Max Eyth Mönch und Landsknecht Erzählung aus dem Bauernkrieg I. Es dämmerte. Durch die runden Fensterscheiben drang der fahle, kupferfarbene Schein des bedeckten Herbsthimmels in eine düstre Klosterzelle und erleuchtete kaum noch den Vordergrund des engen, hochgewölbten Gemachs. Dort saß, über das schwarze Pult gelehnt, ein Mönch. Er hatte seine weiße Kutte nachlässig zurückgeschlagen und las, ohne aufzublicken, in einem alten, vergilbten Folianten. Um ihn her lagen Zirkel und Karten – diese mit wunderlichen Zeichen bemalt. Eine Sanduhr lehnte halbumgeworfen an einem unvollendeten Sternglobus. Überall herrschte eine gewisse Unordnung, um die sich jedoch der Mönch, in sein Manuskript vertieft, gar wenig zu bekümmern schien. Es schien wirklich, als wäre ihm die ganze Welt entleidet und als hätte er selbst alles im Unwillen so greulich durcheinandergeworfen. Im dunkeln Hintergrunde der Zelle stand, kaum noch erkennbar, ein kunstloser Herd, von dem zuweilen eine bläuliche Flamme emporschlug. Ehe sie dann wieder hinabsank, ließ sie einen großen schwarzgebrannten Kessel sichtbar werden, der an einer eisernen Kette darüberhing. Nichts unterbrach die lautlose Stille als das Zischeln des kochenden Gebräus oder ein leiser, knisternder Ton, wenn der Mönch ein Blatt seines Buches umwandte. Nur manchmal heulte auch ein Windstoß das Tal herauf und schnellte die prasselnden Regentropfen gegen die Scheiben. Plötzlich fuhr der Mönch empor. Seine schwarzen, stechenden Augen richteten sich flüchtig auf die lodernde Flamme. Dann schlug er heftig das Buch zu, stand auf und trat an den Herd. Er lüpfte den Deckel des Kessels. Ein grauer, widrig riechender Dunst qualmte in dicken Wolken hervor und erfüllte das Gemach. »Unsinn!« rief er aus und ließ den Deckel wieder fallen; »ja, Unsinn und Narrheit«, murmelte er weiter, indem ein bittres Lächeln um den feinen Mund spielte, »wie lange will ich mich selbst noch an der Nase herumführen? Gold und immer Gold! Ist denn nichts mehr auf dem weiten Erdboden, was mich groß und reich und glücklich machen könnte, als dieses Gold? Da steht es haarklein auf den alten Pergamenten, wie man es schaffen könne mit geheimer Kunst; Erd' und Himmel, den Mond und alle sieben Planeten rufen sie zu Hilfe und vergessen, daß dort droben einer lacht, – ja lacht, wie sich die Menschen hier unten plagen um ihr blinkendes Glück, das er so weislich in den tiefsten Abgrund der Erde verborgen hat. O ihr Narren! Narren? War ich nicht selbst auch ein solcher Narr? Ja, ich war's und weh' mir, daß ich es war, und dreimal wehe dem, der mich dazu gemacht hat!« Der Mönch schritt mit großen Schritten in der Zelle auf und ab. Endlich blieb er am Fenster stehn und drückte die glühende Stirne gegen die nassen Scheiben. Von der Kirche herüber tönte der Gesang der wenigen, welche dort die Vesper abhielten. »Groß werden, groß werden«, fuhr er fort, »das möcht' ich, das muß ich! Ja, singt nur dort drüben, ihr feisten Bäuche! Fresset euch voll und singt dann euerm Gott zu Ehren! Bin ich denn ewig verdammt, ein solcher gottgeweihter Müßiggänger zu bleiben? Was kann ich dafür, daß mich meine Mutter ein Jahr später geboren hat als einen andern? Der sitzt nun lustig in den Hallen meines Vaters und zecht mit seinen Gesellen und freut sich des prächtigen Turniers, das er gegeben hat. Und ich? Hier sitz' ich, sein leibhaftiger Bruder, bet' und singe und – suche Gold! Gerechter Himmel, wo bleibt da deine Gerechtigkeit?« Der junge Mönch lachte wild auf; dann setzte er mit tiefem, finsterm Ernst hinzu: »Nun, denn, ihr habt mich verlassen und verstoßen; wundert euch nicht, wenn ich einmal das Vergeltungsrecht übe!« Die Vesper hatte geendet. Durch die langen Gänge hörte man die abgemessenen Tritte der Mönche. Etliche Türen gingen auf und zu, und alles war dann wieder still wie zuvor. Der Alchimist zündete ein Lämpchen an und lehnte sich gedankenvoll in seinen Stuhl zurück. Nach einiger Zeit öffnete sich leise die Türe. Der Dasitzende fuhr erschreckt empor, als die weiße Gestalt eines andern Mönches eintrat, dessen Züge man der Dunkelheit wegen nicht sogleich zu erkennen vermochte. »Immer noch kein Gold, Bruder Robert?« fragte er und trat zum Herd, wo er kopfschüttelnd den Kessel aufdeckte. Als keine Antwort erfolgte, fuhr er fort: »Nur nicht so trübselig, Bruder! Geht's so nicht, geht's anders. Ich bin doch schon zwanzig Jahr Bursarius in unserm lieben Kloster Schöntal, und es sollte mich wahrlich mehr kümmern als dich, wie man den Säckel füllt. Aber ich tu', was recht ist, und das andre laß ich seinen Gang gehn und denk': der heilig' Joseph wird's schon recht machen! Ei, wann kulminiert denn heut' der Merkurius?« »Weiß nicht«, antwortete Robert, »laßt mich gehn! Ich hab' es satt, das Glück von den Sternen herunterzugucken. Das ist doch am Ende gleichgültig, ob der Merkurius heut' kulminiert oder nicht?« »Ei, was schwatzt Ihr doch?« antwortete jener; »so muß ich eben selbst danach sehen.« Mit diesen Worten trat er an das Fenster und schaute hinaus. Doch überzeugte er sich bald, daß heute wenig von den Sternen zu hoffen sei. Der ganze Himmel war mit Wolken überzogen, die der Sturm zerriß und weiterjagte. Dichte Nebel wälzten sich das Tal herauf und bedeckten den angeschwollnen Fluß, dessen Rauschen sich mit dem Heulen des Windes verband. Die schlanken Pappeln beugten sich tief herab und manchmal stürzte ein krachender Ast zur Erde. Es war eine wilde Novembernacht. »Ein Reiter kommt das Tal herauf!« sprach nach einer langen Pause Elias, der Bursarius, »dem mag's auch nicht fein zumute sein! Wohin der noch will? Aber – was ich dir sagen wollte: heute früh fand ich was in der Bücherei, sieh her!« Mit diesen Worten zog er aus seiner Kutte eine Pergamentrolle und fing an, sie aufzuschlagen. »Arcanus alchymiae« , las er mit triumphierendem Lächeln. »Da haben wir, was wir brauchen! Wirf den Kessel um; wir wollen neu anfangen! Nun, warum freust du dich nicht auch? Du bist ja mäuschenstill!« »'s wird gehen wie immer!« war die kurze, finstre Antwort. »Ei was!« rief Elias mit gutmütigem Eifer, »wer wird denn auch so trostlos sein? Lieber gleich ans Werk!« Er rückte einen Stuhl an das Pult, zog den Docht der Lampe weiter hervor, setzte sich und begann zu lesen. Robert saß neben ihm; doch merkte man's ihm wohl an: er achtete nicht auf die Worte des Alten; es schien, als horchte er nur auf das Brausen des Windes, der immer wütender in den Dachziegeln klapperte, oder auf den Holzwurm, der leise im Innern des schwarzen Pultes pickte. Kurze Zeit war vergangen; da wurde es abermals unruhig in den Gängen. Das Geräusch der auf- und zugehenden Türen kam immer näher. Elias schwieg; denn bereits war die braune Kutte eines Laienbruders auf der Schwelle sichtbar. »Was willst du, Bruder Pförtner?« rief Elias dem Eintretenden ziemlich unmutig entgegen, indem der Ton seiner Stimme deutlich genug verriet, daß er in der wichtigsten Abhandlung über den Stein der Weisen gestört wurde. »Ach, da komm' ich wieder an den Falschen!« entgegnete jener; »draußen vor dem Tor steht ein Reiter vom Götz von Berlichingen und will einen Mönch, aber sogleich! Ich lauf' schon das ganze Kloster aus und keiner will in dieser Nacht und in diesem Wetter fort. Da dacht' ich –« »Ist der Götz selber krank?« fragte Elias. »Nein, der nicht«, antwortete der Pförtner; »ein armer Gefangner bloß; zu dem will freilich niemand!« »Ich ging' schon«, sagte der Alte, »aber ich werd' eben alle Tag' älter. Eine solche Nacht könnt' mich unter den Boden bringen. Hu, ich glaub', es schneit gar!« »Weiß schon, weiß schon,« unterbrach ihn der Pförtner; »aber sagt mir nur, zu wem ich noch gehn soll?« »Ist der Bruder Bernhard da und bist du schon bei ihm gewesen?« fragte Elias. »Nein!« antwortete jener. »Nun, dann kannst du bei dem anfragen«, meinte der Bursarius, »und wenn der nicht geht, dann geht keiner.« Unmutig murmelnd verließ der Pförtner das Gemach. Als alles wieder still war, sagte Elias: »'s ist doch ein lieber Mensch, der Bernhard! Er geht ganz gewiß und wenn's noch dreimal so grausig stürmt!« »Er tut's nur aus Eitelkeit und Hochmut!« sprach Robert nachlässig, ohne aus seinen Gedanken aufzuwachen. »Das weißt du nicht recht, Bruder,« entgegnete Elias, »ich sag' dir, wir beide zusammen sind nicht so fromm wie er allein. 's ist mir oft, wenn ich mit ihm rede, als hätt' ich noch das kleine fünfjährige Büblein vor mir, wie's vor sechzehn Jahren war. Und immer treibt er sich draußen herum, und der Abt läßt ihn auch gern hinaus; denn wenn man die Leute fragt, wo er sei, so heißt's immer: in Roßbach beim kranken Martin, oder in Keßach, wo Abels kleiner Bub' den Fuß gebrochen hat, oder so was. Aber deshalb mögen ihn auch alle Bauern in der Umgegend mehr als das ganze Kloster mitsamt dem Abt und Konvent. Er ist ein rechter Bauernfreund!« »Was sagst du?« fuhr plötzlich Robert auf, »die Bauern – –« »Ja, die Bauern haben ihn recht gern,« ergänzte der Alte, »und wenn er zu Haus ist in seiner Zelle, hört man ihn oft beten und man merkt dann wohl, daß er's nicht aus einem Gebetbuch liest. Ich glaub', 's ist ihm ein rechter Ernst; er hat mir das schon selber gesagt; denn ich hab' ihn von Jugend auf gepflegt und gelehrt und deswegen hat er mich auch lieber als die andern und heißt mich immer noch Vater, wenn er gleich schon seit zwei Jahren selber ein Mönch ist. Da hat er mir auch gesagt, wie er so viel Angst hab' um seiner Sünden willen, von denen noch niemand ein Tüpfelchen weiß, und wie ihm der Teufel oft so viel zu schaffen mache. Er hab' gemeint, wenn er vollends ganz ins Kloster trete, werde das aufhören und darum sei er so gern ein Mönch geworden. Aber schon nach den ersten paar Tagen sei der Teufel wieder dagewesen und seine Angst auch. Er meinte, ich soll' und könn' ihm helfen, aber mein Mitleid hat wenig genützt. Ich hab' ihn gar nicht trösten können und das kann ich doch sonst immer am besten. Da sagt' ich ihm endlich, weil ich nichts Beßres wußte: er soll' eben sehen, wie er sich ein bißchen zerstreuen könne, und es sei nicht gut, wenn er sich also abhärme; er solle zu mir kommen, ich wollt' ihn die Alchymia lehren, das werd' ihm gewiß gefallen; denn – sagt' ich ihm – wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt er, und wenn man zuviel an seine Sünden denkt, so kommen sie auch wieder; denn die Gedanken kann man nicht aufhalten. Aber da hat er den Kopf geschüttelt und ist in seine Zelle gegangen. Seitdem ist er immer mehr auf die Dörfer hinaus und der Bruder Speisemeister sagte mir letzthin: im ganzen Kloster faste keiner so viel wie der Bernhard!« »'s hat in ganz Palästina niemand so viel gefastet als die Pharisäer,« warf Robert bissig darein, »und die haben den Heiland gekreuzigt. Aber sag' einmal, Bruder, – wie kam denn eigentlich Bernhard ins Kloster herein? Als ich vor einem Jahr eintrat, muß er schon lange hier gewesen sein.« »Das war er auch,« erwiderte Elias, »und 's ist eine traurige Geschichte, die der arme Junge von sich erzählen könnte, wenn er sie wüßte. Mit der Alchymia will's heute doch nicht recht vorwärts gehn; ich will dir also lieber erzählen, was ich selbst davon miterlebt.« »'s war noch um die Zeit, da der Abt Simon lebte. Das war ein frommer Herr, aber auch streng und hart und oft gar zornig, daß alle, die er strafen mußte, noch ihr Lebtag daran dachten. Ich war damals gerad' ins Kloster eingetreten und im heiligen römischen Reich ging's oft toll und wild durcheinander. Da war nun einmal schon geraume Zeit vorher, wohl über hundert Jahr', auf der Konstanzer Versammlung ein verfluchter Ketzer zur Hölle geschickt worden, der Huß. Aber die Rotte, die er um sich gesammelt, nahm sich kein Beispiel an seinem Tode, sondern machte einen gewaltigen Aufstand, bis es dem Eifer aller frommen katholischen Fürsten gelang, sie in alle vier Windgegenden zu zersprengen. Da wanderten nun von dort an viele in kleinen und großen Haufen aus Böhmerland fort und suchten anderswo ihr Unterkommen. Und – man sollt' es kaum denken – auch in unser einsames Tal kam ein solcher Zug und wollte sich niederlassen. Als das der hochselige Abt Simon hörte, da entbrannte er in Zorn und schickte einen Brief an den Bischof von Würzburg. Da kam, wie er gebeten, ein Fähnlein von 25 Reitern ins Kloster und in einer Nacht wurde der ganze Haufen der Ketzer hierhergebracht, je zwei und zwei aneinandergebunden, während die Kinder weinend um die Eltern herumliefen; 's hat einen recht erbarmt! Jetzt hieß es: ›Bekehrt euch!‹ und alle wurden in die kleine Kilianskirche eingesperrt. Die Reiter standen ringsherum und auch innen. Ein Mönch stieg dann auf die Kanzel und fing an zu predigen. Nach zwei Stunden löste ihn ein andrer ab, und so ging's fort drei Tage und drei Nächte lang. Niemand durfte heraus noch hinein außer den Mönchen. Keinen Bissen Brot, keinen Tropfen Wasser ließen die Soldaten durch. Sooft jemand einschlafen wollte, weckten ihn die Hellebarden der Reiter. Man sagt' ihnen nun: ›wer sich bekehrt hat, darf frei ausgehn, nachdem er zuvor seine Ketzerei abgeschworen!‹ Am andern Tag gegen Abend kamen die ersten. In der großen Kirche mußten sie abschwören. Dann gab man ihnen zu essen und stieß sie zum Kloster hinaus. Am Abend des dritten Tages lagen nur noch wenige todesmatt auf dem Kirchenpflaster. Sie hörten kaum noch, was der Priester von der Kanzel ihnen zurief. Auch die wurden hinausgetragen während der Nacht. Ihre ausgetrocknete Zunge konnte kaum mehr die Eidesformel stammeln, und als am vierten Tag die Sonne durch die Kirchenfenster schien, lag nur noch ein einziger – ein junger schöner Mann, freilich jetzt ein Gerippe, – am Fuß des Altars. Und der, welcher vor ihm hinausgegangen, hatte zwei halbtote Kindlein mit herausgebracht, und als man ihn fragte, wer denn dort drinnen der Letzte sei, gestand er, daß es der Prediger ihres Haufens gewesen und endlich auch, daß die Kinder, die er herausgetragen, dem Prediger angehörten; ihre Mutter aber sei schon vor einem Vierteljahr gestorben. Und jetzt erst ließ man ihn in Freiheit; die Kinder aber wurden dabehalten. Darauf ging Simon selbst in die Kirche hinein und forderte den Ketzer auf, sich zu bekehren. Aber der sagte: ›nein!‹ Da sprach Simon zu ihm: er könne jetzt das Kloster verlassen. Als der Abt hier seine Rede innegehalten, habe ein freudenvolles, triumphierendes Lächeln um die ausgedörrten Lippen Puschkas – so hieß der Prediger – gespielt. Als aber der Abt fortgefahren: ›Deine Kinder hat der Himmel der alleinseligmachenden Kirche bestimmt; sie bleiben hier. Geh du hin und danke Gott für seine Langmut und Barmherzigkeit!‹ da hab' er sich vor die Brust geschlagen und gesagt: ›jetzt bricht's! Gebt mir meine Kinder wieder; ich will schwören!‹ Darauf führte man ihn in die Kirche, und wie er dort die drei Finger zum Himmel erhob, fing er laut an zu heulen. Man mußte ihn stützen und den Arm ihm in die Höhe halten, sonst wär' er umgesunken. Da verlangte er seine Kinder, aber – – weil man wohl gesehen, wie wenig es ihm ein Ernst gewesen, gab man ihm nur das eine, das jüngere. Er preßte es an die Brust und rief: ›O Gott, deine Strafe ist schnell!‹ Dann eilte er zur Kirche hinaus. Das alles sah ich aber nicht. Ich war in den Wald gegangen; das Mitleid hätte mich umgebracht. Seit der Zeit sah man in der Gegend keine Hussiten mehr. Das einzige, was sie zurückgelassen, ist Bernhard, der Sohn Puschkas, den ich aufziehen durfte, so gut ich's eben vermochte. Er ahnt noch nicht, daß er eines Ketzers Sohn ist. Er darf's auch nie erfahren; es würd' ihn allzu tief betrüben. Simon aber, der Abt selig, ward nach Würzburg beschieden und der Bischof – erzählt man – hab' ihn in der Kirche geküßt vor allen Leuten, weil er all die halsstarrigen Ketzer durch seine feurigen Predigten bekehrt.« »Das wär' eines Teufels würdig!« sagte nach einer langen Pause Robert leise. »Still, still!« warnte Elias, »'s war eine Sünde, das glaub' ich auch, wenn's gleich lauter Ketzer gewesen sind. Aber der Herr hat's zum guten gewendet und eine fromme Christenseele aus den Krallen der Hölle gerettet, den Bernhard. Doch – 's ist spät geworden! Hu, wie's noch immer draußen stürmt und heult! Da schläft man so behaglich im warmen Bett! Gut' Nacht, Bruder!« »Gut' Nacht!« sagte Robert und stand auf. Er lauschte lange auf die verhallenden Tritte des Alten, der seiner Zelle zuschritt. Dann trat er ans Fenster und öffnete den Riegel. Der Wind riß es vollends auf und fuhr sausend herein, daß das Licht verlöschte. Der Mönch sah einige Augenblicke in das tolle Wüten hinaus; die schwarzen Locken, die ihm die Tonsur gelassen, flatterten um sein Gesicht. »Der Herr hat's zum guten gewendet!« sprach er höhnisch; »kannst du es sehen, wie deine Kinder gemartert werden, Vater im Himmel? Hörst du nicht ihr Heulen und Winseln! Rache euch, ihr armen verstoßnen Pilger! Rache auch mir, mir armem, verstoßnem Gefangnen! Du stolzes Kloster, ihr stolzen Burgen, wie lange wollt ihr noch eure frommen blutigen Geißeln schwingen? Will denn nie eure Stunde kommen?« Er versank in tiefe Gedanken. Nach langer Zeit erst richtete er sein auf die Brust gesunknes Angesicht wieder auf, schloß den widerstrebenden klirrenden Fensterflügel und trat in die finstre Zelle zurück. II. Indessen ritt Bernhard, der wirklich, ohne ein Wort zu verlieren, die Pflicht des Geistlichen auf sich genommen hatte, an der Seite des Landsknechts talabwärts. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und die müden Pferde zogen langsam ihre kotigen Beine nach sich. Ein feiner, durchdringender Regen rieselte herab und trieb, vom Winde gejagt, in dichten, nebligen Gestalten quer über die schmale Fläche. Endlich unterbrach der Reiter das lange, unbehagliche Schweigen. »'s ist mir recht lieb,« sagte er, »daß Ihr mitgeht, Pater Bernhard! Mit Euch kann man doch auch ein ordentlich Wörtlein reden; die andern, nehmt's nicht für ungut, – die wissen fast nichts zu fragen, als ob man auch fleißig opfere und sich für jede Sünde gewiß seinen Ablaßzettel im Kloster hole. Und wenn sie merken, daß man nicht grad' allzuoft in den Säckel greift, um dem lieben Herrgott sein Gebet besser ans Herz zu legen, so ist gleich Feuer im Dach!« Bernhard antwortete nicht und der Landsknecht fuhr fort: »Da starb vergangnen Herbst in Jagsthausen ein armes, altes Weib und hat ihrem einzigen Mädle nichts hinterlassen als ein Stück Rind im Stall und ein gotziges Fleckle Wiesen beim Pfizhof draußen. Und wie sie gestorben ist, hat der gnädig' Herr die Kuh genommen für den Sterbfall, und wie man's untersucht hat, ist's rausgekommen, daß die Alte ihr Stückle Feld, das doch dem Mädle gehört hat, an das Kloster geschenkt, und das arme Ding hat nichts gehabt als ihre Kleider auf dem Leib. Ich bin des Götz sein Reiter und wer nein! sagt, dem schlag' ich eins auf den Schnabel, daß er g'nug hat, aber selbigsmal hat mich's doch verzürnt – rechtschaffen, daß er die Kuh genommen hat! – Und das weiß man auch – Euch darf man's schon sagen, Ihr seid keiner von denen –, wie's die Pfaffen machen, wenn sie was erben wollen.« »Es sind manche nicht, wie sie sein sollen,« entgegnete Bernhard mit trauriger, leiser Stimme, »das ist wohl wahr, aber man darf deshalb nicht meinen: die Sache sei nichts, der sie dienen!« »Ei beileib'!« rief der Landsknecht eifrig, »aber verzeih mir's der Himmel und all seine Heiligen, so wahr ich Jörg Haas heiße – Blitz, Hagel! – verzeiht, Herr Pater! –, damals fuhr mir's in die Faust; ich hätt' das ganze Kloster zusammenschmeißen mögen!« Er schwieg; nach einigen Augenblicken sagte Bernhard: »Erzählt mir jetzt lieber, wenn Ihr's wißt, wer denn der Mann ist, dem ich den letzten Dienst erweisen soll. Wie kam er denn nach Jagsthausen? Sprecht!« »Recht gern, Herr Pater!« sagte Jörg und ließ die Zügel seines Pferdes fallen. »Das ging so zu. Letzten Donnerstag, nein, 's war erst vorgestern, da kam der Herr von Sickingen auf unser Schloß. Der hat, Ihr wißt es ja, voriges Jahr das gnädig' Fräulein, meines Herrn Schwester, heimgeholt und seitdem ist er ein seltner Gast. Wir haben uns alle geputzt und die Gäule gestriegelt, daß es eine Pracht war, und reiten ihm entgegen. Aber er hat uns nicht drum angesehen und ist gleich zum Götz hingeritten und hat so heimlich getan wie eine Katz' vor dem Mausloch, und den ganzen lieben langen Tag sind die zwei beieinandergesteckt und 's durste niemand in ihre Stub' als die gnädig' Frau, wenn sie wieder einen neuen Weinkrug hereinbracht'. Das hat mich einmal geärgert! Wir haben gar nicht gewußt, woran wir sind, und laufen vom Hof in den Stall und vom Stall in den Hof, bis es Abend wird. Da schreit auf einmal der Götz zum Fenster heraus: ›Aufgesessen! Schnell!‹ Wie der Blitz sitzen unsrer zwanzig im Sattel und schon ist der Herr mit dem Sickinger vornen draus und jagt zum Tor hinaus. Ha, das ist gegangen! Wir haben gar nicht gewußt, wohin, und ließen eben laufen. Wie wir in Widdern über die Brück' jagen, ist's schon stockfinstre Nacht. Endlich mitten im Harthäuser Wald wird Halt gemacht. Wir steigen ab und legen uns am Weg hinter die dicken Büsche, die ganze Nacht durch. Kaum wird der Himmel ein wenig rot am Morgen, da hört man in der Ferne ein Getrappel. Ich lag ganz am Rand und konnte gut auf die Straße sehen. Neben mir stand der Götz und sagt: wenn er pfeife, sollen wir alle auf sie los! Jetzt biegen sie um die nächste Ecke und ich seh' fünf Reiter mit den Heilbronner Farben, die ihre langen Hälse in die Höh' strecken und sich in die Brust werfen und ihre Hüte mit den langen Federn aufsetzen, grad als ob ihnen die ganze Welt gehörte; die hochmütigen Städter! Das hat mich nicht wenig geärgert, aber nicht faul, – nehm' ich meine Büchs' und schmeiß' einem, dem allerlängsten, seinen hohlen Schädel ein. Aber just, wie ich losdrück' und wie's knallt, da schlägt mir der Götz eins hinter die Ohren – Blitz, Hagel, verzeiht, Herr Pater! – ich konnt' gar nichts anders mehr denken als Höllsapperlot! Und wie ich das eine Weil' gedacht hab', ist der Mordspektakel um mich her schon losgegangen und 's ist alles hintereinander. Jetzt denk' ich: Esel, du mußt deine Dummheit wieder gutmachen! und fahr' in den Haufen hinein und schrei' und hau' und stech und mach' die Augen zu, daß mich nichts draus bringt, bis ich merk', daß wieder alles in Ordnung ist. Wie ich nun ausschau', kommt der Götz auf mich zu, legt seine eiserne Hand auf die meine und sagt: ›Vorhin hast du sie hinter den Ohren gespürt; warum bist du auch ein solcher Dummkopf und hättest uns schier den ganzen Fang verscheucht? Jetzt nimm sie so; du bist doch mein bravster Reitersknecht!‹ Hei, Pater Bernhard, wie ich mich da gefreut hab'!« »Und der Sterbende?« fragte Bernhard, als Jörg schwieg. »Ja so, hätt's fast vergessen!« sagte der Reiter, »da lagen so ein paar auf der Straß' herum; von denen ist der Alte einer, zu dem Ihr kommen sollt! Er wird wohl sterben; 's ist schad' um so einen braven alten Mann. Er hat auch einen Kameraden gehabt, einen jungen, flinken Gesellen, mit dem hab' ich mich tüchtig herumgebissen, aber zuletzt wurd' er doch gefangen und der Sickingen hat ihn mitgenommen, um ihn heimzuschicken!« Nun schwiegen beide. Der Landsknecht fing an, ein lustiges Liedlein zu pfeifen, und so ritten sie an dem nächsten Dörflein Berlichingen vorbei, von dem etliche Lichter über die rauschende Jagst herüberglänzten. Vor ihnen gingen, dicht in ihre schwarzen Mäntel gehüllt, zwei Bauern. die den leisen Tritt der im Kot watenden Pferde nicht zu hören schienen und eifrig ihr Gespräch fortsetzten. Bernhard lauschte unwillkürlich auf ihre Worte. »Der erst' ist recht und der zweit' ist auch recht, das wollt' ich vor unserm Herrgott beschwören, wenn er die Straß' daherkäm'!« sagte der eine, nach der Stimme zu schließen, der ältere. »Fürs dritt', – aber, Schäfer, du sahst doch nichts weiter? Ich bitt' dich, nur bis zum Christtag behalt's bei dir! Dann – – –« »Nur zu, nur zu! Ich hab' noch keinen verraten und kann schon schweigen; fürs dritt' also –?« – »Wollen wir keine Hunde mehr sein; denn die Menschen sollen alle frei sein und man braucht keine Leibeigenen mehr. So steht's in der Schrift!« »'s ist, als ob's ein Heiliger gemacht hätt', die Artikel! Wenn nur der Herr seinen Segen dazu gibt! Viertens?« »Zum vierten soll nimmer, was uns unziemlich und unbrüderlich dünkt, dem armen Mann das Wild und die Vögel und die Fische verboten sein zu fangen; denn die Tiere gehören allen Menschen zu und nicht bloß den Adligen und Geistlichen. Und zum fünften soll jeglicher sein Holz umsonst in den Wäldern holen dürfen, die nicht verkauft sind. Was sagst du dazu?« Jörg hatte unterdessen lustig weitergepfiffen und schien an etwas andres zu denken. Plötzlich hörte er auf, lauschte einen Augenblick, warf einen scharfen, verstohlnen Blick auf Bernhard und rief dann mit unbefangnem Ton: »Wir müssen eilen, Herr Pater!« und schlug, während er seinem eignen Tiere die Sporen eindrückte, mit einem kräftigen Gertenhieb das Pferd Bernhards, daß es laut wiehernd einen Seitensprung machte. Wie der Wind stoben die beiden Reiter nun an den Bauern vorüber, die erschrocken auf die Seite gesprungen waren. Bald standen sie vor dem Tore der Burg. Jörg rief, die Zugbrücke rasselte herab und sie ritten durch die düstere Wölbung in den Hof. Dort sprangen sie von den Pferden, die sodann mit tiefgehängten Köpfen dem Stalle zugingen. Jörg sah ihnen einen Augenblick nach und sagte dann: »'s schläft schon alles; kommt, ich will Euch in das Stüblein führen, wo der Kranke liegt. Ihr bleibt doch die Nacht bei ihm, und wenn morgen das Wetter noch nicht besser ist, bring' ich Euch selber wieder ins Kloster nach Schöntal!« Sie traten in das düstre Haus; Jörg schritt voran. In den winkligen Gängen war es todstill und finster. Sie brauchten lang; bald ging's hinauf, bald herab; endlich sagte der Landsknecht: »So, hier ist die Türenschnalle! Noch ein wenig weiter zu mir her; Habt Ihr sie? 's ist schon ein Lämplein drinnen. So! Gut' Nacht derweilst!« Nach diesen Worten stolperte er den Gang zurück, während Bernhard geduldig mit den Händen an der Wand hin und her fuhr, um die verborgne Klinke zu finden. Leises Murmeln und Stöhnen führte ihn endlich zu seinem Ziel. Er öffnete still und trat ein. Die kleine Kammer war von einem Lämplein, das an der Wand über der halbzerbrochnen Bettstatt hing, matt erleuchtet; an der Decke schwebten die grauen, staubigen Netze der Spinnen und eine schwarze Maus haschte raschelnd in einen Bund faulen Strohs, der in der Ecke lag. Auf dem harten Lager ruhte ein Alter, die Stirne mit einem weißen Tuche verbunden. Er schlief. Ein zarter, weißer Bart floß um seinen Mund und erhöhte noch die freundliche Würde seiner Züge, die nur, wenn sich ein tiefer Seufzer seiner Brust entrang, durch ein schmerzliches Zucken entstellt wurden. Seine Hand ruhte auf einem aufgeschlagnen Buche, das auf der Bettdecke lag. Bernhard blieb stehn, er wollte den Schlummernden in seiner Ruhe nicht stören; aber ein sonderbares Gefühl ergriff ihn beim Anblick dieses stillen Greises. »O, 's ist hart,« sagte er leise, »so allein zu sein!« Plötzlich regte sich der Kranke. Seine Lippen murmelten, wie im Schlafe, unverständliche Töne. Immer unruhiger warf er sich hin und her, ohne zu erwachen; immer lauter und deutlicher wurden seine Worte. Der Mönch stand von tiefem Mitleid ergriffen am Lager des Fiebernden und lauschte. »Nein, niemals! Gib mir Kraft, o Gott im Himmel!« rief jener mit dumpfer, heftiger Stimme. »O, meine Kinder! – Gebt sie her; ich flehe euch auf den Knien an! – Wollt ihr mir das Herz aus dem Leibe reißen? – O Gott, ich schwöre, ich schwöre!« – Und der Kranke hob dabei drei Finger in die Höhe und rief mit wimmerndem Tone, der bald in ein lautes Geheul ausbrach: »Bei Gott dem Allmächtigen, Allgegenwärtigen und Heiligen, der in das Verborgne sieht, schwör' ich, – –w helft mir, ich schwöre, – daß mein Glaube Lüge ist und eine Ausgeburt der Hölle, – – o, meine Kinder! – und wer ihn erfunden hat, war ein Teufel, hu! – – Weiter schwör' ich bei dem allwissenden und gerechten Gott, wenn ich je wieder umkehre zu dieser Ketzerei der Hölle, dann – dann soll mein Leib und meine Seele schmachten durch alle Ewigkeit – im Pfuhl der Hölle – zertreten von den Teufeln – zerrissen von den Krallen des Satans – hu, wie heiß, wie heiß! – Bernhard, komm, Bernhard! – haut sie ab, um Gottes willen haut sie ab, die Finger! – Wasser! Nur einen Tropfen! Zertreten von den Teufeln! – Dort, dort kommt einer! O Gott! – Weiche von mir! Fort, weißer Satan! Weiche von mir! Was willst du von mir? – Wie die Finger brennen! – Weg, weg von mir! – O Gott, fort mit dir!« Der Alte hatte sich rasch aufgerafft, faßte das Buch und schleuderte es wütend gegen Bernhard. Es flog an die Wand; der Mönch stürzte erschrocken herbei und der taumelnde Greis sank mit einem wimmernden Schluchzen an seine Brust. Lange hielt er ihn so und seine Tränen flossen auf die blutige Stirnbinde herab. Man hörte nichts mehr als das tiefe Atmen des Alten. Endlich kam der Kranke wieder zu sich und schlug ruhig und freundlich die Augen auf. Dieser Blick drang Bernhard durch Mark und Bein. Er wußte selbst nicht, wie und warum: – aber eine Ahnung, die ihn schon beim ersten Anblick ergriffen hatte, durchzuckte ihn immer heller und bestimmter. Er wußte ja, wer sein Vater gewesen war, wie er selbst heiße, wie er in das Kloster gekommen war; dies alles hatte ihm der alte Schäfer der Abtei einmal insgeheim erzählt. Der Kranke zeigte jetzt stumm auf das Buch, das am Boden lag. Bernhard brachte es herbei. Die abgemagerten Finger des bemitleidenswerten Mannes deuteten zitternd auf das Titelblatt Dort stand in großen, roten Buchstaben: »Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments« und unten halbverwischt: »Immanuel Puschka«. Mit einem Schrei stürzte Bernhard in die Arme seines – Vaters! »Und wo ist mein Bruder?« rief er nach einer langen, schmerzlichsüßen Weile. »Tot!« erwiderte der alte Puschka, dem allmählich das klare Bewußtsein zurückkehrte; »tot! Sonst hätte er seinen kranken, seinen sterbenden Vater nicht verlassen! Nie und nimmer! Ich wollte dich suchen, teurer Bernhard, und zog mit den Kaufleuten in diese Gegend. Ich fand dich und verlor Rudolf. Aber wie Gott will! Ich werde auch ihn bald, bald wiederfinden! Und weißt du auch, wie du von ihm und von mir bist hinweggerissen worden?« »Ich weiß alles,« versetzte Bernhard; »o Vater!« »Aber das weißt du nicht,« sprach der Greis, mit verklärtem Lächeln, »daß ich versöhnt bin mit dem, der mich richten wird. Ich habe ein schweres, schmerzvolles Leben durchgerungen und das hat mich gereinigt und geläutert. Nun ist's zu Ende. Und wenn auch manchmal noch ein böser Traum mich schrecken will: – er kommt nur, um mir immer und immer wieder zuzurufen: ›Sei fröhlich und getrost, dein Erlöser lebt!‹« »Gott sei gelobt!« rief Bernhard aus tiefstem Herzen und wie ein Stein fiel's ihm von seiner Brust. »Nun denn,« fuhr der Sterbende fort, »du kamst, um einem, den du nicht kanntest, in das Jenseits die letzte Wegzehrung zu geben. Tue das jetzt deinem sterbenden Vater; ich werde den Morgen nimmer sehen. Gib mir jetzt, ich bitte dich, Bernhard, mein Sohn, mein Sohn! – gib mir jetzt das Mahl unsres teuern Heilands, daß ich ruhig hinüberziehen möge zu ihm!« Bernhard zauderte. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne; sein Herz klopfte heftig. – – »Du willst nicht? Du willst nicht, daß ein Ketzer die heilige Hostie entweihte? Du darfst mir nicht das Blut meines Erlösers reichen? O das ist bitter, das ist hart!« »Ich will,« rief nach einer Pause der Mönch freudig; »ja, ich will! Hat doch er selbst seinen Leib für den Schächer am Kreuz hingegeben!« Die heilige Handlung ging still vorüber. Der Hussite küßte seine Bibel; es ward ihm wunderbar leicht. Er raffte sich auf und las manchen Spruch aus dem Buch der Bücher, und Bernhard, welcher, mit dem Antlitz auf den gefalteten Händen liegend, vor dem Lager kniete, war es, als ob ein Stern um den andern am nächtlichen Himmel aufginge, um ihm den düstern Pfad, auf dem er Gott und die Erlösung gesucht hatte, zu erleuchten. So, in stiller Seligkeit, ging die Nacht vorüber und durch das kleine Fenster graute der Morgen. Da wurde plötzlich die Stimme des Alten schwächer; die Hand, welche das Buch gehalten, sank herab und er schwieg. »Vater, gehst du jetzt?« sagte Bernhard und richtete den tränenden Blick freundlich zu ihm empor. »Heim, ja heim,« lispelte der Greis, »und der Herr wird auch dich führen; das weiß ich, du teures, verlornes Kind, daß auch du die Heimat findest. – Ich weiß, daß mein Erlöser lebt! Komm, du Gnadensonne!« Er richtete sich mit der letzten Anstrengung auf und die Sonne, die eben in goldner Pracht emporstieg, schien ihm hell in das verklärte Auge. Noch ein Seufzer, – dann sank er langsam, von den Armen seines Sohnes aufgefangen, in das Kissen zurück. »Schlaf wohl, lieber Vater!« sagte Bernhard, und keine Träne netzte mehr seine Wangen; »in einer Nacht gefunden und verloren! 's ist herb und süß! Aber verloren? Nein, verloren nicht!« Mit diesen Worten nahm er ihm sanft die Bibel aus seiner Hand und drückte ihm die Augen zu. Ein heißer Kuß auf die kalten, bleichen Lippen, dann noch ein Blick – und er schloß die Tür des stillen Totenkämmerleins hinter sich; denn die Pflicht rief ihn ins Kloster zurück. Als er den Schloßhof durchschritt, führte eben Jörg die Pferde zur Tränke. »Guten Morgen, Herr Pater!« rief er ihm entgegen; »nun, ich brauch' Euch heute nicht heimzuführen; das Wetter ist ja herrlich geworden! Ist er gestorben?« »Ja, er ist tot!« versetzte der Mönch. »Er dauert mich recht; 's ist schad um ihn«, rief der Knecht; »ich hab' ihn eben auch gar zu grob hinter die Ohren geschlagen.« »Sorgt ihm für ein ehrliches Begräbnis, Jörg«, sagte Bernhard, indem er mit Mühe ein Gefühl gegen den Mörder seines Vaters niederrang, das ihm in Anbetracht der Umstände denn doch ungerecht dünkte. »Soll schon geschehen! Gehabt Euch wohl, Herr Pater!« rief ihm jener nach und der Mönch schritt schweigend seines Weges dem Kloster zu. – –   Es war am Abend des ereignisvollen Tags. Im stillen Kämmerlein schlummerte der Tote und durch die Gänge und auf dem Hof erschallten die frohen Lieder der Kriegsknechte, die sich des reichen Fanges freuten und auf das Wohl ihres Herrn gar manchen Humpen leerten. Die Zugbrücke war, wie immer bei Tage, herabgelassen und nur eine Wache stand auf derselben, die blanke Hellebarde nachlässig im Arm. Man sah's dem Menschen wohl an, wie wenig ihm heute das einsame Wachestehn behagte, während drinnen seine Kameraden jubelten. Er blickte manchmal verdrießlich zum Mond hinauf, dessen weiße Scheibe soeben über dem waldigen Berg des nahen Stolzenhofs aufging. Er tat es weniger ohne Zweifel, um sich an solcher himmlischen Schönheit zu erfreuen, als vielmehr, um daran den Fortschritt der Nacht zu ermessen, die ihn mit dem Aufziehen der Zugbrücke von seinem lästigen Posten erlösen sollte. Es war niemand anders als Jörg, Götzens »bravster Reitersknecht«, welchen Ehrentitel er sich seit gestern früh so oft als möglich beizulegen bestrebte. Seine nüchterne Mondsbeobachtung hätte wohl noch lange fortgedauert, wenn nicht ein Geräusch in den Büschen, die sich längs des Grabens bis zur Brücke hinzogen, seine Aufmerksamkeit dorthin gewendet hätte. »Ein Überfall!« dachte der brave Bursche und setzte sich flugs in Positur, Alarm zu schlagen. Doch besann er sich noch eines Bessern und fürchtete: das leichte Geräusch könnte wohl gar am Ende von einem harmlosen, unschuldigen Häslein oder dergleichen herrühren und dann sein eignes Gelärm höchst entbehrlich und lächerlich erscheinen. Aber wiederum raschelt's, es wird doch immer bedenklicher; es ist, als schleiche jemand der Brücke zu. Jörg faßte die Hellebarde und stach dem gefährlichen heranrauschenden Ding auf gut Glück entgegen. Da biegen sich die letzten Zweige zurück. »Ha, willst du die Burg überfallen, Blitzkerl?« schrie der Landsknecht und stemmte den Spieß in die Hüften. »Still, still! Ums Himmels willen still!« rief der andre und trat vollends hervor. Es war ein Jüngling von schönem, kräftigem Wuchs; unter einer Binde hervor träufelte dickes Blut über die blonden Locken, die ihm bis auf die Schultern herabreichten. In seiner Hand hielt er einen zerbrochnen, gleichfalls mit Blut überzognen Degen. Sein weißes Koller, die weiten Pumphosen, alles war mit Blut überströmt und seine bleichen Wangen zeigten deutlich genug, daß es kein fremdes war. Jörg starrte ihn einen Augenblick an, dann rief er erstaunt: »Blitz, Hagel, du bist's? Sapperlot, mach, daß du fortkommst! Da wohnt ja der Götz! Willst vom Regen in die Dachtrauf'?« »Habt ihr meinen Vater noch?« fragte der Fremde. »War's dein Vater? Ja, den haben wir noch,« sagte der Landsknecht leiser; »geh, geh, du dauerst mich!« »Ist er verwundet? schwer?« drängte der andre heftig. »Maustot! Maustot!« rief Jörg herzlich traurig; »aber jetzt mach, daß du fortkommst! Du bist ein braver Kerl! Himmel, den Sickingischen durchbrennen, die dich heimführen sollten! Dein Vater ist maustot; geh doch, geh!« »Ich muß ihn sehen, ich muß!« rief der Jüngling; »laß mich hinein und wenn mich der Götz mein Lebtag in sein Verließ würfe!« »Sei kein Narr,« ermahnte Jörg; »dein Vater sieht aus wie andre Tote auch. Ich will ihm deinen letzten Gruß bringen, wenn wir ihn dort hinuntertragen auf den Kirchhof. Aber jetzt mach, daß du fortkommst!« »Laß mich hinein, Kamerad!« sagte der junge Kriegsmann innig und trat auf Jörg zu; »laß mich!« »Nun, wenn du mit Teufelsgewalt dein Unglück willst,« brummte der Landsknecht, – »wir haben uns genug gebalgt; ich will dir jetzt einmal auch was zu Gefallen tun, So komm! Aber leis, sag' ich dir!« Sie schlichen über die Brücke. Jörg ließ, da keine Gefahr vorhanden war, seine Hellebarde für sich Wache stehn. Im Hof war noch immer ein tolles Treiben. Ein helles, hochaufflackerndes Feuer warf sein zuckendes Rot auf die düstern Gebäude, die den wilden Lärm staunend anzusehen schienen. Die Sickingischen und die Götzischen Krieger suchten sich im Jubeln und Trinken zu überbieten und verpraßten wetteifernd die Güter der beraubten Handelsleute. Jörg warf nur einen scheuen Blick auf seine fröhlichen Kameraden und huschte dann in ein Pförtlein, das er schnell wieder verschloß. Treppauf, treppab ging's in den finstern Gängen; nur selten warf der Mond seinen matten Strahl durch ein kleines, von Menschen und Spinnen festvergittertes Fensterlein und zeichnete auf der gegenüberliegenden Wand ein feucht und grünlich schimmerndes Viereck ab. Und wenn dann die zwei vorüberschritten, seufzte ihnen wohl auch aus der Nische eine glotzende Eule entgegen oder flatterten etliche Fledermäuse spielend um die Eisenstäbe. Eine enge, steile Wendeltreppe führte sie jetzt nochmals hinauf und sie standen an ihrem Ziel. »Da drinnen liegt er,« sagte Jörg, »heut' ist kein Lämplein mehr drinnen. Du brauchst's auch nicht, der Mond scheint ja, und wenn du für ihn beten willst, – ich will dich nicht stören; in einer halben Stunde hol' ich dich wieder ab. Aber mach' keinen Lärm, hörst du?