Friedrich Gerstäcker Die Colonie Brasilianisches Lebensbild Neu durchgesehen und herausgegeben von Dietrich Theden 1. Die Colonie Santa Clara. Von Osten her strich die frische Seebrise über das weite, wellenförmige Land, schaukelte die einzelnen Palmen, die auf der Lichtung standen, und schüttelte von den Orangenbäumen nicht allein die überreifen Früchte, sondern auch manche Blüthe herab, unter der sich schon wieder die junge Frucht gebildet hatte. Ein würziger Duft wehte dabei über den ganzen Bergeshang, der sich hier gerade und neben einer kleinen, freundlichen Wohnung oder Chagra dem Thale zu öffnete, und zwei Reiter, die den schmalen Waldweg herüber gekommen waren, hielten überrascht ihre Pferde an, als sie das entzückende Bild erblickten, das sich unter ihnen ausbreitete. Dicht vor ihnen, und durch die reine Luft nur noch viel näher gerückt, als es in der That lag, füllte ein kleines Städtchen – die deutsche Colonie Santa Clara – den ebenen Theil des nicht breiten Thales aus, der vollkommen gelichtet war und nach allen Richtungen hin, wie durch Adern, von schmalen gelben Wegen durchschnitten wurde, während die Häuser, wohl in Straßen ausgelegt, aber doch noch einzeln aufgebaut, über die ganze Fläche hin zerstreut standen. Mit ihren lichten Farben und rothen, meist neuen Ziegeldächern stachen sie aber um so lebendiger von dem saftigen Grün ab, das die sie umschließenden Gebüsche trugen, während in der Ferne, nach Süd, Südost und Osten, drei scharf abgeschiedene Gebirgsschichten zuerst in dunkelm Grün, dann in blaugrüner Färbung und zuletzt in einem duftigen Lichtblau den Hintergrund bildeten. Nur nach Südwest öffnete sich die sonst vollkommene Gebirgslandschaft ein wenig und eben genug, um in blauer Ferne das Meer mit seinem scharf abgegrenzten Horizonte zu zeigen, und man erkannte, selbst von hier aus, deutlich, wie die verschiedenen Gebirgshänge, je mehr sie sich dem Seestrande näherten, niedriger wurden. Nur die gelben Sanddünen des Strandes selber ließen sich nicht erkennen, denn an den abschüssigen Hängen war noch nichts gelichtet, und nur die weiten Umrisse der höheren Partien schloß der Wald in seinen grünen Rahmen. Wieder und wieder flog der Blick der beiden Reiter aber zu der kleinen Ansiedelung zurück, die auch zu gleicher Zeit ihr heutiges Ziel bildete, und während in dem Walde selber die tropische Vegetation von dem weit stärkeren Laubholze verdeckt oder überschattet wurde, konnte ihnen nicht entgehen, wie gerade nahe bei den Häusern der tropische Charakter der Landschaft sorgfältig gewahrt und erhalten war. Die deutschen Einwanderer hatten nämlich, als sie den Wald in offenes Feld verwandelten, daheim schon zu viel von den »wehenden Palmen Brasiliens« gehört und hier und da auch wohl in ihrer Art davon geschwärmt – denn der Bauer ist nie Phantast –, um jetzt gleich die Axt an die ersten zu legen, die ihnen in den Weg traten. Wo sie ihr Haus aufrichteten oder ihren Garten umzäunten, ließen sie manche von diesen stehen, und hier und da bequemte sich auch wohl ein Einzelner, selbst in seinem Felde um die Wurzeln derselben herumzupflügen, nur um von seinem Fenster aus die stattlichen, schlanken Stämme sehen zu können. Reizend gelegen war auch die kleine Chagra, Chagra ist in Brasilien das Nämliche, was der Landmann in Nordamerika unter dem Worte Farm versteht – ein kleines »Landgut«, oder eine »Colonie«, ob es nur eben erst unter den Waldbäumen begonnen ist, oder schon seine weiten und bebauten Felder nach allen Seiten ausbreitet. vor der sie hielten, und eine schönere Fernsicht hätte der Eigentümer wohl kaum in der ganzen Nachbarschaft finden können. Ebenso hatte er sein kleines Häuschen mit Geschmack gebaut, so einfach es auch sonst sein mochte, und der Platz schien nach Allem, was man auf den ersten Blick davon sehen konnte, neu eingerichtet und gelichtet, hätten dem nicht wieder die stattlichen Pinien und Orangenbäume widersprochen, welche das Haus umstanden und mit drei oder vier stämmigen Palmen eine Gruppe bildeten, wie man sie sich kaum pittoresker denken kann. Den beiden Fremden war dies ebenfalls nicht entgangen, und besonders der Jüngere von ihnen, der vielleicht dreißig bis zweiunddreißig Jahre zählen mochte, überschaute mit innigem Behagen den kleinen Platz, der sich wie ein Bild unter seinem grünen Blätterschmucke zeigte. Der Fremde ritt einen grauen, prächtigen Hengst mit einem ganz eigenthümlichen, fremden Sattelzeuge, das mit seiner ganzen Form und einer Menge rohgearbeiteter Silberplatten, wie einer Anzahl kleiner silberner Schnallen und Troddeln und Quasten von ungegerbter, aber außerordentlich künstlich geflochtener Rohhaut mexikanischen, vielleicht sogar indianischen Ursprungs zu sein schien. Sonst aber ging er sehr einfach, doch für den Wald praktisch gekleidet. Der Wärme wegen hatte er ein ledernes, ausgefranztes Jagdhemd, wie es in den nordamerikanischen Wäldern Sitte ist, vorn über seinen Sattel geworfen, auf dem jetzt querüber eine sauber gearbeitete, aber ebenfalls einfache Büchsflinte ruhte. Er trug nur ein roth und grau gestreiftes wollenes Hemd, dunkle Beinkleider, von einem breiten Ledergurt gehalten, an dem ein breites, schweres Jagdmesser hing, hohe Wasserstiefel, einen braunen Strohhut auf dem Kopfe und eine alte lederne Kugeltasche an der rechten Seite. Seine Sporen waren ebenfalls klein, von dunkler Bronze und am Sattelgurt festgeschnürt; aber hinten am Sattel zusammengerollt und mit einer Schleife eingehakt hing ein dünner, doch stark gedrehter Lasso aus roher Haut. Der Fremde sah keinesfalls wie ein Neuling im Walde aus, und die sonnverbrannte Farbe seiner Züge, aus denen ein Paar große blaue Augen treuherzig hervorschauten, verrieth ihn ebenfalls als den Nordländer, der vielleicht, wie Tausende seiner Landsleute, Brasilien zu seiner neuen Heimath gewählt. Sein Begleiter, der etwa sechs Jahre mehr zählen mochte als er, bewegte sich trotzdem eben so frei im Sattel, verrieth aber in diesen Bewegungen, als auch noch zum Ueberflusse durch den Schnitt seines wohlgepflegten Bartes den früheren Soldaten. Die enge Uniform hatte er freilich lange bei Seite geworfen und dafür den leichten Rock und breiträndigen Panamahut angenommen. Außerdem schien er sich den brasilianischen Sitten noch entschiedener durch ein Paar riesige brasilianische Sporen von ächtem Silber angepaßt zu haben, und auch das Kopf- und Zaumzeug seines Pferdes trug, wo es nur möglich war sie anzubringen, silberne Spangen und Schnallen. Seine Kleidung indessen, obgleich von feinem Tuche und modernem Schnitt, war durch den Busch und langen Ritt arg mitgenommen. Man sah ihm an, daß er schon eine gute Weile unterwegs sein müsse, und die ledernen Leggins, mit denen er den untern Theil der Beine bedeckt hatte, zeigten die im Walde geholten Spuren von Dornen und Ranken. Sein Blick haftete gegenwärtig aber fast ausschließlich auf der Ansiedelung und den Berghängen voraus, während sein Begleiter sich weit mehr durch das Wohnliche des Bauernhauses gefesselt und angezogen fühlte. »Sehen Sie nur, Günther, was für ein reizendes Plätzchen das hier ist,« wandte sich in diesem Augenblicke der Jüngere der Beiden an den Freund, »wie malerisch diese dunkeln Pinien – vielleicht unbewußt – mit dem lichten Grün der Palmenwipfel gruppirt sind, und wie ganz eigenthümlich der goldgesprenkelte Orangenhain das Ganze wie ein künstlich gewobenes Netz umschließt. ›Eine Hütte und ihr Herz‹, wie das alte Sprüchwort lautet, und wenn es das richtige Herz wäre, glaub' ich selber, daß ich es in einer solchen Hütte aushalten könnte.« »Und auf wie lange?« lachte sein älterer Gefährte, indem er mit den Augen dem ausgestreckten Arme des Freundes folgte; »Sie unsteten Menschen möchte ich wirklich einmal, und selbst in eine solche Hütte gebannt sehen – noch dazu in einer Gegend, in der es nicht einmal Wild zum Jagen giebt.« »Das wäre freilich fatal,« erwiderte der Andere, »und daran dachte ich im ersten Augenblick nicht. Aber hab' ich trotzdem nicht Recht? Kann man sich ein freundlicheres Plätzchen auf der Welt denken?« »Nein – in der That – in Brasilien wenigstens nicht,« erwiderte der Freund, den er mit »Günther« angeredet hatte; »mit meinem Thüringen daheim möchte ich's freilich immer noch nicht vertauschen. Es giebt doch nur ein Deutschland.« »Haben Sie das Heimweh, Günther?« sagte sein Kamerad lächelnd. »Und wenn ich's hätte, wär's ein Wunder?« fragte Günther; »wie lange schon führ' ich dieses unstete, wilde Leben jetzt? Wie lange schon treib' ich mich heimathlos im Walde umher, während daheim – doch wir wollen uns den schönen Tag nicht mit solchen Gedanken verbittern, Freund – die Heimath hat doch keiner von uns vergessen.« Sein Begleiter nickte nur schweigend mit dem Kopfe, und auch seine Gedanken schienen in dem Augenblicke weit, weit zurück zu schweifen, zu ganz anderen Scenen und Ländern, als sich die beiden Freunde plötzlich angerufen hörten. Die Stimme schallte hinter der Gartenhecke vor und rührte von einem jungen Manne, dem Eigentümer der Chagra, her, den ihnen das Grün der Hecke bis jetzt verborgen gehalten. »Hallo, Fremde!« rief der Mann in deutscher Sprache mit nur einem leichten Anklang niederrheinischen Dialektes; »wollt Ihr nicht ein wenig absteigen und ein Glas Milch trinken? Der Weg ist schlecht, und ein bischen Rast kann Euren Pferden nicht schaden, denn 's ist noch eine gute Stunde bis in die Colonie hinunter.« Die beiden Deutschen sahen sich erst erstaunt um, von woher die Stimme eigentlich komme. Endlich entdeckten sie hinter der Hecke und gerade unter einem blühenden Granatbaume das frische, freundliche Gesicht eines jungen Mannes, der ihnen erst jetzt, als er ihren Blick auf sich gerichtet fand, sein herzliches »Guten Morgen mit einander!« zurief. »Guten Morgen, Landsmann,« sagte der jüngere Fremde, der ihm zunächst hielt, indem er den Kopf seines Thieres gegen die Hecke drehte, »ich wußte gar nicht, weshalb mein Grauer immer die Ohren spitzte. Also eine Stunde Wegs ist's noch hinunter? Es sieht eigentlich von hier oben viel näher aus.« »Ja,« lachte der hinter der Hecke, »wenn die Brücke nicht wieder eingebrochen wäre, die der Bleifuß da neulich erst gebaut hat, dann wär's auch nicht viel mehr als ein halb Stündchen zu Thal. So aber müßt Ihr hier rechts unter meiner Chagra durch, um der Schlucht aus dem Wege zu gehen, und der Pfad zieht sich mordmäßig in die Länge. Aber steigt ab, das besprechen wir besser im Hause.« »Schon recht,« sagte Günther, indem er sich leicht aus dem Sattel schwang; »unseren Packthieren sind wir doch vorausgeritten, und bis die nachkommen, können wir recht gut ein halbes Stündchen plaudern.« Sein Gefährte folgte, ohne ein Wort zu erwidern, dem Beispiele, denn es drängte ihn selber, das Innere des Häuschens zu sehen, das schon von außen einen so freundlichen Eindruck auf ihn gemacht. Die beiden Reisenden banden deshalb ihre Pferde außen an der Hecke an die herunterhängenden Aeste eines stattlichen Orangenbaumes und traten dann in den Garten, wo ihnen der Hausherr, ein junger, prächtig gewachsener Mann mit offenen, ehrlichen Gesichtszügen, blauen Augen und blonden Haaren, entgegenkam und sie begrüßte. »Das ist gescheidt,« sagte er dabei, »Sonntag Morgens habt Ihr so nicht viel in der Colonie zu versäumen und kommt noch zeitig genug zum Mittagessen, wenn Ihr nicht das hier ebenfalls verzehren wollt.« Er schüttelte dabei den beiden Fremden kräftig die Hand und führte sie dann ohne Weiteres in sein Haus hinein, wo Beide aber unwillkürlich erstaunt und überrascht auf der Schwelle stehen blieben. Das kleine Zimmer, das sich ihnen öffnete, glänzte von Sauberkeit; der einfache Holztisch war schneeweiß gescheuert, aber nicht weißer als der Fußboden selber, den in der Mitte eine leicht geflochtene Matte überdeckte. An den Fenstern hingen sogar Gardinen, und ein nett gearbeiteter Nähtisch aus polirtem Holze schien mit diesen, als Luxusmöbel, concurriren zu wollen. Aber die Freunde sahen das Alles weniger, als daß sie es im Eindrucke des Ganzen fühlten , denn Beider Augen hingen in dem ersten Momente an einem wunderbar schönen jungen Weibe, das ein Kind auf dem Schooße hielt und, als die Fremden die Hütte betraten, den kleinen strampelnden Burschen aufgriff und ihnen mit freundlichem Lächeln entgegentrat. »Grüß Gott!« sagte sie herzlich, als sie Beiden nacheinander die Hand reichte, »und setzt Euch und macht's Euch bequem – Vater, hast Du denn schon nach den Pferden gesehen?« »Werd's schon besorgen, Schatz,« lachte der Mann, »bring Du nur einmal ein paar Gläser Milch, denn die beiden Herren werden durstig geworden sein.« »Ja, dann mußt Du indessen den Schlingel da nehmen,« sagte die junge Frau, indem sie ihrem Gatten den kleinen unruhigen Burschen so leicht hinüberreichte, als ob er keine zwei Pfund gewogen hätte, wie er sicher zwanzig wog, – »der läßt mir ja sonst nicht Ruh' noch Frieden an den Milchnäpfen.« »Ob er Frieden halten wird!« lachte der Mann, nahm ihr den kleinen Burschen ab, gab ihm ein paar derbe Küsse und setzte ihn sich auf den linken Arm. »Und nun thut, als ob Ihr zu Hause wäret,« fuhr er dann, indem er sich wieder zur Thür wandte, gegen die Fremden fort; »ich bin gleich wieder da, und zu trinken wird Euch die Trine auch im Augenblick bringen.« Die »Trine« war schon lange aus der Thür hinaus, und die beiden Freunde sahen sich im nächsten Moment allein in dem kleinen Räume. »Ist das nicht ein wahres Madonnengesicht?« brach aber der Jüngere heraus, als der junge Bauer kaum das Zimmer verlassen hatte; »haben Sie je in Ihrem Leben ein Paar solcher Augenbrauen, einen solchen Mund gesehen?« »Ein wunderhübsches Paar, in der That,« erwiderte Günther, der den Blick indessen forschend umherwarf, »und wie nett und sauber sieht's bei ihnen aus! Ja,« fuhr er tief aufseufzend fort, »der hat's gut, und Unsereiner zieht nun so in der Welt umher, sieht die verbotenen Früchte an den Bäumen hangen, wischt sich resignirt den Mund und – wandert eben weiter.« »Ob denn das wirklich Deutsche sind?« sagte sein Freund. »Was denn sonst? Doch wahrhaftig keine Portugiesen!« »In meinem Leben habe ich noch keinen ausgewanderten Bauernburschen gesehen,« erwiderte der Jüngere, »der ein so ungezwungenes und doch anständiges Benehmen hatte, und die junge Frau würde in einem schweren Seidenstoffe ebenso zu Hause sein, wie in ihrem einfachen Kattunröckchen. Aber sie sprechen vollkommen gut Deutsch.« »Er noch dazu mit dem rheinischen, sie etwas mit dem Tiroler Dialekt,« sagte Günther, »aber da kommt sie zurück. Sie wird uns gleich sagen, wo sie herstammen.« »So – da bin ich wieder – hat's lang' gedauert?« sagte die junge Frau, als sie mit einem kleinen Präsentirteller in's Zimmer trat; »und nun, setzen Sie sich her und langen Sie zu – 's ist nicht viel, aber wir haben's hier oben noch nicht besser, denn wir sind hier erst seit kaum sechs Monaten auf der Chagra.« Während sie sprach – und so rasch und gewandt, daß Alles sich fast von selber zu ordnen schien, hatte sie indessen das Mitgebrachte auf dem Tische ausgebreitet, und frische süße Milch, weißes Brod, Butter und Käse, alles auf blinkendem Geschirr, lachte den Fremden bald darauf entgegen und lud sie schon selber ein, nur tapfer zuzulangen. »Und sind Sie erst so kurze Zeit hier oben?« fragte der ältere Fremde; »die Pinien und Orangen müssen doch schon vor vielen Jahren gepflanzt sein.« »Das sind sie auch,« erwiderte der Mann, der in diesem Augenblicke wieder an der Thür erschien und der Frau das Kind entgegenhielt. »Da, Mutter, nimm den Schlingel,« fuhr er dann zu dieser fort; »ob der Bengel wohl Ruhe gegeben hat, bis ich ihn auf den Grauen setzte, und da oben blieb er, bis ich die Thiere gefüttert habe.« »Aber der Graue ist ein sehr unruhiges Thier,« sagte Günther. »Bah, der hält sich schon fest,« lachte der Mann; »ja, was ich sagen wollte, die Chagra habe ich erst kürzlich gekauft, und zwar von einem Deutschen, der sie so hatte verwildern lassen, daß man die Bäume kaum fand, die darauf standen. Es war ein vornehmer Herr gewesen, der, wie er meinte, hatte brasilianischer »Pflanzer« werden wollen, sich die Sache aber wohl ein wenig anders und leichter gedacht haben mochte und auch irgendwo anders besser hinpaßte, als hinter Pflug und Egge.« »Und seid Ihr keine Deutsche?« fragte der ältere Fremde. »Wir? – Nein,« lachte der Mann, – »das heißt, ja, wir sind schon Deutsche, aber doch nicht in dem Deutschland drüben geboren, sondern hier in Brasilien. Mein Vater stammt vom Rheine und der Frau ihr Vater von Innsbruck, die Beide vor etwa dreißig Jahren hier herüber gekommen waren und sich in San Leopoldo niedergelassen hatten.« »Also Brasilianer?« sagte Günther enttäuscht. »Ah, nein, wir sind schon Deutsche,« lachte die Frau gutmüthig, »und halten uns ja auch immer zu den Deutschen, wie Ihr seht, denn mit den Bleifüßen ist es doch nichts, und sie wollen nichts arbeiten und schaffen.« »Bleifüße – was zum Henker ist das nur?« frug der eine Fremde; »ein Bleifuß soll ja auch die schlechte Brücke gebaut haben.« »Ja ja,« meinte der Mann schmunzelnd, »der Bleifüße giebt's gar viele – eigentlich mehr, als gut ist, und wir nennen besonders die eigentlichen Portugiesen so, die immer herüberkommen und so thun möchten, als ob Brasilien ihnen gehörte. Weshalb sie aber eigentlich so genannt werden, weiß ich selber nicht recht; aber den Namen haben sie, so viel ist sicher, und werden ihn wohl auch behalten. Aber seid Ihr selber erst so kurze Zeit im Lande, daß Ihr noch nicht einmal das Wort Bleifuß gehört habt? Ich dächte doch, das würde häufig genug aller Orten genannt.« »Ich selber bin schon lange im Lande und kenne auch den Namen,« lächelte Günther, »aber mein Reisegefährte da ist erst kürzlich aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika nach Rio, und von da zu Pferde hier nach dem Süden gekommen, um sich das Land einmal anzusehen.« »Und was ist Ihr Geschäft? wenn man fragen darf.« »Ich bin Feldmesser,« erwiderte Günther, »und von der Regierung hierher beordert, um die Colonien für frisch eintreffende Emigranten auszumessen.« »Das ist gescheidt,« sagte der junge Bauer; »am vermessenen Lande fehlt's ewig, und die armen Teufel müssen sich oft Monate lang in den sogenannten Auswanderungshäusern herumtreiben, ehe sie eigenen Boden und eine feste Heimath bekommen. Nun, da werden Sie Arbeit genug kriegen, daran fehlt's nicht – aber essen Sie nicht mehr?« »Wir danken,« erwiderte Günther, der bis jetzt mit seinem Gefährten wacker zugelangt, »es hat vortrefflich geschmeckt und war delicat. Jetzt können wir's schon bis in die Colonie hinunter aushalten.« »Und wollen Sie schon wieder fort?« fragte die Frau freundlich, als die beiden Fremden von ihren Sitzen aufstanden und zu den Hüten griffen – »das war ein gar kurzer Besuch.« »Wenn Sie's erlauben,« sagte der jüngere Fremde, »so komme ich schon wieder einmal her. Ich selber habe nichts zu versäumen und werde mich doch wahrscheinlich ein paar Monate in der Nähe der Colonie herumtreiben. Daß es mir aber hier bei Ihnen gefällt , dürfen Sie mir auf mein Wort glauben. Mein Freund ist jedoch mit seiner Zeit gebunden und hat heute noch viel unten mit dem Director zu besprechen. Da draußen sind auch eben unsere Packpferde angekommen, und wir wollen deshalb lieber aufbrechen.« »Apropos,« fragte Günther, »was für ein Mann ist der Director eigentlich? Ich habe in den anderen Colonien am Chebaja nicht gerade viel Gutes von ihm gehört.« »Ich weiß nicht,« lachte der Mann – »es kommt immer darauf an, wen Ihr fragt. Die Einen schimpfen auf ihn, die Anderen loben ihn, und Allen kann man's eben nicht recht machen auf der Welt. Er ist sehr streng, das ist wahr, und oft auch wohl ein bischen eigensinnig. Mit den armen Leuten geht er aber gut um und steht ihnen bei.« »Und das ist die Hauptsache,« rief Günther – »nun, ich werde schon mit ihm fertig werden – also, herzlichen Dank für die Aufnahme. Wenn ich's einmal wieder gutmachen kann, stehe ich zu Diensten!« »Das mag vielleicht rascher geschehen, als Sie denken.« meinte der junge Bauer, »denn unsere Grenzen sind hier alle in Confusion, und ich bin schon lange darum eingekommen, die meinige ebenfalls nachsehen zu lassen. Doch darüber sprechen wir später; ich möchte Sie jetzt nicht länger als nöthig aufhalten und komme auch vielleicht in diesen Tagen einmal nach der Colonie hinunter.« Damit reichten er und die Frau den Fremden die Hand zum Abschied. Draußen hielten auch in der That die beiden eingeborenen Diener der Freunde, ein paar braune, rauh genug aussehende Burschen, mit drei Lastpferden, wovon zwei dem Vermesser, eins aber seinem Freunde gehörte, und gleich darauf trabte die kleine Cavalcade, welcher der junge Bauer erst noch den Weg um seine Chagra herum zeigte, diesen thalein. Ein wundervoller Pfad war es, der sie hier in die Niederung hinabführte, denn gerade an diesem Berghange zeigte sich die schon fast tropische Vegetation des Landes in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit. Der Baumwuchs war allerdings lange nicht so mächtig, wie in den nördlicher gelegenen Theilen Brasiliens, aber das üppige Unterholz mit seinen zierlichen Farrnpalmen und Fächern, mit seinen Lianen und Ranken bildete überall, wo es dem Blicke erlaubte einzudringen, die reizendsten Gruppen und Festons, aus denen sich die grünen schlanken Schäfte verschiedener wilder Palmenarten keck emporhoben. Hier und da, wo eine eingerissene Schlucht oder ein breiteres Bachbett den Blick in die Tiefe gestattete, zeigte sich dann die kleine Niederlassung im Thale mit ihren lichten Gebäuden und hellgrünen Rasenflecken, durch welche die gelben Wege wie Fäden liefen, immer in verschiedener Form und Beleuchtung, aber immer freundlich, so daß die Reiter ihre Thiere oft anhielten und ein paar Secunden schweigend auf das unter ihnen ausgebreitete Bild hinabblickten. Da hier der Weg aber zu schmal war, oder der Regen doch in den Boden an den verschiedensten Stellen Einrisse gemacht hatte, mußten sie ihre Pferde hintereinander halten, und dadurch war die Conversation gestört. Erst weiter unten, auf der letzten Abdachung angelangt, bog der Beipfad wieder in den durch die eingefallene Brücke unterbrochenen Hauptweg ein, und jetzt hatten sie die eigentliche Colonie Santa Clara auch bald erreicht, deren Ausläufer in kleinen, allein stehenden Ansiedelungen schon bis hier herauf reichten. »Der Platz liegt wirklich allerliebst,« sagte Günther, der bis jetzt vorangeritten war, indem er sein Pferd anhielt, um wieder neben dem Freunde zu bleiben. »Was die Scenerie betrifft, ja,« erwiderte dieser, »aber der Boden scheint mir hier nicht besonders, und der Mais da drüben in dem Felde steht dünn und mager genug – wenigstens magerer, als ich bis jetzt gewohnt war zu sehen.« »Das bessere Land wird weiter zurück in der Ebene liegen,« meinte Günther; »jedenfalls hat der Ort nicht weit zur See, und das ist schon immer ein enormer Vortheil für eine Colonie.« »Wenn der Hafenplatz gut ist, ja; und wohin wollen wir jetzt zunächst?« »Geradewegs zum Director,« sagte Günther, »der wird uns dann schon die beste Auskunft geben, wo wir übernachten können. Wir müssen nun im nächsten Hause seine Wohnung erfragen.« »Das ist nicht nöthig,« sagte sein Freund – »das Haus da drüben, wo die deutsche Fahne weht, ist jedenfalls das Wirthshaus und das größere Gebäude daneben eben so sicher die Kirche – wo baute der Deutsche nicht eins neben das andere? Außerdem steht aber dort nach Süden nur noch ein sehr großes Haus mit einer neuen Umzäunung, und dort hat natürlich auch der Director seinen Aufenthalt. Wir wollen ruhig darauf zureiten.« »Sie können Recht haben,« sagte Günther »aber vielleicht wohnt er doch da drüben in dem kleinen allerliebsten Gebäude, wo die vielen Orangenbäume stehen. Den Platz hätte ich mir jedenfalls zu meiner Wohnung ausgesucht.« »Das ist sicher die Pfarrwohnung,« versetzte aber sein Kamerad; »sehen Sie nicht den breiten betretenen Pfad, der von dort zur Kirche niederführt? Ich glaube kaum, daß der Direktor alle die Fährten nach der Kirche in den Sand eingedrückt hat. Folgen Sie mir nur; ich führe Sie den richtigen Weg.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, gab er seinem Pferde leicht die Sporen und sprengte, von Günther jetzt dicht gefolgt, dem vorher bezeichneten Hause zu, vor dessen Thür er anhielt und ohne Weiteres aus dem Sattel sprang. 2. Der Direktor. Gerade als Günther an seines Gefährten Seite hielt und seinem Beispiel folgte, trat eine Erscheinung aus dem Hause, die beide junge Leute hier, mitten im brasilianischen Walde, wohl kaum vermuthet hatten, und die sie deshalb um so mehr überraschte – eine Dame in vollem europäischen Putze, mit einem grün und schwarz groß carrirten Seidenkleide, sehr bedeutender Crinoline und überhaupt allem dazu Nöthigen und Gehörigen versehen, die mit stolzer, fast majestätischer Haltung aus der Thür rauschte, einen Augenblick erstaunt die Fremden betrachtete und dann, mit einem leichten, kaum bemerkbaren Kopfnicken ihre Begrüßung erwidernd, vorbei und in die kleine Stadt hinein schwebte. »Alle Teufel,« murmelte der Jüngere der Beiden halblaut vor sich hin, als die Dame außer Hörweite war, »von allen Dingen auf der Welt hätte ich eine Crinoline hier am allerwenigsten erwartet. Das muß die Frau oder eine Verwandte des Directors sein, denn nach einer Colonistenfrau sieht sie doch nicht aus. Es thut den Augen aber ordentlich wohl, nach einem Stück wilden Lebens wieder einmal auf eine so breite Fährte der Civilisation zu kommen. Diesen Anzeichen nach giebt es also hier auch jedenfalls eine haute volée ; unser rauher Waldanzug schien der Dame nicht besonders zu behagen, denn sie grüßte nur sehr vornehm und nachlässig.« »Nun, wir werden ja bald erfahren, mit wem wir es hier zu thun bekommen,« sagte Günther. »Jedenfalls müssen wir jetzt erst erfragen, ob hier der Director wirklich wohnt und, wenn so, ob er zu Hause ist. – Heh, Landsmann.« wandte er sich dann an einen Colonisten, dessen Aeußeres, mit dem langen blauen Rocke und schmalen Kragen, dem Gesangbuche unter dem Arm, über sein Vaterland keinen Zweifel gestattete – »ist das die Wohnung des Directors?« »Guten Morgen mit einander,« erwiderte der Gefragte, der sich dabei die Fremden von Kopf bis zu Fuß betrachtete – »ja wohl, der Herr Director wohnt hier – er ist oben in seiner Stube – wollen Sie 'was?« »Danke schön; ja, wir wollen ihn sprechen.« »Gehen Sie nur hinauf; er ist oben allein, aber – nicht gerade guter Laune. Sie kommen wohl weit her?« »Nicht sehr.« »Und wollen Sie hier in der Colonie bleiben?« »Uns wenigstens den Platz erst einmal ansehen,« sagte Günther, nicht gesonnen, sich hier vor der Thür in eine lange Unterredung einzulassen. Sein Freund hatte das Haus schon betreten, und Beide schritten jetzt die Treppe langsam hinauf. Auf der Treppe oben blieb der Jüngere plötzlich stehen und sagte: »Kamerad, ich habe mir die Sache überlegt; ich werde jetzt nicht mit hineingehen. Wenn der Herr Direktor übler Laune sind, möchte ich ihm nicht gern in den Weg treten, denn ich will nichts von ihm und gedenke mich deshalb auch nicht seiner übeln Laune auszusetzen. Sie haben Geschäfte mit ihm, das ist etwas Anderes; ich werde indessen in's Wirthshaus gehen und Sie dort erwarten. Machen Sie Ihre Sachen so rasch ab, wie Sie können.« – Damit wollte er ohne Weiteres umdrehen und wieder hinabsteigen, Günther aber ergriff seinen Arm und sagte: »Thun Sie mir den Gefallen und bleiben Sie; kommen Sie wenigstens einen Augenblick mit hinein, um Ihren Auftrag auszurichten.« »Auftrag – es ist nur ein Gruß.« »Und wenn auch. Er wird uns nicht gleich beißen und ich selber habe vor der Hand ebenfalls nur wenige Worte mit ihm zu sprechen, denn unsere Thiere müssen abgepackt und untergebracht werden.« »Meinetwegen,« sagte der Freund achselzuckend, »wenn Sie's absolut wollen. Lieber ginge ich freilich in's Wirthshaus.« Wenige Stufen höher standen sie vor der Thür des Direktors, die eine daran genagelte einfache Visitenkarte bezeichnete. Die Karte trug auch weiter keine Bezeichnung, als »Ludwig Sarno«, nicht einmal der Titel »Director« war beigefügt, und der jüngere Fremde nickte befriedigt mit dem Kopfe. Günther hatte indessen ohne Weiteres an die Thür geklopft und ein etwas barsches »Herein!« lud sie ein, des Löwen Höhle zu betreten. Der Director, ein schlanker, stattlicher Mann, ebenfalls mit einem militärischen Anstriche, starkem, etwas röthlichem Barte und vollem, lockigem Haar, ging mit auf den Rücken gelegten Händen in seinem Arbeitszimmer auf und ab, das sich besonders durch eine Menge von Gefächern mit actenartig in blaues Papier geschlagenen Folioheften auszeichnete. Bei dem Anklopfen hatte er seinen Spaziergang unterbrochen und stand, halb nach der geöffneten Thür gedreht, mitten im Zimmer. Günther ließ ihn aber nicht lange über sich in Zweifel, sondern auf ihn zugehend, sagte er: »Herr Director, ich bin gezwungen, mich selber bei Ihnen einzuführen. Mein Name ist Günther von Schwartzau, Ingenieur-Officier, und ich bin vom Präsidenten der Provinz hierher beordert, etwa nöthig gewordene Vermessungen vorzunehmen.« »Etwa nöthig gewordene?« wiederholte der Director, indem er den Fremden erstaunt ansah; »als ob ich nicht den Präsidenten seit sechs Monaten bei jeder möglichen Gelegenheit mit Eingaben bombardirte, daß er endlich einmal die seit einem Jahre schon fast dringend nöthigen Vermessungen vornehmen lasse ! Etwa nöthigen...« »Es thut mir leid, Herr Director, wenn Sie haben warten müssen,« sagte Günther ruhig, »aber meine Schuld war es nicht; denn vor fünf Tagen erst erhielt ich am Chebaja den Brief des Präsidenten, der mich hierher beordert, und Sie werden mir zugestehen, daß ich von dort aus, bei der Entfernung und den Wegen, wahrlich keine Zeit versäumt habe.« »Der Herr ist Ihr Gehülfe?« »Bitte um Verzeihung,« sagte der Fremde, der indessen mit einem leichten, kaum bemerkbaren Lächeln dem Gespräche gefolgt war – »ich gehöre in das Geschäft gar nicht hinein und muß mich eigentlich als einen Aufdringling betrachten, will Ihre kostbare Zeit auch nicht länger in Anspruch nehmen, als unumgänglich nöthig ist, Ihnen mir aufgetragene und an's Herz gelegte Grüße zu bestellen.« »Grüße? Von wem?« sagte der Director, der indessen die schlanke, edle Gestalt des Fremden mit eben nicht freundlicher werdenden Blicken musterte. »Vom Hauptmann Könnern.« »Von Hermann Könnern?« rief der Director rasch. Der Fremde nickte nur langsam mit dem Kopfe. »Und kennen Sie Könnern persönlich?« fragte der Director eben so eifrig weiter. »Ziemlich genau,« erwiderte der junge Mann; »er ist mein Bruder und ich heiße Bernard.« »Der sich in Amerika so lange herumgetrieben – der Maler?« »Derselbe,« lächelte der junge Mann. »Dann seien Sie mir herzlich und viel tausendmal willkommen,« rief Sarno, der in dem Augenblick ein ganz anderer Mann zu werden schien – »herzlich willkommen!« wiederholte er noch einmal, die gefaßte Hand aus allen Kräften schüttelnd. »Oft haben wir von Ihnen gesprochen – und wie geht es Hermann? – Aber davon nachher – Sie kommen eben von der Reise und unsere Wege sind nichts weniger als musterhaft; erst müssen Sie sich erholen und eine Erfrischung einnehmen; nachher plaudern wir viel, recht viel mit einander, denn Ihr Bruder ist der beste Freund, den ich auf der Welt habe, und ich muß Alles wissen, was ihn angeht.« »Er schrieb mir noch in seinem letzten Briefe, wo ich Sie hier in Brasilien anträfe den Fuß nicht eher aus dem Bügel zu setzen, bis ich Ihnen die aufgetragenen herzlichen Grüße überbracht – da ich aber nicht gut die Treppe herauf reiten konnte, mußte ich wenigstens vor der Thür absteigen.« »Ihr Pferd steht noch unten?« »Gesattelt.« »Desto besser, dann legen Sie Alles gleich herein – keine Widerrede; ich schicke gleich Jemanden hinunter, denn leider Gottes habe ich Menschen genug dazu im Hause – Bernard Könnern soll wahrhaftig nicht in Brasilien in einem Wirthshause wohnen, so lange ich selber ein Dach über mir habe und ein Bett, mit ihm zu theilen.« »Aber, Herr Director ...« »Kein Wort mehr; ich lasse keine Einrede gelten, wenn ich Ihnen auch keine besondere Bequemlichkeit zu bieten vermag. Sie aber sind ja auch an ein Lagerleben gewöhnt. – Mein lieber Herr von Schwartzau,« wandte er sich dann an den Ingenieur, »mit großem Vergnügen würde ich auch Sie gern beherbergen, aber überzeugen Sie sich selber, ich habe das ganze Haus voll von Emigranten, und noch dazu fast lauter Kranke, Frauen und Kinder, die ich bei dem ewigen Regen in dem erbärmlichen Auswanderungshause nicht lassen mochte.« »Mein lieber Herr Director!« sagte Günther abwehrend. »Sie können uns aber helfen,« fuhr der Director fort. »Vermessen Sie uns eine tüchtige Strecke Land, daß ich die armen Einwanderer bald unterbringen kann, und ich habe dann Raum genug in meinem Hause für sechs oder acht Freunde, und vielleicht für mehr.« »Mit Freuden, sobald ich nur erst einmal weiß, wo anfangen.« »Das zeige ich Ihnen noch heut Abend, denn wir haben in der That keine Zeit zu verlieren. Ihre Pferde brauchen Sie dabei nicht anzustrengen, ich borge Ihnen von meinen Thieren, und Könnern hier begleitet uns; dann können Sie morgen früh mit Tagesanbruch Ihre Arbeit gleich beginnen. Was Sie von Leuten dazu brauchen, stelle ich Ihnen; ich kenne einige dazu ganz passende junge Burschen, und hätte die Arbeit schon längst selbst gemacht, wenn ich's eben im Stande wäre. Aber sehen Sie selber hier die Actenstöße an – Berichte, Klagen, Eingaben, Zänkereien, Befehle von Oben, wovon immer einer dem andern widerspricht, und Quengeleien, daß sie einen Heiligen manchmal zum Fluchen bringen könnten – und ich bin eben keiner – doch darüber sprechen wir nachher. Und außerdem noch, lieber Schwartzau – Sie waren Officier, nicht wahr?« »In schleswig-holsteinischen Diensten.« »Aha – die alte Geschichte, mit der sie daheim die besten Kräfte über die Grenze getrieben haben. – Ich muß Sie noch um Entschuldigung bitten, daß mein Empfang gerade kein überfreundlicher war, aber weiß es Gott, sie treiben es hier manchmal, daß es Einem die Galle mit Gewalt in's Blut hineinjagt. Die Frau Gräfin verbessert überhaupt nie meine Laune, wenn sie mich einmal mit ihrem hohen Besuche beehrt.« »Die Frau Gräfin,« sagte Könnern, aufmerksam werdend, »war das etwa die Dame, die vorhin aus dem Hause trat?« »Kurz vorher, ehe Sie kamen – sie verließ mich sehr beleidigt, daß ich einen armen Teufel von Bauer, der noch drei Stunden Weges bis nach Hause hat, nicht ihretwegen vor der Thür warten ließ und ihn abfertigte, während sie bei mir war. Doch ich schwatze und schwatze. Also, Schwartzau, Sie müssen sich noch ein paar Tage im Wirthshause unterbringen, und dann werden Sie wahrscheinlich gezwungen sein, einige Wochen auszulagern, bis dahin aber hoffe ich, Ihnen Raum geschafft zu haben. Heh, Christoph – Klaas!« rief er dann aus dem Fenster – »schafft doch einmal die Sachen des fremden Herrn in's Haus – Sattel und Taschen, oder was es ist – wo wollen Sie hin, Könnern?« »Wenn Sie es denn nicht anders haben wollen, so muß ich wenigstens hinunter, um mein Packthier selber abzuladen, daß mir die guten Leute nichts zerbrechen.« »Gut, auch recht. Lassen Sie nur Alles hier herauf schaffen und draußen vor die Thür stellen, wir arrangiren es dann selber, denn ich habe hier Junggesellenwirthschaft. Indessen Sie das besorgen, schreibe ich nur noch zwei Briefe, die jener Colonist mit in eine andere neue Colonie nehmen muß, wohin sonst sehr selten Gelegenheit ist.« »Und um wie viel Uhr ist es Ihnen recht?« fragte Günther. »Um – aber das können wir nachher bereden,« sagte der Director; »natürlich essen Sie mit uns, was gerade da ist, und nach dem Essen reiten wir in aller Bequemlichkeit hinaus. Die übrigen Geschäfte müssen warten, denn dieses ist das wichtigste. Um ein Uhr esse ich gewöhnlich, bis dahin behalten Sie also noch übrig Zeit, sich ein wenig auszuruhen. Und Sie, lieber Könnern, kommen gleich wieder zu mir herauf, sobald Sie Ihre Sachen besorgt haben.« Und damit, ohne irgend eine Einwendung zu erwarten, setzte er sich ohne Weiteres an seinen Schreibtisch und überließ die beiden Fremden indessen sich selber. »Nun, wie gefällt Ihnen Ihr Direktor?« sagte Könnern auf der Treppe. »Vortrefflich!« erwiderte Günther; »im Anfang schien er ein wenig brummig, aber der Name Ihres Bruders wirkte Wunder. – Wo haben sich die beiden Herren eigentlich gekannt?« »In der österreichischen Armee,« erwiderte Könnern, »wo sie den siegreichen Feldzug in den vierziger Jahren zusammen durchgemacht haben. Mir gefällt aber der Mann auch außerdem; er ist rasch, kurz angebunden und, wie mir scheint, aufrichtig und offen. Mit solchen Leuten ist immer am besten verkehren, denn der Böse soll die Ueberfreundlichen holen, die stets ein lächelndes Gesicht zeigen, und bei denen man doch nie und nimmer weiß, woran man mit ihnen eigentlich ist.« »Mich hat es ebenfalls gefreut, daß er mich so ohne Weiteres in's Wirthshaus wies. Er hätte ja eine lange Entschuldigung machen können, aber er sagte einfach, deshalb geht's nicht, und damit Punktum. Ich glaube, ich werde mit dem Direktor fertig.« Sie waren damit vor die Thüre getreten, wo ihre Diener mit den Pferden noch hielten, und während Günther wieder ausstieg, lockerte Könnern seinem Grauen den Sattelgurt. Da schallten rasche Hufschläge die Straße herauf, Beide wandten den Kopf dorthin und Günther rief aus: »Hallo, wer kommt da – eine Amazone!« In demselben Augenblicke aber sprengten schon zwei Reiter, mehr in Carrière als in Galopp, an dem Hause des Direktors vorüber, und die beiden Fremden hatten nur eben Zeit zu bemerken, daß auf dem ersten Pferde ein junges wunderhübsches Mädchen mit einem knapp anschließenden, dunkeln Reitkleide saß, mit einem kleinen Amazonenhute auf, von dem eine einzelne mächtige Straußfeder und ein paar lange Reiherfedern in dem scharfen Luftzuge weit auswehten. Ihr Begleiter, der etwa eine Pferdelänge hinter ihr folgte, war ein ganz junger Bursche von etwa sechzehn bis siebzehn Jahren. Wie eine Erscheinung flogen die Beiden an ihnen vorüber, und Günther hatte noch außerdem jetzt mit seinem eigenen Pferde zu thun, das sich, wie es schien, am liebsten dem Rennen angeschlossen hätte und herüber und hinüber tanzte. »Hier im Orte scheint es wirklich ganz interessante Gesellschaft zu geben,« sagte Könnern, als die wilden Reiter die Straße hinab verschwunden waren, »und es wird lohnen, sich eine Zeit lang aufzuhalten und ihre Bekanntschaft zu machen.« »Beinahe hätt' ich das Letzte gleich gethan,« lachte Günther, »denn mein Rappe schien dasselbe Bedürfniß zu fühlen. Aber Adieu jetzt, Kamerad. Um ein Uhr sehen wir uns beim Diner wieder.« »Hoffentlich nicht im Frack, denn darauf bin ich nicht eingerichtet,« nickte ihm Könnern zu, während Günther, von seinen beiden Lastthieren gefolgt, denselben Weg, aber bedeutend langsamer, einschlug, den die junge Dame eben genommen. Die Kirche lag in dieser Richtung, und er wußte gut genug, daß Könnern Recht hatte, wenn er das Wirthshaus dicht daneben vermuthete. Aus dem Directionshause waren indessen ein paar deutsche Arbeiter gekommen, junge Burschen in Hemdärmeln und mit ledernen Hosen und Pantoffeln, der eine eine runde blaue, der andere eine viereckig grüne Mütze auf, und beide genau so aussehend, als ob sie eben dieselben Pantoffeln nicht ausgezogen hätten, seit sie in Bremen oder Hamburg das Schiff betreten. Diese griffen willig mit zu, das Packthier abzusatteln, und wenn sie auch stets an den verkehrten Stricken, aber deshalb nicht minder gutgemeint, zogen, gelang es doch endlich mit Könnern's Hülfe, den Packen aufzuschnüren und die verschiedenen Gegenstände in's Haus und in die erste Etage zu schaffen. Die Pferde brachten sie dann ebenfalls auf einen kleinen Weideplatz dicht am Hause, wo sie auch einzeln gefüttert werden konnten, und seinen Diener schickte Könnern dann mit dessen eigenem Sattelzeuge in das Wirthshaus hinüber, da er den Eingeborenen nicht mit den Deutschen zusammenbringen wollte. Er wußte, daß dies selten gut that. Hierbei gelang es ihm, einen Blick in den untern Theil des Directionshauses zu werfen, und es sah dort allerdings wild und wunderlich genug aus. Das ganze Haus war noch neu, ja, es stand sogar noch ein Theil des Gerüstes. Die Wände waren auch nur erst einfach geweißt und die Fensterrahmen noch nicht einmal gestrichen. Gleichwohl glich der Platz da unten weit eher einem indianischen Bivouak, als der Wohnung eines Direktors der Colonie, denn überall in den Zimmern lagen Matratzen, überall an den Wänden standen die riesigen Kisten und Koffer der Auswanderer, mit der groß gemalten Adresse »Nach Brasilien« noch daran, und auf dem ebenfalls preisgegebenen Kochherde war auf jeder Ecke ein Feuer angezündet, über dem theils ein Kessel brodelte, theils eine Pfanne zischte. Selbst im Hofe loderte ein stattliches Feuer, um den übrigen Kochgeschirren Raum zu geben, denn heute war ja Sonntag, und die Deutschen feierten diesen, genau wie daheim, mit Essen und Trinken. Könnern, im Augenblick ohne weitere Beschäftigung, trat dort hinein, ohne daß die Leute jedoch besondere Notiz von ihm genommen hätten. Ein paar alte Frauen saßen auf den Kisten in der Ecke und lasen in ihren Gesangbüchern; die Mädchen und jungen Frauen waren fast alle mit einer oder der andern Arbeit für die Küche beschäftigt, und die Männer lagen zum Theil ausgestreckt auf den Matratzen oder auch auf dem nicht gerade überreinlichen Boden und rauchten ihre kurzen Pfeifen. Tabak war billig hier, und sie konnten sich dem Genusse mit unbeschränkter Leidenschaft hingeben. »Nun, Leute, wie geht's?« redete Könnern einen der Männer an, der beide Beine von einander gestreckt hatte und, ein Bild der höchsten Zufriedenheit, flach auf dem Rücken lag. Nur den einen Arm hatte er als Kissen unter den Kopf geschoben und sah den Rauchwolken nach, die er mit Macht gegen die Decke blies; »Ihr scheint Euch hier ganz behaglich zu befinden?« »Und warum nicht?« sagte der Mann, indem er die Pfeife in den einen Mundwinkel schob; »hier kann mer's aushalten, und die Schinderei geht doch noch zeitig genug an. Das Brumsilien ist ein ganz famoses Land – wären wir nur früher hergekommen.« »Ja, mit dene Männer hat's keine Noth,« fiel hier die eine Frau ein, die mit roth erhitztem Gesichte gerade aus der Küche kam und sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirn trocknete, »wenn die nur satt Tabak haben und auf der faulen Haut liegen können, sell freut sie und sie wollen's net besser; aber uns arme Weiberleut' derf's schinden und plagen, wie's mag.« »Und was geht Euch ab?« fragte der Man», faul den Kopf nach ihr umdrehend. »Was uns abgeht?« sagte die Frau, »ein eigen Haus und ein eigener Herd, weiter nichts, daß man weiß, weshalb man sich plagt und schind't, und seine Kochtöpf' nicht auf Gottes Erdboden herum zu stoßen hat. Erst aber drei Monat das leidige Schiffsleben und nun vier Monat wieder hier in einer wahren Heidenwirthschaft – sell kann Einen freuen, und bis an den Hals steht mir's.« Und damit griff die Frau ein am Boden sitzendes, schreiendes Kind an einem Arme auf und verschwand damit durch die offene Thür. »Weiberleut'!« sagte der Bauer verächtlich und rauchte weiter. Könnern behielt übrigens keine Zeit, noch weitere Forschungen anzustellen, denn der Direktor sah in diesem Augenblick in's Zimmer. Er hatte jedenfalls seinen Gast gesucht und rief jetzt: »Nun, sieht es hier nicht liebenswürdig aus? Aber kommen Sie, Könnern, wir wollen vor Tisch noch einen kleinen Spaziergang machen – lassen Sie nur, Sie können sich nachher umziehen; es kommt bei uns nicht so genau darauf an, und Ihre Sachen habe ich schon in die für Sie bestimmte Stube stellen lassen.« Damit nahm er ohne Weiteres Könnern unter den Arm und verließ mit ihm das Haus. Die in der Stube umher zerstreuten Einwanderer richteten sich aber, als der Direktor das Zimmer betrat, etwas überrascht auf, rückten ihre Mützen und nahmen ihre Pfeifen aus dem Munde. Sowie er ihnen aber den Rücken drehte, fielen sie in ihre alte Stellung zurück und rauchten ruhig weiter. Der junge Fremde mußte jetzt vor allen Dingen dem Director von seinem Bruder erzählen, wie es ihm gehe, was er thue und treibe, und er wurde dabei nicht satt, ihm zuzuhören. Erst als jener Alles erschöpft, was er darüber zu sagen hatte, kamen sie auf die hiesigen Verhältnisse zu sprechen, und Bernard Könnern gestand dem Director, daß er, doch einmal in der Welt umherstreifend, nur nach Brasilien gekommen sei, um die Verhältnisse des Landes, über die er die verschiedensten und widersprechendsten Gerüchte gehört, einmal selber durch Augenschein kennen zu lernen und dabei für seine Mappe zu sammeln. Habe er das erreicht, dann kehre er eben wieder nach Europa zurück, denn mit allen Mängeln scheine es doch, als ob ihm das Vaterland kein anderer Ort der Welt ersetzen könne. »Sie haben Recht,« erwiderte der Director, der ihm schweigend zugehört hatte. »Je mehr wir von fremden Ländern sehen, und wenn sie selbst ihre größte und schönste Pracht entfalten, desto mehr fühlen wir doch immer, daß sie uns die Heimath nie ersetzen können – aber um das zu fühlen, dazu gehört eine gewisse Quantität Gemüth, und es ist äußerst interessant zu beobachten, auf welche verschiedene Art und Weise sich das auch bei den verschiedenen Naturen äußert und wie es ausbricht. Jeder Mensch bildet sich nämlich dazu eine gewisse Entschuldigung, und die am meisten poetische hat stets das Gemüth der Frauen, auch wenn sie den niedrigsten Klassen angehören. Bei diesen ist es das Grab der Eltern oder das eines Kindes, die alte Dorfkirche, oder das Haus, das ihre erste Heimath bildete, zu dem sie sich zurücksehnen; der Brunnen, an dem sie Wasser holten, die alte Linde vor der Pfarrwohnung, wo sie vielleicht zum ersten Mal mit dem jetzigen Manne getanzt, und an die sie sich um so viel lieber erinnern, weil der Mann gerade damals so viel anders war, als er jetzt ist – der kleine Garten, den sie bestellt, das Vieh selber, das sie großgezogen, das alles hat seinen Anhaltspunkt noch lange nicht verloren, und ob sie Vieles hier mit der Zeit besser und bequemer finden mögen, es zieht sie doch mit einem ganz eigenen Gefühl zurück zu den alten Verhältnissen. Der Mann dagegen – ich meine hier den gewöhnlichen Bauer – hat wieder einen ganz andern Ankergrund für sein Heimweh. Er denkt, wenn er sich Deutschland in's Gedächtniß zurückruft, fast immer an seine heimische Schenke, an das Bier und eine Menge anderer prosaischer Dinge, zu denen aber doch trotzdem die alte Linde und der alte Kirchthurm den nebelhaften Hintergrund bilden. Seine »Freundschaft«, wie er die Verwandten nennt, zieht ihn weniger zurück; der Bauer lebt eigentlich nie recht in wirklichem Frieden mit seinen Verwandten, und die Sehnsucht nach ihnen ist deshalb auch nie außergewöhnlich. Den gebildeten Mann zieht dagegen mehr ein geistiges Bedürfniß als das bloße Gemüth nach der Heimath zurück.« »Den gebildeten Mann zieht gewöhnlich das zurück,« sagte Könnern, »daß er in dem fremden und überseeischen Lande selten eine passende oder wenigstens ihm zusagende Beschäftigung findet, die ihn hinreichend ernährt. Kaufleute natürlich ausgenommen, die überall daheim sind und auch herüber und hinüber ziehen, sieht sich der, der daheim gewohnt war, mehr mit seinem Kopfe als mit seinen Fäusten zu arbeiten, in nur zu häufigen Fällen allein auf die letzteren angewiesen. Das gefällt ihm nicht, eine Quantität Gemüth kommt dazu, und das Heimweh ist fix und fertig.« »Sie haben wohl Recht,« nickte der Direktor, »und nicht allein das Heimweh, sondern auch zugleich die Unzufriedenheit mit allen sie umgebenden Dingen, die, der Meinung jener Leute nach, für sie nicht passen, während sie selber es sind, die sich nicht hineinfinden können oder wollen. Davon weiß ein armer Director am besten zu erzählen, denn gerade in meiner Colonie bin ich mit einer Klasse von Menschen geplagt, die fast alle das Jahr 1848 von Deutschland herüber gescheucht hat und die jetzt auf Gottes Welt nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen.« »Sie scheinen hier wirklich eine Art von haute volée zu haben,« lächelte Könnern, »denn außer jener Frau Gräfin sah ich heute Morgen auch noch eine reizende junge Dame die in Carrière vorüberflog.« »Sie wird nächstens einmal ihren reizenden Hals brechen,« meinte der Director trocken; »jene Beiden gehören aber zusammen, denn die junge Dame ist die Comtesse, die Tochter der Gräfin. Da haben Sie also gleich die Spitze der Gesellschaft gesehen. Außerdem aber sind wir noch mit einer Anzahl von Titular-Honoratioren geplagt, die voller Ansprüche stecken und weder zum Nutzen noch zur Verzierung der Colonie dienen. Doch mit diesen Herrschaften werden Sie selber wohl näher bekannt werden, wenn Sie sich länger in unserer Colonie aufhalten, und nur einen Rath muß ich Ihnen schon jetzt geben, ehe er zu spät kommt: Borgen Sie Niemandem Geld.« Könnern lachte gerade heraus. »Fällt Ihnen die Warnung bei den Honoratioren ein?« sagte er. »Allerdings,« erwiderte der Director ganz ernsthaft; »der Bauer, wenn er Geld braucht, wendet sich einfach an die Regierung um Subsidien, die ihm nur in Ausnahmefällen abgeschlagen werden und für deren Rückzahlung er mit seinem Lande haftet. Unsere haute volée dagegen ist viel zu stolz, an etwas Derartiges nur zu denken, hat auch in leider sehr vielen Fällen entweder kein Land, oder doch schon eine Menge von stillschweigenden Hypotheken darauf aufgenommen.« »Aber Sie werden doch wahrhaftig keinen wildfremden Menschen anborgen?« »Es giebt dafür verschiedene Auswege,« meinte der Direktor, »und Menschen, die sich sonst in den einfachsten Verhältnissen nicht zu helfen wissen, entwickeln gerade in dieser Beziehung eine erstaunliche Mannigfaltigkeit.« »Aber weshalb wandern solche Menschen,« sagte Könnern, »die doch von vornherein wissen sollten, daß sie für derartige Arbeit und Beschäftigung nicht passen, eigentlich nach einem wilden Lande aus? An Büchern fehlt es wahrlich nicht, die ihnen ziemlich deutlich sagen, was sie in der neuen Welt – ob sie nun Amerika, Australien oder sonstwie heiße – zu erwarten haben. Sie können sich darüber nicht täuschen, wenn sie überhaupt Deutsch verstehen.« »Und doch thun sie es,« sagte der Direktor, »und zwar meist aus dem ganz einfachen und in jedem andern Falle schätzenswerthen Grunde, daß sie eine sehr gute Meinung von sich selber haben. Ich kann Alles, was ich will , sagen sie, bedenken aber dabei gar nicht, daß sie nicht Alles wollen , was sie können , denn es kann natürlich ein Jeder, wenn er nicht gerade einen überschwächlichen Körper mitbringt, Handarbeit verrichten; aber wie die Vorsätze auch daheim gewesen sein mögen, hier machen sie nicht einmal den Versuch dazu, und wenn sie ihn machen, bleibt es auch gewiß immer bei dem Versuche. Es ist und bleibt ein wunderliches Volk, und wenn ich erst einmal nicht mehr Direktor bin, was, wie ich hoffe, nicht mehr lange dauern wird, so glaub' ich, daß ich mich sogar prächtig dabei amüsiren werde, sie in ihrem eigenthümlichen Treiben und Wirtschaften zu beobachten. Jetzt aber halten sie mir die Galle fortwährend in Gährung, und dabei kann natürlich der beste Humor nicht aufkommen, ohne seine bestimmte Partie Gift mit anzunehmen. Sehen Sie, da kommt gleich Einer davon; sieht der Mensch aus wie ein brasilianischer Pflanzer?« Um die eine Ecke bog in diesem Augenblicke ein Herr, der – wenn die Sommerbeinkleider nicht ein klein wenig zu kurz gewesen wären – in dem Anzüge recht gut hätte an einem schönen Nachmittage unter den Linden in Berlin spazieren gehen können. Er trug vollkommen moderne Tuchkleidung, einen Cylinder, einen Regenschirm, der hier auch besonders gegen die Sonne benutzt wurde, und im Knopfloch den Rothen Adlerorden vierter Klasse. Als er den beiden Herren begegnete, lüftete er den Hut mit einer förmlichen, aber auch sehr vornehmen Verbeugung, und ging dann, ohne Miene zu einem weiteren Gruße zu machen, stolz vorüber. »Und wer war das?« »Der Baron Jeorgy, seinem Berichte nach aus einer sehr alten Familie, der mit der Idee herüberkam, brasilianischer Pflanzer zu werden. Er übernahm eine allerliebst gelegene Colonie – Sie müssen heute Morgen daran vorbei gekommen sein.« »Ah, das Haus da oben auf dem Berge, wo ein reizendes junges Paar von brasilianischer Abstammung wohnt?« »Ganz recht, Köhler's Chagra, wie der Platz jetzt heißt – und er ver wirtschaftete das Gut in unglaublich kurzer Zeit dermaßen, daß es zuletzt wenig mehr als eine Wildniß war. Er mußte es endlich verkaufen, denn es trug ihm nicht einmal mehr die Kosten, und natürlich konnte Niemand weiter daran schuld sein, als der Direktor, da ihm dieser noch dazu nicht einmal mehr Geld darauf vorstrecken wollte. Er ist seit der Zeit wüthend auf mich, nach Art solcher Leute aber auch um so viel höflicher geworden, und ärgert sich nur, daß ich von seinen Verleumdungen gegen mich nicht die geringste Notiz nehme.« »Guten Morgen, Herr Director!« unterbrach in diesem Augenblick ein junger Mann das Gespräch, der sie überholt hatte und rasch an ihnen vorüberschritt. Er grüßte dabei sehr ehrfurchtsvoll, schien sich aber nicht lange in seines Vorgesetzten Nähe aufhalten zu wollen, dem er vielleicht unerwartet in den Wurf gelaufen, denn er bog rasch in die nächste Querstraße ein und verschwand in einem der Gärten. »Der junge Herr,« sagte Könnern, »scheint stark gefrühstückt zu haben. Sein ganzes Aeußere sah wenigstens danach aus.« »Ein anderer Fluch unser Colonie,« seufzte Sarno, »das war unser Schullehrer.« »Der Schullehrer? Er kann höchstens zweiundzwanzig Jahr alt sein.« »Und nicht einmal ist er trotzdem , sondern gerade deshalb Schullehrer,« sagte der Direktor; »unser deutscher Bauer ist nämlich von Haus aus und von klein auf so daran gewöhnt worden, den »Schulmeister« als ganz untergeordnete Persönlichkeit zu betrachten und danach natürlich auch die Erziehung seiner Kinder zu bemessen, daß ihn für diese jeder Milreis reut, den er ausgeben soll, und er förmlich gezwungen werden muß, die Kinder in die Schule zu schicken. Das Loos eines Schullehrers ist aber in keinem Lande der Welt beneidenswerth, und nur daheim, wo Leute von Jugend auf dazu erzogen werden und dann später keine andere Laufbahn mehr einschlagen können , finden sich immer genügende Kräfte. Hier dagegen, wo Jeder sein Brod weit besser und sorgenfreier verdienen kann, der nur irgend seine Knochen gebrauchen will, denkt gar Niemand daran, sich zu dem fatalen und außerdem noch schlecht belohnten Amte eines Schullehrers herzugeben, der nicht nothgedrungen muß. Das aber sind dann meist junge Leute, Studenten oder Handlungsdiener, die einen angeborenen Abscheu vor Hacke und Schaufel haben, und nur, um nicht zu verhungern, sich gerade für so lange der »Beschäftigung« eines Schullehrers unterziehen, als sie nichts Anderes und Besseres zu unternehmen wissen. Sowie sie aber etwas Besseres finden, kann man sich auch fest darauf verlassen, daß sie der Gemeinde kündigen – manchmal gehen sie sogar ohne Kündigung fort, und wie nachtheilig ein so steter Wechsel – den eigentlichen mangelhaften Unterricht nicht einmal gerechnet – auf die Kinder wirken muß, läßt sich ja denken und liegt klar zu Tage. »Zu Zeiten trifft es sich, daß wir trotz alledem einen ordentlichen Mann, wenigstens für Monate oder ein halbes Jahr, in der Schule haben. Dieses Mal freilich meldete sich, als die Kinder schon drei Wochen ohne den geringsten Unterricht gewesen waren, ein möglicher Weise irgendwo durchgebrannter Handlungsdiener für die Stelle, die man ihm auch »auf Probe« überließ, und da der gute Mann den brasilianischen Wein merkwürdiger Weise trinken kann, benutzt er jeden freien und nicht freien Augenblick, um über die Stränge zu schlagen.« »Und auf die Art,« lachte Könnern, »warten beide Parteien gegenseitig, ob sie einander nicht bald wieder los werden können?« »Allerdings,« erwiderte der Direktor; »hier aber haben wir jetzt das Ziel unseres Spazierganges, das Auswanderungshaus, erreicht, das ich doch heute Morgen einmal besuchen und Ihnen gleich zeigen wollte. Hier sehen Sie die Einwanderer untergebracht, welchen, der furchtbaren Nachlässigkeit unserer Provinzialregierung zufolge, noch keine Colonie – d. h. kein eigenes Land für ihre Arbeit – angewiesen werden konnte und die hier auf Staatskosten gefüttert werden müssen, bis Ihr Freund die nöthigen Landstrecken für sie vermessen haben wird. Aber treten wir ein. Sie sehen da Alles viel besser, als ich es Ihnen sagen könnte.« Könnern sah vor sich ein langes, fast ovales Gebäude, aus Pfählen oder eingerammten Stämmen aufgerichtet, und theils mit Schindeln, theils mit Ziegeln, an einigen Stellen sogar mit Schilf und Reisig nothdürftig gedeckt, um das herum es von den abenteuerlichsten Gestalten wimmelte. Alle waren Deutsche, darüber blieb dem Fremden auch nicht der geringste Zweifel, denn die flachsköpfigen Kinder nicht allein, Männer und Frauen selbst in ihren alten heimischen Trachten verleugneten ihr Vaterland nicht einen Augenblick. Ihre Beschäftigung war aber ziemlich genau dieselbe wie die jenes Theiles, den der Director in seine eigene Wohnung genommen hatte, nur daß hier entschieden mehr Männer einquartiert schienen. Der innere weite Raum, wo nicht die unpraktischen riesigen Auswandererkisten aufgeschichtet standen, war mit ihnen ordentlich angefüllt, denn in der heißen Tageszeit hatten sie den Schatten des luftigen Gebäudes gesucht, während die Frauen hier in der Sonne draußen arbeiten konnten, so viel sie eben Lust hatten. Als der Direktor übrigens mit dem Fremden den innern Raum betrat, erhoben sich die Meisten von ihrem rauhen Lager und nahmen die Mützen ab, denn der »Herr Director« war ja die erste Person in der Colonie, und mit dem durften sie es also schon nicht verderben. »Nun, Leute,« sagte Sarno nach der ersten flüchtigen Begrüßung, »nun werdet Ihr bald Euer Land bekommen können, denn heute hat die Regierung endlich Jemanden hergesandt, der Euren Grund und Boden vermessen soll. Haltet Euch nur bereit, daß einige Familien von Euch gleich ausrücken können, sowie eine Anzahl von Colonien vermessen ist. Ihr werdet das Herumliegen hier wohl auch satt haben?« »Na, es geht, Herr Direktor,« lachte der eine Mann; »wenn wir's im Leben nicht schlechter kriegen, läßt sich's aushalten – aber froh wollen wir doch sein, wenn wir einmal wieder für uns arbeiten dürfen. Das faule Leben hat auch keine rechte Art – und eigentlich schon ein bischen zu lange gedauert.« »Hier geht's auch schmählich eng zu,« sagte ein Anderer, »beinah wie auf dem Schiff und der Müller da drüben, der macht sich mit seiner Familie auch noch so breit, daß wir Anderen lieber hinaus vor die Thür möchten, damit der große Herr nur Platz hat.« »Ja, Du darfst auch noch räsonniren, Du Lumpenkerl,« erwiderte eine tiefe Baßstimme aus der Ecke, »wenn wir lauter solch Gesindel wären, wie ...« »Ruhe!« unterbrach ihn der Direktor, »haltet mir Frieden hier, das sag' ich Euch, denn der Erste, der Streit anfängt, wird ohne Weiteres auf das nächste Schiff gesetzt und wieder aus der Colonie geschickt. Wir wollen hier Frieden haben und wer sich dem nicht fügen will, mag gehen.« »Aber der Müller..« »Schweigt!« fuhr ihn der Director an; »wenn Ihr eine gegründete Klage habt, so wißt Ihr, an wen Ihr Euch damit wenden sollt, und zu welcher Zeit, und daß Ihr dann Eure Zeugen mitzubringen habt. Einfache Klatschereien will und werd' ich nicht anhören. Was fehlt denn der Frau da, die dort in der Ecke liegt?« »Schlecht ist ihr's,« sagte eine andere Frau, die neben ihr saß und ihr gerade aus einem großen Topfe zu trinken gab; »sie hat sich den Magen verdorben an den vielen Apfelsinen.« »Ist denn der Doctor heute noch nicht hier gewesen?« »Der Doctor? Ja, der kommt schon lange nicht, wenn man ihm nicht erst das Haus einläuft,« sagte eine andere Frau; »meine Kathrine, der war's gestern auch so elend zu Muthe – daß er auch nur einmal nach ihr gesehen hätte – und wie ich ihn darum gebeten habe!« »So?« sagte der Director, »nun, in einer halben Stunde soll er hier sein, das verspreche ich Euch – wie viele von Euch haben denn in der Woche mit an dem Wege gearbeitet?« Keine Antwort – die ihm Nächsten schienen die Frage eben nicht gern zu hören. »Nun? Kann Keiner den Mund aufthun?« »Na, der Niklas,« sagte die eine Frau, »hat zwei halbe Tage, und der Christoph, der hat gestern Nachmittag angefangen, und Schultze's Elias, der muß schon den Donnerstag oder Freitag hinausgegangen sein.« »Da haben Sie's!« sagte der Director zu Könnern; »Monate lang liegen die Menschen hier auf der faulen Haut und leben von den Subsidien oder Unterstützungen, die ihnen der Staat verabreicht, also von Geldern, die sie nach fünf Jahren wieder zurückerstatten müssen. Wo ich ihnen aber eine Gelegenheit geboten habe, selber für sich etwas zu verdienen, wenn sie nur die faulen Knochen rühren wollten, glauben Sie, daß da Einer gutwillig mit angriffe? Gott bewahre! Wenn ihnen der Polizeidiener nicht auf dem Nacken sitzt, rühren sie kein Glied, und wenn es eine Arbeit wäre, die sie nur zu ihrem eigenen Besten thun sollen und noch außerdem extra bezahlt bekommen. 's ist, weiß es Gott, eine Freude, mit solchen Menschen zu thun zu haben!« »Herr Director,« sagte in diesem Augenblick ein kleiner ältlicher Mann in einem wunderlichen Costüm, das er von allen Ständen der menschlichen Gesellschaft zusammengeborgt zu haben schien, indem er den Director an einem Aermel zupfte, »das Essen ist gleich fertig – Sie möchten nach Hause kommen.« »Ah, Jeremias,« sagte Sarno, sich nach ihm umdrehend; »schickt Dich die Kathrins herüber?« »Ja, Herr Director,« sagte der Mann, einen hohen Seidenhut, um den eine Art von Livréeband befestigt war, unter den Arm drückend, »und das Schiff ist auch unten.« »Das Schiff? Was für ein Schiff?« »Nun, das Schiff mit den neuen Landsleuten.« »Neue Auswanderer?« rief der Director erschreckt. »Die Gesina,« nickte der Mann; »der Herr Director haben ja schon lange davon gesprochen, »s ist gerade vor der Barre gesehen worden und der Capitain wird heut Abend heraufkommen.« »Na, das hat gerade noch gefehlt!« seufzte Sarno; »das Haus hier ist schon zum Ueberlaufen voll, und dazu noch eine frische Gesellschaft, eine neue Zufuhr – das wird angenehm!« »Und die Suppe?« »Darf nicht kalt werden. Du hast Recht, Jeremias. Sag' nur der Kathrine, daß wir den Augenblick hinaufkommen. Ist der fremde Herr schon da?« »Eben angekommen. Er sitzt oben in der Stube.« »Gut – also melde nur, daß wir gleich kommen und – halt, spring hinüber zum Doctor – ich lasse ihm sagen, augenblicklich hierher zu kommen. Verstanden?« Auf das Wort drehte sich das kleine Männchen um. machte noch eine ganz eigenthümliche Krümmung des Körpers, die als Verbeugung gelten sollte, und verschwand dann blitzschnell durch die Thür. Könnern hatte nur eben noch Zeit, zu bemerken, daß seine Beinkleider jedenfalls für eine andere Person zugeschnitten und gemacht sein mußten – wonach sie die andere Person denn auch so lange getragen haben mochte, wie ihr gut dünkte. Für Jeremias waren sie aber viel zu lang und unten in einem wahren Wulst umgelegt und aufgekrempelt. Er besaß außerdem – wenigstens glaubte es Könnern bei seinem ersten Erscheinen – brennend rothes Haar von einer ganz auffallenden Färbung, und als die kleine Gestalt sich zwischen den verschiedenen Gruppen der Auswanderer, zwischen Kochtöpfen, Kisten und in Betten eingepackten Kindern wie ein Ohrwurm durchwand, leuchtete sein Haar ordentlich irrwischartig, bis er draußen in den Büschen verschwand. »Da haben wir's!« sagte aber der Director, mit ganz anderen Gedanken beschäftigt; »jetzt geschieht, was ich schon lange befürchtet habe. Das Auswanderungshaus, selbst meine eigene Wohnung gefüllt, – keinen Fuß breit Land vermessen, den neuen Colonisten einen eigenen Fleck Grundeigenthum anweisen zu können, da kommt noch eine Schiffsladung frischer Kräfte dazu, und was ich indessen mit denen machen soll, weiß Gott!« »Und ist denn das nicht Sache des Präsidenten der Provinz,« fragte Könnern, »stets Land genug vermessen zu haben, um die Einwanderer unterbringen zu können?« »Allerdings ist es das, aber unser Präsident – ein braver, guter Mann, der es wirklich ehrlich meint – ist schon seit längerer Zeit schwer krank, und seine Frau – ein intriguantes, kokettes Frauenzimmer – regiert indessen nach Herzenslust und hat eine Masse nichtsnutziger Protegés, die sie unter jeder Bedingung unterbringen will und unterbringt. So schickte sie mir vor sechs Monaten einen Kerl hierher – ich habe keinen andern Namen dafür – der das Land vermessen sollte und nicht mehr davon verstand wie der Junge da. Glücklicher Weise faßte ich gleich Verdacht, paßte ihm auf und jagte ihn, als ich merkte, was an ihm war, wieder zum Teufel; er hätte uns sonst hier eine Heidenverwirrung angerichtet. Die Frau Präsidentin ist aber natürlich jetzt wüthend auf mich.« »Und leidet das die Regierung in Rio?« »Lieber Gott, einestheils erfährt sie nie den wahren Thatbestand, und dann ist es auch wirklich für sie schwer, gegen einen einmal eingesetzten höhern Beamten ernstlich einzuschreiten, so lange nicht directe Anklagen vorliegen. Jetzt verklagen Sie aber einmal von der Colonie Santa Clara aus den Präsidenten, der in Santa Catharina sitzt, oben in Rio de Janeiro – die Geschichte wäre gleich von vornherein so weitläufig, daß man sie doch in Verzweiflung aufgeben würde, wenn man auch wirklich hoffen dürfte, etwas auszurichten – was man aber außerdem nicht darf. Doch unsere Suppe wird wahrhaftig kalt und die Kathrine nachher böse – also vor allen Dingen zum Essen« – und Könnern's Arm ergreifend, führte er ihn rasch der eigenen Wohnung zu. Nur ein einziges Mal unterwegs blieb Könnern stehen, und den Arm gegen einen der kleinen Hügel ausstreckend, sagte er: »Sehen Sie nur, was für ein wunderbar romantisches Plätzchen sich jener Ansiedler dort gewählt hat, dessen kleines Haus nur eben aus dem dunkeln Grün der Büsche auf jenem Hügel da drüben herausblickt.« »Ah, Sie meinen unseres Einsiedlers Villa,« lächelte der Direktor; »die Aussicht von seinem Hause hat er übrigens ganz zufällig bekommen, denn eine Palmengruppe verdeckte den Platz so vollständig, daß man von unten aus keine Ahnung hatte, dort oben sei eine menschliche Wohnung. Neulich nun warf der Sturm die kleinen Palmen um, und das Haus bekam dadurch, wahrscheinlich vollkommen gegen den Willen seines Eigenthümers, eine reizende Aussicht.« »Gegen seinen Willen?« »Ich glaube, ja. Der Mann heißt Meier und lebt mit Frau und Tochter, einem jungen Gärtner und einer alten Dienstmagd, die sie hier angenommen, fast ganz abgeschieden von der Colonie und verkehrt mit Niemandem. Jammerschade noch dazu, denn es wäre in der That eine Familie, mit der man einen angenehmen Umgang haben könnte ; aber man darf sich doch auch nicht aufdrängen, und da er mich, obgleich ich drei- oder viermal oben bei ihm war, noch nicht ein einziges Mal wieder besucht hat, so muß ich wohl annehmen, daß er es lieber sieht, wenn ich meine Besuche nicht wiederhole, und den Gefallen habe ich ihm denn auch gethan. – Aber da sind wir – sehen Sie, da oben steht die Kathrine schon am Treppenfenster – ja, ja, Alte, wir kommen schon. Was so eine alte Person für eine Tyrannei ausübt, wenn man einmal ein paar Minuten zu spät zum Essen kommt!« 3. Bei der Frau Gräfin. Die Frau Gräfin Baulen hatte des Direktors Haus etwas in Aufregung verlassen und der Gedanke daran, oder etwas Anderes auch vielleicht, lag ihr schwer auf dem Herzen, als sie ihrer eigenen Wohnung wieder zuschritt. Sie ging wenigstens mit auf den Boden gehefteten Blicken und erwiderte den Gruß etwa Begegnender nur mit einer leisen Beugung des Kopfes, ohne zu ihnen aufzusehen So erreichte sie endlich das kleine freundliche Gebäude, das, von einem Garten umschlossen, an der äußersten Grenze der Ansiedelung lag, und wollte eben dasselbe betreten, als die beiden Reiter, ihr Sohn und ihre Tochter, wie sie durch den ganzen Ort geflogen waren, mit donnernden Hufen die Straße herabkamen und dicht vor dem Hause ihre Thiere so rasch herumwarfen, daß sie die alte Dame fast gefährdet hätten. »Aber Helene, aber Oskar!« rief sie entsetzt, indem sie rasch das Gartenthor zwischen sich und die Pferde brachte – »Ihr reitet ja wie die Wahnsinnigen und seht gar nicht, wohin Ihr rennt! Daß Ihr die Thiere dabei ruinirt, scheint Euch ebenfalls nicht im Mindesten zu kümmern!« »Nicht böse, Mütterchen, nicht böse,« lachte Helene, indem sie den Hals ihres noch immer tanzenden und courbettirenden Schimmels klopfte; »Oskar behauptete aber, daß sein Rappe flüchtiger wäre als meine Sylphide, und da habe ich ihm eben das Gegentheil bewiesen – aber Sylphide – ruhig, mein Herz, ruhig – wie wild sie nur geworden ist, weil ich sie die beiden letzten Tage nicht geritten habe!« »Du hattest von Anfang an einen Vorsprung,« rief Oskar, »sonst wärest Du mir wahrhaftig nicht vorgekommen; und dann verlor ich gleich beim Abreiten einen von meinen Sporen, was mich aufhielt.« »Einen von Deinen silbernen Sporen?« rief die Frau Gräfin. »Ja – aber er wird sich schon wiederfinden,« sagte der junge Bursche gleichgültig. – »He, Gotthelf! Gotthelf! Wo der nichtsnutzige Schlingel nur wieder steckt – Gotthelf!« »Ja – komme schon,« antwortete eine Stimme, die dem ungeduldigen Rufe des jungen Mannes in keineswegs entsprechender Eile zu sein schien. Gleich darauf schlenderte auch ein Bauernbursche, dessen reines, grobleinenes Hemd allein an ihm den Sonntag verkündete, beide Hände in den Taschen, um die Hausecke und kam langsam näher. »Na, Du fauler Strick, kannst die Beine wohl nicht ein bischen in die Hand nehmen?« rief ihm der junge Graf entgegen – »es wird wahrhaftig immer besser. Soll ich Dich etwa in Trab bringen?« »Brrrrrr!« erwiderte Gotthelf mit unerschütterlicher Ruhe, indem er seine Schritte nicht im Geringsten beschleunigte; »gehen Sie nur nicht durch, junger Herr, und machen Sie die Pferde nicht scheu.« »Willst Du noch unverschämt werden, Halunke!« rief der junge Graf in aufloderndem Zorne, indem er seine Reitpeitsche fester packte und hob. Gotthelf aber, nicht im Geringsten dadurch eingeschüchtert, trat dicht zu dem Pferde heran und sagte: »Na, so schlagen Sie doch! – Warum langen Sie denn nicht zu? Mein Buckel wäre doch, dächt' ich, breit genug.« Graf Oskar schlug aber nicht; der junge, allerdings sehr breitschulterige Bauernjunge hatte heute etwas in seinem Auge, was ihm nicht gefiel. Deshalb nur mit einer verächtlichen Kopfbewegung aus dem Sattel steigend, sagte er, indem er Gotthelf den Zügel hinreichte: »Da – ich will mich mit Dir nicht befassen. Führe die Pferde herum und reibe sie nachher trocken ab.« Gotthelf nahm aber nicht einmal seine Hände aus den Taschen, und die beiden Pferde nacheinander betrachtend, sagte er kopfnickend: »Ja – Herumführen werden sie wohl brauchen, denn geritten sind sie wieder, daß es eine Schande ist; aber der Gotthelf wird Ihnen das schwerlich besorgen, denn mit ›Halunke‹-Schimpfen werden die Leute nicht fett, und wo es außerdem weiter nichts giebt, nicht einmal Lohn, da lohnt's eben nicht, daß man sich die Nägel von den Fingern arbeitet. Suchen Sie sich einen andern Gotthelf, aber ich glaube kaum, daß sie noch einen so dummen finden, der Ihnen drei Monate nur der Ehre wegen den Schuhputzer macht.« – Und sich damit scharf auf dem Absätze herumdrehend, schlenderte er wieder in's Haus zurück, ging auf sein Zimmer, packte seine Sachen zusammen und verließ eine halbe Stunde später in der That, ohne weiteres Abschiedswort, die gräfliche Familie. »Das hast Du nun von Deiner Heftigkeit,« sagte die Gräfin, drehte sich ab und schritt würdevoll in das Haus hinein. Graf Oskar biß wüthend die Zähne zusammen und hätte seinen Zorn gern an irgend Jemandem ausgelassen; aber es war Niemand da, von dem er vermuthen durfte, daß er es sich gefallen lassen würde. Sein Sattel allein mußte es entgelten, den er selber abschnallte und dann völlig rücksichtslos über den Gartenzaun, mitten zwischen die Blumen hineinwarf; – dann führte er sein Pferd in die kleine Umzäunung, wo die Thiere gewöhnlich gefüttert wurden, nahm ihm den Zaum dort ab und ließ es laufen. Von Herumführen oder Abreiben war keine Rede mehr. Comtesse Helene indessen war einigermaßen in Verlegenheit, denn da sich ihr Bruder in seinem Ingrimm gar nicht um sie bekümmerte, wußte sie nicht gleich, wie sie aus dem Sattel kommen sollte. Als sie den Kopf die Straße hinabdrehte, sah sie einen jungen Mann dicht hinter sich, der stehen geblieben war und sie betrachtet hatte. Unter anderen Umständen würde sie auch kaum von ihm Notiz genommen haben, denn trotz seiner anständigen Kleidung sah er etwas verwildert aus, und um das sonnengebräunte, von einem leichten, schwarzgekräusten Barte halb beschattete Gesicht hingen ihm die langen, schwarzen Haare unordentlich und wirr herab. Auch in den dunkeln Augen, mit denen er das wirklich bildschöne Mädchen betrachtete, lag ein eigenes, unheimliches Feuer, und erst als ihr Blick auf dem seinen haftete, milderte sich der Ausdruck in seinen Zügen. Es konnte ihm aber auch nicht entgangen sein, daß sie Hülfe brauche – die Straße war außerdem, als an einem Sonntag-Nachmittag, fast menschenleer und sich ordentlich gewaltsam dazu zwingend, trat er endlich näher, sah zu der Jungfrau auf und sagte: »Erlauben Sie mir vielleicht, Ihnen meinen Arm zu bieten?« Helene sah ihn im ersten Augenblicke mißtrauisch an; sie war viel zu selbständig aufgewachsen, oder hatte sich vielmehr selber so erzogen, um irgend Furcht vor einem fremden Manne zu zeigen; aber ein gewisser Instinct warnte sie, sich Jemanden zu irgend einem Danke zu verpflichten, der damit vielleicht einmal Mißbrauch treiben könne. Das Benehmen des Fremden war aber so achtungsvoll und ehrerbietig und das Anerbieten wurde mit so viel natürlichem Anstande gemacht, daß sie nach kaum secundenlangem Zögern lächelnd die Hand ausstreckte, sich auf den vorgehaltenen Arm des Fremden stützte und leicht aus dem Sattel sprang. Der Fremde hatte dabei zugleich den Zügel des Pferdes in einer Art ergriffen, die deutlich zeigte, daß er mit ihm umzugehen wisse, machte der Comtesse, als sie glücklich unten angelangt war, eine leichte Verbeugung, und führte dann das ganz erhitzte Thier zu dem nächsten Aste, an dem er den Zügel befestigte und den Sattel nachher durch Aufschnallen des Gurtes etwas lüftete. Das Alles geschah rasch und anscheinend ohne die geringste Anstrengung, und ehe Comtesse Helene nur recht mit sich einig war, ob sie abwarten, bis sich der Fremde entfernt habe, oder lieber gleich in das Haus gehen solle, war dieser schon fertig, verbeugte sich wieder leicht gegen sie, und wandte sich dann rasch und ohne sich umzusehen die Straße hinab, so daß sie ihm für seine Dienstleistung nicht einmal danken konnte. Comtesse Helene war bei ihrem Range und wirklich reizenden Aeußern, noch dazu in der bescheidenen Umgebung einer deutschen Colonie, allerdings daran gewöhnt worden, die Huldigungen und Galanterien der jüngeren wie älteren Leute als eine Art von Tribut fast gleichgültig hinzunehmen. Die Aufmerksamkeit dieses wunderlichen Fremden, der sich außerdem fast ängstlich jedem nur möglichen Danke entzog, hatte aber doch etwas so Eigentümliches, daß sie, frappirt davon, auf der Schwelle des Gartens stehen blieb und sich erst in das Haus zurückzog, als ihr Bruder, eben nicht in der besten Laune, zurückkam. Außerdem läutete auch in diesem Augenblicke die Glocke oben, welche zum Mittagessen rief, und sie durfte keine Zeit versäumen, wenn sie noch ihr Reitkleid ablegen und überhaupt ein wenig Toilette machen wollte. In dem Wohnzimmer der Frau Gräfin Baulen hatten sich indessen schon vor der Ankunft der Wirthin zwei auf heute geladene Gäste eingefunden. Der Eine von ihnen war der nämliche Herr, welcher Könnern und dem Director auf ihrem Wege durch die Stadt begegnete: der ausgewanderte Baron Jeorgy, den eine unglückliche romantische Ader zu seinem jetzigen sehr großen Bedauern nach Brasilien getrieben. Er hatte eine nicht unbedeutende Summe Geldes mit herübergebracht und es in sechs Jahren möglich gemacht, den größten Theil seines Capitals nicht gerade durchzubringen, aber doch auszugeben, was sich im Resultat allerdings vollkommen gleich blieb. Der Andere war ein junger, erst kürzlich herübergekommener Künstler, Namens Vollrath, der einen Empfehlungsbrief an den Baron mitgebracht hatte und dadurch auch bei der Frau Gräfin eingeführt war. Er spielte mit der Comtesse manchmal Clavier, aber die Frau Gräfin sah seinen Besuch nicht gern. Er erwies nämlich Helenen mehr Aufmerksamkeit, als ihrer Mutter lieb schien, und war außerdem blutarm – aber so lange er sich in seinen Schranken hielt, konnte man ihn eben nicht zurückweisen. Die Frau Gräfin hatte indessen schon ernsthaft mit ihrer Tochter über ihn gesprochen. Die Gräfin selber schien ihre Toilette schon vor dem Ausgange gemacht zu haben; Oskar, obgleich eben von dem scharfen und staubigen Ritte zurückgekehrt, hielt es nicht der Mühe werth, des Barons wegen die Wäsche zu wechseln – und der Andere war ja nur ein Clavierspieler. Comtesse Helene dachte nicht so. Von dem wilden Ritte war ihr reiches, schweres Haar gelöst und in Unordnung gerathen; ihren Anzug mußte sie ebenfalls wechseln, und da ihr dazu keine Kammerjungfer zu Gebote stand, bedurfte sie längerer Zeit, um sich der Gesellschaft, so klein diese auch immer sein mochte, zu zeigen. Oskar, überhaupt heute nicht in der besten Laune, war entsetzlich ungeduldig geworden und hatte den Klöppel der Klingel schon fast ausgeschlenkert, um die, wie er glaubte, saumselige Schwester dadurch etwas rascher herbeizurufen. Während Graf Oskar so im Zimmer herumlief und seinem Aerger durch verschiedene Ungezogenheiten Luft machte, die Gräfin mit dem Baron Jeorgy an einem der Fenster stand, das eine freundliche Aussicht über die Stadt gewährte, und ein Beider Interessen sehr lebhaft in Anspruch nehmendes Gespräch führte, hatte sich Vollrath an das Instrument gesetzt und intonirte leise einige Lieblingsmelodien Helenens, theils im einfachen getragenen Thema, theils in geschickt und künstlerisch durchgeführten Variationen. »Es ist ein trauriges Land,« sagte endlich der Baron mit einem tiefen Seufzer, indem er, ohne die Melodie selber zu beachten, den Tact dazu unbewußt auf dem Fenster trommelte – »ein sehr trauriges Land, dieses ausgeschrieene Brasilien, und ich fürchte fast, daß uns ein böser Stern an diese Küste geführt hat, von der ich, aufrichtig gestanden, gar kein rechtes Fortkommen mehr sehe. Ich begreife wenigstens nicht recht, wie man in Europa je, ohne die gehörigen Mittel, wieder standesgemäß auftreten könnte.« »Sie dürfen den Muth nicht verlieren, Baron,« bemerkte die in dieser Hinsicht viel resolutere Gräfin. »Ich fange jetzt selber an einzusehen, daß wir alle Beide doch möglicher Weise zu viel Standesvorurtheile mit herübergebracht haben, um das Leben hier an der richtigen Stelle anzugreifen.« »Aber, beste Frau Gräfin ...« »Ich sehe wenigstens eine Menge Menschen,« fuhr die Gräfin fort, ohne die Unterbrechung gelten zu lassen, »die nicht allein ihr Fortkommen auf höchst geschickte Weise finden, sondern auch noch Capital auf Capital zurücklegen, und es fällt mir gar nicht ein, ihnen mehr Verstandeskräfte zuzutrauen, als wir Beide auch besitzen, lieber Baron.« »Aber, beste Frau Gräfin,« beharrte der Baron, »der Art Leute sind von Jugend an auf ihre Fäuste angewiesen, und Sie wollen doch nicht voraussetzen, daß wir Beide etwas Derartiges auch nur annähernd leisten könnten?« »Ich denke gar nicht daran,« sagte die Gräfin mit einem vornehmen Zurückwerfen des Kopfes; »wo aber die rohe Kraft nicht ausreicht, da muß eben der Geist des Menschen eintreten, die Intelligenz, und wir finden es überall bestätigt, daß die Erstere, die rohe Kraft meine ich, immer nur für die Speculation arbeitet und diese eigentlich den Nutzen von jener erntet.« »Aber auch der Kaufmann braucht praktische Erfahrung,« seufzte der Baron, der seine Erfahrung schon außerordentlich theuer hatte bezahlen müssen – »und wir sind Beide zu alt, die noch zu lernen.« »Bah,« sagte die Frau Gräfin, den Kopf mit Geringschätzung wiegend, »der Kaufmann ist nicht der einzige Speculirende, auch der Fabrikant speculirt, indem er sich weniger die Waaren als die Kräfte der Menschen selber dienstbar macht.« »Aber, verehrte Frau Gräfin, Sie scheinen ganz zu vergessen, daß auch Capital dazu gehört, ja, und noch ein viel bedeutenderes Capital vielleicht, als zu einer einfachen Speculation in Kaufmannsgütern, und wenn man das Letzte dann darauf gesetzt hätte und es schlüge fehl – was dann? – Denken Sie sich eine Existenz, selbst hier in einer brasilianischen Colonie, ohne die Mittel, zu leben – denken Sie sich die Möglichkeit, daß man bei diesen frechen und übermüthig gewordenen Bauern gezwungen sein sollte, ein Anlehen zu erheben; es wäre fürchterlich!« Die Frau Gräfin schien nicht die Angst vor einer derartigen Calamität zu theilen, deren sogenannte »Furchtbarkeit« sie außerdem schon erprobt hatte, ohne daran zu sterben; aber der Baron brauchte das gerade nicht zu wissen, und sie fuhr wie überlegend fort: »Dafür ist aber auch dem Menschen der Verstand gegeben, daß er ihn richtig gebraucht und anwendet, und sollten die höheren Stände mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln nicht besonders da mehr bevorzugt sein, eine größere und gediegenere Kraft in die Wagschale zu werfen, als der rohe und ungebildete Bauer es im Stande wäre?« »Der rohe und ungebildete Bauer,« erwiderte der Baron achselzuckend, »hat von dem Schöpfer eine Art von Instinct bekommen, der gerade da anfängt, wo sein Verstand aufhört, und mit oft unbewußter Benutzung desselben macht er zu Zeiten die erstaunlichsten und unbegreiflichsten Dinge möglich.« »Sie sind eingeschüchtert, lieber Baron,« sagte die Gräfin lächelnd, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte. »Und habe alle Ursache dazu,« seufzte der Baron. »Sie haben durch eine Reihe von widrigen Zufälligkeiten nicht unbedeutende Verluste erlitten,« fuhr die Gräfin fort, »das hat Sie kopflos gemacht – Oskar, ich bitte Dich um Gottes willen, laß das furchtbare Getöse mit der Glocke, ich werde wahrhaftig noch ganz nervös – verlieren Sie jetzt den Muth, so ist alles verloren, unwiederbringlich. Bewahren Sie sich aber die Elasticität Ihres Geistes, so können Sie mit einem Schlage alles Verlorene nicht allein wieder einbringen, sondern auch verdoppeln, ja, vielleicht verdreifachen.« »Das ist's eben, was ich bezweifle,« versicherte der Baron; »aber, verehrte Frau, haben Sie vielleicht einen Plan? Denn Ihr ganzes Benehmen scheint mir nach einem gewissen Ziele hinzustreben – und wollen Sie mich zu Ihrem Vertrauten machen, so könnte ich Ihnen, wenn auch möglicher Weise mit weiter nichts, doch vielleicht mit gutem Rathe zur Seite stehen, der oft in nur zu vielen Fällen die Stelle des Capitals vertritt.« »Ich habe allerdings einen Plan,« erwiderte die Gräfin, »der aber schon so weit gediehen ist, daß er des Raths kaum mehr bedarf, denn er basirt auf Thatsachen, auf Zahlen, auf genauer Kenntniß der Grundlagen. Wenn ihn deshalb noch etwas fördern kann, so ist es einzig und allein Capital . Doch davon später, lieber Baron, denn ich höre eben meine Tochter kommen, und Oskar entwickelt heute eine so liebenswürdige Ungeduld, daß wir das Essen nicht länger warten lassen dürfen.« Der Baron war zu viel Weltmann, um seiner eigenen Ansicht über »Oskars Ungeduld« einen selbstständigen Ausdruck zu geben. Er machte deshalb nur eine stumme Verbeugung gegen die Gräfin, reichte ihr dann den Arm und führte sie, wie in seinen schönsten Tagen daheim, die drei Schritte bis zu dem einfachen Tannentische. Ueber diesen war aber ein kostbares Damasttuch gebreitet, auf dem neben den weißen Steinguttellern schwere englische Löffel und Gabeln lagen, die im Besitze einer Gräfin recht gut für echtes Silber angesehen werden konnten. Comtesse Helene betrat in diesem Augenblicke das Zimmer, und Vollrath hatte sein Spiel beendet und das Instrument geschlossen. Helene war wirklich ein schönes Mädchen von nicht zu hohem, aber schlankem und üppigem Wuchse, mit vollem, fast goldblondem Haar und dabei dunkeln, brennenden Augen, einem verführerischen Grübchen im Kinn und Hand und Arm vollkommen makellos. Das fest anschließende, lichtgraue Kleid von allerdings nur einfach wollenem Stoffe hob ihre Büste so viel mehr hervor, während die selbst schon hierher gedrungene Crinoline nur dann und wann einer kleinen, sehr zierlichen Fußspitze gestattete, an's Tageslicht zu kommen. »Das gnädige Fräulein sind heute wieder einmal gar nicht fertig geworden,« empfing sie Oskar, dessen Laune dadurch nicht gebessert schien, daß Niemand weiter Notiz von ihm genommen. Helene beachtete aber auch den Vorwurf nicht, begrüßte ziemlich förmlich den Baron, nickte Vollrath freundlich zu und ging dann, ehe dieser mit sich einig geworden schien, ob er ihr den Arm bieten solle oder nicht, rasch zu ihrem Platze am Tische, an dem sie sich, mit einladender Bewegung für die Uebrigen, zuerst niederließ. Das Diner war sehr einfach, wie es das Leben in einer solchen Colonie und die Arbeit einer einzelnen Köchin, die zugleich alle anderen Hausdienste verrichten mußte, mit sich bringt: Suppe, ein Braten mit zweierlei Gemüse und etwas eingekochtem Obste und zum Dessert die vortrefflichen Orangen und Granatäpfel des Landes. Niemand machte hier auch größere Ansprüche oder war an Weiteres gewöhnt, und das Gespräch drehte sich während der Tafel hauptsächlich um die neu erwarteten Einwanderer, da sich das Gerücht über deren Ankunft schon durch die ganze Colonie verbreitet hatte. Ist es doch auch immer ein Moment für solche Ansiedelung, einen neuen Zuschuß von Fremden zu bekommen, von denen ein kleiner Theil stets in der Stadt selber bleibt und vielleicht einen neuen Umgang bilden kann, denn bekannt wird man ja mit Allen. Nur Vollrath, der neben Helenen saß, war still und einsilbig und schien sich nicht einmal für Oskar's Ansichten, die dieser über brasilianische Pferde entwickelte, zu interessiren; Oskar sprach überhaupt nur über Pferde. Das Diner ging so vorüber – Oskar plauderte in einem fort, ob ihm Jemand zuhörte oder nicht – der Baron und die Gräfin, in deren Gespräch sich Helene nur manchmal mischte, unterhielten sich lebendig, und nur Vollrath schwieg hartnäckig still. Ein paar Mal schien er freilich den Mund öffnen zu wollen – aber es blieb eben immer nur bei dem Versuch, und Helenen war es nicht entgangen, daß er irgend etwas auf dem Herzen trage, was ihn beenge – wußte sie, was es war? Aber so unbefangen sie sich stets gegen ihn gezeigt, so unbefangen blieb sie auch heute, und als das Diner beendet und die kleine Gesellschaft in den Garten gegangen war, legte sie ruhig und lächelnd ihren Arm in den seinen und sagte: »Kommen Sie, Herr Vollrath, wir wollen ein wenig auf- und abgehen. – Oskar ist heute unausstehlich, weil ich ihm in unserem Wettrennen vorgekommen bin, und Mama hat, wie es scheint, mit dem alten, steifen Baron eine so hochwichtige Besprechung, daß sie alles Andere, was um sie her vorgeht, zu vergessen scheinen.« Vollrath schoß das Blut in Strömen in's Gesicht, aber er verbeugte sich leicht, nahm den Arm und schritt mit der jungen Schönen den Garten entlang. Helenen aber genügte der beschränkte Raum heute nicht; war es die Aufregung des scharfen Rittes, war es der Aerger über den Bruder, kurz, sie stieß die Gartenpforte auf, die an dieser Seite gerade nach den zu einer Art von Promenade umgewandelten Büschen hinausführte, und wanderte langsam mit ihrem Begleiter den schmalen Weg entlang, der, immer in Sicht der Häuser, sich fast um die Ansiedelung schlängelte. Oskar hatte sich in die Laube auf eine Bank gelegt und rauchte, ein Bein über das andere gelegt, seine Cigarre, und die Gräfin ging mit dem Baron wieder im eifrigem Gespräche im Garten auf und ab. »Aber, verehrte Frau,« sagte der Baron jetzt, »Sie rücken noch immer nicht mit Ihrem Projecte heraus. Sie reden nur fortwährend von glänzenden, sorgenfreien Aussichten, von Rückkehr in die Heimath, von – ich weiß selber kaum was, und den eigentlichen Kern dieser Frucht halten Sie im Dunkel. Sie glauben doch sicher nicht, daß ich einen Mißbrauch damit treiben und als Ihr Concurrent in irgend einer glücklichen Speculation auftreten könnte?« »Mein lieber Baron – nein, das nicht,« sagte die Gräfin nach einigem Zögern, »und ich habe auch den Entschluß jetzt gefaßt, Sie zu meinem Vertrauten zu machen – vielleicht werden wir doch noch Compagnons,« lächelte sie dazu. »Ich bin auf das Aeußerste gespannt,« sagte der Baron. »Sie müssen bemerkt haben,« fuhr die Gräfin fort, »daß mir sowohl wie Helenen eine Beschäftigung in diesem Lande fehlt.« Des Barons Blick suchte unwillkürlich die junge Dame, die er gerade noch durch eine Lücke der Bäume mit ihrem Begleiter erkennen konnte. »Helene besonders,« fuhr die Gräfin fort, »hat mich schon lange gebeten, eine leichte Arbeit aufzufinden, mit der sie die langen Tage besser hinbringen könne, denn immer Lesen und Clavierspielen geht ja doch auch nicht, noch dazu in einer so prosaischen und sogenannten praktischen Umgebung, wie die ist, in der wir uns befinden.« »Ich werde immer gespannter,« versicherte der Baron, und er hatte die Augenbrauen schon bis unter den Hut hinaufgezogen. »Wenn man nun unter so praktischen Leuten fortwährend lebt,« lächelte die Gräfin, »so ist es wohl ganz natürlich, daß ein klein wenig davon auch an unserer Natur hängen bleibt, und ich habe denn auch schon das ganze letzte Jahr nach der und jener Seite hinüber gehorcht, an was man im rechten Augenblicke und mit den rechten Mitteln die Hand legen könnte – ich glaube, ich habe jetzt gefunden, was ich suchte.« »Sie hätten wirklich?« »Ich habe gefunden und außerdem die genauesten Erkundigungen deshalb eingezogen,« fuhr die Gräfin fort, »daß hier im Lande eine ganz enorme Quantität von Cigarren verbraucht wird, die man sämmtlich mit einem, zu den Kosten des Rohtabaks in gar keinem Verhältnisse stehenden hohen Preise bezahlt.« » Cigarren? « fragte der Baron erstaunt. »Nun sind gerade gegenwärtig eine Menge junger Leute hier in der Colonie – und es werden mit dem Schiffe noch mehr erwartet – von denen viele, besonders alle aus Bremen stammende, Cigarren zu drehen verstehen. Hier auf diesem Zettel finden Sie außerdem den Preis guten Blättertabaks genau zusammengestellt, ebenso die Löhne für die Fabrikarbeiter, die nach dem Hundert oder Tausend bezahlt werden. Eine Cigarre nur einigermaßen guten Tabaks ist aber hier nicht unter zwanzig Reis das Stück zu bekommen, und nun berechnen Sie selber, welcher enorme Nutzen dem Fabrikherrn werden muß, wenn die Sache nur ein klein wenig in's Große getrieben wird.« »Hm,« sagte der Baron, der aber doch nur einen flüchtigen und zerstreuten Blick über das Papier warf, »und mit etwas Derartigem wollten Sie sich befassen?« »Und warum denn nicht?« sagte die Frau Gräfin, indem sie einer leichten Verlegenheit Meister zu werden suchte. »Wir müssen in der That eine Art von Beschäftigung haben, wenn wir hier nicht vor Langerweile sterben sollen, und Helene sehnt sich so danach, ja selbst Oskar, der jetzt vor lauter Muthwillen gar nicht weiß, was er für Tollheiten angeben soll.« Der Baron Jeorgy war in der That nichts weniger als ein praktischer Charakter, der auf einen gewissen Ueberblick Anspruch machen konnte, um wirklich Ausführbares von bloßen Chimären zu unterscheiden. Hatte er aber schon zu viele bittere Erfahrungen mit ähnlichen Projecten gehabt, oder war es ihm vollkommen unmöglich, sich die Comtesse Helene und den jungen wilden Grafen Oskar als ehrbare Cigarrenmacher zu denken, – er schüttelte ganz ernsthaft und bedenklich mit dem Kopfe und sagte: »Aber, gnädigste Frau Gräfin, haben Sie sich den« die Sache wirklich schon recht genau überlegt, und vermuthen Sie, daß Sie einen, alle dem Aerger und der Schererei entsprechenden Nutzen daraus ziehen könnten?« »Mein lieber Baron,« erwiderte die Gräfin lebhaft, »das können Sie sich doch wohl denken, daß ich ein solches Unternehmen nicht entriren würde, wenn ich mich nicht vorher gründlich damit bekannt gemacht. Helene brennt ordentlich darauf, zu beginnen, und Oskar selber hat versichert, daß es ihm ungeheuern Spaß machen würde, selber Cigarren zu drehen.« »So? In der That? Hm! Und haben die beiden jungen Herrschaften also darin schon einen Versuch gemacht?« »Jetzt schon – wo denken Sie hin?« lachte die Gräfin. »Das selber Cigarrenmachen muß doch auch immer nur Nebenbeschäftigung bleiben, wenn es viel mehr darauf ankommt, eine große Anzahl von Arbeitern zu überwachen. Aber es ist nöthig, daß es Jeder von uns versteht, um etwa vorkommende Fehler andeuten und rügen zu können und deshalb wollen wir auch Alle ordentlich mit zugreifen.« Der Baron, die Hände auf den Rücken gelegt, nickte langsam und bedächtig mit dem Kopfe und manchmal schüttelte er ihn auch ganz in Gedanken, aber er sagte kein Wort. Es entstand dadurch für die Gräfin eine etwas peinliche Pause, denn sie hatte erwartet, daß der Baron die Enthüllung dieses Planes mit mehr Enthusiasmus aufnehmen würde. Der Baron blieb aber vollkommen kalt und schien nicht die geringste Lust zu haben, auch nur eine Bemerkung zu machen. »Und was sagen Sie dazu?« unterbrach endlich die Gräfin das ihr lästig werdende Schweigen. – Der Baron zuckte die Achseln. »Ja, lieber Gott, was kann ich dazu sagen? Ich verstehe nicht das Geringste von Tabak oder Cigarren, das ausgenommen, daß ich beim Rauchen eine gute von einer schlechten unterscheiden kann. Wenn Sie aber fest dazu entschlossen sind und das nöthige Capital dazu besitzen, so – weiß ich in der That nicht ...« »Aber das gerade hab' ich noch nicht,« unterbrach ihn die Gräfin etwas gereizt, »wenigstens nicht in diesem Augenblicke und meine Ungeduld, die mich jeden neugefaßten Plan mit voller Energie ergreifen läßt, war die alleinige Veranlassung, daß ich Ihnen Gelegenheit gab, sich bei dem Unternehmen zu betheiligen. Sie zweifeln doch nicht etwa an dem Erfolg?« »Beste Frau Gräfin,« betheuerte der Baron, der, stets voller Rücksichtnahmen, schon vor der Idee eines Widerspruchs zurückschreckte; »ich erlaube mir nicht im Geringsten daran zu zweifeln und hoffe von ganzer Seele, daß Sie ein außergewöhnlich günstiges Resultat erzielen werde», aber –« »Aber?« »Aber,« fuhr der Baron, sich verlegen die Hände reibend, fort, – »ich besitze kein Capital, um mich dabei zu betheiligen.« »Sie besitzen kein Capital?« sagte die Gräfin erstaunt. »Ich besitze allerdings ein kleines,« verbesserte sich der Baron, »was ich aus dem Verkaufe meiner Chagra und meines Viehes, besonders meiner Pferde, gelöst habe, aber ich brauche das nothwendig zu meinem unmittelbaren Leben und wenn ich dasselbe angreife, bin ich am Ende genöthigt, mir noch auf meine alten Tage mein Brod mit Handarbeit zu verdienen.« »Und glauben Sie nicht, daß Sie das Drei–, ja vielleicht Vierfache Ihrer jetzigen Zinsen bei einem solchen Unternehmen herausschlagen könnten?« lächelte die Gräfin. Der Baron hätte um sein Leben gern ›Nein‹ gesagt, aber er riskirte es nicht; die etwas hitzige Gräfin hätte sich beleidigt fühlen können, und er erwiderte nur achselzuckend: »Ich bin zu all zur Speculation, meine Gnädigste, und – außerdem ist mir die Sache auch wirklich noch zu neu – zu fremd – es kam mir zu überraschend. Gestatten Sie mir, daß ich mich vorher ein wenig informire und wir können ja dann später mit Muße darüber sprechen.« »Aber die Zeit drängt, mein bester Baron,« versicherte die Gräfin; »ich habe die nicht unbegründete Vermuthung, daß sich Andere mit einer ähnlichen Idee tragen, und es ist in der That seltsam, daß ein solches auf der Hand liegendes Unternehmen nicht schon lange mit Begierde aufgegriffen ist. Was also geschehen soll, muß rasch geschehen. Ich habe dabei von Anfang an auf Sie gerechnet, da ich Sie als alten, lieben Freund meines Hauses kannte, und ich hoffe nicht, daß Sie mich jetzt im Stiche lassen werden.« Dem Baron kam es allerdings etwas wunderlich vor, daß die Frau Gräfin gerade auf ihn von Anfang an gerechnet haben sollte, während sie ihn erst im letzten entscheidenden Augenblicke davon in Kenntniß setzte. So groß seine Höflichkeit aber auch sein mochte, der Trieb zur Selbsterhaltung war doch noch größer und mit viel mehr Entschiedenheit, als er bis jetzt gezeigt und überhaupt der Gräfin gegenüber für möglich gehalten hätte, sagte er, indem er seine Tabaksdose in allen Taschen suchte: »Man soll eine Dame nie im Stiche lassen, meine Gnädigste, aber – ich bitte tausendmal meiner Hartnäckigkeit wegen um Entschuldigung – ich muß doch darauf bestehen, vor allen Dingen mir eine größere Kenntniß über den Betrieb dieser Angelegenheit zu verschaffen. Apropos – sollte sich der Director Sarno nicht am Ende bewogen finden, ein so gemeinnütziges Unternehmen aus Regierungsmitteln zu fördern?« Ein ganz eigener Ausdruck von Zorn und Verachtung zuckte um die Lippen der Dame, als sie erwiderte: »Ja, wenn ihm einer der Bauern den Vorschlag gemacht hätte.« »So haben Sie schon mit ihm darüber gesprochen?« rief der Baron, von dieser Wendung sichtlich überrascht. Die Gräfin hatte sich in ihrem Unmuthe verleiten lassen, mehr zu sagen als sie eigentlich wollte. Was noch gut zu machen war, that sie. »Fällt mir nicht ein,« sagte sie wegwerfend; »der Herr Direktor und ich stehen nicht auf einem so freundschaftlichen Fuße zusammen, ihm eine solche Mittheilung zu machen, und ich werde mich hüten, mit der brasilianischen Regierung etwas Derartiges zu beginnen, die mir vielleicht fünfzehn oder zwanzig Procent für meine Mühe ließe. Doch Sie verlangen Zeit, mein lieber, ängstlicher Freund, und seien Sie versichert, daß ich Sie nicht drängen möchte. Ueberlegen Sie sich also die Sache, sagen Sie mir aber bis spätestens morgen früh Antwort. oder« – setzte sie hinzu, indem sie lächelnd mit dem Finger drohte – »ich halte mich an kein Versprechen mehr gebunden und sehe mich nach einem andern Compagnon um.« Der Baron machte eine stumme, dankende Verbeugung, schien aber von dieser direkten Drohung keineswegs so eingeschüchtert, wie es die Wichtigkeit der Sache hätte sollen vermuthen lassen. In diesem Augenblicke bekam er aber auch Succurs, denn ihr Gespräch wurde durch jenes wunderliche Individuum, Jeremias, unterbrochen, der plötzlich in den Garten kam, ohne Weiteres auf die Frau Gräfin und den Baron zuging, und Beiden, ehe sie es verhindern konnten, auf das Cordialste die Hand schüttelte. Oskar, der Zeuge dieser Scene war, lag noch immer in der Laube auf der Bank und wollte sich jetzt ausschütten vor Lachen. Oskar war auch in der That die eigentliche Ursache dieser plötzlichen Begrüßung gewesen, denn während er in der Laube seine Siesta hielt, da ihn die Projecte der Frau Mutter wenig interessirten, hatte er nur über seinen heutigen Verlust, den Pferdejungen, nachgedacht, der sich auf so grobe Weise empfohlen, und dabei hin und her überlegt, wie er denselben wohl ersetzen könne. Da ging Jeremias, ebenfalls auf einem Sonntag-Nachmittag-Spaziergange begriffen, an der Laube vorüber, und Oskar, der den sonderbaren Burschen schon kannte und sich oft über ihn amüsirt hatte, glaubte in ihm einen passenden Ersatz gefunden zu haben und rief ihn auch ohne Weiteres an und herein. »Guten Tag, Frau Gräfin,« sagte Jeremias indessen, durch das etwas erstaunte Zurückfahren der Dame nicht im Mindesten beirrt – »schönen guten Tag, Herr Baron – prächtiges Wetter heute – wie bei uns im Sommer – nur ein bischen heiß – Herr Gott, wie man schwitzt!« »Und was wollen Sie?« fragte die Gräfin, wie in Gedanken die eben erfaßte Hand mit ihrem Batisttuche abwischend. Jeremias war das auch nicht entgangen; er betrachtete ebenfalls seine eigenen arbeitharten Fäuste und sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Aber er nahm weiter keine Notiz davon, sondern sagte nur, freundlich ihr zunickend: »Der junge Herr da hinten hat mich gerufen; will einmal zu ihm gehen und sehen, was er wünscht – amüsiren Sie sich gut« – und mit einer Art von Kratzfuß drückte er den Hut wieder in die Stirn und wandte sich dorthin, wo Oskar schon wieder sein: »Jeremias, hierher!« herüberrief. »Hat ihm schon,« antwortete Jeremias, als er in die Laube trat, sich ohne Weiteres auf die andere Bank setzte und vergnügt mit den kurzen Beinen schlenkerte; »hier ist's hübsch kühl; wenn man jetzt hier ein Maß baierisch Bier und einen Handkäs hätte, könnte man's eine ganze lange Weile aushalten.« Oskar hatte sich das Benehmen seines künftigen Pferdejungen wahrscheinlich anders gedacht; mit den Sonderbarkeiten des Burschen aber schon bekannt, beachtete er es nicht weiter und fragte ohne Umschweife: »Willst Du Geld verdienen, Jeremias?« »Immer,« lautete die kurze, bündige Antwort. »Kannst Du Pferde warten?« »Kann ich?« sagte Jeremias in Selbstvertrauen. »Und wie viel verlangst Du monatlich?« »Hm,« meinte der Bursche, den brennend rothen Schopf kratzend, der sich jetzt, als er dazu den Hut abnahm, als eine alte, ziemlich abgetragene Perrücke auswies, »je mehr, je besser – was lohnt's denn eigentlich?« »Sechs Milreis.« »Und sonst noch 'was?« »Stiefelputzen –« »Ne, so mein' ich's nicht,« sagte Jeremias, »ob noch sonst etwas bei den sechs Milreis wäre, wie Schnaps, Frühstück, Trinkgeld oder dergleichen.« »Wenn Du Dich gut hältst, gewiß,« sagte der junge Graf.« Jeremias schob beide Hände, so tief er sie bekommen konnte, in seine Hosentaschen und spitzte den Mund, als ob er ein Liedchen pfeifen wolle. Er pfiff aber nicht, sondern sah nur nachdenklich vor sich nieder. Endlich sagte er, indem er die Hände wieder aus den Taschen nahm und seine Perrücke zurechtschob: »Na, ich will Ihnen etwas sagen, junger Herr, wir wollen's einmal einen Monat zusammen versuchen, wöchentliche Kündigung natürlich von beiden Theilen, wenn ich Ihnen nicht gefallen sollte oder Sie mir nicht – außerdem gegenseitige Hochachtung und ein Milreis Handgeld – sind Sie das zufrieden?« – und er hielt dabei Oskar die Hand in so drolliger Weise zum Einschlagen hin, daß der junge Bursche, der bei Erwähnung des Milreis Handgeld einen Augenblick gestutzt hatte, lachend einschlug und ausrief: »Gut, Jeremias, so wollen wir es denn, wie Du sagst, einmal zusammen versuchen – hier ist Dein Milreis und nun beginne Dein Geschäft gleich damit, daß Du vor das Haus gehst und das dort stehende Pferd meiner Schwester hereinführst und absattelst.« »Donnerwetter, das geht geschwind!« meinte Jeremias, »und eigentlich wäre heute Sonntag. Das arme Thier kann aber auch nicht da draußen stehen bleiben – also, junger Herr, wir sind jetzt für einen Monat mit einander zusammen gegeben, wie der Pfarrer sagt.« Dabei nahm er das Milreisstück, betrachtete es einen Moment aufmerksam, schob es dann in die Tasche, machte eine kurze, nicht ungeschickte Verbeugung und verließ rasch den Garten, um den überkommenen ersten Auftrag auszuführen. Aber auch der Baron hatte diese kleine, ihm sehr gelegene Unterbrechung benutzt, dem ihm unangenehm werdenden Gespräche mit der Gräfin eine andere Wendung zu geben, und als jetzt auch die Comtesse zurückkehrte, die Vollrath aber nur bis an die Gartenthür begleitete, worauf er sich empfahl, schützte er plötzliches Kopfweh vor und beurlaubte sich ebenfalls mit der gewohnten Förmlichkeit bei den Damen. Die Gräfin hatte indessen Vollrath ankommen und wieder gehen sehen, und wenn sich ihr Geist auch gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigte, war ihr doch das auffallend bleiche und niedergedrückte Aussehen des jungen Mannes nicht entgangen. Sie warf einen forschenden Blick auf ihre Tochter, aber Helenens Antlitz, wenn ihre Augen auch einen ganz ungewohnten Glanz hatten, verrieth durch nichts einen in ihr aufsteigenden, plötzlichen Verdacht. Nur, als das junge Mädchen den Kopf abwandte – vielleicht um ihr Antlitz dem mißtrauischen Auge der Mutter zu entziehen – und sich dem Hause zuwandte, sagte die Dame leise: »Helene!« »Mutter?« fragte die Tochter und wandte sich halb nach ihr um. »Was ist denn mit Vollrath vorgegangen? Er hatte, als er Dich verließ, keinen Blutstropfen in seinem Gesichte.« »Wirklich nicht? Ich habe es nicht beachtet.« »Und Du bist auch so sonderbar.« »Ich, Mutter?« »Ja – Du – Helene, ich will nicht hoffen, daß Du ...« »Was, Mutter?« sagte Helene, und ihr Auge haftete kalt und ernst auf den strengen Zügen derselben. »Es ist gut, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sie einen Moment aufmerksam betrachtet hatte. »Ich glaube, ich kann mich fest auf Dich verlassen und Du bedarfst keiner Wächterin.« »Ich denke nicht, Mutter,« sagte Helene, indem ein leichtes zorniges Roth ihre Wangen färbte. Dann wandte sie den Kopf wieder ab und schritt, ohne der Mutter Gelegenheit zu weiteren Fragen zu geben, rasch in das Haus und hinauf in ihr Zimmer, wo sie sich einschloß und an dem Abend nicht mehr zum Vorschein kam. 4. Die »Meierei«. Dicht über der Colonie Santa Clara, wenn man in gerader Richtung eben hätte hinauf kommen können, aber durch einen ziemlich steilen Hang, an dem nicht einmal ein Fußsteig emporführte, davon getrennt lag die Wohnung des Colonisten Meier, den der Director gegen Könnern den Einsiedler genannt hatte. Allerdings lief ein Fahrweg bis dicht an seine kleine, wenig bebaute Chagra, aber er wurde nicht häufig benutzt, da er nur zu sehr entfernten Ansiedelungen führte, und die Bewohner der ›Meierei‹ – wie man den Platz scherzweise genannt hatte – kamen nie selber in die Colonie herab. Insbesondere der Eigenthümer, der alte Herr Meier, hielt sich so von der Welt abgeschlossen, daß es eine Menge älterer Ansiedler in Santa Clara gab, die sich gar nicht erinnerten, sein Gesicht je gesehen zu haben. Auffallend war dabei, daß er nie Briefe empfing oder schrieb, und doch mußte er sich, seinem ganzen Wesen, allen seinen Gewohnheiten nach, daheim in der besten Gesellschaft bewegt haben. Wie er aber sein kleines Haus dicht hinter den Schutz der Bäume gebaut hatte, daß es lauschig und versteckt dort lag, weder gestört, noch selbst beachtet von der Außenwelt, so hielt er sich selber und seine Familie dem regen Leben und Treiben fern, das unter ihm wogte – es nicht suchend und nicht von ihm gesucht. Er lebte dabei ganz seiner Familie, mit der er sich einzig und allein beschäftigte und in der er vollkommenen Ersatz für die übrige Welt zu finden schien. Im ersten Jahre freilich fehlte dem an Thätigkeit gewohnten Manne eine bestimmte und ausgesprochene Beschäftigung, und er genügte dem Drange nach Arbeit nur dadurch, daß er seinen eigenen Garten anlegte, umgrub und pflanzte. Das aber konnte ihn auf die Länge der Zeit nicht befriedigen, und da er manche Tischlerarbeiten in seinem Hause zu machen hatte und einen jungen, sehr geschickten Arbeiter dazu fand, schaffte er sich selber Werkzeug an und lernte bald die verschiedenen Griffe und Vortheile dieses Handwerks. Dann kaufte er sich eine Drehbank, und nahm sich auch hierfür auf kurze Zeit einen Lehrer an. Außerdem verstand er schon daheim ein wenig von der Malerei, was er jetzt in seinen Mußestunden noch weiter ausbildete. Eine recht hübsche Bibliothek hatte er sich ebenfalls angeschafft, und da er bei allen diesen Beschäftigungen viel praktischen Verstand besaß, so richtete er sich in wenigen Jahren seine kleine Heimath so allerliebst und traulich her, daß jedes Zimmer einem Puppenstübchen glich, ohne daß er dabei aber auch nur den geringsten Luxus getrieben hätte Nach außen vermied er jedoch Alles, was nur im Geringsten die Aufmerksamkeit eines Fremden hätte auf sich ziehen können; er wollte nun einmal mit der Welt keinen Verkehr haben, und was ihn auch dazu bewogen haben konnte, auf die geschickteste Weise wich er jeder Annäherung fremder Menschen aus. Seine Familie bestand, wie schon erwähnt, nur aus seiner Frau und einer erwachsenen Tochter. Diese, Elise, hatte erst dreizehn Sommer gezählt, als er, vor nun sieben Jahren, die damals kaum entstandene und noch ziemlich wilde Colonie erreichte, und wenn auch ein junges Mädchen in diesem Alter Wohl berechtigt ist, größere Ansprüche an das Leben zu stellen, während sie hier – obgleich von allen Bequemlichkeiten umgeben – wie auf einer wüsten Insel saß, so schien doch Elise das nie zu fühlen oder irgend einen andern Wunsch zu kennen als den, die Häuslichkeit ihrer Eltern eben zu theilen, wie sie war. Auch auf ihren Charakter hatte das stille, abgeschlossene Leben nicht den geringsten nachtheiligen Einfluß ausgeübt. Sie war immer heiter und guter Laune und eigentlich das einzige sonnige Element im Hause. Wenn auch ihre Eltern selbst glücklich mit einander lebten und nie ein hartes oder auch nur unfreundliches Wort zwischen ihnen vorfiel, so lag doch auf des Vaters Stirn nur zu oft ein tief eingeschnittener Zug von Schwermuth, den wegzuscheuchen nur allein der Tochter, nie der Mutter gelang. Noth und Sorge um den Lebensunterhalt konnte das nicht sein, denn Meter war, wenn auch vielleicht nicht reich, doch keineswegs ohne die Mittel, sich eine sichere Existenz zu wahren. Konnte es Heimweh sein? – vielleicht, aber Niemand erfuhr das, Niemand hörte je eine Klage, wie er etwaigen Fremden, mit denen er trotz aller Vorsicht gelegentlich zusammentraf, Wenn er nur die Schüchternheit der ersten Begegnung überwunden hatte, auch stets das nämliche freundliche Lächeln zeigte. Es lag dabei etwas in seinem ganzen Wesen, das rasch für ihn einnahm, wenn man nur kurze Zeit in seiner Nähe weilte. War es das lange, schlichte, schneeweiße Haar, das er mitten auf dem Kopfe gescheitelt trug, und das sonderbarer Weise erst hier in Brasilien diese Farbe des Alters, und zwar gleich im ersten Jahre, angenommen hatte. War es der leichte leidende Zug um den Mund, den selbst das Lächeln der seingeschnittenen Lippen nicht ganz zerstören konnte, war es sein mildes, nachgebendes Wesen, man wußte es selber nicht, aber konnte dem Manne, trotz seiner Eigenheit, nie böse sein. Nicht ganz den freundlichen Eindruck machte seine Gattin, obgleich man auch ihr auf den ersten Blick ansah, daß sie sich stets in guter Gesellschaft bewegt habe. Sie hatte das Kalte, Zurückhaltende ihres Mannes, ohne dessen milde Freundlichkeit, und der mißtrauische Blick ihres kleinen grauen Auges, mit dem sie jeden Fremden, ja selbst Leute, die sie lange als Nachbarn kannte, betrachtete, munterte eben nicht zu einem freundlichen Zusammenleben mit ihr auf. Uebrigens war sie eine noch recht hübsche, stattliche Frau von vielleicht sieben- oder achtunddreißig Jahren, und die einige Meinungsverschiedenheit, welche je zwischen ihr und ihrem Gatten auftauchte, war die, daß sie sich mehr dem geselligen Leben der Colonie hinzugeben wünschte. So nachgebend dieser aber auch in jeder andern Beziehung sein mochte, an dieser Klippe scheiterte selbst jede Bitte von Frau und Tochter. Was ihnen das eigene Haus an Bequemlichkeit, ja selbst hier und da an einem versteckten Luxus bieten konnte, dazu reichte er mit Freuden die Hand und erfüllte selbst jeden nur geahnten Wunsch; aber über die Grenze seines kleinen Besitzthums ging er nicht hinaus, und sogar das zufällige Lichten der Pflanzenmauer, die seinen kleinen Klosterhof umschloß und, durch den Sturm niedergebrochen, sein Haus der Aussicht öffnete, schien ihn zu geniren und zu stören. Er versäumte wenigstens keine Stunde am nächsten Morgen, die zerrissene Lücke durch eine Anpflanzung anderer junger Palmen und Büsche zu ersetzen, die freilich jetzt Zeit brauchten, bis sie die nöthige Höhe wieder erreichten, aber doch wenigstens den untern Theil des Hauses bedeckten. Es war an dem nämlichen Sonntag-Nachmittage, als der Director Sarno mit den beiden Freunden Könnern und Günther den schmalen Weg hinaufritt, der zu der sogenannten »Meierei« führte, und erst als sie in die Nähe des kleinen, freundlich gelegenen Hauses kamen, hielt der Director sein Pferd an und sagte, mit dem Arm in eine früher gehauene Schneuße hinein deutend: »Sehen Sie, Herr von Schwartzau, dies ist die zweite alte Linie, die damals von jenem Stümper ausgeschlagen wurde. Wenn Sie nur Ihren Taschencompaß herausnehmen, sehen Sie schon, welchen Bock jener gescheidte Herr geschossen, der es möglich machte, die Variation auf die verkehrte Seite vom Pol zu legen. Die ganze Vermessung ist dadurch vollkommen werthlos geworden und muß neu gemacht werden. Die nächstgelegenen sechs Colonien gehören aber jenem Herrn in dem Hause da drüben, der sich einen ziemlich bedeutenden Landstrich hier erworben, nur um, wie es scheint, keinen nahen Nachbar zu bekommen, denn was er selber bis jetzt urbar gemacht, ist sehr unbedeutend. Jedenfalls müssen wir aber dessen Grenzen mit bestimmen, damit wir wissen, wo das noch freie Land beginnt, und ich möchte diesen District, wie jenen südlich von der Ansiedelung, am liebsten zuerst in Angriff genommen haben. Diesen hier nehmen Sie also vielleicht gleich morgen vor, denn von hier aus streckt sich eine ziemlich ausgedehnte Hochebene mit nur leiser Steigung dem nächsten Bergrücken zu, und Sie können hier eine tüchtige Anzahl Varas den Tag ablegen.« »Und ist der Wald sehr dicht?« »Nicht übermäßig. Ich will Ihnen Ihr Amt auch nicht zu schwer machen und einen zu breiten Ausschlag verlangen, gründlich müssen die Linien aber gelegt und die Bäume besonders so markirt werden, daß die hiesige Vegetation nicht die Spuren in ein paar Jahren wieder verwächst und vernichtet – wir sprechen darüber noch heut Abend, ob wir Theer mit Buchstaben von weißer Oelfarbe oder vielleicht gar Blechplatten nehmen, was freilich bedeutend mehr Kosten macht.« »Und wie viel Leute glauben Sie, daß ich mit mir nehmen soll?« »Kommen Sie, wir reiten einmal ein kurzes Stück in den Wald hinein, der sich dort hinüber ziemlich gleich bleibt,« erwiderte der Director, »Sie können es dann selber leicht beurtheilen. Sparen Sie lieber nicht mit den Leuten, wenn Sie dadurch rascher vorwärts rücken, denn Sie vermessen ja dafür auch so viel mehr, und ich garantire Ihnen, daß Sie hier, um nur das Nothwendigste fertig zu bringen, drei volle Monate scharfe Arbeit haben. Je mehr wir aber in möglichst kurzer Zeit beenden, desto besser ist es; denn wenn uns die neuen Ansiedler noch aus den Hals kommen, und ich weiß nicht, wo ich sie unterbringen soll – dann ist es mit dem Frieden hier vorbei.« Mit diesen Worten wandte er sein Pferd und ritt in einen schmalen Seitenpfad, von Günther gefolgt, hinein, während Könnern noch in dem breiten Wege hielt und sich Meier's stille und trauliche Heimath betrachtete. Es lag ein ganz eigener Zauber über dem Platze, dem die hier vollkommen tropische Vegetation durch angepflanzte Palmen, Farrn und die wunderliche Baumform der Pinien einen noch viel größeren Reiz verlieh. Gern wäre er auch einmal zu dem Hause hinüber geritten, die Insassen desselben kennen zu lernen, denn daß der Alte so vollkommen menschenscheu sein sollte, glaubte er noch nicht recht. Aber er durfte seine Gesellschaft nicht aus den Augen verlieren, und der Direktor wie Schwartzau waren viel zu sehr in ihr »Terrain« vertieft, um sich in diesem Augenblicke um etwas Anderes zu kümmern, als Nord und Süd und Ecken und Fronten. Günther hatte dazu seinen kleinen Compaß herausgenommen und visirte damit, als sie den Pfad entlang ritten, dicht an einer viel interessanteren Front vorüber, wie sie die bestgelegene Colonie hätte bieten können, ohne sie auch nur zu sehen, nämlich an einem reizenden jungen Mädchen, das, vielleicht sechs Schritt von dem Pfade entfernt, mit einem Buche in der Hand unter einer halb natürlichen, halb durch Kunst hergestellten Laube saß und ohne sich zu rühren, die vorbeireitenden und in tiefem Gespräche begriffenen Männer beobachtete. Sie würde sich in der That lieber ganz zurückgezogen haben, hätte sie nicht gefürchtet, durch eine Bewegung ihre Gegenwart zu verrathen. Jetzt erst, als sie vorüber und schon halb von den Büschen bedeckt waren, richtete sie sich empor und drehte den Kopf um, ihnen nachzusehen. In diesem Augenblicke passirte Könnern die versteckte Laube. Mit keinem solchen Interesse an der Vermessung des Bodens und in der alten Gewohnheit des Jägers, das Auge jedem sich regenden Punkte rasch zuzuwenden, entdeckte er kaum die liebliche, jetzt verlegen erröthende Gestalt, als er auch unwillkürlich sein Pferd anhielt und achtungsvoll die Jungfrau grüßte. War aber für ihn nicht die geringste Veranlassung gewesen, hier zu halten, so besaß er entweder in dem Momente nicht Geistesgegenwart genug, seinem Thiere wieder rasch den Sporn zu geben, oder die freundliche Erscheinung fesselte ihn so, daß er sich nicht gleich wieder losreißen konnte und wollte, und nur, um sich aus einer peinlich werdenden Situation zu bringen, sagte er verlegen: »Ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten, Sie gestört zu haben, Señora, aber ich vermuthete hier in der That Niemanden mitten im Walde.« »Sie haben mich nicht gestört,« erwiderte Elise mit ihrem gewinnenden Lächeln, denn die Verlegenheit des jungen Fremden war ihr keineswegs entgangen; ich fürchte nur, daß Ihre vorangerittenen Freunde den Weg verfehlt haben, denn dieser Pfad führt allein wenige hundert Schritte in den Wald hinein und endet dann in einem verworrenen, von Schlingpflanzen durchwachsenen Dickicht, durch das sie mit ihren Pferden nicht dringen können.« »Also müssen sie wieder diesen Weg zurück?« fragte Könnern, sichtlich darüber erfreut, denn er bekam dadurch eine Entschuldigung, sie hier zu erwarten. »Allerdings,« erwiderte das Mädchen – »wollen Sie denn zur Colonie hinunter?« »Wenn Sie das kleine Städtchen meinen, nein. Wir kommen eben daher und sind nur auf einem Spazierritte, auf dem die beiden Herren da vorn das Terrain recognosciren, um nöthige Vermessungen vorzunehmen.« Die Jungfrau, welche, als sie der Fremde anredete, aufgestanden war, verbeugte sich leicht und schwieg, und Könnern, der nicht den geringsten Anhaltspunkt sah, das Gespräch in schicklicher Weise fortzusetzen, grüßte noch viel verlegener als vorher, und folgte jetzt den beiden Freunden, die er gleich darauf an der von Elisen angedeuteten Stelle überholte. Es war das der nämliche Platz, wo der Director damals die verkehrten Arbeiten des von der Frau Präsidentin herübergeschickten Vermessers unterbrochen hatte, und alle Drei wandten nun ihre Thiere, um auf den breiteren Weg zurückzukehren. Als sie die Laube passirten, warf Könnern freilich den Blick hinüber, um nach der freundlichen Gestalt zu suchen; aber wie eine Erscheinung war sie verschwunden, und nur auf der Bank, auf welcher sie gesessen hatte, lagen ein paar Blumen, die sie wahrscheinlich mit heraufgenommen und in der Eile ihres Rückzuges auf dem Sitze liegen gelassen hatte. Könnern, der jetzt voranritt, hatte die Blüthen augenblicklich bemerkt, und ehe er sich selber über das, was er that, Rechenschaft geben konnte, hielt er an, stieg vom Pferde und schnallte seinen Sattelgurt ein Loch empor. Dadurch gab er seinen Begleitern Zeit, an ihm vorüber zu reiten, und als er sie voraus sah, trat er rasch in die Laube, nahm die Blumen, legte sie in sein Taschenbuch, stieg dann wieder auf und folgte, ohne sich umzusehen, den Vorausgerittenen. – Und doch hatte ihn dieses Mal sein sonst so scharfes Auge im Stiche gelassen, denn hinter einem kleinen Dickicht der hier gerade sehr üppig wachsenden Flachs- oder Tucung-Pflanze, hinter das sich Elise zurückgezogen, um die Fremden erst vorüber zu lassen, hatten ein Paar lächelnde Augen seinen unschuldigen Raub beobachtet und folgten ihm, bis sich der Wald wieder hinter ihm schloß. Könnern überholte seine Begleiter dicht am Hause des menschenscheuen Meier, der aber durch einen geschickt gefällten Baum die Passage so gelegt hatte, daß sie nicht unmittelbar an seinem Garten vorüberführte, sondern diesen durch sorgfältig gepflegte Büsche vollständig verdeckt hielt. »Hier wohnt der sonderbare Kauz,« sagte der Director, mit der Hand in das Dickicht zeigend, durch welches das Dach nur undeutlich herausschimmerte. »Wenn mit dem Manne nur irgend ein Umgang wär, wollte ich vorschlagen, daß wir anhielten und ihm wenigstens guten Tag sagten. Schade um das allerliebste Mädchen, das der alte Brummbär hier wie eine Nonne gefangen hält.