Henry Fielding Die Geschichte des Tom Jones eines Findlings. Vierter Theil. 1 Elftes Buch. Umfaßt einen Zeitraum von drei Tagen. Erstes Kapitel. Ein Brocken für die Kritiker. Es könnte unserm letzten einleitenden Kapitel zufolge scheinen, als wären wir gegen jene furchtbare Menschenklasse, die man Kritiker nennt, mit weniger Rücksicht verfahren, als uns zukommt, indem dieselben von Seiten der Schriftsteller großen Respekt verlangen, und dieser ihnen auch wirklich allgemein zu Theil wird. Wir werden daher in dem gegenwärtigen die Gründe unseres Verfahrens gegen diese erhabene Corporation an den Tag legen und dieselbe sogleich aus einem Gesichtspunkte betrachten, aus dem sie vielleicht bisher noch nicht betrachtet worden ist. Das Wort Kritik ist griechischen Ursprungs und bedeutet Urtheil. Daraus schließe ich, daß manche Personen, denen dieses Wort nur der Uebersetzung und nicht der ursprünglichen Bedeutung nach bekannt war, der Meinung gewesen sind, es bedeute Urtheil im gerichtlichen Sinne, oder Urtel, was häufig gleichbedeutend mit Verurtheilung gebraucht wird. 2 Ich bin um so mehr zu dieser Ansicht geneigt, als die Mehrzahl der Kritiker in den letzten Jahren Advocaten waren. Viele dieser Herren haben, vielleicht aus Verzweiflung, jemals auf der Bank in Westminsterhall zu erscheinen, auf den Bänken des Schauspielhauses Platz genommen, wo sie ihre Fähigkeit zum Richteramte geübt und ihr Urtheil abgegeben, d. h. ohne Erbarmen verurtheilt haben. Die Herren würden vielleicht ganz wohl damit zufrieden sein, wenn wir es dabei bewenden ließen, sie mit einem der wichtigsten und ehrenvollsten Stände im Staate verglichen zu haben, und wenn uns daran läge, uns bei ihnen in Gunst zu setzen, so würden wir es auch thun: allein da es unsre Absicht ist, uns frei und offen gegen sie auszusprechen, so müssen wir an noch einen andern Diener der Gerechtigkeit, weit niederen Ranges erinnern, mit dem sie, in so fern als sie ihr Urtheil nicht allein aussprechen, sondern auch vollstrecken, gleichfalls einige entfernte Aehnlichkeit haben. Aber es giebt in der That noch einen andern Gesichtspunkt, aus dem sich diese modernen Kritiker mit vollem Fug und Recht betrachten lassen; und von diesem aus erscheinen sie als gemeine Verläumder. Wenn jemand, der Anderer Charakter blos aus dem Grunde erforscht, um ihre Fehler zu entdecken und sie vor der Welt zu veröffentlichen, den Namen eines Verläumders verdient, weil er Menschen um ihren Ruf bringt; warum sollte nicht ein Kritiker, der aus der nämlichen boshaften Absicht liest, eben so füglich ein Verläumder genannt werden, da er Bücher um ihren Ruf bringt? Kaum kann das Laster einen verworfenern Sclaven unter seinen Dienern haben, die Gesellschaft ein größeres Scheusal erzeugen und die Hölle einen ihrer würdigern und 3 willkommnern Gast aufnehmen als einen Verläumder. Ich fürchte, die Welt betrachtet dieses Ungeheuer nicht mit halb so viel Abscheu als ihm gebührt; noch mehr fürchte ich, den Grund dieser strafbaren Milde anzudeuten; und doch, gegen ihn gehalten, scheint der Dieb noch unschuldig, ja selbst die Schuld des Mörders wiegt die seinige selten auf; denn Verläumdung ist eine gefährlichere Waffe als ein Schwert, ihre Wunden sind stets unheilbar. Wirklich giebt es nur eine Art des Mordes, und zwar die niedrigste und abscheulichste von allen, die mit dem hier gerügten Laster ihrer Aehnlichkeit wegen verglichen werden kann, und das ist Vergiftung; – ein so niedriges Mittel zur Rache, und doch so abscheulich, daß einst unsere Gesetze es von allen andern Arten des Mordes durch eine besondere Strenge in der Bestrafung weise unterschieden. Außer dem furchtbaren Unheil, das durch Verläumdung gestiftet worden ist, und der Gemeinheit des Mittels, wodurch es vollbracht wurde, giebt es noch andere Umstände, die uns dieses Laster um so viel häßlicher erscheinen lassen: oftmals nämlich bietet sich seinem Ausbruche gar keine Veranlassung und selten ein Lohn dar, es müßte denn irgend eine schwarze teuflische Seele in dem Gedanken, einem Andern Ruin und Elend bereitet zu haben, einen Lohn sehen. Shakspeare hat dieses Laster herrlich geschildert, indem er sagt: »wer mir mein Geld stiehlt, stiehlt eine Lumperei, 's ist etwas, nichts; 's war mein, 's ist sein und 's war der Sclav von Tausenden; der aber, der mir meinen guten Namen stiehlt, nimmt mir etwas, das ihn nicht reich, mich aber wirklich arm macht!« Mit diesem Allen wird der geneigte Leser ohne Zweifel einverstanden sein; aber vieles davon wird ihm wahrscheinlich zu streng scheinen, wenn es auf den Verläumder von 4 Büchern angewendet wird. Aber man bedenke nur, daß bei beiden dieselbe Ruchlosigkeit der Gesinnung angetroffen wird, und daß beide gleich weit entfernt sind, sich mit der Versuchung entschuldigen zu können. Auch werden wir das auf diesem Wege zugefügte Unrecht nicht als so geringfügig betrachten, wenn wir ein Buch als des Autors Sprößling, als das Kind seines Geistes ansehen. Derjenige Leser, der seine Muse bisher im Zustande der Jungfräulichkeit verharren ließ, kann nur eine undeutliche Vorstellung von dieser Art Vaterliebe haben. Auf ihn könnten wir den empfindsamen Ausruf Macduff's parodiren: »Ach! Du hast kein Buch geschrieben.« Aber der Schriftsteller, dessen Muse geboren hat, wird das Rührende darin empfinden, wird mir vielleicht unter Thränen beistimmen (zumal wenn sein Sprößling bereits nicht mehr ist), wenn ich der Unbehaglichkeit gedenke, mit der die schwangere Muse ihre Bürde umherträgt, der Schmerzensarbeit, unter der sie gebiert, und endlich der Sorgfalt und Liebe, mit welcher der zärtliche Vater seinen Liebling nährt, bis er ihn zur Reife gebracht und in die Welt eingeführt hat. Auch kann es keine Vaterliebe geben, die weniger auf reinem Instinkt zu beruhen scheint, und die sich so wohl mit Weltklugheit verträgt als diese. Diese Kinder können mit dem vollsten Rechte die Reichthümer ihres Vaters genannt werden; und viele derselben haben ihren Vater in seinen alten Tagen mit wahrhaft kindlicher Treue ernährt: so daß der Schriftsteller durch diese Verläumder, deren giftiger Athem seinem Buche ein frühzeitiges Ende bereitet, nicht allein in seinen Gefühlen, sondern auch in seinem Interesse auf's Tiefste verletzt werden kann. Endlich ist der Verläumder eines Buchs in Wahrheit der Verläumder des Verfassers: denn so wie Niemand einen 5 Andern Bastard nennen kann, ohne der Mutter den Namen einer Hure beizulegen; eben so wenig kann Jemand ein Buch als ein abgeschmacktes und elendes Machwerk schildern, ohne den Verfasser einen Strohkopf zu nennen, was, wenn es auch von moralischer Seite genommen immer noch erträglicher ist, als ein Bösewicht genannt zu werden, doch vielleicht für sein weltliches Interesse von größerem Nachtheile sein kann. Wie spaßhaft nun auch Einigen dies alles erscheinen mag, so werden doch Andere, wie ich nicht zweifle, die darin enthaltene Wahrheit fühlen und anerkennen; ja vielleicht, daß sie sogar der Meinung sind, ich habe den Gegenstand nicht mit dem erforderlichen Ernst behandelt; aber man kann ja auch lächelnd die Wahrheit reden. In der That, ein Buch boshafter oder muthwilliger Weise herabzuwürdigen, ist zum wenigsten ein sehr schlechter Dienst; und einen mürrischen und knurrenden Kritiker kann man meines Bedünkens immerhin für einen boshaften Mann halten. Ich will daher in dem noch übrigen Theile dieses Kapitels die Merkmale eines solchen näher anzugeben versuchen, um zu zeigen, welcher Art Kritik ich hiermit begegnen will; denn unmöglich kann man mich so verstehen, höchstens könnten es gerade die Personen, die hier gemeint sind, als behauptete ich, es gäbe keine fähigen Beurtheiler von Schriften, oder als suchte ich irgend einen jener vortrefflichen Kritiker, deren Arbeiten die gelehrte Welt so viel verdankt, aus dem Staate der Literatur auszuschließen. Zu diesen gehören Aristoteles, Horaz und Longinus unter den Alten; Dacier und Bossu unter den Franzosen, und vielleicht auch einige von unsrer Nation, die allerdings in foro literario eine richterliche Autorität auszuüben berechtigt gewesen sind. 6 Ohne aber alle die erforderlichen Eigenschaften eines Kritikers festzustellen, auf die ich an einem andern Orte hingedeutet habe, denke ich kühn der Beurtheilung eines jeden entgegen treten zu können, der das Werk, dem dieselbe gilt, gar nicht gelesen hat. Von solchen Recensenten wie diese, mögen sie nun, was sie vorbringen, selbst gerathen oder vermuthet oder aus den Berichten und Ansichten Anderer geschöpft haben, kann man füglich sagen, sie verläumden den Ruf des Buches, das sie verurtheilen. Auch von denen möchte sich wohl das Gleiche behaupten lassen, welche, ohne sich auf die Anführung einzelner Fehler einzulassen, das Ganze in allgemeinen und herabwürdigenden Ausdrücken tadeln, als da sind: leeres, abgeschmacktes, langweiliges Gewäsch \&c. \&c. und namentlich durch den Gebrauch des Wortes gemein . Ferner, wenn gleich einige Fehler in dem Werke richtig angezeigt sein können, wird es dennoch, wenn diese nicht die wesentlichsten Theile betreffen, oder wenn sie durch größere Schönheiten aufgewogen werden, vielmehr nach der Bosheit eines Verläumders als nach dem Ausspruche eines wahren Kritikers schmecken, ein strenges Urtheil über das Ganze zu fällen, blos um eines fehlerhaften Theiles willen. Dieses steht im geraden Gegensatze zu dem Ausspruche des Horaz: Verum ubi plura nitent in carmine, non ego paucis Offendar maculis, quas aut incuria fudit, Hut humana parum cavit natura – Denn, wie Martial sagt, aliter non fit, avite, liber : anders ist nie ein Buch geschrieben worden. Alle Schönheit, des Charakters sowohl als des Gesichts oder überhaupt jedes Theiles vom Menschen muß nach diesem Maßstabe beurtheilt werden. Es wäre wirklich grausam, wenn ein Werk wie 7 dieser Roman, das so viele tausend Stunden Arbeit gekostet hat, sollte verworfen werden, weil ein oder das andere Kapitel, oder einige, gerechten Tadel verdiente. Und gleichwohl ist nichts gewöhnlicher als die strengsten Urtheile über Bücher, und zwar unterstützt durch solchen Tadel, der, wenn er gegründet wäre (was er nicht immer ist), dem Ganzen keineswegs zum Verdienste gereichen würde. Im Theater namentlich wird ein einziger Ausdruck, der nicht nach dem Geschmacke der Zuhörer oder auch eines einzelnen Kritikers dieser Versammlung ist, ausgepfiffen; und wird eine Scene mißbilligend aufgenommen, so ist auch das ganze Stück gefährdet. Innerhalb so strenger Regeln wie diese zu schreiben ist eben so unmöglich, als nach den Anforderungen mürrischer Pedanten zu leben; und wenn wir nach den Gesinnungen mancher Kritiker und mancher Christen gehen wollen, so wird kein Schriftsteller erlöset werden auf dieser Welt und kein Mensch in der andern. Zweites Kapitel. Was sich mit Sophie nach ihrer Abreise von Upton zutrug. Unmittelbar ehe wir uns in unserer Erzählung etwas zurückzugehen genöthigt sahen, hatten wir von der Abreise Sophiens und ihres Mädchens aus dem Wirthshause berichtet; wir werden daher diesem liebenswürdigen Wesen jetzt weiter folgen und verlassen ihren unwürdigen Geliebten, damit er sein Mißgeschick oder vielmehr sein Mißverhalten ein wenig länger betrauern könne. Sophie hatte ihrem Führer den Befehl gegeben, sie auf Nebenwegen durch das Land zu geleiten. Sie gingen jetzt über die Savern und waren kaum eine halbe Stunde von dem Wirthshause entfernt, als die junge Dame, während 8 sie sich einmal umsah, mehrere Pferde in vollem Laufe hinter ihnen herkommen sah. Dies versetzte sie in große Unruhe, weshalb sie den Führer zur größtmöglichen Eile aufforderte. Er gehorchte ihr sogleich, und so flogen sie denn in gestrecktem Trabe dahin. Allein je schneller sie ritten, desto eiliger folgte man ihnen; und da die hinteren Pferde schneller waren als die vorderen, so wurden diese endlich eingeholt. Es war ein glücklicher Umstand für die arme Sophie, die durch Furcht und Ermattung fast gänzlich erschöpft war; denn sie fühlte sich augenblicklich beruhigt, als eine weibliche Stimme sie in einem freundlichen und äußerst höflichen Tone begrüßte. Diesen Gruß erwiederte Sophie, sobald sie wieder etwas Athem geschöpft hatte, mit gleicher Höflichkeit und mit dem Gefühle der größten Herzenserleichterung. Die Reisenden, welche sich an Sophie anschlossen und ihr so viel Angst verursacht hatten, bestanden, gleich ihrer eigenen Gesellschaft, aus zwei Frauen und einem Führer. Beide Parteien ritten gegen eine Meile Weges zusammen, ehe eine zum Sprechen wieder den Mund öffnete, bis die Heldin unserer Erzählung, nachdem sie ihre Furcht so ziemlich überwunden hatte (aber doch etwas befremdet war, da die andere sich noch immer zu ihr hielt, da sie doch keiner großen Straße folgte und bereits mehrere Krümmungen passirt war), die fremde Dame in sehr verbindlichem Tone anredete und sagte, sie wäre hocherfreut, wahrzunehmen, daß sie beide denselben Weg reisten. Die andere, die, wie ein Geist, nur angeredet sein wollte, antwortete sogleich, daß das Vergnügen ganz auf ihrer Seite wäre, daß sie diese Gegend ganz und gar nicht kennte und sich deshalb glücklich schätzte, eine Gefährtin gefunden zu haben; daß sie sich vielleicht einer Zudringlichkeit schuldig gemacht habe, um deretwillen sie um Verzeihung bitten müsse, indem sie 9 nämlich gleichen Schritt mit ihr halte. Aehnlicher Höflichkeiten wurden zwischen diesen beiden Damen mehr gewechselt; denn Mamsell Honour hatte dem feinen Anzuge Platz gemacht und war zurückgeblieben. Aber obgleich Sophie sehr neugierig war zu wissen, warum die andere Dame sich immer noch auf einem und demselben Nebenwege zu ihr hielt, ja, obgleich es ihr einiges Unbehagen, ja sogar Furcht verursachte, so hielt sie doch ihre Bescheidenheit, oder irgend eine andere Rücksicht von der Frage darnach zurück. Die fremde Dame hatte mit einer Unannehmlichkeit zu kämpfen, deren Erwähnung die Würde der Geschichte kaum gestattet. Ihre Kopfbedeckung war ihr in der letzten halben Stunde nicht weniger als fünf Mal vom Kopfe gewehet worden: und sie konnte kein Band oder Tuch finden, um jene damit zu befestigen. Als Sophie dies wahrgenommen hatte, erbot sie sich sogleich, ihr mit einem Tuche auszuhelfen; während sie es aber aus der Tasche zog, mochte sie wohl die Führung ihres Pferdes zu sehr vernachlässigt haben, denn das Thier stolperte, fiel auf die Kniee nieder und warf seine schöne Reiterin von seinem Rücken. Obgleich Sophie kopfüber auf den Boden kam, so nahm sie doch glücklicherweise nicht den geringsten Schaden; und der nämliche Umstand, der vielleicht zu ihrem Falle beigetragen hatte, schützte sie jetzt vor Verlegenheit; denn der Weg, den sie gerade ritten, war schmal und mit überhängenden Bäumen besetzt, so daß der Mond sein Licht nur spärlich hereinwerfen konnte und überdieß in diesem Augenblicke von einer Wolke so verfinstert wurde, daß es fast ganz dunkel war. Dadurch kam es, daß das Schaamgefühl der jungen Dame, das ungemein zart war, eben so wenig verletzt ward als ihre Glieder, und sie saß wiederum in ihrem Sattel, ohne durch ihren Sturz etwas anderes als einen kleinen Schreck davon getragen zu haben. 10 Das Licht brach endlich in seinem ganzen Glanze hervor, und jetzt, da die beiden Damen, während sie neben einander über einen Anger ritten, einander ins Gesicht sahen, blieben ihre Augen starr auf einander geheftet, beide hielten ihre Pferde an und beide riefen gleichzeitig und mit gleich großer Freude, die eine den Namen Sophie, die andere den Namen Henriette aus. Dieses unerwartete Zusammentreffen überraschte die Damen weit mehr, als es, wie ich mir einbilde, den scharfsinnigen Leser überraschen wird, der jedenfalls errathen hat, daß die fremde Dame niemand anderes als Madame Fitzpatrick, Fräulein Western's Cousine, sein konnte, von der wir oben berichteten, daß sie wenige Minuten nach ihr das Wirthshaus verlassen hätte. So groß war die Ueberraschung und Freude der beiden Cousinen über dieses Zusammentreffen (denn sie waren früher die vertrautesten Freundinnen gewesen und hatten zusammen bei ihrer Tante Western gelebt), daß es unmöglich ist, nur die Hälfte der Freudenbezeigungen wieder zu erzählen, die sie austauschten, ehe eine jede der andern eine sehr natürliche Frage vorlegte, nämlich die, wohin sie eigentlich wollte? Diese Frage kam jedoch endlich zuerst von Madame Fitzpatrick; aber, so ungezwungen und natürlich auch die Frage scheinen mag, Sophie fand es schwer, sogleich eine bestimmte Antwort darauf zu geben. Sie bat daher ihre Cousine, ihre Neugierde zu verschieben, bis sie in ein Gasthaus kommen würden, »und das,« sagte sie, »wird vermuthlich nicht lange mehr dauern; auch kannst Du mir glauben, Henriette, daß ich meinerseits bis dahin nicht weniger Neugierde zu bezwingen habe; denn ich glaube wirklich, daß unser beiderseitiges Erstaunen ziemlich gleich groß ist.« 11 Die Unterhaltung, welche diese Damen unterwegs führten, verdient, meines Erachtens nach, keiner besonderen Erwähnung, und sicherlich noch weniger die der beiden Kammermädchen, die sich ebenfalls einander höflich begrüßten. Was die Führer anlangt, so war ihnen das Vergnügen der Unterhaltung dadurch abgeschnitten, daß der eine die Vorhut und der andere die Nachhut bilden mußte. So ritten sie mehrere Stunden fort, bis sie auf eine breite und gebahnte Straße gelangten, die sie bald an ein sehr einladend aussehendes Gasthaus brachte, vor dem sie alle abstiegen; nur Sophie, die so sehr ermüdet war, daß sie sich in der letztern Zeit nur mit großer Mühe hatte auf dem Pferde erhalten können, sah sich außer Stande, ohne fremden Beistand herabzukommen. Der Wirth, der ihr Pferd am Zügel gefaßt hatte und dies sogleich bemerkte, erbat sich, sie herabzuheben, was sie auch sehr gern annahm. Es schien wirklich, als ob es Sophiens Geschick darauf angelegt gehabt hätte, ihr diesen Tag Verlegenheiten zu bereiten, und dieser zweite boshafte Versuch gelang besser als der erste; denn unser Wirth hatte die junge Dame nicht sobald in seinen Armen aufgenommen, als ihm seine Füße, denen die Gicht nur noch vor Kurzem sehr hart zugesetzt hatte, abgingen, und er zu Boden fiel, wobei er es jedoch mit ebenso viel Gewandtheit als Galanterie, so einzurichten wußte, daß er unter seine reizende Bürde zu liegen kam und somit die Quetschungen vom Falle allein auf sich nahm; denn alles was Sophie davontrug, war eine Kränkung ihres Schaamgefühls, die sie empfand, als sie beim Aufstehen die Gesichter der meisten Umstehenden zu einem unmäßigen Lachen verzerrt sah. Dies lies sie ahnen, was eigentlich geschehen sei und was wir aus Rücksicht gegen diejenigen Leser, die über eine Verletzung der Schaamhaftigkeit junger Damen lachen können, hier nicht wieder erzählen 12 werden. Ereignisse solcher Art haben wir nie komisch behandelt; auch nehmen wir keinen Anstand, zu behaupten, daß der einen sehr unrichtigen Begriff von dem Schaamgefühl einer schönen jungen Dame haben müßte, welcher es einem so armseligen Vergnügen, wie das Lachen gewähren kann, aufopfern wollte. Schreck und Schaam, verbunden mit der großen Ermattung, hatten Sophien dergestalt angegriffen, daß sie kaum noch Kraft genug hatte, auf den Arm ihres Mädchens gelehnt, in das Gasthaus zu wanken. Hier hatten sie sich kaum niedergelassen, als sie nach einem Glase Wasser verlangte, statt dessen aber Mamsell Honour, was meiner Meinung nach sehr klug war, ein Glas Wein brachte. Madame Fitzpatrick, die von Mamsell Honour erfuhr, daß Sophie die letzten zwei Nächte in kein Bett gekommen war und sie sehr blaß und erschöpft fand, drang ernstlich in sie, sich durch einige Stunden Schlaf zu stärken. Sie war zwar unbekannt mit ihren letzten Schicksalen oder ihren Besorgnissen; aber sie würde selbst in dem Falle, daß sie dieselben gekannt hätte, keinen andern Rath gegeben haben; denn Ruhe war ihr offenbar nothwendig; und ihre lange Reise auf Nebenstraßen beseitigte so gänzlich alle Gefahr einer Verfolgung, daß sie selbst in dieser Beziehung außer aller Sorge war. Sophie war leicht überredet, dem Rathe ihrer Freundin zu folgen, worin ihr Mädchen ihr herzlich gern beistimmte. Madame Fitzpatrick erbot sich, ihrer Cousine Gesellschaft zu leisten, was von Sophien mit Vergnügen angenommen wurde. Die Herrin war nicht sobald zu Bett, als die Dienerin sich anschickte, ihrem Beispiele zu folgen. Sie bat ihre Schwester Zofe um Entschuldigung, sie an einem so schrecklichen Orte, wie ein Gasthof, allein zu lassen; aber die 13 andere, die sich nach einem Schläfchen nicht minder sehnte, unterbrach sie und bat um die Ehre, ihr Bett mit ihr theilen zu dürfen. Sophiens Mädchen erklärte sich dazu bereit, jedoch nicht ohne die ganze Ehre für sich in Anspruch zu nehmen. So gingen denn, nach vielen Höflichkeiten und Complimenten, die beiden Kammermädchen zusammen zu Bett, wie das zuvor ihre Gebieterinnen gethan hatten. Der Wirth hatte (wie das in der That bei seiner ganzen Collegenschaft der Fall zu sein pflegt) die Gewohnheit, sich bei allen Kutschern, Bedienten, Postillonen und andern umständlich nach den Namen aller seiner Gäste, nach ihren Gütern und wo sie lägen, zu erkundigen. Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß die mancherlei eigenthümlichen Umstände, welche bei unsern Reisenden auffielen, und namentlich, daß sie zu einer so ungewöhnlichen Stunde, wie zehn Uhr Morgens, schlafen gingen, seine Neugierde rege machten. Sobald daher die Führer in die Küche traten, fing er an, sie zu examiniren, wer die Damen wären und woher sie kämen, allein die Führer, obgleich sie getreulich alles berichteten, was sie wußten, konnten ihn nur wenig zufriedenstellen. Im Gegentheil, sie reizten seine Neugierde eher, als sie dieselbe stillten. Dieser Wirth stand bei allen seinen Nachbarn in dem Rufe, ein sehr kluger Patron zu sein. Man glaubte von ihm, er durchschaue die Dinge klarer und tiefer als irgend einer im Dorfe, selbst den Pfarrer nicht ausgenommen. Vielleicht hatte sein äußeres Ansehen nicht wenig dazu beigetragen, ihm diesen Ruf zu erwerben; denn es lag darin etwas merkwürdig Kluges und Bedeutungsvolles, namentlich, wenn er eine Pfeife im Munde hatte, und diese brachte er wirklich sehr selten heraus. Auch sein Anstand mochte zu der Meinung von seiner Klugheit mitgewirkt haben. In seinem Gange lag etwas Feierliches, wo nicht 14 etwas Phlegmatisches; und wenn er sprach, was selten geschah, so sprach er stets mit leiser Stimme, und unterbrach seine Bemerkungen, obgleich sie kurz waren, durch viele Hm's und Ha's und Ja Ja's und andere Flickwörtchen, so daß er, obschon er seine Worte mit gewissen erläuternden Gesten, als Schütteln oder Nicken mit dem Kopfe, oder Deuten mit dem Zeigefinger, begleitete, gemeiniglich seine Zuhörer glauben machte, er denke sich mehr als er ausspreche; ja er gab ihnen wohl auch selbst zu verstehen, daß er weit mehr wisse, als er mitzutheilen für gut halte. Dieser letzte Umstand dürfte wirklich allein hinreichen, um uns über die Bewandtniß, die es mit dem Rufe seiner Klugheit hatte, aufzuklären, indem die Menschen den sonderbaren Hang besitzen, das zu verehren, was sie nicht verstehen: ein großes Geheimniß, worauf schon mancher Betrüger seine Pläne und die Hoffnung ihres Gelingens gegründet hat. Dieser kluge Mann nun nahm seine Frau bei Seite und fragte sie, was sie wohl von den zuletzt angekommenen Damen dächte. – »Was ich von ihnen denke,« sagte die Frau, »nun, was soll ich von ihnen denken?« – »Ich weiß,« entgegnete er, »was ich denke. Die Führer erzählen sonderbare Dinge. Der eine will von Gloucester und der andere von Upton kommen; und keiner von beiden, so viel ich aus ihnen herausbringen kann, weiß mir zu sagen, wohin sie reisen. Aber was für Leute kommen über Land von Upton hierher, namentlich nach London? Und eines von den Kammermädchen fragte, ehe sie vom Pferde abstieg, ob das nicht die Londoner Straße wäre? Nun habe ich alle diese Umstände zusammengenommen, und was denkst Du wohl, wen ich aus ihnen herausgefunden habe?« – »Ja,« antwortete sie, »das weißt Du, daß ich mir nicht anmaße, Deine Entdeckungen zu errathen.« – »'S ist ein 15 gutes Kind,« versetzte er, indem er sie an das Kinn faßte; »ich muß sagen, in solchen Sachen hast Du Dich immer auf meine Klugheit verlassen. Nun denn, glaube mir; merke was ich sage, glaube mir, sie sind gewiß einige von den Rebellen-Damen, die, wie es heißt, mit dem jungen Ritter reisen und die einen Umweg gemacht haben, um der Armee des Herzogs auszuweichen.« »Mann,« sagte die Frau, »Du hast es sicher getroffen; denn eine von ihnen ist schön gekleidet wie eine Prinzessin; und wahrhaftig, sie sieht auch ganz so aus. Aber dennoch, wenn ich mir Eins überlege – –« – »Wenn Du Dir überlegst,« rief der Wirth verächtlich – – »Nun, laß doch hören, was Du Dir überlegst.« – »Nun ich meine nämlich,« antwortete die Frau, »daß sie zu bescheiden ist für eine große Dame; denn während unsere Betty das Bett wärmte, nannte sie dieselbe immer mein Kind, und meine Liebe, und mein Herzchen; und als sich Betty erbot, ihr die Schuhe und Strümpfe auszuziehen, nahm sie es nicht an und sagte, sie wolle sie nicht bemühen.« »Bah!« entgegnete der Mann, »das will nichts sagen. Du denkst wohl, weil Du manche große Dame untergebene Personen rauh und unhöflich hast behandeln sehen, keine wisse, wie sie sich gegen Niedere betragen soll? Ich denke ich verstehe mich auf die Vornehmen, wenn ich sie sehe. Ich denke es. Verlangte sie nicht ein Glas Wasser, als sie hereinkam? Eine andere Art Frauenzimmer hätte etwas Kräftigeres verlangt; das weißt Du doch. Wenn sie nicht eine Dame von hohem Range ist, sollst Du mich für dumm verkaufen; und ich glaube, wer mich dafür kauft, soll einen schlechten Handel gemacht haben. Sag', würde eine Dame von ihrem Stande wohl ohne einen Bedienten reisen, wenn nicht solche außerordentliche Umstände vorhanden wären?« – »Ja, das ist wahr, Mann,« sagte sie, »Du verstehst Dich 16 besser auf solche Dinge, als ich oder die meisten Leute.« – »Das wollt' ich meinen, daß ich mich etwas darauf verstehe,« sagte er. – »Wahrhaftig,« fuhr die Frau fort, »die arme Kleine sah so erbarmungswürdig aus, als sie sich auf den Stuhl niederließ, daß sie mich wirklich dauerte, fast so sehr als wenn sie ein armes Ding gewesen wäre. Aber was ist da zu thun, Mann? Wenn sie zu den Rebellen gehört, so stelle ich mir vor, Du wirst sie an den Hof verrathen wollen. Mag sie sein was sie will, jedenfalls ist sie eine freundliche gutmüthige Dame, und ich würde weinen müssen, wenn ich hörte, daß sie gehängt oder geköpft worden wäre.« – »Bah!« versetzte der Mann. »Was zu thun ist? das ist nicht so leicht gesagt. Ich hoffe, daß wir, ehe sie abreist, Nachricht von einer Schlacht erhalten sollen; denn wenn der Ritter (der Prätendent) die Oberhand behielte, so könnte sie uns bei Hofe von Nutzen sein und uns glücklich machen, ohne daß wir sie zu verrathen brauchten.« – »Ei das ist wahr,« meinte die Frau; »und ich will nur wünschen, daß es in ihrer Macht stehe. Das ist wahr, eine liebe gute Dame ist sie; es würde mir erschrecklich nahe gehen, wenn ihr ein Unglück zustoßen sollte.« – »Bah!« rief der Wirth, »Weiber sind immer so weichmüthig. Du wolltest doch nicht gar Rebellen beherbergen, oder wolltest Du?« – »Nein, gewiß nicht,« antwortete die Frau; »und wenn wir sie verrathen, so kann uns niemand tadeln, komme auch daraus, was da wolle. An unsrer Stelle würde jeder so handeln.« Während unser schlauer Wirth, der, wie wir sehen, nicht mit Unrecht bei seinen Nachbarn im Rufe großer Klugheit stand, die Sache noch bei sich überlegte (denn die Ansicht seiner Frau beachtete er wenig), trafen Nachrichten ein, daß die Rebellen dem Herzoge entwischt wären und einen Tagemarsch gegen London voraushätten. Bald darauf 17 kam ein berüchtigter jacobitischer Herr an, der dem Wirth die Hand schüttelte und mit freudestrahlendem Gesicht sagte: »Jetzt ist Alles gewonnen; zehntausend brave Franzosen sind in Suffolk gelandet. Es lebe Altengland! zehntausend Franzosen, mein lieber Mann!« Diese Neuigkeit bestärkte den klugen Wirth in seiner Vermuthung, und er beschloß, der jungen Dame seine Aufwartung zu machen, sobald sie aufgestanden sein würde: denn er hatte jetzt, wie er sagte, herausgebracht, daß sie niemand anders wäre als Jenny Cameron selbst. Drittes Kapitel. Ein kurzes Kapitel, in welchem nichts destoweniger eine Sonne, ein Mond, ein Stern und ein Engel erscheinen. Die Sonne war schon längst zur Ruhe gegangen, als Sophie aufstand wunderbar gestärkt durch den Schlaf, den sie, so kurz er auch war, einzig und allein ihrer außerordentlichen Ermüdung verdankte; denn obgleich sie ihrem Mädchen und vielleicht auch sich selbst gesagt hatte, daß sie sich, als sie Upton verließen, vollkommen wohl fühlte, so war doch sicher ihr Gemüth nicht ganz frei von jener Krankheit, welche von den ruheraubenden Symptomen eines Fiebers begleitet zu sein pflegt. Auch Madame Fitzpatrick verließ gleichzeitig mit ihr das Bett und kleidete sich, nachdem sie ihr Mädchen gerufen, sofort an. Sie war in der That eine sehr hübsche Frau und würde, wäre sie in anderer als Sophiens Gesellschaft gewesen, für schön haben gelten können; aber als Mamsell Honour aus freiem Antriebe erschien (denn ihre Herrin wollte nicht, daß sie geweckt würde) und unsere Heldin angekleidet hatte, erfuhren die Reize der Madame 18 Fitzpatrick, welche dem Morgensterne, dem Vorläufer und Verkünder größeren Glanzes, zu vergleichen war, das Schicksal jenes Sternes, – sie wurden mit dem Aufgange dieses Glanzes gänzlich verdunkelt. Vielleicht nie war Sophie schöner erschienen als in diesem Augenblicke. Wir können daher auch das Stubenmädchen des Gasthauses ihrer Hyperbel wegen nicht tadeln, wenn sie, nachdem sie Feuer angezündet hatte und wieder hinabgegangen war, erklärte und durch einen Schwur bekräftigte, wenn es jemals einen Engel auf Erden gegeben habe, so sei er jetzt in ihrem Hause eingekehrt. Sophie hatte ihre Cousine mit ihrem Plane, nach London zu gehen, bekannt gemacht und Madame Fitzpatrick sich bereit erklärt, sie zu begleiten; denn durch die Ankunft ihres Gemahls zu Upton fand sie sich veranlaßt, ihren Entschluß, sich nach Bath oder zu ihrer Tante Western zu begeben, abzuändern. Sobald sie also ihren Thee eingenommen hatten, machte Sophie den Vorschlag, aufzubrechen, weil es eine helle Mondnacht sei. Die Kälte achtete sie nicht viel, auch war sie frei von jener Furcht, die eine Reise zur Nachtzeit vielen jungen Damen verursacht haben würde; denn sie war, wie wir schon erwähnt haben, nicht ohne natürlichen Muth, und diesen steigerte ihre innere Aufregung, die nahe an Verzweiflung streifte, noch um ein Bedeutendes. Ueberdies war sie, da sie bereits zwei Nächte in Mondschein gereist war, ohne einen Unfall zu erleiden, um so kühner geworden, dies auch ein drittes Mal zu wagen. Madame Fitzpatrick war furchtsamer; denn obgleich die geringeren Schrecken vor den größeren in den Hintergrund getreten waren und die Gegenwart ihres Gemahls sie zu so ungewöhnlicher Stunde von Upton vertrieben hatte; so wirkten doch jetzt, wo sie sich vor seiner Verfolgung sicher hielt, diese geringeren Schrecken, diese Furcht vor ich weiß nicht 19 was, so mächtig auf sie ein, daß sie ihre Cousine dringend bat, bis zum nächsten Morgen zu bleiben, und sich nicht den Gefahren einer Nachtreise auszusetzen. Sophie, die überaus nachgiebig war, willigte endlich ein, da sie sah, daß sie ihre Cousine weder durch Scherze, noch durch Vernunftgründe von ihrer Furcht befreien konnte. Wenn sie freilich von ihres Vaters Ankunft in Upton etwas gewußt hätte, würde sie vielleicht schwerer zu überreden gewesen sein; der Gedanke, von Jones eingeholt zu werden, machte ihr, fürchte ich, keine große Sorge; ja ich glaube, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, sie wünschte es mehr, als daß sie es fürchtete; obgleich ich diesen Wunsch eben so gut hätte vor dem Leser geheim halten können, da er eine jener geheimen und flüchtigen Regungen der Seele ist, die oftmals von der Vernunft unbeachtet bleiben. Nachdem unsere jungen Damen die Nacht in dem Gasthofe zuzubringen beschlossen hatten, erhielten sie einen Besuch von der Wirthin, die sich erkundigte, was dieselben zu essen wünschten. Es lag ein so großer Zauber in Sophiens Stimme, in ihrem Wesen und in ihrem leutseligen Betragen, daß sie die Wirthin im höchsten Grade entzückte, und diese gute Frau, in der Meinung, sie habe Jenny Cameron ihre Aufwartung gemacht, von diesem Augenblicke an in eine vollkommene Jacobitin umgewandelt wurde und auch der Sache des jungen Prätendenten, um der großen Freundlichkeit und Leutseligkeit willen, mit der sie von seiner muthmaßlichen Herzensgebieterin behandelt worden war, alles Gedeihen wünschte. Die beiden Cousinen sprachen jetzt von Neuem gegenseitig ihre Neugierde aus und verlangten von einander zu wissen, welche außerordentlichen Ereignisse sie so unerwartet und auf so sonderbare Weise zusammengeführt hätten. Endlich begann Madame Fitzpatrick, nach dem Versprechen 20 Sophiens, ein Gleiches thun zu wollen, ihre Mittheilungen zu machen, die der Leser, wenn er ihre Lebensgeschichte kennen lernen will, im folgenden Kapitel nachlesen mag. Viertes Kapitel. Die Geschichte der Madame Fitzpatrick. Madame Fitzpatrick begann nach einer Pause von wenig Augenblicken und einem aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer folgendermaßen: »Es ist natürlich, daß der Unglückliche ein geheimes Interesse daran hat, sich in die Zeiten seines Lebens zurückzuversetzen, die für ihn die freudevollsten gewesen sind. Die Erinnerung an vergangene Freuden erfüllt uns mit einer Art wonniger Wehmuth, gleich der, mit welcher wir abgeschiedener Freunde gedenken, und die Vorstellungen von beiden lassen unsrer Einbildungskraft keine Ruhe. »Deshalb denke ich auch nie ohne Kummer an jene Tage (die allerglücklichsten meines Lebens), die wir unter der Aufsicht der Tante Western mit einander zubrachten. Ach. warum sind Fräulein Altklug und Fräulein Flatterhaft nicht mehr? Gewiß erinnerst Du Dich noch der Zeit, wo wir uns unter keinem andern Namen kannten. Wahrhaftig, Du gabst mir jenen Namen mit nur zu vollem Rechte. Ich habe seitdem erfahren, wie sehr ich ihn verdiente. Du, meine Sophie, übertrafst mich in allen Dingen und ich wünsche von Herzen, daß dies auch rücksichtlich Deines Lebensglücks der Fall sein möge. Ich werde nie des klugen und verständigen Rathes vergessen, den Du mir einst gabst, als ich mich beklagte, weil meine Hoffnung auf einen Ball vereitelt worden war, obgleich du damals kaum vierzehn Jahre alt sein mochtest. – O, meine Sophie, wie glücklich muß meine Lage gewesen sein, da ich die Vereitlung 21 einer solchen Hoffnung für ein Unglück halten konnte, und da es in der That das größte war, das ich bis dahin erfahren hatte!« »Und dennoch, liebe Henriette,« versetzte Sophie, »war es damals für Dich eine Sache von großer Wichtigkeit. Tröste Dich daher mit dem Gedanken, daß Dir das, was es auch immer sein möge, worüber Du jetzt zu klagen hast, vielleicht späterhin eben so unbedeutend und kleinlich erscheinen wird, als Dir jetzt ein Ball erscheinen würde.« »Ach, Sophie!« entgegnete die andere Dame, »Du selbst wirst von meiner gegenwärtigen Lage anders denken: denn Dein gefühlvolles Herz müßte sich sehr geändert haben, wenn Dir mein Mißgeschick nicht manchen Seufzer, ja manche Thräne entlocken würde. Der Gedanke daran sollte mich fast abhalten, Dir das zu erzählen, was, wie ich überzeugt bin, Dich schmerzlich berühren wird.« Hier hielt Madame Fitzpatrick inne, bis sie auf Sophiens wiederholte Bitten folgendermaßen fortfuhr: – »Obgleich Du vieles über meine Verheirathung gehört haben mußt, so will ich doch mit dem Anfange meiner unglücklichen Bekanntschaft mit meinem Gemahl beginnen. Diese entspann sich zu Bath, bald nachdem Du unsere Tante verlassen hattest und wieder zu Deinem Vater zurückgekehrt warst. »Unter den lebenslustigen jungen Männern, welche sich in jener Saison zu Bath aufhielten, war auch ein Herr Fitzpatrick. Er war schön, ungezwungen in seinem Benehmen, ungemein artig und zeichnete sich hinsichtlich seiner Kleidung vor den meisten Andern vortheilhaft aus. Kurz, meine Theure, wenn das Unglück wollte, daß Du ihn jetzt sehen solltest, so könnte ich Dir ihn nicht besser schildern, als wenn ich sagte, daß er gerade das Gegentheil von dem war, was er ist; denn er ist so sehr verbauert, daß er in jeder 22 Beziehung ein wilder Irländer geworden ist. Doch daß ich in meiner Erzählung fortfahre; seine damaligen Eigenschaften empfahlen ihn so sehr, daß er, obgleich sich die höhern Stände damals von der übrigen Gesellschaft abgesondert hielten und dieselbe von allen ihren Partien ausschlossen, sich dennoch bei ihnen Zutritt zu verschaffen wußte. Es war vielleicht nicht so leicht, ihn abzuweisen; denn es bedurfte bei ihm nur einer entfernt so aussehenden Einladung, oder auch gar keiner; und so wie er es, als ein schöner und artiger Mann, nicht sehr schwer fand, sich bei den Damen beliebt zu machen, so hüteten sich die Männer, ihn öffentlich zu beleidigen, weil er schon häufig seinen Degen gezogen hatte. Wäre das nicht der Fall gewesen, er würde glaube ich, bald von ihnen ausgestoßen worden sein; denn er hatte bestimmt keinen gerechten Anspruch auf eine Aufnahme unter den dortigen englischen Adel geltend zu machen; auch schien ihm derselbe nicht besonders geneigt zu sein. Alle schimpften hinter seinem Rücken auf ihn, was wohl aus Neid geschehen mochte; denn bei den Damen war er wohl gelitten und er ward von ihnen ganz besonders ausgezeichnet. »Meine Tante, obgleich selbst nicht von Adel, war dennoch, weil sie stets am Hofe gelebt hatte, in diesem Cirkel aufgenommen; denn auf welchem Wege man auch immer in denselben gelangt, ist man einmal darin, so ist es auch Verdienst genug, darin zu sein. Diese Beobachtung würdest Du, so jung Du auch warst, jedenfalls an der Tante haben machen müssen, denn ihr Benehmen gegen alle andere war entweder ungezwungen oder zurückhaltend, je nachdem sie dieses Verdienst in höherem oder geringerem Maße besaßen. »Und diesem Verdienste, glaube ich, verdankte auch Fitzpatrick ihre Gunst, die ihm in so reichlichem Maße zu Theil wurde, daß er auch in ihren vertrautesten Cirkeln niemals 23 fehlte. Er erwiederte diese Aufmerksamkeiten und sein Betragen gegen sie ward bald so auffallend, daß der Lästerclub anfing Notiz davon zu nehmen und die besser Gesinnten von einer Heirath zwischen ihnen sprachen. Ich für meinen Theil, ich gestehe es, setzte keinen Zweifel in seine ehrlichen Absichten, wie man das nennt, nämlich eine Dame mittelst Heirath um ihr Vermögen zu bringen. Meine Tante war, das sah ich ein, weder jung noch schön genug, um noch niedrigere Neigungen zu erwecken; aber für eine Ehe hatte sie Reize in Ueberfluß. »In dieser Ansicht bestärkte mich um so mehr die außerordentliche Aufmerksamkeit, die er von dem ersten Augenblicke unsrer Bekanntschaft an mir bewies. Dies erklärte ich mir so, als wollte er mich dadurch mit seiner Heirath, gegen die er mich vielleicht aus Interesse eingenommen glaubte, wo möglich in etwas versöhnen; und ich weiß es nicht, aber ich glaube wenigstens, daß sein Benehmen auch einigermaßen diesen Erfolg hatte; denn da ich mit meinem eigenen Vermögen völlig zufrieden war und nichts weniger als von eigennützigen Absichten beherrscht wurde, so konnte ich gegen einen Mann nicht sehr eingenommen sein, dessen Betragen mir ungemein gefiel, und zwar um so mehr, als ich der einzige Gegenstand solcher Auszeichnung war; denn gegen viele Damen von Stande beobachtete er gleichzeitig auch nicht die geringste Rücksicht. »War mir dies schon angenehm, so war es eine gewisse Veränderung, die sich in seinem Betragen gegen mich bald wahrnehmen ließ, vielleicht noch mehr. Er nahm jetzt ein sanfteres und zärtlicheres Wesen an und schmachtete und seufzte unaufhörlich. Zu Zeiten, ob es affectirt oder natürlich war, will ich nicht entscheiden, überließ er sich zwar seiner gewohnten ausgelassenen Lustigkeit; allein dies war stets in öffentlicher Gesellschaft und anderen Damen 24 gegenüber der Fall; denn selbst in einem Contretanze, in dem er nicht mein Tänzer war, ward er ernst und nahm den zärtlichsten Blick an, so wie er in meine Nähe kam. Kurz er zeichnete mich in jeder Hinsicht so auffallend aus, daß ich hätte blind sein müssen, um es nicht zu bemerken. Und, und, und –« »Und das freute Dich noch mehr, liebe Henriette,« rief Sophie: »Du brauchst Dich dessen nicht zu schämen,« setzte sie seufzend hinzu; »denn wahrhaftig es liegen unwiderstehliche Reize in der Zärtlichkeit, die leider zu viele Männer zu erheucheln fähig sind.« – »Wohl wahr,« versetzte ihre Cousine, »Männer, denen es in jeder andern Beziehung an gemeinem Menschenverstande fehlt, sind wahre Machiavels in der Kunst zu lieben. Ich wünschte, es wäre mir kein Beispiel bekannt. – – Genug, die Lästerzungen fingen nun an sich eben so eifrig über mich herzumachen, als zuvor über meine Tante; und einige gute Damen nahmen keinen Anstand zu behaupten, daß Herr Fitzpatrick einen Liebeshandel mit uns beiden unterhielte. »Aber was zum Verwundern scheinen mag, ist, daß meine Tante niemals bemerkte, oder nicht im Geringsten zu argwöhnen schien, was aus unser beider Betragen, meiner Meinung nach, deutlich genug ersichtlich war. Man möchte wirklich glauben, daß die Liebe die Augen einer alten Frau mit Blindheit schlüge. Denn wahrlich, sie verschlingen mit solcher Begierde die ihnen dargebrachten Huldigungen, daß sie, gleich einem unersättlichen Schlemmer, keine Muße finden zu beobachten, was am nämlichen Tische unter den Uebrigen vorgeht. Dies habe ich nicht blos in meinem Falle beobachtet, und es bestätigte sich bei meiner Tante in solchem Umfange, daß, obgleich sie uns bei ihrer Rückkehr vom Brunnen oft beisammen fand, die geringste, Ungeduld über ihre Abwesenheit ausdrückende Redensart von ihm in der That allen Verdacht zerstreute. Eine List 25 namentlich, deren er sich gegen sie bediente, gelang ihm ausnehmend. Er behandelte mich nämlich wie ein kleines Kind und nannte mich in ihrer Gegenwart nie anders als schönes Fräulein. Dies verletzte mich nun zwar ein wenig; allein ich durchschaute die Sache bald, vorzüglich da er mich in ihrer Abwesenheit, wie schon gesagt, ganz anders behandelte. Wenn mich nun aber auch ein Benehmen, dessen Zweck ich entdeckt hatte, nicht sehr beleidigte, so hatte ich dennoch schmerzlich darunter zu leiden; denn meine Tante nahm mich wirklich für das, wofür mich ihr Geliebter (denn dafür hielt sie ihn) scheinbar erklärte und behandelte mich in jeder Hinsicht ganz wie ein Kind. Fürwahr, ich wundere mich, daß sie nicht darauf gedrungen hat, mir wieder Gängelbänder anzulegen. »Endlich hielt es mein Geliebter (denn das war er) für schicklich, mir in feierlichster Form ein Geheimniß zu offenbaren, das mir schon längst bekannt gewesen war. Er trug jetzt alle Liebe, die er meiner Tante vorgespiegelt hatte, auf mich über. Er beklagte sich in sehr rührenden Ausdrücken über ihr ermunterndes Entgegenkommen und rechnete sich die langweiligen Stunden, die er bei ihrer Unterhaltung zugebracht hatte, zum Verdienst an. – Was soll ich Dir nun sagen, meine theure Sophie? – Wohlan, ich will die Wahrheit gestehen. Mein Mann gefiel mir, und ich war erfreut über meine Eroberung. Mit meiner Tante zu rivalisiren ergötzte mich; mit so vielen andern Frauen zu rivalisiren bezauberte mich. Kurz, ich besorge, daß ich mich, gerade nach der ersten Erklärung nicht so benommen habe, als ich sollte. – »Jetzt sprach man laut, ich möchte fast sagen, man schrie über mich. Mehrere junge Damen gaben sich den Schein, mich nicht zu kennen, weniger vielleicht aus einem reellen Argwohn, als um mich aus einer Gesellschaft zu 26 verbannen, in der ich ihren Liebling zu sehr an mich zog. Und hier kann ich nicht umhin, dankbar des Wohlwollens zu gedenken, das mir Herr Nash bewies, indem er mich eines Tages bei Seite nahm und mir einen Rath ertheilte, der, wenn ich ihn befolgt hätte, mir vieles Unglück erspart haben würde. Kind, sagte er, es thut mir leid zu sehen, daß ein so vertrautes Verhältniß zwischen Ihnen und einem Menschen stattfindet, der Ihrer durchaus unwürdig ist und, ich fürchte, Sie in's Verderben stürzen wird. Was Ihre alte häßliche Tante betrifft, so würde ich, wäre es nicht eine Ungerechtigkeit gegen Sie und meine liebliche Sophie Western (ich versichere Dich, daß ich seine Worte wiederhole) mich herzlich darüber freuen, daß sich der Mensch in Besitz aller ihrer Habseligkeiten setzte. Alten Frauenzimmern rathe ich nie: denn haben sie sich einmal in den Kopf gesetzt, zum Teufel zu gehen, so ist es eben so wenig mehr möglich, als der Mühe werth, sie davon abzuhalten. Unschuld und Jugend und Schönheit sind eines bessern Schicksals werth, und ich möchte sie gern vor seinen Klauen bewahren. Lassen Sie sich, liebes Kind, von mir rathen und dulden Sie es nie, daß dieser Mensch sich wieder Vertraulichkeiten gegen Sie erlaubt. – Er sagte mir noch vieles andere, was ich wieder vergessen habe, weil ich damals wirklich sehr wenig darauf achtete; denn meine Neigung widersprach allem, was er sagte; und überdies konnte ich mich nicht überreden, daß sich Frauen von Stande gegen einen Mann, wie er ihn mir schilderte, bis zu Vertraulichkeiten herablassen würden. »Aber ich fürchte, meine Liebe, Dich durch eine ausführliche Beschreibung so vieler unbedeutender Umstände zu ermüden. Um daher kurz zu sein, stelle Dir mich verheirathet vor, stelle Dir mich und meinen Gemahl meiner Tante zu Füßen liegend vor, und dann stelle Dir vor das 27 verrückteste Weib in Bedlam in einem Wuthanfalle, und Deine Einbildungskraft wird Dir nicht mehr vorhalten, als was sich wirklich ereignete. »Gleich den darauf folgenden Tag verließ meine Tante den Ort, theils um ein Zusammentreffen mit Fitzpatrick oder mir, theils auch wohl mit jedem andern zu vermeiden; denn, obgleich ich gehört habe, daß sie seitdem Alles standhaft geleugnet hat, so glaube ich doch, daß sie damals über ihre Täuschung ein wenig beschämt war. Nach dieser Zeit habe ich viele Briefe an sie geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten können, was, ich muß es gestehen, um so kränkender ist, als sie es doch gerade war, die, wenn auch absichtslos, den Grund zu allen meinen Leiden legte: denn wäre es Fitzpatrick nicht unter dem Scheine, ihr den Hof zu machen, möglich geworden, er würde nie hinreichende Gelegenheit gefunden haben, mein Herz zu gewinnen, das, wie ich mir noch jetzt schmeichle, unter andern Verhältnissen für einen solchen Mann keine so leichte Eroberung gewesen sein würde. Ueberhaupt glaube ich, ich würde mich nicht so gröblich in meiner Wahl geirrt haben, wenn ich mich auf mein eigenes Urtheil verlassen hätte; aber ich vertraute in allen Stücken der Meinung Anderer und hielt das Verdienst eines Mannes thörichter Weise für ausgemacht, weil ich ihn bei den Frauen so allgemein wohl aufgenommen sah. Worin liegt der Grund, liebe Sophie, daß wir, die wir in Hinsicht auf Verstand den Klügsten und Erfahrensten des andern Geschlechts nicht nachstehen, in der Wahl unserer Gesellschafter und Günstlinge so oft auf die albernsten Männer fallen? Es erregt meinen Unwillen im höchsten Grade, wenn ich an die Menge vernünftiger Frauen denke, die durch Narren unglücklich geworden sind.« Hier hielt sie einen Augenblick inne; aber da Sophie 28 keine Antwort gab, so fuhr sie fort wie das nächste Kapitel berichtet. Fünftes Kapitel. In welchem Madame Fitzpatrick ihre Erzählung fortsetzt. »Wir hielten uns nach unsrer Verheirathung nicht länger als vierzehn Tage in Bath auf: denn zu einer Versöhnung mit meiner Tante war keine Aussicht vorhanden, und von meinem Vermögen konnte, da ich meine Volljährigkeit nicht erlangt hatte, an welcher über zwei Jahre fehlten, noch nichts erhoben werden. Mein Gemahl hatte daher beschlossen, nach Irland zu gehen, wogegen ich sehr ernstlich protestirte, indem ich mich auf ein Versprechen verließ, das er mir vor unserer Verheirathung gethan hatte und das darin bestand, mich nie gegen meinen Willen zu dieser Reise veranlassen zu wollen; und in der That war es meine Absicht, nie darein zu willigen, und niemand, glaube ich, wird mich darum verdenken; aber davon erwähnte ich gleichwohl nichts gegen meinen Gatten, sondern bat blos um einen Monat Aufschub; allein er hatte den Tag festgesetzt, und er beharrte an diesem Tage unbeugsam bei seinem Vorsatze. »Den Abend vor unserer Abreise, als wir uns mit großer Heftigkeit über diesen Punkt stritten, stand er mit einemmale von seinem Stuhle auf und verließ mich eben so plötzlich, indem er sagte, er ginge in die Gesellschaftszimmer. Er war kaum hinaus, als ich am Fußboden ein Papier liegen sah, das er wahrscheinlich mit dem Taschentuche unversehens aus der Tasche gezogen hatte. Ich hob es auf, und da es ein Brief war, so nahm ich keinen Anstand, ihn zu öffnen und zu lesen; und ich habe ihn 29 wirklich so oft gelesen, daß ich Dir ihn fast Wort für Wort wiederholen kann. Der Brief war folgender: An Herrn Brian Fitzpatrick. »Mein Herr! »Zum Empfange Ihres Geehrten mich bekennend, bin ich erstaunt, daß Sie so an mir handeln, da ich noch nie Geld von Ihnen gesehen habe, außer für einen einzigen Rock von Halbtuch, und Ihre Rechnung beläuft sich nun auf mehr als 150 Pf. St. Bedenken Sie, wie oft Sie mich mit der Vertröstung hingehalten haben, Sie würden sich in Kurzem mit der oder jener Dame verheirathen; aber ich kann weder von Hoffnungen noch von Versprechungen leben, und den Tuchhändler kann ich davon auch nicht bezahlen. Jetzt sagen Sie mir, eine, die Tante oder die Nichte, wäre Ihnen gewiß, und die Tante, deren Witthum unermeßlich wäre, hätten Sie schon heirathen können, aber jetzt zögen Sie die Nichte vor, wegen ihres baaren Geldes. Ich bitte Sie, folgen Sie einmal dem Rathe eines Narren und heirathen Sie die erste, die Sie bekommen können. Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen einen Rath gebe, aber Sie wissen, wie aufrichtig ich Ihr Bestes wünsche. Ich werde per nächste Post auf Sie ziehen, Ordre Herrn John Drugget und Comp., zahlbar vierzehn Tage dato , was Sie ohne Zweifel honoriren werden, und somit bin ich »Ihr ergebener Diener, Sam. Cosgrave. «         »So lautete der Brief Wort für Wort. Denke Dir nun, Theure, denke Dir, welchen Eindruck dies auf mich machen mußte! »Jetzt zögen Sie die Nichte vor, wegen ihres baaren Geldes!« Wäre jedes dieser Worte ein Dolch gewesen, ich hätte sie ihm mit wahrem Vergnügen in das 30 Herz bohren können; aber ich will nichts davon erzählen, wie unsinnig ich mich damals geberdete. Meine Thränen waren noch vor seiner Wiederkehr so ziemlich erschöpft, doch waren noch hinreichende Spuren derselben in meinen rothgeweinten Augen sichtbar. Er warf sich ungestüm in einen Stuhl, und eine lange Zeit schwiegen wir beide still. Endlich sagte er in einem hochfahrenden Tone, ich hoffe, Madame, daß Ihre Leute alle Ihre Sachen eingepackt haben; denn der Wagen wird früh um sechs Uhr da sein. Meine Geduld war durch diese Herausforderung gänzlich überwältigt und ich antwortete: Nein, dieser Brief da ist noch uneingepackt, wobei ich denselben auf den Tisch warf und in die bittersten Vorwürfe, die ich nur ersinnen konnte, ausbrach. »Ob Schuld, ob Schaam oder Klugheit ihn in Schranken hielten, kann ich nicht sagen; aber trotzdem, daß er der leidenschaftlichste Mensch ist, wußte er doch seine Wuth damals zu zügeln. Er gab sich im Gegentheil Mühe, mich durch die gewinnendsten Mittel zu beruhigen. Er schwur, der Ausdruck in dem Briefe, worauf ich vorzüglich hindeutete, wäre nicht der seinige, auch hätte er niemals so etwas geschrieben. Er gestand allerdings ein, seiner Heirath und des mir gegebenen Vorzugs erwähnt zu haben, leugnete aber unter vielen Schwüren, einen solchen Grund dafür angegeben zu haben. Und er entschuldigte seine Erwähnung eines solchen Gegenstandes überhaupt damit, daß er in Geldverlegenheit gewesen wäre, als deren Grund er die durch seine zu lange Abwesenheit herbeigeführte Vernachlässigung seines Landgutes in Irland anführte. Dies mir zu entdecken, sagte er, hätte er nicht über sich gewinnen können, und darum allein habe er so fest auf unsrer Reise bestanden. Er wählte nun die zärtlichsten Ausdrücke und überhäufte mich endlich mit Liebkosungen und den wärmsten Versicherungen seiner Liebe. 31 »Ein Umstand war bei der Sache, der, obgleich er sich nicht darauf berief, bei mir sehr zu seinen Gunsten sprach, und das war das Wort Witthum in des Schneiders Briefe. Meine Tante ist aber doch nie verheirathet gewesen, und Herrn Fitzpatrick war das nicht unbekannt. Da ich mir also dachte, der Mann müsse das aus seinem eigenen Kopfe oder vom Hörensagen hinzugesetzt haben, so überredete ich mich, er könne es wohl ebenfalls mit jener verhaßten Zeile auf dieselbe Autorität hin versucht haben. Was für Schlüsse waren das nicht, liebe Sophie? war ich nicht eher ein Vertheidiger als ein Richter? Aber warum erwähne ich auch nur eines solchen Umstandes oder berufe mich auf ihn zur Rechtfertigung meiner Verzeihung? Denn hätte er auch zehnmal so viel Schuld auf sich gehabt und mir nur halb so viel Zärtlichkeit bewiesen, ich würde ihm doch verziehen haben. Ich machte nun keine Einwendungen weiter gegen unsere Reise, die wir am nächsten Morgen antraten und in wenig mehr als einer Woche beendet hatten, wo wir auf Fitzpatricks Landsitze eintrafen. »Deine Neugierde wird mich entschuldigen, wenn ich Einiges, das sich auf unsrer Reise zutrug, aus meiner Erzählung ausschließe: denn es würde mir wirklich sehr lästig werden, Dir die ganze Reisebeschreibung zu geben, und Du würdest Dich eben so wenig daran ergötzen. »Dieses Landhaus also ist ein altes Gebäude, das ich Dir, hätte ich noch jene alte Laune, in der Du mich so oft gesehen hast, lächerlich genug schildern könnte. Es sah aus als wäre es einstmals von einem Herrn bewohnt gewesen. Raum umfaßte es genug, um desto mehr, als es an Möbeln mangelte. Ein altes Weib, wohl eben so alt, wie das Haus, empfing uns vor der Thür und hieß mit einem, kaum einer menschlichen Stimme ähnlichen und mir unverständlichen Geheul ihren Herrn willkommen. Mit einem 32 Worte, die ganze Scene war so düster und traurig, daß mir aller Muth sank; und anstatt ihn wieder zu erheben, vermehrte mein Gemahl vielmehr meine Niedergeschlagenheit durch einige boshafte Bemerkungen. Es giebt, sagte er, wie Du siehst, außerhalb England auch noch gute Häuser; aber vielleicht wärst Du lieber in einer schmuzigen Wohnung zu Bath gewesen. »Glücklich, liebe Sophie, ist das Weib, das in allen Verhältnissen des Lebens einen guten Gatten zur Seite hat; doch warum denke ich an glückliche Umstände, die mir mein Elend nur noch drückender machen? Mein Gatte, weit entfernt, diese düstere Einsamkeit aufzuheitern, überzeugte mich bald, daß ich an jedem Orte und unter allen Umständen, unglücklich mit ihm gewesen sein müßte. Er war ein grämlicher Mensch, ein Charakter, wie er Dir vielleicht noch nie vorgekommen ist; denn Frauen bekommen ihn wirklich nur an Vätern, Brüdern oder Gatten zu sehen; und Dein Vater hat diesen Charakter nicht. Der Murrkopf war mir früherhin gerade als das Gegentheil von dem erschienen, was er jetzt war, und so auch allen andern. Guter Gott! wie ist es einem Manne nur möglich, mit seinem Betragen auswärts und in Gesellschaft beständig zu lügen und sich damit zu begnügen nur zu Hause in seiner unangenehmen Wahrheit zu erscheinen? Hier, scheint es, suchen sie sich für den lästigen Zwang zu entschädigen, den sie in Gesellschaft ihren Launen anlegen; denn ich habe die Bemerkung gemacht, daß mein Gemahl, je heiterer und fröhlicher gestimmt er jedes Mal in Gesellschaft gewesen, desto unfreundlicher und mürrischer zu mir zurückkehrte. Wie soll ich seine Grausamkeit schildern? Gegen meine Zärtlichkeit war er kalt und unempfindlich. Meine scherzhaften Einfälle, die Du, meine Sophie, und Andere so angenehm nanntet, wies er mit Verachtung 33 zurück. War ich ernst gestimmt, so sang und pfiff er; und wenn ich niedergeschlagen und trostlos war, so ward er ärgerlich und schmähete mich; denn obgleich ihm meine gute Laune nie recht war und er sie nicht meiner Zufriedenheit mit ihm zuschrieb, so beleidigte ihn gleichwohl stets meine trübe Stimmung, und er sah darin das Gefühl der Reue, einen Irländer (wie er sich ausdrückte) geheirathet zu haben. »Du wirst leicht begreifen, meine liebe Altklug (verzeihe mir, ich vergaß mich wirklich), daß, wenn ein Frauenzimmer im Sinne der Welt eine unkluge Heirath schließt, das heißt, wenn sie nicht so erbärmlich ist, sich von pecuniären Interessen bestechen zu lassen, dieselbe nothwendig eine herzliche Zuneigung für ihren Mann haben müsse. Eben so leicht wirst Du glauben, daß diese Zuneigung unter Umständen vermindert werden könne; ja, ich sage Dir, Verachtung wird sie gänzlich ausrotten. Und Verachtung war es, was mich jetzt gegen meinen Gatten erfüllte, indem ich zu der Ueberzeugung gelangte, daß er – ich muß den Ausdruck brauchen – ein Erzdummkopf ist. Vielleicht wirst Dich wundern, daß ich diese Entdeckung so spät erst machte; aber Frauen suchen und finden tausend Entschuldigungen für die Geistarmuth derjenigen, die sie lieben: überdies, erlaube mir, dies zu bemerken, gehört ein geübter Scharfblick dazu, einen Thoren hinter der Maske geselligen Anstriches und guter Erziehung herauszufinden. »Du kannst Dir leicht denken, daß mir, sobald ich meinen Gatten einmal verachtete, was, ich gestehe, sehr bald geschah, auch seine Gesellschaft unangenehm wurde, mit der er mir jedoch zu meinem Glücke sehr selten lästig fiel; denn unser Haus war jetzt auf das Eleganteste ausgestattet, unsere Keller reichlich versorgt und Hunde und Pferde die Menge vorhanden. Da nun mein Herr Gemahl seine Nachbarn sehr gastfreundschaftlich bewirthete, so stellten sich diese 34 auch sehr fleißig bei ihm ein, und Jagen und Trinken nahm so viel von seiner Zeit in Anspruch, daß nur ein kleiner Theil seiner Unterhaltung, das heißt, seiner übeln Laune auf mich kam. »Glücklich würde ich mich geschätzt haben, wenn ich eben so leicht alle übrige unangenehme Gesellschaft hätte von mir fern halten können; aber ach! es gab eine solche, die mich nie verließ und die mich ohne Unterlaß quälte, um so mehr, als ich keine Aussicht vor mir sah, mich von derselben zu befreien. Diese Gesellschaft waren meine eigenen folternden Gedanken, die mir Tag und Nacht keine Ruhe gönnten. In dieser Gemüthsverfassung durchlebte ich eine Periode meines Lebens, deren Qualen sich weder beschreiben noch denken lassen. Stelle Dir es vor, meine Theure, wenn Du es kannst, was ich gelitten haben muß. Ich ward Mutter von dem Manne, den ich geringschätzte, den ich haßte und verabscheute. Alle Angst, alle Schmerzen habe ich durchgekämpft, die ein Kindbett in einer Einöde, oder vielmehr unter einem Gewühle von wildem Jubel und Toben, ohne einen freundlichen Beistand, oder ohne irgend eines jener angenehmen Verhältnisse, welche unter solchen Umständen oftmals die unserm Geschlecht zuertheilten Schmerzen lindern und vielleicht bisweilen mehr als aufwägen, nur immer mit sich bringen kann.« Sechstes Kapitel. In welchem Sophie durch den Irrthum des Wirths in außerordentliche Bestürzung versetzt wird. Madame Fitzpatrick war eben im Begriff, in ihrer Erzählung weiter fortzufahren, als sie durch das Auftragen 35 des Mittagessens unterbrochen wurde, und zwar zum großen Leidwesen Sophiens, welcher das Unglück ihrer Freundin so sehr zu Herzen gegangen war, daß sie kein anderes Bedürfniß fühlte, als die Befriedigung ihrer Neugierde durch den ferneren Bericht der Madame Fitzpatrick. Der Wirth erschien jetzt mit einem Teller unter dem Arme und mit eben so viel Respect in Miene und Haltung, als er gezeigt haben würde, wenn die Damen in einem Wagen mit Sechsen angekommen gewesen wären. Die verheirathete Dame schien weniger von ihrem Unglück ergriffen als ihre Cousine; denn die erstere ließ es sich trefflich schmecken, während die letztere kaum einen Bissen anrührte. So sah man auch die Bekümmerniß Sophien mehr an als der andern Dame, die, sobald sie dies auf ihrem Gesicht wahrnahm, jene ruhig zu sein bat, indem sie sagte: »Vielleicht kommt alles besser, als wir es beide erwarten.« Unser Wirth hielt diese Gelegenheit für passend, seinen Mund zu öffnen. »Ich bedaure,« sprach er, »daß Ew. Gnaden nicht essen können; denn nach so langem Fasten müssen Sie doch gewiß hungrig sein. Ich hoffe, daß Ew. Gnaden sich durch nichts beunruhigt fühlen; denn, wie Madam so eben sagen, alles kann einen bessern Ausgang nehmen, als irgend jemand erwartet. Ein Herr, der so eben hier war, brachte die erfreulichsten Nachrichten; und vielleicht erreichen die Leutchen, welche den andern entwischt sind, London noch ehe sie eingeholt werden; und dann zweifle ich auch nicht, daß sie Viele finden werden, die sie mit offenen Armen aufnehmen.« Jeder, der in der Furcht vor einer Gefahr schwebt, verwandelt, was er auch sehen oder hören möge, in den Gegenstand dieser Furcht. Sophie zog daher aus der obigen Anrede sogleich den Schluß, daß sie erkannt wäre und von 36 ihrem Vater verfolgt würde. Sie gerieth daher in die höchste Bestürzung und war einige Minuten lang ihrer Sprache nicht mächtig, bekam dieselbe indessen bald wieder, um den Wirth zu bitten, daß er seine Leute hinausgehen hieß, und dann zu ihm zu sagen: »Ich sehe, daß Sie wissen, was wir sind; aber ich flehe Sie an – nein, ich bin überzeugt, wenn Sie einiges Mitleid fühlen, wenn Sie ein Herz haben, werden Sie uns nicht verrathen.« »Ich Ew. Gnaden verrathen!« sagte der Wirth; »nein (und das beschwor er hoch und theuer), eher wollte ich mich in zehntausend Stücken zusammenhauen lassen. Ich hasse alle Verrätherei. Ich! ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen verrathen, und so viel ist gewiß, daß ich mit einer so liebreichen Dame, wie Ew. Gnaden, nicht den Anfang machen werde. Alle Welt würde mir es sehr verargen wenn ich es thäte, da es in Kurzem in Ew. Gnaden Macht stehen wird, mich zu belohnen. Meine Frau kann mir es bezeugen, daß ich Ew. Gnaden den Augenblick erkannt habe, wie Sie in das Haus traten: ich sagte, daß Ew. Gnaden es wären, ehe ich Ihnen noch vom Pferde half, und ich werde die Beulen, die ich in Ew. Gnaden Dienste erhalten habe, mit ins Grab nehmen; aber was ist das dagegen, daß ich Ew. Gnaden gerettet habe? Allerdings würde heut Morgen mancher gedacht haben, eine Belohnung zu gewinnen; aber ein solcher Gedanke kam mir nie in den Kopf. Lieber wollte ich Hungers sterben, als eine Belohnung damit verdienen, daß ich Ew. Gnaden verriethe.« »Ich verspreche Ihnen,« sagte Sophie, »daß Ihnen, wenn es jemals in meiner Macht stehen sollte, Sie zu belohnen, Ihre Großmuth nicht zum Schaden gereichen soll.« »Ach, daß Gott, Madame!« entgegnete der Wirth, »in Ew. Gnaden Macht! Der Himmel gebe, daß es eben so 37 leicht in Ew. Gnaden Willen stehen möge. Ich fürchte, Ew. Gnaden werden so einen armen Mann, wie ein Gastwirth einer ist, vergessen; aber wenn es nicht wäre, so hoffe ich, Ew. Gnaden werden sich erinnern, welche Belohnung ich ausschlug.– ausschlug! das heißt, ausgeschlagen haben würde, was das nämliche ist; denn ich hätte sie gewiß haben können; und wahrhaftig, Sie hätten nicht in manchem Hause sein dürfen; – aber ich für meinen Theil möchte, glaube ich, um alles in der Welt nicht, daß Sie so arg von mir dächten, als wäre mir jemals in den Gedanken gekommen, Sie zu verrathen, zumal ehe ich noch die guten Nachrichten gehört hatte.« »Was für Nachrichten, bitte?« fragte Sophie etwas ungeduldig. »Haben Ew. Gnaden also nichts davon gehört?« rief der Wirth; »doch nein, schwerlich: denn ich hörte es erst vor wenigen Minuten; und wenn ich es nie gehört hätte, soll mich der Teufel diesen Augenblick holen, ich hätte Ew. Gnaden nicht verrathen, nein, so gewiß als mich« – hier ließ er noch verschiedene gräßliche Flüche folgen, die Sophie endlich durch die Bitte unterbrach, ihr doch die Nachrichten mitzutheilen, von denen er gesprochen hatte. Er wollte eben antworten, als Mamsell Honour ganz bleich und außer Athem in das Zimmer gelaufen kam und ausrief: »Fräulein, wir sind alle verloren, alle ruinirt! sie sind da, sie sind da!« Diese Worte machten Sophien fast starr vor Schrecken; aber Madame Fitzpatrick fragte Honour, wer denn da sei? – »Wer,« antwortete sie, »nun die Franzosen; mehrere hunderttausend sind gelandet und wir werden alle ermordet und entehrt werden.« Wie ein Armer, der in einer wohlgebauten Stadt eine elende Hütte besitzt, wenn er in einiger Entfernung davon durch Feuerlärm erschreckt wird, erblaßt und vor Angst 38 zittert; aber wenn er findet, daß nur die schönen Paläste niedergebrannt sind und seine Hütte verschont ist, sogleich zu sich selbst kommt und über sein Glück lächelt. oder wie (denn an dem vorigen Gleichnisse ist etwas, das uns nicht gefällt) eine zärtliche Mutter, wenn sie die Schreckensnachricht erhält, ihr geliebtes Kind sei ertrunken, vor Bestürzung alle Besinnung verliert und fast des Todes ist: aber wenn sie hört, ihr kleiner Liebling sei gerettet und die Victoria blos mit zwölfhundert Mann am Bord untergegangen, wieder auflebt, ihr Mutterherz, aller Furcht plötzlich entlastet, freudig schlägt und die allgemeine Menschenliebe, die sich zu anderer Zeit bei einer so schrecklichen Katastrophe lebendig geregt haben würde, tief in ihrem Busen schläft. So fühlte sich Sophie, der mehr als irgend jemandem die allgemeine Calamität des Landes zu Herzen gegangen sein würde, als sie die Nichtigkeit ihrer Befürchtung, von ihrem Vater eingeholt worden zu sein, erkannte, mit einem Male dergestalt erleichtert und beruhigt, daß die Ankunft der Franzosen kaum den geringsten Eindruck auf sie machte. Sie schalt ihr Mädchen mit sanften Worten, daß sie ihr einen solchen Schrecken eingejagt habe und sagte: »Ich bin froh, daß es nichts Schlimmeres ist; denn ich fürchtete, es wäre jemand anderes angekommen.« »Ja, ja,« meinte der Wirth lächelnd, »Ihre Gnaden kennen die Sachen besser; Sie wissen, daß die Franzosen gerade unsere besten Freunde sind, und daß sie nur zu unserm Besten hierherkommen. Sie sind es, die Altengland wieder aufhelfen sollen. Ich wette, Ew. Gnaden dachten, der Herzog wäre da; und das war Grund genug, Sie in Schrecken zu setzen. Ich wollte eben Ew. Gnaden die Nachricht mittheilen. – Sr. Gnaden Majestät, Gott möge sie segnen, ist dem Herzoge entwischt und marschirt gerade 39 auf London los, und zehntausend Franzosen sind gelandet, um sich unterwegs mit ihnen zu vereinigen.« Sophie fand kein sonderliches Behagen an diesen Neuigkeiten, eben so wenig an dem Manne, der sie berichtete; aber da sie noch immer glaubte, er kenne sie (denn es war nicht wohl möglich, daß sie von der eigentlichen Wahrheit eine Ahnung haben konnte), so durfte sie ihm davon nichts merken lassen. Der Wirth legte jetzt das Tischtuch zusammen und entfernte sich, wiederholte jedoch zuvor noch verschiedene Male die Hoffnung, daß er in Zukunft nicht werde vergessen werden. Sophien war durchaus nicht wohl zu Muthe bei dem Gedanken, in diesem Hause gekannt zu sein; denn sie bezog noch immer vieles auf sich, was der Wirth an Jenny Cameron gerichtet hatte; sie trug daher ihrem Kammermädchen auf, bei ihm nachzuforschen, wodurch er zu der Bekanntschaft mit ihrer Person gelangt sei, und wer ihm eine Belohnung für den an ihr zu begehenden Verrath angeboten habe; auch befahl sie, daß die Pferde früh um vier Uhr bereit gehalten werden sollten, zu welcher Stunde Madame Fitzpatrick ihr ihre Begleitung zugesagt hatte; und nun suchte sie sich so gut als möglich zu beruhigen und bat ihre Cousine, in ihrer Erzählung fortzufahren. Siebentes Kapitel. In welchem Madame Fitzpatrick ihre Erzählung beendet. Während Mamsell Honour im Auftrage ihrer Gebieterin eine Bowle Punsch bestellte und Wirth und Wirthin dazu einlud, fuhr Madame Fitzpatrick folgendermaßen in ihrer Erzählung fort: »Die meisten Officiere der in einer benachbarten Stadt 40 liegenden Garnison waren Bekannte meines Gemahls. Unter diesen befand sich ein Lieutenant, ein höchst angenehmer Mann, der eine, hinsichtlich der Eigenschaften ihres Gemüths sowohl als ihres Geistes, so überaus liebenswürdige Frau hatte, daß wir von unserer ersten Bekanntschaft an, die ich bald nach meinem Wochenbett machte, fast unzertrennlich waren: denn ich war so glücklich, ihr gleichfalls zu gefallen. »Der Lieutenant, der weder ein Trunkenbold noch ein eingefleischter Jäger war, leistete uns häufig Gesellschaft; überhaupt befand er sich sehr wenig bei meinem Gemahl und zwar nicht mehr als er Anstands halber mußte, in so fern er beständig unser Haus besuchte. Mein Gemahl drückte oft sein großes Mißvergnügen darüber aus, daß der Lieutenant meine Gesellschaft der seinigen vorzog: er war deshalb sehr ärgerlich auf mich und sagte mir manches harte Wort darüber, daß ich ihm seine Gefährten entzöge, indem er, mich zum Henker wünschend, hinzusetzte, ich hätte einen der bravsten Kerle von der Welt verdorben und einen Theekessel aus ihm gemacht. »Du würdest Dich irren, meine liebe Sophie, wenn Du glaubtest, mein Gemahl hätte mir um deswillen gegrollt, daß ich ihm einen Gesellschafter entzogen; denn der Lieutenant gehörte nicht zu denen, in deren Gesellschaft sich ein Schwachkopf wohl befinden konnte; und das auch angenommen, so hatte mein Gemahl doch so wenig Recht, mir den Verlust seines Gesellschafters beizumessen, daß ich die Ueberzeugung habe, meine Unterhaltung allein war es, die ihn noch stets in unser Haus zog. Nein, Kind, es war Neid, die erbärmlichste und gehässigste Art des Neides, der Neid um die Ueberlegenheit des Verstandes. Der Elende konnte es nicht ertragen, zu sehen, daß meine Unterhaltung der seinigen vorgezogen wurde, und zwar von einem Manne, auf den er nicht die mindeste Ursache haben konnte 41 eifersüchtig zu sein. O meine Sophie, Du bist ein verständiges Mädchen; wenn Du einen Mann heirathen solltest, der weniger geistige Fähigkeiten besäße als Du, dann suche ja zuvor seine Gemüthsart zu erforschen und prüfe, ob er es ertragen kann, sich einer solchen Ueberlegenheit zu fügen..– Versprich mir, Sophie, diesen Rath befolgen zu wollen; denn Du wirst späterhin seine Richtigkeit einsehen.« – »Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich mich überhaupt nie verheirathen werde,« antwortete Sophie; »ich denke wenigstens nie an einen Mann, an dessen Verstande ich Schwächen entdecken sollte: eher würde ich den meinigen nicht merken lassen, als klüger zu erscheinen als der Mann.« – »Alles andere,« entgegnete Madame Fitzpatrick, »könnte ich mich entschließen aufzugeben; nur den Verstand nicht. Die Natur würde dem Weibe diese Ueberlegenheit nicht in so vielen Fällen zugestanden haben, wenn sie beabsichtigt hätte, daß wir uns in allen Dingen dem Manne unterordneten. Dies verlangen übrigens verständige Männer gar nicht von uns, wovon mir der so eben erwähnte Lieutenant einen deutlichen Beweis gegeben hat; denn so einsichtsvoll er auch war, so gab er doch jederzeit zu (und er hatte Recht), daß es seine Frau noch in höherem Grade wäre. Und vielleicht war dies ein Grund, warum mein Haustyrann sie nicht leiden mochte. »Ehe er sich, sagte er, von einem Weibe, zumal einem so häßlichen (denn sie war allerdings keine regelmäßige Schönheit, besaß dagegen sehr viel Anmuth) hofmeistern ließe, eher möchten alle Weiber zur Hölle fahren, was ein Lieblingsausdruck bei ihm war. Er sagte ferner, er wundere sich, was ich nur an ihr finden könne, das mir ihre Gesellschaft so werth machte; seit diese Frau in unser Haus gekommen ist, fuhr er fort, hat es ein Ende mit unserm beliebten Vorlesen, das Dir nach Deinem Vorgeben so viel Vergnügen gewährte, daß Du nicht Zeit finden konntest, die Besuche der Damen aus der Umgegend zu erwiedern; und ich muß bekennen, daß ich in dieser Hinsicht ein wenig unartig gewesen bin; aber die Damen waren zum wenigsten nicht gebildeter als unsere Landedeldamen hier zu Lande und es bedarf bei Dir wohl keiner weitern Entschuldigung dafür, daß ich jedem näheren Umgange mit ihnen auswich. »Ein ganzes Jahr lang, gerade so lange als der Lieutenant in jener Stadt in Garnison stand, setzte ich diesen Umgang fort, um dessen Preis ich gern die oben angedeutete Behandlung meines Gemahls erduldete, zumal da er häufig abwesend war; denn einmal reiste er auf einen Monat nach Dublin, ein andermal auf ein paar Monate nach London. Ich war nur immer sehr froh, daß ich ihn nicht begleiten durfte, ja, durch seinen häufig ausgesprochenen Tadel derjenigen Männer, die nicht reisen könnten, ohne, wie er sich ausdrückte, eine Frau mitzuschleppen, gab er deutlich zu verstehen, daß, hätte ich ihn auch noch so gern begleiten wollen, mein Wunsch vergeblich gewesen wäre: aber, Gott weiß es, dieser Wunsch kam mir auch nicht entfernt in den Sinn. »Endlich wurde mein Freund aus unserer Gegend versetzt, und ich war wieder meiner Einsamkeit anheim gegeben und auf die Unterhaltung mit meinen eigenen qualvollen Gedanken und auf Lectüre, meinen einzigen Trostquell, hingewiesen. Ich las fast ganze Tage lang. Wie viel Bücher meinst Du wohl, daß ich innerhalb dreier Monate gelesen habe?« – »Ich kann das wirklich nicht rathen, Cousine,« antwortete Sophie. – »Vielleicht ein Dutzend!« – »Ein Dutzend! mehrere hundert, liebes Kind!« versetzte die andere. »Ich las viel in Daniel's Geschichte von Frankreich, in Plutarch, Pope's Homer, Dryden's Schauspielen, Chillingworth, Locke und andern. 43 »In jener Zeit schrieb ich auch drei, wie ich glaubte, sehr rührende Briefe an meine Tante; aber da ich auf keinen derselben eine Antwort bekam, so ließ es mein Stolz nicht zu, mich länger mit Bitten an sie zu wenden.« – Hier hielt sie inne, und nach einer kurzen Pause, in der sie Sophien prüfend angesehen hatte, sagte sie: »Ich glaube, meine liebe Sophie, in Deinen Augen etwas zu lesen, was mir wie ein Vorwurf, wegen Vernachlässigung einer andern Person aussieht, bei der mir eine freundlichere Begegnung zu Theil geworden wäre.« – »Deine Geschichte, liebe Henriette,« entgegnete Sophie, »ist eine Entschuldigung für jede Vernachlässigung; aber ich fühle freilich, mich ohne eine so gute Entschuldigung einer Nachlässigkeit schuldig gemacht zu haben. – – Doch ich bitte Dich, fortzufahren; denn ich bin auf den Ausgang begierig, ob ich gleich davor zittere.« Somit nahm Madame Fitzpatrick ihre Erzählung wieder auf und fuhr fort: »Mein Gemahl unternahm jetzt eine zweite Reise nach England, auf der er über drei Monate zubrachte, während welcher Zeit ich zum größten Theil ein Leben führte, das mir nichts als der Gedanke an ein noch traurigeres erträglich erscheinen ließ; denn nie läßt sich ein geselliges Gemüth wie das meinige mit gänzlicher Einsamkeit aussöhnen, außer wenn diese uns einer Gesellschaft überhebt, die uns verhaßt ist. Was die erbarmungswürdige Lage mir noch empfindlicher machte, war der Verlust meines Kindes: nicht daß ich damit sagen will, ich hätte jene grenzenlose Zärtlichkeit für dasselbe gefühlt, deren ich wohl unter andern Umständen fähig gewesen sein möchte; aber ich hatte den Vorsatz, in jeder Hinsicht die Pflichten der zärtlichsten Mutter gegen dasselbe zu erfüllen, und diese Sorge ließ mich die Last meines Elends weniger schwer empfinden. 44 Ich war volle zehn Wochen fast ganz allein auf mich selbst beschränkt gewesen, hatte jene ganze Zeit über außer meinen Dienstleuten und einigen wenigen Besuchenden niemanden gesehen, als eine junge Dame, eine Verwandte meines Mannes, aus einem entfernten Theile Irlands zum Besuch ankam. Sie hatte früher einmal eine Woche in unserm Hause zugebracht und ich hatte sie damals dringend um eine Wiederholung ihres Besuchs gebeten; denn sie war eine sehr angenehme Person, deren vortreffliche natürliche Anlagen durch eine geeignete Erziehung noch sehr gewonnen hatten. Mit einem Worte, sie war mir ein höchst willkommener Gast. »Nachdem sie einige Tage bei mir war und meine Niedergeschlagenheit bemerkt hatte, fing sie an, ohne nach deren Ursache zu fragen, weil sie dieselbe in der That recht wohl kannte, mir ihr Mitleid zu erkennen zu geben. Sie sagte, daß, wenn ich auch aus Rücksichten der Höflichkeit mich nicht gegen die Verwandten meines Gemahls über dessen Betragen beklagt hätte, sie doch alle schmerzlich davon berührt worden wären, am meisten aber sie selbst, auch machte sie mir endlich nach einigen allgemeinen Bemerkungen über diesen Gegenstand, denen ich meine Beistimmung nicht versagen konnte, unter dem Siegel der Verschwiegenheit die Mittheilung – daß sich mein Gemahl eine Maitresse hielt. »Diese Nachricht, wirst Du vielleicht glauben, müsse ich mit der größten Gleichgiltigkeit aufgenommen haben. – Dann muß ich Dir aber auf mein Wort versichern, daß Du Dich sehr geirrt hast. Die Verachtung hatte den Haß gegen meinen Gemahl nicht so sehr verdrängt, daß er bei dieser Gelegenheit nicht hätte von Neuem wieder aufleben sollen. Was mag die Ursache davon sein? Sind wir so abscheulich selbstsüchtig, daß wir Andern den Besitz selbst desjenigen mißgönnen, was wir verachten? Oder sind wir 45 nicht vielmehr grenzenlos eitel, und ist dies nicht die größte Verletzung unserer Eitelkeit? Was meinst Du dazu, Sophie?« »Ich weiß es wirklich nicht,« antwortete Sophie; »ich habe mich nie in dergleichen Betrachtungen vertieft; aber ich glaube, die Dame that sehr unrecht daran, Dir ein solches Geheimniß mitzutheilen.« »Und dennoch, meine Liebe, finde ich das sehr natürlich,« entgegnete Madame Fitzpatrick; »und wenn Du so viel erfahren und gelesen hast als ich, so wirst Du mir darin Recht geben.« »Ich bedaure zu hören, daß es natürlich ist,« erwiederte Sophie; »denn es bedarf weder der Lectüre noch der Erfahrung, mich zu überzeugen, daß es eben so wenig edel als liebreich ist: ja es zeugt nicht minder von Mangel an guter Erziehung, einem Gatten oder einer Gattin die Fehler des andern aufzudecken, als ihnen ihre eigenen vorzuhalten.« »Wohlan,« erzählte Madame Fitzpatrick weiter, »mein Gemahl kehrte endlich zurück, und urtheile ich ganz richtig über meine Gefühle, so haßte ich ihn jetzt mehr als je; aber ich verachtete ihn um so viel weniger, denn wahrhaftig, nichts vermindert unsere Verachtung in dem Grade, als eine Verletzung unseres Stolzes oder unserer Eitelkeit. »Er nahm jetzt ein von dem bisherigen so ganz verschiedenes und dem der ersten Woche unserer Ehe so nahe kommendes Betragen gegen mich an, daß, wäre mir nur ein Funken von Liebe übrig geblieben, derselbe vielleicht wieder zur Flamme geworden wäre. Allein wenn auch Haß an die Stelle der Verachtung treten und diese zurückdrängen kann, Liebe, glaube ich, kann es nicht. Die Wahrheit ist, die Leidenschaft der Liebe findet keine Befriedigung, wenn ihr diese nicht von dem geliebten Gegenstande 46 gegeben wird; und man kann eben so wenig für Liebe empfänglich sein ohne zu lieben, als Augen haben ohne zu sehen. Wenn daher ein Mann aufhört, der Gegenstand dieser Leidenschaft zu sein, so ist es höchst wahrscheinlich, daß irgend ein anderer – ich meine, liebe Sophie, wenn Dein Mann gleichgiltig gegen Dich wird – wenn es dahin kommt, daß Du ihn verachtest – – nämlich – das heißt, – wenn Du Liebe fühlst. – Mein Gott, ich habe mich so verwickelt – aber man kann bei solchen abstracten Betrachtungen leicht die Verkettung der Ideen verlieren, wie Locke sagt. – Kurz die Wahrheit ist – Kurz, kaum weiß ich, was sie ist; aber, wie gesagt, mein Gemahl kehrte zurück und ich war anfangs von seinem Betragen ganz überrascht; doch bald machte er mich mit der Ursache desselben bekannt und zeigte mir so, was ich davon zu halten hatte. Mit einem Worte also, er hatte mein ganzes baares Vermögen verwendet und verloren, und da er sein eigenes Gut nicht tiefer verpfänden konnte, so beabsichtigte er jetzt, sich die Mittel zu seinen Ausschweifungen durch den Verkauf eines mir zugehörigen kleinen Gutes zu verschaffen, was ohne meine Einwilligung nicht geschehen konnte; und diese zu erlangen war der ganze und der einzige Grund dieser Aenderung seines Betragens. »Ich verweigerte meine Einwilligung auf das Bestimmteste. Ich sagte ihm offen und ehrlich, daß, hätte ich zu Anfang unsrer Ehe die Schätze Indiens besessen, dieselben zu seiner Verfügung gestanden hätten, denn es wäre stets ein Grundsatz von mir gewesen, daß ein Weib, wohin sie ihr Herz giebt, dahin auch ihr Vermögen niederlegen solle; aber da er schon längst so gefällig gewesen wäre, mich wiederum in den Besitz des ersteren einzusetzen, so wäre ich auch entschlossen, das Wenige, was mir von dem letzteren übrig geblieben, zu behalten. 47 »Ich will Dir von der leidenschaftlichen Hitze, in welche diese Worte und der entschiedene Ton, in dem sie gesprochen wurden, ihn versetzten, keine Schilderung entwerfen: auch will ich Dich nicht mit der ganzen Scene belästigen, welche darauf folgte. Es kam nämlich, wie Du Dir wohl denken kannst, die Geschichte von der Maitresse auf das Tapet, und zwar mit all den Ausschmückungen, die verhaltener Groll und stolze Verachtung nur hinzuzusetzen vermögen. »Herr Fitzpatrick schien etwas bestürzt darüber und mehr verwirrt als ich ihn je gesehen hatte, obgleich seine Ideen, Gott weiß es, beständig verwirrt genug waren. Er machte gleichwohl keinen Versuch sich zu entschuldigen, sondern schlug eine Methode an, die mich fast in gleiche Verlegenheit brachte. Was konnte dies anderes sein als Gegenbeschuldigung! Er stellte sich eifersüchtig: – er mag vielleicht, denn was weiß ich, vermöge seiner Gemüthsart zur Eifersucht geneigt sein; ja sie mußte in seiner Natur liegen, oder der Teufel hatte sie ihm in den Kopf gesetzt; denn ich fordere die ganze Welt auf, mir einen Flecken meines Charakters nachzuweisen, wenn sie es mit Recht kann; ja die schmähsüchtigsten Zungen haben nie meinen Ruf tadeln dürfen. Dieser ist, Gott sei Dank, stets so fleckenlos gewesen, wie mein Leben; und die Lüge selbst darf es nicht wagen ihn anzutasten. Nein, so viel Kränkung, Mißhandlung und Unrecht mir auch für meine Liebe geworden ist, so habe ich doch fest beschlossen, nicht dem geringsten Vorwurf in dieser Beziehung Raum zu geben. – Und dennoch, meine Theure, giebt es so boshafte Menschen, so giftige Zungen, daß keine Unschuld vor ihnen sicher ist. Das gleichgiltigste Wort, der nichtssagendste Blick, die geringste Vertraulichkeit, die unschuldigste Freiheit wird von ihnen gemißdeutet und zu, wer weiß, welcher Wichtigkeit und 48 Bedeutung erhoben. Aber ich verachte solche Verläumder, ich verachte sie. Keine solche Bosheit, das versichere ich Dich, hat mir jemals einen unruhigen Augenblick verursacht. Nein, nein, das kannst Du mir glauben, darüber bin ich hinaus. – Aber wo war ich? Laß sehen; ich sagte Dir, daß mein Gemahl eifersüchtig war. – Und auf wen, bitte ich Dich? – Nun auf wen anders als aus den Lieutenant, von dem ich Dir vorhin erzählt habe! Er sah sich genöthigt auf ein Jahr und darüber zurückzugehen, um einen Gegenstand für diese unerklärliche Leidenschaft zu finden, wenn er überhaupt dieselbe wirklich empfand und sie nicht etwa blos vorgab, um mich zu kränken. »Aber ich habe Dich bereits mit zu vielen Einzelheiten gelangweilt. Ich will meine Erzählung nun rasch zu Ende bringen. Kurz, als Fitzpatrick, nach verschiedenen Scenen, die ich der Wiederholung nicht werth halte und in denen meine Cousine mit solcher Wärme meine Partie nahm, daß er sie aus dem Hause verwies, zu der Ueberzeugung gelangte, daß ich mich weder durch sanfte Ueberredung noch durch Einschüchterung zur Einwilligung bewegen ließ, so nahm er seine Zuflucht zu Zwangsmaßregeln. Vielleicht glaubst Du, er habe mich geschlagen; allein das hat er, obschon er sehr nahe daran gewesen war, niemals gethan. Er schloß mich in mein Zimmer ein, ohne mir Feder, Tinte, Papier oder ein Buch zukommen zu lassen, und ein Dienstmädchen machte mir jeden Tag mein Bett und brachte mir meine Nahrung. »Als ich eine Woche in dieser Gefangenschaft geschmachtet hatte, machte er mir einen Besuch und fragte mich mit der Stimme eines Schulmeisters, oder was oft ganz dasselbe ist, eines Tyrannen, ob ich noch nicht einwilligen wolle. Ich antwortete mit großer Festigkeit, eher wollte ich sterben. 49 – So sollst Du es auch und verdammt sein, rief er, denn lebendig sollst Du nie aus diesem Zimmer kommen. »Es vergingen wiederum vierzehn Tage; und, die Wahrheit zu sagen, meine Standhaftigkeit war beinahe überwunden und ich fing an an Unterwerfung zu denken, als sich eines Tages in der Abwesenheit meines Gemahls, der sich auf eine kurze Zeit auswärts befand, zu meinem größten Glücke ein Zufall ereignete. Ich – gerade als ich der Verzweiflung nahe war – zu einer solchen Zeit würde alles zu entschuldigen sein – damals erhielt ich – – doch es würde eine Stunde dazu erforderlich sein, wollte ich Dir alle einzelnen Umstände mittheilen. – Mit einem Worte also (denn ich will Dir damit nicht beschwerlich fallen), Gold, der Schlüssel aller Schlösser, öffnete meine Thür und setzte mich in Freiheit. »Ich eilte nun nach Dublin, von wo ich sogleich meine Ueberfahrt nach England bewerkstelligte, und beabsichtigte, nach Bath zu gehen, um mich in den Schutz meiner Tante oder Deines Vaters, oder irgend eines Verwandten, der ihn mir bieten würde, zu begeben. Mein Gemahl holte mich in der letzten Nacht, in dem Gasthofe, den ich bewohnte, und den Du wenige Minuten vor mir verließest, ein; aber ich war so glücklich, ihm zu entwischen und Dich zu treffen. »Und damit, meine Theure, endet meine Geschichte; für mich ist sie wahrhaftig traurig genug; Dich freilich wird sie gelangweilt haben.« Sophie seufzte tief und antwortete. »In der That, Henriette, ich bedaure Dich von ganzer Seele. – Aber was konntest Du anderes erwarten? Wie konntest Du auch einen Irländer heirathen?« »Auf mein Wort,« versetzte ihre Cousine, »Dein Tadel ist ungerecht. Es giebt unter den Irländern eben so brave 50 und ehrenhafte Männer als unter den Engländern; ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, Edelmuth ist ein noch allgemeinerer Zug derselben. Ich habe auch von guten Ehemännern dort Beispiele kennen gelernt; und ich glaube, diese sind in England nicht sehr häufig. Frage mich lieber, was ich erwarten konnte, da ich einen albernen Thoren heirathete; und ich will Dir die volle Wahrheit sagen; ich wußte nicht, daß er das war.« – »Meinst Du,« fragte Sophie mit sehr schwacher und veränderter Stimme, »daß kein Mann, der nicht ein alberner Thor ist, ein schlechter Gatte sein könne?« – »Dies,« erwiederte die andere, »wäre eine zu allgemeine Verneinung; aber von keinem wird es wahrscheinlicher sein, als von einem Schwachkopfe. So weit meine Bekanntschaft reicht, waren die simpelsten Männer immer die schlechtesten Gatten, und ich wage es, die Behauptung als eine Thatsache aufzustellen, daß ein Mann von gesundem und scharfem Verstande einem Weibe selten eine sehr schlechte Behandlung zu Theil werden lassen wird, wenn sie eine gute verdient. Achtes Kapitel. Ein furchtbarer Aufruhr im Gasthofe und die Ankunft eines unerwarteten Freundes der Madame Fitzpatrick. Sophie erzählte nun, dem Wunsche ihrer Cousine nachgebend, – nicht was folgt, sondern was der Leser im Verlaufe dieser Geschichte schon erfahren hat, weshalb er uns hoffentlich die Wiederholung desselben gern erlassen wird. Eine Bemerkung in Absicht ihrer Erzählung kann ich indessen nicht unterdrücken, nämlich die, daß sie von Anfang bis zu Ende von Jones auch nicht so viel erwähnte, daß man nur hätte ahnen können, es existire eine solche Person 51 in der Welt. Diesen Umstand will ich weder zu erklären noch zu entschuldigen suchen. Wenn man es eine Art Unehrlichkeit nennen kann, so erscheint sie der anscheinenden Offenheit und Aufrichtigkeit der andern Dame gegenüber, um so weniger verzeihlich. – Allein es verhielt sich so. Gerade als Sophie am Schlusse ihrer Erzählung angekommen war, erscholl bis in das Zimmer hinauf, wo die beiden Damen saßen, ein Lärm, so laut, als wenn eine Koppel Hunde aus ihrem Stalle herausgelassen wird, und so kreischend wie das Geheul von Katzen oder das Schrillen der Nachteulen; oder vielmehr (denn welche Thierstimme könnte der menschlichen gleichen?) wie jene Laute, welche aus dem Munde und bisweilen aus der Nase jener lieblichen Wassernymphen, von den Alten Najaden, in der gewöhnlichen Sprache Fischweiber genannt, ihren Ausgang nehmen; denn wenn, anstatt der sonstigen Libationen von Milch und Honig und Oel, der köstliche Trank, den die Wachholderbeere oder auch das Malz liefert, unter seinen eifrigen Verehrern in überreichlichem Maaße geflossen ist, irgend eine frevelnde Zunge in ruchloser Ausgelassenheit es wagen sollte, die zarte fette Miltonauster, die gesunde derbe Scholle, die Butte, so munter als wenn sie noch im Wasser wäre, die feiste Garnele, den feinen Kabliau, der vor wenigen Stunden noch lebte, oder sonst eine der mannichfachen Gaben, welche jene Seen und Flüsse ausbeutenden Wassergottheiten der Obhut der Nymphen anvertraut haben, zu profanisiren, d. h. herabzusetzen, dann erheben die zürnenden Najaden ihre unsterblichen Stimmen und der profane Unglückliche wird mit Taubheit bestraft. So war der Lärm, welcher jetzt aus einem der untern Räume heraufscholl; und bald fing der Donner, der lange in der Ferne gerollt hatte, an näher und näher zu kommen, bis er allmälig heraufstieg und endlich in das Zimmer der 52 Damen eindrang. Kurz, um alle Metaphern und Figuren fallen zu lassen, Mamsell Honour, die schon unten heftig getobt und ihr Schelten den ganzen Weg herauf fortgesetzt hatte, kam in der größten Hitze ihres Zornes zu ihrer Gebieterin hereingestürzt, mit dem Ausrufe: »Was denken Ew. Gnaden wohl? Wollen Sie glauben, daß dieser unverschämte Kerl von Gastwirth die Frechheit gehabt hat, mir zu sagen, ja, mir ins Gesicht zu behaupten, Ew. Gnaden wären jene liederliche, gemeine Vettel (Jenny Cameron nennen sie sie), »die mit dem Prätendenten im Lande herumzieht? Ja, der verläumderische, grobe Schurke hatte die Dreistigkeit, mir zu sagen, Ew. Gnaden hätten es ihm selbst gestanden, aber ich habe den Schlingel dafür gekratzt; alle meine Nägel sind in seinem unverschämten Gesicht zu sehen. Meine Herrin, sagte ich, Sie niederträchtiger Schurke, meine Herrin ist nicht Prätendentin. Sie ist ein junges Fräulein, das, was gute Lebensart, Herkunft und Vermögen anlangt, in Sommersetshire seines Gleichen sucht. Hörten Sie niemals von dem großen Squire Western, Sie erbärmlicher Mensch? Sie ist seine einzige Tochter; sie ist – – und Erbin seines ganzen großen Vermögens. So ein Bengel, mein Fräulein mit einer solchen liederlichen Vettel zu vergleichen! – Wahrlich, ich wollte, ich hätte ihm mit der Punschbowle das Hirn aus dem Kopfe geschlagen.« Das Fatalste bei der Sache war Sophien, daß Honour in ihrem Zorne verrathen hatte, wer sie war. Indessen, da sich durch diesen Irrthum des Wirthes hinlänglich aufklärte, was Sophien in dessen Reden bisher unverständlich gewesen war, so wurde sie darüber etwas ruhiger und konnte sich jetzt, da ihr das Ganze klar war, eines Lächelns nicht erwehren. Dies brachte Honour in Wuth und sie rief: »Wahrhaftig, Fräulein, ich dachte nicht, daß Ihnen 53 die Sache lächerlich vorkommen würde. Von so einem unverschämten gemeinen Kerl eine Hure genannt zu werden! Ew. Gnaden können böse auf mich sein, was weiß ich, daß ich Ihre Partie genommen habe, denn ein ungeforderter Dienst, sagt man, taugt nicht viel; aber ich konnte nun einmal nicht leiden, meine Herrin eine Hure nennen zu hören. – Und ich will es nicht leiden. Ich weiß gewiß, Ew. Gnaden sind so tugendhaft wie nur irgend eine Dame, die den englischen Boden betrat, und ich kratze jedem Schurken die Augen aus, der es wagt, das geringste Wort dagegen zu sagen. Niemand hat jemals etwas Schlechtes von dem Charakter einer Dame sagen dürfen, der ich einmal gedient habe.« Hinc illae lacrymae ; in voller Wahrheit, Honour hatte so viel Liebe für ihre Gebieterin als die meisten Dienstboten haben; das will nämlich sagen – Ueberdies aber veranlaßte sie ihr Stolz, den Charakter des Fräuleins, dem sie diente, zu vertheidigen; denn sie war der Meinung, daß ihr eigener Charakter nach dem ihrer Gebieterin beurtheilt würde. In demselben Verhältnisse, als dieser in der Leute Meinung erhoben würde, glaubte sie, stiege auch der ihrige; und im Gegentheil könnte der eine nicht ohne Nachtheil für den andern herabgesetzt werden. Bei diesem Gegenstande, lieber Leser, muß ich einen Augenblick verweilen und Dir eine Geschichte erzählen. Als die berüchtigte Nell Gwynn eines Tages aus einem Hause, wo sie einen kurzen Besuch gemacht hatte, ihrem Wagen zuschritt, sah sie einen zahlreichen Pöbelhaufen versammelt und ihren Kutscher über und über blutig und schmutzig. Auf ihre Frage nach der Ursache dieses Zustandes antwortete er: »Madam, ich habe mich mit einem unverschämten Flegel geprügelt, der Ew. Gnaden eine Hure schimpfte.« – »Du Pinsel,« erwiederte Madame Gwynn, »in dem Falle müßtest 54 Du Dich alle Tage prügeln; warum denn, Du Narr? alle Welt weiß es ja.« – »So?« stotterte der Bursche, indem er den Kutschenschlag zumachte, »aber darum sollen sie mich doch nicht den Kutscher einer Hure schimpfen.« Demnach scheint die leidenschaftliche Hitze der Mamsell Honour natürlich genug, selbst wenn sie sich nicht auf andere Weise erklären ließe; aber es war wirklich eine andere Ursache vorhanden, und in Ansehung dieser erlauben wir uns, dem Leser einen im vorstehenden Gleichnisse erwähnten Umstand in das Gedächtniß zurückzuführen. Es giebt nämlich gewisse geistige Getränke, die, wenn sie mit unsern Leidenschaften oder mit Feuer in nahe Beziehung kommen, Wirkungen hervorbringen, die denen des Wassers ganz entgegengesetzt sind, indem sie entzünden und entflammen, anstatt zu dämpfen oder zu löschen. Zu diesen gehört auch das edle Getränk, Punsch genannt. Nicht ohne Grund pflegte daher der gelehrte Dr. Cheney zu sagen, Punsch trinken heiße flüssiges Feuer durch die Kehle gießen. Nun hatte Mamsell Honour unglücklicherweise so viel von diesem flüssigen Feuer durch ihre Kehle gegossen, daß ihr der Dampf in das Pericranium aufzusteigen begann und die Augen der Vernunft umnebelte, die dort ihren Sitz haben soll, während das Feuer selbst vom Magen aus leicht bis zum Herzen aufloderte und hier die edle Leidenschaft des Stolzes entzündete. So daß wir uns, im Ganzen genommen, über das ungestüme Wesen des Kammermädchens nicht mehr wundern werden, wenn wir auch beim ersten Anblick bekennen müssen, daß die Ursache mit der Wirkung in keinem Verhältnisse steht. Sophie und ihre Cousine thaten, eine wie die andere, alles, was in ihren Kräften stand, diese Flammen, welche prasselnd das ganze Haus erfüllt hatten, zu ersticken. Endlich gelang es, oder, um mich noch einmal metaphorisch 55 auszudrücken, das Feuer verlöschte, nachdem es alles was die Sprache von Brennmaterial, das heißt, von Schimpfreden darbietet, verzehrt hatte, endlich von freien Stücken. Aber war die Ruhe nun auch oben wieder hergestellt, unten war sie es noch nicht; denn die Wirthin, auf's Höchste ergrimmt über die der Schönheit ihres Mannes durch Mamsell Honour's zerfleischende Waffen beigebrachten Schandflecke, schrie laut um Rache und Gerechtigkeit. Der arme Mann selbst, der im Handgemenge am meisten gelitten hatte, war indessen ganz ruhig. Vielleicht, daß der Blutverlust seinen Zorn abgekühlt hatte; denn der Feind hatte nicht allein seine Nägel in seine Wangen eingegraben, sondern auch die Faust mit seiner Nase gemessen, so daß diese einen Strom blutiger Thränen über den Schlag vergoß. Diesem möchten wir noch hinzufügen die Betrachtungen über seinen Irrthum; aber in der That vermochte wohl nichts seine Rache mehr zu beschwichtigen, als die Art und Weise, wie er über seinen Irrthum belehrt wurde; denn Mamsell Honour's Betragen würde ihn in seiner Meinung nur noch bestärkt haben: allein er wußte jetzt gewiß, und wußte es aus dem Munde eines Mannes von vornehmem Aussehen, der in einer reichen Equipage angekommen war, daß die eine der Frauen eine Dame von Stande und eine intime Bekannte desselben sei. Im Auftrage dieser Person kam der Wirth jetzt herauf und meldete unsern schönen Reisenden, daß ein vornehmer Herr unten sei und um die Ehre bitten lasse, ihnen seine Aufwartung zu machen. Sophien machte diese Anmeldung erbleichen und erzittern, obgleich der Leser schließen wird, daß sie, trotz des Wirthes grober Unbeholfenheit, zu höflich war, um von ihrem Vater herzurühren; aber die Furcht hat mit den Friedensrichtern den Fehler gemein, daß sie sich von jedem unbedeutenden Umstande leicht zu einem 56 übereilten Urtheile verleiten läßt, ohne die Beweisgründe auf beiden Seiten zu prüfen. Um den Leser daher vielmehr von seiner Neugierde, als von seiner Besorgniß zu befreien, theilen wir ihm mit, daß diesen Abend spät ein irischer Peer auf seiner Reise nach London im Gasthofe eingetroffen war. Dieser Herr hatte, als er, durch das oben erwähnte Ungewitter erschreckt, von seinem Abendessen aufgesprungen war, die Begleiterin der Madame Fitzpatrick gesehen und auf seine Erkundigungen bald von ihr erfahren, daß ihre Herrin, die er sehr genau kannte, sich oben befinde. Diese Auskunft hatte er nicht sobald erhalten, als er sich zu dem Wirth wendete, denselben beruhigte und hinaufschickte mit Complimenten, die etwas höflicher aufgetragen als ausgerichtet wurden. Es mag vielleicht befremden, daß das Kammermädchen nicht selbst mit dieser Anmeldung beauftragt wurde; allein wir bedauern sagen zu müssen, daß sie zur Zeit weder dazu, noch überhaupt zu irgend einem Auftrage geschickt war. Der Rum (so gefiel es nämlich dem Wirthe, das Malzgebräu zu benennen) hatte aus der Ermüdung des armen Mädchens durch die Reise schimpflicher Weise Vortheil gezogen und ihren Geistesfähigkeiten, gerade zu einer Zeit, wo sie dem Angriffe am wenigsten zu widerstehen fähig waren, schrecklich zugesetzt. Wir werden diese tragische Scene nicht vollständig ausmalen; wir hielten uns aber durch die historische Genauigkeit, deren wir uns befleißigen, für verpflichtet, auf einen Umstand hinzudeuten, den wir sonst gern mit Stillschweigen übergangen haben würden. Allerdings überlassen es viele Geschichtschreiber, aus Mangel an Genauigkeit oder Fleiß, um es nicht schlimmer zu benennen, oftmals ihrem Leser, solche kleine Umstände aus dem Dunkel herauszufinden und setzen ihn so bisweilen in große Verlegenheit und Verwirrung. 