« Der Jüngling war schon hineingeschlüpft und an dem Lager niedergesunken. Er warf nur einen schmerzvollen Blick auf das bleiche Antlitz des Greises, dessen Lippen sich im zitternden Mondstrahl wie im Traume zu bewegen schienen. Dann barg er sein Gesicht in dem rauhen Kissen, auf dem sein Vater lag, und erstickte den schluchzenden Seufzer, der sich seiner Brust entrang. Endlich erhob er sich und sagte leise: »Du kannst mir deinen Segen nicht mehr geben, teurer Vater, aber ich hab' ihn gewiß; das weiß ich wohl. Gib mir noch dein letztes, heiligstes Gut auf Erden, dann muß es sein!« Er warf einen forschenden Blick auf das Bett; er lüftete das Kissen; er sah unter die Bettstatt; immer ängstlicher wurde sein Suchen, immer heftiger prägte sich die bange, erwartungsvolle Furcht auf den gespannten Gesichtszügen des Jünglings aus. »Es ist fort! Es ist geraubt, gestohlen!« rief er verzweifelt, nachdem alle seine Forschungen vergeblich gewesen waren. »O Gott, willst du mir denn gar nichts lassen? Willst du mir alles, alles nehmen mit dem geliebten Vater? O Vater, wie soll dein Kind ohne dich, ohne das Wort, das dich geführt hat, die rauhe Straße seines Lebens gehn?« In diesem Augenblick trat Jörg wieder ein. Rudolf schwieg plötzlich und starrte ihn finster an. »Sei doch still, Narr!« flüsterte der Landsknecht nach seiner Art; »aber eil' dich jetzt; du mußt fort! Jeden Augenblick kann die Zugbrücke aufgezogen werden; dann bist du schön in der Falle! Schnell, schnell!« »War jemand bei ihm, als er starb, mein guter Vater?« fragte Rudolf und warf nochmals einen Blick in die Kammer zurück. »Kein Mensch,« erwiderte Jörg, »als der bravste Zisterzienser, der je in unserm Kloster Messe gelesen!« »Ein Mönch, ein Mönch?« murmelte Rudolf und biß dabei die Lippen zusammen; »armer Vater!« Dann blieb er einen Augenblick nachdenklich stehn, und als er weiterging, klirrten seine Sporen und sein schwerer Reiterstiefel trat fest und sicher auf das Steinpflaster, daß es weithin durch den stillen Gang hallte. »Still doch!« rief Jörg erschrocken, »willst du mich und dich ins Unglück bringen?« Aber Rudolf gab keine Antwort und schritt weiter. Als sie am Pförtlein angekommen, durch das sie vorhin in den Gang gelangt, riß er es auf, daß die rostigen Angeln laut pfiffen, und trat mitten in den Kreis der fröhlichen Knechte. Vom Wein erhitzt begrüßten diese den Unbekannten jubelnd und drängten sich um ihn her mit den vollen Humpen, um ihm lachend zuzutrinken. »Wo ist Euer Herr?« fragte er endlich einen der lustigen Zecher. »Dort steht er!« sagte der Reiter und deutete in den tiefen Schatten eines Gebäudes. Rudolf trat näher. Zwei Gestalten standen dort mit verschränkten Armen und sahen stumm in das lärmende Gewühl. »Ich möchte gern in Euern Dienst treten, edler Ritter von Berlichingen!« sagte der Jüngling, als er nahe genug war, indem er sich rasch aufs Geratewohl an den einen wandte. »Kannst du reiten?« fragte jener kurz und maß ihn mit scharfen Blicken. »Ja!« versetzte Rudolf unbefangen, »und ich begehr' keinen Lohn; ein andrer Grund treibt mich in Eure Dienste. Nehmt mich, ich bitte.« »Du hast geblutet?« fragte Götz. »Ich hab' mit einem Eurer Landsknechte nähere Bekanntschaft gemacht im Harthäuser Wald; Jörg heißt er.« »Wie kommst du hierher, Bursche?« sagte Sickingen, der ihn bisher schweigend betrachtet hatte. »Bist du mir durchgebrannt? Aber ich will dir's verzeihn, wenn du zum Götzen willst. – Götz, nimm ihn; ich kenn' ihn seit gestern wohl, er ficht wie ein angeschoßner Eber.« »So geh zu den andern,« sagte Berlichingen, indem er sich zu Rudolf wandte, »und sag' ihnen, du seist ihr Kamerad!« Rudolf verbeugte sich dankend und schritt dem Feuer zu. Der erste, der ihm jubelnd die Hand drückte, war Jörg, des Götzen »bravster Reitersknecht«. III. 's war am letzten Weihnachtsfeiertag 1524. Im Ochsen zu Ballenberg war es gedrängt voll. Die heiße, dumpfige Wirtsstube hatte jedoch heute ein ganz andres Aussehen als sonst. Früher, wenn sie sich füllte und die armen Bauern ihr Elend im Wein ersäufen wollten, stellte sich der lustige Wirt, der überall bekannte Metzler, unter den Pfeiler, der sich in der Mitte der Stube erhob, und fing an, seine Geschichtchen zu erzählen, denen immer ein schallendes Gelächter folgte, und wenn manchmal unter den lustigen Schnurren, wie von ungefähr, ein bittres, beißendes Wort über den Jammer und die Not der Zeit seinen Lippen entfloh, murmelte es die vier langen Eichentische hinauf und hinab und mancher spülte einen wilden Fluch mit einem kräftigen Zuge wieder 'nunter. Heute war es ganz anders. Kein solches Gelächter ertönte heute mehr. Tief über die Tische gelehnt streckten die Bauern ihre Köpfe zusammen; ein einförmiges Tosen erfüllte die Stube. Metzler stand nicht an seinem Posten unter dem Pfeiler; im düstern Hintergrunde saß er an einem kleinen Tischchen, mit zwei andern Bauern in eifrigem Gespräch begriffen. Vor ihm lag eine Schrift, in welche er manchmal hineinsah, und die er bald dem Nächstsitzenden mit einem bedeutsamen Blick überreichte, bald an den andern Tisch hinübergab, wo sich alle Hände, wie nach einem Schatz, danach ausstreckten, um sie aufzufangen. Das häufige: »Ochsenwirt, einen Schoppen!« das ihm sonst immer ein freundliches Lächeln abgewonnen hatte, rief jetzt nur eine unwillige Gebärde bei ihm hervor und er suchte so schnell als möglich wieder an seinen Platz zurückzukommen. Eben war er wieder von einem klopfenden Gast abgerufen worden, und der eine seiner vertrauteren Freunde, ein ernster Graukopf, stützte nachdenklich seinen kahlen Schädel in die Hand, während der andre in jugendlicher Ungeduld unmutig den Alten beobachtete. Metzler kehrte zurück und setzte sich. »Sei kein Narr, Schäfer,« flüsterte er dringend, »ich bitt' dich, sei kein Narr! denn sieh, was du tust, tun alle Kessacher in deinem Ort. Um dich allein ist's uns nicht, aber das ganze Dorf –, nein, Schäfer, du wirst uns nicht so das Spiel verderben wollen!« »Ich tu', was recht ist,« sagte der Schäfer trocken; »verraten werd' ich euch nicht, das wißt ihr; aber sonst kann mich niemand zwingen, und die Kessacher tun auch, was sie wollen!« »Das Ding geht doch seinen gewissen Gang, ob die Kessacher mittun oder nicht«, sagte der jüngste von den dreien; »Schäfer, ich würd' mich nicht so lange wehren.« »Und« – fuhr Metzler fort; »sag selbst, sind die Artikel nicht recht? Du sagst ja nichts gegen sie, und was wollen wir denn anders? Nein, Jakob, man könnt' keine schönern machen; das sag' ich, und wer's nicht mit sagt, der – –« »Wenn's bei den Artikeln blieb,« unterbrach ihn der Alte, »dann sagt' ich gleich Ja und Amen, aber man weiß, wie's geht. Zuerst wollen sie immer, was recht ist, aber dann! Die Bauern sind Hunde, wenn die Ritter und Pfaffen der Herr sind, aber wenn sie selber das Heft in die Hand kriegen, dann sind's Wölfe; das weiß ich so gewiß, als ich Schäfer bin seit meinem zehnten Jahr!« »Nun,« sagte Metzler und biß sich in die Lippen, »so halt's wenigstens mit uns, so lange wir nichts weiter wollen als die Artikel! Willst?« »Das hab' ich immer gewollt;« entgegnete Jakob; »in Gottes Namen! da hast du meine Hand drauf; so lang halt' ich zu euch, bis ihr selbst die Artikel brecht!« Sie schüttelten sich kräftig die Hände und Metzler fuhr fort: »Du mußt wissen, Jakob, unsre Sach' ist nicht von gestern her und es sind nicht bloß verlumpte Bauern dabei, und der Aufruhr geht bald überall los; man weiß nur noch nicht, wann? Jetzt wir, in unsrer Gegend, müssen zuerst über Kloster Schöntal her und das Pfaffennest ausheben!« »Das Kloster?« rief der Schäfer. »Ja, das Kloster!« rief der Wirt bestimmt, »und wohlverstanden: du mußt dabei das meiste helfen; das muß sein!« »Muß?« fragte Jakob; »muß! Wenn man dem Teufel den kleinen Finger bietet, nimmt er gleich die ganze Hand. 's ist ein altes Sprichwort und ich hätt' früher daran denken können.« »Willst du schon beim ersten nimmer, was du tun sollst?« sprach Metzler mit verhaltnem Zorn. »Ist das gegen die Artikel?« »Gegen die Artikel nicht, aber gegen mein Gewissen«, versetzte der Alte. »Die Mönche haben mich zum Klosterschäfer gemacht; sie haben mir mein Brot gegeben, und viele haben mich gern gehabt, weil ich ihnen manchmal ein Wörtlein Wahrheit sag', und haben mich oft ins Kloster gelassen. Ich verrat' euch nicht, aber die Klosterleute auch nicht; das kann niemand verlangen; das hab' ich auch nicht versprochen; zum Spionieren bin ich noch zu ehrlich!« Metzler schwieg und sah ingrimmig vor sich hin. Da fuhr plötzlich Andres auf, der bis jetzt schweigend dagesessen und rief: »Braucht dich auch kein Mensch, du grauer Tropf, du! Horch, Metzler, jag' den Alten hinaus und ich will dir eine Geschichte erzählen, die uns aus der Klemme hilft, besser als alle Schäfer von Kessach!« Jakob wollte aufstehn, aber Metzler hielt ihn begütigend zurück. »Bleib«, sagte er; »'s ist ein Brauskopf, er meint's nicht so bös! Nun, wie heißt die Geschichte? Frisch heraus! Ein guter Rat ist drei Batzen wert.« Andres rückte seinen Stuhl näher an Metzler heran und sagte: »Am heiligen Abend, letzthin, geh' ich in den Storchenwald; du weißt ja, der liegt nicht weit von Rossach und bei Kloster Schöntal; dort will ich mir ein paar Äste holen für einen warmen Ofen zu Weihnachten, – tapp' so im Wald herum und merk' nicht, daß es schon Abend wird, bis ich auf einmal das Gemäuer vom Storchenturm durch die grauen Äste seh'. Blitz, denk' ich, jetzt bist du schon so weit, jetzt mußt du doch auch ein bißchen auf das Kloster hinuntergucken. Geh' also vollends aus dem Wald hinaus und schau' mich um. Da liegt's und hat sich ganz behaglich in den Schnee hineingebettet. Wir wollen's aufwecken! denk' ich und dreh' mich um. Fünfzig Schritt vor mir steht der neue Wartturm und unten an der Türe – da sind zwei Landsknechte und schwatzen miteinander. Zuerst meint' ich, sie hätten Händel; denn der eine besonders ist wie wütig und deutet immer auf das Kloster hinunter, und wie ich näher hinseh', ist der zweite einer mit Namen Jörg, den ich wohl kenne, und er ist eine recht gute Haut; das muß man sagen; den andern kannt' ich nicht. Mit denen kannst du schon ein Wort reden! denk' ich und geh' hin. Wie sie mich kommen sehen, werden sie auf einmal still. Ich sag': Guten Abend! und der Jörg weiß dann allemal gleich was zu schwatzen. Er kennt die Artikel auswendig, alle zwölf, und hält's mit Haut und Haar mit den Bauern; aber ich hab' dem andern nicht getraut und zwink' nur so mit den Augen, daß er wohl merkt, was ich meine. Da sagt er: ›Brauchst keine Angst zu haben, Andres; der ist einer von den Unsern, noch viel mehr als wir beide zusammen, und das Kloster da drunten ist sein Freund auch nicht!‹ Da laß ich meine Zung' laufen und erzähl' den beiden die Geschichte vom Kaspar Reiter in Gommersdorf, daß ihnen die Galle überläuft; Blitz noch einmal!« »Die Geschichte hab' ich noch nicht gehört«, sagte Metzler; »'s gibt so viele Geschichten, bei denen einem die Galle überläuft; man achtet nimmer drauf. Aber wenn du willst –« »Recht gern,« erwiderte Andres, »'s ist eben wieder eine, bei der der alte Klosterschäfer den Kopf schütteln wird, das weiß ich schon, und denkt: »'s ist eigentlich doch besser, als es die Bauern machen, wenn sie Wölfe wären; ha, ha! Ja, Wölfe wären! Da möcht' man ein Drach' werden, oder ein Krokodil, sag' ich. Also: – Vergangnen Sommer, da lebt' in Gommersdorf der bravste, ehrlichste Kerl, den's gibt, und der war der Kaspar Reiter. Ich kannt' ihn wohl, denn ich komm' all Sonntag nach Gommersdorf zu meiner Schwester Mann, dem Bierbrauer. Er hat eine kleine Familie gehabt, seinen alten, blinden Vater, den er wie ein kleines Kind gepflegt und für den wär' er durchs Feuer gegangen, und einen netten, lustigen Buben von fünf Jahren, den ihm sein Weib gelassen, wie sie an seinem Geburtstag gestorben ist. Und mit den zween hat er gehaust schon seit langer Zeit. Auch hatt' er ein paar Morgen Land, das prächtigste in der ganzen Gommersdorfer Markung, und man hat ihn oft scheel drum angesehen. Der fette, fruchtbare Boden hat keinen einzigen Fehler, aber seine Lag' ist schlimm und dies hat dem Kaspar viel Herzleid gemacht. Nicht, daß die Sonne nicht hingescheint, das wär' alles gut; aber die Nachbarschaft, ja die Nachbarschaft ist um so böser; denn von drei Seiten stoßt er an Klosterweinberge und an der vierten lauft der Wald hin, der dem von Merchingen gehört. Da war's freilich übel wohnen; denn bei Tag ließen ihm die Pfaffen keine Ruh', die das Stück Acker wollten, um auch einen Weinberg daraus zu machen, und bei Nacht ist das Wild gekommen aus dem Gebüsch und hat die schönste Frucht gefressen, und der Kaspar konnt' nichts machen, als Gott danken, wenn ihm noch ein bißchen übrigblieb zum Selberessen. Und so ging's fort bis zum letzten Sommer. Da steht dem Kaspar seine Frucht wieder wie auf Stelzen und's hat jedermann seine Freude dran und am meisten der Kaspar selber. Wie er nun wieder einmal an einem Abend danach sehen will und die Bergstaffel hinausgeht, sieht er, daß fast die Hälfte seines Roggens nicht mehr so hoch steht als sonst. Zuerst meint er, der Roggen hab' sich gelegt vom Regen; wie er aber näher kommt, sieht er wohl, daß alles rump und stump abgefressen ist und zertreten vom Hochwild. Das war ihm ein Schrecken, ihr könnt's euch denken. und er geht recht traurig wieder den Berg hinunter. Wie er drunten ist, kommt gerad' ein Mönch aus dem Weinberg und stellt ihn. ›Ach!‹ sagt die heimtückische Katz', »'s ist recht schad' um Euern schönen Kernen, Reiter! Ihr dauert mich recht!‹ – Der Kaspar hält's Maul, denn er traut von vornherein nicht. ›Wißt Ihr was?‹ sagt dann der Mönch, ›wenn ich an Eurer Stell' wär und den Weinberg nicht hergeben wollt, ich würd' mich nicht so lang um nichts und aber nichts abschinden und dem unverschämten Vieh einmal ein festes auf die Nase schlagen, daß es nicht so bald wiederkäm'.‹ Und da trennt sich der Weg und der Mönch geht seiner Straß' weiter nach Schöntal, und der Kaspar geht heim nach Gommersdorf und hat viel unterwegs gedacht. Wie er heimkommt, hat er düstre Wolken um seine Stirn', aber sein blinder Vater hat's nicht gemerkt und seinen kleinen Buben hat er zornig weggestoßen, wie der ihm die Hand geben wollt' zum Gruß. Dann sagt er: er müßt' noch einen Gang machen nach Bieringen, nimmt seinen Spieß aus der Ecke – er ist auch einmal Landsknecht gewesen – und geht fort. Und wie er hinaus auf das Feld kommt, ist's schon Nacht, aber 's ist lichter Mondschein und er sieht ein ganzes Rudel Hirsche, die bis an die Brust in der hohen Frucht stehn und fressen. Da schleicht er leis hinauf, stellt sich unter den nächsten Baum und schleudert seinen Spieß, daß er einem der Hirsche tief in den Rücken fährt. Der stürzt mit einem Schrei zusammen und die andern springen in hohen Sätzen nach dem Wald zurück. Kaspar tritt jetzt hinter dem Baum hervor und will den Hirsch in den Wald schleppen; denn er wollt' kein Fleisch stehlen, sondern nur seine Frucht schützen und die andern Hirsche schrecken. Aber kaum ist er ein paar Schritt' gegangen, so knallt's hinter ihm und ein Stich fährt ihm durch die Brust, und er hört nur noch, wie der Widerhall sich das Tal hinauf und hinabwälzt; dann sinkt er mit einem leisen Röcheln neben dem Hirsch zu Boden und sein Blut läuft warm aus der tiefen Wunde.« »Das hat der von Merchingen getan, der Teufel!« rief Metzler, »dem wollen wir's eintränken!« »Oder sein Jäger, der Heinrich, der immer im Kloster steckt!« sagte ein andrer. »Nur Geduld!« fuhr Andres fort. »Wie der arme Kaspar nach langer Zeit wieder die Augen aufschlägt und sich umsieht, ist's noch immer Nacht und er liegt am Waldsaum auf weichem Moos und vor ihm kniet ein Mönch, ein Zisterzienser, und hat den Rosenkranz in der Hand. Kaum sieht er, daß der Reiter wieder aufwacht, so sagt er: ›Reiter, du mußt jetzt sterben. Ich bin da unten vorbeigegangen und hab' einer armen Seel' den letzten Dienst erwiesen, da hört' ich dich röcheln und bin herauf. Nun will ich dir auch den Weg leichter machen, wenn du Buße tust und deinen Frevel wieder gutmachst.‹ ›Buße tun‹, sagte der Kaspar, ›das will ich gern; aber gutmachen kann ich nichts, denn gegen Menschen hab' ich nicht gesündigt!‹ ›Was?‹ rief der Mönch, ›hast du nicht einen schrecklichen Frevel begangen gegen den Ritter von Merchingen? Willst du es schon wieder vergessen? Willst du diese Schuld mit hinübernehmen vor den ewigen Richterthron? Sieh, der Herr ist gnädig und ich bin sein mildester Diener. Gib diesen Acker, der laut von deiner Sünde zeugt und der dir einmal das Fegefeuer heißer machen könnt', als es für sieben Ketzer nötig ist, – gib ihn dem Kloster, daß er hinfort im frommen Dienst der Geistlichen gesühnt wird und du ruhig kannst hinübergehn.‹ – ›Nein, das tu' ich nicht!‹ rief der Kaspar im Sterben, ›das darf ich nicht tun! Ich hab' einen blinden Vater zu Haus und ein armes Kind; sollen die verhungern?‹ – ›Mit nichten‹, meint der Pfaff in heuchlerischer Freundlichkeit; ›sie werden ihr Brot immerhin finden. Gott läßt niemand zugrunde gehn; aber deine Seele muß dahinfahren, wenn du nicht als ein gehorsamer Sohn der Kirche, unsrer heiligen Kirche, den Geist aufgibst. Folg' mir, ich beschwöre dich; denn nur so kann ich dich aus den Krallen des Teufels erretten; nur so darf ich dich absolvieren von allen deinen Sünden!‹ Dann schwatzte der Pfaff noch lang so fort, aber der Kaspar wollt' eben nicht. Er wehrt sich mit allen Kräften, und der Mönch mocht' ihm die Hölle noch so heiß machen, immer ist seine Antwort: ›Meinen blinden Vater und mein Kind laß ich nicht verhungern. Gott sei meinen Sünden gnädig!« Da hat der Pfaff wieder einen langen Satz fertig und wartet auf die Antwort, aber diesmal bleibt sie aus. Der Kaspar ist tot. Und der fromme Beichtvater wirft einen grimmigen Blick auf die Leiche und sieht dann auf, aber nicht zum Himmel, das hat er seit langer Zeit nimmer in Gewohnheit gehabt, sondern nur an die nächste Eiche, wo der Jäger trotzig auf der Büchse lehnt und dasteht und heruntersieht, als lieg' ein verreckter Has' zu seinen Füßen. ›Da haben wir's!‹ ruft der Mönch; ›da liegt der alte Sünder und ist maustot und uns hat's einen Bettel geholfen!‹ ›Pah!‹ lacht der Heinrich, ›gebt mir ein paar Pfund Heller weiter, dann könnt Ihr sagen, was Ihr wollt; ich bin immer Zeuge!‹ ›Du bist ein Teufelskerl!‹ schreit der Pater froh, ›geht's so nicht, bringen wir's anders zu End'! 's ist ja fürs Kloster und nicht für uns; das mag auch die Sünde verantworten. Auf das Geld kannst du dich verlassen, aber schweigen mußt du wie ein Stein, das sag' ich dir, sonst – –‹ ›Geschwätz!‹ ruft der Jäger, ›da könnt Ihr ruhig sein; ich red' mich nicht um den Hals und kann noch ganz andre Sachen verschweigen.‹ Die beiden saubern Gesellen nehmen jetzt den toten Waldfrevler und tragen ihn auf den Weg hinunter und haben ihn von dort heimgeschleppt. Was sagst du dazu, Metzler?« »Der Heinrich ist der Leibhaftige!« entgegnete der Wirt, »das sag' ich und's wär kein Wunder, wenn man da einmal ein Wolf würd', Jakob! Der Teufel würd's!« »Der Teufel? Ja, Teufel! Da müßt' es viel' Teufel geben unter uns!« lachte Andres bitter und fuhr dann fort: »Die Woch' drauf ist der Roggen auf des Kaspars Acker abgemäht worden und man hat ein großes Feuer davon gemacht, weil die Klosterleute das Korn nicht gewollt von einem Feld, darauf eine solche Sünde sei begangen worden. Und jetzt sind junge Rebstöcke hineingesetzt, und wenn der Wein, den sie daraus machen, nicht Blut wird, pures, rotes Blut, so gibt's keinen Herrgott mehr im Himmel. Aber meine Geschicht' ist noch nicht aus.« »Vor vier Wochen wollt' der Schöntaler Abt nach Mergentheim fahren und einen andern Abt besuchen. Wie da seine vierspännige Kaross' über Marlach hinausfährt, hört er im Graben an der Straß' ein Gewimmer und Gewinsel. Er macht Halt, und weil Leute in der Näh' sind, steigt er selber aus und will sehen, was es zu helfen geb', – der Pharisäer! Da tappt ein alter Mann im Graben herum, als ob er etwas suche, und nicht weit davon liegt ein kleiner Bub' im Schnee und regt sich nicht. Und wie man näher hinkommt, sieht man wohl, daß der Bub' tot ist; er hatt' auch tiefe Löcher in den kleinen Backen; drum war er eben verhungert. Der Abt fragt den Alten nach allerlei, aber der tut wie rasend und schreit und schlägt um sich, daß der mitleidige Pfaff schnell in seinen Wagen steigt und davonjagt. Das war des Kaspars Bub' gewesen und sein blinder Vater. Der Bub' ist verhungert und der Alte ist wahnsinnig geworden. Er hat's auch nimmer lang getrieben. Drei Tag' vor dem Christtag ist die Mühl' in Bieringen auf einmal stehngeblieben. Der Müller meint, es sei Eis im Rad und geht hinaus und will's aufhacken. Da findet er die Leiche des Alten in den Speichen stecken; man weiß nicht, ist der Alte nur so hineingefallen oder ist er selber ins Wasser gesprungen. Und das kommt alles daher, weil des Kaspars Acker mitten drin liegt in dem großen Klosterweinberg.« Andres schwieg. Metzler, der schon vorher aufgestanden war, eilte, die Becher der ungeduldigen Bauern wieder zu füllen. Aus den Augen des alten Schäfers glühte ein düstres Feuer und er schüttelte halb ungläubig, halb mißmutig den Kopf. »Das Kopfschütteln hab' ich einmal recht prophezeit,« sprach Andres lachend, »das übrige wird auch noch eintreffen.« »Aber sag' mir nur,« fragte Jakob, »woher du denn alles so genau wissen kannst, wie der Kaspar in selbiger Nacht gestorben ist und von dem Mönch betrogen ward. 's ist ja Nacht gewesen und kein Mensch dabei, hast du gesagt!« »Ganz einfach,« erwiderte der junge Bauer, »an selbigem Abend ist ein altes, armes Weib von Marlach – bei Tag getraut sich ja niemand – ins Holz gegangen, und wie der Schuß fällt, ist sie erschrocken herbeikommen; aber schon seien der Mönch und der Jäger bei dem ohnmächtigen Kaspar gestanden und haben ihn an den Waldsaum geschleppt; da hab' sie sich in der Angst schnell ins Gebüsch verkrochen und von dort aus hat sie alles mit angehört, was die beiden Schurken gesagt und getan. Ja, Schäfer, die Sprichwörter kehren sich eben nicht dran, ob einer arm ist oder reich, vornehm oder lumpig; da hat's eben wieder geheißen: es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen! Freilich uns hilft's vorderhand nichts, ob wir's wissen oder nicht. Der Mönch spaziert doch noch herum und der Jäger auch, und 's tut der eine grob und der andre fromm wie vorher. Aber, – aber – 's wird eine Zeit kommen, – Herrgott, 's muß anders werden! – Dann werden sie zittern und heulen wie im Fegfeuer! Nur Geduld!« »Und wenn ich dir auch die Geschicht' glaub', Andres,« sagte nun der Schäfer, »alle sind doch nicht so und unter den Bauern gibt's auch Kerl', die nicht viel besser wären. wenn sie die Macht hätten. Nein, alle sind sie nicht so! Nur zum Exempel der Bernhard –« »Respekt vor dem! « rief Andres, »ja, wenn alle so wären oder wenn er im Kloster allein hausen dürft', dann wär' alles anders und besser. Der hat doch auch Courage, wenn ein Adliger vor ihm steht. Erst letzthin ist er in Merchingen gewesen bei einem Kranken, – er kommt überall herum, – und da hat er's dem frechen Fant von dort, der nichts weiß, als Bauern schinden und Wildschwein pflegen, mitten auf der Gass' gesagt, daß er dasteht wie ein gescholtner Bub' in der Schul' und sich nicht traut die Augen aufzuschlagen. Nochmal: Respekt vor dem! Ich glaub', er hielt' gleich zu uns, wenn er unsre Artikel wüßt'!« »Das glaub' ich nicht!« sagte Jakob und sah nachdenklich auf den leeren Boden seines Glases. Metzler hatte indessen sein Geschäft beendigt und trat wieder zu den zweien. »Jetzt aber die Hauptsach', Andres!« rief er, »du hast, glaub' ich, ganz vergessen, was du eigentlich gewollt hast!« »Und das wär'?« fragte jener sich besinnend. »Ja so! – das kommt aber jetzt! Nur Geduld! Ich hab' also alles den beiden Landsknechten erzählt, und der Jörg der gute Bursch', ist ganz wütig geworden. ›Wenn das mein Herr wüßt'!‹ hat er immer geschrien, – ›aber wenn ich's ihm auch sag', – er glaubt's nicht!‹ Und der andre – der hat gar nichts gesagt, und wie ich fertig bin, dreht er sich um und pfeift in den Wald hinein. Da dacht' ich: ›du hast genug gesagt‹ und wünsch' ihnen Gutnacht. 's ist schon rabenschwarz gewesen. Im Wald drin such' ich meinen Reisachbündel, den ich dort gelassen, nehm' ihn auf die Schulter und geh' meines Wegs. Aber kaum bin ich ein Stück vorwärts, so hör' ich's hinter mir rascheln im dürren Gezweig'. Mir fällt der Kaspar ein und es rieselt mir eiskalt den Rücken hinauf. Mein Holz wollt' ich aber doch nicht wegwerfen und lauf', so schnell ich kann. Ich mocht' aber laufen, wie ich wollt', immer raschelt's hinter mir drein, wie wenn mein Schatten wär' lebendig worden und hielt sich fest an den Zweigen, um sich loszumachen von mir. Endlich wird mir's doch zu toll und ich dreh' mich um, damit ich doch einmal wüßt', wer hinter mir drein kommt. Da steht nun hart vor mir einer mit einer langen, weißen Kutte und hat die Kapuz' tief hereingezogen und aus der Kapuz' funkeln mir zwei Katzenaugen entgegen, daß ich nicht wenig erschreck'. Ihr könnt's euch denken. – ›Halt, Andres!‹ sagte der Kerl, und ich bin froh gewesen, daß er nur wenigstens etwas redet, ›halt, ich muß dir ein paar Wort' sagen, leis und geheim. Behalt' sie bei dir!‹ ›Sprecht, Herr!‹ sagt' ich und es schaudert mich durch den ganzen Leib. Da fängt er an: ›Hör', Andres, ich hab' alles gehört, was du dort mit den Landsknechten gesprochen und ich weiß noch viel mehr. Sieh, ich könnt' dich und den Metzler und alle anzeigen, daß ihr über Nacht ins Burgverlies kommt und euer Lebtag das Sonnenlicht nimmer seht. Aber ich tu's nicht, denn ich halt's mit euch. Mit Leib und Seel' gehör' ich zu euch: das sag' ich dir, weil ich dich für einen ehrlichen Kerl halt', der schweigen kann. Und ich weiß auch, daß es zuerst gegen das Kloster gehn soll. Ich will euch helfen, denn ich haß es, wenn ich gleich selber drin bin; ihr könnt euch drauf verlassen!‹ ›Aber wer seid Ihr denn?‹ bracht' ich in meiner Angst endlich heraus. Da schlug er seine Kapuz' zurück, und weil eben der Mond durch die grauen Schneewolken schien, konnt' ich sein Gesicht wohl sehen. Ich wollt' ihn jetzt gleich aus Tausenden herausfinden mit seiner scharfen Habichtsnas' und den schwarzen, funkelnden Augen. Er hat sich Bruder Robert genannt und in wenigen Augenblicken drauf ist seine weiße Kutt' in der grauen Winternacht verschwunden. Ich hab' ihm lange Zeit nachgesehen und dann dacht' ich: ich wollt' dir alles treulich berichten; denn der muß aushelfen und der tut's auch. Warum, weiß der Kuckuck; aber was kümmert uns das?« »Weißt du einen Bruder Robert im Kloster?« fragte Metzler, der gespannt zugehört hatte, den Schäfer. »Ja! seit einem Jahr ist einer da«, sagte Jakob, sich besinnend; »doch – ich komm' nimmer viel ins Kloster, ich weiß es nicht ganz gewiß.« »Du wirst uns nicht verraten, Schäfer!« bat darauf Metzler und reichte ihm die Hand über den Tisch. Der Alte schlug kräftig ein und sagte: »Verraten nie und nimmer! Aber sonst laßt mich meiner Wege gehn. Ich alter Kerl helf' euch doch nimmer viel und ihr habt ja jetzt einen zum Spionieren!« Das Gespräch zwischen Andres und Metzler wurde nun eifriger und immer leiser und geheimnisvoller. Der alte Schäfer lehnte sich nachlässig und schweigend auf seiner Bank zurück. Es wurde immer dunkler in der Stube; ein qualmender Kienspan brannte in der Mitte und von den Gästen verlor sich einer um den andern, während die Zurückgebliebnen immer näher zusammenrückten und immer heftiger stritten. Es war das auserlesenste Häuflein, das sich um den listigen Wirt von Ballenberg gesammelt hatte und ihm mit Leib und Seele verkauft war, – lauter arme, verlumpte Bauern, die nichts mehr zu verlieren hatten als das Leben. In ihren Gesichtern lag ein Zug, den ihnen das Elend aufgedrückt hatte und der sich jetzt in ein boshaft frohlockendes, schadenfrohes Lächeln verwandelt zu haben schien, das um die bleichen, eingepreßten Lippen spielte. Es war ein wüstes Bild in der finstern, qualmigen Stube. Plötzlich wurde die murmelnde Stille durch das Knarren der Tür unterbrochen. Ein Mann, in den Mantel gehüllt, den breitkrämpigen, zerknitterten Hut tief über das gebräunte Gesicht gedrückt, trat ein und ließ fragend den Blick über die halbleeren Tische laufen. Rasch und leis trat er auf Metzler zu, bückte sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Erstaunt fuhr der Wirt auf: »Was? Florian?« Dann setzte er leiser hinzu: »Und ein Mönch, sagtest du?« »Ja, Florian Geier und ein Mönch!« erwiderte der Fremde, »kommt schnell, sie wollen's in Ordnung bringen.« Metzler erhob sich und beide verließen lautlos die Stube. Der Schäfer und Andres sahen sich verwundert an. Dann stand Andres auf, trat zu den andern Bauern und mischte sich in ihr leises Gespräch, ohne sich mehr um den Alten zu kümmern. Dieser nahm aus einer Ecke seinen Hut und seinen Schäferstock, legte drei Heller, den Betrag seiner Zeche, in den leeren Becher und verließ ohne Abschied das Wirtshaus. Nachdenklich schritt er durch die stillen Gassen des Dorfes. Hie und da blickte durch die kleinen Fenster ein trauriges Licht und fiel matt an die gegenüberliegende Scheuer. Er hörte nichts als den gefrornen Schnee unter seinen Füßen knittern; nur manchmal drangen flüsternde Worte aus einer halbgeöffneten Stalltüre, an der er vorüberschritt, oder heulte ein Hund, an der rasselnden Kette zerrend, in die Nacht hinein. Und schon sah ihm durch die entlaubten Obstbäume das letzte Haus, eine alte, verfallne Scheune, entgegen. Erstaunt blieb er stehn, denn er hörte deutlich reden und durch die Lücken der zerbröckelten Lehmwand fiel ein heller Schimmer. Der Alte konnte sich nicht enthalten, als er an der großen, zerbrochnen Scheunentür vorüberging, einen Blick hineinzuwerfen. Da stand Metzler, er erkannte ihn im Augenblick, in der einen Hand eine flackernde Fackel haltend, in der andern ein dickes Buch, auf das ein Mönch in langer, weißer Kutte seine Linke legte, während die Rechte schwörend drei Finger emporstreckte. Hinter den beiden stand eine hohe, ernste Gestalt; aus dem halb zurückgeschlagnen Reitermantel blitzte in dem rötlichen Licht der glänzende Stahl einer Rüstung. In einer Ecke standen flüsternd noch einige Männer, die ungeduldig auf die Gruppe hinsahen. Der Schäfer wandte sich ab und murmelte: »Das ist der Robert, sag' ich. Er hat entweder sie, oder sie haben ihn. Gottlob, daß ich los bin!« Mit diesen Worten schritt er auf die Straße zurück und verschwand bald in der trüben, grauen Winternacht. – – Wohl um dieselbe Stunde war's, da saß der junge Bruder Bernhard noch in seiner Zelle und las. Das Lämplein, das, mit einer Kette an der Decke befestigt, über seinem Pulte hin und her schwankte, warf ein zitterndes Licht auf die Gegenstände in dem kleinen Gemach. Halb unter Pergament versteckt lag das Buch, in welches er hineinsah und dessen Zeilen er mit gieriger Hast überlief; es war die Bibel seines Vaters. Nach einer langen Pause, die nur das Knistern des Papiers unterbrach, richtete er sich langsam auf und faltete, in seinen Stuhl zurückgelehnt, die Hände wie zum Gebet. »O Gott, führe mich weiter!« sagte er leise; »du hast mich fühlen lassen, wie die Sünde brennt, wie sie das arme, hilflose Menschenherz zerdrückt, daß es nur noch jammern kann in der Tiefe seines Elends. Du hast mir gezeigt, wie schwach, wie befleckt und eitel all mein Ringen war, vor dir gerecht zu erscheinen, wie meine Schuld vor dem Auge deiner Gerechtigkeit mich zermalmen müßte, o Gott, und ich stand ratlos und hilflos und ganz allein in der öden, traurigen Welt. Da hast du mich nach deiner Barmherzigkeit meinen Vater finden lassen und dein heiliges Wort. Jetzt weiß ich, daß du ein gnädiger Gott bist, daß du nicht rechten willst mit deinem armen Knecht, sondern vergeben willst alles, alles um deines Sohnes willen, ja, daß du nicht ein Gott der Rache bist, sondern ein Gott der Liebe. O ziehe ein, du unergründliche Liebe, ziehe ein in mein armes Herz, und mach' es rein von aller Befleckung! Komm, mein Heiland, o komm! Nur dir will ich angehören, nur dich lieben mit der heißesten Inbrunst meiner Seele; wegwerfen will ich alles andre, hinter mir lassen Sünde und Teufel, Welt und Hölle; denn bei dir ist's ja süß, so ruhig und heilig still; o komm, Herr Jesu Christe, komm!« Bernhards Rede war immer feuriger, sein Blick immer glühender geworden. Plötzlich schwieg er; über sein Angesicht flog ein trauriges, schmerzliches Zucken und sein Auge sank matt zu Boden. Nach einer Weile fuhr er mit tiefer, wehmütiger Stimme fort: »O Gott, so kalt ist's da drinnen! Willst du denn nicht kommen, o Herr? Erbarme dich meiner! Zerschmilz diese eiskalte, starre Rinde, die mein Herz umgibt wie einen Panzer; ich kann es ja nicht. O, ich fühl' es mit Schmerzen, wie ich zu schwach bin, zu unwürdig, zu verderbt, deine heilige Gottesliebe zu fassen. O Herr, hilf! Laß mich nimmer Schiffbruch leiden am Glauben! Hilf, hilf!« Er fuhr auf und trat ans Fenster und schaute, nachdem er's geöffnet, in den Kreuzgarten hinunter. Der Klosterbrunnen rauschte traulich und einförmig durch die Nacht. In der Kirche drüben war jetzt zu dieser Stunde der Gesang der Mönche längst verstummt. Durch eines der langen, schwarzen Kirchenfenster, die ernst und düster in den Garten heruntersahen, schimmerte zitternd das kleine Flämmlein des ewigen Lichts. Alles war todstille; nur eine Eule flog in trägem Schwung mit einem trüben Seufzer vom Turm dem schwarzen Walde zu. Es fing an zu schneien. Leis und langsam sanken die weichen Flocken draußen herab, wie wenn sie auch recht müde wären, oder als wollten sie die Erde überraschen, daß sie ihr leises Kommen nicht merken solle. Bernhard sah lange hinaus. Plötzlich verklärte sich sein Auge wieder, aber der Glanz war milder und sanfter als zuvor. »Ja,« sagte er und blickte innig zum Himmel empor, »jetzt weiß ich, wie du kommst, lieber, lieber Heiland! Nicht im Sturme des Gefühls und nicht im wilden Rufen nach deiner stillen Liebe, sondern leise, leise, wie diese Flocken, und in der Nacht. Da ziehst du ein in das kranke Herz und deckst es zu mit dem weichen, reinen Mantel deiner Liebe. Ja, glauben will ich, glauben, nur fest glauben, daß du kommst; so wirst du nicht lange warten lassen auf dich, du guter, treuer Hirte deiner Schafe!« In heißem, stillem Gebet sank der Jüngling an dem offnen Fenster auf seine Knie nieder, und als er sich erhob, fuhr ein sanfter Windstoß in die Zelle und wirbelte die Schneeflocken herein. Das Licht flackerte hell auf und die Pergamente auf dem Pulte tanzten durcheinander. Als Bernhard das Fenster wieder geschlossen hatte und an den Tisch zurücktrat, hatte der Wind die Blätter seiner Bibel umgewendet und das erste, was ihm in die Augen fiel, war der Spruch: »Selig sind, die da nicht sehen und doch glauben.« IV. Es war am Donnerstag vor Judika. Noch lagen hie und da auf den Bergen kleine Schneestreifen und glänzten hell durch die Dämmerung, die sich über das enge Kochertal herabsenkte. Statt der lauen Frühlingsluft, welche den Tag über wehte und am Waldessaum die Anemonen weckte, an deren Wurzeln das Schneewasser langsam durch das Gestein hinabsickerte, – statt dieses freundlichen Boten der Zukunft sauste jetzt ein eisigkalter Nord über die düstern Berge und schüttelte in rauhen, heulenden Stößen die dürren Aste der Bäume. Die steilen Staffeln am Bergabhang hinauf schritt Bernhard auf dem nächsten Wege von dem benachbarten Städtchen Forchtenberg nach Kloster Schöntal. Als er den Gipfel erreicht hatte, blieb er stehn und blickte noch einmal auf das Städtchen hinunter, in welchem er heute seinen schönen, schweren Beruf ausgeübt hatte. Bei seinen jungen Jahren kannte er noch nicht den wilden Jammerschrei der Schlacht; er hatte das Meer noch nicht gesehen, wie es mit einem Wogenschwall Hunderte verschlingt, aber er hatte andre Bilder des Schmerzes schon gesehen, – Bilder, die den tapfersten Krieger, den mutigsten Seemann erschüttern könnten. Er hatte gesehen, wie der Tod, einem Wurme gleich, oft jahrelang an einem Herzen nagt, ohne es zu zerstören; er hatte gesehen, wie der Mensch mit Not und Hunger, mit Seelenangst und Herzenspein jahrzehntelang auf dem Krankenlager ringen kann, ohne zu vergehn. Da galt es denn zu trösten, zu erquicken und zu helfen; aber trotz aller Mühe wäre doch nichts ausgerichtet gewesen, wäre nicht noch ein andrer, Höherer mit ihm am Siechbett gestanden und mitgegangen von Hütte zu Hütte, um zu lindern und zu segnen. Das wußte Bernhard und das machte ihn jetzt so fröhlich, daß er nicht darauf achtete, wie es ringsum finstrer und immer finstrer wurde und wie die dünnen Eisscheiben auf dem einsamen Pfad unter seinem Fuße knisterten. Noch einen Blick voll Freude und Dank warf er ins Tal hinab, aus welchem die Lichter flimmerten, und dann schritt er rasch auf der kahlen Hochebene weiter, dem Walde zu. Aber gar bald merkte er, daß ihn die Dunkelheit irregeführt hatte. Unter seinen Füßen sanken die naßkalten, vom Pfluge frisch aufgeworfen Schollen eines Ackerfeldes quietschend zusammen und aus halbgefrornen Pfützen spritzte ihm das Wasser entgegen. Sicherlich – er mußte den Weg verfehlt haben. Der junge Mönch blieb stehn und sah sich um. Er ging eine kleine Strecke rückwärts; er hielt wieder zweifelnd seine Schritte an und spähte in die Dunkelheit hinaus. Links zog sich düster und still der entlaubte Wald hin und dann in einem mächtigen Bogen vorn am Horizont herüber; rechts und hinter ihm verlor sich die flache Hochebene in der grauen Nacht, aus welcher hie und da gar wunderlich gestaltete Schneehaufen hervorglänzten. Ringsum war es todstille; Bernhard hörte den Nachtwind in den dürren Grashälmchen spielen, die am Raine standen. »Dort an jener Waldesecke muß doch wohl ein Hof sein!