« »Eine Brünette?« fragte Könnern. »Ja,« erwiderte der Director; »aber wie, zum Teufel haben Sie das schon ausgefunden? Sie sind doch, so viel ich weiß, zum ersten Mal in der Colonie.« »Hätten es die Herren nicht gerade so gemacht wie der vorige Landvermesser,« lachte Könnern, »und die Variation auf der verkehrten Seite der Nadel gesucht, so würden sie, nur ein paar Striche aus dem Cours, eine allerliebste junge Dame im Walde gesehen haben, die sich da draußen mit irgend einer Lectüre die Zeit vertrieb.« »Und davon haben Sie uns kein Wort gesagt?« rief Günther. »Ich durfte Sie doch nicht stören,« lächelte der junge Mann; »übrigens glaubte ich auch, daß wir sie auf dem Wege hierher überholen würden; sie muß sich aber auch sehr geeilt haben, um uns voraus zu kommen.« »Merkwürdige Leute,« meinte der Direktor kopfschüttelnd; »aber jedenfalls werden Sie mit dem Alten bekannt werden, Schwartzau, denn Sie müssen ihn aufsuchen, wenn Sie auf seinem Lande die Vermessung beginnen, damit er dabei ist und die Grenzen kennen lernt. Er wird es sich auch wahrscheinlich nicht nehmen lassen, die Eckbäume selber dauernd zu bezeichnen, und das erspart Ihnen gleich eine Arbeit.« »Dann begleite ich Sie,« sagte Könnern, »ich interessire mich für alle Originale.« »Besonders wenn es Brünetten sind, wie mir scheint,« lachte der Director; »Sie mögen aber immerhin in diese Gegend einen kleinen Jagdzug machen, denn wenn Sie der dichte Wald nicht stört, finden Sie doch wohl hier und da ein Stück Roth- oder Schwarzwild, oder vielleicht gar einen Tapir, die hier zuweilen ebenfalls vorkommen. Jetzt aber, meine Herren, dürfen wir unsere Zeit nicht länger vergeuden, wenn wir den andern Strich ebenfalls besuchen wollen. Sobald wir weiter oben die ordentliche Straße erreicht haben, können wir auch unsere Thiere besser ausgreifen lassen.« – Und dem seinigen die Sporen gebend, trabte er, so rasch es ihm der noch ziemlich unebene Boden gestattete, auf dem schmalen Wege hin in den Wald hinein. So wenig sie aber dabei von den Einwohnern des Platzes gesehen hatten, so waren sie doch nicht eben so unbeachtet daran vorübergeritten, denn der Eigenthümer des Hauses schien sich für alle Fremden lebhaft zu interessiren, wenn er auch nicht mit ihnen in persönliche Berührung kommen wollte. Zu diesem Zwecke hatte er sich eine ordentliche kleine Warte gebaut, in welche die eine Ecke seines Gartens, ohne von außen bemerkbar zu sein, auslief. Das war zugleich sein Lieblingsplatz geworden, wenn er keine andere Arbeit vorhatte, und er las oder schrieb gerade dort am liebsten, da er sich hier vollkommen ungestört wußte. Das letzte Gespräch der Männer war gerade vor diesem Ausguck gehalten, und Meier, der mit einem Buche in der Hand in seiner Laube saß, dadurch auf die Fremden aufmerksam geworden. So lange sie da draußen hielten, lauschte er auch ihrem Gespräche und erst als sie ihren Weg fortgesetzt, nahm er sein Buch wieder auf. Aber er schien keine rechte Lust zum Lesen zu haben, denn er legte das Buch nach einiger Zeit wieder hin, ging eine Weile mit auf den Rücken gelegten Händen und gesenktem Haupte in seiner Laube auf und ab, seufzte ein paar Mal recht tief auf und schritt dann langsam zu seiner Wohnung und in das Zimmer seiner Frau, die, mit einer Arbeit beschäftigt, am Fenster saß. Sein Blick suchte Elisen, aber sie war nicht im Zimmer und erst nach einer Weile kam sie durch die kleine Gartenpforte, die hinaus in den Wald führte, herein und zu der Mutter, wo sie Hut und Buch ablegte und sich still an das dort stehende Instrument setzen wollte. »Du warst im Walde, Lieschen?« fragte der Vater. »Ja, Papa.« »Und bist dort Fremden begegnet?« Das junge Mädchen sah rasch und erstaunt zu ihm auf, erröthete auch leicht, sagte dann aber lächelnd: »Woher weißt Du das schon, Papa?« »Und hast Du nicht den nämlichen Spaziergang hier im Garten?« fuhr der Vater fort, ohne ihre Frage zu beantworten; »ich habe Dich schon so oft gebeten, nicht dort hinaus zu gehen, wenigstens nicht an Sonntagen, wo das müßige Volk aus der Ansiedelung nur immer in der Nachbarschaft umherschwärmt!« Die Mutter hatte bei Beginn des Gespräches ihre Arbeit in den Schooß sinken lassen, und ihre Miene verfinsterte sich mehr und mehr. Jetzt aber nahm sie für die Tochter die Antwort auf und sagte: »Und willst Du sie nicht lieber ganz in ein Kloster sperren? Das wäre doch jedenfalls das Einfachste, damit sie wenigstens gar kein Mensch mehr zu sehen bekäme – nicht einmal einer der am Sonntag herumlaufenden Bauern.« »Aber, Bertha!« sagte Herr Meier, erstaunt zu seiner Frau aufsehend. »Ach was,« erwiderte diese, »was zu arg ist, ist zu arg! Das Mädel ist jetzt zwanzig Jahr alt geworden und wird versteckt gehalten, als ob wir uns schämen müßten, das junge Blut der Welt zu zeigen.« »Aber, Bertha, Du weißt doch ...« sagte der Mann vorwurfsvoll. »Ach, ich weiß Alles!« erwiderte die Frau; »aber man kann eine Sache auch übertreiben, und ich bin nicht im Stande, das noch länger so ruhig mit anzusehen. Hier in diesem abgelegenen Winkel der Welt hast Du doch wahrhaftig nicht zu ...« Sie unterbrach sich rasch und nahm ärgerlich ihre Arbeit wieder auf, die sie jedoch unschlüssig in der Hand behielt, während Elise freundlich sagte: »Laß sein, Mütterchen; wenn dem Vater damit ein Gefallen geschieht, kann ich ja auch den kleinen Spaziergang recht gut entbehren. Er hat Recht, es ist hier im Garten wirklich eben so hübsch wie da draußen, und ich kann mir hier die nämliche Bewegung machen.« »Ach, das verstehst Du nicht!« fuhr die einmal gereizte Frau fort; »ich hab's jetzt auch selber satt. Sieben Jahre sitzen wir nun hier, wie die Gefangenen zwischen Büsche und Bäume eingeklemmt, während die Ansiedler da unten sich ihres Lebens freuen und nur ihr fröhlicher Lärm manchmal zu uns herübertönt; sieben Jahre lang haben wir ein Leben geführt, daß es einen Stein erbarmen möchte, und ich sehe keinen Grund, weshalb wir uns jetzt noch länger wie Einsiedler in unsere Klause vergraben solle». Ich weiß Alles, was Du mir dagegen einwenden könntest, Franz,« sagte sie, einem Blicke ihres Mannes begegnend, »ich habe mir Alles zehnmal, hundertmal überlegt, aber ich selber halte es nicht länger aus. Ich will frei sein, oder ich lasse mich lieber gleich ordentlich begraben und einen Stein mit Namen und Jahreszahl oben darauf setzen. Nachher weiß ich es einmal nicht anders, und brauche doch hier wenigstens nicht eine Ewigkeit allein zu sitzen und meinen eigenen Gedanken nachzuhängen, über die man am Ende gar noch wahnsinnig werden könnte.« Ihr Gatte antwortete nicht. Er hatte sich gegen den Tisch gewandt, dort den Kopf auf den Arm gestützt und barg das Gesicht in der linken Hand. Endlich hob ein schwerer Seufzer seine Brust, und Elise, zu dem Vater tretend, schlang ihren Arm um seine Schulter, lehnte ihre Stirn auf sein Haupt und sagte freundlich: »Sei nicht traurig, Papa – Mutter meint es ja nicht so böse. Dir ist nun einmal Deine Einsamkeit so lieb geworden, daß Du jede Störung darin fürchtest und Dich immer mehr in Dich selber zurückziehst. Versuch' es einmal draußen unter den Menschen, vielleicht gefällt Dir's selber bei ihnen, denn glücklich fühlst Du Dich ja hier in Deiner Einsamkeit auch nicht immer, in der ich Dich oft schon in recht trauriger und niedergeschlagener Stimmung überrascht habe. – Geh wieder zwischen die Leute – verkehre mit ihnen und lasse sie mit Dir verkehren, und wenn weiter nichts, bekommst Du doch dadurch Zerstreuung und hast für stille Stunden, in denen Du das Bedürfniß fühlst, allein zu sein, ja immer Dein trauliches Plätzchen hier oben.« »Laß ihn gehen,« sagte die Frau unmuthig; »was liegt ihm an uns – an Dir oder an mir, wenn er sich selber nur eine Grille in den Kopf gesetzt hat, der er nachhängt, seines eigenen Vergnügens halber.« »Und das sagst Du mir, Bertha?« fragte der Mann, erstaunt zu ihr aufsehend, »dessen klagst Du mich an?« »Nur eine Grille ist's, weiter nichts,« erwiderte die Frau, ohne die Frage direct zu beantworten, »eine fixe Idee, die Du Dir in den Kopf gesetzt hast, und womit Du Dich und uns elend machst. So viel Verstand habe ich aber auch, daß ich einsehe, wie Du uns Alle ganz vergebens quälst, und kurz und gut, ein Leben wie das hier halte ich nicht länger aus, mag nun daraus werden, was da will.« »Was da will,« wiederholte leise und mit einem Seufzer der Mann, stand dann auf und verließ langsam das Zimmer. »Zanke nicht mit dem Vater, liebe Mutter,« bat Elise, als er die Thür hinter sich in's Schloß gedrückt hatte, »er ist so schon traurig genug, und das drückt ihn nachher nur noch immer mehr nieder.« »Ach was,« erwiderte mürrisch die Frau, »ich habe das langweilige Leben endlich satt, und mehr noch Deinet- als meinetwegen!« »Aber ich sehne mich ja gar nicht hinaus, Mütterchen, ich verlange es ja gar nicht besser, als ich es bei Euch habe.« »Weil Du es eben nicht besser kennst und nach und nach hier eintrocknen wirst wie eine Blume zwischen Löschpapier,« lautete die Antwort. »Du bist ein junges Mädel und mußt hinaus in die Welt, das ist Dir Dein Vater, das bin ich Dir schuldig, und wenn Du nichts von der Welt verstehst, so bin ich dafür da, daß ich Deine Ansprüche vertreten muß, oder Du hättest ein Recht, mir später einmal die bittersten Vorwürfe darüber zu machen.« »Aber der Vater ...« »Ist ein Träumer, der überall Gespenster sieht, weiter nichts, und der sich jetzt die Fenster verhängt und immer nur Nacht um sich haben will. Kommt erst einmal der wirkliche Sonnenschein zu ihm herein, so wird er auch einsehen, daß er nur geträumt hat. Daß Du ihm dabei noch das Wort redest, ist das Albernste, was Du thun kannst, und ich hätte von Dir gerade das Gegentheil erwartet. – Du bist alt genug, Elise, daß Du auch an eine Heirath denken kannst, und wen sollst Du denn hier in unserem Garten kennen lernen, wer kann Dich hier finden, wo Dich Dein Vater sogar vor ein Paar müßigen Spaziergängern verstecken will?« »Aber, liebe Mutter,« sagte Elise mit tiefem Erröthen, denn sie mußte sonderbarer Weise gerade in diesem Augenblick an den jungen Fremden im Walde und an seinen Blumendiebstahl denken, »das hat denn doch wohl noch lange, lange Zeit, und wenn der Vater –« »Ach was,« unterbrach sie die Mutter, »Du redest wie der Blinde von den Farben – Du bist zwanzig Jahre alt, Elise, und wenn wir die nächsten sieben Jahre noch so fort leben, wie die letzten, so bist Du sieben undzwanzig und kannst dann auch siebenunddreißig und siebenundvierzig werden, ohne daß sich Jemand weiter um Dich bekümmert. Nein, dafür muß ich, Deine Mutter , sorgen, und – überlaß Du mir das nur; ich werde schon mit Deinem Vater fertig.« Damit war das Gespräch für jetzt abgebrochen. Die Mutter begann wieder an ihrer indessen vernachlässigten Arbeit, und Elise ging in ihr Stübchen hinauf, um über eine ganze Menge der verschiedensten Dinge nachzudenken, die ihr heute durch den Sinn gingen und den Kopf fast wirr machten. Sonderbar, daß ihre Gedanken dabei immer zu dem jungen Fremden zurückflogen, den sie doch nur den kurzen Augenblick gesehen! Weshalb mußte die Mutter auch gerade heute von ihrer Heirath sprechen und dabei sagen, daß es die höchste Zeit sei, an etwas Derartiges zu denken? – Es war Abend und Nacht geworden, als die Sonne kaum hinter den hellblauen Gebirgsrücken im Westen untergegangen War und vorher noch die leichten darüber lagernden Wolkenzüge mit ihrem schönsten und rosigsten Licht Übergossen hatte. Rasch erbleichten aber die nur zu momentanem Leben angehauchten Nebelbilder, und wie sie kaum erst in ein prachtvolles Silbergrau übergingen, nahm dieses schon jene todte, bleigraue Färbung an, der die Dunkelheit in den Tropen fast unmittelbar folgt.   Die Comtesse Baulen hatte ihr Zimmer noch nicht wieder verlassen und ging, die Arme auf der Brust gekreuzt, das Kinn auf die feine Korallenschnur gesenkt, die ihren Hals schmückte, mit raschen, unruhigen Schritten in dem kleinen Gemache auf und ab. Sie sah dabei nicht einmal, daß es dunkelte und nach und nach völlig Nacht geworden war; sie hörte nicht, daß ihre Mutter draußen schon zweimal angeklopft und ihren Namen gerufen hatte. Nur die eigenen unruhigen Gedanken beschäftigten ihren Geist, nur das eigene unruhig pochende Herz hielt sie oft krampfhaft mit beiden Händen fest, bis sie sich endlich, körperlich ermattet, in einen Stuhl warf und dort wohl wieder eine volle Stunde lang in dumpfem Brüten saß. Aber die Dunkelheit wurde ihr zuletzt unerträglich. Sie stand auf, zündete Licht an und griff dann das erste beste Buch auf, um sich zu zerstreuen und ihre Gedanken in eine andere Bahn zu lenken. Da plötzlich horchte sie auf, denn aus dem Garten, wenigstens aus den Büschen, die ihn dicht umschlossen, trafen die melodischen Töne einer Violine ihr Ohr. Es war die leise und klagend zum Herzen sprechende Melodie des Thüringer Volksliedes: »Ach, wie ist's möglich dann, daß ich dich lassen kann,« und wie mit einem scharfen Weh durchzuckte sie das einfache, rührende Lied. Aber wer spielte da? Zuerst glaubte sie, daß es Jemand aus der Ansiedelung sei, der da zufällig vorübergehe – aber der Spieler blieb auf derselben Stelle, und durch das offene Fenster klangen die Töne, so leise er auch spielte, voll und klar herein. – Jetzt war Alles ruhig – nur die Grillen zirpten und aus dem Walde heraus tönte das Gequak der Frösche. Helene athmete ordentlich tief auf, als die schwermüthige Melodie geendet hatte; es war, als ob eine Last von ihrer Seele genommen wäre, und sie trat an das Fenster, um in die wundervolle, sternenhelle Nacht hinaus zu schauen. Da quollen auf's Neue die Töne von derselben Stelle herauf, aber dieses Mal in einem wilden Capriccio, von einer Meisterhand gespielt, das in die tollsten Variationen überging und sich doch immer wieder zuletzt in das einfache, zuerst angeschlagene Thema des Volksliedes auflöste. Helene trat scheu und erschreckt vom Fenster zurück. Galt das ihr? Und wer war es denn, der ihr hier auf solche Weise seine Huldigung brachte? Vollrath vielleicht? aber sie wußte genau, daß er gar nicht Violine spielte – und wer dann? Der junge Schulmeister im Orte, der sie oft mit seiner Aufmerksamkeit geärgert hatte, war ein Violinspieler, aber ein Stümper, und diese Saiten belebte eine Meisterhand. Ohne recht zu wissen, was sie that, löschte sie das Licht aus, um dadurch die Aufmerksamkeit des Unbekannten wieder von ihrem Fenster abzulenken – aber das gelang ihr nicht. Der räthselhafte Spieler ließ sich dadurch nicht stören; nur das Capriccio zerschmolz nach und nach in immer weichere Melodien, bis die Töne zuletzt mehr und mehr verhallten und wieder, wie vorher, das Schweigen der Nacht auf dem Walde lag. Helene wußte selber nicht, wie ihr geschah. Daß jenes Ständchen ihr galt, konnte sie sich nicht verhehlen, und in dem melodischen Spiele, in den vaterländischen Weisen schmolz der starre Trotz des schönen Mädchens. Als die Melodie da draußen schon lange verklungen war, saß sie noch immer, von der Gardine gedeckt, am offenen Fenster, und fühlte nicht einmal, wie ihr die Thränen zwischen den zarten Fingern durch voll und schwer in den Schooß tropften. Unten im Hause war der geheimnißvolle Musiker indessen auch nicht unbeachtet geblieben. Oskar, der noch bis Dunkelwerden seinen ›neuen Sklaven‹ – wie er Jeremias nannte – angelernt hatte, sein Pferd zu behandeln, lag unten in der Stube auf dem Sopha lang ausgestreckt und pfiff, zum Aerger seiner Mutter, ohne sich dadurch aber im Geringsten stören zu lassen, einen Walzer, als jenes eigenthümliche Ständchen begann. Im Anfange hatte er ebenfalls geglaubt, daß es irgend Jemand aus der Ansiedelung sei, der mit seiner Violine da vorüber ginge. Als die Musik aber immer auf derselben Stelle blieb, erst eine Weile schwieg und dann wieder begann, schöpfte er Verdacht, daß das am Ende gar ein Ständchen sein könne, was seiner Schwester gebracht würde, und sein Muthwille ließ ihm natürlich keine Ruhe, dem auf die Spur zu kommen. Als er zuerst aus dem Fenster horchte, täuschte ihn der laute Ton gerade wie Helenen, und er vermuthete den Spieler im Garten selber. Er schlich sich also erst aus dem Hause hinaus hinter die nächsten Büsche, und hinter diesen, von seiner dunkeln Kleidung begünstigt, immer weiter vor. Zuletzt aber kam er an die Hecke und fand jetzt, daß sich der Virtuose allerdings außer seiner Gerichtsbarkeit, aber doch nicht außer seinem Bereiche befand, denn er erkannte durch die Hecke durch beim Sternenlichte eine ebenfalls dunkel gekleidete Gestalt, die dort an einer jungen Palme lehnte. Das Gesicht selber konnte er freilich nicht erkennen, denn einestheils beschattete es der Hut und dann auch der Wipfel der niederen Palme selber; aber das blieb sich auch gleich und um einen muthwilligen Streich auszuüben, dazu war ihm Freund und Feind gleich gut genug. Im Zimmer seiner Schwester hatte außerdem noch kurz vorher Licht gebrannt und das Fenster war offen, ein Beweis, daß sie den Ständchenbringer begünstigte und deshalb Grund genug für ihn, ihm jeden Schabernack zu spielen, der nur in seinen Kräften stand. Vorsichtig und rasch schlich er zum Hause zurück und traf hier eben noch Jeremias, der seine Arbeit beendet hatte und gerade seine eigene Heimath – eine Dachkammer bei einem der Ansiedler – aufsuchen wollte. »Heh, Jeremias, Du mußt mir noch einen Eimer Wasser holen,« redete er diesen rasch und heimlich an. »Die Pferde haben gesoffen,« sagte Jeremias, »zu viel schadet Vieh und Menschenkind.« »Ich will's nicht für die Pferde; dort steht der Eimer, aber ein bischen rasch.« »Befindet sich allerdings nicht in unserem Contract,« meinte Jeremias, »aber was thut der Mensch nicht aus Gefälligkeit, junger Herr? Sollen Ihren Eimer Wasser haben,« und seine Aermel aufkrämpelnd, ergriff er den Eimer und ging zu dem Brunnen vor dem Hause, von dem er ihn bald gefüllt zurückbrachte. »So,« sagte Oskar, indem er einen Theil des Wassers wieder abschüttete, »das ist ein bischen zu viel und wirft sich schlecht. Jetzt nimm einmal den Eimer, Jeremias, und komm mit mir an die Hecke da drüben, wo der verrückte Kerl die Violine quält – hörst Du den Musikanten da drüben?« »Ja,« sagte Jeremias und sah den jungen Grafen erwartungsvoll an. »Schön,« lachte der junge Bursche, »dem wollen wir einmal den Eimer über den Hals gießen, um den holden Schwärmer etwas abzukühlen.« »So?« sagte Jeremias, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Na, vorwärts!« rief Oskar, auf den Eimer zeigend; »mach' schnell, ich zeig' Dir den Platz, wo er steckt, meine alte Jeremiade.« »Wissen Sie,« sagte Jeremias, ohne nur eine Hand zu regen oder eine Miene zu machen, als ob er dem Befehl Folge leisten wolle, »davon steht auch nichts in unserem Contract.« »Contract? Esel,« brummte Oskar, »wenn ich Dir sage, das thust Du, so thust Du es, das ist unser Contract, weiter nichts.« »So?« meinte Jeremias, der den ›Esel‹ als selbstverständlich hinnahm – »anderen Leuten Wasser in die Violine zu gießen, widerstreitet aber meinen Grundsätzen, und wenn sich der Herr Graf eine Tracht Schläge für unbefugtes Löschen, wo's gar nicht brennt, holen wollen – mit dem größten Vergnügen – da steht der Eimer; Jeremias hat aber heute seinen Sonntagsrock an und ist diesen Morgen in der Kirche gewesen – was andere Leute vielleicht nicht von sich sagen können. Wünsche allerseits einen guten Abend« – und die Hände wieder in die Taschen schiebend, ging er um den Eimer herum und zur Thür hinaus, ohne sich um den Grafen weiter zu bekümmern. Oskar sandte ihm einen herzhaften Fluch nach, sah aber such ein, daß er mit dem dickköpfigen Burschen nichts ausrichten könne. Nicht gesonnen jedoch, den einmal gefaßten Plan so rasch aufzugeben, nahm er jetzt selbst den Eimer und schlich damit in den Garten. Ehe er übrigens die Stelle erreichte, wo der nächtliche Musiker gestanden, verstummte die Violine. Die letzten Töne waren verklungen und der Platz leer. Oskar horchte noch eine Weile in die stille Nacht hinaus, aber das Concert war jedenfalls vorbei, das Zimmer seiner Schwester blieb dunkel, und mit einem Fluche das Wasser über die nächsten Beete gießend, nahm er den leeren Eimer zum Hause zurück. 5. Elise. Am nächsten Morgen standen schon um sieben Uhr früh drei gesattelte Pferde vor dem Hause des Directors angebunden, denn dieser hatte versprochen, Günther zu dem Beginne seiner Arbeiten zu begleiten, und Könnern in dem Interesse, das er an der gestrigen Erscheinung nahm, ebenfalls den Wunsch ausgesprochen, sich dem kleinen Zuge, wenigstens bis in den Wald hinein, anzuschließen. Allerdings wünsche der Direktor, daß er, wenn er jagen wolle, sich einen Führer mitnehmen möge, da er sich sonst leicht in den wilden und schwer durchdringlichen Wäldern verirren könne. Dies wies Könnern jedoch lächelnd zurück und erklärte, daß er zu lange in den amerikanischen, auch ziemlich dichten Wäldern gejagt habe, um etwas Derartiges zu befürchten. Ein Führer störte ihn dabei nur auf einem wirklichen Pirschgange, und er konnte sich im Walde wohl vergehen, daß er genöthigt war, einen Umweg zu machen, aber nie verirren, denn er hatte sich dafür zu genau den Cours gemerkt, den der etwa zweihundert Schritt unter Santa Clara vorbeiströmende Fluß nahm und den mußte er immer wieder treffen, sobald er mit Hülfe seines Compasses die Richtung darauf zu nahm. So früh kamen sie aber an diesem Morgen doch nicht fort, denn erstens nahm ihnen das Frühstück noch etwa eine halbe Stunde weg, und dann kamen noch eine Menge Leute, die den Director in irgend einer wichtigen oder unwichtigen Angelegenheit zu sprechen hatten, und er mußte wenigstens anhören, was sie von ihm wollten. Es war halb neun Uhr geworden, als die drei Männer endlich mit den nöthigen Begleitern aufbrachen, die dabei alle Instrumente des Vermessers, wie auch einige Provisionen zu tragen hatten. Könnern ließ übrigens seine Mappe heute noch zu Hause und nahm nur seine Büchsflinte mit, wenn er sich auch eben keine große Jagd versprach. Sie ritten heute gerade durch das kleine Städtchen durch, und den beiden Fremden konnte es nicht entgehen, wie sich ihre Landsleute, selbst in dem fremden tropischen Lande, so ganz heimisch angesiedelt hatten, als ob sie daheim im alten Vaterlande lebten. Die Schilder an den verschiedenen Häusern trugen überall deutsche Namen in deutscher Schrift; deutsche Kinder mit ihren Flachsköpfen und dicken, gesunden, schmutzigen Gesichtern spielten vor den Thüren. Bauerfrauen in ihren wollenen rothen Unterröcken wuschen ihr Geschirr hier unter den Palmen, wie sie es daheim unter den alten Linden gethan hatten, und deutsche Handwerker, in Schurzfell und Pantoffeln, waren eifrig dabei, ihren verschiedenen Geschäften obzuliegen. Nur ein einziges Haus passirten sie, das fremdartig aussah. Es war ein kleines niederes Gebäude, von Stein aufgeführt, mit offenen Thüren und Fenstern, durch die man in ein paar anscheinend leere Räume hineinsah – es hingen wenigstens keine Gardinen vor den Fenstern, wie sie die ärmlichste deutsche Wohnung zeigt, und die Wände sahen leer und kahl aus. Einzelne Möbel verriethen aber doch, daß dieses Haus nicht verlassen sei, und auf der einen Commode sah Könnern auch einige Spielereien stehen. Dort wohnte der portugiesische Delegado, Eine Magistratsperson, die Polizeigewalt in den Kolonien hat. und ein paar Negerjungen kauerten vor der Thür in der Sonne und ließen sich von einem grauen, vollkommen haarlosen und nackten Hunde die Gesichter ablecken. Am Ende der Straße war die Schule; anstatt aber, daß die Kinder jetzt eifrig darin mit Lernen beschäftigt sein sollten, lärmten sie in wildem, wüstem Geschrei vor der Thür umher, prügelten sich, haschten sich und trieben allerlei tolle Spiele. Der Director hielt mitten unter ihnen sein Pferd an. »Hallo, Ihr kleine Bande,« rief er aus, »was ist das? Weshalb steckt Ihr nicht da drinnen, wohin Ihr gehört, und stellt hier auf der Straße die Stadt auf den Kopf?« »Ja, Herr Director,« sagte einer der älteren Jungen, der ihn kannte, indem er die Mütze von dem struppigen Haar herunterzog, »der Schulmeister ist nicht da und die Thür ist zu.« »Der Schulmeister ist nicht da?« fragte der Director erstaunt; »und weshalb habt Ihr ihn noch nicht geholt?« »Ja, er ist auch nicht zu Hause und die ganze Nacht nicht heimgekommen,« lautete die Antwort. Ein sehr elegant gekleideter Herr mit weißer Wäsche, goldener Uhrkette, einigen Ringen an den Fingern und einem Panamahut auf, der aber sonderbarer Weise statt der Stiefeln ein paar sehr bunt gestickte Pantoffeln an und einen Zahnstocher hinter dem rechten Ohr hatte, kam um die nächste Ecke und grüßte den Director und seine Begleiter freundlich. Es war der Delegado. »Ah, mein lieber Director,« redete er Sarno in portugiesischer Sprache an, »das wird immer ärger mit unserem Schullehrer. Wie ich eben höre, haben ihn einige Nachbarn gestern Abend spät oben am Flusse, und etwa eine Legoa von hier entfernt, schwer angetrunken verlassen, und dort wird er auch wohl jetzt noch liegen, um seinen Rausch auszuschlafen. Meines Nachbars Kinder kamen heute Morgen wieder zurück, weil sie nicht in die Schulstube konnten.« »Wer ist denn das, der da die Straße herunter taumelt?« sagte Könnern, nach jener Richtung zeigend. »Hehe, der Schulmeister, der Schulmeister!« jubelte ihm da auch schon eine Anzahl Jungen, die ihn erkannt hatten, in dem seligen Gefühl entgegen, heute wieder keinesfalls Schule zu haben, »wie er schräg geht – und jetzt stolpert er! Hoh, hoh, hoh, der Schulmeister!« Es war natürlich jenes unglückliche Individuum, das sich in solchem Zustande zu keinem ungünstigeren Momente hätte zeigen können. Der Direktor gab seinem Pferde die Sporen und sprengte ihm entgegen, und während der zeitweilige Schulmonarch die gläsernen Augen zu Sarno aufschlug, rief dieser ihn mit vor innerer Heftigkeit fast erstickter Stimme an: »Herr, schämen Sie sich nicht, hier am hellen Tage wie eine Sau umher zu gehen, und wären Sie nicht werth, daß ich –« er schwieg, und die Hand, in der er die Reitpeitsche hielt, schloß sich ordentlich krampfhaft um den Griff derselben. »–pfehle mich Ihnen, Herr Direktor,« stammelte der Unglückliche mit schwerer Zunge, vergebens dabei bemüht, sich gerade zu halten, »sehr angenehm so am frühen Morgen – sehr schöner Morgen heute, Herr Director – sehr schöner Morgen.« Der Director wandte sein Pferd in Ekel von dem Trunkenen und ritt langsam zu dem Portugiesen zurück. Die Schuljugend indessen wartete nur den Moment ab, wo sie der Gegenwart dieser Beiden enthoben wäre, um mit einem wahren Jubel über ihren entwürdigten Lehrer herzufallen. »Jetzt haben wir wieder keinen Schullehrer,« stöhnte der Director, bei dem Delegado angelangt. »Der Herr scheint heute Morgen etwas aufgeregt,« sagte der Portugiese mit einem spöttischen Lächeln. »Wollen wir ihn aber nicht lieber in Sicherheit bringen? Sobald wir den Rücken wenden, fällt das junge Deutschland jedenfalls über ihn her.« »Ich habe nichts dagegen,« rief der Director, »und wenn sie ihm die Kleider in Fetzen vom Leibe reißen! Kommen Sie, Schwartzau, kommen Sie – oh, ich vergaß die Herren vorzustellen: Dom Franklin Brasileiro Lima – zwei Freunde von mir, Landsleute, Dom Könnern und Dom Schwartzau, der Letztere unser durch die Regierung hergesandter Landvermesser.« Der Portugiese machte eine stumme und etwas steife Verbeugung, nahm dann den Zahnstocher hinter dem Ohre vor und sammelte die Ueberreste seines Frühstücks. Sie standen gerade vor einem der kleinen Häuser, über dem ein hellgelbes Schild mit rothen Buchstaben den Namen Pilger – Schuhmacher trug, und Könnern hatte schon, weniger bei dem Schulmeister interessirt, ein paar Mal eine allerliebste junge Frau am Fenster gesehen, die einen Blick nach ihrer Gruppe herüberwarf und dann wieder in dem Dunkel der inneren Stube verschwand. Der Portugiese stand mit dem Rücken nach der Thür zu, als der Schuhmacher, ein großer, breitschultriger Mann in seinen besten Jahren, das Schurzfell vor, ein kleines Käppchen auf und die Hemdsärmel in die Höhe gestreift, hinter ihn auf den Schwellenstein trat und, seine breite Hand auf des Portugiesen Schulter legend, mit ruhiger Stimme, aber sehr schlechtem Portugiesisch sagte: »Wenn ich Euch noch einmal in meinem Hause treffe Delegado, so schlage ich Euch jeden Knochen in Eurem erbärmlichen Leibe zusammen. Habt Ihr mich verstanden? Guten Morgen, meine Herren,« wandte er sich dann, als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorgefallen wäre, an den Director und seine Begleiter; »entschuldigen Sie, daß ich mich mit dem Lump in Ihrer Gegenwart unterhalten habe.« Der Portugiese war vor Zorn hochroth geworden, und seine kleinen schwarzen Augen schienen Feuer zu sprühen. Endlich hatte er sich wenigstens so weit gesammelt, um zu erwidern, und er sagte, ohne den Handwerker jedoch eines Blickes zu würdigen: »Wenn Ihr Eure Frau mißhandelt und nicht wißt, was Ihr einer Frau an Achtung schuldig seid, so ist es Sache der Obrigkeit, dazwischen zu treten.« »Und weshalb hab ' ich meine Frau mißhandelt, Du Lump, Du?« rief der Schuhmacher, bei dem der Zorn die Oberhand gewann. »Pilger, bedenkt was Ihr sagt!« unterbrach ihn der Director rasch. »Ach was, Herr Direktor – nichts für ungut,« zürnte der Mann; »ich weiß recht gut, was ich rede. Wenn der da auch zehnmal der Delegado ist, oder wie das Ding heißt, so sollte er sich nur um so mehr schämen, Unfrieden und Unglück in die Häuser zu tragen. Aber, Gott verdamm mich! finde ich ihn noch einmal auf der andern Seite von der Schwelle da, so geschieht ein Unglück. Das will ich ihm vorausgesagt haben.« Der Portugiese verstand nicht die letzten heftigen, deutsch gesprochenen Worte, aber er mochte recht gut den Sinn ahnen, denn die Gesticulation des Meisters dabei war gar nicht falsch zu verstehen. Er drehte jedoch nur, mit dem Ausdrucke der höchsten Verachtung in den Zügen, den Kopf halb nach ihm herum, ohne ihn selber anzusehen, und sagte: »Wir sprechen uns noch!« und ging dann in seinen gestickten Pantoffeln, mit einer leichten Verbeugung gegen den Director und seine Begleiter, die Straße wieder hinauf. Könnern's Blick beobachtete indessen das Fenster, hinter dem er die junge Frau gesehen, und er bemerkte, wie sie noch ein paar Mal scheu vortrat, um, ohne selber gesehen zu werden, zu erfahren, was da draußen vorging. Sobald sie aber des Fremden Blick auf sich haften fand, verschwand sie rasch und kam nicht wieder zum Vorschein. »Haltet mir Frieden, Pilger, das thut's nicht,« sagte der Director warnend. »Eben deshalb, weil ich Frieden haben will,« meinte der Schuhmacher, »halte ich mir den verdammten Bleifuß aus dem Hause, und gnade ihm Gott, wenn ich ihn da wieder einmal treffe, wo er nicht hingehört – guten Morgen, meine Herren,« und damit drehte er sich ruhig um und trat in sein Haus zurück. Die Schuljugend war indessen ein sehr interessirter Zuschauer bei den Bewegungen ihres sonst so gefürchteten Meisters gewesen, denn der junge Schulmonarch führte seinen Stock gewöhnlich mit unerbittlicher Gewalt. Einer der Nachbarn aber, den der arme Teufel in diesem Zustande dauerte, trat vor seine Thür, nahm ihn ohne Weiteres unter den Arm und führte ihn in sein Haus hinein, damit er dort seinen Rausch ausschlafen könne. Der Direktor schickte dann die Jungen nach Hause, die sich in wildem Jubel durch die verschiedenen Straßen vertheilten. »Das ist ja ein recht hübsches Exemplar von einem Schulmeister,« lachte Günther, als sie ihren Weg wieder aufgenommen hatten. »Das sei Gott geklagt!« seufzte der Director; jetzt sitzen wir wieder in der Ansiedelung auf dem Trocknen und die ganze Kinderwelt hat Ferien, bis sich ein neues, eben so untaugliches Individuum dazu hergiebt, das Amt des Schullehrers zu übernehmen.« »Und Ihr Delegado?« fragte Könnern; »die Sache scheint nicht ganz richtig zu sein.« »Ist auch so ein Lump, den wir der Güte der Frau Präsidentin verdanken. Der Teufel mag da Director sein, wenn man es mit solchem Gesindel zu thun hat, und ihnen doch nicht, in dem engen Kreislauf unseres hiesigen Lebens, ausweichen kann. Uebrigens ist das auch derselbe Herr, der da drüben die Brücke gebaut hat, welche ihm von der Regierung – nachdem sie kaum beendet und schon wieder eingestürzt war, – mit achtzehn Contos de Reis bezahlt wurde. Es geht doch nichts über Protection! Und wenn ich ein oder zwei Contos verlange, nur um die nöthigsten Bauten hier, ein neues Auswanderungshaus oder dergleichen, zu bauen, bekomme ich Vorwürfe von Oben, daß ich zu viel Geld gebrauche. Aber zum Henker damit! Wir wollen uns den schönen Morgen nicht durch derartige Dinge verbittern, und der Lump verdient gar nicht, daß ich mich über ihn ärgere. Kommen Sie, lassen Sie die Pferde ein wenig schärfer austraben, denn wir haben eine Menge werthvoller Zeit versäumt und unsere Träger und Arbeiter sind uns schon, wer weiß wie weit, voraus.« Eben hatten sie die letzten Häuser hinter sich, als ihnen wieder der Baron begegnete und, wie er den Director erkannte, diesem ein Zeichen machte, daß er ihn zu sprechen wünsche. Der Director hielt an, während Könnern und Schwartzau vorausritten. »Ach, Herr Director, nur auf ein Wort,« sagte der etwas umständliche Baron mit einer achtungsvollen Verbeugung; »dürfte ich Sie bitten, mir aufrichtig eine einzige Frage zu beantworten?« »Warum nicht – aber ich bin heute Morgen etwas in Eile.« »Ich will Ihre werthvolle Zeit nur für Secunden in Anspruch nehmen. Hat sich die Frau Gräfin in einer Geldangelegenheit an Sie gewandt?« Der Director lächelte. »Ich weiß nicht,« sagte er, »ob die Frage gerade discret ist.« »Geschäftssache,« vertheidigte sich der Baron vor diesem furchtbaren Verdachte; »Sie werden doch nicht glauben, daß ich – « »Nun, mir ist keinesfalls anbefohlen, ein Geheimniß daraus zu machen. Ja – zu irgend einer ihrer zahlreichen Unternehmungen.« »Cigarren?« »Ich glaube, es betraf diesmal den Tabakshandel.« »Ich danke Ihnen,« sagte der Baron, von dem Pferde zurücktretend. »Ich hoffe doch nicht, daß Sie sich damit einlassen werden?« fragte der Director jetzt seinerseits. »Ich bedaure unendlich, nicht die Mittel zu haben, ein so gemeinnütziges Unternehmen zu unterstützen,« erwiderte der Baron, gerade etwa mit derselben Betonung und in derselben Stellung, als ob er der Frau Gräfin selber gegenüber stände. Der Director lachte, grüßte den Baron flüchtig und sprengte dann den Weg hinauf, die beiden vorangerittenen Freunde einzuholen. Zwischen den Männern wurde weiter kein Wort gewechselt, bis sie den eigentlichen Platz erreicht hatten, auf dem Schwartzau seine Vermessung beginnen sollte, und da dies das Terrain war, welches dem Colonisten Meier gehörte, so war es nöthig, daß er dazu gerufen wurde. Während Günther seine Bussole auspackte und aufstellte, die nöthigen Vorbereitungen zum Beginne traf und seine Leute instruirte, was sie zu thun hätten, ritt der Director nach dem Hause hinüber, um den Menschenfeind in Kenntniß zu setzen und abzuholen, und Könnern bot sich ihm natürlich zum Begleiter an. Die Gartenthür war verschlossen; zufällig kam aber gerade ein kürzlich angenommener Arbeiter heraus, und da er den Director kannte, machte er nicht die geringste Schwierigkeit, ihn hinein zu lassen. »Gehen Sie nur da geradeaus, Herr Director,« sagte er, auf eine kleine Biegung des Weges zeigend, »dort gleich rechts ist eine Laube, in der finden Sie die ganze Familie beim Frühstück.« »Der wird uns ein schönes Gesicht schneiden, wenn wir ihm so plötzlich über den Hals kommen!« lachte der Director, als sie den breiten und vortrefflich gehaltenen Kiesweg verfolgten; »aber ich kann ihm nicht helfen. Es liegt auch in seinem eigenen Interesse, daß er weiß, wo seine Grenzen laufen – aber da sitzt die Familie – jetzt können Sie auch Ihre Brünette wieder begrüßen.« Könnern erwiderte kein Wort; es war ihm ganz sonderbar beklommen um's Herz und ein Gefühl beschlich ihn, als ob er sich hier in unehrlicher Weise in den Kreis einer Familie stehle, in der er jetzt fast bezweifelte, daß er gern gesehen sei. Es blieb ihm jedoch keine Zeit zu längerer Ueberlegung, denn wenige Secunden später waren sie schon von der Familie bemerkt, die überrascht emporschaute, als sie die Fremden plötzlich in dem Garten entdeckte. Meier saß ihnen mit dem Rücken zugewandt, links von ihm seine Frau, rechts seine Tochter, und schon als er die Schritte hinter sich hörte, hatte er sich umgedreht und beschattete dabei die Augen mit der Hand. Dann wandte er den Kopf wieder ab, nahm eine blaue Brille aus der Rocktasche, und erhob sich erst, als er diese aufgesetzt hatte, um die Fremden besser erkennen und dann begrüßen zu können. Elise war ebenfalls tief erröthend aufgestanden, als sie auf den ersten Blick den Fremden von gestern erkannte; der Mutter entging ihre Bewegung, da sie ihrerseits auch den einen Fremden – den Direktor kannte sie schon von früher her – aufmerksam musterte. »Mein lieber Herr Meier, ich muß um Entschuldigung bitten,« sagte der Direktor, auf ihn zugehend – »aber bitte, mein liebes Fräulein, wollen Sie nicht Platz behalten –, ich will Sie auch nicht lange stören und Ihnen nur anzeigen, daß wir hier auf Ihrem Grundstücke zu vermessen anfangen, weshalb es vielleicht besser wäre, daß Sie mit hinausgingen. Sie wissen ja auch am besten, wo die alte Linie gelaufen ist, die jener Schneidergeselle neulich umgeworfen hat. Wir wollen sehen, daß wir jetzt die ganze Sache wieder in Ordnung bringen.« »Sehr angenehm, Herr Direktor,« sagte Meier mit einer etwas ängstlichen und dadurch ungeschickten Verbeugung – »sehr angenehm in der That und äußerst dankbar – der Herr ist wohl der Vermesser, wenn ich fragen darf?« Könnern erröthete bis tief in den Nacken hinein, als er so selber gezwungen wurde zu erklären, daß er hier eigentlich gar nichts zu suchen habe. »Ich besonders muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte er mit einem unwillkürlichen Seitenblick auf Elise, »daß ich mich hier eingedrängt habe. Ich bin nicht der Vermesser, der schon draußen bei seiner Arbeit ist, sondern nur ein wandernder Maler, der sich seit einigen Jahren heimathlos in der Welt herumtreibt, um Gottes schöne Erde nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Mit dem Herrn Director durch meinen Bruder befreundet, habe ich mich den Herren heute Morgen angeschlossen, und nur auf die allbekannte brasilianische Gastfreundschaft fußend, wagte ich es, Ihnen meine Gesellschaft für wenige Minuten aufzudringen.« »Herr Bernard Könnern,« stellte ihn der Director vor. »Sie sind uns herzlich willkommen,« sagte die Frau, der die edle männliche Gestalt des jungen Mannes wie sein bescheidenes Benehmen von vornherein gefallen hatte – »Entschuldigungen wären ja auch gar nicht am Platze – bitte, setzen Sie sich – trinken die Herren vielleicht eine Tasse Kaffee mit uns?« Sie winkte der Tochter, und ehe sich die Gäste entschuldigen konnten, ging Elise – überhaupt froh, dazu Gelegenheit zu bekommen – rasch in das Haus hinein, um ein paar Tassen herauszuholen. Meier, also gedrängt, konnte nicht anders, als die einmal geschehene Einladung zu unterstützen. Mit einer Handbewegung bat er seine Gäste, Platz zu nehmen, und das Gespräch zwischen ihm und dem Director wandte sich dann natürlich gleich der sie Beide am meisten interessirenden Veranlassung zu. Elisens Mutter ließ sich indessen in ein Gespräch mit Könnern ein, von dem sie bald erfuhr, daß er Deutschland schon seit einer Reihe von Jahren verlassen und indessen Nord- und Mittelamerika durchstreift habe, theils um zu jagen, theils um Skizzen und Studien für seine Mappe zu sammeln. Meier, obgleich in eifrigem Gespräch mit dem Director, hatte sich doch kein Wort von der andern Unterhaltung entgehen lassen, und nickte dabei ein paar Mal halb unbewußt und zufrieden mit dem Kopfe. Er schien auch mehr und mehr aufzuthauen und die bisherige Scheu abzulegen, und als Elise die Tassen gebracht und eingeschenkt hatte, rückte er mit zum Tische und unterhielt sich selber mit dem jungen Manne. »Ich will Ihnen etwas sagen, Könnern,« unterbrach der Director das Gespräch, »ich gehe jetzt mit dem Herrn Meier zu Ihrem Freunde hinaus, um die Sache erst einmal in Gang zu bringen. Das beschäftigt mich keine halbe Stunde; dann komme ich hierher zurück, hole Sie ab und begleite Sie nachher bis zu der Mündung eines gar nicht entfernten Thales, dem Sie aufwärts folgen und nachher vielleicht doch noch Wild zum Schuß bekommen können. Hier oben auf der Hochebene glaube ich schwerlich, daß Sie irgend etwas antreffen, das der Mühe lohnte danach zu feuern.« »Das wäre recht schön,« sagte Könnern wieder mit einem unwillkürlichen Blick nach Elisen; »wenn ich nur auch gewiß wüßte, daß ich den Damen hier indessen nicht zur Last fiele.« »Nicht im Geringsten,« antwortete die Mutter – »kennen Sie unser Land noch nicht und sind Sie ein Liebhaber von Pflanzen, so haben Sie indessen Gelegenheit, sich in unserem Garten umzusehen; denn mein Mann hat sich große Mühe gegeben, alle einheimischen Pflanzen und Gewächse hier zu sammeln – Elise mag Sie herumführen.« »Ich wäre unendlich glücklich, wenn die junge Dame ...« stammelte Könnern. »Nun sehen Sie,« sagte der Direktor, »da sind Sie ja gleich untergebracht und werden es Wohl so lange aushalten können. In einer halben Stunde sind wir jedenfalls wieder hier. Sie gehen also mit, Herr Meier?« »Ich muß sehr um Entschuldigung bitten,« sagte der Angeredete mit dem ihm eigenen, etwas verlegenen Lächeln – »ich selber bin gerade beschäftigt; aber ich werde Ihnen meinen Karl mitschicken, der sich vortrefflich in alle diese Sachen zu finden weiß. Wenn Sie nur so freundlich sein wollen, ihm meine Grenzlinien zu zeigen, so wird er sie sich selber markiren und ich dann schon Sorge tragen, daß sie später dauernd gekennzeichnet werden. Verlassen Sie sich darauf. Ich bin gerade mit einer kleinen Arbeit beschäftigt, die ich nicht gern unterbrechen möchte. Dem jungen Herrn hier mache ich indessen vielleicht mehr Freude, wenn ich ihn in meine kleine Bibliothek führe – Bücher sind seltener in Brasilien als Blumen.« »Erst die Blumen, wenn ich bitten darf!« sagte Könnern, der sich heute merkwürdiger Weise dafür besonders interessirte, obgleich er nicht das Geringste von Botanik verstand, und da Elise sich schon erhoben hatte, stand er ebenfalls auf, um sie durch den Garten zu begleiten. »Sie scheinen sich besonders für Blumen zu interessiren,« sagte das junge Mädchen, während sie schon den halben Garten lang schweigend neben Könnern hingeschritten war, ohne daß dieser einen Punkt gefunden hätte, ein Gespräch anzuknüpfen. Bei der Frage spielte ein eigenes, schelmisches Lächeln um ihre Lippen, und ihr Blick suchte halb verstohlen die Züge ihres Begleiters, senkte sich aber blitzschnell wieder zu Boden, als sich dieser, von einem plötzlichen Verdachte erfaßt, gegen sie wandte. »Weshalb glauben Sie das, mein Fräulein?« »Weil Sie – die Blumen Vaters Bibliothek vorzogen,« erwiderte Elise, aber sie wagte nicht, den Blick zu ihm zu erheben, denn sie fürchtete, daß sie den darin liegenden Muthwillen verrathen würde. »Und Sie haben wirklich keinen andern Grund?« forschte Könnern weiter, denn er begann jetzt in der That unsicher zu werden, ob er gestern seinen Raub so ganz unbemerkt geborgen habe. »Und welchen andern Grund sollte ich haben?« sagte Elise und sah ihm jetzt so voll in's Auge, daß er seinen Blick fast erschreckt vor den hellen Sternen zu Boden senkte. »Zürnen Sie mir nicht der ungeschickten Frage wegen,« sagte er leise; »aber ich kann Ihnen den Grund nennen, weshalb ich die Blumen in Ihrer Begleitung den staubigen Büchern – wahrscheinlich ohne dieselbe – vorgezogen habe.« »Ich wäre wirklich neugierig, ihn zu hören,« lächelte Elise, fühlte aber doch, daß sie, vielleicht unmerkbar, dabei erröthete. »Er ist einfach,« sagte Könnern treuherzig, »und in dem Leben eines Jägers und Herumtreibers, wie ich leider einer bin, allein begründet. Wir sehen Gottes schöne Welt in all' ihrer wundervollen Pracht, in allen Zonen, sehen sie in ihrem Reize, in ihrer furchtbaren Oede, in ihren großartigen Massen, in ihren kleinsten, lauschigsten Winkeln und Ecken, aber – wohin wir kommen, sind wir immer nur Fremde und Heimathlose. – Wie auch unser Herz daheim an dem Zauber eines stillen Familienkreises gehangen haben mag, da draußen werden wir in den allgemeinen Wirbel hinausgestoßen, und wenn sich in der friedlichen Abendstunde alle Menschen, mit denen wir in flüchtige Berührung gekommen, in das Asyl ihres eigenen Herdes zurückziehen, wenn sie sich gewissermaßen in dem Kreise der Ihren die Belohnung holen für das, was sie den Tag über gewirkt und geschafft, dann liegen wir an einem einsamen Lagerfeuer oder, vielleicht noch schlimmer, in einem erbärmlichen, unfreundlichen Wirthshause, und dürfen nun darüber nachbrüten und grübeln, daß wir über Tag Alles zu haben meinten, was der Mensch nur wünschen kann, und daß uns doch in der That Alles fehlt, was zum eigentlichen Glück des Menschen gehört. »Mit Einem Worte, es fehlt uns da draußen der Umgang mit sanften Frauen, das mildernde Element im Leben des Mannes, der sich seinen Weg nur das ganze Jahr durch seine rauhe und wilde Umgebung erkämpfen muß. Wo wir deshalb auch immer so ein liebes, freundliches Frauenbild finden, da sehen wir in ihren Augen den ganzen Himmel unserer eigenen, daheim verlassenen Häuslichkeit, und wenn auch die Freude, die wir dabei empfinden, eine Art von Heimweh sein mag, so regt sich doch auch zugleich Alles wieder in unserem Herzen, was gut und edel, und die ganze Zeit vielleicht todt darin geschlummert hat. Ich weiß nicht, liebes Fräulein, ob Sie mich verstanden?« »Ich glaube ja,« flüsterte Elise, und es war ihr in dem Augenblicke fast, als ob sie selber eine lange, öde Strecke allein und freudlos durch die Welt gezogen sei und jetzt eben aus weiter, weiter Feme das Geläute ihrer heimischen Glocken gehört habe. Und doch durchzuckte sie dabei auch wieder ein wehes Gefühl, wenn sie sich das auch selber nicht einmal gestehen mochte – aber es war nur der flüchtige Gedanke, daß der Fremde also gestern auch die Blumen da draußen gar nicht ihret wegen an sich genommen und aufgehoben habe. Nur die Erinnerung an die Heimath – vielleicht an ein anderes liebes Wesen, das dort seiner warte, hatte ihn in dem Augenblick erfaßt, und das tiefe Gefühl selbst, das aus seinen Worten, aus seinem ganzen Wesen sprach, galt nicht der Gegenwart, sondern war allein der Wiederglanz eines verlorenen oder lang' entbehrten Glückes daheim. Wieder wanderten die Beiden eine ganze Zeit lang schweigend durch den Garten, Jedes mit seinen eigenen Gedanken voll beschäftigt. »Wie das schön ist in dieser herrlichen, tropischen Welt!« brach endlich Könnern das Schweigen; »wie wohl die warme Luft dem Körper thut, und wie zierlich jene herrlichen Baumformen die schönsten, natürlichsten Gruppen bilden! Die Eingeborenen hier müssen doch eigentlich recht glückliche Menschen sein.« »Und warum nur die Eingeborenen?« fragte Elise. »Weil sie blos der Gegenwart zu leben brauchen,« sagte Könnern; »sie haben nichts in der Welt, das ihnen den Genuß des Augenblicks verkümmern könnte, keine Erinnerung die sie zurückzieht, keine Sehnsucht nach irgend einem verlassenen Spielplatze der Kindheit. Fühlt sich nicht selbst der Lappländer in seiner Schneewüste, in seiner rauchigen Hütte, in Schmutz und Elend glücklich, nur weil es seine Heimath ist, wie viel mehr dann könnte es der Brasilianer in seinen Palmenwäldern und dem Orangenduft?« »Und hängen Sie noch so sehr an der Heimath?« »Du lieber Gott,« sagte Könnern, »ich habe eigentlich nicht viel dort zurückgelassen, was mich binden könnte. Meine Eltern find beide todt, und nach so langer Abwesenheit von daheim darf ich kaum hoffen, daß, außer einem Bruder, der mir dort lebt, meine Freunde mir eben das warme Herz bewahrt haben, das ich zurückbringe. Man sagt ja sogar, daß das Heimweh nur durch eine Rückkehr in die Heimath so gründlich curirt werden könne, um nie wiederzukehren. Aber dennoch liegt ein eigener Zauber über dem Platze, auf dem einst unsere Wiege gestanden, und ich weiß nicht, ob ich mich je mit dem Gedanken befreunden könnte, selbst Brasilien zu meinem steten Aufenthalte zu wählen, ehe ich den heimischen Boden nicht wenigstens noch einmal wiedergesehen hätte. Fühlen Sie kein solches Verlangen?« »Ich war noch ein halbes Kind, als ich Deutschland verließ,« sagte Elise; »kannte ich doch damals nichts als das Vaterhaus und da meine Eltern mit herüber kamen, vermißte ich kaum etwas aus dem alten Vaterlande. Wohl steigt manchmal eine Art von Sehnsucht in mir auf, die Heimath wieder zu sehen, aber es ist mehr ein unbestimmtes Gefühl, das keinen festen und gewissen Anhaltspunkt hat und deshalb auch nicht so mächtig ist, um mich lange und ernsthaft in Anspruch zu nehmen.« »Aber Sie führen doch ein recht einsames Leben hier oben.« »Ich bin kein anderes gewöhnt,« sagte Elise, während aber doch ein leichter Seufzer ihre Brust hob; »Vater und Mutter sind so gut mit mir, und Alles, was ich brauche, hab' ich im Ueberfluß. Was könnte mir die geräuschvolle Welt da unten mehr bieten? Je mehr ich auch davon sehe, desto weniger gefällt sie mir, und ich habe es dem Vater oft schon im Stillen gedankt, daß er uns hier oben so vollkommen von dem Verkehr mit der Ansiedelung abgeschlossen.« »Aber was haben Sie schon davon gesehen?« »Was? Oh, viel!« sagte Elise erstaunt; »lärmende, trunkene Menschen, die gar nicht selten unser Haus passirten, Klagen der Arbeiter im Ueberfluß, und Zank und Streit, Neid und Haß der einzelnen Colonisten, die manchmal den Vater bitten, zwischen ihnen zu entscheiden, damit sie keinen Advocaten anzunehmen brauchen. Es ist recht traurig, daß die Menschen nicht in Frieden neben einander leben können, und Vater hat gewiß ganz Recht gehabt, daß er sich von ihnen zurückgezogen. Wir leben jetzt hier viel glücklicher in unserer Einsamkeit, wo wir nichts von all' dem Lärm und Unfrieden zu hören bekommen – und doch sehnt sich Mutter hinaus und zurück in die Welt.« »Sind Sie schon lange in Brasilien?« »Sieben Jahre mögen es sein – vielleicht etwas weniger, und damals war die Colonie da unten ein kaum begonnener Platz, auf dem erst wenige Häuser standen. Erst in den letzten zwei Jahren begannen die Auswanderer hierher den Weg zu finden – der Vater sagt, weil ihnen lügenhafte Speculanten vorgeschwindelt hätten, daß der Boden hier so außerordentlich fruchtbar sei – und jetzt vergeht fast kein Monat, an dem nicht Schiffsladungen voll von ihnen ankommen.« »Das ist auch jetzt wieder der Fall,« meinte Könnern, »und wir sind gerade heute heraufgekommen, um das nächstgelegene Land für neue Colonisten auszumessen. Sie werden dann wahrscheinlich auch hier oben eine Menge neuer Nachbarn bekommen.« »Dann zieht Vater gewiß weg von hier,« lachte Elise, »denn er hat schon oft davon gesprochen, so hübsch er den Platz auch mag eingerichtet haben. Wenn Mutter nicht dagegen gewesen wäre, Vater säße schon lange wieder irgendwo mitten im Walde ganz allein.« »Wer weshalb scheut er die Menschen so? Haben sie ihm je etwas zu Leide gethan?« »Ich weiß es nicht,« sagte Elise treuherzig; »er spricht nie darüber und hat sogar –« sie schwieg plötzlich, und ein leichtes Roth färbte ihre Wangen. »Was hat er?« fragte Könnern, weniger aus Interesse an der Frage, als an der Jungfrau selber, die durch ihre schlichte Einfachheit einen ganz eigenen Zauber über ihn auszuüben begann. »Oh nichts,« sagte Elise leise; »Vater hat manchmal ganz sonderbare Einfälle, wenn er sich damit nur ihm lästige Menschen abhalten kann.« »Und glauben Sie, liebes Fräulein, daß es ihm unangenehm wäre, wenn ich vielleicht noch einmal heraufkäme, ehe ich die Colonie verließe?« »Sie wollen schon wieder fort?« fragte das junge Mädchen fast erschreckt, und erschrak doch noch mehr eigentlich über die Frage selber. »Möglich ist es, daß ich noch mehrere Tage, vielleicht sogar noch einige Wochen in der Nachbarschaft bleibe,« sagte der junge Mann; »es hängt das von Briefen ab, die ich von Rio erwarte und die vielleicht schon mit dem nächsten Postdampfer eintreffen können. Aber Sie haben mir meine Frage nicht beantwortet.« »Welche Frage?« »Ob es Ihr Vater ungern sehen würde, wenn ich heraufkäme, um – Abschied von Ihnen zu nehmen,« sagte Könnern, und es war ihm selber ein ganz eigenes wehes Gefühl, als er die Worte sprach. »Ob es der Vater ungern sehen würde,« sagte Elise, und ein leises, fast wehmüthiges Lächeln stahl sich über ihre Züge, »weiß ich freilich nicht; ich aber würde es ganz bestimmt ungern sehen, wenn Sie – so bald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten.« Könnern wollte ihr etwas darauf antworten, aber er vermochte es nicht. Irgend eine leere Redensart paßte nicht auf die aus dem Herzen kommenden Worte des einfachen Mädchens, und hätte er ihr so darauf erwidert, wie es ihm sein eigen Herz eingab – das ging nicht – das war nicht möglich. Nur ihre Hand ergriff er und sagte endlich mit tiefem Gefühl: »Der Mensch ist noch nicht ganz verloren, bei dessen Ankunft sich Jemand freut, dessen Abschied Jemanden betrübt. Ich will die Worte so einfach nehmen, wie sie gesprochen waren, aber seien Sie versichert, mein Fräulein, daß sie mir stets eine liebe Erinnerung bleiben werden.« Elise sah ihn fast etwas bestürzt an. Hatte sie mehr gesagt, als sie eigentlich durfte? – Du lieber Gott, sie war ja fast jedes geselligen Umganges entwöhnt. Wie um sich selber zu entschuldigen, fuhr sie fort: »Wir haben hier so lange jeden gesellschaftlichen Umgang entbehrt, daß man es uns wahrlich nicht verdenken kann, wenn wir uns freuen, die Einsamkeit, ja Oede einmal durch einen freundlichen Besuch gestört zu sehen.« »Ich habe es auch nicht anders verstanden, liebes Fräulein,« sagte Könnern mit einem Seufzer, »und doch dankt ich Ihnen dafür. Aber Ihre Frau Mutter scheint Sie zu suchen – und dort hält auch der Direktor schon wieder, mich erwartend, vor der Thür. So rasch ist die Zeit vergangen, und ich glaubte, daß wir erst wenige Minuten im Garten gewesen wären.« »Leben Sie wohl!« sagte Elise, ihm freundlich die Hand zum Abschied reichend. »Leben Sie wohl, liebes Fräulein!« sagte der junge Mann, und er war einen Moment unschlüssig, ob er die ihm gereichte Hand an die Lippen heben solle, aber er bezwang sich, machte ihr eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und verließ rasch den Garten. 6. Zuhbel's Chagra. Der Direktor wandte sein Pferd, als er Könnern aus sich zukommen sah, und ritt ihm voran die schmale Straße entlang. »Nun, wie hat Ihnen die Familie gefallen?« sagte er endlich, als sie sich weit genug vom Haus und Garten befanden, um nicht mehr von dort gehört zu werden; »nicht wahr, die Tochter ist nicht so Übel?« »Nein, ein ganz hübsches Mädchen,« sagte Könnern und schämte sich fast vor sich selber dabei, des profanen Urteils wegen, denn es schien ihm eine ordentliche Entweihung dieses schlichten, unschuldvollen Herzens. Glücklicher Weise verhinderte aber der enge Weg hier eine längere Unterhaltung. Eine Viertelstunde später zeigte ihm der Director das Thal, dem er folgen könne, um einmal den Wald und die Nachbarschaft ein wenig kennen zu lernen, bezeichnete ihm den Platz, wo er sein Pferd einstellen solle, warnte ihn noch einmal vor einem zu langen Streifzuge, damit er sich nicht doch etwa in den Bergen verirre, und setzte dann seinen eigenen Weg fort, Könnern sich selber überlassend. Der junge Mann athmete tief auf, als er sich endlich allein im Walde sah; er fühlte das Bedürfniß, seinen Gedanken ungestört nachhängen zu können, und ein so eifriger Jäger er sonst auch sein mochte, heute vergaß er fast, weshalb er in den Wald gekommen, und ließ seinem Pferde willenlos den Zügel, einen Fußpfad zu verfolgen, der in dem Thale hinauflief. Dort oben sollte er noch eine Chagra, die letzte, erreichen, wo er sein Pferd lassen und die Jagd dann zu Fuße fortsetzen konnte, denn im Sattel ließ sich in diesen Wäldern eben gar nichts ausrichten. Und was hatte ihm denn nur auf einmal so Kopf und Herz befangen, was durchglühte ihn plötzlich mit einem nie gekannten, kaum geahnten Gefühl? Der Anblick, das Zusammensein mit diesem einfachen, schlichten Kinde des Waldes? Könnern schüttelte selber über diese tolle Idee den Kopf und suchte ein paar Mal sogar gewaltsam das holde Bild aus seiner Erinnerung zu bannen; aber es ging eben nicht. – Wenn er hinaus in den Wald horchte, hörte er die melodischen Laute ihrer Stimme, wenn er nach irgend einem möglichen Wild umherlugte, sah er das schelmische Lächeln der Jungfrau hinter jedem Busch und Strauch, als sie ihn fragte, ob er die Blumen liebe, und aus jedem perlenden Thautropfen schauten ihm die treuen Augen Elisens entgegen. Mit einem Worte, er war bis über die Ohren verliebt, und daß er sich das zuletzt selber nicht einmal mehr verbergen konnte, ärgerte ihn am allermeisten. »Es ist reiner Wahnsinn,« philosophirte er vor sich hin, »reiner, blanker Wahnsinn, daß ich da hinein reite, einer jungen Brünette in die Augen schaue und darüber auf einmal den Verstand verloren haben soll! Der muß mir jedenfalls schon früher abhanden gekommen sein – oben in Costa Rica vielleicht, oder am Mississippi, oder irgendwo anders sonst – der Teufel weiß es! Aber zum Kukuk auch! Ich will doch einmal sehen, ob ich nicht Gewalt über mich habe, mir ein Mädchenbild aus dem Kopf zu schlagen, und wenn 's eine Brünette mit den schönsten Rehaugen der Welt wäre – und das ist sie nicht einmal – die Nase steht ihr ein klein bischen schief – ein ganz klein bischen nur, aber sie steht doch schief, und ist für eine wirkliche Schönheit viel zu stumpf, und das Kinn müßte nothwendig ein wenig länger sein – außerdem hat sie nicht einmal ein Grübchen darin, und ich schwärme für Grübchen im Kinn.« Und wie er sich die Fehler der Geliebten so gewaltsam vormalte, schauten über Nase und Kinn immer nur wieder jene Augen fest und tief in die seinigen; in dem Rauschen der Palmen hörte er die leise flüsternden Worte, wie sie ihm sagte: »Ich aber würde es ganz bestimmt ungern sehen, wenn Sie so bald schon wieder Abschied von uns nehmen wollten,« und jeder wehende Zweig schien ihm zuzuwinken und zu rufen: »Zurück! Zurück – hinter Dir liegt das Glück, das Du verlassen hast, hinter Dir! Und was treibst Du Dich da noch länger so einsam und allein in der weiten, öden Welt umher?« Er griff auch ein paar Mal wirklich seinem Pferde in die Zügel, als ob er dieser wunderlichen Stimme, die ihn drängte und trieb, folgen wolle, aber es war das immer nur ein Moment. Im nächsten warf er trotzig den Kopf zurück und biß die Zähne auf einander. Aber die Traumbilder ließen ihm doch keine Ruhe, und er kam erst eigentlich ordentlich wieder zu sich selber, als er das ihm von dem Direktor bezeichnete Haus erreichte, das an der Grenze der Ansiedelung stand und wo er sein Pferd lassen wollte, um seine eigentliche Jagd zu beginnen. Der Eigenthümer war allerdings gerade nicht zu Hause, sondern im Walde draußen, um Stämme für eine neue Scheune zu schlagen; das schadet aber nichts; die Frau öffnete ihm den kleinen Pasto, wo er sein Thier indessen frei werden lassen konnte, und mit seiner Büchsflinte auf der Schulter schritt er gerade in den Wald hinein, um sein Jagdglück, allen Gedanken und Träumen zum Trotz, in vollem Ernste zu versuchen. Und als er nur erst einmal die letzte Umzäunung der Chagra hinter sich hatte und in den wirklichen Wald eintauchte, wobei er noch außerdem genöthigt war, sich genau die eingeschlagene Richtung zu merken, gewann der Wald um ihn her wieder seinen wirklichen Charakter, und ordentlich in der Wildniß drin erwachte auch die alte Leidenschaft zur Jagd in ihm und ließ ihn mit dem ersten besten Pfade, auf den er den Fuß setzte, auch nach Fährten oder Spuren wilder Thiere suchen. Es ist schon an und für sich ein ganz eigenthümliches, wunderbares Gefühl, in einem fremden, unbekannten Walde mit der Büchse im Arm dahin zu schreiten, und man muß eigentlich selber Jäger sein, um das recht mitempfinden oder auch nur begreifen zu können. Jeder Laut ist fremd, selbst das Rauschen der Blätter klingt dem Ohre ungewohnt, und noch dazu in einem tropischen Walde lenkt überall eins der sich stets bewegenden riesigen Blätter das Auge des Jägers bald da-, bald dorthin und hält ihn anfänglich in fast fieberhafter Spannung. Hier und da raschelt auch einmal das Laub – ein dürrer Ast knickt, ein Waldhuhn streicht dicht vor den Füßen des Jägers mit fremdartigem Geräusch empor und verschwindet, che er sich zum Schusse sammeln konnte, wieder in den Büschen, und irgend eine unbekannte Fährte fesselt plötzlich seinen Blick und lockt ihn weit von seiner Richtung ab, lange, lange Strecken in den Wald hinein. So streifte auch Könnern heute durch die Wildniß, die er freilich mit größeren Erwartungen für die Jagd betreten hatte. Er fand wohl einmal eine Stelle, wo ein Rudel Sauen den Grund aufgebrochen hatte, er sah die Fährten einer kleinen Rothwildart und einmal sogar die eines Panthers oder einer Tigerkatze, aber zum Schusse bekam er nichts als ein paar Waldhühner, die er aus dem Gebüsch herausstörte und im Fluge mit dem Schrotlauf schoß. Das war Alles, und als er am Stand der Sonne sah, daß er nicht viel Zeit mehr zu versäumen hatte, trat er den Rückweg an und erreichte etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang das Haus jenes Ansiedlers, wo sein Pferd stand. Der Mann war jetzt zu Hause und empfing den Fremden auf das Gastlichste, wie es überhaupt in den Ansiedelungen Sitte ist, lachte auch gerade hinaus, als Könnern erklärte, daß er heut Abend noch nach der Colonie zurück wolle. »Mein lieber Freund,« sagte er, »das ist reine Thorheit, und Sie verstehe« es eben nicht besser. Bis Sie Ihr Pferd gesattelt haben und aus der Rodung hinaus find, ist die Sonne unter und die Welt damit auch gleich stockdunkel, und nachher sollten Sie einmal sehen, wie Sie auf dem Hundewege mit Ihrem Pferde stecken blieben und stürzten, vielleicht obendrein noch Hals und Beine brächen. Fortreiten im Dunkeln? Denken Sie gar nicht daran, und außerdem lasse ich Sie nicht fort, wenn Sie auch wirklich wollten. Glauben Sie denn, daß uns die Fremden hier so dick zugeschneit kämen, daß wir einen, den wir einmal eingefangen, gleich wieder fliegen ließen? Gott bewahre – heut Abend wollen wir uns 'was erzählen, Sie von draußen, ich von hier, und da sollen Sie einmal sehen, wie rasch die Zeit verfliegt.« Er ließ auch wirklich gar keine Einwendungen gelten, und da sich Könnern viel eher in der Stimmung fühlte, den Abend bei ganz fremden Leuten zuzubringen, als unter Freunden zu verplaudern, so bedurfte es keines langen Zuredens seines freundlichen Wirthes, ihn zu bestimmen, dessen Wunsch zu gewähren. Während Könnern unter einem mächtigen Orangenbaume saß und einige der um ihn her den Boden bedeckenden Früchte verzehrte, erzählte ihm der Deutsche den größte Theil seiner Lebensgeschichte. Er hieß Heinrich Zuhbel, hatte früher einen Handel in Rio Grande gehabt und mit einem Krämerkarren verschiedene Streiftouren nach Uruguay hinein gemacht, wo er eine Menge Geld verdient haben mußte. In San Leopoldo, wohin er auch einmal gekommen war, um seine Waaren an den Mann zu bringen, brachte er sich dann selber an. Er verliebte sich nämlich – oder besser gesagt, seine jetzige Frau verliebte sich eigentlich in ihn – die Eltern hatten nichts dagegen, und er verkaufte seine ganzen Habseligkeiten an einen frisch eingewanderten Juden, übernahm die Colonie seines Schwiegervaters und wirthschaftete darauf, bis ihm der Nachbarn zu viele wurden. Damals wurde die jetzige Colonie Santa Clara; wenn auch nicht begründet, denn sie bestand schon längere Zeit, so doch frisch in Angriff genommen, und Zuhbel beschloß, hierher überzusiedeln. Überhaupt an Herumziehen in der Welt gewöhnt, wurde ihm das auch nicht schwer, und er hatte sich jetzt mit Fleiß und Ausdauer ein ganz hübsches Besitzthum gegründet und lebte, wie er meinte, gerade weit genug von der Colonie entfernt, um sich Vieh halten zu können und nicht jeden Augenblick Aerger mit den Nachbarn zu haben. Die Kinder konnte er freilich von hier aus nicht in die Schule schicken, denn das war zu weit und die Schule taugte auch nichts; deshalb unterrichteten er und die Frau sie selber, und der ›Landsmann‹ sollte sich nachher einmal überzeugen, was sie schon Alles könnten. Der Mann plauderte so in einer Schnur fort und erzählte dem Fremden eine von den tausend Geschichten, die der Wanderer durch solche Länder fast in jeder Hütte zu hören bekommt und als eine der vielen Reiseunannehmlichkeiten eben hinnehmen muß: eine Lebensgeschichte ohne das geringste Interessante, ein alltäglicher Lebenslauf in den Colonien, voll Arbeit, und Glück und Mißgeschick bunt und ohne Zweck oder Ziel durcheinander gemischt. Der Mann hier schien aber trotzdem keiner der gewöhnlichen Bauern zu sein, wie auch sein früherer Erwerb bewies; er war eine Art von verdorbenem Genie, der ein bischen von Allem oberflächlich gelernt hatte, das Wenige aber nach Kräften zur Geltung zu bringen suchte, wo sich ihm irgend Gelegenheit dazu bot. Als sich die Sonne endlich hinter die Bäume senkte, lud er seinen Gast ein, in's Haus zu kommen, da der Thau schon zu fallen begann. Dort fand Könnern die Frau emsig beschäftigt den Tisch zu decken, und ein junges, hübsches Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren, aber schon hoch aufgeschossen, half ihr dabei. Die Frau trug nicht die deutsche Bauerntracht, sondern mehr eine Kleidung, wie sie bei Handwerkerfrauen auf dem Lande Sitte ist: ein blaugeblümtes, dunkles Kattunkleid, eine weiße Schürze und – jedenfalls dem Gaste zu Ehren – ein gelb und roth carrirtes Seidentuch um den Hals geknüpft. Sie mußte auch einmal recht hübsch gewesen sein, denn die Spuren ließen sich selbst jetzt noch erkennen, aber harte Arbeit und eine heiße Sonne reiben den Körper auf und machen ihn rasch verblühen. Sie grüßte schüchtern und verließ mit ihrer Tochter das Zimmer, sobald es Könnern betrat. Aber auch sein Wirth hatte noch draußen zu thun. »Setzen Sie sich und machen Sie es sich bequem,« sagte er zu seinem Gaste, als er diesen in die Stube geführt hatte; »ich bin gleich wieder da, ich will Ihnen nur etwas von meinen Fabrikaten holen.« Damit verließ er ebenfalls das Zimmer und ließ dem jungen Deutschen vollkommen Zeit, sich diese Heimath eines deutsch-brasilianischen Pflanzers mit Muße zu betrachten – und wahrlich, es schien ein wunderlicher Platz! Das große, geräumige Zimmer mit weißen Kalkwänden nahm den ganzen vordern Theil des Hauses ein. Die Möbel bestanden großentheils aus einfachem weißen Holze. Nur ein möglicher Weise aus Deutschland mitgebrachter runder Tisch in der Ecke war aus Mahagoni; ebenso ein Stuhl, der aber nur noch drei Beine hatte und mehr zum Staate als zum wirklichen Dienste wie in Gedanken in der Ecke lehnte. An der einen Wand stand ein Fortepiano aus Nußbaumholz; daneben aber ein angebrochener Mehlsack, aus dem wahrscheinlich der tägliche Bedarf für das Haus genommen wurde; auf dem Clavier lag ein kürzlich abgenommener Pferdezaun, denn das Gebiß war noch feucht, und in der Ecke am Fenster ein alter, zerrissener Sattel, neben dem wiederum zwei Fässer mit Bohnen und Erbsen standen. Auf dem Mahagonitisch war außerdem als Decke das etwas defecte Umschlagetuch der Frau gebreitet; die Zipfel desselben reichten aber nicht weit genug herunter, um ein Paar Halbstiefel und einige noch nicht gereinigte Frauenschuhe zu verbergen. Ein Paar abgeworfene Hosenträger lagen auf dem Umschlagetuche. Die Familie schien außer dem Clavier aber auch sonst noch entschieden musikalisch zu sein, denn über demselben, neben einer gewöhnlichen Handwage und einem lange nicht abgestaubten Rocke, hingen noch zwei Guitarren und eine Violine – alle drei in ziemlich verwahrlostem Zustande. – Sonst aber sah es reinlich in dem Zimmer aus; die Dielen waren frisch gescheuert und an dem einen Fenster sogar ein schwacher Versuch zu einer Gardine gemacht. Könnern lehnte seine Büchsflinte in die Ecke neben den Mehlsack und hatte gerade Zeit genug gehabt, sich in dem Zimmer ein klein wenig umzusehen, als sein Wirth mit einer Flasche Wein und ein paar Gläsern zurückkehrte. »Nun sollen Sie auch einmal eine Flasche Santa Clara Ausbruch versuchen, ein kapitales Weinchen,« sagte er dabei, indem er die Flasche auf den Tisch stellte und entkorkte, »selbst gezogen – delicat – noch ein bischen jung vielleicht, aber famos – die Blume!« Der Wein hatte eine Rosafarbe; als ihn Könnern aber kostete, lachte er gerade hinaus und rief: »Sie haben sich mit der Flasche vergriffen; das ist Himbeeressig!« »Himbeeressig?« sagte Herr Zuhbel erstaunt, indem er vorsichtig von seinem Glase kostete – »ich habe ja gar keinen – bitte um Verzeihung, das ist mein Ausbruch. Er ist ein bischen säuerlich, weil bei uns die Beeren so ungleich reifen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, wenn man sich erst einmal an den Wein gewöhnt hat, schmeckt Einem der beste Markobrunner nicht mehr.« »Das glaube ich auch,« sagte Könnern, der einen zweiten Versuch machte, das Glas aber dann kopfschüttelnd wieder auf den Tisch setzte – »ich bin übrigens kein Weinkenner, lieber Herr, und trinke nur Wasser. Jeder Wein steigt mir augenblicklich zu Kopfe.« »Der nicht,« rief Zuhbel in Eifer, »der wahrhaftig nicht, und wenn Sie drei Flaschen davon tränken!« (Könnern zogen sich schon bei dem Gedanken an eine solche Möglichkeit die Eingeweide zusammen und alle Zähne wurden ihm stumpf.) »Uebrigens können Sie auch Milch bekommen, meine Weiberleute trinken auch gewöhnlich Milch, und da kommen sie schon mit dem Essen. Nun langen Sie tüchtig zu, denn Sie werden nach dem heutigen Marsch Hunger bekommen haben.« Die Frau brachte in der That herein, was das Haus bot: delicates Brod, frische Butter, guten Käse, Milch und Eier, Alles reichlich und mit größter Reinlichkeit aufgetischt; aber sie sprach kein Wort, wenn nicht eine Frage direct an sie gerichtet wurde. Auch das junge Mädchen hielt sich scheu zurück und wagte nicht einmal ordentlich an den Tisch hinan zu rücken, an den sie weit hinüberlangen mußte. Zuhbel führte allein das Wort und erzählte ununterbrochen von seinem Leben hier zwischen den »Brasilischen«, von seinen Arbeiten und Erfolgen, wie er den Leuten hier erst habe zeigen müssen was Ackerbau sei, wie er seine Felder einrichte und bewirthschafte, was er ziehe und möglich gemacht habe und wie er es eigentlich gewesen sei, der in die Ansiedelung unten ein wenig Ordnung gebracht habe. »Mit dem Director ist es nichts,« fuhr er fort – »gar nichts, das ist ein Grobian, wie er im Buche steht, aufgeblasen und stolz – ja, ›Dickethun ist mein Reichthum,‹ das paßt auf den. Will Alles besser wissen und hat nicht die geringste Lebensart. Da ist der Delegado ein anderer Mann – der weiß, was Höflichkeit ist und was Unsereiner versteht und giebt sich mit dem gemeinen Manne ab, daß es eine Lust ist.« Dann kam er auf die Frau Gräfin zu sprechen, die ihn einmal »mein lieber Herr Zuhbel« genannt hatte und von der er entzückt schien. Das war eine Dame, wie sie eigentlich sein sollte, »wirklich vornehm und doch so gemein als möglich.« Könnern ermüdete das Gespräch. Er hatte schon lange herausgemerkt, daß sein freundlicher Wirth zu den Menschen gehörte, die ihren Nachbar nur danach beurtheilen, wie sie selber von ihm behandelt sind, und den aus Grundsatz hassen, der klüger oder fleißiger ist als sie, oder wenigstens von seiner Arbeit mehr Erfolg gehabt hat. Leider giebt es solcher Leute ja genug in allen Ständen, und man braucht nicht gerade nach Brasilien zu gehen, um mit ihnen zusammenzutreffen. Zuhbel dagegen, der ebenfalls gefunden, daß sein Gast ein »Fremder« sei, und der hier draußen viel zu selten Gelegenheit bekam, seine Lichtseiten zu entwickeln, nahm jetzt die Ansiedler einen nach dem andern durch, um, wie er meinte, dem neuen Einwanderer gleich einen richtigen Ueberblick über die Verhältnisse zu gestatten. Indessen war es vollkommen Nacht geworden, als draußen der Hufschlag eines Pferdes laut wurde und gleich darauf ein junger, kräftiger Bursche von etwa siebzehn Jahren in's Zimmer trat. Es war Zuhbel's Sohn, der den Fremden freundlich grüßte und dann, ohne von seiner Familie auch nur die geringste Notiz zu nehmen, sich zum Tische setzte und die noch übrigen Speisen verzehrte. Er leerte sogar ein Glas von dem Wein, ohne eine Miene dabei zu verziehen. Während er aß, saß Zuhbel wie auf Kohlen; er rückte auf seinem Stuhle hin und her und sah immer nach seinem Sohne hinüber und als dieser kaum den letzten Bissen im Munde hatte und seinen Teller zurückschob, stand er auf, rieb sich die Hände und sagte: »So, jetzt kann's losgehen – jetzt sollen Sie einmal sehen, daß wir hier im brasilianischen Walde nicht blos lauter Bauern und Holzhacker sind, sondern daß wir auch in der Kunst etwas leisten. Bist Du fertig, Junge?« »Ja, Vater,« sagte der Sohn, stand auf, wischte sich den Mund, nahm einen kleinen Zusammenlegekamm aus der Tasche, um seine Frisur oberflächlich in Ordnung zu bringen, und griff dann ohne Weiteres nach der über dem Clavier hängenden Violine, die er zu stimmen und herauf und herunter zu schrauben begann. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er damit fertig wurde; der alte Zuhbel hatte indessen das Clavier geöffnet und sich daran gesetzt. »Spielen Sie?« fragte er Könnern. Dieser verneinte. »Das müssen Sie noch lernen,« fuhr Zuhbel fort, indem er einen falschen Accord griff; »es ist etwas gar Schönes für einen Colonisten, wenn er sich Abends nach der Arbeit die Zeit ein wenig mit Musik vertreiben kann – na, hast Du's bald?« wandte er sich an seinen Sohn. »Jetzt kommt's,« sagte dieser, indem er einen Ton auf dem Clavier anschlug und seine Stimmung damit verglich. Es stimme so ziemlich – höchstens um einen halben Ton Unterschied, was zu unbedeutend war, deshalb noch einmal alle Saiten abzuschrauben. Ein Strich über die Violine war das Zeichen und ohne weitere Verabredung, als ob gar keine andere Melodie möglich sei, fielen Beide in die Fra Diavolo'sche Romanze: »Erblickt auf Felsenhöhen« ein und kratzten und hämmerten dieselbe richtig durch, der Vater natürlich nur den Baß schlagend, wobei es nicht darauf ankam, ob er manchmal um zwei oder drei Zoll daneben griff. Dann kam ein schwermüthiges Lied: »Von der Alpe tönt das Horn«, dann »Die Fahrt in's Heu« mit allen Versen. Den Schluß bildete aber das Schrecklichste von Allem, ein Choral; denn während es bei den früheren Liedern über die Mißtöne rasch hinwegging, wurden sie hier lang und feierlich ausgehalten, und Könnern als Schlachtopfer saß in der einen Ecke und rauchte eine schlechte Cigarre, die wie der Wein eigenes Fabrikat des Tausendkünstlers war. Aber auch das ging vorüber; das Concert war beendet, die Violine hing wieder an der Wand und das Clavier wurde geschlossen – der erste angenehme Ton, den es heute von sich gab. »Es sind nur drei Instrumente in der ganzen Colonie,« sagte Zuhbel mit Stolz, indem er dem alten Klapperkasten freundlich auf den Rücken klopfte, als ob es ein Pferd gewesen wäre; »eins hat die Frau Gräfin, ein wahres Prachtstück; die junge Gräfin hat mir einmal selber etwas darauf vorgespielt – die spielt, und das ist ein Mädel – zum 'reinbeißen, sage ich Ihnen. Sie kennen sie aber gewiß schon?« »Ich habe sie nur einmal im Vorbeireiten gesehen.« »Reiten kann sie wie der Teufel – und das dritte hat der Meier – der Einsiedler, wie sie ihn unten nennen; aber ob darauf gespielt wird, kann man nicht erfahren, denn er liegt wie ein Kettenhund vor seiner eigenen Thür und läßt Niemanden hinein – das ist ein schrecklicher Mensch!« »Er macht sich nicht viel aus Gesellschaft,« sagte Könnern gleichgültig. »Haben Sie das auch schon gemerkt?« lachte Zuhbel; »ja, der läßt Alle abfahren, wer sie auch sein mögen, aber – es hat seinen Grund.« »Er mag etwas menschenscheu sein; lieber Gott, Jeder von uns hat seine Schwachheiten!« sagte Könnern und dachte an das Concert. »Schwachheiten?« fragte Zuhbel geheimnißvoll – »bei dem ist's mehr, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Dahinter steckt etwas. – Mit dem ist's nicht richtig, und daß der – ich mag keinem Menschen etwas Böses nachsagen – aber daß er wenigstens einen Mord auf dem Gewissen hat, darauf können Sie Gift nehmen. – Denken Sie denn, daß der Jemandem gerade in's Gesicht sehen kann? Gott bewahre, eine blaue Brille setzt er auf, hinter der man nie weiß ob er schläft oder zuhört, wenn man ihm 'was sagt, und daß er ein einziges Mal seine Nachbarn besucht hätte, so lange er hier in der Gegend wohnt – ist ihm noch gar nicht eingefallen.« »Ja, aber, mein lieber Herr Zuhbel,« sagte Könnern, »nicht alle Menschen haben eben Freude an Gesellschaft!« »Ach was,« rief der Mann, »der ist keines Menschen Freund, wie sein eigener, und ich weiß nicht einmal, ob er sich selber 'was aus sich macht. Nein, bleiben Sie mir mit dem Herrn Meier vom Leibe, und mit seiner ganzen Familie, der alten, knuffnäsigen Frau, die Einen immer ansieht, als ob sie Einen beißen wollte – lieber Gott, ich thu' ihr nichts! – und dem bleichsüchtigen Ding von Mädchen. Und mit seinem Reichthum soll's auch nicht so weit her sein – mich kauft er nicht aus, so viel weiß ich, und mein Land gäbe ich nicht für ein Dutzend solcher Chagras hin, wie er eine hat.« Der Mann war im Zuge und ließ Könnern nur insofern Ruhe, daß er nicht von ihm verlangte, ebenfalls zu reden. Er hechelte die Colonie wieder von oben bis unten durch, und das Resultat blieb, daß er der Einzige von Allen sei, der wirklich etwas vom Ackerbau verstehe und eine Musterwirthschaft eingerichtet habe, auf der er den Colonisten einmal zeigen wolle, was man aus dem Lande machen könne, wenn man es eben richtig angriffe. Könnern war froh, als er sich endlich mit der späten Stunde, und Müdigkeit vorschützend, entschuldigen konnte, um sein Lager zu suchen. Auch hier war Alles für ihn durch die Frauen auf das Sauberste hergerichtet, und in einer der oberen Kammern fand er ein, wenn auch ein wenig hartes, doch frisch überzogenes Bett, mit Waschzeug, Handtuch und frischem Wasser, und außerdem noch einen Teller mit Maniokmehl und einen Korb voll Orangen, die bei dem brasilianischen Landmanne einen nicht unbedeutenden Theil seiner Nahrung bilden. Die Frau leuchtete ihm hinauf. Sie sprach kein Wort dabei, setzte ihm das Licht in die Stube und sah sich dann noch einmal um, ob auch Alles in Ordnung sei. Dann ging sie wieder eben so schweigend zur Thür zurück, drehte sich noch einmal um, sah Könnern ruhig an und sagte: »Glauben Sie kein Wort von dem, was er Ihnen sagt. Es ist Alles nicht wahr. Gute Nacht, schlafen Sie Wohl!« und damit verschwand sie draußen in dem dunkeln Gange. Könnern lachte still vor sich hin, aber er war durch das furchtbare Schwatzen seines Wirthes so geistig müde geworden, daß er an dem Abend nicht einmal mehr denken konnte. So suchte er denn sein Lager und hatte sich kaum darauf ausgestreckt, als er auch in einen tiefen Schlaf fiel und erst am hellen Morgen neu gestärkt erwachte. Nun wollte er allerdings gleich zur Ansiedelung zurückkehren, weil er fürchtete, daß der Direktor vielleicht seinetwegen in Sorge sein könne; aber Zuhbel ließ ihn nicht. Erst mußte er frühstücken und dann seine Felder besehen, ohne das kam er nicht los. Könnern war nun nichts weniger als Oekonom und verstand nicht das Geringste von der Landwirthschaft, das schadete aber nichts; Zuhbel schleppte seinen Gast mit einem wahren Feuereifer über geackerte und ungeackerte Felder und zeigte ihm, was er hier bauen wollte, und was er da gebaut hatte, wie jener Graben dort und dieser da gezogen sei, und wie alt der oder jener Pfirsichbaum wäre, und wo er die jungen Stämme herbekommen habe – Dinge, die den jungen Maler auch nicht im Geringsten interessirten. Endlich hatten sie Alles gesehen, keine Heckenpflanzung von Ouittenbäumen, kein Reis- oder Maisfeld war mehr übrig und der Fremde durfte endlich den Wunsch aussprechen, sein Pferd zu satteln. Das aber besorgte ihm der junge Zuhbel, der zum zweiten Frühstück aus dem Felde hereingekommen war und Könnern athmete hoch auf, als er endlich wieder auf dem schmalen Pfade, das Thal hinab, der Ansiedelung zutraben konnte. Und dennoch schlug er nicht den nächsten Weg dorthin ein, sondern lenkte links ab, an Meier's Chagra vorüber, – und weshalb? Er hatte Anfangs ein unbestimmtes Gefühl, als ob er die beiden geschossenen Waldhühner, die an seinem Sattelknopfe hingen, Elise bringen wolle – aber das ging nicht. Er durfte dem alten Manne nicht lästig fallen – nicht jetzt schon wieder sein Haus betreten – und doch, mit wie schwerem Herzen ritt er an der dichten Hecke vorüber, die Alles umschlossen hielt, was seinem Herzen lieb und theuer war. – Vergebens suchte er auch nur einen Blick in die Umzäunung zu gewinnen; der alte Meier hatte schon dafür gesorgt, daß kein neugieriges Auge in sein Heiligthum dringen könne, und tief aufseufzend ließ er seinem Pferde endlich wieder den Zügel, um den Weg zu verfolgen, der ihn hinunter nach Santa Clara brachte. Noch hatte er aber das Ende der Umzäunung nicht erreicht, als er plötzlich Musik zu hören glaubte. Er griff seinem Thiere rasch in den Zügel und lauschte. Richtig – im Garten selber hörte er die melodischen Töne einer Zither. Eine Weile horchte er, aber er war hier noch zu weit entfernt, um die Melodie deutlich zu unterscheiden; nur die einzelnen, höheren Töne drangen zu ihm herüber, und ehe er noch zu einem rechten Entschluß gekommen, was zu thun, war er schon abgestiegen und hatte sein Pferd am Zügel. Ein Weg führte dort allerdings nicht hinein, aber die Büsche waren doch nicht so dicht, daß er nicht hindurch gekonnt hätte, und einen Augenblick stand er unschlüssig, ob er das Pferd hier draußen am Wege anbinden solle. Aber vom Hause aus konnte Jemand daherkommen und ihn beim Horchen ertappen – besser, er nahm es mit, und es vorsichtig führend, näherte er sich mehr und mehr dem Spielenden, bis endlich ganz deutlich und gar nicht weit entfernt das Lied zu ihm herübertönte. Hier aber hemmte eine hohe und vollkommen dichte Hecke jedes weitere Vordringen; zu nahe durfte er überhaupt nicht hinan, daß ihn der Schritt des Pferdes nicht verrieth – er blieb stehen und lauschte der Melodie, die eine Meisterhand aus den Saiten lockte – aber wer spielte hier? Der alte Meier selber vielleicht? Der Direktor hatte ihm schon gesagt, daß er sehr musikalisch sei. Es war eine jener schwermüthigen deutschen Volksweisen, an denen wir so reich sind, und ein tiefes, inniges Gefühl schien die Saiten zu beleben. Jetzt war das Lied beendet und alles ruhig – hatte sich der Spieler wieder entfernt? Es war so still geworden, daß er sich ordentlich fürchtete den Platz zu verlassen, weil ihn das durch das Pferd verursachte Geräusch verrathen mußte. Da plötzlich wurden wieder einzelne Accorde angeschlagen, erst leise und wehmüthig, dann in eine mehr heitere Weise übergehend. Zwei oder drei der kleinen allerliebsten steyrischen Ländler folgten, dann plötzlich in eine andere Tonart überspringend, intonirte der Spieler eine dem Zuhörer fremde Melodie, und jetzt – das Herz schlug ihm auf einmal wie ein Hammer in der Brust, begann eine glockenreine Mädchenstimme ein kleines Lied, vom dem er deutlich jede Silbe verstehen konnte: Die Herzen wachsen alle dort Im blauen Himmelsfeld, Und immer zwei beisammen, eng, Die eine Schale hält. Vielliebchen gleich, so keimen sie Je zwei und zwei selband, Und sind sie reif, nimmt sie der Herr Und streut sie über's Land. Eins pflanzt er einem Jüngling ein, Das and're einer Maid, Und spricht: Mein Segen ruht auf Euch, Wenn Ihr vereinigt seid. Die beiden Hälften suchen nun Sich in der Welt daher. Und selig, wer sein halbes find't. Oh dreimal selig der! Das halbe Herz, Du lieber Gott. Kann doch auch halb nur schlagen – Wer meine and're Hälfte hat. Ich wollt', er thät' mir's sagen. Könnern lauschte dem Liede mit glühenden Wangen, kaum aber war es beendet, als er – er wußte kaum, was er that – die beiden geschossenen Waldhühner vom Sattelknopfe nahm und mit keckem Wurf über die Hecke hinweg in den Garten schleuderte. Er hörte noch drinnen einen leisen Aufschrei, aber weiter nichts, in wilder Flucht trieb er sein Pferd wieder durch den Busch zurück auf den Weg, sprang in den Sattel und jagte mit einem ganzen Sturm tobender Gefühle im Herzen in die Ansiedelung zurück. 7. Die neuen Colonisten. Der scharfe Ritt that dem wilden Reiter wohl, und weil er der Unsicherheit des Weges halber sein Thier fest im Zügel halten mußte, sammelten sich seine Gedanken auch wieder mehr auf seine äußere Umgebung. An der Grenze des Städtchens schon fiel ihm das rege Leben auf, das er hier traf und das er gestern und vorgestern lange nicht so gefunden. Eine Menge von fremden abenteuerlichen Gestalten, die meisten mit Gewehren auf dem Rücken, als ob sie sich zu einem Kriegszuge gerüstet hätten, liefen hin und wieder, und als er sich des Direktors Hause näherte, fand er dieses von einem ganzen Menschenschwarm ordentlich belagert. Glücklicher Weise traf er Einen der Hausleute, der ihm sein Pferd abnehmen konnte, und dieser theilte ihm auch mit, daß das Auswandererschiff angekommen sei. Mit Mühe arbeitete er sich durch das Gedränge im untern Theile des Hauses, denn die Leute schienen der Meinung zu sein, daß Jeder von ihnen sein Haus und Feld schon fertig vorfände, und sie wollten sich jetzt nur beim Direktor erkundigen, »wo es läge«, damit sie gleich einziehen könnten. Den Direktor fand er oben in einer ganz verzweifelten Stimmung, wie er sich gerade mit einem etwas zu frechen Burschen herumzankte und im Begriffe stand, diesen eigenhändig die Treppe hinunter zu werfen. Könnern behielt noch eben Zeit, dem Hinunterpolternden auszuweichen. »Da haben wir's!« rief ihm der Direktor schon oben entgegen. »Jetzt sind sie da und nichts fertig – nichts in Ordnung, daß man sich auch noch von den Flegeln im eigenen Hause muß Grobheiten sagen lassen!« »Nun, die Strafe folgte wenigstens auf dem Fuße,« lachte Könnern. »Da soll einem Andern die Galle nicht überlaufen! Ich hätte mich an dem Lump eigentlich nicht vergreifen sollen, aber, bei Gott im Himmel, sie treiben's zu arg! Er nannte mich geradezu einen Ochsen und da gebrauchte ich mein Hausrecht!« »Recht ist ihm geschehen,« sagte Könnern; »aber was nun? – Wo wollen Sie mit der ganzen Gesellschaft hin?« »Sie können mir dabei helfen, Könnern.« »Von Herzen gern, wenn ich eben nur weiß wie.« »Ich habe für diesen Fall, da ich ja schon vorgestern von der Ankunft hörte, ein paar Häuser in der Stadt gemiethet; wir dürfen die armen Teufel, besonders die Frauen, doch nicht im Freien liegen lassen, denn es kann noch jede Nacht ein tüchtiger Regen einsetzen. In dem Auswandererhause bringe ich aber höchstens noch Acht oder Zehn unter, bei mir vielleicht auch noch Zwei oder Drei und die Uebrigen müssen in jene beiden Häuser einlogirt werden. Kommen Sie mit hinunter; wir sehen uns die beiden Baulichkeiten gleich noch einmal an, und dann sind Sie vielleicht so freundlich und übernehmen die Hinüberschaffung der Leute. – Apropos, wo Waren Sie die Nacht? – Verirrt?« »Nein; bei einem Herrn Zuhbel auf der Chagra.« »Ah, bei meinem Freunde Zuhbel; nun, da hatten Sie wenigstens Concert und Wein,« sagte der Director trocken. »Das sei Gott geklagt!« lachte Könnern. »Und haben auch gleich einen Ueberblick über die Privatverhältnisse der Einzelnen bekommen. Doch lassen wir das. Jetzt an die Arbeit, und nachher müssen Sie mir von Ihrer Jagd erzählen!« – – In dem kleinen Städtchen sah es heute wirklich bunt aus, denn gestern Abend noch, schon nach elf Uhr, waren die Einwanderer mit Booten heraufgekommen, wo sie natürlich an der Landung liegen bleiben mußten. Der Capitain hatte ihnen freilich abgerathen, die Fahrt noch so spät zu unternehmen, aber die Leute wollten so rasch als möglich brasilianischen Grund und Boden betreten und nur wenige waren klug genug gewesen, den nächsten Morgen abzuwarten, um ihren Einzug in Brasilien zu halten. Jetzt strömten sie nun nach allen Richtungen in der Stadt umher und als man sie haben wollte, um ihren nächsten Aufenthalt zu ordnen, war eben Keiner zu finden. Nur mit großer Mühe gelang es Könnern und dem Director, die Leute endlich in die allerdings engen Räumlichkeiten hinein zu bringen, und sie fanden hier wieder bestätigt, daß alle die, denen man es ansah, wie sie früher in besseren und behäbigeren Verhältnissen gelebt, am leichtesten zu befriedigen waren und sich die größten Unbequemlichkeiten gern gefallen ließen, während gerade die abgerissensten und verwahrlostesten Subjecte sich mit nichts zufrieden zeigten und die größten Ansprüche machten. Noch drei Familien waren übrig geblieben, die im Anfang auch gar kein Verlangen nach einem Unterkommen zu haben schienen und unten ruhig am Wasser saßen, dem Treiben der Anderen zuzusehen. Der Director hatte sich gefreut, daß sie vernünftig abwarteten, bis die Reihe an sie kam, und schon beschlossen, sie so gut als irgend möglich zu quartieren. Jetzt ging er, während Könnern sich noch mit einer andern Familie oben in der Stadt abquälte, zu ihnen und sagte: »So, Ihr Leute, Ihr sollt nicht zu kurz gekommen sein, daß Ihr mir das Leben nicht auch schwer gemacht habt. Die Frauen mögen nun noch bei den Sachen bleiben und Ihr Männer packt indessen auf den Karren, der da gerade wieder die Straße herunterkommt, was Ihr eben laden könnt. Ich habe für den Augenblick nur noch da« eine Fuhrwerk zur Verfügung.« »Ja, das ist schon gut,« sagte der eine Mann, der auf einer Kiste saß und auch keine Miene machte aufzustehen; »wann kommt denn aber nun eigentlich das Schiff?« »Welches Schiff?« »Nun, unser Schiff!« »Das Euch hergebracht hat?« »Nein, das andere.« »Das andere? Was für ein anderes?« »Nun, das uns von hier nach Rio Grande bringen soll.« »Nach Rio Grande? Ja, Leute, wollt Ihr denn schon wieder fort? Ihr seid doch eben erst angekommen!« »Ja, Wir haben alle unsere Freundschaft bei Rio Grande.« sagte die eine Frau, »und die Passage auch dorthin bezahlt.« »Aber hier legt nie ein Schiff nach Rio Grande an,« sagte der Director; »da müßtest Ihr erst wieder nach Santa Catharina fahren, und das kann noch sechs oder acht Wochen dauern, bis sich dazu Gelegenheit findet. Wenn Ihr dahin wolltet, so mußtet Ihr doch wahrhaftig mit keinem Schiffe nach Santa Clara fahren. Da hättet Ihr Euch vorher erkundigen sollen.« »Ja, das haben wir doch gethan!« sagte der eine Mann; »der Herr Agent in Antwerpen hat uns ja auch gesagt, das Schiff hier brächte uns nach Santa Clara, und Rio Grande wäre dicht dabei – er hat's uns ja auch auf der Karte gezeigt – keinen Finger breit von einander war's.« »Und Euer Schiffscontract ist bis nach Rio Grande gemacht? »Da – hier steht's,« sagte der Mann und zog das Papier aus der Tasche. Der Director nahm es; aber auf den ersten Blick sah er schon, daß in dem Contracte stand: Von Antwerpen nach Santa Clara. »Da steht ja kein Wort von Rio Grande?« fragte er den Auswanderer. »Na, natürlich nicht, weil's dicht dabei liegt,« brummte dieser verdrießlich; »das hat uns ja der Herr Agent ganz genau auseinander gesetzt, daß das Schiff nur bis Santa Clara ginge und daß dann ein anderes daneben liege, welches uns gleich hinüberbringe. Die Schiffe fahren ja doch alle hier erst in Santa Clara an – so dumm sind wir auch nicht, daß wir das nicht genau ausgemacht hätten.« Der Director faltete den Contract langsam zusammen und gab ihn dem Manne zurück. »Lieber Freund,« sagte er ruhig, »die Sache ist höchst einfach die, daß Ihr Euch in Antwerpen habt anführen lassen – weiter nichts. Der Agent dort hatte gerade dieses Schiff liegen und seinem Contracte nach Passagiere dafür zu schaffen; deshalb seid Ihr da mit ausgepackt und fortgeschickt. Zwischen hier und Rio Grande besteht gar keine regelmäßige Verbindung; nur zu Zeiten bietet sich Gelegenheit durch einen der kleinen Küstenfahrer, der Euch nach Santa Katharina bringen könnte. Dort müßt Ihr aber wieder auf ein Dampfschiff. Was außerdem die kleine Entfernung betrifft, so könnt Ihr die Reise nach Santa Catharina vielleicht in Vier bis fünf Tagen machen, wenn der Wind gut ist – im andern Falle nimmt sie eben so viele Wochen in Anspruch, und von da sind auch wieder drei bis vier Tage nach Rio Grande nöthig. Außerdem wird Euch diese Tour fast noch eben so viel kosten, als die Reise von Deutschland hierher.« »Aber Du großer, allmächtiger Gott, wir haben ja keinen Pfennig Geld mehr!« schrie die eine Frau. »Und der Agent hat gesagt, daß uns die Reise von hier nach Rio Grande keinen Heller kosten sollte.« »Dann hat der Agent einfach gelogen,« sagte der Direktor ruhig, »und es ist eine Betrügerei, wie sie schon mehrfach vorgekommen.« »Oh, Du mein gütiger Heiland,« jammerte eine andere Frau, »dann sind wir verrathen und verkauft und müssen hier elend verderben!« »Beruhigt Euch, so schlimm ist die Sache noch nicht,« tröstete sie der Direktor – »wenn Ihr Euch nicht vielleicht doch noch entschließt, hier zu bleiben und Euch hier niederzulassen.« »Aber wir haben unsere ganze Freundschaft bei Rio Grande; meiner Schwester Sohn und der Elias und die Dorothea sind auch drüben und warten auf uns.« »Gut, gut, ich sehe jetzt schon, wie die Sache steht; ich will einen Versuch machen und an die Regierung nach Rio schreiben, welche schon mehreren anderen armen Auswanderern, die von betrügerischen Agenten in eine ähnliche Lage gebracht worden, geholfen hat, und vielleicht läßt sich doch noch Alles einrichten.« »Und wann können wir fort?« fragte die Frau rasch – »kommt das Schiff bald?« »Ja, liebe Frau,« sagte der Director, »so rasch geht die Sache nicht; wenn ich Euch in zwei oder drei Monaten hier wegbringe ...« Ein lautes Gejammer der Frauen unterbrach ihn, aber es war hier gar nichts weiter zu thun. Die Leute hatten sich einmal betrügen lassen und es blieb nichts Anderes übrig, als die Regierung um Hülfe anzusprechen, was freilich nicht in ein paar Tagen gethan war. Der Brief allein brauchte acht Tage, bis er hinkam. Diese Leute mußten aber eben doch untergebracht werden und wie sie in der ganzen Zeit erhalten werden sollten, blieb außerdem noch zu bedenken Die Männer waren indessen kräftig und konnten arbeiten, und Arbeit gab es immer, wenn es auch nur zu Wegebauten gewesen wäre. Daß der Director nicht viel ruhige Stunden bei all' diesem Wirrwar hatte, läßt sich denken, und außerdem wollte auch noch der Bursche, den er etwas unsanft aus seinem Hause gesetzt, die Einwanderer gegen ihn aufhetzen und lief von einer Gruppe zur andern, ihre Hülfe fordernd, weil er nichtswürdig behandelt sei und sich das nicht gefallen zu lassen brauche. Die Leute hatten aber heute zu viel mit sich selber zu thun; außerdem kannten sie den Gesellen schon von der Reise her und mochten sich nicht mit ihm einlassen. Es war eine verwilderte Gestalt, der Bursche, eine Persönlichkeit, wie man sie daheim besonders in Meßbuden und herumziehenden Banden oder Menagerien trifft. Er trug einen hellblauen, fleckigen und zerrissenen Rock, schmutzige Soldatenhosen, keine Weste und auf dem Kopfe eine dunkelblaue Mütze mit einem Stück schmaler Silbertresse darum genäht. Schnurrbart und Knebelbart ließ er sich ebenfalls wachsen. Mit den blonden Haaren hatte sein Gesicht auch trotz der markirten Einschnitte etwas Jungenhaftes behalten, was durch den übergeschlagenen schmutzigen Hemdkragen noch unterstützt wurde und man wäre versucht gewesen, ihn auf den ersten Blick für einen verwahrlosten Burschen von achtzehn bis zwanzig Jahren zu halten. Während er aber mitten auf der Straße stand und schimpfte und fluchte, saß neben ihm sein bleiches, abgehärmtes Weib, ein Kind an der Brust und ein Mädchen von etwa acht und ein Junge von zehn Jahren neben ihr stehend – ein Bild des Jammers, mit großen Thränen in den Augen. Eine ganze Lebensgeschichte von Jammer und Leid lag in ihrem Antlitz, in der ganzen gebrochenen Gestalt – aber sie klagte nicht, kein Wort kam über ihre Lippen. Nur das Kind beschwichtigte sie mit der einen Hand, während sie mit der andern sich das Blut von der Stirn wischte, wohin sie der Unmensch, als sie ihn gebeten hatte, keinen Streit am ersten Tage anzufangen, mit roher Faust geschlagen. Doch nicht nur solche traurige Bilder bot die Scene. Auf einem kleinen Leiterwagen, dem man nur durch eine Partie Strohschütten einige Elasticität abgewonnen und der, von ein paar kräftigen braunen Pferden gezogen, lustig dahergerasselt kam, wurden im scharfen Trabe ein Mann und eine Frau die breite Straße entlang geschüttelt, die in die Stadt hinein führte. Der Mann sah sonnverbrannt, aber kräftig und gesund aus und verrieth auch in seiner ganzen einfachen, aber säubern und passenden Kleidung den behäbigen Bauer. Die Frau neben ihm, die ein Kind aus dem Schooße hielt und dasselbe des bösen Stoßens wegen mehr hob, als vor sich sitzen hatte, war jedenfalls seine Frau; der forschende Blick, den aber Beide unablässig nach rechts und links sandten, verrieth, daß sie etwas suchten und als der Wagen den belebteren Theil der Straße erreichte, hielt der Mann seine Pferde an und die Frau rief fast ängstlich einige der Vorübergehenden an: »Ja, wo sind sie denn nur – wo sind sie denn hingebracht?« »Wer?« fragte der Angeredete. »Nun, die mit dem neuen Schiffe gekommen sind.« »Ja,« lachte der Mann, »die stecken überall herum, wo man sie eben unterbringen konnte, Einer da, Einer dort.« »Wen sucht Ihr denn?« fragte eine Frau, die gerade des Weges kam und auch zu den neuen Einwanderern gehörte. »Die alte Frau Mecheln aus dem Würtembergischen, aus Bellstadt,« rief die Frau vom Wagen herunter und griff ihrem Manne in die Zügel, weil die Pferde nicht stehen wollten. »Oh, die alte Mecheln, die ist mit bei uns! – Gleich da drüben um die Ecke, wo der große Baum vor dem Hause liegt.« »Und sie ist wohl?« »Kerngesund, die ganze Reise gewesen.« Der Mann hatte bei der Erwähnung des Hauses schon seine Pferde in die bezeichnete Straße eingelenkt; die Frau winkte dankend mit der Hand, fort rasselte das Geschirr, daß die Funken stoben und hielt gleich darauf vor dem genannten Hause. Und sie brauchten hier nicht lange zu warten. Sobald der Wagen hielt, ging die Thür auf und die alte Frau, die mit Schmerzen darauf gewartet hatte, daß sie Einer der Ihrigen hier erwarten solle, trat in die Thür. »Großmutter!« schrie die Frau ihr schon vom Wagen aus entgegen – »Großmutter – wie geht's – wie geht's?« »Oh Du mein himmlischer Vater!« rief die alte Frau und hielt sich an dem Thürgeländer, an dem sie stand. Aber ihre Enkelin war schon bei ihr – wie sie mit dem Kinde vom Wagen gekommen, wußte sie selber nicht – mit Einem Satze war sie unten und bei der Großmutter, ließ das Kind auf die Erde niedergleiten, umfaßte die alte, zitternde Frau und schluchzte, als ob ihr Herz brechen solle vor nichts als Wonne und Seligkeit. Der Mann hatte noch mit den Pferden zu thun, die nicht stehen wollten, aber ein Bekannter kam die Straße herunter, der ihm dabei half und dieselben hielt, und er stieg nun auch ab, warf erst die Stränge los, daß kein Unglück geschehen konnte, und ging dann ebenfalls langsam zur Großmutter hinüber, die er beim Kopfe nahm und herzhaft abküßte. Dann aber faßte er auch die Sache praktisch an, denn ein einziger Blick in den inneren Raum sagte ihm schon, daß die alte Frau hier nicht länger bleiben konnte. Ohne sich deshalb weiter um etwas Anderes zu bekümmern, ging er in das Haus und ließ sich die sämmtlichen Sachen von der »Großmutter« geben, die schon alle zusammen in der einen Ecke standen, lud dieselben mit Hülfe einiger der Auswanderer aus den Wagen, und nahm dann die alte Frau selber wie ein Kind auf den Arm, um sie auf den schon für sie bereiteten Sitz zu tragen. »Aber Junge, Junge,« rief die Alte halb erschreckt über die gewaltsame Entführung – »meine Sachen! Alle meine Sachen stehen ja noch in der Stube.« »Schon Alles aus dem Wagen droben, Großmutter.« »Auch die blaue Kiste?« »Da hinten steht sie.« »Und der kleine Holzkoffer?« »Alles oben.« »Aber der Korb mit dem Tuche oben drauf, und die rothe Lade ...« »Alles da; es fehlt nichts.« »Aber den Regenschirm seh' ich nicht.« »Den Regenschirm?« sagte der Enkel verblüfft, denn da war wirklich etwas, was er vergessen hatte. »Er steht gleich neben dem Fenster in der Ecke,« – aber einer der Jungen aus dem Hause war schon hineingesprungen, um das Vermißte zu holen, und kam gleich darauf im Triumph damit zurück. »So, Großmutter,« sagte der Mann, »ist nun Alles da?« Die Enkelin hatte mit dem kleinen Kinde schon neben ihr Platz genommen. »Alles, meine Kinder – und sind wir denn jetzt wirklich in Brasilien?« »Na, ob!« sagte der Mann, gab seinen Pferdes einen kleinen Peitschenhieb, und fort rasselte der Wagen wieder, die glücklichen Menschen ihrer eigenen Heimath zuzuführen. Gerade alt das Fuhrwerk wieder die Stadt verließ, landete noch ein kleines Boot, die Capitainsjolle, worin dieser einige Kajüten-Passagiere an's Land brachte. Drei oder vier andere waren schon gestern Abend mit den Zwischendecks-Passagieren gelandet und gleich in den Gasthof gegangen, um dort Unterkunft zu finden. Eben dahin hatte sich aber auch eine Anzahl von Zwischendecks-Passagieren gewandt, die sich in dem ihnen von der Direction angewiesenen Raume nicht wohl fühlten und noch Geld genug bei sich führten, wenigstens die erste Zeit davon leben zu können. Waren sie dann erst einmal acht oder vierzehn Tage in der Kolonie, so ließ sich mit mehr Muße eine bequemere Einrichtung treffen. In dem letzten Boote befanden sich ein paar junge Kaufleute und ein junger Baron, ein Herr von Pulteleben mit einer wahren Unmasse von kleinem Handgepäck, das er im Boote um sich her aufgeschichtet hatte. An der Landung konnte er aber natürlich nicht gleich Jemanden finden, der es ihm trug, und die Folge davon war, daß er, das »Hotel« eine halbe Stunde später als die Uebrigen erreichend, keinen einzigen Platz mehr fand, keinen Platz wenigstens, wie er ihn wünschte, d. h. ein Zimmer allein, wie er auf dem Schiffe auch eine Koje für sich selber gehabt. Der junge Herr hatte übrigens Geld und glaubte darauf pochend, Alles durchsetzen zu können. Der Wirth »Bodenlos«, wie er von den Colonisten genannt wurde – eigentlich hieß er Bohlos – stand schon etwas halbselig in der Thür, denn er hatte es sich nicht nehmen lasten, mit all' seinen neu angekommenen Gästen den sogenannten Willkommenstrunk zu leeren, und betrachtete, die Hände in den Taschen, den von zwei endlich gefundenen Lastträgern begleiteten Fremden. »Ist dieses das Hotel?« fragte der Angekommene rasch. »Aufzuwarten,« sagte der Wirth und überflog mit einem lächelnden Blick die um die Thür hergestreute Bagage; »Hotel zum Hoffnungsanker in Santa Clara. Wollen Sie ein Bett?« »Ich wünsche ein Zimmer – allein, wo möglich mit Cabinet – vorn heraus und im ersten Stock.« »Kann ich mir wohl denken,« sagte Bodenlos mit unerschütterlicher Ruhe, ohne selbst die Hände aus den Taschen zu nehmen – »das wünschen sich mehr, können es aber nicht kriegen.« »Nicht kriegen?« sagte der junge Mann erstaunt – »ich heiße von Pulteleben.« »Ist mir sehr angenehm, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen,« sagte der Wirth – »ich heiße Bohlos, Christian Bohlos; das Lumpenvolk in der Colonie nennt mich aber Bodenlos; bleibt sich indessen ganz gleich, wie wir Beide heißen.« »Aber ich muß ein Zimmer haben,« sagte von Pulteleben, der noch gar nicht recht wußte, was er aus dem Benehmen des Wirthes machen sollte. »Natürlich, wenn Sie nicht unter freiem Himmel bleiben wollen,« meinte der Wirth, – »und wenn's regnete, wäre das fatal – besonders für alle die Schachteln.« »Dann bitte ich nur, daß Sie Anstalt machen,« sagte von Pulteleben, denn es ist nicht angenehm, hier draußen zu stehen, und ich möchte mein Gepäck hier los sein.« »Na, das wäre das Leichteste,« lachte der Wirth – »wenn Sie's nur hier eine Stunde allein draußen stehen ließen. Aber, Herr von Bulleben, ich will Sie nicht lange hinhalten. Verlangen Sie hier ein Bett, um irgendwo mit Drei oder Vier in einem Zimmer zu schlafen, so denke ich, daß ich es möglich machen kann – ich will mir wenigstens Mühe geben, und Essen genug haben wir im Hause, aber ein Zimmer allein können Sie hier nicht bekommen, weil ich eben keins mehr habe, und andere Gäste hinauswerfen geht eben so wenig. Also damit basta!« »Und existirt hier kein anderes Hotel in der Stadt?« fragte der sichtlich sehr Enttäuschte. »Gegenwärtig nicht,« bemerkte äußerst artig Herr Bohlos; »wenn Sie aber vielleicht noch drei oder vier Monate warten wollen, so wird sich wahrscheinlich ein Rheinbaier hier etabliren und ein Hotel zur Bellevue errichten; das Grundstück ist wenigstens schon dazu angekauft.« Herr von Pulteleben stand in einer wahren Verzweiflung mitten auf der Straße, denn die Ironie dieses gemeinen Menschen, des Wirthes, dem er nicht das geringste entgegenstellen konnte, ließ ihn noch vollkommen unschlüssig, was er thun solle – erst grob werden und den Burschen dann mit Verachtung strafen, oder das letztere lieber gleich zuerst thun. »Sie wollen ein hübsches Zimmer, vorn heraus und mit Aussicht?« redete ihn da plötzlich eine Stimme an, nach der sich von Pulteleben überrascht umschaute. Jeremias, denn niemand Anderes war es, der vor ihm stand, sah aber auch in der That wunderlich genug aus, um Jemanden zu überraschen, der frisch aus Deutschland herüberkam und an jene exotischen Individuen noch nicht gewöhnt war, die man über ganz Amerika wild zerstreut findet. Jeremias war, wie schon vorher einmal angedeutet, eine Art von Factotum in der Colonie. Er trieb eigentlich gar keine bestimmte Beschäftigung, sondern nahm nur da Arbeit an, wo er sie gerade bekam, so daß er oft fünf oder sechs verschiedene Herren zu gleicher Zeit und dann wieder einmal gar keinen hatte. Dazwischen ließ er sich Wege schicken, putzte den Honoratioren Stiefel und Röcke, reinigte Gewehre und Pfeifen, kurz, er schien überall unentbehrlich und sich und Anderen stets in gleichem Maße nützlich. Jeremias ging auch demnach gekleidet, denn während der Seidenhut (Cylinder, Schraube, Angströhre, oder wie die Namen alle heißen mögen) in höhere Gesellschaft hineinragte, stand er mit den groben, schweren, nägelbeschlagenen Schuhen mitten im Proletariat, und der übrige Mensch trug außerdem nur die Kleider der übrigen Menschen – abgelegte Hosen, Westen und Röcke, wie sie ihm von den Honoratioren abfielen und meist noch alle aus Deutschland herübergekommen waren. Leider paßten sie nur nicht immer, und Jeremias schien darin eine eigene Geschicklichkeit erworben zu haben, seinen Körper allen derartigen Errungenschaften, so gut das nur möglicher Weise gehen wollte, anzuschmiegen. Heute nun fand er reichliche Beschäftigung bei den neuen Ansiedlern, theils um Gepäck auf einem Handkarren von der Landung herauf zu schaffen, theils die verschiedenen Parteien an passenden Stellen unterzubringen. Daß er seine übrigen und alten Kunden dadurch vernachlässigte, störte ihn nicht im Geringsten. Die liefen ihm nicht weg, aber Alles, was er unter der Zeit hier verdiente, war rein gewonnen. Jeremias schwitzte, daß ihm das Wasser ordentlich in Strömen von Stirn und Schläfen herunterlief, und von Pulteleben lachte, trotz seiner unangenehmen Situation, doch gerade heraus, als Jeremias ein blaues Taschentuch zu Tage brachte – wobei er die Hosentasche auch mit nach außen drehte – dann mit der rechten Hand seine brennend rothe Perrücke lüftete und sich darunter den vollkommen kahlen Kopf wischte. »Na, Sie brauchen nicht zu lachen,« sagte Jeremias; »ich Wollte einmal sehen, wie Sie schwitzten, wenn Sie so ein Ding auf dem Kopf hätten; das ist wie ein Pelz – nun. Wie steht's?« »Also Sie haben eine Stube zu vermiethen?« fragte der junge Mann, dem jetzt vor allen Dingen daran lag, ein Unterkommen zu finden – »in angenehmer Lage?« » Ich nicht,« meinte Jeremias, »das bleibt sich aber gleich, denn ich weiß eine, wo Sie gleich einziehen können.« »Allein?« »Mutterseelen,« sagte Jeremias lakonisch. »Weit von hier?« »Gar nicht.« »Aber wie bekomme ich meine Sachen dorthin?« »Handkarren« erwiederte der kleine praktische Bursche, sprang, ohne weiter eine Antwort abzuwarten, hinter das Haus, holte dort seinen eingeschobenen Karren vor, lud die Habseligkeiten des Fremden daraus, schnürte das Ganze mit einem Seile fest zusammen und war in wenigen Minuten schon unterwegs, und zwar nach keinem andern Hause, als dem der Gräfin Baulen, in welchem er den Fremden ohne Weiteres einzuquatieren gedachte. Glücklich für ihn und seinen kühn entworfenen Plan war Oskar gerade nicht zu Hause, sondern mit Helenen aus einem Spaziergange begriffen, um die neu angekommenen Ansiedler ein wenig zu besichtigen. Als Jeremias mit dem Karren vor dem Garten hielt, saß die Frau Gräfin gerade in ihrem Zimmer und schrieb ein paar Briefe. »Das ist aber kein Hotel,« sagte der junge Fremde das Haus betrachtend. »Privatwohnung,« meinte Jeremias – »aber famos – charmante Leute – werden Ihnen gefallen, besonders die Tochter« – und damit rückte er sich ohne Weiteres einen der schweren Koffer auf die Schulter und schritt damit in das Haus hinein, während von Pulteleben bei seinen übrigen Sachen zurückblieb. Nach einer Weile kam er wieder zurück und holte den andern Koffer, und als er zum dritten Mal kam, packte er dem Fremden selber ein paar Hutschachteln und ein leichtes Kistchen mit Schirm und Stock auf, ergriff dann das Uebrige und sagte: »Nu kommen Sie, jetzt wollen wir einziehen.« Der Fremde folgte ihm auch, vollkommen ahnungslos, daß ihn der kleine Bursche hier ohne die geringste Berechtigung in ein wildfremdes Haus als Miethsmann einführe, und nur erst, als sie die erste Treppe erstiegen hatten und Jeremias voran die zweite hinaufstieg, blieb er stehen und sagte: »Noch höher?« »Kommen Sie nur,« ermunterte ihn jedoch sein Führer – »famose Aussicht, wie gemalt,« und da er ihm mit seinen Sachen voranging, blieb auch nichts weiter übrig, als ihm zu folgen; mußte er doch überhaupt froh sein, nur ein Unterkommen zu finden. Kaum hatte er übrigens etwa zehn Stufen der zweiten Treppe erstiegen, als eine Thür im ersten Stock geöffnet wurde und die Frau Gräfin, welche den Lärm draußen gehört hatte, erstaunt auf ihrer Schwelle stehen blieb. Sie erkannte übrigens, vor dem Fremden, noch gerade den aufsteigenden Jeremias und rief: »Nun, was ist denn das für Gepäck?« »Alles in Ordnung!« rief Jeremias zurück, ohne sich weiter stören oder außer Fassung bringen zu lassen. Die Gräfin schüttelte den Kopf, doch sie konnte nicht anders glauben, als daß Oskar, der gewohnt war, sehr selbstständig aufzutreten, ihr irgend einen Gast in das Haus gebracht habe, der ihr allerdings zu keiner Zeit hätte unbequemer kommen können. Gewohnt aber, sich in seine Launen oder unbedachten Streiche zu fügen, seufzte sie nur tief auf, trat in ihr Zimmer zurück und zog die Thür hinter sich in's Schloß. Wenn Oskar übrigens nach Hause kam, wollte sie ihm tüchtig den Kopf deshalb zurechtsetzen. Der Fremde erreichte das kleine Zimmer, wo Jeremias schon seine übrigen Sachen eingestellt hatte, und sah sich hier allerdings etwas überrascht um. So freundlich das Local auch liegen mochte, denn es bot einen Ueberblick über einen Theil der Ansiedelung und nach den fernen Bergen hinüber, so fehlte ihm doch auch jede Bequemlichkeit. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Bett, kein Spiegel, nichts, nichts war zu sehen, als die kahlen geweißten Wände, und Herr von Pulteleben rief: »Nun, das ist ein hübsches Logis, in dem nicht einmal ein Stuhl steht! Wohin haben Sie mich denn gebracht, Meister Ungeschickt?« »Nur keine Ueberstürzung,« sagte Jeremias, indem er den Rest der Sachen auf die beiden Koffer legte; »wir haben Zeit, und nach und nach macht sich Alles. Vorerst sind Sie einmal untergebracht, und was wollen Sie mehr?« »Mehr?« rief von Pulteleben erstaunt – »Möbel will ich – meine Bequemlichkeit, wofür ich bezahle, und vor allen Dingen einen Waschtisch.« »Waschtisch?« sagte Jeremias – »giebt's nicht. Vor der Hand setzen wir das Waschbecken auf einen Stuhl, wenn wir erst eins haben.« Herr von Pulteleben, der anfing, sich über den Burschen zu amüsiren, lachte, und Jeremias, sich im Zimmer umsehend, fuhr fort: »Hauptsächlich brauchen Sie einen Tisch und einen Stuhl, das ist wohl das Nothwendigste.« »Ich dächte auch,« sagte der junge Mann, »um nur die bescheidensten Ansprüche zu befriedigen.« »Das, denk' ich, kann ich schaffen,« nickte Jeremias, »und was weiter loszueisen ist, wollen wir nachher sehen. Decken haben Sie doch bei sich?« »Decken? Denke nicht daran; nur meinen Plaid. Die Leute, welche ein Zimmer vermiethen, müssen doch auch ein Bett dazu haben.« »Puh!« meinte Jeremias, »reden wir nicht davon; aber ein Plaid ist für das warme Wetter genug zum Zudecken und der Boden hier im schlimmsten Falle,« fuhr er fort, indem er mit dem Hacken auf die Diele trat, »von weichem Holz – Lust und Liebe zu einem Ding machen jede Müh' und Arbeit gering.« »Den Teufel auch,« rief der junge Mann erschreckt, »ich werde doch nicht sollen auf der nackten Erde schlafen?« » Nackten Erde? Bst!« sagte Jeremias mit einem ermahnenden Gesicht – »es sind Damen im Hause!« »Sie sind ein ganz verrückter Mensch!« lachte von Pulteleben; »aber jetzt verschaffen Sie mir wenigstens das Nöthigste. Es soll Ihr Schade nicht sein,« setzte er hinzu, indem er ihm einen Milreis in die Hand drückte; »aber ich bin in Eile, ich muß mich umziehen und dem Director noch meine Aufwartung machen.« »Aufwartung?« fragte Jeremias, der mit einer dankenden Bewegung das Geld nahm, betrachtete und dann in seine Westentasche schob – »Aufwartung giebt's hier nicht – aber einerlei, wollen schon Alles besorgen,« und damit verschwand er aus der Thür. Jeremias war übrigens nicht der Mann, etwas Begonnenes halb zu thun; ohne deshalb weiter bei der Besitzerin des Hauses anzufragen, ging er in Oskar's Zimmer, wo er zwei Tische wußte, nahm einen davon und trug ihn hinauf. Dann suchte er sich in Helenen's Stube und Schlafzimmer zwei Stühle, und das erst einmal erobert, nahm er auch Oskar's Waschbecken und Handtuch, Mit Kamm, Seife, Zahnbürste und Allem, was dabei lag, und trug es seinem einquartierten Gaste zu. »Zum Henker auch,« rief Pulteleben, als er damit ankam, »das ist ja ein schon gebrauchtes Handtuch!« »Herr Du meine Güte, sind Sie eigen!« sagte Jeremias; »ich brauche gar keins, ich nehme immer mein Schnupftuch. Was fehlt nun noch?« »Wasser und ein reines Handtuch.« Jeremias schüttelte mit dem Kopfe, stieg aber doch noch einmal hinunter und kam bald mit dem Verlangten zurück. Nur statt des Handtuchs hatte er eine reine Serviette gebracht, die er auf Helenen's Toilettentisch gefunden und ohne Weiteres als gute Beute mitgenommen. »Und wie steht's mit dem Bette?« fragte der Fremde, indem er den Rock auszog und die Hemdärmel in die Höhe streifte. »Bett? giebt's nicht!« sagte Jeremias trocken, »wenigstens jetzt nicht. Sie wollen sich doch jetzt noch nicht schlafen legen?« »Nein – aber doch den Abend.« »Gut, bis dahin wird Alles besorgt werden.« »Und kann man hier im Hause etwas zu essen bekommen?« »Zu essen? Hm« – sagte Jeremias, der darüber noch nicht recht mit sich im klaren war – »danach müssen wir erst fragen. Für heute sind die Leute vielleicht noch nicht darauf eingerichtet. Aber da gehen Sie lieber in's Gasthaus zu Bodenlos – der hat's.« »Und wie heißt der Eigenthümer dieses Hauses?« »Spenker, Bäckermeister.« »Gut, dann schicken Sie ihn mir nachher einmal herauf – ich will mich erst waschen – damit ich mit ihm reden kann. Das ist ein verwünscht öder Aufenthalt hier, und wenn er mir das nicht ein wenig behaglicher einrichten will, ziehe ich wieder aus.« »Auf die Straße?« fragte Jeremias, »denn weiter giebt's keinen Platz, Sie müßten denn vielleicht in einem von den Gärten eine Laube zu miethen bekommen.« Damit aber, als ob er jetzt seine Schuldigkeit gethan habe, zog er sich zurück und drückte sich leise an dem Zimmer der Frau Gräfin vorbei, der er jetzt nicht gern begegnen mochte. Der Fremde da oben konnte nun sehen, wie er mit »der Alten« fertig wurde. 8. Die Einquartierung. Oskar und Helene hatten einen Spaziergang durch die kleine Stadt gemacht, um sich an dem Gewirre der frisch eingetroffenen Fremden zu amüsiren, und waren, dessen müde geworden, nach Hause zurückgekehrt. Sobald Helene ihr Zimmer betrat, konnte ihr natürlich die daselbst vorgenommene Aenderung nicht entgehen. Die Serviette fehlte von ihrem Toilettentische und die darauf geordnet gewesenen Sachen standen wild zerstreut umher; zwei Stühle fehlten außerdem, auf die sie gewohnt gewesen war, ihre Sachen abzulegen. Sie klingelte ihrem Mädchen, um zu erfahren, wer in ihrem Zimmer gewesen sei. Dorothea hatte aber in der ganzen Zeit ihre Küche nicht verlassen und konnte ihr deshalb nicht die geringste Auskunft geben. Oskar suchte indessen sein Gemach, warf seine Mütze in eine Ecke, sich selber auf das Sopha und rauchte in dieser Lage seine Cigarre weiter, als er in dem über ihm liegenden Zimmer die schweren Schritte eines Mannes hörte. Das Haus war nur leicht gebaut, und es klang so deutlich zu ihm herunter, daß er sich endlich aufrichtete und horchte. »Wer zum Henker ist denn da oben?« brummte er endlich leise vor sich hin – »dem Jeremias bin ich doch eben mit seinem leeren Karren in der Stadt begegnet, und die Dorothea hat keinen solchen Schritt.« Er horchte noch eine Weile; da es sich aber gar nicht verkennen ließ, daß da oben jemand Fremdes sei, sprang er endlich auf und stieg die Treppe hinauf. Die Thür der sonst immer leer stehenden Kammer war offen und nur angelehnt, und neugierig, wer da oben etwas zu thun haben könne, stieß er sie noch etwas weiter auf und sah hinein. Herr von Pulteleben war gerade mit Waschen fertig und stand vor einem der geöffneten Fensterflügel, den er vorläufig als Spiegel benutzte, um sich die wohlgeölten Haare, so gut das eben gehen wollte, zu ordnen. Als er aber das Knarren der Thür hörte, drehte er den Kopf herum, und sah kaum den hereinschauenden Oskar, als er ausrief: »Ah, da ist doch noch jemand Lebendiges in dem Hause! Wohnen Sie hier?« »Guten Morgen,« sagte Oskar, der, auf's Aeußerste erstaunt, einen Fremden hier zu finden, bald auf ihn, bald auf seine Koffer und Kästen starrte – »ja wohl wohne ich hier!