Friedrich der Große Gedichte Friedrich der Große in seinem Arbeitszimmer zu Sanssouci. (Carl Röchling, Farbdruck von 1890) An Frau von Wreech Geständnis Durch Deine Huld, o Herrin, mög's mir verstattet sein, In diese lautre Wahrheit Dich offen einzuweihn: Seitdem ich Dich gesehen, dahin ist meine Ruh, Durch Dich ist es geschehen, und dessen wert bist Du. Mein Herz hat es erfahren, es traf zu gut der Pfeil, Die Freiheit ist verloren, und Knechtschaft ist mein Teil. Wiewohl mit jeder Stunde ich reife mehr zum Mann, Sieht es die Welt als Schwäche und als verächtlich an. Doch was als schwach sie tadelt, ich will es höher preisen Als jene Herzen, fühllos wie Felsgestein und Eisen. Und wenn man es auch Sünde und schlimmer nennen wollt', Um Dich will ich sie tragen; denn Du bist allzu hold. Ich fühle, daß ich selber nicht fähig bin, zu sagen, Wie stürmisch meine Pulse für Dich allein nur schlagen. Ein Glück, ein hohes, ist es, ein Unglück auch, zu lieben; Bald macht die Liebe selig, bald muß sie uns betrüben. Sei Du mein Schicksal! Reiß mich aus meiner Qual, der bangen! Denn nur aus Deinen Händen will ich mein Los empfangen. Dein Sklave will ich bleiben, in Deinen Banden schmachten Und nie nach andrem Lose, nach andrem Titel trachten. Sagt' ich zuviel? Dann setze Du meiner Kühnheit Schranken! Ich hab' ja stillgeschwiegen, gefesselt die Gedanken, In Anschaun ganz versunken, als ich Dich hier gesehn; Du schienst mir eine Göttin – laß es mich Dir gestehn. So nimm denn jetzt, o Herrin, ein Herz, das allzu zart Und allzu ungeduldig nur der Erlaubnis harrt, Dich oftmals zu begrüßen, Dir huldigend zu nahn, Was noch zu dieser Stunde es zögernd nur getan. Ich zähle die Minuten, ja jegliche Sekunde; O, werde die Entscheidung mir bald aus Deinem Munde! Dann will ich also handeln, wie Du es mir bestimmt. Ich fürchte nur, mein Schicksal, es ist auf mich ergrimmt; Doch mag es mir auch feindlich bereiten Not und Pein, Trotz allem wirst Du sehen, ich kann auch standhaft sein. Sollt' ich auch schlechte Botschaft jetzund von Dir empfangen. Es muß am letzten Ende Geduld zum Sieg gelangen. Zuviel schon, was ich sagte, von Leidenschaft verführt; Ich fürchte sehr, ich habe Dich gründlich ennuyiert. Doch glaube mir das Eine: von Dir erfüllt und rein, Wird sich mein Herz nicht wandeln und stets das gleiche sein. Der junge Friedrich, im Schatten eines Baumes gelagert. Stanzen            Von Deiner Schönheit Reiz berückt,            Von Deiner Verse Kunst entzückt,            Kenn', Iris, ich, beim Zeus, kein Grauen            Dem ich nicht trotzte, Dich zu schauen. Mit Deinen Augen zwingst Du alle Herzen Dir – So rühmt sie alle Welt als stolzes Siegspanier.          Da Du es Dir gemacht zur Pflicht,          Der Tugend strenge Regeln nicht,          O strenge Schönheit, zu versehren,          Muß ich aufs höchste Dich verehren. Da Tugend selten nur mit Schönheit steht im Bunde, Sing' ich Dir Lob und Preis heut und zu jeder Stunde. Abschied (mit Übersendung seines Bildes) Nimm als Gesandten dieses Bildnis hin. Als zager Dolmetsch dient ihm dieses Lied: Es sage Dir als meiner Siegerin, Wie tief in Deine Fesseln ich geriet, Wie mir Dein Reiz bestrickte Herz und Sinn: O welche Lust, wenn mir mein Los beschied, Daß ich nun, wie mein Bild, so glücklich bin – Doch still, mein Bote! Sagt zuviel Dein Lied, Trotz Brief und Vollmacht wirst Du fortgesandt, Als Heimatloser irrst Du dann durchs Land. Laß Dich erraten, aber bleibe stumm; Sag' nicht, Du liebst und werdest immer lieben, Und da dem Tode alle wir verschrieben, Stirb, doch verberge Dein Martyrium. Ode auf den Ruhm (1734) Der Odem eines Gotts entfachte Die Seele mir zu hehrem Glühn: O Ruhm, im tiefsten Herzensschachte Fühl' ich dein himmlisch Feuer sprühn. Berauscht von deinem starken Zwange, Will ich mit holdem Leierklange Besingen deine Segenskraft: Du reichst dem wahren Wert die Krone; Dein Lorbeer wird dem Erdensohne Zum Sporn für alles, was er schafft. Es ist die Tugend, die zum Ruhme, Der Ruhm, der uns zur Tugend weist; Er läßt den Sieg erstehn als Blume, Entfesselt des Besiegten Geist; Dank ihm fand Cicero die Worte, Kam Seneca zum Weisheitshorte, Entsprang der echten Helden Schar. Steigt aus der Gräber finstrem Grunde Und gebt uns, edle Schatten, Kunde: Wer hieß euch trotzen der Gefahr? Schon bei den Thermopylen schaue Die Kämpfer ich, die kühn ihr Blut Hinopfern, um die Heimatgaue Zu schützen vor der Sieger Wut; Ist deren Macht auch ohnegleichen, Ihr Mut will vor der Zahl nicht weichen, Steht unerschütterlich im Streit; Derweil sie sterbend niedersinken, Sehn sie, vom Ruhm getröstet, winken Als stolzen Preis Unsterblichkeit. Wer ist der Held, in jedem Kriege Triumphgekrönt? Es ist Eugen; Die Ehren seiner stolzen Siege, Der Ruhm läßt nimmer sie vergehn: Dies strahlende Phantom, beschieden Als Schutzgeleit schon dem Alkiden, Läßt ihn zum Rhein, zur Donau ziehn, Den Feind bedrohn in Ungarns Wäldern Und auf Italiens blutigen Feldern, Um ihn zu kränzen in Turin. Ihr, denen Kunst und Dichtung eigen, Minervas und Apollos Brut, Wer flößt, auf den Parnaß zu steigen, Euch ein die Sehnsucht und die Glut? Homer, Virgil, ja, laßt euch fragen, Horaz, Voltaire, ihr sollt mir sagen: Welch einem Gott singt ihr zu Dank? Ihr alle seid dem Ruhm ergeben; Um für die Nachwelt fortzuleben, Feilt Ehrgeiz euch die Verse blank. Der Frevler mit dem scheelen Auge Sucht irrend stets der Ehre Pfad; Es wähnt sein wilder Sinn, ihm tauge Zum Ruhm die grimme Missetat. Sein Rausch dringt niemals durch zur Klarheit; Verzerrt nur spiegelt ihm die Wahrheit Sein Geist, entartet und verrucht; Von seinem Selbstbetrug verblendet, Erhofft er, daß man Lob ihm spendet, Wenn sein Verbrechen man verflucht. Mag, sich behaftend mit dem Stempel Der Schmach, des Feuerlegers Hand In den antiken Wundertempel Verheerend schleudern hellen Brand; Mag Thais glauben voll Betörung, Daß durch Persepolis' Zerstörung Sie der Unsterblichkeit sich naht: In seines Ehrenbuches Rahmen Schwärzt nachsichtslos der Ruhm die Namen Von Thais und von Herostrat. O Ruhm, dem ich zum Opfer bringe All meine Kurzweil und Begier; O Ruhm, du meines Glaubens Schwinge, Gönn' meinen Taten deine Zier! Du kannst, wenn ich ins Grab gesunken, Bewahren einen schwachen Funken Vom Geiste, der in mir geloht: Die Schranken tu mir auf zum Siege, Damit ich deine Bahn durchfliege, Dir treu im Leben und im Tod. Rheinsberg (30. Oktober 1737) Daheim in meiner selbstgewählten Klause, In der ich dank besondrer Gunst nun hause, Das Schicksal aller derer mir betrachtend, Die, eingeschläfert völlig von Chimären, Des Irrtums voll und wie die Sklaven schmachtend, Der Erdengötter eitle Größe ehren, Vermess' ich mich, das Leben zu genießen, Furchtlos vor Neid, nicht von dem Gift geschreckt, Das tückisch, von der Großen Gunst gedeckt, Verleumdung dürft' auf meine Unschuld gießen. Erwach' ich früh zur schönen Jahreszeit, Seh' Phöbus ich am Horizonte strahlen, Die Früchte, Reben rings mit Gold bemalen; Da sehe ich die Bienen werkbereit, Den Honig naschend, summend überm Beet, Das tausendfache Blumenpracht besät. Den Schatten suche ich des dichten Hains, Den Rand des Bachs und schöpf aus alten Werken, Aus Griechen und aus Meistern des Lateins, Mein Wissen zu vermehren, mich zu stärken. Dann folgt ein einfach Mahl in schattiger Laube Das Joyard artig zu kredenzen weiß. Der Fleck, im reichen Schmuck von Frucht und Traube, Er steht an Preis wohl, doch an Schönheit nimmer Dem prunkvoll kostbarsten Palaste nach. Wie schwindet da des Thrones Glanz und Schimmer, Vergleichst du ihn mit einem Silberbach! Von Freunden eine Schar, ganz auserkoren, Abhold der Heuchelei und wie geboren Zu Ernst und Scherz: die bildet meinen Kreis. Da füllt Philosophie gar manche Stunde; Bald fesselt Newton und die Sternenkunde, Bald Dichtkunst, Malerei uns ganz, Bald freun wir uns an der Geschichte Themen, Bald sinnen wir ob den Problemen Der Größe Roms und Griechenlands. Drauf, voll von Liebe, Versen und voll Lust Und von der holden Tollheit ganz bezwungen, Die Ernst und Herbe scheucht aus jeder Brust, Sprühn die von edlem Wein gelösten Zungen, Lebendig zwar, doch Maß und Grenze wahrend, Ein Feuerwerk, mit Geist die Laune paarend. An diesem stillen Fleckchen, von Banausen Und Gecken unbehelligt, sehe ich Die zarte, unverfälschte Freundschaft hausen. In unser Heiligtum drängt nimmer sich Ein einstudiert Gesicht; Verstellung, List, Sie bleiben ausgeschlossen: was er ist, Ein jeder kann es sein, von Furcht befreit, Daß böse Hand ihm böse Züge leiht. Das Lachen ist hier völlig unverwehrt; Jedoch zum Schutze vor den scharfen Bissen, Mit denen die Satire gern versehrt, Sind ihr die argen Zähne ausgerissen. Wird's Abend, so verschmelzen ihre Klänge Euterpe, Polyhymnia, die hehren, Die süße Harmonien uns bescheren. Noch tönen in den Ohren die Gesänge, Das Echo weckend, von dem neuen Orpheus, Da weiht uns schon die Ruh dem Reich des Morpheus. Und so, von tiefem Frieden rings umhegt, Vollende hier ich meine Lebensbahn, Erwarte stolzen Sinnes, unbewegt Der Schere Schnitt, von Atropos getan. Dem Sklaven weh, der nicht die Stadt verläßt. Den schwächlich an den Hof die Kette fest Gefesselt hält, aus Liebe oder Pflicht! Er lernt, daß, wechselnd wie des Mondes Licht, Das Schicksal oft die Günstlinge erhebt Und dann in jähem Sturze sie begräbt. Der flüchtigen Laune Opfer ist er heute Und morgen eines leichten Argwohns Beute. Geschäftig stets, fällt ihn sein Feind mit Tücke, Errichtet aus dem wandelbaren Glücke Für seine Bosheit sich ein Siegeszeichen. Erliegt er nicht – ein Glück ist's sondergleichen –, So wird ihn bald der Ehrgeiz ganz verblenden Und alles nur zu seinem Unheil wenden. Des Höflings feiler, niedrer Eigennutz, Die Politik mit ihrem Schutz und Trutz Gebieten auf die Freundschaft ihm Verzicht. Den macht sophistische Moral zum Wicht, Der sich zu seines Feindes Füßen windet, Feig, unterwürfig, angstvoll und erpicht, Wo Vorteil er und wo er Rache findet. Die Unterwürfigkeit, der äußere Schliff: Sie sind für ihn der einzige Inbegriff Der Götter, die ihm die Gesetze geben. Die dürre Klugheit, die ein jedes Wort Erst wägt, begleitet ihn von Ort zu Ort. Ach, Unglückseliger! Lerne erst zu leben! Wie lang noch willst du langsam so verderben? Die Größe schützt dich nicht vor Leid und Sterben, Und unsrer Tage kurz bemeßne Spannen, Sie fliehen, ach! nur allzu schnell von dannen. Und ist die Frist, die einzige Frist vergangen, Vergebens wirst du sie zurückverlangen. Auf! Zu den heitern Freuden, die entzücken, Durch Frohsinn, Spiel und Liebe hold beglücken! Fort mit den Göttern, die von Schranzen blind, Von Hochmut, Ehrgeiz angebetet sind! Nie werd' ich, ihre Gnade zu erringen, Nur das geringste Opfer ihnen bringen. O der du meine einzige Gottheit bist, Du Gott der Freude, lohne meine Treu! Gib mir, was Gipfel aller Freuden ist, O gib, daß mitten im Genusse neu Ein seliges Vergessen und Entrücken Zu immer neuen Wünschen mich entzücken! Schloß Rheinsberg. Tod des Vaters An Voltaire (26. Februar 1740) Dies anzusehn! Ein Vater in Todesnot! Von Sterbenspein gequält erbarmungslos, Sein Leben jeden Augenblick bedroht Vom Scherenschnitt der Atropos! Wie dieser Anblick doch mich übermannt, Dagegen hält Philosophie nicht stand! Wie einer Rieseneiche zarter Schößling So fühl' ich mich: Nun hält der Baum, der stolze, Im Sturm nicht mehr; Verdorren schleicht, der Tod sitzt ihm im Holze Vom Gipfel bis zum Grund! Der arme Sprößling, Wo nimmt er Kraft und Saft und Nahrung her? Nun spricht in mir die Stimme der Natur, Beredter denn mein Ehrgeiz je gesprochen: Mein Herz ist trüb, mein Mut gebrochen, Nichts fühl' und weiß ich mehr, ich sehe nur Im Geiste vor mir meines Vaters Schatten, Die Totenfeier, da sie ihn bestatten, Und fühl' den bangsten Augenblick voraus, Wo alles aus! Nun, da der Herr ich heißen soll, Erleb' ich's tief in Herz und Sinn, Wie so gebrechlich doch ich bin; Mein Los, so stolz und hoheitsvoll, Mit zager Hand nur nehm' ich's an: Ein Scheinglück ist's, es ist ein Wahn! O selig, dürft' ich weiterleben, Wo mir so mild der Himmel schien, Wo ich in Freiheitsglück gediehn! Aus diesem Erdreich mich zu heben! Mich zu verpflanzen in dies Feld, Die rauhe, die unholde Welt, Ungangbar und verseucht zumeist Von Machiavellis Frevelgeist! Fern all den leeren Herrlichkeiten Am Hof wie in der Königsstadt, Fern all dem Schimmer, all dem Staat, Den Thron und Hoheit rings verbreiten – Wie liebend gern, In meinem friedlichen Asyle, All diesem flüchtigen Glanze fern, Tauscht' ich die holde Arbeitsstille, Wie gern für all den stolzen Schein Tauscht' ich mein ruhmlos Dunkel ein! Aufbahrung König Friedrich Wilhelms I. An Jordan (10. Juni 1742) Als ich geboren ward, ward ich der Kunst geboren, Die heiligen neun Schwestern reichten mir die Brust, Und für des Herrschers Hochmut schien dies Herz verloren, Das voller Mitleid war und kindlich unbewußt. Die ganze Welt war mir ein Garten duft'ger Blumen, Die voller Zärtlichkeit mein durstig Aug' umfing, Und Kränze wand ich, streute Vögeln Krumen Und dachte Mädchen, wo ich stand und ging. Da riß das Schicksal mich aufs große Welttheater, In der Tragödie »Krieg« ward mir der Heldenpart; Mein Ruhm brach auf wie Lava aus umwölktem Krater Und riß mich sonnenwärts in unerhörter Fahrt, Und als ich einmal erst geopfert am Altare, Darauf das süße, heiße Ruhmesfeuer glomm, Da schwieg das Schäferlied vorm Gellen der Fanfare, Und immer schnellern Schritts ich aufwärts klomm. Doch bald erkannte ich des Ruhmes wahres Wesen: Ein Leviathan schwamm er in dem Meere Flut, Zerfetzte Leiber sah ich rings um ihn verwesen, Die seinem grausen Dienst geschlachtet als Tribut. Sein Schlummerlied blies ihm betäubend die Drommete, Sein Denkmal türmte er aus dem, was er geraubt; Als Weihrauch schlürfte er den Rauch verbrannter Städte, Aus Tränenkraut flocht er den Kranz ums wilde Haupt. Nein, meinem Herzen fremd sind Neros Grausamkeiten, Und meiner Freunde Blut ist diesem Herzen Gift. Schreibt denn auch Ablaßbriefe für dies Streiten, Der für die Ewigkeit aufzeichnet, Klios Stift?! Ach, für die Ewigkeit? Was bleibt wohl noch in Ehren Von all den tausend Heldentoden dieser Zeit? Glaubt ihr, der Heldentod von jenen alten Heeren Erlosch vorm Ruhm der Welt, in der ihr seid?! Ihr sterbt, und mit euch stirbt der lorbeerreiche Name, Den schon bei Lebenszeit der gelbe Neid bekriegt! Auf eurem Grabe wuchert wild wie Unkrautsame Verleumdung, die ihr Haupt in gift'gen Blumen wiegt. – Nein, glücklich ist nur der, der sich als Los erkoren Ein stillverborgnes Glück und stillzufriednen Sinn; Man kannte mich doch nicht, eh' ich zur Welt geboren, Was tut's, ob man mich kennt, wenn ich gestorben bin? An Jordan Über den Kometen, der 1743 erschien (27. Juni 1743) Bebst Du noch immer, Jordan? Schreckensbleich Macht Hektor Dich, der grausige Komet? Zerstörte ihn der Himmel doch sogleich, Eh' diese Welt durch ihn zugrunde geht! Um Dich, ach, wäre es mir herzlich leid – Noch prangst Du in der Blüte Deiner Jahre; Mehr Wohltat dankt die arme Christenheit Dir als dem Kardinal, an dessen Bahre Lobrednerei sein Herz und seinen Geist So maßlos und so überschwenglich preist. Wo Du gewirkt, in jeglichem Revier Hat immer sich Dein gutes Herz bewährt: Aufklärung dankt die hohe Schule Dir; Die Armen all hat Deine Hand genährt; Als Vater alle Narren Dich begrüßen, Als Gatten alle Mägdlein, die da büßen. Drum wünsch' ich sehr, daß dieses Ungeheuer, Daß dieser ungeziemliche Komet Mit seinem langen Schweif aus Höllenfeuer Dich zu versengen sich nicht untersteht. Doch müßt' ich scheiden, stürbe eine Seele Nicht ohne Wildheit und nicht ohne Fehle. Epigramm Vom Großherrn feierlich geschickt, erschien Ein türkischer Gesandter jüngst in Wien, Als Ehrengaben hat er dort verehrt – Nur Irrtum war's, so will es das Gemunkel – Der Kaiserin ein Schwert, Dem Kaiser eine Kunkel. Ein Mohr, als Kammerhusar gekleidet, überreicht das Geschenk des Königs. An die Königin-Mutter (Weihnacht 1744) Drei Könige brachten einst, o Königin, Dem Christuskind mit andachtsvollem Sinn Als Gaben Weihrauch, Myrte, lautres Gold. O daß Ihr gnädig mir gestatten wollt, Wenn ich Euch ebenso zum gleichen Tage Die gleichen Gaben darzubieten wage. Die Myrte stellt die zarte Liebe dar, Die Ehrfurcht, die ich allzeit Euch bewahr': Der Weihrauch ist mein inniges Gebet, Das Euer Leben zu verlängern fleht. Und dient Euch das Metall in diesem Schrein Zum Zeitvertreib, wird's überglücklich sein. Sophie Dorothea, Königin von Preußen. Bleistiftzeichnung von Menzel. Den Manen Cäsarions (August 1745) Was hör' ich? Gott, welch schreckensvolles Wort: Cäsarion ist nicht mehr! Cäsarion ist fort! Du hast den treusten, besten Freund verloren! Als wenn mich Dolche tausendfach durchbohren, So zuckt mein Herz In wildem Schmerz. Du bist nicht mehr! so wird mir's ewig klingen; Dir nach zum Nichts wird meine Liebe dringen. Wie ich Dich im Leben geachtet, geehrt, So bleibst Du mir inniger Liebe wert. Wie fest hast Du dem Tod ins Aug' geschaut, Vor dem doch jedes Menschen Herze graut! Von Mannesmut gestützt, geführt, Blieb Deine reine Seele unberührt Von jenem Hirngespinst von einer Hölle Und einer dunkeln Zukunft unsrer Seele. Du hast in Deinen frohen Lebensstunden Den Halt beim Meister Epikur