57 Sophie wurde von ihrer ungegründeten Furcht sehr bald durch das Eintreten des edlen Peer befreit, der nicht nur ein genauer Bekannter der Madame Fitzpatrick, sondern wirklich ein sehr treuer Freund dieser Dame war. Die Wahrheit zu sagen, sein Beistand war es, durch den sie in Stand gesetzt wurde, ihrem Gatten zu entfliehen; denn dieser Herr besaß die Galanterie jener berühmten Ritter, von denen wir in der Heldengeschichte lesen, und er hatte schon manche in Gefangenschaft schmachtende Schöne aus ihrer Haft befreit. Er war in der That ein eben so großer Feind der rohen Autorität, welche nur zu oft von Gatten und Vätern über das schöne Geschlecht geübt wird, als jemals ein fahrender Ritter Feind der barbarischen Macht der Zauberer war: ja, in Wahrheit, ich habe oftmals die Vermuthung gehabt, daß eben unter jenen Zauberern, von denen es überall in den Mährchen wimmelt, wirklich niemand anders als die Ehemänner jener Zeit gemeint sei; und die Ehe selbst war vielleicht das bezauberte Schloß, in welchem, wie es hieß, die jungen Mädchen gefangen gehalten wurden. Dieser Herr besaß in Fitzpatrick's Nachbarschaft ein Landgut und hatte die Dame kennen gelernt. Nicht sobald erfuhr er daher ihre Einsperrung, als er es sich ernstlich angelegen sein ließ, sie zu befreien; und das führte er denn auch wirklich aus, zwar nicht durch Erstürmung des Schlosses, nach dem Beispiele der alten Helden, sondern, gemäß der modernen Kriegskunst, welche lehrt, daß List vortheilhafter als Tapferkeit und Gold, unwiderstehlicher als Stahl und Blei ist, durch Bestechung des Castellans. Diesen Umstand wollten wir indessen, da die Dame denselben nicht für wichtig genug hielt, um ihn ihrer Freundin zu berichten, dem Leser damals nicht mittheilen. Wir zogen es vor, ihn einstweilen bei der Vermuthung zu 58 lassen, daß sie das Geld, womit sie ihren Wächter bestochen, gefunden oder geprägt, oder auf irgend einem außerordentlichen, vielleicht übernatürlichen Wege erlangt hätte, als ihre Erzählung durch eine Andeutung dessen zu unterbrechen, was ihr zu unwichtig erschien, um erwähnt zu werden. Der Peer äußerte nach einer kurzen Unterhaltung einige Verwunderung über ihr Zusammentreffen an diesem Orte; auch konnte er sich nicht enthalten hinzuzufügen, daß er geglaubt hätte, sie wäre nach Bath gegangen. Madame Fitzpatrick antwortete sehr unbefangen, sie wäre durch die Ankunft einer Person, die sie nicht zu nennen brauche, an der Ausführung ihres Planes gehindert worden. »Kurz,« sagte sie, »ich wurde von meinem Gemahl eingeholt (denn ich brauche ja nicht zu verheimlichen, was die Welt bereits nur zu gut weiß). Ich war so glücklich ihm auf eine höchst merkwürdige Weise zu entgehen und reise nun mit dieser jungen Dame, einer nahen Verwandten von mir, die einem eben so grausamen Tyrannen entflohen ist als ich, nach London.« Der Lord, in der Meinung, daß dieser Tyrann gleichfalls ein Gemahl wäre, sagte den Damen viel Artiges und sprach sich dagegen sehr tadelnd über sein eignes Geschlecht aus; dabei verfehlte er nicht, einige Mißbilligung der Ehe überhaupt und der unrechtmäßigen Gewalt, die dadurch dem Manne über die gefühlvollere und bessere Hälfte des menschlichen Geschlechts in die Hände gegeben würde, hindurchblicken zu lassen. Er beschloß seine Anrede damit, daß er den Damen seinen Schutz und seinen Wagen anbot, was von Madame Fitzpatrick ohne Weiteres und auf ihr Zureden endlich auch von Sophien angenommen wurde. Nachdem man darüber einig geworden war, empfahl sich der Lord und die Damen begaben sich zu Bett, wo Madame Fitzpatrick ihre Cousine mit vielem Lobe von dem 59 Charakter des edlen Peers und namentlich von dessen großer Liebe zu seiner Gemahlin unterhielt, indem sie sagte, daß er fast der einzige Mann von hohem Range wäre, den sie für einen vollkommen treuen Ehegatten hielte. »Ueberhaupt,« setzte sie hinzu, »ist dies, liebe Sophie, eine sehr seltene Tugend unter Männern von Range. Setze sie nie voraus, wenn Du Dich verheirathest; denn, glaube mir, Du würdest Dich sicher getäuscht finden.« Ein leiser Seufzer stahl sich aus Sophiens Brust bei diesen Worten, die vielleicht zur Entstehung eines Traumes von nicht sehr angenehmer Art die Veranlassung wurden; aber da sie diesen Traum nie jemandem erzählte, so kann der Leser nicht erwarten, ihn hier mitgetheilt zu finden. Neuntes Kapitel. Der Morgen. Ein Postwagen. Die Höflichkeit der Kammerjungfern. Sophiens hoher Gleichmuth. Ihre Freigebigkeit. Die Abreise der Gesellschaft und ihre Ankunft in London; nebst einigen nützlichen Bemerkungen für Reisende. Jene Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, die dazu geboren sind, die Segnungen des Lebens herbeizuschaffen, fingen jetzt an, ihre Lichter anzuzünden, um ihre täglichen Arbeiten zum Vortheil derjenigen vorzunehmen, die dazu geboren sind, diese Segnungen zu genießen. Der rüstige Knecht macht jetzt seinen Morgenbesuch bei seinem Arbeitsgefährten, dem Ochsen; der geschickte Künstler und der fleißige Handwerker springen von ihren harten Matratzen auf, und es beginnt die knochige Hausmagd die gestörte Ordnung im Spielzimmer wieder herzustellen, während die schwelgerischen Urheber jener Unordnung sich in einem wüsten und 60 unterbrochenen Schlafe umherwerfen, als wenn die Daunen zu hart wären, um darauf ruhen zu können. Mit einfachen Worten, es hatte kaum sieben Uhr geschlagen, als unsere Damen reisefertig waren; und da sie abzureisen wünschten, so war auch der Lord mit seiner Equipage bald zu ihren Diensten bereit. Aber nun entstand eine Schwierigkeit, wie nämlich der Lord selbst fortkommen sollte; denn obgleich der umsichtige Kutscher des Wagens, dessen Passagiere nicht anders als Gepäck betrachtet werden, mit aller Leichtigkeit ein halbes Dutzend auf einen Platz für vier Personen zusammenpackt, weil er es einzurichten versteht, daß die dicke Wirthin, oder der wohlgenährte Rathsherr nicht mehr Raum einnimmt, als die schlanke Mamsell oder der schmächtige Schullehrer, indem die Eingeweide die natürliche Eigenschaft besitzen, nachzugeben, wenn sie zusammengedrückt werden, und sich in einen engen Raum zusammendrängen zu lassen; so wird doch diese Methode der Verpackung auf Postwagen, wenn sie gleich oft größer sind wie die andern, nie versucht. Der Lord würde die Schwierigkeit kurz dadurch gehoben haben, daß er, wie er es auch galanter Weise wünschte, sein Reitpferd bestieg; aber Madame Fitzpatrick wollte das durchaus nicht zugeben. Man beschloß daher, daß die Zofen abwechselnd auf des Lords Pferden reiten sollten, zu welchem Behuf sogleich ein Frauensattel herbeigeholt wurde. Nachdem im Gasthofe alles geordnet war, entließen die Damen ihre bisherigen Führer und Sophie machte dem Wirthe ein Geschenk, theils als Entschädigung für seine durch sie selbst erhaltene Quetschung, theils für das, was er unter den Händen ihres wüthenden Kammermädchens gelitten hatte. Und jetzt entdeckte Sophie erst einen Verlust, der sie einigermaßen beunruhigte, nämlich den Verlust der Hundert-Pfund-Note, die sie kurz vor ihrer Flucht von 61 ihrem Vater erhalten hatte und in welcher, außer einer sehr unbeträchtlichen Summe, ihr ganzes gegenwärtiges Vermögen bestand. Sie suchte überall, kehrte alle ihre Sachen um, doch vergebens, die Banknote fand sich nicht: so daß sie endlich zu der festen Ueberzeugung kam, dieselbe aus ihrer Tasche verloren zu haben, als sie auf jenem dunkeln und schmalen Wege von ihrem Pferde fiel. Dies war ihr um so wahrscheinlicher, als sie sich jetzt erinnerte, daß ihre Taschen damals in einiger Unordnung gewesen waren, und daß sie ihr Tuch unmittelbar vor ihrem Falle nur mit Mühe hatte herausziehen können, um Madame Fitzpatrick damit auszuhelfen. Unfälle dieser Art, welche Verlegenheit sie auch verursachen können, sind dennoch unvermögend, einen einigermaßen energischen Geist ohne Beistand des Geizes niederzubeugen. Sophie bezwang daher, obgleich ihr in ihrer gegenwärtigen Lage nichts ungelegener kommen konnte als dieser Zufall, alsbald ihren Verdruß und kehrte, ihre gewohnte Heiterkeit auf dem Gesichte, zur Gesellschaft zurück. Der Lord brachte die Damen in den Wagen, so auch Mamsell Honour, die nach vielen höflichen Entschuldigungen und Weigerung endlich dem höflichen Ungestüm ihrer Schwester-Zofe nachgab und sich dazu verstand, zuerst im Wagen zu fahren, worin sie in der That nachher gern die ganze Reise über sitzen geblieben wäre, hätte sie ihre Herrin nicht, nach verschiedenen fruchtlosen Winken, endlich gezwungen, ihren Platz auch einmal mit dem Sattel zu vertauschen. So wie der Wagen die Gesellschaft eingenommen hatte, fing er an sich vorwärts zu bewegen. Ihm folgten viele Bediente und zwei Schmarotzer, welche vorher mit dem Lord gefahren waren und um eines weit geringfügigeren Anlasses willen, als der war, zweien Damen Platz zu machen, aus dem Wagen würden entlassen worden sein. 62 Hierin benahmen sie sich nur als Gentlemen; aber sie würden jederzeit bereit gewesen sein, Bedientenverrichtungen zu übernehmen, oder sich noch tiefer zu erniedrigen, wenn ihnen nur dadurch die Ehre der Gesellschaft des Lords und der Vortheil seines Tisches geworden wäre. Der Wirth war so erfreut über das von Sophien erhaltene Geschenk, daß er über seiner Freude seine Quetschungen und seine Schrammen im Gesicht ganz vergaß. Der Leser wird vielleicht gern wissen wollen, worin dieses Geschenk bestanden habe, aber hierin können wir seine Neugierde nicht befriedigen. Was es auch immer gewesen sein möge, so viel ist gewiß, daß sich der Wirth für seine erlittenen Verletzungen für entschädigt hielt, nur bedauerte er, nicht vorher gewußt zu haben, daß die Dame so wenig Werth auf ihr Geld legte. »Denn,« sagte er, »man hätte gewiß jede Summe auf ihrer Rechnung auf das Doppelte erhöhen können, und sie würde keinen Abzug gemacht haben.« Seine Frau war indessen weit entfernt, diesen Schluß daraus zu ziehen; ob sie wirklich die Verletzungen ihres Mannes schmerzlicher empfand als dieser, will ich nicht sagen; gewiß aber ist, daß sie durch Sophiens Freigebigkeit weniger zufrieden gestellt war. »In der That,« rief sie, »die Dame weiß mit ihrem Gelde besser umzugehen als Du denkst. Sie mochte sich recht wohl vorstellen, daß wir uns so etwas nicht würden gefallen lassen ohne irgend eine Genugthuung zu erhalten, und das Gericht würde ihr bei weitem mehr gekostet haben als dieser Bettel, den Du zu meiner Verwunderung angenommen hast.« – »Du bist immer so superklug,« sagte der Mann: »es würde ihr mehr gekostet haben, so? Meinst Du, das weiß ich nicht eben so gut wie Du? Aber wäre das, was es gekostet hätte, mochte es mehr oder auch nur eben so viel sein, in unsere Tasche geflossen? Ja, wenn unser Sohn Tom, der Advokat, 63 noch gelebt hätte, da hätte ich froh sein können, ihm ein so hübsches Geschäft zuzuwenden. Er würde einen schönen Thaler Geld herausgezwackt haben; aber ich habe jetzt keinen Verwandten, der Advokat ist, und warum sollte ich um des Gewinns Fremder willen vor Gericht gehen?« – »Nein, das ist wahr,« erwiederte sie, »Du mußt das am besten wissen.« – »Das wollt' ich glauben,« war seine Antwort. »Ich denke, wenn Geld zu verdienen ist, da ist meine Nase so fein wie die eines andern. Nicht ein jeder, sage ich Dir, würde das den Leuten aus der Tasche herausgeschwatzt haben. Glaube mir das; nicht ein jeder würde das herausgelockt haben, das kann ich wohl sagen.« Die Frau stimmte dann in den Beifall über ihres Mannes Scharfsinn mit ein; und somit endete ihr kurzes Zwiegespräch über diesen Gegenstand. Wir wollen daher Abschied nehmen von diesen guten Leuten und uns dem Lord und seinen schönen Begleiterinnen anschließen, die mit solcher Schnelligkeit dahinfuhren, daß sie eine Reise von neunzig englischen Meilen in zwei Tagen vollendeten und am zweiten Abend in London ankamen, ohne auf ihrem Wege auf irgend ein Abenteuer zu stoßen, das des Wiedererzählens werth wäre. Unsere Feder soll daher die Eile der Reisenden nachahmen und gleichen Schritt mit ihnen halten. Gute Schriftsteller werden überhaupt wohlthun, sich in dieser Hinsicht den einsichtsvollen Reisenden zum Muster zu nehmen und allezeit so wie dieser seinen Aufenthalt an einem Orte nach den Schönheiten und Merkwürdigkeiten desselben abzumessen. In Esher, in Stowe, in Wilton, in Estbury und Prior's Park sind Tage zu kurz, um der entzückten Phantasie zu genügen, während wir bewundern, was die Kunst zur Verschönerung der Natur gethan hat. In einigen dieser Orte nimmt die Kunst unsere Bewunderung vorzugsweise in Anspruch; in andern 64 streiten Natur und Kunst um unsern Beifall; aber an dem letzten scheint jene zu triumphiren. Hier erscheint die Natur in ihrem reichsten Schmucke, und die Kunst, in das bescheidene Gewand der Einfachheit gehüllt, dient ihrer segensreichen Meisterin. Hier schüttet die Natur in der That die herrlichsten der Gaben aus, mit denen sie diese Welt freigebig beschenkt hat, und der menschliche Geist bietet Dir hier Gegenstände, die nur in der andern übertroffen werden können. Der nämliche Geschmack, die nämliche Einbildungskraft, welche bei diesen herrlichen Scenen schwelgend verweilen, finden sich auch durch Gegenstände von weit geringerer Bedeutung angezogen. Die Wälder, die Flüsse und die Ebenen von Devon und Dorset fesseln das Auge des sinnigen Reisenden und hemmen seinen Schritt; um diesen Aufenthalt auszugleichen, eilt er dann flüchtig über die traurige Haide von Bagshot oder über jene freundliche Ebene, die sich westlich von Stockbridge ausbreitet, wo sich dem Blicke auf eine Entfernung von sechzehn Meilen nichts weiter darbietet als ein einzeln stehender Baum, wenn nicht etwa die Wolken sich unserer schmachtenden Lebensgeister erbarmen und ihre mannichfaltigen Gebilde freundlich vor unsern Blicken aufbauen. Nicht so reist der auf Gelderwerb sinnende Handelsmann, der spürende Rechtsbeamte, der würdebekleidete Doctor, der wohlhabende Viehhändler, und wie sie alle heißen, die zahlreichen Schoßkinder des Reichthums und der Philisterhaftigkeit. Dahin treiben sie in gleichmäßiger Eile, durch die grünen Fluren wie über die dürre Heide, ihre Pferde, um auf das Genaueste vier und eine halbe Meile per Stunde zurückzulegen, die Augen des Thieres sowie ihres Herrn nur vorwärts gerichtet und die nämlichen Gegenstände in der nämlichen Weise anschauend. Mit gleicher 65 Flüchtigkeit überblickt der gute Reiter die stolzesten Prachtwerke der Baukunst und jene schönen Gebäude, womit irgend ein unbekannter Name die reiche blühende Stadt geschmückt hat; wo sich Haufen von Steinen aufthürmen wie zu einem Monumente, um zu verkündigen, daß zuvor Haufen von Geld hier aufgethürmt wurden. Und nun, lieber Leser, wollen wir es, da uns daran liegt, so schnell als möglich wieder zu unsrer Heldin zu kommen, Deinem Scharfsinne überlassen, dies alles auf die böotischen Schriftsteller anzuwenden, so wie andrerseits auf diejenigen, welche das Entgegengesetzte von ihnen sind. Du wirst das sehr gut ohne unsern Beistand bewerkstelligen können. Strenge daher deinen Geist dabei selbst an; denn obschon wir dir bei schwierigen Punkten stets geeigneten Beistand leihen wollen, so erwarten wir doch nicht, gleich andern, von dir, daß du zur Divinationskunst deine Zuflucht nehmen sollst, um hinter unsere Meinung zu kommen; doch wollen wir deiner Trägheit nicht fröhnen, wo es blos einiges Nachdenkens bedarf; denn du würdest dich sehr irren, wenn du glauben wolltest, wir hätten, als wir dieses große Werk begannen, nicht auf deinen Scharfsinn etwas mitgerechnet, oder du könntest diese Seiten mit Vergnügen oder Nutzen durchlesen, ohne dieses Talent bisweilen zu üben. Zehntes Kapitel. Enthält einen oder einige Winke in Bezug auf Tugend, und einige mehr in Bezug auf Verdacht. Unsere Reisegesellschaft war jetzt in London angekommen und in dem Hause des Lords abgestiegen. Während sie sich von den Strapazen ihrer Reise erholten und Erfrischungen 66 einnahmen, wurden Diener beauftragt, eine Wohnung für die beiden Damen einzurichten; denn da sich die Gemahlin des Lords damals nicht in der Stadt befand, so wollte sich Madame Fitzpatrick durchaus nicht dazu verstehen, in der Wohnung des Peers ein Zimmer anzunehmen. Manche Leser werden vielleicht dieses außerordentliche Zartgefühl der Tugendhaftigkeit als zu weit getrieben tadeln; aber wir müssen billige Rücksicht nehmen auf ihre Lage, die, offen gestanden, sehr kritisch war; und wenn wir die Bosheit tadelsüchtiger Zungen erwägen, so müssen wir zugeben, daß, wenn es ein Fehler war, dieser Fehler nur in der Uebertreibung lag und daß jedes Frauenzimmer in derselben Lage wohlthun wird, ihn nachzuahmen. Der äußere Schein der Tugend, wenn er nichts als Schein ist, mag zwar, ohne alle Rücksichtsnahme, etwas weniger löblich erscheinen als die Tugend selbst ohne diesen Schein; aber er wird nichts desto weniger stets dringender empfohlen werden, und darin werden, glaube ich, Alle übereinstimmen, daß es, einige besondere Fälle ausgenommen, für jedes Frauenzimmer nothwendig ist, auf das eine oder das andere zu halten. Nachdem eine Wohnung eingerichtet war, begleitete Sophie ihre Cousine für diesen Abend dahin, beschloß aber, sich am nächsten Morgen früh nach der Dame zu erkundigen, in deren Schutz sie sich, wie wir zuvor gemeldet haben, zu begeben vorgenommen hatte, als sie ihres Vaters Haus verließ. Und in diesem Vorsatze bestärkten sie einige Bemerkungen, die sie während ihrer Reise im Wagen gemacht hatte, noch um so mehr. Da wir dem Charakter Sophiens die häßliche Eigenschaft des Argwohns auf keine Weise beigelegt wissen möchten, so bangt uns beinahe davor, unserm Leser die Gedanken zu offenbaren, die ihr Gemüth in Betreff der Madame 67 Fitzpatrick beunruhigten, über die sie jetzt wirklich einige Bedenken hegte; und da diese im Busen der bösesten Leute am leichtesten Eingang finden, so halten wir es für gerathen, uns nicht deutlicher zu erklären, ehe wir nicht ein oder zwei Worte über den Argwohn im Allgemeinen zu unserm Leser gesprochen haben. Es hat mir immer geschienen, als gebe es zwei Grade des Argwohns. Den ersten derselben möchte ich vom Herzen ableiten, da sein ungemein rasches Urtheil irgend einen vorherbestehenden innern Impuls voraussetzen zu lassen scheint, und dies um so mehr, als dieser superlative Grad sich oft die Gegenstände selbst schafft, sieht, was nicht ist, und allezeit mehr als wirklich existirt. Dies ist jener alles durchdringende Scharfsinn, dessen Falkenaugen kein Symptom des Bösen entgehen kann; der nicht allein die Handlungen, sondern auch die Worte und Blicke der Menschen beobachtet; und sowie er im Herzen des Beobachters wurzelt, so dringt er auch in das Herz des Beobachteten ein und spürt daselbst das Schlechte gleichsam in seinem ersten Keime aus, ja bisweilen ehe es noch eigentlich empfangen worden ist – ein bewunderungswürdiges Talent, wenn es untrüglich wäre: allein da auf diesen Grad von Vollkommenheit nicht einmal mehr als ein sterbliches Wesen Anspruch gemacht hat, so ist aus der Trüglichkeit so scharfen Urtheils manches Unheil entsprungen und für Unschuld und Tugend das schwerste Herzeleid hervorgegangen. Ich kann daher nicht umhin, diesen Scharfblick in Hinsicht auf Entdeckung des Bösen selbst als ein Laster und als ein sehr verderbliches Uebel zu betrachten. Und um so mehr glaube ich das, als ich, aus den oben angeführten Gründen, und aus einem noch nicht erwähnten, dem nämlich, daß ich ihn noch nie als die Eigenschaft eines guten Menschen kennen lernte, schließen muß, daß er aus einem schlechten Herzen 68 entspringt. Von diesem Grade des Argwohns also spreche ich Sophien gänzlich und unbedingt frei. Ein zweiter Grad dieser Eigenschaft scheint seinen Ursprung im Kopfe zu haben. Dieser besteht in der That in nichts anderem als in der Fähigkeit, das zu sehen, was vor unsern Augen liegt, und aus dem Gesehenen Folgerungen zu ziehen. Das erstere ist für jeden unumgänglich, der Augen hat, und das letztere ist vielleicht eine nicht weniger unausweichliche Nothwendigkeit für alle, die Gehirn haben. Dieser Argwohn ist ein eben so entschiedener Feind der Schuld, wie jener der Unschuld; auch kann ich selbst dann nichts Gehässiges darin finden, wenn er, wie das bei unsrer menschlichen Schwäche geschehen kann, einmal irrig sein sollte. Zum Beispiel wenn ein Ehemann seine Frau zufällig auf dem Schoße oder in der Umarmung eines jener zierlichen jungen Herren finden sollte, welche die Kunst üben, Hörner aufzusetzen, so glaube ich, würde ich ihn nicht sehr darum tadeln, wenn er aus den Vertraulichkeiten, die er wirklich gesehen hat, und die wir zum wenigsten glimpflich beurtheilen, wenn wir sie eine unschuldige Freiheit nennen, etwas mehr folgert als er sah. Der Leser wird sich eine große Menge Beispiele selbst bilden können. nur eines will ich noch anführen, das, mag es auch von einigen für unchristlich gehalten werden, mir wenigstens durchaus Rechtfertigung zu verdienen scheint: ich meine nämlich den Argwohn, daß ein Mann fähig ist zu thun, was er schon gethan hat, und daß es für einen, der einmal ein Bösewicht war, möglich ist, von Neuem in diese Rolle zurückzuverfallen. Und, die Wahrheit zu gestehen, dieses Argwohns glaube ich, machte sich Sophie schuldig. Er brachte sie in der That auf die Meinung, daß ihre Cousine wirklich nicht besser wäre, als sie sein sollte. Die Sache, scheint es, war folgende. Madame Fitzpatrick 69 bedachte klüglich, daß die Tugend einer jungen Dame in der großen Welt gleiches Schicksal theilt mit einem armen Hasen, der, so oft er sich herauswagt, gewiß ist, auf seine Feinde zu stoßen; denn kaum kann ihm sonst wer begegnen. Kaum hatte sie daher beschlossen, die erste Gelegenheit zu ergreifen und den Schutz ihres Gemahls zu verlassen, als sie auch damit umging, sich unter den Schutz eines andern Mannes zu begeben; und wer hätte sich mehr zu ihrem Hüter geeignet als ein Mann von Range, Vermögen und Ehre, der, abgesehen von seiner ritterlichen Galanterie, die ihm, wie den fahrenden Rittern, zur Pflicht machte, den Frauen in der Noth beizustehen, ihr oft eine lebhafte Zuneigung zu erkennen gegeben und auch bereits alle ihm zu Gebote stehenden Beweise davon geliefert hatte? Aber da dieser Posten eines Vicegatten oder Beschützers einer entlaufenen Frau sonderbarer Weise vom Gesetze übergangen worden ist, und da die Bosheit denselben gern mit einem schlimmeren Namen benennt, so wurde beschlossen, daß der Lord alle solche Ritterdienste der Dame insgeheim und ohne den Charakter ihres Beschützers öffentlich anzunehmen, erweisen sollte. Ja, um zu verhüten, daß irgend jemand anderes ihn dafür hielte, kam man überein, daß die Dame direct nach Bath, der Lord aber erst nach London gehen und von da auf Anrathen seines Arztes dorthin kommen sollte. Nun war dies Alles Sophien vollkommen klar geworden, weniger aus Aeußerungen oder dem Betragen der Madame Fitzpatrick, als des Peers, welcher in der Kunst ein Geheimniß zu bewahren unendlich weniger erfahren war, als diese gute Dame; auch trug vielleicht das gänzliche Stillschweigen, womit Madame Fitzpatrick diesen Gegenstand in ihrer Erzählung überging, nicht wenig dazu 70 bei, diesen Argwohn, der jetzt in ihrer Cousine aufgestiegen war, zu bestärken. Die Dame, welche Sophie suchte, war sehr leicht ausgefunden; denn es gab in der That keinen Portchaisenträger in der Stadt, dem ihr Haus nicht vollkommen genau bekannt gewesen wäre; und da sie auf ihre Anmeldung eine recht dringende Einladung erhielt, so nahm sie dieselbe unverzüglich an. Madame Fitzpatrick ging in ihrem Bitten, daß ihre Cousine bei ihr bleiben möchte, wirklich nicht weiter als es die Höflichkeit erforderte. Ob sie von dem erwähnten Argwohn etwas gemerkt hatte und sich davon unangenehm berührt fühlte, oder ob aus irgend einem andern Grunde, kann ich nicht sagen; aber gewiß ist, daß sie Sophien eben so gern gehen sah, als diese ging. Sophie konnte, als sie von ihrer Cousine Abschied nahm, es sich nicht versagen, ihr einen wohlgemeinten Wink zu ertheilen. Sie bat sie, um des Himmels willen Acht auf sich zu haben und zu bedenken, in welcher gefahrvollen Lage sie sich befinde, auch sprach sie die Hoffnung aus, daß sich irgend ein Mittel finden werde, sie mit ihrem Gatten auszusöhnen. »Erinnere Dich des Grundsatzes, liebe Cousine,« sagte sie, »den die Tante Western uns beiden so oft wiederholte: daß, wenn einmal der eheliche Frieden gebrochen ist und Mann und Frau sich gegenseitig den Krieg erklärt haben, diese kaum einen unvortheilhaften Friedensvertrag abschließen kann, mögen die Bedingungen sein, welche sie wollen. Dies sind unsrer Tante eigene Worte und sie hat reiche Erfahrungen in der Welt gesammelt.« Madame Fitzpatrick antwortete mit einem höhnischen Lächeln: »Fürchte nichts für mich, Kind, gieb Acht auf Dich selbst; denn Du bist jünger als ich. Ich werde Dich in einigen Tagen besuchen; aber, liebe Sophie, nimm einen Rath von mir an: lege den Charakter der Altklug ab, den Du vom Lande 71 mitgebracht hast; denn glaube mir, er würde Dir in dieser Stadt sehr übel anstehen.« So trennten sich die beiden Cousinen und Sophie begab sich direct zu Lady Bellaston, bei der sie eine überaus herzliche sowohl als höfliche Aufnahme fand. Die Lady hatte sie sehr lieb gewonnen, als sie dieselbe früherhin bei ihrer Tante Western gesehen hatte. Sie war wirklich außerordentlich erfreut, sie zu sehen, und rühmte, nachdem sie die Gründe erfahren hatte, aus denen sie dem Squire entflohen und nach London gekommen war, ihre Einsicht und Entschlossenheit; und nachdem sie ihre höchste Zufriedenheit darüber an den Tag gelegt hatte, daß Sophie eine so gute Meinung von ihr hegte, ihr Haus zu einem Zufluchtsorte zu wählen, sagte sie ihr allen nur möglichen Schutz zu, den zu gewähren in ihrer Macht stehen würde. Da wir Sophien jetzt in sichere Hände gebracht haben, so wird es der Leser hoffentlich zufrieden sein, sie auf eine Weile zu verlassen und sich mit uns ein wenig nach andern Personen und namentlich nach dem armen Jones umzusehen, dem wir Zeit genug gelassen haben, seine begangenen Fehler, für die er hart genug bestraft wurde, zu bereuen. 72 Zwölftes Buch. Umfaßt einen gleichen Zeitraum wie das vorige. Erstes Kapitel. Zeigt, was bei einem modernen Schriftsteller als Plagiat, und was als eine erlaubte Aneignung zu betrachten ist. Der gelehrte Leser muß die Bemerkung gemacht haben, daß ich im Verlaufe dieses bedeutenden Werkes oft Stellen aus den besten alten Autoren übersetzt habe, ohne das Original anzugeben, oder ohne die geringste Notiz von dem Buche zu nehmen, aus dem sie entlehnt waren. Dieses Verfahren beim Schreiben ist von dem geistreichen Abbé Bannier, in der Vorrede zu seiner Mythologie, einem durch Reichthum an Gelehrsamkeit und Gediegenheit des Urtheils gleich ausgezeichneten Werke, sehr sorgfältig beleuchtet worden. »Es wird dem Leser schwerlich entgehen können,« sagt er, »daß ich auf ihn häufig größere Rücksicht genommen habe, als auf meinen Ruf: denn ein Schriftsteller beweist ihm sicher eine große Höflichkeit, wenn er 73 seinetwegen gelehrte Citate, die sich ihm darbieten und die ihm weiter nichts als die Mühe des Abschreibens gekostet haben würden, unterdrückt.« Ein Buch mit solchen Schnitzeln anzufüllen, kann in der That als ein offenbarer Betrug gegen die gelehrte Welt gelten, der dadurch zugemuthet wird, in Fragmenten und im Einzelnen zum zweitenmale zu kaufen, was sie schon im Ganzen, wo nicht in ihrem Gedächtnisse, so doch in ihren Bücherschränken hat; und noch weit schlimmer ist es für die Nichtgelehrten, welche verleitet werden, etwas zu bezahlen, was ihnen auf keine Weise nützen kann. Ein Schriftsteller, der seine Werke mit einer Menge griechischer und lateinischer Brocken durchspickt, verfährt mit den Damen und feinen Herren auf die nämliche erbärmliche Weise wie ein Auctionator, der oftmals mehrere Gegenstände zusammennimmt, damit der Käufer genöthigt wird, mit dem, was er braucht, gleichzeitig das zu kaufen, woran ihm nichts gelegen ist. Da nun aber kein Verfahren so schön und uneigennützig ist, daß es nicht von der Unwissenheit mißverstanden und von der Bosheit gemißdeutet werden könnte, so bin ich zuweilen versucht gewesen, meinen Ruf auf Kosten des Lesers zu wahren und das Original abzuschreiben, oder wenigstens Kapitel und Vers anzugeben, wenn ich mich entweder des Gedankens oder des Ausdrucks eines Andern bediente. Ich bin in der That einigermaßen in Sorgen, mir durch die entgegengesetzte Methode öfters geschadet und mich durch Nichtnennen des Autors eher des Plagiats verdächtig gemacht, als mir den Ruf erworben zu haben, daß ich aus dem eben angeführten schönen Beweggrunde jenes mit Recht berühmten Franzosen so gehandelt hätte. Um nun jedem Vorwurfe dieser Art für die Zukunft zu begegnen, will ich hier meine Ansicht von der Sache 74 feststellen. Die Alten können als ein reicher Anger betrachtet werden, wo jeder, der ein wenn auch noch so winziges Grundstück auf dem Parnaß hat, berechtigt ist, seine Muse zu weiden. Oder, um mich deutlicher auszusprechen, wir Modernen verhalten uns gegen die Alten, wie die Armen gegen die Reichen. Unter den Armen verstehe ich hier jene große und ehrenwerthe Körperschaft, welche wir Pöbel nennen. Wem nun aber jemals die Ehre einer gewissen Vertraulichkeit von Seiten dieses Pöbels zu Theil wurde, der muß wohl wissen, daß es einer ihrer feststehenden Grundsätze ist, ihre reichen Nachbarn ohne Scheu auszuplündern und zu berauben; und daß dies bei ihnen weder für eine Sünde noch eine Schande gilt. Und an diesem Grundsatze halten sie so fest und handeln so beständig danach, daß fast in jeder Gemeinde des Königreichs eine Art Verschwörung unterhalten wird gegen eine gewisse wohlhabende Person, Squire genannt, dessen Eigenthum allen seinen armen Nachbarn für gute Prise gilt; und da sie solche Plünderungen für gar kein Verbrechen halten, so betrachten sie es als eine Ehrensache und moralische Verpflichtung, einander bei solchen Gelegenheiten nicht zu verrathen, um der Bestrafung zu entgehen. Auf gleiche Weise sind die Alten, wie Homer, Virgil, Horaz, Cicero und die Uebrigen als so viel reiche Squires zu betrachten, von denen wir, die Armen vom Parnaß, nach einem seit undenklichen Zeiten bestehenden Herkommen uns so viel aneignen als wir habhaft werden können. Auf diese Freiheit mache ich Anspruch und bin dagegen bereit, sie auch meinen armen Nachbarn zuzugestehen. Alles, was ich von meinen Brüdern verlange, ist, daß dieselbe strenge Ehrlichkeit unter uns beobachtet werden möge, wie sie der Pöbel unter sich übt. Einander zu bestehlen ist wirklich höchst strafbar und ungebührlich; denn das hieße 75 streng genommen nichts anderes als den Armen um das Seine bringen (was bisweilen einen treffen könnte, der ärmer ist als wir selbst), oder, um es mit dem stärksten Ausdrucke zu belegen, das Armenhaus berauben. Während nun mein Gewissen, nach der genauesten Selbstprüfung, mir keinen so erbärmlichen Diebstahl zur Last legen kann, räume ich ruhig die erste Beschuldigung ein, werde auch niemals anstehen, jede für meinen Zweck passende Stelle, die ich bei einem alten Schriftsteller finde, zu benutzen, ohne den Namen des Autors, von dem sie entlehnt ist, darunter zu setzen. Ja, ich betrachte alle solche Gedanken von dem Augenblicke an, wo ich sie in meine Schriften aufnehme, durchaus als mein Eigenthum, und erwarte von allen meinen Lesern, daß sie dieselben gleichfalls als solches ansehen. Diesen Anspruch soll man mir jedoch nur unter der Bedingung zugestehen, daß ich die strengste Ehrlichkeit gegen meine armen Brüder beobachte, und daß ich jedesmal, so oft ich von dem Wenigen, das sie besitzen, etwas entlehne, ihren Namen beisetze, damit es allezeit dem rechten Eigenthümer gesichert bleibe. Einen gerechten Vorwurf verdiente, weil er dies zu thun unterließ, ein Herr Moore, der, nachdem er schon zuvor einige Zeilen von Pope und Compagnie entlehnt hatte, sich die Freiheit nahm, sechs derselben in sein Schauspiel the Rival Modes überzutragen. Herr Pope war indessen so glücklich, sie darin wieder zu finden, machte sein Eigenthumsrecht an ihnen geltend und führte sie in seine Werke zurück; auch bestrafte er genannten Moore noch dadurch, daß er ihn in den scheußlichen Kerker the Dunciad einsperrte, worin sein unglückliches Andenken nun fortlebt und für immer fortleben wird zur gerechten Strafe für sein ungebührliches Treiben in poetischen Dingen. 76 Zweites Kapitel. Worin der Squire, wenn auch nicht seine Tochter, doch etwas findet, das seiner Verfolgung ein Ende macht. Unsere Geschichte versetzt uns jetzt zurück in den Gasthof zu Upton, von wo aus wir zuerst den Fußstapfen des Squire Western folgen wollen; denn da er bald am Ende seiner Reise sein wird, so werden wir dann volle Muße haben unsern Helden weiter zu begleiten. Der Leser möge sich gefälligst erinnern, daß besagter Squire den Gasthof in voller Wuth verließ und in dieser Stimmung seiner Tochter nachsetzte. Da er vom Wirthe erfahren hatte, daß sie über die Saverne gegangen wäre, so passirte er gleichfalls diesen Fluß und sprengte, der armen Sophie, im Fall er sie einholen sollte, die empfindlichste Rache zuschwörend, im schnellsten Laufe dahin. Er war noch nicht weit, als er an eine Stelle kam, wo sich der Weg theilte. Hier hielt er einen kurzen Kriegsrath, verließ sich endlich, da die Meinungen verschieden waren, auf sein gutes Glück und schlug die gerade Richtung nach der Straße von Worcester ein. Auf dieser Straße war er etwa zwei Meilen geritten, als er bitterlich zu klagen anfing und häufig ausrief: »Was für ein Jammer das ist! Nie kann es einen unglücklichern Hund gegeben haben als mich!« Und dann brach er in einen Strom von Flüchen und Verwünschungen aus. Der Geistliche versuchte ihm Trost zuzusprechen. »Sorgen Sie sich nicht, wie einer, dem keine Hoffnung übrig ist. Haben wir auch bis jetzt das Fräulein nicht einholen können, so dürfen wir es doch immer für ein Glück ansehen, daß wir auf die rechte Spur gekommen sind. Vielleicht wird sie, ermüdet durch die Reise, bald in einem Gasthause 77 anhalten, um sich zu erholen, und in diesem Falle sind Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, in Kurzem compos voti .« »Bah! Hol' sie der Henker,« versetzte der Squire; »mich dauert nur der schöne Morgen, an dem sich's so herrlich jagen ließe. Es ist verdammt hart, allem Anscheine nach einen der besten Jagdtage einzubüßen, die wir bisher gehabt haben, und namentlich nach einem so langen Froste.« Ob nun das Schicksal, das sich unter den herbsten Streichen dann und wann unserer erbarmt, Mitleid mit dem Squire hatte, und ihn vielleicht dafür, daß es ihn seine Tochter nicht einholen ließ, auf eine andere Weise entschädigen wollte, will ich nicht entscheiden; aber er hatte kaum die so eben angeführten Worte ausgesprochen und ihnen einige Flüche hinterdreingeschickt, als in geringer Entfernung von ihnen ein Rudel Hunde anfingen ihre melodischen Kehlen zu öffnen, worauf des Squire's Pferd und dessen Reiter sogleich die Ohren spitzten und der Squire unter dem Rufe: »Er ist heraus, er ist heraus! Verdammt bin ich, wenn er nicht heraus ist!« seinem Thiere die Sporen einsetzte, was gar nicht so nöthig war, weil jenes dieselbe Neigung mit seinem Herrn theilte: und nun ritt die ganze Gesellschaft, quer über ein Kornfeld unter einem lärmenden Halloh gerade auf die Hunde los, während der arme Pfarrer sich segnend nachfolgte. So erzählt die Fabel, daß die schöne Grimalkin, welche Venus auf den Wunsch eines leidenschaftlichen Liebhabers aus einer Katze in ein schönes Weib verwandelte, kaum eine Maus erblickte, als sie, eingedenk ihres frühern Spieles und gemäß ihrer ursprünglichen Natur, welche dieselbe geblieben war, aus dem Bette ihres Mannes heraussprang, um das kleine Thier zu verfolgen. Was lernen wir daraus? Nicht daß die Braut mißvergnügt gewesen wäre über die Umarmungen des verliebten 78 Bräutigams: denn wenn auch manche bemerkt haben, daß Katzen undankbar sind, so werden dennoch Weiber und auch Katzen zufrieden gestellt und schnurren bei gewissen Gelegenheiten. Die Wahrheit ist, wie der scharfsinnige Sir Roger L'Estrange in seinen tiefen Betrachtungen bemerkt, daß, »wenn wir die Natur zur Thür hinauswerfen, sie zum Fenster wieder hereinkommt; und daß Miezchen, wenn gleich eine Madame, doch nie das Mausen lassen wird.« Ebenso wenig dürfen wir den Squire des Mangels an Liebe zu seiner Tochter anklagen; denn er liebte sie in der That recht sehr: wir brauchen nur zu bedenken, daß er ein Squire und ein Jagdliebhaber war, und dann die Fabel auf ihn anzuwenden und die scharfsinnige Erklärung gleichfalls. Die Hunde jagten was sie konnten und der Squire setzte ihnen über Hecke und Graben nach und war auf einmal ganz in seinem Elemente; nicht ein einziges Mal kam ihm ein Gedanke an Sophien an, der ihm die Freude der Jagd getrübt hätte; ja, er rühmte sie als eine der schönsten, der er jemals beigewohnt, und betheuerte, daß sie einer Reise von funfzig Meilen recht gut werth sei. So wie der Squire seine Tochter vergaß, so vergaßen die Diener, wie sich leicht denken läßt, ihre Herrin; und der Geistliche dachte, nachdem er sein großes Erstaunen lateinisch vor sich hingemurmelt hatte, gleichfalls mit keinem Gedanken mehr an das Fräulein, sondern begann, indem er in einiger Entfernung hinterdrein humpelte, einen Theil seiner nächsten Sonntagspredigt zu meditiren. Der Squire, dem die Hunde gehörten, war hocherfreut über die Ankunft seines Bruder-Squire und Jägersmann; denn alle Menschen erkennen das Verdienst, jeder in seiner Weise an; und niemand war erfahrener in dem Jagdwesen als Herr Western, und keiner wußte die Hunde mit seiner 79 Stimme mehr anzufeuern und die Jagd durch sein Halloh mehr zu beleben. Jäger sind in der Hitze der Jagd so sehr beschäftigt, daß sie keine Zeremonie, ja nicht einmal die Pflichten der Menschlichkeit beobachten; denn ist einer so unglücklich, in einen Graben oder in einen Fluß zu stürzen, so eilen die Andern unbekümmert vorüber und überlassen ihn insgemein seinem Schicksale; daher wechselten die beiden Squires, ob sie gleich einander oft ganz nahe kamen, die ganze Zeit über auch nicht ein Wort. Der Jagdbesitzer indessen bemerkte und lobte oft die große Umsicht, mit welcher der Fremde die Hunde leitete, wenn sie die Spur verloren hatten, und faßte daher eine sehr hohe Meinung von seiner Jagdkenntniß, so wie ihm die Zahl seiner Begleiter eine hohe Meinung von seinem Range einflößte. Sobald daher die Jagd durch den Tod des kleinen Thieres, das sie veranlaßt hatte, zu Ende war, gingen die beiden Squires auf einander zu und begrüßten sich gegenseitig in aller Form. Die Unterhaltung war ziemlich lebhaft und wir werden sie vielleicht in einem Anhange oder bei irgend einer andern Gelegenheit mittheilen; denn da sie in keinem Bezuge zu dieser Geschichte steht, so können wir uns nicht entschließen, ihr hier einen Platz einzuräumen. Sie schloß mit einer zweiten Jagd, und diese mit einer Einladung zum Essen. Dies nahm man an und ließ ein tüchtiges Trinkgelag folgen, das für Squire Western mit einem eben so tüchtigen Schlafe endete. Unser Squire konnte es diesen Abend bei der Flasche weder mit seinem Wirthe noch mit Herrn Supple aufnehmen, woran die heftige Ermüdung des Geistes sowohl als des Körpers, die er erfahren, schuld sein mochte, ohne seiner Ehre im Mindesten Eintrag zu thun. Er war in der That im höchsten Grade betrunken; denn ehe er noch 80 die dritte Flasche geleert hatte, wurde er so ganz überwältigt, daß der Geistliche ihn, ob er gleich noch lange nachher nicht zu Bett gebracht wurde, als abwesend betrachtete und dem andern Squire alles auf Sophien Bezügliche erzählte, auch das Versprechen erhielt, ihn morgen in seinen Gründen, durch die er Herrn Western zur Rückkehr bewegen wollte, zu unterstützen. Kaum hatte also der gute Squire den Rausch dieses Abends ausgeschlafen, verlangte nach seinem Morgentrunk und rief nach seinen Pferden, um seine Verfolgung fortzusetzen, als Herr Supple anfing, ihm davon abzurathen, und der Wirth ihn so kräftig darin unterstützte, daß sie endlich siegten und Herr Western sich darein ergab, nach Hause zurückzukehren, wozu ihn hauptsächlich ein Grund bestimmte, der nämlich, daß er nicht wußte, welchen Weg er einschlagen sollte, und daß er sich sehr leicht immer weiter von seiner Tochter entfernen konnte, anstatt ihr nachzukommen. Er nahm daher von seinem Jagdcollegen Abschied und machte sich, indem er seine Freude über den nachlassenden Frost ausdrückte (was vielleicht nicht wenig zur Beschleunigung seiner Heimkehr beitrug), auf den Rückweg nach Sommersetshire; schickte jedoch zuvor einen Theil seiner Begleiter zur ferneren Verfolgung seiner Tochter ab, denen er gleichfalls eine gute Anzahl seiner kräftigsten Flüche mit auf den Weg gab. Drittes Kapitel. Jones' Abreise von Upton, und was zwischen ihm und Partridge unterwegs vorfiel. Endlich sind wir einmal wieder zu unserm Helden zurückgekommen; und wir haben uns fürwahr so lange von ihm trennen müssen, daß ich fürchte, manche unsrer Leser 810 sind, in Betracht der Umstände, unter denen wir ihn verließen, auf den Gedanken gerathen, wir beabsichtigten, ihn für immer aufzugeben, weil seine Lage der Art war, daß kluge Leute dann gewöhnlich von allen weiteren Erkundigungen im Betreff ihrer Freunde abstehen, sie müßten denn durch die Nachricht überrascht werden, daß sich diese unglücklichen Freunde erhängt hätten. Aber in Wahrheit, wenn wir nicht alle Tugenden eines klugen Charakters haben, so besitzen wir, ich darf es kühn behaupten, doch auch nicht alle Laster desselben, und ob man sich gleich nicht leicht eine viel unglücklichere Lage denken kann, als die des armen Jones damals war, so werden wir doch zurückkehren und ihm dieselbe Aufmerksamkeit schenken, als wenn ihn die Sonne des Glücks mit ihren glänzendsten Strahlen beschiene. Herr Jones also und sein Begleiter Partridge verließen den Gasthof wenige Minuten später als Squire Western und schlugen denselben Weg zu Fuße ein, denn der Wirth sagte ihnen, daß zur Zeit durchaus keine Pferde in Upton zu bekommen wären. Mit schwerem Herzen schritten sie dahin; denn wenn auch ihr Kummer aus sehr verschiedenen Ursachen entsprang, so waren sie doch beide verstimmt; und wenn Jones bei jedem Schritte kläglich seufzte, so stöhnte Partridge eben so kläglich mit. Als sie an den Scheideweg kamen, wo der Squire angehalten hatte um Rath zu pflegen, blieb Jones gleichfalls stehen und fragte, gegen Partridge gewendet, diesen um seine Meinung hinsichtlich des einzuschlagenden Weges. »Ach, lieber Herr!« antwortete Partridge, »ich wünschte, Ew. Gnaden folgten meinem Rathe.« – »Warum das nicht?« entgegnete Jones; »ist es mir etwa nicht gleichgültig, wohin ich gehe, oder was aus mir wird?« – »So ist mein Rath denn,« sagte Partridge, »daß Sie unverzüglich 82 umkehren und wieder nach Hause gehen; denn wozu sollte einer, der eine solche Heimath hat wie Ew. Gnaden, so im Lande herumziehen wie ein Vagabund? Verzeihen Sie mir, sed vox ea sola reperta est .« »Ach!« rief Jones, »ich habe keine Heimath, in die ich zurückkehren könnte; – aber wenn auch mein Freund, mein Vater mich wieder aufnehmen wollte, könnte ich den Anblick des Ortes ertragen, aus dem Sophie entflohen ist? – Grausame Sophie! Grausam? Nein. Mich selbst will ich tadeln. – Nein, Dich vielmehr. Fluch Dir albernen Buben! Du hast mich unglücklich gemacht, mit Deinem Leben sollst Du mir dafür büßen.« Bei diesen Worten packte er den armen Partridge am Kragen und schüttelte ihn so gewaltig, wie ihn nie zuvor ein Fieber oder die Furcht geschüttelt hatte. Partridge fiel zitternd auf seine Kniee nieder und bat um Gnade, indem er betheuerte, es nicht böse gemeint zu haben; worauf Jones, nachdem er ihm noch einen wilden Blick zugeworfen, ihn losließ und dermaßen gegen sich selbst wüthete, daß jener vor lauter Angst kein Lebenszeichen von sich gab. Wir würden uns die Mühe nicht verdrießen lassen, das wahnsinnige Treiben, dem sich Jones bei dieser Gelegenheit überließ, bis auf die einzelnen Umstände zu beschreiben, wenn wir versichert sein dürften, daß sich der Leser eben sowohl die Mühe nehmen würde, es zu lesen; allein da wir fürchten, daß der Leser, trotz allem auf die Schilderung dieser Scene von unserer Seite verwendeten Fleiße, sie dennoch gänzlich überschlagen könnte, so haben wir uns diese Mühe erspart. Es ist wahr, wir haben einzig und allein aus diesem Grunde der Fruchtbarkeit unsres Genies oftmals den größten Zwang angethan und manche herrliche Schilderung aus unserm Werke weggelassen, die sonst darin 83 Platz gefunden haben würde. Und dieser Argwohn entspringt, ehrlich gesagt, wie dies in der Regel der Fall ist, aus unserm schlechten Herzen; denn wir haben selbst oft unbarmherzig überschlagen, wenn wir die Seiten voluminöser Geschichtswerke durchgingen. Es genüge daher die einfache Angabe, daß Jones, nachdem er einige Minuten lang wie ein Wahnwitziger getobt hatte, allmälig wieder zu sich kam; damit wendete er sich auch sogleich an Partridge und bat ihn wegen der in der Hitze seiner Leidenschaft an ihm verübten Gewaltthätigkeit um Verzeihung, fügte aber schließlich den Wunsch hinzu, daß er gegen ihn nie wieder etwas von Rückkehr erwähnen möchte; denn er hätte beschlossen, jene Gegend nie wieder zu sehen. Partridge vergab gern und versprach, den ihm auferlegten Befehl getreulich befolgen zu wollen. Und darauf rief Jones entschlossen aus: »Da es absolut unmöglich für mich ist, den Schritten meines Engels zu folgen, so will ich denen des Ruhms nachgehen. Ja, mein braver Freund, auf zur Armee! – Es gilt einer ruhmvollen Sache, ihr würde ich gern mein Leben opfern, selbst wenn es der Erhaltung werth wäre.« Und mit diesen Worten schlug er den entgegengesetzten Weg von dem ein, welchen der Squire gewählt hatte und verfolgte so durch blosen Zufall den von Sophien eingeschlagenen. Unsere Reisenden wanderten nun eine volle halbe Stunde fort, ohne ein Wort mit einander zu sprechen, obwohl Jones mancherlei vor sich hin murmelte. Partridge hingegen beobachtete das tiefste Stillschweigen; denn er schien sich von seinem vorhin gehabten Schrecken noch nicht vollkommen erholt zu haben; überdies fürchtete er, er möchte bei seinem Freunde einen neuen Zornausbruch heraufbeschwören, zumal da er jetzt auf einen gewissen Gedanken 84 gerieth, der dem Leser vielleicht gar nicht so wunderbar erscheint. Mit einem Worte, er fing an zu argwöhnen, daß Jones durchaus nicht bei gesunden Sinnen sei. Endlich redete Jones, seiner Selbstunterhaltung müde, ihn an und machte ihm Vorwürfe über sein Schweigen. Der arme Mann entschuldigte sich ganz offenherzig damit, daß er gefürchtet habe, ihn zu beleidigen. Jetzt, da diese Befürchtung durch die bestimmtesten Versicherungen des Gegentheils so ziemlich gehoben war, ließ Partridge seiner Zunge wieder freien Lauf; und diese schwelgte nicht weniger in ihrer wiedererlangten Freiheit, als ein junges Füllen, nachdem ihm auf der Weide der Zaum vom Nacken abgenommen worden ist. Da Partridge das Thema, das ihm am nächsten lag, nicht anschlagen durfte, so fiel er auf jenes, das ihn nach diesem am meisten beschäftigte, nämlich auf den Mann vom Berge. »Nimmermehr,« sagte er, »kann das ein Mensch sein, wer eine so höchst sonderbare und von der anderer Leute so ganz abweichende Lebensweise führt. Ueberdies besteht seine Nahrung, wie mir die alte Frau sagte, hauptsächlich in Kräutern, die eher für ein Pferd, als für einen Christen passen; ja der Wirth zu Upton sagt, die Leute in der Nachbarschaft fürchten sich sehr vor ihm. Es ist mir immer so, als müsse er irgend ein Geist sein, der vielleicht zu unsrer Warnung geschickt worden ist, und wer weiß, aber alles was er uns von seinem Gefecht und von seiner Gefangenschaft und der Gefahr gehängt zu werden erzählte, konnte darauf abgezielt sein, uns vor dem, was wir vorhatten zu warnen; übrigens träumte ich die ganze letzte Nacht von nichts als von Fechten; und ich glaube das Blut strömte mir aus der Nase wie der Branntwein aus einem Zapfen. Ja, ja, infandum, regina, jubes renovare dolorem .