesen. So wie das Pferd ihm vorgeführt wurde, steckte er ihn in die Tasche und in dem Augenblick sah er den Diener mit besorgtem Gesicht vor sich. »Sagt im Hause, daß ich fort bin – nach Stoniton,« sprach er mit fast erstickter Stimme, schwang sich aufs Pferd und sprengte im Galopp davon. Fünfundvierzigster Abschnitt Im Gefängnis An demselben Tage um Sonnenuntergang stand ein ältlicher Herr mit dem Rücken gegen die kleine Eingangsthür des Gefängnisses in Stoniton gelehnt und wechselte einige Worte mit dem Kaplan. Der Kaplan ging fort, aber der ältliche Herr blieb stehen, blickte auf das Pflaster und rieb sich nachdenklich das Kinn; da weckte ihn aus seiner Träumerei eine sanfte, klare Frauenstimme: »Darf ich wohl das Gefängnis besuchen, mein Herr?« Er wandte sich um und sah die Sprecherin einige Augenblicke fest an, ohne zu antworten. »Ich habe Euch schon früher gesehen,« sagte er endlich. »Erinnert Ihr Euch, wie Ihr auf der Gemeindewiese in Hayslope gepredigt habt?« »Ja gewiß. Sind Sie der Herr, der zu Pferde hielt und zuhörte?« »Ja. Warum wollt Ihr ins Gefängnis?« »Ich möchte zu der armen Hetty Sorrel, die zum Tode verurteilt ist und gern bliebe ich bei ihr, wenn es mir vergönnt würde. Haben Sie in dem Gefängnisse was zu sagen, mein Herr?« »Ja wohl; ich bin eine obrigkeitliche Person und kann Euch Eintritt verschaffen. Aber kennt Ihr denn diese Hetty Sorrel?« »Gewiß, wir sind verwandt; meine leibliche Tante hat ihren Onkel Poyser geheiratet. Aber ich war verreist, nach Leeds und erfuhr von dieser großen Not nicht früh genug, sonst wär' ich schon eher gekommen. Bei der Liebe unseres himmlischen Vaters flehe ich Sie an, lassen Sie mich zu ihr und bei ihr bleiben.« »Wie wißt Ihr denn, daß sie zum Tode verurteilt ist, wenn Ihr erst jetzt von Leeds zurückkommt?« »Ich habe meinen Onkel nach dem Prozesse gesehen; er ist jetzt wieder zu Haus und die arme Sünderin ist nun von allen verlassen. Ich bitte Sie recht dringend, verschaffen Sie mir die Erlaubnis, bei ihr zu sein.« »Wie? Habt Ihr Mut, die ganze Nacht im Gefängnis zu bleiben?! Sie ist sehr verstockt und giebt kaum eine Antwort, wenn man sie anredet.« »O, Herr, Gott kann ihr Herz noch immer öffnen, wenn es ihm gefällt. Bitte, zögern wir nicht länger.« »Nun, dann kommt,« sagte der ältliche Herr und ließ sich die Thür öffnen; »ich weiß, Ihr habt einen Schlüssel, der Herzen erschließt.« Sie traten in den Hof des Gefängnisses und Dina nahm mechanisch Hut und Tuch ab, wie sie immer gewohnt war, wenn sie zu Kranken und Bedürftigen zum Besuch und Gebet ging, und als sie in die Stube des Schließers kamen, legte sie beides halb unbewußt auf einen Stuhl. Keine Aufregung war an ihr zu merken, sie hatte die tiefe Ruhe völliger Sammlung, als wenn selbst beim Sprechen ihre Seele im Gebet sei und auf eine unsichtbare Stütze sich lehne. Der ältliche Herr sprach mit dem Gefangenwärter und wandte sich dann mit den Worten zu ihr: »Der Schließer wird Euch in die Zelle der Gefangenen bringen und die Nacht dalassen wenn Ihr wollt; aber während der Nacht dürft Ihr kein Licht haben, das ist gegen die Regel. Mein Name ist Oberst Townley; kann ich Euch irgend worin behilflich sein, so fragt den Schließer nach meiner Adresse und kommt zu mir. Ich interessiere mich für diese Hetty Sorrel wegen des braven, tüchtigen Adam Bede; ich habe ihn denselben Abend, wo ich Euch predigen hörte, zufällig in Hayslope gesehen und erkannte ihn heute im Gerichtssaal wieder, so krank er auch aussah.« »Ah, können Sie mir etwas von ihm sagen? Wissen Sie vielleicht, wo er wohnt? Mein armer Onkel war viel zu niedergebeugt, um sich daran zu erinnern.« »Hier dicht nebenan. Ich habe mich bei Pastor Irwine nach ihm erkundigt. Er wohnt bei einem Klempner, hier in der Straße rechts vom Gefängnis. Ein alter Schulmeister ist bei ihm. Nun, auf Wiedersehen!« »Leben Sie Wohl, Herr Oberst; ich danke Ihnen recht sehr.« Als Dina mit dem Schließer über den Hof des Gefängnisses ging, schienen in der matten Abendbeleuchtung die Mauern höher zu sein, als sie bei Tage waren und auf dem düstern Hintergrunde glich das liebe, blasse Gesicht in der Quäkerhaube mehr als je einer weißen Blume. Der Schließer sah sie fortwährend von der Seite an, sagte aber kein Wort; er mußte wohl fühlen, der Ton seiner eigenen rauhen Stimme würde grade jetzt sehr unangenehm klingen. Als sie in den dunkeln Gang traten, der zu der Zelle der Verurteilten führte, machte er Licht und sagte so höflich er konnte: »Es wird schon recht dunkel in der Zelle sein, aber wenn Ihr wollt, kann ich mit meiner Laterne etwas drin bleiben.« »Nein, mein Freund, ich danke Euch,« antwortete Dina; »ich wünsche allein hineinzugehen.« »Ganz wie Ihr wollt,« erwiderte der Schließer, drehte den schweren Schlüssel und öffnete die Thür weit genug, um Dina einzulassen. Der Schein von seiner Laterne fiel in die hinterste Ecke der Zelle, wo Hetty auf ihrem Strohbett saß, das Gesicht bis tief auf die Knie gebeugt. Es sah aus als ob sie schliefe und doch mußte das Knarren des Riegels sie geweckt haben. Die Thür schloß sich wieder und das einzige Licht in der Zelle war der matte Abendschimmer, der durch das schmale, hohe Gitter hereinschien; man konnte dabei menschliche Gesichter eben noch erkennen. Dina stand einen Augenblick still; sie zögerte zu sprechen, weil Hetty im Schlaf sein konnte und sah die bewegungslos zusammengekauerte Gestalt mit sehnsuchtsvollem Herzen an. Dann sagte sie sanft: »Hetty!« Eine leise Bewegung war an Hetty zu bemerken, ein Zusammenzucken wie etwa von einem schwachen, elektrischen Schlage, aber sie blickte nicht auf. In einem Tone, der von übermächtiger Bewegung stärker anschwoll, fing Dina wieder an: »Hetty! Ich bin's, Dina.« Wieder bebte Hetty leise zusammen und ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen, richtete sie ihren Kopf etwas auf, als wenn sie horche. »Hetty! Dina ist bei dir.« Noch einen Augenblick und Hetty hob den Kopf langsam und schüchtern empor und schlug die Augen auf. Die beiden blassen Gesichter sahen einander an, das eine mit dem Ausdruck harter, wilder Verzweiflung, das andere voll wehmütiger, heißer Liebe. Unwillkürlich breitete Dina ihre Arme aus und streckte sie der andern entgegen. »Kennst du mich nicht mehr, Hetty? Kennst du Dina nicht mehr? Dachtest du, ich würde dich nicht aufsuchen in deiner Not?« Hetty hielt ihre Augen auf Dinas Gesicht gerichtet – zuerst wie ein Tier, welches scheu blickt und sich nicht herantraut. »Ich bin gekommen, um bei dir zu bleiben, Hetty; ich will dich nicht mehr verlassen, will bei dir ausharren, will deine Schwester sein bis ans Ende.« Während Dina sprach, hatte sich Hetty langsam erhoben, trat einen Schritt vor und lag in Dinas Armen. So standen sie eine lange Zeit, denn keine von beiden fühlte sich getrieben, sich von der andern zu trennen. Ohne klares Bewußtsein hing sich Hetty an dieses Etwas, von dem sie sich jetzt umschlossen fühlte, während sie hilflos in einen finstern Abgrund sah und Dina empfand tiefe Freude über dies erste Zeichen, daß die unglückliche Verlorene ihre Liebe gern annähme. Der Lichtschimmer wurde immer matter, als sie so zusammenstanden und als sie sich endlich beide auf das Strohbett setzten, waren ihre Gesichter nicht mehr zu sehen. Sie sprachen kein Wort. Dina wartete, daß Hetty von selbst anfange; aber Hetty saß da in derselben dumpfen Verzweiflung, klammerte nur die Hand fest, welche die ihrige ergriffen hatte und lehnte ihre Wange an Dinas. Es war die Berührung mit einem menschlichen Wesen, woran sie sich hielt, aber sie sank immer tiefer und tiefer in den finstern Abgrund. Dina fing an zu zweifeln, ob Hetty ein klares Bewußtsein habe, wer bei ihr sei; sie fürchtete, Kummer und Not habe die Unglückliche um den Verstand gebracht. Aber, wie sie später erzählte, der Geist gab ihr ein, sie dürfe das Werk Gottes nicht übereilen, nicht vorschnell sprechen; Gott offenbare sich ja auch durch unser schweigendes Gefühl und mache seine Liebe fühlbar durch die unsrige. Sie wußte nicht, wie lange sie so dagesessen hatten, aber es wurde dunkler und dunkler, bis nur noch ein blasser Fleck auf der Wand dem Gitter gegenüber zu bemerken war; sonst war alles finster. Aber sie empfand die Nähe Gottes mehr und mehr – ja, empfand sie so, als wäre sie selbst aufgenommen in die göttliche Allgegenwart, als sei, was ihr im Herzen schlage, das göttliche Erbarmen selber, welches die Unglückliche retten wolle. Endlich fühlte sie sich getrieben zu sprechen und sich zu überzeugen, wie weit Hetty sich der Gegenwart bewußt sei: »Hetty,« sagte sie sanft, »weißt du, wer bei dir sitzt?« »Ja,« erwiderte Hetty langsam, »Dina, du bist's.« »Und erinnerst du dich der Zeit, wo wir zusammen auf dem Pachthof waren und jener Nacht, wo ich dich bat, dich auf mich zu verlassen, wenn Trübsal über dich käme?« »Ja,« sagte Hetty und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Aber du kannst nichts für mich thun; du kannst bei den Leuten nichts machen. Am Montag werd' ich gehängt und heute ist Freitag.« Bei diesen letzten Worten rückte Hetty schaudernd noch näher an Dina heran. »Nein, Hetty, von dem Tode kann ich dich nicht retten. Aber ist dein Leiden nicht weniger hart, wenn jemand bei dir ist, der Gefühl für dich hat, mit dem du sprechen, dem du sagen kannst, was du auf dem Herzen hast? ... Ja, Hetty, du lehnst dich an mich; du freust dich, daß ich bei dir bin?« »Du willst mich also nicht verlassen, Dina? Willst bei mir bleiben, bei mir aushalten?« »Nein, Hetty, ich will dich nicht verlassen; ich will bei dir bleiben bis zum letzten Augenblick ... Aber, Hetty, es ist noch ein anderer hier in der Zelle als ich, einer ganz nahe bei dir.« Hetty bebte zusammen und flüsterte ängstlich: »Wer?« »Einer, der in der ganzen Zeit deiner Sünde und Trübsal bei dir gewesen ist – der um alle deine Gedanken gewußt – dich gesehen hat, wo du auch gingst und dich niederlegtest und wieder aufstandest und alle deine Thaten gesehen hat, die du in Nacht und Dunkel zu verbergen suchtest. Und am Montag, wenn ich dir nicht mehr folgen kann, – wenn meine Arme dich nicht mehr erreichen können, – wenn der Tod uns getrennt hat, – dann wird Er, der jetzt bei uns ist und alles weiß, immer noch bei dir sein. Es ist einerlei – ob wir leben oder sterben, wir sind vor Gott.« »O, Dina, wird niemand etwas für mich thun? Werde ich gewiß gehängt? ... Wenn sie mich doch nur am Leben ließen!« »Meine arme Hetty, der Tod ist dir schrecklich; ich weiß, er muß dir schrecklich sein. Aber wenn du nun einen Freund hättest, der sich nach dem Tode deiner annähme in jener Welt, – einen Freund, dessen Liebe größer ist als meine, der alles, alles kann ... wenn Gott unser Vater dein Freund wäre und dich retten wollte aus Sünde und Not, daß du nie wieder wüßtest, was sündige Gedanken sind noch Schmerz? Wenn du glauben könntest, daß er dich liebt und dir helfen will, Wie du glaubst, daß ich dich liebe und dir helfen will, – dann wäre es doch nicht so schwer zu sterben, nicht wahr? lange nicht so schwer?« »Aber davon weiß ich ja nichts,« sagte Hetty halb trotzig, halb betrübt. »Weil du deine Seele gegen ihn verschließest, Hetty, indem du die Wahrheit zu verbergen suchst. Gottes Liebe und Erbarmen kann alles überwinden – unsere Unwissenheit und Schwachheit und die ganze schwere Last unserer früheren Sündhaftigkeit, – alles, nur nicht unsern Sündentrotz, alles, nur nicht die Sünde, an der wir festhalten und von der wir nicht lassen wollen. Du glaubst an meine Liebe und mein Erbarmen für dich, Hetty; aber wenn du mich nicht hättest zu dir kommen und mich zu dir sprechen lassen, dann hättest du mich gehindert, dir Beistand zu leisten, dann hätte ich dir nicht meine Liebe zeigen, dir nicht sagen können, was ich für dich empfinde. Verschließ dich nun auch nicht gegen Gottes Liebe, indem du dich an die Sünde festklammerst. Er kann dir seinen Segen nicht geben, so lange du eine Lüge auf der Seele hast; seine erbarmende Verzeihung kann nicht zu dir dringen, als bis du ihm dein Herz öffnest und sagst: ,Ich habe diese große Sünde begangen; rette mich, o Gott! und mache mich rein von Sünden/ So lange du an dieser Sünde festhältst und nicht davon lassen willst, zieht sie dich auch für jene Welt ins Elend, wie sie dich hier auf Erden hineingezogen hat, meine arme, arme Hetty. Die Sünde ist es, welche Schrecken, Dunkelheit und Verzweiflung über uns bringt; Licht und Segen aber kommt über uns, sobald wir sie von uns werfen; dann zieht Gott in unsere Herzen ein und unterweist uns und giebt uns Kraft und Frieden. Wirf die Sünde von dir, Hetty – jetzt, jetzt gleich; gestehe, was du Böses gethan hast – bekenne die Sünde, deren du dich schuldig gemacht hast gegen Gott, unsern himmlischen Vater. Laß uns zusammen niederknien, denn wir sind vor Gottes Angesicht.« Hetty gehorchte und sank mit Dina auf die Knie. Sie hielten einander bei der Hand, aber lange noch herrschte tiefe Stille. Dann sagte Dina: »Hetty, wir sind vor Gott! Er erwartet, daß du die Wahrheit sagst.« Noch immer kein Wort. Endlich sprach Hetty mit stehender Stimme: »Dina ... hilf mir ... ich kann nicht fühlen wie du ... mein Herz ist hart.« Dina hielt die Hand, welche die ihrige fest umklammerte, und ihre Seele schwang sich auf zum Gebet: »Jesus, Allgegenwärtiger, Erlöser! Du hast alle Tiefen des Leidens ergründet; du hast das schwarze Dunkel betreten, wo Gott nicht ist und hast ausgestoßen den Schrei der Verlassenen. Komm, Herr, und sammle die Früchte deiner Mühen und deiner Fürbitte; strecke deine Hand aus, du, der du mächtig bist zu erlösen, wo niemand mehr helfen kann und errette diese verlorene Sünderin. Sie ist rings umfangen von dichter Finsternis; die Ketten ihrer Sünde belasten sie und sie kann sich nicht regen, zu dir zu kommen; sie kann nur fühlen, daß ihr Herz hart, daß sie hilflos ist. Sie ruft zu mir, deinem schwachem Geschöpfe ... Herr, Erlöser! es ist nur ein blindes Rufen zu dir. Höre, o erhöre es! Dringe durch das Dunkel! Blicke sie an mit deinem Antlitz voll Liebe und Kummer, welches du auf den wandtest, der dich verleugnete, – blicke sie an und löse ihres Herzens Härtigkeit. »Siehe, Herr, ich bringe sie zu dir, wie man einst die Kranken und Gebrechlichen zu dir brachte und du heiltest sie; ich trage sie auf meinen Armen und bringe sie zu dir. Furcht und Zittern hat sie erfaßt; aber sie zittert nur vor leiblichem Schmerz und Tod; hauche du ihr deinen Geist des Lebens ein und gieb ihr eine neue Furcht – die Furcht vor ihrer Sünde. Laß sie sich ängstigen, die verruchte That für sich zu behalten; laß sie die Gegenwart des lebendigen Gottes fühlen; der alles Vergangene weiß, vor dem das Dunkel ist wie Mittagslicht, der jetzt in der letzten Stunde darauf wartet, daß sie sich zu ihm wendet und ihre Sünde bekennt und um Erbarmen steht, – jetzt noch, ehe die Nacht des Todes über sie kommt und der Augenblick der Vergebung für immer dahin ist, wie das Gestern, welches nie zurückkehrt. »Erlöser! Noch ist es Zeit, diese arme Seele aus ewiger Finsternis zu erretten. Ich glaube, ich vertraue auf deine unendliche Liebe. Meine Liebe oder meine Fürbitte – was will die sagen? Sie ist in deiner inbegriffen. Ich kann sie nur in meine schwachen Arme schließen und mit meinem schwachen Erbarmen auf sie wirken. Du aber, du hauchest die tote Seele an und sie ersteht aus dem stummen Schlafe des Todes. »Ja, Herr, ich sehe dich, wie du durch das Dunkel kommst, kommst wie der Morgen, heilenden Balsam auf deinem Fittich. Du trägst die Zeichen deines Leidens – ich sehe, ich sehe, du kannst und willst sie retten, willst sie nicht ewig untergehen lassen. »Komm, du mächtiger Erlöser! Laß die Tote deine Stimme hören, laß die Augen der Blinden sich öffnen, laß sie erkennen, daß Gott sie umfängt, daß sie nur zittert über die Sünde, die sie von ihm trennt. Erweiche ihr hartes Herz, erschließe ihr die verschlossenen Lippen, laß sie rufen von ganzer Seele: ,Vater, ich habe gesündigt vor dir ...« »Dina;« schluchzte Hetty und schlang ihren Arm um Dinas Hals, »ich will sprechen ... ich will es gestehen ... und nicht länger verschweigen.« Aber sie weinte und schluchzte zu heftig. Dina hob sie sanft von den Knieen auf, legte sie wieder auf das Strohbett und setzte sich zu ihr. Es dauerte lange, ehe sie das krampfhafte Schluchzen überwinden konnte und auch dann saßen sie noch einige Zeit schweigend und hielten einander bei der Hand. Endlich flüsterte Hetty: »Ja, ich hab' es gethan, Dina... ich begrub es im Walde ... mein kleines Kind ... und es schrie so ... ich hörte es schreien ... ganz weit, weit weg... die ganze Nacht ... und ich ging zurück, weil es schrie.« Sie hielt inne und sagte dann hastig mit lauter, flehender Stimme: »Aber ich dachte, es stürbe vielleicht nicht und einer fände es... ich habe es nicht umgebracht, nicht selbst umgebracht. Ich legte es dahin und deckte es zu und als ich zurückkam, war es weg ... es war bloß, weil ich so schrecklich unglücklich war, Dina ... ich wußte nicht, wo ich hin sollte ... und erst versuchte ich, mich selbst umzubringen und das konnte ich nicht. O, ich wollte mich so gern im Teiche ertränken und ich konnte nicht. Ich ging nach Windsor, ich entfloh, hast du das gehört? Ich wollte ihn aufsuchen, damit er für mich sorge; da war er fort und als ich ihn nicht traf, da wußte ich nicht, was ich anfangen sollte. Nach Hause mochte ich nicht wieder, das konnte ich nicht ertragen. Ich hätte es nicht ausgehalten, den Leuten wieder unter die Augen zu kommen, sie hätten mich alle verachtet. Bisweilen dachte ich an dich und wollte zu dir gehen, weil ich hoffte, du würdest nicht hart gegen mich sein und mir meine Schande vorhalten. Dir hätt' ich es wohl sagen können. Aber dann hätten's die andern Leute zuletzt auch erfahren und das konnt' ich nicht ertragen. Es war zum Teil der Gedanke an dich, der mich nach Stoniton trieb und außerdem fürchtete ich mich so, immer umher zu irren, bis ich eine Bettlerin wäre und nichts hätte, und bisweilen war mir's, als müßte ich eher wieder nach dem Pachthof gehen, ehe ich das ertrüge. O, es war so schrecklich, Dina ... ich war so elend ... ich wünschte, ich wäre nie geboren. In die grünen Felder möchte ich nicht wieder; ich hab' sie so gehaßt in meinem Elend.« Wieder hielt Hetty inne, als wäre die Erinnerung an die Vergangenheit für Worte zu stark. »Und dann kam ich nach Stoniton und wurde so bang in der Nacht, weil ich so nahe bei Haus war. Und dann wurde das kleine Kind geboren, als ich es nicht erwartete und der Gedanke stieg in mir auf, ich könnte es vielleicht loswerden und wieder nach Hause gehen. Der Gedanke kam ganz plötzlich, als ich im Bette lag und wurde immer stärker und stärker ... ich sehnte mich so wieder nach Hause ... ich konnte es nicht mehr ertragen, so einsam zu sein und vielleicht bald betteln zu müssen. Und der Gedanke gab mir Kraft und Entschluß, daß ich aufstand und mich anzog. Ich fühlte, ich müsse es thun... wie, wußte ich selbst nicht. .. ich dachte, ich fände wohl wieder einen Teich wie jenen in der Nacht, mitten im Felde. Und als die Frau fortging, da fühlte ich mich stark genug zu allem; ich glaubte, ich würde all mein Elend loswerden und wieder nach Hause gehen, und keiner sollte je erfahren, weshalb ich entflohen sei. Ich nahm Hut und Tuch und das Kind unter den Mantel und trat hinaus auf die dunkle Straße und ich ging schnell, bis ich an eine Straße ziemlich weit abkam, und da war ein Wirtshaus, wo ich mir etwas Brot und was Warmes zu trinken geben ließ. Und ich ging immer weiter und weiter und fühlte kaum den Boden, den ich betrat, und dann wurde es heller, weil der Mond aufging – o, ich erschrak so, Dina, als er mich zuerst aus den Wolken ansah! So hatte er mich nie angesehen; und ich schlug mich von dem großen Wege seitab in die Felder, weil ich mich fürchtete, in dem hellen Mondschein jemandem zu begegnen. Und dann kam ich an einen Heuschober und überlegte mir, da könnte ich mich wohl hinlegen und mich die Nacht warm halten. An einer Stelle war schon etwas Heu herausgenommen, da machte ich mir ein Bett und lag da ganz warm und das Kind hielt ich warm an mich; da muß ich lange geschlafen haben, denn als ich aufwachte, war es Morgen, aber noch nicht sehr hell und das Kind schlief. Und nicht weit davon sah ich ein Gehölz ... und glaubte, da wär' vielleicht ein Teich oder ein Graben ... und es war noch so früh am Tage, daß, wenn ich das Kind da versteckte, ich schon weit weg sein konnte, ehe Leute kamen. Ach, und dann wollte ich nach Haus und den Leuten sagen, ich hätte mich nach einer Stelle umgesehen und keine gefunden. O, wie mich nach Haus verlangte, Dina! ich wollte so gern erst wieder ruhig zu Hause sein. Wie es mit dem Kinde war, weiß ich nicht recht. Ich glaube beinahe, ich haßte es; es war mir wie ein schweres Gewicht an meinem Halse. Aber sein Schreien ging mir durchs Herz, und die Händchen und das kleine Gesicht hatte ich gar nicht den Mut anzusehen. Nun ging ich auf das Gehölz zu und suchte herum, aber es war kein Wasser da ...« Hetty schauderte. Sie schwieg einige Augenblicke und als sie wieder anfing, flüsterte sie nur leise. »Ich kam an eine Stelle, wo viele Späne und Stücke Rasen herumlagen und setzte mich auf einen Baumstamm, um mir zu überlegen, was ich thun sollte. Und mit einemmale sah ich in dem Gebüsch ein Loch wie ein kleines Grab, und wie ein Blitz fuhr es mir durch die Seele, da wollte ich es hinlegen und es mit Gras und Spänen zudecken. Anders konnt' ich es nicht umbringen. In einer Minute war's geschehen und es weinte so, Dina – o, es schrie so – ich konnte es nicht übers Herz bringen, es ganz zuzudecken – ich dachte mir, vielleicht käme einer und fände es und nähme sich seiner an, daß es nicht umkäme. Und ich machte mich eilig weg aus dem Gehölz, aber die ganze Zeit hörte ich es schreien und als ich ins Feld hinauskam, da war es, als wenn mich einer festhielte; so sehr ich auch weiter wollte, ich konnte nicht fort. Und ich setzte mich an den Heuschober hin, um zu sehen, ob einer käme; ich war recht hungrig und hatte bloß noch ein Stück Brot, aber weg konnte ich nicht. Und nach langer, langer Zeit, es mochten Stunden vergangen sein, da kam der Mann – der Mann im Kittel – und sah mich so an, daß ich ganz bange wurde und mich schnell fortmachte. Ich dachte, er ginge nach dem Gehölz und fände vielleicht das Kind. Und ich wanderte immer grade aus, bis ich an ein Dorf kam, weit, weit von dem Gehölz, und ich war recht krank und matt und hungrig. Da ließ ich mir etwas zu essen geben und kaufte ein Brot. Aber da zu bleiben, dazu war ich doch zu bange. Ich hörte immer noch das Kind schreien und dachte mir, die andern Leute hörten's auch und ging wieder weiter. Aber ich war so müde und es wurde schon dunkel; endlich stand eine Scheune am Wege, ganz einsam mitten im Felde – wie die Scheune da nach Broxton hin – und da, dacht' ich, wollt' ich hineingehen und mich in das Heu und Stroh legen, da käme wohl sobald keiner hin und ganz tief hinten in der Scheune macht' ich mir ein Lager, wo mich keiner finden konnte, und ich war so müde und matt, daß ich bald einschlief ... aber das Schreien des Kindes weckte mich immer wieder und es war mir, als wenn der Mann, der mich so angesehen hatte, gekommen wäre und mich anpackte. Doch muß ich endlich lange geschlafen haben, ohne es zu wissen, denn als ich aufstand und aus der Scheune trat, da wußte ich nicht recht, ob es Nacht sei oder Morgen, aber es war Morgen und wurde immer heller, und ich ging wieder denselben Weg zurück, den ich gekommen. Ich konnte nicht anders, Dina; ich mußte dem Schreien des Kindes nachgehen und doch war ich in Todesangst. Ich dachte, der Mann im Kittel würde mich zu Gesicht bekommen und dann gleich wissen, daß ich das Kind da hingelegt hätte. Aber trotzdem ging ich meines Weges; ans nach Hause gehen dachte ich nicht mehr; das war mir ganz aus dem Sinn gekommen. Ich sah nichts als die Stelle im Gehölz, wo ich das Kind hingelegt hatte ... ich sehe sie jetzt noch. O, Dina, Dina! werde ich sie denn ewig sehen?!« Hetty klammerte sich an Dina fest und schauderte am ganzen Leibe; sie schwieg lange, ehe sie fortfuhr. »Ich begegnete keinem Menschen, weil es noch so früh war, und kam in das Gehölz ... ich wußte die Stelle noch recht gut ... die Stelle da beim Nußbaum und das Schreien hörte ich bei jedem Schritt ... ich dachte mir, das Kind lebte noch ... ich weiß nicht, ob ich erschrak oder mich freute ... ich weiß nicht, was ich fühlte. Ich weiß bloß, daß ich in dem Gehölze war und immer das Schreien hörte. Als ich es hinlegte, da wünschte ich, daß es einer fände und vom Tode rette; aber als ich nun sah, daß es weg war, da erstarrte ich vor Furcht. Ich dachte nicht daran, mich vom Fleck zu rühren, so schwach war ich. Ich fühlte, ich könnte nicht fort und jeder, der mich sähe, würde auch von dem Kinde wissen. Mein Herz war wie ein Stein; ich wünschte nichts, ich konnte nichts thun; es kam mir vor, als würde ich immer da bleiben und nichts sich je ändern. Aber nachher kamen die Leute und nahmen mich mit weg.« Hetty schwieg, aber schauderte wieder zusammen als hätte sie noch etwas auf dem Herzen und Dina wartete, weil ihr Herz so voll war, daß ihr die Thränen näher standen als Worte. Endlich brach Hetty schluchzend aus: »Dina, wird Gott nicht das Schreien und die Stelle im Holze jetzt wegnehmen, nun ich dir alles gesagt habe?« »Laß uns beten, armes unglückliches Kind; laß uns wieder auf die Kniee sinken und beten zu Gott dem Allerbarmer!« Sechsundvierzigster Abschnitt Die Stunden banger Erwartung Am Sonntag Morgen, als die Kirchenglocken in Stoniton zum Frühgottesdienst läuteten, trat Barthel Massey zu Adam ins Zimmer und sagte: »Adam, draußen ist jemand, der dich sprechen will.« Adam saß mit dem Rücken gegen die Thür, aber er sprang auf und wandte sich sofort um, sein Gesicht rötete sich ein wenig und sein Blick belebte sich. Heute war sein Gesicht noch magerer und abgezehrter als neulich, aber rein gewaschen und rasiert. »Giebt's was Neues?« sagte er. »Nur ruhig, mein Junge,« erwiderte Barthel, »nur ruhig. Es ist nicht, was du meinst; es ist die junge Methodistin aus dem Gefängnis. Sie wartet unten an der Treppe und läßt fragen, ob du sie sehen willst; sie hat dir was zu sagen von der armen Verstoßenen; aber sie will nicht hereinkommen, wenn du's nicht gern siehst. Sie meinte, vielleicht kämst du lieber heraus und sprächest sie da. Diese Weibsleute von Predigerinnen sind sonst nicht grade so zurückhaltend,« brummte Barthel in den Bart. »Es soll mir recht lieb sein, wenn sie kommt,« sagte Adam. Er blieb mit dem Gesicht nach der Thür stehen und als Dina hereintrat und ihre saunften, grauen Augen auf ihn richtete, erkannte sie sofort die große Veränderung, die seit dem Tage, wo sie den stattlichen Mann in seinem Häuschen gesehen hatte, über ihn gekommen war. Ihre klare Stimme zitterte etwas, als sie ihm die Hand reichte und sagte: »Ich bringe Euch Trost, Adam Bede; der Herr hat sie nicht verlassen.