gefunden; Wie stolz hast Du im Tod Dich aufgerafft: Da überbotst Du Zenos Geisteskraft! Weh mir, dies Herz, das so erhaben schlug, Was ward aus ihm? Wer sagt mir's? Wer? Der Geist, der adlige Gedanken trug, Lebt er wohl noch? O sagt, ist er nicht mehr? Gott, welch ein Abgrund! Alles ist vernichtet, Sein Geist und seine Güte! Wenn er lebte, Gewiß, sein Schatten, sein Gedanke strebte Aus Nacht und Tod zu mir, ja, er umschwebte Mein wehes Haupt: er hätt' mich aufgerichtet! Leidvoll Erinnern, bittrer Kelch der Trauer! Und bildest dir, törichte Stoa, ein, Du könntest Menschenseelen auf die Dauer Wider die Schläge des Geschickes sein? Wie leidgewappnet glaubt' ich mich, Wie stark – wie unerschütterlich – Und nun, was muß ich nun an mir erleben! Wehrlos bin ich dem Schmerze preisgegeben, Zerstört, vernichtet fast in Seelennot Durch Deinen Tod. – Still, still! Was ist denn der Verstand noch wert, Wenn er sich gegen das Empfinden kehrt Und meinen Gram mit Bitternissen mehrt? Er sagt zu mir, mein Alles sei dahin. So weit die Welt, so leer! Und ich, ich bin Verwaist, allein! Ich hab' Dich so geliebt – Wie schattenhaft verwehten doch die Tage, Da wir, was uns erfreut, was uns betrübt, Wie Brüder teilten; da in gleichem Schlage Dein Herz und meines schlug. Mein Glück war Deins. Wie waren wir in all und jedem eins, Im Großen und im Kleinen; ungetrübt und klar Blieb uns der Freundschaft Himmel immerdar. Der Frohsinn hat Dich stets begleitet, Dein Geist, durch schöne Bücher wohl geleitet, Hat gern gebändigt, ritterlich und zart, Die Fröhlichkeit, die sich oft wild gebart. Dich machte Deine edle Sitte wert, Dich den erlauchten Geistern zu gesellen. Die Hellas und Paris mit Glanz erhellen, Ach, und Dein Herz: Dich unter die zu stellen, Von deren Freundschaft uns die Lieder melden, Die kleine Schar von hochgesinnten Helden, Die man um ihrer Treue willen ehrt. Wüßt' ich die Leier des Horaz zu schlagen, Fürwahr, das Echo sollte vom Parnaß Hier dieses Herzens Sehnsucht mit mir klagen, Das Dir verbunden bleibt ohn' Unterlaß; Mehr denn Achates warst Du, würd' ich sagen, Mehr denn ein Pylades, Pirithous; So in der Liebe feurigstem Erguß Unsterblich werden sollte im Gesang, Was Dich geziert Dein Leben lang. Ich darf die Sonne sehn, und Du nicht mehr! So ist's denn wahr, nur zu wahr, daß er, Der Unerbittliche, ohn' Unterschied Das Schönste in das Nichts herunterzieht. Ob Wert, ob Unwert! Ehre oder Schande! Wer fragt danach noch am Cocytusstrande: Was hat Achill, was Hektor dem Thersites Voraus? Auch ich geh' schleunigen Schrittes Der Heimstatt zu, der dunklen; Tage, Stunden Sind, wie sie kamen, mir im Flug entschwunden. Halb schon durchmessen ist die Lebensbahn, Und nah und näher rückt das Ziel heran. Geduld! Nicht lang mehr währt's, so grüß' ich Dich Im dunklen Schattenreich, um inniglich Mit Dir in düstrer Friedensfreistatt dort Die Freundschaft zu erneun Und fort und fort Dir liebend nah zu sein. Indes solang' in dieser Welt Das Schicksal mich gefesselt hält, Bleibt mir Dein Bildnis unvergessen. So lang gibt's auch kein Glück, das je Mir lindern mag mein brennend Weh. Laß unter Deinen Grabzypressen Mein Haupt mich senken; ungemessen Laß meine Schmerzenswollust sein! Dort will ich heiße Herzenstränen Und Seufzer Dir aus nie gestilltem Sehnen Und tiefempfundne Lieder weihn, Mit Myrten dann und Blumen – sieh, es glänzen Noch meine Tränen drauf – Dein Grab bekränzen. Und doch, glückselig preis' ich den, Der heitrer Stirn mit Seelenadel Dem Tode kann entgegensehn, Ein Ritter ohne Furcht und Tadel. Ein Kirchhof. Sanssouci An Marquis d'Argens (1747) Lenz will's werden; schwach zum Sterben, räumt der Winter ihm das Feld, Und die eis'gen Stürme haben schon ihr Wüten eingestellt. Draußen, wo die Saaten keimen, frei und froh die Welle rollt Durch des Eises Trümmerschollen, das sie gar ersticken wollt'. Hei, und unsre Rieselbäche! Über goldig-klaren Sand Treiben lustig die erlösten ihren Schlängellauf durchs Land.            Flora aber hat Natur            Wie ein Lieblingskind bedacht:            Flora schmückt uns Feld und Flur            Schon mit Frühlingsblumenpracht. Neu wird alles unterm Himmel, und es mahnt das junge Jahr Alles Holden, alles Lieben, das vor Zeiten unser war.            Doch indes mein Griffel hier            Euch zu schildern treu bemüht ist,            Wie ringsum die Welt erblüht ist –            Was, mein träger Herr Marquis, tut Ihr? Faulheit, die geliebte Herrin, hält Euch fest in Bann und Fron, Unbeweglich, taub an Sinnen, ihre Lider schwer von Mohn!            Wie ein Klausner lebt Ihr hin,            Unbekannt schier in Berlin,            Mitten in der Residenz,            Und zu freudigerm Genießen,            Draußen, wo die Saaten sprießen,            Ruft vergebens Euch der Lenz.            Ei, so laßt mal Euern Bau,            Wo die Langeweile nistet,            Die Gedanken grau in grau.            Eure Händel, Eure Grillen,            Ärgernisse, die die Galle            Nur erregen, laßt sie alle!            Euer Herz mit Lust zu füllen,            Wüßt' ich schon ein Wo und Wie:            Kommt zu mir nach Sanssouci! Dort erst ist man recht ein König, ist sein eigner Fürst und Herr, Auf dem Lande, in der Stille! Weiß nicht, wo man freier wär'! Fragt Ihr nun, wo sie gelegen, meine grüne Einsamkeit, Wo beschaulich diese Strophen Euer Freund für Euch gereiht, Jener Ort, wo meiner Tage schönste mir die Parze spinnt –            Hört, ob Ihr ein Bild gewinnt!            Hoch auf eines Hügels Rücken,            Wo das Auge mit Entzücken            Schweift, soweit der Himmel blau,            Hebt gebietend sich der Bau.            Hohe Kunst ward dran gewendet;            Sorglich schuf und meisterlich            Mir des Meißels Hieb und Stich            Steingestalten formvollendet.            Die das Ganze prächtig schmücken,            Ohne lastend es zu drücken.            Morgens taucht mein Schlößlein ganz            Sich in goldnen Frühlichtglanz,            Der es grüßt, wenn er erwacht.            Sechs bequeme Treppen lassen            Nieder über sechs Terrassen,            Mählich sacht            Euch zum Haine niedersteigen,            Euch zu flüchten            In die grüne Dämmernacht.            Dorten läßt dann unter dichten,            Unter hundertfarbigen Zweigen            Loser Nymphen Schelmerei            Klare Silberwellen nieder            Sprudeln über Marmorglieder –            Gab's seit Phidias jemals wieder            Solche Meisterbildnerei?            Seht, dort regelt meine Tage            Holdes Gleichmaß, still gedeihlich,            Fern der dummen Modeplage            Endlos langer Prunkgelage,            Steif, nach Vorschrift und langweilig. Mittags ladet unser Tisch zu bescheidenen Genüssen, Die mit wertvollen Gesprächen weidlich wir zu würzen wissen. Wie das sprudelt, wie das schäumet! Funkenhelle Geistesblitze – Manchmal macht man auch auf Kosten fremder Dummheit seine Witze.            Diese stille Einsamkeit            Ist mir Bollwerk, Wehr und Turm            Wider jeden Stoß und Sturm            Dieser wildbewegten Zeit,            Wider alles, drein so gern            Uns die Menge möchte zerrn, Uns, die Weisen, die dem Wissen, die den Künsten sich geweiht.            Ach, d'Argens, besieht man's recht,            Ist das menschliche Geschlecht            Nichts als gierig, dumm und schlecht! Glücklich, wer abseits vom Wege sich ein Heiligtum gebaut, Zuschaut, wie zu seinen Füßen Sturm und Wetter grollt und braut; Wüste Trümmer sieht er treiben drunten in dem Klippenmeer, Und er nickt: es ist nicht anders, seelenloses Ungefähr Treibt sein Spiel mit eurer Ehrsucht! Seht, nun deckt den weiten Strand Trümmergraus so stolzen Hoffens, das gar bald sein Ende fand! Glücklich jeder Unbekannte, ja, gesegnet tausendmal, Der den Kopf sich klar behalten, der des Ruhmes Giftpokal Von sich stieß, noch ungekostet, der sich zeitig noch besann, Was an all dem Lorbeersegen der Geschichte ernstlich dran, Der in treuer Pflichterfüllung quitt mit seiner Mitwelt ward Und die Müh' um sein Gedächtnis bei der Nachwelt gern sich spart,            Nicht erbettelt ihre Gunst            Und ihr bißchen Weihrauchdunst! Nein, Marquis, die eitlen Streber, laßt uns alle sie verachten. Wir, fürwahr, sind nicht die Narren, ihrem Glückswahn nachzutrachten. Mögen denn die Ruhmbedürft'gen nur sich selber Beifall spenden, Ungesättigt bleibt ihr Hunger, ihre Not wird nimmer enden. Pläne über Pläne häufen mögen sie, der Unrast Beute, Nur von ihrer Hoffnung lebend, abgestorben für das Heute!            Uns lockt alles dies vergebens;            Wir genießen unseres Lebens            Nach der Kunst und Möglichkeit!            Bellt nur, Höllenhund und Neid!            Uns sei eines nur bewußt:            Jedes Augenblickes Lust            Raubt der Sturmgang uns der Zeit,            Die uns unsre schönsten Tage            Wie im Fluge hetzt vorbei;            Heut des Lebens Blütenmai,            Morgen Alters Last und Plage!            Ach, der Mensch, geworden kaum,            Ist er auch gewesen schon,            Ja, das Leben ist ein Traum! –            Doch wenn dieser trockne Ton            Der Betrachtung Euch verdrießt,            Ei, so hört denn, was davon            Meine Nutzanwendung ist –            Ob Ihr der Euch wohl verschließt?! Maßen meine Freundestreue Euch beschwört, nur zuzugreifen, Frisch die Freude festzuhalten, die Euch will vorüberstreifen, Leichter Hand und leichten Herzens, eh' die flüchtige entschwinde!            Ob das Schicksal uns, das blinde, Einen Vorrat langer Jahre gnädig noch hat zugedacht,            Ob's mit Götterhuld uns lacht,            Oder ob es ohn' Erbarmen            Droht, mit seinen wucht'gen Armen            Uns, betäubt von Not und Schrecken,            Nieder in den Staub zu strecken –            Einerlei!            Rosen! Rosen bringt herbei!            Schlingt sie feiernd um die Stirn!            Seliger ist holdes Irrn Als die wahren Daseinsgüter! Darum raubt die flinken Schwingen Jenen Liebesgötterschlingeln, ihre Pfeile, laßt sie schwirrn,            Laßt sie klingen, laßt sie springen In die Herzen unsrer Schönen! – Denn zuletzt sind wir nur Herrn            Dieser flüchtigen Gegenwart;            Wer da aufschiebt, was er gern            Sein genannt, ist meist genarrt.            Drum so sag' ich: unverdrossen            Jedes Augenblicks genossen:            Heut ist uns der Himmel hold;            Weiß nicht, ob er morgen grollt! Der Schloßhügel von Sanssouci. Reime wider einen Arzt, der einen armen Gichtkranken durch eine Schwitzkur fast umgebracht hätte (Juni 1749) Nein, jetzt widerruf ich alles, Was mein Spott gesündigt hat: Nah und fern, in Dorf und Stadt – »Ehre der Arzneikunst!« schall' es! Groß, ja groß ist Hippokrat! Denkt, was seine Allmacht kann, Wahrlich, es ist ein Mirakel: Dieser Leib hier, er zerrann, Neue Formen nimmt er an, Fließt, o grausiges Spektakel, Wie ein Bächlein mir hindann! Seht, schon werd' ich eine Quelle, Und ich sickre und ich rinne, Bis ich mir im Tal gewinne Meinen Strom so klar und helle. Ja, hinein! Für immer sollen Meine Wellen mit den seinen Sich vereinen, Selig mit ihm weiterrollen. Mag's durch Wiesenlande sein, Oder auch durch Himmelsstriche So wie Libyens fürchterliche, Glutendürre Wüstenein – Meint ihr, daß ich von ihm wiche? Ob er niederwärts von steilen Bergen schäumt in Donnerfällen, Oder seine raschen Wellen Zu des Weltmeers Schoße eilen; Oder ob ein Fürst sich endlich Schlau den Wanderburschen einfängt Und mit Künsten gar umständlich Seiner Wasser Triebkraft einzwängt, Daß er, mannigfach verzweigt, Als ein lust'ger Springquell steigt – Mir soll's gleich sein – immerhin Segn' ich meines Schicksals Gunst: Meiner Wandlung Hochgewinn Bleibt, daß ich jetzt sicher bin Vor der Ärzte Kunst! Auf einem Lager aus Holunderblättern und Blütendolden ruht mit der Nachtmütze auf dem Kopf der Kranke; ein Fliederblatt bildet das Deckbett, aus dem – ist es quälender Albdruck oder der in den Fieberphantasien erscheinende Arzt? – ein kleiner Unhold mit Hut und Mantel einherstolziert, während andere mit Fischflossen und -schwänzen darunter hervortauchen: die Wirkung des schweißtreibenden Flieders, vor dem die Geister der Krankheit entweichen. Wider die Krittler An Algarotti Du liebenswerter Sproß aus fernem Süd, In dem aufs neu der hohe Geist erblüht, Gesittung und Geschmack, die einst beglückt Das alte Rom und herrlich es geschmückt: Sag an, was treibt uns, bissig einen jeden, Selbst Freunde, zu bekritteln und zu kränken? Begierig fahnden wir nach ihren Schäden Und suchen selbst das Lob mit Gift zu tränken. Ist's wohl der Eigenliebe wechselnd Wesen, Das gern des Geistes Maske sich erlesen, Das lüstern stets nach fremden Schwächen späht Und selber sich vor ihnen eitel bläht? Hat Gott, der doch als unser Schöpfer gilt, In unser Herz geprägt ein heimlich Bild, Das der Vollendung hehre Züge trägt Und unsern Sinn stets zum Vergleich erregt? Doch soll kein Lob dies Laster mehr verklären, Nur Eigenliebe konnte es gebären. Der Höfling schmeichelt seines Feindes Schwächen Und sucht galant ihm so den Hals zu brechen. Gewissenhaft verschmäht er offnen Tadel Und sticht den Gegner mit geheimer Nadel, Ist auch noch stolz auf seinen scharfen Geist, Drum fürcht' ich sein Gemüt und Wort zumeist. Denn wär' er gütig, würden seine Reden Nicht jeden so mit Spott und Hohn befehden. Er würde mild vor fremden Fehlern stehn Und sie in Lieb' und Güte übersehn. Doch alle Freundschaft muß auf Erden sterben, Wenn jene Krittler scheltend sie verderben. Von jeher war es der Natur Bestreben, Ein andres Antlitz jedem Ding zu geben. Burrhus sieht es von vorn, von rückwärts sieht's Sejan, Daher entsteht der tausendfache Wahn. Ich fürchte, des Soldaten rauher Sinn Neigt nicht zu Wissenschaft und Weisheit hin. Und manch verbissener Pedant verzeiht Dem Geldmann nicht die brave Tätigkeit. Ein Rechtsgelehrter sagt wohl frank und frei, Daß der Soldat ein Menschenfresser sei. Ihr Jünger Don Quichotes, die ihr verblendet Noch stolz auf eure schwachen Taten seid, Ihr seht nicht, wie Natur doch allezeit Zu vielen Zwecken jedes Ding verwendet. Jedem ist sein Geschick und sein Talent bestellt, Ihr Unterschied bedingt das Wohl der Welt. Wenn jeder wollte Rechtsgelehrter werden, Wer möchte dann nach unsern Feldern schaun, Wer erntete mit Schweiß und mit Beschwerden Das Korn und suchte Äcker zu bebaun! Wähnt ihr, ein Advokat wird euch beschützen, Sobald ein Fürst, den Augenblick zu nützen, Mit Krieg und Not das ganze Land bedrängt Und Heer um Heer auf eure Staaten lenkt? Es braucht der Staat den Rechtsmann und den Krieger, Und ohne sie verfällt er dem Besieger. Er gliche sonst dem unbemannten Schiff, Das steuerlos der Sturm zerschellt am Riff. Man preise drum und tadle nicht zuviel Die Vorsehung und ihrer Farben Spiel. Und nur das krasse Laster sei verdammt, Dem der Gemeinschaft ärgster Feind entstammt. Mir fällt hier ein, wie ich ein Gleichnis hörte In Jahren, als man mich noch Fabeln lehrte: Einst war im Jugendalter der Natur Voll Einsicht eine jede Kreatur. Vernunft erleuchtete das Tiergeschlecht, Zu reden war sogar der Pflanzen heilig Recht, Vollkommen jedes Ding von Anbeginn, Und Blatt und Blüte raunten tiefen Sinn. In einem Garten einst in jener Zeit – Sein Name sank wohl in Vergessenheit – Sprach dünkelhaft verächtlich zu dem Wein Die Rose: »O, wie mußt du elend sein! Beschnitte nicht der Mensch dein reich Geäst, Und hielten kletternd die gekappten Ranken Nicht zärtlich die barmherz'ge Ulme fest, Du müßtest kriechend auf dem Boden kranken. Dein unbegnadet Holz trägt keine Blüten, Dein Laub ist schattenlos, duftlos die Frucht, Doch wenn die Sonnenstrahlen mich beglühten, Mir selbst Aurora nicht zu gleichen sucht. Des Weihrauchs Schwall, des seltnen Balsams Düfte Beleben nicht so süß wie ich die Lüfte. Ich schmücke hell das Haar der schönen Frauen, Man ruft mich stets zu allen Festen hin, Und wunderherrlich kannst du mich beschauen Als aller Gärten stolze Königin.« »Ich gelte mehr als du«, so sprach der Wein. »Wie oft in deiner Schönheit jungem Schein Zerreißt ein rauher Wind dein prächtig Kleid: Kaum blühst du auf, bist du dem Tod geweiht. Ich schätzte höher deine Himmelsgaben, Wäre dein Stiel nicht so an Dornen reich Und würde lieber uns mit Früchten laben, Dann wärest du mir erst an Nutzen gleich. Sieh meine leckern Trauben blau und golden, Wer gab' um deine Kelche meinen Saft? Er quillt gepreßt aus meinen vollen Dolden, Treibt Sorgen fort und bietet neue Kraft. Mein Laub umschmückt, wo Liebesfeste brannten, Den Thyrsus und die Stirnen der Bacchanten. Dein Blühn vergeht, ich daure allezeit.« Ein grober Distelstrauch belauschte diesen Streit. Er hatte breit das ganze Feld bedeckt Und sprach, den wüsten Busch hoch aufgereckt: »Nicht hab' ich euren Duft, der Früchte Schatz, Doch mein Gewächs gedeiht an jedem Platz, Und was ihr tragt an Frucht- und Blütengut, Nimmt sich der Mensch als schuldigen Tribut. Wir aber fühlen uns in Freiheit reich, Und so verachtet meine Distel euch.