« 85 »Deine Geschichte, Partridge,« entgegnete Jones, »paßt so schlecht wie Dein Latein. Nichts ist wahrscheinlicher für Männer, die in den Kampf gehen, als daß sie den Tod finden. Es kann möglich sein, daß wir beide fallen, – und was ist's dann?« – »Was ist's dann!« antwortete Partridge; »nun dann ist's aus mit uns, nicht so? Wenn ich hinüber bin, ist's aus mit mir. Was kümmert mich die Sache, um die gekämpft wurde, oder wer den Sieg gewinnt, wenn ich erschlagen bin? Ich werde nie einen Vortheil davon sehen. Was helfen einem, der sechs Fuß unter der Erde liegt, alle Freudenfeuer und alles Glockengeläute? Mit dem armen Partridge ist es doch aus.« – »Und einmal,« rief Jones, »eher oder später, muß es mit dem armen Partridge auswerden. Wenn Dir das Lateinische Vergnügen macht, so will ich Dir einige schöne Verse aus Horaz recitiren, die einer Memme Muth einflößen würden: »Dulce et decorum est pro patria mori. Mors et fugacem persequitur virum, Nec parcit imbellis juventae Poplitibus, timidoque tergo.« »Das ist gewiß,« rief Partridge. »Ja, ja, mors omnibus communis : aber es ist ein großer Unterschied, ob einer nach vielen Jahren in seinem Bette stirbt wie ein guter Christ und alle seine Freunde um ihn stehen und weinen, oder ob einer heute oder morgen todt geschossen wird wie ein toller Hund, oder wohl gar mit dem Säbel in zwanzig Stücke zerhauen, und das ehe er noch seine Sünden gebeichtet hat. Daß sich Gott erbarme! wahrlich, die Soldaten sind eine schlechte Art Menschen. Ich habe nie gern etwas mit ihnen zu thun gehabt. Es ist mir immer schwer angekommen, zu denken, daß sie Christen sind. Da ist nichts wie fluchen und schwören unter ihnen. Ich wollte, daß Ew. Gnaden sich anders besönnen; ich wünschte von 86 Herzen, daß Sie das thäten, ehe es zu spät ist, und daß Sie nicht daran dächten, unter sie zu gehen..– Böse Beispiele verderben gute Sitten. Das ist mein Hauptgrund. Denn was jenes betrifft, so fürchte ich mich davor nicht mehr wie jeder andere, nein; da denke ich, wir müssen alle sterben; aber darum kann ein Mensch doch viele Jahre leben. Nun, ich bin jetzt ein Mann in den mittlern Jahren und kann doch vielleicht noch manches Jahr erleben. Ich habe von verschiedenen gelesen, die es bis auf hundert, und von einzelnen, die es weit über hundert Jahre gebracht haben. Nicht daß ich hoffte, ich meine nämlich als ob ich mir Rechnung darauf machte, mein Leben auch so hoch zu bringen, nein das nicht. Aber mag es nur achtzig oder neunzig sein, so habe ich doch, Gott Lob, noch weit dahin; und dann fürchte ich den Tod nicht, nicht mehr wie jeder andere, aber, wahrlich, dem Tode in den Weg laufen, ehe es Zeit ist, scheint mir geradezu gottlos und verwegen zu sein. Uebrigens, wenn es nur noch zu was nützen könnte; aber mag sich's handeln um was es will, was können zwei Menschen so Gewaltiges ausrichten? Und ich, für meine Person, ich verstehe nichts davon. Ich habe in meinem Leben nicht über zehn Mal geschossen, und das nicht einmal mit Kugeln. Und Fechten habe ich auch nie gelernt; davon weiß ich nichts. Und dann sind die Kanonen, denen in den Weg zu treten die größte Verwegenheit wäre und was niemand außer ein Verrückter – ich bitte um Verzeihung; bei meiner Seele, es war nicht böse gemeint; ich bitte Ew. Gnaden, daß Sie sich nicht wieder erzürnen.« »Sei ohne Furcht, Partridge,« rief Jones. »Ich bin jetzt so vollkommen von Deiner Feigheit überzeugt, daß Du mich auf keine Weise gegen Dich aufbringen kannst.« – »Ew. Gnaden,« erwiederte er, »mögen mich feig nennen, oder wie Sie sonst wollen. Wenn ein Mann, der auf eine 87 heile Haut was hält, feig ist, dann allerdings non immunes ab illis malis sumus . Ich habe nie in meiner Grammatik gelesen, daß der nicht ein guter Mensch sein könnte, der nichts vom Fechten versteht. Vir bonus est quis? Qui consulta patrum, qui leges juraque servat . Kein Wort vom Fechten; und ich glaube gewiß, die Schrift ist so sehr dagegen, daß mich niemand überzeugen wird, er sei ein guter Christ, wenn er Christenblut vergießt.« Viertes Kapitel. Das Abenteuer mit einem Bettler. Partridge hatte eben jene gute und fromme Lehre, womit das vorige Kapitel schloß, ausgesprochen, als sie an einen zweiten Scheideweg kamen, wo sie ein Mann in zerlumpten Kleidern um ein Almosen ansprach. Partridge gab ihm darüber einen sehr strengen Verweis und sagte: »Jede Gemeinde hat für ihre Armen selbst zu sorgen.« Jones lachte laut auf und fragte Partridge, ob er sich nicht schäme, so viel von christlicher Liebe zu schwatzen und sie so wenig zu üben. »Deine Religion dient Dir nur zur Entschuldigung Deiner Fehler, aber nicht als Antrieb zur Tugend. Kann einer, der ein ächter Christ ist, an einem seiner Brüder, der sich in solchem Elend befindet, vorübergehen, ohne ihm eine Unterstützung zu gewähren?« Und dabei griff er in die Tasche und gab dem Armen einen Schilling. »Lieber Herr,« sprach der Mann, nachdem er ihm gedankt hatte, »ich habe da in meiner Tasche ein curioses Ding, das ich ungefähr eine Stunde von hier gefunden habe, wenn es Ew. Gnaden etwa kaufen wollen. Ich möchte es nicht jedermann sehen lassen; aber da Sie ein so guter Herr sind, und so liebreich gegen den Armen, so werden 88 Sie nicht denken, daß einer darum gerade ein Dieb ist, weil er arm ist.« Er zog hierauf eine kleine vergoldete Brieftasche heraus und gab sie Jones in die Hand. Jones öffnete sie sogleich und (rathe, Leser, was er fühlte) fand auf der ersten Seite die Worte Sophie Western von ihrer eigenen schönen Hand geschrieben. Er hatte kaum den Namen gelesen, als er ihn an seine Lippen preßte und sich trotz den Umstehenden den Ausbrüchen der ausgelassensten Freude überließ; aber vielleicht machte gerade diese Freude ihn vergessen, daß er nicht allein war. Während Jones die Brieftasche küßte und liebkosete, fiel ein Blatt Papier aus derselben heraus, das Jones, als es Partridge aufgehoben und ihm überreicht hatte, sogleich als eine Banknote erkannte. Es war in der That jene Banknote, welche Western seiner Tochter den Abend vor ihrer Flucht gegeben hatte, und ein Jude würde sie mit Vergnügen für fünf Schillinge weniger als hundert Pfund gekauft haben. Partridge's Augen strahlten bei dieser Entdeckung, welche Jones jetzt laut mittheilte; eben so (wenn auch mit einem etwas andern Ausdrucke) die des armen Mannes, der die Brieftasche gefunden und dieselbe (ich hoffe, aus Ehrlichkeit) nicht geöffnet hatte: aber wir würden nicht ehrlich an dem Leser handeln, wenn wir einen Umstand verschweigen wollten, der hier wohl etwas wesentlich sein dürfte, nämlich, daß der Mann nicht lesen konnte. Die Freude und das Entzücken, welche Jones über die aufgefundene Brieftasche empfand, wurde durch diese neue Entdeckung etwas getrübt; denn seine Ahnung sagte ihm sogleich, daß die Eigenthümerin der Banknote diese leicht brauchen werde, ehe er sie ihr werde wieder zustellen können. Er sagte daher dem Finder, daß er die Eigenthümerin der 89 Brieftasche kenne und sich bemühen werde, sie aufzufinden, um ihr dieselbe zurückzugeben. Die Brieftasche war ein Geschenk, das Fräulein Western ihrer Nichte gemacht hatte; sie hatte fünf und zwanzig Schillinge gekostet und war aus dem Laden eines Galanteriehändlers; aber der wahre Werth des Silbers, aus dem das Schloß bestand, betrug etwa drei Schillinge, und um diesen Preis würde sie, da sie noch so gut wie neu war, der Galanteriehändler noch jetzt wiedergenommen haben. Eine kluge Person würde jedoch die Unwissenheit des armen Mannes benutzt und nicht mehr als einen Schilling oder vielleicht noch weniger gegeben haben; ja, mancher hätte vielleicht gar nichts gegeben und den Mann auf den Lohn seines guten Bewußtseins verwiesen, worauf er unter diesen Umständen ohne Zweifel wenig Anspruch hatte. Jones hingegen, der sehr freigebig, vielleicht nur zu freigebig war, gab ohne Weiteres eine Guinee für das Buch. Der arme Mann mochte lange Zeit so viel Geld nicht besessen haben, er dankte Jones daher tausendmal und es drückte sich nicht viel weniger Freude durch seine Muskeln aus, als es zuvor bei Jones der Fall gewesen war, nachdem er den Namen Sophie Western gelesen hatte. Der Arme erklärte sich gern bereit, unsere Reisenden zu der Stelle zu begleiten, wo er die Brieftasche gefunden hatte. Sie machten sich daher insgesammt dahin auf den Weg, allein nicht so schnell als Jones wünschte; denn sein Führer ging unglücklicherweise lahm und brauchte zu einer halben Stunde Weges eine ganze Stunde. Da nun jene Stelle über anderthalbe Stunde entfernt war, also weiter als er oben angegeben hatte, so brauchen wir dem Leser nicht zu sagen, wie viel Zeit sie dazu nöthig hatten. Jones öffnete das Buch hundertmal unterweges, küßte es oft und sprach viel mit sich selbst und sehr wenig mit 90 seinen Begleitern, so daß der Führer einigemal durch Zeichen seine Verwunderung gegen Partridge ausdrückte und dieser mehr als einmal mit dem Kopfe schüttelte und ausrief: »Armer Herr! Orandum est ut sit mens sana in corpore sano .« Endlich gelangten sie an den Ort, wo Sophie unglücklicherweise ihre Brieftasche verloren, und wo der Arme sie gefunden hatte. Hier wollte sich Jones von seinem Führer verabschieden und einen schnelleren Schritt annehmen; allein der Führer, dessen großes Erstaunen und Freude über die empfangene Guinee sich jetzt beträchtlich abgekühlt hatte und der hinlängliche Zeit gehabt, sich wieder zu sammeln, nahm eine mißvergnügte Miene an und sagte, indem er sich auf dem Kopfe kratzte: »Ich hoffe, Ew. Gnaden werden mir noch etwas mehr geben. Ew. Gnaden mögen bedenken, daß wenn ich nicht ehrlich gewesen wäre, ich das Ganze hätte behalten können.« Und dagegen kann der Leser allerdings nichts einzuwenden haben. »Wenn das Papier,« fuhr er fort, »100 Pf. werth ist, so verdient der Finder mehr als eine Guinee. Uebrigens denke ich mir, Ew. Gnaden werden die Dame nicht wieder zu sehen bekommen, und es ihr auch nicht wiedergeben – und wenn auch Ew. Gnaden ganz wie ein Gentleman aussehen und sprechen, so habe ich doch nichts weiter als Ihr bloses Wort; und wenn sich der rechte Eigenthümer nicht findet, so gehört doch eigentlich alles dem ersten Finder. Ich hoffe, Ew. Gnaden werden das alles wohl überlegen. Ich bin nur ein armer Mann, und darum sollten Sie nicht alles haben wollen; es wäre nicht mehr wie billig, daß ich meinen Theil davon bekäme. Ew. Gnaden scheinen ein guter Herr zu sein und werden hoffentlich auf meine Ehrlichkeit Rücksicht nehmen; denn ich hätte ja alles behalten können, und niemand würde etwas gewußt haben.« – »Ich versichere 91 Dich auf mein Ehrenwort,« rief Jones, »daß ich die rechte Eigenthümerin kenne und es ihr wiedergeben werde.« – »Nein, nein,« entgegnete der Mann, »Ew. Gnaden mögen das halten wie Sie wollen; wenn Sie mir nur meinen Antheil geben, das heißt die Hälfte von dem Gelde, dann können Ew. Gnaden meinetwegen das Uebrige für sich behalten,« und er schloß mit einem schweren Eide, durch den er sich verpflichtete, keiner lebenden Seele eine Sylbe davon zu sagen. »Höre, Freund,« rief Jones, »die Eigenthümerin soll gewiß alles, was sie verloren hat, wieder erhalten; und was das anlangt, daß Du eine größere Belohnung haben willst, so kann ich sie Dir wahrhaftig jetzt nicht geben; aber laß mich Deinen Namen wissen und wo Du wohnst, und es ist mehr als möglich, daß Du späterhin noch Ursache haben wirst, Dich des Glückes von diesem Morgen zu freuen.« »Ich muß es wohl darauf ankommen lassen, ob die Dame ihr Geld wieder bekommt oder nicht; aber Ew. Gnaden sollten doch bedenken – –« »Was da,« sagte Partridge, »sage Sr. Gnaden Deinen Namen und Deinen Wohnort; ich versichere Dich, Du wirst es nie bereuen, ihm das Geld ausgehändigt zu haben.« Als der Arme keine Hoffnung mehr sah, wieder in den Besitz der Brieftasche zu kommen, so entschloß er sich endlich, seinen Namen und Wohnort anzugeben, die Jones mit Sophiens Bleistift auf ein Blatt Papier schrieb; und während er dieses in die Brieftasche legte rief er aus: »Sieh da, Freund, Du bist der glücklichste unter den Lebenden: ich habe Deinen Namen zu dem eines Engels gelegt.« »Was weiß ich von Engeln,« erwiederte der Bettler; »ich wollte lieber, Sie gäben mir noch etwas Geld, oder außerdem die Brieftasche.« Partridge wurde nun zornig; er schimpfte den armen Krüppel und 92 hätte ihn wohl gar geschlagen, wenn ihn Jones nicht daran gehindert hätte. Jones wiederholte dem Bettler die Versicherung, er werde gewiß Gelegenheit finden, ihm nützlich zu sein und machte sich so eilig als möglich auf und davon, und Partridge, dem der Gedanke an die hundert Pfund neuen Muth gegeben hatte, ihm nach, während der arme Mann, der nothwendig zurückbleiben mußte, sie beide nicht nur, sondern auch seine Eltern verfluchte; »denn,« sagte er, »hätten sie mich in eine Schule geschickt und mich lesen, schreiben und rechnen lernen lassen, so würde ich den Werth dieser Dinge eben so gut gekannt haben wie andere Leute.« Fünftes Kapitel. Jones' und seines Gefährten weitere Reiseabenteuer. Unsere Reisenden marschirten jetzt so tapfer zu, daß ihnen sehr wenig Zeit oder Athem zur Unterhaltung übrig blieb. Jones dachte den ganzen Weg über an Sophien und Partridge an die Banknote, die, wenn sie ihm auch einiges Vergnügen machte, ihm dennoch gleichzeitig Anlaß zur Unzufriedenheit mit seinem Schicksale gab, das ihm auf allen seinen Wegen nie eine solche Gelegenheit, seine Ehrlichkeit zu zeigen, dargeboten hatte. Sie hatten über drei Meilen zurückgelegt, als Partridge, unfähig länger gleichen Schritt mit Jones zu halten, diesem zurief und ihn bat, etwas langsamer zu gehen; dazu verstand er sich auch um desto bereitwilliger, da er seit einiger Zeit die Spuren der Pferde verloren hatte, die ihn vorher der Thau unterscheiden ließ, und sie sich jetzt auf einer großen Trift befanden, wo verschiedene Wege waren. Hier stand er daher still, um zu überlegen, welchen von den Wegen er wählen sollte, als sie plötzlich in einiger 93 Entfernung den Lärm einer Trommel hörten. Dies setzte Partridge in Schrecken und er rief aus: »Daß sich Gott erbarme! da kommen sie gewiß.« – »Wer kommt?« fragte Jones, denn die Furcht hatte bei ihm schon längst sanfteren Gefühlen Platz gemacht, und seit seinem Abenteuer mit dem lahmen Manne ging sein einziges Trachten dahin, Sophien einzuholen und er dachte mit keinem Gedanken mehr an einen Feind. »Wer?« rief Partridge: »nun die Rebellen; aber warum sollte ich sie Rebellen nennen? sie können ganz rechtliche Leute sein, soweit ich das Gegentheil nicht kenne. Hol' der Teufel den, der sie beleidigt, sag' ich; so viel weiß ich, daß ich, wenn sie mir nichts zu sagen haben, gern nichts zu ihnen sagen will, und dann nur höflich. Ums Himmels willen, beleidigen Sie sie nicht, wenn sie kommen sollten, da thun sie uns vielleicht nichts zu leide; aber wäre es nicht vielleicht klüger, dort hinter jene Büsche zu kriechen, bis sie vorüber sind? Was vermögen zwei Mann ohne Waffen gegen vielleicht funfzigtausend? Wahrlich, nur ein Verrückter – ich hoffe, Sie nehmen es nicht übel – aber wahrlich keiner, von dem man sagen kann, er hat mens sana in corpore sano  – –« Hier unterbrach Jones diesen Strom von Beredtsamkeit, indem er sagte, das Rühren der Trommel lasse ihn schließen, daß sie sich in der Nähe einer Stadt befänden. Er schlug dann gerade die Richtung ein, aus welcher der Lärm herkam, bat Partridge, Muth zu fassen, denn er werde ihn keiner Gefahr aussetzen, und fügte hinzu, es sei unmöglich, daß die Rebellen sich in der Nähe befänden. Partridge fühlte sich durch die letzte Versicherung ein wenig aufgerichtet, und ob er gleich lieber den entgegengesetzten Weg gegangen wäre, so folgte er doch seinem Führer nach; dazu schlug sein Herz den Takt, aber nicht, wie dies bei Helden der Fall zu sein pflegt, nach dem Takte der 94 Trommel, die sie noch hörten, nachdem sie die Trift überschritten hatten und in [eine] enge Gasse eingetreten waren. Und jetzt sah Partridge, der mit Jones gleichen Schritt hielt, ganz nahe etwas Buntes in der Luft flattern, was er für die Fahne des Feindes hielt und brüllte daher: »O Gott, da sind sie! – O Gott! so was schreckliches habe ich nie gesehen; und wir sind schon in Schußweite gerathen.« Jones blickte nicht sobald auf, als er deutlich erkannte, was Partridge so irre geleitet hatte. »Partridge,« sagte er, »ich glaube, Du wirst im Stande sein, es mit dieser ganzen Armee aufzunehmen; denn die Fahne läßt mich errathen, was für eine Bewandtniß es mit der Trommel hatte, die wir vorhin hörten; sie ruft Recruten zu einem Puppenspiele zusammen.« »Ein Puppenspiel!« rief Partridge in der höchsten Freude. »Und ist es wirklich nichts weiter? Ich habe die Puppenspiele über alle Maßen gern. Ach, lassen Sie uns verweilen und es ansehen. Ich sterbe ohnedies fast vor Hunger; denn es ist jetzt beinahe dunkel und ich habe seit drei Uhr Morgens keinen Bissen gegessen.« Sie kamen jetzt bei einem Gasthofe oder eigentlich einer Schenke an, wo sich Jones um so leichter bewegen ließ einzukehren, als er nicht mehr wußte, ob er sich auf dem rechten Wege befand. Sie gingen beide gerade in die Küche, wo Jones nachfragte, ob nicht diesen Morgen Damen hier vorübergereist wären, und Partridge eben so eifrige Nachforschungen im Betreff des Mundvorraths anstellte; und er trug wirklich von seinen Erkundigungen das bessere Resultat davon; denn Jones konnte über Sophien nichts erfahren, aber Partridge erhielt zu seiner großen Freude die angenehme Aussicht auf ein treffliches Mahl von dampfenden Eiern mit Speck. Auf kräftige und gesunde Constitutionen übt die Liebe 95 einen ganz andern Einfluß, als auf den schwächern Theil des Menschengeschlechts. Bei dem letztern unterdrückt sie gewöhnlich allen jenen Appetit, der auf die Erhaltung des Individuums gerichtet ist; bei den ersteren aber bewirkt sie zwar wohl auch, daß das Einnehmen von Nahrung wie jedes andere Geschäft vergessen und vernachlässigt wird; allein man setze einem hungrigen Liebhaber nur ein gutes Stück Fleisch vor und er wird selten ermangeln, seine Schuldigkeit zu thun. Dieser Fall ereignete sich jetzt; denn obgleich Jones jemandes bedurfte, der ihn erinnerte, und wäre er allein gewesen, mit leerem Magen wohl immer weiter gereist sein würde, so hatte er sich doch kaum an den Tisch gesetzt, als er dem Speck und den Eiern eben so eifrig zusprach wie Partridge selbst. Ehe unsere Reisenden noch mit ihrem Mahle zu Ende waren, war der Abend hereingebrochen, und da der Vollmond vorüber war, so wurde es sehr finster. Partridge überredete daher Jones dazubleiben und das Puppenspiel mit anzusehen, das so eben seinen Anfang nehmen sollte, und zu dem sie sehr dringend von dem Besitzer eingeladen wurden. Dieser erklärte ihnen auch, daß seine Puppen die schönsten wären., die die Welt bis jetzt hervorgebracht, und daß sie sich in allen Städten Englands den Beifall aller hohen Personen erworben hätten. Das Puppenspiel wurde mit großer Ordnung und vielem Anstande aufgeführt. Es stellte vor, wie es auf dem Zettel hieß, den schöneren und ernsten Theil des beleidigten Ehemanns; und es war in der That eine sehr ernste und feierliche Unterhaltung, ohne einen derben Witz oder Humor oder Possen; oder um dem Stücke nichts weiter als Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne alles, was nur irgend Lachen erregen konnte. Die Zuhörer waren alle sehr befriedigt. Eine ernsthafte Matrone sagte dem Besitzer des 96 Puppentheaters, sie werde zum folgenden Abende ihre beiden Töchter mitbringen, da er nichts Anstößiges aufführe; und ein Kopist und ein Steuereinnehmer erklärten, daß die Charaktere von Lord und Lady Townly gut und höchst natürlich wiedergegeben gewesen wären. Partridge stimmte dieser Ansicht gleichfalls bei. Der Director des Puppentheaters wurde durch diese Lobeserhebungen so stolz gemacht, daß er nicht umhin konnte, denselben selbst noch einiges hinzuzufügen. Er sagte, das gegenwärtige Zeitalter sei in keinem Stücke so weit fortgeschritten als im Puppenspiele, das durch die Verweisung des Hanswursts und seiner Frau, Hanne, und was dergleichen Plunder mehr wäre, endlich zu einer vernünftigen Unterhaltung ausgebildet worden sei. »Ich erinnere mich noch,« fuhr er fort, »daß, als ich dieses Geschäft anfing, eine Menge gemeiner Possen mit vorgebracht wurde, die das Publikum lachen machten, aber nimmermehr darauf berechnet waren, die Sitten der jungen Leute zu veredeln, was doch ohne Zweifel der Hauptzweck jedes Puppenspiels sein sollte; denn warum sollten nicht gute und heilsame Lehren eben sowohl auf diesem Wege verbreitet werden, wie auf jedem andern? Meine Puppen haben Lebensgröße und sie stellen das Leben in allen seinen Beziehungen dar; und mir liegt blos daran, daß die Leute aus meinem kleinen Theater eben so viel Gewinn für ihre Vervollkommnung ziehen als aus dem großen.« – »Ich will Ihren Ansprüchen keineswegs zu nahe treten,« entgegnete Jones, »aber ich würde bei alledem meinen alten Bekannten, Meister Hanswurst, gern gesehen haben; und weit entfernt zu glauben, daß Ihr Puppenspiel durch die Verbannung desselben so wie seiner lustigen Frau Hanne gewonnen habe, glaube ich vielmehr, daß es verloren hat.« Dem Puppentanzmeister flößten diese Worte sogleich eine 97 tiefe Verachtung gegen Jones ein, und mit einer Miene, in der sich dieses Gefühl abspiegelte, erwiederte er: »Sehr wahrscheinlich, mein Herr, daß das Ihre Ansicht ist; aber ich habe die Genugthuung, daß die besten Kunstrichter eine andere haben, und es ist unmöglich, es jedem nach seinem Geschmack einzurichten. Ich gestehe freilich, daß vor zwei bis drei Jahren zu Bath einige Vornehme den Hanswurst mit aller Gewalt wieder auf der Bühne haben wollten. Ich glaube, daß ich Geld eingebüßt habe, weil ich ihnen nicht willfahrte, aber mögen andere machen was sie wollen; ich lasse mich durch eine Kleinigkeit nicht bestechen, mein Geschäft herunterzubringen; auch gebe ich nicht zu, daß der Anstand und die regelmäßige Haltung auf meiner Bühne durch Einmischung so gemeiner Possen verletzt werden.« »Recht so, Freund,« rief der Copist, »Sie haben ganz Recht. Vermeiden Sie stets, was gemein ist. Da sind einige meiner Bekannten in London, die haben beschlossen, alles, was gemein ist, von der Bühne zu verbannen.« – »Nichts kann zweckmäßiger sein,« rief der Steuereinnehmer, indem er seine Pfeife aus dem Munde nahm. »Ich erinnere mich,« setzte er hinzu, »daß ich zu der Zeit, wo ich noch bei meinem Herrn in Diensten stand, den Abend, als dieses Stück, der Beleidigte Ehemann, zuerst gegeben wurde, auf der Bedientengallerie war. Da war viel gemeiner Unsinn darin von einem Landedelmann, der in die Stadt kam, um in das Parlament einzutreten: und da brachten sie einige von seinen Bedienten auf die Bühne, seines Kutschers erinnere ich mich besonders noch; aber die Herren auf unserer Gallerie konnten solche Gemeinheit nicht mit ansehen und pfiffen das Stück aus. Sie, Freund, haben das alles weggelassen, wie ich bemerke, und sind darum zu loben.« »Nein, meine Herren,« rief Jones, »ich kann nimmermehr meine Meinung gegen so viele durchsetzen; wenn freilich die 98 Mehrzahl der Zuschauer den Hanswurst nicht leiden kann, dann mag der gelehrte Herr, der das Schauspiel dirigirt, ganz Recht haben, ihn aus seinen Diensten zu entlassen.« Der Director fing dann an, eine zweite Rede zu halten, worin er viel von der großen Macht des Beispiels vorbrachte und wie sehr die niedre Classe von Menschen von der Ausübung des Lasters abgeschreckt werde, wenn sie sähe, wie häßlich es ihren Oberen anstehe, als er leider durch ein Ereigniß unterbrochen wurde, das wir, so gern wir es auf eine andere Zeit verschoben hätten, nicht umhin können, sofort zu erzählen, aber nicht in diesem Kapitel. Sechstes Kapitel. Aus dem sich ergiebt, daß auch das Beste mißverstanden und gemißdeutet werden kann. Ein heftiger Tumult erhob sich jetzt vor dem Eingange, wo die Wirthin ihrer Magd mit Faust und Zunge sehr vernehmlich zusetzte. Sie hatte freilich das Mädchen bei ihrer Arbeit vermißt und nach einigem Suchen auf der Treppe zum Puppentheater, in Gesellschaft des Lustigmachers und in einer für die Beschreibung wenig geeigneten Verfassung. angetroffen. Obgleich Ursula (so hieß die Magd) alle Sittlichkeit außer Augen gesetzt hatte, so besaß sie doch nicht Frechheit genug, eine That abzuleugnen, über der sie wirklich ertappt worden war; sie nahm daher einen andern Ausweg und suchte ihr Vergehen zu mindern. »Warum schlagen Sie mich so, Madam?« rief das Mädchen. »Wenn Ihnen nicht ansteht, was ich thue, so können Sie mich fortschicken. Wenn ich eine Hure bin (denn so hatte die andere sie genannt), so sind es wohl noch andere Leute als ich. Was war die feine 99 Dame im Puppenspiele denn anders? Ich glaube nicht, daß sie alle Nächte umsonst außer dem Hause war.« Die Wirthin stürmte nun in die Küche und fiel über ihren Mann und den armen Puppenkünstler her. »Da siehst Du es, Mann,« sagte sie, »was es für Folgen hat, daß Du diese Menschen in Deinem Hause beherbergst. Wenn sie noch etwas aufgehen ließen für die viele Unordnung, die sie verursachen! und dann will solches Lumpengesindel einem das Haus gar noch zu einem Hurenhause machen. Das sage ich Ihnen, machen Sie, daß Sie morgen früh fortkommen, denn ich will eine solche Wirthschaft nicht länger leiden. Das führt unsere Leute zum Faullenzen und zu Thorheiten; denn etwas Besseres läßt sich aus solchen nichtsnutzigen Schauspielen, wie diese, nicht lernen. Ja, als die Puppenspiele noch Geschichten aus der heiligen Schrift vorstellten, wie Jephtha's übereilter Schwur und ähnliche schöne Sachen, und wie gottlose Bösewichter vom Teufel geholt wurden; da war doch noch ein Sinn darin; aber, wie der Pfarrer am letzten Sonntage sagte, kein Mensch glaubt heutigen Tages mehr an den Teufel; und hier bringen Sie ein Bündel Puppen her, wie Herren und Damen gekleidet, nur um den armen Mädchen die Köpfe zu verdrehen, und wenn es in ihren Köpfen einmal drunter und drüber geht, dann ist es kein Wunder, wenn es auch mit allen andern Dingen so geht.« Virgil, denke ich, sagt uns, daß, wenn der zusammengerottete Pöbel lärmt und tobt und mit allem, was mobil ist, um sich her wirft, dann aber ein Mann mit Ernst und Würde unter ihn tritt, der Tumult augenblicklich beschwichtigt ist und der Pöbel, einem Esel vergleichbar, seine langen Ohren spitzt, um des ernsten Mannes Rede zu hören. Wenn dagegen, während ernste Männer und Philosophen eine gelehrte Unterhaltung führen, wobei die Weisheit 100 gleichsam in Person anwesend ist und den Disputirenden Argumente liefert, unter dem Pöbel ein Tumult ausbricht, oder unter den besagten Philosophen ein scheltendes Weib erscheint, die es im Lärmen einem Pöbelhaufen gleichthut, so verstummt augenblicklich ihr gelehrtes Gespräch, die Weisheit verwaltet nicht länger ihr vermittelndes Amt und die Aufmerksamkeit Aller ist sogleich einzig und allein auf die Zänkerin gerichtet. So brachte der vorerwähnte Tumult und das Auftreten der Wirthin den Puppenspieldirector zum Schweigen und machte der salbungsreichen Rede, von der wir dem Leser bereits eine hinlängliche Probe gegeben haben, schnell und ein für allemal ein Ende. Es hätte in der That nichts so ungelegen kommen können, als dieser Auftritt; die schadenfrohste Laune des Schicksals hätte keinen andern Streich erfinden können, um den armen Tropf außer Fassung zu bringen, gerade als er sich triumphirend über die guten Lehren verbreitete, die durch seine Darstellungen ausgesäet würden. Er war wirklich eben so sehr verblüfft, als es ein Quacksalber nur sein kann, wenn während seines Vortrags über die großen Wirkungen seiner Pillen und Pulver der Leichnam eines seiner Opfer hereingebracht und als ein Zeugniß seiner Geschicklichkeit vor der Bühne niedergelegt wird. Anstatt daher der Wirthin zu antworten, rannte der Director hinaus, um seinen Lustigmacher abzustrafen; und nun, da der Mond mit seinem Silber- oder vielmehr Kupferlichte zu scheinen begann, verlangte Jones seine Rechnung und hieß Partridge, den die Wirthin so eben aus einem tiefen Schlafe erweckt hatte, sich reisefertig machen; aber Partridge, der, wie der Leser zuvor gesehen, zwei Punkte durchgesetzt, hatte die Kühnheit, es auch mit dem dritten zu versuchen, nämlich Jones zu überreden, 101 daß er in dem Hause, wo sie waren, sein Nachtquartier nähme. Er begann mit einer affectirten Ueberraschung, die er bei Jones' Mahnung zum Aufbruche zu erkennen gab, brachte dann verschiedene ausgezeichnete Gründe dagegen vor und blieb endlich dabei stehen, daß es zu gar nichts nützen könne; denn da Jones nicht wisse, welchen Weg die Dame passirt sei, so riskire er, daß ihn jeder Schritt weiter von ihr entferne; »denn nach allem, was Sie hier von den Leuten im Hause gehört haben,« sagte er, »ist sie diesen Weg nicht gekommen. Um wie viel besser wäre es daher nicht, wenn wir bis morgen blieben, wo wir erwarten dürfen, mit jemandem zusammenzutreffen, der uns Auskunft zu geben vermag?« Dieses letzte Argument hatte in der That für Jones einiges Gewicht, und während er es erwog, warf der Wirth noch alles, was er an Beredtsamkeit besaß, in die nämliche Wagschaale. »Wahrhaftig,« sagte er, »Ihr Bedienter kann Ihnen keinen bessern Rath geben; denn wer möchte in dieser Jahreszeit bei Nacht reisen?« Dann rühmte er in der gewöhnlichen prahlerischen Weise die bequeme Einrichtung seines Hauses, und die Wirthin stimmte gleichfalls in diesen Ton ein. – Um aber den Leser nicht mit Dingen aufzuhalten, die er an jedem Wirthe und jeder Wirthin beobachten kann, möge es genügen, ihm zu sagen, daß Jones endlich überredet wurde, dazubleiben und sich durch einige Stunden Ruhe zu erquicken, die er wirklich sehr bedurfte; denn er hatte, seit er den Gasthof verlassen, in dem sich der Vorfall mit der Kopfwunde ereignete, kaum ein Auge wieder geschlossen. Sobald als Jones zu dem Entschlusse gekommen war, diese Nacht nicht weiter zu reisen, begab er sich zugleich mit seinen beiden Bettgenossen, der Brieftasche und dem Muffe, zur Ruhe; Partridge aber, der sich zu verschiedenen Zeiten durch ein Schläfchen erquickt hatte, war mehr zum Essen, 102 als zum Schlafen, und noch mehr als zu beidem zum Trinken aufgelegt. Da sich nun auch der durch Ursula veranlaßte Sturm gelegt und die Wirthin sich wieder mit dem Puppendirector ausgesöhnt hatte, welcher seinerseits die ungebührlichen Bemerkungen der guten Frau über seine Vorstellungen verzieh, so stellte die Küche, in welcher der Wirth und die Wirthin des Hauses, der Director, der Copist, der Steuereinnehmer und der geistreiche Herr Partridge um das Feuer bei einer traulichen Unterhaltung, welche das nächste Kapitel mittheilen wird, versammelt saßen, ein wahres Bild des Friedens und der Ruhe dar. Siebentes Kapitel. Enthält außer einigen Bemerkungen von uns deren mehrere von der guten Gesellschaft in der Küche. Obgleich Partridge zu stolz war, um für einen Bedienten gelten zu wollen, so ahmte er gleichwohl in sehr vielen Stücken die Eigenthümlichkeiten dieses Standes nach. Ein Beispiel davon war, daß er das Vermögen seines Reisegefährten, wie er Jones nannte, für sehr bedeutend ausgab; das thun in der Regel alle Bediente, wenn sie unter Fremden sind, weil keiner derselben für den Diener eines armen Teufels gehalten sein will; denn je glänzender die Umstände des Herrn sind, desto besser sind folglich auch, seiner Meinung nach, die des Dieners. Die Wahrheit dieser Beobachtung findet in dem Betragen aller Bedienten des Adels ihre Bestätigung. Ob nun aber gleich Rang und Vermögen einen Glanz auf ihre Umgebung zurückwerfen und die Bedienten vornehmer und reicher Herren der Meinung sind, daß ihnen 103 von dem Respect. welcher dem Range und Reichthume ihrer Herren gezollt wird, auch ein Theil zukomme, so verhält es sich offenbar doch ganz anders in Hinsicht auf Tugend und Verstand. Diese Vorzüge sind durchaus persönlich und absorbiren all den ihnen gezollten Respect selbst. Es ist freilich wahr, dieser ist so gering, daß er nicht leicht eine Theilung mit anderen zuläßt. Da jene Eigenschaften also keine Ehre für den Bedienten abwerfen, so bringt der kläglichste Mangel derselben bei seinem Herrn ihm auch durchaus keine Schande. Anders ist es allerdings, wenn eine Herrin dasjenige, was man Tugend nennt, entbehrt, wovon wir vorhin die Folgen gesehen haben; denn in dieser Schande liegt eine Art Ansteckungsstoff, der sich, gleich dem der Armuth, allen, die sich nähern, mittheilt. Darum dürfen wir uns nun auch gar nicht wundern, daß Bediente auf das Ansehen oder den Reichthum ihrer Herren so viel Rücksicht nehmen und auf deren Charakter so wenig oder gar keine, daß sie, obgleich sie sich schämen würden; einem Bettler zu dienen, keinen Anstand nehmen, eines Schurken oder Dummkopfs Diener zu sein, und sich folglich kein Gewissen daraus machen, den Ruf der Nichtswürdigkeit und Dummheit ihrer Herren so weit als möglich auszubreiten, und zwar oft mit großem Humor und großer Heiterkeit. In der That ist ein Bedienter oft ein Witzling und ein Stutzer auf Kosten des Herrn, dessen Livree er trägt. Nachdem also Partridge das ungeheure Vermögen, das Jones erben sollte, noch bedeutend vergrößert hatte, theilte er ohne alle Zurückhaltung eine Besorgniß mit, welche er seit gestern hegte, und zu welcher Jones' Betragen hinlänglichen Grund gegeben zu haben schien. Kurz, er war jetzt vollkommen überzeugt, daß sein Herr nicht bei Verstande sei, mit welcher Ansicht er die ganze Gesellschaft am Feuer sehr plumper Weise bekannt machte. 104 Dieser Ansicht stimmte der Puppendirector sogleich bei. »Ich gestehe,« sagte er, »es überraschte mich ungemein, wie der Herr so absurd über das Puppentheater urtheilte. Es ist wirklich kaum zu begreifen, wie ein Mann, der bei gesundem Verstande ist, sich so weit verirren könnte; was Sie nun da sagen, erklärt alle seine monströsen Begriffe sehr wohl. Armer Herr! Er thut mir herzlich leid; er hat wirklich etwas auffallend Wildes in seinem Blicke; ich bemerkte es wohl, wenn ich gleich nichts darüber äußerte.« Der Wirth war mit dieser letzten Behauptung einverstanden und rühmte sich ebenfalls, es bemerkt zu haben. »Es kann ja auch gar nicht anders sein,« setzte er hinzu; »denn nur einem Verrückten konnte es einfallen, ein so gutes Wirthshaus zu verlassen, um in dieser Jahreszeit die Nacht über im Lande umherzuschweifen.« Der Steuereinnehmer bemerkte, nachdem er die Pfeife aus dem Munde genommen hatte, daß ihm der Herr in Blick und Sprache etwas Auffallendes zu haben scheine und sagte zu Partridge gewendet: »Wenn er wahnsinnig ist, so sollte man nicht zugeben, daß er so im Lande herumreist; denn er kann ja leicht Schaden anrichten. Es ist zum Erbarmen, daß man sich seiner nicht versichert und ihn zu den Seinigen nach Hause schickt.« Nun waren in Partridge schon ähnliche Gedanken aufgestiegen; denn da er jetzt überzeugt war, daß Jones von Herrn Allworthy davon gelaufen wäre, so versprach er sich die reichste Belohnung für den Fall, daß es ihm auf irgend eine Weise gelänge, denselben zurückzubringen. Aber die Furcht vor Jones, von dessen Stolz und Körperkraft er einige Beweise kennen gelernt, hatte ihm eine solche Maßregel als unausführbar erscheinen lassen und ihm den Muth benommen, irgend einen regelmäßigen Plan zu diesem Zwecke zu entwerfen. Aber nicht sobald hörte er die Ansicht des 105 Steuereinnehmers, als er diese Gelegenheit ergriff, seine eigene auszusprechen und den innigen Wunsch zu äußern, daß so etwas möchte in Ausführung gebracht werden können. »Können, in Ausführung gebracht werden können!« sagte der Steuereinnehmer; »wie so? nichts ist doch leichter.« »Ah, mein Herr,« entgegnete Partridge, »Sie wissen nicht, was für ein Teufelskerl er ist. Er hebt mich mit einer Hand in die Höhe und wirft mich zum Fenster hinaus; und er würde sogar, wenn er nur dächte –« »Bah!« sagte der Steuereinnehmer, »ich glaube, ich bin so gut ein Mann wie er. Uebrigens sind wir unser fünf.« »Ich wüßte nicht, wo fünf herkämen,« rief die Wirthin; »mein Mann soll sich nicht darein mengen. Auch soll in meinem Hause an Niemanden gewaltsamer Weise Hand angelegt werden. Der junge Herr ist ein so lieber junger Herr, als ich je in meinem Leben einen gesehen habe, und ich glaube, er ist nicht verrückter, als irgend eines unter uns. Was wollen Sie mit seinem wilden Blicke? Er hat die schönsten Augen, die mir jemals vorgekommen sind, und den scharmantesten Blick; dabei ist er ein sehr bescheidener, höflicher junger Mann. Wahrlich, ich habe ihn von Herzen bedauert, seit der Herr dort im Winkel mir sagte, daß er eine unglückliche Liebe habe. Das kann doch gewiß machen, daß ein Mann, zumal ein so feiner junger Herr wie er ist, ein wenig anders aussieht wie zuvor. Nur über die Dame! was zum Teufel kann denn die Dame besseres haben wollen, als einen so hübschen Mann mit einem solchen Vermögen? Wahrscheinlich ist sie eine von Euren vornehmen Damen, eine von Euren Stadtdamen, wie wir sie im Puppentheater gesehen haben, die nicht wissen, was sie wollen.« Der Kopist erklärte gleichfalls, er werde sich nicht in die Sache mischen, ohne irgend eine Befugniß dazu zu haben. 106 »Gesetzt,« sagte er, »es würde wegen ungerechter Verhaftung eine Klage gegen uns eingebracht, womit wollten wir uns vertheidigen? Wer weiß denn, was dazu gehört, um vor Gericht genügend zu beweisen, daß einer wahnsinnig ist? Aber ich spreche blos für mich; denn es schickt sich nicht wohl für einen Rechtskundigen, sich mit solchen Angelegenheiten zu befassen, außer in der Qualität eines Rechtskundigen. Die Gerichte sind uns immer weniger günstig, als andern Leuten. Ich will Ihnen darum nicht abrathen, Herr Thompson (so hieß der Steuereinnehmer), noch dem Herrn da, noch sonst Jemandem.« Der Steuernehmer schüttelte den Kopf bei diesen Worten und der Puppenspieler sagte, der Wahnsinn sei ein Gegenstand, dessen Entscheidung einem Gericht zuweilen große Schwierigkeiten verursache; »denn ich erinnere mich,« fuhr er fort, »einst einer Untersuchung über Wahnsinn beigewohnt zu haben, wo zwanzig Zeugen schwuren, daß die fragliche Person so verrückt wäre, wie nur einer sein könnte, und zwanzig andere, daß kein Mann in England bei gesünderem Verstande wäre. – Und in der That glaubten die Meisten, daß es blos ein Streich von den Verwandten wäre, um den armen Mann um sein Recht zu bringen.« »Leicht möglich!« rief die Wirthin. »Ich habe selbst einen armen Herrn gekannt, der sein Lebenlang von seiner Familie in einem Tollhause gehalten wurde, während sie sein Vermögen genoß; aber es kam ihr nicht zu Gute, denn wenn auch das Gesetz es ihr zusprach, das Recht war doch bei einem andern.« »Bah!« rief der Copist mit tiefer Verachtung, »wer hat irgend ein Recht, außer das, welches ihm vom Gesetze verliehen wird? Wenn mir das Gesetz das schönste Grundstück im Lande zuspräche, was sollte es mich kümmern, wer ein Recht daran hätte.« 107 »Wenn das ist,« sagte Partridge, » Felix quem faciunt aliena pericula cautum .« Der Wirth, den man wegen der Ankunft eines Reiters hinausgerufen hatte, kehrte jetzt in die Küche zurück und rief mit Schrecken verkündender Miene: »Was denken Sie davon, meine Herren! Die Rebellen haben den Herzog umgangen und sind nicht weit mehr von London. Es ist wirklich wahr; denn ein Reiter erzählte es mir so eben.« »Das freut mich von Herzen,« rief Partridge; »werden wir doch kein Gefecht in dieser Gegend haben.« »Mich freut es aus einem bessern Grunde,« rief der Copist; »denn ich wünschte, daß immer das Recht die Oberhand behielte.« »Ja, aber,« wendete der Wirth ein, »ich habe Manche sagen hören, dieser Mann habe nicht recht.« »Davon will ich Ihnen gleich das Gegentheil beweisen,« rief der Copist; »wenn mein Vater eines Rechtes verlustig stirbt, meinen Sie, daß ich dann eines Rechtes verlustig bin? erbt nicht dieses Recht auf seinen Sohn fort, und zwar ein Recht so gut wie ein anderes?« »Aber wie kann er ein Recht haben, uns katholisch machen zu wollen?« sagte der Wirth. »Fürchten Sie nur das nicht,« rief Partridge. »Was das Recht anbelangt, so hat es der Herr da sonnenklar bewiesen, und die Religion kommt dabei gar nicht in Frage. Die Papisten erwarten so etwas selbst nicht. Ein katholischer Priester, den ich sehr gut kenne und der ein sehr rechtschaffener Mann ist, sagte mir auf sein Wort und seine Ehre, daß sie eine solche Absicht nicht hätten.« »Und ein anderer Priester, den ich kenne,« versicherte die Wirthin, »hat mir das Nämliche gesagt. Aber mein Mann traut den Katholiken immer nicht. Ich kenne deren viele, die sehr rechtliche Leute sind und die viel Geld aufgehen 108 lassen; und es ist immer mein Grundsatz, daß eines Geld so gut ist, wie des andern.« »Sehr wahr, Madam,« sagte der Puppenspieler; »mir ist's einerlei, welche Religion aufkömmt, wenn nur die Presbyterianer nicht an's Ruder kommen; denn die sind Feinde von Puppenspielen.« »So wollten Sie also Ihre Religion Ihrem Interesse aufopfern,« rief der Steuereinnehmer, »und wünschen das Papstthum obenauf zu sehen, nicht wahr?« »Das wahrhaftig nicht,« antwortete der andere; »ich hasse das Papstthum wie irgend einer; aber es ist ein Trost für einen, daß man darunter sein Brod verdienen kann, was man unter den Presbyterianern nicht könnte. Jedermann denkt doch zuerst an seinen Lebensunterhalt; das muß man mir zugeben; und ich wette, daß Sie, wenn Sie die Wahrheit gestehen wollen, eher sonst was verlieren möchten, als Ihre Stelle; aber fürchten Sie nichts, Freund, eine Steuer wird es unter einer andern Regierung eben so gut geben, als unter dieser.« »Nun, ich müßte doch ein ganz schlechter Mann sein,« versetzte der Steuereinnehmer, »wenn ich nicht den König ehrte, dessen Brod ich esse. Das ist nicht mehr als natürlich, mag einer sagen, was er wolle: denn was hilft es mir, daß auch unter einer andern Regierung ein Steueramt sein wird, wenn meine Freunde fort müßten und ich nichts besseres zu erwarten hätte, als ihnen zu folgen? Nein, nein, Freund, ich werde mich nie von meiner Religion abwendig machen lassen in der einzigen Hoffnung, meine Stelle unter einer andern Regierung zu behalten; denn ich würde dadurch gewiß nicht besser, aber sehr wahrscheinlich schlechter werden.« »Nun, das ist ja, was ich sage,« rief der Wirth, »wenn die Leute immer sagen, wer weiß wie es kommen kann? 109 Ei zum Henker, wäre ich denn nicht ein Narr, wenn ich einem mein Geld geben wollte, den ich nicht kenne, weil er mir es vielleicht wiedergeben kann? Ich weiß gewiß, in meinem Kasten ist es sicher, und da will ich es behalten.« Der Schreiber hatte eine hohe Idee von Partridge's feinem Verstande gefaßt. Mochte sie nun in der großen Schärfe und Umsicht, womit der erstere Menschen und Verhältnisse beurtheilte, ihren Grund haben, oder in der Sympathie ihrer Ansichten, denn sie waren beide ihren Grundsätzen nach Jacobiner, sie schüttelten einander herzlich die Hände und tranken ein Glas Bier nach dem andern auf Gesundheiten, die wir der Vergessenheit anheim fallen lassen wollen. Alle Anwesende thaten Bescheid darauf, und selbst der Wirth, wenn auch mit Widerstreben; allein er vermochte den Drohungen des Schreibers, welcher nie wieder einen Fuß in sein Haus zu setzen schwur, sofern er sich weigerte, nicht zu widerstehen. Die bei dieser Gelegenheit geleerten Gläser machten, daß die Unterhaltung bald ein Ende nahm. Wir wollen daher hiermit auch dem Kapitel ein Ende machen. Achtes Kapitel. In welchem Fortuna etwas günstiger gegen Jones gestimmt gewesen zu sein scheint, als wir bisher gesehen haben. Eben so wie es kein heilsameres Mittel zur Beförderung des Schlafes giebt, so giebt es auch kein kräftigeres, als Ermüdung. Von diesem Mittel hatte Jones eine sehr starke Dosis genommen und es übte seine volle Wirkung. Er hatte bereits neun Stunden geschlafen und würde vielleicht 110 noch nicht erwacht sein, wäre er nicht durch einen entsetzlichen Lärm vor seinem Zimmer, wo er viele heftige Schläge und den vielfach wiederholten Ausruf Mörder! erschallen hörte, aus seiner Ruhe gestört worden. Jones sprang sogleich aus seinem Bette und fand den Puppenspieler in voller Thätigkeit, den Rücken und die Rippen seines armen Spaßmachers ohne Erbarmen und Mäßigung zu bearbeiten. Jones intervenirte sogleich zu Gunsten der leidenden Partei und machte den grausamen Sieger an der Wand fest, denn der Puppenspieler war eben so wenig im Stande, es mit Jones aufzunehmen, als der bunte Spaßmacher mit jenem. Ob nun aber gleich dieser ein kleiner Bursch und nicht sehr kräftig war, so hatte er doch einige Galle. Nicht sobald sah er sich daher von seinem Feinde befreit, als er anfing, diesen mit der einzigen Waffe, mit welcher er ihm beikommen konnte, zu attakiren. Zuerst schleuderte er einen Schwall von Schimpfworten gegen ihn und diesen folgten verschiedene Beschuldigungen. »Verflucht soll der Schurke sein,« sagte er, »ich habe ihm nicht nur aufgeholfen (denn was er einnimmt, verdankt er mir), sondern ich habe ihn auch vor dem Galgen gerettet. Wollten Sie nicht noch gestern erst hier in dem engen Gäßchen der Dame ihren schönen Reitanzug abnehmen? Können Sie leugnen, daß Sie wünschten, sie in einem Walde allein zu haben, um sie zu berauben, eine der artigsten Damen, die es nur auf der Welt geben kann, zu berauben? Und hier fallen Sie über mich her um eines Mädchens willen, der ich doch nichts zu Leide gethan habe, blos weil sie mich besser leiden mag als Sie.« Kaum hatte Jones dies gehört, als er den Director unter der nachdrücklichsten Verwarnung, von allen ferneren Thätlichkeiten abzustehen, losließ und den armen Burschen 111 mit sich auf sein Zimmer nahm, wo er Auskunft über Sophien erhielt, die jener, als er den Tag vorher seinen Herrn mit der Trommel begleitet, hatte vorüberreisen sehen. Er bat ihn, ihm den Ort genau zu zeigen, rief dann Partridge und machte sich so schnell als möglich auf die Reise. Es war beinahe acht Uhr, ehe sie fortkamen; denn Partridge beeilte sich nicht und die Rechnung war auch nicht sogleich aufgesetzt; und dann wollte Jones auch nicht eher abreisen, als bis er alle Differenzen zwischen dem Director und seinem Gehülfen vollständig ausgeglichen hätte. Als dies glücklich zu Stande gebracht worden war, brach er auf und wurde von dem Spaßmacher an den Ort geführt, wo Sophie vorübergekommen war. Von dort aus setzte er dann, nachdem er seinen Führer ansehnlich belohnt hatte, seine Reise mit der größten Eilfertigkeit wieder fort, höchlich erfreut über die außerordentliche Art und Weise, wie er zu dieser Kunde gelangt war. Sobald Partridge dies hörte, prophezeihte er Jones allen Ernstes, daß ihm gewiß endlich noch alles gelingen werde, »denn,« sagte er, »nicht zweimal würde der Zufall ihn auf so merkwürdige Weise auf die Spur seiner Geliebten gebracht haben, wenn nicht die Vorsehung beschlossen hätte, sie endlich zusammen zu bringen.« Und dies war das erste Mal, daß Jones den abergläubischen Lehren seines Gefährten einige Aufmerksamkeit schenkte. Sie waren noch nicht viel über eine Stunde gegangen, als sie ein heftiger Regenguß überfiel; und da sie nicht weit von einem Wirthshause waren, so brachte es Partridge durch dringendes Bitten bei Jones so weit, daß sie eintraten, um das Wetter abzuwarten. Der Hunger ist ein Feind, der, so oft man ihn auch immer unterdrücken mag, dennoch allezeit bald wieder aufsteht: und diese Erfahrung machte Partridge, der, sobald er in die Küche trat, dieselbe 112 Nachfrage hielt, wie den Abend zuvor. Das Resultat davon war, daß ein vorzügliches Stück kalter Schweinsrücken aufgetragen wurde, den sich Partridge sowohl als Jones trefflich schmecken ließ, obgleich der letztere wieder unmuthig zu werden anfing, weil die Leute des Hauses ihm keine neuen Nachrichten über Sophie geben konnten. Nach beendigtem Mahle bereitete sich Jones, trotz der fortdauernden Heftigkeit des Wetters, wieder zum Aufbruche vor, aber Partridge bat dringend um noch einen Krug ; während dem warf er einen Blick nach einem jungen Manne, der so eben in die Küche eingetreten und an das Feuer gegangen war, und sagte, als dieser ihn gleichfalls aufmerksam ansah, gegen Jones gewendet: »Herr, geben Sie mir Ihre Hand, ein einziger Krug wird's diesmal nicht thun. Nun, da giebt's mehr Neues von Fräulein Sophie. Der Bursch dort am Feuer ist derselbe, der vor ihr her ritt. Ich kann es auf mein Pflaster schwören, das er auf seinem Gesicht hat.« – »Gott lohne es Ihnen, Herr!« rief der Bursch, »ja wohl ist es Ihr Pflaster; ich werde Ihre Güte nie vergessen; denn es hat mich fast curirt.