« »Gottes Segen über Euch, daß Ihr sie aufgesucht habt,« sagte Adam; »Freund Massey sagte mir gestern, Ihr wäret gekommen.« Mehr konnte zunächst keines von beiden sprechen; schweigend standen sie einander gegenüber und auch Barthel Massey, der sich die Brille aufgesetzt hatte, schien in Dinas Gesicht ganz versunken zu sein. Aber er faßte sich rasch und sagte: »setzt Euch, Mädchen, setzt Euch;« dabei schob er ihr einen Stuhl hin und zog sich nach seinem alten Platze auf dem Bett zurück. »Ich danke Euch, Freund, ich darf mich nicht setzen,« erwiderte Dina, »ich muß gleich zurück; sie hat mich gebeten, ich möchte nicht lange wegbleiben. Ich bin nur gekommen, Euch zu bitten, Adam Bede, daß Ihr hinkommt zu der armen Sünderin und ihr Lebewohl sagt. Sie will Euch um Vergebung bitten und es ist besser, daß Ihr sie heute sprecht als morgen früh, wo die Zeit so kurz ist.« Adam erbebte und sank endlich wieder auf den Stuhl. »Es kann noch nicht sein,« sagte er; »sie müssen es aufschieben, vielleicht kommt die Begnadigung. Pastor Irwine sagte, es sei Hoffnung dazu, ich solle noch nicht verzweifeln.« »Das ist mir ein recht tröstlicher Gedanke,« sagte Dina, und ihre Augen füllten sich mit Thränen; »es wäre schrecklich, wenn ihre unsterbliche Seele so rasch davon müßte. Aber was auch kommen möge,« fügte sie sofort hinzu, »Ihr müßt sie aufsuchen, damit sie Euch sagen kann, was sie auf dem Herzen hat. Wenn es auch noch so dunkel ist in ihrer armen Seele und sie nur die Dinge im Fleische unterscheidet, sie ist doch nicht mehr verhärtet, sie ist zerknirscht und hat mir alles gestanden. Ihr Hochmut hat nachgelassen und sie sucht Hilfe bei mir und läßt sich belehren. Das erfüllt mich mit Hoffnung und mit Trauer; denn ich muß annehmen, daß die Brüder sich oft irren, wenn sie die göttliche Liebe nach ihrer schwachen, menschlichen Einsicht messen. Sie will einen Brief an ihre Verwandten auf dem Pachthof schreiben, den ich später übergeben soll, und als ich ihr sagte, Ihr wäret hier, da meinte sie: ›Ich nähme gern Abschied von Adam und bäte ihn um Vergebung.‹ Ihr werdet doch kommen, Adam? – Vielleicht kommt Ihr gleich jetzt mit.« »Ich kann nicht,« antwortete Adam; »ich kann nicht von ihr Abschied nehmen, so lange noch Hoffnung ist. Ich horche immer und horche – ich kann an nichts anderes denken. Es ist unmöglich, daß sie diesen schändlichen Tod stirbt; ich kann es mir nicht vorstellen.« Er stand wieder vom Stuhle auf, wandte sich ab und blickte zum Fenster hinaus, während Dina teilnehmend und geduldig wartete. Nach wenigen Minuten sah er sie wieder an und sagte: »Ich will kommen, Dina. .. morgen früh will ich kommen, wenn es sein muß. Vielleicht hab' ich mehr Kraft, es zu ertragen, wenn ich weiß, es muß sein. Sagt ihr, daß ich ihr vergebe; sagt ihr, daß ich kommen werde – wenn's zu Ende geht.« »Ich will Euch nicht drängen gegen die Stimme Eures eigenen Herzens,« sagte Dina. »Ich muß schnell wieder zu ihr; es ist wunderbar, wie sie jetzt an mir hängt; sie wollte mich kaum fortlassen. Früher hat sie meine Neigung nie erwidert, aber jetzt hat die Not ihr Herz erschlossen. Lebt wohl, Adam; unser himmlischer Vater tröste Euch und gebe Euch Kraft, alles zu ertragen.« Dabei reichte sie ihm die Hand, die Adam schweigend drückte. Barthel Massey war aufgestanden, um die schwere Thürklinke zu öffnen, aber ehe er bis dahin gekommen war, hatte sie mit ihrer sanften Stimme ihm Lebewohl gesagt und war leichten Schrittes die Treppe hinunter. »Nun,« sagte Barthel, indem er seine Brille abnahm und in die Tasche steckte, »wenn es Weibsleute geben muß, damit es Sorgen in der Welt giebt, dann ist's nur in der Ordnung, daß es auch welche giebt, die einen in der Not trösten und so eine ist die – so eine ist die. Recht schade, daß sie eine Methodistin ist, aber ganz ohne Narrheit thut's mal kein Frauenzimmer.« Adam ging die Nacht nicht zu Bett; die Aufregung der Ungewißheit war von Stunde zu Stunde gewachsen und nun, wo der entscheidende Augenblick herannahte, wurde sie zu mächtig. Trotz seiner Bitten und trotz des Versprechens, er wolle sich ganz ruhig halten, blieb der Schulmeister auch mit auf und wachte. »Eine Nacht Schlaf mehr oder weniger,« sagte Barthel, »was kommt mir darauf an, mein Junge? Bald werde ich lange genug schlafen, unter der Erde. Laß mich dir Gesellschaft leisten in deiner Not, so lang ich kann.« Es war eine lange und traurige Nacht in dem kleinen Stübchen. Bisweilen stand Adam auf und ging die wenigen Schritte von einer Wand zur andern auf und ab, dann setzte er sich wieder und verbarg das Gesicht in den Händen und kein Laut war zu hören als das Ticken der Uhr auf dem Tisch oder das Fallen einer Kohle aus dem Kamin, wo der Schulmeister sorgfältig das Feuer unterhielt. Dann wieder brach Adam heftig aus: »Hätt' ich noch etwas thun können, um sie zu retten, durch mein Leiden ihr etwas abnehmen können... aber still sitzen zu müssen und nichts zu thun ... das wird einem Manne schwer ... und dann zu denken, wie es jetzt sein würde, wenn er nicht dazwischen gekommen wäre... o Gott, heute ist der Tag, wo wir Hochzeit machen wollten.« »Ja, mein Junge,« sagte Barthel zärtlich, »es ist schwer, recht schwer. Aber bedenke eins! als du sie heiraten wolltest, da glaubtest du, es sehe in ihrem Innern ganz anders aus und dachtest nicht, sie könnte so verhärtet sein, um das zu thun, was sie gethan hat.« »Ja, das weiß ich, das weiß ich,« sagte Adam. »Ich glaubte, sie habe ein liebevolles, sanftes Gemüt und könnte nicht lügen und mich so täuschen. Wie hätt' ich auch anders denken können? Und wenn er ihr nicht nahe gekommen wäre und ich hätte sie geheiratet und sie liebevoll behandelt und geleitet, dann hätte sie wohl nie was Schlechtes gethan. Wenn ich auch meine Not mit ihr gehabt hätte, was kam darauf an? Gegen jetzt wär' es doch nichts gewesen.« »Das kann man doch nicht wissen, mein Junge, wie das noch hätte kommen können. Der Schlag trifft dich jetzt hart; du mußt Zeit haben, um ihn zu verwinden. Aber ich habe die Meinung von dir, daß du über dies alles dich wieder erheben wirst und wieder ein Mann sein und vielleicht führt es noch zu was Gutem, was wir jetzt nicht sehen.« »Zu was Gutem,« rief Adam heftig aus. »Als wenn das das Übel ändern könnte! Ihr Elend läßt sich nicht ungeschehen machen. Ich hasse das Gerede, als ließe sich alles wieder gutmachen. Viel besser, man zeigte den Leuten, daß das Unrecht, was sie thun, bleibt und sich nicht ändern läßt. Wenn einer seinem Mitmenschen das Leben verbittert hat, dann hat er kein Recht, sich mit dem Gedanken zu trösten, es könne zu was Gutem führen; was auch für einen andern Gutes dabei herauskommen mag, an ihrer Schande und ihrem Unglück ändert das nichts.« »Gut, gut, mein Junge,« erwiderte Barthel mit einer Sanftheit, die mit seiner gewöhnlichen Schärfe und Gereiztheit über jeden Widerspruch in auffallendem Gegensatze stand; »es ist wohl möglich, daß ich Thorheit rede; ich bin ein alter Kerl und es ist schon manch liebes Jahr her, daß ich selbst in Not war und andern Leuten zur Geduld raten ist so leicht.« »Herr Massey,« sagte Adam beschämt, »ich bin zu rasch und heftig. Ich müßte anders gegen Sie sein, aber Sie dürfen es mir nicht übel nehmen.« »Ich gewiß nicht, mein Junge, gewiß nicht.« In dieser Aufregung verging die Nacht, bis die kühle Dämmerung und das Licht des neuen Tages jene ängstliche Ruhe brachten, die am Rande der Verzweiflung eintritt. Nun sollte die Spannung bald vorüber sein. »Jetzt wollen wir ins Gefängnis, Herr Massey,« sagte Adam, als es sechs Uhr war. »Wenn's was Neues giebt, werden wir's da hören.« Es regte sich schon in den Straßen; die Leute gingen alle rasch in einer Richtung. Adam suchte den Gedanken los zu werden, wo sie hingingen und freute sich, als ihm die Thür des Gefängnisses den Anblick dieser Neugierigen entzog. Nein, nichts hatte sich geändert – keine Begnadigung war gekommen, kein Aufschub. Adam zögerte im Hofe des Gefängnisses eine halbe Stunde, ehe er es über sich gewinnen konnte, Dina sagen zu lassen, daß er da sei. Aber nun traf eine Stimme sein Ohr, die er nicht überhören konnte: »um halb acht soll der Karren abfahren.« Es ging nicht anders, er mußte das letzte Lebewohl sagen. Zehn Minuten später stand Adam an der Thür der Zelle. Dina hatte ihm sagen lassen, sie dürfe von Hetty keinen Augenblick fort und könne daher nicht zu ihm kommen, aber Hetty sei vorbereitet. Als er eintrat, konnte er sie nicht sehen; vor Aufregung waren ihm die Sinne abgestumpft und das trübe Licht in der Zelle war für ihn fast volle Dunkelheit. Im ersten Augenblick, als die Thür sich hinter ihm geschlossen, stand er zitternd und betäubt. Aber allmählich fing er an zu sehen und sah die dunkeln Augen noch einmal aufblicken, aber ach, sie lächelten nicht mehr. O Gott, wie traurig sie blickten! Das letzte Mal, als sie ihn ansahen, war er von ihr geschieden mit einem Herzen voll freudiger, hoffender Liebe und sie hatten ihn aus einem frischen, vollen kindlichen Gesichte unter Thränen angelächelt. Jetzt war das Gesicht wie Marmor; die süßen Lippen waren blaß und halb geöffnet und zuckten; die Grübchen waren alle fort – alle bis auf eins, welches nie verging und die Augen – o das war noch das Schlimmste von allem, sie waren Hettys Augen so ähnlich. Es waren Hettys Augen, die ihn mit traurigem Blicke ansahen, als wäre sie von den Toten erstanden, um ihm zu sagen, wie elend sie sei. Hetty hielt Dina fest umklammert, Wange an Wange gelehnt. Es schien, als ob in dieser Berührung der letzte schwache Rest ihrer Kraft und Hoffnung läge und die erbarmende Liebe, die von Dinas Antlitz glänzte, schien ein sichtbares Unterpfand der unsichtbaren Gnade Gottes. Als die traurigen Augen sich begegneten, als Hetty und Adam einander ansahen, da fühlte sie die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war und neue Angst schien sie zu befallen. Es war das erste Mal, daß sie einen Menschen sah, auf dessen Antlitz ihr eigenes Geschick sich zu spiegeln schien: Adam war ihr ein neues Bild der schrecklichen Vergangenheit und der schrecklichen Gegenwart. Sie zitterte heftig bei seinem Anblick. »Sprich mit ihm, Hetty,« sagte Dina; »sag' ihm, was du auf dem Herzen hast.« Hetty gehorchte wie ein kleines Kind. »Adam ... es thut mir recht leid ... ich habe recht schlecht an dir gehandelt... willst du mir vergeben . . ehe ich sterbe?« Adam antwortete mit unterdrücktem Schluchzen: »Ja, ich vergebe dir, Hetty; habe dir längst vergeben.« In den ersten Augenblicken, wo er Hetty wiedersah, hatte Adam gemeint, das Herz solle ihm vor Jammer vergehen, aber als sie diese reuigen Worte sprach, da traf der Ton ihrer Stimme eine Saite in seinem Herzen, die nicht so straff angespannt war: von dem Unerträglichen fühlte er sich befreit und die seltenen Thränen kamen ihm, die er nie wieder geweint, seit er nach der ersten erschütternden Nachricht an Seths Halse gehangen. Unwillkürlich bewegte sich Hetty auf ihn zu; ein Teil der Liebe, von der sie einst umgeben gewesen, war ihr wieder nahe gekommen. Ohne Dina von der Hand zu lassen, trat sie zu Adam heran und sagte schüchtern: »Willst du mir noch einen Kuß geben, so schlecht ich auch gewesen bin?« Adam ergriff die blasse, abgezehrte Hand, die sie ihm hinhielt, und sie tauschten den feierlichen, unaussprechlichen Kuß eines Abschieds auf ewig. »Und sag' ihm,« fing Hetty wieder an und ihre Stimme hob sich ein wenig, »sag' ihm ... denn kein andrer kann's ihm sagen ... daß ich ihn aufsuchte und nicht finden konnte ... und daß ich ihn einst haßte und verfluchte ... aber Dina sagt, ich müßte ihm vergeben ... und ich versuche es ... denn sonst vergiebt Gott mir nicht.« Draußen vor der Zelle entstand jetzt ein Geräusch, der Schlüssel drehte sich im Schloß und als die Thür aufging, sah Adam undeutlich, daß verschiedene Menschen dastanden; aber vor Aufregung sah er nichts weiter und erkannte nicht einmal den Pastor Irwine, der auch da war. Die letzten Vorbereitungen begannen und er konnte nicht länger bleiben. Schweigend machte man ihm Platz und einsam ging er auf sein Stübchen, während Barthel Massey draußen blieb und das Ende abwartete. Siebenundvierzigster Abschnitt Der letzte Augenblick Es war ein unvergeßlicher Anblick für die neugierig harrenden Scharen, als an dem grauen, klaren Morgen der verhängnisvolle Karren mit den beiden Mädchen ihnen zu Gesicht kam und zwischen der dichten Menge langsam hinfuhr nach dem scheußlichen Symbol eines jähen Todes. Ganz Stoniton hatte von Dina Morris gehört, der jungen Methodistin, welche die verstockte Verbrecherin zum Geständnis gebracht hätte, und die Leute waren ebenso neugierig auf sie wie auf die unglückliche Hetty. Aber Dina hatte kaum ein Bewußtsein von der Menge. Als Hetty die dichtgedrängten Scharen in der Ferne sah, klammerte sie sich krampfhaft an Dina. »Schließ' die Augen, Hetty,« sagte Dina, »und laß uns nicht aufhören, zu Gott zu beten.« Und während der Karren durch die gaffende Menge langsam hinfuhr, strömte sie mit leiser Stimme ihre Seele aus, mit tiefster Innigkeit und wie mit Gott ringend in einem letzten Gebete für das arme zitternde Geschöpf, das sich an sie hing und sie umklammert hielt, als das einzige sichtbare Zeichen von Liebe und Erbarmen. Dina hatte kein Bewußtsein davon, daß die Menschenmenge schwieg und sie mit einer heiligen Scheu anstarrte, hatte selbst davon kein Bewußtsein, wie nahe sie schon an der Stätte des Gerichtes seien; da plötzlich hielt der Karren und sie sank entsetzt zurück über ein lautes Geschrei, das ihrem Ohr so schrecklich klang wie ein Geheul der Hölle. Hettys Angstruf mischte sich in diesen Klang und schaudernd hielten sie einander umfaßt. Aber es war kein Schrei der Verwünschung, kein grausames Hohngeschrei. Es war ein Ausbruch plötzlicher Aufregung bei dem Anblick eines Reiters, der im vollen Galopp die Menge teilte. Das Pferd schäumt und ist wie zerschlagen, aber es gehorcht dem wütenden Sporn, und dem Reiter stehen die Augen aus dem Kopf wie in stierem Wahnsinn und als sähe er nur, was die andern nicht sehen. Er hat etwas in der Hand – er schwingt es hoch wie ein Signal – der Sheriff kennt ihn – es ist Arthur – er bringt, was er mühsam errungen, die Begnadigung vom Tode. Achtundvierzigster Abschnitt Noch einmal im Wäldchen Am Abend des folgenden Tages gingen zwei Männer von verschiedenen Seiten nach derselben Stelle, wohin sie eine gemeinsame Erinnerung zog. Diese Stelle war das Wäldchen beim Park und wer die beiden Männer waren, brauch' ich nicht erst zu sagen. Das Begräbnis des alten Herrn hatte am Morgen stattgefunden, das Testament war eröffnet und jetzt in dem ersten freien Augenblicke wollte Arthur einen einsamen Spaziergang machen, sich seine neue Zukunft überlegen und in einem traurigen Entschlüsse sich befestigen. Er meinte, im Wäldchen könne er das am besten. Adam hatte Stoniton am Montag Abend verlassen und war heute nur bei Poysers auf dem Pachthof gewesen, um ihnen alles zu erzählen, was der Pastor etwa noch nicht gesagt hätte. Er war mit Poysers übereingekommen, ihnen in ihre neue Heimat zu folgen, wohin es auch wäre; die Aufsicht über die Forsten wollte er sogleich aufgeben und sich mit Meister Bürge auseinandersetzen, sobald es ginge und dann mit Mutter und Bruder in die Nähe seiner Freunde ziehen, an die ihn gemeinsame Not knüpfte. »Seth und ich werden schon Arbeit finden,« sagte er. »Wer unser Geschäft ordentlich versteht, ist überall zu Haus und wir müssen unser Leben von vorn anfangen. Mutter wird uns nicht im Wege sein; sie hat mir gleich gestern gesagt, sie wolle sich wohl in einem andern Kirchspiel begraben lassen, wenn ich mich anderswo glücklicher fühlte. Es ist wunderbar, wie ruhig sie ist seit ich zurück bin. Es ist beinahe, als ob grade die Größe der Not sie still gemacht hätte. In einer neuen Heimat werden wir alle besser daran sein, so ungern ich auch von manchem hier scheide, aber von Euch und Eurer Familie, Poyser, möcht' ich mich nicht trennen, wenn's sein kann. Die Not hat uns zu Verwandten gemacht.« »Jawohl, Junge,« erwiderte Poyser. »Wir wollen fortgehen, wo wir den Namen dieses Menschen nicht mehr hören. Aber ich fürchte, wir können nie weit genug weggehen, die Leute finden doch aus, daß eine aus unsrer Verwandtschaft übers Meer transportiert ist und beinahe gehängt wäre. Das wird man uns ins Gesicht sagen und unsern Kindern auch noch.« Der Besuch auf dem Pachthof hatte lange gedauert und Adam zu stark angegriffen, als daß er hätte daran denken können, noch sonst Leute aufzusuchen oder seine gewohnte Beschäftigung wieder aufzunehmen. »Aber morgen, sagte er zu sich selbst, gehe ich an die Arbeit. Vielleicht schmeckt sie mir mit der Zeit wieder, aber ob ich's gern thue oder nicht, arbeiten muß ich wieder.« Der heutige Abend war der letzte, den er noch der Vergangenheit widmen wollte; die Spannung war nun gelöst und er mußte tragen, was nicht zu ändern war. Er war entschlossen, Arthur Donnithorne nicht wieder zu sehen, wenn er ihm irgend aus dem Wege gehen könnte. Da Hetty ihn selbst gesehen hatte, so brauchte er ihm nichts mehr von ihr zu bestellen und zudem traute Adam sich selbst nicht: er hatte die Heftigkeit seines Temperaments fürchten gelernt. Jenes Wort von Pastor Irwine, er solle sich erinnern, wie ihm nach dem schweren Schlage gegen Arthur im Wäldchen zu Mute gewesen – das war ihm in der Seele geblieben. Wie alle Gedanken, an die sich starke Empfindungen knüpfen, so kehrten auch diese Gedanken an Arthur unaufhörlich wieder, und immer erinnerten sie ihn an das Wäldchen, an die Stelle unter dem Laubengang bei den Buchen, wo er die beiden Gestalten sich zu einander hatte neigen sehen und von plötzlicher Wut überwältigt war. »Ich will hingehen und mir die Stelle heute Abend zum letztenmal ansehen,« sagte er zu sich; »das wird mir gut thun; da werde ich wieder durchleben, was ich empfand, als ich ihn zu Boden schlug. Ich kam mir so dürftig und erbärmlich vor, sobald es geschehen war, schon ehe mir einfiel, er könnte tot sein.« – So kam es, daß Arthur und Adam um dieselbe Zeit nach derselben Stelle gingen. Adam trug wieder seine Werktagskleider; seinen besseren Anzug hatte er, sowie er nach Hause kam, mit einer gewissen Freude abgelegt und wenn er den Korb mit dem Handwerkszeug über der Schulter getragen hätte, so hätte man ihn mit seinem bleichen abgehärmten Gesichte für das Gespenst jenes Adam halten können, der vor acht Monaten abends das Wäldchen betrat. Aber er trug keinen Arbeitskorb und ging nicht grade aufrecht wie damals und blickte sich nicht scharf um; die Hände hielt er in den Taschen und die Augen richtete er meist zu Boden. Er war noch nicht weit in dem Wäldchen gekommen, da blieb er vor einer Buche stehen. Er kannte den Baum; es war der Grenzpfahl seiner Jugend, das stille Wahrzeichen des Augenblickes, wo eins seiner frühsten und stärksten Gefühle von ihm gewichen war. Das Gefühl konnte nie wiederkehren, wußte er. Und doch grade in diesem Augenblick regte sich in ihm die alte Liebe bei der Erinnerung an jenen Arthur, an den er bis vor acht Monaten geglaubt hatte. Es war Liebe für einen Toten: jener Arthur lebte nicht mehr. Das Geräusch von nahen Tritten störte ihn, aber die Buche stand an einer Biegung des Weges und er konnte nicht sehen, wer käme, bis die große, schlanke Gestalt in tiefer Trauer plötzlich wenige Schritte vor ihm stand. Beide fuhren bestürzt zusammen und sahen einander schweigend an. In den letzten Wochen hatte sich Adam im Geiste oft so Arthur gegenüber gesehen, ihn im Geist mit Worten angegriffen, die ihn martern sollten wie die Stimme seines Gewissens, hatte ihn sein volles Teil an dem Elend fühlen lassen, das er verschuldet und ebenso oft sich dann gesagt, eine solche Begegnung finde besser nicht statt. Aber in seiner Vorstellung hatte er Arthur sich immer so gedacht, wie er an jenem Augustabend im Wäldchen war – blühend, sorglos, leichtfertig, und nun er ihn wirklich vor sich sah, erkannte er mit Rührung die Zeichen tiefen Leidens. Adam wußte, was Leiden heißt; er konnte keine Hand legen an den gebrochenen Mann. Er empfand nichts, was er hätte unterdrücken müssen; Schweigen schien ihm gerechter als Vorwürfe. Arthur sprach zuerst: »Adam,« sagte er ruhig, »es ist vielleicht gut, daß wir uns hier treffen, denn ich wünschte Euch zu sehen; morgen würde ich Euch um eine Unterredung gebeten haben.« Er schwieg, aber Adam antwortete nicht. »Ich weiß, es ist schmerzlich für Euch, mich zu treffen,« fuhr Arthur fort, »aber es ist wahrscheinlich auf Jahre hinaus das letzte Mal.« »Gewiß ist es das, Herr,« sagte Adam kalt; »morgen wollte ich Ihnen schreiben, daß es am besten sei, jede Beziehung zwischen uns beiden höre auf und meine Stelle bekäme ein anderer.« Arthur fühlte die Antwort tief und es kostete ihn Anstrengung, weiter zu sprechen. »Auch davon wollte ich zum Teil mit Euch reden. Ich will nicht Eure Entrüstung gegen mich abschwächen und Ihr sollt nichts meinetwegen thun. Ich will Euch nur bitten, mir die übeln Folgen dessen mildern zu helfen, was geschehen und nicht mehr zu ändern ist. Ich meine nicht die Folgen für mich selbst, sondern für andere. Es ist nur wenig, was ich thun kann, das weiß ich; die schlimmsten Folgen bleiben, aber etwas kann doch geschehen und Ihr könnt mir dabei helfen. Wollt Ihr mich ruhig anhören, Adam?« »Ja, Herr,« erwiderte Adam nach kurzem Zögern. »Ich will hören, was es ist. Wenn ich etwas mit besser machen kann, dann will ich's thun. Durch Zorn wird nichts besser, das weiß ich; davon haben wir genug gehabt.« »Ich wollte nach der Einsiedelei,« sagte Arthur; »wollt Ihr mitkommen? Wir können uns da besser besprechen.« Seit jenem Abend, wo sie die Einsiedelei zusammen verlassen, war niemand hineingekommen, da Arthur den Schlüssel dazu an sich behalten hatte. Als er jetzt die Thür öffnete, stand der Leuchter noch da, in den das Licht tief hineingebrannt war, der Stuhl, auf welchem Adam gesessen, an derselben Stelle, der Papierkorb mit allen Schnitzeln und tief unten darin, wie Arthur sich sofort erinnerte, das kleine, rotseidene Halstuch. Wären ihre Gedanken nicht schon vorher peinlich gewesen, der Eintritt in dies Zimmer hätte ihnen peinlich sein müssen. Sie setzten sich einander gegenüber wie damals und Arthur sagte: »Ich gehe fort, Adam, ich gehe in den Krieg.« Der arme Arthur meinte, Adam hätte von dieser Ankündigung ergriffen sein, hätte Teilnahme für ihn äußern müssen. Aber Adams Mund blieb fest geschlossen und der Ausdruck seines Gesichts unverändert. »Was ich Euch sagen wollte,« fuhr Arthur fort, »ist dies. Ich gehe mit deshalb fort, damit sonst niemand fortgeht aus Hayslope, damit meinetwegen keiner seine Heimat verläßt. Ich wollte alles thun, würde kein Opfer scheuen, um anderen weiteres Leid zu ersparen wegen meiner – wegen des Vorgefallenen.« Diese Worte Arthurs hatten genau die umgekehrte Wirkung als er erwartete. Adam glaubte darin jene vornehme Anschauung zu finden, das schwere Unrecht lasse sich wieder gut machen durch Ersatz und Entschädigung, jene wohlgefällige Selbstberuhigung, die das Böse zum Guten zu wenden versucht und gute Früchte aus bösem Thun ziehen möchte und grade eine solche Anschauung empörte ihn am meisten. Er fühlte sich ebenso stark getrieben, peinlichen Verhältnissen grade ins Auge zu sehen, wie ihm Arthur geneigt schien, sich davon abzuwenden, und überdies hatte er den argwöhnischen Stolz des Armen gegenüber dem Reichen. Es lag daher etwas von seiner alten Härte in Ton und Worten, als er sagte: »Dazu ist nicht mehr Zeit, Herr. Opfer sollte man bringen, um sich vor Unrecht zu bewahren; geschehenes Unrecht machen Opfer nicht ungeschehen. Wenn eines Menschen Gefühl tödlich verletzt ist, dann läßt sich's nicht durch Gunstbezeugungen heilen.« »Gunstbezeugungen!« rief Arthur leidenschaftlich aus; »nein, wie könnt Ihr nur glauben, ich hätte so was im Sinne? Aber Poysers – der Pastor sagt mir, sie wollten fort von hier, wo sie so viele Jahre – wo schon ihre Vorfahren gelebt haben. Seht Ihr denn nicht ein, wie der Pastor thut, daß es am Ende doch viel besser für sie wäre, wenn sie ihr Gefühl, das sie von hier treibt, bezwingen lernten und in ihrem alten Kreise blieben unter Freunden und Nachbarn, mit denen sie bekannt sind?« »Das ist richtig,« sagte Adam kalt. »Aber, Herr, der Mensch kann sein Gefühl nicht so leicht bezwingen. Wohl fällt es Martin Poyser schwer, an einen fremden Ort zu ziehen und unter fremden Gesichtern zu leben, da er auf dem Pachthof geboren und aufgewachsen ist und sein Vater vor ihm auch, aber wie er fühlt, wird es ihm noch schwerer zu bleiben. Ich sehe nicht ab, wie die Dinge sich anders machen sollen als schwer. Es giebt gewisse Schäden, Herr, die lassen sich nicht wieder gut machen.« Arthur schwieg einige Augenblicke. Welche andere Gefühle auch heute Abend in ihm vorherrschen mochten, sein Stolz empörte sich gegen diese Behandlung Adams. Hatte er denn nicht selbst zu leiden? War er nicht gezwungen, seinen Lieblingshoffnungen zu entsagen? Es war heute grade wie vor acht Monaten. Adam drängte Arthurn noch tiefer das Bewußtsein auf, wie unwiderruflich sein Unrecht sei, und setzte ihm den Widerstand entgegen, der seine erregbare, heftige Natur am schärfsten reizte. Aber derselbe Grund, der in dem ersten Augenblick ihrer heutigen Begegnung Adam milder gestimmt hatte, stimmte nun auch Arthur milder: er sah die Spuren des Leidens auf dem altbekannten Gesichte des Freundes. Der kurze Streit in seinem Innern schloß damit, daß er fühlte, er könne viel von Adam tragen, der durch seine Schuld auch so viel habe tragen müssen, aber der Ton seiner Stimme hatte doch etwas von knabenhafter Gereiztheit, als er sagte: »Wohl, aber man kann den Schaden schlimmer machen durch Unverstand, wenn man sich gehen läßt in seinem Zorn und ihn für den Augenblick befriedigt, statt die Folgen für die Zukunft zu bedenken. Und,« fügte er sofort mit steigender Lebhaftigkeit hinzu, »wenn ich noch hier bleiben wollte und als Gutsherr auftreten, wenn ich leichtsinnig nicht danach fragte, was ich gethan habe, was durch meine Schuld geschehen ist, dann hättet Ihr eine Entschuldigung, Adam, selbst wegzugehen und andere auch zu bereden – dann hättet Ihr eine Entschuldigung, das Schlimme schlimmer zu machen. Aber wenn ich Euch sage, daß ich auf viele Jahre fortgehe – und Ihr wißt, was das für mich heißen will, wie es jeden Plan zukünftigen Glückes zerstört, den ich mir gemacht habe – dann kann doch ein verständiger Mensch wie Ihr unmöglich glauben, daß für Poysers ein wirklicher Grund bleibt wegzuziehen. Ich weiß, wie sie über Schande denken – der Pastor hat mir alles erzählt; aber er glaubt auch, sie ließen sich wohl überzeugen, daß sie in den Augen ihrer Nachbarn nicht entehrt sind und daß sie wohl auf meinem Gute bleiben können, wenn Ihr ihm dabei helfen wollt und selbst bleibt und die Forsten unter Euch behaltet.