« »Wo ist denn nur der Lump von Aufwärter hingekommen?« »Der Aufwärter?« sagte Oskar, noch immer seinen Augen nicht trauend – »der Jeremias etwa?« »Ich weiß nicht, wie er heißt; er wollte ja gleich wiederkommen. Gehen Sie wieder hinunter?« »Ich hatte die Absicht,« erwiderte Oskar. »Oh, dann seien Sie doch so gut und schicken mir ein Glas Wasser zum Zahnputzen herauf. Es ist ja noch gar nichts eingerichtet. Das scheint eine schöne Wirtschaft hier zu sein!« »Bitte,« sagte Oskar, der aus seiner Verwunderung gar nicht herauskam, »geniren Sie sich nicht – mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre?« »Von Pulteleben,« sagte der junge Mann, seinen Locken eben den letzten Strich gebend – »um wie viel Uhr wird hier gegessen?« »Um ein Uhr,« sagte Oskar, durch die Ruhe des Fremden immer mehr darin bestärkt, daß er jedenfalls ein Gast seiner Mutter sein müsse, wenn er auch keinen denkbaren Zusammenhang dazu finden konnte. Wer hätte der Fremde aber sonst sein können? »Haben Sie eine richtig gehende Uhr?« fragte dieser endlich weiter. »Ja,« erwiderte Oskar, indem er danach sah; »es wird gleich zwölf Uhr sein.« »Oh, desto besser, dann kann ich vorher noch zum Direktor hinübergehen. Bitte, vergessen Sie nicht, mir das Glas Wasser gleich zu schicken.« »Mit dem größten Vergnügen,« erwiderte Oskar, drückte die Thür wieder in's Schloß, schickte das Mädchen von unten mit einem Glas Wasser hinauf, und ging dann zu seiner Mutter in's Zimmer, um sich nach dem Fremden zu erkundigen. Die Frau Gräfin schloß eben ihren letzten Brief, als Oskar das Zimmer betrat, und sah sich nach ihrem Sohne gar nicht um. »Wer ist denn der Herr, Mama, den Du uns da oben einquartiert hast?« fragte Oskar jetzt; »das scheint ja ein komischer Kauz zu sein!« Die Gräfin, welche gerade eine Adresse schrieb, drehte erstaunt den Kopf über die Achsel und sagte: »Und das fragst Du mich? Erst bringst Du mir, ohne die geringste Erlaubniß vorher einzuholen, einen wildfremden Menschen in's Haus, und dann weißt Du selber nicht einmal, wer er ist? Oskar, es wird mit Dir jede Woche schlimmer, und ich fürchte, daß es so nicht mehr lange dauern kann.« »Ich habe einen Fremden in's Haus gebracht?« rief aber Oskar jetzt seinerseits erstaunt und mit einer gewissen Genugthuung, daß er endlich einmal an einem ihm aufgebürdeten Vergehen vollkommen unschuldig sei – »ich bin mit Helenen spazieren gegangen und habe den Menschen, der da oben Toilette macht, in meinem ganzen Leben nicht gesehen.« Es war jetzt an der Gräfin, erstaunt zu sein, und sich ganz gegen Oskar drehend, rief sie aus: »Aber Helene kann ihn doch nicht eingeladen haben!« »Helene – Unsinn! – Helene war ja den ganzen Morgen bei mir, und wir haben mit keiner Seele gesprochen, den Baron ausgenommen.« »Aber der Jeremias hat ja doch sein Gepäck in's Haus gebracht und sagte mir, daß Alles in Ordnung sei.« »Der Jeremias?« wiederholte Oskar, der nur immer noch verwirrter wurde. »Und Du hast keine Ahnung, wer der Fremde ist?« »Er sagte mir, er heiße von Pulteleben.« »Und woher?« »Das weiß Gott – ich kenne ihn nicht, und der Jeremias – aber zum Henker noch einmal, was zerbrechen wir uns den Kopf ganz unnöthiger Weise; wir werden doch wahrhaftig den fremden Herrn, der sich so sans façon bei uns einquartiert hat, fragen dürfen, wo er herkommt und was er will!« Und mit den Worten schoß er auch ohne Weiteres zur Thür hinaus und wollte eben die Treppe hinauf, als er unten Jeremias in den Vorsaal treten sah. »Jeremias,« rief er hinunter, »komm einmal herauf – aber rasch!« »Ich fliege schon,« erwiderte dieser, der sich keineswegs dabei beeilte, denn er wußte recht gut, was ihn jetzt erwartete. Oskar stand oben an der Treppe, und sowie der Alte nur so Weit heraufgekommen war, daß er ihn mit der Hand erreichen konnte, erwischte er ihn bei dem einen Ohre und zog ihn dem Zimmer seiner Mutter zu. »Donnerwetter, junger Herr!« rief der Alte leise, »Sie reißen mir ja den linken Löffel aus – was ist denn das nur für ein zärtlicher Empfang?« »Warte, Du Schlingel,« rief Oskar, »er soll noch zärtlicher werden! Jetzt nur herein mit Dir und gebeichtet, was Du für verfluchte Streiche heute gemacht hast! Da bring' ich ihn, Mama – jetzt auf die Kniee nieder, Halunke, und nun gestehe, was das für eine Geschichte mit dem Fremden ist!« »Aber so schreien Sie doch nur nicht so,« flüsterte Jeremias, der sich nicht im Geringsten außer Fassung bringen ließ – »die ganze Stadt braucht's doch nicht zu wissen, was wir hier mit einander reden, und der Fremde da oben hat Ohren wie ein Hirsch.« »Wer ist der Fremde, und wo kommt er her?« fragte die Gräfin streng. »So lassen Sie doch nur mein Ohr los,« bat Jeremias, »ich laufe Ihnen ja nicht mehr davon, und es stört in der Unterhaltung.« »Wer ist der Fremde? will ich wissen,« wiederholte die Gräfin, indem Oskar das Ohr des Alten losließ, ihm aber den Ausweg verstellte. »Kann Ihnen nicht dienen, Frau Gräfin,« antwortete achselzuckend der alte Spitzbube – »fand ihn heute auf der Straße zwischen einem ganzen Berge von Koffern und Hutschachteln, und da er kein Unterkommen finden konnte, wir dagegen Platz haben und er mir gefiel, so brachte ich ihn mit nach Hause.« » Dir gefiel. Du Galgenstrick,« rief Oskar, »Dir gefiel! Und was für ein Recht hast Du, fremde Gäste hier in das Haus zu führen?« »Jetzt seien Sie einmal vernünftig,« sagte Jeremias, ohne sich auch nur im Geringsten aus seiner Ruhe bringen zu lassen. »Der fremde junge Mensch ist jedenfalls ein vornehmer Herr, denn er hat ein paar ganz ausgezeichnete Lederkoffer, die ein schmähliches Geld gekostet haben müssen. Außerdem ist er aber auch reich wie Butter und wirft mit den Milreis nur so um sich.« »Aber was geht das uns an?« rief Oskar, während die Frau Gräfin vor Erstaunen noch immer nicht zu Worte kommen konnte. »Was das Sie angeht?« wiederholte Jeremias in vollkommener Seelenruhe – »das will ich Ihnen sagen. Die Stube oben...« »Heh, Wirthschaft!« rief es in diesem Augenblicke laut von oben herunter; »läßt sich denn Niemand blicken? Das ganze Haus ist ja wie ausgestorben – heh, holla!« Jeremias, der seine Rede unterbrochen hatte, wie er oben die Stimme hörte, öffnete die Thür ein wenig, steckte den Kopf hinaus, rief laut: »Komme gleich!« und schloß sie dann wieder, wonach er, ohne eine Miene zu verziehen, ruhig fortfuhr: »stand doch außerdem leer und wurde nicht benutzt.« Oskar lachte gerade hinaus, denn das Ganze fing an, ihm unendlich komisch vorzukommen. »Ich möchte jetzt nur eigentlich wissen,« sagte die Gräfin mit einem finstern Blick auf Oskar und Jeremias, »wer noch Herr hier im Hause ist. Sie werden jedenfalls dafür sorgen, Jeremias, daß der fremde Mensch augenblicklich unser Haus wieder verläßt und eine andere Wohnung bezieht.« »Giebt's gar nicht,« sagte Jeremias ruhig; »hören Sie mich nur an. Was haben Sie denn von dem leeren Kasten da oben? Der Fremde ist ein anständiger junger Mensch, der Ihnen eine gute Miethe bezahlt und außerdem hätte auf der Straße logiren müssen.« »Aber wer hat Ihnen denn die Erlaubniß gegeben, das zu vermitteln?« fragte die Gräfin. »Nur praktisch,« meinte Jeremias, »das ist die Hauptsache. Außerdem sind Sie ja nicht mit einander verheirathet, und wenn er Ihnen nach zwei oder drei Monaten nicht mehr gefällt, können Sie ihn ja immer noch wieder ausquartieren.« »Nach zwei oder drei Monaten?« rief die Gräfin erstaunt. »Oder noch später,« meinte Jeremias trocken; »aber jetzt muß ich wahrhaftig hinauf und sehen, was der junge Herr will; er wird mir sonst ganz ungeduldig und am Ende gar noch grob« – und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinauf. »Eine solche Unverschämtheit ist mir aber doch noch nicht vorgekommen,« lachte Oskar, »und das Einfachste wird sein, ich gehe hinauf und ersuche den Herrn, seine Sachen augenblicklich wieder zusammen zu packen und das Haus zu räumen.« »Warte noch einmal,« sagte seine Mutter, die indessen nachdenkend am Fenster gestanden hatte, indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte; »wie sagtest Du, daß der Herr hieß?« »Er nannte sich von Pulteleben.« »Wie alt etwa?« »Nun vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahre.« »Hm – und er scheint aus guter Familie? Da dürfen wir doch wenigstens nicht ungezogen gegen ihn sein, denn aller Wahrscheinlichkeit nach glaubt er sich hier in seinem vollen Rechte zu befinden und würde schwerlich eingezogen sein, wenn er wüßte, wie sich Alles verhält.« »Er fragte wenigstens schon ganz naiv, um welche Stunde bei uns gespeist würde,« lachte Oskar. Die Gräfin ging im Zimmer auf und ab und blieb endlich wieder vor ihrem Sohne stehen. »Die Sache kann nicht so bleiben,« sagte sie, »denn einen Miethsmann läßt man sich eben nicht mit Gewalt in das Haus bringen. Da aber der junge Fremde hier wahrscheinlich in der Colonie bleibt, so ist es auch eben so klug gehandelt, sich nicht in Unfrieden, sondern in Frieden wieder zu trennen. Gehe hinauf und lade ihn für heute Mittag ein, unser Gast zu sein – wir sind doch allein – und bei Tische mag er dann erfahren, auf welche außergewöhnliche Art er bei uns eingeführt wurde. Es bleibt ihm dann der ganze Nachmittag sich nach einem andern Quartiere umzusehen.« »Der Jeremias ist ein göttlicher Kerl!« sagte Oskar lachend. »Und je eher Du den wieder fortschickst, desto besser ebenfalls,« meinte seine Mutter, »denn ich bin doch nicht gesonnen, mich der Gefahr auszusetzen, von einem so eigenmächtigen Hausknecht in noch Gott weiß was für unangenehme Situationen gebracht zu werden. Mit einem so stockdummen Menschen ist außerdem gar nichts anzufangen – ich will lieber mit einem Schurken zu thun haben, denn vor dem kann man sich in Acht nehmen.« Oskar hatte seine Zweifel, was Jeremias' Dummheit betraf, aber die Sache mit dem Fremden ging ihm im Kopfe herum, und das Zimmer verlassend, wollte er eben zu ihm hinauf, als er aus seinem Zimmer wieder den Jeremias kommen sah, der auf dem Kopfe einen Lehnstuhl, in der linken Hand einen Stiefelknecht und in der rechten einen kleinen Handspiegel trug. »Du bist doch ein ganz niederträchtiger, abgefeimter Halunke!« sagte Oskar; »wer hat Dir denn erlaubt, mein ganzes Zimmer auszuplündern?« »Machen Sie keine Geschichten,« erwiderte Jeremias, mit den Augen blinzelnd; »das ist ein prächtiger junger Mensch, und thut schon so, als ob er ganz zu Hause wäre.« Oskar, dem die Sache Spaß machte, sprang jetzt die Treppe voran hinauf. Als er die Thür öffnete, stand Herr von Pulteleben schon fertig angezogen, nur mit ein Paar glanzledernen Stiefeln in der Hand, mitten in der Stube. »Na, kommen Sie – ah, Sie sind's – entschuldigen Sie, ich glaubte, es wäre der Strick, der Aufwärter; der bleibt eine Ewigkeit.« »Er kommt dicht hinter mir,« sagte Oskar; »Herr von Pulteleben, ich soll Ihnen melden, daß pünktlich um ein Uhr gegessen wird.« »So? Sehr angenehm, ich werde auf meinem Zimmer essen.« »Dazu ist die nöthige Einrichtung doch noch nicht getroffen,« erwiderte Oskar; »ich habe den Auftrag, Sie zu ersuchen, mit uns zu diniren.« »Hm,« sagte von Pulteleben, der sich schon zu Hause vorgenommen hatte, der amerikanischen »Freiheit und Gleichheit« soviel als möglich aus dem Wege zu gehen, und nicht gleich mit sich im Klaren war, ob er vielleicht seiner künftigen Stellung in der Colonie etwas vergeben würde, wenn er mit der »Bäckerfamilie« speiste, – »ich esse viel lieber allein.« »Dann lassen Sie sich's heute wenigstens einmal bei uns gefallen,« lachte Oskar, »morgen werden Sie jedenfalls allein essen können.« »Nun gut,« erwiderte von Pulteleben – »na endlich,« wandte er sich dann an den eben eintretenden Jeremias, indem er ihm den Stiefelknecht abnahm und seine bestaubten Stiefel auszog – »setzen Sie den Stuhl nur dahin – aha, und auch ein kleiner Spiegel. Das muß ich gestehen, lieber Freund, auf Gäste scheinen Sie hier im Hause nicht eingerichtet zu sein. Die Unordnung ist wirklich bodenlos und die Bedienung noch schlechter. Wie heißen Sie, heh?« »Jeremias, zu Befehl,« sagte dieses würdige Individuum in steifer Haltung und warf einen etwas unruhigen Blick auf Oskar hinüber, von dem er nicht wußte, wie er das Urtheil über die Wirtschaft aufnehmen würde. Dieser aber amüsirte sich vortrefflich, und während der junge Mann seine Stiefel wechselte und dann seinen Hut nahm, saß er verkehrt auf dem einen Stuhle, stützte sich mit beiden Armen auf die Lehne und sah ihm lächelnd zu. Endlich hatte von Pulteleben seine Toilette beendet, schloß seine Koffer, sah sich noch einmal im Zimmer um, ob er nichts vergessen hätte, und sagte: »So – wenn's gefällig ist; ich möchte zuschließen.« »Aha, mit Vergnügen,« rief Oskar aufspringend – »wollen Sie den Schlüssel mitnehmen oder da lassen?« »Hm – ich werde ihn da lassen, damit das Mädchen nachher aufräumen kann – man hat doch nichts zu befürchten?« Jeremias sah wieder Oskar bestürzt von der Seite an, dieser aber erwiderte lächelnd: »Nicht das Geringste – aber Sie sind pünktlich?« »Wenn ich irgend kann, gewiß.« Damit verließ er das Zimmer, wo hinaus ihm die Beiden folgten, und stieg die Treppe hinab, während Oskar zu seiner Mutter hineinsprang, um ihr Bericht abzustatten. Gerade als von Pulteleben nach der untern Treppe zu ging, öffnete sich dort die nächste Thür, die in Helenens Zimmer führte, und die Comtesse trat heraus. Kaum aber gewahrte sie den Fremden, der sie überrascht und höflich grüßte, als sie sich mit einer halben und flüchtigen Verbeugung wieder zurückzog. »Alle Wetter,« wandte sich von Pulteleben leise zu dem dicht hinter ihm dreinkommenden Jeremias, »das ist ja ein wunderschönes Mädchen; das war doch nicht die Bäckerstochter?« Jeremias, ob er die Frage falsch verstanden oder absichtlich seinen Spaß daran hatte, den Fremden im Irrthume zu lassen, nickte nur, vor Vergnügen grinsend, mit dem Kopfe, und von Pulteleben stieg, mit der Entdeckung sehr zufrieden, die Stiege hinunter, um noch vor Tische seine Aufwartung bei dem Herrn Director zu machen. Er war jetzt fest entschlossen, die Stunde des Mittagessens pünktlich einzuhalten. Arno von Pulteleben war ein guter, ehrlicher Mensch, der nur mit einem ganz unbestimmten Begriffe nach Brasilien gekommen war, wie er das Land überhaupt finden werde, und was er – wenn er es gefunden – da eigentlich wolle. Es geht einer großen Menge von Auswanderern so, die auch nur zu häufig weder wissen, was man von ihnen fordern könnte, noch was sie im Stande wären zu leisten, und die dabei nur allein in dem Namen Amerika den Inbegriff aller erfüllten Hoffnungen und Träume sehen. »Nur erst einmal in Amerika,« sagen diese, »und das Andere findet sich Alles von selber.« In etwas haben sie Recht, denn es findet sich in der That; nur freilich manchmal ganz anders, wie sie es sich gedacht hatten. Mit einer solchen unklaren Idee war auch Herr von Pulteleben herübergekommen. Er trat übrigens dabei mit vollkommener Sicherheit auf, denn er war sich bewußt, seinen Weg bezahlen zu können. Er hatte Geld bei sich, ein Capital von wenigstens tausend spanischen Dollars, und daß er Speculationsgeist genug besaß, dasselbe im Laufe von einigen Jahren vielleicht zu verzehnfachen, daran zweifelte er selber keinen Augenblick. Sein Grundsatz dabei war, »den Moment zu erfassen« – »frisch gewagt, ist halb gewonnen!« und wie derartige vortreffliche Sprüchwörter alle heißen. Jedenfalls hatte er vollends Selbstvertrauen, und da er schon in Deutschland einmal eine Fußpartie gemacht und dabei zwei Nächte hintereinander auf der Streu geschlafen hatte, so hielt er sich auch allen Entbehrungen, die ihm hier etwa aufstoßen konnten, vollkommen gewachsen. Herr von Pulteleben fand sich übrigens etwas überrascht, als er im Directionsgebäude seine Karte abgegeben hatte und von dem Director die Antwort zurück erhielt: »Es würde ihm sehr angenehm sein, die Ehre ein anderes Mal zu haben, heute sei er aber so ausschließlich beschäftigt, daß er keinen Besuch empfangen könnte.« »Hm – angenehm,« brummte er vor sich hin, als er seine weißen Glacéhandschuhe auszog, zusammenrollte, in die Tasche steckte und wieder hinaus in's Freie ging; »Herr Director Sarno scheinen verwünscht wenig Umstände zu machen, und die Artigkeit hätte doch wenigstens verlangt, daß er ... aber was thut's – ich habe jetzt doch meine Schuldigkeit gethan, und wenn er nun meine Bekanntschaft zu machen wünscht, ist die Reihe an ihm.« Mit diesem beruhigenden Gefühl schlenderte er durch die Straßen der Stadt und fand eine Menge bekannter Gesichter – Leute, die mit ihm in einem und demselben Schiffe über See gekommen waren und alle Gefahren gemeinschaftlich getheilt hatten, aber – sie waren im Zwischendeck gereist und Herr von Pulteleben in der Kajüte – eine Entfernung, die in ihrer Räumlichkeit wohl kaum zehn Schritt betragen mochte, aber doch ausreichte, beide Theile vollständig fern von einander zu halten. Als er auf seinem Spaziergange die sehr einfache Kirche passirte, zeigte die Uhr gerade zehn Minuten vor Eins, und er gerieth etwas in Verlegenheit, da er den Namen des Bäckermeisters vergessen hatte, in dessen Haus er abgestiegen. Glücklicher Weise besaß er Ortskenntniß genug, wenigstens die Richtung behalten zu haben; es war überhaupt nicht schwer, sich in dem kleinen Orte zurecht zu finden, und mit dem Schlage Eins entdeckte er vor sich das Haus, das sich überdies vor allen in der Nachbarschaft durch den kleinen aufgebauten Erker auszeichnete. An der Treppe empfing ihn schon Oskar, der sich das Vergnügen nicht wollte entgehen lassen, ihn einzuführen. »Ah, Herr Baron, das ist schön, daß Sie Wort hallen!« rief er ihm entgegen. »Eben wird die Suppe aufgetragen und Mutter und Schwester erwarten Sie mit Ungeduld.« »Mutter und Schwester?« dachte Herr von Pulteleben, »ist denn das der Sohn des Bäckers?« Oskar sah ihm dazu eigentlich zu elegant aus, aber es blieb ihm keine lange Zeit zur Ueberlegung, und wenige Minuten später sah er sich der stattlichen Gestalt der Frau Gräfin und ihrer reizenden Tochter gegenüber und schaute jetzt wirklich verlegen nach seinem Begleiter um, denn daß er sich hier in anderer als der vermutheten Gesellschaft befand, mußte er wohl fühlen. »Mein bester Herr,« sagte er zu Oskar, »ich muß dringend bitten, daß Sie mich hier vorstellen, ich – ich weiß selbst noch nicht einmal Ihren Namen.« »Oh, mit Vergnügen,« lachte Oskar, indem er mit einer etwas förmlichen und muthwilligen Verbeugung sagte: »Herr von Pulteleben, liebe Mutter, – Herr von Pulteleben, ich habe hier die Ehre, Ihnen die Frau Gräfin Baulen und Comtesse Helene, meine Schwester, vorzustellen. Mein eigener Name ist Oskar. »Frau Gräfin Baulen?« stammelte der junge Mann, während über Helenens Züge ein leises, spöttisches Lächeln zuckte. Die Frau Gräfin war aber nicht gesonnen, den jungen Mann weiteren Verlegenheiten auszusetzen. »Herr Baron,« sagte sie freundlich, »Sie sind durch die Ungeschicklichkeit unseres Hausknechtes oder Dieners in die wunderliche Lage gekommen, sich in einer Familie einzuquartieren, der selbst Ihre Ankunft vollkommen fremd geblieben war.« »Gnädige Frau, ich will doch nicht hoffen!« rief Pulteleben erschreckt. »Beruhigen Sie sich,« unterbrach ihn die Gräfin, »ich weiß, daß Sie nicht die geringste Schuld tragen. Das Ganze war ein mißverstandener Diensteifer von Seiten jenes Burschen, der über eine Localität unseres Hauses verfügte, ohne auf Sie oder auf uns Rücksicht zu nehmen.« »Aber man sollte doch kaum glauben, daß so etwas möglich wäre!« rief von Pulteleben entsetzt, denn erst jetzt trat ihm die seltsame Situation vor Augen, in der er, als reiner Eindringling, den Damen gegenüberstand; »meine Seele konnte ja an etwas Derartiges nicht denken, oder Sie müßten überzeugt sein, daß ich...« »Bitte, keine Entschuldigungen weiter,« lächelte die Gräfin; »Brasilien erzeugt gar sonderbare Zustände, die Sie ebenfalls noch mit der Zeit näher kennen lernen werden. Jedenfalls hat uns Jeremias, wie jener unglückliche Mensch heißt, Gelegenheit gegeben, Ihre Bekanntschaft zu machen; alles Andere läßt sich nachher mit Leichtigkeit arrangiren, und nun bitte ich, daß Sie Platz nehmen, denn die Suppe wird sonst kalt.« Herr von Pulteleben befand sich noch immer in einem gemäßigten Grade von Verzweiflung, denn der Gedanke, sich bei einer solchen Familie auf eine solche Art eingeführt zu haben, trieb ihm fast die Haare zu Berge. Außerdem blieben ihm noch eine Menge Dinge unklar – die Geschichte mit dem Bäckermeister zum Beispiel, und daß ihm der junge Mensch nicht gleich einen Wink gegeben, wo er sich eigentlich befände. Sehr rasch im Denken war er außerdem nicht, und es bedurfte einer neuen Aufforderung der Gräfin, Platz zu nehmen, bis er sich so weit sammeln konnte, ihr den Arm zu bieten und sie zur Tafel zu führen. Da sich die Gräfin aber einmal vorgenommen hatte, ihm weitere Verlegenheiten zu ersparen, so wußte sie auch bald geschickt in ein Gespräch einzulenken, das ihm seine Unbefangenheit wiedergeben konnte – ein Gespräch über die eben zurückgelegte Seereise, an dem sie ebenfalls Interesse nahm, da sie noch mit Entsetzen ihrer eigenen Fahrt und der damit verbunden gewesenen Seekrankheit gedachte. In das Capitel eingelenkt, fühlte sich auch von Pulteleben bald wieder behaglicher, und das Einzige, was ihn noch dann und wann genirte, war der etwas sarkastische Zug um der Comtesse Mund, wenn sie einem Blicke ihres Bruders begegnete und sein Auge gerade auf ihr ruhte – und sein Auge ruhte sehr oft auf ihr, denn von Pulteleben erinnerte sich nicht, je in seinem Leben schon ein schöneres Mädchen gesehen zu haben. Mochte es sein, daß es ihm nur so vorkam, weil er gerade durch die lange Seereise dem geselligen Umgange mit dem schönen Geschlecht hatte völlig entsagen müssen, oder fühlte er sich gerade von dieser Form der Züge besonders gefesselt, wie das ja oft im Leben der Fall ist, aber er konnte sich nicht satt an dem lieben Antlitz sehen, und eben so wenig entging Helenen selber, mit welcher Aufmerksamkeit er sie behandelte. Freilich war sie daran gewöhnt, ihren Zoll von Bewunderung überall einzuernten, aber trotzdem fühlte sie einen gewissen Grad von Genugthuung, und ihr Antlitz, das im Beginnt der Tafel seine volle Strenge bewahrt hatte, wurde etwas freundlicher gegen den jungen Gast. Sie wich Wenigstens Oskar's Blicken aus und schien nicht mehr gesonnen, sich über ihn lustig zu machen, ja, nahm sogar Theil an der Unterhaltung. Dadurch gewann von Pulteleben endlich seine ganze Fassung wieder, und als das Diner, bei dem Dorothea ihr Möglichstes geleistet hatte, beendet war, wandte er sich an seine freundliche Wirthin und sagte: »Frau Gräfin, wenn ich auch jenem unglücklichen Jeremias und meinem Schutzgeiste danke, diese mir so liebe Bekanntschaft gemacht zu haben, so fühle ich doch recht gut, daß ich hier, als Ihr Gast, eine sehr unerquickliche Rolle spiele, und je eher ich der ein Ende mache, desto besser. Gestatten Sie also, daß ich mich entferne, um mich nach einem andern Quartier umzusehen, und erlauben Sie mir nur – Ihre Güte hat ja meiner Unverschämtheit schon verziehen – daß ich damit nicht gezwungen bin, diese für mich so ehrenvolle und liebe Bekanntschaft ganz abzubrechen. Ich werde mich jedenfalls längere Zeit in Santa Clara aufhalten und würde Ihnen unendlich dankbar sein, wenn Sie mir wenigstens gestatten wollten, Ihnen manchmal meine Aufwartung zu machen.« »Da Sie nun einmal unser Hausgenosse geworden sind,« lächelte die Gräfin, »so übereilen Sie auch wenigstens nichts. Es wird Ihnen überdies schwer werden, für den Augenblick eine passende Wohnung in Santa Clara zu finden; bis Sie die aber gefunden haben, bitte ich Sie, unser Haus als das Ihrige zu betrachten.« »Gnädige Frau Gräfin!« rief Pulteleben erstaunt aus. »Bitte, machen Sie keine Umstände,« fuhr die Gräfin ruhig und freundlich fort, »wir sind hier in Brasilien, wo der Fremde nur zu häufig einzig und allein auf die Gastfreiheit der Bewohner angewiesen bleibt, und es existiren deshalb hier ganz andere Verhältnisse, wie in der alten Heimath. Außerdem sagten Sie uns vorher, daß Sie verschiedene Pläne für Ihre Zukunft hätten?« »Allerdings,« versicherte der junge Mann, »aber es fehlt mir da freilich noch Kenntniß des Landes, um mein Capital gleich mit Vortheil anlegen zu können, und ich sammle lieber erst Erfahrung.« »Das ist sehr vernünftig von Ihnen gedacht,« erwiderte die Gräfin; »wo ich Ihnen aber dabei mit Rath an die Hand gehen kann, bitte ich ganz über mich zu disponiren.« »Sie sind zu gütig, gnädige Frau Gräfin!« »Wir wohnen schon eine Reihe von Jahren in diesem Lande, und man ist gezwungen, die Verhältnisse genau kennen zu lernen, oft sogar gegen unsern Willen. Doch Sie wünschen jedenfalls eine Cigarre zu rauchen – Oskar, führe den Herrn in den Garten; wir kommen dann ebenfalls hinunter, um dort gemeinschaftlich Kaffee zu trinken.« Damit standen die beiden Damen auf, grüßten freundlich und verließen das Zimmer, während Herr von Pulteleben in einem wahren Taumel von Seligkeit zurückblieb und jetzt gar nicht oft genug zu Oskar sagen konnte, wie glücklich er sich fühle, diese Bekanntschaft gemacht zu haben, wenn er es auch der größten Dummheit verdanke, deren er sich in seinem Leben schuldig gemacht. »Na nu, werden Sie nicht langweilig,« meinte Oskar höflich. – »Apropos, haben Sie etwa eine vernünftige Cigarre bei sich? das Zeug, was man hier bekommt, ist kaum zu rauchen.« »Ich kann Ihnen mit einer Havanna dienen,« sagte Herr von Pulteleben, erfreut, dem Bruder jenes Engels nur in etwas angenehm sein zu können. »Das ist gescheidt,« meinte Oskar – »sie sind doch nicht zu schwer?« »Nein, sicher nicht – ich selber rauche nie schwere Cigarren.« Gut, dann kommen Sie jetzt in den Garten, hier ist eine Hitze, nicht zum Aushalten,« – und seines neuen Freundes Arm ergreifend, schlenderte er mit ihm hinab, um dort die Damen zu erwarten. Diese zögerten auch nicht lange, und hatte sich Herr von Pulteleben schon gegen das Ende der Mahlzeit in seiner Umgebung wohl gefühlt, so entzückte ihn jetzt, im wahren Sinne des Wortes, die Natürlichkeit und Liebenswürdigkeit Helenens, die allen Zwang abgeworfen zu haben schien und nach Herzenslust lachte und plauderte. Helene war wirklich bildschön. Es gab Zeiten, wo ihre so regelmäßigen Züge von einem düstern Ernst beschattet wurden, der ihren Augen etwas Unheimliches, ja Abstoßendes geben konnte. Ihr Mund, wenn fest geschlossen, sah dann ebenfalls, der etwas schmalen Lippen wegen, unschön aus. Wenn aber das lebendige Auge in Scherz, ja Uebermuth leuchtete, wenn ihre Zähne, die zwei Reihen aufgezogener Perlen glichen, sichtbar wurden, wenn sich das Grübchen tiefer in ihr Kinn einschnitt und das Lachen auf dem gar so lieben Antlitz spielte, wie das Sonnenlicht auf einem murmelnden Bache, dann konnte man sich wahrlich nicht satt sehen an dem Mädchen, und sie war sich auch ihres Sieges stets so sicher bewußt, daß sie mit ihrer Umgebung machte, was sie eben wollte. Nur dann und wann verließ sie manchmal die Laube, und von Pulteleben würde noch mehr entzückt gewesen sein, wenn er gewußt hätte, daß sie gerade in dieser Zeit Anordnungen traf, sein Zimmer etwas wohnlicher einzurichten und ein Bett darin aufzustellen. Es hatte das seine Schwierigkeiten, denn die Gräfin war nur nothdürftig auf solchen Besuch eingerichtet, aber es ging doch, und ein paar rasch und geschickt improvisirte Gardinen machten das kleine Gemach noch so viel freundlicher. Die Zeit, wo der junge Fremde mit der Frau Gräfin allein blieb, wurde von dieser benutz!, ihm einen kurzen Ueberblick über die hiesigen Verhältnisse zu geben, der Herr von Pulteleben außerordentlich befriedigte. Er ersah nämlich daraus, daß in diesem Lande wirklich nur ein kleines unbedeutendes Capital dazu gehöre, um mit kluger Benutzung des Augenblicks ganz erstaunliche Erfolge zu erzielen. Die Frau Gräfin wußte ihm eine Menge von Beispielen zu nennen, nach denen Leute durch kleine, aber richtige Speculation in Stand gesetzt waren, unbedeutend begonnene Geschäfte auf das Großartigste auszudehnen und sich dann mit einem erworbenen Vermögen nach Deutschland zurück zu ziehen, um es dort in Ruhe zu verzehren. »Sehen Sie, Frau Gräfin.« rief Herr von Pulteleben, durch diese Mittheilungen zu einem vollen Grade von Aufrichtigkeit getrieben, »das ist's gerade, was ich will. Zu Hause haben sie mir immer vorgeworfen, daß ich unpraktisch wäre, daß ich nie im Stande sein würde, mir aus mir selber eine Carrière zu schaffen. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob es nicht möglich ist, sie Lügen zu strafen. Sie sollen erleben, mit welcher Energie ich Alles angreife, was ich unternehme. – Wenn ich nur erst wüßte was! « »Uebereilen Sie sich darin nicht, junger Freund,« sagte die Gräfin. »Es giebt zwar eine Menge von Wegen, die zum Ziele führen, aber der eine ist länger wie der andere, und wenn man denn doch noch die Wahl hat, warum soll man nicht suchen, den kürzesten zu nehmen? Uebrigens seien Sie versichert, daß ich selber schon ein wenig herumhorchen Will. Sie sind uns nun einmal auf so abenteuerliche Weise zugeführt, daß ich ein gewisses Interesse daran nehme.« »Gnädige Frau Gräfin sind unendlich gütig.« »Lassen Sie das; will ich aufrichtig sein, so ist es vielleicht sogar Egoismus von mir selber; denn Sie glauben gar nicht, wie langsam die Zeit verstreicht, wenn man so gar nichts auf der Gotteswelt zu thun hat. Eine kleine Beschäftigung, eine bestimmte Thätigkeit wird zuletzt wirklich zum Bedürfnis, und ein wenig Sorgen und Umschauen gehört mit zu unserem Leben.« »Aber durch was habe ich verdient, daß Sie sich meiner gerade so unendlich freundlich annehmen?« »Lieber Gott, wir sind hier einmal in Brasilien, leben in Verhältnissen, die mit denen der alten Welt auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit haben, und da gestaltet sich Manches oft rasch und wunderbar. Doch Sie werden das Alles noch viel besser kennen lernen, wenn Sie erst einmal selber längere Zeit im Lande sind.« Oskar hatte sich bei dem Gespräch gründlich gelangweilt, denn er haßte nichts mehr auf der Welt, als wenn von einem bestimmten Lebenszweck die Rede war – und seine Mutter hielt ihm dieses Capitel sehr häufig vor. Dafür gönnte er es jetzt aber auch von Herzen seinem neuen Hausgenossen und amüsirte sich die Zeit über, mit seinem Blasrohr von einem erhöhten Stand der Hecke aus nach vorbeilaufenden Hunden zu schießen. Wenn er sie traf, nahmen sie gewöhnlich den Schwanz zwischen die Beine und rannten in Wilder Flucht die Straße hinab und Oskar wollte sich dann halb todt darüber lachen. Um das Angenehme übrigens mit dem Nützlichen zu verbinden, nahm er Herrn von Pulteleben nachher mit zu seinem Pferde hinaus, von dem er ihm schon viel erzählt und ihm auch die Ueberzeugung beigebracht hatte, daß ein Mann ohne Pferd in Brasilien gar nicht existiren könne – nicht einmal eine Frau, und da Herr von Pulteleben erfuhr, daß es früher Helenens Lieblingspferd gewesen sei, die sich jetzt einen etwas ruhigeren Grauen – der Graue war das wildeste Pferd in der Ansiedelung – angeschafft habe, kaufte es der junge Fremde zu einem, wie er glaubte, außerordentlich mäßigen Preise (Oskar hatte auch in der That höchstens hundert Procent daran verdient) und schwelgte dabei in der Hoffnung auf morgen, denn Helene hatte ihm versprochen, mit ihm spazieren zu reiten. 9. Ein Abend in der Colonie. Das war ein Leben und Treiben heute in dem sonst so stillen Städtchen, daß man es kaum wieder erkannte, und das Wirthshaus »Zum Hoffnungsanker« hatte, so lange der Ort stand, noch keine so guten Geschäfte gemacht. War es doch auch bis unter das Dach hinauf von Gästen angefüllt, die auf Matratzen, Decken. Stroh, oder wie es eben ging, untergebracht werden mußten, während fast alle männlichen Bewohner von Santa Clara hier ebenfalls zusammenkamen, um die Neuangekommenen zu sehen und zu sprechen, und vielleicht auch frische Nachrichten von daheim – das heißt aus ihrem Dorfe zu hören, denn was wirklich deutsche Nachrichten und besonders deutsche Politik betraf, kümmerte die Wenigsten der Colonisten. Viele waren allerdings schon seit Jahren ausgewandert und den politischen Verhältnissen daheim, die sie selbst an Ort und Stelle nicht verstanden, so entfremdet worden, daß sie kaum noch die geographischen Namen der verschiedenen Staaten kannten. Aber selbst erst kürzlich Herübergekommene fragten nicht nach dem, was Preußen oder Oesterreich, oder was irgend ein Theil Deutschlands treibe – das war deren Sache und sie mochten es mit einander ausmachen – sondern nur aus welcher Gegend Der oder Jener sei und ob daheim Der oder Jener noch lebe und nicht Lust habe, nach Brasilien zu kommen. Außerdem wollten sich die Leute aber auch gern einmal einen sogenannten ›fidelen Abend‹ machen, und da der Wirth Christian Bohlos einen ziemlich geräumigen Schuppen an sein Haus gebaut und mit Dielen hatte belegen lassen, ja auch in diesem Schuppen ein hölzernes Gerüst für ein Musikcorps angebracht war, so verstand es sich von selbst, daß heut Abend ebenfalls getanzt wurde. Das beste Musikcorps der Stadt wurde dazu bestellt – denn es gab deren zwei – und daß sich das andere darüber zurückgesetzt fühlte und erklärte, das sogenannte beste Musikcorps könne gar nicht spielen und vollführe eine wahre Heidenmusik – blieb sich gleich. Schon mit Dunkelwerden sammelten sich die Gäste – auf acht Uhr Abends waren nach stillschweigendem Uebereinkommen die Frauen angesagt, denn die Kinder mußten erst zu Bett gebracht werden – und bis dahin gingen Flasche und Krug lustig im Kreise. – Aber nicht etwa das dünne brasilianische Bier wurde getrunken, das ein Deutscher sogar in Santa Clara braute, obgleich das besonders die Neuangekommenen mit Leidenschaft forderten, sondern vaterländischer Rheinwein bildete bei solchen Gelagen gewöhnlich das schwere Geschütz. Die langhalsigen, schlanken Originalflaschen ragten fast von allen Tischen empor und Scharlachberger-, Brauneberger-, Markobrunner- und Hochheimer-Etiquetten gehörten zu den gewöhnlichsten Dingen. An dem einen Tische präsidirte der ›Pfarrer‹ des Ortes, eine breitschultrige, etwas massive Gestalt, mit hochgeröthetem Gesicht, kurzen, etwas struppigen blonden Haaren und einem wenigstens zweitägigen weißen Halskragen, aber nicht etwa in schwarzer Ordenstracht, sondern in einer grauleinenen Sommerjoppe mit Nankinghosen und um ihn gruppirten sich einzelne Bewohner von Santa Clara – unter ihnen auch unser alter Bekannter Pilger und mehrere Colonisten aus der unmittelbaren Nähe des Städtchens, von denen dann wieder verschiedene ›frische Einwanderer‹ zugezogen worden, um zuerst Bericht über ihre Reise abzustatten und dann Enthüllungen über das ›erhoffte Brasilien‹ zu vernehmen. An die Ecke desselben Tisches hatte sich ebenfalls der Bursche mit dem Silberband um die Mütze gedrängt, der heute schon mit dem Director Streit gehabt; ein Krug Bier und eine Portion Braten stand vor ihm. Seine Frau lag drüben im Auswanderungshause mit ihren Kindern in einer dunkeln, feuchten Ecke und theilte mit ihnen das kärgliche Mahl, das sie sich von geliefertem Mehl selber hatte bereiten müssen. Die übrigen Tische waren eben so dicht mit Gästen besetzt, und Bohlos' Frau und ein paar Mägde konnten sich kaum in dem überfüllten Räume Bahn machen, um die verlangten und oft stürmisch geforderten Speisen und Getränke auszutheilen. »Na, hier lebt sich's aber doch besser als an Bord von dem Schiffe, das muß wahr sein, wenn ich auch gerade nicht über die Kost auf dem Schiff klagen will,« sagte einer der Zwischendecks-Passagiere. »Saufr–,« kaute der Mann mit dem Tressenstreifen mit vollem Munde. »Vielleicht sind Sie's zu Hause besser gewöhnt gewesen,« meinte einer der jungen Kaufleute, ein Kajüten-Passagier, der sich aber hier schon in brasilianische Gleichheit hinein zu finden suchte, indem er seinen unangenehmen Nachbar von der Seite ansah. »Bin ich auch,« knurrte der Mann – »ja, Sie, die Kajüten-Passagiere, haben hineingestopft gekriegt, was nur eben hinein ging, aber uns haben sie behandelt wie die Hunde – und noch schlechter.« »Na, ich weiß nicht,« sagte der Erste wieder, »ich bin doch auch im Zwischendeck gefahren, habe aber nichts davon gemerkt. Daß man's auf dem Schiff nicht so gut bekommen kann wie daheim, na ja, das haben wir freilich schon zu Hause gewußt, und dafür ist's eben eine Seereise. Außerdem habt Ihr , so viel ich weiß, nicht einmal Passage bezahlt, sondern Eure Gemeinde daheim hat's zusammengeschossen.« »Das geht Keinen 'was an,« sagte der Bursche mit einem finstern Blick nach dem Sprecher – »bezahlt ist's doch, ohne daß Ihr dazu die Hand in den Sack gesteckt.« Die Uebrigen schwiegen, denn der Mann hatte nicht genug Einnehmendes in seinem Wesen, sich mit ihm in ein längeres Gespräch einzulassen. Freilich war hier offener Wirthstisch, und man konnte ihm auch nicht gut verwehren, sich der Unterhaltung anzuschließen, so lange er eben nicht selber fühlte, daß er da nicht hinein passe. Oben am Tisch wechselte das Gespräch jetzt wieder aus die Verhältnisse in die Colonie, und die Klagen über die Regierung waren allgemein, daß nie Land vorräthig vermessen sei, wenn einmal Colonisten eintrafen. Die Neuangekommenen wollten das dem Director zuschieben und der »Pfarrer« gab ihnen Recht. Da stäk' es, denn das sei ein hochmüthiger Patron, der sich den Henker um den armen Mann scheere. Dagegen sprachen aber und zwar mit Eifer, mehrere der Colonisten selber und vertheidigten den Director. »Was kann er denn machen, wenn ihn der Präsident im Stich läßt? Das ist die vorgesetzte Behörde und an die muß er sich wenden, und für den gemeinen Mann thut gerade er mehr, denn irgend Einer vor ihm. Und wie hat er jetzt wieder gearbeitet, um die Leute alle unterzubringen!« »Ein Lump ist's,« rief der mit der Tresse, seine Faust auf den Tisch schlagend, daß sich Alle erstaunt nach ihm umsahen – »ein nichtsnutziger, grober Lump, und das hab' ich ihm heut in's Gesicht gesagt und will es ihm morgen auch noch einmal hinein sagen.« »Was ist denn der Mann da schuldig, Bodenlos?« fragte Pilger laut, als der Wirth gerade an ihm vorüberging. »Wer?« fragte Bohlos, sich am Tisch umsehend. »Der mit der hübschen blauen Mütze.« »Na,« sagte der also Bezeichnete, erstaunt aufstehend – »wen geht denn das wieder 'was an, was ich schuldig bin?« »Der Tisch hier bezahlt's,« sagte Pilger, ohne von dem Einwurfe Notiz zu nehmen – »wie viel macht's?« »Portion Braten und vier Glas Bier,« sagte Bohlos – »wollen's gerade einen Milreis rechnen, es macht eigentlich noch zwanzig Reis mehr.« »Sehr schön,« sagte Pilger, »und jetzt, guter Freund, thut uns einmal den Gefallen und macht die Thür von draußen zu. Verstanden?« »Ob ich sie zumachen oder auflassen will, geht Keinen einen Quark an!« rief der Bursche, rückte sich die Mütze auf das eine Ohr und sah den Redenden mit wüthenden Blicken an. »Wollt Ihr Vernunft annehmen?« fragte Pilger ruhig, indem er langsam von seinem Stuhle aufstand – »oder soll ich Euch ...« »Ach, laßt den Lump zufrieden, Pilger!« riefen ein paar Andere – »fangt keinen Streit an.« »Streit?« sagte Pilger vollkommen kaltblütig – »fällt mir gar nicht ein. aber sollen wir uns etwa von einem Burschen, wie dem da, den ganzen Abend verderben lassen? Entweder der Gesell geht, Bodenlos, oder ich gehe.« »Ach, seid vernünftig,« sagte der Wirth beruhigend. »Nein, er hat Recht!« riefen nun auch die früheren Mitpassagiere des Burschen; »auf der ganzen Reise hat er nichts wie Skandal und Streit gehabt und seine arme Frau dabei mißhandelt, daß es eine Schande war.« »Ihr Lumpenhunde wollt auch wohl noch mit drein reden?« rief der mit der Mütze und fuhr von seinem Sitz auf, aber Pilger hatte ihn schon am Kragen und hob ihn mit riesiger Kraft vom Boden; drei oder vier Andere faßten ihn zugleich an Armen und Beinen, und keine Minute später fand er sich ziemlich unsanft hinaus auf die Straße gesetzt. Kaum aber hatten die Männer ihre Sitze wieder eingenommen, als ein ziemlich faustgroßer Stein durch das eine Fenster klirrend hereinschmetterte und glücklicher Weise gegen die nächste Stuhllehne traf. Fünf oder sechs junge Burschen flogen jetzt hinaus. um den Frevler abzustrafen, aber der Passagier hatte es doch für gerathen gefunden, ein Derartiges nicht abzuwarten und war verschwunden. Indessen rückte die Zeit vor – es war acht Uhr, und die ›Damen‹ kamen zum Ball. Es waren meist Frauen und Töchter von Bauern und Handwerkern, aber viele der letzteren selbst in Brasilien geboren und großgezogen, wo sie dann, mit Kindern der eingeborenen Brasilianer aufwachsend, auch den Schnitt von deren Kleidung, wie eine freiere Haltung angenommen hatten – und reizende Gestalten gab es unter ihnen. Hier und da kam freilich auch ein ächt deutsches Bauernmädchen, die rothe Kattunschürze hoch in der Taille umgebunden, das riesige weiße Taschentuch in der sonnverbrannten, arbeitsharten Hand schlenkernd und mit der eigenthümlich schaufelnden Bewegung im Gange. Junge Mädchen mit weißen Kleidern und Rosabändern dazwischen, mit Füßen, die einem Grenadier zur festen Basis hätten dienen können, und eine Handvoll künstliche, arg zerdrückte Blumen geschmacklos auf den Kopf gebunden. Aber auch leichte und selbst zarte Figuren mischten sich dazwischen, junge Mädchen aus irgend einer kleinen Stadt, die jedenfalls verstanden, sich geschmackvoll zu kleiden, und eine buntere Mischung des ›schönen Geschlechts‹ konnte in keinem Lande der Welt aufgetrieben werden. Und wer war der Ceremonienmeister, der Arrangirende und Ordnende dieses ganzen Balles? Wer stellte, als die Musik endlich begann, die Contretänze? Wer klatschte in die Hände, wenn die ersten Paare antanzten, wer klatschte wieder, wenn sie wechseln sollten? Wer drückte sich dann in einem ruhigen Moment in eine Ecke, um mit einem oder dem andern Nachbar, nur im Vorbeigehen, ein Glas Wein oder Punsch zu trinken und war im Nu wieder bei der Hand und mitten im Saal, sobald nur die geringste Unordnung zu drohen schien? Wer anders als Jeremias, der sich aber so entpuppt hatte, daß man ihn heut Abend wirklich nur an der rothen Perrücke wieder erkannte. Wer den Jeremias heut in Hemdsärmeln gesehen hatte, wie er im Schweiße seines Angesichts, den Karren hinter sich, durch die Straßen keuchte, und wer ihn jetzt sah, wie er im Glanze von wenigstens achtzehn Talglichtern mit blechernen Reflectoren, à quatre épingles gekleidet, durch den Saal hüpfte, würde eine solche Veränderung, ohne den Mann genauer zu kennen, nicht für möglich gehalten haben, und doch war es eine und dieselbe Persönlichkeit. Es läßt sich nicht leugnen, weder der hellblaue Frack mit den blanken Knöpfen, noch die weißen Hosen, noch die lichten, schon etwas schmutzigen Glacéhandschuhe waren je für ihn gemacht, und die beiden ersteren gerade um das zu weit, was die letzteren zu eng schienen. Aber er zeigte doch, wie der Pfarrer meinte, ›den guten Willen‹, und einen aufmerksameren und den Formen strenger genügenden Tanzmeister, wie ihn, gab es nicht auf der weiten Welt, viel weniger denn in Brasilien. Jeremias war in der That überall und hatte er heute über Tag bei seinem Karren geschwitzt, so überstieg seine Transpiration gegenwärtig alle Grenzen. Er troff förmlich, und das helle Wasser lief ihm unter der brennend rothen Perrücke in kleinen Bächen nieder. Eigentlich hatte Jeremias ursprünglich gar kein rothes Haar gehabt und das kleine Stückchen Backenbart, das ihm noch jetzt vor beiden Ohren stand, war sogar von pechschwarzer Farbe. Als ihm aber damals, nach einer Art Nervenfieber und kurz vorher, ehe er Deutschland verließ, sämmtliche Haare ausgingen, forderte der Friseur für eine schwarze Perrücke eine seine Kräfte übersteigende Summe und da er die rothe Perrücke – der Träger war darunter weggestorben – aus zweiter Hand billig erstehen konnte, entschloß er sich kurz und wechselte die Farbe. Jetzt war er so an die rothe Perrücke gewöhnt, daß er eine andere, schwarze, nicht mehr umsonst genommen hätte. Uebrigens war Jeremias in der ganzen kleinen Stadt als ein fleißiger, nüchterner Arbeiter beliebt und seiner oft drolligen Antworten wegen fast in jedem Hause gern gesehen. Weil er aber fleißig arbeitete, verdiente er auch ganz hübsches Geld und nur, was er mit dem Verdienten machte, erfuhr kein Mensch. Verzehren konnte er es nicht, da er außerordentlich mäßig lebte und nie auch nur einen halben Milreis vergeudete, aber trotzdem hatte er noch Keinem Geld zum Aufheben gegeben. Er kaufte auch kein Land oder Vieh, und von Staatspapieren wußte er außerdem nichts. Allerdings hatte sich das Gerücht verbreitet, daß er sein Geld heimlich im Walde vergraben und schon einen ganzen Sack voll Milreis irgendwo eingescharrt habe. Gewißheit bekam aber Niemand darüber, und Jeremias war viel zu schlau, Andere das wissen zu lassen, was sie eben nicht zu wissen brauchten. So gutmüthig Jeremias aber auch im Ganzen sein mochte und so dienstwillig und gefällig er sich gegen Jedermann in seiner Arbeitszeit zeigte, so unumschränkt regierte er hier und der geringste Verstoß gegen die Tanzordnung wurde auf das Unerbittlichste geahndet. Ein Schneider aus Santa Clara ärgerte ihn besonders und man erzählte sich, die Feindschaft zwischen den Beiden schreibe sich daher, daß Jeremias eine Heirath des Schneiders, den er als einen liederlichen Schlingel kannte, hintertrieben habe. Das Mädchen war braver Bauersleute Kind, und Jeremias kannte den Bräutigam, der aus seinem Orte stammte, schon von Deutschland her. Daheim hatte dieser aber ein anderes Mädchen sitzen, dem er die Ehe versprochen, und das auf ihn wartete, und als die Bauernfamilie das hier erfuhr, wurde dem Werber das Haus verboten. Ob Jeremias ihnen das wirklich mitgetheilt, war nicht ganz bestimmt, jedenfalls hieß es so, und der Schneider haßte ihn seitdem wie seinen Todfeind, ohne daß sich Jeremias deshalb die geringste Sorge gemacht hätte. Heute nun, wo jener etwas mehr als gewöhnlich getrunken haben mochte, suchte er ein paar Mal Streit mit dem kleinen Ceremonien-Meister, und als dieser ihn eben so oft derb abfertigte, wußte er sich auf andere Weise zu rächen. Jeremias hatte gerade wieder in der einen Ecke einen Schluck Punsch mit dem jungen Handlungsdiener getrunken, als er auf der andern Seite des Saales eine Unordnung entdeckte. Wie der Blitz sprang er auf und dorthin; unglücklicher Weise mußte er aber an dem Schneider dicht vorbei, der rasch sein Bein vorhielt und Jeremias, darin hangen bleibend, schoß, so lang er war, mitten in den Saal. Dem böswilligen Schneider bekam das aber schlecht. Zu viele Leute waren Zeuge gewesen, und ehe sich Jeremias nur wieder vom Boden aufraffen konnte, hatten sie den Schneider gepackt, machten ein Fenster auf und warfen den sich aus Leibeskräften dagegen Sträubenden hinaus in die Büsche. Uebrigens war es eine so allgewöhnliche Begebenheit, daß bei einem deutschen Balle auch zwei oder drei Personen zu Thür oder Fenster hinausgeworfen wurden, daß Niemand weiter darauf achtete. Der Tanz ging ruhig fort und Jeremias, der mit einer wahren Federkraft vom Boden emporschnellte, sah kaum den Schneider beseitigt, als er auch augenblicklich wieder in den Tact der Musik einfiel und nur im Herüber- und Hinüberhüpfen noch den Staub von seinem Fracke zu entfernen suchte. Leider war kurz vorher gesprengt worden und die weißen Hosen hatten dadurch etwas fleckige Vordertheile bekommen, aber Jeremias selber sah es nicht und Niemand achtete weiter darauf. Pilger war auch aus dem Gastzimmer herübergekommen, um seine Frau zu suchen, die versprochen hatte, bei dem Balle zu erscheinen, aber sie fehlte noch und etwa eine halbe Stunde später ging er nach Hause, um sie abzuholen. Er mochte vielleicht eine Viertelstunde fort gewesen sein, als er mit etwas verstörtem Gesichte wieder zurückkam und seine Blicke unruhig im Saal umherschweifen ließ – dann verschwand er wieder, ohne daß natürlich irgend Jemand auf ihn achtete, um bald darauf wieder zurückzukehren, worauf er den bei einer Partie Skat sitzenden Pfarrer aufsuchte und zu sich hinausrief. »Nun,« sagte dieser, der eben nicht gern von seiner Partie aufgestanden war, indem er ihm vor die Thür folgte, »was haben Sie denn, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob es bei Ihnen brennte?« »Meine Frau ist fort,« flüsterte Pilger mit heiserer, von innerer Aufregung fast unhörbarer Stimme. »Ihre Frau ist fort?« sagte der Geistliche erstaunt – »wohin?« »Ich weiß es nicht,« stöhnte der Mann – »sie ist nicht hier beim Tanze, sie ist nicht zu Hause und doch vor etwa einer halben Stunde mit einem Bündel in der Hand fortgegangen.« »Na ja, das wäre nicht übel,« schüttelte der Herr Pfarrer mit dem Kopfe – er hatte drin ein Eichelsolo auf dem Tische liegen und die Sache kam ihm sehr unbequem – »aber wohin kann sie denn hier?« »Da steckt der Schuft, der Bleifuß, dahinter,« knirschte der Mann zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch; »aber wenn ich die Gewißheit kriege, dann gnade ihm Gott!« »Hm,« sagte der Pfarrer, welcher die deshalb umlaufenden Gerüchte schon lange gehört hatte und kannte – »und haben Sie keine Ahnung, wohin sie sich gewandt haben könnte?« »Keine,« ächzte Pilger; »aber was um Gottes willen kann ich thun, um sie wieder zu bekommen?« »Heut Abend gar nichts,« sagte der Pfarrer; »es ist stockdunkel und aus dem Tanzsaal bringen Sie Keinen fort – – noch dazu, wenn Sie nicht einmal eine bestimmte Richtung angeben können.« »Oh, Du großer Gott!« stöhnte der Mann und preßte die fest zusammengeschlagenen Hände gegen seine Stirn. »Machen Sie sich keine Sorgen,« sagte der Geistliche, »Wenn die Frau Sie auf so leichtsinnige Weise verlassen konnte, so haben Sie auch nichts an ihr verloren, und den Musjö, den Bleifuß, wollen wir schon kriegen, wenn der wirklich dahinter steckt. Der muß blechen, daß es ihm blau und braun vor den Augen wird.« »Meine Grethe – meine Grethe!« hauchte der arme Teufel; »daß sie mir die Schande anthun konnte!« »Es läßt sich heute nichts mehr machen,« versicherte der Pfarrer – er konnte sein Eichelsolo nicht länger im Stiche lassen – »gehen Sie ruhig nach Hause – morgen früh komme ich zu Ihnen, und da besprechen wir das Weitere« – und ohne eine Antwort abzuwarten, klopfte er dem Unglücklichen auf die Schulter und ging wieder in das Zimmer zurück an seinen Spieltisch. Pilger stand noch eine Weile wie vernichtet in der offenen Thür, dann aber lief er noch einmal zurück nach seinem Haus, und als er die Verlorene auch jetzt noch nicht fand, wieder hinaus in die Nacht hinein – er wußte ja selber nicht wohin. – Unten an der Landung, etwa zweihundert Schritt tiefer als die Boote gewöhnlich lagen, hatte ein kleines Fahrzeug im Schutze dichter Büsche angelegt, und gleich nach Sonnenuntergang waren schon verschiedene Blechkoffer und Kisten hineingeschafft. Vier portugiesische Ruderer, die zu einem der weiter unten ankernden Schooner gehörten, lagen auf ihren Riemen und warteten auf ein verabredetes Zeichen, um den Bug des Bootes, das jetzt ein Stück draußen im Strom ankerte, dicht zum Lande zu schieben. Jetzt pfiff es viermal rasch hintereinander, und während sich das schmale Fahrzeug noch tiefer in die Büsche hineinschob, eilten ein Mann und eine Frau den schräg ablaufenden Hang hinab, gerade auf die Stelle zu, wo dasselbe verborgen lag. Der Mann hielt ein größeres Packet im Arme und konnte nicht so rasch von der Stelle, weil er, seiner Bequemlichkeit wegen, Pantoffeln trug. Die Frau führte ein kleines Bündel bei sich und war ihm immer um einige Schritte voraus, bis sie den Wasserrand erreichte. Hier hielt sie plötzlich und wie erschreckt an und flüsterte: »Oh, Du mein lieber himmlischer Vater, was will ich thun, was will ich thun!« »Hier sind wir an Ort und Stelle,« sagte der Mann, der sie hier einholte, in portugiesischer Sprache, aber mit unterdrückter Stimme, »nur rasch, meine Geliebte, daß uns die Tölpel nicht doch noch am Ende aus die Spur kommen.« »Oh, mein armer Mann, und er ist immer so gut und rechtschaffen, und ich...« Während sie klagte, hatte der Portugiese schon sein Bündel in das Boot gegeben und der Frau das ihrige ebenfalls abgenommen und einem Matrosen gereicht. Jetzt legte er seinen Arm um ihre Taille und schob sie sanft rückwärts. »Kommen Sie, Margarita, kommen Sie, wir versäumen sonst die günstige Zeit über die Barre – dort hinten höre ich auch Leute. Denken Sie, wenn man Sie hier fände – mit mir!« Die Frau schreckte empor. Etwa hundert Schritt weiter oben führte ein Weg vorbei, auf dem zwei Männer gingen, die sich laut mit einander unterhielten. Die Frau glaubte die Stimme des Einen zu erkennen und wich scheu mehr in die Büsche hinein. Dort lag die Planke – einer der Matrosen ergriff ihre Hand und keine halbe Minute später glitt das Boot in die dunkle Strömung hinaus und mit dieser abwärts. Am Ufer herauf kam eine einzelne Gestalt, die horchend stehen blieb, als sie das Knarren der Ruder in den Blöcken hörte, das nur so viel deutlicher durch die Stille der Nacht drang. Erkennen ließ sich freilich nichts von dort, wie nur vielleicht der dunkle Schatten des Bootes selber. »Grethe,« rief da eine leise, klagende Stimme in den Strom hinaus – »Grethe – bist Du dort?« Keine Antwort erfolgte; blitzesschnell trieben die Ruder das Boot vorwärts, das wenige Minuten später um eine ablaufende Biegung des Flusses verschwand. – Bei dem Direktor, in der kleinen Oberstube, saß Könnern, und Beide waren, Jeder mit einem Lichte vor sich, beschäftigt mit Lesen. Der Director wühlte in einer Anzahl von Briefschaften, während Könnern ein Packet Zeitungen durchblätterte, die der Capitain des Schiffes mitgebracht hatte. Die Haushälterin brachte gerade den Thee herein, denn die Abende waren frisch genug, um eine Tasse warmen Thee recht gut vertragen zu können. »Na, da hört Alles auf!« sagte da der Director plötzlich und sah über einen eben geöffneten Brief nach Könnern hinüber. »Nun,« fragte dieser, dem Blick begegnend – »irgend eine unangenehme Nachricht?« »Unangenehm gerade nicht,« lautete die Antwort, »aber gerade zu der unpassendsten Zeit in der Welt erhalten. Der Delegado, jener Portugiese, den wir an der Schule trafen, zeigt mir eben an, daß er von der Regierung auf unbestimmte Zeit Urlaub erhalten habe und mir hiermit in seiner Abwesenheit die laufenden Geschäfte übertrage. Die ganze lange Zeit hatte der Herr nichts auf der Gotteswelt zu thun gehabt, weil ich die kleinen Streitigkeiten zwischen den Colonisten immer selber schlichtete, ja, eher noch selber Ursache zu Zank und Unfrieden in verschiedenen Familien gegeben und jetzt, wo wir eine ganze Schaar durch die Seereise halb verwilderter Menschen bekommen, die außerdem noch untergebracht werden sollen, will er sich von jeder Arbeit drücken. Das geht nun einmal unter keinen Umständen an und wenigstens muß er noch die nächste Woche da bleiben. Ich habe überdies Scheererei genug – kommen Sie, trinken Sie eine Tasse Thee – da drüben steht der Rum – helfen Sie sich selber.« Könnern schob die Zeitungen und Papiere bei Seite, um freien Raum zu bekommen. Eine kleine, zierliche Visitenkarte fiel heraus und auf den Tisch. »Hallo,« lachte er, »die Dinger gehören doch hier wohl eigentlich zu den exotischen Gewächsen. Wie heißt denn der Herr? Arno von Pulteleben – den Namen kenn' ich nicht.« »Wieder irgend ein junger Adeliger,« sagte der Director, sich Rum zu seinem Thee gießend – »der mit den Diamantgruben Brasiliens im Kopfe herüberkommt, sich hier eine Zeit lang herumtreibt und über Alles schimpft, bis sein mitgebrachtes Geld verzehrt ist und er dann, empört über die traurigen Verhältnisse des Landes, nach Deutschland zurückkehrt, für das er Märchenstoff in Masse gesammelt hat. Er wollte mich heute besuchen, aber wie ich nur den schwarzen Frack, Seidenhut und die weißen Glacéhandschuhe durch's Fenster sah, hatte ich schon übrig genug und – ließ mir die Ehre auf ein anderes Mal ausbitten.« »Wo mag er denn nur Quartier gefunden haben?« sagte Könnern, »die Häuser sind ja fast alle überfüllt.« »Gott weiß es,« sagte der Director gleichgültig, »vielleicht doch noch im Hotel, denn Bohlos macht oft das Unglaubliche möglich. Ueberhaupt, lieber Könnern, glauben Sie gar nicht, was sich in einer solchen Colonie wie der unseren oft für wunderliche Subjecte und Charaktere ansammeln, und man könnte sie sich oft nicht bester assortirt für ein Naturalien-Cabinet zum Ausstopfen aussuchen. Aus allen Schichten der Gesellschaft bekommen wir die Proben, und der hohe Adel wie Künstler und Gelehrte liefern jederzeit die werthvollsten Exemplare. Unsern Baron haben Sie schon gesehen, die Gräfin werden Sie jedenfalls noch kennen lernen; außerdem treibt sich hier auch ein ganz tüchtiger Künstler herum, ein Mann, der wahrscheinlich in Deutschland seiner Kunst Ehre machen könnte und hier gerade so viel damit ausrichten wird, wie ein Holzhacker in den Pampas, oder ein Ackerbauer in den Schneebergen.« »Ist es ein – Maler?« fragte Könnern. »Nein,« lachte Sarno, »Sie brauchen keinen Concurrenten zu fürchten – es ist ein Clavierspieler. Aber auch ein anderer Musiker macht die Gegend unsicher, aus dem ich aber noch nicht recht klug geworden bin. Er nennt sich Randolph und scheint mir ein excentrischer Kopf, wie alle derartigen Künstler ...« In dem Augenblicke wurde draußen an die Thür geklopft und die alte Haushälterin meldete gleich darauf, der Schuhmacher Pilger wünsche den Herrn Director einen Augenblick zu sprechen. »Ach,« sagte der Director, unzufrieden mit dem Kopfe schüttelnd, »immer wieder die alte Geschichte, aber ich kann ihm jetzt gute Nachricht geben, denn er wird seinen Quälgeist wenigstens auf einige Zeit los. Lassen Sie ihn nur hereinkommen.« Pilger betrat gleich darauf das Zimmer. Er hielt den Hut in der Hand, sah aber todtenbleich aus und der Schweiß stand ihm in großen Tropfen auf der Stirn. »Guten Abend, Herr Direktor!« stöhnte er, ohne auf den noch im Zimmer befindlichen Fremden weiter zu achten. »Guten Abend, Pilger! Um Gottes willen, wie seht Ihr denn aus, Mann? Was ist vorgefallen?« »Meine Frau ist mir davongelaufen, Herr Direktor,« sagte der arme Teufel und man sah es ihm an, wie er sich nur mit äußerster Gewalt zwang, seine Fassung zu bewahren. »Eure Frau? Wann?« rief der Director erschreckt, und ein eigener Verdacht schoß ihm durch den Kopf. »Heut Abend – vor einer Stunde etwa, vielleicht noch nicht so lange. Sie wollte auf den Ball kommen und hat das Haus verlassen, ist aber jetzt nirgends mehr zu finden.« »Aber, bester Freund, wenn Ihr sie erst so kurze Zeit vermißt, kann sie ja auch zu einer Freundin gegangen sein, um die abzuholen.« »Nein,« sagte der Mann ruhig, »sie hat ein Bündel mitgenommen und ist nach dem Flusse gegangen. Ich sprach Jemanden, der ihr begegnet ist.« »Und habt Ihr keinen Verdacht, wer dabei die Hand im Spiele haben könnte?« fragte der Director. »Verdacht? Nein,« sagte Pilger mit fest zusammengebissenen Zähnen, »aber die Gewißheit, daß es jener gottverfluchte Bleifuß, der Delegado, gewesen ist. Es giebt jetzt nur noch eine Möglichkeit,« fuhr er fort, während der Director leise vor sich hin mit dem Kopfe nickte, »daß die Flucht nach dem Flusse zu nur zum Schein gewesen und meine Grethe letzt ruhig drüben im Hause des Delegado versteckt ist. Allerdings fuhr vor etwa einer Viertelstunde ein Boot stromabwärts, aber ich kann mir nicht denken, daß der Portugiese die Frau allein fortschicken wird, und deshalb komme ich her. Herr Director, und wollte Sie bitten, das Haus des Portugiesen augenblicklich durchsuchen zu lassen. Finden wir dort nichts, dann muß sie den Fluß hinunter sein und ich glaube, ich weiß ein Haus, wo sie sich möglicherweise Weise verborgen halten könnte.« »Wart Ihr schon am Hause des Delegado?« »Ja – es ist Alles stockfinster drin, aber das bedeutet nichts.« »Wißt Ihr, daß der Delegado Urlaub von der Regierung und mir heut Abend schriftlich angezeigt hat, ich solle sein Amt hier für ihn versehen?« Der Mann schlug entsetzt die Hände zusammen. »Dann ist's auch richtig,« stöhnte er – »dann ist er fort, und sie waren in dem Boot, das ich gesehen habe. Wollen Sie mir helfen, Herr Director?« »Von Herzen gern, Pilger, aber wie?« »Erst gehen wir jetzt nach seinem Hause und sehen, ob er fort ist, und finden wir das bestätigt, dann bitte ich Sie um weiter nichts als Ihr Boot – Leute schaff' ich schon herbei.« »Aber keine Gewaltthätigkeit, Pilger!« warnte der Director; »Ihr macht die Sache dadurch nur noch schlimmer.« »Ueberlassen Sie das mir, Herr Director. Ich habe den Eltern meiner Frau, braven, ordentlichen Leuten daheim, versprochen, über dieselbe zu wachen wie über meine Augen; ich darf die unglückliche Frau nicht den Händen dieses Buben überlassen, und darin werden mich doch hoffentlich die Gesetze schützen.« »Das allerdings,« sagte Sarno, von seinem Stuhl aufspringend – »und dann wollen wir auch keine weitere Zeit mehr versäumen – kommt!« Er griff seinen Hut auf, und von Könnern begleitet gingen die Männer rasch nach dem Hause des Delegado hinüber. Es war aber hier, wie es Sarno gefürchtet hatte: sie fanden das Haus nicht allein fest verschlossen, sondern auch leer. Dicht daneben wohnte ein deutscher Cigarrenmacher, der einen kleinen Stand nach der Straße zu hatte. Dieser konnte ihnen wenigstens die Nachricht geben, daß gleich nach Dunkelwerden mehrere brasilianische Matrosen Kisten und Koffer aus dem Hause die Straße hinabgetragen hätten. Weiter wußte er ebenfalls nichts, denn den Delegado hatte er mit keinem Auge gesehen. »Dann bleibt mir nichts weiter übrig als das Boot,« stöhnte Pilger, als er mit seinen Begleitern wieder die Straße hinaufging – »darf ich es mir nehmen, Herr Direktor?« »Geht mit Gott!« sagte Sarno, indem er ihm den kleinen Bootschlüssel gab – »Ihr wißt, wo es liegt?« »Ja wohl – und Segel und Ruder?« »Hat der Fischer gegenüber – der kann Euch auch wahrscheinlich gleich Leute zum Rudern nachweisen.« Pilger dankte und flog mehr als er ging die Straße hinab und der Landung zu. –   Im Hause der Gräfin Baulen war die kleine Familie mit ihrem Gaste ziemlich spät beim Thee beisammen gewesen und hatte den Abend, so gut das eben gehen wollte, verplaudert. Herr von Pulteleben erzählte von seiner Familie daheim und dem kleinen Gute, auf dem er erzogen worden, von seinen Plänen und Hoffnungen und seinem Eifer, etwas Ernstliches zu beginnen, und die Frau Gräfin selber war ihm dabei mit Interesse gefolgt. Nur Oskar langweilte sich; aber er wußte, daß im Wirthshause Ball sei. Allerdings würde ihm seine Mutter nie die Erlaubniß gegeben haben, dem beizuwohnen, deshalb ersparte er ihr das Unangenehme einer Weigerung, verließ unbemerkt das Zimmer und ging ohne Erlaubniß. Herr von Pulteleben erzählte jetzt von seiner Reise und den Abenteuern derselben, und da er wirklich gar nichts dabei erlebt, wurde die Frau Gräfin endlich müde und schlief ein. Helene setzte sich auf kurze Zeit an's Clavier, aber ihr Gast war nichts weniger als musikalisch und da er auch keinen Geschmack an den kleinen, von ihr oft vorgetragenen reizenden Liedern fand und sie immer nur – oft mitten in einem Stücke – bat, einen Walzer oder Galopp zu spielen, ermüdete Helene ebenfalls. Es war Zeit zum Schlafengehen geworden, das Mädchen wurde gerufen, um dem Fremden in sein Zimmer zu leuchten, und Helene ging in das ihrige, stellte das Licht auf den Tisch, stützte den Arm auf das offene Fenster, zu dem der balsamische Duft der Orangenblüthen voll hereinströmte und schaute träumend in die Nacht und auf die dunkeln Contouren der Gebirge hinaus. Da zuckte sie plötzlich erschreckt empor, denn fast dicht unter ihrem Fenster erklangen wieder die leise klagenden Töne der Violine, die sie schon an jenem Abend so wunderbar ergriffen hatten. Es lag ein solcher Schmelz in der einfachen Melodie, daß es ihr unwillkürlich das Herz ergriff und sie stand auf, setzte sich auf das Sopha, um von unten aus nicht gesehen zu werden, und horchte mit angehaltenem Athem dem meisterhaften Spiele. Herr von Pulteleben, der schrägüber ihrem Zimmer wohnte, hatte schon sein Licht ausgelöscht und sich eben niedergelegt, als der Spielende unten begann. Er stand wieder auf, lehnte sich in das offen stehende Fenster und hörte eine Weile zu, bis die Töne unten leise verhallten. Jetzt rief er von oben herunter: »Bravo! Sehr hübsch! Wirklich allerliebst!« Helene barg die Stirn in ihre Hand; es war wie ein Mißton in diese Harmonie hinein. Der Spielende unten aber schwieg. Sie löschte ihr Licht aus und trat verdeckt an's Fenster, um vielleicht den Schatten seiner hinweggleitenden Gestalt zu sehen, aber nichts regte sich – dunkel lag die Nacht auf dem Thale und nur von weit herüber schallten dann und wann, von einem gelegentlichen Luftzuge getragen, die munteren Töne der Violinen und Trompeten herüber, die dem jungen, lustigen Volk von Santa Clara zum Tanz aufspielten. 10. Eine Familienscene. Vier Tage waren nach den oben beschriebenen Vorfällen verflossen; die Frau Gräfin hatte an diesem Morgen noch nicht vollständig ihre Toilette beendet, als draußen auf dem Vorsaal schwere Tritte laut wurden und gleich darauf ein Mann mit Dorothea sprach. Jetzt klopfte diese an die Thür und rief: »Frau Gräfin, der Meister Spenker ist draußen und wünscht die Frau Gräfin zu sprechen.« »Soll später wieder kommen,« lautete die Antwort – »ich bin noch nicht fertig angezogen.« »Ach, machen Sie keine Umstände, Frau Gräfin,« sagte der Bäckermeister, der die Antwort gehört hatte – »ich habe meine Frau auch schon oft im Negligé gesehen – bin ja ein verheiratheter Mann und kann nicht so lange von Hause fort bleiben. Es giebt jetzt schmählich viel zu thun, denn die vielen neuen Mäuler im Ort wollen doch alle satt werden und Brod haben.« »Aber weshalb kommen Sie denn so früh – ich kann jetzt nicht.« »Früh?« sagte der ehrliche Bäckermeister erstaunt, der seit vier Uhr an der Arbeit war – »es hat eben Elf geschlagen, und bei uns drüben sagen wir nicht einmal mehr ›Guten Morgen ‹ – es wird gleich zu Mittag gegessen. Wenn Sie aber wollen, kann ich Ihnen hier gleich durch die Thür melden, was mich hergeführt – ich glaubte nur, es wäre Ihnen angenehmer, wenn ich Sie allein spräche.« Es entstand eine kleine Pause und der Bäckermeister lächelte leise vor sich hin – endlich sagte die Gräfin von innen heraus: »Ich komme den Augenblick – gehen Sie in das andere Zimmer.« »Sehr wohl, Frau Gräfin,« erwiderte der Meister kopfnickend und wußte auch ganz genau, in welches, denn er hatte schon sehr viele derartige Conferenzen mit der Dame gehabt. Er brauchte indessen nicht sehr lange zu warten, denn kaum zehn Minuten später ging die Thür auf und Frau Gräfin Baulen, einen großen Shawl umgeschlagen, trat herein und sagte eigentlich viel freundlicher, als man nach der erzwungenen Audienz hätte vermuthen sollen: »Guten Morgen, Meister! Was wünschen Sie?« »Guten Morgen, Frau Gräfin – nichts als die alte Geschichte, die wir schon einige Mal verhandelt haben: Geld – meine Miethe.« Die Gräfin warf ungeduldig den Kopf auf die Seite. »Aber Sie wissen ja doch, daß meine Wechsel, die ich jedenfalls mit dem nächsten Dampfer erwarte, noch nicht angekommen sind – ich habe Ihnen das schon das letzte Mal gesagt, als ich das Vergnügen hatte, Sie zu sehen.« »Bitte,« sagte der Mann – »ja, und das vorletzte Mal auch, und das vorvorletzte; aber es ist ein merkwürdiges Ding um einen Wechsel, der nie ankommt, wenn er am nothwendigsten gebraucht wird.« »Und ist das etwa meine Schuld?« sagte die Gräfin piquirt. »Glaube kaum,« lächelte der Bäckermeister – »nur die Schuld der Leute, die eben keinen schicken wollen.« »Aber sie sind abgeschickt,« rief die Gräfin ungeduldig, »und können jetzt jede Stunde eintreffen. Sie denken doch nicht etwa, daß ich Ihnen die Unwahrheit sagen würde?« »Nein,« sagte der Bäckermeister kopfsschüttelnd, »es wäre wenigstens nicht hübsch; aber damit kommen wir nicht weiter. Das Kurze und Lange von der Sache ist einfach das, daß ich nicht länger auf die Wechsel warten kann, und es thut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, Frau Gräfin. Ich bin nur ein Handwerker, und was ich brauche, muß ich mir sauer genug verdienen; außerdem habe ich Kinder, die versorgt sein wollen, und das kostet, wie Sie ebenfalls recht gut wissen, viel Geld. Deshalb muß ich das Meinige zusammenhalten – Sie sind eine zu vernünftige Frau, um das nicht einzusehen, und ich kann die Milreis nicht hundertweis außenstehen lassen.« »Aber, lieber Freund, ich kann Sie ja doch nicht eher bezahlen, bis mein Wechsel kommt,« sagte die Gräfin ungeduldig – »was hilft aber all' das Reden? So nehmen Sie doch nur Vernunft an!« »Eben weil ich lieber auf die Vernunft hören will, als viele Reden machen, bin ich heute Morgen hergekommen,« sagte der Meister ruhig, »und wollte Ihnen denn nur anzeigen, Frau Gräfin, daß ich mein Geld in dieser Woche haben muß und will, Wechsel oder keine Wechsel, die mich eigentlich gar nichts angehen. Ich werde Sie nicht zu sehr drängen und gebe Ihnen noch bis Samstag Zeit, das ist aber auch, das schwöre ich Ihnen, der allerletzte Termin, den Sie von mir herausdrücken können; denn die Geschichte spielt jetzt fünfzehn Monate, und ich will mich nicht länger zum ... na, ich meine, ich kann eben nicht länger warten.« »Ich will sehen, was in meinen Kräften steht,« sagte die Gräfin gleichgültig und, wie es schien, mit dem Wunsche, das Gespräch abzubrechen – »erzwingen läßt sich aber so etwas nicht.« »Oh, doch wohl,« meinte Meister Spenker, den die vornehme Gleichgültigkeit zu ärgern anfing – »es läßt sich auch erzwingen, Frau Gräfin, wenn es mir auch sehr leid thun sollte, etwas Derartiges zu thun. Der ganze Ort ist jetzt voll Leute, die Logis suchen und eine solche Wohnung, wie das Haus hier, mit Vergnügen noch höher als Sie und gleich baar bezahlen würden; überall fragen sie an, ob nichts Derartiges zu bekommen sei. Außerdem haben Sie selber schon einen Aftermiether in's Haus genommen, der Sie doch auch bezahlt, und ich sehe gar nicht ein, weshalb ich das nicht selber verdienen und sonst nichts auf der Welt davon haben soll, wie leere Versprechungen.« »Der Herr,« sagte die Gräfin doch etwas verlegen, »ist – ist ein Verwandter von mir und zahlt mir also keine Miethe.« »Na, das geht mich nichts an,« sagte der Bäcker, »ob er Ihnen etwas zahlt. Wenn er bei mir wohnte, würde er zahlen. Also nichts für ungut, aber wenn ich bis Samstag mein Geld nicht bekomme, so muß ich Sie, so leid mir das thun sollte, auf die Straße setzen und mich an dem schadlos halten, was Sie mir für meine zweihundert Milreis an Pferden oder Möbeln zurücklassen können.« »Herr Spenker,« rief die Gräfin auffahrend, »eine solche Sprache verbitte ich mir! Wenn Sie sich in Ihrem Rechte gekränkt glauben, so wenden Sie sich an die Gerichte, und wir wollen dann sehen, ob mir nicht jeder Kaufmann selbst bezeugen muß, daß in einem solchen Winkel der Erde, wie wir ihn hier bewohnen, die Ankunft eines Wechsels verzögert werden kann – aber so lange Sie in meiner Stube sind, vergessen Sie nicht die mir schuldige Achtung.« »Ach was,« sagte der Mann mürrisch – »Sie vergessen auch immer die mir schuldigen zweihundert Milreis, und mit dem vornehm – aber wir wollen uns nicht zanken,« brach er kurz ab, »deshalb bin ich nicht hergekommen. Ich mag mit keinem Menschen Streit haben, am wenigsten mit meinen Miethsleuten – so weit's eben geht – also nochmals, nichts für ungut, Frau Gräfin, und sorgen Sie dafür, daß wir die Sache am Samstag in's Klare kriegen, sonst läßt sich's eben nicht länger vermeiden und müßte Ihnen doch fatal sein. Wünsche Ihnen einen recht angenehmen Morgen!« – und mit einer kurzen Verbeugung und einer Schwenkung des rechten Armes drehte er sich um und stieg langsam wieder die Treppe hinunter. Die Gräfin hatte seinen Gruß sehr kalt erwidert und blieb, als er schon lange das Zimmer verlassen, noch immer in finsterem Brüten auf derselben Stelle stehen. Sie hatte die Arme gekreuzt und starrte nieder vor sich auf den Boden, als eine Seitenthür aufging und Helene eintrat. Sie ging still an der Mutter vorüber zu dem nächsten Fenster, wo ein Buch lag, das sie nahm und aufschlug – aber sie las nicht darin. Ihre Blicke hafteten wohl auf dem Drucke, doch ihre Gedanken schweiften zu anderen Scenen. als den hier geschilderten. Endlich sagte sie leise: »Und was soll nun werden?« Die Mutter schrak ordentlich bei der Frage empor, die nur das in Worten aussprach, worüber sie selber eben erst nachgedacht. »Du hast gehört, was der Mensch sagte?« fragte sie, ohne ihre Stellung zu verändern. »Ja.« »Alles?« »Jedes Wort – aber Dein Wechsel muß jetzt kommen; der Dampfer ist schon seit vier Tagen fällig und bleibt nur in seltenen Fällen über diese Zeit.« »Und wenn er kommt?« erwiderte die Gräfin mit einem bittern Lächeln, »was dann? Ja, ich bin mit den wenigen hundert Thalern im Stande, unsere Hauptschulden zu decken, aber wovon weiter leben? Helene, Helene, Dein starrer Sinn wird uns noch theuer zu stehen kommen!« » Mein starrer Sinn?« fuhr die Tochter auf; »etwa deshalb, weil ich nicht auf die Anträge jenes schurkischen Portugiesen hören wollte, der mir seine Hand anbot? Hast Du nicht jetzt selber den Beweis, was für eine gemeine Creatur es war, wo er die Frau des Schuhmachers entführte, als er die Grafentochter nicht bekommen konnte? Der Mensch war als ein Wüstling in der ganzen Stadt bekannt und verachtet, und Du, Mutter, Du konntest mir zu einer Verbindung mit ihm rathen, ja, wirfst mir jetzt noch meinen Starrsinn vor!« Helene stand mit leuchtenden Augen ihrer Mutter gegenüber, und die Frau schlug fast scheu den Blick vor ihr zu Boden. »Du denkst nur an Dich,« sagte sie aber trotzdem, wenn auch nur mit halblauter Stimme – »was aus Deiner Mutter wird, kümmert Dich nicht.« »Und hab' ich den Vorwurf wirklich von Dir verdient?« erwiderte Helene, und ein eigener wehmütiger Zug zuckte um ihre Lippen – »hab' ich ihn auch da verdient, als ich des wackern Vollrath Bewerbung ausschlug, der mich mit einem gebrochenen Herzen verließ und dessen ganze Liebe ich besaß? Dachte ich auch da nur an mich, wo ich im Stande war, mir eine bescheidene Heimath zu gründen, aber Dich auch hätte hülflos zurücklassen oder in Verhältnisse hinein ziehen müssen, von denen ich vorher wußte, daß Du Dich darin unglücklich gefühlt und Vollrath unglücklich gemacht hättest?« »Nein – nein – ich weiß, Du bist ein gutes, vernünftiges Kind,« sagte die alte Gräfin, von dem Vorwurfe getroffen – »ich war vielleicht zu hart gegen Dich, aber – sollte die Zeit kommen, wo Du Dich gut versorgen kannst, so bedenke auch, daß Du – nicht zu lange damit säumen darfst. Unsere Stellung wird hier mit jedem Monate unhaltbarer, wenn nicht bald Etwas geschieht, der Sache eine andere Wendung zu geben.« »Und was könnte geschehen?« sagte Helene, und ein ganz eigenes Gefühl beengte ihr die Brust. »Ich habe doch jetzt Hoffnung,« sagte ihre Mutter, »daß sich mein Plan noch wird realisiren lassen.« »Du meinst mit der Cigarren-Fabrik?« »Ja.« »Und glaubst Du wirklich, daß etwas dabei gewonnen werden kann?« »Wenn es richtig angefaßt wird, gewiß.« »Aber wirst Du im Stande sein, das zu thun? Gehören nicht zu einem solchen Geschäfte praktische Erfahrungen?« »Liebes Kind, glaubst Du nicht, daß ich mir in meinem Leben Menschenkenntnisse genug gesammelt habe, auch mit Menschen umzugehen?« »Aber das ist eine Sache, wo Du weniger Menschen- wie Waaren kenntnisse brauchst, und wie leicht kannst Du darin betrogen werden.« »Waarenkenntnisse, Du lieber Gott!« sagte die Gräfin; »das Material ist so einfach, daß sich das gewiß in wenigen Monaten vollständig erlernen läßt. Aber weißt Du selber etwas Besseres?« »Ich? Du mein Himmel!« seufzte Helene – »wie sollte ich Dir rathen können, der noch nie verstattet wurde, in das praktische Leben der Menschen einzugreifen, ja, sie nur bei demselben zu beobachten? Lange schon hätte ich Unterricht im Französischen und Englischen gegeben, um mich nur in Etwas nützlich zu machen, aber selbst das hast Du mir ja nicht einmal gestattet.« »Weil es sich mit unserer Stellung nicht verträgt,« sagte die Gräfin finster – »mit welchem Gesicht hätte ich nur dem Baron entgegentreten können, wenn die »Comtesse« den Bäcker- oder Schusterkindern da drüben Unterricht gegeben hätte? – Das verstehst Du nicht, Kind.« »Und Cigarren machen für Bäcker und Schuster?« sagte das junge Mädchen traurig. »Das ist etwas ganz Anderes, wir lassen sie machen,« erwiderte die Gräfin rasch – »wir leiten nur die Fabrikation, und wenn wir selber ›zum Spaße‹ dann und wann und auf unserer Stube ebenfalls arbeiten, so ist das etwas ganz Anderes. Auch Damen der höchsten Stände in Europa haben zu ihrer Unterhaltung Handarbeiten betrieben, Blumen, Pappsachen, Verzierungen auf Glas- und Holzwaaren und tausend andere Dinge gemacht. Wir hier brauchen solche Sachen nicht, und wenn wir dafür Cigarren machen, kann Niemand etwas Ungehöriges darin sehen. Selbst der Baron fand das in der Ordnung.« »So hast Du schon mit ihm darüber gesprochen?« »Ja,« sagte die Gräfin nach einigem Zögern – »vor mehreren Tagen kam einmal das Gespräch darauf.« »Und wird er sich dabei betheiligen?« fragte Helene schnell. »Nein,« erwiderte die Gräfin wieder zögernd; »der Mann war stets zu unpraktisch. Er hat nicht den geringsten Sinn für ein wirklich nutzbringendes Unternehmen, und da ist es auch viel besser, daß man gar nicht mit ihm beginnt; man hätte sonst ewig nur Klagen und Vorwürfe zu hören.« »Und wer sonst – meinst Du – würde auf einen solchen Plan eingehen?« fragte die Tochter und sah ihre Mutter scharf dabei an. Die Gräfin hatte sich halb abgewendet und beschäftigte sich an ihrem Nähtische damit, ein aufgerolltes Knäuel schwarzer Seide wieder in Ordnung zu bringen. »Ich glaube,« sagte sie und wandte dabei den Kopf lächelnd der Tochter zu – »der Himmel selber hat uns einen Bundesgenossen gesandt, der am Ende der rechte Mann dazu sein dürfte.« »Unser Gast?« »Derselbe. Er wünscht sehnlichst, wie er mir wieder und wieder gesagt hat, irgend etwas in Brasilien zu beginnen, wodurch er nicht allein eine Beschäftigung findet, sondern auch Geld verdienen kann, und ich denke fast, daß mein Plan für alle beide von Nutzen sein könnte. Meinst Du nicht?« »Ich weiß nicht,« sagte Helene, »es ist mir ein Gefühl, als ob wir der Sache keinen rechten Ernst entgegenbringen könnten – als ob eigentlich andere Kräfte dazu gehören müßten, etwas Aehnliches zu beginnen.« »Aber ich begreife Dich gar nicht.« »Und wie wird sich Oskar hineinfinden?« »Wie ihn die Notwendigkeit zwingt,« sagte die Gräfin entschieden. »Ich habe ihm seinen Leichtsinn jetzt lange genug nachgesehen, aber meine Kräfte sind erschöpft. Ich bin nicht mehr im Stande, sein müßiges Leben zu unterstützen, und er muß eben arbeiten, wenn er existiren will. Dafür sind wir nun einmal in Brasilien.« »Er wird schwer an eine regelmäßige Beschäftigung zu gewöhnen sein,« seufzte Helene; »es ist ihm zu viel die ganzen langen Jahre hindurch nachgesehen worden.« »Das muß eben anders werden,« sagte die Gräfin, »und ich habe die feste Hoffnung, daß er das selber fühlt, indem er schon sein Reitpferd verkauft hat. Das Geld dafür ist allerdings nur ein sehr kleines Capital, aber es ist immer ein Capital und kann auf weit nützlichere Weise verwandt werden.« Ein lauter, jubelnder Ruf von der Straße aus unterbrach sie hier, und als Beide an das Fenster traten, sahen sie, wie Oskar eben einen sehr hübschen Rappen, der unter ihm sprang und tanzte, gerade vor dem Fenster parirte und ihn auf und ab galoppiren ließ. »Da hast Du die Anlage des neuen Capitals,« sagte Helene ruhig – »ich kenne das Pferd; es hat früher dem Director gehört und ist von ihm um hundertsechzig Milreis verkauft worden. Billiger hat es Oskar auf keinen Fall bekommen und wahrscheinlich noch Sattel und Zaum besonders bezahlt. Das sind die neuen Ersparnisse.« »Ich will doch nicht hoffen!« rief die Gräfin, wirklich erschreckt. Oskar aber war indessen aus dem Sattel gesprungen, hatte sein Pferd, das noch ungeduldig den Boden scharrte, an den Baum unten befestigt und kam jetzt mit flüchtigen Sätzen die Treppe herauf und in's Zimmer. »Nun, wie gefällt Euch mein neues Pferd?« rief er hier triumphirend aus – »nicht wahr, das ist ein Prachtrappe? Jetzt, Helene, wollen wir wieder einmal zusammen reiten, und Du sollst sehen, wie ich Dir mit dem da unten davonlaufe. Sowie Jeremias kommt, soll er Deinen Schimmel satteln, und dann können wir's gleich versuchen.« »Und das Pferd hast Du gekauft? « fragte die Mutter erschreckt. »Nun, glaubst Du, daß es mir Jemand geschenkt hätte?« lachte Oskar – »aber es ist spottbillig. Denke Dir, Helene, ich habe nur sechzig Milreis mehr dafür gezahlt, wie ich für meinen Braunen bekommen habe – sechzig Milreis und Sattel und Zaum dazu, für das Prachtthier! Es ist der beste Renner in der Colonie – aber was habt Ihr denn nur um Gottes Willen? Ihr steht ja Beide da, als ob irgend ein Unglück geschehen wäre!« Die Gräfin hatte sich auf den nächsten Stuhl gesetzt und seufzte tief auf, Helene aber sagte ruhig: »Und wovon willst Du diese sechzig Milreis bezahlen, wenn man fragen darf?« »Fragen darf?« sagte Oskar trotzig – »fragen darf man schon, aber wenn ich Dir nun antworte: Was geht Dich das an?« »Und wenn ich Dich nun frage, mein Herr Leichtfuß?« rief die Gräfin, indem sie mit zusammengezogenen Brauen zu ihm aufsah; »ich hoffe doch, daß ich wenigstens das Recht dazu habe.« »Allerdings, Mama,« lachte Oskar, »denn Du bist ja mein Kassirer – dann werde ich Dir also einfach antworten, das macht Alles meine gütige Mutter ab.« »Und darin könntest Du Dich dieses Mal verrechnet haben!« rief die Gräfin rasch und ärgerlich; »Deine Verschwendung geht in das Bodenlose, und ich habe nicht länger Lust, mich Deinethalben nur immer in neue Sorgen und Verlegenheiten zu stürzen.« »Huih!« sagte Oskar, erstaunt von Mutter zu Schwester und wieder zurücksehend – »da bin ich ja, wie es scheint, zu sehr unrechter Zeit in eine Familienberathung über Wirthschaftsangelegenheiten hineingekommen, wo aller Wahrscheinlichkeit nach ein neuer Hausplan entworfen wird. Bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ich gestört habe« – und seine Mütze aufgreifend, sprang er, so rasch er gekommen, die Treppe wieder hinab, machte unten sein Pferd los, setzte sich auf und galoppirte im nächsten Momente wieder, in voller Flucht und was das Pferd laufen konnte, die Straße hinab. »Das muß anders werden,« seufzte die Mutter, »das muß anders werden, oder der Junge richtet uns vollständig zu Grunde.« » Noch vollständiger?« sagte Helene, und ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen. »Die einzige Möglichkeit,« fuhr die Mutter fort, »ist, ihn durch eine regelmäßige Beschäftigung zu binden. Er soll und muß erst einmal lernen, was es heißt, sich sein Brod selber zu verdienen. Hat er das, dann wird er auch das Geld mehr zu Rathe halten – er wird geizig werden und sparen – Du glaubst es nicht? Du sollst sehen, ich bringe ihn noch dahin, daß er ein Zwanzigerstück dreimal in der Hand herumdreht, ehe er es ausgiebt.« »Und wann soll diese Arbeit beginnen?« fragte Helene, die nur zu oft schon die guten Vorsätze ihrer Mutter, was die Erziehung des Bruders betraf, hatte anhören müssen und ihre vollkommene Gehaltlosigkeit zur Genüge kannte. »Ich will heute noch mit Herrn von Pulteleben sprechen,« sagte die Gräfin, selber gern bereit, das trostlose Thema abzubrechen; »er hat mich ja sogar dringend gebeten, ihm eine Anlage für ein Capital zu rathen; ich bin es ihm sogar schuldig, daß ich ihn von unserem Plan in Kenntniß setze, und ich zweifle keinen Augenblick, er wird mit Freuden zugreifen. Wäre er doch auch ein Thor, wenn er es nicht thäte, denn nicht jedem jungen Fremden wird eine solche Aussicht geboten, wie er nur kaum das fremde Land betreten hat.« »Es ist gut,« seufzte Helene, »gehe nur um Gottes willen sicher in der Ausführung, daß der Fremde nicht später glauben könnte, Du habest nur sein Geld zu Deinen Zwecken benutzt; es wäre fürchterlich, wenn es fehlschlüge.« »Es schlägt nicht fehl, Helene, oder ich müßte zum ersten Mal in meinem Leben in – doch, es ist nicht nöthig, Weiteres darüber voraus zu bereden. Laß mich jetzt allein, mein Kind, ich werde das Mädchen hinausschicken und unsern Gast ersuchen lassen, zu mir zu kommen. In einer Stunde ist Alles abgemacht. Noch Eins,« fuhr sie fort, als sich Helene schweigend wandte, um ihr eigenes Zimmer aufzusuchen – »wer ist denn jener unverdrossene Violinspieler, der Dir fast jeden Abend ein kurzes Ständchen bringt?« »Gott weiß es!« sagte Helene achselzuckend – » ich wenigstens kenne ihn nicht. Er spielt übrigens vortrefflich!« »Von den Neuangekommenen kann es Niemand sein, denn wenn ich nicht irre, war er schon den Abend vorher unter Deinem Fenster. Er muß also jedenfalls in die Ansiedelung gehören.« »Möglich.« »Und hat Dir Niemand hier besondere Aufmerksamkeit erwiesen?« »Niemand.« »Sonderbar – Oskar, der Uebermuth, hat sich neulich um den Garten geschlichen, um den nächtlichen Musikanten zu entdecken, aber ich weiß nicht, was ihm geschehen sein muß, denn er kam ganz still wieder zurück und sagte, er hätte ihn nicht gefunden, was eigentlich kaum möglich ist. Diese Aufmerksamkeit fängt an, mir lästig zu werden; ich werde sie mir nächstens einmal verbitten.« Helene antwortete nicht, sondern nahm ihr Buch auf und schritt ihrem eigenen Zimmer zu. 11. Künstler. Direktor Sarno hatte in diesen Tagen so außerordentlich viel zu thun gehabt, daß er sich mit seinem Gaste gar nicht oder doch nur sehr wenig beschäftigen konnte. Alles drängte auf ihn ein – Alles wollte von ihm Hülfe, Rath, Lebensmittel, Colonien, Ackergeräthe und tausend andere Dinge, die er unmöglich Jedem schaffen konnte, und doch that er was in seinen Kräften stand, um vor allen Dingen wenigstens die Familien unterzubringen. Schwartzau war indessen sehr fleißig gewesen und hatte einen ziemlich bedeutenden Landstrich vermessen, auf dem ein großer Theil der erstgekommenen Colonisten untergebracht werden konnte. Aber das half immer noch nicht für den ersten Augenblick, wenn sich jetzt auch wenigstens ein Ende absehen ließ. Die neuen Colonisten mußten damit beginnen, in den ihnen bezeichneten Grenzen einen Fleck »klar« zu machen, um ihr Wohnhaus darauf zu setzen, blieben aber in der Zeit, bis das geschehen, noch immer auf ihr Nachtquartier in der Colonie angewiesen, wobei ihnen das Hin- und Herwandern noch sehr viel Zeit fortnahm. Die meisten der Emigranten bedurften dabei für ihren nächsten Lebensunterhalt der ihnen versprochenen Subsidiengelder, d. h. einer Unterstützung, die ihnen der Staat gab und die sie nur verpflichtet waren, nach einem Zeitraum von fünf Jahren zinsfrei zurückzuzahlen. Aber was kümmerten sich die Leute jetzt um das, was man ihnen etwa nach fünf Jahren wieder abverlangen könne! Ihnen gehörte nur der Augenblick, und was sie deshalb an solchen Unterstützungen aus dem Direktor herauspressen konnten, hielten sie Alles für rein gewonnen und geschenkt, wie sie es ebenfalls dem Director zur Last legten, wenn er soviel als möglich mit den Geldern zurückhielt. Er gönnte es ihnen nur nicht, meinten sie, und wolle es vielleicht gar für sich behalten. Daß er sie selber davon zurück zu halten wünschte, zu viele Schulden zu machen, fiel ihnen gar nicht ein. Director Sarno hatte den Kopf in der That zum Zerspringen voll, und Könnern, der mit seinen eigenen Hoffnungen und Plänen ebenfalls reichlich beschäftigt war, ging ihm schon soviel als möglich selber aus dem Wege. Als er aber gefunden, daß mit der Jagd in der Nachbarschaft wenig oder gar nichts zu machen war, hatte er seine Mappe wieder vorgenommen und vor allen Dingen einen passenden Platz an den nächsten Hängen gesucht, von wo er einen Ueberblick über die Colonie bekam. Daß er dabei Meier's kleine, freundliche Plantage besonders im Auge hatte, mochte er sich im Anfange selber nicht recht gestehen, aber es ließ sich auch nicht lange mehr sogar vor sich selber verleugnen, denn um den Platz umher suchte er den ganzen Wald ab, nur um einen Punkt zu finden, von wo er einen Ueberblick in das Thal gewann, und war endlich glücklich genug, einen vorspringenden Felsen an einem der Bergabhänge aufzufinden, von dem aus er Meier's Besitzthum gerade überschaute, während weiter zu Linken die Colonie Santa Clara mit ihren lichten Gebäuden und rothen Dächern, mit den gelben schmalen Wegen und dunklen Fruchtbaum- und Gebüschgruppen ein ganz freundliches und auch wirklich malerisches Bild zeigte. Allerdings waren ihm hier noch ein paar Palmen und Baumwipfel im Wege, welche zum Theil die ungestörte freie Aussicht verdeckten, aber auch das ließ sich mit geringer Arbeit beseitigen. Selber im Gebrauche der Axt tüchtig eingeübt, stieg er am nächsten Morgen wieder mit einem solchen Werkzeuge zu seinem Waldes-Atelier hinauf, markirte sich die im Weg stehenden Stämme und ging dann scharf an die Arbeit um sich freie Bahn zu schaffen. Noch vor Dunkelwerden war das auch geschehen und die kleine Felsplatte da oben jetzt so weit freigelegt, daß er am nächsten Morgen seine Arbeit, von keinem Hindernisse mehr gestört, beginnen konnte. Etwa um zehn Uhr Morgens stieg er, seine Mappe auf dem Rücken, seinen Stock in der Hand und ein keines Beil im Gürtel, auf einem schmalen, zum Theil selber ausgehauenen Stege bergan, und fast unbewußt nickte er, als er den offenen Platz erreichte und das untere Thal mit seinen bewaldeten Seitenhängen vor sich liegen sah, freundlich nach der Stelle hinüber, wo Meier's Chagra lag – hatte sein Blick sie doch schon lange, selbst durch die Büsche hin, gesucht! So schaute er denn still und schweigend dort hinüber, und sein Auge haftete unverwandt auf dem Einen Punkte. Endlich, wie mit Gewalt die Gedanken zurückdrängend, schüttelte er sich das Haar aus der Stirn und wollte sich eben nach dem schon ausgesuchten Platze wenden, um seine Arbeit zu beginnen, als sein Blick auf eine dort ausgestreckte menschliche Gestalt fiel. Es war ein Mann in, wie es schien, anständiger Kleidung, der hier auf der Brust, das Gesicht im Grase und den einen Arm lang ausgestreckt, regungslos lag. – War er todt? – Wirres schwarzes Haar hing ihm um die Schläfe, daß sich die Züge nicht erkennen ließen – und die eine Hand – Könnern blickte überrascht zu der Gestalt zurück, denn die Hand war zart und weiß, als ob sie einem Mädchen gehöre – die Mappe und seinen Stock jetzt in das Gras legend, bog er sich zu dem vor ihm Ausgestreckten nieder, um zu sehen, ob noch Leben in dem Körper sei. Kaum berührte aber seine Hand die Schulter desselben, als der vermeintliche Todte den Kopf hob, Könnern anstarrte und sich dann langsam aufrichtete. »Fehlt Ihnen etwas?« fragte Könnern, als er die dunkeln Augen eines jungen Mannes auf sich haften sah. »Nein« – lautete die Antwort – »ich war nur müde – gedankenmüde geworden und hatte mir die heiße Stirn ein wenig kühlen wollen. Haben Sie den Platz hier ausgehauen, daß man den freien Blick über da unten gewinnt?« »Ja,« sagte Könnern, den Fremden noch immer halb erstaunt betrachtend, denn er konnte aus der eigenthümlichen Erscheinung desselben nicht recht klug werden. – »Ich glaube, der Punkt hier eignet sich vortrefflich dazu, um von hier aus die Colonie und ihre nächste Umgebung aufzunehmen.« »Vortrefflich,« erwiderte der Fremde, sich mit der Hand über die Stirn fahrend, »Sie sind Maler? Aber dort hinüber fehlt Ihnen noch ein kleiner Theil. – Sehen Sie da durch den Wipfel jener dünnen Palme das helle Haus mit dem kleinen Erker oben drauf? Sollten Sie Santa Clara zeichnen und das Haus verdecken?« Könnern wußte nicht recht, was er aus dem Benehmen des Fremden machen sollte. Dieser aber, ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr fort: »Ach, wie ich sehe, haben Sie ein kleines Beil bei sich, damit geht es besser als mit meinem Messer, mit dem ich schon versucht habe die Palme zu fällen. – Geben Sie mir das Beil – ich mache Ihnen Raum.« Der junge Maler mochte dem so eigenthümlich gestellten Verlangen nicht entgegentreten, und während der Fremde mit ordentlicher Hast nach dem Beil griff und die wenigen Schritte den Hang hinabkletterte, folgte er ihm, damit die junge Palme nicht falsch geworfen würde und ihm vielleicht einen andern wichtigen Punkt verdecke. Er traute dem Fremden eben nicht viel praktische Erfahrung im Baumfällen zu. Dieser hackte unerbittlich auf den schlanken Stamm los, und Könnern sah zu seinem Erstaunen, daß er wirklich schon mit dem Messer tiefe Einschnitte in die Rinde gemacht, die Arbeit aber endlich als eine zu mühsame aufgegeben hatte. Als die Schläge den Baum trafen, fielen die schweren Tropfen, die der Nachtthau darauf geworfen, von den Blätternieder. Der Fremde hielt ein, stützte sich mit dem linken Arm gegen den Stamm und sagte traurig: »Der Mensch ist doch eigentlich ein recht grausames Geschöpf und vernichtet, wohin sein Fuß nur tritt, wohin er die Hand nur ausstreckt, erbarmungslos, was ihm im Wege steht. – Sehen Sie, wie der armen Palme die Thränen von den Wimpern fallen. So jung und schon sterben – so schön und in der Blüthe ihrer Jahre zu Boden geworfen werden – zu Boden, zwischen Gras und Lianen, die sie in wenigen Monaten bedecken und umranken werden! – Aber was kann's helfen,« setzte er nach einigen Secunden rasch und fast wild hinzu, indem er das Beil wieder aufgriff – »weshalb soll der Baum gerade leben und im Sonnenlichte seine Arme dem Glück entgegenbreiten? Fort mit dir, Bursche, du stehst Anderen im Wege! Was nützen uns deine Thränen, dein Herzblut wollen wir haben; in dein Mark hinein wollen wir dringen, und wer der Bitte nicht nachgiebt, ei, den zwingt zuletzt die Gewalt!« – und mit raschen, schlecht gezielten Schlägen hackte er wieder auf die junge Palme ein, aus der er aber doch Span auf Span heraushieb, bis sich endlich der schwere Wipfel langsam zu neigen begann und der Baum in das Gewirr von niederen Büschen und Ranken hineinsank. »Da liege und träume,« sagte der wunderliche Fremde – »und du bist immer noch glücklich dabei,« flüsterte er, von Könnern ungehört, dazu, »denn du stirbst ihretwegen! « Einen Augenblick stand er und schaute sinnend auf den gefällten Baum, dann aber, wie seine Gedanken gewaltsam abschüttelnd, sprang er empor, schwang das Beil in die Luft und rief: »So, mein lieber Herr Maler, das letzte Hinderniß ist beseitigt, nun können Sie ungestört an Ihre Arbeit gehen!« Könnern hatte dem sonderbaren Wesen und Treiben des Mannes schweigend zugesehen und zerbrach sich dabei den Kopf, wer der Fremde wohl eigentlich sein und was er treiben könne, denn der Anzug gab, wie er recht gut wußte, in den Colonien nur selten den Maßstab für den Mann selber. Die feinen, fast zarten Hände verriethen, daß er noch nie eigentlich schwere Arbeit gethan, und die Ungeschicklichkeit, mit welcher er den jungen Baum fällte, bezeugte das ebenfalls. – Was trieb er denn, um seinen Platz hier in der Colonie auszufüllen?« Der Fremde aber ließ ihm nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen und schien sonderbarer Weise selber das größte Interesse an der Malerei zu nehmen. Er drängte wenigstens zum Beginne derselben und half bereitwillig Alles vorrichten, was Könnern seine Arbeit erleichtern konnte. Dann, als der junge Mann seine Mappe öffnete und seine Arbeit wirklich in Angriff nahm, streckte er sich neben ihm auf dem moosbewachsenen Steine aus und schaute in tiefem Sinnen lange auf die vor ihnen ausgebreitete, wahrhaft wundervolle Landschaft. Könnern, vollständig mit seiner Arbeit beschäftigt, hatte seine Nähe schon fast ganz vergessen und entwarf rasch und mit kecken Strichen die Umrisse des kleinen, freundlichen Bildes als der junge Mann an seiner Seite plötzlich mit leiser Stimme fragte: »Glauben Sie an Träume?« Er hob dabei das bleiche, ausdrucksvolle Antlitz zu dem Maler und schaute ihn mit den dunkeln Augen scharf und forschend an. »Nein,« lächelte Könnern, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen. Er zeichnete gerade Meier's Haus, das eigentlich den Vordergrund zu der Skizze bilden sollte, und wieder und wieder flog sein Blick hinüber. »Ich dachte es mir,« erwiderte ruhig der Frager und ließ den Kopf wieder sinken – »die wenigsten Menschen glauben an Träume und doch sind sie nur zu oft das Spiegelbild unserer Seele, von der wir allein auf diese Weise etwas zu sehen bekommen können.« »Das wäre ein eigenthümliches Spiegelbild,« lachte Könnern kopfschüttelnd, »das mir etwas zeigt, an das meine Seele das ganze Jahr nicht gedacht hat. Ist man denn im Stande, das zu träumen, was man sich ersehnt?– nie! Wir mögen unsern Geist den ganzen Tag mit festem und entschiedenem Willen auf einem Punkte festhalten bis zum Schlafengehen, ja, bis sich die müden Augen schließen, und Zehn gegen Eins, der Traum springt mit uns nach irgend einer andern Gegend hinüber und bringt uns die verwirrtesten, fremdesten Bilder – doch nie das Verlangte. Aber wie kommen Sie auf solche Ideen und was haben wir hier überhaupt mit einem Traum zu thun? Liegt nicht die Wirklichkeit um uns her so wunderbar schön – viel schöner, als sie uns ein wirrer Traumgarten bieten könnte?« »Ach, ich träume immer so schwer!« sagte der Mann mit einem recht aus tiefster Brust herausgeholten Seufzer, indem er mit der flachen Hand seine Stirn preßte – »und wenn ich dann aufwache – aber Sie haben Recht,« brach er kurz ab. »Zum Orkus mit den Träumen! Wir wollen uns lieber mit der Wirklichkeit beschäftigen, die uns ja auch nur wie ein Märchentraum umgiebt. – Sehen Sie hier, da hat sich der dünne grüne Stiel mühsam aus der engen Felsspalte herausgearbeitet, nur um ein einziges riesengroßes Blatt zu treiben, und da der Cactus – sehen Sie den Cactus an – sind Sie Wohl im Stande, sich eine vegetabilische Katze zu denken? – Das ist eine. – Sehen Sie, wie jener Cactus auf den vom Sturme geworfenen jungen Stamm gesprungen ist und sich daran festgeklammert hat. Die Wurzel des armen Baumes hängt noch zum Theil im Boden und er hätte daraus Jahre lang seine Nahrung ziehen und seine Schößlinge nach oben treiben können – wie es mancher arme umgeworfene Baum thun muß – aber nein, der Cactus sprang auf ihn; sehen Sie, wie er ihn überall mit seinen gegliederten Armen umspannt und preßt, und da aus der Wunde, in die er sich eingebohrt, hat er ihm den Lebenssaft langsam, aber sicher ausgesogen. Es ist merkwürdig, daß wie selbst in dem Leben der Pflanzenwelt so häufig sprechende Aehnlichkeiten mit den Charakteren, mit dem ganzen Treiben unserer Menschenwelt finden – wenn wir nur eben ein Auge dafür haben – und ich glaube fast, ich kenne einen ganz ähnlichen Cactus und« – setzte er langsamer und wie scheu hinzu – »kenne auch den todten Baum, dem er das Herzblut ausgetrunken.« Könnern war mit dem Auge dem ausgestreckten Arme seines neuen Bekannten gefolgt, und er mußte gestehen, daß der Vergleich ihm selber merkwürdig treffend schien. Der junge Baum war umgeweht und der daraus gewachsene Schmarotzer-Cactus sah wirklich so aus, als ob er den Stamm gierig und fest umklammert hielt, einem Raubthiere gleich, das sich auf ein gestürztes Stück Wild geworfen. »Und da drüben,« fuhr der Fremde fort – »sehen Sie die Rebe, die sich an den Baum schmiegt und von ihm genährt, getragen und gehalten wird? – Es ist nicht das Bild der Liebe, wie es auf den ersten Blick erscheinen möchte – es ist der falsche Freund , der den Umgarnten hält und in seiner treulosen Umarmung endlich erstickt. – Aber ich halte Sie von Ihrer Arbeit ab,« unterbrach er sich wieder – »das war mein Wille nicht. – Lieber Gott, es ist doch eigentlich recht traurig, daß ich immer und immer wieder nur allen Menschen im Wege sein muß!« – Er warf sich bei diesen Worten auf den Stein nieder, lehnte die Stirn auf seinen Arm und lag viele Minuten still und regungslos. Könnern zerbrach sich noch immer den Kopf, was er aus seiner neuen Bekanntschaft machen solle, denn manchmal kam es ihm so vor, als ob er es mit einem halb Wahnsinnigen zu thun habe und dann auch wieder verwarf er den Gedanken und hielt den Fremden nur für einen Unglücklichen, der, in seinen Hoffnungen und Erwartungen getäuscht, Bitterkeit gegen das ganze Menschengeschlecht im Herzen trage, diesem Gefühle aber auf seine eigene barocke Weise Raum gebe. Es that ihm aber auch wieder leid, daß sich der Fremde seinetwegen Vorwürfe machen solle, und er sagte freundlich: »Machen Sie sich deshalb keine Sorge. Sie sind mir nicht im Geringsten im Wege und stören mich gar nicht. Im Gegentheil, es ist ganz angenehm, bei der Arbeit Jemanden zu haben, mit dem man plaudern kann, und in der Colonie habe ich bis jetzt leider noch Wenige getroffen, mit denen es sich der Mühe lohnte.« Der Fremde richtete sich langsam auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht und sagte dann: »Ich danke Ihnen; Sie sind wenigstens nachsichtig mit meinem Geschwätz. Aber ich will Ihre Geduld auch nicht mißbrauchen – vielleicht vertreibe ich Ihnen die Zeit auf eine andere Weise« – und mit den Worten selbst trat er in das nächste Gebüsch und Könnern sah zu seinem Erstaunen, wie er von dort eine Violine nahm und sie stimmte. »Sie sind Musiker?« fragte er. »Musikant – ja,« lachte der Fremde bitter vor sich hin – »ich darf den Bauern zum Tanz aufspielen und den Jungen die Griffe lehren und mir die Ohren zerreißen lassen, wenn sie mit den dicken, gefühllosen Fingern auf allen Saiten zugleich herumtappen« – und damit strich er wild in die Saiten, bis sich sein Aerger in den Tönen des eigenen Instrumentes milderte und er zu einem weichen, meisterhaft gespielten Adagio einlenkte. Könnern lauschte entzückt dem Spiel des Fremden, und als dieser endlich innehielt und sein Instrument in tiefen Gedanken neben sich auf den Boden stemmte, sagte er freundlich: »Sie sind mehr als Musikant, mein lieber Freund, und wie Sie sich auch hier Ihr Brod verdienen müssen, Ihr Spiel verräth den Künstler.« »Künstler,« lachte der Fremde und warf sich die Haare wieder aus der Stirn – »es ist ein wunderlicher Name und ich habe mir schon oft den Kopf darüber zerbrochen, weshalb man derartige Leute Künstler nennt – doch wohl nur deshalb, weil sie sich mit einem solchen Instrumente nur höchst künstlich am Leben erhalten und vor dem Verhungern schützen können. Künstler – der Name hat etwas Vogelfreies in der Bedeutung, selbst in dem Doppelsinn des Wortes – eine wunderliche Brüderschaft mit ihren Auswüchsen von Seiltänzern, Taschenspielern und Bänkelsängern. – Man sagt, das Handwerk habe einen goldenen Boden und was hat die Kunst? – Einen vergoldeten Deckel, und darunter liegt Jammer und Elend, Hunger und Noth, Neid und Bosheit. – Wenn ich einen Knaben hätte, er müßte mir ein Handwerk erlernen und wenn er das geringste Talent zu einer sogenannten »Kunst« verriethe, drehte ich ihm mit kaltem Blute selber den Hals um.« »Und doch sitzen hier oben auf dem einen alten Felsblock zwei lebendige Wesen, die der nämlichen vogelfreien Gilde angehören,« lachte Könnern. »So treffen sich die Menschen in der Welt,« sagte der Fremde leise, »wandern eine kurze Strecke eine und dieselbe Bahn und trennen sich wieder, um an verschiedenen Orten ihr eigenes Grab aufzusuchen – wunderliches Leben das!« – und wieder sein Instrument aufnehmend, überließ er sich ganz seinen wilden Phantasien. Könnern unterbrach ihn auch nicht darin und zeichnete fleißig weiter, bis er die erste Anlage seiner Skizze vollständig beendet hatte und aufstand, um seine Mappe zu schließen. »Sind Sie fertig?« fragte der Violinspieler und sprang ebenfalls auf. »Noch nicht, aber doch mit der Anlage. Wie finden Sie die Skizze?« Der Fremde warf einen flüchtigen Blick darüber hin, und dann die vor ihnen ausgebreitete Gegend mit dem Auge überfliegend, sagte er, wieder zu der Zeichnung zurückdeutend: »Da liegt die Palme, die wir erst gefällt und gleich darüber, in die Blüthenbüsche hineingeschmiegt – doch fort, was kümmern mich die Leute, und daß ich immer dorthin zurück muß, kann ich's ändern? – Ha, da ist das Directionsgebäude und die Kirche, wo die Bauern Sonntags ihre Gesangbuchsverse abbrüllen und das Andacht nennen. Dahinter liegt der kleine dunkelgrüne Hügel – da das Schulhaus, wo hinein sie mich bannen wollten, wenn ich nicht eben vogel frei gewesen, und hier im Vordergrunde die Höhle des alten Mannes mit den weißen Haaren, der vollkommen Recht hat, daß er die Menschen haßt und scheut, und nur dabei vergißt, daß er ein anderes, junges Leben ebenfalls in seiner Gruft vergräbt.« »Sie kennen den alten Meier?« fragte Könnern rasch. »Ich kenne ihn,« sagte der Fremde ruhig, »und habe ihn manchmal gesehen, wie man den Panther sieht, wenn man durch den Wald streift – wie einen Lichtschein durch die Büsche und fortl Aber das ist keine Natur, die mir zusagt, ich hasse Vögel im Bauer, und nur draußen in der Freiheit – da – sehen Sie dort?!« unterbrach er sich rasch und deutete mit ausgestrecktem Arm in die Ansiedelung hinab, »sehen Sie, wie der Schimmel dort unten durch die Straßen fliegt? – sehen Sie, wie die Locken der Amazone wehen, wie ihr Auge blitzt, wie die Wangen vom scharfen Ritt geröthet sind und die kleine Hand das Thier unter sich doch immer zu noch schärferer, wilderer Flucht antreibt? – Ach, das ist Musik, wenn das muthige Roß den Boden mit den Hufen schlägt – das ist Musik, wenn ihr fröhliches Lachen durch die Seele dringt und die Brust mit Wonne und Jubel füllt! Das Andere, was wir Musik nennen,« setzte er langsamer und finster hinzu, »ist nur eine Art von musikalischem Lärm – ein Mißton in der Harmonie der Natur – gehen Sie mir mit solcher Musik!« Und ohne eine weitere Antwort des jungen Malers abzuwarten, ja, ohne ihn weiter zu beachten oder Abschied von ihm zu nehmen, stieg er mit seiner Geige mitten in das Dickicht hinein, um sich seinen Weg nach der Ansiedelung hinab direct zu bahnen. Könnern, der Anfangs dem ausgestreckten Arme des Fremden mit dem Blicke gefolgt war, hatte in der von hier aus ziemlich fern gelegenen Colonie nur eben drei Reiter erkennen können, die in voller Flucht die breite Hauptstraße hinabsprengten. Einer von diesen ritt einen Schimmel, weiter ließ sich aber natürlich auf solche Entfernung nichts erkennen. Jetzt sah er erstaunt und kopfschüttelnd seinem neuen Bekannten nach, der ihn auf so rasche und schroffe Art verließ. Aber nicht gesonnen, sich ihm aufzudrängen, wenn er sich auch fest vornahm, unten in der Colonie nähere Erkundigungen über ihn einzuziehen, packte er sein Zeichenbuch ebenfalls zusammen und stieg langsam auf dem von ihm selber ausgehauenen Weg in die Colonie zurück.   In der einen Querstraße Santa Claras, am westlichsten Ende der Ansiedelung, wo sich der bebaute Platz schon nach den Bergen hin zu heben begann, stand ein kleines, ziemlich ärmlich aussehendes Häuschen mit drei Fenstern und einer Thür und unter dem Ziegeldache einer Bodenkammer. Aermliche Häuser gab es nun zwar in Santa Clara genug, aber die meisten sahen doch wenigstens reinlich aus, und wenn sie auch keinen Reichthum verriethen, zeigten sie doch fast alle das Streben der Insassen nach einer gewissen Wohnlichkeit, die sich auch durch das einfachste Material herstellen läßt, wenn nur eben Alles sauber und in Stand gehalten wird. Es bedarf nicht immer künstlich zugehauener Steine und werthvoller Hölzer; ein Topf weiße Farbe, und ein Scheuerlappen verrichten oft vortreffliche Dienste, nur muß der gute Wille und das Gefühl dafür vorhanden sein. Hier schien das Alles zu fehlen. Der weiße Anputz des Hauses war lange von Wind und Wetter heruntergewaschen, die Fensterscheiben waren an vielen Stellen zerbrochen und an der Wetterseite mit Papier nothdürftig verklebt. Das Staket des kleinen Gartens, in dem nur Unkraut groß gezogen wurde, lag an mehreren Stellen niedergebrochen; im Dache fehlte hier und da ein Ziegel, und der Regen ward durch untergeschobene Späne an solchen Stellen nothdürftig abgehalten, sich seinen Weg in's Innere zu bahnen. Ebenso sah es vor dem Hause selber aus. Wo fast alle anderen Ansiedler gar nicht schwer zu erlangende Steinplatten gelegt, die wenigstens einen trockenen und reinlichen Eingang in den Hausflur bildeten, hatte der Besitzer dieses Hauses bequemer zu erreichendes Material verwandt und nur einige Körbe voll Späne, die das Feuerholz geliefert, oben auf den weichen Lehm geschüttet und nach und nach hineintreten lassen oder selber hineingetreten. Aber diese waren nicht einmal erneuert worden und dadurch Stellen entstanden, die man bei nasser Witterung nur mit größter Vorsicht passiren konnte. Nichtsdestoweniger prangte über der Thür ein mächtig großes Schild, das fast die Hausbreite einnahm und den Raum zwischen Thürsims und Dach vollständig ausfüllte. Auf dem standen mit in die Augen springenden Buchstaben die Worte: Bekleidungs-Akademie von Justus Kernbeutel, Kleiderkünstler für Herren, und Zimmermaler. Justus Kernbeutel selber saß unter seinem Schilde an einem der offenen Fenster auf seinem Zuschneidetische und hatte ein Paar alte breitgestreifte Hosen vor sich auf dem Schooße, auf die er eben in Ermangelung eines ähnlichen Stoffes einen violet carrirten Flicken setzte, während in dem andern Zimmer auf einem Herd, der eine ganze Sammlung von schmutzigen und zerbrochenen Töpfen trug, eine zu der ganzen Umgebung vortrefflich passende Frau das Mittagsmahl bereitete. Meister Kernbeutel oder »Justus,« wie er in der Ansiedelung gewöhnlich glattweg genannt wurde, schien übrigens seiner Arbeit nicht zu eifrig obzuliegen, denn er ließ oft die Nadel ruhen, um etwa Vorübergehenden nachzusehen oder dann und wann auch Einen oder den Andern anzurufen. In ein ordentliches Gespräch ließ sich aber Niemand mit ihm ein, denn Jeder hatte seine bestimmte Beschäftigung und daß Justus keine zu haben schien, kümmerte die Andern eben nicht. Justus sah übrigens auch gar nicht so einladend aus, das Haar hing ihm noch wirr um Kopf und Schläfe, als ob er sich an dem Morgen – etwas sehr Wahrscheinliches – noch nicht einmal gewaschen hätte, und ein paar blutige Striemen in dem von Leidenschaften gefurchten, unrasirten Gesicht dienten ebenfalls nicht dazu, ihn zu verschönern. Sein Humor schien aber dafür desto besser; er pfiff fortwährend bei der Arbeit, aber ob aus eigener fröhlicher Laune, oder vielleicht die Vorübergehenden und die Nachbarn wissen zu lassen, daß er sich den Henker um Einen von ihnen schere, ließ sich nicht genau erkennen. Es kümmerte sich auch Niemand darum. Da kam ein einzelner Fußgänger langsam die Straße herauf, er hatte die Mütze, mit einem Tressenbande darum, schief und herausfordernd auf dem linken Ohr, beide Hände in den Taschen einer alten Militärhose, die Weste um einen Knopf zu hoch eingeknöpft und den blauen Leinwandrock fleckig und an der Schulter eingerissen, außerdem aber eine kurze, schmutzige Porzellanpfeife im Munde und einen roth und grünen Tabaksbeutel vorn im Knopfloch hängen. Wie er dem Hause gegenüber war, blieb er stehen und las das Schild, besah sich dann aufmerksam den am Fenster sitzenden Eigenthümer, ging ohne Weiteres zu ihm hinüber, lehnte beide Arme auf das Fensterbrett und sagte: »Guten Morgen, Schneider, wie gehts?« Es giebt in der Welt eine Physiognomik, die wie die Freimaurerei ihre gewissen Zeichen unter sich hat, und nach der sich verwandte Charaktere oft wie durch eine Art von Instinct zu erkennen scheinen. Im Guten wie im Bösen zeigt sich das, und wie sich ein braver, rechtlicher Mann von dem offenen und ehrlichen Augen eines oft ganz Fremden angezogen fühlt, so kann der Lump oder Verbrecher gerade das offene und ehrliche Auge nicht leiden, fühlt sich aber augenblicklich heimisch, wo er die Gewißheit findet, das zu treffen, was er selber zu seinem eigenen Wohlbehagen braucht: Genossenschaft im Laster und ein schlechtes Gewissen. Zu dem Ersten müßte er aufblicken, das ist ihm unbequem – zu dem Andern sagt er Du – wenn auch nicht immer gleich wörtlich, doch immer gleich im Geiste, und die Gesellschaft ist ihm gerade recht. »Guten Morgen, Schneider, wie geht's?« redete auch deshalb der Fremde den am Fenster sitzenden Justus an, als ob sie seit Jahren Freunde gewesen wären, und nicht erst heute oder gestern erfahren hätten, daß sie gegenseitig auf der Welt wären – »immer so fleißig?« »Muß ja wohl,« lautete die für jetzt noch ausweichende Antwort des Arbeitenden, dem der Fremde zu rasch gekommen war, um sich gleich in ihn hinein zu finden; »wohl erst neulich angekommen?« »Mit dem Schiff – ja. Hübsch hier in Brasilien, wie?« »Wem's gefällt, ja,« lautete die Antwort; »aber Donnerwetter, wie ist mir denn? Das Gesicht sollt' ich doch kennen – bist Du denn nicht der Bursche, Kamerad, den die vornehme Gesellschaft da neulich beim Bier hinausfuhrwerkte? Hast wohl noch keine Zeit gehabt, Dir den Rock wieder zu flicken?« »Hm,« brummte der Fremde, dem die Erwähnung jener Scene eben nicht besonders angenehm zu sein schien; »wenn zehn Lümmel über Einen herfallen – hübsche Gastfreundschaft hier bei Euch, das muß wahr sein, und Du hast vielleicht auch mit angefaßt?« »Doch nicht,« sagte Justus kopfschüttelnd – »hol' sie der Teufel, die Canaillen, mir sind sie eben so wenig grün und ich hab' gerade eine solche Kreide gegen sie.« »Oho!« lachte der Fremde, der dadurch neues Vertrauen faßte – »aber was hilft's? Viele Hunde sind des Hasen Tod, und wenn die Meute zusammenhält, wer kann dagegen?« »Deshalb muß man warten, bis man sie einmal auseinander trifft, und nachher seine Zeit wahren, aber wo kommst Du her?« »Vom Rhein,« sagte der mit der Tressenmütze. »Und was hast Du für ein Geschäft oder Handwerk?« »Keins von beiden,« brummte der Bursche, sich bequem mit dem Kinn auf seine beiden Arme lehnend. »Schafskopf!« sagte auf einmal eine deutliche Stimme dicht hinter dem Schneider, der sich rasch und erschreckt umsah und die Nadel fallen ließ, als er keinen Menschen hinter sich erblickte. »Nanu?« rief er ordentlich bestürzt aus und fuhr auf seinem Stuhle herum – »da hätt' ich denn doch darauf schwören wollen, daß Jemand dicht hinter mir schimpfte. Hast Du nichts gehört?« »Ich?« sagte der Fremde gleichgültig – »gar nichts. Was war's denn?« »Na, das ist aber doch merkwürdig,« meinte der Schneider kopfschüttelnd – »ich habe ganz deutlich gehört, wie Jemand sagte ...« »Schafskopf!« ertönte die Stimme noch einmal, und der Mann fuhr von seinem Tische herunter, als ob er auf glühendem Eisen gesessen hätte. Jetzt hielt sich aber auch der Fremde vor dem Fenster nicht länger und schlug ein so gellendes Gelächter auf, daß Justus sich erstaunt und halb gereizt nach ihm umsah. Der mit der Tresse aber, noch immer lachend, während er sich mit beiden Händen an dem Fensterbrett hielt, rief: »Beruhige Dich nur, tapferer Kamerad – beruhige Dich nur; es ist nicht der Geist irgend eines verschnittenen Tuchrockes, der zu Dir gesprochen, sondern ...« »Ich war's ja selber,« rief wieder eine feine Stimme aus der entferntesten Ecke vor. »Ja, was beim hellen Teufel!« fluchte Justus – »Halunke Du, bist Du denn ein Bauchredner?« Der mit der Tresse lachte noch immer, daß ihm die Thränen von den schmutzigen Backen herunterliefen und Justus, sich wieder auf seinen Tisch setzend, fuhr jetzt selber lachend fort: »Verfluchter Kerl! Habe wahrhaftig einen ordentlichen Schreck gekriegt. Aber komm herein, Kamerad; die Alte wird das Essen gleich fertig haben und wenn Du nicht vielleicht beim Director eingeladen bist ...« »Ein recht vergnügtes und sauberes Pärchen, das muß wahr sein,« unterbrach in diesem Augenblick eine Stimme von der Straße die Unterhaltung der Beiden, und als sie rasch den Kopf danach drehten, ging eben Jeremias mit einem Bündel junger Pfirsichbäume auf der Schulter, die er draußen auf irgend einer Chagra geholt, die Straße hinab. » Dich kümmert's wohl, Du verbrannter Halunke!« rief ihm der Schneider zu, dem beim Anblick seines Feindes die Galle rasch wieder überlief. »Lauf, mein Junge, lauf, sie kommen!« rief in dem Momente eine Stimme dicht hinter Jeremias und dieser drehte rasch und verwundert den Kopf der leeren Stelle zu. »Lauf, mein Bursche, lauf! Sie kommen wahrhaftig!« drängte es auf's Neue und Jeremias, der noch immer keinen Menschen sah, wurde es doch jetzt unheimlich. Er dachte gar nicht mehr an den Schneider und dessen Gesellschaft, sondern schritt schärfer aus und als jetzt gar eine Stimme an seiner Seite laut wurde, die rief: »Halt still, Bursche, halt still! Ich muß eins von Deinen Ohren haben!« fing er herzhaft an zu laufen und stand, von dem jubelnden, wiehernden Gelächter der Beiden verfolgt, nicht eher still, als bis er wieder in die eigentliche Straße und zwischen mehrere Häuser kam. Justus Kernbeutel war aber jetzt rein außer sich vor lauter Vergnügen, seinen ärgsten Feind – denn er haßte den fleißigen und sparsamen Jeremias wie Gift – so angeführt und gejagt zu sehen und der mit der Tresse mußte, er mochte wollen oder nicht, mit zu ihm in's Haus hinein, um an der eben aufgetragenen Mahlzeit Theil zu nehmen. Er fand allerdings nicht viel Appetitliches da vor, denn des Justus »Haushälterin« paßte zu demselben und sie dachte nicht daran, wegen so eines Gastes auch noch Umstände zu machen. Das Tischtuch – ein alter Baumwollenlappen – sah aus, als ob es eine Zeit lang zum Fußteppich vor der Hausthür gedient hätte und war mit Fett Übergossen, die irdene Schüssel nur inwendig ein wenig ausgewischt, und die blechernen Löffel trugen noch die Erinnerung an die letzte Mahlzeit. Der mit der Tresse war aber ebenfalls nicht verwöhnt und es ist sogar möglich, daß er sich vor einem reinen, weißen Tischtuch unbehaglicher gefühlt hätte, als gerade hier. Jetzt fühlte er sich gleich daheim, wischte sich ohne Umstände seinen Löffel an dem nächsten Zipfel des Tischtuches – wenn auch nicht rein, doch trocken, und langte dann tapfer mit in die mitten auf dem Tische stehende Schüssel hinein, in der eine ziemlich reichliche Mahlzeit von klein geschnittenen Kartoffeln und Fleischstücken aufgetragen stand. Während des Essens wurde nicht viel gesprochen. »Wie heißt Du denn eigentlich?« fragte der Schneider seinen Gast. »Bux,« sagte der Mann kauend. »Kurz genug ist der Name,« lachte der Wirth – »und der Vorname?« »Hab' keinen.« »Hast keinen Vornamen? Aber Du mußt doch getauft sein?« »Möglich; aber schon als Junge wurde ich von meinen Alten nur immer Bux genannt, und dabei blieb's. Um Weiteres hab' ich mich nimmer erkundigt, interessirte mich nicht.« »Und die Polizei daheim ließ sich das auch gefallen?« »Bah, was wollte sie machen?« lachte der Bursche – »eine Weile fuhrwerkten sie mich per Schub im Lande herum, um zu erfahren, wo ich zu Hause sei und meine Documente zu bekommen. Nachher fanden sie sich darein, und Bux hieß ich und blieb ich.« Die Frau trug das Essen wieder hinaus, als Alle fertig waren, ohne auch nur eine Silbe zu sprechen – nicht einmal guten Tag hatte sie geboten, als sie in's Zimmer kam. Wie sie den schmutzigen Fetzen vom Tische riß und damit verschwand, sagte Bux, hinter ihr her deutend: »Scheint heute nicht besonderer Laune, das schöne Geschlecht.« »Hausdrache,« meinte Justus lakonisch, »aber – was ich Dich fragen wollte, kennst Du den Lump, der da vorüberging?« »Den ich so hübsch auf den Trab brachte?