« sagte er endlich und schritt wieder getrost vorwärts. Er hatte sich nicht getäuscht. Der nächste scheinbare Wald waren die Obstbäume, die den Muthof (so hieß er) umgaben. Schon wurde das Dach einer Scheune sichtbar, das spitzig und schwarz über dem Geäste hervorragte. Schon spürte er auch unter sich die roh aneinandergelegten Steinplatten, die zwischen mächtigen Düngerhaufen hinführten und so den unergründlichen Weg zwischen den einzelnen Häusern gangbar machen sollten, und aus deren Spalten bei jedem Tritt, der sie tiefer hineindrückte, der schwarze Kot in die Höhe spritzte. Jetzt schimmerte ein Licht durch die Zweige; er schritt darauf zu. Eine halbzerfallne Staffel führte zu der Haustüre, die, wie gewöhnlich bei solchen Häusern, waagrecht durchschnitten war und so gleichsam zwei Läden bildete. Der obre Teil, halb angelehnt, ließ in das undurchdringliche Schwarz des Öhres blicken; der untre Teil war geschlossen. Bernhard klopfte an das halbverklebte Fenster, das er von der Staffel aus erreichen konnte und durch welches kaum das trübe Licht eines Kienspans zu dringen vermochte. Er klopfte wieder und wartete wieder, aber alles blieb still. Nur am nächsten Hause fuhr ein Kettenhund in die Höhe und fing wie rasend zu bellen an und, an der Kette zerrend, jammernde Töne in die Nacht hinauszuheulen; hier und dort, ferner oder näher antworteten ihm seine Kameraden mit demselben Wutgeheul, ohne daß die Bewohner des Hofes, die an solchen Lärm gewöhnt sein mußten, deshalb unruhig wurden. Erst als der Mönch zum dritten Male klopfte, öffnete sich zögernd das Fenster und der Kopf eines alten Weibes kam zum Vorschein. »Habt Ihr niemand, der mich eine Strecke weit führen könnte? Ich bin verirrt«, sagte er. »Woher seid Ihr denn?« fragte die Alte näselnd. »Von Kloster Schöntal«. erwiderte Bernhard; »ich bin ein Mönch, wie Ihr seht, und will ja nicht umsonst begleitet sein. Nur bis zur Hexenklinge gebt mir jemand mit!« Bei dem Wort »Hexenklinge« fuhr der Kopf des Weibes in die Stube zurück. Bernhard hörte drinnen ein leises Gemurmel, und erst nach einer Weile kam die Alte wieder ans Fenster und sagte: »Nehmt's nicht für ungut, Herr Pater! 's ist bei uns kein Mensch zu Haus als ich und meine Söhnerin; wir können Euch niemand mitgeben. Mein Bub' ist mit den andern auf der Sindringer Kirchweih'. Doch wenn ich Euch einen Rat geben darf, so geht wieder hinunter ins Kochertal und macht Euern Weg über Ernsbach. 's ist weiter, aber man findet's doch. Ja, ja, geht nicht über die Hexenkling'; dort verirrt jeder ordentliche Christenmensch. Gehabt Euch wohl!« Das Fensterlein wurde zugeschlagen und Bernhard stand ratlos da. Er versuchte es noch an einigen Häusern, aber immer mit demselben Erfolg. Nur waren hier die männlichen Glieder angeblich bald in Sindringen, bald in dem Städtchen Niedernhall, bald in Ohrenberg, so daß er endlich beschloß, sein Heil allein zu versuchen, und den Hof, vom lauten Bellen der Hunde verfolgt, wieder verließ. Bald hatte er den Fußpfad, der sich durch die Obstgärten schlängelte, hinter sich und stand abermals draußen auf dem öden Feld. Mutig schritt er dem Walde zu, der noch drohender und dunkler vor ihm lag als vorhin. Er hatte bereits alle Hoffnung aufgegeben, auf dem ordentlichen Wege sein Ziel zu erreichen; nur die Richtung suchte er wenigstens zu behalten. Jetzt stand der Waldessaum vor ihm. Rauschend fuhr der kalte Wind durch die schwarzen Äste der Tannen und wirbelte in den feuchten, halbfaulen Blättern am Boden. Bernhard besann sich noch einen Augenblick. Dort bemerkte er einen Weg, der gegen das einsam stehende Wallfahrtskirchlein von Neusaß zu führen schien. Er ging darauf zu, warf noch einen prüfenden Blick in das freie Feld, über welches der Wind das ferne Geheul eines Wolfes dahertrug, und schritt nun wieder entschlossen vorwärts. Es war in der Tat ein entsetzlicher Weg. Nasse, eiskalte Zweige schlugen ihm unaufhörlich ins Gesicht, während tiefe Radfurchen ihn zugleich am Gehn hinderten; das Dickicht und das Dunkel wurden immer undurchdringlicher. Blieb er stehn, so war es ringsum schauerlich still; nur die Zweige hinter ihm, die er im Gehn zurückgebogen hatte, schnellten leise schwankend wieder aneinander. Doch der Mönch ließ sich durch nichts stören. Beharrlich schritt er weiter und blieb nur manchmal einen Augenblick zum Ausruhen stehn, als wollte er die Stille selbst belauschen. Da – auf einmal – war's ihm, als zitterte in weiter Ferne vor ihm ein rötlicher Strahl durch die Äste. Er hielt an und sah scharf nach jener Richtung. Es mußte Täuschung gewesen sein; das Licht war verschwunden. Aber als er noch immer nachdenklich dastand, traf ein leises, dumpfes Murmeln sein Ohr. »War es der Wind? – Nein, das muß das Murmeln des angeschwollnen Baches sein; ich kann unmöglich mehr weit sein von der Hexenklinge.« Plötzlich erschien auch das ferne Licht wieder. Es ging langsam von der Rechten zur Linken, bis es abermals spurlos verschwand. Bernhard hatte aufmerksam und halb erschrocken die Bewegung der Flamme verfolgt. »Es ist in die Hexenklinge hinab!« sagte er leise, und nicht ganz frei von dem Aberglauben seiner Zeit, besann er sich, was zu tun sei. »In Gottes Namen!« sprach er endlich und ging ruhig vorwärts. Das vermeintliche Murmeln des Baches wurde indessen immer stärker, immer wunderbarer, immer unnatürlicher, so daß er noch häufiger stille stand. Da, plötzlich – Bernhard wurde ganz verwirrt – schwieg das Gemurmel; nur die Zweige knisterten noch; sonst herrschte Todesstille im ganzen Walde. Aber horch! – abermals etwas, – erst leiser, dann immer lauter und klarer! Er konnte sich nimmer täuschen: es war die Stimme eines Menschen, der laut und deutlich sprach. Aus der Schlucht, deren Abhang er sich näherte, schimmerte ein roter Schein; nur noch ein paar Schritte und er stand am abschüssigen Rand. Aber wie erstaunte, wie erschrak der Mönch! Zwanzig, – dreißig Fackeln brannten im tiefen Grunde der Schlucht; schwarzer Qualm stieg durch die Zweige der mächtigen Bäume empor, deren blätterloses Geäste, von dem Rauch eingehüllt, geisterhaft im grauen Nachtnebel zu schweben schien. Unten und an den Abhängen hinauf standen große, dichtgedrängte Haufen und lauschten stumm und ruhig den Worten eines einzelnen, der mittendrin auf einem hohen Felsen, von lodernden Flammen umgeben, zu ihnen sprach. Nur manchmal lief ein dumpfes Murmeln der Wut oder ein Getöse des Beifalls, der dem Redner galt, durch die schwarzen Reihen. Bernhard, der sich vergeblich die Augen rieb, womit er das wilde, geisterhafte Bild anstarrte, ahnte allmählich den Zusammenhang. Es waren Bauern. Nach einigem raschen Besinnen stieg er leise und unbemerkt den steilen Abhang herunter. Er kam an etlichen Leuten vorüber und blickte in die grimmigen, oft von höhnischem Lächeln verzerrten Gesichter. Er nahte sich allmählich dem Sprecher und stellte, von einem Baume gedeckt, sich auf, um denselben näher ins Auge zu fassen. Niemand störte, niemand beachtete ihn; alle Blicke waren auf jenen gerichtet. Wieder rieb er sich die Augen, riß sie immer heftiger auf, wurde bleich und blickte starr nach dem Felsen. Denn der darauf stand und heftige, begeisterte Worte durch die Schlucht rief, war und blieb niemand anders – als Bruder Robert. Welches unerwartete Zusammentreffen! Nie hätte er geglaubt, daß ein Mönch aus seinem Kloster und dazu der stolzeste, finsterste Mönch mit den verachteten Bauern, die nur wenige bemitleideten und nur er wahrhaft liebte, gemeinschaftliche Sache machen könnte. Und jetzt sah er ihn mitten unter ihnen, ja, wie es schien, an ihrer Spitze! Er drängte sich trotz der offenbaren Gefahr, die nur durch das Dunkel und das Gewirre geschwächt wurde, näher an den Stein, – immer noch in der stillen, herzlich gemeinten Hoffnung, sich zu täuschen; aber vergeblich. Robert hatte die Kutte weit zurückgeschlagen; seine kräftige, knochige Gestalt war hell beleuchtet und ragte stolz und sicher über die Menge hervor. Er hatte soeben eine Erzählung beendigt, die er mit ruhiger, fast eintöniger Stimme vortrug, der man aber den bittern Spott nur allzugut anmerkte. Jetzt hielt er einen Augenblick an, um die Wirkung seiner Rede zu beobachten. Sein glühendes, schwarzes Auge flog über die Köpfe der Versammelten, deren größte Anzahl in der Nacht der hintern Klinge nimmer sichtbar war. Bernhard hörte das Wutgemurmel; er sah, wie sein Nachbar, ein halbverhungerter, derbknochiger Kerl, sich in die Lippen biß und seine Faust den Knittel preßte. Da erhob der Mönch seine Stimme abermals, heller und lauter; seine Gestalt richtete sich noch höher empor, sein Auge sprühte und er rief mit bittrer Wut: »Nun – da habt ihr's, nackt und bloß, der Pfaffen Treiben, wie ich's Tag für Tag mit ansehe. Da habt ihr's, nackt und bloß, wie die Habsucht und Üppigkeit sie hinführt zu Lug und Trug, zu Raub und Meuchelei, – wie sie den Bauern zermalmen mit ihrer Macht und den Ritter, den trotzigen Ritter, bestehlen mit ihrer List, – wie sie unter heiligem Gebet die Scheuern auffressen, die ihr mühevoll gefüllt, und die Keltern aussaufen, die eure Weine bergen. Ihr staunt? Nicht wahr, so glaubet ihr nicht betrogen zu sein um Erde und Himmel, bestohlen um Freiheit und Leben? Was soll ich euch noch aufdecken? Welche Greuel, die jene ewig stummen Klostermauern bedecken mußten? – Aber die Mauern haben reden gelernt. Sie schwatzen's aus in alle vier Winde. Der Tag der Rache ist gekommen! Oder habt ihr noch nicht genug, ihr stumpfen Klötze!? – – Aber die Pfaffen sind's nicht allein, die euch all das Herzeleid angetan, darin ihr ersticken müßt. Dort drüben – ich will euch eine kleine Geschichte erzählen! – dort drüben, kaum etliche Stunden von uns, da steht eine Burg trutzig auf einem Berg und ein Freiherr wohnt in dem alten Nest, der lachend den Schweiß seiner Hörigen verpraßt, wie es so viele tun! Dabei war er stolz von jeher und herrschsüchtig, wie es so viele sind, und hatte, wie so viele andre, mit Trug und Gewalt alle freien Bauern seiner Nachbarschaft sich dienstbar gemacht und in sein eisernes Joch gespannt. Nur an einem scheiterten all seine Pläne. Es war der letzte in der ganzen Gegend; denn die dem Joch der Ritter entgehn wollten, die mußten insgesamt von dem Grund ihrer Väter fliehen und in den Städten Schutz suchen und andre Herren, wenn auch mildere Herren. Aber der allein trotzte noch. Und der war ein junger, kräftiger Bursche, der sich nicht alsbald heiß machen ließ. Um sein Gut, mitten im tiefsten Walde, hatte er ein hohes Gehege gezogen, daran die Wildschweine des Barons vergeblich wühlten. Dort lebte er mit seinem Weibe froh und glücklich und scherte sich wenig darum, daß ihm der edle Freiherr alle Wochen einen Boten schickte, um ihn mit Vorschlag oder Drohung zu bewegen, unter seine Herrschaft zu treten. Er fertigte den Abgesandten kurz ab, und so ging's immerfort eine lange Zeit. Aber dann? – Nun, ihr sollt's erfahren! Da sagt' einmal der Bauer zu seinem Weib: er wolle seine Frucht zu Markte führen nach der Stadt und am Abend komm' er wieder heim! Und's wird Abend, 's wird Nacht; der Bauer kommt nicht. Der jungen Frau wird es immer bänger ums Herz. Sie geht zum Haus hinaus; sie verläßt den Hof; sie horcht in den finstern Wald hinein. Alles still. Da nähert sich Pferdegetrappel. Sie ruft: ›er ist's!‹ aber er ist's nicht. Fremde Reiter brechen aus dem Dickicht hervor und umzingeln das arme Weib. Und einer von ihnen war der Ritter; sie erkannte ihn an der hämischen Stimme, wie er befahl, sie auf ein Roß zu binden und auf sein Schloß zu bringen. Und die Landsknechte lachen über ihren Hilferuf, über ihre verzweifelte Anstrengung. Sie wird gebunden und bald sprengen zwei Reiter mit ihr in den Wald, der Burg zu, während die übrigen nach dem Hof reiten. Aber im Dunkel der Nacht gelang's ihr mit übermenschlicher Kraft, die Stricke zu zerbeißen. Sie stürzte vom Pferd und hatte sich, bevor die Reiter es merken, im Dickicht versteckt. Wie der Morgen graut, kam sie halbtot in der nahen Reichsstadt an. Sie fragt und fragt, aber ihr Mann war, wie man ihr kundtat, schon am vorigen Abend mit dem leeren Wagen wieder abgefahren. Jetzt wußte sie alles. Vom dichten Herbstnebel bedeckt, schlich sie sich in der folgenden Nacht zur Burg, stieg in den vertrockneten Graben hinab und lauschte an jedem der feuchten Kellerlöcher, ob sie nicht sein Seufzen höre. Und sie hörte es. Durch das rostige Gitter warf sie ein halbverschimmeltes Brot hinab, das sie erbettelt hatte und das er, vom schrecklichsten Hunger gequält, gierig und unter Tränen verschlang. Jede Nacht machte sie jetzt den gefährlichen Gang und ward nie entdeckt. Ihr Weniges, was sie den Tag über erworben, warf sie dann in das Verlies hinab und der arme Gefangne harrte sehnsuchtsvoll auf diese Stunde, die ihm Erquickung und Trost brachte. Aber plötzlich blieb sie aus und der arme Bauer wälzte sich verzweifelnd auf seinem feuchten Stroh. Es mochten bald vierzehn Tage vergangen sein, er hielt sie längst für tot, da vernahm er wiederum um Mitternacht das Flüstern an seinem Gitter. Freudig erschrocken fuhr er auf; ein mächtiges Stück Brot fiel herab. ›Warum kamst du so lange nimmer?‹ fragte er leise hinauf. ›Du hast ein Büblein, lieber, armer Mann!‹ flüsterte sie. ›Ach Gott, ich mußte es mit mir nehmen; niemand wollte es so lange behalten, weil sie meinten, ich komme nimmer, es abzuholen!‹ In diesem Augenblick fing das Kind, das sie auf dem Rücken trug, laut zu weinen an; es strich ihm wohl die Luft zu kalt über das zarte, kleine Gesicht. Der Gefangne hörte es, – ein greller Schuß schlug an sein Ohr; – lautes, schneidendes Kreischen, – ein dumpfer Fall, – dann wirre Flüche von der Brücke her, – und es ward wieder todstill. Was es war, konnte man alles nur vermuten. Etliche Bauern im Tal hatten den Schuß gehört und man sah des andern Tags neben einem Luftloch im Graben der Burg eine Blutlache und sie blieb, bis der Schnee sie bedeckte. Von dem Bauern und seinem Weib hat man nie wieder vernommen. Aber auf dem Hof im Wald – da wohnt jetzt ein Pächter des Barons!«– – Die dumpfe Stimme des Mönchs schwieg. Sein Blick, der bisher ruhig und fast glanzlos gewesen, glühte wieder und richtete sich stechend auf die Bauern. Ihr leises Fluchen schien ihm Freude zu machen. Er lehnte sich erschöpft an den Baumstamm, der sich hinter ihm erhob. Das Murmeln wurde immer lauter, immer drohender. Die dichte Menge, die erst so ruhig dagelegen, fing an, sich zu bewegen und ein wildes, unheimliches Tosen rauschte durch die Schlucht. »Wie hieß der Ritter? Wer war der Halunke?« rief's bald hier, bald dort lachend, höhnend, drohend, wie's gerade kam, und jeder Ton zeigte, wie bitter es gemeint war. Robert richtete sich jetzt wieder auf und sprach: »Ihr fragt mich, wie er hieß und wer es war, – dieser Ritter, dieser Räuber und Mörder? Sucht ihn nicht weit! So sind sie alle hier im Lande. Und ihr staunt und wißt es nicht! Ja, im Umkreis von wenigen Meilen wälzen sich jetzt in dieser Stunde noch Dutzende solcher Buben auf den weichen Pfühlen, die sie euch gestohlen, oder liegen sie noch saufend über die Marmeltische und lachen trotz der Seufzer, die vom verlumpten Dorf heraus in ihre stolzen Hallen emporsteigen, – lachen trotz der Tränen, die bitter in ihre süßen Weine flossen, – lachen trotz der Flüche, die leis, wie Diebe, sich in stiller Mitternacht zu Gottes Thron hinaufschleichen! Sie dürfen wohl lachen; sie haben ja nur – wie sie euch nennen – dummes Bauernvieh, das sie an ihr Joch spannen, und fällt ein Stück erschöpft zu Boden, so denken die andern: ›'s tut ja mir nicht weh!‹ bis auch an sie die Reihe kommt. Habt ihr immer noch nicht genug, ihr stumpfen Klötze? – Ja, seid nur guter Dinge und lustig auf euerm faulen Stroh, das ihr mit Todesgefahr aus den üppigen Speichern jener Herren, jener Buben gestohlen habt! Lustig, lustig, wenn euch die Eingeweide verdorren vor Hunger und wenn euch der Fieberfrost in kalter Winternacht auf euern Brettern schüttelt! Lustig, lustig, wenn euch das Messer des Junkers durch den Bauch fährt, weil ihr einen jungen Hasen in euerm Klee gefunden! Lustig, wenn sie euch binden lassen, um eure Weiber und Töchter zu schänden! 's ist immer noch besser, als die dürre Faust in den Sack machen oder im Wald herumheulen wie ein getretner Hund, – im Wald, wo's niemand hört – – –« Plötzlich stockte der Strom der Rede; die aufgehobne Rechte Roberts sank herab; seine glühenden Wangen wurden todbleich; die ganze Gestalt bebte. Bernhard, welcher halbbetäubt von dem Unerwarteten, das er sah und hörte, zu Boden geblickt hatte, fuhr empor; er schaute erschrocken zu dem Redner aus; ihre Blicke begegneten sich. »Ein Verräter! Ein Verräter!« stammelte endlich Robert, und deutete mit der zitternden Hand auf Bernhard. Alles wandte sich nach der angegebnen Richtung. Die dem Mönch am nächsten standen, maßen bald sich, bald ihn mit mißtrauischen Augen und zogen sich dann mit grimmigen Mienen einige Schritte zurück, so daß er nun allein in einem dichtgedrängten Kreise stand. Eine gespannte Stille herrschte rings, nur von undeutlichem Murmeln unterbrochen, wenn hie und da einer seinen Zorn und seine Verachtung nicht mehr zurückzuhalten vermochte. Bernhard war es sonderbar zumute; doch hatte er bald die augenblickliche Furcht überwunden und stand nun ruhig, ja halb lächelnd in der Mitte der drohenden Massen. Da trat endlich ein stämmiger Bursche mit verwilderten Zügen aus dem Haufen. Wie ein Raubvogel auf die Taube, fuhr er auf Bernhard los und packte ihn mit Riesenkraft an der Brust. »Ein Verräter, sagt Ihr?« rief er zu Robert hinauf; »soll ich die Kutte kaltmachen?« »Ja, ja!« entgegnete Robert, der indessen mit rascher Besonnenheit seine Lage erkannt und seinen Plan gefaßt hatte. »Ja, schlagt ihn nur tot wie einen Hund; mehr ist er nicht wert! Bei seinem Blut schwören wir uns neue Treue.« Die Augen des Kerls funkelten; die Muskeln seines nervigen, nackten Arms zuckten. Mit der Rechten hielt er Bernhard, mit der Linken fuhr er in die weiten, zerlumpten Hosen und zog ein rostiges Messer hervor. Jetzt fing auch der junge Mönch an, sich zu wehren. »Herr, hilf!« murmelte er leise, faßte mit aller Macht die Hand des Burschen und riß sich mit einem kräftigen Ruck von ihm los. Dann begann ein fürchterliches Ringen. Bernhard war seinem Gegner an Körperkraft wohl gewachsen, aber die Kleidung gab jenem einen bedeutenden Vorteil. Beistehn wollte niemand weder dem einen noch dem andern. Sooft sich die Ringenden nach dieser oder jener Seite des engen Kreises bewegten, wich die Menge scheu zurück. Drei Minuten mochte der Kampf gedauert haben; da fühlte plötzlich der Mönch einen Stich in der Schulter, der glücklicherweise nicht tiefer ging. Doch zeigte gleich darauf das dürre, zertretne Gras, vom hellen Fackelschein erleuchtet, hie und da Blutstropfen. Bernhard sank erschöpft ins Knie, während sein Gegner mit voller Körperwucht sich auf ihn warf. Er brach zusammen; der Kampf war entschieden. Mit dem einen Fuße kniete jetzt der Kerl dem armen Mönche auf die Brust, um ihn niederzuhalten; sein Blick spähte nach dem Messer, das er im Ringen verloren hatte. Dort lag es; er hob es auf (denn so weit konnte seine Hand reichen) und schwang es lachend über seinem Opfer, während sein Auge triumphierend den Kreis durchlief, der sich jetzt, durch die Hintenstehenden gedrängt, immer näher zusammenschloß. Aber niemand wagte, ein Wort zu sagen, bange den zögernden Todesstoß erwartend. Manchmal nur flog ein schüchterner Blick zu Robert hinauf, aber alsbald senkte er sich wieder zu Boden und schämte sich seiner Weichheit. Denn Robert stand mit übergeschlagnen Armen starr und kalt auf dem Felsen; nur sein blitzendes Auge, auf die Gruppe gerichtet, konnte jene Freude nicht verhehlen, die einer glücklich vorübergegangnen Gefahr folgt, und welche die Vernichtung eines verhaßten Feindes begleitet. Da entstand plötzlich eine Bewegung in dem stummen Haufen. Die Masse teilte sich und es stürzte ein Jüngling mit flatternden Haaren und glühendem Gesicht, von einem Zweiten gefolgt, in den Kreis. Beide waren, aus irgendwelchem Grunde verspätet, soeben erst in der Schlucht angekommen und waren nach Art der Landsknechte gekleidet, doch ohne Waffen. »Blitz, Hagel, er ist's!« rief der Ältre von ihnen und eilte auf Bernhard zu. Es war Jörg, Berlichingens Landsknecht. Der andre war Rudolf, Götzens neuer Reiter. Dieser hatte bereits mit Blitzesschnelle dem Mörder das Messer aus der Hand und ihn selbst zu Boden gerissen, wo er nun, wimmernd vor Schmerz, den Kopf zwischen die Hände preßte und ruhig liegen blieb; denn Rudolfs Faust hatte ihn mitten ins Gesicht so derb getroffen, daß ihm das Blut in Strömen aus Mund und Nase schoß. Von den Bauern rührte sich abermals keiner. Sie sahen stumm verwundert, wie beim ersten Ringen, auch dieser Wendung der Dinge zu. Nur etliche der Verwegensten riefen halblaut: »Laßt ihr euch denn alles gefallen, ihr Esel? Schlagt ihn tot, den Buben samt dem Mönch!« Doch Rudolf bot Bernhard unerschrocken die Hand, um ihn aufzurichten. Dann erhob er sich und rief mit donnernder Stimme: »Ist hier Metzgen euer Handwerk, ihr Bauern? Seid ihr hierhergekommen, nur um wehrlose, unschuldige Leute abzuschlachten? Ist das eure gerechte Sache? Schämt euch, schämt euch! Nein, heult und jammert! Wie wird's bei euch werden am Ende, wenn ihr so schon anfangt? Wißt ihr, wen ihr umbringen wollt? Ist euch das so ganz gleichgültig, wenn ihr nur Blut seht? Kennt denn keiner von euch den Bruder Bernhard?« Ein allgemeines Murmeln des Erstaunens durchlief bei diesen Worten die Reihen. Alles drängte sich gegen den jungen Mönch, der noch bleich und erschöpft an einem Baum lehnte. Hie und da fielen sogar schon einzelne Äußerungen des Mitleids und Bedauerns. »Ja freilich,« fuhr Rudolf fort; »jetzt kommt ihr her und guckt und habt Mitleid mit einem, den ihr eben noch umgebracht hättet. O ihr blinden Narren! Überall rühmt man seine Liebe und Mildigkeit, womit er euch beisteht, wenn ihr in Not und Krankheit seid, – überall weiß man, daß er mit Leib und Seele zum armen Bauern steht, – überall hört man leise, von Haus zu Haus, wie fromm er sei, – und er sei gar ein Lutherischer, und halt's nimmer mit dem Kloster; ja er hab' schon das heilige Wort Gottes selber zu einem kranken, alten Weib gebracht. – – Und ihr, ihr wollt ihn erstechen! Fangt nur so an und macht so fort, aber ich sag's euch, das wird schlimm enden. Mich geht der Bruder Bernhard wenig an, ich hätt' jedem geholfen, aber daß ihr's gelitten, daß ihr so still zugesehen habt – –« »Man hat nicht gesehen, wer's gewesen ist!« rief endlich hinten eine rauhe Stimme. »Drum laßt ihn jetzt in Frieden ziehen!« antwortete Rudolf, »oder wollt ihr eure rostigen Messer nochmals probieren?« Einen Augenblick war es still auf diese Worte. Dann geriet der ganze Haufe wieder in die lebhafteste Bewegung. Sie stritten hin und her; sie suchten Robert, doch Robert war verschwunden und niemand wußte, wann und wie. Es schien keine Entscheidung zustande zu kommen und Rudolf wartete neben Bernhard und fast ebenso bang als dieser, wohin sich endlich die tosende Menge neigen würde. Da rief eine Stimme lauter als die andern: »Wir haben ihn umbringen wollen, weil wir Verrat gefürchtet. Er kann uns auch jetzt noch verraten; drum mag er gehn, wenn er geschworen hat!« »Laßt ihn durch, Freunde, laßt ihn durch!« sagte Rudolf und suchte sich Platz zu machen. »Schwören! Schwören soll er! dann kann er gehn!« schrien jetzt alle wild durcheinander, und man sah wohl, daß kein andres Mittel des Entkommens mehr übrigblieb. »So schwört in Gottes Namen, Herr Pater!« flüsterte Rudolf, »ich kann Euch nimmer schützen vor diesen Bestien. Ihr müßt den Eid ja nur bis Sonntag halten; dann ist alles fertig und vorbei!« »In Gottes Namen!« entgegnete Bernhard laut und schickte ein leises, heißes Gebet zum Himmel. Nach kurzer Zeit trat einer aus der Mitte der Bauern, um ihm die Formel, die er in aller Eile selbst hatte aufsetzen müssen, vorzusagen. Der Mönch sprach sie mit sichrer, fester Stimme nach; denn er war entschlossen, sie zu halten. Sie lautete also: »Im Namen des dreieinigen Gottes. Amen. Nie soll je über meine Lippen kommen, was ich in dieser Nacht gesehen oder gehört, bis die, so mir den Schwur auferlegt, mich dessen entbinden. Solches schwöre ich im Namen des dreieinigen Gottes. So ich's aber nicht halte, will ich verflucht sein von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!« Nachdem Bernhard diese Worte gesprochen, wollte man ihn ruhig ziehen lassen, allein er blieb, an seinen Baum gelehnt, in tiefe Gedanken versunken. Er fühlte jetzt erst den Stein, den er sich durch den Eid aufgelegt, und es wollte ihn fast niederdrücken, dieser schreckliche Kampf zwischen dem Heil seiner Seele und dem Wohl seiner Brüder, das, wie er erst jetzt deutlich bedachte, so schwer gefährdet schien und denen er vielleicht durch ein paar Worte das Leben retten konnte. Indessen war wieder einer auf den Rednerstein getreten und hatte begonnen, zu den ruhiger gewordnen Bauern zu sprechen. Es war der Ochsenwirt Metzler von Ballenberg. »Geht nun heim, liebe Brüder!« rief er; »das Werk ist jetzt bereit und wartet, daß man es ausführe. Geht heim und seid still! Tragt noch die wenigen Tage euer Joch, um es alsdann desto kräftiger zu zerbrechen! Ihr wißt jetzt alle: drüben im Schüpfergrund wollen wir uns sammeln; aus tiefem, verborgnem Grund soll die Flamme aufschlagen, die unsre Feinde verzehren muß. Haltet fest zusammen bis dahin und nochmals: sprecht nicht davon, damit es nicht verraten wird am letzten Tag. Unser Wahlspruch aber ist und bleibt: ›Gott und die Bauern!‹ Und nun – Gutnacht!« Metzler stieg von seinem Stein herab, die Bauern schüttelten sich die Hände und zischend verlöschten die Fackeln, die man in den Bach warf. Es war stockfinstre Nacht. Bernhard stand noch immer auf dem nämlichen Platze; er hörte einen Haufen um den andern die Schlucht verlassen. Immer leiser wurde um ihn her das Rascheln der Zweige und die rauschenden Tritte im Laub, und das Murmeln menschlicher Stimmen verlor sich immer ferner im Wald. Endlich schien er ganz allein. Mit einem:«O Gott!« das sich aus der tiefsten Brust ihm entrang, richtete er sich auf und blickte um sich. Die nächsten Bäume breiteten ernst und schweigend ihre schwarzen Äste über ihm aus; die vielen Fälle des Bachs plätscherten jetzt hörbar durch die Stille, hier heller. dort tiefer, aber überall traurig und einförmig. Sonst hörte und sah man nichts mehr. Die Wunde Bernhards, an sich nicht bedeutend, hatte aufgehört zu bluten, und er versank wieder in dumpfes Brüten. Da fühlte er sich plötzlich auf die Schulter geklopft. Er fuhr erschrocken auf. »Ihr seid noch hier?« fragte eine Stimme und er erkannte sogleich die seines Retters Rudolf. »Ja!« war die kurze Antwort. »Kommt, kommt, Herr Pater! Hier werdet Ihr doch nicht übernachten wollen?« sagte der Reiter freundlich. Die beiden fühlten sich zueinander hingezogen, – sie wußten selbst nicht warum? Nach einer kleinen Pause sagte Bernhard: »O wenn Ihr wüßtet, wie schwer Euer Eid mich drückt! Lieber tot als dieser schreckliche Kampf.« »Haltet's aus, armer Bruder, – haltet's aus, nur bis Sonntag! Glaubt mir fest: Ihr durftet nicht anders. Aber kommt jetzt, kommt! Ich bin diesen Weg schon öfter gegangen in letzter Zeit; ich will Euch zum Kloster geleiten!« Bernhard fuhr bei dem Worte »Kloster« zusammen; dann raffte er sich auf und folgte Rudolf, der wie ein schwarzer Schatten vor ihm den Abhang hinaufkletterte. Am Saume des Waldes schritten die zwei Gestalten hin. Noch war es Nacht, und gerade die dunkelste; denn der Morgen nahte heran. Nach einiger Zeit hielt Rudolf an. »Dort,« sagte er, »liegt Neusaß; von hier aus werdet Ihr den Weg selbst finden; der meinige geht links über den Edelmannshof.« »Nochmals meinen Dank für Eure Hilfe und Eure Begleitung!« sagte der Mönch mit Wärme. »Nicht Ursach!« entgegnete der andre; »lebt wohl und bleibet fest, bleibet fest!« Sie drückten sich die Hände und jeder schlug eine andre Richtung ein. Der Mönch kam an dem grauen Kirchlein von Neusaß vorüber. Die Türe war halb angelehnt; er trat ein. In der stillen, weiten Halle flimmerte matt und unstet das ewige Licht und beleuchtete nur soviel die feuchten Wände, daß man die Arme und Beine, Augen und Ohren der wunderbar Genesenen, wie man glaubte, erkennen mochte, welche dort ein frommer Aberglaube, in Holz oder Wachs nachgebildet, aufgehängt hatte. Durch eine zerbrochne Scheibe fuhr manchmal ein Windstoß, daß das Licht hell aufflackerte, und führte das Rauschen des »Heiligenbronnens« herein. Doch alles dies beachtete der Mönch nicht. Auf dem uralten, zerbröckelten, ausgeknieten Stein am Altar sank er nieder und ein leises, Weißes Flüstern des Gebets tönte halb hörbar durch die Kapelle. Die ersten Strahlen der Dämmerung drangen allmählich durch die grünlichen Scheiben in den Kreuzgang des Klosters, als ein andrer Mönch mit leisem Schritt aus seiner Zelle hervortrat und eilig den Gang hinunterging. Dort waren die Zimmer des Abts. Eine schwere eichene Tür führte in den Vorsaal. Hastig suchte der Mönch nach der Klinke; die Pforte öffnete sich knirschend und krächzend. Er trat ein, durchschrittt den Raum und pochte heftig an eine zweite Türe, die er verschlossen fand. Dann rief er halblaut: »Öffnet, ehrwürdiger Vater, öffnet!« »Wer verlangt mich?« sagte eine klanglose, schlaftrunkne Stimme von innen. »Bruder Robert. Bei allen Heiligen, ich muß Euch sprechen; öffnet!« Es entstand eine Pause, nur vom Knistern und Schlürfen im innern Gemach unterbrochen. Jetzt näherten sich der Tür langsame Tritte. Der Mönch, einige Augenblicke in tiefes Brüten versunken, fuhr auf. Der Schlüssel knarrte im Schloß; ein Lichtstrahl blitzte durch die Spalte und traf das bleiche, übernächtige Gesicht Roberts. Er stand ruhig und fest dem Abt gegenüber, der sein strenges, forschendes Auge auf ihn gerichtet hielt. »Tretet ein und sprecht!« sagte endlich der Abt und ging in sein Schlafgemach zurück. Robert folgte. Der Abt stellte den vergoldeten Leuchter auf ein Tischchen und wartete auf die Worte des Mönchs, ohne daß seine hagern, straffen Züge die geringste Erregung oder Neugier verrieten. »Mit schwerem Herzen sage ich Euch jetzt, ehrwürdiger Vater, was ich sagen muß«, begann Robert nach einigen Sekunden mit klagender Stimme. »Ich weiß, eine Nachricht wie diese wird Euch so sehr betrüben als mich selbst.« »Keine weitre Einleitung! Erzählt!« »Nun denn,« fuhr der Mönch fort; »wenn es Euer Wille ist, so hört: Ich hatte von unserm treuen Prior die Erlaubnis erhalten, gestern nachmittag nach Niedernhall zu gehn, um dort einem armen Kranken Trost und Labung zu bringen. Der Unglückliche starb in meinen Armen. Ich gab ihm den letzten kirchlichen Segen in diesem Erdental und konnte deshalb erst spät an meine Rückkehr denken. Die finstre Nacht ließ mich den Weg im Wald verfehlen. Ich irrte lange Zeit im Dickicht herum, bis ein Licht in der Ferne mir baldige Rettung versprach. Ich ging darauf zu; doch es wäre mir wahrlich besser gewesen, im Wald erfroren zu sein, als jetzt der Bote dessen. was ich dort gehört und gesehen habe. Ja, unser armer Bruder Bernhard! Wie müssen wir ihn beklagen, den so tief gefallnen Bruder! Immer schien es mir doch, als käme seine große Frömmigkeit nicht aus redlichem Herzen! Immer sagt' ich's doch zu unserm geliebten Bruder Elias, dem Bursarius: solche Selbstpeinigungen, solches zur Schau getragne Fasten kommt nicht aus dem Herrn! O wie wahr hatte ich gesprochen! Wie richtig hatte ich's geahnt!« »Wie? Noch so jung und schon so voller Heuchelei?« fragte der Abt und sah dabei Robert schärfer an. Der Mönch wurde einen Augenblick blaß; doch faßte er sich sogleich wieder und fuhr fort: »Höret weiter, ehrwürdiger Vater. und urteilet selbst! Das Licht, das ich bemerkte, führte mich auf den nahen Schleierhof. Ich schritt über die Dämme, welche die dortigen Fischteiche des Klosters voneinander trennen, und kam dann an die einsame Schenke, die dort am Wege liegt. Noch brannte Licht daselbst und ein murmelndes Geräusch ließ mich vermuten, daß hier noch Leute wach seien. Ich trat ein, unbemerkt. Denn in dem Getümmel, das zu meiner Verwunderung in der Stube herrschte, gewahrte mich niemand. Halb erstarrt von dem Nachtfrost setzte ich mich bescheiden, wie es den Dienern der heiligen Kirche geziemt, in die dunkelste Ecke am Ofen und suchte dort auszuruhen. Aber wer schildert mein Erstaunen, als ich unter dem Haufen Bauern die weiße Kutte unsers ehrwürdigen Ordens durchschimmern sah? Zuerst vermutete ich, daß einer meiner Brüder durch ähnliches Mißgeschick, wie ich selbst, auf den Hof sei geführt worden. Deshalb drängte ich mich durch, um ihn zu grüßen, aber erschrocken prallte ich zurück, als ich Bernhard erkannte. Ja, er war's; aber so hatte ich ihn noch nie gesehen. Mit roter Glut übergossen, mit zornig bebenden Lippen, mit geballten Fäusten stand er da und warf sein funkelndes Auge herum. Ja, mein Vater, so schmerzlich auch das Wort klingen mag und so bitterschwer mir's wird, es auszusprechen: – es ist und bleibt dennoch wahr: ein Wolf in Schafskleidern hat sich in unser Kloster eingeschlichen; eine Schlange hat die Mutter aller, die Kirche, an ihrem milden Busen großgesäugt. Sie muß zertreten werden, diese Schlange, ehe sie uns alle umschlingt und zermalmt. – Ich hielt es nun für das beste,« fuhr er fort, »mich noch mehr zurückzuziehen. Auf meiner Ofenbank hörte ich aber deutlich seine schwarzen Pläne, wodurch er unser Kloster vernichten will. ›Was?‹ rief er, ›ihr wollt nicht? Sind euch die Schätze nicht genug, die hinter diesen niedern Mauern aufgehäuft sind? Ihr wollt Bettler bleiben, während eure Pfaffen schwelgen? Oder fürchtet ihr euch, zu stehlen? Ihr Narren, bestiehlt man einen Dieb, wenn man ihm seinen Raub wieder abnimmt? Ja, wißt: alles ist gestohlen, schändlich gestohlen aus euren leeren Scheunen! Wie lange wollt ihr's noch dulden?‹« Der Mönch, der auf diese Worte seine ganze Hoffnung gesetzt hatte, schwieg und blickte wieder zu Eberhard auf; kein Zug verriet seine geheime Angst. Noch immer stand der Abt ruhig und kalt; nur seine blassen Lippen hatten bei Roberts letzten Worten eine leichte Röte überflogen und seine Mundwinkel zuckten noch. Im stillen frohlockend fuhr der Mönch fort: »So sprach der Heuchler noch lange, doch vergebens. Denn nur zu deutlich drückten die treuen Bauern ihren Unmut und ihren Zorn über solche Reden aus. Da raffte er seine letzte Kraft, seine ganze teuflische Beredsamkeit zusammen und schrie: ›Ja, ich weiß es wohl, an was meine wohlgemeinten Vorschläge scheitern. Ihr glaubt, das Kloster heilige seine Bewohner! O, ihr Narren, ist ein Dieb, der im Kloster wohnt, nicht viel strafbarer als einer, der im Dorf verhungern muß? Ja! Mir hat mein Vater, mein gräßlich betrogner Vater, ein Buch geschickt, – das ist das einzig wahre, das vor Gott gilt, und darin steht klärlich geschrieben, daß Narrheit und Sünde ist ein Kloster, das einer Fuchshöhle ähnlicher ist, denn einem Gotteshaus, – Narrheit und Sünde der Papst, dieser Mörder und Räuber der Welt und der Freiheit, – Narrheit und Sünde alle Heiligen, die euch die Pfaffen aufgeschwatzt. Soll eine Kirche den vor der Strafe schützen, den sie nicht vor Sünden bewahren kann? Und wie wenig kann sie das! Seht nur hinab nach dem Kloster, das euch am nächsten liegt, – seht dort, wie‹« – »Still, still!« rief der Abt plötzlich und preßte die Zähne auf die Unterlippe, als wollte er sie blutig beißen. »Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!« setzte er nach einer langen Pause, gegen Robert gewendet, hinzu, der indessen seine teuflische Freude kaum bemeistert hatte. »O wie wahr habt Ihr gesprochen, ehrwürdiger Vater!« antwortete Robert endlich; »was kann aus dem Sohn des Ketzers werden als ein Teufelskind? Ich will nicht die schrecklichen Verleumdungen und Drohungen wiederholen, die er gegen Euch und das ganze Kloster ausstieß; selbst die Bauern ertrugen es nicht länger. Mit wildem Geschrei stürzten sie sich auf ihn; ich sah ein Messer blitzen; es muß ihm in die Schulter gefahren sein; dann warfen sie ihn zur Türe hinaus. Ich aber eilte fort, um Euch, ehrwürdiger Vater, getreu zu berichten, was ich zum Heil des Klosters durch eine göttliche Fügung entdeckt habe. Tut nun Ihr, was Euch gut dünkt!« »Dank dir, mein Sohn!« sagte der Abt und löschte das Licht aus, weil es indessen Tag geworden war; »der Bösewicht wird bestraft werden, ehe die Sonne zum zweitenmal aufgeht; dies ist mein fester Wille!« »Er ahnt noch nicht, daß sein schwarzes Herz entlarvt ist«, sagte Robert; »er wird diesen Morgen ankommen und sich winden und drehen, wenn er sich gefangen sieht, aber es soll ihm nichts fruchten. Doch, damit Ihr von der Wahrheit aller meiner Angaben Euch überzeugt und mit ruhiger Sicherheit die gerechte Bestrafung ausüben könnt, so gebt mir den Schlüssel in Bernhards Zelle, der in Euren Händen ist. In weniger als einer Stunde hoffe ich das Buch zu finden, das ihn seiner Ketzerei überweist. Mag er dann leugnen, lügen und verleumden: – die Strafe muß ihn erreichen!« Robert empfing die verlangten Schlüssel und ging eilig davon. Der Abt sah ihm lange und gedankenvoll nach. Es schien ihm, als habe er ein leises Wort von dem Davoneilenden gehört; hieß es: »Gewonnen!