« Ja wurzelten sie nicht im Erdenschoß, Sie schlügen wütend aufeinander los. Da schwebte leicht in hoher Luft vorbei Der Aar des Zeus und hörte ihr Geschrei. »Du wüste Distel«, rief er, »schweige jetzt, Du Schandgewächs, das nur der Esel schätzt! Lerne von mir, dich weniger zu adeln, Nur der Vollkommne hat das Recht zu tadeln.« Auch zu den andern fing er an zu reden: »So hört doch auf mit euren bissigen Fehden! Statt so mit bittern Worten euch zu kränken, Soll jeder an des andern Nutzen denken. Jeder füllt seinen Platz, die Rose und der Wein, Der Dinge Ordnung schließt sie alle ein. Drum laßt nicht überkühn die Wünsche steigen.« Ja, die Vollendung ist nur Göttern eigen. Denn Gut und Böse werden Hand in Hand Sich immer teilen in dies Erdenland. Die schöne Welt hat Wüsten dürr und hart; Der Sommer sengt, in Eis der Winter starrt. Und zeigt uns nicht der krause Erdenball Meer, Berge, Wälder, Schluchten überall? Wind, Feuer, Luft sind wildem Streit ergeben, Denn Kampf ist erst der Elemente Leben. Und wer den Tag nur licht und fröhlich sieht, Verkennt Natur und träumt als Sybarit; Doch täuscht sich auch, wer nur mit Schlechtem mißt. Man nehme drum die Welt so, wie sie ist. Die Mahnung des Königs, mit der das Gedicht ausklingt, die Welt zu nehmen, wie sie ist, wird veranschaulicht durch den in sein Schicksal ergebenen Orientalen, der sich andächtig vor der aufgehenden Morgensonne neigt. Beharrlichkeit Blindlings hinstürmende Wut, Du, deren Wesen Verheeren, Du, die durch Jammer und Blut Ihre Bahnen sich bricht – Nein, an deinen Altären Opfre ich nicht! Stillsichere Seelenkraft, Die sich im Dulden strafft, Die allen Schicksalsschlägen Ausdauernd, heldenhaft, Trotz setzt entgegen – Preis dir und Ehren! Wie auch die Neiderwut zetert und kreischt, Weißt du den Wert dieses Lebens zu schätzen, Doch auch gelassen ihn einzusetzen, Wo es die Tugend erheischt. Ach, der Stiefmutter Natur Ist's eine Kurzweil nur, Ringt auf der Wunderbühne des Lebens, Wo wir Sterblichen spielen müssen, Mit den Leiden und Bitternissen Ein Mensch vergebens! Nichts kann des Fluchs uns entbürden, Nicht die Geburt, nicht Verdienste noch Würden; Wie's uns auch geh, Stets überwiegt doch das Weh: Galilei in Kettennot, Medici ißt der Verbannung Brot Und unter Henkers Händen Mußte ein Stuart enden! Seinem entschwundenen Glücke Weint ein Beraubter nach; Dort unter Neidertücke Duldet ein argloses Herze Schmach; Oder dein blühender Leib Wird dir mit Siechtum und Plagen Grimmig geschlagen; Oder es stirbt dir dein Weib, Mutter und Bruder dein, Und dein Getreuster scheidet von hinnen Läßt dich verwaist und allein – Wie da die Tränen dir rinnen! Also auf sturmtoller Flut Treibt manch Schifflein daher; Aber der wilde Orkan, Der Tyrann auf dem Meer, Bricht doch mit all seiner Wut Nimmer des Seemanns Mut. Jetzo wolkenhinan Trägt ihn die türmende Welle, Jetzt wie zum Abgrund der Hölle Stürzt der gebrechliche Kahn. Wo ist hier Rettung noch? Tapfrer, verzweifle – und doch! Wüte, was wüten mag, Fest hält das Herz seinen Schlag; Tausendmal trotzt ich dir, Tod, eh' ich verzag'! Tage der Unruh! Wohin Käm' es mit mir, dem Geplagten, Wenn mein Schild, meine Wehr Wider der Sorgen Heer, Meine Getreusten, versagten: Fest mir im Herzen drin Du mein tragender, trotzender Sinn! Wie auch das Schicksal mich treibt, Ob über kurz oder lang Fall mir und Untergang Sicher verbleibt – Sei's drum, ich werde Zittern vor keiner Fährde! Mag auch der Pöbel verzagen, Greinen und klagen, Erst wenn die Hoffnung zerrann, Bewährt sich der Mann. Seht die beflügelte Zeit! Eben noch rauscht ihr Gefieder – Schon ist sie weit, Weit, und kehrt niemals wieder. Doch ihre rasende Eile Ist uns zum Heile: Wie sie Beschererin, Ist sie Zerstörerin; Was sie an Übeln gebracht. Nimmt sie auch, eh' du's gedacht, Wieder dahin. Lohnt da Klage und Gram Über ein Mißgeschick, Das mit dem Augenblick Geht, wie es kam? Niedriger Seelen Art, Sich im Behagen des Glückes zu sonnen! Wohlfeile Lust! Sie ward Einzig durch Zufalls Gnade gewonnen. Niemals im Glücke tut Hoher Sinn sich hervor; Ist uns das Leben gut, Ragen wir nicht aus dem Schwarm empor. Doch wider Unheil und Schrecken Stolzer sich heben, sich recken, Wahrlich, das heiß' ich: mit Ehren Mannheit bewähren. Nichts mag das Schicksal, das blinde, Linder gestatten; Wer, der den Obergewalten Je widerstünde! In den Wirbeln der reißenden Flut Sinkt auch der rüstigste Schwimmer; Hätt' er des Herakles Glieder, Ringt er doch nimmer, Siegreich dawider. Eines nur gibt es, was not hier tut: Aushalten, Dulden, Beharren! Mag dich das Schicksal auch grausam narren, Trag' es, wenn sich's nicht ändern läßt; Nur bleib' getreu, bleib' fest! Trotz seiner Kerkerhaft setzt Galilei seine Berechnungen fort; nur die allzu kurze Kette, an die er geschlossen ist, vermag ihn darin zu stören. An Feldmarschall Keith Über die leeren Schrecken des Todes und das Bangen vor einem Jenseits So ging auch er von hinnen, der hohe Sachsenheld, Der Frankreichs Schwert gewesen, vor dem die Britenwelt In ihrem Grunde wankte, ja der mit seinen Siegen Die Adler der Cäsaren verstand zu überfliegen. Nicht aus dem Feld des Sieges ereilte ihn der Tod, Nicht war's der Gott des Krieges, der ihm sein Halt gebot: Im Frieden mußt' er sterben auf weicher Ruhestatt, Im Frieden, den er selber der Welt erstritten hat! So ward der Lorbeerstolze auch der Vernichtung Raub, Bis auf den hohen Namen ein armes Häuflein Staub! Was lehrt uns Moritz' Scheiden? Furcht, Todesangst und Zagen? Uns, die wir ihn verloren, uns dürfen wir beklagen; Doch er, der unserm Auge für immer nun entschwand, Er dünkt mich nur ein Schiffer, der seinen Hafen fand. Geruhig soll der Weise dem Tod entgegenschaun. Dem Helfer, dem Erlöser aus Erdennot und Graun: Mit unserm letzten Hauche hat alle Pein ein End, Wie sollte vor dem Tode der bangen, der ihn kennt? Glaubt mir, er ist mit nichten des Malers Schreckgebild, Der knochendürre Würger, der Schwelger, nie gestillt, Der unermeßne Ernten in allen Welten rafft Und nur dem ew'gen Abgrund ewige Nahrung schafft. Traumbilder sind die Schatten, die ohne Wiederkehr Dem dunklen Reich verfallen, ein klagend Geisterheer; Ein Traum der Ort der Schmerzen, wo, jeder Hoffnung bar, Endlose Strafen abbüßt die bleiche Sünderschar. Mein lieber Keith, so laß uns mit dem unwürdigen Spuk Einmal zu Ende kommen – der Wahrheit Stunde schlug. Fort mit dem Wust von Grauen, dem, was die Grabesnacht Geheimnisvoll umwittert, das Herz uns schauern macht! Verfällt der Leib den Würmern, das macht uns wenig Kummer: Wir denken uns das Totsein als einen tiefen Schlummer, Traumlos und ohn' Erwachen, in Leidgeborgenheit; Und sollt' ein glimmend Fünklein später, nach unsrer Zeit, Ein Etwas – nennt's die Seele, unsterblich nennt's dazu – Wirklich noch einmal aufglühn aus kalter Schlackenruh, Dem Weltgesetze trotzend, das die Vernichtung will – Sei's drum, was mag's uns kümmern? Wir ruhen stumm und still, Ein Häuflein kühler Asche, dem alles einerlei, Bei dem's mit Furcht und Hoffen für immerdar vorbei. Was hätt' ich zu befahren in jener Welt, sag' an? Ist Gott, den ich verehre, ein Wütrich, ein Tyrann? Sollt' ich nach meinem Tode ein schuldlos Opfer sein Des, der den Lebensodem uns gab und obendrein All jene süßen Triebe, der Sinne Lustverlangen? Ist einst aus Götterhänden der Mensch hervorgegangen Mit seinem Geist und Wesen, wie sollten Götter dann Ihr Werk drum strafen wollen, weil noch gar viel daran Des Unvollkommenen bliebe? Dergleichen anzunehmen, Kann mein vernünftig Denken sich nimmermehr bequemen. Wär' wohl ein Vater denkbar von väterlicher Art, Dabei so widersinnig, so seelenroh und hart, Daß grausam er bestrafte der eigenen Lenden Sproß, Weil seines Neugebornen Mißbildung ihn verdroß? Allein was tut den Göttern all unser Aufbegehren? Was könnte je der Sel'gen ewig Behagen stören? Vermeßne Menschenhoffart, die alle Schranken bricht – Bis an die Thronesstufen der Allmacht reicht sie nicht! Ihr trutzigen Giganten, ei stürmt nur dreist zuhauf, Packt auf den Ossagipfel den hohen Pelion drauf, Kommt an in Wehr und Waffen! Was gilt's? Den ihr berennt, Der Thron des Weltgebieters kein leises Wanken kennt. Und er, an dessen Größe kein Hauch der Kränkung reicht, Er sollt' auf Strafe sinnen? Wie sollt' ein Gott so leicht, Der ohne Leidenschaften, in Zorn und Grimm geraten? Ich kenn' nur seine Güte, nur seine Segenstaten. Nein, einer nur beleidigt die Hoheit des Allmächt'gen: Wer ihn als zornesmütig der Menschheit will verdächt'gen. Nein, lieber Keith, dies Wesen, das keiner deuten kann, Genannt die Menschenseele, das dann ein Welttyrann Nach dieses Leibes Tode noch züchtigt, dieses Ich, Das gar keins ist, dies Etwas, höchst abenteuerlich – Vor der Naturerkenntnis schwindet's in Nichts dahin. Mag all die Ammenmärchen des Volkes stumpfer Sinn Noch treu in Ehren halten, laß uns auf ja und nein Das Wunderding betrachten, wieviel daran mag sein. In der Erkenntnis Schranken schlug Bresche die Erfahrung: Lukrez und Locke brachten uns tiefe Offenbarung: Ihnen gelang's, die Straße zum Ziel zurückzulegen. Kommt, ihnen laßt uns nachgehn, auf den gebahnten Wegen Den Menschen aufzuzeigen des eignen Wesens Art Und endliche Bestimmung: Laßt sehen, wie er ward Und in uns wuchs und reifte, der Geist, wo sein Verbleib, Wenn einst in Staub zerfallen ist dieser Erdenleib. Mit uns wird er geboren, erstarkt, entfaltet sich Mit unserm Sinnenleben und umgestaltet sich, So wie sich jenes wandelt: Im Kindheitalter zart, Genau wie unser Körper, bald feurig, kecker Art, Draufgängerisch, solange der Jünglingsmut uns hebt; Zag, flügellahm im Leiden, und wieder stark belebt, Sobald's dem Leibe wohlgeht: plagt ihn Gebrechlichkeit, Wird er herabgemindert, verfällt in Schwächlichkeit, Und so mit uns vergeht er. So bleibt denn allezeit Sein Schicksal unzertrennlich von unsrer Leiblichkeit. Doch sagt mir: Dieses Wesen von höherer Natur, Unsterblich, schier gottähnlich – wie mag die Seele nur Dem Himmel, uns zuliebe, und seinem Glück entsagen, Mit dem kurzlebigen Leibe den üblen Bund zu wagen? Ach, das sind leere Träume der lieben Eitelkeit! Doch holt euch bei den Jüngern des Hippokrat Bescheid: Laßt euch das Uhrwerk weisen, das Leib und Leben heißt, Trennt bei dem Ineinander den Körper und den Geist! Schließt dir bei Tagesscheiden der Schlaf die Wimpern zu, Was tut dann deine Seele? Auch sie versinkt in Ruh. Und fliegen dir die Pulse und tobt erhitzt das Blut, Als wollte dich verzehren die schlimme Fieberglut, Dann taumelt auch der Geist dir und kennt sich selber nicht. Wenn aus geschlagner Vene hochauf der Blutquell bricht, Ist alles überwunden, aufatmen deine Lungen, Dann kehrt dein Geist auch heimwärts von seinen Wanderungen. Ein Ohnmachtanfall löst nicht die Spannkraft nur der Glieder: Das Denken stockt, die Seele, sie liegt wie tot danieder, Bis daß die Lähmung schwindet; da öffnet sich der Blick, Nach kurzem Tode kehrt auch die Seele neu zurück. Vernunft, armselig Flämmchen! Ein Nichts sie löschen kann: Im Hirn ein Blutgerinnsel, so ist's um sie getan. Der Geist, sich zu betätigen, braucht die Organe all Des Erdenleibs; was wär' ihm Gefühl, Erscheinung, Schall, Wär' er des feinen Werkzeugs der Leibessinne bar? Kein Denken, Furcht und Freude, nähm' er die Welt, nicht wahr! Löst dies Atom, unsterblich, die stofflose Substanz, Einmal von seinem Körper und seinen Sinnen ganz, Was bleibt dann noch? Ein Wortklang, ein Name, anspruchsvoll, Ein Wahngebild, ein Wesen, sinnlos und hohl und toll. Was weiß sie denn vom Tage, der uns gebar zur Welt? Wie war's, da sie der Himmel dem Erdenstoff vermählt? Wie kommt's, daß kein Erinnern die Seele sich gewahrt Des, was sie einst gewesen, der eignen Ursprungsart? Ach nein, es gab die Seele, die ich empfangen hab', Von ihrem Schaun und Wissen mir herzlich wenig ab Beim Eintritt in das Leben; nicht die geringste Spur Von allem, was vordem sie in dieser Welt erfuhr, Hat sie mir überliefert als alter Zeit Vermächtnis, Sonst trüg' ich's im Bewußtsein, besäß' es im Gedächtnis. Nie hat mein Herz geblutet in jenen Jammertagen, Als die Germanengeißel der Väter Land geschlagen, Als fremde Fäuste rafften der deutschen Fluren Segen, Die Arbeit deutscher Hände, als Feinde allerwegen, Im Osten und im Westen, im Süden wie im Norden Das Vaterland verheerten mit Rauben und mit Morden; Und als der Zorn des Himmels, der über uns entbrannte, Den Jammer zu vollenden, noch Pest und Seuche sandte, Daß ausgerottet werde, was noch dem Schwert entging, Als Dunst von Gift und Sterben ob allem Lande hing Und unsre Staaten wurden gewalt'ge Wüstenein. Dies alles steht lebendig vor meinem Geist – allein Ihn lehrt' es die Geschichte! Müht' er's von damals her Und nur von sich aus wissen, er wär' erinnerungsleer. Nun, was vom Einst gilt, gilt auch genau so, lieber Keith, Von dem, was nach uns sein wird: so wie's vor unsrer Zeit Kein Denken gab, so wird wohl, wenn erst dies Ich zerfiel, Auch nichts mehr weiterdenken; ein Anfang und ein Ziel. Mit unserm Leibessterben – nichts ist mir so gewiß – Erlischt auch unsre Seele in tiefster Finsternis. So züngelt um ein Holzscheit die lichte Flamme her, Doch ist's verzehrt zu Asche, sinkt sie und ist nicht mehr. Ja, so ist's uns beschieden. Ich warte unentwegt, Wie mich die flücht'ge Stunde dem Ziele näherträgt. Was soll mir auch geschehen, wovor ich müßte bangen? Ich werde dort, woraus ich dereinst hervorgegangen, Aufs neue untertauchen, allwo ich ewiglang Mich schon einmal befunden, eh' ich ins Dasein sprang. Sag' an, eh' ich geboren, was litt ich da für Leid? Gern beug' ich den Gesetzen mich der Notwendigkeit; Zu Gast bin ich im Leben, gezählt sind meine Tage, In Sicht die letzte Stunde – ziemt's, daß ich darum klage? Hör', Sterblicher, du Stolzer, was die Natur dich lehrt! Genug nicht all des Segens, den sie dir reich beschert, Von allem Irrwahn will sie, von allen Vorurteilen, Von allen Hirngespinsten erlösen dich und heilen, Zum Wissenden, Geweihten dich endlich zu erheben: »Ich war es«, also spricht sie, »die dir geschenkt das Leben; Ich war's, die deines Daseins und Werdens treu gewaltet, Daß Tag an Tag sich gliedert, dein Leib sich ausgestaltet. Du lebst auf Augenblicke, lebst auf Bedingnis bloß! Als ich der Stoffe Vielheit zu deiner Einheit goß, Geschah's mit der Bedingung, daß einst der allgerechte Quittmacher Tod dies Darlehn der Huld begleichen möchte. Freu' dich nun meiner Gnaden, doch acht' auf mein Gebot: Ich gab dir einst dein Leben, du schuldest mir den Tod! Zu deinen Jahren soll ich noch weitere dir schenken? Unsel'ger, wenn du wüßtest! Du würdest dich bedenken! Ein Mehr an Weh erflehst du, das über dich hereinbricht, An Herzeleid, an Kummer, der dich zernagt, zerpeinigt! Du sehnst dich selbst noch einmal nach deiner letzten Ruh': Drück' du nur erst die Augen den Eltern beiden zu! Schließ sie den liebsten Freunden, schließ sie den Kindern dein, Und steh du dann hinfällig in dieser Welt allein, Indes dir Kopf und Sinne tagtäglich mehr versagen!« Wie, eitler Sohn des Staubes, das will dir nicht behagen? Zu lieb ist dir die Erde! Ach ja, sie gleißt und blendet; Doch ach, ihr Antlitz wechselt, alles vergeht und endet. Trotz Unheil und Gefahren hält dich das liebe Leben. Du bist das Glück der Eltern, und dich dahinzugeben, Es machte sie untröstlich! Und dann – was gibt es doch Zu schaffen und zu richten, wozu du nötig noch! Durch wieviel große Pläne macht dir der Tod den Strich, Wieviel bleibt unvollendet, wie überrascht er dich! Ja, warum, Unglücksel'ger, läßt man sich so viel Zeit? Hast du dich eingerichtet auf die Unsterblichkeit? O wisse, unsre Wünsche, sie welken nicht so bald; Wenn wir auch selber altern, das Streben wird nicht alt! Wer hat sein Werk vollendet, eh Schicksal ihm und Tod Die Arbeitsstunden endet' und Feierabend bot? Ob früher oder später – ein Totsein gibt es nur! Äonen, die verflossen, sind bis zur letzten Spur Vor unserm Sein verloschen, und dieser Augenblick Ist mehr wert denn sie alle. So ist das Weltgeschick Ein ewig Fließen, Wechseln; der stolzen Ströme Los Ist, ständig zu erneuen des reichen Meeres Schoß. Wohlan, ich hab' dem Schauspiel der Welt, dem wunderbaren, Ein Weilchen zugesehen, ich durfte tief erfahren, Was Leben heißt, und weiß auch von Lebens Lust und Glück; Gern geb' den Elementen ich diesen Leib zurück. Der Welterobrer Cäsar, der Sängerfürst Virgil, Newton, vor dessen Blicken so mancher Schleier fiel, Ja, Mark Aurel, an Tugend mein Vorbild und mein Gott, Die Hohen all erlagen dem großen Weltgebot – Wie sollte ich da murren, wenn mit verdroßner Hand Die Parze, die an jenen nichts zu verschonen fand, Endlich auch meines Daseins, das ihr schon lang verleidet, Längst abgegriffnen Faden erbarmungslos durchschneidet! Was ist an diesem Leben zuletzt denn auch verloren? Was ist des Menschen Dasein? Zum Leid sind wir geboren. Wir bauen und zerstören, wir lieben und wir sehen Hinsterben, was wir lieben, möchten vor Schmerz vergehen, Trösten uns neu und fahren zum Schlusse selbst dahin – Und dies, ihr Ärmsten, ist noch der lohnendste Gewinn! Die Welt, die wir verlassen, war nur ein Unterstand, Ein Zwischenort; wir leben wie fremd in fremdem Land, Als Wandersmann, der gern wohl sein Aug' an Feld und Wald Erlabt im Weiterziehen, doch ohne Aufenthalt. So wolln wir, Keith, im Kommen und Gehen dieser Welt Mittraben unsre Strecke, solang es Gott gefällt. Doch nichts soll uns gemein sein mit jener Gläubigkeit, Der feigen, die vor Sünde die Höllenangst nur feit, Die gern die Schranken bräche verderblichster Gelüste, Wenn sie in ihrem Jenseits die ew'ge Glut nicht wüßte. All ihre Tugendstrenge ist ja nur Schein und Hohn! Wir, ohne Furcht und Hoffen, erwarten keinen Lohn; Wir wissen nichts von Strafen der ew'gen Höllenpein, Vom niedren Eigennutze blieb unser Denken rein. Der Menschheit Wohl, die Tugend ist unsrer Tage Licht; Was von der Schuld uns fernhält, die Liebe ist's zur Pflicht. Wir wollen ohne Reue ruhvoll von hinnen fahren, Gewiß, daß unsre Taten der Welt ein Segen waren. So flammt der Stern des Tages, eh' er hinabsinkt ganz, Am Horizont noch einmal in heitrem Feierglanz; Und seiner Strahlen letzte, sie sind sein Abschiedsgruß, Ein Seufzer an die Erde, die er nun lassen muß. Ode an die Preußen Alles dankt ihr eurem eignen Werte, Ihr, des Schlachtengottes Lieblingskinder, Lorbeerstolze Völkerüberwinder, Alles, alles eurem Heldenschwerte;           Laßt nicht rosten eure Waffen,           Nicht in Selbstzufriedenheit           Euren Mannessinn erschlaffen,           Bleibt, ihr Preußen, die ihr seid! Bangte nicht in Hellas' Heldentagen Vor Athen das ganze Morgenland, Da ein männlich Wagen, freudig Schlagen Ging mit Herrscherweisheit Hand in Hand?           