« Arthur schwieg einen Augenblick und fügte dann wie bittend hinzu: »Ihr wißt, Ihr thut ein gutes Werk, nicht bloß für den Besitzer, sondern auch für andere. Und vielleicht bekommt Ihr auch bald einen besseren Herrn, dem Ihr gern dient. Wenn ich sterbe, erbt mein Vetter Tradgett das Gut und nimmt meinen Namen an. Er ist gut und brav.« Adam war bewegt; er mußte fühlen, das war wieder die Stimme des ehrlichen Arthur mit dem warmen Herzen, den er in früheren Tagen geliebt hatte, auf den er stolz gewesen war, aber noch konnte er über näher liegende Erinnerungen nicht hinwegkommen. Er schwieg und doch las Arthur auf seinem Gesicht eine Antwort, die ihn bestimmte, mit steigendem Ernst fortzufahren: »Und wenn Ihr nun mit Poysers sprächet – und mit Pastor Irwine es überlegtet – er will morgen mit Euch sprechen – und wenn Ihr Eure Gründe mit seinen vereinigtet, um sie zu bestimmen, daß sie nicht fortziehen... Ich weiß ja recht gut, daß sie von mir keine Freundlichkeit annehmen und habe auch nichts dergleichen im Sinn, aber ich bin überzeugt, am Ende würde es ihnen doch weniger schmerzlich sein. Irwine meint das auch und er wird mein Stellvertreter auf dem Gute, er hat's mir versprochen. Sie werden keinen über sich haben als den sie ehren und lieben. Und mit Euch wird es ebenso sein, Adam, und wenn Ihr fortginget, so könntet Ihr keinen Grund haben, als mir mein Leiden noch bittrer zu machen.« Wiederum schwieg Arthur eine kurze Zeit; dann sagte er mit etwas erregter Stimme: »Ich würde so gegen Euch nicht handeln, das weiß ich. Wäret Ihr an meiner Stelle und ich an Eurer, dann versuchte ich Euch zu helfen, wo noch zu helfen ist.« Adam rückte hastig auf seinem Stuhle und blickte zu Boden. Arthur fuhr fort: »Vielleicht habt Ihr im Leben nie etwas gethan, was Ihr bitter bereuen mußtet, Adam; hättet Ihr das, Ihr wäret großmütiger. Ihr wüßtet dann, daß ich schlimmer dran bin als Ihr.« Bei diesen Worten stand Arthur auf, trat ans Fenster, blickte hinaus und drehte Adam den Rücken, während er leidenschaftlich fortfuhr: »Hab' ich sie denn nicht auch geliebt? Hab' ich sie nicht gestern gesehen? Werde ich nicht den Gedanken an sie mit mir herumtragen so gut wie Ihr? Und glaubt Ihr nicht, Ihr würdet mehr leiden, wenn Ihr der Schuldige wäret?« Mehrere Minuten lang herrschte tiefe Stille, denn der Kampf in Adams Seele war nicht so bald zu Ende. Leichte Naturen, deren Empfindungen wenig Bestand haben, werden kaum begreifen können, wie viel Widerstand er in sich zu überwinden hatte, ehe er sich von seinem Sitze erhob und zu Arthur wandte. Arthur hörte ihn sich bewegen und als er sich umdrehte, sagte Adam mit traurigem, aber sanftem Blick: »Ja, Sie haben recht, Herr; ich bin hart, die Härte liegt in meiner Natur. Ich war zu hart gegen meinen Vater, wenn er Unrecht that. Ich bin gegen jedermann hart gewesen, nur nicht gegen sie. Es kam mir vor, als hätte niemand Mitleid mit ihr, so schnitt mir ihr Leiden ins Herz, und als ich glaubte, die Leute auf dem Pachthof waren zu hart gegen sie, da nahm ich mir vor, ich wolle gegen niemand mehr hart sein. Aber aus übertriebenem Gefühl für das arme Mädchen bin ich wohl gegen Sie unbillig gewesen. Ich habe selbst erfahren, was es heißt, zu spät bereuen; als mein Vater von uns genommen war, da fühlte ich, ich sei gegen ihn zu hart gewesen und fühle es noch jetzt, so oft ich an ihn denke. Ich habe kein Recht, hart zu sein, wenn einer sein Unrecht bereut.« Adam sprach diese Worte mit der Festigkeit und Bestimmtheit eines Mannes, der entschlossen ist, nichts ungesagt zu lassen, was er zu sagen sich verpflichtet fühlt, aber er stockte etwas, als er fortfuhr: »Ich wollte Ihnen damals nicht die Hand geben, als Sie mich darum baten; wenn Sie es aber jetzt möchten, obschon ich es Ihnen damals abschlug ...« In einem Nu war Arthurs weiße Hand von Adams derbem Griff umschlossen, und damit strömte in beiden die alte Liebe der Jugend wieder hervor. »Adam!« sagte Arthur, den es nun drängte, alles zu gestehen – »Adam, wenn ich gewußt hätte, Ihr liebtet sie, dann wäre es nie vorgefallen. Das hätte mich retten helfen. Und gekämpft hab' ich! Nie bin ich drauf ausgegangen, sie ins Unglück zu bringen. Nachher täuschte ich Euch und dadurch wurde es schlimmer; aber ich glaubte, ich sei dazu gezwungen und es sei das beste, was ich thun könnte. Und in dem Briefe schrieb ich ihr, sie möge mich wissen lassen, wenn sie in Not sei; glaubt mir, ich hätte alles für sie gethan, was ich konnte. Aber ich hatte Unrecht von Anfang bis zu Ende, und furchtbares Unglück ist daraus entstanden. Gott ist mein Zeuge, ich gäbe gern mein Leben, wenn ich es ungeschehen machen könnte.« Sie setzten sich wieder einander gegenüber und Adam fragte mit zitternder Stimme: »Wie war sie beim Abschied?« »Fragt mich nicht danach,« erwiderte Arthur; »es ist mir bisweilen zu Sinne, als müsse ich verrückt werden, wenn ich daran denke, wie sie mich ansah und was sie mir sagte, und daß ich keine volle Begnadigung erwirken – sie nicht retten konnte von dem schrecklichen Schicksal, transportiert zu werden, daß ich all diese Jahre nichts für sie thun kann und sie geht vielleicht dabei zu Grunde und erfährt nie wieder, was Freude ist –!« »Ja, ja,« sagte Adam, der zum erstenmal seinen eigenen Schmerz über der Teilnahme für Arthur vergaß, »Sie und ich werden oft dasselbe denken, wenn wir weit voneinander sind. Ich will Gott bitten, daß er Ihnen hilft, wie ich ihn bitte, mir beizustehen.« »Aber das herrliche Mädchen, Dina Morris,« fuhr Arthur fort, indem er seinen eigenen Gedanken nachhing und Adams Worte weniger beachtete, »sie will bei ihr bleiben bis ganz zuletzt, bis sie fortgeht, und das arme Ding hängt an ihr wie an ihrem letzten Troste. Ich könnte das Mädchen anbeten und weiß nicht, was ich anfangen sollte, wenn sie nicht da wäre. Adam, Ihr werdet sie sehen, wenn sie zurückkommt; ich konnte ihr gestern nicht sagen, was ich für sie fühle. Sagt ihr,« fuhr er so hastig fort, als wolle er die Bewegung verbergen, mit der er sprach und nahm dabei Uhr und Kette ab – »sagt ihr, ich schicke ihr dies als eine Erinnerung an den, für welchen sie die einzige Quelle des Trostes ist, wenn er daran denkt, daß ... Ich weiß, sie fragt nach solchen Dingen nichts, oder was ich ihr sonst geben könnte; aber sie muß die Uhr gebrauchen – es soll mich freuen, wenn ich denken darf, sie gebraucht sie.« »Ich will sie ihr geben, Herr,« erwiderte Adam, »und ihr dabei sagen, was Sie gesagt haben. Wenn sie zurückkommt, will sie etwas auf dem Pachthof bleiben.« »Und nicht wahr, Adam, Ihr redet Poysers zu, daß sie bleiben,« sagte Arthur, dem nun der eigentliche Zweck der Unterredung wieder einfiel, den sie beide über ihrer freundlichen Aussöhnung vergessen hatten; »und Ihr selbst bleibt auch und helft dem Pastor das Gut verwalten?« »Aber Sie übersehen wohl eins,« bemerkte Adam mit sanftem Zögern, »und darum habe ich etwas länger zurückgehalten. Wenn Poysers und ich bleiben, dann geschieht's aus weltlichen Rücksichten und es sieht aus, als ob wir diesen alles andere opferten. Ich weiß bestimmt, so werden Poysers die Sache ansehen, und mein eigenes Gefühl sagt mir das ungefähr auch. Wer einen ehrenhaften, unabhängigen Sinn hat, der setzt sich nicht gern bösem Schein aus.« »Aber wer Euch kennt, Adam, von dem braucht Ihr das nicht zu befürchten; der Grund ist nicht stark genug gegen eine Entschließung, die wirklich großmütiger und unselbstsüchtiger ist als die entgegengesetzte wäre. Und die Leute werden erfahren – sollen erfahren, daß sowohl Ihr als Poysers auf mein Bitten bleibt. Adam, erschwert mir meine Lage nicht noch mehr, ich bin genug gestraft auch ohne das.« »Nein, Herr, gewiß nicht,« sagte Adam und sah Arthur traurig und mitleidig an; »Gott verhüte, daß ich Ihre Lage noch erschweren sollte. Es gab eine Zeit, da hätte ich das in meiner Leidenschaft wohl gewünscht, aber damals glaubte ich, Sie hätten kein tiefes Gefühl. Jetzt will ich bleiben, Herr, und mein bestes thun. Ich habe ja jetzt nichts anderes zu bedenken, als fleißig zu arbeiten und die Welt denen angenehmer zu machen, die darauf glücklich sein können.« »Dann laßt uns scheiden, Adam. Geht morgen zu Pastor Irwine und besprecht Euch mit ihm.« »Gehen Sie schon bald fort, Herr?« fragte Adam. »Sobald wie möglich – ich will nur noch das Nötigste besorgen. Lebt wohl, Adam. Ich werde an Euch denken, wie Ihr in der Heimat waltet.« »Leben Sie wohl, Herr; Gott segne Sie!« Noch einmal reichten sie sich die Hände und als Adam die Einsiedelei verließ, hatte er das Gefühl, sein Unglück sei leichter zu tragen, nun er den Haß überwunden. Sobald sich die Thür hinter ihm schloß, ging Arthur an den Papierkorb und nahm das kleine, rotseidene Halstuch heraus. Sechstes Buch Neunundvierzigster Abschnitt Auf dem Pachthof Es war anderthalb Jahr nach diesem Abschied zwischen Arthur und Adam. Die ersten Sonnenstrahlen eines Herbstnachmittags lagen auf dem Pachthof und der große Bullenbeißer hatte einen seiner aufgeregtesten Augenblicke; es war die Stunde des Tages, wo die Kühe zum Nachmittagsmelken auf den Hof getrieben wurden. Kein Wunder, daß die geduldigen Tiere wirr und verkehrt liefen; denn in das ungestüme Gebell des Bullenbeißers mischten sich von fernher Töne, welche die schüchternen weiblichen Geschöpfe mit verzeihlichem Aberglauben auf sich selbst bezogen – das furchtbare Knallen mit der Peitsche und das laute Rufen mit der Stimme, welches der Knecht vollführte, als er den leeren Getreidewagen mit dumpfem Gedonner vom Hofe hinunterfuhr. Das Melken der Kühe war ein Anblick, den Frau Poyser liebte, und an milden Tagen stand sie um diese Zeit gewöhnlich, ihr Strickzeug in der Hand, vor der Hinterthür, in ruhige Betrachtung versunken, die sich nur dann zu lebhaftem Interesse steigerte, wenn der bösen, gelben Kuh, die mal einen Eimer voll kostbarer Milch umgestoßen hatte, aus Vorsicht halb und halb zur Strafe die Hinterbeine zusammengebunden wurden. Heute aber schenkte Frau Poyser der Ankunft der Kühe ihre Aufmerksamkeit nur halb, da sie in eifrigem Gespräch mit Dina war, welche die Hemdkragen des Onkels ausbesserte und sich schon dreimal von Totty geduldig hatte den Faden abreißen lassen; Totty zupfte sie nämlich ab und zu plötzlich am Arm und verlangte, sie solle sich »das Kind« ansehen, eine große hölzerne Puppe ohne Beine in langem Rock, mit der sie neben Dina auf einem kleinen Stuhl saß und deren kahlen Kopf sie mit großer Zärtlichkeit an ihr dickes Gesicht drückte. Totty ist um zwei Jahr älter und entsprechend gewachsen, seitdem wir sie zuerst kennen lernten und trägt unter ihrer Schürze ein schwarzes Kleid. Auch Frau Poyser ist schwarz gekleidet, und die Familienähnlichkeit zwischen ihr und Dina scheint dadurch noch erhöht. Sonst sind unsre alten Freunde äußerlich wenig verändert und der schöne Flur schimmert noch grade so von blankem Eichenholz und Zinn. »So wie du, Dina, ist mir doch noch keines vorgekommen,« sagte Frau Poyser, »wenn du dir mal was in den Kopf gesetzt hast; du bist so wenig aus der Stelle zu bringen wie ein Baum mit festen Wurzeln. Aber sag', was du willst, ich glaube doch nicht, daß das Religion ist; steht nicht in der Bergpredigt, die du den Kindern so gern vorliest, daß man thun muß, was andere Leute haben wollen? Aber wenn man etwas Unverständiges von dir verlangte, z. B. daß du deinen Mantel ausziehen und weggeben oder dir ins Gesicht schlagen lassen solltest, ja – dazu wärst du bereit genug; bloß wenn man etwas von dir verlangt, was gesunden Menschenverstand hat und dir selbst gut ist, dann bist du widerspenstig.« »Nein, liebe Tante,« erwiderte Dina mit sanftem Lächeln, »gewiß wäre Euer Wunsch ein Grund für mich, alles zu thun, was ich nicht für unrecht hielte.« »Unrecht! Nein, das geht über meine Geduld. Was ist da wohl Unrechts dran, möcht' ich wissen, wenn du bei deinen Verwandten bleibst, die dich herzlich gern bei sich wohnen haben und für dich sorgen wollen, wenn auch deine Arbeit das bißchen Sperlingsfutter, was du gebrauchst und die paar Kleider, die du trägst, nicht mehr als reichlich ersetzte? Und wen bist du wohl mehr verpflichtet, möcht' ich doch auch wissen, zu unterstützen und zu trösten als dein eigenes Fleisch und Blut, und ich bin die einzige Tante, die du noch hast und, jeden Winter, den Gott werden läßt, komm ich an den Rand des Grabes, und der Kleinen da, die bei dir sitzt, bricht das Herz, wenn du weggehst, und der Großvater ist noch kein volles Jahr tot und der Onkel wird dich recht vermissen, wenn du ihm nicht mehr die Pfeife ansteckst und immer so aufmerksam gegen ihn bist, und in der Milchkammer weißt du so gut Bescheid, und all die Mühe mit dir hält' ich umsonst gehabt, und so viele Näherei haben wir zu machen, und ich werde wirklich ein fremdes Mädchen aus Treddleston dazu nehmen müssen – und alles bloß, weil du nach dem kahlen Haufen Steine zurück willst, wo die Krähen drüber wegfliegen und nicht bleiben mögen.« »Liebe Tante Rahel,« sagte Dina und sah Frau Poyser ins Gesicht, »es ist reine Güte von Euch, wenn Ihr sagt, ich sei Euch unentbehrlich. Ihr habt mich wirklich jetzt nicht nötig; Nanny und Molly machen ihre Arbeit recht gut und Ihr seid mit Gottes Hilfe jetzt gesund, und Onkel ist wieder heiterer gestimmt und Nachbarn und Freunde habt Ihr auch genug, die fast alle Tage zu Euch kommen und den Onkel unterhalten. Ihr werdet mich wirklich nicht vermissen und in Snowfield sind Brüder und Schwestern in großer Not, die nicht so viel Annehmlichkeiten des Lebens haben wie Ihr. Ich fühle, daß ich zu denen zurückgerufen werde, wo ich von frühauf gelebt habe; ich fühle mich wieder hingezogen zu den Hügeln, wo Gottes Segen auf mir ruhte, wenn ich das Wort des Lebens denen brachte, die mühselig und beladen waren.« »Fühlst dich hingezogen; ja wohl,« sagte Frau Poyser, die inzwischen einen Blick auf die Kühe geworfen hatte; »dabei soll ich mich immer beruhigen, wenn du widerspenstig bist. Warum willst du noch mehr predigen als du jetzt thust? Gehst du nicht jetzt schon jeden Sonntag fort, Gott weiß, wohin, um zu predigen und zu beten? Und giebt's nicht in Treddleston Methodisten genug, die du dir ansehen kannst, wenn dir die Leute von unserer Kirche zu hübsch sind? Und hast du nicht hier im Kirchspiel mit Leuten genug zu schaffen, die wieder dem Bösen verfallen, sobald du nur den Rücken wendest? Schmieds Lieschen z.B. – die putzt sich gewiß wieder mit neuem Flitter, darauf kannst du dich verlassen, ehe noch drei Wochen um sind; die bleibt gewiß nicht auf dem guten Wege, ohne daß du dabei bist, so wenig wie ein Hund auf den Hinterfüßen steht, wenn keiner zusieht. Aber auf die Seelen der Leute hier bei uns kommt dir's nicht an, scheint's, sonst bliebst du wohl bei deiner eigenen Tante, die doch auch so gut noch nicht ist, daß du ihr nicht helfen könntest, besser zu werden.« Frau Poyser hatte in dem Augenblick etwas in der Kehle, was sie nicht merken lassen wollte; sie wandte sich darum rasch nach der Uhr und sagte: »Es ist wirklich schon Zeit zum Thee und wenn mein Mann hinten auf dem Hofe ist, dann trinkt er gewiß gern eine Tasse. Da, Totty, Herzchen, laß dir Mutter den Hut aufsetzen und geh' hinten auf den Hof und sag' Vater, wenn er da ist, er dürfe nicht wieder weggehen, ohne eine Tasse Thee zu trinken, und sag' auch den Jungens, sie sollten hereinkommen.« Totty trabte davon und Frau Poyser machte den blanken Eichentisch zum Thee fertig. »Du sagst, Nanny und Molly machten ihre Arbeit gut,« fing sie wieder an; »das heißt mal wieder sprechen. Die Mädchen sind eins wie's andere; klug oder dumm – nicht 'nen Augenblick kann man sie allein lassen; sie müssen immer unter Aufsicht sein, wenn sie bei der Arbeit bleiben sollen. Und wenn ich nun diesen Winter wieder krank werde wie im vorigen Jahr, wer soll dann nach ihnen sehen, wenn du weg bist? Und unser Kleinstes, das liebe Ding – der passiert gewiß was, die Leute lassen sie ins Feuer fallen oder dem Kessel zu nahe kommen, wenn der Speck drin kocht, oder sie hat sonst ein Unglück und wird lahm auf Lebenszeit, und alles durch deine Schuld, Dina!« »Tante,« sagte Dina, »ich verspreche Euch, wieder zu kommen, wenn Ihr im Winter krank werden solltet. Glaubt doch nicht, daß ich je von Euch fortbleibe, wenn Ihr wirklich meiner bedürft. Aber für mein eigenes Seelenheil ist es nötig, daß ich nicht mehr so bequem und behaglich lebe wie hier, wo ich alles zu reichlich habe; wenigstens für eine kurze Zeit muß ich fort. Niemand weiß besser als ich selbst, was meine inneren Bedürfnisse sind und welchen Versuchungen ich am meisten ausgesetzt bin. Euer Wunsch, daß ich bei Euch bleiben möchte, ist kein Gebot der Pflicht, dem ich mein Ohr verschlösse, weil es gegen meine eigene Neigung ginge, sondern eine Versuchung, der ich widerstehen muß, damit nicht die Liebe zur Kreatur meine Seele wie ein Nebel umfängt, der das himmlische Licht nicht durchläßt.« »Was du unter bequem und behaglich leben verstehst, das geht über meine Begriffe,« erwiderte Frau Poyser, indem sie eifrig Butterbrote machte. »Du hast wohl gut zu essen und zu trinken und das soll mir keiner nachsagen, daß ich nicht reichlich und überreichlich gebe, aber jedes Überbleibsel, was sonst keiner mag, das nimmst du gewiß für dich ... aber was seh' ich? Da kommt Adam Bede und trägt das Kind auf der Schulter. Was mag er so früh wollen?!« Frau Poyser eilte an die Thür, um ihr liebes Töchterchen in seiner hohen Stellung zu sehen, Liebe im Blick, aber Vorwürfe auf den Lippen. »O schäm' dich doch, Totty! Mädchen von fünf Jahren dürfen sich nicht mehr tragen lassen. Adam, Euer Arm wird Euch weh thun, so schwer ist sie schon! Setzt sie doch auf die Erde und laßt sie laufen.« »O nein, Frau Poyser,« sagte Adam, »ich kann sie mit der Hand aufheben und brauche den Arm gar nicht.« Damit setzte er Totty, die sich um all das Reden nicht gekümmert hatte, wieder auf die Erde und die Mutter schärfte ihr die Vorwürfe mit einem wahren Regen von Küssen ein. »Ihr wundert Euch wohl, mich um diese Stunde schon zu sehen, sagte Adam.« »Freilich, aber kommt herein;« erwiderte Frau Poyser; »Ihr bringt doch nichts Schlimmes?« »Nein, das nicht,« erwiderte Adam, indem er ans Dina zuging und ihr die Hand reichte. Sie hatte ihre Arbeit hingelegt und erhob sich unwillkürlich, als er sich ihr näherte. Eine leichte Röte verschwand eben von ihrer blassen Wange, als sie ihm die Hand gab und ihn schüchtern ansah. »Ich habe einen Auftrag an Euch, Dina,« sagte Adam und vergaß ganz, daß er sie noch immer bei der Hand hielt; »Mutter kränkelt ein bißchen und läßt Euch recht bitten, Ihr möchtet doch so freundlich sein, zu ihr zu kommen und die Nacht bei ihr zu bleiben. Ich sagte ihr, ich wollte hier vorsprechen und Euch darum bitten, wenn ich aus dem Dorfe käme. Sie hat sich überarbeitet und will doch kein Mädchen zu Hilfe nehmen. Ich weiß nicht, was ich mit ihr anfangen soll.« Damit ließ Adam Dinas Hand los und wartete auf eine Antwort; aber ehe sie noch den Mund öffnen konnte, fiel schon Frau Poyser ein: »Da, siehst du? Hab' ich dir nicht gesagt, daß es hier Leute genug giebt, die dich nötig haben und daß du nicht anderswohin zu gehen brauchst?! Frau Bede wird so alt und gebrechlich wie was sein kann, und sie will niemand anders bei sich haben als dich. Die Leute in Snowfield haben sich nun schon gewöhnt, ohne dich fertig zu werden.« »Ich will mir den Hut aufsetzen und gleich mit fort, wenn Ihr nicht noch was für mich zu thun habt, Tante,« erwiderte Dina, indem sie ihre Arbeit zusammenlegte. »Freilich hab' ich noch was für dich zu thun; du sollst erst Thee trinken, Kind, er ist fertig und Ihr nehmt auch 'ne Tasse, Adam, wenn Ihr's nicht zu eilig habt.« »Das nehm' ich mit Dank an, und nachher will ich mit Dina weggehen. Ich muß bald nach Haus, weil ich eine Menge Rechnungen auszuschreiben habe.« »Wie, Adam, seid Ihr da?« sagte Pachter Poyser, der ganz heiß in Hemdsärmeln hereinkam, mit den beiden schwarzäugigen Jungen hinterdrein, die ihm noch immer so ähnlich sahen, wie kleine Elefanten einem großen. »Wo kommt Ihr schon so früh her, lange vor der Futterzeit?« »Es ist wegen der Mutter,« antwortete Adam; »sie hat wieder einen Anfall von ihrem alten Leiden und möchte gern, daß Dina sie besuchte und etwas bei ihr bliebe.« »Nun, Eurer Mutter wollen wir sie schon ein bißchen überlassen,« sagte Poyser, »aber sonst keinem, wenn's nicht ein Mann ist.« »Sie überlassen?« sagte Frau Poyser, indem sie Kuchen auf den Tisch stellte und sich dann hinsetzte, um Thee einzuschenken. »Aber wir müssen sie wohl ganz fahren lassen, fürcht' ich, und nicht, weil sie einen Mann hat, sondern weil sie Mucken im Kopf hat. Thoms, was thust du da mit deiner kleinen Schwester ihrer Puppe? Machst das Kind böse und sie ist so artig, wenn du sie in Ruhe läßt. Du bekommst kein Stück Kuchen, wenn du das noch mal thust.« – Thoms hatte mit echt brüderlicher Freundlichkeit der Puppe den Rock über den Kopf gezogen und setzte ihren verstümmelten Leib dem Spott der Versammlung aus, – eine Unwürdigkeit, die Totty ins Herz schnitt. »Was glaubst du wohl,« fuhr Frau Poyser zu ihrem Mann gewendet fort, »was Dina mir heute Nachmittag gesagt hat?« »O, ich bin kein guter Ratsherr,« antwortete der Mann. »Denk' nur, sie will wieder nach Snowfield zurück und in der Fabrik arbeiten und wieder so knapp leben wie früher, als hätte sie keinen, bei dem sie leben könnte.« Poyser fand kaum Worte, um seine unangenehme Überraschung auszudrücken; er blickte nur von seiner Frau zu Dina hinüber, die sich neben Totty gesetzt hatte, um sie gegen die Neckereien ihres kleinen Bruders zu schützen und den Kindern den Thee zurecht machte. Wär' er zu allgemeinen Betrachtungen geneigt gewesen, so hätte ihm auffallen müssen, daß mit Dina etwas vorgegangen sei, da sie sonst nie die Farbe zu wechseln pflegte; so bemerkte er nur, daß sie in dem Augenblicke im Gesicht rot wurde. Er fand, es stehe ihr recht hübsch; es war nur ein leises Erröten, nicht tiefer als der Blütenkelch einer blassen Rose. Vielleicht kam es daher, daß ihr Onkel sie so fest ansah; aber wer kann das wissen? Denn grade in dem Augenblick sagte Adam mit ruhigem Erstaunen: »Wie? Ich hoffte, Dina blieb ihr lebelang hier. Ich meinte, sie hätte es für immer aufgegeben, in ihre Heimat zurückzugehen.« »Aufgeben!« sagte Frau Poyser, »ja, das hätte wohl jeder gedacht, der nicht verkehrt im Kopfe ist. Aber ich glaube, wenn einer wissen will, was so 'n Methodist thut, dann muß er selbst Methodist sein. Wo die Fledermäuse hinfliegen, das soll mal einer vorauswissen.« »Aber was haben wir dir denn gethan, daß du uns verlassen willst?« meinte Poyser, der noch immer seine Theetasse nicht an den Mund gesetzt hatte. »Es ist beinahe so schlimm, als wenn du dein Wort brächest; deine Tante hat nie anders gedacht, als daß du unser Haus jetzt als deine Heimat ansähest.« »Nein, Onkel,« sagte Dina und versuchte ganz ruhig zu bleiben. »Als ich herkam, sagte ich, es sei nur auf kurze Zeit, so lange die Tante mich nötig hätte.« »Nun, und wer sagt dir, daß ich dich nicht mehr nötig habe?« fragte Frau Poyser. »Wenn du nicht ganz bei mir bleiben wolltest, dann hättest du lieber gar nicht kommen sollen. Wer nie ein Kopfkissen gehabt hat, der entbehrt's nicht.« »Nein, nein,« meinte Poyser, dem alle Übertreibung zuwider war. »So mußt du nicht sprechen; Mariätag vorm Jahr wären wir ohne sie übel dran gewesen; dafür müssen wir ihr danken, sie mag nun bleiben oder nicht. Aber ich kann mir nicht denken, weshalb sie ein behagliches Haus verlassen und in ihre Heimat zurück muß, wo der Morgen Land noch keine zehn Schilling einbringt.« »Ei, das ist ja grade der Grund, weshalb sie weg will, soweit sie überhaupt 'nen Grund hat,« entgegnete Frau Poyser. »Sie sagt, bei uns hätt' sie's zu gut und es gäbe zu viel zu essen, und den Leuten hier in der Gegend geht's für sie nicht schlecht genug. Und schon nächste Woche will sie fort; davon kann ich sie nicht abbringen, ich mag sagen, was ich will. Aber so machend die Leute mit den sanften Gesichtern immer; man kann ebensogut gegen einen Sack Federn werfen, als auf sie einsprechen. Aber Religion ist das nicht, so widerspenstig sein – was meint Ihr, Adam?« Adam bemerkte, daß Dina unruhiger sei, als er sie je in einer persönlichen Angelegenheit gesehen hatte, und da er ihr wo möglich gern zu Hilfe kommen wollte, so sah er sie freundlich an und sagte: »Nein, ich kann Dina in keiner Weise tadeln. Ich glaube, ihre Gedanken sind besser als unsere Wünsche, was das auch für Gedanken sein mögen. Ich würde mich recht gefreut haben, wenn sie bei uns geblieben wäre; aber wenn sie es für recht erkennt wegzugehen, dann möchte ich ihr nicht im Wege sein oder es ihr durch Einwendungen erschweren. Um uns hat sie etwas anderes verdient.« Wie es oft zu gehen pflegt, fielen gerade die Worte, welche ihr gut thun sollten, Dina in ihrer erregten Stimmung doppelt schwer aufs Herz. Zu schnell, um sich verbergen zu lassen, traten ihr die Thränen in die Augen und sie erhob sich eilig, um sich oben den Hut zu holen. »Mutter, warum weint Dina?« fragte Totty; »sie ist doch nicht unartig gewesen.« »Du bist ein bißchen zu weit gegangen,« sagte Poyser. »Wir haben kein Recht, ihr dreinzureden, wenn sie ihrem Willen folgt. Und du würdest schön böse mit mir sein, wenn ich nur ein Wort gegen etwas sagte, was sie thut.« »Weil du sie ohne Grund tadeln würdest,« entgegnete Frau Poyser. »Aber was ich sage, das hat Grund, sonst sagt' ich's nicht. Ihr andern habt gut reden; ihr könnt sie nicht so lieb haben, wie ihre leibliche Tante thut. Und ich hab' mich so an sie gewöhnt! Ich werde mich so unbehaglich fühlen wie ein neugeschornes Schaf, wenn sie weg ist. Und daß sie aus unserm Kirchspiel weggeht, wo man sie so achtet! Unser Pastor hält so große Stücke auf sie, als wenn sie eine vornehme Dame wäre, obgleich sie 'ne Methodistin ist und die Mucke mit dem Predigen im Kopfe hat – Gott verzeih' mir, wenn ich es mit Unrecht so nenne.« »Ja, ja,« meinte Poyser mit einem lustigen Ausdruck im Gesicht, »aber warum erzählst du Adam nicht, was dir der Pastor mal darüber gesagt hat? Ihr müßt wissen, Adam, meine Frau meinte mal gegen den Pastor, das einzige, was sie an Dina auszusetzen fände, sei das Predigen, und da antwortete der Pastor: ›Aber das dürfen Sie ihr nicht so hoch anrechnen, Frau Poyser; Sie vergessen, daß sie keinen Mann hat, dem sie was vorpredigen kann und ich stehe dafür, Sie halten Poyser manche gute Predigt.‹ Da hat's dir der Pastor mal gut gegeben,« fügte er hinzu und lachte herzlich. »Ich erzählt's Barthel Massey, der mußte recht darüber lachen.