«? Er hatte es nur undeutlich vernommen und doch beschäftigte es jetzt seine Gedanken. Er stand endlich auf und schritt mit großen Schritten in der Schlafzelle auf und ab; nur seine Züge nahmen allmählich wieder jene strenge, eiserne Ruhe an, die gewöhnlich auf ihnen lag. V. Bis zum frühen Morgen hatte Bernhard in der einsamen Waldkapelle gebetet. Eine unerklärliche Furcht hatte ihn plötzlich befallen, eine Ahnung, die ihm selbst immer mehr begründet schien. Er suchte sie nicht zu unterdrücken; über kurz oder lang mußte ja doch die Prüfung über ihn hereinbrechen, worin sein junger Glaube sich bewähren sollte. Darum suchte er nur jene Freudigkeit zu erlangen, womit der Geist Gottes auch die schwersten Leiden in Wonne verwandeln kann. Und er hatte sie erlangt. Freudig stand er unter der hohen, altertümlichen Pforte und sah nach Osten, wo schon das purpurne Morgenrot strahlte und seinen Schein in den Teich warf, an welchem das ehrwürdige Kirchlein lag; freudig warf er noch einen Blick in die Kapelle zurück und zum Himmel empor, und freudig schritt er dann über die Wiesen, auf dem Wege zum Kloster hinab. Nach einer kurzen halben Stunde hatte er es erreicht. Noch war das hohe eichene Tor verschlossen, das in den Klosterhof führte. Bernhard pochte mit dem rostigen Ring und wartete lange, bis er endlich öffnen hörte. Doch nur das kleine Pförtchen, das sich etwas seitwärts befand, wurde aufgetan und dann sogleich wieder verschlossen. Auf die Frage, warum der Pförtner nicht, wie immer, das große Tor öffne, da es doch längst schon Tag sei, erhielt er nur die mürrische Antwort: daß heute den ganzen Tag niemand, außer den Mönchen selbst, aus und ein gehen dürfe. Verwundert hierüber schritt Bernhard in den Hof, um in seine Zelle zu gelangen. Indessen hatte Robert mit teuflischer Verschlagenheit seine Maßregeln getroffen. Mit großer Gewandtheit war von ihm bereits ein leises Gerücht verbreitet, das sich von Zelle zu Zelle schlich, und von welchem niemand wußte, woher es kam. Bernhards Heuchelei und Ketzerei, hieß es, sei entdeckt worden; er habe die Nacht außerhalb des Klosters zugebracht und man werde ihn noch heute streng zur Verantwortung ziehen. Der Zweck, den Robert dabei im Auge gehabt, bestand darin, der Einkerkerung, ja vielleicht dem gewaltsamen Tode eines der beliebtesten Mitglieder des Klosters das plötzlich Überraschende zu benehmen, das seinen Plänen störend in den Weg treten konnte. Alles schien nach Wunsch zu gehn. Der herrschsüchtige, gewalttätige Abt war, wie er glaubte, bald gewonnen; der größte Teil der Mönche war wenigstens vorbereitet und von ihnen, denen Gehorsam und geduldiges Schweigen zur Gewohnheit geworden, fürchtete Robert am wenigsten ein Hindernis. Jetzt hatte er sich in Bernhards Zelle begeben und fing an, diese mit emsiger Beharrlichkeit zu durchstöbern. Aber bereits hatte er von oben bis unten, vom Fenster bis zur Türe alles durchsucht, alles umgewendet, alles zwei- und dreimal angesehen, und seine hastigen Bewegungen, seine ungeduldigen Blicke, seine gerunzelte Stirne zeigten immer deutlicher, daß er seine Absicht nicht erreicht hatte. Soeben war er wieder bis an die Türe gekommen und warf mißmutig die Holzscheite durcheinander, die vor dem Kamine lagen. Da gewahrte er auf dem Boden desselben eine Spalte, die ein Ziegelstein mit seinem Nachbar bildete und die ihm durch ihre Breite auffiel. Er blies die Asche weg, welche darüber lag; die Spalte wurde immer größer, etliche Kohlenstückchen rollten hinab und der Stein schien zu wanken. Robert glaubte sich seinem Ziele nahe. Mit freudiger Hast riß er den Stein vollends aus seinen Fugen und siehe da, in einer tiefen Höhlung schimmerte ihm ein weißes Tuch entgegen. Fast mit bebenden Händen griff er danach; er schleuderte es empor und aus den Falten rollte ein altes, schweres Buch. Es war das Buch, welches er suchte. »Ich hab's! Ich hab's!« jubelte er laut auf und preßte es mit funkelnden Augen zwischen die Hände. Aber wie erschrocken über seinen eignen vorlauten Ausruf blickte er scheu und hastig empor und sah gerade vor sich, unter der Türe, den eben eintretenden Bernhard, welcher sprachlos bald Robert, bald die geöffnete Höhlung im Kamin anstarrte. Doch bereits hatte sich Robert wieder gefaßt. Mit Blitzesschnelligkeit sprang er von den Knien auf, warf das alte Buch Bernhard wütend ins Gesicht mit dem Ruf: »Da hast du's, verruchter Ketzer!« – riß es dann abermals vom Boden auf, stieß jenen tiefer in die Zelle hinein, stürzte selbst hinaus und schlug die Türe zu. Das Schloß knarrte und Bernhard hörte ihn davoneilen. Alles war das Werk einiger Sekunden gewesen. Erst allmählich erwachte Bernhard aus der Betäubung, die dieser unerwartete Auftritt in ihm verursacht hatte. Allmählich wurde ihm auch der Zusammenhang klarer, in welchen er verwickelt war, und er sah wohl: auch ohne den Eid, der ihm die Zunge band, war eine Rettung kaum mehr für ihn möglich. »Dies wäre es also!« sagte er mit freundlicher Miene und trat an das vergitterte Fenster. »Dies wäre es also, die herbe Prüfung, die ich zu bestehen habe! Nun, wie du willst, mein Gott! Laß mich leiden, laß mich sterben für dich! Nie kann ich ja vergelten, was du an mir getan. Laß mich nur würdig werden der Leiden, die du vielleicht über mich verhängt hast!« Er schwieg und blickte sinnend an den klaren Himmel empor. Kurze Zeit mochte er so gestanden haben, – da knarrte wiederum das Schloß und zwei Laienbrüder, auf Roberts Anzeige vom Abte gesandt, traten mit zögernden Schritten ein. Sie blieben an der Türe stehn und keiner redete den Mönch an. Dieser wandte sich um und sagte freundlich zu ihnen: »Ihr wollt mich in den Kerker führen, liebe Brüder? Kommt, kommt! Ihr glaubt nicht, wie leicht und lieb mir der Gang ist, auf dem ihr mich begleiten sollt!« Mit diesen Worten schritt er gegen die Türe. Er blickte noch einmal um sich, als ob er für immer aus der Zelle scheiden sollte, worin er so manche frohe, so manche herbe Stunde zugebracht hatte. Dann trat er hinaus und seine Begleiter folgten ihm. Als sie durch die dunkeln, hohen Gewölbe hinschritten, begegneten sie einigen Mönchen, die sich, wie es schien, absichtlich in die Gänge gestellt hatten. Bernhard grüßte alle freundlich und von allen wurde sein Gruß mit trübem Ernste erwidert, aber hinter diesem Ernste hätte man wohl auch die Trauer vermuten können, womit man einen geliebten Freund zum Grabe geleitet. Jetzt bogen die drei um eine Ecke und gelangten in ein niedres, dunkles Gewölbe, an dessen Ende die schwarze Kerkertüre lag. Dort sahen sie die weiße Kutte noch eines andern Mönchs, der auf sie zu warten schien, aber schon ehe sie die Türe erreicht hatten, wieder stumm, doch sichtbar tiefgebeugt, in einem Seitengange verschwand. »Das war der Bruder Elias!« sagte der eine der beiden Laienbrüder leise zu dem andern und schob die schweren Riegel zurück. Bernhard trat in das Gemach hinein; die Türe fiel wieder zu und auch die Laienbrüder schritten langsam und schweigend davon. Er war allein. Erschöpft von den Anstrengungen und Aufregungen einer solchen Nacht, wie die verfloßne, lehnte der junge Mönch seine Stirne an die kalten Eisenstäbe des Fensters und blickte hinaus. Doch die Aussicht in den düstern Hof, welchen eine hohe Mauer umgab, und hinter derselben auf den schroff ansteigenden, unbelaubten Wald mochte wenig Tröstliches für ihn darbieten. Schweigend sank er auf das feuchte Stroh, das in einer Ecke lag, und verfiel bald aus Müdigkeit und Ermattung, aber fromm ergeben in alles, was da kommen mochte, in einen tiefen, ruhigen Schlummer. Bereits war es Mittag geworden. Abt Eberhard schritt mit großen Schritten in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Manchmal blieb er nachdenklich stehn; dann durchlief er wieder hastig ein- oder zweimal den immerhin beschränkten Raum. Seine sonst so ruhigen, festen Züge verrieten eine ungewohnte Unentschlossenheit, aber kein Wort schlüpfte über die zusammengepreßten Lippen. Eine halbe Stunde, eine Stunde war vergangen und noch immer schien er nicht mit sich einig zu sein. Sein Gang war noch gleich hastig, gleich regellos; in seinem Angesicht arbeitete es noch immer gleich heftig. Da klopften drei leise Schläge an die Türe. »Herein!« rief der Abt und mit einmal erschien er ruhig und ging der Türe näher. Diese öffnete sich langsam und Robert trat ein. »Deus vobiscum!« sagte er ehrerbietig grüßend; »Ihr habt mich auf diese Stunde herbeschieden, ehrwürdiger Vater, und ich komme, Euren Entschluß zu vernehmen. Habt Ihr ihn gefaßt?« »Ja, mein Sohn!« sagte der Abt. »Und wie lautet er?« fragte der Mönch etwas bange und befangen. »Ich werde ihm verzeihen!« sprach der Abt ruhig. »Verzeihen? – Verzeihen, daß er ein Ketzer ist?« fuhr Robert heraus; »die Kirche verzeiht nur reuigen Sündern. Wißt Ihr wirklich, daß er bereut? Wollt Ihr das Verderben der hartbedrängten Gemeinde Gottes beschleunigen? Wollt Ihr mithelfen an dem Werke des Antichrists? Das sei ferne, mein Vater!« – »Seht,« fuhr er ruhiger fort, »Gottes Liebe hat mich zum Werkzeug ausersehen, jenen Heuchler zu entlarven, der sich in allen Herzen durch Lug und Trug eine Burg erbaut hat. Doch sein Ende ist gekommen. Seht,« – hier zog er die Bibel Bernhards aus seiner weiten Kutte, – »Gottes Finger hat mich selbst darauf gewiesen, hat mir selbst den verborgnen Winkel gezeigt, wo jener Bösewicht den Beweis seiner Sünden für immer vergraben glaubte. Ich übergebe dies Buch Euren Händen; macht damit, was Ihr wollt! Bleibt bei Eurem Entschluß oder verwerft ihn, um einen bessern zu fassen; ich werde stets glauben, daß Ihr handelt, wie es das Wohl der heiligen Kirche will!« Nach diesen Worten wandte sich Robert um, um sich zu entfernen. Der Abt hatte indessen mit sichtbarem Erstaunen den Titel des ihm überreichten Buches gelesen und rief: »Bleibe, bleibe, mein Sohn! Erkläre mir, wie du zu diesem Buche gekommen! Ja, Gott sei's geklagt, ich habe dich schwer verkannt!« »Das«, sagte Robert, indem er sich wieder umwandte, »das wußte ich vom ersten Augenblicke an. Ihr könnt Euch nicht denken, wie wehe es mir tat, von meinem Vater also verkannt zu werden. Aber die Zeit wird es ja bald genug lehren, was für ein Herz unter jeglicher Maske schlägt. So dachte ich und denke noch immer so.« »Aber nochmals: wie kamst du zu diesem Buch?« fragte Eberhard dringender. »Ich fand es in Bernhards Zelle, unter dem Kamin vergraben«, antwortete Robert. »Wie ich bereits gesagt: nur Gottes Finger konnte mich auf diese Spur geleiten.« »Und hast du gar keine weitre Spur, wie Bernhard in dessen Besitz kam?« »Keine einzige«, versicherte Robert; »nur daß er es besaß, hörte ich in der Umgegend vielfach sagen; denn schon lange suchte er die Leute damit zu verführen.« »Und weißt du nicht, wes der Name ist, der auf dem Titelblatte steht?« »Nein!« sagte der Mönch wieder in neugierigem Tone. »Das war sein Vater!« sprach der Abt und atmete tief auf. »Sein Vater?« rief Robert. »Gott weiß, wie er von seinem Vater, den er nie gekannt hat, von dem er keine Ahnung haben kann, dieses Buch erhalten hat, dessen Besitz nur unserm Heiligen Vater in Rom zukommt!« »Glaubt mir,« sagte der Mönch, »einer, der sich so listig bei jedermann anzuschmeicheln weiß, – der hat jene Hussitengeschichte leicht erfahren können.« »Wie? Auch du kennst sie?« rief Eberhard und wurde noch blässer; – »doch, – dies gehört nicht hier her; sprechen wir von dem andern! Bernhard ist seiner Ketzerei überwiesen; ich seh's. Er soll bestraft werden, und zwar bald. Geh deshalb, Robert, und berufe die sieben Ältesten sofort in das Zimmer des Konvents. Noch heute soll gerichtet werden.« Robert entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung. Als der Abt die Tritte des Mönchs nimmer hörte, nahm er nochmals die Bibel und blätterte nachlässig darin. Doch bald schlug er sie zornig wieder zu und sagte leis: »Bei Gott, ich hätte es nie geglaubt. Jetzt muß es sein!« Dann holte er aus einem prächtigen ebenholzenen Schrank die Insignien seiner Würde und begab sich nach einiger Zeit mit ernsten, feierlichen Schritten in das Konventszimmer. Auch Robert hatte bereits alle Mitglieder des klösterlichen Synedriums versammelt. Der lange Tisch, an dem sie sich niederließen, war mit schwarzen Tüchern verhängt. Obenan setzte sich jetzt der Abt, dessen strenge Miene womöglich noch ernster und härter geworden war. An seiner Rechten rückte der Prior, ein kleines, rotwangiges, feistes Pfäffchen, ungeduldig auf seinem Stuhle; denn er war durch die Berufung des Konvents in seinem Mittagstrunk gestört worden und hatte in der Eile einen Humpen des edelsten Ungarweins unzugedeckt stehn lassen, so daß er verduften konnte, – ein Unfall, der ihn jetzt sehr besorgt und höchst unmutig machte. – Auf den Prior folgten nach rechts noch drei, nach links vier Mönche. die getreuen Abbilder ihrer zwei Obern, teils mit ernsten, abgemagerten, teils mit runden, fröhlichen Gesichtern (und dies war die Mehrzahl), denen man von weitem das Behagen und das Wohlleben ansah und worin besonders das handgreifliche Gefühl ihrer Würde eine fast komische Wirkung hervorbrachte. Unter diesen sieben saß auch Elias, der Bursarius, und blickte sinnend vor sich hin. Am untern Ende der Tafel, dem Abt gegenüber, stand endlich Robert, ruhig und sicher. Kein Mensch hätte in diesen kalten, festen Zügen zu lesen vermocht, mit welcher bangen Sorge er die kommende Stunde erwartete. Jetzt erhob sich der Abt von seinem prächtigen Amtssessel und sprach mit feierlicher Stimme: »Friede sei mit euch, und der Segen Gottes und aller Heiligen ruhe auf uns! Ich habe euch, meine lieben Brüder und Amtsgenossen, hierher berufen, um euch in einer peinlichen, mit menschlichen Augen schwer zu ergründenden Sache um Rat zu fragen. Ihr habt bereits vernommen, um was es sich handelt. Um so mehr bittet die Heiligen um ihren Beistand, daß sie eure Herzen erleuchten mit der rechten Weisheit, die nur von ihnen kommen kann. Höret denn also: Bernhard, der Sohn jenes Ketzers, der einst von unserm Kloster so große Wohltat empfangen hat, – Bernhard, der in diesem Hause von seiner Kindheit an leibliche und geistige Pflege und Nahrung genossen hat, ist schwerer Sünden und Verbrechen angeklagt. In der ganzen Umgegend soll er das niedre Volk zu Unzufriedenheit und Frevel aufgereizt haben. Unter dem Vorwand, in die Hütten der Armut Trost und Linderung zu bringen, sei er umhergeschlichen, habe ihnen die wenigen Güter, die uns Gottes unverdiente Gnade geschenkt, als übergroß vorgestellt und habe sie gesucht zu überreden, sogar unser friedliches Kloster zu überfallen und auszuplündern, wobei er ihnen von innen heraus behilflich zu sein gesonnen war. Da er aber nach Gottes gnädiger Fügung durch solche Reden wenig Erfolg gehabt und die Bauern sich mit Recht gescheut, also große Frevel gegen die heilige Mutter Kirche zu begehn, suchte er sie durch schnöde Verleumdungen gegen unsre gesamte Geistlichkeit aufzubringen. Aber auch dies mißlang und führte endlich zur Entlarvung des Heuchlers, die wir unserm lieben Bruder Robert verdanken. Indessen – das ist noch nicht alles. Bernhard ist zugleich der schändlichsten Ketzerei überwiesen. Er hat nicht nur überall die Lehren des erbärmlichen, siebzigmal siebenmal verfluchten Augustiners Martin Luther unter dem Landvolk verbreitet: – er hat sogar das Buch in Händen gehabt, das nur unser allerheiligster Vater in Rom zu besitzen würdig ist, weil er allein dessen Inhalt zu verstehn imstande ist, davon er uns mitteilt, soviel wir bedürfen, wenn der Heilige Geist ihm solches eingibt. Dieses Buch hat man bei Bernhard gefunden; hier ist es. Brauchen wir noch weiter Zeugnis, liebe Brüder? Was dünket euch? Was verdient ein solcher Heuchler, Verleumder, Verräter, Ketzer wie dieser?« »Wahrhaft, er ist des Todes schuldig!« riefen einige der Versammelten zugleich, und über Roberts Antlitz flog etwas wie höhnisches Lächeln. »Das Urteil ist bei solchen Verbrechen schon gefällt; laßt uns eilen, es zu bestätigen und auszuführen!« sagte der Prior und dachte dabei wohl auch an seinen verriechenden Ungarwein. »Stimmen hiermit alle überein?« fragte Eberhard. »Wenn der Angeklagte überwiesen ist, – ja!« versicherte einer der Mönche. »Wie schon gesagt,« entgegnete der Abt etwas ungeduldig; – »diese Bibel, die in seiner Zelle gefunden ward, beweist hinlänglich seine Ketzerei, die allein schon des Todes schuldig macht. Das übrige mit dem heiligsten Eide zu bekräftigen, erbietet sich unser Bruder Robert jeden Augenblick, wenn es verlangt wird.« »Ist nicht nötig,« meinte der Prior und rückte mit dem Stuhl; »ich habe sein heuchlerisches Wesen doch immer gehaßt und hab' schon lange geahnt, wo's endlich hinaus will! Nun ist's gekommen, wie ich gedacht. Wollen wir den erhobnen Arm Gottes aufhalten in seinem Schwung? Nein, nimmermehr!« »Es sind also alle mit dem Urteil einverstanden?« fragte der Abt nochmals. Bei diesen Worten entstand eine lange Pause. Die Mönche schwiegen und blickten vor sich hin; der Prior wurde immer ungeduldiger; nur der Abt und Robert sahen starr und ruhig über die schwarze Tafel. Da erhob sich plötzlich Elias und sagte: »Verehrter Vater, sollten wir einem aus unsrer Mitte das Leben nehmen durch einen vielleicht allzu raschen Spruch, ohne zuvor auch nur ein Wort aus seinem eignen Munde anzuhören?« Alles sah erstaunt auf den kühnen Sprecher. »Er hat recht!« sagte dort einer fast schüchtern zu seinem Nachbar. – »Welche Torheit, Bruder! Er ist ja ein Ketzer!« sagte ein andrer und suchte Elias auf seinen Stuhl niederzuziehen. – »Nein, er hat doch recht«, sprach dort wieder ein dritter etwas lauter. – »Sie sind von jeher Freunde gewesen, die beiden!« rief ein bleicher, ausgefasteter Mönch dem Abte zu und warf einen giftigen Blick auf Elias. – »Mit Ketzern – das weiß man von alten Zeiten her, – ist bös rechten!« sagte der Prior und sah dabei fragend nach Eberhard. Dieser schien zu schwanken und hörte immer noch lautlos dem Streite zu, der sich leise, aber dennoch heftig, zu entspinnen begann. »Wir wollen ihn hören! Man soll uns keine Ungerechtigkeit vorzuwerfen haben. Sogleich werde er herbeigeführt!« sprach endlich Eberhard gebieterisch, und wie mit einem Schlag verstummte das Geflüster der Mönche. Fragend, als ob sie ihren Ohren nicht trauten, sahen sie den Abt an, aber keiner erhob sich, um den Befehl des Abtes auszuführen. Da, zum erstenmal, stand Robert auf, der schon geraume Zeit unruhig dagesessen war. Seine feurigen Blicke ruhten fest auf Eberhard und er sprach: »Wißt Ihr auch, verehrter Vater, und ihr, meine lieben Brüder, was ihr im Begriffe steht, zu tun? Wißt ihr, daß ihr den verworfensten Menschen, der euch schon so oft und lange betrogen, herbeirufen wollt, um euch nochmals zu betrügen? Ihn, den verstockten Ketzer, dem das Heiligste nicht heilig ist, und dem die Kirche wie einer eklen, giftigen Schlange mit abgewandtem Gesicht den Kopf zertreten muß? Ihr seid die Stellvertreter der Kirche! Ihr müßt diese herbe Pflicht auf euch nehmen. Ihr dürft und könnt euch nicht weigern. Wozu diese schmerzliche Verzögerung? Wozu all diese Greuel nochmals aufdecken, ehe sie in die ewige Todesnacht versenkt werden? Gilt nicht auch hier das Wort: ›Ärgert dich dein Auge, so reiß' es aus; denn wer mit dem Fleische rechtet, kann nicht das ewige Leben erlangen‹. Und ihr schwanket noch?« »Du kannst vielleicht recht haben,« unterbrach ihn der Prior, der sich in seiner Würde verletzt fühlte, mit gereizter Stimme; »aber doch ziemt es sich für einen so jungen Konventualen wenig, im Rate der Alten, wo nur mir und meinem geliebten Amtsbruder ohne Erlaubnis zu reden gestattet ist, sich also keck des Wortes zu bemächtigen. Jedem das Seine! Die gute Sache hat noch Verteidiger übergenug und bedarf deiner vorlauten Rede nicht. Unserm ehrwürdigen Vater waren seine letzten Worte nicht vollkommner Ernst; des bin ich gewiß.« »Hochgeehrter Vater, geliebte Brüder!« sprach jetzt Elias milde, ja fast bittend, da er den Eindruck seiner ersten Rede zunichte werden und den sonst so festen, unerschütterlichen Abt abermals wanken sah; »nochmals sage ich: laßt euch nicht verleiten durch kindischen Leichtsinn; solcher gehört nimmer in unsern Rat. Prüfet alles und das Gute behaltet! Das Schlechte verwerfet immerhin, in Gottes Namen! Aber vergesset nicht die Mahnung des heiligen Apostels: › Prüfet alles!‹« »Bringt den Angeklagten her!« sprach jetzt Eberhard, der Abt, mit einem Tone, dem selbst Robert zu widersprechen nicht den Mut gehabt hätte. Zwei der Mönche erhoben sich zögernd und verließen das Gemach. Eine erwartungsvolle, peinliche Stille herrschte längere Zeit; niemand wagte ein Wort zu reden. Nur die Blicke der Anwesenden schweiften bald auf den Abt, der stumm und streng auf die Tafel hinsah, bald auf Elias, bald auf Robert, welcher womöglich noch blässer, noch kälter, noch unbeweglicher dastand als zuvor. Jetzt öffnete sich die Türe und alle Blicke flogen gespannt den Eintretenden entgegen. In der Mitte der beiden Mönche schritt Bernhard, noch mit dem Ordensgewande bekleidet. Sein Gesicht war etwas bleicher geworden; doch hatte der tiefe Ernst, der auf seiner hohen Stirne lag, jene freundliche Offenheit, welche aus seinen blauen Augen leuchtete, nicht zu verdrängen vermocht. Ruhig trat er auf den Abt zu, als ihm dieser winkte, und blieb dann mit einer ehrerbietigen Verbeugung zur Rechten desselben stehn. Als noch keine Frage an ihn gerichtet wurde, warf er einen treuherzigen Blick auf jeden seiner Richter, aber immer und überall erschreckte ihn ein gewisser verachtender, strenger Zug in ihren Mienen, oder jenes bittre, pharisäische Lächeln, das fast noch weher tut als rücksichtslose Härte. »Ich darf wohl sagen,« begann endlich der Abt; »mit tiefstem Schmerze habe ich vernommen, wie schwere Fehltritte du begangen, wie du nicht bloß gegen uns alle, sondern selbst gegen die heilige Kirche den schwärzesten Undank auf dich geladen hast.« »Noch weiß ich nicht,« sprach Bernhard, und seiner Stimme merkte man ein leises Zittern an, das sich jedoch schnell verlor; – »noch weiß ich nicht, wodurch ich einen solchen Vorwurf verdient hätte. Ich weiß nicht einmal, wessen und von wem ich angeklagt werde. Und jener Vorwurf muß mir um so weher tun, da ihn mir ein Vater macht, den ich stets von Herzen geschätzt und geliebt habe.« »Keine Redensarten, mein Sohn!« sprach der Abt; »die Zeit ist um, da du mich mit glatten Worten betören konntest.« »Ich bin mir keiner Schuld gegen Euch bewußt, so wahr Gott lebt!« rief Bernhard ernst. »Man will keine Entschuldigung hören!« warf der Prior ein; »man weiß ja wohl, ein Ketzer scheut die Lüge nicht!« »Siehe, das Buch fand man in deiner Zelle,« fuhr Eberhard fort; »leugnest du, daß du es besessen hast?« »Nein!« sagte der junge Mönch fest. »Was wollen wir mehr?« rief der Prior und sah frohlockend zu Elias hinüber. »Gestehst du,« forschte der Abt weiter; »daß du aus demselben verbotnerweise ketzerische Gesinnungen geschöpft hast?« »Nein!« entgegnete Bernhard. »Gestehst du,« fuhr der Abt fort, ohne diese Antwort zu beachten, »daß du, was das verwerflichste ist, dieselben Gesinnungen mit vielen bösartigen, unwahren Zusätzen auch unter dem gemeinen Volk verbreitet hast, – daß du dir einen Anhang zu erwerben gesucht, – daß du, als dir solche Mittel nichts gefruchtet, schändliche Verleumdungen gegen das Kloster, die ehrwürdige Geistlichkeit, den Heiligen Vater, gegen die ganze Kirche mit Absicht und Eifer ausgestreut hast, – daß du« – – »Laßt mich zum Worte kommen!« bat der Mönch. »Ja,« fuhr jetzt der Prior hitzig fort, »daß du mit all diesen Mitteln bloß den Zweck erreichen wolltest, das Kloster bei Nacht und Nebel zu überfallen, es auszuplündern und den Raub mit deinen Helfershelfern zu teilen? – daß du aber bei alledem stets noch den guten Schein bewahren wolltest, – daß du im Kloster deine Brüder mit schnöder Heuchelei hintergingst, draußen durch die häretischen Lehren des erbärmlichen Augustiners, die dir, Gott weiß, welcher Teufel zur Schande unsers ganzen Konvents eingegeben hat, den Leuten die Köpfe verdrehtest, – – ja, da sieht man wieder einmal, was im Grund diese verfluchten und ewig verworfnen Ketzer wollen. Geld und Gut wollen sie, saufen und fressen, buhlen und balgen und dabei die Leute zu Heiden machen! Aber bei Gott und dem Heiligen Stuhl Petri, nie hat der Orden des Heiligen Dominikus ein solches Ungeheuer in seinem Schoße gehabt! Und noch weiß der Dominikaner seine Axt zu führen und den Scheiterhaufen zu bauen für solche abgefallne, widerspenstige Kinder der Bosheit!« »Ich bin schändlich verleumdet!« sagte endlich Bernhard und seufzte tief auf. »Willst du leugnen, daß du ein Ketzer bist?« schrie jetzt der Prior wütend. »Was nennt Ihr Ketzer?« fragte der junge Mönch ruhig. »Ein Ketzer,« nahm nun wieder der gefaßtere Abt das Wort, »ein Ketzer ist der, welcher die Gebote der Kirche verachtet, den Geist Gottes, der aus dem Heiligen Vater zu Rom spricht, verschmäht und verlacht, – mit eigner Weisheit und Vernunft den dichten Schleier, der die wahre Religion umgibt, lüften will und Nebelgebilde für Religion hält; ein Ketzer ist jeder, der auf anderm Wege als durch die alleinseligmachende Kirche und ihre Lehre sein Heil sucht, und noch vielmehr, wenn er auch andre auf seinen falschen Wegen irreführt.« »Dann bin ich ein Ketzer!« sagte Bernhard mit unbeschreiblicher Ruhe; »denn ich glaube, daß uns nur die freie Gnade Gottes in unserm Herrn Jesu Christo selig macht. Keine Heiligen, kein Papst, keine Priester mit ihrer Absolution und ihrem schnöden Ablaßkram können dazu ein Jota helfen. Ich glaube, daß ein faules Klosterleben Sünde ist, – daß das gemeine Laienvolk um das Blut Jesu Christi bestohlen wird. Ich glaube, daß der Priester des Herrn dienen soll und nicht herrschen, arm sein und nicht prunken, beten und nicht fressen und saufen. Ich glaube, daß jedermann selbst denken darf und forschen in dem teuren Worte Gottes. Ich glaube. daß der Heiland jeden bußfertigen Sünder annimmt, sei er Jude oder Grieche. Ich glaube, daß wir, wir alle, das Volk niedergedrückt haben in Dummheit und Hoheit, und daß wir es wieder heben müssen, wollen wir anders dem Zorne Gottes entrinnen. Dies ist mein einziges geheimes Streben gewesen, für das ich lebe und sterbe. Dies und nichts andres habe ich dem nach Gnade schmachtenden Kranken, dem in Hunger und Not verzweifelnden Bauern gesagt. Bei Nacht und Nebel mußte ich das teure Wort von Hütte zu Hütte tragen. Gott sei's gedankt, jetzt ist auch diese Fessel gesprengt. Ich dulde, ich sterbe, wie er es will!« »Der leibhaftige Luther!« rief der Prior. »Was? Wir seien schuldig an dem Elend des Bettelvolks? Vertilgt die Schlange vom Erdboden, zertretet dieses giftige Gewürme! Was, wir? – wir?« – Es entstand ein wilder Tumult im Saal, der den heftigen Prior nicht weiterreden ließ. »Stille!« rief Eberhard mit Donnerstimme; dann, als das Geschrei sich gelegt hatte, fuhr er fort: »Sprich, woher hast du dieses Buch?« »Dies zu wissen, kann Euch gleichgültig sein«, antwortete Bernhard; »doch möget Ihr es wohl erfahren. Ich habe es von meinem Vater!« »Was?« rief der Abt erstaunt; »von deinem Vater?« »Ja; ich habe ihm in seiner Todesstunde beigestanden; er starb vor etlichen Monaten zu Jagsthausen in des Götzen Schloß.« »So!« sagte Eberhard kalt. »Schlägt euch das Gewissen nicht?« fragte der junge Mönch bitter und gereizt, als er alle diese starren, gleichgültigen Gesichter der Reihe nach betrachtete. »Ich habe ihm das Mahl des Herrn gereicht und er vergab euch!« »Schuld auf Schuld!« schrie der Prior; »jetzt hat er auch noch die heiligen Gefäße Gottes entweiht, der Tempelschänder! Wie lange wollt ihr ihn noch hören?« »Nun« – rief Bernhard, plötzlich ergrimmt; »so tut am Sohne, was ihr am Vater tun wolltet, – einen Mord!« – Doch gleich darauf fuhr er erschrocken zusammen; seine geröteten Wangen wurden bleich und aus seinen Augen stürzte ein Strom von Tränen. »O vergib, vergib mir, lieber Heiland!« flüsterte er leise; seine ganze Körperkraft schien mit einem Mal gebrochen; er lehnte erschöpft an der Wand. »Er bereut, er bereut!« frohlockte der Prior. »Bereust du, mein Sohn, daß du dich gegen uns und die heilige Kirche versündigt hast?« fragte der Abt, der sich sichtbar zusammennehmen mußte. »Ich bereue nur,« sagte Bernhard fest; »daß ich nicht früher schon meinen Herrn bekannt habe. Dies tut mir schmerzlich weh; aber bis zum letzten Atemzug beharre ich auf dem heiligen Worte Gottes.« »So führt ihn ab!« befahl Eberhard mit der alten Strenge; »aber – noch eins! Wo warst du in vergangner Nacht? Hast du nicht einer verbotnen Versammlung angewohnt, um die armen Leute zu verführen? Sprich!« Der Mönch schwieg; alles blickte gespannt auf ihn. Robert, der bis jetzt beständig auf den Boden gesehen, mußte, wie von einer unsichtbaren Macht gezwungen, stier die Augen erheben, um sie sogleich wieder vor dem strafenden, vorwurfsvollen und doch so milden Blick des Jünglings, der fest auf ihm ruhte, niederschlagen. Er zitterte am ganzen Leibe vor Furcht und Aufregung. »Hierüber werde ich schweigen bis zum Tode!« sagte Bernhard endlich mit ruhiger Stimme. »An seiner rechten Schulter sind Blutspuren und ein Riß an der Kutte,« sprach der Abt; »fort mit dem Bösewicht!« Die beiden Mönche, welche Bernhard herbeigeführt hatten, erhoben sich wieder und verließen mit ihm auf Eberhards Befehl lautlos das Gemach. Eine Zeitlang herrschte wieder tiefe Stille im Kreise der Richter. Dann erhob sich der Abt abermals und sprach: »Es war von jeher Sitte, die Ketzer mit Feuer zu vertilgen und ihre Asche in alle Winde zu zerstreuen. Bernhard wird dasselbe Los treffen. Seid ihr damit einverstanden?« Die Richter schwiegen; da sagte Robert: »Es wird wohl schwer sein, dieses Urteil auszuführen, ohne daß ein Tumult unter den Bauern entsteht, von denen er, Gott sei's geklagt! einen gar so großen Anhang um sich gesammelt hat.« Wieder saßen die Mönche sinnend und schweigend da; tiefe Dämmerung herrschte bereits in dem Gemach. »Und welche Strafe wollt ihr an die Stelle des Feuertodes setzen?« fragte der Abt. – »Nun wohl,« fuhr er nach einigem Bedenken fort; »sein freches Lästermaul soll langsam in den finstern Gewölben verdorren. Er hat es zehnfach verdient, lebendig begraben zu werden.« Den Mönchen schauderte es den Rücken hinauf; ihr leises »Ja!« bezeugte, wie schwer ihnen doch dieser fürchterliche Spruch wurde. Bald darauf entfernte sich einer nach dem andern still aus dem Saal, und ohne ein Wort zu reden, ging jeder in seine trübe Zelle zurück. Nur Robert, Elias und der Abt blieben noch in dem dunkeln Zimmer beieinander. Bernhard saß wieder gedankenvoll auf der feuchten Steinbank, die an der Wand seines Gefängnisses hinlief. Er wußte jetzt, was ihm bevorstand; er wußte, daß er um seines Heilands willen sterben müsse, daß er verachtet und verkannt selbst von seinem besten Freunde, den er in seinem kurzen Leben je gefunden hatte, einen bittern Tod erleiden müsse, und nur diese Verkennung schmerzte ihn tief. Aber auch dieses Gefühl einer so gerechten Wehmut hatte er endlich niedergerungen und mit ernster, ruhiger Freudigkeit sah er seinem nahenden Geschick entgegen. Ohne eigentlich zu wissen, warum, harrte er schon geraume Zeit auf das Abendläuten; der fromme, echt altchristliche Ton der Glocke, die dem mühevollen Tag ein letztes, dankbares Lebewohl nachklingen ließ, hatte ihn schon so manchmal erquickt und wunderbar gestärkt; auch jetzt wieder wollte er sich den sanften Herzensfrieden hineinläuten lassen, aber – die Glocke schwieg. Schon war es finstre Nacht um ihn her und noch immer hatte er nichts vernommen; doch jener Friede braucht ja kein Geläute; er kommt ja so gerne auch in der stillen Nacht, und er kam. Halbschlummernd, in unschuldiger Sicherheit lehnte der junge Mönch an der Wand und vergaß fast, daß dort in der Ecke rostige Ketten lagen, die vielleicht für ihn bereit waren. – vergaß, daß die bittre Prüfung so nahe war, vor welcher gewiß mancher andre gezittert und gebebt hätte. Jetzt knarrten die Riegel; die schwere Türe öffnete sich seufzend und langsam; ein dünner Lichtstrahl flimmerte matt an den feuchten Wänden und der Kerkermeister trat ein. »Hier habt Ihr Euer Abendessen!« sagte er und stellte einen Wasserkrug und ein Brot auf die Bank; »laßt's Euch noch einmal schmecken!« – Er hatte diese Worte auffallend betont und wandte sich, indem er sein Lämpchen zurückließ, rasch um. »Ei, was soll denn das ›Ihr‹ und das ›Euch‹, lieber Bruder?« rief Bernhard erstaunt; »nein, so fremd sind wir uns doch nicht geworden in drei Stunden.« »Ihr habt Euch selbst so fremd gemacht;« sagte der Kerkermeister, stehenbleibend; »aber – Ihr dauert mich doch!« »So sagt mir,« bat der Gefangne, »warum hat denn heute die Abendglocke nicht geläutet? Dies ist ja noch nie geschehen!« »Euch zulieb, Euch zulieb!« entgegnete der Mönch schnell und öffnete die Türe wieder, um hinauszugehn. »Nehmt das Lämpchen mit; ich brauch' es nicht!« rief ihm Bernhard traurig nach. »Ihr braucht's vielleicht doch noch!« war die fast höhnisch klingende Antwort, und das Schloß der schweren Türe fuhr zu. Bernhard blieb sitzen, wie er gerade saß; er starrte in die rötliche Flamme, die flackernd in dem kleinen Ölschüsselchen brannte, und dachte über die Worte des Kerkermeisters nach. »Es muß sich bald entscheiden; vielleicht ist schon alles entschieden!« – sagte er ruhig vor sich hin; »doch was kann geschehen, ohne daß du es wolltest, Herr im Himmel? Dies ist mir mein süßester Trost; laß ihn doch immer fester in meinem wankenden Herzen Wurzel fassen!« Der Kopf Bernhards sank auf die Brust; er schien zu schlummern. – Doch nicht lange durfte er die erquickende Ruhe genießen, die ihn nur zu neuen Leiden stärken sollte. Wieder nahten sich Tritte, die Riegel knarrten an der Kerkertüre und ein andrer Mönch schlüpfte leise herein. Bernhard fuhr aus seinem Schlummer empor, und trotz dem matten Zwielicht, das die Lampe verbreitete, erkannte er sogleich an dem stillen und doch so festen, sichern Auftreten den Bruder – Robert. »Was willst du hier?« fragte er mit einer vor Erwartung und Staunen fast zitternden Stimme. Der Mönch wandte sich nochmals um, öffnete die Türe wieder und sah lange in den finstern Gang hinaus. Endlich schien er sich überzeugt zu haben, daß ihm niemand folge. Er schloß das schwere Tor und sagte höhnisch: »Was ich wolle? Beichten sollst du mir, lieber Bruder Bernhard, – beichten und deine Ketzerei und schändlichen Anschläge gegen unser liebes Kloster gründlich bereuen, ehe der Morgen kommt; denn noch diese Nacht – ich will's kurz machen; – noch diese Nacht – nun, brauchst die Augen nicht so weit aufzureißen, mein lieber Sohn! – noch diese Nacht sollst du – wirst du« – »Was werde ich?« rief Bernhard und sah mit Schrecken die teuflische Lust, die aus Roberts Blicken sprühte. »Begraben sein!« endete der Mönch mit eisiger Kälte. – »Nun, du willst mir nicht beichten?« fuhr er im vorigen Tone nach einer Pause fort, in der sich Bernhard zu sammeln versucht hatte; »was erschrickst du denn so gewaltig? Mit dem Sterben eilt's ja noch nicht; in drei Tagen kannst du eher dran denken. – Hast du denn gar nichts zu bekennen, du unschuldiges Lämmlein? Wahrhaft ich hab' mir viele Mühe geben müssen um dich; denn ein Ketzer wie du braucht gar wohl eine so wirksame Absolution wie die meinige. Viel tausend Worte hat mich's gekostet, diese meine Pflicht erfüllen zu dürfen; denn sieh, dein Freundchen, der Elias, hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt beim Abt. Ich will's ihm einmal entgelten, dem frommen Bruder! Er wollte selbst zu dir; aber das durft' ich ja nicht dulden; du weißt ja: warum, nämlich wegen deines Seelenheils. Nun, warum sprichst du so gar nichts, mein Söhnchen? Ist dir nichts an dem Heil deiner Seele gelegen? Ist dir's sogar gleichgültig, ob du in drei Stunden in deiner armen Zelle oder unter den feuchten Steinplatten der Gruft deine ketzerischen Lieder wimmerst?« »Verbittre mir nicht meine letzten Stunden mit deinem Hohn!« bat Bernhard; »es könnte dir doch genug sein, mich so weit gebracht zu haben!« »Hast recht,« entgegnete Robert; »und wenn du mir eben gar nichts zu beichten hast, so will ich doch dir etliches sagen. 's ist nur, damit die Zeit herumgeht und die da draußen meinen, wir hätten einander auch gehörig die Hölle heißgemacht und wacker miteinander gebetet. Das Fasten wird bei dir schon von selber nachkommen, denk' ich.« »Gib mir nur meine Bibel wieder, die du mir genommen hast;« bat der Gefangne; »dann erlaß ich dir gerne Beten und Beichtehören und verzeih' dir von Herzen alles, was du sonst an mir getan!« »Sollst sie haben, verstockter Ketzer!« rief Robert und unterdrückte mit den letzten Worten die leise Bewegung, die sich bei den ersten seiner bemächtigt zu haben schien. »Doch« – fuhr er dann fort; – »damit du mich nicht für allzu schlecht ansiehst, – wir dürfen ja nun ohne Masken einander ins Gesicht schauen und du brauchst dich jetzt auch nicht mehr zu verstellen, – du hast in geistlichen und ich in weltlichen Dingen das Kloster betrogen. Brauchst dich nicht so unwillig umzuwenden! – ich weiß es wohl und am Ende kommt beides aufs gleiche hinaus. Kann ich dafür, daß du mir in den Weg gekommen? Jeder hilft sich selber und bei Gott! ich bin meine Handlung der halben Welt schuldig. Wenn das gelingt, was wir seit lange im stillen wirken und schaffen, wird nicht bloß das ärmliche Klösterlein ein wenig anders werden; auch ich hoffe, nimmer so einsam und vergessen in diesen Mauern zu vermodern. Hoheit und Größe – das ist mein erstes und letztes Wort und die Rache muß mir mein Schwert bringen. Darf ich bei solchem Ziel ein paar Tropfen Blut scheuen? Das wäre Tollheit!« Robert schwieg und sah zum Gitter in die schwarze Nacht hinaus, während Bernhard in Gedanken versunken am Tische lehnte. Endlich fuhr der erstere fort: »Nicht wahr, ich sage dir bittre Wahrheiten, die deinen schwachen, frommen Kopf dir ein wenig verwirren? Ich könnte dir noch mehr sagen; denn du wirst's ja nur kahlen, stummen Wänden zuheulen. Aber du wirst satt sein, denk' ich.« Wieder entstand eine tiefe Stille zwischen ihnen. Bernhards fest zusammengepreßten Lippen entschlüpfte kein Wort. »Du wunderst dich vielleicht, daß mir der Abt so schnell geglaubt?« sagte jetzt Robert; »das kam daher: wie er merkte, daß du wußtest, wer dein Vater sei, schlug ihm das Gewissen ein wenig und er fürchtete sich vor dir. Der gute Mann meint noch immer, kein Mensch wisse mehr, daß er jene Hussitenjagd veranlaßt, um bald ein Abt zu werden. Doch – ich will dich nimmer belästigen. Dein Ketzerbuch sollst du bekommen. Vielleicht ist dir's lieber als ich und das ganze Klerus- und Laienpack zusammen!« Robert wandte sich gegen die Türe und rief, indem er sie öffnete, mit höhnischem Gelächter: »Gute Nacht, Bruder Bernhard!« »Gute Nacht, Robert!« entgegnete Bernhard ruhig und freundlich; »gebe Gott, daß du nicht einmal schrecklich aufgeweckt wirst aus deinen blutigen Träumen!« Der Mönch war bereits verschwunden. In heißem, glühendem Gebet sank der Gefangne auf die kalten Steinplatten nieder: doch kaum hatte er recht innig seinen Heiland in den stillen Kerker gerufen, so öffnete sich wieder eine Spalte der Türe, und von unsichtbarer Hand geschleudert, flog ein Buch auf ihn zu und fiel flatternd zu seinen Füßen nieder. Mit freudiger Hast hob er es auf; es war ja sein einziger Schatz, seine Bibel. Das kärgliche Licht der Lampe war ihm jetzt ausreichend, die teure, vergilbte Schrift zu entziffern. Nichts störte mehr den Flug seiner Gedanken nach oben; denn seine Augen begegneten, wohin er blicken mochte, nur den grauen, kahlen Kerkerwänden, und sein Ohr traf nur das leise, ferne Rauschen des Windes, der manchmal schüchtern um das Gitterfenster flüsterte. Aber die Nähe Gottes hatte ihm diese schauerliche Einöde in ein heiliges, stilles Paradies verwandelt, das er mit keinem andern, noch so herrlichen Glück vertauscht hätte. Mitternacht mochte vorüber sein, und noch immer saß er an dem steinernen Tisch, bald in das heilige Buch vertieft, das aufgeschlagen vor ihm lag, bald in Gedanken versunken, aber in seinen ernsten Zügen spiegelte sich die reinste, innigste Freude. »Herr, dir sei's gedankt!