Asiens Völkerwogen fanden           An den Griechen Damm und Wehr,           Xerxes' Hoffart ward zuschanden,           Und zunicht sein Riesenheer. Doch im Schatten ihrer großen Taten Schossen alle Laster geil ins Kraut, Recht ward schnöde für Gewinn verraten, Feigheit ward im Rat der Männer laut;           Längst war ihre Wehrkraft worden           Kleiner Niedertracht ein Raub,           Und der neue Held vom Norden           Warf sie lachend in den Staub. Mag der Blitzstrahl auch das Auge blenden, Der das tiefe Schwarz der Nacht zerreißt, Wenn durch Finsternisse allerenden Seine jähe Flammenfährte gleißt –           Ach, ein Augenwink nur trennet           Werden und Vergehn zu Nichts;           Eh' der Blick ihn recht erkennet,           Schwand das Wunder seines Lichts. Flammenmächtiger auf hohen Wegen Herrscht der Sonne Lichtbeständigkeit, Strömt hernieder ew'gen Leuchtesegen, Sprengt das Eis, erlöst vom Winterleid;            Und ihr lautrer Strom der Gnaden            Wirkt beseelend und erhält            Auf den fernsten Schöpfungspfaden            Alles Leben in der Welt. Wie der Feuerborn der Weltenhelle Aus der Schöpfung Herzen sich ergießt, Bleibt er auch die starke Lebensquelle, Die ohn' Ende fließt und überfließt;            Alles muß davor erbleichen:            Färbt der Morgenwolken Saum            Purpurglut, die Sterne weichen            In den dunklen Weltenraum. Bleibt auch ihr, ihr Preußen, kraftbeständig, Laßt die Sonne euch ein Vorbild sein, Wahrt den jungen Waffenruhm lebendig, Nicht auf halbem Wege haltet ein;            Lehrt's den Zweifler und Verächter:            Ehre bleibt nicht kinderlos,            Rechte Tugend trägt Geschlechter            Neuer Tugenden im Schoß! Nimmer läßt des Himmels Haß und Tücke Stolze Reiche schmachvoll untergehn; Nirgend stand's im Buch der Weltgeschicke: Also nur, nicht anders soll's geschehn!            Winkt dem klaren Geist Vollbringen,            Scheitert blinder Unverstand;            So Gedeihen wie Mißlingen –            Beides liegt in unsrer Hand. Mannestaten ohnegleichen schichten Zu dem Bau des Reiches Stein auf Stein; Hört denn, Helden! Ehren, sie verpflichten: Hüter eures Werkes müßt ihr sein!            Rastlos, rastlos, Sturmgefieder!            Ist's zur Höh' auch nicht mehr weit.            Säumst du einmal, sinkst du nieder –            's ist das Los der Sterblichkeit! Doch vergeht auch nicht des höhren Ruhmes: Wie ihr im Triumphe aufwärts steigt, Krönt euch jede Zier des Menschentumes, Wenn ihr milden Sinn und Großmut zeigt!            Die bezwungnen Feinde sollen            Mehr denn eurem Mut im Streit            Eurer höhren Sittlichkeit            Ehrfurcht und Bewundrung zollen. Ein Mann wälzt mit Anspannung aller Kräfte einen schweren Steinblock bergaufwärts. So mahnt Friedlich die Preußen, nicht zu erlahmen, bevor sie den Gipfel ihrer Macht und Größe erreicht haben. Heldendenkmal Euch Schatten, Euch, Ihr unbesiegten Helden, Die manchen Gegner in den Sand gestreckt, Weih' ich dies Lied: es soll der Nachwelt melden, Wie Eure Mannheit sich mit Ruhm bedeckt. Entlockt' ich je der Leier holdes Tönen, Heut soll es Eure Heldengröße krönen! Unsterblichkeit soll mir den Griffel leihn: In bleibend Erz grab' ich die Namen ein; Bezeugen will ich's, wie voll Kampfesglut Den stolzen Kaiseradler Ihr bezwangt, In wieviel Schlachten Ihr den Übermut Der Feinde löwenmutig niederrangt. Erlauchte Söhne Albrechts, den Geschossen Des Feinds erlegen in dem Ehrenfeld: Wie Ihr gelebt, hat Euch der Tod gesellt Als Eures großen Ahnen würd'ge Sprossen, Der für das Vaterland in tiefster Not Dem Tode hundertfach die Stirne bot. Finck, Schulenburg – um Euch nicht minder fließen Die Tränen mir! Du braver Fitzgerald, War's mir bestimmt, Dein brechend Aug' zu schließen? Wieviel verhieß uns Deine Ruhmgestalt, Als Mars, auf Deine Taten voller Neid, Dich allzufrüh aus unsrer Mitte riß! Dem Tode haben viele sich geweiht In jenem Kampf, so lang und ungewiß! Doch unerschrocken, treu dem Vaterland Und unerschüttert hielten alle stand, Zum Trotz Eugens erprobten Veteranen, Die stets den Sieg geknüpft an ihre Fahnen, An denen Östreich keinen Halt mehr fand. Von Euch nun laßt mich, ruhmbedeckte Helden, In Preußens zweitem Siegesgange melden. Auch Euch, Ihr Tapfren, brachte nichts zum Wanken, Nicht der Verrat an Preußen, Bayern, Franken, Den Sachsen übte in geheimer Tücke, Als es des Bundes fromme Schwüre brach, Des Neides voll, erschreckt von unsrem Glücke. Da flüchtete sein Heer zur eignen Schmach, Uns Unheil sinnend; denn bedrohlich naht Der Lothringer der Elbe – doch mit Blut Gerötet wälzt zum Meer sich ihre Flut, Verkündend Eure ew'ge Ruhmestat. Du, liebster Rothenburg, dem Tod verfallen – Welch Bild des Schreckens! Daß ein Wunder werde, Fleht' um den Freund ich zu den Göttern allen, Und Mars rief Dich zurück auf diese Erde. Die Feinde spürten Deines Armes Wucht, Dein brechend Aug' erlabte ihre Flucht; Werdeck und Buddenbrock, sie setzten nach, Bis auf dem Todesfeld ihr Herze brach. Bald sammelt' Östreich in geschäft'gem Werben, Und hundert Völker schworen uns Verderben. Die Erde wimmelte von ihren Scharen; Schon nahten unterm Adler der Zäsaren Kroaten, Sachsen, Deutsche und Barbaren. Voll kecken Hoffens kamen sie zum Siegen Aus Böhmens Bergeswall herabgestiegen, Vom Wahn betört, sie hätten leichtes Spiel, Wir stünden schon mit unsrer Kraft am Ziel. Kaum dachten sie an Kampf, und übereilt Ward da im Geist die Beute schon verteilt! Welch edles Blut verrann an jenem Tag, Als Düring, Truchseß und Schwerin erlag! Ruhmvoller Tod, du warst des Neides wert! Doch sieh, was braust heran mit blankem Schwert? Dragoner sind's – Halbgöttern zu vergleichen, Von deren Wucht zersprengt die Feinde weichen; Gefangene und Fahnen ohne Zahl Sind ihrer Wundertaten Ehrenmal. Wie wenn die Wogen, aufgewühlt von Stürmen, Sich schäumend an dem Meeresstrande türmen – In ihrem Anprall brechen sie die Dämme, Entwurzeln Wälder, Haus und Hof versinkt, Das weite Land bedeckt ihr Flutgeschwemme, Das all die bleichen Flüchtenden verschlingt – So habt Ihr, stolze Helden, unbezwungen An diesem Ruhmestag den Sieg errungen! Doch, ach, Ihr Tapfren, in dem wilden Morden Ist überströmt von Blut der Lorbeer worden! Preußen, dein Heldenstamm wird nie vergehn, Wird in den Lagern phönixgleich erstehn Und in Gefahr sich ewig neugebären! Doch die Besiegten quält ihr Rachbegehren; In Böhmens finstren Bergesschluchten brüten Sie Listen aus; Verderben sinnt ihr Wüten; Doch nicht an Mut, an Zahl nur überlegen Sind sie: ihr arges Netz zerreißt der Degen. Du Wedell, ein Achill, Goltz, ein Ulyß – Mit Tränen netzt der Sieger Eure Gruft – Ihr überwandet jedes Hindernis! Trotz Feuerschlünden, trotz Gebirg und Kluft, Vulkanen und Gefahren ungeahnt, Durch zwanzig Völker, gegen Euch vereint, Habt Ihr Euch kühn den Siegesweg gebahnt! Doch welche neue Heldenschar erscheint? Sie hält die Wacht im Feld bei Schnee und Eis, Dem Lothringer zum Trotz, der uns erneut Zur Winterszeit mit Schwert und Brand bedräut. »Auf, nach Berlin! Das sei des Zuges Preis!« So ruft er: »Laßt es uns in Asche legen, Daß es, ein zweites Troja, untergeht! All seine Schirmer sind in blut'gen Schlägen Längst von des Todes Sense hingemäht. Ihr bestes Blut verrann; sie sind ermattet; Mit ihren Helden ward ihr Ruhm bestattet. Zur Rache! Auf! Die Stunde ist gekommen!« Kaum hat das Preußenheer dies Wort vernommen, Eilt es in edlem Zorn zu neuem Ringen, Und wieder schenkt Fortuna ihm Gelingen. Nicht Berge, Schluchten, Ströme nicht und Wald Im Sachsenland gebieten ihm ein Halt! Fest steht der Feind, von starkem Wall umtürmt, Natur und Kunst vereint sind zu bezwingen. Da werden Berge, eisumstarrt, gestürmt, Die Schwert und Feuer und der Tod beschirmt. Im Siegeslauf stürzt Bredow jählings nieder – Halt! grimmer Tod, gib uns den Tapfren wieder! Der stolzen Feinde Hoffen ist vernichtet; Auf Dresden ist die wilde Flucht gerichtet. Weh! Polenz, Rintorf, Kleist, die Ihr die Schlacht Für uns gewannt ums Opfer Eures Lebens: Wer hat das Mörderwerk an Euch vollbracht? Der Feind ist fort, sein Wüten war vergebens, Und Preußen triumphiert! Nicht Felsenwände, Nicht Eis und Schnee, der Feinde dichter Hauf Hielt unser Heer im Siegesdrange auf: Viktoria gab den Ruhm in seine Hände! Nun ruft die Heimat, die Euch dumpf betrauert, Ihr Retter, Euch zurück in heißem Sehnen, Und wie sie noch von Eurer Fährnis schauert, Netzt sie den blut'gen Lorbeerkranz mit Tränen. Ja, edle Schatten, diesen Schmerzensschrei Habt Ihr verdient, und Eurer Tugend sei Der heiße Dank, den wir Euch schulden, gleich! Seid so wie dieses heldische Geschlecht Und hegt die Ehre, einfach, rein und echt, Getreu der Pflicht, an hohen Taten reich! Für Haus und Herd trotzt Ehre der Gefahr, Und wer des Vaterlandes Retter war, Gilt Göttern gleich; sein schlichter Heldensinn Gibt für die Heimat gern sein Leben hin. So fiel Leonidas für Griechenland Und hielt im Paß der Thermopylen lange Der Welterobrer wildem Siegesdrange Mit einem Häuflein Todgeweihter stand. So ist auch Decius für Rom gefallen. Jedoch den höchsten Heldenruhm von allen, Ihr Preußensöhne, habt Ihr Euch erworben, Da ruhmvoll Ihr fürs Vaterland gestorben. Und Euer Name dauert in der Welt, Solange bis das letzte Leben endet, Solange wie vom hohen Himmelszelt Die Sonne ihre Strahlen niedersendet! Nach siegreicher Attacke bläst der Trompeter zum Sammeln. Epistel an d'Argens (23. September 1757) Mein Freund, mit mir ist's aus, der Würfel fiel; Zum Sterben müde steh' ich schon am Ziel: Genug der Wunden, die das Schicksal schlug, Genug der Leideslasten, die ich trug; Mutter Natur hat wohl noch manche Tage Mir zugedacht, Tage voll Not und Plage. Sie meint's zu gut! – Ich aber mag nicht mehr! Im Herzen Stille, schreit' ich freudig zu, Mit festem Blick, dem Ziel der großen Ruh, Der Friedensfreistatt, wo ich sicher wär'. Mich kostet's nicht ein Seufzen, nicht ein Beben, Der Parze, die da spinnt mein leidig Leben, Den Faden zwischen ihren Händen beiden, Eh' meine Spindel leer ward, zu durchschneiden. Atropos nickt. Hinab, der Ferge harrt: In seinem Nachen sind sie alle gleich, Der Fürst, der Hirte, keiner höherer Art. Auf tut sich mir des ewigen Friedens Reich. Fahrt hin, fahrt hin, Truglorbeer, Heldenkränze! Fürwahr, das heißt zu hohen Preis bezahlen, Damit dein Name noch der Nachwelt glänze: Vielleicht auf einen Augenblick bewundert Für vierzig Jahr der Mühsal und der Qualen, Nährst du der Gegner und der Hasser hundert! Wahnträume ihr der Größe, fahret hin! Ihr Lichtgebilde, kaum erglüht, Und schon erloschen und versprüht, Ihr blendet nimmer mir den Sinn. Den Werdenden im Lebensmorgenlicht Hat euer falscher Glanz betört; Da blühten Wünsche auf, töricht, vermessen – Der Wahrheit Schüler hat sie längst vergessen, Erkenntnisreife machte sie zunicht, Zeno hat Wert und Unwert mich gelehrt, Und längst hab' ich's gelernt, mich zu bescheiden, Den Giftpokal der Eitelkeit zu meiden. Auch ihr, der Liebe Seligkeiten, Fahrt hin, fahrt hin! Die ihr umschmeicheltet zuzeiten Den zärtlichen, verwöhnten Sinn; Du Reigen süßer Huldgestalten, Der Blumenketten um mich wand, Solang ich selbst im Lenze stand, Allzeit in Lust zu mir gehalten – Doch ach, gar bald mein Blühen schwand! Das leidige Alter stellt sich ein, Hinfällig, frostig, unerquicklich: Und von mir gingt ihr augenblicklich. Nun, Amor wird nicht allzu böse sein: Neun Lustren gingen hin, mein Herbst ist nah, Wie leicht sagt sich's Valet der Liebe da; Weiß ich doch selber kaum, wer von uns beiden Es eiliger hatt', vom anderen zu scheiden. Doch still, wohin Schweift noch dein Sinn! Was gilt mir alle Lust der Welt, Zum Tode traurig, wie ich bin? Wer mag, wenn ihn mit grimmen Fängen Ein Geier hält, Nach Philomeles Liebe fragen Und ihren zärtlichen Gesängen, Der Turteltaube Girrn und Klagen? Wie lange schon in diesen trüben Tagen Bringt jedes Morgenlicht mir neue Plagen, Wie lang rann mir kein Körnlein Mohnes nieder Aus Morpheus' karger Hand auf meine Lider. Den Morgen fragt mein Auge tränenschwer: Was kündet mir in seiner Wiederkehr Der junge Tagesschein als neue Not? Ich sprach zur Nacht: dein endlos Dunkel droht, Ins Endlose mein schlaflos Weh zu dehnen. Ich ward es müde, ewig nur zu schaun In diese Nacht von Mißgeschick und Graun Und immer nur dem Hasseswüten Verworfener die Brust zu bieten, Den Streichen ihrer Niedertracht. Ich hoffte auf die Segensmacht Der Zeit, die, säumig zwar und sacht, Ein freundlicheres Schicksal bringt; Dann weicht die Wetterwolkennacht, Der Sturm erschweigt, Und strahlend steigt Das Licht, das alles Grau durchdringt, An unsrem Lebenstag hinan. Dann ist die Erde wieder hold Und liegt in lautrem Sonnengold, Und bessre Tage brechen an! Wahn, mein geduldig Hoffen, Wahn! Ins Ungemeßne steigen, türmen Die Sorgen sich, es brüllt das Meer, Und unter wilden Donnerstürmen Blitzt das Verderben auf mich her. Umstarrt von Klippen allerwärts, Ein Wrack das Schiff, von Not und Tod An allen Enden nur bedroht; Still steht vor Graun das Seemannsherz: Wo ist ein Hafen, der uns rette, Wo eine letzte Zufluchtsstätte? Versiegt die Quelle, ausgeleert, Die meines Staates Glück genährt! Dahin die Palmen über mir, Verwelkt all meine Lorbeerzier! Soll ich, erschöpft und ausgegeben An Tränen, Seufzern, und zermürbt, Die Jammertage überleben, Da mir mein Vaterland verdirbt? Du Dienst der Pflichten, der mir heilig war, Nun wardst du überflüssig ganz und gar! Bin ich denn noch des Staats Verteidiger? Mein Arm sinkt nieder, müde und geschwächt, Mein Ruhm, mein Name bleiben ungerächt, Es triumphieren die Beleidiger; In Zukunft wird kein Mensch mehr davon sagen, Wie ich die Feinde einst aufs Haupt geschlagen. All meine Helden sind dahin, Hin jedes Siegestags Gewinn! Von Übermacht und Überzahl Erdrückt, erschlagen, Verlor ich alles – ja sogar Die Hoffnung, die mein Letztes war: Ich dürfte doch dereinst einmal In besseren Tagen All unsre Tempel wieder sehn Aus ihren Trümmern neu erstehn. Helden der Freiheit, die ich ehre, Catos und Brutus' hohe Manen, Ihr seid mir Vorbild, Trost und Lehre! Mit eurer Todesfackeln Brand Weist ihr mich hier die rechten Bahnen, Heraus aus Wahn und Unverstand, Den Weg, dem Pöbel unbekannt. Hat jedes Römers Herz in alten Tagen Höher als heut ein Königsherz geschlagen? Nein, einen König gibt's, der eisern hält An seinem guten Recht auch gegen eine Welt, Der anders als ein freier Mann Nicht leben oder sterben kann, Der nach der Satzung nicht der feigen, Vorurteilsvollen Menge fragt, Und der's wie jene Alten wagt, Erhabnen Römersinn zu zeigen. Wer hoffnungslos im Staube liegt, Sich der Tyrannenherrschaft fügt, Der Übermacht, die endlich siegt, Wird dem das Leben nicht Verbrechen, Tod zur Pflicht? Mich schreckt nicht das Phantom mit klapperndem Gebein; Das freudige Asyl sei mir der Sarg, Das aus des Schiffbruchs Graus und Pein Roms größte Söhne rettend barg. Bei dir, d'Argens, begreif ich's immerhin, Wenn dir dein Leben teuer ist: Ein stiller Lebenskünstler, der du bist, Der von Ambrosia lebt, da hat es Sinn: Schoßkind der Künste, stets gewiegt Von Melodien, stets umschmiegt Von Grazienanmut, Musenhuld. In schönem Gleichmaß flieht dein Leben, Maßvoll und ohne Ungeduld Ist all dein Wünschen und Bestreben; Und so gefeit Vor Furcht und Neid, Vor Herzeleid und Bitternis, In feingestimmtem Wechsel holder Freuden Hat deine Lebensweisheit hier euch beiden, Dir und der liebsten aller lieben Frauen, Verstanden, eine kleine Welt zu bauen, Darinnen sich's behaglich thronen ließ, Ein rechtes Müßiggängerparadies. Mich reißt der Wildstrom der Begebenheiten Hindann, wehrlos hindann. Mit muß ich, ungefragt, ob ich noch kann, Im Strudel ewiger Widerwärtigkeiten. Aufs Haupt geschlagen, rings umstellt, Unstet und flüchtig in der weiten Welt, Verraten von der Freunde Niedertracht – So frag' ich mich in meiner Harmesnacht: Ob wohl Prometheus so gebüßt In