« »Ja, der Witz braucht nicht groß zu sein, damit die Männer drüber lachen, wenn sie die Pfeife im Munde haben und einander angaffen,« erwiderte Frau Poyser. »Wenn's nach Barthel Massey ginge, ja! da war' er der einzige Witzbold auf der Welt. Hätte der Häckselschneider über die Menschen zu sagen, dann wären wir alle von Stroh. Totty, du klein Herzchen, geh' hinauf zu Dina; sieh' was sie macht und gieb ihr 'nen hübschen Kuß.« Frau Poyser gab ihrem Töchterchen diesen Auftrag, um gewisse drohende Zeichen an ihren Mundwinkeln abzuleiten; denn Thoms, der keinen Kuchen mehr erwartete, schob mit dem Zeigefinger die Augenlider in die Höhe und wandte seine Augapfel Totty von der Seite zu, wodurch sie sich persönlich gekränkt fühlte. »Euch geht's gut, Adam, nicht wahr? Ihr habt viel zu thun,« sagte Poyser. »Meister Burge wird so hinfällig mit seiner Beklemmung auf der Brust, daß er gewiß nicht mehr viel beschaffen kann.« »Ei ja, es giebt hübsch viel zu bauen,« sagte Adam, »mit all den Reparaturen auf dem Gute und den neuen Häusern in Treddleston.« »Ich möchte drauf wetten,« meinte Poyser, »das neue Haus, welches Burge auf seinem eigenen Lande baut, ist für ihn selbst und seine Tochter; er wird das Geschäft gewiß bald ganz niederlegen und Euch übergeben, wenn Ihr ihm jährlich was bezahlt. Es dauert kein Jahr mehr, Adam, dann wohnt Ihr hier oben im Dorfe.« »Nun,« erwiderte Adam, »ich nähme ganz gern das Geschäft allein in die Hand. Es ist mir nicht so wegen des größeren Verdienstes, wir sind ja nur unser drei mit der Mutter und haben reichlich zu leben; aber ich hätte doch gern freie Hand im Geschäft; ich könnte dann manches probieren, was ich jetzt nicht kann.« »Und mit dem neuen Rentmeister kommt Ihr gut aus, ja?« fragte Poyser. »Ja freilich; er ist ein ganz verständiger Mann, versteht sich auf die Landwirtschaft und leitet die Entwässerung und all das vorzüglich. Geht nur mal auf den Strich da nach Stonyshire hinüber und seht Euch die Verbesserungen an, die da gemacht werden. Aber vom Bauen versteht er nichts; so selten findet man einen, der sich auf mehr als eine Sache versteht; es ist grade als wenn die Menschen Scheuklappen trügen wie die Pferde und könnten auf einer Seite gar nichts sehen. Pastor Irwine – der versteht sich aufs Bauen, besser als die meisten Architekten; die wollen die großen Herren spielen und wissen doch meist nicht, wie sie einen Kamin so setzen sollen, daß er der Thür nicht im Wege ist. Nach meiner Ansicht ist der beste Architekt für gewöhnliche Arbeiten ein praktischer Baumeister, der etwas Geschmack hat, und es macht mir zehnmal soviel Vergnügen, nach der Arbeit zu sehen, wenn ich den Plan dazu selbst gemacht habe.« Der Pächter hörte mit bewundernder Teilnahme diese Auseinandersetzung Adams über das Bauen an; aber vielleicht fiel ihm dabei ein, daß er schon zu lange von dem Kornschober weg sei, den er auf dem Hofe errichten ließ, und als Adam zu Ende war, stand er auf und sagte: »Nun, mein Junge, jetzt muß ich Euch Adieu sagen, ich muß wieder auf den Hof.« Auch Adam erhob sich; er sah Dina hereinkommen, den Hut auf und ein kleines Körbchen in der Hand; Totty ging vor ihr her. »Ihr seid schon fertig, wie ich sehe, Dina,« sagte er; »dann laßt uns gehen; je eher ich zu Hause bin, desto besser.« »Mutter,« sagte Totty mit ihrem feinen Stimmchen, »Dina hat gebetet und so sehr geweint.« »Still, still,« erwiderte die Mutter, »Kinder dürfen nicht schwatzen.« Aber der Vater, der sich im stillen vor Lachen schüttelte, setzte Totty auf den tannenen Tisch und ließ sich von ihr einen Kuß geben. Was die beiden Eltern für Begriffe von Erziehung hatten! »Komm morgen zurück, Dina, wenn Frau Bede dich nicht nötig hat,« sagte Frau Poyser; »aber wenn sie krank ist, dann kannst du auch noch länger bleiben, weißt du.« Und so nahmen Dina und Adam Abschied und verließen zusammen den Pachthof. Fünfzigster Abschnitt In Adams Häuschen Adam bot Dina nicht den Arm als sie aufs Feld kamen. Er hatte es noch nie gethan, so oft sie auch zusammen gegangen waren; denn er hatte bemerkt, daß sie auch mit Seth nie Arm in Arm ging und er glaubte daher, diese Art von Unterstützung sei ihr nicht angenehm. So gingen sie obschon nebeneinander, voneinander getrennt und ihr enganschließender Hut verbarg ihm ihr Gesicht. »Ihr seid's also nicht zufrieden, Dina, Euch auf dem Pachthof häuslich niederzulassen?« fragte Adam mit der ruhigen Teilnahme eines Bruders, der für sich selbst kein persönliches Interesse bei der Sache hat. »Das ist schade; Eure Verwandten haben Euch so lieb.« »Ihr wißt, Adam, was die Liebe zu ihnen und die Teilnahme an ihrem Wohlergehen betrifft, fühle ich grade so wie sie, aber sie haben mich jetzt nicht dringend nötig, ihre Schmerzen sind geheilt und ich fühle mich zurückgerufen zu meiner früheren Wirksamkeit, in der ich einen Segen fand, den ich in der letzten Zeit in zu reichlichem Wohlleben entbehrt habe. Ich weiß, der Mensch strebt vergebens, sich dem Werke zu entziehen, wozu Gott ihn bestimmt hat und einen größeren Segen für seine Seele zu erlangen. Als wenn wir selbst wählen könnten, wo uns die Fülle des göttlichen Segens bereitet ist, statt sie da zu suchen, wo sie allein zu finden ist: in liebendem Gehorsam. Aber jetzt, glaub' ich, wird mir klar gewiesen, daß ich anderswo wirken soll – wenigstens für eine Zeit. Im Laufe der Jahre werde ich schon zurückkehren, wenn meine Tante krank würde oder mich sonst nötig hätte.« »Ihr müßt's selbst am besten wissen, Dina,« erwiderte Adam. »Ich glaube nicht, daß Ihr ohne guten und genügenden inneren Grund den Wünschen derer, die Euch lieb haben und Euch verwandt sind, zuwider handeln würdet. Ich habe kein Recht zu sagen, daß es mir leid thut; Ihr wißt recht gut, wie viel Ursache ich habe, Euch über jeden andern Freund zu stellen, und wenn es sich so gemacht hätte, daß Ihr meine Schwester geworden wäret und immer bei uns gelebt hättet, so hätte ich das als den größten Segen betrachtet, der uns jetzt zuteil werden könnte; aber wie mir Seth sagt, ist dazu keine Hoffnung; Euer Gefühl läßt's nicht zu, und vielleicht nehm' ich mir schon zu viel heraus, daß ich überhaupt davon spreche.« Dina gab keine Antwort und sie gingen schweigend mehrere Schritte weiter, bis sie an einen Steg kamen; da ging Adam zuerst hinüber, und als er sich umwandte, um ihr über die ungewöhnlich hohe Stufe zu helfen, da konnte sie es nicht hindern, daß er ihr grade ins Gesicht sah. Der Anblick überraschte ihn: die grauen Augen, gewöhnlich so mild und ernst, hatten den hellen, unruhigen Blick, der von unterdrückter Aufregung zeugt, und die leise Röte auf ihren Wangen von vorhin, als sie die Treppe hinunterkam, hatte sich ins Hochrote gesteigert. Sie sah aus als wäre sie nur Dinas Schwester. Adam schwieg vor Überraschung und wußte einige Minuten nicht, wie er dran war, dann sagte er: »Ich hoffe, ich habe Euch durch meine Worte nicht verletzt oder unangenehm berührt, Dina; vielleicht nahm ich mir zu viel Freiheit. Ich habe keinen andern Wunsch, als was Ihr für's Beste haltet, und wenn Ihr es recht findet, zehn Stunden weit wegzugehen, dann bin ich's auch zufrieden. Ich werde ebenso oft an Euch denken wie jetzt; Ihr seid ja mit einer Erinnerung verbunden, die ich so wenig loswerden kann, wie den Schlag meines Herzens.« Der arme Adam! So versehen sich die Männer. Dina antwortete noch immer nicht, sagte aber gleich darauf: »Habt Ihr etwas Neues gehört von dem armen jungen Mann, seit wir zuletzt von ihm sprachen?« – so nannte sie Arthur; er stand ihr noch immer so vor der Seele, wie sie ihn im Gefängnis gesehen hatte. »Ja wohl,« sagte Adam. »Der Pastor las mir gestern etwas aus einem Briefe von ihm vor. Es scheint ziemlich gewiß, daß wir bald Frieden bekommen, wenn auch kein Mensch glaubt, daß er von Dauer ist; aber nach Haus will er noch nicht wieder, schreibt er. Er hat noch nicht das Herz dazu und 's ist auch besser für andere, wenn er noch wegbleibt; das meint auch der Pastor. Der Brief ist recht betrübt; er fragt nach Euch und nach Poysers, wie er immer thut; eine Stelle in dem Briefe ist mir recht ins Herz gegangen: ›Sie können sich nicht denken, wie alt ich mich fühle, schreibt er; Pläne mache ich gar nicht mehr; am liebsten ist mir's, wenn ich einen tüchtigen Marsch oder ein Gefecht vor mir habe.‹« »Er hat 'nen raschen Sinn und ein warmes Herz, wie Esau, mit dem ich immer viel Mitleid gehabt habe,« erwiderte Dina. »Die Begegnung zwischen den beiden Brüdern, wo Esau so liebevoll und großmütig und Jakob so bange und mißtrauisch ist, trotzdem er weiß, er steht in Gottes Schutz, hat mich immer sehr gerührt. Wirklich, bisweilen fühl' ich mich versucht zu sagen, Jakob sei ein niedrig denkender Mensch gewesen. Aber das ist unser Prüfungsstand: wir müssen unter vielem Unangenehmen das Gute sehen lernen.« »Ich lese am liebsten im alten Testament von Moses,« sagte Adam. »Er führte ein schweres Werk gut zu Ende und starb, als andere die Früchte ernten sollten; dazu gehört Mut, das Leben so anzusehen und zu bedenken, was daraus wird, wenn man tot ist. Was gut und tüchtig gearbeitet ist, hat Dauer; und wenn's auch bloß ein Fußboden ist, den man legt, es kommt doch noch einem andern zu gute, wenn's recht gemacht ist, und nicht bloß dem, der's gemacht hat.« Beide freuten sich, daß sie von Dingen reden konnten, die sie nicht persönlich betrafen und sie fuhren damit fort, bis sie über die Brücke des Weidenbaches kamen; da drehte sich Adam um und sagte: »Aha, da ist Seth. Ich dachte mir wohl, er käme bald nach Haus. Weiß er schon, daß Ihr fortgeht, Dina?« »Ja, am letzten Sabbath hab' ich es ihm gesagt.« Jetzt fiel Adam ein, daß Seth am Sonntag Abend sehr niedergeschlagen nach Haus gekommen war, was er sehr lange nicht an ihm bemerkt hatte; denn das Glück, Dina jede Woche sehen zu können, schien längst den Kummer aufgewogen zu haben, daß er wußte, sie würde ihn nie heiraten. Heute Abend hatte er seinen gewohnten Ausdruck träumerischer, liebevoller Zufriedenheit, bis er ganz nahe an Dina herankam und an ihren zarten Augenlidern und Wimpern die Spuren von Thränen bemerkte. Er warf einen raschen Blick auf seinen Bruder, aber mit der Aufregung, unter der Dina gelitten haben mochte, hatte Adam augenscheinlich nichts zu thun: er sah so ruhig aus wie alle Tage. Seth bemühte sich, Dina nicht merken zu lassen, daß er in ihrem Gesichte gelesen habe und sagte nur: »Ich danke Euch recht, daß Ihr kommt, Dina; Mutter hat heute den ganzen Tag nach Eurem Anblick förmlich geschmachtet. Ihr wart das erste, wovon sie heute früh sprach.« Als sie in das Häuschen traten, saß Lisbeth in ihrem Lehnstuhl; sie hatte das Abendbrot bereitet – das pflegte sie immer lange zu thun, ehe es nötig war – und war zu müde, um sie schon an der Thür zu erwarten, wie sie gewöhnlich that, sobald sie das Geräusch von Tritten hörte. »Da bist du endlich, Kind!« sagte sie, als Dina auf sie zuging. »Was soll das heißen, daß du mich eine ganze Woche allein läßt und gar nicht besuchst?« »Liebe Freundin,« antwortete Dina und nahm sie bei der Hand, »Ihr seid nicht wohl. Hätt' ich es eher gewußt, so wär' ich hergekommen.« »Und wie willst du's wohl erfahren, wenn du nicht kommst? Die Jungen wissen nichts, als was ich ihnen sage; so lange man Hand und Fuß rühren kann, meint das Mannsvolk, man sei kerngesund. Aber schlimm ist's mit mir nicht, ich bin nur 'n bißchen erkältet. Und die Bursche quälen mich so, daß ich jemand zu Hilfe nehmen soll, und von all dem Sprechen werd' ich noch kränker. Wenn du hier wärest, dann ließen sie mich in Ruhe. Poysers haben dich nicht halb so nötig als ich. Aber leg' den Hut ab, daß ich dich ordentlich sehen kann.« Dina wollte sich abwenden, aber Lisbeth hielt sie fest, während sie sich den Hut abnahm, und sah ihr ins Gesicht, wie einer in ein frisch gepflücktes Schneeglöckchen hineinsieht, um den alten Eindruck des Reinen und Feinen zu erneuern. »Aber was hast du gehabt?« fragte Lisbeth verwundert, »du hast ja geweint.« »Es ist nur vorübergehend, nichts weiter,« sagte Dina, die am wenigsten jetzt über ihre Absicht, Hayslope zu verlassen, mit Lisbeth reden mochte. »Ihr sollt es bald erfahren; wir wollen heut im Bett darüber sprechen; diese Nacht bleibe ich bei Euch.« Bei dieser Aussicht beruhigte sich Lisbeth. Den ganzen Abend konnte sie mit Dina allein sprechen; wie sich der Leser erinnert, war vor beinahe zwei Jahren ein neues Zimmer an das Häuschen gebaut, als ein neuer Bewohner einziehen sollte, und hier saß Adam immer, wenn er zu schreiben oder zu zeichnen hatte. Auch Seth saß heute da, weil er wußte, seine Mutter hätte Dina gern für sich allein. Das waren ein paar hübsche Bilder in den beiden Stübchen des Häuschens. In dem einen saß die breitschultrige, magre alte Frau mit dem grobgeschnittenen Gesicht, in ihrer blauen Jacke und dem braunen Umschlagetuch, den trüben Blick immer ängstlich auf das Lilienantlitz und die zarte Gestalt in dem schwarzen Kleide gerichtet, die sich bald hilfreich und thätig mit leisem Schritte umherbewegte, bald dicht neben dem Lehnstuhl der alten Frau saß, sie bei der welken Hand faßte und zu ihr aufblickte mit Augen, deren Sprache Lisbeth weit besser verstand als die Bibel und das Gesangbuch. Vom Lesen wollte sie heute gar nichts hören. »Nein, nein,« sagte sie, »das Buch mach' nur zu. Wir wollen uns was erzählen. Ich muß wissen, warum du geweint hast. Hast du auch deine Sorgen wie wir andern Menschenkinder?« In dem andern Stübchen saßen die beiden Brüder, bei aller Ungleichheit einander doch so ähnlich. Adam, mit den zusammengezogenen Augenbrauen, dem starken Haar und der dunkeln, kräftigen Gesichtsfarbe, war ins Rechnen vertieft; Seth mit den derben Zügen das getreue Abbild seines Bruders, aber dünnem und gelocktem braunen Haar und blauen träumerischen Augen, die ebenso oft durchs Fenster ins Leere hinaussahen, als in das Buch, in welchem er las, obschon es ganz neu war – Wesleys Abriß der Lebensgeschichte der Madame Guyon, ein für Seth höchst interessantes Buch. Er hatte Adam gefragt, ob er ihm helfen könne, aber dieser hatte seine Hilfe ablehnen müssen und ihn auf das neue Buch verwiesen. Und oft blickte Adam, ohne daß Seth es merkte, von seiner Arbeit auf und sah ihn mit freundlich lächelndem Blicke an. »Wie gern der Junge sich in seine Gedanken verliert, über die er sich doch keine Rechenschaft geben kann! es kommt nichts dabei heraus, aber es macht ihn glücklich« – so mußte er sich oft sagen, und im letzten Jahre war er gegen den sanften Bruder immer nachsichtiger geworden. Aus dem Kummer, der in ihm nachwirkte, erwuchs Sanftmut und Zärtlichkeit. Zwar war Adam wieder ganz Herr seiner selbst, arbeitete tüchtig und hatte Freude an der Arbeit – das war so seine angeborene unveräußerliche Natur, aber seinen Schmerz hatte er noch nicht ausgelebt, hatte ihn nicht abschütteln können wie eine vorübergehende Last, so daß er wieder ganz der alte gewesen wäre. Wäre einem von uns das möglich? Das wolle Gott verhüten! Traurig, wenn all unser Kämpfen und Ringen am Ende keine andern Folgen hätte, als daß wir nur unser altes Selbst wiedergewönnen und zurückkehren könnten zu der alten blinden Liebe, dem alten übermütigen Tadel, den alten leichtfertigen Gedanken über menschliches Leiden, dem alten frivolen Geschwätz über geknickte Menschenleben und der alten dürftigen Vorstellung von jener unbekannten Macht, zu der wir in unserer Verlassenheit so manchen furchtbaren Notschrei emporgeschickt haben. Seien wir lieber dankbar, daß unser Kummer wie eine unzerstörbare Macht in uns fortlebt, nur seine Gestalt wechselt, wie die Kräfte der Natur und des Geistes pflegen, und von Schmerz in Mitgefühl übergeht – Mitgefühl, dieses kurze, dürftige Wort, welches all unser bestes Verstehen und unsere beste Liebe in sich begreift. Nicht als ob dieser Übergang des Schmerzes zum Mitgefühl sich in Adam schon ganz vollzogen hätte; noch immer war viel Schmerz zurückgeblieben, und er fühlte, derselbe würde so lange dauern, wie ihr Schmerz nicht eine bloße Erinnerung der Vergangenheit, sondern etwas Wirkliches und Gegenwärtiges sei, das sich mit dem Lichte jedes neuen Tages erneuere. Aber wir lernen uns an geistigen Schmerz so gut gewöhnen wie an körperlichen, wenn wir auch nicht unempfindlich werden; der Schmerz wird uns zur Gewohnheit und wir können uns einen Zustand vollkommener Heiterkeit für uns nicht mehr als möglich denken. Unser Verlangen bescheidet sich und wird Ergebung, und wir nennen es schon einen glücklichen Tag, wenn wir unsern Gram schweigend haben tragen und so handeln können als litten wir gar nicht. In diesem geistigen Zustande war Adam jetzt, in seinem zweiten Leidensjahre. Arbeiten hatte für ihn immer zur Religion gehört, wie wir wissen, und schon früh im Leben hatte er klar eingesehen, gute Tischlerarbeit und Bauerei sei Gottes Wille, sei die Form des göttlichen Willens, die ihn am unmittelbarsten angehe; aber jetzt zog sich für ihn um diese klare Wirklichkeit kein Traumland mehr, gab es für ihn in dieser Werktagswelt keine Festtagszeit mehr, und in keiner Ferne sah er den Augenblick vor sich, wo die harte Pflicht Eisenhandschuh und Harnisch ablegen und ihn in sanfte Ruhe betten würde. Auf dem Bilde, welches er sich von seiner Zukunft machte, sah er lauter schwere Arbeitstage, so wie er sie jetzt durchlebte, und immer wachsende Freude und Interesse an der Arbeit; die Liebe, meinte er, könne für ihn immer nur eine lebendige Erinnerung sein. Er merkte nicht, daß die Fähigkeit zu lieben während all dieser Zeit immerfort neue Kraft in ihm sammelte, daß die neuen Empfindungen, die er durch eine tiefe Erfahrung erkauft hatte, ebenso viele neue Lebensfasern waren, durch welche seine Natur mit einer andern verwachsen konnte, ja verwachsen mußte. Und doch bemerkte er, daß er für Neigung und Freundschaft überhaupt mehr Sinn habe als sonst, daß er an Mutter und Bruder mehr hing und über den kleinsten – gedachten oder wirklichen – Zuwachs ihres Glückes sich unaussprechlich freute. Auch mit Poysers stand er anders; mindestens alle drei oder vier Tage fühlte er das Bedürfnis, sie zu sehen und freundliche Blicke und Worte mit ihnen zu wechseln; und wenn auch Dinas Besuch nicht der Grund davon war, so war es doch die einfachste Wahrheit gewesen, als er ihr sagte, er stelle sie über jeden andern Freund in der ganzen Welt. Und war das nicht natürlich? In den dunkelsten Augenblicken seiner Erinnerung war ihm der Gedanke an sie immer der erste Strahl des Trostes; die ersten jammervollen Wochen auf dem Pachthof waren durch ihre Nähe allmählich wie mit sanftem Mondlicht übergossen, und in seinem eigenen Häuschen war sie so oft sie konnte aus- und eingegangen, um die arme Lisbeth zu beruhigen und zu erheitern, die bei dem Anblick des gramdurchfurchten Gesichts ihres Lieblingssohnes von einer solchen Furcht befallen war, daß selbst ihre Klagsucht darüber verstummte. Allmählich hatte er sich gewöhnt, ihre leise, ruhige Bewegung und ihre hübsche, liebevolle Art mit den Kindern auf dem Pachthofe zu beobachten, auf ihre Stimme zu lauschen wie auf stete Musik, alles was sie sagte und that für recht und unübertrefflich zu halten. Trotz aller seiner Weisheit konnte er sogar an ihrer übergroßen Nachsicht mit den Kindern nichts auszusetzen finden, die es fertig gebracht hatten, aus der großen Rednerin Dina, vor der schon oft die derbsten Männer ein wenig gezittert hatten, die allergeduldigste Wärterin zu machen – eine Schwäche, worüber sich die gute Dina selbst etwas schämte und sich im stillen Vorwürfe machte, da dieselbe mit den Lehren Salomos nicht recht stimmte. Nur eines wollte Adam nicht recht gefallen: Dina hätte Seth lieb haben und heiraten müssen. Wegen seines Bruders fühlte er sich förmlich etwas verletzt und nicht ohne Bedauern konnte er daran denken, wie Dina als Seths Frau ihnen allen die glücklichste Häuslichkeit bereitet haben würde, wie sie die einzige sei, welche die letzten Lebenstage seiner Mutter in Friede und Ruhe lösen könnte. »Es ist doch wunderbar, daß sie den Jungen nicht lieb hat,« dachte Adam oft bei sich; man sollte meinen, er sei grade der rechte für sie. Aber ihr Herz ist ganz voll von andern Dingen. Sie ist eins von den Mädchen, die gar nicht danach verlangen, einen Mann und Kinder zu haben. Das seh' ich deutlich genug; sie ist so ganz anders als sonst die Frauen, das ist mir längst aufgefallen. Nie ist sie glücklich, als wenn sie für andere sorgt, und nach der Heirat würde das doch nicht mehr ganz so gehen, das ist klar. Ich habe kein Recht zu sorgen und nachzudenken, daß es doch besser wäre, wenn sie Seth nähme; bin ja nicht klüger als sie oder gar als Gott, denn der hat sie so gemacht wie sie ist, und das ist eine der größten Segnungen, die ich je aus seiner Hand empfangen habe, und andere mit mir.« Diese Selbstvorwürfe waren Adam wieder lebhaft gegenwärtig geworden, als er Dina ansah, er habe sie durch seinen Wunsch wegen Seth gekränkt, und darum hatte er sich bestrebt, seinem Vertrauen in die Richtigkeit ihrer Entscheidung den stärksten Ausdruck zu leihen und sich ganz darin zu ergeben, daß sie von ihnen ginge und nur noch im Geiste bei ihnen lebe, wenn das so ihr Wille sei. Daß sie recht gut wisse, wie viel er auf den täglichen Verkehr mit ihr halte, wie gern er in dem stillen Bewußtsein einer gemeinsamen großen Erinnerung mit ihr spreche, davon war er überzeugt. In seiner Versicherung, er sei es zufrieden, wenn sie weggehe, hatte sie unmöglich etwas andres hören können, als selbstlose Teilnahme und Achtung, und doch fühlte er sich etwas unbehaglich, daß er in seinen Worten nicht ganz das Rechte getroffen, daß Dina, er wußte selbst nicht recht warum, ihn nicht ganz verstanden hätte. Am nächsten Morgen mußte Dina schon vor der Sonne aufgestanden sein, denn um fünf Uhr war sie bereits unten. Auch Seth war schon da; denn da Lisbeth sich immer hartnäckig weigerte, jemanden zur Hilfe ins Haus zu nehmen, so hatte er sich der häuslichen Arbeit tüchtig annehmen gelernt, damit seine Mutter sich nicht zu sehr anzustrengen brauchte. Adam, der bis spät in die Nacht geschrieben hatte, schlief noch und war, wie Seth meinte, vor dem Frühstück schwerlich unten zu erwarten. So oft Dina auch in den letzten anderthalb Jahren Lisbeth besucht hatte, so war sie doch seit der Nacht nach dem Tode des Vaters, wo Lisbeth ihre geräuschlosen Bewegungen gelobt und selbst ihrer Suppe einigermaßen Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen, nie über Nacht in dem Häuschen geblieben. Aber in der langen Zwischenzeit hatte sie im Haushalt große Fortschritte gemacht, und diesen Morgen war sie entschlossen, mit Seths Hilfe alles so rein und ordentlich zu machen, daß selbst ihre Tante Poyser hätte zufrieden sein müssen. Augenblicklich ließ das Häuschen in dieser Beziehung viel zu wünschen übrig, da Lisbeth wegen ihres Rheumatismus ihre alte Gewohnheit zu scheuern und zu putzen hatte aufgeben müssen. Nachdem sie den Flur zu ihrer Zufriedenheit besorgt hatte, ging Dina in das neue Zimmer, wo Adam am Abend vorher geschrieben hatte, um auch dort gründlich zu kehren und abzustäuben. Sie öffnete das Fenster und ließ die frische Morgenluft herein und den Duft der Rosen und die hellen Strahlen der Morgensonne, die ihr das blasse Gesicht und das helle Haar vergoldeten, während sie den langen Besen führte und auskehrte, und dabei ganz leise, leise wie ein süßes Rauschen im Sommer, auf das man aufmerksam hinhorchen muß, einen Lobgesang von Wesley anstimmte: Du unerschöpfter Liebesquell, Du ew'ger Strahl von Gottes Licht, Daraus des Vaters Glorie hell Herein ins Erdendunkel bricht. – Jesus, des müden Pilgers Ruh! Dein sanftes Joch sei meine Lust; Mit heil'ger Ehrfurcht waffne du Und reiner Liebe mir die Brust. Leg' bei den Streit der Leidenschaft, Mein zitternd Herz heiß' stille stahn; Dein Arm ist meine Burg und Kraft, Denn dir ist alles unterthan. Sie stellte den Besen beiseite und nahm den Abstäuber zur Hand, und wenn ihr je bei Frau Poyser im Hause gelebt hättet, so würdet ihr wissen, wie Dina den Abstäuber handhabte, wie sie damit in jede kleine Ecke hineinfuhr und über jeden noch so kleinen Rand hin und her, an jeder Stuhllehne und jedem Stuhlbein entlang, und unter und über alles und jedes was auf dem Tisch lag. Endlich kam sie an Adams Papiere und Schreibzeug; bis unmittelbar daran stäubte sie ruhig weiter, dann aber hielt sie an und sah verlangend, aber schüchtern darauf hin. Es war ein Jammer zu sehen, wie viel Staub dazwischen lag. Während sie noch so drauf hinsah, hörte sie vor der offenen Thür, der sie grade den Rücken zukehrte, jemand gehen und sagte, indem sie ihre klare Stimme etwas erhob: »Seth, wird Euer Bruder böse, wenn man in seinen Papieren kramt?« »Ja, sehr böse, wenn man sie nicht wieder an die rechte Stelle legt,« antwortete eine starke tiefe Stimme, die nicht Seths Stimme war. Dina war zu Mute, als hätte sie ihre Hand unversehens an eine schwingende Saite gelegt; sie zitterte über und über und fühlte für den Augenblick nichts als dies sonderbare Beben; dann wurde sie sich bewußt, ihre Wangen glühten, und wagte nicht umzublicken, sondern blieb stehen und konnte zu ihrem Bedauern nicht einmal freundlich »guten Morgen« sagen. Als Adam sah, daß sie sich nicht umblickte und also das Lächeln auf seinem Gesichte nicht bemerkte, so wurde ihm bange, sie habe seine Worte vielleicht im Ernst genommen, und er trat zu ihr, so daß sie ihn ansehen mußte. »Ei, Ihr denkt wohl, ich sei ein kleiner Haustyrann, Dina?« fragte er lächelnd. »Nein,« sagte Dina und blickte schüchtern zu ihm auf, »das nicht. Aber Ihr könntet doch verdrießlich werden, wenn man Euch Eure Sachen verkramte, und selbst Moses, der sanfteste von allen Menschen, geriet bisweilen in Zorn.« »Nun, dann kommt,« sagte Adam und sah sie freundlich an, »ich will Euch die Sachen aufräumen helfen und sie wieder hinlegen, dann kommen sie nicht in Unordnung. Ihr werdet übrigens mit der Zeit Eurer Tante rechte Nichte, wie ich sehe; so eigen seid Ihr.« Sie machten sich zusammen ans Werk, aber Dina hatte sich noch nicht genug erholt, um sprechen zu können, und Adam beobachtete sie mit einer gewissen Unruhe. Es kam ihm vor, als sei Dina in der letzten Zeit nicht ganz mit ihm zufrieden; sie war nicht ganz so freundlich und offen gegen ihn gewesen wie sonst. Er hätte es gern gehabt, wenn sie ihn ansähe und bei dieser Arbeit, die ein reines Spiel war, so heiter wäre wie er selbst. Aber Dina sah gar nicht nach ihm; bei seiner Größe konnte sie es leicht vermeiden ihn anzublicken, und als alles Abstäuben endlich geschehen war und er gar keinen Vorwand mehr hatte, bei ihr zu bleiben, da konnte er es nicht länger ertragen und sagte mit flehender Stimme: »Dina, Ihr seid mir doch nicht böse? Hab' ich etwas gesagt oder gethan, was Ihr mir übel genommen habt?