« rief er jetzt und faltete die Hände über die Bibel; »jetzt habe ich allen, allen verziehen durch deine Kraft, du treuer Helfer!« Er schwieg wieder und schien auf den Wind zu lauschen, der schwere Regentropfen ans Fenster trieb und stürmisch durch die Spalten sauste, so daß das Flämmchen in der Lampe unstet hin und her flackerte. Aber das Sausen des Windes war es nicht, worauf er lauschte, sondern Gottes Geist hatte ihm durchs Herz geweht und ihn gestärkt zu dem herben Leiden, dem er entgegenging. Plötzlich hörte er einen zitternden, leisen Klang. Einen Augenblick war's wieder stille, aber gleich darauf hallten die durchdringenden, fieberhaft schnellen Schläge der Totenglocke durch das düstere Gemach. »Es ist Zeit!« sprach es in ihm, und er stürzte mit dem Ruf: »Ein' feste Burg ist unser Gott!« auf die Knie nieder. Da erscholl vom Turme herunter auch der tiefe, feierliche Klang der großen Glocke, und sogleich wurden all die andern ernsten, ehernen Zungen gleichfalls laut und riefen mächtig durch die schweigende Nacht: aber immer noch tönte das Totenglöckchen zwischen ihre dumpfen Stimmen so höhnisch, so schrill hinein, als wollte es mit seinen hastigen Schlägen alle andern übertäuben. Jetzt nahten sich Tritte; die Türe öffnete sich; der Kerkermeister trat wieder herein. »Seid Ihr bereit?« fragte er und blickte mitleidig lächelnd auf den betenden Mönch. »Ich bin's!« rief dieser freudig und stand auf. Er schlug die Bibel zu, die noch auf dem Tische lag, und steckte sie zu sich. Das Lämpchen daneben flackerte gerade zum letztenmal auf und erlosch. »So folgt mir!« befahl der Kerkermeister und leuchtete mit seiner Lampe voran. Schweigend durchschritten sie die hochgewölbten Gänge, in denen nur ihre Tritte von einem Ende zum andern widerhallten; denn die Glocken hatten aufgehört zu läuten. Schon waren sie an der Türe angelangt, welche einen Seitengang der Kirche mit dem Kloster verbindet. Zwei Mönche standen dort leise flüsternd in einer Nische und traten, als der Kerkermeister mit dem Gefangnen nahte, hervor, um diesen in ihre Mitte zu nehmen. Jener löschte seine Lampe aus und öffnete leise die Pforte. Sie schlüpften hinein. In dem Querbau, der sie aufnahm, war es finster, und eine drückende Stille herrschte in den weiten kalten Räumen; nur vom Hochaltar her tönte die monotone, leise, singende Stimme des Abts, der die Messe las, und verhallte unmerklich in den Winkeln der Kirche. Sie traten jetzt gegen den Chor. Ernst und schweigend und von dem matten Schein der sieben Kerzen kaum erleuchtet, saßen dort die weißen Gestalten der Mönche in ihren Stühlen. Fast keiner wagte aufzublicken, als Bernhard an ihnen vorübergeführt wurde. An einem abgesonderten Plätzchen nahe beim Altar war für ihn ein Stuhl aufgestellt, wo er das Ende der Messe erwarten sollte. Es kam. Das uralte, erhabne: »Heilig! Heilig! Heilig!« schallte feierlich durch die ernsten Hallen und beschloß den Gottesdienst. Aber die Mönche entfernten sich nicht, wie sonst gewöhnlich, sondern blickten alle unverwandt nach der Seite, wo im Zwielicht kaum sichtbar Bernhard noch immer ruhig dasaß und sein Schicksal erwartete. Jetzt nahten sich ihm zwei der Mönche und führten ihn gegen den Altar. Auf der untersten Stufe befahlen sie ihm stehnzubleiben und entfernten sich dann, während noch immer der Abt oben am Altar sich betend hin und her bewegte und ihm den Rücken zukehrte. Es entstand eine lange, drückende Stille, nur von den leise rauschenden Gewändern des Abts unterbrochen, dessen Tritte man auf den weichen Teppichen nicht zu hören vermochte. Die sieben Kerzen waren tief herabgebrannt, und der schlaff herniederhängende Docht trübte nur noch mehr den matten Schein ihres Lichts. Eine Eule mußte um die Decke und um die Säulenknäufe flattern; denn man hörte ihren trägen, leisen Flügelschlag und ihr schweres Seufzen; aber niemand konnte sie in der tiefen Finsternis erkennen, und doch vermochte sich manches Herz eines schnellern Pochens nicht zu erwehren, wenn der unheilbringende Nachtvogel über ihre Kopfe hinflog. Der Abt wandte sich um. Segnend erhob er die Hände über die Versammelten und sprach mit feierlicher, strenger Stimme: »Segen und Glück und den Gruß Gottes denen, so er erwählt hat zu seinem auserwählten Volk! Fluch aber und Elend und den ewigen Zorn Gottes denen, so ihn verlassen haben, und haben seine Gebote verlacht und mit seinem Grimm gespielt in ihrer sündigen Torheit!« Hier hielt der Abt einen Augenblick inne und fuhr dann gegen Bernhard gewendet fort: »Auch dir gilt dieser ernste Gruß, der du zitternd am Fuß des Altars stehst und den Zorn Gottes, den du zehnfach über dich herbeigerufen, nun ausbrechen siehst über deinem Haupte, – der du, wenn es Gottes Wille ist, vielleicht jetzt zerknirscht und zermalmt von dem Bewußtsein deiner Schuld um Gnade flehst! Sie sei dir gewährt! Ja, staunend höre das Wort, das die heilige Kirche durch ihre Diener zu dir spricht, – das Wort, das du niemals erwarten durftest, und das du nicht ahnen konntest ohne ihre grenzenlose mütterliche Liebe. Die Gnade ist dir gewährt! Nur eins verlangt sie dagegen von dir, das zu deinem eignen Seelenheile dienen soll, – nur eines, das Kleinste, Leichteste, das sie in ihrer Langmut verlangen konnte. Entsage deinen ketzerischen Irrtümern, entsage deinen eiteln, sündhaften Plänen, kehre zurück in den erbarmungsreichen Schoß der Kirche, die dich bei deiner Geburt den Krallen des Satans entrissen hat, – werde denen wieder ein Bruder, die dich solange mit Wohltat und Liebe überhäuft haben. Kannst du zaudern? Wir wissen alle, was du antworten wirst; denn dein Herz ist gut, wenn auch verblendet von den Tücken und Versuchungen Beelzebubs. Darum beantworte freudig meine Frage: Willst du Vergebung und Versöhnung mit Gott und der Kirche? – Doch nein; höre zuvor, was dir bevorsteht, wenn du dich trotzig diesen Worten der Liebe verschließest, die dargebotne Bruderhand hinwegstößest und Gottes Langmut verachtest. Tief unter der Gruft deiner Brüder wird dein Grab gegraben; lebendig wirst du versenkt werden und eingemauert; lebendig wirst du die Würmer aus ihren Löchern kriechen sehen und wirst ihnen nicht wehren können wider dein Fleisch und Blut; lebendig wird auch der Wurm an dir nagen, der nie stirbt, und das Feuer dich brennen, das nie erlischt. Dann wird auch die Reue dein Herz zernagen, aber nutzlos; denn zu dir hinunter dringt dann nimmer der Trost des Priesters, noch die Absolution der Kirche. Zitternd und wimmernd wirst du alsdann zum Throne Gottes kriechen, aber nur um hinabgestoßen zu werden in den Pfuhl der Hölle – für ewig! Für ewig! Bedenke dies, mein Sohn, und antworte!« Der Abt schwieg. Bernhard richtete sich hoch empor; sein Auge glänzte ruhig und freudig und blieb fest gerichtet auf Eberhard. Jetzt faltete er die Hände über der Brust und sprach: »Meine Seele darf nicht rechten mit meinem Leibe. Ich sage: Nein! im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; Amen.« »So sei verflucht!« rief der Abt mit Donnerstimme, und es hallte dreifach in den Gewölben wider. In demselben Augenblick erloschen wie mit einem Zauberschlag die sieben Kerzen auf dem Altar und nur noch der Strahl des schwankenden ewigen Lichts durchzitterte den weiten Raum. Unter den Mönchen entstand eine leise Bewegung; der Prior war hervorgetreten und zerrte mit tierischer Wut an Bernhards Kutte. In wenigen Sekunden war die Entkleidung vollzogen und der Prior, wie auch die andern Mönche, verschwunden. Nur noch die lange, hagre Gestalt des Abts stand sichtbar über ihm auf den Stufen des Altars. »Knie nieder!« befahl er mit hohler Stimme. Bernhard gehorchte. Jetzt trat der Abt einige Schritte rückwärts, erhob die Hände zum Himmel und begann in tiefem Tone langsam den Fluch über den knienden Mönch zu sprechen: »Der du hier unbußfertig an heiliger Stätte kniest,« sagte er; »der du die Gerechtigkeit des Herrn verhöhnst und seine Gnade mit Füßen trittst: verflucht seist du vom Wirbel bis zur Zehe, verflucht sei jeder Odemzug, jedes Wort, jedes Flehen, das deinem ketzerischen Munde entquillt; verflucht sei jedes Stäubchen deiner Asche, die bald in der Gruft vermodern wird; verflucht sei deine Seele, verstoßen in den untersten Pfuhl der Hölle, den Teufeln zur Lust und ewigen Freude!« »Gott ist barmherzig!« flüsterte Bernhard, als der Abt hier endete. Er sah empor und schon war dessen hagre Gestalt in einem Seitengange verschwunden. Kein Mensch schien mehr in der Kirche zu sein; Todesstille herrschte rings und der Glanz des heiligen Lichts erhellte kaum noch die Stufen, auf denen Bernhard kniete. Der schreckliche Fluch des Abts mußte ihm wenig geschadet haben; denn seine Gebete waren so inbrünstig, seine Seele so ganz in Gott versunken, daß er nicht bemerkte, wie bereits zwei Männer hinter ihm standen, die ihn jetzt aufforderten, ihnen zu folgen. Sogleich erhob er sich und schritt mit ihnen schweigend dahin. Durch das Schiff, durch die Seitentüre gelangten sie wieder in den Klostergang. Dort kamen sie an einer Pforte vorüber, die in den Garten führte. Bernhard bat, nur noch einmal hinaustreten zu dürfen, um Gottes freien Himmel zu sehen; denn er wußte wohl, daß dies sein letzter Gang war. Aber die Laienbrüder gaben ihm keine Antwort mehr; er mußte weitergehn. Jetzt hatten sie eines der verborgensten Seitengewölbe erreicht; eine eichne Falltüre führte dort in die unterirdischen Gelasse des Klosters. Sie stand offen und man sah deutlich bei dem matten Kerzenschein, daß der Sandstein der Stufen, die hinunterführten, nicht vom Gebrauch, sondern von der durchdringenden Feuchtigkeit so kläglich zerstört war. Einer der Laienbrüder rief laut hinab: »Seid ihr fertig?« und wie aus dem Grabe, kaum hörbar, drangen die Worte aus dem Bauche der Erde: »Noch nicht, aber bald!« In diesem Augenblick trat aus dem Schatten eines Strebepfeilers eine Gestalt hervor und schritt gerade auf Bernhard zu. Leidenschaftlich umschlang sie ihn mit den langen Armen und flüsterte heftig: »Im Namen des Herrn und aller Heiligen – bist du schuldig nach göttlichem Gericht?« – »Nein!« sagte Bernhard fest. Er fühlte einen heißen Kuß auf seiner Stirne und die Gestalt verschwand wieder hinter dem Pfeiler. Er hatte sie wohl erkannt; es war Elias. Die Laienbrüder stiegen jetzt hinab, Bernhard zwischen ihnen, während Elias wie angebannt hinter seinem Pfeiler stehnblieb. Es war dunkel um ihn und heiße Tränen rieselten in seinen weißen Bart. Nach einer kleinen halben Stunde wurde die Öffnung im Boden wieder hell. Sie kamen zurück; zwei Maurer mit Kelle und Kübel stiegen samt den Laienbrüdern in eiliger Hast herauf. Die Falltüre klappte zu; verächtlich spuckten sie darauf und sputeten sich dann aus dem Gewölbe, ohne den alten Mönch zu bemerken, der noch immer seinen Platz nicht verlassen hatte. Jetzt kam er hervor, kniete auf der Falltüre nieder und legte sein Ohr an ihre Spalten. Aber er hörte nichts als das krampfhafte Atmen seiner eignen Brust, und eine Träne fiel leise zitternd auf das harte, eichne Brett hernieder, das ihn von seinem unglücklichen Freunde trennte. VI. Als am andern Morgen die klare Frühlingssonne aufging und die Glocken wie gewöhnlich mit feierlichen Tönen den Sonntag begrüßten, konnte man keine Spur von der verfloßnen Nacht mehr entdecken. Alles ging wieder seinen geregelten Gang und kein Mensch wagte es, etwas von dem Ereignis zu erwähnen, das so plötzlich einen aus ihrer Mitte gerissen hatte. Nur der ernstre Schritt, der trübe Blick, das gesenkte Haupt von einzelnen der Mönche ließ noch auf etwas Ungewöhnliches schließen. Selbst der Prior, der sich alle Mühe gab, der unbehaglichen Eindrücke, die ihn verfolgten, los zu werden, ließ, nachdem er sein Mittagsschläfchen gemacht, sich den Vesperwein auf seine Zelle bringen, wo er freilich einer eigentümlichen, nicht gerade geistlichen Beschäftigung oblag, in welcher ihn zwei Brüder eifrig unterstützten. Das sogenannte Narren- und Eselsfest stand nämlich vor der Türe, wobei der Einzug Christi auf einer Eselin der Geistlichkeit jener Zeiten Veranlassung gab, dieses Tier, welches schon damals das Sinnbild der Torheit war, und ebendamit die Torheit selbst in möglichst komischer Weise zu feiern. Wie bei solchen Gelegenheiten das Heiligste entweiht, Kanzel und Altar, Kelch und Hostie ein Spiel der Narren wurde, ist längst bekannt, und es versteht sich leicht, daß die Vorbereitungen auf das genannte burleske Kirchenfest weit mehr Zeit, Fleiß und tätigen Eifer erforderten als die auf Ostern oder Pfingsten selbst. Hiermit beschädigte sich gerade der Prior. Auf einem langen Tisch in seiner Zelle, die jedoch eher ein helles, prachtvoll ausgestattetes Zimmer genannt werden mußte, lag ein buntes Gewirre von farbigen Papieren, Tüchern, falschen Steinen und Perlen, Zirkeln, Scheren, Farbenschalen, Pinseln, Papp- und Leimschüsseln – kurz alles, was ein Tausendkünstler nötig hat, um einen Priester in einen Narren zu verwandeln. In diesem Chaos wühlten emsig sechs Hände, um eine solche Verwandlung zu bewerkstelligen. Der Prior Gregor saß zusammengekauert auf einem kleinen Stühlchen und bemühte sich, einer noch weißen Maske, die auf seinen Knien lag, den lachenden Mund glänzend rot anzustreichen. Einer der Mönche schnitt aus einem großen Stück hellgrünen Tuchs die spitzigen Zacken eines Narrenkleides aus; der andre schien seiner Hände Werk absichtlich hinter einem Gebirge von allen möglichen Dingen, die er um sich aufgehäuft hatte, zu verbergen. Nur sein Pinsel, der manchmal hastig in ein halbzerbrochnes, schmutziges Farbenglas fuhr, verriet, daß auch er male. Die Stille des Gemachs wurde nur zuweilen durch die ungeduldigen Töne des Priors unterbrochen, dem seine Maske immer noch nicht genug lachen wollte, trotzdem daß er ihr die Mundwinkel immer höher hinaufzog. Jetzt erhob sich der zweite Mönch und warf dabei ein Kästchen zu Boden. Die beiden andern sahen bei dem Geräusch hastig in die Höhe, um sogleich in ein fast endloses, schallendes Gelächter auszubrechen, welches dem dicken Prior das Wasser in die Augen trieb. Jener hatte nämlich seine soeben fertig gewordne Maske bereits aufgesetzt, die an komischem Ausdruck wirklich alles übertraf, was die damalige Klosterkunst zu leisten imstande war. Zwischen der niedern, wulstigen Stirne und den ölglänzenden Pausbacken blinzelten zwei triefende, langgeschlitzte Äuglein voll schelmischer Lust hervor; der weite, lachende Mund zeigte, wie gesund noch die Eßwerkzeuge seien, und das volle Kinn wie die kupferfarbne Nase bekundeten, daß sie stets in Übung erhalten wurden. Über das ganze Gesicht schwamm Fett und Lust in seliger Vereinigung. »Herrlich! Herrlich! Das ist dein Meisterstück, Bruder Augustin!« rief der Prior und lachte noch immer aus vollem Hals. »Steht mir's nicht gut?« fragte der gepriesne Künstler schmunzelnd. »Die Maske ist über allen Tadel erhaben,« meinte Gregor; »aber zu dieser Gestalt paßt sie eigentlich doch nicht ganz. Ich wäre sicherlich geeigneter, sie zu tragen. Höre, Bruder, um welchen Preis würdest du sie mir wohl abtreten?« »Ich bin nicht würdig, etwas zu besitzen, was Ihr, mein Vater, zu haben wünschet,« entgegnete Augustin mit schalkhafter Demut und band sich die Maske los; »hier nehmt sie, aber es wundert mich fast, daß Ihr meines elenden Machwerks sollt bedürfen, da Ihr doch selbst gewiß – ich wollte sagen: da Ihr selbst« – – »So geschickt seid, vielleicht?« ergänzte der Prior wohlgefällig, ohne die schelmischen Blicke zu bemerken, welche die Mönche wechselten. »Nein, mein Sohn, du bist zu bescheiden; hierin erkenne ich recht gerne deine Meisterschaft an. Ich glaube fast, dies wird die Krone des ganzen Festes werden. – Ei, Emmerich, hast du die Mitra für den Esel noch nicht herausgeschnitten? Mach' sie doch ein wenig schmäler! Man sieht ja den natürlichen Hauptschmuck des lieben Tierchens, das herrliche Ohrenpaar! – Ach, wenn nur meine Maske nicht eher beulen würde, als lachen! Ich möcht' sie zerreißen! – Augustin, jetzt sag' mir nur: wie fängst denn du's an?« »Nun – 's ist nicht so schwer,« erwiderte der Mönch; »zuerst seh' ich mir einen an, der so recht aus dem Herzen lacht« – – In diesem Augenblick wurde die Türe rasch aufgerissen; ein Mönch stürzte herein und auf den Prior zu. Dieser erbleichte und fragte hastig: »Was bringst du, Glück oder Unglück?« »Unglück, Vater, glaub' ich,« rief der Gefragte; »der Schäfer von Kessach ist da!‹‹ »Will er wieder einmal drohen, der kindische Griesgram?« spöttelte Gregor und seine Züge hellten sich ein wenig auf. »Er will Euch sogleich sprechen; laßt ihn vor!« bat der Mönch ängstlich. Aber der Angemeldete war bereits eingetreten; sein Gesicht glühte zwischen den weißen Locken; die Brust hob und senkte sich heftig unter dem groben Wamse. Ernst stellte er sich vor den Prior und sagte: »Was ich längst prophezeit, trifft ein! Eilt, hochwürdiger Herr, daß es nicht zu spät wird!« Der Prior wurde abermals bleich und stammelte: »Ist es wahr?« »Wahr?« rief fast höhnisch der Schäfer; »in weniger als drei Stunden werdet Ihr's merken, wie wahr es ist, wenn Ihr mir nicht gehorcht!« »So kommt – kommt schnell zum Abt!« sagte fast bittend Gregor und eilte mit dem Alten zum Zimmer hinaus. Erschrocken und erstaunt blieben die drei andern zurück. Sie wußten nicht, was sie zu befürchten hätten, und doch steigerte sich ihre Angst immer mehr. Sie zerbrachen sich den Kopf mit Vermutungen; das Richtige ahnte keiner. Endlich verließen sie das Zimmer, um auch den übrigen Mönchen ihre Besorgnis mitzuteilen. Den Bruder Elias hatte man an diesem Tage fast nirgends bemerkt. Bis gegen Nachmittag war er in seiner Zelle eingeschlossen geblieben und gab keinem seiner Freunde Antwort, wenn sie an seine Türe pochten. Wie es schon Abend werden wollte, hatte ihn der Pförtner langsam und gesenkten Hauptes zum Tore hinaus und nach dem nahen Kreuzberg wandeln gesehen. Dorthin war er wirklich gegangen. Auf dem Gipfel des Berges stand schon damals eine Kapelle, klein und altersgrau, und vor derselben streckte eine mächtige Linde ihre noch kahlen Äste zum Himmel. Unter jenem Baume setzte sich der müde Mönch ins dürre Riedgras und blickte traurig in die tausend und abertausend Stengelchen, die zu seinen Füßen im Abendwind wisperten. Manchmal schaute er auch das Tal hinaus oder hinab; sein Auge ruhte auf dem falben Grün, das dessen Sohle schmückte; aber so oft es den Türmen der Klosterkirche begegnete, schlug er den Blick wieder erschrocken zu Boden. Lange saß der alte Mann so da in trübem Schweigen; die Sonne ging klar hinunter; rings lagerte sich allmählich die Dämmerung über die stillen Fluren; nur noch hie und da flog ein einsamer Vogel zwitschernd von der Linde seinem Neste zu; da wurden, als hätten sie sich bei Tage gescheut, die Züge des Greises belebter und er murmelte halb hörbare Worte vor sich hin. »Er war unschuldig!« flüsterte er. »Ganz gewiß, er war's! O Gott, niemand hört's, niemand darf es hören als du! Jetzt ringt er mit dem Tode! Großer Gott, kannst du solch ein Unrecht dulden? Und ich – ich bin schuldig dran! Ich war zu schwach, zu feig und der Herr hätte mir so gewiß geholfen! O wieviel schreckliches Elend haben doch schon diese freundlichen Klostermauern bedecken, welche Frevel beschützen müssen! Schläfst du denn, o barmherziger Gott im Himmel? – Bernhard, Bernhard, du liebes, frommes Kind, wo hab' ich dich verloren? O Gott, jetzt wird er röcheln in seiner schwarzen Gruft und um seinen Tod flehen und noch lange, lange drum weinen und wimmern, Tag und Nacht! – Nein, das ertrag' ich nimmer; mein altes Herz ist zu fest an das seinige gewachsen! Hinunter will ich! Herr, gib mir Mut und Kraft, meinen – – meinen Eid blinden Gehorsams zu brechen, wenn ich Mördern gehorchen soll. Ja, ich will ihnen sagen, was sie sind, was sie getan haben! Und wenn Hunderte gegen ihn zeugen – er ist unschuldig!« Elias sprang auf und blickte, von wunderbarem Mut ergriffen, in die Ferne. Da stieg plötzlich drüben, hinter dem dunkeln Wald, eine tiefe Röte zum Himmel auf; immer heller, immer höher wurde die purpurne Glut und zog sich in einem gelben Streifen am Horizonte hin. »Herr Gott, das bist du!« rief Elias, nachdem er lange hingesehen hatte; »das ist dein Zorn! Wie hell! Das ist kein Haus, das ist eine halbe Welt! – Was mag es wohl sein in dieser Richtung? – Dummer Kahlkopf, ich weiß es ja: Gottes Zorn ist's; das ist genug, übergenug. – Aber jetzt hinab! Ich will ihnen sagen, daß die Rache kommt – schneller als der Blitz. Sie sollen zittern in ihren Sünden!« Der Alte raffte sich auf und eilte schnell den Berg hinunter, unverwandt den Blick auf den glühenden Himmel gerichtet; denn immer heller wurde die Flamme, und es schien ihm oft, als hörte er ein leises, undeutliches Rauschen und Knistern aus jener Gegend. – – Indessen war der Prior längst mit dem alten Schäfer beim Abte angekommen. Gregor hatte zuerst um Erlaubnis bitten wollen, daß jener das Zimmer betreten dürfe, aber der Schäfer, der doch sonst immer so demütig, so ehrerbietig gewesen war, achtete nicht darauf und drang, wie beim Prior selbst, so auch hier ungeheißen vor Eberhard. »Was ist dein Begehr?« fragte der Abt, entrüstet über dieses Benehmen. Aber sogleich flüsterte ihm der Prior dringend zu: »Bei allen Heiligen, laßt ihn gewähren; er ist ein alter Mann! Erzürnt ihn nicht, bis er uns gesagt, was er sagen will!« »Was mein Begehr sei?« wiederholte der Bauer und lachte bitter; »begehre nichts, ja wahrlich nichts, hochwürdiger Herr, als Euch nicht stecken zu lassen.« »Bedenke, mit wem du sprichst!« sagte Eberhard finster. »Bedenk's schon, Herr Abt!« meinte Jakob; »hab's früher nur zu wenig bedacht. Mit euch, ihr Herren, muß man grob schwätzen, wenn's was helfen soll!« »Welche Frechheit!« seufzte der Prior und sah erschrocken, wie Eberhard rot wurde vor Zorn. »Nein, wahrlich nein!« sagte der Schäfer; »'s ist keine große Frechheit, wenn einer zu mir sagt: ›Paß auf, Esel! 's Messer steckt dir an der Gurgel!‹ – Ja, ja, ihr Herren, – guckt mich nur an wie ein gestochner Bock; 's ist mir ernst; ihr dürft mir's glauben!« »Und wenn es wirklich so wäre,« sprach der Abt mit verbißnem Ärger; »so darfst du doch nicht vergessen, daß ich dein Herr bin. Unglück und Not kann uns nicht entwürdigen!« »Richtig! Wenn man aber die Not selber verschuldet hat, Herr Abt?« fragte der Bauer lachend. »Und das habt ihr! Wie oft bin ich schon im Kloster gewesen und hab' leis und laut meine Meinung gesagt, daß mir's oft fast übel ergangen wär'! Jetzt sag' ich's wieder, und in drei Stunden wird's euch schrecklich in den Ohren summen. Ihr habt die Bauern geschunden wie das liebe Vieh, bestohlen wie die dummen Heiden, und – im Vertrauen gesagt! – gemordet wie Hunde und Ketzer. Jetzt aufgepaßt! So halten sie's nicht mehr aus, hab' ich damals gesagt; ihr treibt's zu arg; endlich bricht's los, und 's ist losgebrochen!« Der Schäfer hatte die letzten Worte mit fester, drohender Stimme gesprochen. Einen Augenblick schwieg er und sah – ein eigentümliches Bild! – mit verächtlichem und zugleich mitleidigem Lächeln auf die beiden prächtig gekleideten Mönche. Dann fuhr er fort: »Was zittert ihr so? Die Not kann ja niemand entwürdigen! Doch – was ich euch sagen wollte: drüben vom Schüpfergrund zieht ein heller Haufe mit Stangen und Gabeln, mit Keulen und Messern gegen euer Kloster und will euch an den Hals; seht euch vor!« Der Bauer wandte sich rasch um und ging der Türe zu. Der Prior wollte ihn zurückhalten, aber ein Blick des Abtes verbot ihm dies, so gerne beide noch mehr erfahren hätten. Bevor aber der Schäfer die Klinke erfaßt hatte, fuhr die Türe auf und Elias trat ein. Er stand ruhig und ernst vor dem staunenden Abt und erhob drohend die vor Aufregung zitternde Hand. »Ihr habt einen Unschuldigen gemordet!« sprach er mit dumpfer Stimme; »die Rache des Herrn ist schneller als der Blitz!« »Er ist wahnsinnig geworden, der Alte!« sagte der Abt und wandte sich mit stolzem Lächeln um; »führt ihn weg!« »Wahnsinnig?« rief der Mönch plötzlich in fieberhafter Heftigkeit; »bei Gott, es wäre kein großes Wunder, wahnsinnig zu werden in einer solchen Welt! Aber – da seht her!« Elias trat an das Fenster, das, da schon ein Licht im Zimmer brannte, durch schwere, seidne Vorhänge verhängt war. Ein rascher Griff und sie waren auf die Seite gerissen. »Da seht her! Ist das Wahnsinn?« Erschrocken blickte der Abt und der Prior nach der angegebnen Richtung und sahen die rote Glut über dem Walde schweben und den Qualm sich dick und langsam am Horizonte hinwälzen. »Heilige Mutter Gottes, was ist das?« rief der Prior und sank in einen Stuhl; der Abt preßte die Stirne an die kalten Fensterscheiben; seine bleichen Lippen rührten sich nicht. »Was das sei, fragt ihr noch?« fuhr Elias immer heftiger fort. »Wahnsinn ist's, reiner Wahnsinn! Lachet doch! Ja, ja, ihr habt sie wahnsinnig gemacht, die Bauern; jetzt bändigt sie auch!« »Wir wollen den Konvent berufen«, meinte der Prior in seiner Todesangst und blickte flehentlich zu Eberhard hinauf, der noch immer stumm dastand. »Ganz recht, beruft den Konvent!« lachte Elias bitter; »beratet euch, wie man dem dummen Bauernvolk gehörig die Hölle heiß macht, daß es zahmer wird! Und nebenbei will ich euch auch den Rat geben: – ermordet niemand!« »Schäfer!« rief Eberhard und wandte sich vom Fenster in das Zimmer zurück; aber der Bauer hatte es schon lange verlassen und niemand wußte, wohin er gegangen war. Hierauf wandte sich der Abt, ohne seinen Unmut merken zu lassen, an Elias und sprach: »Fasse dich. Bruder! Du weißt nicht, was du redest. Wir haben nach unserm besten Willen und Wissen – wir haben gerecht gerichtet. Willst du, alter Mann, noch in deinen späten Tagen dein Gelübde brechen und dich auflehnen gegen deine Vorgesetzten und gegen die heilige Kirche? Nein, Elias, gehe hin im Frieden! – Vielleicht findest du doch den Bauern noch; versuche alles, ihn herbeizubringen; wir bedürfen seiner!« Elias fuhr mit der Hand über seine glühende Stirne und entfernte sich schweigend. Der Abt blickte wieder zum Fenster hinaus und sagte nach einer langen Pause zum Prior: »Jetzt kann's ernst werden, Gregor! Gott weiß, alles haben wir nicht verschuldet!« »Was sagst du, mein Bruder?« seufzte der Angeredete, der noch immer halbtot vor Angst und Schrecken in seinem Sessel lag und nicht wagte, hinauszusehen. »O Gott, mir ist der ganze Schrecken in den Magen gefahren! Das ganze Dorf dort droben muß in Flammen stehn! Steigt die Glut noch?« Eberhard konnte nicht antworten; denn bereits hatte sich die Türe abermals geöffnet und ein Mönch trat gegen die Fensternische. Der Abt erkannte sogleich den Bruder Robert. Mit tiefer Verbeugung näherte sich dieser und sagte, als der Prior eine ängstliche, ungeduldig fragende Bewegung machte, halb zu diesem gewendet: »Verzeiht, meine ehrwürdigen Väter, daß ich die Kühnheit hatte, zu so ungewohnter Stunde unangemeldet einzutreten; aber die schlimme Kunde, deren Bote ich leider sein muß, nötigt mich zu diesem traurigen Schritt!« »Bringst du keine beruhigende Nachricht über den schrecklichen Brand hinter dem Wald?« fragte der Abt. »Hierüber weiß man noch nichts Gewisses,« entgegnete Robert; »alles rennt zusammen, staunt den Himmel an, fragt und rät, aber ein dunkles Gerücht hält jedermann ab, sich weit von dem Kloster zu entfernen.« »Und wie lautet das Gerücht?« fragte Eberhard weiter. »Ich bitt' Euch,« antwortete Robert; »hört zuvor, weshalb ich hierhergesendet wurde. Soeben kam einer unsrer Laienbrüder in großer Eile an und berichtete, das ganze Kochertal sei im Aufruhr; aus den vollen Schenken rennen die Bauern, schreien nach Waffen und rotten sich in drohenden Haufen zusammen, um sich an Ritterschaft und Geistlichkeit zu rächen, wie sie sagen. Ja, Lichteneck, drüben bei Ingelfingen, soll schon in hellen Flammen stehn, nachdem es der wütende Pöbel geplündert!« »O du Hiobsbote!« seufzte der Prior und sank wieder in den Stuhl zurück. »Auch will man bereits wissen, das gegen Mergentheim im Taubertal selbst der Aufstand ausgebrochen sei!« fuhr Robert fort. »Im Taubertal, im Jagsttal, im Kochertal, überall Empörung und Aufruhr!« sprach der Abt nachdenklich. »Das ganze Land ein brausendes Meer! Aber mittendrin soll das Kloster stehn wie ein Fels; nicht wahr, Prior?« »O heilige Maria, Muster Gottes, hilf uns!« betete der geängstigte Priester und blickte zum Himmel; – »es wird immer heller dort drüben!« »Weil die Nacht dunkler wird!« rief der Abt unwillig und wandte sich wieder gegen Robert. »Du sagtest vorhin von einem Gerücht, das deine Brüder abhalte, sich vom Kloster zu entfernen. Was befürchten sie denn?« »Man sagt,« entgegnete Robert, »daß die Bauern schon sehr nahe seien.« »Die Tore sind doch geschlossen?« unterbrach ihn Eberhard. »Es ist alles zu!« versicherte der Mönch und fuhr dann fort: »Zwei der mutigsten unsrer Brüder begaben sich wirklich, als die Dämmerung anbrach und sich bereits die Feuersbrunst am Himmel zeigte, auf Kundschaft und erzählen: als sie sich dem Storchenturm genähert, sei ein Haufe von etwa zwanzig Leuten in dem Gebüsch am Waldessaum gelegen und habe in das Kloster hinabgesehen; dann aber seien sie leis und vielleicht in der Meinung, nicht bemerkt zu werden, wieder in den Wald zurückgeschlichen. Die Brüder aber glaubten, keiner weitern nutzlosen Gefahr sich aussetzen zu dürfen und kehrten in das Kloster zurück.« »Höret ihr nichts?« fragte der Abt nach einer langen Pause, worin er zu überlegen schien, was er unter solchen Umständen zu tun habe. Der Prior und Robert lauschten, konnten jedoch nichts vernehmen. Eberhard glaubte, sich getäuscht zu haben. »Wenn uns der Himmel nicht bald Hilfe sendet, so weiß ich wirklich nicht, was geschehen soll. Mein Bruder Gregor hat, nach seinen Mienen zu schließen, scheint's auch keinen bessern Rat. Überall Empörung! Und so plötzlich! An einem einzigen Tag! Wunderbar! Es muß ein teuflischer Mann sein, der ein so träges Volk mit einem Schlag zum Aufruhr bringt!« »Oder das Ganze wie ein Mann in solcher Sache!« rief Elias, der soeben eingetreten war. »O Himmel, jetzt kommt auch der wieder!« klagte der Prior leis. »Ich werde dir sagen, wann du sprechen sollst!« herrschte der Abt finster. »Ja, mein Vater!« sagte Elias und trat einige Schritte weiter vor; »aber das Gewitter zieht sich immer schwärzer über uns zusammen und dann hat jedermann das Recht und die Pflicht, zu raten und zu helfen, daß wir ohne Hagelschlag durchkommen. Und ich weiß es und ich muß es Euch sagen, warum uns Gott so grimmig zürnt; o höret mich!« »So sprich doch!« sagte der Prior aufatmend, als er etwas vom ›Helfen‹ vernahm. Elias wandte sich gegen den Abt, der düster, mit verschränkten Armen dastand, und sprach flehend: »O, glaubt es doch, teurer Vater, wir haben unschuldig Blut verdammt! Grabt ihn aus und die Glut am Himmel droben wird verschwinden!« »Gib nach, mein lieber Bruder!« bat der Prior dringend. »Wie? Auch du?« rief der Abt und sah stechend auf Gregor. »Still, abergläubige Schwätzer, schweigt! Kein Wort mehr von dem verfluchten Ketzer bei eurem priesterlichen Gelübde, – kein Wort mehr hierüber mit mir oder einem andern! – Hast du den Schäfer nicht mehr gefunden?« »Nein. Herr!« antwortete der Bursarius mit niedergeschlagnen Augen und wagte, von Jugend auf an Gehorsam gewöhnt, keine Silbe mehr von Bernhard zu erwähnen; »aber sagen soll ich Euch, daß soeben zwölf Ritter aus der Mergentheimer Gegend ins Kloster eingelassen wurden und Euch zu sprechen wünschen.« »Mergentheimer!« jubelte der Abt und sprang vom Sessel auf. »Das ist Hilfe vom Himmel!« Nur Robert schwieg und wandte sich um, damit niemand die Blässe seiner Wangen bemerken sollte; doch bald hatte er sich wieder zusammengerafft. »Bringt ihren Anführer sogleich hierher und bewirtet die andern gut!« befahl Eberhard und Elias entfernte sich schweigend. Gleich darauf ertönten schwere Schritte und Sporengeklirr im Gang und eine hohe, derbkräftige Gestalt zeigte sich unter der Türe. Der Ritter trat ein und verneigte sich tief vor dem Abt, der diese Ehrenbezeigung nur mit einem leichten Kopfnicken erwiderte. »Seid willkommen in unsern Mauern, edler Ritter,« redete ihn Eberhard an, »und verzeiht, wenn Euch diesmal die Gastfreundschaft unsers Klosters nicht bieten kann, was Ihr in ruhigern Tagen hier genossen hättet; denn wahrlich, es pokuliert sich übel beim Leuchten brennender Dörfer!« »Verzeiht zuvörderst uns, hochwürdiger Herr,« entgegnete der Ritter höflich, »daß wir so unberufen in Euer Kloster eingedrungen. Aber auch uns hat die Not, ja die Not dazu gezwungen.« »Wie? Ihr kommt nicht als Gäste?« fragte der Abt mit scheinbarem Erstaunen. »Als Gäste leider am wenigsten,« entgegnete der Ritter, ein Herr von Bebenburg; »wir kommen teils als Boten, teils um Schutz zu suchen, teils, wie wir zuversichtlich hoffen, auch um Schutz zu bringen.« »Ein Schutz wäre uns sehr nötig, Herr Ritter«, meinte der Prior, der sich hinter den Abt gestellt hatte. »Welche gute Botschaft bringt Ihr uns, wenn ich fragen darf, edler Herr?« sagte jetzt Eberhard. »Gute Botschaft leider nicht,« antwortete Bebenburg. »Laßt den Boten die Kunde nicht entgelten! Denn auch im Taubertal ist, wie hier, der tolle Aufruhr losgebrochen. In Mergentheim stürzten sich die wütenden Haufen auf Euern dortigen Hof. Man bot alles auf, um Eure Güter zu retten, aber endlich mußte die Tapferkeit der Überzahl weichen. Wir zwölf wurden nun abgesandt von der dortigen Ritterschaft, Euch diese Nachricht und im Notfall Hilfe zu bringen. Durch die ganze Gegend mußten wir uns durchschlagen und noch unterwegs vernahmen wir das schreckliche Gerücht, daß auch unsre eignen Burgen gebrochen sind, und die übrigen Ritter, die den Dreschflegeln des gemeinen Pöbels entkommen, hätten sich gen Würzburg zurückgezogen. Wir sind abgeschnitten von den Unsrigen und können vorderhand an keine Rückkehr denken. Wir bieten daher Euch, hochwürdigster Herr Abt, unsern Arm zu Schutz und Trutz an und wir glauben nicht, daß Ihr Ursache habt, ihn auszuschlagen.« »Ihr bringt böse, böse Kunde, Herr Ritter,« sprach der Abt; »aber, des seid gewiß, nichts könnte uns lieber sein als Eure Ankunft zu dieser Stunde. Vielleicht schon in der nächsten wäre jeder Zugang zum Kloster versperrt.« »Und was gedenket Ihr dann zu tun?« fragte Bebenburg nicht im mindesten erschrocken. »Wenn Ihr das Kloster nur bis übermorgen zu halten vermögt,« erwiderte Eberhard, »so hoffe ich bis dorthin bestimmt auf Entsatz von Öhringen, Neuenstein oder Weinsberg her.« »Dann steht ja alles wohl,« meinte der Ritter mit gutmütigem Lächeln; »die Mauern und Tore sind, soviel ich im Dunkeln bemerkt, dick und stark; Donnerbüchsen besitzt fast keiner von den Hunden, und gegen ein solch Pack getrau' ich mir ein festes Kloster vier Wochen zu halten.« »Gott Lob und Dank!« seufzte Gregor aus tiefstem Herzen. »Wär's aber nicht auch Zeit, den edeln Herren jetzt einige Ruhe zu gönnen? 's ist bald Mitternacht.« Der Ritter verneigte sich mit freundlich dankender Miene; der Abt, der diese Worte überhört zu haben schien, fuhr fort: »Es wäre also nur die beste Art der Verteidigung zu verabreden. Eurer Knechte, die Ihr mitgebracht, sind's nicht viel und man darf wohl darauf achten, wie sie am geeignetsten verwendet werden. Du, Robert, kennst ja doch gewiß noch einiges von dem Kriegshandwerk und kennst auch die Örtlichkeit; vielleicht vermöchtest du uns einen guten Rat zu geben.« Robert, der den prüfenden Blick des Ritters kühn ausgehalten, versetzte: »Zunächst müssen wir bedacht sein, Leute zu sparen, um die schwächeren Punkte gehörig zu besetzen. Eine Stelle, durch die eigne Lage gesichert, ist nach meinem Ermessen der Eckturm an der alten Abtei und diese selbst; denn ein tiefer, schlammiger Graben und eine glatte, hohe Mauer bis zu den vordersten Fensteröffnungen deckt sie vor jedem Angriff eines ungeübten Kriegers.« »Aber dort befindet sich gerade das Haupttor!« – warf der Abt nachdenklich ein. »Ebendeswegen fürchte ich dort noch weniger einen Angriff, weil sicherlich die Bauern dort am ehesten eine hartnäckige Verteidigung vermuten!« entgegnete Robert. »Ich muß deinen Gründen recht geben, mein Sohn!« sagte der Abt, der völlig überzeugt war; »du hast über dem Paternoster doch die alte Kriegskunst nicht ganz vergessen. Um so mehr werden wir aber das hintre Pförtchen und die schwachen Mauern gegen den Benediktusberg zu beachten haben. Seid Ihr nicht auch dieser Meinung, Herr Ritter?« »Ich werde Euer Hochwürden in jedem Stück gehorchen!« entgegnete Bebenburg mit einer Verbeugung. »Wenn nur die zwei wahnsinnigen Brüder, welche noch in der alten Abtei wohnen, nicht in ihrer Narrheit die Bauern etwa zum Fenster hereinziehen!« warf Elias ein, der bisher still im Hintergrunde gestanden war. »Die wollen wir schon hüten!« versetzte Robert in einem eigentümlichen Tone; »auch wird ihre Tollheit schwerlich soweit gehn. Zudem sind ja alle Fenster fest vergittert.« »So wäre also alles bereinigt«, sprach der Abt. »Verzeiht, edler Herr, daß ich Euch solange von der Ruhe abgehalten, die Ihr doch viel nötiger bedürft als wir selbst. Holt jetzt das Versäumte nach, und auch wir werden sie um so angenehmer empfinden, da wir wissen, daß sie von so treuen Händen beschützt ist wie die Euren. Der Friede des Herrn sei mit Euch!« Alle verbeugten sich und verließen das Zimmer. Robert, der immer zögerte und daher der letzte in der Reihe war, hielt plötzlich still und wandte sich um. Der Abt sah ihn fragend an und der Mönch sprach, nachdem er die Türe geschlossen hatte: »Erlaubt mir noch zwei Worte, mein Vater! Ihr habt soeben einen Rat von mir verlangt, und ich habe ihn nach bestem Wissen und Gewissen gegeben. Verzeiht, wenn ich Euch jetzt einen weitern Rat geben möchte, den Ihr nicht selbst verlangt habt. Hört ihn wenigstens an. Die friedlichen Zeiten sind dahin und sind mit einem Mal stürmisch geworden. Da darf man wohl an Dinge denken, die noch zuvor die Haut schaudern machten. Wäre es nicht, trotz der Hilfe der Ritter, immerhin möglich, daß das Kloster überrumpelt und dennoch genommen würde und wir dann alle flüchten müßten? Dann aber würden all die milden Gaben, die uns Gott in seiner Gnade geschenkt, den räuberischen Bauern in die Hände fallen, und ehe wir wieder zurückkehren könnten, wären unsre Reichtümer, Kleinodien und Schätze in alle vier Winde zerstreut. Deshalb – sollte man sie nicht in kleine Teile teilen und dann an versteckten Plätzen vergraben, wo die Bauern sie nicht leicht finden und, wenn sie je etwas entdecken, sich doch nur mit wenigem begnügen müssen?