jener Welt, der all in seinem Leid Nur ein Gebild der wunderreichen Sage ist – Wie ich in dieser Welt und Wirklichkeit. Nun ist's genug. Wer tief im Kerker schmachtet, Verargst du's ihm, wenn er zum Lichte trachtet? Zu lang des rohen Schicksals Beute schon, Hat sich sein hoher Sinn emporgerafft, Der Wachsamkeit der Schergen lacht er Hohn Und bricht die Haft! So ich – das Wie, es soll mich wenig grämen! Die Bande, die unseligen, die so fein Und doch so zäh die freie Seele mein An diesen leidigen Leib hier, diesen Schemen, Zernagt von Kummer, allzu lange ketten – Ich breche sie, zur Freiheit mich zu retten! D'Argens, leb' wohl! Betracht' es und gestehe: Dies Bild ist wahr, und recht ist's, daß ich gehe. Doch denke nicht, daß aus dem großen Nichts Des Grabes ich mich eitel sehn', Im Schimmer des Verklärungslichts Neu zu erstehn. Nur eine Bitte sei dem Freund vergönnt, Das fleht mein Lied: Solang dir noch des Himmels Leuchte brennt, Wann längst ich schied, Von jedes neuen Lenzes Blütensegen Sollst einen vollen Strauß in Treue du Von Myrten und von Rosen niederlegen Da, wo ich ruh'. Ein Wagenlenker (Friedrich), der sein Gespann auf abschüssiger Bahn zu zügeln sucht. Antwort an Voltaire (9. Oktober 1757) Glaubt mir, wenn ich heut Voltaire, Herr des eignen Schicksals war', Sollte das Notwendige Mir vollauf genügen, Und das Glück, das unbeständige, Könnte mir entfliegen – Lachen würd' ich drob, wie er! Weiß ich doch an meinem Teile, Wie der Reiche Mißbrauch treibt Und die öde Langeweile Stets das Los des Großen bleibt; Kenne auch der Pflichten Bürde, Schmeichelreden ohne Würde. Wohlbekannt Ist mir all der eitle Tand, Der uns plagt im Fürstenstand. Nicht nach Ruhm steht mir der Sinn, Ob ich König auch und Dichter bin. Läßt mich erst der Schnitt der Parzenschere In das dunkle Schattenreich entschweben, Schiert mich da die zweifelhafte Ehre, Im Erinnrungstempel fortzuleben? Was sind tausend Jahr Geschichte neben Einem sel'gen Augenblick? Aber lächelt uns denn das Geschick? Holde Lust und sanfter Frieden, Frohsinn, schlicht und herzenswarm, Hat von je der Großen Prunk gemieden: Freigeboren, hat der holde Schwarm Stets der süßen Trägheit sich gesellt, Statt der Pflicht, die uns in Ketten hält. Also schuf das flüchtige Glück bis heut Mir noch nie den kleinsten Kummer: Ob es lockt und ob es dräut, Friedlich bleibt doch stets mein Schlummer, Und ich huldige ihm nicht. Aber jeder Stand hat seine Pflicht, Und wir müssen an dem Amt, dem schweren, Wenn es gilt, den ganzen Mut bewähren. Mag Voltaire in seiner Klause, Dort, wo Treue fromm und rein Goldner Zeiten noch zu Hause, Friedsam sich der Tugend weihn, Wie es Plato uns gebot – Ich, von Schiffbruch rings umdroht, Trotzen muß ich dem Verderben Muß als König denken, leben, sterben. Die lorbeergeschmückte Trompete – ein Sinnbild der Kriegspoesien des Könige. An Gottsched Was uns der Himmel zugedenkt, Gibt seine Hand mehr knauserig als reich. Mehr bleibt er schuldig, als er schenkt; Für jedes Volk ist seine Gunst fast gleich. Wenn Tiefe Englands Söhne ziert, Schmückt Anmut die Franzosen: Dem wird zuteil, was der verliert. Wir wandeln unsre Dornen stolz zu Rosen Und ziehn des Nachbars Gaben eigne vor. Mars, der einst Sparta sich zum Sitz erkor, Schuf dort berühmte Helden viel; Jedoch Athen, das sanfte, lieh sein Ohr Der Künste zartem, zaubervollem Spiel. Von Sparta erbten unsre tapfren Ahnen         Den alten Ruhm. Wie reich ist die Geschichte der Germanen         An Heldentum! Doch stets, fand auch ihr Herz, ihr kühnes, Den Weg zum Tempel Mnemosynes, Verwelkt' in ihrer Hand die Blumenzier, Mit der ihr Stolz Viktorias Stirne schmückt.         Du Schwan von Sachsen, Dir         Ist es allein geglückt, Natur, der kargen, Schönheit abzuringen. Du zwangest eine Sprache von Barbaren, An Lauten reich, die rauh und widrig waren, In Deinen Liedern lieblicher zu klingen. So füge denn mit Deinem Saitenspiel,         Getreu dem göttlichen Virgil, Zur Siegespalme, des Germanen Preis,         Apollos schönstes Lorbeerreis! Abschied an die Franzosen und die Reichsarmee (6. November 1757) Lebt wohl, ihr großen Helden, stolzgebläht, Die Könige zu zerschmettern ihr gedachtet, Hierher gesandt von Frankreichs Majestät, Die herrisch mich zu unterjochen trachtet. Lebt wohl, Turpin! Ihr, Broglie und Soubise! Und du auch, Sachse, dessen Heldentaten Wie einst am Timok krönte Frau Sottise, Obwohl ergraut, doch besser nicht beraten. Ach, welch ein Schauspiel voller Lust und Pracht Vermögen Heldenleiber zu bescheren, Wenn auf der Flucht vor unsrer Waffen Macht Sie ihres Rückens Anblick uns gewähren. Wer also sie gesehn, zag und erschreckt, Des Name ist mit ewigem Ruhm bedeckt. Erlaubt, daß ich euch im Vertrauen sage, Daß ich, nachdem so vieles mir mißglückte, Den schönen Lorbeer dieser Niederlage, Den ich bei der Begegnung mit euch pflückte, Verdanke eures Körpers schönstem Teil, Verdanke eurer Rückwärtskonzentrierung. Solange es der himmlischen Regierung Gefällt, mir solche Helden auf den Weg zu senden, O mögt ihr stets das Antlitz von mir wenden, Dem menschlichen Geschlecht zum Glück und Heil! Wer möcht' es wohl in Wahrheit glaubhaft finden, Daß wir just darauf unsern Ruhm begründen? Du siehst, zum Krieg nicht tüchtig noch geboren, Solch einen Körperteil, und das beweist, Wie es in blumenreicher Sprache heißt, Daß du Bellonas Auserwählter seist, Von Mars zum Lieblingssohn erkoren. O launenhaftes, närrisches Geschick, Entscheiden läßt du ihn der Staaten Glück! Kehrt er im wildesten Getümmel sich Ganz ungeheißen um und geht zurück, Dann läßt die Siegesgöttin uns im Stich; Bellona nützt geschwind den Augenblick, Um einen Thron zu brechen, zu zerschmettern, Der Trotz zu bieten schien den schlimmsten Wettern. Ihr Eintagshelden, wandert in die Fern', Ihr parfümierten und geleckten Herrn! Begrabt euch denn in eures Hauses Räumen; Dort mögt ihr von galanten Taten träumen! Ihr stolzen Pompadourschen Koryphäen, Wohlan, laßt eure Siegesbanner wehen – Nur mög' an andern Orten es geschehen. Doch soll ich euch, falls ihr den Haß bewahrt, Mit meinen Neidern brüderlich gepaart Auf dieser Kampfesstätte wiedersehen, Erwarte stets ich Gaben gleicher Art. Ich seh' euch, ruhmbedeckte Feldherrn, scheiden Aus diesem Land, wo euch Gefahren drohten, Von diesen Triften, diesen fetten Weiden – Mein letztes Lebewohl sei euch entboten Die nach der Schlacht bei Rotzbach flüchtenden Franzosen und Reichsvölker. Epistel an d'Alembert, als in Frankreich die Enzyklopädie verboten und seine Werke verbrannt wurden (Februar 1760) Ein Richterkreis in Stola und Soutane Hat Eure Schriften, hören wir, geächtet, Die uns ein Schlüssel sind zum Weltenplane. Mit dieser geistesschwachen Untat knechtet Er alle Wahrheitsforschung der Vernunft, Das dichterische Schaffen wird entrechtet. Hat Irrwahn, Irrtum, Dummheit – diese Zunft Von Richtern über das gesunde Denken. Denn in Paris jetzt seine Unterkunft? Darf sich so schamlos, um es zu beschränken, Der Haß, die Willkür einer Höllenbrut Dem Baal ergebner Pfaffen darauf lenken? So tobte einst der grausen Ahnen Wut: Bartholomäusnacht sank auf die Zinnen, Und ganz Paris ertrank in Bürgerblut. Barbaren, Ihr! Was wagt Ihr zu beginnen? Könnt Ihr, die unsrer Tage Schandfleck sind, Durch Blindheit wild, Euch nie darauf besinnen, Daß, was Ihr auch für frevle Ränke spinnt, Vernunft und Wahrheit doch dem Phönix gleichen. Der aus der Asche neuen Flug beginnt? Nicht alle Nebel aus den Irrlichtreichen – Synoden und Konzile auch genannt – Vermochten Galilei, abzuweichen Vom Wahrheitsweg; kein Scheiterhaufenbrand, Den Eure Folterknechte angerichtet, Kein Lärmen Eurer Lehrer war imstand, Daß Ihr den Gegner jemals ganz vernichtet. Was aber ließ Euch zu Verfolgern werden? Warum auf jene weisen Geister richtet Ihr Eure Wut mit krampfigen Gebärden – Sie, die im tiefsten Denken uns enthüllen Den rätselvollen, letzten Sinn der Erden? O Zeit! O Sitten! Meer von Frevelwillen! Ich rühre nicht an jenen Höllenschlund, Den Eures Irrwahns Fabelbilder füllen; Nichtswürdige, Euer Frevel macht Euch kund, Begünstigt doch selbst Gottes Stellvertreter Und Peters Erbe den Verschwörerbund: Scheusale portugiesischer Verräter, Auf deren feigen Anschlag ihren Stahl Zum Königsmord gezückt die Missetäter. Die Tat bezeugt es! Und der Erdenball Erbebte unter ihr, indes der Weise, Der sie vernimmt, nur seufzt in stiller Qual. Wie? Rom zieht schützend seiner Freistatt Kreise In diesem unterwürfigen Jahrhundert Um das Verbrechen? Gibt ihm Trank und Speise? Zu Aufruhr und zu Bürgermord ermuntert Ein Orden noch, des Stifter Ignaz war? Wagt Ihr's noch immer, fragt man sich verwundert, Entmenschte Christen, die mit Gift sogar Die Hostien zu tränken sich nicht scheuten, Und lügt, der Heide sei der Tugend bar? Belud er sich wie Ihr mit Grausamkeiten, Daß Ihr ihn jetzt verklagt der Barbarei? Wie viele mußten nicht zum Holzstoß schreiten, Bedenkt es wohl, durch Glaubenstyrannei! Nur Tugend fordert Gottes güt'ges Walten, Nicht Menschenblut und Opferangstgeschrei. Sah' Plato Euch die Siegesfeste halten, Erblickte er der Scheiterhaufen Pracht, Die schuldlos hingemordeten Gestalten – Er würde glauben, eine Höllenmacht Gebiete Euch, solch Opfer darzubringen. Wie lange noch währt diese Greuelnacht? Wie lang' noch wird der Glaube so geschändet? Von diesen tonsurierten Finsterlingen Wird soviel Wut und Rachgier aufgewendet, Die Weisheit und Vernunft ersticken sollen, Weil sie, Marktschreier falscher Frömmigkeit, Von Furcht ergriffen aller Wahrheit grollen. Die Schurken zittern in der Dunkelheit: Die schuldbefleckt des Himmels Sache führen, Schreckt jeder Strahl: er wäre ja bereit, Die Schande ihres Treibens aufzuspüren! Laßt weiter diese Geißeln unsrer Welt, Den Würmern gleich, den Schlamm zur Wohnung küren; Laßt diesen Dünkel, der zur Demut sich verstellt, Gebete leiernd stets die Weisheit schmähen! O d'Alembert! In Euer Sinnen gellt Ihr Toben nur wie ein Geschrei von Krähen, Das sich zuletzt als leerer Schall erweist. Ein Windhauch kommt und läßt ihn schnell verwehen. Dringt unentwegt mit Eurem hohen Geist Zu ehernen und ew'gen Wahrheitsgründen! Indes Ihr so bis zu den Sternen reist, Um ihr Geheimnis uns zu künden, Gebt Ihr die Feinde der Verachtung preis Und könnt Euch rein dem trüben Streit entwinden. Ob ihre Frechheit andre aufzustacheln weiß, Ob Euch der Schwachkopf vor die Schranken ladet, Ihr sollt, durch herrliches Geschick begnadet, Erleuchten fort und fort den Erdenkreis! Apollo im Kampfe mit einem Drachen: d'Alemberts Kampf gegen Aberglauben und Fanatismus. An die Verleumdung Wo ich wandle, wo ich schreite, Unentrinnbar mir gesellt Aus der Spuk- und Schattenwelt, Bleibt ein Unhold mir zur Seite; Mordgeschosse seine Blicke, Und aus frechem Schandmaul quillt Dem Gespenste bleich und wild Stromweis gallenbittre Tücke, 's ist ein körperloses Wesen; Nur durch Lüge, Niedertracht, Hinterlist und Lust am Bösen Wird dies Nichts zu einer Macht.         Du unbändig Kind des Neides! O, ich kenn' dich Feige gut: An der Gier und an der Wut, Nimmer satt des fremden Leides, Nimmer satt von Missetat         Und Verrat. Deine Werke von dir sprechen, Deine schamvergeßnen, frechen; Deine Nattern von dir zeugen, Die da Haß und Ingrimm säugen; Kenne deines Schleiers Hüllen, Der dein Haupt vermummt, den schrillen Mißton deiner Lugtrompeten, Wie sie in der Welt vonnöten Jedem ungerechten Willen. Deine Häßlichkeit verborgen Hinterm Trug staatsmänn'scher Sorgen, Hast du's frecher Stirn gewagt, Wider Könige geklagt. Und dein Haß hat wider mich Alle Höfe aufgehetzt: Welch ein Zorngeheul das jetzt In der ganzen Runde setzt –         Fürchterlich! So wardst du zu guter Letzt Seele aller Staatsminister, Machst den Herrn mit deinen kranken, Unheilvollen Nachtgedanken Ihre hellsten Tage düster. Und die schwirrende, behende Menschenrede trägt die Fracht Deiner Wut und Niedertracht Weiter bis ans Weltenende; Läßt vergiftet hinter sich Jedes Land, ob dem sie strich! Und Europa hungert drauf, Schnappt und schluckt den eklen Brodem, Famas giftig-brand'gen Odem, Lüstern stets nach Neuem, auf. Und die Welt, in Wahn versenkt, Den du selbst ihr eingetränkt, Nimmt für reine Wahrheit diesen Lug, als wär' er klar erwiesen. Doch dein Dolch, ob er dem Ruhme Wunden schlägt – dem Heldentume Wird er Wecker erst und Sporn! Manchen hat der Neid zuletzt Just zum Sieg hinangehetzt: Durch! Da hemmt nicht Busch und Dorn, Wunder tut der wackre Streiter – Sieh, so wird er ein Gefeiter, Ist dein Gift an ihm verlorn! Und des großen Namens Glanz, Du auf Größe so Erpichte, Strahlt nun erst im rechten Lichte, Und in Nacht versinkst du ganz. Darum darf mich niemand schelten, Blieb auch ich nicht unversehrt, Weil ja allem, was man ehrt, Deines Hasses Pfeile gelten – Wer, der deiner Tücke wehrt? Nicht Minerva mit dem Schrecken Der versteinernden Gorgone! Sei's der Zeit anheimgestellt, Deine Bosheit vor der Welt         Aufzudecken.         Der wird's ohne Alle Müh' dereinst gelingen, Neu zu Ehren uns zu bringen. Jetzt zu euch, heimtück'sche Brut, Die ihr, euch mit Bosheit nährend, An des Scheusals Brüsten ruht: Schreit nur! Mischt nur immerwährend Eurer Lügenstimmen Greul In ihr wüstes Wolfsgeheul – Eitles Mühn, so sinnentbehrend, Gleich als peitschtet ihr mit Ruten         Meeresfluten –         Keift nur zu! Fest im tiefsten Seelengrunde Lebt mir in der bangsten Stunde Unerschütterliche Ruh. Noch so sehr gefälscht, entstellt, Siegt zuletzt in dieser Welt Wahrheit über jeden Wahn:         Schließlich hat Selbst der große Apostat         Julian Seinen Anwalt noch gefunden. Hat der Haß sich überlebt, Sind die Hasser all zur Ruh, Neid und Eifersucht dazu Aus der Welt hinweggeschwunden,         Dann erhebt Sich die Tugend unverkümmert. Stets in neuem Ruhmeslichte         – Also lehrt's die Weltgeschichte – Echte Manneshoheit schimmert,         Und zunichte Wird das Neidwerk schnöder Wichte. Der Geist der Verleumdung und Zwietracht, der lächelnden Antlitzes sein Wesen treibt, in seinen Händen den Palmzweig und das weiße Friedensbanner trägt, um dessen Stange sich indessen, seine Natur kennzeichnend, eine giftige Natter ringelt. Ode an die Deutschen (29. März 1760) Ihr unsel'gen deutschen Stämme, stets in Bruderkampf entzweit, Ihr beseßnen Unruhgeister, seid dem Untergang geweiht! Ewig Wehgeschrei erschüttert eure Lüfte allerenden, Langer Kämpfe Schreckensmale euren Heimatboden schänden, Eure Fluren Wüsteneien, eure Städte Haufen Schuttes, Unter eurer Waffen Wüten rinnen Ströme roten Blutes;            Gottverflucht eure Triumphe!            Denn sie stürzen unser Land            Nur zurück in wüste, dumpfe            Barbarei, wo doch dem Sumpfe            Längst die Vorwelt sich entwand. Ach, ein Unhold aus der Hölle, Zwietracht mit den wutentflammten Funkelaugen, sie entfachte diesen Haß euch, den verdammten, Diese Mordlust, euch zerstörend ineinander zu verbeißen, Tempelschändrisch mit den Händen euch das Innre zu zerreißen, Daß der Himmel, der gerechte, tief beleidigt, nur mit Grauen Euren Totenfeiern leuchtend, so Unseliges mag schauen.            Ja, aus Furcht, sich zu beflecken,            Möcht' der reine Himmelsstrahl            Sich am liebsten ganz verstecken,            Wie vor jenem blut'gen Schrecken,            Da Thyestes hielt sein Mahl. Drunten in dem ewigen Abgrund, den kein Strahl von Reinheit lichtet, Wo der Haß in Schmutz und Wüstheit sich den Schreckensthron errichtet, Dort denkt man sich so gestaltet jene unbotmäß'gen Wesen, Stets mit frechem Aufruhr drohend, stets bereit zu allem Bösen, Stets bereit, obschon sie ew'ge Ohnmacht bannt, sich zu verschwören, Alle Ordnung dieser Schöpfung umzuwerfen, zu zerstören;            Ja, sie rotten sich und sprechen:            Auf, und laßt uns mit Gewalt            Alle Himmelsschranken brechen!            Kehr' denn wieder, uns zu rächen,            Du, des Chaos Ungestalt! Niederträchtige, ihr bangt wohl, daß von euren blut'gen Klingen, Rot von Bürgerblut, ein Tropfen könnt' auf rechten Boden springen, Daß aus solcher Saat erwüchsen neue Streiter, wohlbewährte, Aus der Art geschlagne Kinder, die die gleiche Mutter nährte; Darum, euch in Schuld und Frevel selber noch zu überbieten, Ruft ihr lieber in die Waffen fremde Söldner und Banditen!            Nun, sie sind schon bei der Hand,            Eure Helfer und Genossen,            Jeden festen Rechtsbestand            Uns im deutschen Reich und Land            Blindlings wütend umzustoßen! So hat Hellas einst die Flamme seiner Wildheit schlecht gehütet, Hat im Irrsinn seiner Ehrsucht wider eignes Fleisch gewütet, Hat in lauter Zwistigkeiten leer geblutet seine Adern, Bis dann beide, tief zerrüttet und erschöpft vom ew'gen Hadern, Das gebieterische Sparta und das herrische Athen, Schmählich an den Bund Achajas sahn ihr Zepter übergehn;            Was blieb von den freien Staaten.            Die vom Bürgerstreit zersetzt.            Ganz verblendet, schlimm beraten,            Von den Konsuln Roms zuletzt            Rettung aus der Not erbaten? Doch gar bald vor ihren Schirmherrn wurde ihnen angst und bange, Denn ein Joch ward ihre Hilfe – wer ertrüg' die Last noch lange? Ach, zu spät! Von allen Seiten starrten Beile der Liktoren, Und so lernten sie's mit Schrecken, lernten's fühlen, jene Toren, Daß sie sich, von zügellosen Leidenschaften irr geleitet, Statt des liebevollen Schutzes eine Zwingherrschaft bereitet.            