« fragte Bux, indem er seine kurze Pfeife zwischen die Zähne nahm und aus dem roth und grünen Beutel stopfte. Der Schneider nickte und fuhr dann leise fort: »Das ist der nichtswürdigste Halunke, der im ganzen Ort herumläuft, und hat dabei« – er warf einen Blick zurück, ob die Frau nicht im Zimmer sei – »ganze Säcke voll Silber im Walde vergraben.« »Der?« sagte Bux und hielt erstaunt mit Feuerschlagen inne – »sieht aber wahrhaftig nicht danach aus.« »Und doch ist's wahr,« bestätigte Justus; »der Lump ist mit allen Hunden gehetzt, verdient Geld Hand über Hand und giebt nicht einen Pfennig davon aus. Was er aber zusammenscharrt, steckt er in einen alten Sack und gräbt's irgendwo draußen ein, wo es der Teufel selber nicht finden kann.« »Hm,« sagte Bux, indem er den dicken Qualm aus seiner Pfeife blies und Justus dabei gerade in's Gesicht starrte – »das wäre ein Fund für einen ehrlichen Kerl, wenn man einmal über ein solches Nest stolperte!« »Ja, hat sich was!« brummte der Schneider – »an Unsereinen kommt so 'was nicht – hol's der Böse, ich hab' einmal kein Glück!« »Zu viel Glück in der Liebe!« lachte Bux und Justus murmelte einen lästerlichen Fluch vor sich in den Bart, während der mit der Tresse weiter dampfte. Beide blieben auch jetzt eine Weile mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Endlich nahm Bux das Gespräch wieder auf. »Sollte er wirklich so dumm sein, es draußen im Walde verscharrt zu halten?« »Und warum dumm? Sollt' er's lieber Jemandem borgen?« »Uns Beiden etwa?« lachte Bux. »Draußen liegt's, das ist sicher,« fuhr Justus fort, ohne auf den harmlosen Scherz einzugehen, »und ich – habe auch eine entfernte Ahnung, wo, aber allein ist mit dem Schuft nichts zu machen. Er hat Kräfte wie ein Bär, und ich möchte ihm nicht einzeln in der Gegend in den Weg laufen.« »Und muß er dabei sein? Wenn nun einmal irgend Jemand wo nach Trüffeln gräbt?« fragte der Andere jetzt lauernd, denn sein neuer Kamerad schien mehr zu wissen, als er anfangs selber gedacht. Justus war aber noch nicht recht mit sich im Klaren, denn die Bekanntschaft mochte ihm doch wohl noch zu neu erscheinen, um gleich eine so große Vertraulichkeit zu rechtfertigen. Der mit der Tresse hatte ihn dabei viel zu rasch beim Wort genommen, und Justus, ob er nun wirklich nichts weiter wußte, oder sich noch erst einmal ein derartiges Compagniegeschäft reiflicher überlegen wollte, hielt zurück und gab ausweichende Antworten. Bux dachte ebenfalls nicht daran, ihn zu drängen und nur erst auf die Spur gebracht, brauchte er vielleicht nicht einmal den Schneider zu seiner weiteren Hülfe – er hatte schon andere Dinge möglich gemacht. »Bleibst Du in Santa Clara?« fragte ihn Justus jetzt. »Vor der Hand, ja – muß erst wieder frisches Reisegeld haben, um ein wenig im Land herum zu fahren; nachher lass' ich mich nieder, kaufe mir ein paar Dutzend Mohren und werde Pflanzer.« »Du giebst Wohl Vorstellungen?« fragte der Schneider. »Wollen sehn, was zu machen ist und ob die Leute Geld haben. Sie werden's doch nicht Alle im Walde verscharren?« »Ne, schwerlich,« lachte Justus – »ich wenigstens nicht.« »Na, denn adjes, Kamerad, für jetzt – bin gerade dabei, ein bischen im Orte umher zu horchen, wie die Sache am besten anzufangen ist. Wer könnte Einem denn da Wohl die bequemste Auskunft geben?« »Hm,« sagte Justus nachdenkend – »der Pfarrer.« »Hahahaha,« lachte Bux, da käm' ich gerade an die rechte Schmiede – »ne, Kamerad, mit dem Pfarrer hat mein Geschäft oder meine Kunst, wenn Du willst, nichts zu thun. »Gut, da geh nicht hin,« brummte Justus beleidigt – »wenn Du mir aber folgen willst, gehst Du gerade zum Pfarrer und um Gottes willen nicht zum Director, denn mit dem wär's nichts. Der Pfarrer ist aber ein kreuzfideles Haus, ein Pastor, wie er im Buche steht, der seinen Spaß mitmacht und auch bei Gelegenheit einmal über die Schnur haut.« »Und bist Du wirklich im Ernst?« fragte der mit der Tresse, noch immer zweifelhaft. »Gewiß bin ich,« sagte Justus ernsthaft; »versuch's nur einmal – er beißt nicht.« »Gott straf' mich, dann geh' ich zum Pfarrer!« lachte Bux laut auf – »und wenn's nur des Spaßes wegen wäre, daß der und ich einmal in einem Joche ziehen. Also auf Wiedersehen, Kamerad!« Damit drückte er seinem neu gefundenen Freunde die Hand, rückte seine Mütze wieder auf ein Ohr und schlenderte langsam in die Stadt zurück. 12. Die Maniok-Mühle. Etwa zwölf Legoas die Küste abwärts und eine volle Legoa in den Wald hinein lag eine große, trefflich gehaltene und bestellte Chagra oder Plantage, mit weiten Mais-, Bohnen- und besonders Maniokfeldern, Die Maniokwurzel ist eine der Kartoffel nicht unähnliche Knolle, welche mit Bohnen und Schweinefleisch das Hauptnahrungsmittel der Brasilianer bildet. Sie wächst, als Wurzel eines Strauches, aber nicht rund, sondern lang, nur unter der Erde und oft bis zu Armesdicke, mit einer dünnen, braunen Schale, wie die Kartoffel. Sonderbarer Weise ist sie giftig, wenigstens der Saft derselben, und sie muß deshalb zerrieben und ausgepreßt werden, wonach man das dadurch erhaltene grobe Mehl dörrt und zu den Speisen verwendet. Eine ganz ähnliche Wurzel wie die Maniok und in Strauch und Knolle kaum von ihr zu unterscheiden, ist die besonders in Peru und Ecuador angepflanzte Yuka, welche aber kein Gift enthält und häufig gerne gegessen wird. in welchen letzteren eine Anzahl Neger beschäftigt war, die großen, schweren Wurzeln auszugraben oder, wo das ging, aus dem Boden zu ziehen und auf Haufen zu werfen, während sie die holzigen Büsche ebenfalls zusammenschleppten, um sie zu verbrennen. Dicht an den Feldern und in einem wirklichen Walde von Orangenbäumen lagen die Häuser des Eigenthümers mit den Negerwohnungen, ohne Anspruch auf Symmetrie nach allen Richtungen und Winkeln angebaut. Jedenfalls war es eine sehr bedeutende und umfangreiche Plantage, aber die Wohnungen verriethen das trotzdem nicht, denn etwas Einfacheres als ihre Bauart und Einrichtung ließ sich nicht wohl denken oder herstellen. Die Gebäude selber waren aus Holz und Lehm aufgeführt, mit Schindeln und Schilf gedeckt und wohl mit Fensterlöchern versehen, aber natürlich ohne Rahmen und Glas. Selbst der Boden war nicht gedielt, nicht einmal in der Wohnstube des Besitzers; die Luft konnte überall frei aus und ein und wenn sich einmal der Morgen oder Abend außergewöhnlich frisch zeigen sollte, so wurde nur ein großer Brazero, ein Messingkohlenbecken mit Holzkohlen, mitten in's Zimmer gesetzt und wer zugegen war, kauerte darum her. Eben so einfach wie das ganze Haus waren die Möbel, welche allein aus schlicht gehobeltem Holze bestanden, und statt der Betten dienten auf ein Gestell scharf angespannte Kuhhäute, auf denen ein paar wollene Decken und ein mit wilder Baumwolle ausgestopftes Kopfkissen lagen. Unter jedem Bett aber standen ein Paar Pantoffeln für etwa eintreffende Fremde, denn es scheint fast, als ob sich ein Brasilianer keine Existenz außer in Pantoffeln denken könnte. Er trägt dieselben nicht allein im Hause, sondern auch auf seinen Spaziergängen, ja selbst auf Reisen, und Brasilianer in Schlapppantoffeln zu Pferde sind gar nicht etwas so Seltenes. So viel ist gewiß, sowie er ein Dampfboot betritt, zieht er augenblicklich die ihm lästigen Schuhe aus und seine ihm weit bequemeren Pantoffeln an, selbst wenn die übrigens rein gewaschenen Socken oft an den Hacken sehr bedenkliche Löcher zeigen. Für Bequemlichkeit hat deshalb der brasilianische Pflanzer wohl einen Sinn, für Wohnlichkeit oder Häuslichkeit aber gewiß nicht, und er verwendet sein Geld viel lieber auf ein mit schwerem Silber überladenes Reitzeug oder Pferdegeschirr, als auf den Platz, der ihm und seiner Familie zur Wohnung dient, der also seine Heimath sein sollte – hat er doch nicht einmal ein Wort für Heimath! Dicht an die kleinen Häuser angebaut stand ein großer, auf Pfählen errichteter Schuppen, ebenfalls mit Lehmwänden, einer mächtigen Thür, durch die ein beladener Karren recht gut einfahren konnte und im Innern mit einer vollständigen Mahleinrichtung, die aber trotzdem kaum den dritten Theil des Raumes ausfüllte. Die Mühle selber war nicht ganz in der Mitte angebracht und bestand aus einem sehr einfachen Räderwerke, das weiter nichts als ein mit durchlöchertem Eisenblech beschlagenes Rad trieb. Das Eisenblech war in der Art wie unsere gewöhnlichen Reibeisen, welche sich in jeder Küche finden, nur etwas gröber ausgeschlagen und bestrich einen Kasten oder eine Art von Gefach, in welches die vorher nur abgeschabten Maniokwurzeln eingeschoben wurden. Gerade war wieder ein Karren voll dieser Knollen bis hinein in den Schuppen selber gefahren und dann vorn aufgekippt worden, um die Frucht auf den Boden zu werfen. Dort kauerten augenblicklich vierzehn bis fünfzehn Neger, doch nur wenige Männer, – Frauen und Kinder darum herum mit Messern und Eisen die Knollen abzuschaben, welche dann von anderen Sclaven zu der Mühle getragen und von einem Knaben aufgeschüttet wurden. Indessen war ein kräftiger Stier hereingeführt und mit verbundenen Augen an den senkrecht laufenden Schaft gespannt, welcher das Hauptrad drehte und die hineingeworfenen Wurzeln zerrieb. Das von dem giftigen Safte noch durchdrungene Geschabe wurde dann in grob gewebte Säcke gepackt. An der Seite des Schuppens waren für diese Säcke Pressen angebracht, rohe, starke Holzschrauben mit Löchern zu Hebebäumen, wie sie auf den Schiffen am Gangspill sind. Unter diese kamen die Säcke, unter jede Schraube einer, und wurden erst ein wenig angeschraubt, daß der Saft aus dem Gewebe herauslief, der sich dann unten in einer Rinne fing und in eine Grube lief. Jede halbe Stunde etwa zogen besondere Leute die Schraube fester und fester an, bis der Sack zu der Form eines kleinen Schweizerkäses fest und hart zusammengedrückt und der letzte Saft aus dem jetzt zu Mehl gewordenen Geschabe entfernt war. Hinten an der Wand, auf einer Art von Backofen, stand außerdem eine riesige eiserne Pfanne über dem Feuer. Dort hinein kam das immer noch etwas feuchte Mehl und ein Neger rührte und bewegte es hier ununterbrochen, bis es vollständig ausgetrocknet, in Säcke gemessen und in die Vorrathskammer geschafft werden konnte. Es war ein lebendiges Bild, diese Mühle mit den fröhlich plaudernden Gruppen der Mädchen und Kinder, mit dem geschäftigen Treiben der Sklaven, welche in ihrer Arbeit so regelmäßig gingen, wie der Stier in der Walze drehte, mit der halb nackten Gestalt des Negers an der heißen Pfanne, welchem die Gluth den ohnehin schon warmen Platz noch unerträglicher machen mußte. Die Mühle schien aber auch zu einer gewöhnlichen Wohnstube benutzt zu werden, denn dicht neben der Gruppe der schabenden Mädchen stand ein langer Holztisch mit Stühlen darum her, und eine der Negerinnen kam gerade mit dem Tischtuch herein, um für die nächste Mahlzeit zu decken. Mitten unter den Frauen und Kindern schwarzer Abstammung saßen dazu ein paar weiße Mädchen, mit derselben Arbeit beschäftigt und eine alte Dame in schwarzem Seidenkleid und schwarzer Mantille lehnte dicht daneben in einem großen Rohrstuhl und sah der Arbeit zu, während zwei kleine Negerkinder von zwei und drei Jahren zu ihren Füßen spielten und ihr auch manchmal in ihrem Muthwillen auf den Schooß kletterten. Nur allein in einer Ecke, entfernt von den Uebrigen, saß eine weiße Frau, die in die ganze Umgebung nicht zu passen schien. Sie trug augenscheinlich eine fremde Tracht und auch die lichten Locken stachen gegen die Rabenhaare der übrigen Bewohner auffallend ab. Ihr Gesicht ließ sich aber nicht erkennen, denn sie hatte es mit ihrem Tuche bedeckt – weinte sie? Die Negermädchen unterbrachen manchmal ihre Fröhlichkeit, sahen scheu nach ihr hinüber und flüsterten dann mit einander. Ernste Gedanken konnten aber dieses leichtherzige Geschlecht nicht lange von seinem Muthwillen ablenken und irgend ein hingeworfener Scherz riß wieder alle rasch zu lauter Fröhlichkeit hin. Ein alter Herr in einem dunkeln, langen Rock, aber einen Panamahut auf, betrat die Mühle. Er war jedenfalls ein Geistlicher und der Eigenthümer der Plantage, schien auch die Frau in der Ecke bei seinem Eintritt gar nicht gesehen zu haben, sondern ging zuerst zu den Arbeitern, um sich zu überzeugen, daß die Beschäftigung ohne Störung verliefe, und trat dann zu dem Stuhl der alten Dame, neben dem er sich ebenfalls niederlassen wollte, als eine Handbewegung derselben seine Aufmerksamkeit auf die Fremde lenkte. Langsam drehte er sich nach ihr um, betrachtete sie wohl eine Minute schweigend, schritt auf sie zu und legte seine Hand leicht auf ihren Kopf. Die Frau hob die rothgeweinten Augen zu ihm auf und sah ihn an, und der alte Herr sagte freundlich: »Aber meine liebe Señora, was geben Sie sich immer und immer wieder diesen trüben Gedanken hin? Den Schritt, den Sie gethan, haben Sie aus eigener fester Ueberzeugung und mit freiem Willen gethan; die Gesetze dieses Landes wie die Kirche selber schützen Sie darin, weshalb also nun noch diese Traurigkeit? Frohlocken sollten Sie eigentlich, daß Sie, wenn auch spät, doch endlich zu der rechten Erkenntniß gelangt sind, denn die Bahn liegt jetzt offen vor Ihnen, welche Sie zu Glück und Frieden führen kann.« »Ach, Sie haben ja wohl Recht, ehrwürdiger Herr,« sagte die Frau in ziemlich gutem Portugiesisch – »ich hab' es ja Alles aus freiem Willen gethan – es hat mich kein Mensch dazu gezwungen, aber nun, da es geschehen ist, kommt mir doch immer noch manchmal ein Gedanke, als ob ich doch am Ende unrecht, als ob ich schlecht gehandelt hätte.« »Und kann eine Handlung schlecht sein, die Gesetz und Religion auf ihrer Seite hat?« fragte der Mann. »Ach nein, nein,« sagte die Frau rasch – »es sind ja auch nur manchmal die albernen dummen Gedanken. Sprechen Sie mir nur Trost und Zuversicht ein, lieber Herr, nachher wird schon Alles gut werden. Es ist – es ist mir nur noch Alles hier so neu, so fremd und ich sollte eigentlich recht, recht glücklich sein, denn mein – früherer Mann darf mich jetzt nicht mehr auszanken und schlagen und – ich werde die alte vergangene Zeit ja auch bald vergessen.« »Das werden Sie, liebes Kind,« sagte der Brasilianer, »und sich außerdem auch noch vollkommen ruhig und sicher fühlen können, denn gleich nach dem Essen werden die Pferde kommen, welche Sie nach Santa Catharina bringen sollen. Dort hat Ihr Herr Gemahl eine sehr hübsche Besitzung und Sie werden dort alles Leid, alle Sorgen bald und schnell – vergessen,« setzte er langsamer hinzu und horchte nach der Thür hinüber, von der ein merkwürdiges Geräusch herschallte. Es war fast, als ob Jemand um Hülfe riefe, und in demselben Augenblicke stürzte auch ein Negerjunge herein, auf seinen Herrn zu und rief: »Señor – fremder Mann hat andern fremden Herrn gepackt – hier ,« erklärte er deutlicher und griff sich selber nach dem Halse – »so fest. Ein Señor schreit und andere ...« »Was ist da vorgegangen?« rief der Brasilianer erstaunt, aber die Frau war todtenbleich geworden. Eine Ahnung der Wahrheit schoß ihr durch die Seele und mit gefalteten Händen emporspringend, rief sie aus: »Schützen Sie mich um Gottes willen; das ist mein Mann, der mich aufgefunden hat!« »Hm,« sagte der brasilianische Geistliche – » das wäre möglich, aber haben Sie keine Furcht. Hier kann Ihnen nichts geschehen, denn Sie sind unter meinem Dache.« Er behielt aber keine Zeit weiter, sie zu beruhigen, denn durch die Thür herein flogen noch ein paar Negerjungen und dicht hinter ihnen erschien eine Gruppe, vor welcher die Mädchen erschreckt von ihrer Arbeit aufsprangen und die allerdings mit der bisherigen freundlichen Ruhe des Platzes im grellsten Widerspruche stand. In dem breiten Thore, durch welches erst vor wenigen Minuten wieder der Karren geschoben war, welcher den neuen Vorrath in die Mühle gebracht, erschien unser alter Bekannter, der Colonist Pilger aus Santa Clara, aber nicht mehr der ruhige stille Mann, wie wir ihn dort gesehen, sondern mit erhitztem Gesicht, zornfunkelnden Augen, die dunkelbraunen Haare wirr um die Schläfe hangend, das Hemd durch das Raufen vorn auseinander gerissen: so trat er ein, und seine rechte Hand hatte sich krampfhaft in die Halsbinde des früheren Delegado von Santa Clara gekrallt, den er, weiter gar nicht mehr seiner achtend, hinter sich herschleifte. Der arme Delegado sah bös aus. Seine beiden hübschen Pantoffeln hatte er unterwegs verloren und war in bloßen Strümpfen durch die oft schmutzigen Stellen der Straße hergeschleppt; sein Rock hing ihm nur noch in Fetzen vom Leibe, sein Hemd war zerrissen, sein Hut ebenfalls verloren und im Gesicht blutete er an drei bis vier verschiedenen Stellen. Die Neger, die ebenfalls herbeigesprungen waren, starrten von der Gruppe zu ihrem Herrn, denn sich in den Kampf zweier Weißen zu mischen, schien ihnen nicht räthlich; aber der eine von diesen war doch der Gast des Herrn selber, und dessen Befehl erwarteten sie jetzt. Ehe dieser aber nur einen solchen geben, ja, vielleicht selber einen Entschluß fassen konnte, hatte Pilger's wild umherschweifender Blick die Frau erspäht. In dem Moment war der Gefangene, war seine ganze Umgebung vergessen, und den Portugiesen loslassend, der in Angst und Scham hinter dem Geistlichen Schutz suchte, eilte er auf sie zu und rief: »Margareth! Margareth! und muß ich Dich hier finden?« Er wollte auf sie zugehen und ihre Hand fassen, der Brasilianer aber, der indessen mit ruhigem Blick das Ganze überschaut hatte und den Zusammenhang vollkommen gut begriff, trat zwischen ihn und Margareth, und den Arm gegen ihn hebend, sagte er ruhig: »Halt, lieber Freund – dies ist mein Haus – hier ringsum stehen meine Leute, mir Ordnung zu halten, wenn Jemand dieselbe gegen meinen Willen stören wollte, und ich bitte Sie deshalb jetzt, mir ganz leidenschaftslos zu sagen, was Sie hier wünschen, was Sie hergeführt und weshalb Sie meinen Freund, Dom Franklin, auf so rohe Weise mißhandelt haben.« »Was ich will? Was mich hergeführt?« sagte Pilger, erstaunt zu dem Brasilianer aufsehend, »fragen Sie die Frau da, welche ohne einen Blutstropfen im Gesichte hinter Ihnen steht und sich mit ihren Augen in den Boden eingraben möchte. Wissen Sie, was die Beiden verschuldet, die Frau da und jener blutige Schuft, der dort scheu in die Ecke gekrochen ist?« »Mein Herr,« sagte der Brasilianer ruhig – »Sie häufen da schwere Anklagen auf zwei Leute, welche, was auch früher Ihre Anrechte gewesen sein mögen, jetzt vollkommen unabhängig unter dem Schutz der brasilianischen Gesetze stehen und von keinem Menschen, am wenigsten von einem fremden Protestanten, beleidigt werden dürfen. Bedenken Sie das, oder vielmehr, Sie hätten es früher bedenken sollen, ehe Sie die Hand an einen brasilianischen Bürger legten.« »Und in niederträchtigster Weise hat er mich überfallen!« rief der Delegado jetzt hinter dem Geistlichen vor; »langsam kam ich den Weg entlang, der hier nach der Hacienda führt, als dieser Mensch wie ein Bär über mich her stürzte, mich zu Boden schlug, würgte und mich dann hierherschleppte. Da müßte ja doch keine Gerechtigkeit mehr in Brasilien sein, wenn sich ein brasilianischer Bürger so von einem hergelaufenen Lump behandeln zu lassen brauchte.« Pilger erwiderte kein Wort, aber der Blick, mit dem er auf den zurückweichenden Delegado zuschritt, schien diesem einen neuen und vielleicht gefährlicheren Angriff zu versprechen, als der erste gewesen. Ein Wink des Hausherrn brachte aber die Neger auf diese Seite herüber, hinter denen der Delegado Schutz fand, und Pilger, nur noch einen verächtlichen Blick nach dem feigen Patron hinüberwerfend, sagte in deutscher Sprache: »Was ärgere ich mich auch noch mit dem Schuft! Komm, Grethe – Du hast hier nichts mehr zu thun. Wir Beide wollen gehen, und unser Herr Pfarrer daheim mag nachher die Sache in Ordnung bringen. Du scheinst Dich mit mir nicht länger glücklich zu fühlen – gut – ich will und werde Dich nicht zwingen, bei mir zu bleiben. Aber Deinen Eltern habe ich versprochen, wie ein ehrlicher Mann an Dir zu handeln – was Du versprochen hast, weißt Du selber am besten – und so will ich Dich ihnen wenigstens zurück nach Deutschland schicken, daß sie sehen, ich habe mein Wort gehalten. Nun?« fuhr er erstaunt fort, als er sah, daß sich Margarethe gar nicht regte und nicht einmal das Auge aufschlug – »eine volle Woche bin ich in wahrer Todesangst Deinetwegen in der Gegend hier herumgefahren und habe gehungert und gedurstet, nur mit dem Gedanken an Dich – Dich zu retten aus dem Verderben, in das Dich jener Bube gelockt, und jetzt – jetzt hast Du nicht einmal einen Blick für mich, Grethe?« »Ich weiß nicht, was Sie Beide noch in Deutsch zu verhandeln haben,« mischte sich hier der Brasilianer ein, »denn ich verstehe die Sprache nicht; erlauben Sie mir aber zu bemerken, mein Herr, daß Sie mit dieser Frau nichts weiter im Geheim verhandeln dürfen , so lange ich wenigstens dabei bin und unter meinem Dache – Sie haben mich doch hoffentlich verstanden?« »Mit meiner Frau nicht?« lachte der Deutsche bitter – »das wäre nicht übel. Außerdem werde ich Sie nicht länger hier belästigen; daß auch Sie mir aber noch Rechenschaft geben sollen, eine ihrem Manne weggelaufene Frau versteckt zu haben, darauf können Sie sich verlassen. Komm, Grethe, mir wird die Luft zu schwül hier; ich muß fort!« »Niemand hält Sie,« sagte der Brasilianer kalt – »so viel aber diene Ihnen außerdem zu wissen, daß diese Frau nicht mehr die Ihrige ist, sondern daß ich sie vorgestern schon mit Dom Franklin Brasileiro Lima nach dem Ritus unserer Kirche verbunden habe.« » Sie ? Meine Frau mit dem da?« rief Pilger, kaum seinen Ohren trauend. »Ich bin Geistlicher,« sagte der Brasilianer, sich hoch emporrichtend, »und nachdem Ihre frühere Frau den katholischen Glauben angenommen hat, habe ich sie mit Dom Franklin nach dem Ritus unserer Kirche zu unlöslicher Verbindung zusammengegeben.« »Eine verheirathete Frau? « rief Pilger wieder, dem sich fast die Sinne bei dem eben Gehörten verwirrten. »Eine protestantische Ehe ist nach unseren Gesetzen kein canonisches Hinderniß,« sagte der Geistliche kalt, »und wenn Sie in ein fremdes Land kommen, müssen Sie sich auch den da bestehenden Gesetzen fügen.« » Bin ich denn wahnsinnig, oder wollen Sie mich erst dazu machen?« sagte Pilger und hielt sich mit beiden Händen seine Stirn – »die Freiheit unserer Religion ist uns vom Staate zugesichert, und alle protestantischen Ehen sollten ungültig sein?« »Vor dem Gesetze, ja,« sagte der Brasilianer, und ein spöttisches Lächeln zuckte um seine Lippen – »als Concubinat lassen wir sie gelten, als weiter nichts. Doch das ist eine Sache, die ich nicht länger hier mit Ihnen verhandeln möchte. Sie werden nach dem Vorhergegangenen begreifen, daß Ihre weitere Gegenwart hier für beide Parteien nur unangenehm sein kann.« »Und Du , Margareth?« sagte Pilger jetzt mit fast gebrochener Stimme, »Du hast so handeln können? Fühlst Du denn die Schande und Schmach gar nicht, die Du mir und Dir dabei angethan?« Die Frau stand regungslos in ihrer Ecke, die Augen fest und scheu auf den Boden geheftet, aber sie sprach kein Wort, und der Brasilianer, der dieser Scene unter jeder Bedingung ein Ende machen wollte, rief: »Jetzt ist's genug, Señor – die Frau steht hier unter dem Schutze meiner Schwester und ihres rechtmäßigen Gatten. Glauben Sie wirklich noch Rechte an sie zu haben, so wenden Sie sich an die Gerichte des Landes, die Ihnen sagen werden, was Sie zu hoffen haben. Jetzt aber verlassen Sie dieses Haus, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, mir mit Gewalt Ruhe und Frieden auf meinem Eigenthum zu verschaffen.« »Gut,« sagte Pilger ruhig – »ich gehe; ich sehe überhaupt, wie es hier steht, denn die Frau hat Scham und Ehre abgeschworen, und ist doch eines braven Mannes nicht mehr werth. Wenn aber noch Gesetz und Gerechtigkeit in Brasilien zu finden sind, so wollen wir doch sehen, ob ein solcher Schurkenstreich ungestraft verübt werden darf!« »Joao! Pablo! Pedro!« rief der Brasilianer, bei dem jetzt auch der Zorn die Oberhand gewann – »werft mir diesen Fremden einmal hinaus auf die Straße!« und drei oder vier Neger sprangen vor, dem Befehl zu folgen. Pilger aber, ein breites, schweres Messer aus seinem Gürtel reißend, sagte ruhig: »Kommt, meine Burschen! Aber Gott verdamm' mich, den Ersten, der einen Arm nach mir ausstreckt, hacke ich in Stücke!« Und damit wandte er sich und ging festen Schrittes der Thür zu. »Santa Maria!« schrieen die Neger, erschreckt vor dem Stahl zurückprallend und sprangen dann ebenfalls nach ihren Messern und rissen die Bäume aus den Schraubenpressen; um Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Der Brasilianer wollte es aber doch nicht zum Aeußersten kommen lassen und da der Fremde jetzt selber ging, winkte er die Schwarzen zurück. Er sollte den Platz unbelästigt verlassen. 13. Auf Santa Catharina. Etwa vier Wochen waren seit den in den letzten Capiteln beschriebenen Vorgängen verflossen, ohne daß in der Provinz Santa Clara etwas Besonderes vorgefallen wäre. Herr von Schwartzau hatte indessen fleißig gearbeitet und einen großen Theil des zur Colonisation bestimmten Landes ausgemessen, und der Director dann, so rasch das möglicher Weise anging, den darauf wartenden Colonisten ihre für sie bestimmten Plätze angewiesen. Aber das allein genügte oft nicht einmal, denn er mußte auch noch hinter den Leuten her sein, daß sie nun auf ihrem eigenen Grund und Boden wirklich zu arbeiten anfingen, denn die lange faule Zeit, die sie verlebt, lag ihnen noch so in den Gliedern, daß es einiger Anstrengung bedurfte, ehe sie wieder in Gang kamen. – Die Männer wenigstens hätten sich eben so gern wie bisher noch vier Wochen länger von der Regierung füttern lassen, denn daß sie durch das vorgestreckte Geld in Schulden kamen, machte ihnen vor der Hand noch keine Sorge. Sie besaßen ja selber kein Eigenthum, was konnte ihnen die Regierung denn da abnehmen? Herr von Schwartzau hatte übrigens mit einem seiner Instrumente Unglück gehabt, denn ein junger Baum war beim Fällen in einer Schlingpflanze hängen geblieben, dadurch in eine andere Richtung gekommen und schlug im Sturz seine beste Bussole zusammen. Auf Santa Catharina hatte er indessen noch mehr Instrumente stehen, von denen Einiges kommen zu lassen schon lange sein Wunsch gewesen, und da die Regierung, auf des Directors Ansuchen, ein dort vorbeikommendes kleines Dampfboot beordert hatte, in der Mündung des Flusses Santa Clara anzulegen, um die durch den betrügerischen Agenten hierher geschickten Einwanderer wenigstens bis Santa Catharina zu bringen, von wo sie mit dem gewöhnlichen Postdampfer (unentgeltlich) weiter befördert werden konnten, so beschloß Herr von Schwartzau, diese Gelegenheit zu benutzen und selber nach der Insel zu fahren. Vom Director bekam er dazu außerdem noch den Auftrag, im Namen der Colonie die Klage gegen den Delegado und den brasilianischen Geistlichen anhängig zu machen, der eine protestantisch verheirathete Frau, ohne selbst eine Scheidung für nöthig zu halten, anderweit getraut hatte, wenn sich Sarno selber auch wenig Erfolg von diesem Schritte versprach. Er kannte die Geistlichkeit Brasiliens und ärgerte sich nur über die entsetzliche Gleichgiltigkeit, mit welcher die deutschen Protestanten diesen Fall aufnahmen, der, wenn etwas Derartiges überhaupt geschehen konnte , alle Familienbande in Frage stellte. Jeder pflichtvergessene Mann, jede treulose Frau brauchte sich an ihre gültig geschlossene Ehe gar nicht mehr gebunden zu halten, und die Folgen blieben unabsehbar. Nichtsdestoweniger nahmen es die Protestanten außerordentlich kaltblütig. Der Geistliche – ein guter Freund des Dom Franklin – wollte gar nichts damit zu thun haben und behauptete, es sei einfach eine Sache, welche die Gerichte anginge und von diesen schon bestraft werden würde, und die Colonisten schimpften wohl und schlugen im Wirthshause mit der Faust auf den Tisch – aber dabei blieb es. Selbst ein Circular, das der Director zur Unterschrift herumschickte, wurde von den Wenigsten unterschrieben, denn der deutsche Bauer setzt nicht gern seinen Namen unter irgend ein Schriftstück, es mag enthalten, was es will – ausgenommen eine Quittung. Pilger selber war wie gebrochen. Er arbeitete wieder, verkehrte aber fast mit keinem Menschen. Machte er sich in seinem Herzen Vorwürfe, daß er die Frau, seine Margareth, wohl auch manchmal rauher behandelt hatte, als recht war – brannte ihm das jetzt auf der Seele, daß er selber vielleicht den ersten Anlaß zu diesem Schritte gegeben, der jetzt sein ganzes Lebensglück zerstörte? Wenn dies auch der Fall war, so sprach er doch mit Niemandem darüber, und die Nachbarn dauerte der fleißige, ordentliche Mann, der jetzt bleich und hohlwangig so allein in seinem Hause saß. Indessen fuhr Schwartzau auf dem kleinen Regierungsdampfer mit günstigem Wind und Wetter nach Santa Catharina, und am dritten Tag Abends bekamen sie die kleine reizende Insel in Sicht, die sich, nur wenige Meilen vom festen Lande entfernt, an der Küste entlang dehnte. Und das war früher der Verbannungsort Portugals, wie auch die Hauptstadt noch immer Desterro heißt; hierher wurden die Verbrecher, besonders viele Juden transportirt, als Strafe für begangene Missethat, oder vielleicht auch nur, um unbequeme Persönlichkeiten aus dem Wege zu schaffen – ein sehr leichtes und von manchem Staate oft angewandtes Mittel. Aber die Zeit ist vorbei, und wie die Bewohner jetzt nicht einmal gern mehr hören, daß der Ort früher zu solchem Zwecke benutzt worden, ist Santa Catharina gegenwärtig der Schlüssel zu vielen vortrefflichen brasilianisch-deutschen Colonien geworden, und eine große Anzahl von Deutschen sind sogar dort geblieben und haben sich als Geschäftsleute oder Handwerker in der Hauptstadt niedergelassen. Desterro ist fast zur Hälfte ein deutsches Städtchen. Günther von Schwartzau kannte den Ort schon, aber trotzdem weilte sein Auge mit Entzücken auf dem wahrhaft wundervollen Bilde, das sich vor ihm ausbreitete, als sie die den eigentlichen Hafen gegen die Nordwinde schützende Landspitze umfuhren und jetzt die kleine, freundliche Stadt, terrassenförmig von Bäumen, Büschen und Palmen umschlossen, vor sich liegen sahen. Prachtvolle Gebäude fesselten allerdings nicht den Blick oder gaben dem Hafen einen Anstrich von Glanz und Reichthum, wie das z. B. bei Rio de Janeiro der Fall ist: aber so lauschig und versteckt lag jede einzelne Wohnung in dem sanften Grün der Gärten, so ruhig plätscherte dazu die See und so wolkenrein spannte sich der blaue Himmel darüber hin, daß man sich da wohl fühlte, ehe der Fuß nur das Land betreten. Als freilich der Anker in die Tiefe schoß, war der Friede auch an Bord gestört. Der Flaggen-Telegraph hatte die Ankunft eines Dampfers vom Norden schon gemeldet, und eine Anzahl von Booten und jenen trefflich gearbeiteten Canoes – die man in der ganzen Welt nicht zierlicher und praktischer gebaut findet, als in Brasilien – kam langseit. Die Bootsleute aber faßten, wie an anderen Orten, so auch hier, ohne Umstände auf, was sie an Gepäck fanden, um es in ihre kleinen Fahrzeuge zu schaffen und sich die dazu gehörigen Passagiere zu sichern. Günther fuhr natürlich sogleich mit an Land, denn der Aufenthalt auf diesen kleinen brasilianischen Dampfern ist nicht angenehm genug, um den Reisenden länger, als unumgänglich nöthig ist, darauf zu fesseln, und ging dann gleich in der Wohnung des Präsidenten vor, wo er sich wenigstens anmelden wollte. Er hatte sich kaum Zeit genommen, nur die nothwendigste Toilette zu machen, aber die Abende sind in allen jenen Ländern überhaupt die Zeit, in der man Besuche macht oder empfängt. Der Deutsche fand übrigens heute ausnahmsweise eine größere Gesellschaft versammelt, und als die Frau Präsidentin seinen Namen hörte, ließ sie ihn bitten, augenblicklich einzutreten. Kam er doch von Santa Clara, und sie nahm selber das größte Interesse daran, von dieser Colonie Näheres und Neues zu hören. Günther wurde in das große Empfangszimmer geführt und fand hier schon sechs oder acht Herren und eben so viele Damen versammelt. Der Präsident selber saß in einem Lehnstuhl etwas bei Seite, es war ein kleiner ältlicher Herr, mit einem unendlich gutmüthigen Gesicht und ein Paar großen, klugen Augen; aber er schien sehr leidend. Er sah blaß und angegriffen aus, mit eingefallenen Wangen und einem eigenen schmerzlichen Zuge um den feingeschnittenen Mund. »Ah, mein lieber Eswartsau,« Portugiesen und Spanier können nie ein Sp, St oder Sch mit einem Consonanten dahinter am Anfang eines Wortes aussprechen und setzen jedesmal ein E vor. nickte er ihm freundlich zu und streckte ihm die dünne, fast durchsichtige Hand entgegen; »schon fertig in Santa Clara? Das ist rasch gegangen.« »Noch nicht, Señor,« sagte Günther, die Hand nehmend und herzlich drückend – »ich muß wieder zurück und erzähle Ihnen nachher, weshalb ich herübergekommen bin – Señora, erlauben Sie, daß ich Sie begrüßen darf.« »Es freut uns sehr,« sagte die Dame mit huldvollem Lächeln, »Sie wieder einmal auf Santa Catharina zu sehen. – Aber setzen Sie sich, Sie kommen wie gerufen, um uns recht viele Neuigkeiten von Ihrer Colonie zu erzählen – es soll ja fürchterlich da zugehen!« »Fürchterlich?« lächelte Günther; »davon habe ich nun allerdings nichts gemerkt.« » Nichts? – Aber erlauben Sie mir, Sie meinen Freunden vorzustellen.« – Und die Señora machte jetzt die gewöhnliche Formel der Introduktion durch, die einen Fremden zur Verzweiflung bringen könnte, wenn die Sache an sich selbst nicht so unbedeutend wäre. Eine Masse von fremden Namen wurden ihm genannt, die er zum großen Theil nicht einmal verstand oder doch in demselben Moment wieder vergaß; die Leute verbeugten sich gegen einander und die Sache war damit abgemacht. Nur ein Name war Günther aufgefallen, und zwar der eines deutschen Barons von Reitschen. Er gehörte einem ältlichen Herrn von stattlichem Aussehen mit schon etwas grau gemischten Haaren, aber vollkommen glatt rasirtem Gesicht und einer sehr zierlichen goldenen Brille, der aber, anstatt den Landsmann etwas herzlicher zu begrüßen, sich ebenfalls damit begnügte, nur aufzustehen und eine steife Verbeugung zu machen. »Und wie weit find Sie mit Ihrer Vermessung gekommen, lieber Freund?« fragte der Präsident, als die langweilige Ceremonie vorüber war. »Schon etwas ausgerichtet?« »Allerdings, Señor,« erwiderte Günther; »mit Hülfe des Directors Sarno, der mich wacker dabei unterstützte, haben wir es möglich gemacht, genügendes Land für sämmtliche sich jetzt dort befindlichen Einwanderer zu vermessen. Ich kehre von hier aber gleich wieder nach Santa Clara zurück, um noch einen andern District in Angriff zu nehmen; denn da jeden Tag ein neues Schiff eintreffen kann, wird es immer besser sein, einige vermessene Strecken in Vorrath zu haben.« Der Präsident nickte beistimmend mit dem Kopfe, schwieg aber, und die Frau Präsidentin sagte: »Also hat sich der Herr Director doch endlich herbeigelassen, wenigstens in dieser Hinsicht seine Pflicht zu thun. Da muß ihm das Feuer tüchtig auf den Nägeln gebrannt haben!« »Ich weiß nicht,« sagte Günther, während er einem der mit Erfrischungen herumgehenden Diener ein Glas Limonade abnahm – »in welcher Beziehung Director Sarno seine Pflicht versäumt haben kann, Señora; so lange ich mich aber in der Colonie aufgehalten, kann ich ihm nur das rühmlichste Zeugniß geben, da er sich der Einwanderer mit wahrhaft eisernem Fleiße angenommen. Sarno scheint mir ein sehr tüchtiger Mann und besitzt außerdem auch die nöthige Energie, etwaigen Uebergriffen fest entgegen zu treten.« »Energie!« lächelte die Dame; »er ist der reine Unterofficier. und wir haben von der ganzen Colonie Klagen auf Klagen hören müssen, die zuletzt selbst die Geduld eines Heiligen ermüden könnten!« »Klagen über Sarno?« fragte Günther erstaunt. »Sie glauben es wohl etwa nicht?« lachte die Dame, indem sie ein Papier von dem nächsten Tische nahm; »wollen Sie so gut sein und das einmal lesen?« Günther nahm das Papier und überflog es flüchtig. Es waren in der That eine Menge Anklagen gegen den Direktor, in denen besonders sein rauhes und rücksichtsloses Betragen ›gegen den gebildeten Theil der Gesellschaft‹ hervorgehoben und zuletzt gebeten wurde, den Director seiner Stelle zu entheben und einen würdigeren dafür hinzusenden. Unterschrieben war das Document von einer Anzahl ihm unbekannter Namen; einige davon kannte er aber doch, und unter den erstgezeichneten standen die Frau Gräfin Baulen, Baron Jeorgy, Pastor Beckstein und Arno von Pulteleben. Ein Name besonders fiel ihm seiner Kürze und Anspruchslosigkeit wegen auf: Bux, Künstler. »Nun,« sagte die Dame, während er das Papier langsam wieder zusammenfaltete und zurückgab, »was sagen Sie nun? « »Daß es in jeder Colonie eine Menge unzufriedenes Volk giebt,« erwiderte Günther, »das sich mit keinem Director wird befreunden können, es sei denn, er befriedigte alle ihre Wünsche. Ich halte Sarno für den passendsten Mann für einen solchen Posten, den Sie in ganz Brasilien finden könnten.« »Oh, Sie sind wahrscheinlich ein besonderer Freund von ihm!« lachte die Frau Präsidentin. »Ich weiß nicht, ob ich auf den Titel Anspruch machen darf,« sagte Günther ruhig; »bei meinem Aufenthalt in Santa Clara habe ich mit dem Director allerdings freundschaftlich, aber nur in meinen Geschäften verkehrt. Wen auch immer ich aber über ihn gesprochen, war der Meinung, daß er für die Stelle passe.« »So?« lächelte die Dame geringschätzig – »freilich die Bauern müssen das am besten beurtheilen können. Was halten Sie aber von einer Colonie, in der Gewaltthätigkeiten, Raub und Plünderung zu den allergewöhnlichsten Dingen gehören?« »Von einer solchen Colonie würde ich sehr wenig halten, gnädige Frau,« lächelte Günther – »ich kann aber doch nicht vermuthen, daß Sie glauben, ein solches Verhältniß finde in Santa Clara statt; denn während der fünf Wochen, die ich mich dort aufhielt, ist nichts dem Ähnliches vorgefallen, und ich habe sogar nicht einmal von einem einzigen solchen Falle sprechen hören – eine Entführungsgeschichte ausgenommen.« »Wenn Sie im Wald bei Ihrer Arbeit waren, mein lieber Herr von Schwartzau,« mischte sich Herr von Reitschen in das Gespräch, »so ist es wohl erklärlich, daß Sie die einzelnen Vorfälle in der Stadt selber nicht beachten konnten. Sie hatten dafür zu viel zu thun. Der Herr Präsident hier hat aber so authentische Nachrichten über derartige wirklich geschehene Dinge erhalten, daß sogar der Entschluß gefaßt ist, mit diesem zurückgehenden Dampfer Militär nach Santa Clara zu schicken.« »Militär nach Santa Clara?« rief Günther erstaunt – »eingeborene Soldaten, um etwa einmal eine gelegentliche Streitigkeit zwischen den Deutschen zu schlichten? Das ist denn doch wohl nur ein Irrthum!« »Nicht allein der Streitigkeiten wegen, lieber Freund,« mischte sich hier der Präsident in die Unterhaltung, obgleich ihm das Sprechen schwer zu werden schien; »es sollen sich auch neuerdings wieder Indianer in der Nachbarschaft gezeigt haben, und es ist immer besser, bei Zeiten Vorkehrungen zu treffen, damit man sich nicht später Vorwürfe über eine versäumte Pflicht zu machen habe.« »Aber, bester Herr,« versicherte Günther, »Sie scheinen da wirklich einen ganz falschen Bericht über die Colonie erhalten zu haben, ich gebe Ihnen mein Wort, daß auch nicht die Spur einer Gefahr von Indianern für Santa Clara existirt. Habe ich doch vor kurzer Zeit selbst drei Monate an dem noch viel weiter gelegenen Chebaja zugebracht, und selbst da hat man seit Jahren nichts mehr von den Wilden gehört oder gar einen von ihnen zu sehen bekommen.« »Wenn Sie von ihnen hören oder sie sehen, ist es nachher gewöhnlich zu spät, sich noch gegen sie zu schützen,« sagte der Präsident. »Uebrigens glaube ich selber ...« Ein heftiger Hustenanfall unterbrach ihn, und die Frau Präsidentin sagte: »Die Colonisten können meinem Mann nur dankbar sein, daß er selbst im Voraus für ihre Sicherheit sorgt.« »Ich zweifle ja keinen Augenblick,« erwiderte Günther, »daß der Herr Präsident alles das mit der besten Absicht angeordnet hat; glauben Sie aber mir, Señora, der ich schon viele dieser deutschen Colonien nicht allein gesehen, sondern genau kennen gelernt habe, die brasilianischen Soldaten dieser Districte, von denen selbst die besten wenig mehr als Gesindel sind, vertragen sich nicht mit den Colonisten, und wenn sie noch so gute Officiere haben; häßliche Reibereien können nie und nimmer vermieden werden.« »Ich glaubte, Ihre Bewohner von Santa Clara wären so friedfertiger Natur?« »Kleine Häkeleien fallen bei allen Nationen vor,« sagte Günther achselzuckend, »besonders aber bei den Deutschen, und es gehört nur ein verständiger und entschiedener Mann dazu, der entweder gütig vermittelt, oder auch einmal im Nothfalle ein Machtwort spricht, und den haben die Leute jetzt, wie ich fest glaube, an dem gegenwärtigen Director Sarno.« »Ja, der sie im Nothfalle die Treppe hinunterwirft, nicht wahr,« sagte die Frau Präsidentin, »und sich mit den einzelnen Colonisten selber sogar prügelt!« »Aber gnädige Frau...« »Lassen Sie es gut sein,« unterbrach ihn die Dame. »Ueber geschehene Dinge ist es nicht nöthig, viele Worte zu verlieren, und daß sie eben nicht wieder geschehen, dafür hat mein Mann Sorge getragen. Ob der Director auch daran schuld ist, daß selbst Streit und Unzufriedenheit fast in allen Familien herrschen und Frauen gezwungen sind, wie das selbst vorgekommen, bei den Brasilianern Schutz gegen die Mißhandlungen daheim zu suchen, weiß ich nicht, es bleibt sich jetzt aber auch gleich. Einem solchen Zustande mußte abgeholfen werden, und ich stelle Ihnen hiermit in einem Landsmanne von Ihnen, dem Herrn Baron hier, unsern neuen Director der Colonie Santa Clara vor.« Wieder stand Herr von Reitschen auf und verbeugte sich höflich gegen Herrn von Schwartzau, und diesem kam es fast so vor, als ob dabei ein leises spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte. Er neigte sich daher nur leicht gegen ihn und sagte: »Ich stehe der Sache allerdings zu fern, um auch nur ein einigermaßen werthvolles Urtheil in dieser Angelegenheit fällen zu können, und hoffe nur, daß Herr von Reitschen im Stande sein wird, allen jenen furchtbaren Uebelständen abzuhelfen, die er, dem Anscheine nach, in der unglücklichen Colonie vorfinden soll. Was aber den Fall anbetrifft, auf den Sie eben anspielten, gnädige Frau – ich meine den, wo eine deutsche Frau gezwungen war, bei einem Brasilianer Schutz zu suchen – so bin ich zufälliger Weise ganz genau davon unterrichtet, und habe sogar die Klage des Directoriums gegen jenen würdigen Brasilianer für den Herrn Präsidenten mitgebracht. Jener Lump ...« »Entschuldigen Sie einen Augenblick,« unterbrach ihn die Dame rasch – »Sie erinnern sich doch, daß ich Ihnen den Betheiligten, Dom Franklin Brasileiro Lima hier, als meinen Gast mit vorstellte – oder haben Sie es vielleicht überhört? Erlauben Sie, daß ich es wiederhole: Dom Franklin, Herr von Eswartsau. – Bitte, fahren Sie fort – Sie sprachen von dem Ehemanne, der seine Frau gemißhandelt hat, nicht wahr?« Die übrige Gesellschaft, der das Wohl oder Wehe der deutschen Colonie nicht im Geringsten am Herzen lag, hatte sich unterdessen mit einander unterhalten und einer der Herren eine auf dem Clavier liegende Guitarre aufgenommen, mit der er halblaut eins der kleineren brasilianischen Lieder begleitete. Nur Dom Franklin war dem Gespräche, ohne jedoch den Kopf nach Günther umzudrehen, mit Spannung gefolgt, und während er mit einer neben ihm sitzenden Dame scheinbar ein Gespräch unterhielt, horchte er jedem Wort, das über die ihn besonders interessirende Colonie gesagt wurde. Bei Günther's Anklage zuckte er auch wohl einen Moment zusammen, fand sich jetzt aber nur noch mehr bewogen, das eben Besprochene gar nicht gehört zu haben, und drehte sich erst, scheinbar überrascht, gegen Herrn von Schwartzau um, als die Frau Präsidentin seinen Namen nannte. Günther fühlte, wie er erröthete, denn wenn er den Brasilianer auch verachtete und keinen Augenblick gezögert haben würde, ihm die Anklage mit den schärfsten Worten in's Gesicht zu schleudern, so war es ihm doch äußerst fatal, wenn auch unwissentlich, gegen die Regeln des Anstandes verstoßen und in einer Gesellschaft einen Gast beleidigt zu haben. – Und hatte der Brasilianer seine Worte gehört? Es schien nicht so, denn mit dem freundlichsten Wohlwollen leistete er der zweiten Vorstellung Folge. – Die Dame hatte zeitig genug parirt, einer sehr unangenehmen Scene vorzubeugen, und nur der Präsident mußte in seinem Stuhle Zeuge des Ganzen gewesen sein, denn er lächelte leise vor sich hin. Wenn aber auch Günther an dieser Stelle natürlich Streit mit diesem Menschen vermeiden wollte, verachtete er ihn doch viel zu sehr, Freundlichkeit gegen ihn zu heucheln. Nur kalt verneigte er sich gegen ihn, und fuhr dann, zu der Dame gewendet, fort: »Ich habe allerdings keinen speciellen Auftrag für den Herrn selber, von dem ich keine Ahnung hatte, daß er sich in Santa Catharina aufhielt. Hier ist aber unter solchen Umständen keineswegs Ort und Zeit, eine derartige, für beide Parteien unangenehme Sache zu verhandeln, und der Herr Präsident erlaubt mir vielleicht, ihm die Papiere morgen vorzulegen.« »Mit großem Vergnügen,« erwiderte der Angeredete; »aber ich fürchte, wir werden an der Sache nicht viel ändern können.« »Sie glauben doch nicht, daß ...« »Morgen früh, lieber Freund, morgen früh,« winkte der Präsident mit der Hand, »ich bin heut Abend zu angegriffen.« Herr von Schwartzau verbeugte sich und die Frau Präsidentin, die sich indessen leise mit Herrn von Reitschen unterhalten hatte, stand jetzt auf und kam auf Günther zu. »Lassen wir die fatalen Sachen heut Abend,« sagte sie freundlich »und spielen Sie uns lieber etwas auf dem Pianoforte. Sie sind doch musikalisch?« »Ich muß unendlich bedauern, gnädige Frau,« sagte Herr von Schwartzau achselzuckend, »aber ich kenne nicht einmal die Noten.« »So spielen Sie etwas aus dem Kopfe.« »Ich habe nie eine Taste angerührt.« »So spielen Sie wahrscheinlich die Violine oder die Guitarre?« »Eben so wenig.« »Aber die Flöte gewiß?« »Ich muß zu meiner Beschämung gestehen,« lächelte von Schwartzau, »daß ich bei Allem, was Musik betrifft, einzig und allein zum Zuhörer zu verwenden bin.« »Das ist merkwürdig,« sagte die Señora – »Sie sind der erste Deutsche, den ich kennen lerne, der nicht wenigstens die Flöte spielt. Unser Baron hier ist Meister auf diesem Instrumente.« »In der That?« sagte Günther, der sich auch selbst dafür nicht interessirte. »Gnädige Frau sind zu gütig,« sagte der Baron; »ich bin weiter nichts als ein Dilletant. In solchen wilden Ländern aber, in denen ich mich die letzten zwölf Jahre herumgetrieben habe, ist die Flöte wirklich das einzige Instrument, das man leicht überall mit hinnehmen kann und man vertreibt sich doch manche müßige Stunde sehr angenehm damit.« »Sie haben sie doch bei sich, nicht wahr?« fragte die Dame. »Gnädige Frau hatten mir ja befohlen, selbige mitzubringen.« »Oh, dann begleiten Sie das Lied jener jungen Dame, bitte!« sagte die Präsidentin – »wir müssen ein wenig Musik haben, damit Leben in die Gesellschaft kommt. Ich weiß gar nicht, sowie nur diese unglückliche Colonie Santa Clara genannt wird, ist es auch gleich, als ob ein schwarzer Schleier über die ganze Unterhaltung geworfen würde. Nun, hoffentlich wird sich das ändern, wenn wir Sie erst einmal dort haben.« »Gnädige Frau können sich darauf verlassen,« sagte der Baron wieder mit einer halben Verbeugung, »daß ich nach Kräften arbeiten werde, Ihnen jede unangenehme Nachricht zu ersparen.« »Davon bin ich überzeugt – aber wir müssen beginnen; die Dame präludirt schon und wird sonst ungeduldig.« Der größte Theil der Gesellschaft gruppirte sich jetzt um das Instrument, und auch Günther ließ sich in einen der leer stehenden Sessel nieder; aber er hörte nicht das Geringste von der Melodie, denn seine Gedanken arbeiteten an dem eben Gehörten. Also Sarno war abgesetzt – bei Seite geworfen, nur um einem Günstling der Frau Präsidentin Raum zu machen, dem zu genügen dann die vagen Gerüchte den Vorwand geben mußten – der Delegado ebenfalls hier und als Gast im Hause, und der Präsident noch dazu von Allem unterrichtet – aber was zum Henker kümmerte ihn auch das Alles? Er vermaß das Land, weiter nichts, und wen sie nachher darauf setzten oder wie dies geschah, konnte ihm doch wahrhaftig gleichgültig sein. Er warf das rechte Bein über das linke und betrachtete sich indessen den Raum, in dem er sich befand. Mit der Hälfte der Möbel, die in dem Saale standen, hätte er wohnlich, ja sogar elegant genannt werden können, so aber glich er eher einem Möbelmagazin, in welchem einige Dutzend Stühle mit Sophas und Tischen zum Verkauf ausgestellt waren. Die Gesellschaft hatte fast ausschließlich auf den in der Mitte stehenden Sesseln und auf einigen Sophas Platz genommen, aber Stuhl an Stuhl, nur manchmal die Reihe von einem andern leeren Sopha unterbrochen, standen die Wände entlang, und ein halbes Dutzend Tische – alles von Mahagoniholz – waren in zwei Reihen in der Mitte aufgestellt, während jedes andere Stück, wie Secretär, Schreibtisch ec., fehlte. Es ist das aber Sitte in ganz Südamerika, und man würde ein Zimmer oder einen Salon für ärmlich möblirt halten, wenn sich beim ängstlichsten Zusammenrücken auch nur noch Raum genug für einen einzigen Stuhl gezeigt hätte. Dagegen waren die Wände vollkommen kahl und die mattgraue, sehr elegante Tapete wurde von keinem einzigen Bilde freundlich unterbrochen. Nur zwei große und gewiß sehr theure Spiegel hingen in breiten, blinkenden Goldrahmen einander gegenüber und auf den Tischen standen eine Anzahl Porzellanvasen, aber ohne Blumen, unter außerordentlich hohen und viel zu großen Glasglocken. Ein gewisser Reichthum ließ sich in der ganzen Einrichtung nicht verkennen, aber jede Gemütlichkeit, jeder Geschmack fehlte und der Fremde besonders würde sich hier nie behaglich fühlen können. Günther sah wieder eine ganze Zeit lang träumend vor sich nieder, als ihn eine Stimme an seiner Seite aus seinen Gedanken aufstörte. Es war der Baron, der ihn fragte: »Wann gedenken Sie nach der Colonie zurückzukehren, Herr von Schwartzau? Sie entschuldigen, wenn ich Sie störe,« setzte er lächelnd hinzu, als Günther bei der Anrede ordentlich in die Höhe schrak. »Sobald als möglich,« erwiderte der junge Mann, den Fragenden jetzt erst bemerkend; »meine Geschäfte hoffe ich wenigstens morgen oder übermorgen sicher abmachen zu können und werde dann die erste sich bietende Gelegenheit benutzen. Wie ich höre, geht der Dampfer leider schon morgen früh ab.« »Wenn ich Ihnen etwas nach Santa Clara besorgen kann...« »Sie sind sehr gütig.« »Sie kennen Herrn Director Sarno näher?« nahm der Deutsche nach einigem Zögern das Gespräch wieder auf. »Nur von der kurzen Zeit, die ich mich dort aufgehalten habe.« »Wollen Sie einen guten Rath von mir annehmen?« »Man soll nie einen guten Rath zurückweisen.« »Gut – dann vertheidigen Sie Herrn Sarno nicht zu lebhaft der Frau Präsidentin gegenüber.« »Herr Baron!« sagte Günther, erstaunt zu ihm aufsehend. »Verstehen Sie mich nicht falsch,« erwiderte dieser ruhig; »dem Herrn Sarno können Sie nichts mehr nützen, denn er ist seines Dienstes factisch entlassen, und sich selber nur dabei schaden, da die Frau Präsidentin den Herrn nun einmal nicht leiden kann und auch wohl ihre gewichtigen Gründe dafür hat.« »Und Sie werden nun seine Stelle einnehmen?« fragte Günther. »Lieber Gott,« sagte der Baron achselzuckend, indem er mit den Berloques an seiner Uhrkette spielte, »ich habe mich dagegen gesträubt, wie ich konnte, aber da nun einmal eine Aenderung unter allen Umständen eintreten sollte , so gab ich endlich den Bitten des Präsidenten nach. Sie sind nicht lange genug in der Colonie gewesen und Herr Sarno wird sich auch Ihnen gegenüber wohl zusammen genommen haben; die Zustände dort scheinen aber in der That für die armen Colonisten unerträglich zu werden und da ich glaube, den Anforderungen, die man an eine solche Stelle knüpft, genügen zu können, so habe ich es auch gewissermaßen für meine Pflicht gehalten, die jedenfalls sehr undankbare Arbeit zu übernehmen, unsere deutschen Holzköpfe da drüben ein wenig zur Raison zu bringen.« »Es wird das allerdings eine sehr undankbare Arbeit werden,« sagte Günther kalt, denn die ganze Art und Weise des Mannes gefiel ihm nicht, hätte er selbst nicht Sarno in seinem Herzen für einen ehrlichen und auch vollkommen tüchtigen Mann gehalten. Er suchte auch das ihm unangenehme Gespräch über diesen Gegenstand sobald als möglich abzubrechen und empfahl sich dann dem Präsidenten, um an diesem Abend noch einige Bekannte in der Stadt zu besuchen. Am nächsten Morgen ziemlich früh suchte er denselben aber wieder auf und hatte gehofft, die Unterredung da allein mit ihm haben zu können, weil die Frau Präsidentin doch wohl ihre Toilette noch nicht so bald beendet haben würde. Darin irrte er sich jedoch, denn kaum war er angemeldet und angenommen, als die Señora auch schon in's Zimmer trat und sich an dem einen Fenster in einen Lehnstuhl niederließ. Der Präsident schien nichts mehr ohne seine Frau, oder diese vielmehr Alles ohne ihn zu thun. »Sie sprachen gestern von einer Klage, lieber Freund,« sagte der Präsident, als Günther nach den ersten Begrüßungen Platz genommen hatte – »es wäre mir viel lieber, wenn Sie in Santa Clara die Sache nicht weiter aufgerührt hätten, denn es wird wenig daran zu thun sein – meinst Du nicht?« »Daran zu thun sein,« sagte die Señora achselzuckend – »was soll daran zu thun sein? Die frühere Ehe war nach unseren Gesetzen vollkommen ungültig, bestand also gar nicht, und wenn kein Hinderniß vorliegt und zwei Leute sich gern haben und einander heirathen wollen, wer kann es ihnen verwehren? Außerdem hat die Frau ein ganz unverdientes Glück mit Dom Franklin gemacht.« »Kein Hinderniß vorliegt, gnädige Frau?« rief Günther, wirklich erstaunt – »ich kann doch wahrhaftig nicht glauben, daß Sie eine geschlossene Ehe als kein Hinderniß, sich anderweitig zu verheirathen, betrachten würden.« »Ich hoffe nicht,« sagte die Dame stolz, »daß Sie unsere Ehen mit einem solchen ›Contracte‹ vergleichen werden. Uebrigens ist die Sache abgemacht und eine Klage also ganz nutzlos, wo die höchste Behörde schon entschieden hat.« »Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief Günther – »danach würde ja die Regierung muthwillig all' ihre protestantischen Unterthanen demoralisiren und dem Verbrechen mit eigener Hand die Thür öffnen. Gnädige Frau irren sich jedenfalls darin.« »Irr' ich mich? So – bitte, nehmen Sie einmal das zusammengefaltete Papier, das da neben Ihnen auf dem Tische liegt – nein, das andere dort – das da, und nun seien Sie so gut und lesen Sie den Entscheid unseres Bischofs – lesen Sie ihn laut. Sie werden sich dadurch jedenfalls zufrieden gestellt fühlen, daß die Sache als vollkommen erledigt betrachtet werden kann.« Günther nahm kopfschüttelnd das Papier, entfaltete es und las: » Emmanuel , durch Gottes Erbarmen und des apostolischen Stuhles Gnade, Bischof von Santa Sebastiao oder Rio de Janeiro. Wir bezeugen andurch auf Verlangen, daß Frau Margarethe Pilger, vormals Protestantin und als solche verheirathet nach dem Ritus der evangelischen Gemeinde mit Herrn Gottlieb Pilger unterm 15. November, sich kürzlich mit der Bitte an mich wandte, die protestantische Ketzerei abzuschwören und den katholischen Glauben anzunehmen, welchem Verlangen ich mit bestem Willen genügte und in Person den Widerruf des Irrglaubens entgegennahm, gemäß dem Gebrauche der Römischen Kirche. Besagte Frau Margarethe Pilger bat mich hierauf um Erlaubniß, sich mit Herrn Franklin Brasileiro Jansen Lima, römischen Katholiken, zu welchem sie sich hingezogen fühlte, zu verheirathen und auch die Erlaubniß gab ich ihr durch Bescheid vom 27. Januar, da nach Einhaltung des üblichen Verfahrens kein canonisches Hinderniß zwischen Franklin und Margarethe sich gezeigt hatte und die Heirath Letzterer mit Pilger augenscheinlich ungültig ist, als gefeiert gegen die Form des im Kaiserreiche publicirten und immer beobachteten Tridentiner Concils. Palast der Conceicao, 5. Februar 1857. (Unterz.) † Manoel, Bischof, Graf Capellao-Môr.« Der obige Erlaß ist wörtlich, nur mit Aenderung des deutschen Namens und erst in neuerer Zeit sind rein protestantische Ehen durch das neue Ehegesetz auch für gültig in Brasilien erklärt worden. »Nun,« sagte die Señora, »sind Sie überzeugt? Der ehrwürdige Bischof selber, der sich gerade zufällig auf einer seiner Hacienden in dieser Provinz befand, hat die Ehe geschlossen. Dom Franklin ist ihm eng befreundet – glauben Sie also jetzt noch, etwas mit einer Klage des Herrn Director Sarno ausrichten zu können?« »Nein, gnädige Frau,« sagte Günther ruhig, »Sie haben vollkommen Recht. Es ist übrigens gut, daß ein solcher Thatbestand bekannt wird, denn in einem ähnlichen Falle wäre der geschädigte Theil ein Thor, noch auf Schutz und Gesetz in Brasilien zu warten, und weiß dann gleich, daß er sich sein Recht selber zu verschaffen hat.« »Sie predigen Revolution!« rief die Señora streng. »Ich predige das, was ich selber ausführen würde,« sagte Günther kalt; »unter solchen Umständen möchte ich denn auch Ihre werthvolle Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.« »Aber Sie wollten mir noch etwas über die Colonie sagen,« rief der Präsident, der unruhig auf seinem Stuhle hin und her gerückt war. »Das wollte ich allerdings,« erwiderte Herr von Schwartzau, »aber nach dem eben Gehörten wird auch das nichts fruchten.« »Und was war es?« »Ich wollte Sie bitten, Señor, Ihren Entschluß, das Directorium der Colonie zu ändern, noch nicht auszuführen, bis Sie nicht wenigstens genauere Erkundigungen über die dortigen Verhältnisse eingezogen. Director Sarno ...« »Kommen Sie uns nicht mit dem Unterofficier!« sagte die Präsidentin ungeduldig – »mein Mann will nichts von ihm hören.« »Sarno war Officier,« entgegnete Günther, »und gehört meiner Ueberzeugung nach zur besten Klasse dieser Herren. Daß er derb ist und gerade durch geht, sollte ihm eher zum Lobe gereichen.« »Die Sache ist schon abgemacht,« sagte die Señora. »Aber so laß ihn doch ausreden, mein Kind,« bat der Präsident. »Ich bin schon fertig, Señor,« sagte Günther aufstehend – »die Sache scheint allerdings abgemacht und alles Weitere wäre nur Wortverschwendung. Allein der Colonie zu Liebe möchte ich Sie bitten, kein Militär dorthin zu legen. Es thut nicht gut und Sie selber haben die Verantwortung zu tragen, wenn Sie den Frieden der jetzt vollkommen ruhigen Verhältnisse dort nicht allein stören, nein förmlich vernichten.« »Wir werden die Verantwortung zu tragen haben, Señor,« sagte die Präsidentin gemessen – »übrigens machen Sie sich keine Sorge weiter deshalb, denn das sind Dinge, welche eigentlich die Regierung am besten zu beurtheilen versteht.« Herr von Schwartzau verbeugte sich kalt, und das Gespräch über diesen Gegenstand vollkommen abbrechend, legte er dem Präsidenten nur einige Papiere vor, welche rein geschäftlicher Natur waren und sich auf seine bereits vollendeten, wie die dort noch nöthigen Arbeiten bezogen. In einer halben Stunde war das Alles erledigt und der Ingenieur empfahl sich dann sehr förmlich wieder dem Präsidenten und seiner Gattin. Er war fest entschlossen, sie nicht weiter zu belästigen. An demselben Morgen ging der Regierungsdampfer wieder nach Santa Clara und von da nach Rio de Janeiro zurück, und Günther war Zeuge, daß vierzig Mann brasilianischer Truppen, ohne Officier, auf ihm eingeschifft wurden, um, wie das Gerücht ging, die Colonie Santa Clara gegen in deren Nähe herumstreifende Indianerhorden zu schützen. 14. Der neue Director. Die Colonie Santa Clara befand sich indessen in einer Art von Gährung, zu der nicht allein alte Unzufriedenheit, sondern auch neu eingetretene Elemente nicht wenig beigegetragen hatten. Die Bittschrift an den Präsidenten, den Director Sarno abzusetzen, war in der That von hier ausgegangen, und zwar, so unglaublich das scheinen mag, durch erste Veranlassung jenes nichtswürdigen Burschen mit dem Tressenstreifen, mit dem sich kein anständiger Mensch in der Colonie abgeben mochte. Größere Dinge werden aber in unserer wunderlichen Welt gar nicht etwa so selten durch noch schlechtere Hebel in Bewegung gesetzt, wenn man auch oft, nachdem sie geschehen, schwer im Stande ist, auf ihren Ursprung zurück zu gehen. Die Sache war jedenfalls angeregt worden, Herr von Pulteleben war Feuer und Flamme für die Idee, denn der Director hatte ihn ja nicht einmal angenommen und da es galt, eine große Zahl von Unterschriften zusammen zu bringen, so vereinigten sich in dem Schriftstücke – Dinge, die ebenfalls sogar in unserem civilisirtesten Leben manchmal möglich gemacht werden – Aristokratie und Proletariat gegen einen Mann und ein System, der und das beiden Theilen unbequem war, weil er eben weder der einen nach der andern Seite Zugeständnisse machen wollte. Der Bursche mit der Tresse übte überdies einen schlimmen Einfluß aus, denn wo er nur konnte, suchte er Unzufriedenheit zu erregen, und wenn man ihn selber auch bald als einen Lump kennen lernte, fielen doch seine Worte nur zu häufig auf fruchtbaren Boden. Die Menschen sind ja leider nur zu gern gewillt, Böses oder Nachtheiliges von ihren Mitmenschen anzuhören und zu glauben, mag die Quelle, aus welcher sie es schöpfen, noch so unrein sein. Außerdem trat er übrigens dem Director auch in offener Opposition entgegen und wurde von einem neu eingewanderten Individuum, das von Santa Catharina mit einem kleinen Schooner gekommen war, unterstützt. Dieser Mann hieß Buttlich und begann damit, ein Grundstück in der Stadt mit einem kleinen Hause zu kaufen, wo er mit eingeführten Waaren einen Laden aufsetzte und in der untern Eckstube eine Wirtschaft eröffnete. Er hatte dazu gleich die spezielle Erlaubniß des Präsidenten mitgebracht und schien von diesem auch in mancher andern Art begünstigt zu werden. Bux war unter der Zeit bei dem Direktor eingekommen, ein kleines Haus, das jetzt nicht mehr benutzt wurde, zur Verfügung gestellt zu bekommen, um darin Vorstellungen in der Bauchredekunst zu geben, aber augenblicklich abschlägig beschieden worden. Der Director ließ ihm sagen, sie brauchten Ackerbauer in der Colonie und fleißige Handwerker, aber kein Meßgesindel aus der alten Welt. Damit begnügte sich indessen Bux natürlich nicht und wenn der neue Wirth auch im Anfange nichts mit dem liederlichen Gesellen zu thun haben mochte, fand er doch kaum, daß sich dieser als Mittel gegen den Director gebrauchen ließ, als er ihm seine Hülfe zusagte und ihm auf seinem eigenen Grundstück eine Ecke zuwies, in der sich eine Bude aus Pfählen und Reisig, oder wie er sonst wollte, herrichten konnte; ja, er unterstützte ihn sogar dabei mit Geld. Bux ging nun auch scharf an die Arbeit, und nach einigen Wochen schon überraschte die Bewohner von Santa Clara die allerdings nur geschriebene Anzeige an verschiedenen Ecken der Stadt und in Bohlos' wie Buttlich's Wirthsstuben, daß am nächsten Sonntag Abend die erste große Vorstellung des berühmten Ventriloquisten Bux aus Paris mit außerordentlichen Productionen der Wunderkinder Guido und Isabella stattfinden solle. Der Director schickte zu Buttlich und ließ die Vorstellung verbieten. Buttlich sandte aber die Abschrift eines Documentes zurück, worin ihm der Präsident erlaubte, auf seinem Grundstücke, vollkommen unabhängig von irgend einer Behörde, zu treiben was ihm beliebe, vorausgesetzt nur, daß es keine feuergefährlichen, oder sonst den Gesetzen des Staates zuwiderlaufende Dinge seien. Damit war die Sache an dem Tage – an einem Samstage – abgemacht. Am Sonntag Abend war die Vorstellung, und man kann sich etwa denken, wie erstaunt – weniger die Colonisten, denn diese hatten Derartiges ja schon in Deutschland gesehen – aber besonders die Kinder derselben und der junge Nachwuchs waren. Vor Staunen beinahe sprachlos standen sie, als Sonntag gegen Abend die Vorbereitungen begannen und Bux plötzlich in fleischfarbenen, etwas schmutzigen Tricots, nur allein mit einer flittergestickten, himmelblauen Schwimmhose und ein Paar eben solchen Schuhen auf dem etwas erhöhten Entrée seiner rauh genug hergestellten Bude erschien. Vorher schon hatte seine Frau, das bleiche, abgehärmte Gesicht von einer verdrückten Rosenguirlande entstellt, die müden Glieder in ein fleckiges, oft und oft ausgebessertes Seidenkleid gesteckt, an einem kleinen Tische vor dem Eingange ihren Sitz genommen, um die Billets für die Zuschauer auszugeben, und Isabella, ihre Tochter, in einem sehr kurzen weißen Kleide, ebenfalls mit fleischfarbenen Tricots, eine Menge Blumen im Haar und die Wangen unnatürlich roth geschminkt, trat zu ihr und lehnte ihren Kopf an der Mutter Schulter. »Du, Wilhelm – was ist denn das?« fragte ein junger Bursche von vielleicht zwanzig Jahren, der hier in Brasilien geboren war, seinen Kameraden, indem er mit offenem Munde auf die Gruppe zeigte – »wo kommen die Leut' her und was wollen die hier? Sind das vielleicht deutsche Indianer?« »Gott weiß es!« sagte der Angeredete, der kein Auge von Bux verwandte – »sieh nur, der Kerl geht ganz nackigt – oder hat er sich die Beine nur so angestrichen?« »Und wie sich die Frau herausgeputzt hat,« flüsterten ein paar junge Mädchen miteinander – »und sieh nur, was das Kleid für Flecken hat, und da am linken Aermelbesatz sitzt ein blauer Streifen, der eingeflickt ist.« »Und das Kind haben sie roth angestrichen.« antwortete die Freundin – »was mag denn nur los sein, daß sie solchen Unsinn treiben?« »Immer herein, meine Hörrschaften!« rief der Ventriloquist mit seiner scharfen Stimme über die sich mehr und mehr sammelnden Zuschauer hin, von denen sich aber noch keiner getraut hatte, den Platz selber zu betreten – »immer herein, immer herein! Hür ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes sehen und erleben werden, hür ist die Gelegenheit, die Wunder des menschlichen Geistes und Körpers zu erkennen! Hür ist der Ort, wo der berühmte Bux Ihnen zeigen wird, was Sie bis jetzt noch nicht gewußt haben, und der junge Athlete Guido seine Kraft und Gelenkigkeit entwickeln soll, während Mademoiselle Isabella in Grazie und jugendlicher Unschuld einige Tänze aus der alten griechischen Heidenzeit aufzuführen die Ehre haben wird! Immer herein, meine Hörrschaften, immer herein! Keiner ist genöthigt da draußen stehen zu bleiben, und es kostet gar nichts – nur fünfhundert Reis die Person, Kinder unter zwölf Jahren die Hälfte, Säuglinge frei; immer herein, meine Hörrschaften, immer herein – jetzt gerade wird der Anfang beginnen!« »Herr Gott, hat der Kerl ein Maulwerk am Kopfe!« sagte einer der Außenstehenden – »wie ein Mühlwerk geht's, und klappert auch gerade so.« Bux stolzirte indessen auf dem schmalen Räume, welcher ihm zum Entrée diente, auf und ab und zwar mit einem großen rothbaumwollenen Taschentuch in der Hand, das ihm Guido aus der Thür herausreichen mußte. Er hatte den Schnupfen, in seinem gegenwärtigen Costüm aber leider keine Tasche, und der rothe geblümte Lappen paßte eigentlich nicht recht zu den himmelblauen gestickten Schwimmhosen und dem Goldreif um den Kopf. »Immer herein, meine Hörrschaften!« schrie da plötzlich eine andere Stimme, die unserem Freunde Jerremias gehörte. Dieser war nämlich durch den Lärm ebenfalls angelockt worden und hatte der Versuchung nicht widerstehen können, dem aufgeputzten Burschen, den er haßte, einen Streich zu spielen – »immer nur herein – hür werden Sie sehen, wie man Sie auf geschickte Weise um Ihr Geld bringt – hür werden Sie schauen, wie sich Jammer und Elend mit Blumen herausstaffirt und ein Paar aufgeputzte Kindergerippe auf einem Beine tanzen, – hür werden Sie sehen ...« »Du hast einen silbernen Löffel gestohlen!« rief es plötzlich neben Jeremias, aber aus der entgegengesetzten Seite von der, wo Bux stand, welcher den neuen Ausrufer vollkommen ruhig betrachtete. »Is nich war!« schrie Jeremias und drehte sich rasch und wüthend nach der Seite, wo er aber zu seinem Erstaunen Niemand sah. »Hast en ja in der Tasche!« sagte die Stimme wieder und Jeremias lief es kalt über den Rücken. »Lügenhund, verdammter!« schrie er, wobei er fast unwillkürlich in die rechte Tasche griff, und Bux wollte sich jetzt auf seinem Stande vor Lachen fast ausschütten. »Na, was ist denn das? Was geht denn hier vor?« riefen Andere und drängten näher. »Immer herein, meine Hörrschaften!« schrie Bux wieder, den für ihn günstigen Moment benutzend – »das gehört Alles mit zum Spaß – da drin wird's jetzt losgehen, immer herein – immer herein!« und während er dem kleinen Mädchen einen Wink gab, ihm zu folgen, verschwand er in der Thür, und gleich darauf begann darin die schon von ihm bestellte Musik, zwei Trompeten, eine Trommel und eine Clarinette, einen lustigen Walzer aufzuspielen. »Ei, zum Henker, fünfhundert Reis wend' ich bran,« sagte ein junger, schlanker Bauer, der gerade eine Ladung Bohnen in die Stadt geschafft hatte – »sie werden Einen ja doch nicht beißen!« und mit entschlossenem Schritt trat er auf den Tisch zu, legte das Geldstück darauf und tauchte dann ebenfalls in die niedere Thür ein. Ein paar andere Colonisten, die derartige Dinge schon von daheim kannten, folgten, und bald trieb die Neugierde wohl fünfzehn oder zwanzig Personen mehr nach, welche sich in dem innern Räume auf roh genug eingerichteten Bänken sammelten. Das Innere der Hütte war, so gut das eben anging, bühnenartig eingerichtet, mit einem etwas erhöhten Podium aus ungehobelten Brettern und einem freilich sehr dürftigen, von Kattunresten zusammengeflickten Vorhange. Dieser verrichtete aber doch wenigstens den Dienst, die Zuschauer etwas Geheimnißvolles ahnen zu lassen, was hinter demselben vorgehen könnte, und genügte deshalb vollkommen. Die Ouverture – jener Walzer – war beendet, der Vorhang wurde durch den dazu abgerichteten Hausknecht Buttlich's aufgezogen, und den Zuschauern zeigte sich eine von der Hand des kunstfertigen Schneiders gemalte, außerordentlich merkwürdige Decoration, welche vollkommen im Dunkeln ließ, ob die Phantasie ersucht wurde, sich in einen Wald, oder in eine Tempelhalle hinein zu denken. Das Publikum zerbrach sich aber darüber gar nicht den Kopf, denn Bux erschien mitten auf dem Schauplatze, auf den er eine kurze Leiter und eine Stange mitbrachte, und begann jetzt als Herkules und Athlet eine Anzahl von Productionen auszuführen, wie wir sie in Deutschland nur zu häufig auf Märkten und Messen in kleinen Winkelbuden oder auch gar auf offener Straße zu sehen bekommen. Der Beifall, den er damit erntete, war freilich sehr gering; das Publikum lachte ein paar Mal, wenn ihm etwas mißglückte, das war Alles; applaudiren wollte Niemand, was wußten die Leute auch davon, und er ging dann zu dem zweiten Theil seiner Vorstellung – der höheren Bauchredekunst – über, bei welcher er aber ebenfalls einen weit geringeren Erfolg erzielte, als er erwartet haben mochte. Bux war darin wirklich nicht ungeschickt, aber sein ganzer Triumph scheiterte an der Gleichgültigkeit der Zuschauer, welche sich eben nicht wollten überzeugen lassen, daß er wirklich allein die bald von da, bald von dort her schallenden Töne hervorbrachte. »Ach, da hinten oder da drüben steckt auch Jemand,« sagten die Leute und als er sich mit einem Wesen unterhielt, welches angeblich unter einer verkehrt auf dem Tische stehenden Papierdüte stak, sagten sie, »das klang so natürlich, als ob Jemand da drunter wäre,« und damit war die Sache abgemacht. Wieder war eine Pause, und einzelne der Zuschauer gingen schon hinaus, weil sie sich zu langweilen anfingen, dann kamen die Kinder, Guido und Isabella, welche sich produciren sollten, und hier scheiterte das Ganze. Die kleine »Isabella« trat kaum vorn auf die Bühne heraus, als die Frauen unter den Zuschauern, mehr aus einer gewissen Art von Instinkt, als weil sie sich des Entwürdigenden solcher Darstellung für das Kindesalter klar bewußt gewesen wären, Mitleid mit der kläglich genug aussehenden Erscheinung fühlten. »Ach, das arme Wurm,« sagte eine alte Frau, die vorn auf der zweiten Bank saß – »wie sie das Kind angestrichen und angeputzt haben, und halb verhungert ist's dabei!« »Und der Vater prügelt's noch außerdem zu Hause,« sagte ein junges Mädchen, welches neben ihr saß – »ich hab' es oft gesehen, und jetzt soll das arme Ding tanzen.« »Und der Junge könnte auch was Gescheidteres thun,« meinte ein alter Bauer, der auf der ersten Bank saß, als Guido jetzt, ebenfalls in Tricots und geschminkt, neben seiner Schwester erschien und anfing zu tanzen – »'s ist ein Skandal, daß Kinder zu so 'was auferzogen werden, wo sie sich überall im Land ihr Geld auf ehrliche Art erwerben können!« Die Musik machte gerade jetzt eine Pause, um Herrn Bux Gelegenheit zu geben, ein Gestell mit papierüberklebten Reifen auf die Bühne zu schaffen und dann bei dem neuen Beginne mit so viel mehr Nachdruck einfallen zu können, als eine tiefe, ruhige Stimme laut sagte: »Die Kinder fort! Ich leide nicht, daß die hier zu solcher Schlechtigkeit gebraucht werden. Die Brasilianer sind den Deutschen so schon aufsässig genug, wir wollen ihnen nicht auch noch hier im Lande selber solche Früchte heranziehen!« – Als sich die Zuschauer erstaunt nach der Stimme umsahen, erkannten sie den Direktor Sarno, der eben einem Polizeidiener oder Wächter den Befehl gab, das weitere Auftreten der Kinder zu verhindern. Dieser schritt auch ohne Weiteres der Bühne zu und beorderte ›Guido und Isabella‹, sich zurück zu ziehen, als Bux wüthend auf ihn eindrang und sein Recht behaupten wollte, hier in seinem Locale und mit seiner Familie zu treiben, was ihm beliebe. Der Schneider, weicher seinen Platz auf der ersten Bank hatte, war rasch aufgesprungen, als er den Direktor hörte, um Buttlich herbei zu rufen, und der Wirth erschien auch fast augenblicklich, den Künstler, kraft seines Freibriefes, gegen die ›Willkürlichkeiten des Direktors‹ in Schutz zu nehmen. Jetzt aber mischte sich das Publikum in die Verhandlungen, und besonders waren es die Frauen, die zuerst des Directors Parthei nahmen. »Er hat Recht, der Herr Direktor«, riefen sie; »es ist ein Skandal und sollte nicht erlaubt werden! Schickt die armen Kinder in die Schule oder auf die Chagra, daß sie 'was lernen, was sie zum Leben brauchen!« »Ich kann mit meinen Kindern machen, was ich will,« schrie Bux dazwischen, »und kein Mensch hat mir ein Wort zu sagen!« »So, mein Bursche?« rief der alte Bauer – »das ist aber doch vielleicht ein Irrthum; denn wenn wir hier frische Leute und Kräfte in's Land bekommen, so liegt uns auch daran, daß sie uns keine Schande machen, und wo wir merken, daß das doch geschehen könnte, da wär's doch sonderbar, wenn wir nicht auch noch ein Wort mit drein zu reden hätten!« »Ich kann meine Kinder tanzen lassen, wo ich will,« schrie Bux wieder, durch den neuen Widerspruch gereizt. »Das weiß ich nicht,« sagte der alte Bauer, indem er ruhig von seinem Sitze aufstand; »ich denke mir aber, wenn Dir Niemand weiter zusieht, wirst Du's von selber bleiben lassen. Deshalb, Landsleute, wenn Ihr meinem Rathe folgt, so laßt Ihr den Menschen hier seinen Unfug treiben, seht ihm aber nicht auch noch zu. Ich wenigstens habe die Sprünge und Dummheiten satt, und wenn ihn Niemand mehr dafür bezahlt, bekommen die armen Kinder schon von selber Ruhe!« – und damit setzte er seinen Hut auf und schritt dem Ausgange zu. »Das ist wahr, das ist recht!« riefen die Frauen und einige junge Burschen; »es ist eine Schande, nur dabei zu sitzen!« »Ihr werdet Euch doch nicht von einem Polizeidiener in's Bockshorn jagen lassen?« schrie jetzt der Schneider dazwischen, der das Weglaufen der Leute auch theilweise als eine Beleidigung gegen sich betrachtete, weil er ja die Decoration gemalt hatte. »Wir sind hier in unserem Rechte, und ich will Den sehen, der uns etwas hier zu sagen oder zu befehlen hat!« »Du kannst da bleiben, Schneider,« sagte der Bauer ruhig, indem er den Kopf über die Schulter nach Justus Kernbeutel hindrehte; »von Dir erwartet es auch Niemand anders!« – und mit den Worten verließ er das Haus. Ein Paar der jungen Leute zögerten noch; sie hatten ihr Geld bezahlt und wollten doch eigentlich auch noch gern genießen, was hier zu sehen war; da aber alle Anderen gingen, mochten sie auch wieder nicht allein zurückbleiben, und ehe zehn Minuten vergangen waren, hatten sämmtliche Zuschauer den Platz geräumt und in der That den Schneider allein als Publikum in dem öden Räume zurückgelassen. Selbst der Polizeidiener war gegangen, als er sah, daß die Colonisten die Sache selber in die Hand nahmen. Direktor Sarno hatte ebenfalls die Hütte verlassen, sobald er nur den Befehl gegeben, die Kinder von der Bühne zu entfernen, und wollte gerade nach seiner eigenen Wohnung zurückgehen, als ihn Jeremias einholte und, ohne weitere Umstände seinen Arm ergreifend, sagte: »Der Teufel ist los, Herr Director, und die Bombe ist geplatzt!« »Und was giebt's nun wieder?« fragte Sarno ruhig, und dann nach der Landung hinunter horchend, fuhr er fort – »was ist denn das für ein Lärm da unten, Jeremias?« »Das ist ja eben die Bombe,« sagte der kleine Bursche – »der neue Director mit einem ganzen Schwärm brauner und schwarzer Soldaten, die man bei uns zu Hause alle für Geld könnte sehen lassen.« »Der neue Director,« lächelte Sarno – »und woher weißt Du das?« »Eben ist das Dampfschiff hereingekommen« versicherte Jeremias – »gerade von Santa Catharina – und der Director ist mit den Booten unten von der kleinen Barre heraufgekommen, weil der Fluß jetzt so niedrig ist, und der Bodenlos hat einen Bekannten dabei getroffen, einen Deutschen, und der hat ihm die Geschichte erzählt. Der neue Director logirt bei dem Baron, und die Soldaten sind mitgeschickt, daß uns die Indianer hier nicht die Hälse abschneiden sollen.« »So?« sagte Sarno ruhig und schritt auf sein Haus zu – »komm mit, Jeremias, vielleicht giebt es etwas zu besorgen« – und ohne weiter eine Frage an seinen Begleiter zu richten, setzte er seinen Weg fort. – Der neue Director? Er hatte etwas Aehnliches schon lange erwartet, wenn auch freilich in anderer Weise, und lange schon gewünscht, dieses lästigen, undankbaren Postens enthoben zu sein, und trotzdem war es ihm doch ein bitteres Gefühl, sich zu denken, daß er für so vollkommen entbehrlich gehalten wurde, seine Arbeit ohne weitere Umstände durch einen Andern – er wußte ja noch nicht einmal, durch wen – fortgeführt und sich bei Seite geworfen zu sehen. Er stand, mit diesen Gedanken beschäftigt, vor seinem Hause, ehe er selbst recht wußte, wie er dahin gekommen. Die Entscheidung ließ aber auch nicht lange auf sich warten, denn selbst vor seiner Thür fand er einen der brasilianischen Soldaten in blauer Uniformjacke, Sommerhosen und bloßen Füßen, der ein Schreiben in der Hand hielt und auf Jemanden zu warten schien. »Zu wem willst Du?« fragte er ihn. »Señor Sarno.« »Der bin ich selber.« »Brief abzugeben,« sagte der Soldat und reichte ihm das Schreiben. »Weiter nichts?« Der Bursche hielt es nicht einmal der Mühe werth, zu antworten, schüttelte nur mit dem Kopf und schlenderte dann pfeifend die Straße wieder hinab. Jeremias sah ihm nach und sagte dann kopfschüttelnd: »Hübsche Kerle – jetzt können wir nur unsere Häuser und Kästen zuschließen, denn wo die Bande hinkommt, hört der Friede auf.« Sarno war vor ihm her in sein Zimmer gegangen und brach dort das Schreiben auf. Es enthielt, wie Jeremias schon ganz richtig gemeldet hatte, seine einfache Entlassung als Director der Colonie Santa Clara, ohne irgend welchen Grund dafür anzugeben, wie außerdem die Anzeige, daß Baron von Reitschen als neuer Director von dem nämlichen Tage an, an welchem er die Colonie betreten, in seine Stellung einrücken würde. Weiteres werde Herr von Reitschen selber mit ihm besprechen und Acten wie Kasse von ihm übernehmen. »Also abgesetzt,« lachte Sarno bitter vor sich hin, als er das Papier auf den Tisch warf – »und mit verwünscht wenig Umständen, wie es scheint.« »Das ist Alles bei der Frau Gräfin gekocht,« sagte da Jeremias, der, von dem Director vollkommen unbeachtet, diesem in das Zimmer gefolgt war – »dort haben sie's gebraut.« Sarno sah sich rasch nach dem Redenden um. »Gebraut? Was?« »Die Eingabe nach Santa Catharina und die ganze andere Geschichte. Der Herr von Pulteleben hat's geschrieben und vorgelesen und nachher wurd' es unterzeichnet und fortgeschickt, im ganzen Orte herum. Selbst der Lump, der Justus, und der Schuft, der seine Frau und Kinder immer prügelt und mit dem Bösen im Bunde steht, hat seinen Namen mit drauf setzen müssen.« »Neben den der Frau Gräfin?« lächelte Sarno. »Nun, ein Stückchen weiter unten,« sagte Jeremias – »und mich wollten sie auch dazu haben, aber ich denke, der Herr von Pulteleben bleibt künftig bei seinen Cigarren und läßt mich ungeschoren.« »Die Fabrikation geht gut?« lächelte Sarno. Jeremias pfiff blos leise vor sich hin, schob beide Hände in die Taschen und verließ, seinen Hut noch immer unter den Arm geklemmt, das Zimmer, kehrte aber augenblicklich wieder zurück und meldete: »'s ist ein fremder Herr draußen, der den Herrn Direktor zu sehen wünscht,« und dabei überreichte er Sarno eine Karte, auf der nur die Worte standen: Ferdinand von Reitschen. »Wird mir sehr angenehm sein,« sagte Sarno, die Karte auf den Tisch werfend. »Der Neue , nicht wahr? – fragte Jeremias, indem er Sarno mit den Augen zublinzelte. Dieser lächelte und nickte, und der kleine Bursche ließ gleich darauf den Baron von Reitschen in das Zimmer. »Mein werther Herr,« sagte dieser, indem er rasch auf Sarno zuging und seine Hand ergriff – »ich muß tausendmal um Entschuldigung bitten, Sie noch in meinen Reisekleidern aufgesucht zu haben, aber die eigenthümlichen Umstände, unter denen ich hier ...« »Bitte, machen Sie keine Umschweife,« unterbrach ihn Sarno ruhig, indem er ihm einen Stuhl hinrückte – »dem eben erhaltenen Schreiben nach habe ich das Vergnügen, in Ihnen den neuen Director der Colonie zu sehen, und da ich von dem Augenblicke Ihres Eintreffens an mein Amt in Ihre Hände niederlege, so versteht es sich von selbst, daß wir alles Geschäftliche so rasch wie irgend möglich erledigen. Aus diesem Grunde schon kann ich Ihnen nur dankbar sein, eine für beide Theile nicht angenehme Sache, so bald es eben angeht, zu beseitigen.« »Ich bitte, mich um Gottes willen nicht falsch zu verstehen!« rief Herr von Reitschen rasch. – »Sie glauben doch sicherlich nicht, daß ich schon in der ersten Stunde auf Derartiges dringen wollte. Nehmen Sie sich ja Zeit, mein lieber Herr – nein, ich kam eigentlich heute Nachmittag nur her, um Sie um Ihren Rath und womöglich Ihren – Beistand zu bitten.« »In was, wenn ich fragen darf?« »Sie wissen, daß Se. Excellenz eine kleine Abtheilung Militär hierher beordert hat.« »Ich habe es wenigstens heute erfahren, wenn ich auch eigentlich nicht recht begreife, zu welchem Zweck.« »Die Indianer haben sich in der letzten Zeit wieder so frech gezeigt.« »Hier bei uns?« »Nun, doch in der Nachbarschaft,« sagte Herr von Reitschen etwas verlegen – »wenigstens liefen dahin lautende Berichte bei dem Präsidenten ein.« »Dahin lautende Berichte hätten doch eigentlich von mir ausgehen müssen« sagte Sarno ruhig – »und ich weiß nichts davon.« »Sie haben sich in der Nähe sehen lassen, so viel ist sicher, und Sie wissen selber, daß es zu spät ist, Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wenn sie erst da sind.« »Ihre Excellenz ist sehr besorgt um das Wohl der Colonie und hat uns davon schon viele Beweise gegeben.« » Ihre Excellenz?« sagte Herr von Reitschen etwas verblüfft. »Oder Seine , das bleibt sich ja gleich; doch bitte, zur Sache, denn Sie wissen ja doch, daß ich weder mit den Indianern noch mit den Soldaten weiter etwas zu thun habe.« »Es handelt sich jetzt darum, sie unterzubringen, bis passende Wohnungen für sie gebaut werden können,« sagte Herr von Reitschen, dem selber daran lag, das Gespräch abzubrechen – »ich bin hier noch zu fremd und Sie können mir gewiß am besten die Mittel und Wege ...« »Da bedauere ich doch sehr,« unterbrach ihn Sarno ruhig – »ich selber halte brasilianisches Militär hier zwischen den deutschen Colonisten nicht allein für ganz überflüssig, sondern sogar für vollkommen verderblich und würde nie die Hand oder meine Hülfe dazu bieten, es hier unterzubringen, selbst wenn ich noch Director wäre.« »Aber der bestimmte Befehl des Präsidenten.« »Sie vergessen, verehrter Herr,« lächelte Sarno, »daß mir Se. Excellenz nichts mehr zu befehlen hat.« »Mißverstehen Sie mich nicht,« sagte Herr von Reitschen rasch – »in dieser Angelegenheit würde ich es nur als eine mir persönlich erwiesene Gefälligkeit betrachten.« »Ich bedauere dann recht sehr, Ihnen diese nicht leisten zu können,« sagte Sarno kalt; »kann ich Ihnen vielleicht mit etwas Anderem dienen?« »Ich danke Ihnen; mit nichts, was ich augenblicklich wüßte,« sagte Herr von Reitschen und hielt seine Unterlippe mit den Zähnen. »Dann ersuche ich Sie nur,« fuhr Sarno fort, »sich morgen um zehn Uhr zu mir zu bemühen, um die Directionspapiere zu übernehmen. Sie wohnen?« »Bei Baron Jeorgy.« »Es ist sonst,« lächelte Sarno, »bei einer Entlassung von Dienstboten wohl Sitte, ihnen eine vierwöchentliche Kündigungsfrist zu stellen, ich werde aber dieses ›Dienstbotenrecht‹ nicht für mich beanspruchen, Herr Baron, und hoffe, Ihnen das Directionsgebäude übermorgen früh zur Verfügung stellen zu können.« »Aber solche Eile ist ja gar nicht nöthig.« »Doch vielleicht – bis wann verläßt der Dampfer Santa Clara wieder?« »Er – hat Ordre, zu warten, bis Sie bereit seien, falls Sie ihn zur Abreise benutzen wollten.« »Nun, sehen Sie,« sagte Sarno, indem ein ironisches Lächeln um seine Lippen zuckte – »ich darf die Güte der Regierung doch nicht mißbrauchen – der Dampfer ist nach Rio bestimmt?« »Ja.« »Sehr schön; in einigen Tagen denke ich ihn zu benutzen, übermorgen aber werde ich jedenfalls hier ausziehen und meine Wohnung indessen im Gasthofe nehmen.« »Es ist das wirklich nicht nöthig – ich bin bei dem Baron vortrefflich aufgehoben.« »Ich glaube, die Sache ist damit abgemacht.« »Wenn Sie es nicht anders wollen – so habe ich die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen.« Sarno verbeugte sich höflich, aber kalt gegen den Baron und dieser verließ rasch das Zimmer, hatte aber kaum die Treppe betreten, als ein Brett unter seinen Füßen nachgab und er polternd die ziemlich steilen achtzehn Stufen mit einem furchtbaren Lärm hinabkollerte. »Der Herr scheinen die neuen Colonietreppen noch nicht gewohnt zu sein,« sagte Jeremias, der unten an der Treppe stand und mit einer seiner zierlichsten Verbeugungen den Hut abnahm – »haben sich doch nicht etwa Ihre werthen Arme oder Beine gebrochen?« »Verfluchte Treppe!« brummte Herr von Reitschen, indem er sich kaum vom Boden zu heben vermochte, ohne daß ihm Jeremias jedoch die geringste Hülfe geleistet hätte – »eine schöne Ordnung hier im Hause, daß man nicht einmal sicher die Stiege betreten kann!« »Schade um die hübsche Hose,« sagte Jeremias, auf das zerrissene Kleidungsstück deutend – »aber wenn's Bein nur ganz ist.« Der neue Director hörte ihn nicht mehr und verließ hinkend das Haus, Jeremias aber stieg, vergnügt vor sich hin pfeifend, die Treppe wieder hinauf, holte dort einen Hammer und Holzstift, welcher letztere genau in die Stelle paßte, wo einer im Seitenbrett fehlte und hatte den Schaden in wenigen Minuten vollständig ausgebessert. Der nächste Tag war ein lebendiger in der Colonie, denn Während Sarno mit Herrn von Reitschen in dem Directionsgebäude arbeitete und wirthschaftete, schien indessen jede wirkliche Beschäftigung in dem Städtchen aufgegeben zu sein und die Männer schlenderten in den Straßen herum oder saßen in den Wirthshäusern, theils die neuen Soldaten zu betrachten, theils sich ihre Bemerkungen über diesen, Keinem willkommenen Zuwachs mitzutheilen. Und was war jetzt der neue Director für ein Mann und weshalb hatte man ihnen den alten eigentlich nicht gelassen? Jetzt, da sie ihn verlieren sollten, fiel ihnen auf einmal Allen ein, daß er doch ein ganz tüchtiger und braver Mann gewesen, der es mit den Colonisten wirklich gut gemeint und wie sich der neue zu diesen stellen werde, wußte man ja noch gar nicht. Außerdem war er ein Baron, kein Bürgerlicher wie Sarno, und hatte sich auch gleich bei dem Baron Jeorgy einquartiert – weshalb ging er nicht in's Gasthaus, meinte Bohlos, denn wozu wären denn die Gasthäuser eigentlich da, wenn die Fremden nicht darin wohnen wollten? Die vorläufige Unterbringung der Soldaten hatte ebenfalls ihre Schwierigkeit, denn kein Deutscher wollte diese Burschen, die nirgends in dem besten Rufe stehen und außerdem entsetzlich schmutzig und roh sind, in Quartier nehmen. Es blieb also zuletzt in der That nichts übrig, als sie vor der Hand in das Auswanderungshaus zu legen, obgleich hier schon zwei aus einer andern Colonie herübergekommene Familien einquartiert lagen. Die Colonisten wurden indessen von Herrn von Reitschen bedeutet, daß es nur für ganz kurze Zeit sei, da die Leute selber schon am nächsten Tage daran gehen sollten, Hütten für sich in der Nähe des Flusses zu errichten. Nachmittags vier Uhr hatte Sarno seine Geschäfte mit dem neuen Director, so weit das bis zur vollständigen Uebernahme geschehen konnte, beendet, als Könnern, der einen kleinen Ausflug in das innere Land gemacht, vor seiner Thür hielt, abstieg und zu Sarno hinaufging. »Sie kommen gerade recht,« rief ihm dieser lachend entgegen, »um Ihr eigenes Gepäck zusammen zu packen und mit mir auszuziehen. Wir sind Beide auf die Straße gesetzt.« »Also ist es wirklich wahr?« sagte Könnern kopfschüttelnd – »ich hatte schon draußen vor dem Orte davon gehört, und der Herr, der mir da eben in der Thür begegnete ...« »Ist der neue Director, Herr von Reitschen.« »Sein Gesicht gefällt mir nicht besonders – doch was thut das – ich werde mit dem Herrn in keine nähere Berührung kommen. Aber ist Schwartzau noch nicht zurück?« »Noch nicht, doch kann er jeden Tag eintreffen, denn wir haben die letzten drei Tage einen festen Süder gehabt, der eine ganze kleine Flotte von Schoonern in den Fluß gebracht hat – und geschrieben hat Schwartzau, daß er kommt. Apropos, Könnern, gehen Sie mit nach Rio?« »Wann?« »Jetzt – morgen oder übermorgen.« Könnern hatte die Arme untergeschlagen und ging mit langsamen Schritten im Zimmer auf und ab; er beantwortete auch eine Zeit lang die Frage nicht; endlich sagte er leise: »Ich kann nicht – ich kann wenigstens jetzt noch nicht, bis sich mein Schicksal hier entschieden hat.« »Könnern, Könnern, nehmen Sie sich in Acht!« »Ihre Warnung kommt zu spät,« sagte der junge Mann, indem er vor Sarno stehen blieb und ihm treuherzig in's Auge sah. »Und sind Sie schon so weit?« »Weit?« seufzte Könnern; »ich stehe an der nämlichen Stelle, wo ich vor vier Wochen stand – ich habe Elisen seit jenem Tage, an dem ich zum ersten Mal ihren Garten betrat, nicht wieder gesehen, also auch nie allein sprechen können, denn der Alte hütet sie ordentlich vor mir und hat mich schon ein Dutzendmal von seiner Thür zurückgewiesen. Aber ich bin jetzt entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich glaube, daß Elise mich wieder liebt, und ist dem so, dann können die Eltern keinen Grund haben, sie mir zu verweigern; ich bin vollkommen unabhängig und kann eine Frau ernähren.« »Sie wissen, daß Meier ausverkaufen und von hier fortziehen will?« fragte Sarno. »Kein Wort!« rief Könnern rasch. »Er steht schon über seine Chagra in Unterhandlung und zwar durch eine Mittelsperson, mit jenem Pulteleben, der bei der Frau Gräfin wohnt. Ich weiß es genau und glaube jetzt fest, daß Sie die Ursache sind, die ihn hier forttreibt.« »Es wäre entsetzlich, wenn Sie Recht hätten!« sagte Könnern scheu; »und doch fürchte auch ich fast, daß dem so ist, denn welcher andere Grund könnte den Mann aus seiner freundlichen Häuslichkeit treiben.« »Es wäre das wenigstens ein Zeichen, daß das Mädchen auch Sie liebt und etwas Aehnliches den Eltern vielleicht erklärt hat. Sonst weiß ich nicht, weshalb eine solche Maßregel nöthig wäre. Ein Vater kann doch nicht immer gleich die ganze Gegend verlassen, wenn Jemand um seine Tochter anhält, der ihm aus dem einen oder andern Grunde nicht genehm ist.« »Ich muß hin – ich muß noch heute hin!« sagte Könnern, seinen Spaziergang im Zimmer wieder fortsetzend – »ich muß wissen, woran ich bin, und wenn mich Elise wirklich liebt, dann dürfen mir die Eltern ihre Hand nicht verweigern; sie dürfen ihr Kind nicht unglücklich machen um der Laune eines menschenscheuen Mannes wegen!« »Mein lieber Könnern,« sagte Sarno ruhig, »wenn die Sache so steht und Sie bis über die Ohren in die junge Dame wirklich verliebt sind, so werde ich natürlich meine Zeit nicht länger mit Bitten vergeuden, mich zu begleiten. Bleiben Sie hier und thun Sie, was Sie eben nicht lassen können. Um Eins aber muß ich Sie bitten, schon Ihres Bruders wegen: handeln Sie nicht unüberlegt und wie ein junger, tollköpfiger Bursche von zwanzig Jahren. Heut Abend sind Sie aufgeregt – thun Sie keinen Schritt in der ersten Aufwallung, der Sie vielleicht nachher gereuen könnte und nie wieder gut zu machen ist. Beschlafen Sie die Sache; denken Sie mit kaltem Blute darüber nach und wenn Sie morgen nach dem Frühstück noch genau derselben Meinung sind wie heute, gut, dann thun Sie, was Sie wollen!« »Aber welchen Grund könnten Sie haben, einen solchen Schritt für unüberlegt zu halten? Elise ...« »Ist ein Engel, wie ich keinen Augenblick zweifle,« unterbrach ihn lächelnd Sarno; »aber,« setzte er ernster hinzu – »man heirathet zu Zeiten nicht allein die Geliebte, sondern auch die Schwiegereltern mit und – mein Rath geht eben nur dahin, sich vorher über deren Verhältnisse doch ein wenig genauer zu unterrichten. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß mir der alte Meier nicht besonders gefällt, denn daß er sich so ängstlich von jedem Menschen zurückhält, kann recht gut einfache Scheu vor einem geselligen Umgange – es kann aber auch etwas Anderes sein, und ich habe in den zwölf Jahren, in denen ich mich in den Colonien herumtreibe, schon ganz merkwürdige und oft wunderliche Erfahrungen gemacht.« »Sie glauben doch nicht das alberne Geschwätz Zuhbel's?« »Zuhbel ist ein Schwätzer, und wenn Alles wahr wäre, was er sagt, so verdiente ich zum Beispiel gehängt zu werden.« »Und hat jener Meier in der Zeit seines hiesigen Aufenthalts irgend etwas gethan, was ...« »Nichts – gar nichts – er hat sich stets als ein fleißiger, anständiger Mensch gezeigt.« »Dann überlassen Sie mich auch meinem Schicksal,« sagte Könnern freundlich. »Ich will Ihrem Rathe folgen und erst morgen früh hinüberreiten – alles Andere mag sich aber dort entscheiden.« 15. Die Cigarrenfabrik. In dem Hause der Frau Gräfin Baulen hatte sich indessen, und in dem kurzen Zeitraum von wenigen Wochen, außerordentlich viel verändert. Das ganze Haus war eigentlich auf den Kopf gestellt, und so still es sonst gewesen, glich es jetzt einem Bienenstock, in dem eine Menge von fremden Menschen täglich ein und aus schwärmte – wenn sie auch eben keinen Honig eintrugen. Der sogenannte ›Gartensalon‹ unten, wie man früher das größte Zimmer genannt, war nämlich in eine Werkstätte verwandelt worden, in der sieben kleine Tische mit eben so vielen Stühlen standen, während auf jedem ein dickes, viereckiges Brett aus hartem Holz und ein kleines Messer lagen. Fünf von diesen waren mit Arbeitern in Hemdsärmeln besetzt, die Haufen von Tabaksblättern neben sich liegen und ein Kistchen oder einen Korb dabei stehen hatten, in denen fertige und noch feuchte Cigarren aufgeschichtet lagen, und in der Stube selber, an eingeschlagenen derben Nägeln waren Seile ausgespannt, auf denen breite Deckblätter zu oberflächlichem Abtrocknen aufgehangen waren. Die Fenster waren geöffnet, theils um die milde Luft herein, anderntheils um den dichten Tabaksqualm hinaus zu lassen, denn die fünf Cigarrenmacher rauchten die eben gewickelten und noch biegsamen Cigarren mit einer wahren Leidenschaft. Allerdings hatte ihnen das die Frau Gräfin im Anfange nicht gestatten wollen, und in den ersten Tagen war es nur Oskar und Herrn von Pulteleben erlaubt gewesen, im Hause zu rauchen Da sich die Leute aber zu arbeiten weigerten, wenn sie nicht ihre Cigarre dabei rauchen dürften, und sogar die Bibelstelle mit dem dreschenden Ochsen und dem Maulverbinden citirten, sah sich die Frau Gräfin genöthigt, in ihrer Strenge nachzulassen. Es hatte überdies Mühe genug gekostet, Leute aufzutreiben, die im Cigarrendrehen erfahren waren, und es hing jetzt Alles davon ab, eine größere Quantität fertig zu bringen und auf den Markt zu werfen. Die beiden jetzt leer stehenden Tische im untern Zimmer verriethen vor den übrigen eine kleine Auszeichnung. Erstlich standen Rohrstühle davor, und dann hatten die auf dem Brett liegenden Messer Perlmuttergriffe. Hier sollten oder wollten Herr von Pulteleben und Oskar arbeiten, und in der ersten Woche waren sie auch in der That die Ersten und Letzten dabei gewesen. Dieser Eifer aber verrauchte freilich bald, und Oskar erklärte schon am Montag Morgen der zweiten Woche, daß er nicht nach Brasilien gekommen wäre, um »wie eine Sclave zu schanzen«, er hätte sich sonst gleich von vornherein schwarz anstreichen lassen. Herr von Pulteleben hielt länger aus; er ging wenigstens ab und zu in die Fabrik, um einesteils die Arbeiter zu überwachen, anderntheils aber auch einmal ein Paar Dutzend Cigarren fertig zu bringen, die aber freilich alle noch eine solche außergewöhnliche Form hatten, daß er sie selber rauchen mußte und nur einzeln zwischen die regelrecht gefertigten der Arbeiter einschieben konnte. Mit dem Wickeln selber ging es noch so ziemlich, aber er brachte die Spitze nicht zu Stande, die sich in die verschiedensten phantastischen Formen drehte und manchmal lang und dünn auslief, oft aber mit Kleister zum Zusammenhalten gezwungen werden mußte. Selbst in die Zimmer der Frau Gräfin waren die unnatürlichen Auswüchse der Cigarrentische gedrungen, und diese selber gab sich hier mit Helenen derselben Beschäftigung hin. Helene entwickelte vor allen Anderen einen wahrhaft eisernen Fleiß in diesem neuen und ihr wahrlich fremden Wirkungskreise. Mit der ihr in allen anderen Dingen eigenen Geschicklichkeit hatte sie rasch gelernt, nicht allein rauchbare, sondern auch gut aussehende Cigarren in regelmäßiger Form anzufertigen, und schon nach drei Wochen arbeitete sie kaum Weniger rasch, als irgend einer der angestellten Gehülfen. Wie sich aber die Arbeit bei ihr förderte, schien auch ein anderer, besserer Geist über sie zu kommen; sie schien heiterer, glücklicher zu werden, und wenn sie sich des Gedankens vielleicht selber nicht ganz klar wurde, war es doch wohl nur ein Gefühl größerer Selbstständigkeit, das sie durchzuckte, wenn sie sich bewußt wurde, ihr Brod im Nothfall selber verdienen zu können. Jeder wirklich edle Charakter hat dieses Gefühl, mag ihn das Schicksal in eine Stellung geworfen haben, in welche es wolle – jeder sollte es wenigstens haben, denn es ist die einzige ›Lebensversicherung‹, die uns der Zukunft darf getrost in's Auge schauen lassen. Helene, mit einem empfänglichen Herzen für alles Schöne und Gute, das selbst durch die schlaffe, leichtsinnige Erziehung ihrer Mutter nicht in ihr getödtet werden konnte, hatte schon lange schmerzlich den Kampf empfunden, den diese gegen das Leben ankämpfte, nur um eine leere äußere Erscheinung aufrecht zu erhalten, und wenn sie sich bis dahin selber machtlos gefühlt, das zu ändern, eröffnete plötzlich diese neue Beschäftigung ihr dazu die Aussicht. Daß ihre Mutter nur durch die äußerste Notwendigkeit zu einem solchen Schritt getrieben war, sah sie recht gut ein; aber sie dankte Gott dafür, und nur manchmal beschlich sie, nach Andeutungen, die jene fallen ließ, ein eigenes dunkles Gefühl, daß von der sonst so stolzen Gräfin dieses Mittel, sich eine Stellung im Leben zu erzwingen, nicht ernstlich gemeint sei, ja, nur als augenblickliche Aushülfe betrachtet werde und einem andern, tiefer liegenden Zwecke dienen solle. Und welchem? Comtess? Helene preßte die seingeschnittenen Lippen fester zusammen und ihr Auge nahm wieder jenen alten zornigen Trotz an, den die letzten Wochen fast durchaus verbannt hatten – aber sie dachte den Gedanken nie aus und arbeitete dann nur um so rüstiger weiter, um die ihr noch so nöthige Fertigkeit in ihrer neuen Beschäftigung zu erlangen. Die Frau Gräfin selber hatte wohl auch ein paar Mal begonnen, Cigarren zu machen, aber es war stets nur bei einem leider nicht mit Erfolg gekrönten Versuche geblieben. Selbst Jeremias weigerte sich, die von ihr angefertigten Cigarren zu rauchen, weil er behauptete, er bekäme die Schwindsucht dabei und zöge sich die Seele aus dem Leibe. Das Fabrikat mußte stets wieder zu Einlagen für andere verwendet werden. Jeremias hatte übrigens in der neuen »Fabrik« eine nicht unbedeutende Wichtigkeit erlangt, da sich sehr bald herausstellte, daß er die einzige Person im Hause sei, die wirklich etwas von Tabakblättern verstand und eingesandte Proben beurtheilen konnte. So oft man aber auch versuchte, ihn zu thätiger Mitwirkung bei der allgemeinen Leidenschaft zu veranlassen, so oft schlug er jedes solches Anerbieten auf das Entschiedenste aus, und nahm sich nur die Interessen seines Gutachtens in fertiger Waare, besonders von Oskar's Tische, der auch nur für eigenen Bedarf zu arbeiten schien. Herr von Pulteleben war außer Helenen noch der Fleißigste der Familie, zu der er sich jetzt vollkommen zu zählen schien, und besonders veranlaßte ihn dazu wohl die schon merkliche Abnahme seines kleinen Capitals, das noch dazu nicht alles in den Ankauf von rohem Tabak und die Bezahlung der Arbeiter gesteckt war. Die Frau Gräfin hatte, da der schon lange erwartete Wechsel angeblich noch immer nicht eingetroffen (er war in der That angekommen, aber auch augenblicklich verausgabt worden, nur um die dringendsten Gläubiger zu befriedigen), einige kleine Anlehen gemacht, um, wie sie Herrn von Pulteleben sagte, besonders Helenens Garderobe in etwas zu restauriren und dann einige andere höchst nöthige Verbesserungen in ihrer Wirthschaft zu treffen, und die Einnahme der fertigen, aber noch nicht abgelagerten Cigarren stellte sich außerdem als viel geringer heraus, als man im Anfang erwartet haben mochte. Herr von Pulteleben begann nachzudenken. Die ersten Zweifel stiegen in ihm auf, ob er hier auf brasilianischem Boden wohl auch gleich die richtige Speculation getroffen habe, in sehr kurzer Zeit ein reicher Mann zu werden und zwar ohne fremde Hülfe, aus eigener Geistesfähigkeit und Ausdauer – denn das mitgebrachte und ebenfalls nicht selber verdiente Geld rechnete er natürlich gar nicht. Hinter dem Allen aber schwebte das Bild Helenens, deren Reize einen unwiderstehlichen Zauber auf ihn ausübten und ihn noch immer nicht recht zur Besinnung kommen ließen. Hatte er sich gleich im ersten Augenblick von ihrer lieblichen Erscheinung gefesselt gefühlt, so festigte sich das Band, das ihn zu ihr hinzog, mit jedem Tage mehr und mehr, trotzdem ihm das schöne Mädchen nicht die geringste Ermuthigung gab, an eine gegenseitige Neigung glauben zu dürfen. Sie war stets mehr höflich und artig als freundlich gegen ihn; sie ging, so muthwillig sie auch sonst sein konnte, nie auf die Scherze ein, die Oskar oft in kindischer Ungezogenheit mit ihrem neuen Hausgast trieb, denn Oskar war nicht gewohnt, irgend eine Verbindlichkeit gegen Jemanden in der Welt anzuerkennen, selbst nicht einmal gegen seine eigene Mutter. Helene aber wußte, daß sie Alle dem Fremden Dank schuldig seien, sie, wenn auch nur für den Augenblick, aus einer Lage befreit zu haben, in die sie die unbedachte und zwecklose Verschwendung ihrer Mutter gebracht; aber sie fühlte sich dadurch gedrückt, denn Herr von Pülteleben war keine Persönlichkeit, der sie mit freudigem Herzen etwas hätte danken mögen. Arno von Pulteleben legte aber selbst diese oft nur kalte Höflichkeit stets zu seinen eigenen Gunsten und seinen eigenen Wünschen gemäß aus, denn er besaß eine vortreffliche Meinung von sich selber, und hatte ihn der Rangesunterschied bei dem ersten Begegnen auch etwas schüchtern gemacht, so schwanden diese Bedenken immer mehr und mehr, als er erst einmal die Ueberzeugung gewann, daß die gräfliche Familie, vor der Hand wenigstens, nicht die ihrem Rang entsprechenden Mittel besaß und die Frau Gräfin selber auf das Herablassendste seine pecuniäre Hülfe in Anspruch nahm. Die Sache hatte aber trotzdem ihren Haken; denn wenn sie mit ihrem Geschäft wirklich nicht reussirten, ehe der fabelhaft lange ausbleibende Wechsel der Frau Gräfin ankam, so konnte er in eine Lage kommen, die ihm viel zu fremd war, um sich vor der Hand auch nur selber hinein zu denken; denn was er auch immer der Gräfin von dem seiner daheim noch wartenden Vermögen erzählt haben mochte, selber hegte er keineswegs die großen Erwartungen, die er in ihr erregt hatte. Desto fester glaubte er an eine freundliche Mythe, die, in dem Kopfe der Frau Gräfin entsprungen, ein sehr bedeutendes Rittergut in Ungarn zur Basis hatte, das jetzt durch ihren Anwalt verkauft werden sollte und dessen Ertrag dann ohne Weiteres an sie übermacht werden sollte. Die Frau Gräfin hatte ihm das eines Tages, als sie allein beisammen waren, unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, denn Helene sollte nichts von dem Verkauf wissen, weil sie kindischer Weise noch zu sehr an dem alten Stammgut hing. Bis diese Gelder aber ankamen, mußte mit dem noch vorhandenen und allerdings schon sehr zusammengeschmolzenen Capital gewirthschaftet werden und obgleich er selber nichts in der Welt weniger als Geschäftsmann war, konnte er sich doch nicht verhehlen, daß ihre Ausgaben mit ihren Einnahmen auch nicht in dem geringsten Verhältniß standen. Ging die Sache also noch lange so fort, so mußte die Zeit eintreten, in welcher seine Baarschaft verausgabt war – und was dann? Er beschloß deshalb, ganz ernsthaft mit der Frau Gräfin zu reden – er war ihr das ja sogar schuldig – und sie konnten da gemeinsam einen Plan entwerfen, wie – ja, er wußte eigentlich selber noch nicht recht, über was – aber das ergab sich dann ja auch schon in der Unterhaltung. Es waren, wie schon gesagt, heute Morgen wieder frische Proben von Blättertabak eingesandt worden und während Helene allein in ihrer Stube, mit ihrer Arbeit und ihren Gedanken beschäftigt, saß, hatte die Frau Gräfin mit Jeremias den Tabak geprüft und die Sorten ausgesucht, welche sie für die Besten zur Bearbeitung hielten. Damit im Reinen, wurde Herr von Pulteleben gerufen, um zu einer abgemachten Sache seine Zustimmung und dann die schriftliche Ordre zum Anlauf zu geben, da die Frau Gräfin die etwas unangenehme Erfahrung gemacht hatte, ihre Handschrift in der Geschäftswelt nicht besonders respectirt zu sehen. Oskar lag auf dem Sopha, rauchte eine von ihm selbst gewickelte Cigarre und pfiff in den Pausen eins von Helenens Liedern. Was kümmerten ihn die Geschäfte? Vor dem Zimmer stand ein Tausend Cigarren, das Oskar übernommen gehabt hatte, schon gestern Abend zu dem Geistlichen zu befördern und das Geld dafür mitzubringen, und Herr von Pulteleben ärgerte sich, daß der junge Bursche nicht allein zu gar nichts zu bringen war, sondern sogar noch wie zum Hohn hier ausgestreckt auf dem Sopha lag. »Ach, lieber Baron,« sagte die Gräfin, als er eintrat, und ohne seinen auf Oskar geschleuderten, eben nicht freundlichen Blick zu beachten – »wir haben hier den Tabak ausgesucht – sehen Sie, diese beiden Sorten – von der einen zwölf Aroben zu Einlage und drei Aroben von der andern zu Deckblatt – ich denke, das wird vorläufig genug sein, und wir können erst einmal mit der kleinen Quantität versuchen, wie sich die Cigarren machen werden. Von wem ist der Tabak, Jeremias?« »Von Köhler's Chagra,« sagte der Angeredete, indem er sich von dem Tisch ebenfalls eine Cigarre nahm und sie abbiß – »er hat aber gesagt, er gäb' ihn für den Preis nicht anders, als um ›baar Geld lacht‹ – die landesübliche Münzsorte.« »Ich denke, daß ihm sein Geld bei uns sicher ist,« sagte die Frau Gräfin, ärgerlich den Kopf zurückwerfend. »Kann wohl sein,« meinte Jeremias, die abgebissene Spitze in die Ecke spuckend – »er denkt's aber nicht und ist dumm genug, das Geld lieber in der eigenen Tasche als bei fremden Leuten zu haben – mit Erlaubniß« – damit ging er an das Feuerzeug und wollte sich ohne Weiteres seine Cigarre anzünden; die Frau Gräfin schien aber nicht gesonnen, ihm alle Freiheiten zu gestatten. »Sie wissen doch, Jeremias,« sagte sie streng, »daß ich Niemand gestatte, in meinem Zimmer zu rauchen – meinen Sohn ausgenommen,« fuhr sie fort, als sie bemerkte, wie Jeremias einen halb lächelnden Blick nach Oskar hinüberwarf – »ich dulde keine Unverschämtheit.« »Reden wir nicht weiter davon,« sagte Jeremias, indem er die Cigarre in die Tasche schob und mit dem Fuße den neben ihm liegenden Haufen Blättertabak noch etwas lockerte – »Sie können wahrscheinlich den Tabaksgeruch nicht vertragen. Soll ich dem Köhler das Geld gleich mit hinausnehmen? denn er wollte sofort Antwort haben, weil jetzt gerade Gelegenheit ist, den Tabak nach Rio Grande zu schicken.« »Kommen Sie nachher wieder herauf,« sagte Herr von Pulteleben, die Antwort umgehend – »ich habe augenblicklich mit der Frau Gräfin noch zu reden.« »Hm,« sagte Jeremias, aus einer etwas engen Uhrtasche eine riesige, beinahe kugelrunde Taschenuhr herauszwängend und den silbernen Deckel derselben öffnend – »jetzt ist's in sechs Minuten Zehn; um halb Elf muß ich spätestens fort, wenn ich zu Mittag wieder da sein will. Wäre mir lieb, wenn ich bei der Gelegenheit auch meinen rückständigen Lohn bekommen könnte, um meine eigenen Rechnungen zu bezahlen« – und mit den Worten schlenderte er langsam zur Thür hinaus. »Der Bursche wird mit jedem Tage unverschämter!« sagte die Gräfin, als er das Zimmer kaum verlassen hatte – »und wenn Du seine Uebergriffe noch länger duldest, Oskar, so habe ich nicht Lust, dem noch länger ruhig zuzusehen. Entweder er muß sich seiner untergeordneten Stellung fügen, oder das Haus verlassen.« »Und wo willst Du einen Andern herbekommen?« sagte Oskar, ein Bein über das andere legend. »Mein lieber Oskar,« fiel hier Herr von Pulteleben ein, »es ist nicht allein Jeremias, der sich ändern muß, wir werden Alle unsern Beruf ein wenig mehr in's Auge fassen müssen, wenn wir es wirklich zu etwas bringen wollen.« »Puh,« sagte Oskar, den Dampf zu gleicher Zeit ausblasend – »wollen Sie einmal wieder Moral lesen? Verderben Sie uns den schönen Tag nicht.« »Moral gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben piquirt – »aber ein klein wenig müssen Sie doch auch zufassen, wenn nicht Alles rückwärts gehen soll. Die Cigarren z. B., die Sie schon gestern Abend an den Pfarrer Beckstein besorgen und das Geld dafür einkassiren wollten, stehen noch immer draußen, und wenn es auch nur zwanzig Milreis sind, so brauchen wir sie doch, um die laufenden Ausgaben zu decken.« »Aber weshalb, zum Henker, schicken Sie da nicht den Jeremias?« – rief Oskar mit gerunzelter Stirn – »glauben Sie, daß ich Ihren Laufburschen machen soll?« »Mein lieber Baron,« sagte die Frau Gräfin, »Oskar hat da wirklich Recht. Ich sehe auch nicht ein, weshalb das Jeremias nicht eben so gut besorgen kann.« »Aber Jeremias,« meinte Herr von Pulteleben, »kann die wenigen Stunden, die er überhaupt hier ist, viel nützlicher beschäftigt werden, und Oskar hat auf Gottes Welt nichts zu thun ...« »Als Ihnen aufzuwarten, nicht wahr?« rief der junge Bursche, ärgerlich vom Sopha aufspringend – »es wird doch wahrhaftig alle Tage besser,« und das Zimmer verlassend, schlug er die Thür hinter sich zu, daß die Scheiben klirrten. Herr von Pulteleben blieb mit der Frau Gräfin allein zurück, und zwar in der peinlichsten Verlegenheit, denn wenn er sich auch in seinem vollen Recht wußte und nicht das geringste Unbillige verlangt hatte, fühlte er doch, daß die Frau Gräfin selber einen andern Standpunkt einnahm, und mochte um Alles in der Welt ihr nicht feindlich entgegentreten. War sie nicht Helenens Mutter, und mußte er nicht schon Helenens wegen in allen solchen, doch eigentlich nichts bedeutenden Kleinigkeiten nachgeben? Und doch hatte er gerade heute Morgen mit der Frau Gräfin über ihre beiderseitige, sich schwieriger gestaltende Situation sprechen wollen, wenn die Frau Gräfin nur gerade nickt in diesem Augenblick so entsetzlich stolz und vornehm ausgesehen hätte. Ob diese etwas Aehnliches vermuthete? Dann war sie jedenfalls augenblicklich im Vortheil und nicht die Frau, einen solchen unbenutzt zu lassen. »Sie haben Oskar ganz unnöthiger Weise gereizt, lieber Freund,« sagte sie, zu ihrem Schreibtisch gehend und ein Flacon öffnend, an das sie mehrmals roch – »diese Scenen greifen meine Nerven an – Sie müssen doch bedenken, daß er noch ein ganz junger Mann ist, der nicht die reifere Erfahrung des Alters haben kann und das Leben stets von einer leichten, ich will nicht leugnen, oft zu leichten Seite betrachtet. Mit guten und freundlichen Worten ist er aber zu Allem zu leiten.« »Frau Gräfin,« stammelte von Pulteleben verlegen, »ich will nicht abstreiten, daß ich vielleicht zu rauh gewesen bin, aber – aber die Schwierigkeit – die Ungewißheit unserer augenblicklichen Verhältnisse,,. »Schwierigkeit? – Ungewißheit?« sagte die Gräfin erstaunt – »ich verstehe Sie nicht.« »Sie werden mir zugeben, daß –« fuhr Herr von Pulteleben verlegen fort und stak dann fest. »Zugeben? Was?« fragte die Gräfin ruhig. »Daß unser Unternehmen doch noch keineswegs gesichert ist,« setzte der junge Mann mit einer Art von verzweifeltem Entschluß hinzu – »meine Aus – unsere Ausgaben sind sehr bedeutend und die Einnahmen bis diesen Augenblick noch außerordentlich gering gewesen.« »Und ist das meine Schuld?« fragte die Gräfin streng. »Um Gottes willen, verstehen Sie mich nicht falsch,« bat Herr von Pulteleben in Todesangst – »ich meine ja nur, daß wir bis jetzt entsetzlich wenig für die Cigarren gelöst haben. Die viertausend Stück, welche der Wirth, Herr Bohlos, bekommen hat, wurden nicht bezahlt, weil der Mann eine Gegenrechnung brachte, die Oskar ...« »Ja, leider, einer seiner jugendlichen Streiche,« sagte die Gräfin seufzend, – »ich habe ihm aber auch meine Meinung darüber gesagt und es wird nicht wieder geschehen.« »Unglücklicher Weise traf es sich auch, daß unser erster Ankauf des Tabaks so gänzlich mißlang.« »Lieber Gott,« sagte die Dame achselzuckend, »das wissen Sie ja selber, daß man in jeder Sache erst einmal Lehrgeld bezahlen muß. Ich glaubte einen ganz ausgezeichneten Kauf zu machen, glaubte mit einem ehrlichen Mann zu thun zu haben und wurde auf das Schändlichste betrogen. Der nächste Tabak war dagegen vortrefflich, und dieser Herr Buttlich hat unsere Kundschaft für immer verloren.« »Der Bäckermeister – wie heißt er gleich« – fuhr Herr von Pulteleben seufzend fort – »hat ebenfalls dreitausend Cigarren nicht bezahlt, weil er es von der Miethe abziehen will.« » Das ist so gut wie baar Geld,« lächelte die Gräfin – »denn wir müßten es ihm sonst ja wieder herauszahlen.« »Und der Kaufmann oben an der Ecke, von woher Sie Ihren Bedarf bezogen haben –« »Aber, bester Freund,« sagte die Gräfin gereizt, »das sind ja lauter Gegenrechnungen, bei denen wir nur gewinnen, daß wir einen solchen Betrag in unserem Fabrikat bezahlen können. Werfen Sie mir vor, daß wir leben?« »Ich? Aber ich bitte Sie, Frau Gräfin!« rief Herr von Pulteleben bestürzt – »ich erwähne diese einzelnen Posten ja nur, um Ihnen zu beweisen, daß wir schon eine ziemliche Quantität von Cigarren verarbeitet, durch ungünstige Umstände aber kein baares Geld dafür einbekommen haben. Mein an sich nicht eben übergroßes Capital schmilzt dabei mehr und mehr zusammen, und ich hielt es nur für meine Pflicht, Sie von dem Umstände in Kenntniß zu setzen, damit wir nicht plötzlich einmal in – in Verlegenheit geriethen. Ein Geschäftsmann sollte doch eigentlich auf alle Zufälligkeiten gefaßt sein.« »Sie sind zu ängstlich,« lächelte die Gräfin, welche sich noch nie im Leben Sorge gemacht hatte, wenn sie nur die unmittelbare Gegenwart gesichert wußte – »aber ich billige vollkommen Ihre Fürsorge etwa möglicher Eventualitäten. Wir wollen auch mit aller Umsicht zu Werke gehen, und daß wir es dabei nicht an Fleiß fehlen lassen,« setzte sie mit einem Blick auf ihren heute noch nicht berührten Cigarrentisch hinzu, »werden Sie mir ebenfalls bezeugen können.« »Oh, gewiß – deß bin ich sicher überzeugt,« stammelte Herr von Pulteleben, von der Güte der Frau Gräfin so entzückt, daß plötzlich die Idee in ihm aufstieg, den Moment zu benutzen und einen kühnen Schritt zu seinem künftigen Lebensglücke zu wagen – »Sie kennen mich ja aber jetzt auch, Frau Gräfin – Sie wissen, daß ich mit allem Eifer ...« »Ich weiß es,« sagte die Dame freundlich, »und die nächste Zeit wird Ihnen den Beweis bringen, wie rasch wir das jetzt vielleicht etwa Versäumte wieder eingeholt haben. Der neue Tabak ist vortrefflich, und wir werden brillante Geschäfte damit machen. – Aber da fällt mir gerade ein, daß Jeremias unten auf den Bestellzettel wartet – ich habe ihn hier schon geschrieben – bitte, unterzeichnen Sie ihn nur noch – als unser Geschäftsführer,« setzte sie lächelnd hinzu – »das Geld können Sie ja dann vielleicht dem Jeremias gleich mitgeben – der Betrag ist hier ausgefüllt. – Der alberne Bauer hat es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, nur gegen baares Geld zu verkaufen.« »Mit Vergnügen,« stotterte Herr von Pulteleben, der in diesem Augenblick wirklich gar nicht mehr an den Tabak dachte – »aber – werden Sie mir auch nicht zürnen, wenn ich« – die Gräfin sah ihn erwartungsvoll an, und Herr von Pulteleben, welcher über und über roth geworden war, fuhr schüchtern fort: »wenn ich mit einer – mit einer recht großen Bitte vor Ihre Thür käme?« »Mit einer Bitte?« »Sie sind immer so sehr gütig gegen mich gewesen.« »Und die Bitte?« »Und Comtesse Helene ebenfalls« stammelte Herr von Pulteleben, und sein Gesicht sah in dem Augenblick aus, als ob ihm das Feuer herausschlagen wollte – »Sie – Sie können wohl denken, Frau Gräfin, daß das – daß das längere Beisammenleben mit einem so liebenswürdigen Wesen – ich muß zwar gestehen, daß ich eigentlich gar nicht daran denken dürfte, ein solches Glück zu verdienen – eigentlich ist Glück gar nicht der passende Name – Seligkeit sollte man sagen – und – und wenn ich nur hoffen dürfte, daß ...« Er stak wieder vollständig fest und die Gräfin hatte seine unzusammenhängenden Worte, als sie nur erst deren Sinn ahnte, auch mit keiner Silbe weiter unterbrochen. Jetzt nickte sie leise lächelnd mit dem Kopf und sagte dann freundlich: »Mein lieber Herr von Pulteleben, ich habe fast gefürchtet, daß Ihnen das tolle Mädchen den Kopf verdrehen würde. Ueberlegen Sie sich aber die Sache wohl, denn Helene ist ...« »Ein Engel!« unterbrach sie der junge Mann, der seiner überströmenden Gefühle nicht länger Meister war – »ich wäre selig, wenn ich nur hoffen dürfte, daß ich ihr nicht ganz gleichgültig bin.« Die Gräfin lächelte wieder freundlich vor sich hin und sagte dann in gütigem, aber immer noch abwehrendem Tone: »Nun, wir wollen sehen; ich werde mit meiner Tochter sprechen – ich glaube, daß wir zu einander passen, und wenn Sie auch noch etwas jung sind ...« »Ich werde mit jedem Tage älter!