« »Du bist ein guter, eifriger Sohn, Robert«, antwortete der Abt. »Ich habe dich lange Zeit verkannt, was mir der Himmel und du verzeihen mögen. Dein Rat ist gut, sehr gut. Ich beauftrage dich selbst, ihn auszuführen. Nur bitte ich dich: tu es in gehöriger Stille, ohne Aufsehen, daß besonders die Ritter nicht allzuviel davon vermerken.« »Noch diese Nacht werde ich Eure Befehle ausführen«, sagte Robert. »Kein Mensch, außer den wenigen, die ich zur Hilfe brauche, soll etwas erfahren. – Und nun mein zweites Wort! Glaubt es, mein Vater, es kommt aus einem wohlmeinenden Herzen: hütet Euch vor dem Bruder Elias!« Der Mönch entfernte sich. Eberhard sah ihm lange nach und stand noch immer so, als dessen Tritte bereits verhallt waren. Endlich wandte er sich wieder gegen das Fenster, öffnete es und sah hinaus. Der Mond schien hell am klaren Himmel; man konnte auf eine halbe Stunde Entfernung im Tal und auf den Höhen alles deutlich unterscheiden. Vom »Storchenwald« herüber tönte ein seltsames Rauschen und Schwirren, wie wenn der Wind in den Blättern rasselt, und doch war's wieder anders. Die helle Glut am Himmel war allmählich blässer und immer blässer geworden; jetzt hing nur noch ein gelber, rauchiger Schein regungslos über dem Walde. Gespannt sah der Abt nach jener Gegend. Er glaubte am Waldsaume im Mondschein Gestalten zu bemerken, die sich bewegten; auch traf oft plötzlich ein kleines, kaum merkliches Blitzen, wie von blanken Waffen, sein Auge. Das Geräusch wurde stärker, der schwarze Waldsaum schien sich an manchen Stellen vorzuschieben und bald breiteten sich die dunkeln Massen über den ganzen kahlen, sanftgesenkten Abhang des Berges aus. »Das sind die Bauern!« rief Eberhard, nachdem er lange das ungewohnte Schauspiel betrachtet hatte, fast unwillkürlich aus. Noch einmal warf er einen Blick auf den summenden, wispernden Ameisenhaufen, der im klarsten Mondlicht vor ihm lag; dann schloß er die Fensterflügel, ergriff die Lampe, die nur noch trüb, halbverglommen brannte, und trat in das anstoßende Alkovengemach, um nach der Aufregung eines solchen Tags dem erschöpften Körper wenigstens eine kurze Ruhe zu gestatten, da er die Wachen von den Rittern pünktlich ausgestellt glauben durfte und immerhin in den allernächsten Stunden noch keine wirkliche Gefahr zu drohen schien. Als die Sonne am nächsten Morgen kalt und klar aufging, hatten die Bauern bereits ihr Lager auf dem Storchenberg aufgeschlagen. Freilich, man konnte hier kaum von Lager reden! Zelte hatten sie nur zwei oder drei; nur notdürftig gaben sie sich die Mühe, aus Baumzweigen einige Hütten zu errichten. Das Hauptquartier ihres Anführers, des Metzler von Ballenberg, befand sich in dem kleinen Wartturm auf dem Gipfel des Bergs, von wo man das ganze Tal samt dem Kloster übersehen konnte. Metzler selbst schlief noch auf einem Haufen aufgeschütteter Blätter, trotz des Lärms, der mit anbrechendem Tag um das Türmchen schwirrte. Vor der Türe desselben standen gravitätisch zwei riesige Bauern, der eine mit einem Dreschflegel, der andre mit einer rostigen Hellebarde bewaffnet, und bewachten, bald einem Kameraden zurufend, bald pfeifend und lachend, den festen Schlaf ihres Hauptmanns. Der ganze Platz bot einen wirklich überraschenden Anblick dar. Dieses bunte, lärmende Treiben und Jagen, in dem kein Funke von Ordnung zu entdecken war – dieses Tosen eines tollen, immer größer werdenden Haufens, der in dummer Wut nach einem unklar bewußten Ziele hindrängte, überstieg alle Begriffe. Hier lagen noch einige auf der bloßen Erde und schnarchten laut fort, wenngleich alle Augenblicke einer ihrer Kameraden ihnen über die Füße stolperte, während dort andre plaudernd und mit komischer Eitelkeit ihre alten, ein wenig gereinigten Waffen anprobierten oder zurechtmachten und im stillen die Mistgabel- und Dreschflegelmänner verlachten, die jedoch mit ebendemselben Stolz auf ihre einfachste Ausrüstung einherschritten und ihrerseits die »Bauernjunker« gleichfalls mit neidischer Verachtung anschauten. Dort stand mit gespitzten Ohren ein Trupp Neuangekommner, denen ein wildaussehender Kerl von einem hohen Stein herab mit heisrer Stimme die zwölf Artikel vorlas, wobei er sich alle Mühe gab, einen benachbarten Haufen, der um ein Faß herumlag und ein Trinklied brüllte, zu überschreien. Dort auf der Seite standen wieder andre, die mit zornigen Gebärden bald auf das Kloster hinabsahen, bald erwartungsvoll den Saum des jenseits des Tales gelegnen Waldes betrachteten, indes hinter ihnen ein Landsknecht mit grauem, mächtigem Schnurrbart sich bemühte, einem jungen, frischen Bauernburschen das Laden einer verrosteten Donnerbüchse beizubringen, obwohl zwei andre, Arm in Arm vorübergehende Kriegsknechte denselben gründlich auszulachen sich anstrengten. In weitem Kreis um dieses sogenannte Lager standen dann noch einzelne Posten, denen man freilich mit der bessern Bewaffnung nicht zugleich eine beßre Wachsamkeit geben konnte; denn hie und da hatte sich der eine oder andre behaglich an einen Baum angelehnt oder auf einen Stein gesetzt und war, erschöpft von der verfloßnen Nacht, selig entschlummert. Nicht weit von der Brücke, die über die Jagst führt, kaum zweihundert Schritte von der Klostermauer entfernt, stand oben auf dem grasigen Rain, der dort jäh hinaufsteigt, ein solcher Posten. Es war eine gefährliche Stellung; eine Kugel vom Kloster her hätte ihn jeden Augenblick niederschmettern können. Aber der Landsknecht (als solchen verriet ihn seine Kleidung) schien wenig hierauf zu achten. Nachdenklich stützte er sich auf seine Donnerbüchse, eine der wenigen, die im Bauernlager zu finden waren, und blickte ernst zum Kloster hinüber. Mit seinen blonden Locken spielte der kalte Morgenwind und trieb das Blut in die jugendlich frischen Wangen. So stand er noch, als einer der Bauern sich ihm von hinten näherte und ihm vertraulich auf die Schulter klopfte: »Auch hier, Rudolf? freut mich!« rief er vergnügt lachend. Der Landsknecht wandte sich rasch um und blickte, sich besinnend, in das trotzigwilde Gesicht des Bauern. »So, du bist's, Andres?« sagte er nach einer langen Weile; »Herr Gott im Himmel, wie siehst du aus! Hab' dich fast nimmer erkannt!« »'s gibt noch viele Leute, Bruder, die uns nimmer erkennen werden,« meinte der Bauer; »ja ja, sie werden die Augen heillos weit aufreißen, wenn die dummen, zahmen Hunde sind Waldwölfe worden! Doch – was ich wollt' – ich bring' dir eine lustige Nachricht – heißt das: im Vertrauen vorderhand!« »Und die wäre?« – fragte Rudolf. »Der Metzler macht dich heut noch zum Hauptmann über dreihundert Mann!« sagte Andres leis. »Mich? Ja, warum denn?« rief Rudolf erstaunt. »Numero eins: Weil du Landsknecht gewesen und Götzens Reiter,« erklärte der Bauer; »weil du also was verstehst – Nummer zwei – vom Kriegswesen; – Numero vier: du mußt auch eine Prob' ablegen; so 'was hat er gesagt; aber ich seh' schon, sie wird nicht gar so schwer sein; der Metzler mag dich mehr als all die andern. – Blitz, Numero drei hab' ich vergessen! Also Numero drei: Weil du eine Donnerbüchs hast. Wie, laß einmal sehn! Das ist ja ein flotter Prügel!« Der Bauer nahm die Büchse und betrachtete sie von allen Seiten. »So,« fuhr er fort, indem er sie wieder zurückgab; »jetzt hab' ich dir 'was Lustiges gesagt und jetzt ist's an dir. Eine Hand wascht die andre. Und nun erzähl' mir doch, wie ihr, du und der Jörg, seid vom Götzen losgekommen. Der Jörg sitzt dort drüben bei dem Faß und schüttet einen Humpen nach dem andern hinunter. Ich bin, glaub' ich, auch ein wenig zu lang dabei gesessen. Wir arme Teufel können halt das Ding noch nicht so vertragen wie ihr Herren! Da sitzt er also und schwätzt kein Wort, man mag machen, was man will, und ein Gesicht schneidet er, als hätt' er zwei Dutzend Spinnen gefressen auf einen Sitz. – Hat's noch 'was bei euch gegeben zu guter Letzt?« »Grad' nichts Besondres,« antwortete der Landsknecht; »'s darfs wenigstens jedermann wissen. Der Jörg hat zuerst gemeint, wir sollten gestern früh fort, ohne 'was zu sagen. Das wollt' ich aber um keinen Preis und endlich gab er nach. Wir blieben also, daß nichts verraten werde, bis Mittag im Schloß; dann, wie der Götz eben zu Mittag gegessen, gingen wir in den Saal und ich sagte: Er möcht' uns aus seinem Dienst entlassen; wir wollten keinen Lohn; wir hätten schon andre Dienste genommen! Er mußte schon wissen, wo, denn er sagte betrübt: ›Wollt ihr mich denn alle verlassen, wenn der Sturm losbricht?‹ Das tat mir weh und ich sagte: ›Herr, wenn Ihr ein biedrer Ritter seid, wie ich wohl weiß. so stehn wir bei der nämlichen Fahne; Ihr müßt den armen Bauern helfen!‹ Da hat er mir lächelnd die Hand gegeben und hat mir diese Büchse geschenkt zum Andenken; dem Jörg gab er eine Kette und Geld. So gingen wir denn. In Kessach schlugen gerad' die ersten Flammen aus den Häusern, als wir dorthin kamen, und es gereute uns beide fast, daß wir unsern Herrn verlassen, und das wurmt dem Jörg immer noch; deshalb ist er so still. Ich halt's mit euch, weil ihr mich dauert; wenn ich aber mit dem Kloster meine Rechnung abgemacht hab' und ihr treibt's noch immer wie gestern im ersten Rausch, dann weiß ich, was ich tu', ob ich Hauptmann bin oder nicht!« »Pah! meinst, wir wollen Wasser saufen, wenn wir Blut abzapfen müssen?« lachte Andres; – »horch! Hörst du nichts?« »Es rauscht und murmelt schon eine Weile dort über den Wald herüber!« sagte Rudolf und horchte wieder. »Bei Gott! das sind die Hohenloher! Sie riechen den fetten Braten da unten!« rief der Bauer jubelnd. »Sieh dort, auf der Spitze des Benediktusberges ziehen sich schon ihre Haufen herüber. Dort werden sie sich setzen, um den Schnabel zu wetzen für morgen, die hungrigen Kerls!« Pferdegetrappel unterbrach den Bauer in seinen Bemerkungen. Ein Reiter, in alter, abgetragner Rüstung, mit Staub und Schmutz bedeckt, sprengte spornstreichs und mit verhängten Zügeln über die Brücke auf Rudolf zu. »Halt! Wer da?« rief der Landsknecht und das schnaubende Roß hielt an. »Florian Geyer – Hauptmann der Hohenloher!« antwortete der Ritter in nachlässigem Tone; »wo ist Euer Oberster, der Metzler?« »Droben im Wartturm!« entgegnete Rudolf, nachdem er mit kriegerischem Anstand den Fremden begrüßt hatte. »Reitet nur zu; Ihr werdet ihn dort unfehlbar treffen!« Der Ritter ließ sein Pferd langsam den steilen Abhang hinaufklimmen und ritt, als der Berg sanfter aufstieg, im Trab dem Türmchen zu. Metzler war indessen erwacht und sah zu einer der Fensteröffnungen hinaus, die sich in dem obern Stockwerk des Wartturms befanden. Es kam ihm selbst wunderlich vor, wie er, der Ochsenwirt von Ballenberg, nun plötzlich der Herr von mehr denn 5000 Mann geworden, die sich zu seinen Füßen herumtrieben; aber er war nicht der Mann, der sich lange mit solcherlei Gedanken abgab. Er hatte bereits im Sinn, hinabzusteigen und mit seinen Leuten ein kräftiges Frühmahl einzunehmen, als das Erscheinen des Hohenloher Haufens am Saume des gegenüberliegenden Waldes seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Mit gespanntem Blick verfolgte er ihren Zug, bis sie auf der Hochebene des Benediktusberges, gerade im Osten vom Kloster, Halt machten. Er hatte, in diesen Anblick verloren, sogar übersehen, daß ein leeres Pferd bereits an dem Türpfosten unten angebunden stand, und wandte sich erst um, als die schwachen, hölzernen Stiegentreppen unter schweren Reiterstiefeln erdröhnten. »Guten Morgen, Bruder Metzler!« rief ihm Florian entgegen und bot ihm treuherzig den Blechhandschuh. »Ei, gebt mir Eure fleischerne Hand; macht keine Ritterfaxen!« rief Metzler; »Bundschuh und Ritterstiefel taugen nicht zusammen!« Der ritterliche Bauernfreund tat lachend. was der bäurische Ritter wollte, und bald war der Friede, dem ein solch unbedeutender Vorfall den Todesstoß hätte geben können, wiederhergestellt. Die beiden Anführer vertieften sich rasch in ein lebhaftes Gespräch, worin sie teils den Erfolg des gestrigen Tages, teils ihre Erwartungen und Pläne für die Zukunft sich mitteilten. Als dies gehörig abgemacht war, sagte Metzler nach einer längern Pause: »Wenngleich unsre Aussichten für später noch ungewiß sind, glaub' ich doch, daß wir's morgen gewinnen!« »Du willst das Kloster überfallen heute nacht, wie ich vernahm?« fragte Geyer. »Das will ich,« entgegnete Metzler; »mein Kriegsplan ist gut, wenn's auch mein erster ist!« »Du bist nicht auf den Kopf gefallen, das sieht man dir gleich an,« sagte der Ritter gutmütig lachend; »du hast wahrscheinlich einen von den Pfaffen bestochen?« »Der Zipfel lief mir selber ins Gesicht,« erwiderte der Bauer mit verächtlichem Ton; »es scheint mir fast, er will bei uns den Herrn spielen, weil er ein lumpiges Kloster ausliefert. Er wird sich brennen!« »Verräterei ist schlimm,« meinte Geyer; »aber wenn's eben sein muß. – – Wie soll denn eigentlich der Angriff gemacht werden?« »Ganz einfach,« sagte Metzler; »der Pfaffe zieht in der Nacht einen Haufen von uns an einem Strick in die alte Abtei hinauf, die dort drunten die gescheiten Leute für allzu sicher hielten, um sie besonders besetzen zu müssen. Ich lasse dann auf zwei andern Seiten anrennen, und während die kleine Besatzung von Mergentheimern, die sich hineingeschlichen hat, auf die Mauern eilt, fegen meine Burschen das Nest von innen heraus!« »Der Plan ist trefflich!« rief der Kriegsmann und klopfte dem Bauern auf die Schulter. »Es fehlt mir jetzt nur noch ein guter Anführer für die, so ins Kloster hineinsteigen sollen,« fuhr Metzler fort; »und sollte der, den ich im Aug' habe, die Sach' nicht gern annehmen, so müßt' ich dich bitten.« – – »Laß ihn kommen, wenn er in deinem Lager ist,« sagte Florian; »das wird sich bald entscheiden. Wie heißt denn dein Auserwählter?« »Er hat beim Götz gedient; überall heißt man ihn den Rudolf«, sagte Metzler und trat an die Fensteröffnung. »Kennt einer von euch den Reiter Rudolf?« rief er hinab; die Antwort lautete bejahend. »Er soll sogleich hierherkommen; holt ihn!« befahl er weiter und wandte sich dann wieder gegen Florian: »'s ist ein braver, tapfrer Bursche, der Rudolf; darauf dürfen wir uns verlassen!« »So?« sagte der Ritter nachdenklich; »hab' auch schon von ihm gehört. Ob er nun auch den heimlichen Angriff annimmt?« »Pah!« sagte der Bauer; »er hat ohnedies einen Ingrimm auf das Kloster; Gott weiß, warum. Da hat's keine Not!« Rudolf kam und Metzler teilte ihm seine Pläne mit. Er schloß seine Rede mit den Worten: »Ich weiß, daß es dir nicht gebricht an Mut und Tapferkeit; ja, ich halte dich für den besten Mann dazu. Deshalb hoff' ich, daß du den Auftrag freudig übernimmst. Des Lohns dafür und der Ehre darfst du gewiß und versichert sein!« Rudolf maß mit ernsten Blicken bald Metzler, bald den Ritter; endlich sagte er, gegen den Bauern gewendet: »Mußt dich nicht wundern, wenn ich nein sage. Schick' mich allein gegen zwanzig Ritter und ich will nicht zaudern. Aber heimlich in ein Kloster schleichen, das ist soviel als Meuchelmord!« »Du willst also nicht?« fragte Metzler in aufwallendem Zorn. »Nicht?« – wiederholte Geyer langsam. »Ich bin gekommen, um den Bauern ehrlich zu dienen, nicht als Schlächter und Räuber wie gestern im Dorf, und nicht als Dieb und Meuchelmörder, wie ihr's jetzt von mir verlangt. Soll dies die Probe sein, die mich zum Hauptmann macht, so verzicht' ich drauf und begehre der Ehre nicht.« »Starrkopf!« rief der Bauer und biß sich in die Lippen. »Laßt mich heute nacht die erste Leiter an die Mauer legen und den Sturm beginnen am gefährlichsten Ort, aber das andre – laßt einen andern tun!« bat der Landsknecht. »Geh, Bursche!« sagte Geyer; »mit dir ist nichts anzufangen! Am Ende muß ich doch die Sache noch selbst auf mich nehmen!« »Du?« fragte Rudolf erstaunt; »warst du nicht einstmals ein Ritter? Wäre das Rittersitte gewesen? Nein, Bruder, wir wollen das Kloster stürmen – jetzt am hellen Tag! Die schwachen Mauern widerstehn nicht lang', und dann haben wir doch nicht unsern ersten Sieg uns heimlich erschlichen!« »Geh – du hast uns keinen Rat zu geben!« – rief Metzler wild. Rudolf drehte sich, bevor er wegging, noch einmal um und sagte zu Florian: »Herr Ritter, Ihr werdet unserm ersten Ruhm diese Schande nicht antun; das weiß ich gewiß!« Als er den Turm bereits verlassen hatte, sah ihm Geyer nach und sprach sodann zu Metzler: – »Ich sag' dir, Metzler, da hast du einen wackern Burschen unter deinen Leuten! Höll' und Teufel! ich wär' fast rot geworden vor dem Buben!« »Ich hab' schon lang was auf ihn gehalten,« entgegnete der Bauer; »aber er ist zu naseweis, viel zu naseweis!« »Nur zu ehrlich für den Krieg,« meinte der Ritter; – »so bringt er's nun einmal zu nichts in aller Welt. Aber hör', wenn du ihn nicht zum Hauptmann machst, so nehm' ich ihn auf der Stelle mit!« »Er soll's werden!« versetzte Metzler. »Komm, Geyer, wir wollen's ihm gleich selber sagen und auch im Lager uns ein wenig umschaun!« Der Ritter war damit einverstanden, und die beiden Anführer verließen nun Arm in Arm den Turm, um tausendstimmiges Vivat! in ihren Ohren brausen zu hören. VII. Mit ungeduldigen Schritten durchmaß Robert seine kleine Zelle. Bald blieb er vor dem Pulte stehn und sah nachdenklich in die Flamme des Lämpchens, das darauf stand, bald öffnete er wieder das Fenster leis und vorsichtig und blickte prüfend in den schwarzen Hof und in die grauen Wolken, die von stürmischen Winden zerrissen darüber hinfuhren. »Will's denn heute nicht Nacht werden?« flüsterte er vor sich hin, während er den Fensterflügel wieder schloß, und seine Stimme verriet mehr eine fieberhafte Spannung und Angst als den kalten Unmut, den er hineinlegen wollte. Jetzt faßte er das Lämpchen und verließ geräuschlos die Zelle. Wie ein Schatten schwebte seine Gestalt durch die hohen, schweigenden Gänge; ein Pförtchen führte ihn ins Freie. Immer noch hielt er das brennende Licht in den Händen und suchte ängstlich die flackernde Flamme zu verbergen und zu schützen. In kurzer Zeit hatte er den stillen, leeren Hof, von niemand bemerkt, überschritten und stand vor der Türe des alten Abteigebäudes. Die Türe war nur angelehnt, wie gewöhnlich. Robert schlüpfte hinein und schlich auf den Zehen, mit beiden Händen sein Licht bedeckend, die morsche, unter jedem Tritt knarrende Stiege hinauf. Ein mit ausgetretnen Backsteinen gepflasterter Gang nahm den Mönch auf. Er schritt darin weiter, indem er sorgfältig die Stellen vermied, wo der graue Schein, der durch die Fenster fiel, ihn irgend treffen konnte. Lautlos hatte er den Hintergrund erreicht, den die runde Mauer des anstoßenden Eckturms bildet. Das kleine, schwere Türchen, das tief in der Mauer liegt, war verschlossen und Robert mußte alle Kraft aufwenden, den rostigen Schlüssel, der im Schlosse steckte, umzudrehen, bis es endlich laut knarrend aufsprang. Jetzt befand er sich in einem runden, niedern Stübchen, an dessen staubiger, schwarzer Balkendecke aufgescheuchte Fledermäuse ängstlich herumflatterten. Kaum konnte er sein Licht brennend erhalten; denn durch die drei hohlen, vergitterten Fensteröffnungen pfiff der Wind. Er stellte es in einer Ecke auf den Boden und trat, nachdem er eine Zeitlang gelauscht, ob sich niemand nähere, sodann an das mittlere Gitter. Als er die Hand an die Stäbe legte, zeigte ihr Schwanken, daß der größte Teil derselben bereits abgebrochen sein mußte. Auch jetzt zog Robert unter seiner Kutte eine alte Feile hervor und bemühte sich, mit größter Vorsicht die wenigen noch übrigen Stücke zu durchsägen. Lange hörte man nichts in dem Gemach als das Sausen des Winds und das gleichmäßige, eintönige Rascheln der Feile. Endlich hielt der Mönch inne und sah freudig, daß das ganze Gitter nur noch auf einem einzigen Stabe schwanke. Er versuchte, diesen vollends aus dem Gestein herauszuziehen; aber Stab und Stein waren zusammengelötet. Unverdrossen machte er sich also an den letzten Teil seiner mühsamen Arbeit. Nicht lange hatte er wieder gefeilt, daß ihm trotz der Kälte dicke Schweißtropfen auf der Stirne standen – da hörte er etwas hinter sich rauschen. Wie vom Blitz getroffen, blieb er einen Augenblick ganz erstarrt, und als er sich umwandte, erblickte er eine hohe Gestalt vor sich, auf deren bleiches Gesicht das Lichtchen in der Ecke einen hellen Schein warf. Die Feile fiel ihm aus den Händen und er starrte schweigend in die verzerrten Züge des Menschen, der vor ihm stand und sein unstet rollendes Auge auf ihn warf. Mit leiser; hohler Stimme, die, so tief und klanglos sie war, doch die Leidenschaft des Sprechenden verriet, fragte die fremdartige Erscheinung: »Bist du auch hier nicht, Klothilde, mein süßes Leben?« »Nein, Theodorich!« antwortete Robert leise, nachdem er sich rasch gesammelt hatte; – »sie ist wohl drunten im Garten und harret dein!« »Im Garten?« fragte jener, sich besinnend; »im Garten? Nein, nein! – Tot ist sie, tot! Gemordet von euch, ihr verruchten Pfaffen!« Und so still, als er gekommen, entfernte sich der Wahnsinnige wieder und verschwand draußen im Gange. Robert verschloß jetzt unmutig die Türe, indem er vor sich hinmurmelte: »Müssen denn selbst Narren kommen, mich zu stören in dem, was ich erreichen will? Pah, wenn Himmel und Hölle kämen, – mein Ziel bleibt unverrückt und mein Stern leuchtet am hellsten in der Dunkelheit!« Der letzte Stab brach und das Gitter sank dem Mönch in die Hände. Frohlockend legte er es auf den Boden, ergriff sein Lämpchen und trat damit an die Fensteröffnung. Aber kaum hatte er's dort hingestellt, als ein Windstoß durch den Turm fuhr und die schwache Flamme, mit welcher er ein Zeichen nach außen zu geben beabsichtigte, erlosch. »Tat das der Himmel oder die Hölle?« rief Robert halblaut und stampfte vor Zorn mit dem Fuß auf den Boden. Doch alsbald erlangte er seine Besonnenheit wieder und lehnte sich horchend weit über den Sims hinaus. Tief unter ihm lag regungslos der schwarze Wasserspiegel; gerade gegenüber stieg eine Mauer empor, aus deren weiten Spalten sich mancher verkrüppelte Busch herauszwängte; oben auf dieser Mauer, wo der ebene Boden wieder beginnt, wuchs dichtes, hohes Gesträuch, das jede weitere Aussicht, besonders bei Nacht, versperrte. In dem Gebüsch selbst, auf das Robert unverwandt hinblickte, regte sich nichts; nur schien es ihm, als schlichen manchmal unter den grauen, unbelaubten Zweigen dunkle Gestalten vorsichtig und eilig am Rand des Grabens hin. Plötzlich rauschte etwas an der Mauer hinunter; ein Stein fiel mit hohlem Geplatsche ins Wasser Robert beugte sich weit hinab; er hörte, wie die Binsen und der Schilf im Graben schwankten, wie die Ringe klatschend an das Gemäuer des Turmes schlugen und die dünnen, wispernden Eisscheibchen, die sich an das Schilfrohr angesetzt hatten, auseinandertrieben. Zur Erwiderung dieses Zeichens warf er schnell das Lämpchen hinab und gleich darauf ertönte aus dem Gebüsch ein leiser Pfiff. Robert erwiderte auch diesen deutlich, jedoch möglichst schwach. Dann ließ er einen langen, dicken Strick, dessen eines Ende an einem starken Kloben befestigt war, hinabgleiten. Schon wurde es an der andern Seite und unten im Graben lebendiger. Die Bauern stiegen, indem sie sich an den zähen Wurzeln und Zweigen festhielten, langsam und vorsichtig in den Graben hinab und versuchten, indem sie bis an die Brust in das dicke, trübe Schlammwasser versanken, die andre Seite zu erreichen. Robert sah hiervon wenig; es war zu finster. Plötzlich aber bemerkte er, wie der Strick straff wurde und unten am Turm ein Geräusch entstand, das von einem Heraufsteigenden herrühren mußte. Schon faßten zwei Hände den Sims, und gleich darauf zeigte sich ein Kopf in der Fensteröffnung. Der Mönch faßte den Einsteigenden mit beiden Händen an den Schultern und hielt ihn zurück. »Die Losung?« fragte er leis. »Pfaffenblut, Bauernwut – ist für alle Schäden gut!« antwortete jener barsch und stieg vollends herein. »Wie? Bist du nicht der Florian Geyer?« fragte Robert erstaunt, als er ihm lange ins Gesicht gesehen hatte. »Was geht dich mein Name an?« erwiderte der Gefragte in demselben Ton, und jede seiner Bewegungen zeigte, daß ihm etwas unbehaglich und widrig sein müsse; aber was, konnte Robert nicht erraten. Indessen waren bereits wieder etliche hereingestiegen, und bald war das kleine Gemach voll von Bewaffneten. Florian (denn er war es wirklich) übersah sein Bauernhäuflein und fragte den Nächststehenden: »Wo ist denn der Rehbach von Forchtenberg? Und noch einen vermiß ich.« »Die armen Teufel sind gerad' erstickt,« antwortete der Bauer; »sie sind zu weit rechts in den tiefen Schlamm gekommen und versunken!« Nach diesen Worten wurde es wieder still; alle warteten auf das Zeichen zum Hervorbrechen. – – Indessen schlief der edle Ritter von Bebenburg noch wohlgemut auf den seidnen Kissen in einem der prunkvollsten Gastzimmer des Klosters; denn der Abt tat alles, um ihn, die andern Ritter und ihre wenigen Mannen bei guter Laune zu erhalten. Hoffte er doch mit Bestimmtheit, in wenigen Tagen entsetzt zu werden, obgleich auf sein dringendes Schreiben an die benachbarten Fürsten und Grafen, das er durch verkleidete scheinbare Bauern abgesandt hatte, noch nicht einmal eine Antwort erfolgt war. Zwar hatte er strengen Befehl erteilt, die Wachen sollten ihn bei der geringsten Bewegung der Bauern sogleich wecken; aber diese waren trotz der augenscheinlichen Gefahr, erschöpft von dem angestrengten Dienste und weil sie bei der großen Überzahl der Feinde keinen heimlichen Angriff erwarteten, fast alle auf ihrem Posten eingeschlafen. Erst das Geschrei der gegen die Mauern heranziehenden Bauern rüttelte sie auf. Noch schlaftrunken stürzte einer der Landsknechte in das Kloster und durchrannte mit dem schrecklichen Geschrei: »Die Bauern! Die Bauern!« die eben noch so stillen Gänge. Wie mit einem Zauberschlag wurde es jetzt lebendig. Oft nur halb angekleidet rannten die Mönche aus ihren Zellen. »Auf die Mauern! Auf die Mauern!« rief dort einer und eilte mit einem flackernden Licht ins Freie hinaus. »Flieht zum Tore hinaus! Sie kommen hinten herein!« schrie ein andrer, dem ein ganzer Haufe todesblasser Menschen folgte, und eilte ebenfalls fort. »Kyrie eleison!« jammerte hier ein dritter. »Kommt, Brüder, in die Kirche! Sie werden uns doch dort verschonen, die Barbaren! – Wo sind denn die Schlüssel? – Macht den hintern Gang auf! – Wie sie toben, die Heiden! – O Herr, errette deine arme Herde! – Wo ist der Prior? – Man sucht ihn überall! – Um Christi willen, auf die Mauern! – Sind sie noch nicht droben?« So schrie und lärmte es durch Hof und Hallen. Alle liefen, und keiner wußte, wohin? Vier, fünf Lichter brannten, und doch stießen die Menschen aneinander wie in der dichtesten Finsternis. Nur Bebenburg schien die Besonnenheit nicht verloren zu haben. Blitzschnell hatte er sich bei dem ersten Lärm in die Rüstung geworfen und eilte auf die Mauer. Als er auf der Zinne ankam und hinabsah, waren die Bauern kaum noch fünfzig Schritte entfernt und nur zehn von seinen Mannen auf dem Platz. Augenblicklich schickte er einige der Mönche, die ihm, zur äußersten Notwehr entschlossen, gefolgt waren, in die Klosterräume zurück, um die Fehlenden aufzusuchen und herbeizubringen. Auch befahl er, auf der ganzen Ringmauer Mönche wenigstens als Wachen aufzustellen, um nirgends einem zweiten unerwarteten Angriff ausgesetzt zu sein. Bereits konnte man deutlich jeden der Angreifenden unterscheiden. Im Nu waren sie am Rande des Grabens. Mehr als fünf Leitern glitten hinab und standen auf dem Boden fest, da hier der Grund des Grabens bedeutend höher lag und deshalb beinahe völlig ausgetrocknet war. Die Masse stürzte sich hinunter; doch wagte noch keiner, sich dem Fuße der gegenüberliegenden Mauer zu nähern. obgleich noch kein Schuß gefallen war. Bebenburg hatte verboten zu schießen, ehe jeder Schuß seinen Mann treffen mußte. Ohne die mindeste Unruhe zu verraten, stand er, die glimmende Lunte in der Hand, auf dem äußersten Mauerrande und blickte nach der andern Seite des Grabens hinüber. Jetzt richtete sich dort eine ungeheure Leiter in die Höhe und blieb kerzengerade in der Luft stehn. Sie bewegte sich langsam vorwärts. Man sah es deutlich: Drei Männer hielten sie an den untern Sprossen aufrecht und schritten so fort, während schon ein andrer schwarzer Haufe murmelnd hintendrein drängte, um sogleich, wenn sie angelegt wäre, darauf hinanzuklimmen. Kaum waren sie noch fünf Schritte vom Fuß der Mauer entfernt; oben war es noch immer todstill; wie Bildsäulen standen die Landsknechte da und schauten unverwandt hinunter. »Feuer!« schrie endlich Bebenburg mit Donnerstimme. Hell blitzte es durch die Nacht; ein fürchterlicher, vielstimmiger Krach durchschnitt die Luft; alles schwamm in weißem Pulverdampf, aus dem ein wildes Geheul hervorbrach. Nur die Spitze der Leiter ragte noch drüber hinaus. Sie wankte. Noch einmal schien sie aufrechtstehn zu wollen; dann stürzte sie unaufhaltsam mit sausendem Schwirren auf die schreiend zerstiebende Masse der Stürmenden zurück. Das Wutgeheul der Bauern übertäubte den Jubel der Landsknechte Bebenburgs. Ein Hagel von Steinen und Prügeln und manchmal auch ein Pfeil oder eine Lanze flog auf die Mauern. Dagegen blitzte Schuß auf Schuß in den Graben hinab. Was in demselben vorging, bedeckte ein dicker Pulverdampf. Plötzlich gewahrte der Ritter mit Schrecken wieder eine neue Leiter über dem Qualm. Er schoß; eine Sprosse fiel zersplittert hinab; die Leiter wankte, aber nicht rückwärts; einen Augenblick darauf lag sie an der Zinne. Mit Riesenkraft suchte er sie umzuwerfen, aber es gelang nicht; unten mußten schon mehrere daraufstehn. Er rief dem nächsten Landsknecht zu, ihm zu helfen; dieser hörte es nicht, und schon war es auch zu spät. Bereits tauchte eine Sturmhaube aus dem Nebel auf. Ein fürchterlicher Schlag mit Bebenburgs Büchsenkolben traf den Kopf des ersten, der mit einem durchdringenden Schrei hinunterstürzte. Der zweite hatte, ehe der Ritter wieder ausholte, die Zinne erreicht und faßte mit der einen Hand den Fuß desselben, während die andre den Morgenstern schwang. Doch eine Kugel fuhr ihm in dem gleichen Augenblick durch die Brust, und er stürzte, seinen Hintermann mit sich reißend, gleichfalls hinunter. »Wir müssen vor den andern im Kloster sein!« rief jetzt eine durchdringende Stimme auf der Leiter, welche von allen Seiten beschossen ward. Der unermüdliche Bebenburger richtete sich zu einem neuen Schlag, und schon zeigte sich die Sturmhaube, welcher er gelten sollte; da sah er plötzlich einen schwarzen Büchsenlauf aus dem Dampf hervorragen; es blitzte; ein fürchterlicher Stoß auf den Eisenpanzer warf ihn etliche Schritte zurück, und bevor er selbst wieder festen Fuß fassen konnte, standen bereits zwei der Stürmenden auf der Zinne und schlugen wie rasend um sich. Schon wollte sich auch ein dritter hinaufschwingen, – da verschwand er plötzlich wieder; ein in dem grausigen Tumult kaum hörbares Krachen – ein dumpfer, alles übertönender Fall – gellendes Geschrei und Geheul folgten sich Schlag auf Schlag. Die Leiter war gebrochen. Kaum fanden die beiden Kämpfenden Zeit, sich umzusehen; denn jeden Augenblick standen sie in Gefahr, hinabgeschleudert zu werden. Die blonden Locken des einen flatterten wild um seinen Kopf, wie er mit Blitzesschnelle, nach allen Seiten hin, sein auf den Rüstungen klapperndes Schwert niederfallen ließ. »Ergib dich!« rief Bebenburg, einen solchen Heldenmut bewundernd. Aber statt aller Antwort beugte sich der Jüngling ein wenig über die Mauer und rief, so stark er konnte: »Jörg, nimm die andre Leiter! Um Gotteswillen, stürm'!« Es war die gleiche Stimme, die schon vorher alles durchdrungen hatte. Der Ruf schien nicht überhört zu sein; denn bereits lag auch die dritte Leiter an, und als sich Bebenburg umsah, der alle Hände voll zu tun hatte, war dort ein neuer Kampf im Gange. Gleich darauf gelang es dem blondlockigen Burschen, den Ritter auf die Seite zu drängen, einen Landsknecht, der im Wege stand, über die Mauer hinabzustoßen und so die Leiter zu erreichen. Mit ein paar fürchterlichen Hieben machte er ein wenig Raum und bot dem zunächst Heraufkletternden die Hand. »Du lebst noch, Rudolf?« rief dieser jubelnd, sprang vollends herauf und stürzte sich in demselben Augenblick wütend gegen die entmutigten Landsknechte. Unaufhaltsam drang es jetzt nach. Die Mergentheimer wichen Schritt vor Schritt, und als vollends ein Steinwurf ihren Anführer zu Boden schmetterte, jagten sie in wilder Flucht, von den jubelnden Mördern verfolgt, die Treppe hinunter. Rudolf und Jörg (denn sie waren es, die sich mitten im Kampfgewühl begrüßt hatten) suchten vergeblich, dem Blut- und Rachedurst der Bauern Einhalt zu tun; wie ein entfesselter Strom stürzte die Masse auf die Zinnen. Noch leistete hier und dort ein Häuflein der Tapfersten eine verzweifelte Gegenwehr; da ertönte plötzlich von dem andern Ende der Klostermauer wildes, verworrnes Geschrei. Fliehende Mönche waren nach jener Seite geeilt und wandten jetzt erschrocken wieder um, als sie auch dort die Feinde eingedrungen sahen. Das Tor war bereits aufgerissen; die Bauern stürmten herein und erfüllten mit ihrem Kriegsgeschrei den Hof. Hie und da drängte sich, von der Dunkelheit begünstigt, ein zitternder Mönch durch die verworrnen Massen und zum Tore hinaus, um im nächsten Walde Schutz zu suchen. Kräftige Axtschläge donnerten jetzt gegen die Türe der Abtei, die noch immer verschlossen war. Sie brach krachend zusammen und der Strom ergoß sich lärmend in die Gänge. Gerade unter dem Portal traf Florian Geyer und Rudolf aufeinander. Florian streckte freudig die Hand dem Landsknechte entgegen und rief: »Weiß Gott, diesmal hat der gemeine Kriegsknecht einen bessern Ruhm errungen als der Ritter. Ihr habt ja gefochten wie toll! Es sollte ja dort bei Euch nur blinder Lärm sein!« »Ich wollt' nur zeigen,« versetzte Rudolf; »daß man auch ohne Hinterlist den Sieg gewinnen kann!« Er wollte noch mehr reden, als er merkte, daß Florian durch diese Worte beleidigt war; aber die hinten nachdrängenden Bauern drückten ihn von dem Ritter hinweg und er folgte dem Sturm, von Jörg und einem Haufen seiner Leute begleitet, um vielleicht Unheil zu verhüten, das die Bauern in ihrer Wut hätten anrichten können. Und wären nicht fast alle Mönche entflohen gewesen, so hätten sie Gelegenheit genug gefunden, den Mord an Wehrlosen zu verhindern, wenn man aus dem Ingrimm schließen durfte, den die wilden Rotten jetzt sogar an leblosen Gegenständen ausließen, als sie durch die Prunkgemache des Abts und des Priors stürmten – Orte, welche noch die frischesten Spuren des üppigen Lebens dieser Zisterzienser an sich trugen. Jörg hatte in dem Getümmel bereits wieder seinen Freund verloren und suchte nun, weil alle plünderten, auch für sich selbst seinen Teil zusammenzuraffen. Mit einigen andern hatte er die Türe gesprengt, die in das Schlafzimmer des Priors führte, und drang, eine brennende Fackel in der Hand, zuerst hinein. Schreckliche Unordnung herrschte in dem kleinen, luxuriös ausgestatteten Gemache. Über das ebenholzne Tischchen, das neben dem Bette stand, träufelte noch der Wein herab, der aus einem, allem Anschein nach erst kürzlich umgeworfnen Becher floß. Der eine Vorhang vor dem seidnen Bette war heruntergerissen und aus dem Boden herumgezogen, wie wenn sich jemand mit den Füßen darin verwickelt hätte. Das Bett selbst ließ deutlich erkennen, daß es noch nicht lange verlassen sein konnte. Übrigens war nirgends mehr eine Menschenseele wahrzunehmen. Die Bauern überließen sich jedoch nicht lange solchen müßigen Betrachtungen. Der eine griff nach dem silbernen Waschbecken, während ein andrer die Marmorplatte zerschlug, worauf es gestanden war. Dort zerdrückte ein dritter mit seinen schrammigen Fingern den goldnen Becher und schob ihn in die Tasche. Wieder andre durchstachen das Bett oder zertümmerten die Spiegel, um die goldnen Rahmen zu benützen. Jetzt rissen sie die Wandkästen auf. Einen Augenblick blieben sie staunend, mit neugieriger Scheu stehn und betrachteten die blanken Geräte und Schmucksachen, die ihnen beim Fackelschein entgegenschimmerten. Dann aber fielen sie mit jubelnder Gier darüber her, um soviel als möglich fortzuschleppen. Es war ein fürchterlicher Lärm, den das Geschrei der Bauern, das Klirren und Stoßen mit den Waffen, die zerbrechenden Gläser und Kristalle, das klingende Gold und Silber hervorbrachten Schon waren zwei Kästen aufgebrochen und vollkommen ausgeleert; da flog eine dritte verborgne Tür auf, die in einen kleinen, versteckten Raum führte, und ein donnerndes, immer neu erwachendes Gelächter erstickte alle andern Töne. Tief in die Ecke dieses Raumes gedrückt, hockte eine mit weißer Kutte bekleidete Gestalt. Auf dem dicken, possierlichen und vor Angst zitternden Körper saß ein ebenso possierlich dicker, zitternder Kopf, dessen Gesicht über alle Maßen lächerlich war: niedre Stirne – fette rote Nase und Wangen – breites doppeltes Kinn – ein breiter, hellachender Mund und glänzende Äuglein voll spitzbübischer Schelmerei, tief im Fett der Wangen und Stirne schwimmend. Ein solches Gesicht auf einem wie Espenlaub bebenden Korpus – ja in der Tat, ein derartiges Bild hätte selbst dem finstersten Menschenkind ein Lächeln entlockt; was Wunder, daß die stets zur lärmenden Freude geneigte Bauernschaft ihrem Zwerchfell die freieste Bewegung gestattete? Sie gaben sich nicht einmal die Mühe, dem armen Prior seine Maske, die er, Gott weiß, von welchem Sinn oder Unsinn geleitet, in der Verwirrung seiner geängsteten Seele aufgesetzt hatte und die ihm jetzt wirklich ganz unverhofft das Leben rettete, von seinem echten, natürlichen Angesicht abzureißen. Lachend zerrten sie ihn aus dem Kasten; ein paar derbe Püffe warfen ihn in die heilsame Dunkelheit hinaus, wo er leicht und unbemerkt in dem schrecklichen Durcheinander ein geöffnetes Tor erreichen konnte und so, freilich vor Entsetzen und Angst halbtot, in dem sichern Wald für den Augenblick Schutz vor den groben Barbaren zu finden hoffen durfte. Sein prunkvolles Schlafgemach schien endlich den Bauern so ziemlich leer und ausgefischt. Sie entfernten sich daher größtenteils, um andern Platz zu machen, welche, zu spät gekommen, sich nun freilich mit einer bloßen Nachlese begnügen mußten. Jörg wußte anfangs nicht, wohin er sich wenden sollte. Er glaubte, seine Taschen gehörig angefüllt zu haben; wenigstens wollte er sich für jetzt mit dem Gesammelten begnügen, das ihm so sauer verdient und so ehrlich erworben schien, daß er mit stiller Befriedigung an das Sprüchlein dachte, welches ihm einmal ein Pater gesagt hatte: ›Der Arbeiter ist seines Lohnes wert‹. Der Lärm zog ihn die steinernen Staffeln wieder hinunter und bald stand er vor den weit aufgerißnen, von Feuchtigkeit und Alter schwarzbraunen Torflügeln des Kellers. Die Treppen, welche hinabführten, waren tief ausgetreten, und zeigten, wie oft sie schon begangen worden waren. Auch jetzt gingen manche der Bauern hinauf und hinab; denn hier war der Hauptsammelplatz, hier das Ziel, über das kaum einige hinausgedacht hatten. Flink stürzten sie hinunter mit wildem, gierigem Geschrei und bereits im Vorgefühl einer Wonne, die sie schon lange sich kaum zu träumen gewagt hatten; andre taumelten herauf, von einem Kameraden gestützt oder an der nassen Wand sich haltend und mit lallender Zunge ein Lied singend, während ihr gläsernes Auge irre die grüßenden Bekannten anstarrte. Selbst dem Landsknecht, dem solche Szenen doch nicht unbekannt sein mußten, kam ein Bild in solcher Graßheit widerlich vor. Er blickte eine Zeitlang in die Höhle hinab, aus der ein matter, qualmiger Schein heraufdrang und wildes, verworrnes Geschrei ertönte; dann wollte er umwenden. »Ei, Landsmann, wohin?