Also büßten diese freien            Staaten durch den Neid allein,            Stete Eifersüchteleien            Und den Hader der Parteien            Schmählich Macht und Freiheit ein. Ist's was andres, wenn ihr heute, nur um das verhaßte Preußen Zu erdrücken, hier den Franzmann, dort den Schweden, da den Reußen, Den unbändigen Steppenwildling, in das Land gerufen habt Und den Boden, ihr Unseligen, drauf ihr steht, selbst untergrabt? Die verhängnisvolle Hilfe kommt euch teuer noch zu stehn: Unterworfne meint der stolze Eindringling in euch zu sehn!            Wartet nur, die schlimmen Horden            Kosten Tränen noch einmal!            Rühmt euch dann: aus West und Norden            Riefen wir sie her zum Morden,            Wir, wir schärften ihren Stahl! Warum nicht den Arm euch waffnen, wie in eurer Väter Tagen, Um den Hochmut starrer Gegner endlich auf das Haupt zu schlagen? An der Donau, an dem Rheine stolze Landerobrer sind's, Dort hat sich ihr Schwert erstritten manche blühende Provinz; Nachbarn sind's, die ständig drohen, die nach Händeln mit euch dürsten, Ew'ge Feinde eurer Freiheit, eurer Rechte, eurer Fürsten;            Nun, und ihr? Die Furien riefen            Eurem grimm'gen Aufgebot            Beifall aus den Höllentiefen,            Eure Mörderarme triefen            Edlen Bruderblutes rot! Schaut nach Flandern, seine Schanzen gilt's zu stürmen, zu gewinnen; Mit dem Ungarn Seit' an Seite legt in Asche Belgrads Zinnen! Muß beim Klange dieser Namen heißer nicht das Blut euch rollen? Denkt ihr nicht der blutgetränkten Ehrenfelder, wo den vollen Siegeskranz der edle Ritter Prinz Eugenius sich errungen, Der Bewunderte, der jeden seiner Gegner hat bezwungen?            Alles ruft bei solchem Wagen            Eurem Mute zu: Glückauf!            Alle Herzen mit euch schlagen,            Die um Deutschland Sorge tragen,            Folgen eurem Siegeslauf. Doch ich pred'ge tauben Ohren! Es verdrießt euch wohl gewaltig? Steht mir Rede, Unglückselige! – Doch sie schweigen hinterhaltig Schmählich sind sie abgefallen von dem Manneswort, dem alten, All ihr Freiheitssinn, von frecher Herrenfaust in Schach gehalten, Hat gelernt, die Stirn zu beugen, sich ins Sklavenlos zu finden, Unterm Fuße von Tyrannen sich zu schmiegen, sich zu winden!            Ja, sie lassen sich bedrücken            Ohne jede Gegenwehr!            Ihre Feigheit wird sich bücken,            Sich gewöhnen und sich schicken            In der Kettenlast Beschwer. Fort von hinnen, meine Preußen! Laßt den Wanderstab uns fassen Bleib' denn allen Kriegesnöten, allem Elend überlassen Dieses Land, wo alle Hirne eine böse Krankheit lähmt In der ganzen Blutsverwandtschaft, wo der Deutsche sich nicht schämt, Seine Schützer schnöd zu ächten, den Tyrannen zu gefallen, Seine Freiheit zu verraten, sich zu fühlen als Vasallen.            Kommt, wir wollen sie verlassen,            Nichts wird die Verderbten retten:            Hart wird ihr Tyrann sie fassen,            Die der Ehre ganz vergaßen,            Selbst sich schmiedend ihre Ketten! Nein, ihr tapfren Freunde! Hätte je so klein gehandelt Eine großgesinnte Seele? Ward sie einmal angewandelt Von des Kleinmuts niedrer Regung, stets noch blieb sie ihrer Herr! Trotzt dem Schicksal in das Auge! Und ist keine Rettung mehr, Laßt uns doch die Ehre retten! und die Götter, die gerechten, Des entweihten Friedens Rächer, werden uns zur Seite fechten.            Vorwärts, laßt die Zügel schießen,            Sturmgeschwader, meine raschen!            Unsre Feinde sollen's büßen,            Und ihr treulos Blut soll fließen,            Alle Schmach uns abzuwaschen. Seht die vielen Völker alle, die sich wider uns verschworen, Die vor dünkelhafter Ehrsucht völlig den Verstand verloren, Unverzagt nur, meine Helden! Trefft sie mit dem Wetterschlage Eures Zornes, eurer Hiebe, daß die Menschheit künft'ger Tage Diesem Sturmlauf ohnegleichen, diesem Sieg der Minderzahl Wider eine Welt von Neidern türm' ein bleibend Ehrenmal.            Rings von Not und Tod umgeben,            Denkt in eurem Rachefest,            Daß in diesem harten Leben            Ohne Kampf und Fährnis eben            Sich kein Ruhm gewinnen läßt. Der Königliche Dichter im Quartier. An Prinzessin Amalie (Mai 1760)          Zu meiner Schwester flieg' behende,          Nach Magdeburg, mein Lied, und sag',          Nun gehe bald der letzte Tag          Von ihrer dritten Flucht zu Ende. Die stolze Trias, die mich einst verfemt, Scheint zu verröcheln und wird zahm; das Heer Des Allerchristlichsten, besiegt, gelähmt,          Vom Rausch ernüchtert, sucht das Weite;          Nie werden seine Lilien mehr          Des Reiches Adlern wehn zur Seite.          Zwar nach dem Abfall dieser Horden Will unversöhnlich Ungarns Königin Aus Hochmut, Ehrsucht, Eigensinn, Vereinend mit der Herrscherin im Norden Die Eisenrüstung und den Eisenwillen,          Die Walstatt abermals mit Blut          Rot färben, um voll Tigerwut Des Todes nie gelöschten Durst zu stillen. Doch unser Flehn wird das Geschick erweichen; Ein Spiel der Wogen und der Sturmgewalt,          Wird unser schwankes Fahrzeug bald Auf glatter Bahn den sichern Port erreichen. Doch wieviel Mühsal kostet noch dies Jahr, Bevor am Glückstag, den wir heiß ersehnen, Der Friede freudenvoll auf immerdar Verscheuchen wird die Seufzer und die Tränen! Die Taube kehrt zur Arche zurück, ohne Land gefunden zu haben: die getäuschte Hoffnung des Königs auf baldigen Friedensschluß. Der Geiger (11. November 1761)          Ein großer Künstler, Herr Vacarmini,          Tartinis würdiger Schüler auf der Geige,          Durchzog die Welt, bald dort, bald hie,          Auf daß er seine Kunst ihr zeige          So kam er denn in seinem Wandern          Mit seiner Geige, seinem Spiel          Auch eines schönen Tags nach Flandern,          Wo er aufs äußerste gefiel. Man staunt ob seinen kühnen Griffen, lauscht Mit Lust den himmlisch tönenden Akkorden;          Mit einem Wort: man ist berauscht;          Solch Beifall ist ihm nie geworden. Einst spielt er seinem Hörerkreise vor Und endet unter donnerndem Applaus. Als seine Geige schweigt, da naht ein Tor Und spricht: er bäte eine Gunst sich aus. Der Meister fragt ihn freundlich, was es sei. »Löst eine Saite von dem Instrument;          Es bleiben dann noch ihrer drei: Ob Ihr die fehlende ersetzen könnt          Mit Eurer Fingerfertigkeit?«          Der Künstler drauf: »Was Ihr erdacht,          Ist neu; ich bin jedoch bereit.          So sei denn der Versuch gemacht.« Nun spielt er auf drei Saiten, zaubert Töne, Akkorde voller sanfter, holder Schöne.          Statt seine Neugier zu bezähmen,          Begehrt der Tor nun frank und frei,          Noch eine Saite fortzunehmen;          So blieben dann noch ihrer zwei. Der Künstler tat's, mit weniger Gelingen, Doch recht geschickt noch wußt' er's zu vollbringen.          Der Tor indessen jetzt gebot,          Daß er nur eine noch behielte Der Künstler hatte seine liebe Not, Als er mit Kunst ein Gassenliedchen spielte.          Da nimmt der törichte Patron          Die letzte Saite von der Fiedel:          »Noch eins gegeigt, mein lieber Sohn!          Wohlan, nun spiel uns noch ein Liedel!« Doch stumm das Instrument gab keinen Ton.          Ihr lieben Bürger, wenn's behagt,          Die Lehre nehmt aus der Geschicht',          Daß selbst die größte Kunst versagt          Wenn es an Mitteln ihr gebricht. Rede Catos von Atica an seine Freunde und seinen Sohn, bevor er sich den Tod gab (8. Dezember 1761) Des Unheils Maß ist voll! Sei, Tag, verflucht, Der dich, o Rom, bestimmt zu sichrem Falle! Ach, deine göttergleichen Taten alle, Der Helden Blut, des zähen Ringens Frucht, Die Weltmacht, die auf manch zerstörtem Thron Begründet ward von deinen tapferen Söhnen, Ja, deiner Mannheit, deiner Siege Lohn Soll eines Räubers Glück und Frevel krönen! Dein Sohn, entartet, aller Treue bar, Stößt dir ins Herz das Vatermörderschwert, Trifft mit dem Stahl, womit du ihn bewehrt, Die Feinde nicht – das Land, das ihn gebar! Zum Frevel nützt er seine hohen Gaben; Der Held in Gallien wird in Rom Despot. Die Freiheit hat er ruchlos untergraben; Aufsässig wider des Senats Gebot, Stürzt er den Staat und will ihn ganz verderben; Und alles wankt und fällt und geht in Scherben! Wir aber leben noch und sehn in aller Ruh, Ohnmächtig, diesem Greul zu steuern, zu. Roms Sache wollte Bürgersinn verfechten; Das Recht war unser, sein der Siegespreis: Dem Räuberschwert erlag der Erdenkreis. Mag er denn Catilinas Sippe knechten, Seines Triumphes würdige Genossen! O Blut, das auf Pharsalus' Flur geflossen! Der letzten Römer hochgesinnte Manen – Aus euren Gräbern tönt ein dumpfes Mahnen: »Verlaß, o Cato, die verhaßten Stätten, Wo Frevelmut die Freiheit wagt zu ketten! Unsel'ger Spielball unsres Bürgerzwistes, Ins Grab der Freiheit eile dich zu betten!« Ihr letzten Schirmer unsrer Rechte, wißt es: Cato folgt euren Rufen in den Tod! Doch gilt es erst, euch, Freunde, noch zu retten, Vom Strande, wo Karthago einst gebot, Vom Joch, mit dem euch Tyrannei bedroht; Dann stehen mir des Schicksals Wege offen! Auch du, mein Sohn, den ich, mein einzig Hoffen, Sterbend im Bannkreis des Tyrannen lasse – Flieh die entweihten Stätten, die ich hasse, Wo jenes Siegers gift'ger Odem weht Und sich des Zwingherrn ekler Dünkel bläht: Such' Obdach dir in einem beßren Lande, Wo frei du bleibst in dieser Zeit der Schande! Gedenke an den Tugendglanz der Väter, Doch soll dein frommer Sinn sich nicht empören: Dem Zorn der Götter weih' die Missetäter, Die unsern Staat und sein Gesetz zerstören. Und weine nicht, entflieht des Vaters Leben: Segne den Tag, der mich dem Gram entrückt! Vom Erdenstaube will ich hochbeglückt Empor zum Tempel unsrer Götter schweben. In jener Freistatt schenkt Gerechtigkeit Der Tugend Ruhm und höchste Seligkeit; Pompejus treff ich dort und Scipio an Und jeden Römer, der sich Ruhm gewann. Du, Cäsar, sollst mein Ende noch beneiden! Mein Leben krön' ich durch ein hehres Scheiden; Ein echter Römer, wähl' ich lieber Tod Als Leben unter deinem Machtgebot! Genug der Worte! Reicht mir nun mein Schwert! Noch hat es keinen Bürger Roms getötet: Mein Blut nur ist's, von dem sein Stahl errötet. Doch wie? Befolgt ihr nicht, was ich begehrt? Verschwört ihr euch? Was soll's der Heimlichkeiten? Ihr zagen Freunde, sprecht, was habt ihr vor? Mich hindern, selbst den Tod mir zu bereiten? 's gibt tausend Wege zu dem dunklen Tor; Frei stehn sie alle, und so will's mein Los. Wollt ihr den Freund, den Vater, waffenlos Dem Sieger liefern in die frechen Hände, Dem Brecher der Gesetze ihren Wächter, Den Freund der Republik ihrem Verächter, Daß Cato beim Triumph als Sklave ende? Das ist die Frucht von eurem blinden Tun! Verabscheut euren Wahn, denkt edler nun: Den Tod erträgt der Weise ohne Zagen; Lobt meine Tat und hütet euch zu klagen. Die Freunde und das Vaterland verderben – Ein Feigling überlebt's, der Held muß sterben. Cato, der sich aus Gram über das Schicksal seines Vaterlandes den Tod gegeben hat. Die beiden Hunde und der Mann (Februar 1762) Zwei große Köter, beide haßerfüllt, Ganz ausgehungert und voll Gier nach Beute, Zerfleischten sich um Speisereste wild, Die ein Bedienter auf die Straße streute. Man sah das Blut aus ihren Mäulern quellen, Fern an das Ohr der Straßengänger drang Ihr lautes Kläffen und ihr wütend Bellen. Da kommt ein grober Kerl des Wegs entlang: Er sieht sie kämpfen, nimmt den Stock zur Hand Und schwingt ihn über beiden kampfbereit, Dann prügelt er drauflos, von Wut entbrannt, Und schlägt sie windelweich, indes er schreit: »Vierbeiniges Gezücht, könnt ihr nicht hören, Könnt euch, ihr Biester, nicht von dannen scheren?« Da spricht, schon im Begriff davonzujagen, Voll Zorn der eine Köter: »Wilder Mann, Zwei wahre Helden sind's, die du geschlagen! Auf Erden hier – gedenke stets daran – Treibt jeder sein Geschäft, so gut er kann. Wenn aneinander sie im Streit geraten, Um Knochen kämpfen Hunde, ihr um Staaten.« Die bittre Not treibt Hunde in den Streit, Doch uns Chimären und die Eitelkeit. Grabschrift auf die Zarin Elisabeth († 5. Januar 1762) Hier Wanderer, liegt Messaline, Des Russen, des Kosaken Concubine. Als sie ihr Land erschöpft, suchte den Gatten, Zum Hades wandelnd, sie im Reich der Schatten. Ein Kapitel gegen die werten Herren Blutsauger, auf griechisch: Philokopros (1765) O dieses gräßliche Gesindel, Das Börsenspekulanten heißt! Spitzbuben mit dem Diebwerksbündel, Auswurf von eklem Höllengeist! Es überkommt uns schon ein Schwindel, Wenn man auf ihre Namen weist. Web' ich mit meiner Dichterspindel Das grobe Zeichen ab: Boué, Dann schreit gewiß Apollo: weh! Die Feder sträubt sich, den Kumpanen Der Satansbrut den Dienst zu leihn; Sie stockt und hält mit Schaudern ein, Gilt es die Namen Wurmb, van Sanen, Die ans Groteske uns gemahnen. Nun schaut sie selber an, die drei – Im Mummenschanz der Gaunerei, Die Helden in dem Reich der Zahlen! Wie sie mit plumper Pinselei Habgier und Wucher übermalen – Wie sie mich hier und dort bestahlen Durch Wechsel, Schuldscheinfopperei, Mit Quittungskram und kolossalen Bankrechnungen – Gott steh mir bei! Zu dem Geschäft mich herzugeben! Das dumme Zeug geht mir ans Leben! Ich magre ab, ich möcht' vergehn Bloß wegen dieser Kerle eben, Die abgefeimt nur danach streben, Daß ihre Kurse pari stehn. Ihr Schufte, schmutzig wie Chinesen Und noch verschmitzter, habt ihr mal Den Aristoteles gelesen? Wißt ihr, wer Locke und La Motte gewesen? Nein, dazu seid ihr viel zu schal – Die Geistesnahrung war' euch Qual. Die Wissenschaft geht in die Binsen, Und nur, wo's was zu rechnen gibt, Da seh' ich die Gesichter grinsen. Das einzige ist, was euch beliebt, Fünfzehn Prozent an Wucherzinsen. O welch ein lächerliches Los Ist uns Monarchen aufgezwungen! Man zieht sich solche Lumpen groß! Ihr Treiben schon ist sittenlos; Doch brauchen sie noch ihre Zungen, O welche Marter für mein Ohr! Noch eben waren mir erklungen Gesänge aus dem Dichterchor, Das Lied Homers, das uns begeistert, Das Lied Virgils, das Herzen meistert – Kaum steigt der Wunderborn empor, Wird er durch Pöbelschlamm verkleistert. Rasch flücht' ich mich zum Musenhain, Um froh beseligt nah zu sein Deinen neun Töchtern, Mnemosyne! Dort sog ich einst die Hoffnung ein, Daß mir des Ruhmes Lorbeer grüne. Die Sünden büßen will ich dort, Abschwören meine Frevelpläne! Und in dem Quell der Hippokrene Schwemm' ich den alten Unrat fort. Rein bad' ich mich an diesem Ort Von allem Schmutz und eklen Säften Aus den verruchten Geldgeschäften, Eh' meine Lebenskraft verdorrt. Ja, beim Permessus will ich schwören Und schwören, Gott Apoll, bei dir: Nie soll mich Plutus mehr betören, Nie wecken eine schnöde Gier! Das Gift, vom Leibe halt' ich's mir, Will nur aufs Wort der Musen hören, Mich laben an den Zauberchören In ihrem heiligen Revier! Ein Satyr, der drollig zu Merkur, dem Gott des Handels, zugestutzt ist, hat dem geflügelten Pegasus die Schlinge um das Bein geworfen und hindert damit die Phantasie des Königlichen Dichters, sich frei in lichte Höhen und zum Parnaß zu erheben. Die Pflicht zwingt Friedrich, sich trotz seiner Abneigung mit Finanzleuten und ihren Geldgeschäften zu befassen. Epistel über das Zuwenig und Zuviel an Frau von Morrien (März 1765) Du, die sie einst in meiner Jugend nannten, Den tollen kleinen Wirbelwind, Sprich, sollen Dir Uraniens Trabanten Hier, wo wir höfisch-höflich sind, Mit ihrem Zirkel regeln Weg und Ziel, Die Mitte von Zuwenig und Zuviel? Gedenk' der Zeit, da ohne Grübeleien Dein Leben nur von Spielen war ein Reihen, Da, ob des nächsten Tages unbekümmert, Dem hellen Heute Du vertraut. Du wußtest wohl, wohin Dein Auge schaut, Daß nur für Dich der Morgen schimmert Um volle Lust in stetigem Erneuen Wie Blumen Dir in Deine Hand zu streuen. Morrien, Du liebenswerte Kreatur, Wie warst Du klug in Frohsinn und Vergnügen! Wie schenkte unerschöpflich die Natur Dir das Talent zu reiner Freude nur, Die treulich jede Schranke ehrt Wie Zucht und Sitte sie gelehrt, Und dennoch schlürft die Lust in vollen Zügen! Welch Zauber aber hat Dich jetzt betört, Die Pfade Epikurs zu meiden, Um höchst vernünftig zu entscheiden, Wieviel auch wirklich ein Vergnügen wert? Glaub' mir, ein Irrtum, der uns hold umfängt, Ist besser als das trübe Licht, Das die Vernunft uns zur Erleuchtung schickt. Erkennst Du durch ihr Auge nicht, Das scharf durch alle Schleier bricht, Daß alle Dinge auf dem Erdenplan Nur Dunst, Verblendung sind und eitler Wahn? Wir alle huldigen hier auf Erden Der Illusion und ihrer Macht. Die reizendste soll unsre Freundin werden! Dann mag mit majestätischen Gebärden Die lästige Überlegung hoch von droben Erscheinen, ist die Tafel aufgehoben. Drum abgetan sei jedes Vorurteil! Meinst Du, es wäre nicht zu unsrem Heil, Wenn man die Lust, die unterwegs begegnet, Rasch als willkommne Beute segnet? Und schnell wird mir die Antwort nahn: Dein Diener ginge stets die rechte Bahn. So kehre heim zu Spiel und Lust und Lachen, Zu Deines Frühlings losem Übermut. Stets fröhlich sei Dein Lebensblut: Das ist der Rat, den Weise Dir vermachen. Und was zuwenig, was zuviel, Magst Du im Tempel Äskulaps erfragen. Dort wird des Gottes Priesterin Dir sagen: Zuwenig deucht uns in der Jugend Spiel, Zuviel uns Alles in des Alters Tagen. Das Rehkälbchen, das aus der Enge des mütterlichen Lagers fortstrebt, soll an Friedrichs Mahnung erinnern, daß Frau von Morrien zu den Freuden der Jugend zurückkehren möge. Verse des Windspiels Diana an die Prinzessin Elisabeth von Preußen (30. November 1767) Es soll ein Windspiel heute Ihnen Als leuchtendes Exempel dienen; Ein Pärchen brachte ich zur Welt, Das einem jeden, der's beschaut, Gleich seiner Mutter wohlgefällt, Denn es ist schön und gut gebaut. Ich bitte, daß Sie Pate stehn; Und soll auch in Erfüllung gehn, Was ich mir wünsche tausendfach, Schnell ahmen Sie mein Beispiel nach! Epistel auf meine Genesung (3. April 1770)          O hoffnungsvolle Stunden!          