« Die Frage überraschte sie und gewährte ihr zu gleicher Zeit eine Erleichterung, indem sie ihrer Empfindung einen neuen Weg öffnete. Sie blickte ihn ganz ernsthaft an und sagte fast mit Thränen in den Augen: »O nein, Adam, wie könnt Ihr so was glauben?« »Ich könnte es nicht ertragen, wenn Ihr nicht ebensoviel Freundschaft für mich hättet wie ich für Euch,« sagte Adam. »Und Ihr wißt nicht, Dina, wie wert mir der bloße Gedanke an Euch ist. Das war's, was ich gestern meinte, als ich Euch sagte, ich sei es zufrieden, daß Ihr fortginget, wenn Ihr es so für recht hieltet. Ich wollte nämlich sagen, der Gedanke an Euch sei mir so teuer, daß ich es dankbar hinnehmen müsse und nicht murren dürfe, wenn Ihr für recht findet fort zu gehen. Daß mir der Abschied von Euch nahe geht, Dina, das wißt Ihr doch.« »Ja, lieber Freund,« erwiderte Dina, indem sie zitterte und doch ruhig zu sprechen versuchte, »ich weiß, Ihr habt für mich das Herz eines Bruders, und im Geist werden wir oft bei einander sein; aber grade jetzt bin ich von mancherlei Heimsuchung schwer bedrängt; Ihr dürft es mit mir nicht so genau nehmen. Ich fühle mich hinweggerufen von hier und muß meine Verwandten für einige Zeit verlassen, aber eine Prüfung ist's mir doch. Das Fleisch ist schwach.« Adam sah, daß es ihr peinlich war, antworten zu müssen, und er erwiderte daher schnell: »Es thut Euch weh, wenn wir davon sprechen, Dina; ich will nichts weiter sagen. Laßt uns nachsehen, ob Seth das Frühstück fertig hat.« Das ist eine einfache Scene, lieber Leser. Aber es ist mir doch ziemlich sicher, daß du auch verliebt gewesen bist – vielleicht sogar mehr als einmal, obgleich du das den Damen deiner Bekanntschaft nicht gern sagst. Ist es der Fall, dann wirst du die leisen Worte, die schüchternen Blicke, die zitternden Berührungen, mittels deren zwei Menschenseelen einander allmählich sich nähern wie zwei Regentropfen, die sich am Fenster hinunterschlängeln, ehe sie ineinander fließen – dann, sage ich, wirst du alle diese Dinge ebensowenig für nichtssagend halten, wie du die ersten Zeichen des kommenden Frühlings für nichtssagend hältst, wenn es auch nur ein schwaches, unsagbares Etwas in der Luft und im Gesange der Vögel und das kleinste Knöspchen auf der Hecke ist. Denn jene Worte und Blicke und Berührungen gehören zur Sprache der Seele, und die schönste Sprache besteht, glaub' ich, zumeist aus den einfachsten Worten wie »Licht«, »Klang«, »Sterne«, »Musik«, – Worte, die eigentlich nicht des Ansehens wert sind oder an sich anders klingen als »Bauspäne«, oder »Sägespäne«, nur daß sie zufällig etwas unaussprechlich Großes und Schönes bedeuten. Nach meiner Ansicht ist Liebe auch etwas Großes und Schönes, und wenn du mir darin recht giebst, lieber Leser, dann werden dir auch die kleinsten Zeichen der Liebe nicht Bauspäne oder Sägespäne sein, sondern vielmehr den kleinen Worten »Licht« und »Musik« gleichen und dir die weitverzweigten Fibern deines Gedächtnisses anregen und dir die Gegenwart bereichern mit dem Köstlichsten, was deine Vergangenheit enthält. Einundfünfzigster Abschnitt Sonntag Morgen Lisbeths Erkältung war doch nicht ernsthaft genug, um Dina noch eine zweite Nacht vom Pachthofe fern zu halten, da ihre Tage dort gezählt waren, und am Abend nahmen die Freunde Abschied. »Auf lange!« hatte Dina gesagt, als sie Lisbeth ihren Entschluß mitteilte. »Dann wird es wohl bei mir fürs Leben sein,« antwortete Lisbeth, »und ich sehe dich nie wieder. Auf lange! Ich habe nicht mehr lange zu leben. Und ich werde schlimm krank werden und sterben, und du kannst mich nicht besuchen, und noch im Tode wird mich nach dir verlangen.« Das war der Grundton ihres Gejammers den ganzen Tag gewesen, denn Adam war nicht zu Haus, und darum legte sie sich beim Klagen keinen Zwang an. Sie hatte die arme Dina recht gequält, indem sie immer und immer wieder auf die Frage zurückkam, warum sie denn fortmüsse und alle ihre Gründe nicht gelten lassen wollte, weil sie ihr bloß Einfälle und »Obsternation« zu sein schienen, und noch mehr endlich hatte sie sie gequält, indem sie immer ihr Bedauern wiederholte, daß sie »keinen von den beiden Jungens« nähme und ihre Tochter würde. »Zu Seth kannst du dich nicht entschließen,« meinte sie; »er ist dir vielleicht nicht klug genug, aber recht gut würde er gegen dich sein; wenn ich krank bin, dann thut er alles für mich so hübsch anstellig, und die Bibel und das Kirchengehen – dafür ist er ja ebenso sehr wie du. Aber vielleicht ziehst du einen Mann vor, der nicht just von demselben Schnitt ist wie du selbst: den Bach, der Wasser hat, den dürstet's nicht nach Regen. Adam – das wäre der rechte für dich, ja, ja, das weiß ich bestimmt, und er würde schon dahin kommen, daß er dich rechtschaffen lieb hätte, wenn du nur hier bliebst. Aber er ist so hart wie 'ne Eisenstange und läßt sich nicht biegen, nicht hierhin oder dorthin. Der wäre ein guter Mann für jedes Mädchen, wer's auch sein möchte, so angesehen und so klug wie er ist. Und wenn der einen lieb hat, das ist 'ne Pracht; es thut mir ordentlich gut, wenn er mich nur ansieht und so recht freundlich ist.« Dina bemühte sich, durch kleine häusliche Verrichtungen, bei denen sie in Bewegung bleiben mußte, den prüfenden Blicken und forschenden Fragen der Alten sich zu entziehen. Und sobald Seth abends nach Haus kam, setzte sie sich den Hut auf, um fortzugehen. Das letzte Lebewohl ging Dina recht zu Herzen, und noch mehr rührte es sie, als sie nach einer Weile über die Felder zurückblickte und die alte Frau noch immer an der Thür stehen sah, wie sie ihr nachblickte, bis sie den matten, alten Augen nur noch ein unscheinbarer Fleck war. »Der Gott der Liebe und des Friedens sei mit ihnen,« betete Dina, als sie bei der letzten Biegung des Weges sich nochmals umsah. »Beglücke sie, Herr, nach dem Maße der Tage, wo du sie betrübt hast, und der Jahre, wo sie Übles erlebten. Dein Wille ist es, daß ich von ihnen scheide; laß mich keinen Willen haben als deinen.« Endlich wandte sich Lisbeth ins Haus zurück und setzte sich zu Seth in die Werkstatt, der ein kleines Arbeitskästchen machte, welches er Dina vor der Abreise noch geben wollte. »Du siehst sie doch noch am Sonntag, ehe sie weggeht?« waren ihre ersten Worte. »Wenn du irgend was nutz wärest, dann brächtest du sie Sonntag Abend wieder mit, daß ich sie noch einmal sehe.« »Nein, Mutter,« erwiderte Seth, »Dina käme gewiß von selbst, wenn sie's für recht hielte, und ich brauchte ihr nicht zuzureden. Aber sie meint, es hieße dich nutzlos quälen, wenn sie bloß herkäme, um noch mal Abschied zu nehmen.« »Wenn Adam sie leiden möchte und heiraten wollte, dann ginge sie gewiß nicht weg, das weiß ich, aber mir geht alles so konträr,« brach Lisbeth verdrießlich aus. Seth schwieg einen Augenblick und sah dann leicht errötend seiner Mutter ins Gesicht und sagte mit etwas gedämpfter Stimme: »Wie, hat sie dir so etwas gesagt, Mutter?« »Gesagt? Nein, die sagt gar nichts. Aber ihr Männer seht nichts, als bis es euch die Leute selbst sagen.« »Nun, und warum glaubst du's denn, Mutter? Wer hat dir die Geschichte in den Kopf gesetzt?« »Das ist ganz einerlei; mein Kopf ist nicht so hohl, da braucht keiner was hineinzusetzen. Daß sie ihn lieb hat, das weiß ich so gut, wie daß der Wind hier in die Thür hereinweht, und das ist genug. Und er entschlösse sich wohl, sie zu heiraten, wenn er nur wüßte, daß sie ihn lieb hat; aber daran denkt er gewiß nicht, wenn ihm nicht einer die Augen öffnet.« Die Andeutung der Mutter über Dinas Neigung zu Adam war Seth nicht grade neu, aber bei ihren letzten Worten fing er an zu besorgen, sie habe vielleicht selbst vor, Adam die Augen zu öffnen. Wie Dina gesonnen sei, wußte er freilich nicht bestimmt, aber wie es bei Adam bestellt sei, glaubte er ganz sicher zu wissen. »Nein, Mutter, nein,« erwiderte er mit ganzem Ernst, »du darfst nicht dran denken, über so etwas mit Adam zu sprechen. Du hast kein Recht zu sagen wie Dina gesonnen ist, wenn du's nicht von ihr selbst weißt, und wenn du Adam so etwas sagtest, das führte nur zu Unheil; er ist sehr dankbar und freundlich gegen Dina, aber sie zur Frau zu nehmen, dahin gehen seine Gedanken nicht, und ebensowenig glaube ich, daß Dina ihn nimmt. Nach meiner Meinung will sie überhaupt nicht heiraten.« »Pah!« sagte Lisbeth ungeduldig; »das meinst du blos, Weil sie dich nicht hat haben wollen. Dich nimmt sie doch nie und da könnest du sie wohl deinem Bruder gönnen.« Das war selbst dem sanften Seth zu viel. »Mutter,« sagte er im Tone ernster Abwehr, »das mußt du nicht von mir denken. Ich nähme sie so herzlich gerne zur Schwester, wie du sie zur Tochter nähmest. Ich denke bei der Sache gar nicht mehr an mich selbst, und du kränkst mich tief, wenn du das je wieder sagst.« »Gut, gut, dann sollest du mir aber nicht so dazwischen fahren und sagen, die Sache stände nicht so wie ich meine.« »Aber, Mutter,« entgegnete Seth, »du thätest Dina Unrecht, wenn du Adam sagtest, was du von ihr denkst. Das könnte nur schaden; Adam würde sich unbehaglich fühlen, wenn er ihre Empfindung nicht erwiderte. Und ich bin ziemlich sicher, daß er nichts der Art empfindet.« »I, mit deiner Sicherheit bleib mir weg; davon verstehst du nichts. Warum geht er immer zu Poysers, wenn nicht ihretwegen? Er geht jetzt noch mal so oft hin als früher. Vielleicht weiß er's selbst nicht, daß er bloß ihretwegen hingeht – so wenig als er's weiß, daß ich ihm Salz in die Suppe thue, aber entbehren würde er's bald genug, wenn es nicht drin wäre. Ans Heiraten wird er nie denken, wenn man ihn nicht drauf bringt, und wenn du deine Mutter ein bißchen lieb hättest, dann würd'st du's ihm sagen, damit er sie hier hält und sie mir das Leben erheitert, ehe ich zu meinem Alten unter dem Weißdorn in die Erde komme.« »Nein, Mutter,« sagte Seth, »halte mich nicht für unfreundlich, aber es wäre gegen mein Gewissen, wenn ich mir herausnähme zu sagen, wie Dina im Herzen fühlt. Und überdies würde ich Adam zu verletzen fürchten, wenn ich ihm überhaupt vom Heiraten spräche, und ich rate dir auch, es zu lassen. Und wenn du dich über Dina nur nicht völlig täuschest! Nach dem, was sie mir am letzten Sabbath gesagt hat, glaube ich ganz bestimmt, sie will gar nicht heiraten.« »Eh, du bist grade so konträr wie die andern auch. Wenn es was wäre, was ich nicht wünschte, dann geschäh' es gewiß bald genug.« Damit erhob sich Lisbeth von der Bank und verließ die Werkstatt, wo Seth in großer Sorge wegen des Vorhabens seiner Mutter zurückblieb. Er tröstete sich indes bald, indem er sich überlegte, seit Adams großem Unglück habe sich Lisbeth immer sehr gehütet, mit ihm über sein Gefühl und seine Neigungen zu sprechen, und sie würde daher auch jetzt kaum wagen, diesen allerzartesten Punkt zu berühren. Und wenn sie es denn doch thäte, so hoffte er, Adam würde nicht sehr darauf achten. In dieser Ansicht der Dinge hatte Seth recht; Lisbeth war selbst zu bange, um so leicht mit der Sprache herauszugehen, und in den nächsten Tagen waren die Gelegenheiten, mit Adam allein zu sprechen, zu kurz und zu selten, als daß sie sich dazu versucht gefühlt hätte. Aber in ihren langen, einsamen Stunden brütete sie über den traurigen Gedanken wegen Dinas, bis diese kaum noch zu bändigen waren und jeden Augenblick aus ihrem stillen Neste auszufliegen drohten. Und am Sonntag Morgen, als Seth nach Treddleston zur Predigt ging, da kam die gefährliche Gelegenheit. Der Sonntag Morgen war für Lisbeth die glücklichste Zeit der ganzen Woche; denn da in Hayslope erst am Nachmittag Gottesdienst gehalten wurde, so blieb Adam immer zu Haus und las, und dabei konnte sie es schon wagen, ihn mal zu unterbrechen. Und zudem hatte sie Sonntags immer ein besseres Essen auf dem Feuer, sehr oft für Adam und sich selbst ganz allein, wenn Seth den ganzen Tag wegblieb und wenn der Braten vor dem hellen Feuer in der reinlichen Küche so lecker roch und die Wanduhr so sonntäglich friedlich tickte und ihr Liebling Adam in seinen besten Kleidern neben ihr saß und grade nichts Wichtiges vorhatte, so daß sie ihm das Haar streicheln konnte, wenn's ihr einfiel, und er sie dann ansah und anlächelte, während Gyp ein wenig eifersüchtig seinen Kopf dazwischensteckte – dann hatte die arme Lisbeth den Himmel auf Erden. Am meisten las Adam Sonntags morgens in seiner großen Bilderbibel, und auch heute lag sie auf dem runden, weißen, tannenen Küchentisch vor ihm; trotz des Feuers hatte er sich dahin gesetzt, weil er wußte, die Mutter habe ihn gern in der Nähe, und weil es der einzige Tag in der Woche war, wo er ihr den Gefallen thun konnte. Es war hübsch, Adam in der Bibel lesen zu sehen; in der Woche kam er nie dazu, und so war sie ihm ein Festtagsbuch und er fand darin Geschichte, Lebensbeschreibung und Poesie. Die eine Hand in die Weste geschoben, die andere frei um umzuschlagen, so las er manche Stunde und im Laufe des Morgens wechselte der Ausdruck seines Gesichts mannigfaltig. Bisweilen bewegten sich seine Lippen leise mit – wenn er grade eine Rede las, wie er sie etwa selbst hätte halten können, z.B. Samuels letzte Rede an das Volk; dann wieder zog er die Augenbrauen hoch und seine Mundwinkel zitterten ein wenig vor wehmütiger Teilnahme – das war, wenn ihn eine Geschichte besonders rührte, vielleicht die Geschichte von dem Wiedersehen des alten Isaak mit seinem Sohne; dann wieder beim Neuen Testament nahm sein Gesicht einen feierlichen Ausdruck an und er nickte dann und wann beistimmend mit dem Kopfe oder hob eben die Hand auf und ließ sie wieder sinken, und wieder an einem andern Morgen, wenn er in den apokryphischen Büchern las, die er sehr liebte, lächelte er vergnügt zu den scharfschneidenden Worten des Sohnes Sirach, oder nahm sich auch wohl die Freiheit, gelegentlich von einem apokryphischen Schriftsteller abzuweichen. Denn Adam kannte seine neununddreißig Artikel so gut, wie es sich für ein rechtes Mitglied der englischen Hochkirche ziemte. Lisbeth saß ihm immer gegenüber, wenn sie nicht grade nach dem Essen zu sehen hatte und beobachtete ihn, bis sie es dann nicht länger aushalten konnte und zu ihm treten und ihn liebkosen mußte, damit er sie ansähe. Heute las er im Evangelium Matthäi, und Lisbeth blieb einige Minuten bei ihm stehen, streichelte ihm das Haar, welches heute noch glatter war als gewöhnlich, und sah sich mit stiller Verwunderung die geheimnisvollen Buchstaben in dem großen Buche an. Sie fuhr mit ihrer Liebkosung länger als gewöhnlich fort, weil er sich bei ihrer Annäherung im Stuhl zurückgelehnt, sie zärtlich angeblickt und gesagt hatte: »Ei, Mutter, du siehst ja heute so frisch und gesund aus! Aber sieh', Gyp will auch 'nen Blick von mir; er kann's nicht vertragen, daß ich dich am liebsten habe.« Lisbeth erwiderte nichts, sie hatte zu viel auf dem Herzen. Grade in dem Augenblick schlug Adam ein Blatt um und auf der neuen Seite stand ein Bild – das Bild des Engels auf dem schweren Stein, der von des Grabes Thür gewälzt ist. Dieses Bild war Lisbeth eingefallen, als sie Dina zum erstenmal sah, und jetzt mußte sie bei dem Bilde immer an Dina denken, und kaum hatte Adam das Blatt umgeschlagen und das Buch ein wenig seitwärts gehoben, damit die Mutter den Engel auch sehen könnte, als sie ausrief: »Das ist sie, das ist Dina.« Adam lächelte, sah sich das Gesicht des Engels genauer an und sagte: »Ja, es hat 'ne gewisse Ähnlichkeit, aber Dina ist hübscher.« »Nun, wenn du sie so hübsch findest, warum hast du sie denn nicht lieb?« Überrascht blickte Adam auf. »Ei, Mutter, glaubst du denn, ich hielte nicht große Stücke auf Dina?« »Das muß nicht weit her sein,« erwiderte Lisbeth, indem sie zwar über ihre Kühnheit erschrak, aber doch auch fühlte, das Eis sei nun mal gebrochen und das Wasser müsse seinen Lauf haben, es koste was es wolle. »Was heißt das, große Stücke auf etwas halten, was zehn Stunden weit weg ist? Wenn du sie lieb genug hättest, dann ließest du sie nicht weggehen.« »Aber ich habe kein Recht, sie zu hindern, wenn sie's für gut findet,« sagte Adam und sah ins Buch, als wolle er weiter lesen. Er sah wieder Klagen kommen, die doch zu nichts führten. Lisbeth setzte sich wieder auf den Stuhl ihm gegenüber und bemerkte: »Aber sie dächte schon nicht daran, wenn du nicht so konträr wärst« – über diese allgemeine Andeutung wagte sich Lisbeth noch nicht hinaus. »Konträr, Mutter?« meinte Adam und blickte mit einiger Besorgnis auf. »Was hab' ich denn gethan? Was meinst du damit?« »Ei, du siehst und hörst nichts als dein Rechnen und deine Arbeit,« sagte Lisbeth weinerlich. »Und meinst du denn, du kannst immer so weiter leben, als wenn du von Holz wärst? Und was fängst du wohl an, wenn ich erst hinüber bin und du keinen hast, der für dich sorgt and dir des Morgens dein bißchen gutes Essen giebt?« »Was hast du vor, Mutter?« fragte Adam, schon etwas gereizt durch diese weinerliche Rede, »Ich begreife nicht, wo du hinauswillst. Kann ich etwas für dich thun, dann sag' es doch.« »Ja gewiß kannst du was für mich thun. Du könntest wohl dafür sorgen, daß ich jemand bei mir hätte, der mir hülfe und mich pflegte, wenn ich krank bin, und gut zu mir wäre.« »Nun, Mutter, wessen Schuld ist es denn, daß wir noch keine schickliche Person zur Hilfe im Hause haben? Ich möchte dir ja gern alle Arbeit ersparen. Wir können's haben, das hab' ich dir oft genug gesagt. Es wäre für uns alle besser.« »Ach, du mit deiner schicklichen Person! Damit meinst du so 'n Mädchen aus dem Dorfe oder aus Treddleston, die ich nie gesehen habe. Lieber legt' ich mich selbst in den Sarg, eh' ich tot bin, als daß ich mich von solchen Leuten hineinlegen lasse.« Adam schwieg und versuchte weiter zu lesen. Härter konnte er an einem Sonntagmorgen nicht gegen die Mutter sein. Aber Lisbeth war schon zu weit gegangen, als daß sie sich hätte beherrschen können und fing sofort wieder an: »Du weißt recht gut, wen ich bei mir haben möchte. Es sind nicht viele Leute, nach denen ich schicke, damit sie mich besuchen. Und du hast sie selbst oft genug geholt.« »Du meinst Dina, Mutter, das ist klar,« sagte Adam. »Aber darauf mußt du deinen Sinn nicht stellen, das kann ja nicht sein. Wenn Dina auch in Hayslope bliebe, so könnte sie doch ihre Tante nicht verlassen; sie ist da wie Kind im Hause und hat gegen Poysers mehr Verpflichtungen als gegen uns. Hätt' es sich so gemacht, daß sie Seth genommen hätte, das wär' ein rechter Segen für uns gewesen, aber wir können im Leben nicht alles nach Wunsch haben. Du mußt dich schon daran gewöhnen, ohne sie fertig zu werden.« »Nein, aber ich kann mich nicht daran gewöhnen; sie ist für dich grade wie gemacht, und Gottes Wille ist es, daß er sie zu uns geschickt hat, das laß ich mir nicht ausreden. Wenn sie auch zu den Methodisten gehört, was kommt darauf an? Das vergeht wohl in der Ehe.« Adam lehnte sich im Stuhl zurück und sah seine Mutter an. Jetzt begriff er, wo sie von Anfang an hinausgewollt hatte. Der Wunsch, den sie äußerte, erschien ihm möglichst unverständlich und unausführbar, aber unwillkürlich fühlte er sich doch ergriffen bei diesem ganz neuen Gedanken. Indes die Hauptsache mußte für ihn sein, ihn seiner Mutter so rasch wie möglich auszureden. »Mutter,« erwiderte er nachdrücklich, »du redest ins Blaue hinein. Laß mich so was nicht wieder hören. Von unmöglichen Dingen reden, dabei kommt nichts heraus. Dina ist nicht fürs Heiraten; ihr Herz hängt an ganz andern Dingen.« »Ja freilich,« erwiderte Lisbeth ungeduldig, »ja freilich ist sie nicht fürs Heiraten, wenn die, welche sie gern nähme, den Mund nicht aufthun. Ich wäre auch nicht fürs Heiraten gewesen, wenn dein Vater den Mund nicht aufgethan hätte, und dich hat sie so lieb, wie ich je meinen armen Matthis gehabt habe.« Das Blut schoß Adam ins Gesicht und einige Augenblicke lang verging ihm fast die Besinnung; die Mutter und die Küche waren für ihn verschwunden, und er sah nur Dinas Gesicht und ihren Blick sich zugewandt. Es war ihm, als erstehe Freude und Glück vom Tode. Aber rasch erwachte er von diesem Traum – das Erwachen war kalt und traurig; es wäre ja sehr thöricht gewesen, zu glauben, was seine Mutter sagte; sie konnte keinen Grund dazu haben. Es drängte ihn, seinen Unglauben möglichst stark auszudrücken – wollte er vielleicht ihre Gründe hören, wenn sie welche hätte? »Warum sagst du so was, Mutter, wozu du keinen Grund hast? Du hast doch gar kein Recht, so zu sprechen.« »Dann hab' ich auch kein Recht zu sagen, daß ich alt werde, obschon ich es jeden Morgen beim Aufstehen fühle. Deinen Bruder hat sie doch nicht lieb, sollt' ich meinen, oder doch? Ihn will sie nicht, nicht wahr? Daß sie aber gegen dich ganz anders ist als gegen Seth, das hab' ich doch gesehen. Ob Seth ihr nahe kommt, daß ist ihr so einerlei als wenn's Gyp wäre. Aber wenn du dich beim Frühstück neben sie setzest und sie ansiehst, dann zittert sie über und über. Du meinst wohl, deine Mutter hätte keine Augen! Ich bin älter als du, mein Junge.« »Aber woher weißt du denn, ihr Zittern bedeutet Liebe?« fragte Adam ängstlich. »I, was soll es denn bedeuten? Haß doch wohl nicht. Und warum sollte sie dich auch nicht lieb haben? Man muß dich ja lieb haben; giebt's denn wohl einen hübscheren und gescheiteren Burschen? Und mit ihrer Methodisterei, das hat nichts zu sagen; das ist nur wie ein bißchen Gewürz in der Suppe.« Adam hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah in das Buch vor sich auf dem Tische, aber die Buchstaben schwammen ihm vor den Augen. Er zitterte wie ein Goldsucher, der ein deutliches Anzeichen von Gold vor sich sieht und sich doch in demselben Augenblick enttäuscht findet. Er konnte dem Blick seiner Mutter nicht trauen; sie hatte gesehen, was sie zu sehen wünschte. Und doch – und doch, nun sie ihm davon gesprochen hatte, fiel ihm so manches ein, manche bloße Kleinigkeit, die ihm zu bestätigen schien, was die Mutter gesagt hatte, wie leichtes Wellengekräusel das Wehen eines fast unmerklichen Luftzuges beweist. Lisbeth bemerkte seine Bewegung und fuhr tapfer fort: »Und du wirst auch schon finden, wie sehr du sie vermißt, wenn sie fort ist. Du hast sie lieber als du selbst weißt. Du folgst ihr immer mit den Augen wie dein Hund dir folgt.« Länger konnte Adam es nicht aushalten; er stand auf, nahm seinen Hut und ging hinaus ins Freie. Auf den Feldern lag der Sonnenschein, der erste herbstliche Sonnenschein, an dem wir merken, daß es nicht mehr Sommer ist, auch wenn das Laub der Linden und Kastanien sich nicht schon leise färbte – der Sonntagssonnenschein, der für den Arbeitsmann so friedlich ruhig ist, – der Morgensonnenschein, in welchem noch zarter Tau auf dem feinen Gespinst im Schatten belaubter Hecken glitzert. Adam hatte Ruhe nötig; er war erstaunt, wie mächtig dieser neue Gedanke an Dinas Liebe ihn ergriffen hatte, wie unter seinem überwältigenden Einfluß alle andern Empfindungen vor dem heftigen Verlangen zurücktraten, zu wissen, ob Dina ihn wirklich liebe. Seltsam, daß ihm bis zu diesem Augenblick nie die Möglichkeit eingefallen war, sie könnten sich jemals lieben; und doch ging jetzt all sein Sehnen plötzlich auf diese Möglichkeit; über seine eigenen Wünsche hatte er so wenig Zweifel und Bedenken, wie der Vogel, welcher der Öffnung zufliegt, durch die das Tageslicht hereindringt und die freie Himmelsluft. Der herbstliche, sonntagliche Sonnenschein gab ihm Frieden, nicht so, daß er sich mit Ergebung auf die Enttäuschung vorbereitet hätte, wenn seine Mutter, wenn er selbst sich in Bezug auf Dina irre; der Frieden lag in der sanften Belebung seiner Hoffnungen. Dinas Liebe und der ruhige Sonnenschein waren einander so ähnlich, schienen ihm so völlig eins, daß er an beide zugleich glaubte. Und Dina war mit den wehmütigen Erinnerungen seiner ersten Leidenschaft so verwachsen, daß er ihnen mit der Liebe zu ihr nicht untreu wurde, sondern eine neue Weihe gab. Ja, seine Liebe zu ihr war aus jener ersten emporgewachsen, war der Mittag jenes Morgens. Aber Seth? Würde der sich nicht verletzt fühlen? Schwerlich; in der letzten Zeit hatte er ganz zufrieden geschienen und eigennützige Eifersucht war ihm fremd; er war auf Adam nie eifersüchtig gewesen, weil ihn die Mutter vorzog. Aber hatte er vielleicht auch etwas bemerkt wie die Mutter? Adam sehnte sich das zu erfahren; der Beobachtung seines Bruders glaubte er mehr vertrauen zu dürfen als der seiner Mutter. Er wollte mit Seth sprechen, ehe er zu Dina ginge, und in dieser Absicht wandte er sich ins Haus zurück und fragte die Mutter: »Hat Seth dir vielleicht gesagt, wann er zurückkommen wollte? Ist er wohl zu Tisch wieder da?« »Ja, Junge, er kommt sicher zu Tisch. Er ist nicht nach Treddleston, er ist anderswohin zum Predigen und Beten.« »Hast du 'ne Ahnung, wo er hin sein mag?« fragte Adam. »Nein, aber er geht sehr oft nach der Gemeindewiese. Du weißt mehr von seinem Thun und Treiben als ich.« Gern wäre Adam dem Bruder entgegen gegangen, aber er mußte sich begnügen, in den nahen Feldern umher zu gehen und ihm da aufzupassen. Eine Stunde hatte er gewiß noch zu warten, weil Seth schwerlich lange vor Tisch, das heißt vor zwölf Uhr zurückkam. Aber still sitzen und wieder lesen, das konnte Adam nicht, und so schlenderte er am Bache entlang und lehnte sich an die Weiden, und seine Augen blickten scharf und begierig aus, als sähen sie etwas sehr lebhaft vor sich, aber sie sahen nicht den Bach noch die Weiden, nicht die Felder noch den Himmel. Immer wieder und wieder brach in seine Vision die Verwunderung herein, wie mächtig dieses neue Gefühl sei, wie mächtig und süß diese neue Liebe, – eine Verwunderung, wie sie etwa jemand über die Steigerung seiner Kraft empfindet, wenn er eine Kunst wieder aufnimmt, die er eine Zeitlang beiseite gesetzt hat. Wie geht es zu, daß die Dichter uns so viel Schönes zu sagen wissen über unsere erste Liebe und so wenig über die spätere? Sind ihre ersten Gedichte ihre besten? Oder sind nicht die die besten, welche aus größerem Gedankenreichtum, aus breiterer Erfahrung, aus tiefer wurzelnden Empfindungen hervorgehen? Die Flötenstimme eines Knaben hat ihren eigenen frühlingshaften Reiz, aber für den Mann geziemt sich vollerer, tieferer Klang. Endlich sah Adam den Bruder in der Ferne herankommen und eilte ihm entgegen. Seth war überrascht und dachte, es sei etwas Ungewöhnliches vorgefallen, aber als Adam näher herankam, sagte sein Gesicht deutlich genug, daß es wenigstens nichts Schlimmes sei. »Wo bist du gewesen?« fragte Adam, als sie nebeneinander hergingen. »Auf der Gemeindewiese,« antwortete Seth. »Dina hat vor einer kleinen Versammlung gepredigt, bei Schwefel, wie sie ihn nennen. Die Leute da an der Gemeindewiese gehen sonst fast nie zur Kirche, aber auf Dina hören sie doch. Sie hat heute mächtig gesprochen über die Worte: »Ich bin gekommen, zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.