« Bei diesen Worten sprang Jones von seinem Stuhle auf, bat den Burschen, ihm augenblicklich zu folgen, und eilte aus der Küche in ein besonderes Zimmer; denn er war in Betreff Sophiens so zartfühlend, daß er ihren Namen nie gern in Gegenwart vieler Leute erwähnte; und wenn er auch im Ueberströmen seines Herzens Sophiens unter den Officieren bei jenem Toaste gedachte, so wird sich doch der Leser zugleich auch erinnern, daß es großer Mühe bedurfte, ihn zur Nennung ihres Zunamens zu bestimmen. Es war daher hart und, wie mancher scharfsinnige Leser vielleicht denken wird, ganz ungereimt und widernatürlich, daß er sein gegenwärtiges Mißgeschick hauptsächlich dem auf ihm haftenden Verdachte verdanken sollte, er ermangele 113 eines Zartgefühls, das er doch so in reichem Maße besaß; denn Sophie fühlte sich in der That mehr verletzt durch den Mißbrauch, den er, wie sie (und nicht ohne Grund) meinte, mit ihrem Namen und Charakter getrieben, als durch irgend eine Freiheit, die er sich in seinem gegenwärtigen Verhältnisse gegen ein anderes Frauenzimmer erlaubt hätte; und, die Wahrheit zu sagen, so glaube ich, daß Honour sie nie dazu vermocht haben würde, Upton zu verlassen, ohne ihren Jones gesehen zu haben, wären nicht jene beiden schweren Beweise für sein leichtsinniges, alle Achtung außer Augen setzendes Betragen gewesen, das in der That mit der Liebe und Zärtlichkeit erhabener und feinfühlender Gemüther in so großem Widerspruche stand. Aber so gestalteten sich die Sachen, und so muß ich sie erzählen; und sollten sie dem oder jenem Leser unnatürlich vorkommen, so kann ich es nicht ändern. Ich muß solchen Personen bemerken, daß ich kein System, sondern eine Geschichte schreibe, und daß ich nicht verbunden bin, jeden Umstand mit den bestehenden Begriffen von Wahrheit und Natur in Einklang zu bringen. Wenn dies aber auch noch so leicht wäre, so dürfte es doch vielleicht klüger sein, daß ich es nicht thue. Denn wie die Sachen jetzt stehen, müssen sie, wenn auch manche Leser auf den ersten Anblick sich nicht damit befreunden können, dennoch alle befriedigen; die verständigen und guten mögen nämlich das, was Jones zu Upton begegnete, als eine gerechte Strafe für seine Leichtfertigkeit im Betragen gegen Frauen ansehen, wovon es in der That die unmittelbare Folge war; und die unverständigen und schlechten mögen sich bei ihren Lastern mit dem schmeichelnden Gedanken trösten, daß der Zufall mehr Einfluß auf den Charakter des Menschen habe als die Tugend. Nun würden freilich die Betrachtungen, die wir hier gern angestellt hätten, diesen beiden Schlüssen, 114 einem wie dem andern, widersprechen und darthun, daß diese Nebenumstände blos dazu beitragen, die erhabene, nützliche und seltene Lehre zu bestätigen, deren Einschärfung der Zweck dieses ganzen Werkes ist und durch deren häufige Wiederholung wir nicht unsere Seiten füllen wollen, wie ein gewöhnlicher Prediger seine Predigt durch Wiederholung der Textesworte am Ende eines jeden Paragraphen. Es ist uns genug, daß es so scheinen muß, als habe Sophie, so irrig auch ihre Meinung von Jones war, hinreichenden Grund zu dieser Meinung; indem, so viel ich glaube, jede andere junge Dame in ihrer Lage sich in derselben Weise geirrt haben würde. Ja, wäre sie gerade jetzt ihrem Geliebten nachgekommen und in demselben Wirthshause nur einen Augenblick nach seiner Abreise eingetroffen, so würde sie gefunden haben, daß der Wirth über ihren Namen und ihre Person eben so gut unterrichtet war als das Mädchen zu Upton. Denn während Jones den Burschen insgeheim examinirte, war Partridge unterdeß in der Küche beschäftigt, den andern Führer, der Madame Fitzpatrick begleitet hatte, ganz öffentlich auszufragen; wodurch denn der Wirth, der bei allen solchen Gelegenheiten mit offenen Ohren horchte, Sophiens Sturz vom Pferde u. s. w., ihre Verwechselung mit Jenny Cameron, die mancherlei Wirkungen des Punsches, kurz fast alles, was sich in dem Gasthofe, aus dem wir unsere Damen, als wir uns zuletzt von ihnen verabschiedeten, in einem sechsspännigen Wagen weiter spedirten, zugetragen hatte, haarklein erfuhr. 115 Neuntes Kapitel. Enthält wenig mehr als einige wunderliche Bemerkungen. Jones war eine volle halbe Stunde abwesend gewesen, als er eilig in die Küche zurückkehrte und seine Rechnung vom Wirthe verlangte. Und jetzt wurde Partridge's Kummer, daß er die warme Kaminecke und ein köstliches Glas Branntwein verlassen sollte, in etwas gelindert, da er hörte, daß er nicht weiter zu Fuße gehen sollte; denn Jones hatte den Burschen durch goldene Argumente überredet, ihn nach dem Gasthofe zurück zu bringen, wohin er zuvor Sophien geleitet hatte, wozu sich derselbe jedoch nur unter der Bedingung verstand, daß der andere Führer ihn hier erwarten wollte, weil der Wirth zu Upton, als ein guter Bekannter des Wirthes zu Gloucester, es doch irgend einmal von diesem erfahren, daß seine Pferde von mehr als einer Person gebraucht worden wären, und von dem Burschen Rechenschaft über das Geld verlangen könnte, das dieser wohlweislich beabsichtigt hatte, in seine Tasche zu stecken. Wir sahen uns zur Erwähnung dieses Umstandes, so geringfügig er auch erscheinen mag, um deswillen gedrungen, weil er Jones' Abreise um ein Beträchtliches verzögerte; denn die Ehrlichkeit dieses letztern Burschen war nicht gering zu schätzen – nämlich dem Preise nach, und sie würde Jones wirklich sehr theuer zu stehen gekommen sein, hätte nicht Partridge, der, wie gesagt, ein schlauer Fuchs war, noch eine halbe Krone zugelegt, die der Bursche, während er im Wirthshause auf seinen Kameraden wartete, verzehren sollte. Von dieser halben Krone hatte der Wirth kaum Witterung bekommen, als er sich 116 mit solcher Lebhaftigkeit und Ueberredungskunst für die Sache verwendete, daß der Bursche sehr bald gewonnen war und die halbe Krone für sein Warten annahm. Wir können uns hier der Bemerkung nicht enthalten, daß unter den niedersten Volksklassen viel List herrscht und daß vornehme Leute sich oftmals in Hinsicht auf jene Feinheit des Betrugs überschätzen, worin sie häufig von den Niedrigsten übertroffen werden. So wie die Pferde vorgeführt waren, schwang sich Jones sogleich in den Quersattel auf, worauf seine theure Sophie gesessen hatte. Der Reitknecht bot ihm zwar sehr höflich den seinigen an, allein er zog den Frauensattel vor, vermuthlich weil er weicher war. Partridge aber, obgleich nicht minder weibisch als Jones, konnte den Gedanken, seiner Männlichkeit etwas zu vergeben, nicht ertragen. Er nahm daher des Burschen Anerbieten an und nun machten sie sich, Jones auf dem Sattel seiner Sophie, der Knecht auf dem von Mamsell Honour sitzend und Partridge auf dem dritten Pferde, auf die Reise und gelangten innerhalb vier Stunden an den Gasthof, wo der Leser sich bereits so lange verweilt hat. Partridge war den ganzen Weg über sehr guter Dinge und sprach oft zu Jones von den vielen guten Vorbedeutungen seines künftigen Glücks, die ihm in der letzten Zeit zu Statten gekommen waren, und die der Leser, ohne im Mindesten abergläubisch zu sein, als besonders günstig anerkennen muß. Partridge war ferner mit dem jetzigen Reisezwecke seines Gefährten besser zufrieden als mit dem früheren, welcher den Ruhm zum Ziele hatte; auch wurde ihm aus eben diesen Vorbedeutungen, welche der Pädagog als günstig auslegte, erst die Liebe zwischen Jones und Sophie recht klar, worauf er zuvor sehr wenig geachtet hatte, weil er Jones' Reise einen ganz falschen Grund untergelegt hatte; und was die Vorgänge zu Upton 117 anlangt, so war er kurz vor und nach ihrer Abreise aus diesem Orte zu sehr von Schrecken und Angst ergriffen, um einen andern Schluß aus ihnen zu ziehen, als daß Jones total verrückt sei; – ein Schluß, welcher mit der vorgefaßten Meinung von seiner Wildheit, die sich, wie er glaubte, in seinem Betragen von Gloucester aus kund gab, durchaus harmonirte. Er war indessen mit seiner gegenwärtigen Reise ziemlich wohl zufrieden und fing nun an eine bessere Vorstellung von seines Freundes Verstande zu bekommen. Es hatte eben drei geschlagen, als sie ankamen. Jones forderte sogleich Postpferde, aber unglücklicher Weise war im ganzen Orte kein Pferd aufzutreiben, worüber sich der Leser nicht wundern wird, wenn er bedenkt, in welche stürmische Bewegung die ganze Nation und namentlich dieser Theil derselben damals versetzt war, wo jede Stunde des Tages wie der Nacht Couriere hin und wieder eilten. Jones suchte alles hervor, um seinen bisherigen Führer zu bewegen, daß er ihn bis Coventry brächte; aber er war unerbittlich. Während er im Hofe mit dem Burschen capitulirte, trat jemand auf ihn zu, nannte ihn, freundlich grüßend, beim Namen und fragte, wie es der ganzen lieben Familie in Somersetshire erginge; als sich Jones umdrehte, erkannte er auf den ersten Blick Herrn Dowling, den Notar, mit dem er zu Gloucester gegessen hatte, und erwiederte seinen Gruß mit vieler Höflichkeit. Dowling redete Herrn Jones sehr ernstlich zu, doch diese Nacht nicht weiter zu reisen und unterstützte seine Bitten mit vielen unwiderleglichen Gründen, als da sind, daß es schon fast dunkel und der Weg sehr kothig wäre und daß sich bei Tage viel besser reisen ließe und ähnliche andere mehr, von denen sich Jones vermuthlich schon selbst einige gesagt hatte; aber so wie sie vorhin ohne Wirkung 118 gewesen waren, so waren sie es noch; und er beharrte fest auf seinem Vorhaben, selbst für den Fall, daß er genöthigt sein sollte zu Fuße zu gehen. Da der gute Notar sah, daß er Jones nicht zum Dableiben bewegen konnte, so gab er sich selbst ernstliche Mühe mit, den Führer dahin zu bringen, daß er noch weiter mit ginge. Er stellte ihm unter andern vor, daß es ja nur eine kurze Reise sei und schloß mit den Worten: »Denken Sie denn, der Herr werde Sie nicht gut für Ihre Mühe lohnen?« Zwei gegen Einen sind, wie beim Ballschlagen, so in allen Stücken im Vortheil. Aber der aus dieser vereinigten Kraft resultirende Vortheil in Fällen, wo es sich um Ueberredung oder Bitten handelt, kann einem aufmerksamen Beobachter nicht entgangen sein; denn er muß oft gesehen haben, daß, wenn ein Vater, ein Lehrer, eine Frau oder sonst eine in Autorität stehende Person allen von einem Einzelnen vorgebrachten Gründen einen beharrlichen Widerstand entgegengesetzt haben, sie hinterdrein einer zweiten oder dritten Person, welche dasselbe Anliegen wiederholt, ohne sich durch neue oder gewichtigere Gründe dafür zu verwenden, dennoch nachgaben. Und daher rührt vielleicht der Ausdruck, einen Beweisgrund oder einen Antrag unterstützen, und die große Wirkung davon in Versammlungen zu öffentlicher Berathung. Daher kommt es gleichfalls wahrscheinlich, daß wir in unsern Gerichtshöfen oftmals einen gelehrten Herrn (gemeiniglich einen Advokaten) eine Stunde lang das wiederholen hören, was ein anderer gelehrter Herr eben erst vor ihm gesagt hatte. Anstatt eine Erklärung darüber zu geben, stellen wir nach unserer gewohnten Weise ein Beispiel davon auf an dem Benehmen des oben erwähnten Führers, welcher Herrn Dowlings Zureden nachgab und Jones nochmals 119 einen Ritt auf seinem Quersattel zusagte; nur bestand er darauf, daß die armen Thiere erst ein gutes Futter haben müßten, weil sie einen weiten Weg gemacht hätten und sehr angestrengt worden wären. Diese vorsichtige Bemerkung des Burschen war wirklich überflüssig; denn Jones würde das, trotz seiner Eilfertigkeit und Ungeduld, selbst befohlen haben; denn er gehörte keineswegs zu denen, welche die Thiere als bloße Maschinen betrachten und, wenn sie ihren Pferden die Sporen geben, meinen, das Pferd fühle nicht mehr davon als der Sporn. Während die Thiere ihr Futter fraßen, oder vielmehr während man glaubte, daß dies geschähe (denn da der Führer für sich in der Küche sorgte, sorgte der Wirth im Stalle dafür, daß sein Futter nicht aufgezehrt würde), begleitete Jones auf Herrn Dowlings inständige Bitten diesen Herrn auf sein Zimmer, wo sie sich bei einer Flasche Wein niederließen. Zehntes Kapitel. Herr Jones und Herr Dowling trinken eine Flasche zusammen. Herr Dowling trank ein Glas auf die Gesundheit des guten Squire Allworthy, worauf er sagte: »Erlauben Sie mir, daß ich auch noch seines Neffen und Erben, des jungen Squire gedenke: wohlan, auf das Wohl Herrn Blifils, dieses scharmanten jungen Mannes, der, ich wollte darauf schwören, einmal eine wichtige Rolle in seinem Lande spielen wird. Ich habe selbst einen Marktflecken für ihn im Auge.« »Herr Dowling,« antwortete Jones, »ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht beleidigen wollten und nehme 120 es Ihnen daher nicht übel, aber ich sage Ihnen, unpassender konnten Sie nicht zwei Personen neben einander stellen, denn er eine ist eine Zierde des Menschengeschlechts und der andere ist ein Schuft, der der Menschheit Schande macht.« Dowling war hierüber erstaunt. Er sagte: daß er beider Charakter für untadelhaft gehalten habe. »Was Squire Allworthy selbst anlangt,« fügte er hinzu, »so habe ich nie das Vergnügen gehabt, ihn zu sehen; aber von allen hört man nur Gutes über ihn; und den jungen Herrn habe ich freilich nur einmal gesehen, damals als ich ihm die Nachricht von dem Tode seiner Mutter brachte; auch war ich zu jener Zeit so sehr mit Geschäften überhäuft, und mußte so eilen, daß ich mich wenig mit ihm unterhalten konnte; aber er hatte etwas so Biederes und benahm sich so artig, daß mir, ich muß es gestehen, nie jemand besser gefallen hat.« »Ich wundere mich nicht,« erwiederte Jones, »daß er Sie bei einer so kurzen Bekanntschaft bestochen hat; denn er besitzt die Schlauheit des Teufels und Sie können viele Jahre mit ihm leben ohne ihn zu durchschauen. Ich bin von meiner Kindheit an mit ihm auferzogen worden und wir waren fast immer beisammen; aber erst seit Kurzem bin ich hinter seine Niederträchtigkeit gekommen. Ich gestehe, daß ich ihn nie recht leiden konnte. Es schien mir, als ob ihm jener Adel der Gesinnung abgehe, welcher zu allem was im Menschen erhaben und edel ist, die sichere Grundlage bildet. Ich entdeckte in ihm schon lange eine Selbstsucht, die ich verachtete; aber spät, sehr spät erst habe ich gefunden, daß er der niedrigsten und schwärzesten Handlungen fähig ist; denn ich erkannte in der That endlich, daß er aus meiner Offenheit Vortheil gezogen und fest beschlossen hatte, mich durch ein künstlich gesponnenes 121 Gewebe von List zu verderben, was er endlich auch ausgeführt hat.« »Ei! ei!« rief Dowling; »dann, muß ich sagen, ist es schade, daß ein solcher Mann das ganze Vermögen Ihres Oheims Allworthy erben soll.« »Ach!« versetzte Jones, »Sie thun mir eine Ehre an, auf die ich kein Recht habe. Es ist wahr, seine Güte gab mir einst die Erlaubniß, ihn bei einem weit zärtlichern Namen zu nennen; aber da dies nur ein freiwilliger Act seiner Güte war, so kann ich mich nicht über Ungerechtigkeit beklagen, wenn er es für gut findet, mich dieser Ehre verlustig zu machen, da der Verlust nicht unverdienter sein kann, als es die Verleihung ursprünglich war. Ich versichere Sie, daß ich kein Verwandter des Herrn Allworthy bin, und wenn die Welt, die seine vortrefflichen Eigenschaften nicht in ihrem ganzen Umfange kennt, urtheilen sollte, er habe durch sein Betragen gegen mich hart an einem Verwandten gehandelt, so thut sie dem besten der Menschen unrecht; denn ich – aber verzeihen Sie, ich will Sie nicht mit Dingen langweilen, die mich selbst angehen; blos weil Sie mich für einen Verwandten des Herrn Allworthy zu halten scheinen, glaubte ich Sie über eine Angelegenheit aufklären zu müssen, aus der ihm vielleicht Vorwürfe erwachsen könnten, und lieber wollte ich mein Leben lassen, als dazu Gelegenheit geben.« »Wahrhaftig,« sagte Herr Dowling, »Sie sprechen wie ein Mann von Ehre; aber weit entfernt, mich zu langweilen, versichere ich Sie, daß es mir zu großem Vergnügen gereichen würde, zu hören, wie es kam, daß man Sie für einen Verwandten des Herrn Allworthy hielt, wenn Sie es nicht sind. Ihre Pferde werden unter einer halben Stunde nicht bereit sein, und da Sie also hinlänglich Zeit haben, so wünsche ich, daß Sie mir sagten, wie 122 das zuging; denn ich gestehe, es scheint mir sonderbar, daß Sie für den Verwandten eines Mannes gelten, ohne es zu sein.« Jones, der rücksichtlich seiner Willfährigkeit (weniger rücksichtlich seiner Klugheit) etwas von seiner liebenswürdigen Sophie hatte, war leicht bewogen, Herrn Dowlings Neugierde durch die Erzählung der Geschichte seiner Geburt und Erziehung zu befriedigen, was er wie Othello that —   Von seiner Knabenzeit Bis zu dem Augenblick, wo er erzählte. was Dowling, gleich Desdemona, zu hören begierig war: Er schwur, 's ist seltsam, wunderbar; 's ist rührend, o unendlich rührend ist's! Herr Dowling war wirklich sehr ergriffen von dieser Erzählung, denn er hatte sich auch als Advokat die Gefühle der Menschlichkeit bewahrt. Es ist in der That nichts ungerechter, als unsere Vorurtheile gegen einen Stand auf das Privatleben überzutragen und unsere Ansicht von dem Charakter eines Mannes unserer Meinung von seinem Berufe zu entlehnen. Die Gewohnheit schwächt allerdings den Widerwillen gegen solche Handlungen, die der Beruf nöthig macht; aber unter allen andern Umständen wirkt die Natur auf Menschen jeglichen Berufs gleich; ja vielleicht sogar auf diejenigen noch stärker, die ihr, während sie ihren gewohnten Geschäften nachgehen, gleichsam einen Feiertag geben. Ein Fleischer würde jedenfalls Gewissensbisse fühlen, wenn er ein schönes Pferd schlachten sollte; und obgleich ein Chirurg beim Ablösen eines Gliedes keinen Schmerz empfindet, so hat er doch Mitleid für einen Mann, der an einem Gichtanfalle leidet. Der gemeine Henker, unter dessen Händen Hunderte geblutet haben, hat gewiß bei seiner ersten Execution gezittert; und diejenigen, deren Profession es ist, Blut zu vergießen, die im Kriege Tausende, nicht allein Leute von ihrem Handwerk, sondern 123 oftmals Frauen und Kinder ohne Gewissensbisse hinschlachten; selbst diese, sage ich, legen in Zeiten des Friedens, wenn Trommel und Trompete schweigen, alle ihre Wildheit ab und werden friedliche Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft. Eben so kann ein Advokat Gefühl haben für all das Elend und alle die Noth seiner Mitgeschöpfe, vorausgesetzt daß sein Interesse nicht das Gegentheil fordert. Jones wußte, wie dem Leser bekannt ist, noch nicht, mit wie schwarzen Farben er Herrn Allworthy geschildert worden war; und einiges andere stellte er nicht gerade im ungünstigsten Lichte dar, denn wenn er auch nichts auf seinen ehemaligen Freund und Gönner kommen lassen wollte, so mochte er doch auch sich selbst nicht gern zu viel aufbürden. Dowling bemerkte daher, und nicht mit Unrecht, daß ihm irgend jemand einen sehr schlechten Dienst erzeigt haben müsse. »Denn sicher« rief er, »würde Sie der Squire blos um einiger Fehltritte willen, die wohl jeder junge Mann begangen haben dürfte, nicht enterbt haben. Ueberhaupt kann ich nicht eigentlich sagen enterbt: denn gesetzlich können Sie sich nicht als Erben geltend machen. Das ist gewiß; dazu braucht es keines Advokaten. Dennoch konnten Sie, wenn Sie ein Mann gewissermaßen als seinen Sohn adoptirt hatte, mit Grund einen sehr ansehnlichen Theil, wo nicht das Ganze, erwarten; ja, wenn Sie sich auf das Ganze Rechnung gemacht hätten, würde ich Sie darum nicht getadelt haben, denn jedermann nimmt so viel als er bekommen kann, und niemand ist darum zu tadeln.« »Sie thun mir wirklich unrecht,« sagte Jones;»ich würde mit sehr wenigem zufrieden gewesen sein; nie habe ich mir auf Herrn Allworthy's Vermögen Rechnung gemacht; ja ich glaube in Wahrheit sagen zu dürfen, daß ich niemals daran gedacht habe, was er mir irgend geben 124 könnte oder würde. Ich erkläre auf das Feierlichste, daß, wenn er seinen Neffen zu meinen Gunsten in Nachtheil gestellt hätte, ich es ungeschehen gemacht haben würde. Lieber will ich mir meinen eignen Sinn bewahren, als das Vermögen eines andern besitzen. Was ist der armselige Stolz, der aus dem Besitze eines prächtigen Hauses, eines zahlreichen Gefolges, eines reich besetzten Tisches und aus allen andern Vortheilen des Vermögens entspringt gegen die wohlthuende, dauerhafte Zufriedenheit, die erhebende Genugthuung, das feurige Entzücken und den jubelnden Triumph, die das Bewußtsein einer großmüthigen, tugendhaften, edeln, wohlthätigen Handlung gewährt? Ich beneide Blifil die Aussicht auf seinen Reichthum nicht; auch werde ich ihm den Besitz desselben nicht beneiden. Ich möchte nicht auf eine halbe Stunde das Bewußtsein eines Schurken haben, um meine Lage mit der seinigen zu vertauschen. Ich glaube in der That, daß mich Blifil der von Ihnen erwähnten Absichten für fähig hielt, und vermuthe, daß dieser Argwohn, so wie er von seinem schlechten Herzen zeugt, auch die Ursache seiner schlechten Handlungsweise gegen mich gewesen ist. Aber Gott sei Dank, ich bin mir bewußt – – ich bin mir meiner Unschuld bewußt; und ich würde dieses Bewußtsein um die Welt nicht hingeben. Denn so lange ich denken kann, habe ich nie irgend jemandem unrecht gethan, oder nur die Absicht dazu gehabt. »Pone me pigris ubi nulla campis Arbor aestiva recreatur aura, Quod latus mundi nebulae, malusque     Jupiter urget. Pone sub curru nimium propinqui Solis in terra domibus negata; Dulce ridentem Lalagen amabo,     Dulce loquentem.« 125 Er füllte hierauf sein Glas und trank es auf das Wohl seiner theuren Lalage; auch Dowlings Glas füllte er bis zum Rande und forderte ihn auf, ihm Bescheid zu thun. »Nun wohlan, Fräulein Lalage's Wohlsein, von ganzem Herzen,« rief Dowling. »Ich habe oft ihre Gesundheit ausbringen hören, muß aber bekennen, sie noch nie gesehen zu haben; sie soll eine außerordentliche Schönheit sein.« Obgleich das Latein nicht das einzige war, was Dowling von diesem Gespräch nicht verstand, so lag doch etwas darin, was einen sehr tiefen Eindruck auf ihn machte. Und wenn er auch durch Blinzeln, Kopfnicken, Lächeln und Grinsen den Eindruck vor Jones zu verbergen suchte (denn wir schämen uns eben so oft das Rechte wie das Falsche zu denken), so ist doch gewiß, daß er von seinen Gesinnungen so viel als er davon verstand ins Geheim billigte und wirklich einen sehr lebhaften Drang zum Mitleid mit ihm fühlte. Aber wir werden vielleicht darüber bei einer andern Gelegenheit nähern Aufschluß geben, vorzüglich wenn wir im Verlaufe unsrer Geschichte mit Herrn Dowling etwa wieder zusammentreffen sollten. Für jetzt sind wir gezwungen, uns von diesem Herrn ein wenig eilig zu verabschieden, worin wir Herrn Jones nachahmen, der nicht sobald durch Partridge benachrichtigt worden war, daß seine Pferde bereit wären, als er sogleich seine Rechnung bezahlte, seinem Gesellschafter eine gute Nacht wünschte, sein Pferd bestieg und nach Coventry aufbrach, trotz der finstern Nacht und dem Regen, der eben sehr heftig zu werden anfing. 126 Elftes Kapitel. Die unangenehmen Vorfälle, welche sich auf der Reise nach Coventry ereigneten, und Partridge's weise Bemerkungen. Keine Straße kann ebener sein, als die von dem Orte, wo sie sich jetzt befanden, nach Coventry; und obgleich weder Jones, noch der Führer, noch Partridge sie je zuvor passirt waren, so würde es doch fast unmöglich gewesen sein, sie zu verfehlen, wären die beiden am Schlusse des vorigen Kapitels erwähnten Umstände nicht gewesen. Da sich jedoch diese beiden Umstände zufällig ereigneten, so geriethen unsere Reisenden auf eine weit weniger betretene Straße und nachdem sie volle sechs Meilen geritten waren, befanden sie sich, anstatt das herrliche Coventry zu erreichen, noch immer auf einem sehr schmutzigen schmalen Wege, wo sie keine Spuren der nahenden Umgebung einer großen Stadt entdecken konnten. Jones äußerte jetzt, daß sie den Weg verfehlt haben müßten; aber der Führer erklärte das für unmöglich. Dieses Wort wird nun aber in der gewöhnlichen Conversationssprache oft gebraucht, nicht allein um anzudeuten, was unwahrscheinlich, sondern was sogar sehr wahrscheinlich ist, und bisweilen, was sich zuverlässig ereignet hat, ist also eine hyperbolische Lizenz, gleich jener, welche so häufig bei dem Gebrauche der Worte unendlich und ewig vorkommt; durch deren ersteres man gewöhnlich eine Entfernung von einer halben Elle und durch deren letzteres eine Dauer von fünf Minuten ausdrückt. Und so ist eben so gebräuchlich die Versicherung der Unmöglichkeit etwas zu verlieren, was man bereits wirklich verloren hat. Dies war in der That jetzt der Fall; denn wenn auch der Führer 127 mit der größten Zuversichtlichkeit das Gegentheil versicherte, so ist doch gewiß, daß sie eben so wenig auf dem rechten Wege nach Coventry waren, als der betrügerische, scharrende, grausame, heuchlerische Geizhals auf dem rechten Wege zum Himmel ist. Der Leser wird sich vielleicht, wenn er sich nie in einer solchen Lage befunden hat, nicht leicht vorstellen können, wie grausig Finsterniß, Regen und Wind für Personen sind, die in der Nacht ihren Weg verloren haben, und folglich der angenehmen Aussicht auf ein wärmendes Feuer, trockene Kleider und andere Erquickungen entbehren, um ihren Muth im Kampfe mit der Rauhheit des Wetters aufrecht zu halten. Eine wenn auch nur sehr unvollkommene Idee von jenem Graus wird indessen schon hinreichen, um sich einen Begriff von dem zu machen, was jetzt in Partridge vorging und was wir sogleich zu entdecken genöthigt sein werden. Jones wurde es immer gewisser, daß sie von ihrem Wege abgekommen waren; und der Führer bekannte endlich selbst, daß er glaubte, sie wären nicht auf dem rechten Wege nach Coventry, wiewohl er gleichzeitig versicherte, es wäre unmöglich, daß sie den Weg verfehlt haben könnten. Partridge war aber anderer Meinung. Er sagte: »Ich dachte mir gleich, so wie wir aufbrachen, daß uns irgend ein Unglück zustoßen würde. Bemerkten Sie nicht,« sagte er zu Jones, »jene alte Frau, die, gerade als Sie aufstiegen, vor der Thür stand? Ich wollte, Sie hätten ihr eine Kleinigkeit geschenkt, denn sie sagte alsdann, Sie würden es bereuen; und von dem Augenblicke an fing es an zu regnen und der Wind hat seitdem nicht aufgehört. Was auch manche Leute darüber denken mögen, ich glaube fest, daß es Hexen in ihrer Macht haben, den Wind wehen zu lassen, wenn es ihnen gefällt. Ich habe das zu meiner Zeit sehr oft gesehen; und ist mir jemals in meinem Leben eine Hexe vorgekommen, so war jene alte Frau eine. Ich dachte es gleich; und hätte ich nur ein Paar Pfennige in meiner Tasche gehabt, ich hätte sie ihr gegeben; denn es ist allezeit gut, mitleidig gegen solche Leute zu sein, weil man nicht weiß, was einem sonst passiren kann; und mancher hat schon sein Vieh verloren, darum, daß er einen Pfennig sparte.« Jones konnte sich, so unangenehm ihm jede Verzögerung war, welche diese Verirrung vom Wege für seine Reise wahrscheinlich zur Folge hatte, des Lachens über den Aberglauben seines Freundes nicht erwehren, der jetzt durch ein Ereigniß in seiner Meinung sehr bestärkt wurde. Dies war ein Sturz vom Pferde, durch den er jedoch keinen andern Schaden nahm, als den der Schmutz an seinen Kleidern verursachte. Partridge war kaum wieder auf den Füßen, als er seinen Fall für einen unzweideutigen Beweis seiner Behauptung erklärte, worauf ihm Jones, da er sah, daß er keinen Schaden genommen, lächelnd antwortete: »Deine Hexe, Partridge, ist ein höchst undankbares häßliches Bild und macht, wie ich bemerke, in ihrer Rache keinen Unterschied zwischen ihren Freunden und andern. Wenn die alte Frau es mir übel genommen hat, daß ich sie nicht beachtet, so sehe ich nicht ein, warum sie macht, daß Du vom Pferde fällst, da Du ihr doch allen möglichen Respect erwiesen hast.« »Es ist nicht gut scherzen,« rief Partridge, »mit Leuten, die einem so etwas anthun können; denn sie sind oft sehr boshaft. Ich erinnere mich eines Hufschmieds, der sich einmal über eine solche alte Frau lustig machte und sie fragte, auf wie lange sie ihren Contract mit dem Teufel abgeschlossen hätte; und gerade drei Monate nach jenem 129 Tage war ihm eine seiner besten Kühe ersoffen. Aber das war noch nicht alles; denn kurze Zeit darauf lief ihm ein Faß köstliches Bier aus: die alte Hexe hatte nämlich den Hahn ausgestoßen, und ließ das ganze Bier in den Keller laufen, gerade den ersten Abend, wo er es angezapft hatte, um sich mit einigen seiner Nachbarn eine Güte zu thun. Kurz es wollte ihm von der Zeit an nichts mehr gelingen; denn sie quälte den armen Mann so, daß er sich den Trunk angewöhnte und in Jahr und Tag war von seinem Vermögen nichts mehr übrig und er und seine Familie leben jetzt im Gemeindehause.« Der Führer, und vielleicht auch sein Pferd, horchte diesem Gespräche so aufmerksam zu, daß sie, sei es nun aus Unachtsamkeit, oder weil die Hexe ihre Bosheit ausübte, auf einmal beide im Kothe lagen. Partridge schrieb diesen Sturz der nämlichen Ursache zu wie den seinigen. Er sagte zu Jones, daß die Reihe sicher nun an ihn kommen würde, und bat ihn ernstlich, umzukehren, um die alte Frau aufzusuchen und sie zu besänftigen. »Wir werden,« fügte er hinzu, »sehr bald am Gasthofe sein; denn wenn es auch schien, als wären wir vorwärts gekommen, so bin ich doch gewiß, daß wir gerade auf der nämlichen Stelle sind, wo wir vor einer Stunde waren; und ich wollte schwören, wäre es Tag, wir könnten jetzt den Gasthof sehen, von dem wir aufgebrochen sind.« Anstatt auf diesen klugen Rath zu antworten, war Jones' ganze Aufmerksamkeit auf das Schicksal des Führers gerichtet, welcher keinen andern Schaden genommen hatte, als zuvor Partridge, und den übrigens seine Kleider sehr leicht ertrugen, da sie seit vielen Jahren an so etwas gewöhnt waren. Er saß bald wieder in seinem Sattel und 130 die Flüche und Hiebe, womit er sein Pferd überhäufte, überzeugten Jones sogleich, daß ihm kein Leid widerfahren war. Zwölftes Kapitel. Berichtet, daß Jones trotz Partridge's Anrathen seine Reise fortsetzte, und was sich weiter ereignete. Sie entdeckten jetzt, zu Jones' großer Freude und zu nicht geringem Schrecken Partridge's ein Licht, das der letztere, der steif und fest glaubte, behext zu sein, für ein Irrlicht oder etwas noch Unheilbringenderes hielt. Aber wie steigerte sich diese Furcht, als sie, je näher sie dem Lichte (oder den Lichtern, wie sie jetzt bemerkten) kamen, ein verworrenes Geräusch von menschlichen Stimmen vernahmen, als sie singen, lachen und jubeln hörten und zwischendurch sonderbare Töne irgend eines musikalischen Instruments; diese Töne verdienten aber kaum den Namen Musik, man müßte sie denn, um ein wenig in Partridge's Ideen einzugehen, Hexenmusik haben nennen wollen. Es ist unmöglich, sich einen höheren Grad von Schrecken zu denken, als der war, von dem Partridge jetzt ergriffen wurde, und von dem auch der Führer, dem keine von den ausgesprochenen Vermuthungen des andern entgangen war, angesteckt wurde. Er stimmte daher in Partridge's Bitten ein, daß Jones doch umkehren möchte, indem er sagte, er glaube wirklich, daß Partridge Recht habe und daß die Pferde, obgleich sie vorwärts zu gehen schienen, dennoch in der letzten halben Stunde nicht um einen Schritt weiter gekommen wären. Jones konnte sich, trotz seinem Aerger über die Furcht 131 dieser armen Teufel, des Lachens nicht erwehren. »Entweder,« sagte er, »kommen wir den Lichtern näher, oder diese sind uns näher gekommen; denn wir sind gar nicht mehr weit von ihnen entfernt; aber wie kann man sich vor Leuten fürchten, die blos versammelt zu sein scheinen, um sich lustig zu machen.« »Sich lustig zu machen, ja,« rief Partridge; »wer wird sich wohl zu dieser Stunde der Nacht, und an einem solchen Platze und bei solchem Wetter wollen lustig machen? Das können nur Hexen, oder böse Geister oder so etwas ähnliches sein, so viel ist gewiß.« »Laß sie sein, was sie wollen,« rief Jones, »ich bin entschlossen, zu ihnen hin zu reiten und sie nach dem Wege zu fragen, der uns nach Coventry bringt. Nicht alle Hexen, Partridge, sind so boshafte Fratzen wie die, mit welcher wir zuletzt unglücklicherweise zusammen trafen.« »Ach Gott, lieber Herr,« rief Partridge aus, »man kann nicht wissen, wie sie gesinnt sind; jedenfalls ist es immer das Beste, ihnen höflich zu begegnen; aber wie, wenn wir etwas schlimmeres fänden, als Hexen, wenn es gar böse Geister wären? – – Ach, ich bitte Sie, lassen Sie sich abrathen; bitte, stehen Sie davon ab. Hätten Sie so viele schreckliche Geschichten über dergleichen Dinge gelesen als ich, Sie würden nicht so tollkühn sein. – – Gott weiß, wohin wir schon gerathen sind, und wohin wir noch kommen werden; denn wahrlich, eine solche Finsterniß ist auf der Welt noch nicht da gewesen, und ich frage Sie, ob es in der andern Welt wohl finsterer sein kann.« Jones ritt, trotz allen diesen Winken und Vorstellungen, so schnell es gehen wollte, immer weiter, und der arme Partridge sah sich genöthigt, zu folgen; denn ob er sich gleich kaum weiter vorwärts wagte, so wagte er doch noch weniger, allein zurück zu bleiben. 132 Endlich erreichten sie die Stelle, von wo aus die Lichter schimmerten und der Lärm erscholl. Jones erkannte jetzt, daß es eine Scheune war, worin sich eine große Anzahl Männer und Weiber befanden, die sich, wie es schien, auf die heiterste Weise belustigten. Jones hielt kaum vor dem großen offen stehenden Thore der Scheune, als eine rauhe männliche Stimme von innen fragte, wer da wäre. – Jones antwortete mit artigem Tone, ein Freund und fragte sogleich nach dem Wege nach Coventry. »Wenn Sie ein Freund sind,« rief ein anderer der Männer in der Scheune, »so thäten Sie besser, abzusitzen und zu warten, bis das Wetter vorüber ist (denn es stürmt jetzt schrecklicher als je); ziehen Sie nur immer ihr Pferd herein; denn auf der einen Seite der Scheune ist Platz genug dazu.« »Sie sind sehr gefällig,« entgegnete Jones; »und ich will Ihr Anerbieten auf einige Minuten annehmen, da der Regen noch fortwährt; aber da sind noch zwei, die sich freuen würden, wenn sie die nämliche Erlaubniß erhielten.« Diese wurde ebenso gern zugestanden, aber weniger bereitwillig angenommen; denn Partridge würde sich lieber aller erdenklicher Rauhheit des Wetters ausgesetzt haben, als daß er der Freundlichkeit derjenigen trauen sollte, die er für Kobolde hielt; und der arme Führer war von denselben Befürchtungen angesteckt; allein sie mußten jetzt Jones' Beispiele folgen, der eine, weil er sein Pferd nicht im Stiche lassen durfte, und der andere, weil er nichts so sehr fürchtete, als allein gelassen zu werden. Wäre diese Geschichte in den Zeiten des Aberglaubens geschrieben worden, so würde ich mit dem Leser zu viel Mitleid gehabt haben, um ihn so lange in Ungewißheit zu lassen, ob etwa Beelzebub oder Satan wirklich in Person 133 und mit allem höllischen Zubehör auftreten werde; aber da diese Lehren gegenwärtig kein Glück mehr machen und nur wenig, wenn überhaupt noch, Glauben finden, so bin ich nicht sehr in Sorge gewesen, eine solche Furcht erregt zu haben. In Wahrheit, die ganze Ausrüstung der infernalischen Regionen ist lange ein Eigenthum der Schauspielunternehmer gewesen, die sie seit Kurzem als unnützen Plunder weggeworfen haben, weil es nur noch die oberste Gallerie anziehen konnte, wohin wenige unsrer Leser jemals kommen. Wenn wir nun aber auch nicht glauben, um deswillen einen großen Schrecken verursacht zu haben, so müssen wir doch mit Grund besorgen, daß hier irgend eine andere Befürchtung in unserm Leser erwache, in der wir ihn nicht gern lassen möchten; ich meine die, daß wir etwa eine Reise in das Feenland zu unternehmen und eine Art von Wesen in unsere Geschichte einzuführen beabsichtigen, an die zu glauben kaum irgend wer kindisch genug war, obgleich Viele so thöricht gewesen sind, ihre Zeit mit dem Schreiben und Lesen ihrer Abenteuer zu verschwenden. Um daher jeder solchen Vermuthung vorzubeugen, die dem Credit eines Schriftstellers, welcher vorgiebt, seine Materialien einzig und allein von der Natur zu entnehmen, sehr nachtheilig sein müßte, werden wir den Leser mit der Erscheinung, welche Partridge solchen Schrecken eingeflößt, den Führer ziemlich kleinlaut gemacht und Jones selbst ein wenig überrascht hatte, sogleich näher bekannt machen. Das in der Scheune versammelte Völkchen also war nichts anderes als eine Bande Egyptier, oder, wie sie gewöhnlich genannt werden, Zigeuner; sie feierten so eben die Hochzeit eines ihrer Mitglieder. Es ist unmöglich, sich ein glücklicheres Völkchen vorzustellen, als das hier versammelte zu sein schien. Die größte 134 Heiterkeit malte sich auf jedem Gesichte, und dabei entbehrte ihr Ball nicht ganz der Ordnung und des Anstandes. Vielleicht herrschte dessen mehr unter ihnen, als bisweilen unter einer ländlichen Gesellschaft angetroffen wird; denn diese Leute sind einer regelmäßigen Regierung und Gesetzen unterworfen, die sie sich selbst gegeben, und alle gehorchen einer hohen obrigkeitlichen Person, die sie ihren König nennen. Auch war nicht leicht anderswo ein größerer Ueberfluß zu finden, als wie er in dieser Scheune herrschte. Sauberkeit und Eleganz suchte man freilich vergebens, aber diese verlangte auch der kräftige Appetit der Gäste nicht. Da war reichlicher Vorrath von Speck, Geflügel und Hammelfleisch aufgeschichtet, zu dem sich jeder Anwesende selbst mit einer bessern Sauce versorgte, als wie sie der beste und theuerste französische Koch bereiten kann. Aeneas kann im Tempel der Juno nicht mehr erstaunt gewesen sein, wenn es von ihm heißt: Dum stupet obtutuque haeret defixus in uno, als es unser Held über das war, was er in dieser Scheune sah. Während seine erstaunten Blicke überall herumschweiften, trat ein Mann unter vielen freundlichen Begrüßungen, die zu herrlich waren, als daß man sie höflich nennen konnte, auf ihn zu. Dies war niemand anders als der König der Zigeuner selbst. Er zeichnete sich in Hinsicht auf Kleidung sehr wenig von seinen Unterthanen aus, auch trug er keine Insignien, um seiner Würde Geltung zu verschaffen; und gleichwohl schien es Jones, als läge in seinem Wesen etwas Autorität Verkündendes, das Ehrfurcht und Respect einflößt; obgleich dies Alles vielleicht auf Jones' Einbildung beruhte und das Wahre an der 135 Sache ist, daß sich solche Vorstellungen gewöhnlich an die Macht knüpfen und fast unzertrennlich davon sind. In dem offenen Gesicht und dem seinen Benehmen von Jones lag etwas, das, in Verbindung mit seiner einnehmenden Persönlichkeit, auf den ersten Anblick jeden für ihn einnahm. Die Wirkung dieser Eigenschaften wurde vielleicht im gegenwärtigen Falle noch ein wenig erhöht durch den tiefen Respect, den er dem Zigeunerkönige erwies, sobald er mit dessen Würde bekannt wurde, was Seiner Majestät um so mehr schmeichelte, als sie nicht gewohnt war, solche Huldigungen von irgend jemandem, außer seinen Unterthanen zu empfangen. Der König befahl, mit dem Besten, was ihre Vorräthe darböten, einen Tisch vorzurichten, und nachdem er sich zu seiner rechten niedergelassen hatte, fing er folgendes Gespräch mit unserm Helden an: »Ich zweifle nicht, daß Sie oftmals Leute von meinem Volke gesehen haben, denn sie streifen überall herum; aber Sie werden wohl nicht glauben, daß wir so stark sind, wie wir es wirklich sind; und vielleicht dürften Sie sich noch mehr verwundern, wenn Sie hören, daß die Zigeuner ein eben so regelmäßig und gut regiertes Volk sind, als irgend eines auf dem Erdboden. »Ich habe die Ehre, wie ich sage, ihr König zu sein, und kein Monarch kann sich pflichtgetreuerer und anhänglicherer Unterthanen rühmen. In wie weit ich ihre Ergebenheit verdiene, darf ich nicht sagen; aber das kann ich sagen, daß ich nichts weiter bezwecke, als ihr Bestes. Ich rühme mich auch dessen nicht, denn worauf könnte ich anders denken als auf das Wohl dieses armen Volks, das alle Tage ausgeht, um mir immer das Beste von dem zu bringen, was es bekommt? Sie lieben und ehren mich 136 deshalb, weil ich sie liebe und für sie sorge; das ist es alles, ich weiß keinen andern Grund. »Vor vielleicht tausend oder zweitausend Jahren, auf ein oder zwei Jahre kann ich es nicht bestimmen, denn ich kann weder schreiben noch lesen, war eine große Revolution unter den Zigeunern; es gab nämlich damals ein Oberhaupt der Zigeuner, und dieses Oberhaupt stritt sich mit einem andern um die Herrschaft; aber der König der Zigeuner schlug sie alle und machte seine Unterthanen alle einander gleich, und seit der Zeit haben sie sich sehr gut vertragen; denn sie denken nicht daran, König sein zu wollen, und vielleicht ist es auch besser so für sie; denn, ich versichere Sie, es ist sehr beschwerlich, König zu sein und immer Gerechtigkeit zu üben; ich habe oft gewünscht, ein gewöhnlicher Zigeuner zu sein, wenn ich gezwungen gewesen bin, einen theuern Freund und Verwandten zu bestrafen; denn wenn wir gleich keine Todesstrafe haben, so sind unsere Strafen doch sehr streng. Sie machen dem Zigeuner Schande, und das ist eine schreckliche Strafe; es ist mir kaum jemals vorgekommen, daß der Zigeuner, der so bestraft wurde, ein zweites Mal jemandem etwas zu Leide gethan hätte.« Der König drückte dann einige Verwunderung darüber aus, daß es eine solche Strafe wie die Schande bei andern Regierungen nicht gebe. Jones belehrte ihn vom Gegentheil, indem er ihm sagte, daß es viele Verbrechen gebe, die von den englischen Gesetzen mit Schande bestraft würden und daß sie eigentlich mit jeder Strafe verbunden wäre. »Das ist sehr merkwürdig,« sagte der König; »denn wir wissen und hören sehr viel von Ihrem Volke, obgleich wir nicht unter ihm leben; und wir haben oft gehört, daß Schande von Ihren Belohnungen die Folge und Ursache 137 zugleich ist. Sind denn Ihre Belohnungen und Strafen eins und dasselbe?« Während Seine Majestät so mit Jones plauderte, entstand ein plötzlicher Tumult in der Scheune, und, wie es scheint, aus folgender Veranlassung: die Höflichkeit dieses Volks hatte Partridge allmälig jede Furcht benommen, so daß er nicht allein von ihren Eßwaaren tapfer zulangte, sondern auch ihren Branntwein kostete, in Folge dessen allmälig an die Stelle seiner früheren Furcht weit angenehmere Gefühle traten. Eine junge Zigeunerin, mehr durch ihren Geist als ihre Schönheit ausgezeichnet, hatte den ehrlichen Burschen, unter dem Vorgeben, ihm sein Schicksal vorher zu sagen, auf die Seite gelockt. Während sie nun in einem abgelegenen Winkel der Scheune allein zusammen waren, mochte es nun vom Branntwein kommen, der zu keiner Zeit leichter als nach mäßiger Ermüdung ungeregelte Begierden entzündet, oder daher, daß die freundliche Zigeunerin selbst das Zarte und Schicklichkeitsgefühl ihres Geschlechts bei Seite setzte und den jungen Partridge durch ihr freies Entgegenkommen verführte, wurden sie in einer sehr unschicklichen Stellung von dem Manne der Zigeunerin entdeckt; denn dieser hatte, vermuthlich aus Eifersucht, ein wachsames Auge auf seine Frau gehabt und war ihr von ferne nach dem Platze gefolgt, wo er sie in den Armen ihres Galans antraf. Zu Jones' großer Verlegenheit wurde Partridge jetzt vor den König geschleppt, der sowohl die Anklage, als auch des Beschuldigten Vertheidigung anhörte. Diese war freilich von sehr geringem Gewicht, denn der arme Teufel war auf offener That ertappt worden und hatte somit sehr wenig für sich vorzubringen. Seine Majestät sagte daher, zu Jones gewendet: »Mein Herr, Sie haben gehört, 138 was sie sagen, was halten Sie dafür, welche Strafe Ihrem Diener zukomme?« Jones antwortete, es thue ihm leid, was geschehen sei, und Partridge solle, so weit es in seinen Kräften stehe, dem Manne Genugthuung geben. Er setzte hinzu, daß er gerade jetzt sehr wenig Geld bei sich habe, und bot, indem er in die Tasche griff, dem Manne eine Guinee an, worauf dieser sogleich erwiederte, er hoffe doch, daß ihm seine Gnaden nicht weniger als fünf geben würden. Diese Summe wurde nach einigem Hin- und Herreden auf zwei reducirt; und Jones wollte, nachdem er sowohl Partridge, als dem Weibe vollständige Vergebung ausbedungen hatte, schon das Geld auszahlen, als Seine Majestät dies durch Abwehren der Hand verhinderte und zu dem Zeugen gewendet, diesen fragte, wann er die Schuldigen entdeckt hätte. Der Zeuge erwiederte darauf, daß er, von dem Manne aufgefordert, die Bewegungen seines Weibes von dem Augenblicke an, wo sie mit dem Fremden gesprochen, beobachtet und sie nicht aus den Augen verloren hätte, bis das Verbrechen begangen gewesen wäre. Darauf fragte der König weiter, ob der Mann die ganze Zeit über mit ihm auf der Lauer gewesen, was von dem Zeugen bejaht wurde. Nun wendete sich Seine egyptische Majestät mit folgenden Worten an den Ehemann: »Es schmerzt mich, zu erfahren, daß ein Zigeuner nicht mehr Ehrgefühl hat, als daß er die Ehre seiner Frau um Geld verkauft. Wenn Du Liebe zu Deiner Frau hättest, so würdest Du diesen Vorfall abgewendet haben und sie nicht lassen zur Hure machen, um sie zu ertappen. Ich befehle, daß Dir kein Geld gegeben werde, denn Du verdienst Strafe und keine Entschädigung; ich erkläre Dich daher für ehrlos und befehle, daß Du auf einen Monat ein paar Hörner vor der Stirn tragen sollst, und daß man eben so 139 lange Dein Weib die Hure nennen und mit Fingern auf sie zeigen soll; denn Du bist ein ehrloser Zigeuner, sie aber ist nicht minder eine ehrlose Hure.« Die Zigeuner gingen sogleich ans Werk, das Urtheil zu vollziehen und ließen Jones und Partridge mit Seiner Majestät allein. Jones sprach sich über die Gerechtigkeit des Urtheilspruchs sehr beifällig aus, worauf der König zu ihm sagte: »Es scheint, daß Sie sich darüber wundern; denn ich vermuthe, Sie haben eine sehr schlechte Meinung von meinem Volke; ich glaube, Sie halten uns alle für Diebe.« »Ich muß bekennen,« sagte Jones, » daß ich kein so günstiges Urtheil über dasselbe gehört habe, als es zu verdienen scheint.« »Ich will Ihnen sagen,« versetzte der König, »worin der Unterschied zwischen Ihnen und uns besteht. Mein Volk bestiehlt Ihr Volk und Ihr Volk bestiehlt sich untereinander.« Jones rühmte hierauf mit vielem Ernste das Glück derjenigen Unterthanen, die unter einer solchen Obrigkeit leben. Ihr Glück scheint in der That so vollständig gewesen zu sein, daß wir in Sorgen sind, es könne einmal ein Vertheidiger der unumschränkten Gewalt dieses Volk als ein Beispiel von den großen Vorzügen anführen, welche diese Regierungsverfassung vor allen andern voraus habe. Und nun wollen wir ein Zugeständniß machen, das man vielleicht nicht von uns erwartet hätte, nämlich, daß keine beschränkte Regierungsform denselben Grad von Vollkommenheit erreichen, oder den nämlichen wohlthätigen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben könne, als die uneingeschränkte. Nie sind die Menschen so glücklich gewesen als in den Zeiten, wo der größte Theil der damals 140 bekannten Welt unter der Herrschaft eines einzelnen Oberherrn stand; und dieser glückliche Zustand dauerte die Regierungszeit von fünf auf einander folgenden Fürsten hindurch Nerva, Trajan, Hadrian und die beiden Antonine. . Dies war das wahre goldene Zeitalter, und das einzige, das, außer in der glühenden Einbildungskraft der Dichter, seit der Vertreibung aus Eden bis auf diesen Tag existirt hat. In der That kenne ich nur einen gegründeten Einwurf gegen die absolute Monarchie, und dieser ist die Schwierigkeit, einen der Stellung eines absoluten Monarchen angemessenen Mann zu finden; denn dazu sind drei Eigenschaften unerläßlich, die, wie aus der Geschichte erhellt, bei Fürsten sehr schwer anzutreffen sind: Erstens, so viel Mäßigung als erforderlich ist, um mit der möglicher Weise für ihn errichteten Macht zufrieden zu sein; zweitens, so viel Weisheit als nöthig ist, um sein eignes Glück zu erkennen, und drittens so viel Güte, daß er das Glück anderer erträgt, wenn es mit dem seinigen nicht allein vereinbar, sondern für dasselbe auch ersprießlich ist. Wenn man nun aber zugiebt, daß ein absoluter Monarch, wenn er alle diese erhabenen und seltenen Eigenschaften besitzt, den größten Segen über die Gesellschaft bringen kann, so muß man gewiß auch zugestehen, daß im Gegentheil die absolute Gewalt in den Händen eines Fürsten, dem alle jene Eigenschaften abgehen, wahrscheinlich eben so großes Unheil stiften wird. Kurz unsere Religion liefert uns treffende Vorstellungen von dem Segen sowohl als dem Fluche, der die absolute Gewalt begleiten kann. Die Schilderungen vom Himmel und von der Hölle führen uns ein sehr lebendiges Bild von beiden vor Augen, denn ob der Fürst der letztern 141 gleich keine Macht haben kann, außer der ihm ursprünglich von dem allmächtigen Herrscher im ersteren verliehenen, so geht doch aus der heiligen Schrift deutlich hervor, daß dem Herrn des Höllengebiets absolute Gewalt zugestanden ist. Dies ist in der That die einzige absolute Gewalt, welche der Schrift nach vom Himmel stammen kann. Wenn daher Zwangherrschaften auf der Erde irgend göttliche Autorität nachweisen können, so muß sie von dieser ursprünglichen Verleihung an den Fürsten der Finsterniß abgeleitet werden, und diese untergeordneten Belehnungen müssen folglich zunächst von ihm ausgehen, dessen Gepräge sie so unverkennbar tragen. Da endlich die Beispiele aller Zeiten darthun, daß die Menschen in der Regel nur nach Macht streben, um zu schaden, und wenn sie dieselbe erlangen, zu keinem andern Zwecke verwenden, so würde es auch nicht im geringsten Grade klug sein, eine Aenderung zu wagen, wodurch unsern Hoffnungen nur zwei bis drei Ausnahmen in Aussicht gestellt würden gegen tausend Fälle, die unsere Besorgniß erregen müßten. Somit wird es viel weiser sein, sich den wenigen Nachtheilen. die aus der unparteilichen Taubheit der Gesetze hervorgehen, zu fügen, als sie dadurch abstellen zu wollen, daß man sich an die offenen Ohren eines leidenschaftlichen Tyrannen wendet. So kann man denn auch das Beispiel der Zigeuner, obgleich sie sich bei dieser Regierungsform lange Zeit wohl befunden haben mögen, hier nicht gelten lassen; denn wir müssen den sehr wesentlichen Punkt im Auge behalten, worin sie sich von allen andern Völkern unterscheiden, nämlich, daß sie keine falschen Begriffe von Ehre unter sich hegen, und daß sie die Schande für die härteste Strafe in der Welt ansehen. 