« rief Herr von Pulteleben, der vor lauter Glückseligkeit schon gar nicht mehr wußte, was er sagte. »Nun gut,« lachte die Gräfin jetzt herzlich – »es läßt sich ja vielleicht über die Sache reden. Ich kann Ihnen natürlich ohne meine Tochter keine bestimmte Zusicherung geben.« »Sie heben mich in den siebenten Himmel!« rief von Pulteleben. »Aber ich will doch sehen, was sich thun läßt,« fuhr die Gräfin fort, »und kann Ihnen wenigstens versprechen, daß ich ein gutes Wort für Sie einlegen werde. Aber unsere Geschäfte dürfen wir darüber nicht versäumen.« »In zwei Minuten soll Jeremias abgefertigt sein,« rief der junge Mann, seinen Hut ergreifend. Das Gestampfe ungeduldiger Pferde unter dem Fenster wurde in diesem Augenblick hörbar, und als Herr von Pulteleben, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, hinaussah, bemerkte er, wie sich Helene in den Sattel schwang und dann, als sie ihn am Fenster erblickte, hinaufrief: »Reiten Sie mit?« »Wenn Sie nur einen Moment auf mich warten wollen,« rief dieser hinab und sich dann zur Gräfin wendend, sagte er bittend: »Ich bin heute nicht mehr im Stande, zu arbeiten – das Herz ist mir zu voll! Hier haben Sie meinen Schlüssel –bitte, theuerste Frau Gräfin, besorgen Sie das Nöthige,« und mit zwei Sätzen war er die Treppe hinunter und im Stalle, und wenige Minuten später bei den Geschwistern draußen, mit denen er in flüchtigem Galopp die Straße hinabsprengte. 16. Unterwegs. Günther von Schwartzau hatte indessen seine Geschäfte in Santa Catharina rascher besorgt, als er im Anfang selbst geglaubt, und da ihn nichts weiter an den Platz fesselte, so benutzte er die erste sich ihm bietende Gelegenheit, auf einem der kleinen brasilianischen Schooner die Rückreise nach Santa Clara anzutreten. Die Reisen auf diesen Fahrzeugen sind freilich sehr unsicher, denn so gut sie gebaut und so seetüchtig sie sein mögen, so ängstlich werden sie von den brasilianischen Seeleuten behandelt. Gegen den Wind verstehen diese gar nicht zu kreuzen, weil sie so erbärmlich und unregelmäßig steuern, und selbst bei etwas starkem, wenn auch günstigem Winde getrauen sie sich nicht in die offene See hinaus. Kommt nun noch dazu, daß der Aufenthalt auf einem solchen Schooner, was Bequemlichkeit und Reinlichkeit betrifft, ein höchst trauriger ist, so läßt es sich denken, daß sich nicht gern Jemand der Gefahr aussetzt, vielleicht zwei oder drei Wochen in solche Verhältnisse eingepfercht zu werden, wenn man irgend Gelegenheit hat, in anderer Weise fortzukommen. Eben so unregelmäßig ist aber auch die brasilianische Dampfschiffahrt an jener Küste, und da jetzt gerade ein günstiger Südwind eingesetzt hatte und sich Günther nicht der Gefahr aussetzen wollte, vielleicht acht, ja vierzehn Tage hier liegen zu bleiben, ehe der nächste Dampfer von Rio Grande eintraf, beschloß er, die sich gerade bietende Gelegenheit zu benutzen, und schiffte sich auf einem dieser kleinen Küstenfahrer ein. Die Reise war auch in der That eine günstige, aber der Schmutz in der engen Kajüte so furchtbar, daß ihm selbst die wenigen Tage zu einer fast unerträglichen Plage wurden, und er dankte Gott, als der Schooner am Abend des fünften Tages, nach einer ungewöhnlich raschen Reise, die Mündung des Sante Clara-Flusses sichtete. Leider war jetzt gerade Ebbe und die Barre zu seicht, mit dem ziemlich schwer beladenen Fahrzeuge den Uebergang zu riskiren. Der »Capitain« kannte auch vielleicht nicht einmal den Kanal der Einfahrt genau und zog es vor, unter dem Schutz der südlich vorspringenden Landzunge, unter welcher er in fast ruhigem Wasser lag, vor Anker zu bleiben. Damit versäumte er aber auch die ganze Nacht und die nächste Fluth, und da die zweitnächste erst wieder Morgens zehn Uhr eintrat, und Günther unter keiner Bedingung noch eine Nacht an Bord bleiben wollte, so beschloß er, sich an Land setzen zu lassen. Er kannte dort, von einer früheren Vermessung her, jeden Fuß breit Boden. Gar nicht weit vom Strande lag die Chagra eines Brasilianers, auf welcher er leicht ein Pferd geborgt bekommen konnte und ritt er dann kaum zwei Legoas auf dem harten Sand des Strandes hinauf und schnitt nachher quer in die Hügel, von einer andern Chagra aus, hinein, so erreichte er Santa Clara selber wenigstens drei oder vier Stunden früher, als der Schooner den Biegungen des Flusses stromaufwärts folgen konnte. Der Abend war indessen schon zu weit vorgerückt, um heute noch an einen Ritt in stockfinsterer Nacht zu denken. Günther nahm deshalb gern die gastliche Einladung des Brasilianers an, bei ihm den Morgen zu erwarten. Mit Tagesgrauen sollte dann ein Pferd für ihn bereit stehen, mit dem er die Colonie recht gut bis etwa elf Uhr Morgens erreichen konnte. Die hier angelegte Chagra war nicht unbedeutend, denn in den zunächst den Dünen liegenden Hügeln fanden mehrere Heerden vortreffliche Weide, während ein kleines Stück weiter im Land drinnen ein rother, fruchtbarer Lehmboden Bohnen, Mais, Maniok, ja selbst Zuckerrohr reichlich gedeihen ließ. Der Brasilianer hielt auch zur Bearbeitung des Landes und zur Beaufsichtigung seiner Heerden sechzehn bis achtzehn Sclaven beiderlei Geschlechts, und den zahlreichen Gebäuden nach zu urtheilen, unter denen besonders ein stattliches Herrenhaus hervorragte, mußte er sich in vortrefflichen Umständen befinden. Nichtsdestoweniger lebte er aber so einfach, wie nur ein Mensch in der Welt leben kann, welcher keine Ahnung von irgend einer möglichen Bequemlichkeit hat – Luxus gar nicht einmal gerechnet. Das große Zimmer des Haupthauses, in welchem für die Familie heut Abend der Tisch gedeckt wurde, war nicht einmal gedielt. Die hohen Fenster hatten keine Gardinen, Tische und Stühle bestanden aus einfachem weichen Holz, und das jetzt aufgelegte Tischtuch war nur ein schlechter, baumwollener Stoff und deckte weder die volle Länge noch Breite des Tisches selber. Nur an den Wänden hatte der Eigenthümer sich einem ganz wunderbaren Luxus hingegeben, der von den Händen des Schneiders und Zimmermalers Justus Kernbeutel in Santa Clara herrührte und in einem außerordentlich kühn gehaltenen Entwürfe der brasilianischen Geschichte, in Farben ausgeführt, bestand. Das erste Bild sollte wahrscheinlich die Entdeckung Brasiliens vorstellen. Vorn, gleich rechts neben der Thür, stand wenigstens eine einzelne Palme, und an beiden Seiten daneben befand sich ein Indianerpaar, welches staunend alle vier Arme emporhob, weil ihnen gegenüber auf dem hellblauen Meere ein großes Schiff angeschwommen kam, das eine Besatzung von weißen Riesen, mit Hintansetzung jeder Perspective, an Bord hatte. Eigentlich sah diese Abtheilung aus wie ein Besuch des Kolumbus bei Adam und Eva. Die zweite Abtheilung, welche eine ganze breite Wand einnahm, beschäftigte sich mit der Unterjochung der Indianer, welche man überall von Leuten, mit dreieckigen Hüten und Federbüschen auf, verfolgt und auf das Entsetzlichste umgebracht sah. Säbel fuhren stets bis an's Heft in den getroffenen Leib und an der entgegengesetzten Seite an einer vollkommen unmöglichen Stelle wieder heraus, Flintenkugeln sausten wie Hagel, und ein halbes Dutzend braune Leichen, welche ganz vorn lagen, hätten, wenn nicht die Wunden schon tödtlich gewesen wären, allein in ihrem eigenen Blut ertrinken müssen. Glücklicher Weise war aber gerade dieses Bild mit so vollkommen räthselhafter Zeichnung und Farbenverschwendung ausgeführt, daß man erst nach einem längeren Anschauen herausbekommen konnte, was eigentlich ein Baum und was ein Mensch sein sollte, es hätte sich sonst auch nie eine friedliche Familie dicht darunter zu Tische setzen können. Das dritte Bild stellte wieder einen Kampf vor, aber dieses Mal unter Weißen, wahrscheinlich eine Anspielung aus die letzte Revolution. Hierbei schien es aber blutlos herzugehen. Justus Kernbeutel war Demokrat durch und durch – ein Mann in einem großen Barte, wahrscheinlich Garibaldi, sprengte auf einem keinesfalls schon entdeckten Ungethüm Brasiliens hinter den flüchtigen Truppen her, unter denen sich ein Mann, wieder mit einem dreieckigen Hut und einer Krone oben darauf, was vielleicht den Kaiser darstellen sollte, auszeichnete. Der seiner Regierung zugethane Brasilianer ahnte wahrscheinlich gar nicht den Sinn dieses republikanischen Albumblattes. Die vierte Wand sollte – über die Folgen der Revolution hinweggebend – Brasilien in seinem jetzigen Zustande darstellen. Kaffeebau, Zuckerrohr, Reis, Mais, Maniok, Alles war auf einem unglaublich kleinen Raume lebensgroß zusammengedrängt, und vorn saß, inmitten aller dieser tropischen Erzeugnisse, ganz gemüthlich ein guter deutscher Bauer in Pelzmütze und Leinwandjacke, die mit besonderem Fleiße gemalte kurze Pfeife im Munde, aus welchem der Qualm einem arbeitenden pechschwarzen Neger gerade in's Gesicht stieg. Günther unterhielt sich vortrefflich damit, die wunderbare Fresco-Malerei zu betrachten, bis sein Wirth wieder hereinkam und diesem eine Anzahl von Sclaven mit dem Abendbrod auf dem Fuße folgte. Die Mahlzeit selber, an welcher der Brasilianer mit seiner Frau und zwei sehr schweigsamen jungen Damen theilnahm, War äußerst reichlich, aber auch eben so einfach, und bestand als erster Gang aus einem halben kalten Hammel, der in voller Länge aufgetragen wurde und von welchem sich die Herrschaft nur die besten Theile herunterschnitt, um das Uebrige jedenfalls der Dienerschaft zu lassen. Der zweite Gang war das gewöhnliche brasilianische Gericht, gekochtes Schweinefleisch, etwas sehr fett, mit schwarzen Bohnen und Maniokmehl, eine außerordentlich nahrhafte und auch wirklich wohlschmeckende Kost, mit der sich Günther auch schon lange befreundet hatte. Dazu wurde Wasser getrunken. So lange die Mahlzeit dauerte, sprach fast Niemand ein Wort, das ausgenommen, was sich unmittelbar auf das Essen bezog, und erst als die aufwartenden Mädchen die Schüsseln wieder hinausgetragen und den Kaffee hereingebracht hatten, zündeten sich die Männer ihre Cigarettos an, und der bisher schweigsame Brasilianer schien aufzuthauen. Aber er sprach auch nur über das, was ihn speciell interessirte: das Land, das in seiner Nachbarschaft lag und über das ihm sein Gast allerdings die beste Auskunft geben konnte; über die Vermessung des Coloniebodens, über günstige Lagen, welche man etwa ankaufen könne, über neue Ansiedelungen, die vielleicht nächstens in Angriff genommen würden, und die Nothwendigkeit guter Verbindungswege für das Fortbestehen und Wachsen der Colonien. Die Frauen saßen still dabei oder unterhielten sich untereinander flüsternd, und erst als der Gast Zeichen von Müdigkeit gab, wurde ihm sein einfaches Lager angewiesen, auf welchem er seinen Kampf mit den Flöhen für die Nacht beginnen konnte. Günther war aber nicht der Mann, sich durch solche Kleinigkeiten im Schlafe stören zu lassen. An alle Arten von Lagern schon seit manchen Jahren gewöhnt, rollte er sich in seine Decke, schlief augenblicklich ein und erwachte erst wieder, als er Morgens eine Hand auf seiner Schulter fühlte. Noch war es stockdunkel; da aber Günther am Abend vorher den Wunsch geäußert hatte, eine Stunde vor Tag aufzubrechen, hatte der Brasilianer seinen Negern Befehl gegeben, zu der Zeit Kaffee für den Gast und ein gesatteltes Pferd bereit zu halten, was auch pünktlich befolgt war, und fünfzehn Minuten später saß der Deutsche schon auf und ritt, als eben im Osten der Tag zu grauen begann, den schmalen Pfad entlang, welcher nach dem Strande führte. Schon hörte er, gar nicht mehr weit entfernt, das dumpfe Schlagen und Donnern der Brandung, die ihre Wogen gegen den Strand schleuderte, und nach kaum einer Viertelstunde scharfen Rittes in der kühlen, prachtvollen Morgenluft sah sich Günther unmittelbar am Rande des Atlantischen Meeres, welchem er, nach Norden zu, hier ziemlich anderthalb Legoas folgen mußte. Noch war aber glücklicher Weise Ebbe, oder die Fluth hatte doch erst seit ganz kurzer Zeit wieder begonnen zu steigen, so daß er seine Bahn auf dem sonst vom Meere gepeitschten und dadurch hart und fest gewordenen Sande halten und sein Pferd tüchtig austraben lassen konnte. Und jetzt dämmerte der Morgen. Ueber die See herüber stahl sich das mattgraue, erste Licht des Tages und gab den aufgeworfenen Sanddünen zur Linken jene eigene gelbe Färbung, welche aus sich selber heraus zu leuchten scheint. Breiter und breiter wurde der lichte Streifen im Osten, schon erglühten zur Linken die fern gelegenen und bewaldeten Gebirgsrücken, die sich in malerischen, kühn geschnittenen Ketten gen Norden zogen, und plötzlich, ehe die Nacht noch recht geschwunden, stieg wie glühendes Gold in riesenhaftem Umfang die Sonnenscheibe aus dem Meer empor und sandte ihre Strahlen über die erwachte Erde. 17. Die Begegnung. Eine gar eigenthümliche Scenerie bildet das Land, das sich zwischen dem Meeresstrande und den nächsten bewaldeten Hügeln ausdehnt. Zuerst und nächst dem unmittelbaren hartgepeitschten Strande liegen flache, durcheinander gewühlte und gewehte Haufen lockern, hellen Sandes. Je weiter man sich aber vom Meere entfernt, desto höher werden diese, da ihnen fortwährend mit der scharfen Seebrise neue Deckung zugetragen wird, bis sie endlich in ihrer dritten Reihe zu wirklichen Hügeln anschwellen, und hier und da einen kleinen, mit hartgrünem Laube bedeckten Busch auf ihrer Kuppe tragen. Dazwischen zeigt sich dann und wann eine kleine, dürftige Lagune mit einem Versuche zu Grasboden rings umher. Hinter diesen Hügeln beginnt, freilich immer noch dürftig, die Vegetation, denn der Sand ist ein schlechter Dünger, und nur einzelne angewehte Pflanzenfasern schufen mit der Zeit eine Art von Humus, dessen Schößlinge sich noch schüchtern und verkümmert über die nackten Hänge ziehen. – Hier erscheinen die ersten Büsche, die an dem Westhange der Hügel schon entschiedener auftreten und anfangen, Schatten zu geben. Noch weiter hin liegt eine lange Reihe zwar niedriger, aber besonders am Westhange dicht bestandener Hügel, deren Boden zwar noch ausschließlich, wenigstens an der Oberfläche, aus weißem Sande besteht, doch schon an ein tragfähiges, mit der üppigsten Vegetation bedecktes Thal anstößt, in dem ein schmaler Bach lustig dahinfließt, und von da an verändert sich auch der Boden und mischt sich mit einem röthlichgelben Lehm von oft bedeutender Fruchtbarkeit. Erst dort, wo der Lehmboden beginnt, lassen sich natürlich die Colonisten nieder, denn erst auf solchem Boden können sie hoffen, ihrer Arbeit einen Lohn abzuringen. Der reine Sand giebt nur jenen kleinen, trockenen Büschen und sonderbarer Weise auch einer niedern, wilden Dattelpalme (die Putia -Palme) Nahrung, die kaum mehr als acht oder zehn Fuß hoch wird, ja oft so niedrig ist, daß man die nicht unangenehm schmeckenden Früchte mit der Hand erreichen kann. Doch die dürre, sandige Wüste lag jetzt hinter dem Reiter. Schon berührten die Hufe seines Thieres wieder den festen Grasboden; ein kleines Dickicht von lorbeerartigen Bäumen und Palmen lag noch zwischen ihm und der Ansiedelung, und jetzt lichtete sich dieses; ein freier Weidegrund wurde sichtbar, auf dem sich etwa ein Dutzend tüchtiger Pferde herumtummelten, und gleich darauf konnte er von der kleinen Erhöhung, die er hier erreicht, die kaum noch dreihundert Schritt entfernten Gebäude der Chagra liegen sehen. Hier schon standen einzelne fruchttragende Orangenbäume, die wahrscheinlich früher einmal eine jetzt abgebrochene Hütte beschattet hatten. Als er hinanritt, um sich ein paar davon nach dem scharfen Ritt zu pflücken, bemerkte er eine menschliche Gestalt, die unter einem der Bäume saß und sich mit dem Rücken an den Stamm desselben lehnte. Günther würde nicht weiter auf den Mann geachtet haben, denn daß sich die Brasilianer Morgens unter einen Baum legen und solcher Art ihre Tagesarbeit beginnen, ist gerade nichts Seltenes; er hielt aber ein bei den Brasilianern sehr außergewöhnliches Instrument, eine Violine, in der Hand und mußte schon deshalb ein Landsmann sein, obgleich Günther nicht gleich herausbekommen konnte, zu welcher Klasse derselben er gehören mochte – wenigstens war er nicht wie ein Bauer gekleidet und hätte als solcher hier auch wahrlich nicht den schönen Morgen müßig verträumt. Als Günther sein Pferd aber unter den Baum lenkte, unter welchem der Träumer lag, hob dieser den Kopf empor und sah den Fremden lange und starr an. Es war ein edles, von einem leicht gekräuselten schwarzen Barte beschattetes Gesicht, aus dem Günther ein Paar große dunkle Augen wie fragend entgegen leuchteten, und fast unheimlich traf ihn der schwermüthige Schein derselben. Das Gesicht, so weit es der volle Bart erkennen ließ, hatte auch kaum einen deutschen Schnitt; trotzdem grüßte Günther in seiner Muttersprache und sagte freundlich: »Guten Morgen, Landsmann! Ich hoffe, ich habe nicht gestört; wollte mir nur ein paar Orangen pflücken, da ich heute schon eine gute Zeit im Sattel bin.« Der Fremde wandte noch immer kein Auge von ihm, und sein Blick haftete stier und ernst auf Günther's Zügen. Eben so wenig erwiderte er den Gruß, und als Günther schon glaubte, er habe sich in der Abstammung des wunderlichen Menschen doch geirrt und statt des geglaubten Deutschen irgend einen Portugiesen oder Brasilianer vor sich, sagte der Fremde mit leiser, aber deutlicher Stimme: »Günther von Schwartzau! – Wie das Schicksal die Menschen wunderlich umherwirft, auseinander reißt und wieder zusammenführt – Günther von Schwartzau! Ich hätte nie geglaubt, daß ich Dir je in Brasilien begegnen würde!« Günther schaute den Fremden in sprachlosem Erstaunen an, denn nicht allein kannte er seinen Namen, sondern redete ihn auch mit Du an, und trotzdem waren ihm seine Züge vollkommen fremd – oder deckte nur der Bart vielleicht das Gesicht eines Freundes? Dem Fremden aber konnte das Erstaunen Günther's nicht entgehen, und tief aufseufzend fuhr er mit wehmüthigem Lächeln fort: »Ja, Du hast Recht – ich bin nicht allein alt, ich bin Dir auch fremd geworden; meine Züge hat die Zeit gefurcht, und der sonst jugendlich frische Felix ist wenigstens innerlich zum Greise zusammengetrocknet. – Felix – überhaupt ein ominöser Name für einen Erdenbewohner, und Eltern sollten es sich vorher wohl überlegen, ehe sie einen Knaben felix nennten.« »Felix?« rief Günther, überrascht vom Pferde springend und zu dem Sprecher tretend – »Felix? Beim ewigen Gott, Felix von Rottack – Mensch – Bruder – wie kommst Du hierher – was treibst Du hier?« Und mit den Worten hatte er den Freund umschlungen und geküßt, und warf sich neben ihn in's Gras, seine Hand haltend und in das jetzt freundlich auf ihm haftende Auge schauend. »Viele Fragen auf einmal, Freund,« sagte dieser, traurig den Kopf schüttelnd, »und ich weiß kaum, ob ich eine einzige zur Genüge beantworten kann. Wie ich hierher komme, ist außerdem eine lange Geschichte und möchte Dich ermüden, wenn Du sie von Anfang an hören solltest – seit wie viel Jahren bist Du von Deutschland fort?« »Seit sechsen fast und mit dem Entschlüsse, in kurzer Zeit dahin zurückzukehren.« »Seit sechs Jahren – ja, sie fliegen und doch zählen wir oft die Stunden – thörichte Menschenkinder, die wir sind! Seit sechs Jahren – das ist freilich eine lange Zeit, und was sich indessen mit mir begeben, hast Du nie gehört? – Doch um eine lange Sache kurz zu machen, so bist Du vielleicht einmal zufällig in den Zeitungen einem Artikel begegnet, nach dem eine sehr hochstehende Person von einem – Wahnsinnigen angefallen und mißhandelt worden – erinnerst Du Dich nicht?« »Doch – dunkel,« sagte Günther, »aber wenn ich nicht irre, waren keine Namen genannt.« »Natürlich,« lachte Felix bitter vor sich hin, »wenn ich ein Handwerker und mein sehr ehrenwerther und hochstehender Onkel ein Gewürzkrämer oder etwas Derartiges gewesen wäre, hättest Du Dich darauf verlassen können, die vollen Namen in den Blättern zu lesen, aber in der haute volée mußte man einen Skandal vermeiden; die Demokraten hatten außerdem Aergerniß genug durch eine Reihe von Aufzählungen skandalöser Geschichten aus diesen bevorzugten Kreisen gegeben. – Genug, der Schuft, mein sehr hochstehender Herr Onkel, verweigerte mir die von ihm geforderte Satisfaction und als ich ihm bald darauf einmal auf der Straße begegnete – doch das sind alte, lang' überlebte Geschichten. Natürlich mußte ich wahnsinnig sein, um Hand an einen solchen Ehrenmann zu legen und – Tod und Teufel – sie glaubten, daß eine Cur in einer Privat-Irrenanstalt von den segensreichsten Folgen für mich sein würde.« »Sie wagten doch nicht?« rief Günther erschreckt. »Was?« sagte der Fremde ruhig, »mich einzusperren? – Dabei war nicht viel zu wagen. Der Fürst selber gab den Befehl, denn mein guter Onkel hatte ja in seinem Namen gehandelt, um – eine Scheußlichkeit für ihn auszuführen. Ich wurde allerdings in Sicherheit gebracht, aber Geld, lieber Freund, regiert die Welt. Ich wiederholte einfach ein altes, schon oft versuchtes und gelungenes Spiel, nahm meinen Wärter mit und wanderte aus.« »Verbannt aus der Heimath?« rief Günther traurig. »Nicht so ganz,« sagte der Fremde ruhig – »der alte Schuft, mein Onkel, starb bald darauf; meine Familie verwandte sich natürlich für mich und ich wurde aufgefordert, nach Hause zurückzukehren – aber weshalb? – Dem widerlichen Treiben dort von Neuem zuzuschauen? Von Neuem eine Faust in der Tasche zu ballen und ewig und ewig Zeuge zu sein, wie elendes Geschmeiß, das kein Verdienst weiter hat, als seinen Rücken zur rechten Zeit krümmen zu können, über den Nacken des Volkes schreitet und den Ehrenmann zu Boden tritt? – Nein, geh mir mit Deutschland – glaubst Du, daß ich je wieder Freude an den Miniaturkämpfen unserer Kammern haben, je wieder mit ruhigem Gewissen um des Kaisers Bart streiten könnte, während der faule Kaiser selber unten in seinem Berge liegt und träumt? Ich komme mir Vor wie ein Thier der Wildniß, das im Käfig aufgezogen wurde und keine Ahnung, keine Erinnerung von der Freiheit hatte, zu der es geboren wurde, bis es der Zufall einst hinaus in die Steppe wirft. Glaubst Du, daß es zurückkehren wird, weil es zu faul ist, sich sein Futter selbst zu suchen? – Nein, beim ewigen Gott! Wenn ich je nach Deutschland zurückkehren sollte, müßte ich auch wissen für was, aber mich allein wieder dort in der Oede der Gesellschaft herumtreiben – nie!« »Und was treibst Du hier ?« »Was ich treibe? – weiß ich's doch selber nicht. Will ich aufrichtig sein, so habe ich hier einfach vegetirt und ein Leben geführt, wie es bei uns daheim nur eben Vagabonden oder – Künstler führen. Aber ich will mich bessern – ich habe hier schon den Anfang gemacht – und werde jetzt sehen, ob Graf Felix von Rottack nicht im Stande ist, sein Brod als Bauer eben so gut zu verdienen, wie einer der Bauernbuben, die daheim zwischen Mistgabeln und Dreschflegeln groß geworden!« Günther schüttelte mit dem Kopfe. »Und Du bist hier – bei dem Brasilianer eingetreten?« fragte er endlich. »Eingetreten?« lächelte Graf Felix; »suche nicht nach einer Umschreibung für mich, alter Freund; ich diene hier, ist das richtige und passende Wort, und zwar seit einem Vollen Monat, für den ich mich Anfangs verpflichtet hatte. Heute nun haben die Katholiken einen Feiertag und – will ich recht aufrichtig sein – so hatte ich heute Morgen meinen Scrupel, ob ich meinen zweiten Monat antreten sollte oder nicht; denn als ich heraus kam, um wieder einmal eine halbe Stunde mit meinem alten, treuen Instrumente hier zu plaudern, fand ich, daß mir die Finger steif und ungelenkig geworden waren und es nicht mehr ging – aber was thut's. Es ist der Fluch des Arbeiters, daß er keine einzige Freude haben soll als die, die er sich mit sauerm Schweiße verdient. Mag es darum sein – so brech ich mit der Vergangenheit, und die Zukunft – hol' sie der Böse, sie mag bringen, was sie freut – ich fürchte sie nicht!« Und mit den Worten, ehe Günther eine Ahnung hatte, was er beabsichtigte, nahm er das gute Instrument und schlug es höhnisch lachend gegen den Stamm des Orangenbaumes, daß es mit einem dumpfen Wehelaut der zusammenlaufenden Saiten in Splitter flog. »Felix,« rief Günther erschreckt – »was hast Du gethan?« »Die letzte Brücke hinter mir abgebrochen, die mich zum Träumer machte,« sagte der junge Graf finster – »ich will wieder ein Mensch werden!« »Und was hat das arme Instrument gethan?« »Es hat mich verrückt gemacht!« rief der junge Mann in düsterem Brüten. – »Günther – Günther,« fuhr er plötzlich auf und ergriff des Freundes Arm – »weißt Du wohl, daß es eine Klasse von Menschen giebt, die an der Grenze des Wahnsinns, inmitten unserer geregelten bürgerlichen Verhältnisse, unbelästigt durch dieses Leben geht, weil der Dämon, der in ihnen lauert, noch nie Gelegenheit bekam, auszubrechen? Die Welt verkehrt mit ihnen und ahnt nicht, wie der geringste Zufall wie ein Funke den Brennstoff zünden könnte, der in der Brust noch eingeschlossen ruht – Arm in Arm gehen sie mit ihnen, und geht Alles gut – sterben sie im regelmäßigen Lauf der Zeit in ihrem Bette, so sagen die Bekannten vielleicht: Schade um den Menschen, er war eine gute Haut, nur ein bischen excentrisch manchmal, ein wenig launisch und wunderlich. – Fällt aber der Funke an den rechten Platz, dann ...« Felix war aufgesprungen und hatte Günther's Arm dabei so fest gehalten, daß er diesen schmerzte, und sein Auge stierte wild in das seine. Günther begegnete dem Blicke freundlich, aber ruhig und sagte endlich: »Und weshalb quälst Du Dich mit solchen Träumen?« Felix sah ihn noch einen Augenblick stier an; dann drehte er den Kopf ab, ließ Günther's Arm los und strich sich mit der Hand das wirre Haar aus der Stirn. »Du hast Recht,« sagte er – »Träume sind es, weiter nichts; aber sie quälen mich manchmal, wie uns die furchtbarste Wirklichkeit nicht ärger quälen könnte. Oh, daß ich ein Mittel wüßte, sie zu bannen!« »Schließe Dich nicht in Dich selber ab,« bat Günther, »mische Dich unter die Menschen, die noch nicht so schlecht sind, wie Du zu glauben scheinst – und all' diese trüben Gedanken werden von selbst schwinden.« »Nicht so schlecht, wie ich zu glauben scheine?« lachte statt aller Antwort Felix bitter vor sich hin – »mein lieber Freund, Du bist wie ein Mann, der mit einer Fackel in de« Wald geh! und überall, wohin er sich dreht, nur die Lichtseite der Bäume sieht. Die drehen sie Dir zu, alles Andere ist Dunkel und Nacht.« »Ich schlage Dich mit Deinem eigenen Beispiel,« lächelte Günther. »Alle Menschen sind von Herzen wirklich gut, Gott sei Dank, und sehr selten findest Du eine Ausnahme, die wirklich absichtlich Freude am Bösen hat – leuchte sie nur mit Deiner Fackel ordentlich an, rund herum, wenn Du willst, und sie werden Dir überall die lichte Seite zeigen. Mag auch Haß und Unfriede zwischen Einzelnen bestehen, nicht gegen Alle zeigen sie sich so und gerade Diejenigen oft, welche Dir falsch und treulos scheinen, sind die besten Familienväter oder Mütter und sorgen für die Ihrigen mit Aufopferung, ihrer letzten Kräfte.« »Bah, soviel für Deine Lobpreisungen des Menschengeschlechts,« sagte Felix finster – »sie sind falsch und treulos, glaube mir, und wo Du ihnen wirklich ein. Herz entgegenbringst. triffst Du nur auf Spott und kalten Hohn!« »Und wo hast Du alle diese bitteren Erfahrungen gemacht, armer Freund?« fragte Günther herzlich. »Wo nicht?« lautete die düstere Antwort – »jetzt erst wieder in Santa Clara, wo ich endlich glaubte, mein Ideal gefunden zu haben. Ich will Dir nicht all' den Unsinn erzählen, den ich getrieben habe. Doch, bei Gott, ich verdiente es nicht besser. – Ein Mädchen lebt dort – schön wie ein Engel – mit allem ausgestattet, was die Natur verschwenderisch über eines ihrer Lieblingskinder schütten kann, mit einer Seele für Musik, eine kecke, ja wilde Reiterin, ein Wesen, wie ich es kaum versuchen könnte Dir zu schildern!« »Die junge Comtesse Bauten?« sagte Günther fragend. »Comtesse?« wiederholte verächtlich der junge Mann – »eine Betrügerin, die unter falschem Namen ihr Netz nach einem jungen Laffen, der den Baronstitel trägt, ausgeworfen und den Gimpel darin gefangen hat.« »Also Eifersucht,« sagte Günther lächelnd »und weil Dich ein Mädchen getäuscht, darum zürnst Du der ganzen Welt?« »Weil sie eben die ganze Welt für mich war und ich jetzt wieder – aber zum Teufel mit den Gedanken, die mir wieder und wieder das Herz vergiften! Ich will nicht mehr an sie denken!« »Und die Frau Gräfin Baulen wäre also wirklich gar keine Gräfin?« fragte Günther, der sich für diese Neuigkeit besonders interessirte, da gerade sie die Beschwerdeschrift gegen Sarno zuerst unterzeichnet hatte – »weißt Du das gewiß, und könntest Du Beweise dafür bringen?« »Gewiß?« lachte Felix höhnisch – »sie war die Kammerjungfer meiner Mutter, der Gräfin Rottack, Mademoiselle Baulen – ihren Namen hat sie wenigstens nicht geändert, und ich erinnere mich noch recht gut der Zeit, wo sie ihren Dienst quittiren mußte, weil meine Mutter erfuhr, daß sie einen Sohn hatte – von einer Tochter wußten wir nie ein Wort.« »Und wie viele Jahre können das etwa sein?« »Wie viele Jahre? – Ich weiß es nicht – die Zeit ist wie ein Rad über mich hingegangen und hat mir das Gedächtniß zermalmt, daß ich kaum noch denken kann.« »Und ist Dir diese Frau Gräfin einmal begegnet?« »Ja, aber ohne daß sie mich gesehen; ich sah nur sie , und bis jetzt hat sie noch keine Ahnung, daß ein Mensch in Brasilien ihr Geheimniß kennt.« »Und daß die Mutter ein falsches Spiel gespielt, hat, wie es scheint, auch die Neigung zur Tochter in Dir ertödtet? – Siehst Du, daß Du doch selber auch noch an den alten Vorurtheilen hängst!« »Vorurtheilen?« rief Felix rasch; »glaubst Du, daß ich das Mädchen weniger liebte, und wenn sie die Tochter eines Tagelöhners wäre? – Oh, mit welcher Seligkeit wollte ich für sie schaffen und arbeiten, im Schweiße meines Angesichts mein Brod verdienen und glücklich sein, wenn mich ein Lächeln ihrer lieben Augen lohnte. – Aber die Betrügerin, die mit der Mutter gemeinschaftlich einen Rang gestohlen, nur um nicht ehrlich zu arbeiten – nein, Günther, so toll ist meine Liebe nicht, wenn ich sonst auch nicht in Allem für mich einstehen möchte. Aber Du ahnst gar nicht, mit welcher Leidenschaft ich das Mädchen geliebt, wie ich mein Leben mit Wonne hätte wegschleudern können, nur um ein Lächeln aus diesen seelenvollen Augen zu gewinnen! Selbst das Gerücht, welches mir zu Ohren kam, sie wollte sich dem faden Burschen verbinden, der in ihr Haus gezogen, konnte mich nicht beirren – ich glaubte es eben nicht, denn eine Helene konnte den nicht lieben! Wie ein böser Zauber zog es mich dabei immer zu ihrem Hause zurück und halbe Nächte lang habe ich gelegen, ihr Fenster beobachtet, bis das Licht erlosch und dann geträumt – geträumt ...« »Da – eines Tages begegnete ich zufällig auf der Straße ihr und ihrer Mutter – Helene erkannte mich – ich sah es an ihrem leichten Erröthen! wenn sie auch nie ein Wort zu mir gesagt, meine alte Violine da – armes Ding, wie sie jetzt aussieht! – hatte oft zu ihr gesprochen, wie ich die Antwort verstanden, die mir zurück durch ihre Lieder kam – aber ich sah sie kaum; mein Auge hing an der aufgeputzten Närrin, die an ihrer Seite ganz im aufgeblasenen Gefühl ihrer Würde schritt und den armen Colonisten, für den sie mich hielt, keines Blickes würdigte.« »Aber war denn das auch gewiß ihre Mutter? – Kann sie nicht eben so gut mit einer Fremden gegangen sein?« »Das glaubte ich auch und fragte Leute auf der Straße, die sie kannten: das ist die Gräfin Baulen mit ihrer Tochter, die bald den Herrn von Pulteleben heirathen wird – so lautete die Antwort, die ich erhielt, und als ich ihr Haus von da an wie ihr eigenes böses Gewissen umschlich, sah ich sie wieder und wieder am Fenster und in ihrem Garten. Nein, Freund, der Sache bin ich gewiß, und – laß sie jetzt todt und begraben sein – ich will nicht weiter an sie denken!« Günther schüttelte mit dem Kopfe. – »Und daß sich irgend ein dünkelhaftes Frauenzimmer, von Stolz und Hochmuth oder aus sonst einem Beweggründe getrieben, einen höheren Rang anmaßt, als ihr gebührt – was außerdem Tausende von Männern jeden Tag ungestraft thun – dadurch läßt Du Dich aus Deinem Leben reißen? Dem magst Du nicht begegnen und flüchtest vor Dir selbst in eine Stellung, die Dir ebenso wenig gebührt, als ihr der Grafentitel? – Felix, Felix, Du warst im Begriff, in dem nämlichen Fehler zu fallen, den sie begangen hat, denn ich kann mir kaum denken, daß Du unter Deinem eigenen Namen Knecht bei einem Bauer geworden.« »Du wirst mir doch nicht einreden wollen,« rief Felix, aber doch leicht erröthend, »daß es nicht etwas ganz Anderes ist, wenn ich incognito ...« »Bah,« unterbrach ihn Günther, »treibe keine Sophisterei! Große Herren reisen incognito, um lästigen Empfangsfeierlichkeiten zu entgehen, wenn Du Dich aber Deines Namens unter solchen Verhältnissen begiebst, so geschieht es, weil Du Dich Deiner neuen Thätigkeit schämst und deshalb allein nicht gekannt sein willst!« »Günther!« »Sei mir nicht böse, daß ich das Kind beim rechten Namen rufe; Du weißt ja doch, daß ich es ehrlich mit Dir meine, und der Arzt muß mit der schmerzenden Sonde in die Wunde fahren, wenn er im Stande sein soll, sie zu heilen – Hast Du nie nach Hause geschrieben?« »Ich? – ja,« sagte der junge Mann zögernd; »ich – muß gestehen, daß ich schwach genug war, mich nicht von allen Banden losreißen zu können, die mich noch daheim fesseln – an meine Schwester.« »Merkwürdiger Mensch,« sagte Günther seufzend, »er schämt sich alles Dessen, was gut und edel in ihm ist!« »Und machst Du mir einen Vorwurf daraus, daß ich mir ehrlich, mit meiner Hände Arbeit mein Brod verdienen will?« »Ich? Bei Gott nicht! Aber Du sollst Dir dafür eine Sphäre suchen, die Deiner mehr würdig ist. Selbst der Handwerker setzt einen Stolz darein, nicht als Tagelöner zu dienen, weil er etwas Besseres versteht. Willst Du Dich weniger als er dünken?« »Und was anders könnte ich ergreifen?« sagte der junge Graf finster; »denn ich muß zu meiner Schande gestehen. daß ich, sobald ich meine Sphäre verließ, zu der Ueberzeugung kam, daß ich weit weniger wisse, als ein Handwerker. Den Platz aber, welchen ich hier einnehme, fülle ich aus, und mit dem festen Willen führ' ich's durch. »Und bist Du gezwungen , solche Arbeit zu thun? – Fehlt es Dir hier an Geld? – Ich kann mit Leichtigkeit...« »Bah,« lachte der junge Mann verächtlich, »ich habe Geld genug bei mir, um drei solche Bauern auszukaufen, wie der ist, bei dem ich jetzt um Monatslohn arbeite. Nein, was mich hierher trieb, war der Ekel an dem ganzen geselligen Treiben der Menschen, und vielleicht auch das Bewußtsein, daß ich selber eigentlich zu nichts nütze sei auf der Welt. – Ich wollte versuchen, ob ich nicht im Stande sei, mich selber am Leben zu erhalten, und – selbst wenn ich einmal nach Deutschland zurückkehren sollte, doch wenigstens das Gefühl mitzunehmen, daß ich im Stande war, mich zu erhalten. Kannst Du mich deshalb tadeln?« »Ich wahrhaftig nicht,« sagte Günther; »aber so weit wirst Du doch der Vernunft Gehör geben, daß Du Dich nicht gerade darauf capricirst, Tagelöhner zu bleiben, wenn Du in einer andern, Dir mehr zusagenden Laufbahn das nämliche Ziel mit den nämlichen Mitteln erreichen kannst?« »Und welche wären das?« »Höre mir zu, und in wenigen Worten mache ich Dir unsere beiderseitige Stellung klar. Nach dem schleswig-holsteinischen Kriege wie viele meiner Kameraden aus meiner Stellung geworfen, außerdem durch den Bankerott des Hauses, in dem ich mein ganzes Vermögen liegen hatte, um Alles gebracht, was ich mein nannte, verließ ich Deutschland – aber nicht mehr als freier Mann – ich liebte. – Daheim lebt mir ein Wesen, dem mein Herz gehört, und das treu zu mir gehalten hat die lange, lange Zeit, während ich hier für uns Beide arbeite, um unsere Zukunft zu sichern. Jetzt habe ich mein Ziel erreicht – vierzehn Tage höchstens noch, und meine Arbeit ist hier vollendet; dann kehre ich nach Deutschland zurück, zu meiner Braut, um das an ihrer Seite zu genießen, was ich mir hier, Gott weiß es, mit Mühe, Arbeit und Entbehrungen genug zusammengespart und was unser Beider Zukunft mit bescheidenen Ansprüchen sichert. Das Geschäft eines Landvermessers ist aber in Brasilien ein lohnendes, wenn man es eben ordentlich und geschickt angreift. Du hast, wie ich recht gut weiß, alle die nöthigen Vorkenntnisse dazu, und willigst Du ein, so lehre ich Dich in den wenigen Wochen auch den praktischen Betrieb so weit, daß Du recht gut in meine Stelle treten kannst. Dieselbe Dir zu verschaffen, laß meine Sorge sein, und Du hast dabei nicht etwa eine todte Anstellung, die ihren Mann nährt, sondern mußt Dir, was Du bekommst, Vara bei Vara durch schwere Arbeit verdienen. Nur die Plätze bekommst Du von der Regierung angewiesen, wo Du vermessen sollst, in jeder andern Weise bist Du Dein eigener Herr – willigst Du ein?« »Laß mir Zeit zur Ueberlegung, Günther,« sagte Felix nachdenkend, »Dein Antrag kommt so plötzlich – so unerwartet ...« »Hast Du hier noch Verbindlichkeiten?« »Keine – gestern war mein Monat abgelaufen, und wie ich Dir schon vorhin gesagt, überlegte ich mir eben, ob ich den neuen an dieser Stelle antreten solle oder nicht.« »Und Du gehst mit?« »Du bist ein wunderlicher Dränger, Freund,« lächelte Felix »daß Du Dich so eifrig bemühst, Dir eine vielleicht fatale Last aufzubürden.« »Wenn ich Dir aber nun versichere, daß ich vielleicht weit mehr Egoist als irgend etwas Anderes bin und Dir möglicher Weise den Vorschlag nur gemacht habe, um mir selber aus einer Verlegenheit zu helfen?« »So würde ich Dir nicht glauben.« »Und doch ist dem so. Eigentlich bin ich der Regierung gegenüber noch einige Verbindlichkeiten eingegangen, die Vermessungen in einer andern Colonie zu beenden, und wenn ich mich auch davon losmachen könnte, würde das doch immer mit Schwierigkeiten verbunden sein. Alles regulirt sich aber mit der größten Leichtigkeit, wenn ich Dich als meinen Stellvertreter zurücklassen kann, und während Du selber in eine vortheilhafte Beschäftigung eintrittst, ist uns Beiden zu gleicher Zeit geholfen. – Komm mit!« »Und hast Du die feste Ueberzeugung, Günther, daß ich im Stande bin, die Stellung mit Ehren auszufüllen?« »Ja – ich würde Dir sonst nicht dazu rathen.« »Topp denn,« rief Felix und schlug in die ihm dargebotene Hand des Freundes – »ich bin der Deine!« »Und wann kannst Du fertig sein, mich zu begleiten?« fragte Günther. »Mein Bündel ist in zwei Minuten geschnürt,« lächelte der junge Mann, »und wenn ich von meinem bisherigen »Brodherrn« Abschied genommen habe, bin ich fertig.« »Desto besser; und nun zum Hause, daß wir das rasch besorgen, denn ich möchte sobald als möglich in Santa Clara sein.« »In Santa Clara?« rief Felix und sah rasch zu ihm auf, »willst Du dorthin zurück?« »Fürchtest Du Dich vor dem Platz?« lachte Günther; »die Frau Gräfin hat Dir doch am Ende imponirt.« »Du hast Recht,« sagte Felix finster – »wen hätte ich zu scheuen? Also vorwärts zu einem neuen Leben – was es auch bringen mag, es soll mich vorbereitet finden!« – Und seinen Hut vom Boden greifend und das lockige Haar aus der Stirn werfend, schritt er dem Freunde voran dem Wohngebäude zu, wo dasjenige, was sie zu thun hatten, allerdings rasch abgemacht war. Nur darauf, daß sie noch bei ihm frühstücken sollten, bestand der Brasilianer, und auf zwei frischen Pferden – da Günther das an der Mündung von Santa Clara geborgte von hier aus wieder zurückschickte – trabten sie bald darauf der Colonie zu. Der Weg war ziemlich rauh, da sie einen der kleinen Höhenzüge zu passiren hatten und der Reitpfad steil den Hang hinanlief. Wo sich aber ein kleines Thal oder eine Ebene bildete, lagen auch überall freundliche Wohnungen mit blühenden Orangenhecken und breitblätterigen Bananen, von Palmenwipfeln malerisch überragt, und mitten dazwischen, im Schatten der Fruchtbäume und Palmen, kleine, freundliche, weißangestrichene Häuser mit rothen Ziegeldächern und blanken Fenstern, durch die Sauberkeit der ganzen Umgebung, den kleinen Garten, die Reben am Hause und die schattige Laube deutlich die Wohnung deutscher Colonisten verkündend. Jetzt näherten sie sich der Colonie. Im Wege, der hier oben auf dem Hügelrücken hin von anderen Colonieen herüberführte, überholten sie deutsche Fuhrwerke, die sich, von kräftigen Pferden gezogen, mühsam auf der noch immer nicht ganz abgetrockneten Straße durcharbeiteten; auch ein paar Maulthieren mit einem Sacke querüber und einem unverkennbar deutschen Jungen oben drauf begegneten sie. Hier am Wege trafen sie aber auch die Schneußen, die Günther bei seiner Vermessung durch den Wald gehauen, und einer von diesen folgten sie jetzt, indem sie dadurch nicht allein dem etwas zerfahrenen Wege auswichen, sondern auch ein tüchtiges Stück nach der Colonie zu abschnitten. In der Schneuße selbst mußten sie allerdings hintereinander reiten, bald aber erreichten sie wieder einen betretenen Weg, und hier hielt Felix sein Pferd an und schaute zurück. »Alle Wetter,« sagte er, »ich glaube wahrhaftig, wir haben uns verirrt, denn das hier kann doch nicht der Weg zur Colonie sein!« »Ein Landmesser und verirren,« lachte Günther, »das wäre nicht übel! – Kennst Du den Platz hier nicht? – Gleich dort drüben liegt die Chagra jenes wunderlichen Menschen. jenes Meier, der sich wie ein Einsiedler in seinem Hause vergraben hat und das wahre Muster eines Maulwurfs sein muß.« »Ach, richtig, jetzt erinnere ich mich, wo wir sind – aber warst Du nie bei ihm?« »Bei Meier? – nie, obgleich ich sein Land sogar vermessen habe; aber er ist nicht ein einziges Mal herausgekommen, um sich die Grenzen anzusehen, und ich selber hatte weder Zeit noch Lust dazu, mich ihm aufzudrängen ...« Günther schwieg und sah die Straße hinauf, die nach dem erwähnten Hause führte; auch Felix wandte den Kopf dorthin, ja selbst die Thiere spitzten die Ohren und schauten nach jener Richtung, denn wildklappernde Hufschläge wurden laut und im nächsten Moment flog ein reiterloses Pferd, von einem andern, auf dem sich der bügellose Reiter noch krampfhaft festhielt, dicht gefolgt, wie ein Sturmwind an ihnen vorüber, daß sie kaum Zeit behielten, auszuweichen. »Ein paar durchgegangene Pferde,« rief Günther, der Mühe hatte, das eigene Thier vom Folgen abzuhalten – »ruhig, Alter, mußt Du denn auch alle Dummheiten mitmachen?« »Das war der junge Baulen,« sagte Felix, ohne auf den Freund weiter zu achten – »und da kommt noch ein Thier, bei Gott, und mit seiner Reiterin!« Und noch während er sprach, sprang er aus dem Sattel, sein Pferd vollkommen rücksichtslos sich selber überlassend. Er hatte Recht; mit vorgestrecktem Kopf und schnaubenden Nüstern folgte der Schimmel den vorangeeilten Kameraden, und mit flatternden Haaren, das Antlitz marmorbleich, aber keine Spur von Furcht verrathend, saß Helene auf seinem Rücken und klammerte sich an den Sattel fest, während das eine Ende des zerrissenen Zügels den Hals des Pferdes peitschte. »Hab' Acht, Felix,« schrie Günther, der mit Besorgniß sah, wie sich der Freund dem wild heranbrausenden Thiere entgegenwarf – »Du kannst es nicht halten!« Aber Felix hörte ihn nicht. Der Weg war hier eng, denn das Dickicht an beiden Seiten mit ein paar aus der Bahn geschobenen umgestürzten Bäumen hemmte ihn ein; das durchgehende Pferd konnte nicht ausweichen. Als es aber die mitten im Wege wartende Gestalt des Menschen erblickte, parirte es plötzlich und bäumte in die Höhe. In demselben Moment griff des Unerschrockenen linke Hand in sein Gebiß und während es zur Seite schreckte, verlor Helene das Gleichgewicht und stürzte in Felix' linken Arm. Allerdings konnte er ihren Fall nicht hindern, denn das Pferd, welches er nicht losließ, riß ihn zur Seite, aber er brach doch die Schwere des Sturzes, so daß das junge Mädchen mehr zu Boden glitt als fiel und Felix jetzt nur den Schimmel von ihr zurückdrängte, damit sie nicht durch dessen Hufe beschädigt würde. Aber die Aufregung war zu viel für sie gewesen. So stark und besonnen sie sich bis dahin, trotz des zerrissenen Zügels, im Sattel gehalten hatte, vergingen ihr jetzt doch die Sinne, und als der ebenfalls abgestiegene Günther hinzusprang, um wo möglich noch Hülse zu leisten, lag sie ohnmächtig vor ihm im Wege. Das Ganze war natürlich das Werk nur weniger Secunden gewesen, und noch war Felix mit dem nicht so leicht beruhigten Schimmel beschäftigt, um ihn aus dem Wege zu halten, als Günther schon die ohnmächtige Jungfrau aufgehoben hatte und sie in seinen Armen hielt. »Und was nun?« rief er halb verlegen, halb lachend; »das ist eine vortreffliche Situation für ein paar Junggesellen! Was fangen wir mit der Ohnmächtigen an? – Hier können wir sie doch nicht liegen lassen!« Der Schimmel stand endlich; er schnaubte zwar noch und warf den Kopf herüber und hinüber, aber die Gefahr war vorbei und er wußte, daß er sich wieder in der Gewalt seiner Herren befand. Felix führte ihn ruhig heran und sagte: »Meier's Haus ist ja, wie Du sagst, dicht bei – da drüben kann ich sogar die Pinie erkennen, die in der Ecke seiner Umzäunung steht – trage die junge Dame dorthin, indessen ich hier den Zügel des Pferdes wieder in Ordnung bringe. In dem Hause findet sich auch weibliche Hülfe, und die Reiterin kann später, wenn sie sich erholt hat, in die Colonie zurückkehren.« »Aber sie werden mich nicht einlassen.« »Klopf nur an die Thür; einem solchen Unfall kann der alte Misanthrop sein Haus nicht verschließen!« – Und ohne sich weiter um die Bewußtlose zu kümmern, ja ohne sie anzusehen, schritt er, den Schimmel noch immer am Gebiß haltend, zu Günther's Pferd, dessen Zaum sein Reiter über einen Ast geworfen hatte, löste den Lasso, der um dessen Hals befestigt war, mit der rechten Hand und sicherte sich dann den Schimmel, indem er das andere Ende durch den Ring seines unter dem Zaum sitzenden Halfters zog. Günther war indessen, weil er selber keinen besseren Rath wußte, mit seiner schönen Bürde Meier's Chagra zugeschritten. An der Gartenthür angelangt, hörte er Stimmen im Garten und mit dem Fuße gegen das Holzwerk tretend, bat er, ihm zu öffnen, da er eine ohnmächtige Dame trage, die Hülfe verlange. Zuerst antwortete Niemand, dann aber, auf seine wiederholte Bitte, rief eine weibliche Stimme von innen: »Gleich, gleich!« – Der Riegel wurde zurückgeschoben, die Thür ging auf und Günther sah sich im nächsten Augenblick Könnern und Elisen gegenüber. Graf Felix indessen, ohne sich weiter darum zu kümmern, was aus der jungen Dame wurde, befestigte den Schimmel mit dem Lasso an eine der jungen Palmen, knüpfte den Zügel wieder fest, daß er wenigstens den Ritt hinunter hielt und schritt dann, da ihm sein eigenes Pferd ebenfalls davon- und den anderen nachgelaufen war, zu Fuß in die Colonie hinab. Eine Viertelstunde mochte er wohl den Platz verlassen haben, als eine klägliche Gestalt denselben Weg herabgehinkt kam, den vorher die Pferde genommen hatten. Es war Herr von Pulteleben, sein Gesicht blutig und mit einigen Rissen, die Dorn oder Stein darauf zurückgelassen, sein Rock beschmutzt und zerfetzt und das Gewicht seines Körpers einzig und allein seinem rechten Beine vertrauend. Er hielt einen Augenblick, als er zu der Stelle kam, wo der Schimmel angebunden stand, und schüttelte den Kopf. Er mochte sich wohl nicht recht erklären können, wie der hierher gekommen und wo die Reiterin geblieben, aber er schien auch nicht in der Stimmung, sich lange bei Vermuthungen aufzuhalten, denn in diesem Zustande konnte er doch Niemandem seine Hülfe anbieten – er sah zu unanständig aus und mit einem Seufzer seine unteren Kleidungsstücke betrachtend, setzte er sehr betrübt seinen Weg nach der Colonie fort. 18. Ein Vielliebchen. Könnern verbrachte eine unruhige Nacht. Nicht etwa, daß Sarno's Warnung irgend einen Zweifel in seiner Brust wach gerufen oder seinen Entschluß erschüttert hätte, aber die Aufregung, daß sich mit dem morgenden Tage sein Schicksal entscheiden sollte, ließ ihn nicht schlafen und erst gegen Morgen fielen ihm die müden Augen zu, nur um einer Masse von tollen und abenteuerlichen Traumbildern Raum zu geben. Mit Sonnenaufgang war er auch schon wieder munter und konnte die Zeit nicht erwarten, wo er Elise endlich sehen und sprechen würde; denn heute, das hatte er sich fest vorgenommen, ließ er sich von dem Alten nicht abweisen, mochte daraus werden, was da wollte. Vor zehn Uhr durfte er aber keinesfalls hinüber; selbst das schien ihm noch eine etwas frühe Stunde, aber seine Ungeduld ertrug eben nicht mehr, und mit dem Schlage Zehn sprang er auf das schon gesattelte Pferd und trabte die Richtung nach Meier's Chagra zu. Dicht vor der Colonie überholte ihn eine kleine Cavalcade von Reitern, die mit ihm denselben Weg ritt, und an der jungen, reizenden Dame, die den Zug führte, erkannte er bald die Gesellschaft. Er war aber heute Morgen nicht dazu aufgelegt, irgend eine neue Bekanntschaft anzuknüpfen, hielt deshalb sein Pferd an, grüßte und ließ die Drei an sich vorbeipassiren, die dann auch bald in den Büschen verschwanden, welche bis zum Fuße der nächsten Hügel herabliefen. Da die drei Reiter übrigens mit ihm einen und denselben Weg verfolgten, beeilte er sich nicht mehr so sehr; er wollte gern vermeiden mit ihnen wieder zusammen zu treffen, und ließ sein Pferd erst wieder austraben, als er sich der Chagra näherte. Dort führte er es seitwärts auf einem schmalen Kuhpfade in den Wald, band es fest und setzte nun von hier ab seinen Weg zu Fuß fort. Und wie ihm das Herz schlug! Als ob er ein Verbrechen begangen hätte und jeden Augenblick Entdeckung befürchtete, so schlich er auf dem Wege dahin und sah scheu hinauf und hinab, ob Niemand käme, der ihn stören könnte. Und mit dieser Angst auf dem Herzen sollte er dem alten Mann entgegentreten und ihn um die Hand seiner Tochter bitten? Er wagte es nicht, und zweimal war er an der Thür und hob den Arm, und zweimal schlich er zurück in den dichten Busch hinein, um sich erst wieder zu sammeln und das zu überdenken, was er Elisens Vater sagen wollte. Das zweite Mal war er der Hecke nahe gekommen, welche der Garten umschloß, unfern von da, wo er an jenem Morgen Elisens Zitherspiel gelauscht und ihr zuletzt die beiden Waldhühner hinübergeworfen; und überdachte er sich jetzt, daß er das Mädchen seit der ganzen langen Zeit nicht ein einziges Mal wieder gesehen, ja, daß er eigentlich nicht einmal einen einzigen Grund für sich anzugeben vermochte, nach dem er schließen konnte, sie sei ihm gut, so kam ihm seine ganze Werbung eigentlich wie ein halber Wahnsinn vor, und er stand sogar auf dem Punkte, sie vollständig aufzugeben. Was wußte sie denn von ihm? Was konnte sie von ihm wissen, das ihm ein Recht gab, sie für sich zu fordern? Wenn sie ihm nun geradezu in's Gesicht lachte, wenn sie ihm sagte – – da drangen wieder die weichen Töne der Zither heraus an sein Ohr, und ihre Stimme war es, welche sie begleitete. Was sie sang oder spielte, er hörte es nicht mehr; die Leidenschaft der ersten heißen Liebe hatte ihn übermannt, und kaum sich dessen klar, was er that, kletterte er im nächsten Augenblick schon an einer der dünnen, schlanken Palmen nächst der Hecke empor, schwang sich dort hinauf, ergriff den überhängenden Zweig eines im innern Garten stehenden größeren Baumes, welcher sich unter seinem Gewichte bog und langsam brach, und stand nur wenige Secunden später im Garten selber, und kaum fünfzig Schritt von der Stelle entfernt, an der Elise mit ihrem Instrumente im Schatten eines breitästigen Mandelbaumes saß. Das junge Mädchen hatte aber ebenfalls das Brechen und Rauschen in den Zweigen gehört und den Kopf dorthin gewandt und sprang erschreckt empor, als sie die Gestalt eines Fremden bemerkte, welcher so gewaltsam in ihr Heiligthum brach. Aber es war nur ein Augenblick; bald erkannte sie den Eindringling und zitternd stand sie neben ihrem kleinen Tisch, als Könnern rasch auf sie zuging und wenige Schritte vor ihr mit achtungsvollem Gruß stehen blieb. »Mein Fräulein,« sagte er, noch immer halb verlegen, aber doch jetzt schon mit dem festen Entschluß, das nun Begonnene auch wacker durchzuführen – »vor allen Dingen muß ich tausendmal um Entschuldigung bitten, mich auf solch' rauhe Weise in Ihre Nähe gedrängt zu haben, aber ich – konnte mir nicht mehr helfen; ich mußte Sie sprechen und da mir Ihr Vater, Gott weiß aus welchem Grunde, hartnäckig den Zutritt zu Ihnen weigerte, nahm ich endlich meine Zuflucht zu einem verzweifelten Mittel und – hier bin ich jetzt.« »Ich weiß nicht,« stammelte Elise in schüchterner Verlegenheit, während sich der purpurne Strom über ihre Wangen und ihren Rücken ergoß und ihren Zügen einen noch viel höheren Liebreiz gab – »ich weiß in der That nicht, weshalb Vater – Sie müssen ihn entschuldigen – er – er ist kränklich und in der – in der letzten Zeit besonders so leidend gewesen, daß er sich scheu vor allen, selbst den ihm liebsten Menschen zurückgezogen hat.« »Ich zürne ihm nicht, mein liebes Fräulein,« sagte Könnern herzlich – »welches Recht hätte ich auch, etwas von ihm zu verlangen, was er allen übrigen Menschen eben so gut verweigert: den Zutritt zu seinem Hause – und dennoch bin ich hier« – setzte er leise und zögernd hinzu, während auch seine Züge jetzt ein leichtes Roth färbte – »dennoch habe ich den Bann gebrochen, der auf dem Platze liegt und – vielleicht unrecht damit gethan, aber ich konnte mir nicht helfen, Elise« fuhr er leidenschaftlich fort – »ich mußte Sie sprechen, ich mußte Ihnen sagen, daß, seit ich Sie zum ersten Mal gesehen und gesprochen, nur der Eine Gedanke mich erfüllt hat, Tag und Nacht – Sie – mußte Ihnen sagen, daß ich mir kein Leben länger denken kann fern von Ihnen, und mir die Entscheidung meines künftigen Schicksals von Ihren eigenen Lippen holen.« »Herr Könnern!« sagte Elise erschreckt, und jeder Blutstropfen verließ in dem Augenblick ihre Züge. »Sie haben Recht,« sagte Könnern abwehrend – »es war ein tollkühner Schritt – ein Schritt, der in dieser Weise kaum auf Erfolg rechnen konnte, und erst jetzt, wo ich vor Ihnen stehe, wo es zu spät ist, ihn zurück zu thun, fühle ich das Ungehörige desselben in seiner ganzen Schwere. Aber seien Sie auch versichert, Elise, daß ich ihn nicht ganz leichtsinnig gethan, daß ich mir vorher erst klar geworden, ob ich, was mich selber betraf, die Verantwortung übernehmen konnte, Sie aus Ihrem elterlichen Hause zu führen. Meine gesellschaftliche Stellung im Leben ist eine ehrenvolle; ich besitze Vermögen genug, der Zukunft sorgenfrei in's Auge zu schauen, selbst wenn ich nicht mehr die Kraft in mir fühlte, mich durch meine Kunst zu erhalten. – Aber das Alles sind Eigenschaften, welche nur die Existenz selber – nicht das Herz berühren, und ich hatte nicht bedacht, daß Sie mich ja noch gar nicht kennen, daß Sie also auch kein Vertrauen zu mir haben können, ob ich es wirklich so ehrlich und treu meine, wie meine Worte sagen. Elise athmete kaum. Der Blick, den sie im Anfang schüchtern zu ihm aufgehoben, hatte schon lange den Boden wieder gesucht und wenn sich auch ihre Lippen ein paar Mal theilten, als ob sie irgend etwas erwidern wollte, wurde doch keine Silbe laut. Auch Könnern schwieg jetzt, und Beide standen einander stumm, in peinlicher Pause gegenüber. Da nahm Könnern das Wort wieder auf und sagte leise: »Sie haben Recht, Elise – die tolle Frage bedarf keiner Antwort. Lassen Sie mich gehen und als einzige Erinnerung Ihr liebes Bild im Herzen mit forttragen in die weite, öde Welt. Nur um das Eine bitte ich Sie, recht aus Grund meiner tiefsten Seele, zürnen Sie mir nicht. Vergessen Sie, daß ich leichtsinnig und unüberlegt gehandelt, und denken Sie, daß ich fortan nur ein einsamer, armer Wandersmann sein werde, der – so fortfahren wird, die Welt zu durchziehen, wie er begonnen, weil er eben – nirgends Ruhe finden kann. Leben Sie wohl, Elise – ich werde Ihnen nie wieder störend in den Weg treten und – Gottes reichster Segen über Sie!« Mit diesen Worten nahm er ihre Hand, welche sie ihm willenlos überließ, drückte einen innigen Kuß darauf, ließ sie los und wandte sich rasch ab, um den Garten wieder zu verlassen. »Könnern,« rief da Elise mit leiser, zitternder Stimme – »gehen Sie nicht so!« »Elise – darf ich glauben, daß Sie mir nicht zürnen?« bat der junge Mann, welcher sich ihr bei dem Laut rasch wieder zudrehte. »Zürnen?« flüsterte das junge Mädchen, den Kopf traurig zu Boden gesenkt – » zürnen ?« wiederholte sie, »wo es das erste Freundeswort ist, das ich seit langen, langen Jahren gehört? Gehen Sie, Könnern, gehen Sie in Ihre Welt hinein, welche ich nicht kenne – welche ich nie kennen soll, aber nehmen Sie die Versicherung mit, daß Sie einer Unglücklichen einen lieben, lieben Trost gebracht, daß Sie ihr einen Augenblick des Glückes geschaffen haben, an dem sie, mag er so kurz gewesen sein wie er will, noch lange Jahre freudig zehren wird. Gehen Sie, Könnern, mein Vater wird mir nie erlauben, mich von ihm zu trennen – er könnte auch nicht ohne mich leben, aber denken auch Sie manchmal freundlich eines armen Mädchens, das...« Könnern hielt sich nicht länger. Mit frohlockendem Herzen hatte er den Worten des lieben Kindes gelauscht – die Hindernisse, welche sie ihm in den Weg warf, er achtete ihrer nicht, er hörte sie kaum, und jetzt rasch zu ihr zurückkehrend, rief er jubelnd aus: »Elise – meine Elise – Du bist mir gut? Du zürnest nicht dem kecken Fremden, der es wagte, an Dein Herz zu pochen, Du läßt mich hoffen, daß ich Dich gewinnen kann? Oh, nun ist Alles gut, Alles gewonnen, denn der Vater wird und muß Dich mir geben. Oh, wenn ich Dir jetzt nur mit Worten sagen könnte, wie herzlich ich Dich liebe; wie all' mein Sehnen und Trachten, all' meine Gedanken die ganze lange Zeit, in der wir uns nicht gesehen, gesprochen, nur Dir gehört, nur Dein gedacht! Sieh mich an, Elise, oh, laß mich in Deinen lieben treuen Augen das Glück auch lesen, das Du mir in Deinen herzlichen Worten gegeben, laß mich darin die Bestätigung finden, daß ich nicht mehr allein stehe aus der Welt und ein Herz gefunden habe, das mein sein will in Lust und Leid, in Sorge und in Glück.« Elise schlug das thränengefüllte Auge zu ihm auf und lehnte ihr Haupt dann schwer und seufzend an seine Brust. »Es kann nicht sein,« flüsterte sie – »ich darf nicht glücklich werden – werd' es nicht!« »Du wirst es – mit diesem Kuß gewinn' ich Dich zur Braut, und wie mich Gott verlassen soll in meiner letzten Stunde, wenn ich je von Dir lasse, so vertraue auch mir! Leg' Dein Geschick getrost in meine Hände, und steht uns auch noch eine Prüfung bevor, sollten uns auch noch Hindernisse in den Weg treten, laß Dich nicht entmuthigen. Was es auch sei, wir werden's überwinden, und wie ich jetzt mein ganzes Leben Dir zu eigen gebe, so sei versichert, daß Dein künftiges Glück in guten und treuen Händen ist.« »Und wenn uns der Vater trennt?« »Er kann, er darf es nicht, Herz,« sagte Könnern, wieder und wieder ihre Stirn küssend, denn sie hielt das Antlitz noch fest an seiner Brust geborgen – »er wird auch in der Kinder Glück das eigene wieder finden, wieder vergessen lernen, was ihm die Welt vielleicht zu Leide gethan, und so nur können wir auch ihn dem Leben wieder gewinnen, dem er jetzt ja fast vollständig entsagt. Fürchtest Du Dich noch ?« »In Deiner Nähe nicht,« flüsterte die Jungfrau – »hier an Deiner Brust ist mir wohl – oh, so möcht' ich sterben! Wenn ich aber weiter denke – wenn ich glauben muß, daß uns ein böses Geschick je wieder trennt – oh, gehe nicht von mir,« bat sie, ihn leidenschaftlich umschlingend – »laß mich nicht wieder allein, denn jetzt erst, in diesem Augenblick erst fühl' ich, was ich mein ganzes Leben lang entbehrt – Liebe! – Liebe!« Ein lindernder Thränenstrom machte ihrem Herzen Luft, und zitternd, weinend lag sie lange in Könnern's Armen. Endlich rang sie sich gewaltsam von ihm los, und ihre Thränen trocknend, sagte sie, mit einem gar so lieben wehmüthigen Lächeln zu ihm aufschauend: »Bin ich nicht ein Kind, daß ich dem ersten Glück entgegenweine – und doch – der Allwissende dort oben sieht es – trage ich es mit bitter schwerem Herzen – oh, Bernard, willst Du mich nie vergessen, wenn uns auch – das Schicksal wieder auseinander reißt?« »Nie, nie soll das eine noch das andere geschehen!« rief leidenschaftlich der junge Mann – »und jetzt banne die trüben Gedanken aus Deiner Seele, Du süßes Lieb – oder« – fuhr er leise flüsternd und lächelnd fort – »soll ich Dich daran erinnern, daß Du – Dein Vielliebchen gefunden hast! Wie hieß doch der letzte Vers, Schelm?« Elise barg das erröthende Antlitz wieder an seine Brust und sagte: »Wie Du mich damals erschreckt hast!« »Und Du wußtest, von wem es kam?« Sie antwortete nicht, aber er fühlte, wie sie leise mit dem Kopf nickte und sich dem Versuch hartnäckig widersetzte, ihr Antlitz zu dem seinen emporzuheben. »Du wußtest, was es bedeutete?« flüsterte er so leise, daß sie die Worte kaum verstand, und wieder nickte sie und schmiegte sich fester an ihn – und, oh der Seligkeit dieser Stunde, in der sich zwei Herzen fanden und verstanden und des reinen Glückes inne wurden, nur in sich selber Eins zu sein! Was kümmerte sie auch jetzt die Außenwelt, was Sorge und Gefahr der nächsten Stunde? Könnern's muthiges Herz setzte sich leicht darüber weg, und Elise selbst war zu selig, um nicht dem Augenblick auch ein Recht zu gönnen. Könnern führte die Geliebte jetzt zu der kleinen Bank unter dem Mandelbaume, vor welchem ihr Zithertisch stand, und Hand in Hand, Auge in Auge saßen die jungen Leute und plauderten und fanden des Himmels Seligkeit in der Liebe Glück. Da tönte vom Hause her ein kleines Horn und erschreckt fuhr Elise empor. Das war das Zeichen zum Frühstück, und sie mußte fort aus dem Garten. »Die Mutter ruft,« sagte sie ängstlich – »ich darf nicht länger säumen, und – großer Gott, es ist so spät geworden und der Vater jetzt auch schon im Garten – wenn er Dich sieht...« »Fürchtest Du Dich, Elise? Fürchtest Du Dich an meiner Seite,« sagte Könnern herzlich – »und haben wir denn etwas Böses gethan, daß wir den Blick der Eltern zu scheuen hätten? Offen will ich vor sie treten – jetzt in diesem Augenblick, nicht im Geheimen mag ich zu ihrem Kinde schleichen und mir dessen Liebe stehlen, wie ein unrecht Gut! Nein, ich habe sie mir ehrlich gewonnen und will sie ehrlich wahren als meinen höchsten und theuersten Schatz.« »Aber der Vater...« »Früher oder später müßte er doch wissen, daß wir einander angehören wollen für das ganze Leben; weshalb dann eine Zeit in Angst und Sorge verleben, die nur dem reinsten Glück gehören sollte? Glaube mir, mein süßes Herz, Dein Vater ist lange nicht so schlimm, wie Du zu denken scheinst. Auch er hat einst mit treuer Liebe um Deine Mutter geworben, und der Zeit mag er gedenken, wenn ich vor ihn trete. Außerdem stehe ich selbstständig in der Welt, und der Director Sarno, welcher meine Familie genau kennt, mag ihm bezeugen, daß er um die Zukunft seiner Tochter nicht besorgt zu sein braucht. Fürchtest Du noch, daß er Dich mir verweigern wird?« »Ja,« hauchte Elise, während ihre Züge wieder erbleichten – »trotz alle dem; Du kennst den Vater nicht.« »Und Deine Mutter?« Elise stand noch unschlüssig vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Endlich schlug sie die treuen Augen zu ihm auf und sagte mit einem rührenden Blick voll Vertrauen und Liebe: »So geh zu ihm, Bernard – sprich mit ihm – ich vertraue Dir ganz! Wie Dir mein Herz von jetzt allein gehört, will ich mich auch von Deinem Herzen leiten lassen. Ich fühle, Du hast Recht; wir dürfen kein Geheimniß vor den Eltern haben – ich wenigstens nicht, nach Allem, was sie schon für mich gethan. Gehe zu ihnen, und Gott möge des Vaters Sinn lenken, daß er das Glück des Kindes, zum ersten Mal, wo es in seine Hand gelegt, nicht selbst zerstört. Aber noch Eins, Bernard,« fuhr sie fort, als er sie mit sich dem Hause zu ziehen wollte – » was auch der Vater beschließt – wie auch sein Urtheil lautet – und wenn mein eigen Herz darüber brechen müßte – ich kann und darf nicht ungehorsam sein.« »Elise!« »Ich bleibe Dir treu,« bat die Jungfrau – »nie wird sich diese Hand in eines andern Mannes Rechte legen, aber wenn mich des Vaters Gebot an seine Seite zwingt, so werd' ich bleiben, was auch mit mir geschehe.« »Es sei,« sagte Könnern nach einer kurzen peinlichen Pause – »wie leicht ich aber auch vorher, als ich mich Deiner Liebe versichert wußte, dem entscheidenden Schritt entgegen ging, so schwer gehe ich jetzt, wo ich fürchten muß, Dich wieder zu verlieren, in demselben Augenblick, wo ich Dich mein auf immer geglaubt. Aber die erste Bitte kann und will ich Dir nicht abschlagen – ich fühle, daß ich Dich nicht zwingen darf, wenn ich damit nicht Deinen Frieden für spätere Zeiten zerstören soll. Ich will allein Dein Glück – und daß ich nur das will, kann ich Dir jetzt beweisen.« »Ach, Bernard,« sagte das junge Mädchen traurig – »nur an Deiner Seite find' ich das und gehst Du von mir, ist es doch vorbei – aber trotzdem danke ich Dir – danke ich Dir recht von Herzen für Deine Liebe, welche Du mir jetzt stärker als vorher gezeigt – und nun zum Vater, daß wir unsere Bitten dort vereinen.« Schon vor einiger Zeit hatten sie draußen vor dem Garten wildes Pferdegestampfe und Stimmen gehört, aber, zu sehr mit sich selber beschäftigt, nicht weiter darauf geachtet. Jetzt eben hatte sich das wiederholt und sie blieben horchend stehen. Könnern dachte an sein eigenes Pferd, ob sich das vielleicht losgerissen haben könnte, aber das war fest und sicher angebunden – vielleicht waren es trunkene Colonisten, die hier dem Städtchen zujagten – was kümmerte es sie – Seite an Seite, Könnern seinen rechten Arm um der Geliebten Schulter gelegt, schritten sie langsam den Kiesweg an der Hecke entlang hin, welcher dem Hause zuführte. Kaum aber waren sie in der Nähe der Thür angelangt, die hinaus in's Freie führte und stets sorgfältig verriegelt gehalten wurde, als ein paar heftige Stöße dagegen erfolgten und eine Stimme draußen, welche Könnern bekannt schien, um Einlaß bat. »Was ist das?« sagte Elise, ängstlich seinen Arm ergreifend – »wir dürfen nicht öffnen.« »Es ist ein Unglück geschehen!« rief Könnern, »sollen wir nicht nachsehen?« »Ein Unglück?« wiederholte das junge Mädchen erschreckt. »Ich halte eine Ohnmächtige hier im Arme!« rief da Günther's Stimme wieder – »wollt Ihr sie hier im Wege sterben lassen?« »Eine Ohnmächtige?! Gleich, gleich!« rief Elise, jede weitere Furcht bei Seite setzend – »der dürfen wir ja doch unsere Hülfe nicht versagen« – und zu der Thür springend, schob sie die beiden großen Riegel zurück. Könnern drückte zugleich das breite Schloß auf, das nach außen keine Klinke hatte, und sah erstaunt den Freund mit seiner Bürde. »Günther!« rief er überrascht aus – »Sie hier und mit einer Dame in Arm?« »Ich könnte, glaub' ich, so ziemlich dieselbe Frage an Sie richten, Könnern,« lachte der Freund, »wenn wir jetzt Zeit zur Unterhaltung hätten, aber die Arme sind mir schon erlahmt – mein Fräulein, dürft' ich Sie bitten, sich der armen Dame anzunehmen?« »Oh, das Haus ist nur wenige Schritte von hier entfernt,« rief Elise, welche mit gefalteten Händen vor der bleichen Fremden stand – »ach, das bildschöne, unglückliche Kind – kommen Sie rasch mit mir, dort ist Alles, was ihr Hülfe bringen kann« – und mit flüchtigen Schritten flog sie ihnen voran, den Gang hinauf. Könnern hatte indessen, dem Freunde die Last zu erleichtern, den Oberkörper der Bewußtlosen in seinen Arm genommen, so daß sie rasch der Jungfrau folgen konnten, und unterwegs erzählte ihm Günther mit kurzen Worten, was draußen vor dem Garten geschehen. Jetzt hatten sie das Haus erreicht und stiegen die wenigen Stufen zu dem untern Gartensaale hinauf – die Mutter war schon durch ein paar flüchtige Worte Elisens von dem Unfall unterrichtet und in ihr Zimmer gegangen, um englisches Salz zu holen – nur Elise erwartete sie am Eingang und die beiden Freunde legten die Ohnmächtige jetzt auf das an der entgegengesetzten Wand stehende Sopha. Günther hatte ihre Kleider etwas geordnet und richtete sich eben auf, als die Thür links geöffnet wurde und Meier eilig hereintrat. »Was geht denn hier vor?« rief er bestürzt – »was ist geschehen? Das ist ja ein Lärm« – sein Auge begegnete Günther's fest und erstaunt auf ihm haftenden Blick und Könnern, welcher sich eben bei ihm entschuldigen wollte, bemerkte zu seinem Erstaunen, daß der alte Mann zurückschrak, als ob er einen Geist gesehen hätte. Noch standen sie sich so gegenüber, während Elise mit der Bewußtlosen beschäftigt war und ihr das Kleid zu öffnen suchte, als die andere Thür aufging und Elisens Mutter mit dem herbeigeholten Fläschchen eintrat – nur Einen Blick aber warf sie auf die Gruppe der drei Männer, als auch das Flacon ihrer zitternden Hand entfiel. »Mutter, liebe, beste Mutter!« rief Elise, zu dieser springend – »es ist nichts – nur eine Ohnmacht – sie schlägt die Augen schon wieder auf.« »Herr Sellbach !« sagte Günther mit ruhiger, kalter Stimme – »ich hatte allerdings keine Ahnung, daß wir so lange schon nahe Nachbarn gewesen waren und kann dem Zufall nicht genug danken, der uns hier zusammenführt.« Der alte Mann stand wie zu Stein erstarrt – seine Lippen hatten sich getheilt, aber er sprach kein Wort; seine Augen, vor denen er heute nicht die blaue Brille trug, schienen aus ihren Höhlen drängen zu wollen und die beiden Arme hielt er wie abwehrend vorgestreckt. »Sie kommt zu sich!« rief Elise, welche das ihr entgegengerollte Flacon aufgehoben und der Kranken vorgehalten hatte – »Gott sei Dank! Beruhige Dich, liebe Mutter, und Vater« – sie wandte sich, während sie sprach, dem Vater zu und stieß einen Angstschrei aus, als sie den Zustand sah, in welchem er dem Fremden gegenüber stand. »Vater!« rief sie – »lieber, bester Vater – um des barmherzigen Gottes willen, was ist geschehen?« Und in Windeseile war sie an seiner Seite und umschlang ihn mit ihren Armen. Erst die Berührung schien den Zauber zu lösen, von dem er befangen war. – »Oh, mein Gott!« stöhnte er – »endlich! endlich!« und wäre jetzt zu Boden gesunken, hätte ihn die Tochter nicht in ihren Armen gehalten und zu dem nächsten Stuhl geführt, in den er, ineinander gebrochen, zusammensank. »Um Gottes willen, was geht hier vor?« rief Könnern, des Freundes Arm ergreifend – »welch' Geheimniß lagert zwischen Euch?« »Hier ist jetzt weder Platz noch Zeit, das zu erklären,« drängte Günther – »das Fräulein richtet sich auf und – braucht eben nicht zur Mitwisserin gemacht zu werden. Bitten Sie die junge Dame, daß sie die Fremde in ihr Zimmer führt, bis sie sich vollständig erholt hat und das Haus verlassen kann. Wir werden draußen auf sie warten, um sie sicher nach Hause zu geleiten.« »Aber ich begreife gar nicht!« »Thun Sie, wie ich Ihnen sage. Alles Andere nachher.« »Aber wir können die Familie doch nicht jetzt, nicht in diesem Zustande verlassen?« »Wir können ihr keinen größeren Gefallen thun. Folgen Sie mir nur dieses Mal, Könnern – des jungen Mädchens wegen, wenn Sie sonst nicht wollen.« Helenens starke Natur hatte indessen vollständig die augenblickliche Schwäche abgeschüttelt. Möglich, daß sie beim Sturze doch vielleicht mit dem Kopf auf einen Stein getroffen und davon nur betäubt gewesen war; aber sie richtete sich empor und sah erstaunt auf ihre Umgebung. Günther, der in diesem Augenblicke für alle zu denken schien, benutzte den günstigen Augenblick und auf sie zutretend, bot er ihr seinen Arm. »Ich sehe zu meiner Freude, daß Sie sich erholt haben, Comtesse; erlauben Sie mir, Sie an die frische Luft zu führen, die wird Ihnen wohler thun, als alle Medicamente der Welt.« Leise setzte er dann hinzu: »Die alten Leute sind außer sich über Ihre Ohnmacht, die sie für weit gefährlicher halten, als sie war. Zeigen Sie sich kräftig, daß wir sie beruhigen.« »Ich bin kräftig,« sagte das junge Mädchen, »aber ich begreife nur nicht, wo ich bin, wie ich hierher gekommen.« »Ich erzähle Ihnen die Geschichte unterwegs,« lachte Günther, ihren Arm ohne weitere Umstände in den seinen ziehend. »Könnern, thun Sie mir den Gefallen und sehen Sie draußen nach dem Pferd, daß kein weiteres Unglück geschieht – Sie können ja dann zurückkehren, wenn Sie wollen,« flüsterte er ihm zu. Könnern war wie betäubt. Er sah wohl, daß etwas Außergewöhnliches – etwas Furchtbares hier vorgegangen sei, aber er begriff nicht, was; Elise war dazu, ohne auch nur weiter seiner zu achten, mit dem Vater beschäftigt, und ehe er selber zu einem recht klaren Bewußtsein gekommen war, hatte Günther, während er an dem rechten Arme Helenen führte, mit der Linken ihn ergriffen und zog den keinen Widerstand mehr Versuchenden mit sich hinaus in's Freie, durch den Garten und auf die Straße, wo er ohne Weiteres die Thür hinter sich in's Schloß warf und ihnen dadurch Allen den Rückzug vollkommen abschnitt. Hier aber half ihnen Helenens Bruder aus der augenblicklichen Verlegenheit, was sie mit der jungen Dame anfangen sollten. Als sie auf den Weg hinaustraten, kam er, da er indeß seines Pferdes wieder Herr geworden, zurückgesprengt, um die Schwester zu suchen. Allerdings fürchtete Könnern, daß sie sich noch nicht allein im Sattel halten könne und bat sie, das Pferd, welches noch an dem Lasso befestigt stand, lieber zur Stadt führen zu lassen. Helene schlug das aber lächelnd ab. »Ich bin an derlei Abenteuer gewöhnt,« sagte sie freundlich; »nur eins beunruhigt mich: so ganz ohne einen Dank von der Familie zu scheiden, die mir so gütige Hülfe geleistet, und die ich dafür so erschreckt und gestört habe.« »Ich werde Sie entschuldigen,« wehrte Günther ab »und Sie können ihr immer später einen Besuch abstatten. Jetzt halte ich es für besser, daß Sie so rasch als möglich nach Hause zurückkehren und sich dort erst vollständig ausruhen. Die Folgen eines solchen Zufalls fühlt man gewöhnlich erst später, und es ist immer besser, sich etwas vorzusehen.« Günther setzte seinen Willen durch. Könnern holte den Schimmel; der Stamm eines umgestürzten Baumes machte es ihr leicht, in den Sattel zu kommen – und bald hielt sie den Zügel wieder fest in der Hand. Von dem Moment an aber, als sie wieder die Straße betreten, hatte Helene, als ob sie Jemanden suche, auf und ab gesehen, und selbst ihr Bruder, der jetzt neben ihr hielt, bemerkte dies. »Suchst Du Freund Pulteleben?« fragte er lachend; »dem bin ich vorhin in einem traurigen Zustand zu Fuß begegnet, und ihn selber hat der Rappe bös zwischen Dornen und Geröll abgesetzt. Wenn er es hindern könnte, ließ er sich gewiß vor keinem Menschen sehen, ehe er frische Toilette gemacht hat; der ist bitterböse zugerichtet.« »War nicht noch ein anderer Herr mit Ihnen?« wandte sich Helene aber an den jetzt neben ihr stehenden Günther, ohne die Leidensgeschichte Pulteleben's weiter zu beachten – »derselbe, wenn ich nicht irre – der sich meinem Pferd entgegenwarf?« »Allerdings,« erwiderte der Gefragte – »sein eigenes Thier war ihm aber indeß davongelaufen und er wird wohl nachgegangen sein, um es zu holen.« »Ich bin Ihnen zu vielem Dank verpflichtet!« sagte das junge schöne Mädchen herzlich. »Mir nicht im Geringsten,« wehrte Günther lächelnd ab; »ich habe kein Verdienst, als daß ich Sie in's Hans getragen habe und das – trug schon seine eigene Belohnung in sich selbst.« Helene erröthete, aber sagte freundlich: »Und darf ich hoffen, Sie wieder zu sehen, wenn Sie hier auf frischer That meinen Dank verschmähen?« »Wenn Sie mir erlauben, werde ich sicher morgen bei Ihnen nachfragen, ob der kleine Unfall, wie ich fest hoffe, keine weiteren nachtheiligen Folgen für Sie gehabt.« »Und« – sagte Helene, aber sie hielt das Wort zurück, neigte sich gegen die beiden Freunde und rief: »Auf Wiedersehen denn!« als der Schimmel schon den Druck ihrer Hacken fühlte und mit ihr in scharfem Trab der Colonie zuflog. Oskar hielt sich an ihrer Seite, und Günther nahm Könnern's Arm und führte den, wenn auch im Anfang Widerstrebenden trotz seinem Sträuben mit sich die Straße hinab, die Jene vorangeritten waren. 19. Sarno's Abschied. Könnern folgte dem Freunde wie in einem halben Traum. Die letzten Scenen waren so rasch auf einander gefolgt, daß er sie kaum von einander zu scheiden vermochte und des Freundes sonderbares Betragen mußte noch mehr dazu beitragen, ihn zu verwirren. Dieser sollte ihm aber jetzt Rede stehen, denn er fühlte, daß Elise in diesem Augenblick seiner Hülfe bedurfte, und er mußte wissen, weshalb Günther so darauf drang, sie gerade jetzt sich selber zu überlassen. Mit diesem Entschluß stehen bleibend, hielt er Günther's Arm und sagte: »Nicht einen Schritt weiter geh' ich mit Ihnen, bis Sie mir Ihr Betragen erklären, Günther, bis Sie mir das Geheimniß lichten, das Sie und jenen alten Mann verbindet.« »Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine, Könnern?« fragte Günther herzlich, der Beantwortung der Frage für jetzt noch ausweichend. »Ja, das glaube ich fest.« »Gut, dann folgen Sie mir auch jetzt in die Colonie. Wir müssen Beide mit einander berathen, was zu thun, und ehe das nicht geschehen, dürfen Sie jenes Mannes Haus nicht betreten.« »Nicht betreten?« »Nein – doch sollen Sie Alles hören – nur zuerst beantworten Sie mir eine Frage: Wie stehen Sie mit jenem jungen Mädchen? Glauben Sie um Gottes willen nicht, daß es bloße Neugier sei!« »Sie brauchen keine Entschuldigung und ich kein Geheimniß für einen ehrlichen Handel,« sagte Könnern erröthend. »Ich liebe Elise von ganzer Seele – heute Morgen habe ich ihr das Geständniß meiner Liebe abgelegt und bin ihrer Gegenliebe sicher – wir waren auf dem Wege zum Hause, um die Einwilligung ihrer Eltern einzuholen, als Sie an die Thür klopften.« »Sie haben mit Elisens Eltern noch nicht gesprochen?« rief Günther rasch. »Mißdeuten Sie meine Worte nicht, Günther,« erwiderte Könnern ruhig – »welcher Art auch Ihr Geheimniß sei, ich halte mich fest gebunden an das Mädchen, dem ich mit Leib und Leben zugehöre!« Günther seufzte tief auf und schwieg für wenige Augenblicke; endlich sagte er herzlich: »Sie haben mir einfach und wahr geantwortet, Bernard, und es soll Sie nicht gereuen. Eben so klar und aufrichtig will ich Ihnen jetzt Alles mittheilen – aber lassen Sie uns zu unseren Pferden gehen; wollen Sie nachher unmittelbar zurückkehren, steht es ja immer in Ihrer Macht.« »Und was wollen Sie mir sagen?« fragte Könnern, der jetzt an des Freundes Seite, ihre Pferde am Zügel führend, langsam den Pfad hinabschritt – »Sie müssen begreifen können, in welche Unruhe mich jene eben erlebte Scene versetzt hat.« »Ich begreife es,« sagte Günther ruhig »und will dabei so kurz als möglich sein, denn nur die Umrisse meiner Mittheilung haben Interesse für Sie. Erinnern Sie sich noch, daß ich Ihnen früher einmal erzählte, wie ich in Deutschland mein ganzes Vermögen durch den Bankerott eines Kaufmanns verlor?« »Ich erinnere mich dessen.« »Eben im Begriff zu heirathen, zertrümmerte dieser furchtbare Schlag alle meine Hoffnungen. Meine Braut war arm, ich selber besaß nichts mehr auf der weiten Welt als meine Kenntnisse, die mich aber in Europa nicht über Wasser gehalten hätten. So nahm ich den Kampf mit dem Leben auf und ging nach Brasilien, um hier von vorn zu beginnen. Wie ich hier gearbeitet habe, wissen Sie und ich stehe jetzt im Begriff, mit meinem erworbenen kleinen Capital nach Deutschland zurückzukehren und mein wackeres Mädchen, das treulich für mich ausgeharrt hat, zu heirathen. »Aber was hat das Alles mit jenem alten Mann zu thun?« »Der Bankerott jenes Banquiers,« sagte Günther finster, »wurde durch die Flucht seines Kassirers herbeigeführt. In jener Zeit, wo fast kein Geschäft sicher war und die Kaufleute Alles einziehen mußten, was sie an Geld ausstehen hatten, nur um ihre Verbindlichkeiten zu decken, entfloh er eines Tages mit der Kasse – man behauptet, mit mehr als hunderttausend Thalern – und konnte trotz der größten Mühe, die man sich gab, nicht wieder eingeholt werden. Einige der Gläubiger setzten damals Alles in Bewegung, um wenigstens den Ort zu erfahren, wohin sich der Verbrecher gewandt – es blieb Alles umsonst. Wir kamen allerdings einmal auf eine Spur, die nach Brasilien und sogar in diese Gegend führte, und ein Agent, der jenen Menschen kannte, wurde herüber geschickt, um die genauesten Nachforschungen anzustellen – aber ohne Erfolg. Da endlich heute ...« »Heute?« – wiederholte Könnern und fühlte, daß ihm das Blut wie Eis zum Herzen zurücktrat. »Heute,« fuhr Günther leise fort – »begegnete ich ihm. Zu fest hatten sich seine Züge meinem Gedächtniß eingeprägt, denn daheim war ich oft in seinem Hause, an seinem Tisch gewesen. – Auch er erkannte mich wieder – Sie sahen sein Erschrecken, das Erbleichen der Schuld, die ihm das Antlitz so weiß färbte, wie sie in ihrem Bewußtsein sein Haar gebleicht hat. Hätte es übrigens noch einer Bestätigung bedurft, so lieferte seine Frau dieselbe. Auch sie – die, wie man damals allgemein behauptete, die größte Schuld an ihres Mannes Verbrechen trug, ja ihn dazu allein verleitet haben soll – erkannte mich wieder, und wenn sie auch Beide kaum ahnen, wie elend sie mich damals gemacht haben, trieb doch die Furcht vor der endlichen Entdeckung das Blut aus ihren Wangen, die Kraft aus ihren Sehnen. »Entsetzlich, entsetzlich!« stöhnte Könnern und barg sein Gesicht in den Händen – »und meine arme, arme Elise!« »Das arme Mädchen dauert mich!« fuhr Günther leise fort – »sie kann auch keine Ahnung von dem Verbrechen haben, denn sie war damals noch ein Kind. Der Schlag wird sie jetzt, mit dem vollen Bewußtsein der Schuld, um so furchtbarer treffen.« »Und was wollen Sie thun?« fragte Könnern, rasch zu ihm aufsehend. »Ich weiß es selber noch nicht,« erwiderte Günther leise – »das Ganze brach so überraschend schnell herein, daß mir noch gar nicht Zeit geblieben, zu überlegen, zu denken. – Ich – wollte das eigentlich auch mit Ihnen besprechen, Könnern.« »Mit mir ?« »Gerade mit Ihnen. Der alte Sünder verdient allerdings keine Schonung, denn er hat damals viele Menschen unglücklich gemacht, nicht allein mich – aber des Mädchens wegen, die ...« »Und wird Elise dadurch den Schlag weniger furchtbar fühlen, wird sie weniger unglücklich sein?« »Lassen Sie mir Zeit zum Ueberlegen,« bat Günther, nachdem sie wieder schweigend eine Zeit lang ihren Weg verfolgt hatten; »lassen Sie mir Zeit zu überdenken, wie sich Alles am besten einrichten lasse. Aber Sie müssen selber fühlen, daß jetzt, in diesem Augenblick, Ihre Gegenwart da draußen überflüssig war. Der Fremde in einem solchen Kreise hätte das Furchtbare der Situation nur noch erhöht, davon ganz abgesehen, daß es für Sie selber peinlich gewesen wäre.« »Aber die Ungewißheit ihres Schicksals wird jetzt noch so viel entsetzlicher auf den Armen lasten?« »Das haben sie reichlich verdient,« sagte Günther düster, »und das Schwerste, was sie treffen könnte, wöge das Elend, das sie gestiftet, noch nicht zum tausendsten Theil auf!« Könnern seufzte tief und starrte vor sich nieder, als Günther den Arm um seine Schultern legte und sagte: »Armer Freund – auch Sie sind schwer, schwer getroffen, denn es muß hart, recht hart sein, der Liebe erste Blüthe so geknickt zu sehen!« »Und glauben Sie, daß ich Elise je verlassen könnte?« rief Könnern, rasch zu ihm aufschauend – »soll das Kind die Schuld der Eltern büßen, dem alttestamentarischen Rachespruch nach? Was würde aus ihr, wenn sie allein stände in der Welt mit dem Gedanken, daß sich selbst der treulos von ihr abgewandt, dem sie ihr ganzes reiches Herz zu eigen gab?« »Das ist schön und edel von Ihnen gedacht,« sagte Günther seufzend; »aber wollen Sie Ihre Frau der Bosheit des Leumunds aussetzen, wenn Sie nach Deutschland zurückkehren? Halten Sie die Abstammung Ihrer Frau so geheim Sie wollen, ein unglücklicher Zufall kann sie stets verrathen, und könnten Sie – selbst nur mit dem Bewußtsein solcher Gefahr – Ihres Lebens auch nur einen Augenblick froh werden?« »Und was kümmert mich das Urtheil der Menge,« rief Könnern trotzig, »die ja immer nur Freude an dem Unglück des Nächsten hat?« »Sie vielleicht nicht, aber glauben Sie, daß Ihre Frau die Verachtung der Gesellschaft ertragen könnte, ohne sich wenigstens unglücklich und elend zu fühlen?« »Dann kehren wir zurück nach Brasilien!« rief Könnern aus. »Verweigert mir die Heimath das Glück, das ich in ihr genießen könnte, dann hat sie auch kein Recht, meine weitere Liebe zu fordern und die Fremde mag dann mein Vaterland werden und bleiben. Verlieren Sie kein Wort weiter darüber, Günther – ich weiß, Sie meinen es gut und haben in Ihrer Art vielleicht auch Recht – aber Sie thun mir nur weh und sind nicht im Stande, etwas an meinem festen Entschluß zu ändern.« »Genug davon, mein lieber Könnern,« sagte Günther, ihm die Hand reichend und die seine herzlich drückend; »ich ehre Ihr edles Herz, und diese Stunde wird uns fortan nur fester binden! Vielleicht läßt sich auch Alles noch günstiger gestalten, als wir jetzt glauben. Noch weiß Niemand um das Geheimniß, als wir Beide, denn glücklicher Weise haben wir die Comtesse noch zur rechten Zeit beseitigt. Was aber jetzt geschehen muß, kann hier nicht auf offener Straße besprochen werden – zu übereilen ist außerdem nichts und wir wollen Beide die Sache ruhig beschlafen. Morgen sehen wir Alles mit kälterem Blute und können dann ruhig beschließen, was geschehen soll. Hier nähern wir uns überdies auch der Colonie und es ist besser, wir sitzen auf. Der neue Direktor ist schon angekommen, nicht wahr? Ich sehe da wenigstens seine würdigen Untergebenen, ein Paar betrunkene Soldaten, die sich jetzt müßig in der Stadt herumtreiben und nichts als Unheil anstiften werden.« »Allerdings – schon vor einigen Tagen, und es ist sogar möglich, daß Sarno heut Abend die Colonie verläßt, um mit dem Dampfer nach Rio hinauf zu fahren. Jedenfalls wird er im Laufe des morgenden Tages abreisen.« »Dann lassen Sie uns ein wenig rascher austraben,« sagte Günther, »denn ich möchte ihn gern noch sprechen« – und seinem Pferde die Sporen gebend, sprengte er im Galopp die Straße entlang. – Unterwegs sah er sich wohl nach Felix um, denn er hatte sich mit ihm kein Rendezvous gegeben und wußte gar nicht, wohin er sich heut Abend gewandt haben konnte. Aber Santa Clara war auch nicht so groß, daß er lange nach ihm hätte suchen müssen, und im Laufe des Tages war er ziemlich sicher, ihn irgendwo zu treffen. Sarno fanden sie zu Hause und eifrig mit Packen beschäftigt. Als sie zu ihm in's Zimmer traten, drehte er sich nach Günther um und rief lachend: »Beinahe hätten Sie mich hier gar nicht mehr gefunden. Alle Wetter, die Frau Präsidentin hat Eile gehabt!« »Wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie gar nicht,« sagte Günther. »Der Präsident hat kein Recht, Sie so ohne Weiteres, ohne wichtige Gründe Ihres Dienstes zu entlassen. Bleiben Sie hier und schicken Sie mich mit dem Dampfer nach Rio. Ich garantire Ihnen, daß ich einen Gegenbefehl bringe.« »Ich danke Ihnen, Herr von Schwartzau,« sagte Sarno trocken – »aber ich habe nicht Lust, mich hier mit dem Herrn Director herum zu zanken, nur der unter solchen Umständen sehr zweifelhaften Ehre wegen, Director zu bleiben. Außerdem hat der Herr sich auch gleich eine Abtheilung Soldaten mitgebracht und würde nicht säumen, selbst gewaltsamen Besitz von dem Directionsgebäude zu nehmen.« »Darauf ließe ich es ankommen.« »Ich nicht. Mit diesem Präsidenten, oder vielmehr seiner Frau Gemahlin an der Spitze, danke ich außerdem für den Posten. Ja, wäre da eine Aenderung getroffen, dann von Herzen gern, aber wie die Verhältnisse jetzt stehen nicht . Ich bin fest entschlossen, mit dem Dampfer nach Rio zu fahren.« »Gut, dann aber folge ich Ihnen. In kurzer Zeit kann ich meine sämmtlichen Arbeiten hier beendet haben und dann sprechen wir ein weiteres Wort über diese Präsidialwirthschaft, der unter jeder Bedingung ein Ende gemacht werden muß. Ich habe haarsträubende Dinge in Santa Katharina gehört und Beweise dafür in Händen, mit den achtbarsten Leuten der Insel zu Zeugen. Denen wird die Regierung in Rio ihr Ohr nicht verschließen.« »Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Bemühungen, aber es wird nichts helfen,« sagte Sarno achselzuckend – »hier in Brasilien geht nun einmal Alles seinen gewohnten Schlendrian, und nur wer keine schmutzigen Hände scheut, kann sich emporarbeiten. Ich passe aber zu derlei Intriguen nicht und werde ruhig wieder meine Vermessungen beginnen, bei denen ich doch wenigstens nur Arbeit und keinen Aerger habe.« »Aber Sie bleiben, bis ich komme, in Rio?« »Ich werde unter fünf oder sechs Wochen nicht von dort wegkommen.« »Desto besser – dann treffen wir uns jedenfalls. Sie wohnen?« »Im Hotel Pharoux.« »Schön; weiter brauche ich nichts.« »Und Könnern?« fragte Sarno und sah lächelnd zu seinem jungen Freunde auf – »haben Sie reussirt? Aber zum Henker, Mann, Sie sehen so melancholisch aus! Ich will doch nicht hoffen, daß Sie einen Korb nach Hause bringen?« »Elise wird mein Weib,« sagte Könnern fest. »Und dabei schneiden Sie ein Gesicht,« lachte Sarno, »als ob Ihnen das größte Unglück begegnet wäre. Sie haben etwas auf dem Herzen...« »Ja,« sagte Könnern zögernd – »es ist – etwas vorgefallen, das mein Glück nicht stört, aber doch hinausschiebt; gestatten Sie mir jedoch, daß ich jetzt noch darüber schweige.« »Mein lieber, bester Freund!« rief Sarno gutmüthig – »Sie glauben doch um Gottes willen nicht, daß ich Sie habe aushorchen wollen?« »Sie sollen Alles erfahren, denn ich bin es Ihnen schuldig,« erwiderte Könnern, »aber – ich muß erst selbst mit mir im Klaren sein. Ehe Sie Rio verlassen, sehe ich Sie jedenfalls dort, denn auch mich werden bis dahin meine Geldgeschäfte nöthigen, die Hauptstadt zu besuchen. Wen habe ich denn auch noch in Santa Clara, wenn Sie Beide den Ort verlassen?« »Dann treffen wir uns also Alle in Rio, und nun kommen Sie her und helfen Sie mir ein wenig mit packen, daß ich die verwünschten Kisten und Koffer in Ordnung kriege. Das weiß der Böse, was man für eine Quantität Gepäck zusammenbringt, wenn man sich erst einmal ein paar Jahre an einem Platze aufgehalten! Ein Glück nur, daß mir Herr von Reitschen – durch einen Unterhändler natürlich – meine Möbel hat abkaufen lassen, ich müßte sonst wahrhaftig eine Auction anstellen.« Könnern wie Günther halfen jetzt Beide dem Freunde seine Sachen ordnen, da die Abfahrt des Dampfers auf heut Abend festgesetzt war und Sarno sich gegen vier Uhr, um die rückgehende Fluth zu benutzen, einschiffen mußte. Eine Menge Leute, und zwar die achtbarsten der Colonie, kamen auch heute noch, ihrem bisherigen Director Adieu zu sagen und ihm zu versichern, wie leid es ihnen thue, daß er sie verließe. Dann kam der Transport des Gepäcks zum Boote, welchen Jeremias übernommen hatte, wobei er mit seinem Handkarren wahre Wunder leistete. Der Weg zur Landung war allerdings nicht so nahe, aber er ging von der Thür des Directionsgebäudes an immer leise bergab, und der kleine kräftige Bursche lud enorme Quantitäten von Koffern und Kisten auf, mit denen er dann im scharfen Trabe und in Schweiß förmlich gebadet, aber immer guter Laune, seinem Bestimmungsorte zueilte. Der letzten Fuhre folgten die drei Freunde zusammen, und unten an der Bootlandung lagen sämmtliche Soldaten faul ausgestreckt im Schatten und sahen zu, ›wie der alte Director fortgeschickt wurde‹. Sie lachten auch untereinander und machten ihre frechen Bemerkungen, aber keiner der Drei achtete auf sie. Die verschiedenen Colli wurden an Bord genommen, und Sarno wandte sich jetzt erst noch einmal zu seinem bisherigen treuen Factotum, Jeremias, welcher sich bescheiden zurückgezogen hatte und neben seinem leeren Karren stand. »Hierher, alter Freund,« sagte er zu ihm – »Du bist der Letzte, der noch eine Forderung an mich hat.« »Wenn Sie's nur gar nicht erwähnen wollten, Herr Director,« sagte Jeremias, und die Thränen standen ihm dabei in den Augen – »hol's der Teufel, ich wollte – es wäre der Andere, den ich hätte herunterkarren müssen! Hurrje, mit welchem Vergnügen wäre das geschehen – aber Gott straf' mich, wenn er hier in der Colonie eine Stunde seines Lebens froh werden soll! Da ist er, das ist richtig, aber er wird froh sein, wenn er den Platz hier erst wieder mit dem Rücken ansieht!« »Mach' keine dummen Streiche,« warnte ihn Sarno, »und gebt dem Herrn keine gegründete Ursache zur Klage; Ihr habt es Euch sonst selber zuzuschreiben, wenn er Euch das Leben sauer macht.« »Ja, aber...« »Schon gut, Jeremias – hier ist eine Kleinigkeit für Deinen letzten Monat und die heutige Arbeit...« »Aber, Herr Director!« rief Jeremias ordentlich erschreckt, als ihm Sarno eine ganze Hand voll Milreis in den Hut warf – »das kann ich ja gar nicht nehmen – ich bin so den letzten Monat schmählich faul gewesen – das müßte mir ja auf der Seele brennen!« »Dann betrachte es als Strafe,« lächelte Sarno – »und nun Adieu, Ihr lieben Freunde, die Ihr noch bis zuletzt bei mir ausgehalten habt. Adieu, Könnern, Adieu, Schwartzau, auf Wiedersehen in Rio!« und in das Boot springend, gab er das Zeichen zum Abstoßen. Die Ruderer ließen ihre Riemen einfallen; der Bug des trefflich gebauten Bootes fiel vom Lande ab, und während noch ein freundliches Lebewohl herüber- und hinübergewinkt wurde, schoß das kleine Fahrzeug seine Bahn entlang dem Dampfer zu. Hinter ihm aber folgte ein anderes kleineres, von vier Soldaten gerudert, welches den Befehl gehabt, zu warten, bis der bisherige Direktor unterwegs sei. Es brachte die Briefe und Depeschen des neuen Direktors an Bord. Herr von Reitschen hatte sich dem Abschied von seinem Vorgänger entzogen. 20. Bux \& Comp. Könnern und Günther waren zusammen Arm in Arm in der Richtung nach Bohlos' Hotel, wo sie jetzt wohnten, zurückgegangen, und Jeremias folgte ihnen in einiger Entfernung mit dem leeren Karren. Er hatte das erhaltene Silber in seine Hosentasche gesteckt und fühlte von Zeit zu Zeit danach, sah sich auch wohl manchmal in der Straße um, ob ihm das Gewicht nicht etwa die Tasche zerrissen hätte und er jetzt, zum Besten der Colonisten, Milreis auf den Weg streue. Unterwegs aber, als er sich ziemlich allein sah, blieb er stehen, hob seine Tasche etwas mit der rechten Hand und sagte leise vor sich hin: »Verwünscht schwer geworden heute – kann's wahrhaftig nicht mehr länger so am Beine herumtragen und muß wieder einmal damit auf die ›Bank‹ gehen – und kann ich abkommen? Hm! Bei meinem jungen Herrn Grafen die Pferde abreiben, denn die werden wieder schön abgehetzt nach Hause gekommen sein – aber das kann warten – thu' ich hernach beim Füttern – bei Bodenlos sollte ich heute Flasche spülen – das hat auch bis morgen Zeit – beim Baron die Pfeifen rein machen – er mag heute noch einmal aus einer alten rauchen – und beim Tischler Bitter – Donnerwetter, der hat heute Kindtaufe und dem sollt' ich den Kuchen vom Bäcker holen, das hab' ich doch in den Boden hinein vergessen! Na, jetzt ist's doch zu spät und er wird sich ihn nun wohl selber geholt haben, der Kindtaufsvater – man kann ja auch nicht an Alles denken, und heute ist's überhaupt zugegangen wie in Sodom und Gomorrha. Also abgemacht – zuerst geh' ich auf die Bank und deponire meine Capitalien – dann müssen vor allen Dingen die Pferde besorgt werden, und nachher – ach was, nachher ist Feierabend und morgen noch ein Tag!« – und damit hakte er sein Tragband wieder ein und zog den Karren pfeifend die Straße hinauf und der Stelle zu, wo er ihn gewöhnlich unterstellte – in einem von Bohlos' Schuppen.– Oben vor seinem Hause stand Justus Kernbeutel, und zwar heute, mitten in der Woche, in seinem Sonntagsstaat, einem blauen Frack mit gelben Knöpfen, einem Paar großcarrirter Hosen, gelber Piquéweste, einer hellblauen seidenen Halsbinde, und einen zwar etwas abgetragenen, aber doch wieder sorgfältig abgebürsteten Hut auf, ein kleines spanisches Rohr mit einem großen geschliffenen Glasstein als Knopf unter dem Arm, und jedenfalls gerade im Begriff, irgend einen wichtigen Besuch zu machen – denn zu einem Spaziergang brauchte er sich nicht so anzuziehen. Die Straße herauf kam ein junger Mann im Schritt angeritten; er war in die gewöhnliche Tracht der dortigen brasilianischen Farmer gekleidet, mit breitrandigem Strohhut auf, und gerade als sich Justus zum Gehen wandte, rief er ihn an: »He – holla – halt, Freund!« Justus drehte sich um und wartete auf ihn, und als er herankam, sagte er weiter nichts als: »Und?« »Ihr wollt ausgehen?« fragte der junge Mann – »da komme ich gerade zur rechten Zeit. Ist mein Rock fertig?« »Morgen,« sagte Justus in größter Gemüthsruhe – »nur noch die Knöpfe anzusetzen.« »Ei zum Henker, Mann, das hättet Ihr dann aber auch noch vorher thun können! Ich brauche den Rock heut Abend und werde nun schon drei Wochen immer von Tag zu Tag darauf vertröstet. Wenn Ihr nicht arbeiten wollt, so sagt's doch lieber gleich heraus und habt die Leute nicht zum Narren.« »Hoho,« rief Justus, »nur nicht so vornehm, Herr Köhler – hier in Brasilien thut Jeder, was ihn freut, und ein Künstler läßt sich nun einmal gar keine Vorschriften machen.« »Ach was, Künstler,« rief Köhler ärgerlich, »wenn die Schneider auch noch Künstler werden, nachher hört's auf!« »Ich verbitte mir alles Schimpfen!« rief Justus und wurde ganz roth im Gesicht. »Holla, zankt Euch nur nicht,« lachte ein Vorübergehender, der Wirth Buttlich', »Ihr Deutschen sollt ja einig sein, wißt Ihr denn das nicht? Ist ja eine ganz alte Geschichte –« und vergnügt vor sich hinpfeifend, schlenderte er in eine Nebenstraße hinein. »Zanken,« brummte Justus vor sich hin, »wer zankt sich denn? Ich will ja gern meine Kunden befriedigen, wenn sie nur höflich sind. Das ist das Wenigste, was ein Künstler außer der Bezahlung verlangen kann.« »Und wann soll ich den Rock haben?« »Morgen früh bestimmt, auf Ehre!« rief Justus; »mehr kann ich nicht sagen, das ist mein höchster Schwur.« »Und um wie viel Uhr kann ich herunterschicken?« »So früh Sie wollen, und wenn's um neun Uhr ist.« »Gut; aber was ist denn das, Kernbeutel, seid Ihr irgendwo zu Gevatter gebeten, daß Ihr Euch so furchtbar herausgedonnert habt? Ihr glänzt ja ordentlich wie ein neuer Knopf.« »Hm,« schmunzelte Justus, an seinen carrirten Beinen hinuntersehend, »heute ist Thé dansant und Concert bei Zuhbel, zur Feier des neuen Directors – wenigstens dazu, daß wir den alten los sind, und da muß man sich doch anständig anziehen.« »Hm, da hättet Ihr auch etwas Besseres feiern können,« meinte der junge Mann. »Der alte Director war ein Ehrenmann, und ich will zu Gott hoffen, daß der neue eben so gut einschlägt, glaub's aber nicht. Wenn Ihr übrigens nach Zuhbels hinaufgeht, so haben wir, wenigstens ein kurzes Stück, einen Weg, denn ich will nach Barthel's Chagra hinüber.« »Da reiten Sie aber doch näher die Straße, die hier hinüberführt.« »Es ist dort eine Colonie ausgemessen, die ich mir einmal ansehen wollte,« sagte Köhler – »der Bach läuft durch, und vielleicht ließe sich dort eine Mühle anlegen.« – Und die beiden Männer, Justus neben dem Pferde her, hielten zusammen die Straße hinauf, bis sie ein Stück im Walde waren; dann bog Köhler links ab an dem Hange hin, und Justus Kernbeutel setzte seinen Weg allein fort. Es ging hier eine kurze Strecke ziemlich steil hinauf, und Justus, der nicht wünschte, sich in Schweiß zu bringen, stieg sehr langsam bergan. Die Sonne war noch eine halbe Stunde hoch, und er konnte, ohne sich zu übereilen, Zuhbel's Chagra recht gut vor oder wenigstens mit Dunkelwerden erreichen. Als er die Höhe des Weges gewonnen hatte, an der rechts ein steiler, aus rauhen Blöcken bestehender Felshang emporragte, drehte er sich um, theils um auszuruhen, theils um einen Blick auf die sich hier weit ausdehnende Scenerie zu werfen, die am Horizont sogar durch das Meer begrenzt wurde. Das Städtchen selber konnte er von hier oben aus nicht sehen, da es hinter dem dichten Gebüsche und Unterholze versteckt lag. Justus war übrigens, wie man danach vielleicht hätte glauben können, keineswegs ein großer Verehrer von Naturschönheiten, und wenn er einen großen Berg hinaufstieg, fluchte er gewöhnlich leise vor sich hin, bis er oben war; aber er versäumte nie, auf allen den Punkten gewissenhaft anzuhalten, von wo aus er das Meer sehen konnte, und auch nicht etwa, weil er es liebte – Gott bewahre – nein, nur um sich zu freuen, daß er nicht mehr darauf war und festen Boden unter seinen Füßen hatte. Auf der ganzen Seereise war er nämlich, von dem Augenblicke an, wo er sich in Bremerhaven eingeschifft, bis zu dem Moment, wo er in die Mündung des Santa Clara mehr wie ein Sack, als wie ein lebendiger Passagier hineingerudert worden, so seekrank gewesen, daß ihm noch bis auf den heutigen Tag übel wurde, wenn er nur Theer roch und dadurch wieder lebhaft an seinen Aufenthalt an Bord erinnert wurde. Sah er aber so recht von Weitem aus die endlose blaue Fläche, oder konnte er gar die weißen Kämme überstürzender Wellen erkennen, dann erfaßte ein eigenes inneres Wohlbehagen seine Seele, er rieb sich die Hände, stampfte mit den Füßen, schnalzte mit der Zunge und machte oft die wunderlichsten und außergewöhnlichsten Capriolen, um sein unbändiges Vergnügen auszudrücken. Heute fühlte er sich dazu in ganz besonders günstiger Stimmung – war es die Aussicht auf den vergnügten Abend, war es der neue Anzug, den er trug und den er in Ermangelung eines Modejournals in Santa Clara einem Theil der Bevölkerung vorzuführen dachte; war es vielleicht die frische, kühle Abendluft, die hier draußen wehte, oder auch die Wirkung einiger Gläser Cognac, die er vorher zu sich genommen, kurz, er blieb stehen; nahm den Hut ab, machte dem einige Meilen entfernten Meere eine sehr formelle, ehrerbietige Verbeugung und sagte: »Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst, sehr verehrtes Brechmittel, Salzwasserpfütze verfluchte, die einen herumschlenkert, daß man am Ende gar nicht einmal mehr weiß, wo Einem der Kopf oder wo die Füße sitzen! Hier, hier komm her, wenn Du dazu Courage hast – hier auf dem Felsen schaukele mich einmal, wenn Du kannst und wirf mich herüber und hinüber, wie einen schlechten Groschen – ääh!« setzte er hinzu, eine Grimasse gegen das Meer ziehend – »so viel für Dich und all' das dumme Gesindel, das sich auf Dir jetzt herumschütteln läßt, um nach Brumsilien zu kommen – hei, wie die Kerle torkeln und wie hundeschlecht ihnen ist – wie sie würgen und ächzen – wenn ich sie nur sehen und meine Freude an ihnen haben könnte! – Hurrah für festen Boden – hurrah hoch für soliden Steingrund!« – und seinen Hut in die Luft werfend, machte er selber einen Sprung und schlug dabei mehrere mal die Füße zusammen. »Na, Gott straf mich,« sagte da plötzlich eine Stimme dicht an seiner Seite, »wenn das nicht über den grünen Klee geht!« Erschreckt fuhr Justus herum, denn er hatte vorher keinen Menschen bemerkt und ein unheimliches Grausen lief ihm über den Rücken, als er auch jetzt noch Niemanden neben sich sah, denn der Weg war vollkommen leer. »Bux!« – der Gedanke schoß ihm plötzlich durch's Hirn, als er laut den Namen rief – »das ist kein Anderer, als der verfluchte Bux – wo nur der Himmelhund steckt?« Ein lautes, ordentlich wieherndes Gelächter antwortete ihm von einem der Felsen unweit der Straße und als er hinaufsah, saß der Bauchredner da oben, schnitt' aber jetzt schon wieder ein so finsteres Gesicht, daß Justus ordentlich unsicher wurde, ob nun nicht eben Jemand neben ihm durch den Bauch gelacht und es nur so geschallt hätte, als ob der Ton von da oben käme. »Was, zum Teufel, machst Du denn da auf der Kanzel oben?« rief er ihm erstaunt zu. »Gerade das Entgegengesetzte von dem, was Du thust,« sagte Bux mürrisch – »ich gucke 'nunter und Du 'rauf. Aber komm her, ich habe was mit Dir zu reden.« »Ja, komm her, das ist leicht gesagt,« meinte Justus, »aber wie kann ich hinauf? Komm Du hierher, das ist bequemer.« »Wenn Du nicht willst, läßt Du's bleiben,« brummte der mit der Silbertresse – »so behalt' ich's für mich.« »Hm,« sagte Justus, neugierig werdend – »ich zerreiße mir die neuen Hosen und will noch in Gesellschaft.« Bux antwortete ihm nicht und pfiff gleichzeitig in's Blaue hinein und Justus, der jetzt eine Stelle entdeckt zu haben glaubte, an der er ziemlich bequem aufwärts steigen konnte, kletterte mit einigen Schwierigkeiten, denn seine »Strupfen« genirten ihn, über das rauhe Gestein empor, wobei er besonders ängstlich den Dornen auszuweichen hatte. Als er übrigens unterwegs einmal nach oben sah, war Bux verschwunden und erst als er den Stein selber erreichte, auf dem er gesessen, entdeckte er den Bauchredner hinter den Felsen dort, wo er von dem Wege aus gar nicht gesehen werden konnte. Er hatte sich auf ein kleines Fleckchen Grasboden geworfen und schien die Ankunft seines neuen Freundes ruhig zu erwarten. »Was, zum Henker, machst Du denn hier?« sagte Justus, als er den Platz endlich erreicht hatte und sich dabei das linke Knie rieb, das er sich gegen einen Felsen gestoßen. »Das ist ja ein ganz verfluchter Weg hier herauf.« »Ich überlege mir eben,« sagte Bux ruhig, »ob ich mich am liebsten hängen oder ersäufen soll, denn so viel Geld habe ich nicht mehr, um mir eine Ladung Pulver und eine Kugel zu kaufen und zum Hängen kann man Bast nehmen. Aber ich glaube, das Ersäufen sagt meiner Natur besser zu.« »Und um Dich zu ersäufen, bist Du hier oben auf den Berg geklettert,« lachte Justus, »wo nicht einmal so viel Wasser ist, um sich die Finger naß zu machen zum Banknotenzählen? Das ist nicht so übel.« Bux antwortete nicht; er lehnte sich mit dem Rücken an den Felsen, hielt sein linkes Knie mit beiden Händen umspannt und schaute finster vor sich nieder. Justus sah ihn eine Weile an, dann fragte er: »Was war denn das, was Du mir sagen wolltest?« »Jetzt' sitz' ich drin,« brütete Bux weiter, ohne die Frage zu beantworten – »mit den Vorstellungen ist es nichts mehr. Gestern Abend waren drei Personen drin, von denen zwei nicht einmal bezahlt hatten und ich brauche zwölf, um nur Beleuchtung und Miethe zu bezahlen. Die gottverfluchten Schufte wollen mich zwingen, daß ich die Kinder nicht soll tanzen lassen, und wozu hab' ich denn da die blutigen Rangen. – Verhungern will ich aber nicht – Gott straf mich!« rief er, sein Knie loslassend und seine Faust in die andere Hand schlagend – »und wenn sie mich dazu treiben ...« Seine Augen blickten stier und wild und in den schmutzigen, gemeinen Zügen glühte ordentlich Haß und tückische Bosheit. »Ei, zum Wetter,« sagte Justus, der immer noch solidere Ansichten vom Leben hatte – »wenn's mit der »Kunst« nicht geht, dann versuch's einmal eine Weile mit der Arbeit – verding' Dich bei einem Bauer und ...« »Daß ich mich schinde und Plage für ein paar Milreis, nicht wahr, nur um der Heulliese, meiner Frau, und den Rangen die Bäuche zu füllen? Verdammt, wenn ich's thue – da versuch' ich noch wenigstens erst, ob nicht auf andere Weise 'was zu machen ist – he, Schneider!« sagte er plötzlich und sah zu Justus mit einem scharfen, forschenden und doch mißtrauischen Blick auf – »bist Du ein Kerl, auf den man sich verlassen kann?« »Nanu?« sagte Justus und sah erstaunt zu ihm nieder. »Ich meine,« fuhr Bux fort, »ob Du das Herz auf dem rechten Fleck hast, wenn es einmal gilt. Du bist auch arm wie eine Kirchenmaus, wenn Du auch jetzt die paar bunten Lappen um Dich herumhängen hast; die Schulden fressen Dich bald auf und eh' das Jahr um ist, jagen sie Dich so zum Platz hinaus – halt's Maul, ich weiß Alles und mir brauchst Du nichts weis zu machen, aber – wenn Du Dir nun mit einem Griff helfen und Alles wieder in's Reine bringen könntest?« »Donnerwetter!« sagte Justus und seine Augen wurden immer größer – »was hast Du nur? Weißt Du einen Fleck, wo ein Haufen Gold liegt – aber warum hast Du ihn Dir da nicht schon lange selbst geholt?« »Weil Einer allein nichts ausrichten kann,« knurrte Bux »und mit meiner Vettel von Weib nichts anzufangen ist. Doch ich will nicht länger hinterm Busche halten, denn Du verräthst mich nicht, so viel weiß ich – dächtest Du daran, bei Höll' und Teufel, ich risse Dir das Herz lebendig aus dem Leibe!« »Aber was hast Du nur?« rief Justus wirklich erschreckt. »Hör' zu,« sagte Bux, sich selbst auf diesem abgelegenen Platz scheu umsehend, ob sie Niemand höre – »Du weißt, daß der neue Direktor angekommen ist.« »Jedes Kind weiß das,« brummte Justus – »wir feiern's heute.« »Du weißt aber nicht, daß er einen Haufen Geld mitgebracht hat,« fuhr Bux fort, »um eine Menge Leute abzulohnen, welche der frühere Direktor angestellt hatte.« »Und was hilft uns das?« »Von Buttlich weiß ich's,« fuhr Bux fort, ohne sich stören zu lassen – »und ich selber habe gesehen, wie der schwere Koffer hinaufgetragen wurde. Buttlich hat mir aber ebenfalls erzählt, daß nächster Tage eine große Gesellschaft oder ein Ball bei der Frau Gräfin ist – dahin geht der Direktor jedenfalls und das Haus ist oben leer – Justus, hast Du Courage?« »Ne,« sagte dieser, ganz entschieden mit dem Kopf schüttelnd – »zu so 'was nicht – hol's der Teufel, das klingt im Anfang ganz gut, aber nachher wird's auf einmal faul und dann sitzt man drin. Ne, Bux, das wollen wir doch lieber nicht machen.« »Memme!« knirschte der Bursche zwischen den Zähnen durch – »habe mir's bald gedacht, daß Du zu nichts zu gebrauchen bist.« »Und wenn sie uns erwischen?« »Wenn wir's so dumm machen, verdienen wir's nicht besser!« »Ne,« sagte Justus noch einmal nach einer kleinen Pause, in welcher er die Sache hin und her erwogen hatte – »ich verdiene gern einen Thaler Geld und – bin auch nicht übereigen, wie; aber auf die Art – nachher in Eisen nach Rio hinausgeschafft werden und dort in das Loch, wo man erst am gelben Fieber stirbt, ehe man gehangen wird – Gott soll mich bewahren, da – ernähr' ich mich lieber von meiner Kunst, wenn's auch ein Hundeleben ist'« »Esel!« grinste da Bux plötzlich vor sich hin – »Du bist doch, Gott straf' mich, zu dumm, daß Du glaubst, ich dächte an so 'was. Sitzt der Kerl auf – hahahaha!« Justus sah ihn erstaunt an. »Also war's nur Spaß?« fragte er verdutzt. »Na, Du glaubst wohl, ich wär' ein Einbrecher im Ernst?« lachte Bux – »ne, Justus, für dumm hab' ich Dich immer gehalten, aber für so dumm doch wahrhaftig nicht.« »Du machtest aber so ein ernsthaftes Gesicht dabei.« Bux war aufgestanden und sah über den Felsen hin nach dem Weg hinüber. Sein scharfes Ohr hatte einen Schritt auf dem harten Boden gehört, und es dauerte auch nicht lange, bis ein Mann den Weg kam, der anscheinend die Richtung nach Zuhbel's Chagra einschlug. »Kommt Jemand?« fragte Justus. »Ist das nicht der Lump, der Jeremias?« fragte Bux, der nur eben mit seinen Augen über den Stein hinausschaute – Justus nahm seinen Hut ab und sah ebenfalls vorsichtig hinüber. »Ja wohl,« flüsterte er, »das ist die rothköpfige Canaille, seine Perrücke leuchtet ja wie Feuer durch den Wald. Wo will denn der noch heut Abend hin? zu Zuhbels doch wahrhaftig nicht, denn der würf' ihn den Augenblick aus dem Hause.« »Und wie er sich immer umguckt,« flüsterte Bux zurück, »genau so, als ob er ein bös Gewissen hätte. Es war in der That Jeremias, der, seinen Hut in der Hand, den Weg von der Colonie heraufgekommen war und jetzt auf derselben Höhe stehen blieb, auf welcher Justus gehalten, um nach der See zurück zu schauen. Auch Jeremias sah sich ein paar Mal um, aber es schien, als ob die Scenerie seine Aufmerksamkeit nicht fesseln könnte, denn er drehte den Kopf bald der Richtung zu, von welcher er gekommen, bald der entgegengesetzten, gerade als ob er Jemanden erwarte und nicht wisse, von welcher Seite er kommen würde.« »Was zum Teufel hat der? Auf wen wartet er denn?« flüsterte Bux, als Justus seinen Arm ergriff, drückte und ihn durch ein Zeichen warnte, vorsichtig zu sein. Bux sah ihn erstaunt an. Jeremias, der nicht daran dachte, daß da oben zwischen den Steinen irgend ein menschliches Wesen sitzen könne, schritt vorsichtig weiter und bog endlich, kurz vorher, ehe ihn die Wendung der Straße den Nachblickenden verborgen haben würde, in eben dieselbe Felswand ein, in der die Beiden standen. Er mochte jetzt ungefähr hundert Schritt von ihnen entfernt sein, als Justus sich zu Bux überbog und flüsterte: »Bux, ich setze meinen Hals zum Pfand, daß der Schuft jetzt nach dem heimlichen Versteck kriecht, wo er sein Geld vergraben hat. Wenn wir das ausfinden könnten, da wäre ein Fang zu machen, und dem Halunken gönnt' ich's.« »Glaubst Du wirklich?« zischelte Bux zurück und stieg auf einen der nächsten Steine, um den kleinen Burschen nicht aus den Augen zu verlieren. Es war jetzt auch gar keine Gefahr mehr, daß sie gesehen würden, denn Jeremias drehte ihnen den Rücken zu. »Gewiß,« sagte Justus – »was sollte er denn sonst hier oben zwischen den Steinen herum zu kriechen haben, und daß er das Geld irgendwo vergräbt, weiß ich ganz gewiß.« »Komm,« winkte Bux, als Jeremias jetzt gerade hinter dem Rücken der nächsten Abdachung verschwunden war – »zwischen den Blöcken hier kann er uns nicht sehen, und vielleicht bekommen wir ihn da drüben wieder in Sicht« – und ohne eine weitere Antwort seines Kameraden abzuwarten, sprang er von seinem Stein herunter, und glitt wie eine Schlange zwischen den Felsstücken hin der Richtung zu, in der Jener verschwunden war. Justus konnte ihm in seinen engen Kleidern und besonders mit den Stegen an den Hosen, welche ihn im Steigen hinderten, kaum folgen. Bux erwies sich übrigens als ein vortrefflicher Spürhund, denn sein Terrain mit einer wahren Meisterschaft benutzend und jeden Fels, jeden Baum zur Deckung benützend, pirschte er sich rasch und vollkommen geräuschlos weiter vor und sah sich nur manchmal unwillig nach Justus um, wenn dieser achtlos auf einen dürren, knackenden Zweig trat oder an einen lockern Stein mit dem Fuße stieß – Dinge, die er verschiedene Mal möglich machte. Jetzt hatte er den scharfen Kamm, welcher aber hier nicht so steil ablief und einen Blick über die nächste enge Schlucht gestattete, erreicht und entdeckte auch Jeremias schon an der andern Seite derselben, an der er in die Höhe kletterte. Die Schlucht lag übrigens vollständig vom Wege ab und tief und sicher versteckt mitten im Walde. Bux mußte hier abwarten, bis Jeremias wieder aus Sicht war und Justus kam indessen auch heran. »Ist er da?« Bux deutete nur einfach mit dem Arm über die Schlucht, wo die lichten Kleider des Deutschen, der langsam an dem Hang hinstieg, deutlich hinter den Büschen sichtbar waren, wohl einmal einen Augenblick verschwanden, aber doch immer wieder zum Vorschein kamen. »Wenn er noch lange macht,« flüsterte Justus, »geht die Sonne unter, nachher wird's Nacht.« Bux hob nur warnend die Hand, daß er schweigen solle, denn Jeremias war stehen geblieben und bückte sich dort. Die beiden Männer schauten ihm mit der gespanntesten Erwartung zu, aber Keiner von ihnen sprach ein Wort weiter, denn das da drüben mußte der Platz sein. Was Jeremias eigentlich machte, konnten sie freilich nicht erkennen, aber während ihm Justus mit großer Aufmerksamkeit zuschaute, merkte sich Bux genau die verschiedenen Büsche, einen einzeln stehenden Baum, eine junge Palme und einen Felsblock, an dem wie ein Teller groß ein Moosfleck wucherte. Jeremias hatte sich etwa zehn Minuten an der Stelle aufgehalten; jetzt richtete er sich wieder empor und schien erst vorsichtig umzuschauen, ob er kein lebendiges Wesen erkennen könne. Aber Todtenstille herrschte im Walde, über welchem nur ein einzelner Raubvogel kreiste und dann und wann seinen eigenthümlich schrillen Ruf ertönen ließ. Der kleine Bursche mußte sich auch für vollkommen sicher halten, denn er stieg jetzt auf einem andern Weg, als er gekommen, und vorsichtig von Stein zu Stein tretend, gerade in die Schlucht hinab und der Richtung nach genau auf die Stelle zu, wo die Beiden auf der Lauer lagen. Erwarten durften sie ihn hier aber keinesfalls, und Bux, wieder hinter die nächsten Steine zurückgleitend, ergriff Justus' Arm und zog ihn noch etwas weiter den Hang hinauf hinter ein Dickicht von Lorbeerbäumen, wo er sich niederkauerte und seinem Begleiter ein Zeichen gab, das Nämliche zu thun. In dieser Stellung blieben sie etwa eine Viertelstunde, und erst als die Sonne den obern Rücken der westlichen Gebirge berührte, hob sich Bux wieder in die Höhe und schritt auf seinen alten Stand zurück, um zu erforschen, ob sich noch etwas von Jeremias erkennen ließ. Dieser mußte sich aber jedenfalls – und für ihn auch der bequemste Weg – die Schlucht hinunter gewandt haben, deren Mündung wahrscheinlich unten wieder auf den Weg oder doch wenigstens in dessen Nähe führte. Es war nicht das Geringste mehr von ihm zu erkennen. Trotzdem zögerte Bux, hier gerade die Schlucht hinab zu steigen, wo sie sich jedenfalls ganz offen zeigen mußten und zog es vor, einen kleinen Umweg zu machen. Dort begünstigte sie außerdem das Terrain ganz besonders, da sich, ein kleines Stück weiter oben, eine Terrasse über die Schlucht hinüberzog und dadurch einen dünnen Wasserfall bildete, mit dem sich der Bergbach den Hang hinunterwarf. Sie erreichten, außerdem fast überall durch Gebüsch gedeckt, die andere Seite der Schlucht dadurch viel früher und konnten nun ohne weiteres Zögern ihrem Ziel entgegenrücken, denn so lange hatte sich Jeremias hier keinesfalls aufgehalten. Außerdem durften sie nicht mehr viel Zeit verlieren, denn schon rötheten sich die Wolken im Westen. Bux versäumte auch in der That nicht viel Zeit. Seine Ortskenntniß ließ nichts zu wünschen übrig. Bald hatte er den einzeln stehenden Baum und die junge Palme gefunden; dicht darüber stand der Stein mit dem Moosfleck und hier war die Stelle, wo Jeremias, zu welchem Zweck auch immer, gehalten hatte. Hier aber war auch der Grund so steinig, daß er unter keinen Umständen gegraben haben konnte. »Zum Henker auch!« brummte Justus, der sich überall umsah, »hier kann es doch nicht sein; Du mußt Dich im Platz versehen haben; ich glaube, es war weiter oben.« »Dann such' Du weiter oben,« brummte Bux – »wenn ich mir einmal einen Ort gemerkt habe, find' ich ihn auch wieder, und hier war's. Hat er aber hier etwas versteckt, so ist's nicht vergraben , sondern liegt unter einem Stein, und dem wollen wir verdammt bald auf die Sprünge kommen. Paß Du nur ein bischert auf, daß wir nicht etwa überrascht werden – wir sind freilich unser Zwei, aber – besser ist besser« – und ungesäumt hob er einige der nächsten Steine auf, ohne jedoch das Geringste zu entdecken – unter denen konnte nichts verborgen sein. »Teufel noch einmal!« brummte er endlich und richtete sich wieder auf – »wenn hier wirklich 'was liegt, ist es verflucht schlau weggesteckt, und weiß der Henker, wie er's gemacht hat, denn den großen Felsblock da hat er doch wahrhaftig nicht heben können. Das brächten zwölf Menschen nicht zuwege.« »Sieh 'mal hier,« sagte Justus, der etwas mehr seitwärts stand – »da ist eine Spalte in dem Fels, aber so eng, daß man nicht einmal den Finger dazwischen bringen kann.« Bux ging zu dem bezeichneten Platz, hatte ihn aber kaum ein paar Secunden betrachtet, als er sich zu der Platte niederbog und daran probirte. »Bei Gott, die bewegt sich!« flüsterte er – »und siehst Du, hier oben ist auch etwas von dem Stein abgestoßen, als ob Jemand mit einem eisernen Instrument daran gewesen wäre.« »Wenn man nur ein Messer dazwischen brächte.« Bux hatte sein Taschenmesser schon heraus, und ohne die Klinge zu öffnen, drückte er es ganz hinein und schob daran, bis sich der Stein etwas ablöste und er die Finger dazwischen bringen konnte. »Schieb Deinen Stock hinein, daß es mich nicht fängt.