« Dabei kam etwas vor, was sich recht hübsch ansah. Die Frauen bringen meist ihre Kinder mit, und heute war da ein derber krausköpfiger Junge, ungefähr drei oder vier Jahr alt, den ich sonst noch nicht gesehen habe. Zuerst als ich das Gebet sprach und während des Gesanges, da war er so unnütz wie was sein konnte, aber als wir uns alle hinsetzten und Dina zu sprechen anfing, da stand der kleine Kerl mit einem Mal stockstill und sah sie mit aufgesperrtem Munde an und mit einem Mal lief er von seiner Mutter weg zu Dina und zerrte sie am Kleide wie ein kleines Hündchen, damit sie sich um ihn bekümmere. Da nahm ihn Dina und setzte ihn sich auf den Schoß, während sie fortfuhr zu sprechen, und er war ganz artig und still, bis er einschlief, und seine Mutter weinte förmlich über den Anblick.« »Es ist recht schade, daß sie nicht selbst Mutter ist,« sagte Adam; »die Kinder haben sie alle so lieb. Glaubst du wohl, daß sie ganz bestimmt gegen das Heiraten ist, Seth? Glaubst du, daß ihr Sinn sich gar nicht ändern läßt?« Adam sprach diese Worte in einem so eigentümlichen Tone, daß Seth ihn verstohlen anblickte, ehe er antwortete: »Ich thäte unrecht, wenn ich sagte, ihr Sinn wäre gar nicht zu ändern. Wenn du aber dabei an mich denkst, – ich denke nicht mehr daran, daß sie je meine Frau werden kann; sie nennt mich Bruder, und das ist mir genug.« »Aber glaubst du wohl, daß sie sonst jemand so liebgewinnen könnte, um ihn zu heiraten?« fragte Adam etwas schüchtern. »Nun,« meinte Seth nach einigem Zögern, »es ist mir in der letzten Zeit bisweilen durch den Kopf gegangen, daß das wohl möglich wäre, aber niemals läßt sich Dina durch die Liebe zur Kreatur von dem Wege abbringen, den Gott, wie sie glaubt, ihr vorgezeichnet hat. Wenn sie dächte, es sei nicht sein Wille, dann hat keine Liebe Gewalt über sie. Und darüber schien sie immer mit sich einig zu sein, daß Gott sie bestimmt habe, für andere zu sorgen und sich selbst keine Stätte zu gründen in dieser Welt.« »Aber wenn es nun,« sagte Adam ernsthaft, »ich sage, wenn es nun jemand gäbe, der ihr volle Freiheit ließe und sie in nichts hinderte, dann könnte sie doch ebenso gut als verheiratete Frau noch ziemlich dasselbe thun, als jetzt wo sie ledig ist. Andere Mädchen von ihrer Art haben auch geheiratet – ich meine nicht grade solche wie sie, sondern Mädchen, welche predigten und die Kranken und Bedürftigen pflegten, z.B. die Madame Fletcher, von der sie bisweilen spricht.« Seth ging ein neues Licht auf. Er wandte sich um, legte Adam die Hand auf die Schulter und sagte: »Wie, soll sie dich denn nehmen, Bruder?« Adam sah Seth bedenklich in die forschenden Augen und antwortete: »Würde es dich kränken, wenn sie mich lieber hätte als dich?« »Nein,« sagte Seth warm und herzlich, »wie kannst du das von mir denken? Hab' ich denn für deinen Kummer so wenig Mitgefühl gehabt, daß ich mich über deine Freude nicht mit freuen sollte?« Einige Augenblicke gingen sie schweigend weiter, dann sagte Seth: »Ich habe keine Ahnung davon gehabt, daß du je daran dächtest, sie zur Frau zu nehmen.« »Aber hilft's mir denn was, wenn ich daran denke?« sagte Adam – »was meinst du? Mutter hat mir heute Morgen so viel vorgesprochen, daß ich gar nicht mehr weiß wo ich bin. Sie ist fest überzeugt, Dina habe mich recht lieb und nähme mich gern. Aber ich fürchte, sie spricht ohne Grund. Ich möchte wissen, ob du auch was bemerkt hast.« »Ja, das ist 'ne schwere Frage,« sagte Seth, »und ich möchte nicht gerne was Unrechtes sagen; zudem, wir haben kein Recht, uns in anderer Leute Gefühl zu mischen, wenn sie nicht selbst davon sprechen.« Hier schwieg Seth, dachte nach und fuhr dann fort: »Aber du kannst sie ja selbst fragen. Sie hat's mir nicht übel genommen, als ich sie fragte, und du hast mehr Recht dazu als ich, bloß daß du nicht zur Gemeinde gehörst. Aber Dina hält's nicht mit denen, welche die Gemeinde ganz für sich behalten wollen. Sie zieht ganz gern Leute in die Gemeinde hinein, wenn sie nur Verlangen tragen selig zu werden. Die Brüder in Treddleston sind nicht alle damit zufrieden.« »Weißt du vielleicht, wo sie heute Nachmittag ist?« fuhr ihm Adam dazwischen. »Sie sagte, sie ginge heute nicht mehr vom Pachthof,« erwiderte Seth; »es ist der letzte Sabbath, den sie hier ist, und sie will den Kindern aus der großen Bibel vorlesen.« »Dann geh' ich heute Nachmittag zu ihr; wenn ich auch in die Kirche ginge, meine Gedanken wären doch immer bei ihr. Sie müssen heute den Lobgesang ohne mich singen« – das sagte Adam nicht, aber er dachte es. Zweiundfünfzigster Abschnitt Adam und Dina Es war ungefähr drei Uhr, als Adam auf den Pachthof kam und Alick und die Hunde aus ihrem Sonntagsschläfchen aufstörte. Alick sagte, sie wären alle zur Kirche außer dem jungen Fräulein – so nannte er nämlich Dina. Für Adam machte das nichts aus, obschon das »alle« so weitumfassend war, daß es auch das Milchmädchen Nanny einschloß, die durch notwendige Arbeit oft vom Kirchengehen abgehalten wurde. Auf dem Hofe war es ganz still; die Thüren waren alle geschlossen, und selbst die toten Gerätschaften schienen noch stiller als sonst. Das leise Tröpfeln des Wassers aus der Pumpe war das einzige hörbare Geräusch, und Adam klopfte so leise an die Hausthür, wie sich's für die Stille ziemte. Die Thür ging auf und Dina stand vor ihm, tief errötend vor lauter Überraschung über Adams Besuch zu einer Zeit, wo er sonst regelmäßig in der Kirche war. Gestern hätte er ohne alle Schwierigkeit zu ihr sagen können: »Ich wollte Euch noch einmal sehen, Dina; ich wußte, Ihr wäret allein;« aber heute fühlte er sich zu beklommen, das zu sagen, und reichte ihr schweigend die Hand. Keins von beiden sprach ein Wort, und doch wünschten beide, sie könnten sprechen, als sie sich hinsetzten. Dina ging wieder an den Platz, wo sie eben gesessen hatte, an der Ecke des Tisches nahe am Fenster; ein Buch lag auf dem Tische, aber es war nicht aufgeschlagen; sie hatte ganz still gesessen und in das kleine Feuer geblickt, das auf dem Herde brannte. Adam setzte sich ihr gegenüber auf Poysers dreibeinigen Stuhl. »Eure Mutter ist doch nicht wieder krank, Adam?« sagte Dina, nachdem sie sich etwas gefaßt hatte; »wie mir Seth sagte, war sie heute Morgen ganz wohl.« »Nein, es geht ihr heute recht gut,« erwiderte Adam, der sich wohl darüber freute, daß Dina bei seinem Anblick solche Zeichen der Empfindung gab, aber doch noch immer eine gewisse Scheu empfand. »Es ist niemand zu Haus, wie Ihr seht,« sagte Dina; »Ihr müßt ein wenig warten. Ihr habt gewiß eine Abhaltung gehabt, daß Ihr nicht auch zur Kirche seid.« »Ja,« antwortete Adam und verstummte wieder um sogleich hinzuzufügen: »Ich dachte an Euch, das war der Grund.« Dies Geständnis kam sehr ungeschickt und plötzlich heraus, wie Adam wohl fühlte, und er meinte, Dina müsse sofort verstehen, was er im Sinn habe. Aber bei der rückhaltlosen Offenheit seiner Worte sah sie darin nur eine erneute Beteuerung seines brüderlichen Bedauerns über ihre Abreise und antwortete ruhig: »Sorgt und quält Euch nicht um mich, Adam. In Snowfield hab' ich alles was ich bedarf, und mehr als das. Und im Herzen bin ich ruhig, ich suche ja nicht meinen eigenen Willen, indem ich von hier scheide.« »Aber wenn die Dinge nun anders ständen, Dina,« sagte Adam zögernd – »wenn ich Euch etwas sagte, was Ihr vielleicht noch nicht wißt ...« Dina sah ihn forschend an, aber statt fortzufahren nahm er einen Stuhl und setzte ihn nahe an die Ecke des Tisches, wo sie saß. Sie verwunderte sich und wurde bange und im nächsten Augenblick wanderten ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück; wollte er von den beiden Unglücklichen in der Fremde etwas sagen, was sie noch nicht wußte? Adam blickte sie an; es sah sich so lieb ihr in die Augen, die nun so selbstvergessen und fragend aussahen; einen Augenblick lang vergaß er ganz, daß er ihr etwas zu sagen hatte oder vielmehr, daß er ihr sagen mußte, was er dachte. »Dina,« sagte er plötzlich, indem er ihre beiden Hände zwischen seine nahm, »ich liebe Euch von ganzem Herzen und ganzer Seele. Ich liebe Euch nächst Gott am meisten, der mich erschaffen hat.« Dinas Lippen wurden blaß wie ihre Wangen und sie zitterte heftig unter diesem Anfall schmerzlicher Freude. Ihre Hände wurden kalt wie der Tod. Sie konnte sie nicht zurückziehen, weil er sie festhielt. »Sagt nicht, daß Ihr mich nicht lieben könnt, Dina. Sagt nicht, daß wir scheiden müssen und fern voneinander leben.« In Dinas Augen glänzten Thränen und sie flossen, ehe sie antworten konnte. Aber mit ruhiger, leiser Stimme antwortete sie: »Ja, lieber Adam, wir müssen einem andern Willen uns unterwerfen. Wir müssen scheiden.« »Nicht, wenn Ihr mich liebt, Dina – nicht wenn Ihr mich liebt,« rief Adam leidenschaftlich aus. »Sagt mir – sagt mir, ich bitte Euch, könnt Ihr mich mehr lieben als einen Bruder?« Dina vertraute zu fest auf den Willen Gottes, als daß sie hätte versuchen können, Adam zu täuschen oder ihm etwas zu verbergen. Sie erholte sich allmählich von der ersten Aufregung und sagte, indem sie Adam treu und aufrichtig anblickte: »Ja, Adam, mein Herz fühlt sich mächtig zu Euch hingezogen, und wenn's nach meinem eigenen Willen ginge und mir nicht das Gegenteil klar gewiesen würde von oben, dann fände ich mein Glück in Eurer Nähe und in der gehorsamen Liebe gegen Euch. Ich fürchte, ich vergäße, mich mit andern zu freuen und mit ihnen zu weinen; ja, ich bin bange, ich vergäße die Nähe Gottes und suchte keine Liebe mehr als die Eure.« Adam antwortete nicht gleich. Sie sahen still und sahen einander in schweigender Entzückung an, – denn das erste Gefühl gegenseitiger Liebe schließt jede andere Empfindung aus; es verlangt die Seele ganz für sich allein. »Wenn's so ist, Dina,« sagte Adam endlich, »wie kann denn etwas Unrechtes darin sein, daß wir einander angehören und unser Leben eins an das andere knüpfen? Wer hat uns diese mächtige Liebe ins Herz gelegt? Kann es etwas Heiligeres geben als sie? Können wir nicht Gott bitten, immer bei uns zu sein, und werden wir einander nicht helfen in allem Guten? Es würde mir nie einfallen, mich zwischen Euch und Gott zu stellen und Euch vorzuschreiben, was Ihr thun und was Ihr lassen solltet. Ihr würdet Eurem Gewissen so gut folgen können wie jetzt.« »Ja, Adam,« erwiderte Dina, »ich weiß, der Ehestand ist ein heiliger Stand für die, welche durch ihre Pflicht dazu berufen sind und keinen andern Zug im Herzen haben; aber von Kindheit an bin ich einen andern Weg geführt; mein ganzer Friede und mein ganzes Glück ist gewesen, daß ich nicht für mich selbst lebte, für mich selbst nichts wollte noch verlangte und nur in Gott und in den Geschöpfen Gottes lebte, deren Leiden und Freuden er mir offenbarte. Das sind Jahre großen Segens für mich gewesen, und ich habe es gefühlt, daß, wenn ich auf eine Stimme hörte, die mich weglockte von diesem Pfade, daß ich dann dem Lichte, welches mir geleuchtet hat, den Rücken wenden und Finsternis und Zweifel mich umfangen würden. Wir brächten einander keinen Segen, Adam, wenn mir Zweifel in der Seele blieben und ich zu spät nach dem besseren Teile mich sehnte, das mir einst geworden ist und das ich dann von mir gestoßen hätte.« »Aber wenn eine neue Empfindung Euer Herz erfüllt, Dina, und wenn Ihr mich so liebt, daß Ihr mir gern näher ständet als allen andern Menschen, ist denn das nicht ein Zeichen, daß Ihr Euer Leben ändern dürft und ändern müßt? Giebt Euch nicht die Liebe das Recht dazu, wenn auch nichts anderes?« »Adam, mein Herz ist darüber voll Zweifel, und jetzt, wo Ihr mir sagt, wie sehr Ihr mich liebt, da ist mir wieder dunkel geworden, was vorher klar war. Vorher fühlte ich, es ziehe mein Herz zu mächtig zu Euch hin, und Euer Herz sei nicht wie das meine, und der Gedanke an Euch hatte mich ganz ergriffen, so daß meine Seele ihre Freiheit verlor und in die Knechtschaft einer irdischen Neigung geriet, die mich bange machte. Denn bei jeder anderen Neigung bin ich immer zufrieden gewesen, wenn sie nur wenig erwidert wurde oder auch wohl gar nicht, aber bei Euch fing mein Herz förmlich an zu hungern nach Gegenliebe. Und ich war fest überzeugt, daß ich dagegen ankämpfen müsse wie gegen eine große Versuchung, und der Befehl des Herrn war klar, daß ich fort müßte von hier.« »Aber jetzt, meine liebe, teure Dina, wo Ihr wißt, daß ich Euch mehr liebe als Ihr mich ... jetzt steht die Sache ganz anders. Jetzt dürft Ihr nicht daran denken fort zu gehen; Ihr werdet bleiben und mein liebes Weib werden und ich werde Gott danken mehr als je.« »Adam, es wird mir schwer, Euern Worten mein Ohr zu verschließen ... und das wißt Ihr selbst wohl, aber eine große Furcht liegt auf mir. Es will mich dünken, als strecktet Ihr Eure Arme nach mir aus und winktet mir zu Euch, um mir das Leben leicht zu machen und nur meinem Vergnügen zu leben, und Jesus der Dulder stehe auf der andern Seite und blicke mich an und wiese hin auf die Sünder und die Leidenden und Betrübten. Das Bild ist mir immer wieder und wieder gekommen, wenn ich schweigend und von Finsternis umfangen dagesessen habe, und ein großer Schrecken hat mich befallen, daß ich vielleicht hart würde und selbstsüchtig und das Kreuz des Erlösers nicht mehr willig auf mich nähme.« Dina hatte die Augen geschlossen und ein leises Beben überflog sie. »Adam,« fuhr sie fort, »Ihr werdet nicht verlangen, daß wir dem Guten nachjagen, indem wir dem Lichte in unserm Innern untreu werden; Ihr könnt ja nicht glauben, daß das etwas Gutes sei. Darin sind wir doch einer Meinung.« »Ja, Dina,« antwortete Adam traurig, »ich bin nicht der Mann dazu, Euch gegen Euer Gewissen zu drängen. Aber ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, daß Ihr die Sache doch noch anders ansehen lernt. Ich glaube nicht, daß Eure Liebe zu mir Euch das Herz verschließen wird; sie giebt Euch ja nur noch etwas zu dem, was Ihr schon seid, und nimmt nichts davon; denn mir scheint, mit der Liebe und dem Glück ist es ebenso wie mit dem Kummer – je mehr wir davon erfahren, desto besser können wir fühlen, was anderer Leute Leben ist oder sein könnte, desto mehr werden wir freundlich gegen sie sein und bereit, ihnen zu helfen. Je mehr Einsicht einer hat, desto besser wird er seine Pflicht thun, und das Gefühl ist eine Art von Einsicht.« Dina schwieg; ihre Augen starrten vor sich hin als betrachteten sie etwas, was nur ihr selbst sichtbar sei. Adam fuhr mit Bitten fort: »Und Ihr sollt ganz so leben können wie jetzt. Ich werde Euch nicht bitten, Sonntags mit mir zur Kirche zu gehen; Ihr könnt unter die Leute gehen, wohin Ihr wollt, und sie unterweisen, denn obschon ich mich selbst zu unserer Kirche halte, stelle ich mich doch nicht über Euch, als wären meine Worte eine bessere Richtschnur für Euer Thun als Euer eigenes Gewissen. Und die Kranken könnt Ihr pflegen grade so gut wie jetzt und Ihr werdet mehr Mittel haben, sie zu unterstützen, und werdet unter lauter Freunden sein, die Euch lieb haben, und könnt ihnen helfen und ihnen ein Segen sein bis ans Ende. Gewiß, Dina, Ihr würdet Gott so nahe sein, als ständet Ihr allein und wäret fern von mir.« Eine Zeitlang blieb Dina die Antwort schuldig. Noch immer hielt Adam ihre Hände umfaßt und sah sie mit zitternder Sorge an; da wendete sie sich mit ernstem, liebendem Blick ihm zu und sagte mit wehmütigem Tone: »Adam, in dem was Ihr sagt ist Wahrheit, und es giebt manche Dienerinnen Gottes, die mehr Kraft haben als ich und deren Herz durch die Sorge um Mann und Kinder sich nicht verengt, sondern erweitert. Aber ich habe nicht den Mut zu glauben, daß es mir auch so gehen würde; denn seit meine Neigung sich so ganz ohne Maß Euch zugewandt hat, habe ich wenig Freude und Frieden in Gott gehabt; mein Herz ist sozusagen geteilt gewesen. Und überlegt doch, Adam, wie es mit mir steht: das Leben, was ich bisher geführt habe, ist wie ein Land, worin ich seit meiner Kindheit im Segen gewandelt bin, und wenn ich einen Augenblick lang mich sehne, der Stimme zu folgen, die mich nach einem andern Lande ruft, das ich nicht kenne, so muß ich ja fürchten, daß meine Seele sich später zurücksehnt nach dem früheren Glück, das ich verlassen habe, und wo Zweifel ist, da ist keine vollkommene Liebe. Ich muß warten, bis ich meinen Weg klarer sehe; ich muß von Euch gehen, und wir müssen uns fügen in den Willen Gottes. Er verlangt bisweilen von uns, daß wir unsre natürlichen, erlaubten Neigungen ihn zum Opfer bringen.« Adam wagte nicht mit seinen Vorstellungen fortzufahren, denn was aus Dina sprach, war nicht Laune oder Verstellung. Doch traf es ihn schwer; seine Augen wurden trübe, als er sie anblickte. »Aber vielleicht gewöhnt Ihr Euch an den Gedanken, vielleicht fühlt Ihr später, daß Ihr wieder zu mir kommen könnt, um Euch nie von mir zu trennen.« »Wir müssen uns fügen, Adam. Mit der Zeit wird unsre Pflicht uns klar werden. Es ist ja möglich, daß, wenn ich wieder lebe wie früher, alle diese neuen Gedanken und Wünsche verschwinden und in nichts vergehen. Dann werde ich wissen, daß ich nicht zum Heiraten bestimmt bin. Aber wir müssen warten.« »Dina,« sagte Adam traurig, »Ihr könnt mich nicht so lieb haben wie ich Euch, sonst hättet Ihr nicht solche Bedenken. Aber das ist wohl natürlich; ich bin nicht so gut wie Ihr, und es ist ganz in der Ordnung, das ich das Beste liebe, was Gott mich je hat kennen lernen lassen.« »Nein, Adam; mir scheint, meine Liebe zu Euch ist nicht schwach, denn mein Herz hängt an Euren Worten und Blicken, beinahe wie ein kleines Kind an der Hilfe und Liebe seines starken Vaters. Wenn der Gedanke an Euch mich nur so obenhin berührte, dann fürchtete ich nicht, daß Ihr je für mich ein Götzenbild im heiligen Tempel werden könntet. Aber Ihr werdet mir beistehen, nicht mich hindern wollen, daß ich zu gehorchen suche bis ans Ende.« »Laßt uns hinausgehen in die Sonne, Dina, und zusammen spazieren. Ich werde Euch mit keinem Worte mehr beunruhigen.« Sie gingen hinaus in die Felder, den Kirchgängern entgegen. Adam sagte: »Nehmt meinen Arm, Dina,« und sie nahm ihn. Das war die einzige Veränderung in ihrem Verhältnis zu einander seit ihrem letzten Zusammensein. Aber die Wehmut bei dem Gedanken an ihre Abreise und an die Ungewißheit des Ausgangs vermochten in Adam nicht das süße Gefühl zu unterdrücken, daß Dina ihn liebe. Er nahm sich vor, den ganzen Abend auf dem Pachthofe zu bleiben, um ihr so lange nahe zu sein wie möglich. »Holla, da kommt Adam mit Dina,« sagte Poyser, als er auf dem Rückweg von der Kirche mit seiner Familie auf die letzte Feldflur vor dem Pachthof kam. »Ich konnte mir gar nicht denken, warum er in der Kirche fehlte. Aber jetzt,« fügte er hinzu, »was meinst du wohl, was mir da in den Kopf kommt?« »Nun, etwas das nicht weit zu gehen hatte, denn es liegt grade vor der Nase,« erwiderte Frau Poyser. »Du meinst, daß Adam Dina lieb hat.« »Ja wohl, hast du das denn schon gewußt?« »Na sicher,« sagte Frau Poyser, die sich womöglich nie überraschen ließ. »Ich bin keine von denen, welche die Katze in der Milchkammer sehen und sich verwundern, was sie da wohl suche.« »Aber du hast mir ja nie ein Wort davon gesagt?« »Weil ich keine Klappermühle bin, die Lärm machen muß, wenn der Wind weht. Ich kann reinen Mund halten, wenn es besser ist zu schweigen.« »Aber du sollst sehen, Dina nimmt ihn nicht, oder meinst du doch?« »Nein,« sagte Frau Poyser mit etwas zu kühnem Selbstvertrauen; »die heiratet keinen, wenn's nicht 'n Methodist und 'n Krüppel zugleich ist.« »Es wär' aber doch recht hübsch, wenn die sich heirateten,« meinte der Mann und hielt den Kopf auf die Seite, als betrachtete er sich diesen neuen Gedanken behaglich. »Du sähst's doch auch gern, nicht wahr?« »Ob ich es gern sähe! Dann bliebe sie doch hier und ginge nicht so weit weg nach Snowfield, und ich wäre nicht so allein mit den Nachbarn, die nicht meine Verwandten sind – na, und die Weiber! Ich würde mich in meine Seele schämen, wenn meine Butter und Käse so wären wie ihre. Und es sollte mich recht freuen, wenn ich das arme Ding gut geborgen sähe wie's 'nem Christenmenschen zukommt, unter ihrem eigenen Dache, und wir wollten sie gehörig ausrüsten mit Leinenzeug und Bettwerk, denn ich habe sie so lieb wie meine eigenen Kinder. Und man fühlt sich ordentlich sicherer, wenn sie im Hause ist; sie ist so rein wie frischgefallener Schnee; wer die bei sich hat, der kann dreist für zwei sündigen.« »Dina,« rief der kleine Thoms und rannte auf sie zu, »Mutter sagt, du nähmst keinen als 'nen Methodisten und 'nen Krüppel. Bist du dumm!« Und damit umfaßte er Dina mit beiden Armen und sprang mit etwas unbequemer Zärtlichkeit neben ihr her. »Nun, Adam, Ihr habt uns heute beim Singen recht gefehlt. Wie geht das zu? »Ich wollte Dina noch mal sehn; sie geht ja sobald fort,« erwiderte Adam. »Aber mein Junge, könnt Ihr denn nicht machen, daß sie bleibt? Sucht ihr doch 'nen guten Mann im Dorfe. Wenn Ihr das könnt, dann soll's Euch verziehen sein, daß Ihr in der Kirche fehltet. Aber auf, keinen Fall geht sie vor dem Erntebier fort, und Ihr müßt Mittwoch auch kommen. Barthel Massey wird da sein und Craig wohl auch. Also Ihr kommt doch, um sieben Uhr? Meine Frau will es so früh haben.« »Ja, sagte Adam, wenn's mir möglich ist, will ich kommen. Aber gewiß kann ich's nicht voraussagen, weil die Arbeit mich oft unerwartet lange aufhält. Ihr bleibt also bis Ende der Woche, Dina?« »Ja, ja,« antwortete Poyser; »daß du mir nicht Nein sagst!« »Sie braucht sich ja nicht so zu beeilen,« bemerkte Frau Poyser. »Mangel hält vor, da braucht man mit dem Kochen nicht so bei der Hand zu sein. Und von Mangel habt ihr ja in eurer Gegend den größten Vorrat.« Dina lächelte, gab aber kein bestimmtes Versprechen, und den Rest des Weges sprach man von andern Dingen, blieb im Sonnenschein stehen und sah sich die große Herde grasender Gänse an und die neuen Kornschober und die überraschende Fülle von Birnen an dem alten Birnbaum, während Nanny und Molly nach Hause vorauseilten, jede in der Hand sorgfältig ms ungebrauchte Taschentuch ihr Gesangbuch eingewickelt, worin sie fast nur die großen Buchstaben und die Amens lesen konnten. Sonntagnachmittagsruhe! Gegen einen sonnigen Spaziergang durchs Feld nach der Nachmittagskirche ist alles ruhige Behagen sonst Eile – wie nämlich solche Spaziergänge in der guten alten ruhigen Zeit zu sein pflegten, als die träg hingleitende Fähre auf dem Kanal das neueste Wunder von Schnelligkeit war, als Sonntagsschriften noch meist alte braune Ledereinbände hatten und mit merkwürdiger Genauigkeit immer an derselben Stelle aufklappten. Jetzt ist das ruhige Behagen dahin – dahin mit den Spinnrädern, den Kärrnerpferden, den langsamen Kutschen und den Hausierern, die an sonnigen Nachmittagen herumzogen. Kluge Leute möchten uns gern einreden, die Dampfmaschinen hätten die große Bestimmung, den Menschen Zeit zu sparen, Muße und Behagen zu schaffen. Glaubt's nicht! Die Dampfmaschinen machen bloß eine Leere, die der rasche Gedanke ausfüllt. Heutzutage hat's selbst der Müßiggang eilig – eilig mit seinen Vergnügungen, seinen Luftfahrten, Kunstsammlungen, Zeitschriften, aufregenden Romanen, wissenschaftlichen Untersuchungen und gelegentlichen Blicken durchs Mikroskop. In der guten alten Zeit war das Behagen ganz was andres! In alter Zeit stellte es sich unter dem Bilde eines ruhigen, wohlbeleibten Herrn mit ausgezeichneter Verdauung dar, der nur eine Zeitung las – und diese eine Zeitung ohne alle Leitartikel –, der nicht von der regelmäßigen Aufregung des Postschlusses litt, in einem Stillleben von ruhigen Anschauungen lebte, von keinem Zweifel über die Natur der Dinge gequält wurde, sondern an den Dingen selbst sich genügen ließ. Der alte Herr wohnte meist auf dem Lande, in einem netten Hause mit Hof und Garten, schlenderte an den Spalieren herum, freute sich an dem Duft der Aprikosen im warmen Schein der Morgensonne und streckte sich am heißen Mittag in einer kühlen Laube, wo er die Sommerbirnen fallen hörte. Von Betstunden und Bibelstunden an Wochentagen hatte er keine Ahnung, und Sonntags verlor die Predigt in seiner Achtung nichts, wenn er dabei schlafen konnte; ja, der Nachmittagsgottesdienst war ihm der liebste, weil er so kurz war, und er gestand das ganz unverhohlen; er hatte so 'n gutes, freies Gewissen – so breit wie sein Rücken. Ihm war das Leben keine Sorge, sondern eine sorgenfreie Versorgung; er klimperte mit dem Gelde in der Tasche, aß seine Mahlzeiten und schlief den Schlaf des Gerechten; hatte er doch seine Pflicht gethan und war Sonntag Nachmittag zur Kirche gewesen! Der gute alte Herr! Seid nicht hart gegen ihn und meßt ihn nicht mit heutigem Maße: er ging nie in Erbauungsstunden, besuchte keine Konventikel, las nie Traktätchen! Dreiundfünfzigster Abschnitt Das Erntebier Als Adam am Mittwoch Abend gegen sechs Uhr aus dem Dorfe nach Hause ging, sah er in der Ferne das letzte Fuder Gerste langsam nach dem Thore des Pachthofs fahren und hörte die Klänge des Ernteliedes sich wie Wellen heben und senken. Immer schwächer und schwächer, mit der wachsenden Entfernung immer melodischer drangen die Töne noch an sein Ohr, als er schon nahe am Weidenbach war. Die untergehende Sonne schien gerade auf die breiten Flächen jener Hügel, die den Horizont abschlössen und vergoldete die armen Schafe, die daran weideten, zu hellen Lichtpunkten und strahlte auf die Fenster seines kleinen Häuschens, daß sie in vollen Flammen zu brennen schienen. Es war Adam, als sei er in einem großen Tempel und der ferne Gesang sei Kirchenmusik. »Es ist wunderbar,« dachte er, »wie einem der Klang zu Herzen geht, beinahe wie Grabgeläut, und doch erzählt er von der Zeit des Jahres, wo die Menschen am fröhlichsten und dankbarsten sind. Ich glaube, es wird uns schwer zu denken, daß etwas zu Ende ist im Leben, und bei jeder Freude auf Erden ist im Grunde immer auch ein Scheiden. Grade so geht's mir mit Dina; ich hätte nie erfahren, daß ihre Liebe der größte Segen für mich ist, wenn mir nicht das, was ich für Segen hielt, geraubt und entrissen wäre und eine so große Leere in mir zurückgelassen hätte, daß mich hungerte und dürstete nach reichem Trost und Ersatz.