« schrie ihm eine bekannte Stimme ins Ohr; »willst nicht hinunter? Schäm dich! 's geht lustig drunten her! Komm!« Der Sprecher ergriff ihn am Arm und zog ihn hinab. Doch durfte sich Jörg nicht sehr auf seinen Führer verlassen; denn dieser mußte schon einmal drunten gewesen sein und suchte jetzt mit einer fast allzugroßen Eile abermals den Boden des Kellers zu erreichen, so daß jener Mühe hatte, sich und ihn aufrechtzuerhalten. Es war Andres. »Ihr habt ja verflucht gefochten Jörg – hab' ich gehört!« schrie nun der Bauer wieder und es war allerdings nötig, zu schreien; denn mit jedem Schritt nahm der Tumult von unten herauf in schrecklicher Weise zu. »Dummköpfe seid ihr gewesen! Wer wird sich denn so schinden um etwas, das man schon hat? Aber Respekt vor solchen Dummköpfen, sag' ich! Euer Rudolf muß ja eine wahre Bestie gewesen sein. Er soll auch belohnt werden, extra, besonders vom Geyer. Der mag ihn wie seinen Bruder. Wein her, Wein her, oder ich fall' um, fall' um! Wo steckt er denn, der Duckmäuser? Weißt's nicht? – Wein her, Wein her! Vorhin bin ich ihm begegnet, dem verfluchten Kerl! Droben reißt er alle Kästen auf und stiert wie närrisch in den alten Papieren und Reisachbüscheln herum – wie närrisch. sag' ich, – und steckt seine Nase in den alten Staub, bedächtig wie ein Ochs im Schwabenalter – und wenn er wo ein Stücklein Gold blitzen sieht, so schmeißt er's auf den Boden und tritt darauf. Jetzt sind wir ja drunten! Lustig, Bruder, lustig! Wein her! Würfel her!« Andres hatte sich freilich ein wenig getäuscht. Sie waren noch nicht unten; nur der Bauer war trotz der Anstrengung Jörgs rücklings auf die Staffeln gefallen; jedoch mußte er seinen Irrtum sogleich eingesehen haben; denn mit großer Behendigkeit legte er lachend den Rest des Wegs auf allen Vieren, oder vielmehr durch den tätigen Beistand der Mutter Erde unterstützt in der möglichst kurzen Zeit zurück. Jörg bemühte sich jetzt ernstlich, dieses Gesellen los zu werden. Er drängte sich durch die dichten Massen und suchte in seinen weiten Pumphosen nach einem Trinkgeschirr; denn er wußte, daß er die silberne Schale, die in des Priors Zimmer gestanden war und dessen Seife enthielt, zu sich gesteckt hatte. Freilich war sie klein, aber hier, wo jedes irgend brauchbare Geschirr seine zwei, drei Herren hatte, war auch das kleinste willkommen. Aber welch ein Bild bot heute der Klosterkeller dar! In langer Reihe lagen zwischen den niedern, dicken Pfeilern die tiefbauchigen Fässer; es schien, als ob sie ernst und zürnend auf das bacchantische Getümmel herabblickten, dessen Ursache sie selbst sein mußten. Einige Fackeln waren an der Wand befestigt und verhüllten die Decke mit grauem Qualm, während sie nur einen matten Schein auf die Gruppen warfen, die sich zwischen den Fässern bewegten. Hoch oben an der Wandung drang dann durch ein paar niedre Kellerlöcher der erste Schimmer des Tags. Die Bauern kümmerten sich jedoch wenig weder um die Beleuchtung, noch um den Tag. Um jedes Faß saß oder stand ein Häuflein dichtgedrängt. Dort führte einer einen mächtigen, goldglänzenden Humpen zum Mund; hier hielt ein andrer eine halbzerbrochne Porzellanvase unter den sprudelnden Hähnen, während neben ihm ein dritter ein blechernes zertretnes und zerschlagnes Waschbecken leerte, das er mit beiden Händen festhielt und wobei es ihn wenig störte, daß der köstliche Falerner ihm aus beiden Mundwinkeln über Hals und Brust herniederströmte. Dort waren sie lustig und schwatzhaft wie Zeisige; hier vertilgten sie mit wildem Ingrimm, noch immer von Rachedurst lechzend, den edelsten Wein und bedachten, wie lange sie selbst schon darben mußten, bis die Pfaffen von ihrem Gelde solche Schätze aufgehäuft hatten. Selbst auf den Fässern saßen einzelne und warfen die drei Würfel, um bald ihrer Beute los zu sein oder von einem geärgerten Mitspieler auf die unten Trinkenden hinabgestoßen zu werden. Auch in dem mittlern Gang, der durch den Keller führte, waren einige Bretter herübergelegt. um darauf zu würfeln; aber nur allzuoft geschah es, daß ein grober Flegel über die künstlichen Tische hineinstolperte und dann unter den zornigen Flüchen der Spielenden die eiligste Flucht ergreifen mußte, nachdem er ihnen das schönste Spiel verdorben hatte. Im dunkelsten Hintergrund standen in einer Ecke drei Männer. Der eine war Florian Geyer, der zweite Metzler, und den dritten konnte man, obgleich er die Kutte abgelegt halte, leicht als den Bruder Robert erkennen. Sie ließen sich durch den entsetzlichen Tumult nicht im geringsten in ihrem eifrigen Gespräche stören, das besonders zwischen Metzler und Robert hitzig gewesen zu sein schien. Jetzt hatte sich Robert zu Geyer hingewendet, der ruhig lächelnd mit übergeschlagnen Armen dastand. »Wende dich mit beidem an die Bauern!« sagte der Ritter. »Beim ersten wollen wir nichts entscheiden; beim zweiten können wir nichts sagen, weil das alle angeht.« »Aber bei diesem Lärm?« rief fragend der ehemalige Mönch und sah im Keller umher. »Soll ich Stille schaffen? Das wird nicht so schwer sein!« meinte Geyer; »willst du?« »Meinetwegen!« sagte Robert und schlug nachdenklich die Augen nieder. Der Ritter ergriff die nächste Fackel und riß sie von der Wand. Dreimal schwang er sie mit der Rechten im Kreis herum, daß die Funken hinausstoben; dann schleuderte er sie mitten durch den Keller, so daß sie an der Treppe glosternd niederfiel. Alle duckten sich unwillkürlich, als der Feuerbrand über sie hinflog, und sofort war es still; man hörte nur noch den langsam singenden Ton der sprudelnden Weinfässer. Da ergriff Geyer das Wort und rief mit Donnerstimme: »Haltet einmal eure Mäuler, liebe Brüder! Ein Freund will euch etliche Worte sagen, darüber ihr richten sollt. Paßt auf!« Ein dumpfes Murmeln folgte. Robert hatte schnell das größte, im Hintergrund liegende Faß erstiegen. von wo aus er den ganzen mittlern Gang bis zur Treppe übersehen konnte. Rasch musterte er mit prüfendem Blick die Menge, die allmählich ihre Augen auf ihn gerichtet hielt. Dann sprach er: »Bauern, hört mich an; es wird euch nicht gereuen. Schon vielfach ward ich gefragt, wo denn die Schätze des Klosters verborgen liegen? Manche wollen sich nicht mit der Beute begnügen, die ihnen gerad' in die Hände fiel; in Kellern und Gewölben wollten sie suchen, um die Goldkästen der Pfaffen zu entdecken. Selbst mich hat man schon mißtrauisch angesehen, wenn meine Antwort nicht nach Erwarten lautete. Bauern, ich habe kein Mißtrauen verdient und will euch gerne sagen, was ich weiß. Beim ersten Lärm des Aufstands ließ der Abt alsbald alles wertvolle Gemeingut des Klosters zusammenraffen und der festen Reichsstadt Heilbronn zuführen. Ob die schweren Kisten dort glücklich angekommen sind, weiß ich nicht: ich zweifle fast daran. Aber ihr seht: hier konnt' ich nichts zum Besten unsrer Sache tun, der ich mit Leib und Seele stets zum Dienst bereit bin! – Mein zweites Wort ist erfreulicher. Das Kloster ist jetzt ausgeplündert. Manche haben viel darin gefunden, manche wenig und manche gar nichts. Aber Gleichheit, Gleichheit soll sein in der Welt von einem Ende bis zum andern. Drum laßt auch uns brüderlich teilen, was wir besitzen! Laßt uns alles auf einen Haufen zusammenwerfen und dann – ›jedem das Seine!‹, damit alle froh werden unsers ersten rühmlichen Sieges. Wollt ihr oder wollt ihr nicht?« Ein fürchterliches Geschrei entstand nach diesen Worten. Die, welche viel gewonnen hatten, sträubten sich mit Händen und Füßen gegen den Vorschlag; die andern, von denen sich mancher mit einem zinnernen Salzfaß oder ein paar silbernen Schnallen hatte begnügen müssen, schrien lauten Beifall. Als der Tumult sich etwas gelegt, fuhr Robert fort: »Mein drittes Wort betrifft mich selbst; hört es an! Sagt: wem verdankt ihr diesen Sieg, diesen herrlichen Sieg? Ich will nicht reden von der reichlichen Beute, die ihr gemacht, noch von der Lust, die euch aus diesen Gewölben entgegenjubelt, nachdem ihr solange gedurstet und gedarbt; ich rede nur von dem Ruf und Ruhm, der jetzt von euch durch alles Land ertönen wird. Wem verdankt ihr das? Und was habt ihr dem versprochen, der euch solches bereitet hat mit Müh' und Gefahr, und hat euch in schlaflosen Nächten den Weg gebahnt? Nichts! Aber er tat es doch; er nahm die Gefahr aller auf sich und es gelang. – Was habt ihr ihm gegeben zum wohlverdienten Lohn? Nichts! – Was wollt ihr ihm vielleicht noch geben zur schuldigen Vergeltung? Nichts, abermal nichts! O ihr Undankbaren! könnte ich rufen; lohnt und vergeltet ihr so denen, die für euch alles zu opfern bereit sind? Ich rufe es nicht. Schweigend will ich diesen Undank tragen; denn die Sache, der ich mich geweiht, ist edel und gut; sie muß mich lohnen! Ja, ich rufe es nicht; denn mein einziger Ruf ist: Recht und Gerechtigkeit dem bedrängten Bauernvolke! Fluch und Rache unsern Drängern und Tyrannen!« Robert schwieg. Durch den Keller murmelte es zuerst leise und undeutlich; dann aber erhob sich ein lautes Beifallsgeschrei, als sollten die dicken Gewölbe bersten. »Vivat! Vivat Robert!« schrie alles durcheinander. »Er soll uns führen! Vivat unser Feldhauptmann! Vivat der Bauernkönig!« Metzler wurde dunkelrot vor Wut. Mit Blitzesschnelle hatte er das Faß erklettert und stand neben Robert. »Haltet ein!« rief er; »haltet ein mit euerm tollen Geschrei! Ich, ich hab' euch bis hierhergeführt; ich hab' euch aus eurem Schlaf gerüttelt; wollt ihr jetzt auf einmal mich wegschmeißen wie faule Äpfel? Wollt ihr euch schon wieder von einem Pfaffen an der Nase herumführen lassen? Höllsakrr – – – meint ihr, ich lasse mich nur so – – Bauern!« »'runter Metzler! 'runter mit dem Ochsenwirt!« schrie die Menge; »Vivat der Bauernkönig! Vivat Robert!« »Nein, Bauern!« rief jetzt Robert, und das Geschrei verstummte plötzlich; »macht mich nicht zu euerm Fürsten und Herrn! Frei sollt ihr sein wie der Vogel in der Luft! Ihr dürft das Joch nicht wechseln! Laßt mich einen der Geringsten sein unter euch! ich werd' euch ebenso treu dienen bis zum letzten Augenblick. Seht, nur einen einzigen Schatz weiß ich unter diesen Mauern begraben, hier unter diesem Faß. Wie leicht hätt' ich ihn für mich behalten können! Aber nehmt ihn hin; ich fordre keinen Dank dafür. Rächt euch und eure Brüder an den Bluthunden; dies ist der einzige Dank, des ich begehre!« Jetzt wuchs das Geschrei zum äußersten Tumult an. »Vivat Robert! Hacken her! Der Bauernkönig soll leben! Vivat! Vivat!« Sonst verstand man nichts mehr in diesem Chaos von Tönen. Da sprang Florian Geyer auf einen Stein. Sein Gesicht glühte, seine breite Brust wölbte sich hoch auf, als er mit donnernder Stimme rief: »Still, ihr Hunde, Bestien, wollt ihr eure versoffnen Mäuler halten? Wenn ihr nicht augenblicklich gehorcht, so geh' ich meiner Wege, und der Hippler und Metzler auch, und alle, die euch hierhergeführt. Dann lachen wir uns die Haut voll, wenn der Truchseß kommt und schneidet euch die Ohren ab! – Still dort hinten! – Was ich sagen wollt': ins Regieren habt ihr nichts dreinzureden! Wir werden den Mönch schon belohnen ohne euer Geschrei. Er soll Führer werden, aber nicht Fürst und König. Wir brauchen keinen König. Wer nochmals schreit, den hau' ich auf der Stelle nieder. Und jetzt Friede – aber Krieg den Tyrannen!« Die Bauern sahen bald sich, bald Robert und Geyer verdutzt an und griffen wieder nach ihren Bechern. Um ihren Grimm an etwas anderm auszulassen, begann einer ein Lied zu brüllen, in das die gesamte Gemeinde sogleich einstimmte. Er sang:   Was sprüht dort am Himmel flammpurpurrot?     Sturmglocken durchheulen die Nacht! Die Mönch' in dem Kloster, sie schreien zu Gott; Die Pfaffen, sie heulen; die Pfaffen sind tot; Das macht: – Der Bauer erwacht!   Was sprüht dort am Himmel flammpurpurrot?     Was stoben die Funken hinauf? Dort brechen die Burgen, die Ritter sind tot; Das färbet den Himmel so purpurrot; Frischauf! Der Bauer steht auf!   Was sprüht dort am Himmel flammpurpurrot?     Was heult es durch Gassen und Haus? Dort jammern die Städter in schwerer Not; Die Pfaffen, die Ritter, die Städter sind tot! O Graus! Der Bauer haut aus! Während des Singens wurde der Boden unter dem Faß von mehr als zwanzig Händen aufgewühlt. Ein Freudenschrei entfuhr dem Mund der Grabenden, als ein Beil gerade beim Schluß des Liedes auf klirrendes Metall prallte. Gleich darauf wurde ein schweres, eisernes Kistchen aus dem Boden gezogen. Ein Schlag auf das Schloß sprengte den Deckel auf und der Mönch stand schon bereit, mit beiden Händen hineinzugreifen und die blitzenden Goldstücke auf die Köpfe der Umstehenden zu werfen. Jetzt drängte sich ein Bauer hastig durch das Gewühl auf Florian und Metzler zu; es war einer aus Geyers Haufen. Mit nicht gerade ehrerbietigem Gruß rief er seinem Anführer zu: »Ihr sollt heraufkommen, Hauptmann! Eben ziehn die aus der Heilbronner Gegend durchs Tor; der Jäckle von Böckingen ist vorne dran!« »Das sind die Schlimmsten! Jetzt wird's erst recht losgehn!« flüsterte der ehemalige Ritter dem Metzler zu und beide verließen eilig den Keller. Jörg, der Landsknecht, saß indessen ein wenig abseits hinter einem Faß und ließ sich das köstliche Rebenblut trefflich schmecken. Da klopfte ihm jemand auf die Schulter, und eh' er sich recht umsehen konnte, saß auch Andres wieder an seiner Seite auf dem feuchten, schwärzlichen Gebälke, darauf die Fässer lagen. Er schien ein wenig nüchtern geworden, obgleich sein Gesicht den Weinglanz noch nicht verloren hatte. »Du!« sagte er leis und heimlich, indem er noch näher zu dem Landsknecht heranrückte; »hast's gehört, was der Robert gesagt hat?« »Jawohl! Was weiter?« fragte Jörg etwas neugierig auf die Eröffnungen, welche Andres schon durch den Ton seiner Stimme anzudeuten schien. »Glaubst's?« fuhr der Bauer fort. »Ja, warum denn nicht?« meinte der treuherzige Kriegsknecht. »O du Dralle!« rief Andres, seiner Überlegenheit bewußt; – »meinst denn, der pfiffige Pfaff hab' sich nicht selber so ein Kistchen beiseit gestellt zur Vorsorg'? Wie wär's, wenn wir das Ding finden täten?« »Nicht so übel!« schmunzelte Jörg, dem die Goldgulden doch auch einzuleuchten anfingen; »aber wo suchen?« »Da laß mich sorgen,« sagte Andres mit sichrer Bestimmtheit; »suchet, so werdet ihr finden! heißt's in der Schrift. Wollen wir's probieren?« »Derweilst saufen die andern die Fässer aus,« bemerkte Jörg; »das ist übel! Nur noch einen Schluck; dann geh' ich schon mit!« Der bedungne Schluck war bald ausgeführt. Andres nahm vom Boden eine halbverbrannte Pechfackel, zündete sie an und deutete schweigend auf ein niedres Pförtchen, das sich in der Wand des Kellers befand. Der Riegel wurde hinweggeschoben; sie schlüpften, ohne bemerkt zu werden, hinein und verschlossen dann die Türe von innen wieder, damit ihnen niemand folgen könne. »Der Kuckuck weiß, wo dieser Dachsgang hinführt!« sagte der Bauer, als sie langsam in den schmalen, dumpfigen Gängchen voranschritten. »Paß auf! Da biegt sich's rechts herum! Überall, aus jedem Stein blinzelt einem doch das heimtückische Pfaffenwesen entgegen! – Ich sag' dir: paß nur recht auf; wir können sonst über das Kistchen tappen, ohne dran zu denken!« Andres beleuchtete bei diesen Worten die Wände und den Boden, der mit tiefem Schutt und feuchtem Staub bedeckt war. Sie schritten weiter. Nach einer kurzen Zeit weiterte sich der Gang plötzlich und sie standen erstaunt in einem runden, verliesartigen Raum, von dessen Decke dicke Tropfen taktmäßig auf die Steinplatten fielen. Lange blieben die beiden Schatzgräber mitten in dem Gewölbe stehn, ohne zu wissen, was sie wollten. Endlich sagte Andres: »Du, Jörg – wollen wir nicht wieder in den Keller zurück?« »Warum denn?« fragte der beharrlichere Landsknecht; »wir haben ja mit keinem Aug' noch ein Kistchen gesehen!« »Ach was!« rief der Bauer ungeduldig; »wir haben keins gesehen und werden auch keins sehen; das merk' ich schon! 's ist eine Dummheit von uns gewesen! Und 's ist auch so kalt und finster da unten; komm!« Der Bauer wandte sich um und schritt der Türe zu. »Da sind wir nicht hereingekommen!« rief plötzlich Jörg, als der Bauer eben in das Gängchen treten wollte. » Was? Du würdest mich freuen!« versetzte Andres erschrocken und leuchtete herum. Und wirklich, jetzt erst gewahrten sie mit Entsetzen, daß das kreisrunde Gemach, worin sie sich befanden, vier vollkommen gleiche Ausgänge hatte, die man unmöglich unterscheiden konnte. »Hinauskommen müssen wir!« sagte der Landsknecht endlich. »Dort, glaub' ich, sind wir hereingekommen. Vorwärts!« »Nein, eher dort!« meinte der Bauer mit trauriger Miene und schritt nach einer andern Seite. Als aber Jörg fest auf seiner Meinung beharrte und sogar Anstalt machte, diesen Weg allein zu gehn, folgte ihm endlich der Bauer notgedrungen und sie schritten schweigend durch das Gängchen. »Nicht wahr, ich hab's ja gesagt!« rief plötzlich der Bauer. »Da kommen ja Staffeln! Wir sind keine Staffeln herauf.« – Und in der Tat führten steile Treppen in die finstre Tiefe, und beide blieben unentschlossen stehn. »Vorwärts!« rief Jörg wieder; »irgendwohin muß dieser Weg auch führen. Und ich möcht' wissen, wohin.« Er nahm dem zitternden Bauern die Fackel aus der Hand und schritt vorwärts. Jener folgte geduldig. Jetzt ging es wieder eine kleine Strecke eben fort und bald standen sie in einem engen, niedern Gewölbe, das keinen weitern Ausgang zeigte. Andres blickte den Landsknecht trostlos an. Doch dieser, der noch keineswegs im Sinne hatte, umzukehren, leuchtete an den kahlen Wänden umher, um vielleicht doch noch einen Ausweg zu entdecken. Da stieß sein Fuß an etwas Hartes, das wie Metall klang; er bückte sich und hob es auf. »Sieh doch!« rief er verwundert und zeigte dem Bauern eine Kelle; »das Ding kann noch nicht lange hier liegen; sonst müßt' es rostig sein! Aufgepaßt! Am Ende finden wir doch noch das Kistchen. Was meinst?« »Am liebsten wär' ich draußen aus diesen verfluchten Gängen,« erwiderte Andres und sah die Kelle zweifelnd an; »das Kistchen hol' der Kuckuck! Aber – horch!« »'s wird dir eine Fledermaus um die Ohren geflogen sein,« tröstete der Landsknecht den Bauern, der sich erschrocken umsah; »jetzt bin ich einmal soweit und tapp' vielleicht um das Gold herum, jetzt – – o Andres, ist denn all dein bißchen Mut zum Teufel gegangen?« »Hörst du denn um Gottes willen nichts, du dickohriger Kerl?« flüsterte der Bauer, vor Unwillen und Schrecken zitternd. »Nichts Merkwürdiges!« versetzte halb höhnisch Jörg, indem er immer an der Mauer hinzündete; »nichts als die fette Kröte, die sich dort im Winkel aufbläst, als wollt' sie bersten. Rumort dir dein Rausch immer noch in den Ohren?« »Komm, Jörg; wir wollen anderswo sehn, wo wir hinauskommen!« bat der Bauer. »Nichts da!« war die barsche Antwort. »Gelt, dir schlägt das Gewissen, weil du dran schuld bist, wenn wir hier verdursten, während die andern sich droben toll und voll saufen! Oder am End' ließt du mich gern hier stecken, wenn nur du mit heiler Haut davon wärst! Nichts da, Bruder! – Sieh, da liegt noch ganz nasser Mörtel! Heisa, jetzt hab' ich's! Komm her, Andres! Guck, wie der weiße Speis zwischen den schwarzen Steinen hängt! Und wie ihn die Kerls so schlampig draufgeschmiert haben! Du bist doch ein gescheiter Kerl, Andres! Da können wir unsre Taschen füllen! Hast kein Beil da?« Der Bauer war neugierig nähergetreten und betrachtete die angegebnen Merkmale. Auf seinem Gesicht kämpfte die Freude mit der Angst, als er das Beil aus dem Gürtel zog. »Aber« – sagte er; »wenn wir einen Stein herausgebrochen haben und nichts drunter ist, dann gehn wir doch?« »Wenn du nichts von den Goldvögeln willst,« versetzte Jörg, »so geh'! Ich will bald fertig sein und hab' nicht im Sinn zu verhungern. – 's muß doch eine Gewaltseule in der Nähe gilfen! Ich hör's jetzt auch deutlich.« »Der Vogel bedeutet Unglück,« warnte Andres bedenklich; »wollen wir nicht lieber fort?« »Esel, mach' einmal!« rief der Landsknecht mit ernstlicher Ungeduld; »setz' dein Beil dort links in die Spalte und drück' zu mir herüber! Holz her! Hup! Hup! Ich nehm' den Spieß. Der Stein sitzt verflucht fest; mein Spieß bricht fast ab. Noch einmal: Hup! Hup! Hup! – Jetzt geht's! Kräftig, Andres! Hup! Hup!« Mit dumpfem Gepolter stürzte der Stein zu Boden; zwei andre fielen nach einigem Wanken hintendrein und ein mächtiges, schwarzes Loch klaffte in der Mauer. Mit neugieriger Hast wollten Andres und Jörg hineinsehen; sie fuhren beide mit dem Kopf gegen die Öffnung, aber wie vom Blitz getroffen, prallten sie wieder zurück. »Heilige Mutter Gottes!« schrie Jörg und die Fackel sank ihm aus der Hand und wollte am Boden verlöschen. »Der Teufel! Hilf! Der Teufel!« heulte der Bauer, stürzte einige Schritte zurück und sank ohnmächtig zusammen. Langsam kam jetzt aus der Höhlung eine Art Totenkopf hervor. Kaum konnte man noch bemerken, daß eine runzlige Haut über die Knochen schlotterte; die Lippen waren weiß; tief in den Knochenhöhlen lagen die starren, gläsernen Augen, von einem blauen Ring umgeben, und bewegten sich langsam im Kreis herum. Jetzt regten sich die verdorrten Lippen und mühsam zwangen sich ein paar Worte durch den eingetrockneten Schlund. »Bringt mich um! Um Jesu Christi willen bringt mich um!« flüsterte die heisere Stimme. Jörg raffte alle Kraft zusammen und sprach: »Im Namen dessen, den du selbst anrufst: bist du von dieser Welt?« »Nimmer, nimmer!« stöhnte die Gestalt; »sei barmherzig und bring' mich um!« »Sprich nur, wie man dich nannte; dann will ich gern deine Bitte erfüllen!« sagte der Landsknecht etwas mutiger und hob die zum Glück noch brennende Fackel auf. »O tu's schnell, tu's schnell!« flehte der Eingemauerte und faltete die knochigen Finger. »Verlängre meine Qual nicht! O, es ist gräßlich, jede Minute zu vergehn und immer nur zu erwachen zu neuer Qual! Jesu, Jesu, dir leid' ich; nimm mich zu dir! – Willst du mich nicht töten, Mann, eh' ich Antwort geb' auf deine Frage? Man hieß mich Bruder Bernhard; jetzt tu's, jetzt tu's!« Jörg, dem rauhen Kriegsmann, stürzten bei diesen Worten die hellen Tränen über die Wangen. Er ahnte den Zusammenhang, wenn auch noch dunkel. Wie der Blitz fuhr er auf; ein rascher Stoß weckte Andres aus seiner Ohnmacht, der nun völlig stumpf und willenlos den Befehlen Jörgs gehorchte. Im Nu war die Mauer soweit eingerissen, daß sie den Mönch herauszuziehen vermochten. Vorsichtig nahm ihn der Landsknecht in die Arme und trug ihn fort, indem Andres mit der Fackel voranging. Schnell kamen sie die Staffeln hinauf, wieder in das runde Gemach, durch welches sie verirrt waren. Bernhard, halb ohnmächtig, konnte nur durch Winke andeuten, in welcher Richtung der Weg nach dem Keller führe. Sie gelangten wieder durch das schmale Gängchen an die Pforte. Aus dem Keller tönte kein Geschrei mehr, und als sie eintraten, brannte nur noch eine einzige Fackel in dem weiten Gewölbe. Alles war still, und kein Mensch mehr anwesend, außer zwei oder drei Bauern, welche laut schnarchend, ohne sich zu rühren, in einer Pfütze von Wein lagen, die sich jeden Augenblick vergrößerte, da der offne Hahn noch immer sprudelte wie ein Quell im Paradies. Jörg legte seine teure Last auf den Boden, mit dem Rücken gegen ein Faß gelehnt. Bernhard war indessen völlig ohnmächtig geworden; seine Augenlider waren geschlossen; fast unbemerklich hauchte der dünne Atem aus dem Munde; ängstlich rieb ihm der Landsknecht die Stirne mit dem köstlichsten, stärksten Wein und träufelte das Getränk in den willenlos sich öffnenden Mund. Lange lag der Unglückliche so da. Endlich taten sich langsam die Augen auf und ein lauter Freudenschrei entfuhr dem Munde und der Seele des zum Samariter gewordnen Landsknechts. Rudolf ging unterdessen noch immer von Zelle zu Zelle, von Saal zu Saal. Manchmal sah ihm einer seiner Kriegsleute, die bereits für ihren Hauptmann durchs Feuer gegangen wären, mit einigem Kopfschütteln nach; denn niemand konnte erraten, was er denn eigentlich so eifrig suche. Alles, was in den Augen der Bauern einen Wert besaß, warf er unwillig weg und andres, das nach ihren Begriffen nur zur Winterzeit für den Ofen einige Vorteile bot, stöberte er lange mit unverdroßner Emsigkeit durch. Er selbst hatte nur noch eine schwache Hoffnung, das Buch, das er in diesen Mauern vermutet hatte, wiederzuerlangen. Vielleicht war es ja gar nimmer vorhanden. Wie leicht konnten es die Mönche in ihrer fanatischen Wut vertilgt – wie leicht konnten es sogar die Bauern in ihrer Dummheit verbrannt oder zerrissen haben! Mit solchen Gedanken beschäftigt, trat Rudolf in eine der abgelegensten, einsamsten Zellen des Klosters. Selbst die Bauern schienen diesen Platz noch nicht aufgefunden zu haben; denn das schwarze Schreibpult stand unberührt an der Wand, das Bett war noch frisch, das Fenster nicht zerschmettert, die Kästen verschlossen. Rudolf begann seine Untersuchung. Er riß den Wandschrank auf; eine gewöhnliche Kutte und einige wenige andre Kleidungsstücke waren das einzige, was er entdeckte. Er trat jetzt an das Pult und sprengte den Deckel auf. Aber auch hier fand er nicht, was er wollte; denn nur ein Schreibzeug, etliche Pergamente und ein altes zerrißnes Brevier befand sich darin. Dort stand noch ein Kasten, außer dem Bett und dem Pulte das einzige Geräte in dem düstern Zimmer. Die Türe mußte auch hier aufgesprengt werden. Rudolf riß daran; das Schloß zerbrach, aber der ganze Kasten hatte sich um ein wenig vorgebeugt, so daß zwischen ihm und der Wand ein Gegenstand hinunterfallen konnte. Der Landsknecht hörte dies, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß das Innre des Schreins vollkommen leer war, rückte er denselben, um nichts unversucht zu lassen, ein klein wenig auf die Seite. Abermals hörte er wieder etwas niederfallen und schob neugierig, was es sein möge, den Kasten vollends hinweg. Jetzt zeigte sich ihm, daß die feuchte Backsteinmauer beim Aufsprengen eingesunken und etliche Steine auf den Boden gestürzt waren. Da sich hinter der kleinen Öffnung eine Höhlung vorfand, welche künstlich gemacht schien, riß Rudolf noch einige weitre Steine aus, und plötzlich rollten etliche Goldstücke aus den Spalten hervor. Erstaunt und neugierig stieß er das leichte Backsteingemäuer vollends ein, und ein glitzernder Goldhaufen lag vor seinen Blicken. Wie ein Dämon stand plötzlich unter der Türe die hohe, finstre Gestalt Roberts. Bleich vor Wut schaute er einen Augenblick auf Rudolf, der ihm gerade den Rücken zuwandte, und dann um sich her. Niemand war zu sehen; fast alle Bauern waren den Heilbronnern entgegengezogen. Wie eine wütende Katze stürzte der Mönch auf den ahnungslosen Landsknecht zu. »Das gehört dir, verfluchter Hund!« rief er und stieß Rudolf einen Dolch zwischen die Schultern, daß dieser mit einem lauten Schmerzensschrei zu Boden stürzte und regungslos liegenblieb. Mit einem kalten, erzwungnen Lächeln stand Robert eine Zeitlang vor seinem Opfer. »Wer hieß dich auch, deine Nase in etwas stecken, das dich nichts anging?« murmelte er finster und wandte sich um. Eifrig begann er nun die Goldstücke zusammenzulesen und die Backsteine wieder in die Mauer zu fügen, ohne sich weiter nach Rudolf umzusehen, dessen Blut langsam über die Dielen floß. Aber noch schien dieser nicht tot zu sein; denn die Brust hob sich wieder in kurzem, kaum merklichem Atmen und manchmal zuckten die Finger krampfhaft zusammen. Der teuflische Mönch hatte jetzt seine Arbeit fast ganz beendigt; nur der Kasten war noch auf die vorige Stelle zu rücken, um alles wieder unkenntlich zu machen. Ein nahendes Geräusch schreckte ihn auf; er faßte den Schrein mit aller Macht, um so schnell als möglich diesen Ort, der ihm so gefährlich werden konnte, verlassen zu dürfen. Gepolter und rauhes Geschrei von Männern näherte sich durch den Gang. Erschrocken sprang Robert zur Türe und schlug sie zu. Doch fast in demselben Augenblick wurde sie wieder von außen aufgestoßen, daß der Mönch zurückprallte. »Was gibt's da für Heimlichkeiten?« lachte einer der kriegerischen Bauern und trat rasch auf die Schwelle. »Hilf, heiliger Gott!« rief er plötzlich in einem völlig veränderten Tone; »her da, Kameraden! Ein Mord! Mein Hauptmann ist gestochen! Helft euerm Hauptmann.« Der Bauer wollte auf die Leiche zustürzen, aber Robert, der nur auf Sekunden seine unerschütterliche Fassung verlieren konnte, stellte sich ihm in den Weg und hielt ihn auf. »Still! Still!« sagte er leise; »der verruchte Mörder hat ihn nicht tödlich getroffen. Er kann gerettet werden, wenn ihr ihn meinen Händen überlaßt. Geht wieder, aber still!« Das Gemach füllte sich plötzlich mit den bewaffneten Bauern, die von allen Seiten erschrocken herbeikamen. »Was? Gehn? In deinen Händen lassen?« schrie der vorderste wütend und schleuderte den Mönch auf die Seite. – »Wer war eben da? In wessen Händen ist er hier gewesen? – Hauptmann, Hauptmann, bist du tot? Mußt du so sterben wie ein Hund? Hauptmann! – Armer Bursche! – Rudolf!« Der Bauer war vor dem Verwundeten niedergekniet und hielt den Kopf desselben empor. Die Zeichen der Wut und des Schmerzes, welche die Umstehenden nicht verhehlten, bewiesen deutlich, wie der junge Landsknecht durch seine unerschütterliche Tapferkeit sich bereits ihre treue Anhänglichkeit erworben hatte. Robert näherte sich in dem Gewühl der Türe und wollte eben hinausschlüpfen; aber ein andrer Bauer warf ihn mit einem mächtigen Stoß wieder zurück, indem sein argwöhnischer Blick zornig auf dem bleichen, vor Angst zitternden Mönche ruhte. »Heiliger Antonius!« rief der Bauer wieder, in dessen Schoß Rudolf lag; »der Dolch steckt ihm ja noch im Rücken! Um Gottes willen, Kaspar, zieh' ihn heraus; ich kann's nicht! – – – Langsam! Langsam! Du machst ja die Wunde immer breiter! Das Messer schneidet wie Glas! Jetzt kommt das Blut! Herr, allmächtiger Gott!« Der Gestochne zuckte bei dieser rohen Operation einigemal schmerzhaft zusammen und ein frohes Lächeln spielte auf des alten Jakobs Gesicht; denn der Schäfer von Kessach war es, der ihn hielt. »Er lebt! Er lebt!« jubelte der Alte und hielt lauschend das Ohr an den Mund des Landsknechts. Eine tiefe, ängstliche Stille trat ein; alles blickte auf den Verwundeten. Nur Kaspar, der ihm den Dolch aus der Wunde gezogen hatte, stand abseits und drehte, schweigend auf nichts andres achtend, das blutige Messer in seinen Händen hin und her. »'s ist Metzlers Dolch; ich kann drauf schwören!« sagte er kaum hörbar vor sich hin und stieß mit dem Ellenbogen seinen Nachbar an. Mit den Worten: »Du – wem gehört der Dolch?« – überreichte er ihm die Waffe. Der andre betrachtete sie ebensolang und bedächtig; seine Zornesader begann zu schwellen und er rief, plötzlich auf Robert zustürzend, mit Donnerstimme: »Haltet den Mörder! Diesen Dolch hast du am letzten Sonntag vom Metzler erhalten, du Hund! Dazu? « Ein wilder Lärm entstand bei den Bauern. »Rache, Rache!« schrien sie und schwangen ihre Sensen und Spieße in der Luft. »Haut ihn nieder, den Hund!« rief's von allen Seiten und viele machten Miene, die Drohung auszuführen. Robert erwiderte nichts; unstet schweifte sein Auge im Kreis herum und spähte nach Rettung; aber es war eine eitle Hoffnung, die er hegte. »Nein!« rief jetzt der Schäfer und ließ, zornig aufspringend, Rudolf auf den Boden gleiten; »keines ehrlichen Stoßes ist er wert. Hängen soll er wie ein Dieb! Dort ist ein Kloben, hier ein Strick! Zappeln soll er wie der gemeinste Hund! Mehr hat er nicht verdient!« »Was? Ihr wollt?« – – stammelte jetzt der Mönch; doch ein wildes Geschrei erstickte seine Worte. Im Nu war der Knoten geschürzt und die Schlinge, freilich rasch und daher überaus nachlässig gemacht, flog ihm über den Kopf. Seine verzweifelte Gegenwehr war schnell überwunden. »Ohne Metzler und Geyer dürft ihr mich nicht umbringen!« schrie er rasend, als sich bereits der Strick um den Kloben an der Mauer schlang. »Wenn's die erfahren,« meinte einer der Bauern; »wirst du im Siedigen gekocht und gebraten! Du darfst noch froh sein, Pfaff!« Kalter Angstschweiß rieselte Robert über die Stirne. Er spürte den Strick trotz der schlechten Schlinge doch allmählich sich zusammenziehen. Krampfhaft faßte er ihn mit beiden Händen über dem Kopf, um sich frei zu halten. »Hup!« schrie ein Bauer; das Seil fuhr hinauf; der Boden schwand unter Roberts Füßen; er hing, immer noch mit den Händen sich oben anklammernd und langsam hin und her baumelnd, in der Luft. »Laßt mich herab, Hunde!« schrie er von rasender Todesangst gefoltert, »augenblicklich laßt mich herab! Glaubt ihr« – – »Kommt, tragt euern Hauptmann fort, Bauern!« rief der Schäfer; »alle fort! Keiner soll sehen, wie die Bestie verreckt! Die Bauern gehorchten; fluchend drängten sie sich nach der Türe. »O, ich halt's nimmer aus! Laßt mich herab!« wimmerte der Gehenkte; – »Kisten Gold will ich euch verraten! – Gnade! Gnade! – O, meine Arme brechen! Laßt mich herab! – Schnell! – Scheffel Gold will ich euch verraten! Dummköpfe! – – Liebe, liebe Bauern! Jedem einen Scheffel Gold!« – – »Verrat's dem Teufel, Pfaff!« rief der letzte der Hinausgehenden und schlug die donnernde Türe hinter sich zu. Kein Mensch war mehr in der Zelle; draußen im Gang verhallten die Tritte leiser und leiser; jetzt war's stille – totenstill. Bis dahin blieb der Mönch immer noch ziemlich ruhig hängen, die Arme, mit denen er sich hielt, fortwährend über den Kopf gebogen; aber jetzt fing er an, mit den Füßen fürchterlich zu zappeln; sein Körper schnellte sich konvulsivisch auf und ab; sein Gesicht wurde dunkelrot. »Gnade! Gnade!« schrie er heulend dazwischen. »Allmächtiger, barmherziger Gott, hilf! Laß den Kloben brechen! – Satan, hilf, wenn du's besser kannst! Gnade! – Gnade! – Teufel! – Satan!« – – Die Arme brachen. Noch einmal zuckte der Leib auf, als der fürchterliche Strick den Hals zuschnürte; dann sanken die Glieder schlaff herab. Aber immer noch regten sich die Lippen; noch drehten sich die hervorgetriebnen Augäpfel schauerlich nach allen Dichtungen; dann wurde das Gesicht blaurot; es schien aus zu sein mit ihm. – In dem Gang vor der Zelle war niemand mehr; die Masse der Bauern hatte sich nach einem andern Teil des Klosters gezogen und nur undeutlich drang ihr Geschrei herüber. Jetzt nahten sich eilige Tritte. Zwei Männer bogen um die Ecke und näherten sich der Zelle. Trotz der Dunkelheit hätte man Jörgs gedrungne Gestalt wahrnehmen können; die Züge des andern, dessen wankende Schritte der Landsknecht unterstützte, waren gräßlich mager und bleich; er schien außerordentlich schwach zu sein, und doch sah man jeder seiner Bewegungen an, wie er sich Mühe gab, die matten Kräfte aufs äußerste anzuspannen. Es war Bernhard. »O rettet ihn, rettet unsern Rudolf, Herr Pater!« bat der Landsknecht mit ängstlicher Stimme; »Ihr wißt nicht, wie tapfer und gut er war. Er darf so nicht sterben!« »Wenn mir der Herr seinen Segen gibt, so ist dein Freund gerettet!« versicherte ihm Bernhard in festem Glauben. »Kaum seid Ihr eben selbst wieder lebendig geworden, so müßt Ihr wieder helfen und lebendig machen; Ihr habt einen schönen Beruf!« rief Jörg freudig; denn er war überzeugt, daß Rudolf fast schon sicherlich gerettet sei. »Noch ist nichts gewiß!« sagte der Jüngling; »doch – wir wollen eilen!« »Es ist so still hier herum!« meinte Jörg; »wenn wir nur nicht fehlgegangen sind! Andres sagte, die dritte Türe vom Eck an sei's; also diese! Kommt, Herr Pater!« »Stiller! Stiller! Wir treten in ein Krankenzimmer!« flüsterte Bernhard. Jörg öffnete leise die Türe und warf einen Blick hinein. Dort bei dem Kasten war wohl eine Lache Blut; der Verwundete, den sie suchten, war nicht hier. Aber – »um Gottes willen, was ist das?« Links an einem Querbalken hing die Leiche Roberts. Wie von einer Viper gestochen, sprang der entsetzte Landsknecht zurück; im nämlichen Augenblick riß ihm Bernhard ein Messer von der Seite und stürzte entschlossen auf den Gehenkten los. Ein Schnitt in das straffe Seil und der erstarrte Körper fiel schlaff auf den Boden herunter. »Um Gott, Herr Pater, kommt! Er hat Euch im Leben genug zu schaffen gemacht,« rief Jörg; »jetzt hat er seinen Lohn! Gott weiß, wer ihn da aufgehängt! Kommt, laßt den Hund liegen; er ist maustot! Rettet den Lebenden, eh' er sich verblutet, kommt!« Der Landsknecht packte Bernhard am Arme und riß ihn mit Gewalt zur Zelle hinaus. Die Woche verging; es ward wieder Sonntag und noch immer hausten die Bauern im Kloster. In unsinnigem Übermut verpraßten sie die Güter der reichen Abtei und dachten nicht ans Weitergehn, ehe das letzte Faß im Keller, der letzte volle Speicher unter dem Dache geleert wäre. Von allen Seiten strömte das schlechte Gesindel herbei und schloß sich den Aufständischen an, um sie später, wenn die Gefahr ernster wurde, schändlich wieder zu verlassen. Im hintersten Teil des Gebäudes, soweit als möglich von dem Getümmel entfernt, das selbst bei Nacht kein Ende nehmen wollte, befand sich ein kleines Gemach. Nur durch ein einziges Fenster drang das trübe Tageslicht und beschien nichts als feuchte, kahle Wände und in der Ecke ein reinliches, weißes Bett. Vor dem Bett saß Bernhard und bewachte die Ruhe des Kranken, der darin schlummerte. Wohl sah man ihm noch an, was er vor einer Woche gelitten hatte; seine Wangen waren nur leise gerötet, aber die Kraft der Jugend war doch zu stark gewesen, um gänzlich zu unterliegen, und vernichtete allmählich jede Spur jenes schrecklichen Leidens, welches ihm nur noch wie ein bittrer Traum vor der Seele schwebte und gar oft in ihm jenes süße, freudige Gefühl erregte, das derjenige empfindet, welcher eine schwere Pflicht siegreich erfüllt hat. In dem Bett schlief Rudolf. Auch er schien einer baldigen Genesung entgegenzugehn; denn sein Atem war ruhig und sanft, sein Auge, das er eben aufschlug, hell und voll Freude und Dankbarkeit auf Bernhard gerichtet. »Brennt dich deine Wunde noch?