« Justus gehorchte, und im nächsten Augenblick hob sich die Platte oben los und zeigte einen ganz eigenthümlich geformten hohlen Raum im Innern, der aber nur mit lockerm Gestein angefüllt schien. Es dämmerte außerdem schon, und sie konnten kaum noch auf zehn Minuten Tageslicht rechnen. »Halte die Platte – so – daß ich dahinter greife!« rief Bux – »aber laß sie nicht fallen.« Justus hielt sie mit zitternden Händen fest, und Bux, der keine Rücksicht auf seine Kleider zu nehmen brauchte zwängte sich jetzt von der Seite hinein und warf die Steine drin zurück. Plötzlich stieß er einen leisen Jubelruf aus: »Ich hab's!« »Was?« rief Justus – »was ist's?« »Zieh die Platte nur noch ein klein wenig zu Dir – so – noch ein bischen – so, jetzt geht's – ein Sack – ein Sack mit Geld – hurrah, das war geglückt!« und aus dem Gestein zerrte er einen klingenden Leinwandsack heraus und hob ihn mit Mühe aus der Spalte mit einem Arm zu Tage. »Jemine!« rief Justus und ließ die Platte los, die wieder in ihre alte Lage zurücksank und so vortrefflich paßte, daß man nur mit großer Aufmerksamkeit den Platz entdecken konnte. »Esel!« schimpfte Bux – »kannst Du denn den Stein nicht einmal halten, bis man Dir's sagt? Wenn nun noch mehr drin stäke – Du bist doch zu gar nichts zu gebrauchen.« »Na, wie viel Säcke soll er denn haben?« lachte Justus – »Junge, Junge, in dem Beutel stecken doch wenigstens ihre dreihundert Milreis, wenn auch nicht ein einziges Goldstück dazwischen wäre. Aber was machen wir jetzt damit?« »Wir theilen,« brummte Bux, der indessen mit einiger Mühe die Schnur gelöst hatte, in den Sack griff, eine Handvoll Münzen herausnahm und in seine Westentasche steckte. »Du, laß mich doch auch einmal kosten,« sagte Justus – »schmeckst Du prächtig!« »Komm hier fort!« sagte Bux, den Sack wieder zubindend – hol's der Henker, der Teufel könnte doch noch sein Spiel haben – dort drüben im Dickicht sind wir sicher.« »Wenn wir nachher nur wieder zum Wege hinunter finden,« meinte Justus ängstlich. »Narr, der Mond geht ja in einer Stunde auf,« brummte der Bauchredner – »und hab' keine Angst – ich führe Dich sicher.« – Jeremias, der einmal durch Zufall diesen wunderlichen Stein gefunden und – weil er keinem Menschen sein mühsam erspartes Geld anvertrauen wollte – zu seinem Depositorium benutzt hatte, war indessen wieder auf die andere Seite der Schlucht hinübergestiegen und wollte derselben eben thalabwärts folgen, um zu dem Wege und in die Stadt zurückzukehren. Da entdeckte er an einer Stelle im Sand die Spuren eines Stiefels, welche ziemlich frisch zu sein schienen und er erschrak heftig darüber. War er etwa von Jemandem bei seiner letzten Arbeit beobachtet? War sein Versteck entdeckt worden? Doch das konnte ja nicht sein. Die Fährten hier hatte jedenfalls einer der Kolonisten eingedrückt, der sich auf der Jagd in der Gegend herumgetrieben, und bei dem jetzt trockenen Wetter konnten sie eben so gut mehrere Tage alt sein – was brauchte er sich deshalb den Kopf zu zerbrechen. Außerdem brach auch die Nacht schon an und er stieg rasch den Hang hinab, um die Colonie noch vor völliger Dunkelheit zu erreichen. Nichtsdestoweniger fühlte er sich heut Abend nicht recht behaglich – es drängte ihn sogar ein paar Mal, wieder umzukehren und sich selber zu überzeugen, ob Alles sicher sei – wie aber konnte er glauben, daß irgend ein Mensch der Welt – noch dazu in der Dunkelheit – die Stelle auffinden sollte. »Und ich wollte doch, ich hätte dem Director das Geld mit nach Rio gegeben,« brummte er endlich leise vor sich hin – »zum Kukuk, ich habe den Platz gefunden und ein Anderer könnte auch einmal darüber stolpern – und noch dazu jetzt, wo das nichtsnutzige Soldatenvolk überall herumschnüffelt und spionirt – daß die braunen Bestien alle der Teufel hole!« Er hatte den Weg jetzt erreicht und schlenderte langsam eine Strecke darauf hin. Die Sonne war unter und es dämmerte schon stark. Er blieb wieder stehen. »Ist mir doch ganz curios heut zu Muthe,« murmelte er; indem er sich nach den Bergen umsah, »und ich gäb' was drum, wenn ich noch eine Weile da oben geblieben wäre – es wurde nur gar zu spät – und in den alten Felsblöcken kann man Nachts Hals und Beine brechen.« Er horchte erschreckt empor – war es ihm doch fast, als ob er in der Richtung nach seinem versteckten Schatz hin einen Ruf gehört hätte – es war Alles todtenstill – die Grillen zirpten ihr Abendlied, und von der See herüber konnte man das dumpfe Rollen der Brandung hören – weiter keinen Laut. »'s ist doch merkwürdig,« dachte Jeremias, »was mir heute nur Alles in den Gliedern liegt und in den Ohren klingt, nur, weil ich da oben die Spur von einem Schuh im Sande gefunden habe! Als ob es nicht Menschen genug gäbe, die da herumstreifen könnten – und außerdem hat's in drei Tagen nicht einmal geregnet. Aber wie Blei liegt's mir trotzdem in den Gliedern, und ich möchte die ganze Nacht hier sitzen, um nur morgen früh mit Tagesanbruch gleich wieder an der Stelle zu sein. – Dann nehm ich's aber mit – keine Sonne soll je wieder auf den Stein scheinen mit meinem Geld darunter, so viel weiß ich, denn die Angst will ich nicht noch einmal ausstehen. – Und was hindert mich denn, daß ich's jetzt noch hole? – aber mit dem Gelde mitten in der Nacht den Weg allein gehen und alle die Soldaten um das Nest herum ...?!« Jeremias war vollkommen mit sich im Unklaren – er wollte etwas thun und wußte nicht was. Wie machte er's am gescheidtesten? Gerade, wo er stand, war ein Baum quer über den Weg gefallen, von einem vorbeipassirenden Kärrner wahrscheinlich durchgehauen und eben nur nothdürftig genug mit dem Stammende aus dem Weg gehoben, daß die Räder durchpassiren konnten – wer die Passage breiter haben wollte, konnte sich selber helfen. Auf den Stamm setzte sich Jeremias, seinen Hut neben sich legend und kratzte sich unter der rothen Perrücke in lauter Zweifel und Ungewißheit den Kopf; es war indessen vollständig dunkel und Nacht geworden. Endlich schien er zu einem Entschluß gekommen. »Zum Schwerebrett!« brummte er, »jetzt ist's Nacht geworden – jetzt kriecht Niemand mehr da oben herum – und ich auch nicht – und morgen, eine Stunde vor Tag, steh' ich auf und sprenge die Bank – hol' mich Dieser und Jener, wenn ich's nicht thue!« Damit nahm er seine Perrücke ab, trocknete sich mit einem baumwollenen Taschentuch den Schweiß darunter, zog sie wieder fest, drückte sich den Hut darüber und wollte eben aufstehen und in die Stadt zurückkehren, als er rasche und schwere Schritte auf den Steinen hörte. »Holla, wer ist das?« fuhr er erschreckt empor. Aber die Schritte kamen rasch näher – es war Jemand, der aus Leibeskräften lief, und im nächsten Moment sah er eine dunkle Gestalt auf sich zuspringen, und zwar genau der Richtung folgend, welche die Straße selber nahm. Das eine Ende des Baumes lag aber noch dort hinüber, da der umgestürzte Stamm am dünnen Ende durchgehauen war und der Bauer mit seinem Wagen lieber einen kleinen Bogen gemacht hatte. Der Laufende schien den Stamm gar nicht gesehen zu haben, bis er dicht davor war – er wollte einhalten, konnte aber nicht mehr, that einen Fehltritt und schlug der Länge nach über das Holz weg. In demselben Augenblick klirrte etwas wie Geld auf dem Boden, wie ein Sack mit Silber, und Jeremias, zu dessen Füßen das Alles vorging, sprang in die Höhe und rief überrascht aus: »Holla! – wen haben wir denn da?« Der Gestürzte mußte keineswegs die unmittelbare Nähe eines andern Menschen geahnt haben; kaum aber hörte er die Stimme neben sich, so stieß er einen Angstschrei aus, so hell und gellend, daß Jeremias selbst davor zurückschreckte, raffte sich aber auch in demselben Moment empor und war mit einem Satze seitwärts im Dickicht verschwunden, wo er in wilder Flucht durch Dornen und Geröll hindurchbrach. »Na ja,« sagte Jeremias und sah verblüfft hinter ihm drein – »was hat denn der ausgefressen und wer war's eigentlich? – Kam mir beinahe so vor, als ob's der Lump, der Bux – alle Teufel!« unterbrach er sich selber und sprang der Stelle zu, auf der er das klirrende Geräusch gehört. Er brauchte auch nicht lange zu suchen, denn mitten im Weg lag ein dunkler Gegenstand, während es ihm durch alle Nerven zuckte, als er nur seine Hand darauf legte. Es war ein Sack mit Geld – genau so ein Sack, wie er ihn unter dem Stein verborgen gehabt, und als er mit vor Aufregung zitternden Fingern darüber hingriff, konnte er nicht länger im Zweifel sein, daß er sein Eigenthum in Händen halte. Was war geschehen – wie hing das Alles zusammen? Die Gedanken jagten sich ihm wirr im Kopf, und die Furcht überkam ihn jetzt, daß der blos erschreckte Räuber vielleicht noch mit Genossen zurückkehren und ihn überfallen könne. In die Stadt! war jetzt sein einziger Gedanke – zu Menschen, zwischen menschliche Wohnungen, und den wiedergefundenen Beutel fest unter den Arm drückend, lief er, wie der Verbrecher vor ihm gelaufen war, den Weg entlang, als ob ihn selber sein böses Gewissen treibe. Selbst unterwegs aber überkam ihn die Angst, daß der Flüchtige schon umgedreht sein könne und hinter irgend einem Busche auf ihn lauere und er brauchte jetzt die wunderlichsten Mittel, sich dagegen sicher zu stellen. Wenn Jener nämlich glauben mußte, daß er nicht allein sei, wagte er sicher nicht vorzubrechen und Jeremias fing jetzt an zu rufen: »Hier ist er – da hinter dem Busche! – Spring da herum, daß er nicht wieder durchbricht! – Halt ihn! – Warte, Canaille, dieses Mal entgehst Du uns nicht!« Und dabei lief er so rasch ihn seine Füße trugen, bis er, endlich bei Justus' Haus angekommen, vor Erschöpfung und ausgestandener Todesangst fast in die Kniee brach. Hier begegneten ihm aber Menschen. Zwei Soldaten gingen plaudernd die Straße hinauf – ein Reiter kam die Querstraße herein. In den Häusern war Licht und in den Zimmern konnte er die Leute sitzen sehen. Vor der einen Thür saßen sogar noch ein paar junge Burschen und sangen, und Mädchen gingen über die Straße, um Wasser zu holen. – Er war in Sicherheit. 21. Könnern und Elise. Am nächsten Morgen fehlte es in Santa Clara an allen Ecken und Enden: bei Baulens war kein Pferd gefüttert und geputzt, der Baron schimpfte über Jeremias und seine schmutzigen Pfeifen, bei Bohlos sollte Wein abgezogen werden und keine Weinflasche war rein, beim Kaufmann Rohrland waren die Kleider nicht rein gemacht und die Schuhe ungeputzt geblieben, kurz überall suchte man Jeremias, der noch im Leben nicht so nöthig gewesen schien als gerade heut, und gerade heut nicht gefunden werden konnte. Und wo war Jeremias? – In seinem Dachstübchen, aber fest eingeschlossen, das Schlüsselloch verstopft, so saß er auf seinem Bett, antwortete auf kein Klopfen und brütete über seinem Geldsack, den er wohl verborgen unter der Matratze liegen hatte und sich nicht mehr getraute zu verlassen. So war es bald Mittag geworden und er saß noch immer da, als es plötzlich wieder, lauter als je, an seine Thür schlug. Er gab keine Antwort; aber der Klopfer ließ sich dieses Mal nicht abweisen und rief, mit dem Mund an der Thür: »Was zum Teufel treibst Du denn da drin, Jeremias? So mach' doch auf!« – Keine Antwort. – »Verstelle Dich nur nicht – ich habe Dich ja eben niesen hören. Mach' auf, oder ich drücke wahrhaftig die Thür ein!« Jeremias kannte die Stimme, es war der Kaufmann Rohrland selber – konnte ihm der vielleicht einen guten Rath geben? Jeremias stand auf und schob den Riegel zurück. »Aber, zum Teufel, was treibst Du denn nur hier oben?« rief ihm dieser entgegen, »überall wirst Du gesucht; der Bodenlos flucht und schimpft, und der junge Graf wettert im ganzen Ort herum. Bist Du krank?« »Zahnschmerzen,« sagte Jeremias und hielt sich mit beiden Händen die Backe. »So laß ihn herausreißen – wer quält sich denn so lange mit einem kranken Knochen! Ist's denn jetzt besser?« »Ja.« »Kannst Du mir 'was besorgen?« »Und was ist's?« »Der neue Director war bei mir und wollte für etwa ein Conto de Reis Silber; ich habe aber nur ein paar hundert Milreis im Hause – kannst Du einmal herumlaufen und sehen, wo Du sie auftreibst? – Er giebt ganz gute Banknoten dafür, die eigentlich noch eine Prämie bekommen.« »Ganz gute Banknoten?« fragte Jeremias, aufmerksam werdend. »So gut wie Silber, oder noch besser. Ich wechsele sie ihm gern ein, wenn ich es nur hätte.« Jeremias sprang wie der Blitz in die Höhe und in seine Schuhe; da war Hülfe in der Noth. »Sieh zu, daß Du es bekommst, und wenn es nur wenigstens ein Theil ist, das Andere schaffen wir dann.« »Ich bring' es hinüber,« sagte Jeremias, und meinte seinen Sack – »also gute Banknoten?« »Ich tausche sie zu jeder Stunde wieder um, wenn ich's nur selber habe. Kommst Du dann hinüber?« »In einer Viertelstunde; ich – muß mich nur erst waschen.« »Gut,« sagte Rohrland – »also ich verlasse mich darauf. Hier hast Du erst einmal fünfhundert Milreis, und wenn Du noch mehr auftreiben kannst, hol' Dir das Uebrige – siehst Du, es sind lauter gute Noten und noch alle neu.« Er zählte sie ihm vor, wickelte das Packet dann wieder in Papier ein und legte es ihm auf das Bett. Kaum war er aber fort, als Jeremias die Thür wieder hinter ihm fest verriegelte und in voller Hast seinen Schatz vorholte. – Banknoten – weshalb hatte er denn nicht an die schon lange gedacht, daß er sich immer mit dem schweren Silber herum gequält und die Angst ausgestanden hatte, es zu verlieren – Banknoten – die konnte er in seinen Rock oder in seine Weste nähen und wußte nachher, daß er ein Vermögen auf dem Leibe trug! Aber zählen mußte er vorher, was er hatte, und mit vorsichtiger Hand that er das jetzt auf der Bettdecke, daß die Münzen nicht aneinander schlugen. – Und wie das da hübsch aussah, als da Alles in einer Reihe vor ihm lag – aber Banknoten waren besser – die klimperten nicht und hatten kein Gewicht und man brauchte nicht draußen in den Bergen herumzukriechen, um sie einzeln zu verstecken und nachher alle auf einmal stehlen zu lassen. – Wer nur der Dieb gestern gewesen war, und wie er das Versteck herausgefunden hatte? Wirklich der Bux? – Aber wie konnte der wissen, daß er Geld im Wald versteckt gehalten? – Es mußte jemand Anders gewesen sein – vielleicht der Schneider, der Justus, der ihn wie Gift haßte? – Er hörte bei dem Gedanken ordentlich mit Zählen auf und brummte leise vor sich hin: »So eine Canaille, – dem traut' ich's zu.« Jetzt war er fertig, aber wieder und wieder überzählte er die Summe – vierhundert einundzwanzig Stück, und seiner Berechnung nach fehlten neunzehn daran – ob die der Schuft herausgestohlen hatte? – Es wurden aber nicht mehr und er packte sie endlich wieder ein und trug sie fort. Damit schien dem kleinen Burschen aber eine wahre Last von der Seele genommen zu sein. Sowie er sein schweres Silber los war, nähte er sich die paar Banknoten sorgfältig in seine Weste ein und ging dann an seine Arbeit und pfiff und sang dabei, daß es eine wahre Lust und Freude war. – Wir müssen jetzt noch einmal auf die Erlebnisse des vorigen Tages zurückspringen und zwar zu dem Augenblick, wo Könnern und von Schwartzau in Begleitung Helenens den Meier'schen Garten verließen. Noch saß der alte Mann auf dem Stuhl, die Hände gefaltet und in sich zusammengebrochen, den Blick stier und glanzlos auf den Boden heftend. Neben ihm stand die Tochter, den linken Arm um seine Schulter geschlagen, ihre Stirn auf sein Haupt gelehnt und mit der rechten Hand seinen Arm gefaßt, und flüsterte leise: »Väterchen – Väterchen – was ist Dir? So fasse Dich doch – sieh mich an – ich bin ja bei Dir, Deine Elise, Dein Kind, und will Dich nie verlassen, wenn es Dir gar so schrecklich ist. Sprich nur mit mir – hebe nur die Augen zu mir aus – sage mir nur das eine – eine Wort, daß Du mir nicht böse bist!« »Sprich mit ihr,« flüsterte die Frau, die ihre ganze Fassung wieder gewonnen hatte und ebenfalls zu dem Gatten getreten war – »sprich mit ihr und sei ein Mann, Franz! – Es ist nichts, Kind, es wird gleich vorübergehen – vor acht Tagen hatte er ja auch schon einmal einen solchen Anfall gehabt, nur daß wir es Dir damals verheimlichten, damit Du Dich nicht so sehr erschrecken solltest.« Meier hob den stieren Kopf langsam zu seiner Frau empor und sah sie so scharf und durchdringend an, daß sie ihre Augen zu Boden schlagen mußte.« »Es ist nichts – gar nichts?« sagte er leise. – »Und war er nicht hier – hat er nicht ...« »Unsinn!« rief aber die Frau jetzt ärgerlich; »schwatze dem Kinde nichts vor, daß es sich ängstigen muß.« Noch immer hastete des alten Mannes Blick fest auf seiner Frau, und an dem Arm der Tochter hob er sich empor, bis er aufgerichtet vor ihr stand – dann seine Hand auf Elisens Schulter legend und sich zu ihr wendend, während nur noch ein scheuer Blick nach der Frau hinüberschweifte, flüsterte er: »Glaub' ihr nicht, Elise, glaub' ihr nicht. Jahr nach Jahr hat sie mich eingeschläfert und mein Gewissen erdrückt, daß es nicht ausbrechen konnte an freie Luft. Jetzt ist's vorbei, jetzt ist's vorbei! Er ist gekommen, der Rächer, und die Schuld muß gesühnt werden.« »Vater!« rief Elise in furchtbarer Angst – »was ist geschehen – was hast Du?« »Er spricht im Fieber,« rief die Mutter erbleichend – »hör' nicht auf ihn – lauf, Elise – spring hinaus und schick' das Mädchen nach einem Arzt!« »Zurück!« rief der alte Mann, indem er Elisens Arm jetzt krampfhaft hielt – »zurück, Versucher, Deine Zeit ist um. – Länger ertrag' ich's nicht – hat mir so schon das Herz abgedrückt die langen, langen Jahre über – zurück!« Und das Mädchen wieder an sich ziehend, flüsterte er ihr rasch und ängstlich zu: »Komm mit auf mein Zimmer, Elise – komm mit – Du sollst Alles – Alles wissen – Dir will ich beichten – in Dein reines Herz will ich meine ganze Schuld, meinen ganzen Jammer ausschütten – dann wird mir wohl – dann wird mir wohl werden!« »Franz,« rief die Frau, mit krampfhaft gefalteten Händen zu ihm aufschauend – »um Gottes willen, bedenke, was Du thust! Willst Du das Kind vom Herzen der Mutter reißen?« »Du hast kein Herz!« stöhnte der alte Mann, die zitternde Hand gegen sie schüttelnd – »geh – geh – geh! Laß mich mit dem Kind allein, ich muß sprechen – muß endlich sprechen und für meine Seele Ruhe finden, wenn ich nicht hier und dort zu Grunde gehen soll. Komm, Lieschen, komm – ich will reden,« und mit zitternder Hast zog er die Tochter in sein Zimmer. Die Frau wankte aber zum Sopha, warf sich darauf, barg ihr Gesicht fest, fest in den Händen, und lag dort stumm und regungslos. Das war ein trauriger Tag in dem Hause. Die Dienstleute gingen herum und wußten nicht, Was mit der Herrschaft geschehen sei. Das Frühstück war schon unberührt auf dem Tisch stehen geblieben und kalt wieder hinausgetragen, zum Mittag wurde gar nicht gedeckt. Das Dienstmädchen ging ein paar Mal zur »Madame« hinein, um zu fragen, ob Niemand etwas verlange – aber sie bekam nicht einmal eine Antwort. Die Frau lag noch immer auf dem Sopha und regte kein Glied, und nur an dem schweren Athmen konnte man sehen, daß sie noch lebe, und Elise war, als sie den Vater verließ, auf ihr Zimmer gegangen und hatte sich dort eingeschlossen. So kam der Abend heran, und als es anfing zu dämmern, erhob sich die Frau langsam von ihrem Lager, stand auf und verließ das Haus und den Garten, und schritt langsam den schmalen Weg zum Thal hinab. Karl sah sie gehen und schüttelte den Kopf, denn wie selten war die Frau hinaus vor die Gartenthür gegangen, und nie und nimmer nach Dunkelwerden – wo wollte sie jetzt hin? Einmal fiel es ihm ein, ob er nicht lieber hineingehen sollte und es dem Herrn sagen; aber er hatte seine Riegel inwendig vorgeschoben, und das Fräulein war eben so wenig zu sprechen. Er ging dann selber hinaus vor den Garten, um nach der Madame da draußen auszuschauen – aber sie war nirgends zu sehen, und es fing an, ihm selber ganz unheimlich zu werden. Endlich kam Elise herunter, um ihre Mutter zu sprechen. – Das Mädchen kam ihr weinend entgegen, um ihr zu erzählen, daß die Frau fort sei und so gar schrecklich bleich ausgesehen habe, wie sie gegangen, und so gar große und glänzende Augen gehabt habe. Und kein Tuch habe sie mitgenommen, keinen Hut – ruhig und langsam war sie hinausgeschritten auf die Straße und dort hinab. Elise seufzte tief auf und faßte krampfhaft an ihr armes, gequältes Herz – die Ahnung von etwas Furchtbarem kam über sie; aber so viel war schon geschehen – so Entsetzliches, daß der eine Schlag nicht betäubender wirken konnte als der andere. Das Mädchen durfte auch nicht ahnen, was geschehen – wenigstens jetzt noch nicht, denn lange ließ es sich ja doch nicht mehr geheim halten. »Wo ist der Karl?« fragte sie ruhig. »Hier, Fräulein,« sagte der junge Bursche, der schüchtern an der Thür gestanden. »Geh hinunter in die Stadt und suche die Mutter – sie ist krank – benachrichtige auch zugleich den Arzt, daß sie in einem heftigen Fieberanfall das Haus verlassen habe. Wenn Du sie allein nicht gleich findest, so schick' andere Leute nach allen Richtungen aus – Du wirst aber schon von ihr hören – lauf, Karl – sei geschwind, und wenn Ihr sie gefunden habt, schick mir rasch einen Boten voraus, daß ich Euch entgegenkomme.« Karl nickte stumm mit dem Kopfe, und seine Mütze nehmend lief er in die Stadt hinab, so rasch ihn seine Füße trugen – aber der Abend verstrich und er kehrte nicht zurück, und Elise ging still und allein in dem öden Zimmer auf und ab. Es war tiefe Nacht, und der Mond ging auf und warf sein bleiches Licht in zitternden Schatten durch den Orangenbaum, der vor dem Fenster stand; Elise sah es nicht – die Augen auf den Boden geheftet, wanderte sie die halbe Nacht mit schweren, sorgenvollen Schritten, bis sie etwa gegen zwei Uhr Morgens die Hausthür gehen hörte und wußte, daß jetzt Karl zurückgekehrt sei. Sie schritt zur Thür und rief: »Karl!« »Ach, Fräulein, sind Sie noch auf?« »Hast Du keine Spur gefunden?« »Wir haben Alles abgesucht – in allen Häusern nachgefragt, sie kann – sie kann sich nirgends aufgehalten haben.« »Sie war in der Stadt?« »Ja – des Liebel Mädchen hat sie gesehen, wie sie dort am Haus, aber hinten am Garten vorbeigegangen ist, auf dem kleinen Wege – der –« »Der?« »Der nach dem Fluß führt.« »Nach dem Fluß?« wiederholte Elise, und sie fühlte, wie ihr das Blut im Herzen stockte, aber gewaltsam raffte sie sich empor und fuhr leise fort: »Und weiter hat sie Niemand gesehen?« »Der Mann, welcher die Fähre unten hält, behauptet, es sei eine Frau in einem weißen Kleide an seinem Hause vorbeigegangen, immer den Weg entlang; unten, wo die Soldaten liegen, will sie aber Niemand gesehen haben.« »Ihr habt nicht ordentlich nachgefragt.« »Gewiß, Fräulein – aber es wurde so spät – die Leute schliefen schon alle. Morgen mit Tagesanbruch bin ich wieder in der Stadt und – bringe Ihnen gewiß gute Nachricht.« »Es ist gut; leg Dich nieder – Du wirst auch müde sein.« »Ach, gar nicht, bestes Fräulein, wenn ich nur ...« »Leg Dich nieder, Karl, und sei morgen früh wieder auf.« »Ehe es nur grau im Osten wird, bin ich in der Stadt unten.« Es mochte etwa zehn Uhr am nächsten Morgen sein, als ein einzelner Reiter am Gartenthor hielt, sein Pferd dort befestigte und an das Thor pochen wollte; aber er sah, daß dieses nur angelehnt sei, und betrat den Garten. Es war Könnern, und sein erster Blick flog nach dem Mandelbaum hinüber, an dem er gestern Elisen getroffen. Der Zithertisch stand noch dort mit der Zither, wo sie vergessen und dem Nachtthau ausgesetzt gewesen war – ein kleines Halstuch, das Elise getragen und abgenommen, als es ihr zu warm wurde, lag daneben auf dem Tisch. Könnern seufzte tief auf; die Brust war ihm so beklommen, er konnte kaum athmen; aber er faßte sich gewaltsam und schritt auf das Haus zu. Unten traf er das Mädchen, das in der Küche neben dem Herde saß und rothgeweinte Augen hatte. »Ist Ihr Fräulein zu Hause?« fragte er leise. »Ja – drin im Zimmer,« sagte die Magd, scheu zu dem Fremden aufsehend, denn das war ja Einer von denen, die gestern dagewesen, wonach das Unglück über ihr Haus hereingekommen. »Kann ich sie sprechen?« »Ich weiß nicht – sie wird wohl Niemand sprechen wollen – das arme Kind – ach, bei uns geht's zu!« »Sind die Eltern bei ihr?« »Der alte Herr ist in seinem Zimmer und schreibt,« antwortete das Mädchen, sich die Augen trocknend – »er hat die ganze Nacht geschrieben und ist in kein Bett gekommen – und die Frau ist fort – kein Mensch weiß wohin und sie suchen sie schon seit gestern Abend vergeblich überall. Sie haben 'was Schönes angerichtet, und Gott im Himmel verzeih' Ihnen die Sünde!« »Ich muß das Fräulein sprechen – gehen Sie hinein – sagen Sie ihr, daß ein Freund da sei, der ihr Trost brächte.« »Den könnte sie brauchen,« seufzte das arme Mädchen und erhob sich von der Küchenbank, als die Thür des Zimmers aufging und Elise auf der Schwelle stand. Sie sah todtenbleich aus, war aber vollkommen ruhig und sagte leise: »Kommen Sie herein, Herr Könnern, ich habe Ihre Stimme gehört – ich muß mit Ihnen reden.« »Elise, meine arme, arme Elise!« rief Könnern, als er das Zimmer betreten hatte und ihre Hand ergriff – »welch ein kalter Reif ist auf Dein junges Leben gefallen!« Elise barg ihr Antlitz in den Händen und stand eine Weile schweigend vor ihm. Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich – sie duldete es; endlich richtete sie sich wieder empor, machte sich von ihm frei und flüsterte: »Ich danke Ihnen, Herr Könnern, daß Sie mich noch einmal aufgesucht haben – der Gedanke wäre mir schrecklich gewesen, auch Sie in jener furchtbaren Stunde so verloren zu haben. Jetzt ist Alles gut, jetzt kann ich ruhig mit Ihnen sprechen – ruhig von Ihnen Abschied nehmen ...« »Elise,« bat Könnern und wollte wieder ihre Hand ergreifen, die sie ihm aber entzog. »Lassen Sie mich ausreden,« bat sie – »meine Gedanken sind ohnedies verwirrt, mein Kopf ist mir wüst und leer – so lassen Sie uns denn wenigstens diese schwere Stunde abkürzen – es könnte sonst meine Kräfte übersteigen.« »Mein armes, armes Kind!« flüsterte Könnern. »Sie wissen Alles, wie ich voraussetzen darf, nicht wahr?« fuhr Elise fort und sah scheu zu ihm auf. »Alles,« hauchte Könnern – »Herr von Schwartzau hat mir gestern Abend Alles erzählt, denn ich mußte es wissen, wenn ich rathen und helfen soll.« »Gott sei Dank,« seufzte Elise, »dann wird nur das wenigstens erspart! Ich hatte mich davor gefürchtet.« »Und hat Dein Vater, Elise ...« »Er hat mir sein ganzes Herz ausgeschüttet,« sagte die Tochter – »seine ganze, furchtbare Schuld bekannt und – mich noch viel Furchtbareres ahnen lassen, was ihn dazu getrieben« – setzte sie leise und scheu hinzu. »Das Unglück ist aber so plötzlich über uns hereingebrochen, daß es mir selber manchmal noch wie ein böser, furchtbarer Traum vorkommt, aus dem ich endlich erwachen müsse, weil es ja gar nicht möglich sein könne, daß er wahr – daß er wirklich sei. Und doch ist es wahr und wirklich; – ich wache – ich lebe bei vollem Bewußtsein und darf mir das Entsetzlichste – meine Mutter – noch nicht einmal denken, wenn ich die armen, gequälten Sinne zusammenhalten will. – Doch jetzt fort mit Allem, was mich stören oder hindern konnte – der Schmerz ist mein – und ich will ihn allein tragen.« »Und verschmähst Du die Hand, die sich ausstreckt, Dir tragen zu helfen?« »Lassen Sie mich ausreden,« bat Elise, »denn der Weg, den ich mir vorgezeichnet habe, liegt so klar und offen vor mir, daß kein Irren davon möglich ist. – Ich will auch nicht den Vater – die Eltern entschuldigen – das Furchtbare ist geschehen und die Folgen brechen herein. Nichts bleibt uns jetzt übrig, als gut zu machen, was noch möglich ist – und das soll geschehen. Mein Vater hat die ganze Nacht damit zugebracht, seine Papiere zu ordnen – ich habe ihn heute Morgen gesprochen – bis heute Nachmittag wird er mit Allem fertig sein und läßt bis dahin Ihren Freund bitten, sich zu ihm her zu bemühen.« Könnern schwieg und nickte nur leise mit dem Kopf. »Er wird ihm,« fuhr Elise fort, und Könnern sah, welche Gewalt sie sich anthun mußte, ruhig zu bleiben – »Alles übergeben, was wir haben – Alles,« setzte sie rasch hinzu, »selbst das Letzte, und morgen – verlassen wir dann die Colonie.« »Elise, das geht nicht – das geht bei Gott nicht!« rief Könnern erschreckt. »Es geht nicht?« rief das junge Mädchen, und ihre ganze Gestalt zitterte, ihre Glieder bebten, die Lippen halb geöffnet, mit stieren Blicken streckte sie die Arme nach Könnern aus und bat mit vor innerer Angst fast erstickter Stimme: »Und soll auch noch das Furchtbarste über uns hereinbrechen? Soll der arme alte Mann, dessen Leben schon durch seine Gewissensbisse zerstört und vergiftet wurde, auch noch in den Kerker müssen? Soll ich den Vater hinter Eisenstäben sterben sehen, während die Mutter ...« Sie konnte nicht mehr, der schwache Körper hatte das Übermenschliche ertragen, und sie wäre zu Boden gesunken, hätte sie nicht Könnern in seinem Arm aufgefangen. »Elise,« flehte der junge Mann in Todesangst, »woher diese schreckliche Gedanken – quäle Dich nicht unnöthig mit einer leeren Furcht! Dein Vater kann frei hinziehen, wohin er will – Günther von Schwartzau ist ein Ehrenmann und mein treuer Freund und was in seinen Kräften steht, Dein hartes Geschick zu mildern, wird er mit Freuden schon meinetwegen thun.« »Oh, Dank, – tausend, tausend Dank für diesen Trost!« schluchzte Elise, ergriff Könnern's Hand und preßte sie an ihre Lippen, ehe er es verhindern konnte – »dann ist Alles gut – Alles gut – und mit der Angst von sich genommen, die seine Tage vergiftet hat, kann er, wird er ein neues Leben beginnen. Ich bin ja auch jung und kräftig,« fuhr sie lebhafter fort – »ich will und kann arbeiten und Gott wird uns nicht verlassen, wenn er die wahre Reue des Schuldigen sieht.« »Elise« rief Könnern, der sich nicht länger halten konnte – »Du zerreißest mir das Herz mit solchen Reden – bin ich Dir gar nichts mehr? Sind die lieben Worte, welche Du gestern zu mir gesprochen, schon verhallt und todt? Elise, ich entbinde Dich nicht des Wortes, das Du mir gegeben – was auch geschehen, was verschuldet ist, nicht Du – nicht ich tragen die Schuld davon, und wir dürfen deshalb nicht darunter leiden. Du bist mein – mein für immer, und auf Händen will ich Dich tragen mein ganzes Leben lang!« Er hatte noch seinen Arm um sie geschlungen und preßte sie fest und leidenschaftlich an sich und Elise duldete die Umarmung und lehnte ihr Haupt müde an seine Brust. Dann machte sie sich leise von ihm los und sagte, indem sie ihn mit einem rührenden Blick voll Liebe und Dankbarkeit ansah: »So – jetzt ist mir wohl – ich habe einmal an diesem treuen Herzen geruht und die Erinnerung dieses Augenblicks wird mir ein Trost mein ganzes langes Leben sein – und jetzt, Bernard, laß uns scheiden.« »Elise ...« »Rede mir nicht zu,« sagte das Mädchen, indem jetzt wieder Leichenblässe ihre Züge entfärbte – »mein Entschluß steht fest – unerschütterlich fest – ich kann und darf Dir nicht angehören – ich kann und will das Opfer nicht von Dir annehmen, Dich an das Leben eines Verbrechers zu ketten. Aber das Kind gehört zum Vater und wie mich Gott geschützt, daß ich den Augenblick überstanden, in dem ich Dir das gesagt – wird er mich auch weiter schützen auf meiner langen, dornenvollen Bahn. Ja, Bernard,« fuhr sie wie verklärt fort, als er stumm vor Schmerz vor ihr stand – »ich habe Dich geliebt mit meiner ganzen Seele – mit jedem Athemzug, den ich gethan, mit jedem Schlage meines armen Herzens – ich liebe Dich noch und werde Dich immer lieben, aber – ich darf nicht Dein sein – darf nicht – kann es nicht. Leb' wohl! Möge Dir Gott den Frieden geben, welchen Dein edles Herz verdient – mögen Dich dereinst wieder süße Bande fesseln, die nicht von Schuld und Sünde getrübt find; mein Segen begleite Dich auf allen Deinen Wegen, denn Du hast mir mehr gegeben, als die ganze Welt – einen glücklichen Augenblick an Deinem Herzen. Und nun leb' wohl, Bernard – leb' ewig wohl – Gott schütze Dich!« Und ihr Antlitz zu ihm hebend, bot sie ihm selber den Abschiedskuß – aber ihre Lippen waren kalt und bleich, und wie sie sich von ihm wandte und die Thür ihres Zimmers hinter sich schloß, war es, als ob ein Geist aus einer andern Welt zu ihm gesprochen und vor seinen Augen in Duft und Nebel zerstoben sei. 22. Verschiedene Interessen. In dem Zimmer der Frau Gräfin stand Helene am Fenster, sah hinaus »nd trommelte dabei ungeduldig mit den Fingern an die Fensterscheibe. Die Gräfin hatte noch nicht Toilette gemacht – sie saß in ihrem Lehnstuhl, ein Buch in der Hand, ohne jedoch darin zu lesen, den rechten Fuß, von welchem der Pantoffel heruntergefallen war, über den linken geschlagen, in einem weißen, nicht frisch gewaschenen Morgengewand, auch die Haare noch nicht in Ordnung, und außerdem nicht in der besten Laune. Helene selber dagegen sah aus, wie der frische, junge Morgen da draußen vor den Fenstern. Die Wangen geröthet von einem Frühritt, den sie schon gemacht, ein paar duftende Orangenblüthen und eine Rose im Haar stand sie da, und selbst in den Augen, wie der funkelnde Thau da draußen noch auf den Blüthen lag, ein paar blitzende Tropfen, die aber mehr der Unmuth als der Schmerz ausgepreßt haben mußte, und die sie zu stolz war wegzuwischen, damit die Mutter die Bewegung nicht etwa sah. »Laß nur um Gottes willen das schreckliche Fenstertrommeln,« sagte die Mutter endlich – »Du machst mich ganz nervös, und – schicke mir dann die Dorothea herein, denn ich muß mich jetzt anziehen – es ist wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei.« Helene hörte allerdings mit ihrem Marsch auf der Fensterscheibe auf, aber sie rührte sich nicht von der Stelle und sagte endlich erregt: »Du treibst mich noch zu einem verzweifelten Schritte, Mama, mit Deiner grenzenlosen Ruhe und Gleichgültigkeit.« »Gleichgültigkeit?« fragte die Gräfin zurück – »Du nennst das Gleichgültigkeit, was vorsichtige Ueberlegung und Berechnung ist – und was kannst Du überhaupt dagegen einzuwenden haben? Pulteleben ist ein anständiger, hübscher junger Mensch aus guter und wohlhabender Familie – er liebt Dich leidenschaftlich und ist in seinen Forderungen auch nicht unbescheiden. Er will ja gar nicht, daß die Hochzeit gleich sein soll – er will nur die feste Zusicherung Deiner Hand – nur eine vorläufige Verlobung, weiter nichts, und – lieber Gott – nachher könnt Ihr ja noch immer thun, was Ihr wollt. Es ist schon manche Verlobung rückgängig geworden, ohne daß beide Theile darüber gestorben sind.« Helene drehte sich rasch und scharf nach der Mutter um. »Und wenn ich mich weigere?« sagte sie, und der Blick, mit dem sie die Mutter dabei ansah, zeigte viel mehr Trotz als Liebe. »Es ist ganz vernünftig,« sagte die Gräfin ruhig, ohne jedoch zu ihr aufzusehen, »daß wir die Sache von beiden Seiten betrachten; wir wissen dann Beide gleich besser, woran wir sind. Wenn Du Dich also weigerst, wird Herr von Pulteleben augenblicklich ausziehen und das Geschäft aufgeben – das versteht sich von selbst. Sowie er aber aus dem Hause ist, kannst Du auch versichert sein, daß unsere Gläubiger wie ein Rabenschwarm über uns herfallen, und das Resultat ist dann sehr einfach: wir müssen ausziehen – wohin? wirst Du vielleicht angeben können – unsere Möbel und Sachen werden öffentlich verauctionirt, und Deine Mutter verläßt mit ihren Kindern in Schande und Spott einen Platz, in dem sie bis jetzt wenigstens eine achtbare Stellung gehalten. Hab' ich Recht oder nicht?« »Oh, wärest Du mir nur gefolgt!« rief Helene leidenschaftlich – »hätten wir uns nur eingeschränkt, wie ich Dich bat und wieder bat, und mit dem Wenigen, was wir hatten, Haus gehalten, es wäre nie und nimmer so weit gekommen!« »Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte die Gräfin, ungeduldig mit dem Kopf schüttelnd, – »wir mußten standesgemäß leben, oder die Leute hätten den Augenblick gemerkt, daß wir – mit unserem Einkommen beschränkt sind. Es giebt gar kein mißtrauischeres Volk als diese Bauern.« »Aber kann es denn auf die Länge der Zeit verheimlicht bleiben?« »Zeit gewonnen, Alles gewonnen, ist ein altes, gutes Sprichwort, und wir haben Alles gewonnen, wenn Du nur Deiner Mutter zu Liebe nachgiebst und nicht mit dem alten Starrkopf Recht behalten willst.« »Aber ich liebe den Mann nicht!« rief Helene; ihre Augenbrauen zogen sich dabei fest zusammen und ihre kleine Hand ballte sich. »Liebe – Liebe,« sagte die Frau Gräfin, sich hin und her wiegend – »in unserem Stand wird selten eine Heirath aus Liebe geschlossen. Hast Du eine andere Wahl, so nenne sie – hast Du sie nicht, so sei vernünftig.« »Warum läßt Du mich nicht Stunden geben?« fragte Helene rasch – »ich habe Dich so oft darum gebeten.« »Damit könntest Du Dich selber am Leben erhalten, und was wird dann aus mir , was aus Oskar? Aber thu es – thu es nur – was kümmerst Du Dich um Deine Mutter; die mag dann untergehen und verkümmern, wie sie will – es ist ja nur die Mutter! « Helene hatte sich auf den Stuhl an's Fenster gesetzt, stützte den Kopf auf ihre linke Hand und sah, von ihren Gedanken gequält, hinaus in's Leere. Endlich stand sie auf, ein schwerer Seufzer hob ihre Brust, und sie sagte leise: »Thu' was Du willst, Mutter – den Vorwurf sollst Du mir wenigstens nicht machen können.« »Und morgen Abend haben wir die Gesellschaft?« fragte die Gräfin und ein triumphirendes Lächeln zuckte über ihre Züge. »Richte es ein, wie Du willst,« wehrte Helene ab – »ich sage Dir ja, ich füge mich Allem, aber – quäle mich nicht weiter!« und mit raschen Schritten verließ sie das Zimmer, um ihre eigene Stube aufzusuchen. Herr von Pulteleben saß oben, eine Treppe höher, noch in seinem Morgenanzuge vor dem geöffneten Koffer und überzählte seinen Kassenbestand. »Das weiß doch der Henker,« murmelte er dabei vor sich hin – »ob ich mich um fünfzig Milreis verzählt habe, oder wo sie hingekommen sind – die Frau Gräfin hat doch den Schlüssel gehabt und das Schloß war unbeschädigt – na ja, das fehlte auch noch, daß das Geld auf die Weise weggeht, es wird so dünn genug, und wenn die versprochenen Wechsel jetzt nicht bald eintreffen, so sitzen wir hier Alle miteinander auf dem Trocknen. Verfluchte Geschichte mit der Cigarrenfabrik – ganz verfluchte Geschichte, und ich will nur wünschen, daß die Leute bald anfangen, sich um unsere Produkte zu reißen, sonst steh' ich für nichts.« Er stützte seinen Ellbogen auf's Knie und schaute lange in tiefen Gedanken in den Koffer hinein. Endlich sagte er, diesen zuschließend und wieder aufstehend: »Aber was thut's – Thorheit! – ich habe noch die alte Aengstlichkeit von Europa mitgebracht, welche sich erst hier in Brasilien verlieren muß. Eine kleine Weile hält's noch aus – bis dahin kommen ebenfalls Gelder ein, und da meine gnädige Schwiegermutter in spe ihr Capital für das Rittergut mit dem nächsten fälligen Dampfer schon erwartet, so wär' ich ja ein wahrer Thor, wenn ich mir ganz unnöthiger Weise Sorgen machen wollte. Glück muß ein junger Mensch haben, und der Zufall – oder vielmehr dieser verzweifelte Jeremias, der mir heute Morgen meine Kleider noch nicht rein gemacht hat – scheint mich in dieser Familie dem Glück mitten in den Schooß geworfen zu haben; daß ich das aber beim Schopfe ergreife, versteht sich von selber.« »Der Jeremias ist aber wirklich ein Lump,« fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, indem er seinen Rock hernahm und ihn selber ausbürstete – »nicht der geringste Verlaß mehr auf den Menschen und wenn ich ihm nicht wirklich so viel Dank schuldig wäre, ich jagte ihn heutigen Tages zum Teufel!« Draußen an seiner Thür klopfte es an. »Wer ist da?« »Ich bin's,« sagte die Dorothea – »ich bringe das zerrissene Zeug wieder – der Schneider ist die Nacht nicht nach Haus gekommen – er ist auf einem Ball über Land – soll ich's zu einem andern tragen?« »Aber das versteht sich doch von selbst!« rief Herr von Pulteleben ärgerlich – »so gescheidt hätten Sie doch gleich sein können.« »Na, dann mag's auch unten liegen bleiben, bis der Jeremias kommt,« brummte die Alte leise vor sich hin, indem sie die Treppe wieder hinunterstieg – »ich hätte Zeit, den ganzen Morgen in der Stadt herum zu laufen!« »Schöne Wirthschaft das bei den Handwerkern,« dachte indessen Herr von Pulteleben, indem er seinen Rock anzog und dann in die noch ungewichsten Stiefeln fuhr – »muß ihnen doch hier verwünscht gut gehen, daß sie so übermüthig werden – die Nacht auf einem Ball über Land – es wird wahrhaftig alle Tage besser!«   Es war Abend geworden – die Sonne neigte sich schon den westlichen Gebirgen zu und in seinem Zimmer, in Bohlos' Hotel, ging Könnern bereits Stunden lang mit untergeschlagenen Armen auf und ab, jedesmal an's Fenster springend, wenn der Huf eines Pferdes auf der harten Straße hörbar wurde. – Und Günther kam noch immer nicht, trotzdem daß er seit zehn Uhr Morgens fort war, und oft schon hatte der junge Mann selber in den Hof gewollt, um sein eigenes Pferd zu satteln und ihm entgegen zu reiten, jedoch immer wieder seine Ungeduld bezähmt. Jetzt litt es ihn nicht länger mehr; er griff seinen Hut auf und wollte eben fort, als die Thür aufging und der längst Ersehnte eintrat. »Endlich, endlich!« rief Könnern ihm entgegen – »wo sind Sie nur so lange geblieben? – und ich habe nicht einmal Ihr Pferd gehört.« »Ich bin zu Fuß gekommen.« »Zu Fuß? Und ist Alles geordnet?« »Das war ein böser Nachmittag, Freund,« seufzte Günther, seinen Hut auf den Tisch werfend – »und wär' es nicht Ihnen zu Liebe gewesen, ich hätte mich dem im Leben nicht unterzogen. Aber welchem Fremden hätten wir es anvertrauen können, ohne den Klatsch augenblicklich durch die ganze Colonie getragen zu haben. Nun – jetzt ist es Gott sei Dank überstanden, und Sellbachs – oder Meiers, wenn Sie wollen – sind abgereist.« »Sie sind –« »Fort!« sagte Günther ruhig – »und – es war das Beste, was sie thun konnten. Wir bekamen heute außerdem die Gewißheit, daß sich die unglückliche Frau noch in der nämlichen Nacht in den Strom gestürzt und ihrem Leben dadurch auf gewaltsame Weise ein Ende gemacht hat; die Leiche wird natürlich nie gefunden werden, denn die zahlreichen Alligatoren darin machen das hoffnungslos.« »Und Elise?« sagte Könnern leise und scheu. »Nahm die Nachricht viel ruhiger auf, als ich erwartet hatte,« fuhr Günther fort – »Sie haben Recht, Könnern, das Mädchen ist ein Engel und jeder ihrer Gedanken nur eine Sorge um den Vater. Mit einer fast unheimlichen Gewalt bezwang sie dabei ihren Schmerz, und obgleich ich ihr erklärte, daß ich selber nicht den geringsten Auftrag und für mich selber keineswegs die Absicht habe, gegen ihren Vater des Geschehenen wegen vorzugehen – daß er selber, wenn er wolle, ein Abkommen mit seinen Gläubigern in Deutschland treffen möge, ja daß ich ihm, wenn er dies wünsche, mit Freuden die Hand zu einer Vermittelung bieten würde, wies sie Alles ruhig, aber fest zurück. Sie behauptete dabei, daß sie im bestimmten Auftrage ihres Vaters handle, der seine Schuld allerdings nicht mehr ungeschehen machen könne, wie er aber die That bereue, so auch Alles thun wolle, was jetzt noch in seinen Kräften stehe, den erlittenen Verlust zu ersetzen. Er könne freilich nichts weiter thun, als Alles hergeben, was er habe, und sie bäte mich daher, nicht allein Haus und Grundstück mit Allem, was es enthielt, sondern auch noch eine sehr bedeutende Summe von Werthpapieren zu übernehmen, welche sie mir einhändigte. Das Einzige, was sie bat mitnehmen zu dürfen, sei das Notwendigste für sich und den Vater an Wäsche. »Ich versuchte Alles, sie zu überreden, sich nicht von allen Mitteln zu entblößen – ich stellte ihr vor, daß, wenn ich als Stellvertreter der Gläubiger hier handeln solle, um ihr Vermögen zu übernehmen, ich auch das Recht haben müsse, zurückzuweisen, was ich für überflüssig halte – umsonst! Sie sei jung und kräftig, erwiderte sie mir und könne und wolle arbeiten und kein Milreis, auf dem ein Fluch hafte, solle in ihrem Besitze bleiben, um ein neues Leben damit zu beginnen. Das Einzige, was ich sie endlich anzunehmen vermochte – und das auch nur nach Stunden langer Überredung und ihres Vaters wegen, der einen langen Marsch nicht ausgehalten hätte – war mein eigenes Pferd – und vor zwei Stunden etwa, der alte Mann im Sattel mit dem kleinen Bündel Gepäck hinter sich, die Jungfrau zu Fuß an seiner Seite – so zogen die Unglücklichen in den Wald hinein.« Könnern, der bleich wie ein Todter, die Augen von Thränen gefüllt, dem einfachen Bericht gelauscht, sank jetzt auf einen Stuhl, barg sein Gesicht in den Händen und saß lange stumm und regungslos. – »Und darf ich sie ziehen, darf ich sie ihrem Schicksale so überlassen?« stöhnte er endlich – »es kann – es kann nicht sein!« »Wie ich das Mädchen heute habe kennen lernen,« sagte Günther ernst, »so würden Sie ihr durch ein Nachfolgen nur noch einmal die Schmerzen des Abschiedes bereiten – weiter nichts – und das arme Kind hat Leid und Schmerzen genug gehabt. Seien Sie nicht grausam; Anderes würden Sie nicht damit bezwecken.« »Und ohne Mittel – ohne das Nöthigste, sich am Leben zu erhalten, auf fremde Menschen – auf ihrer eigenen zarten Hände Arbeit angewiesen – Hände, die nie gewohnt waren, eine schwere Arbeit zu verrichten, mit einem Körper, der solchen ungewohnten Anstrengungen erliegen muß, selbst wenn ihr Geist das Furchtbare erträgt – Günther, Günther, der Gedanke allein kann mich zur Verzweiflung treiben! Und wenn sie nun krank, nun selber hülfsbedürftig wird, wer soll ihr beistehen, wo der alte Mann ja schon Hülfe und Pflege für sich gebraucht?« »Das Einzige, was wir thun können,« sagte Günther, »ist, unter der Hand nachzuforschen. Ein so auffälliges Paar kann in unseren Colonien nicht spurlos verschwinden; man wird immer in der Nähe Nachricht von ihnen bekommen können, und sollte dann Hülfe nöthig sein, so läßt sie sich vielleicht indirect und ohne daß Elise etwas davon weiß, vermitteln. Nahen dürfen Sie ihr aber jetzt nicht, wenn Sie nicht Alles verderben wollen, das ist meine feste Ueberzeugung. – Aber gönnen Sie mir eine Stunde Zeit; ich muß diese Papiere ordnen und gleich nach Hause berichten, denn übermorgen früh bin ich gezwungen, meine Arbeiten wieder zu beginnen und zu beenden. Morgen werde ich deshalb die Auction der Sellbach'schen Sachen halten und dafür ist es nöthig, gleich noch ein Paar Anzeigen für die Gasthäuser und öffentlichen Plätze zu schreiben. Jeremias, dem ich eben begegnet bin, wird dann die weitere Verbreitung noch heut Abend übernehmen. In einem solchen Neste, wie dies, ist ein derartiges Ereigniß gleich allgemein, und wir haben das unglückselige Geschäft dann abgemacht, ehe das Publikum nur Zeit gehabt hat, sich seine Vermuthungen mitzutheilen – es muß Alles Schlag auf Schlag folgen. Die Einkassirung der in der Auction gelösten Gelder werde ich dann hier dem Kaufmann Rohrland übertragen. Apropos,« setzte er hinzu, als er eine Anzahl Papiere aus seiner Tasche nahm und ein paar ziemlich umfangreiche Karten auf den Tisch warf – »da hat mir der Jeremias auch ein paar Einladungen auf morgen Abend zu der Frau Gräfin mitgebracht. Sie giebt, glaub' ich, eine Art Soirée , oder etwas Derartiges. Es ist auch eine für Sie dabei.« »Für mich? Ich kenne die Frau Gräfin gar nicht,« sagte Könnern gleichgültig. »Ich auch nicht,« sagte Günther; »die Einladung ist wahrscheinlich eine Art von Erkenntlichkeit für den Dienst, den wir ihrer Tochter vorgestern Abend geleistet haben. Wie doch oft kleine, unbedeutende Ursachen so furchtbare Wirkungen haben – dachten wir damals daran, daß das durchgehende Pferd in zweimal vierundzwanzig Stunden ein Menschenleben kosten und eine Familie von Haus und Hof treiben könnte?« »Kann ich Ihnen bei Ihren Papieren helfen?« »Nein; aber wenn Sie mir einen Gefallen thun wollten, so könnten Sie sich einmal nach einem neugefundenen Freund und neuen Kameraden, dem jungen Grafen Rottack, umsehen. Er ist wahrscheinlich hier im Hause und ich habe mit ihm zu reden. Für ihn ist übrigens auch eine Einladung gekommen; da sie aber seinen Namen nicht wußten, steht er mit auf meiner Karte.«   Die Sonne ging unter und die Straße von Zuhbel's Chagra herein kam unser alter Bekannter Köhler und hielt an des Schneiders Justus Haus. Es war finster in der Arbeitsstube Kernbeutel's; aber der junge Mann ritt dicht an das Fenster und klopfte mit der Hand an eine der Scheiben. Niemand antwortete und er klopfte stärker. Endlich ging in der Stube eine Thür auf und die Frau kam herein. »Na,« sagte sie, »was giebt's? Wer klopft da?« »Ist der Justus zu Hause?« »Der Lüdrian!« keifte die Frau; »wer weiß, wo der die Nacht trunken gelegen hat und jetzt seinen Rausch ausschläft. Oh, Du mein Herrgott, wie oft habe ich die Stunde schon verschworen, wo ich das nichtsnutzige Mannsbild zum ersten Mal mit Augen gesehen habe – aber ich mag die Wirtschaft auch nicht länger mit ansehen und gehe aus dem Hause!« »Was, der ist noch nicht von seinem Ball zurück?« rief Köhler ärgerlich. »Da ist mein Rock auch noch nicht fertig, und er hat sich verschworen, daß ich ihn heute Morgen haben sollte!« »Wer hätt' ihn sollen fertig machen – ich?« knurrte die Frau – »weiter fehlte auch nichts mehr; die Schinderei hab' ich so schon allein, soll ich auch noch die Arbeit für den Lumpen thun?« »Ist er denn bei Zuhbels oben?« »Ja was weiß ich, wo er sich umhertreibt!« sagte die Frau und schlug ärgerlich die Thür wieder hinter sich zu. »Schöne Wirthschaft das,« brummte Köhler vor sich hin, als er sein Pferd wieder zurück auf die Straße und heimwärts lenkte; »aber soll mich Dieser und Jener holen, wenn ich bei dem liederlichen Halunken auch je wieder ein Stück arbeiten lasse!« –   In dem kleinen Käfterchen, das Bux in Buttlich's Hause mit seiner Familie bezogen, saß die Familie Bux beim Abendbrot. Die Frau hatte das jüngste Kind, das wieder recht unruhig war, an der Brust und saß auf einer kleinen Kiste neben der Holzlade, die als Tisch dienen mußte, während an dem andern Ende Bux selber rittlings Platz genommen. Rechts und links von ihm kauerten die beiden älteren Kinder, und ein Stück gekochtes Rindfleisch mit schwarzen Bohnen, wie außerdem eine Flasche Schnaps, der Bux schon ziemlich lebhaft zugesprochen, standen in der Mitte. »So freßt Euch heute einmal satt!« lud Bux die Familie ein; »wer weiß, wann's wieder Fleisch in den Topf giebt. Und Du, bring' einmal den Balg zum Schweigen, oder ich werf ihn, Gott straf' mich, vor die Thür hinaus – und Dich mit!« Bux hatte nicht seinen beau jour ; er sah wüst und wild um die Augen aus, deren eines roth unterlaufen war wie nach einer Schlägerei. Auch ein paar Schrammen trug er in dem ungewaschenen Gesicht und um die linke Hand einen schmutzigen Lappen gebunden. Der häufig genossene Branntwein war ihm dazu schon etwas in den Kopf gestiegen und immer wieder aufs Neue hob er die Flasche an die Lippen. »Ach Du lieber Gott!« stöhnte die Frau, indem sie von ihrem langersehnten Mahl aufstand und das Kind in der Stube herumtrug – denn es wollte die Brust nicht mehr nehmen, die ihm ja doch keine Nahrung bot – »ich wollte. Du würfst uns Beide nur hinaus und gleich in's Wasser, da wärst Du uns mit einem Mal los, und uns – wär's auch wohl da unten!« »Halt's Maul und mach' mir den Kopf nicht wild,« schrie der Mann – »heute wollen wir lustig sein und ich will die Heulerei nicht haben! Hast Du mich verstanden?« Die Frau schwieg und suchte das Kind zu beschwichtigen, das jetzt, so lange es auf und ab getragen und geschüttelt wurde, auch ruhiger war und der Mann fuhr, seine Gabel vor sich hin auf die Lade werfend, mit zusammengebissenen Zähnen fort: »Gott verdamm' mich, nicht einmal das bischen Fr– kann man in Ruhe verzehren, mit so einer himmelhundischen Last am Bein! Macht mir den Kopf nicht warm, das sag' ich Euch, denn ich bin heute gerade guter Laune und will mir den Abend nicht verderben lassen!« – Und dabei sprach er wieder fest der Flasche zu. Dann aber schnitt er das Fleisch in kleine Stücke und schob es den Kindern hin, die scheu und stumm darüber herfielen, denn der Vater saß ihnen zu nahe, als daß sie hätten wagen dürfen, ein Wort einzuwerfen. Auch die Frau kam endlich wieder herzu, denn das Kind war ihr im Arm eingeschlafen und sie legte es leise auf die im Winkel zusammengeschobenen Lumpen, die ihm zum Bettchen dienten. »Da, trink einmal,« sagte der Mann endlich und schob ihr, als die Mahlzeit schon fast beendet war, die Flasche hin. »Ich kann nicht,« lehnte die Frau ab – »der Schnaps ist wir zu scharf – er brennt mir den Hals entzwei und – möchte auch dem Kinde schaden.« »Kinde schaden,« brummte der Mann unwirsch – »so laß es bleiben – soll Dir sie auch wohl noch eingießen, die Gottesgabe« – und er hob die Flasche an den Mund und leerte den noch darin befindlichen Rest auf Einen Zug. Die Frau sah ihm ängstlich zu, sagte aber kein Wort; sie wußte recht gut, daß sie ihn in diesem halbtrunkenen Zustande nicht reizen durfte, und Bux schien wirklich heut Abend guter Laune, denn er schob die Flasche zurück, nahm seinen Pfeifenstummel aus der Tasche, stopfte sich denselben, und legte sich dann, den blauen Dampf in das Dunkel hineinqualmend, in die Ecke auf sein Lager. »Ist der Junge beim Justus drüben gewesen und hat ihn eingeladen, uns zu besuchen?« fragte er endlich; »hätt's beinahe ganz vergessen und von dem Lumpengesindel sagt Einem auch Keins Antwort, wenn man einmal 'was bestellt.« »Ich war drüben, Vater,« sagte der Knabe, »aber der Mann war noch nicht nach Haus gekommen; wenn er käme, wollt's ihm die Frau bestellen.« »So? – hm – hahaha,« lachte Bux vor sich hin – »lüderlicher Strick, wo der sich wieder einmal herumtreibt! – Sonst war Niemand da, der nach mir gefragt hätte, wie ich da vorhin lag und schlief?« »Niemand als der Fleischer, der sein Geld haben wollte,« sagte die Frau. »Soll zum Teufel gehen!« brummte der Mann und qualmte immer stärker. Dann war Alles ruhig. Die Frau räumte die Lade ab und stellte das Geschirr in einen Winkel, um morgen mit Tagesanbruch wieder aufzustehen und es aufzuwaschen. Sie hätte den Mann gern gefragt, ob er heute Morgen, als er aus war, irgend eine Beschäftigung oder Aussicht auf Erwerb gefunden, denn vorgestern schon war das letzte Stück Geld ausgegeben gewesen, und jetzt schien er doch wieder etwas bekommen zu haben; aber sie wagte es nicht. Das Kind schlief gerade, und wenn er böse wurde und auffuhr, konnte er es wieder wecken und sie dann die halbe Nacht mit ihm im Zimmer herumlaufen, wie gestern und vorgestern. Der Mann war auch ruhig. Das starke Getränk übte seine betäubende Wirkung. Er hatte die Pfeife ausgeraucht und hielt sie noch leer in der Hand, während er schon schwerfällig mit dem Kopfe zu nicken anfing. Ein paar Mal fuhr er wieder in die Höh' und sah sich scheu um, dann sank sein Kopf zurück auf das Kissen; er begann zu schnarchen und die Frau winkte den Kindern, vorsichtig zu Bett zu gehen, löschte das Licht aus und legte sich dann selber neben dem Kleinsten nieder, um dieser Nacht vielleicht ein paar Stunden Schlaf abzuringen. 23. Die Abendgesellschaft. In der Wohnung der Frau Gräfin sollte heut Abend große Gesellschaft sein und die Zimmer waren deshalb alle festlich mit Blumen geschmückt, die Cigarrentische ängstlich bei Seite geschafft und einige Dutzend Stearinlichter in den verschiedenen Räumen angezündet, ja, selbst Helenens Instrument in das Empfangszimmer gebracht worden. Auf acht Uhr lautete die Einladung und es fehlten noch etwa fünf Minuten daran, als die Frau Gräfin, in einem schweren Seidenkleid, das ihr Herr von Pulteleben extra aus Rio verschrieben und das sehr viel Geld gekostet hatte, in den Empfangssaal rauschte, um dort vor dem Spiegel ihre Toilette noch einmal zu mustern. Helene saß am Fenster, hatte den Kopf in die Hand gestützt und schaute nach dem letzten Streifen fahlen Lichtes, der noch den westlichen Horizont begrenzte und die Contouren des malerisch eingeschnittenen Gebirgszuges scharf und deutlich in der klaren Luft abzeichnete. »Wenn nur der Jeremias heut Alles richtig besorgt hat,« sagte die Mutter endlich und suchte vergebens in dem Spiegel eine Frontansicht von ihrem Rückgrat zu bekommen – »ich traue ihm nicht recht; er ist ein ganz entsetzlicher Mensch mit seinen Verkehrtheiten.« »Ein Irrthum war dieses Mal in den Einladungen nicht möglich,« sagte Helene, »denn er hatte ja alle Namen deutlich aufgeschrieben.« »Aufrichtig gesagt,« fuhr die Mutter fort, »ist es mir nicht recht angenehm, daß wir bei der heutigen Gelegenheit gerade wildfremde Menschen haben, von denen ein paar sogar mit dem früheren Director eng liirt waren. Der Baron wird wieder schön über die » bürgerliche Versammlung« die Nase rümpfen.« »Es sollte mir leid thun,« sagte Helene gleichgültig, »wenn der alte Adel des Barons sich dadurch unangenehm berührt fände; wenn er aber unter seines Gleichen leben wollte, hätte er nicht nach Brasilien auswandern, wenigstens hier keine deutsche Colonie zum Aufenthalte wählen sollen. Der eine der Herren ist übrigens, um Dich und den Herrn Baron zu beruhigen, von Adel und zwar ein früherer Artillerieofficier, ein Herr von Schwartzau.« »Und wie heißt Dein kühner Pferdebändiger?« »In der Colonie wird er kurzweg Herr Randolph genannt; ich weiß aber nicht einmal, ob das sein Vor- oder Zuname ist – wen interessirt das auch, wenn wir nur einen Namen haben, mit dem wir ihn anreden können.« »Und Du nimmst weiter kein Interesse an ihm?« fragte die Frau und sah ihre Tochter forschend dabei an. »Zu welchem Zweck kommen wir heut Abend hier zusammen?« fragte Helene kalt und stolz. »Es ist gut,« sagte die Mutter und sah nach der Uhr, die sie am Gürtel trug – »ah, schon acht Uhr, und da hör' ich auch Jemanden auf der Treppe.« Die Thür des Zimmers wurde in diesem Augenblick rasch geöffnet; Oskar trat herein und warf, wie gewöhnlich, seine Mütze in die Ecke. »Er ist's richtig,« lachte er dabei, zu Helenen an's Fenster gehend; »hab' ich Dir's nicht gleich gesagt?« »Wer ist's? Was habt Ihr nur wieder?« fragte die Mutter. »Du könntest Dich doch wenigstens heut Abend ein bischen zusammennehmen, Oskar, und Dein wildes, ungestümes Wesen lassen. Ist das nun eine Manier, die Mütze aufs Sopha zu werfen, wo wir jeden Augenblick unsere Gesellschaft erwarten! Wer ist wer?« »Jener Mensch,« rief Oskar, »den wir neulich Morgens überholten, als uns die Pferde durchgegangen waren, und der Deinem Schimmel, glaub' ich, in die Zügel gesprungen, ist richtig unser heimlicher Violinspieler von früher her, hinter dem ich, wer weiß wie oft, mit einem Eimer Wasser hergekrochen bin und ihn nie habe erwischen können – aber abgewöhnt hab' ich's ihm wenigstens, daß er das Gekratze hat sein lassen.« Helene antwortete nichts darauf und wandte sich wieder dem Fenster zu und Oskar, mit einer Quantität anderer Neuigkeiten im Kopfe, fuhr, ohne auf die Schwester weiter zu achten, fort: »Und mit des Meier Frau ist es auch richtig – die ist in den Fluß gesprungen, weil sie der alte Einsiedler da drüben so furchtbar geprügelt hat, daß sie's zuletzt nicht mehr aushalten konnte.« »Gemeines Volk!« sagte die Frau Gräfin wegwerfend; »aber ich glaubte, Du wolltest zu der Auction hinausreiten?« »Da bin ich auch gewesen; die langweilige Geschichte hat eben so lange gedauert, da war gar kein Fertigwerden mit all' den tausend und tausend Kleinigkeiten.« »Und hat Herr von Pulteleben viel gekauft?« »Verwünscht wenig,« sagte Oskar; »ein Herr Könnern – Du mußt ihn schon in Santa Clara gesehen haben und er wohnte ja bei Sarno im Hause – schien ordentlich versessen auf Alles, was sich noch irgend brauchbar erwies, und es war gar nicht möglich, gegen ihn anzubieten.« »Herr von Pulteleben ist zurück?« »Hörst Du ihn nicht oben herumpoltern? Er kann wieder seine Stiefel nicht ankriegen.« »Du bist ein schrecklicher Mensch, Oskar!« sagte die Mutter und sah nach ihrer Uhr – »aber wo unsere Gäste bleiben ist mir unbegreiflich.« »Die Meisten sind erst jetzt von der Auction zurück,« sagte Oskar; »der Director war auch oben und wollte gern einige der guten Möbel haben, aber Gott bewahre, Herr Könnern brauchte sie selber der muß schmählich reich sein.« »Herr Könnern ist ja wohl auch mit eingeladen?« fragte die Frau Gräfin ihre Tochter. »Ja,« sagte Helene; »er hat sich aber entschuldigen lassen.« »So – entschuldigen? Wir sind dem Herrn wahrscheinlich nicht vornehm genug. Was sich, um Gottes willen, solche Menschen nur einbilden!« »Da unten hör' ich Jemanden,« rief Oskar – »Jeremias unterhält sich – der Bursche ist heute göttlich – hast Du ihn schon in seiner Galatracht gesehen?« Die Frau Gräfin hatte aber keine Zeit mehr zu antworten, denn in diesem Augenblick wurde die Thür weit aufgerissen und Jeremis, der wirklich heute im Glanz seines gewöhnlichen Ballornats erschien, meldete: »Seine Ehrwürden der Herr Pastor Beckstein mit Ihro Ehrwürden der Frau Gemahlin.« Oskar drehte sich auf dem Absatz herum und drückte sein Taschentuch in den Mund, und seine Mutter konnte ihm nur noch einen wüthenden Blick zuschleudern, denn im nächsten Moment mußte sie schon mit lächelndem Gesicht den Herrn Pastor begrüßen, der in schwarzem Frack, weißer Weste, gesticktem Vorhemdchen und eben solchem weißen Halstuch, weiter aber, etwas unpassend, mit Nanking-Beinkleidern in der Thür erschien und seine Frau hinter sich herschleppte. Die Frau war eine hagere, ausgetrocknete Gestalt mit etwas spitzer Nase und eben solchen Backenknochen, kleinen, grauen Augen und dünnen Lippen – außerdem allbekannt in Santa Clara als Schrecken der Dienstboten und – wenn das Gerücht nicht log – auch ihres eigenen Mannes. Jetzt aber erschien das ganze Gesicht nur Licht und Sonnenschein, so freute sie sich, die Frau Gräfin wohl und munter zu sehen, so glücklich war sie über das vortreffliche Aussehen der gnädigen Comtesse – von Oskar nahm sie keine Notiz, denn sie hatte noch zwischen ihrem Manne und der Thür durch sein Lachen gesehen und strafte ihn jetzt mit stiller, aber furchtbarer Verachtung. Pastor Beckstein selber, eine grobe, vierschrötige Gestalt, schien sich noch nicht recht wohl in seiner Umgebung zu fühlen, und so behaglich er drüben in der Schenke hinter einer Flasche Bier oder einer Partie Solo saß, so beengt fühlte er sich von jeder anständigen Umgebung. Pastor Beckstein war auch in der That nicht in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen, sondern daheim ein gar ärmliches Dorfschulmeisterlein gewesen. Aus einem oder dem andern Grunde mußte er aber seinen Dienst quittiren, war dann eine Zeit lang Unterschaffner an einer Eisenbahn und wanderte zuletzt nach Brasilien aus. Hier, da er eben keine andere Stellung bekommen konnte, wurde er Geistlicher und kanzelte jetzt seine Zuhörer jeden Sonntag Morgen ab. Er hatte wenigstens, wie der Amerikaner sagt, the gift of the gab und mit einer Unzahl citirter Bibelstellen, die natürlich Niemand nachschlug, gelang es ihm, sich ziemlich geschickt in seiner Stellung zu behaupten – konnten die Colonisten doch auch keinen andern und besseren auftreiben. Uebrigens war er, und besonders außerhalb der Kirche, tolerant genug, viel toleranter wenigstens, als die Frau Pastorin, die eine strenge Controle über sämmtliche Kirchgänger in der Colonie hielt. Aber auch sie schien das Umgehen der Kirche weniger für eine Sünde gegen Gott selber, als für eine persönliche Beleidigung ihres Mannes zu halten, und vergab es deshalb nie. – Sie ging natürlich in ein ziemlich abgetragenes schwarzes Seidenkleid wie eingeschnürt und ohne Crinoline, mit einer großen weißen Haube auf, die weiter nichts Merkwürdiges als zwei furchtbar große, reich gestickte, leider auch schon einmal ausgebesserte Zipfellappen und eine sehr große, orangenfarbige Rose trug. Glücklicher Weise blieben diese Beiden nicht lange die einzigen Gäste, denn die Unterhaltung wäre unter so verschiedenen Elementen sehr bald in's Stocken gerathen. Bald danach meldete Jeremias: »Herr Balthasar Rohrland nebst Frau Gemahlin, Madame Rohrland.« Madame Rohrland war ganz das Gegentheil der Frau Pastorin: ein kleines, rundes, munteres Frauchen, sehr einfach, aber gar nicht geschmacklos gekleidet, mit weiter keinem Schmuck, als ihrem Trauring und einer einzelnen Achatschnur um den Hals. Rohrland selber war ein schlichter, praktischer Mann mit gesundem Mutterwitz, und er wie seine Frau bewegten sich vollkommen ungenirt in der bis jetzt noch immer etwas steifen Umgebung. Mit dem Schlage halb Neun erschien Baron Jeorgy, und zwar grundsätzlich stets genau eine halbe Stunde später, als die an ihn ergangene Einladung lautete. Er war natürlich à quatre épingles gekleidet; seine Toilette ließ nichts zu wünschen übrig, und er hätte eben so gut damit bei dem Lever irgend eines europäischen Fürsten erscheinen können. Pastor Beckstein schrak auch wirklich ordentlich in sich zusammen, als er zufällig einmal einen Blick auf seine Nankings warf. Die Frau Pastorin haßte den Baron aber seit diesem Augenblicke noch viel mehr, als sie ihn je gehaßt hatte – es versteht sich von selber, nur seines Stolzes und Hochmuths wegen, der ihn sogar nicht ein einziges Mal in ihre Kirche ließ. Jetzt erschien auch endlich – als Hausgenosse jedoch eben so gewissenhaft und laut von Jeremias angemeldet – Herr non Pulteleben, gleichfalls sehr elegant gekleidet, sogar mit einem noch neueren Frackschnitt als der Baron, was diesen wieder ärgerte. Herr von Pulteleben ging übrigens vor allen Dingen auf die Damen zu, diese zu begrüßen, machte dem Baron dann die gehörige Verbeugung und grüßte den Herrn Pastor mit seiner Gattin, die anfingen, sich in eine Ecke zu drücken und dort festzusetzen, in etwas summarischer Weise – was wieder einen Stachel in der Brust der Frau Pastorin zurückließ. Die Frau Pastorin sammelte überhaupt heut Abend Stacheln – wären es thatsächliche gewesen, ihr Herz hätte beim Nachhausegehen wie ein blutiges Nadelkissen aussehen müssen. Dann näherte sich Herr von Pulteleben der Frau Gräfin, um ihr nur vorläufigen, übrigens nicht befriedigenden Bericht über die Auction abzustatten. Die Frau Gräfin hatte nämlich gehofft, daß er eine ganze Menge sehr hübscher, wenn auch vielleicht sehr unnöthiger Dinge mitbringen würde, und sah sich darin eben nicht angenehm getäuscht. Jetzt meldete Jeremias wieder einen neuen Gast, den Herrn Direktor von Reitschen, dem er aber vorher noch einmal, aus Ungeschicklichkeit oder Malice, die Thür vor der Nase zumachte und dann tausendmal um Entschuldigung bat. Günther und Felix waren die Letzten, die erschienen, und Felix in der That noch bis zum letzten Augenblick unschlüssig gewesen, ob er gehen oder bleiben solle. Ja, noch vor der Thür hatte er des Freundes Arm gefaßt und gesagt: »Laß mich lieber unten, Günther – es ist wahrhaftig besser, und die Frau da oben mag ihre Rolle weiter spielen nach Herzenslust. Wir sind ja Alle miteinander Komödianten auf dieser wunderlichen Weltbühne, und die Gesellschaft betrügt entweder selber oder verlangt dringend, betrogen zu werden – warum ihr also den Spaß verderben?« »Ich würde Dir trotzdem zureden, mit hinauf zu kommen,« sagte Günther, »wenn ich nicht heute zufällig gehört hätte, daß diese Abendgesellschaft wirklich zu einer Art Verlobungsfeier benutzt werden soll, und ich kann mir denken, daß Dir das nicht angenehm wäre. Hast Du also nicht ganz besondere Lust mit hinauf zu gehen, so kehre ruhig nach Haus zurück; ich will Dich dann schon oben entschuldigen. Es findet sich später wohl einmal eine andere und bessere Gelegenheit, die Frau Gräfin wenigstens wissen zu lassen, daß man ihre wahre Abkunft kennt.« »Glaubst Du, daß mich die Verlobung stören würde?« lachte der junge Graf bitter – »wahrhaftig nicht! Im Gegentheil gönne ich der nachgemachten Comtesse von Herzen diesen Herrn von Pulteleben, und ihm eben so gern die Kammerfrau als Schwiegermutter – ich würde mich sogar hüten, die Verbindung zu stören, und wenn mir das auch nur ein Wort kostete. Aber in einer Art hast Du Recht – wenn auch in einem andern Sinne, wie Du es gemeint – Helene selber könnte nämlich glauben, ich sei der Verlobung ausgewichen, und deshalb – gehen wir hinauf. Ich freue mich jetzt selber darauf, einmal einer ächt aristokratischen Gesellschaft in einer brasilianischen Colonie beizuwohnen.« »Du willst mitgehen?« »Gewiß,« lachte Felix, des Freundes Arm wieder ergreifend und ihn mit fortziehend; »es muß überhaupt schon fast dreiviertel sein, und wir werden jedenfalls mit Schmerzen erwartet. Wie sich die Frau Gräfin freuen wird, meine Bekanntschaft zu erneuern! Aber ich bitte Dich, Günther, nie selber über meine Entdeckung zu reden. Das Geheimniß ist mein eigen.« »Gewiß – aber glaubst Du, daß sie Dich wiedererkennt?« »Ich glaube kaum – zu viel Jahre sind verflossen, seit wir uns nicht gesehen, und ich selber – bin alt dabei geworden; vielleicht kann ich jedoch ihrem Gedächtniß nachhelfen.« »Da sind wir.« »Allerdings; es weht ordentlich ein feierlicher Duft durch diese erleuchteten Hallen – wenn nur das Ganze nicht so nach dem Tischler röche – und Jeremias in Gala – Ich fürchte fast, Günther, daß wir nicht in standesgemäßer Toilette erscheinen.« »Immer 'rein, meine Hörrschaften,« rief ihnen Jeremias unten im Hausflur entgegen – »immer 'rein, hür ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes sehen und erleben werden – immer hereun! Erwachsene Herrschasten zahlen gar nichts und Säuglinge unter zwölf Jahren die Hälfte!« »So recht, Jeremias,« lachte Günther – »ist die Gesellschaft versammelt?« »Alle da, meine Hörrschaften,« erwiderte Jeremias mit größtem Ernste – »fehlten nur noch, wie der Dichter sagt, zwei lumpige Personen« – und damit stieg er die Treppe vor ihnen hinauf, riß die Thür auf und meldete: »Herr Baron Günther von Schwartzau mit – Donnerwetter, ich weiß ja Ihren Namen nicht!« Oskar lachte gerad' hinaus, und auch der Director konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; nur die Frau Gräfin schoß einen zürnenden Blick auf den tactlosen Diener, und Baron Jeorgy schien ebenfalls bis in die Fingerspitzen hinein empört über diese Mißhandlung jedes Anstandes, jeder Sitte. Günther übrigens, ohne sich im Geringsten außer Fassung bringen zu lassen, nahm Felix bei der Hand, ging mit ihm auf die Gräfin zu und sagte mit einer leichten Verbeugung: »Gnädige Frau, Sie waren so gütig, mich und Freund Randolph auf heut Abend einzuladen und ich erlaube mir deshalb, uns Beide hier vorzustellen.« Die Frau Gräfin machte eine stumme Verbeugung gegen Herrn von Schwartzau, die nur an der äußersten Kante den neben ihm stehenden Freund einschloß; Helene aber, die hinter ihrer Mutter gestanden, trat jetzt vor und von Schwartzau die Hand reichend, sagte sie herzlich: »Sie haben mir besonders eine große Freude gemacht, daß Sie der Einladung gefolgt sind, denn draußen im Walde wurde mir gar keine Zeit geboten, Ihnen so herzlich für die Hülfe zu danken, die Sie mir geboten, wie ich es wohl gemocht.« »Comtesse,« sagte Günther, wirklich fast überrascht von der ausdrucksvollen, edlen Schönheit des Mädchens – »so sehr wir den Fall Ihretwegen bedauert haben, so glücklich hat uns der kleine Dienst gemacht, den wir Ihnen leisten durften. Uebrigens muß ich die Haupthandlung vollkommen von mir abwenden, denn Freund Randolph hier war der eigentliche Held des Morgens, indem er sich Ihrem Pferd entgegenwarf.« Helene hatte sich mit ihrem Dank gegen beide Männer gewandt gehabt, aber während sie sprach doch immer nur Günther angesehen und höchstens einmal ihren Blick wie scheu zu seinem Begleiter, aber nie bis zu dessen Antlitz erhoben. Jetzt konnte sie es nicht länger vermeiden und auch ihm die Hand reichend und tief dabei erröthend, sagte sie, aber nicht mehr so zuversichtlich wie vorher: »Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich war an jenem Morgen so mit meinem wildgewordenen Thier beschäftigt, daß ich wirklich kaum mehr hörte oder sah, was um mich her vorging – viel weniger denn hätte Personen unterscheiden können. Nehmen auch Sie meinen herzlichsten Dank.« »Bitte, mein gnädiges Fräulein,« sagte Felix ruhig, indem er die dargebotene Hand nahm, leicht an seine Lippen hob und dann wieder los ließ – »machen Sie keine Umstände. Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich dem Pferd nur aus einer Art von alter Gewohnheit entgegensprang. Ich kann nämlich keine durchgehenden Pferde leiden und fahre ihnen immer in den Weg, wo ich sie eben treffe.« »Sie wollen also damit sagen.« lächelte der Direktor, »daß Sie dem Pferde mehr des Pferdes als der Reiterin wegen in den Zügel fielen.« »Genau dasselbe,« sagte Felix, sich hoch aufrichtend und den Director ansehend – »mit wem habe ich das Vergnügen?« »Herr Director von Reitschen,« sagte Günther, ihn vorstellend, und die beiden Männer verbeugten sich vornehm gegen einander. »Der Herr Randolph hat etwas sehr Anständiges in seinem Benehmen,« flüsterte der Baron Jeorgy leise der Frau Gräfin zu, neben der er stand. »Finden Sie?« sagte die Gräfin und musterte den Fremden mit einem gleichgültigen Blick; sie hatte ihr Auge auch schon wieder von ihm abgewandt, als es noch einmal dahin zurückkehrte und ihn aufmerksam betrachtete. Wo hatte sie denn das Gesicht schon einmal in ihrem Leben gesehen? Helene erröthete noch tiefer, als der junge Mann ihren Dank auf so fast leichtfertige Art zurückwies; sein ganzes Benehmen dabei war aber dabei so achtungsvoll und gewandt, daß sie ihm auch wieder nicht böse sein konnte. Jeremias störte die Unterhaltung auf sehr directe Weise, indem er ein großes Theebrett mit einer Anzahl Tassen und Rahmgießer, Zuckerdose und Rumflasche mitten zwischen die Gruppen hineinschob und auf das Verbindlichste fragte: »Irgend etwas gefällig? Bitte, langen Sie zu. Herr von Schwartzau – hurrjeh, jetzt hätten Sie gleich die Rumflasche mit dem Ellbogen heruntergefegt!« Bald war der Thee allgemein und ebenso das Gespräch, denn der Thee verschwemmt eigentlich jede Gesellschaft, und eine ernsthafte oder geistreiche Unterhaltung ist bei häufigem Genuß von Thee wohl kaum möglich. Er schläfert viel mehr ein. als daß er aufweckt, und daher sehr häufig die entsetzlichen Folgen, wenn bei Vorlesungen auch noch Thee herumgereicht wird. Sehr natürlicher Weise drehte sich aber das Gespräch anfänglich fast ausschließlich um die Tagesbegebenheit – die Auction des Meier'schen Gutes und Eigenthums, den Selbstmord der Frau und den raschen, geheimnißvollen Abzug von Vater und Tochter, der mehr einer Flucht als einer wirklichen Abreise glich. Günther dankte auch Gott im Stillen, daß Könnern die Einladung ausgeschlagen, denn jedes Wort hier wäre ein Messerstich für ihn gewesen. »Apropos, Herr von Schwartzau,« wandte sich plötzlich der Direktor an diesen – »will sich denn Ihr Freund Könnern bleibend bei uns niederlassen? Wie ich erst verstand, war er blos auf einer Durch- oder Kunstreise hier. Nach den bedeutenden Einkäufen aber, die er heute besonders an Möbeln und anderen, schwer zu transportirenden Gegenständen gemacht, sieht es doch viel eher aus, als ob er sich hier eine Wirtschaft und einen eigenen Herd gründen wolle.« »Ich muß sehr bedauern, Ihnen darüber keine genaue Auskunft geben zu können, Herr Baron,« sagte Günther, »denn ich selber habe hier das Erste von diesen Einkäufen gehört. Möglich, daß er dazu den Auftrag von Herrn Meier selber bekommen, denn so viel ich weiß, gedenkt jener Herr hierher zurückzukehren. Er hat wahrscheinlich nur das Ueberflüssige verkaufen lassen.« »In der That? Und waren Sie näher mit der Familie befreundet?« »Ganz und gar nicht – ich habe das Haus kurz vor ihrer Abreise zum ersten Mal betreten.« »Sonderbar,« sagte der Direktor; »es scheint eigentlich Niemand im ganzen Ort zu sein, der sie kennt.« »Ich weiß Niemanden. Sie haben wenig oder gar keinen Umgang mit Fremden gehabt.« »Und weshalb könnte die Frau den Tod gesucht haben?« »Das Geheimniß ruht wohl mit ihr im Grabe,« sagte Günther ausweichend, »denn ich glaube nicht, daß die Familie selber darüber Auskunft geben würde. Sie soll übrigens immer tiefsinnig gewesen sein, und es ist möglich, daß die vollkommen abgeschiedene Lebensweise nicht wenig dazu beigetragen hat, eine solche krankhafte Idee zum Ausbruch zu bringen.« Das Gespräch drehte sich endlich wieder anderen Gegenständen zu, und Jeremias reichte zum zweiten Mal den Thee zwischen die Frau Pastorin und Madame Rohrland hinein, die eben tief in wirthschaftliche Dinge verwickelt waren. »Ja,« entgegnete die Frau Pastorin auf eine Aeußerung der andern Dame bezüglich des Strickens, indem sie Jeremias die wieder gefüllte Tasse abnahm und sich Zucker und Milch nahm – »das ist gar nichts – denken Sie nur, was ich für Füße zu besorgen habe, die Strümpfe verlangen. Ich muß für meinen Mann und mich, für meine fünf Kinder und auch noch für den Schwager von meinem Mann, also für acht Personen, stricken.« »Alle Wetter!« sagte Jeremias erstaunt – »für zweiunddreißig Beine!« Die Frau Pastorin warf ihm einen wüthenden Blick zu, und Jeremias ging weiter, wo Herr von Pulteleben neben Helenen und dem Director stand. »Trotzdem, daß wir selber bei den Cigarren interessirt find,« lachte Helene, »halte ich es doch für eine entsetzliche und fatale Gewohnheit, die aber nicht abzuschaffen ist und deshalb ertragen werden muß.« »Und doch stände es in der Gewalt der Damen, das zu thun,« sagte der Director galant; »die jungen Damen sollten sich nur alle verschwören, keinen Mann zu küssen, der raucht.« »Das hälfe gar nichts,« meinte Jeremias trocken, indem er das Theebrett vorschob – »bitte, langen Sie zu, mir schläft der Arm schon ein – die jungen Damen sollten sich lieber verschwören, Jeden zu küssen, der nicht raucht – was nachher für ein Gereiße um den Herrn Director wäre!« Helene und Herr von Bulteleben lachten dieses Mal und der Direktor sah Jeremias über die Schulter verächtlich an, was aber an diesem völlig abprallte. Oskar, welchen die Gesellschaft langweilte, hatte sich an's Instrument gesetzt und spielte einen Walzer, aber so falsch und außer allem Tact, daß ihn selbst seine Mutter bat, aufzuhören. »Bitte, Comtesse,« fragte der Direktor, »wollten Sie nicht die Freundlichkeit haben und etwas zum Besten geben? Ich habe schon so viel von Ihrem Spiel gehört, aber noch nie die Freude gehabt, selber Ohrenzeuge zu sein.« Helene verneigte sich leicht, zog ihre Handschuhe aus und ging auf das Clavier zu. Jeremias blieb mit dem Theegeschirr vor Herrn von Pulteleben stehen. »Und sind Sie nicht musikalisch, würdiger Greis?« sagte der junge Mann, indem er zulangte und sich eine Tasse bereitete. »Ich leider nicht,« meinte Jeremias, indem er zusah, wie sich Jener ein Stück Zucker nach dem andern in die Tasse warf – »aber ich stamme aus einer ganz musikalischen Familie.« »So?« »Ja,« sagte Jeremias – »ich habe drei Schwestern, die sind alle musikalisch, die eine schlägt das Clavier, die andere spielt das Pianoforte und die dritte ist Wittwe – nehmen Sie nicht noch ein Stückchen Zucker?« »Ruhig da,« sagte Günther, als Helene gerade zu präludiren begann, und Jeremias drückte sich mit dem jetzt überall herumgereichten Brett zur Thür hinaus. Helene, die einen vortrefflichen Lehrer gehabt, spielte wirklich wunderschön, und das Beste dabei – mit tiefem Gefühl – und wie seelenvoll trug sie jetzt das Adagio von Mozart vor, wie kräftig und frisch sprang sie zu dem Allegro über, durch das immer und immer wieder die süßen und wehmüthigen Klänge zuckten. Felix lehnte mit ineinander geschlagenen Armen an dem Fenster nächst dem Clavier. Er hatte kalt und gleichgültig bleiben wollen, aber die Töne sprachen zu mächtig zu ihm. Es war die nämliche Melodie, mit der ihm Helene, als er den letzten Abend unter ihrem Fenster gespielt, geantwortet hatte, und jetzt – er deckte seine Augen mit der Hand und Alles, was ihn umgab, schwamm in einem wilden, wirren Chaos zusammen, aus dem nur die Töne wie Sphärenmusik zu ihm herüber drangen. Jetzt schwiegen sie – »Bravo, Bravo, vortrefflich – wirklich meisterhaft!« tönte es von allen Seiten – nur Felix wandte sich ab und schaute stumm und still in die dunkle Nacht hinaus, deren frischer Luftzug seine Schläfe kühlte – die leeren Beifallsphrasen thaten ihm weh. Ein anderer Spieler hatte den Platz am Pianoforte eingenommen – die junge Frau Rohrland, die eine sehr hübsche Polka ganz allerliebst und mit großer Fertigkeit abspielte, und Felix hörte es gar nicht, als eine leise Stimme an seiner Seite sagte: »Sind Sie nicht auch musikalisch?« Der junge Mann schrak empor, als ob er einen Stich in's Herz bekommen hätte, und als er sich wandte, stand neben ihm Helene, das schöne Antlitz fragend zu ihm ausgehoben, Während der Glanz der Lichter ihr goldblondes Haar wie mit einem Heiligenscheine zu umziehen schien. »Sind Sie nicht auch musikalisch?« wiederholte Helene die Frage, als sie sah, daß sie der Fremde fast verwirrt anstarrte, als ob er die Worte überhört hätte. »Ich? Nein,« stammelte Felix und biß die Zähne auf einander, daß er sich, gerade dem Mädchen gegenüber, so schwach und unbeholfen gezeigt – »nein Comtesse,« wiederholte er fest und fast rauh – »mir träumte einmal, daß ich spielen könnte – aber die Zeit liegt dahinten und – ich sehne sie auch nicht zurück.« »Und hören Sie gern Musik?« fragte Helene weich. »Nein,« erwiderte der junge Graf nach einigem Zögern, »Musik sollte ein Genuß, eine Erholung für uns sein, und mir – reißt sie nur immer wieder alte Erinnerungen und Bilder wach, die bester abgethan im Dunkeln schlafen. Ich hasse Musik!« »Oder fürchten sie,« sagte Helene ernst. »Fürchten? Es giebt wenig, was ich auf der Welt fürchte, Comtess« – und doch könnten Sie Recht haben – ich fürchte sie vielleicht.« »Und bietet uns nicht auch gerade die Musik so manchen süßen Trost in Schmerz und Leid?« »Sie reden, Comtesse,« sagte Felix, fast spöttisch lächelnd, »als ob Sie schon ein Leben voll bitterer Erfahrungen hinter sich und nicht – einen Blumengarten knospender Erwartungen vor sich hätten.« »Lieber Gott,« sagte das Mädchen unbefangen – »Jeder von uns trägt seine Last an Sorgen und Schmerz, die sich oft hinter der glattesten Stirn verstecken – wer will sagen, daß er die schwereren trüge. – Aber wir werden zu ernst,« brach sie freundlich ab – »wissen Sie, Herr Randolph, daß wir Beide eine merkwürdige Uebereinstimmung in unseren Träumen haben?« » Wir Beide?« »Ja, – auch mir träumte neulich einmal, daß Sie – spielen könnten, und doch hatte ich Sie selber kaum mehr als einmal und nur flüchtig auf der Straße gesehen. Finden Sie das nicht wunderbar?« »Allerdings – sehr wunderbar!« rief Felix und schaute überrascht zu ihr auf, Helene sah ihn aber so ruhig und unbefangen an, daß er den Kopf wieder abwandte und sagte: »Aber wer kann für seine Träume? Sie kommen eben und gehen und drücken dabei trotzdem ihre Fährten in unsere Erinnerung, daß wir in späteren Jahren die wirklichen von den geträumten kaum noch unterscheiden können. Lassen Sie uns Beide unsere Träume vergessen!« Dunkles Roth schoß in Helenens Züge und ihre Lippen öffneten sich wie zu einer Erwiderung, aber kein Wort verließ sie, und der laute Applaus der eben beendeten Polka, bei dem besonders Pastor Beckstein mit seinen breiten Händen wacker arbeitete, brachte die Gesellschaft wieder untereinander, die sich jetzt um Frau Rohrland drängte und ihren Dank für den Genuß aussprach. Helene wurde dadurch ebenfalls von Felix getrennt und Oskar's laute Ankündigung, daß der Tisch gedeckt sei und der Gäste harre, machte überhaupt jede weitere Unterhaltung unmöglich. Herr von Pulteleben hatte sich rasch zu Helenen durchgearbeitet, um ihr seinen Arm anzubieten, Baron Jeorgy bot den seinen der Frau Rohrland, da der Direktor schon die Frau Gräfin um die Ehre gebeten, und der Herr Rohrland führte, zur augenscheinlichen Erleichterung ihres Gatten, die Frau Pastorin zu Tische; die übrigen Gäste folgten mit Oskar der kleinen Eskorte in das Speisezimmer, wo sich dieser indessen den Spaß gemacht hatte, die von seiner Mutter vorher sorgfältig geprüfte und durch kleine Namenszettel bezeichnete Rangliste der Sitzenden gründlich durcheinander zu werfen und zu verwirren. Die Frau Pastorin kam dadurch oben an die Tafel, mit Herrn Randolph an der einen und dem Direktor an der andern Seite; neben diesen die Frau Gräfin, Pulteleben zwischen den Pastor und Herrn Rohrland, Oskar selber zwischen dessen Frau, mit der er sich gern unterhielt, und den Baron, der ihn nicht leiden konnte, Günther auf die andere Seite zwischen Frau Rohrland und Helenen, die wiederum rechts von Felix zu sitzen kam. Ehe die Verwirrung auch nur bemerkt wurde, hatten die Frau Pastorin und mehrere Andere, die ihre Zettel aufgelegt fanden, schon Platz genommen. Unter ihnen, das Gefühl gekränkter Eitelkeit in Fracturbuchstaben an der Stirn, der Baron, der dabei der Gräfin einen Bände sprechenden Blick zuwarf. Die Gräfin, in dem Gefühl vollständiger Sicherheit, Alles nach besten Kräften angeordnet zu haben, trat nur eben noch einmal in die Thür, um Jeremias noch ein paar Befehle hinaus zu rufen, und als sie sich wieder umdrehte, war das Unglück geschehen. »Aber, meine Herrschaften,« rief sie entsetzt – »wie – »wie haben Sie sich denn gesetzt?« »Wie unsere Zettel lagen, meine Gnädigste,« antwortete der Baron scharf – es war die einzige Rache, die er nicht unter seiner Würde hielt. »Aber das ist ja ganz falsch – eine Verwechselung!« »Ach, wie sitzen ja recht hübsch hier,« sagte die Frau Pastorin, die sich an der Seite des Herrn Directors wohl fühlte – »wir bleiben so, nicht wahr?« »Ja, wir bleiben so,« lachte auch die kleine muntere Frau Rohrland, der Oskar schon mit ein paar Worten seinen Streich erzählt hatte – »so ein Durcheinander ist ganz hübsch und gemüthlich.« Die Gräfin warf ihrem Sohn einen Dolchblick zu, dem sich aber Oskar wohl zu begegnen hütete, und von Pulteleben, der noch immer seinen Platz nicht eingenommen hatte und hinter seinem Stuhl in Erwartung einer Aenderung stehen geblieben war, setzte sich endlich auch seufzend und mit einem kläglichen Blick zwischen den Herrn Pastor und Herrn Rohrland hinein. Dann kam Jeremias mit der Suppe, und unter den also Zusammengewürfelten begann bald, mit dem Klappern der Teller und Löffel, eine lebhafte Unterhaltung. Herr von Pulteleben allein fand sich auf seinem Platz vollkommen an die Luft gesetzt. Wie hatte er sich das Alles ausgedacht, die Rede, welche er zu halten sich vorgenommen »mit der jungen Dame an meiner Seite« – rechts saß der Pastor, links der trockene Kaufmann Rohrland, und seine Schwiegermutter in spe konnte er nicht einmal ansehen, um den geeigneten Moment aufzufangen, er hätte denn um den dicken Beckstein herumgucken müssen. Helene, die ebenfalls augenblicklich ihren Bruder in Verdacht hatte, die Verwirrung bewirkt zu haben, fühlte sich am unbehaglichsten zwischen den beiden Fremden, noch dazu, da Felix mit der größten Unbefangenheit ein vollkommen gleichgültiges Gespräch mit ihr anknüpfte und sogar mit dem Wetter begann. Sie gab ihm auch nur kurze einsilbige Antworten – und doch war ihr das Herz dabei so weh – so sonderbar bedrückt – sie wußte sich selber nicht ordentlich Rechenschaft zu geben, weshalb – und ihr Nachbar an der andern Seite, Herr von Schwartzau, beschäftigte sich ausschließlich mit seiner Nachbarin zur Rechten. Am besten nahm die Frau Pastorin die Gelegenheit wahr, die sich ihr vielleicht nicht so bald wieder bot, ihren Nachbar, den Herrn Director, gründlich mit ihren Ansichten über Gemüsebau und Schweinezucht bekannt zu machen, die, wenn er sie befolgen wollte, die segensreichsten Folgen für die Colonie tragen mußten. Der Director versuchte, um dieser Plage zu entgehen, verschiedene Male, sich ausschließlich der Frau Gräfin zuzuwenden – aber umsonst. Die Frau Pastorin hielt, was sie einmal hatte – welches Zeugniß ihr auch ihr Mann zu Zeiten ausstellte – und er mußte sich endlich in sein Schicksal ergeben und ruhig und geduldig ausharren. Die Gräfin hatte indessen über den Tisch hinüber, so oft das nur unbemerkt geschehen konnte, die Züge des jungen Grafen gemustert, der sich unter dem bescheidenen Namen Randolph bei ihr eingeführt. Wo nur hatte sie das Gesicht schon gesehen – wo diese Züge, die ihr so merkwürdig bekannt waren und durch eine zufällige Ähnlichkeit mit einem jungen Brasilianer in Santa Catharina ihr Gedächtniß immer Wieder aus eine falsche Fährte brachten? – Felix konnte es eben so wenig entgehen, daß ihn die Dame oft und stark fixirte, wenn er auch dann nie nach ihr hinübersah – aber ein paar Mal zuckte es wie ein leichtes, fast spöttisches Lächeln um seine Lippen und beunruhigte sein vis-a-vis zuletzt so, daß sie sich fest vornahm, ihn gleich nach Tisch selber zu fragen, wo sie sich schon einmal im Leben getroffen hätten, ob in Rio oder wirklich auf Santa Catharina. Sie war dadurch so in ihre Gedanken vertieft geblieben, daß sie ganz überhörte, wie Herr von Pulteleben in einem geringen Grade von Verzweiflung schon ein paar Mal hinter seinem dicken Nachbar weggerufen hatte: »Beste Frau Gräfin, beste Frau Gräfin!« – und der Pastor, durch den Schall getäuscht, sich dann jedesmal nach der verkehrten Seite umsah. Jetzt endlich konnte er seine Ungeduld nicht länger bezähmen, stand auf, trat hinter den Stuhl der Gräfin und flüsterte: »Beste Frau Gräfin, glauben Sie nicht, daß es – daß es jetzt etwa Zeit sein dürfte, der Gesellschaft – der Gesellschaft den wichtigen Schritt mitzutheilen? – Wir sind schon beim Dessert.« »Sie haben Recht,« erwiderte die Gräfin, rasch aufstehend und einen flüchtigen Blick über die Gäste werfend – »es wird in der That Zeit; bitten Sie den Baron darum, er wollte den Toast übernehmen.« Herr von Pulteleben verneigte sich – es war ihm in der That nicht recht, jetzt erst noch einmal den Baron darum zu bitten, aber es ließ sich nichts mehr an der Sache thun. Er warf einen Blick nach Helenen hinüber, die das Flüstern bemerkt und dessen Bedeutung errathen haben mochte, denn sie erbleichte sichtbar. Herr von Pulteleben war aber in diesem Augenblick viel zu sehr mit sich selber beschäftigt, um das zu bemerken oder zu beachten. Er trat zum Baron und flüsterte diesem einige Worte leise zu. »Mein lieber junger Freund,« sagte der Baron achselzuckend, »hier unten von der Tafel? Wünschen Sie das wirklich?« »Ich bitte Sie dringend darum im Namen der Frau Gräfin« »Bitte, lieber Baron,« winkte ihm auch die Dame von ihrem Platze zu. »Hm,« sagte der Baron und wischte sich mit der Serviette den Mund – »hm – es ist – eigentlich gegen meine Grundsätze, aber – wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht, junger Freund« – und er stand dabei langsam von seinem Stuhl auf und legte seine Finger auf den Fuß des vor ihm stehenden, erst gefüllten Glases, während er mit der andern Hand leicht seinen Messerrücken dagegenschlug. »Meine Herrschaften!« »Wollen Sie Käse?« fragte Jeremias, der das Anschlagen des Glases gehört hatte und mit dem Käseteller auf den Baron zufuhr. »Meine Herrschaften!« wiederholte der Baron, indem er Jeremias mit seinem Teller verächtlich den Rücken zukehrte und alle Gäste ihn erwartungsvoll ansahen. »Es ist mir die sehr angenehme und ehrenvolle Pflicht geworden, die Namen zweier junger Leute neben einander zu nennen, die gesonnen sind, hinfüro eben so neben einander durch dieses Leben zu wandern. Ich weiß, daß Sie Alle von Herzen in meine Wünsche einstimmen werden, daß ihnen nämlich eben dieses Leben nur Rosen und keine Dornen, nur Sonne und keinen Schatten ...« »Hübsch in Brasilien,« sagte Jeremias halblaut. »Nur Freuden und keine Leiden bieten möge,« fuhr der Baron fort, »und ich bitte Sie deshalb, mit mir anzustoßen auf das Wohl von Comtesse Helene und Herrn Arno von Pulteleben – Sie leben hoch!« »Hoch! Hoch!« rief Alles von den Stühlen aufstehend und die Gläser erhebend und gegen einander stoßend. »Jetzt ist die Bombe geplatzt,« sagte Jeremias und sprang an einen Nebentisch, wo er sich ebenfalls ein Glas bis zum Rande mit Rheinwein füllte. Neben Helenen war Felix von Rottack aufgestanden und ihr sein Glas entgegenhaltend, sagte er artig, aber kalt: »Erlauben Sie, Comtesse , daß ich der Erste sei, der Ihnen seinen aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung mit Herrn von Pulteleben bringt – es ist ja auch das Einzige, was wir anderen armen Teufel bringen können, die außerdem nur noch den Glücklichen beneiden mögen, daß er die – schönste Blume Santa Claras pflücken darf.« Helene, als sie ihr Glas mit dem seinigen berührte, sah scheu zu ihm auf, denn sie fühlte das Bittere im Tone. Jeder Blutstropfen hatte dabei ihr Angesicht verlassen und ein so tiefer Schmerz lag in diesem Moment in ihren Zügen, daß Felix unwillkürlich davor erschrak und mit leiser, herzlicher Stimme hinzusetzte: »Seien Sie glücklich!« Herr von Pulteleben mußte um den ganzen Tisch herum, um zu seiner Braut zu gelangen Er halte erst auf des Barons Toast noch etwas erwidern wollen, aber es ging nicht; der Spectakel war zu groß geworden, und er drängte sich jetzt nur zwischen die Uebrigen hinein, um nicht ganz aus dem Wege gesetzt zu sein. »Das ist ja in der That eine große Ueberraschung,« sagte die Frau Pastorin, die das Geheimniß schon einige Tage früher als die betreffenden Personen selbst gewußt hatte – »ei, da gratulir' ich ja recht von Herzen und von ganzer Seele und mit ganzem Gemüth, und der Herr gebe seinen reichsten Segen dazu – und was man Ihnen sonst noch alles Gute wünschen kann!« Helene stieß mit Allen an – sie wußte gar nicht mit wem – sie bemerkte auch kaum, daß ihr Bräutigam sich ihr nahte und verlegen sein Glas mit dem ihrigen berührte; sie hörte nur, wie er flüsterte: »Meine liebe, liebe Helene – oh, daß ich Sie jetzt so nennen darf!« Der Herr Director Reitschen, der eben sein Glas erhoben hatte, fühlte sich leise am Ellbogen berührt und wandte sich danach. Er sah auch Jeremias mit dem gefüllten Pokal vor sich; ehe er es aber verhindern konnte, stieß der kleine Bursche, ihm freundlich und vertraulich zunickend, mit ihm an und leerte seinen Wein dann auf Einen Zug. Der Baron war ein entsetzlicher Zeuge dieser Zwischenscene gewesen. Die Gläser wurden wieder gefüllt, und vielleicht zum Beweis, wie unvorbereitet ihnen Allen diese Nachricht kam, las der Herr Pastor jetzt ein langes Gedicht ab, das er zur Feier dieser ›unerwarteten‹ Gelegenheit verfaßt hatte. Während sie übrigens standen, zog ihnen Jeremias, der seine besonderen Gründe haben mochte, den Nachtisch nicht zu lange auszudehnen, vorsichtig die Stühle weg, stellte sie in die Ecke und meldete zugleich, daß der Kaffee im andern Zimmer servirt sei. Die Uebrigen sahen es auch alle, nur Beckstein, mit seinem etwas unleserlich geschriebenen Gedicht beschäftigt, hatte nicht darauf geachtet, wollte sich nach Beendigung desselben wieder niedersetzen, und wäre mitten in die Stube geschlagen, wenn ihn der dicht hinter ihm stehende Rohrland nicht noch gefaßt und gehalten hätte. Der Kaffee wurde im andern Zimmer servirt, und dort hatte sich Felix wieder von den Uebrigen zurückgezogen. Günther, der es merkte, trat zu ihm und sagte freundlich: »Ziehe doch nicht ein so furchtbar grämliches Gesicht, Felix. Siehst ja, bei Gott, aus, als ob wir nicht zu einer Verlobung, sondern viel eher zu einem Begräbniß geladen wären!« »Es hat auch so etwas Aehnliches,« sagte der junge Mann düster; »aber wahrhaftig, Günther, ich wollte, ich wäre gar nicht hierher gekommen. Ich fühle, daß ich anfange, bitter und vielleicht ungerecht zu werden, und Andere entgelten lasse, was – möglicher Weise Andere gar nicht verschuldet haben.« »Du bist und bleibst ein Träumer,« sagte Günther; »aber warte nur, wenn ich Dich erst im Walde draußen habe, will ich Dich schon curiren. Morgen früh um acht Uhr geht's an die Arbeit.« »Ich wollte, ich wäre schon draußen. Glaubst Du nicht, daß wir uns jetzt empfehlen könnten?« »Nur noch einen Augenblick; ich muß etwas mit dem Direktor besprechen, was mir morgen einen Weg erspart, und habe ihm bis jetzt nicht beikommen können.« »So eile Dich, mir brennt der Boden unter den Füßen.« Günther mischte sich wieder in die Gesellschaft, um des Directors habhaft zu werden, der gerade mit dem Pastor in einer sehr eifrigen Debatte über die Einführung von Futterkräutern in die Colonie verhandelte. Die Frau Gräfin ging mit Herrn von Pulteleben Arm in Arm im Saale auf und ab, während Jeremias gerade mit dem Kaffee hereingetreten war, und der Baron stand nicht weit von Felix an der Seite mit seiner Tasse und beobachtete Helenen, die neben der jungen Frau Rohrland auf dem Sopha saß. Die Gräfin schwelgte in dem Gefühl, ihren Zweck erreicht zu haben – die nächste Zeit war ihr wieder gesichert, und auf weiter dachte sie ja überhaupt nie hinaus. »Ach, Jeremias,« rief Oskar, der sich bis jetzt damit beschäftigt hatte, einen defecten Stuhl als »Falle« irgendwo am Tische aufzustellen, mit der stillen Hoffnung, daß sich Jemand darauf setzen würde – »thun Sie mir den Gefallen Und holen Sie mir ein Glas Wasser – ich werde Sie königlich belohnen!« »So? Sie wollen mir wohl einen Orden geben?« sagte der kleine Bursche, ohne weitere Notiz von ihm zu nehmen – »da hinten steht die Caraffe mit Gläsern – bitte, langen Sie zu – oder wollen Sie lieber den Kaffee haben? Der ist dünn genug.« Die Frau Gräfin ging an Felix vorüber und warf ihm einen flüchtigen, sehr vornehmen Blick zu, vor welchem der junge Mann die Zähne fest zusammenbiß. Als sie sich wandte, verließ sie Herr von Pulteleben, um nach Helenen hinüber zu gehen. Wie die Dame wieder an Felix vorüberrauschte und mit dem Fächer dabei wedelte und Herrn Rohrland gnädig zuwinkte, der ihr das heruntergefallene Taschentuch aufgehoben, wandte sie sich plötzlich gegen den jungen Grafen, und in einer imposanten Stellung vor ihm haltend und ihn vom Kopf bis zu den Füßen musternd, sagte sie scharf: »Apropos, mein Herr, wie war doch gleich Ihr Name – ah, ja, Randolph – wo habe ich Sie eigentlich schon gesehen, denn Ihr Gesicht kommt mir merkwürdig bekannt vor. Waren Sie nicht einmal Commis auf Santa Catharina?« »Es wundert mich kaum, daß Sie mich nicht mehr kennen, Madame Baulen,« sagte Felix und sah sie fest an, »denn als Sie den Dienst meiner Mutter verließen, trug ich noch keinen Bart. Mein Name ist Felix Randolph, Graf von Rottack.« Er sprach das Erste mit nur halblauter Stimme, seinen Namen jedoch klar und deutlich, wie für die ganze Gesellschaft bestimmt. Hätte aber ein Erdbeben das Haus in seinen Grundfesten erzittern machen und Wände und Decken durcheinander geworfen, die Frau Gräfin Baulen würde nicht mehr und furchtbarer erbebt sein, wie sie jetzt, an allen Gliedern gelähmt, vor ihm stand und ihn mit stieren, entsetzten Blicken anstarrte. »Um Gottes willen, was ist Dir, Mama?« rief Helene, welche in diesem Augenblicke auf sie zuflog und sie mit ihren Armen stützte. »Nichts als ein leichtes Unwohlsein,« sagte Graf Rottack kalt, verbeugte sich flüchtig und schritt auf Günther zu, der eben mit dem Director gesprochen hatte. Er nahm auch ohne Weiteres dessen Arm und führte ihn vor die Thür hinaus. »Willst Du fort?« fragte dieser. »Ich sagte Dir vorhin, daß ich schon zu lange geblieben bin,« erwiderte Felix, und ihre Hüte von den Haken nehmend, schritten die beiden Freunde in die Nacht hinaus. Die Gräfin hatte sich indessen gewaltsam gesammelt, und ihr Auge scheu umherwerfend, traf ihr Blick den des Barons, Welcher ein sehr erstaunter Zeuge der ganzen Scene gewesen, aber leider etwas zu schwerhörig war, um Alles genau zu verstehen. Nur den letzten Namen hatte er vernommen. Er trat indessen rasch auf sie zu und fragte artig: »Ist Ihnen nicht wohl, meine Gnädige? Wenn die Comtesse vielleicht ein wenig englisches Salz in der Nähe hätte!« »Ich danke Ihnen, Baron,« wies aber die Gräfin die Hülfe zurück – »ich danke Dir, mein Kind – es ist schon vorüber. Meine albernen Nerven spielen mir manchmal einen solchen Streich.« Herr von Pulteleben, welcher von der ganzen Scene gar nichts gesehen und gehört hatte, da er sich gerade auf den von Oskar hingestellten Stuhl gesetzt hatte und beinahe damit umgefallen wäre, schlug jetzt einen Spaziergang im Garten vor. Es war eine wundervolle Nacht, und er hoffte jedenfalls auf eine Promenade Arm in Arm mit seiner Braut. Die meisten Gäste waren aber müde, da sie heute den ganzen Tag auf der Auction zugebracht, der Director schien ebenfalls erschöpft, da er noch außerdem dem Wein sehr tüchtig zugesprochen, und es dauerte nicht lange, so rüstete sich Alles zum Aufbruche. Eine kleine Verwirrung entstand jetzt, da durch irgend ein Versehen – Oskar war außer sich über Jeremias' Tölpelhaftigkeit – alle Tücher und Hüte an falsche Platze und in die größte Unordnung gerathen waren. Aber auch das regulirte sich endlich, und während Oskar noch ein wenig in den Garten ging, um dort unten in aller Bequemlichkeit und in der frischen Nachtluft seine Cigarre rauchen zu können, trat Herr von Pulteleben noch einmal in das Zimmer der Damen – hatte er doch jetzt ein Recht gewonnen, sich ihnen vertraulich zu nähern – und bat Helenen, daß sie ihm erlauben möchte, ihr noch einmal zu sagen, wie glücklich sie ihn heute gemacht habe. »Bleiben Sie noch hier, lieber Arno,« sagte auch die Gräfin, denn sie nannte ihn von heut an vertraulich bei seinem Vornamen – »ich habe selber noch mit Ihnen zu reden, und zu Bett zu gehen, ist es doch eigentlich noch zu früh.« »Aber was hattest Du nur vorhin mit dem jungen Fremden, Mama?« fragte Helene; »er verließ uns auch nachher so plötzlich.« »Er hatte sich schon vorher bei mir empfohlen,« sagte die Mutter, die ihre ganze Fassung schon lange wieder gewonnen und ihren weiteren Plan entworfen hatte – »Wir sind wirklich alte Bekannte von Deutschland her – er ist der Sohn einer Jugendfreundin von mir, der Gräfin Rottack.« »Ein Graf Rottack?« rief Herr von Pulteleben erstaunt, und Helene sah ihre Mutter überrascht und fragend an. »Ja – ist das etwas so Außerordentliches?« fuhr diese fort – »Randolph war nur sein Vorname, und er theilte mir eine erschütternde Nachricht mit – den Tod einer Verwandten von ihm, was mich etwas angegriffen hat. Uebrigens will er hier nicht gekannt sein, lieber Arno, und ich bitte Sie darum, sich nicht merken zu lassen, daß ich sein Geheimniß verrathen habe – aber Sie gehören ja doch jetzt natürlich mit zur Familie. Was ich Euch Beiden nur noch sagen wollte – ich habe mir die Sache heute hin und her überlegt, und – da Ihr doch jetzt mit einander verlobt seid, so thut es eigentlich kein Gut. die Sache so lange hinaus zu schieben, und ich wünsche deshalb, daß die Hochzeit recht bald – sobald als irgend möglich gefeiert werde.« »Beste Mutter, Sie machen mich so unendlich glücklich!« rief Herr von Pulteleben entzückt aus. »Aber, Mama, das ist ganz gegen unsere Abrede,« sagte Helene, und ein eigenes eisiges Gefühl erfaßte ihr Herz. »Liebes Kind« sagte die Mutter, »die Verhältnisse reißen uns zu Zeiten mit fort, ohne daß wir sie nach unseren Wünschen regeln oder beherrschen können, und eben diese Verhältnisse zwingen uns, von hier fort und nach Santa Catharina zu ziehen.« »Nach Santa Catharina?« rief Herr von Pulteleben erstaunt – »woraus schließen Sie das?« »Ich habe den Gedanken schon einige Zeit mit mir herumgetragen,« fuhr die Gräfin fort, »da besonders für unser Geschäft Santa Clara ein nichts weniger als passender Platz ist.« »Aber wird die Insel besser sein, Frau Gräfin?« »Entschieden – aber Du darfst nicht glauben, Helene, daß ich einen solchen Schritt leichtsinnig und auf das Gerathewohl thun würde, und ich habe mich vorher sorgfältig nach allen Verhältnissen der Insel erkundigt. Erstens bekommen wir dort die Arbeiter viel billiger, dann haben wir die Auswahl unter den besten Tabaksorten, die gerade von dort aus in Massen nach dem Süden verschickt werden und viel billiger sind als hier, und dann – die Hauptsache – finden wir selber einen viel besseren Markt für unser Produkt, da wir von dort aus in directer Verbindung mit dem Süden, ja selbst mit Montevideo und Buenos-Ayres stehen.« »Aber, Mama, wenn Du Dich darin nur nicht irrst, und auf bloße Vermuthung hin eine solche Reise ...« »Bloße Vermuthung – das Kind glaubt nichts, Pulteleben, was sie nicht sieht – Sie werden doch Ihre rechte Noth mit ihr bekommen. So laß Dir denn sagen, daß ich, um ganz sicher zu gehen, schon vor mehreren Wochen an die Präsidentin geschrieben und mit dem letzten Dampfer Nachricht bekommen habe, wie die Sachen dort stehen – und zwar sehr günstige Nachricht.« »Aber der Brief, welchen Du erhieltest, war ja von Deutschland, mit dem kleinen Wechsel darin.« »Das Kind bringt Einen noch zur Verzweiflung, Pulteleben,« lächelte die Mutter – »ich habe zwei bekommen, einen von Deutschland und einen von Santa Catharina, den mir der Director selber mitgebracht; wenn Du dem aber, was ich sage, nicht glauben willst, so sollst Du Dich wenigstens selber überzeugen – hole mir einmal den Brief herüber; er liegt auf meiner Toilette; der in dem gelben Couvert – es ist nur der eine da.« Helene erhob sich, um den Auftrag auszuführen, als sie die Gräfin wieder zurückrief. »Ach nein, bleib da,« sagte sie, »ich habe ihn weggeschlossen.« »Wenn Du mir den Schlüssel giebst, Mama, hol' ich ihn.« »Nein, ich gehe selber, Du reißt mir sonst meine Papiere durcheinander,« – und von dem Sopha aufstehend, ging sie in ihre Kammer, aus der sie gleich wieder mit dem gelb couvertirten Briefe zurückkam. »Da,« sagte sie, indem sie der Tochter den Brief in den Schooß warf, »nun lies selber, was die Präsidentin schreibt. Danach werden Sie sich ebenfalls überzeugen, lieber Arno, daß wir wirklich gar nicht besser thun können, als nach der Insel überzusiedeln. Die Kosten sind unbedeutend, und wir bringen in zwei Monaten reichlich die möglichen Mehrausgaben wieder ein. Ehe wir aber die Reise zusammen machen, werden Sie selber einsehen, daß es nöthig ist, die Trauung vorher zu halten – schon des Geredes der Leute wegen. Nun, lies nur laut, Helene, Arno soll ebenfalls wissen, was die Präsidentin über unsern Umzug denkt. Sie ist unendlich liebenswürdig, und bietet uns sogar an, in ihrem Hause zu wohnen, bis wir uns eine eigene Wohnung hergerichtet haben.« Helene hatte den Brief überflogen und sah jetzt darüber hinaus ihre Mutter groß und starr an. »Nun, was hast Du denn? So lies doch! Die Präsidentin schreibt doch eine ganz leserliche Hand. Aber ich vergaß – der Brief ist ja portugiesisch, und Sie verstehen ihn nicht, Arno – gieb ihn mir, ich werde ihn übersetzen.« »Der Brief hier« sagte Helene mit fast tonloser Stimme, ohne ihn aus der Hand zu geben, ohne ein Auge von ihrer Mutter zu verwenden, »ist nicht von Santa Catharina.« » Nicht von Santa Catharina?« rief die Gräfin, sich erschreckt halb vom Sopha erhebend – »dann – dann habe ich die Couverts verwechselt – gieb ihn mir – gieb ihn mir!« – und in einer Aufregung, die Herrn von Pulteleben staunen machte, streckte sie die Hand nach dem Briefe aus. »Laß ihn mir noch eine Weile, Mutter,« erwiderte aber Helene aufstehend – »er ist so interessant, daß ich ihn gern noch einmal lesen möchte – gute Nacht!« – und ehe sie die Mutter daran verhindern, oder der verblüffte Bräutigam ein Wort dagegen einwenden konnte, schritt sie durch die Stube in ihr dicht daran stoßendes Zimmer und riegelte die Thür hinter sich ab. »Aber ich begreife gar nicht,« sagte Herr von Pulteleben, ebenfalls aufstehend und seine Schwiegermutter in spe etwas verdutzt ansehend – »was hat nur Helene? Sie war ja auf einmal so furchtbar ernst geworden!« Die Gräfin wollte etwas darauf erwidern – wollte Herrn von Pulteleben eine ausweichende Antwort geben, aber sie vermochte es in diesem Augenblick nicht. »Ich bitte – lieber Arno – lassen Sie – lassen Sie mich jetzt allein,« sagte sie verstört – »ich habe mit dem Mädchen zu reden – Sie – Sie wissen, welche wunderlichen Launen sie hat.« »Ich möchte um Gottes willen nicht stören,« sagte der junge Mann, indem er seinen Hut ergriff – »es sollte mir unendlich leid thun, wenn ich vielleicht ...« »Es ist nichts – Helene ist – ein verzogenes Kind.« »Aber liebenswürdig verzogen,« lächelte Herr von Pulteleben in einem vollständig mißglückten Versuch, dem Gespräch eine freundlichere Richtung zu geben. Er fühlte selber, daß er in diesem Augenblick hier unten total überflüssig sei – wenn er auch noch lange nicht begriff weshalb, und in tiefen Gedanken stieg er die Treppe zu seinem eigenen Zimmer empor und legte sich zu Bett. Kaum hatte er das Zimmer verlassen und die Gräfin hörte ihn auf den knarrenden Stufen, als sie an Helenens Thür ging und dort – fast wie schüchtern – anklopfte. »Helene!« Keine Antwort von innen. Sie pochte stärker. »Helene! – Mach' auf – laß uns vernünftig mit einander reden.« Keine Antwort. Im Zimmer war Alles todtenstill, und doch konnte sie durch das Schlüsselloch erkennen, daß das Licht noch drinnen brannte. »Helene! Sprich wenigstens mit mir!« Kein Laut tönte von innen heraus, und seufzend wandte sich die Frau Gräfin endlich ab und suchte ihr eigenes Lager. 24. Auf Köhler's Chagra. Es war noch früh am Morgen des nächsten Tages, als in Bohlos' Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, sowie die nöthigen Packthiere gesattelt und vorgeführt wurden, denn Günther schien jetzt ernstlich gewillt, seine noch nöthigen Arbeiten aus allen Kräften vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjährige Thätigkeit in Brasilien abzuschließen. Baron Jeorgy. welcher dem Hotel schräg gegenüber wohnte, hatte diese Zurüstungen gesehen, sich angezogen – er machte überhaupt jeden Morgen zu einer genau bestimmten Stunde einen genau bestimmten Spaziergang – und war hinuntergegangen, zögerte aber heute, seine gewöhnliche Bahn einzuschlagen und hielt sich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er Jemanden erwarte. Indem er in der Straße auf und abging und hier und da vor einer Thüre stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern ein paar huldvolle Worte zu wechseln – er zeigte sich gern herablassend, wo er genau wußte, daß er seiner Stellung nichts vergab – kam er auch an Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei seiner Arbeit saß und den hereingeworfenen Gruß freundlich, aber nur kurz erwiderte. »Nun, Pilger, wie geht»?« sagte der Baron, indem er seine Hand auf die Fensterbank legte – »immer so fleißig?« »Muß wohl, Herr Baron,« sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit aufzusehen, »um das bischen Brot zu verdienen und – die Zeit todt zu schlagen. Was soll man anders thun?« »Hm,« sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom ›Zeit todtschlagen‹ nicht so ganz einverstanden schien – »ja, ist eigentlich ein einsames Leben in der Colonie.« »Das weiß Gott!« seufzte der Mann aus voller Brust vor sich hin und stach nur so viel eifriger in das Leder. »Apropos,« fuhr der Baron, der durch den Seufzer an die Familienverhältnisse des Schuhmachers erinnert wurde – »nichts wieder gehört von Eurem Proceß?« »Mit der Geistlichkeit?« »Ja.« »Nicht das Geringste und werde wohl auch nichts wieder darüber hören, als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so nichts damit zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes ließe sich nicht ankämpfen – der alte hätte mir vielleicht besser beigestanden. Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da – hab' ich denn natürlich Unrecht und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.« »Böse Geschichte«, sagte der Baron, welchem das Gespräch unangenehm wurde – »sehr böse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!« »Guten Morgen, Herr Baron,« sagte der Mann, an seine Mütze greifend, ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen. Die Straße herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold, der für den Baron arbeitete. »Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon?« sagte der Mann, indem er vor dem Baron stehen blieb und seine Mütze abzog. »Guten Morgen, Meister Berthold – ob ich was weiß?« »Der Justus ist fort – der Kernbeutel mein' ich, der andere Schneider – den verrückten Kerl haben Sie ja gekannt?« »Fort? Wohin? Durchgegangen?« »Niemand weiß es,« sagte der Mann. »Er ist neulich Abends von Haus fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber Niemand etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit – es sind nun schon ein paar Tage her – nicht wieder nach Haus gekommen. Die Frau jammert nun und wehklagt, daß er sie ohne einen Groschen Geld habe sitzen lassen und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt schuldig, der Lump!« »Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört – guten Morgen, Meister!« sagte der Baron, und brach das Gespräch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthür erschien eben der junge Fremde, der sich hier unter dem Namen Randolph eingeführt, und trat zu seinem Pferd, um dessen Gurt noch einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der Straße herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem jungen Mann gegenüber war, blieb er stehen, wandte sich gegen ihn und sagte lächelnd: »Ei, guten Morgen, mein junger Freund! Der gestrige Tag scheint Ihnen gut bekommen zu sein, daß Sie so früh schon wieder zur Reise gerüstet sind.« »Ah, guten Morgen, Herr Baron – auch schon auf?« »In meinem Alter muß man sich an ein regelmäßiges Leben gewöhnen, wenn man gesund bleiben will,« sagte achselzuckend der Baron. »Sie jungen Leute können freilich noch mit Ihrem Körper machen, was Sie wollen, ohne augenblicklich dafür gestraft zu werden. Aber wo soll denn die Reise hingehen, wenn man fragen darf?« »In den Wald,« sagte fröhlich der junge Graf – »in den Wald, mein lieber Herr, daß ich einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen brauche. – Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor der Civilisation.« »Dann wollen Sie wohl unter die Indianer gehen?« lächelte der Baron etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm zu barock, als daß er ihnen hätte folgen können. »Vielleicht,« lachte Felix – und ich glaube bei Gott, ich passe besser zu ihnen, als in diese erlogenen und künstlichen Verhältnisse, die wir im gewöhnlichen Leben die Gesellschaft nennen.« »Das sind ja wahrhaftig haarsträubende Ansichten,« sagte der Baron schmunzelnd, »aber – ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da draußen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen – und wenn Sie zurückkommen, müssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen spannen, um einen Vogel aus der Luft zu schießen – möchte ich noch eine Frage an Sie richten, lieber Graf .« » Graf ?« sagte Felix und drehte sich ihm rasch zu. »Bst, bst,« lächelte der Baron – »ich weiß recht gut, daß Sie ein Schelm sind – hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt – aber ganz unter uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen gebührenden Rechte hier auftreten wollen – doch – eine Frage müssen Sie mir beantworten, ehe Sie gehen,« – und er schob dabei seinen Arm in den des jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf, denn er wollte sicher sein, daß sie nicht gleich gestört würden.« »Und die ist? Ich bin doch begierig.« »Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,« wehrte der Baron im Voraus jeden falschen Verdacht ab. »daß ich aus bloßer ungerechtfertigter Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen und der liebenswürdigen Comtesse und nehme deshalb den innigsten Antheil au ihrem Wohlergehen.« »Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.« »Ich komme gleich zur Sache – Sie – machten gestern Abend der Frau Gräfin eine Entdeckung.« »Sie standen in der Nähe?« sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an. »Hm – nicht unmittelbar – zufällig – die Frau Gräfin schien sehr bestürzt darüber – auffallend bestürzt – ich habe sie in der That so noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und charakterfeste Dame.« »Es schien so,« erwiderte der junge Mann, der fest entschlossen war, dem Baron nicht auf halbem Wege entgegen zu kommen. »Hm ja,« fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wußte nicht, wie er auf die geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte – »ich – ich muß Ihnen nur gestehen, lieber Graf – aber ich gebe Ihnen nochmals mein Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen Hintergedanken – daß ich schon seit einiger Zeit – ich weiß eigentlich selber nicht recht, weshalb – den Verdacht gefaßt hatte, daß ...« »Daß?« »Daß die Frau Gräfin – daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich sagen – verstehen Sie mich vielleicht?« »Noch hab' ich keine Ahnung,« lächelte Felix, den die Verlegenheit des Barons amüsirte. »Es ist eine kitzliche Sache, darüber zu reden – ich gebe es zu,« fuhr der Baron also gedrängt fort, indem er langsam seine Hände in einander rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte – »und unter anderen Verhältnissen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal gerechtfertigt erscheinen.« »Stehen Sie in einem Verhältnisse, Herr Baron?« »Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht!« rief dieser rasch und ordentlich erschreckt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist kein persönliches Interesse, sondern nur das, was ich an der Ausrechterhaltung des Standes im Allgemeinen nehme. Jetzt haben Sie mich doch verstanden?« »Nicht um ein Jota mehr, als früher,« erwiderte der junge Graf mit einem boshaften Lächeln. »Gut,« sagte der Baron entschlossen, »dann zwingen Sie mich, deutlich zu reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also ganz aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen, denn wir Beide sind es unserem Stande schuldig.« »Sie spannen mich wirklich auf die Folter.« Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm stehe«, sah ihm fest in's Auge und sagte: »Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?« »Aber, lieber Baron,« bat jetzt seinerseits der junge Mann, »ich bin heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick herunter kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie thun mir einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten bei Seite lassen und mir gerade heraus sagen, um welchen wichtigen Gegenstand Sie mich fragen wollten.« Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix. »Und ist Ihnen der Gegenstand noch nicht wichtig genug?« brachte er endlich mühsam heraus. »Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten?« lachte der junge Mann jetzt gerade heraus. »Alles,« sagte der Baron, völlig vernichtet. »Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine bestimmte Antwort darüber geben zu können, und ich muß Sie – wieder auf Ihren kleinen Finger verweisen. – Da kommt auch schon Schwartzau mit Könnern – wir müssen fort – also auf Wiedersehen, lieber Baron!« und mit den Worten ließ er den über solche Gefühllosigkeit völlig empörten Mann mitten auf dem Wege stehen, schwang sich in den Sattel und sprengte gleich darauf mit Günther, und Von den Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die Straße hinauf. – Könnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten zu sehen. Ihn selber drängte es, allein zu sein, wenigstens nur mit fremden, gleichgültigen Menschen zu verkehren, mit denen er über alltägliche Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer – und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund bemitleidet zu werden. Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorführen lassen, stieg auf und ritt langsam und im Schritt dieselbe Straße hinab, die er mit Günther gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals so leichten Herzens – so glücklich gewesen – er wollte die Stunden noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch nichts weiter geblieben auf der Welt, als an gehofftes Glück zurück zu denken. So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des Gebirgszuges, der in einzelnen Ausläufern seine Hänge in's niedere Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht ausgebesserte und geborstene Brücke umging, und hielt erst wieder, als er den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht über die ganze Colonie Santa Clara und die benachbarten Hügelgruppen gewann. Und mit wie anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich zuerst dem fremden Platze genähert; wie suchte der umherschweifende Blick so rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er Alles gefunden, Was das Menschenherz zu fassen vermag, Glück und Liebe – und Alles wiederum verloren hatte – Glück und Liebe. Da drüben lag der sonst so freundliche Platz stumm und öde – da unten in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bäume zeigte, ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da drüben zwischen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das arme süße Kind umher, das seinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen sollte und jetzt – wenn auch mit zitternder Hand – den Wanderer wieder allein und freundlos hinausgestoßen hatte in dieses Leben. Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd nicht einer andern Gegend zu, – nur um sich hier in nutzlosem Gram und Kummer zu verzehren? Er wußte recht gut, wie wenig Hoffnung ihm geblieben war, sie je wieder zu sehen, aber er hatte auch den Muth nicht, sich jetzt schon freiwillig aus ihrer Nähe zu verbannen. So lange er sich noch in dem Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr stilles häusliches Wirken gesehen, ihre liebe Stimme gehört, in ihre treuen Augen geschaut hatte, so lange war es ihm, als ob er noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie wiederkehren müsse, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und mit leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen. Fort, fort mit den Gedanken! – Das bittere Gefühl der Verlassenheit stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd herumwerfend, als ob er auch seiner Erinnerung entfliehen könne, wenn er den theuren Platz selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg entlang und sah sich plötzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer Köhler gegenüber, in dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war und dem er sogar versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte er nicht Alles vergessen und vergessen müssen in der Zeit! Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten zu haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich entgegenrief: »Na, das ist recht, daß Sie Wort halten, wenn es auch ein bischen lange gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal wieder zu sehen, denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen Und wie ist's gegangen in der Colonie?« fuhr er fort, als er zum Pferd trat und Könnern herzlich die Hand schüttelte. »Gut, nicht wahr? Und der Graue sieht auch prächtig aus. Dem ist da unten nichts abgegangen, wie es scheint. – Aber so steigen Sie doch nur ab; Sie wollen doch wahrhaftig nicht im Sattel sitzen bleiben?« Eine Weigerung hätte nichts geholfen, das sah Könnern recht gut ein. Die Einladung war auch so treuherzig geboten – er hätte dem guten Menschen schon nicht weh' thun mögen, selbst wenn es ihm auch nicht recht gewesen wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern und seinen eigenen Trübsinn zu vergessen. Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau empfangen! »Das ist gescheidt,« sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die Hand entgegenreichte – »das ist grundgescheidt von Euch, daß Ihr Euch auch wieder einmal bei uns sehen laßt und da unten bei den Grafen und Baronen nicht gar zu stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,« setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an – »gar schlecht seht Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und munter wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't. Seid Ihr krank gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund genug!« »Krank wohl nicht,« antwortete Könnern ausweichend – »vielleicht der Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?« »Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,« sagte die Frau, mit einem glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend – sie hatte im Nu alles Andere darüber vergessen. »Da liegt er und thut, als ob's gar keine Arbeit auf der Welt gäbe und die Mutter nur zu ihm springen müsse, sobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen aufthut. – Aber setzt Euch,« fuhr sie rasch fort und sah sich dabei im Zimmer um – »Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es sieht auch heute Morgen noch so wild bei uns aus – freilich. Besuch hatten wir so früh noch nicht erwartet und es giebt gar so viel im Hause zu thun und noch dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die Einen geradezu von Allem abhält, was man thun möchte.« »Aber Ihr möchtet sie doch nicht missen?« »Den Jungen da?« rief die Frau ordentlich erschreckt aus – »da sei Gott vor, daß ich den Buben je wieder missen müßte – ich glaube, ich – aber ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für Reden führt!« »Na, da setzt Euch her und frühstückt ein bischen,« sagte der Mann, »und ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.« »Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,« sagte Könnern, »denn Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.« »Desto besser,« rief der junge Bauer, den das augenscheinlich zu freuen schien, »dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen – wir haben tüchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher frühstücken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man sich erst ein bischen Bewegung gemacht hat.« »Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,« sagte die junge Frau, »und ich kann allein bleiben – ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem erst der Schreihals gefüllt ist. – So macht nur, daß Ihr wiederkommt. Grüß' Gott, Fremder!« Könnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah, wie dieser dort sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund jagte und folgte ihm dann in das Feld. »Ihr seid so still heute,« sagte der Mann – »fehlt Euch wirklich etwas?« »Nein,« erwiderte Könnern mit einem wehmüthigen Lächeln – »das Einzige ausgenommen, was Ihr habt und mir kein Arzt der Welt geben kann – eine glückliche Häuslichkeit.« »Ei,« lachte der junge Bauer, »dazu hab' ich auch keinen Arzt gebraucht; die macht man sich eben selber.« »Wie man's trifft,« seufzte Könnern – »Ihr aber habt das große Loos gezogen mit der Frau.« »Sollt's denken.« schmunzelte der junge Bauer vergnügt vor sich hin, »'s ist ein Prachtweibel und immer bei der Hand, immer guter Laune – ich kann eigentlich gar nicht sagen, wie glücklich ich mit ihr bin. Und der Junge – ist das nicht ein Prachtkerl – habt Ihr schon einmal einen solchen Jungen gesehen? – Aber die Alte darf ich's nicht merken lassen, daß ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich bis auf's Blut – und das kann sie – das versteht sie aus dem Grunde.« Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglück, bis sie schon weit draußen im Feld waren, und Könnern schritt schweigend an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus in den dunkeln Wald zog – freudlos und allein – sah sie mit wunden Füßen und krank in einer Hütte liegen – sah den Vater über sie gebeugt, der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur vermehrte, und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten Hand gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander sprengte. Draußen im Feld nahmen seines Führers Gedanken aber eine andere Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm trefflich auf dem guten Land belohnte. »Da, sehe« Sie her,« sagte er, als sie eine dichte Hecke von wildverwachsenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor passirt waren – »da habe ich einen Versuch gemacht und Sorgho Eine Art Zuckerrohr. zu Viehfutter gesteckt – und wie ist das aufgegangen und wie giebt's aus! Das ist ein famoses Gewächs, das jeder brasilianische Bauer ziehen sollte – und wie leicht ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir ihn in den Boden, drei Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten Mal. Aber er giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: »Nu erst recht!« treibt er noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fünf Wochen schon wieder geschnitten werden können und dann kommt er in einem ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert, daß er seinen Sorgho schon in einem Jahr fünfmal geschnitten hätte.« »Und verlangt er guten Boden?« fragte Könnern, dem es wohl that, daß der Mann nicht mehr von seiner Familie erzählte. »Nicht besonders – leichter Boden thut's und selbst Hitze und Trockenheit hat dem Zeug nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle herbekommt! – Und sehen Sie 'mal, was daneben für ein Wälschkorn gestanden hat – was für Stengel – ja, das muß wahr sein, der Boden hier ist eine wahre Pracht und ich habe ihn merkwürdiger Weise da oben viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch und das Unkraut heraus zu halten ist schwere Müh' und ordentlich, als ob's hinter Einem wieder herauswüchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.« »Zuhbel drüben klagte, daß sich das Land nicht zum Bau von Futterkräutern eignete.« »Zuhbel,« lachte der junge Mann, »der klagt über Manches und lobt nichts als seinen eigenen Wein – gerade aus Widerspruch, weil's eben kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen, was wir wollen, es geräth Alles – wenn's nur ordentlich behandelt wird, natürlich. – Nur mit dem Weizen hat's uns Allen nicht so recht glücken wollen. Im Anfang, ja, da ging's gut und wir glaubten schon, wir hätten gewonnen, aber nachher ging's auf einmal aus und was man auch thun mag, es will nicht mehr vorwärts damit. Aber was schadet's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen wir, Kartoffeln, besonders süße, nach Herzenslust, Maniok, Erdnüsse und recht guten Reis, – da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen aushalten, mit dem sie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten, als wir hier.« »Und wie steht's mit dem Tabak?« »Gut – von der Art wenigstens wie er hier wächst. Ich hab' ganz hübschen Tabak gebaut und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber – ob wir hier nicht recht mit den Blättern umzugehen wissen, oder an was es sonst vielleicht liegt – der ganze Tabak taugt eigentlich nicht viel und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen Ländern herüber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser als die von Bahia.« »Und wie hübsch und sauber die Chagra eingerichtet ist,« sagte Könnern, der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten Umzäunungen gleiten ließ – »man sieht doch gleich, wo eine deutsche Hand gearbeitet hat.« »Nun,« lächelte Köhler, »ich bin zwar ein Brasilianer, das heißt im Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin und wie wir's daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn wir selber selbstständig werden.« »Euer Vater hat Vermögen mit nach Brasilien gebracht?« »Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,« lautete die Antwort. »Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom Hundsrück in Deutschland und arm genug, herüber, nur mit einer Frau und zwei Kindern – meiner Mutter und den beiden ältesten Brüdern. Die Regierung gab ihm ein Stück Land, was sie hier eine »Colonie« nennen, und auch noch Subsidiengelder, daß er sich die erste Zeit über Wasser halten konnte. Ackergeräthe bekamen sie ebenfalls von der Regierung und nun ging's her über die Bäume und Land wurde klar gemacht, daß es eine Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen Teufel, die daheim nicht das Brod zum Brechen, aber Sorgen und Kummer genug gehabt, wie mir mein Vater oft erzählt, bauten sich zuerst eine nothdürftige Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre Felder, sahen ihre Heerden sich vermehren – und ihre Kinder auch und fanden plötzlich, daß sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten Chagra hätten. Mein Alter – und viele andere Alte machten es ebenso – schickte aber nicht etwa seine ältesten Söhne hinaus, um sich einen neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere Colonie für sich selber, auf der er wieder frisch anfing zu wirthschaften, weil er sich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben so gut verständen, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch einmal von vorn anzufangen und wie ich flügge wurde, ließ er mich hinaus, um mein eigen Nest zu bauen. – So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet und wenn Ihr hier in der Gegend und in vielen anderen Gegenden Süd-Brasiliens herumfragt, werdet Ihr überall Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt und deren Eltern doch daheim nicht genug hatten, daß sie sich in der Woche ein halb Pfund Fleisch gönnen konnten.« Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzählen, wie Der oder Jener vor fünf, sechs oder acht Jahren herüber gekommen sei und nichts mitgebracht habe als sein Elend und eine verkümmerte Familie und wie gut es ihnen ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und zeigte dem Fremden die neue Anlage von Pfirsichbäumen, die das nächste Jahr schon wahrscheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für seine Frau gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte – und dann, nachdem er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar machten, führte er ihn zu dem Hause selber zurück, um ihm auch noch den Gemüsegarten und die Ställe zu zeigen – Ställe nämlich nur für die Mastschweine, die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief lustig draußen im Freien auf einem großen eingezäunten Platz umher. Der Garten selber stieß an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbäume, an denen der frühere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz erstaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz »des Barons Laube«. Der Gemüsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem Hause und nur die Fenster der Küche und Schlafkammer führten darauf hinaus. Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüsegartens erreicht, als ein eigentümlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf aus dem Hause drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen Blumenkohl, den er hier gezogen – er schwieg plötzlich und horchte nach dem Hause hinüber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie. »Was das für ein kleiner Schlingel ist!« sagte er lachend; »die Frau hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken und er macht sich nicht so viel daraus. – Ja, was ich gleich sagen wollte, der Blumenkohl hier ist meiner Frau größter Stolz, denn den hat –« wieder hielt er inne, denn nochmals kam aus dem Hause ein merkwürdiger Laut, der weit mehr einem ärgerlichen Schrei als einem Zanken glich. »Jetzt wollt' ich doch darauf schwören, daß ich meinen Namen gehört hätte,« sagte Köhler, schritt aber dabei schon rasch dem Hause zu, wohin ihm Könnern folgte. »Hans! Hans!« schrie es in dem Augenblick klar und deutlich und mit zwei Sätzen waren beide Männer im Hause, denn etwas Ungewöhnliches mußte dort geschehen sein. Köhler sprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und blieb erstaunt mit einem lauten Hallo! auf der Schwelle stehen, denn in dem Zimmer stand ein sehr anständig gekleideter ältlicher Herr, hatte seine Frau umfaßt, die sich mit allen Kräften gegen ihn wehrte und suchte sie mit dem einen Arm an sich zu ziehen, während er mit dem andern ein paar gut gemeinte Stöße parkte, welche sie nach seinem Gesicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes ließ er freilich die Frau augenblicklich los, die aufgeregt und erhitzt, mit funkelnden Augen und zitternden Gliedern ihrem Mann entgegenrief: »Gut, daß Du da bist – schmeiß mir einmal den Kerl hinaus!« »Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß,« lachte der fremde Herr verlegen, der jetzt sein Taschentuch herausnahm und sich etwas Blut aus dem Gesicht wischte, denn die »Trine« schien nicht immer fehl getroffen zu haben. Der Herr selber sah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler selber war aber im ersten Augenblick so verblüfft, daß er gar nicht wußte, was er thun oder sagen sollte und kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, als Könnern mit einem ironischen Lächeln bemerkte: »Der Herr Direktor machen wohl eine Inspectionsreise durch die verschiedenen Kolonien?« »Also das ist der neue Direktor?« rief Köhler jetzt, der vor innerem Zorn noch gar nicht recht wußte, wo er zuerst anfassen sollte – »das ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus seiner Stelle gebissen hat und jetzt in den Colonien herumkriechen und Stänkereien anrichten will! Ei, da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter...« »Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,« rief Herr von Reitschen, vor der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurückweichend – »ich sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz –« »Ich mache auch nur Spaß,« sagte der junge Bauer, den Arm nach ihm ausstreckend und seinen Kragen erfassend – »nur zum Spaß will ich Sie einmal ein bischen vor die Thür setzen, daß Sie sich doch für das nächste Mal merken, wie man sich bei den Kolonisten zu benehmen hat.« »Herr Köhler – ich werde jeden gewaltsamen Angriff« – schrie der Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers – aber er kam nicht weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als der Director herbeigeschleppt wurde, als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen hätte, und im nächsten Moment flog er auch schon über die Schwelle mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus, stolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und fiel mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, daß dieser eine ganze Menge seiner Früchte auf ihn herabschüttelte. »Bitte, bedienen Sie sich,« lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher gerade so ausgesprochen hatte, als ob er »gesegnete Mahlzeit« sagte – »es ist doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte, Sie hier oben bei mir zu sehen?« Herr von Reitschen mußte fühlen, welch' traurige Rolle er hier spielte und besonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's Gegenwart, da er sich über das Andere würde viel leichter hinweggesetzt haben. Er sprang auch rasch in die Höhe, und ohne sich selbst so lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur oberflächlich zu reinigen, ging er zu seinem Pferd, löste den Zügel, warf ihn über, stieg in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug, der Colonie wieder zu. »Das ist doch ein Hauptlump,« sagte Köhler, als er sich zu Könnern umdrehte, der ein vollkommen ruhiger, lächelnder Zeuge der ganzen Scene gewesen war – »hat er Dir weh gethan, Trine?« »Ich hab' ihm weh gethan,« sagte die junge, prächtige Frau lachend, »und das blaue Auge und die blutige Nase wird er Wohl eine Woche unten im Ort zu meiner Erinnerung tragen.« »Das wird eine schöne Wirthschaft hier geben, wenn der das so forttreibt,« sagte Köhler kopfschüttelnd – »eigentlich hätt' ich ihm vorher die Jacke tüchtig aushauen sollen – es ist mir nur zu spät eingefallen – des guten Beispiels wegen, mein' ich.« »Es ist so besser,« lachte Könnern, »und ich gebe Ihnen mein Wort, die härteste Strafe für ihn war, daß gerade ich daneben stand und Zeuge seiner Demüthigung sein konnte.« »Nun, ich weiß nicht,« meinte Köhler, »so eine recht gesunde Tracht Schläge ist auch nicht so übel, und verdient hatte er sie.« »Und aus dem FF,« bestätigte die Frau – »'s ist aber so auch vielleicht besser, denn nachher hättest Du am Ende mit den Gerichten zu thun gekriegt, und wenn's weiter nichts gewesen wäre, hätt's Geld gekostet und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich ungeschoren lassen.« »Das glaub' ich selber,« lachte der Mann. »Und wie der Junge schrie, wie er mich anfaßte,« schmunzelte die Frau – »das ist ein Mordkerl – der wollte seiner Mutter nichts zu Leide thun lassen. Wo war't Ihr denn draußen?« »Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl besehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an so 'was!« »Aber jetzt frühstückt,« sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf die Erde – »ich hol' Euch gleich Alles herein – es ständ' schon auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wäre – und wie er mich zugerichtet hat!« sagte sie, als sie an dem kleinen Spiegel vorbeiging, einen Blick hineinwarf und sich dann die Haare wieder flüchtig in Ordnung brachte. »Aber was wollt' er denn eigentlich?« fragte Köhler, der sich an den Tisch setzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte. »Was weiß ich's,« sagte die Frau im Hinausgehen – »er fragte nach Dir, und wie ich ihm sagte, daß Du im Felde wärst, glaubte er wahrscheinlich, er hätt's Preh! Der alte Esel!« und lachend warf sie die Thür hinter sich zu. 25. Helene. Am Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben sehr früh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu versäumen, seine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte sie nur gestern Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkürlich mitten im Binden seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen gestrigen Abschied dachte – aber die alte Dame war ja oft so wunderlich und eigenwillig. Nur gestern Abend schien der Anlaß von Helenen selber ausgegangen zu sein, und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als sie vom Tische aufstand und in ihr Zimmer ging. Was nur in dem Briefe gestanden hatte! Der war doch jedenfalls schuld daran gewesen – aber wenn er Helenen heute darum fragte, ihm sagte sie es doch gewiß, denn sie waren ja jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so gut wie Eheleute, und Eheleute sollen ja nie etwa etwas vor einander geheim halten. Eheleute – wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber angewandt, vorkam – er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht fertig – Eheleute – wie ehrbar das klang und wie – wie solid und dauernd – und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht hatte – und wie wunderlich, wenn er's recht überlegte, war Niemand daran schuld wie Jeremias, der ihn hier gewissermaßen in das Stübchen eingeschmuggelt hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz seine Cravatte, ließ die beiden Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten Händen nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen. Ob die – Schwiegermutter nicht darum gewußt haben sollte, daß er hier als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das jetzt gerade einfiel – aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene Kleider – Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her durch den Kopf wie in einem geschüttelten Kaleidoskop, und wenn er es einmal einen Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunt durcheinander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die Schwiegermutter. Es war eine außerordentliche Frau, so viel ließ sich in der That nicht leugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran, es ihr abzustreiten – eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte sich gratuliren, daß er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte er sich selber nämlich, um sich zu überzeugen und anderen Gedanken nicht Raum zu geben, die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen wollten. Es war überhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar gewordene Thatsache, daß er nie an die Schwiegermutter allein, sondern immer in Verbindung mit ihr auch an Geld denken mußte. So fiel ihm denn auch jetzt, in ganz natürlicher Reihenfolge, sein gegenwärtiger Kassenbestand ein und was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen würde. – Aber er hatte an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem Schooner nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte schon noch ein kleines Capital aus dem Vater heraus, wenn sie erfuhr, daß ihr Arno unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch außerdem die einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schön – wie bildschön war Helene, und wie stolz würden die Eltern auf sie sein, wenn er sie einmal mit hinüber nach Deutschland brachte! Da klopfte Jemand – es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewiß schon munter und unten im Garten, und lachte den Langschläfer nachher aus. »Ist Comtesse Helene schon sichtbar?« fragte er die Magd, die mit dem einen Arm ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der andern Hand das Kaffeebrett darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur verwundert an und sagte: »Sichtbar?« »Ist sie schon angezogen und auf?« »Weiß ich nicht.« »Im Garten war sie noch nicht?« »Nee.« »Hm,« sagte Herr von Pulteleben, sich vergnügt die Hände reibend, während die Alte wieder hinunterging, »dann kann ich meinen Kaffee erst noch in aller Ruhe trinken – ist doch eigentlich der schönste Moment vom ganzen Tage.« Und damit setzte er sich an seinen Tisch nieder, um sein Frühstück einzunehmen. Glücklicher Weise hatte seine Braut diese letzte Bemerkung nicht gehört. Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als Geschäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute übrigens nur drei Cigarrenmacher saßen. Die anderen hatten sich mit der Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der eine von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nämlichen Morgen ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Gräfin ernstliche Schwierigkeiten zu bereiten drohte. Herr von Pulteleben dachte jetzt nicht an derlei prosaische Dinge; er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu können, er »sei schon unten gewesen«, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um bei Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen Spaziergang mit ihm machen wolle. Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast jeden Tag auf im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer noch verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort. Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie sie geschlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin selber überlassend, und die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort »gut« – weiter nichts. Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewißheit erhielt, daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenster geöffnet seien – beide Damen waren also schon auf – an beiden Fenstern waren aber auch die Rouleaux noch herunter – also nach menschlichen Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen. Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt – er wußte eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn seine Art von Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen. Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber, der seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank, und hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können, denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise sehr schlechter Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht auf, machte eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal bei dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur falschen Zeit gekommen sei. Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben, denn er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn ziemlich barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor der Nase zu. »Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben – denn dem sonst so gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu mir komme«. Die behandeln Einen ja wie einen – als ob sie Einen auf der Straße aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging er rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte. Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon vollständig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide, öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an. »Wer ist da?« »Ich bin's.« »Gleich!« sagte die Stimme innen – »einen Augenblick nur,« und Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse trat ein. »Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt und trat zum Fenster, um das eine Rouleau hinauf zu ziehen und den Sonnenschein herein zu lassen. »Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz das hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen gegenüber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu begrüßen, rückte sogar einen Stuhl hin und sagte: »Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen, mein Kind?« »Ich glaube, ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die Mutter anzusehen – »doch – das hat mit dem nichts zu thun, über das ich mit Ihnen sprechen möchte.« »Mit Ihnen?« rief die Gräfin erschreckt – Helene!« »Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt – »wir haben Manches mit einander zu sprechen und es ist nöthig, daß dies in aller Ruhe geschieht.« »Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur – wie bist Du?« rief die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen. »Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten Mal voll und ernst in's Auge – »und das fragen Sie noch? Aber, bitte, setzen Sie sich und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.« »Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder. »Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann auseinander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und über den sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester, ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme: »Liebe Constance! Anbei sende ich Ihnen – dieses Mal direct – den zweiten Semester-Wechsel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen, ich habe auch Ihren Wunsch erfüllt und die Sendung an die Gräfin Baulen gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung nicht einverstanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die brasilianischen Verhältnisse nicht und es mag vielleicht dort nöthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen. Es freut mich, so Günstiges über die Fortschritte des Kindes zu hören und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für sie sorgen.« »Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven Mann für Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau empor. Helene las ruhig weiter: »Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ...« »Der Name wie Ort und Datum fehlen.« »Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das nicht immer gethan habe?« »Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang, aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt. »Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen Stimme wir vorher – »wie heißt sie und wo wohnt sie und welches Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde unter fremde Menschen?« »Liebe Helene,« sagte die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre Augen trocknend – »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen, das Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich darf und kann den Eid nicht brechen – fordere es nicht!« Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein schwerer Seufzer hob ihre Brust. »Ich bin mündig,« sagte sie endlich – »ich bin einundzwanzig Jahr. Darf mir der Name meiner Mutter – meiner Eltern länger vorenthalten werden?« »Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau – »gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter bitten, mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist und wenn sie nicht darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid auf meine Seele lade.« Helene hatte ihr Herz krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich sagte sie leise: »Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?« »Ich kann , ich darf nicht, Kind; – wenigstens jetzt noch nicht. Laß mir Zeit – in wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen und ich zweifle keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber – was nutzt es Dir, Helene?« fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn – Du würdest ihr doch nicht nahen dürfen.« »Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem Herzen der Mutter fern halten?« »Frage mich nicht weiter – dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe wegen.« »Aber das dürfen Sie mir doch sagen,« rief Helene rasch, »und aus Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie es zurück zu halten brauchen. Ich verlange von Ihnen zu wissen, weshalb mir die Mutter vorenthalten werden soll. Ich mache Sie für Alles verantwortlich, was daraus entstehen kann, wenn ich es nicht erfahre – und, beim ewigen Gott! ich halte, was ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich denke, Sie trauen mir zu, daß ich mein Wort halte.« Helene war von ihrem Stuhle aufgesprungen und stand der Frau mit zürnendem, drohendem Blick gegenüber. »Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie verfügte – »Du verlangst etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes Leben machen wird.« »Noch unglücklicher, als ich jetzt schon bin?« lachte Helene bitter – »Sie scherzen, Frau Gräfin .« »Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief die Frau, jetzt selber gereizt, – »wem zu Liebe stürzte ich mich in Ausgaben, die über meine Mittel gingen – wem zu Liebe habe ich selbst die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem Sohn hätte leben können?« » Mir zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt und bitter, »nur Alles mir zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden! Täuschen Sie sich nicht, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, nur noch einen Augenblick an Ihren wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir Beide haben fortan nichts mehr mit einander gemein und das nur verlange ich jetzt von Ihnen zu wissen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter lastet, daß ich ihr nie im Leben angehören soll?« »Gut – Du sollst es wissen, Undankbare!« sagte die Frau jetzt nach kurzem Zögern mit einem entschlossenen Blick – »Du sollst es wissen, um zu fühlen, wie allein Du auf der Welt stehst, und wie es mich ein Wort kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du jetzt pochst, von Dir zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann vernünftig werden und einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes gewollt, wie ich es noch will, und wie kein Mensch hier so für Dich sorgen kann und wird, als gerade ich. Vielleicht ist es auch gut so, daß der Brief in Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch erfahren müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger machen und Dich wieder in die Arme der Frau führen, die bis jetzt allein eine wirkliche und wahre Mutter für Dich gewesen ist. Pulteleben selber wird es mir später danken – wenn er auch nichts davon zu wissen braucht.« »Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im Ton – »doch davon später – nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen gefällig ist!« Die Frau war selber zum Aeußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte in's Ohr. Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände, bedeckte ihr Antlitz und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den Fingern durch. Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid und sie wandte sich, als ob sie das Zimmer verlassen wollte. »Geh jetzt nicht, Kind,« sagte die Frau, ihre Hand ergreifend und sie zurückhaltend – »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren, daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon sagen, was Du zu thun und zu lassen hast.« »Und glauben Sie, daß ich darüber auch nur noch einen Augenblick in Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick, den sie auf die Frau haftete, schien sich in deren Inneres zu bohren. »Was das Kind für einen Trotzkopf hat!« sagte die Frau, den Kopf herüber und hinüber wiegend – »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich denken und handeln, Du richtetest Dich von vornherein zu Grunde. Der arme Pulteleben wird seine bittere Noth mit Dir bekommen.« »Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben belästigen werde,« erwiderte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann zu heirathen, den ich nicht liebe – ja ich nicht einmal achten konnte, nur der Mutter wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen, die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß der Himmel wenigstens das Opfer nicht von mir angenommen hat – ich wäre unglücklich und elend gewesen mein ganzes Leben lang.« »Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch nicht ...« »Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.« »Das darfst Du nicht ...« »Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.« »Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?« »Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd, werde ich zum Theil verkaufen und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich mir selber in ehrlicher Weise mein Brod verdienen kann.« »Aber das Geschäft, das wir begonnen haben? – Herr von Pultkleben wird den Augenblick zurücktreten, wenn Du ihn so auf das Tödtlichste beleidigst.« »Und was kümmert das mich ?« Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die langen Jahre hindurch benutzt, mit allen nur erdenklichen Intriguen ein bequemes Wohlleben für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen, glitt ihr unter den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die furchtbare Möglichkeit vor Augen, daß sie auf sich selber angewiesen werden könne. Helene aber, die wohl ahnen mochte, welche Gedanken sie jetzt bewegten, wandte sich verächtlich von ihr ab und schritt der Thür zu, die sie ausschloß. Dort blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne sich aber umzusehen: »Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort beschließen werde, weiß ich noch nicht – aber ich weiß, daß ich ein Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend finde. Ich werde Sie später das Nöthige wissen lassen« – und ehe Madame Baulen ein Wort darauf erwidern konnte, war sie durch die Thür verschwunden. – – Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles das, was in der nämlichen Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier mit seinen poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts, die endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen als einen Engel schilderte, der eigentlich gar nicht hierher gehöre und einzig und allein aus Versehen auf die Welt gekommen sei. Von dem nämlichen Engel – er war gerade aufgestanden, hatte seinen Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht und wollte eben hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen – erhielt er da einen Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete: Herrn Arno von Pulteleben. Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer Täuschung geworden. Der einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu spät ist, den Schritt zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten sollte. Ich weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber – wir passen nicht für einander – ich habe Sie nie geliebt und wir wären auch nie glücklich mit einander geworden. Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, ist: meinen festen und unumstößlichen Entschluß zu achten und keinen Versuch zu machen, ihn zu ändern – es wäre doch vergeblich. Indem ich Ihnen noch hiermit für die freundliche Gesinnung bestens danke, die Sie mir stets bewiesen, und in dem Bewußtsein, selbst mit diesem Schritt nichts gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken lassen, zeichnet sich Helene. Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch und drehte ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn, als ob er in einer vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr als gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern. »Opfer einer Täuschung? – einziger Trost? – guter Mensch? – unumstößlicher Entschluß? – Achtung sinken lassen? – Bin ich denn verrückt, oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? – Freundliche Gesinnung? – Bewußtsein? – Wenn ich auch nur ein Wort von dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein abschneiden lassen! – Hab' ich denn nur, um Gottes Christi willen, irgend etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte beleidigen können? – Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? – Hat denn nicht die Schwiegermutter selber – holla, da sitzt der Haken – in dem Kuchen hat die Schwiegermutter wieder einen Finger – meinen Kopf wollte ich darauf verwetten! Das ist wirklich eine ganz erschreckliche Frau und es wird wieder viel, sehr viel Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu stellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was sie nun haben will, denn bis jetzt hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es wird schon herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie gewöhnlich nicht lange hinter dem Berge.« Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen beruhigt, denn er war jetzt so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf nichts weiter als eine pecuniäre Laune der Schwiegermutter hinauslief, daß er sich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene konnte ja doch die Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. Uebrigens bildeten sich bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von Widersetzlichkeit gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter – »wenn er nur erst einmal verheirathet war« – denen er aber vorerst noch keine bestimmte Form gab. Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach seiner Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres hinunter zu gehen und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher – daran zweifelte er keinen Augenblick – war dann Alles rasch in's Reine gebracht. Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er deren Thür noch immer verschlossen fand und auf sein Anklopfen von innen die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl und könne ihn jetzt unmöglich sehen. Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen und selbst zum Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine Mahlzeit verzehren. In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder standen in kleinen Gruppen zusammen, irgend etwas eifrig zu besprechen. Es mußte augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein, das sie derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal getreten war und dann vor die Thür ging, um frische Lust zu schöpfen – die ganze Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor – fiel ihm eben dieses rege Leben auf. »Na, was ist denn – was habt Ihr denn heute?« fragte er einen vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein schien. »Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser und zog seine Mütze ab. »Gefunden – wen?« »Nu, den Justus!« sagte der Mann. »Den Justus? – Wer ist denn der Justus?« »Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen Teufel und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so schrecklich zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren läßt – bei der Hitze auch!« Und der Mann machte ebenfalls, daß er hinauskam, um sich den schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen und dann Nächte lang in dem Gedanken daran nicht schlafen zu können. Herr von Pulteleben, froh nur etwas zu haben, das ihn in diesem Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um sich das Nähere selbst anzusehen. Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es schien, ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann beschäftigt, das wenige Gepäck, das er bei sich führte, auf einen Esel zu laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen konnte, wenn es schrie. Bux hatte den größten Theil seiner Sachen theils versetzt, theils verkauft – um nicht zu verhungern, wie er sagte – und wollte nun Santa Clara verlassen, um in einer andern Colonie sein »Glück« zu versuchen. Schon seit ein paar Tagen hatte er das bewerkstelligt und heute Morgen brach er mit seiner Familie auf. Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf dem Esel fest und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um den Esel herum und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen Fluch gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog. »Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus – »das nehme mir denn doch kein Mensch übel!« »Geht's Euch 'was an?« knurrte der Mann, indem er, ohne sich um seinen mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil selber herumwarf und festschnürte und zwar so fest, daß das arme Thier kaum noch athmen konnte – »einen Quark habt Ihr drein zu reden, und ich kann mit meinem Jungen machen was ich will!« »Gefühlloser Mensch!« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls den Kürzeren ziehen müssen. Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und erzählte heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen aus dem Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden. Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er bedauerte schon, sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr ändern – der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten die heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit heruntergewaschen und durcheinander geworfen hatte. Oben zog sich ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dünnen Wasserfall bildete und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt, in einem Dickicht von Lorbeer und Cactus, lag die furchtbar entstellte Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht nähern durfte. Herr von Pulteleben schauderte übrigens zurück, wie er nur einen Blick darauf geworfen; er konnte etwas Derartiges nicht sehen und begriff jetzt selber nicht, weshalb er hier eigentlich heraufgestiegen sei. Von den Umstehenden erfuhr er aber bald die Einzelheiten des Thatbestandes. Der Justus war, wie sich ganz zweifellos ergab, einfach todtgeschlagen worden, und zwar mit einem etwa vierpfündigen Steine, den man circa vierzig Schritt von der Stelle, wo die Leiche lag, ganz mit Blut bedeckt gefunden hatte. Der Ermordete konnte ihn dort nicht selbst hingeworfen haben, denn der ganze Schädel war ihm zerschmettert und er todt da niedergesunken, wo er lag. Der Mörder mußte den Stein also weggeworfen haben. Daß der Unglückliche bei einem zufälligen Sturz um's Leben gekommen sei, zeigte sich als unmöglich, denn wenn auch ein kleiner Felshang gerade dort emporragte, so hätte er doch von da oben herunter nie an die Stelle stürzen können, wo er sich befand und wo sich die einzigen Blutspuren zeigten, und dann war auch der Abhang nicht hoch genug, eine solche Beschädigung glaubbar zu machen – selbst ohne den entfernt davon gefundenen blutigen Stein. Geld trug der Ermordete nicht bei sich, ein paar Kupfermünzen ausgenommen, eben so wenig eine Uhr, obgleich er nie ohne eine solche ausging. Er lag – als man ihn, durch eine Unmasse darüber kreisender Aasgeier aufmerksam gemacht, gefunden hatte – auf dem Gesicht, beide Arme von sich gestreckt, und war jetzt nur noch halb bekleidet, denn die Beinkleider hatten ihm schon die Soldaten ausgezogen und bei Seite gebracht. Die Stiefel mochten sie wohl nicht abbekommen haben. Jeremias stand auch oben, die Hände in beiden Hosentaschen, und betrachtete sich nachdenklich, ohne jedoch den geringsten Ekel zu verrathen, den Ermordeten; aber er machte keine Bemerkung, that keine Frage und ging, nachdem er Alles genau angesehen, wieder ruhig in die Stadt zurück. Als er die Straße hinunterkam, hatte Bux mit seiner Familie und seinem Esel schon Santa Clara verlassen und den Weg eingeschlagen, der an der früheren »Meierei« – den Namen hatte die Chagra noch immer behalten – vorüberführte. Herr von Pulteleben kehrte etwas echauffirt in das Haus zurück und betrat es mit dem unbehaglichen Gefühl, daß er darin nicht Alles in der gehörigen Ordnung wußte. Sollte er jetzt noch einmal bei der Frau Gräfin anklopfen? Er stand noch unschlüssig an der Treppe, da ging plötzlich die Thür auf und die Dame trat selber heraus. Sie schien allerdings Herrn von Pulteleben nicht erwartet oder besonders gesucht zu haben, und ihr erstes Gefühl das zu sein, Wieder in ihr Zimmer zurückzutreten. Das war aber jetzt nicht mehr möglich; der junge Mann näherte sich ihr auch schon und sagte mit sehr bestürztem Gesicht: »Aber ich bitte Sie um Gottes willen, Frau Gräfin, was ist denn nur eigentlich vorgefallen? Helene hat mir einen so schrecklichen Brief geschrieben, daß ich .. »Hat sie in der That?« sagte die Dame ruhig – »das Mädchen ist voller Launen, aber ängstigen Sie sich nicht deshalb, mein junger Freund, ich werde das Alles schon wieder in Ordnung bringen.« »Sie glauben wirklich?« »Lassen Sie mich nur machen« – und die Thür schloß sich wieder hinter der Schwiegermutter. 26. Gerichtspflege in der Colonie. In Santa Clara, wo Alles sonst im gewohnten Gleise seinen stillen und ruhigen Gang ging, schien die ganze bestehende Ordnung auf den Kopf gestellt zu sein, als gegen Abend der junge Köhler, und zwar als Mörder des Justus Kernbeutel angeklagt, von seiner Chagra herunter gefangen eingebracht wurde. In Todesangst folgte ihm dabei seine junge, hübsche Frau mit dem Kind auf dem Arme und erzählte unter Thränen, wie die Soldaten oben bei der Verhaftung gewirthschaftet, ihr Geschirr und Fenster zerschlagen und sie selber auf die boshafteste und roheste Art gekränkt und beleidigt hätten. Köhler selber, als er durch die Colonie geführt wurde, sah wohl todtenblaß vor innerlich kochender Wuth aus, ließ aber sonst nicht durch ein Wort, nicht durch eine Miene merken, was in ihm vorging; mußte er sich ja doch auch dem Unabänderlichen fügen, denn die Hände hatten ihm die Burschen auf dem Rücken zusammengeschnürt, und als er sich unterwegs nur ein einziges Mal an seine ihm folgende Frau wenden wollte, war er mit Kolbenstößen bedeutet worden, daß er sich mit Niemandem zu unterhalten hätte, bis er von seinem Richter verhört und vielleicht auch gleich abgeurteilt sei. »Ehe er gehängt würde,« tröstete ihn einer der rohen Gesellen, »dürfe er seiner Frau noch einmal einen Kuß geben. – Wenn er selber einen dafür von ihr bekomme, wolle er ihm das erlauben.« Köhler knirschte mit den Zähnen und vertröstete sich nur darauf, daß sich seine Unschuld ja gleich bei dem ersten Verhör herausstellen müsse und er dann schon Rechenschaft von Allem fordern wolle, was ihm jetzt geschehen. – Darin hatte er sich aber geirrt und ganz vergessen, daß kein neuer brasilianischer Delegado in der Colonie angestellt und dem Director gegenwärtig von dem Präsidenten auch die oberste Polizeigewalt übergeben sei. Ein Mißbrauch, der in fast allen deutschen Colonien damals herrschte. Er hatte hier also keine Behörde über sich als den Director selber, von dem er, was er recht gut wußte, nach den letzten Vorgängen keine besondere Freundlichkeit erwarten durfte. Er wurde auch ohne Weiteres in das gegenwärtige Stadtgefängniß – ein kleines, heißes, aus rohen Balken erbautes Loch, mit schweren Gittern vor den niederm Fenster – abgeführt und trotz seiner Berufung, daß er verhört werden wolle, mit Spott und rohem Gelächter eingeschlossen und allein gelassen. Könnern, der kurz vorher in die Stadt zurückgeritten war, hörte kaum von der Verhaftung Köhler's und dem Verdacht, der auf ihm ruhte, als er augenblicklich zu ihm eilte. Er wurde aber zurückgewiesen. Es war strenger Befehl des Direktors, keinen Menschen zu ihm zu lassen, bis die Untersuchung geschlossen sei, und daß eine Bitte von ihm bei dem Director nichts fruchten würde, wußte er vorher. Köhler's Frau war indessen zu Kaufmann Rohrland gegangen, um dessen Hülfe in Anspruch zu nehmen und vor allen Dingen gleich nach ihrem nicht weit von Santa Clara wohnenden Bruder zu schicken, daß der so lange oben auf der Chagra bei ihr wohne, bis ihr Mann seine Unschuld bewiesen habe konnte; denn sie getraute sich jetzt nicht, bei all' dem in der Nachbarschaft herumstreifenden Soldatenvolk, allein dort oben zu bleiben, und konnte doch auch ihr mühsam erarbeitetes Eigenthum nicht im Stich lassen. Eine Voruntersuchung, ohne indessen den Angeschuldigten selber dazu zu ziehen, hatte unter der Zeit im Directionsgebäude stattgefunden, die der Director selber abhielt, obgleich er sich eigentlich heute nicht wohl fühlte. Er war, wie er ausgesagt hatte, mit dem Pferd gestürzt, als er den steilen Hang herunterritt, und hätte sich eigentlich recht beschädigen können. Glücklicher Weise lief es noch gut ab. Die beiden Hauptzeugen gegen Köhler waren Justus' alte Haushälterin und der Wirth Buttlich Die Frau erzählte, daß der ›arme unglückliche Mann‹ an dem Tage mit dem Angeschuldigten einen Wortwechsel gehabt und dann mit ihm fort in den Wald gegangen wäre. Der Angeschuldigte sei dann erst am nächsten Abend mit der Dämmerung wieder gekommen und Justus gar nicht, weil er da schon, von Mörderhand erschlagen, im Walde gelegen hätte. Eine Uhr habe der Ermordete bei sich gehabt, als er von Hause fortgegangen sei, denn er wäre nie ohne seine Uhr ausgegangen. Die Frau erinnerte sich genau auf die Uhr, die sie oft in Händen gehabt. Es war eine silberne vergoldete Uhr mit weißem Zifferblatt, und in den inneren Deckel hatte Justus selber die Anfangsbuchstaben seines Namens, J. K., eingravirt oder vielmehr eingekratzt gehabt, darunter ein von einem Pfeile durchstochenes Herz – wovon aber die Frau nicht Wußte, auf was es sich beziehen sollte. Geld habe Justus ebenfalls stets etwas bei sich gehabt. Sie konnte allerdings nicht angeben wie viel und was für Münzen, aber ohne Geld wäre er nie im Leben über Land gegangen, und wenn er hätte 'was dafür versetzen müssen. Ein paar Milreis seien es gewiß gewesen, wenn nicht vielleicht noch mehr. Der Wirth Buttlich sagte aus, daß er an Justus' Haus vorbeigekommen wäre, als Köhler davor gestanden und sich mit dem Schneider heftig gezankt hätte. Es sei ihm so auffallend gewesen, daß er noch gerufen hätte: sie möchten doch nicht einen solchen Skandal machen und sich ein wenig vor den Leuten und der Nachbarschaft schämen – er erinnere sich aber nicht mehr genau der Worte, die er gebraucht hätte, oder was die Zankenden sich einander vorgeworfen. So viel wisse er außerdem, daß der Köhler den Schneider nie hätte leiden können – wenigstens so lange er jetzt in der Colonie sei – und ihm stets alles nur erdenkliche Böse nachgesagt habe. Er selber aber könne ein solches Unheil nicht bestätigen. Der Justus sei oft zu ihm gekommen, habe sich aber immer als ein nüchterner, anständiger Mann gezeigt, der nur manchmal gegen die Ungesetzlichkeiten des vorigen Regiments protestirt haben mochte. Deshalb wollten auch alle die Anhänger des früheren Directors, zu denen Köhler ebenfalls gehöre, nichts von ihm wissen. An jenem Abend besonders sei Justus' Absicht gewesen, nach Zuhbel's Chagra hinauszugehen, um dort den Antritt des neuen Herrn Directors durch einen fröhlichen Abend zu feiern. Er sei dazu in seinem Sonntagsstaat gewesen. Köhler war dort nicht eingeladen, aber doch mit ihm denselben Weg in den Wald gegangen. Es wäre auch möglich, daß sich die beiden Männer gerade über den nämlichen Gegenstand vorher gezankt hätten, denn die eine Partei hätte über die sogenannten »Director-Feste« immer ihren Spott gehabt und die andere verhöhnt. So weit Buttlich, der außerdem noch zwei andere Zeugen brachte, die Justus und Köhler zusammen auf der Straße etwas vor Sonnenuntergang und ganz allein im Walde begegnet waren, aber nicht bestätigen konnten, daß sie irgend etwas von einem unfreundlichem Benehmen zwischen den Beiden bemerkt hätten. Sie seien freilich auch zu rasch vorgeritten, um darauf zu achten. Das waren die letzten Menschen, die Justus Kernbeutel lebend gesehen hatten, und zwar in Begleitung Köhler's und gar nicht so weit von der Stelle entfernt, auf der man den Leichnam des Ermordeten gefunden, ja, noch dazu der Richtung entgegengehend. Was dann weiter geschehen, darüber lag das Dunkel der Nacht und konnte nur vielleicht durch die weitere Untersuchung aufgehellt werden. Der Verhaftete selber wurde an diesem Tage nicht verhört; es sollten vorher noch mehr Beweise gegen ihn gesammelt werden, und mit Mühe und Roth erlangte Rohrland persönlich die Erlaubniß vom Director, ihm ein Bett und gute Speisen in das Gefängniß schicken zu dürfen. Vor diesem standen außerdem sechs Mann Wache mit geladenem Gewehr, um irgend einen etwaigen Befreiungsversuch der Colonisten zurückzuweisen. Niemand dachte aber an einen solchen, und Köhler hatte ein viel zu reines Gewissen, um sich durch die Flucht einer Haft zu entziehen, die ja doch nur höchstens bis zum nächsten Morgen dauern konnte. Da er seine Frau und sein Kind jetzt gut aufgehoben wußte, kümmerte er sich um das Andere wenig genug. Desto mehr aber empörte es den besseren Theil der Colonisten, Einen aus ihrer Mitte, einen Mann, den Alle als einen braven und ehrlichen Menschen seit Jahren gekannt hatten, nur auf solch' oberflächlichen Verdacht hin wie einen Missethäter und gemeinen Verbrecher behandelt zu sehen, und selbst Rohrland, Pilger, der Bäckermeister Spenker und mehrere andere ansässige Handwerker und auch Colonisten ließen sich noch an dem nämlichen Abend beim Director melden und erboten sich, für Köhler irgend eine verlangte Bürgschaft zu stellen, daß er keiner Untersuchung ausweichen würde. Der Baron von Reitschen nahm etwas Derartiges nicht an. Der Verhaftete, gegen den, seiner Meinung nach, ein dringender Verdacht vorlag, müsse sorgfältig von jeder Verbindung abgeschnitten werden, bis die Untersuchung beendet sei, damit er nicht von außen auf irgend eine Weise beeinflußt werden könne. Nach geschlossener Untersuchung könne ihn besuchen wer da wolle, oder er auch vielleicht gegen Bürgschaft entlassen werden. Es war indessen Abend geworden und die Leute, die heute alle keine Ruhe zur Arbeit gehabt, sammelten sich bei Bohlos, um dort noch das Weitere besprechen und ihrer Entrüstung in gemäßigter Weise bei einem Glas Bier den natürlichen Ausfluß geben zu können. Ursache zu klagen hatten sie außerdem genug, denn schon in der kurzen Regierungszeit ihres neuen ›Herrn‹ waren eine Menge von Mißbräuchen zu Tage getreten, von denen die Colonisten unter Sarno gar keine Ahnung gehabt. »Das wird ja wahrhaftig alle Tage besser!« rief der Schneidermeister Berthold, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Jetzt stecken sie einen ehrlichen Mann ein, weil ein Lump zu Schaden gekommen ist, und wollen nicht einmal eine Caution annehmen! Ist so etwas schon dagewesen?« »Das wäre das Wenigste,« meinte der Bäckermeister Spenker, »denn den Köhler können sie nicht lange im Loch behalten; aber der Herr Director fängt seine Wirtschaft hier auch in anderer Weise schon gut an. Wißt Ihr, daß er jetzt den neu angekommenen Colonisten nicht einmal mehr baar Geld als ihre Subsidien, sondern kleine Anweisungen auf Buttlich giebt, für die ihnen dieser nur Waaren aus seinem eigenen Laden verabfolgt? Das will denn doch bei Gott die Regierung nicht, daß die armen Leute auf solche Art geschunden werden, blos um es dem Lump, dem Buttlich, in den Hals zu jagen.« »Lieber Meister, zu Buttlich's Nutzen geschieht das auch nicht,« lachte Rohrland, der mit am Tische saß; ich weiß aus ganz sicherer Quelle, daß unser sehr verehrter Director ein stiller Compagnon des Buttlich'schen Geschäfts ist, da er als Director offen keinen Laden halten darf. Aus solche Weise sichert er sich dann, eben durch die Subsidiengelder, einen ganz bestimmten Absatz von wenigstens fünfhundert Milreis monatlich.« »Und ist das etwa recht und billig?« rief Berthold. »Davon sage ich kein Wort,« meinte Rohrland, »aber ich erzähle nichts, was ich nicht beweisen kann.« »Aber da sollte man ihn darauf verklagen!« rief Spenker. »Wo?« sagte Rohrland ruhig – »bei der Regierung in Rio ist keiner von uns bekannt und beim Herrn Präsidenten in Santa Catharina? Das wäre schade um das Papier, das man damit verschriebe!« »Und hat ein Director das Recht,« sagte ein anderer Mann, der Tischler Nithal, »daß er mir einen Platz verweigert, wo ich mich niederlassen kann? Ich hab' allerdings noch nicht das baare Geld, aber ich weiß auch, daß sich die Regierung selber die größte Mühe giebt, ordentliche und tüchtige Handwerker in's Land zu bekommen und der – Herr da treibt mich wieder hinaus, weil ich nicht zu seiner Partei gehöre und in sein krummes Horn stoße.« »Deshalb braucht Ihr nicht zu gehen, Nithal,« sagte Spenker – » ich geb' Euch einen Platz auf Credit, auf fünf Jahre, wie's die Regierung thut, und kein Teufel soll Euch von dem herunterbringen.« »Vergelt's Euch Gott, Meister, und Ihr sollt wahrlich nicht dabei zu Schaden kommen!« »Das weiß ich und bin nicht bange drum.« »Und weshalb hat er die Soldaten mitgebracht?« fuhr Rohrland fort – »der Indianer wegen? Unsinn! So lange wir hier sind und wenigstens seit den letzten zehn Jahren, hat kein Mensch 'was von einer Rothhaut gehört und gesehen. Wenn sie aber an den Grenzen herumschleichen, wohin gehörten die Soldaten denn da anders, als eben an die Grenze, um uns wirklich zu schützen? So aber lagern sie unten am Flusse, mit der ganzen Colonie zwischen sich und den eingebildeten Wilden, die, wenn sie wirklich da wären, alle die Grenzcolonien abschneiden und selbst die Stadt anzünden könnten, ehe das Militär auch nur ein Wort davon erführe, viel weniger denn zu Hülfe kommen könnte.« »Ja, das ist, Gott straf' mich! wahr,« sagte Berthold – »da unten am Fluß nutzen sie doch wahrhaftig nichts, als daß sie wie die Raben stehlen, denn seit sie da sind, kann man kein Ruder mehr fünf Minuten lang unbewacht liegen lassen, oder fort ist's, und da klage nachher einmal Jemand – was wär's dann? Die Halunken verrathen einander schon lange nicht.« »Guten Abend mit einander,« sagte da ein Fremder, der zu ihnen in die Wirthsstube trat, seine Mütze abnahm und sich an einen andern kleinen Tisch allein setzte. Der Mann war sehr ärmlich gekleidet und sah vollkommen aschfarben und krank im Gesicht aus. Er schien auch schwach auf den Füßen und bat den Wirth um ein Glas Bier und ein Stück Schwarzbrod. Bohlos brachte es ihm und blieb dann neben seinem Tische stehen. »Wohl bekomm's!« sagte er – »und wo kommt Ihr denn her? Ihr seid wohl krank gewesen?« »Danke schön,« antwortete der Mann – »nein, krank gerade nicht, aber das Klima hat mich ein bischen heruntergebracht. Wir kommen aus dem Norden.« »Aus dem Norden? Von Rio?« »Nein, noch weiter herunter, aus der Provinz Minas Geraes.« »Alle Teufel! – und habt Ihr lange da oben gesteckt?« »Zehn Jahre,« sagte der Mann und ein schwerer Seufzer hob seine Brust. »Da seid Ihr wohl Einer von den Parcerieleuten?« fragte Berthold vom andern Tisch herüber – »kommt, setzt Euch mit zu uns herüber; was hockt Ihr da allein an einem Tisch?« »Wenn's erlaubt ist,« sagte der Mann demüthig und nahm sein Bier und Brod und ging hinüber; »ja, Landsmann, wir sind unserer Sieben, die jetzt aus dem Parcerievertrag zurückgekommen, meine Frau und ich und zwei Kinder – drei sind mir gestorben – und mein Schwager mit seiner Familie.« »Und ist's Euch schlecht da oben gegangen?« » Recht schlecht,« erwiderte der Mann, noch einmal tief aufseufzend – »und wie wir's Alle ausgehalten, begreife ich eigentlich selber noch nicht. Wir waren aber freilich lauter kerngesunde Menschen, wenn ich auch jetzt ein bischen abgemagert aussehe.« Abgemagert aussehe – Du lieber Gott, der Mann glich eher einem Skelet als einem lebendigen Menschen und schien sich doch geduldig in sein Schicksal zu ergeben! Freilich waren auch durch die lange, schwere Zeit Geist und Körper bei ihm gebrochen. »Und haben sie Euch schlecht behandelt dort?« fragte Rohrland. »Ih nu, schlecht behandelt gerade nicht,« sagte der Deutsche, »arbeiten mußten wir noch viel mehr wie die Sclaven, denn es war Alles Accordarbeit; nur konnten wir immer keine Abrechnung kriegen und unser Herr machte uns manchmal Vorwürfe, daß wir so viel brauchten und immer mehr in Schulden kämen. Ja, lieber Gott, leben mußten wir doch und weiter wie das bischen schlechtes Essen und die nothwendigsten Kleider bekamen wir so nichts. Und wenn sie uns nur gehalten hätten, was uns der Agent in Deutschland damals versprach und was wir auch unterschrieben haben, daß wir nämlich ein Stück Land sollten angewiesen bekommen, was wir uns selber hätten bebauen können – dann wär's gut gewesen.« »Aber das mußten sie Euch ja doch geben, wenn's einmal ausgemacht war!« rief der Tischler. »Ja, lieber Herr, sie gaben's auch,« lächelte der Mann verlegen, »aber nur freilich anders, wie wir's gemeint und verstanden hatten und wie's uns auch der Agent erklärte – daß das eigenes Land sein sollte. Aber hier war's anders. Ein Stück Land bekamen wir richtig angewiesen – Waldland mit großen, dicken Bäumen darauf und das mußten wir uns urbar machen und thaten's auch gern. Alle Sonntage arbeiteten wir darauf bis in die späte Nacht, bis wir's glatt wie meine Hand hatten und dann bauten wir zwei Jahre drauf, was wir brauchten. Wie aber die zwei Jahre um waren, nahm's uns der Eigenthümer weg, pflanzte Kaffeebäume drauf und wies uns ein anderes Stück Land an, wieder mit dicken Bäumen und wenn wir uns nur ein paar Säcke Bohnen, ein bischen Reis und dergleichen ziehen und nicht gar hungern wollten, so mußten wir richtig wieder an die schwere Arbeit gehen, und das ist für Jemanden, der eigentlich an ein kaltes Klima gewöhnt war, bei der Hitze da oben wahrhaftig keine Kleinigkeit!« »Das war ja aber schändlich – und litt denn das die Regierung?« »Ja, lieber Gott,« sagte der Mann, »es war einmal so ein vornehmer deutscher Herr, so ein Consul, glaub' ich, oben, und der wohnte bei unserem Herrn und ritt immer mit ihm spazieren, und das war ein Tractiren und eine Festlichkeit! Dem klagten wir unser Leid und fragten ihn, ob er uns nicht helfen könnte, denn es ginge uns doch gar zu schlecht und wir wären lauter ehrliche, brave Menschen, die ja nichts Unrechtes wollten, blos ihr Recht. Aber der Herr zuckte die Achseln und meinte, wir sollten nur noch eine Weile geduldig ausharren, bis wir das abgearbeitet hätten, was der Herr für uns ausgelegt habe, und dann wären wir ja wieder frei und könnten thun und lassen, was wir wollten.« »Und habt Ihr das gethan?« fragte Rohrland. »Ach nein, lieber Herr,« sagte der Mann wehmüthig – »wie sich's nachher herausstellte, wären wir damit im ganzen Leben nicht fertig geworden. Aber es kam wieder einmal vor ganz kurzer Zeit ein anderer Herr hin und erkundigte sich nach Allem, und dann reiste er wieder fort und kam nachher zurück und sagte uns, wir brauchten nicht mehr dort zu arbeiten; denn unser Herr hätte nicht ordentlich in seine Bücher eingeschrieben, was der Kaffee gekostet und was er verdient habe an uns, und es wäre sehr leicht möglich, daß wir unsere Schuld schon zehnmal bei ihm abgearbeitet hätten. Aber es ließe sich nichts weiter dagegen machen, denn er sei ein sehr vornehmer Herr und hätte eine Menge Verwandte in Rio – und der Brasilianer wollte uns auch noch nicht fort lassen, aber da wurden wir böse und wie er sah, daß er nichts mehr ausrichten konnte, da ließ er uns eben ziehen.« »Und habt Ihr Euch in der ganzen langen Zeit gar nichts verdienen können?« fragte Spenker kopfschüttelnd – »zehn Jahre waret Ihr dort oben, nicht wahr?« »Zehn Jahre und zwei Monate,« bestätigte der Mann – »aber verdienen? Du lieber Gott! Nichts als was wir auf dem Leibe tragen, und vielleicht Jeder noch ein Hemd zum Wechseln. Ja, in dem Brasilien geht das nicht so rasch.« »Nicht so rasch?« rief Rohrland erschüttert von der einfachen, rührenden Schilderung des Mannes, »der Zuhbel, der Benkhof, der Binder, der Metweiher, der Wurzer, die sind alle nur erst zehn Jahr hier, der Bellheim erst acht, der Bastel drüben gar erst sieben, und mit nichts herübergekommen, mit nichts in der Gotteswelt als einer kleinen Lade voll Wäsche und einigen achtzig Milreis Schulden obendrein und kommt zu denen hinaus, seht, was sie für eine hübsche Chagra, Vieh, Ackergeräth, Häuser und gesunde Familien haben, und abgehen ließen sie sich in der Zeit doch auch wahrlich nichts.« »Ja, Manchem glückt's,« seufzte der Mann – »aber die Gegend soll ja auch gut sein, und der Herr, der uns frei gemacht und uns auch freie Fahrt auf dem kleinen Schiff hierher geschafft hat, gab uns die Versicherung, daß wir hier ein Unterkommen finden und von dem Director Unterstützung bekommen würden. – Aber 's ist wieder nichts, und was wir jetzt mit uns anfangen sollen, weiß nur Gott – ich nicht!« »Wart Ihr schon bei dem Director?« fragte Spenker rasch. »Ja – unserer Drei. Wir baten ihn um ein Stückchen Land und ein paar Milreis Subsidiengelder, daß wir nur anfangen könnten – lieber Gott, schaffen wollen wir ja schon und können's auch. Aber er schlug es uns rund ab und meinte, wer schon zehn Jahre in Brasilien sei und noch keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe hätte, mit dem wolle er auch nichts zu thun haben und je eher wir machten, daß wir wieder aus seiner Colonie kämen, desto besser.« »Aus seiner Colonie?« rief Berthold in voller Entrüstung – »na, Gott straf' mich, 's wird doch alle Tage besser! Aus seiner Colonie! Aber heute geht Ihr noch nicht, Ihr Leute, und morgen auch nicht und übermorgen auch nicht und dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Colonisten hier in der Nachbarschaft nicht so viel zusammen auftreiben können, um ein paar arme Landsleute, die zehn Jahre in der Sclaverei gewesen, wieder auf die Beine zu bringen. Heh, Landsleute!« wandte er sich, plötzlich aufstehend, an die übrigen Gäste, von denen sich nach und nach eine ziemliche Zahl im Zimmer gesammelt und an den verschiedenen Tischen vertheilt hatte – »hier sind zwei arme deutsche Familien eben aus einem schurkischen Parcerievertrag von Minas Geraes herunter gekommen – krank dabei und elend, denen der Director Subsidien verweigert und die er wieder aus der Colonie jagen will, weil sie kein Geld mitbringen. Sollten wir denn nicht hier unter uns so viel zusammenbringen können, um den armen Leuten einen vergnügten Abend zu machen und ihnen zu beweisen, daß sie wieder unter Landsleuten und nicht mehr unter Sclavenhaltern sind? Hier ist von mir ein Milreis – wer hat noch ein bischen klein Geld bei sich?« »Hier ist auch einer – hier auch einer!« rief es von allen Seiten – »hier sind fünf,« sagte der Bäckermeister, »und hier auch,« erwiderte Rohrland, und es dauerte keine zehn Minuten, so war die Mütze mit Silbermünzen fast halb angefüllt. »Da, nun gebt einmal Eure Mütze her,« lachte Berthold den armen Teufel an, der ganz verdutzt und seinen Sinnen kaum trauend daneben stand, indem er ihm das Geld klirrend hineinschüttelte – »so. nun lauft heim und zeigt's Eurer Frau und Eurem Schwager – denn für den ist's auch mit, und morgen reden wir weiter, wo wir ein paar Colonien für Euch herbekommen. Nur nicht ängstlich; es geht Alles in der Welt, wenn man's nur auf der rechten Seite anfaßt.« »Ja, aber Du lieber Gott...« stotterte der Mann. »Fort mit Euch!« rief aber der Schneider, der ihm die Verlegenheit ersparen wollte und schob ihn lachend zur Thür hinaus – »wenn Ihr wollt, könnt Ihr nachher wieder herkommen, aber jetzt liefert erst Eure Capitalien ab.« »Oh, so vergelt's Ihnen Gott tausend und tausendmal!« rief der Unglückliche, aber Berthold hatte die Thür schon hinter ihm zugemacht. Immer mehr Gäste kamen herein, so daß sich das große Zimmer ziemlich gefüllt hatte, und das Gespräch wurde immer lebhafter, gab es doch heute auch genügenden Stoff, um bei einem Glas Bier oder Wein die Tagesfragen gehörig durchzunehmen! Das junge Volk aber, das sich darüber bald ausgesprochen hatte – denn Keiner von Allen glaubte, daß Köhler länger als bis morgen früh zu sitzen haben würde – fing an zu singen. An dem einen Ecktisch bildete sich ein Quartett, und ›Aennchen von Tharau,‹ ›Wir sitzen so fröhlich beisammen‹ und eine Menge andere deutsche Lieder wurden vorgenommen. Bohlos' Hotel war nämlich das beliebteste in Santa Clara, denn man wußte jetzt, daß Buttlich nur eine Creatur des neuen Directors war, und wollte nichts mit ihm zu thun haben. Indessen war es neun Uhr geworden, als die Thür plötzlich aufging, einer der braunen brasilianischen Soldaten den Kopf hereinsteckte und in portugiesischer Sprache nach dem Wirth fragte. Bohlos, der gerade, eine Partie Bierkrüge in der Hand, an der Thür vorbeigehen wollte, blieb stehen, sah den Burschen an und fragte: »Na? Was ist nu wieder los?« »Es ist neun Uhr,« erwiderte der Soldat, der jetzt voll in's Zimmer trat. »So?« sagte Bohlos, »bist Du Nachtwächter hier im Ort geworden?« »Es ist neun Uhr,« wiederholte jedoch der Bursche, »und der Director hat befohlen, daß um neun Uhr alle Leute nach Hause gehen und daß nicht mehr gesungen wird.« »Nanu?« rief Bohlos, beinahe stumm vor Staunen. »Was ist los? Was giebt's da?« riefen eine Menge Gäste durcheinander, welche den Soldaten bemerkt hatten und Bohlos' Erstaunen sahen. »Was will er, Bodenlos? Ist er durstig?« »Polizeistunde, bei Gott!« rief jetzt der Wirth, »und das Singen stört den Herrn Director.« »Da soll er sich doch Baumwolle in die Ohren stecken,« lachte Berthold – »Polizeistunde, na, weiter fehlte nichts in Brumsilien.« »Alle sollen nach Hause gehen und Singen aufhören!« schrie der Soldat über den ganzen Lärm hinaus und stieß dabei seinen Gewehrkolben heftig auf den Boden nieder, und wie er das gethan hatte, antwortete es draußen dem Signal. Die Gewehrkolben ziemlich der ganzen Mannschaft stießen draußen auf, die Thür wurde aufgerissen und die Gäste sahen zu ihrem Staunen, daß hier wirklich Ernst gemacht wurde. »Ei, da schlag' denn doch ein Himmeldonnerwetter drein!« schrieen aber ein paar von den jungen Leuten, die sich einer solchen boshaften Willkür nicht gutwillig fügen mochten, und sprangen von ihren Sitzen auf. Die Soldaten wollten jetzt in's Zimmer dringen, aber die deutschen Burschen faßten ein paar von den braunen, verlebten Gestalten, daß diese eben nicht sanft und pfeilschnell auf ihre Kameraden zurückflogen, und es wäre jedenfalls zu einer ganz ordentlichen Schlägerei gekommen, wenn nicht Bohlos dazwischen gesprungen wäre. »Meine Herren,« rief er auf die Gäste ein, »ich bitte Sie um Gottes willen, widersetzen Sie sich nicht den, wenigstens angeblich gesetzlich gegebenen Anordnungen des Directors, der auch zugleich Delegado ist. Sie wissen nicht, in was für Schererei wir deshalb kommen können. Thun Sie mir den Gefallen und gehen Sie heut Abend ruhig nach Haus – morgen wollen wir dann schon sehen, was sich in der Sache thun läßt.« Es gelang ihm auch wirklich, die Ruhe wieder herzustellen, und die Gäste folgten seinen Bitten und verließen – aber alle mit bitteren Flüchen auf den Director in portugiesischer Sprache, damit es die Soldaten verstehen sollten – das Hotel. Draußen aber formirten sie sich zwei an zwei Mann und zogen jetzt Arm in Arm und laut singend und jubelnd vor des Direktors Haus. Natürlich schlossen sich ihnen noch gleich eine Menge anderer Colonisten an, und das Resultat war dann eine ganz richtige deutsche Katzenmusik, die ihrem weltlichen Oberhaupt in der Stille der Nacht gebracht wurde; dann zerstreuten sie sich lachend durch den Ort, um ihre eigenen Wohnungen aufzusuchen. Etwa drei Viertelstunden später traten drei Soldaten in Bohlos' Hotel, gingen in die nur von einem Talglicht erhellte und sonst vollkommen leere Gaststube und verlangten eine Flasche Branntwein zu kaufen. »Thut mir leid, meine Herren,« sagte Bohlos ruhig – »Sie haben mir im Namen des Herrn Directors selber verboten, nach neun Uhr noch etwas auszuschenken, von mir können Sie also nichts bekommen. Ich habe übrigens gesehen, daß sich das Verbot nicht auf den andern Wirth Buttlich auszudehnen scheint. Bei dem sitzen die Gäste noch fest; wenn Sie also Branntwein haben wollen, bemühen Sie sich dort hinüber.« Indessen waren noch drei oder vier andere Soldaten nachgekommen und sprachen leise mit den übrigen. Endlich drehten sie sich, um hinauszugehen. »Hier ist's verdammt dunkel!« rief der eine, und da er draußen ein Gepolter hörte, nahm Bohlos das Licht vom Tisch und trat hinaus auf den Hausflur. In dem Augenblick sah er, daß einer der Soldaten mit einem großen Zaunpfahl, den er von draußen mit hereingebracht hatte, gegen ihn ausholte. Er behielt eben noch Zeit, seinen rechten Arm empor zu werfen, um sich vor dem Schlag zu schützen, als dieser mit voller Wucht auf ihn niedertraf. Unwillkürlich stieß er einen Schmerzens- und Hülfeschrei aus, als die Soldaten lachend und fluchend aus der Thür sprangen und im nächsten Augenblick im Dunkel draußen verschwunden waren. Bohlos' Frau kam jetzt aus ihrem Zimmer gestürzt und die Dienstleute eilten herbei. Bohlos aber, der noch mit dem Licht in der Hand, doch todtenbleich vor ihnen stand, sagte ruhig: »Lauf doch einmal Einer von Euch zum Bader. Die Halunken haben mir den Arm zerbrochen« – und sank dann ohnmächtig zusammen. 27. Vorbereitungen. So lange die Colonie Santa Clara stand, hatte noch keine solche Aufregung geherrscht, wie in diesen Tagen, und es fehlte wahrlich nicht viel, so wäre eine wirkliche Revolution ausgebrochen. Nur die älteren Leute hielten das junge Volk noch zurück, daß sie nicht das Directionshaus stürmten und Herrn von Reitschen selber ›zu allen Teufeln‹ jagten. Herr von Reitschen mochte auch etwas Aehnliches fürchten, denn die Stimmung gegen ihn konnte ihm nicht verborgen bleiben, und er hatte zwölf Mann seines sogenannten Indianerschutzes unten in sein eigenes Haus gelegt, wo sie mit geladenen Gewehren Wache halten mußten. Die Uebrigen waren theils vor das Gefängniß, theils in das »Auswandererhaus« postirt worden, und die armen Parcerie-Arbeiter hätten am Flußufer lagern müssen, wäre ihnen nicht durch Bohlos eins seiner Hintergebäude angewiesen worden. Bohlos' Arm war übrigens durch den Schlag dicht über dem Handgelenk wirklich gebrochen, und auf eine Klage seiner Frau bei dem Director erwiderte dieser: Bohlos sei ein widerspenstiger Gesell und in seinem Hause gestern sogar offene Widersetzlichkeit gegen die Militärgewalt vorgefallen, was übrigens noch weiter geahndet werden würde. Diesen Fall nun betreffend, der unwahrscheinlich genug klinge, daß der Wirth nämlich von einem Polizeisoldaten solle ohne weitere Veranlassung überfallen und ihm der Arm zerschlagen sein, so möge er den betreffenden Soldaten bringen und die Sache werde dann weiter untersucht werden. Authentisch. Natürlich war das unmöglich, denn auf dem dunkeln Hausflur, zwischen den braunen, schmutzigen Gesichtern, alle in ähnlicher Uniform, die sich selbst am Tage auffallend glichen, wäre es ganz unmöglich für Bohlos gewesen, den Thäter mit Bestimmtheit bezeichnen zu können – und vielleicht wußte das auch der Director, denn es geschah weiter nichts in der Sache. Wohl aber wurde Bohlos drei Tage später davon in Kenntniß gesetzt, daß er »wegen Widersetzlichkeit gegen die Behörden« fünfzig Milreis Strafe zu zahlen habe und ihm bei einem Wiederholungsfalle die Schankgerechtigkeit entzogen werde. Und Köhler kam nicht frei. Erst am fünften Tage, als das Gesicht des Directors nicht mehr so deutlich die Spuren der erlittenen Mißhandlung zeigte, wurde er zum ersten Mal zu seinem Verhör geführt und – als er nicht bekennen wollte – wieder in seine Zelle zurückgebracht. Könnern war indessen abwesend und nach irgend einer andern Colonie geritten, Niemand wußte wohin. Als er aber nach acht Tagen zurückkehrte, saß Köhler noch immer, und er beschloß jetzt, den Direktor selber aufzusuchen. Der Erfolg war indessen, wie er sich hätte voraus denken können, kein günstiger, denn daß ihm der Direktor nicht freundlich gesinnt sei, da dieser ihn als Sarno's Freund kannte, läßt sich denken. Außerdem war er Zeuge oben auf Köhler's Chagra gewesen, wie er jene Mißhandlung erlitten, und mit aller Höflichkeit und einigen nichtssagenden Redensarten wurde der junge Mann abgespeist, daß er das Directionsgebäude empört verließ. Was jetzt thun? Er war fest entschlossen, die Sache zum Aeußersten zu treiben und beschloß nun, Günther aufzusuchen und dessen Rath einzuholen. Günther stak aber irgendwo im Walde bei seinen Vermessungen, Niemand konnte ihm genau die Stelle angeben, wo er ihn möglicher Weise treffen würde, und es dauerte drei Tage, bis er ihn endlich in seinem aufgeschlagenen Lager fand. Hier erzählte er Günther mit kurzen Worten die Vorgänge in Santa Clara, und dieser saß dabei, nickte mit dem Kopf und lächelte nur still vor sich hin. »Ich hab' mir's gedacht, daß es etwa so kommen würde,« sagte er endlich, »und der Herr Baron scheint seiner Protection alle Ehre zu machen; aber ich denke, sein Spiel soll nicht ewig dauern. Haben Sie guten Muth, Könnern, dem armen Teufel, dem Köhler, können sie doch nichts anhaben, denn das darf er nicht wagen, und er läßt es auch nicht zum Aeußersten kommen; und wenn es jetzt für unsern jungen Freund auch schlimm genug ist, von dem allerliebsten Frauchen so lange getrennt zu sein, kann er sich doch darauf verlassen, daß er glänzende Genugthuung erhält. Also Ihr habt den Herrn Director droben auf verbotenen Wegen erwischt? Was gäb' ich nicht drum, wenn ich dabei gewesen wäre und das später einmal der Frau Präsidentin hätte ausführlich erzählen können! Aber die alte Geschichte – wenn's Brei regnet, fehlt mir jedesmal der Löffel – so 'was Gutes kommt an mich nicht!« »Und können Sie mit hinunter?« »Ja,« sagte Günther nach einigem Zögern – »das heißt heute nicht mehr, aber morgen Abend oder spätestens übermorgen früh habe ich meine Arbeiten hier oben so weit beendet, daß ich das Uebrige an jeder andern Stelle fertig machen kann – mein neuer Hülfsarbeiter hat mich aber auch wacker unterstützt.« »Und haben Sie sich leicht in die Arbeit gefunden, lieber Graf?« »Vortrefflich!« lachte der junge Mann – »und außerdem hatte ich nie im Leben wirklich geglaubt, daß ich noch je einmal zu etwas nützlich sein könnte, während ich sogar jetzt das volle Vertrauen des von der Regierung angestellten Beamten besitze.« »Du findest gewiß noch solche Freude an dieser Beschäftigung,« sagte Günther, »daß Du wacker dabei aushältst und gar noch ebenfalls brasilianischer Beamter wirst.« »Möglich, aber nicht wahrscheinlich,« sagte Felix achselzuckend; »jedenfalls hat es mir hier geholfen, eine Quantität Zeit todtzuschlagen, und das ist noch immer ein unberechenbarer Gewinn, den ich selber gar nicht hoch genug anzuschlagen weiß. »Du bist unverbesserlich!« lachte Günther – »und nun wieder an die Arbeit, denn wenn ich bis morgen fertig werden will, haben wir Beide noch genug zu thun.« Die Arbeit wurde in der That in der angegebenen Zeit beendet, aber doch zu spät, um noch an dem nämlichen Abend an den Abmarsch denken zu können, den sie auf den andern Morgen bis Tagesanbruch festsetzten. »Und haben Sie nichts wieder von dem alten Mann und seiner Tochter gehört?« fragte Günther den Freund, als er mit ihm zusammen einen Waldweg nach Santa Clara hinüberritt – Felix war gerade ein Stück zurückgeblieben. »Nichts – gar nichts,« sagte Könnern leise – »ich habe sie sogar gesucht – ich bin fünf Tage nach ihnen in der Nachbarschaft umhergeritten, und die ersten zwei ihrer Spur gefolgt. Dann war diese urplötzlich verschwunden. Kein Mensch konnte mir weitere Nachricht von den Verschollenen geben, und der Gedanke ist mir jetzt furchtbar, daß ihnen, allein und hülflos wie sie waren, ein Unglück zugestoßen sein könne. Meine arme Elise!« »Spurlos verschwunden?« sagte Günther, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd – »wie wäre das hier in der Colonie möglich ?« »Und warum nicht? Sobald sie die Hauptstraße verlassen und sich nach rechts oder links in den Wald ziehen, wo überall noch einzeln zerstreute Hütten liegen, wer soll ihnen da folgen? Und ehe ich sie aufzufinden vermöchte, können sie verdorben sein.« »Und von dem Mörder des Schneiders hat man ebenfalls keine Spur? Gar keinen Verdacht?« »Keinen – der liederliche Gesell hatte zu wenig Geld bei sich, als daß das könnte einen Menschen zum Morde gereizt haben, und, kleine Häkeleien ausgenommen, hat er sich auch Niemanden in der Colonie so zum Feinde gemacht, daß man glauben könne, der Mord sei irgendwie aus Rache verübt. Es bleibt räthselhaft.« »Der Director kann doch unmöglich Köhler für schuldig halten?« »Sicher nicht,« sagte Könnern, »aber eine bessere Gelegenheit fände er im Leben nicht, sich an dem zu rächen, der ihn einmal mißhandelt hat, und daß er sie eben benutzt, liegt in seiner Natur.« »Gut, dann wollen wir einmal sehen, was wir gegen ihn ausrichten können. Die erste Warnung vor dem Mann, der hierher als Direktor gesetzt ist, hat der Minister des Innern schon von mir aus Santa Catharina bekommen; jetzt ist nichts weiter nöthig, als in Santa Clara die genauen Daten der letzten Vorfälle zu sammeln, und dann gehe ich selber mit der nächsten Gelegenheit nach Rio ab, um das Weitere zu betreiben.« »Sie wollen wirklich fort – und dann nach Deutschland?« »Dann nach Deutschland, nach meinem Thüringen!« rief Günther, und spornte fast unwillkürlich sein Pferd zu schärferem Trab, als ob ihn schon der Gedanke seinem Ziel rascher entgegenführe. »Und Sie kommen vorher nicht noch einmal hierher zurück?« »Hierher? Gewiß nicht! Ich habe das wilde, unstäte Leben recht von Herzen satt bekommen und muß doch jetzt auch wieder einmal fühlen lernen, wie einem wirklichen Menschen zu Muthe ist. Sechs Jahre, Könnern – sechs Jahre lebe ich jetzt hier, mit dem Bewußtsein, daß Alles, was mir lieb und theuer auf der Welt ist, da drüben treu und geduldig, aber mit immer wachsender Sehnsucht meiner harrt. Jetzt ist's genug! Der Brief, der mich drüben anmeldet, ist schon damals von Santa Catharina abgegangen; jetzt habe ich weiter nichts in Rio zu thun, als meine Berechnungen vorzulegen und mein Geld einzukassiren – wobei ich aber dafür sorgen werde, daß Sarno Gerechtigkeit widerfährt, und dann mit dem nächsten Dampfer heim – heim – es giebt ja gar kein schöneres Wort in unserer reichen deutschen Sprache – heim !« Könnern war schweigend neben ihm hergeritten, und die heiße Sehnsucht, welche den Freund zurück in die Heimath trieb, fand in seinem Herzen keinen Wiederklang. Für ihn war die Heimath todt und leer, denn all' sein Hoffen, all' sein Lieben deckten die düsteren Schatten des brasilianischen Urwaldes – vielleicht schon mit Todesnacht – arme Elise! Noch an demselben Nachmittag erreichten sie die Colonie, in der sich in den Tagen nichts verändert hatte, das ausgenommen, daß die Erbitterung gegen den Direktor fast noch mit jedem Tage gestiegen war. Herr von Reitschen verkehrte jetzt auch nur noch mit dem Baron und der Gräfin; die gewöhnlichen Kolonisten durften seine Stube gar nicht mehr betreten und wurden stets auf dem Vorsaal abgefertigt, wo sie mit abgezogenem Hut warten mußten, bis der Herr Direktor einmal einen Augenblick zu ihnen heraustrat. Günther von Schwartzau ließ sich übrigens, als er alles das erfuhr, gar nicht bei ihm melden und sandte ihm nur ein paar Zeilen, worin er ihm anzeigte, daß er seine Arbeiten in der Colonie beendet habe und mit der ersten Gelegenheit nach Rio Janeiro gehen würde. Wünsche der Herr Baron ihn zu sprechen, so sei er Morgens bis zehn Uhr in Bohlos' Hotel zu finden. Natürlich kam Herr von Reitschen, über eine solche Zumuthung empört, nicht , arbeitete aber dafür sehr fleißig an verschiedenen Depeschen, die allen möglichen ungünstigen Berichten in Rio entgegenwirken sollten. Wußte er doch recht gut, daß er an Herrn von Schwartzau keinen Fürsprecher finden würde. Könnern hatte den Mittag wieder einen vergeblichen Versuch gemacht, bei dem Gefangenen vorgelassen zu werden, und saß eben in seiner Stube, mit einiger Korrespondenz beschäftigt, die Günther mit nach Rio nehmen wollte, als es an die Thür klopfte. Er rief: »Herein!« und im nächsten Augenblick steckte Jeremias sein dickes, gutmüthiges Gesicht, aber mit einem besondern Grad von Vorsicht, in die Thür. »Heda, Jeremias!« rief Könnern, der den kleinen komischen Burschen gern leiden mochte, noch dazu da er wußte, wie treu er früher an Sarno gehangen – »läßt Du Dich denn auch einmal wieder sehen?« »Wieder sehen?« sagte Jeremias, nachdem er sich überzeugt hatte, daß Könnern allein im Zimmer sei – »Sie haben mich wohl erwartet und ich laufe mir seit beinahe einer Woche im ganzen Nest die Beine ab und suche den Herrn Könnern in allen Winkeln und Ecken.« »Mich – und weshalb? – Ich war im Walde draußen.« »Na ja, das hab' ich mir etwa gedacht, aber – wollen Sie mir einen Gefallen thun?« »Wenn ich kann, recht gern, doch jetzt bin ich beschäftigt.« »Wie lange?« »Ist es so wichtig?« »Ja.« »Nun denn, heraus damit!« »Hier nicht. Sie müssen einen Spaziergang mit mir machen.« »Was hast Du denn nur, Du thust ja so geheimnißvoll?« »Es ist auch ein Geheimniß,« sagte Jeremias, sich leise und scheu umsehend, »das ich zwischen den papiernen Wänden hier nicht auskramen möchte, denn man weiß nicht, wer dahinter steckt.« »Und wie lange wird es mich aufhalten?« »Eine gute Stunde – vielleicht zwei – vielleicht eine Woche.« »Alle Teufel!« lachte Könnern, »Dein Geheimniß scheint dehnbar zu sein; doch dann laß mich erst diesen Brief schließen und siegeln, nachher habe ich eine Stunde Zeit für Dich – vorausgesetzt aber, daß es wirklich wichtig ist.« Jeremias antwortete gar nicht; er setzte sich ruhig auf einen Stuhl, seinen Hut zwischen den Knieen und wartete dort geduldig, bis Könnern seine Korrespondenz völlig beendet und seine Schreibmaterialien weggeschlossen hatte. Dann erst, als er seinen eigenen Hut nahm und nun sagte: »So komm!« stand er auf, öffnete dem jungen Mann die Thür und folgte ihm die Treppe hinunter. »Und wohin wollen wir?« fragte Könnern, unten angelangt, und sah zu seinem Erstaunen, daß ihm Jeremias schon sein Pferd gesattelt und angebunden hatte – »ist es so weit?« »Nein,« meinte Jeremias; »aber Sie können's sich doch eben so gut bequem machen. Nur den Berg hinauf steigen Sie ab, und ich erzähle Ihnen dann die ganze Geschichte.« Könnern wurde wirklich neugierig; Jeremias hielt sich aber hinter seinem Pferd, bis sie den Fuß des Hügelrückens erreichten, über den der Weg nach Zuhbel's Chagra führte. Dort sprang er vor, hielt Zügel und Steigbügel, bis der Reiter abgestiegen war, nahm dann das Pferd am Zügel und begann nun, ohne die geringste Vorbereitung, Könnern, zu dem er ein so großes Vertrauen hegte, seine eigenen Geldverhältnisse zu erzählen und ihm den Platz zu beschreiben, wo er den Sack versteckt gehalten. Dann kam er auf den Abend, an dem er das vom Director Sarno erhaltene Geld dort einheimsen wollte, und zuletzt zu seinem Abenteuer, wie ihm der Dieb seines eigenen Geldes den gestohlenen Sack, freilich unfreiwillig, vor die Füße geworfen habe und dann in wilder Flucht in den Wald gesprungen sei. – Sie hatten indeß dieselbe Stelle erreicht, und Jeremias konnte dem jungen Mann genau den Fleck zeigen, wo der Verbrecher gestürzt und in den Busch hineingebrochen war. »Ja, mein guter Jeremias,« sagte Könnern endlich, »das ist eine ganz interessante und höchst wunderbare Geschichte, aber – nimm mir's nicht übel – was geht mich das eigentlich an?« »Das will ich Ihnen gleich sagen,« erwiderte der kleine Bursche, nicht im Mindesten dadurch gekränkt. »Sie wissen doch, daß sie den Köhler, als des Mordes verdächtig, eingesperrt haben? – ich weiß aber jetzt, wer der wirkliche Mörder ist.« »Du – Du kennst ihn?« rief Könnern rasch und erstaunt. »Ahem!« nickte Jeremias entschieden mit dem Kopf – »Bux.« »Bux? – Wer ist Bux?« »Sie kennen Buxen nicht? – den Bauchredner, den Lump?« »Und wo ist er jetzt?« »Pfutsch!« sagte Jeremias mit einer entsprechenden Handbewegung. »Und woher glaubst Du das?« Jeremias holte, ohne zu antworten, aus seiner Tasche ein altes Klappmesser und zeigte es Könnern. »Sehen Sie,« sagte er, »das hat der Lump bei der Arbeit verloren und im Stich gelassen. Es war mir auch gleich so, wie er an mir vorübersprang, als ob ich die Canaille kennte. In der Stadt hab' ich mich indessen vorsichtig erkundigt, wem das Messer gehört, und der Buttlich kannt' es und wollt' es mir abnehmen. – So, und jetzt steigen wir zu meinem Versteck hinauf, in dem das Messer eingeklemmt war, und dort zeig' ich Ihnen die ganze Bescherung, auch den Platz, wo der Mann erschlagen ist.« »Und weshalb sollte der den Schneider ermordet haben?« »Die Sache ist einfach genug,« sagte Jeremias, der mit ziemlich richtiger Combination der That folgte. »Die beiden Lumpen, denn der Justus war nicht um ein Haar besser, haben mir, Gott weiß wie, nachgespürt, oder auch vielleicht hier oben irgendwo gerade etwas ausgeheckt, als ich vorbeikam. Nachher sind sie mir nachgekrochen und haben mein Versteck gefunden; dann hat der Bux den Schneider auf den Kopf geklopft, um den ganzen Sack für sich allein behalten zu können. Mit dem bösen Gewissen aber und dem Mord auf der Seele bekam er die Angst, sah nicht auf den Weg, stürzte und glaubte nun im ersten Schrecken, als er eine Stimme neben sich hörte, er solle des Mordes wegen abgefaßt werden, weshalb er, wie vom Teufel gehetzt, in die Büsche fuhr.« »Bux? – Bux? – Ich kann mich auf den Menschen gar nicht besinnen.« »Aber ich bitte Sie,« sagte Jeremias – »der Lüdrian, der immer einen Tressenstreifen um die Mütze trug.« »Der?« rief Könnern, rasch auffahrend – »den hab' ich neulich auf meinem Ritt in die Colonien getroffen. – Es war ihm etwas geschehen, ich glaube, sein Lastthier, ein Esel oder Maulthier, war mit ihm gestürzt, und er mußte dort bei einem Bauer liegen bleiben.« »Dann kriegen wir ihn auch,« sagte Jeremias bestimmt. »Aber weshalb, um Gottes willen, hast Du den Verdacht, der fast an Gewißheit grenzt, nicht schon lange ausgesprochen?« rief Könnern vorwurfsvoll – »und der arme Köhler sitzt die ganze Zeit!« »So?« sagte Jeremias, »und wenn ich etwas gegen den Buttlich oder einen von den Consorten hätte merken lassen, dann wär' der Bux wohl noch unter der Hand gewarnt worden, nur um den Köhler noch ein bischen länger unter dem Daumen zu halten? Und dann, soll ich's denen wohl auch auf die Nase binden, daß ich so viel Geld hätte, um es verstecken zu müssen? – Ueber jeden Milreis würden sie mir Rechenschaft abverlangt haben, und meines eigenen Lebens wäre ich von da an keinen Augenblick mehr sicher gewesen. Nein, lieber nicht, und ich hätt's auch jetzt noch nicht, und selbst Ihnen nicht gesagt, wenn nicht – der Köhler heute krank geworden wäre. Der arme Teufel hält die Hitze in dem Loch aber nicht mehr lange aus und wenn dem 'was passirte – das möcht' ich nicht auf dem Gewissen haben – da noch lieber die Angst, bestohlen zu werden. Fassen sie den Bux, so kommt's nachher mit meinem Geld auch heraus, das ist sicher, denn gestehen muß er und wird er, weshalb er den Justus todtgeschlagen. Nachher freue ich mich aber nur auf das dumme Gesicht von ihm, wenn er erfährt, wo er sein Geld die Nacht hingeworfen hat und daß ich beinahe eben so erschreckt gewesen wäre, als er selber.« »Dann wollen wir augenblicklich hinunter und die Anzeige machen,« rief Könnern rasch. »Nein,« sagte Jeremias ruhig, »wir wollen gerade das Gegentheil thun und augenblicklich hinaufsteigen und meinen Versteck betrachten, damit Sie sich erst von Allem überzeugen und nachher noch lange keine Anzeige machen, bis wir den Bux fest haben. Wissen Sie ungefähr, wo er steckt, so wird das auch nicht so schwer halten, und wenn wir dem Herrn Director dann die Beweise unter die Nase reiben, muß er den Gefangenen herausgeben, oder – wir stecken ihm das Haus über dem Kopf an und räuchern ihn zum Tempel hinaus. Gott straf' mich, es wird überhaupt Zeit, daß die Wirthschaft einmal ein Ende nimmt!« Könnern mußte sich, er mochte wollen oder nicht, dem kleinen Burschen fügen, der sein Pferd in das Dickicht führte und dort anband und dann mit ihm in die Schlucht hinaufstieg, damit er mit dem Terrain genau bekannt würde. Dabei erzählte er ihm eine Menge Einzelheiten aus Bux' Leben, wie er seine Familie mißhandelte und sich überhaupt die kurze Zeit in der Colonie benommen hatte, und kehrte dann Nachmittags mit dem jungen Mann nach Santa Clara zurück, wo dieser ohne Säumen die beiden Freunde aufsuchte, um mit ihnen das Nöthige zu berathen. Herr von Schwartzau billigte auch ganz Jeremias' Vorschlag: vor allen Dingen sich der Person des wahrscheinlichen Mörders zu versichern, ehe man gegen den Director ein Wort von dem Verdacht äußerte. Es schien allerdings kaum möglich, daß dieser, nur um einem Gefühl der Rache zu folgen, dem wirklichen Verbrecher Gelegenheit zur Flucht verschaffen würde, aber – sicher blieb sicher und er hatte nachher keine Ausrede mehr. Graf Rottack erbot sich augenblicklich, Könnern zu begleiten, brachte das doch einmal eine Abwechselung in sein monotones Leben, wie er meinte, und die jungen Leute beschlossen, keinem Menschen ein Wort von ihrer Expedition zu sagen. Daß Jeremias schwieg, wußten sie außerdem, und je geheimer das Ganze betrieben wurde, auf desto sicheren Erfolg konnten sie rechnen. An dem nämlichen Tage hatten fast sämmtliche Einwohner Santa Claras auf Günther's Veranlassung eine Adresse an die Regierung in Rio aufgesetzt und unterzeichnet, in der sie mit einfachen, aber klaren Worten die gegenwärtigen Verhältnisse und deren Rechtszustand schilderten und um Abhülfe baten. Sie sagten außerdem darin, »sie wollten die Regierung nicht drängen, ihren jetzigen Director wieder abzurufen, obgleich es keinen verhaßteren Menschen in der Colonie gäbe, aber das könnten sie verlangen, daß wenigstens ein ehrlicher Mann als Delegado ihnen zugetheilt würde und die Polizeigewalt nicht länger in einer Hand mit der Obrigkeit sei. Die Colonisten wären sonst verrathen und verkauft und hätten keinen Platz in der Welt, wo sie Recht und Gerechtigkeit bekommen könnten, als das abgelegene und schwer zu erreichende Rio de Janeiro«. Der eigentliche Postdampfer, der zwischen den Colonien und Rio, angeblich regelmäßig, lief, wäre allerdings schon wieder seit zwei Tagen fällig gewesen, aber es herrschte unter den Dampfern aller jener Linien an der brasilianischen Küste eine solche consequente Unregelmäßigkeit, daß man nie mit Sicherheit darauf rechnen konnte; ja es war schon vorgekommen, daß der eine vierzehn Tage über seine Zeit ausblieb und der andere dann dicht hinter ihm her oder gar mit ihm zu einer Zeit eintraf. Günther wollte sich also dem nicht aussetzen und nahm Passage auf einem nach Rio bestimmten Schooner, demselben, der die Parcerie-Colonisten hierher gebracht und indessen eine Ladung Bohnen, Maniokmehl und etwas geräuchertes Fleisch eingenommen. Er hatte die ganze Nacht gearbeitet und seine Karte über die Vermessung der Colonie beendet und copirt, da er die Copie dem Director zurücklassen mußte, schickte ihm dieselbe am nächsten Morgen in's Haus und nahm dann von den Freunden Abschied, die ihn bis zur Landung hinunter begleiteten. Beide junge Leute versprachen ihm auch fest, ihn in der Heimath aufzusuchen, sobald sie selber wieder Fuß auf deutschen Boden setzen würden, und eine halbe Stunde später sprengten Graf Rottack und Könnern auf der Straße hinaus, die an der Meierei vorüber in den Wald führte. 28. Bux auf der Flucht. »Was wir doch eigentlich für ein wunderliches, abenteuerliches Leben führen,« brach Felix endlich das Schweigen, denn Könnern's Herz war heute, wo er sich dem Platze wieder näherte, an dem er Elisen zum ersten Mal gesehen, schwer und gedrückt, und wie die Ahnung eines großen Unglücks lag es auf seiner Seele. – »Heute hier, morgen da, heute philisterhaft sich mühend, um das tägliche Brot zu verdienen nur des täglichen Brodes wegen, und morgen wieder im Sattel – wie wir Beide heute – als Rächer und Verfolger: ein paar richtige Romanhelden, wie man sie nicht brauchbarer erfinden könnte.« »Mein lieber Graf,« sagte Könnern, »wie oft auch gleicht unser Leben einem künstlich erdachten und selbst unnatürlich combinirten Roman, mit all' den Zufälligkeiten, die hineingreifen und alle Pläne über den Haufen werfen. Und wir brauchen dazu nicht einmal nach Brasilien auszuwandern; Tausende und Tausende solcher Beispiele finden wir eben so gut daheim, ebenso in den anscheinend hausbackensten Verhältnissen, die nach außen die glatte, nichtssagende Oberfläche zeigen. Könnten wir oft den Schleier heben, der darauf liegt, was für wunderbare und interessante Dinge würden wir zu sehen bekommen!« Graf Rottack lächelte still vor sich hin, denn er dachte in diesem Augenblick an seine Scene mit der Madame Baulen. »Apropos,« sagte er, »haben Sie kürzlich nichts von unserer Gräfin gehört? Ich vergaß in der kurzen Zeit, die ich Santa Clara war, ganz, nach ihr zu fragen – oder kennen Sie die Dame gar nicht?« »Ich habe sie wohl ein paar Mal auf der Straße gesehen,« sagte Könnern, »aber nie das Vergnügen ihrer persönlichen Bekanntschaft gehabt. Ja, ich muß sogar zu meiner Schande gestehen, daß ich selbst meine Schuldigkeit versäumt habe: ihr nämlich meine Aufwartung nach der unbenutzten Einladung zu machen. Wie ich aber neulich von Jeremias zufällig gehört, so scheinen Mißhelligkeiten in der Familie ausgebrochen zu sein.« »In der gräflichen?« lachte Felix. »Allerdings; da ich mich jedoch für die Leute nicht interessire, sind mir auch die Einzelheiten wieder entfallen – ich hatte überhaupt damals den Kopf voll genug. Nur so viel erinnere ich mich, daß die Verbindung zwischen der Comtesse und Herrn von Pulteleben abgebrochen ist ...« »Ha!« rief Felix, sich erstaunt im Sattel aufrichtend. »Und daß sich die Comtesse sogar von ihrer Mutter getrennt hat,« fuhr Könnern fort, »was vielleicht Aufsehen in der Colonie erregt hätte, wenn die Leute nicht in der Zeit gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt gewesen wären. Gesprochen wurde aber doch viel darüber.« »Helene fort?« sagte Felix nachdenkend; »was mag da vorgefallen sein? – Und wo wohnt sie jetzt? – Wo konnte sie hin?« »Das habe ich zufällig bei Rohrlands gehört, ohne der jungen Dame selber aber dort zu begegnen. Sie hat sich in Rohrland's Hause ein Zimmer gemiethet und einen Theil ihrer Möbel wie ebenfalls ihr Pferd an Director von Reitschen verkauft.« »Wunderbar, wunderbar!« murmelte der junge Mann kopfschüttelnd vor sich hin. »Von der Mutter getrennt, und die Verbindung mit dem Bräutigam abgebrochen, da muß etwas ganz Absonderliches geschehen sein. Sehen Sie, Könnern, da haben Sie gleich wieder einen kleinen Familienroman mit den interessantesten Persönlichkeiten: einem schönen Mädchen, einer intriguanten Mutter und – einem überflüssigen Bräutigam. Schade nur, daß der wirkliche Geliebte fehlt, der zu einem wünschenswerten Schluß gehört, denn die Damen, die in einem Buche immer zuerst die letzten Seiten lesen, betrachten das als eine stillschweigende Bedingung. – Und da drüben auch,« fuhr er fort und deutete mit der linken Hand nach der Stelle hinüber, wo des alten Meier Haus lag – »dort hat sich ebenfalls eine anscheinend glückliche Familie plötzlich ohne bekannt gewordene Veranlassung zerstreut – die Mutter ist in's Wasser gesprungen, Vater und Tochter sind verschwunden – verdorben vielleicht, und Alle hatten die Berechtigung an dieses Leben wie wir – gerade so gut wie wir, und jetzt Alles – Alles zerstoben wie ein Traum! Sonderbare Geschichte das, höchst sonderbare Geschichte, und man weiß zuletzt wirklich nicht einmal ganz gewiß, wer von uns Allen denn auch sicher wacht .« Könnern, dem die Worte des Grafen den alten Schmerz auf's Neue wach riefen, ohne daß Felix eine Ahnung davon haben konnte, wie erbarmungslos er in die frische Wunde eingeschnitten, ritt schweigend an seiner Seite, und da auch durch Rottack's Seele eine Menge von alten Erinnerungen und Bildern zuckte, trabten die Beiden eine lange Strecke still und schweigend neben einander hin. »Hol' der Teufel die Grillen,« sagte Felix plötzlich mit seinem früheren wilden Humor, »man ist bei Gott ein Thor, sich ihnen hinzugeben, wenn man selbst überflüssige Zeit hat, und das – haben wir hier nicht einmal! Wir wollen an die Jagd denken, Könnern, Diebsfänger, die wir doch jetzt einmal sind, an den mörderischen Schuft und an das glückliche Gesicht der jungen allerliebsten Frau – um die ich den Gefangenen, aufrichtig gesagt, beneide. Sie mögen mich auslachen wie Sie wollen, aber ich tauschte den Augenblick mit ihm, selbst mit seinem jetzigen Aufenthalt in dem ungesunden Loch, wenn ich nur wüßte, daß mich beim Herauskommen ein Paar solcher Arme in Glück und Seligkeit umschlingen würden. – Aber was haben wir Beiden, wenn wir zurückkommen? – Quartier bei Bodenlos für unser gutes Geld und ein einschläfiges Gastbett, zweischläfig mit Flöhen versehen – es ist zum Todtschießen!« »Ich denke, Sie wollen nicht mehr sentimental werden?« lächelte Könnern. »Wollt' ich auch nicht,« sagte der junge Graf; »aber unwillkürlich steckt die sentimentale Fratze den Kopf durch jedes Gespräch, selbst wenn man sich von Mördern und Dieben unterhält. Wo haben Sie denn jenen Bux – so heißt der Kerl ja wohl – zum letzten Mal gesehen?« »Wir biegen an der nächsten Chagra links in den Wald,« sagte Könnern, »und können den Ort dann etwa mit Dunkelwerden erreichen.« »In den Wald? Wie, zum Henker sind Sie denn da hineingekommen – auf der Jagd?« »Wo streift ein Maler nicht überall umher,« war Könnern's ausweichende Antwort – »noch dazu, wenn er sein Gewehr auf dem Rücken hat!« »Von dem sind Sie unzertrennlich?« »Bei unserem jetzigen Ritt war es nöthig, denn wir wissen nicht, wie wir es gebrauchen können. Es ist wenigstens unwahrscheinlich, daß sich jener verwegene Bursche so gutwillig wird gefangen geben. Sind Sie kein Jäger?« »Nein, und nie gewesen,« sagte der junge Mann; »zu Hause hätte ich dazu Gelegenheit genug gehabt, aber ich konnte nie Freude daran finden, mich irgendwo in den Hinterhalt zu legen und ein armes, ahnungslos daherkommendes Stück Wild wie ein Meuchelmörder niederzuschießen. Die Jäger nennen das freilich »auf dem Anstand«, ich hielt es aber für unanständig – wie ich denn überhaupt mein ganzes Leben lang mit den verschiedenen Menschenklassen verschiedener Meinung gewesen bin. Ich habe auch nur selten ein Gewehr in die Hand genommen; desto häufiger hetzte ich aber dafür Füchse und Hasen im freien Felde. Das ist List gegen List, Muskel gegen Muskel und ein viel gleicherer Kampf, als mit Pulver und Blei, dem das arme Wild keine ähnliche Waffe entgegen zu setzen vermag.« »Aber eine Tigerjagd mit der Büchse hier in Brasilien würden Sie doch nicht für so ungleichen Kampf halten?« »Nein,« meinte Felix; »wenn die Tiger nur nicht anderer Meinung wären. Aber Wochen lang hier im Gestein und Dorngestrüpp umherkriechen, von Durst und Hitze halb aufgerieben werden und dann nicht einmal einen Tiger zu Gesicht zu bekommen, nur höchstens einmal seine Fährte zu finden, wo er seinen Durst löschte, während ich auf irgend einem unwirthbaren Bergrücken saß und schmachtete, dafür danke ich ebenfalls. Dazu gehört eben eine Passion, die mir fehlt, und ich überlasse es denen, die wirklich Freude daran finden.« Die Reiter hatten indessen die nächste Chagra, die ebenfalls einem Deutschen gehörte, erreicht, und Könnern hielt hier, ohne das Haus zu berühren, gleich schräg in den Wald hinein, umritt die Umzäunung und traf auf der andern Seite derselben wieder einen schmalen Weg, der fast direct nach Westen hinüberlief. Diesem folgten sie mehrere Stunden lang und mußten sogar Einer hinter dem Andern reiten, so schmal war die Bahn an vielen Stellen und so viel hineingebrochenes Holz lag darin. Hier und da führte auch manchmal ein schmaler Pfad rechts und links ab; Könnern schien aber völlig vertraut mit seiner Bahn und zögerte nur immer lange genug, ehe er die als richtig erkannte verfolgte, bis er die Abwege genau und sorgfältig untersucht hatte. Endlich erreichten sie einen Fleck, wo Reisende eine Nacht zugebracht hatten. Halb durchgebrannte Stücke zusammengetragenen Holzes lagen dort, und abgebrochene, nicht mit Messer oder Beil abgehauene Zweige waren mit unkundiger Hand verwandt worden, eine Art von Schutzdach gegen den Nachtthau herzustellen. Könnern erfaßte ein herbes, bitteres Weh, als er den Platz wieder sah, denn hier hatte – dem Berichte der Leute nach, die in der nächsten Colonie wohnten – seine arme Elise mit dem Vater eine Nacht im Walde zugebracht und mit ihren zarten, solcher Arbeit ungewohnten Händen Holz herbeigetragen, sein Lager weich mit trockenem Laube bereitet und versucht, eine Hütte für ihn zu spannen. – Und an der nächsten Chagra eben verlor sich vollständig ihre Spur. Der Pfad war von da an steinig, da er in das Gebirge hineinlief, aber selbst in der nächsten menschlichen Wohnung wollte Niemand etwas von ihnen gesehen haben. Weit noch war er damals herumgestreift, rechts und links vom Wege ab, durch Dornen und Dickicht brechend, immer das eine, theure Ziel im Auge – umsonst, wie in den Boden hinein schien das hülflose Paar verschwunden, und es blieb keine andere Möglichkeit, als daß sie vom Wege abgekommen seien und sich verirrt hätten, wo sie dann rettungslos in der furchtbaren Wildniß verderben mußten. Wieder durchlebte Könnern, als er sich dieser Gegend auf's Neue näherte, alle jene furchtbaren Stunden, die damals so schwer auf seinem Herzen gelegen; aber er scheute sich, dem Begleiter sein nagendes Leid mitzutheilen – was konnte er ihm auch helfen, wie durfte er selbst hoffen, daß er ihn verstehen würde? »Hier haben Reisende campirt,« sagte Rottack, als Könnern unwillkürlich sein Pferd neben dem alten Lagerplatz anhielt und darauf niederstarrte, – »ob das unsere Familie gewesen ist?« »Nein – Andere,« sagte Könnern leise – »Bux hat mit seiner Familie an dem nächsten Hause gelagert und sich Essen auf der Chagra geben lassen. – Aber vorwärts, oder wir versäumen hier die schöne Zeit!« Weiter und weiter ritten sie durch den wilden Wald, bis sie plötzlich wieder eine Hochebene erreichten, in der sich ebenfalls Deutsche niedergelassen hatten und zwar unbesorgt vor Indianern, welche der Direktor zur Entschuldigung brauchte, sich eine Polizei- und Militärmacht in die Colonie zu legen. Die Sonne neigte sich indessen dem Horizont zu, und die Reisenden beschlossen, hier zu übernachten. Essen und Trinken fanden sie auch genug. Die deutschen Colonisten brachten willig was sie hatten, und waren außerdem froh, wieder ein menschliches Wesen in ihrer Einsamkeit zu sehen. Felix fragte sie auch, was um Gottes willen sie nur bewogen haben könnte, sich in dieser Einöde nieder zu lassen, wo sie ihre Producte nicht einmal verwerthen konnten. Die Sache war einfach genug: die Regierung hatte früher die Absicht gehabt, an dieser Stelle eine neue deutsche Colonie anzulegen, die mit Santa Clara sollte in Verbindung gebracht werden. – Aehnliche Projecte haben an vielen Stellen stattgefunden und anstatt einen Centralpunkt anzunehmen und von dem aus weiter in das Land hinein zu bauen, versuchte man es auf andere Art, wählte im Walde zerstreute Punkte und wollte von diesen aus gleichzeitig nach dem Centralpunkt zu arbeiten – aber es ging nicht. Diese in den Wald mitten hinein gezwungenen Colonien konnten mit den besser gelegenen nicht concurriren, weil ihnen der Transport ihrer Producte zu viel Geld kostete. In der Regenzeit wurden außerdem noch die, nie von einem Sonnenstrahl getrockneten, engen Waldpfade zu bahnlosen Morästen, und die von allem Verkehr abgeschnittenen Colonisten verließen fast alle ihr Land wieder, um sich an einer Stelle anzubauen wo sie mit der Welt noch in Verbindung standen. Einzelne blieben aber trotzdem zurück; es gewährte ihnen einen eigenen Reiz, so mitten im Walde zu sitzen und mit keinen Nachbarn etwas zu schaffen zu haben. Land konnten sie ebenfalls in Besitz nehmen, so viel sie wollten, kein Mensch hatte etwas dawider; die Jagd bot ihnen auch hier und da Unterhaltung und im Stillen hofften sie immer noch, daß die für jetzt aufgegebene Colonie doch wieder erneuert werden könnte. Dann aber stieg ihr Land natürlich bedeutend im Werth und ihre Producte fanden schon unter den frischen Einwanderern raschen und günstigen Absatz. Hier erhielten die Verfolger Nachricht von Bux, denn dies war der Platz, an dem ihm sein Esel damals zusammenbrach und mit der zu großen Last nicht weiter konnte. Der alte Deutsche hier hatte aber kaum Worte dafür, wie roh und niederträchtig er die arme Frau sowohl wie auch sein überladenes Lastthier behandelt habe. Seiner Aussage nach wollte er nach einer andern Colonie hinüberschneiden, nach der zu ein Weg von der nächsten Chagra aus abging. Er hatte angegeben, daß er das Schmiedehandwerk verstehe – was recht gut sein konnte – und als er hier erfuhr, daß sie dort einen Schmied nothwendig brauchten, schien er den Entschluß gefaßt zu haben. Was sein eigentliches Ziel gewesen und weshalb er hierher in den Wald gekommen sei, darüber sollte er kein Wort geäußert haben und die Colonisten waren auch froh gewesen, als sich sein Esel wieder so weit erholt hatte, daß er weiter konnte. Die beiden jungen Leute erwähnten kein Wort davon, weshalb sie hinter dem Burschen her seien und daß sie ihn überhaupt suchten, machten sich die Nacht ihr eigenes Lager mit ihren Sätteln und Satteldecken zurecht und brachen am nächsten Morgen mit Tagesgrauen wieder auf. Die nächste Chagra lag etwa zwei Legoas entfernt und dort konnten sie recht gut frühstücken. Jene Chagra erreichten sie etwa um neun Uhr Morgens und hörten hier zu ihrem Erstaunen, daß Bux bis gestern dort gehalten habe und in der That noch länger geblieben sein würde, wenn die Deutschen nicht seiner überdrüssig geworden wären. Ein Theil seiner Ladung lag aber noch hier, denn der ermattete Esel, der sich in den ersten Tagen nothdürftig wieder erholt, war nicht im Stande gewesen, seine frühere Last noch einmal aufzunehmen. Der Meinung des Bauers nach konnte der Bursche indessen kaum zwei oder drei Legoas entfernt sein, denn die Frau war ebenfalls krank geworden und so schwach, daß sie sich mit dem Kinde kaum vorwärts schleppte. Nachdem Könnern und Rottack gefrühstückt und ihre Pferde gefüttert hatten, folgten sie in scharfem Trab dem Flüchtigen, der ihnen jetzt nicht mehr entgehen konnte. Ueberall an weichen Stellen im Wege sahen sie die kleinen, zierlichen Spuren des Esels und die der nägelbeschlagenen Schuhe des Mannes; nur gegen Mittag etwa waren die Spuren plötzlich verschwunden und der Weg hier augenscheinlich wohl von Pferden, aber von keinem kleinen Eselshuf und keinem nägelbeschlagenen Mannesschuh berührt worden. Sie fanden ein paar Stellen, wo sich in dem weichen Boden jede Fährte hätte abdrücken müssen und die Wanderer, des Gebüsches wegen, auch weder rechts noch links ausweichen konnten, und trotzdem keine Spur der Verfolgten irgendwo hinein. »Nun, durch die Luft sind sie nicht ,« tröstete sich Könnern, »und jedenfalls hat sich der Bursche rechts oder links irgendwo abgewandt, um etwaige Verfolger irre zu führen; daß sie ihm so dicht auf den Fersen wären, dachte er wohl nicht. Wir müssen also ein Stück zurück, Graf Rottack und jetzt aufgepaßt, wo wir den schmalen Eselshuf zuerst wieder in Sicht bekommen.« Sie wandten ihre Pferde, hatten aber kaum zweihundert Schritt zurückgelegt, als sie wieder auf die Spur kamen, und jetzt entdeckte Könnern's scharfes und an den Wald gewöhntes Auge auch einen ganz schmalen Fußweg, der, von Gras überwachsen, links in den Wald führte und kaum zu passiren war. Und doch wurde der Eselshuf und der nägelbeschlagene Schuh hier wieder sichtbar. »Wohin, im Namen jedes gesunden Menschenverstandes,« rief Felix, »hat sich der unglückselige Mensch gewandt? Er wird doch nicht mitten in den Wald hinein gelaufen sein, denn in diesem brasilianischen Urwald einer Fährte zu folgen, davor habe ich allen möglichen Respect!« »Ich habe mich nur gewundert,« sagte Könnern, »daß er nicht schon lange vorher einen solchen Abstecher gemacht hat, denn die Möglichkeit einer Verfolgung war doch da und der konnte er auf solche Weise am allerleichtesten entgehen. Jetzt möchte ich aber die größte Wette eingehen, daß wir ihn am nächsten Wasser finden.« »Ja,« sagte Felix leise, »und seine Frau und Kinder auch. Hören Sie, Könnern, wir haben uns die Geschichte eigentlich doch nicht ordentlich überlegt, und hätten es am Ende lieber der Polizei überlassen sollen, den entflohenen Verbrecher einzufangen. Das wird jedenfalls eine Scene geben, an die wir später einmal mit Schaudern und Entsetzen zurückdenken. Den Schuft selber, ja mit Wonne wollt' ich ihn einfangen und vor Gericht schleppen, aber wenn nachher eine jammernde Frau dazu kommt – und krank soll sie ohnedies sein – und kleine Kinder – verfluchte Geschichte und daß mir das gerade erst jetzt einfällt, wo es natürlich schon ein paar Posttage zu spät ist!« »Ein angenehmes Amt ist's gerade nicht,« sagte Könnern ernst, »aber ich habe die feste Ueberzeugung, daß der Frau gar kein größerer Segen widerfahren kann, als von diesem nichtsnutzigen Galgenstrick befreit zu werden, und wer weiß, ob sie uns nicht unendlich dankbar dafür ist. Keinesfalls können wir's jetzt ändern, und denken Sie nur immer an Köhler's junges Weibchen, das sich jetzt die Augen roth weint, weil ihr nicht einmal verstattet wird, den erkrankten Mann zu pflegen. Der müssen wir ihren Frieden wiederbringen und ich denke, nachher werden wir auch wohl im Stande sein, für das arme Weib mit ihren Kindern zu sorgen. Meinen Sie nicht?« »Sie haben Recht!« rief Felix jetzt entschlossen aus – »der armen Frau soll es an nichts fehlen, damit sie nicht an dem unverschuldeten Leid zu tragen hat, und eine Beschäftigung für sie wird sich auch schon finden. So denn jetzt mit allem Eifer hinter dem Mörder her. Ich freue mich wie ein Kind auf den Augenblick, wo wir ihn gebunden dem Herrn Director überliefern können. Aber sind wir denn noch auf der Fährte? Ich sehe hier gar nichts mehr.« »Hier laufen die Spuren hin, gerade nach jenem Thal hinab,« erwiderte Könnern, der kein Auge vom Boden verwandt hatte. »Und dort unten liegt auch eine Ansiedelung,« rief Felix plötzlich, denn Könnern hatte gar nicht voraus und nur auf die Spuren gesehen – »das da unten muß doch eine Chagra sein?