142 Dreizehntes Kapitel. Ein Zwiegespräch zwischen Jones und Partridge. Die aufrichtigen Verehrer der Freiheit werden uns ohne Zweifel die lange Abschweifung, die wir am Schlusse des vorigen Kapitels machten, um uns gegen den Verdacht zu bewahren, als huldigen wir der höchst gefährlichen Lehre, welche Pfaffentrug schlechter oder unkluger Weise jederzeit gepredigt hat, zu gute halten. Wir wollen jetzt zu Jones zurückkehren, der, sobald der Sturm vorüber war und er Seiner ägyptischen Majestät für die zuvorkommende Aufnahme und angenehme Unterhaltung gedankt hatte, Abschied nahm und nach Coventry aufbrach, wohin ihm (denn es war noch immer finster) ein Zigeuner als Führer mitgegeben wurde. Jones hatte, in Folge seines Umwegs, eilf Meilen statt sechs zurückgelegt und war meistentheils über abscheuliche Wege gekommen, auf denen an schnelles Reisen nicht zu denken war; daher er denn auch nicht eher als um zwölf Uhr in Coventry eintraf. Von hier konnte er wiederum nicht eher als nach zwei Uhr aufbrechen, weil Postpferde nicht leicht zu erlangen und Wirth oder Postknecht nicht halb so eilig waren als er, sondern vielmehr den ruhigen Gang Partridge's nachahmten, der, weil ihm der Genuß des Schlafs versagt war, jede Gelegenheit ergriff, dessen Stelle durch andere Genüsse zu ersetzen, und der nie vergnügter war, als wenn er in einen Gasthof kam und nie mißvergnügter, als wenn er ihn wieder verlassen mußte. Jones reiste jetzt schnell; wir wollen ihm daher nach unserer Gewohnheit und den Regeln des Longinus in derselben Weise folgen. Von Coventry kam er nach Daventry, von Daventry nach Stratford und von Stratford nach 143 Dunstable, das er am nächsten Tage kurz nach neun Uhr und wenige Stunden nachdem Sophie es wieder verlassen hatte, erreichte, und obgleich er hier länger verweilen mußte, als ihm lieb war, weil ein Schmied mit großer Ueberlegung die für ihn bestimmten Pferde beschlug, so zweifelte er dennoch nicht, daß er seine Sophie einholen würde, ehe sie von St. Albans wieder aufbräche; denn dort, schloß er, und zwar mit gutem Grunde, werde der Lord anhalten und speisen. Wäre nun diese Vermuthung richtig gewesen, so würde er höchst wahrscheinlich seinen Engel an vorgenanntem Orte eingeholt haben; aber unglücklicher Weise hatte der Lord ein Mahl in seinem eigenen Hause zu London vorzurichten befohlen und, um zu rechter Zeit dort einzutreffen, zu St. Albans frische Pferde bestellt. Wie Jones also dort ankam, erfuhr er, daß der Wagen mit Sechsen seit zwei Stunden wieder fort war. Wenn jetzt auch frische Postpferde bereit gewesen wären, wie es nicht der Fall war, so würde es doch allem Anschein nach so gar unmöglich gewesen sein, den Wagen noch vor London zu erreichen, daß Partridge jetzt eine gute Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, seinen Freund an etwas zu erinnern, das er ganz vergessen zu haben schien; was dies war, wird der Leser errathen, wenn wir ihm sagen, daß Jones, seit er das Wirthshaus verlassen, wo er zuerst mit dem von Sophien zurückkehrenden Führer zusammen traf, nichts weiter als ein weiches Ei gegessen hatte; denn bei den Zigeunern hatte er blos seinen Geist genährt. Der Wirth harmonirte so vollkommen mit Herrn Partridge's Meinung, daß er, sobald er den Wunsch des letztern, daß sein Freund verweilen und etwas essen möchte, vernommen hatte, sogleich auch sein Wort drein gab und, indem er sein vorhin gegebenes Versprechen, die Pferde 144 unverzüglich zu stellen, zurücknahm, Herrn Jones die Versicherung gab, daß er ohne Zeitverlust ein Mahl zurichten lassen wolle, das, wie er sagte, eher fertig sein könnte, als die Pferde, die erst von der Weide geholt, und um sie zu einer Reise vorzubereiten, mit Körnern gefüttert werden müßten. Jones ließ sich endlich bewegen, wozu das letzte Argument des Wirthes hauptsächlich beitrug; und nun ward eine Hammelkeule über das Feuer gesetzt. Während diese zubereitet wurde, redete Partridge, der sich in einem und demselben Zimmer mit seinem Freunde oder Herrn befand, so zu ihm: »Wahrhaftig, wenn jemals ein Mann eine junge Dame verdiente, so verdienen Sie das junge Fräulein Western; denn wie groß muß die Liebe sein, wenn ein Mann ohne alle andere Nahrung davon leben kann, wie Sie es thun! Ich bin gewiß, ich habe in den letzten vier und zwanzig Stunden dreißig mal mehr gegessen, als Ew. Gnaden, und bin dennoch fast verhungert; denn nichts macht einen Menschen so hungrig als Reisen, vorzüglich in diesem kalten rauhen Wetter. Und dennoch, ich begreife das nicht, befinden sich Ew. Gnaden allem Anschein nach vollkommen wohl, Sie haben in Ihrem Leben nie besser und frischer ausgesehen. Es kann nicht anders sein, Sie müssen von der Liebe leben.« »Und von einer sehr reichhaltigen Kost obendrein, Partridge,« antwortete Jones. »Hat mir das Schicksal nicht gestern einen köstlichen Leckerbissen zugeführt? Meinst Du, ich könne nicht länger als vier und zwanzig Stunden von dieser theuern Brieftasche zehren?« »Ohne Zweifel,« rief Partridge, »die Brieftasche enthält genug, um manche gute Mahlzeit zu bezahlen. Das Schicksal führte sie Ew. Gnaden gerade zu rechter Zeit in 145 die Hände, denn Ew. Gnaden Geld muß so ziemlich auf die Neige gehen.« »Was meinst Du damit?« entgegnete Jones; »ich hoffe doch, Du hältst mich nicht für so unredlich, selbst wenn das Geld Jemandem anders als Fräulein Western gehörte – –« »Unredlich!« unterbrach ihn Partridge, »verhüte der Himmel, daß ich Ew. Gnaden ein solches Unrecht anthun sollte; aber wo ist denn da eine Unredlichkeit, wenn Sie für den augenblicklichen Bedarf eine Kleinigkeit borgen, da Sie ja im Stande sein werden, sie dem Fräulein späterhin wieder zu bezahlen? Nein, bei Leibe, ich meinte, daß Ew. Gnaden es sobald als thunlich wieder bezahlen sollen, das meine ich durchaus; aber was kann es schaden, wenn Sie es jetzt, wo Sie es brauchen, benutzen? Ja, wenn es einem armen Teufel gehörte, da wäre es etwas anders; aber eine so große Dame kann es sicher entbehren, zumal da sie bei einem Lord ist, der, wie sich nicht bezweifeln läßt, für alles sorgen wird, was sie nur bedarf. Uebrigens, wenn Sie ja eine Kleinigkeit brauchen sollte, so kann sie nicht das Ganze brauchen, darum würde ich ihr etwas zurückgeben; aber eher ließe ich mich aufhängen, ehe ich erwähnte, daß ich es gefunden hätte und ehe ich von meinem eignen Gelde bezahlte; denn ich habe gehört, London sei einer der schlimmsten Orte für einen, der kein Geld hat. Ja, hätte ich nicht gewußt, wem es gehörte, so hätte ich vielleicht geglaubt, es komme vom Teufel, und würde mich gescheut haben, es anzurühren; aber da Sie wissen, wie sich die Sache verhält und da Sie auf ehrliche Weise dazu gekommen sind, so würden Sie sich an Ihrem Glücke versündigen, wenn Sie es wieder weggeben wollten, und gerade zu einer Zeit, wo Sie es am meisten bedürfen; Sie können lange warten, ehe das Glück Ihnen einmal 146 wieder so günstig ist; fortuna nunquam perpetuo est bona . Thun Sie meinetwegen was Sie wollen; aber ich für meinen Theil würde mich eher hängen lassen, als daß ich ein Wort von der Sache erwähnte.« »Daraus ersehe ich, Partridge«, rief Jones, »das Hängen ist ein Ding non longe alienum a Scaevolae studiis .« – » Alienus wollten Sie sagen,« bemerkte Partridge. »Ich erinnere mich der Stelle; es ist ein Beispiel zu communis, alienus, immunis, variis casibus serviunt .« – »Du magst Dich dessen erinnern,« rief Jones, »aber ich finde, daß Du es nicht verstehst; doch ich will Dir auf gut Englisch sagen, daß derjenige, welcher eines andern Eigenthum findet und es vorsätzlich dem bekannten Eigenthümer vorenthält, in foro conscientiae nicht minder gehangen zu werden verdient, als wenn er es gestohlen hätte. Und was nun diese Banknote anlangt, die das Eigenthum meines Engels ist, und einst in dessen Besitze war, so werde ich diese, mögen die Umstände kommen wie sie wollen, nur allein in seine Hände geben; nein, wäre ich auch so hungrig wie Du und hätte ich kein anderes Mittel diesen drängenden Mahner zu befriedigen; und das hoffe ich noch vor Abends zu bewerkstelligen; sollte es sich jedoch anders fügen, so mache ich es Dir zur Pflicht, wenn Du Dir meine Freundschaft nicht für immer verscherzen willst, mich nie wieder eine solche abscheuliche Gemeinheit hören zu lassen.« »Wäre es mir als eine solche erschienen,« rief Partridge, »so würde ich nichts davon erwähnt haben; denn ich verabscheue jede Niederträchtigkeit so gut wie ein anderer; aber vielleicht kennen Sie das besser; gleichwohl hätte ich mir eingebildet, ich wäre alt genug geworden und lange genug in die Schule gegangen, um zwischen fas et nefas unterscheiden zu können; aber er scheint, daß wir, so lange 147 wir leben, alle Tage noch lernen müssen. Ich erinnere mich, daß mein alter Schulmeister, der ein ungeheuer gelehrter Mann war, immer in griechischer Sprache etwas sagte, was, wie er uns erklärte, so viel hieß, als, daß eine Großmutter manchmal von einem Kinde noch etwas lernen könne. Mein Leben hat mir viel genützt, wahrlich, wenn ich jetzt noch an meiner Grammatik lernen muß. Vielleicht ändert sich Ihre Meinung, junger Mann, wenn Sie in meine Jahre kommen werden; denn ich erinnere mich, daß ich mich als ein Bürschchen von ein oder zwei und zwanzig Jahren für eben so klug hielt, als ich jetzt bin. Ich weiß gewiß, ich habe stets gelernt alienus , und mein Lehrer las es mir so vor.« Es war ein seltener Fall, daß Partridge Jones gegen sich aufbringen konnte, und ein eben so seltener, daß Partridge seinen Respect vergaß. Unglücklicherweise trafen indessen zwei solcher seltener Fälle hier zusammen. Wir haben bereits gesehen, daß Partridge nicht ertragen konnte, daß seine Gelehrsamkeit angegriffen wurde, und daß Jones eine oder die andere Stelle im obigen Gespräch mißbilligte. Und jetzt, indem er seinen Begleiter mit einer Verachtung und Abscheu ausdrückenden Miene ansah (was etwas ungewöhnliches bei ihm war), rief er aus: »Partridge, ich sehe, Du bist ein eingebildeter alter Narr, und ich wünsche, daß Du nicht auch ein alter Schurke bist. Wahrhaftig, wäre ich des letztern so gewiß als des erstern, Du solltest nicht länger in meiner Gesellschaft reisen.« Der kluge Pädagog hatte seinem Unwillen Luft gemacht und war nun zufrieden; aber er zog auch, wie man zu sagen pflegt, seine Hörner sogleich wieder ein. Er meinte, es thäte ihm leid, etwas ausgesprochen zu haben, was ihn irgend beleidigen könnte, denn er hätte nie die 148 Absicht dazu gehabt; »aber,« setzte er hinzu, » nemo omnibus horis sapit .« Da Jones die Fehler eines feurigen Temperaments hatte, so war er vollkommen frei von denen eines kalten, phlegmatischen; und wenn seine Freunde bekennen mußten, daß sein Gemüth ein wenig zu leicht in Aufruhr kam, so müssen seine Feinde gleichzeitig zugeben, daß er sich eben so bald beruhigte; es glich auch durchaus der See, deren Anschwellen heftiger und gefährlicher nach einem Sturme ist als während desselben. Er nahm Partridge's Unterwerfung sogleich an, schüttelte ihn bei der Hand und sagte ihm, die freundlichste Miene annehmend, zwanzig artige Dinge, zugleich tadelte er sich sehr streng, obgleich nicht halb so streng, als er vielleicht von manchem unserer guten Leser getadelt werden dürfte. Partridge fühlte sich sehr getröstet, da seine Befürchtung, beleidigt zu haben, auf einmal gehoben wurde und sein Stolz in Jones' Erklärung, Unrecht zu haben, volle Befriedigung fand, welche Nachgiebigkeit er sogleich auf das bezog, was ihn vorzüglich erbittert hatte, so daß er mit einem mürrischen Tone wiederholte: »Wahrlich, Ihre Kenntnisse mögen in manchen Stücken größer sein als die meinigen; aber was die Grammatik anlangt, da denke ich, kann ich mich mit einem jeden messen, die weiß ich auswendig . . .« Konnte irgend etwas die Zufriedenheit, welche der arme Mann empfand, noch erhöhen, so war es der Anblick eines vortrefflichen Schöpsenbratens, der in diesem Augenblicke dampfend auf den Tisch gesetzt wurde; nachdem sie ihm beide tapfer zugesprochen hatten, setzten sie sich wieder zu Pferde und brachen auf nach London. 149 Vierzehntes Kapitel. Was sich mit Herrn Jones auf seiner Reise nach St. Albans zutrug. Sie waren etwa zwei Meilen über Barnet hinaus und es fing an dunkel zu werden, als ein elegant aussehender Mann auf einem desto erbärmlichern Pferde auf Jones zugeritten kam und ihn fragte, ob er nach London reise. Als Jones bejahend geantwortet hatte, sagte jener: »Sie würden mich verpflichten, mein Herr, wenn Sie mir gestatteten, in Ihrer Gesellschaft zu reisen; denn es ist sehr spät und ich bin mit der Straße nicht bekannt.« Jones gab gern seine Einwilligung und so ritten sie zusammen und unterhielten sich in der Weise, wie es bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich ist. Räubereien waren in der That das Hauptthema, und der Fremde gab zu erkennen, daß er große Furcht davor habe; Jones hingegen erklärte, daß er wenig zu verlieren und folglich auch eben so wenig zu fürchten habe. Hier konnte sich Partridge nicht enthalten, ihm ins Wort zu fallen. »Ew. Gnaden,« sagte er, »mag das nicht viel dünken, aber wahrhaftig, wenn ich eine Banknote von hundert Pfund in der Tasche hätte, wie Sie haben, es würde mir doch leid thun, sie zu verlieren; aber ich für meinen Theil war nie in meinem Leben weniger in Furcht; denn wir sind unser vier, und wenn wir alle zusammen halten, kann der stärkste Mann in England uns nicht berauben. Lassen Sie ihn auch ein Pistol haben, so kann er doch nur einen von uns tödten, und ein Mensch kann nur einmal sterben – das ist mein Trost; ein Mensch kann nur einmal sterben.« Außer der Zuversichtlichkeit, welche aus dem Gedanken 150 an die Ueberzahl entsprang, eine Art Muth, die eine gewisse Nation in der neuern Zeit auf einen hohen Gipfel des Ruhms erhoben hat, gab es noch einen andern Grund für die außerordentliche Herzhaftigkeit, welche Partridge jetzt an den Tag legte; er besaß nämlich gegenwärtig gerade so viel von jener Eigenschaft, als die Wirkung geistiger Getränke zu verleihen vermag. Unsere Gesellschaft war jetzt nur noch eine Meile von Highgate entfernt, als sich der Fremde plötzlich gegen Jones kehrte und, indem er ein Pistol herauszog, ihm jene kleine Banknote, deren Partridge erwähnt hatte, abforderte. Jones war Anfangs über diese unerwartete Forderung etwas betroffen; er sammelte sich jedoch sogleich wieder und sagte zu dem Räuber, alles Geld, das er in seiner Tasche hätte, stünde ihm zu Diensten; dabei zog er über drei Guineen heraus, die er ihm anbot; aber jener antwortete, und bekräftigte seine Antwort durch einen Schwur, daß es damit nicht abgethan sei. Jones erwiederte kalt, daß ihm das sehr leid thue, und steckte das Geld wieder in seine Tasche. Der Räuber drohte nun, ihn zu erschießen, wenn er nicht augenblicklich die Banknote herausgebe, und setzte ihm gleichzeitig die Pistole auf die Brust. Jones erfaßte sogleich des Mannes Hand, die so zitterte, daß sie kaum das Pistol erhalten konnte und wehrte die Mündung von sich ab. Hierauf entspann sich ein Kampf, in dem der erstere seinem Gegner das Pistol entwand und beide von ihren Pferden zusammen herabfielen, so daß der Räuber auf den Rücken und der Sieger Jones auf ihn zu liegen kam. Der arme Teufel begann nun den Sieger um Gnade anzuflehen; denn, die Wahrheit zu sagen, er war Jones an Kraft durchaus nicht gewachsen. »Ich konnte wirklich nicht die Absicht haben,« sagte er, »Sie zu erschießen; 151 denn Sie werden finden, daß das Pistol nicht geladen war. Dies ist der erste Raub, den ich je versuchte, und Unglück hat mich dazu getrieben.« Während dies vorging, lag etwa hundert und funfzig Schritte davon eine andere Person am Boden und schrie weit jämmerlicher als der Räuber um Gnade. Dies war niemand anders als Partridge, der bei seinem Versuche, vom Kampfplatze zu entfliehen, vom Pferde gefallen war, platt auf der Erde lag und ohne daß er sich umzusehen wagte, jeden Augenblick erschossen zu werden fürchtete. In dieser Stellung blieb er liegen, bis der Führer, der nur für seine Pferde besorgt gewesen war, das humpelnde Thier aufgefangen hatte, zu ihm herankam und ihm sagte, daß sein Herr den Räuber überwältigt hätte. Partridge sprang bei dieser Nachricht auf und lief zurück zu dem Platze, wo Jones mit dem Degen in der Hand den armen Teufel bewachte. Kaum hatte Partridge dies erblickt, als er ausrief: »Stoßen Sie den Schurken nieder; rennen Sie ihm den Degen durch den Leib; immer nieder mit ihm.« Glücklicherweise war jedoch der Unglückliche in gnädigere Hände gefallen; denn da Jones bei der Untersuchung des Pistols wirklich fand, daß es nicht geladen war, so fing er an alles zu glauben, was ihm der Mann vor Partridge's Ankunft gesagt hatte, nämlich, daß er noch ein Neuling in diesem Gewerbe wäre und daß ihn die Noth dazu getrieben hätte, und zwar die größte, die man sich nur denken könne und in der mit ihm fünf hungrige Kinder und ein mit dem sechsten in den Wochen liegendes Weib schmachteten. Der Räuber versicherte hoch und theuer, daß alles, was er gesagt, wahr wäre und erbot sich, Herrn Jones davon zu überzeugen, wenn er sich die Mühe geben und ihn in seine nicht über eine Stunde entfernte Wohnung 152 begleiten wolle; ja er machte gar keinen Anspruch aus Gnade, als bis er die Wahrheit seiner Aussage nachgewiesen haben würde. Jones stellte sich Anfangs, als wollte er den Mann beim Worte nehmen und mit ihm gehen, indem er erklärte, daß einzig und allein von dem Befunde der Sache sein Schicksal abhängen sollte. Darüber äußerte der arme Mann eine solche Freude, daß Jones von der Aussage vollkommen überzeugt wurde und Mitleid für ihn zu fühlen begann. Er gab dem Manne sein ungeladenes Pistol zurück, rieth ihm, auf ehrenvollere Mittel zur Minderung seiner Noth zu denken und schenkte ihm zur augenblicklichen Abhülfe seines Mangels zwei Guineen, indem er sagte, er wünsche um seinetwillen mehr zu besitzen, denn die erwähnten hundert Pfund wären nicht sein Eigenthum. Unsere Leser werden wahrscheinlich in ihren Ansichten über diese Handlung getheilt sein; die einen billigen sie vielleicht als einen Akt ungewöhnlicher Humanität, während andere, von einem finsterern Charakter, in ihr einen Mangel an Rücksicht gegen die Gerechtigkeit und den Staat erblicken werden. Partridge erschien die Sache in diesem Lichte; denn er bezeigte sich sehr unzufrieden damit, citirte ein altes Sprichwort und sagte, es solle ihn nicht wundern, wenn der Landstreicher sie noch einmal anfiele, ehe sie London erreichten. Der Räuber konnte nicht Worte genug finden, um seinen Dank auszudrücken; ja er vergoß wirklich Thränen, wenn es nicht Verstellung war. Er betheuerte, er würde augenblicklich nach Hause gehen und nie ein solches Verbrechen wieder begehen; ob er Wort hielt oder nicht, werden wir vielleicht späterhin sehen. Unsere Reisenden ritten weiter und kamen in der Stadt an, ohne daß ihnen ein neuer Unfall begegnet wäre. Unter 153 Weges fand zwischen Jones und Partridge über ihr letztes Abenteuer ein sehr komisches Gespräch statt, in welchem der erstere diejenigen Straßenräuber sehr bedauerte, welche zu solchen ungesetzlichen Handlungen, die ihnen in der Regel einen schmachvollen Tod bringen, durch unvermeidliches Unglück gleichsam getrieben werden. »Ich verstehe darunter,« sagte er, »blos diejenigen, deren Verbrechen sich nicht weiter als auf Raub erstreckt und die sich nie einer Grausamkeit gegen die Beraubten oder des Mordes schuldig machten, was, wie man zur Ehre unseres Vaterlandes bekennen muß, die Räuber Englands von denen aller übrigen Nationen unterscheidet, denn bei diesen ist Mord von Räuberei fast unzertrennlich.« »Es ist,« erwiederte Partridge, »ohne Zweifel besser, einem das Geld zu nehmen als das Leben; gleichwohl ist es sehr schlimm für ehrliche Leute, daß sie nicht in ihren Geschäften reisen können, ohne durch diese Schurken gefährdet sein. Und es wäre wahrlich besser, es würden alle Schufte aufgehängt, als daß ein ehrlicher Mann Schaden litt. Ich für meine Person möchte freilich das Blut eines solchen Menschen nicht mit eigener Hand vergießen; aber fürs Gesetz ist es sehr gut, wenn sie alle gehangen werden. Welches Recht hat denn ein Mann, mir mein Geld, und wenn es nur ein Paar Groschen wären, abzunehmen, wenn ich sie ihm nicht gebe? Ist das etwa Ehrlichkeit?« »Wahrhaftig nicht,« rief Jones, »ein solcher ist nicht ehrlicher als der einem andern die Pferde aus dem Stalle wegnimmt, oder der gefundenes Geld zu seinem Nutzen verwendet, wenn er den rechten Eigenthümer kennt.« Diese Anspielungen stopften Partridge den Mund, und er öffnete ihn nicht eher wieder, als um sich, nachdem Jones einige sarkastische Scherze über seine Feigheit gemacht 154 hatte, mit dem Mißverhältniß der Feuergewehre zu entschuldigen, indem er sagte: »Tausend nackende Männer sind nichts gegen ein Pistol; denn wenn es gleich wahr ist, daß ein einzelner Schuß nur einen tödten wird, so kann doch keiner sagen, ob dieser eine nicht er selbst sein werde.« 155 Dreizehntes Buch. Umfaßt einen Zeitraum von zwölf Tagen. Erstes Kapitel. Eine Anrufung. Komm, herrliche Liebe des Ruhms, begeistre meine glühende Brust! nicht Dich rufe ich, die Du über hoch aufwogende Fluthen von Blut und Thränen den Helden zum Ruhme führst, während Seufzer von Millionen seine schwellenden Segel treiben; sondern Dich, holde, liebliche Jungfrau, die an des Hebrus Ufern die glückliche Nymphe Mnesis gebahr. Dich, die Mäonien erzog, die Mantua bezauberte und die Du auf jenem schönen Hügel, der Britanniens stolze Hauptstadt beherrscht, mit Deinem Milton saßest der Leier anmuthige Töne entlockend; erfülle meine entzückte Phantasie mit den Bildern einer reizenden Zukunft. Verkünde mir, daß einer zarten Jungfrau, deren Großmutter noch nicht geboren ist, einst Seufzer die gleichfühlende Brust heben werden, wenn sie unter dem erdichteten Namen Sophie meiner Charlotte wahren Werth kennen lernt. Laß mich den künftigen Ruhm nicht blos ahnen, nein laß mich ihn genießen, ja laß mich darin schwelgen. Tröste mich durch die feierliche Zusicherung, daß, wenn ich mein kleines Zimmer, in dem ich jetzt sitze, 156 mit einem ärmlichen Verschlag vertauschen müßte, ich von denen, die mich nie kannten oder sahen und die ich nie kennen oder sehen werde, mit Verehrung werde gelesen werden. Und Du, weit corpulentere Dame, die Du nicht im Gewande luftiger Formen und phantastischer Gebilde erscheinst, die ein gutes Stück Fleisch und der rosinendurchspickte Pudding ergötzt. Dich rufe ich an; die eine wohlgemästete Holländerin, geschwängert von einem üppigen Amsterdamer Kaufmann, auf irgend einem Kanale in einer Treckschuyte gebar: die Du auf die Scriblerstraße in die Schule gingst und dort die Elemente Deiner Erziehung erhieltst. Eben dort hast Du in Deinem reiferen Alter Poesie erlernt, nicht der Phantasie, sondern dem Stolze des Patrons zu schmeicheln. Die Komödie lernt von Dir, ernst und feierlich einherzuschreiten, während die Tragödie stürmt und tobt und mit ihrem Donner das erschreckte Theater erfüllt. Deine müden Glieder in Schlaf zu lullen, trägt die langweilige Geschichte ihre trocknen Erzählungen vor; und Dich wiederum zu erwecken, macht der aufgestutzte Roman seine überraschenden Künste vor Dir. Nicht minder gehorcht Deinem Einflusse der wohlgenährte Buchhändler. Auf Deinen Rath macht der schwere, ungelesene Foliant, der lange im bestaubten Bücherbrett ruhte, vielfach zerstückelt seinen flüchtigen Umlauf durch die Nation. Durch Dich eingeleitet imponiren manche Bücher der Welt, indem sie, Marktschreiern gleich, Wunderdinge verheißen, während andere Stutzern gleichen und ihren ganzen Werth in ein glänzendes Aeußere legen. Komm Du, heiterer Reichthum, mit Deinem strahlenden Gesicht, halte Deinen Athem an Dich, aber spende Deine verführerischen Gaben, Dein glänzendes, klingendes Gold, Deine leicht zu verwandelnden Banknoten, die ungesehene Reichthümer bergen; 157 Deinen häufig wechselnden Vorrath; das warme, wohnliche Haus; und endlich einen guten Kindestheil von jener gütigen Mutter, deren reichlich fließende Brüste allen ihren zahlreichen Sprößlingen vollen Unterhalt gewähren, wenn nur manche, zu gierig und lüstern, ihre Brüder nicht von der Brust vertrieben. Komm Du, und wüßte ich Deine werthvollen Schätze zu wenig zu würdigen, so wärme mein Herz mit dem entzückenden Gedanken, sie andern mitzutheilen. Sage mir, daß durch Deine Freigebigkeit die lärmenden Knaben, deren unschuldiges Spiel durch meine Arbeit häufig unterbrochen wurde, einst reichlich dafür entschädigt werden sollen. Und nun mich dieses ungleiche Paar, dieser luftige Schatten und diese massige Substanz zum Schreiben aufgefordert haben, wessen Beistand soll ich anrufen, meine Feder zu führen? Zuerst Dich, Genie, Du Himmelsgabe, ohne deren Hülfe wir vergebens gegen den Strom der Natur ankämpfen. Du, die den edlen Saamen ausstreut, aus dem die Kunst entkeimt und zur Vollendung heranwächst. Reiche mir freundlich Deine Hand und leite mich durch alle Windungen und Irrgänge der Natur. Weihe mich ein in alle die Mysterien, die nie ein profanes Auge erblickt. Lehre mich, was Dir ein Leichtes ist, die Menschen besser kennen als sie selbst sich kennen. Helle jenen Nebel auf, der den Verstand der Sterblichen umhüllt und macht, daß sie den Menschen um seiner Kunst willen verehren, oder wegen seiner List, andere zu betrügen, verachten, wenn er in der That nur ein Gegenstand der Lächerlichkeit ist, weil er sich selbst betrügt. Streife dem Eigendünkel die leichte Maske des Wissens ab, der Habsucht die des Reichthums und dem Ehrgeiz die des Ruhms. Komm Genie, daß Du Deinen Aristophanes, Deinen Lucian, Deinen Cervantes, Deinen 158 Rabelais, Deinen Moliere, Deinen Shakspeare, Deinen Swift, Deinen Marivaux begeistert, hauche meinen Worten Humor ein, bis die Menschen gutmüthig genug geworden sind, die Thorheiten anderer blos zu belachen, und bescheiden genug, sich über ihre eignen zu grämen. Und Du, fast unzertrennliche Begleiterin des wahren Genius, Humanität, komm und bringe alle Deine zarten Gefühle. Solltest Du sie schon alle zwischen Deinem Allen und Deinem Littleton vertheilt haben, so stiehl sie ihnen auf eine kleine Weile von ihrem Busen hinweg; denn ohne sie wird keine Schilderung einer zärtlichen Scene gelingen. Aus ihnen allein entspringt die edle uneigennützige Freundschaft, die aufopfernde Liebe, die Großmuth, die glühende Dankbarkeit, das sanfte Mitleid, das redliche Urtheil, und alle jene schönen Eigenschaften eines guten Gemüths, welche die feuchten Augen mit Thränen erfüllen, die glühenden Wangen mit Blut überziehen und das Herz für Kummer, Freude und Wohlwollen öffnen. Und Du, o Gelehrsamkeit, (denn ohne Deinen Beistand kann das Genie nichts Vortreffliches, nichts Fehlerfreies schaffen,) führe Du meine Feder. Dich habe ich, in Deinen Lieblingsgefilden, wo die klare Themse in sanften Windungen Deine Etonischen Ufer bespült, in früher Jugend verehrt. Dir habe ich auf Deinem birknen Altar mit ächt spartanischer Ergebenheit mein Blut geopfert. Komm daher und spende von Deinen unermeßlichen, vom frühen Alterthume her aufgehäuften Schätzen reiche Gaben. Oeffne Deine mäonischen und Deine mantuanischen Kisten und was sonst Deine philosophischen, Deine poetischen und historischen Schätze bieten, magst Du die gewichtigen Fächer nun mit griechischen oder römischen Characteren überschrieben haben; übergieb mir auf kurze Zeit jenen Schlüssel zu 159 all Deinen Reichthümern, den Du Deinem Warburton anvertraut hast. Und Du, Erfahrung, die Du Dich gern und lange mit dem Weisen, dem Guten, dem Gelehrten und Gebildeten unterhältst; und nicht mit diesem allein, sondern mit einem jeden jeglichen Standes, von dem Minister an, wenn er seine Morgenbesuche empfängt, bis zu dem Gerichtsdiener im Stockhause; von der Herzogin in ihrem Boudoir bis zu der Schenkwirthin hinter ihrem Schenktische. Von Dir allein sind die Sitten der Menschen genau zu erlernen; dem abgeschlossenen Pedanten, wie groß auch seine Talente, wie umfassend auch seine Gelehrsamkeit sein möge, sind sie stets fremd geblieben. Kommt, Ihr alle, und mehr noch, wenn es möglich ist; denn schwer ist die Arbeit, die ich unternommen habe und, ohne Euren Beistand, meines Bedünkens zu schwer für mich. Doch wenn Ihr mir alle helfend beisteht, so hoffe ich sie dennoch zu einem glücklichen Schlusse zu bringen. Zweites Kapitel. Was Herrn Jones bei seiner Ankunft in London begegnete. Der gelehrte Doctor Misaubin pflegte zu sagen, die richtige Adresse an ihn sei: An Dr. Misaubin in der Welt ; wodurch er zu verstehen gab, daß es wenig Leute in der Welt gäbe, denen sein Ruf unbekannt geblieben wäre. Und wenn wir die Sache sehr genau untersuchen, so werden wir finden, daß dieser Umstand keinen kleinen Theil von den vielen Segnungen der Größe ausmacht. Das große Glück, von der Nachwelt gekannt zu werden, an dessen Hoffnung wir uns im vorigen Kapitel 160 ergötzten, wird wenigen zu Theil. Daß die Bestandteile unserer Namen, wie Sydenham sich ausdrückt, nach tausend Jahren noch wiederholt werden, das ist eine Gunst, die Titel und Reichthum nicht zu verleihen vermögen und die kaum anders als mittelst des Schwerts und der Feder erkauft wird. Aber dem schmachvollen Vorwurfe zu entgehen, während wir noch leben einer zu sein, den niemand kennt (eine Schmach, die beiläufig so alt ist, als Homer jetzt sein würde) S. Odyssee II, 175 . , das wird stets das beneidete Loos derjenigen sein, die einen rechtsgültigen Anspruch entweder auf Ehre oder auf Reichthum haben. Aus der Art und Weise daher, wie der irische Peer, welcher Sophien zur Stadt brachte, in dieser Geschichte aufgetreten ist, wird der Leser ohne Zweifel schließen, es müsse ein leichtes gewesen sein, sein Haus in London aufzufinden, ohne gerade die Straße oder den Platz zu kennen, wo er wohnte, weil er einer von denen sein mußte, die jedermann kennt . Die Wahrheit zu sagen, so würde das für keinen jener Gewerbsleute, welche gewohnt sind, die Regionen der Großen im Auge zu haben, von Schwierigkeit gewesen sein; denn die Thüren der Großen sind gemeiniglich nicht minder leicht zu finden, als es schwierig ist, durch dieselben eingelassen zu werden. Allein Jones war, eben so wie Partridge, gänzlich fremd in London; und da es sich zufällig traf, daß er zu einem Stadtviertel hereinkam, dessen Bewohner mit den Hausvätern von Hanover oder den Grosvenor-Squares in sehr spärlichem Verkehr stehen (denn er kam durch Gray's-inn-lane), so mußte er einige Zeit herumlaufen, ehe er nur den Weg zu jenen glücklichen Wohnungen fand, wo die Glücksgüter edle Heroen, die Abkömmlinge der alten Briten, Sachsen 161 oder Dänen, deren Vorfahren, in besseren Tagen geboren, durch mannichfaches Verdienst Reichthum und Ehre auf ihre Nachkommen gebracht haben, von dem gemeinen Volke scheiden. Jones, der endlich in diesem irdischen Elysium angekommen war, würde nun auch des Lords Wohnung bald gefunden haben; allein der Peer hatte unglücklicherweise vor seiner Abreise nach Irland sein früheres Haus verlassen, und da er das neue so eben erst bezogen hatte, so hatte der Glanz seiner Equipage seinen Ruf noch nicht hinlänglich in der Nachbarschaft verbreitet, weshalb Jones, nachdem er seine Nachforschungen bis elf Uhr vergebens fortgesetzt hatte, endlich Partridge's Rathe folgte und nach Holborn in den Ochsen und die Ziege, den Gasthof, in welchem er abgestiegen war, zurückkehrte, um der Ruhe zu genießen, wie sie Personen in seiner Lage gewöhnlich zu Theil wird. Mit dem frühen Morgen machte er sich wieder auf, um Sophien aufzusuchen und legte manchen ermüdenden Weg zurück, ohne glücklicheren Erfolg als zuvor. Endlich, war es nun, daß das Schicksal milder gegen ihn wurde, oder daß es nicht länger in seiner Macht stand, ihn irre zu leiten, gelangte er wirklich in die Straße, die der Lord mit seiner Residenz beehrte; und nachdem man ihn zu dem Hause hingewiesen, klopfte er leise an die Thür. Der Portier, dem das bescheidene Klopfen keine hohe Idee von dem Kommenden beigebracht hatte, faßte keine viel günstigere nach dem äußern Ansehen Jones', der eine Barchentkleidung und an der Seite den Degen trug, den er von dem Sergeanten gekauft hatte, und dessen Griff, wenn auch die Klinge vom besten Stahl sein konnte, blos aus Messing bestand und nicht einmal dem glänzendsten. Als Jones daher nach der jungen Dame fragte, die mit 162 dem Lord zur Stadt gekommen, antwortete ihm der Bursche in mürrischem Tone, daß hier keine Damen wären. Jones verlangte nun den Herrn vom Hause zu sprechen, wurde aber bedeutet, daß der Lord diesen Morgen niemanden sehen wolle. Und wie Jones dringender wurde, sagte der Portier, er hätte ausdrücklichen Befehl niemanden einzulassen; »wenn Sie es aber für gut befinden,« setzte er hinzu, »Ihren Namen zurückzulassen, so will ich den Lord davon unterrichten; und wenn Sie dann wieder kommen, sollen Sie erfahren, zu welcher Zeit er Sie sehen will.« Jones erklärte, daß er der jungen Dame sehr wichtige Angelegenheiten mitzutheilen hätte und bevor er sie gesehen nicht fortgehen könne. Worauf ihn der Portier mit nicht besonders freundlicher Stimme und Miene versicherte, daß keine junge Dame im Hause wäre und folglich keine sehen könnte, und mit den Worten schloß: »Sie sind wahrhaftig der wunderlichste Mann, der mir je vorgekommen ist, da Sie keine Antwort annehmen wollen.« Ich habe oft daran gedacht, daß Virgil durch die merkwürdige Beschreibung des Cerberus, des Wächters der Hölle, in seiner Aeneide, vielleicht die Thürsteher der Großen seiner Zeit habe satirisiren wollen, das Gemälde paßt wenigstens auf diejenigen, welche die Ehre haben, die Thüren unsrer Großen zu bewachen. Der Portier in seiner Clause entspricht genau dem Cerberus in seiner Höhle und muß, gleich diesem, durch ein beruhigendes Mittel besänftigt werden, ehe man Zutritt zu seinem Herrn erlangen kann. Vielleicht, daß er Jones in dem nämlichen Lichte erschien und ihm die Stelle einfiel, wo die Sybille, um Aeneas Eintritt zu verschaffen, dem Wächter des Eingangs zum Styx ein solches Besänftigungsmittel darreichte. Jones bot nun diesem Cerberus 163 in Menschengestalt auf gleiche Weise ein Geschenk an, was nicht sobald ein Bedienter hörte, als er sogleich herzutrat und sich geneigt erklärte, Herrn Jones zu der Dame zu führen, wenn letzterer das Trinkgeld ihm geben wolle. Jones willigte augenblicklich ein und wurde sofort nach der Wohnung der Madame Fitzpatrick geleitet und zwar durch den nämlichen Burschen, der die Damen Tags zuvor hierher begleitet hatte. Nichts macht das Mißlingen einer Sache empfindlicher, als wenn man schon die nahe Aussicht auf das Gelingen hatte. Der Spieler, der seine Partie Piket durch einen einzigen fehlenden Point verliert, beklagt sein Unglück viel mehr, als der, welcher gar keine Hoffnung auf Gewinn hatte. Eben so halten sich die Lotteriespieler, welche die nächsten Nummern neben dem, auf welches das große Loos fiel, besaßen, für weit unglücklicher als ihre Mitverlierenden. Kurz das Verfehlen des Ziels, wenn man es fast mit der Hand greifen kann, kommt uns vor wie eine Beleidigung vom Schicksale, indem es uns necken und sich muthwillig auf unsere Kosten über uns lustig machen zu wollen scheint. Jones hatte bereits mehr als einmal diese Launenhaftigkeit der heidnischen Göttin erfahren und war jetzt wiederum verurtheilt, auf ähnliche Weise geneckt zu werden; denn er stand vor der Thür zu Madame Fitzpatrick's Wohnung etwa zehn Minuten nachdem Sophie dieselbe verlassen hatte. Er wendete sich jetzt an Madame Fitzpatricks Kammermädchen, von dem er die unangenehme Neuigkeit erfuhr, daß die Dame fort wäre; wohin konnte sie ihm nicht sagen; die nämliche Antwort erhielt er später von Madame Fitzpatrick selbst, denn da die Dame Jones für eine von ihrem Oheim Western zur Aufsuchung seiner Tochter 164 abgeschickte Person hielt, so war sie so großmüthig, sie nicht zu verrathen. Obgleich Jones niemals Madame Fitzpatrick gesehen hatte, so hatte er doch gehofft, daß eine Cousine von Sophien mit einem Manne dieses Namens verheirathet wäre. Dies fiel ihm indessen in seinem gegenwärtigen aufgeregten Gemüthszustande nicht im entferntesten ein; erst als der Bediente, der ihn hergeführt hatte, ihm erzählte, wie vertraut die beiden Damen mit einander wären und daß sie sich Cousinen nennten, erinnerte er sich der früher gehörten Heirathsgeschichte wieder; und da er jetzt überzeugt war, daß sie die nämliche Dame sei, so verwunderte er sich um so mehr über die empfangene Antwort und bat sehr dringend um die Erlaubniß, ihr aufwarten zu dürfen; aber sie schlug ihm diese Ehre auf das bestimmteste ab. Jones, der, ohne jemals an einem Hofe gelebt zu haben, besser erzogen war als die Meisten, die sich viel dort aufhalten, war keines groben oder trotzigen Betragens gegen eine Dame fähig. Nachdem er also eine ausdrückliche Abweisung bekommen hatte, beruhigte er sich für den Augenblick dabei, indem er zu dem Kammermädchen sagte, er wolle, wenn dies eine ungelegene Zeit für die Dame sei, den Nachmittag wieder kommen und hoffe, daß er dann die Ehre haben werde, von ihr angenommen zu werden. Die höfliche Weise, in der diese Worte gesprochen wurden, verbunden mit seiner angenehmen Persönlichkeit, machten auf das Kammermädchen einen Eindruck und sie konnte nicht umhin, zu antworten: »Vielleicht wohl;« und sie erzählte dann wirklich alles ihrer Herrin, die sie sehr leicht dahin bestimmen zu können glaubte, daß sie einen Besuch von dem hübschen jungen Herrn, wie sie ihn nannte, annähme. 165 Jones hegte den argen Verdacht, daß Sophie selbst in diesem Augenblicke bei ihrer Cousine wäre und sich verläugnen ließe, um ihm das, was zu Upton geschehen war, entgelten zu lassen. Nachdem er daher Partridge fortgeschickt hatte, damit er eine Wohnung miethe, blieb er den ganzen Tag auf der Straße, um das Haus zu bewachen, in welchem er seinen Engel verborgen glaubte, aber er sah außer einem Bedienten keinen Menschen herauskommen und den Abend kam er zurück, Madame Fitzpatrick seinen Besuch zu machen, den diese gute Dame endlich auch so herablassend war anzunehmen. Es giebt eine gewisse Art von natürlichem Anstand, den die Kleidung weder zu verleihen noch zu verbergen vermag. Jones besaß denselben, wie bereits erwähnt worden ist, in einem sehr hohen Grade. Er fand daher bei der Dame eine Aufnahme, die von derjenigen, welche sein Aeußeres zu beanspruchen schien, etwas verschieden war, und wurde, nachdem er ihr seine Höflichkeit bezeigt hatte, zum Niedersetzen eingeladen. Der Leser wird, glaube ich, nicht begierig sein, die Einzelheiten dieses Gesprächs zu erfahren, das den armen Jones sehr wenig befriedigte. Denn obgleich Madame Fitzpatrick bald den Liebhaber entdeckte (wie denn alle Frauen in dieser Beziehung Falkenaugen haben), so hielt sie ihn gleichwohl für einen solchen, dem sie, als eine edelmüthige Freundin des Fräuleins, dieses nicht verrathen dürfe. Kurz, sie argwöhnte, daß er niemand anders als Herr Blifil sei, vor dem Sophie geflohen war; und alle Antworten, die sie Jones in Bezug auf Allworthy's Familie abzulocken wußte, bestärkten sie in dieser Vermuthung. Sie läugnete daher auf das Bestimmteste, den Aufenthalt Sophiens zu kennen und Jones konnte von ihr nichts 166 weiter erlangen, als die Erlaubniß, ihr den nächsten Abend wieder aufwarten zu dürfen. Als er fort war, theilte Madame Fitzpatrick ihre Vermuthung hinsichtlich Blifil's ihrem Kammermädchen mit, das darauf antwortete: »Er ist aber doch in meinen Augen ein zu hübscher Mann, als daß irgend ein Frauenzimmer auf der Welt vor ihm davon laufen sollte. Ich hätte eher gedacht, daß es Herr Jones ist.« – »Herr Jones?« sagte die Dame; »was für ein Jones?« Sophie hatte nämlich in ihrer Erzählung einer solchen Person mit keiner Sylbe gedacht; dagegen war Mamsell Honour mittheilender gewesen und hatte ihrer Freundin die ganze Geschichte von Jones erzählt, die diese jetzt ihrer Herrin wiederholte. Madame Fitzpatrick hatte nicht sobald diese Mittheilung erhalten, als sie mit der Ansicht ihres Mädchens sogleich vollkommen einverstanden war, und, was sehr sonderbar ist, an dem galanten glücklichen Liebhaber Reize auffand, die sie an dem verschmähten Squire übersehen hatte. »Betty,« sagte sie, »Du hast wirklich Recht: er ist ein sehr hübscher Mann, und es wundert mich nicht, daß Dir das Mädchen meiner Cousine erzählt hat, daß so viele Frauen in ihn verliebt seien. Es thut mir jetzt leid, ihm nicht gesagt zu haben, wo meine Cousine ist; und gleichwohl, wenn er ein so schrecklicher Lüstling ist, wie Du mir sagst, wäre es schade, wenn sie ihn jemals wieder zu sehen bekäme; denn was anderes als ihr Ruin könnte es sein, wenn sie einen Lüstling und einen Bettler gegen ihres Vaters Willen heirathete. Ich gestehe, daß, wenn er so ist, wie ihn Dir das Mädchen beschrieben hat, es nur ein Liebesdienst ist, ihn fern von ihr zu halten; ja es würde unverzeihlich von mir sein, wenn ich anders 167 handelte, ich, die ich das Unglück einer solchen Ehe so bitter empfunden habe. Hier wurde sie durch die Ankunft eines Besuchenden unterbrochen, der niemand anders war als der Lord; und da bei diesem Besuche weder etwas Neues, noch etwas Außerordentliches, noch was wesentlichen Bezug auf unsere Geschichte hatte, vorkam, so werden wir hier dieses Kapitel beschließen. Drittes Kapitel. Ein Plan der Madame Fitzpatrick und ihr Besuch bei Lady Bellaston. Beim zu Bett gehen waren Madame Fitzpatrick einzige Gedanken ihre Cousine und Herr Jones. Sie war etwas böse auf die erstere wegen der jetzt entdeckten Falschheit. Sie hatte lange über die Sache nachgedacht, als sie auf den Einfall gerieth, daß sie sich, wenn es durch ihre Vermittelung gelänge, Sophien vor diesem Manne zu bewahren, aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach durch einen so wichtigen, der Familie geleisteten Dienst sowohl ihren Onkel als ihre Tante wieder versöhnen werde. Da dies einer ihrer Lieblingswünsche war, so schien die Hoffnung auf glücklichen Erfolg so vernünftig, daß ihr nichts übrig blieb, als den geeigneten Weg zur Ausführung ihres Plans aufzufinden. Der Versuch, die Sache mit Sophien reiflich zu überlegen und zu besprechen, schien ihr nicht jener Weg zu sein; denn wie ihr Betty erzählt hatte, hegte Sophie eine heftige Neigung zu Jones und sie sah ein, daß ein Versuch, Sophien die Heirath zu widerrathen, gerade so viel fruchten würde, als wenn man 168 eine Motte durch die freundlichsten und ernstesten Vorstellungen warnen wollte, in ein Licht zu fliegen. Wenn der Leser sich erinnert, daß die Bekanntschaft zwischen Sophie und Lady Bellaston sich aus dem Hause des Fräulein Western herschrieb, und daß dieselbe gerade zu der Zeit entstanden sein mußte, wo Madame Fitzpatrick bei dieser letztern Dame lebte, so bedarf es keiner besondern Erwähnung, daß Madame Fitzpatrick gleichfalls mit ihr bekannt sein mußte. Sie waren überdies beide in gleichem Grade mit ihr verwandt. Nach vielem Ueberlegen faßte sie daher den Entschluß, des Morgens ganz früh zu dieser Dame zu gehen, um zu sehen, ob sie dieselbe, ohne daß Sophie etwas davon erführe, sprechen und von der ganzen Angelegenheit unterrichten könnte. Denn sie zweifelte nicht im Geringsten daran, daß diese kluge Dame, die die romantische Liebe und ohne kluge Berechnung geschlossene Ehen häufig bespöttelt hatte, ihren Ansichten über diese Heirath beitreten und sich gern bereit erklären werde, ihr zu deren Verhinderung nach Kräften behülflich zu sein. Diesen Entschluß führte sie denn auch aus; und ehe am nächsten Morgen die Sonne aufgegangen war, hüllte sie sich ihre Kleider und begab sich zu dieser unfashionabeln, für einen Besuch höchst ungeeigneten Stunde zu Lady Bellaston, wo sie auch, ohne daß Sophie die geringste Kenntniß oder Ahnung davon hatte, vorgelassen wurde. Madame Fitzpatrick machte viele Entschuldigungen wegen ihres so frühen und plötzlichen Besuchs und sagte, daß sie die Lady nicht zu einer solchen Stunde gestört haben würde, wenn sie nicht Geschäfte von der höchsten Wichtigkeit dazu bewogen hätten. Sie eröffnete ihr dann alles und erzählte ihr, was sie von Betty gehört hatte; auch vergaß 169 sie nicht des Besuchs zu erwähnen, den ihr Jones am vergangenen Abende gemacht hatte. Lady Bellaston erwiederte mit einem Lächeln: »Nun so haben Sie ja diesen fürchterlichen Mann gesehen; ist er denn wirklich so schön, als er geschildert wird? Etoff hat mich gestern Abend fast zwei Stunden lang von ihm unterhalten. Ich glaube, die Närrin ist schon von der blosen Beschreibung in ihn verliebt.« Damit dies den Leser nicht etwa Wunder nehme, müssen wir ihm sagen, daß Mamsell Etoff, welche die Ehre hatte, Lady Bellaston ein- und auszuschnüren, die vollständigsten Nachrichten über besagten Herrn Jones bekommen hatte und dieselben ihrer Herrin vergangenen Abend (oder vielmehr diesem Morgen) beim Auskleiden treulich hinterbrachte, woher es denn kam, daß sie gegen zwei Stunden dabei aufgehalten worden war. Die Lady, die zwar in der Regel zu dieser Zeit den Erzählungen der Mamsell Etoff gern zuhörte, schenkte ihrer von Jones entworfenen Schilderung in der That außerordentliche Aufmerksamkeit; denn Honour hatte ihn als einen sehr schönen Mann gerühmt und Mamsell Etoff setzte ihrem Berichte von seiner Schönheit in ihrem Eifer so viel hinzu, daß Lady Bellaston ihn für eine Art Naturwunder zu halten anfing. Die Neugierde, welche ihr Mädchen in ihr rege gemacht hatte, wurde jetzt durch Madame Fitzpatrick noch um vieles gesteigert, indem diese sich eben so günstig über Jones' Persönlichkeit äußerte, als sie zuvor sich ungünstig über seine Geburt, seinen Character und seine Vermögensumstände ausgesprochen hatte. Nachdem Lady Bellaston von allem unterrichtet war, sagte sie mit vielem Ernst: »Allerdings, Madame; das ist ein Gegenstand von großer Wichtigkeit. Es kann gewiß nichts lobenswerther sein als der Antheil, welchen Sie an 170 der Sache nehmen; und es soll mich sehr freuen, wenn ich zum Schutze einer jungen Dame, die so viele Vorzüge besitzt, und die ich so hoch achte, etwas beitragen kann.« »Meinen Sie nicht,« sagte Madame Fitzpatrick schnell, »daß es das Beste sein würde, sogleich an meinen Onkel zu schreiben und ihn wissen zu lassen, wo meine Cousine ist?« Die Lady dachte ein wenig darüber nach und antwortete dann: – »Doch, nein, Madam; ich meine nicht. Fräulein Western hat mir ihren Bruder als einen so rohen Menschen geschildert, daß ich nicht beistimmen kann, irgend ein Weib in seine Gewalt zu geben, wenn sie ihr einmal entgangen ist. Ich habe gehört, daß er sich wie ein wahres Ungeheuer gegen seine eigene Frau benommen hat; denn er ist einer jener Elenden, welche ein Recht zu haben glauben, uns zu tyrannisiren; und ich werde es immer zur Sache meines Geschlechts machen, jedes Weib zu erlösen, wenn sie das Unglück hatte, in ihre Gewalt zu fallen. – Unser Geschäft, liebe Cousine, wird es blos sein, zu verhüten, daß Sophie diesen jungen Mann sehe, und zwar so lange, bis die gute Gesellschaft, welche sie hier finden wird, sie auf bessere Gedanken bringen wird.« »Wenn er aber ihren Aufenthalt ausfindig machen sollte,« entgegnete die andere, »so sein Sie versichert, daß er nichts unversucht lassen wird, um zu ihr zu gelangen« »Aber, Madame,« versetzte die Lady, »er wird doch unmöglich hierher kommen;.