Glückseliges Gesunden!          Die böse Marterzeit          Des Siechtums ist geschwunden.          Nun fühl' ich mich befreit          Und jag' den Schmerz von dannen,          Den schrecklichen Tyrannen.          O sonnige Heiterkeit! Mich schienen hundert Dolche zu durchbohren, Ich gab mich an den Tartarus verloren, Und der Erinnyen bleicher Chor umstand Mein hartes Bett und hielt mich festgebannt Und folterte den schwachen Leib mit Qualen, Wie sie nicht schlimmer rohe Henkershand Für ihre Opfer grausam ausersehn.          Kaum hielt ich den brutalen Angriffen stand, ließ alle Greul geschehn Und lag wie ein bejammernswerter Schächer          Schon halb in Todeswehn.          Der Atem wurde schwächer, Jedwede Freude war von mir geflohn, Mir half kein Tröster und kein Segensprecher, In meine Hölle drang kein Mitleidston. An vierzehnmal stieg über Wall und Dächer Die Sonne und durchhuschte die Gemächer; An vierzehnmal umschleierte die Nacht Mit schwarzem Hang die goldne Sonnenpracht, Und Ruhe brachte mir kein Schlummerbecher. Die Augen irrten durch den dunkeln Raum, Mein Hirn durchtobten wilde Wahngedanken, Der Seele Gleichgewicht geriet ins Wanken,          Ich träumte bösen Traum! Ich sah, wie Charon schon anrudernd keuchte, Mich abzuholen, als ein braver Sohn Des Äskulap den lästigen Patron          Mit kluger Wehr verscheuchte.          Der kennt nicht die Gesundheit,          Der sie, ein lockrer Tor, Vergeudet in des Daseins lustiger Buntheit. Der schätzt sie erst, der sie einmal verlor. O Wonnetag! O Neugeburt der Seele!          Ich kehr', o Welt, zurück! Und wie ich mich zu neuer Hoffnung stähle, Genieß' ich reicher nun das Erdenglück.          Und wie ich dann erstarke,          Kraft fühl' im frischen Marke, Mein nächstes Ziel, o hehre Kunst, bist du!          Ich steure meine Barke Stolz deinen göttlichen Gefilden zu!          Apolls Begleiterinnen,          Ihr Holden, laßt mich ein,          Begnadet mein Beginnen!          Sanft soll die Weise sein:          Nicht von erhöhten Zinnen Bejubeln soll mein Lied das Morgenrot,          Das hell am Himmel loht: Begleiten soll mein Sang mit zarten Sinnen Des scheidenden Gestirnes Flammentod.          Wir malen nur die Bilder,          Die unser Herz erschaut:          Als mir der Lenz getaut, Schlug ich die Leier feuriger und wilder. Jetzt aber, längst ergraut, rühr' ich sie milder,          Gedämpft in Sorg und Leid. So ist's! Ein jedes Ding hat seine Zeit. Nur soll man nicht trübselig Grillen fangen!          Das Leben fuhrt nicht weit.          Wo froh ein Tag vergangen,          Bleibt keine Bitterkeit, Und man vergesse unter Spiel und Lachen          Charon und seinen Nachen.          O süßer Träume Wahn,          Auf meiner Erdenbahn          Laß noch ein Blümchen sprießen! Und Freudentränen sollen mir noch fließen,          Steig' ich in Charons Kahn. Kein Schreck wird meiner Seele angetan, Wenn ich mit philosophischem Beharren Des Lebenswinters drohendem Orkan Entgegenzieh' und fühl' mein Herz erstarren.          Und soll's ein Ende sein,          Ich schaue furchtlos drein          Und tausch' für Leid und Bürden          Und Trug und eitle Würden          Die ewige Ruhe ein! Schloß Sanssouci mit der historischen Mühle. An meine Schwester Amalie unter ihrem Fenster in der Nacht, als ich nach Schlesien abreiste (August 1772)          O Schlaf, du Vater süßer Ruh,          Du Neudurchkrafter der erschöpften Glieder, Dein mohnschwer Füllhorn halt nicht länger zu, Ergieß es auf der Schwester teure Lider.          Laß gaukeln um ihr Lager her          Die angenehmsten Traumesszenen, Daß träumend sie vernimmt das Stimmenmeer Der Nymphenschar Apolls, der lieblichen Sirenen,          Wie sie zu wunderbaren Klängen,          Im Chorgesang, im stilgerechten,          Die Skalen durcheinanderflechten,          Durchwirkt von köstlichen Gesängen          Voll Harmonie und edler Kunst.          Daß keines bösen Traums Bedrängen Ihr Blut aus der gewohnten Wallung bringe.          Daß ihr Gesundheit, wacht sie auf,          Und Frohmut, mit vermählter Gunst,          Ihr Wesen wonniglich beschwinge, Bis daß der Tag vollendet seinen Lauf.          Mich, Teure, vom Geschick geplagt, Ruhlos in Arbeit, ruhlos hin und her gejagt, Geübt, mich ohne Ende abzumatten, Erfreut's, wenn Morpheus mir noch mehr der Ruh versagt,          Will er sie Dir dafür erstatten,          Wird mein Verlust so Dein Gewinn, Empfängt mein Wachen und mein Sorgen Wert und Sinn.          So sei denn Dir in Deinem Frieden,          Dem Weltlärm fern, von Mißmut frei,          Der Seele Ruhe stets beschieden, Gesegnet sei Dein Tag, wie Deine Nacht es sei,          Und ein Gedanke schwebe stets herbei:          Daß, liebe Schwester, nie und nirgends ich          Ob ich zu Deinen Knieen, ob Dir ferne,          Der Zärtlichkeit mich zu entwöhnen lerne,          Die mich bis an mein Grab erfüllt für Dich. An Voltaire (19. März 1771) Wie sind Dir Anmut noch und Feuer eigen, Dein Abend überglänzt Dein Morgenrot. Sonst heißt das Alter unsre Sinne schweigen; Lust, Reize, Gaben raubt sein Machtgebot. Doch Deine Stimme blieb so leis und weich, Zum Grimm der Toren, selbst im Greisenalter, Und Voltaires Geist, obwohl an Wintern reich, Ist leicht beschwingt noch wie ein Maienfalter. An Fräulein von Knesebeck nach ihrem kühnen Sprung aus dem Wagen, während die Pferde durchgingen (März 1773) Wer hätt's gedacht, daß ich auf meiner Laute (Sie klingt mitunter ziemlich stümperhaft!) Mit Pindar je zu messen mich getraute Zum Lobe preußischer Heroenschaft – Nicht etwa, wie sie Feinde stürzt und Throne, Nein! wie durch eine edle Amazone Sie Reiz und Anmut eint mit Heldenkraft! Jüngst fuhr die Knesebeck im Galawagen, Dem Lärm und Dunst der Großstadt zu entfliehn, An einem von den ersten Frühlingstagen, Da wieder warm und hell die Sonne schien, Zu ihrer Lunge freierem Behagen Spazieren nach dem Wildpark vor Berlin. Kaum hat sie hinter sich den Wagentroß, Scheut ihr Gespann – dem des Hippolytos An Wildheit gleich –, so daß nach wenig Schritten Die Zügel aus des Lenkers Händen glitten. Kein Drachenwurm mit heißen Flammennüstern, Im Schuppenpanzer, grimm und beutelüstern, Trieb etwa jäh die Gäule an – Ein winziger Zufall nur war schuld daran. Sofort sah unsre Heldin klar: Hier ist ein rasches Handeln nur geboten, Um abzuwenden tödliche Gefahr. Die Spree lag vor ihr, und die Wellen drohten. Wer denkt nicht an den Helden Prinz Eugen? Halb Belgrad lag in Trümmer schon geschossen, Zum Sturme sollt' es auf die Festung gehn, Da wird er von den Türken eingeschlossen! Er wahrt mit höchstem Mut die Waffenehre, Stürzt ohne Zögern und mit voller Wucht Sich auf die Übermacht der Türkenheere Und schlägt sie blutig in die Flucht. Ganz so verfährt die tapfre Knesebeck! So manche wäre unter heftigem Pochen Des Herzens feig in Tränen ausgebrochen. Sie aber, ohne Spur von Schreck Und ohne einen Augenblick die Lehre Vom Gleichgewichte zu vergessen, springt, Als ob es täglich ihre Übung wäre, Herunter vom Gefährt – der Sprung gelingt, Indes die wilden Renner mit dem Wagen In jäher Flucht von dannen jagen. Wie schade, daß für all den Ruhm, Den wohl verdient so seltnes Heldentum, Es uns an edler Sangeskunst gebricht. Und daß das Spreeland leider nicht Uns Dichter zeugte wie das Land am Po! Manch einen Helden schon vergaß man so! Und manch Begebnis mußte längst verblassen, Hätt' es ein Dichter nicht erinnerungsfroh In schönen Versen neu erblühen lassen. Held Alexander lebt in aller Munde, Was jener andre kaum erhoffen darf, Der groß wie er, waghalsiger im Grunde, Allein ganz Asien unterwarf. Warum blieb Tamerlan so unbekannt? Nur, weil in der Levante sich bisher Kein Quintus Curtius, kein Homer Zu seines Heldenruhms Verbreitung fand. Und muß ich schmerzlich auch beklagen, Daß meiner Muse leider nie Der Gott der Dichtkunst seine Gnade lieh, So kann ich's doch mir nicht versagen, Die Wahrheit in die Welt zu tragen: Daß Frauen auch in Preußen Lob und Ruhm, Und oft in höherm Maß, verdienen, Als, allzu rasch begeistert, ihnen Zuschrieb das sehr geschwätzige Altertum. Mir gilt die Kunst Homers als unerreichbar, Und doch ist, so behaupt' ich keck, Penthesilea nicht vergleichbar Mit unsrer edlen, tapfern Knesebeck. Fräulein von Knesebeck rettet sich mit kühnem Sprung aus dem Wagen, dessen Pferde durchgehen. Ewige Jugend An Voltaire (29. Februar 1773) So jugendfrisch ist Deine Schaffenskraft! Das ist kein Greis, der solche Werke schafft. Im Auszug schicke mir Dein Taufregister, Und dennoch glaube ich nicht Deinem Priester;          Denn wer ihm glaubt, ist nicht gescheit.          Du hast – vielleicht in Heimlichkeit,          Und doch geschah's auf alle Fälle –          Getrunken aus des Jungborns Quelle! Die Helden alle nimm hinieden: So ernst sie nach dem Preis gestrebt, So heiß sie um den Ruhm geworben – Nicht einem war, wie Dir, beschieden: Unsterblichkeit, da sie gelebt, Unsterblichkeit, als sie gestorben. Der Esel und die Nachtigall Eine Fabel Ein Esel ging jüngst in den Wald zur Weide, Da tönte durch die Stille süß und bang Der Philomele Lenz- und Liebesgesang, Drob schwoll sein Herz vor Staunen und vor Neide. Der Esel meint', er könnt' noch schöner singen, Und allsobald erklang sein rauh Organ; Denn alles, selbst der Esel, neigt zum Wahn. Wie konnt' das Unterfangen ihm gelingen? Er schreit, daß alles flugs von dannen läuft.          Ihr kleinen Geister, nehmt's zur Lehre:          Bescheiden bleibt in eurer Sphäre, Auf daß man euch mit Spott nicht überhäuft. Dichter und Feldherr An Voltaire (12. Februar 1775) In ihrem Frühling lebt die Muse, die dich leitet, Auf ihrer tausend Blüten frische Pracht Hat noch der Winter nicht das weiße Tuch gebreitet, Das aus den Schläfern blasse Toten macht. Die meine aber floh, gebückt vom Druck der Jahre, Statt ihrer geht der Kriegsgott neben mir Und gibt mir statt der Lieder die Fanfare, Und gibt mir statt der Leier das Panier. In deine Adern gießt Apollos Strahlensonne Jahraus, jahrein die gleiche goldne Glut, Jahraus, jahrein füllt er mit Feuerwonne Dein ewig junges, heißes Dichterblut. Mir aber nahm das heiß-geniale Feuer, Das einst Prometheus aus dem Himmel stahl, Der harte Mars, und plötzlich: Ungeheuer Verödet steht die Welt und kalt und kahl! Dich hebt dein Genius auf des Parnasses Höhen, Und in der Dichter feierlichem Kreis Wirst du in ew'ger Jugend selig stehen Und teilen mit Homer das grüne Lorbeerreis. Mich aber trieb zu blutigeren Reisern Ein, ach, so töricht-blinder Jugendwahn, Gern glich ich großen Königen und Kaisern, Doch vor der Zeit seh' ich das Alter nahn. Du schlägst den Irrtum tot mit deinem Witze, Du weckst zum Leben auf durch dein Gedicht – Viel tausend Menschen töten der Kanonen Blitze, Doch Leben spenden, nein, das kann ich nicht! Soldat im Frieden bin ich; mir entgleitet Der Ruhm wie ein verschlißner Hermelin, Und trüber Rost die Klinge überbreitet, Die einst so hell durch ganz Europa schien! Rückblick Epistel an d'Alembert (22. Oktober 1776) Die Zeit, mein d'Alembert, befreit den Sinn Von allem Trug, enthüllt den Menschenwahn. Die schönen Tage sind für mich dahin, Wo voller Freuden noch die Lebensbahn. Das Alter kam; ich blicke kalt und klar; Längst ließ ich schon den Dienst der Venus ruhn; Umsonst ruft Epikur und seine Schar. Von Vorurteilen war ich einst umsponnen – Sie sind bei reifendem Verstand zerronnen, Und insgeheim errötend, denk' ich nun Des Selbstbetrugs, dem ich zum Opfer fiel. Als ich den Thron bestieg, ward ich ein Raub Der Ehrsucht: ew'ger Nachruhm war mein Ziel. Ich dachte nicht ans blöde Volk im Staub, Das Lob und Tadel ohne Wahl verstreut, Des feiler Weihrauch nur die Toren freut, Unwert, daß man so heiß danach begehrt Arbeit und Sorge hat an mir gezehrt; Uranien dienend, buhlt' ich um Bellonen; Mein Geist, der rastlos neue Pläne reifte Und in der Zukunft dunkle Fernen schweifte – Er wollte nur der eignen Unrast fronen! Die Kunst des Herrschens strebt' ich zu erringen; Denn fest hielt mich der Wahn gebannt, Der Geist vermöchte, rastlos angespannt, Durch Rechenkunst das Schicksal selbst zu zwingen – Allein was ist der Mensch und sein Verstand? Ein Nichts kann unser Stückwerk flugs vernichten; Des Schicksals unabänderliches Walten Beschämt der Menschen Stolz und all ihr Dichten. Die Würde selbst, die Macht, nach der die Fürsten Die blöden, die sie schon in Händen halten, Nur doppelt unersättlich dürsten, Als müßten in gesichertem Genießen Ströme von Glück und Wollust sie umfließen – Auch diese Würde ändert nichts daran: Sie sind nur Sklaven in des Schicksals Bann. Der alte König auf der Rampe am Potsdamer Stadtschloß. Lebensabend (1777) Da sitzt er nun, der alte Mann, Phlegmatisch, schweigsam, herzenskalt; Fängt er einmal zu sprechen an, So gähnt ein jeder Hörer bald; Statt launiger Rede, die ein Gran Attischen Salzes leidlich würzte, In guten Tagen dann und wann Die Stunden angenehm verkürzte, Gibt's heute nichts als Politik Und dunkelste Metaphysik; So langweilig hört sich das an Wie irgend ein moderner Roman. Luftsprünge früher, heut schleicht das an Krücken, Einst Kraft und Leben, heut Lumpen und Flicken! Ach Gott, so ändern sich die Zeiten! Als wenn der milde Zephyrus Die Herrschaft in des Luftreichs Weiten Dem Nordwind überlassen muß. Nun ist's wie Sterben in der Welt: So welk und öde liegt das Feld, Der Baum steht da von Blättern bloß, Der Garten kahl und blütenlos. So spürt der Mensch mit leisem Beben Die Hand der Zeit an seinem Leben. Die Jugend geht im Irrtum dahin; Kaum lernt man erkennen, kaum schärft sich der Sinn, Da kommt die Mühsal, da kommen die Leiden, Und es dauert nicht lange, da heißt es scheiden. Die Gruft König Friedrichs in der Garnisonkirche zu Potsdam. Das Dasein Gottes Unde? Ubi? Quo? Wo kam ich her? Wo bin ich? Wohin geh' ich? Montaigne sagt, was weiß ich? was versteh' ich? Jeder Gelehrte, wenn wir ihn befragen, Kann frei von Eitelkeit nichts weiter sagen. Von wo aus säh' ich auch die Dinge scharf, Ich, den das Gestern in das Weltall warf, Ein Wesen, das der Zufall nur gebar? Ein Etwas ist, wie es von jeher war: Sein muß es, wär' es Körper oder Geist: Das ist das einz'ge, was sich klar erweist. Ich armes Wesen, wenn auch eng beschränkt, Erstaunt von allem und vor allem blind, Bin etwas doch, das fühlt und will und denkt Und sich ein Ziel setzt, was es auch beginnt. Und der Allmächtige, der diese Welt Und mich erschuf und alles rege hält, Der sollte keinen Zweck und Willen haben? Er könnte mich mit Geisteskraft begaben Und sollte selbst vernunftlos sein? Jedoch ihr fragt, ob Pest und Kriegespein, Die Leiden all in Leibern und in Seelen, Ob Durst und Hunger, Gicht und Stein, Der Menschheit Henker, die uns grausam quälen, Ob Hagel, Donnerschläge und Orkane, Zahllose Gifte und der Erde Beben, Taifune, Wirbelstürme und Vulkane Ein Vater seinen Kindern zum Geschenk gegeben? Du solltest nicht die Weisheit Gottes zeihn, Hochmüt'ger Mensch, rebellisches Atom: Sieh deines eignen Geistes Schwäche ein! Der Ew'ge hat durch diesen Damm den Strom Vorwitz'ger Neugier in sein Bett gebannt. Er wollte wohl durch solche Finsternisse Beschämen deinen herrischen Verstand, Der, weil er einen schwachen Lichtschein fand, Wähnt, daß sich alle Wahrheit ihm erschließe. Du meinst, es fehle dir zu deinem Glück, Daß Gott vor deinem trüben Menschenblick Enthüllt den ganzen weiten Weltenbau? Damit sein Ratschluß deinen Beifall fände, Heischst du von ihm die Überschau Von aller Dinge Ziel und Ende. Woher das Übel? Wie ich es auch wende, Sein Ursprung bleibt mir immer schleierhaft. Das eine nur ergibt sich, daß mein Geist In seiner engumschränkten Sphäre kreist. Doch anzunehmen, daß die blinde Kraft, Der Stoff, der Ursprung aller Dinge sei, Ist widersinnig, eitle Deutelei. Sinnlos ist eins, das andre unerklärlich, Zwei Klippen starren, beide gleich gefährlich. Da gilt die Wahl: Sinnloses gibt es schwerlich; Drum wend' ich selber mich zum Dunkeln hin Und überlasse euch den Widersinn. Totengespräch zwischen Prinz Eugen, Lord Marlborough und Fürst Liechtenstein (1773) Marlborough : Charon wird nächstens verhungern; kein Mensch setzt mehr auf seinem Kahn über. Seit einigen Tagen haben wir keine Post mehr von der anderen Welt bekommen. Wenn das so weiter geht, wissen wir nicht mehr, was dort