« »Wahrhaftig, dort liegt eine Hütte,« sagte Könnern, der Richtung mit den Augen folgend – »wie hat sich denn nur ein Colonist dort hinunter in das enge Thal verloren? Aber hier biegen die Fährten wieder links ab, als ob er die Stelle hätte umgehen wollen.« »Er wird nicht geradeaus gekonnt haben,« sagte Rottack, »denn wir verdanken den Blick auf das Haus wahrscheinlich einem steilen, dazwischen liegenden Hange, den er umgehen mußte.« Dieses erwies sich in der That so. Die Lehmwand, mit röthlichen Porphyrblöcken untermischt, fiel ein kleines Stück weiter vor so schräg ab, daß die Passage mit Lastthieren, wenn nicht gefährlich, doch sehr beschwerlich gewesen wäre und die beiden Reiter suchten sich eben einen Platz aus, an dem sie bequemer und sicherer zu Thal kommen konnten, als Könnern Plötzlich leise rief: »Halt! Ich höre Stimmen!« Beide hielten ihre Pferde an und horchten und deutlich ließ sich jetzt, unmittelbar vor ihnen, aber noch durch das Dickicht verdeckt, die rauhe Stimme eines Mannes hören, der wilde Flüche ausstieß. Dazwischen klagte die Stimme einer Frau. »Das ist er!« flüsterte Rottack – »gleich dort hinter der Palmengruppe muß er stecken.« Könnern winkte ihm, zu folgen, lenkte sein Pferd einer etwas offeneren Stelle zu und spornte es dann, so rasch es ihm der hier sehr rauhe Weg erlaubte, vorwärts. Kaum hatte er auch eine Distanz von etwa hundert Schritten in dieser Richtung zurückgelegt, als er die kleine Karawane vor sich sah und nun sein Thier anhielt, um nicht zu rasch über sie zu kommen. Er wußte, daß ihm der Bursche nun nicht mehr entgehen konnte. Rottack hielt sich dicht an seiner Seite. Es war in der That der würdige Bux mit seiner Familie, dem – wie Könnern ganz richtig vermuthet hatte – der unbehagliche Gedanke gekommen war, daß er doch am Ende verfolgt werden könne. Wie der Verdacht auf ihn fallen sollte, wußte er freilich nicht, denn hatte er auch sein Messer in der Zeit vermißt, so war es sehr die Frage, wann das je einmal gefunden und ob es überhaupt Jemand kennen würde, und bis dahin war er weit von hier. Wer ihm damals in der Nacht konnte aufgelauert haben, darüber zerbrach er sich freilich den Kopf, aber erkannt hatten sie ihn in der Dunkelheit nicht, so viel blieb sicher, sonst wäre er schon lange vorgefordert worden, und wer das Geld jetzt hatte, – er knirschte mit den Zähnen, wenn er daran dachte – sagte ohnehin nichts weiter von der Geschichte. Die Vorsicht wollte er nur gebrauchen, den Weg für kurze Zeit zu verlassen und lieber ein paar Wochen im Walde, in irgend einer einsamen Hütte sitzen und seine Zeit abwarten, als sich, wie er bei sich dachte, »ewig den Kopf abdrehen, ob Jemand hinter ihm her käme.« So verstockt der Bube auch sein mochte, das Gewissen hatte ihn doch nicht ruhen lassen. Als Könnern zuerst die kleine Karawane entdeckte, hielt sie still. Die Frau war am Weg niedergesunken und der Mann stand vor ihr und fluchte. »Aber ich kann ja nicht mehr, Bux,« sagte die Unglückliche – »laß mich nur eine kleine halbe Stunde hier ausruhen, nachher wird's schon wieder gehen.« »Aber das Haus muß dicht vor uns sein,« rief der Mann mit einem abscheulichen Fluch – »wir haben die Hähne von da oben ganz deutlich krähen hören – es kann nicht mehr weit sein.« »Ich bin's nicht im Stande,« stöhnte die Frau und sank mit dem Kinde, das sie den ganzen Weg geschleppt hatte, unter einen Baum – »mach' mit mir, was Du willst, schlag mich todt oder laß mich liegen und hier umkommen, aber ich kann nicht weiter.« »Dann komm allein nach,« fluchte der Bursche; »warten thu' ich, Gott straf' mich! nicht mehr auf Dich, Du gottverdammte« – er fuhr erschreckt empor, denn dicht dabei hörte er den Schritt der Pferde im Laub, und erstaunt starrte er die beiden Reiter an. Rottack ritt dicht an ihn hinan und sagte finster: »Seid Ihr denn auch ein Mensch, daß Ihr die arme Frau zu Tode hetzt? Ihr geht leer, Euren Stock auf der Schulter, und das schwache, kranke Weib muß auch noch das schwere Kind schleppen – 's ist doch wahrlich eine Schande.« Und ohne weiter auf ihn zu achten, stieg er ab, nahm seine Feldflasche, und zu der Frau tretend fuhr er fort: »Da trinkt einmal einen Schluck Wein, das wird Euch gut thun – Ihr seht aus, als ob Ihr's nöthig hättet.« »Das weiß der Allerbarmer!« stöhnte die Frau – »und der mag's vergelten – Ihr seid doch auch Menschen , Ihr werdet mich nicht hier im Walde allein liegen und mit dem Kinde verhungern lassen.« »Hier in Brasilien kann Jeder thun, was ihn freut,« sagte der Mann finster, aber doch scheu zu Könnern emporsehend, der, sein Gewehr vor sich auf dem Sattelknopfe, schweigend neben der Gruppe gehalten und den Mörder finster und ernst betrachtet hatte. Daß er den Rechten vor sich hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Die scheue, ekle Gestalt paßte vollkommen zu der Beschreibung, und der unächte Tressenstreifen um die blaue schirmlose Mütze lieferte noch den letzten Beweis, wenn es dessen bedurft hätte. »Na,« sagte Bux endlich, dem der Blick des Fremden unbehaglich wurde – »was stiert Ihr mich so an, als ob Ihr in Eurem ganzen Leben noch keinen Menschen mit einem kaputen Esel und einer miserabeln Frau gesehen hättet? Das glaub' ich! Ihr könnt's aushalten auf Euren Pferden oben, aber so ein armer Teufel, der muß sich wie ein Hund durch's Leben schinden – na, was habt Ihr denn an mir zu gucken?« Könnern hatte kein Wort erwidert und nur den Blick fest auf dem Mörder gehalten, den dieser nicht ertragen konnte. Jetzt sagte er langsam: »Ihr heißt Bux, nicht wahr?« »Wie ich heiße, darum hat Niemand 'was zu fragen,« knurrte der Gesell – »ich bin ein Colonist und suche einen Fleck Erde, wo ich mich niederlassen und mein Brod ehrlich verdienen kann.« Er hatte dabei einen scheuen Seitenblick auf Rottack geworfen, der, seine Flasche in den Händen der Frau lassend, von der Seite gegen ihn herantrat, und machte jetzt einen Schritt zurück, um Beide besser im Auge behalten zu können. »Es ist eine verwünschte Geschichte!« rief der junge Graf Könnern in französischer Sprache zu – »die Frau und die Kinder werden ein Jammergeschrei erheben, wenn wir ihn fassen. Sollten wir nicht lieber warten, bis wir ihn allein haben?« Ehe aber Könnern etwas darauf erwidern konnte, überhob sie Bux selber jeder weiteren Bedenklichkeit. Der Bursche war, wie sich später herausstellte, aus dem Elsaß und verstand recht gut die französisch gesprochenen Worte. Hatte er aber vorher schon Mißtrauen gegen die beiden Reiter gefaßt, von denen er sich recht gut erinnerte, den Einen in Santa Clara gesehen zu haben, so wurde das jetzt zur Gewißheit. Sie waren gekommen ihn zu verhaften, und sein einziger Gedanke war jetzt Rettung – Flucht! »Aha, darauf läuft's hinaus!« schrie er, und ehe Rottack eine Ahnung von dem Vorhaben des Verzweifelten hatte, riß dieser ein gewöhnliches langes Küchenmesser aus der Weste, wo er es versteckt gehalten, führte einen Stoß nach dem ihm im Wege Stehenden, und flog dann mit einem Satz in Dorn und Gebüsch hinein, den steilen Hang mehr hinab stürzend wie laufend. Rottack brauchte in der That seine ganze Gewandtheit, um dem Stoß auszuweichen, der ihn nur leicht am Arm streifte, seinen Rock durchschnitt und ihm die Haut ritzte, kam aber dadurch in's Straucheln und fiel auf den rauhen Boden, so daß der Flüchtling, ehe er sich wieder aufraffen konnte, wenigstens zehn bis zwölf Schritt Vorsprung vor ihm hatte. Könnern spornte allerdings in dem Moment, wo er die erste drohende Bewegung sah, sein Pferd gerade auf ihn ein. Das Terrain war aber hier dem Reiter nichts weniger als günstig, und während sein junger Begleiter mit einem Wuthschrei wieder auf die Füße schnellte und rücksichtslos um seine eigene Sicherheit hinter dem Flüchtling hersprang, bäumte Könnern's Pferd vor den Dornen und schwankenden Schlingpflanzen zurück und wollte nicht vorwärts. »Um Gottes Barmherzigkeit willen, was habt Ihr mit dem Mann?« gellte die Frau in Todesangst und fuhr, ihre Mattigkeit bezwingend, empor, und auch die Kinder stießen ein Wehegeschrei aus. Könnern aber riß das Pferd zurück, warf sich aus dem Sattel, und ihr nur rasch zurufend, daß sie nichts zu befürchten hätte, griff er sein Gewehr aus und folgte der Jagd. Den Mörder jagte die Verzweiflung, aber er war von dem heutigen Tagesmarsch und der ungewöhnlichen Hitze nicht allein ermattet, sondern hatte auch, um seinen Durst zu löschen, mehr Branntwein heute Morgen getrunken als ihm gut war. Rottack dagegen, jung, gewandt und unermüdet, mit kaltem Blut und frischen Kräften, mit denen er jede Oeffnung in den Büschen benutzte, während der Fliehende rücksichtslos mitten hindurchbrach und damit seine Kräfte schwächte, sah bald, daß er dem Flüchtigen an Schnelligkeit überlegen war, und suchte ihm deshalb den Weg abzuschneiden. Bux hatte gar kein bestimmtes Ziel. Er wollte nur fort – weiter – aus dem Bereich seiner Verfolger, und in demselben Augenblick, wo sich Rottack nach links wandte, brach er selber nach rechts hinüber – vergrößerte er dadurch doch wieder den Vorsprung. Aber sein zweiter Verfolger gewann an ihm, denn dieser konnte, den nämlichen Hang jetzt hinunterspringend, ihm nach rechts zu besser den Weg abschneiden, und erst als Bux auch diesen zu Fuß bemerkte – denn daß ihm hier kein Pferd folgen konnte, wußte er – sah er, daß er verloren war. Aber er ließ deshalb in seiner Flucht nicht nach, nur weder rechts noch links schaute er mehr, vorwärts brach er über Alles, was ihm im Wege stand und lag – vorwärts! Dort war Freiheit und Leben, hinter ihm folgten die Rächer! – Er stürzte, aber er raffte sich wieder empor – er blieb mit seinem Rock in einem Dornbusch hängen; mit rasender Gewalt riß er sich los, daß ihm die Fetzen am Leibe hingen – seine Mütze hatte er verloren, das lange, struppige Haar flatterte ihm um die blutig gekratzte Stirn – vorwärts – vorwärts – bis seine Kräfte ermatteten und er mit einem Wuthgeheul zusammenbrach. Mit dem nächsten Satze war Könnern an seiner Seite und stand, mit der Flinte im Anschlag, neben ihm, während Rottack jetzt ebenfalls mit einem Jubelruf herbeisprang. Er hob etwas Blinkendes in der Hand empor und zeigte es dem Freunde. »Haben Sie ihn?« schrie er schon von Weitem. »Hier liegt er – er ist sicher – aber was haben Sie dort?« »Des Schneiders Uhr, die der Schuft auf der Flucht von sich warf. Ich sah, wie er etwas Blankes in die Büsche schleuderte und sprang danach, da ich Sie dicht hinter ihm wußte. Die Uhr hebt den letzten Zweifel. Da liegt die Canaille – ist er todt? Den Teufel auch, wie wir aussehen, der hat uns noch eine hübsche Hetze gemacht! – Wenn ich nur meine Hunde hier gehabt hätte!« Bux lag auf dem Gesicht und rührte sich nicht – nur sein schweres, hastiges Athmen verrieth, daß er noch lebe. Könnern sah schaudernd auf die vor ihm ausgestreckte, regungslose Gestalt. »Wir haben's übernommen, Graf,« sagte er ernst, »und jetzt auch durchzuführen, denn den Cadaver hier müssen wir in die Colonie schaffen, und wenn er sich zu gehen weigert, bleibt uns nichts Anderes übrig, als ihn auf ein Pferd zu binden.« »Wir wollen ihm schon Beine machen,« sagte Rottack finster, »denn Mitleid verdient die Canaille nicht. – Aber dort drüben ist ein Weg, Könnern, bei Gott – und da hinten liegt das Haus – wir sind dicht an der Chagra.« »Desto besser« sagte Könnern, »dann können wir vielleicht von dort Hülfe bekommen. Vor allen Dingen müssen wir den Burschen erst einmal binden. Hat er Sie verwundet? Sie bluten?« »Es ist gar nichts,« lachte der junge Mann – »eben nur geritzt, nicht einmal so schlimm wie einer von den verdammten Dornen – das ist wirklich niederträchtiges Zeug! Aber der Gesell kann hier nicht liegen bleiben – holla, Freund – steh auf, Deine Zeit ist um und Du mußt wieder wandern.« »Nehmen Sie sich in Acht, Rottack,« sagte Könnern – »trauen Sie ihm nicht!« »Er ist fertig,« rief aber der junge Graf, Bux an der Schulter nehmend und heftig schüttelnd. – »Sei jetzt vernünftig; Widerstand kann Deine Sache nur noch verschlimmern, denn in die Colonie mußt Du mit zurück und wenn ich Dich auf meinen Rücken hineintragen sollte.« Bux regte sich nicht. »Willst Du nicht gehorchen? – gut, dann darfst Du Dich auch nicht beklagen!« und mit den Worten hatte er ein dünnes, aber festes Seil aus der Tasche genommen, legte die obere Schlinge desselben leicht um die ausgestreckte Hand des Regungslosen und wollte eben den andern Arm ergreifen, um beide zusammen zu ziehen. Wie aber Bux die Fessel an der Hand fühlte, schnellte er sich in letzter Verzweiflung vom Boden empor – doch zu spät. Könnern, der ihn scharf beobachtet hatte, ließ in demselben Moment sein Gewehr fallen und faßte seinen andern Arm. Bux wollte sich losreißen, aber seine Kraft reichte nicht aus, und zwei Minuten später, während er mehr wie ein wildes Thier als wie ein Mensch um Hülfe brüllte, war er gebunden und in den Händen seiner Verfolger. »So,« sagte Könnern, indem er das Ende der Leine um den nächsten jungen Stamm schlug, »jetzt seien Sie so gut, nehmen Sie mein Gewehr und halten Sie bei dem Burschen eine kurze Wache, während ich hinunter in das Haus springe und nachsehe, was dort für Leute wohnen und ob sie uns etwas nützen können.« »Thäten wir nicht besser, wir schafften ihn gleich zum Hause hinunter und holten dann seine Familie und unsere Pferde nach?« »Vielleicht kann ich Jemanden aus dem Hause nach den Thieren schicken, daß wir den Hang nicht wieder hinauf brauchen. Es ist jedenfalls besser, wir wissen erst, wer hier unten wohnt.« »Gut, dann bleiben Sie nur nicht zu lange; daß er mir indessen nicht erwischt, dafür will ich schon sorgen.« Könnern kletterte zu dem Weg hinunter, von dem sie hier nur noch durch einen kleinen, terrassenartigen Felskamm getrennt wurden, und schritt darauf rasch dem Hause zu, als er von dort her einen Mann sich entgegenkommen sah. »Habt Ihr um Hülfe geschrieen?« fragte ihn dieser schon von Weitem in portugiesischer Sprache. »Was ist denn geschehen? Seid Ihr angefallen?« »Gerade das Gegentheil, Señor,« erwiderte Könnern – »wir haben einen Verbrecher verfolgt und eingeholt, der von Santa Clara entflohen war und, wie es scheint, die Richtung nach Eurer Chagra genommen hatte. Könnt Ihr uns helfen, ihn zu transportiren?« »Jetzt nicht,« sagte der Mann, der stehen geblieben war und Könnern erwartete, indem er traurig mit dem Kopf schüttelte – »ich habe einen Sterbenden oder Todten da drin in der Hütte und kann den nicht verlassen.« »Das thut mir recht leid, daß wir Euch zu so ungelegener Zeit gestört haben,« sagte der junge Mann teilnehmend; »Ihr habt Krankheit in Eurer Familie gehabt?« » Wir , Gott sei Dank, nicht,« erwiderte der Brasilianer, »aber ein Fremder, der vor kurzer Zeit mit seiner Tochter zu uns kam, legte sich und wird nicht wieder aufstehen. Er war aber schon krank, als er mein Haus betrat.« »Ein Fremder? – mit seiner Tochter?« rief Könnern und fühlte, wie ihm dabei das Blut in den Adern stockte. »Ja, Señor.« »Ein Mann mit weißen Haaren?« »Kennt Ihr ihn?« »Großer, allmächtiger Gott!« rief Könnern erschüttert aus – »hier also – hier – aber da komm' ich doch vielleicht noch zur rechten Zeit! – Laßt mich zum Hause gehen, Señor, und wenn Ihr mir eine Liebe erzeigen wollt, so haltet Euch indessen nur etwa hundert Schritt die Straße hinauf. Ruft nur dort, mein Freund wird Euch antworten, und gebt ihm einen guten Rath, was er mit seinem Gefangenen machen soll.« »Seid Ihr ein Verwandter von dem Alten?« »Sein nächster und einziger, der ihm in Brasilien lebt.« »Dann hat Euch der Himmel selber hierher geführt – und nun macht nur, daß Ihr hinaufkommt, wenn Ihr ihn noch am Leben finden wollt. Das Andere will ich schon mit Eurem Freund besorgen.« 29. Gefunden. Tief im Urwald drin lag die einsame Chagra des Brasilianers, der hier ein kleines, in die Hügel gedrücktes, aber äußerst fruchtbares Thal gefunden und in Besitz genommen hatte. Waren doch so viele Deutsche in diese Nachbarschaft gekommen, daß er ziemlich sicher darauf rechnen konnte, in einiger Zeit die Grenzen ihrer Niederlassungen zu sich herausgestreckt zu sehen, und geschah das, so besaß er selber genug Land, ihnen gute Colonien zu verkaufen und konnte nachher in kurzer Zeit ein reicher Mann sein. Daß er vorher und um das zu erreichen, Jahre lang allein und einsam in der Wildniß sitzen mußte, rechnete er nicht. Natürlich hatte er für sich und seine Familie, wie für ein paar Sclaven, die er hielt, nur eine kleine, ziemlich dürftige Hütte gebaut, denn der Landbau nahm in den ersten Jahren alle seine Arbeitskraft in Anspruch. So beschränkt der Raum war, den er bewohnte, so willig theilte er ihn, wie fast alle Brasilianer, mit dem Fremden – war es nun ein einzelner Jäger, der den Wald durchstreifte, oder eine wandernde Colonistenfamilie, obgleich er die letzteren selten genug zu sehen bekam. Für die Frau – denn der Mann konnte doch wenigstens manchmal fort und unter Leute, während sie das ganze Jahr allein in ihrer Wildniß saß – war ein Besuch aber zugleich immer ein Fest, und was die Küche wie Chagra und Wald boten, wurde willig herbeigebracht und aufgetischt. Diesen Ort hatte, verirrt und zum Tod ermattet, der alte Mann mit seinem Kind erreicht, und die Frau in den ersten Tagen unter keiner Bedingung zugegeben, daß sie ihre Reise fortsetzten, ehe sich der abgemattete Alte wieder vollständig erholt hätte. Aber er erholte sich nicht mehr. Die Gewissensbisse der vergangenen langen Jahre hatten an seinem sonst gesunden Körper gearbeitet und gezehrt – die furchtbare Zeit der Entdeckung kam dazu, und jetzt, von Angst und Sorge, wie der ungewohnten Anstrengung niedergebrochen, war die Kraft erschöpft, die ihn bis dahin noch fast gewaltsam aufrecht gehalten. Eine furchtbare Zeit verlebte indessen die Jungfrau mit ihm, denn zu der körperlichen Erschöpfung bei ihm gesellte sich ein geistiger Stumpfsinn, der nur manchmal in krankhafter Flamme wild und erschreckend aufloderte. Die Stunden, in denen der Furchtbare, der in sein Leben getreten war und seinen Aufenthalt entdeckt hatte, vermittelnd für ihn eingestanden war, so daß seine persönliche Sicherheit von da an ungefährdet blieb, waren aus seinem Gedächtniß verschwunden. Im Geist sah er nur noch den gräßlichen Moment, wo er entdeckt worden, und hielt sich von da an für flüchtig vor dem Gesetz und von Häschern verfolgt. Umsonst suchte ihn Elise zu beruhigen, umsonst trug sie mit einer wahren Engelsgeduld sowohl das eigene Leid wie die Klagen und Beschwörungen des unglücklichen Vaters, wenn er sie bat, ihn nicht zu verlassen und der Polizei auszuliefern. Was sie körperlich dabei erdulden mußte, schwand zu einem Nichts zusammen, und ihre Lage wurde erst dann wirklich gefährlich, als die wilden Phantasien dem Unglücklichen auf keinem gebahnten Weg mehr Ruhe ließen, sondern ihn in den Wald trieben, um den Verfolgern zu entgehen, die er fortwährend auf seiner Fährte glaubte. Als sie ihn gewaltsam zurückhalten wollte, brach er von ihr fort, daß sie ihn kaum wieder einholen konnte und in Todesangst indessen zu vergehen drohte. So lagerte sie mit ihm die eine Nacht verirrt, ohne einen Trunk Wasser, ohne einen Bissen Brod im wilden Walde, und erst gegen Morgen zeigte ihr der frühe Hahnenschrei von des Brasilianers Chagra, der auch dem Verbrecher Bux die abgelegene Hütte verrathen hatte, Hülfe in der schrecklichsten Noth. Jetzt war Alles vorbei – Alles überstanden. Wie sich der Körper des unglücklichen alten Mannes seiner Auflösung näherte, klärte sich auch wieder der bis dahin auf irren Bahnen schweifende Geist. Er war so schwach geworden, daß er kaum noch den müden Arm heben konnte; aber heute zum ersten Mal, wie die Sonne ihren lichten Schein durch das Fenster warf, und sich Elise über sein Lager beugte und ihn fragte, ob sie ihm irgend eine Hülfe leisten könne, strich er ihr mit der fleischlosen, bleichen Hand das Haar von der Stirn und sagte leise: »Meine arme, arme Elise!« »Vater, mein lieber, guter Vater!« rief das Mädchen in ausbrechenden Thränen – »kennst Du mich denn?« »Soll ich Dich nicht kennen, meine treue Gefährtin in Jammer und in Leid, die wacker und brav ausgehalten hat bei dem alten, verlassenen Manne?« »Mein guter Vater!« »Gottes Segen über Dich – Gottes reichsten Segen, und daß er die Schuld nicht an Dir heimsuchen möge, die auf Deines Vaters Seele liegt!« »Vater – Vater! « »Stille, mein Kind – stille – weine nicht; es ist jetzt Alles gut, und es wird mir so ruhig und leicht im Herzen, wie mir seit langen, langen Jahren nicht gewesen ist. Nur eine – eine Sorge liegt mir noch darauf, und das bist Du , mein Kind, das ich allein und hülflos in dem weiten, fremden Land zurücklasse.« »Vater, sprich nicht so – Du wirst noch viele, viele Jahre bei mir bleiben, und wir werden ein neues, frohes Leben beginnen, mit frischen Kräften.« »Armes Lieschen,« sagte aber der Kranke, der nur seinen eigenen Gedanken folgte – »und auch daran trage ich die Schuld – auch daran, daß ich Dich fern gehalten von Allen, nur den eigenen, selbstsüchtigen, sündhaften Plänen folgend – auch daran, und das Gewicht muß ich jetzt mit mir hinab nehmen – hinab in's Grab!« Elise hatte ihr Haupt auf seine Schulter gelegt und weinte still, und der alte Mann suchte mit seiner linken Hand ihr Lockenhaar, und zog die dünnen, fast durchsichtigen Finger langsam hindurch. »Weine nicht, Elise,« sagte er leise – »weine nicht – wir sehen uns wieder – wenn nicht Gott sein Angesicht ganz von mir abwendet. Hat er seine Hand aber in dieser letzten schweren Zeit über Dir gehalten, so wird er Dich auch jetzt nicht verlassen in dem fremden Lande – nicht so verlassen, wie Dich Dein alter Vater verlassen muß, wo Du doch Hülfe gerade so nöthig brauchst. Komm, sei gefaßt, mein Kind – sei stark, Lieschen, wie Du ja immer stark gewesen bist.« »Du wirst nicht sterben, Vater!« schluchzte das arme Kind und preßte ihre Stirn nur fester an seine Schulter – »Du wirst leben, mir – mir zum Troste, daß ich Dich pflegen und hegen kann bis in Dein spätes, spätes Alter hinein!« »Du willst mir den Abschied recht schwer machen,« seufzte der alte Mann, »und ich habe doch keine Thränen mehr, die mir die Brust erleichtern könnten! – Sieh, wie der Sonnenschein so warm durch's Fenster dringt,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, die nur durch Elisens Schluchzen unterbrochen wurde – »und draußen liegt in Licht und Glanz die Welt, der schöne Wald. – Grüß' mir den Wald, mein Lieschen, wenn Du ihn wiedersiehst – die schattigen Bäume und den murmelnden Bach, und – wenn Du an den Vater manchmal denkst, mag der Gedanke Dich versöhnen, daß er im frischen, grünen Walde schläft und das Rauschen der ewigen Wipfel wie ein frommes Gebet zum Höchsten steigt für den reuigen Sünder!« »Vater!« »Fasse Dich, mein Lieschen – es muß sein – und nun noch Eins – rufe mir unsern freundlichen Wirth herein, daß ich ihm danken kann für alles Liebe und Gute, das er uns erzeigt. Habe ich doch nichts weiter auf der Welt, was ich ihm bieten könnte, wie meinen Dank! – Er wird Dich auch nicht gleich verstoßen; seine Frau ist gut und freundlich – war sie doch gut und freundlich gegen mich – oh, wenn ich den Trost mit mir hinübernehmen könnte, daß mein armes Kind nicht ganz verlassen wäre!« Elise richtete sich gewaltsam empor – sie durfte jetzt nicht zurückdenken nur jetzt nicht – oder das Herz hätte ihr brechen mögen in Jammer und Wehe. »Ich gehe, Vater, und rufe ihn,« sagte sie leise – »nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder zurück.« Der alte Mann hielt noch immer ihre Hand. »Mein armes Lieschen!« sagte er traurig. »Ich bin gleich – gleich wieder bei Dir, Vater. – Er ist jedenfalls draußen – ich höre schon seinen Schritt.« Der Kranke winkte ihr nur mit den Augen, und Elise flog nach der Thür, als sich diese öffnete und Könnern auf der Schwelle stand. Das Mädchen sah und erkannte ihn, aber jede weitere Willenskraft schien in dem Augenblick ihren Körper verlassen zu haben. Sie stand wie eingewachsen in den Boden; ihre Arme hoben sich langsam, aber mehr wie abwehrend gegen das, was sie für eine Erscheinung ihrer erregten Sinne hielt, und mit leise flehendem Ton murmelte sie: »Bernard!« »Elise – Elise!« rief Könnern, auf sie zueilend und sie in seine Arme schließend – »oh, nun ist Alles gut – Alles, und Nichts im Leben soll uns wieder trennen!« »Und bist Du's wirklich, Bernard? – Ist es nicht Dein Geist, der nur gekommen, um mich in meinem größten, furchtbarsten Schmerz zu trösten?« hauchte Elise und drückte ihn wie scheu und furchtsam von sich. »Wer ist der Fremde, Lieschen?« fragte der alte Mann und wandte bestürzt den Kopf der Thür zu. »Ein Freund,« sagte Könnern, die Geliebte mit dem linken Arm umschlingend, indem er sie mit der Rechten stützte – »ein Freund, der nicht mehr von Elisens Seite weichen wird, so lange sie ihn selbst nicht von sich stößt!« »Lieschen!« »Vater!« rief das Mädchen, wand sich aus Könnern's Arm, flog an seine Seite und barg ihr Haupt wieder an seiner Schulter. Der alte Mann lag still und regungslos; er hatte die Augen geschlossen und nur das leise Athmen seiner Brust verrieth, daß er noch lebe. Endlich schlug er die Augen wieder auf. Sein Blick fiel auf das zu ihm niedergebeugte, schmerzbewegte Gesicht des jungen Mannes. »Herr Gott, ich danke Dir!« sagte er leise – »Lies–chen, leb' – wohl – sei glücklich – Gott segne Dich!« – und wie er noch einmal seine Hand auf ihr Haupt legen wollte, sank sie ihm herunter – er war todt. – – Draußen im Walde hielt Rottack neben dem gebundenen Verbrecher Wache, der jetzt still und verstockt am Boden lag und mit den Zähnen knirschte. Wohl hatte er schon vorsichtig versucht, die Bande von seinen Armen zu streifen, aber die Schleife, welche Könnern gezogen, saß zu fest, und als sein Wächter es merkte, drohend den Gewehrkolben hob und ihm versicherte, er würde ihn bei dem geringsten Fluchtversuche zu Boden schlagen, lag er still. Er trotzte noch darauf, daß die beiden Fremden hier im Wald nicht im Stande sein würden, ihn gebunden zu transportiren, und baute für die Nacht seine Pläne zur Flucht. Da rief unten vom Weg eine Stimme ihr »Hallo,« und als Rottack darauf geantwortet, brachen und rauschten die Büsche, und der Brasilianer stand im nächsten Augenblick vor der Gruppe. »Ei, sieh' da,« sagte er, einen Blick auf den am Boden Liegenden werfend, »das scheint ja ein sauberer Patron, der hier im Sprenkel hängt! – Wie geht's. Fremder? Wollt Ihr Euch den mit in die Colonie nehmen?« »Er hat einen Mord verübt,« sagte Rottack, nachdem er den Gruß des Alten erwidert – »und da sind wir hinter ihm drein und haben ihn da oben im Wald, wo er wahrscheinlich vom Wege abschnitt, um nicht verfolgt zu werden, erwischt. Aber wo ist mein Kamerad?« »Im Hause – ich hab' einen Deutschen mit seiner Tochter dort, und der Mann liegt im Sterben.« »Im Sterben?« »Ja – aber jetzt kommt, daß wir den Patron da hinunterschaffen. Wo sind Eure Pferde?« »Oben am Hang stehen sie, und die unglückliche Familie dieses Schuftes sitzt dort ebenfalls.« »Und hat der Lump auch Familie?« fragte der alte Brasilianer entrüstet; »das ist recht, nur immer gleich Frau und Kinder mit unglücklich gemacht! Und was wird nun aus denen?« »Sie müssen mit in die Colonie zurück; es sind Deutsche genug dort, die für sie sorgen werden – besser als der da es gethan. Soll ich hinauf und die Pferde lieber holen?« »Laßt's nur sein, Fremder,« sagte der Brasilianer, »die Familie könntet Ihr doch nicht gleich mitbringen; ich schicke dann vom Hause aus ein paar von meinen Negerjungen hinauf, die das viel besser und rascher besorgen. Aber Ihr blutet ja!« »Nur ein Ritz; der Schuft stieß mit dem Messer nach mir, als wir ihn fassen wollten.« »Natürlich – wenn's einmal an den Kragen geht, kommt's nachher auf die Kleinigkeit mehr oder weniger auch nicht an. Also vorwärts, mein Bursche, steh' einmal auf und gebrauch' Deine Spazierhölzer – oder sollen wir Dir Beine machen?« »Er versteht kein Portugiesisch.« »Oho – noch ein Frischer? Also importirt Ihr derartige Sorte auch nach Brasilien? Für die ist's aber kaum der Mühe werth, daß der Staat Passage bezahlt, denn es kostet ihm nachher immer noch außerdem einen Strick. – So sagt Ihr ihm einmal auf gut Deutsch, daß er gutwillig mitgeht, sonst kann ich es ihm doch vielleicht auf Brasilianisch begreiflich machen.« Er nahm dabei sein schweres Buschmesser aus dem Gürtel, hieb einen jungen Stamm ab und hackte, noch während er sprach, die Aeste davon herunter. Bux hatte dem Gespräch der Männer in der ihm unverständlichen Sprache mit scheuem Blick gelauscht. So lange er sich noch allein in den Händen der Deutschen befand, schien ihm seine Lage immer nicht zum Aeußersten gefährlich. Jetzt zum ersten Mal überkam ihn der Gedanke an die Strafe, der er entgegenging, überkam ihn zugleich die Angst davor. »Steh' auf,« sagte Rottack zu ihm; »Du wirst einsehen, daß Dir weiteres Sträuben nichts hilft, und Du kannst höchstens Deine Lage noch verschlimmern.« »Landsmann,« sagte Bux mit heiserer, angstgepreßter Stimme, »Ihr werdet mich nicht den Fremden übergeben – ich – ich will ja Alles gestehen – ich bin ein armer Teufel – der Böse plagte mich – der Justus war auch ein schlechter Kerl – er hat mich verführt – er reizte mich. – Landsmann,« bat er dringender, als sich Rottack mit Ekel von ihm abwandte, indem er sich auf die Kniee warf und die gebundenen Hände zu ihm aufhob. – »Laßt mich laufen – ich will ein ordentlicher, braver Kerl werden, ich will meine Frau nicht mehr prügeln und die Kinder – ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorspritzt – Landsmann, habt Barmherzigkeit – Barmherzigkeit!« und er schrie die letzten Worte in Todesangst gellend heraus. »Die suche Dir bei Gott,« sagte Rottack erschüttert – »Deinetwegen sitzt schon ein unschuldiger, braver Mann die ganze Zeit, und der muß frei werden. Komm, wir haben keine Zeit mehr zu versäumen.« Unten auf dem schmalen Waldwege knarrten Räder, und der Brasilianer, der einen Blick hinabgeworfen, pfiff auf seinem Finger. Bei dem Karren gingen vier Neger, die Bauholz zu einer neuen Scheune im Walde geschlagen. Drei von ihnen kamen den kleinen Hang heraufgesprungen. »Werft einmal Euer Holz ab,« sagte der Brasilianer, »und ladet den Burschen hier auf; fahrt ihn aber nicht zum Hause, sondern in den kleinen Schuppen drüben bei den Kaffeebäumen, daß ihn meine Frau und die Kinder nicht zu sehen bekommen. Du, Joao, springst hinauf – wo ungefähr sind Ihre Pferde mit der Familie des Burschen da?« »Etwa in dieser Richtung,« sagte Rottack, mit dem Arm aufwärts deutend – »aber die Frau versteht kein Portugiesisch, ich will lieber mit den Leuten gehen; wenn Sie nur so lange die Bewachung des Verbrechers übernehmen wollen.« »Für den steh' ich gut. Also Du gehst mit dem Señor dort hinauf und thust, was er Dir sagt; und Ihr Beiden packt einmal den Gesellen da auf, wenn er nicht gutwillig gehen will, und werft ihn auf den Karren.« Die Neger sprangen lachend auf den Gebundenen zu, der in Angst und Entsetzen auffuhr und sich den Hang hinabwerfen wollte; aber die Leine, mit der er an den jungen Stamm befestigt war, warf ihn zu Boden, und wenige Minuten später fand er sich machtlos in der Gewalt der beiden riesigen Schwarzen, die ihn wie ein Kind zwischen sich nahmen und hinabschleppten.« Eine Stunde später etwa kam Rottack mit der armen, in Thränen aufgelösten Frau und den Kindern, die vor Angst und Bangen sprachlos schienen, hinunter zur Chagra. Es war ein schweres Amt für ihn gewesen, den Jammer der Frau mit anzusehen und sich dabei sagen zu müssen, daß er eigentlich die Mitschuld daran trage; aber es konnte auch nicht umgangen werden, denn die schon so unglückliche Frau durften sie nicht allein und hülflos mitten in dem fremden Wald zurücklassen; sie wäre mit den Kindern verdorben. Was aber in seinen Kräften stand, sie zu trösten, that er. Er gab ihr vor allen Dingen alles Geld, das er bei sich führte, und versprach, für sie in Santa Clara zu sorgen, auch ihre Kinder unterzubringen – sie ginge jetzt einem besseren Leben entgegen, als sie an der Seite des Verbrechers geführt – die Colonisten in Santa Clara würden sich ihrer annehmen, und sie solle außer Sorgen für die Zukunft sein. Er nahm ihr auch das kleinste Kind ab und trug es selber, daß sie leichter vorwärts kam, und that alles Mögliche, nur erst einmal ihre Thränen zu stillen. Es war ihm furchtbar, wenn er einen erwachsenen Menschen weinen sah. So erreichten sie endlich die Chagra, der junge Graf noch immer das schreiende Kind auf dem Arm, als ihm Könnern entgegensprang. »Graf Rottack, Sie als Kinderwärter?« sagte er lächelnd, indem er vor ihm stehen blieb »und doch steht es Ihnen gut – Sie haben ein schweres, schweres Amt gehabt!« »Allerdings,« seufzte der junge Mann, indem er einer auf ihn zukommenden Negerin das Kind übergab – »da, mein Schatz, sei Du so gut und sieh einmal zu, ob Du den Schreihals stopfen kannst, der Außerordentliches auf dem Weg hierher geleistet hat – und daß die arme Frau da etwas zu essen bekommt. Ich fürchte fast, daß ihre Hauptkrankheit der Hunger ist. – Aber was ist denn mit Ihnen vorgegangen, Könnern? – Ihr Gesicht strahlt ja ordentlich vor Seligkeit!« »Rottack – Rottack,« rief Könnern, seine Hand ergreifend – »ich habe sie gefunden!« »Sie – so?« sagte der junge Graf in komischem Erstaunen; »so viel ich weiß, hatte ich sie gesucht und Sie hatten es nur mit einem ihn zu thun.« »Elise mein' ich.« »Elise? – des alten Meier Tochter?« »Sie ist hier – hierher geflüchtet; ihr Vater wurde krank und ist eben in ihren Armen verschieden.« »Nun,« sagte Rottack trocken, »für einen derartigen Sterbefall sehen Sie leidlich vergnügt aus. Wollen Sie aber so freundlich sein und mir sagen, weshalb Sie darüber so entzückt sind?« »Aber wissen Sie denn nicht, daß ich Elise schon wie ein Verzweifelter im ganzen Wald gesucht hatte?« »So? – nicht übel; also deshalb dieser Eifer, dem armen Köhler wieder zu seiner Freiheit zu verhelfen und dem Mörder auf die Spur zu kommen, und ich wurde eigentlich blos mitgenommen, um zuerst den Diebsfänger, nachher den Brautführer zu machen und nebenbei schreiende Kinder durch den Wald zu schleppen, wie verzweifelte Mütter zu trösten!« »Liebster, bester Graf!« »Lassen Sie es gut sein; ich sehe schon wie es ist, immer die alte Geschichte – Günther geht heim zu seiner Braut, Köhler wartet nur darauf, bis wir zurückkommen und sitzt dann wieder mit seiner jungen Frau da oben in dem Miniaturparadies – Sie haben ebenfalls jetzt gefunden , was Sie gesucht, und ich bin wie gewöhnlich der, welcher leer ausgeht. Mein einzig, sichtbarer Vortheil ist auch nur der, daß ich mich jetzt von Kopf bis zu Füßen neu kleiden kann und außerdem noch eine Apothekerrechnung für Pflaster zahlen und für Herrn Bux' Familie sorgen darf! Hol' der Teufel Brasilien!« »Armer Rottack,« lachte Könnern gutmüthig. »Ja wohl, armer Rottack,« sagte der junge Mann »und das ist noch nicht einmal Alles! Sie können natürlich die junge Dame jetzt nicht mit dem todten Vater allein lassen, um alles das zu besorgen, was irgend nöthig ist. Also darf ich mit ein paar sehr unangenehm ausdünstenden Negern wahrscheinlich den Transport allen übernehmen – wieder ein Vortheil!« »Von Herzen gern will ich das thun,« rief Könnern rasch, »wenn Sie nur dann meine Stelle hier vertreten wollen.« »Hm, so? – damit Sie mir dann auch noch in Santa Clara den Dank der jungen Frau wegschnappen? Nein, damit ist's denn doch nichts; das will ich wenigstens haben und wenn ich's mir stehlen müßte. Aber wie weit ist's von hier nach Santa Clara – haben Sie eine Idee?« »Dieser Weg,« erwiderte Könnern, »führt nach der Colonie Santa Martha hinüber und soll bequem im Thal hinlaufen. Von dort haben Sie breite, trockene Fahrstraße bis Santa Clara, etwa sieben Legoas im Ganzen.« »Nun, das geht an; dann brech' ich aber in einer Stunde auf. – Und wann kommen Sie nach?« »Morgen früh wird die Leiche des alten Mannes beerdigt, dann hält mich hier nichts weiter, und wenn es irgend möglich ist, bringe ich die Familie des Verbrechers gleich mit. Wir müssen jedenfalls sehen, daß wir für die arme Frau ein Unterkommen in der Colonie finden.« »Das giebt wieder eine passende Beschäftigung für mich,« sagte Rottack, indem er zu seinem Pferde ging und es absattelte. Es mußte erst ein wenig gefüttert werden, ehe er den Heimritt darauf antreten konnte. 30. Herr von Pulteleben. Nur verhältnißmäßig kurze Zeit war doch vergangen, seit Sarno die Colonie Santa Clara verlassen und Baron von Reitschen sein Regiment dort begonnen hatte, und welche traurige Veränderung brachte dieser kurze Wechsel in dem sonst so gemüthlichen, selbst freundlichen Ort hervor! Jede Beschäftigung schien darnieder zu liegen; die Colonisten zeigten zu keiner Arbeit mehr Lust; die Handwerker saßen den Tag über in der Schenke, um ihrem Ingrimm bei einem Glas oder mehreren Gläsern Bier Luft zu machen und Herr von Reitschen – regierte indessen ruhig weiter und verübte unter dem Schutz seiner stets bis an die Zähne bewaffneten Soldaten jede Willkür, die ihm irgend beliebte. Die wenigen Menschen, die noch zu ihm hielten, wurden in jeder Weise begünstigt und konnten thun und lassen, was sie wollten; die Uebrigen durften nicht einmal ihr Recht fordern, wo es gekränkt worden, und die Soldaten besonders verübten in rohem Uebermuth so viel nutzlose Streiche, daß wirklich der urgeduldige deutsche Charakter dazu gehörte, das Alles zu ertragen, ohne gewaltsam dagegen aufzustehen. Herr von Reitschen kümmerte sich um das Alles nicht; er machte mit dem Baron, von dem er jetzt unzertrennlich schien, seine regelmäßigen Spaziergänge – bei denen er aber stets einen Revolver bei sich führte – und hatte dem Baron sogar, was er den armen Parcerie-Arbeitern rund abgeschlagen, eine der bestgelegenen Colonien gratis überlassen, der Regierung gegenüber unter dem Vorwande natürlich, daß der Baron eine »Musterwirthschaft« darauf anlegen und dadurch den Ackerbau in der Colonie »wissenschaftlich« heben wolle. Der gute Baron, der nicht einmal seine eigene kleine Chagra hatte lebensfähig verwalten können! Natürlich machte das Alles nur immer mehr böses Blut, aber es half eben nichts – es blieb Alles beim Alten und nur der Polizeizwang wuchs von Tage zu Tage. Besonders litt darunter der arme Köhler, der immer noch in seinem Gefängniß stak und trotz seiner sonst gesunden Natur ein Fieber davongetragen hatte. So wenig weitere Beweise aber gegen ihn vorlagen, schien der Direktor fest entschlossen, sich an dem jungen Bauer für die erlittene Behandlung zu rächen, wo er die Gewalt dazu so trefflich in Händen hatte und was etwaige Klagen oder Beschwerden der Colonisten selber in Rio de Janeiro betraf, so vertraute er dabei mit ziemlicher Sicherheit dem Schlendrian der brasilianischen Obergerichte, deren Gefahr sich auf Null reducirte, wenn er seine eigenen dort lebenden Freunde mit in Rechnung brachte. Er wußte auch besser als mancher Andere, daß sich alle diese Beamten theils so oder so compromittirt hatten und nur dadurch, daß sie Einer den Andern hielten, konnten sie selber hoffen, keine Untersuchungen gegen sich und ihr eigenes Gebahren aufgebracht zu sehen. Aeußerst wenig um die politischen, aber desto mehr um seine eigenen Verhältnisse kümmerte sich indessen Herr von Pulteleben, der bis dahin des festen und süßen Glaubens gelebt hatte, daß er mit schwellenden Segeln in einem reizenden und vollkommen sichern Hafen eingelaufen sei und mit der ersten Morgendämmerung zu seiner Bestürzung fand, er sei gar nicht mehr flott, sondern wie festgenagelt auf dem Trockenen in Schlamm und Sand sitze, mit keiner Aussicht, wieder loszukommen. Von dem Augenblick an, wo er Helenens Brief erhielt, war er solcher Art von dem Gipfel seiner Hoffnungen heruntergerutscht – im Anfange zwar noch langsam und widerstrebend, je mehr er aber in Schuß kam, desto rascher, und jetzt fuhr er mit einer Schnelle in die Tiefe der prosaischen Wirklichkeit hinab, daß ihm ordentlich selber die Sinne darüber vergingen. Umsonst hatte er sich mit einer wahrhaft rührenden Ausdauer bemüht, von der einst gehofften Schwiegermutter genügende Auskunft über Helenens räthselhaftes Betragen zu erhalten. Das Einzige, was er von ihr erhielt, war die Erlaubniß, die einlaufenden Rechnungen zu bezahlen, und daß er unter solchen Umständen darin bald ermüdete, läßt sich denken. Das erste Resultat war, daß die Arbeiter ihre Beschäftigung einstellten, was ihn aber nicht im Geringsten mehr interessirte, denn er hatte den Arbeitsplatz schon lange nicht mehr betreten und er schloß nur daraus , daß noch genügender Absatz vorhanden sei, weil die aufgestapelten Kisten mit frischen Cigarren zusehends abnahmen – ohne daß er selber freilich das Geld für eine einzige derselben einkassirt hätte. In der Colonie konnten diese Vorgänge natürlich auch nicht unbeachtet bleiben, denn daß die Comtesse ihrer Mutter Wohnung verließ und zu fremden Leuten zog, war ein zu sehr in die Augen springendes Factum. Aber mit anderen, wichtigeren Dingen beschäftigt, bildete man sich rasch eine eigene Motivirung dieses Schrittes, die auch manches Wahrscheinliche für sich hatte. Diese lautete: die alte Frau Gräfin wolle der Comtesse den Herrn von Pulteleben zum Mann aufdringen, die Comtesse wolle aber den Herrn von Pulteleben nicht haben und da sie allbekannt stets sehr selbstständig aufgetreten, so war sie einfach aus dem Hause gezogen, bis es der ihr nicht zusagende Bräutigam verlassen habe. Sobald der fort war, würde sie natürlich zu ihrer Mutter zurückkehren. Das klang freilich nicht sehr schmeichelhaft für Herrn von Pulteleben, aber der arme Teufel sah, wenn er recht darüber nachdachte, selber keinen andern Grund für das merkwürdige Betragen seiner früheren Braut, und begriff dann nur nicht, weshalb sie früher so freundlich mit ihm gewesen war und selbst die Verlobung stillschweigend geduldet hatte. – Er ärgerte sich jetzt noch, wenn er daran zurückdachte, daß er sich nicht wenigstens an jenem Abend den Verlobungskuß hatte geben lassen, und daran war Niemand weiter schuld, wie der nichtsnutzige Junge, der Oskar, mit seinen albernen Streichen. Ueber die Tafel hinüber ging das freilich nicht. Und was sollte jetzt werden? Sein Geld ging auf die Neige, neuen Zuschuß von Hause konnte er kaum unter drei Monaten erwarten – und was würden sie zu Hause sagen, wenn sie von der rückgängig gewordenen Verbindung mit der Comtesse hörten? – Er wollte – er mußte fort – aber die Schwiegermutter – er hatte eine Heidenangst vor der Frau Gräfin und saß heute wieder in seinem Zimmer, wo er schon so oft gesessen, und überlegte und grübelte, wie er sich am besten und anständigsten aus der Affaire ziehen könne. Draußen wurden Schritte laut und gleich darauf ging die Thür auf, durch die Oskar, eben von einem Ritt zurückkehrend, trat und sich mit einem »Donnerwetter, ich bin müde!« auf das Sopha warf. Herr von Pulteleben rührte sich nicht, und Oskar, der ihn eine Weile von der Seite betrachtete, lachte; endlich sagte er: »Na, Pulteleben, Sie schneiden ja ein Gesicht, als ob Ihnen die Petersilie verhagelt wäre. Was ist nun wieder los?« »Nichts Besonderes, das ich wüßte,« erwiderte der junge Mann, gerade nicht in der Stimmung, eine Unterhaltung mit seinem Besuche anzuknüpfen. »Was der Lene in den Kopf gefahren ist,« nahm Oskar das Gespräch auf, der die Niedergeschlagenheit seines Gesellschafters natürlich auf die Quelle zurückführte – »das weiß der Henker! Das Mädel muß übergeschnappt sein, denn sie nimmt meinen Besuch nicht einmal mehr an. Was sagen Sie dazu?« Herr von Pulteleben antwortete nicht, er war entschlossen, den jungen Grafen todtzuschweigen. »Die Alte steckt dahinter,« fuhr Oskar aber trotzdem und etwas unehrerbietig diese »Alte« auf die Frau Gräfin beziehend fort – »so viel ist sicher, und Sie müssen durch irgend etwas bei ihr in's Fettnäpfchen getreten haben. Machen Sie nur um Gottes willen wieder Frieden mit ihr, denn das ist hier im Hause jetzt gar nicht mehr auszuhalten. Ihr seid Alle unausstehlich und das Schlimmste dabei, daß man Euch noch dazu Alle einzeln aufsuchen muß, um sich einzeln über Euch zu ärgern.« Herr von Pulteleben schwieg. Er hatte auch andere Ansichten über die »Alte«, denn von seiner Seite war in der That Alles geschehen, ein mögliches Mißverständniß – wenn er auch nicht wußte, durch was es entstanden sein konnte – aufzuklären. Helene war verändert, seit sie den Brief gelesen hatte, so viel blieb sicher, aber was in dem Briefe gestanden und wie weit er damit in Beziehung stehen konnte, begriff er nicht, wenn nicht – er sprang mit einem Mal von seinem Stuhl auf und lief in der Stube auf und ab, ohne Oskar's Gegenwart weiter zu berücksichtigen. – Hatten sie – es lief ihm mit einem unbehaglichen Gefühl über die Seele – hatten sie vielleicht nach Deutschland geschrieben und von dort aus Nachricht erhalten, daß seine Verhältnisse nicht so glänzend waren, wie er hier zuweilen angedeutet? »Na, wo brennt's nun wieder?« sagte Oskar, der dem Hausgenossen erstaunt zugesehen hatte. Herr von Pulteleben war aber schon mit sich einig – er hatte noch nie so schnell gedacht. – Um aus dieser Ungewißheit gerissen zu werden, mußte er und zwar gleich, mit der Gräfin sprechen. Es war überhaupt nothwendig, daß er sie aufsuchte, denn so konnte ihr Verhältniß nicht mehr fortbestehen und ein entscheidender Schritt mußte nach der einen oder andern Seite hin geschehen. »Lieber Oskar,« sagte er plötzlich zu dem jungen Manne – »Sie erlauben Wohl, daß ich mich anziehen kann, ich – muß Ihre Frau Mutter sprechen.« »Ja, ich habe nichts dagegen,« lachte Oskar – »aber Sie sind ja angezogen.« »Ich – habe schon einen Spaziergang gemacht und – möchte meine Wäsche wechseln.« »So – aha, und da soll ich derweil gehen?« sagte Oskar, sich langsam erhebend – »nun meinetwegen. Aber, Pulteleben, noch Eins, weshalb ich eigentlich heraufgekommen war. Bitte, borgen Sie mir doch bis morgen früh zwanzig Milreis; ich brauche sie nothwendig.« Herr von Pulteleben, der schon angefangen hatte, seine Cravatte abzubinden, hörte mit seiner Beschäftigung auf und sah sich nach dem jungen Mann um. »Lieber Oskar,« sagte er endlich, »es thut mir wirklich leid, keine zwanzig Milreis mehr übrig zu haben, denn Ihre Frau Mutter hat in der letzten Zeit so bedeutend auf mich gezogen, daß ich – daß ich wirklich das wenige mir noch Gebliebene zusammenhalten muß.« »S–o?« sagte Oskar gedehnt und sah von Pulteleben an. »Ueberhaupt,« fuhr dieser fort, »müssen Sie in den letzten Tagen mehrere recht hübsche Einnahmen gehabt haben, denn ich sehe, daß sich die Cigarrenkisten da unten auffallend vermindern.« »Da fragen Sie meine Mutter,« rief der junge Bursche, » die besorgt das; ich habe mit Müh' und Noth tausend Stück für mich gerettet.« »Gerettet? – hm!« »Also Sie haben nichts?« »Im Augenblick wirklich nicht. Zu was brauchen Sie's denn?« »Na, wissen Sie,« sagte Oskar, »wenn Sie nichts haben, kann Ihnen das auch einerlei sein. Guten Morgen!« Und damit verließ er das Zimmer und warf die Thür hinter sich in's Schloß. »Weiter fehlte mir gar nichts,« brummte von Pulteleben, riegelte hinter ihm zu und begann dann mit äußersten Sorgfalt seine Toilette zu machen. Selbst den schwarzen Frack bürstete er sehr sorgfältig aus, seufzte über einige Mottenlöcher, die ihm hineingefressen waren, klingelte dann und als Dorothea heraufkam, ließ er sich bei der Frau Gräfin melden, »da er etwas Wichtiges mit ihr zu sprechen habe.« Das Mädchen kam nach einiger Zeit zurück und berichtete, es würde der Frau Gräfin sehr angenehm sein, und von Pulteleben stieg jetzt genau mit dem nämlichen Gefühl die Treppe hinab, als ob in der ersten Etage ein Zahnarzt wohne, unter dessen Händen er sich einer sehr gefürchteten Operation unterwerfen wolle. Die »Frau Gräfin« – wir müssen sie doch jetzt schon so fort nennen, da ja von Pulteleben auch keine Ahnung vom Gegentheil hatte – saß in voller Toilette auf ihrem Sopha, denn auch sie war eben im Begriff gewesen, auszugehen und einen Besuch bei Rohrlands zu machen. Immer wiederholte sie diese Besuche, in der steten Hoffnung, Helenen dort einmal allein zu treffen und sprechen zu können, und immer wich ihr Helene aus, ja, schloß sich sogar ein, wenn sie es erzwingen wollte. »Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, Herr von Pulteleben?« »Ja – Frau Gräfin,« sagte der junge Mann, mit dem Hut in der Hand und sich verlegen nach einem Stuhl umsehend – »ich – und ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie...« »Und mit was kann ich Ihnen dienen? Bitte, nehmen Sie Platz,« sagte die Gräfin. »Sie erlauben – ja, Frau Gräfin – Sie können sich doch wohl denken,« sprang von Pulteleben verzweifelt gleich mitten in die Frage hinein, »daß mir der jetzige Zustand – die Vernachlässigung meiner – Ihrer Fräulein Tochter, der Comtesse, unerträglich werden muß, und ich habe mir Tag und Nacht den Kopf darüber zerquält, was die Veranlassung dazu gewesen sein könnte. Wenn – wenn Sie mich nur über eins beruhigen möchten.« »Und das wäre?« »Der Brief?« sagte von Pulteleben entschlossen. »Welcher Brief?« fuhr die Frau Gräfin auf und schoß einen mißtrauischen Blick nach ihrem vis-à-vis . Hatte Helene etwa ihr Geheimniß verrathen? Aber von Pulteleben verscheuchte bald diese Befürchtung. »Der Brief, den die junge Dame an jenem Abend aus Ihrem Zimmer brachte,« sagte er entschlossen, »denn von jenem Augenblick an datirt sich die mir so ungünstige Veränderung und ich kann in der That jetzt nicht anders glauben, als daß irgend eine mir böswillig gesinnte Hand darin Nachrichten über mich gegeben hat, die zu widerlegen mir wahrscheinlich ein Leichtes sein würde, wenn ich – nur eben wüßte, worauf sie basirten.« »Beruhigen Sie sich darüber,« erwiderte die Gräfin, der damit ein Stein vom Herzen fiel; »der Brief hatte nicht das Geringste mit Ihnen zu thun und betraf in der That auch nur gleichgültige Gegenstände. Meine Tochter benutzte das nur als Vorwand. Seien Sie versichert, daß von Ihnen nie auf ungünstige Weise die Rede gewesen ist, und ich hoffe selbst jetzt noch, Helene zu bestimmen, ihre Meinung zu ändern. Lassen Sie uns die Sache nur ruhig abwarten und nichts übereilen. Wir müssen im Gegentheil unser in der letzten Zeit sehr vernachlässigtes Geschäft wieder mit frischen Kräften in die Hand nehmen und ich bin dann überzeugt ...« »Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche,« sagte von Pulteleben, den schon bei Erwähnung des ›Geschäfts‹ ein eigenes Grauen beschlich; wußte er doch jetzt, daß sich das Ganze allein darauf beschränkte, zu einem ihm vollkommen räthselhaften Betrieb nur fortwährend frische Summen aus ihm herauszudrücken. Selbst die Aussicht auf die für das Rittergut zu erwartenden Gelder hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst verklärte. – »Ich für meine Person setze nicht mehr die geringste Hoffnung auf die Comtesse, denn – wie groß auch meine Liebe für sie war und ist, darf ich doch nicht daran denken, mich ihr aufzudringen, und jedem weiteren Schritt von meiner Seite ließe sich kein anderer Name geben.« »Aber, lieber Pulteleben!« »Deshalb,« fuhr aber der junge Mann unbeirrt fort, »bin ich auch fest entschlossen, mich – von dem Geschäft zurückzuziehen, da ich – doch auch nachgerade anfange einzusehen, daß ich einer solchen Arbeit nicht gewachsen bin und Oskar – sich entschieden weigert, mir darin beizustehen.« »Aber das wird sich Alles reguliren,« suchte ihn die Gräfin zu beschwichtigen; »wir müssen nur nicht verlangen, daß wir mit einem Schlage Schätze sammeln wollen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß wir mit dem neuen Tabak ...« »Ich bin fest entschlossen, für meine Rechnung keinen Tabak mehr zu kaufen,« sagte der zur Verzweiflung Getriebene. »Wollen Sie es auf eigene Rechnung fortführen, so wünsche ich Ihnen alles Glück und allen Segen dabei, Frau Gräfin, aber ich bitte Sie ernstlich, mich von diesem Augenblick an von jedem Betrieb desselben zu dispensiren.« »So?« sagte jetzt die Frau Gräfin, die wohl fühlte, daß die Bande gelockert, ja vielleicht schon gelöst waren, die den jungen, schüchternen Menschen bis dahin an sie gefesselt gehalten, indem sie zu ihrer letzten Waffe griff; denn sagte sich Helene jetzt vollständig von ihr los, von was sollte sie dann mit ihrem Sohne leben? – »und das sind Sie im Stande, mir in's Gesicht zu sagen? Das halten Sie jetzt für gut und nützlich, nachdem Sie mich erst, eine arme Frau, die von Geschäften gar nichts verstehen kann, verleitet haben, meine ganzen Existenzmittel in ein solches Unternehmen zu stecken?« »Aber, Frau Gräfin!« rief von Pulteleben wirklich entsetzt, denn auf diese Anschuldigung war er nicht gefaßt gewesen. »Ist das männlich, ist das selbst nur ehrlich gehandelt?« fuhr die Frau fort, die wieder Boden zu fühlen glaubte. – »Ich habe mein ganzes Vertrauen auf Sie gestellt gehabt, junger Mann, ich sah, daß ich es mit einem braven, rechtlichen Menschen zu thun hatte und überließ Ihnen ohne Rückhalt Alles, und jetzt wollen Sie, wo einmal eine flüchtige Wolke vor die Sonne tritt, muthlos und feig die Flinte in's Korn werfen und mich im Stich, mich allein mit allen übernommenen Verbindlichkeiten lassen? Können Sie das über's Herz bringen, dürfen Sie das? Nein, ich sehe, daß Sie den unüberlegten Schritt schon bitter bereuen; ich trage Ihnen auch keinen Groll deshalb nach, Arno – ich will sogar diesen Augenblick, der recht, recht bitter für mich war, das sage ich Ihnen aufrichtig, vergessen – es soll nicht einmal der Schatten desselben mehr zwischen uns liegen!« »Frau Gräfin!« »Keine Entschuldigung, lieber Arno,« sagte die Dame, die ihre besonderen Gründe hatte, sich auf keine Einzelheiten einzulassen. »Ich gehe jetzt zu meiner Tochter Helene – in wenigen Tagen kommt außerdem der schon längst erwartete Dampfer, der mir sicher meine Briefe bringt, und – Sie werden mir noch fußfällig abbitten, daß Sie je an mir gezweifelt haben. – Werd' ich Ihnen doch beweisen können, daß ich wirklich wie eine Mutter für Sie gesorgt!« »Beste Frau Gräfin!« »Es ist schon gut,« lächelte seine Gönnerin – »wir sprechen heut Abend weiter darüber. – Guten Morgen, lieber Arno – guten Morgen!« Die Frau Gräfin stand auf, grüßte noch einmal freundlich mit der Hand und rauschte dann durch die Thür die Treppe hinunter. Hätte sie aber ahnen können, was in Arno von Pulteleben's Busen vorging, sie hätte ihn nicht so rasch verlassen – wenigstens jetzt noch nicht. Gerade als die Gräfin um die Ecke bog, kam Jeremias in das Haus herein und stieg langsam die Treppe herauf. Herr von Pulteleben hatte ihn kommen sehen und erwartete ihn oben. Leise murmelte er dabei: »Ja, ich weiß schon, mit Helenen sprechen, Briefe von Deutschland erwarten, mit den Wechseln, die nie eintreffen! – Nein, Frau Gräfin, das zieht nicht mehr und wenn ich da nicht Gewalt brauche, bin ich wieder angeführt! – He – Jeremias – Jeremias! Kommen Sie einmal rasch herauf!« »Nun?« sagte Jeremias, indem er dem Rufe Folge leistete, »was haben Sie denn heute so Eiliges? Die Post geht noch nicht!« »Jeremias,« sagte von Pulteleben, der sich in sichtbarer Aufregung befand, »wollen Sie – wollen Sie zwei Milreis verdienen?« »Sind Sie ein komischer Mensch!« schmunzelte Jeremias; »können Sie mir einen vernünftigen Grund sagen, warum nicht?« »Wo ist Oskar?« »Sitzt drüben bei Buttlichs und trinkt eine Flasche Bier.« »Gut, dann schaffen Sie mir dieses Gepäck in Bohlos Hotel hinüber. Wenn Sie binnen jetzt und fünfzehn Minuten drüben sind, bekommen Sie zwei Milreis; für jede Minute, die Sie früher abmachen, lege ich Ihnen hundert Reis auf, für jede, die Sie später dort hinkommen, ziehe ich Ihnen hundert ab. Sind Sie das zufrieden?« »Aber die Koffer sind ja noch nicht einmal gepackt!« »Das ist in zwei Minuten geschehen und zählt nicht.« »Hurrjeh!« sagte Jeremias, indem er aufgriff, was auf den Stühlen lag und rücksichtslos in die offenen Koffer hineinstopfte – »mein Karren steht gerade unten an der Thür, in sieben und einer halben Minute bin ich drüben.« Um Gottes willen, Sie zerdrücken mir ja Alles!« rief Herr von Pulteleben, über den Eifer jetzt ordentlich erschreckt, den der kleine Bursche entwickelte. »Schad' nichts, bügeln wir Alles wieder aus!« »Hier die Stiefel.« »Nehmen wir in die Hand.« »Den Plaid.« »Können wir oben aufschnallen.« »Die Hutschachtel.« »Schmeißen wir auf den Karren – und die Cigarrenkiste auch.« »Die bleibt hier.« »Desto besser – geben Sie einmal den Schlafrock her.« »Da klingelt noch etwas darin.« »Macht nichts – werden ein Paar Silberstücke sein – können Sie drüben herauspuddeln – einer wär' fertig.« »Da hängt noch eine Weste – halt, das Handtuch bleibt auch hier.« »Sollten Sie sich eigentlich zum Andenken mitnehmen,« meinte Jeremias; »Jemine, ist das ein Vergnügen! – Sonst noch 'was – Haarlocken vielleicht oder getrocknete Blumen?« »Hinunter mit dem, ich mache indessen den andern fertig!« Jeremias packte den einen Koffer auf und die Dorothea stürzte erschreckt aus der Küche heraus, als er damit auf der obern Treppe ausrutschte und sechs oder acht Stufen mit furchtbarem Spectakel hinabpolterte. Jeremias war aber nicht der Mann, sich bei Kleinigkeiten aufzuhalten, und stand im Nu wieder auf den Füßen. »Herr du meine Güte!« rief Dorothea bestürzt – »ist denn Feuer oben?« »Noch nicht, aber's riecht schon nach Rauch,« sagte Jeremias und war im Handumdrehen die zweite Treppe hinunter. Zehn Schritt vom Hause stand sein Karren, den er rasch vor die Thür zog; der Koffer lag darauf und mit immer drei Stufen auf einmal lief er nach dem zweiten, den ihm Herr von Pulteleben schon durch die Thür entgegenzog. Wie er mit einer Masse kleinen Handgepäcks beladen auf die erste Etage kam, stand die Dorothea da, schlug die Hände zusammen und sagte: »Aber Herr von Pulteleben, wollen Sie denn auch fort?« »Ich werde eine kleine Reise machen, Dorothea,« sagte der junge Mann, der sich selber vor der alten Magd genirte, seine Flucht einzugestehen; »hier ist etwas für Ihre Bemühungen für mich,« und er drückte ihr dabei fünf Milreis in die Hand. »Ach, ich danke auch schön – das war ja gar nicht nöthig – na, da wird's aber recht einsam bei uns werden.« »Guten Morgen, Dorothea!« »Guten Morgen, Herr von Pulteleben!« Unten an der Treppe begegnete er dem Bäckermeister Spenker, der eben hinauf wollte. »Ach, Sie wollen wohl verreisen, Herr von Pulteleben, da ist mir's sehr lieb, daß ich Sie noch treffe. – Ich wollte meine Miethe holen. Die Frau Gräfin hat mich wieder so lange damit hinausgezogen.« »Die Frau Gräfin wird jeden Augenblick wieder zurück sein,« sagte Herr von Pulteleben – »ich habe die Kasse nicht mehr – guten Morgen, Herr Spenker!« » Sie haben die Kasse nicht mehr?« brummte der Bäckermeister leise vor sich hin, als Herr von Pulteleben schon aus dem Hause war – »na, da bin ich wirklich neugierig, wer sie jetzt hat. Das ist eine Staatswirthschaft!« »Wollen Sie nicht lieber warten, bis die Frau Gräfin zurückkommt?« schmunzelte Jeremias, als er sein Tragband draußen umhing und sich vorspannte, und sah dabei Herrn von Pulteleben mit einem höchst komischen Blick von der Seite an; »würde ihr doch unendlich leid thun –« »Sieben Minuten sind schon um,« sagte Herr von Pulteleben, nach seiner Uhr sehend. »Und in dreien bin ich drüben!« rief Jeremias und rasselte auch im nächsten Augenblick mit seinem Karren die Straße hinab, als ob er vor eine Feuerspritze gespannt wäre und zur Rettung eilte. Herr von Pulteleben konnte gar nicht mit ihm Schritt halten. – 31. Graf Rottack's weitere Beschäftigung. Durch die kleine Coloniestadt wälzte sich ein Menschenschwarm, der von Minute zu Minute wuchs und gerade auf das Directionsgebäude zu hielt. Herr von Reitschen spielte eben mit dem Baron eine Partie Schach, als das Geschrei und Jubeln an sein Ohr schlug, und er sprang erschreckt in die Höhe, denn er kannte recht gut die gegen ihn herrschende Stimmung der Colonisten und hielt den Ausbruch einiger Tollköpfe gar nicht für unmöglich. Freilich wußte er aber auch, daß sie keinen Führer hatten, und was die Masse auch vielleicht gethan hätte, wenn richtig zusammengehalten, die Einzelnen wieder waren viel zu indolent, um aus eigenem Antrieb etwas Derartiges zu beginnen. Uebrigens hatte er die bewaffnete Mannschaft größtentheils unten in seinem Wohngebäude liegen, die Uebrigen waren seines Rufes gewärtig im Auswanderungshaus, und diese Macht hielt er für vollkommen genügend, ein paar unzufriedene deutsche Bauern im Zaum zu halten. Nichtsdestoweniger sprang er an's Fenster, um zu sehen, was es gäbe, und mit dem Baron neben sich beobachtete er die Schaar, die wunderlich geführt war, aber allem Anschein nach doch nichts Feindseliges gegen ihn bezweckte. »Was zum Teufel haben die Holzköpfe nur wieder, Jeorgy, daß sie am hellen Tage durch die Straßen brüllen? Sowie man ihnen die Zügel nicht immer straffer und straffer zieht, werden sie den Augenblick wieder übermüthig. Wen, um Gottes willen! bringen sie da auf einem Maulthier? Ist der Mann nicht gebunden?« »Wahrhaftig!« sagte der Baron Jeorgy, der sein Opernglas aufgeschraubt hatte und damit hinaus auf den Zug sah – »das ist der Mensch, der sich hier eine Zeit lang herumgetrieben und dann mit seiner Familie die Colonie verlassen hat. Bux heißt er, glaub' ich, und wollte hier Vorstellungen im Bauchreden und dergleichen geben, was ihm aber nicht glückte.« »Und wer ist der Reiter neben ihm?« »Der junge Graf Rottack; wie aber die Beiden auf solche Art zusammenkommen, ist mir ein Räthsel.« »Nun, wir werden ja gleich hören, denn augenscheinlich kommen sie hierher. – Daß Ihr mir Keinen von dem Volk in's Haus laßt!« rief er dann auf Portugiesisch den beiden Soldaten zu, die vor seinem Haus standen – nur der Herr, der zu Pferd sitzt, kommt herauf.« Vor dem Hause hielt der Schwarm, der noch ununterbrochen von Hinzuströmenden anwuchs. Und in der That war es auch ein wunderliches Schauspiel, denn auf dem Maulthier, das von zwei fremden Negern geführt wurde, festgeschnürt, die Ellbogen außerdem noch auf dem Rücken zusammengebunden, saß bleich und blutig der gefangene Mörder, während der junge Graf, in seinen zerfetzten Kleidern, Könnern's Gewehr über der Schulter, auf seinem Rappen daneben saß und zu den Umstehenden sprach. Endlich stieg der Reiter ab, gab sein Pferd Einem der Leute, der es augenblicklich in das Hotel hinüberführte, um nur recht bald wieder zurück zu sein und schritt dann langsam in das Haus. Die beiden Soldaten ließen ihn, dem Befehl gehorsam, hinein und verstellten dann wieder die Thür – aber es wollte ihm außerdem Niemand folgen, denn er hatte sie gebeten, seine Rückkunft hier draußen abzuwarten. Unten im Hause trieben sich noch einige Soldaten herum, die ihn neugierig betrachteten – sonst war Alles leer und öde. Der junge Mann stieg langsam die Holztreppe hinauf, die zu dem Zimmer des Directors führte, welchem er wenige Minuten später gegenüberstand. »Guten Abend, meine Herren!« »Ah, guten Abend, lieber Graf,« sagte der Baron mit etwas verlegener Freundlichkeit, während der Director nur eine stumme Verbeugung machte – »Parbleu! Sie sind gut zugerichtet; wo, um Gottes willen! haben Sie nur gesteckt?« »Draußen im Walde, Baron. – Herr Director, ich weiß nicht, ob es nöthig ist, daß ich mich Ihnen noch einmal vorstelle?« »Graf Rottack?« sagte der Director – »ich hatte das Vergnügen bei der Frau Gräfin.« »Ja,« sagte der junge Mann, während ein spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte – »bei der Frau Gräfin – doch zur Sache. Ich bringe Ihnen den Mörder des Schneiders, jenen Bux, an dessen Statt Sie den armen Köhler so lange unschuldig eingesperrt gehalten haben.« »Und sind Sie dessen gewiß?« fragte der Director, eben nicht angenehm überrascht. »Hier,« sagte Rottack vollkommen ruhig, indem er eine Uhr und ein rothseidenes Tuch aus der Brusttasche nahm, »sind zwei Gegenstände, welche dem Ermordeten gehört, und die wir bei seinem Mörder gefunden haben. Die Uhr warf er auf der Flucht von sich und ich hob sie selber auf – das Tuch hatte er unter seinem Hemd um den Leib gebunden. Außerdem gestand er schon den Mord, welchen er nur auf allerlei ausweichende Art zu entschuldigen sucht.« »Hm,« sagte der Director, ohne die auf den Tisch gelegten Sachen anzufassen – »und sind Sie fest überzeugt, daß Uhr wie Tuch dem Ermordeten – wie hieß er gleich, Baron?« »Justus Kernbeutel.« »Dem Justus Kernbeutel gehört haben?« Rottack sah etwas überrascht Herrn von Reitschen an, dann antwortete er wieder ruhig: »Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Director, daß der Mann den Mord gestanden hat. Außerdem haben wir beide Gegenstände der alten Haushälterin gezeigt, und sie ist erbötig, jeden Augenblick zu beschwören, daß sie nicht allein sein Eigenthum waren, sondern daß er sie auch an dem Tage in der That getragen hat.« »Hm – das sind allerdings sehr starke Beweise, und demnach scheint es,« sagte der Director, »als ob der Köhler nicht den Mord begangen hat – keinesfalls wenigstens allein.« »Außerdem,« fuhr Rottack fort, »ist, wie ich eben da Unten höre, der Colonist jetzt mit unten vor der Thür und hat seinen Schwager und seine beiden Brüder mitgebracht, in dessen Haus sich Köhler gerade die Nacht, in welcher der Mord verübt, aufgehalten. Der Mann war schon einmal da, um seine Aussage zu beschwören, wurde aber nicht vorgelassen und mußte wieder nach Hause, weil seine Frau schwer krank lag.« »Hm – gut – ich will wünschen, daß er unschuldig ist,« sagte der Director, nach seiner Uhr sehend – »doch das werden wir ja Alles bei dem Verhör heraus bekommen. Ich werde gleich Auftrag geben, den gefangenen Verbrecher in Gewahrsam zu nehmen – heute ist es doch zu spät, noch daran zu gehen, und morgen früh um zehn Uhr ersuche ich Sie dann, sich wieder hierher zu verfügen, um das Weitere zu erwarten.« »Herr Director,« sagte Rottack staunend, »der arme Mann, der Köhler, hat Wochen lang unschuldig gesessen, und ist in seinem Gefängniß sogar erkrankt; wir haben jetzt den bestimmten Beweis, daß er unschuldig war – wollen Sie ihn noch eine Nacht länger ohne Noth in dem Zustande lassen?» » Sie haben den Beweis, mein lieber Herr Graf,« lächelte der Director, »aber ich habe ihn nicht eher, als bis das Verhör geschlossen ist. Sie nehmen sich überhaupt der Sache mit einem solchen Feuereifer an, daß Sie sogar ganz in Gedanken bewaffnet in mein Zimmer gekommen sind.« »Herr Director,« sagte der junge Graf finster, »der Ort wimmelt hier so von Bewaffneten, daß man sich ordentlich in einem Belagerungszustand glaubt, und da kann Einem etwas Derartiges wohl passiren. Doch das sind Nebendinge, und im Auftrag der sämmtlichen Colonisten von Santa Clara ersuche ich Sie recht freundlich, das Verhör des Gefangenen jetzt gleich vorzunehmen und den Unschuldigen seiner Familie wieder zu geben.« Der Baron bog sich zu dem Director über und flüsterte ihm ein paar Worte in's Ohr. Es lag etwas in Rottack's Auge, das ihm nicht gefiel, und er war von je ein Mann des Friedens gewesen. »Mein lieber Baron,« sagte aber der Director, »es thut mir wirklich leid, aber ich kann und werde von meinen bestimmten Geschäftsstunden nicht abgehen. Es ist vier Uhr vorüber« – er sah wieder nach der Uhr – »ja, sogar schon ein Viertel auf Fünf vorbei, und es bleibt uns heute keine Zeit mehr, die Sache vorzunehmen. Wie ich Ihnen also gesagt habe, Herr Graf, morgen früh um zehn Uhr.« Graf Rottack stand Herrn von Reitschen gerade gegenüber – nur der Tisch war zwischen ihnen – und man sah es ihm an, wie er sich gewaltsam zwang, ruhig zu bleiben. »Herr Director, im Namen der Menschlichkeit bitte ich Sie, von Ihrem Grundsatz heut einmal abzugehen. Köhler muß seiner Familie heute wiedergegeben werden.« »Von einem Muß , Herr Graf, kann hier gar keine Rede sein,« erwiderte Herr von Reitschen kalt und fast höhnisch – »ich bitte Sie, Ihre Worte ein wenig auf die Wage zu legen; mein letztes Wort haben Sie.« »Nun denn, beim ewigen Gott!« rief Rottack, der seinen ausbrechenden Zorn nicht mehr mäßigen konnte – »dann hören Sie auch meins! Glauben Sie denn, Sie erbärmlicher Miniatur-Tyrann, daß Sie hier wirthschaften können wie Sie wollen, und mit Sclaven, anstatt mit freien Colonisten zu thun haben? Ich gebe Ihnen zwanzig Minuten Zeit, und hat bis dahin das Verhör nicht begonnen, dann verderbe meine Seele, wenn ich nicht an der Spitze der Schaar da unten dieses Gaunernest stürme und Sie höchsteigenhändig aus dem Fenster werfe!« »Herr Graf!« rief der Director erschreckt und trat an's Fenster. »Lieber, bester Graf!« bat der Baron. »Zum Teufel mit Ihrem Grafen!« rief der junge Mann außer sich. »Soll einem die Galle nicht überlaufen, wenn man da eine solche bleiche Canaille alle Menschenrechte mit Füßen treten sieht! Ha, sehen Sie sich nach Ihren Soldaten um – glauben Sie, der Schwarm hohläugiger, in Mark und Saft verdorbener Brasilianer könnte einem einzigen Anprall unserer deutschen Bauern widerstehen? Ist das der ganze Schutz, den Sie haben, und mit dem hatten Sie die Frechheit, hier aufzutreten, wie Sie aufgetreten sind? Hier meine Uhr zeigt auf fünf Minuten vor halb – hat um drei Viertel das Verhör nicht begonnen, dann sind Sie jetzt gewarnt. Das Blockhaus, in dem Köhler sitzt, wird mit dem Schlag drei Viertel über den Haufen geworfen, und fällt ein einziger Schuß von Ihrer Schaar, so stürmen wir das Nest hier, und daß Sie schneller hinausfliegen als Sie hineingekommen sind, dafür bürgt Ihnen mein Ehrenwort – also auf Wiedersehen!« und mit den Worten stürmte er hinaus, die Treppe hinunter und unbelästigt von den Wachtposten, die mit Staunen den Lärm da oben gehört hatten, unter die vor dem Hause versammelten Kolonisten. Die Erbitterung gegen den Director hatte aber in der ganzen Colonie schon einen solchen Grad erreicht, daß es wirklich nur noch des zündenden Funkens bedurfte, den der junge, wüthende Graf unter sie brachte, um zu explodiren. Kaum hatte er ihnen unten zugerufen, was der Direktor beabsichtige und was er ihm zugeschworen, als die jungen Burschen nach allen Richtungen auseinander stoben, und kaum zehn Minuten später mit Gewehren, Heugabeln, Sensen, Dreschflegeln und allen möglichen anderen, als Waffen zu verwendenden Dingen angesprungen kamen. Der Director war indessen fast sprachlos vor ohnmächtiger Wuth in seinem Zimmer auf und ab gelaufen, und sein eigenes Gewehr von der Wand reißend, schwor er, daß er die Bande wolle zusammenschießen lassen, und wenn er selber dabei zu Grunde ginge. Der Baron aber sah weiter; brach hier im Ort eine Revolution aus, so warfen sich die »Demokraten« allerdings zuerst auf das Directionsgebäude – und er selber hatte nur geringes Vertrauen zu den brasilianischen Soldaten. Dann aber mußte sich die Wuth, ihr erstes Ziel erreicht, im natürlichen Lauf der Dinge gegen die übrige Aristokratie wenden, und daß er selber nicht übermäßig im Ort beliebt war, wußte er eben so gut. Aus innerstem Herzen heraus bat er deshalb den Director – nur um Blutvergießen zu vermeiden, – der Gewalt nachzugeben, eine spätere Untersuchung sollte dann schon die Schuldigen bestrafen und besonders den Rädelsführer treffen. Er war Zeuge, und der Director konnte in allen Fällen auf ihn rechnen – wozu jetzt Alles auf eine Karte setzen, während noch dazu die Chancen des Spieles gegen ihn waren. Der Director sah aus dem Fenster – unten wogte und tobte es – mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln, ihre Gewehre und andere Waffen im Arm, sammelten sich dort um den Grafen Rottack, der mit der Uhr in der Hand zwischen ihnen stand. Der Director sah nach seiner eigenen Uhr – es fehlten noch fünf Minuten an drei Viertel. – Die Soldaten im Hause hatten sich vor der drohenden Bewegung gesammelt, und der Unterofficier steckte jetzt ganz verblüfft den Kopf in die Thür und fragte, welche Befehle der Herr Director gäbe. Es war den Blaujacken da unten auch nicht wohl geworden, denn einem einzelnen hülflosen Colonisten gegenüber hatten sie Muth genug gezeigt, heute aber sah es beinahe aus, als ob sich das Spiel umdrehen solle, und die kleine Schaar hatte eigentlich schon unter sich einen Plan gemacht, wenn die Sache bös abliefe, in geschlossenem Trupp nach den Booten zu fliehen und den Fluß hinab zu gehen. Der Director lief noch immer im Zimmer auf und ab. »Sie weichen ja nur der Uebermacht – der rohen Gewalt,« sagte der Baron – »kein Mensch in der Welt kann Ihnen darüber einen Vorwurf machen, und die Regierung wird Ihre Mäßigung lobend anerkennen. – Nachher kommen wir wieder oben auf, und wenn Sie dann Ihren Vortheil benutzen, kann Sie ebenfalls kein Mensch deshalb tadeln.« »Gut – so will ich Ihrem Rathe folgen,« sagte der Director endlich – es fehlten nur noch zwei Minuten an drei Viertel. – »Nehmt zwei Mann, Unterofficier, geht augenblicklich in's Gefängniß und holt den dort sitzenden Deutschen her.« »Aber die Leute draußen,« sagte der Soldat mit eben nicht sehr großer Zuversicht – »sie schreien und toben und sind alle gut bewaffnet.« »Ihr habt nichts zu fürchten,« sagte der Director mit finsterem Blick – geht direct auf den Schwarm zu und bittet den Herrn, der eben bei mir oben war, augenblicklich seine Zeugen zusammen zu rufen und mit ihnen herauf zu kommen. Nun, was steht Ihr noch da und sperrt das Maul auf? – Rasch , die Zeit vergeht!« »Zu Befehl, Herr Director,« sagte der Soldat, drehte sich auf dem Absatz herum und stieg hinunter, den Befehl auszuführen. Gerade als er mit den zwei Mann das Haus verließ, wies der Zeiger auf drei Viertel; aber Graf Rottack hatte die Boten schon bemerkt und erwartete sie. Es bedurfte jetzt aber auch seiner Autorität, die Colonisten abzuhalten, daß sie den Soldaten nicht ihren Auftrag abnahmen und den Gefangenen selber befreiten. Sie waren einmal warm geworden und hätten nun auch gern eine kleine Beschäftigung gehabt. Rottack rief alle nöthigen Zeugen zusammen: Bux wurde vom Maulthier gehoben und der Obhut einiger Colonisten übergeben – man traute den Soldaten noch nicht, bis Köhler wirklich freigesprochen war. Justus' Wirthschafterin mußte dann ebenfalls herbei, und um das Directionshaus gruppirte sich jetzt die wilde, malerische Schaar, um den Erfolg, den sie Alle vorher wußten, abzuwarten. Rottack hatte indessen strengen Befehl gegeben, daß Niemand die Soldaten belästige, die Köhler aus seinem Gefängniß brachten. Niemand sogar mit ihm sprechen solle, um jede Unregelmäßigkeit zu vermeiden. Das aber konnte er nicht verhindern, daß ein allgemeines Hurrah! ausbrach, als die Schaar zum ersten Mal wieder ihres Kameraden ansichtig wurde – und wie bleich und elend war er in der kurzen Zeit geworden, die man ihn hier festgehalten! Wunderbar schnell ging aber Alles von Statten. Köhler behielt kaum Zeit, seinen Freunden zuzunicken und zu winken, so fand er sich schon im Directionsgebäude dem wirklichen Mörder gegenüber, und hier zeigte sich ein Verhör nicht einmal nöthig. Es war weiter nichts als die Abnahme eines Geständnisses von Bux' Seite, der, durch den Aufruhr um sich her vollkommen eingeschüchtert, bei der ersten Frage an ihn auf die Kniee fiel, Alles bis zu den kleinsten Einzelheiten gestand und nur um Gnade und Barmherzigkeit – nur um sein Leben flehte. Jeremias mußte auch noch her – er stand schon vor der Thür – und die einzelnen Data bestätigen, was er mit klaren, einfachen Worten that. Dabei fragte ihn der Direktor, woher er das viele Geld habe, worauf Jeremias aber trocken erwiderte: »Das geht Niemanden 'was an. – Wenn ich einmal vor Gericht stehe, können Sie wieder danach fragen,« und damit schob er seine Hände in die Taschen und ging hinaus. Bux wurde in das Gefängniß abgeführt, das Köhler bis dahin inne gehabt, und Letzterer war frei. Nur als sich die Zeugen mit dem Freigesprochenen wandten, um das Haus zu verlassen, sagte der Director: » Diese Sache ist jetzt beendet, Herr Graf, aber für Ihr Betragen, dem Gesetz gegenüber, werde ich Sie noch besonders verantwortlich machen.« »Ich stehe Ihnen in jeder Hinsicht zu Diensten, Herr von Reitschen,« sagte der junge Mann, warf dem Herrn einen letzten Blick zu und verließ mit Köhler das Haus. Und der Jubel, der jetzt da unten losbrach! Durch die Menge drängte sich eine Frau, ein Kind auf dem Arm. »Hans! Hans!« schrie sie – »wo bist Du?« »Hier! – Trine – Trine!« und die beiden Gatten lagen sich in den Armen und die Frau schluchzte, als ob ihr das Herz brechen müsse vor Freude und Seligkeit. »Und Der hat mich frei gemacht,« sagte Hans, als sie sich nur ein klein wenig gesammelt, und zeigte auf Rottack. »Und dafür bekomme ich auch einen Kuß,« lachte dieser. »Zehn – zehn!« rief die Frau unter Thränen jubelnd, flog an Rottack's Hals und küßte den jungen Mann herzhaft ab. Der Baron von Reitschen stand oben am Fenster – Rottack sah ihn, nahm seinen Hut ab, grüßte hinauf und ging dann lachend die Straße hinunter. 32. Abschiednehmen. Das war ein Jubel in der Colonie, wie er seit langer Zeit nicht stattgefunden, und heut Abend von keiner Polizeistunde die Rede, denn die Soldaten hüteten sich wohl, sich auf der Straße blicken zu lassen. Das Volk hatte die Waffen in der Hand und trug Rottack fast auf Händen, daß er ihnen endlich den Weg gezeigt, das lästig gewordene und unerträgliche Joch abzuwerfen. Aber keine Unordnung fiel vor, auch selbst nicht die nächsten Tage. Jeder ging am andern Morgen seinen gewohnten Geschäften nach. Es war ordentlich, als ob sie sich das Wort gegeben hätten, dem Director zu beweisen, daß sie eben nicht durch Militär in Banden brauchten gehalten zu werden, um doch zu wissen, was Recht oder Unrecht sei. Zwei Tage später traf Könnern mit Elise ein, die er in der Familie des Bäckermeister Spenker, den er früher kennen gelernt hatte, unterbrachte. Aber Elise sollte nicht mehr allein stehen auf der Welt. Das Hinderniß, welches zwischen ihrer Liebe stand – die Pflicht, für den Vater zu sorgen, war von ihr genommen, und die nächste Zeit dazu bestimmt, sie mit dem Geliebten zu verbinden. Selbst die Trauer durfte die Zeit nicht hinausschieben, denn sie stand allein und freundlos in der Welt und konnte ja nur als seine Gattin dem geliebten Manne folgen. Etwas über eine Woche verging aber doch noch mit den Vorbereitungen, während sich in der Colonie nicht das Geringste veränderte. Der Director brütete Rache und sein Grimm wuchs von Tag zu Tag, je deutlicher er sah, wie vollkommen machtlos er jetzt den Kolonisten, trotz seiner Waffenmacht, entgegenstand. Die Colonisten selber aber kümmerten sich gar nicht um ihn, gingen ihren Geschäften nach und ließen ihn ruhig mit dem Baron über seinen finsteren Vergeltungsplänen grübeln und berathen. Da wurde, an demselben Morgen, an welchem die Trauung der jungen Leute festgesetzt worden, zuerst ein Dampfer von Norden und dann ein anderer von Süden signalisirt, und Herr von Reitschen jubelte. Jetzt wurde ihm Hülfe, jetzt konnte er die erlittene Schmach fast auf frischer That rächen, und augenblicklich setzte er sich in ein Boot und ruderte mit vier Soldaten den Strom hinab. Den Colonisten flößte er aber trotzdem keine Besorgniß ein, denn ein anderer Geist war in sie gefahren. Außerdem hatte die Mehrzahl der angesessenen Bürger eine Beschwerdeschrift nach Rio aufgesetzt, die jetzt an die Regierung abgehen sollte. Sie durften doch erwarten, daß sie gegen die Willkür eines einzelnen Mannes geschützt wurden und sich ihr Recht nicht selber zu holen brauchten, erstaunten aber doch, als ihr Herr Director schon gegen drei Uhr und zwar allein, zurückkehrte, rasch in das Directionsgebäude ging und sich dort einschloß. Was war da vorgefallen? In der That hörten sie bald darauf, daß er unterwegs einem andern Boote des nördlichen Dampfers begegnet sei, der Depeschen für ihn überbrachte. Diese hatte er sogleich erbrochen und war dann auf der Stelle umgekehrt. Freilich sagte er Niemandem, welche unerwartete Nachricht er da unten bekommen, aber wie ein Lauffeuer zuckte das Gerücht durch die ganze Colonie: Sarno kehrt zurück und der »neue Director« ist abberufen. Niemand wollte es trotzdem im Anfang glauben, denn die Nachricht klang zu gut, als daß sie wahr sein konnte. Immer wieder aber kam neue Bestätigung. Ein Colonist, der von unten mit seiner Jolle eintraf, behauptete sogar: Sarno sei dicht hinter ihm in des Dampfers Boot. Dem Baron war das Nämliche zu Ohren gekommen und er lief bestürzt zu Herrn von Reitschen hinüber. Der Director war aber für Niemanden zu sprechen, und die Soldaten, die ihm ebenfalls keine Rede standen, packten stumm und schweigend ihre Tornister. Dem Baron war genau so zu Muthe, als ob er ebenfalls packen müsse. Die Trauung war vorüber – ein recht wehmüthiger Act, da sich für die arme Braut so viele schmerzliche Erinnerungen daran knüpften; und doch auch wieder, – wie dankbar war sie Gott, daß er ihr gerade in der Stunde ihrer größten Noth den lieben Beschützer und ihrem sterbenden Vater den letzten Trost gegeben hatte! Rohrlands, die Tochter des Meister Spenker und Rottack waren Trauungszeugen gewesen; Jeremias stolzirte ebenfalls mit einem riesigen Blumenbouquet vorn im Knopfloche einher und eigentlich hatte das junge Paar schon am nächsten Morgen die Colonie auf einem Segelschiff verlassen wollen. Da sich jetzt aber weit bequemere Gelegenheit mit einem der Dampfer nach Santa Catharina oder Rio bot, sollte diese benutzt werden, und Rottack, der sie begleiten wollte, hatte es übernommen, die Passage unten für sie auszumachen. Da begegnete ihnen, gerade als sie aus der Kirche kamen, ein Colonist und erzählte ihnen mit freudestrahlendem Gesicht, daß Sarno eben gelandet sei und Herr von Reitschen seinen unmittelbaren Abschied erhalten hätte. Es war in der That so. Als Könnern mit seiner jungen Frau zum Fluß hinabeilte, um den Freund zu begrüßen, kam ihnen schon ein fröhlich wogender Menschenschwarm entgegen, und wenige Minuten später lagen sich die Freunde in den Armen. »Sarno, mein lieber, guter Sarno, Sie zurück?« »Ja, lieber Freund,« lächelte der Mann etwas verlegen. »Ich wollte eigentlich nicht, denn ich hatte das Dirigiren recht von Herzen satt bekommen, aber wie mir so von allen Seiten zugeredet wurde, ich mir zuletzt sagen mußte, daß ich mit gutem Willen doch hier vielleicht noch Gutes wirken könne, und der Minister auch in der That nicht gleich eine andere passende Persönlichkeit hatte, so – entschloß ich mich zuletzt, bis auf Widerruf wenigstens. Eigentlich ist aber hauptsächlich der Herr da an meiner Sinnesänderung schuld.« Er deutete dabei mit dem Arm nach rechts hinüber, und als Könnern der Richtung mit dem Blick folgte, rief er erstaunt, fast erschreckt aus: »Günther! Sie wieder in der Kolonie?« »Großer Gott!« seufzte Elise und deckte das Gesicht mit den Händen. Günther stand schweigend vor ihnen; er sah bleich und ernst und angegriffen aus, und sein Blick ruhte mitleidig auf der jungen Frau. Endlich trat er zu ihr, und ihr Haupt zwischen seine Hände nehmend, küßte er sie leise auf die Stirn und sagte freundlich: »Gott segne Sie, liebes Kind, und gebe Ihnen an Ihres braven Gatten Seite den Frieden, den Sie so lange entbehren mußten.« »Wo ist er?« rief Rottack, der noch zurückgeblieben war, hinter der Gruppe – »Günther – Mensch, wo kommst Du her?« und im nächsten Augenblick lag er in seinen Armen – aber rasch richtete er sich wieder empor. Ein einziger Blick hatte ihm verrathen, daß nicht Alles so mit ihm sei, wie es solle – »was ist geschehen, Günther?« rief er, ihn auf Armes Länge von sich drückend – »Du siehst blaß und elend aus – warst Du krank?« »Ja,« sagte Günther leise – »recht krank – aber es geht wieder besser, und ich – will mich hier in der Colonie noch ein wenig erholen, ehe ich die Heimreise antrete.« Rottack sah ihn forschend an, aber Günther drückte ihm die Hand, die er noch gefaßt hielt, und sagte lächelnd: »Aber jetzt, glaub' ich, ist es Zeit, daß wir zu Tisch gehen; Jeremias hat mir wenigstens schon gemeldet, daß Alles bereit bei Bohlos sei und selbst die vermehrten Gäste keinen wesentlichen Unterschied machen würden. Darf ich die junge Frau zur Tafel führen, Könnern?« »Mein lieber – lieber Günther!« »Schon gut, ich werde meinem Amte Ehre machen – und nun vorwärts!« Mit dem Vorwärts ging es aber nicht so rasch, denn der Ruf, daß Sarno wieder zurück sei und wieder bei ihnen bleiben würde, hatte die Colonisten in Masse aus den Häusern gejagt. Manche waren wohl früher nicht mit Allem einverstanden gewesen, was er gethan, denn eine solche Schaar deutscher Colonisten gleichmäßig zufrieden zu stellen, wäre überhaupt ein Kunststück. Das neue Directorium hatte ihnen aber erst gezeigt, was sie eigentlich an Sarno verloren, der stets rechtlich und gerecht an ihnen gehandelt, und die Freude, ihn wieder zu haben, war desto größer. Man drängte um ihn her. Jeder wollte ihm die Hand schütteln und ihm sagen, wie sehr es ihn freue, daß er wieder da sei, und mit allen den Begrüßungen kam der Mann fast gar nicht zu Tisch. Endlich machte er sich aber doch los, und jetzt gingen die Colonisten daran, auch äußerlich ihre Freude auszudrücken. Alle möglichen und unmöglichen Fahnen, besonders deutsche und brasilianische, wurden vorgesucht, und wo keine da waren, rasch ein Betttuch genommen und irgend ein rother, blauer oder grüner Streifen aufgesetzt. In kaum einer Stunde wehte die ganze kleine Colonistenstadt voller Flaggen, waren fast alle Fenster mit Blumen und Guirlanden geschmückt, alle Menschen in ihrem Sonntagsstaat – und Jeremias schien der Nerv dieser ganzen Bewegung. Nach und nach kam denn auch die Ursache dieser Wirkung zu Tage, welche die Colonie fast ausschließlich Günther zu verdanken hatte. Von Santa Catharina aus hatte dieser schon an den Minister des Innern seinen Bericht über das Treiben der Frau Präsidentin gemacht, wie der Präsident fortwährend leidend sei und die Frau einen Schwärm von Gesindel anstelle, der nicht allein die Entrüstung jedes braven Mannes, Deutschen wie Brasilianers, errege, sondern auch den Bestand der Colonien zu gefährden drohe. Er hatte dabei nicht unterlassen, Sarno's Wirksamkeit in Santa Clara und die Art und Weise zu schildern, mit der jetzt auf das Willkürlichste über ihn verfügt werden sollte. Das war vorausgegangen, und als er nun selber nach Rio kam und dem Minister eine Menge neuerer Daten geben konnte, während dieser indessen Zeit gehabt, seine eigenen Erkundigungen einzuziehen, war ein Beschluß zum Bessern bald gefaßt. Es stellte sich jetzt heraus, daß die Abberufung Sarno's in vollkommen ungerechtfertigter Weise geschehen sei. Außerdem hatte der Minister noch viel mehr über die Wirksamkeit der Frau Präsidentin erfahren, als Günther selber wußte. Der sehr leidende Zustand des sonst tüchtigen Präsidenten machte da eine Verbesserung des Geschehenen möglich. Der Präsident selber wurde pensionirt, Herr von Reitschen aber, der Director von Santa Clara, einfach seines Dienstes entlassen, und die Maßregel noch durch eine Rüge, seines willkürlichen Verfahrens wegen, verschärft. Ebenso rief diese Ordre auch die Soldaten wieder aus der Colonie, in der sie der Regierung nicht nöthig schienen, und der Dampfer, der diese Nachricht und zugleich Sarno und Günther wieder mit nach Santa Clara brachte, hatte Befehl, den Director von Reitschen mit dem Militär nach Santa Catharina zu führen, von wo es dem Ersteren frei stand, einen andern ihm passenden Weg zu nehmen. Der andere Dampfer brachte die Post von Rio Grande und ging von hier nach Rio de Janeiro hinauf. Herr von Reitschen lag jetzt die höchst angenehme Pflicht ob, dem Manne, den er vorher verdrängt hatte, seine Papiere wieder zu übergeben und überhaupt die ganze Macht in seine Hände zu legen. Er entzog sich dem aber. Er hatte vollkommen genug gehabt an den Ovationen, die man seinem Nachfolger unter seinen Augen brachte; er mußte sogar noch die ganze Nacht die Ständchen, Jubelrufe und Hurrahs hören, die in der Nähe des Directionsgebäudes stets mit frischer Kraft ausbrachen. Das war ihm doch ein wenig zu stark. Ohne selbst von seinem alten Freund, dem Baron, Abschied zu nehmen, der durch diese Vernachlässigung der Form nur noch mehr niedergedrückt wurde – übergab er das ganze Directionswesen seinem Schreiber, der ihm nach erfolgter Uebergabe folgen konnte, und schiffte sich, noch vor Tag, auf dem schon zu diesem Zweck heraufbeorderten Boote des Dampfers ein. Die Soldaten mußten ihn ebenfalls begleiten, denn trotz der frühen Stunde fürchtete er immer noch eine feindliche Demonstration von Seiten der Colonisten. Man achtete aber gar nicht auf ihn; Herr von Reitschen verschwand spurlos aus der Colonie, und als die Sonne aufging, war der Platz geräumt. An diesem Tage war auch die Abreise der von hier nach dem Norden gehenden Passagiere festgesetzt, denn der Dampfer wollte den Nachmittag die Mündung verlassen. Es waren Könnern mit seiner jungen Frau und Graf Rottack, der sich entschlossen hatte, nach Rio, ja vielleicht mit Könnern nach Deutschland zurückzukehren. Eigentlich hatten die Passagiere schon zu Mittag an Bord gehen wollen, es war aber noch etwas an der Maschine zu repariren und der Dampfer, der unterwegs schlechtes Wetter gehabt, gründlich zu reinigen. Die Abreise verzögerte sich deshalb um einige Stunden. Die kleine Gesellschaft saß noch in Bohlos' Hotel, während das Gepäck schon unter Jeremias' Obhut an die Landung geschafft war. Rottack stand in der Thür, hatte eben zugesehen, wie Bux vorbeigeführt wurde, um nach Santa Catharina transportirt zu werden, und sprach mit dem Bruder von Köhler's Frau, der eben von der Chagra herunterkam und nicht genug erzählen konnte, wie glücklich die jungen Leute seien, als Günther an ihm vorbeikam, seinen Arm ergriff und ihn langsam mit sich die Straße hinunter führte. »Aber sage mir nur, was hast Du, Günther?« fragte der junge Mann, indem er den Arm, den er in dem seinen hielt, herzlich drückte; »Du siehst bleich und elend aus und – das Schlimmste – es hat sich ein Ausdruck von recht tiefem Schmerz in Dein sonst so freundliches Antlitz eingenistet. Weshalb bist Du nicht nach Deutschland – nach Thüringen zurück? Du warst so glücklich in dem Gedanken an die Heimath!« Sie waren an Rohrland's Haus vorbeigegangen und betraten hier ein Terrain, auf dem Büsche und junge Palmen lustig aufgewuchert waren; nur die freigehaltene Straße zog sich hindurch. »Felix,« sagte Günther leise, ohne den Freund anzusehen, »erinnerst Du Dich jenes Morgens, als ich Dich am Strand bei jener Chagra traf?« »Als ob es gestern gewesen wäre.« »Erinnerst Du Dich, als wir nachher zusammen in die Berge ritten, daß ich Dir erzählte, wie ich im Nebel und zwischen den brandenden Wogen an demselben Morgen zwei Schwäne gesehen, die so geisterhaft vor mir hergestrichen und zuletzt weit – weit hinaus in das düstere Meer verschwunden seien, und wie mir dann so weh, so unsagbar weh geworden – wie mir ein Gefühl das Herz gedrückt, dem ich nicht Namen geben konnte – so einsam – so öde schien mir in dem Augenblick die Welt?« »Ich erinnere mich,« sagte Felix leise. »Felix,« fuhr Günther fort, indem er stehen blieb und dem Freund in's Auge sah – »in jener Nacht starb meine Anna – an jenem Morgen lag sie kalt und bleich auf ihrem Lager dort – dort, wohin die Schwäne in den Nebel zogen!« – Und was der starke Mann bis dahin standhaft ertragen, das brach jetzt aus in ungezügeltem Schmerz, als er das Haupt an die Brust des Freundes lehnte. Rottack hielt ihn schweigend umfaßt; er sprach kein Wort – kein Wort des Trostes, denn er wußte selber recht gut, daß gerade in den fließenden Thränen der einzig mögliche Trost liegen konnte für solchen Schmerz. »Armer Freund,« flüsterte er endlich leise, und Günther richtete sich in seinen Armen empor. »So – jetzt ist mir wohl,« sagte er, indem ein schwerer Seufzer seine Brust hob – »jetzt ist mir leicht; fortwährend von Fremden umgeben, fortwährend gezwungen, den Schmerz in die eigene Brust zurück zu bannen, das thut doppelt weh!« »Armer, armer Freund! – Und wo erhieltest Du die Nachricht?« »Vor wenigen Tagen in Rio – der Dampfer, der mich in die Heimath führen sollte, brachte den Brief von dort. Mein Entschluß war bald gefaßt – jetzt kann ich nicht zurück, und ich begleitete Sarno, um hier noch manche Arbeit zu beenden, die ich – gehofft hatte, von Anderen beendet zu sehen. – Aber nun leb' wohl, Felix, – wie ich höre, willst Du Könnern begleiten – ich bin nicht im Stande, zu den glücklichen Menschen zurückzukehren! Könnern und Elise dürfen auch nie erfahren, was ich Dir eben vertraut – es würde ihr Glück trüben. Bringe ihnen noch meinen Gruß und – leb' wohl!« »Du willst fort?« »Hier steht mein Pferd – Gott mit Dir, mein lieber Freund, und mögest auch Du die Ruhe finden, nach der Du Dich so oft gesehnt!« Die beiden Männer hielten sich lange in schweigender Umarmung; dann riß sich Günther los, bestieg sein Pferd, winkte noch einmal mit der Hand zurück und war im nächsten Augenblick im Walde verschwunden. Graf Rottack ging ernst und schweigend in die Stadt zurück. Es war ihm recht weich um's Herz geworden nach dem Abschied von dem Freunde, und allerlei alte, trübe Gedanken zuckten ihm durch's Hirn. – Als er wieder an Rohrland's Haus vorüberging, stand eine junge Dame an dem einen Fenster, die sich scheu zurückzog, als sie ihn bemerkte. – Es war Helene. – Fast unwillkürlich grüßte der junge Mann im Weitergehen und blieb dann stehen. »Ich bin eigentlich recht unfreundlich gewesen, daß ich nicht einmal von ihr Abschied genommen habe,« murmelte er leise vor sich hin. – Er sah nach seiner Uhr – es blieb ihm noch eine halbe Stunde Zeit. – »Was kümmert's denn mich, wenn sie – ei, ich will aus Brasilien von keinem Menschen im Bösen scheiden – am wenigsten von ihr!« und rasch entschlossen schritt er in das Haus hinein. Ein kleiner Bursche dort zeigte ihm die Thür des Zimmers, in dem das »Fräulein« wohnte. Er klopfte an und ein kaum hörbares Herein! antwortete ihm – Helene stand mitten im Zimmer, ihn zu erwarten. Sie war ganz einfach gekleidet, nur mit einem schwarzen Band im Haar als Schmuck, und sah ungewöhnlich bleich aus. »Comtesse,« sagte er, »ich bin im Begriff, dieses Land für immer zu verlassen, und – wollte das nicht thun, ohne Ihnen vorher Lebewohl zu sagen.« »Das ist recht freundlich von Ihnen,« hauchte Helene, und Rottack konnte es nicht entgehen, daß sie sich befangen, ja ängstlich beklommen fühlte, so viel Mühe sie sich gab, es zu verbergen. Das aber machte ihn selber verlegen, und wie er das fühlte, suchte er auch den kaum begonnenen Abschied noch zu kürzen. »Vielleicht habe ich dann in Deutschland einmal wieder das Glück, Ihnen zu begegnen, Comtesse, denn ich glaube kaum, daß ich je nach Brasilien zurückkehren werde.« »Herr Graf,« sagte Helene leise, und sie mußte sich Mühe geben, deutlich zu sprechen, »da wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen, möchte ich nicht, daß wir auf diese Weise von einander scheiden. – Ich habe einen Verdacht, Sie wissen , daß mir der Titel Comtesse nicht gebührt. – Wenn dem nicht so wäre, nehmen Sie hier meine Erklärung ...« »Mein gnädiges Fräulein,« sagte Rottack überrascht – »ich – wußte nicht, daß er Ihnen unangenehm war, da Sie – ihn so lange schon geführt ...« »Und glauben auch Sie, daß ich die Hand zu einer Täuschung geboten hätte, wenn ich selber darum gewußt?« sagte Helene bitter. »Ich hatte gehofft, Sie wenigstens würden besser von mir denken; aber – lassen Sie es gut sein,« unterbrach sie sich selbst – »ich habe so wenig Freunde auf der Welt, daß ich dem letzten vielleicht, der hier von mir geht, kein hartes Wort zum Abschied sagen möchte. Leben Sie wohl, Herr Graf, und – möge Ihnen die Erinnerung an Brasilien nicht nur lauter traurige Bilder bieten!« Sie reichte ihm dabei mit einem leichten, wehmüthigen Lächeln unbefangen ihre Hand. Felix nahm dieselbe, aber er ließ sie nicht gleich wieder los und sagte, viel herzlicher, als er bisher zu ihr gesprochen: »Gnädiges Fräulein, es ist etwas in Ihrem Leben vorgegangen. das seinen Schatten über Ihre Seele wirft. Sie sind nicht glücklich, und der Blick, den Sie mich eben in Ihre Vergangenheit thun ließen, verräth mir mehr, als Sie vielleicht glauben. – Sehen Sie mir in's Auge – halten Sie mich Ihres Vertrauens werth, so nehmen Sie die Versicherung, daß ich es wirklich treu und ehrlich mit Ihnen meine. Ich verlasse allerdings in einer halben Stunde schon dieses Land, aber ich kann Ihnen vielleicht selbst noch von Deutschland aus nützen. Sie entdecken mir auch kein Geheimniß,« fuhr er fort, als Helene zitternd und schweigend vor ihm stand – »ich kannte Ihre Mutter in meinem elterlichen Hause – ich wußte ...« »Es ist nicht meine Mutter!« stöhnte Helene, und ihre Hand aus der seinen ziehend, deckte sie ihr Antlitz damit. Graf Rottack stand sprachlos vor Staunen vor ihr. »Es ist nicht Ihre Mutter?« wiederholte er endlich, und die Worte rangen sich ihm nur mühsam aus der Brust. »Nein,« hauchte Helene – »aber lassen Sie mich jetzt. Ich habe Ihnen schon mehr gesagt, als ich eigentlich sollte; aber es war – es war mir nur ein – ein peinlicher Gedanke, Sie von hier scheiden zu sehen und zu fühlen, daß Sie – mich verachteten. Leben Sie wohl, Herr Graf, und wenn Sie einen Funken von Mitleid für mich haben, so – verlassen Sie mich jetzt!« »Nein, Helene, nicht so!« rief Felix, dem ein Sturm von Gedanken und Gefühlen das Hirn durchzuckte – »nicht so dürfen wir scheiden! Hier liegt mehr versteckt, als Sie mir sagen wollen – oh, wenn Sie Vertrauen zu mir hätten – wenn Sie mein Herz sehen und dann wissen könnten, wie gern ich Ihnen wirklich dienen möchte.« »Herr Graf!« bat Helene scheu. »Sie klagen, daß Sie keinen Freund in dem weiten Lande haben,« fuhr Rottack leidenschaftlich fort – »daß es Ihnen peinlich sei, mich scheiden zu sehen mit einer falschen Meinung von Ihnen, und doch halten Sie Ihr Vertrauen zurück – geben mir nur Andeutungen, die mich noch verwirrter machen müssen, und stoßen die Freundeshand selber zurück, die sich Ihnen entgegenstreckt. »Herr Graf, ich weiß nicht,« wehrte Helene ab, denn ein eigenes beklemmendes Gefühl überkam sie, unter dem sie kaum athmen konnte. Felix mochte ahnen, was in dem Herzen des Mädchens vorging. Er sah ihr treuherzig in's Auge, und dann ihr noch einmal die Hand reichend, sagte er herzlich: »Glauben Sie in diesem Augenblick, ich sei Ihr Bruder, Helene. Schütteln Sie die Fesseln der Etiquette ab, die uns nur zu oft hindern, den Weg einzuschlagen, den wir sonst für den rechten und, guten halten. – Machen Sie mich zu Ihrem Freund und, beim ewigen Gott, Sie haben Niemanden auf der weiten Welt, der es treuer und aufrichtiger mit Ihnen meint!« Helene rang mit sich – zu plötzlich, zu überraschend war ihr das Alles gekommen, um ihre Gedanken ruhig sammeln, um überlegen zu können. Noch nie aber hatte sie so das Gefühl ihrer Einsamkeit übermannt, wie in diesem Augenblick – noch nie hatte ein Wesen auf der weiten Welt so herzlich, so einfach zu ihr gesprochen, und als ihr scheuer Blick sich zu dem jungen Manne hob und in dessen Auge Alles, Alles bestätigt fand, was er ihr geboten, da faßte sie sich gewaltsam zu einem Entschluß, und mit leiser, aber fester Stimme sagte sie: »Ich glaube Ihnen, Graf Rottack – ich will Ihnen glauben – ich würde Ihnen auch in diesem Augenblick vertrauen – wie einem Bruder« – setzte sie kaum hörbar hinzu – »aber für mich selber ist meine ganze Vergangenheit in ein geheimnißvolles Dunkel gehüllt, und die allein Licht darüber geben könnte – bindet ein Schwur.« »Ein Schwur?« sagte Rottack erstaunt – »aber woher dann – ich begreife nicht, wie Sie da überhaupt ...« Helene stand noch immer zögernd vor ihm – aber wußte er nicht schon ihr Geheimniß und sah er sie nicht mit den großen, treuen Augen, die jeden Spott, jeden Hohn verbannt hatten, so ehrlich an? »Ich will Ihnen Alles sagen, was ich weiß, Graf Rottack,« rang es sich ihr endlich aus der Brust – »hier, dieser Brief kam durch eine Verwechselung des Couverts in meine Hände« – halb abgewandt reichte sie ihm denselben. »Darf ich ihn lesen?« »Lesen Sie ihn!« flüsterte Helene und barg wieder ihr Antlitz in den Händen. Rottack hatte den Brief hastig geöffnet und mit den Blicken verschlungen. »Und der Name Ihrer Mutter?« fragte er. »Sie weigert sich, ihn zu nennen – ein Schwur binde ihre Lippen.« »Ein Schwur?« rief Rottack, den Kopf verächtlich zurückwerfend; »den kenne ich – er heißt Selbstinteresse – aber ich begreife noch immer nicht – Doch das ist hier nicht der Ort zu erfragen,« unterbrach er sich rasch, als er den Brief zusammenfaltete und wieder auf den Tisch legte. »Und nun, mein liebes Fräulein,« setzte er hinzu, während er aufs Neue ihre Hand ergriff und es wie ein lichter Sonnenstrahl über sein Antlitz zuckte – »nehmen Sie tausend, tausend Dank für das Vertrauen, das Sie mir geschenkt – wenn ich es Ihnen auch nur durch Ueberraschung abgepreßt. – Aber jetzt fort – Du mein Himmel, mir schwindelt der Kopf ordentlich von all' den Gedanken, die mir jetzt das Hirn durchkreuzen – und doch war ich nie so glücklich, nie so lebensfroh, wie gerade in diesem Augenblick!« »Sie wollen fort?« rief Helene erschreckt, denn sie konnte sich Rottack's Betragen nicht erklären. »Gewiß,« lachte dieser – »unten warten sie ja mit dem Boot auf mich – aber sie müssen noch länger warten, denn ich habe vorher einen wichtigen Besuch zu machen – und dann komme ich wieder her – in einer halben Stunde bin ich wieder hier.« – Und ohne Abschied sprang er in jubelndem Uebermuth aus dem Zimmer und die Straße hinab. 33. Schluß. Könnern war mit Elise, von Sarno begleitet, schon nach den Booten gegangen, um dort den noch fehlenden Rottack zu erwarten, als dieser mit flüchtigen Sätzen angesprungen kam. »Wir fahren nicht ohne Sie ab!« lachte Könnern, der Eile des Freundes eine andere Ursache gebend. »Der Capitain des Dampfers ist noch oben im Hotel, um einige Vorräthe an Bord schaffen zu lassen!« »Ich kann auch noch nicht fort!« rief Felix – »Sie müssen noch einen Augenblick auf mich warten, denn ich habe etwas Nothwendiges vergessen!« »Vergessen – was?« »Meinen Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin!« »Plagt Sie der Böse?« lachte Könnern. »Seit wann sind Sie denn so förmlich geworden?« »Ich bin gleich wieder da!« rief der junge Mann in wilder Ausgelassenheit, und wie er gekommen, flog er die Straße zurück und direct dem Hause der Gräfin zu. Unten scheuerte die Dorothea Holzgeschirr. »Ist die Frau Gräfin oben?« »Ja, in ihrem Zimmer.« »Melden Sie mich – rasch, denn ich habe große Eile!« »Ja, ich kann jetzt nicht hinaufgehen.« »Dann meld' ich mich selber!« – und in wenigen Sätzen war er oben. An ein paar falsche Thüren pochte er dort zuerst an, dann rief eine bekannte Stimme: »Herein!« und Graf Rottack stand im nächsten Augenblick der Madame Baulen gegenüber, die erschreckt von ihrem Sopha emporfuhr. »Herr Graf!« »Frau Gräfin ,« sagte der junge Mann, – »entschuldigen Sie einen Besuch, der nur in seiner Kürze seine Berechtigung findet. Ich komme mit einer einfachen Frage, um deren Beantwortung ich Sie ersuche.« »Herr Graf, ich werde mich glücklich schätzen,« sagte die Frau verlegen, denn sie wußte nicht, was sie aus dem Benehmen desselben machen sollte. »Gut – dann bitte, setzen Sie sich dahin,« sagte Felix eben so förmlich »und schreiben Sie mir einen Namen auf.« »Welchen Namen, Herr Graf?« »Den Namen von Helenens Mutter.« »Herr Graf!« rief die Frau und fühlte, wie ihr die Kniee zitterten. »Ich weiß,« fuhr Rottack fort, ohne ihre Bewegung zu beachten, »daß Sie einen Schwur vorgeschützt haben, was einem armen, unerfahrenen Mädchen gegenüber ging – wir stehen anders zusammen. Entweder schreiben Sie mir die volle Adresse jetzt , in diesem Augenblick auf, oder ich gehe direct hinüber zum Baron, wie zum Bäckermeister Spenker und – unterhalte mich mit ihnen über vergangene Zeiten. Sie wissen, daß ich nicht scherze. Noch ruht Ihr Geheimniß in sicheren Händen und wird da ruhen, falls Sie meinen Wunsch erfüllen – wo nicht – schreiben Sie sich selber die Folgen zu. Außerdem muß ich Ihnen nur noch bemerken, daß Ihnen eine Geheimhaltung auch nicht das Geringste nützt. Eine einfache Aufforderung in den Zeitungen drüben, mit Angabe der Verhältnisse, ohne einen Namen zu nennen, würde Helenen die Adresse sichern. Doch das ist Nebensache. Wir haben es hier mit dem speciell zu thun, was Sie betrifft, und Ihren eigenen Vortheil werden Sie da auch am besten kennen.« »Aber, Herr Graf, ich bitte Sie um Gottes willen – wenn ich mir selber alle Hülfsmittel abschneide, wovon – oh, wovon soll ich denn da leben? Alles verläßt mich – Alles verläßt mich – auch der undankbare Mensch, der Pulteleben, hat mich im Stich gelassen.« Der junge Graf warf ihr einen verächtlichen Blick zu und sagte: »Es war allerdings sehr rücksichtslos von Herrn von Pulteleben, da ihm die Frau abhanden gekommen, nicht doch wenigstens die vermuthete Schwiegermutter zu behalten – doch zur Sache! Wollen Sie meinen Wunsch erfüllen oder nicht? – ich muß Antwort haben.« »Lassen Sie mir Zeit zur Ueberlegung.« »Nein – hier ist Papier und Tinte – in fünf Minuten bleibt Ihnen keine Wahl mehr.« »Und Sie versprechen mir zu schweigen?« »Sie haben mein Wort. Ueberdies verlasse ich ja einer Viertelstunde die Colonie.« Die Frau seufzte tief auf, ging zu dem Tisch, schrieb ein paar Worte und reichte den Zettel dem jungen Mann hinüber. »Bitte,« sagte dieser abwehrend, »schließen Sie das Blatt in ein Couvert – das Geheimniß ist nicht für mich.« Die Frau that auch dieses; sie war vollständig gebrochen, und zwar mehr durch die Angst, ihren angemaßten Titel in der Colonie zu verlieren und ihren künstlich aufgebauten Rang zusammen stürzen zu sehen – und der Baron mußte schon einen Verdacht gefaßt haben –, als durch die Sorge um die Zukunft, die sie noch nie gekümmert hatte. Sie lebte nur in dem Augenblicke, dem sie abrang was sie konnte; was kümmerte sie der nächste Tag? »Nun bitte ich Sie noch um Eins, Frau Gräfin,« sagte Felix, als er mit einer dankenden Verbeugung das Papier in die Tasche schob und sie scharf dabei ansah – »wie war es möglich , daß Helene bis vor wenig Tagen keine Ahnung davon haben konnte, Sie seien nicht ihre wirkliche Mutter? Ich begreife das nicht.« »Helene,« sagte die Frau, »war als Kind zuerst zu einer Wärterin, dann in Pension gegeben und zwar unter einem andern Namen, denn ihre Geburt mußte geheim gehalten werden. Erst als ich ihrer Mutter meinen Entschluß erklärte, nach Brasilien auszuwandern ...« »Vollkommen ohne Nebenabsichten?« »Vollkommen,« sagte Madame Baulen mit Würde – »da entschloß sie sich zu dem Schritt – den wir vorher reiflich überlegt hatten: sie mir nämlich mitzugeben, und ich – holte sie damals, als ihre Mutter, aus der Pension ab.« »Und ihre wirkliche Mutter hat sie nie gesehen? Ist es möglich, daß sich eine Mutter so ganz von ihrem Kinde lossagen kann?« »Lieber Gott,« sagte Madame Baulen achselzuckend, »die Gesellschaft legt uns Pflichten auf, und – in diesem Fall – sie konnte doch nicht ihren Ruf, ihren Mann compromittiren; ihr ganzes häusliches Glück wäre ja vernichtet worden.« »Als ob daran noch etwas zu vernichten gewesen wäre!« sagte Rottack bitter – »doch wie dem auch sei, Frau Gräfin, Sie haben mir einen Dienst geleistet, erlauben Sie, daß ich mich dafür revanchire – wir tauschen nämlich Papier um Papier. Dieses ist Helenens Geheimniß – das hier,« fuhr er fort, indem er eine Banknote von fünfhundert Milreis vor der Frau auf den Tisch legte – ist das Ihrige – wir sind quitt, nicht wahr?« »Aber, Herr Graf!« rief Madame Baulen überrascht aus. »Bitte, kein Wort! Leben Sie wohl!« und ehe sie ihm nur eine Silbe darauf erwidern konnte, hatte er die Thür hinter sich in's Schloß gedrückt und das Haus verlassen. Aber er lief nicht mehr in tollem Muthwillen wie vorher, sondern ernst und nachdenkend schritt er zu Rohrlands hinüber, betrat das Haus wieder und stand gleich darauf in Helenens Zimmer. Helene war indessen, von sich drängenden Gedanken bestürmt, in ihrem Zimmer auf- und abgegangen. Hatte sie Recht gethan, sich dem Fremden zu entdecken, und gerade ihm , der sie die letzte Zeit so kalt, fast höhnisch behandelt? Hatte sie Recht gethan, nicht allein ihr, nein, auch das Geheimniß ihrer eigenen Mutter preis zu geben? Und was konnte sie thun? Stand sie nicht allein, rathlos, hülflos in der Welt? Sehnte sie sich nicht nach einem Herzen, dem sie sich vertrauend nahen – zu dem sie um Trost – um Hülfe aufblicken konnte? Und was that er jetzt? Wohin hatte er sich gewandt? Würde sie ihn je wiedersehen, und spottete er nicht vielleicht jetzt des Vertrauens, das er von ihrer Seele losgerungen? In der Thür stand Graf Rottack, ehe sie selber seinen Schritt gehört, und das Couvert, dessen Inhalt sie noch nicht begriff, hielt er ihr entgegen. Aber er selber sah verändert aus. Der kalte Stolz und Muthwille, der sie stets zurückgeschreckt, war aus seinen Zügen gewichen, und mit leiser Stimme sagte er: »Hier, Helene, ist das Papier, welches den Namen Ihrer Mutter enthält – fürchten Sie nicht, daß ich Ihr Geheimniß belauscht hätte – ich kenne den Inhalt nicht.« »Wie soll ich Ihnen danken?« flüsterte das Mädchen beängstigt von dem ganzen Wesen des Mannes, indem sie mit zitternder Hand das Blatt nahm. »Sie können es vielleicht,« sagte Rottack ruhig – »erinnern Sie sich noch des Tages, Helene, als ich Ihnen mit – jener Frau in der Stadt begegnete? Es war das erste Mal, daß ich Ihre – vermeintliche Mutter sah.« »Ja,« flüsterte Helene, und die Erinnerung an jene Stunde traf sie eisig in's Herz – »es konnte mir nicht entgehen. Sie starrten überrascht auf – jene Frau.« »Bis dahin, Helene,« fuhr Rottack leise fort, während sich aber seine Stimme mehr und mehr steigerte – »hatte ich nur Sie gesehen und hatte Sie geliebt mit einer Leidenschaft, die Sie selber erschreckt haben würde, wenn Sie sie hätten ahnen können.« »Graf Rottack!« »Lange schon hätte ich auch die leichten Schranken durchbrochen, die mich von Ihnen trennten, wenn mich nicht eben jener süße Zauber in Fesseln gehalten, der gerade in dem Geheimnißvollen dieser Liebe lag. Da – da sah ich Ihre Mutter – Ihre Mutter, wie ich damals glauben mußte – deren ganze Vergangenheit vor mir lag, und – ich konnte nicht anders glauben, als daß Sie den Betrug theilten – daß Sie Mitwisserin , Mithandelnde der Täuschung wären. – Helene, was ich damals ausgestanden, nur Gott weiß es und der stille Wald, und heiße, heiße Thränen habe ich da geweint. – Rang und Stand – Sie trauen mir zu, daß mich das keinen Gedanken gekostet hätte; ich stehe frei und unabhängig in der Welt, und lache der Vorurtheile jener Gliederpuppen, die sich die Gesellschaft nennen – aber der Betrug fraß mir in's Herz hinein – der Betrug wandelte mir das Blut zu Gift und – machte mich unglücklich und elend. Alles kam dann dazu, um die Täuschung zu vollenden, selbst das Netz, das – jene Frau nach dem unglücklichen Pulteleben auswarf, und das – wie es meiner verblendeten Eifersucht schien, Sie selber mit in Händen hielten! Helene,« – rief er leidenschaftlicher, indem er vor ihr auf ein Knie sank – »ich habe Ihnen schweres, schweres Unrecht gethan! Können Sie mir verzeihen?« »Herr Graf,« rief Helene erschreckt, »stehen Sie auf!« »Nicht eher, bis ich geendet habe,« beharrte aber Rottack – »Helene, ich habe Sie geliebt, ich habe nie aufgehört, Sie zu lieben, und wie ich Ihnen kalt und spöttisch gegenüber stand, hätte mir das Herz dabei zerspringen mögen in der Brust. Können Sie mir verzeihen? Können Sie vergessen, welches Leid ich Ihnen zugefügt – glüht auch in Ihrem Herzen noch ein Funke der alten Liebe für mich ? Leugnen Sie es nicht, Helene – jene süßen Töne, die Abends meiner armen Geige antworteten, waren nicht bloßer Uebermuth eines schönen, angebeteten Mädchens; jene Töne kamen ebenso aus dem Herzen, wie sie zum Herzen drangen. – Oh, können Sie einen Schatten jener Gefühle zurückrufen, so werden Sie mein Weib, Helene!« rief er aus, indem er aufsprang und die Erschreckte umschlang – fliehen Sie mit mir dieses Land, das Ihnen noch nie Freude oder Frieden geboten. Unten liegt das Boot, in dem Könnern und seine junge Frau uns erwarten – in deren Begleitung machen Sie die Reise nach Rio, und dort vereinigt uns des Priesters Hand.« »Herr Graf!« rief Helene in Angst und freudigem Erschrecken. »Sagen Sie nur, daß Sie mir verziehen haben – daß Sie mir glauben, wenn ich Ihnen betheure, ich bin von Herzen wirklich gut und brav – daß Sie hoffen, mich einst lieben, sich einst mit mir glücklich fühlen zu können. Helene!« Und Helene antwortete nicht, aber leise lehnte sie ihr müdes Haupt an seine Brust und aufjubelnd preßte sie Felix an sich und küßte wieder und wieder das goldene Haar, das an seinen Wangen ruhte. In dem Moment schien aber auch wieder der ganze alte Uebermuth ihn zu erfassen. Er weinte und lachte, aber unter seinen Thränen riß er sich von Helenen los, zerrte einen großen Koffer vor, der in der Ecke des Zimmers stand und fing an hinein zu werfen, was ihm unter die Hände kam. »Um Gottes willen!« rief Helene, jetzt ebenfalls in ihren Thränen lachend, aus – »was machen Sie, was soll das werden?« »Abreise – Abreise, mein Schatz!« rief Felix, ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen – »wir sind ja in der größten Eile – unten an der Landung warten sie schon mit Schmerzen auf uns.« »Abreisen?« rief Helene erschreckt – »aber doch nicht jetzt? – nicht heute?« »In einer Viertelstunde.« »Das ist ja unmöglich« »Unmöglich ist gar nichts, Mädchen – Du bist mein, ich bin der glücklichste Mensch unter der Sonne, und das Andere ist alles Kleinigkeit und Nebensache.« »Aber wie kann das sein – Rohrlands ...« »Brauchen gar nicht zu wissen, daß das nicht eine schon seit Monaten zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drüben? Ja? Ich bin gleich wieder da!« Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten später mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos, keines Gedankens fähig stand. »Liebe Frau Rohrland – lieber Herr Rohrland – ich habe hier das Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack vorzustellen. – Liebe Helene, thu mir den einzigen Gefallen und mache ein freundliches Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wäre eine gezwungene Heirath.« »Aber liebe, beste Helene!« rief die junge Frau und flog dem Mädchen in die Arme. »Wissen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,« sagte Felix – »das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir dürfen Könnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen Helenen packen und begleiten sie dann hinunter, liebe Frau Rohrland?« »Ja, von Herzen gern, aber ...« »Gar kein Aber – ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem Karren herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit ihr an die Landung?« »Ja, von Herzen gern – aber diese Hast ...« »Erspart eine Masse von Weitläufigkeiten – Lieber Rohrland, aus ein Wort,« und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte ihn vor die Thür hinaus. »Inwieweit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?« »In meiner Schuld? In gar nichts. Im Gegentheil, ich habe noch Geld von ihr in Händen, für den Verkauf ihrer Sachen.« »Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.« »Aber ich begreife gar nicht –« »Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.« »Ja, ich gehe gar nicht mit.« »Das schadet nichts,« rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann bei Seite schob – »also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren oben!« rief er nochmals zur Thür hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte in Carrière an die Landung hinunter. »Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?« rief ihm Könnern entgegen – »wir warten und warten hier –« »Lieber Freund,« sagte Rottack – »ach, Jeremias, nehmt doch Euern Karren und lauft, was Ihr laufen könnt, damit nach Rohrlands hinauf – es geht noch ein Passagier mit. – Lieber Freund, ich habe in der kurzen Zeit etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter braucht und dann noch nicht fertig wird. So recht, Jeremias, das ist ein Prachtbursche und nicht mit Gold zu bezahlen.« »Nehmen Sie sich Zeit,« sagte der Capitain des Dampfers, der mit an der Landung stand – »wir haben noch eine volle Stunde übrig und nichts versäumt. Ich habe nur ein wenig geeilt, weil ich schon weiß, daß Damen doch nicht immer gleich fertig werden.« »Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt – und wo ist Günther?« fragte Könnern, als sie eine Weile an der Landung auf- und abgegangen waren. »Fort – in den Wald,« sagte Rottack ernst – »ich habe Euch noch seine besten Grüße und Segenswünsche zu bringen.« »Braver Günther,« sagte Könnern – »er hat Elisen die letzten Stunden nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen. Apropos, Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin gemacht?« »Allerdings.« »Wahrhaftig?« »Nun, gewiß – und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.« »Ihrer Tochter?« »Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß sie es mit in ihre Koje nimmt.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Lieber, guter Könnern,« bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig in die Stadt hinaufgesehen hatte – »ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt keine nähere Erklärung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen. Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt – daß mir um Gottes willen Rohrlands das Bild nicht vergessen« – und von Könnern fort, der ihm kopfschüttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit den Weg zurück, den er gekommen. Könnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute haben könne, denn so hatte er ihn noch nie gesehen und außerdem drängte jetzt wirklich die Zeit; der Capitain sah auch schon in immer kürzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr – endlich ließ sich ein kleiner Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias an der Spitze rasch zur Landung herunter kamen. Könnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge Comtesse mit in der Begleitung und an Felix Arm zu sehen, und grüßten die Damen. »Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein guter Herr Rohrland?« fragte Sarno. »Ich? Denke gar nicht daran, aber – soviel ich weiß ...« »Gräfin Rottack,« stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur erglühende Braut vor – »die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns noch trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit und bis dahin, meine beste Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen Ihrem mütterlichen Schutz.« »Jetzt seh' Einer den Duckmäuser an,« rief Könnern lachend aus, »und nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt!« »Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewahren,« lachte der junge Graf, indem er Helene der jungen Frau zuführte – »aber nun in's Boot. Sie haben lange genug auf uns gewartet – hierher, Jeremias – das zum Andenken.« »Hurrjeh, das langt!« sagte der kleine Bursche mit vergnügtem Gesicht. »Eine recht glückliche Reise!« riefen die am Ufer Stehenden dem Boote nach, das in den Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit Tüchern und Hüten. »Ade! Ade!« tönte der Ruf zurück, und von den raschen Rudern getrieben, schoß das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziel entgegen.   Ende