– und wenn es auch möglich wäre, daß er ihren Aufenthalt erführe und dann um das Haus herumschliche – ich wünschte darum, daß ich ihn von Person kennte. Giebt es denn keinen Weg, Madame, ihn von Ansehen kennen zu lernen? denn sonst wissen Sie wohl, Cousine, kann sie es dahin bringen, ihn ohne mein Vorwissen zu sehen.« 171 Madame Fitzpatrick antwortete, daß er sie auf diesem Nachmittag mit einem zweiten Besuch bedrohet habe, und daß, wenn die Lady sie beehren wolle, sie ihn zwischen sechs und sieben Uhr mit ziemlicher Gewißheit bei ihr finden werde; käme er früher, so wollte sie ihn bis zu ihrer Ankunft aufhalten. Lady Bellaston versprach zu kommen, sobald sie vom Diner abkommen könnte, was frühestens um sieben sein würde. Denn das wäre durchaus nöthig, daß sie ihn von Person kennen lernte. »Es ist wirklich sehr gut, Madame,« fügte sie hinzu, »diese Vorsorge zu treffen; denn nicht allein die Menschlichkeit, sondern auch die Rücksicht auf unsere Familie, macht es uns beiden zur Pflicht; das wäre ja wirklich eine schreckliche Heirath.« Madame Fitzpatrick versäumte nicht, eine passende Erwiederung auf das Compliment zu geben, das Lady Bellaston ihrer Cousine gemacht hatte und zog sich nach einem kurzen, für uns wenig Interesse darbietenden Gespräch wieder zurück, wobei sie so schnell als möglich in ihren Wagen eilte, um nicht von Sophien oder Honour gesehen zu werden. Viertes Kapitel. Der Besuch. Herr Jones war den ganzen Tag, der, obschon einer der kürzesten, ihm einer der längsten im ganzen Jahre zu sein schien, im Angesichte einer gewissen Thür auf- und abgegangen. Endlich schlug es fünf Uhr und er begab sich wieder zu Madame Fitzpatrick, die ihn, ob er gleich eine volle Stunde vor der schicklichen Besuchzeit kam, sehr artig empfing, aber noch eben so wie zuvor auf ihrem Vorgeben beharrte, von Sophien nichts zu wissen. 172 Jones hatte bei seiner Erkundigung nach der Geliebten das Wort Cousine fallen lassen, worauf Madame Fitzpatrick sagte: »Sie wissen also, daß wir Verwandte sind; und da wir es sind, so werden Sie mir das Recht zugestehen, nach der Art des Geschäfts fragen zu dürfen, das Sie veranlaßt, meine Cousine aufzusuchen.« Hier zögerte Jones eine gute Weile und antwortete endlich, er hätte eine ansehnliche Summe Geld von ihr in Händen, das er ihr zu übergeben wünschte. Er zeigte dann Madame Fitzpatrick die Brieftasche, und erzählte ihr von dem Inhalte derselben und wie sie in seine Hände gelangt war. Er war kaum zu Ende, als ein gewaltiger Lärm durch das ganze Haus erschallte. Es würde eine vergebliche Mühe sein, diesen Lärm denjenigen beschreiben zu wollen, die ihn gehört haben; und noch vergeblicher würde es sein, wollte man versuchen, denjenigen eine Vorstellung davon beizubringen, die ihn nicht gehört haben; denn es läßt sich mit Recht davon sagen: —   —   Non acuta Sic geminant Corybantes acra. Nicht so laut tönte das Erz der Corybanten. Kurz, ein Bedienter klopfte, oder donnerte vielmehr, an die Hausthür. Jones war ein wenig erschrocken, denn er hatte so etwas nie zuvor gehört; aber Madame Fitzpatrick sagte sehr ruhig, daß sie ihm, da eben Gesellschaft komme, jetzt keine Antwort geben könne; wenn es ihm indessen gefalle, so lange zu verweilen, bis sie sich wieder entfernt habe, so wolle sie ihm etwas mittheilen. Die Thür des Zimmers that sich jetzt auf und herein trat, nachdem sie ihren Reifrock vor sich hergeschoben, Lady Bellaston. Sie machte zuerst eine sehr tiefe Verneigung gegen Madame Fitzpatrick und eine eben so tiefe gegen 173 Herrn Jones und wurde dann nach dem obern Ende des Zimmers geführt. Wir erwähnen dieser geringfügigen Umstände zu Nutz und Frommen einiger Landdamen unserer Bekanntschaft, welche es den Regeln des Anstandes für zuwider halten, vor einem Manne ihre Kniee zu beugen. Die Gesellschaft hatte sich kaum ruhig niedergelassen, als die Ankunft des Peers eine neue Störung und eine Wiederholung der Ceremonien veranlaßte. Nachdem diese vorüber waren, fing die Conversation an (wie man zu sagen pflegt), äußerst brillant zu werden. Da jedoch nichts darin vorkam, was für diese Geschichte oder auch überhaupt von erheblichem Interesse sein könnte, so werde ich mir den Bericht derselben ersparen; und zwar um so mehr, als ich gefunden habe, daß sich manche recht artige Conversation ungemein langweilig ausnahm, wenn sie zu Papiere gebracht oder auf der Bühne wiederholt wurde. Ueberhaupt ist dieser geistige Schmauß eine Leckerei, die sich solche Personen, welche von seinen Gesellschaften ausgeschlossen sind, eben so wohl versagen müssen als so mancherlei Leckerbissen der französischen Kochkunst, die nur auf die Tafeln der Großen kommen. Da sie übrigens beide nicht einem jeden Geschmacke zusagen, so dürften sie vielleicht oftmals gering geschätzt werden. Der arme Jones gab bei dieser eleganten Scene mehr einen Zuschauer als eine handelnde Person ab; denn wenn auch zuerst Lady Bellaston und dann Madame Fitzpatrick während der kurzen Zeit vor des Peers Ankunft einige Male ihr Gespräch an ihn gerichtet hatten, so war doch kaum der edle Lord eingetreten, als er auch die ganze Aufmerksamkeit der beiden Damen für sich in Anspruch nahm.; und da er von Jones nicht mehr Notiz nahm, als ob eine solche Person gar nicht da gewesen wäre, ausgenommen 174 daß er ihn dann und wann starr ansah, so thaten die Damen desgleichen. Die Gesellschaft war jetzt so lange beisammen, daß Madame Fitzpatrick die volle Ueberzeugung gewann, daß jedes des andern Entfernung abwarten wollte. Deshalb suchte sie Jones los zu werden, weil sie ihm die geringste Rücksicht schuldig zu sein glaubte. Sie benutzte dazu eine Pause im Gespräch und sagte in vornehm ernstem Tone zu ihm: »Mein Herr, es wird mir heut nicht möglich sein, Ihnen in Bezug auf jene Angelegenheit eine Antwort zu geben; aber wenn es Ihnen gefällig wäre, mir Ihre Adresse da zu lassen, so daß ich morgen zu Ihnen schicken könnte –« Jones hatte eine natürliche gute Erziehung, in der nichts Erkünsteltes war. Anstatt daher das Geheimniß seiner Wohnung einem Diener anzuvertrauen, theilte er es der Dame ausführlich selbst mit, und verabschiedete sich bald darauf in höflichster Form. Er war nicht sobald hinaus, als die vornehmen Herrschaften, die sich während seiner Gegenwart nicht um ihn bekümmerten, anfingen, sich sehr viel mit ihm zu beschäftigen; wenn jedoch der Leser uns den Bericht des glänzenderen Theils dieser Conversation bereits erlassen hat, so wird er uns gewiß auch die Wiederholung desjenigen, was eine gemeine Klätscherei genannt werden kann, gern erlassen. Nur eine Aeußerung der Lady Bellaston dürfte in wesentlicher Beziehung zu unsrer Geschichte stehen und deshalb einer Erwähnung verdienen. Als sich diese Dame nämlich wenige Minuten nach ihm verabschiedete, sagte sie im Weggehen zu Madame Fitzpatrick: »Im Betreff meiner Cousine bin ich beruhigt: dieser Mensch kann ihr nicht gefährlich werden.« Unsere Erzählung soll Lady Bellaston's Beispiele folgen und die gegenwärtige Gesellschaft, welche jetzt auf zwei 175 Personen reducirt war, verlassen; denn da zwischen ihnen nichts vorfiel, was uns oder unsern Leser im Entferntesten berührt, so werden wir uns dadurch nicht von Dingen abziehen lassen, die allen denjenigen, welche an den Angelegenheiten unsres Helden Interesse nehmen, viel wichtiger erscheinen müssen. Fünftes Kapitel. Jones' Abenteuer in seiner Wohnung, nebst einigen Bemerkungen über einen jungen Herrn, der mit ihm in demselben Hause wohnte, und über die Wirthin mit ihren beiden Töchtern. Am nächsten Morgen fand sich Jones, so früh als es sich nur mit der Schicklichkeit vertrug, an der Thür der Madame Fitzpatrick ein, wo er die Nachricht erhielt, daß die Dame nicht zu Hause sei. Dies war ihm um so überraschender, als er seit Anbruch des Tages in der Straße auf- und nieder gegangen war und sie, wenn sie ausgegangen wäre, nothwendig hätte sehen müssen. Nichts desto weniger mußte er sich mit dieser Antwort begnügen, und zwar nicht allein für jetzt, sondern auch noch für fünf andere Besuche, die er ihr diesen Tag über machte. Um ehrlich gegen den Leser zu sein, so möge er wissen, daß der edle Peer aus irgend einem Grunde, vielleicht aus Rücksichten für die Ehre der Dame, darauf bestanden hatte, daß sie Herrn Jones, den er für einen Lump ansah, nicht mehr sehen sollte; und die Dame hatte ihr Wort darauf gegeben, das sie, wie wir nun sehen, auch getreulich hielt. Aber da unser freundlicher Leser vielleicht eine bessere 176 Meinung von dem jungen Manne hat als diese Dame und wohl gar einige Theilnahme für ihn hegt, so wollen wir, um der Besorgniß zuvorzukommen, er könnte seit seiner unglücklichen Trennung von Sophien seine Wohnung etwa in einem Wirthshause, oder auf der Straße aufgeschlagen haben, eine Beschreibung von seiner Wohnung geben, die er in der That in einem sehr anständigen Hause und einem sehr guten Stadttheile genommen hatte. Jones hatte Herrn Allworthy oft die Frau nennen hören, in deren Hause er wohnte, wenn er sich in der Stadt befand. Diese Person lebte, wie Jones gleichfalls wußte, in Bondstreet und war die Wittwe eines Geistlichen, der ihr bei seinem Ableben zwei Töchter und eine vollständige Sammlung von Predigten auf das ganze Jahr im Manuscript hinterlassen hatte. Von diesen beiden Töchtern hatte Anna, die ältere, gegenwärtig das siebzehnte Lebensjahr angetreten, und Betty, die jüngere, das zehnte. Hierher war Partridge von Jones gesendet worden und hatte für seinen Herrn ein Zimmer im zweiten Stock und für sich eins im vierten Stock angewiesen bekommen. Im ersten Stock wohnte einer jener jungen Herren, welche früherhin, und zwar treffend genug, in der Stadt Leute von Witz und Vergnügen heißen; denn da Männer in der Regel nach ihrem Geschäft oder Amt benannt werden, so konnte man das Vergnügen als das einzige Geschäft oder den Beruf jener Herren ansehen, denen ihr Vermögen alle nützliche Beschäftigungen unnöthig gemacht hatte. Schauspiel-, Kaffee- und Weinhäuser waren ihre Tummelplätze; Witz und Humor ihre Unterhaltung in ihren heiteren und Liebe in ihren ernsten Stunden. Der Wein und die Musen verbanden sich, die herrlichsten Flammen in ihren Busen zu entzünden; auch blieben sie nicht blos 177 beim Bewundern stehen, sondern einige waren fähig, die Schönheit, welche sie bewunderten, zu besingen, und alle, den Werth solcher Leistungen zu beurtheilen. Solche wurden daher füglich die Männer von Witz und Vergnügen genannt; aber ich frage, ob jene jungen Leute unsrer Zeit, welche den nämlichen Ehrgeiz besitzen, durch ihre Talente zu glänzen, wohl mit eben dem Rechte die nämliche Benennung verdienen. Mit dem Witze haben sie jedenfalls nichts zu schaffen. Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man bekennen, daß sie sich um eine Stufe höher aufschwingen, als ihre Vorfahren. Während die oben erwähnten Herren ihre Zeit damit hinbrachten, daß sie beim Weine die Reize einer Schönen durch Trinksprüche oder Sonnette feierten, daß sie bei Will's oder Button's ihre Ansichten über die Aufführung eines Theaterstücks oder ein Gedicht austauschten, sinnen diese auf Methoden, wie eine Corporation am besten zu bestechen sei, meditiren Reden für das Haus der Gemeinen oder vielmehr für die Journale. Aber die Jagdwissenschaft ist dasjenige, was vor allem andern ihre Gedanken in Anspruch nimmt. Das sind die Beschäftigungen in ihren ernsteren Stunden, für ihre Unterhaltung dienen ihnen die großen Zirkel von Kunstkennern in der Malerei, Musik, Bildhauerei und Naturkunde, oder vielmehr Unnaturkunde , welche von dem Wundervollen handelt und von der Natur nichts kennt als ihre Monstrositäten und Mängel. Nachdem Jones den ganzen Tag mit vergeblichen Erkundigungen nach Madame Fitzpatrick hingebracht hatte, kehrte er endlich niedergeschlagen in seine Wohnung zurück. Während er nun hier in Zurückgezogenheit seinem Kummer nachhing, entstand unter ihm ein heftiger Tumult und bald darauf wurde er von einer weiblichen Stimme um Gottes willen zu Hülfe gerufen, um einen Mord zu verhüten. Jones, der niemals zurück blieb, wo sich eine Gelegenheit darbot, Bedrängten beizuspringen, eilte sogleich die Treppe hinunter und in das Speisezimmer, woher der Lärm erscholl. Dort erblickte er einen der vorerwähnten jungen Herrn, der von seinem Bedienten fest gegen die Wand gedrückt wurde, und daneben ein junges Mädchen, die unter Händeringen ausrief: »Er wird ihn morden, ach, er wird ihn morden!« Und in der That schien der arme Herr in einiger Gefahr, erwürgt zu werden, als Jones zu seinem Beistande herzuflog und ihn gerade als es die höchste Zeit war, aus den unbarmherzigen Klauen seines Gegners befreite. Obgleich der Bediente verschiedene Stöße und Püffe von dem kleinen Herrn, der mehr geistige als körperliche Kräfte besaß, bekommen hatte, so hatte ihn doch eine Art Gewissensscrupel abgehalten, seinen Herrn zu schlagen und er würde sich damit begnügt haben, ihn blos zu erwürgen; aber vor Jones hatte er solchen Respekt nicht; denn kaum fühlte er sich von seinem neuen Gegner etwas unsanft berührt, als er ihn mit einem Magenfutter traktirte, das, so überaus groß auch das Ergötzen ist, womit es die Zuschauer in Broughton's Amphitheater ansehen, dem, der es genießt, sehr wenig Vergnügen macht. Der kräftige Jüngling hatte nicht sobald diesen Schlag empfangen, als er auch auf eine Wiedervergeltung mit Zinsen bedacht war, und so entspann sich zwischen Jones und dem Bedienten ein Kampf, der sehr ungestüm, aber kurz war; denn dieser Bursche war eben so wenig im Stande, es mit Jones aufzunehmen, als sein Herr zuvor mit ihm. Und nun gab Fortuna, in ihrer gewohnten Weise, der Scene eine andere Gestalt. Der bisherige Sieger lag 179 athemlos am Boden und der Besiegte hatte wieder so viel Athem, daß er Herrn Jones für seinen ihm zu rechter Zeit geleisteten Beistand danken konnte. Auch von dem jungen Mädchen, das dabei stand und niemand anderes als Fräulein Anna, die älteste Tochter vom Hause war, empfing er herzlichen Dank. Der Bediente, der sich jetzt wieder aufgerafft hatte, schüttelte den Kopf über Jones und rief, indem er eine pfiffige Miene annahm: – »Der Teufel müßte mich plagen, wenn ich wieder mit Ihnen anbände; Sie sind auf den Brettern gewesen, oder ich müßte mich verdammt irren.« Und fürwahr, wir dürfen ihm diese Vermuthung wohl vergeben; denn unser Held besaß eine solche Gewandtheit und Kraft, daß er es vielleicht mit einem der ersten Boxer aufnehmen konnte und alle bemufften Damit sich die Nachwelt über dieses Epitheton nicht den Kopf zerbreche, will ich es durch eine Anzeige erklären, welche am 1. Febr. 1747 bekannt gemacht wurde. Der Unterzeichnete giebt sich die Ehre anzuzeigen, daß er, unterstützt von geschickten Assistenten, in seiner Wohnung, Haymarket, für diejenigen, welche sich im Boxen unterrichten wollen, eine Akademie eröffnen wird, worin er das Ganze dieser ächt britischen Kunst theoretisch und praktisch, mit allen möglichen Paraden, Stößen und Finten u. s. w. vollständig lehren wird. Damit sich nun Personen von Stande nicht etwa abschrecken lassen, an einem Cursus dieses Unterrichts Theil zu nehmen, so wird auf einen schwächlichen Körperbau und zarte Constitution des Schülers die sorgfältigste und schonendste Rücksicht genommen werden und aus diesem Grunde für eine hinlängliche Anzahl Müffe gesorgt sein, um durch dieselben gegen die Unannehmlichkeiten blauer Augen, zerbrochener Kinnladen und blutiger Nasen wirksamen Schutz zu finden. Broughton. feinen Herrchen aus Broughton's Schule in den Sack gesteckt haben würde. Der vor Wuth schäumende Herr befahl seinem Diener, 180 augenblicklich abzuziehen, wozu sich der letztere sehr gern bereit erklärte, sofern er seinen Lohn bekäme. Diese Bedingung wurde sogleich erfüllt und der Bursche fortgeschickt. Und nun lud der junge Mann, dessen Name Nachtigall war, seinen Retter sehr dringend ein, eine Flasche Wein mit ihm zu leeren, worein Jones auch nach vielem Bitten willigte, obgleich er es mehr aus Gefälligkeit, als aus Neigung that; denn seine Gemüthsverstimmung machte ihn damals gerade sehr wenig zur Conversation aufgelegt. Fräulein Anna, welche die einzige weibliche Person im Hause war, weil ihre Mutter und Schwester in das Theater gegangen waren, sagte es ebenfalls zu, sie mit ihrer Gesellschaft zu beehren. Als Flasche und Gläser auf dem Tische standen, fing Herr Nachtigall an zu erzählen, was die Ursache zu jenem Streite gewesen war. »Ich hoffe, mein Herr,« sagte er zu Jones, »Sie werden von diesem Falle nicht schließen, daß ich es in der Gewohnheit habe, meine Dienstleute zu schlagen; denn ich versichere Sie, daß dies das erste Mal war, daß ich mich einer solchen Uebereilung schuldig machte, und ich habe diesem Burschen manchen unverzeihlichen Fehler nachgesehen; aber wenn Sie hören, was diesen Abend geschehen ist, so werden Sie mich, glaube ich, entschuldigen. Ich kam zufällig einige Stunden früher nach Hause als ich gewohnt bin, und siehe da, ich fand vier Herren von der Livree bei einer Partie Whist in meinem Zimmer sitzen, – und meinen Hoyle, – meinen besten Hoyle, der mir eine Guinee kostet, offen auf dem Tische liegen und eines der schönsten Blätter im ganzen Buche über und über mit Porter bespritzt. Das war, wie Sie mir zugeben werden, empörend, aber ich sagte nichts, bis die übrigen von der ehrenwerthen Gesellschaft fort waren, und gab dann dem 181 Burschen einen sanften Verweis. Anstatt nun sein Bedauern über das Geschehene auszudrücken, gab er mir eine unverschämte Antwort und sagte, Bediente müßten eben so gut wie andere Leute ihr Vergnügen haben; es thäte ihm leid, was mit dem Buche geschehen sei, aber mehrere seiner Bekannten hätten dasselbe für einen Schilling gekauft, und so viel könnte ich ihm von seinem Lohne zurückhalten, wenn ich wollte. Ich gab ihn nun einen strengeren Verweis, worauf der Schlingel die Unverschämtheit hatte, zu sagen – Kurz er schob die ganze Schuld auf mein frühes Nachhausekommen und – Kurz er machte eine Bemerkung – er nannte den Namen einer jungen Dame, und zwar auf eine Art – auf eine solche Art, daß es um meine ganze Geduld geschehen war, und in meiner Hitze schlug ich ihn.« Jones entgegnete, daß er glaube, Niemand werde ihn darum tadeln. »Ich für meine Person,« setzte er hinzu, »würde unter den zuletzt erwähnten Umständen das nämliche gethan haben.« Die Gesellschaft hatte nicht lange gesessen, als sich auch die Mutter und Tochter, welche aus dem Theater zurückgekehrt waren, bei ihnen einfanden. Und so verlebten sie denn alle einen sehr vergnügten Abend mit einander; denn alle außer Jones waren sehr heiter und selbst er zwang sich, es so viel als möglich zu sein. In der That, die Hälfte der natürlichen Lebhaftigkeit seines Geistes, verbunden mit seiner gewinnenden Freundlichkeit, war hinreichend, ihn zu einem der liebenswürdigsten Gesellschafter zu machen; und, wie schwer ihm auch das Herz war, er wußte sich dennoch so angenehm zu machen, daß er bei seinem Aufbruche von dem jungen Herrn dringend um die Fortsetzung seiner Bekanntschaft mit ihm gebeten wurde. Fräulein Anna war sehr wohl mit ihm zufrieden, und die Wittwe, 182 ganz entzückt über ihren neuen Miethsmann, lud ihn mit dem andern auf den nächsten Morgen zum Frühstück ein. Jones war seinerseits nicht minder zufrieden gestellt. Was Fräulein Anna betrifft, so war sie zwar eine sehr kleine, aber nichts desto weniger allerliebste Person und die Wittwe besaß alle die Reize, die eine Frau nahe an den funfziger Jahren nur besitzen kann. Da sie eines der unschuldigsten Wesen von der Welt war, so war sie auch eines der fröhlichsten. Nie dachte, oder sprach, oder wünschte sie etwas Böses und war unausgesetzt von jenem Wunsche zu gefallen beseelt, den man den glücklichsten aller Wünsche nennen kann, in so fern er kaum je sein Ziel verfehlt, wenn er nicht durch Affectation geschändet wird. Kurz, wie gering auch ihre Kräfte waren, so war sie doch im Herzen eine der wärmsten Freundinnen. Sie war eine liebevolle Gattin und eine gute und zärtliche Mutter. Da unsere Geschichte nicht, wie eine Zeitung, große Charaktere von Leuten schildert, von denen man nie zuvor etwas gehört hat oder je wieder etwas hören wird, so kann der Leser daraus folgern, daß diese vortreffliche Frau späterhin eine Rolle von Wichtigkeit in unserer Geschichte spielen wird. Auch hatte Jones der junge Mann nicht wenig gefallen, dessen Wein er getrunken hatte. Er entdeckte in ihm einen gesunden Verstand, obgleich etwas zu sehr hinter Stadtthorheiten versteckt; aber was ihn Jones am meisten empfahl, das waren seine edlen und humanen Gesinnungen, die sich hin und wieder zu erkennen gaben, und namentlich manche Aeußerungen in Bezug auf Liebe, welche auf die größte Uneigennützigkeit deuteten. Ueber diesen Gegenstand sprach sich der junge Mann in einer Art und Weise aus, die einem arkadischen Schäfer des Alterthums sehr wohl angestanden haben würde, die sich aber bei einem modernen 183 feinen Gentleman ganz merkwürdig ausnahm; allein ein solcher war er blos aus Nachahmung, von Natur war ihm ein besserer Charakter zugedacht. Sechstes Kapitel. Enthält einen Vorfall, der sich ereignete, während die Gesellschaft beim Frühstück saß, und einige Winke über die Erziehung von Töchtern. Unsere Gesellschaft versammelte sich am Morgen mit denselben guten Gesinnungen gegeneinander, mit denen sie sich am vorigen Abende getrennt hatte; aber der arme Jones war ganz niedergeschlagen; er hatte nämlich so eben von Partridge die Nachricht erhalten, daß Madame Fitzpatrick ihre Wohnung verlassen hätte, und daß er nicht erfahren könne, wohin sie sich gewendet habe. Diese Neuigkeit betrübte ihn tief, und auf seinem Gesicht sowohl, als in seinem Betragen zeigten sich deutliche Spuren eines bekümmerten Gemüths, so sehr er es auch zu verbergen bemüht war. Das Gespräch drehete sich jetzt, wie vorher, um die Liebe, und Herr Nachtigall sprach sich über diesen Gegenstand wiederum mit jenen warmen, edeln und uneigennützigen Gefühlen aus, die kluge und verständige Männer romantisch nennen, kluge und verständige Frauen aber gemeiniglich in einem bessern Lichte betrachten. Madame Miller (so hieß nämlich die Frau vom Hause) billigte diese Gefühle sehr; aber Anna, die Herr Nachtigall zu ihrer Meinungsäußerung aufforderte, antwortete blos, sie glaube, daß die Herren, welche am wenigsten sprächen, fähig wären, am meisten zu fühlen. 184 Dieses Compliment war so offenbar an Jones gerichtet, daß es uns leid gewesen wäre, wenn er es unbeachtet gelassen hätte. Er machte ihr aber wirklich eine sehr höfliche Erwiederung und schloß mit einer Bemerkung, welche darauf hindeutete, daß sich etwas ähnliches auf sie anwenden lasse; sie hatte nämlich wirklich weder jetzt noch am vergangenen Abende kaum ihre Lippen zum Sprechen geöffnet. »Es freut mich, Anna,« sagte Madame Miller, »daß der Herr diese Bemerkung ausgesprochen hat; ich muß bekennen, daß ich beinahe seiner Meinung bin. Was ist mit Dir vorgegangen, Kind? Nie ist mir eine solche Veränderung vorgekommen. Was ist aus Deinem heiteren Wesen geworden? Werden Sie es glauben, Herr Jones, ich nannte sie nur meine kleine Schwätzerin? Sie hat nicht zwanzig Worte gesprochen diese ganze Woche.« Hier wurde ihre Unterredung durch das Eintreten einer Dienstmagd unterbrochen, die ein Packet hereinbrachte, das ihr, so sagte sie, für Herrn Jones übergeben worden wäre. »Der Bote,« fügte sie hinzu, »entfernte sich sogleich wieder, indem er sagte es bedürfe keiner Antwort.« Jones drückte einige Verwunderung darüber aus und erklärte, daß dies ein Irrthum sein müsse; aber da die Magd behauptete, daß sie hinsichtlich des Namens ihrer Sache gewiß wäre, so waren die Frauen alle begierig, das Packet sogleich zu öffnen, welche Operation mit Bewilligung des Herrn Jones durch die kleine Betty verrichtet wurde. Als Inhalt fand man einen Domino, eine Maske, und ein Maskenballbillet. Jones versicherte jetzt mit noch größerer Bestimmtheit als zuvor, daß hier ein Irrthum obwalten müsse und Madame Miller selbst hegte einigen Zweifel und sagte, sie wisse nicht, was sie davon denken solle. Aber als Herr Nachtigall gefragt wurde, war er ganz verschiedener 185 Meinung. »Alles,« sagte er, »was ich mir daraus nehmen kann, ist, daß sie ein sehr glücklicher Mann sind; denn ich zweifle nicht, daß Ihnen diese Sachen von irgend einer Dame gesendet worden sind, die Sie so glücklich sein werden auf dem Balle zu finden.« Jones hatte nicht Eitelkeit genug, um einen so schmeichelhaften Gedanken zu unterhalten; auch Madame Miller war nicht sehr geneigt, Herrn Nachtigalls Ansicht beizustimmen, bis, indem Fräulein Anna den Domino aufhob, aus dem Aermel eine Karte herausfiel, auf welcher folgende Worte geschrieben standen: An Herrn Jones. Die Feenkönigin wird sich Dir günstig zeigen, Verstehst Du, recht zu nützen ihre Gunst. Madame Miller und Fräulein Anna pflichteten jetzt Herrn Nachtigall bei; ja Jones selbst wurde fast überredet, das nämliche zu glauben. Und da seiner Meinung nach keine Dame außer Madame Fitzpatrick seine Wohnung kannte, so schmeichelte er sich einigermaßen mit der Hoffnung, daß es von ihr herkomme, und daß er vielleicht seine Sophie sehen werde. Diese Hoffnung war in der That sehr wenig begründet; da indessen das Benehmen von Madame Fitzpatrick, in sofern sie ihn nicht annahm, wie sie doch versprochen, und in sofern, daß sie ihre Wohnung verlassen hatte, sehr seltsam und unerklärlich gewesen war, so hielt er es für nicht ganz unwahrscheinlich, daß sie, die ihm schon früher als grillenhaft und phantastisch geschildert worden war, ihm diesen Dienst vielleicht lieber auf einem ungewöhnlichen Wege, als auf dem natürlichsten, erweisen wolle. Es ist wahr, da sich über einen so sonderbaren und ungewöhnlichen Umstand nichts Bestimmtes annehmen ließ, so war seinen Vermuthungen ein um so größeres und 186 freieres Feld gegeben. Sein von Natur sanguinisches Temperament machte sich daher bei dieser Gelegenheit geltend und seine Einbildungskraft zeigte ihm tausenderlei Möglichkeiten, die seine Hoffnung, an diesem Abende seiner theuern Sophie zu begegnen, nährten und befestigten. Solltest Du, lieber Leser, irgend gute Wünsche für mich hegen, ich vergelte sie Dir reichlich damit, daß ich Dir diese sanguinische Gemüthsverfassung wünsche, weil ich geneigt bin, das Glück, worüber ich viel gelesen und lange nachgedacht habe und worüber viele große Männer geschrieben haben, in dem Besitze dieses Temperamentes zu suchen, denn es entzieht uns in gewisser Hinsicht dem Bereiche des Schicksals und macht uns ohne sein Zuthun glücklich. In der That sind die Freuden, die es gewährt, nicht allein bei weitem beständiger, sondern auch weit lebhafter als diejenigen, welche uns die blinde Schicksalsgöttin zutheilt; denn die Natur hat es weislich eingerichtet, daß sie an alle unsere reellen Genüsse eine Sättigung und einen Ueberdruß geknüpft hat, damit wir nicht so weit von denselben befangen werden sollen, und von allem ferneren Streben abstehen. Ich setze nicht den entferntesten Zweifel darein, daß wir von diesem Gesichtspunkte aus den muthmaßlichen künftigen Kanzler, der eben erst in seine juristische Laufbahn eintritt, den Erzbischoff in spe und den ersten Minister, jetzt noch einer der unbedeutendsten in der Zahl einer Opposition, für wahrhaft glücklicher achten dürfen, als diejenigen, welche sich all der Macht und des Einkommens dieser respectiven Aemter erfreuen. Da sich Jones nun bestimmt hatte, diesen Abend auf den Maskenball zu gehen, so erbot sich Herr Nachtigall, ihn dorthin zu geleiten und auch Billets für Fräulein Anna und ihre Mutter zu besorgen; aber die gute Frau wollte das nicht annehmen. Sie sagte, sie begreife zwar nicht, 187 worin der Nachtheil bestehen sollte, den manche Leute einem Maskenballe zuschrieben, aber solche kostspielige Vergnügungen schickt sich blos für Personen aus vornehmen und reichen Ständen und nicht für junge Frauenzimmer, die ihren Lebensunterhalt verdienen müßten und sich höchstens auf einen Kaufmann Hoffnung machen dürften. »Einen Kaufmann!« rief Nachtigall, »Sie sollen mir meine Anna nicht herabsetzen. Kein Edelmann auf der Welt braucht sich ihrer zu schämen.« – »O pfui, Herr Nachtigall,« entgegnete Madame Miller, »Sie müssen dem Mädchen nicht solche Dinge in den Kopf setzen; indessen wenn es ihr gutes Glück wollte,« setzte die Mutter mit einem Lächeln hinzu, »daß sie einen Mann von Ihrer edlen Denkungsart aus einem höhern Stande fände, so glaube ich, würde sie ihm seine Großmuth besser vergelten, als daß sie ihren Sinn glänzenden Vergnügungen zuwendete. Freilich wenn junge Damen selbst ein großes Vermögen besitzen, dann haben sie gewissermaßen ein Recht, auf den Genuß desjenigen, das ihr Eigenthum ist, zu dringen und deshalb habe ich Herren sagen hören, daß ein Mann bisweilen mit einer armen Frau besser thue, als mit einer reichen. – Aber mögen meine Töchter heirathen, wen sie wollen, mein Bestreben geht dahin, daß sie ihren Gatten einmal Segen bringen sollen; – ich bitte daher, daß von Maskenbällen nicht ferner die Rede sei. Anna ist, dessen bin ich gewiß, ein zu gutes Mädchen, als daß sie wünschen sollte hinzugehen; denn sie muß sich wohl erinnern, daß es ihr im vorigen Jahre, wo Sie sie mitnahmen, den Kopf fast verdreht hatte und daß sie unter einem Monate nicht wieder zu sich selbst oder zu ihrer Nadel kommen konnte.« Obgleich ein kleiner Seufzer, der sich aus Anna's Busen stahl, auf eine geheime Mißbilligung dieses Ausspruchs schließen zu lassen schien, so wagte sie es doch nicht, 188 sich offen dagegen zu erklären. Denn bei aller ihrer Zärtlichkeit hatte diese gute Frau sich alle Autorität einer Mutter bewahrt; und da ihre Nachsicht gegen die Wünsche ihrer Kinder blos in der Besorgniß um ihr Heil und ihr zukünftiges Wohl eine Schranke fand, so duldete sie auch nie, daß ihren Befehlen, welche aus einer solchen Besorgniß entsprangen, Ungehorsam oder Widerspruch entgegengesetzt wurde. Und dies wußte der junge Herr, der bereits seit zwei Jahren im Hause wohnte, so wohl, daß er sich ohne weiteres der Verweigerung fügte. Herr Nachtigall, den Jones mit jeder Minute mehr für sich einnahm, wünschte sehr, daß dieser an diesem Tage mit ihm in einem Weinhause speisen möchte, wo er ihn mit einigen seiner Freunde bekannt machen wollte; aber Jones lehnte es ab, indem er sich damit entschuldigte, daß seine Kleider noch nicht zur Stadt gekommen wären. Die Wahrheit zu gestehen, so war Jones jetzt in einer Lage, in die bisweilen junge Herren von weit besserem Aeußeren, als das seine gegenwärtig, gerathen. Kurz er hatte keinen Pfennig in seiner Tasche; – eine Lage, die bei den alten Philosophen in weit größerem Credit stand, als bei den Weisen, die in Lombardstreet wohnen, oder die White's Kaffehaus besuchen. Und vielleicht ist die große Ehre, welche jene Philosophen einer leeren Tasche erwiesen haben, eine von den Ursachen dieser tiefen Verachtung, in der sie in oben erwähnten Straße und in besagtem Kaffeehause stehen. Wenn nun die alte Meinung, daß der Mensch recht gut von der Tugend allein leben könne, nach der Behauptung der so eben erwähnten modernen Weisen, notorisch irrig ist, so fürchte ich, ist die aufgestellte Behauptung einiger Romanschreiber, daß ein Mann einzig und allein von der Liebe leben könne, nicht minder falsch; denn wie 189 köstlich der Genuß auch immer sein mag, den sie einigen unserer Sinne oder Appetite gewährt, so steht doch unbestreitbar fest, daß andere keine Befriedigung darin finden können. Daher haben diejenigen, welche auf solche Schriftsteller ein zu großes Vertrauen setzen, ihren Irrthum eingesehen, als es zu spät war, und gefunden, daß die Liebe eben so wenig den Hunger zu stillen vermag, als eine Rose das Ohr, oder eine Violine den Geruch zu ergötzen. Trotz allen Delicatessen daher, die ihm die Liebe in der Hoffnung, seine Sophie auf dem Maskenballe zu sehen, vorgesetzt und in deren Genusse, wie ungegründet auch seine Einbildung immer sein mochte, er den ganzen Tag geschwelgt hatte, war doch der Abend kaum da, als sich in Jones das Begehren nach einer Nahrung etwas substanziellerer Art zu regen begann. Partridge entdeckte dies vermöge seines Scharfblicks, ergriff die Gelegenheit, einige Anspielungen auf die Banknote zu machen, und faßte, als er mit derselben abgewiesen wurde, noch einmal so viel Muth, Jones an die Rückkehr zu Herrn Allworthy zu erinnern. »Partridge,« rief Jones, »meine Lage kann Dir nicht verzweifelter scheinen, als mir selbst; und ich fange an, es herzlich zu bereuen, daß ich Dir erlaubte, einen sichern Platz zu verlassen und mir zu folgen. Indessen bestehe ich jetzt darauf, daß Du nach Hause zurückkehrst und wünsche, daß Du für die Unkosten und Mühe, die Du meinetwegen übernommen hast, alle Kleider, die ich Deiner Verwahrung übergeben, als Dein eigen ansiehst. Es thut mir leid, daß ich Dir keine andere Erkenntlichkeit beweisen kann.« Er sprach diese Worte in einem so rührenden Tone, daß Partridge, zu dessen Untugenden Bosheit oder Hartherzigkeit nicht gehörten, in Thränen ausbrach und 190 nachdem er betheuert, daß er ihn in seinem Unglücke nicht verlassen wolle, ihn mit den dringendsten Bitten bestürmte, doch nach Hause zurückzukehren. »Ueberlegen Sie nur, um des Himmels willen,« sagte er, »was können Ew. Gnaden thun? Wie ist es möglich, daß Sie in dieser Stadt ohne Geld leben können? Nehmen Sie vor was Sie wollen, oder gehen Sie wohin Sie wollen, ich bin fest entschlossen, nicht von Ihnen zu weichen. – Aber überlegen Sie, ich bitte – überlegen Sie es um Ihretwillen; und ich bin gewiß, Ihre Einsicht wird Ihnen selbst sagen, daß Sie am besten thun, wieder nach Hause zu gehen.« »Wie oft soll ich Dir sagen,« antwortete Jones, »daß ich keine Heimath habe, in die ich mich wenden könnte? Hätte ich nur irgend Hoffnung, daß Herrn Allworthy's Haus sich mir öffnen würde, so bedürfte es keiner Noth mich zu zwingen: nein, keine andere Ursache auf der Welt würde mich einen Augenblick abhalten können, in seine Arme zu fliegen; aber ach! er hat mich auf immer von sich verbannt. Seine letzten Worte – Ach Partridge! – sie hallen noch in meinen Ohren wieder – Seine letzten Worte, die er an mich richtete, als er mir eine Summe Geld gab, wie viel weiß ich nicht. aber viel gewiß – waren: »»Ich habe mir vorgesetzt, von diesem Tage an in keinerlei Verkehr weiter mit Dir zu stehen.«« Hier ließ der Schmerz Jones nicht weiter sprechen und die Ueberraschung legte auch Partridge für einen Augenblick Schweigen auf, doch bald bekam er den Gebrauch der Sprache wieder und forschte nach einer vorausgeschickten Einleitung, in der er erklärte, daß er nicht neugierig wäre, was Jones unter einer beträchtlichen Summe verstände und was aus dem Gelde geworden wäre. Ueber diese beiden Punkte erhielt er jetzt die genügendste Auskunft. Während er nun mit der Auslegung dieses 191 Textes im besten Zuge war, wurde er dadurch unterbrochen, daß sein Herr zu Herrn Nachtigall auf dessen Zimmer beschieden wurde. Als die beiden Herren ihre Ballkleider angelegt hatten und Herr Nachtigall Befehl gegeben, daß Portchaisen geholt würden, sah sich Jones auf einmal in eine sehr unglückliche Lage versetzt, welche vielen unsrer Leser sehr lächerlich erscheinen wird. Er wußte nämlich nicht, woher einen Schilling nehmen; aber wenn solche Leser ein wenig bedenken wollen, was sie selbst empfunden haben, wenn ihnen tausend Pfund, oder vielleicht zehn oder zwanzig fehlten, um einen Lieblingsplan auszuführen, so werden sie eine deutliche Vorstellung davon haben, was Herr Jones bei dieser Gelegenheit empfand. Er wendete sich daher dieser Summe wegen an Partridge, von dem er das erste Mal etwas borgte, und nahm sich zugleich vor, daß es das letzte Mal sein sollte, so lange dieser arme Bursche in seinen Diensten wäre. Es ist wahr, Partridge hatte ihm neuerdings kein solches Anerbieten gemacht; ob er nun wünschte, daß die Banknote verwechselt, oder Jones durch die Noth zur Rückkehr nach Hause getrieben werden möchte, oder aus welchem andern Grunde er es nicht that, das will ich nicht bestimmen. Siebentes Kapitel. Die Kurzweil eines Maskenballs. Unsere Ritter traten jetzt in jenen Tempel ein, wo Heydegger, der große Arbiter Deliciarum , der hohe Priester der Freude residirt und, gleich andern heidnischen Priestern seine Verehrer mit der vorgeblichen Gegenwart der 192 Göttin täuscht, während eine solche Göttin in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Herr Nachtigall verließ seinen Begleiter, nachdem er ein- oder zweimal die Runde gemacht hatte, sehr bald und entfernte sich mit einer Dame, indem er zu ihm sagte. »Nun Sie an Ort und Stelle sind, müssen Sie Ihr Wild selbst aufsuchen.« Jones machte sich feste Hoffnung auf die Anwesenheit seiner Sophie und diese Hoffnung stimmte ihn heiterer als die Lichter, die Musik und die Gesellschaft, obschon dies ziemlich wirksame Gegenmittel gegen den Spleen sind. Er sprach nun jede Dame an, die ihm begegnete und in deren Wuchs, Gestalt oder Wesen er einige Aehnlichkeit mit seinem Engel fand. Allen suchte er etwas Piquantes zu sagen, um eine Antwort zu erhalten, durch die es ihm möglich würde die Stimme zu unterscheiden, über die er sich nicht täuschen zu können glaubte. Manche derselben antworteten mit einer quiekenden Stimme durch die Frage: »Kennen Sie mich?« Bei weitem die meisten sagten: »Ich kenne Sie nicht, mein Herr,« und weiter nichts. Einige nannten ihn einen impertinenten Menschen, einige gaben ihm gar keine Antwort; andere sagten: »Wahrhaftig ich kenne Ihre Stimme nicht und habe Ihnen nichts zu sagen;« und viele gaben ihm so freundliche Antworten wie er sie nur wünschen konnte, aber nicht mit der Stimme, die er zu hören wünschte. Während er sich mit einer dieser letzteren, einer Schäferin, unterhielt, kam eine Dame in einem Domino an ihn heran, klopfte ihn auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn Sie noch länger mit diesem Dinge da schwatzen, so werde ich es Fräulein Western hinterbringen.« Kaum hörte Jones diesen Namen, als er augenblicklich seine bisherige Gesellschaft verließ, sich an den Domino 193 anschloß und bat und flehte, ihm doch die genannte Dame zu zeigen, wenn sie anders zugegen wäre. Die Maske eilte bis an das obere Ende des hintersten Zimmers ehe sie sprach, setzte sich dann nieder und erklärte, anstatt eine Antwort zu geben, daß sie müde wäre. Jones setzte sich neben sie und fuhr fort, sie mit Bitten zu bestürmen. Endlich antwortete die Dame kalt: »Ich hätte Herrn Jones für einen scharfsichtigern Liebhaber gehalten, als daß ihm seine Geliebte hinter irgend einer Verkleidung entgehen könnte.« – »Ist sie also hier, Madame?« fragte Jones mit einiger Heftigkeit dagegen; worauf die Dame sagte: »Still, mein Herr, Sie werden beobachtet werden. Ich versichere Sie auf meine Ehre, Fräulein Western ist nicht hier.« Jones faßte jetzt die Maske bei der Hand und bat sie auf das inständigste, ihm zu sagen, wo er Sophien finden könne; und als er keine bestimmte Antwort erlangen konnte, fing er an, ihr gelinde Vorwürfe zu machen, daß sie ihm gestern ihr Versprechen nicht gehalten hätte und schloß mit den Worten: »In der That, meine liebe Feenkönigin, ich kenne Ew. Majestät recht wohl, wenn Sie auch gleich Ihre Stimme verstellen. Wirklich, Madame Fitzpatrick, es ist ein wenig grausam, daß Sie sich an meiner Qual belustigen.« Die Maske antwortete: »Ob es gleich Ihrem Scharfblicke gelungen ist, mich zu entdecken, so muß ich dennoch dieselbe Stimme beibehalten, um nicht von Andern erkannt zu werden. Und meinen Sie denn, lieber Herr, daß ich nicht größeren Antheil an meiner Cousine nehme, als daß ich ein Verhältniß begünstigen sollte, das mit Ihrer beider Unglück enden müßte? Ueberdies versichere ich Sie, daß meine Cousine nicht so unbesonnen ist, in ihr eigenes 194 Verderben einzuwilligen, wenn Sie so sehr ihr Feind sein sollten, sie dazu verleiten zu wollen.« »Ach, Madame,« sagte Jones, »wie wenig kennen Sie mein Herz, wenn Sie mich einen Feind Sophiens nennen.« »Und dennoch ist,« rief sie aus, »jemanden ins Verderben stürzen, das werden Sie mir zugeben, eine feindliche Handlung, und wenn Sie durch dieselbe Handlung wissentlich und unausbleiblich auch sich ins Verderben bringen, ist es dann nicht sowohl Thorheit oder Unbesonnenheit als Verbrechen? Sie wissen, daß meine Cousine sehr wenig mehr hat, als ihrem Vater gefallen wird, ihr zu geben; sehr wenig für eine Dame ihres Standes – Sie kennen ihn und kennen Ihre eigene Lage.« Jones betheuerte, daß seine Absichten nicht der Art wären und daß er eher den schrecklichsten Tod sterben wollte, als ihr Interesse seinen Wünschen aufopfern. Er sagte, daß er wohl wisse, wie wenig er sie verdiene, daß er schon längst beschlossen habe, jeden Gedanken an ihren Besitz aufzugeben, aber daß einige seltsame Ereignisse es ihm wünschenswerth machten, sie noch einmal zu sehen, bei welcher Gelegenheit er ihr für immer Lebewohl sagen wolle. »Nein, Madame,« fuhr er fort, »meine Liebe ist nicht von jener niedrigen Art, die ihre eigene Befriedigung auf Unkosten desjenigen sucht, was ihrem Gegenstande das Theuerste ist. Ich würde dem Besitze meiner Sophie Alles aufopfern, nur nicht sie selbst.« Wenn auch die Dame in der Maske dem Leser, so weit er aus dem Bisherigen zu urtheilen vermag, vielleicht keine hohe Idee von ihrer Tugend beigebracht hat und nach dem Folgenden nicht unter die hervorragendsten Charactere ihres Geschlechts zu rechnen sein dürfte, so ist dennoch gewiß, daß diese edlen Gesinnungen einen tiefen Eindruck auf sie 195 machten und sehr viel zur Erhöhung der Zuneigung beitrugen, die sie schon zuvor gegen unsern jungen Helden gefaßt hatte. Die Dame sagte jetzt, nach einer Pause von einigen Augenblicken, daß sie in seiner Bewerbung um Sophien nicht sowohl eine Anmaßung, als eine Unklugheit erblicke. »Junge Männer,« setzte sie hinzu, »können nie zu hoch streben. Ich liebe den Ehrgeiz an einem jungen Manne und ich möchte, daß Sie ihn so viel als möglich hegten. Sie können vielleicht Ihr Glück machen bei solchen, die in Hinsicht auf Vermögen unendlich weit über Ihnen stehen; ja, ich bin überzeugt, daß es Frauen giebt – aber werden Sie mich nicht für ein sonderbares Geschöpf halten, Herr Jones, daß ich meinen Rath einem Manne gebe, mit dem ich so wenig bekannt bin und durch dessen Betragen ich so wenig Ursache habe mich geschmeichelt zu finden?« Hier suchte sich Jones zu vertheidigen und sagte, er hoffe, sie durch nichts, was er von ihrer Cousine gesprochen, etwa beleidigt zu haben, worauf die Maske erwiederte: »So wenig kennen Sie unser Geschlecht, daß Sie nicht ahnen, daß Sie eine Dame nicht mehr beleidigen können, als wenn Sie sie von Ihrer Liebe zu einer andern unterhalten? Hätte die Feenkönigin sich nichts besseres von Ihrer Galanterie versehen, sie würde sich schwerlich entschlossen haben, Ihnen hier auf dem Maskenballe ein Rendezvous zu geben.« Jones fühlte sich zu einer Liebschaft niemals weniger aufgelegt; aber Galanterie gegen die Damen zu üben war ihm ein Ehrenpunkt, und er hielt es eben so sehr für seine Pflicht, eine Herausforderung zur Liebe anzunehmen, als wenn es eine Herausforderung zum Kampfe gewesen wäre. Ja, gerade seine Liebe zu Sophien machte es nothwendig, sich die Dame geneigt zu erhalten, weil er nicht daran 196 zweifelte, daß sie ihm mit dem Aufenthaltsorte der andern werde bekannt machen können. Er erwiederte daher ihre letzten Worte in sehr warmen und verbindlichen Ausdrücken, als sich eine Maske, ein sehr altes Weib vorstellend, zu ihnen gesellte. Diese Maske gehörte zu jenen Damen, die blos um boshafter Neckereien wegen auf den Maskenball gehen, indem sie den Anwesenden derbe Wahrheiten sagen und sich so viel Kurzweil zu verschaffen suchen, als nur immer möglich. Die gute Dame dachte daher, als sie Jones und ihre Freundin, die sie sehr wohl kannte, in einer Ecke des Zimmers in einem vertrauten Gespräch begriffen sah, daß sie ihren Spleen gar nicht besser werde vertreiben können, als wenn sie jene unterbräche. Sie ging daher zu ihnen und verscheuchte sie bald von diesem einsamen Oertchen; damit aber nicht zufrieden, verfolgte sie dieselben auch überall hin, wohin sie sich nur wendeten, um ihr zu entgehen, bis Herr Nachtigall, der die Noth seines Freundes gewahrte, ihn endlich von ihr befreite und die Alte in ein anderes Abenteuer verwickelte. Während Jones und seine Maske mit einander durch den Saal gingen, um sich von dem Quälgeiste los zu machen, bemerkte er, daß seine Dame mehrere Masken mit derselben Sicherheit als Bekannte ansprach, als ob sie unmaskirt gewesen wären. Er konnte nicht umhin, seine Verwunderung darüber auszudrücken, indem er sagte: »Wahrhaftig, Madame, Sie müssen eine außerordentliche Gabe besitzen, die Leute hinter allen Verkleidungen heraus zu erkennen.« Worauf die Dame antwortete: »Sie können sich nichts Abgeschmackteres und Kindischeres denken, als ein Maskenball für Leute von Fashion ist, die sich einander in der Regel hier eben so gut kennen, als in jeder andern Gesellschaft, wo sie sich treffen; auch wird sich keine 197 Dame von Stande mit irgend jemandem unterhalten, mit dem sie nicht bekannt ist. Kurz, die Mehrzahl der Personen, die Sie hier sehen, kann man wohl annehmen, schlagen ihre Zeit todt, mehr als anderwärts und haben sich gemeiniglich am Ende mehr gelangweilt als bei der längsten Predigt. Ich muß gestehen, daß es mir selbst nicht besser geht; und wenn ich mich einigermaßen aufs Rathen verstehe, so gefällt es auch Ihnen nicht viel mehr. Ich glaube, daß ich Ihnen fast einen Liebesdienst damit erweisen würde, wenn ich nach Hause ginge.« – »Ich kenne nur einen Liebesdienst, der ihm gleichkommen würde,« rief Jones, »und der ist, daß Sie mir gestatten, Ihnen in Ihrer Wohnung aufwarten zu dürfen.« – »Nun wahrhaftig,« entgegnete die Dame, »Sie haben eine sonderbare Meinung von mir, daß Sie glauben, ich werde Sie nach einer solchen Bekanntschaft um diese Zeit bei mir sehen. Es scheint mir beinahe, als legen Sie der Freundschaft, die ich meiner Cousine bewiesen, ein anderes Motiv unter. Gestehen Sie es ehrlich, halten Sie diese veranstaltete Zusammenkunft für ein wenig besser als eine unzweideutige Bestellung? Sind Sie gewohnt, Herr Jones, so rasche Eroberungen zu machen?« – »Ich bin nicht gewohnt, Madame,« sagte Jones, »mich so schnell zu ergeben; aber da Sie mein Herz mit Sturm genommen haben, so hat der Rest meines Körpers ein Recht zu folgen; Sie werden mir deshalb schon verzeihen müssen, wenn ich mir vornehme, Sie zu begleiten, wohin Sie auch gehen mögen.« Er begleitete diese Worte mit einigen entsprechenden Gesten, worauf die Dame nach einem zarten Verweise, indem sie anführte, ihre Vertraulichkeit möchte bemerkt werden, zu ihm sagte, sie wolle zu einer Bekannten gehen, um mit ihr zu Abend zu essen, und hoffe, daß er ihr nicht folgen werde; »denn wenn Sie das thäten,« fuhr sie fort, »was sollte meine 198 Freundin von mir denken, ob sie gleich wirklich nicht zu denen gehört, die sich über Alles aufhalten; doch ich hoffe, Sie werden mir nicht nachkommen, ich gestehe, ich wüßte nicht, was ich vorgeben sollte, wenn Sie es thäten.