vorgeht: das wäre sehr schade. Eugen : Nicht alle Verstorbenen kommen in die seligen Gefilde, die wir bewohnen; viele gehen in den Tartarus. Und dann wird die Erde nicht immer von Seuche, Pest und Hungersnot heimgesucht. Gedulden Sie sich, es werden schon noch welche kommen. Marlborough : Die Engländer erhängen sich mit Vorliebe in der späten Jahreszeit, trotzdem sehe ich keinen nahen. Vielleicht ist unseren Landsleuten durch Parlamentsbill verboten, sich aufzuknüpfen. Eugen : Sie haben kürzlich Lord Chesterfield bekommen, dürfen sich also nicht beklagen. Und ich meinen Verwandten, den König von Sardinien. Man stirbt nicht alle Tage. Lassen wir die Leute leben, damit sie Zeit finden, das Knäuel der Torheiten abzuhaspeln, das sie vor ihrem Tode beendet haben müssen. Doch mir ist, als sähe ich einen Schatten. Marlborough : Ja, es ist ein Ankömmling; er schreitet auf uns zu. Eugen : Ich glaube ihn zu erkennen. Sind Sie nicht Fürst Wenzel Liechtenstein? Liechtenstein : Ja, ich bin's. Ein recht schmerzhafter Tod entriß mich soeben meiner Familie, meinen großen Besitzungen, meinen Ehren und Würden. Eugen : Das ist das Los aller Menschen. Aber da Sie aus der Ferne kommen, so bezahlen Sie Ihre Eintrittskarte und erzählen Sie uns das Neueste, was sich in Ihrem Lande zugetragen hat. Liechtenstein : Das ist viel. Alles ist verändert. Die Vergangenheit ist durch die Gegenwart ausgelöscht. Sie würden Europa nicht wiedererkennen; man hat in allen Dingen Fortschritte gemacht. Eugen : Ich würde Europa nicht wiedererkennen? Sicherlich hat das Kaiserhaus, dessen Macht ich vergrößerte, ja befestigte, große Fortschritte gemacht und ist seit meiner Zeit ungleich mächtiger geworden. Liechtenstein : Das gerade nicht; denn seit Ihrem Tode haben uns die Türken, Preußen und Franzosen geschlagen, und wir haben ein halbes Dutzend Provinzen verloren; doch sind das Bagatellen. Eugen : Ich begreife Sie nicht. Wenn Sie soviel verloren, was für Fortschritte konnten Sie dann machen? Liechtenstein : Wir haben unsere Finanzen vervollkommnet. Mit dem Rest der Provinzen, die uns verblieben sind, haben wir mehr Einnahmen als Karl VI. je mit dem Königreich Neapel, der Lombardei, Serbien, Schlesien und Belgrad. Was das Heerwesen betrifft, so unterhalten wir jetzt 160 000 Mann; soviel konnten Sie zu Ihrer Zeit nicht besolden. Ich für mein Teil habe an der Artillerie gearbeitet. Ich gab 300 000 Taler aus meinem Vermögen hin, um sie in guten Stand zu setzen. Und so rückt denn keine Armee mehr ins Feld, ohne mindestens 400 Kanonen mitzunehmen. Sie verstanden nichts von diesem Gebrauch unserer Artillerie, der unsere Lager zu Festungen macht. Sie hatten kaum 30 Geschütze bei Ihrer Armee. Eugen : Allerdings. Aber mit diesen paar Kanonen schlug ich den Feind und ließ mich nicht schlagen. Liechtenstein : Man kann geschlagen werden. Das sind kleine Unglücksfälle, die einem Ehrenmann begegnen können. Eugen : Ja, aber nicht durch seine Schuld. Liechtenstein : O, wissen Sie, man urteilt heute weit besser als ehedem. Unser Verstand ist rein mathematisch geworden und fast unfehlbar. Doch ich wage Ihnen nicht zu sagen, was für Urteile man heute fällt. Eugen : Sagen Sie's nur dreist. Obschon wir tot sind, können Sie uns doch noch belehren. Liechtenstein : Da Sie's wollen, vernehmen Sie denn: die Welt hat den Ruhm des Feldmarschalls Daun, obschon er oft geschlagen wurde, so hoch gestellt, daß er den Ihren völlig verschattet. Marlborough : Sind Sie am hitzigen Fieber gestorben und reden Sie noch im Delirium? Ich werde nie glauben, das Andenken Eugens könnte derart herabgesetzt werden, daß man einen geschlagenen Daun über den Helden stellt, der mehr Kaiser war als Karl VI., der weise Feldzugspläne entwarf, der allein durch das Ansehen seines großen Namens die nötigen Summen aufbrachte, um die Truppen mobil zu machen, der dann selbst seine Pläne ausführte, den Feind schlug und weite Provinzen eroberte. Liechtenstein : Ich habe kein hitziges Fieber; die Welt ist im Delirium. Sie wirft dem Prinzen Eugen vor, er habe dem Hofkriegsrat keine ausführlichen Bericht über seine Erfolge zu geben vermocht. Marlborough (zu Eugen): Man beschuldigt Sie, kein guter Schreiber gewesen zu sein. Ich glaubte, es kennzeichne die Helden, daß sie große Taten vollbringen und den Müßiggängern die Sorge überlassen, ihre Einzelheiten zusammenzutragen. Eugen : Fürwahr, ich habe mich wohl gehütet, ausführliche Berichte zu geben. Genug, daß ich die Ergebnisse meiner Operationen meinen Feinden mitteilte, die sämtlich in jenem Kriegsrat saßen. Hätte ich noch lakonischer zu schreiben vermocht, meine Feldzüge wären noch erfolgreicher gewesen. Marlborough : Genau so hielt ich's mit Königin Anna und ihrem Parlament. Unsere Gebieter waren reine Gliederpuppen. Es reichte völlig hin, sie über die Ergebnisse unserer Operationen kurz und bündig zu unterrichten. Sie konnten weder unsere Absichten und Pläne beurteilen noch die Gründe, weshalb wir lieber dies als jenes taten. Liechtenstein : Es ist ja auch nicht meine Meinung; ich vermelde Ihnen nur die Denkweise des Publikums, ich bin lediglich Berichterstatter. Doch, Mylord, Sie sind in der gleichen Lage wie Prinz Eugen . Ich fürchte sehr, Sie aufzubringen, wenn ich Ihnen sage, wie man in England denkt. Marlborough : Nur heraus mit der Sprache! Nach dem eben Gehörten wundert mich nichts mehr. Liechtenstein : Ich gestehe Ihnen also errötend, daß Leute, die nicht wissen, was eine Kompagnie ist, geschweige denn ein Bataillon, die Behauptung wagen, Sie wären kein großer Feldherr, sondern dankten Ihren ganzen Ruf dem General Cadogan. Sie wären nicht sowohl ein großer Feldherr als ein schlauer Diplomat, verstünden alle Hebel der Intrigue in Ihrem Parlament in Bewegung zu setzen, um den Krieg in die Länge zu ziehen und auf diesem Wege sich die beträchtlichen Summen zusammenzurauben, die Sie aufgehäuft haben. Marlborough : Mein Fall steht einzig da. Ich war sterblich, aber der Neid meiner Feinde hat mich überlebt. Ja, ich habe mir Cadogan als Gehilfen meiner Arbeit ausgesucht und als geschickten Mann benutzt. Welcher Mensch könnte allein eine Armee in Bewegung setzen? Er braucht Gehilfen. Je mehr er unterstützt wird, um so besser geht die Sache. Ich hatte Freunde, sogar eine Partei im Parlament. Das mußte sein, sonst hätten die inneren Zwistigkeiten und der Mangel an Bestand uns zugrunde gerichtet, und die schönsten Pläne wären gescheitert. Habe ich etwas Geld für Schutzbriefe genommen, so war's in Feindesland, und eine rechtmäßige Steuer, die jeder Höchstkommandierende beanspruchen kann. In meiner Stellung hätte jeder andere ebensoviel oder noch mehr genommen. Eugen : Wie? Höchstädt, Ramillies, Oudenaarde und Malplaquet haben den Namen des großen Mannes nicht geschirmt, und Viktoria selbst hat ihn vor den hämischen Geschossen des Neides nicht zu schützen vermocht? Welche Rolle hätte denn England ohne diesen echten Helden gespielt, der es hochhielt und zu Ansehen brachte, ja der es auf den Gipfel seiner Größe geführt hätte ohne jene elenden Weiberintriguen, die Frankreich zu seinem Sturze benutzte? Hätte sich Marlboroughs Ansehen nur noch zwei Jahre lang behauptet, dann war Ludwig XIV. verloren. Liechtenstein : Ich gebe zu: Königin Anna hätte ohne Marlborough, und Karl VI. hätte ohne Eugen eine trübe Rolle gespielt. Ihnen allein verdanken beide Reiche Ruhm und Ansehen. Die vernünftigen Leute sind sich darüber einig, doch auf Erden muß man auf tausend Dummköpfe und hundert Narren einen gescheiten Kopf rechnen. Darum dürfen Sie nicht erstaunen, daß die Nachwelt so wunderliche Urteile über Sie gefällt hat. Eugen : Man muß gestehen, daß wir kein Glück im Spiel haben. Während es über Alexander, Scipio, Cäsar und Amilius Paullus nur eine Stimme gibt, muß die Welt unseren Ruf zerpflücken, obwohl wir ebenso wie sie Großes vollbrachten, wogegen der ihre sich stets gleichbleibt und jeder Lobredner den von ihm Gepriesenen gern neben sie stellt, um ihn zu ehren! Liechtenstein : Jene hatten das Glück, daß es in ihrem Zeitalter keine Enzyklopädisten gab. Marlborough : Was ist das: ein Enzyklopädist? Welch barbarischer Name! Ist es ein Irokese? Ich habe ihn nie gehört. Liechtenstein : O, das glaub' ich: zu Ihrer Zeit gab es noch keine Enzyklopädisten. Es ist eine Sekte sogenannter Philosophen, die sich in unseren Tagen gebildet hat. Sie dünken sich erhaben über alles, was die Antike in dieser Gattung hervorgebracht hat. Mit der Schamlosigkeit der Zyniker verbinden sie die edle Dreistigkeit, alle Paradoxen, die ihnen in den Sinn kommen, zum besten zu geben. Sie brüsten sich mit Mathematik und behaupten, wer diese Wissenschaft nicht studiert habe, sei nicht recht klug. Folglich besitzen sie allein die Gabe, richtig zu denken. Ihre gewöhnlichsten Reden sind mit gelehrten Ausdrücken gespickt. So werden sie z. B. sagen, das und das Gesetz sei weislich im umgekehrten Verhältnis zum Quadrat der Entfernungen erlassen; die und die Macht, die ein Bündnis mit einer anderen eingehen will, fühle sich durch die Anziehungskraft zu ihr hingezogen, und bald würden beide Völker miteinander assimiliert sein. Schlägt man ihnen einen Spaziergang vor, so ist dabei das Problem einer Kurve zu lösen. Haben sie eine Nierenkolik, so kurieren sie sich nach den hydrostatischen Regeln. Sticht sie ein Floh, so sind es unendlich kleine Größen, die sie belästigen. Fallen sie, so haben sie ihren Schwerpunkt verloren. Ist irgend ein Skribent so dreist, sie anzugreifen, so ertränken sie ihn in einer Sintflut von Tinte und Schmähungen; das Crimen laesae philosophiae ist unsühnbar. Eugen : Aber welche Beziehung haben diese Narren zu unserem Ruf und dem Urteil, das man über uns fällt? Liechtenstein : Weit mehr, als Sie glauben; denn sie schmähen alle Wissenschaften, außer ihrer eigenen Rechenkunst. Poesie ist eine seichte Kurzweil, die alten Fabeln müssen aus ihr ausgemerzt werden. Der Dichter soll nur die algebraischen Gleichungen schwungvoll reimen. Die Geschichte soll man von rückwärts studieren, mit der Gegenwart anfangen und bei der Sintflut enden. Die Staatsverfassungen werden von ihnen samt und sonders verbessert. Frankreich soll unter einem Mathematiker als Gesetzgeber Republik werden. Mathematiker sollen sie beherrschen, indem sie alles, was in der neuen Republik geschieht, der Integralrechnung unterwerfen. Diese Republik wird den ewigen Frieden herbeiführen und sich ohne Heer behaupten. Marlborough : Alles, was ich da höre, ist wundervoll. Aber leiden die Enzyklopädisten nicht vielfach an Visionen von Wilden, Quäkern und Pennsylvaniern? Liechtenstein : Mit der Behauptung würden Sie sie tief kränken. Sie halten sich auf ihre Originalität viel zugute. Eugen : Wenn ich nicht irre, war der ewige Friede ein Traum eines gewissen Abbé Saint-Pierre, der zu meiner Zeit tüchtig ausgelacht wurde. Liechtenstein : Sie haben ihn wohl der Vergessenheit entrissen? denn sie tragen alle einen heiligen Graus vor dem Kriege zur Schau. Eugen : Man kann nicht leugnen, daß der Krieg ein Übel ist, aber ein unvermeidliches; denn ein Schiedsgericht über die Herrscher gibt es nicht. Liechtenstein : Der Haß auf die Heere und die Feldherren, die sich mit Ruhm bedecken, hindert sie freilich nicht, einen Federkrieg zu führen und sich öfters Grobheiten wie Marktweiber zu sagen. Hätten sie Truppen, sie ließen sie gegeneinander ins Feld rücken. Marlborough : Es ist billiger, Tinte als Blut zu verspritzen, aber Injurien sind schlimmer als Wunden. Liechtenstein : Was die Kriegskunst betrifft, so wage ich vor so großen Helden gar nicht zu sagen, wie sehr sie sie herabzusetzen suchen und in welchen Ausdrücken sie von ihr sprechen. Marlborough : Reden Sie nur unbesorgt. Da jene Leute alles kurz und klein schlagen, müssen wir dabei doch auch unser Teil abbekommen. Liechtenstein : Die Leute behaupten, Sie seien nur Räuberhauptleute gewesen, denen ein Tyrann feile Henker anvertraut hätte, um in seinem Namen alle Verbrechen und alle möglichen Greuel gegen unschuldige Völker zu verüben. Eugen : Das sind Reden betrunkener Fuhrknechte. Sokrates, Aristoteles, Gassendi und Bayle drückten sich anders aus. Liechtenstein : Sie sind nicht nur nicht betrunken, sondern oft hungrig. Ihr Geldbeutel reicht zum Wohlleben nicht aus. In ihrem Stil heißen solche schönen Reden philosophische Freiheiten. Man soll laut denken, jede Wahrheit herausschreien, und da sie nach ihrer Meinung die einzigen Hüter der Wahrheit sind, so halten sie sich für berechtigt, dreist alle Narrheiten aufzutischen, die ihnen in den Sinn kommen. Des Beifalls halten sie sich für versichert. Marlborough : Offenbar gibt es in Europa keine Irrenhäuser mehr. Wären noch welche vorhanden, so ginge mein Rat dahin, die Herren dort unterzubringen, damit sie den Narren Gesetze geben – ihresgleichen. Eugen : Ich würde raten, sie zu Statthaltern einer Provinz zu machen, die Strafe verdient. Nachdem sie dort alles auf den Kopf gestellt hätten, würden sie durch die Erfahrung lernen, daß sie Ignoranten sind, daß Kritisieren leicht, aber Bessermachen schwer ist, und vor allem, daß man Gefahr läuft, viel dummes Zeug zu reden, wenn man von Dingen spricht, von denen man nichts versteht. Liechtenstein : Dünkelhafte Menschen geben nie zu, daß sie unrecht haben. Nach ihren Grundsätzen irrt der Weise nie; er allein ist erleuchtet. Von ihm soll das Licht ausstrahlen, das den düsteren Nebel verscheucht, in dem das blinde und blöde Volk dahinvegetiert. Und Gott weiß, wie sie es aufklären! Bald enthüllen sie ihm den Ursprung der Vorurteile; bald erscheint ein Buch über den Geist, bald eins über das System der Natur und so weiter ad infinitum. Eine Rotte von Gassenjungen zählt sich, aus Tuerei oder Mode, zu ihren Schülern, äfft sie geflissentlich nach und tritt als Hilfslehrer des Menschengeschlechts auf. Und da es leichter ist, zu schimpfen, als Gründe anzuführen, so ist es bei ihren Schülern Brauch, bei jeder Gelegenheit unanständig über das Militär herzuziehen. Eugen : Ein Geck findet stets einen größeren Gecken, der ihn bewundert. Aber stecken die Militärs diese Schmähungen ruhig ein? Liechtenstein : Sie lassen die Köter blaffen und gehen ihres Weges. Marlborough : Warum aber solche Erbitterung gegen den edelsten Beruf, unter dessen Schirm die anderen friedlich gedeihen? Liechtenstein : Da sie in der Kriegskunst sämtlich sehr unwissend sind, glauben sie, sie könnten sie verächtlich machen, indem sie sie herabsetzen. Aber, wie gesagt, sie reißen alle Künste und Wissenschaften durchweg herunter, und auf der Trümmerstätte richten sie die Mathematik auf, um jeden anderen Ruhm zu vernichten und allen Glanz auf ihre Person zu lenken. Marlborough : Aber wir haben doch weder Philosophie, noch Mathematik, noch die schöne Literatur verachtet und uns nur damit begnügt, in unserem Beruf Gutes zu leisten. Eugen : Ich tat mehr. In Wien beschützte ich alle Gelehrten und zeichnete sie aus, selbst wenn niemand von ihnen ein Aufhebens machte. Liechtenstein : Das glaub' ich gern; denn Sie waren große Männer, und jene Afterphilosophen sind nur eitle Schelme, die eine Rolle spielen möchten. Das hindert freilich nicht, daß ihre Schmähungen durch ewige Wiederholung das Andenken der Großen schänden. Zieht man dreist Schlüsse, wenn sie auch falsch sind, so hält man sich für einen Philosophen, und wenn man Paradoxe vorbringt, meint man, die Palme davonzutragen. Wie oft hörte ich nicht Ihre größten Taten durch lächerliches Geschwätz herabzerren und Sie als Männer hinstellen, die den Ruhm widerrechtlich an sich rissen in einem Zeitalter der Unwissenheit, dem es an wahren Kennern des Verdienstes gebrach! Marlborough : Unser Zeitalter ein Zeitalter der Unwissenheit! Ha, ich ertrag' es nicht länger! Liechtenstein : Das jetzige Zeitalter ist das der Philosophen. Eugen : Wo man geschlagen wird, Provinzen verliert und sich dem Altertum überlegen wähnt. Mögen Ihre Philosophen sagen, was sie wollen, ich ziehe unser Zeitalter der Unwissenheit dem ihren vor. Marlborough : Ist auch England von Ihren Enzyklopädisten verseucht? Liechtenstein : Zum Teil, aber nicht so sehr wie Frankreich. Marlborough : Hat Frankreich denn Heerführer? Wie kann es welche haben, wenn sie so verunglimpft werden? Liechtenstein : Das verdienen sie auch; es sind – Marlborough : Hat England einen großen Heerführer hervorgebracht, der mir nachgefolgt ist? Liechtenstein : Den Herzog von Cumberland. Marlborough : Wieviel Schlachten hat er gewonnen? Liechtenstein : Er unterlag bei Fontenoy, bei Hastenbeck und fiel bei Stade auf ein Haar in Kriegsgefangenschaft, mitsamt seinem Heere. Marlborough : Sie haben uns zum besten, Fürst. Wie? Ein geschlagener Daun, ein verprügelter Cumberland, das sind die Leute, die man uns vorzieht? Liechtenstein : Nicht sie allein, sondern auch viele andere, die zwar im Kriege waren, aber keine Heere geführt haben, sie würden weder hinter Cäsar noch hinter Ihnen zurückstehen wollen. Diese Helden in spe haben die edle Dreistigkeit, sich vorzudrängen, und ihr Eigendünkel war so stark, daß das Publikum mitangesteckt wurde. Es prophezeit nichts als ihre künftigen Taten. Marlborough : Wozu half uns soviel Mühe und Sorge, soviel Anstrengung? Eugen : O Eitelkeit der Eitelkeiten! O Eitelkeit des Ruhmes! Anhang