« fragte dieser mitleidig, als er sah, daß der Kranke erwacht war. »Ich spüre sie kaum mehr,« versetzte Rudolf heiter; »noch heute kann ich das Bett verlassen. Nicht wahr?« »Nein, noch lange nicht! Bleibe nur ruhig!« bat Bernhard; »du weißt nicht, wie sehr dich der Blutverlust geschwächt hat. Gottlob, daß dein Fieber etwas nachläßt!« »Noch länger liegen bleiben?« seufzte der Verwundete; »herausspringen würd' ich, hätte mich nicht der Dank zu deinem Sklaven gemacht. Mit was soll ich diese Zeit hinbringen, bis ich wieder zu meinem Schwerte greifen darf?« »Mit Geduld!« antwortete Bernhard ernst. »Mit Geduld?« wiederholte der junge Krieger; »ja freilich! Aber wenn sie bricht?« »Es gibt einen, der sie stärken kann!« sprach der ehemalige Mönch; »kennst du ihn nicht?« »Ein Mönch hat mich beschämt«, flüsterte Rudolf, der vom Fieber nicht ganz frei und seiner innern Bewegung noch nicht völlig Herr war. – »O Vater, ich habe dich vergessen!« Nach einer Pause fuhr er fort: »Vater Bernhard, ich weiß wohl, woher deine eingefallnen Wangen kommen. Mein Kamerad, der Jörg, hat mir alles erzählt, wie er mich neulich besucht hat. Wir sind die Ursach' und du hast es uns doch großmütig verziehen; das seh' ich an mir.« »Euch hatt' ich nichts zu verzeihen,« unterbrach ihn Bernhard; »vielleicht kaum meinem Bruder Robert, der nur aus Furcht also gehandelt. Ich habe nur gelitten, wie ich leiden mußte, um des Herrn wert zu werden. Wie sollte ich mich beklagen?« »Das ist mehr als Tapferkeit!« rief Rudolf und suchte die Hand des Mönchs zu fassen. »O dürft' ich dich auch Bruder nennen!« Bernhard sah plötzlich auf die Seite. Nach einem langen Schweigen sagte er: »Weißt du noch nicht, was aus Robert geworden?« »Ach Gott, sie haben ihn ja gehängt!« sprach der Landsknecht. »Soviel hat er nicht verschuldet, in seinen Sünden aus der Welt scheiden zu müssen! Und ich bin schuld daran!« »Weißt du also noch nicht,« fuhr Bernhard fort, »daß ich ihn abgeschnitten habe und daß sein Leichnam nirgends mehr zu finden ist? Vielleicht war er noch nicht tot! Vielleicht hat ihm unser Gott nochmals das Leben geschenkt! Wär's nicht möglich, daß er entronnen ist?« »Das wälzt mir einen Stein vom Herzen,« versetzte Rudolf; »und wiederum hast du's getan! Wie kann ich dir alles vergelten? Mußt du immer mein Schutzengel sein?« Abermals trat eine lange Stille in dem Gemache ein. Jeder schien mit sich selbst beschäftigt, und besonders auf Bernhards Gesicht arbeitete eine ungewöhnliche Unruhe. Endlich begann er: »Rudolf, wenn jetzt die Bauern aufbrechen, was ja doch jeden Tag geschehen kann, wirst du ihnen folgen?« »Was soll diese Frage?« erwiderte der Landsknecht etwas erstaunt. »Ich ziehe mit den Bauern, ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, so gut ich kann. Will mir jemand dies wehren? Sollen sie noch länger die Hunde der Adligen bleiben, weil ihre Väter Bauern waren? Ich habe wenig Nutzen, wenn ich mit ihnen gehe; aber kann man solches Elend lange mit ansehen?« »Nicht Böses mit Bösem vergelten – Dulden ist die Pflicht des Christen«, versetzte Bernhard ernst. »Auf keiner Empörung ruht der Segen Gottes. Und glaubst du, daß der Herr gnädiger sein werde, wenn ihr in toller Wut alles Land verwüstet, raubet und mordet? Rudolf, laß dich nicht verführen durch den eiteln Schein!« »Der Doktor Luther soll selber unsre Artikel prüfen; – er wird sie billigen müssen!« versetzte der Landsknecht nachdenklich. »Und wenn auch – glaube ja nicht, daß dieser Aufruhr entstanden ist, bloß um die Artikel!« sagte Bernhard. »Wo Ehrgeiz und Habsucht und Verführung den Grund legen, wird das Gebäude bald zusammenbrechen!« Rudolf schwieg gedankenvoll. Er blickte an die Wand und bemerkte nicht, wie Bernhard immer unruhiger wurde. »Gehst du denn nicht auch mit, wenn sie aufbrechen?« fragte er endlich, ohne sich umzuwenden. »Mit den Bauern?« sagte Bernhard; »nein; ich verstehe nicht, den Morgenstern oder das Schwert zu führen; ich würde ihnen nichts nützen.« »Aber – werden dich die Mönche nicht umbringen, wenn du hier bleibst und sie dich finden?« fragte Rudolf weiter und seine Stimme verriet deutlich, mit welcher kindlichen, ja krankhaften Ängstlichkeit er die Antwort erwartete. »Sie können mir nichts tun, was Gott nicht will!« entgegnete Bernhard ruhig. »Nein, du darfst nicht hier bleiben!« rief der junge Krieger heftig; »Gott kann nicht wollen, daß du dich neuen Gefahren aussetzest. Ein solcher Mut ist Tollheit; du darfst nicht bleiben! Willst du mit uns?« »Nein!« war wieder die bestimmte Antwort; »ich darf, ich kann nicht aus dem Kloster. Mein Gelübde binden mich.« »Bist du nicht entkleidet?« fragte Rudolf, neue Hoffnung schöpfend. »Meine Entkleidung ist herbeigeführt durch Lüge und Betrug; sie kann mich des Gelübdes nicht entbinden!« erwiderte der unerschütterliche Mönch. »Nun dann – dann bleib' ich auch, bis sie dich hinausstoßen; ich kann dich nicht verlassen!« sprach Rudolf leise mit inniger Wärme. Beide drückten sich schweigend die Hand, ohne sich anzusehen; Bernhards Hand zitterte. Still zog er jetzt aus seinem Kleide ein altes, graues Buch hervor und schlug es auf. Rudolf merkte nichts; er war erschöpft auf das Kissen gesunken und blickte nach einer andern Seite hinaus. »Soll ich dir nicht einmal etwas vorlesen?« fragte Bernhard mit bebender Stimme. Der Landsknecht nickte bejahend und wandte sich um. »Woher hast du dieses Buch?« rief Rudolf plötzlich und fuhr in die Höhe. »Von meinem Vater, der in Götzens Burg gestorben ist!« antwortete Bernhard und suchte seine Unruhe zu bemeistern, aber es gelang ihm nicht: das Buch sank auf den Boden. »Bruder! Bruder!« schrie Rudolf laut und beide lagen sich in den Armen. Wie ein Augenblick flogen jetzt die Mittagsstunden vorüber; so gar viel hatten sich die beiden Brüder zu erzählen. Bernhard hatte schon längst, als Rudolf noch im Fieber dalag, aus den verwirrten Worten, die er ausstieß, den Sohn seines eignen Vaters erkannt; die Bibel sollte ihm der letzte Beweis sein. Er hatte gezittert aus Furcht, als er das Buch hervorzog; denn ein einziger gleichgültiger Blick seines Bruders hätte ihm die schönste Hoffnung seines Lebens zerschmettern müssen. Aber alles hatte sich so herrlich gelöst! In kurzen Umrissen erzählte er nun die Geschichte seines an äußerlich auffallenden Bewegungen so armen, an innern Umwälzungen so reichen Klosterlebens, von den ersten kindlichen Erinnerungen an bis zu dieser Stunde, und vernahm dagegen mit inniger Teilnahme, wie sein Vater nach jenem schrecklichen Aufenthalt im Kloster mit dem einzigen noch übrigen Kinde ruh- und rastlos in der Welt umhergeirrt – wie Rudolf, schon von Kindesbeinen an in den rauhen Lebenskampf hinausgeschleudert, eben an seinem Vater und an dem reinen Worte Gottes eine so kräftige Stütze gehabt – wie er die Ursache des geheimen Kummers und der stillen Gewissensbisse, die der alte Vater in sich verschloß, erst in den letzten Jahren geahnt habe – und wie sie beide dann aufgebrochen seien, um das verloren geglaubte Kind um jeden Preis wiederzufinden – und wie er es endlich doch in seinen letzten Stunden noch hatte finden dürfen; – alles dies erfuhr jetzt Bernhard und ward nicht müde, nach seinem teuren Vater mehr und immer mehr zu fragen. Er wußte ja: – jetzt hatte er Ruhe, nachdem er auf dieser Erde so furchtbar gelitten – Ruhe im Grabe, Ruhe bei seinem Heiland. Es dämmerte schon längst. Schweigend lagen sich die beiden Brüder in den Armen; jeder betete ein stilles Dankgebet, und es war ihnen fast, als wehe der Geist ihres Vaters segnend über sie hin und lasse einen Teil jener himmlischen Freude auf sie niederfließen, um welche der Mensch noch immer vergeblich gerungen hat aus eigner Kraft. In diesem Augenblick öffnete sich rasch die Türe und ein wohlbewaffneter Bauer trat ein. Er mochte vielleicht auch mehr sein; denn trotz des Dunkels glänzte unter seinem groben Mantel ein blanker Harnisch und von seinem Hut winkten zwei mächtige Hahnenfedern. Rudolf erkannte sogleich Florian Geyer und bot ihm die Hand aus dem Bette. Der Krieger schüttelte sie ihm in derber Kriegerweise, indem er zugleich Bernhard, der auf die Seite getreten war, freundlich grüßte. »Immer noch auf der langweiligen Pritsche, Kamerad?« rief er, zu dem Verwundeten gewendet, und setzte sich an das Bett; »kannst du's denn aushalte n– so lange?« »Wenn man muß, kann man alles!« sagte Rudolf. »Hätt' einer an selbigem Tag dich gestochen oder geschossen, – du müßtest's eben auch aushalten. 's kommt mich freilich oft hart genug an.« »Sag' mir nichts von damals!« rief Florian, ernstlich böse werdend; »hätt' ich dir gefolgt – es wär' alles so gut gegangen. Aber ein Pfaff' kann auch den ehrlichsten Kriegsmann herumbringen mit seinem verfluchten Geschwätz. Heiliger Gott, haben wir uns nicht wie Katzen durch den Dreck im Graben schleichen müssen und sind wie Diebe an dem Turm hinaufgeklettert, dieweil du, das Schwert in der Hand, in ehrlichem Kampfe die Mauer erstürmst! Ich hab' gar nimmer geglaubt, daß ich der Florian Geyer sei!« »Ich sagt' es ja, daß es nicht zu schwer sei!« versetzte Rudolf. »Ja. ich hätte dir folgen können!« fuhr der Ritter in etwas kühlerm Tone fort; denn er schämte sich plötzlich seines vorigen, allzuschwachen Geständnisses; – »ich hätte dir folgen können – diesmal! Aber das merk' dir, ich mein's gewiß gut: so ehrlich, als du glaubst, kommt man nicht durch die Welt. Du kannst dir's denken: ich hab' mich doch mit ihr schon wacker herumgebalgt, eh' ich Bauernführer ward, und hab' doch weiter nichts gelernt als das Sprüchlein: ›Hilf dir selbst, so wird dir Gott helfen!‹ Das ist das einzige Mittel, wie man leichter durchkommt. Merk dir's, Rudolf: wenn man sich manchmal auch ein bißchen schief hilft, deswegen ist man noch kein Dieb und Bösewicht. Warum ist die Welt nun einmal so und nicht anders?« Rudolf hätte solche Lehren zu jeder andern Zeit lieber angehört als jetzt. Einigemal blickte er zu Bernhard hinüber; denn er liebte Geyer um seiner Offenheit willen und hätte ungern gesehen, daß er sich durch seine eignen Worte in den Augen seines Bruders herabsetze. Jetzt, als der alte Ritter schwieg, hätte Rudolf gerne das Gespräch auf einen andern Gegenstand gelenkt, aber noch ehe er sich besonnen hatte, wie? fuhr Florian selbst in einem andern Tone fort. »Weißt du schon, daß Robert entronnen ist – durch Eure unzeitige Milde, Herr Pater!« – setzte er, gegen Bernhard gewendet, hinzu. »Ist er?« fragte der Landsknecht mit freudiger Überraschung. »Ja, leider ist er!« bekräftigte Geyer; »und wenn Ihr ihm auch verzeiht als guter Christ, so sollt Ihr Euch doch nicht freuen, daß ein Meuchelmörder dem Strick entgangen, den er ja zehnfach schon um Euch, Herr Pater, verdient hat.« »Ich bitt' Euch, Herr Ritter – nennt mich nimmer Pater!« sagte endlich Bernhard; »Ihr wißt ja, daß ich kein Mönch mehr bin!« »Schon gut, schon gut!« sprach Florian; »ich glaube nur, um Euch hat die tückische Katze auch kein sonderlich Verdienst und Ihr habt blutwenig Grund gehabt, den Schurken abzuschneiden.« »Gott wird schon richten zwischen mir und ihm,« versetzte Bernhard ruhig; »ich habe keine Ursach', ihm zu grollen, daß er das Werkzeug werden mußte, meinen Glauben und meine Geduld zu prüfen.« »Gestern abend haben ihn etliche meiner Bauern im Wald gesehn«, erzählte Geyer, unwillig, daß er mit seinem wohlgemeinten Verweis so gar wenig Anklang fand. »Wie eine Eidechse so scheu sei er ins Gebüsch gekrochen, als er sie hab' herankommen sehn. Sie hätten ihn gar zu gern abgefangen.« »Seht, Herr Ritter,« sagte Bernhard wieder, »solch ein Leben voll Angst und Not ist allein schon Strafe genug für einen Bösewicht.« »Pah!« rief der Bauernhauptmann; »glaubt Ihr denn, daß ihm dies so wehe tut? Er schmiedet neue Pläne, wenn die alten mißglückt sind; er sinnt auf Rache; das ist ihm ein Genuß. Aber das sag' ich: dem Strick ist er noch lange nicht entronnen!« »Wie Gott will!« sagte Bernhard ernst und eine lange Pause unterbrach das Gespräch. – »Ich kam eigentlich, um dich zu fragen, ob du das Bett noch nicht verlassen könnest«, sprach Geyer endlich und stand auf. »Vor einer Woche mindestens nicht!« antwortete Bernhard mit Bestimmtheit. »Warum?« fragte Rudolf fast im gleichen Augenblick den Ritter, und seine Stimme verriet dabei eine ängstliche Spannung. »Weil wir morgen aufbrechen,« versetzte Florian; »und ich möchte dich nicht zurücklassen!« »Er kann aber gewiß noch nicht!« sagte Bernhard besorgt; »seine Wunde würde aufs neue aufbrechen.« »Noch nicht, Rudolf?« wiederholte Florian, als traue er den Worten des jungen Mönches nicht; »aber ich kann dich doch nicht hier lassen! Wer wird einen Verwundeten schützen in der Mitte rasender Mönche?« »Ich werde ihn nicht verlassen!« versicherte Bernhard mit inniger Wärme. »Wie? Auch Ihr wollt nicht mit uns ziehn?« fragte Geyer erstaunt; »Ihr steht ja in gleicher, wo nicht größrer Gefahr, und Ihr wollt ihn noch beschützen?« »Ja, ich will's!« erwiderte Bernhard fest und ruhig; »und mich wird Gott schützen!« »Aber Ihr werdet uns doch später folgen – Rudolf?« fragte der Ritter und sah mit inniger Teilnahme auf den Kranken. »Ich folge Bernhard!« antwortete der Landsknecht und man merkte wohl, wie schwer ihm diese Worte wurden; »er hat mich vom Tode gerettet – ich muß ihm gehorchen – er ist mein Bruder!« »Unsinn!« schrie Geyer und fuhr wild auf; »bist du verrückt, Bursche? – Ja so! was darf ich sagen? Mich hat ja auch ein Pfaffe zu einem schurkischen Räuber geschwätzt! O Pfaffen! o Pfaffen! Armer Bube – leb' wohl!« – Er eilte zur Türe. »Florian!« rief Rudolf mit gepreßter Stimme. Doch der Ritter war schon aus der Zelle; heftig hatte er die donnernde Türe zugeschlagen und seine zornigen Tritte verhallten im Gang. »Gott Lob und Dank!« rief Bernhard jetzt aus vollem Herzen. »Wie war mir's so bang auf diese Stunde! Jetzt bist du gerettet!« Rudolf drückte schweigend seinen Bruder ans Herz; er konnte nichts sprechen; der Schmerz, den er unterdrücken wollte, schnürte ihm die Kehle zu. Lange blieben sie stille nebeneinander; plötzlich schauderte Bernhard zusammen; die dichte Finsternis verhüllte ihm die Gesichtszüge seines Rudolfs; kein leises Schluchzen, selbst keinen Seufzer konnte er vernehmen; nur ein warmer, großer Tropfen war auf seine Hand gefallen und er wußte, wie bitter eine solche Träne war. VIII. Am Abend des folgenden Tags war das Heer der Bauern wirklich abgezogen. Es hatte ihre Anführer keine kleine Mühe gekostet, diese unbändigen Haufen alle in Bewegung zu bringen, und nur die augenscheinliche Überzeugung, daß die Fässer im Klosterkeller so hohl tönten wie eine Trommel, hatte sie fortzubringen vermocht. Es war wieder still im Kloster wie früher; denn nur noch einige wenige, die in irgendeinem Winkel der Abtei den Abzug ihrer Kameraden verschlafen hatten, taumelten erschrocken durch die öden, leeren Gänge und suchten in den Zellen. Durch die eingeschlagnen Fensterscheiben sauste der Wind über die umgeworfnen, zertrümmerten Geräte und spielte mit den herumgestreuten Pergamentblättern, aber keine menschliche Stimme antwortete ihrem wiederholten, lauten Ruf. – Sie suchten auch in der Kirche; die Orgel war zerschlagen, der Altar umgestürzt, die Kanzel zerschmettert; nur das hohe, majestätische Gewölbe bog sich noch trotzig über dem Schutt und der Zerstörung; aber auch hier war alles still. – Sie suchten im Keller und fanden nur ausgetrunkne, umgelegte Fässer, halbverbrannte Fackeln und Scherben oder Waffen, die zufällig liegen geblieben waren. – Endlich, müde dieses vergeblichen Herumsuchens, schritten sie mißmutig zum Tore hinaus und bald erfuhren sie, welchen Weg sie zu verfolgen hatten, um vor Weinsberg ihre Kameraden wiederzufinden, wo die rohe Bauernbarbarei in ihrer ganzen Größe zutage treten sollte. Kaum hatten die letzten Nachzügler das verwüstete Kloster verlassen, so stellten sich bereits auch wieder einige Mönche ein, die in den nächsten Wäldern sehnlich auf diesen Augenblick gewartet hatten. Ängstlich besorgt, ob nicht doch noch einzelne Bauern zurückgeblieben seien und sie jetzt unvermutet überfallen könnten – zugleich kläglich jammernd über all den großen Verlust, den sie erlitten hatten, durchliefen sie die verwüsteten Zellen und bemühten sich, aus den trostlosen Trümmern und Überbleibseln ihre Habe so gut als möglich wiederherzustellen. So verging die Nacht und der folgende Tag. Jetzt waren fast alle Mönche wieder beisammen. Selbst der Abt und der Prior, die in Heilbronn Schutz gesucht, waren gegen Abend wiedergekommen. Zum erstenmal läuteten wieder die Glocken, welche von den Bauern verschont geblieben, und die Konventualen versammelten sich in einem eilig hergerichteten Saal, da die Kirche noch nicht gebraucht werden konnte. Abt Eberhard befand sich noch in einem seiner Zimmer. Er hatte soeben einige Speise zu sich genommen, als der Prior eintrat und ihm mitteilte, daß bereits alle Fratres beisammen seien, um den Dankgottesdienst zu beginnen. Der Abt erhob sich und ging zu einem Schranke, dessen Türflügel er öffnete, nachdem er die Spuren gewaltsamer Erbrechung unmutig betrachtet hatte. »Der Schrank ist leer!« sagte er zum Prior; »aber nun will ich sehen, ob sie auch ebenso listig sind als roh! – Nein, alles haben die Spürhunde doch nicht entdeckt! Sieh, dieses verborgne Lädchen ist noch unverletzt!« Er öffnete es mit einem leichten Druck auf eine eiserne Feder und zog die Insignien seines Amtes hervor, während Gregor seufzte: »Ach, bei mir sind sie so grob gewesen wie täppische Waldbären und so listig wie die Füchse; auch nicht das verborgenste Türchen ist unaufgesprengt geblieben!« Der Abt kleidete sich an und Gregor stand ihm dienstfertig bei, indem er sich in weitläufige Lamentationen über die Bauernempörung ergoß. »Sind alle unsre Brüder jetzt angekommen?« fragte endlich Eberhard, ungeduldig den Redestrom des Priors unterbrechend. »Gottlob, vor einer Viertelstunde kamen die letzten!« antwortete Gregor und blickte dabei zum Himmel empor; »der Herr hat alle wunderbarlich beschützt, also daß auch nicht einer das Leben verlor in dem blutigen Kriegsgetümmel der Bauern, die Gott verdammen möge!« »Also ist auch Bruder Robert zurück?« fragte der Abt weiter. »Auch er. Und er sagte, daß er dich selbst besuchen wolle und dir seine Schicksale berichten!« versetzte Gregor und warf die Stola über die Schultern des Priesters. »Daran wird er wohltun!« sagte Eberhard, indem er das Barett aufsetzte. In diesem Augenblick trat Robert selbst ein und näherte sich mit ehrerbietiger Begrüßung dem Abte. Ein Wink bedeutete dem Prior, sich in den Betsaal vorauszubegeben, und derselbe entfernte sich eilig. Lang und streng blickte jetzt Eberhard den Mönch an; dann sagte er ernst, nachdem er den Gruß kaum erwidert hatte: »Ich habe dich während der ganzen Zeit der Not und Gefahr kein einziges Mal bei mir gesehen; wo warst du? Wahrlich, du hattest wenig Anlaß, mich vor Elias zu warnen, der in dieser ganzen schweren Trübsal keine Stunde lang von mir wich und alle Gefahren mit mir zu teilen bereit war.« »Zürne den Umständen, mein Vater,« versetzte Robert mit kecker Zuversicht, »und nicht mir. In jener Nacht, da wir fliehen mußten, hab' ich überall nach dir gesucht, um dich vor den rasenden Haufen zu schützen mit meinen geringen Kräften, die ich ebenso willig für dich opfern wollte wie mein Bruder Elias. Hab' ich ihn verkannt, so ist daran nur meine Sorge um dich, ehrwürdiger Vater, schuld, und ich bereue es von Herzen. Ja, ich habe dich lange Zeit gesucht und konnte dich nimmer finden; du hattest das Kloster schon verlassen. Verzweifelnd wollt' ich mich nun selber retten, aber die Bauern ergriffen mich, um an mir ihre ganze Wut auszulassen. Ich vermag nicht, Euch die Leiden alle zu schildern, die ihre höhnische Grausamkeit mir bereitet hat. Nur diese Schwiele seht, die rings um meinen Hals läuft! Sie hatten mich hier mit einem Strick gebunden und zogen mit spöttischem Gelächter mich auf dem Boden umher, daß ich dem Ersticken nahe war. Erst vor zwei Tagen gelang es mir, als meine Wächter, vom Wein berauscht, schliefen, durch eine Kraft, die wohl von oben kommen mußte, meine Bande zu zerreißen und meinen Quälern zu entrinnen. In den nächsten Wäldern fand ich solange Schutz, um ihrem Spähen zu entgehn. Sie suchten mich und viele gingen an dem Busch vorüber, darin ich verborgen lag. Aber der Herr muß sie mit Blindheit geschlagen haben; denn sie fanden mich nicht. Heute abend kehrte ich in unser Kloster zurück, gewiß ohne Hoffnung und ohne das geringste Verlangen nach einem Lohn für meine Leiden, die ich allein anstatt aller tragen mußte; aber – und wer kann mir dies verargen? – ich hoffte wenigstens nicht, von meinem Vater im geheimen verkannt oder öffentlich gescholten zu werden. Dies tut mir wehe!« »Wenn du die Wahrheit berichtest, mein Sohn!« sagte der Abt, plötzlich milder gestimmt, »so hab' ich dir abermals unrecht getan. Es ist meine Pflicht, es wieder gutzumachen. Und gewiß, du sollst sehen, daß meine Liebe und Freundschaft dir eine treue Stütze sein wird. Ich habe nicht das Recht, an deinen Worten zu zweifeln; sei daher versichert, ich werde die meinigen halten. – Doch komm,« fügte Eberhard hinzu, »unsre Brüder warten schon geraume Zeit auf uns. Wir sind unserm Gotte wohl ein Dankgebet schuldig, daß er uns durch diese Not, wenigstens bis jetzt, so gnädig geführt hat, daß wir kein Menschenleben zu beweinen haben!« Eberhard schritt mit feierlich langsamen Schritten voran, Robert folgte. Aus des letztern Augen leuchtete eine kaum unterdrückte Freude; er hatte nicht gehofft, so leichten Kaufs wieder ein Günstling des Abts zu werden. Auf dem Altar, der in dem Betsaal errichtet war, brannten schon lange die Wachskerzen, als der Abt in flimmerndem Meßgewand endlich eintrat. Der Altar stand der nur angelegten Türe gegenüber, die allein in den Saal führte; zu beiden Seiten hatten sich die Mönche aufgestellt und beteten, ehe Eberhard begann, leise den Rosenkranz. Hie und da, zwischen den Vaterunsern, grüßte einer ganz in aller Stille oder erzählte dem Nachbar die wunderbaren Abenteuer seiner Flucht. Selbst der Prior war in einer nicht ganz andächtigen Stimmung und bemühte sich lange, durch tiefe Seufzer den neben ihm stehenden Bursarius Elias zu einer mitleidigen Frage zu bewegen, um alsdann seinem Grimm gegen die Bauern wieder ein wenig Luft machen zu können. Aber Elias war nicht zu bewegen. Nachdenklich und ernst, ja traurig sah er vor sich hin; sein Gesicht war um vieles bleicher geworden. Vielleicht hatten ihn die Anstrengungen der Flucht so sehr angegriffen; aber woher dann die Traurigkeit? Jetzt breitete der Priester segnend die Hände nach beiden Seiten aus. Die Mönche bekreuzten sich und fielen, als der Abt die heilige Monstranz erhob, andächtig auf ihre Knie nieder. Dreimal hatte das helle Glöcklein geklungen; die Betenden standen wieder auf und falteten die Hände. Eberhard hatte ein schweres, mit Gold und Edelsteinen verziertes Buch aufgeschlagen und fing an, auf der Seite stehend, doch mit dem Rücken gegen den Altar gewendet, in lateinischer Sprache noch einen ganz besondern Dankpsalm zu lesen. Er war fast bis zur Hälfte gekommen – da öffnete sich leise die Flügeltüre. Die weiße Gestalt eines Mönchs trat ein und bewegte sich einige Schritte vorwärts. Der Abt stockte plötzlich; er zitterte am ganzen Leib; das schwere Buch fiel ihm aus der Hand und mit dem Schrei: »Bernhard!« sank er ohnmächtig am Altar nieder. Ein Wirbelwind, der unter das dürre Blätterlaub fährt, welches im Herbst unter der kahlen Eiche liegt, kann keine verwirrtere Bewegung hervorbringen als das unerwartete Erscheinen des fremden Mönchs, den im Augenblick sonst niemand erkannte, und die Ohnmacht des Abts unter den eben noch so ruhig dastehenden übrigen Mönchen. Die Nächsten an der Türe stürzten erschrocken vorwärts und mit dem Ruf: »Ein Gespenst!« sofort wieder zurück; die beim Altar eilten, dem Ohnmächtigen beizuspringen, und die in der Mitte wußten nicht, ob sie zum Altar oder zur Türe eilen sollten; sie wirbelten durcheinander und vergaßen vor Schreck und Angst, wo ihnen der Kopf stand. Da durchbrach plötzlich Elias mit lautem Jubel den verwirrten Knäuel. »Bernhard! Mein Bernhard! Bist du lebendig?« rief er und sank an die Brust des Jünglings, der ihn mit inniger Herzlichkeit umarmte. Voll scheuer Neugier umdrängten ihn jetzt auch die andern. Sie fragten ihn nichts; sie konnten immer noch nicht glauben, daß er lebe, und befühlten heimlich seine Kleider, um sich zu überzeugen. In der Tat, er war und blieb lebendig, aber rasch war er wieder aus ihrer Mitte verschwunden. Der Abt war aus dem Saale getragen worden, erholte sich jedoch allmählich aus seinem Bette. Neben ihm stand der Prior, immer noch bleich vom ersten Schrecken, und einige andre Mönche. »Habt Ihr's nicht gesehen?« waren Eberhards erste Worte, als er wieder ein wenig zu sich kam. »Was meinst du, mein lieber Bruder?« fragte der Prior. »Das Gespenst! Das Gespenst!« schrie Eberhard zitternd, und die ganze Geisteskraft des eisernen Mannes schien mit einem Mal gebrochen. »O Gott, er ist tot! Er ist tot! Und ich, ich habe ihn leichtsinnig gemordet! – – Er war unschuldig – er wird mich verfolgen und quälen bis zu meiner letzten Stunde, und dann, dann wird er dem ewigen, gerechten Richter sagen, was ich getan! – Gregor, hilf mir!« »Dir ist schon geholfen!« rief Elias, der soeben eingetreten war. »Er lebt!« »Er lebt!« wiederholte der Abt erschüttert; – »er war unschuldig; jetzt weiß ich's gewiß; sonst hätte ihn der Herr nicht aus dem Rachen des Todes gerissen, in den ich ihn geschleudert habe! – Bring' ihn her, daß ich ihn um Vergebung anflehe! Bring' ihn, Elias; er muß unschuldig sein; er ist ja dein Freund, mein Schutzengel!« »Jetzt nicht, lieber Vater!« bat der Bursarius gerührt; »draußen steht ein Bote von dem Bauernhauptmann Florian Geyer; den müßt Ihr vor allem anhören, wenn Ihr nimmer zu schwach seid. Er will mit Euch ganz allein reden und ich könnte das nie dulden, wenn's nicht der alte Schäfer von Kessach wäre; dem darf ich Euch wohl anvertrauen.« »So geht, Brüder!« sagte der Abt und sein Befehl war fast wie eine Bitte, so milde und herzlich; »schickt ihn her; ich bin schon stark genug, ihn anzuhören. – Doch nachher muß ich ihn sehen, Elias!« »Er wird sich nicht weigern, zu kommen«, versicherte der Greis und verließ mit den andern das Zimmer, auf dessen Schwelle ihnen bereits der Bote Geyers, der alte Klosterschäfer, begegnete. – – Der nächste Gang, den Elias machte, war in das düstre Hintergebäude des Klosters gerichtet, um die von Bernhard ihm bezeichnete Zelle aufzufinden. Er traf seinen jungen Freund am Bette des Verwundeten sitzend und demselben den Erfolg seines ersten Erscheinens erzählend, das freilich, wie er meinte, bis jetzt keine oder vielmehr nur düstre Aussichten für ihn eröffnet habe. Rudolf suchte seinen niedergeschlagnen Bruder zu trösten, als eben Elias eintrat und erstaunt bald Bernhard, bald den Verwundeten ansah. Doch der junge Mönch ließ ihn nicht lange so stehn bleiben. Freudig ergriff er seine Hand und führte ihn zum Bette: »Hier ist mein Bruder, Elias, mein leiblicher Bruder,« rief er; »den mir Gottes Liebe in diesem Sturme zugeführt. Sprich, darf ich murren, wenn dies der Lohn meiner Leiden geworden ist?« Elias blieb sprachlos vor Erstaunen stehn; doch gar bald löste sich die Zunge des Greises. Rasch erfuhr er den ganzen wunderbaren Zusammenhang der Sache. Bernhard, den die Umstände seines Eids entbunden hatten, konnte jetzt frei seine Unschuld beteuern und sein Mißgeschick erzählen. Die reinste Freude leuchtete aus Elias' Gesicht, als er Bernhard so glänzend gerechtfertigt sah. Nur wenn manchmal von der Bibel die Rede war, die eine so große Rolle dabei gespielt hatte, trübte ein trauriger, obwohl schnell wieder verschwindender Ernst seine Stirne. Niemand störte ihr trauliches Gespräch; denn der Bann, der noch immer auf dem jungen Mönche ruhte, hielt selbst die Neugierigsten von der Zelle fern, worin er sich befand. Elias schien dies fast ganz vergessen zu haben. Wenn ihm zuweilen hierüber ein Gedanke durch den Sinn fahren wollte und das Mönchsgewissen einen Augenblick ihm zu schlagen anfing, sagte er nur zu sich selbst: »Wer so wunderbar gerettet wird, auf dem kann Gottes Zorn nicht liegen!« Und dann konnte er ja wieder um so inniger die Hand des Jünglings drücken. Es war schon tiefe Nacht und noch immer dachte der Greis nicht an den Aufbruch. Da klopfte es an der Türe und ein Kopf streckte sich durch die schmale Spalte herein. »Bruder Elias und Bernhard möchten zum Abt kommen!« rief's in die Zelle herein, und der Kopf war ebenso schnell wieder verschwunden. Beide wünschten dem Kranken eine ruhige Nacht, drückten ihm die Hand und entfernten sich schweigend. Auf dem ganzen Wege wechselten sie kein Wort; sie waren zu sehr mit sich selbst und mit dem Kommenden beschäftigt, um reden zu können. Leis, fast schüchtern traten sie ein. Drei Kerzen erhellten das kleine Gemach. Auf dem verwühlten Lager ruhte der Abt und hatte sich, als sie sich näherten, auf seinen linken Ellenbogen gestützt, ein wenig aufgerichtet. Er streckte Bernhard die bebende Rechte entgegen und flüsterte mit einer kaum hörbaren Stimme: »Vergib mir, Bernhard!« Bernhard hatte sich am wenigsten auf einen solchen Empfang gefaßt gemacht und schwieg verwirrt. »Willst du mir nicht vergeben?« sprach Eberhard noch leiser, aber auch noch viel dringlicher, heftiger. »Was ich Euch zu vergeben habe, ehrwürdiger Vater, das ist längst vergeben und vergessen! Ihr seid ja unschuldig,« sagte Bernhard tiefbewegt, einen Mann in solcher Stimmung zu sehen, dessen Herz er für unerschütterlich gehalten hatte. »Gott sei Lob und Dank!« seufzte der Abt tief auf und sank alsdann erschöpft in die Kissen zurück. Nach einer langen, peinlichen Pause, in welcher man nur sein hohles Atmen vernahm, fuhr er fort: »Ja, ich bin verführt, ich bin schändlich betrogen worden! Alles ist mir jetzt klar; alles hat mir der alte Schäfer aufgedeckt. Er hat den Mörder deines Bruders von mir gefordert zur Bestrafung und ich fordre den Mörder Bernhards. Zerrissen soll er werden von seinen eignen Freveln – gevierteilt von – –« »Bleibt ruhig, Herr Abt!« bat Elias, wie dieser sich heftig aufraffte, als wolle er in seiner Fieberhitze aus dem Bette springen. »Vergebt ihm wie ich auch!« sprach Bernhard und sah mitleidig auf den armen kranken Mann. »Wie, du vergibst ihm?« fuhr Eberhard voll Verwunderung fort. »Um dieses Wort vergeb' ich auch dir, daß du ein Ketzer bist. Fahr' hin im Frieden, wenn dein Bruder wieder gesund ist; denn das weiß ich: über kurz oder lang wird dich Gott doch zurückführen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche; was soll ich dich weiter quälen? – – Aber – 's ist doch leichter, einem zu vergeben, der mich morden wollte, als dem, der mich wollte zum Mörder machen! – Ich kann's, ich kann's nicht! – Zerknirschen will ich ihn – –« Rasch öffnete sich in diesem Augenblick die Türe; ein Mönch stürzte herein und rief hastig: »Vergebt, Herr Abt! – Robert ist nirgends zu finden! Kein Mensch weiß, wohin er ist! Er ist wie in der Luft verschwunden!« Von fieberhaftem Wahnsinn ergriffen, fuhr der Abt empor. »Narren!« schrie er. »Hinaus! Hinaus nach allen vier Winden! Er muß gefangen werden! Schnell! Schnell! – Doch nein!« unterbrach er sich selbst wieder mit bitterm Lachen; »laßt ihn nur! Teufel kann nur Gott bestrafen!« Abermals sank er todesmatt zurück; eine lange, lange Pause entstand; er schien zu schlafen. Plötzlich griff er suchend nach der Hand Bernhards. Er faßte sie mit seinen beiden Händen und drückte sie heftig gegen die krampfhaft atmende Brust. »Kann der Sohn auch die Sünde am Vater vergeben?« Kaum konnten sich diese Worte aus der tiefsten Tiefe des Herzens emporringen. Doch Bernhard verstand sie. Erschüttert neigte er sich nieder, drückte einen Kuß auf die kalte, feuchte Stirne Eberhards, den nicht nur die eigne Schuld, sondern auch die seines harten, grausamen Vorfahren so schwer niederbeugte, und sprach mit feierlicher Begeisterung: »Der Sohn Gottes macht uns rein von allen Sünden!« Wieder fühlte er, wie heftig der Abt die Hände zwischen die seinigen drückte. Allmählich ließ der Druck nach, aber noch immer umschlangen ihn die kalten Finger fest. Eine lange, bange Stille herrschte ringsum, bis endlich Bernhard mit gepreßter Stimme sagte: »Elias – er ist tot!« – – Etwa zwei Wochen nach jenem Abend, an einem herrlichen Frühlingsmorgen, schritten zwei Wandrer das schöne Jagsttal hinab. Sie waren sich beide ungemein ähnlich; nur schien der eine, der sich so oft umwandte und nach dem Kloster zurückblickte, ernster, vielleicht auch etwas älter zu sein. Rings um sie her sproßte eine neue Welt empor; der Wiesengrund war wundervoll grün; in den nahen Wäldern rechts und links trieben tausend zarte Blättchen aus den Buchen- und Eichenzweigen; Lerchen jubelten hoch im Blau; Tautropfen blitzten im Gras; still und friedlich glitt das dunkelgrüne Wasser des Flusses durch das lachende Tal und küßte die Weiden am Ufer, die sich traulich zu ihm hinabsenkten. Dort biegt sich der Fluß rasch um eine Ecke; von dort aus ist auch das Kloster plötzlich nicht mehr sichtbar. Lange blieben die beiden Wandrer an diesem Punkte stehn; was mochten sie wohl solange noch an dem alten Kloster zu sehen haben? Endlich rissen sie sich los. Der eine mußte wohl an einen Busch gestreift haben; denn vorn auf der Brust seines Kollers funkelten zwei lichte Tautropfen im Sonnenstrahl. Das war Bernhard gewesen und Rudolf, sein Bruder. IX. Tief im Odenwald lag ein Dörfchen; es schien ganz eingeschlossen von dunkeln Föhren- und Buchenwäldern, die rings auf den Bergen herumliefen und sich selbst in das enge Tal hinabzogen – da, wo dieses sich gegen Norden öffnen wollte und ein spiegelklarer, brausender Bach sich hindurchdrängte. Durch blumenreiche Wiesen, von dichtem Erlen- und Pappelgebüsche begrenzt, war er von dem Dörfchen herabgekommen, das er mit einer weiten Biegung freundlich umschlang. Die Häuser waren halb von Obstbäumen bedeckt, freundlich und hübsch, wenn auch klein. Auf einem Hügel, hoch über den andern Gebäuden, stand ein neues Kirchlein, dessen helle Fenster in der Morgensonne sich spiegelten. Es war ein Morgen im Monat Juli. Die Sonne schoß kaum seit etlichen Stunden ihre feurigen Strahlen über das Tal, als zwei Kinder, reinlich, wenn auch ärmlich bekleidet, am stillen Waldsaum hingingen. Jedes führte ein junges Kitzlein am Seil und ließ das lustig hüpfende Tierchen im üppigen Grase weiden, während sie selbst am Rand des schwankenden Ährenfeldes, das an den Wald stieß, so viel blühende Kamillen ausrauften, als ihre kleinen Hände tragen konnten. Jetzt schallten die hellen Töne zweier Glocken über die Felder. Die Kleinen legten ihre Blumen weg und falteten andächtig ihre Händchen. Nachdem sie leis ein kurzes Gebet gesprochen hatten, sagte das ältre Kind, auf das Geläute horchend, welches rings in den Wäldern das Echo weckte: »Du, Hansle, magst du den Bernhard besser oder den Rudolf?« »Ich weiß selber nicht recht,« meinte das kleinre, sich besinnend; »weil uns der Rudolf die Kettlein geschenkt hat, mag ich den besser; und weil der Bernhard unsre Mutter gesund gemacht hat, mag ich den Bernhard auch besser. Horch, wie sie singen!« »Sie singen: Ein feste Burg –; das kenn' ich schon so,« meinte das ältre Kind; »das hat der Bernhard auch so die Leute singen gelehrt, wie sie ihm die neue Kirch' gebaut haben, daß er dableiben soll!« »Ja – und dem Rudolf haben sie auch ein Haus gebaut,« sagte das kleinre wichtig; »so schön wie ein Schloß, und alle Leute im Dorf haben dran geholfen. Sie sagen: der Rudolf ist unser König und der Bernhard ist unser –« Ein Geräusch im Busch erschreckte den Sprechenden. Die beiden Kinder sahen um sich und waren nahe daran, Reißaus zu nehmen. Hinter ihnen stand ein Mann, groß und hager, in elende Bettelkleider gehüllt; sein schwarzes Auge blickte matt über das Feld, und ein struppiger, fast grauer Bart hing ihm vom Kinn herab. »Ihr habt eine Kirche hier?« fragte er finster die Kleinen. »Ja, Mann!« war die Antwort; »willst du unsern Pfarrer predigen hören? Es kommen immer viel Leute von überall her.« »Habt ihr ihn schon lang?« fragte der Fremde gleichgültig weiter. »Ja, schon lang!« versetzte das ältre; »und seitdem der und sein Bruder da ist, geht alles gut – hat mein Vater gesagt!« »Nun, wie heißt denn der Wundermann und sein Bruder?« spöttelte der Finstre und sah dabei aufmerksamer nach dem Dorf. »Man heißt ihn eben Bernhard und seinen Bruder Rudolf!« antwortete der Kleine freundlich; »sein andrer Name ist so dumm; ich glaub', er heißt Pusch – Pusch – ich kann's nicht sagen! Plötzlich fuhr der Fremde auf; er ballte die zitternde Hand gegen den Himmel und rief dumpf: »O Kainsfluch!« Dann stürzte er flink wie eine Katze auf eines der Zicklein, riß ihm das Seil über den Kopf und verschwand im Busch. Weinend liefen ihm die Kinder nach, ohne ihn wiederzufinden. In der folgenden Nacht war ein schreckliches Gewitter, und am Tag darauf fanden etliche Holzbauern eine vom Blitz zerschmetterte Eiche. Unter ihr lag eine Leiche; ihr Hals war mit einem Strick zusammengeschnürt und hing an einem abgerißnen, schwarzgebräunten Ast. Sie trugen den Toten ins Dorf, und um Mitternacht wurde der Leichnam des Selbstmörders still begraben. Selbst Rudolf, selbst Bernhard konnten in dem gräßlich verzerrten Gesicht die Züge Roberts nimmer erkennen. – Das Ende des Bauernkriegs ist bekannt. Florian Geyer und Metzler endeten auf dem Schafott; Jörg, der Landsknecht fiel, tapfer kämpfend, bei Frankenhausen. Das Kloster Schöntal blieb seit jener Zeit von den Bauern verschont. Elias, der zum Abt gewählt worden war, führte so mild als möglich den Stab seiner Würde. Noch manchmal dachte er an seinen jungen, teuren Freund, und als er nach einer Reihe von Jahren starb, wäre es sein letzter, stiller Wunsch gewesen, wie Eberhard in den Armen des geliebten Ketzers zu verscheiden. –