« Die Dame verließ unmittelbar darauf den Maskenball und Jones wagte es, ihrem strengen Verbote zum Trotz, sie zu begleiten. Er sah sich jetzt in die nämliche Verlegenheit versetzt, wie vorher; es fehlte ihm nämlich an einem Schilling, den zu borgen er nicht einmal wie vorhin Gelegenheit fand. Er schritt daher dem Wagen seiner Dame kühn zu Fuße nach und wurde von dem Geschrei der anwesenden Kutscher verfolgt, die es sich äußerst angelegen sein lassen, die Fußgänger zu verhöhnen. Glücklicherweise war die noble Gesellschaft vor dem Opernhause zu beschäftigt, um ihre Station zu verlassen, und da es auch zu spät war, als daß er vielen auf der Straße hätte begegnen sollen, so kam er in einer Kleidung, die gewiß zu jeder andern Zeit einen Pöbelhaufen um ihn versammelt haben würde, unaufgehalten fort. Die Dame stieg in einer Straße, unweit Hanoversquare aus und wurde durch die augenblicklich sich öffnende Thür eingeführt, wohin ihr der Gentlemann ohne alle Umstände nachging. Jones und seine Gefährtin befanden sich nun zusammen in einem sehr gut eingerichteten und durchwärmten Zimmer, als letztere, noch immer mit ihrer angenommenen Stimme sagte, sie wundere sich sehr über ihre Freundin, die ihre Verabredung gänzlich vergessen haben müsse, worüber sie sich sehr ungehalten äußerte, dann plötzlich ihre Besorgniß über Jones' Gegenwart ausdrückte und fragte, was wohl die Welt denken würde, daß sie um diese Zeit der Nacht allein in einem Hause wären. Aber anstatt auf eine so wichtige Frage eine Antwort zu geben, ging Jones sehr 199 ungestüm an das Werk, die Dame zu demaskiren; und als ihm dies endlich gelang, da erschien nicht Madame Fitzpatrick, sondern Lady Bellaston in eigner Person. Wir würden den Leser langweilen, wollten wir die Unterhaltung umständlich mittheilen, da sie sich über sehr gewöhnliche Dinge erstreckte und von zwei bis sechs Uhr Morgens dauerte. Es genügt, dasjenige daraus anzuführen, was einigermaßen wichtig für diese Geschichte ist, und zwar ist dies ein Versprechen, daß die Dame sich bemühen wollte, Sophiens Aufenthaltsort ausfindig zu machen und ihm nach wenig Tagen eine Zusammenkunft mit ihr zu verschaffen, unter der Bedingung, daß er sich dann von ihr verabschiedete. Nachdem dies abgemacht und eine zweite Zusammenkunft auf den nächsten Abend an demselben Orte festgesetzt war, trennten sie sich und kehrten jedes nach seiner Wohnung zurück. Achtes Kapitel. Handelt von einer Scene häuslicher Noth, die den meisten unsrer Leser außerordentlich vorkommen wird. Nachdem sich Jones durch einige Stunden Schlaf erquickt hatte, rief er Partridge zu sich und befahl ihm, indem er ihm eine Banknote von funfzig Pfund übergab, dieselbe wechseln zu lassen. Partridge empfing sie mit freudestrahlenden Augen; als er indessen weiter darüber nachdachte, da stieg ein der Ehre seines Herrn nicht sehr günstiger Argwohn in ihm auf, worin ihn die schreckliche Vorstellung, welche er von der Maskerade hatte, die Verkleidung, in der sein Herr ausgegangen und wiedergekommen war, so wie sein Außenbleiben die ganze Nacht 200 hindurch noch bestärkte. Kurz, der einzige Weg, auf dem er sich denken konnte, daß Jones in den Besitz der Banknote gelangt wäre, war Raub; und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, wird der Leser sich die Sache kaum anders erklären können, wenn er nicht etwa auf die Vermuthung gerathen sollte, daß er sie der Freigebigkeit der Lady Bellaston verdankte. Um daher Herrn Jones Ehre zu retten und der Freigebigkeit der Lady Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, bezeugen wir hiermit, daß er dieses Geschenk wirklich von ihr erhalten hatte und daß sie, obgleich ihr die gewöhnliche Mildthätigkeit älterer Leute, welche gern Spitäler oder andere Stiftungen gründen, nicht viel kostete, dennoch dieser christlichen Tugend nicht ganz entbehrte; sie dachte sich nämlich (und wie mir scheint, sehr richtig), daß ein junger würdiger Mann, der auf der Welt nicht einen Schilling hatte, kein ungeeigneter Gegenstand dieser Tugend wäre. Herr Jones und Herr Nachtigall waren diesen Tag bei Madame Miller zu Tische eingeladen. Zur bestimmten Stunde fanden sich daher die beiden Herren im Besuchzimmer ein, wo sie in Gesellschaft der Töchter vom Hause von drei bis beinahe fünf Uhr warteten, ehe die gute Frau erschien. Sie war über Land gewesen, um eine Verwandte zu besuchen, worüber sie bei ihrer Rückkehr folgende Mittheilung machte. »Ich hoffe meine Herren, Sie werden mir verzeihen, daß ich Sie habe warten lassen; ich bin gewiß, wenn Sie die Verhältnisse kennten – ich habe, ungefähr sechs Meilen von hier, eine Nichte besucht, die in den Wochen liegt. Es sollte für alle eine Warnung sein (dabei sah sie ihre Töchter an), sich nicht leichtsinnig zu verheirathen. Es giebt kein Glück in der Welt, wenn man nicht sein 201 nothdürftiges Auskommen hat. O Anna! wie soll ich Dir das Elend beschreiben, worin ich eure arme Cousine fand. Sie war kaum acht Tage entbunden und da lag sie, bei diesem schrecklichen Wetter, in einem kalten Zimmer, ohne Vorhang vor ihrem Bett, ohne Kohlen im Hause, um ein Feuer anzumachen. Ihr zweiter Sohn, jener liebliche kleine Knabe, liegt an der Bräune danieder, und in demselben Bett mit seiner Mutter; denn es ist kein anderes Bett im Hause. Armer kleiner Tommy! Ich fürchte, Anna, Du wirst Deinen Liebling nicht wieder sehen; denn er ist wirklich sehr krank. Die übrigen Kinder befinden sich ziemlich wohl; nur besorge ich, daß sich Molly Schaden thun wird; sie ist erst dreizehn Jahre alt, Herr Nachtigall, und dennoch sah ich nie eine bessere Wärterin; sie pflegt beide, ihre Mutter und ihren Bruder; und was an einem so jungen Mädchen am meisten zu bewundern ist, sie erscheint immer guten Muthes in Gegenwart ihrer Mutter; und dennoch sah ich sie – ich sah das arme Kind hinweggehen und sich unvermerkt die Thränen aus den Augen wischen.« Hier ward Madame Miller durch ihre eignen Thränen am Weitersprechen verhindert, und, ich glaube, es war niemand unter den Anwesenden, der ihre Rührung nicht theilte. Endlich faßte sie sich wieder und fuhr folgendermaßen in ihrer Erzählung fort. »Bei aller dieser Noth zeigt die Mutter eine bewundernswürdige Standhaftigkeit. Die Gefahr ihres Sohnes lastet am Schwersten auf ihr; und auch diese Sorge bemüht sie sich, um ihres Mannes willen, so viel als möglich zu verbergen. Bisweilen gewinnt freilich ihr Kummer trotz aller ihrer Bemühung die Oberhand; denn sie war stets ein gefühlvolles, gutmüthiges Wesen. Ich gestehe, nichts in meinem Leben hat mich mehr gerührt, als wie der Kleine, der kaum sieben Jahre alt ist, während seine Mutter ihn mit ihren Thränen 202 benetzte, ihr zuredete, doch nicht zu weinen. »Gewiß, Mamma,« rief das Kind, »ich werde nicht sterben, Gott wird Tommy gewiß nicht von Dir wegnehmen; wenn es auch im Himmel noch so schön ist, ich bleibe doch lieber hier und will mit Dir und meinem Papa Hunger leiden.« Verzeihen Sie mir, ich kann mir nicht helfen,« sagte sie, während sie ihre Thränen trocknete, »solches Gefühl und solche Liebe in einem Kinde! – Und gleichwohl ist er vielleicht am wenigsten zu bedauern, denn einen oder zwei Tage noch, und er ist höchstwahrscheinlich von allen Erdenleiden befreit. Der Vater ist in der That am meisten zu bemitleiden. Der arme Mann! sein Gesicht ist ein wahres Schreckenbild, und er sieht eher einem Todten ähnlich als einem Lebenden. O Himmel! welch eine Scene war es, die ich erblickte, als ich zuerst in das Zimmer trat! Der Arme lag hinter dem Kopfkissen, um seine Frau und sein Kind zu unterstützen. Er hatte nichts als eine dünne Jacke an; denn sein Rock war in Ermangelung einer Decke über das Bett gebreitet. Bei meinem Eintreten stand er auf, aber ich erkannte ihn kaum. Ein so hübscher Mann, Herr Jones, noch vor vierzehn Tagen, wie Sie nur jemals einen sehen konnten; Herr Nachtigall hat ihn gesehen. Seine Augen waren eingesunken, das Gesicht bleich, der Bart lang gewachsen. Er zitterte am ganzen Leibe vor Kälte und war abgezehrt von Hunger; denn meine Nichte sagte, sie könne ihn nur mit Mühe zum Essen bewegen. Er selbst sagte mir, mit leiser Stimme – er sagte mir – ich kann es nicht wiederholen – er sagte, er könne es nicht über sich bringen, das Brot zu essen, das seine Kinder brauchten. Und dennoch, werden Sie es glauben, meine Herren? in aller dieser Noth hatte seine Frau eine so gute und kräftige Suppe, als ob sie im größten Ueberfluß lebten; ich kostete sie, und ich habe sie 203 kaum jemals besser gegessen. Die Mittel, sie ihr zu verschaffen, sagte er, müßten ihm von einem Engel im Himmel gesendet worden sein. Ich weiß nicht was er damit meinte; denn ich hatte nicht Muth genug, eine einzige Frage zu thun. »Dies war eine Heirath aus Neigung, wie sie das nennen, das heißt eine Heirath zwischen zwei Bettlern. Ich muß in der That bekennen, ich habe nie ein verliebteres Paar gesehen; aber was nützt ihnen ihre Liebe, als daß sie einander quälen?« »Wirklich, Mamma,« rief Anna, »ich habe die Cousine Anderson (das war ihr Name) immer für eine der glücklichsten Frauen gehalten.« »So viel ist gewiß,« sagte Madame Miller, »daß das jetzt ganz anders ist; denn niemandem würde es entgangen sein, daß die zarte Rücksicht auf die Leiden des andern für beide, den Gatten wie für die Gattin, das Drückendste von ihrem Elend war, und daß, im Vergleich damit, Hunger und Kälte, da sie blos ihre eigene Person angehen, kaum für Uebel zu halten sind. Ja selbst die Kinder, das jüngste ausgenommen, das noch nicht zwei Jahre alt ist, fühlen eben so; denn die ganze Familie ist eine Liebe; und wenn sie nur ein kärgliches Auskommen hätten, sie würden die glücklichsten Menschen von der Welt sein.« – »Ich sah doch niemals die geringste Spur von Elend in ihrem Hause,« entgegnete Anna; »wahrhaftig, mein Herz blutet mir bei Deiner Erzählung.« »O Kind,« erwiederte die Mutter, »sie suchte immer Alles zum Besten zu verwenden. Sie sind stets in großer Dürftigkeit gewesen; aber freilich, an seinem gänzlichen Ruin haben Andere die Schuld. Der arme Mann war Bürge für den Schurken, seinen Bruder, und ungefähr vor einer Woche, gerade den Tag vor ihrer Niederkunft, wurde ihnen ihre ganze Habe weggenommen und verkauft. Er schrieb es mir in einem 204 Briefe, der leider nicht an mich abgegeben worden ist. Was mußte er von mir denken, daß eine Woche vergehen konnte, ohne daß ich von mir hören ließ?« Jones waren mehrmals die Augen bei dieser Erzählung übergegangen; als sie zu Ende war, nahm er Madame Miller bei Seite, ging mit ihr in ein anderes Zimmer und bat sie, indem er ihr seine Börse mit funfzig Pfund übergab, davon jenen armen Leuten, so viel als ihr gut dünkte, zu überschicken. Der Blick, mit dem Madame Miller Jones bei dieser Gelegenheit ansah, läßt sich nicht leicht beschreiben. Sie gerieth in eine Art von freudiger Entzückung und rief aus: – »Gott im Himmel! giebt es einen solchen Mann auf der Welt?« Aber sich wieder sammelnd sagte sie: »Freilich, ich kenne ja einen; aber kann es mehr als diesen geben?« »Ich hoffe, Madame,« rief Jones, »daß es viele giebt, die die Pflicht der Menschlichkeit üben, denn mehr ist es nicht, solche Noth bei unsern Nebenmenschen zu lindern.« Madame Miller nahm dann zehn Guineen, was die höchste Summe war, die er ihr aufnöthigen konnte, und sagte, sie würde Gelegenheit finden, sie den nächsten Morgen früh an die armen Leute abzuschicken, für die sie selbst schon etwas gethan und die sie nicht so ganz hülflos verlassen hätte, als sie dieselben gefunden. Sie gingen dann in das Besuchzimmer zurück, wo Nachtigall sich mit vieler Theilnahme über die schreckliche Lage dieser armen Leute aussprach, die er mehr als einmal bei Madame Miller gesehen hatte. Er eiferte gegen die Thorheit, sich für die Schulden Anderer zu verbürgen, zog mit vieler Bitterkeit gegen den Bruder los und schloß mit dem Wunsche, daß für die unglückliche Familie etwas möchte gethan werden. »Wenn Sie nun, Madame,« sagte er, »Herrn Allworthy diese Leute empfehlen? Oder 205 was meinen Sie zu einer Collecte? Ich will recht gern eine Guinee dazugeben.« Madame Miller erwiderte nichts darauf, und Anna, der ihre Mutter Jones' Freigebigkeit heimlich erzählt hatte, erbleichte darüber, obgleich eigentlich niemand Ursache haben konnte, böse auf Nachtigall zu sein. Denn Jones' Freigebigkeit, hätte er sie gekannt, war kein Beispiel, dem zu folgen er irgend eine Verpflichtung hatte; auch giebt es ja Tausende, die nicht einen Heller gegeben haben würden, wie er denn in der That auch nichts gab; denn er machte kein Anerbieten und da die Andern es nicht für gut fanden, zu fordern, so behielt er sein Geld in der Tasche. Ich habe in Wahrheit beobachtet, und ich werde nie eine bessere Gelegenheit finden, meine Beobachtung mitzutheilen, daß die Welt hinsichtlich der Mildthätigkeit sich im allgemeinen in zwei Ansichten scheidet, die einander gerade entgegengesetzt sind. Die eine Partei scheint zu glauben, daß alle solche Acte als willkührliche Gaben betrachtet werden müssen; und wie wenig Du auch geben magst, Du Dir dennoch ein hohes Verdienst dadurch erwirbst. Andere dagegen scheinen eben so fest überzeugt, daß Wohlthun eine positive Pflicht ist, und daß, wenn die Reichen weit weniger zur Verminderung der Noth der Armen beitragen als sie im Stande sind, ihre erbärmlichen, wenn auch großen Gaben so weit entfernt davon sind, ihnen als Verdienst angerechnet werden zu können, daß sie vielleicht ihre Pflicht nur halb erfüllt haben und in gewisser Hinsicht mehr Verachtung verdienen als die sie ganz versäumen. Diese verschiedenen Ansichten auszugleichen steht nicht in meiner Macht. Ich will nur noch anführen, daß sich die Geber im Allgemeinen zu der ersteren und die Empfänger fast alle zu der letzteren hinneigen. 206 Neuntes Kapitel. Handelt von ganz andern Dingen als das vorhergehende. Den Abend sah Jones seine Dame wieder und es fand ein langes Gespräch zwischen ihnen statt; da es indessen über die nämlichen gewöhnlichen Dinge wie zuvor handelte, so unterlassen wir eine umständliche Mittheilung desselben, weil wir zweifeln, daß sie dem Leser angenehm sein werde, er müßte denn zu denen gehören, deren Verehrung gegen das schöne Geschlecht, gleich der der Katholiken gegen ihre Heiligen, der Bilder bedarf, um geweckt zu werden. Aber es liegt so sehr außer meiner Absicht, dem Publikum solche Gemälde darzubieten, daß ich lieber einen Vorhang über diejenigen ziehen möchte, die in der letzten Zeit in gewissen französischen Novellen mitgetheilt worden sind, von denen wir hier unter dem Namen Uebersetzungen wahre Sudeleien von Kopien erhalten haben. Jones' Ungeduld Sophien zu sehen ward immer größer, und da er nach wiederholten Zusammenkünften mit Lady Bellaston keine Wahrscheinlichkeit sah, daß ihm dieser Wunsch werde durch ihre Vermittelung erfüllt werden (denn im Gegentheil fing sie an über die blose Nennung des Namens Sophie ungehalten zu werden), so beschloß er, einen andern Plan zu versuchen. Er zweifelte nicht daran, daß Lady Bellaston wisse, wo sein Engel sei; und darum hielt er es für höchst wahrscheinlich, daß einige ihrer Leute gleichfalls um dieses Geheimniß wissen möchten. Partridge wurde daher beauftragt, sich mit den Dienstleuten der Lady bekannt zu machen, um ihnen dasselbe abzulocken. Selten kann wohl eine Lage schwieriger gedacht werden, 207 als die, worin sich sein armer Herr damals befand, denn außer der Befürchtung, sich Sophien mißfällig gemacht zu haben, so wie der von Lady Bellaston erhaltenen Versicherung, daß sie sich entschieden gegen ihn erklärt und absichtlich vor ihm verborgen habe, was für wahr zu halten er hinreichenden Grund hatte, war noch eine andere Schwierigkeit zu besiegen, deren Bezwingung nicht in der Macht seiner Geliebten stand, wie günstig ihm auch ihre Stimmung sein mochte. Diese war, daß er sie der Gefahr aussetzte, um ihr ganzes väterliches Erbtheil zu kommen, was eine fast unvermeidliche Folge ihrer Verbindung ohne des Vaters Einwilligung, welche nie zu hoffen stand, sein mußte. Dazu kamen die vielen Verpflichtungen, die er sich von Lady Bellaston; deren heftige Leidenschaft wir nicht länger verhehlen können, auferlegt sah, so daß er durch ihre Freigebigkeit jetzt einer der best gekleideten Männer in der Stadt und nicht allein jenen lächerlichen Verlegenheiten, deren wir vorhin gedacht haben, enthoben, sondern wirklich in einen Zustand ihm bisher unbekannten Ueberflusses versetzt war. Ob es nun gleich viele Herren giebt, die es mit ihrem Gewissen sehr wohl verträglich finden, daß sie über das ganze Vermögen einer Frau gebieten, ohne ihr irgend eine Vergeltung angedeihen zu lassen; so ist doch für einen Mann, dessen Denkart nicht so beschaffen ist, daß er gehängt zu werden verdient, so viel ich glaube, nichts drückender als Liebe mit bloser Dankbarkeit zu vergelten; namentlich wo die Neigung das Herz nach einer entgegengesetzten Richtung treibt. Dies war nun leider Jones' Fall; denn wenn auch die tugendhafte Liebe, die er zu Sophien hatte, und die für andere Frauen sehr wenig Raum in seinem Herzen übrig ließ, gar nicht in Frage 208 gekommen wäre, so würde er die edle Leidenschaft dieser Dame, welche wirklich einst ein Gegenstand des Verlangens gewesen war, doch nicht in gleichem Grade haben erwiedern können, weil sie jetzt in den Herbst des Lebens eingetreten war, obwohl sie sich noch durch all die Munterkeit der Jugend, sowohl in Kleidung wie in Manieren, auszeichnete; ja sie wußte noch immer die Rosen auf ihren Wangen zu unterhalten; allein diese hatten, gleich Blumen, welche die Kunst außer ihrer Blüthezeit hervortreibt, nichts von jener saftigen Frische, mit der die Natur zu ihrer Zeit ihre Producte ausstattet. Sie hatte überdies eine gewisse Eigenschaft, die manche Blumen, so schön sie auch für das Auge sind, für einen duftenden Blumenflor ungeeignet machen und die vor allen andern dem Athem der Liebe höchst widerlich ist. Obgleich Jones auf der einen Seite alle diese entmuthigenden Umstände gewahrte, so fühlte er auf der andern doch auch den ganzen Umfang seiner Verpflichtungen; nicht minder deutlich erkannte er die glühende Leidenschaft, aus der ihm diese Verpflichtungen entsprangen, deren Gluth nicht zu erwiedern der Dame und, was noch schlimmer war, ihm selbst eine Undankbarkeit erscheinen mußte. Er kannte die stillschweigende Bedingung, unter der ihm ihre Gunstbezeugungen zuflossen; und da ihn die Nothwendigkeit zwang, sie anzunehmen, so forderte es, wie er meinte, die Ehre von ihm, den Preis dafür zu zahlen. Dies beschloß er daher auch zu thun, welche Ueberwindung es ihm auch kosten möchte, und sich ihr zu weihen, jenem hohen Rechtsprincipe folgend, vermöge dessen manche Länder einen Schuldner, der außer Stand ist seine Schuld auf andere Weise abzutragen, nöthigen, der Sklav seines Gläubigers zu werden. 209 Während er hierüber nachdachte, empfing er folgendes Billet von der Dame: – »Ein sehr lächerlicher, aber eben so widerwärtiger Umstand, der sich seit unserem letzten Beisammensein ereignet hat, macht es unstatthaft, Sie ferner an dem gewohnten Orte zu sehen. Ich will, wo möglich, bis morgen einen andern Platz ausfindig zu machen suchen. Unterdessen adieu!« Vielleicht schließt der Leser, daß dieser Umstand nicht so sehr fatal war; indessen wenn er es war, so wurde er auch eben so schnell unwirksam gemacht, denn nach weniger als einer Stunde kam auch schon von der nämlichen Hand geschrieben ein anderes Briefchen folgenden Inhalts an: – »Ich habe seit ich geschrieben meinen Entschluß geändert, was Sie, wenn Sie der zartesten aller Leidenschaften nicht fremd sind, nicht wundern wird. Ich habe mir jetzt vorgenommen, Sie diesen Abend in meinem eigenen Hause zu sehen, mag daraus kommen, was da wolle. Stellen Sie Sich punkt sieben Uhr ein; ich speise auswärts, werde aber um diese Zeit zu Hause eintreffen. Ein Tag, finde ich, erscheint denen, die aufrichtig lieben, länger als ich mir dachte. »Sollten Sie etwa einige Augenblicke vor mir da sein, so lassen Sie Sich in ein Zimmer führen.« Die Wahrheit zu sagen, so war Jones über diesen letzten Brief weniger erfreut, als er es über den ersten gewesen war, weil er sich dadurch verhindert sah, eine dringende Bitte Herrn Nachtigall's zu erfüllen, mit dem er in ein intimes Freundschaftsverhältniß getreten war. Diese Bitte bestand darin, den jungen Mann mit seinen Bekannten in ein neues Schauspiel zu begleiten, das diesen Abend gegeben werden sollte und das eine große Partei, 210 die dem Autor, einem Freunde von einem Bekannten Herrn Nachtigall's, nicht wohlwollte, auszupochen sich vorgesetzt hatte. Und diesen Spaß, kaum wagen wir es zu gestehen, würde unser Held der obigen freundlichen Einladung gern vorgezogen haben; doch seine Ehre gewann über seine Neigung die Oberhand. Bevor wir ihn zu seiner Zusammenkunft mit der Lady begleiten, dürfte es angemessen sein, etwas zur Erklärung der obigen beiden Briefe zu sagen, indem der Leser vielleicht nicht wenig über Lady Bellaston's Unklugheit erstaunt ist, ihren Liebhaber in dasselbe Haus einzuführen, das ihre Nebenbuhlerin bewohnte. Fürs erste denn war die Herrin des Hauses, wo diese Liebenden bisher ihre Zusammenkünfte gehabt, eine ehemalige Kostgängerin der Lady, jetzt Methodistin geworden und hatte ihr bei Gelegenheit eines Besuchs, den sie der Lady diesen Morgen gemacht, harte Vorwürfe über ihr bisheriges Leben gemacht und dabei auf das Bestimmteste erklärt, daß sie ihr in Zukunft unter keiner Bedingung bei ihren Liebeshändeln behülflich sein werde. Die Aufregung, in welche dieser Vorfall die Lady versetzte, ließ sie an der Möglichkeit verzweifeln, einen schicklichen Ort zu finden, wo sie Jones diesen Abend sehen könnte; aber als sie sich von ihrem Aerger über dieses Mißgeschick ein wenig erholt hatte, fing sie an, darüber nachzudenken und fiel glücklicherweise auf den Gedanken, Sophien den Vorschlag zu machen, daß sie mit einer Dame ihrer Bekanntschaft das Schauspiel besuchen möchte, worein jene auch sogleich willigte. Mamsell Honour und Etof erhielten gleichfalls die Weisung, sich dieses Vergnügen zu gewähren; und so war denn das Haus rein für den sichern Empfang des Herrn Jones, mit dem sie sich eine ungestörte Unterhaltung von einigen Stunden versprach, 211 nachdem sie von ihrem Diner würde zurückgekehrt sein, zu dem sie sich selbst bei einer Freundin, deren Wohnung in der Nähe des Ortes ihrer bisherigen Zusammenkünfte lag, eingeladen hatte, ehe sie von der Sinnes- und Glaubensänderung ihrer vertrauten Freundin in Kenntniß gesetzt worden war. Zehntes Kapitel. Ein Kapitel, das trotz seiner Kürze manchem Auge Thränen entlocken dürfte. Herr Jones hatte sich eben angekleidet, um Lady Bellaston aufzuwarten, als Madame Miller an seine Thüre klopfte und, nachdem sie eingelassen worden war, ihn freundlich bat, unten in ihrer Wohnung den Thee in ihrer Gesellschaft einzunehmen. Als er in das Zimmer eintrat, stellte sie ihm sogleich einen Mann vor, mit den Worten: »Dies, Herr Jones, ist mein Neffe, den Sie durch Ihre Güte so unendlich verpflichtet haben, wofür er Ihnen seinen aufrichtigsten Dank aussprechen will.« Der Mann hatte kaum diese Rede, welche Madame Miller so artig eingeleitet, fortzusetzen begonnen, als beide, Jones und er, einander scharf anblickend, Zeichen des höchsten Erstaunens zu erkennen gaben. Der letztere fing an zu stammeln, und anstatt seine Anrede zu beenden, sank er in einen Stuhl und rief: »Es ist so, ich irre mich nicht, es ist so!« »Mein Gott! was ist denn?« rief Madame Miller, »Sie sind doch nicht krank? Ein Glas Wasser! Augenblicklich ein Glas Wasser!« »Aengstigen Sie Sich nicht, Madame,« redete ihr Jones 212 zu. Ich bedarf ein Glas Wasser fast eben so sehr als Ihr Neffe. Wir sind gleich sehr erstaunt über dieses unerwartete Zusammentreffen. Ihr Neffe ist ein Bekannter von mir, Madame Miller.« »Ein Bekannter!« rief der Mann. – – »O Himmel!« »Ja, ein Bekannter,« wiederholte Jones, »und ein ehrenwerther obendrein. Wenn ich den Mann, der Alles versucht, um sein Weib und seine Kinder vor dem nahen Verderben zu bewahren, nicht liebte und ehrte, dann wäre ich eines Freundes werth, der mich im Unglück verläugnete.« »O Sie sind ein vortrefflicher junger Mann!« rief Madame Miller. – – »Ja, fürwahr, der arme Mann! er hat Alles versucht. – Hätte er nicht eine so feste Constitution, er würde es nicht überlebt haben.« »Tante,« rief der Mann, der sich jetzt so ziemlich wieder erholt hatte, »dies ist der Engel vom Himmel, von dem ich sprach. Dies ist er, dem ich, ehe Sie kamen, die Erhaltung meiner Margarethe verdankte. Er war es, durch dessen Edelmuth ich in Stand gesetzt wurde, ihr jede Erquickung und Stärkung, deren sie bedurfte, zu gewähren. Wahrlich er ist der würdigste, bravste, edelste aller Menschen. O Tante, wenn Sie wüßten, was für Verbindlichkeiten ich gegen diesen Herrn habe!« »Erwähnen Sie nichts von Verbindlichkeiten,« rief Jones schnell; »nicht ein Wort, ich dringe darauf, nicht ein Wort!« (womit er vermuthlich meinte, daß er nichts von dem Raubanfalle erwähnen sollte) – »Wenn ich durch die Kleinigkeit, die Sie von mir erhalten haben, eine ganze Familie vom Unglück rettete, so ward wahrlich nie eine Freude billiger erkauft.« »Ach mein Herr!« rief der Mann, »ich wünschte, Sie könnten in diesem Augenblicke mein Haus sehen. 213 Hatte jemals irgend jemand ein Recht zu der Freude, die Sie erwähnen, so bin ich überzeugt sind Sie es. Meine Tante sagt mir, sie habe Ihnen die Noth, in der sie uns fand, geschildert. Dieser Noth, mein Herr, sind wir fast ganz überhoben, und vorzüglich durch Ihre Güte. – Meine Kinder haben jetzt ein Bett, – – und sie haben – sie haben – Gottes Segen möge es Ihnen lohnen – sie haben Brot zu essen. Mein kleiner Knabe ist genesen, mein Weib außer Gefahr, und ich bin glücklich. Das alles, alles verdanke ich Ihnen und meiner Tante hier, einer der besten Frauen. Wahrlich, mein Herr, ich muß Sie in meinem Hause sehen; ja, mein Weib muß Sie sehen und Ihnen danken. Auch meine Kinder müssen Ihnen ihren Dank ausdrücken. – In der That, mein Herr, sie fühlen wohl ihre Verpflichtung; aber was fühle ich, wenn ich bedenke, wem ich es verdanke, daß sie jetzt ihre Dankbarkeit aussprechen können! Ach! die kleinen Herzen, die Sie erwärmt haben, wären jetzt kalt wie Eis gewesen ohne Ihre Hülfe.« Hier suchte Jones den armen Mann zu unterbrechen; aber gewiß würde das überfließende Herz desselben seinen Worten von selbst ein Ziel gesetzt haben. Und jetzt begann nun auch Madame Miller ihre Danksagungen, sowohl in ihrem eigenen Namen als in dem ihrer Nichte, auszusprechen und schloß endlich damit, »sie zweifle nicht, daß eine solche Güte einen herrlichen Lohn finden werde.« Jones erwiederte, daß er schon hinreichend belohnt wäre. »Ihres Neffen Bericht,« sagte er, »hat mir eine größere Freude bereitet, als ich jemals gekannt habe. Der müßte ein Unmensch sein, der eine solche Erzählung ungerührt anhören könnte; wie entzückend muß also der Gedanke sein, zum glücklichen Ausgange dieser Scene mitgewirkt zu haben! Wenn es Menschen giebt, die das 214 beseligende Gefühl, andere glücklich zu machen, nicht kennen, so bemitleide ich sie aufrichtig, denn sie sind unfähig für den Genuß desjenigen, was meines Erachtens eine größere Ehre, ein höheres Interesse und eine süßere Freude gewährt als sie der Ehrgeizige oder der Wollüstling jemals erlangen kann.« Da die Stunde des Rendezvous gekommen war, so sah sich Jones genöthigt, eilig aufzubrechen; zuvor jedoch schüttelte er seinem Freunde herzlich die Hand und äußerte den Wunsch, ihn recht bald wieder zu sehen, indem er versprach, daß er selbst die erste Gelegenheit ergreifen würde, ihn in seiner Wohnung zu besuchen. Er stieg dann in seinen Wagen und fuhr zu Lady Bellaston, höchlich erfreut über das Glück, das er über diese arme Familie gebracht hatte; auch konnte er sich schaudernd des Gedankens nicht erwehren, wie schrecklich die Folgen gewesen sein müßten, hätte er mehr auf die Stimme strenger Gerechtigkeit als auf die des Erbarmens gehört, als er auf der Straße angefallen wurde. Madame Miller konnte des Lobens unseres Jones gar kein Ende finden den ganzen Abend hindurch, und Herr Anderson stimmte ihr, so lange er sich aufhielt, so freudig bei, daß er oft nahe daran war, jenes Raubanfalls zu erwähnen. Indessen sammelte er sich glücklicherweise wieder und vermied eine Unklugheit, die um so größer gewesen wäre, als er wußte, daß Madame Miller sehr streng und fest in ihren Grundsätzen war. Auch kannte er die Geschwätzigkeit dieser Dame sehr wohl, und gleichwohl war seine Dankbarkeit so groß, daß sie beinahe über die Klugheit und Schamhaftigkeit gesiegt und ihn bewogen hätte, lieber das zu veröffentlichen, was seinen eigenen Charakter schändete, als einen Umstand zu verschweigen, der seinem Wohlthäter alle Ehre machte. 215 Elftes Kapitel. Wird den Leser mit etwas überraschen. Jones war etwas früher als zur bestimmten Zeit da, und früher als die Lady, deren Ankunft nicht allein durch die Entfernung des Ortes, wo sie speiste, sondern noch durch einige andere zufällige Hindernisse, wahre Fatalitäten für jemand in einer solchen Gemüthsverfassung, verzögert wurde. Er ward daher in ein Zimmer gewiesen, worin er kaum einige Minuten verweilt hatte, als sich die Thür öffnete und hereintrat – niemand anders als Sophie, die das Theater noch vor Beendigung des ersten Actes wieder verlassen hatte; denn da das aufgeführte Stück, wie wir bereits gesagt haben, ein neues war und sich zwei zahlreiche Parteien versammelt hatten, die eine zum Auspochen, die andere zum Applaudiren, so entstand ein so entsetzlicher Tumult und Kampf zwischen den beiden Parteien, daß unsere Heldin in die größte Angst versetzt wurde und froh war, daß ein junger Herr sie in Schutz nahm und sie sicher zu ihrem Wagen geleitete. Da Lady Bellaston ihr gesagt hatte, daß sie erst spät nach Hause kommen würde, erwartete Sophie niemand im Zimmer zu finden, trat eilig ein und ging auf den gegenüberstehenden Spiegel zu, ohne nur einen Blick nach dem oberen Theile des Zimmers zu werfen, wo Jones jetzt regungslos wie eine Bildsäule stand. In diesem Spiegel erblickte sie zuerst, nachdem sie ihr liebliches Gesicht gesehen, die besagte Bildsäule und indem sie sich eilig umdrehte, die Wirklichkeit dieser Vision. Sie that einen Schrei und es fehlte wenig, daß sie nicht ohnmächtig niedergesunken wäre, hätte nicht Jones die Fähigkeit der Bewegung wieder erlangt und sie in seinen Armen aufgefangen. 216 Die Blicke oder Gefühle dieser beiden Liebenden zu schildern, geht über meine Kraft. Da ihre Gefühle, ihrem beiderseitigen Schweigen nach zu urtheilen, zu mächtig waren, als daß sie Worte für dieselben hätten finden können, so läßt sich nicht voraussetzen, daß wir im Stande sein sollten, sie auszusprechen; und das Schlimmste ist, daß wenige meiner Leser feurig genug geliebt haben, um in ihrem eigenen Herzen zu lesen, was in den ihrigen damals vorging. Nach einer kurzen Pause sagte Jones mit zitternder Stimme: – »Ich sehe, Fräulein, Sie sind überrascht.« – »Ueberrascht!« erwiederte sie: »o Himmel! allerdings bin ich überrascht. Ich zweifle beinahe, ob Sie der sind, der Sie scheinen.« – »Sicherlich,« rief er, »meine Sophie – verzeihen Sie mir, Fräulein, daß ich Sie noch einmal so nannte – bin ich jener unglückliche Jones, den das Schicksal nach so vielen Widerwärtigkeiten Sie endlich finden ließ. O meine Sophie, kennten Sie die tausendfachen Qualen, die ich während dieses langen Suchens erduldet habe!« – »Suchens, nach wem?« fragte Sophie, die sich wieder etwas sammelte und eine kalte Miene annahm. – »Können Sie so grausam sein, diese Frage zu thun?« rief Jones. »Brauche ich zu sagen, nach Ihnen?« – »Nach mir!« antwortete Sophie: »hat denn Herr Jones so wichtige Geschäfte mit mir.« – »Manchen,« rief Jones, »dürfte dies vielleicht ein wichtiges Geschäft sein« (ihr die Brieftasche überreichend). »Ich hoffe, Fräulein, sie wird denselben Werth haben, als wie sie verloren wurde.« Sophie nahm die Brieftasche und war im Begriff zu sprechen, als er sie folgendergestalt unterbrach: – Lassen Sie uns, ich bitte Sie darum, keinen dieser kostbaren Augenblicke verlieren, die uns das Schicksal so freundlich gewährt. O meine Sophie. ich habe ein 217 Geschäft weit wichtigerer Art. Auf meinen Knien lassen Sie mich Ihre Verzeihung erflehen.« – »Meine Verzeihung!« rief sie: »wahrhaftig, nach dem, was geschehen ist – nach dem, was ich gehört habe, können Sie nicht –« – »Ich weiß kaum, was ich sage,« entgegnete Jones. »Beim Himmel! ich wünsche kaum, daß Sie mir verzeihen sollen. O meine Sophie! verschwenden Sie hinführo keinen Gedanken an einen solchen Elenden wie ich bin. Wenn irgend eine Erinnerung an mich sich Ihnen sollte aufdrängen und diesen zarten Busen beunruhigen wollen, so denken Sie an meine Unwürdigkeit, und lassen Sie das Andenken an das, was in Upton vorfiel, mich ewig aus Ihrem Gedächtniß verbannen.« Sophie stand die ganze Zeit über zitternd vor ihm. Ihr Gesicht war weißer wie der Schnee, und ihr Herz klopfte fast hörbar. Aber der Name Upton trieb ihr eine Röthe in die Wangen und ihre Augen, die sie bisher kaum aufgeschlagen hatte, waren jetzt mit einem Ausdruck von Verachtung auf Jones gerichtet. Er verstand diesen stillschweigenden Vorwurf und begegnete ihm mit folgenden Worten: »O meine Sophie! meine einzige Liebe! Sie können mich um deswillen, was dort geschah, nicht mehr hassen oder verachten, als ich es selbst thue: aber dennoch lassen Sie mir die Gerechtigkeit widerfahren, zu glauben, daß mein Herz Ihnen niemals untreu war – das hatte keinen Antheil an der Thorheit, deren ich mich schuldig machte, selbst damals war es unveränderlich das Ihre. Ob ich gleich verzweifelte, Sie zu besitzen, ja fast, Sie jemals wiederzusehen, so hing ich doch noch immer mit ganzer Seele an Ihrem reizenden Bilde, und vermochte ernstlich kein anderes Weib zu lieben. Aber auch, wenn mein Herz frei gewesen wäre, würde sie, in deren Gesellschaft ich an jenem verfluchten Orte gerieth, kein 218 Gegenstand ernster Liebe gewesen sein. Glauben Sie mir, mein Engel, ich habe sie von jenem Tage an bis heut nie wieder gesehen.« Sophie war in ihrem Innern hoch erfreut, dies zu hören; aber indem sie sich zwang, eine noch kältere Miene zu zeigen, sagte sie: »Warum, Herr Jones, geben Sie Sich die Mühe, Sich wegen etwas zu vertheidigen, dessen Sie nicht beschuldigt werden? Hielte ich es der Mühe werth, Sie anzuklagen, so hätte ich eine Beschuldigung, die freilich keine Verzeihung zuläßt.« – »Welche ist das, um des Himmels willen?« fragte Jones, zitternd und bleich, weil er von seiner Liebschaft mit Lady Bellaston zu hören fürchtete. »Ach,« sagte sie, »wie ist es möglich, kann alles Edle und alles Gemeine in einem und demselben Busen neben einander wohnen?« Lady Bellaston und der schmachvolle Umstand, sich haben erhalten zu lassen, kam ihm wieder in die Gedanken und ließ ihn kein Wort zur Entgegnung vorbringen.»Konnte ich eine solche Behandlung von Ihnen erwarten,« fuhr Sophie fort, »ja von irgend einem Gentleman, von irgend einem Manne von Ehre? Meinen Namen öffentlich unter das Publikum zu bringen, in Wirthshäusern, unter den gemeinsten Pöbel. Sich um einer kleinen Gunst willen, die mein argloses Herz in unbewachten Augenblicken zu leicht gewährt, dort zu rühmen! Ja, sogar hören zu müssen, Sie wären genöthigt gewesen, vor meiner Liebe zu fliehen!« Nichts konnte Jones' Erstaunen gleichen, als er Sophien diese Worte aussprechen hörte; allein da er sich nicht schuldig fühlte, so war er weit weniger um seine Vertheidigung verlegen, als wenn sie jenes zärtliche Verhältniß berührt hätte, über das ihm sein Gewissen Unruhe gemacht hatte. Durch einige Fragen gelangte er sogleich zu der Ueberzeugung, daß der Verdacht, sich einer so gröblichen Beleidigung seiner Geliebten und einer eben so gröblichen 219 Verletzung ihrer Ehre schuldig gemacht zu haben, einzig und allein von Partridge's Geschwätz in den Gasthäusern vor Wirthen und Dienstleuten herrührte; denn Sophie sagte ihm, daß sie von diesen es erfahren hätte. Es kostete ihm keine große Mühe, sie glauben zu machen, daß er durchaus unschuldig und einer solchen Beleidigung unfähig sei; aber sie hatte viel zu wehren, daß er nicht gleich nach Hause ging und Partridge todtschlug, was er thun zu wollen mehr als einmal betheuerte. Nachdem dieser Punkt sich aufgeklärt hatte, waren sie bald so wohl zufrieden mit einander, da Jones ganz vergaß, sie bei Beginn ihres Gesprächs beschworen zu haben, daß sie jeden Gedanken an ihn aufgeben möge; und ihre Stimmung war so beschaffen, daß sie einer Bitte ganz anderer Art Gehör gegeben haben würde, denn ehe sie es gewahr wurden, waren sie beide so weit gegangen, daß er einige Worte fallen ließ, die ganz wie ein Heirathsantrag klangen. Sie erwiederte darauf, daß, wenn ihr nicht die Pflicht gegen ihren Vater verböte, ihrer Neigung zu folgen, sie lieber mit ihm ins Verderben gehen, als mit einem andern Manne im größten Ueberflusse des Glücks leben wollte. Bei dem Worte Verderben erschrack er, ließ ihre Hand fallen, die er eine Zeit lang in der seinigen gehalten hatte und rief, indem er sich an die Brust schlug, aus: »O Sophie! kann ich Dich denn ins Verderben stürzen? Nein! beim Himmel, nein! nie werde ich mich einer so niedrigen Handlung schuldig machen. Theuerste Sophie, was es mich auch kosten mag, ich will Dir entsagen, ich will Dich aufgeben, ich will alle Hoffnungen aus meinem Herzen reißen, die mit Deinem wahren Wohle unverträglich sind. Meine Liebe will ich stets treu bewahren, aber im Stillen, entfernt von Dir, in einem fremden Lande, von wo kein Laut, kein Seufzer meiner Verzweiflung je Dein Ohr 220 erreichen und beunruhigen soll. Und wenn ich todt bin –« Er wollte fortfahren, wurde aber durch einen Thränenstrom verhindert, in den Sophie, an seinen Busen gelehnt und keines Wortes mächtig, jetzt ausbrach. Er küßte ihr die Thränen hinweg, und sie ließ es einige Augenblicke ruhig geschehen, bis sie sich wieder gefaßt hatte und sanft seinen Armen entwand. Sie lenkte dann das Gespräch auf einen andern Gegenstand und richtete eine Frage an ihn, die zu thun sie bis jetzt noch keine Zeit gefunden hatte, nämlich »wie er in dieses Zimmer komme?« Er fing an zu stammeln und würde wahrscheinlich durch die Antwort, welche er zu geben im Begriffe stand, Verdacht bei ihr erregt haben, wäre nicht mit einem Male die Thür aufgegangen und Lady Bellaston eingetreten. Nachdem sie einige Schritte vorwärts gethan und Jones und Sophien beisammen gesehen hatte, blieb sie plötzlich stehen, und erst nach einer Pause von wenig Augenblicken, in denen sie sich von ihrer Ueberraschung erholte, sagte sie mit einer bewundernswürdigen Gegenwart des Geistes, wenn sich auch in Stimme und Gesichtszügen noch einige Spuren der Ueberraschung erkennen ließen: »Ich glaubte, Fräulein Western, Sie wären in das Schauspiel gegangen?« Obgleich Sophie keine Gelegenheit gehabt hatte, von Jones zu erfahren, wie er sie entdeckt hätte, so war sie dennoch, weil sie den wahren Zusammenhang der Sache nicht im Geringsten argwöhnte oder ahnete, daß sich Jones und Lady Bellaston kennten, nicht sehr verlegen; sie war es um so weniger, als die Lady bei allen ihren Gesprächen über den Gegenstand durchaus ihre Partei gegen ihren Vater genommen hatte. Daher erzählte sie auch mit so ziemlicher Unbefangenheit, was sich im Theater ereignet hatte und weshalb sie so schnell wieder zurückgekehrt war. 221 Diese etwas lange Erzählung gab Lady Bellaston Zeit sich zu besinnen, wie sie sich nun benehmen sollte. Und da sie Sophiens Benehmen hoffen ließ, daß Jones sie nicht verrathen hatte, so nahm sie eine freundliche Miene an und sagte: »Ich würde nicht so plötzlich bei Ihnen eingetreten sein, Fräulein Western, wenn ich gewußt hätte, daß Sie Gesellschaft hatten.« Lady Bellaston hielt ihre Augen auf Sophie fixirt, während sie diese Worte sprach, weshalb das arme junge Mädchen über und über roth und verlegen wurde und unter Stammeln antwortete: »Ich versichere Sie, Madame, daß die Ehre Ihrer Gesellschaft immer –« »Ich hoffe wenigstens,« rief Lady Bellaston, »daß Sie kein Geschäft haben, worin ich störe.« – »Nein, Madame,« antwortete Sophie; »unser Geschäft war zu Ende. Sie werden Sich erinnern, daß ich oft des Verlustes meiner Brieftasche erwähnte, dieser Herr hier hat sie glücklicherweise gefunden und war so gütig, sie mir mit der Banknote zuzustellen.« Jones war seit der Ankunft der Lady Bellaston vor Angst beinahe zusammengesunken. Er saß da und trommelte mit den Füßen, spielte mit den Fingern und machte wo möglich ein einfältigeres Gesicht dazu als ein Landjunker, wenn er zum ersten Male in eine feine Gesellschaft eingeführt wird. Er erholte sich jedoch allmälig wieder und indem er das Benehmen der Lady Bellaston, die gar nicht that, als ob sie ihn kennte, zu seiner Richtschnur nahm, beschloß er, auch gegen sie den Fremden zu spielen. Er sagte, daß er sich, seitdem er im Besitz der Brieftasche gewesen wäre, unausgesetzt die größte Mühe gegeben hätte, die Dame aufzufinden, deren Name darin geschrieben stand, aber erst heut so glücklich gewesen wäre, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. 222 Sophie hatte wirklich des Verlustes ihrer Brieftasche gegen Lady Bellaston erwähnt; aber da Jones, aus irgend einem Grunde, nie im entferntesten etwas davon hatte gegen sie verlauten lassen, daß er dieselbe gefunden hatte, so glaubte sie keine Silbe von dem, was ihr Sophie so eben sagte, sondern wunderte sich vielmehr außerordentlich über die Geistesgegenwart der jungen Dame, und daß ihr eine solche Entschuldigung sogleich zu Gebote stand. Der angeführte Grund, weshalb Sophie das Theater so bald wieder verlassen halte, fand keinen bessern Glauben; und obgleich sie sich das Zusammentreffen dieser beiden Liebenden nicht erklären konnte, so war sie doch fest überzeugt davon, daß es kein zufälliges wäre. Mit einem affectirten Lächeln sagte sie daher: – »Ich muß gestehen, Fräulein Western, es ist viel Glück, daß Sie wieder zu Ihrem Gelde kommen; nicht allein in so fern, als es in die Hände eines Mannes von Ehre gerieth, sondern daß er auch zufällig entdeckte, wem es gehörte. Ich denke, Sie wollten keine Anzeige davon machen. Es war sehr viel Glück, mein Herr, daß Sie herausfanden, wem die Banknote gehörte.« »O Madame,« rief Jones, »sie lag ja in einer Brieftasche, worin der Name des Fräuleins geschrieben stand.« »Das war sehr gut, allerdings,« rief die Lady, »und nicht minder gut war es, daß Sie erfuhren, Fräulein Western befinde sich in meinem Hause; denn sie ist wenig gekannt.« Jones hatte endlich seine völlige Besonnenheit wieder erlangt, und da er jetzt eine Gelegenheit sah, Sophiens Frage, die sie unmittelbar vor Lady Bellaston's Eintreten an ihn gerichtet hatte, zu beantworten, so sagte er: »Durch den glücklichsten Zufall, den man sich denken kann, Madame, machte ich diese Entdeckung. Ich erwähnte meines 223 Fundes und des Namens der Eigenthümerin am vorigen Abend auf dem Maskenballe gegen eine Dame, die mir sagte, sie glaube zu wissen, wo sich Fräulein Western aufhalte; wenn ich folgenden Morgen bei ihr vorkommen wollte, so würde sie mich davon unterrichten. Ich folgte ihrer Weisung, fand sie aber nicht zu Hause; auch konnte ich sie nicht eher antreffen, bis diesen Morgen, wo sie mich nach Ew. Gnaden Hause wies. Ich kam hierher, gab mir die Ehre, nach Ihnen zu fragen, und wurde auf meine Aeußerung, daß mich ein sehr wichtiges Geschäft zu Ihnen führe, von einem Diener in dieses Zimmer gewiesen, wo ich mich noch nicht lange befand, als die junge Dame aus dem Theater zurückkehrte.« Bei Erwähnung des Maskenballs blickte er Lady Bellaston sehr schalkhaft an, ohne zu befürchten, daß Sophie es bemerken möchte, denn sie befand sich in zu großer Verlegenheit, um Beobachtungen anzustellen. Diese Anspielung beunruhigte die Lady etwas und sie schwieg still. Da nun Jones Sophiens Gemüthsbewegung bekümmerte, so beschloß er, das einzige Mittel zu ihrer Beruhigung zu ergreifen, nämlich sich zurückzuziehen. Ehe er es jedoch that, sagte er: »Ich glaube, Madame, es ist bei solchen Gelegenheiten gebräuchlich, eine Belohnung zu geben; – ich mache für meine Ehrlichkeit auf eine sehr hohe Anspruch; – und zwar auf keine geringere, als die Erlaubniß, daß ich mir die Ehre geben darf, Ihnen ferner meine Aufwartung zu machen.« »Mein Herr,« entgegnete die Lady, »ich zweifle nicht, daran, daß Sie ein Gentleman sind, und für fashionable Gesellschaft ist mein Haus stets offen.« Nach den gewöhnlichen Complimenten entfernte sich Jones. Er fühlte jetzt sein Herz nicht minder erleichtert als Sophie, welche in der schrecklichsten Angst geschwebt 224 hatte, daß Lady Bellaston entdecken möchte, was sie bereits nur zu gut wußte. Auf der Treppe begegnete Jones seiner alten Bekannten, der Mamsell Honour, die trotz Allem, was sie gegen ihn gesprochen hatte, äußerst höflich gegen ihn war. Dieser Umstand erwies sich in so fern als ein glücklicher, als er ihr seine Wohnung anzeigen konnte, die Sophien unbekannt war. Zwölftes Kapitel. Mit welchem das dreizehnte Buch schließt. Der elegante Lord Shaftsbury erklärt irgendwo, daß man auch im Wahrheitreden zu weit gehen könne, woraus sich natürlich schließen läßt, daß das Lügen in manchen Fällen nicht bloß verzeihlich, sondern empfehlenswerth ist. Aber sicher giebt es niemand, der diese empfehlenswerthe Abweichung von der Wahrheit so eigentlich als ein Recht in Anspruch nähme, als junge Frauenzimmer in Liebesangelegenheiten; wofür sie Unterricht, Erziehung und vor Allem die Sanction, ja man könnte sagen, die Nothwendigkeit des Gebrauchs anzuführen haben, wodurch sie abgehalten werden, nicht den löblichen Trieben der Natur zu folgen (denn das wäre thöricht), sondern von deren Eingeständniß. Wir dürfen daher ohne Scheu sagen, daß unsere Heldin jetzt die Lehren des oben erwähnten großen Philosophen befolgte. Sie war nämlich sehr erfreut darüber, daß Lady Bellaston nicht wußte, wer Jones gewesen war und beschloß daher, sie in dieser Unwissenheit zu erhalten, wenn auch ein wenig auf Kosten der Wahrheit. Jones war nicht lange fort, als Lady Bellaston 225 ausrief: »Fürwahr ein allerliebster junger Mann, ich möchte wohl wissen, wer er wäre; denn ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben.« »Auch ich nicht, Madame,« erwiederte Sophie. »Ich muß sagen, er benahm sich sehr hübsch hinsichtlich der Banknote.« »Ja; und er ist ein ganz hübscher Mann,« sagte Lady; »meinen Sie nicht auch?« »Ich habe ihn nicht so sehr betrachtet,« antwortete Sophie; »aber er schien mir doch etwas linkisch und unbeholfen.« »Sie haben darin ganz Recht,« rief Lady Bellaston: »Sie können aus seinen Manieren sehen, daß er sich nicht in guter Gesellschaft bewegt hat. Ja, im möchte trotz dem, daß er Ihnen Ihre Banknote zurückgegeben und keine Belohnung dafür gewollt hat, fast die Frage aufwerfen, ob er wohl ein Gentleman ist. Ich habe stets die Beobachtung gemacht, daß Personen von guter Familie etwas an sich haben, was andere sich nie aneignen können. Ich werde wohl Befehl geben müssen, daß ich für ihn nicht zu Hause bin.« »Nein, sicher kann man,« entgegnete Sophie, »nach dem, was er gethan hat, keinen Argwohn hegen; – überdies, wenn Sie ihn beobachteten, es lag eine Eleganz in seinen Worten, eine Zierlichkeit und Anmuth in seinem Ausdrucke, daß, daß – –« »Ich gestehe es,« sagte Lady Bellaston, »es fehlte ihm nicht an Worten – – Und in der That, Sophie, müssen Sie mir vergeben, ja Sie müssen.« »Ich Ihnen vergeben?« sagte Sophie. »Ja, ja, das müssen Sie!« antwortete sie lachend; »denn ich hatte einen schrecklichen Verdacht, als ich zuerst in das Zimmer trat – – Ich gestehe, Sie müssen es mir 226 vergeben, aber ich dachte, es wäre niemand anders als Herr Jones.« »Wahrhaftig, dachten Sie das?« rief Sophie erröthend und ein Lachen affectirend. »Ja, ich gestehe, ich dachte es,« antwortete sie. »Ich kann mir nicht erklären, wie ich auf den Gedanken kam; denn, das müssen Sie sagen, der junge Mann war fein gekleidet, was, liebe Sophie, wohl bei Ihrem Freunde nicht gewöhnlich der Fall ist.« »Dieser Scherz,« rief Sophie, »ist ein wenig grausam, Lady Bellaston, nach dem Versprechen, das ich Ihnen gegeben habe.« »Durchaus nicht, Kind,« sagte die Lady. »Zuvor würde er grausam gewesen sein; aber nachdem Sie mir versprochen haben, nie ohne Ihres Vaters Einwilligung zu heirathen, was sich also auch auf Jones erstreckt, können Sie schon einen kleinen Scherz über eine Leidenschaft hinnehmen, die bei einem jungen Mädchen vom Lande ziemlich verzeihlich ist, und deren Sie, wie Sie mir sagen, so vollkommen Herr geworden sind. Was müßte ich denken, wenn Sie nicht einmal einen kleinen Scherz über seinen Anzug vertragen könnten? Ich möchte beinahe fürchten, daß es sehr weit mit Ihnen gekommen ist, und fragen, ob Sie auch aufrichtig gegen mich gewesen sind.« »Wirklich, Madame,« rief Sophie, »Sie beurtheilen mich falsch, wenn Sie glauben, daß ich mich irgend um ihn bekümmere.« »Um ihn!« entgegnete die Lady: »Sie müssen mich mißverstanden haben; ich sprach bloß von seiner Kleidung, denn ich wollte Ihrem Geschmack nicht zu nahe treten durch eine andere Vergleichung. Ich glaube nicht, liebe Sophie, wenn Ihr Herr Jones so ein Mann gewesen ist wie dieser –« 227 »Ich dachte,« sagte Sophie, »Sie hatten zugegeben, daß er hübsch ist.« »Wer denn, ich bitte?« rief die Dame rasch. »Herr Jones,« antwortete Sophie; – und indem sie sich sogleich besann: »Herr Jones! nein, nein! ich bitte um Verzeihung; – ich meine den Herrn, der so eben hier war.« »O Sophie! Sophie!« rief die Lady; »dieser Herr Jones, fürchte ich, spukt noch immer in Ihrem Kopfe.« »Auf meine Ehre, Madame,« sagte Sophie, »Herr Jones ist mir ganz eben so gleichgültig wie der Herr, der uns so eben verlassen hat.« »Auf meine Ehre,« entgegnete Lady Bellaston, »ich glaube es. Vergeben Sie mir daher einen kleinen unschuldigen Scherz; dagegen verspreche ich Ihnen, seinen Namen nie wieder nennen zu wollen.« Die beiden Damen trennten sich darauf, mehr zur Freude Sophiens, als der Lady Bellaston, die ihre Nebenbuhlerin gern noch länger gepeiniget hätte, wäre sie nicht durch ein wichtigeres Geschäft abgerufen worden. Sophie war nicht ganz ruhig und ihre Gedanken konnten sich von dem Gegenstande nicht wieder abwenden. Sie vermochte die ganze Nacht die Augen nicht zu schließen.   Ende des vierten Bandes