« Er hoffte, Dina den Abend wieder zu sehen und von ihr die Erlaubnis zu erhalten, daß er sie bis Oakbourne begleiten dürfe, und auf dem Wege wollte er sie dann bitten, ihm eine Zeit zu bestimmen, wo er sie in Snowfield besuchen und sich die Entscheidung holen könne, ob er auch auf seine letzte, schönste Hoffnung verzichten müsse wie auf alle andern. Zu Hause mußte er seine Sonntagskleider anziehen und fand noch außerdem so viel zu thun, daß es sieben Uhr war, ehe er sich nach dem Pachthof auf den Weg machte, und es war fraglich, ob er beim stärksten Ausschreiten auch nur zum Roastbeef noch früh genug käme; den Plumpudding hatte er sicher schon verpaßt; denn Frau Poyser hielt beim Abendbrot sehr auf Pünktlichkeit. Ein großes Geklapper von Messern und zinnernen Schüsseln und Kannen war im Gange, als Adam auf den Flur trat, aber keine Menschenstimmen waren zu hören; der Genuß des vortrefflichen, reichlichen Bratens war für die Arbeitsleute eine viel zu ernste Beschäftigung, als daß sie ihre Aufmerksamkeit hätten teilen können, selbst wenn sie sich etwas zu sagen gehabt hätten – was sie nebenbei nicht hatten, und Pachter Poyser am obern Ende der Tafel war mit dem Vorschneiden zu beschäftigt, um auf die Unterhaltung Barthel Masseys oder des Gärtners zu hören. »Hier, Adam,« sagte Frau Poyser, die neben dem Tische stand und aufpaßte, daß Molly und Nanny die Leute gehörig bedienten, »hier ist Platz für Euch zwischen Herrn Massey und den Jungens. Es ist recht schade, daß Ihr nicht eher kommen konntet, um den Pudding noch ganz zu sehen.« Adam sah sich ängstlich nach einer andern weiblichen Gestalt um, aber Dina war nicht da. Nach ihr fragen mochte er nicht recht; auch wurde seine Aufmerksamkeit durch die Begrüßungen in Anspruch genommen, und er durfte noch hoffen, Dina sei sonst wo im Hause und wolle nur so kurz vor der Abreise nicht an einem lauten Feste teilnehmen. Ein vergnüglicher Anblick, diese Tafel! Pachter Poyser mit dem runden, gutmütigen Gesicht und der behaglich breiten Figur saß oben an, legte seinen Leuten den duftigen Braten vor und freute sich jedesmal über die leeren Teller. Obgleich sonst mit einem recht guten Appetit gesegnet, heute vergaß er ganz das Essen, so amüsierte es ihn, zwischen dem Vorschneiden sich umzuschauen und die Leute essen zu sehen, die sonst das ganze Jahr außer Weihnachten und Sonntags ihr Mittagsbrot so nebenher, etwa an einer Hecke sitzend, kalt aßen und ihr Bier aus hölzernen Flaschen tranken – gewiß mit Genuß, aber den Kopf weit hintenüber gebogen, mehr wie Enten als Menschen, und der gute Pachter hatte eine leise Ahnung, wie vortrefflich den Leuten der dampfend heiße Braten und das frische Bier schmecken müsse. Er hielt den Kopf seitwärts geneigt und verzog den Mund, indem er Barthel Massey einen Wink gab, er möge sich den halb blödsinnigen Thoms Tholer ansehen, der grade seinen zweiten Teller voll Braten bekam. Ein vergnügtes Grinsen zog über Thoms' Gesicht, als ihm der Teller zwischen Messer und Gabel hingesetzt wurde, die er grade in die Höhe hielt als wären es geweihte Kerzen; dann aber steigerte sich seine Freude so, daß sie sich unmöglich mit einem stummen Grinsen begnügen konnte und im nächsten Augenblick in ein lang gedehntes Ha ha! ausbrach; endlich ging sie plötzlich in den höchsten Ernst über, als er mit Messer und Gabel über seine Beute herfiel. Der stattliche Pachter schüttelte sich im stillen vor herzlichem Lachen und blickte seine Frau an, ob sie auch wohl Thoms bemerkt hätte, und als ihre Blicke sich trafen, lachten beide gutmütig vergnügt. Thoms stand auf dem Pachthofe hoch in Gunst; er spielte da den Spaßmacher und ersetzte, was ihm sonst abging, durch eine große Geschicklichkeit in treffenden Antworten. Er traf etwa mit der Genauigkeit eines Dreschflegels, der ziemlich aufs Geratewohl losschlägt, aber doch dann und wann ein kleines Insekt trifft. Bei der Schafschur und in der Heuernte wurden seine Antworten oft wiederholt, aber ich führe sie hier nicht weiter an, weil sonst der Witz des guten Thoms zu leicht mit den Schwächen der Zeit behaftet erschiene, wie dies bei manchem großen Spaßmacher vergangener Zeiten der Fall ist. Von Thoms abgesehen war Pachter Poyser einigermaßen stolz auf sein Gesinde und seine sonstigen Arbeiter und setzte sie über alle andern auf dem ganzen Gut. Da war z.B. Christoph Bale, der alte Mann mit der dicht anliegenden, ledernen Mütze und einem förmlichen Netze von Runzeln auf seinem sonnverbrannten Gesichte. Gab's wohl in der ganzen Grafschaft einen, der besser gewußt hätte, was alles zur Landwirtschaft gehörte? Er war einer von den unschätzbaren Arbeitern, die nicht bloß alles in die Hand nehmen können, sondern auch alles vortrefflich machen, was sie in die Hand nehmen. Seine Knie standen allerdings etwas sehr auswärts, das ist richtig, und beim Gehen machte er fortwährend Knixe, als wäre er so ehrerbietig, sich immerfort zu verbeugen. Aber die Komplimente galten nur seiner eigenen Geschicklichkeit, und bisweilen brachte er dieser förmlich rührende Huldigungen. Er machte immer das Strohdach auf den Schobern, und wenn etwas seine Stärke war, so war's das. Und wenn nun die letzte Hand an den letzten Schober gelegt war, dann ging Christoph von seiner Hütte, die ein wenig vom Pachthof entfernt lag, Sonntags morgens in seinem besten Staat auf den Hinterhof, wo die Schober standen, stellte sich in gehöriger Entfernung davon auf und sah sich seine Arbeit an, indem er für jeden Schober den richtigen Standpunkt wählte. Wenn er so herumknixte, die Augen nach den Strohköpfen hinaufgerichtet, die oben auf den Schobern – wirkliches Gold diese Schober! – aussahen wie goldene Knöpfe, so hätte man glauben mögen, er treibe eine Art heidnischen Gottesdienst. Christoph war ein alter Junggeselle und stand in dem Rufe, ganze Strümpfe voll Geld zu haben, worüber sein Herr jeden Zahltag mit ihm seinen Witz machte, nicht so 'nen neuen, frischen Witz, sondern einen soliden, alten, der schon manch liebes Mal vorgehalten und sich bewährt hatte. »Unser junger Herr macht gern Spaß,« pflegte Christoph zu sagen; da er nämlich unter dem vorletzten Martin Poyser seine Laufbahn damit begonnen hatte, die Krähen von der Saat wegzuscheuchen, so hörte er nie auf, den grade regierenden Martin jung zu nennen. Am untern Ende des Tisches, gerade dem Hausherrn gegenüber, saß der Schäfer und Großknecht Alick, mit einem derben Gesicht und breiten Schultern; er stand mit dem alten Christoph nicht auf dem besten Fuße, oder vielmehr ihr Verkehr beschränkte sich auf eine gelegentliche Verhöhnung, denn obgleich sie wahrscheinlich über die Anlage von Hecken und Gräben und die Behandlung der Mutterschafe ziemlich einig waren, so hatten sie doch über ihre eigenen Verdienste sehr verschiedene Ansichten. Wenn Tityrus und Meliböus zufällig auf demselben Hofe dienen, dann sind sie nicht so sentimental höflich miteinander wie in den Versen Virgils. Alick hatte durchaus nichts Süßes an sich; seine Rede war meistens ein Brummen, und in seiner breitschultrigen Figur lag etwas vom Bullenbeißer, als sagte sie: »Laß du mich in Ruhe, dann thu' ich dir auch nichts,« aber ehrlich war er wie Gold und hätte eher ein Korn Hafer geteilt, als mehr genommen als ihm zukam, und mit dem Eigentum seines Herrn war er so genau, als wenn's ihm selbst gehört hätte, so daß er den Hühnern immer nur sehr kleine Portionen schlechter Gerste hinwarf, weil eine große Handvoll auf seine Einbildungskraft den peinlichen Eindruck der Verschwendung machte. Der gutmütige Pferdeknecht Gottlieb, der nur seine Pferde lieb hatte, war wegen des Korns auf Alick schlecht zu sprechen; nur selten redeten sie sich an, und daß sie einander angesehen hätten, kam selbst beim Mittagessen nicht vor; da sie sich aber gegen alle Welt ebenso benahmen, so ist der Schluß nicht berechtigt, daß ihre Anfälle von Unfreundlichkeit, mehr als vorübergehend gewesen wären. Wie der Leser schon sieht, hatten die Landleute in Hayslope nicht ganz die heitere, lustige, lachende Art, wie sie offenbar in den Gegenden vorwaltet, aus denen sich unsere Landschaftsmaler ihre Skizzen holen. Ein sanftes Lächeln war bei einem Feldarbeiter selten zu sehen, und zwischen tierischer Trägheit und einem derben Lachen gab es bei ihnen kaum eine Mittelstufe. Auch war nicht jeder Arbeiter so ehrlich wie unser Freund Alick. An demselben Tisch z.B. mit Poysers Leuten saß der große Ben Tholoway, ein vierschrötiger Drescher, der mehr als einmal seinem Herrn Taschen voll Korn weggenommen hatte und dabei ertappt war – ein Vorfall, der schwerlich in Geistesabwesenheit seinen Grund hatte, da Ben eben nicht viel nachdachte. Indes sein Herr hatte es ihm vergeben und ihn im Dienst behalten; denn die Tholoways hatten seit undenklichen Zeiten an der Gemeindewiese gewohnt und immer für Poysers gearbeitet. Und im ganzen hatte die Gesellschaft nicht grade darunter gelitten, daß Ben nicht seine sechs Monate in der Tretmühle gewesen war; denn er betrieb das Entnehmen fremden Eigentums nur in kleinem Maßstabe, und im Arbeitshause hätte der sich leicht vergrößert. Wie die Dinge mal lagen, aß Ben seinen Braten heute Abend mit dem ruhigen Bewußtsein, daß er seit dem letzten Erntebier nur ein paar Erbsen und Bohnen gestohlen habe, um sie in seinem Garten zu pflanzen, und mit der festen Überzeugung, daß Alick, der sein argwöhnisches Auge immer auf ihm hatte, damit seine Unschuld schwer kränkte. Aber nun war der Braten verzehrt, das Tischtuch wurde abgenommen und auf dem großen tannenen Tische blieben nur die blanken Trinkkannen und die schäumenden, braunen Krüge und die funkelnden Messingleuchter, die so lustig anzusehen waren. Jetzt sollte die große Ceremonie des Abends beginnen, das Erntelied sollte angestimmt werden, welches jedermann mitsingen mußte: wer was Besondres vorstellen wollte, durfte richtig singen, aber mit geschlossenen Lippen durfte keiner dasitzen. Als Takt war der Dreitakt vorgeschrieben; alles übrige ging ad libitum . Über den Ursprung dieses Liedes – ob es nämlich so, wie es war, aus dem Gehirn eines einzigen Sängers stammte oder durch eine Schule oder Reihe von Sängern allmählich vervollkommnet war, kann ich nichts bestimmtes sagen. Es trägt den Stempel der Einheit und der Individualität, und eigentlich neige ich mehr zu der ersteren Ansicht; doch bin ich nicht blind gegen die Erwägung, daß diese Einheit auch wohl aus der Übereinstimmung vieler hervorgegangen sein kann, welche unserer modernen Bildung zwar fernsteht, aber einem einfacheren Zustande der Gesellschaft eigen ist. Mancher glaubt vielleicht in der ersten Strophe die Spur einer Lücke zu entdecken, welche spätere Sänger aus Mangel an schöpferischer Kraft mit einer schwachen Wiederholung ausgefüllt haben; andere dagegen werden grade in dieser Wiederholung eine glückliche Ursprünglichkeit sehen, für welche nur prosaische Seelen unempfänglich sind. Das Lied – es ist traurig aber wahr, indes wir können unsere Vorfahren mal nicht ändern, das Lied kam eigentlich aufs Trinken hinaus. Während der ersten und zweiten Strophe, die in entschiedenem Forte gesungen wurden, blieben die Kannen noch leer: Hoch lebe unser Herr. Der uns dies Fest gegeben. Hoch lebe unser Herr, Und seine Frau daneben! Und was er unternehme, Das bringe ihm Gewinst, Denn wir sind seine Knechte Und stehn in seinem Dienst. Aber dann, unmittelbar vor der dritten Strophe und dem Chor, der mit furchtbarem Hämmern auf den Tisch fortissimo gesungen wurde, daß es klang wie Pauken und Trompeten, füllte Alick seine Kanne und mußte sie nun leeren, ehe die Strophe ausgesungen war. Nun trinkt, Jungens, trinkt! Und gießet nichts vorbei, Denn wer das thut, Dem geht's nicht gut, Er trinkt statt einen zwei! Alick bestand diese Probe von Mannhaftigkeit vortrefflich, dann ging die Reihe rechts herum, erst an den alten Christoph und so weiter, bis jeder unter der Begleitung des Chors seine erste Kanne geleert hatte. Der dumme Thoms, der kluge Schelm, brachte es fertig, ein bißchen vorbeizugießen, aber Frau Poyser legte sich – ganz unnötigerweise, dachte Thoms – ins Mittel, um die Vollziehung der angedrohten Strafe zu verhindern. Wer draußen vor der Thür gehorcht hätte, der würde sich schwerlich haben denken können, warum die Aufforderung: »Trinkt, Jungens, trinkt« so oft und rasch nacheinander sich wiederholte; aber wenn er hineingegangen wäre, so hätte er gesehen, daß alle noch durchaus nüchtern und die meisten sehr ernst waren; für diese braven Landleute war es eben ganz in der Ordnung und gehörte so mit dazu. Barthel Massey, der etwas empfindliche Ohren hatte, war zu Anfang des Rundgesanges hinausgegangen, um nach dem Wetter zu sehen, und wurde damit nicht eher fertig, als bis ein fünf Minuten langes Stillschweigen ihm die Gewißheit gab, für die nächsten zwölf Monate sei »Trinkt, Jungens, trinkt« vorüber. Totty und ihre kleinen Brüder bedauerten das recht; die Ruhe war ihnen sehr langweilig nach dem prächtigen Klopfen auf den Tisch, wobei Totty, die ihrem Vater auf dem Schoß saß, mit aller Kraft ihrer kleinen Händchen geholfen hatte. Als Barthel wieder hereinkam, wurde indessen allgemeines Verlangen nach Sologesang laut. Nanny erklärte, der Pferdeknecht Gottlieb wisse ein Lied und singe im Stalle immer wie 'ne Lerche, worauf der Hausherr ihm zuredete: »Na, Gottlieb, heraus damit!« Gottlieb machte ein dummes Gesicht, ließ den Kopf hängen und meinte, er könnte nicht singen; aber die freundliche Aufforderung des Hausherrn wurde am ganzen Tische wiederholt; jeder redete ihm zu, nur Alick nicht, der nie so leichtfertig war, ein überflüssiges Wort zu sprechen. Endlich ließ sich Ben, der Gottlieb am nächsten saß, einfallen, seinen Worten durch sanfte Rippenstöße Nachdruck geben zu wollen; da ging dem gutmütigen Pferdeknecht die Geduld aus, und er fuhr los: »Laß mich in Ruhe, sage ich, sonst sing' ich dir ein Lied, was dir nicht gefällt« – und damit war natürlich alles Bitten zu Ende. »Na, denn du, David, du kannst singen,« sagte Ben, als wenn nichts vorgefallen wäre. »Sing' uns das Lied: »Mein Lieb' ist 'ne Rose ohne Dorn.« Der verliebte David war ein junger Bursch von etwas zerstreutem Aussehen, was indes wahrscheinlich mehr daher kam, daß er unbändig schielte, als von seiner Geistesanlage; denn er blieb nicht gleichgültig bei Bens Aufforderung, sondern wurde rot und lachte und fuhr sich mit dem Ärmel über den Mund in einer Weise, daß es die andern für eine Zusage hielten. Und eine Zeitlang schien die Gesellschaft wirklich ernstlich zu wünschen, daß David ein Lied zum besten gäbe. Indes auch diesmal vergebens. Der Musikvorrat lag für den Abend noch beim Bier im Keller und wollte noch nicht so recht fließen. Unterdes hatte sich das Gespräch am obern Ende der Tafel auf die Politik gewandt. Der Gärtner Craig war nicht abgeneigt, gelegentlich auch über Politik zu sprechen, obschon er sich mehr auf eine kluge Beurteilung der Dinge legte als auf ihre genaue Kenntnis. Sein Blick reichte so weit über die bloßen Thatsachen hinaus, daß er gar nicht nötig hatte, sie überhaupt zu kennen. »Ich lese selbst die Zeitung nicht,« meinte er zu Poyser, indem er sich seine Pfeife ansteckte, »obschon ich sie immer lesen könnte, wenn ich wollte – Fräulein Lydia hält sie und wird rasch damit fertig – aber da ist der Kellermeister Mills, der sitzt von des Morgens bis Abends am Kamin und studiert die Zeitung, und wenn er damit fertig ist, dann ist er noch dümmer im Kopf als vorher. Jetzt ist er ganz voll von dem Frieden, worüber man so viel spricht; er hat gelesen und immer gelesen und meint, er hab's ganz ergründet. »Aber um des Himmels willen, Mills!« sag' ich ihm, »Ihr habt so wenig Einsicht in die Geschichte, wie Ihr mitten in eine Kartoffel sehen könnt. Ich will Euch sagen, was dran ist; Ihr meint, es wäre gut fürs Land, und dagegen – versteht mich recht! – dagegen bin ich nicht. Aber meine Meinung ist die: die Leute an der Spitze, das sind schlimmere Feinde für uns, als Boniparte und all die Musjö's, die er hinter sich hat; denn was die Musjö's angeht, davon könnt Ihr ein halb Dutzend auf einmal aufspießen, als wenn's Frösche wären.« »Ja, ja,« sagte der Hausherr, der sich ein recht kluges Aussehen gab und andächtig zuhörte, »sie essen ihr Lebtag kein Stück Rindfleisch. Beinahe nichts als Salat, hab' ich mir sagen lassen.« »Und, sag' ich,« fuhr der Gärtner fort, »Mills, sag' ich, wollt Ihr mir etwa einreden, so fremdes Volk könnte uns halb so viel Schaden thun, wie diese Minister mit ihrer schlechten Wirtschaft? Wenn König Georg sie alle fortjagte und für sich regierte, dann wär' alles in Ordnung. Meinetwegen könnte er sich den Willem wieder nehmen, den Pitt, William Pitt, der jüngere, in populärer Wendung Billy Pitt. aber eigentlich seh' ich doch nicht recht, warum wir nicht an König und Parlament genug haben. Das Unglück kommt von dieser Bande von Ministern, sage ich Euch.« »I, das ist leicht gesagt,« meinte Frau Poyser, die sich jetzt neben ihren Mann gesetzt und Totty auf den Schoß genommen hatte – »das ist leicht gesagt. Wenn jeder Stiefel anhat, dann soll mal einer herausfinden, wo der Pferdefuß steckt.« »Was den Frieden angeht,« sagte Poyser, indem er nachdenklich den Kopf seitwärts neigte und zwischen jedem Satze vorsichtig einmal Paffte, – »was diesen Frieden angeht, das weiß ich doch nicht. Der Krieg ist 'ne schöne Sache fürs Land; wie soll man sonst Wohl die Preise so hoch halten? Und diese Franzosen, das ist 'n Teufelsbolk nach allem, was man hört; was können wir bessres thun, als Krieg gegen sie führen?« »Da habt Ihr nicht so ganz unrecht, Poyser,« erwiderte der Gärtner, »aber ich bin auch nicht gegen den Frieden; wir müssen mal ein bißchen Feiertag haben. Den Frieden können wir brechen wenn wir wollen, und vor dem Boniparte ist mir nicht bange, mögen die Leute von seiner Klugheit so viel schwatzen wie sie wollen. Das hab' ich auch Mills heute Morgen gesagt. Was der aber von Boniparte versteht – ne, wahrhaftig, es ist nicht zu glauben. In drei Minuten hab' ich ihm heut mehr Licht aufgesteckt, als er in der Zeitung das ganze Jahr findet. »Mills, sage ich, bin ich ein Gärtner, der seine Sache versteht, oder nicht? Ja oder nein?« »Gewiß, gewiß, Craig,« sagte er, – »es ist kein übler Mensch, der Mills, für 'nen Kellermeister gar nicht so übel, nur ein bißchen schwach im Kopfe.« »Schön, sag' ich; nun redet Ihr mir von Boniparte seiner Klugheit; aber nützte es mir wohl was, wenn ich mich noch so gut auf die Gärtnerei verstände und hätte reines Sumpfland zu bearbeiten?« »Nein,« sagt er. »Schön, sag' ich, und so ist's grade mit dem Boniparte, Ich bestreite ja gar nicht, daß er ein gescheiter Kerl ist, er ist auch kein geborner Franzose, so viel ich weiß; was hat er aber hinter sich als bloß Musjö's?« Hier machte der Gärtner eine Pause und sah sich triumphierend um; dann fuhr er fort, indem er wild auf den Tisch schlug: »Es ist ja 'ne bekannte Geschichte, und 's giebt Leute, die's bezeugen können, daß die Franzosen in einem Regiment, wo ein Mann fehlte, einen großen Affen in Uniform gesteckt haben, und die Uniform paßte ihm so gut, wie der Wallnuß ihre Schale, und kein Mensch konnte den Affen von den Musjö's unterscheiden!« »Aha, habt Ihr das wohl gehört?« sagte Poyser, dem die Geschichte sowohl wegen ihrer politischen Bedeutung als wegen ihres hohen Interesses für die Naturgeschichte einen tiefen Eindruck machte. »Aber Craig!« fiel Adam ein, »das ist doch ein bißchen zu stark. Die Geschichte glaubt Ihr selbst nicht. Das ist alles Unsinn, daß die Franzosen so armselige Kerls sein sollen. Pastor Irwine ist in Frankreich gewesen und sagt, es gäbe da stattliche Leute genug. Und was Kenntnisse angeht und Erfindungen und Handarbeiten, da sind wir in vielen Stücken weit hinter ihnen zurück. Wenn man seine Feinde herabsetzt, dabei kommt nichts heraus. Was hätten Nelson und die andern wohl für Verdienst bei ihren Siegen, wenn die Franzosen so 'n Kroppzeug wären, wie die Leute sagen?« Poyser sah den Gärtner fragend an; dieser Streit der Autoritäten war ihm doch etwas bedenklich. Das Zeugnis des Pastors konnte nicht bestritten werden, aber auf der andern Seite war auch Craig nicht auf den Kopf gefallen, und seine Ansicht hatte die allgemeine Meinung für sich. Daß die Franzosen besonders tüchtig wären, davon hatte Poyser nie etwas gehört. Die einzige Antwort indes, die der Gärtner fand, war die, daß er einen tüchtigen Schluck Bier trank und sich dann seine Beine ansah, die er zu diesem Behufe auseinander spreizte. In dem Augenblick trat Barthel Massey von dem Feuerherde heran, wo er seine erste Pfeife in Ruhe geraucht hatte, und unterbrach das Schweigen mit den Worten: »Aber sag' doch mal, Adam, warum bist du denn am Sonntag nicht in der Kirche gewesen, du Schelm? Der Lobgesang wollte ohne dich gar nicht gehen. Wirst doch deinen Lehrer in seinen alten Tagen nicht im Stich lassen?« »Nein, Herr Massey,« erwiderte Adam. »Hier unser Wirt und Frau Poyser können Ihnen sagen, wo ich gewesen bin. Ich war in keiner schlechten Gesellschaft.« »Sie ist fort, Adam, fort nach Snowfield,« sagte Poyser, dem nun zum erstenmal Dina wieder einfiel. »Ich glaubte, Ihr hättet sie eines bessern belehrt. Sie war gar nicht mehr zu halten; gestern Morgen ist sie fortgegangen. Meine Frau hat's noch kaum überwunden und ick fürchtete schon, sie hätte gar keinen rechten Sinn für das Erntebier.« Frau Poyser hatte an Dina schon öfter gedacht, seit Adam da war, aber sich nicht getraut, ihm die unangenehme Nachricht mitzuteilen. »Wie!« rief Barthel beinahe entrüstet; »eine Frauensperson war mit im Spiel? Dann geb' ich dich auf, Adam!« »Aber eine Frauensperson, Barthel, über die Ihr gut gesprochen habt,« sagte Poyser. »Nun könnt Ihr nicht mehr zurück; Ihr habt mal gesagt, die Mädchen wären keine schlechte Erfindung, wenn sie alle so wären wie Dina.« »Ich meinte bloß ihre Stimme, bloß ihre Stimme, weiter nichts,« antwortete Barthel. »Ich kann sie reden hören, ohne daß ich mir Wolle ins Ohr zu stecken brauche. In allen andern Stücken wird sie wohl sein wie die andern Frauen auch und meinen, aus zwei mal zwei werde schon fünf werden, wenn sie nur genug darum quälte und jammerte.« »Na,« sagte Frau Poyser, »wenn man gewisse Leute reden hört, dann sollte man glauben, die Männer wären so klug, daß sie die Körner in einem Weizensack zählen können, wenn sie bloß dran riechen. Die Männer, die sehen durch 'ne Scheunenthür – ja Wohl. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie vor der Scheunenthür so wenig sehen.« Poyser schüttelte sich vor Lachen und nickte Adam zu, als wollte er sagen, der Schulmeister habe sein Teil weg. »O,« meinte Barthel höhnisch, »die Frauen, die sind klug, ganz ungeheuer klug. Die kennen 'ne Geschichte zu Ende, ehe sie sie hören, und können einem Mann sagen, was er denkt, ehe er's selbst weiß.« »Das ist nicht so schwer,« meinte Frau Poyser; »die Männer sind meist so langsam, daß ihnen die Gedanken davonfliegen und sie sie nur noch beim Schwanz packen können. Ich kann 'nen ganzen Strumpf abzählen, während ein Mann seine Zunge in Gang bringt, und wenn er endlich mit der Sprache herauskommt, dann ist's auch noch nicht der Mühe wert. Die toten Kücken kriechen immer am langsamsten aus. Indes ich muß doch zugeben, daß die Frauen nicht gescheit sind; sie müssen ja zu den Männern passen.« »Passen!« rief Barthel aus; »ja, wie der Essig zu den Zähnen. Wenn der Mann ein Wort sagt, dann paßt 'n Widerwort von der Frau drauf; wenn er warmes Fleisch will, – das paßt, sagt sie und giebt ihm kalten Speck dazu; wenn er lacht, dann findet sie's passend zu flennen. Sie paßt grade so zum Mann wie die Pferdefliege zum Pferde! – recht der giftige Stachel, ihn zu stechen.« »Ja,« erwiderte Frau Poyser, »ich weiß schon, was den Männern gefällt – so 'ne recht einfältige, die sie anbetet wie 'ne Sonne, mögen sie recht thun oder unrecht, die hübsch »Danke« sagt, wenn sie 'nen Puff kriegt, die immer thut als wisse sie nicht, ob sie auf dem Kopfe oder auf den Füßen steht, bis der Mann ihr's sagt. Das verlangen die Männer meistens von 'ner Frau; sie wollen einen Narren bei sich haben, der ihnen sagt, sie wären klug. Freilich giebt's auch Männer, die ohne das auskommen, die so schon genug von sich halten, und darum giebt's alte Junggesellen.« »Nun, Craig,« sagte Poyser scherzend, »Ihr müßt machen, daß Ihr Euch verheiratet, sonst kommt Ihr unter die alten Junggesellen, und Ihr hört doch, was die Weiber dann von Euch denken?« »Na, was mich betrifft,« erwiderte der Gärtner, der Frau Poyser gern versöhnen wollte und auf seine Komplimente viel Wert legte, »ich hab' 'ne gescheite Frau sehr gern, eine resolute Frau, eine Frau, die ordentlich schaffen kann.« »Fehlgeschossen, Craig,« sagte Barthel trocken, »fehlgeschossen. Bei Eurer Gärtnerei versteht Ihr's besser. Da schätzt Ihr die Dinge nach ihrer Natur und ihrem Wert, schätzt die Erbsen nicht nach den Wurzeln und die Rüben nicht nach den Blüten. Und ebenso solltet Ihr's mit den Frauen auch halten; mit der Gescheitheit da ist's nicht weit her; durchaus nicht weit her; aber gute Tröpfe, das sind sie, schön ausgewachsene, vollwichtige Tröpfe.« »Was meinst du dazu?« sagte Poyser und lehnte sich im Stuhle zurück und sah seine Frau lustig an. »Was ich dazu meine?« antwortete Frau Poyser, und ein gefährliches Feuer loderte in ihren Augen; »nun, ich meine, gewissen Leuten ihre Zunge ist wie 'ne Uhr, die in einem fort schlägt, nicht um die Stunde anzugeben, sondern weil das Werk nicht ganz in Ordnung ist ...« Wahrscheinlich hätte Frau Poyser ihre Entgegnung noch gesteigert, wenn nicht in diesem Augenblicke die allgemeine Aufmerksamkeit auf das untere Ende der Tafel sich gerichtet hätte, wo die lyrische Stimmung, die zuerst nur in dem leisen Vortrag von Davids Lieblingslied: »Mein' Lieb' ist 'ne Rose ohne Dorn« Ausdruck gefunden hatte, allmählich zu einem ganz betäubenden und wirren Geräusch angewachsen war. Gottlieb, der von Davids Stimmmitteln nur eine geringe Meinung hatte, fühlte sich getrieben, dieses leise Gesumme durch einen lebhaften Vortrag der »Drei lustigen Schnitter« zu überbieten, aber David ließ sich nicht so leicht unterducken und entwickelte ein ziemlich stattliches Crescendo, so daß es zweifelhaft wurde, ob die Rose nicht endlich die Schnitter unterkriegte, als mit einemmale der alte Christoph unbewegt und unbeweglich eine Art musikalisches Gebrüll anstimmte, als wäre er ein Lärmschuß und es sei Zeit, daß er losginge. Die Gesellschaft in Alicks Nähe hatte so durchaus keine musikalischen Vorurteile, daß sie diese Art Konzert ganz natürlich fand, aber Barthel Massey legte seine Pfeife hin und hielt sich die Hand vors Ohr, und Adam, der schon immer hatte gehen wollen, seit er wußte, daß Dina nicht mehr im Hause sei, stand nun auf, um gute Nacht zu wünschen. »Ich gehe mit, mein Junge,« sagte Barthel; »ich muß fort, sonst springen mir die Ohren.« »Dann bring' ich Sie nach Haus, Herr Massey, wenn Sie erlauben,« sagte Adam. »O recht gern,« erwiderte Barthel, »dann können wir zusammen ein bißchen plaudern. Ich sehe dich so jetzt so selten.« »I, das ist aber schade, das Ihr nicht bis zuletzt bleibt,« meinte Poyser. »Die Leute gehen alle bald fort; meine Frau läßt sie nie länger als bis zehn Uhr sitzen.« Aber Adam war entschlossen, man nahm Abschied und die beiden Freunde traten im Dunkeln ihren Heimweg an. »Das arme Ding, das Füchschen, wartet schon zu Haus auf mich,« sagte Barthel. »Ich mag sie nie mit hernehmen, weil ich bange bin, Frau Poyser wirft ihr mal 'nen Blick zu, daß das arme Tier sein Lebelang lahm geht. »Meinen Gyp brauch' ich gar nicht wegzujagen,« entgegnete Adam lachend; »er dreht immer von selbst um, wenn er merkt, daß ich hierher gehe.« »Ja, ja,« sagte Barthel, »es ist ein fürchterliches Weib! lauter Nadeln, lauter Nadeln. Aber Martin, das ist mein Mann, auf den halt' ich große Stücke. Und der hat die Nadeln gern – Gott steh' ihm bei! Er ist ein rechtes Nadelkissen, als wär' er dazu gemacht.« »Aber bei alledem ist sie durch und durch herzensgut,« sagte Adam, »und so wahr wie das Sonnenlicht. Sie ist wohl 'n bißchen böse mit den Hunden, wenn sie ihr ins Haus kommen wollen, aber wenn sie ihres Schutzes bedürften, dann würde sie schon für sie sorgen und sie gut füttern. Ihre Zunge mag noch so scharf sein, ihr Herz ist sanft, das hab' ich in Zeiten der Not erfahren. Sie ist eine von den Frauen, die besser sind als sie scheinen.« »Schon gut, schon gut,« sagte Barthel, »es ist wohl möglich, daß der Apfel im Kern gesund ist, »aber die Zähne werden mir stumpf daran – ganz stumpf.« Vierundfünfzigster Abschnitt Das Wiedersehen auf dem Hügel Adam verstand, warum Dina es so eilig gehabt habe fortzugehen und fühlte sich dadurch in seiner Hoffnung gehoben; er merkte, sie sei bange gewesen, ihre Neigung zu ihm würde zu mächtig und sie werde nicht mehr der Stimme ihres Gewissens gehorchen können. »Ich hätt' sie doch bitten sollen, mir zu schreiben, dachte er. Und doch, auch das hätte sie wohl beunruhigt. Sie will erst 'ne Zeitlang ganz ruhig in ihrer alten Weise leben, und ich habe kein Recht, ihr mit den Wünschen meiner Ungeduld dazwischen zu kommen. Sie hat mir gesagt, wie sie denkt, und wie sie's gesagt hat, so meint sie's auch; da muß ich ruhig warten.« Das war Adams verständiger Entschluß, und die ersten zwei oder drei Wochen gedieh er ganz vortrefflich von der Nahrung, die er aus der Erinnerung an Dinas offenes Liebesgeständnis sog. Es ist erstaunlich, wie viel Kraft in den ersten paar Worten der Liebe liegt. Aber gegen die Mitte Oktober fing der Entschluß merklich an zu kränkeln und zeigte bedenkliche Symptome der Schwindsucht. Wie wurden die Wochen so lang! Dina hatte doch jetzt mehr als Zeit genug gehabt, zu einer Entscheidung zu kommen. Wenn eine Frau einem Manne einmal gesagt hat, sie liebe ihn, dann mag sie nachher sagen was sie will, jener erste Feuertrank geht ihm wild durchs Blut und er fragt nicht wie der zweite schmeckt; er tritt die Erde mit gehobenem Schritt, wenn er von ihr geht, und achtet alle Schwierigkeiten gering. Aber diese Glut verfliegt; eine Woche Zusatz verdünnt die Erinnerung in bedenklicher Weise, so daß sie nicht mehr imstande ist uns wieder zu beleben. Adam war seiner Sache nicht mehr so ganz sicher; er fing an zu besorgen, die alte Gewohnheit sei für Dina zu mächtig, als daß das neue Gefühl der Liebe in ihr siegen könne. Hätte sie das nicht selbst empfunden, so hätte sie doch gewiß schon an ihn geschrieben, um ihn etwas zu trösten; aber so schien sie ihm mit Absicht jede Hoffnung nehmen zu wollen. Mit seinem Selbstvertrauen verschwand auch seine Geduld, und er überlegte sich, er müsse selbst einen Brief schreiben und darin Dina bitten, ihn nicht länger als nötig in peinlicher Ungewißheit zu lassen. Eines Abends schrieb er bis spät in die Nacht an sie, aber am andern Morgen verbrannte er den Brief, weil er wegen der Folgen besorgt war. Einen Absagebrief fürchtete er mehr als eine ablehnende Entscheidung aus ihrem eigenen Munde; ihr Anblick würde ihn aussöhnen mit jeder Entscheidung. Adam sehnte sich nach Dinas Anblick, wie man sieht, und wenn eine solche Sehnsucht einen gewissen Grad erreicht, dann befriedigt sie ein Verliebter gewiß, und sollte er seine ganze Zukunft daran setzen. Indes was konnte es schaden, wenn er nach Snowfield ging? Übelnehmen konnte sie's ihm doch nicht; sie hatte ihm den Besuch nicht verboten und mußte darauf gefaßt sein, daß er endlich selbst anfragte. Als der zweite Sonntag des Oktobers herangekommen war, hatte Adam sich in dieser Ansicht von der Sache schon so befestigt, daß er sich wirklich nach Snowfield auf den Weg machte; diesmal zu Pferde, denn seine Zeit war jetzt kostbar, und er hatte sich Meister Jonathans Pferd zur Reise geborgt. Wie lebhafte Erinnerungen begleiten ihn auf dem Wege! Seit jener ersten Reise nach Snowfield war er oft wieder nach Oakbourne gewesen, aber jenseits Oakbourne schienen ihm die Reihen von grauen Steinen, der rauhe Boden und die verkümmerten Bäume die Geschichte jener schmerzlichen Vergangenheit ganz frisch zu erzählen, die er so gut auswendig wußte. Aber im Laufe der Zeit macht keine Geschichte auf uns denselben Eindruck, wir lesen sie mit andern Augen, und Adam betrat an jenem Morgen die öde Landschaft mit neuen Gedanken im Herzen, welche der Vergangenheit eine andere Bedeutung gaben. Über ein vergangenes Übel, welches einen Mitmenschen bedrückt oder vernichtet hat, sich zu freuen und dankbar zu sein, weil es für uns zu einer Quelle unerwarteten Glückes geworden ist, das ist gemein, selbstsüchtig, frevelhaft. Adam hatte nie aufgehört, über jenes bittere Leid zu trauern, welches ihm einst so nahe gekommen war, und nie vermochte er für das Unglück eines Mitmenschen Gott zu danken, und hätte ihm ein anderer von jener engherzigen Freude gesprochen, so hätte er gewiß den Kopf geschüttelt und gesagt: »Unglück bleibt Unglück und Kummer bleibt Kummer, ihr mögt es in Worte kleiden wie ihr wollt; meine Mitmenschen sind nicht für mich auf der Welt, so daß alles in Ordnung wäre, wenn sich's für mich zum besten wendet.« Aber wohl dürfen wir uns dem Gefühle hingeben, daß das reichere Leben, welches eine traurige Erfahrung uns gebracht hat, des erlittenen Schmerzes wert ist; ja wir können unmöglich anders empfinden, so wenig wie ein Mensch, der den grauen Staar hat, die schmerzhafte Entwicklung bedauern kann, durch welche sein trübes, verschwimmendes Gesicht, in welchem ihm die Menschen wie wandelnde Bäume erschienen, in hellen Tag verwandeln wird. Die Steigerung unserer Empfindungen ist wie die Steigerung unserer Fähigkeiten und giebt uns das Gefühl vermehrter Kraft; wir können nicht mehr zu der beschränkteren Neigung zurück, so wenig wie ein Maler oder Musiker zu seiner ungebildeteren Manier oder wie ein Denker zu einer unvollkommeneren Formel. In solcher Weise fühlte sich auch Adams Sein erweitert, als er an dem Sonntag Morgen in lebhafter Erinnerung an die Vergangenheit dahinritt. Seine Liebe zu Dina und die Hoffnung, fürs Leben mit ihr vereinigt zu werden, war der ferne Zielpunkt gewesen, auf den jene qualvolle Reise vor anderthalb Jahren ihn hingeleitet hatte. Zärtlich und tief wie seine Liebe für Hetty gewesen war – so tief, daß ihre Wurzeln sich nie ausreißen ließen – seine Liebe für Dina war besser und ihm teurer; denn sie war die Frucht des tieferen und reicheren Lebens, welches Sorge und Kummer ihm erschlossen hatten. »Daß ich sie liebe und ihre Gegenliebe kenne,« sagte er zu sich, »das ist mir eine neue Kraft. Sie wird mir helfen das Leben richtig zu nehmen. Sie ist ja besser als ich, hat weniger Selbstsucht und Stolz. Man fühlt sich freier und geht sichrer, wenn man sich auf einen andern mehr verlassen kann als auf sich selbst. Ich habe immer geglaubt, ich könne alles besser als meine Angehörigen, und das ist doch ein kümmerlich Leben, wenn man von seinen nächsten Angehörigen keinen gescheiteren Gedanken erwarten kann, als man selbst im Kopfe hat.« Es war schon zwei Uhr nachmittag vorbei, als Adam das graue Städtchen am Abhang des Hügels zu Gesicht bekam und forschend in das grüne Thal hinunterblickte nach dem alten Strohdach bei der häßlichen roten Fabrik. In dem sanften Licht der Oktobersonne erschien ihm die Landschaft weniger rauh als in der grellen Beleuchtung des ersten Frühlings, und der eine große Reiz, den sie mit allen offenen, baumlosen Gegenden gemein hatte – der Anblick des endlosen Himmelsgewölbes – wirkte noch milder und beruhigender als sonst, da der Tag fast wolkenlos war. Adam fühlte seine Zweifel und Besorgnisse dahinschwinden, wie er die zarten, feingewobenen Wolken über sich allmählich in klares Blau hatte schwinden sehen. Es war ihm als sähe er Dinas mildes Antlitz, wie es mit dem bloßen Blick der Augen ihm die Erfüllung all seines Verlangens zusicherte. Er war darauf gefaßt, Dina um diese Zeit nicht zu Hause zu finden, aber er stieg vom Pferde und band es an die kleine Pforte, um zu fragen, wo sie heut hin sei. Er wollte ihr nachgehen und sie zurückbegleiten. Sie war nach einem Weiler ungefähr eine Stunde jenseits des Hügels, erzählte ihm die alte Frau; war gleich nach dem Frühgottesdienst weggegangen, um dort nach ihrer Gewohnheit in einer Hütte zu predigen; den Weg nach dem Weiler könnte ihm jedes Kind im Städtchen sagen. Nachdem er sein Pferd im Wirtshause untergebracht und sich selbst etwas erquickt hatte, wobei ihn der geschwätzige Wirt mit Fragen und Erinnerungen quälte, denen er sich beeilte auszuweichen, machte er sich zu Fuß weiter auf den Weg. Trotz seiner Eile war es inzwischen beinahe vier Uhr geworden, und er glaubte, Dina sei vielleicht schon auf dem Rückwege. Schon von weitem sah er den kleinen; grauen Weiler, der ganz offen in der baumlosen Gegend dalag, und als er näher kam, hörte er ein geistliches Lied singen. »Das ist wohl der Schlußgesang,« dachte Adam; »ich will lieber etwas zurückgehen, um sie nicht so nahe beim Dorfe zu treffen.« Er ging fast bis auf die Höhe des Hügels zurück und setzte sich da auf einen losen Stein an einer niedrigen Mauer; da wollte er warten, bis er die kleine, schwarze Gestalt von dem Weiler her den Hügel hinankommen sähe. Er wählte diesen Platz wegen seiner Einsamkeit; kein Mensch konnte ihn sehen, kein Haus, kein Vieh, nicht einmal ein grasendes Schaf war in der Nähe, nichts als die schweigenden Lichter und Schatten und der allumfassende Himmel. Sie blieb viel länger aus als er dachte; er wartete wenigstens eine Stunde und sah nach ihr aus und dachte an sie, während die Schatten länger wurden und das Licht blasser. Endlich kam die kleine schwarze Gestalt zwischen den grauen Häusern hervor auf den Hügel zu. Recht langsam, wie Adam glaubte, aber Dina ging ihren gewöhnlichen Schritt, leicht und rasch. Jetzt stieg sie allmählich den Hügel hinan, aber Adam rührte sich noch nicht, er wollte ihr nicht zu früh begegnen, er hatte sein Herz darauf gesetzt, sie ganz in der Einsamkeit zu treffen. Aber wird ihr die Überraschung nicht zu groß sein? Nein, sie ist immer so still und ruhig, sie ist auf alles gefaßt. Was sie sich Wohl dachte als sie den Hügel hinanstieg? Hatte sie volle Ruhe gefunden ohne ihn? Fühlte sie nicht mehr das Bedürfnis seiner Liebe? – Am Rande einer Entscheidung zittert jeder, und die Hoffnung schwebt mit ängstlich flatterndem Flügel. Endlich kam sie ganz nahe und Adam trat hinter der Mauer vor. Zufällig war Dina grade in dem Augenblicke stehen geblieben und hatte sich nach dem Dorfe umgedreht; wer bliebe nicht stehen und sähe sich um, ehe er einen Hügel überschreitet? Adam freute sich darüber; mit dem seinen Gefühl der Liebe erkannte er, daß es am besten sei, wenn sie den Klang seiner Stimme hörte, ehe sie ihn sähe. Er trat nahe an sie heran und sagte: »Dina!« Sie fuhr zusammen, aber sah sich nicht um; der Ton schien ihr nicht von einem bestimmten Orte zu kommen. Adam wußte recht gut, was in ihr vorging. Sie war so gewöhnt an körperlose Eindrücke, an Geisterstimmen, daß sie nach einem sinnlichen, greifbaren Ursprung der Stimme nicht suchte. »Dina!« sagte Adam zum zweitenmal, und jetzt beim zweitenmale sah sie sich um. Welch' ein Blick sehnsüchtiger Liebe glänzte aus den sanften, grauen Augen auf den kräftigen, dunkeln Mann! Sie fuhr nicht zusammen als sie ihn erblickte, sie sagte nichts, sondern ging auf ihn zu, und sie lagen einander in den Armen. Und so schweigend gingen sie weiter, während die heißen Thränen flössen. Adam war glücklich und sagte nichts. Dina sprach zuerst. »Adam,« sagte sie, »es ist Gottes Wille. Meine Seele ist so mit deiner verwachsen, daß ich ohne dich nur ein halbes Leben führe, und in diesem Augenblick, nun du bei mir bist und ich fühle, daß unsere Herzen einer Liebe voll sind, habe ich eine Fülle von Kraft, alles zu tragen und den Willen unseres himmlischen Vaters zu thun, die ich bisher verloren hatte.« Adam blieb stehen und sah ihr in die treuen, liehen Augen. »Dann Wollen wir uns nie wieder trennen, Dina, bis der Tod mich von dir scheidet.« Und sie küßten sich mit tiefer Freude. Kann es etwas Größeres geben für zwei Menschenseelen als das Gefühl, daß sie verbunden sind für's ganze Leben – einander beizustehen in jeder Mühe, zu stützen in jedem Schmerz, zu helfen in jeder Not, eins zu sein untereinander in schweigender, unaussprechlicher Erinnerung im Augenblicke des letzten Scheidens? Fünfundfünfzigster Abschnitt Hochzeitsglocken Etwas länger als einen Monat nach dem Wiedersehen auf dem Hügel, an einem kalten Morgen gegen Ende November machten Adam und Dina Hochzeit. Es war ein großes Ereignis für das Dorf. Burge und Poyser hatten allen ihren Leuten Feiertag gegeben, und die meisten wohnten in ihrem besten Staat der Trauung bei. In ganz Hayslope war kaum einer, der in unserer Geschichte besonders genannt ist und an dem Tage noch im Kirchspiel wohnte, der nicht entweder in der Kirche erschien, um die Trauung mit anzusehen, oder an der Kirchthür stand, um das junge Paar beim Herauskommen zu begrüßen. Die alte Madame Irwine und ihre Töchter hielten draußen vor dem Kirchhof in ihrem Wagen – sie hatten jetzt ihr eigenes Gespann – um den jungen Eheleuten mit herzlichem Händedruck Glück zu wünschen, und da Fräulein Lydia Donnithorne gerade verreist war, so hatten es Frau Best, der Kellermeister Mills und der Gärtner Craig für ihre Pflicht gehalten, die Herrschaft bei dieser Gelegenheit zu vertreten. An dem Gange über den Kirchhof waren zu beiden Seiten lauter bekannte Gesichter, von denen viele Dina zuerst gesehen hatten, als sie auf der Gemeindewiese predigte, und es war kein Wunder, daß sie ihr am Hochzeitsmorgen diese lebhafte Teilnahme bewiesen, denn so etwas wie Dina und die Geschichte ihrer Bekanntschaft mit Adam Bede war in Hayslope seit Menschengedenken nicht erlebt worden. Schmieds Lieschen war auch da in ihrem besten Kleide und ihrer hübschesten Mütze; sie weinte laut, ohne recht zu wissen warum; denn wie ihr Vetter, der Borsten-Ben, ihr sehr verständig zuflüsterte, Dina ging ja nicht fort, und wenn Lieschen betrübt wäre, so thäte sie am besten, Dinas Beispiel zu folgen und einen braven Burschen zu heiraten, der gern bereit sei sie zu nehmen. Nahe bei Lieschen, eben in der Kirchthür, standen die kleinen Poysers und guckten verstohlen um die Kirchenstühle herum nach der geheimnisvollen Ceremonie; Totty äußerst neugierig und ängstlich, ob Dina wohl sehr alt aussehen würde, denn nach ihrer Meinung waren verheiratete Leute niemals jung. Ich beneide sie alle um den Anblick, als die Trauung vorbei war und Adam mit Dina aus der Kirche kam. Sie war heute nicht in Schwarz; Tante Poyser hatte eine so böse Vorbedeutung unter keiner Bedingung zugeben wollen und ihr selbst ein graues Hochzeitskleid geschenkt, welches nur nach Quäkerschnitt gemacht war, denn in diesem Punkte wollte Dina nicht nachgeben. Und so sah das Liliengesicht mit mildem Ernst unter einer grauen Quäkermütze hervor, nicht lächelnd, nicht errötend, aber die Lippen bebten etwas unter der Last ihrer feierlichen Empfindungen. Adam hielt ihren Arm fest ans Herz gedrückt und ging so aufrecht wie immer und hielt den Kopf noch ein bißchen höher, als wolle er der ganzen Welt noch tapferer ins Auge sehen, aber nicht, weil er sich diesen Morgen so besonders stolz fühlte, wie junge Ehemänner pflegen; das Glück, welches er fühlte, hatte mit der Meinung der Welt wenig zu thun. Ein Hauch von Wehmut lag auf seiner innigen Freude; Dina wußte das und fühlte sich dadurch nicht gekränkt. Hinter den jungen Eheleuten kamen noch drei Paare: zuerst Martin Poyser, der so lustig aussah wie ein Helles Feuer an diesem kalten Morgen, mit der stillen Marie Burge als Brautjungfer; dann Seth, auf dessen Gesicht ein reines, stilles Glück sich malte, mit Frau Poyser, und endlich Barthel Massey mit Lisbeth, die ein ganz neues Kleid und eine ganz neue Haube trug und mit dem Stolze auf ihren Sohn und der Freude über den Besitz ihrer ersehnten Tochter zu viel zu thun hatte, um den leisesten Vorwand zur Klage zu finden. Barthel Massey hatte auf Adams ernstliches Bitten eingewilligt, der Hochzeit beizuwohnen, jedoch nur indem er sich gegen das Heiraten im allgemeinen sowohl als auch gegen die Heirat eines verständigen Menschen im besondern verwahrte. Trotzdem ließ es sich Poyser nach dem Hochzeitsmahl nicht nehmen, ihn damit zu necken, daß er in der Sakristei der jungen Frau einen Kuß mehr gegeben habe als nötig. Hinter diesem letzten Paare ging der Pastor, hoch erfreut, daß er Adam und Dina getraut hatte. Er hatte ja Adam im tiefsten Leid gesehen, und hätte die Schmerzenssaat wohl eine bessere Frucht tragen können als diese? Die Liebe, welche in der Stunde der Verzweiflung Hoffnung und Trost gebracht, – die Liebe, welche ihren Weg in die dunkle Zelle des Gefängnisses und in die noch dunklere Seele der armen Hetty gefunden hatte, – diese starke und zarte Liebe sollte Adams Gefährte und Hilfe sein bis zum Tode. Viel Händeschütteln, viel herzliche »Gott segne Euch« und viel andere gute Wünsche wurden auf dem Kirchhof dem jungen Ehepaar und ihrer Familie zu Teil, und Pachter Poyser erwiderte sie für alle andern mit; seine Zunge war ungewöhnlich gut gelöst, und alle passenden Hochzeitsscherze standen ihm zu Gebote. Die Weiber, meinte er, wären bei einer Hochzeit zu nichts gut als sich mit der Hand die Augen zu wischen. Selbst Frau Poyser konnte mit der Sprache nicht recht heraus, als die Nachbarn ihr die Hand schüttelten, und Lisbeth weinte dem ersten Nachbar ins Gesicht, der ihr sagte, sie würde wieder jung. Meister Josua Rann hatte einen kleinen Anfall von Erkältung und konnte daher heute an dem Glockenläuten nicht teilnehmen; die formlosen Beglückwünschungen, bei denen der Küster nicht amtlich mitzuwirken hatte, betrachtete er mit einer gewissen Verachtung und summte mit seiner hübschen Baßstimme vor sich hin: »O wie lieblich ist es doch« – als kleines Vorspiel zu dem Hochzeitspsalm am nächsten Sonntag, von dem er sich eine gehörige Wirkung versprach. »Das ist eine vergnügte Nachricht für den armen Arthur,« sagte der Pastor zu seiner Mutter, als ihr Wagen davonfuhr. »Ich will gleich an ihn schreiben, wenn wir nach Hause kommen.« Nachworte Es ist gegen Ende Juni 1807. Schon seit einer halben Stunde und länger ist es Feierabend auf Adam Bedes Holzhof, der früher Jonathan Burge gehörte, und das sanfte Abendlicht fällt auf das hübsche Haus mit den bräunlichen Mauern und dem mattgrauen Strohdach ziemlich genau so wie an dem Juniabend vor acht Jahren, als Adam die Schlüssel von der Werkstatt hinüberbrachte. Eine wohlbekannte Gestalt tritt eben aus der Hausthür und hält sich die Hand übers Auge, um besser in die Ferne sehen zu können, denn die Sonnenstrahlen, die auf ihre weiße Haube ohne Besatz und ihr hellblondes Haar fallen, sind noch sehr kräftig und blendend. Aber jetzt wendet sie sich um und blickt wieder ins Haus hinein. Nun können wir das liebe, blasse Gesicht ganz gut sehen: es hat sich kaum verändert, nur ein bißchen voller ist's, ebenso wie die etwas stärkere Gestalt, die indes in dem einfachen schwarzen Kleide noch leicht und flink genug aussieht. »Ich sehe ihn, Seth,« sagte Dina ins Haus hinein. »Wir wollen ihm entgegengehen. Komm, Lisbeth, komm mit Mutter.« Auf die letzten Worte erschien sogleich ein kleines, hübsches, etwa vierjähriges Mädchen mit dunkelblondem Haar und grauen Augen, die schweigend ihrer Mutter die Hand reichte. »Nun? Onkel Seth?!« sagte Dina. »Ja, ja, wir kommen schon,« antwortete Seth aus dem Innern des Hauses, und gleich darauf erschien er und bückte sich in der Thür, da er um einen Kopf größer war als sonst; ein schwarzhaariger, schwarzäugiger, derber Neffe von etwa zwei Jahren saß ihm quer über die Schultern. »Nimm ihn doch lieber auf den Arm, Seth,« sagte Dina und blickte den derben, kleinen Jungen zärtlich an. »So wird er dir lästig.« »Nein, nein, Adämchen reitet gern auf meiner Schulter; ich kann ihn schon eine Weile so tragen« – eine Freundlichkeit, welche der kleine Schelm damit erwiderte, daß er mit vielversprechender Kraft seine Absätze Onkel Seth auf der Brust herumtanzen ließ. Aber bei Dina zu sein und von Dinas und Adams Kindern sich tyrannisieren zu lassen, das war für Onkel Seth das Paradies auf Erden. »Wo hast du ihn denn gesehen?« fragte Seth, als sie auf das nächste Feld kamen. »Ich sehe ihn nirgends.« »Zwischen den Hecken da hinten an der Chaussee,« sagte Dina. »Ich sah seinen Hut und seine Schultern. Da ist er wieder.« »Ja, du findest ihn schon heraus, wenn er auch noch so weit ist,« meinte Seth lächelnd. »Du bist grade wie unsere gute Mutter war. Sie blickte auch immer nach Adam aus und sah ihn früher als andere, trotz ihrer trüben Augen.« »Er ist länger ausgeblieben als er dachte,« sagte Dina, indem sie Arthurs Uhr aus einem kleinen Täschchen zog und danach sah; »es ist beinahe schon sieben.« »Ja, die werden sich viel zu sagen gehabt haben,« erwiderte Seth, »und das Wiedersehen muß ihnen recht nahe gegangen sein. Es geht schon ins achte Jahr, daß sie sich nicht gesehen haben.« »Adam war heute Morgen recht bewegt,« sagte Dina, »wenn er dran dachte, wie der arme junge Mann von seiner letzten schweren Krankheit und von all den Jahren verändert sein würde. Und der Tod der armen Verirrten, als sie grade auf dem Rückwege war, ist uns allen ein neuer Kummer gewesen.« »Sieh, Adämchen,« sagte Seth, indem er den Kleinen von der Schulter auf den Arm nahm, »da kommt Vater, dahinten über den Steg.« Dina beeilte ihre Schritte, und die kleine Lisbeth lief so rasch sie konnte ihrem Vater zwischen die Beine. Adam streichelte ihr den Kopf, hob ihn auf und küßte sie, aber als Dina ihm näher kam und er ihr schweigend den Arm gab, konnte sie seinem Gesicht deutlich ansehen, daß er sehr angegriffen sei. »So, jetzt soll ich dich wohl nehmen, Junge?« sagte er mit einem leisen Lächeln, als Adämchen ihm die Arme entgegenhielt; denn undankbar wie alle Kinder war er sofort bereit, Onkel Seth fahren zu lassen, da ihm die seltene Begünstigung einer väterlichen Liebkosung geboten wurde. »Es ist mir recht ins Herz gegangen, Dina,« sagte Adam endlich, als sie zusammen weiter gingen. »Fandest du ihn sehr verändert?« fragte Dina. »Nun, verändert und nicht verändert. Ich hätte ihn gleich wieder erkannt. Aber seine Farbe hat sich verändert, und er sieht betrübt aus. Indes, die Ärzte sagen, die Heimatsluft würde ihn schon wieder in Ordnung bringen. Innerlich ist n ganz gesund, nur hat ihn das Fieber stark mitgenommen. Aber er spricht noch grade wie früher und lächelt noch just so wie als kleiner Junge. Es ist ganz merkwürdig; wenn er lächelt, hat er von jeher denselben Ausdruck gehabt.« »Ich habe ihn niemals lächeln sehen, den armen jungen Menschen,« sagte Dina. »Aber morgen wirst du ihn lächeln sehen,« erwiderte Adam. »Du warst das erste, wonach er fragte, als er sich etwas erholt hatte und wir miteinander sprechen konnten. Ich hoffe, sie hat sich nicht verändert, meinte er, ich erinnere mich ihres Gesichts noch recht gut. Ich sagte nein,« fuhr Adam fort und blickte zärtlich in die Augen, die zu ihm aufsahen, »nur ein bißchen stärker seist du geworden, und dazu habest du nach sieben Jahren wohl ein Recht. Ich darf morgen doch zu Euch kommen und sie besuchen? sagte er; ich sehne mich recht ihr zu sagen, wie viel ich in all den Jahren an sie gedacht habe.« »Du hast ihm doch gesagt, daß ich die Uhr immer getragen habe?« fragte Dina. »Ja wohl, und wir haben viel von dir gesprochen; er meint, solch' eine Frau wie du habe er nie gesehen. Ich werde noch selbst Methodist, sagte er, wenn sie im Freien predigt, und gehe hin und höre sie predigen. Aber ich meinte, das sei vorbei, weil die Synode den Frauen das Predigen verboten hat und du bloß noch zu den Leuten in ihren Häusern sprichst.« »Ja, ja,« fiel Seth ein, der hierüber eine Bemerkung nicht zurückhalten konnte, »und ein rechter Jammer war das von der Synode, und wenn Dina die Sache so angesehen hätte wie ich, dann wären wir ausgetreten von den Wesleyanern und hätten uns denen angeschlossen, welche der christlichen Freiheit keinen Zwang anthun.« »Nein, Junge,« sagte Adam, »sie hatte Recht und du hattest Unrecht. Mag eine Vorschrift noch so verständig sein, einen oder den andern trifft sie immer hart. Die meisten Frauen stiften mit ihrem Predigen mehr Schaden als Nutzen; sie haben nicht die Gabe wie Dina, und das hat sie eingesehen und sich entschlossen, das Beispiel der Unterwerfung zu geben, denn unterweisen und lehren kann sie ja sonst immer noch. Und ich stimme ganz mit ihr überein und billige, was sie gethan hat.« Seth schwieg; es war das ein stehender Streitpunkt zwischen ihnen, den sie freilich nur selten berührten, und um rasch darüber wegzukommen, sagte Dina: »Du hast doch nicht vergessen, an Oberst Donnithorne zu bestellen, was Onkel und Tante dir aufgetragen haben?« »Nein, ich hab's ihm gesagt, und übermorgen will er mit Pastor Irwine nach dem Pachthof. Der Pastor kam gerade herein, als wir davon sprachen und meinte, der Oberst dürfe morgen keinen andern sehen als dich; er sagte – und darin muß ich ihm recht geben – es sei ihm nicht gut, wenn er sich durch vieles Besuchen und Sprechen aufrege. Sie müssen erst wieder stark und gesund werden, Arthur, sagte er, und dann können Sie es halten wie Sie's wollen. Aber bis dahin muß Sie Ihr alter Lehrer wieder ein bißchen unterm Daumen halten. Der Pastor ist ordentlich vergnügt, daß er ihn wieder hier hat.« Adam schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort: »Es schnitt uns beiden recht ins Herz, als wir uns zuerst wiedersahen. Er hatte von der armen Hetty nichts gehört, als bis ihn Pastor Irwine in London traf; die Briefe hatten ihn unterwegs verfehlt. Als wir uns die Hand gegeben hatten, war das erste, was er sagte: Ich konnte nichts für sie thun, Adam – sie hat lange genug gelitten – und ich hoffte so auf die Zeit, wo ich wieder etwas für sie thun könnte. Aber Ihr hattet recht, als Ihr mir sagtet, es gäbe ein Unrecht, was sich nie wieder gut machen lasse.« »Sieh! da kommen Poysers grade ins Hofthor,« rief Seth. »Ja wirklich,« sagte Dina. »Lauf Lisbeth, lauf zu Tante Poyser. Komm herein, Adam, und ruhe dich aus; du hast einen schweren Tag gehabt.« Ende.